The Project Gutenberg EBook of Man Kann Nie Wissen, by George Bernard Shaw

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Title: Man Kann Nie Wissen

Author: George Bernard Shaw

Release Date: February, 2006  [EBook #9810]
[This file was first posted on October 19, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: US-ASCII

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, MAN KANN NIE WISSEN ***




E-text prepared by Michalina Makowska







This Etext is in German.

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Man Kann Nie Wissen

(Komoedie in vier Akten)

George Bernard Shaw

Uebersetzung von Siegfried Trabisch




Die erste deutsche Ausgabe dieser Komoedie fuehrte den Titel "Der
verlorene Vater".--Die Hauptperson heisst im Original nicht Fergu
McNaughtan, sondern Fergus Crampton.  Shaw, der Hauptmann sehr verehrt,
wollte die festumrissene Vorstellung, die wir mit dem Namen Crampton
verbinden, nicht stoeren und aenderte ihn in McNaughtan um, womit
zugleich die Uebertragung eines Wortwitzes moeglich wurde, der im
Original eine Rolle spielt.

Anmerkung des Uebersetzers.




PERSONEN

Frau Clandon
Gloria }
Dolly  } ihre Kinder
Philip }
Dr. Valentine, Zahnarzt
Fergus McNaughtan
McComas, Rechtsanwalt
Justizrat Bohun
Ein Kellner
Ein Stubenmaedchen
Ein Kellnerjunge
Ein Koch

Ort: Ein englisches Seebad.
Zeit: 1896.



ERSTER AKT

(An einem schoenen Augustmorgen des Jahres 1896 im Operationszimmer
eines Zahnarztes.  Es ist nicht das uebliche winzige Londoner Loch,
sondern das beste Zimmer einer moeblierten Wohnung an der
Strandpromenade in einem vornehmen Seebad.  Der Operationsstuhl mit
Gasschlauch und Zylinder steht zwischen der Mitte des Zimmers und
einer der Ecken.  Wenn man durch das dem Stuhl gegenueberliegende
Fenster in das Zimmer hineinsieht, erblickt man den Kamin in der Mitte
der dem Beschauer gegenueberstehenden Wand.  Links eine Tuer.  Ueber
dem Kaminsims befindet sich ein Diplom in einem Rahmen.  Vor dem Kamin
steht ein breiter schwarzlederner Sessel, rechts in der Ecke ein
sauberer Schemel und eine Bank mit Schraubstock, Werkzeugen, einem
Moerser und einem Stoessel darauf.  In der Naehe dieser Bank befindet sich
ein duennes peitschenartiges Geraet, das mit einem Staender, einem Pedal
und einer uebertrieben grossen Kurbel versehen ist.  Da man dieses
Marterwerkzeug als Zahnbohrer erkennt, blickt man schaudernd nach
links, wo man ein anderes Fenster, darunter einen Schreibtisch mit
Loescher und Mappe sieht.  Vor dem Schreibtisch ein Stuhl.  In seiner
Naehe, gegen die Tuere zu, ein lederueberzogenes Sofa.  Die
gegenueberliegende rechtsseitige Wand wird hauptsaechlich von einem
langen Buechergestell eingenommen.  Der Operationsstuhl steht dem
Beschauer dicht gegenueber; in handlicher Naehe links davon befindet
sich der Instrumentenschrank.  Man bemerkt, dass die zahnaerztliche
Einrichtung samt Apparaten neu ist.  Die mit einem Muster von
Girlanden und Urnen geschmueckten Tapeten im Geschmack eines
Leichenbestatters, der Teppich mit seiner symmetrischen Zeichnung von
reichen, kohlkopfartigen Blumenstraeussen, der glaeserne Gaskronleuchter
mit Prismen, die ebenfalls prismengeschmueckten, vergoldeten, blauen
Armleuchter in den Ecken des Kaminsimses und die Goldbronzeuhr unter
einem Glassturz zwischen ihnen, deren Nutzlosigkeit durch eine billige
amerikanische Uhr betont wird, die respektlos daneben gestellt ist und
jetzt auf zwoelf Uhr mittags zeigt: alles das vereinigt sich mit dem
schwarzen Marmor, der dem Kamin das Ansehen einer Familiengruft en
miniature gibt, um Kaufmannsanstaendigkeit im Anfang der Regierung der
Koenigin Viktoria, den Glauben ans Geld, Bibelfetischismus, Furcht vor
der Hoelle, die immer im Kampf mit der Furcht vor der Armut liegt,
instinktives Entsetzen vor dem leidenschaftlichen Charakter der Kunst,
der Liebe und der roemisch-katholischen Kirche, und im allgemeinen die
ersten Fruechte der Geldherrschaft in den Anfaengen der industriellen
Revolution anzudeuten.)

(Nicht das Leiseste von diesen Traditionen liegt ueber den zwei
Personen, die jetzt gerade im Zimmer sind.  Die eine davon, eine sehr
huebsche, sehr kleine Dame, deren winzige Figur mit der elegantesten
Lebhaftigkeit gekleidet ist, gehoert einer spaeteren Generation an: sie
ist kaum achtzehn Jahre alt.  Dieses liebe kleine Geschoepf gehoert
offenbar weder zu dem Zimmer, noch auch zu dem Lande; denn seine
Gesichtsfarbe, obgleich sehr zart, ist von einer heisseren Sonne als
der Englands gebraeunt worden; aber trotzdem besteht fuer einen sehr
feinen Beobachter ein Zusammenhang zwischen der jungen Dame und
England.  Sie haelt naemlich ein Wasserglas in der Hand, und auf ihrem
winzigen, energisch geschnittenen Mund wie auf ihren eigentuemlich
geschweiften Augenbrauen bemerkt man eine sich rasch verziehende Wolke
spartanischer Hartnaeckigkeit.  Wenn man die kleinste Gewissenslinie
zwischen ihren Augenbrauen entdecken koennte, wuerde ein Pietist wohl
die schwache Hoffnung hegen, in ihr ein Schaf im Wolfspelz zu
finden--ihr Kleid ist naemlich verwuenscht huebsch--aber sowie die Wolke
flieht, ist ihre Stirnlinie so vollkommen frei von jedem
Suendenbewusstsein wie die eines Kaetzchens.)

(Der Zahnarzt, der sie mit der Selbstzufriedenbeit des erfolgreichen
Operateurs betrachtet, ist ein junger Mann von ungefaehr dreissig Jahren.
Er macht nicht sehr den Eindruck eines Arbeitsmenschen: unter der
geschaeftsmaessigen Art und Weise des neuetablierten Zahnarztes, der auf
der Suche nach Patienten ist, bemerkt man die leichtsinnige
Liebenswuerdigkeit des noch unverheirateten, auf der Suche nach
lustigen Abenteuern befindlichen jungen Mannes von Welt.  Er ist nicht
ohne Ernst im Benehmen, aber seine straff gespannten Nasenfluegel
stempeln diesen zum Ernste eines Humoristen.  Seine Augen sind klar,
flink, von skeptisch maessiger Groesse und doch ein wenig wagelustig;
seine Stirn ist praechtig, hinter ihr ist viel Raum; seine Nase und
sein Kinn sind kavaliermaessig huebsch.  Im ganzen ein anziehender,
beachtenswerter Anfaenger, dessen Aussichten ein Geschaeftsmann ziemlich
guenstig einschaetzen wuerde.)


(Die junge Dame ihm das Glas reichend:) Danke schoen.  (Trotz ihrer
mattgelben Hautfarbe spricht sie ohne den geringsten fremden Akzent.)

(Der Zahnarzt setzt es auf den Rand des Instrumentenschrankes:) Das
war mein erster Zahn!

(Die junge Dame entsetzt:) Ihr erster?!...  Wollen Sie damit sagen,
dass Sie an mir angefangen haben, zu praktizieren?

(Der Zahnarzt.) Jeder Zahnarzt muss einmal mit jemandem den Anfang
machen.

(Die junge Dame.) Jawohl, mit jemandem im Spital--aber nicht mit
Leuten, die bezahlen.

(Der Zahnarzt lachend:) Oh, das Spital zaehlt natuerlich nicht!...  Ich
meinte nur: mein erster Zahn in meiner Privatpraxis.--Warum wollten
Sie kein Lachgas haben?

(Die junge Dame.) Weil Sie mir sagten, dass das noch fuenf Schilling
extra kostete.

(Der Zahnarzt unangenehm beruehrt:) Oh, sagen Sie das nicht!  Da hab'
ich das Gefuehl, als haette ich Ihnen wegen der fuenf Schillinge weh
getan.

(Die junge Dame mit kuehler Dreistigkeit:) Nun, das haben Sie auch.
(Sie steht auf:) Warum auch nicht?...  Es ist Ihr Beruf, den Leuten
weh zu tun.  (Es macht ihm Spass, in dieser Weise behandelt zu werden,
und er kichert heimlich, waehrend er fortfaehrt, seine Instrumente zu
reinigen und wieder wegzulegen.  Sie schuettelt ihr Kleid zurecht,
blickt sich neugierig um und gebt an das Fenster.) Sie haben aber
wirklich eine schoene Aussicht auf das Meer von diesen Zimmern aus!
--Sind sie teuer?

(Der Zahnarzt.) Ja.

(Die junge Dame.) Ihnen gehoert aber nicht das ganze Haus?

(Der Zahnarzt.) Nein.

(Die junge Dame kippt den Stuhl, der vor dem Schreibtisch steht, um
und betrachtet ihn kritisch, waehrend sie ihn auf einem Fuss
herumwirbelt:) Ihre Einrichtung ist aber nicht die allermodernste;
nicht wahr?

(Der Zahnarzt.) Sie gehoert dem Hausherrn.

(Die junge Dame.) Gehoert ihm dieser huebsche bequeme Rollstuhl auch?
(Sie zeigt auf den Operationsstuhl.)

(Der Zahnarzt.) Nein, den habe ich gemietet.

(Die junge Dame geringschaetzig:) Das habe ich mir gedacht!  (Sie
blickt umher, um noch mehr Schluesse ziehen zu koennen:) Sie sind wohl
noch nicht lange hier?

(Der Zahnarzt.) Seit sechs Wochen.--Wuenschen Sie sonst noch etwas zu
wissen?

(Die junge Dame, an der die Anspielung verloren gebt:) Haben Sie
Familie?

(Der Zahnarzt.) Ich bin unverheiratet.

(Die junge Dame.) Selbstverstaendlich.  Das sieht man.--Ich meine
Schwestern... eine Mutter... und sowas.

(Der Zahnarzt.) Nicht hier am Ort.

(Die junge Dame.) Hm...  Wenn Sie sechs Wochen hier sind und mein Zahn
der erste war, dann kann Ihre Praxis nicht sehr gross sein?

(Der Zahnarzt.) Bis jetzt nicht.  (Er schliesst den Schrank, nachdem er
alles in Ordnung gebracht hat.)

(Die junge Dame.) Nun denn, Glueck auf!  (Sie nimmt ihre Boerse aus der
Tasche:) Fuenf Schillinge macht es, sagten Sie, nicht wahr?

(Der Zahnarzt.) Fuenf Schillinge.

(Die junge Dame nimmt ein Fuenf-Schilling-Stueck heraus:) Rechnen Sie
fuer jede Operation fuenf Schillinge?

(Der Zahnarzt.) Ja.

(Die junge Dame.) Warum?

(Der Zahnarzt.) Das ist mein System.  Ich bin eben, was man einen
Fuenf-Schilling-Zahnarzt nennt.

(Die junge Dame.) Wie nett!--Hier!  (Sie haelt das Silberstueck in die
Hoehe:) Ein huebsches neues Fuenf-Schilling-Stueck--Ihre erste Einnahme!
Machen Sie mit dem Instrument, mit dem Sie den Leuten die Zaehne
anbohren, da ein Loch hinein und tragen Sie's an Ihrer Uhrkette.

(Der Zahnarzt.) Danke sehr.

(Das Stubenmaedchen erscheint an der Tuer:) Der Bruder der jungen Dame.

(Die huebsche Miniaturausgabe eines Mannes, augenscheinlich der
Zwillingsbruder der jungen Dame, tritt lebhaft ein.  Er traegt einen
terrakottfarbenen Kaschmiranzug; der elegant geschnittene Rock ist mit
brauner Seide gefuettert.  In der Hand haelt er einen braunen Zylinder
und dazu passende, loh*braune Handschuhe.  Er hat die mattgelbe
Gesichtsfarbe seiner Schwester und ist nach demselben kleinen Massstabe
gebaut wie sie.  Aber er ist elastisch, muskuloes und von
entschlossenen Bewegungen und hat eine unerwartet tiefe und schneidige
Sprechwiese.  Er besitzt vollendete Manieren und einen vollendeten
persoenlichen Stil, um den ihn ein doppelt so alter Mann beneiden
koennte.  Anmut und Selbstbeherrschung sind ihm Ehrensache, und
obgleich dies, richtig betrachtet, nur die moderne Art knabenhafter
Verlegenheit ist, so ist doch die Wirkung seines Wesens auf aeltere
Leute verblueffend und waere bei einem weniger fuer sich einnehmenden
jungen Menschen unertraeglich.  Er ist die Schlagfertigkeit selbst und
hat im Augenblick seines Eintretens eine Frage bereit:)

(Der junge Mann.) Komme ich noch zu rechter Zeit?

(Die junge Dame.) Nein, es ist schon alles vorueber.

(Der junge Mann.) Hast du geheult?

(Die junge Dame.) Oh, fuerchterlich!  Herr Doktor Valentine--mein
Bruder Phil.  Phil: das ist Herr Dr. Valentine, unser neuer Zahnarzt.
(Dr. Valentine und Philip verneigen sich voreinander.  Sie faehrt in
einem Atem fort:) Er ist erst seit sechs Wochen hier und ist
Junggeselle.  Das Haus gehoert ihm nicht, und die Einrichtung gehoert
seinem Hausherrn, aber die noetigen Gegenstaende fuer seinen Beruf hat er
gemietet.  Er hat meinen Zahn wundervoll auf den ersten Ruck
herausgekriegt.  Und wir sind sehr gute Freunde.

(Philip.) Du hast wohl eine Menge Fragen gestellt, was?

(Die junge Dame als ob sie unfaehig waere, das zu tun:) O nein!

(Philip.) Das freut mich.  (Zu Dr. Valentine:) Sehr liebenswuerdig von
Ihnen, nichts gegen uns zu haben, Herr Doktor.  Wir sind naemlich noch
nie in England gewesen, und unsere Mutter hat uns darauf vorbereitet,
dass die Leute uns hier einfach nicht ertragen wuerden.--Kommen Sie,
fruehstuecken Sie mit uns.

(Dr. Valentine erschreckt ueber das Tempo, in dem ihre Bekanntschaft
fortschreitet, ringt nach Atem, aber er hat keine Gelegenheit zu
sprechen, da die Unterhaltung der Zwillinge reissend und andauernd ist.)

(Die junge Dame.) O ja, sagen Sie zu, Herr Doktor!

(Philip.) Im Marine-Hotel um halb zwei.

(Die junge Dame.) Wir werden dann Mama erzaehlen koennen, dass ein
achtbarer Englaender versprochen hat, mit uns zu fruehstuecken.

(Philip.) Kein Wort mehr, Herr Doktor; Sie werden kommen!

(Dr. Valentine.) Kein Wort mehr?...  Ich habe ueberhaupt noch kein Wort
gesagt...  Darf ich fragen, mit wem ich eigentlich die Ehre habe?...
Es ist mir wirklich ganz unmoeglich, mit zwei mir vollstaendig
Unbekannten im Marine-Hotel zu fruehstuecken.

(Die junge Dame vorlaut:) Ach, was fuer ein Unsinn!...  Ein Patient in
sechs Wochen!  Kann Ihnen doch ganz einerlei sein?

(Philip gesetzt:) Nein, Dolly: meine Menschenkenntnis bestaetigt Herrn
Doktor Valentines Ansicht; er hat recht.--Erlauben Sie, dass ich Ihnen
Fraeulein Dorothea Clandon, gewoehnlich Dolly genannt; vorstelle.  (Dr.
Valentine verneigt sich vor Dolly.  Sie nickt ihm zu.) Ich bin Philip
Clandon--wir sind aus Madeira--aber trotzdem bis jetzt ganz achtbare
Leute.

(Dr. Valentine.) Clandon?...  Sind Sie verwandt mit--

(Dolly mit einem unerwarteten Verzweiflungsschrei:) ja, wir sind's!

(Dr. Valentine erstaunt:) Verzeihen Sie--

(Dolly.) Ja, ja, wir sind es!...  Alles ist zu Ende, Phil!  Man weiss
alles ueber uns in England!  (Zu Dr. Valentine:) Oh, Sie koennen sich
nicht vorstellen, wie entsetzlich es ist, mit einer beruehmten
Persoenlichkeit verwandt zu sein und nirgends um seiner selbst willen
geschaetzt zu werden.

(Dr. Valentine.) Aber entschuldigen Sie: der Herr, an den ich dachte,
ist durchaus nicht beruehmt.

(Dolly ihn anstarrend:) Der Herr?...

(Philip ist auch erstaunt.)

(Dr. Valentine.) Ja.  Ich wollte Sie fragen, ob Sie zufaellig die
Tochter des Herrn Densmore Clandon aus Newbury Hall sind.

(Dolly ausdruckslos:) Nein.

(Philip.) Na, Dolly, woher weisst du das?

(Dolly aufgeheitert:) Oh, ich vergass, natuerlich--vielleicht bin ich's!

(Dr. Valentine.) Wissen Sie das nicht?

(Philip.) Ganz und gar nicht.

(Dolly.) Ein kluges Kind--

(Philip sie kurz unterbrechend:) Sch!  (Dr. Valentine faehrt bei diesem
Laut aengstlich zusammen.  Obwohl er kurz ist, klingt er doch so, als
ob ein Stueck Seidenzeug durch einen Blitz entzweigeschnitten wuerde.
Er ist das Resultat langer Uebung und soll Dollys Indiskretion
verhindern.) Die Sache ist die, Herr Doktor: wir sind die Kinder der
beruehmten Frau Lanfrey Clandon, einer Schriftstellerin von grossem
Ruf--in Madeira.  Kein Haushalt ist vollkommen ohne ihre Werke.  Wir
sind nach England gekommen, um diese Werke los zu werden.  Sie heissen
"Abhandlungen fuer das zwanzigste Jahrhundert".

(Dolly.) Die Kueche des zwanzigsten Jahrhunderts!--

(Philip.) Das Glaubensbekenntnis des zwanzigsten Jahrhunderts--

(Dolly.) Die Kleidung des zwanzigsten Jahrhunderts--

(Philip.) Das Betragen des zwanzigsten Jahrhunderts--

(Dolly.) Die Kinder des zwanzigsten Jahrhunderts--

(Philip.) Die Eltern des zwanzigsten Jahrhunderts--

(Dolly.) Geheftet einen halben Dollar--

(Philip.) Oder auf Leinwand aufgezogen, zum haeufigen Familiengebrauch,
zwei Dollar.  In keinem Hause sollten diese Werke fehlen.--Lesen Sie
sie, Herr Doktor; sie werden Ihre Seele veredeln.

(Dolly.) Aber nicht, solange wir hier sind, wenn ich bitten darf.

(Philip.) Richtig!  Wir ziehen Leute mit unveredelten Seelen vor.
Unsere eigene Seele befindet sich naemlich in dieser frischen und
unverdorbenen Verfassung.

(Dr. Valentine zweifelhaft:) Hm!

(Dolly ahmt ihn fragend nach:) Hm...?--Phil, er zieht Leute vor, deren
Seelen veredelt sind.

(Philip.) Wenn das der Fall ist, muessen wir ihn mit dem andern
Familienglied bekannt machen, mit der "Frau des zwanzigsten
Jahrhunderts", unserer Schwester Gloria!

(Dolly dithyrambisch:) Dem Meisterwerk der Schoepfung!

(Philip.) Der Tochter der Wissenschaft!

(Dolly.) Dem Stolz Madeiras!

(Philip.) Dem Inbegriff der Schoenheit!

(Dolly wird ploetzlich prosaisch:) Unsinn, keinen Teint!

(Dr. Valentine verzweifelt:) Darf ich endlich auch ein Wort sagen?

(Philip hoeflich:) Entschuldigen Sie--bitte.

(Dolly sehr liebenswuerdig:) Verzeihen Sie.

(Dr. Valentine versucht, vaeterlich zu ihnen zu sein:) Ich muss euch
jungen Leuten wirklich einen Wink geben.

(Dolly bricht wieder aus:) Na, das ist wirklich gut!  Wie alt sind Sie?

(Philip.) Ueber dreissig.

(Dolly.) Nein.

(Philip zuversichtlich:) Doch!

(Dolly emphatisch:) Siebenundzwanzig!

(Philip unerschuetterlich:) Dreiunddreissig!

(Dolly.) Unsinn!

(Philip zu Dr. Valentine:) Ich wende mich an Sie, Herr Doktor!

(Dr. Valentine sich verwahrend:) Nein wirklich--(Er ergibt sich:)
Einunddreissig.

(Philip zu Dolly:) Du hast also unrecht gehabt!

(Dolly.) Du auch!

(Philip ploetzlich gewissenhaft:) Wir vergessen unsere gute Erziehung,
Dolly.

(Dolly reuig:) Ja, das tun wir.

(Philip sich entschuldigend:) Wir haben Sie unterbrochen, Herr Doktor.

(Dolly.) Ich glaube, Sie waren eben im Begriff, unsere Seele zu
veredeln.

(Dr. Valentine.) Tatsache ist, dass Ihr--

(Philip ihm zuvorkommend:) Unser Aussehen?...

(Dolly.) Unsere Manieren?...

(Dr. Valentine ad misericordiam:) Ich beschwoere Sie, lassen Sie mich
sprechen!

(Dolly.) Die alte Geschichte--wir reden zu viel!

(Philip.) Das tun wir.  Schweigen wir alle beide!  (Er setzt sich auf
den Arm des Operationsstuhles.)

(Dolly.) Mm!  (Sie setzt sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch und
haelt ihre Lippen mit den Fingerspitzen zu.)

(Dr. Valentine.) Danke.  (Er holt den Schemel von der Bank in der Ecke,
stellt ihn zwischen sie und setzt sich mit einer richterlichen Miene.
Sie beobachten ihn mit groesstem Ernst.  Er wendet sich zuerst an Dolly:
) Darf ich Sie vor allem fragen, ob Sie schon jemals in einem
englischen Seebad gewesen sind?  (Sie schuettelt langsam und feierlich
den Kopf.  Er wendet sich zu Phil, der auch rasch und ausdrucksvoll
seinen Kopf schuettelt.) Das habe ich mir gedacht!...  Nun, Herr
Clandon, unsere Bekanntschaft ist erst von kurzer Dauer, aber von
grosser Redseligkeit gewesen, und ich habe genug beobachtet, um
ueberzeugt zu sein, dass Sie beide keine Ahnung haben, was das Leben in
einem englischen Seebade bedeutet.  Glauben Sie mir, es kommt weder
auf die Manieren noch auf das Aussehen an... was das betrifft,
geniessen wir eine in Madeira unbekannte Freiheit.  (Dolly schuettelt
heftig den Kopf.) O ja, das duerfen Sie mir glauben.  Lord de Crescis
Schwester radelt in Kniehosen, und die Pastorsfrau tritt fuer
Reformkleider ein und traegt hygienische Schuhe.  (Dolly blickt
verstohlen nach ihren eigenen Schuhen.  Dr. Valentine bemerkt das und
fuegt flink hinzu:) Nein, das ist nicht die Art Schuh, die ich meine.
(Dollys Schuh verschwindet.) Wir machen uns nicht viel aus Kleidern
und Manieren in England, weil wir, als Volk, weder gut gekleidet sind
noch Manieren haben.  Aber--und nun frage ich Sie: Nehmen Sie's mir
nicht uebel, wenn ich aufrichtig bin?  (Sie nicken.) Ich danke.--Nun,
eins muessen Sie in einem englischen, Seebad haben, bevor irgend jemand
sich mit Ihnen sehen lassen darf--und das ist ein Vater... ein
lebendiger oder ein toter.  (Er sieht sie abwechselnd mit Nachdruck an.
Sie begegnen seinen Blicken wie Maertyrer.) Muss ich annehmen, dass Sie
diesen unumgaenglich noetigen Bestandteil Ihrer gesellschaftlichen
Ausruestung ausser acht gelassen haben?  (Sie stimmen ihm durch
melancholisches Kopfnicken zu.) Dann muss ich Ihnen leider sagen, falls
Sie die Absicht haben, laengere Zeit hierzubleiben, dass es mir
unmoeglich sein wird, Ihre liebenswuerdige Einladung zum Fruehstueck
anzunehmen.  (Er erheht sich, als ob er nun Schluss machen wollte, und
setzt den Schemel wieder an die Wand.)

(Philip erheht sich mit ernster Hoeflichkeit:) Komm, Dolly!  (Er reicht
ihr den Arm.)

(Dolly.) Adieu.  (Sie gehen zusammen mit vollendeter Wuerde zur Tuer.)

(Dr. Valentine von Gewissensbissen ueberwaeltigt:) O bleiben
Sie--bleiben Sie!  (Sie bleiben stehen und wenden sich Arm in Arm um.)
Ich komme mir wirklich wie ein vollkommener Toelpel vor.

(Dolly.) Daran ist Ihr Gewissen schuld, nicht wir.

(Dr. Valentine energisch, laesst allen Anspruch auf berufsmaessige
Manieren beiseite:) Mein Gewissen?...  Mein Gewissen hat mich zugrunde
gerichtet.--Hoeren Sie mich an!...  Ich habe mich schon zweimal in
verschiedenen Teilen Englands als achtbarer praktischer Arzt
niedergelassen.  Beide Male bin ich gewissenhaft gewesen und habe
meinen Patienten statt dessen, was sie hoeren wollten, immer die nackte
Wahrheit gesagt.  Die Folge davon war mein Ruin.--Nun habe ich mich
hier als Zahnarzt niedergelassen--als Fuenf-Schilling-Zahnarzt, und
habe ein fuer allemal mit dem Gewissen abgeschlossen; dies hier ist
meine letzte Hoffnung.  Ich habe mein letztes Goldstueck fuer den Umzug
ausgegeben und habe noch keinen Schilling Miete bezahlt.  Ich esse und
trinke auf Kredit, mein Hausherr ist reich wie ein Jude und hart wie
Stahl.  In sechs Wochen habe ich fuenf Schillinge verdient.  Wenn ich
um Haaresbreite vom geraden Wege der strengsten Achtbarkeit abweiche,
so bin ich verloren.--Ist es unter solchen Umstaenden recht und billig,
mich zum Fruehstueck einzuladen, wenn Sie ihren eigenen Vater nicht
kennen?

(Dolly.) Na, schliesslich ist unser Grossvater Stiftsherr der
Lincoln-Kathedrale.--

(Dr. Valentine wie ein Schiffbruechiger, der ein Segel am Horizont
sieht:) Was?  Sie haben einen Grossvater?

(Dolly.) Nur einen.

(Dr. Valentine.) Meine lieben guten jungen Freunde, um des Himmels
willen, ja warum habt ihr mir das denn nicht gleich gesagt?...  Ein
Stiftsherr der Lincoln-Kathedrale!  Das bringt natuerlich alles in
Ordnung!--Entschuldigen Sie mich einen Augenblick; ich will nur meinen
Rock wechseln.  (Er ist mit einem Satz an der Tuere und verschwindet.
Dolly und Philip starren ihm erst nach, dann starren sie einander an.
Da sie ohne Publikum sind, sinken sie sofort in sich zusammen und
werden Alltagsmenschen.)

(Philip stoesst Dollys Arm fort und gebt uebellaunig zum Operationsstuhl:
) Dieser elende bankerotte Zahnschlosser tut so, als ob es fuer uns
eine Ehre waere, ihm ein Fruehstueck zu bezahlen!  Wahrscheinlich seit
Monaten sein erstes anstaendiges Essen!  (Er gibt dem Stuhl einen Stoss,
als ob der Dr. Valentine waere.)

(Dolly.) Das ist doch zu stark!  Ich kann das nicht laenger ertragen,
Phil!  Hier in England fragt einen jeder Mensch sofort, ob man einen
Vater hat oder nicht.

(Philip.) Ich will es auch nicht laenger ertragen.  Mama muss uns sagen,
wer er war!

(Dolly.) Oder wer er ist!  Vielleicht lebt er noch.

(Philip.) Das will ich nicht hoffen.  Kein lebender Mensch soll sich
mir als Vater aufspielen!

(Dolly.) Vielleicht hat er aber eine Menge Geld?!

(Philip.) Das bezweifle ich.  Meine Menschenkenntnis sagt mir, dass er
seine liebe volle Familie nicht so leicht los geworden waere, wenn er
eine Menge Geld besessen haette...  Immerhin, trachten wir, die Dinge
im guenstigsten Licht zu sehn.  Verlass dich darauf, er ist tot!  (Er
geht an den Kamin, bleibt mit dem Ruecken gegen das Feuer stehen und
streckt sich.  Das Stubenmaedchen erscheint.  Die Zwillinge strahlen
gleich wieder in ihrem frueheren Glanz, als sie sich beobachtet wissen.)

(Das Stuebenmadchen.) Zwei Damen fragen nach Ihnen, gnaediges Fraeulein.
Ich glaube, die Frau Mutter und das Fraeulein Schwester.

(Frau Clandon und Gloria treten ein.  Frau Clandon ist eine Dame
zwischen vierzig und fuenfzig, mit einer leichten Neigung zu sanftem,
sesshaftem Fett und einem ansehnlichen Rest von Schoenheit--letzterem
nicht um so weniger darum, als sie offenbar der alten Frauensitte
gefolgt ist, d.h. nach der ehelichen Verbindung keine Ansprueche in
dieser Beziehung mehr erhoben hat.  Man koennte sie fast verdaechtigen,
zu Hause eine Haube zu tragen.  Sie traegt sich mit Kunst und gut, wie
es Frauen als ein Teil guter Manieren von Tanz- und Anstandslehrern
gelehrt wurde, bevor diese durch den modernen kuenstlerischen Kultus
von Schoenheit und Gesundheit verdraengt wurden.  Ihr flachsblondes, von
Silberfaeden durchzogenes Haar ist gewellt, in der Mitte gescheitelt,
geflochten und hinten zu einem Knoten gewunden.  Gute Beobachter eines
gewissen Alters koennen daraus schliessen, dass Frau Clandon in ihrer
Maedchenzeit genuegend Individualitaet und guten Geschmack besessen hat,
um sich der seither vergessenen Mode des Chignons energisch zu
widersetzen.  In Kuerze: sie ist in Kleidern und Manieren fuer ihr Alter
auffallend unmodern, aber sie gehoert in das Vordertreffen ihrer
eigenen Zeit (etwa 1860-80), in einer eifersuechtig betonenden Haltung
des Charakters und Verstandes und darin, dass sie eher eine Frau mit
kultivierten Interessen als mit leidenschaftlich entwickelten
persoenlichen Neigungen ist.  Ihre Stimme und die Art, sich zu geben,
sind durchaus freundlich und menschlich.  Sie gibt sich gewissenhaft
den gelegentlichen Liebkosungen hin, durch die ihre Kinder ihr ihre
Achtung bezeugen, jedoch machen Kundgebungen persoenlichen Gefuehls sie
heimlich verlegen.  In ihr lebt mehr menschenfreundliches als
menschliches Gefuehl; sie begt starke Gefuehle, was soziale Fragen und
Grundsaetze, nicht aber was Menschen betrifft; nur kann man beobachten,
dass diese ihre Verstaendigkeit und ausserordentliche Zurueckhaltung im
Persoenlichen, die ihre Beziehungen zu Gloria und Phil nicht anders
erscheinen lassen, als es die zwischen ihr und den Kindern irgendeiner
anderen Frau sein koennten, in Dollys Fall nicht standhaelt;--obgleich
fast jedes Wort, das sie an diese richtet, notwendig ein Protest gegen
irgendeinen Bruch des Dekorums ist, so ist doch die Zaertlichkeit in
ihrer Stimme hier unverkennbar, und es ist nicht ueberraschend, dass
eine jahrelang so geartete Kundgebung Dolly rettungslos verzogen hat.)

(Gloria hat die Zwanzig kaum ueberschritten, ist aber eine viel
furchterregendere Dame als ihre Mutter.  Sie ist die Verkoerperung
geistigen Hochmuts.  Ihrem heftigen, unduldsamen, berrschsuechtigen
Charakter haelt bloss die Unerfahrenheit ihrer Jugend die Wage, und
gegen ihren Willen wird er in Zucht gehalten durch die fortgesetzte
Gefahr, von ihren juengeren leichtlebigeren Geschwistern laecherlich
gemacht zu werden.  Im Gegensatz zu ihrer Mutter ist sie ganz
Leidenschaft, und der Kampf zwischen ihrer Leidenschaft, ihrem
hartnaeckigen Stolz und ihrer uebertriebenen Feinheit hat eine eisige
Kaelte des Betragens zur Folge.  Bei einer haesslichen Frau wuerde das
alles abstossend wirken; aber Gloria ist eine anziehende Frau.  Ihr
tief kastanienbraunes Haar, ihre olivenfarbene Haut, ihre langen
Wimpern, die grauen beschatteten Augen, die oft wie Sterne glaenzen,
zart geschweifte, volle Lippen und eine volle, geschmeidige, jedoch
muskelkraeftige Gestalt sprechen in hochmuetiger Freimuetigkeit zu
Einbildungskraft und Sinnen.  Man koennte sie fuer ein sehr gefaehrliches
Maedchen halten, wenn Glorias sittlicher Eifer nicht auch in einer sehr
edlen Stirn zum Ausdruck kaeme.  Ihr tailor-made Kleid aus
safranbraunem Tuch erscheint von rueckwaerts gesehen konventionell, aber
eine Bluse von meergruener Seide hebt das Konventionelle der Kleidung
mit einem Schlage auf und unterscheidet sie sofort--so wie die
Zwillinge--von den gewoehnlichen modernen Strandmenschen.)

(Frau Clandon macht ein paar Schritte vorwaerts und blickt umher, um zu
sehen, wer da ist.  Gloria, die es absichtlich vermeidet, den
Zwillingen irgendein Interesse fuer sie zu zeigen, geht an das Fenster
und blickt, in Gedanken versunken, ins Weite.--Das Stubenmaedchen,
anstatt sich zurueckzuziehen, schliesst die Tuer und wartet davor.)

(Frau Clandon.) Na, Kinder!...  Hast du noch Zahnschmerzen, Dolly?

(Dolly.) Geheilt!  Gott sei Dank.  Ich hab' ihn mir herausziehen
lassen.  (Sie setzt sich auf die Stufe des Operationsstuhls.  Frau
Clandon nimmt den Sessel, der vor dem Schreibtisch steht.)

(Philip mischt sich vom Kamin aus gravitaetisch ins Gespraech:) Und der
Zahnarzt, ein erstklassiger Fachmann von groesstem Ruf, wird mit uns
fruehstuecken.

(Frau Clandon sieht sich aengstlich nach dem Stubenmaedchen um:) Phil!

(Das Stubenmaedchen.) Verzeihen Sie, gnaedige Frau, ich warte auf den
Herrn Doktor.  Ich habe ihm etwas auszurichten.

(Dolly.) Von wem?

(Frau Clandon verdriesslich:) Dolly!

(Dolly fasst ihre Lippen mit den Fingerspitzen und unterdrueckt einen
kleinen Heiterkeitsausbruch.)

(Das Stubenmaedchen.) Bloss vom Hausherrn, gnaediges Fraeulein.

(Dr. Valentine kommt in einem blauen Serge-Anzug, mit einem Strohhut
in der Hand, in bester Laune zurueck, ganz atemlos infolge der Eile,
mit der er sich umgezogen hat.  Gloria wendet sich vom Fenster ab und
mustert ihn mit kalter Aufmerksamkeit.)

(Philip.) Erlauben Sie, dass ich Sie bekannt mache, Herr Doktor.--Meine
Mutter, Frau Lanfrey Clandon.

(Frau Clandon verneigt sich, Dr. Valentine verneigt sich, selbstbewusst
und der Situation gewachsen.) Meine Schwester Gloria.  (Gloria
verneigt sich mit kalter Wuerde und setzt sich auf das Sofa.  Dr.
Valentine verliebt sich auf den ersten Blick und ist entsetzlich
verwirrt.  Er dreht seinen Hut nervoes zwischen den Fingern und macht
Gloria eine schuechterne Verbeugung.)

(Frau Clandon.) Ich hoere, dass wir das Vergnuegen haben werden, Sie
heute zum Fruehstueck bei uns zu sehen, Herr Doktor?

(Dr. Valentine.) Ich danke--ich--wenn Sie gestatten--ich meine, wenn
Sie so liebenswuerdig sein wollen--(Zum Stubenmaedchen verdrossen:) Was
ist los?

(Das Stubenmaedchen.) Der Hausherr wuenscht Sie zu sprechen, bevor Sie
ausgehen, Herr Doktor.

(Dr. Valentine.) Sagen Sie ihm, dass ich mit vier Patienten beschaeftigt
bin.  (Die Clandons sehen ueberrascht aus, mit Ausnahme von Philip, der
unerschuetterlich ruhig bleibt.) Aber wenn er etwa zwei Minuten warten
wollte, so wuerde ich hinunterkommen und ihn einen Augenblick sprechen.
(Er verlaesst sich darauf, dass sie die Situation begreift.) Sagen Sie
ihm, dass ich zu tun habe, aber dass ich mit ihm zu sprechen wuensche.

(Das Stubenmaedchen bestaetigend:) Jawohl, Herr Doktor.  (Sie gebt ab.)

(Frau Clandon im Begriff aufzustehen:) Ich fuerchte, wir halten Sie auf.

(Dr. Valentine.) Durchaus nicht, durchaus nicht!  Ihre Anwesenheit
wird hier von groesstem Vorteil fuer mich sein.  Ich bin naemlich seit
sechs Wochen die Miete schuldig und habe bis zum heutigen Tage keinen
einzigen Patienten gehabt.  Meine Unterredung mit dem Hausherrn wird
nun infolge des sichtlichen Aufschwungs meines Geschaeftes viel besser
ablaufen.

(Dolly aergerlich:) O wie graesslich langweilig von Ihnen, das alles
auszuplaudern!  Und wir haben gerade eben behauptet, dass Sie ein
hochangesehener Fachmann allerersten Ranges sind.

(Frau Clandon entsetzt:) O Dolly!  Dolly! wie kannst du so grob sein!
(Zu Dr. Valentine:) Bitte, entschuldigen Sie meine Kinder, diese
Barbaren, Herr Doktor!

(Dr. Valentine.) O bitte, bitte, ich bin schon an sie gewoehnt.--Waere
es unbescheiden, wenn ich Sie bitten wuerde, fuenf Minuten zu warten,
waehrend ich unten meinen Hausherrn abfertige?

(Dolly.) Aber beeilen Sie sich, wir sind hungrig!

(Frau Clandon wieder protestierend:) Aber liebe Dolly!

(Dr. Valentine zu Dolly:) Gut, gut!  (Zu Frau Clandon:) Besten Dank.
Sie sind sehr guetig--ich werde nicht lange ausbleiben.  (Waehrend er
abgeht, wirft er einen raschen Blick auf Gloria.  Sie betrachtet ihn
sehr ernst.  Er wird sehr verlegen.) Ich--aeh--aeh--ja--ich danke--ich
danke Ihnen...  (Es gelingt ihm endlich, sich aus dem Zimmer zu
druecken, aber sein Abgang ist bemitleidenswert.)

(Philip.) Habt ihr gesehen?  (Auf Gloria zeigend:) Liebe auf den
ersten Blick.  Du kannst seinen Skalp deiner Sammlung einreihen,
Gloria.

(Frau Clandon.) Scht! scht... ich bitte dich, Phil!  Er kann es gehoert
haben!

(Philip.) Ach, der nicht--! (sich zu einer Szene vorbereitend:) Und
nun gib acht, Mama.  (Er nimmt den Schemel, der neben der)

(Bank steht, und setzt sich majestaetisch in die Mitte des Zimmers, die
vorhergegangene Demonstration Valentines kopierend.)

(Dolly fuehlt, dass ihr Platz auf der Stufe des Operationsstuhles nicht
der Wuerde dieses Anlasses entspricht; sie erhebt sich und schaut
wichtig und entschlossen drein.  Sie geht an das Fenster und lehnt
sich mit dem Ruecken gegen die Kante des Schreibtisches, ihre Haende
hinter sich auf den Tisch legend.)

(Frau Clandon betrachtet beide, verwundert, was da kommen wird.)

(Gloria wird aufmerksam.)

(Philip streckt sich, legt die Handknoechel symmetrisch auf die Knie
und traegt seinen Fall vor:) Dolly und ich, wir haben letzthin
mancherlei besprochen, und infolge meiner Menschenkenntnis glaube ich
nicht, glauben wir nicht, dass du... (er spricht sehr pointiert, mit
Pausen zwischen den Worten:) die Tatsache in ihrer ganzen Tragweite
erfasst hast...

(Dolly setzt sich mit einem Satz auf den Tisch:)... dass wir erwachsen
sind!

(Frau Clandon.) Wirklich?...  In welcher Beziehung habe ich euch Anlass
zu Klagen gegeben?

(Philip.) Nun, wir fangen an zu fuehlen, dass es gewisse Dinge gibt,
ueber die du uns etwas mehr ins Vertrauen ziehen koenntest.

(Frau Clandon erhebt sich.) Die ganze Sanftmut ihres Alters ist
ploetzlich fort, und eine merkwuerdig harte, wuerdevolle, aber verbissene,
vornehme, jedoch unerschuetterliche Aufregung, die Art der alten
Vorkaempferin der Frauenbewegung, ueberkommt sie:) Phil, nimm dich in
acht!  Vergiss nicht, was ich dich immer gelehrt habe!  Es gibt zwei
Arten des Familienlebens, Phil, und deine Menschenkenntnis erstreckt
sich vorlaeufig nur auf die eine.  (Rhetorisch:) Die Art, die du kennst,
ist auf gegenseitige Achtung gegruendet, auf der Anerkennung des
Rechtes eines jeden Mitglieds des Hauses, auf Unabhaengigkeit und
Selbstbestimmung (ihre Betonung des Wortes "Selbstbestimmung" ist
bedeutsam:) in seinen persoenlichen Angelegenheiten.  Und weil du
dieses Recht immer genossen hast, scheint es dir so selbstverstaendlich,
dass du es nicht mehr schaetzest;--aber (mit beissender Schaerfe:) es
gibt noch eine andere Art des Familienlebens.  Ein Leben, in dem
Ehemaenner die Briefe ihrer Frauen oeffnen und von ihnen Rechenschaft
fuer jeden Pfennig ihrer Ausgaben und jeden Augenblick ihrer Zeit
verlangen, ein Familienleben, in welchem Frauen dasselbe von ihren
Kindern fordern!  Ein Familienleben, in welchem kein Zimmer
abgeschlossen und keine Stunde heilig ist, in welchem Pflicht,
Gehorsam, Liebe, Heim, Sittlichkeit und Religion verabscheuenswerte
Tyrannen sind und das Dasein eine vulgaere Kette von Strafen und Luegen
bedeutet, von Zwang und Unterdrueckung, Eifersucht, Argwohn und
gegenseitigem Beschuldigen--oh!  Ich kann es dir nicht beschreiben: zu
deinem Glueck weisst du nichts davon.  (Sie setzt sich und holt Atem.

(Gloria hat mit glaenzenden Augen zugehoert und teilt den ganzen
Unwillen ihrer Mutter.)

(Dolly ganz unempfaenglich fuer Rhetorik:) Siehe "Die Eltern des
zwanzigsten Jahrhunderts", Kapitel ueber Freiheit, passim.

(Frau Clandon beruehrt liebevoll ihre Schulter, selbst durch ein
Spottwort von ihr besaenftigt:) Meine liebe Dolly, wenn du nur
wuesstest, wie froh ich bin, dass dir das alles nur einen Scherz
bedeutet, so bitter ernst es mir auch ist.  (Wendet sich etwas
entschlossener zu Philip:) Phil, ich frage dich niemals nach deinen
Privatangelegenheiten; du wirst dir doch nicht einfallen lassen, mich
nach den meinigen zu fragen--wie?

(Philip.) Ich glaube, wir sind es uns selbst schuldig, zu erklaeren,
dass die Frage, die wir an dich richten wollen, ebensosehr unsere
Angelegenheit wie die deine ist.

(Dolly.) Ueberdies kann's nicht gut sein, dass jemand eine Menge Fragen
in seinem Innern verschlossen herumtragen soll.  Das hast du getan,
Mama!  Aber schau, wie entsetzlich es dafuer aus mir hervorbricht.

(Frau Clandon.) Ich sehe, ihr muesst eure Frage stellen.  Also tut es.

(Dolly) und (Philip gleichzeitig:) Wer--(Sie halten inne.)

(Philip.) Nun aber, Dolly!  Soll ich diese Angelegenheit fuehren oder
du?

(Dolly.) Du.

(Philip.) Dann halte deinen Mund.  (Dolly tut das in des Wortes
buchstaeblicher Bedeutung:) Der Fall ist einfach folgender: Als der
Zahnschlosser--

(Frau Clandon protestierend:) Phil!

(Philip.) Zahnarzt ist ein haessliches Wort.  Der Mann des Goldes und
des Elfenbeins fragte uns also, ob wir die Kinder des Herrn Densmore
Clandon aus Newbury Hall waeren.  Gemaess deinen, in der Abhandlung ueber
das Betragen im zwanzigsten Jahrhundert, ausgesprochenen Lehren und
deinen uns wiederholt persoenlich erteilten Ermahnungen, die Zahl
unserer unnoetigen Luegen zu beschraenken, haben wir wahrheitsgetreu
geantwortet, dass wir es nicht wuessten.

(Dolly.) Das wussten wir auch nicht!

(Philip.) Sch!  Die Folge davon war, dass der Gummiarchitekt bezueglich
der Annahme unserer Einladung grosse Schwierigkeiten machte, obgleich
ich bezweifle, dass er in den letzten vierzehn Tagen etwas anderes
genossen hat als Tee und Butterbrot.--Nun bin ich aber dank meiner
Menschenkenntnis zu der Ueberzeugung gelangt, dass wir einen Vater
gehabt haben muessen und dass du wahrscheinlich weisst, wer das war.

(Frau Clandon, deren Erregung wiederkehrt:) Halt, Phil!  Dein Vater
bedeutet weder etwas fuer dich noch fuer mich.  (Heftig:) Das genuegt!
(Die Zwillinge schweigen, sind aber nicht befriedigt.  Sie machen
lange Gesichter.)

(Gloria, die dem Streit aufmerksam zugehoert hat, mengt sich ploetzlich
ein.  Vortretend:) Mutter, wir haben ein Recht zu wissen, wer unser
Vater ist!

(Frau Clandon erhebt sich und wendet sich zu ihr:) Gloria!  "Wir?" Wer
ist "wir"?

(Gloria, entschlossen:) Wir drei.  (Ihr Ton ist nicht misszuverstehen,
sie setzt zum ersten Male ihre Entschlossenheit der ihrer Mutter
feindlich entgegen.  Die Zwillinge treten sofort zum Feinde ueber.)

(Frau Clandon verletzt:) "Wir" pflegte sonst in deinem Munde "du und
ich" zu bedeuten, Gloria.

(Philip erhebt sich entschlossen und setzt den Schemel beiseite:) Wir
tun dir weh--also lassen wir's sein.  Wir dachten nicht, dass es dich
so unangenehm beruehren koennte.  Ich will es nicht wissen.

(Dolly den Tisch verlassend:) Ich schon gar nicht.--Oh, schau nicht
so traurig drein, Mama!  (Sie blickt aergerlich auf Gloria.)

(Frau Clandon fuehrt ihr Taschentuch rasch an die Augen und setzt sich
wieder:) Ich danke dir, Liebling.  Ich danke dir, Phil.

(Gloria unerbittlich:) Es ist unser gutes Recht, das zu erfahren,
Mutter!

(Frau Clandon entruestet:) Ah!  Du bestehst also darauf!

(Gloria.) Sollen wir es nie erfahren?

(Dolly.) O Gloria--nicht doch!  Das ist unmenschlich!

(Gloria mit ruhigem Hohn:) Was hat man davon, wenn man schwach ist?
Du hoerst, was hier mit diesem Herrn geschehen ist, Mutter.  Ganz
dasselbe ist auch mir widerfahren.

/*
(Frau Clandon)                   Was meinst du?
(Dolly)        }(alle zusammen:) O erzaehle!
(Philip)                         Was ist dir passiert?
*/

(Gloria.) Oh, nichts von Belang!  (Sie wendet sich ab und geht an den
Armstuhl vor dem Kamin, in den sie sich, fast mit dem Ruecken gegen die
andern, niederlaesst.  Da alle erwartungsvoll schweigen, fuegt sie, ueber
die Schulter sprechend, mit gemachter Gleichgueltigkeit hinzu:) An Bord
des Schiffes hat mir der erste Offizier die Ehre erwiesen, um meine
Hand anzuhalten.

(Dolly.) Nein, um meine Hand!

(Frau Clandon.) Der erste Offizier?...  Ist das dein Ernst,
Gloria?--Was hast du ihm geantwortet?  (Sich verbessernd:)
Entschuldige, ich bin nicht berechtigt, danach zu fragen.

(Gloria.) Die Antwort war ziemlich einfach: ein Maedchen, das nicht
einmal weiss, wer sein Vater ist, kann einen solchen Antrag nicht
annehmen.

(Frau Clandon.) Du wolltest ihn doch sicherlich auch nicht annehmen?

(Gloria wendet sich ein wenig um und erhebt ihre Stimme:) Nein.  Aber
gesetzt den Fall, ich haette Lust gehabt--

(Philip.) Hat diese Schwierigkeit dich auch abgehalten, Dolly?

(Dolly.) Nein.  Ich habe seinen Antrag angenommen.

/*
(Gloria)                               Was?
(Frau Clandon) }(alle zugleich rufen:) Dolly!
(Philip)                               Na, ich muss sagen!
*/

(Dolly naiv:) Er sah so bloedsinnig aus!

(Frau Clandon.) Aber warum hast du das getan, Dolly?

(Dolly.) Aus Spass wahrscheinlich.  Er musste meinem Finger fuer den
Ehering Mass nehmen.  Du haettest das auch getan.

(Frau Clandon.) Nein, Dolly, das haette ich nicht!  Tatsaechlich hat mir
der erste Offizier einen Heiratsantrag gemacht; aber ich habe ihm
gesagt, er moege sich derlei Scherze fuer Frauen aufheben, die jung
genug waeren, daran Spass zu haben...  Er scheint meinen Rat befolgt zu
haben.  (Sie erhebt sich und geht an den Kamin:) Gloria, ich bedauere,
dass du mich fuer schwach haeltst.  Aber ich kann dir nicht sagen, was du
verlangst.  Ihr seid alle zu jung.

(Philip.) Das ist ein ueberraschendes Ausserachtlassen der Prinzipien
des zwanzigsten Jahrhunderts.

(Dolly zitierend:) "Beantworte alle Fragen deiner Kinder und
beantworte sie aufrichtig, sobald sie alt genug sind, sie zu stellen.
"--Siehe "Die Mutterpflichten im zwanzigsten Jahrhundert"--

(Philip.) Seite eins--

(Dolly.) Kapitel eins

(Philip.) Satz eins.

(Frau Clandon.) Liebe Kinder, ich habe nicht gesagt, dass ihr zu jung
seid, um es zu erfahren--ich sagte, ihr waeret zu jung, um von mir ins
Vertrauen gezogen zu werden.--Ihr seid sehr begabte Kinder--alle--
aber es freut mich um euretwillen, dass ihr noch sehr unerfahren seid
und daher auch sehr teilnahmslos.  Ich aber habe Erfahrungen gesammelt,
ueber die ich nur mit Leuten sprechen koennte, die durchgemacht haben,
was ich durchgemacht habe.  Ich hoffe, dass ihr euch fuer solche
Mitteilungen nie eignen werdet.  Aber ich will dafuer sorgen, dass ihr
alles, was ihr wissen moechtet, erfahren sollt.--Genuegt euch das?

(Philip.) Ein neuer Vorwurf, Dolly!

(Dolly:) Wir sind teilnahmslos!

(Gloria lehnt sich in ihrem Stuhl vor und sieht ernst zu ihrer Mutter
auf:) Mutter, so hab' ich's nicht gemeint; teilnahmslos wollt' ich
nicht sein.

(Frau Clandon zaertlich:) Gewiss nicht, mein Herz.--Glaubst du, dass ich
dich nicht verstehe?

(Gloria sich erhebend:) Aber Mutter--

(Frau Clandon etwas zurueckweichend:) Ja?...

(Gloria hartnaeckig:) Es ist Unsinn, zu behaupten, dass unser Vater uns
nichts angehe.

(Frau Clandon zu ploetzlichem Entschluss herausgefordert:) Erinnerst du
dich an deinen Vater?

(Gloria nachdenklich, als wenn die Erinnerung eine zaertliche waere:)
Ich weiss es nicht bestimmt... ich glaube.

(Frau Clandon grimmig:) Du weisst es nicht bestimmt?

(Gloria.) Nein.

(Frau Clandon mit ruhiger Festigkeit:) Gloria, wenn ich dich jemals
geschlagen haette, (Gloria weicht zurueck, Philip und Dolly sind
unangenehm beruehrt; alle drei starren sie empoert an, waehrend sie
schonungslos fortfaehrt:)--absichtlich geschlagen--ganz klar
bewusst--in der Absicht, dir weh zu tun--mit einer eigens fuer diesen
Zweck gekauften Peitsche... glaubst du, dass du dich daran erinnern
wuerdest?

(Gloria stoesst einen Ruf beleidigter Abwehr aus:) Oh!

(Frau Clandon:) Das wuerde deine letzte Erinnerung an deinen Vater
gewesen sein, wenn ich euch nicht von ihm fortgenommen haette.  Ich
habe ihn eurem Leben ferngehalten: haltet ihr ihn nun dem meinen fern,
indem ihr nie wieder in meiner Gegenwart von ihm redet.

(Gloria bedeckt einen Augenblick schaudernd ihr Gesicht mit den Haenden.
Da sie jemanden vor der Tuer hoert, wendet sie sich ab und tut so, als
waere sie damit beschaeftigt, die Namen der Buecher im Buecherschrank zu
besehen.)

(Frau Clandon setzt sich auf das Sofa.)

(Dr. Valentine kehrt zurueck:) Ich hoffe, ich habe Sie nicht allzu
lange warten lassen.  Mein Hausherr ist wirklich ein aussergewoehnlicher
Kerl!

(Dolly lebhaft:) Oh, erzaehlen Sie uns das!--Auf wie lange hat er Ihnen
die Zahlungsfrist verlaengert?

(Frau Clandon ausser sich ueber ihres Kindes Manieren:) Dolly!  Dolly!
Liebe Dolly!  Gewoehne dir doch das Fragen ab!

(Dolly verstellt demuetig:) O bitte, verzeihen Sie...  Aber Sie werden
es uns erzaehlen--nicht wahr, Herr Doktor?

(Dr. Valentine.) Die Miete will er gar nicht haben.  Er hat sich an
einer brasilianischen Nuss einen Zahn gebrochen und mich gebeten, ihn
zu untersuchen und dann mit ihm zu fruehstuecken.

(Dolly.) So rufen Sie ihn herein und ziehen Sie ihm den Zahn gleich
aus; dann wollen wir ihn auch zum Fruehstueck mitnehmen!  Sagen Sie dem
Maedchen, sie soll ihn heraufholen.  (Sie laeuft zur Glocke und klingelt
energisch.  Dann wendet sie sich mit ploetzlichem Bedenken zu Dr.
Valentine und fuegt hinzu:) Ich nehme an, dass er ein angesehener Mann
ist... wirklich angesehen?

(Dr. Valentine.) Sicherlich!  Nicht wie ich.

(Dolly.) Ganz gewiss?

(Frau Clandon ringt schwach nach Atem, aber ihre Kraft zum
Protestieren ist erschoepft.)

(Dr. Valentine.) Ganz gewiss!

(Dolly.) Dann los--bringen Sie ihn herauf!

(Dr. Valentine blickt zoegernd auf Frau Clandon:) Ohne Zweifel wuerde er
entzueckt sein, wenn--wenn--

(Frau Clandon erhebt sich und sieht auf die Uhr:) Ich wuerde mich sehr
freuen, Ihren Freund kennen zu lernen, wenn Sie ihn zum Kommen bewegen
koennen.  Aber ich kann jetzt nicht auf ihn warten; ich habe um
dreiviertel eins im Hotel eine Verabredung mit einem alten Freund, den
ich achtzehn Jahre lang--seit ich England verliess--nicht gesehen habe.
--Wollen Sie mich also entschuldigen, bitte?

(Dr. Valentine.) Gewiss, Frau Clandon.

(Gloria.) Soll ich mitkommen?

(Frau Clandon.) Nein, mein Kind.  Ich will allein sein.

(Sie geht ab, sichtlich noch ziemlich erregt.  Dr. Valentine oeffnet
ihr die Tuer und folgt ihr.)

(Philip bedeutungsvoll zu Dolly:) Hm hm...

(Dolly bedeutungsvoll zu Philip:) Aha!  (Das Stubenmaedchen hat dem
Glockenzeichen Folge geleistet:) Fuehren Sie den alten Herrn herauf.

(Das Stubenmaedchen verbluefft:) Gnaediges Fraeulein?

(Dolly.) Den alten Herrn mit den Zahnschmerzen.

(Philip.) Den Hausherrn!

(Das Stubenmaedchen.) Herrn McNaughtan?

(Philip.) Heisst er McNaughtan?

(Dolly zu Philip:) Das klingt rheumatisch, nicht wahr?

(Philip.) Wahrscheinlich hat er Gichtknoten.

(Dolly ueber die Schulter zum Stubenmaedchen:) Fuehren Sie Herrn
Gichtknoten herauf.

(Das Stubenmaedchen verbessernd:) Herrn McNaughtan, gnaediges Fraeulein.
(Ab.)

(Dolly wiederholt den Namen wie eine Lektion:)
McNaughtan--McNaughtan--McNaughtan--McNaughtan...  (Sie setzt sich
nachdenklich an den Schreibtisch:) Ich muss diesen Namen lernen, oder
der Himmel weiss, wie ich ihn nennen werde.

(Gloria.) Phil, kannst du an diese entsetzliche Mitteilung glauben,
die uns die Mutter eben ueber unsern Vater gemacht hat?

(Philip.) Oh, es gibt viele Menschen solchen Schlages.  Der alte
Chamico pflegte seine Frau und seine Toechter mit einer Pferdepeitsche
durchzubleuen.

(Dolly verachtungvoll:) Ja, ein Portugiese!

(Philip.) Menschen, die Tiere sind, haben immer viel Aehnlichkeit, ob
es nun Portugiesen oder Englaender sind, Dolly.  Verlass dich auf meine
Menschenkenntnis.  (Er nimmt seine Stellung auf dem Kaminteppich mit
einem verantwortlichen altklugen Aussehen wieder ein.)

(Gloria mit bekuemmertem Gewissen:) Ich glaube nicht, dass wir jemals
unser altes Raetselspiel "wer mag unser Vater sein" wieder spielen
werden.--Dolly, tut's dir um deinen Vater leid--den Vater mit dem
vielen Geld?

(Dolly.) Und du, wie steht es mit deinem Vater, dem einsamen alten
Mann, mit dem zaertlichen kummervollen Herzen?  Der ist dir nun auch
durch die Binsen gegangen, wie es scheint.

(Philip.) Es steht ausser Zweifel, dass der alte Herr ein zerplatzter
Aberglauben ist.  (Man hoert Dr. Valentine vor der Tuer mit jemandem
sprechen:) Aber still--er kommt!

(Gloria nervoes:) Wer?

(Dolly.) Gichtknoten.

(Philip.) Sch!  Aufgepasst!  (Sie nehmen ihre besten Manieren zusammen.)

(Philip setzt mit leiser Stimme zu Gloria hinzu:) Wenn er fein
genugist, dass man ihn zum Fruehstueck einladen kann, nick' ich Dolly zu;
und wenn sie dir zunickt, lad ihn sofort ein.

(Dr. Valentine kehrt mit seinem Hausherrn zurueck.  Herr Fergus
McNaughtan ist ein Mann von ungefaehr sechzig Jahren, gross, abgehaertet
und sehnig, mit einem furchtbar hartnaeckigen, uebellaunigen,
habgierigen Mund und einer gebieterisch streitsuechtigen Stimme.  Dabei
ist er ungemein nervoes und empfindlich, was man an seiner duennen,
durchsichtigen Haut und an seinen schmalen Fingern erkennen kann.
Seine daraus folgende Faehigkeit, unter der Unbeliebtheit, die sein
Temperament und seine Halsstarrigkeit ueber ihn bringen, stark zu
leiden, kommt in seinen ernsten, schmerzlichen Augen zum Ausdruck, in
dem klagenden Ton seiner Stimme, einem schmerzlichen Mangel an
Vertrauen auf das Willkommen, das man ihm bieten wird, und in einer
fortgesetzten, aber nicht sehr erfolgreichen Bemuehung, seine angeboren
unhoeflichen Manieren zu verbessern und seine Empfindlichkeit
abzustreifen.  Seine kuehn geschweiften Brauen und seine Stirn verraten
deutlich einen befaehigten Menschen; ein Zeichen beschraenkter
Geldmittel oder geschaeftlichen Misskredits ist an ihm nicht
bemerkbar. Er ist gut gekleidet und koennte auf den ersten Blick
fuer den wohlhabenden Chef einer von einer alten Familie der
Geschaeftsaristokratie ererbten Firma gehalten werden.  Sein
marineblaue Rock ist nicht nach dem ueblichen modernen Muster; es ist
nicht gerade ein Lotsenrock, aber der Zuschnitt seines Anzugs, die
grossen Knoepfe und breiten Aufschlaege wuerden besser auf eine
Schiffswerft als in ein Kontor passen.  Er hat Gefallen an Dr.
Valentine gefunden, der sich aus seiner Vierschroetigkeit nichts macht
und ihn mit einer respektlosen Menschlichkeit behandelt, fuer die er Dr.
Valentine heimlich dankbar ist.)

(Dr. Valentine.) Darf ich die Herrschaften bekannt machen?--Herr
McNaughtan--Fraeulein Dorothea Clandon--Herr Philip Clandon--Fraeulein
Gloria Clandon.  (McNaughtan steht da und verbeugt sich nervoes.  Sie
verbeugen sich alle:) Nehmen Sie Platz, Herr McNaughtan.

(Dolly auf den Operationsstuhl zeigend:) Das ist der bequemste Stuhl,
Herr--McNaughtan.

(McNaughtan.) Ich danke.  Aber will nicht das gnaedige Fraeulein da
sitzen--?  (Er zeigt auf Gloria, die neben dem Stuhl steht.)

(Gloria.) Ich danke Ihnen, Herr McNaughtan.  Wir wollen gerade gehn.

(Dr. Valentine weist ihn mit gutmuetiger Entschiedenheit nach dem Stuhl:
) Setzen Sie sich--setzen Sie sich.  Sie sind muede.

(McNaughtan.) Na, da ich weitaus der Aelteste unter den Anwesenden bin,
darf ich vielleicht--(Er beendigt den Satz, indem er sich mit etwas
gichtischer Gebaerde in den Operationsstuhl setzt.  Inzwischen nickt
Philip, der ihn waehrend seines Ganges durch das Zimmer kritisch
studiert hat, Dolly zu, und Dolly nickt Gloria zu.)

(Gloria.) Wenn wir recht verstanden haben, sind wir schuld, dass Herr
Dr. Valentine nicht mit Ihnen fruehstueckt; da wir ihn mithaben wollen.
Meine Mutter wird sich nur sehr freuen, wenn Sie auch mitkommen.

(McNaughtan, nachdem er sie einen Augenblick ernst betrachtet hat,
dankbar:) Ich danke Ihnen, ich werde mit Vergnuegen erscheinen.

/* (Gloria) (murmeln:) Ich danke Ihnen sehr fuer...  (Dolly) } (hoeflich:
) Es freut uns ausserordentlich, dass...  (Philip) Wir sind wirklich
entzueckt, Ihre... */

(Die Unterhaltung stockt.  Gloria und Dolly blicken erst einander und
dann Dr. Valentine und Philip an.  Die beiden Maenner, der Lage nicht
gewachsen, sehen von ihnen fort, einander in die Augen und sind
augenscheinlich dadurch so verwirrt, dass sie wieder zurueckschauen und
den Augen von Gloria und Dolly begegnen.  So sucht einer das Auge des
andern der Reihe nach, und sie sehen alle auf nichts und sind total
verlegen.  McNaughtan sieht sich um und wartet auf die andern, bevor
er beginnt.  Das Stillschweigen faengt an, unertraeglich zu werden.)

(Dolly ploetzlich, um die Unterhaltung aufrechtzuerhalten:) Wie alt
sind Sie, Herr McNaughtan?

(Gloria schnell:) Ich fuerchte, wir muessen eilen, Herr Doktor.--Es
bleibt also dabei, dass wir uns um halb zwei Uhr im Marinehotel treffen.
(Sie geht zur Tuer, Philip folgt ihr, Dr. Valentine geht an den
Glockenzug.)

(Dr. Valentine.) Punkt halb zwei.  (Er klingelt:) Vielen Dank.  (Er
begleitet Gloria und Philip zur Tuer und geht mit ihnen hinaus.)

(Dolly, die sich inzwischen zu McNaughtan hingeschlichen hat:) Lassen
Sie sich Lachgas geben--das kostet noch fuenf Schillinge extra, aber
die Sache ist es wert.

(McNaughtan belustigt:) Ausgezeichnet!  (Sie ernster betrachtend:) Sie
wollen also wissen, wie alt ich bin--wirklich?  Ich bin
siebenundfuenfzig.

(Dolly mit Ueberzeugung:) Sie sehen auch so alt aus.

(McNaughtan grimmig:) Jawohl, das ist wahrscheinlich der Fall.

(Dolly.) Warum sehen Sie mich so forschend an?  Ist etwas an mir nicht
in Ordnung?  (Sie befuehlt ihren Hut, ob er in Ordnung ist.)

(McNaughtan.) Sie erinnern mich an wen.

(Dolly.) An wen?

(McNaughtan.) Nun--Sie haben eine merkwuerdige Aehnlichkeit mit meiner
Mutter.

(Dolly unglaeubig:) Mit Ihrer Mutter?!...  Meinen Sie nicht vielleicht
mit Ihrer Tochter?

(McNaughtan bricht ploetzlich hasserfuellt aus:) Nein--verlassen Sie sich
darauf, dass ich nicht meine Tochter meine!

(Dolly teilnahmsvoll:) Tut Ihnen der Zahn sehr weh?  (McNaughtan.)
Nein, nein--es ist nichts.  Ein Anfall von Erinnerungen, nicht von
Zahnschmerzen, Fraeulein Clandon.

(Dolly.) Heraus damit!  "Wurzelnden Gram ausreuten dem
Gedaechtnis"[*]--mit Lachgas, fuenf Schillinge extra.

[Footnote *: MacBeth, 5. Akt, 3. Szene (Schlegel und Tieck).]

(McNaughtan rachsuechtig:) Nein, kein Schmerz.  Eine Beleidigung, die
mir einst zugefuegt wurde!  Ich kann Beleidigungen nicht vergessen--und
ich will sie nicht vergessen!  (Sein Gesicht legt sich in
unversoehnliche Falten.)

(Dolly McNaughtans Ausdruck kritisch betrachtend:) Ich glaube nicht,
dass wir Sie werden leiden moegen, wenn Sie ueber erlittenem Unrecht
brueten.

(Philip der unbeobachtet wieder eingetreten ist und sich hinter Dolly
geschlichen hat:) Meine Schwester meint es ehrlich, Herr McNaughtan,
aber sie ist indiskret.--Nun, Dolly, fort!  (Er geht mit ihr zur Tuer.)

(Dolly in einem vollkommen hoerbaren Fluesterton:) Er behauptet, dass er
erst siebenundfuenfzig ist--er haelt mich fuer das Ebenbild seiner
Mutter--er hasst seine Tochter--und...  (Sie wird durch die Rueckkehr Dr.
Valentines unterbrochen.)

(Dr. Valentine.) Fraeulein Clandon ist schon voraus.

(Philip.) Vergessen Sie nicht--Punkt halb zwei.

(Dolly.) Bitte, lassen Sie Herrn McNaughtan so viel Zaehne uebrig, dass
er mit uns essen kann.  (Sie gehen ab.)

(Dr. Valentine kommt herab zu seiner Instrumentenlade und oeffnet sie.)

(McNaughtan.) Das ist ein verzogenes Kind, Herr Doktor!  Das richtige
Fruechtchen der modernen Erziehung!  Als ich im Alter dieser jungen
Dame war, hatte ich immer die letzte Tracht Pruegel frisch in der
Erinnerung, um mich gute Manieren zu lehren.

(Dr. Valentine nimmt Zahnspiegel und Sonde von der seiner Lade
gegenueber befestigten Platte:) Wie gefiel Ihnen ihre Schwester?
(McNaughtan.) Die war Ihnen lieber, nicht wahr!

* * * * *

(Dr. Valentine ueberschwenglich:) Sie hat mich ergriffen, als ein
Wesen--(Er besinnt sich und fuegt prosaisch hinzu:) Doch das hat nichts
mit dem Geschaeft zu tun.  (Er stellt sich hinter McNaugthans rechte
Schulter und nimmt seinen berufsmaessigen Ton an:) Aufmachen, bitte.

(McNaughtan oeffnet den Mund.)

(Dr. Valentine steckt den Spiegel hinein und untersucht seine Zaehne:)
Hm!...  Na, den haben Sie nett abgebrochen--wie schade!  So ein
praechtiges Gebiss zu ruinieren!--Warum knacken Sie damit Nuesse auf?
(Er zieht den Spiegel zurueck und tritt vor, um mit McNaugthan zu
sprechen.)

(McNaughtan.) Ich habe immer mit den Zaehnen Nuesse geknackt--wozu hat
man sie denn?  (Entschieden:) Das richtige Mittel, seine Zaehne in
gutem Zustand zu erhalten, besteht darin, dass man sie an Knochen und
Nuessen genuegend abnuetzt und sie taeglich mit Seife putzt--mit
gewoehnlicher Schmierseife!

(Dr. Valentine.) Seife?...  Warum mit Seife?

(McNaughtan.) Als Junge fing ich damit an, weil man mich dazu anhielt,
und seitdem hab' ich's immer getan.  Und ich hab' in meinem ganzen
Leben keine Zahnschmerzen gehabt!

(Dr. Valentine.) Finden Sie das nicht ziemlich ekelhaft?

(McNaughtan.) Ich habe gefunden, dass die meisten Dinge, die mir gut
getan haben, ekelhaft waren; aber ich wurde angelernt, mich damit
abzufinden, und man sorgte dafuer, dass ich mich damit abfand.  Jetzt
bin ich daran gewoehnt;--wahrhaftig, ich liebe den Geschmack, wenn die
Seife wirklich gut ist.

(Dr. Valentine macht gegen seine Absicht eine Grimasse:) Sie scheinen
sehr sorgfaeltig erzogen worden zu sein, Herr McNaughtan.

(McNaughtan grimmig:) Jedenfalls bin ich nicht verzogen worden!

(Dr. Valentine laechelt vor sich hin:) Sind Sie dessen ganz sicher?

(McNaughtan.) Wie meinen Sie das?

(Dr. Valentine.) Nun, Ihre Zaehne sind gut--ich gebe es zu; aber ich
habe in manchem Mund, der mit sich sehr nachsichtig umging, ebenso
gute gesehn.  (Er geht an den Rand der Lade und vertauscht die Sonde
mit einer andern.)

(McNaugthan.) Es kommt nicht auf die Zaehne an, sondern auf den
Charakter.

(Dr. Valentine versoehnlich:) Oh!  Auf den Charakter--ich verstehe.
(Er nimmt die Behandlung wieder auf:) Etwas weiter, bitte--hm!...  Der
da wird heraus muessen--er ist nicht mehr zu retten.  (Er zieht die
Sonde zurueck und tritt wieder seitwaerts an den Stuhl, um zu plaudern:)
Fuerchten Sie sich nicht, Sie werden gar nichts fuehlen; ich werde Ihnen
Lachgas geben.

(McNaughtan.) Unsinn, Mensch!  Ich brauche kein Lachgas!  Heraus damit!
Zu meiner Zeit hat man den Leuten beigebracht, notwendige Schmerzen
zu ertragen.

(Dr. Valentine.) Oh!  Wenn Sie Schmerzen gern moegen--schoen.  Ich werde
Ihnen so weh tun, wie Sie nur wollen--ohne fuer den guenstigen Einfluss
auf Ihren Charakter irgendeinen Preisaufschlag zu verlangen.

(McNaughtan erhebt sich und starrt ihn an:) Junger Mann, Sie schulden
mir sechs Wochen Miete!

(Dr. Valentine.) Richtig.

(McNaughtan.) Koennen Sie mich bezahlen?

(Dr. Valentine.) Nein.

(McNaughtan zufrieden mit seinem Vorteil:) Das habe ich mir gedacht.
--Wann, glauben Sie, werden Sie zahlungsfaehig sein, da Sie nichts
Besseres wissen, als sich ueber Ihre Patienten lustig zu machen?  (Er
setzt sich wieder.)

(Dr. Valentine.) Mein lieber Herr McNaughtan.  Meine Patienten haben
nicht alle ihren Charakter an Schmierseife gebildet.

(McNaughtan packt ihn ploetzlich am Arm, waehrend Dr. Valentine sich
wieder nach der Lade wendet:) Desto schlimmer fuer sie!  Ich sage Ihnen,
Sie verstehen meinen Charakter nicht!  Wenn ich all meine Zaehne
entbehren koennte ich wuerde sie mir, einen nach dem andern, von Ihnen
ziehen lassen, um Ihnen zu zeigen, was ein tuechtiger, abgehaerteter
Mann aushalten kann, wenn er sich einmal dazu entschlossen hat.  (Er
nickt Dr. Valentine zu, um diese Erklaerung zu bekraeftigen, und laesst
ihn los.)

(Dr. Valentine, dessen sorglose Scherzhaftigkeit sich gar nicht stoeren
laesst:) Und Sie wollen noch mehr abgehaertet werden, nicht wahr?

(McNaughtan.) Ja.

(Dr. Valentine schlendert fort zur Glocke:) Fuer mich sind Sie als
Hausherr--schon abgehaertet genug.

(McNaughtan quittiert diesen Scherz mit einem Brummen grimmigen Humors.)

(Dr. Valentine klingelt und fragt in heiterer, beilaeufiger Weise,
waehrend er auf die Antwort wartet:) Warum haben Sie nie geheiratet,
Herr McNaughtan?  Eine Frau und Kinder wuerden Ihnen Ihre Abhaertung
schon ein wenig ausgetrieben haben.

(McNaughtan mit unerwarteter Wildheit:) Was zum Teufel geht Sie das
an?!

(Das Stubenmaedchen erscheint an der Tuer.)

(Dr. Valentine hoeflich:) Bitte, etwas warmes Wasser.  (Sie zieht sich
zurueck, und Dr. Valentine geht wieder an die Lade, durch McNaughtans
Grobheit durchaus nicht aus dem Konzept gebracht.  Er setzt die
Unterhaltung fort, waehrend er eine Zange aussucht und sie sich zur
Hand legt, zusammen mit einem Sperrholz und einem Trinkglas:) Sie
fragten eben, was zum Teufel mich das angeht...  Nun, ich habe vor,
mich selbst zu verheiraten.

(McNaughtan mit brummiger Ironie:) Natuerlich, Mensch--natuerlich!  Wenn
ein junger Mann auf den letzten Heller heruntergekommen ist und in
vierundzwanzig Stunden von seinem Hausherrn gepfaendet werden soll,
dann heiratet er.  Das habe ich schon oefter beobachtet.--Gut, heiraten
Sie und werden Sie ungluecklich!

(Dr. Valentine.) Oh, gehen Sie, was wissen Sie davon?

(McNaughtan.) Ich bin kein Junggeselle!

(Dr. Valentine.) Dann gibt es also eine Frau McNaughtan?

(McNaughtan zusammenzuckend, mit einem Gefuehl des Unwillens:) Ja--der
Teufel soll sie holen!

(Dr. Valentine unerschuetterlich:) Hm!...  Am Ende sind Sie auch Vater,
nicht nur Ehemann, Herr McNaughtan?

(McNaughtan.) Drei Kinder!

(Dr. Valentine hoeflich:) Der Teufel soll sie holen--was?

(McNaughtan eifersuechtig:) Nein, Herr: die Kinder gehoeren mir so gut
wie ihr.

(Das Stubenmaedchen bringt einen Krug heisses Wasser herein.)

(Dr. Valentine.) Danke.  (Er nimmt ihr den Krug ab und bringt ihn an
den Stuhl; dann faehrt er in dem gleichen nachlaessigen Ton fort:) Ich
moechte wirklich gern Ihre Familie kennen lernen, Herr McNaughtan.  (Er
giesst etwas warmes Wasser in das Trinkglas.)

(Das Stubenmaedchen geht hinaus.)

(McNaughtan.) Ich bedaure, Sie nicht vorstellen zu koennen.  Ich bin so
gluecklich, nicht zu wissen, wo sie alle sind, und ich bin's zufrieden,
solange sie mir nicht in den Weg kommen.

(Dr. Valentine tut mit einer Bewegung seiner Augenbrauen und Schultern
die leise an den Glasrand klirrende Zange in das Glas heissen Wassers.)

(McNaughtan.) Meinetwegen brauchen Sie das Dings da nicht zu waermen;
ich habe keine Angst vor dem kalten Stahl.  (Dr. Valentine beugt sich
vor, um den Gasschlauch und den Zylinder neben dem Stuhl in Ordnung zu
bringen:) Was ist das fuer ein schweres Ding?

(Dr. Valentine.) O nichts!  Ich setze bloss meinen Fuss darauf, wenn ich
den noetigen Stuetzpunkt fuer einen kraeftigen Zug bekommen will.

(McNaughtan sieht gegen seinen Willen beunruhigt aus.)

(Dr. Valentine steht aufrecht neben ihm und setzt das Glas mit der
Zange in Bereitschaft.  Er faehrt fort mit herausfordernder
Gleichgueltigkeit zu plaudern:) Sie raten mir also, mich nicht zu
verheiraten, Herr McNaughtan?  (Er bueckt sich, um die Kurbel an den
Apparat zu befestigen, durch die der Stuhl gehoben und gesenkt werden
kann.)

(McNaughtan reizbar:) Ich rate Ihnen, mir den Zahn nun zu ziehen und
endlich aufzuhoeren, mich an meine Frau zu erinnern!  Vorwaerts, Herr!
(Er klammert sich an lit Stuhllehnen und staehlt sich.)

(Dr. Valentine setzt ab, die Hand auf der Kurbel, siebt ihn an und
sagt:) Um wie viel wollen Sie wetten, dass ich den Zahn herauskriege,
ohne dass Sie es spueren?

(McNaughtan.) Um Ihre sechswoechige Miete, mein Junge!  Mich foppen Sie
nicht!

(Dr. Valentine nimmt die Wette mit Freude an und dreht die Kurbel
kraeftig hinauf, so dass der Sessel steigt:) Abgemacht!  Sind Sie
bereit?  (McNaughtan, der beunruhigt ueber sein ploetzliches
Gehobenwerden die Stuhllehnen losgelassen hat, kreuzt die Arme, setzt
sich steif aufrecht und bereitet sich auf das Schlimmste vor.  Dr.
Valentine laesst den Ruecken des Stuhles ploetzlich zu einem stumpfen
Winkel hinab.)

(McNaughtan packt mit festem Griff die Stuhllehnen, waehrend er
zurueckfaellt:) Au!  Nehmen Sie sich in acht, Mensch!  Ich bin ganz
wehrlos in dieser La--

(Dr. Valentine haelt ihm mit dem Sperrholz geschickt den Mund offen und
erfasst das Mundstueck des Gasschlauchs:) Sie werden gleich noch
wehrloser sein!  (Er presst das Mundstueck ueber McNaughtans Mund und
Nase und lehnt sich dabei ueber McNaugthans Brust so zurueck, dass er ihm
Kopf und Schultern gut in den Stuhl niederhalten kann.)

(McNaughtan stoesst einen unartikulierten Laut in das Mundstueck aus und
versucht, Dr. Valentine zu packen, den er sich gegenueber glaubt.  Nach
einem Augenblick greifen seine Arme ins Leere, senken sich und fallen
herab.  Er ist vollstaendig bewusstlos.)

(Dr. Valentine wirft mit einem Ausdruck nachdenklichen Triumphes das
Mundstueck rasch beiseite, nimmt die Zange geschickt aus dem Glas und
der Vorbang faellt.)




ZWEITER AKT

(Die Terrasse des Marinehotels--eine viereckige gepflasterte Planform,
die in der Sonne funkelt und auf der Seeseite von einer Brustwehr aus
schweren Stuetzpfeilern eingefasst ist, die wie schwerfaellige Oelkruege
aussehen und eine breite steinerne Mauerkappe tragen.)

(Der Oberkellner des Etablissements, der damit beschaeftigt ist, auf
einem Fruehstueckstisch Servietten zu ordnen, wendet dem Meere den
Ruecken zu und hat das Hotel zu seiner Rechten; zu seiner Linken, in
der Ecke, befindet sich in der Naehe des Meeres die Flucht von Stufen,
die hinunter zum Strand fuehren.  Wenn er vor sich die Terrasse
hinunterblickt, sieht er gegenueber, etwas zu seiner Linken, einen
Herrn in mittleren Jahren, der auf einem eisengitternen Stuhle an
einem kleinen eisernen Tische sitzt, auf dem sich eine von drei Wespen
umschwirrte Zuckerdose befindet.  Er liest den "Standard" und hat
seinen Schirm aufgespannt, um sich gegen die Augustsonne zu schuetzen,
die--es ist noch nicht ein Uhr nachmittag--seine ausgestreckten Beine
roestet.  Ihm gegenueber, auf der Hotelseite der Terrasse, steht eine
Gartenbank von der gewoehnlichen Strandpromenadenform.  Besucher treten
durch einen Eingang in der Mitte der Fassade ins Hotel, wohin man ueber
ein paar Stufen gelangt, die sich auf einem breiten, erhoehten,
gepflasterten Viereck erheben.  Naeher an der Bruestung ist ein geheimer
Weg in die Kueche durch ein kleines Gitterportal maskiert.  Der Tisch,
an dem der Kellner sich beschaeftigt, ist sehr lang.  Er steht quer
ueber der Terrasse und ist mit fuenf Gedecken versehen; vor jedem Gedeck
steht ein Stuhl, und zwar befinden sich zwei Stuehle auf jeder
Laengsseite und ein Stuhl an der dem Hotel zugewandten Schmalseite.
Gegen die Brustwehr lehnt ein zweiter, als Buefett eingerichteter Tisch,
von dem aus serviert werden soll.)

(Der Kellner ist in seiner Art ein bemerkenswerter Mensch.  Ein zarter
alter Mann mit weissen Haaren und sanften Augen, jedoch so freudig und
zufrieden, dass in seiner ermutigenden Gegenwart Ehrgeiz sich als
Gemeinheit geruegt fuehlt und Einbildungskraft als Verrat an dem
ueberstroemenden Reichtum und Interesse der Wirklichkeit.  Er hat jenen
gewissen Ausdruck, der Menschen eigen ist, die in ihrem Beruf
hervorragend sind und die, im Bewusstsein der Nichtigkeit des Erfolges,
von Neid unberuehrt bleiben.)

(Der Herr an dem eisernen Tischchen ist nicht fuer den Strand gekleidet.
Er traegt seinen Londoner Gehrock und Handschuhe; sein hoher Zylinder
steht auf dem Tisch neben der Zuckerdose.  Die vortreffliche
Verfassung und Qualitaet dieser Kleidung, der goldgeraenderte Zwicker,
mit dem er den "Standard" liest und die "Times", die an seinem
Ellbogen ueber der Ortszeitung liegt--alles weist auf seine Achtbarkeit
hin.  Er ist ungefaehr fuenfzig Jahre alt, glatt rasiert und
kurzgeschoren.  Seine Mundwinkel sind absichtlich herabgezogen, als
haette er sie im Verdacht, hinaufschnellen zu wollen, und waere
entschlossen, ihnen den Willen nicht zu lassen.  Er hat grosse, weite
Ohren, Augen von der Farbe des Stockfisches und eine energische Stirn,
die er resolut offen traegt, als wenn er, wiederum, in seiner Jugend
beschlossen haette, wahrheitsliebend, grossmuetig, unbestechlich zu
bleiben, es ihm aber niemals gelungen waere, diese geistige Gewoehnung
automatisch und unbewusst zu machen.  Trotzdem macht er durchaus keinen
laecherlichen Eindruck; kein Zeichen der Dummheit oder Willensschwaeche
ist an ihm bemerkbar;--im Gegenteil, er wuerde dem Anblick nach ueberall
fuer einen Menschen von mehr als durchschnittlichen geschaeftlichen
Faehigkeiten und geschaeftlicher Verantwortung gehalten werden.
Augenblicklich geniesst er das Wetter und das Meer zu sehr, um die
Geduld zu verlieren; aber er hat alles Neue in seinen Zeitungen
durchgelesen und ist gegenwaertig auf die Inserate angewiesen, die aber
nicht interessant genug sind, ihn fuer die Dauer zu fesseln.)


(Der Herr gaehnt und verzichtet auf die Zeitung als ungeniessbar:)
Kellner!

(Der Kellner.) Bitte?  (Er naehert sich ihm.)

(Der Herr.) Wissen Sie ganz bestimmt, dass Frau Clandon vor dem
Fruehstueck zurueckkommt?

(Der Kellner.) Ganz bestimmt.  Sie erwartet den Herrn um dreiviertel
auf Eins.  (Der Herr, den des Kellners Stimme sofort besaenftigt, sieht
ihn mit einem laessigen Laecheln an.  Der Kellner hat eine ruhige,
sanfte, melodische Stimme, die seinen alltaeglichsten Bemerkungen ein
sympathisches Interesse verleiht; er spricht mit dem suessesten Anstand,
ohne seine H's zu verschlucken oder sie zu verlegen, oder in
irgendeine andere Vulgaritaet zu verfallen.  Der Kellner sieht nach der
Uhr und faehrt fort:) Es ist noch nicht so viel, nicht?  Erst zwoelf Uhr
dreiundvierzig... nur noch zwei Minuten muss sich der Herr gedulden.--
Schoener Morgen, nicht wahr?

(Der Herr.) Ja.  Sehr frisch im Vergleich zu London.

(Der Kellner.) Ja.  Das sagen alle unsere Gaeste.--Eine sehr angenehme
Familie, die von Frau Clandon.

(Der Herr.) Sie moegen sie?  (Der Kellner.) Ja.  Sie haben ein sehr
unbefangenes, einnehmendes Betragen--wahrhaftig, sehr einnehmend.
Namentlich die junge Dame und der junge Herr.

(Der Herr.) Fraeulein Dorothea und Herr Philip wahrscheinlich.

(Der Kellner.) Jawohl.  Die junge Dame sagt immer, wenn sie mir einen
Befehl erteilt oder so etwas: "Sie wissen, William, dass wir Ihretwegen
in dieses Hotel gekommen sind, weil wir gehoert haben, was fuer ein
vollendeter Kellner Sie sind." Der junge Herr sagt mir immer, dass ich
ihn sehr an seinen Herrn Vater erinnere, (der Herr faehrt auf bei
diesen Worten:) und dass er von mir erwartet, dass ich mich gegen ihn
auch wie ein Vater benehmen werde.  (Mit beruhigendem sonnigem Tonfall:
) Oh, so liebenswuerdig... wirklich, sehr hoeflich und freundlich sind
sie!

(Der Herr.) Sie sollen seinem Vater aehnlich sein!  (Er lacht ueber
diese Idee.)

(Der Kellner.) Oh, wir duerfen nicht zu ernst nehmen, was die
Herrschaften sagen.  Wenn es wahr waere, so wuerde die junge Dame die
Aehnlichkeit natuerlich auch bemerkt haben.

(Der Herr.) Hat sie das nicht?

(Der Kellner.) Nein.  Sie fand, ich haette mit der Shakespear-Bueste in
der Stratford-Kirche Aehnlichkeit; deshalb nennt sie mich auch
"William"--mein richtiger Name ist Walter.  (Er wendet sich um, will
nach dem Tisch zurueckgeben und erblickt Frau Clandon, die ueber die
Stufen vom Strand her die Terrasse heraufkommt.) Da ist Frau Clandon.
(Zu Frau Clandon, in einem bescheiden vertraulichen Tone:) Ein Herr
ist da, der Sie sprechen will, gnaedige Frau.

(Frau Clandon.) Es werden noch zwei Herren mit uns fruehstuecken,
William.

(Der Kellner.) Sehr wohl, gnaedige Frau.  Danke schoen, gnaedige Frau.
(Er zieht sich in das Hotel zurueck.)

(Frau Clandon kommt nach vorn und sieht sich nach ihrem Besucher um,
geht aber an dem Herrn vorbei, ohne irgendein Zeichen des Erkennens zu
geben.)

(Der Herr sieht verschmitzt nach ihr unter dem Schirm hervor:)
Erkennen Sie mich nicht?

(Frau Clandon sieht ihn scharf und unglaeubig an:) Sind Sie Finch
McComas?

(McComas.) Koennen Sie das nicht raten?  (Er schliesst den Schirm,
stellt ihn zur Seite, pflanzt sich mit den Haenden in den Hueften lustig
vor ihr auf und lasst sich betrachten.)

(Frau Clandon.) Mir scheint, Sie sind es wirklich!  (Sie reicht ihm
die Hand.  Der Haendedruck, der folgt, ist der alter Freunde nach einer
Langen Trennung:) Wo ist Ihr Bart?

(McComas komisch feierlich:) Wuerden Sie einen Anwalt mit einem Bart
beschaeftigen?

(Frau Clandon zeigt auf den Zylinder, der auf dem Tischchen steht:)
Ist das Ihr Hut?

(McComas.) Wuerden Sie einen Anwalt mit einem Sombrero beschaeftigen?

(Frau Clandon.) Ich habe Sie waehrend der ganzen achtzehn Jahre in
Gedanken mit einem Bart und einem grossen, runden Hut vor mir gesehen.
(Sie setzt sich auf die Gartenbank.  McComas nimmt seinen Platz wieder
ein.) Gehen Sie noch immer zu den Versammlungen der philosophischen
Gesellschaft?

(McComas ernst:) Ich besuche keine Versammlungen mehr.

(Frau Clandon.) Finch, ich merke, was mit Ihnen vorgegangen ist!  Sie
sind respektabel geworden!

(McComas.) Und Sie nicht?

(Frau Clandon.) Nicht im geringsten.

(McComas.) Sie halten noch immer an Ihren alten Ansichten fest?

(Frau Clandon.) Fester denn je.

(McComas.) Was Sie sagen!...  Und sind Sie noch immer bereit,
oeffentlich zu sprechen, trotz Ihres Geschlechts?  (Frau Clandon nickt.
) Halten Sie sogar noch immer an der Ansicht fest, eine verheiratete
Frau sei berechtigt, ihr eigenes Vermoegen von dem ihres Gatten zu
trennen?  (Frau Clandon nickt wieder.) Sind Sie noch immer
Vorkaempferin fuer die Lehre Darwins von der Abstammung der Arten und
fuer John Stuart Mills Schrift ueber die Freiheit?  (Sie nickt.) Lesen
Sie noch immer Huxley, Tyndall und George Eliot?  (Sie nickt dreimal.)
Und verlangen Sie noch immer fuer die Frauen so gut wie fuer die Maenner
den Zutritt zur Universitaet, die Ausuebung aller Gewerbe und das
parlamentarische Wahlrecht?

(Frau Clandon energisch:) Jawohl.  Ich bin nicht um Haares Breite
davon abgewichen, und ich habe Gloria dazu erzogen, mein Werk dort
fortzusetzen, wo ich es abgebrochen habe.--Das ist es auch, was mich
nach England zurueckgefuehrt hat.  Ich fuehlte, dass ich kein Recht hatte,
meine Tochter lebend in Madeira zu begraben--mein Sankt Helena, Finch!
--Sie wird wohl ausgezischt werden, wie ich es wurde--aber sie ist
darauf vorbereitet.

(McComas.) Ausgezischt?...  Meine liebe gute Frau Clandon, heutzutage
koennte Gloria mit allen diesen Ansichten sogar einen Erzbischof
heiraten.--Sie haben mir eben vorgeworfen, dass ich respektabel
geworden bin.  Sie haben sich geirrt--ich halte an unsern alten
Meinungen fest, ebenso wie damals--ich gehe nicht in die Kirche, und
ich tue nicht so, als ob ich es taete.  Ich bekenne, was ich bin: ein
radikaler Philosoph, der fuer Freiheit und fuer die Rechte des
Individuums eintritt, wie mein Meister Herbert Spencer es mich gelehrt
hat.  Werde ich ausgezischt?...  Nein!  Ich werde nachsichtig
belaechelt, wie ein altmodischer Kauz!  Ich bin vollstaendig erledigt,
weil ich mich geweigert habe, das Knie vor dem Sozialismus zu beugen.

(Frau Clandon entsetzt:) Sozialismus!

(McComas.) Ja, Sozialismus--vor Ablauf eines Monats wird Fraeulein
Gloria bis ueber die Ohren drin sein, wenn Sie sie hier loslassen.

(Frau Clandon mit Emphase:) Aber ich kann ihr beweisen, dass der
Sozialismus ein Trugschluss ist!

(McComas pathetisch:) Dadurch, dass ich es bewies, habe ich alle meine
Schueler verloren, Frau Clandon.  Nehmen Sie sich in acht, lassen Sie
Gloria ihren eigenen Weg gehen.  (Etwas bitter:) Wir sind altmodisch
geworden, die Welt denkt, wir seien hinter ihr zurueckgeblieben!  Es
gibt nur noch einen einzigen Ort in England, wo Ihre Anschauungen fuer
vorgeschritten gelten wuerden.

(Frau Clandon spoettisch und nicht ueberzeugt:) Die Kirche vielleicht?

(McComas.) Nein, das Theater.--Und jetzt zur Sache.  Warum haben Sie
mich hierher kommen lassen?

(Frau Clandon.) Nun, zum Teil, weil ich Sie wiedersehen wollte.

(McComas mit gutmuetiger Ironie:) Danke!

(Frau Clandon.) Und zum Teil, weil ich moechte, dass Sie den Kindern
alles erklaeren.  Sie wissen nichts.  Und jetzt, wo wir nach England
zurueckgekehrt sind, ist es unmoeglich, sie noch laenger im unklaren zu
lassen.  (Aufgeregt:) Finch, ich kann mich nicht dazu entschliessen, es
ihnen zu sagen... ich--(Sie wird durch die Zwillinge und Gloria
unterbrochen.  Dolly kommt hastig die Stufen heraufgestuerzt, im
Wettlauf mit Philip, der ein schreckliches Tempo mit einer ungestoerten
Korrektheit des Betragens verbindet, die ihn jedoch das Rennen kostet.
Dolly erreicht ihre Mutter zuerst und stoesst durch die Heftigkeit
ihrer Ankunft die Gartenbank beinahe ueber den Haufen.)

(Dolly atmenlos:) Es ist alles in Ordnung, Mama!  Der Zahnarzt kommt,
und seinen alten Hausherrn bringt er mit!

(Frau Clandon.) Liebe Dolly, siehst du Herrn McComas nicht?

(McComas erhebt sich laechelnd.)

(Dolly mit langem Gesicht, das offensichtlich die groesste Enttaeuschung
ausdrueckt:) Der?!...  Wo sind die wallenden Locken?

(Philip sekundiert ihr warm:) Und wo der Bart?!--Der Mantel?--Das
poetische Aussehen?!

(Dolly.) Oh, Herr McComas!  Sie haben sich ganz und gar verdorben!
Warum haben Sie nicht gewartet, bis wir Sie gesehen haben?!

(McComas verdutzt, aber seinen Humor zusammennehmend, um sich der
schwierigen Lage gewachsen zu zeigen:) Weil fuer einen Rechtsanwalt
achtzehn Jahre eine zu lange Zeit ist, um sich da nicht die Haare
schneiden zu lassen.

(Gloria auf der andern Seite von McComas:) Guten Tag, Herr McComas.
(Er wendet sich um, und sie ergreift seine Hand und drueckt sie, mit
einem geraden, aufrichtigen Blick in seine Augen:) Wir freuen uns, Sie
endlich zu sehen.

(McComas.) Fraeulein Gloria, nicht wahr?  (Gloria laechelt zustimmend
und zieht ihre Hand mit einem letzten Druck zurueck.  Sie tritt hinter
die Gartenbank und neigt sich ueber die Lehne neben Frau Clandon:) Und
dieser junge Herr?

(Philip.) Ich wurde in einer verhaeltnismaessig prosaischen Laune getauft.
Ich heisse--

(Dolly ergaenzt sein Zitat fuer ihn, deklamatorisch:) "Ich heisse Norval,
auf den Grampianhuegeln"...

(Philip ernsthaft deklamierend:) "mein Vater weidet seine Herde, nur
ein Schaefer"--[*]

[Footnote *: Norval ist der Sohn eines alten Bauern im Trauerspiel
"Douglas" von John Horne (1724-1808).]

(Frau Clandon unterbrechend:) Meine lieben Kinder, seid nicht so
albern!--Alles erscheint ihnen hier so neuartig, Finch, dass sie in der
tollsten Laune sind.  Sie halten jeden Englaender, dem sie begegnen,
fuer einen Witz.

(Dolly.) Ja, das ist er auch!  Wir koennen nichts dafuer!

(Philip.) Meine Menschenkenntnis ist recht ausgedehnt, Herr McComas;
aber es ist mir unmoeglich, die Bewohner dieser Insel ernst zu nehmen.

(McComas.) Ich vermute, Sie sind der junge Herr Philip?  (Er bietet
ihm die Hand.)

(Philip nimmt McComas' Hand und betrachtet ihn feierlich:) Ich war der
junge Philip--das war ich durch viele Jahre.  Genau so wie Sie einmal
der junge Finch gewesen sind.  (Er schuettelt ihm einmal die Hand; dann
laesst er sie fallen und ruft gedankenvoll aus:) Wie sonderbar ist es
doch, so auf seine Knabenzeit zurueckzublicken!

(McComas starrt ihn an, durchaus nicht erfreut.)*

(Dolly zu Frau Clandon:) Hat Finch schon was zu trinken bekommen?

(Frau Clandon abwehrend:) Liebes Kind, Herr McComas wird mit uns
fruehstuecken.

(Dolly.) Hast du sieben Gedecke bestellt?  Vergiss nur nicht den alten
Herrn!

(Frau Clandon.) Ich habe ihn nicht vergessen, mein Kind.  Wie heisst er?

(Dolly.) Gichtknoten.--Er wird um halb zwei hier sein.  (Zu McComas:)
Sind wir so, wie Sie sich uns vorgestellt haben?

(Frau Clandon ernst, sogar etwas gebieterisch:) Dolly, Herr McComas
hat euch etwas Ernsteres mitzuteilen als das.--Kinder: ich habe meinen
alten Freund gebeten, die Frage, die ihr heute morgen an mich
gerichtet habt, zu beantworten.  Er ist sowohl der Freund eures Vaters
als auch der meine, und er wird euch die Geschichte meines Ehelebens
besser erzaehlen, als ich es koennte.--Gloria, bist du nun zufrieden?

(Gloria ernst und aufmerksam:) Herr McComas ist sehr guetig.

(McComas nervoes:) Durchaus nicht, mein Fraeulein, durchaus nicht.  Doch
das kommt ziemlich ploetzlich... ich bin kaum darauf vorbereitet--

(Dolly argwoehnisch:) Oh! wir wollen auch gar nichts Vorbereitetes
hoeren.

(Philip ihn ermunternd:) Sagen Sie uns die Wahrheit.

(Dolly nachdruenklich:) Die nackte Wahrheit!

(McComas gereizt:) Ich hoffe, Sie haben die Absicht, ernst zu nehmen,
was ich zu sagen habe?

(Philip mit tiefem Ernst:) Ich hoffe, dass es das verdient, Herr
McComas.  Meine Menschenkenntnis lehrt mich, niemals zuviel zu
erwarten.

(Frau Clandon abwehrend:) Phil--

(Philip.) Ja Mutter, schon gut.  Entschuldigen Sie, Herr McComas,
stossen Sie sich nicht an uns.

(Dolly versoehnlich:) Wir meinen es gut.

(Philip.) Schweigen wir beide!

(Dolly haelt ihre Lippen fest.  McComas nimmt einen Stuhl vom
Fruehstueckstisch, setzt ihn zwischen den kleinen Tisch und die
Gartenbank, so dass Dolly zu seiner Rechten und Philip zu seiner Linken
zu stehen kommt.  Er setzt sich mit der Miene eines Mannes, der im
Begrift steht, eine lange Auseinandersetzung zu beginnen.  Die
Clandons beobachten ihn erwartungsvoll.)

(McComas.) Hm!--Ihr Vater--

(Dolly.) Wie alt ist er?

(Philip.) Sch!

(Frau Clandon sanft:) Liebe Dolly, wir wollen Herrn McComas nicht
unterbrechen.

(McComas mit Nachdruck:) Ich danke Ihnen, Frau Clandon--ich danke!
(Zu Dolly:) Ihr Vater ist siebenundfuenfzig Jahre alt.

(Dolly mit einem Satz, ueberrascht und aufgeregt:) Siebenundfuenfzig?!...
Wo lebt er?

(Frau Clandon zurechtweisend:) Dolly!  Dolly!

(McComas sie unterbrechend:) Lassen Sie mich dies beantworten, Frau
Clandon.  Die Antwort wird Sie sehr ueberraschen.--Er lebt hier, an
diesem Ort.

(Frau Clandon erhebt sich sehr boese, setzt sich aber wieder sprachlos
nieder.  Gloria beobachtet sie ganz starr.)

(Dolly mit Ueberzeugung:) Ich wusste es!...  Phil--Gichtknoten ist unser
Vater!

(McComas.) Gichtknoten--?!

(Dolly) Oder McNaughty... oder sonst wie--was weiss ich!  Er sagte mir,
ich saehe seiner Mutter aehnlich; ich wusste es ja, dass er seine Tochter
meinte.

(Philip sehr ernst:) Herr McComas: ich moechte Ihre Gefuehle auf jede
moegliche Art beruecksichtigen--aber ich warne Sie!  Wenn Sie den langen
Arm des Zufalls derart verlaengern, dass Sie mir einreden wollen, der
hier lebende Herr McNaughtan sei mein Vater, so weigere ich mich, auf
Ihre Auskuenfte auch noch einen Augenblick weiter einzugehen.

(McComas.) Und warum, wenn ich bitten darf?

(Philip.) Weil ich diesen Herrn gesehen habe und er gaenzlich
ungeeignet ist, mein Vater, oder Dollys Vater, oder Glorias Vater,
oder der Mann meiner Mutter zu sein!

(McComas.) Oh, wirklich?--So.  Dann muss ich Ihnen sagen--ob Sie es nun
gern hoeren oder nicht--: er ist tatsaechlich Ihr Vater und der Vater
Ihrer Schwester und Frau Clandons Gatte.--Nun, was sagen Sie dazu?

(Dolly weinerlich:) Sie brauchen nicht so boese zu sein!  Gichtknoten
ist ja nicht Ihr Vater!

(Philip.) Herr McComas, Ihr Benehmen ist herzlos.  Sie finden hier
eine Familie, die den unsagbaren Frieden und die Annehmlichkeit
geniesst, verwaist zu sein--wir haben niemals das Antlitz eines
Verwandten gesehen--niemals ein Band anerkannt, mit Ausnahme des
Bandes einer frei gewaehlten Freundschaft--und jetzt wollen Sie einen
Mann in die intimste Verwandtschaft mit uns hineinstossen, den wir
nicht kennen....

(Dolly heftig:) Einen entsetzlichen alten Mann!  (Vorwurfsvoll:) Und
Sie fingen an, als ob Sie einen ganz netten Vater fuer uns haetten!

(McComas aergerlich:) Woher wissen Sie, dass er nicht nett ist?  Und
welches Recht haben Sie, sich Ihren eigenen Vater zu waehlen?  (Seine
Stimme erhebend:) Ich muss Ihnen sagen, Fraeulein Clandon, dass Sie zu
jung sind, um--

(Dolly unterbricht ihn ploetzlich mit Heftigkeit:) Still!  Das hab' ich
ja ganz vergessen... hat er Geld?

(McComas.) Er hat sehr viel Geld.

(Dolly entzueckt:) Oh, was habe ich immer gesagt, Phil?

(Philip.) Dolly, wir haben den alten Mann vielleicht zu schnell
verurteilt.--Fahren Sie fort, Herr McComas.

(McComas.) Ich werde nicht fortfahren, junger Herr.  Ich bin zu empoert,
zu verletzt dazu.

(Frau Clandon kaempft mit ihrem Zorn:) Finch, koennen Sie die ganze
Sachlage mit allen Folgen ueberblicken?  Wissen Sie, dass meine Kinder
diesen Mann zum Fruehstueck eingeladen haben und dass er in einigen
Augenblicken hier sein wird?  (McComas ganz ausser sich:) Was!...
Meinen Sie--soll ich wirklich annehmen--ist es...

(Philip nachdruecklich:) Ruhig Blut, Finch!  Denken Sie darueber langsam
und sorgfaeltig nach.--Er kommt--kommt zum Fruehstueck.

(Gloria.) Wer von uns soll ihm die Wahrheit sagen?  Habt ihr darueber
nachgedacht?

(Frau Clandon.) Finch, Sie muessen es ihm sagen!

(Dolly.) Oh, Finch ist ganz unbrauchbar, um so was zu sagen!  Schau
doch, was er damit angerichtet hat, dass er es uns gesagt hat!

(McComas.) Man hat mich nicht zu Worte kommen lassen.  Ich protestiere.

(Dolly ergreift schmeichlerisch seinen Arm:) Lieber Finch, nicht boese
sein!

(Frau Clandon.) Gloria, wir wollen hineingehen; er kann jeden
Augenblick kommen!

(Gloria stolz:) Ruehr' dich nicht vom Fleck, Mutter.  Ich werde mich
auch nicht ruehren.  Wir duerfen nicht davonlaufen.

(Frau Clandon sie zurechtweisend:) Mein Kind, so koennen wir nicht zu
Tisch gehen.  Wir kommen gleich wieder.  Wir muessen kein Heldentum
posieren.  (Gloria zuckt zusammen und geht stumm ins Hotel:) Komm,
Dolly!  (Als sie sich der Hoteltuere naehert, kommt ihr der Kellner
daraus entgegen.  Er traegt ein Servierbrett, auf dem sich Teller fuer
die zwei hinzugekommenen Gedecke befinden.)

(Der Kellner.) Sind die Herren schon da, gnaedige Frau?

(Frau Clandon.) Es kommen noch zwei.  Sie werden gleich da sein.  (Sie
geht ins Hotel.  Der Kellner geht mit seinem Geschirr an den
Serviertisch.)

(Philip.) Ich habe eine Idee--Herr McComas.  Die Mitteilung, die Sie
zu machen haben, erfordert doch einen Mann von unendlich viel Takt,
nicht wahr?

(McComas.) Es gehoert sicherlich Takt dazu.

(Philip.) Dolly, wessen Takt ist dir erst heute morgen aufgefallen?

(Dolly ergreift die Idee mit Begeisterung:) O ja! ich weiss, wen du
meinst!  William!

(Philip.) Das ist der Mann!  (Rufend:) William!

(Der Kellner.) Zu Befehl, junger Herr.

(McComas entsetzt:) Der Kellner?!...  Nein!  Nein!  Das kann ich nicht
zugeben, ich--

(Der Kellner taucht zwischen Philip und McComas auf:) Ich stehe zu
Diensten.

(McComas setzt sich ausser Fassung.  Sein Gesicht wird aschfahl, und
seine Augen werden bewegungs--und ausdruckslos.  Er setzt sich total
verdutzt.)

(Philip.) William, erinnern Sie sich an meine Bitte, mich als Ihren
Sohn zu betrachten?

(Der Kellner mit respektvoller Nachsicht:) Gewiss, junger Herr?--Alles,
womit ich Ihnen dienen kann.

(Philip.) William: Ihre Karriere als mein Vater hat kaum begonnen, und
schon ist ein Rivale auf der Bildflaeche aufgetaucht.

(Der Kellner.) Ihr wirklicher Vater, junger Herr?  Nun, das war frueher
oder spaeter zu erwarten, nicht wahr?  (Er wendet sich mit einem
gluecklichen Laecheln zu McComas:) Sind Sie es, gnaediger Herr?

(McComas kommt durch seine Entruestung wieder zu Kraeften:) Nein, ganz
gewiss nicht, Gott sei Dank!  Meine Kinder wissen, wie sie sich zu
benehmen haben!

(Philip.) Nein, William, dieser Herr haette nur mein Vater werden
koennen!  Um ein Haar waere er's geworden.  Er hat um meine Mutter
angehalten, aber sie hat ihm einen Korb gegeben.

(McComas beleidigt:) Ich muss doch bitten--Wahrhaftig, diese Frechheit--

(Philip.) Sch!--Infolgedessen ist er nur unser Anwalt geworden.
--Kennen Sie einen gewissen McNaughtan in dieser Stadt?

(Der Kellner.) Der schielaeugige McNaughtan, junger Herr, vom krummen
Knuettel--meinen Sie den?

(Philip.) Das weiss ich nicht!--Finch, haelt er ein Wirtshaus?

(McC omas erhebt sich empoert:) Nein, nein, nein!  Ihr Vater, Herr, ist
ein sehr bekannter Schiffsrheder, einer der angesehensten Maenner der
Stadt!

(Der Kellner, auf den das Eindruck gemacht hat:) Oh, verzeihen Sie,
gnaediger Herr--ein Sohn des Herrn McNaughtan--meine Guete!

(Philip.) Herr McNaughtan wird mit uns fruehstuecken.

(Der Kellner verlegen:) Zu Befehl, junger Herr.  (Diplomatisch:) Er
fruehstueckt fuer gewoehnlich wohl nicht mit seiner Familie?

(Philip nachdenklich:) William--er weiss nicht, dass wir seine Familie
sind.  Er hat uns seit achtzehn Jahren nicht gesehen--er wird uns
nicht erkennen.  (Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, setzt sich
Philip mit einem Sprung auf den Eisentisch und beobachtet den Kellner
mit zusammengekniffenen Lippen und baumelnden Beinen.)

(Dolly.) Wir wollen, dass Sie ihm diese Neuigkeit mitteilen, William!

(Der Kellner.) Aber ich sollte meinen, dass er's erraet, wenn er Ihre
Mutter sieht, gnaediges Fraeulein?

(Philip starrt den Kellner hingerissen an; seine Beine stellen ihre
Bewegung ein.)

(Dolly verwirrt:) Daran habe ich nicht gedacht!

(Philip.) Ich auch nicht!  (Er verlaesst den Tisch und wendet sich
vorwurfsvoll zu McComas:) Sie auch nicht!

(Dolly.) Und Sie wollen ein Anwalt sein?

(Philip.) Finch, Ihre berufliche Unzulaenglichkeit ist erschreckend!
--William, Ihr Scharfsinn beschaemt uns alle.

(Dolly.) Sie sind wirklich Shakespear sehr aehnlich, William!

(Der Kellner.) Aber nein!  Es ist nicht der Rede wert, gnaediges
Fraeulein... ich schaetze mich gluecklich, junger Herr.  (Er gebt
bescheiden zum Fruehstueckstisch zurueck und legt die beiden
hinzugekommenen Gedecke auf, das eine an die Schmalseite in der Naehe
der Stufen und das andere so, dass noch ein drittes hinzukommen kann an
der von der Balustrade am weitesten entfernten Seite.)

(Philip ergreift ploetzlich McComas' Arm und fuehrt ihn gegen das Hotel
zu:) Finch, kommen Sie und waschen Sie sich die Haende.

(McComas.) Ich bin ueberaus ungehalten und verletzt, Herr Clandon--

(Philip ihn unterbrechend:) Sie werden sich schon an uns gewoehnen.
Komm, Dolly!

(McComas schuettelt ihn ab und geht ins Hotel.  Philip folgt ihm mit
unerschuetterlicher Gemuetsruhe.)

(Dolly, die ihnen folgt, wendet sich einen Augenblick auf den Stufen
um:) Halten Sie Ihre fuenf Sinne beisammen, William--es wird drunter
und drueber gehen!

(Der Kellner.) Zu Befehl, Sie koennen sich auf mich verlassen, gnaediges
Fraeulein.

(Dolly geht ins Hotel.)

(Dr. Valentine kommt leichten Fusses die Stufen vom Strand herauf,
McNaughtan folgt ihm stoerrisch.  Dr. Valentine hat einen Spazierstock,
McNaughtan traegt--entweder weil er alt ist und friert, oder um seinen
unmodernen Seemannsanzug zu verbergen--einen leichten Ueberzieher.  Er
bleibt vor dem Stuhl, den McComas eben verlassen hat, in der Mitte der
Terrasse stehen, stuetzt die Hand auf die Lehne und gibt sich so ein
bisschen Kraft.)

(McNaughtan.) Die vielen Stufen machen mich schwindlig.  (Er faehrt
sich mit der Hand ueber die Stirn:) Ich habe dieses hoellische Gas noch
immer im Leibe.  (Er setzt sich in den Eisenstuhl, so dass er seine
Ellbogen auf den kleinen Tisch aufstuetzen und den Kopf in die Haende
stuetzen kann.  Er erholt sich bald und beginnt seinen Ueberrock
aufzuknoepfen.  Inzwischen fragt Dr. Valentine den Kellner aus.)

(Dr. Valentine.) Kellner!

(Der Kellner tritt vor zwischen die beiden Gaeste:) Zu Befehl?

(Dr. Valentine.) Ist Frau Lanfrey Clandon zu Hause?

(Der Kellner mit einem suessen Laecheln des Willkommens:) Zu dienen, Herr
Doktor, wir erwarten Sie.  Dies ist der bestellte Tisch.  Frau Clandon
wird gleich da sein.--Die junge Dame und der junge Herr haben soeben
von ihrem Freunde gesprochen.

(Dr. Valentine.) Wirklich?

(Der Kellner sanft melodisch:) Zu Befehl.  Die jungen Herrschaften
sind sehr ausgelassen--eine spasshafte Ader sozusagen, gnaediger Herr.
(Rasch zu McNaughtan, der sich erhoben hat, um seinen Ueberrock
abzulegen:) Verzeihen Euer Gnaden--gestatten Sie...  (Er hilft ihm den
Ueberrock ausziehen und nimmt ihn an sich:) Ich danke sehr.
(McNaughtan setzt sich wieder, und der Kellner nimmt die unterbrochene
Melodie wieder auf:) Des jungen Herrn letzter Witz ist, dass Sie sein
Vater sind, gnaediger Herr.

(McNaughtan.) Was?!

(Der Kellner.) Nur ein Spass, Euer Gnaden--sein Lieblingsspass.  Gestern
sollte ich sein Vater sein--heute, als er erfuhr, dass Sie kommen
wuerden, gnaediger Herr, versuchte er sofort mir einzureden, dass Sie
sein Vater waeren--sein lang verlorener Vater.  Achtzehn Jahre lang hat
er Sie nicht gesehen--sagt er.

(McNaughtan verbluefft:) Achtzehn Jahre?...

(Der Kellner.) Zu Befehl.  (Mit sanfter Schlauheit:) Aber ich war
seinen Spaessen gewachsen, gnaediger Herr.  Ich sah, wie ihm die Idee kam,
als er hier stand und ueber einen neuen Scherz nachdachte, den er sich
mit mir machen koennte.--Ja, gnaediger Herr, das ist so seine Art.  Sehr
vergnuegt, liebenswuerdig, sehr frei und sehr umgaenglich--wahrhaftig,
gnaediger Herr!  (Veraendert wieder seinen Rhythmus, um zu Dr. Valentine,
der seinen Stock in eine Ecke der Garunbank lehnt, zu sagen:) Darf
ich so frei sein?...  (Er nimmt Dr. Valentines Stock.) Danke schoen.

(Dr. Valentine geht an den Tisch und studiert das Menue.)

(Der Kellner wendet sich wieder zu McNaughtan und faehrt in seinem
Liede fort:) Sogar der Herr Anwalt ist auf den Scherz eingegangen,
obgleich ich sozusagen im Vertrauen mit ihm ueber den jungen Herrn
gesprochen hatte...  Ja, ich versichere Ihnen, Sie wuerden nicht
glauben, wozu die ehrenwertesten Berufsmenschen Londons auf einem
Ausflug, wenn die Meerluft sie anblaest, imstande sind!

(McNaughtan.) Oh, sie haben also einen Anwalt bei sich?

(Der Kellner.) Ja, der Familienanwalt, gnaediger Herr.  Ein Herr
McComas.  (Er geht mit Rock und Stock zum Hoteleingang,
gluecklicherweise ohne zu ahnen, welchen bombenartigen Eindruck er mit
diesem Namen auf McNaughtan gemacht hat.)

(McNaughtan erhebt sich in wuetender Erregung:) McComas!  (Ruft:) Dr.
Valentine!  (Ruft grimmiger:) Dr. Valentine!  (Dr. Valentine wendet
sich um.) Das ist eine Falle, eine Verschwoerung!  Das ist meine
Familie--meine Kinder--mein Satan von Weib!

(Dr. Valentine kalt:) Was Sie nicht sagen!  Ein interessantes
Zusammentreffen.  (Er geht wieder daran, das Menue zu studieren.)

(McNaughtan.) Zusammentreffen?...  Es wird nicht stattfinden!  Lassen
Sie mich fort!  (Ruft den Kellner an:) Geben Sie mir meinen Ueberzieher!

(Der Kellner.) Ja, gnaediger Herr!  (Er kehrt um, lehnt Dr. Valentines
Stock vorsichtig an den Fruehstueckstisch, schuettelt den Ueberzieher
behutsam und haelt ihn McNaughtan zum Anziehen hin.) Ich scheine dem
jungen Herrn unrecht getan zu haben--ist es so, gnaediger Herr?

(McNaughtan.) Rrrh!  (Er haelt inne, im Begriff in die Armel au
schluepfen, und wendet sich mit ploetzlichem Argwohn zu Dr. Valentine:)
Doktor, Sie sind im Einverstaendnis!  Das haben Sie angestiftet!  Sie--

(Dr. Valentine entschieden:) Unsinn!  (Er wirft das Menue fort, geht um
den Tisch herum an die Balustrade und sieht gleichgueltig hinaus.)

(McNaughtan aergerlich:) Was zum Teufel--(McComas kommt aus dem Hotel,
Philip und Dolly folgen ihm.  Er wankt bei McNaughtans Anblick einen
Moment zurueck.)

(Der Kellner unterbricht McNaughtan sanft:) Fassung, gnaediger Herr!
Hier kommen sie.  (Er ergreift Dr. Valentines Stock und eilt, den Rock
ueber seinen Arm werfend, ins Hotel.)

(McComas zieht die Mundwinkel entschlossen herab, geht auf McNaughtan
zu, der zurueckweicht und mit den Haenden auf dem Ruecken ihn boese
anstarrt.  McComas sieht mit offenerer Stirn denn je McNaughtan an,
mit der Majestaet eines fleckenlosen Gewissens.)

(Der Kellner fluestert Philip waehrend seines Abgangs zu:) Ich hab' es
ihm beigebracht, junger Herr.


(Philip.) Unschaetzbarer William!  (Er tritt vor, an den Tisch.)

(Dolly leise zum Kellner:) Wie hat er's aufgenommen?

(Der Kellner leise zu ihr:) Erst war er erschrocken, gnaediges
Fraeulein--dann aber in sein Schicksal ergeben... wirklich sehr ergeben.
(Er geht mit Stock und Rock in das Hotel.)

(McComas hat McNaughtan durch sein Anstarren aus der Fassung gebracht:
) Da waeren Sie also, Herr McNaughtan!

(McNaughtan.) Ja, da bin ich--in einer Falle gefangen--in einer ganz
gemeinen Falle!--Sind das meine Kinder?

(Philip mit toedlicher Hoeflichkeit:) Ist das unser Vater, Herr McComas?

(McComas.) Ja--es--(Er verliert selbst die Fassung und haelt inne.)

(Dolly foermlich:) Es freut mich sehr, Ihnen wieder zu begegnen.  (Sie
kommt nachlaessig hinter dem Tisch hervor und tauscht unterwegs mit Dr.
Valentine ein Laecheln und ein Wort des Grusses.)

(Philip.) Erlauben Sie mir, meine erste Pflicht dem Gaste gegenueber zu
erfuellen und Ihren Wein zu bestellen.  (Er nimmt die Weinkarte vom
Tisch; seine hoefliche Aufmerksamkeit und Dollys achtlose
Gleichgueltigkeit belassen McNaughtan auf dem Standpunkt der zufaelligen
Bekanntschaft, die sie am Morgen beim Zahnarzt gemacht haben.  Diese
Erkenntnis beruehrt den Vater mit so heftiger Qual, dass er ueber und
ueber zittert.  Seine Stirn wird feucht, und er starrt seinen Sohn
schweigend an.  Dieser ist sich seiner eigenen Gefuehllosigkeit genug
bewusst, um sich seines Humors und seiner Gewandtheit ausserordentlich
zu freuen.  Er faehrt freundlich fort.) Finch, darf ich fuer den alten
respektablen Familienanwalt irgendeinen alten verstaubten Portwein
bestellen?

(McComas bestimmt:) Nur Apollinaris--ich will lieber nichts
Erhitzendes nehmen.  (Er wendet sich nach der andern Seite der
Terrasse, wie ein Mann, der eine Versuchung von sich gewiesen hat.)

(Philip.) Doktor--?

(Dr. Valentine.) Wuerde Lagerbier zu gemein gefunden werden?

(Philip.) Wahrscheinlich.  Bestellen wir welches.  Dolly trinkt es
auch.  (Wendet sich zu McNaughtan mit heiterer Hoeflichkeit:) Nun, Herr
McNaughtan, was duerfen wir Ihnen bestellen?

(McNaughtan.) Was soll das heissen, Junge?

(Philip.) Junge?...  (Sehr feierlich:) Wessen Schuld ist es, dass ich
ein Junge bin?  (McNaughtan reisst ihm die Weinkarte grob aus der Hand
und tut unschluessig so, als ob er sie lese.  Philip ueberlaesst sie ihm
mit vollendeter Hoeflichkeit.)

(Dolly ueber McNaughtans Schulter blickend:) Der Whisky steht auf der
vorletzten Seite.

(McNaughtan.) Lass mich zufrieden, Kind.

(Dolly.) Kind?...  Nein, nein, das geht nicht!  Sie koennen mich
"Dolly" nennen, wenn Sie wollen; aber Sie duerfen nicht "Kind" zu mir
sagen!  (Sie haengt sich in Philip ein, und die beiden stehen vor
McNaughtan und betrachten ihn wie einen exzentrischen Fremden.)

(McNaughtan wischt sich die Stirn in Schmerz und Wut und dennoch sogar
durch ihr Spielen mit ihm erleichtert:) McComas, ha!  Das wird
ein--ein nettes Fruehstueck werden!

(McComas kleinmuetig:) Ich sehe nicht ein, aus welchem Grunde es nicht
nett werden sollte.  (Er blickt aeusserst truebe drein.)

(Philip.) Das Gesicht von Finch ist schon allein ein Festessen.

(Frau Clandon und Gloria treten aus dem Hotel.  Frau Clandon naehert
sich mit mutiger Selbstbeherrschung und mit deutlich zur Schau
getragenem wuerdigem Benehmen.  Sie haelt auf der obersten Stufe inne,
um Dr. Valentine anzureden, der ihr gerade in den Weg kommt; Gloria
bleibt auch stehen und betrachtet McNaughtan mit einem gewissen
Widerwillen.)

(Frau Clandon.) Es freut mich, Sie wiederzusehen, Herr Doktor.  (Er
laechelt.  Sie geht weiter und steht McNaughtan gegenueber in der
Absicht, ihn mit vollstaendiger Selbstbeherrschung anzusprechen; aber
sein Anblick erschuettert sie.  Sie haelt ploetzlich inne und sagt
aengstlich, mit einem Anflug von Gewissensnot in der Stimme:) Fergus,
du hast dich sehr veraendert.

(McNaughtan grimmig:) Das will ich meinen!  Ein Mann veraendert sich in
achtzehn Jahren.

(Frau Clandon verwirrt:) So...so habe ich's nich gemeint.  Ich hoffe,
du bist gesund.

(McNaughtan.) Ich danke.--Nein! nicht meine Gesundheit; mein Glueck, da
steckt die Veraenderung, die du meinst, nicht wahr?  (Ploetzlich
ausbrechend:) Sehen Sie sie an, McComas--sehen Sie sie an und--(Halb
lachend, halb schluchzend:) und sehen Sie mich an!

(Philip.) Sch!  (Er zeigt auf den Hoteleingang, wo der Kellner eben
erschienen ist:) Still!  Haltung vor William!

(Dolly beruehrt McNaughtans Arm warnend:) Hm!

(Der Kellner geht an den Serviertisch und winkt nach dem Kuecheneingang,
aus dem ein Kellnerjunge mit Suppentellern beraustritt, ein Koch mit
weisser Schuerze und Kappe folgt ihm mit der Suppenschuessel.  Der
Kellnerjunge bleibt und serviert, der Koch geht hinaus und kommt von
Zeit zu Zeit, die Gaenge auftragend, wieder herein.  Er tranchiert,
aber er serviert nicht.  Der Kellner tritt an das in der Naehe der
Stufen gelegene Ende des Fruehstueckstisches.)

(Frau Clandon, nachdem sich alle vor dem Tisch vereinigt haben:) Ich
glaube, die Herrschaften sind einander heute alle schon begegnet...
doch nein, entschuldigen Sie.  (Vorstellend:) Herr Dr. Valentine--Herr
Rechtsanwalt McComas.  (Sie geht an das Ende des Tisches, das dem
Hotel zunaechst ist.) Fergus, willst du dich obenan setzen--bitte.

(McNaughtan) Ha! (bitter:) Obenan!

(Der Kellner haelt ihm den Stuhl mit harmloser Ermutigung hin:) Hier,
ich bitte.

(McNaughtan fuegt sich und nimmt Platz.)

(Der Kellner.) Danke schoen.

(Frau Clandon.) Herr Doktor, wollen Sie hier Platz nehmen--(Sie weist
auf den Stuhl in der Naehe der Balustrade:) neben Gloria.  (Dr.
Valentine und Gloria nehmen ihre Plaetze ein, Gloria neben McNaughtan
und Dr. Valentine neben Frau Clandon.) Finch, Sie muss ich auf diese
Seite setzen, zwischen Dolly und Phil.  Wehren Sie sich, so gut Sie
koennen.  (Die drei nehmen die uebriggebliebene Seite des Tisches ein;
Dolly sitzt neben ihrer Mutter, Philip neben seinem Vater und McComas
zwischen ihnen.  Die Suppe wird aufgetragen.)

(Der Kellner zu McNaughtan:) Bouillon oder Suppe?

(McNaughtan zu Frau Clandon:) Spricht in dieser Familie niemand ein
Tischgebet?

(Philip ihn schnell unterbrechend:) Sehen wir erst einmal zu, was wir
zu essen und zu trinken bekommen werden.--William!

(Der Kellner.) Zu Befehl? (er gleitet leise um den Tisch herum an
Philips linke Seite; auf dem Wege fluestert er dem Kellnerjungen zu:)
Suppe!

(Philip.) Zwei kleine Lager fuer uns Kinder, wie gewoehnlich, und ein
grosses fuer diesen Herrn (er zeigt auf Dr. Valentine), eine grosse
Flasche Apollinaris fuer Herrn McComas.

(Der Kellner.) Zu dienen.

(Dolly.) Nehmen Sie etwas Whisky dazu, Finch?

(McComas entruestet:) Nein, nein, ich danke!

(Philip.) Nummer vierhundertdreizehn, wie immer fuer meine Mutter und
Fraeulein Gloria, und--(wendet sich fragend zu McNaughtan:) was nehmen
Sie?

(McNaughtan muerrisch und im Begriff, beleidigend zu antworten:) Ich--

(Der Kellner honigsuess dazwischentretend:) Es ist schon gut, junger
Herr.  Wir wissen hier, was Herr McNaughtan liebt.  (Er geht ins Hotel.)

(Philip seinen Vater ernst betrachtend:) Sie haben also die schlechte
Gewohnheit, Wirtshaeuser zu besuchen!

(Der Koch, dem ein Kellner mit uebereinandergetuermten heissen Tellern
folgt, bringt den Fisch aus der Kueche und beginnt, ihn auf dem
Serviertisch zu zerlegen.)

(McNaughtan.) Du hast deine Lektion von deiner Mutter gut gelernt.

(Frau Clandon.) Phil! bedenke gefaelligst, dass deine Scherze Leute, die
nicht daran gewoehnt sind, auf-* zubringen imstande sind und dass dein
Vater heute unser Gast ist.

(McNaughtan bitter:) Ja, ein Gast an der Spitze meines eigenen Tisches!
(Die Suppenteller werden weggenommen.)

(Dolly teilnahmsvoll:) Ja, das ist peinlich, nicht wahr?  Aber uns ist
es ebenso peinlich.

(Philip.) Sch!  Wir sind beide taktlos.  (Zu McNaughtan:) Wir meinen
es gut, Herr McNaughtan, aber wir sind noch nicht sehr geuebt in
unseren Rollen als Kinder.  (Der Kellner kommt aus dem Hotel mit den
Getraenken:) William, kommen Sie und stellen Sie das gute Einvernehmen
wieder her.

(Der Kellner ermunternd:) Mit groesstem Vergnuegen, junger Herr.  (Setzt
die Getraenke vor:) Ihr kleines Lager; (zu McNaughtan:) Ihr Whisky und
Soda, (zu McComas:) Ihr Apollinaris; (zu Dolly:) ein kleines Lager,
(zu Frau Clandon, Wein einschenkend.) vierhundertdreizehn, gnaedige
Frau; (zu Dr. Valentine:) Ihr grosses Lager; (zu Gloria:)
vierhundertdreizehn, gnaediges Fraeulein.

(Dolly trinkend:) Auf das Wohl der Familie!

(Philip trinkend:) Auf Heim und Herd!  (Der Fisch wird herumgereicht.)

(McComas mit einem sichtlich erzwungenen Versuch,
Familiengemuetlichkeit anzuregen:) Na, nun geht's ja eigentlich doch
ganz gut.

(Dolly kritisierend:) Eigentlich...?  Warum "eigentlich", Finch?

(McNaughtan sarkastisch:) Er meint, dass es trotz eures Vaters
Anwesenheit doch ganz gut geht.--Habe ich Sie richtig verstanden, Herr
McComas?

(McComas aus dem Text gebracht:) Nein, nein--ich habe nur "eigentlich"
gesagt, um den Satz abzurunden.  Ich--ich--

(Der Kellner taktvoll:) Turbot?

(McComas ueberaus dankbar fuer die Unterbrechung:) Bitte, Kellner, bitte.

(Der Kellner halblaut:) Bitte, bitte.  (Er geht an den Serviertisch
zurueck.)

(McNaughtan zu Philip:) Hast du schon an die Wahl einen Berufes
gedacht?

(Philip.) Ich sehe mich danach um.--William!

(Der Kellner.) Zu Befehl?

(Philip.) Was glauben Sie: wie lange muesste ich in die Lehre gehen, um
ein wirklich tuechtiger Kellner zu werden?

(Der Kellner.) Das kann nicht gelernt werden, junger Herr.  Das liegt
im Charakter.  (Vertraulich zu Dr. Valentine, der etwas zu suchen
scheint:) Brot fuer das gnaedige Fraeulein?...  Hier, bitte.  (Er reicht
Gloria Brot und faehrt im bisherigen Tonfall wieder fort:) Sehr wenige
sind dazu geboren, junger Herr!

(Philip.) Sie haben wohl nicht selbst so etwas wie einen Sohn--was?

(Der Kellner.) Jawohl, junger Herr.  O ja.  (Zu Gloria, seine Stimme
wieder senkend:) Noch etwas Fisch, gnaediges Fraeulein?  Sie duerften
sich nicht viel aus Braten machen zum Fruehstueck.

(Gloria.) Nein, ich danke.  (Die Fischteller werden weggenommen.)

(Dolly.) Ist Ihr Sohn ebenfalls Kellner, William?

(Der Kellner bedient Gloria mit Gefluegel:) O nein, gnaediges Fraeulein.
Dafuer ist er zu heftig.  Er ist vor den Schranken taetig.

(McComas goennerhaft:) Schenkkellner--was?

(Der Kellner mit einem Anflug von Melancholie; als wenn er sich an
eine durch die Zeit gelinderte Enttaeuschung erinnerte:) Nein, gnaediger
Herr--andere Schranken, Gerichtsschranken.  Ihr Gewerbe, Herr
Rechtsanwalt.  Koeniglicher Anwalt.

(McComas verlegen:) Oh, entschuldigen Sie.

(Der Kellner.) Es hat nichts zu bedeuten, gnaediger Herr.  Ein sehr
begreiflicher Irrtum!--Ich habe schon manchmal gewuenscht, es waere ein
Schenkkellner aus ihm geworden!  Dann haette er mir nicht halb so lange
auf der Tasche gelegen.  (Beiseite zu Dr. Valentine, der wieder etwas
zu suchen scheint:) Hier ist das Salz, Herr Doktor.

(Faehrt wieder fort:) Ja, ich musste ihn bis zu seinem
siebenunddreissigsten Jahr erhalten.  Aber jetzt geht es ihm gut--recht
zufriedenstellend, wirklich!  Er plaidiert nicht unter fuenfzig Guineen.

(McComas.) Das ist die Demokratie, McNaughtan, die moderne Demokratie!

(Der Kellner ruhig:) Nein, nicht die Demokratie, bloss Erziehung,
gnaediger Herr--Stipendien, Cambridge, Sidney-Sussex Collegium,
gnaediger Herr.  (Dolly sieht ihn am Armel; er neigt sich zu ihr, und
sie fluestert ihm etwas ins Ohr:) Ingwerbier im Steinkrug, gnaediges
Fraeulein?  Sofort!  (Zu McComas:) Fuer ihn war es ein Glueck, er hatte
nie Lust zu wirklicher Arbeit.  (Er geht ins Hotel und laesst die
Gesellschaft etwas uebermannt von dem vornehmen Stande seines Sohnes
zurueck.)

(Dr. Valentine.) Wer von uns darf es wagen, diesem Manne noch einen
Befehl zu erteilen?

(Dolly.) Ich hoffe, er nimmt es mir nicht uebel, dass ich ihn um
Ingwerbier geschickt habe.

(McNaughtan halsstarrig:) Solange er Kellner ist, ist Aufwarten sein
Geschaeft!  Wenn ihr ihn behandelt haettet, wie ein Kellner behandelt
werden soll, so wuerde er geschwiegen haben.

(Dolly.) Das waere jammerschade gewesen!  Vielleicht gibt er uns eine
Empfehlung an seinen Sohn, der koennte uns doch in die Londoner
Gesellschaft einfuehren.

(Der Kellner erscheint wieder mit dem Ingwerbier.)

(McNaughtan brummt wuetend:) Londoner Gesellschaft,...  Londoner
Gesellschaft!...  Du passest in gar keine Gesellschaft, Kind!

(Dolly ihren Gleichmut verlierend:) Wissen Sie, Herr McNaughtan, wenn
Sie glauben--

(Der Kellner leise an ihrer Seite.) Ingwerbier, gnaediges Fraeulein.

(Dolly abgelenkt, findet ihre gute Laune nach einem tiefen Atemzug
wieder und entgegnet sanft:) Ich danke Ihnen, *lieber* William.  Sie
sind gerade im rechten Augenblick gekommen.  (Sie trinkt.)

(McComas, macht eine neuerliche Anstrengung, die Unterhaltung in
leidenschaftslose Bahnen zu lenken:) Gestatten Sie, dass ich das Thema
wechsle, Fraeulein Clandon: welches ist die Landesreligion Madeiras?

(Gloria.) Ich glaube, die portugiesische Religion.  Ich habe nie
danach gefragt.

(Dolly.) Zur Fastenzeit kommen die Diener und knien vor der Herrschaft
nieder und beichten alles, was sie begangen haben, und die
Herrschaften muessen so tun, als ob sie ihnen verziehen.--Geschieht das
auch in England, William?

(Der Kellner.) Fuer gewoehnlich nicht, gnaediges Fraeulein.  Vielleicht in
einigen Teilen Englands; aber ich habe noch nichts davon gehoert.  (Er
faengt einen Blick der Frau Clandon auf, als der Kellnerjunge ihr die
Salatschuessel reicht.) Sie wollen ihn unangemacht, gnaedige Frau?--Ja,
ja, ich habe welchen fuer Sie.  (Zu seinem jungen Kollegen, ihn
anweisend, Gloria zu bedienen:) Hier herueber, Joe.  (Er nimmt eine
Extraportion Salat vom Serviertisch und setzt sie neben Frau Clandons
Teller.  Waehrend er das tut, bemerkt er, dass Dolly ein saures Gesicht
macht.) Nur etwas Brunnenkresse ist irrtuemlicherweise hineingekommen,
gnaediges Fraeulein.  (Er nimmt ihr den Salat fort:) Entschuldigen Sie.
(Zum Kellnerjungen, ihn anweisend, Dolly noch einmal zu bedienen:) Joe!
(nimmt das fruehere Thema wieder auf:) Die meisten sind Mitglieder der
anglikanischen Kirche, gnaediges Fraeulein.

(Dolly.) Mitglieder der anglikanischen Kirche?  Wie hoch ist der
Jahresbeitrag?

(McNaughtan springt zum allgemeinen Entsetzen empoert auf:) Sie sehen,
wie meine Kinder erzogen worden sind... da sehen Sie es...  Sie hoeren
es!  Ich rufe Sie alle zu Zeugen auf--(Er wird unverstaendlich und ist
im Begriff, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen, ohne die Folgen
zu beruecksichtigen, als der Kellner ihm ruecksichtsvoll den Teller
fortnimmt.)

(Frau Clandon fest:) Setze dich, Fergus.  Es ist gar kein Anlass zu
diesem Auftritt.  Du musst bedenken, dass Dolly hier wie eine
Auslaenderin ist.--Bitte, setze dich!

(McNaughtan unwillig nachgebend:) Ich bin im Zweifel, ob ich mich noch
an diesen Tisch setzen soll, wo ich all das mit anhoeren muss.  Ich bin
wirklich im Zweifel.

(Der Kellner.) Kaese, gnaediger Herr?...  Oder wuenschen Sie eine kalte
suesse Speise?

(McNaughtan verwirrt:) Was?...  O Kaese--Kaese!

(Dolly.) Bringen Sie Zigaretten, William.

(Der Kellner.) Hier, gnaediges Fraeulein.  (Er nimmt eine
Zigarettenschachtel vom Serviertisch und setzt sie neben Dolly, die
eine auswaehlt und sich zu rauchen anschickt.  Dann gebt er an den
Serviertisch zurueck, um Wachshoelzer zu holen.)

(McNaughtan starrt Dolly entsetzt an:) Sie raucht?!...

(Dolly am Ende ihrer Geduld:) Wahrhaftig, Herr McNaughtan, ich fuerchte,
ich verderbe Ihnen das Essen; ich werde meine Zigarette am Strand
rauchen.  (Sie verlaesst ploetzlich den Tisch und laeuft aergerlich die
Stufen hinunter.  Der Kellner will ihr die Wachshoelzer geben, aber sie
ist fort, bevor er sie erreichen kann.)

(McNaughtan wuetend:) Margarete, rufe das Maedel zurueck!... rufe sie
zurueck, sag' ich!

(McComas versucht Frieden zu stiften:) Gehen Sie, McNaughtan, machen
Sie sich nichts daraus!  Sie ist die Tochter ihres Vaters, weiter
nichts.

(Frau Clandon mit tiefem Groll:) Das hoffe ich nicht, Finch.  (Sie
erhebt sich.  Alle erheben sich ein wenig.) Herr Doktor, nicht wahr,
Sie entschuldigen mich?  Ich fuerchte, Dolly ist ueber diesen Vorfall
ganz ausser sich, ich muss zu ihr gehen.

(McNaughtan.) Um ihre Partei gegen mich zu ergreifen--was?!

(Frau Clandon ihn ignorierend:) Gloria, willst du mich bei Tisch, so
lange Ich fort bin, vertreten, liebes Kind?  (Sie geht auf die Stufen
zu.  McNaughtans Augen folgen ihr mit bitterem Hass; die uebrigen
beobachten sie in verlegenem Schweigen und fuehlen sich von dem
Zwischenfall sehr peinlich beruehrt.)

(Der Kellner haelt Frau Clandon am Rande der Stufen auf und bietet ihr
eine Schachtel Wachsboelzer an:) Die junge Dame hat die Streichhoelzer
vergessen, gnaedige Frau.  Wenn Sie so guetig sein wollten, gnaedige
Frau--

(Frau Clandon nimmt, durch den Zauber seiner suessen und ermunternden
Stimme ueberrascht, den Ton dankbarer Hoeflichkeit an:) Ich danke Ihnen
sehr.  (Sie nimmt die Wachshoelzer und geht hinab an den Strand.)

(Der Kellner zieht seinen Gehilfen durch die Kuechentuer mit sich ins
Hotel und ueberlaesst die Gesellschaft sich selbst.)

(McNaughtan sich in seinen Stuhl zurueckwerfend:) Eine Mutter nach
Ihrem Geschmack, McComas!  Eine Mutter nach Ihrem Geschmack!

(Gloria standhaft:) Ja--eine gute Mutter!

(McNaughtan.) Und ein schlechter Vater--das meinst du doch, was?

(Dr. Valentine erhebt sich entruestet und wendet sich zu Gloria:)
Fraeulein Clandon, ich--

(McNaughtan wendet sich zu ihm:) Dieses Maedchen heisst McNaughtan, Herr
Doktor--nicht Clandon!  Wollen Sie sich meiner Familie in den
Beleidigungen meiner Person anschliessen?

(Dr. Valentine ihn nicht beachtend:) Ich bin ausser mir, Fraeulein
Clandon!  Es ist meine Schuld--ich habe ihn hergebracht--ich bin fuer
ihn verantwortlich, und ich schaeme mich fuer ihn!

(McNaughtan.) Was meinen Sie damit?

(Gloria erhebt sich; kalt:) Es ist nichts geschehen, Herr Doktor.--Ich
fuerchte, wir sind alle ein bisschen kindisch gewesen; unsere
Zusammenkunft ist missglueckt.  Wir wollen sie abbrechen und Schluss
machen.  (Sie schiebt ihren Stuhl zur Seite und wendet sich den Stufen
zu; als sie an McNaughtan vorbeikommt, fuegt sie mit nachlaessiger Ruhe
hinzu:) Adieu, Vater.  (Sie geht die Stufen mit kalter, verdriesslicher
Gleichgueltigkeit hinab.)

(Alle blicken ihr nach und bemerken daher die Rueckkehr des Kellners
nicht, der, mit McNaughtans Rock und Dr. Valentines Stock, mit ein
paar Schals, Sonnenschirmen und einem weissen Leinensonnenschirm und
einigen Feldstuehlen beladen, aus dem Hotel kommt.)

(McNaughtan fuer sich, Gloria mit verzerrtem Gesichtsausdruck
nachblickend:) Vater--Vater!...  (Er schlaegt mit der Faust heftig auf
den Tisch:) Jetzt--

(Der Kellner den Ueberzieher anbietend:) Ich glaube, das ist der Ihre,
gnaediger Herr.

(McNaughtan starrt ihn an, reisst dann den Ueberzieher grob an sich und
geht laengs der Terrasse gegen die Gartenbank zu.  Er kaempft mit seinem
Rock bei seinen aergerlichen Bemuehungen, ihn anzuziehen.  McComas
erhebt sich und eilt ihm zu Hilfe.  Dann nimmt er seinen Hut und
Schirm von dem kleinen Eisentisch und wendet sich den Stufen zu.
Inzwischen bietet der Kellner, nachdem er McNaughtan mit unveraenderter
Suessigkeit fuer die Abnahme des Ueberziehers gedankt hat, etwas von
seiner Last Philip an.)

(Der Kellner.) Die Sonnenschirme fuer die Damen, junger Herr.--Das Meer
blendet heute stark, das ist sehr schaedlich fuer den Teint...  Ich
werde die Strandstuehle selbst hinuntertragen.

(Philip.) Sie sind alt, Vater William, aber Sie sind der aufmerksamste
Mensch, den ich kenne.--Nein, behalten Sie die Sonnenschirme und geben
Sie mir die Strandstuehle.  (Er nimmt sie.)

[Footnote: Zitat aus einem Gedicht von Southey.]

(Der Kellner mit schmeichlerischer Dankbarkeit:) Zu guetig, junger Herr.

(Philip.) Finch, teilen Sie mit mir.  (Er gibt ihm welche.) Kommen Sie!
(Sie gehen zusammen die Stufen hinunter.)

(Dr. Valentine zum Kellner:) Lassen Sie mich auch etwas hinuntertragen.
.. einen von diesen.  (Er will ihm einen Sonnenschirm abnehmen.)

(Der Kellner diskret:) Der gehoert der juengeren Dame, Herr Doktor.  (Dr.
Valentine ueberlaesst ihn dem Kellner.) Wenn Sie gestatten wollten, so
glaube ich, Sie sollten lieber dies hier nehmen.  (Er legt den
Sonnenschirm auf McNaughtans Stuhl und zieht aus seiner hinteren
Fracktasche ein Buch.  Ein Damentaschentuch ist zwischen den Blaettern
als Lesezeichen eingelegt.) Das ist das Buch, in dem die aeltere junge
Dame jetzt gerade liest.  (Dr. Valentine ergreift es eifrig.) Danke
schoen.  Schopenhauer, wie Sie sehen.  (Er nimmt die Sonnenschirme
wieder auf.) Ein sehr interessanter Autor, Herr Doktor, namentlich was
die Damen betrifft.  (Er geht die Stufen hinab.)

(Dr. Valentine im Begriff, dem Kellner zu folgen, erinnert sich an
McNaughtan und aendert seinen Entschluss.  Er geht ziemlich aufgeregt zu
McNaughtan:) Nein, wirklich, McNaughtan: schaemen Sie sich denn gar
nicht?

(Mc Naugthan streitsuechtig:) Mich schaemen?...  Weshalb?

(Dr. Valentine.) Weil Sie sich betragen haben wie ein Baer!...  Was
wird Ihre Tochter von mir denken, dass ich Sie hergebracht habe?

(McNaughtan.) Ich habe noch keine Zeit gefunden, darueber nachzusinnen,
was meine Tochter von Ihnen denkt.

(Dr. Valentine.) Nein, Sie haben nur an sich gedacht!  Sie sind ein
krankhafter Egoist!

(McNaughtan tiefbekuemmert:) Sie hat Ihnen ja gesagt, was ich bin--ein
Vater--ein seiner Kinder beraubter Vater!--Was sind die Herzen dieser
Generation?...  Muss ich herkommen nach all den Jahren, um zum ersten
Male zu sehen, was aus meinen Kindern geworden ist--ihre Stimmen zu
hoeren!... und soll mich dabei wie ein richtiger Gast benehmen!...
platze zufaellig in das Fruehstueck herein--heisse Herr McNaughtan!...
Was fuer ein Recht haben meine Kinder, mit mir so zu sprechen?...  Ich
bin ihr Vater--leugnen sie es?...  Ich bin ein Mann mit allgemein
menschlichen Gefuehlen!...  Habe ich keine Rechte, keine Ansprueche?...
Was fuer Menschen habe ich in all den Jahren um mich gehabt?...  Diener,
Angestellte, Geschaeftsfreunde!...  Aber ich habe ihre Achtung
genossen--ja ihre Guete!...  Wuerde einer von diesen Leuten so mit mir
gesprochen haben, wie dieses Maedchen?...  Wuerde einer von denen ueber
mich gelacht haben, wie dieser Junge die ganze Zeit ueber mich gelacht
hat?  (Wild:) Meine eigenen Kinder--Herr McNaughtan!  Meine--

(Dr. Valentine.) Aber, aber!...  Es sind ja nur Kinder!  Das einzige
von ihnen, das etwas wert ist, hat Sie "Vater" genannt.

(McNaughtan.) Ja, "adieu, Vater"--adieu!  O ja!  Dies Kind hat sich an
mein Herz gewendet--mit einem Dolchstoss.

(Dr. Valentine nimmt das sehr uebel auf:) Hoeren Sie, McNaughtan, lassen
Sie die in Ruh!  Sie hat Sie sehr gut behandelt.  Ich habe eine viel
schlimmere Stunde beim Fruehstueck zugebracht als Sie.

(McNaughtan.) Sie?...

(Dr. Valentine mit wachsender Heftigkeit:) Ja--ich!  Ich habe neben
ihr gesessen und habe waehrend der ganzen Zeit nicht ein einziges Wort
mit ihr gesprochen--nicht ein einziges Wort konnte ich finden--und
nicht ein Wort hat sie fuer mich gehabt!

(McNaughtan.) Nun?

(Dr. Valentine.) Nun... nun?...  (Spricht sehr ernst und immer
schneller:) McNaughtan, wissen Sie, was heute mit mir vorgegangen ist?.
..  Sie glauben doch nicht, dass ich die Gewohnheit habe, meinen
Patienten so mitzuspielen, wie ich Ihnen heute mitgespielt habe?

(McNaughtan.) Hoffentlich nicht.

(Dr. Valentine.) Der Grund ist, dass ich entweder voellig verrueckt bin,
oder vielmehr frueher nie wirklich im Besitze meines gesunden
Menschenverstandes gewesen bin.  Jetzt bin ich zu allem faehig--ich bin
endlich erwachsen--ich bin ein Mann geworden--und Ihre Tochter ist es,
die einen Mann aus mir gemacht hat!

(McNaughtan unglaeubig:) Sind Sie in meine Tochter verliebt?

(Dr. Valentine, seine Worte ergiessen sich nun in einem wahren Strom
von seinen Lippen:) Verliebt?...  Unsinn!...  Es ist viel mehr und
viel hoeher als Liebe... es ist Leben, Glaube, Kraft, Gewissheit,
Paradies...

(McNaughtan unterbricht ihn mit beissendem Hohn:) Unsinn, Mensch!  Was
haben (Sie), um eine Frau zu unterhalten?...  Sie koennen sie nicht
heiraten.

(Dr. Valentine.) Wer will sie denn heiraten?...  Ich will ihre Haende
kuessen, ich will zu ihren Fuessen knien, ich will fuer sie leben, ich
will fuer sie sterben... und das soll mir genuegen!  Sehen Sie ihr Buch
an--sehen Sie!  (Er kuesst das Taschentuch:) Wenn Sie mir Ihr ganzes
Geld anboeten fuer diese Gegenstaende, die mir als Ausrede dienen, an den
Strand hinunterzugehen und mit ihr wieder zu sprechen,--ich wuerde
Ihnen nur ins Gesicht lachen.  (Er geht uebermuetig gegen die Stufen zu,
wo er dem vom Strande heraufkommenden Kellner direkt in die Arme laeuft.
Die beiden bewahren einander vor dem Umfallen, indem sie sich
gegenseitig eng um den Leib fassen und sich umschlungen herumdrehen.)

(Der Kellner zart:) Sachte, Herr Doktor--sachte!

(Dr. Valentine ueber seine eigene Heftigkeit unangenehm beruehrt:)
Entschuldigen Sie!

(Der Kellner.) Bitte, Herr Doktor--bitte.  Das ist ganz natuerlich in
Ihrem Alter.--Das gnaedige Fraeulein hat mich um ihr Buch
heraufgeschickt; duerfte ich mir erlauben, Sie zu bitten, es ihr sofort
zu bringen?

(Dr. Valentine.) Mit Vergnuegen!--Und wollen Sie mir erlauben, Sie mit
der sechswoechentlichen Einnahme eines Zahnarztes zu beschenken...  (Er
bietet ihm Dollys Fuenf-Schilling-Stueck an.)

(Der Kellner, als ob diese Summe seine hoechsten Erwartungen uebertraefe:
) Danke vielmals, Herr Doktor--tausend Dank!

(Dr. Valentine stuerzt die Stufen hinunter.) Ein sehr uebermuetiger
junger Mann, sehr maennlich und gut gewachsen!

(McNaughtan in brummiger Herabsetzung:) Und wird sehr schnell
ein Vermoegen machen--zweifellos!  Ich weiss, wieviel seine
sechswoechentlichen Einnahmen betragen.  (Er geht ueber die Terrasse an
den eisernen Tisch und setzt sich.)

(Der Kellner philosophisch:) Ja, gnaediger Herr, man kann nie wissen...
Das ist mein Wahlspruch, wenn Sie guetigst verzeihen wollen, dass ich
so ein Ding habe.  (Der Philosoph wird einen Augenblick vom zart
fuehlenden Kellner zurueckgedraengt:) Sie wissen vielleicht selbst nicht,
dass Sie Ihr Getraenk noch nicht beruehrt hatten, als die Gesellschaft
aufbrach.  (Er nimmt das Glas vom Fruehstueckstisch und setzt es vor
McNaughtan hin.) Ja, gnaediger Herr--man kann nie wissen...  Sehen Sie
nur meinen Sohn: wer haette je gedacht, dass er es dahin bringen wuerde,
einen seidenen Talar zu tragen als koeniglicher Anwalt?  Und dennoch
verdient er heute nicht weniger als sechzig Pfund bei jedem Prozess,
gnaediger Herr.  Was fuer eine Lehre!

(McNaughtan.) Nun, ich hoffe, er ist Ihnen dankbar und weiss, was er
Ihnen schuldet.

(Der Kellner.) Wir vertragen uns sehr gut--wahrhaftig, sehr gut in
Anbetracht der Verschiedenheit unserer Stellungen.  (Mit einem zweiten
seiner unwiderstehlichen Uebergaenge:) Ein Stueckchen Zucker wird, ohne
den Trank merklich zu suessen, die Fadheit des Sodawassers beseitigen.
Erlauben Sie, gnaediger Herr.  (Er wirft ein Stueckchen Zucker in das
Glas:) Aber wie ich ihm sage: worin besteht schliesslich der
Unterschied?  Ich muss einen Frack anziehen, wenn ich zeigen will, was
ich bin, und er muss eine Peruecke und einen Talar anlegen, wenn er
zeigen will, was er ist.  Wenn mein Einkommen vorwiegend aus
Trinkgeldern besteht und ich doch so tun muss, als ob ich nicht darauf
aus waere, so besteht sein Einkommen vorwiegend aus Gebuehren, und auch
er muss, wie ich wohl verstehe, so tun, als waere er nicht darauf aus.
--Wenn er Geselligkeit liebt und ihn sein Beruf in Beruehrung mit allen
moeglichen Gesellschaftsklassen bringt, der meine tut das auch.  Wenn
es fuer einen Advokaten nicht guenstig ist, der Sohn eines Kellners zu
sein, so ist es auch fuer einen Kellner nicht guenstig, der Vater eines
Advokaten zu sein.  Ich versichere Ihnen, es gibt Leute, die darin
eine grosse Dreistigkeit sehen!--Kann ich Ihnen sonst noch etwas
besorgen, gnaediger Herr?

(McNaughtan.) Nein, danke.  (Gedemuetigt und bitter:) Ich hoffe, man
wird nichts dagegen einzuwenden haben, dass ich hier noch eine Weile
sitzen bleibe.  Hier stoer' ich jedenfalls nicht die Gesellschaft am
Strande.

(Der Kellner geruehrt:) Es ist sehr guetig von Ihnen, gnaediger Herr, dass
Sie tun, als ob Sie nicht wuessten, dass Ihre Anwesenheit hier eine
Auszeichnung und eine Ehre fuer uns alle ist... wirklich sehr guetig!
--Je mehr Sie sich hier zu Hause fuehlen, desto gluecklicher werden wir
sein.

(McNaughtan mit scharfer Ironie:) Zu Hause!

(Der Kellner nachdenklich:) Nun ja, gnaediger Herr, das ist auch
Ansichtssache.  Ich behaupte immer, der grosse Vorzug eines Hotels
besteht darin, dass es Schutz bietet vor dem Familienleben.

(McNaughtan.) Ich habe diesen Segen heute nicht gehabt.

(Der Kellner.) Ja, das haben Sie auch nicht--jawohl, weiss Gott!  Immer
geschieht das, was man nicht erwartet hat, nicht wahr?  (Er schuettelt
den Kopf:) Man kann nie wissen, gnaediger Herr--man kann nie wissen!
(Er geht ins Hotel.)

(McNaughtan stuetzt sein abgehetztes, jammervolles Gesicht mit den
hartblickenden Augen in die Haende:) Familie--Familie!  (Er legt seine
Arme auf den Tisch und neigt den Kopf darauf; aber da er eben jemanden
kommen hoert, setzt er sich wieder kerzengerade auf.  Es ist Gloria,
die allein die Stufen heraufkommt, ihren Sonnenschirm und ihr Buch in
Haenden.  McNaughtan sieht sie trotzig an.  Die brutale Hartnaeckigkeit
seines Mundes und die sehnsuechtigen Augen stehen zueinander in
pathetischem Widerspruch.  Sie geht an das eine Ende der Gartenbank
und lehnt sich mit dem Ruecken dagegen und sieht auf McNaughtan herab,
wie erstaunt ueber seine Schwaeche.  Sie ist zu neugierig auf ihn, um
kalt zu bleiben, aber das Verwandtschaftverhaeltniss ist ihr hoechst
gleichgueltig:) Nun?...

(Gloria.) Ich moechte Sie einen Augenblick sprechen.

(McNaughtan sie fest anblickend:) Wirklich?  Das ist ueberraschend!  Du
begegnest deinem Vater nach achtzehn Jahren und du hast wahrhaftig den
Wunsch, ihn "einen Augenblick" zu sprechen!--Das ist ruehrend--
wahrhaftig!  (Er bleibt sitzen, den Kopf in die Hand gestuetzt, und
blickt, in duesteres Nachdenken versunken, hinunter und von ihr fort.)*

(Gloria.) Was Sie da sagen, scheint mir alles so unsinnig, so
unberechtigt.  Was fuer Gefuehle haben Sie von uns erwartet?  Was sollen
wir fuer Sie tun?  Warum sind Sie gegen uns weniger hoeflich als andere
Leute?...  Sie koennen uns augenscheinlich nicht recht leiden--warum
sollten Sie auch?--aber trotzdem sollten wir einander doch begegnen
koennen, ohne zu streiten.

(McNaughtan, ueber dessen Antlitz ein schwerer grauer Schatten streicht:
) Machst du dir klar, dass ich dein Vater bin?

(Gloria.) Vollkommen.

(McNaughtan.) Begreifst du, was mir als deinem Vater gebuehrt?

(Gloria.) Zum Beispiel--?

(McNaughtan erbebt sich, als ob er ein Ungeheuer zu bekaempfen haette:)
Zum Beispiel--... zum Beispiel--?...
Pflicht--Liebe--Achtung--Gehorsam!

(Gloria gibt ihre sorglose Stellung auf und stellt sich ihm schnell
und stolz gegenueber:) Ich gehorche nur meinem Sinn fuer das Rechte; ich
achte nichts, was nicht edel ist!  Das ist meine Pflicht.  (Sie fuegt
weniger fest hinzu:) Was Liebe anbelangt, so liegt die nicht in meiner
Macht--ich glaube nicht, dass ich genau weiss, was Liebe eigentlich ist.
(Sie wendet sich, mit sichtlichem Widerwillen gegen dieses Thema, ab
und geht an den Fruehstueckstisch, zu einem bequemen Stuhl hin, wo sie
ihr Buch und ihren Sonnenschirm niederlegt.)

(McNaughtan folgt ihr mit den Augen:) Meinst du wirklich, was du sagst?

(Gloria wendet sich um; rasch und streng:) Entschuldigen Sie: aber das
ist eine unhoefliche Frage.  Ich spreche ernst mit Ihnen und ich
erwarte auch, dass Sie mich ernst nehmen.  (Sie nimmt einen der Stuehle,
wendet ihn fort vom Tisch und setzt sich etwas muede nieder.) Koennen
Sie diese Dinge nicht kuehl und vernuenftig besprechen?

(McNaughtan.) Kuehl und vernuenftig?...  Nein, das kann ich nicht!
Verstehst du?  Das kann ich nicht!

(Gloria mit Nachdruck:) Nein--das kann ich nicht verstehen.  Ich habe
keine Sympathie fuer--

(McNaughtan faehrt nervoes zusammen:) Halt, sprich nicht weiter!  Du
weisst nicht, was du tust!  Willst du mich toll machen?  (Sie runzelt
die Stirn, denn sie findet eine solche Laune unertraeglich.  Er setzt
rasch hinzu:) Nein, ich bin nicht zornig--wirklich nicht!  Warte,
warte--lass mir nur etwas Zeit, mich zu besinnen.  (Er steht einen
Augenblick da und runzelt die Stirn und ballt die Haende in seiner
Aufregung.  Dann nimmt er den Stuhl vom Ende des Fruehstueckstisches und
setzt sich neben Gloria.  Mit einer ruehrenden Anstrengung, sanft und
geduldig zu sein, sagt er:) Ich glaube, jetzt bin ich so weit.
Jedenfalls will ich es versuchen.

(Gloria fest:) Sehn Sie: alles geht, wenn man es nur energisch zu Ende
denkt.

(McNaughtan mit ploetzlichem Schreck:) Nein, das tu nicht!  Denke
nichts--ich will, du sollst fuehlen!  Das ist das einzige, was uns
helfen kann.  Hoere!  Weisst du--aber vor allem--ich vergass: wie heisst
du eigentlich?  Ich meine deinen Kosenamen.  Sie koennen dich nicht gut
Sophronia nennen.

(Gloria mit erstauntem Widerwillen:) Sophronia?...Mein Name ist Gloria.
Ich werde immer so genannt.

(McNaughtan, dessen Zorn zurueckkehrt:) Dein Name ist Sophronia,
Maedchen!  Du wurdest nach deiner Tante, meiner Schwester, Sophronia
getauft!  Sie hat dir deine erst Bibel mit deinem Namen darin
geschenkt.

(Gloria.) Dann hat mir meine Mutter einen neuen Namen gegeben.

(McNaughtan aergerlich:) Sie hatte kein Recht dazu!  Ich werde das
nicht zugeben!

(Gloria.) Sie hatten kein Recht, mir den Namen Ihrer Schwester zu
geben.  Ich kenne sie nicht einmal.

(McNaughtan.) Unsinn!  Alles lasse ich mir nicht bieten: das hat seine
Grenzen!  Ich will das nicht haben--verstehst du?

(Gloria erhebt sich; warnend:) Sind Sie entschlossen, in diesem
zaenkischen Ton fortzufahren?

(McNaughtan entsetzt, bittend:) Nein, nein--setze dich!  Willst du?
(Sie sieht ihn an und laesst ihn in Ungewissheit.  Er zwingt sich, den
verhassten Namen auszusprechen:) Gloria!

(Sie gibt ihrer Befriedigung mit einer leichten Bewegung der Lippen
Ausdruck und setzt sich:) Nun also--du siehst, ich habe nur den Wunsch,
dir zu zeigen, dass ich dein Vater bin, mein--mein liebes Kind.  (Die
Zaertlichkeit ist so klaeglich unbeholfen, dass Gloria gegen ihren Willen
laechelt und sich vornimmt, ein wenig nachsichtig zu sein.) Hoere mich
an.  Was ich dich fragen will, ist folgendes; Entsinnst du dich meiner
nicht?  Du warst ein ganz kleines Kind, als man dich von mir nahm,
aber du konntest schon alles recht gut verstehen.  Kannst du dich
wirklich an niemanden erinnern, den du geliebt hast, oder--
(schuechtern:) wenigstens auf Kinderart leiden mochtest?  Besinnst du
dich nicht auf jemanden, in dessen Arbeitszimmer du sein und seine
kleinen Schiffe ansehn durftest, die du fuer Spielzeug hieltest?  (Er
sieht ihr aengstlich in die Augen, als suchte er nach irgendeiner
Antwort.  Dann faehrt er dringender und weniger hoffnungsvoll fort:)
Auf jemanden, der dich tun liess, was du nur wolltest, und dir nie ein
boeses Wort gab, dir hoechstens sagte, du solltest still sein und nicht
sprechen?  Auf jemanden, der dir etwas war, was dir sonst niemand
gewesen ist--der dein Vater war!

(Gloria ungeruehrt:) Wenn Sie mir das alles noch lange so schildern,
dann werde ich mir zweifellos bald einbilden, dass ich mich daran
erinnere.  Aber tatsaechlich erinnere ich mich an gar nichts.

(McNaughtan sehnsuechtig:) Hat deine Mutter dir nie von mir erzaehlt?

(Gloria.) Sie hat Ihren Namen mir gegenueber nie erwaehnt.  (Er stoehnt
unwillkuerlich auf.  Sie blickt ihn ziemlich verachtungsvoll an und
faehrt fort:) Doch!  Ein einziges Mal--und da geschah es, um mich an
etwas zu erinnern, was ich auch vergessen hatte.

(McNaughtan blickt hoffnungsvoll auf:) An was?

(Gloria erbarmungslos:) An die Peitsche, die Sie eigens gekauft hatten,
um mich zu schlagen.

(McNaughtan mit den Zaehnen knirschend:) Oh!  Das aufzutischen, um dich
mir zu entfremden, wo du es nie zu wissen brauchtest!  (Mit pfeifendem,
schmerzhaftem Atem:) Fluch ihr!

(Gloria aufspringend:) Sie Elender!  (Mit heftigem Nachdruck:) Sie
Elender--Sie wagen es, meine Mutter zu verfluchen!

(McNaughtan.) Hoer' auf, oder du wirst es noch einmal bereuen!  Ich bin
dein Vater!

(Gloria.) Wie ich dieses Wort hasse!  Wie ich das Wort "Mutter" liebe!
Es waere besser, Sie gingen.

(McNaughtan.) Ich--ich ersticke--du willst mich toeten!
Etwas--ich--(Seine Stimme erstickt, er ist einer Ohnmacht nahe.)

(Gloria gebt zur Balustrade; kuehl und nicht verlegen um ein
Auskunftsmittel, ruft sie zum Strand hinunter:) Doktor Valentine!

(Valentine antwortet von unten:) Bitte!

(Gloria.) Kommen Sie doch einen Augenblick herauf!  Herr McNaughtan
braucht Sie.  (Sie geht an den Tisch zurueck und schenkt ein Glas
Wasser ein.)

(McNaughtan seine Sprache wiedererlangend:) Nein! lass mich in Ruhe!
Ich brauche ihn nicht.  Ich fuehle mich vollkommen wohl!  Ich brauche
seine Hilfe nicht und deine auch nicht!  (Er erhebt sich und rafft
sich zusammen.) Du hast recht, es ist besser, wenn ich gehe.  (Er
setzt seinen Hut auf.) Ist das dein letztes Wort?

(Gloria.) Ich hoffe.  (Er starrt sie einen Augenblick an, nickt
grimmig, als wenn er damit einverstanden waere, und geht ins Hotel.
Sie sieht ihm mit gleicher Festigkeit nach, bis er verschwindet.  Dann
macht sie eine Bewegung der Befreiung und wendet sich zu Dr. Valentine,
der die Stufen heraufgelaufen kommt.)

(Dr. Va1entine keuchend:) Was ist los?  (Er siebt sich um:) Wo ist
McNaughtan?

(Gloria.) Fort.  (Dr. Valentines Gesicht drueckt ploetzliche Freude,
Furcht und Durchtriebenheit aus.  Er hat eben bemerkt, dass er mit
Gloria allein ist.  Sie faehrt gleichgueltig fort:) Ich glaubte, er
fuehle sich nicht wohl; aber er hat sich wieder erholt.  Er wollte
nicht auf Sie warten--es tut mir leid.  (Sie geht ihr Buch und den
Sonnenschlrm holen.)

(Dr. Valentine.) Um so besser!  Er geht mir ohnedies auf die Nerven
nach einer Weile.  (Tut so, als ob er sich vergaesse:) Wie kommt dieser
Mann nur zu so einer wundervollen Tochter?

(Gloria stutzt einen Augenblick und antwortet ihm dann mit hoeflicher,
aber absichtlicher Verachtung:) Das scheint der Versuch zu einem
Kompliment zu sein.  Erlauben Sie mir, Sie gleich darauf aufmerksam zu
machen, Doktor, dass Komplimente eine sehr oede Unterhaltung abgeben.
Bitte, lassen Sie uns auf eine vernuenftige und gesunde Weise Freunde
sein, falls wir Freunde werden sollen.  Ich habe nicht die Absicht,
mich zu verheiraten; und wenn Sie diese Lage der Dinge nicht annehmen
wollen, so waere vorzuziehen, unsere gegenseitige Bekanntschaft nicht
fortzusetzen.

(Dr. Valentine vorsichtig:) Ich verstehe.  Gestatten Sie mir nur eine
einzige Frage?--Sind Sie gegen die Ehe als gesellschaftliche
Einrichtung im allgemeinen, oder haben Sie nur etwas dagegen, mich
persoenlich zu heiraten?

(Gloria.) Ich kenne Sie viel zu wenig, Herr Doktor, um ueber Ihre
persoenlichen Vorzuege irgendeine Meinung zu haben.  (Sie wendet sich
mit unendlicher Gleichgueltigkeit von ihm fort und setzt sich mit ihrem
Buch auf die Gartenbank:) Ich halte die Bedingungen einer heutigen Ehe
nicht fuer solche, die irgendein Weib annehmen koennte, das sich selbst
achtet.

(Dr. Valentine schlaegt sofort in den Ton herzlicher Aufrichtigkeit um,
als ob er Glorias Bedingungen ehrlich annaehme und von ihren
Grundsaetzen entzueckt und beruhigt waere:) Oh, da haben wir denn schon
einen Punkt gemeinsamer Sympathie!  Ich bin ganz Ihrer Ansicht: die
heutigen Eheeinrichtungen sind hoechst ungerecht.  (Er nimmt seinen Hut
ab und wirft ihn froehlich auf den eisernen Tisch.) Nein! ich fuer mein
Teil moechte all diesen Unsinn loswerden.  (Er setzt sich so unbefangen
neben sie, dass sie nicht daran denkt, etwas dagegen einzuwenden, und
fuehrt mit Enthusiasmus fort:) Finden Sie es nicht auch entsetzlich,
dass ein Mann und eine Frau einander nur zu kennen brauchen, um
verdaechtigt zu werden, dass sie Heiratsabsichten haben?  Als ob es
keine andern Interessen gaebe--keine andern Unterhaltungsmoeglichkeiten--
als wenn die Frauen zu nichts Besserem faehig waeren!

(Gloria interessiert:) Ah, nun fangen Sie endlich an, menschlich und
vernuenftig zu sprechen, Herr Doktor!

(Dr. Valentine mit einem Aufleuchten seiner Augen ueber den Erfolg
seiner Jaegerlist:) Selbstverstaendlich!  Zwei intelligente Menschen wie
wir...!  Ist es nicht erfreulich in dieser dummen, von Konventionen
gefesselten Welt, einmal mit jemandem auf demselben Boden
zusammenzutreffen?... mit einem vorurteilsfreien, aufgeklaerten, hellen
Geist?

(Gloria ernst:) Ich hoffe, in England vielen solchen Menschen zu
begegnen.

(Dr. Valentine zweifelbaft:) Hm...  Es gibt eine Menge Menschen in
England--nahezu vierzig Millionen--es sind nicht alles schwindsuechtige
Mitglieder der hochgebildeten Klasse, wie die Leute in Madeira.

(Gloria jetzt ganz von ihrem Gegenstand erfuellt:) Oh, in Madeira sind
alle Leute dumm und vorurteilsvoll!--Es sind schwache, sentimentale
Geschoepfe!  Ich hasse Schwaeche; und ich hasse Sentimentalitaet!

(Dr. Valentine.) Das ist der Grund, warum Sie so begeistern koennen!

(Gloria mit einem leichten Lachen:) Kann ich begeistern?

(Dr. Valentine.) Ja.  Staerke ist ansteckend.

(Gloria.) Schwaeche ist es--das weiss ich.

(Dr. Valentine mit Ueberzeugung:) Sie sind stark!  Wissen Sie, dass Sie
mir heute morgen die Welt ganz umgewandelt haben?  Ich war schwermuetig
und machte mir Gedanken wegen meiner unbezahlten Miete, beunruhigte
mich ueber die Zukunft... da traten Sie ein: ich war geblendet!  (Ihre
Stirn bewoelkt sich ein wenig.  Er faehrt rasch fort:) Das war natuerlich
albern--aber wahr und wahrhaftig, es geschah etwas mit mir!  Erklaeren
Sie es, wie Sie wollen--mein Blut wurde--(er zoegert und sucht nach
einem genuegend leidenschaftslosen Wort)--mit Sauerstoff vermengt,
meine Muskeln spannten sich, mein Geist klaerte sich, mein Mut wuchs.
--Das ist sonderbar, nicht wahr?  Wenn man bedenkt, dass ich durchaus
kein sentimentaler Mensch bin.

(Gloria unbehaglich, erhebt sich:) Gehen wir zurueck an den Strand.

(Dr. Valentine zu ihr aufblickend, duester:) Wie?  Sie haben das auch?

(Gloria.) Was?

(Dr. Valentine.) Angst.

(Gloria.) Angst?...

(Dr. Valentine.) Ja, dass irgend etwas geschehen koennte.  Es kam
ploetzlich ueber mich, gerade ehe Sie vorschlugen, dass wir weglaufen
sollten zu den andern.

(Gloria erstaunt:) Das ist sonderbar--sehr sonderbar!  Ich hatte
dasselbe Gefuehl.

(Dr. Valentine.) Wie merkwuerdig!  (Er erhebt sich:) Nun, sollen wir
fliehen?

(Gloria.) Fliehen?...  O nein, das waere kindisch!  (Sie setzt sich
wieder.  Er setzt sich neben sie und beobachtet sie mit ernster
Sympathie.  Nachdenklich und etwas verwirrt fuegt sie hinzu:) Ich wuesste
aber zuweilen gern die wissenschaftliche Erklaerung fuer solche
gelegentlichen Einbildungen.

(Dr. Valentine.) Ja, die moechte ich zuweilen auch gern wissen.  Es ist
ein merkwuerdig hilfloses Gefuehl--nicht wahr?

(Gloria lehnt sich gegen das Wort auf:) Hilflos?...

(Dr. Valentine.) Ja.  Ist es nicht, als ob die Natur--nachdem sie uns
jahrelang erlaubt hat, uns selbst anzugehoeren und zu tun, was wir fuer
richtig und vernuenftig halten--ploetzlich ihre grosse Hand erhoebe und
uns, ihre zwei kleinen Kinder, am Kragen packte, um uns, gegen unsern
Willen, auf ihre eigene Weise fuer ihre eigenen Zwecke dienstbar zu
machen?

(Gloria.) Ist das nicht etwas phantastisch?

(Dr. Valentine mit einem neuen und erstaunlichen Uebergang zu einem Ton
aeusserster Sorglosigkeit:) Das weiss ich nicht--ich frage nicht danach!
(Vorwurfsvoll losbrechend:) O Fraeulein Clandon--Fraeulein Clandon--wie
konnten Sie nur!

(Gloria.) Was hab' ich getan?

(Dr. Valentine.) Diese Verzueckung in meine Seele schleudern!--Ich
bemuehe mich aufrichtig, vernuenftig zu sein--ja wissenschaftlich--wie
immer Sie mich wuenschen... aber... aber--Oh, sehen Sie nicht, womit
Sie meine Phantasie erfuellt haben?!

(Gloria mit empoerter verachtungsvoller Haerte:) Ich hoffe, dass Sie
nicht so albern und nicht so gemein sein werden--von...  "Liebe" zu
sprechen!

(Dr. Valentine mit ironischer Eile, eine solche Schwaeche in Abrede zu
stellen:) Nein, nein, nein, nicht Liebe!  Wir sind zu gescheit, an so
was zu denken!  Wir wollen es Chemie nennen!  Sie koennen nicht leugnen,
dass es so etwas wie eine chemische Taetigkeit, eine chemische
Wahlverwandtschaft, eine chemische Verbindung gibt.  Sie ist die
unwiderstehlichste aller Naturkraefte...  Nun, Sie ziehen mich
unwiderstehlich an--chemisch.

(Gloria verachtungsvoll:) Unsinn!

(Dr. Valentine.) Natuerlich ist das Unsinn, dummes Maedel!  (Gloria
weicht mit empoerter Ueberraschung zurueck.) Ja, ein dummes Maedel sind
Sie!--Das ist eine wissenschaftliche Tatsache!  Sie sind ein
eingebildeter Philister--ein weiblicher Philister!  Das sind Sie!  (Er
erhebt sich:) Jetzt sind Sie wahrscheinlich fertig mit mir--fuer immer!
(Er geht an den eisernen Tisch und nimmt seinen Hut.)

(Gloria setzt sich mit vollendeter Ruhe, wie eine Lehrerin in einer
Hochschule, die dem Photograpben sitzt:) Das beweist mir nur, wie
wenig Sie meinen wirklichen Charakter verstehen--ich bin nicht im
geringsten beleidigt.  (Er schweigt und setzt seinen Hut wieder hin.)
Ich bin immer bereit, mich von meinen Freunden auf meine Fehler
aufmerksam machen zu lassen, Herr Doktor--selbst wenn diese Freunde
mich so ungeheuerlich missverstehen wie Sie!  Ich habe viele
Fehler--sehr grosse Fehler sogar, aber wenn ich etwas nicht bin, so ist
es das, was Sie einen Philister nennen.

(Sie presst ihre Lippen fest zusammen und blickt ihn standhaft und
herausfordernd an, waehrend sie gefasster ist denn je.)

(Dr. Valentine kehrt an das Ende der Gartenbank zurueck, um Gloria mit
mehr Nachdruck gegenueber zutreten:) O doch, das sind Sie!  Mein
Verstand sagt es mir--meine Kenntnisse sagen es mir--meine Erfahrung
sagt es mir.

(Gloria.) Entschuldigen Sie, wenn ich Sie darauf aufmerksam mache, dass
Ihr Verstand und Ihr Gefuehl und Ihre Erfahrung nicht unfehlbar
sind--ich hoffe es wenigstens.

(Dr. Valentine.) Ich muss diesen aber glauben.  Es sei denn, Sie
wollten, dass ich meinen Augen, meinem Herzen, meinen Instinkten und
meiner Einbildungskraft glaube, die mir alle ueber Ihre Person die
ungeheuerlichsten Luegen erzaehlen.

(Gloria, deren Fassung anfaengt nachzulassen:) Luegen?...

(Dr. Valentine hartnaeckig:) Ja, Luegen.  (Er setzt sich wieder neben
sie.) Oder soll ich vielleicht glauben, dass Sie das schoenste Weib der
Erde sind?  Erwarten Sie das von mir?

(Gloria.) Das ist laecherlich und etwas persoenlich noch dazu.

(Dr. Valentine.) Natuerlich ist es laecherlich!--Aber es ist das, was mir
meine Augen sagen.  (Gloria protestiert mit einer verachtungsvollen
Bewegung:) Nein, ich schmeichle Ihnen nicht--ich sage Ihnen doch, dass
ich meinen Augen nicht traue.  (Sie schaemt sich darueber, dass ihr
das auch nicht ganz recht ist.) Erwarten Sie, dass ich hier sitzen und
wie ein Kind heulen werde, wenn Sie aus Widerwillen gegen meine
Schwaeche nichts von mir wissen wollen?

(Gloria beginnt einzusehen, dass sie, um standhaft zu bleiben, kurz und
buendig sprechen muss:) Warum sollten Sie das wohl, bitte?

(Dr. Valentine laesst absichtlich eine Gefuehlsbewegung in seiner Stimme
zittern:) Natuerlich werde ich das nicht!  Ich bin kein solcher Esel!
--Und doch sagt mir mein Herz, dass ich heulen wuerde--mein naerrisches
Herz.  Aber ich will ein ernstes Wort mit meinem Herzen reden und es
zur Vernunft bringen.  Und liebte ich Sie tausendmal, so will ich der
Wahrheit dennoch standhaft ins Antlitz sehen...  Ist ja doch auch ganz
leicht, vernuenftig zu sein...  Tatsachen sind Tatsachen.  Wo sind wir
hier?  Nicht im Himmel, sondern im Marine-Hotel!  Die Zeit ist nicht
die Ewigkeit, sondern halb zwei Uhr nachmittags.  Was bin ich?  Ein
Zahnarzt--ein Fuenf-Schilling-Zahnarzt!

(Gloria.) Und ich bin ein weiblicher Philister.

(Dr. Valentine leidenschaftlich;) Nein, nein, das kann ich nicht
ertragen!  Eine Illusion muss mir bleiben--die Illusion ueber Sie!  Ich
liebe Sie.  (Er wendet sich zu ihr, als ob er der Lust, sie zu
beruehren, nicht laenger widerstehen koennte.  Sie erhebt sich zornig und
ist auf der Hut.  Er springt ungeduldig auf und tritt einen Schritt
zurueck.) Oh, was bin ich fuer ein Narr--was fuer ein Idiot!  Sie
verstehen mich nicht...  Ich koennte ebensogut zu den Steinen am Strand
sprechen!  (Er wendet sich entmutigt ab.)

(Gloria beruhigter infolge seines Rueckzuges und etwas reuig:) Es tut
mir leid.  Ich moechte nicht teilnahmslos sein, Herr Doktor,--aber was
soll ich sagen?

(Dr. Valentine kehrt zu ihr zurueck, und an die Stelle seines
Sichgehenlassens tritt ein verbindlicher und ritterlicher Respekt:)
Sie koennen nichts sagen, Fraeulein Clandon.  Verzeihen Sie mir.  Ich
allein trage alle Schuld--oder richtiger, ich habe eben Pech gehabt.
Sehen Sie, es hing alles davon ab, ob Sie mich gern moechten.  (Sie ist
im Begriff zu sprechen, er unterbricht sie aber mit bittenden Gebaerden:
) Oh, ich weiss--Sie duerfen mir nicht sagen, ob Sie mich gern moegen
oder nicht; aber--

(Gloria wappnet sich sofort mit ihren Grundsaetzen:) Ich darf nicht?...
Warum nicht?...  Ich bin ein freies Weib!  Warum soll ich es Ihnen
nicht sagen duerfen?

(Dr. Valentine weicht aengstlich zurueck; bittend:) Nicht!  Ich koennte
es nicht ertragen!

(Gloria nicht laenger verachtungsvoll:) Sie brauchen sich nicht zu
fuerchten.  Ich halte Sie fuer sentimental und fuer ein wenig
ueberspannt--aber ich habe Sie gern.

(Dr. Valentine faellt wie zermalmt in den Eisenstubl:) Dann ist alles
vorueber!  (Er ist ein Bild der Verzweiflung.)

(Gloria naehert sich ihm; verwirrt:) Aber warum denn?

(Dr. Valentine.) Weil gernhaben nicht genuegt!  Jetzt, wo ich ernstlich
darueber nachdenke, weiss ich selbst nicht, ob ich Sie gern habe oder
nicht.

(Gloria blickt mit erstauntem Interesse auf ihn herab:) Das tut mir
leid.

(Dr. Valentine.  Im Schmerz zurueckgehaltener Leidenschaft:) Oh,
bemitleiden Sie mich nicht!  Ihre Stimme zerreisst mir das Herz!
Lassen Sie mich allein, Gloria.  Sie wuehlen mich in meinen tiefsten
Tiefen auf, Sie verwirren und beleben mich zugleich!--Ich kann den
Kampf dagegen nicht aufnehmen--ich kann es Ihnen nicht sagen--

(Gloria bricht ploetzlich nieder:) Oh, hoeren Sie auf mir zu sagen, was
Sie fuehlen: ich kann es nicht ertragen!

(Dr. Valentine springt triumphierend auf, seine ersterbende Stimme
klingt jetzt stark und jubelnd:) Ah!  Er ist endlich gekommen--der
Augenblick meines Mutes!--(Er ergreift ihre Haende; sie blickt ihn
entsetzt an.) Der Augenblick *unseres* Mutes!  (Er ziebt sie an sich,
kuesst sie mit ungestuemer Kraft und lacht knabenhaft.) Es ist geschehen,
Gloria--es ist alles vorueber--wir sind ineinander verliebt!  (Sie kann
nur nach Luft ringen.) Aber was fuer ein Ungeheuer waren Sie, und was
fuer ein Hasenfuss bin ich gewesen!

(Philips Stimme vom Strande rufend:) Doktor Valentine!

(Dollys Stimme.) Doktor Valentine!

(Dr. Valentine.) Leben Sie wohl... vergeben Sie mir.  (Er kuesst ihr
rasch die Haende und laeuft zu den Stufen, wo er der heraufkommenden
Frau Clandon begegnet.  Gloria, ganz verloren, kann ihm nur
nachstarren.)

(Frau Clandon.) Die Kinder suchen Sie, Herr Doktor.  (Sie siebt sich
aengstlich um:) Ist er fort?

(Dr. Valentine verwirrt:) Er?...  (Sich erinnernd:) Oh, McNaughtan!
--Der ist schon laengst fort, Frau Clandon.  (Er laeuft in gehobener
Stimmung die Stiegen hinunter.)

(Gloria auf die Bank sinkend:) Mutter!

(Frau Clandon stuerzt aengstlich auf sie zu:) Was ist geschehen, mein
Kind?

(Gloria mit tief bekuemmertem, anklagendem Vorwurf:) Warum hast du mich
nicht ordentlich erzogen, Mutter?

(Frau Clandon erstaunt:) Kind, ich habe mein moglichstes getan!

(Gloria.) Oh, du hast mich nichts gelehrt--gar nichts!

(Frau Clandon.) Was ist mit dir?

(Gloria mit dem groessten Nachdruck:) Ich schaeme mich--schaeme
mich--schaeme mich--(Da sie unertraeglich erroetet, bedeckt sie ihr
Gesicht mit den Haenden und wendet sich von ihrer Mutter ab.)

(Vorhang)




DRITTER AKT

(Der Salon der teuern ebenerdigen Wohnung, welche die Clandons im
Marinehotel gemietet haben.  Eine bis auf den Fussboden reichende
zweifluegelige Fenstertuer fuehrt in den Garten.  In der Mitte des
Zimmers steht ein massiver, von Stuehlen umgebener Tisch, der mit einer
kastanienbraunen Decke bedeckt ist.  Kostspielig eingebundene Hotel-
und Eisenbahnfuehrer liegen darauf.  Ein Besucher, der durch die
Fenstertuer kaeme und zu diesem Mitteltisch ginge, wuerde den Kamin zu
seiner Linken haben und einen Schreibtisch an der Wand zu seiner
Rechten, in der Naehe die Tuer, die weiter hinten ist.  Er wuerde, wenn
dies seiner Geschmacksrichtung entspraeche, die pflaumen- und
bronzelackfarbigen Mauerverzierungen von Lincrusta Walton mit Sockel
und Kranzgesims und die Goldbronze-Konsolen in den Ecken bewundern
koennen.  Zu beiden Seiten des Fensters sieben Vasen auf
Pfeilerpiedestalen aus gesprenkeltem Marmor mit Untersaetzen aus
poliertem schwarzem Holz.  Zunaechst der Vase, in der naechsten Naehe des
Kamins, steht ein verzierter Schrank, dessen Mittelfach eine Tuer aus
Holzmosai[*or i?]k verschliesst und dessen durch gewoelbte Glasscheiben
abgerundete Kanten Gestelle mit billigem blauem und weissem
Steingutgeschirr schuetzen.  Ein Teetisch aus Bambusrohr mit
zusammenklappbaren Seitenbrettern steht gegenueber auf der andern Seite
des Fensters.--An den Waenden haengen Bilder, gemalte Ozeandampfer und
Hunde von Landseer.  In einer Linie mit der Tuere, aber auf der andern
Seite des Zimmers befindet sich eine Ottomane; auf dem Kaminteppich
stehen zwei bequeme dazu passende Stuehle.  Ueber dem Fenster ist
eine massive Messingstange angebracht, an der ein Paar rotbraune
Ripsvorhaenge mit mattgruenen Zierborten haengen.  Kurzum, ein Zimmer,
das danach eingerichtet ist, den Gefuehlen des Bewohners von seiner
eigenen Wichtigkeit zu schmeicheln und ihn mit der taeglichen Ausgabe
eines ganzen Pfundes fuer die Benuetzung auszusoehnen.)

(Frau Clandon sitzt am Schreibtisch und liest Korrekturen.  Gloria
lehnt am Fenster und starrt in gequaelter Traeumerei ins Weite.  Die Uhr
auf dem Kaminsims schlaegt Fuenf mit schwachem Klirren, da die Glocke
gegen das marmorne schwarze Ehrengrab, in das sie eingemauert ist,
nicht aufkommen kann.)


(Frau Clandon.) Fuenf!  Ich glaube, wir brauchen nicht laenger auf die
Kinder zu warten; sie trinken gewiss ausser Haus Tee.

(Gloria muede:) Soll ich klingeln?

(Frau Clandon.) Ja, mein Kind.

(Gloria geht an den Kamin und klingelt.)

(Frau Clandon.) Endlich bin ich mit den Korrekturen fertig.  Gott sei
Dank!

(Gloria durchschreitet das Zimmer unaufmerksam und tritt hinter den
Stuhl ihrer Mutter:) Was fuer Korrekturen?

(Frau Clandon.) Die neue Auflage der "Frauen des zwanzigsten
Jahrhunderts".

(Gloria mit einem bittern Laecheln:) Es fehlt noch ein Kapitel.

(Frau Clandon beginnt ihre Korrekturen zu durchstoebern:) Glaubst du?...
doch nicht.

(Gloria.) Ich meine ein ungeschriebenes.  Vielleicht werde ich es fuer
dich schreiben--sobald ich erst den Schluss weiss.  (Sie geht an das
Fenster zurueck.)

(Frau Clandon.) Gloria! ein neues Raetsel?

(Gloria.) O nein! das alte Raetsel.

(Frau Clandon verlegen und ziemlich verwirrt, nachdem sie ihre Tochter
einen Augenblick beobachtet hat:) Mein Kind--

(Gloria zurueckkommend:) Ja?

(Frau Clandon>) Du weisst, dass ich niemals Fragen stelle.

(Gloria neben ihrem Stuhl kniend:) Ich weiss, ich weiss!  (Sie wirft
ploetzlich ihren Arm um den Hals ihrer Mutter und umarmt sie beinahe
leidenschaftlich.)

(Frau Clandon sanft Laechelnd, aber verlegen:) Aber mein Kind, du wirst
ganz sentimental!

(Gloria zurueckfahrend:) Nein, nein--o sage das nicht--oh!  (Sie erhebt
sich und wendet sich mit einer Bewegung von Frau Clandon ab, als ob
sie sich losrisse.)

(Frau Clandon sanft:) Liebes Kind, was ist geschehen?  Was--(Der
Kellner kommt mit dem Teebrett herein.)

(Der Kellner sanft:) Danach haben Sie wohl geklingelt, gnaedige Frau?

(Frau Clandon.) Ja, ich danke.  (Sie wendet ihren Stuhl vom
Schreibtisch fort und setzt sich wieder.)

(Gloria geht an den Kamin und kauert sich dort mit abgewandtem Gesicht
in einen Stuhl.)

(Der Kellner setzt das Brett einstweilen auf den Mitteltisch:) Das
habe ich mir gedacht, gnaedige Frau.  Sonderbar, wie die Nerven
nachmittags ohne Tee nachzulassen beginnen.  (Er holt den Teetisch und
setzt ihn vor Frau Clandon bin und spricht dabei:) Der junge Herr und
das gnaedige Fraeulein sind eben zurueckgekommen, gnaedige Frau.  Sie
waren in einem Boote auf dem Meer.  Sehr angenehm an einem schoenen
Nachmittag wie heute, sehr kraeftigend.  (Er nimmt nun das Teebrett vom
Mitteltisch fort und setzt es auf den Teetisch.) Herr McComas kommt
nicht zum Tee, gnaedige Frau.  Er ist fortgegangen, Herrn McNaughtan zu
besuchen.  (Er nimmt zwei Stuehle und setzt sie rechts und links vom
Teetisch hin.)

(Gloria blickt auf und fragt entsetzt:) Und der andere Herr?...

(Der Kellner verfaellt unbewusst einen Augenblick in die Tonart eines
Liedes, das er als Knabe gesungen, beruhigend:) Oh, der kommt,
gnaediges Fraeulein--oh, der kommt.  Er hat gerudert und ist eben in die
Apotheke gelaufen, sich etwas fuer seine wunden Handflaechen geben zu
lassen.  Aber er muss gleich hier sein, gnaediges Fraeulein!

(Gloria erhebt sich in unbezwingbarer Angst und laeuft zur Tuer.)

(Frau Clandon sich halb erhebend:) Glo--(Gloria geht hinaus; Frau
Clandon starrt den Kellner an, dessen Haltung unbeweglich bleibt.)

(Der Kellner heiter:) Sonst noch etwas gefaellig, gnaedige Frau?

(Frau Clandon.) Nein, danke.

(Der Kellner.) Ich habe zu danken, gnaedige Frau.

(Als er sich zurueckziehen will, kommen Philip und Dolly in
froehlichster Laune bereingestuermt; er haelt ihnen die Tuer auf, geht
dann hinaus und schliesst sie.)

(Dolly gierig:) Oh, gib mir schnell etwas Tee!  (Frau Clandon schenkt
ihr eine Tasse ein.) Wir sind in einem Boot auf dem Meer gewesen.  Dr.
Valentine wird gleich da sein.

(Philip.) Er ist nicht an Seefahrten gewoehnt.--Wo ist Gloria?

(Frau Clandon aengstlich, waehrend sie ihm Tee eingiesst:) Phil, mit
Gloria ist etwas los.  Ist etwas passiert?  (Philip und Dolly sehen
einander mit unterdruecktem Lachen an.) Was ist es?

(Philip setzt sich an ihre linke Seite:) Romeo--

(Dolly setzt sich an ihre rechte Seite:)--und Julia!

(Philip nimmt seine Teetasse Frau Clandon ab:) Ja, liebe Mama: die
alte, alte Geschichte--Dolly, nimm nicht die ganze Milch.  (Er reisst
ihr die Kanne geschickt fort.) Ja, im Fruehling--

(Dolly)--kann eines Juenglings Phantasie--

(Philip)--leicht Liebesblueten treiben...  Ich danke.  (Zu Frau Clandon,
die ihm die Biskuits gereicht hat:) Das kommt uebrigens auch im Herbst
vor.  Diesmal ist der Juengling--

(Dolly.) Doktor Valentine.

(Philip.) Und seine Phantasie hat Gloria in einem Masse gehuldigt, dass
er sie--

(Dolly)--gekuesst hat--

(Philip.)--auf der Terrasse--

(Dolly ihn verbessernd:)--auf die Lippen--vor allen Leuten!

(Frau Clandon unglaeubig:) Phil--Dolly--spasst ihr?  (Sie schuetteln den
Kopf.) Hat sie es geduldet?

(Philip.) Wir haben erwartet, ihn vom Blitze ihrer Verachtung zu Boden
geschmettert zu sehen--

(Dolly.)--aber es geschah nichts dergleichen--

(Philip.) Es schien ihr ganz recht zu sein.

(Dolly.) Soweit wir es beurteilen konnten...  (Sie faellt Philip, der
im Begriff ist, sich noch eine Tasse einzugiessen, in den Arm:) Nein,
du hast die zweite Tasse abgeschworen!

(Frau Clandon sehr beunruhigt:) Kinder, ihr duerft nicht hier sein,
wenn Doktor Valentine kommt.  Ich muss darueber sehr ernst mit ihm
sprechen.

(Philip.) Um ihn nach seinen Absichten zu fragen?...  Was fuer eine
Verletzung der "Grundsaetze des zwanzigsten Jahrhunderts"!

(Dolly.) Du hast ganz recht, Mama!  Stelle ihn zur Rede.  Schlage
soviel du nur kannst aus dem neunzehnten Jahrhundert heraus, so lange
es dauert.

(Philip.) Sch! er kommt!

(Dr. Valentine tritt ein:) Ich bedaure sehr, mich verspaetet zu haben,
Frau Clandon.  (Sie ergreift die Teekanne:) Nein, ich danke, ich
trinke niemals Tee.  Fraeulein Dolly und Phil haben Ihnen wohl schon
erzaehlt, was mir passiert ist.

(Philip erhebt sich; wichtig:) Ja, Doktor, wir haben es Mama erzaehlt.

(Dolly erhebt sich gleichfalls; bedeutungsvoll:) Wir haben es Mama
sehr genau erzaehlt.

(Philip.) Es war unsere Pflicht.  (Sehr ernst:) Komm, Dolly!  (Er
bietet Dolly seinen Arm, die sich einhaengt.  Sie sehen Dr. Valentine
mitleidig an und gehen Arm in Arm ernst hinaus.  Dr. Valentine sieht
ihnen verwirrt nach, dann blickt er Frau Clandon fragend, wie um eine
Erklaerung bittend an.)

(Frau Clandon erhebt sich und verlaesst den Teetisch:) Wollen Sie
gefaelligst Platz nehmen, Herr Doktor.  Ich moechte etwas mit Ihnen
besprechen, wenn Sie erlauben.  (Dr. Valentine setzt sich langsam auf
die Ottamane nieder.  Sein Gewissen prophezeit ihm eine schlimme
Viertelstunde.  Frau Clandon nimmt Philips Stuhl und setzt sich
bedaechtig in gemessener Entfernung.) Ich muss zunaechst ein wenig
Nachsicht fuer mich erbitten.  Ich bin im Begriff, ueber einen
Gegenstand zu sprechen, von dem ich sehr wenig, vielleicht gar nichts
verstehe.  Ich meine--Liebe.

(Dr. Valentine.) Liebe!

(Frau Clandon.) Ja, Liebe.--Oh, Sie brauchen nicht so beunruhigt
dreinzuschauen, Herr Doktor--ich bin nicht in Sie verliebt.

(Dr. Valentine ueberwaeltigt:) Wahrhaftig, Frau--(Sich erholend:) Es
wuerde mich mehr als stolz machen, wenn Sie es waeren.

(Frau Clandon.) Ich danke Ihnen, Herr Doktor; aber ich bin zu alt,
jetzt nach damit anzufangen.

(Dr. Valentine.) Anzufangen?!...  Haben Sie nie--?

(Frau Clandon.) Niemals.  Mein Schicksal ist sehr alltaeglich gewesen.
Ich habe geheiratet, bevor ich alt genug war, zu wissen, was ich
eigentlich tat.  Wie Sie sich selbst ueberzeugt haben, war die Folge
davon eine bittere Enttaeuschung fuer uns beide, fuer meinen Mann und fuer
mich.  So kommt es, dass ich, trotzdem ich verheiratet bin, niemals
verliebt war... ich habe in meinem ganzen Leben keine einzige
Liebesangelegenheit gehabt.  Und um ganz aufrichtig zu sein, Herr
Doktor, was ich von den Liebesangelegenheiten anderer gesehen habe,
hat nicht dazu beigetragen, mich diesen Mangel bedauern zu lassen.
(Dr. Valentine, der sehr verdriesslich dreinschaut, blinzelt skeptisch
nach ihr hin und sagt nichts.  Sie erroetet ein wenig und fuegt mit
unterdruecktem Aerger hinzu:) Sie glauben mir nicht.

(Dr. Valentine bestuerzt, da er seine Gedanken erraten sieht:) Aber,
warum denn nicht... warum nicht?

(Frau Clandon.) Lassen Sie sich sagen, Herr Doktor, dass ein der
Menschheit gewidmetes Leben Begeisterungen bietet und Leidenschaften
kennt, die bei weitem die selbstsuechtigen Verblendungen und
Sentimentalitaeten eines Liebesromanes uebersteigen.  Ihre
Begeisterungen und Leidenschaften--sind das nicht, nicht wahr?  (Dr.
Valentine weiss wohl, dass Frau Clandon ihn deswegen geringschaetzt, und
antwortet negativ mit melancholischem Kopfschuetteln.) Ich dachte mir's.
--Nun, dafuer bin ich im Nachteil, wenn ich diese sogenannten
Herzensangelegenheiten besprechen muss, in denen Sie ein Fachmann zu
sein scheinen.

(Dr. Valentine unruhig:) Worauf spielen Sie an, Frau Clandon?

(Frau Clandon.) Ich glaube, Sie wissen es.

(Dr. Valentine.) Gloria?

(Frau Clandon.) Ja, Gloria.

(Dr. Valentine streckt die Waffen:) Nun ja, ich bin verliebt in Gloria.
(Er unterbricht sie, da sie im Begriff ist zu antworten:) Ich weiss
schon, was Sie sagen wollen: Ich habe kein Geld.

(Frau Clandon.) Ich frage sehr wenig nach Geld, Herr Doktor.

(Dr. Valentine.) Dann sind Sie aber ganz anders als alle andern Muetter,
die mit mir gesprochen haben.

(Frau Clandon.) Ah, nun kommen wir zur Hauptsache, Herr Doktor!  Sie
sind ein alter Praktikus!  (Er oeffnet die Lippen, um zu widersprechen.
Sie unterbricht ihn mit einiger Entruestung:) Oh, glauben Sie doch
nicht, dass ich nicht genug gesunden Menschenverstand besitze, um zu
wissen--so wenig ich von solchen Dingen verstehe--dass ein Mann, der
bei einer einzigen Begegnung, mit einer Frau wie meine Tochter so weit
kommen konnte, kaum ein Neuling sein kann!

(Dr. Valentine.) Ich versichere Ihnen--

(Frau Clandon unterbricht ihn:) Ich mache Ihnen keinen Vorwurf, Herr
Doktor.  Es war Glorias Sache, sich selbst zu schuetzen, und Sie haben
das Recht, sich nach Gefallen zu unterhalten.

(Dr. Valentine protestierend:) Mich unterhalten?...  Oh, Frau Clandon!

(Frau Clandon unnachgiebig;) Bei Ihrer Ehre, Herr Doktor, meinen Sie
es ernst?

(Dr. Valentine verzweifelt:) Bei meiner Ehre, ich meine es ernst!
(Sie sieht ihn forschend an.  Sein Sinn fuer Humor bricht bei ihm durch,
und er fuegt verschmitzt hinzu:) Allerdings habe ich es immer ernst
gemeint; und dennoch--bin ich hier, wie Sie sehen!

(Frau Clandon.) Das ist es gerade, was ich ahnte.  (Streng:) Herr
Doktor, Sie sind einer von den Maennern, die mit den Gefuehlen der
Frauen spielen.

(Dr. Valentine.) Warum auch nicht, da doch nur die Sache der
Menschheit es verdient, ernst genommen zu werden?  Aber ich verstehe.
(Er erhebt sich und nimmt seinen Hut; mit foermlicher Hoeflichkeit:) Sie
wuenschen, dass ich meine Besuche in Ihrem Hause einstelle.

(Frau Clandon.) Nein.  Ich bin klug genug zu wissen, dass fuer Gloria
die beste Moeglichkeit, Ihnen zu entkommen, die ist, Sie nur besser
kennen zu lernen.

(Dr. Valentine wirklich beunruhigt:) Oh, sagen Sie das nicht, Frau
Clandon!  Das glauben Sie doch nicht--nicht wahr, nein?

(Frau Clandon.) Ich habe grosses Vertrauen zu der gesunden Schule, die
Glorias Geist seit ihrer Kindheit durchgemacht hat.

(Dr. Valentine erstaunlich erleichtert:) Oh--oh! oh! dann ist's recht!
(Er setzt sich wieder und wirft seinen Hut uebermuetig beiseite, mit
der Miene eines Menschen, der nun nichts mehr zu fuerchten hat.)

(Frau Clandon empoert ueber seine Sicherheit:) Wie meinen Sie das?

(Dr. Valentine wendet sich ihr vertraulich zu:) Soll ich Sie auch
etwas lehren, Frau Clandon?

(Frau Clandon steif:) Ich bin immer gern bereit zu lernen.

(Dr. Valentine.) Haben Sie jemals das Thema Geschuetzkunst--Artillerie,
Kanonen, Kriegsschiffe und so weiter--studiert, Frau Clandon?

(Frau Clandon.) Hat die Geschuetzkunst irgendwas mit Gloria zu schaffen?

(Dr. Valentine.) Sehr viel!--Zur Erlaeuterung naemlich.--Waehrend dieses
ganzen Jahrhunderts war der Fortschritt der Artillerie ein Zweikampf
zwischen dem Fabrikanten von Kanonen und dem Fabrikanten von
kugelsichern Panzerplatten.  Man baut ein Schiff, das gegen die besten
Geschosse der bekannten Kanonen undurchdringlich ist--da erfindet
jemand ein besseres Geschoss und bringt das Schiff zum Sinken.  Sofort
baut man ein schwereres, gegen die Geschosse der neuen Kanone
undurchdringliches Schiff--da erfindet wieder jemand ein noch besseres
Geschoss und bringt das Schiff wieder zum Sinken.  Und so weiter.--Nun,
der Zweikampf der Geschlechter vollzieht sich auf dieselbe Weise.

(Frau Clandon.) Der Zweikampf der Geschlechter?...

(Dr. Valentine.) Ja.  Sie haben doch vom Zweikampf der Geschlechter
gehoert, nicht wahr?--Oh, daran habe ich nicht gedacht!  Sie sind lange
in Madeira gewesen, der Ausdruck ist nach Ihrer Zeit aufgekommen.
Brauche ich ihn zu erklaeren?

(Frau Clandon verachtungsvoll:) Nein.

(Dr. Valentine.) Natuerlich nicht.--Was geschieht denn nun in diesem
Geschlechterzweikampf?...  Die altmodische Mutter bekam eine
altmodische Erziehung, um gegen die Raenke des Mannes geruestet zu sein.
Gut.  Sie kennen das Resultat.  Der altmodische Mann hat sie
herumgekriegt.  Die altmodische Frau entschloss sich nun, ihre Tochter
wirksamer zu wappnen--irgendeine Waffe zu finden, gegen die der
altmodische Mann nicht aufkommen koennte.  Sie gab ihrer Tochter
deshalb eine wissenschaftliche Erziehung--Ihr System!  Diese neue
Ausruestung hat den altmodischen Mann mattgesetzt: er jammerte, das sei
nicht gerecht, unweiblich und weiss Gott was alles.  Aber das half ihm
nichts, und so musste er seinen altmodischen Angriffsplan aufgeben--Sie
wissen ja Bescheid--auf die Knie fallen und Liebe und Gehorsam
schwoeren--und so weiter.

(Frau Clandon.) Entschuldigen Sie: das hat das Weib geschworen.

(Dr. Valentine.) Wirklich?--Sie haben vielleicht recht--ja natuerlich,
es war das Weib!--Nun gut.  Was hat der Mann getan?  Genau dasselbe,
was der Kanonengiesser tat--er ging einen Schritt weiter als die Frau,
bildete sich wissenschaftlich und schlug sie auf dieser Linie genau
so, wie er sie auf der alten Linie geschlagen hatte.  Ich war
noch nicht dreiundzwanzig Jahre alt und hatte schon gelernt, die
frauenrechtlerische Frau herumzukriegen; es ist schon lange her, dass
man das herausgefunden hat.  Sie sehen, meine Methoden sind gruendlich
modern.

(Frau Clandon mit ruhigem Widerwillen:) Zweifellos.

(Dr. Valentine.) Aber gerade deswegen gibt es eine Maedchensorte, gegen
die diese Methode nutzlos ist.

(Frau Clandon.) Bitte, welche Sorte ist das?

(Dr. Valentine.) Das gruendlich altmodische Maedchen.  Wenn Sie Gloria
in der ehemals ueblichen Weise erzogen haetten, so wuerde ich achtzehn
Monate gebraucht haben, um so weit zu kommen, wie ich heute nachmittag
in achtzehn Minuten gekommen bin.--Ja, Frau Clandon: die
Frauenemanzipation hat Gloria in meine Haende geliefert, und Sie waren
es, die sie den Glauben an die Frauenemanzipation gelehrt hat.

(Frau Clandon erhebt sich:) Herr Doktor, Sie sind sehr gescheit.

(Dr. Valentine erhebt sich gleichfalls:) Oh, Frau Clandon!

(Frau Clandon.) Aber Sie haben mich nichts Neues gelehrt.  Adieu.

(Dr. Valentine erschrocken:) Adieu?!--Oh, darf ich sie nicht sehen,
bevor ich gehe?

(Frau Clandon.) Ich fuerchte, sie wird erst zurueckkommen, wenn Sie
gegangen sind, Herr Doktor.  Sie hat das Zimmer eigens verlassen, um
Ihnen auszuweichen.

(Dr. Valentine gedankenvoll:) Das ist ein gutes Zeichen.  Adieu.  (Er
verneigt sich und wendet sich offenbar sehr befriedigt zur Tuer.)

(Frau Clandon beunruhigt:) Warum halten Sie das fuer ein gutes Zeichen?

(Dr. Valentine dreht sich in der Naehe der Tuer um:) Weil ich eine
Todesangst vor ihr habe; und es scheint, dass sie eine Todesangst vor
mir hat.  (Er will nun gehen, steht aber an der Tuerschwelle ploetzlich
Gloria gegenueber, die eben eingetreten ist.  Sie sieht ihm standhaft
ins Auge.  Er starrt sie hilflos an, dann suchen seine Blicke Frau
Clandon, dann wieder Gloria; er ist vollkommen ausser Fassung.)

(Gloria bleich und sich nur muehsam beherrschend:) Mutter, ist es wahr,
was Dolly mir gesagt hat?

(Frau Clandon.) Was hat sie dir gesagt, mein Kind?

(Gloria.) Dass du mit diesem Herrn ueber meine Angelegenheiten
gesprochen hast?

(Dr. Valentine murmelnd:) Mit diesem Herrn--oh!

(Frau Clandon scharf:) Herr Doktor--koennen Sie einen Augenblick
schweigen?  (Er blickt sie klaeglich an, dann geht er mit einem
verzweifelten Achselzucken an die Ottomane zurueck und wirft seinen Hut
darauf.)

(Gloria betrachtet ihre Mutter vorwurfsvoll:) Mutter, was hattest du
fuer ein Recht dazu?

(Frau Clandon.) Ich glaube, ich habe nichts gesagt, wozu ich nicht ein
Recht gehabt haette, Gloria.

(Dr. Valentine bestaetigt das dienstfertig:) Nichts... nicht das
geringste.  (Gloria sieht ihn mit sprachloser Entruestung an.)
Verzeihen Sie.  (Er setzt sich beschaemt auf die Ottomane.)

(Gloria.) Ich glaube nicht, dass irgend jemand das Recht hat, ueber
Dinge auch nur nachzudenken, die mich allein angehen.  (Sie wendet
sich ab, einen schmerzlichen Kampf mit ihrer Erregung zu verbergen.)

(Frau Clandon.) Liebe Gloria, wenn ich deinen Stolz verletzt haben
sollte--

(Gloria wendet sieb um:) Mein Stolz--mein Stolz--oh, er ist fort!
Ich weiss jetzt, dass ich keine Kraft besitze, auf die ich stolz sein
koennte.  (Wendet sich wieder ab.) Aber eine Frau, die sich nicht
selbst zu beschuetzen weiss, die kann niemand beschuetzen.  Niemand ist
auch nur berechtigt, es zu versuchen... nicht einmal ihre Mutter!  Ich
weiss, dass ich dein Vertrauen verloren habe, genau so wie ich die
Achtung dieses Mannes verloren habe--(Sie haelt inne, um einen Seufzer
zu unterdruecken.)

(Dr. Valentine stoehnend:) Dieses Mannes--!  (Er murmelt wieder:) Oh!...

(Frau Clandon mit gedaempfter Stimme:) Bitte, schweigen Sie, Herr
Doktor.

(Gloria faehrt fort:)--aber ich bin wenigstens berechtigt, mit meiner
Schande allein zu bleiben.  Ich bin eins von jenen schwachen
Geschoepfen, die geboren sind, um von dem erstbesten Mann, der ein Auge
auf sie wirft, gemeistert zu werden, und ich muss mein Schicksal
erfuellen.  Erspare mir wenigstens die Demuetigung deiner
Rettungsversuche.  (Sie setzt sich, das Taschentuch an den Augen, an
das entferntere Ende des Tisches.)

(Dr. Valentine aufspringend:) Hoeren Sie mal--

(Frau Clandon.) Herr Dokt--

(Dr. Valentine unbekuemmert:) Nein!  Ich will sprechen!  Ich habe
nahezu dreissig Sekunden geschwiegen.  (Er geht zu Gloria hin:)
Fraeulein Clandon--

(Gloria bitter:) Oh--nicht Fraeulein Clandon--Sie wissen ja, dass man es
sich ganz gut gestatten darf, mich Gloria zu nennen.

(Dr. Valentine.) Nein, ich will das nicht.  Sie werden mir es nachher
vorwerfen und mich der Missachtung beschuldigen.  Es ist eine
herzzerreissende Luege, dass ich Sie nicht achte.  Es ist wahr, dass ich
Ihren frueheren Stolz nicht geachtet habe.  Warum sollte ich es auch?
Er war nichts als Feigheit.  Ich habe Ihren Verstand nicht
geachtet--davon besitze ich selbst etwas mehr; er ist eine maennliche
Spezialitaet.  Aber als Sie mich in meinen Tiefen aufgewuehlt hatten!
--als mein grosser Augenblick gekommen war!--als Sie mich tapfer
machten!--ah, da, da, da!

(Gloria.) Da achteten Sie mich, meinen Sie.

(Dr. Valentine.) Nein, das nicht:--da betete ich Sie an!  (Sie erhebt
sich rasch und wendet ihm den Ruecken zu.) Und diesen Augenblick werden
Sie mir niemals nehmen koennen.  So--nun ist mir einerlei, was
geschieht!  (Er geht auf und ab und stoesst einen frohen Ausruf aus, mit
dem er sich an niemand besonders wendet:) Ich weiss sehr gut, dass ich
Unsinn rede--aber ich kann nicht anders.  (Zu Frau Clandon:) Ich liebe
Gloria--und damit basta!

(Frau Clandon mit Nachdruck:) Herr Doktor, Sie sind ein sehr
gefaehrlicher Mensch.  Gloria, komm her.(Gloria wundert sich ein wenig
ueber diesen Befehl, gehorcht aber und bleibt mit gesenktem Kopf rechts
von ihrer Mutter stehen; Dr. Valentine steht auf der andern Seite.
Frau Clandon spricht nun mit nachdruecklichem Hohn:) Frage diesen Mann,
den du begeistert und tapfer gemacht hast, wie viele Frauen das vor
dir getan haben.  (Gloria sieht ploetzlich mit einem Aufflammen
eifersuechtigen Aergers und Staunens auf.) Wie oft er die Falle gestellt
hat, in die du ihm gegangen bist; wie oft er sie mit ganz denselben
Redensarten gekoedert hat; wieviel Uebung er als Duellant im Zweikampf
der Geschlechter hat, der seinen eigentlichen Lebensberuf ausmacht.

(Dr. Valentine.) Das ist nicht recht, Frau Clandon!  Sie. nuetzen mein
Vertrauen aus!

(Frau Clandon.) Frage ihn, Gloria!

(Gloria gebt in einem Wutausbruch mit geballten Faeusten auf ihn los:)
Ist das wahr?!

(Dr. Valentine.) Bitte, seien Sie nicht boese--

(Gloria unterbricht ihn; unerbittlich:) Ist das wahr?!  Haben Sie das
alles jemals schon gesagt?... haben Sie das alles jemals schon
empfunden?... fuer eine andere Frau?

(Dr. Valentine geradeheraus:) Ja.

(Gloria erbebt ihre geballten Haende.)

(Flau Clandon springt entsetzt an ihre Seite und haelt ihre erhobenen
Arme auf:) Gloria, liebes Kind--du vergisst dich!

(Gloria gibt mit einem tiefen Seufzer ihre drohende Stellung langsam
auf:)

(Dr. Valentine.) Bedenken Sie: eines Mannes Faehigkeit zur Liebe und
zur Bewunderung ist wie jede andere seiner Faehigkeiten: er muss sie oft
weggeworfen haben, bevor er wissen kann, was ihrer wirklich wert ist.

(Frau Clandon.) Das ist auch eine seiner eingelernten Redensarten.
Gloria, nimm dich in acht!

(Dr. Valentine sich verwahrend:) Oh!

(Gloria zu Frau Clandon, mit verachtungsvoller Selbstbeherrschung:)
Glaubst du, dass ich jetzt noch gewarnt zu werden brauche?  (Zu Dr.
Valentine:) Sie haben versucht, mich dahin zu bringen, Sie zu lieben!

(Dr. Valentine.) Jawohl.

(Gloria.) Nun, Sie haben damit nur erreicht, dass ich Sie
hasse--leidenschaftlich hasse!

(Dr. Valentine philosophisch:) Es ist ueberraschend, wie klein doch der
Unterschied zwischen Hass und Liebe ist.  (Gloria wendet sich entruestet
von ihm ab.  Er faehrt zu Frau Clandon gewendet fort:) Ich kenne Frauen,
die ihre Maenner lieben und sich dabei genau so gegen sie benehmen.

(Frau Clandon.) Entschuldigen Sie, Herr Doktor, aber waere es nicht
besser, Sie gingen?

(Gloria.) Meinetwegen brauchst du ihn nicht fortzuschicken!  Er ist
mir jetzt nichts mehr und er wird Phil und Dolly amuesieren.  (Sie
setzt sich mit geringschaetziger Gleichgueltigkeit an den Tisch, in die
Naehe des Fensters.)

(Dr. Valentine lustig:) So ist's recht!  Das ist die vernuenftige Art,
es aufzufassen.  Gehen Sie, Frau Clandon Sie koennen einem blossen
Schmetterling, wie ich es bin, nicht ernstlich boese sein.

(Frau Clandon.) Ich habe gar kein Vertrauen zu Ihnen, Herr Doktor;
aber ich will nicht annehmen, dass Ihre beklagenswert leichtsinnige
Veranlagung einzig schamlos und nichtswuerdig ist--

(Gloria fuer sich, aber laut:) Ja, schamlos und nichtswuerdig!

(Frau Clandon.)--Deshalb ist es vielleicht besser, wenn wir Phil und
Dolly rufen lassen und Ihnen gestatten, Ihren Besuch auf die uebliche
Weise zu beenden.

(Dr. Valentine, als wenn sie ihm das groesste Kompliment gemacht haette:)
Sie sind zu liebenswuerdig, Frau Clandon--ich danke Ihnen!

(Der Kellner tritt ein:) Herr McComas, gnaedige Frau.

(Frau Clandon.) O gewiss! ich lasse bitten.

(Der Kellner.) Er laesst fragen, ob er Sie nicht im Lesezimmer sprechen
duerfte, gnaedige Frau.

(Frau Clandon.) Warum nicht hier?

(Der Kellner.) Nun, wenn ich es sagen darf, gnaedige Frau: ich glaube,
Herr McComas fuehlt, er haette leichteres Spiel, wenn er mit Ihnen in
Abwesenheit der juengeren Mitglieder Ihrer Familie sprechen koennte,
gnaedige Frau.

(Frau Clandon.) Sagen Sie ihm, dass die Kinder nicht hier sind.

(Der Kellner.) Sie behalten die Tuer im Auge, gnaedige Frau, und passen
scharf auf aus irgendeinem Grunde.

(Frau Clandon geht:) Nun gut, so will ich zu ihm gehen.

(Der Kellner haelt ihr die Tuer auf:) Ich danke, gnaedige Frau.  (Sie
geht hinaus.  Er kommt ins Zimmer zurueck und begegnet dem Auge Dr.
Valentines, der wuenscht, dass er sich entferne.) Sofort, Herr
Doktor--nur das Teegeschirr.  (Er nimmt das Teebrett:) Entschuldigen
Sie, Herr Doktor--ich danke sehr.  (Er gebt hinaus.)

(Dr. Valentine zu Gloria:) Hoeren Sie!  Frueher oder spaeter werden Sie
mir verzeihen... verzeihen Sie mir gleich.

(Gloria erbebt sich, um ihre Erklaerung an ihn intensiver zu machen:)
Niemals! so lange Gras waechst und Wasser fliesst--nie--nie--nie!

(Dr. Valentine unerschrocken:) Auch gut.  Mich kann nichts ungluecklich
machen--ich werde nie wieder ungluecklich sein, nie, nie, nie, so lange
Gras waechst und Wasser fliesst!!  Der Gedanke an Sie wird mich immer
mit jauchzender Freude erfuellen.  (Ein hoehnisches Wort ist auf ihren
Lippen.  Er unterbricht sie rasch:) Nein, das habe ich noch zu keiner
gesagt...  Das ist das erstemal!

(Gloria.) Wenn Sie es der naechsten Frau sagen, wird es nicht zum
ersten Male sein!

(Dr. Valentine.) O nicht, Gloria, nicht!  (Er kniet vor ihr nieder.)

(Gloria.) Stehen Sie auf--stehen Sie auf!  Wie koennen Sie es wagen?

(Philip und Dolly stuerzen, wie gewohnlich um die Wette laufend, ins
Zimmer.  Sie prallen zurueck, als sie sehen, was vorgeht.  Dr.
Valentine springt auf.)

(Philip diskret:) O entschuldigen Sie.--Komm, Dolly.  (Er wendet sich
um und will geben.)

(Gloria geaergert:) Die Mutter wird gleich wieder da sein, Phil.
(Streng:) Bitte, wartet hier auf sie.  (Sie geht an das Fenster und
sieht, mit dem Ruecken gegen die andern, hinaus.)

(Philip bedeutungsvoll:) O wirklich--hm hm...

(Dolly.) Aha!

(Philip.) Sie scheinen sehr gut aufgelegt zu sein, Doktor?

(Dr. Valentine.) Das bin ich auch.  (Er tritt zwischen sie:) Nun so
hoeren Sie: Sie beide wissen doch, was hier vorgefallen ist, nicht
wahr?  (Gloria wendet sich rasch um, als ahnte sie eine neue
Beleidigung.)

(Dolly.) Alles.

(Dr. Valentine.) Nun, es ist alles vorbei.  Ich wurde
abgewiesen--verachtet.  Ich werde hier nur noch geduldet.  Sie
verstehen doch?... es ist alles vorbei.  Ihre Schwester will von
meinen Huldigungen absolut nichts wissen, sie will nicht einmal
geruhen, auch nur das kleinste Interesse fuer mich zu haben.  (Gloria
ist zufrieden und wendet sich verachtungsvoll wieder zum Fenster.) Ist
das klar?

(Dolly.) Es geschieht Ihnen recht--Sie haben es gar zu eilig gehabt.

(Philip ihm auf die Schultern klopfend:) Machen Sie sich nichts
daraus--nicht einmal Ihre Seele waere Ihr Eigentum geblieben, wenn
Gloria Sie geheiratet haette.  Sie koennen jetzt ein neues Kapitel Ihres
Lebens beginnen.

(Dolly.) Kapitel siebzehn ungefaehr, nicht wahr?

(Dr. Valentine durch diesen Scherz aus dem Text gebracht:) Nein--sagen
Sie nicht solche Sachen!  Gerade gedankenlose Bemerkungen dieser Art
richten das groesste Unglueck an.

(Dolly.) O wirklich?  Hm hm!

(Philip.) Aha!  (Er geht an den Kamin und pflanzt sich dort in seiner
gesuchtesten Stellung als Haupt der Familie auf.)

(McComas, der sehr ernst aussieht, tritt rasch mit Frau Clandon ein,
deren erste Sorge Gloria ist.  Sie blickt suchend umher und ist im
Begriff, zu ihr ans Fenster zu eilen, da kommt ihr Gloria mit
deutlichen Zeichen des Vertrauens und der Liebe entgegen.  Endlich
setzt sich Frau Clandon, Gloria stellt sich hinter ihren Stuhl.
McComas wird auf seinem Wege nach der Ottomane von Dolly angerufen.)

(Dolly.) Nun, was bringen Sie Gutes...  Finch?

(McComas duester:) Sehr ernste Nachrichten von Ihrem

Vater.  Fraeulein Clandon,--sehr ernste Nachrichten.  (Er gebt zur
Ottomane und setzt sich.)

(Dolly, auf die das tiefen Eindruck macht, folgt ihm und setzt sich
rechts neben ihn.)

(Dr. Valentine.) Vielleicht ist es besser, wenn ich gehe.

(Mc Contas.) Um keinen Preis, Herr Doktor!  Sie geht die Sache sehr an.
(Dr. Valentine nimmt einen Stuhl vom Tisch fort und setzt sich
rittlings, ueber den Ruecken gelehnt, in die Naehe der Ottomane.) Frau
Clandon, Ihr Mann beansprucht die Aufsicht ueber seine zwei juengeren
Kinder, die nicht majorenn sind, fuer sich.

(Frau Clandon erschrickt und blickt sich instinktiv sofort nach Dolly
um, um zu sehen, ob sie in Sicherheit ist.)

(Dolly ergriffen:) Oh, wie nett von ihm!  Er hat uns lieb, Mama!

(McComas.) Es tut mir leid, Sie darueber eines Besseren belehren zu
muessen, Fraeulein Dorothea.

(Dolly in Ekstase; girrend:) Dorothee-ee-ee-a!  (Lehnt sich ganz
ueberwaeltigt an seine Brust:) O Finch!

(McComas nervoes wegrueckend:) Nein! nein--nein! nein!

(Frau Clandon zurechtweisend:) Liebste Dolly!  (Zu Mc Comas:) Laut
unserer Trennungsurkunde faellt mir die Aufsicht ueber die Kinder zu.

(McComas.) Sie enthaelt auch die Verpflichtung, dass Sie sich ihm weder
naehern noch ihn in irgendeiner Weise belaestigen duerfen.

(Frau Clandon.) Nun, habe ich das etwa getan?

(McComas.) Ob das Benehmen Ihrer juengeren Kinder dem Gesetze nach eine
Belaestigung ist, das ist eine Frage, die vielleicht ein Advokat
entscheiden muesste.  Jedenfalls beklagt sich Herr McNaughtan, nicht nur
belaestigt worden zu sein, sondern er behauptet auch, dass er planmaessig
hergelockt wurde und dass Herr Dr. Valentine dabei als Ihr Vertreter
die Hand im Spiel gehabt hat.

(Dr. Valentine.) Was?... wie??...

(McComas.) Er behauptet, dass Sie ihn betaeubt haben, Herr Doktor.

(Dr. Valentine.) Das habe ich allerdings getan.  (Sie sind erstaunt.)

(McComas.) Aber zu welchem Zweck?

(Dolly.) Um fuenf Schillinge extra zu verdienen!

(McComas zu Dolly kurz angebunden:) Ich muss Sie wirklich bitten,
Fraeulein Clandon, unsere sehr ernste Unterredung nicht durch
ungehoerige Unterbrechungen zu stoeren.  (Heftig:) Ich bestehe darauf,
dass ernste Angelegenheiten ernst und wuerdig besprochen werden!
(Diesem Ausbruch folgt eine um Entschuldigung bittende Stille, die
selbst Herrn McComas aus dem Text bringt.  Er hustet und beginnt von
neuem, sich an Gloria wendend:) Fraeulein Clandon: ich habe ferner die
Pflicht, Ihnen zu sagen, dass Ihr Vater auch die Ueberzeugung gewonnen
hat, dass Dr. Valentine Sie zu heiraten wuenscht.

(Dr. Valentine geschickt unterbrechend:) Ja, das wuensche ich auch.

(McComas beleidigt:) Dann duerfen Sie nicht erstaunt sein, Herr Doktor,
wenn der Vater der jungen Dame Sie fuer einen Mitgiftjaeger haelt.

(Dr. Valentine.) Das bin ich auch!  Glauben Sie, dass eine Frau von
meinen Einkuenften leben kann?  Einen Schilling pro Woche?

(McComas empoert:) Ich habe nichts mehr hinzuzufuegen, Herr Doktor.  Ich
werde zu Herrn McNaughtan zurueckkehren und ihm sagen, dass diese
Familie kein Ort fuer einen Vater ist.  (Er gebt zur Tuer.)

(Frau Clandon mit ruhiger Wuerde:) Finch!  (Er bleibt stehen:) Wenn der
Herr Doktor nicht ernst sein kann--Sie koennen es.  Setzen Sie sich.
(Nach einem kurzen Kampf zwischen seiner Wuerde und seiner Freundschaft
unterliegt McComas und setzt sich, diesmal zwischen Dolly und Frau
Clandon.) Sie wissen so gut wie ich, dass all dies eine Komoedie ist und
dass Fergus diese Dinge ebensowenig glaubt wie Sie.  Geben Sie mir
jetzt einen wirklichen Rat--Ihren aufrichtigen freundschaftlichen Rat.
Sie wissen, ich habe Ihrem Urteil immer vertraut.  Ich verspreche
Ihnen, dass die Kinder sich ruhig verhalten werden.

(McComas fuegt sich:) Nun, nun.--Was ich sagen moechte, ist dies.  Nach
der alten Uebereinkunft zwischen Ihnen und ihm, Frau Clandon, war Ihr
Mann furchtbar benachteiligt.

(Frau Clandon.) Wieso, wenn ich bitten darf?

(McComas.) Nun Sie, eine emanzipierte Frau, waren gewoehnt, die
oeffentliche Meinung zu verachten und auf das, was die Welt ueber Sie
sagen koennte, keinerlei Ruecksicht zu nehmen.

(Frau Clandon stolz darauf:) Ja, das ist richtig!  (Gloria beugt sich
vor und kuesst ihre Mutter auf die Haare--eine Zustimmung, die sie
aeusserst verwirrt.)

(McComas.) Andererseits hatte Ihr Mann, Frau Clandon, einen grossen
Abscheu vor allem, was ihn in die Zeitungen bringen konnte.  Er musste
Ruecksicht auf sein Geschaeft sowohl wie auf die Vorurteile seiner
altmodischen Familie nehmen.

(Frau Clandon.) Seine eigenen Vorurteile nicht zu erwaehnen.

(McComas.) Er hat sich ja ohne Zweifel schlecht benommen, Frau Clandon.

(Frau Clandon verachtungwoll:) Zweifellos.

(McComas.) War es aber ausschliesslich seine Schuld?

(Frau Clandon.) War es die meine?

(McComas rasch:) Nein, selbstverstaendlich nicht.

(Gloria ihn aufmerksam betrachtend:) Das glauben Sie nicht wirklich,
Herr McComas.

(McComas.) Mein liebes Fraeulein, Sie setzen mir sehr scharf zu, aber
ich will Ihnen nur so viel sagen: Wenn ein Mann eine unpassende Ehe
eingeht--dafuer kann niemand, wie Sie wissen, das ist oft nur zufaellige
Unvereinbarkeit der Geschmacksrichtungen--wenn er durch dieses Unglueck
der haeuslichen Liebe beraubt wird, die--wie ich glaube--der Grund ist,
warum ein Mann heiratet,--wenn, kurz gesagt, seine Frau schlimmer ist
als gar keine Frau--woran sie natuerlich unschuldig sein kann--ist es
da gar so erstaunlich, dass er die Dinge zuerst verschlimmert, indem er
ihr Vorwuerfe macht und dann in seiner Verzweiflung sogar gelegentlich
zu viel trinkt oder anderweitig Sympathie sucht?

(Frau Clandon.) Ich habe ihm keine Vorwuerfe gemacht, ich habe einfach
mich und die Kinder von ihm befreit.

(McComas.) Ja.  Aber Sie haben harte Bedingungen gestellt, Frau
Clandon.  Sie hatten ihn in Ihrer Gewalt--Sie haben ihn in die Knie
gedrueckt, als Sie damit drohten, die Sache zu veroeffentlichen, indem
Sie die Gerichte um eine gesetzliche Scheidung anriefen.  Nehmen Sie
an, er haette diese Macht ueber Sie gehabt und dazu benuetzt, Ihre Kinder
von Ihnen fortzunehmen und sie so zu erziehen, dass Sie bis auf Ihren
Namen vergessen waeren... was wuerden Sie dabei fuehlen?...  Was wuerden
Sie tun?...  Wollen Sie nicht auch seinen Gefuehlen etwas Nachsicht
zeigen--? aus reiner Menschlichkeit?

(Frau Clandon.) Ich habe nie Gefuehle bei ihm entdeckt.  Ich habe sein
heftiges Temperament entdeckt und seine--(sie schaudert:) alles uebrige
seiner gewoehnlichen Menschlichkeit.

(McComas gedankenvoll:) Frauen koennen sehr hart sein, Frau Clandon.

(Dr. Valentine.) Das ist wahr!

(Gloria zornig:) Schweigen Sie!  (Er fuegt sich.)

(McComas nimmt seine ganze Kraft zusammen:) Lassen Sie mich eine
letzte Bitte aussprechen, Frau Clandon.  Glauben Sie mir, es gibt
Maenner, die sehr viel Gefuehl, ja Guete haben, die aber unfaehig sind,
sie auszudruecken.  Was Sie an McNaughtan vermissen, ist jener bloss
aeussere Anstrich von Zivilisation, die Kunst, wertlose Aufmerksamkeiten
zu erweisen und auf reizende liebenswuerdige Art unaufrichtige
Komplimente zu machen.  Wenn Sie in London lebten, wo die ganze
Gesellschaftsordnung auf falscher Kameradschaftlichkeit aufgebaut ist
und Sie mit einem Menschen zwanzig Jahre zusammen sein koennen, ohne
herausgefunden zu haben, dass er Sie hasst wie Gift, dann wuerden Ihnen
die Augen bald aufgehen.  Dort tut man unfreundliche Dinge auf
freundliche Art; man sagt Bitterkeiten mit suesser Stimme; man gibt
seinen Freunden immer Chloroform, wenn man sie in Stuecke reisst.  Aber
denken Sie an die Kehrseite der Medaille!  Denken Sie an die Leute,
die auf unfreundliche Weise Gutes tun--an Leute, deren Beruehrung
schmerzt, deren Stimme schneidet, deren Temperament zuweilen mit ihnen
durchgeht--die es fertig bringen, Menschen, die sie lieben, zu
verletzen und zu quaelen, selbst dann noch, wenn sie sie versoehnen
wollen--und die trotzdem ebensoviel Liebe brauchen wie wir andern...
McNaughtan hat ein entsetzliches Temperament, ich gebe es zu; er hat
keine Manieren, keinen Takt, keine Anmut--er wird nie imstande sein,
irgend jemandes Neigung zu gewinnen, wenn dieser nicht seine Sehnsucht
danach auf Treu und Glauben hinnimmt.  Soll er gar keine Liebe haben,
nicht einmal Mitleid?... auch nicht von seinem eigenen Fleisch und
Blut?

(Dolly ganz geruehrt:) Oh, wie wundervoll, Finch!... wie lieb von Ihnen!

(Philip mit Ueberzeugung:) Finch, das nenne ich
Beredsamkeit--wahrhaftig Beredsamkeit!

(Dolly.) O Mama, geben wir ihm noch eine Chance!  Behalten wir ihn zum
Essen!

(Frau Clandon unbewegt:) Nein, Dolly: ich habe kaum etwas vom Lunch
gehabt.--Mein lieber Finch, es ist ganz zwecklos, mit mir ueber Fergus
zu sprechen.  Sie sind nicht mit ihm verheiratet gewesen--aber ich.

(McComas zu Gloria:) Fraeulein Clandon, ich habe bis jetzt davon
abgesehen, mich an Sie zu wenden, weil Sie sogar noch unbarmherziger
als Ihre Mutter gewesen sind, wenn das wahr ist, was mir McNaughtan
gesagt hat.

(Gloria trotzig:) Sie wenden sich von der Staerke der Mutter an die
Schwaeche der Tochter!

(McComas.) Nicht an Ihre Schwaeche, Fraeulein Clandon--ich wende mich
vom Verstande der Mutter an das Herz der Tochter.

(Gloria.) Ich habe gelernt, meinem Herzen zu misstrauen.  (Mit einem
zornigen Blick auf Dr. Valentine:) Wenn ich koennte, ich wuerde mir das
Herz aus dem Leibe reissen und es fortwerfen.  Meine Antwort ist die
Antwort meiner Mutter!  (Sie tritt zu Frau Clandon und umarmt sie.
Aber Frau Clandon, unfaebig, diese Art zur Schau gestellter Neigung zu
ertragen, befreit sich, so rasch sie, ohne Glorias Gefuehle zu
verletzen, nur kann.)

(McComas besiegt:) Nun, das tut mir leid--sehr leid.  Ich habe mein
Moeglichstes getan.  (Er erbebt sich und ist im Begriff, in tiefster
Unzufriedenheit fortzugehen.)

(Frau Clandon.) Aber was haben Sie denn erwartet, Finch?  Was
verlangen Sie?...  Was sollen wir tun?

(McComas.) Vor allem sollten Sie beide, Sie und McNaughtan, das
Gutachten eines Advokaten einholen, um zu erfahren, inwieweit
McNaughtan durch die Trennungsurkunde gebunden ist.  Warum nun nicht
dieses Gutachten gelegentlich einer freundschaftlichen (ihr Gesicht
wird hart)--oder sagen wir neutralen--Zusammenkunft mit McNaughtan
einholen, und zwar am besten sofort?  Der Einfachheit und
Bequemlichkeit halber schlage ich dieses Hotel vor...  Gleich heute
abend--was meinen Sie dazu?

(Frau Clandon.) Aber woher sollen wir dieses Gutachten so schnell
bekommen?

(McComas.) Es ist beinahe aus den Wolken auf uns herabgefallen.  Auf
meinem Rueckwege von McNaughtan hierher begegnete ich einem
hervorragenden Rechtsanwalt, einem Manne, dem ich eine Sache vor
Gericht anvertraut habe, die ihn zuerst beruehmt gemacht hat.  Er
bleibt von Samstag bis Montag hier, um Seeluft zu atmen und einen
Verwandten, der hier wohnt, zu besuchen.  Er war so freundlich, mir
sein Erscheinen fuer den Fall zuzusagen, dass es mir gelaenge, eine
Zusammenkunft der Parteien zustande zu bringen.  Er wird uns mit
seinem gewiegten Rat zur Seite stehen.--Lassen Sie uns doch diese
Gelegenheit zu einer ruhigen, freundlichen Familienzusammenkunft
benuetzen; gestatten Sie mir, meinen Freund herzubringen, und ich will
versuchen, auch McNaughtan zum Kommen zu bewegen.  Bitte, stimmen Sie
zu!  Einverstanden?

(Frau Clandon nach einem Augenblick der Ueberlegung, bedeutungsvoll:)
Finch! ich brauche kein Rechtsgutachten, weil ich die Absicht habe,
mich von meinem eigenen Gutachten leiten zu lassen.  Ich wuensche nicht,
Fergus wieder zu begegnen, weil ich ihn nicht mag und weil ich nicht
glaube, dass eine Zusammenkunft irgendwie nuetzen koennte.  (Sie erhebt
sich:) Aber da Sie die Kinder ueberzeugt haben, dass er nicht ganz
hoffnungslos ist, tun Sie, was Ihnen beliebt.

(McComas nimmt ihre Hand und schuettelt sie:) Ich danke Ihnen, Frau
Clandon.--Passt Ihnen neun Uhr?

(Frau Clandon.) Vollkommen.--Phil, klingle, bitte.

(Philip klingelt.) Wenn ich aber angeklagt werden soll, mich mit Herrn
Dr. Valentine verschworen zu haben, dann wuerde es, glaube ich, besser
sein, er waere zugegen.

(Dr. Valentine sich erhebend:) Ich bin ganz Ihrer Ansicht.  Ich halte
meine Anwesenheit fuer aeusserst wichtig.

(McComas.) Ich glaube, dagegen ist nichts einzuwenden.  Ich hege die
groessten Hoffnungen auf eine glueckliche Loesung.  Inzwischen leben Sie
wohl.  (Er gebt hinaus und begegnet dem Kellner, der die Tuer fuer ihn
offen haelt.)

(Frau Clandon.) Wir erwarten um neun Uhr Besuch, William.  Koennten wir
nicht schon um sieben Uhr statt um halb acht dinieren?

(Der Kellner an der Tuer:) Um sieben, gnaedige Frau?  Gewiss, gnaedige
Frau.  Es wird sogar eine Erleichterung fuer uns sein heut abend, wo so
viel zu tun ist.  Wir haben Konzert, und die Illumination ist zu
arrangieren und sonst noch allerlei, gnaedige Frau.

(Dolly.) Illumination!

(Philip.) Konzert!--William: was ist denn los?

(Der Kellner.) Heute ist Maskenball, gnaediges Fraeulein.

(Dolly und Philip stuerzen gleichzeitig auf ihn zu:) Maskenball?!

(Der Kellner.) Jawohl, junger Herr.  Der Regatta-Klub gibt das Fest
zum Besten des Rettungsbootes.  (Zu Frau Clandon:) Wir haben oft
solche Abende, gnaedige Frau; Lampions im Garten, sehr huebsch, sehr
lustig und harmlos--wirklich!  (Zu Philip:) Eintrittskarten zu fuenf
Schilling bekommt man unten im Bureau, junger Herr.  Damen in
Herrenbegleitung zahlen die Haelfte.

(Philip erfasst seinen Arm, um ihn fortzuziehen:) Fort ins Bureau,
William!

(Dolly ergreift atemlos seinen andern Arm:) Schnell, bevor alle Karten
weg sind!  (Sie zerren ihn mit sich weg aus dem Zimmer.)

(Frau Clandon.) Um des Himmels willen, was haben sie vor?  (Abgehnd:)
Ich muss wirklich nachsehen und sie zurueckrufen.  (Sie folgt ihnen und
spricht im Abgeben weiter.)

(Gloria starrt Dr. Valentine kuehl an und sieht dann bedaechtig auf ihre
Taschenuhr.)

(Dr. Valentine.) Ich begreife, ich bin schon zu lange dageblieben.
Ich gehe.

(Gloria mit berablassender Foermlichkeit:) Ich muss mich bei Ihnen
entschuldigen.  Ich bin mir bewusst, etwas scharf... vielleicht grob
gegen Sie gewesen zu sein.

(Dr. Valentine.) Durchaus nicht.

(Gloria.) Meine einzige Entschuldigung ist, dass es sehr schwer faellt,
jemandem Respekt und Achtung zu bezeugen, dessen wuerdeloser Charakter
weder Respekt noch Achtung fordert.

(Dr. Valentine prosaisch:) Wie kann ein Mann wuerdevoll auftreten, wenn
er verliebt ist?

(Gloria durch Valentines Redensart von ihrem bochtrabenden Stil
abgebracht:) Ich verbiete Ihnen, mir solche Dinge zu sagen.  Es sind
Beleidigungen.

(Dr. Valentine.) Nein--es sind Torheiten.  Aber ich kann nichts dafuer,
ich muss sie begehen.

(Gloria.) Wenn Sie wirklich verliebt waeren, wuerden Sie nicht toericht
sein.  Liebe verleiht Wuerde, Ernst, ja sogar Schoenheit.

(Dr. Valentine.) Glauben Sie wirklich, dass ich davon schoen werden
wuerde?  (Sie wendet ihm mit kaeltester Verachtung den Ruecken.) Ah, Sie
sehen, dass Sie es nicht ernstlich meinen!  Die Liebe kann dem Manne
keine neuen Gaben schenken; sie kann nur die Gaben, mit denen er
geboren wurde, entwickeln und erhoehen.

(Gloria geht wieder zu ihm hin:) Mit welchen Gaben sind Sie geboren,
wenn ich bitten darf?

(Dr. Valentine.) Mit Leichtigkeit des Herzens.

(Gloria.) Und Leichtigkeit des Verstandes--und Leichtigkeit des
Glaubens und Leichtigkeit alles dessen, was einen ganzen Mann ausmacht.

(Dr. Valentine.) Ja, die ganze Welt gleicht jetzt einer Feder, die im
Lichte tanzt--und Gloria ist die Sonne.  (Sie erbebt aergerlich den
Kopf.) Entschuldigen Sie--ich gehe.  Um neun bin ich wieder da.  Adieu.
(Er laeuft lustig hinaus und laesst sie in der Mitte des Zimmers zurueck.
Sie starrt ihm nach.)

(Vorhang)




VIERTER AKT

(Das gleiche Zimmer.  Neun Uhr.  Niemand ist da.  Die Lampen sind
angezuendet, aber die Vorhaenge sind nicht zugezogen.  Das Fenster steht
weit offen, und die Girlanden der Lampions leuchten an den Zweigen der
Baeume, darueber ein sternbesaeter Himmel.  Das Orchester im Garten
spielt Tanzmusik, die die Meeresbrandung uebertoent.)

(Der Kellner tritt ein und fuehrt McNaughtan und McComas in das Zimmer.
McNaughtan sieht aengstlich und gedrueckt aus.  Er setzt sich muede und
mutlos auf die Ottomane.)


(Der Kellner.) Die Damen sind in den Garten gegangen und sehen sich
die Masken an.  Wenn Sie einstweilen guetigst Platz nehmen wollten--ich
werde sie rufen.  (Er ist im Begriff, durch die Fenstertuer in den
Garten zu gehen, als ihn McComas aufhaelt.)

(McComas.) Halt, einen Augenblick.--Wenn noch ein Herr kommt, fuehren
Sie ihn unverzueglich herein.  Wir warten auf ihn.

(Der Kellner.) Zu Befehl.  Darf ich um seinen Namen bitten?

(McComas.) Er heisst Boon.  Frau Clandon kennt ihn nicht, er wird Ihnen
also vielleicht seine Karte geben.  Wenn er es tut, so vergessen Sie
nicht, dass sein Name B. O. H. U. N.[*] geschrieben wird.

[Footnote *: Der Name Bohun wird Boon (spr.  Bun) ausgesprochen.  Es
ist ein hocharistokratischer Name, der auf die Abstammung von den
normannischen Eroberern hinweist, die im Jahre 1066 nach England
gekommen sind.  Der Name Boon ist alltaeglicher.  McComas sagt dem
Kellner, dass er einen Herrn Bohun erwartet.  Da faellt ihm ein, dass der
Herr dem Kellner wahrscheinlich seine Karte fuer Frau Clandon geben
wird, und da er annimmt, dass William nicht wissen duerfte, dass der Name
Bohun auf der Karte "Boon" bedeutet, so macht er ihn aufmerksam, wie
der Name buchstabiert wird.  (Anm. des Uebers.)]

(Der Kellner laechelnd:) Da koennen Sie sich vollkommen auf mich
verlassen, gnaediger Herr.  Ich heisse selbst Boon, obgleich ich hier
fast nur unter dem Namen Balmy Walters bekannt bin.  Eigentlich sollte
ich auch ein H. U. einfuegen; aber es ist besser, wenn ich mir diese
Freiheit nicht herausnehme.  Meine Name wuerde dann auf Normannenblut
hindeuten, gnaediger Herr--und Normannenblut ist keine Empfehlung fuer
einen Kellner.

(McComas.) Gut, gut.  "Treue Herzen sind mehr wert als Adelskronen,
und schlichte Ehrlichkeit mehr als Normannenblut."[*]

(Der Kellner.) Das haengt zum grossen Teil von der Stellung ab, die man
im Leben einnimmt.  Wenn Sie Kellner waeren, wuerden Sie bald finden,
dass Ehrlichkeit und Treue Ihnen ebensowenig helfen koennen wie
Normannenblut.  Ich finde es am zweckmaessigsten, wenn ich meinen Namen
B. OO. N. schreibe und meinen Verstand moeglichst zusammennehme.--Aber
ich halte Sie auf; verzeihen Sie mir--Ihre Leutseligkeit ist selbst
schuld daran.  Ich werde den Damen sagen, dass Sie hier sind, gnaediger
Herr.  (Er geht durch die Fenstertuer in des Garten hinaus.)

(McComas.) McNaughtan, ich kann mich auf Sie verlassen, nicht wahr?

(McNaughtan.) Ja, ja; ich werde ruhig bleiben; ich werde geduldig sein;
ich werde mein Moeglichstes tun.

(McComas.) Bedenken Sie, ich habe Sie nicht preisgegeben.  Ich habe
Ihrer Familie gesagt, dass sie ganz allein Schuld an allem truege.

(McNaughtan.) Mir haben Sie gesagt, dass ich einzig und allein der
Schuldige waere.

(McComas.) Ihnen habe ich die Wahrheit gesagt.

(McNaughtan klagend:) Wenn die Kinder nur gerecht gegen mich sein
werden!

(McComas.) Mein lieber McNaughtan, sie werden nicht gerecht gegen Sie
sein--in ihrem Alter ist das von ihnen gar nicht zu verlangen.  Wenn
Sie fortfahren, solche unmoegliche Bedingungen zu stellen, dann koennen
wir nur ebensogut gleich wieder nach Hause gehen.

(McNaughtan.) Aber ich habe doch sicher das Recht--

[Footnote *: Ein Zitat aus Tennysons "Lady Clara Vere de Vere."]

(McComas ungeduldig:) Sie werden Ihr Recht nicht durchsetzen.--Jetzt
frage ich Sie aber ein fuer allemal, McNaughtan: sollte Ihr Versprechen,
sich gut zu benehmen, nur bedeuten, dass Sie nicht ohne Anlass
aufbrausen wuerden?  In diesem Falle...  (Er bewegt sich, als ob er
geben wolle.)

(McNaughtan jaemmerlich:) Nein nein, lassen Sie mich doch!  Ich bin
genug herumgestossen und gequaelt worden--ich verspreche Ihnen, mein
Moeglichstes zu tun.  Aber wenn dieses Maedchen sich wieder erlauben
wird, mit mir so zu sprechen und mich so anzusehen--(Er bricht ab und
vergraebt den Kopf in die Haende.)

(McComas beschwichtigend:) Na na, es wird schon alles gut werden, wenn
Sie nur dulden und sich gedulden wollen.  Nehmen Sie sich zusammen, es
kommt jemand.

(McNaughtan ist zu sehr entmutigt und niedergeschlagen, sich viel
daraus zu machen, er veraendert seine Stellung kaum.)

(Gloria kommt aus dem Garten.  McComas geht ihr bis an die Fenstertuer
entgegen, so dass er zu ihr sprechen kann, ohne von McNaughtan gehoert
zu werden.)

(McComas.) Hier ist Ihr Vater, Fraeulein Clandon.  Seien Sie gut zu ihm.
Ich will Sie einen Augenblick mit ihm allein lassen.  (Er geht in
den Garten.)

(Gloria tritt ein und geht kuehl bis in die Mitte des Zimmers.)

(McNaughtan blickt sich betroffen um:) Wo ist McComas?

(Gloria gleichgueltig, aber nicht unliebenswuerdig:) Hinausgegangen, um
uns allein zu lassen.  Wahrscheinlich aus Zartgefuehl.  (Sie bleibt
neben ihm stehen und siebt ihn sonderbar an:) Nun, Vater?

(McNaughtan eine Art Galgenhumor durchbricht seine Hilflosigkeit:) Nun,
Tochter?  (Sie betrachten einander einen Augenblick mit
melancholischem Humor.

(Gloria.) Reichen wir uns die Haende.  (Sie reichen einander die Haende.)

(McNaughtan ihre Hand haltend:) Mein liebes Kind, ich habe mich heute
nachmittag leider zu sehr ungehoerigen Worten ueber deine Mutter
hinreissen lassen.

(Gloria.) O bitte, entschuldigen Sie sich nicht.  Ich bin heute selbst
sehr hochmuetig und eingebildet gewesen; ich bin seitdem zur Vernunft
gekommen--o ja, ich bin zur Vernunft gebracht worden!  (Sie setzt sich
neben seinen Stuhl auf den Boden.)

(McNaughtan.) Was ist dir zugestossen, mein Kind?

(Gloria.) O sprechen wir nicht davon!  Ich habe mich als die Tochter
meiner Mutter aufgespielt, aber das bin ich nicht.  Ich bin die
Tochter meines Vaters.  (Sieht ihn an; scherzend:) Das ist ein tiefer
Sturz--nicht wahr?

(McNaughtan aergerlich:) Was!  (Sie behaelt ihren wunderlichen Ausdruck
bei.  Er streckt die Waffen:) Nun ja, liebes Kind, ich nehme an, dass
du recht hast... es wird wohl so sein.  (Sie nickt liebenswuerdig.) Ich
fuerchte, ich bin manchmal etwas reizbar, aber ich weiss immer, was
recht und billig ist, selbst wenn ich nicht danach handle...  Kannst
du das glauben?

(Gloria.) Das glauben?...  Das ist doch ganz mein Fall--auf ein Haar!
Ich weiss auch stets, was recht ist und meiner wuerdig und stark und
edel--genau so gut, wie sie es weiss.  Aber, ach! ich tue Dinge... und
ich gestatte anderen Leuten, Dinge zu tun--!

(McNaughtan etwas muerrisch, gegen seinen Willen:) "So gut, wie sie es
weiss"... du meinst deine Mutter!...

(Gloria rasch:) Ja, meine Mutter.  (Sie wendet sich auf den Knien zu
ihm hin und ergreift seine Haende.) Nun hoeren Sie mich an: keinen
Verrat an ihr--kein Wort--keinen Gedanken gegen sie!  Sie steht ueber
uns--ueber Ihnen und mir--himmelhoch ueber uns!--Sind Sie damit
einverstanden?

(McNaughtan.) Ja ja, ganz wie du willst, mein liebes Kind.

(Gloria ist nicht befriedigt, laesst seine Haende los und zieht sich von
ihm zurueck:) Sie moegen sie nicht?

(McNaughtan.) Mein Kind, du bist nicht mit ihr verheiratet
gewesen--aber ich!  (Sie steht langsam auf und betrachtet ihn mit
wachsender Kaelte.) Sie hat mir ein grosses Unrecht zugefuegt, indem sie
mich heiratete, ohne mich wirklich zu lieben.--Aber nachher war alles
Unrecht auf meiner Seite, das glaube ich selbst.  (Er reicht ihr
wieder die Hand.)

(Gloria ergreift sie; fest und warnend:) Nehmen Sie sich in acht--das
ist ein gefaehrliches Thema.  Mit meinen Gefuehlen, meinen elenden,
feigen, weiblichen Gefuehlen--kann ich auf Ihrer Seite stehen; aber mit
meinem Gewissen stehe ich auf der Seite meiner Mutter.

(McNaughtan.) Ich bin mit dieser Teilung sehr zufrieden, liebes Kind.
Ich danke dir.

(Dr. Valentine tritt ein, Gloria wird sofort vorsaetzlich hochmuetig.)

(Dr. Valentine.) Entschuldigen Sie, aber es ist mir nicht gelungen,
einen Diener zu finden, mich anzumelden.  Selbst der unfehlbare
William scheint auf dem Maskenball zu sein.  Ich waere auch gern
hingegangen, mir fehlen aber die fuenf Schillinge fuer eine
Eintrittskarte.--Wie geht es Ihnen, McNaughtan?  Besser--was?

(McNaughtan.) Ja, ich bin wieder Herr meiner Sinne, Doktor, ohne Ihnen
dafuer Dank schuldig zu sein.

(Dr. Valentine.) Was sagen Sie zu Ihrem undankbaren Vater, Fraeulein
Clandon?  Ich habe ihn von einem qualvollen Schmerz befreit, und er
beschimpft mich dafuer.

(Gloria kalt:) Ich bedaure, dass meine Mutter nicht da ist, Sie zu
empfangen; es fehlen noch ein paar Minuten an neun, und der Herr, von
dem Herr McComas sprach, der Rechtsanwalt, ist noch nicht gekommen.

(Dr. Valentine.) Doch, doch--ich bin ihm begegnet und habe ihn
gesprochen.  (Mit lustiger Bosheit:) Der wird Ihnen gefallen, Fraeulein
Clandon--er ist der Verstand in Person; man kann sein Gehirn foermlich
arbeiten hoeren.

(Gloria ignoriert die Stichelei:) Wo ist er?

(Dr. Valentine.) Er hat sich eine falsche Nase besorgt und ist auf den
Maskenball gegangen.

(McNaughtan knurrig, sieht auf seine Uhr:) Es scheint, dass alle auf
diesen Maskenball gegangen sind, statt die festgesetzte Stunde unserer
Zusammenkunft einzuhalten.

(Dr. Valentine.) Oh, er wird puenktlich erscheinen--ich traf ihn schon
vor einer halben Stunde.  Ich mochte ihn nicht um fuenf Schillinge
anpumpen und ihn begleiten, deshalb schloss ich mich dem Volke an und
habe vor dem Gitter so lange zugesehen, bis Fraeulein Clandon durch
diese Glastuer ins Hotel getreten war.

(Gloria.) So weit ist es also gekommen: Sie folgen mir oeffentlich, um
mich anzustarren?

(Dr. Valentine.) Ja.  Man sollte mich anketten.  (Gloria wendet ihm
den Ruecken zu und geht an den Kamin.  Er begegnet dieser
verachtungsvollen Behandlung mit Gleichgueltigkeit und begibt sich auf
die entgegengesetzte Seite des Zimmers.)

(Der Kellner erscheint an der Fenstertuer und fuehrt Frau Clandon und
McComas herein.)

(Frau Clandon hereineilend:) Ich bedaure unendlich, dass ich Sie alle
habe warten lassen!

(Ein majestaetischer Fremder, dem ein Domino, eine falsche Nase und
eine Schielbrille ein groteskes Aussehen verleihen, erscheint in der
Glastuer.)

(Der Kellner zu dem Fremden:) Verzeihen Sie, Herr--aber das ist eine
Privatwohnung.  Wenn Sie erlauben, will ich Ihnen die American-Bar und
die Speisesaele zeigen.  Hier, wenn ich bitten darf!

(Er tritt in den Garten zurueck und zeigt den Weg in der Ueberzeugung,
dass der Fremde ihm folgen werde.  Der Riese geht jedoch direkt bis an
das Ende des Tisches vor, wo er mit ausdrucksvoller Gemaechlichkeit
zuerst die falsche Nase und dann den Domino ablegt, die Nase in diesen
einrollt und das Buendel auf den Tisch wirft, etwa wie ein Preisboxer
seinen Handschuh fortschleudert.  Man erkennt jetzt einen starken
grossen Mann, zwischen Vierzig und Fuenfzig.  Er ist glattrasiert und
von einer Blaesse, die durch naechtliches Studium verursacht ist und die
durch das steife schwarze Haar, das kurzgeschoren und geoelt ist, noch
verstaerkt wird.  Seine Augenbrauen gleichen den Rosshaarmoebeln des
frueheren Viktorianischen Zeitalters.  Er ist ein physisch und geistig
grobkoerniger, schlauer und mit allen Hunden gehetzter Mensch.  Sein
Auftreten ist recht imponierend und beunruhigend.  Wenn er spricht, so
erhoeht seine maechtige, drohende Stimme, seine eindrucksvolle Redeweise,
seine kraeftige unerbittliche Manier und die unterjochende Macht
seiner aeusserst kritischen Art zuzuhoeren noch den Eindruck, den er
hervorruft, bis zum Furchterregenden.)

(Der Fremde.) Mein Name ist Bohun.  (Allgemeine Ehrfurcht.) Habe ich
die Ehre, mit Frau Clandon zu sprechen?  (Frau Clandon verbeugt sich,
Bohun verbeugt sich.) Fraeulein Clandon?  (Gloria verbeugt sich, Bohun
verbeugt sich.) Herr Clandon?

(McNaughtan besteht so aergerlich, als er es nur immer wagt, auf seinem
wahren Namen:) Ich heisse McNaughtan!

(Bohun.) O wirklich?  (Ohne weiter von ihm Notiz zu nehmen, wendet er
sich zu Dr. Valentine:) Sind Sie Herr Clandon?

(Dr. Valentine, der sich etwas darauf zugute tut, sich nicht
imponieren zu lassen:) Sehe ich danach aus?--Ich heisse Valentine.  Ich
bin der, der ihn betaeubt hat.

(Bohun.) Ach so.  Dann ist Herr Clandon noch nicht anwesend?

(Der Kellner kommt aengstlich durch die Fenstertuer herein:) Verzeihen
Sie, gnaedige Frau, aber koennen Sie mir vielleicht sagen, was aus
diesem--(Er erkennt Bohun und verliert seine ganze Selbstbeherrschung.
Bohun wartet unbeweglich, bis sich der Kellner wieder gefasst hat.
Nachdem er eine ruehrende Verwirrung nur Schau getragen hat, rafft er
sich soweit auf, Bohun mit schwacher, aber zusammenhaengender Stimme
anzusprechen:) Entschuldige... warst... warst du das?

(Bohun ohne Gewissensbisse:) Ich war es.

(Der Kellner gebrochen:) Ja.  (Unfaehig seine Traenen zurueckzuhalten:)
*Du* mit einer falschen Nase, Walter!  (Er sinkt fast ohnmaechtig vor
dem Tisch in einen Stuhl.) Verzeihen Sie, gnaedige Frau--ein kleiner
Schwindelanfall.

(Bohun befehlend:) Sie werden ihm verzeihen, Frau Clandon, wenn ich
Ihnen sage, dass er mein Vater ist.

(Der Kellner mit gebrochenem Herzen:) O nein, nein, Walter--dein Vater
ein Kellner... und dazu noch die falsche Nase... was werden sie von
dir denken!

(Frau Clandon geht zu William hin; dann in der liebenswuerdigsten Weise:
) Ich bin entzueckt, das zu hoeren, Herr Justizrat.  Ihr Vater ist uns
waehrend der ganzen Zeit unseres Hierseins ein sehr guter Freund
gewesen.  (Bohun verneigt sich ernst.)

(Der Kellner den Kopf schuettelnd:) O nein, gnaedige Frau!  Sie sind zu
guetig--sehr vornehm und gnaedig, wahrhaftig!  Aber ich fuehle mich sehr
verlegen, sobald ich nicht in meinem eigenen Tun und Lassen bin...
Entschuldigen Sie, dass ich der Vater dieses Herrn bin.  Es ist doch
schliesslich nur der Zufall der Geburt--nicht wahr, gnaedige Frau?  (Er
erhebt sich, schwach:) Bitte, verzeihen Sie, dass ich Sie gestoert habe.
(Mit nach der Tuer gerichteten Augen schleicht er von Stuhl zu Stuhl
am Tisch entlang.)

(Bohun.) Einen Augenblick!  (Der Kellner haelt inne, sein Mut sinkt.)
Nicht wahr, Frau Clandon, mein Vater war Zeuge dessen, was sich heute
zugetragen hat?

(Frau Clandon.) Ich glaube, ja, groesstenteils.

(Bohun.) Dann werden wir ihn brauchen.

(Der Kellner bittend:) Ich hoffe, es wird nicht noetig sein.  Ich habe
heute abend infolge des Maskenballes sehr viel zu tun--wirklich sehr
viel zu tun!

(Bohun unerschuetterlich:) Wir werden dich brauchen!

(Frau Clandon hoeflich:) Bitte, nehmen Sie Platz.

(Der Kellner ernst:) Oh--bitte, bitte, gnaedige Frau!  Ich darf mich
nicht setzen, ich muss eine Grenze ziehen; ich duerfte nicht gesehen
werden, wenn ich so etwas taete, gnaedige Frau.  Ich danke Ihnen
trotzdem.  (Er blickt mit einem verstoerten Gesicht, das ein Herz von
Stein ruehren muesste, alle Anwesenden der Reibe nach an.)

(Gloria.) Verlieren wir unsere Zeit nicht.  William wuenscht nur, uns
weiter gut bedienen zu duerfen.  Ich haette gern eine Tasse Kaffee.

(Der Kellner wird sichtlich heiterer:) Kaffee, gnaediges Fraeulein?  (Er
stoesst einen kleinen Seufzer der Hoffnung aus.) Zu Befehl, gnaediges
Fraeulein.  Das ist sehr zeitgemaess und richtig.  (Zu Frau Clandon,
furchtsam, aber erwartungsvoll:) Womit kann ich Ihnen dienen, gnaedige
Frau?

(Frau Clandon.) O ja--es ist hier sehr heiss.  Ich glaube, wir koennten
eine Rotweinbowle trinken.

(Der Kellner strahlend:) Rotweinbowle, gnaedige Frau?  Gewiss, gnaedige
Frau!

(Gloria.) Oh, dann will ich auch lieber Rotweinbowle statt Kaffee.
Geben Sie etwas Gurke hinein.

(Der Kellner entzueckt:) Gurke, gnaediges Fraeulein--ja!  (Zu Bohun:)
Haben Sie einen besonderen Wunsch, Herr?  Sie moegen keine Gurke.

(Bohun.) Wenn Frau Clandon mir gestattet, so nehme ich einen
schottischen Whisky mit Soda.

(Der Kellner.) Sehr wohl!  (Zu McNaughtan:) Irischen Whisky fuer
Sie--nicht wahr, Herr McNaughtan?  (McNaughtan stimmt mit einem
Grunzen zu.  Der Kellner sieht Dr. Valentine fragend an.)

(Dr. Valentine.) Ich mag gern Weinbowle mit Gurke.

(Der Kellner.) Zu Befehl.  (Zusammenzaehlend:) Weinbowle--einen
schottigen Whisky mit Soda--und einen irischen.

(Frau Clandon.) Ich glaube, das ist alles.

(Der Kellner wieder er selbst:) Zu Befehl, gnaedige Frau--sofort!  (Er
tummelt sich durch die Fenstertuer hinaus und hat die ganze
Stufenleiter der menschlichen Glueckseligkeit in wenig mehr als zwei
Minuten durchlebt.)

(McComas.) Ich glaube, jetzt koennen wir anfangen.

(Bohun.) Es waere besser, wir warteten noch auf Frau Clandons Mann!

(McNaughtan.) Wen meinen Sie?  Ich bin ihr Mann!

(Bohun schlaegt sofort seine Krallen in den Widerspruch, zwischen
dieser und der frueheren Behauptung:) Sie haben doch eben behauptet,
dass Sie McNaughtan heissen!

(McNaughtan.) So heisse ich auch.

/*
(Frau Clandon) )  (alle vier)     ( Ich--
(Gloria)       )    (sprechen)    ( Meine--
(McComas)      )  (gleichzeitig:) ( Frau--
(Dr. Valentine))                  ( Sie--
*/

(Bohun bringt mit zwei Donnerworten alle zum Schweigen:) Einen
Augenblick!  (Toedliches Schweigen.) Bitte, erlauben Sie mir.  Setzen
Sie sich alle!  (Sie gehorchen demuetig.  Gloria nimmt den
Satteltaschenstubl vom Kamin.  Dr. Valentine schleicht nach der dem
Fenster gegenueberstehenden Ottomane, von der aus er Gloria sehen kann.
McNaughtan setzt sich mit dem Ruecken gegen Dr. Valentine auch auf die
Ottomane.  Frau Clandon, die sich die ganze Zeit moeglichst auf der
entgegengesetzten Seite des Zimmers zu schaffen gemacht hat, um
McNaughtan auszuweichen, setzt sich in die Naehe der Tuer.  Links von
ihr sitzt McComas.  Bohun setzt sich wie ein Richter an die Ecke des
Tisches auf der selben Seite wie Frau Clandon.  Als sie alle sitzen,
fixiert er McNaughtan und beginnt:) Wie es scheint, heisst in dieser
Familie der Vater McNaughtan und die Mutter Clandon--wir haben also
schon auf der Schwelle unseres Falles ein Element der Verwirrung.

(Dr. Valentine steht auf und spricht zu ihm hinueber, mit einem Knie
auf der Ottomane:) Aber das ist doch furchtbar einfach--

(Bohun vernichtet ihn mit seiner Donnerstimme:) Jawohl!  Frau Clandon
hat einen anderen Namen angenommen--das ist die einleuchtende
Erklaerung, die selbst herauszufinden Sie mir nicht zutrauen.  Sie
unterschaetzen meinen Verstand, Herr Doktor Valentine!

(Dr. Valentine will protestieren, aber Bobun laesst ihn nicht zu Worte
kommen.) Nein: ich will nicht, dass Sie darauf antworten; ich will, dass
Sie nachdenken, wenn Sie wieder glauben, mich unterbrechen zu muessen.

(Dr. Valentine niedergedrueckt:) Das heisst wirklich, einen
Schmetterling aufs Rad flechten!  Was ist denn da weiter dabei?
(Ersetzt sich wieder.)

(Bohun.) Ich will Ihnen sagen, was dabei ist!  Es ist dabei, dass--wenn
diese Familienzwistigkeit ausgeglichen werden soll, wie wir es alle
hoffen--Frau Clandon den Namen ihres Mannes wieder wird annehmen
muessen, wie es sich gehoert und gesellschaftlich ueblich ist.

(Frau Clandons Gesicht nimmt den Ausdruck aeusserst entschlossenen
Widerstandes an.) Oder Herr McNaughtan wird sich ent-* schliessen
muessen, sich "Clandon" zu nennen.  (McNaughtan sieht fest entschlossen
drein, nichts dergleichen zu tun.) Sie halten das zweifellos fuer eine
ganz einfache Angelegenheit, Herr Doktor.  (Er sieht erst Frau Clandon
und dann McNaughtan scharf an.) Ich bin anderer Ansicht!  (Er wirft
sich in seinen Stuhl zurueck und runzelt heftig die Stirn.)

(McComas furchtsam:) Ich glaube, wir sollten vielleicht lieber erst
damit anfangen, die wichtigsten Fragen zur Sprache zu bringen.

(Bohun.) McComas, die wichtigsten Fragen werden uns keinerlei
Schwierigkeiten machen--das tun sie niemals.  Die Kleinigkeiten sind
es, die den Schiffbruch noch im Hafen verursachen.  (McComas sieht
drein, als ob er dies fuer ein Paradoxon hielte.) Sie sind nicht meiner
Ansicht--was?

(McComas schmeichelnd:) Wenn ich es waere--

(Bohun ihn unterbrechend:) Wenn Sie es waeren, so wuerden Sie sein, was
ich bin, anstatt das zu sein, was Sie sind.

(McComas unterwuerfig:) Gewiss, lieber Justizrat, Ihre Spezialitaet--

(Bohun unterbricht ihn wieder:) Meine Spezialitaet ist es, recht zu
haben, wenn andere Leute unrecht haben.  Wenn Sie meiner Ansicht waeren,
dann wuerde ich hier unnuetz sein.  (Er nickt ihm zu, wie um die Sache
abzufertigen, und wendet sich dann ploetzlich und heftig an McNaughtan:
) Nun, und Sie, Herr McNaughtan?  Welcher Punkt dieser Angelegenheit
liegt Ihnen am meisten am Herzen?

(McNaughtan beginnt langsam:) Ich moechte in dieser Sache allen
Egoismus beiseite lassen--

(Bohun unterbricht ihn:) Das tun wir alle, Herr McNaughtan.  (Zu Frau
Clandon:) Sie wollen doch auch allen Egoismus beiseite lassen, Frau
Clandon?

(Frau Clandon.) Ja.  Schon mein Hiersein zeigt, dass ich mich nicht an
meine eigenen Gefuellte kehre.

(Bohun.) Das tun Sie wohl ebensowenig, Fraeulein Clandon--nicht wahr?

(Gloria.) Gewiss nicht.

(Bohun.) Ich dacht' es mir.  Das tun wir alle nicht.

(Dr. Valentine.) Mich ausgenommen.  Meine Absichten sind egoistisch.

(Bohun.) Das sagen Sie, weil Sie glauben, dass eine Pose der
Aufrichtigkeit auf Fraeulein Clandon einen besseren Eindruck machen
wird, als eine Pose der Interesselosigkeit.  (Dr. Valentine ist durch
diese treffende Bemerkung vollkommen entdeckt und vernichtet.  Er
nimmt seine Zuflucht zu einem schwachen, wortlosen Laecheln.  Bobun,
zufrieden, jetzt alle Auflehnung vollstaendig unterjocht zu haben,
wirft sich mit einer Miene in seinen Stuhl zurueck, als waere er nun
bereit, alle Wuensche der Parteien geduldig anzuhoeren.) Nun, Herr
McNaughtan, beginnen Sie.  Es ist abgemacht: aller Egoismus wird
beiseite gelassen!  Die Menschen beginnen immer damit, das
vorauszuschicken.

(McNaughtan.) Aber ich meine es wirklich so, Herr Justizrat.

(Bohun..) Gewiss.  Jetzt zu Ihrer Sache!

(McNaughtan.) Es handelt sich um die Kinder.  Jeder vernuenftige Mensch
wird zugeben, dass das selbstlos ist.

(Bohun.) Nun, was ist's mit den Kindern?

(McNaughtan mit Ergriffenheit:) Sie haben--

(Bohun faellt wieder ueber ihn her:) Halt!  Sie sind im Begriff, von
Ihren Gefuehlen zu sprechen--tun Sie das nicht!  Ich sympathisiere mit
Ihren Gefuehlen, aber sie haben nichts mit meinem Geschaeft zu tun.
--Sagen Sie uns genau, was Sie verlangen.  Das ist es, was wir wissen
muessen.

(McNaughtan unbehaglich:) Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten,
Herr Justizrat.

(Bohun.) Gut, ich will Ihnen helfen.  Was haben Sie gegen die
gegenwaertige Lage Ihrer Kinder einzuwenden?

(McNaughtan.) Ich verwahre mich gegen die Erziehung, die sie genossen
haben!  (Frau Clandons Stirn legt sich in bedrohliche Falten.)

(Bohun.) Und was schlagen Sie vor--das geschehen soll, um das jetzt zu
aendern?

(McNaughtan.) Ich meine, dass sie sich ruhiger, einfacher kleiden
sollten.

(Dr. Valentine.) Unsinn!

(Bohun wirft sich, durch diese Unterbrechung empoert, sofort in seinen
Stuhl zurueck:) Ich warte.  Wenn Sie fertig sind...  Herr Doktor.  Wenn
Sie ganz fertig sind!

(Dr. Valentine.) Was haben Sie gegen Fraeulein Clandons Kleidung
einzuwenden?

(McNaughtan hitzig zu Dr. Valentine:) Meine Ansicht ist ebenso wichtig
wie die Ihre!

(Gloria warnend:) Vater!

(McNaughtan gibt klaeglich nach:) Dich hab' ich ja nicht gemeint, meine
Liebe!  (Er wendet sich mit ernster Dringlichkeit zu Bohun:) Aber die
beiden juengeren Geschwister!  Sie haben sie nicht gesehen, Herr
Justizrat... wahrhaftig, ich bin ueberzeugt, Sie waeren auch der Ansicht,
dass in der Art, wie die sich kleiden, etwas sehr Auffallendes,
beinahe Herausforderndes und Frivoles liegt.

(Frau Clandon ungeduldig:) Glaubst du, dass ich ihnen ihre Kleider
aussuche?  Das ist wirklich kindisch!

(McNaughtan erhebt sich wuetend:) Kindisch!...

(Frau Clandon steht entruestet auf.)

/*
(McComas)           )                        (McNaughtan, Sie
                    ) (alle erbeben sich     (haben versprochen--
(Dr. Valentine)     )    und sprechen        (Laecherlich, sie
                    )  gleichzeitig:)        (kleiden sich reizend!
(Gloria)            )                        (Bitte, wollen wir uns
                                             (nicht vernuenftig
                                             (benehmen?
*/

(Laerm.  Ploetzlich hoeren sie ein warnendes Glaeserklirren aus dem hinter
ihnen gelegenen Zimmer.  Sie wenden sich schuldbewusst um und sehen,
dass der Kellner eben aus dem Gartenschank zurueckgekehrt ist und sein
Servierbrett erklingen laesst.  Waehrend er damit behutsam an den Tisch
kommt, wird es totenstill.)

(Der Kellner zu McNaughtan, ein hohes Glas beiseite auf den Tisch
stellend:) Ihr irischer Whisky, gnaediger Herr.  (McNaughtan setzt sich
ein wenig beschaemt.  Der Kellner stellt einen anderen Kelch und ein
Siphon auf den Tisch beiseite und sagt zu Bohun:) Schottischer Whisky
mit Soda fuer den Herrn Rechtsanwalt.  (Bohun winkt ungeduldig mit der
Hand.  Der Kellner setzt eine grosse Bowle in die Mitte des Tisches.)
Die Weinbowle.

(Alle nehmen ihre Plaetze wieder ein.  Es herrscht Frieden.)

(Frau Clandon demuetig zu Bohun:) Ich fuerchte, wir haben Sie
unterbrochen, Herr Justizrat.

(Bohun ruhig:) Das haben Sie.  (Zum Kellner, der binausgeht:) Warten
Sie einen Augenblick.

(Der Kellner.) Gern.  Womit kann ich dienen?  (Er stellt sich hinter
Bohuns Stuhl.)

(Frau Clandon zum Kellner:) Entschuldigen Sie, dass wir Sie aufhalten.
Der Herr Justizrat wuenscht es.

(Der Kellner, der sich jetzt ganz wohl fuehlt:) Aber, gnaedige
Frau--durchaus nicht, es ist mir ein Vergnuegen, der Gedankenarbeit
seines geuebten und maechtigen Geistes folgen zu duerfen--das ist sehr
anregend, sehr unterhaltend und lehrreich--wahrhaftig, gnaedige Frau!

(Bohun nimmt den Gang der Ferhandlung wieder auf:) Nun, Herr
McNaughtan, wir warten auf Sie!  Ziehen Sie Ihren Einwand gegen die
Kleidung Ihrer Kinder zurueck oder beharren Sie dabei?

(McNaughtan eroerternd:) Herr Justizrat, versetzen Sie sich einen
Augenblick in meine Lage: ich habe nicht nur an mich allein zu
denken--da ist meine Schwester Sophronia und mein Schwager--und ihr
ganzer Kreis.  Sie haben einen grossen Abscheu vor allem, was nur
irgendwie--nur irgendwie--nun...

(Bohun.) Na, heraus damit!...  Ausgelassen?--laut? bunt?

(McNaughtan.) Ja.  Ich meine das natuerlich in keinem ruchlosen
Sinne--aber--aber (verzweifelt damit herausplatzend:) die beiden
Kinder wuerden meine Leute durch ihr Auftreten abstossen!  Sie passen
nicht zu ihren eigenen Verwandten.  Das ist es, worueber ich mich
beklage!

(Frau Clandon mit unterdruecktem Zorn:) Herr Dr. Valentine, haben Sie
irgend etwas Ausgelassenes oder Vorlautes an Phil und Dolly bemerkt?

(Dr. Valentine.) Ganz gewiss nicht!  Das ist der reinste Unsinn.
Nichts kann geschmackvoller sein.

(McNaughtan.) Ja, Sie finden das natuerlich geschmackvoll!

(Frau Clandon.) William, Sie sehen eine Menge Menschen aus der guten
englischen Gesellschaft: sind meine Kinder auffallend und ueberladen
gekleidet?

(Der Kellner versichernd:) O durchaus nicht, gnaedige Frau!
(Ueberzeugend:) O nein, gnaediger Herr, durchaus nicht!  Huebsch und
geschmackvoll, ohne Zweifel--aber dabei sehr gewaehlt und nobel--sehr
fein und hochklassig!  Wahrhaftig, es koennten Sohn und Tochter eines
Dechanten sein, gnaediger Herr.  Man braucht sie nur anzusehen, nur
zu--(In diesem Augenblick wirbeln ein Harlekin und eine Kolombine ins
Zimmer, die zu der Musik im Garten, die eben den Schluss eines Walzers
spielt, tanzen.  Das Kleid des Harlekin besteht aus abwechselnden
Vierecken (I Zoll im Quadrat) von tuerkisblauer und goldfarbener Seide,
seine Pritsche ist vergoldet und seine Maske aufgeschlagen.  Der Rock
der Kolombine gleicht einem Feld im Herbst, orangegolden und
mohnblumenrot; eine winzige Samtjacke stellt die Staubfaeden der
Mohnblume vor.--Sie schwirren zwischen McComas und Bohun herein, ein
erlesenes, blendendes Paar, und dann zurueck in einem Kreis bis an das
Ende des Tisches hin, wo sie, da der letzte Walzertakt eben verklingt,
in der Mitte der Gesellschaft ein lebendes Bild stellen: Harlekin
beugt sein linkes Knie und Kolombine steht auf seinem rechten Knie mit
ueber den Kopf gebogenen Armen.  Im Gegensatz zu ihrem Tanz, der
reizend grazioes war, ist diese Pose keine sehr glueckliche und droht
mit einer Katastrophe zu enden.)

(Die Kolombine schreiend:) Hebt mich herunter!  Ich werde gleich
fallen!  Papa, heben Sie mich herunter!

(McNaughtan laeuft aengstlich zu ihr hin und ergreift sie an den Haenden:
) Mein Kind!

(Dolly springt mit seiner Hilfe herunter:) Danke schoen, das war lieb
von Ihnen.  (Philip schiebt seine Pritsche in seinen Guertel, setzt
sich auf den Rand des Tisches und schenkt etwas Weinbowle ein.)

(McNaughtan geht sehr verbluefft an die Ottomane zurueck.) Oh, war das
lustig!  O Gott!  (Sie setzt sich mit einem Satz auf die Tischkante;
keuchend:) Oh, Weinbowle!  (Sie trinkt.)

(Bohun mit maechtiger Stimme:) Das ist die juengere Dame, nicht wahr?

(Dolly gleitet vom Tische herunter; geaengstigt von Bohuns maechtiger
Stimme und seinem Benehmen:) Ja.  Bitte, wer sind Sie?

(Frau Clandon.) Das ist Herr Justizrat Bohun, Dolly.  Er war so
freundlich, heute abend zu uns zu kommen, um uns zu helfen.

(Dolly.) Oh, dann wollen wir seinen Eintritt segnen--

(Philip.) Sch!

(McNaughtan.) Herr Justizrat--McComas! ich wende mich an euch!  Ist
das in Ordnung?  Wuerden Sie die Familie meiner Schwester tadeln, wenn
sie sich dagegen verwahrte?

(Dolly erroetet; drohend:) Fangen Sie also schon wieder an?

(McNaughtan versoehnlich:) Nein, nein--es ist in deinem Alter
vielleicht selbstverstaendlich.

(Dolly hartnaeckig:) Lassen Sie mein Alter aus dem Spiel!--Ob mein
Kleid huebsch ist, will ich wissen!

(McNaughtan.) Ja, liebes Kind--ja--(Er setzt sich mit Zeichen der
Unterwerfung.)

(Dolly nachdruecklich:) Gefaellt es Ihnen?

(McNaughtan.) Mein Kind, wie kannst du nur glauben, dass mir das
gefaellt oder dass ich damit einverstanden bin?

(Dolly entschlossen ihn nicht auszulassen:) Wie koennen Sie es huebsch
finden und es dann nicht leiden moegen?

(McComas erhebt sich aergerlich und entruestet:) Wahrhaftig, ich muss
sagen--

(Bohun, der Dolly mit der groessten Zustimmung angehoert hat, macht sich
sofort ueber ihn her:) Still, unterbrechen Sie nicht, McComas!  Die
Methode der jungen Dame ist vollkommen richtig!  (Zu Dolly mit
furchtbarem Nachdruck:) Fahren Sie fort zu fragen, Fraeulein Clandon,...
fahren Sie fort, rasch!

(Dolly.) Aber Sie sind ein regelrechter Gewaltmensch!  Gehen Sie immer
so vor?

(Bohun erhebt sich:) Jawohl.  Versuchen Sie nicht, mich aus dem Text
zu bringen, mein Fraeulein!  Sie sind zu jung dazu.  (Er nimmt den
Stuhl des McComas, der neben Frau Clandons Stuhl siebt, und stellt ihn
neben seinen eigenen.) Setzen Sie sich!  (Dolly gehorcht wie bezaubert,
und Bohun setzt sich wieder.  McComas, seines Stuhles beraubt, holt
sich einen anderen, der zwischen dem Tisch und der ottomane steht:)
Nun, Herr McNaughtan, die Tatsachen stehen vor Ihnen--alle beide.  Sie
glauben zwar, dass Sie Ihre beiden juengsten Kinder gern bei sich haetten,
aber das wuerde Ihnen gar nicht gefallen--(McNaughtan versucht zu
protestieren, aber Bohun gibt das unter keinen Umstaenden zu:) Nein,
das gefiele Ihnen gar nicht.  Sie glauben zwar, dass Sie das gern
haetten, aber ich weiss das besser als Sie.  Sie verlangen, dass diese
junge Dame aufhoert, sich des Abends wie eine Buehnen-Kolombine und des
Morgens wie eine moderne Kolombine zu kleiden... nun, sie wird das nie
tun--niemals!  Sie glaubt, sie wird es einmal tun, aber--

(Dolly ihn unterbrechend:) Nein, das glaube ich auch nicht!
(Entschlossen:) Ich werde es niemals aufgeben, mich huebsch zu
kleiden--niemals!  Wie Gloria zu jenem Mann in Madeira gesagt hat:
nie--nie--nie, so lange Gras waechst und Wasser fliesst!

(Dr. Valentine erhebt sich in furchtbarer Aufregung:) Was?... was?!...
(Er beginnt sehr rasch zu sprechen:) Wann hat sie das gesagt?...  Zu
wem hat sie das gesagt?

(Bohun wirft sich in einen Stuhl, mit intensivem, mitleidigem Protest:
) Herr Doktor Valentine--

(Dr. Valentine hitzig:) Unterbrechen Sie mich nicht!  Dies ist etwas
sehr Ernstes!  Ich muss wissen, zu wem Fraeulein Clandon das gesagt
hat--ich bestehe darauf!

(Dolly.) Vielleicht erinnert sich Phil.  Welche Nummer war es?  Numero
drei oder Numero fuenf?

(Dr. Valentine.) Numero fuenf!!!!

(Philip.) Mut, Doktor, es war noch nicht Numero fuenf.  Es war nur ein
zahmer Seeoffizier, der immer bei der Hand war--der geduldigste und
harmloseste Mensch von der Welt.

(Gloria kalt:) Was wird jetzt eroertert, wenn ich fragen darf?

(Dr. Valentine mit rotem Kopf:) Entschuldigen Sie... ich bedaure,
gestoert zu haben.  Ich will Sie nicht laenger belaestigen, Frau Clandon.
(Er verneigt sich vor Frau Clandon und geht, kochend vor
unterdrueckter Wut, rasch durch die Fenstertuer in den Garten.)

(Dolly.) Hm hm...

(Philip.) Aha!

(Gloria.) Bitte, fahren Sie fort, Herr Justizrat.

(Dolly dazwischenfahrend, als Bohun die Stirn furchtbar runzelt und
sich zusammenrafft, zu einem neuerlichen Ringen mit dem Fall:) Sie
wollen uns einschuechtern, Herr Justizrat.

(Bohun.) Ich--

(Dolly ihn unterbrechend:) O ja, das wollen Sie!  Sie glauben, dass es
nicht so ist--aber es ist so.  Ich sehe es an Ihrem Stirnrunzeln.

(Bohun nachgebend:) Frau Clandon, ich erkenne aus freien Stuecken an,
dass Sie kluge, hellkoepfige, gut erzogene Kinder haben... wollen Sie
mir dafuer das Mittel angeben, das sie dazu bringen kann, den Mund zu
halten?

(Frau Clandon.) Dolly! liebste Dolly--!

(Philip.) Unsere alte Unart, Dolly!  Ruhe!  (Dolly haelt sich den Mund.)

(Frau Clandon.) Nun, Herr Justizrat, bevor Sie wieder anfangen...

(Der Kellner leise:) Beeilen Sie sich--rasch!

(Dolly ihm zublinzelnd:) Lieber William!

(Philip.) Sch!

(Bohun platzt gegen Dolly ploetzlich ganz unerwartet mit einer Frage
los:) Haben Sie die Absicht, sich zu verheiraten?

(Dolly.) Ich!...  Nun, Finch nennt mich mit meinem Vornamen...

(McComas.) Was soll das heissen?--Herr Justizrat, natuerlich spreche ich
die junge Dame als alter Freund ihrer Mutter bei ihrem Vornamen an.

(Dolly.) Ja.  Sie nennen mich als alter Freund meiner Mutter "Dolly".
Aber warum nennen Sie mich "Dorothee-ee-a?" (Mc Comos erhebt sich
entruestet.)

(McNaughtan erhebt sich aengstlich, um ihn zurueckzuhalten:) Beherrschen
Sie sich, McComas.  Wir wollen nicht heftig werden--haben Sie Geduld.

(McComas.) Ich will keine Geduld haben!  Sie tragen die
beklagenswerteste Charakterschwaeche zur Schau, mein lieber McNaughtan!
Ich finde das einfach unerhoert!

(Dolly.) Herr Justizrat, bitte, schuechtern Sie Finch ein wenig fuer uns
ein.

(Bohun.) Das will ich.--McComas, Sie machen sich laecherlich.  Setzen
Sie sich!

(McComas.) Ich--

(Bohun winkt ihm gebieterisch, sich zu setzen:) Nein, setzen Sie
sich--setzen Sie sich!  (McComas setzt sich verdriesslich nieder, und
McNaughtan folgt sehr erleichtert seinem Beispiel.)

(Dolly zu Bohun demuetig:) Ich danke Ihnen.

(Bohun.) Nun hoeren Sie mich alle an.  Ich enthalte mich jeder Meinung
darueber, McComas, wie weit Sie sich in der durch die junge Dame
angegebenen Richtung eingelassen oder nicht eingelassen haben.
(McComas ist im Begriff zu protestieren.) Nein, unterbrechen Sie mich
nicht!--Wenn sie Sie nicht heiratet, heiratet sie einen andern; das
ist die beste Loesung der Schwierigkeit, die dadurch entsteht, dass sie
nicht den Namen ihres Vaters traegt.--Die andere Dame hat die Absicht,
sich zu verheiraten.

(Gloria erroetend:) Herr Justizrat!

(Bohun.) Doch, Sie haben die Absicht.  Sie wissen es nicht, aber es
ist so.

(Gloria erhebt sich:) Halt!  Hueten Sie sich davor, Herr Justizrat, fuer
meine Absichten einzustehen.

(Bohun erhebt sich:) Es hat keinen Zweck, Fraeulein Clandon.  Sie
werden mich nicht unterkriegen.  Ich sage Ihnen, dass Ihr Name bald
weder Clandon noch McNaughtan lauten wird.  Und wenn ich wollte,
koennte ich Ihnen sagen, wie er lauten wird.  (Er geht an das andere
Ende des Tisches, rollt seinen Domino auf und legt die falsche Nase
auf den Tisch.  Da er sich erhebt, erheben sich alle, und Philip geht
an das Fenster.  Bohun gibt dem Kellner durch eine Bewegung zu
verstehen, dass er ihm beim Anziehen des Dominos helfen soll.) Herr
McNaughtan, Ihre Absicht, die Gesetze anzurufen, ist Unsinn.  Ihre
Kinder werden alle majorenn sein, bevor Sie eine Entscheidung
erreichen koennen.

(Indem er dem Kellner erlaubt, den Domino um seine Schultern zu legen:
) Ich kann Ihnen nur raten, ein freundschaftliches Uebereinkommen zu
treffen.  Wenn Sie Ihre Familie noetiger haben als Ihre Familie Sie,
dann werden Sie bei diesem Uebereinkommen allerdings schlecht wegkommen;
--wenn Ihre Familie Sie aber noetiger hat als umgekehrt, dann werden
Sie schon besser wegkommen.  (Er schuettelt den Domino, so dass er in
Falten faellt, und ergreift die falsche Nase.  Dolly starrt ihn
bewundernd an.) Die Sache liegt fuer Ihre Angehoerigen insoweit guenstig,
als sie alle persoenlich sehr angenehme Menschen sind.  Und Ihre Staerke,
Herr McNaughtan, liegt in Ihrem Einkommen.  (Er stuelpt die falsche
Nase auf und ist wieder in grotesker Weise verwandelt.)

(Dolly auf ihn zulaufend:) Oh, jetzt sehen Sie ganz menschlich aus!
Ich moechte mit Ihnen tanzen--ein einzigesmal!  Koennen Sie tanzen?
(Philip nimmt seine Harlekinrolle wieder auf und bewegt seine Pritsche,
als wenn er Bohun und Dolly bezaubern wollte.)

(Bohun mit Donnerstimme:) Ja, Sie glauben, dass ich nicht tanzen
kann--aber ich kann es.  Kommen Sie!  (Er packt sie und tanzt mit ihr
durch die Fenstertuer in gewaltsamer Weise, aber mit beflissener
Sicherheit und Anmut hinaus.  Inzwischen stellt der Kellner geschaeftig
die Stuehle an ihre gewoehnlichen Plaetze zurueck.)

(Philip.) "Auf!  Bis zum Morgen tanzt und trink und minnt"[*]--William!

[Footnote *: Byrons "Childe Harold" Canto III Strophe 22. (Anm. des
Uebers.)]

(Der Kellner.) Zu dienen, junger Herr?

(Philip.) Koennen Sie meinem Vater und Herrn McComas zwei Dominos und
zwei falsche Nasen verschaffen?

(McComas.) Was faellt Ihnen ein--ich verwahre mich dagegen--

(McNaughtan.) Nicht doch!  Was ist denn da weiter dabei?  Nur einmal,
McComas!  Wir wollen doch keine Spielverderber sein.

(McComas.) McNaughtan, Sie sind nicht der Mann, fuer den ich Sie
gehalten habe.  (Scharf:) Tyrannen sind immer Feiglinge.  (Er geht
angewidert zur Fenstertuer.)

(McNaughtan folgt ihm:) Na, nichts fuer ungut!  Wir muessen ihnen etwas
zugute halten.--Koennen Sie uns irgendeinen Umhang verschaffen, Kellner?

(Der Kellner.) Gewiss, gnaediger Herr.  (Er folgt ihnen an die
Fenstertuer und bleibt dort stehen, um die Herren vorausgehen zu lassen.
) Hier bitte--Sie wuenschen Dominos und Nasen?

(McComas aergerlich im Abgehen:) Ich werde meine eigene Nase tragen.

(Der Kellner schmelzend:) Selbstverstaendlich, gnaediger Herr: die
falsche Nase wird ganz leicht darueber gehen.  Es ist viel Platz dafuer,
gnaediger Herr--viel Platz!  (Er geht hinter McComas hinaus.)

(McNaughtan wendet sich an der Fenstertuer nach Phil um mit einem
Versuch zu gemuetlicher Vaeterlichkeit:) Komm, mein Junge, komm!  (Er
geht.)

(Philip folgt ihm heiter:) Ich komme schon, Papachen, ich komme schon!
(An der Schwelle der Fenstertuer haelt er inne, blickt McNaughtan nach,
wendet sich dann phantastisch mit seiner um seinen Kopf wie einen
Heiligenschein gebogenen Pritsche um und sagt mit gedaempfter Stimme zu
Frau Clandon und Gloria:) Habt ihr das Ergreifende dieser Worte
empfunden?  (Er verschwindet.)

(Frau Clandon mit Gloria allein:) Warum ist Doktor Valentine so
ploetzlich fortgegangen?  Das verstehe ich nicht.

(Gloria verdriesslich:) Ich weiss nicht.--Doch--ich weiss es.  Komm,
sehen wir ein wenig dem Tanz zu.  (Sie gehen nach der Fenstertuer zu
und begegnen Dr. Valentine, der vom Garten mit raschen Schritten
hereinkommt, mit muerrischem Gesicht und bewoelkter Stirn.)

(Dr. Valentine steif:) Entschuldigen Sie.  Ich dachte, die
Gesellschaft waere schon auseinandergegangen.

(Gloria noergelnd:) Warum sind Sie dann zurueckgekommen?

(Dr. Valentine.) Ich bin zurueckgekommen, weil ich kein Geld bei mir
habe und dort ohne ein Fuenf-Schilling-Billett nicht hinausgelassen
werde.

(Frau Clandon.) Hat Sie hier irgend etwas verletzt, Herr Doktor?

(Gloria.) Kuemmere dich nicht um ihn, Mutter.  Das soll eine neue
Beleidigung fuer mich sein--weiter nichts.

(Frau Clandon kaum faehig, sich vorzustellen, dass Gloria wohlueberlegt
einen Wortwechsel heraufbeschwoeren koennte:) Gloria!

(Dr. Valentine.) Frau Clandon, habe ich irgend etwas Beleidigendes
gesagt?...  Habe ich irgend etwas Beleidigendes getan?

(Gloria.) Sie haben stillschweigend zu verstehen gegeben, dass meine
Vergangenheit der Ihrigen gleicht--das ist die allerschwerste
Beleidigung.

(Dr. Valentine.) Ich habe nichts dergleichen zu verstehen gegeben.
Ich behaupte, dass meine Vergangenheit, mit der Ihren verglichen,
tadellos gewesen ist.

(Frau Clandon aeusserst entruestet:) Herr Doktor!

(Dr. Valentine.) Na, was soll ich mir dabei denken, wenn ich erfahren
muss, dass Fraeulein Clandon andern Maennern genau dieselben Reden
gehalten hat wie mir--wenn ich von mindestens fuenf frueheren Liebhabern
hoeren muss und einem zahmen Seeoffizier noch dazu!  Oh, das ist zu arg!

(Frau Clandon.) Aber Sie glauben doch sicher nicht, dass diese Dinge
ernst gewesen sind--harmlose Scherze von Kindern--Herr Doktor?

(Dr. Valentine.) Ihnen sind es vielleicht Scherze--vielleicht auch
ihr.  Aber ich weiss, was die Betroffenen dabei gelitten haben.  (Mit
possierlich echtem Ernst:) Haben Sie jemals an die vernichteten
Existenzen gedacht--an die Ehen, die in der Ruecksichtslosigkeit der
Verzweiflung geschlossen wurden--an die Selbstmorde--die--die--die--

(Gloria unterbricht ihn verachtungsvoll:) Mutter, dieser Mensch ist
ein sentimentaler Esel!  (Sie rauscht fort an den Kamin.)

(Frau Clandon empoert:) Oh, meine teuerste Gloria!  Der Herr Doktor
wird das grob finden.

(Dr. Valentine.) Ich bin kein sentimentaler Esel mehr!  Ich bin fuer
immer von jeder Sentimentalitaet geheilt.  (Er setzt sich zornig.)

(Frau Clandon.) Sie muessen uns allen verzeihen, Herr Doktor.  Die
Frauen muessen die falschen guten Manieren ihres Sklaventums erst
verlernen, bevor sie sich die echten guten Manieren ihrer Freiheit
aneignen koennen.--Halten Sie Gloria nicht fuer gemein.  (Gloria wendet
sich erstaunt um.) Sie ist es wirklich nicht.

(Gloria.) Mutter, du entschuldigst mich bei *ihm*!

(Frau Clandon.) Mein Kind, du hast manchen Fehler der Jugend und auch
manchen ihrer Vorzuege, und Herr Doktor Valentine hat wohl zu
altmodische Ideen ueber sein eigenes Geschlecht, als dass er sich gern
einen Esel nennen liesse.--Aber wollen wir jetzt nicht lieber nachsehen,
was Dolly anstellen mag?  (Sie gebt an die Fenstertuer.  Dr. Valentine
erhebt sich.)

(Gloria.) Geh du ohne mich, Mutter.  Ich habe mit Herrn Doktor
Valentine ein Wort allein zu sprechen.

(Frau Clandon ueberrascht, will sich dagegen verwahren:) Meine liebe
Gloria...  (Sich besinnend:) Entschuldige--selbstverstaendlich, wenn du
es wuenschest.  (Sie verneigt sich gegen Dr. Valentine und geht hinaus.)

(Dr. Valentine.) Oh, warum ist Ihre Mutter nicht Witwe--sie ist
sechsmal so viel wert als Sie!

(Gloria.) Nun hoere ich endlich das erste Wort aus Ihrem Munde, das
Ihnen Ehre macht.

(Dr. Valentine.) Unsinn!  Nun--sagen Sie mir, was Sie mir zu sagen
haben, und lassen Sie mich gehen.

(Gloria.) Ich habe Ihnen nur das eine zu sagen: Sie haben mich heute
nachmittag einen Augenblick auf Ihr Niveau herabgedrueckt.  Glauben Sie,
dass ich nicht auf meiner Hut gewesen sein wuerde, wenn mir das schon
einmal passiert waere, dass ich nicht gewusst haette, was kommen wuerde,
und meine eigene elende Schwaeche gekannt haette?

(Dr. Valentine sie leidenschaftlich auszankend:) Sprechen Sie nicht in
dieser Weise darueber!  Was liegt mir an Ihren inneren Eigenschaften
mit Ausnahme von Ihrer Schwaeche, wie Sie das nennen?  Sie haben sich
fuer sehr sicher gehalten--nicht wahr?--Verschanzt hinter Ihren
fortschrittlichen Ideen!  Es hat mir Spass gemacht, die ziemlich leicht
ueber den Haufen zu werfen.

(Gloria dreist, da sie fuehlt, dass sie jetzt mit ihm machen kann, was
sie will:) Wirklich?

(Dr. Valentine.) Aber aus welchen Gruenden habe ich das getan?--Weil es
mich gereizt hat, Ihr Herz zu wecken, die Tiefen in Ihnen aufzuwuehlen.
--Und warum hat mich das gereizt?  Weil meine Natur es bitter ernst
mit mir gemeint hat, als ich mit ihr nur zu scherzen meinte...  Wer
von uns beiden ist erwacht, wie dann der grosse Augenblick gekommen
war--wer wurde aufgewuehlt in seinen tiefsten Tiefen?...  Ich!  Ich!
--Ich wurde hingerissen.  Sie waren nur beleidigt... empoert!  Sie sind
nur eine ganz alltaegliche junge Dame--zu alltaeglich, um zahmen
Seeoffizieren zu erlauben, so weit zu gehen, wie ich heute ging...
weiter nichts.  Ich will Sie nicht mit den ueblichen Entschuldigungen
behelligen.--Leben Sie wohl.  (Er geht entschlossen zur Tuer.)

(Gloria.) Bleiben Sie!  (Er zoegert.) Aber wollen Sie auch verstehen,
dass ich Ihnen durchaus nicht entgegenkomme, wenn ich Ihnen jetzt die
Wahrheit sage?

(Dr. Valentine.) Pah!  Ich weiss, was Sie mir jetzt sagen wollen.  Sie
glauben, dass Sie nicht alltaeglich sind--dass ich recht hatte--dass jene
Tiefen in Ihrer Natur dennoch vorhanden sind...  Es schmeichelt Ihnen,
das zu glauben.  (Sie weicht zurueck.) Nun, ich gebe zu, dass Sie in
einer Hinsicht nicht alltaeglich sind: Sie sind ein gescheites Maedchen.
(Gloria unterdrueckt einen Wutschrei und gebt ihm drohend einen
Schritt entgegen.) Aber Sie sind noch nicht erweckt worden.  Ich war
Ihnen gleichgueltig... ich bin Ihnen gleichgueltig... meine Tragoedie ist
es gewesen, nicht die Ihre.  Leben Sie wohl!  (Er wendet sich nach der
Tuer; sie beobachtet ihn, entsetzt darueber, dass er ihrer Macht
entschluepft.  Die Tuerklinke in der Hand, haelt er inne, wendet sich
dann wieder Gloria zu und reicht ihr die Hand.) Wir wollen als Freunde
auseinandergehen.

(Gloria ausserordentlich erleichtert, kehrt ihm mit groesster
Absichtlichkeit den Ruecken:) Adieu.--Ich hoffe, Sie werden von Ihrer
Wunde bald genesen.

(Dr. Valentine mit Freude, da er erkennt, dass er doch schliesslich Herr
der Situation ist:) Gewiss werde ich das--solche Wunden heilen, ohne zu
schmerzen.  Schliesslich kann mir meine Gloria doch niemand rauben.

(Gloria sieht ihm rasch ins Gesicht:) Was meinen Sie?

(Dr. Valentine.) Die Gloria meiner Einbildung.

(Gloria stolz:) Behalten Sie diese Gloria--die Gloria Ihrer Einbildung.
(Ihre Erregung beginnt staerker durch ihren Stolz hindurchzubrechen.)
Die wirkliche Gloria, die empoerte...die beleidigte...die
entsetzte--jawohl!--die vor Scham fast zum Wahnsinn gebrachte, als sie
erfuhr, dass all ihre Selbstbeherrschung niederbrechen konnte bei der
ersten Begegnung mit--mit--(Ihr Gesicht erroetet wieder ueber und ueber,
sie bedeckt es mit ihrer linken Hand und ihre Rechte legt sie auf Dr.
Valentines linken Arm, um sich zu stuetzen.)

(Dr. Valentine.) Nehmen Sie sich in acht--ich bin schon wieder nahe
dran, den Verstand zu verlieren!  (Sie nimmt allen ihren Mut zusammen
und laesst die Hand, die ihr Gesicht bedeckt, auf Dr. Valentines rechte
Schulter fallen, wobei sie sich ihm zuwendet und ihm gerade in die
Augen schaut.  Er beginnt auf-*) *(geregt zu protestieren:) Gloria,
seien Sie vernuenftig--es hat ja keinen Zweck--ich habe keinen Heller!

(Gloria.) Koennen Sie denn keinen verdienen?  Andere Leute koennen es
doch.

(Dr. Valentine halb entzueckt, halb erschrocken:) O niemals!  Ich wuerde
Sie ungluecklich machen--Teuerste, Geliebte--ich muesste ein erbaermlicher
Mitgiftjaeger und Abenteurer sein--(Sie umschlingt ihn fester und kuesst
ihn:) O Gott!  (Atemlos:) Oh... ich--(Er keucht:) Ich kenne die Frauen
noch immer nicht... keine Ahnung habe ich... die Erfahrungen von zwoelf
Jahren genuegen nicht!

(In einer Aufwallung von Eifersucht stoesst sie ihn von sich fort, und
er taumelt zurueck in den Stuhl wie ein vom Wind verwehtes Blatt.  Da
tanzt Dolly mit dem Kellner ins Zimmer, Frau Clandon und McComas
folgen ihr, auch tanzend, und Philip pirouettiert auf eigene Faust
herein.)

(Dolly sinkt atemlos auf den Stuhl vor den Schreibtisch:) Oh, ich bin
atemlos!  Sie tanzen wundervoll Walzer, William!

(Frau Clandon sinkt in den Lederfauteuil vor dem Kamin:) Oh, wie
konnten Sie mich nur zu einer solchen Torheit verleiten, Finch!  Ich
habe seit der Soiree in South Place vor zwanzig Jahren nicht getanzt.

(Gloria bestimmt, zu Dr. Valentine:) Stehen Sie auf!  (Dr. Valentine
erhebt sich unterwuerfig.) Lassen wir jetzt alles falsche Zartgefuehl
beiseite.  Sagen Sie meiner Mutter, dass wir entschlossen sind, uns zu
heiraten.

(Ein Schweigen sprachlosen Erstaunens.  Dr. Valentine, sprachlos vor
panischem Schrecken, starrt alle an.  Er will sichtlich davonlaufen.)

(Dolly bricht das Stillschweigen:) Nummer sechs!

(Philip.) Sch!

(Dolly ausgelassen:) Oh, meine Gefuehle!  Ich kann sie kaum beherrschen!
Ich moechte jemanden kuessen,--und in der Familie ist das verboten!
Wo ist Finch?

(McComas heftig losbrechend:) Nein! zum Donnerwetter!

(McNaughtan erscheint an der Fenstertuer.)

(Dolly zu McNaughtan laufend:) Oh, Sie kommen gerade recht!  (Sie kuesst
ihn.) Nun--(zieht ihn vor, zu Dr. Valentine und Gloria:) segnen Sie
sie!

(Gloria.) Nein! nichts davon--nicht einmal im Scherz.  Wenn ich einen
Segen brauche, so werde ich meine Mutter darum bitten.

(McNaughtan zu Gloria, schmerzlich enttaeuscht:) Soll das heissen, dass
du dich mit diesem Herrn verlobt hast?

(Gloria entschlossen:) Ja.--Haben Sie die Absicht, unser Freund zu
sein, oder--

(Dolly unterbrechend:)--oder unser Vater?

(McNaughtan.) Ich wuerde gern beides sein, mein Kind, aber--!...  Herr
Doktor Valentine, ich wende mich an Ihr Ehrgefuehl--

(Dr. Valentine.) Sie haben ganz recht.  Es ist einfach Wahnsinn.  Wenn
wir zusammen auf einen Ball gehen wollen, werde ich Sie um fuenf
Schillinge anpumpen muessen, um mir die Eintrittskarte zu loesen.
--Gloria, uebereilen Sie nichts--Sie werfen sich fort!  Es ist das
beste, wenn ich alledem ein Ende mache und niemals irgendeinem aus
Ihrer Familie wieder begegne.  Ich werde keinen Selbstmord begehen,
ich werde nicht einmal ungluecklich sein: es wird eine Befreiung fuer
mich sein--ich--ich fuerchte mich--ich fuerchte mich wahrhaftig--es ist
die reine Wahrheit.

(Gloria entschlossen:) Ich verbiete Ihnen zu gehen!

(Dr. Valentine verzagt:) Nein, Liebste, selbstverstaendlich nicht, aber
...  Oh, wenn doch nur jemand einen Augenblick vernuenftig sprechen und
uns alle zur Vernunft bringen wollte!  Ich kann's nicht...  Wo ist
Bohun?...  Bohun ist der Mann!  Phil, gehen Sie und beschwoeren Sie
Bohun.

(Philip.) Aus der ungeheuren Tiefe.  Ich gehe.  (Er laesst seine
Pritsche durch die Luft sausen und schiesst durch die Fenstertuer fort.)

(Der Kellner harmonisch zu Dr. Valentine:) Wenn Sie gestatten, dass ich
mir ein Wort zu sagen erlaube, Herr Doktor: Opfern Sie wegen fuenf
Schillinge nicht Ihr Lebensglueck.  Wir werden uns nur zu sehr freuen,
Ihnen das Billett auf Kredit zu besorgen, und Sie koennen die Sache
ordnen, wann es Ihnen beliebt,--wann immer es Ihnen passen wird.  Es
wird mich nur sehr freuen, es wird mir ein Vergnuegen und eine Ehre
sein, Herr Doktor.

(Philip erscheint wieder:) Er kommt!  (Er schwingt seine Pritsche vor
dem Fenster.  Bohun tritt ein, nimmt seine falsche Nase ab und wirft
sie auf den Tisch, waehrend er an Philip voruebergeht und zwischen
Gloria und Dr. Valentine tritt.)

(Dr. Valentine.) Es handelt sich darum, Herr Justizrat--

(McComas unterbricht, vom Kamin aus:) Entschuldigen Sie, Herr Doktor,
die Sache muss von einem Anwalt vorgetragen werden.--Es handelt sich um
eine Verlobung zwischen diesen beiden jungen Leuten.  Sie hat etwas
Vermoegen und (sieht McNaughtan an:) wird wahrscheinlich einmal noch
viel mehr haben.

(McNaughtan.) Moeglich.  Ich hoffe es.

(Dr. Valentine.) Und er hat keinen Heller.

(Bohun nagelt Dr. Valentine sofort auf diesen Punkt fest:) Dann
bestehen Sie auf einem Ehevertrag.--Das verletzt Ihr Zartgefuehl?...
Das tun die meisten vernuenftigen Vorsichtsmassregeln.  Aber Sie bitten
mich um meinen Rat.  Das ist er.  Machen Sie einen Ehevertrag!

(Gloria stolz:) Er soll einen Ehevertrag bekommen.

(Dr. Valentine.) Mein lieber Herr Justizrat, ich, fuer meine Person,
brauche Ihren Rat nicht--geben Sie ihr einen guten Rat.

(Bohun.) Sie wuerde ihn nicht befolgen.  Wenn Sie ihr Mann sein werden,
wird sie auch Ihren Rat nicht befolgen...  (Wendet sich ploetzlich an
Gloria:) Nein, das werden Sie nicht--Sie glauben, dass Sie es werden,
aber Sie werden es nicht.  Er wird an die Arbeit gehen und seinen
Unterhalt verdienen...  (Wendet sich ploetzlich an Dr. Valentine:) O ja,
das werden Sie--Sie glauben es nicht, aber Sie werden es!  Sie wird
Sie schon dazu anhalten.

(McNaughtan nur halb ueberzeugt:) Dann, Herr Justizrat, halten Sie
diese Verbindung also nicht fuer unklug?

(Bohun.) O doch!  Alle Verbindungen sind unklug.  Es ist unklug,
geboren zu werden--es ist unklug, zu heiraten--es ist unklug, zu
leben--und es ist klug, zu sterben.

(Der Kellner draengt sich unauffaellig zwischen McNaughtan und Dr.
Valentine:) Wenn ich mir hoeflichst erlauben darf, fortzusetzen: Dann
ist es etwas Trauriges um die Weisheit.  (Zu Dr. Valentine:) Glueck auf,
Herr Doktor, Glueck auf!  Jeder Mensch fuerchtet die Ehe, wenn es dazu
kommt--aber sie geht oft ganz angenehm aus, sehr froehlich und selbst
gluecklich--von Zeit zu Zeit.  Ich war niemals Herr in meinem eigenen
Hause.  Meine Frau war wie Ihre Braut, befehlshaberisch und
herrschsuechtig veranlagt.  Mein Sohn hat diese Eigenschaften von ihr
geerbt.  Aber wenn ich mein Leben zum zweitenmal zu leben haette, ich
wuerde es wieder so leben!... ich wuerde es genau wieder so
leben--wahrhaftig!--Man kann nie wissen, Herr Doktor... man kann nie
wissen.

(Philip.) Erlauben Sie mir zu bemerken, dass, wenn Gloria sich wirklich
entschlossen hat--

(Dolly)--die Sache besiegelt und Doktor Valentine erledigt ist.  Wir
verpassen bloss alle Taenze.

(Dr. Valentine zu Gloria, galant, sich so gut er kann, aus der Affaere
ziehend:) Darf ich um einen Walzer bitten?--

(Bohun widerspricht in seiner tiefsten Oktave:) Entschuldigen
Sie--diesen Vorzug beanspruche ich als Rechtsbeistandshonorar!  Darf
ich um die Ehre bitten?--Ich danke.  (Er tanzt mit Gloria fort und
verschwindet unter den Lampions, und laesst Dr. Valentine nach Luft
schnappend zurueck.)

(Dr. Valentine wieder zu sich kommend:) Dolly: darf ich
bitten--(Fordert sie zum Tanze auf.)

(Dolly.) Unsinn!  (Weicht ihm geschickt aus und laeuft um den Tisch
herum an den Kamin:) Finch!  Mein Finch!  (Sie faellt ueber McComas her
und zwingt ihn zu tanzen.)

(McComas protestierend:) Ich bitte, halten Sie ein--wahrhaftig--(Er
wird durch die Fenstertuer davongerissen.)

(Dr. Valentine macht eins letzte Anstrengung:) Frau Clandon, darf ich
bitten--

(Philip ihm zuvorkommend:) Komm, Muetter!  (Er ergreift seine Mutter
und wirbelt mit ihr fort.)

(Frau Clandon zurechtweisend:) Phil--Phil--(Sie teilt McComas'
Schicksal.)

(McNaughtan folgt ihnen mit greisenhafter Heiterkeit:) Ho! ho! ho! ho!
ho!  (Er gebt in den Garten und kichert ueber den spass.)

(Dr. Valentine sinkt auf die Ottomane und starrt den Kellner an:) Als
ob ich schon verheiratet waere!...

(Der Kellner betrachtet den im Zweikampf der Geschlechter Gefallenen
mit liebenswuerdiger Teilnahme und schuettelt langsam den Kopf.)

(Vorhang)


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Mann Kann Nie Wissen, von George
Bernard Shaw.




*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, MAN KANN NIE WISSEN ***

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can get to them as follows, and just download by date.  This is
also a good way to get them instantly upon announcement, as the
indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.

http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext05 or
ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext05

Or /etext04, 03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92,
91 or 90

Just search by the first five letters of the filename you want,
as it appears in our Newsletters.


Information about Project Gutenberg (one page)

We produce about two million dollars for each hour we work.  The
time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
searched and analyzed, the copyright letters written, etc.   Our
projected audience is one hundred million readers.  If the value
per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
files per month:  1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
If they reach just 1-2% of the world's population then the total
will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.

The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
which is only about 4% of the present number of computer users.

Here is the briefest record of our progress (* means estimated):

eBooks Year Month

    1  1971 July
   10  1991 January
  100  1994 January
 1000  1997 August
 1500  1998 October
 2000  1999 December
 2500  2000 December
 3000  2001 November
 4000  2001 October/November
 6000  2002 December*
 9000  2003 November*
10000  2004 January*


The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.

We need your donations more than ever!

As of February, 2002, contributions are being solicited from people
and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
Virginia, Wisconsin, and Wyoming.

We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
that have responded.

As the requirements for other states are met, additions to this list
will be made and fund raising will begin in the additional states.
Please feel free to ask to check the status of your state.

In answer to various questions we have received on this:

We are constantly working on finishing the paperwork to legally
request donations in all 50 states.  If your state is not listed and
you would like to know if we have added it since the list you have,
just ask.

While we cannot solicit donations from people in states where we are
not yet registered, we know of no prohibition against accepting
donations from donors in these states who approach us with an offer to
donate.

International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
ways.

Donations by check or money order may be sent to:

 PROJECT GUTENBERG LITERARY ARCHIVE FOUNDATION
 809 North 1500 West
 Salt Lake City, UT 84116

Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment
method other than by check or money order.

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by
the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN
[Employee Identification Number] 64-622154.  Donations are
tax-deductible to the maximum extent permitted by law.  As fund-raising
requirements for other states are met, additions to this list will be
made and fund-raising will begin in the additional states.

We need your donations more than ever!

You can get up to date donation information online at:

http://www.gutenberg.net/donation.html


***

If you can't reach Project Gutenberg,
you can always email directly to:

Michael S. Hart <hart@pobox.com>

Prof. Hart will answer or forward your message.

We would prefer to send you information by email.


**The Legal Small Print**


(Three Pages)

***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START***
Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers.
They tell us you might sue us if there is something wrong with
your copy of this eBook, even if you got it for free from
someone other than us, and even if what's wrong is not our
fault. So, among other things, this "Small Print!" statement
disclaims most of our liability to you. It also tells you how
you may distribute copies of this eBook if you want to.

*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK
By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm
eBook, you indicate that you understand, agree to and accept
this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive
a refund of the money (if any) you paid for this eBook by
sending a request within 30 days of receiving it to the person
you got it from. If you received this eBook on a physical
medium (such as a disk), you must return it with your request.

ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM EBOOKS
This PROJECT GUTENBERG-tm eBook, like most PROJECT GUTENBERG-tm eBooks,
is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. Hart
through the Project Gutenberg Association (the "Project").
Among other things, this means that no one owns a United States copyright
on or for this work, so the Project (and you!) can copy and
distribute it in the United States without permission and
without paying copyright royalties. Special rules, set forth
below, apply if you wish to copy and distribute this eBook
under the "PROJECT GUTENBERG" trademark.

Please do not use the "PROJECT GUTENBERG" trademark to market
any commercial products without permission.

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efforts to identify, transcribe and proofread public domain
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medium they may be on may contain "Defects". Among other
things, Defects may take the form of incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other
intellectual property infringement, a defective or damaged
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POSSIBILITY OF SUCH DAMAGES.

If you discover a Defect in this eBook within 90 days of
receiving it, you can receive a refund of the money (if any)
you paid for it by sending an explanatory note within that
time to the person you received it from. If you received it
on a physical medium, you must return it with your note, and
such person may choose to alternatively give you a replacement
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receive it electronically.

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     requires that you do not remove, alter or modify the
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     if you wish, distribute this eBook in machine readable
     binary, compressed, mark-up, or proprietary form,
     including any form resulting from conversion by word
     processing or hypertext software, but only so long as
     *EITHER*:

     [*]  The eBook, when displayed, is clearly readable, and
          does *not* contain characters other than those
          intended by the author of the work, although tilde
          (~), asterisk (*) and underline (_) characters may
          be used to convey punctuation intended by the
          author, and additional characters may be used to
          indicate hypertext links; OR

     [*]  The eBook may be readily converted by the reader at
          no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent
          form by the program that displays the eBook (as is
          the case, for instance, with most word processors);
          OR

     [*]  You provide, or agree to also provide on request at
          no additional cost, fee or expense, a copy of the
          eBook in its original plain ASCII form (or in EBCDIC
          or other equivalent proprietary form).

[2]  Honor the eBook refund and replacement provisions of this
     "Small Print!" statement.

[3]  Pay a trademark license fee to the Foundation of 20% of the
     gross profits you derive calculated using the method you
     already use to calculate your applicable taxes.  If you
     don't derive profits, no royalty is due.  Royalties are
     payable to "Project Gutenberg Literary Archive Foundation"
     the 60 days following each date you prepare (or were
     legally required to prepare) your annual (or equivalent
     periodic) tax return.  Please contact us beforehand to
     let us know your plans and to work out the details.

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public domain and licensed works that can be freely distributed
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software or other items, please contact Michael Hart at:
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*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*

