The Project Gutenberg EBook of Der Freigeist, by Gotthold Ephraim Lessing

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Title: Der Freigeist

Author: Gotthold Ephraim Lessing

Posting Date: February 24, 2015 [EBook #9325]
Release Date: November, 2005
First Posted: September 22, 2003

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FREIGEIST ***




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Der Freigeist

Gotthold Ephraim Lessing

Ein Lustspiel in fnf Aufzgen

Verfertigt im Jahre 1749


Personen:

Adrast, der Freigeist
Theophan, ein junger Geistlicher
Lisidor
Juliane und Henriette, Tchter des Lisidor
Frau Philane
Araspe, Theophans Vetter
Johann
Martin
Lisette
Ein Wechsler

Die Szene ist ein Saal.





Erster Aufzug



Erster Auftritt

Adrast.  Theophan.


Theophan.  Werden Sie es belnehmen, Adrast, wenn ich mich endlich
ber den stolzen Kaltsinn beklage, den Sie nicht aufhren, gegen mich
zu uern?  Schon seit Monaten sind wir in einem Hause, und warten auf
einerlei Glck.  Zwei liebenswrdige Schwestern sollen es uns machen.
Bedenken Sie doch, Adrast!  knnen wir noch dringender eingeladen
werden, uns zu lieben, und eine Freundschaft unter uns zu stiften, wie
sie unter Brdern sein sollte?  Wie oft bin ich nicht darauf
bestanden?--

Adrast.  Ebenso oft haben Sie gesehen, da ich mich nicht einlassen
will.  Freundschaft?  Freundschaft unter uns?--Wissen Sie, mu ich
fragen, was Freundschaft ist?

Theophan.  Ob ich es wei?

Adrast.  Alle Fragen bestrzen, deren wir nicht gewrtig sind.  Gut,
Sie wissen es.  Aber meine Art zu denken, und die Ihrige, diese kennen
Sie doch auch?

Theophan.  Ich verstehe Sie.  Also sollen wir wohl Feinde sein?

Adrast.  Sie haben mich schn verstanden!  Feinde?  Ist denn kein
Mittel?  Mu denn der Mensch eines von beiden, hassen, oder lieben?
Gleichgltig wollen wir einander bleiben.  Und ich wei, eigentlich
wnschen Sie dieses selbst.  Lernen Sie wenigstens nur die
Aufrichtigkeit von mir.

Theophan.  Ich bin bereit.  Werden Sie mich aber diese Tugend in aller
ihrer Lauterkeit lehren?

Adrast.  Erst fragen Sie sich selbst, ob sie Ihnen in aller ihrer
Lauterkeit gefallen wrde?

Theophan.  Gewi.  Und Ihnen zu zeigen, ob Ihr knftiger Schler
einige Fhigkeit dazu hat, wollen Sie mich wohl einen Versuch machen
lassen?

Adrast.  Recht gern.

Theophan.  Wo nur mein Versuch nicht ein Meisterstck wird.  Hren Sie
also, Adrast--Aber erlauben Sie mir, da ich mit einer Schmeichelei
gegen mich selbst anfange.  Ich habe von jeher einigen Wert auf meine
Freundschaft gelegt; ich bin vorsichtig, ich bin karg damit gewesen.
Sie sind der erste, dem ich sie angeboten habe; und Sie sind der
einzige, dem ich sie aufdringen will.--Umsonst sagt mir Ihr
verchtlicher Blick, da es mir nicht gelingen solle.  Gewi, es soll
mir gelingen.  Ihr eigen Herz ist mir Brge; Ihr eigen Herz, Adrast,
welches unendlich besser ist, als es Ihr Witz, der sich in gewisse
gro scheinende Meinungen verliebt hat, vielleicht wnschet.

Adrast.  Ich hasse die Lobsprche, Theophan, und besonders die, welche
meinem Herzen auf Unkosten meines Verstandes gegeben werden.  Ich wei
eigentlich nicht, was das fr Schwachheiten sein mssen (Schwachheiten
aber mssen es sein), derentwegen Ihnen mein Herz so wohlgefllt; das
aber wei ich, da ich nicht eher ruhen werde, als bis ich sie, durch
Hlfe meines Verstandes, daraus verdrungen habe.

Theophan.  Ich habe die Probe meiner Aufrichtigkeit kaum angefangen,
und Ihre Empfindlichkeit ist schon rege.  Ich werde nicht weit kommen.

Adrast.  So weit als Sie wollen.  Fahren Sie nur fort.

Theophan.  Wirklich?--Ihr Herz also ist das beste, das man finden kann.
Es ist zu gut, Ihrem Geiste zu dienen, den das Neue, das Besondere
geblendet hat, den ein Anschein von Grndlichkeit zu glnzenden
Irrtmern dahinreit, und der, aus Begierde bemerkt zu werden, Sie mit
aller Gewalt zu etwas machen will, was nur Feinde der Tugend, was nur
Bsewichter sein sollten.  Nennen Sie es, wie Sie wollen: Freidenker,
starker Geist, Deist; ja, wenn Sie ehrwrdige Benennungen mibrauchen
wollen, nennen Sie es Philosoph: es ist ein Ungeheuer, es ist die
Schande der Menschheit.  Und Sie, Adrast, den die Natur zu einer
Zierde derselben bestimmte, der nur seinen eignen Empfindungen folgen
drfte, um es zu sein; Sie, mit einer solchen Anlage zu allem, was
edel und gro ist, Sie entehren sich vorstzlich.  Sie strzen sich
mit Bedacht aus Ihrer Hhe herab, bei dem Pbel der Geister einen Ruhm
zu erlangen, fr den ich lieber aller Welt Schande whlen wollte.

Adrast.  Sie vergessen sich, Theophan, und wenn ich Sie nicht
unterbreche, so glauben Sie endlich gar, da Sie sich an dem Platze
befinden, auf welchem Ihresgleichen ganze Stunden ungestrt schwatzen
drfen.

Theophan.  Nein, Adrast, Sie unterbrechen keinen berlstigen Prediger;
besinnen Sie sich nur: Sie unterbrechen blo einen Freund,--wider
Ihren Willen nenne ich mich so,--der eine Probe seiner Freimtigkeit
ablegen sollte.

Adrast.  Und eine Probe seiner Schmeichelei abgeleget hat;--aber einer
verdeckten Schmeichelei, einer Schmeichelei, die eine gewisse
Bitterkeit annimmt, um destoweniger Schmeichelei zu scheinen.--Sie
werden machen, da ich Sie endlich auch verachte.--Wenn Sie die
Freimtigkeit kennten, so wrden Sie mir alles unter die Augen gesagt
haben, was Sie in Ihrem Herzen von mir denken.  Ihr Mund wrde mir
keine gute Seite geliehen haben, die mir Ihre innere berzeugung nicht
zugestehet.  Sie wrden mich geradeweg einen Ruchlosen gescholten
haben, der sich der Religion nur deswegen zu entziehen suche, damit er
seinen Lsten desto sicherer nachhngen knne.  Um sich pathetischer
auszudrcken, wrden Sie mich einen Hllenbrand, einen eingefleischten
Teufel genannt haben.  Sie wrden keine Verwnschungen gespart, kurz,
Sie wrden sich so erwiesen haben, wie sich ein Theolog gegen die
Verchter seines Aberglaubens, und also auch seines Ansehens, erweisen
mu.

Theophan.  Ich erstaune.  Was fr Begriffe!

Adrast.  Begriffe, die ich von tausend Beispielen abgesondert habe.--
Doch wir kommen zu weit.  Ich wei, was ich wei, und habe lngst
gelernt, die Larve von dem Gesichte zu unterscheiden.  Es ist eine
Karnevalserfahrung: je schner die erste, desto hlicher das andere.

Theophan.  Sie wollen damit sagen--

Adrast.  Ich will nichts damit sagen, als da ich noch zu wenig Grund
habe, die Allgemeinheit meines Urteils von den Gliedern Ihres Standes,
um Ihretwillen einzuschrnken.  Ich habe mich nach den Ausnahmen zu
lange vergebens umgesehen, als da ich hoffen knnte, die erste an
Ihnen zu finden.  Ich mte Sie lnger, ich mte Sie unter
verschiedenen Umstnden gekannt haben, wenn--

Theophan.  Wenn Sie meinem Gesichte die Gerechtigkeit widerfahren
lassen sollten, es fr keine Larve zu halten.  Wohl!  Aber wie knnen
Sie krzer dazu gelangen, als wenn Sie mich Ihres nhern Umganges
wrdigen?  Machen Sie mich zu Ihrem Freunde, stellen Sie mich auf die
Probe--

Adrast.  Sachte!  die Probe kme zu spt, wenn ich Sie bereits zu
meinem Freunde angenommen htte.  Ich habe geglaubt, sie msse
vorhergehen.

Theophan.  Es gibt Grade in der Freundschaft, Adrast; und ich verlange
den vertrautesten noch nicht.

Adrast.  Kurz, auch zu dem niedrigsten knnen Sie nicht fhig sein.

Theophan.  Ich kann nicht dazu fhig sein?  Wo liegt die Unmglichkeit?

Adrast.  Kennen Sie, Theophan, wohl ein Buch, welches das Buch aller
Bcher sein soll; welches alle unsere Pflichten enthalten, welches uns
zu allen Tugenden die sichersten Vorschriften erteilen soll, und
welches der Freundschaft gleichwohl mit keinem Worte gedenkt?  Kennen
Sie dieses Buch?

Theophan.  Ich sehe Sie kommen, Adrast.  Welchem Collin haben Sie
diesen armseligen Einwurf abgeborgt?

Adrast.  Abgeborgt, oder selbst erfunden: es ist gleich viel.  Es mu
ein kleiner Geist sein, der sich Wahrheiten zu borgen schmt.

Theophan.  Wahrheiten!--Sind Ihre brigen Wahrheiten von gleicher
Gte?  Knnen Sie mich einen Augenblick anhren?

Adrast.  Wieder predigen?

Theophan.  Zwingen Sie mich nicht darzu?  Oder wollen Sie, da man
Ihre seichten Spttereien unbeantwortet lassen soll, damit es scheine,
als knne man nicht darauf antworten?

Adrast.  Und was knnen Sie denn darauf antworten?

Theophan.  Dieses.  Sagen Sie mir, ist die Liebe unter der
Freundschaft, oder die Freundschaft unter der Liebe begriffen?
Notwendig das letztere.  Derjenige also, der die Liebe in ihrem
allerweitesten Umfange gebietet, gebietet der nicht auch die
Freundschaft?  Ich sollte es glauben; und es ist so wenig wahr, da
unser Gesetzgeber die Freundschaft seines Gebotes nicht wrdig
geschtzt habe, da er vielmehr seine Lehre zu einer Freundschaft
gegen die ganze Welt gemacht hat.

Adrast.  Sie brden ihm Ungereimtheiten auf.  Freundschaft gegen die
ganze Welt?  Was ist das?  Mein Freund mu kein Freund der ganzen Welt
sein.

Theophan.  Und also ist Ihnen wohl nichts Freundschaft als jene
bereinstimmung der Temperamente, jene angeborne Harmonie der Gemter,
jener heimliche Zug gegeneinander, jene unsichtbare Kette, die zwei
einerlei denkende, einerlei wollende Seelen verknpfet?

Adrast.  Ja, nur dieses ist mir Freundschaft.

Theophan.  Nur dieses?  Sie widersprechen sich also selbst.

Adrast.  Oh!  da ihr Leute doch berall Widersprche findet, auer
nur da nicht, wo sie wirklich sind!

Theophan.  berlegen Sie es.  Wenn diese, ohne Zweifel nicht
willkrliche, bereinstimmung der Seelen, diese in uns liegende
Harmonie mit einem andern einzelnen Wesen allein die wahre
Freundschaft ausmacht: wie knnen Sie verlangen, da sie der
Gegenstand eines Gesetzes sein soll?  Wo sie ist, darf sie nicht
geboten werden; und wo sie nicht ist, da wird sie umsonst geboten.
Und wie knnen Sie es unserm Lehrer zur Last legen, da er die
Freundschaft in diesem Verstande bergangen hat?  Er hat uns eine
edlere Freundschaft befohlen, welche jenes blinden Hanges, den auch
die unvernnftigen Tiere nicht missen, entbehren kann: eine
Freundschaft, die sich nach erkannten Vollkommenheiten mitteilet;
welche sich nicht von der Natur lenken lt, sondern welche die Natur
selbst lenket.

Adrast.  O Geschwtze!

Theophan.  Ich mu Ihnen dieses sagen, Adrast, ob Sie es gleich
ebensowohl wissen knnten, als ich; und auch wissen sollten.  Was
wrden Sie selbst von mir denken, wenn ich den Verdacht nicht mit
aller Gewalt von mir abzulenken suchte, als mache mich die Religion zu
einem Verchter der Freundschaft, die Religion, die Sie nur allzugern
aus einem wichtigen Grunde verachten mchten?--Sehen Sie mich nicht so
geringschtzig an; wenden Sie sich nicht auf eine so beleidigende Art
von mir--

Adrast (beiseite).  Das Pfaffengeschmei!--

Theophan.  Ich sehe, Sie gebrauchen Zeit, den ersten Widerwillen zu
unterdrcken, den eine widerlegte Lieblingsmeinung natrlicherweise
erregt.--Ich will Sie verlassen.  Ich erfuhr itzt ohnedem, da einer
von meinen Anverwandten mit der Post angelangt sei.  Ich gehe ihm
entgegen, und werde die Ehre haben Ihnen denselben vorzustellen.



Zweiter Auftritt

Adrast.--Da ich ihn nimmermehr wiedersehen drfte!  Welcher von euch
Schwarzrcken wre auch kein Heuchler?--Priestern habe ich mein
Unglck zu danken.  Sie haben mich gedrckt, verfolgt, so nahe sie
auch das Blut mit mir verbunden hatte.  Hassen will ich dich, Theophan
und alle deines Ordens!  Mu ich denn auch hier in die Verwandtschaft
der Geistlichkeit geraten?--Er, dieser Schleicher, dieser blde
Verleugner seines Verstandes, soll mein Schwager werden?--Und mein
Schwager durch Julianen?--Durch Julianen?--Welch grausames Geschick
verfolgt mich doch berall!  Ein alter Freund meines verstorbenen
Vaters trgt mir eine von seinen Tchtern an.  Ich eile herbei, und
mu zu spt kommen, und mu die, welche auf den ersten Anblick mein
ganzes Herz hatte, die, mit der ich allein glcklich leben konnte,
schon versprochen finden.  Ach Juliane!  So warest du mir nicht
bestimmt?  du, die ich liebe?  Und so soll ich mich mit einer
Schwester begngen, die ich nicht liebe?--



Dritter Auftritt

Lisidor.  Adrast.


Lisidor.  Da haben wir's!  Schon wieder allein, Adrast?  Sagen Sie mir,
mssen die Philosophen so zu Winkel kriechen?  Ich wollte doch lieber
sonst was sein--Und, wenn ich recht gehrt habe, so sprachen Sie ja
wohl gar mit sich selber?  Nu, nu!  es ist schon wahr: ihr Herren
Grillenfnger knnt freilich mit niemand Klgerm reden, als mit euch
selber.  Aber gleichwohl ist unsereiner auch kein Katzenkopf.  Ich
schwatze eins mit, es mag sein, von was es will.

Adrast.  Verzeihen Sie--

Lisidor.  Je, mit Seinem Verzeihen!  Er hat mir ja noch nichts zuwider
getan--Ich habe gern, wenn die Leute lustig sind.  Und ich will kein
ehrlicher Mann sein, wenn ich mir nicht eine rechte Freude darauf
eingebildet habe, den Wildfang, wie sie Ihn sonst zu Hause nannten, zu
meinem Schwiegersohne zu haben.  Freilich ist Er seitdem gro
gewachsen; Er ist auf Reisen gewesen; Er hat Land und Leute gesehen.
Aber, da Er so gar sehr verndert wrde wiedergekommen sein, das
htte ich mir nicht trumen lassen.  Da geht Er nun, und spintisiert
von dem, was ist--und was nicht ist,--von dem, was sein knnte, und
wenn es sein knnte, warum es wieder nicht sein knnte;--von der
Notwendigkeit, der halben und ganzen, der notwendigen Notwendigkeit,
und der nicht notwendigen Notwendigkeit;--von den A--A--wie heien die
kleinen Dingerchen, die so in den Sonnenstrahlen herumfliegen?  von
den A--A--Sage doch, Adrast--

Adrast.  Von den Atomis, wollen Sie sagen.

Lisidor.  Ja, ja, von den Atomis, von den Atomis.  So heien sie, weil
man ihrer ein ganz Tausend mit einem Atem hinunterschlucken kann.

Adrast.  Ha!  ha!  ha!

Lisidor.  Er lacht, Adrast?  Ja, mein gutes Brschchen, du mut nicht
glauben, da ich von den Sachen ganz und gar nichts verstehe.  Ich
habe euch, Ihn und den Theophan, ja oft genug darber zanken hren.
Ich behalte mir das Beste.  Wenn ihr euch in den Haaren liegt, so
fische ich im trben.  Da fllt manche Brocke ab, die keiner von euch
brauchen kann, und die ist fr mich.  Ihr drft deswegen nicht
neidisch auf mich sein; denn ich bereichere mich nicht von einem
allein.  Das nehme ich von dir, mein lieber Adrast; und das vom
Theophan; und aus allen dem mache ich mir hernach ein Ganzes--

Adrast.  Das vortrefflich ungeheuer sein mu.

Lisidor.  Wieso?

Adrast.  Sie verbinden Tag und Nacht, wenn Sie meine mit Theophans
Gedanken verbinden.

Lisidor.  Je nu!  so wird eine angenehme Dmmerung daraus.--Und
berhaupt ist es nicht einmal wahr, da ihr so sehr voneinander
unterschieden wret.  Einbildungen!  Einbildungen!  Wie vielmal habe
ich nicht allen beiden zugleich recht gegeben?  Ich bin es nur
allzuwohl berzeugt, da alle ehrliche Leute einerlei glauben.

Adrast.  Sollten!  sollten!  das ist wahr.

Lisidor.  Nun da sehe man!  was ist nun das wieder fr ein
Unterscheid?  Glauben, oder glauben sollen: es kmmt auf eines heraus.
Wer kann alle Worte so abzirkeln?--Und ich wette was, wenn ihr nur
erst werdet Schwger sein, kein Ei wird dem andern hnlicher sein
knnen.--

Adrast.  Als ich dem Theophan, und er mir?

Lisidor.  Gewi.  Noch wit ihr nicht, was das heit, miteinander
verwandt sein.  Der Verwandtschaft wegen wird der einen Daumen breit,
und der einen Daumen breit nachgeben.  Und einen Daumen breit, und
wieder einen Daumen breit, das macht zwei Daumen breit; und zwei
Daumen breit--ich bin ein Schelm, wenn ihr die auseinander seid.--
Nichts aber knnte mich in der Welt wohl so vergngen, als da meine
Tchter so vortrefflich fr euch passen.  Die Juliane ist eine geborne
Priesterfrau; und Henriette--in ganz Deutschland mu kein Mdchen zu
finden sein, das sich fr Ihn, Adrast, besser schickte.  Hbsch,
munter, fix; sie singt, sie tanzt, sie spielt; kurz, sie ist meine
leibhafte Tochter.  Juliane dargegen ist die liebe, heilige Einfalt.

Adrast.  Juliane?  Sagen Sie das nicht.  Ihre Vollkommenheiten fallen
vielleicht nur weniger in die Augen.  Ihre Schnheit blendet nicht;
aber sie geht ans Herz.  Man lt sich gern von ihren stillen Reizen
fesseln, und man biegt sich mit Bedacht in ihr Joch, das uns andere in
einer frhlichen Unbesonnenheit berwerfen mssen.  Sie redet wenig;
aber auch ihr geringstes Wort hat Vernunft.

Lisidor.  Und Henriette?

Adrast.  Es ist wahr: Henriette wei sich frei und witzig auszudrcken.
Wrde es aber Juliane nicht auch knnen, wenn sie nur wollte, und
wenn sie nicht Wahrheit und Empfindung jenem prahlenden Schimmer
vorzge?  Alle Tugenden scheinen sich in ihrer Seele verbunden zu
haben--

Lisidor.  Und Henriette?

Adrast.  Es sei ferne, da ich Henrietten irgend eine Tugend
absprechen sollte.  Aber es gibt ein gewisses ueres, welches sie
schwerlich vermuten liee, wenn man nicht andre Grnde fr sie htte.
Julianens gesetzte Anmut, ihre ungezwungene Bescheidenheit, ihre
ruhige Freude, ihre--

Lisidor.  Und Henriettens?

Adrast.  Henriettens wilde Annehmlichkeiten, ihre wohl lassende
Dreustigkeit, ihre frhlichen Entzckungen stechen mit den grndlichen
Eigenschaften ihrer Schwester vortrefflich ab.  Aber Juliane gewinnt
dabei--

Lisidor.  Und Henriette?

Adrast.  Verlieret dabei nichts.  Nur da Juliane--

Lisidor.  Ho!  ho!  Herr Adrast, ich will doch nicht hoffen, da Sie
auch an der Narrheit krank liegen, welche die Leute nur das fr gut
und schn erkennen lt, was sie nicht bekommen knnen.  Wer Henker
hat Sie denn gedungen, Julianen zu loben?

Adrast.  Fallen Sie auf nichts Widriges.  Ich habe blo zeigen wollen,
da mich die Liebe fr meine Henriette gegen die Vorzge ihrer
Schwester nicht blind mache.

Lisidor.  Nu, nu!  wenn das ist, so mag es hingehen.  Sie ist auch
gewi ein gutes Kind, die Juliane.  Sie ist der Augapfel ihrer
Gromutter.  Und das gute, alte Weib hat tausendmal gesagt, die Freude
ber ihr Julchen erhielte sie noch am Leben.

Adrast.  Ach!

Lisidor.  Das war ja gar geseufzt.  Was Geier ficht Ihn an?  Pfui!
Ein junger gesunder Mann, der alle Viertelstunden eine Frau nehmen
will, wird seufzen?  Spare Er Sein Seufzen, bis Er die Frau hat!



Vierter Auftritt

Johann.  Adrast.  Lisidor.


Johann.  Pst!  Pst!

Lisidor.  Nu?  Nu?

Johann.  Pst!  Pst!

Adrast.  Was gibt's?

Johann.  Pst!  Pst!

Lisidor.  Pst!  Pst!  Mosjeu Johann.  Kann der Schurke nicht nher
kommen?

Johann.  Pst, Herr Adrast!  Ein Wort im Vertrauen.

Adrast.  So komm her!

Johann.  Im Vertrauen, Herr Adrast.

Lisidor (welcher auf ihn zu geht).  Nun?  was willst du?

Johann (geht auf die andre Seite).  Pst!  Herr Adrast, nur ein
Wrtchen, ganz im Vertrauen!

Adrast.  So pack dich her, und rede.

Lisidor.  Rede!  rede!  Was kann der Schwiegersohn haben, das der
Schwiegervater nicht hren drfte?

Johann.  Herr Adrast!  (Zieht ihn an dem rmel beiseite.)

Lisidor.  Du Spitzbube, willst mich mit aller Gewalt vom Platze haben.
Rede nur, rede!  ich gehe schon.

Johann.  Oh!  Sie sind gar zu hflich.  Wenn Sie einen kleinen
Augenblick dort in die Ecke treten wollen: so knnen Sie immer da
bleiben.

Adrast.  Bleiben Sie doch!  ich bitte.

Lisidor.  Nu!  wenn ihr meint--(indem er auf sie zu kmmt).

Adrast.  Nun sage, was willst du?

Johann (welcher sieht, da ihm Lisidor wieder nahe steht).  Nichts.

Adrast.  Nichts?

Johann.  Nichts, gar nichts.

Lisidor.  Das Wrtchen im Vertrauen, hast du es schon wieder vergessen?

Johann.  Potz Stern!  sind Sie da?  Ich denke, Sie stehen dort im
Winkel.

Lisidor.  Narre, der Winkel ist nher gerckt.

Johann.  Daran hat er sehr unrecht getan.

Adrast.  Halte mich nicht lnger auf, und rede.

Johann.  Herr Lisidor, mein Herr wird bse.

Adrast.  Ich habe vor ihm nichts Geheimes: rede!

Johann.  So habe ich auch nichts fr Sie.

Lisidor.  Galgendieb, ich mu dir nur deinen Willen tun.--Ich gehe auf
meine Stube, Adrast: wenn Sie zu mir kommen wollen--

Adrast.  Ich werde Ihnen gleich folgen.



Fnfter Auftritt

Johann.  Adrast,


Johann.  Ist er fort?

Adrast.  Was hast du mir denn zu sagen?  Ich wette, es ist eine
Kleinigkeit; und der Alte wird sich einbilden, da es Halssachen sind.

Johann.  Eine Kleinigkeit?  Mit einem Worte, Herr Adrast, wir sind
verloren.  Und Sie konnten verlangen, da ich es in Gegenwart des
Lisidors sagen sollte?

Adrast.  Verloren?  Und wie denn?  Erklre dich.

Johann.  Was ist da zu erklren?  Kurz, wir sind verloren.--Aber so
unvorsichtig htte ich mir Sie doch nimmermehr eingebildet, da Sie es
sogar Ihren knftigen Schwiegervater wollten hren lassen--

Adrast.  So la mich es nur hren--

Johann.  Wahrhaftig, er htte die Lust auf einmal verlieren knnen, es
jemals zu werden.--So ein Streich!

Adrast.  Nun?  was denn fr ein Streich?  Wie lange wirst du mich noch
martern?

Johann.  Ein ganz verdammter Streich.--Ja, ja!  wenn der Bediente
nicht oft behutsamer wre, als der Herr: es wrden artige Dinge
herauskommen.

Adrast.  Nichtswrdiger Schlingel--

Johann.  Ho, ho!  ist das mein Dank?  Wenn ich es doch nur gesagt
htte, wie der Alte da war.  Wir htten wollen sehen!  wir htten
wollen sehen--

Adrast.  Da dich dieser und jener--

Johann.  Ha, ha!  nach dem diesen und jenen wird nicht mehr gefragt.
Ich wei doch wohl, da Sie den Teufel meinen, und da keiner ist.
Ich mte wenig von Ihnen gelernt haben, wenn ich nicht der ganzen
Hlle ein Schnippchen schlagen wollte.

Adrast.  Ich glaube, du spielst den Freigeist?  Ein ehrlicher Mann
mchte einen Ekel davor bekommen, wenn er sieht, da es ein jeder
Lumpenhund sein will.--Aber ich verbiete dir nunmehr, mir ein Wort zu
sagen.  Ich wei doch, da es nichts ist.

Johann.  Ich sollte es Ihnen nicht sagen?  Ich sollte Sie so in Ihr
Unglck rennen lassen?  Das wollen wir sehen.

Adrast.  Gehe mir aus den Augen!

Johann.  Nur Geduld!--Sie erinnern sich doch wohl so ohngefhr, wie
Sie Ihre Sachen zu Hause gelassen haben?

Adrast.  Ich mag nichts wissen.

Johann.  Ich sage Ihnen ja auch noch nichts.--Sie erinnern sich doch
wohl auch der Wechsel, die Sie an den Herrn Araspe vor Jahr und Tag
ausstellten?

Adrast.  Schweig, ich mag nichts davon hren.

Johann.  Ohne Zweifel, weil Sie sie vergessen wollen?  Wenn sie nur
dadurch bezahlt wrden.--Aber wissen Sie denn auch, da sie verfallen
sind?

Adrast.  Ich wei, da du dich nicht darum zu bekmmern hast.

Johann.  Auch das verbeie ich.--Sie denken freilich: Weit davon, ist
gut fr den Schu; und Herr Araspe hat eben nicht ntig, so sehr
dahinterher zu sein.  Aber, was meinen Sie, wenn ich den Herrn Araspe--

Adrast.  Nun was?

Johann.  Jetzt den Augenblick vom Postwagen htte steigen sehen?

Adrast.  Was sagst du?  Ich erstaune--

Johann.  Das tat ich auch, als ich ihn sah.

Adrast.  Du, Araspen gesehen?  Araspen hier?

Johann.  Mein Herr, ich habe mich auf den Fu gesetzt, da ich Ihre
und meine Schuldner gleich auf den ersten Blick erkenne; ja ich rieche
sie schon, wenn sie auch noch hundert Schritt von mir sind.

Adrast (nachdem er nachgedacht).  Ich bin verloren!

Johann.  Das war ja mein erstes Wort.

Adrast.  Was ist anzufangen?

Johann.  Das beste wird sein: wir packen auf, und ziehen weiter.

Adrast.  Das ist unmglich.

Johann.  Nun so machen Sie sich gefat, zu bezahlen.

Adrast.  Das kann ich nicht; die Summe ist zu gro.

Johann.  Oh!  ich sagte auch nur so.--Sie sinnen?

Adrast.  Doch wer wei auch, ob er ausdrcklich meinetwegen
hergekommen ist.  Er kann andre Geschfte haben.

Johann.  Je nu!  so wird er das Geschfte mit Ihnen so beiher treiben.
Wir sind doch immer geklatscht.

Adrast.  Du hast recht.--Ich mchte rasend werden, wenn ich an alle
die Streiche gedenke, die mir ein ungerechtes Schicksal zu spielen
nicht aufhrt.--Doch wider wen murre ich?  Wider ein taubes Ohngefhr?
Wider einen blinden Zufall, der uns ohne Absicht und ohne Vorsatz
schwerfllt?  Ha!  nichtswrdiges Leben!--

Johann.  Oh!  lassen Sie mir das Leben ungeschimpft.  So einer
Kleinigkeit wegen sich mit ihm zu berwerfen, das wre was Gescheutes!

Adrast.  So rate mir doch, wenn du es fr eine Kleinigkeit ansiehst.

Johann.  Fllt Ihnen im Ernste kein Mittel ein?--Bald werde ich Sie
gar nicht mehr fr den groen Geist halten, fr den ich Sie doch immer
gehalten habe.  Fortgehen wollen Sie nicht; bezahlen knnen Sie nicht:
was ist denn noch brig?

Adrast.  Mich ausklagen zu lassen.

Johann.  O pfui!  Worauf ich gleich zuerst fallen wrde, wenn ich auch
bezahlen knnte--

Adrast.  Und was ist denn das?

Johann.  Schwren Sie den Bettel ab.

Adrast (mit einer bittern Verachtung).  Schurke!

Johann.  Wie?  Was bin ich?  So einen brderlichen Rat--

Adrast.  Ja wohl ein brderlicher Rat, den du nur deinen Brdern,
Leuten deinesgleichen, geben solltest.

Johann.  Sind Sie Adrast?  Ich habe Sie wohl niemals ber das Schwren
spotten hren?

Adrast.  ber das Schwren, als Schwren, nicht aber als eine bloe
Beteurung seines Wortes.  Diese mu einem ehrlichen Manne heilig sein,
und wenn auch weder Gott noch Strafe ist.  Ich wrde mich ewig schmen,
meine Unterschrift geleugnet zu haben, und ohne Verachtung meiner
selbst, nie mehr meinen Namen schreiben knnen.

Johann.  Aberglauben ber Aberglauben.  Zu einer Tre haben Sie ihn
herausgejagt, und zu der andern lassen Sie ihn wieder herein.

Adrast.  Schweig!  ich mag dein lsterliches Geschwtze nicht anhren.
Ich will Araspen aufsuchen.  Ich will ihm Vorstellungen tun; ich will
ihm von meiner Heirat sagen; ich will ihm Zinsen ber Zinsen
versprechen.--Ich treffe ihn doch wohl noch in dem Posthause?

Johann.  Vielleicht.--Da geht er, der barmherzige Schlucker.  Das Maul
ist gro genug an ihm; aber wenn es dazu kmmt, da er das, was er
glaubt, mit Taten beweisen soll, da zittert das alte Weib!  Wohl dem,
der nach seiner berzeugung auch leben kann!  So hat er doch noch
etwas davon.  Ich sollte an seiner Stelle sein.--Doch ich mu nur
sehen, wo er bleibt.

(Ende des ersten Aufzugs.)





Zweiter Aufzug



Erster Auftritt

Juliane.  Henriette.  Lisette.


Lisette.  Vor allen Dingen, meine lieben Mamsells, ehe ich Ihre kleine
Streitigkeit schlichte, lassen Sie uns ausmachen, welcher von Ihnen
ich heute zugehre.  Sie wissen wohl, Ihre Herrschaft ber mich ist
umzechig.  Denn weil es unmglich sein soll, zweien Herren zu dienen,
So hat Ihr wohlweiser Papa--neigen Sie sich, Mamsells, neigen Sie sich!
--so hat, sage ich, Ihr wohlweiser Papa wohlbedchtig mich damit
verschonen wollen, das Unmgliche mglich zu machen.  Er hat jede von
Ihnen einen Tag um den andern zu meiner hauptschlichen Gebieterin
gemacht; so da ich den einen Tag der sanften Juliane ehrbares Mdchen,
und den andern der muntern Henriette wilde Lisette sein mu.  Aber
jetzt, seitdem die fremden Herren im Hause sind--

Henriette.  Unsre Anbeter meinst du--

Lisette.  Ja, ja!  Ihre Anbeter, welche bald Ihre hochbefehlenden
Ehemnner sein werden--Seitdem, sage ich, diese im Hause sind, geht
alles drber und drunter; ich werde aus einer Hand in die andere
geschmissen; und ach!  unsere schne Ordnung liegt mit dem Nhzeuge,
das Sie seit eben der Zeit nicht angesehen haben, unterm Nachttische.
Hervor wieder damit!  Ich mu wissen, woran ich mit Ihnen bin, wenn
ich ein unparteiisches Urteil fllen soll.

Henriette.  Das wollen wir bald ausrechnen.--Du besinnst dich doch
wohl auf den letzten Feiertag, da dich meine Schwester mit in die
Nachmittagspredigt schleppte, so gerne du auch mit mir auf unser
Vorwerk gefahren wrest?  Du warst damals sehr strenge, Juliane!--

Juliane.  Ich habe doch wohl nicht einer ehrlichen Seele einen
vergeblichen Weg nach ihr hinaus gemacht?

Henriette.  Lisette--

Lisette.  Stille, Mamsell Henriette!  nicht aus der Schule geschwatzt,
oder--

Henriette.  Mdchen drohe nicht!  Du weit wohl, ich habe ein gut
Gewissen.

Lisette.  Ich auch.--Doch lassen Sie uns nicht das Hundertste ins
Tausendste schwatzen.--Recht!  an den Feiertag will ich gedenken!  Er
war der letzte in unsrer Ordnung; denn noch den Abend kam Theophan an.

Henriette.  Und also, mit Erlaubnis meiner Schwester, bist du heute
meine.

Juliane.  Ohne Widerrede.

Lisette.  Juchhei!  Mamsellchen.  Ich bin also heute Ihre: Juchhei!

Juliane.  Ist das dein Lsungswort unter ihrer Fahne?

Lisette.  Ohne weitre Umstnde: erzhlen Sie mir nunmehr Ihre
Streitigkeit.--Unterdessen lege ich mein Gesicht in richterliche
Falten.

Juliane.  Streitigkeit?  Eine wichtige Streitigkeit?  Ihr seid beide
Schkerinnen.--Ich will nichts mehr davon hren.

Henriette.  So?  Du willst keinen Richter erkennen?  Ein klarer Beweis,
da du unrecht hast.--Hre nur, Lisette!  wir haben ber unsre
Anbeter gezankt.  Ich will die Dinger immer noch so nennen, mag doch
zuletzt daraus werden, was da will.

Lisette.  Das dachte ich.  ber was knnten sich zwei gute Schwestern
auch sonst zanken?  Es ist freilich verdrielich, wenn man sein
knftiges Haupt verachten hrt.

Henriette.  Schwude!  Mdchen; du willst ganz auf die falsche Seite.
Keine hat des andern Anbeter verachtet; sondern unser Zank kam daher,
weil eine des andern Anbeter--schon wieder Anbeter!--allzusehr erhob.

Lisette.  Eine neue Art Zanks!  wahrhaftig, eine neue Art!

Henriette.  Kannst du es anders sagen, Juliane?

Juliane.  Oh!  verschone mich doch damit.

Henriette.  Hoffe auf kein Verschonen, wenn du nicht widerrufst.--Sage,
Lisette, hast du unsre Mnnerchen schon einmal gegeneinander
gehalten?  Was dnkt dich?  Juliane macht ihren armen Theophan
herunter, als wenn er ein kleines Ungeheuer wre.

Juliane.  Unartige Schwester!  Wann habe ich dieses getan?  Mut du
aus einer flchtigen Anmerkung, die du mir gar nicht httest aufmutzen
sollen, solche Folgen ziehen?

Henriette.  Ich seh, man mu dich bse machen, wenn du mit der Sprache
heraus sollst.--Eine flchtige Anmerkung nennst du es?  Warum
strittest du denn ber ihre Grndlichkeit?

Juliane.  Du hast doch nrrische Ausdrcke!  Fingst du nicht den
ganzen Handel selbst an?  Ich glaubte, wie sehr ich dir schmeicheln
wrde, wenn ich deinen Adrast den wohlgemachtesten Mann nennte, den
ich jemals gesehen htte.  Du httest mir fr meine Gesinnungen danken,
nicht aber widersprechen sollen.

Henriette.  Sieh, wie wunderlich du bist!  Was war mein Widerspruch
anders, als ein Dank?  Und wie konnte ich mich nachdrcklicher
bedanken, als wenn ich den unverdienten Lobspruch auf deinen Theophan
zurckschob?--

Lisette.  Sie hat recht!

Juliane.  Nein, sie hat nicht recht.  Denn eben dieses verdro mich.
Mu sie auf einen so kindischen Fu mit mir umgehen?  Sahe sie mich
nicht dadurch fr ein kleines spielendes Mdchen an, das zu ihr gesagt
htte: Deine Puppe ist die schnste; und dem sie also, um es nicht
bse zu machen, antworten mte: Nein, deine ist die schnste?

Lisette.  Nun hat sie recht!

Henriette.  Oh!  geh, du bist eine artige Richterin.  Hast du schon
vergessen, da du mir heute angehrst?

Lisette.  Desto schrfer eben werde ich gegen Sie sein, damit ich
nicht parteiisch lasse.

Juliane.  Glaube mir nur, da ich bessere Eigenschaften an einer
Mannsperson zu schtzen wei, als seine Gestalt.  Und es ist genug,
da ich diese bessern Eigenschaften an dem Theophan finde.  Sein Geist-
-

Henriette.  Von dem ist ja nicht die Rede.  Jetzt kmmt es auf den
Krper an, und dieser ist an dem Theophan schner, du magst sagen, was
du willst.  Adrast ist besser gewachsen: gut; er hat einen schnern
Fu: ich habe nichts dawider.  Aber la uns auf das Gesicht kommen.--

Juliane.  So stckweise habe ich mich nicht eingelassen.

Henriette.  Das ist eben dein Fehler.--Was fr ein Stolz, was fr eine
Verachtung aller andern blickt nicht dem Adrast aus jeder Miene!  Du
wirst es Adel nennen; aber machst du es dadurch schn?  Umsonst sind
seine Gesichtszge noch so regelmig: sein Eigensinn, seine Lust zum
Spotten hat eine gewisse Falte hineingebracht, die ihm in meinen Augen
recht hlich lt.  Aber ich will sie ihm gewi herausbringen: la
nur die Flitterwochen erst vorbei sein.--Dein Theophan hingegen hat
das liebenswrdigste Gesicht von der Welt.  Es herrscht eine
Freundlichkeit darin, die sich niemals verleugnet.--

Juliane.  Sage mir doch nur nichts, was ich ebensogut bemerkt habe,
als du.  Allein eben diese seine Freundlichkeit ist nicht sowohl das
Eigentum seines Gesichts, als die Folge seiner innern Ruhe.  Die
Schnheit der Seele bringt auch in einen ungestalteten Krper Reize;
so wie ihre Hlichkeit dem vortrefflichsten Baue und den schnsten
Gliedern desselben, ich wei nicht was eindrckt, das einen
unzuerklrenden Verdru erwecket.  Wenn Adrast eben der fromme Mann
wre, der Theophan ist; wenn seine Seele von ebenso gttlichen
Strahlen der Wahrheit, die er sich mit Gewalt zu verkennen bestrebet,
erleuchtet wre: so wrde er ein Engel unter den Menschen sein; da er
jetzt kaum ein Mensch unter den Menschen ist.  Zrne nicht, Henriette,
da ich so verchtlich von ihm rede.  Wenn er in gute Hnde fllt,
kann er noch alles das werden, was er jetzt nicht ist, weil er es nie
hat sein wollen.  Seine Begriffe von der Ehre, von der natrlichen
Billigkeit sind vortrefflich.--

Henriette (spttisch).  Oh!  du machst ihn auch gar zu sehr herunter.--
Aber im Ernste, kann ich nicht sagen, da du mich nunmehr fr das
kleine spielende Mdchen ansiehst?  Ich mag ja nicht von dir
seinetwegen zufriedengestellt sein.  Er ist, wie er ist, und lange gut
fr mich.  Du sprachst von guten Hnden, in die er fallen mte, wenn
noch was aus ihm werden sollte.  Da er in meine nunmehr gefallen ist,
wird er wohl nicht anders werden.  Mich nach ihm zu richten, wird mein
einziger Kunstgriff sein, uns das Leben ertrglich zu machen.  Nur die
verdrielichen Gesichter mu er ablegen; und da werde ich ihm die
Gesichter deines Theophans zum Muster vorschlagen.

Juliane.  Schon wieder Theophan, und seine freundlichen Gesichter?

Lisette.  Stille!  Mamsell--



Zweiter Auftritt

Theophan.  Juliane.  Henriette.  Lisette.


Henriette (springt dem Theophan entgegen).  Kommen Sie doch, Theophan,
kommen Sie!--Knnen Sie wohl glauben, da ich Ihre Partei gegen meine
Schwester habe halten mssen?  Bewundern Sie meine Uneigenntzigkeit.
Ich habe Sie bis in den Himmel erhoben, da ich doch wei, da ich Sie
nicht bekomme, sondern da Sie fr meine Schwester bestimmt sind, die
Ihren Wert nicht kennet.  Denken Sie nur, sie behauptet, da Sie keine
so schne Person vorstellten, als Adrast.  Ich wei nicht, wie sie das
behaupten kann.  Ich sehe doch den Adrast mit den Augen einer
Verliebten an, das ist, ich mache mir ihn noch zehnmal schner, als er
ist, und gleichwohl geben Sie ihm, meines Bednkens, nichts nach.  Sie
spricht zwar, auf der Seite des Geistes htten Sie mehr Vorzge; aber
was wissen wir Frauenzimmer denn vom Geiste?

Juliane.  Die Schwtzerin!  Sie kennen sie, Theophan: glauben Sie ihr
nicht.

Theophan.  Ich ihr nicht glauben, schnste Juliane?  Warum wollen Sie
mich nicht in der glcklichen berzeugung lassen, da Sie so
vorteilhaft von mir gesprochen haben?--Ich danke Ihnen, angenehmste
Henriette, fr Ihre Verteidigung; ich danke Ihnen umsovielmehr, je
strker ich selbst berfhret bin, da Sie eine schlechte Sache haben
verteidigen mssen.  Allein--

Henriette.  Oh!  Theophan, von Ihnen verlange ich es nicht, da Sie
mir recht geben sollen.  Es ist eine andere gewisse Person--

Juliane.  Lassen Sie dieser andern Person Gerechtigkeit widerfahren,
Theophan.  Sie werden, hoffe ich, meine Gesinnungen kennen--

Theophan.  Gehen Sie nicht mit mir, als mit einem Fremden um, liebste
Juliane.  Brauchen Sie keine Einlenkungen; ich wrde bei jeder nhern
Bestimmung verlieren.--Bei den Bchern, in einer engen staubigten
Studierstube, vergit man des Krpers sehr leicht; und Sie wissen, der
Krper mu ebensowohl bearbeitet werden, als die Seele, wenn beide
diejenigen Vollkommenheiten erhalten sollen, deren sie fhig sind.
Adrast ist in der groen Welt erzogen worden; er hat alles, was bei
derselben beliebt macht--

Henriette.  Und wenn es auch Fehler sein sollten.--

Theophan.  Wenigstens habe ich diese Anmerkung nicht machen wollen.--
Aber nur Geduld!  ein groer Verstand kann diesen Fehlern nicht immer
ergeben sein.  Adrast wird das Kleine derselben endlich einsehen,
welches sich nur allzusehr durch das Leere verrt, das sie in unsern
Herzen zurcklassen.  Ich bin seiner Umkehr so gewi, da ich ihn
schon im voraus darum liebe.--Wie glcklich werden Sie mit ihm leben,
glckliche Henriette!

Henriette.  So edel spricht Adrast niemals von Ihnen, Theophan.--

Juliane.  Abermals eine recht garstige Anmerkung, meine liebe
Schwester.--Was suchst du damit, da du dem Theophan dieses sagst?  Es
ist allezeit besser, wenn man es nicht wei, wer von uns bel spricht.
Die Kenntnis unserer Verleumder wirkt auch in dem gromtigsten
Herzen eine Art von Entfernung gegen sie, die ihre Ausshnung mit der
beleidigten Person nur noch schwerer macht.

Theophan.  Sie entzcken mich, Juliane.  Aber frchten Sie nichts!
Eben darin soll ber kurz oder lang mein Triumph bestehen, da ich den
mich jetzt verachtenden Adrast besser von mir zu urteilen gezwungen
habe.  Wrde ich aber nicht diesen ganzen Triumph zernichten, wenn ich
selbst einigen Groll gegen ihn fassen wollte?  Noch hat er sich nicht
die Mhe genommen, mich nher kennenzulernen.  Vielleicht, da ich ein
Mittel finde, ihn dazu zu vermgen.--Lassen Sie uns nur jetzt davon
abbrechen; und erlauben Sie, da ich einen meiner nchsten
Blutsfreunde bei Ihnen anmelden darf, der sich ein Vergngen daraus
gemacht hat, mich hier zu berraschen.--

Juliane.  Einen Anverwandten?

Henriette.  Und wer ist es?

Theophan.  Araspe.

Juliane.  Araspe?

Henriette.  Ei!  das ist ja vortrefflich!  Wo ist er denn?

Theophan.  Er war eben abgestiegen, und hat mir versprochen,
unverzglich nachzufolgen.

Henriette.  Wei es der Papa schon?

Theophan.  Ich glaube nicht.

Juliane.  Und die Gromama?

Henriette.  Komm, Schwesterchen!  diese frhliche Nachricht mssen wir
ihnen zuerst bringen.--Du bist doch nicht bse auf mich?

Juliane.  Wer kann auf dich bse sein, Schmeichlerin?  Komm nur!

Theophan.  Erlauben Sie, da ich ihn hier erwarte.

Henriette.  Bringen Sie ihn aber nur bald.  Hren Sie!



Dritter Auftritt

Theophan.  Lisette.


Lisette.  Ich bleibe, Herr Theophan, um Ihnen noch ein kleines groes
Kompliment zu machen.  Wahrhaftig!  Sie sind der glcklichste Mann von
der Welt!  und wenn Herr Lisidor, glaube ich, noch zwei Tchter htte,
so wrden sie doch alle viere in Sie verliebt sein.

Theophan.  Wie versteht Lisette das?

Lisette.  Ich verstehe es so: da wenn es alle viere sein wrden, es
jetzt alle zwei sein mssen.

Theophan (lchelnd).  Noch dunkler!

Lisette.  Das sagt Ihr Lcheln nicht.--Wenn Sie aber wirklich Ihre
Verdienste selbst nicht kennen, so sind Sie nur desto liebenswerter.
Juliane liebt Sie: und das geht mit rechten Dingen zu, denn sie soll
Sie lieben.  Nur schade, da ihre Liebe so ein gar vernnftiges
Ansehen hat.  Aber was soll ich zu Henrietten sagen?  Gewi sie liebt
Sie auch, und was das Verzweifeltste dabei ist, sie liebt Sie--aus
Liebe.--Wenn Sie sie doch nur alle beide auch heiraten knnten!

Theophan.  Sie meint es sehr gut, Lisette!

Lisette.  Ja, wahrhaftig!  alsdann sollten Sie mich noch obendrein
behalten.

Theophan.  Noch besser!  Aber ich sehe, Lisette hat Verstand--

Lisette.  Verstand?  Auf das Kompliment wei ich, leider!  nichts zu
antworten.  Auf ein anders: Lisette ist schn, habe ich wohl ungefhr
antworten lernen: Mein Herr, Sie scherzen.  Ich wei nicht, ob sich
diese Antwort hieher auch schickt.

Theophan.  Ohne Umstnde!--Lisette kann mir einen Dienst erzeigen,
wenn sie mir ihre wahre Meinung von Julianen entdeckt.  Ich bin gewi,
da sie auch in ihren Mutmaungen nicht weit vom Ziele treffen wird.
Es gibt gewisse Dinge, wo ein Frauenzimmerauge immer schrfer sieht,
als hundert Augen der Mannspersonen.

Lisette.  Verzweifelt!  diese Erfahrung knnen Sie wohl nimmermehr aus
Bchern haben--Aber, wenn Sie nur acht auf meine Reden gegeben htten;
ich habe Ihnen bereits meine wahre Meinung von Julianen gesagt.  Sagte
ich Ihnen nicht, da mir ihre Liebe ein gar zu vernnftiges Ansehen zu
haben scheine?  Darin liegt alles, was ich davon denke.  berlegung,
Pflicht, vorzgliche Schnheiten der Seele--Ihnen die Wahrheit zu
sagen, gegen so vortreffliche Worte, in einem weiblichen Munde, mag
ein Liebhaber immer ein wenig mitrauisch sein.  Und noch eine kleine
Beobachtung gehret hieher: diese nmlich, da sie mit den schnen
Worten weit sparsamer gewesen, als Herr Theophan allein im Hause war.

Theophan.  Gewi?

Lisette (nachdem sie ihn einen Augenblick angesehen).  Herr Theophan!
Herr Theophan!  Sie sagen dieses Gewi mit einer Art,--mit einer Art,--

Theophan.  Mit was fr einer Art?

Lisette.  Ja!  nun ist sie wieder weg.  Die Mannspersonen!  die
Mannspersonen!  Und wenn es auch gleich die allerfrmmsten sind--Doch
ich will mich nicht irremachen lassen.  Seit Adrast im Hause ist,
wollte ich sagen, fallen zwischen dem Adrast und Julianen dann und
wann Blicke vor--

Theophan.  Blicke?--Sie beunruhiget mich, Lisette.

Lisette.  Und das Beunruhigen knnen Sie so ruhig aussprechen, so
ruhig--Ja, Blicke fallen zwischen ihnen vor; Blicke, die nicht ein
Haar anders sind, als die Blicke, die dann und wann zwischen Mamsell
Henrietten und dem vierten vorfallen--

Theophan.  Was fr einem vierten?

Lisette.  Werden Sie nicht ungehalten.  Wenn ich Sie gleich den
vierten nenne, so sind Sie eigentlich doch in aller Absicht der erste.

Theophan (die ersten Worte beiseite).  Die Schlaue!--Sie beschmt mich
fr meine Neubegierde, und ich habe es verdient.  Nichtsdestoweniger
aber irret Sie sich, Lisette; gewaltig irret Sie sich--

Lisette.  O pfui!  Sie machten mir vorhin ein so artiges Kompliment,
und nunmehr gereuet es Sie auf einmal, mir es gemacht zu haben.--Ich
mte gar nichts von dem Verstande besitzen, den Sie mir beilegten,
wenn ich mich so gar gewaltig irren sollte.--

Theophan (unruhig und zerstreut).  Aber wo bleibt er denn?--

Lisette.  Mein Verstand?--Wo er will.--So viel ist gewi, da Adrast
bei Henrietten ziemlich schlecht steht, sosehr sie sich auch nach
seiner Weise zu richten scheint.  Sie kann alles leiden, nur
geringgeschtzt zu werden, kann sie nicht leiden.  Sie wei es
allzuwohl, fr was uns Adrast ansieht: fr nichts, als Geschpfchen,
die aus keiner andern Absicht da sind, als den Mnnern ein Vergngen
zu machen.  Und das ist doch sehr nichtswrdig gedacht!  Aber da kann
man sehen, in was fr gottlose Irrtmer die unglubigen Leute
verfallen.--Nu?  Hren Sie mir nicht mehr zu, Herr Theophan?  Wie so
zerstreut?  wie so unruhig?

Theophan.  Ich wei nicht, wo mein Vetter bleibt?--

Lisette.  Er wird ja wohl kommen.--

Theophan.  Ich mu ihm wirklich nur wieder entgegengehn.--Adieu,
Lisette!



Vierter Auftritt

Lisette.  Das heie ich kurz abgebrochen!--Er wird doch nicht
verdrielich geworden sein, da ich ihm ein wenig auf den Zahn fhlte?
Das brave Mnnchen!  Ich will nur gerne sehen, was noch daraus werden
wird.  Ich gnne ihm wirklich alles Gutes, und wenn es nach mir gehen
sollte, so wte ich schon, was ich tte.--(Indem sie sich umsieht.)
Wer kmmt denn da den Gang hervor?--Sind die es?--Ein Paar
allerliebste Schlingel!  Adrasts Johann, und Theophans Martin: die
wahren Bilder ihrer Herren, von der hlichen Seite!  Aus
Freigeisterei ist jener ein Spitzbube; und aus Frmmigkeit dieser ein
Dummkopf.  Ich mu mir doch die Lust machen, sie zu behorchen.  (Sie
tritt zurck.)



Fnfter Auftritt

Lisette, halb versteckt hinter einer Szene.  Johann.  Martin.


Johann.  Was ich dir sage!

Martin.  Du mut mich fr sehr dumm ansehen.  Dein Herr ein Atheist?
das glaube sonst einer!  Er sieht ja aus wie ich und du.  Er hat Hnde
und Fe; er hat das Maul in der Breite und die Nase in der Lnge, wie
ein Mensch; er red't, wie ein Mensch; er it, wie ein Mensch:--und
soll ein Atheist sein?

Johann.  Nun?  sind denn die Atheisten keine Menschen?

Martin.  Menschen?  Ha!  ha!  ha!  Nun hre ich, da du selber nicht
weit, was ein Atheist ist.

Johann.  Zum Henker!  du wirst es wohl besser wissen.  Ei!  belehre
doch deinen unwissenden Nchsten.

Martin.  Hr zu!--Ein Atheist ist--eine Brut der Hlle, die sich, wie
der Teufel, tausendmal verstellen kann.  Bald ist's ein listiger Fuchs,
bald ein wilder Br;--bald ist's ein Esel, bald ein Philosoph;--bald
ist's ein Hund, bald ein unverschmter Poete.  Kurz, es ist ein Untier,
das schon lebendig bei dem Satan in der Hlle brennt,--eine Pest der
Erde,--eine abscheuliche Kreatur,--ein Vieh, das dummer ist, als ein
Vieh;--ein Seelenkannibal,--ein Antichrist,--ein schreckliches
Ungeheuer--

Johann.  Es hat Bocksfe: nicht?  Zwei Hrner?  einen Schwanz?--

Martin.  Das kann wohl sein.--Es ist ein Wechselbalg, den die Hlle
durch--durch einen unzchtigen Beischlaf mit der Weisheit dieser Welt
erzeugt hat;--es ist--ja, sieh, das ist ein Atheist.  So hat ihn unser
Pfarr abgemalt; der kennt ihn aus groen Bchern.

Johann.  Einfltiger Schps!--Sieh mich doch einmal an.

Martin.  Nu?

Johann.  Was siehst du an mir?

Martin.  Nichts, als was ich zehnmal besser an mir sehen kann.

Johann.  Findest du denn etwas Erschreckliches, etwas Abscheuliches an
mir?  Bin ich nicht ein Mensch, wie du?  Hast du jemals gesehen, da
ich ein Fuchs, ein Esel, oder ein Kannibal gewesen wre?

Martin.  Den Esel la immer weg, wenn ich dir antworten soll, wie du
gerne willst.--Aber, warum fragst du das?

Johann.  Weil ich selbst ein Atheist bin; das ist, ein starker Geist,
wie es jetzt jeder ehrlicher Kerl nach der Mode sein mu.  Du sprichst,
ein Atheist brenne lebendig in der Hlle.  Nun!  rieche einmal:
riechst du einen Brand an mir?

Martin.  Drum eben bist du keiner.

Johann.  Ich wre keiner?  Tue mir nicht die Schande an, daran zu
zweifeln, oder--Doch wahrhaftig, das Mitleiden verhindert mich, bse
zu werden.  Du bist zu beklagen, armer Schelm!

Martin.  Arm?  La einmal sehen, wer die vergangene Woche das meiste
Trinkgeld gekriegt hat.  (Er greift in die Tasche.)  Du bist ein
lderlicher Teufel, du versufst alles--

Johann.  La stecken!  Ich rede von einer ganz andern Armut, von der
Armut des Geistes, der sich mit lauter elenden Brocken des
Aberglaubens ernhren, und mit lauter armseligen Lumpen der Dummheit
kleiden mu.--Aber so geht es euch Leuten, die ihr nicht weiter, als
hchstens vier Meilen hinter den Backofen kommt.  Wenn du gereiset
wrest, wie ich--

Martin.  Gereist bist du?  La hren, wo bist du gewesen?

Johann.  Ich bin gewesen--in Frankreich--

Martin.  In Frankreich?  Mit deinem Herrn?

Johann.  Ja, mein Herr war mit.

Martin.  Das ist das Land, wo die Franzosen wohnen?--So wie ich einmal
einen gesehen habe,--das war eine schnurrige Krte!  In einem
Augenblicke konnte er sich siebenmal auf dem Absatze herumdrehen, und
dazu pfeifen.

Johann.  Ja, es gibt groe Geister unter ihnen!  Ich bin da erst recht
klug geworden.

Martin.  Hast du denn auch Frankreich'sch gelernt?

Johann.  Franzsisch, willst, du sagen:--vollkommen.

Martin.  Oh!  rede einmal!

Johann.  Das will ich wohl tun.--Quelle heure est-il, maraut?  Le pre
et la mre une fille de coups de bton.  Comment coquin?  Diantre
diable carogne  vous servir.

Martin.  Das ist schnakisch!  Und das Zeug knnen die Leute da
verstehen?  Sag einmal, was hie das auf deutsch?

Johann.  Ja!  auf deutsch!  Du guter Narre, das lt sich auf deutsch
nicht so sagen.  Solche feine Gedanken knnen nur franzsisch
ausgedrckt werden.

Martin.  Der Blitz!--Nu?  wo bist du weiter gewesen?

Johann.  Weiter?  In England--

Martin.  In England?--Kannst du auch Englnd'sch

Johann.  Was werde ich nicht knnen?

Martin.  Sprich doch!

Johann.  Du mut wissen, es ist eben wie das Franzsische.  Es ist
franzsisch, versteh mich, auf englisch ausgesprochen.  Was hrst du
dir dran ab?--Ich will dir ganz andre Dinge sagen, wenn du mir zuhren
willst.  Dinge, die ihresgleichen nicht haben mssen.  Zum Exempel,
auf unsern vorigen Punkt zu kommen: sei kein Narr, und glaube, da ein
Atheist so ein schrecklich Ding ist.  Ein Atheist ist nichts weiter,
als ein Mensch, der keinen Gott glaubt.--

Martin.  Keinen Gott?  Je!  das ist ja noch viel rger!  Keinen Gott?
Was glaubt er denn?

Johann.  Nichts.

Martin.  Das ist wohl eine mchtige Mhe.

Johann.  Ei!  Mhe!  Wenn auch nichts glauben eine Mhe wre, so
glaubten ich und mein Herr gewi alles.  Wir sind geschworne Feinde
alles dessen, was Mhe macht.  Der Mensch ist in der Welt, vergngt
und lustig zu leben.  Die Freude, das Lachen, das Kurtisieren, das
Saufen sind seine Pflichten.  Die Mhe ist diesen Pflichten hinderlich;
also ist es auch notwendig seine Pflicht, die Mhe zu fliehen.--Sieh,
das war ein Schlu, der mehr Grndliches enthlt, als die ganze Bibel.

Martin.  Ich wollt's.  Aber sage mir doch, was hat man denn in der
Welt ohne Mhe?

Johann.  Alles was man erbt, und was man erheiratet.  Mein Herr erbte
von seinem Vater und von zwei reichen Vettern keine kleinen Summen;
und ich mu ihm das Zeugnis geben, er hat sie, als ein braver Kerl,
durchgebracht.  Jetzt bekmmt er ein reich Mdel, und, wenn er klug
ist, so fngt er es wieder an, wo er es gelassen hat.  Seit einiger
Zeit ist er mir zwar ganz aus der Art geschlagen; und ich sehe wohl,
auch die Freigeisterei bleibt nicht klug, wenn sie auf die Freite geht.
Doch ich will ihn schon wieder in Gang bringen.--Und hre, Martin,
ich will auch dein Glck machen.  Ich habe einen Einfall; aber ich
glaube nicht, da ich ihn anders wohl von mir geben kann, als--bei
einem Glase Wein.  Du klimpertst vorhin mit deinen Trinkgeldern; und
gewi, du bist in Gefahr, keine mehr zu bekommen, wenn man nicht sieht,
da du sie dazu anwendest, wozu sie dir gegeben werden.  Zum Trinken,
guter Martin, zum Trinken: darum heien es Trinkgelder.--

Martin.  Still!  Herr Johann, still!--Du bist mir so noch Revansche
schuldig.  Habe ich dich nicht jenen Abend nur noch freigehalten?--
Doch, la einmal hren!  was ist denn das fr ein Glck, das ich von
dir zu hoffen habe?

Johann.  Hre, wenn mein Herr heiratet, so mu er noch einen Bedienten
annehmen.--Eine Kanne Wein, so sollst du bei mir den Vorzug haben.  Du
versauerst doch nur bei deinem dummen Schwarzrocke.  Du sollst bei
Adrasten mehr Lohn und mehr Freiheit haben; und ich will dich noch
obendrein zu einem starken Geiste machen, der es mit dem Teufel und
seiner Gromutter aufnimmt, wenn nur erst einer wre.

Martin.  Was?  wenn erst einer wre?  Ho!  ho!  Ist es nicht genug,
da du keinen Gott glaubst?  willst du noch dazu keinen Teufel
glauben?  Oh!  male ihn nicht an die Wand!  Er lt sich nicht so
lange herumhudeln, wie der liebe Gott.  Der liebe Gott ist gar zu gut,
und lacht ber einen solchen Narren, wie du bist.  Aber der Teufel--
dem luft gleich die Laus ber die Leber; und darnach sieht's nicht
gut aus.--Nein, bei dir ist kein Aushalten: ich will nur gehen.--

Johann (hlt ihn zurck).  Spitzbube!  Spitzbube!  denkst du, da ich
deine Streiche nicht merke?  Du frchtest dich mehr fr die Kanne Wein,
die du geben sollst, als fr den Teufel.  Halt!--Ich kann dich aber
bei dem allen unmglich in dergleichen Aberglauben stecken lassen.
berlege dir's nur:--Der Teufel--der Teufel--Ha!  ha!  ha!--Und dir
kmmt es nicht lcherlich vor?  Je!  so lache doch!

Martin.  Wenn kein Teufel wre, wo kmen denn die hin, die ihn
auslachen?--Darauf antworte mir einmal!  den Knoten bei mir auf!
Siehst du, da ich auch wei, wie man euch Leute zuschanden machen mu?

Johann.  Ein neuer Irrtum!  Und wie kannst du so unglubig gegen meine
Worte sein?  Es sind die Aussprche der Weltweisheit, die Orakel der
Vernunft!  Es ist bewiesen, sage ich dir, in Bchern ist es bewiesen,
da es weder Teufel noch Hlle gibt.--Kennst du Balthasarn?  Es war
ein berhmter Bcker in Holland.

Martin.  Was gehn mich die Bcker in Holland an?  Wer wei, ob sie so
gute Brezeln backen, wie der hier an der Ecke.

Johann.  Ei!  das war ein gelehrter Bcker!  Seine bezauberte Welt--ha!
--das ist ein Buch!  Mein Herr hat es einmal gelesen.  Kurz, ich
verweise dich auf das Buch, so wie man mich darauf verwiesen hat, und
will dir nur im Vertrauen sagen: Der mu ein Ochse, ein Rindvieh, ein
altes Weib sein, der einen Teufel glauben kann.  Soll ich dir's
zuschwren, da keiner ist?--Ich will ein Hundsfott sein!

Martin.  Pah!  der Schwur geht wohl mit.

Johann.  Nun, sieh,--ich will, ich will--auf der Stelle verblinden,
wenn ein Teufel ist.

(Lisette springt geschwinde hinter der Szene hervor, und hlt ihm
rckwrts die Augen zu, indem sie dem Martin zugleich winkt.)

Martin.  Das wre noch was; aber du weit schon, da das nicht
geschieht.

Johann (ngstlich).  Ach!  Martin, ach!

Martin.  Was ist's?

Johann.  Martin, wie wird mir?  Wie ist mir, Martin?

Martin.  Nu?  was hast du denn?

Johann.  Seh ich--oder--ach!  da Gott--Martin!  Martin!  wie wird es
auf einmal so Nacht?

Martin.  Nacht?  Was willst du mit der Nacht?

Johann.  Ach!  so ist es nicht Nacht?  Hlfe!  Martin, Hlfe!

Martin.  Was denn fr Hlfe?  Was fehlt dir denn?

Johann.  Ach!  ich bin blind, ich bin blind!  Es liegt mir auf den
Augen, auf den Augen.--Ach!  ich zittere am ganzen Leibe--

Martin.  Blind bist du?  Du wirst ja nicht?--Warte, ich will dich in
die Augen schlagen, da das Feuer herausspringt, und du sollst bald
sehen--

Johann.  Ach!  ich bin gestraft, ich bin gestraft.  Und du kannst
meiner noch spotten?  Hlfe!  Martin, Hlfe!--(Er fllt auf die Knie.)
Ich will mich gern bekehren!  Ach!  was bin ich fr ein Bsewicht
gewesen!--

Lisette (welche pltzlich gehen lt, und, indem sie hervorspringt,
ihm eine Ohrfeige gibt).  Du Schlingel!

Martin.  Ha!  ha!  ha!

Johann.  Ach!  ich komme wieder zu mir.  (Indem er aufsteht.)  Sie
Rabenaas, Lisette!

Lisette.  Kann man euch Hundsftter so ins Bockshorn jagen?  Ha!  ha!
ha!

Martin.  Krank lache ich mich noch darber.  Ha!  ha!  ha!

Johann.  Lacht nur!  lacht nur!--Ihr seid wohl albern, wenn ihr denkt,
da ich es nicht gemerkt habe.--(Beiseite.)  Das Blitzmdel, was sie
mir fr einen Schreck abgejagt hat!  Ich mu mich wieder erholen.
(Geht langsam ab.)

Martin.  Gehst du?  Oh!  lacht ihn doch aus!  Je!  lach Sie doch,
Lisettchen, lach Sie doch!  Ha!  ha!  ha!  Das hat Sie vortrefflich
gemacht; so schne, so schne, ich mchte Sie gleich kssen.--

Lisette.  Oh!  geh, geh, dummer Martin!

Martin.  Komm Sie, wirklich!  ich will Sie zu Weine fhren.  Ich will
Sie mit der Kanne Wein traktieren, um die mich der Schurke prellen
wollte.  Komm Sie!

Lisette.  Das fehlte mir noch.  Ich will nur gehen, und meinen
Mamsells den Spa erzhlen.

Martin.  Ja, und ich meinem Herrn.--Der war abgefhrt!  der war
abgefhrt!


(Ende des zweiten Aufzuges.)





Dritter Aufzug



Erster Auftritt

Theophan.  Araspe.


Araspe.  Was ich Ihnen sage, mein lieber Vetter.  Das Vergngen Sie zu
berfallen, und die Begierde bei Ihrer Verbindung gegenwrtig zu sein,
sind freilich die vornehmsten Ursachen meiner Anherkunft; nur die
einzigen sind es nicht.  Ich hatte den Aufenthalt des Adrast endlich
ausgekundschaftet, und es war mir sehr lieb, auf diese Art, wie man
sagt, zwei Wrfe mit einem Steine zu tun.  Die Wechsel des Adrast sind
verfallen; und ich habe nicht die geringste Lust, ihm auch nur die
allerkleinste Nachsicht zu gnnen.  Ich erstaune zwar, ihn, welches
ich mir nimmermehr eingebildet htte, in dem Hause Ihres knftigen
Schwiegervaters zu finden; ihn auf eben demselben Fue, als Sie,
Theophan, hier zu finden: aber gleichwohl,--und wenn ihn das Schicksal
auch noch nher mit mir verbinden knnte,--

Theophan.  Ich bitte Sie, liebster Vetter, beteuern Sie nichts.

Araspe.  Warum nicht?  Sie wissen wohl, Theophan, ich bin der Mann
sonst nicht, welcher seine Schuldner auf eine grausame Art zu drcken
fhig wre.--

Theophan.  Das wei ich, und desto eher--

Araspe.  Hier wird kein Desto eher gelten.  Adrast, dieser Mann, der
sich, auf eine ebenso abgeschmackte als ruchlose Art von andern
Menschen zu unterscheiden sucht, verdient, da man ihn auch wieder von
andern Menschen unterscheide.  Er mu die Vorrechte nicht genieen,
die ein ehrlicher Mann seinen elenden Nchsten sonst gern genieen
lt.  Einem spttischen Freigeiste, welcher uns lieber das Edelste,
was wir besitzen, rauben und uns alle Hoffnung eines knftigen
glckseligern Lebens zunichte machen mchte, vergilt man noch lange
nicht Gleiches mit Gleichem, wenn man ihm das gegenwrtige Leben ein
wenig sauer macht.--Ich wei, es ist der letzte Sto, den ich dem
Adrast versetze; er wird seinen Kredit nicht wieder herstellen knnen.
Ja, ich wollte mich freuen, wenn ich sogar seine Heirat dadurch
rckgngig machen knnte.  Wenn mir es nur um mein Geld zu tun wre:
so sehen Sie wohl, da ich diese Heirat lieber wrde befrdern helfen,
weil er doch wohl dadurch wieder etwas in die Hnde bekommen wird.
Aber nein; und sollte ich bei dem Konkurse, welcher entstehen mu,
auch ganz und gar ledig ausgehen: so will ich ihn dennoch auf das
uerste bringen.  Ja, wenn ich alles wohl erwge, so glaube ich, ihm
durch diese Grausamkeit noch eine Wohltat zu erweisen.  Schlechtere
Umstnde werden ihn vielleicht zu ernsthaften berlegungen bringen,
die er in seinem Wohlstande zu machen, nicht wert gehalten hat; und
vielleicht ndert sich, wie es fast immer zu geschehen pflegt, sein
Charakter mit seinem Glcke.

Theophan.  Ich habe Sie ausreden lassen.  Ich glaube, Sie werden so
billig sein, und mich nunmehr auch hren.

Araspe.  Das werde ich.--Aber eingebildet htte ich mir es nicht, da
ich an meinem frommen Vetter einen Verteidiger des Adrasts finden
sollte.

Theophan.  Ich bin es weniger, als es scheinet; und es kommen hier so
viel Umstnde zusammen, da ich weiter fast nichts als meine eigne
Sache fhren werde.  Adrast, wie ich fest berzeugt bin, ist von
derjenigen Art Freigeister, die wohl etwas Besseres zu sein verdienten.
Es ist auch sehr begreiflich, da man in der Jugend so etwas
gleichsam wider Willen werden kann.  Man ist es aber alsdann nur so
lange, bis der Verstand zu einer gewissen Reife gelangt ist, und sich
das aufwallende Geblte abgekhlt hat.  Auf diesem kritischen Punkte
steht jetzt Adrast; aber noch mit wankendem Fue.  Ein kleiner Wind,
ein Hauch kann ihn wieder herabstrzen.  Das Unglck, das Sie ihm
drohen, wrde ihn betuben; er wrde sich einer wtenden Verzweiflung
berlassen, und Ursache zu haben glauben, sich um die Religion nicht
zu bekmmern, deren strenge Anhnger sich kein Bedenken gemacht htten,
ihn zugrunde zu richten.

Araspe.  Das ist etwas; aber--

Theophan.  Nein, fr einen Mann von Ihrer Denkungsart, liebster Vetter,
mu dieses nicht nur etwas, sondern sehr viel sein.  Sie haben die
Sache von dieser Seite noch nicht betrachtet; Sie haben den Adrast nur
als einen verlornen Mann angesehen, an dem man zum berflusse noch
eine desperate Kur wagen msse.  Aus diesem Grunde ist die Heftigkeit,
mit der Sie wider ihn sprachen, zu entschuldigen.  Lernen Sie ihn aber
durch mich nunmehr unparteiischer beurteilen.  Er ist in seinen Reden
jetzt weit eingezogener, als man mir ihn sonst beschrieben hat.  Wenn
er streitet, so spottet er nicht mehr, sondern gibt sich alle Mhe,
Grnde vorzubringen.  Er fngt an, auf die Beweise, die man ihm
entgegensetzt, zu antworten, und ich habe es ganz deutlich gemerkt,
da er sich schmt, wenn er nur halb darauf antworten kann.  Freilich
sucht er diese Scham noch dann und wann unter das Verchtliche eines
Schimpfworts zu verstecken; aber nur Geduld!  es ist schon viel, da
er diese Schimpfworte niemals mehr auf die heiligen Sachen, die man
gegen ihn verteidiget, sondern blo auf die Verteidiger fallen lt.
Seine Verachtung der Religion lset sich allmhlich in die Verachtung
derer auf, die sie lehren.

Araspe.  Ist das wahr, Theophan?

Theophan.  Sie werden Gelegenheit haben, sich selbst davon zu
berzeugen.--Sie werden zwar hren, da diese seine Verachtung der
Geistlichen mich jetzt am meisten trifft; allein ich bitte Sie im
voraus, nicht empfindlicher darber zu werden, als ich selbst bin.
Ich habe es mir fest vorgenommen, ihn nicht mit gleicher Mnze zu
bezahlen; sondern ihm vielmehr seine Freundschaft abzuzwingen, es mag
auch kosten, was es will.

Araspe.  Wenn Sie bei persnlichen Beleidigungen so gromtig sind--

Theophan.  Stille!  wir wollen es keine Gromut nennen.  Es kann
Eigennutz, es kann eine Art von Ehrgeiz sein, sein Vorurteil von den
Gliedern meines Ordens durch mich zuschanden zu machen.  Es sei aber,
was es wolle, so wei ich doch, da Sie viel zu gtig sind, mir darin
im Wege zu stehen.  Adrast wrde es ganz gewi fr ein abgekartetes
Spiel halten, wenn er she, da mein Vetter so scharf hinter ihm drein
wre.  Seine Wut wrde einzig auf mich fallen, und er wrde mich
berall als einen Niedertrchtigen ausschreien, der ihm, unter tausend
Versicherungen der Freundschaft, den Dolch ins Herz gestoen habe.
Ich wollte nicht gerne, da er die Exempel von hmtckischen Pfaffen,
wie er sie nennt, mit einigem Scheine der Wahrheit auch durch mich
vermehren knnte.

Araspe.  Lieber Vetter, das wollte ich noch tausendmal weniger, als
Sie.--

Theophan.  Erlauben Sie also, da ich Ihnen einen Vorschlag tue:--oder
nein; es wird vielmehr eine Bitte sein.

Araspe.  Nur ohne Umstnde, Vetter.  Sie wissen ja doch wohl, da Sie
mich in Ihrer Hand haben.

Theophan.  Sie sollen so gtig sein und mir die Wechsel ausliefern,
und meine Bezahlung dafr annehmen.

Araspe.  Und Ihre Bezahlung dafr annehmen?  Bei einem Haare htten
Sie mich bse gemacht.  Was reden Sie von Bezahlung?  Wenn ich Ihnen
auch nicht gesagt htte, da es mir jetzt gar nicht um das Geld zu tun
wre: so sollten Sie doch wenigstens wissen, da das, was meine ist,
auch Ihre ist.

Theophan.  Ich erkenne meinen Vetter.

Araspe.  Und ich erkannte ihn fast nicht.--Mein nchster Blutsfreund,
mein einziger Erbe, sieht mich als einen Fremden an, mit dem er
handeln kann?  (Indem er sein Taschenbuch herauszieht.)  Hier sind die
Wechsel!  Sie sind Ihre!  machen Sie damit was Ihnen gefllt.

Theophan.  Aber erlauben Sie, liebster Vetter: ich werde nicht so frei
damit schalten drfen, wenn ich sie nicht auf die gehrige Art an mich
gebracht habe.

Araspe.  Welches ist denn die gehrige Art unter uns, wenn es nicht
die ist, da ich gebe, und Sie nehmen?--Doch damit ich alle Ihre
Skrupel hebe: wohl!  Sie sollen einen Revers von sich stellen, da Sie
die Summe dieser Wechsel nach meinem Tode bei der Erbschaft nicht noch
einmal fodern wollen.  (Lchelnd.)  Wunderlicher Vetter!  sehen Sie
denn nicht, da ich weiter nichts tue, als auf Abschlag bezahle?--

Theophan.  Sie verwirren mich--

Araspe (der noch die Wechsel in Hnden hat).  Lassen Sie mich nur die
Wische nicht lnger halten.

Theophan.  Nehmen Sie unterdessen meinen Dank dafr an.

Araspe.  Was fr verlorne Worte!  (Indem er sich umsieht.)  Stecken
Sie hurtig ein; da kmmt Adrast selbst.



Zweiter Auftritt

Adrast.  Theophan.  Araspe.


Adrast (erstaunend).  Himmel!  Araspe hier?

Theophan.  Adrast, ich habe das Vergngen, Ihnen in dem Herrn Araspe
meinen Vetter vorzustellen.

Adrast.  Wie?  Araspe Ihr Vetter?

Araspe.  Oh!  wir kennen einander schon.  Es ist mir angenehm, Herr
Adrast, Sie hier zu sehen.

Adrast.  Ich bin bereits die ganze Stadt nach Ihnen durchgerannt.  Sie
wissen, wie wir miteinander stehen, und ich wollte Ihnen die Mhe
ersparen, mich aufzusuchen.

Araspe.  Es wre nicht ntig gewesen.  Wir wollen von unserer Sache
ein andermal sprechen.  Theophan hat es auf sich genommen.--

Adrast.  Theophan?  Ha!  nun ist es klar.--

Theophan.  Was ist klar, Adrast?  (Ruhig.)

Adrast.  Ihre Falschheit, Ihre List--

Theophan (zum Araspe).  Wir halten uns zu lange hier auf.  Lisidor,
lieber Vetter, wird Sie mit Schmerzen erwarten.  Erlauben Sie, da ich
Sie zu ihm fhre.--(Zum Adrast.)  Darf ich bitten, Adrast, da Sie
einen Augenblick hier verziehen?  Ich will den Araspe nur
heraufbegleiten; ich werde gleich wieder hier sein.

Araspe.  Wenn ich Ihnen raten darf, Adrast, so sein Sie gegen meinen
Vetter nicht ungerecht.--

Theophan.  Er wird es nicht sein.  Kommen Sie nur.

(Theophan und Araspe gehen ab.)



Dritter Auftritt

Adrast (bitter).  Nein, gewi, ich werde es auch nicht sein!  Er ist
unter allen seinesgleichen, die ich noch gekannt habe, der
hassenswrdigste!  Diese Gerechtigkeit will ich ihm widerfahren lassen.
Er hat den Araspe ausdrcklich meinetwegen kommen lassen: das ist
unleugbar.  Es ist mir aber doch lieb, da ich ihm nie einen redlichen
Tropfen Bluts zugetrauet, und seine sen Reden jederzeit fr das
gehalten habe, was sie sind.--



Vierter Auftritt

Adrast.  Johann.


Johann.  Nun?  haben Sie den Araspe gefunden?

Adrast.  Ja.  (Noch bitter.)

Johann.  Geht's gut?

Adrast.  Vortrefflich.

Johann.  Ich htte es ihm auch raten wollen, da er die geringste
Schwierigkeit gemacht htte!--Und er hat doch schon wieder seinen
Abschied genommen?

Adrast.  Verzieh nur: er wird uns gleich den unsrigen bringen.

Johann.  Er den unsrigen?--Wo ist Araspe?--

Adrast.  Beim Lisidor.

Johann.  Araspe beim Lisidor?  Araspe?

Adrast.  Ja, Theophans Vetter.

Johann.  Was frage ich nach des Narren Vetter?  Ich meine Araspen.--

Adrast.  Den meine ich auch.

Johann.  Aber--

Adrast.  Aber siehst du denn nicht, da ich rasend werden mchte?  Was
plagst du mich noch?  Du hrst ja, da Theophan und Araspe Vettern
sind.

Johann.  Zum erstenmal in meinem Leben.--Vettern?  Ei!  desto besser;
unsere Wechsel bleiben also in der Freundschaft, und Ihr neuer Herr
Schwager wird dem alten Herrn Vetter schon zureden--

Adrast.  Du Dummkopf!--Ja, er wird ihm zureden, mich ohne Nachsicht
unglcklich zu machen.--Bist du denn so albern, es fr einen Zufall
anzusehen, da Araspe hier ist?  Siehst du denn nicht, da es Theophan
mu erfahren haben, wie ich mit seinem Vetter stehe?  da er ihm
Nachricht von meinen Umstnden gegeben hat?  da er ihn gezwungen hat,
ber Hals ber Kopf eine so weite Reise zu tun, um die Gelegenheit ja
nicht zu versumen, meinen Ruin an den Tag zu bringen, und mir dadurch
die letzte Zuflucht, die Gunst des Lisidors, zu vernichten?

Johann.  Verdammt!  wie gehen mir die Augen auf!  Sie haben recht.
Kann ich Esel denn, wenn von einem Geistlichen die Rede ist, nicht
gleich auf das Allerboshafteste fallen?--Ha!  wenn ich doch die
Schwarzrcke auf einmal zu Pulver stampfen und in die Luft schieen
knnte!  Was fr Streiche haben sie uns nicht schon gespielt!  Der
eine hat uns um manches Tausend Taler gebracht: das war der ehrwrdige
Gemahl Ihrer lieben Schwester.  Der andere--

Adrast.  Oh!  fange nicht an, mir meine Unflle vorzuzhlen.  Ich will
sie bald geendigt sehen.  Alsdann will ich es doch abwarten, was mir
das Glck noch nehmen kann, wann ich nichts mehr habe.

Johann.  Was es Ihnen noch nehmen kann, wann Sie nichts mehr haben?
Das will ich Ihnen gleich sagen: Mich wird es Ihnen alsdann noch
nehmen.

Adrast.  Ich verstehe dich, Holunke!--

Johann.  Verschwenden Sie Ihren Zorn nicht an mir.  Hier kmmt der, an
welchem Sie ihn besser anwenden knnen.



Fnfter Auftritt

Theophan.  Adrast.  Johann.


Theophan.  Ich bin wieder hier, Adrast.  Es entfielen Ihnen vorhin
einige Worte von Falschheit und List.--

Adrast.  Beschuldigungen entfallen mir niemals.  Wenn ich sie
vorbringe, bringe ich sie mit Vorsatz und berlegung vor.

Theophan.  Aber eine nhere Erklrung--

Adrast.  Die fodern Sie nur von sich selbst.

Johann (die ersten Worte beiseite).  Hier mu ich hetzen.--Ja, ja,
Herr Theophan!  es ist schon bekannt, da Ihnen mein Herr ein Dorn in
den Augen ist.

Theophan.  Adrast, haben Sie es ihm befohlen, an Ihrer Stelle zu
antworten?

Johann.  So?  auch meine Verteidigung wollen Sie ihm nicht gnnen?
Ich will doch sehen, wer mir verbieten soll, mich meines Herrn
anzunehmen.

Theophan.  Lassen Sie es ihn doch sehen, Adrast.

Adrast.  Schweig!

Johann.  Ich sollte--

Adrast.  Noch ein Wort!  (Drohend.)

Theophan.  Nunmehr darf ich die Bitte um eine nhere Erklrung doch
wohl wiederholen?  Ich wei sie mir selbst nicht zu geben.

Adrast.  Erklren Sie sich denn gerne nher, Theophan?

Theophan.  Mit Vergngen, sobald es verlangt wird.

Adrast.  Ei!  so sagen Sie mir doch, was wollte denn Araspe, bei
Gelegenheit dessen, was Sie schon wissen, mit den Worten sagen:
Theophan hat es auf sich genommen?

Theophan.  Darber sollte sich Araspe eigentlich erklren.  Doch ich
kann es an seiner Statt tun.  Er wollte sagen, da er mir Ihre Wechsel
zur Besorgung bergeben habe.

Adrast.  Auf Ihr Anliegen?

Theophan.  Das kann wohl sein.

Adrast.  Und was haben Sie beschlossen, damit zu tun?

Theophan.  Sie sind Ihnen ja noch nicht vorgewiesen worden?  Knnen
wir etwas beschlieen, ehe wir wissen, was Sie darauf tun wollen?

Adrast.  Kahle Ausflucht!  Ihr Vetter wei es lngst, was ich darauf
tun kann.

Theophan.  Er wei, da Sie ihnen Genge tun knnen.  Und sind Sie
alsdann nicht auseinander?

Adrast.  Sie spotten.

Theophan.  Ich bin nicht Adrast.

Adrast.  Setzen Sie aber den Fall,--und Sie knnen ihn sicher setzen,--
da ich nicht imstande wre zu bezahlen: was haben Sie alsdenn
beschlossen?

Theophan.  In diesem Falle ist noch nichts beschlossen.

Adrast.  Aber was drfte beschlossen werden?

Theophan.  Das kmmt auf Araspen an.  Doch sollte ich meinen, da eine
einzige Vorstellung, eine einzige hfliche Bitte bei einem Manne, wie
Araspe ist, viel ausrichten knne.

Johann.  Nachdem die Ohrenblser sind.--

Adrast.  Mu ich es noch einmal sagen, da du schweigen sollst?

Theophan.  Ich wrde mir ein wahres Vergngen machen, wenn ich Ihnen
durch meine Vermittelung einen kleinen Dienst dabei erzeigen knnte.

Adrast.  Und Sie meinen, da ich Sie mit einer demtigen Miene, mit
einer kriechenden Liebkosung, mit einer niedertrchtigen Schmeichelei
darum ersuchen solle?  Nein, so will ich Ihre Kitzelung ber mich
nicht vermehren.  Wenn Sie mich mit dem ehrlichsten Gesichte
versichert htten, Ihr mglichstes zu tun, so wrden Sie in einigen
Augenblicken mit einer wehmtigen Stellung wiederkommen, und es
bedauern, da Ihre angewandte Mhe umsonst sei?  Wie wrden sich Ihre
Augen an meiner Verwirrung weiden!

Theophan.  Sie wollen mir also keine Gelegenheit geben, das Gegenteil
zu beweisen?--Es soll Ihnen nur ein Wort kosten.

Adrast.  Nein, auch dieses Wort will ich nicht verlieren.  Denn kurz,--
und hier haben Sie meine nhere Erklrung:--Araspe wrde, ohne Ihr
Anstiften, nicht hiehergekommen sein.  Und nun, da Sie Ihre Mine, mich
zu sprengen, so wohl angelegt htten, sollten Sie durch ein einziges
Wort knnen bewogen werden, sie nicht springen zu lassen?  Fhren Sie
Ihr schnes Werk nur aus.

Theophan.  Ich erstaune ber Ihren Verdacht nicht.  Ihre Gemtsart hat
mich ihn vorhersehen lassen.  Aber gleichwohl ist es gewi, da ich
ebensowenig gewut habe, da Araspe Ihr Glubiger sei, als Sie gewut
haben, da er mein Vetter ist.

Adrast.  Es wird sich zeigen.

Theophan.  Zu Ihrem Vergngen, hoffe ich.--Heitern Sie Ihr Gesicht nur
auf, und folgen Sie mir mit zu der Gesellschaft.--

Adrast.  Ich will sie nicht wieder sehen.

Theophan.  Was fr ein Entschlu!  Ihren Freund, Ihre Geliebte--

Adrast.  Wird mir wenig kosten, zu verlassen.  Sorgen Sie aber nur
nicht, da es eher geschehen soll, als bis Sie befriediget sind.  Ich
will Ihren Verlust nicht, und sogleich noch das letzte Mittel
versuchen.--

Theophan.  Bleiben Sie, Adrast.--Es tut mir leid, da ich Sie nicht
gleich den Augenblick aus aller Ihrer Unruhe gerissen habe.--Lernen
Sie meinen Vetter besser kennen, (indem er die Wechsel hervorzieht)
und glauben Sie gewi, wenn Sie schon von mir das Allernichtswrdigste
denken wollen, da wenigstens er ein Mann ist, der Ihre Hochachtung
verdient.  Er will Sie nicht anders, als mit dem sorglosesten Gesichte
sehen, und gibt Ihnen deswegen Ihre Wechsel hier zurck.  (Er reicht
sie ihm dar.)  Sie sollen sie selbst so lange verwahren, bis Sie ihn
nach Ihrer Bequemlichkeit deswegen befriedigen knnen.  Er glaubt, da
sie ihm in Ihren Hnden ebenso sicher sind, als unter seinem eigenen
Schlosse.  Sie haben den Ruhm eines ehrlichen Mannes, wenn Sie schon
den Ruhm eines frommen nicht haben.

Adrast (stutzig, indem er des Theophans Hand zurckstt).  Mit was
fr einem neuen Fallstricke drohen Sie mir?  Die Wohltaten eines
Feindes--

Theophan.  Unter diesem Feinde verstehen Sie mich; was aber hat Araspe
mit Ihrem Hasse zu tun?  Er ist es, nicht ich, der Ihnen diese
geringschtzige Wohltat erzeigen will; wenn anders eine armselige
Geflligkeit diesen Namen verdient.--Was berlegen Sie noch?  Hier,
Adrast!  nehmen Sie Ihre Handschriften zurck!

Adrast.  Ich will mich wohl dafr hten.

Theophan.  Ich bitte Sie, lassen Sie mich nicht unverrichteter Sache
zu einem Manne zurckkommen, der es mit Ihnen gewi redlich meinet.
Er wrde die Schuld seines verachteten Anerbietens auf mich schieben.
(Indem er ihm die Wechsel aufs neue darreicht, reit sie ihm Johann
aus der Hand.)

Johann.  Ha!  ha!  mein Herr, in wessen Hnden sind die Wechsel nun?

Theophan (gelassen).  In den deinigen, ohne Zweifel.  Immer bewahre
sie, anstatt deines Herrn.

Adrast (geht wtend auf den Bedienten los).  Infamer!  es kostet dein
Leben--

Theophan.  Nicht so hitzig, Adrast.

Adrast.  Den Augenblick gib sie ihm zurck!  (Er nimmt sie ihm weg.)
Geh mir aus den Augen!

Johann.  Nun, wahrhaftig!--

Adrast.  Wo du noch eine Minute verziehst--(Er stt ihn fort.)



Sechster Auftritt

Theophan.  Adrast.


Adrast.  Ich mu mich schmen, Theophan; ich glaube aber nicht, da
Sie so gar weit gehen, und mich mit meinem Bedienten vermengen werden.-
-Nehmen Sie es zurck, was man Ihnen rauben wollte.--

Theophan.  Es ist in der Hand, in der es sein soll.

Adrast.  Nein.  Ich verachte Sie viel zu sehr, als da ich Sie
abhalten sollte, eine niedertrchtige Tat zu begehen.

Theophan.  Das ist empfindlich!  (Er nimmt die Wechsel zurck.)

Adrast.  Es ist mir lieb, da Sie mich nicht gezwungen, sie Ihnen vor
die Fe zu werfen.  Wenn sie wieder in meine Hnde zurckkommen
sollen, so werde ich anstndigere Mittel dazu finden.  Finde ich aber
keine, so ist es ebendas.  Sie werden sich freuen, mich zugrunde zu
richten, und ich werde mich freuen, Sie von ganzem Herzen hassen zu
knnen.

Theophan.  Es sind doch wirklich Ihre Wechsel, Adrast?  (Indem er sie
aufschlgt und ihm zeigt.)

Adrast.  Sie glauben etwa, da ich sie leugnen werde?--

Theophan.  Das glaube ich nicht; ich will blo gewi sein.  (Er
zerreit sie gleichgltig.)

Adrast.  Was machen Sie, Theophan?

Theophan.  Nichts.  (Indem er die Stcken in die Szene wirft.)  Ich
vernichte eine Nichtswrdigkeit, die einen Mann, wie Adrast ist, zu so
kleinen Reden verleiten kann.

Adrast.  Aber sie gehren nicht Ihnen.--

Theophan.  Sorgen Sie nicht; ich tue, was ich verantworten kann.--
Bestehet Ihr Verdacht noch?  (Geht ab.)



Siebenter Auftritt

Adrast (sieht ihm einige Augenblicke nach).  Was fr ein Mann!  Ich
habe tausend aus seinem Stande gefunden, die unter der Larve der
Heiligkeit betrogen; aber noch keinen, der es, wie dieser, unter der
Larve der Gromut, getan htte.--Entweder er sucht mich zu beschmen,
oder zu gewinnen.  Keines von beiden soll ihm gelingen.  Ich habe mich,
zu gutem Glcke, auf einen hiesigen Wechsler besonnen, mit dem ich,
bei bessern Umstnden, ehemals Verkehr hatte.  Er wird hoffentlich
glauben, da ich mich noch in ebendenselben befinde, und wenn das ist,
mir ohne Anstand die ntige Summe vorschieen.  Ich will ihn aber
deswegen nicht zum Bocke machen, ber dessen Hrner ich aus dem
Brunnen springe.  Ich habe noch liegende Grnde, die ich mit Vorteil
verkaufen kann, wenn mir nur Zeit gelassen wird.  Ich mu ihn
aufsuchen.--



Achter Auftritt

Henriette.  Adrast.


Henriette.  Wo stecken Sie denn, Adrast?  Man hat schon zwanzigmal
nach Ihnen gefragt.  Oh!  schmen Sie sich, da ich Sie zu einer Zeit
suchen mu, da Sie mich suchen sollten.  Sie spielen den Ehemann zu
zeitig.  Doch getrost!  vielleicht spielen Sie dafr den Verliebten
alsdann, wann ihn andre nicht mehr spielen.

Adrast.  Erlauben Sie, Mademoiselle; ich habe nur noch etwas Ntiges
auer dem Hause zu besorgen.

Henriette.  Was knnen Sie jetzt Ntigers zu tun haben, als um mich zu
sein?

Adrast.  Sie scherzen.

Henriette.  Ich scherze?--Das war ein allerliebstes Kompliment!

Adrast.  Ich mache nie welche.

Henriette.  Was fr ein mrrisches Gesicht!--Wissen Sie, da wir uns
ber diese mrrischen Gesichter zanken werden, noch ehe uns die
Trauung die Erlaubnis dazu erteilt?

Adrast.  Wissen Sie, da ein solcher Einfall in Ihrem Munde nicht eben
der artigste ist?

Henriette.  Vielleicht, weil Sie glauben, da die leichtsinnigen
Einflle nur in Ihrem Munde wohl lassen?  Unterdessen haben Sie doch
wohl kein Privilegium darber?

Adrast.  Sie machen Ihre Dinge vortrefflich.  Ein Frauenzimmer, das so
fertig antworten kann, ist sehr viel wert.

Henriette.  Das ist wahr; denn wir schwachen Werkzeuge wissen sonst
den Mund am allerwenigsten zu gebrauchen.

Adrast.  Wollte Gott!

Henriette.  Ihr treuherziges Wollte Gott!  bringt mich zum Lachen, so
sehr ich auch bse sein wollte.  Ich bin schon wieder gut, Adrast.

Adrast.  Sie sehen noch einmal so reizend aus, wenn Sie bse sein
wollen; denn es kmmt doch selten weiter damit, als bis zur
Ernsthaftigkeit, und diese lt Ihrem Gesichte um so viel schner, je
fremder sie in demselben ist.  Eine bestndige Munterkeit, ein immer
anhaltendes Lcheln wird unschmackhaft.

Henriette (ernsthaft).  Oh!  mein guter Herr, wenn das Ihr Fall ist,
ich will es Ihnen schmackhaft genug machen.

Adrast.  Ich wollte wnschen,--denn noch habe ich Ihnen nichts
vorzuschreiben,--

Henriette.  Dieses Noch ist mein Glck.  Aber was wollten Sie denn
wnschen?

Adrast.  Da Sie sich ein klein wenig mehr nach dem Exempel Ihrer
ltesten Mademoisell Schwester richten mchten.  Ich verlange nicht,
da Sie ihre ganze sittsame Art an sich nehmen sollen; wer wei, ob
sie Ihnen so anstehen wrde?--

Henriette.  St!  die Pfeife verrt das Holz, woraus sie geschnitten
ist.  Lassen Sie doch hren, ob meine dazu stimmt?

Adrast.  Ich hre.

Henriette.  Es ist recht gut, da Sie auf das Kapitel von Exempeln
gekommen sind.  Ich habe Ihnen auch einen kleinen Vers daraus
vorzupredigen.

Adrast.  Was fr eine Art sich auszudrcken!

Henriette.  Hum!  Sie denken, weil Sie nichts vom Predigen halten.
Sie werden finden, da ich eine Liebhaberin davon bin.  Aber hren Sie
nur:--(In seinem vorigen Tone.)  Ich wollte wnschen,--denn noch habe
ich Ihnen nichts vorzuschreiben,--

Adrast.  Und werden es auch niemals haben.

Henriette.  Ja so!--Streichen Sie also das weg.--Ich wollte wnschen,
da Sie sich ein klein wenig mehr nach dem Exempel des Herrn Theophans
bilden mchten.  Ich verlange nicht, da Sie seine ganze gefllige Art
an sich nehmen sollen, weil ich nichts Unmgliches verlangen mag; aber
so etwas davon wrde Sie um ein gut Teil ertrglicher machen.  Dieser
Theophan, der nach weit strengern Grundstzen lebt, als die Grundstze
eines gewissen Freigeistes sind, ist allezeit aufgerumt und
gesprchig.  Seine Tugend, und noch sonst etwas, worber Sie aber
lachen werden, seine Frmmigkeit--Lachen Sie nicht?

Adrast.  Lassen Sie sich nicht stren.  Reden Sie nur weiter.  Ich
will unterdessen meinen Gang verrichten, und gleich wieder hier sein.
(Geht ab.)

Henriette.  Sie drfen nicht eilen.  Sie kommen, wann Sie kommen: Sie
werden mich nie wieder so treffen.--Welche Grobheit!  Soll ich mich
wohl darber erzrnen?--Ich will mich besinnen.  (Geht auf der andern
Seite ab.)

(Ende des dritten Aufzuges.)





Vierter Aufzug



Erster Auftritt

Juliane.  Henriette.  Lisette.


Henriette.  Sage was du willst; sein Betragen ist nicht zu
entschuldigen.

Juliane.  Davon wrde sich alsdann erst urteilen lassen, wann ich auch
seine Grnde gehrt htte.  Aber, meine liebe Henriette, willst du mir
wohl eine kleine schwesterliche Ermahnung nicht belnehmen?

Henriette.  Das kann ich dir nicht voraus sagen.  Wenn sie dahin
abzielen sollte, wohin ich mir einbilde--

Juliane.  Ja, wenn du mit deinen Einbildungen dazu kmmst--

Henriette.  Oh!  ich bin mit meinen Einbildungen recht wohl zufrieden.
Ich kann ihnen nicht nachsagen, da sie mich jemals sehr irregefhrt
htten.

Juliane.  Was meinst du damit?

Henriette.  Mu man denn immer etwas meinen?  Du weit ja wohl,
Henriette schwatzt gerne in den Tag hinein, und sie erstaunt allezeit
selber, wenn sie von ohngefhr ein Pnktchen trifft, welches das
Pnktchen ist, das man nicht gerne treffen lassen mchte.

Juliane.  Nun hre einmal, Lisette!

Henriette.  Ja, Lisette, la uns doch hren, was das fr eine
schwesterliche Ermahnung ist, die sie mir erteilen will.

Juliane.  Ich dir eine Ermahnung?

Henriette.  Mich deucht, du sprachst davon.

Juliane.  Ich wrde sehr bel tun, wenn ich dir das geringste sagen
wollte.

Henriette.  Oh!  ich bitte--

Juliane.  La mich!

Henriette.  Die Ermahnung, Schwesterchen!--

Juliane.  Du verdienst sie nicht.

Henriette.  So erteile sie mir ohne mein Verdienst.

Juliane.  Du wirst mich bse machen.

Henriette.  Und ich,--ich bin es schon.  Aber denke nur nicht, da ich
es ber dich bin.  Ich bin es ber niemanden, als ber den Adrast.
Und was mich unvershnlich gegen ihn macht, ist dieses, da meine
Schwester seinetwegen gegen mich ungerecht werden mu.

Juliane.  Von welcher Schwester sprichst du?

Henriette.  Von welcher?--von der, die ich gehabt habe.

Juliane.  Habe ich dich jemals so empfindlich gesehen!--Du weit es,
Lisette, was ich gesagt habe.

Lisette.  Ja, das wei ich; und es war wirklich weiter nichts, als
eine unschuldige Lobrede auf den Adrast, an der ich nur das
auszusetzen hatte, da sie Mamsell Henrietten eiferschtig machen
mute.

Juliane.  Eine Lobrede auf Adrasten?

Henriette.  Mich eiferschtig?

Lisette.  Nicht so strmisch!--So geht's den Leuten, die mit der
Wahrheit geradedurch wollen: sie machen es niemanden recht.

Henriette.  Mich eiferschtig?  Auf Adrasten eiferschtig?  Ich werde,
von heute an, den Himmel um nichts inbrnstiger anflehen, als um die
Errettung aus den Hnden dieses Mannes.

Juliane.  Ich?  eine Lobrede auf Adrasten?  Ist das eine Lobrede, wenn
ich sage, da ein Mann einen Tag nicht wie den andern aufgerumt sein
kann?  Wenn ich sage, da Adrasten die Bitterkeit, worber meine
Schwester klagt, nicht natrlich ist und da sie ein zugestoener
Verdru bei ihm msse erregt haben?  Wenn ich sage, da ein Mann, wie
er, der sich mit finsteren Nachdenken vielleicht nur zu sehr
beschftiget--



Zweiter Auftritt

Adrast.  Juliane.  Henriette.  Lisette.


Henriette.  Als wenn Sie gerufen wren, Adrast!  Sie verlieen mich
vorhin, unhflich genug, mitten in der Erhebung des Theophans; aber
das hindert mich nicht, da ich Ihnen nicht die Wiederholung Ihrer
eigenen anzuhren gnnen sollte.--Sie sehen sich um?  Nach Ihrer
Lobrednerin gewi?  Ich bin es nicht, wahrhaftig!  ich bin es nicht;
meine Schwester ist es.  Eine Betschwester, die Lobrednerin eines
Freigeistes!  Was fr ein Widerspruch!  Entweder Ihre Bekehrung mu
vor der Tre sein, Adrast, oder meiner Schwester Verfhrung.

Juliane.  Wie ausgelassen sie wieder auf einmal ist.

Henriette.  Stehen Sie doch nicht so hlzern da!

Adrast.  Ich nehme Sie zum Zeugen, schnste Juliane, wie verchtlich
sie mir begegnet.

Henriette.  Komm nur, Lisette!  wir wollen sie allein lassen.  Adrast
braucht ohne Zweifel unsere Gegenwart weder zu seiner Danksagung, noch
zu meiner Verklagung.

Juliane.  Lisette soll hierbleiben.

Henriette.  Nein, sie soll nicht.

Lisette.  Sie wissen wohl, ich gehre heute Mamsell Henrietten.

Henriette.  Aber bei dem allen sieh dich vor, Schwester!  Wenn mir
dein Theophan aufstt, so sollst du sehen, was geschieht.  Sie drfen
nicht denken, Adrast, da ich dieses sage, um Sie eiferschtig zu
machen.  Ich fhle es in der Tat, da ich anfange, Sie zu hassen.

Adrast.  Es mchte Ihnen auch schwerlich gelingen, mich eiferschtig
zu machen.

Henriette.  Oh!  das wre vortrefflich, wenn Sie mir hierinne gleich
wren.  Alsdann, erst alsdann wrde unsre Ehe eine recht glckliche
Ehe werden.  Freuen Sie sich, Adrast!  wie verchtlich wollen wir
einander begegnen!--Du willst antworten, Schwester?  Nun ist es Zeit.
Fort, Lisette!



Dritter Auftritt

Adrast.  Juliane.


Juliane.  Adrast, Sie werden Geduld mit ihr haben mssen.--Sie
verdient es aber auch; denn sie hat das beste Herz von der Welt, so
verdchtig es ihre Zunge zu machen sucht.

Adrast.  Allzugtige Juliane!  Sie hat das Glck, Ihre Schwester zu
sein; aber wie schlecht macht sie sich dieses Glck zunutze?  Ich
entschuldige jedes Frauenzimmer, das ohne merkliche Fehler nicht hat
aufwachsen knnen, weil es ohne Erziehung und Beispiele hat aufwachsen
mssen; aber ein Frauenzimmer zu entschuldigen, das eine Juliane zum
Muster gehabt hat, und eine Henriette geworden ist: bis dahin langt
meine Hflichkeit nicht.--

Juliane.  Sie sind aufgebracht, Adrast: wie knnten Sie billig sein?

Adrast.  Ich wei nicht, was ich jetzo bin; aber ich wei, da ich aus
Empfindung rede.--

Juliane.  Die zu heftig ist, als da sie lange anhalten sollte.

Adrast.  So prophezeien Sie mir mein Unglck.

Juliane.  Wie?--Sie vergessen, in was fr Verbindung Sie mit meiner
Schwester stehen?

Adrast.  Ach!  Juliane, warum mu ich Ihnen sagen, da ich kein Herz
fr Ihre Schwester habe?

Juliane.  Sie erschrecken mich.--

Adrast.  Und ich habe Ihnen nur noch die kleinste Hlfte von dem
gesagt, was ich Ihnen sagen mu.

Juliane.  So erlauben Sie, da ich mir die grre erspare.  (Sie will
fortgehen.)

Adrast.  Wohin?  Ich htte Ihnen meine Vernderung entdeckt, und Sie
wollten die Grnde, die mich dazu bewogen haben, nicht anhren?  Sie
wollten mich mit dem Verdachte verlassen, da ich ein unbestndiger,
leichtsinniger Flattergeist sei?

Juliane.  Sie irren sich.  Nicht ich; mein Vater, meine Schwester,
haben allein auf Ihre Rechtfertigungen ein Recht.

Adrast.  Allein?  Ach!--

Juliane.  Halten Sie mich nicht lnger--

Adrast.  Ich bitte nur um einen Augenblick.  Der grte Verbrecher
wird gehrt--

Juliane.  Von seinem Richter, Adrast; und ich bin Ihr Richter nicht.

Adrast.  Aber ich beschwre Sie, es jetzt sein zu wollen.  Ihr Vater,
schnste Juliane, und Ihre Schwester werden mich verdammen, und nicht
richten.  Ihnen allein traue ich die Billigkeit zu, die mich beruhigen
kann.

Juliane (beiseite).  Ich glaube, er beredet mich, ihn anzuhren.--Nun
wohl!  so sagen Sie denn, Adrast, was Sie wider meine Schwester so
eingenommen hat?

Adrast.  Sie selbst hat mich wider sich eingenommen.  Sie ist zu wenig
Frauenzimmer, als da ich sie als Frauenzimmer lieben knnte.  Wenn
ihre Lineamente nicht ihr Geschlecht bestrkten, so wrde man sie fr
einen verkleideten wilden Jngling halten, der zu ungeschickt wre,
seine angenommene Rolle zu spielen.  Was fr ein Mundwerk!  Und was
mu es fr ein Geist sein, der diesen Mund in Beschftigung erhlt!
Sagen Sie nicht, da vielleicht Mund und Geist bei ihr wenig oder
keine Verbindung miteinander haben.  Desto schlimmer.  Diese Unordnung,
da ein jedes von diesen zwei Stcken seinen eignen Weg hlt, macht
zwar die Vergehungen einer solchen Person weniger strafbar; allein sie
vernichtet auch alles Gute, was diese Person noch etwa an sich haben
kann.  Wenn ihre beienden Spttereien, ihre nachteiligen Anmerkungen
deswegen zu bersehen sind, weil sie es, wie man zu reden pflegt,
nicht so bse meinet; ist man nicht berechtiget, aus eben diesem
Grunde dasjenige, was sie Rhmliches und Verbindliches sagt, ebenfalls
fr leere Tne anzusehen, bei welchen sie es vielleicht nicht so gut
meinet?  Wie kann man eines Art zu denken beurteilen, wenn man sie
nicht aus seiner Art zu reden beurteilen soll?  Und wenn der Schlu
von der Rede auf die Gesinnung in dem einen Falle nicht gelten soll,
warum soll er in dem andern gelten?  Sie spricht mit drren Worten,
da sie mich zu hassen anfange; und ich soll glauben, da sie mich
noch liebe?  So werde ich auch glauben mssen, da sie mich hasse,
wenn sie sagen wird, da sie mich zu lieben anfange.

Juliane.  Adrast, Sie betrachten ihre kleinen Neckereien zu strenge,
und verwechseln Falschheit mit bereilung.  Sie kann der letztern des
Tages hundertmal schuldig werden; und von der erstern doch immer
entfernt bleiben.  Sie mssen es aus ihren Taten, und nicht aus ihren
Reden, erfahren lernen, da sie im Grunde die freundschaftlichste und
zrtlichste Seele hat.

Adrast.  Ach!  Juliane, die Reden sind die ersten Anfnge der Taten,
ihre Elemente gleichsam.  Wie kann man vermuten, da diejenige
vorsichtig und gut handeln werde, der es nicht einmal gewhnlich ist,
vorsichtig und gut zu reden?  Ihre Zunge verschont nichts, auch
dasjenige nicht, was ihr das Heiligste von der Welt sein sollte.
Pflicht, Tugend, Anstndigkeit, Religion: alles ist ihrem Spotte
ausgesetzt.--

Juliane.  Stille, Adrast!  Sie sollten der letzte sein, der diese
Anmerkung machte.

Adrast.  Wieso?

Juliane.  Wieso?--Soll ich aufrichtig reden?

Adrast.  Als ob Sie anders reden knnten.--

Juliane.  Wie, wenn das ganze Betragen meiner Schwester, ihr Bestreben
leichtsinniger zu scheinen, als sie ist, ihre Begierde Spttereien zu
sagen, sich nur von einer gewissen Zeit herschrieben?  Wie, wenn diese
gewisse Zeit die Zeit Ihres Hierseins wre, Adrast?

Adrast.  Was sagen Sie?

Juliane.  Ich will nicht sagen, da Sie ihr mit einem bsen Exempel
vorgegangen wren.  Allein wozu verleitet uns nicht die Begierde zu
gefallen?  Wenn Sie Ihre Gesinnungen auch noch weniger geuert htten:
--und Sie haben sie oft deutlich genug geuert.--so wrde sie
Henriette doch erraten haben.  Und sobald sie dieselben erriet, so
bald war der Schlu, sich durch die Annehmung gleicher Gesinnungen bei
Ihnen beliebt zu machen, fr ein lebhaftes Mdchen sehr natrlich.
Wollen Sie wohl nun so grausam sein, und ihr dasjenige als ein
Verbrechen anrechnen, wofr Sie ihr, als fr eine Schmeichelei, danken
sollten?

Adrast.  Ich danke niemanden, der klein genug ist, meinetwegen seinen
Charakter zu verlassen; und derjenige macht mir eine schlechte
Schmeichelei, der mich fr einen Toren hlt, welchem nichts als seine
Art gefalle, und der berall gern kleine Kopien und verjngte
Abschilderungen von sich selbst sehen mchte.

Juliane.  Aber auf diese Art werden Sie wenig Proselyten machen.

Adrast.  Was denken Sie von mir, schnste Juliane?  Ich Proselyten
machen?  Rasendes Unternehmen!  Wem habe ich meine Gedanken jemals
anschwatzen oder aufdringen wollen?  Es sollte mir leid tun, sie unter
den Pbel gebracht zu wissen.  Wenn ich sie oft laut und mit einer
gewissen Heftigkeit verteidiget habe, so ist es in der Absicht, mich
zu rechtfertigen, nicht, andere zu berreden, geschehen.  Wenn meine
Meinungen zu gemein wrden, so wrde ich der erste sein, der sie
verliee, und die gegenseitigen annhme.

Juliane.  Sie suchen also nur das Sonderbare?

Adrast.  Nein, nicht das Sonderbare, sondern blo das Wahre; und ich
kann nicht dafr, wenn jenes, leider!  eine Folge von diesem ist.  Es
ist mir unmglich zu glauben, da die Wahrheit gemein sein knne;
ebenso unmglich, als zu glauben, da in der ganzen Welt auf einmal
Tag sein knne.  Das, was unter der Gestalt der Wahrheit unter allen
Vlkern herumschleicht, und auch von den Bldsinnigsten angenommen
wird, ist gewi keine Wahrheit, und man darf nur getrost die Hand, sie
zu entkleiden, anlegen, so wird man den scheulichsten Irrtum nackend
vor sich stehen sehen.

Juliane.  Wie elend sind die Menschen, und wie ungerecht ihr Schpfer,
wenn Sie recht haben, Adrast!  Es mu entweder gar keine Wahrheit sein,
oder sie mu von der Beschaffenheit sein, da sie von den meisten, ja
von allen, wenigstens im Wesentlichsten, empfunden werden kann.

Adrast.  Es liegt nicht an der Wahrheit, da sie es nicht werden kann,
sondern an den Menschen.--Wir sollen glcklich in der Welt leben; dazu
sind wir erschaffen; dazu sind wir einzig und allein erschaffen.
Sooft die Wahrheit diesem groen Endzwecke hinderlich ist, sooft ist
man verbunden, sie beiseite zu setzen; denn nur wenig Geister knnen
in der Wahrheit selbst ihr Glck finden.  Man lasse daher dem Pbel
seine Irrtmer; man lasse sie ihm, weil sie ein Grund seines Glckes
und die Sttze des Staates sind, in welchem er fr sich Sicherheit,
berflu und Freude findet.  Ihm die Religion nehmen, heit ein wildes
Pferd auf der fetten Weide losbinden, das, sobald es sich frei fhlt,
lieber in unfruchtbaren Wldern herumschweifen und Mangel leiden, als
durch einen gemchlichen Dienst alles, was es braucht, erwerben will.--
Doch nicht fr den Pbel allein, auch noch fr einen andern Teil des
menschlichen Geschlechts mu man die Religion beibehalten.  Fr den
schnsten Teil, meine ich, dem sie eine Art von Zierde, wie dort eine
Art von Zaume ist.  Das Religise stehet der weiblichen Bescheidenheit
sehr wohl; es gibt der Schnheit ein gewisses edles, gesetztes und
schmachtendes Ansehen--

Juliane.  Halten Sie, Adrast!  Sie erweisen meinem Geschlechte
ebensowenig Ehre, als der Religion.  Jenes setzen Sie mit dem Pbel in
eine Klasse, so fein auch Ihre Wendung war; und diese machen Sie aufs
hchste zu einer Art von Schminke, die das Gerte auf unsern
Nachttischen vermehren kann.  Nein, Adrast!  die Religion ist eine
Zierde fr alle Menschen; und mu ihre wesentlichste Zierde sein.  Ach!
Sie verkennen sie aus Stolze; aber aus einem falschen Stolze.  Was
kann unsre Seele mit erhabenern Begriffen fllen, als die Religion?
Und worin kann die Schnheit der Seele anders bestehen, als in solchen
Begriffen?  in wrdigen Begriffen von Gott, von uns, von unsern
Pflichten, von unserer Bestimmung?  Was kann unser Herz, diesen
Sammelplatz verderbter und unruhiger Leidenschaften, mehr reinigen,
mehr beruhigen, als eben diese Religion?  Was kann uns im Elende mehr
aufrichten, als sie?  Was kann uns zu wahrern Menschen, zu bessern
Brgern, zu aufrichtigern Freunden machen, als sie?--Fast schme ich
mich, Adrast, mit Ihnen so ernstlich zu reden.  Es ist der Ton ohne
Zweifel nicht, der Ihnen an einem Frauenzimmer gefllt, ob Ihnen
gleich der entgegengesetzte ebensowenig zu gefallen scheinet.  Sie
knnten alles dieses aus einem beredtern Munde, aus dem Munde des
Theophans hren.



Vierter Auftritt

Henriette.  Juliane.  Adrast.


Henriette (bleibt an der Szene horchend stehen).  St!

Adrast.  Sagen Sie mir nichts vom Theophan.  Ein Wort von Ihnen hat
mehr Nachdruck, als ein stundenlanges Geplrre von ihm.  Sie wundern
sich?  Kann es bei der Macht, die eine Person ber mich haben mu, die
ich einzig liebe, die ich anbete, anders sein?--Ja, die ich liebe.--
Das Wort ist hin!  es ist gesagt!  Ich bin mein Geheimnis los, bei
dessen Verschweigung ich mich ewig gequlet htte, von dessen
Entdeckung ich aber darum nichts mehr hoffe.--Sie entfrben sich?--

Juliane.  Was habe ich gehrt?  Adrast!--

Adrast (indem er niederfllt).  Lassen Sie mich es Ihnen auf den Knien
zuschwren, da Sie die Wahrheit gehrt haben.--Ich liebe Sie,
schnste Juliane, und werde Sie ewig lieben.  Nun, nun liegt mein Herz
klar und aufgedeckt vor Ihnen da.  Umsonst wollte ich mich und andere
bereden, da meine Gleichgltigkeit gegen Henrietten die Wirkung an
ihr bemerkter nachteiliger Eigenschaften sei; da sie doch nichts, als
die Wirkung einer schon gebundenen Neigung war.  Ach!  die
liebenswrdige Henriette hat vielleicht keinen andern Fehler, als
diesen, da sie eine noch liebenswrdigere Schwester hat.--

Henriette.  Bravo!  die Szene mu ich den Theophan unterbrechen lassen.
--(Geht ab.)



Fnfter Auftritt

Juliane.  Adrast.


Adrast (indem er ghling aufsteht).  Wer sprach hier?

Juliane.  Himmel!  es war Henriettens Stimme.

Adrast.  Ja, sie war es.  Was fr eine Neugierde!  was fr ein Vorwitz!
Nein, nein!  ich habe nichts zu widerrufen; sie hat alle die Fehler,
die ich ihr beigelegt, und noch weit mehrere.  Ich knnte sie nicht
lieben, und wenn ich auch schon vollkommen frei, vollkommen
gleichgltig gegen eine jede andere wre.

Juliane.  Was fr Verdru, Adrast, werden Sie mir zuziehen!

Adrast.  Sorgen Sie nicht!  Ich werde Ihnen allen diesen Verdru durch
meine pltzliche Entfernung zu ersparen wissen.

Juliane.  Durch Ihre Entfernung?

Adrast.  Ja, sie ist fest beschlossen.  Meine Umstnde sind von der
Beschaffenheit, da ich die Gte Lisidors mibrauchen wrde, wenn ich
lnger bliebe.  Und ber dieses will ich lieber meinen Abschied nehmen,
als ihn bekommen.

Juliane.  Sie berlegen nicht, was Sie sagen, Adrast.  Von wem sollten
Sie ihn bekommen?

Adrast.  Ich kenne die Vter, schnste Juliane, und kenne auch die
Theophane.  Erlauben Sie, da ich mich nicht nher erklren darf.  Ach!
wenn ich mir schmeicheln knnte, da Juliane--Ich sage nichts weiter.
Ich will mir mit keiner Unmglichkeit schmeicheln.  Nein, Juliane
kann den Adrast nicht lieben; sie mu ihn hassen.--

Juliane.  Ich hasse niemanden, Adrast.--

Adrast.  Sie hassen mich; denn hier ist Hassen eben das, was
Nichtlieben ist.  Sie lieben den Theophan.--Ha!  hier kmmt er selbst.



Sechster Auftritt

Theophan.  Adrast.  Juliane.


Juliane (beiseite).  Was wird er sagen?  was werde ich antworten?

Adrast.  Ich kann mir es einbilden, auf wessen Anstiften Sie herkommen.
Aber was glaubt sie damit zu gewinnen?  Mich zu verwirren?  mich
wieder an sich zu ziehen?--Wie wohl lt es Ihnen, Theophan, und Ihrem
ehrwrdigen Charakter, das Werkzeug einer weiblichen Eifersucht zu
sein!  Oder kommen Sie gar, mich zur Rede zu setzen?  Ich werde Ihnen
alles gestehen; ich werde noch stolz darauf sein.

Theophan.  Wovon reden Sie, Adrast?  Ich verstehe kein Wort.

Juliane.  Erlauben Sie, da ich mich entferne.  Theophan, ich
schmeichle mir, da Sie einige Hochachtung fr mich haben; Sie werden
keine ungerechte Auslegungen machen, und wenigstens glauben, da ich
meine Pflicht kenne, und da sie mir zu heilig ist, sie auch nur in
Gedanken zu verletzen.

Theophan.  Verziehen Sie doch.--Was sollen diese Reden?  Ich verstehe
Sie so wenig, als ich den Adrast verstanden habe.

Juliane.  Es ist mir lieb, da Sie aus einer unschuldigen Kleinigkeit
nichts machen wollen.  Aber lassen Sie mich--(Geht ab.)



Siebenter Auftritt

Adrast.  Theophan.


Theophan.  Ihre Geliebte, Adrast, schickte mich hierher: Ich wrde
hier ntig sein, sagte sie.  Ich eile, und bekomme lauter Rtsel zu
hren.

Adrast.  Meine Geliebte?--Ei!  wie fein haben Sie dieses angebracht!
Gewi, Sie konnten Ihre Vorwrfe nicht krzer fassen.

Theophan.  Meine Vorwrfe?  Was habe ich Ihnen denn vorzuwerfen?'

Adrast.  Wollen Sie etwa die Besttigung aus meinem Munde hren?

Theophan.  Sagen Sie mir nur, was Sie besttigen wollen?  Ich stehe
ganz erstaunt hier.--

Adrast.  Das geht zu weit.  Welche kriechende Verstellung!  Doch damit
sie Ihnen endlich nicht zu sauer wird, so will ich Sie mit Gewalt
zwingen, sie abzulegen.--Ja, es ist alles wahr, was Ihnen Henriette
hinterbracht hat.  Sie war niedertrchtig genug, uns zu behorchen.--
Ich liebe Julianen, und habe ihr meine Liebe gestanden.--

Theophan.  Sie lieben Julianen?

Adrast (spttisch).  Und was das Schlimmste dabei ist, ohne den
Theophan um Erlaubnis gebeten zu haben.

Theophan.  Stellen Sie sich deswegen zufrieden.  Sie haben nur eine
sehr kleine Formalitt bergangen.

Adrast.  Ihre Gelassenheit, Theophan, ist hier nichts Besonders.  Sie
glauben Ihrer Sachen gewi zu sein.--Und ach!  wenn Sie es doch
weniger wren!  Wenn ich doch nur mit der geringsten
Wahrscheinlichkeit hinzusetzen knnte, da Juliane auch mich liebe.
Was fr eine Wollust sollte mir das Erschrecken sein, das sich in
Ihrem Gesichte verraten wrde!  Was fr ein Labsal fr mich, wenn ich
Sie seufzen hrte, wenn ich Sie zittern she!  Wie wrde ich mich
freuen, wenn Sie Ihre ganze Wut an mir auslassen, und mich voller
Verzweiflung, ich wei nicht wohin, verwnschen mten!

Theophan.  So knnte Sie wohl kein Glck entzcken, wenn es nicht
durch das Unglck eines andern gewrzt wrde?--Ich bedaure den Adrast!
Die Liebe mu alle ihre verderbliche Macht an ihm verschwendet haben,
weil er so unanstndig reden kann.

Adrast.  Wohl!  an dieser Miene, an dieser Wendung erinnere ich mich,
was ich bin.  Es ist wahr, ich bin Ihr Schuldner, Theophan: und gegen
seine Schuldner hat man das Recht, immer ein wenig gro zu tun;--doch
Geduld!  ich hoffe es nicht lange mehr zu sein.  Es hat sich noch ein
ehrlicher Mann gefunden, der mich aus dieser Verlegenheit reien will.
Ich wei nicht, wo er bleibt.  Seinem Versprechen gem, htte er
bereits mit dem Gelde hier sein sollen.  Ich werde wohltun, wenn ich
ihn hole.

Theophan.  Aber noch ein Wort, Adrast.  Ich will Ihnen mein ganzes
Herz entdecken.--

Adrast.  Diese Entdeckung wrde mich nicht sehr belustigen.  Ich gehe,
und bald werde ich Ihnen mit einem khnern Gesichte unter die Augen
treten knnen.  (Geht ab.)

Theophan (allein).  Unbiegsamer Geist!  Fast verzweifle ich an meinem
Unternehmen.  Alles ist bei ihm umsonst.  Aber was wrde er gesagt
haben, wenn er mir Zeit gelassen htte, ihn fr sein Gestndnis, mit
einem andern hnlichen Gestndnisse zu bezahlen?--Sie kmmt.



Achter Auftritt

Henriette.  Lisette.  Theophan.


Henriette.  Nun?  Theophan, habe ich Sie nicht zu einem artigen
Anblicke verholfen?

Theophan.  Sie sind leichtfertig, schne Henriette.  Aber was meinen
Sie fr einen Anblick?  Kaum da ich die Hauptsache mit Mhe und Not
begriffen habe.

Henriette.  O schade!--Sie kamen also zu langsam?  und Adrast lag
nicht mehr vor meiner Schwester auf den Knien?

Theophan.  So hat er vor ihr auf den Knien gelegen?

Lisette.  Leider fr Sie alle beide!

Henriette.  Und meine Schwester stand da,--ich kann es Ihnen nicht
beschreiben,--stand da, fast, als wenn sie ihn in dieser unbequemen
Stellung gerne gesehen htte.  Sie dauern mich, Theophan!--

Theophan.  Soll ich Sie auch bedauren, mitleidiges Kind?

Henriette.  Mich bedauren?  Sie sollen mir Glck wnschen.

Lisette.  Aber nein; so etwas schreit um Rache!

Theophan.  Und wie meint Lisette denn, da man sich rchen knne?

Lisette.  Sie wollen sich also doch rchen?

Theophan.  Vielleicht.

Lisette.  Und Sie sich auch, Mamsell?

Henriette.  Vielleicht.

Lisette.  Gut!  das sind zwei Vielleicht, womit sich etwas anfangen
lt.

Theophan.  Aber es ist noch sehr ungewi, ob Juliane den Adrast
wiederliebt; und wenn dieses nicht ist, so wrde ich zu zeitig auf
Rache denken.

Lisette.  Oh!  die christliche Seele!  Nun berlegt sie erst, da man
sich nicht rchen soll.

Theophan.  Nicht so spttisch, Lisette!  Es wrde hier von einer sehr
unschuldigen Rache die Rede sein.

Henriette.  Das meine ich auch; von einer sehr unschuldigen.

Lisette.  Wer leugnet das?  von einer so unschuldigen, da man sich
mit gutem Gewissen darber beratschlagen kann.  Hren Sie nur!  Ihre
Rache, Herr Theophan, wre eine mnnliche Rache, nicht wahr?  und Ihre
Rache, Mamsell Henriette, wre eine weibliche Rache: eine mnnliche
Rache--nun, und eine weibliche Rache--Ja!  wie bringe ich wohl das
Ding recht gescheut herum?

Henriette.  Du bist eine Nrrin mitsamt deinen Geschlechtern.

Lisette.  Helfen Sie mir doch ein wenig, Herr Theophan.--Was meinen
Sie dazu?  Wenn zwei Personen einerlei Weg gehen mssen, nicht wahr?
so ist es gut, da diese zwei Personen einander Gesellschaft leisten?

Theophan.  Jawohl; aber vorausgesetzt, da diese zwei Personen
einander leiden knnen.

Henriette.  Das war der Punkt!

Lisette (beiseite).  Will denn keines anbeien?  Ich mu einen andern
Zipfel fassen.--Es ist schon wahr, was Herr Theophan vorhin sagte, da
es nmlich noch sehr ungewi sei, ob Mamsell Juliane den Adrast liebe.
Ich setze sogar hinzu.  Es ist noch sehr ungewi, ob Herr Adrast
Mamsell Julianen wirklich liebt.

Henriette.  O schweig, du unglckliche Zweiflerin.  Es soll nun aber
gewi sein!

Lisette.  Die Mannspersonen bekommen dann und wann gewisse Anflle von
einer gewissen wetterwendischen Krankheit, die aus einer gewissen
berladung des Herzens entspringt.

Henriette.  Aus einer berladung des Herzens?  Schn gegeben!

Lisette.  Ich will Ihnen gleich sagen, was das heit.  So wie Leute,
die sich den Magen berladen haben, nicht eigentlich mehr wissen, was
ihnen schmeckt, und was ihnen nicht schmeckt: so geht es auch den
Leuten, die sich das Herz berladen haben.  Sie wissen selbst nicht
mehr, auf welche Seite das berladene Herz hinhngt, und da trifft es
sich denn wohl, da kleine Irrungen in der Person daraus entstehen.--
Habe ich nicht recht, Herr Theophan?

Theophan.  Ich will es berlegen.

Lisette.  Sie sind freilich eine weit bessere Art von Mannspersonen,
und ich halte Sie fr allzu vorsichtig, als da Sie Ihr Herz so
berladen sollten.--Aber wissen Sie wohl, was ich fr einen Einfall
habe, wie wir gleichwohl hinter die Wahrheit mit dem Herrn Adrast und
der Mamsell Juliane kommen wollen?

Theophan.  Nun?

Henriette.  Du wrdest mich neugierig machen, wenn ich nicht schon
hinter der Wahrheit wre.--

Lisette.  Wie?  wenn wir einen gewissen blinden Lrm machten?

Henriette.  Was ist das wieder?

Lisette.  Ein blinder Lrm ist ein Lrm wohinter nichts ist; der aber
doch die Gabe hat, den Feind--zu einer gewissen Aufmerksamkeit zu
bringen.--Zum Exempel: Um zu erfahren, ob Mamsell Juliane den Adrast
liebe, mte sich Herr Theophan in jemand anders verliebt stellen; und
um zu erfahren, ob Adrast Mamsell Julianen liebe, mten Sie sich in
jemand anders verliebt stellen.  Und da es nun nicht lassen wrde,
wenn sich Herr Theophan in mich verliebt stellte, noch viel weniger,
wenn Sie sich in seinen Martin verliebt stellen wollten: so wre, kurz
und gut, mein Rat, Sie stellten sich beide ineinander verliebt.--Ich
rede nur von Stellen; merken Sie wohl, was ich sage!  nur von Stellen;
denn sonst knnte der blinde Lrm auf einmal Augen kriegen.--Nun sagen
Sie mir beide, ist der Anschlag nicht gut?

Theophan (beiseite).  Wo ich nicht gehe, so wird sie noch machen, da
ich mich werde erklren mssen.--Der Anschlag ist so schlimm nicht;
aber--

Lisette.  Sie sollen sich ja nur stellen.--

Theophan.  Das Stellen eben ist es, was mir dabei nicht gefllt.

Lisette.  Und Sie, Mamsell?

Henriette.  Ich bin auch keine Liebhaberin vom Stellen.

Lisette.  Besorgen Sie beide etwa, da Sie es zu natrlich machen
mchten?--Was stehen Sie so auf dem Sprunge, Herr Theophan?  Was
stehen Sie so in Gedanken, Mamsell?

Henriette.  Oh!  geh; es wre in meinem Leben das erstemal.

Theophan.  Ich mu mich auf einige Augenblicke beurlauben, schnste
Henriette.--

Lisette.  Es ist nicht ntig.  Sie sollen mir wahrhaftig nicht
nachsagen, da ich Sie weggeplaudert habe.  Kommen Sie, Mamsell!--

Henriette.  Es ist auch wahr, dein Plaudern ist manchmal recht
rgerlich.  Komm!--Theophan, soll ich sagen, da Sie nicht lange weg
sein werden?

Theophan.  Wenn ich bitten darf.--

(Henriette und Lisette geben auf der einen Seite ab.  Indem Theophan
auf der andern abgeben will, begegnet ihm der Wechsler.)



Neunter Auftritt

Theophan.  Der Wechsler.


Der Wechsler.  Sie werden verzeihen, mein Herr.  Ich mchte nur ein
Wort mit dem Herrn Adrast sprechen.

Theophan.  Eben jetzt ist er ausgegangen.  Wollen Sie mir es
auftragen?--

Der Wechsler.  Wenn ich so frei sein darf.--Er hat eine Summe Geldes
bei mir aufnehmen wollen, die ich ihm auch anfangs versprach.  Ich
habe aber nunmehr Bedenklichkeiten gefunden, und ich komme, es ihm
wieder abzusagen: das ist es alles.

Theophan.  Bedenklichkeiten, mein Herr?  Was fr Bedenklichkeiten?
doch wohl keine von seiten des Adrast?

Der Wechsler.  Warum nicht?

Theophan.  Ist er kein Mann von Kredit?

Der Wechsler.  Kredit, mein Herr, Sie werden wissen, was das ist.  Man
kann heute Kredit haben, ohne gewi zu sein, da man ihn morgen haben
wird.  Ich habe seine jetzigen Umstnde erfahren.--

Theophan (beiseite).  Ich mu mein mglichstes tun, da diese nicht
auskommen.--Sie mssen die falschen erfahren haben.--Kennen Sie mich,
mein Herr?--

Der Wechsler.  Von Person nicht; vielleicht, wenn ich Ihren Namen
hren sollte.--

Theophan.  Theophan.

Der Wechsler.  Ein Name, von dem ich allezeit das Beste gehrt habe.

Theophan.  Wenn Sie dem Herrn Adrast die verlangte Summe nicht auf
seine Unterschrift geben wollen, wollen Sie es wohl auf die meinige
tun?

Der Wechsler.  Mit Vergngen.

Theophan.  Haben Sie also die Gte, mich auf meine Stube zu begleiten.
Ich will Ihnen die ntigen Versicherungen ausstellen; wobei es blo
darauf ankommen wird, diese Brgschaft vor dem Adrast selbst geheim zu
halten.

Der Wechsler.  Vor ihm selbst?

Theophan.  Allerdings; um ihm den Verdru ber Ihr Mitrauen zu
ersparen.--

Der Wechsler.  Sie mssen ein gromtiger Freund sein.

Theophan.  Lassen Sie uns nicht lnger verziehen.

(Gehen ab.)

(Ende des vierten Aufzuges.)





Fnfter Aufzug



Erster Auftritt

Der Wechsler, von der einen Seite, und von der andern Adrast.


Adrast (vor sich).  Ich habe meinen Mann nicht finden knnen.--

Der Wechsler (vor sich).  So lasse ich es mir gefallen.--

Adrast.  Aber sieh da!--Ei!  mein Herr, finde ich Sie hier?  So sind
wir ohne Zweifel einander fehlgegangen?

Der Wechsler.  Es ist mir lieb, mein Herr Adrast, da ich Sie noch
treffe.

Adrast.  Ich habe Sie in Ihrer Wohnung gesucht.  Die Sache leidet
keinen Aufschub.  Ich kann mich doch noch auf Sie verlassen?

Der Wechsler.  Nunmehr, ja.

Adrast.  Nunmehr?  Was wollen Sie damit?

Der Wechsler.  Nichts.  Ja, Sie knnen sich auf mich verlassen.

Adrast.  Ich will nicht hoffen, da Sie einiges Mitrauen gegen mich
haben?

Der Wechsler.  Im geringsten nicht.

Adrast.  Oder, da man Ihnen einiges beizubringen gesucht hat?

Der Wechsler.  Noch viel weniger.

Adrast.  Wir haben bereits miteinander zu tun gehabt, und Sie sollen
mich auch knftig als einen ehrlichen Mann finden.

Der Wechsler.  Ich bin ohne Sorgen.

Adrast.  Es liegt meiner Ehre daran, diejenigen zuschanden zu machen,
die boshaft genug sind, meinen Kredit zu schmlern.

Der Wechsler.  Ich finde, da man das Gegenteil tut.

Adrast.  Oh!  sagen Sie das nicht.  Ich wei wohl, da ich meine
Feinde habe--

Der Wechsler.  Sie haben aber auch Ihre Freunde.--

Adrast.  Aufs hchste dem Namen nach.  Ich wrde auszulachen sein,
wenn ich auf sie rechnen wollte.--Und glauben Sie, mein Herr, da es
mir nicht einmal lieb ist, da Sie, in meiner Abwesenheit, hier in
diesem Hause gewesen sind?

Der Wechsler.  Und es mu Ihnen doch lieb sein.

Adrast.  Es ist zwar das Haus, zu welchem ich mir nichts als Gutes
versehen sollte; aber eine gewisse Person darin, mein Herr, eine
gewisse Person--Ich wei, ich wrde es empfunden haben, wenn Sie mit
derselben gesprochen htten.

Der Wechsler.  Ich habe eigentlich mit niemanden gesprochen; diejenige
Person aber, bei welcher ich mich nach Ihnen erkundigte, hat die
grte Ergebenheit gegen Sie bezeugt.

Adrast.  Ich kann es Ihnen wohl sagen, wer die Person ist, vor deren
beln Nachrede ich mich einigermaen frchte.  Es wird sogar gut sein,
wenn Sie es wissen, damit Sie, wenn Ihnen nachteilige Dinge von mir zu
Ohren kommen sollten, den Urheber kennen.

Der Wechsler.  Ich werde nicht ntig haben, darauf zu hren.

Adrast.  Aber doch--Mit einem Worte, es ist Theophan.

Der Wechsler (erstaunt).  Theophan?

Adrast.  Ja, Theophan.  Er ist mein Feind--

Der Wechsler.  Theophan Ihr Feind?

Adrast.  Sie erstaunen?

Der Wechsler.  Nicht ohne die grte Ursache.--

Adrast.  Ohne Zweifel weil Sie glauben, da ein Mann von seinem Stande
nicht anders, als gromtig und edel sein knne?--

Der Wechsler.  Mein Herr--

Adrast.  Er ist der gefhrlichste Heuchler, den ich unter
seinesgleichen noch jemals gefunden habe.

Der Wechsler.  Mein Herr--

Adrast.  Er wei, da ich ihn kenne, und gibt sich daher alle Mhe,
mich zu untergraben.--

Der Wechsler.  Ich bitte Sie--

Adrast.  Wenn Sie etwa eine gute Meinung von ihm haben, so irren Sie
sich sehr.  Vielleicht zwar, da Sie ihn nur von der Seite seines
Vermgens kennen; und wider dieses habe ich nichts: er ist reich; aber
eben sein Reichtum schafft ihm Gelegenheit, auf die allerfeinste Art
schaden zu knnen.

Der Wechsler.  Was sagen Sie?

Adrast.  Er wendet unbeschreibliche Rnke an, mich aus diesem Hause zu
bringen; Rnke, denen er ein so unschuldiges Ansehen geben kann, da
ich selbst darber erstaune.

Der Wechsler.  Das ist zu arg!  Lnger kann ich durchaus nicht
schweigen.  Mein Herr, Sie hintergehen sich auf die erstaunlichste Art.
--

Adrast.  Ich mich?

Der Wechsler.  Theophan kann das unmglich sein, wofr Sie ihn
ausgeben.  Hren Sie alles!  Ich kam hierher, mein Ihnen gegebenes
Wort wieder zurckezunehmen.  Ich hatte von sicherer Hand, nicht vom
Theophan, Umstnde von Ihnen erfahren, die mich dazu ntigten.  Ich
fand ihn hier, und ich glaubte, es ihm ohne Schwierigkeit sagen zu
drfen--

Adrast.  Dem Theophan?  Wie wird sich der Niedertrchtige gekitzelt
haben!

Der Wechsler.  Gekitzelt?  Er hat auf das nachdrcklichste fr Sie
gesprochen.  Und kurz, wenn ich Ihnen mein erstes Versprechen halte,
so geschieht es blo in Betrachtung seiner.

Adrast.  In Betrachtung seiner?--Wo bin ich?

Der Wechsler.  Er hat mir schriftliche Versicherungen gegeben, die ich
als eine Brgschaft fr Sie ansehen kann.  Zwar hat er mir es zugleich
verboten, jemanden das geringste davon zu sagen: allein ich konnte es
unmglich anhren, da ein rechtschaffener Mann so unschuldig
verlstert wrde.  Sie knnen die verlangte Summe bei mir abholen
lassen, wann es Ihnen beliebt.  Nur werden Sie mir den Gefallen tun
und sich nichts gegen ihn merken lassen.  Er bezeugte bei dem ganzen
Handel so viel Aufrichtigkeit und Freundschaft fr Sie, da er ein
Unmensch sein mte, wenn er die Verstellung bis dahin treiben knnte.-
-Leben Sie wohl!  (Geht ab.)



Zweiter Auftritt

Adrast.--Was fr ein neuer Streich!--Ich kann nicht wieder zur mir
selbst kommen!--Es ist nicht auszuhalten!--Verachtungen, Beleidigungen,
--Beleidigungen in dem Gegenstande, der ihm der liebste sein mu:--
alles ist umsonst; nichts will er fhlen.  Was kann ihn so verhrten?
Die Bosheit allein, die Begierde allein, seine Rache reif werden zu
lassen.--Wen sollte dieser Mann nicht hinter das Licht fhren?  Ich
wei nicht, was ich denken soll.  Er dringt seine Wohltaten mit einer
Art auf--Aber verwnscht sind seine Wohltaten, und seine Art!  Und
wenn auch keine Schlange unter diesen Blumen lge, so wrde ich ihn
doch nicht anders als hassen knnen.  Hassen werde ich ihn, und wenn
er mir das Leben rettete.  Er hat mir das geraubt, was kostbarer ist,
als das Leben: das Herz meiner Juliane; ein Raub, den er nicht
ersetzen kann, und wenn er sich mir zu eigen schenkte.  Doch er will
ihn nicht ersetzen; ich dichte ihm noch eine zu gute Meinung an.--



Dritter Auftritt

Theophan.  Adrast.


Theophan.  In welcher heftigen Bewegung treffe ich Sie abermals Adrast?

Adrast.  Sie ist Ihr Werk.

Theophan.  So mu sie eines von denen Werken sein, die wir alsdann
wider unsern Willen hervorbringen, wann wir uns am meisten nach ihrem
Gegenteile bestreben.  Ich wnsche nichts, als Sie ruhig zu sehen,
damit Sie mit kaltem Blute von einer Sache mit mir reden knnten, die
uns beide nicht nher angehen kann.

Adrast.  Nicht wahr, Theophan?  es ist der hchste Grad der List, wenn
man alle seine Streiche so zu spielen wei, da die, denen man sie
spielt, selbst nicht wissen, ob und was fr Vorwrfe sie uns machen
sollen?

Theophan.  Ohne Zweifel.

Adrast.  Wnschen Sie sich Glck: Sie haben diesen Grad erreicht.

Theophan.  Was soll das wieder?

Adrast.  Ich versprach Ihnen vorhin, die bewuten Wechsel zu bezahlen--
(spttisch) Sie werden es nicht belnehmen, es kann nunmehr nicht sein.
Ich will Ihnen, anstatt der zerrissenen, andere Wechsel schreiben.

Theophan (in eben dem Tone).  Es ist wahr, ich habe sie in keiner
andern Absicht zerrissen, als neue von Ihnen zu bekommen.--

Adrast.  Es mag Ihre Absicht gewesen sein, oder nicht: Sie sollen sie
haben.--Wollten Sie aber nicht etwa gern erfahren, warum ich sie
nunmehr nicht bezahlen kann?

Theophan.  Nun?

Adrast.  Weil ich die Brgschaften nicht liebe.

Theophan.  Die Brgschaften?

Adrast.  Ja; und weil ich Ihrer Rechten nichts geben mag, was ich aus
Ihrer Linken nehmen mte.

Theophan (beiseite).  Der Wechsler hat mir nicht reinen Mund gehalten!

Adrast.  Sie verstehen mich doch?

Theophan.  Ich kann es nicht mit Gewiheit sagen.

Adrast.  Ich gebe mir alle Mhe, Ihnen auf keine Weise verbunden zu
sein: mu es mich also nicht verdrieen, da Sie mich in den Verdacht
bringen, als ob ich es gleichwohl zu sein Ursache htte?

Theophan.  Ich erstaune ber Ihre Geschicklichkeit, alles auf der
schlimmsten Seite zu betrachten.

Adrast.  Und wie Sie gehrt haben, so bin ich ber die Ihrige erstaunt,
diese schlimme Seite so vortrefflich zu verbergen.  Noch wei ich
selbst nicht eigentlich, was ich davon denken soll.

Theophan.  Weil Sie das Natrlichste davon nicht denken wollen.

Adrast.  Dieses Natrlichste, meinen Sie vielleicht, wre das, wenn
ich dchte, da Sie diesen Schritt aus Gromut, aus Vorsorge fr
meinen guten Namen getan htten?  Allein, mit Erlaubnis, hier wre es
gleich das Unnatrlichste.

Theophan.  Sie haben doch wohl recht.  Denn wie wre es immer mglich,
da ein Mann von meinem Stande nur halb so menschliche Gesinnungen
haben knnte?

Adrast.  Lassen Sie uns Ihren Stand einmal beiseite setzen.

Theophan.  Sollten Sie das wohl knnen?--

Adrast.  Gesetzt also, Sie wren keiner von den Leuten, die, den
Charakter der Frmmigkeit zu behaupten, ihre Leidenschaften so geheim,
als mglich, halten mssen; die anfangs aus Wohlstand heucheln lernen,
und endlich die Heuchelei als eine zweite Natur beibehalten; die nach
ihren Grundstzen verbunden sind, sich ehrlicher Leute, welche sie die
Kinder der Welt nennen, zu entziehen, oder wenigstens aus keiner
andern Absicht Umgang mit ihnen zu pflegen, als aus der
niedertrchtigen Absicht, sie auf ihre Seite zu lenken; gesetzt, Sie
wren keiner von diesen: sind Sie nicht wenigstens ein Mensch, der
Beleidigungen empfindet?  Und auf einmal alles in allem zu sagen:--
Sind Sie nicht ein Liebhaber, welcher Eifersucht fhlen mu?

Theophan.  Es ist mir angenehm, da Sie endlich auf diesen Punkt
herauskommen.

Adrast.  Vermuten Sie aber nur nicht, da ich mit der geringsten
Migung davon sprechen werde.

Theophan.  So will ich es versuchen, desto mehrere dabei zu brauchen.

Adrast.  Sie lieben Julianen, und ich--ich--was suche ich lange noch
Worte?--Ich hasse Sie wegen dieser Liebe, ob ich gleich kein Recht auf
den geliebten Gegenstand habe; und Sie, der Sie ein Recht darauf haben,
sollten mich, der ich Sie um dieses Recht beneide, nicht auch hassen?

Theophan.  Gewi, ich sollte nicht.--Aber lassen Sie uns doch das
Recht untersuchen, das Sie und ich auf Julianen haben.

Adrast.  Wenn dieses Recht auf die Strke unserer Liebe ankme, so
wrde ich es Ihnen vielleicht noch streitig machen.  Es ist Ihr Glck,
da es auf die Einwilligung eines Vaters, und auf den Gehorsam einer
Tochter ankmmt.--

Theophan.  Hierauf will ich es durchaus nicht ankommen lassen.  Die
Liebe allein soll Richter sein.  Aber merken Sie wohl, nicht blo
unsere, sondern vornehmlich die Liebe derjenigen, in deren Besitz Sie
mich glauben.  Wenn Sie mich berfhren knnen, da Sie von Julianen
wiedergeliebet werden--

Adrast.  So wollen Sie mir vielleicht Ihre Ansprche abtreten?

Theophan.  So mu ich.

Adrast.  Wie hhnisch Sie mit mir umgehen!--Sie sind Ihrer Sachen
gewi, und berzeugt, da Sie bei dieser Rodomontade nichts aufs Spiel
setzen.

Theophan.  Also knnen Sie mir es nicht sagen, ob Sie Juliane liebet?

Adrast.  Wenn ich es knnte, wrde ich wohl unterlassen, Sie mit
diesem Vorzuge zu peinigen?

Theophan.  Stille!  Sie machen sich unmenschlicher, als Sie sind.--Nun
wohl!  so will ich,--ich will es Ihnen sagen, da Sie Juliane liebt.

Adrast.  Was sagen Sie?--Doch fast htte ich ber das Entzckende
dieser Versicherung vergessen, aus wessen Munde ich sie hre.  Recht
so!  Theophan, recht so!  Man mu ber seine Feinde spotten.  Aber
wollen Sie, diese Sptterei vollkommen zu machen, mich nicht auch
versichern, da Sie Julianen nicht lieben?

Theophan (verdrielich).  Es ist unmglich, mit Ihnen ein vernnftiges
Wort zu sprechen.  (Er will weggehen.)

Adrast (beiseite).  Er wird zornig?--Warten Sie doch, Theophan.
Wissen Sie, da die erste aufgebrachte Miene, die ich endlich von
Ihnen sehe, mich begierig macht, dieses vernnftige Wort zu hren?

Theophan (zornig).  Und wissen Sie, da ich endlich Ihres
schimpflichen Betragens berdrssig bin?

Adrast (beiseite).  Er macht Ernst.--

Theophan (noch zornig).  Ich will mich bestreben, da Sie den Theophan
so finden sollen, als Sie ihn sich vorstellen.

Adrast.  Verziehen Sie.  Ich glaube in Ihrem Trotze mehr
Aufrichtigkeit zu sehen, als ich jemals in Ihrer Freundlichkeit
gesehen habe.

Theophan.  Wunderbarer Mensch!  Mu man sich Ihnen gleichstellen, mu
man ebenso stolz, ebenso argwhnisch, ebenso grob sein, als Sie, um
Ihr elendes Vertrauen zu gewinnen?

Adrast.  Ich werde Ihnen diese Sprache, ihrer Neuigkeit wegen,
vergeben mssen.

Theophan.  Sie soll Ihnen alt genug werden!

Adrast.  Aber in der Tat--Sie machen mich vollends verwirrt.  Mssen
Sie mir Dinge, worauf alle mein Wohl ankmmt, mit einem frhlichen
Gesichte sagen?  Ich bitte Sie, sagen Sie es jetzt noch einmal, was
ich vorhin fr eine Sptterei aufnehmen mute.

Theophan.  Wenn ich es sage, glauben Sie nur nicht, da es um
Ihretwillen geschieht.

Adrast.  Desto mehr werde ich mich darauf verlassen.

Theophan.  Aber ohne mich zu unterbrechen: das bitte ich.--

Adrast.  Reden Sie nur.

Theophan.  Ich will Ihnen den Schlssel zu dem, was Sie hren sollen,
gleich voraus geben.  Meine Neigung hat mich nicht weniger betrogen,
als Sie die Ihrige.  Ich kenne und bewundere alle die Vollkommenheiten,
die Julianen zu einer Zierde ihres Geschlechts machen; aber--ich
liebe sie nicht.

Adrast.  Sie--

Theophan.  Es ist gleichviel, ob Sie es glauben oder nicht glauben.--
Ich habe mir Mhe genug gegeben, meine Hochachtung in Liebe zu
verwandeln.  Aber eben bei dieser Bemhung habe ich Gelegenheit gehabt,
es oft sehr deutlich zu merken, da sich Juliane einen hnlichen
Zwang antut.  Sie wollte mich lieben, und liebte mich nicht.  Das Herz
nimmt keine Grnde an, und will in diesem, wie in andern Stcken,
seine Unabhngigkeit von dem Verstande behaupten.  Man kann es
tyrannisieren, aber nicht zwingen.  Und was hilft es, sich selbst zum
Mrtyrer seiner berlegungen zu machen, wenn man gewi wei, da man
keine Beruhigung dabei finden kann?  Ich erbarmte mich also Julianens--
oder vielmehr, ich erbarmte mich meiner selbst: ich unterdrckte meine
wachsende Neigung gegen eine andre Person nicht lnger und sahe es mit
Vergngen, da auch Juliane zu ohnmchtig oder zu nachsehend war, der
ihrigen zu widerstehen.  Diese ging auf einen Mann, der ihrer ebenso
unwrdig ist, als unwrdig er ist, einen Freund zu haben.  Adrast
wrde sein Glck in ihren Augen lngst gewahr geworden sein, wenn
Adrast gelassen genug wre, richtige Blicke zu tun.  Er betrachtet
alles durch das gefrbte Glas seiner vorgefaten Meinungen, und alles
obenhin; und wrde wohl oft lieber seine Sinne verleugnen, als seinen
Wahn aufgeben.  Weil Juliane ihn liebenswrdig fand, konnte ich mir
unmglich einbilden, da er so gar verderbt sei.  Ich sann auf Mittel,
es beiden mit der besten Art beizubringen, da sie mich nicht als eine
gefhrliche Hinderung ansehen sollten.  Ich kam nur jetzt in dieser
Absicht hieher; allein lie mich Adrast, ohne die schimpflichsten
Abschreckungen, darauf kommen?  Ich wrde ihn, ohne ein weiteres Wort,
verlassen haben, wenn ich mich nicht noch derjenigen Person wegen
gezwungen htte, der ich, von Grund meiner Seelen, alles gnne, was
sie sich selbst wnscht.--Mehr habe ich ihm nicht zu sagen.  (Er will
fortgehen.)

Adrast.  Wohin, Theophan?--Urteilen Sie aus meinem Stilleschweigen,
wie gro mein Erstaunen sein msse!--Es ist eine menschliche
Schwachheit, sich dasjenige leicht berreden zu lassen, was man heftig
wnscht.  Soll ich ihr nachhngen?  soll ich sie unterdrcken?

Theophan.  Ich will bei Ihrer berlegung nicht gegenwrtig sein.--

Adrast.  Wehe dem, der mich auf eine so grausame Art aufzuziehen denkt!

Theophan.  So rche mich denn Ihre marternde Ungewiheit an Ihnen!

Adrast (beiseite).  Jetzt will ich ihn fangen.--Wollen Sie mir noch
ein Wort erlauben, Theophan?--Wie knnen Sie ber einen Menschen
zrnen, der mehr aus Erstaunen ber sein Glck, als aus Mitrauen
gegen Sie, zweifelt?--

Theophan.  Adrast, ich werde mich schmen, nur einen Augenblick
gezrnt zu haben, sobald Sie vernnftig reden wollen.

Adrast.  Wenn es wahr ist, da Sie Julianen nicht lieben, wird es
nicht ntig sein, da Sie sich dem Lisidor entdecken?

Theophan.  Allerdings.

Adrast.  Und Sie sind es wirklich gesonnen?

Theophan.  Und zwar je eher, je lieber.

Adrast.  Sie wollen dem Lisidor sagen, da Sie Julianen nicht lieben?

Theophan.  Was sonst?

Adrast.  Da Sie eine andere Person lieben?

Theophan.  Vor allen Dingen; um ihm durchaus keine Ursache zu geben,
Julianen die rckgngige Verbindung zur Last zu legen.

Adrast.  Wollten Sie wohl alles dieses gleich jetzo tun?

Theophan.  Gleich jetzo?--

Adrast (beiseite).  Nun habe ich ihn!--Ja, gleich jetzo.

Theophan.  Wollten Sie aber auch wohl eben diesen Schritt tun?
Wollten auch Sie dem Lisidor wohl sagen, da Sie Henrietten nicht
liebten?

Adrast.  Ich brenne vor Verlangen.

Theophan.  Und da Sie Julianen liebten?

Adrast.  Zweifeln Sie?

Theophan.  Nun wohl!  so kommen Sie.

Adrast (beiseite).  Er will?--

Theophan.  Nur geschwind!

Adrast.  berlegen Sie es recht.

Theophan.  Und was soll ich denn noch berlegen?

Adrast.  Noch ist es Zeit.--

Theophan.  Sie halten sich selbst auf.  Nur fort!--(Indem er
vorangehen will.)  Sie bleiben zurck?  Sie stehen in Gedanken?  Sie
sehen mich mit einem Auge an, das Erstaunen verrt?  Was soll das?--

Adrast (nach einer kleinen Pause).  Theophan!--

Theophan.  Nun?--Bin ich nicht bereit?

Adrast (gerhrt).  Theophan!--Sie sind doch wohl ein ehrlicher Mann.

Theophan.  Wie kommen Sie jetzt darauf?

Adrast.  Wie ich jetzt darauf komme?  Kann ich einen strkern Beweis
verlangen, da Ihnen mein Glck nicht gleichgltig ist?

Theophan.  Sie erkennen dieses sehr spt--aber Sie erkennen es doch
noch.--Liebster Adrast, ich mu Sie umarmen.--

Adrast.  Ich schme mich--lassen Sie mich allein; ich will ihnen bald
folgen.--

Theophan.  Ich werde Sie nicht allein lassen.--Ist es mglich, da ich
Ihren Abscheu gegen mich berwunden habe?  Da ich ihn durch eine
Aufopferung berwunden habe, die mir so wenig kostet?  Ach!  Adrast,
Sie wissen noch nicht, wie eigenntzig ich dabei bin; ich werde
vielleicht alle Ihre Hochachtung dadurch wieder verlieren:--Ich liebe
Henrietten.

Adrast.  Sie lieben Henrietten?  Himmel!  so knnen wir ja hier noch
beide glcklich sein.  Warum haben wir uns nicht eher erklren mssen?
O Theophan!  Theophan!  ich wrde Ihre ganze Auffhrung mit einem
andern Auge angesehen haben.  Sie wrden der Bitterkeit meines
Verdachts, meiner Vorwrfe nicht ausgesetzt gewesen sein.

Theophan.  Keine Entschuldigungen, Adrast!  Vorurteile und eine
unglckliche Liebe sind zwei Stcke, deren eines schon hinreichet,
einen Mann zu etwas ganz anderm zu machen, als er ist.--Aber was
verweilen wir hier lnger?

Adrast.  Ja, Theophan, nun lassen Sie uns eilen.--Aber wenn uns
Lisidor zuwider wre?--Wenn Juliane einen andern liebte?--

Theophan.  Fassen Sie Mut.  Hier kmmt Lisidor.



Vierter Auftritt

Lisidor.  Theophan.  Adrast.


Lisidor.  Ihr seid mir feine Leute!  Soll ich denn bestndig mit dem
fremden Vetter allein sein?

Theophan.  Wir waren gleich im Begriff zu Ihnen zu kommen.

Lisidor.  Was habt ihr nun wieder zusammen gemacht?  gestritten?
Glaubt mir doch nur, aus dem Streiten kmmt nichts heraus.  Ihr habt
alle beide, alle beide habt ihr recht.--Zum Exempel: (zum Theophan)
Der spricht, die Vernunft ist schwach; und der (zum Adrast) spricht,
die Vernunft ist stark.  Jener beweiset mit starken Grnden, da die
Vernunft schwach ist; und dieser mit schwachen Grnden, da sie stark
ist.  Kmmt das nun nicht auf eins heraus?  schwach und stark, oder,
stark und schwach: was ist denn da fr ein Unterscheid?

Theophan.  Erlauben Sie, wir haben jetzt weder von der Strke, noch
von der Schwche der Vernunft gesprochen--

Lisidor.  Nun!  so war es von etwas anderm, das ebensowenig zu
bedeuten hat.--Von der Freiheit etwa: Ob ein hungriger Esel, der
zwischen zwei Bndeln Heu steht, die einander vollkommen gleich sind,
das Vermgen hat, von dem ersten von dem besten zu fressen, oder, ob
der Esel so ein Esel sein mu, da er lieber verhungert?--

Adrast.  Auch daran ist nicht gedacht worden.  Wir beschftigten uns
mit einer Sache, bei der das Vornehmste nunmehr auf Sie ankmmt.

Lisidor.  Auf mich?

Theophan.  Auf Sie, der Sie unser ganzes Glck in Hnden haben.

Lisidor.  Oh!  ihr werdet mir einen Gefallen tun, wenn ihr es so
geschwind, als mglich, in eure eignen Hnde nehmt.--Ihr meint doch
wohl das Glck in Fischbeinrcken?  Schon lange habe ich es selber
nicht mehr gern behalten wollen.  Denn der Mensch ist ein Mensch, und
eine Jungfer eine Jungfer; und Glck und Glas wie bald bricht das!

Theophan.  Wir werden zeitlebens nicht dankbar genug sein knnen, da
Sie uns einer so nahen Verbindung gewrdiget haben.  Allein es stt
sich noch an eine sehr groe Schwierigkeit.

Lisidor.  Was?

Adrast.  An eine Schwierigkeit, die unmglich vorauszusehen war.

Lisidor.  Nu?

Theophan und Adrast.  Wir mssen Ihnen gestehen--

Lisidor.  Alle beide zugleich?  Was wird das sein?  Ich mu euch
ordentlich vernehmen.--Was gestehen Sie, Theophan?--

Theophan.  Ich mu Ihnen gestehen,--da ich Julianen nicht liebe.

Lisidor.  Nicht liebe?  habe ich recht gehrt?--Und was ist denn Ihr
Gestndnis, Adrast?--

Adrast.  Ich mu Ihnen gestehen,--da ich Henrietten nicht liebe.

Lisidor.  Nicht liebe?--Sie nicht lieben, und Sie nicht lieben; das
kann unmglich sein!  Ihr Streitkpfe, die ihr noch nie einig gewesen
seid, solltet jetzo zum ersten Male einig sein, da es darauf ankmmt,
mir den Stuhl vor die Tre zu setzen?--Ach!  ihr scherzt, nun merke
ich's erst.

Adrast.  Wir?  scherzen?

Lisidor.  Oder ihr mt nicht klug im Kopfe sein.  Ihr meine Tchter
nicht lieben?  die Mdel weinen sich die Augen aus dem Kopfe.--Aber
warum denn nicht?  wenn ich fragen darf.  Was fehlt denn Julianen, da
Sie sie nicht lieben knnen?

Theophan.  Ihnen die Wahrheit zu gestehen, ich glaube, da ihr Herz
selbst fr einen andern eingenommen ist.

Adrast.  Und eben dieses vermute ich mit Grunde auch von Henrietten.

Lisidor.  Ho!  ho!  dahinter mu ich kommen.--Lisette!  he!  Lisette!--
Ihr seid also wohl gar eiferschtig, und wollt nur drohen?

Theophan.  Drohen?  da wir Ihrer Gte jetzt am ntigsten haben?

Lisidor.  He da!  Lisette!



Fnfter Auftritt

Lisette.  Lisidor.  Theophan.  Adrast.


Lisette.  Hier bin ich ja schon!  Was gibt's?

Lisidor.  Sage, sie sollen gleich herkommen.

Lisette.  Wer denn?

Lisidor.  Beide!  hrst du nicht?

Lisette.  Meine Jungfern?

Lisidor.  Fragst du noch?

Lisette.  Gleich will ich sie holen.  (Indem sie wieder umkehrt.)
Kann ich ihnen nicht voraus sagen, was sie hier sollen?

Lisidor.  Nein!

Lisette (geht und kmmt wieder).  Wenn sie mich nun aber fragen?

Lisidor.  Wirst du gehen?

Lisette.  Ich geh.--(Kmmt wieder.)  Es ist wohl etwas Wichtiges?

Lisidor.  Ich glaube, du Maulaffe, willst es eher wissen, als sie?

Lisette.  Nur sachte!  ich bin so neugierig nicht.



Sechster Auftritt

Lisidor.  Theophan.  Adrast.


Lisidor.  Ihr habt mich auf einmal ganz verwirrt gemacht.  Doch nur
Geduld, ich will das Ding schon wieder in seine Wege bringen.  Das
wre mir gelegen, wenn ich mir ein Paar andere Schwiegershne suchen
mte!  Ihr waret mir gleich so recht, und so ein Paar bekomme ich
nicht wieder zusammen, wenn ich mir sie auch bestellen liee.

Adrast.  Sie sich andre Schwiegershne suchen?--Was fr ein Unglck
drohen Sie uns?

Lisidor.  Ihr wollt doch wohl nicht die Mdel heiraten, ohne sie zu
lieben?  Da bin ich auch euer Diener.

Theophan.  Ohne sie zu lieben?

Adrast.  Wer sagt das?

Lisidor.  Was habt ihr denn sonst gesagt?

Adrast.  Ich bete Julianen an.

Lisidor.  Julianen?

Theophan.  Ich liebe Henrietten mehr, als mich selbst.

Lisidor.  Henrietten?--Uph!  Wird mir doch auf einmal ganz wieder
leichte.--Ist das der Knoten?  Also ist es weiter nichts, als da sich
einer in des andern seine Liebste verliebt hat?  Also wre der ganze
Plunder mit einem Tausche gutzumachen?

Theophan.  Wie gtig sind Sie, Lisidor!

Adrast.  Sie erlauben uns also--

Lisidor.  Was will ich tun?  Es ist doch immer besser, ihr tauscht vor
der Hochzeit, als da ihr nach der Hochzeit tauscht.  Wenn es meine
Tchter zufrieden sind, ich bin es zufrieden.

Adrast.  Wir schmeicheln uns, da sie es sein werden.--Aber bei der
Liebe, Lisidor, die Sie gegen uns zeigen, kann ich unmglich anders,
ich mu Ihnen noch ein Gestndnis tun.

Lisidor.  Noch eins?

Adrast.  Ich wrde nicht rechtschaffen handeln, wenn ich Ihnen meine
Umstnde verhehlte.

Lisidor.  Was fr Umstnde?

Adrast.  Mein Vermgen ist so geschmolzen, da ich, wenn ich alle
meine Schulden bezahle, nichts brig behalte.

Lisidor.  Oh!  schweig doch davon.  Habe ich schon nach deinem
Vermgen gefragt?  Ich wei so wohl, da du ein lockrer Zeisig gewesen
bist, und alles durchgebracht hast; aber eben deswegen will ich dir
eine Tochter geben, damit du doch wieder etwas hast.--Nur stille!  da
sind sie; lat mich machen.



Siebenter Auftritt

Juliane.  Henriette.  Lisette.  Lisidor.  Theophan.  Adrast.


Lisette.  Hier bringe ich sie, Herr Lisidor.  Wir sind hchst begierig,
zu wissen, was Sie zu befehlen haben.

Lisidor.  Seht freundlich aus, Mdchens!  ich will euch etwas
Frhliches melden: Morgen soll's richtig werden.  Macht euch gefat!

Lisette.  Was soll richtig werden?

Lisidor.  Fr dich wird nichts mit richtig.--Lustig, Mdchens!
Hochzeit!  Hochzeit!--Nu?  Ihr seht ja so barmherzig aus?  Was fehlt
dir, Juliane?

Juliane.  Sie sollen mich allezeit gehorsam finden; aber nur diesesmal
mu ich Ihnen vorstellen, da Sie mich bereilen wrden.--Himmel!
morgen?

Lisidor.  Und du, Henriette?

Henriette.  Ich, lieber Herr Vater?  ich werde morgen krank sein,
todsterbenskrank!

Lisidor.  Verschieb es immer bis bermorgen.

Henriette.  Es kann nicht sein.  Adrast wei meine Ursachen.

Adrast.  Ich wei, schnste Henriette, da Sie mich hassen.

Theophan.  Und sie, liebste Juliane, Sie wollen gehorsam sein?--Wie
nahe scheine ich meinem Glcke zu sein, und wie weit bin ich
vielleicht noch davon entfernt!--Mit was fr einem Gesichte soll ich
es Ihnen sagen, da ich der Ehre Ihrer Hand unwert bin?  da ich mir
bei aller der Hochachtung, die ich fr eine so vollkommene Person
hegen mu, doch nicht getraue, dasjenige fr Sie zu empfinden, was ich
nur fr eine einzige Person in der Welt empfinden will.

Lisette.  Das ist ja wohl gar ein Korb?  Es ist nicht erlaubt, da
auch Mannspersonen welche austeilen wollen.  Hurtig also, Julianchen,
mit der Sprache heraus!

Theophan.  Nur ein eitles Frauenzimmer knnte meine Erklrung
beleidigen; und ich wei, da Juliane ber solche Schwachheiten so
weit erhaben ist,--

Juliane.  Ach Theophan!  ich hre es schon: Sie haben zu scharfe
Blicke in mein Herz getan.--

Adrast.  Sie sind nun frei, schnste Juliane.  Ich habe Ihnen kein
Bekenntnis weiter abzulegen, als das, welches ich Ihnen bereits
abgelegt habe.--Was soll ich hoffen?

Juliane.  Liebster Vater!--Adrast!--Theophan!--Schwester!--

Lisette.  Nun merke ich alles.  Geschwind mu das die Gromama
erfahren.  (Lisette luft ab.)

Lisidor (zu Julianen).  Siehst du, Mdchen, was du fr Zeug angefangen
hast?

Theophan.  Aber Sie, liebste Henriette, was meinen Sie hierzu?  Ist
Adrast nicht ein ungetreuer Liebhaber?  Ach!  wenn Sie Ihre Augen auf
einen getreuern werfen wollten!  Wir sprachen vorhin von Rache, von
einer unschuldigen Rache--

Henriette.  Top!  Theophan: ich rche mich.

Lisidor.  Fein bedchtig, Henriette!  Hast du schon die Krankheit auf
morgen vergessen?

Henriette.  Gut!  Ich lasse mich verleugnen, wenn sie kmmt.

Lisidor.  Seid ihr aber nicht wunderliches Volk!  Ich wollte jedem zu
seinem Rocke egales Futter geben, aber ich sehe wohl, euer Geschmack
ist bunt.  Der Fromme sollte die Fromme, und der Lustige die Lustige
haben: Nichts!  der Fromme will die Lustige, und der Lustige die
Fromme.



Achter Auftritt

Frau Philane mit Lisetten und die Vorigen.


Frau Philane.  Kinder, was hre ich?  Ist es mglich?

Lisidor.  Ja, Mama; ich glaube, Sie werden nicht dawider sein.  Sie
wollen nun einmal so--

Frau Philane.  Ich sollte dawider sein?  Diese Verndrung ist mein
Wunsch, mein Gebet gewesen.  Ach!  Adrast, ach!  Henriette, fr euch
habe ich oft gezittert!  Ihr wrdet ein unglckliches Paar geworden
sein!  Ihr braucht beide einen Gefhrten, der den Weg besser kennet,
als ihr.  Theophan, Sie haben lngst meinen Segen; aber wollen Sie
mehr als diesen, wollen Sie auch den Segen des Himmels haben, so
ziehen Sie eine Person aus Henrietten, die Ihrer wert ist.  Und Sie,
Adrast, ich habe Sie wohl sonst fr einen bsen Mann gehalten; doch
getrost!  wer eine fromme Person lieben kann, mu selbst schon halb
fromm sein.  Ich verlasse mich seinetwegen auf dich, Julchen.--Vor
allen Dingen bringe ihm bei, wackern Leuten, rechtschaffnen
Geistlichen, nicht so verchtlich zu begegnen, als er dem Theophan
begegnet.--

Adrast.  Ach!  Madame, erinnern Sie mich an mein Unrecht nicht.
Himmel!  wenn ich mich berall so irre, als ich mich bei ihnen,
Theophan, geirret habe: was fr ein Mensch, was fr ein abscheulicher
Mensch bin ich!--

Lisidor.  Habe ich's nicht gesagt, da ihr die besten Freunde werden
mt, sobald als ihr Schwger seid?  Das ist nur der Anfang!

Theophan.  Ich wiederhole es, Adrast: Sie sind besser, als Sie glauben;
besser, als Sie zeither haben scheinen wollen.

Frau Philane.  Nun!  auch das ist mir ein Trost zu hren.--(Zum
Lisidor.)  Komm, mein Sohn, fhre mich.  Das Stehen wird mir zu sauer,
und vor Freuden habe ich es ganz vergessen, da ich Araspen allein
gelassen.

Lisidor.  Ja, wahrhaftig!  da gibt's was zu erzhlen!  Kommen Sie,
Mama.--Aber keinen Tausch weiter!  keinen Tausch weiter!

Lisette.  Wie bel ist unsereinem dran, das nichts zu tauschen hat!

(Ende des Freigeists.)


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der Freigeist, von Gotthold
Ephraim Lessing.










End of Project Gutenberg's Der Freigeist, by Gotthold Ephraim Lessing

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FREIGEIST ***

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