The Project Gutenberg EBook of Menschliches, Allzumenschliches
by Friedrich Wilhelm Nietzsche

Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the
copyright laws for your country before downloading or redistributing
this or any other Project Gutenberg eBook.

This header should be the first thing seen when viewing this Project
Gutenberg file.  Please do not remove it.  Do not change or edit the
header without written permission.

Please read the "legal small print," and other information about the
eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file.  Included is
important information about your specific rights and restrictions in
how the file may be used.  You can also find out about how to make a
donation to Project Gutenberg, and how to get involved.


**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**

**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**

*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****


Title: Menschliches, Allzumenschliches

Author: Friedrich Wilhelm Nietzsche

Release Date: January, 2005  [EBook #7207]
[This file was first posted on March 26, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO Latin-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES ***




This text has been derived from HTML files at "Projekt Gutenberg - DE"
(http://www.gutenberg2000.de/nietzsche/menschli/0inhalt.htm), prepared
by juergen@redestb.es.




Menschliches, Allzumenschliches

Ein Buch fr freie Geister

Friedrich Nietzsche




Inhalt

    An Stelle einer Vorrede
    Von den ersten und letzten Dingen
    Zur Geschichte der moralischen Empfindungen
    Das religise Leben
    Aus der Seele der Knstler und Schriftsteller
    Anzeichen hherer und niederer Cultur
    Der Mensch im Verkehr
    Weib und Kind
    Ein Blick auf den Staat
    Der Mensch mit sich allein
    Ein Nachspiel




Menschliches, Allzumenschliches.

Ein Buch fr freie Geister

Erster Band




An Stelle einer Vorrede.

- eine Zeit lang erwog ich die verschiedenen Beschftigungen, denen
sich die Menschen in diesem Leben berlassen und machte den Versuch,
die beste von ihnen auszuwhlen. Aber es thut nicht noth, hier zu
erzhlen, auf was fr Gedanken ich dabei kam: genug, dass fr meinen
Theil mir Nichts besser erschien, als wenn ich streng bei meinem
Vorhaben verbliebe, das heisst: wenn ich die ganze Frist des Lebens
darauf verwendete, meine Vernunft auszubilden und den Spuren der
Wahrheit in der Art und Weise, welche ich mir vorgesetzt hatte,
nachzugehen. Denn die Frchte, welche ich auf diesem Wege schon
gekostet hatte, waren der Art, dass nach meinem Urtheile in diesem
Leben nichts Angenehmeres, nichts Unschuldigeres gefunden werden kann;
zudem liess mich jeder Tag, seit ich jene Art der Betrachtung zu
Hlfe nahm, etwas Neues entdecken, das immer von einigem Gewichte und
durchaus nicht allgemein bekannt war. Da wurde endlich meine Seele so
voll von Freudigkeit, dass alle brigen Dinge ihr Nichts mehr anthun
konnten.

Aus dem Lateinischen des Cartesius.




Vorrede.

1.

Es ist mir oft genug und immer mit grossem Befremden ausgedrckt
worden, dass es etwas Gemeinsames und Auszeichnendes an allen meinen
Schriften gbe, von der "Geburt der Tragdie" an bis zum letzthin
verffentlichten "Vorspiel einer Philosophie der Zukunft": sie
enthielten allesammt, hat man mir gesagt, Schlingen und Netze
fr unvorsichtige Vgel und beinahe eine bestndige unvermerkte
Aufforderung zur Umkehrung gewohnter Werthschtzungen und geschtzter
Gewohnheiten. Wie? Alles nur - menschlich-allzumenschlich? Mit diesem
Seufzer komme man aus meinen Schriften heraus, nicht ohne eine Art
Scheu und Misstrauen selbst gegen die Moral, ja nicht bel versucht
und ermuthigt, einmal den Frsprecher der schlimmsten Dinge zu machen:
wie als ob sie vielleicht nur die bestverleumdeten seien? Man hat
meine Schriften eine Schule des Verdachts genannt, noch mehr der
Verachtung, glcklicherweise auch des Muthes, ja der Verwegenheit.
In der That, ich selbst glaube nicht, dass jemals jemand mit einem
gleich tiefen Verdachte in die Welt gesehn hat, und nicht nur als
gelegentlicher Anwalt des Teufels, sondern ebenso sehr, theologisch
zu reden, als Feind und Vorforderer Gottes; und wer etwas von den
Folgen errth, die in jedem tiefen Verdachte liegen, etwas von den
Frsten und Aengsten der Vereinsamung, zu denen jede unbedingte
Verschiedenheit des Blicks den mit ihr Behafteten verurtheilt, wird
auch verstehn, wie oft ich zur Erholung von mir, gleichsam zum
zeitweiligen Selbstvergessen, irgendwo unterzutreten suchte - in
irgend einer Verehrung oder Feindschaft oder Wissenschaftlichkeit oder
Leichtfertigkeit oder Dummheit; auch warum ich, wo ich nicht fand, was
ich brauchte, es mir knstlich erzwingen, zurecht flschen, zurecht
dichten musste (- und was haben Dichter je Anderes gethan? und wozu
wre alle Kunst in der Welt da?). Was ich aber immer wieder am
nthigsten brauchte, zu meiner Kur und Selbst-Wiederherstellung, das
war der Glaube, nicht dergestalt einzeln zu sein, einzeln zu sehn, -
ein zauberhafter Argwohn von Verwandtschaft und Gleichheit in Auge und
Begierde, ein Ausruhen im Vertrauen der Freundschaft, eine Blindheit
zu Zweien ohne Verdacht und Fragezeichen, ein Genuss an Vordergrnden,
Oberflchen, Nahem, Nchstem, an Allem, was Farbe, Haut und
Scheinbarkeit hat. Vielleicht, dass man mir in diesem Betrachte
mancherlei "Kunst", mancherlei feinere Falschmnzerei vorrcken
knnte: zum Beispiel, dass ich wissentlich-willentlich die Augen vor
Schopenhauer's blindem Willen zur Moral zugemacht htte, zu einer
Zeit, wo ich ber Moral schon hellsichtig genug war; insgleichen dass
ich mich ber Richard Wagner's unheilbare Romantik betrogen htte, wie
als ob sie ein Anfang und nicht ein Ende sei; insgleichen ber die
Griechen, insgleichen ber die Deutschen und ihre Zukunft - und es
gbe vielleicht noch eine ganze lange Liste solcher Insgleichen?
- gesetzt aber, dies Alles wre wahr und mit gutem Grunde mir
vorgerckt, was wisst ihr davon, was knntet ihr davon wissen, wie
viel List der Selbst-Erhaltung, wie viel Vernunft und hhere Obhut
in solchem Selbst-Betruge enthalten ist, - und wie viel Falschheit
mir noch noth hut, damit ich mir immer wieder den Luxus meiner
Wahrhaftigkeit gestatten darf?... Genug, ich lebe noch; und das Leben
ist nun einmal nicht von der Moral ausgedacht: es will Tuschung, es
lebt von der Tuschung... aber nicht wahr? da beginne ich bereits
wieder und thue, was ich immer gethan habe, ich alter Immoralist und
Vogelsteller - und rede unmoralisch, aussermoralisch, "jenseits von
Gut und Bse"? -


2.

- So habe ich denn einstmals, als ich es nthig hatte, mir auch die
"freien Geister" erfunden, denen dieses schwermthig-muthige Buch mit
dem Titel "Menschliches, Allzumenschliches" gewidmet ist: dergleichen
"freie Geister" giebt es nicht, gab es nicht, - aber ich hatte sie
damals, wie gesagt, zur Gesellschaft nthig, um guter Dinge zu bleiben
inmitten schlimmer Dinge (Krankheit, Vereinsamung, Fremde, Acedia,
Unthtigkeit): als tapfere Gesellen und Gespenster, mit denen man
schwtzt und lacht, wenn man Lust hat zu schwtzen und zu lachen, und
die man zum Teufel schickt, wenn sie langweilig werden, - als ein
Schadenersatz fr mangelnde Freunde. Dass es dergleichen freie Geister
einmal geben knnte, dass unser Europa unter seinen Shnen von Morgen
und Uebermorgen solche muntere und verwegene Gesellen haben wird,
leibhaft und handgreiflich und nicht nur, wie in meinem Falle, als
Schemen und Einsiedler-Schattenspiel: daran mchte ich am wenigsten
zweifeln. Ich sehe sie bereits kommen, langsam, langsam; und
vielleicht thue ich etwas, um ihr Kommen zu beschleunigen, wenn ich
zum Voraus beschreibe, unter welchen Schicksalen ich sie entstehn, auf
welchen Wegen ich sie kommen sehe? -


3.

Man darf vermuthen, dass ein Geist, in dem der Typus "freier Geist"
einmal bis zur Vollkommenheit reif und sss werden soll, sein
entscheidendes Ereigniss in einer grossen Loslsung gehabt hat, und
dass er vorher um so mehr ein gebundener Geist war und fr immer an
seine Ecke und Sule gefesselt schien. Was bindet am festesten? welche
Stricke sind beinahe unzerreissbar? Bei Menschen einer hohen und
ausgesuchten Art werden es die Pflichten sein: jene Ehrfurcht, wie sie
der Jugend eignet, jene Scheu und Zartheit vor allem Altverehrten und
Wrdigen, jene Dankbarkeit fr den Boden, aus dem sie wuchsen, fr
die Hand, die sie fhrte, fr das Heiligthum, wo sie anbeten lernten,
- ihre hchsten Augenblicke selbst werden sie am festesten binden,
am dauerndsten verpflichten. Die grosse Loslsung kommt fr
solchermaassen Gebundene pltzlich, wie ein Erdstoss: die junge Seele
wird mit Einem Male erschttert, losgerissen, herausgerissen, - sie
selbst versteht nicht, was sich begiebt. Ein Antrieb und Andrang
waltet und wird ber sie Herr wie ein Befehl; ein Wille und Wunsch
erwacht, fortzugehn, irgend wohin, um jeden Preis; eine heftige
gefhrliche Neugierde nach einer unentdeckten Welt flammt und flackert
in allen ihren Sinnen. "Lieber sterben als hier leben" - so klingt die
gebieterische Stimme und Verfhrung: und dies "hier", dies "zu Hause"
ist Alles, was sie bis dahin geliebt hatte! Ein pltzlicher Schrecken
und Argwohn gegen Das, was sie liebte, ein Blitz von Verachtung gegen
Das, was ihr "Pflicht" hiess, ein aufrhrerisches, willkrliches,
vulkanisch stossendes Verlangen nach Wanderschaft, Fremde,
Entfremdung, Erkltung, Ernchterung, Vereisung, ein Hass auf die
Liebe, vielleicht ein tempelschnderischer Griff und Blick rckwrts,
dorthin, wo sie bis dahin anbetete und liebte, vielleicht eine Gluth
der Scham ber Das, was sie eben that, und ein Frohlocken zugleich,
dass sie es that, ein trunkenes inneres frohlockendes Schaudern,
in dem sich ein Sieg verrth - ein Sieg? ber was? ber wen? ein
rthselhafter fragenreicher fragwrdiger Sieg, aber der erste Sieg
immerhin: - dergleichen Schlimmes und Schmerzliches gehrt zur
Geschichte der grossen Loslsung. Sie ist eine Krankheit zugleich,
die den Menschen zerstren kann, dieser erste Ausbruch von Kraft und
Willen zur Selbstbestimmung, Selbst-Werthsetzung, dieser Wille zum
freien Willen: und wie viel Krankheit drckt sich an den wilden
Versuchen und Seltsamkeiten aus, mit denen der Befreite, Losgelste
sich nunmehr seine Herrschaft ber die Dinge zu beweisen sucht! Er
schweift grausam umher, mit einer unbefriedigten Lsternheit; was er
erbeutet, muss die gefhrliche Spannung seines Stolzes abbssen; er
zerreisst, was ihn reizt. Mit einem bsen Lachen dreht er um, was er
verhllt, durch irgend eine Scham geschont findet: er versucht, wie
diese Dinge aussehn, wenn man sie umkehrt. Es ist Willkr und Lust an
der Willkr darin, wenn er vielleicht nun seine Gunst dem zuwendet,
was bisher in schlechtem Rufe stand, - wenn er neugierig und
versucherisch um das Verbotenste schleicht. Im Hintergrunde seines
Treibens und Schweifens - denn er ist unruhig und ziellos unterwegs
wie in einer Wste - steht das Fragezeichen einer immer gefhrlicheren
Neugierde. "Kann man nicht alle Werthe umdrehn? und ist Gut vielleicht
Bse? und Gott nur eine Erfindung und Feinheit des Teufels? Ist Alles
vielleicht im letzten Grunde falsch? Und wenn wir Betrogene sind, sind
wir nicht eben dadurch auch Betrger? mssen wir nicht auch Betrger
sein?" - solche Gedanken fhren und verfhren ihn, immer weiter fort,
immer weiter ab. Die Einsamkeit umringt und umringelt ihn, immer
drohender, wrgender, herzzuschnrender, jene furchtbare Gttin und
mater saeva cupidinum - aber wer weiss es heute, was Einsamkeit
ist?...


4.

Von dieser krankhaften Vereinsamung, von der Wste solcher
Versuchs-Jahre ist der Weg noch weit bis zu jener ungeheuren
berstrmenden Sicherheit und Gesundheit, welche der Krankheit
selbst nicht entrathen mag, als eines Mittels und Angelhakens der
Erkenntniss, bis zu jener reifen Freiheit des Geistes, welche
ebensosehr Selbstbeherrschung und Zucht des Herzens ist und die Wege
zu vielen und entgegengesetzten Denkweisen erlaubt -, bis zu jener
inneren Umfnglichkeit und Verwhnung des Ueberreichthums, welche die
Gefahr ausschliesst, dass der Geist sich etwa selbst in die eignen
Wege verlre und verliebte und in irgend einem Winkel berauscht
sitzen bliebe, bis zu jenem Ueberschuss an plastischen, ausheilenden,
nachbildenden und wiederherstellenden Krften, welcher eben das
Zeichen der grossen Gesundheit ist, jener Ueberschuss, der dem freien
Geiste das gefhrliche Vorrecht giebt, auf den Versuch hin leben und
sich dem Abenteuer anbieten zu drfen: das Meisterschafts-Vorrecht
des freien Geistes! Dazwischen mgen lange Jahre der Genesung
liegen, Jahre voll vielfarbiger schmerzlich-zauberhafter Wandlungen,
beherrscht und am Zgel gefhrt durch einen zhen Willen zur
Gesundheit, der sich oft schon als Gesundheit zu kleiden und zu
verkleiden wagt. Es giebt einen mittleren Zustand darin, dessen ein
Mensch solchen Schicksals spter nicht ohne Rhrung eingedenk ist: ein
blasses feines Licht und Sonnenglck ist ihm zu eigen, ein Gefhl von
Vogel-Freiheit, Vogel-Umblick, Vogel-Uebermuth, etwas Drittes, in dem
sich Neugierde und zarte Verachtung gebunden haben. Ein "freier Geist"
- dies khle Wort thut in jenem Zustande wohl, es wrmt beinahe. Man
lebt, nicht mehr in den Fesseln von Liebe und Hass, ohne ja, ohne
Nein, freiwillig nahe, freiwillig ferne, am liebsten entschlpfend,
ausweichend, fortflatternd, wieder weg, wieder empor fliegend; man ist
verwhnt, wie Jeder, der einmal ein ungeheures Vielerlei unter sich
gesehn hat, - und man ward zum Gegenstck Derer, welche sich um Dinge
bekmmern, die sie nichts angehn. In der That, den freien Geist gehen
nunmehr lauter Dinge an - und wie viele Dinge! - welche ihn nicht mehr
bekmmern...


5.

Ein Schritt weiter in der Genesung: und der freie Geist nhert
sich wieder dem Leben, langsam freilich, fast widerspnstig, fast
misstrauisch. Es wird wieder wrmer um ihn, gelber gleichsam; Gefhl
und Mitgefhl bekommen Tiefe, Thauwinde aller Art gehen ber ihn weg.
Fast ist ihm zu Muthe, als ob ihm jetzt erst die Augen fr das Nahe
aufgiengen. Er ist verwundert und sitzt stille: wo war er doch?
Diese nahen und nchsten Dinge: wie scheinen sie ihm verwandelt!
welchen Flaum und Zauber haben sie inzwischen bekommen! Er blickt
dankbar zurck, - dankbar seiner Wanderschaft, seiner Hrte und
Selbstentfremdung, seinen Fernblicken und Vogelflgen in kalte Hhen.
Wie gut, dass er nicht wie ein zrtlicher dumpfer Eckensteher immer
"zu Hause", immer "bei sich" geblieben ist! er war ausser sich: es
ist kein Zweifel. Jetzt erst sieht er sich selbst -, und welche
Ueberraschungen findet er dabei! Welche unerprobten Schauder! Welches
Glck noch in der Mdigkeit, der alten Krankheit, den Rckfllen des
Genesenden! Wie es ihm gefllt, leidend stillzusitzen, Geduld zu
spinnen, in der Sonne zu liegen! Wer versteht sich gleich ihm auf
das Glck im Winter, auf die Sonnenflecke an der Mauer! Es sind die
dankbarsten Thiere von der Welt, auch die bescheidensten, diese dem
Leben wieder halb zugewendeten Genesenden und Eidechsen: - es giebt
solche unter ihnen, die keinen Tag von sich lassen, ohne ihm ein
kleines Loblied an den nachschleppenden Saum zu hngen. Und ernstlich
geredet: es ist eine grndliche Kur gegen allen Pessimismus (den
Krebsschaden alter Idealisten und Lgenbolde, wie bekannt -) auf die
Art dieser freien Geister krank zu werden, eine gute Weile krank
zu bleiben und dann, noch lnger, noch lnger, gesund, ich meine
"gesnder" zu werden. Es ist Weisheit darin, Lebens-Weisheit, sich die
Gesundheit selbst lange Zeit nur in kleinen Dosen zu verordnen.


6.

Um jene Zeit mag es endlich geschehn, unter den pltzlichen Lichtern
einer noch ungestmen, noch wechselnden Gesundheit, dass dem freien,
immer freieren Geiste sich das Rthsel jener grossen Loslsung zu
entschleiern beginnt, welches bis dahin dunkel, fragwrdig, fast
unberhrbar in seinem Gedchtniss gewartet hatte. Wenn er sich lange
kaum zu fragen wagte "warum so abseits? so allein? Allem entsagend,
was ich verehrte? der Verehrung selbst entsagend? warum diese Hrte,
dieser Argwohn, dieser Hass auf die eigenen Tugenden?" - jetzt wagt
und fragt er es laut und hrt auch schon etwas wie Antwort darauf. "Du
solltest Herr ber dich werden, Herr auch ber die eigenen Tugenden.
Frher waren sie deine Herren; aber sie drfen nur deine Werkzeuge
neben andren Werkzeugen sein. Du solltest Gewalt ber dein Fr
und Wider bekommen und es verstehn lernen, sie aus- und wieder
einzuhngen, je nach deinem hheren Zwecke. Du solltest das
Perspektivische in jeder Werthschtzung begreifen lernen - die
Verschiebung, Verzerrung und scheinbare Teleologie der Horizonte und
was Alles zum Perspektivischen gehrt; auch das Stck Dummheit in
Bezug auf entgegengesetzte Werthe und die ganze intellektuelle
Einbusse, mit der sich jedes Fr, jedes Wider bezahlt macht. Du
solltest die nothwendige Ungerechtigkeit in jedem Fr und Wider
begreifen lernen, die Ungerechtigkeit als unablsbar vom Leben,
das Leben selbst als bedingt durch das Perspektivische und seine
Ungerechtigkeit. Du solltest vor Allem mit Augen sehn, wo die
Ungerechtigkeit immer am grssten ist: dort nmlich, wo das Leben am
kleinsten, engsten, drftigsten, anfnglichsten entwickelt ist und
dennoch nicht umhin kann, sich als Zweck und Maass der Dinge zu nehmen
und seiner Erhaltung zu Liebe das Hhere, Grssere, Reichere heimlich
und kleinlich und unablssig anzubrckeln und in Frage zu stellen, -
du solltest das Problem der Rangordnung mit Augen sehn und wie Macht
und Recht und Umfnglichkeit der Perspektive mit einander in die Hhe
wachsen. Du solltest" - genug, der freie Geist weiss nunmehr, welchem
"du sollst" er gehorcht hat, und auch, was er jetzt kann, was er jetzt
erst - darf...


7.

Dergestalt giebt der freie Geist sich in Bezug auf jenes Rthsel
von Loslsung Antwort und endet damit, indem er seinen Fall
verallgemeinert, sich ber sein Erlebniss also zu entscheiden. "Wie es
mir ergieng, sagt er sich, muss es jedem ergehn, in dem eine Aufgabe
leibhaft werden und `zur Welt kommen` will." Die heimliche Gewalt
und Nothwendigkeit dieser Aufgabe wird unter und in seinen einzelnen
Schicksalen walten gleich einer unbewussten Schwangerschaft, - lange,
bevor er diese Aufgabe selbst in's Auge gefasst hat und ihren Namen
weiss. Unsre Bestimmung verfgt ber uns, auch wenn wir sie noch nicht
kennen; es ist die Zukunft, die unserm Heute die Regel giebt. Gesetzt,
dass es das Problem der Rangordnung ist, von dem wir sagen drfen,
dass es unser Problem ist, wir freien Geister: jetzt, in dem Mittage
unsres Lebens, verstehn wir es erst, was fr Vorbereitungen, Umwege,
Proben, Versuchungen, Verkleidungen das Problem nthig hatte, ehe
es vor uns aufsteigen durfte, und wie wir erst die vielfachsten und
widersprechendsten Noth- und Glcksstnde an Seele und Leib erfahren
mussten, als Abenteurer und Weltumsegler jener inneren Welt, die
"Mensch" heisst, als Ausmesser jedes "Hher" und "Uebereinander", das
gleichfalls "Mensch" heisst - berallhin dringend, fast ohne Furcht,
nichts verschmhend, nichts verlierend, alles auskostend, alles vom
Zuflligen reinigend und gleichsam aussiebend - bis wir endlich sagen
durften, wir freien Geister: "Hier - ein neues Problem! Hier eine
lange Leiter, auf deren Sprossen wir selbst gesessen und gestiegen
sind, - die wir selbst irgend wann gewesen sind! Hier ein Hher, ein
Tiefer, ein Unter-uns, eine ungeheure lange Ordnung, eine Rangordnung,
die wir sehen hier - unser Problem!" -


8.

- Es wird keinem Psychologen und Zeichendeuter einen Augenblick
verborgen bleiben, an welche Stelle der eben geschilderten Entwicklung
das vorliegende Buch gehrt (oder gestellt ist -). Aber wo giebt es
heute Psychologen? In Frankreich, gewiss; vielleicht in Russland;
sicherlich nicht in Deutschland. Es fehlt nicht an Grnden, weshalb
sich dies die heutigen Deutschen sogar noch zur Ehre anrechnen
knnten: schlimm genug fr Einen, der in diesem Stcke undeutsch
geartet und gerathen ist! Dies deutsche Buch, welches in einem weiten
Umkreis von Lndern und Vlkern seine Leser zu finden gewusst hat - es
ist ungefhr zehn Jahr unterwegs - und sich auf irgend welche Musik
und Fltenkunst verstehn muss, durch die auch sprde Auslnder-Ohren
zum Horchen verfhrt werden, - gerade in Deutschland ist dies Buch am
nachlssigsten gelesen, am schlechtesten gehrt worden: woran liegt
das? - "Es verlangt zu viel, hat man mir geantwortet, es wendet sich
an Menschen ohne die Drangsal grober Pflichten, es will feine und
verwhnte Sinne, es hat Ueberfluss nthig, Ueberfluss an Zeit, an
Helligkeit des Himmels und Herzens, an otium im verwegensten Sinne: -
lauter gute Dinge, die wir Deutschen von Heute nicht haben und also
auch nicht geben knnen." - Nach einer so artigen Antwort rth mir
meine Philosophie, zu schweigen und nicht mehr weiter zu fragen; zumal
man in gewissen Fllen, wie das Sprchwort andeutet, nur dadurch
Philosoph bleibt, dass man - schweigt.

Nizza, im Frhling 1886.




Erstes Hauptstck.

Von den ersten und letzten Dingen.

1.

Chemie der Begriffe und Empfindungen. - Die Philosophischen Probleme
nehmen jetzt wieder fast in allen Stcken dieselbe Form der Frage
an, wie vor zweitausend Jahren.- wie kann Etwas aus seinem Gegensatz
entstehen, zum Beispiel Vernnftiges aus Vernunftlosem, Empfindendes
aus Todtem, Logik aus Unlogik, interesseloses Anschauen aus
begehrlichem Wollen, Leben fr Andere aus Egoismus, Wahrheit aus
Irrthmern? Die metaphysische Philosophie half sich bisher ber diese
Schwierigkeit hinweg, insofern sie die Entstehung des Einen aus
dem Andern leugnete und fr die hher gewertheten Dinge einen
Wunder-Ursprung annahm, unmittelbar aus dem Kern und Wesen des "Dinges
an sich" heraus. Die historische Philosophie dagegen, welche gar
nicht mehr getrennt von der Naturwissenschaft zu denken ist, die
allerjngste aller philosophischen Methoden, ermittelte in einzelnen
Fllen (und vermuthlich wird diess in allen ihr Ergebniss sein), dass
es keine Gegenstze sind, ausser in der gewohnten Uebertreibung der
populren oder metaphysischen Auffassung und dass ein Irrthum der
Vernunft dieser Gegenberstellung zu Grunde liegt: nach ihrer
Erklrung giebt es, streng gefasst, weder ein unegoistisches Handeln,
noch ein vllig interesseloses Anschauen, es sind beides nur
Sublimirungen, bei denen das Grundelement fast verflchtigt erscheint
und nur noch fr die feinste Beobachtung sich als vorhanden erweist.
- Alles, was wir brauchen und was erst bei der gegenwrtigen Hhe der
einzelnen Wissenschaften uns gegeben werden kann, ist eine Chemie der
moralischen, religisen, sthetischen Vorstellungen und Empfindungen,
ebenso aller jener Regungen, welche wir im Gross- und Kleinverkehr der
Cultur und Gesellschaft, ja in der Einsamkeit an uns erleben: wie,
wenn diese Chemie mit dem Ergebniss abschlsse, dass auch auf diesem
Gebiete die herrlichsten Farben aus niedrigen, ja verachteten Stoffen
gewonnen sind? Werden Viele Lust haben, solchen Untersuchungen zu
folgen? Die Menschheit liebt es, die Fragen ber Herkunft und Anfnge
sich aus dem Sinn zu schlagen: muss man nicht fast entmenscht sein, um
den entgegengesetzten Hang in sich zu spren? -


2.

Erbfehler der Philosophen. - Alle Philosophen haben den gemeinsamen
Fehler an sich, dass sie vom gegenwrtigen Menschen ausgehen und durch
eine Analyse desselben an's Ziel zu kommen meinen. Unwillkrlich
schwebt ihnen "der Mensch" als eine aeterna veritas, als ein
Gleichbleibendes in allem Strudel, als ein sicheres Maass der Dinge
vor. Alles, was der Philosoph ber den Menschen aussagt, ist aber
im Grunde nicht mehr, als ein Zeugniss ber den Menschen eines sehr
beschrnkten Zeitraumes. Mangel an historischem Sinn ist der Erbfehler
aller Philosophen; manche sogar nehmen unversehens die allerjngste
Gestaltung des Menschen, wie eine solche unter dem Eindruck bestimmter
Religionen, ja bestimmter politischer Ereignisse entstanden ist, als
die feste Form, von der man ausgehen msse. Sie wollen nicht lernen,
dass der Mensch geworden ist, dass auch das Erkenntnissvermgen
geworden ist; whrend Einige von ihnen sogar die ganze Welt aus
diesem Erkenntnissvermgen sich herausspinnen lassen. - Nun ist
alles Wesentliche der menschlichen Entwickelung in Urzeiten vor sich
gegangen, lange vor jenen vier tausend Jahren, die wir ungefhr
kennen; in diesen mag sich der Mensch nicht viel mehr verndert haben.
Da sieht aber der Philosoph "Instincte" am gegenwrtigen Menschen und
nimmt an, dass diese zu den unvernderlichen Thatsachen des Menschen
gehren und insofern einen Schssel zum Verstndniss der Welt
berhaupt abgeben knnen; die ganze Teleologie ist darauf gebaut, dass
man vom Menschen der letzten vier Jahrtausende als von einem ewigen
redet, zu welchem hin alle Dinge in der Welt von ihrem Anbeginne eine
natrliche Richtung haben. Alles aber ist geworden; es giebt keine
ewigen Thatsachen: sowie es keine absoluten Wahrheiten giebt. -
Demnach ist das historische Philosophiren von jetzt ab nthig und mit
ihm die Tugend der Bescheidung.


3.

Schtzung der unscheinbaren Wahrheiten. - Es ist das Merkmal einer
hhern Cultur, die kleinen unscheinbaren Wahrheiten, welche mit
strenger Methode gefunden wurden, hher zu schtzen, als die
beglckenden und blendenden Irrthmer, welche metaphysischen und
knstlerischen Zeitaltern und Menschen entstammen. Zunchst hat man
gegen erstere den Hohn auf den Lippen, als knne hier gar nichts
Gleichberechtigtes gegen einander stehen: so bescheiden, schlicht,
nchtern, ja scheinbar entmuthigend stehen diese, so schn, prunkend,
berauschend, ja vielleicht beseligend stehen jene da. Aber das mhsam
Errungene, Gewisse, Dauernde und desshalb fr jede weitere Erkenntniss
noch Folgenreiche ist doch das Hhere, zu ihm sich zu halten ist
mnnlich und zeigt Tapferkeit, Schlichtheit, Enthaltsamkeit an.
Allmhlich wird nicht nur der Einzelne, sondern die gesammte
Menschheit zu dieser Mnnlichkeit emporgehoben werden, wenn sie
sich endlich an die hhere Schtzung der haltbaren, dauerhaften
Erkenntnisse gewhnt und allen Glauben an Inspiration und
wundergleiche Mittheilung von Wahrheiten verloren hat. - Die Verehrer
der Formen freilich, mit ihrem Maassstabe des Schnen und Erhabenen,
werden zunchst gute Grnde zu spotten haben, sobald die Schtzung der
unscheinbaren Wahrheiten und der wissenschaftliche Geist anfngt zur
Herrschaft zu kommen: aber nur weil entweder ihr Auge sich noch nicht
dem Reiz der schlichtesten Form erschlossen hat oder weil die in jenem
Geiste erzogenen Menschen noch lange nicht vllig und innerlich von
ihm durchdrungen sind, so dass sie immer noch gedankenlos alte Formen
nachmachen (und diess schlecht genug, wie es jemand thut, dem nicht
mehr viel an einer Sache liegt). Ehemals war der Geist nicht durch
strenges Denken in Anspruch genommen, da lag sein Ernst im Ausspinnen
von Symbolen und Formen. Das hat sich verndert; jener Ernst des
Symbolischen ist zum Kennzeichen der niederen Cultur geworden; wie
unsere Knste selber immer intellectualer, unsere Sinne geistiger
werden, und wie man zum Beispiel jetzt ganz anders darber urtheilt,
was sinnlich wohltnend ist, als vor hundert Jahren: so werden auch
die Formen unseres Lebens immer geistiger, fr das Auge lterer Zeiten
vielleicht hsslicher, aber nur weil es nicht zu sehen vermag, wie das
Reich der inneren, geistigen Schnheit sich fortwhrend vertieft und
erweitert und in wie fern uns Allen der geistreiche Blick jetzt mehr
gelten darf, als der schnste Gliederbau und das erhabenste Bauwerk.


4.

Astrologie und Verwandtes. - Es ist wahrscheinlich, dass die Objecte
des religisen, moralischen und sthetischen Empfindens ebenfalls nur
zur Oberflche der Dinge gehren, whrend der Mensch gerne glaubt,
dass er hier wenigstens an das Herz der Welt rhre; er tuscht sich,
weil jene Dinge ihn so tief beseligen und so tief unglcklich machen,
und zeigt also hier denselben Stolz wie bei der Astrologie. Denn diese
meint, der Sternenhimmel drehte sich um das Loos des Menschen; der
moralische Mensch aber setzt voraus, Das, was ihm wesentlich am Herzen
liege, msse auch Wesen und Herz der Dinge sein.


5.

Missverstndniss des Traumes. - Im Traume glaubte der Mensch in den
Zeitaltern roher uranfnglicher Cultur eine zweite reale Welt kennen
zu lernen; hier ist der Ursprung aller Metaphysik. Ohne den Traum
htte man keinen Anlass zu einer Scheidung der Welt gefunden. Auch
die Zerlegung in Seele und Leib hngt mit der ltesten Auffassung des
Traumes zusammen, ebenso die Annahme eines Seelenscheinleibes, also
die Herkunft alles Geisterglaubens, und wahrscheinlich auch des
Gtterglaubens. "Der Todte lebt fort; denn er erscheint dem Lebenden
im Traume": so schloss man ehedem, durch viele Jahrtausende hindurch.


6.

Der Geist der Wissenschaft im Theil, nicht im Ganzen mchtig. - Die
abgetrennten kleinsten Gebiete der Wissenschaft werden rein sachlich
behandelt: die allgemeinen grossen Wissenschaften dagegen legen, als
Ganzes betrachtet, die Frage - eine recht unsachliche Frage freilich
- auf die Lippen: wozu? zu welchem Nutzen? Wegen dieser Rcksicht auf
den Nutzen werden sie, als Ganzes, weniger unpersnlich, als in ihren
Theilen behandelt. Bei der Philosophie nun gar, als bei der Spitze
der gesammten Wissenspyramide, wird unwillkrlich die Frage nach dem
Nutzen der Erkenntniss berhaupt aufgeworfen, und jede Philosophie hat
unbewusst die Absicht, ihr den hchsten Nutzen zuzuschreiben. Desshalb
giebt es in allen Philosophien so viel hochfliegende Metaphysik und
eine solche Scheu vor den unbedeutend erscheinenden Lsungen der
Physik; denn die Bedeutsamkeit der Erkenntniss fr das Leben soll
so gross als mglich erscheinen. Hier ist der Antagonismus zwischen
den wissenschaftlichen Einzelgebieten und der Philosophie. Letztere
will, was die Kunst will, dem Leben und Handeln mglichste Tiefe und
Bedeutung geben; in ersteren sucht man Erkenntniss und Nichts weiter,
- was dabei auch herauskomme. Es hat bis jetzt noch keinen Philosophen
gegeben, unter dessen Hnden die Philosophie nicht zu einer Apologie
der Erkenntniss geworden wre; in diesem Puncte wenigstens ist ein
jeder Optimist, dass dieser die hchste Ntzlichkeit zugesprochen
werden msse. Sie alle werden von der Logik tyrannisirt: und diese ist
ihrem Wesen nach Optimismus.


7.

Der Strenfried in der Wissenschaft. Die Philosophie schied sich von
der Wissenschaft, als sie die Frage stellte: welches ist diejenige
Erkenntniss der Welt und des Lebens, bei welcher der Mensch am
glcklichsten lebt? Diess geschah in den sokratischen Schulen:
durch den Gesichtspunct des Glcks unterband man die Blutadern der
wissenschaftlichen Forschung - und thut es heute noch.


8.

Pneumatische Erklrung der Natur. - Die Metaphysik erklrt die Schrift
der Natur gleichsam pneumatisch, wie die Kirche und ihre Gelehrten es
ehemals mit der Bibel thaten. Es gehrt sehr viel Verstand dazu, um
auf die Natur die selbe Art der strengeren Erklrungskunst anzuwenden,
wie jetzt die -Philologen sie fr alle Bcher geschaffen haben: mit
der Absicht, schlicht zu verstehen, was die Schrift sagen will, aber
nicht einen doppelten Sinn zu wittern, ja vorauszusetzen. Wie aber
selbst in Betreff der Bcher die schlechte Erklrungskunst keineswegs
vllig berwunden ist und man in der besten gebildeten Gesellschaft
noch fortwhrend auf Ueberreste allegorischer und mystischer
Ausdeutung stsst: so steht es auch in Betreff der Natur - ja noch
viel schlimmer.


9.

Metaphysische Welt. - Es ist wahr, es knnte eine metaphysische Welt
geben; die absolute Mglichkeit davon ist kaum zu bekmpfen. Wir sehen
alle Dinge durch den Menschenkopf an und knnen diesen Kopf nicht
abschneiden; whrend doch die Frage brig bleibt, was von der Welt
noch da wre, wenn man ihn doch abgeschnitten htte. Diess ist ein
rein wissenschaftliches Problem und nicht sehr geeignet, den Menschen
Sorgen zu machen; aber Alles, was ihnen bisher metaphysische Annahmen
werthvoll, schreckenvoll, lustvoll gemacht, was sie erzeugt hat,
ist Leidenschaft, Irrthum und Selbstbetrug; die allerschlechtesten
Methoden der Erkenntniss, nicht die allerbesten, haben daran glauben
lehren. Wenn man diese Methoden, als das Fundament aller vorhandenen
Religionen und Metaphysiken, aufgedeckt hat, hat man sie widerlegt.
Dann bleibt immer noch jene Mglichkeit brig; aber mit ihr kann man
gar Nichts anfangen, geschweige denn, dass man Glck, Heil und Leben
von den Spinnenfden einer solchen Mglichkeit abhngen lassen drfte.
- Denn man knnte von der metaphysischen Welt gar Nichts aussagen, als
ein Anderssein, ein uns unzugngliches, unbegreifliches Anderssein; es
wre ein Ding mit negativen Eigenschaften. - Wre die Existenz einer
solchen Welt noch so gut bewiesen, so stnde doch fest, dass die
gleichgltigste aller Erkenntnisse eben ihre Erkenntniss wre: noch
gleichgltiger als dem Schiffer in Sturmesgefahr die Erkenntniss von
der chemischen Analysis des Wassers sein muss.


10.

Harmlosigkeit der Metaphysik in der Zukunft. - Sobald die Religion,
Kunst und Moral in ihrer Entstehung so beschrieben sind, dass man
sie vollstndig sich erklren kann, ohne zur Annahme metaphysischer
Eingriffe am Beginn und im Verlaufe der Bahn seine Zuflucht zu nehmen,
hrt das strkste Interesse an dem rein theoretischen Problem vom
"Ding an sich" und der "Erscheinung" auf. Denn wie es hier auch stehe:
mit Religion, Kunst und Moral rhren wir nicht an das "Wesen der Welt
an sich"; wir sind im Bereiche der Vorstellung, keine "Ahnung" kann
uns weitertragen. Mit voller Ruhe wird man die Frage, wie unser
Weltbild so stark sich von dem erschlossenen Wesen der Welt
unterscheiden knne, der Physiologie und der Entwickelungsgeschichte
der Organismen und Begriffe berlassen.


11.

Die Sprache als vermeintliche Wissenschaft. - Die Bedeutung der
Sprache fr die Entwickelung der Cultur liegt darin, dass in ihr der
Mensch eine eigene Welt neben die andere stellte, einen Ort, welchen
er fr so fest hielt, um von ihm aus die brige Welt aus den Angeln
zu heben und sich zum Herrn derselben zu machen. Insofern der Mensch
an die Begriffe und Namen der Dinge als an aeternae veritates durch
lange Zeitstrecken hindurch geglaubt hat, hat er sich jenen Stolz
angeeignet, mit dem er sich ber das Thier erhob: er meinte wirklich
in der Sprache die Erkenntniss der Welt zu haben. Der Sprachbildner
war nicht so bescheiden, zu glauben, dass er den Dingen eben nur
Bezeichnungen gebe, er drckte vielmehr, wie er whnte, das hchste
Wissen ber die Dinge mit den Worten aus; in der That ist die Sprache
die erste Stufe der Bemhung um die Wissenschaft. Der Glaube an
die gefundene Wahrheit ist es auch hier, aus dem die mchtigsten
Kraftquellen geflossen sind. Sehr nachtrglich -jetzt erst - dmmert
es den Menschen auf, dass sie einen ungeheuren Irrthum in ihrem
Glauben an die Sprache propagirt haben. Glcklicherweise ist es zu
spt, als dass es die Entwickelung der Vernunft, die auf jenem Glauben
beruht, wieder rckgngig machen knnte. - Auch die Logik beruht auf
Voraussetzungen, denen Nichts in der wirklichen Welt entspricht,
z.B. auf der Voraussetzung der Gleichheit von Dingen, der Identitt
des selben Dinges in verschiedenen Puncten der Zeit: aber jene
Wissenschaft entstand durch den entgegengesetzten Glauben (dass es
dergleichen in der wirklichen Welt allerdings gebe). Ebenso steht es
mit der Mathematik, welche gewiss nicht entstanden wre, wenn man
von Anfang an gewusst htte, dass es in der Natur keine exact gerade
Linie, keinen wirklichen Kreis, kein absolutes Grssenmaass gebe.


12.

Traum und Cultur.- Die Gehirnfunction, welche durch den Schlaf am
meisten beeintrchtigt wird, ist das Gedchtniss: nicht dass es
ganz pausirte, - aber es ist auf einen Zustand der Unvollkommenheit
zurckgebracht, wie es in Urzeiten der Menschheit bei jedermann am
Tage und im Wachen gewesen sein mag. Willkrlich und verworren, wie es
ist, verwechselt es fortwhrend die Dinge auf Grund der flchtigsten
Aehnlichkeiten: aber mit der selben Willkr und Verworrenheit
dichteten die Vlker ihre Mythologien, und noch jetzt pflegen Reisende
zu beobachten, wie sehr der Wilde zur Vergesslichkeit neigt, wie
sein Geist nach kurzer Anspannung des Gedchtnisses hin und her zu
taumeln beginnt und er, aus blosser Erschlaffung, Lgen und Unsinn
hervorbringt. Aber wir Alle gleichen im Traume diesem Wilden; das
schlechte Wiedererkennen und irrthmliche Gleichsetzen ist der Grund
des schlechten Schliessens, dessen wir uns im Traume schuldig machen:
so dass wir, bei deutlicher Vergegenwrtigung eines Traumes, vor
uns erschrecken, weil wir so viel Narrheit in uns bergen. - Die
vollkommene Deutlichkeit aller Traum-Vorstellungen, welche den
unbedingten Glauben an ihre Realitt zur Voraussetzung hat, erinnert
uns wieder an Zustnde frherer Menschheit, in der die Hallucination
ausserordentlich hufig war und mitunter ganze Gemeinden, ganze Vlker
gleichzeitig ergriff. Also: im Schlaf und Traum machen wir das Pensum
frheren Menschenthums noch einmal durch.


13.

Logik des Traumes. - Im Schlafe ist fortwhrend unser Nervensystem
durch mannichfache innere Anlsse in Erregung, fast alle Organe
secerniren und sind in Thtigkeit, das Blut macht seinen ungestmen
Kreislauf, die Lage des Schlafenden drckt einzelne Glieder, seine
Decken beeinflussen die Empfindung verschiedenartig, der Magen verdaut
und beunruhigt mit seinen Bewegungen andere Organe, die Gedrme winden
sich, die Stellung des Kopfes bringt ungewhnliche Muskellagen mit
sich, die Fsse, unbeschuht, nicht mit den Sohlen den Boden drckend,
verursachen das Gefhl des Ungewhnlichen ebenso wie die andersartige
Bekleidung des ganzen Krpers, - alles diess nach seinem tglichen
Wechsel und Grade erregt durch seine Aussergewhnlichkeit das gesammte
System bis in die Gehirnfunction hinein: und so giebt es hundert
Anlsse fr den Geist, um sich zu verwundern und nach Grnden dieser
Erregung zu suchen: der Traum aber ist das Suchen und Vorstellen der
Ursachen fr jene erregten Empfindungen, das heisst der vermeintlichen
Ursachen. Wer zum Beispiel seine Fsse mit zwei Riemen umgrtet,
trumt wohl, dass zwei Schlangen seine Fsse umringeln: diess ist
zuerst eine Hypothese, sodann ein Glaube, mit einer begleitenden
bildlichen Vorstellung und Ausdichtung: "diese Schlangen mssen die
causa jener Empfindung sein, welche ich, der Schlafende, habe", -
so urtheilt der Geist des Schlafenden. Die so erschlossene nchste
Vergangenheit wird durch die erregte Phantasie ihm zur Gegenwart. So
weiss jeder aus Erfahrung, wie schnell der Trumende einen starken
an ihn dringenden Ton, zum Beispiel Glockenluten, Kanonenschsse in
seinen Traum verflicht, das heisst aus ihm hinterdrein erklrt, so
dass er zuerst die veranlassenden Umstnde, dann jenen Ton zu erleben
meint. - Wie kommt es aber, dass der Geist des Trumenden immer so
fehl greift, whrend der selbe Geist im Wachen so nchtern, behutsam
und in Bezug auf Hypothesen so skeptisch zu sein pflegt? so dass ihm
die erste beste Hypothese zur Erklrung eines Gefhls gengt, um
sofort an ihre Wahrheit zu glauben? (denn wir glauben im Traume an den
Traum, als sei er Realitt, das heisst wir halten unsre Hypothese fr
vllig erwiesen). - Ich meine: wie jetzt noch der Mensch im Traume
schliesst, so schloss die Menschheit auch im Wachen viele Jahrtausende
hindurch: die erste causa, die dem Geiste einfiel, um irgend Etwas,
das der Erklrung bedurfte, zu erklren, gengte ihm und galt als
Wahrheit. (So verfahren nach den Erzhlungen der Reisenden die Wilden
heute noch.) Im Traum bt sich dieses uralte Stck Menschenthum in
uns fort, denn es ist die Grundlage, auf der die hhere Vernunft sich
entwickelte und in jedem Menschen sich noch entwickelt: der Traum
bringt uns in ferne Zustnde der menschlichen Cultur wieder zurck und
giebt ein Mittel an die Hand, sie besser zu verstehen. Das Traumdenken
wird uns jetzt so leicht, weil wir in ungeheuren Entwickelungsstrecken
der Menschheit gerade auf diese Form des phantastischen und wohlfeilen
Erklrens aus dem ersten beliebigen Einfalle heraus so gut eingedrillt
worden sind. Insofern ist der Traum eine Erholung fr das Gehirn,
welches am Tage den strengeren Anforderungen an das Denken zu
gengen hat, wie sie von der hheren Cultur gestellt werden. - Einen
verwandten Vorgang knnen wir geradezu als Pforte und Vorhalle des
Traumes noch bei wachem Verstande in Augenschein nehmen. Schliessen
wir die Augen, so producirt das Gehirn eine Menge von Lichteindrcken
und Farben, wahrscheinlich als eine Art Nachspiel und Echo aller
jener Lichtwirkungen, welche am Tage auf dasselbe eindringen. Nun
verarbeitet aber der Verstand (mit der Phantasie im Bunde) diese an
sich formlosen Farbenspiele sofort zu bestimmten Figuren, Gestalten,
Landschaften, belebten Gruppen. Der eigentliche Vorgang dabei ist
wiederum eine Art Schluss von der Wirkung auf die Ursache; indem
der Geist fragt: woher diese Lichteindrcke und Farben, supponirt
er als Ursachen jene Figuren, Gestalten: sie gelten ihm als die
Veranlassungen jener Farben und Lichter, weil er, am Tage, bei
offenen Augen, gewohnt ist, zu jeder Farbe, jedem Lichteindrucke eine
veranlassende Ursache zu finden. Hier also schiebt ihm die Phantasie
fortwhrend Bilder vor, indem sie an die Gesichtseindrcke des
Tages sich in ihrer Production anlehnt, und gerade so macht es die
Traumphantasie: - das heisst die vermeintliche Ursache wird aus der
Wirkung erschlossen und nach der Wirkung vorgestellt: alles diess mit
ausserordentlicher Schnelligkeit, so dass hier wie beim Taschenspieler
eine Verwirrung des Urtheils entstehen und ein Nacheinander sich
wie etwas Gleichzeitiges, selbst wie ein umgedrehtes Nacheinander
ausnehmen kann. - Wir knnen aus diesen Vorgngen entnehmen, wie
spt das schrfere logische Denken, das Strengnehmen von Ursache
und Wirkung, entwickelt worden ist, wenn unsere Vernunft- und
Verstandesfunctionen jetzt noch unwillkrlich nach jenen primitiven
Formen des Schliessens zurckgreifen und wir ziemlich die Hlfte
unseres Lebens in diesem Zustande leben. - Auch der Dichter, der
Knstler schiebt seinen Stimmungen und Zustnden Ursachen unter,
welche durchaus nicht die wahren sind; er erinnert insofern an lteres
Menschenthum und kann uns zum Verstndnisse desselben verhelfen.


14.

Miterklingen. - Alle strkeren Stimmungen bringen ein Miterklingen
verwandter Empfindungen und Stimmungen mit sich; sie whlen gleichsam
das Gedchtniss auf. Es erinnert sich bei ihnen Etwas in uns und wird
sich hnlicher Zustnde und deren Herkunft bewusst. So bilden sich
angewhnte rasche Verbindungen von Gefhlen und Gedanken, welche
zuletzt, wenn sie blitzschnell hinter einander erfolgen, nicht einmal
mehr als Complexe, sondern als Einheiten empfunden werden. In diesem
Sinne redet man vom moralischen Gefhle, vom religisen Gefhle, wie
als ob diess lauter Einheiten seien: in Wahrheit sind sie Strme mit
hundert Quellen und Zuflssen. Auch hier, wie so oft, verbrgt die
Einheit des Wortes Nichts fr die Einheit der Sache.


15.

Kein Innen und Aussen in der Welt. - Wie Demokrit die Begriffe Oben
und Unten auf den unendlichen Raum bertrug, wo sie keinen Sinn haben,
so die Philosophen berhaupt den Begriff "Innen und Aussen" auf Wesen
und Erscheinung der Welt; sie meinen, mit tiefen Gefhlen komme man
tief in's Innere, nahe man sich dem Herzen der Natur. Aber diese
Gefhle sind nur insofern tief, als mit ihnen, kaum bemerkbar, gewisse
complicirte Gedankengruppen regelmssig erregt werden, welche wir tief
nennen; ein Gefhl ist tief, weil wir den begleitenden Gedanken fr
tief halten. Aber der tiefe Gedanke kann dennoch der Wahrheit sehr
fern sein, wie zum Beispiel jeder metaphysische; rechnet man vom
tiefen Gefhle die beigemischten Gedankenelemente ab, so bleibt das
starke Gefhl brig, und dieses verbrgt Nichts fr die Erkenntniss,
als sich selbst, ebenso wie der starke Glaube nur seine Strke, nicht
die Wahrheit des Geglaubten beweist.


16.

Erscheinung und Ding an sich. - Die Philosophen pflegen sich vor das
Leben und die Erfahrung - vor Das, was sie die Welt der Erscheinung
nennen - wie vor ein Gemlde hinzustellen, das ein fr alle Mal
entrollt ist und unvernderlich fest den selben Vorgang zeigt: diesen
Vorgang, meinen sie, msse man richtig ausdeuten, um damit einen
Schluss auf das Wesen zu machen, welches das Gemlde hervorgebracht
habe: also auf das Ding an sich, das immer als der zureichende Grund
der Welt der Erscheinung angesehen zu werden pflegt. Dagegen haben
strengere Logiker, nachdem sie den Begriff des Metaphysischen scharf
als den des Unbedingten, folglich auch Unbedingenden festgestellt
hatten, jeden Zusammenhang zwischen dem Unbedingten (der
metaphysischen Welt) und der uns bekannten Welt in Abrede gestellt:
so dass in der Erscheinung eben durchaus nicht das Ding an sich
erscheine, und von jener auf dieses jeder Schluss abzulehnen sei. Von
beiden Seiten ist aber die Mglichkeit bersehen, dass jenes Gemlde
- Das, was jetzt uns Menschen Leben und Erfahrung heisst - allmhlich
geworden ist, ja noch vllig im Werden ist und desshalb nicht als
feste Grsse betrachtet werden soll, von welcher aus man einen Schluss
ber den Urheber (den zureichenden Grund) machen oder auch nur
ablehnen drfte. Dadurch, dass wir seit Jahrtausenden mit moralischen,
sthetischen, religisen Ansprchen, mit blinder Neigung, Leidenschaft
oder Furcht in die Welt geblickt und uns in den Unarten des
unlogischen Denkens recht ausgeschwelgt haben, ist diese Welt
allmhlich so wundersam bunt, schrecklich, bedeutungstief, seelenvoll
geworden, sie hat Farbe bekommen, - aber wir sind die Coloristen
gewesen: der menschliche Intellect hat die Erscheinung erscheinen
lassen und seine irrthmlichen Grundauffassungen in die Dinge
hineingetragen. Spt, sehr spt - besinnt er sich: und jetzt scheinen
ihm die Welt der Erfahrung und das Ding an sich so ausserordentlich
verschieden und getrennt, dass er den Schluss von jener auf dieses
ablehnt - oder auf eine schauerlich geheimnissvolle Weise zum Aufgeben
unsers Intellectes, unsers persnlichen Willens auffordert: um dadurch
zum Wesenhaften zu kommen, dass man wesenhaft werde. Wiederum haben
Andere alle charakteristischen Zge unserer Welt der Erscheinung - das
heisst der aus intellectuellen Irrthmern herausgesponnenen und uns
angeerbten Vorstellung von der Welt - zusammengelesen und anstatt den
Intellect als Schuldigen anzuklagen, das Wesen der Dinge als Ursache
dieses thatschlichen, sehr unheimlichen Weltcharakters angeschuldigt
und die Erlsung vom Sein gepredigt. - Mit all diesen Auffassungen
wird der stetige und mhsame Process der Wissenschaft, welcher zuletzt
einmal in einer Entstehungsgeschichte des Denkens seinen hchsten
Triumph feiert, in entscheidender Weise fertig werden, dessen Resultat
vielleicht auf diesen Satz hinauslaufen drfte: Das, was wir jetzt
die Welt nennen, ist das Resultat einer Menge von Irrthmern und
Phantasien, welche in der gesammten Entwickelung der organischen Wesen
allmhlich entstanden, in einander verwachsen [sind] und uns jetzt als
aufgesammelter Schatz der ganzen Vergangenheit vererbt werden, - als
Schatz: denn der Werth unseres Menschenthums ruht darauf. Von dieser
Welt der Vorstellung vermag uns die strenge Wissenschaft thatschlich
nur in geringem Maasse zu lsen - wie es auch gar nicht zu wnschen
ist -, insofern sie die Gewalt uralter Gewohnheiten der Empfindung
nicht wesentlich zu brechen vermag: aber sie kann die Geschichte der
Entstehung jener Welt als Vorstellung ganz allmhlich und schrittweise
aufhellen - und uns wenigstens fr Augenblicke ber den ganzen Vorgang
hinausheben. Vielleicht erkennen wir dann, dass das Ding an sich eines
homerischen Gelchters werth ist: dass es so viel, ja Alles schien und
eigentlich leer, nmlich bedeutungsleer ist.


17.

Metaphysische Erklrungen. - Der junge Mensch schtzt metaphysische
Erklrungen, weil sie ihm in Dingen, welche er unangenehm oder
verchtlich fand, etwas hchst Bedeutungsvolles aufweisen: und ist er
mit sich unzufrieden, so erleichtert sich diess Gefhl, wenn er das
innerste Weltrthsel oder Weltelend in dem wiedererkennt, was er so
sehr an sich missbilligt. Sich unverantwortlicher fhlen und die
Dinge zugleich interessanter finden - das gilt ihm als die doppelte
Wohlthat, welche er der Metaphysik verdankt. Spter freilich bekommt
er Misstrauen gegen die ganze metaphysische Erklrungsart, dann sieht
er vielleicht ein, dass jene Wirkungen auf einem anderen Wege eben
so gut und wissenschaftlicher zu erreichen sind: dass physische und
historische Erklrungen mindestens ebenso sehr jenes Gefhl der
Unverantwortlichkeit herbeifhren, und dass jenes Interesse am Leben
und seinen Problemen vielleicht noch mehr dabei entflammt wird.


18.

Grundfragen der Metaphysik. - Wenn einmal die Entstehungsgeschichte
des denkens geschrieben ist, so wird auch der folgende Satz eines
ausgezeichneten Logikers von einem neuen Lichte erhellt dastehen:
"Das ursprngliche allgemeine Gesetz des erkennenden Subjects
besteht in der inneren Nothwendigkeit, jeden Gegenstand an sich, in
seinem eigenen Wesen als einen mit sich selbst identischen, also
selbstexistirenden und im Grunde stets gleichbleibenden und
unwandelbaren, kurz als eine Substanz zu erkennen." Auch dieses
Gesetz, welches hier "ursprnglich" genannt wird, ist geworden:
es wird einmal gezeigt werden, wie allmhlich, in den niederen
Organismen, dieser Hang entsteht, wie die blden Maulwurfsaugen dieser
Organisationen zuerst Nichts als immer das Gleiche sehen, wie dann,
wenn die verschiedenen Erregungen von Lust und Unlust bemerkbarer
werden, allmhlich verschiedene Substanzen unterschieden werden, aber
jede mit Einem Attribut, das heisst einer einzigen Beziehung zu einem
solchen Organismus. - Die erste Stufe des Logischen ist das Urtheil;
dessen Wesen besteht, nach der Feststellung der besten Logiker, im
Glauben. Allem Glauben zu Grunde liegt die Empfindung des Angenehmen
oder Schmerzhaften in Bezug auf das empfindende Subject. Eine neue
dritte Empfindung als Resultat zweier vorangegangenen einzelnen
Empfindungen ist das Urtheil in seiner niedrigsten Form. - Uns
organische Wesen interessirt ursprnglich Nichts an jedem Dinge, als
sein Verhltniss zu uns in Bezug auf Lust und Schmerz. Zwischen den
Momenten, in welchen wir uns dieser Beziehung bewusst werden, den
Zustnden des Empfindens, liegen solche der Ruhe, des Nichtempfindens:
da ist die Welt und jedes Ding fr uns interesselos, wir bemerken
keine Vernderung an ihm (wie jetzt noch ein heftig Interessirter
nicht merkt, dass jemand an ihm vorbeigeht). Fr die Pflanze sind
gewhnlich alle Dinge ruhig, ewig, jedes Ding sich selbst gleich. Aus
der Periode der niederen Organismen her ist dem Menschen der Glaube
vererbt, dass es gleiche Dinge giebt (erst die durch hchste
Wissenschaft ausgebildete Erfahrung widerspricht diesem Satze). Der
Urglaube alles Organischen von Anfang an ist vielleicht sogar, dass
die ganze brige Welt Eins und unbewegt ist. - Am fernsten liegt fr
jene Urstufe des Logischen der Gedanke an Causalitt: ja jetzt noch
meinen wir im Grunde, alle Empfindungen und Handlungen seien Acte des
freien Willens; wenn das fhlende Individuum sich selbst betrachtet,
so hlt es jede Empfindung, jede Vernderung fr etwas Isolirtes, das
heisst Unbedingtes, Zusammenhangloses: es taucht aus uns auf, ohne
Verbindung mit Frherem oder Spterem. Wir haben Hunger, aber meinen
ursprnglich nicht, dass der Organismus erhalten werden will, sondern
jenes Gefhl scheint sich ohne Grund und Zweck geltend zu machen, es
isolirt sich und hlt sich fr willkrlich. Also: der Glaube an die
Freiheit des Willens ist ein ursprnglicher Irrthum alles Organischen,
so alt, als die Regungen des Logischen in ihm existiren; der Glaube
an unbedingte Substanzen und an gleiche Dinge ist ebenfalls ein
ursprnglicher, ebenso alter Irrthum alles Organischen. Insofern aber
alle Metaphysik sich vornehmlich mit Substanz und Freiheit des Willens
abgegeben hat, so darf man sie als die Wissenschaft bezeichnen, welche
von den Grundirrthmern des Menschen handelt, doch so, als wren es
Grundwahrheiten.


19.

Die Zahl. - Die Erfindung der Gesetze der Zahlen ist auf Grund des
ursprnglich schon herrschenden Irrthums gemacht, dass es mehrere
gleiche Dinge gebe (aber thatschlich giebt es nichts Gleiches),
mindestens dass es Dinge gebe (aber es giebt kein "Ding"). Die Annahme
der Vielheit setzt immer voraus, dass es Etwas gebe, das vielfach
vorkommt: aber gerade hier schon waltet der Irrthum, schon da fingiren
wir Wesen, Einheiten, die es nicht giebt. - Unsere Empfindungen von
Raum und Zeit sind falsch, denn sie fhren, consequent geprft, auf
logische Widersprche. Bei allen wissenschaftlichen Feststellungen
rechnen wir unvermeidlich immer mit einigen falschen Grssen: aber
weil diese Grssen wenigstens constant sind, wie zum Beispiel unsere
Zeit- und Raumempfindung, so bekommen die Resultate der Wissenschaft
doch eine vollkommene Strenge und Sicherheit in ihrem Zusammenhange
mit einander; man kann auf ihnen fortbauen - bis an jenes letzte
Ende, wo die irrthmliche Grundannahme, jene constanten Fehler,
in Widerspruch mit den Resultaten treten, zum Beispiel in der
Atomenlehre. Da fhlen wir uns immer noch zur Annahme eines "Dinges"
oder stofflichen "Substrats", das bewegt wird, gezwungen, whrend die
ganze wissenschaftliche Procedur eben die Aufgabe verfolgt hat, alles
Dingartige (Stoffliche) in Bewegungen aufzulsen: wir scheiden auch
hier noch mit unserer Empfindung Bewegendes und Bewegtes und kommen
aus diesem Zirkel nicht heraus, weil der Glaube an Dinge mit unserem
Wesen von Alters her verknotet ist. - Wenn Kant sagt "der Verstand
schpft seine Gesetze nicht aus der Natur, sondern schreibt sie dieser
vor", so ist diess in Hinsicht auf den Begriff der Natur vllig wahr,
welchen wir genthigt sind, mit ihr zu verbinden (Natur = Welt als
Vorstellung, das heisst als Irrthum), welcher aber die Aufsummirung
einer Menge von Irrthmern des Verstandes ist. - Auf eine Welt, welche
nicht unsere Vorstellung ist, sind die Gesetze der Zahlen gnzlich
unanwendbar: diese gelten allein in der Menschen-Welt.


20.

Einige Sprossen zurck. - Die eine, gewiss sehr hohe Stufe der Bildung
ist erreicht, wenn der Mensch ber aberglubische und religise
Begriffe und Aengste hinauskommt und zum Beispiel nicht mehr an die
lieben Englein oder die Erbsnde glaubt, auch vom Heil der Seelen zu
reden verlernt hat: ist er auf dieser Stufe der Befreiung, so hat er
auch noch mit hchster Anspannung seiner Besonnenheit die Metaphysik
zu berwinden. Dann aber ist eine rcklufige Bewegung nthig: er muss
die historische Berechtigung, ebenso die psychologische in solchen
Vorstellungen begreifen, er muss erkennen, wie die grsste Frderung
der Menschheit von dorther gekommen sei und wie man sich, ohne eine
solche rcklufige Bewegung, der besten Ergebnisse der bisherigen
Menschheit berauben wrde. - In Betreff der philosophischen Metaphysik
sehe ich jetzt immer Mehrere, welche an das negative Ziel (dass jede
positive Metaphysik Irrthum ist) gelangt sind, aber noch Wenige,
welche einige Sprossen rckwrts steigen; man soll nmlich ber die
letzte Sprosse der Leiter wohl hinausschauen, aber nicht auf ihr
stehen wollen. Die Aufgeklrtesten bringen es nur so weit, sich
von der Metaphysik zu befreien und mit Ueberlegenheit auf sie
zurckzusehen: whrend es doch auch hier, wie im Hippodrom, noth thut,
um das Ende der Bahn herumzubiegen.


21.

Muthmaasslicher Sieg der Skepsis. - Man lasse einmal den skeptischen
Ausgangspunct gelten: gesetzt, es gbe keine andere, metaphysische
Welt und alle aus der Metaphysik genommenen Erklrungen der uns einzig
bekannten Welt wren unbrauchbar fr uns, mit welchem Blick wrden
wir dann auf Menschen und Dinge sehen? Diess kann man sich ausdenken,
es ist ntzlich, selbst wenn die Frage, ob etwas Metaphysisches
wissenschaftlich durch Kant und Schopenhauer bewiesen sei, einmal
abgelehnt wrde. Denn es ist, nach historischer Wahrscheinlichkeit,
sehr gut mglich, dass die Menschen einmal in dieser Beziehung im
Ganzen und Allgemeinen skeptisch werden; da lautet also die Frage: wie
wird sich dann die menschliche Gesellschaft, unter dem Einfluss einer
solchen Gesinnung, gestalten? Vielleicht ist der wissenschaftliche
Beweis irgend einer metaphysischen Welt schon so schwierig, dass die
Menschheit ein Misstrauen gegen ihn nicht mehr los wird. Und wenn man
gegen die Metaphysik Misstrauen hat, so giebt es im Ganzen und Grossen
die selben Folgen, wie wenn sie direct widerlegt wre und man nicht
mehr an sie glauben drfte. Die historische Frage in Betreff einer
unmetaphysischen Gesinnung der Menschheit bleibt in beiden Fllen die
selbe.


22.

Unglaube an das "monumentum aere perennius". - Ein wesentlicher
Nachtheil, welchen das Aufhren metaphysischer Ansichten mit sich
bringt, liegt darin, dass das Individuum zu streng seine kurze
Lebenszeit in's Auge fasst und keine strkeren Antriebe empfngt,
an dauerhaften, fr Jahrhunderte angelegten Institutionen zu bauen;
es will die Frucht selbst vom Baume pflcken, den es pflanzt,
und desshalb mag es jene Bume nicht mehr pflanzen, welche eine
Jahrhundert lange gleichmssige Pflege erfordern und welche lange
Reihenfolgen von Geschlechtern zu berschatten bestimmt sind. Denn
metaphysische Ansichten geben den Glauben, dass in ihnen das letzte
endgltige Fundament gegeben sei, auf welchem sich nunmehr alle
Zukunft der Menschheit niederzulassen und anzubauen genthigt sei;
der Einzelne frdert sein Heil, wenn er zum Beispiel eine Kirche, ein
Kloster stiftet, es wird ihm, so meint er, im ewigen Fortleben der
Seele angerechnet und vergolten, es ist Arbeit am ewigen Heil der
Seele. - Kann die Wissenschaft auch solchen Glauben an ihre Resultate
erwecken? In der That braucht sie den Zweifel und das Misstrauen als
treuesten Bundesgenossen; trotzdem kann mit der Zeit die Summe der
unantastbaren, das heisst alle Strme der Skepsis, alle Zersetzungen
berdauernden Wahrheiten so gross werden (zum Beispiel in der Ditetik
der Gesundheit), dass man sich daraufhin entschliesst, "ewige" Werke
zu grnden. Einstweilen wirkt der Contrast unseres aufgeregten
Ephemeren-Daseins gegen die langathmige Ruhe metaphysischer Zeitalter
noch zu stark, weil die beiden Zeiten noch zu nahe gestellt sind; der
einzelne Mensch selber durchluft jetzt zu viele innere und ussere
Entwickelungen, als dass er auch nur auf seine eigene Lebenszeit sich
dauerhaft und ein fr alle Mal einzurichten wagt. Ein ganz moderner
Mensch, der sich zum Beispiel ein Haus bauen will, hat dabei ein
Gefhl, als ob er bei lebendigem Leibe sich in ein Mausoleum vermauern
wolle.


23.

Zeitalter der Vergleichung. - je weniger die Menschen durch das
Herkommen gebunden sind, um so grsser wird die innere Bewegung der
Motive, um so grsser wiederum, dem entsprechend, die ussere Unruhe,
das Durcheinanderfluten der Menschen, die Polyphonie der Bestrebungen.
Fr wen giebt es jetzt noch einen strengeren Zwang, an einen Ort sich
und seine Nachkommen anzubinden? Fr wen giebt es berhaupt noch
etwas streng Bindendes? Wie alle Stilarten der Knste neben einander
nachgebildet werden, so auch alle Stufen und Arten der Moralitt, der
Sitten, der Culturen. - Ein solches Zeitalter bekommt seine Bedeutung
dadurch, dass in ihm die verschiedenen Weltbetrachtungen, Sitten,
Culturen verglichen und neben einander durchlebt werden knnen; was
frher, bei der immer localisirten Herrschaft jeder Cultur, nicht
mglich war, entsprechend der Gebundenheit aller knstlerischen
Stilarten an Ort und Zeit. Jetzt wird eine Vermehrung des sthetischen
Gefhls endgltig unter so vielen der Vergleichung sich darbietenden
Formen entscheiden: sie wird die meisten, - nmlich alle, welche durch
dasselbe abgewiesen werden, - absterben lassen. Ebenso findet jetzt
ein Auswhlen in den Formen und Gewohnheiten der hheren Sittlichkeit
statt, deren Ziel kein anderes, als der Untergang der niedrigeren
Sittlichkeiten sein kann. Es ist das Zeitalter der Vergleichung! Das
ist sein Stolz, - aber billigerweise auch sein Leiden. Frchten wir
uns vor diesem Leiden nicht! Vielmehr wollen wir die Aufgabe, welche
das Zeitalter uns stellt, so gross verstehen, als wir nur vermgen: so
wird uns die Nachwelt darob segnen, - eine Nachwelt, die ebenso sich
ber die abgeschlossenen originalen Volks-Culturen hinaus weiss, als
ber die Cultur der Vergleichung, aber auf beide Arten der Cultur als
auf verehrungswrdige Alterthmer mit Dankbarkeit zurckblickt.


24.

Mglichkeit des Fortschritts. - Wenn ein Gelehrter der alten Cultur
es verschwrt, nicht mehr mit Menschen umzugehen, welche an den
Fortschritt glauben, so hat er Recht. Denn die alte Cultur hat ihre
Grsse und Gte hinter sich und die historische Bildung zwingt Einen,
zuzugestehen, dass sie nie wieder frisch werden kann; es ist ein
unausstehlicher Stumpfsinn oder ebenso unleidliche Schwrmerei
nthig, um diess zu leugnen. Aber die Menschen knnen mit Bewusstsein
beschliessen, sich zu einer neuen Cultur fortzuentwickeln, whrend
sie sich frher unbewusst und zufllig entwickelten: sie knnen jetzt
bessere Bedingungen fr die Entstehung der Menschen, ihre Ernhrung,
Erziehung, Unterrichtung schaffen, die Erde als Ganzes konomisch
verwalten, die Krfte der Menschen berhaupt gegen einander abwgen
und einsetzen. Diese neue bewusste Cultur tdtet die alte, welche, als
Ganzes angeschaut, ein unbewusstes Thier- und Pflanzenleben gefhrt
hat; sie tdtet auch das Misstrauen gegen den Fortschritt, -er ist
mglich. Ich will sagen: es ist voreilig und fast unsinnig, zu
glauben, dass der Fortschritt nothwendig erfolgen msse; aber wie
knnte man leugnen, dass er mglich sei? Dagegen ist ein Fortschritt
im Sinne und auf dem Wege der alten Cultur nicht einmal denkbar. Wenn
romantische Phantastik immerhin auch das Wort "Fortschritt" von ihren
Zielen (z.B. abgeschlossenen originalen Volks-Culturen) gebraucht:
jedenfalls entlehnt sie das Bild davon aus der Vergangenheit; ihr
Denken und Vorstellen ist auf diesem Gebiete ohne jede Originalitt.


25.

Privat- und Welt-Moral. - Seitdem der Glaube aufgehrt hat, dass
ein Gott die Schicksale der Welt im Grossen leite und, trotz aller
anscheinenden Krmmungen im Pfade der Menschheit, sie doch herrlich
hinausfhre, mssen die Menschen selber sich kumenische, die ganze
Erde umspannende Ziele stellen. Die ltere Moral, namentlich die
Kant's, verlangt vom Einzelnen Handlungen, welche man von allen
Menschen wnscht: das war eine schne naive Sache; als ob ein jeder
ohne Weiteres wsste, bei welcher Handlungsweise das Ganze der
Menschheit wohlfahre, also welche Handlungen berhaupt wnschenswerth
seien; es ist eine Theorie wie die vom Freihandel, voraussetzend,
dass die allgemeine Harmonie sich nach eingeborenen Gesetzen des
Besserwerdens von selbst ergeben msse. Vielleicht lsst es ein
zuknftiger Ueberblick ber die Bedrfnisse der Menschheit durchaus
nicht wnschenswerth erscheinen, dass alle Menschen gleich handeln,
vielmehr drften im Interesse kumenischer Ziele fr ganze Strecken
der Menschheit specielle, vielleicht unter Umstnden sogar bse
Aufgaben zu stellen sein. - Jedenfalls muss, wenn die Menschheit sich
nicht durch eine solche bewusste Gesammtregierung zu Grunde richten
soll, vorher eine alle bisherigen Grade bersteigende Kenntniss
der Bedingungen der Cultur, als wissenschaftlicher Maassstab fr
kumenische Ziele, gefunden sein. Hierin liegt die ungeheure Aufgabe
der grossen Geister des nchsten Jahrhunderts.


26.

Die Reaction als Fortschritt. - Mitunter erscheinen schroffe,
gewaltsame und fortreissende, aber trotzdem zurckgebliebene
Geister, welche eine vergangene Phase der Menschheit noch einmal
heraufbeschwren: sie dienen zum Beweis, dass die neuen Richtungen,
welchen sie entgegenwirken, noch nicht krftig genug sind, dass Etwas
an ihnen fehlt: sonst wrden sie jenen Beschwrern besseren Widerpart
halten. So zeugt zum Beispiel Luther's Reformation dafr, dass in
seinem Jahrhundert alle Regungen der Freiheit des Geistes noch
unsicher, zart, jugendlich waren; die Wissenschaft konnte noch nicht
ihr Haupt erheben. Ja, die gesammte Renaissance erscheint wie ein
erster Frhling, der fast wieder weggeschneit wird. Aber auch in
unserem Jahrhundert bewies Schopenhauer's Metaphysik, dass auch
jetzt der wissenschaftliche Geist noch nicht krftig genug ist: so
konnte die ganze mittelalterliche christliche Weltbetrachtung und
Mensch-Empfindung noch einmal in Schopenhauer's Lehre, trotz der
lngst errungenen Vernichtung aller christlichen Dogmen, eine
Auferstehung feiern. Viel Wissenschaft klingt in seine Lehre hinein,
aber sie beherrscht dieselbe nicht, sondern das alte, wohlbekannte
"metaphysische Bedrfniss". Es ist gewiss einer der grssten und ganz
unschtzbaren Vortheile, welche wir aus Schopenhauer gewinnen, dass er
unsere Empfindung zeitweilig in ltere, mchtige Betrachtungsarten der
Welt und Menschen zurckzwingt, zu welchen sonst uns so leicht kein
Pfad fhren wrde. Der Gewinn fr die Historie und die Gerechtigkeit
ist sehr gross: ich glaube, dass es jetzt Niemandem so leicht gelingen
mchte, ohne Schopenhauer's Beihlfe dem Christenthum und seinen
asiatischen Verwandten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: was
namentlich vom Boden des noch vorhandenen Christenthums aus unmglich
ist. Erst nach diesem grossen Erfolge der Gerechtigkeit, erst nachdem
wir die historische Betrachtungsart, welche die Zeit der Aufklrung
mit sich brachte, in einem so wesentlichen Puncte corrigirt haben,
drfen wir die Fahne der Aufklrung - die Fahne mit den drei Namen:
Petrarca, Erasmus, Voltaire - von Neuem weiter tragen. Wir haben aus
der Reaction einen Fortschritt gemacht.


27.

Ersatz der Religion. - Man glaubt einer Philosophie etwas Gutes
nachzusagen, wenn man sie als Ersatz der Religion fr das Volk
hinstellt. In der That bedarf es in der geistigen Oekonomie
gelegentlich berleitender Gedankenkreise; so ist der Uebergang
aus Religion in wissenschaftliche Betrachtung ein gewaltsamer,
gefhrlicher Sprung, Etwas, das zu widerrathen ist. Insofern hat
man mit jener Anempfehlung Recht. Aber endlich sollte man doch auch
lernen, dass die Bedrfnisse, welche die Religion befriedigt hat und
nun die Philosophie befriedigen soll, nicht unwandelbar sind; diese
selbst kann man schwchen und ausrotten. Man denke zum Beispiel an die
christliche Seelennoth, das Seufzen ber die innere Verderbtheit, die
Sorge um das Heil, - alles Vorstellungen, welche nur aus Irrthmern
der Vernunft herrhren und gar keine Befriedigung, sondern Vernichtung
verdienen. Eine Philosophie kann entweder so ntzen, dass sie jene
Bedrfnisse auch befriedigt oder dass sie dieselben beseitigt; denn
es sind angelernte, zeitlich begrnzte Bedrfnisse, welche auf
Voraussetzungen beruhen, die denen der Wissenschaft widersprechen.
Hier ist, um einen Uebergang zu machen, die Kunst viel eher zu
benutzen, um das mit Empfindungen berladene Gemth zu erleichtern;
denn durch sie werden jene Vorstellungen viel weniger unterhalten, als
durch eine metaphysische Philosophie. Von der Kunst aus kann man dann
leichter in eine wirklich befreiende philosophische Wissenschaft
bergehen.


28.

Verrufene Worte. - Weg mit den bis zum Ueberdruss verbrauchten Wrtern
Optimismus und Pessimismus! Denn der Anlass, sie zu gebrauchen, fehlt
von Tag zu Tage mehr: nur die Schwtzer haben sie jetzt noch so
unumgnglich nthig. Denn wesshalb in aller Welt sollte jemand
Optimist sein wollen, wenn er nicht einen Gott zu vertheidigen hat,
welcher die beste der Welten geschaffen haben muss, falls er selber
das Gute und Vollkommene ist, - welcher Denkende hat aber die
Hypothese eines Gottes noch nthig? - Es fehlt aber auch jeder Anlass
zu einem pessimistischen Glaubensbekenntniss, wenn man nicht ein
Interesse daran hat, den Advocaten Gottes, den Theologen oder
den theologisirenden Philosophen rgerlich zu werden und die
Gegenbehauptung krftig aufzustellen: dass das Bse regiere, dass die
Unlust grsser sei, als die Lust, dass die Welt ein Machwerk, die
Erscheinung eines bsen Willens zum Leben sei. Wer aber kmmert sich
jetzt noch um die Theologen - ausser den Theologen? - Abgesehen von
aller Theologie und ihrer Bekmpfung liegt es auf der Hand, dass die
Welt nicht gut und nicht bse, geschweige denn die beste oder die
schlechteste ist, und dass diese Begriffe "gut" und "bse" nur in
Bezug auf Menschen Sinn haben, ja vielleicht selbst hier, in der
Weise, wie sie gewhnlich gebraucht werden, nicht berechtigt sind: der
schimpfenden und verherrlichenden Weltbetrachtung mssen wir uns in
jedem Falle entschlagen.


29.

Vom Dufte der Blthen berauscht. - Das Schiff der Menschheit, meint
man, hat einen immer strkeren Tiefgang, je mehr es belastet wird; man
glaubt, je tiefer der Mensch denkt, je zarter er fhlt, je hher er
sich schtzt, je weiter seine Entfernung von den anderen Thieren wird,
- je mehr er als das Genie unter den Thieren erscheint, - um so nher
werde er dem wirklichen Wesen der Welt und deren Erkenntniss kommen:
diess thut er auch wirklich durch die Wissenschaft, aber er meint
diess noch mehr durch seine Religionen und Knste zu thun. Diese sind
zwar eine Blthe der Welt, aber durchaus nicht der Wurzel der Welt
nher, als der Stengel ist: man kann aus ihnen das Wesen der Dinge
gerade gar nicht besser verstehen, obschon diess fast jedermann
glaubt. Der Irrthum hat den Menschen so tief, zart, erfinderisch
gemacht, eine solche Blthe, wie Religionen und Knste,
herauszutreiben. Das reine Erkennen wre dazu ausser Stande
gewesen. Wer uns das Wesen der Welt enthllte, wrde uns Allen die
unangenehmste Enttuschung machen. Nicht die Welt als Ding an sich,
sondern die Welt als Vorstellung (als Irrthum) ist so bedeutungsreich,
tief, wundervoll, Glck und Unglck im Schoosse tragend. Diess
Resultat fhrt zu einer Philosophie der logischen Weltverneinung:
welche brigens sich mit einer praktischen Weltbejahung ebensogut wie
mit deren Gegentheile vereinigen lsst.


30.

Schlechte Gewohnheiten im Schliessen. - Die gewhnlichsten Irrschlsse
der Menschen sind diese: eine Sache existirt, also hat sie ein Recht.
Hier wird aus der Lebensfhigkeit auf die Zweckmssigkeit, aus der
Zweckmssigkeit auf die Rechtmssigkeit geschlossen. Sodann: eine
Meinung beglckt, also ist sie die wahre, ihre Wirkung ist gut, also
ist sie selber gut und wahr. Hier legt man der Wirkung das Prdicat
beglckend, gut, im Sinne des Ntzlichen, bei und versieht nun
die Ursache mit dem selben Prdicat gut, aber hier im Sinne des
Logisch-Gltigen. Die Umkehrung der Stze lautet: eine Sache kann sich
nicht durchsetzen, erhalten, also ist sie unrecht; eine Meinung qult,
regt auf, also ist sie falsch. Der Freigeist, der das Fehlerhafte
dieser Art zu schliessen nur allzu hufig kennen lernt und an
ihren Folgen zu leiden hat, unterliegt oft der Verfhrung, die
entgegengesetzten Schlsse zu machen, welche im Allgemeinen natrlich
ebenso sehr Irrschlsse sind: eine Sache kann sich nicht durchsetzen,
also ist sie gut; eine Meinung macht Noth, beunruhigt, also ist sie
wahr.


31.

Das Unlogische nothwendig. - Zu den Dingen, welche einen Denker
in Verzweifelung bringen knnen, gehrt die Erkenntniss, dass das
Unlogische fr den Menschen nthig ist, und dass aus dem Unlogischen
vieles Gute entsteht. Es steckt so fest in den Leidenschaften, in der
Sprache, in der Kunst, in der Religion und berhaupt in Allem, was dem
Leben Werth verleiht, dass man es nicht herausziehen kann, ohne damit
diese schnen Dinge heillos zu beschdigen. Es sind nur die allzu
naiven Menschen, welche glauben knnen, dass die Natur des Menschen
in eine rein logische verwandelt werden knne; wenn es aber Grade der
Annherung an dieses Ziel geben sollte, was wrde da nicht Alles auf
diesem Wege verloren gehen mssen! Auch der vernnftigste Mensch
bedarf von Zeit zu Zeit wieder der Natur, das heisst seiner
unlogischen Grundstellung zu allen Dingen.


32.

Ungerechtsein nothwendig. - Alle Urtheile ber den Werth des Lebens
sind unlogisch entwickelt und desshalb ungerecht. Die Unreinheit des
Urtheils liegt erstens in der Art, wie das Material vorliegt, nmlich
sehr unvollstndig, zweitens in der Art, wie daraus die Summe gebildet
wird, und drittens darin, dass jedes einzelne Stck des Materials
wieder das Resultat unreinen Erkennens ist und zwar diess mit voller
Nothwendigkeit. Keine Erfahrung zum Beispiel ber einen Menschen,
stnde er uns auch noch so nah, kann vollstndig sein, so dass wir ein
logisches Recht zu einer Gesammtabschtzung desselben htten; alle
Schtzungen sind voreilig und mssen es sein. Endlich ist das Maass,
womit wir messen, unser Wesen, keine unabnderliche Grsse, wir haben
Stimmungen und Schwankungen, und doch mssten wir uns selbst als ein
festes Maass kennen, um das Verhltniss irgend einer Sache zu uns
gerecht abzuschtzen. Vielleicht wird aus alledem folgen, dass man
gar nicht urtheilen sollte; wenn man aber nur leben knnte, ohne
abzuschtzen, ohne Abneigung und Zuneigung zu haben! - denn alles
Abgeneigtsein hngt mit einer Schtzung zusammen, ebenso alles
Geneigtsein. Ein Trieb zu Etwas oder von Etwas weg, ohne ein Gefhl
davon, dass man das Frderliche wolle, dem Schdlichen ausweiche,
ein Trieb ohne eine Art von erkennender Abschtzung ber den Werth
des Zieles, existirt beim Menschen nicht. Wir sind von vornherein
unlogische und daher ungerechte Wesen, und knnen diess erkennen:
diess ist eine der grssten und unauflsbarsten Disharmonien des
Daseins.


33.

Der Irrthum ber das Leben zum Leben nothwendig. - Jeder Glaube an
Werth und Wrdigkeit des Lebens beruht auf unreinem Denken; er ist
allein dadurch mglich, dass das Mitgefhl fr das allgemeine Leben
und Leiden der Menschheit sehr schwach im Individuum entwickelt ist.
Auch die seltneren Menschen, welche berhaupt ber sich hinaus denken,
fassen nicht dieses allgemeine Leben, sondern abgegrnzte Theile
desselben in's Auge. Versteht man es, sein Augenmerk vornehmlich
auf Ausnahmen, ich meine auf die hohen Begabungen und die reinen
Seelen zu richten, nimmt man deren Entstehung zum Ziel der ganzen
Weltentwickelung und erfreut sich an deren Wirken, so mag man an den
Werth des Lebens glauben, weil man nmlich die anderen Menschen dabei
bersieht: also unrein denkt. Und ebenso, wenn man zwar alle Menschen
in's Auge fasst, aber in ihnen nur eine Gattung von Trieben, die
weniger egoistischen, gelten lsst und sie in Betreff der anderen
Triebe entschuldigt: dann kann man wiederum von der Menschheit im
Ganzen Etwas hoffen und insofern an den Werth des Lebens glauben: also
auch in diesem Falle durch Unreinheit des Denkens. Mag man sich aber
so oder so verhalten, man ist mit diesem Verhalten eine Ausnahme unter
den Menschen. Nun ertragen aber gerade die allermeisten Menschen
das Leben, ohne erheblich zu murren, und glauben somit an den Werth
des Daseins, aber gerade dadurch, dass sich jeder allein will und
behauptet, und nicht aus sich heraustritt wie jene Ausnahmen: alles
Ausserpersnliche ist ihnen gar nicht oder hchstens als ein schwacher
Schatten bemerkbar. Also darauf allein beruht der Werth des Lebens fr
den gewhnlichen, alltglichen Menschen, dass er sich wichtiger nimmt,
als die Welt. Der grosse Mangel an Phantasie, an dem er leidet, macht,
dass er sich nicht in andere Wesen hineinfhlen kann und daher so
wenig als mglich an ihrem Loos und Leiden theilnimmt. Wer dagegen
wirklich daran theilnehmen knnte, msste am Werthe des Lebens
verzweifeln; gelnge es ihm, das Gesammtbewusstsein der Menschheit in
sich zu fassen und zu empfinden, er wrde mit einem Fluche gegen das
Dasein zusammenbrechen, - denn die Menschheit hat im Ganzen keine
Ziele, folglich kann der Mensch, in Betrachtung des ganzen Verlaufes,
nicht darin seinen Trost und Halt finden, sondern seine Verzweifelung.
Sieht er bei Allem, was er thut, auf die letzte Ziellosigkeit
der Menschen, so bekommt sein eigenes Wirken in seinen Augen den
Charakter der Vergeudung. Sich aber als Menschheit (und nicht nur als
Individuum) ebenso vergeudet zu fhlen, wie wir die einzelne Blthe
von der Natur vergeudet sehen, ist ein Gefhl ber alle Gefhle. - Wer
ist aber desselben fhig? Gewiss nur ein Dichter: und Dichter wissen
sich immer zu trsten.


34.

Zur Beruhigung.- Aber wird so unsere Philosophie nicht zur Tragdie?
Wird die Wahrheit nicht dem Leben, dem Besseren feindlich? Eine Frage
scheint uns die Zunge zu beschweren und doch nicht laut werden zu
wollen: ob man bewusst in der Unwahrheit bleiben knne? oder, wenn
man diess msse, ob da nicht der Tod vorzuziehen sei? Denn ein Sollen
giebt es nicht mehr; die Moral, insofern sie ein Sollen war, ist ja
durch unsere Betrachtungsart ebenso vernichtet wie die Religion. Die
Erkenntniss kann als Motive nur Lust und Unlust, Nutzen und Schaden
bestehen lassen: wie aber werden diese Motive sich mit dem Sinne fr
Wahrheit auseinandersetzen? Auch sie berhren sich ja mit Irrthmern
(insofern, wie gesagt, Neigung und Abneigung und ihre sehr ungerechten
Messungen unsere Lust und Unlust wesentlich bestimmen). Das ganze
menschliche Leben ist tief in die Unwahrheit eingesenkt; der Einzelne
kann es nicht aus diesem Brunnen herausziehen, ohne dabei seiner
Vergangenheit aus tiefstem Grunde gram zu werden, ohne seine
gegenwrtigen Motive, wie die der Ehre, ungereimt zu finden und den
Leidenschaften, welche zur Zukunft und zu einem Glck in derselben
hindrngen, Hohn und Verachtung entgegenzustellen. Ist es wahr, bliebe
einzig noch eine Denkweise brig, welche als persnliches Ergebniss
die Verzweifelung, als theoretisches eine Philosophie der Zerstrung
nach sich zge? - Ich glaube, die Entscheidung ber die Nachwirkung
der Erkenntniss wird durch das Temperament eines Menschen gegeben:
ich knnte mir eben so gut, wie jene geschilderte und bei einzelnen
Naturen mgliche Nachwirkung, eine andere denken, vermge deren ein
viel einfacheres, von Affecten reineres Leben entstnde, als das
jetzige ist: so dass zuerst zwar die alten Motive des heftigeren
Begehrens noch Kraft htten, aus alter vererbter Gewhnung her,
allmhlich aber unter dem Einflusse der reinigenden Erkenntniss
schwcher wrden. Man lebte zuletzt unter den Menschen und mit sich
wie in der Natur, ohne Lob, Vorwrfe, Ereiferung, an Vielem sich wie
an einem Schauspiel weidend, vor dem man sich bisher nur zu frchten
hatte. Man wre die Emphasis los und wrde die Anstachelung des
Gedankens, dass man nicht nur Natur oder mehr als Natur sei, nicht
weiter empfinden. Freilich gehrte hierzu, wie gesagt, ein gutes
Temperament, eine gefestete, milde und im Grunde frohsinnige Seele,
eine Stimmung, welche nicht vor Tcken und pltzlichen Ausbrchen auf
der Hut zu sein brauchte und in ihren Aeusserungen Nichts von dem
knurrenden Tone und der Verbissenheit an sich trge, - jenen bekannten
lstigen Eigenschaften alter Hunde und Menschen, die lange an der
Kette gelegen haben. Vielmehr muss ein Mensch, von dem in solchem
Maasse die gewhnlichen Fesseln des Lebens abgefallen sind, dass er
nur deshalb weiter lebt, um immer besser zu erkennen, auf Vieles, ja
fast auf Alles, was bei den anderen Menschen Werth hat, ohne Neid
und Verdruss verzichten knnen, ihm muss als der wnschenswertheste
Zustand jenes freie, furchtlose Schweben ber Menschen, Sitten,
Gesetzen und den herkmmlichen Schtzungen der Dinge gengen. Die
Freude an diesem Zustande theilt er gerne mit und er hat vielleicht
nichts Anderes mitzutheilen, - worin freilich eine Entbehrung, eine
Entsagung mehr liegt. Will man aber trotzdem mehr von ihm, so wird
er mit wohlwollendem Kopfschtteln auf seinen Bruder hinweisen,
den freien Menschen der That, und vielleicht ein Wenig Spott nicht
verhehlen: denn mit dessen "Freiheit" hat es eine eigene Bewandtniss.




Zweites Hauptstck.

Zur Geschichte der moralischen Empfindungen.

35.

Vortheile der psychologischen Beobachtung. - Dass das Nachdenken ber
Menschliches, Allzumenschliches - oder wie der gelehrtere Ausdruck
lautet: die psychologische Beobachtung - zu den Mitteln gehre,
vermge deren man sich die Last des Lebens erleichtern knne, dass
die Uebung in dieser Kunst Geistesgegenwart in schwierigen Lagen und
Unterhaltung inmitten einer langweiligen Umgebung verleihe, ja dass
man den dornenvollsten und unerfreulichsten Strichen des eigenen
Lebens Sentenzen abpflcken und sich dabei ein Wenig wohler fhlen
knne: das glaubte man, wusste man - in frheren Jahrhunderten. Warum
vergass es dieses Jahrhundert, wo wenigstens in Deutschland, ja
in Europa, die Armuth an psychologischer Beobachtung durch viele
Zeichen sich zu erkennen giebt? Nicht gerade in Roman, Novelle
und philosophischer Betrachtung, - diese sind das Werk von
Ausnahmemenschen; schon mehr in der Beurtheilung ffentlicher
Ereignisse und Persnlichkeiten: vor Allem aber fehlt die Kunst der
psychologischen Zergliederung und Zusammenrechnung in der Gesellschaft
aller Stnde, in der man wohl viel ber Menschen, aber gar nicht ber
den Menschen spricht. Warum doch lsst man sich den reichsten und
harmlosesten Stoff der Unterhaltung entgehen? Warum liest man nicht
einmal die grossen Meister der psychologischen Sentenz mehr? - denn,
ohne jede Uebertreibung gesprochen: der Gebildete in Europa, der La
Rochefoucauld und seine Geistes- und Kunstverwandten gelesen hat, ist
selten zu finden; und noch viel seltener Der, welcher sie kennt und
sie nicht schmht. Wahrscheinlich wird aber auch dieser ungewhnliche
Leser viel weniger Freude an ihnen haben, als die Form jener Knstler
ihm geben sollte; denn selbst der feinste Kopf ist nicht vermgend,
die Kunst der Sentenzen-Schleiferei gebhrend zu wrdigen, wenn er
nicht selber zu ihr erzogen ist, in ihr gewetteifert hat. Man nimmt,
ohne solche practische Belehrung, dieses Schaffen und Formen fr
leichter als es ist, man fhlt das Gelungene und Reizvolle nicht
scharf genug heraus. Desshalb haben die jetzigen Leser von Sentenzen
ein verhltnissmssig unbedeutendes Vergngen an ihnen, ja kaum einen
Mund voll Annehmlichkeit, so dass es ihnen ebenso geht, wie den
gewhnlichen Betrachtern von Kameen: als welche loben, weil sie nicht
lieben knnen und schnell bereit sind zu bewundern, schneller aber
noch, fortzulaufen.


36.

Einwand.- Oder sollte es gegen jenen Satz, dass die psychologische
Beobachtung zu den Reiz-, Heil- und Erleichterungsmitteln des Daseins
gehre, eine Gegenrechnung geben? Sollte man sich genug von den
unangenehmen Folgen dieser Kunst berzeugt haben, um jetzt mit
Absichtlichkeit den Blick der sich Bildenden von ihr abzulenken? In
der That, ein gewisser blinder Glaube an die Gte der menschlichen
Natur, ein eingepflanzter Widerwille vor der Zerlegung menschlicher
Handlungen, eine Art Schamhaftigkeit in Hinsicht auf die Nacktheit
der Seele mgen wirklich fr das gesammte Glck eines Menschen
wnschenswerthere Dinge sein, als jene, in einzelnen Fllen hilfreiche
Eigenschaft der psychologischen Scharfsichtigkeit; und vielleicht hat
der Glaube an das Gute, an tugendhafte Menschen und Handlungen, an
eine Flle des unpersnlichen Wohlwollens in der Welt die Menschen
besser gemacht, insofern er dieselben weniger misstrauisch machte.
Wenn man die Helden Plutarch's mit Begeisterung nachahmt, und einen
Abscheu davor empfindet, den Motiven ihres Handelns anzweifelnd
nachzuspren, so hat zwar nicht die Wahrheit, aber die Wohlfahrt der
menschlichen Gesellschaft ihren Nutzen dabei: der psychologische
Irrthum und berhaupt die Dumpfheit auf diesem Gebiete hilft der
Menschlichkeit vorwrts, whrend die Erkenntniss der Wahrheit
vielleicht durch die anregende Kraft einer Hypothese mehr gewinnt, wie
sie La Rochefoucauld der ersten Ausgabe seiner "Sentences et maximes
morales" vorangestellt hat: "Ce que le monde nomme vertu n'est
d'ordinaire qu'un fantame form par nos passions,  qui on donne un
nom honnte pour faire impunment ce qu'on veut." La Rochefoucauld
und jene anderen franzsischen Meister der Seelenprfung (denen sich
neuerdings auch ein Deutscher, der Verfasser der "Psychologischen
Beobachtungen" zugesellt hat) gleichen scharf zielenden Schtzen,
welche immer und immer wieder in's Schwarze treffen, - aber in's
Schwarze der menschlichen Natur. Ihr Geschick erregt Staunen,
aber endlich verwnscht ein Zuschauer, der nicht vom Geiste der
Wissenschaft, sondern der Menschenfreundlichkeit geleitet wird, eine
Kunst, welche den Sinn der Verkleinerung und Verdchtigung in die
Seelen der Menschen zu pflanzen scheint.


37.

Trotzdem.- Wie es sich nun mit Rechnung und Gegenrechnung verhalte: in
dem gegenwrtigen Zustande einer bestimmten einzelnen Wissenschaft ist
die Auferweckung der moralischen Beobachtung nthig geworden, und der
grausame Anblick des psychologischen Secirtisches und seiner Messer
und Zangen kann der Menschheit nicht erspart bleiben. Denn hier
gebietet jene Wissenschaft, welche nach Ursprung und Geschichte der
sogenannten moralischen Empfindungen fragt und welche im Fortschreiten
die verwickelten sociologischen Probleme aufzustellen und zu lsen
hat: - die ltere Philosophie kennt die letzteren gar nicht und
ist der Untersuchung von Ursprung und Geschichte der moralischen
Empfindungen unter drftigen Ausflchten immer aus dem Wege gegangen.
Mit welchen Folgen: das lsst sich jetzt sehr deutlich berschauen,
nachdem an vielen Beispielen nachgewiesen ist, wie die Irrthmer der
grssten Philosophen gewhnlich ihren Ausgangspunct in einer falschen
Erklrung bestimmter menschlicher Handlungen und Empfindungen
haben, wie auf Grund einer irrthmlichen Analysis, zum Beispiel
der sogenannten unegoistischen Handlungen, eine falsche Ethik sich
aufbaut, dieser zu Gefallen dann wiederum Religion und mythologisches
Unwesen zu Hlfe genommen werden, und endlich die Schatten dieser
trben Geister auch in die Physik und die gesammte Weltbetrachtung
hineinfallen. Steht es aber fest, dass die Oberflchlichkeit der
psychologischen Beobachtung dem menschlichen Urtheilen und Schliessen
die gefhrlichsten Fallstricke gelegt hat und fortwhrend von Neuem
legt, so bedarf es jetzt jener Ausdauer der Arbeit, welche nicht mde
wird, Steine auf Steine, Steinchen auf Steinchen zu hufen, so bedarf
es der enthaltsamen Tapferkeit, um sich einer solchen bescheidenen
Arbeit nicht zu schmen und jeder Missachtung derselben Trotz zu
bieten. Es ist wahr: zahllose einzelne Bemerkungen ber Menschliches
und Allzumenschliches sind in Kreisen der Gesellschaft zuerst
entdeckt und ausgesprochen worden, welche gewohnt waren, nicht der
wissenschaftlichen Erkenntniss, sondern einer geistreichen Gefallsucht
jede Art von Opfern darzubringen; und fast unlsbar hat sich der
Duft jener alten Heimath der moralistischen Sentenz - ein sehr
verfhrerischer Duft - der ganzen Gattung angehngt: so dass
seinetwegen der wissenschaftliche Mensch unwillkrlich einiges
Misstrauen gegen diese Gattung und ihre Ernsthaftigkeit merken lsst.
Aber es gengt, auf die Folgen zu verweisen: denn schon jetzt beginnt
sich zu zeigen, welche Ergebnisse ernsthaftester Art auf dem Boden der
psychologischen Beobachtung aufwachsen. Welches ist doch der Hauptsatz
zu dem einer der khnsten und kltesten Denker, der Verfasser des
Buches "Ueber den Ursprung der moralischen Empfindungen" vermge
seiner ein- und durchschneidenden Analysen des menschlichen Handelns
gelangt? "Der moralische Mensch, sagt er, steht der intelligiblen
(metaphysischen) Welt nicht nher, als der physische Mensch."
Dieser Satz, hart und schneidig geworden unter dem Hammerschlag der
historischen Erkenntniss, kann vielleicht einmal, in irgendwelcher
Zukunft, als die Axt dienen, welche dem "metaphysischen Bedrfniss"
der Menschen an die Wurzel gelegt wird, - ob mehr zum Segen, als zum
Fluche der allgemeinen Wohlfahrt, wer wsste das zu sagen? - aber
jedenfalls als ein Satz der erheblichsten Folgen, fruchtbar und
furchtbar zugleich, und mit jenem Doppelgesichte in die Welt sehend,
welches alle grossen Erkenntnisse haben.


38.

Inwiefern ntzlich. - Also: ob die psychologische Beobachtung mehr
Nutzen oder Nachtheil ber die Menschen bringe, das bleibe immerhin
unentschieden; aber fest steht, dass sie nothwendig ist, weil die
Wissenschaft ihrer nicht entrathen kann. Die Wissenschaft aber kennt
keine Rcksichten auf letzte Zwecke, ebenso wenig als die Natur
sie kennt: sondern wie diese gelegentlich Dinge von der hchsten
Zweckmssigkeit zu Stande bringt, ohne sie gewollt zu haben, so
wird auch die chte Wissenschaft, als die Nachahmung der Natur in
Begriffen, den Nutzen und die Wohlfahrt der Menschen gelegentlich, ja
vielfach, frdern und das Zweckmssige erreichen, - aber ebenfalls
ohne es gewollt zu haben. Wem es aber bei dem Anhauche einer solchen
Betrachtungsart gar zu winterlich zu Muthe wird, der hat vielleicht
nur zu wenig Feuer in sich: er mge sich indessen umsehen und er wird
Krankheiten wahrnehmen, in denen Eisumschlge noth thun, und Menschen,
welche so aus Gluth und Geist "zusammengeknetet" sind, dass sie
kaum irgendwo die Luft kalt und schneidend genug fr sich finden.
Ueberdiess: wie allzu ernste Einzelne und Vlker ein Bedrfniss nach
Leichtfertigkeiten haben, wie andere allzu Erregbare und Bewegliche
zeitweilig schwere niederdrckende Lasten zu ihrer Gesundheit nthig
haben: sollten wir, die geistigeren Menschen eines Zeitalters, welches
ersichtlich immer mehr in Brand gerth, nicht nach allen lschenden
und khlenden Mitteln, die es giebt, greifen mssen, damit wir
wenigstens so stetig, harmlos und mssig bleiben, als wir es noch
sind, und so vielleicht einmal dazu brauchbar werden, diesem Zeitalter
als Spiegel und Selbstbesinnung ber sich zu dienen? -


39.

Die Fabel von der intelligibelen Freiheit. - Die Geschichte der
Empfindungen, vermge deren wir jemanden verantwortlich machen, also
der sogenannten moralischen Empfindungen verluft, in folgenden
Hauptphasen. Zuerst nennt man einzelne Handlungen gut oder bse ohne
alle Rcksicht auf deren Motive, sondern allein der ntzlichen oder
schdlichen Folgen wegen. Bald aber vergisst man die Herkunft dieser
Bezeichnungen und whnt, dass den Handlungen an sich, ohne Rcksicht
auf deren Folgen, die Eigenschaft "gut" oder "bse" innewohne: mit
demselben Irrthume, nach welchem die Sprache den Stein selber als
hart, den Baum selber als grn bezeichnet - also dadurch, dass man,
was Wirkung ist, als Ursache fasst. Sodann legt man das Gut- oder
Bse-sein in die Motive hinein und betrachtet die Thaten an sich als
moralisch zweideutig. Man geht weiter und giebt das Prdicat gut oder
bse nicht mehr dem einzelnen Motive, sondern dem ganzen Wesen eines
Menschen, aus dem das Motiv, wie die Pflanze aus dem Erdreich,
herauswchst. So macht man der Reihe nach den Menschen fr seine
Wirkungen, dann fr seine Handlungen, dann fr seine Motive und
endlich fr sein Wesen verantwortlich. Nun entdeckt man schliesslich,
dass auch dieses Wesen nicht verantwortlich sein kann, insofern
es ganz und gar nothwendige Folge ist und aus den Elementen und
Einflssen vergangener und gegenwrtiger Dinge concrescirt: also dass
der Mensch fr Nichts verantwortlich zu machen ist, weder fr sein
Wesen, noch seine Motive, noch seine Handlungen, noch seine Wirkungen.
Damit ist man zur Erkenntniss gelangt, dass die Geschichte der
moralischen Empfindungen die Geschichte eines Irrthums, des Irrthums
von der Verantwortlichkeit ist: als welcher auf dem Irrthum von der
Freiheit des Willens ruht. -Schopenhauer schloss dagegen so: weil
gewisse Handlungen Unmuth ("Schuldbewusstsein") nach sich ziehen, so
muss es eine Verantwortlichkeit geben; denn zu diesem Unmuth wre
kein Grund vorhanden, wenn nicht nur alles Handeln des Menschen mit
Nothwendigkeit verliefe - wie es thatschlich, und auch nach der
Einsicht dieses Philosophen, verluft -, sondern der Mensch selber
mit der selben Nothwendigkeit sein ganzes Wesen erlangte, - was
Schopenhauer leugnet. Aus der Thatsache jenes Unmuthes glaubt
Schopenhauer eine Freiheit beweisen zu knnen, welche der Mensch
irgendwie gehabt haben msse, zwar nicht in Bezug auf die Handlungen,
aber in Bezug auf das Wesen: Freiheit also, so oder so zu sein, nicht
so oder so zu handeln. Aus dem esse, der Sphre der Freiheit und
Verantwortlichkeit, folgt nach seiner Meinung das operari, die Sphre
der strengen Causalitt, Nothwendigkeit und Unverantwortlichkeit.
Jener Unmuth beziehe sich zwar scheinbar auf das operari - insofern
sei er irrthmlich -, in Wahrheit aber auf das esse, welches die That
eines freien Willens, die Grundursache der Existenz eines Individuums,
sei; der Mensch werde Das, was er werden wolle, sein Wollen sei
frher, als seine Existenz. - Hier wird der Fehlschluss gemacht, dass
aus der Thatsache des Unmuthes die Berechtigung, die vernnftige
Zulssigkeit dieses Unmuthes geschlossen wird; und von jenem
Fehlschluss aus kommt Schopenhauer zu seiner phantastischen Consequenz
der sogenannten intelligibelen Freiheit. Aber der Unmuth nach der That
braucht gar nicht vernnftig zu sein: ja er ist es gewiss nicht, denn
er ruht auf der irrthmlichen Voraussetzung, dass die That eben nicht
nothwendig htte erfolgen mssen. Also: weil sich der Mensch fr
frei hlt, nicht aber weil er frei ist, empfindet er Reue und
Gewissensbisse. - Ueberdiess ist dieser Unmuth Etwas, das man sich
abgewhnen kann, bei vielen Menschen ist er in Bezug auf Handlungen
gar nicht vorhanden, bei welchen viele andere Menschen ihn empfinden.
Er ist eine sehr wandelbare, an die Entwickelung der Sitte und Cultur
geknpfte Sache und vielleicht nur in einer verhltnissmssig kurzen
Zeit der Weltgeschichte vorhanden. -Niemand ist fr seine Thaten
verantwortlich, Niemand fr sein Wesen; richten ist soviel als
ungerecht sein. Diess gilt auch, wenn das Individuum ber sich selbst
richtet. Der Satz ist so hell wie Sonnenlicht, und doch geht hier
jedermann lieber in den Schatten und die Unwahrheit zurck: aus Furcht
vor den Folgen.


40.

Das Ueber-Thier. - Die Bestie in uns will belogen werden; Moral
ist Nothlge, damit wir von ihr nicht zerrissen werden. Ohne die
Irrthmer, welche in den Annahmen der Moral liegen, wre der Mensch
Thier geblieben. So aber hat er sich als etwas Hheres genommen und
sich strengere Gesetze auferlegt. Er hat desshalb einen Hass gegen
die der Thierheit nher gebliebenen Stufen: woraus die ehemalige
Missachtung des Sclaven, als eines Nicht-Menschen, als einer Sache zu
erklren ist.


41.

Der unvernderliche Charakter. - Dass der Charakter unvernderlich
sei, ist nicht im strengen Sinne wahr; vielmehr heisst dieser beliebte
Satz nur so viel, dass whrend der kurzen Lebensdauer eines Menschen
die einwirkenden Motive gewhnlich nicht tief genug ritzen knnen, um
die aufgeprgten Schriftzge vieler Jahrtausende zu zerstren. Dchte
man sich aber einen Menschen von achtzigtausend Jahren, so htte man
an ihm sogar einen absolut vernderlichen Charakter: so dass eine
Flle verschiedener Individuen sich nach und nach aus ihm entwickelte.
Die Krze des menschlichen Lebens verleitet zu manchen irrthmlichen
Behauptungen ber die Eigenschaften des Menschen.


42.

Die Ordnung der Gter und die Moral. - Die einmal angenommene
Rangordnung der Gter, je nachdem ein niedriger, hherer, hchster
Egoismus das Eine oder das Andere will, entscheidet jetzt ber das
Moralisch-sein oder Unmoralisch-sein. Ein niedriges Gut (zum Beispiel
Sinnengenuss) einem hher geschtzten (zum Beispiel Gesundheit)
vorziehen, gilt als unmoralisch, ebenso Wohlleben der Freiheit
vorziehen. Die Rangordnung der Gter ist aber keine zu allen Zeiten
feste und gleiche; wenn jemand Rache der Gerechtigkeit vorzieht, so
ist er nach dem Maassstabe einer frheren Cultur moralisch, nach dem
der jetzigen unmoralisch. "Unmoralisch" bezeichnet also, dass Einer
die hheren, feineren, geistigeren Motive, welche die jeweilen neue
Cultur hinzugebracht hat, noch nicht oder noch nicht stark genug
empfindet: es bezeichnet einen Zurckgebliebenen, aber immer nur dem
Gradunterschied nach. - Die Rangordnung der Gter selber wird nicht
nach moralischen Gesichtspuncten auf- und umgestellt; wohl aber wird
nach ihrer jedesmaligen Festsetzung darber entschieden, ob eine
Handlung moralisch oder unmoralisch sei.


43.

Grausame Menschen als zurckgeblieben. - Die Menschen, welche jetzt
grausam sind, mssen uns als Stufen frherer Culturen gelten, welche
brig geblieben sind: das Gebirge der Menschheit zeigt hier einmal die
tieferen Formationen, welche sonst versteckt liegen, offen. Es sind
zurckgebliebene Menschen, deren Gehirn, durch alle mglichen Zuflle
im Verlaufe der Vererbung, nicht so zart und vielseitig fortgebildet
worden ist. Sie zeigen uns, was wir Alle waren, und machen uns
erschrecken: aber sie selber sind so wenig verantwortlich, wie ein
Stck Granit dafr, dass es Granit ist. In unserm Gehirne mssen sich
auch Rinnen und Windungen finden, welche jener Gesinnung entsprechen,
wie sich in der Form einzelner menschlicher Organe Erinnerungen an
Fischzustnde finden sollen. Aber diese Rinnen und Windungen sind
nicht mehr das Bett, in welchem sich jetzt der Strom unserer
Empfindung wlzt.


44.

Dankbarkeit und Rache. - Der Grund, wesshalb der Mchtige dankbar
ist, ist dieser. Sein Wohlthter hat sich durch seine Wohlthat an der
Sphre des Mchtigen gleichsam vergriffen und sich in sie eingedrngt:
nun vergreift er sich zur Vergeltung wieder an der Sphre des
Wohlthters durch den Act der Dankbarkeit. Es ist eine mildere Form
der Rache. Ohne die Genugthuung der Dankbarkeit zu haben, wrde der
Mchtige sich unmchtig gezeigt haben und frderhin dafr gelten.
Desshalb stellt jede Gesellschaft der Guten, das heisst ursprnglich
der Mchtigen, die Dankbarkeit unter die ersten Pflichten.

- Swift hat den Satz hingeworfen, dass Menschen in dem selben
Verhltniss dankbar sind, wie sie Rache hegen.


45.

Doppelte Vorgeschichte von Gut und Bse. - Der Begriff gut und bse
hat eine doppelte Vorgeschichte: nmlich einmal in der Seele der
herrschenden Stmme und Kasten. Wer die Macht zu vergelten hat, Gutes
mit Gutem, Bses mit Bsem, und auch wirklich Vergeltung bt, also
dankbar und rachschtig ist, der wird gut genannt; wer unmchtig ist
und nicht vergelten kann, gilt als schlecht. Man gehrt als Guter
zu den "Guten", einer Gemeinde, welche Gemeingefhl hat, weil alle
Einzelnen durch den Sinn der Vergeltung mit einander verflochten
sind. Man gehrt als Schlechter zu den "Schlechten", zu einem Haufen
unterworfener, ohnmchtiger Menschen, welche kein Gemeingefhl haben.
Die Guten sind eine Kaste, die Schlechten eine Masse wie Staub. Gut
und schlecht ist eine Zeit lang so viel wie vornehm und niedrig, Herr
und Sclave. Dagegen sieht man den Feind nicht als bse an: er kann
vergelten. Der Troer und der Grieche sind bei Homer beide gut. Nicht
Der, welcher uns Schdliches zufgt, sondern Der, welcher verchtlich
ist, gilt als schlecht. In der Gemeinde der Guten vererbt sich das
Gute; es ist unmglich, dass ein Schlechter aus so gutem Erdreiche
hervorwachse. Thut trotzdem Einer der Guten Etwas, das der Guten
unwrdig ist, so verfllt man auf Ausflchte; man schiebt zum Beispiel
einem Gott die Schuld zu, indem man sagt: er habe den Guten mit
Verblendung und Wahnsinn geschlagen. - Sodann in der Seele der
Unterdrckten, Machtlosen. Hier gilt jeder andere Mensch als
feindlich, rcksichtslos, ausbeutend, grausam, listig, sei er vornehm
oder niedrig; bse ist das Charakterwort fr Mensch, ja fr jedes
lebende Wesen, welches man voraussetzt, zum Beispiel fr einen Gott;
menschlich, gttlich gilt so viel wie teuflisch, bse. Die Zeichen der
Gte, Hlfebereitschaft, Mitleid, werden angstvoll als Tcke, Vorspiel
eines schrecklichen Ausgangs, Betubung und Ueberlistung aufgenommen,
kurz als verfeinerte Bosheit. Bei einer solchen Gesinnung des
Einzelnen kann kaum ein Gemeinwesen entstehen, hchstens die roheste
Form desselben: so dass berall, wo diese Auffassung von gut und bse
herrscht, der Untergang der Einzelnen, ihrer Stmme und Rassen nahe
ist. - Unsere jetzige Sittlichkeit ist auf dem Boden der herrschenden
Stmme und Kasten aufgewachsen.


46.

Mitleiden strker als Leiden. - Es giebt Flle, wo das Mitleiden
strker ist, als das eigentliche Leiden. Wir empfinden es zum Beispiel
schmerzlicher, wenn einer unserer Freunde sich etwas Schmhliches zu
Schulden kommen lsst, als wenn wir selbst es thun. Einmal nmlich
glauben wir mehr an die Reinheit seines Charakters, als er; sodann
ist unsere Liebe zu ihm, wahrscheinlich eben dieses Glaubens wegen,
strker, als seine Liebe zu sich selbst. Wenn auch wirklich sein
Egoismus mehr dabei leidet, als unser Egoismus, insofern er die
belen Folgen seines Vergehens strker zu tragen hat, so wird das
Unegoistische in uns - dieses Wort ist nie streng zu verstehen,
sondern nur eine Erleichterung des Ausdrucks - doch strker durch
seine Schuld betroffen, als das Unegoistische in ihm.


47.

Hypochondrie.- Es giebt Menschen, welche aus Mitgefhl und Sorge fr
eine andere Person hypochondrisch werden; die dabei entstehende Art
des Mitleidens ist nichts Anderes, als eine Krankheit. So giebt es
auch eine christliche Hypochondrie, welche jene einsamen, religis
bewegten Leute befllt, die sich das Leiden und Sterben Christi
fortwhrend vor Augen stellen.


48.

Oekonomie der Gte. - Die Gte und Liebe als die heilsamsten Kruter
und Krfte im Verkehre der Menschen sind so kostbare Funde, dass man
wohl wnschen mchte, es werde in der Verwendung dieser balsamischen
Mittel so konomisch wie mglich verfahren: doch ist diess unmglich.
Die Oekonomie der Gte ist der Traum der verwegensten Utopisten.


49.

Wohlwollen.- Unter die kleinen, aber zahllos hufigen und desshalb
sehr wirkungsvollen Dinge, auf welche die Wissenschaft mehr Acht zu
geben hat, als auf die grossen seltenen Dinge, ist auch das Wohlwollen
zu rechnen; ich meine jene Aeusserungen freundlicher Gesinnung im
Verkehr, jenes Lcheln des Auges, jene Hndedrcke, jenes Behagen,
von welchem fr gewhnlich fast alles menschliche Thun umsponnen
ist. Jeder Lehrer, jeder Beamte bringt diese Zuthat zu dem, was fr
ihn Pflicht ist, hinzu; es ist die fortwhrende Bethtigung der
Menschlichkeit, gleichsam die Wellen ihres Lichtes, in denen Alles
wchst; namentlich im engsten Kreise, innerhalb der Familie, grnt und
blht das Leben nur durch jenes Wohlwollen. Die Gutmthigkeit, die
Freundlichkeit, die Hflichkeit des Herzens sind immerquellende
Ausflsse des unegoistischen Triebes und haben viel mchtiger an der
Cultur gebaut, als jene viel berhmteren Aeusserungen desselben, die
man Mitleiden, Barmherzigkeit und Aufopferung nennt. Aber man pflegt
sie geringzuschtzen, und in der That: es ist nicht gerade viel
Unegoistisches daran. Die Summe dieser geringen Dosen ist trotzdem
gewaltig, ihre gesammte Kraft gehrt zu den strksten Krften. -
Ebenso findet man viel mehr Glck in der Welt, als trbe Augen sehen:
wenn man nmlich richtig rechnet, und nur alle jene Momente des
Behagens, an welchen jeder Tag in jedem, auch dem bedrngtesten
Menschenleben reich ist, nicht vergisst.


50.

Mitleiden erregen wollen.- La Rochefoucauld trifft in der
bemerkenswerthesten Stelle seines Selbst-Portraits (zuerst gedruckt
1658) gewiss das Rechte, wenn er alle Die, welche Vernunft haben, vor
dem Mitleiden warnt, wenn er rth, dasselbe den Leuten aus dem Volke
zu berlassen, die der Leidenschaften bedrfen (weil sie nicht
durch Vernunft bestimmt werden), um so weit gebracht zu werden, dem
Leidenden zu helfen und bei einem Unglck krftig einzugreifen;
whrend das Mitleiden, nach seinem (und Plato's) Urtheil, die Seele
entkrfte. Freilich solle man Mitleiden bezeugen, aber sich hten, es
zu haben: denn die Unglcklichen seien nun einmal so dumm, dass bei
ihnen das Bezeugen von Mitleid das grsste Gut von der Welt ausmache.
- Vielleicht kann man noch strker vor diesem Mitleid-haben warnen,
wenn man jenes Bedrfniss der Unglcklichen nicht gerade als Dummheit
und intellectuellen Mangel, als eine Art Geistesstrung fasst, welche
das Unglck mit sich bringt (und so scheint es ja La Rochefoucauld zu
fassen), sondern als etwas ganz Anderes und Bedenklicheres versteht.
Vielmehr beobachte man Kinder, welche weinen und Schreien, damit sie
bemitleidet werden, und desshalb den Augenblick abwarten, wo ihr
Zustand in die Augen fallen kann; man lebe im Verkehr mit Kranken
und Geistig-Gedrckten und frage sich, ob nicht das beredte Klagen
und Wimmern, das Zur-Schau-tragen des Unglcks im Grunde das Ziel
verfolgt, den Anwesenden weh zu thun: das Mitleiden, welches Jene dann
ussern, ist insofern eine Trstung fr die Schwachen und Leidenden,
als sie daran erkennen, doch wenigstens noch Eine Macht zu haben,
trotz aller ihrer Schwche: die Macht, wehe zu thun. Der Unglckliche
gewinnt eine Art von Lust in diesem Gefhl der Ueberlegenheit,
welches das Bezeugen des Mitleides ihm zum Bewusstsein bringt; seine
Einbildung erhebt sich, er ist immer noch wichtig genug, um der Welt
Schmerzen zu machen. Somit ist der Durst nach Mitleid ein Durst nach
Selbstgenuss, und zwar auf Unkosten der Mitmenschen; es zeigt den
Menschen in der ganzen Rcksichtslosigkeit seines eigensten lieben
Selbst: nicht aber gerade in seiner "Dummheit", wie La Rochefoucauld
meint. - Im Zwiegesprche der Gesellschaft werden Dreiviertel aller
Fragen gestellt, aller Antworten gegeben, um dem Unterredner ein
klein Wenig weh zu thun; desshalb drsten viele Menschen so nach
Gesellschaft: sie giebt ihnen das Gefhl ihrer Kraft. In solchen
unzhligen, aber sehr kleinen Dosen, in welchen die Bosheit sich
geltend macht, ist sie ein mchtiges Reizmittel des Lebens: ebenso
wie das Wohlwollen, in gleicher Form durch die Menschenwelt hin
verbreitet, das allezeit bereite Heilmittel ist. - Aber wird es viele
Ehrliche geben, welche zugestehen, dass es Vergngen macht, wehe zu
thun? dass man sich nicht selten damit unterhlt - und gut unterhlt
-, anderen Menschen wenigstens in Gedanken Krnkungen zuzufgen und
die Schrotkrner der kleinen Bosheit nach ihnen zu schiessen? Die
Meisten sind zu unehrlich und ein paar Menschen sind zu gut, um von
diesem Pudendum Etwas zu wissen; diese mgen somit immerhin leugnen,
dass Prosper Mrime Recht habe, wenn er sagt: "Sachez aussi qu'il
n'y a rien de plus commun que de faire le mal pour le plaisir de le
faire."


51.

Wie der Schein zum Sein wird. - Der Schauspieler kann zuletzt auch
beim tiefsten Schmerz nicht aufhren, an den Eindruck seiner Person
und den gesammten scenischen Effect zu denken, zum Beispiel selbst
beim Begrbniss seines Kindes; er wird ber seinen eignen Schmerz und
dessen Aeusserungen weinen, als sein eigener Zuschauer. Der Heuchler,
welcher immer ein und die selbe Rolle spielt, hrt zuletzt auf,
Heuchler zu sein; zum Beispiel Priester, welche als junge Mnner
gewhnlich bewusst oder unbewusst Heuchler sind, werden zuletzt
natrlich und sind dann wirklich, ohne alle Affectation, eben
Priester; oder wenn es der Vater nicht so weit bringt, dann vielleicht
der Sohn, der des Vaters Vorsprung benutzt, seine Gewhnung erbt. Wenn
Einer sehr lange und hartnckig Etwas scheinen will, so wird es ihm
zuletzt schwer, etwas Anderes zu sein. Der Beruf fast jedes Menschen,
sogar des Knstlers, beginnt mit Heuchelei, mit einem Nachmachen von
Aussen her, mit einem Copiren des Wirkungsvollen. Der, welcher immer
die Maske freundlicher Mienen trgt, muss zuletzt eine Gewalt ber
wohlwollende Stimmungen bekommen, ohne welche der Ausdruck der
Freundlichkeit nicht zu erzwingen ist, - und zuletzt wieder bekommen
diese ber ihn Gewalt, er ist wohlwollend.


52.

Der Punct der Ehrlichkeit beim Betruge. - Bei allen grossen Betrgern
ist ein Vorgang bemerkenswerth, dem sie ihre Macht verdanken.
Im eigentlichen Acte des Betruges unter all den Vorbereitungen,
dem Schauerlichen in Stimme, Ausdruck, Gebrden, inmitten der
wirkungsvollen Scenerie, berkommt sie der Glaube an sich selbst:
dieser ist es, der dann so wundergleich und bezwingend zu den
Umgebenden spricht. Die Religionsstifter unterscheiden sich dadurch
von jenen grossen Betrgern, dass sie aus diesem Zustande der
Selbsttuschung nicht herauskommen: oder sie haben ganz selten einmal
jene helleren Momente, wo der Zweifel sie berwltigt; gewhnlich
trsten sie sich aber, diese helleren Momente dem bsen Widersacher
zuschiebend. Selbstbetrug muss da sein, damit Diese und jene
grossartig wirken. Denn die Menschen glauben an die Wahrheit dessen,
was ersichtlich stark geglaubt wird.


53.

Angebliche Stufen der Wahrheit. - Einer der gewhnlichen Fehlschlsse
ist der: weil Jemand wahr und aufrichtig gegen uns ist, so sagt er die
Wahrheit. So glaubt das Kind an die Urtheile der Eltern, der Christ
an die Behauptungen des Stifters der Kirche. Ebenso will man nicht
zugeben, dass alles jenes, was die Menschen mit Opfern an Glck
und Leben in frheren Jahrhunderten vertheidigt haben, Nichts als
Irrthmer waren: vielleicht sagt man, es seien Stufen der Wahrheit
gewesen. Aber im Grunde meint man, wenn Jemand ehrlich an Etwas
geglaubt und fr seinen Glauben gekmpft hat und gestorben ist,
wre es doch gar zu unbillig, wenn eigentlich nur ein Irrthum ihn
beseelt habe. So ein Vorgang scheint der ewigen Gerechtigkeit zu
widersprechen; desshalb decretirt das Herz empfindender Menschen immer
wieder gegen ihren Kopf den Satz: zwischen moralischen Handlungen und
intellectuellen Einsichten muss durchaus ein nothwendiges Band sein.
Es ist leider anders; denn es giebt keine ewige Gerechtigkeit.


54.

Die Lge. - Wesshalb sagen zu allermeist die Menschen im alltglichen
Leben die Wahrheit? - Gewiss nicht, weil ein Gott das Lgen verboten
hat. Sondern erstens: weil es bequemer ist; denn die Lge erfordert
Erfindung, Verstellung und Gedchtniss. (Wesshalb Swift sagt: wer eine
Lge berichtet, merkt selten die schwere Last, die er bernimmt; er
muss nmlich, um eine Lge zu behaupten, zwanzig andere erfinden.)
Sodann: weil es in schlichten Verhltnissen vortheilhaft ist, direct
zu sagen: ich will diess, ich habe diess gethan, und dergleichen;
also weil der Weg des Zwangs und der Autoritt sicherer ist, als
der der List. - Ist aber einmal ein Kind in verwickelten huslichen
Verhltnissen aufgezogen worden, so handhabt es ebenso natrlich
die Lge und sagt unwillkrlich immer Das, was seinem Interesse
entspricht; ein Sinn fr Wahrheit, ein Widerwille gegen die Lge an
sich ist ihm ganz fremd und unzugnglich, und so lgt es in aller
Unschuld.


55.

Des Glaubens wegen die Moral verdchtigen. - Keine Macht lsst sich
behaupten, wenn lauter Heuchler sie vertreten; die katholische Kirche
mag noch so viele "weltliche" Elemente besitzen, ihre Kraft beruht
auf jenen auch jetzt noch zahlreichen priesterlichen Naturen, welche
sich das Leben schwer und bedeutungstief machen, und deren Blick
und abgehrmter Leib von Nachtwachen, Hungern, glhendem Gebete,
vielleicht selbst von Geisselhieben redet; Diese erschttern die
Menschen und machen ihnen Angst: wie, wenn es nthig wre, so zu
leben? - diess ist die schauderhafte Frage, welche ihr Anblick auf die
Zunge legt. Indem sie diesen Zweifel verbreiten, grnden sie immer
von Neuem wieder einen Pfeiler ihrer Macht; selbst die Freigesinnten
wagen es nicht, dem derartig Selbstlosen mit hartem Wahrheitssinn zu
widerstehen und zu sagen: "Betrogner du, betrge nicht!" - Nur die
Differenz der Einsichten trennt sie von ihm, durchaus keine Differenz
der Gte oder Schlechtigkeit; aber was man nicht mag, pflegt man
gewhnlich auch ungerecht zu behandeln. So spricht man von der
Schlauheit und der verruchten Kunst der Jesuiten, aber bersieht,
welche Selbstberwindung jeder einzelne Jesuit sich auferlegt und wie
die erleichterte Lebenspraxis, welche die jesuitischen Lehrbcher
predigen, durchaus nicht ihnen, sondern dem Laienstande zu Gute kommen
soll. Ja man darf fragen, ob wir Aufgeklrten bei ganz gleicher Taktik
und Organisation eben so gute Werkzeuge, ebenso bewundernswrdig durch
Selbstbesiegung, Unermdlichkeit, Hingebung sein wrden.


56.

Sieg der Erkenntniss ber das radicale Bse. - Es trgt Dem, der weise
werden will, einen reichlichen Gewinn ein, eine Zeit lang einmal
die Vorstellung vom grndlich bsen und verderbten Menschen gehabt
zu haben: sie ist falsch, wie die entgegengesetzte; aber ganze
Zeitstrecken hindurch besass sie die Herrschaft und ihre Wurzeln haben
sich bis in uns und unsere Welt hinein verstet. Um uns zu begreifen,
mssen wir sie begreifen; um aber dann hher zu steigen, mssen wir
ber sie hinwegsteigen. Wir erkennen dann, dass es keine Snden im
metaphysischen Sinne giebt; aber, im gleichen Sinne, auch keine
Tugenden; dass dieses ganze Bereich sittlicher Vorstellungen
fortwhrend im Schwanken ist, dass es hhere und tiefere Begriffe von
gut und bse, sittlich und unsittlich giebt. Wer nicht viel mehr von
den Dingen begehrt, als Erkenntniss derselben, kommt leicht mit seiner
Seele zur Ruhe und wird hchstens aus Unwissenheit, aber schwerlich
aus Begehrlichkeit fehlgreifen (oder sndigen, wie die Welt es
heisst). Er wird die Begierden nicht mehr verketzern und ausrotten
wollen; aber sein einziges ihn vllig beherrschendes Ziel, zu aller
Zeit so gut wie mglich zu erkennen, wird ihn khl machen und alle
Wildheit in seiner Anlage besnftigen. Ueberdiess ist er einer Menge
qulender Vorstellungen losgeworden, er empfindet Nichts mehr bei dem
Worte Hllenstrafen, Sndhaftigkeit, Unfhigkeit zum Guten: er erkennt
darin nur die verschwebenden Schattenbilder falscher Welt- und
Lebensbetrachtungen.


57.

Moral als Selbstzertheilung des Menschen. - Ein guter Autor, der
wirklich das Herz fr seine Sache hat, wnscht, dass jemand komme
und ihn selber dadurch vernichte, dass er dieselbe Sache deutlicher
darstelle und die in ihr enthaltenen Fragen ohne Rest beantworte. Das
liebende Mdchen wnscht, dass sie die hingebende Treue ihrer Liebe an
der Untreue des Geliebten bewhren knne. Der Soldat wnscht, dass er
fr sein siegreiches Vaterland auf dem Schlachtfeld falle.- denn in
dem Siege seines Vaterlandes siegt sein hchstes Wnschen mit. Die
Mutter giebt dem Kinde, was sie sich selber entzieht, Schlaf, die
beste Speise, unter Umstnden ihre Gesundheit, ihr Vermgen. - Sind
das Alles aber unegoistische Zustnde? Sind diese Thaten der Moralitt
Wunder, weil sie, nach dem Ausdrucke Schopenhauer's, "unmglich
und doch wirklich" sind? Ist es nicht deutlich, dass in all diesen
Fllen der Mensch Etwas von sich, einen Gedanken, ein Verlangen, ein
Erzeugniss mehr liebt, als etwas Anderes von sich, dass er also sein
Wesen zertheilt und dem einen Theil den anderen zum Opfer bringt? Ist
es etwas wesentlich Verschiedenes, wenn ein Trotzkopf sagt: "ich will
lieber ber den Haufen geschossen werden, als diesem Menschen da einen
Schritt aus dem Wege gehn?" - Die Neigung zu Etwas (Wunsch, Trieb,
Verlangen) ist in allen genannten Fllen vorhanden; ihr nachzugeben,
mit allen Folgen, ist jedenfalls nicht "unegoistisch". - In der Moral
behandelt sich der Mensch nicht als individuum, sondern als dividuum.


58.

Was man versprechen kann. - Man kann Handlungen versprechen, aber
keine Empfindungen; denn diese sind unwillkrlich. Wer jemandem
verspricht, ihn immer zu lieben oder immer zu hassen oder ihm immer
treu zu sein, verspricht Etwas, das nicht in seiner Macht steht; wohl
aber kann er solche Handlungen versprechen, welche zwar gewhnlich die
Folgen der Liebe, des Hasses, der Treue sind, aber auch aus anderen
Motiven entspringen knnen: denn zu einer Handlung fhren mehrere Wege
und Motive. Das Versprechen, jemanden immer zu lieben, heisst also: so
lange ich dich liebe, werde ich dir die Handlungen der Liebe erweisen;
liebe ich dich nicht mehr, so wirst du doch die selben Handlungen,
wenn auch aus anderen Motiven, immerfort von mir empfangen: so dass
der Schein in den Kpfen der Mitmenschen bestehen bleibt, dass die
Liebe unverndert und immer noch die selbe sei. - Man verspricht also
die Andauer des Anscheines der Liebe, wenn man ohne Selbstverblendung
jemandem immerwhrende Liebe gelobt.


59.

Intellect und Moral. - Man muss ein gutes Gedchtniss haben, um
gegebene Versprechen halten zu knnen. Man muss eine starke Kraft der
Einbildung haben, um Mitleid haben zu knnen. So eng ist die Moral an
die Gte des Intellects gebunden.


60.

Sich rchen wollen und -sich rchen. -Einen Rachegedanken haben und
ausfhren heisst einen heftigen Fieberanfall bekommen, der aber
vorbergeht: einen Rachegedanken aber haben, ohne Kraft und Muth,
ihn auszufhren, heisst ein chronisches Leiden, eine Vergiftung an
Leib und Seele mit sich herumtragen. Die Moral, welche nur auf die
Absichten sieht, taxirt beide Flle gleich; fr gewhnlich taxirt man
den ersten Fall als den schlimmeren (wegen der bsen Folgen, welche
die That der Rache vielleicht nach sich zieht). Beide Schtzungen sind
kurzsichtig.


61.

Warten-knnen. - Das Warten-knnen ist so schwer, dass die grssten
Dichter es nicht verschmht haben, das Nicht-warten-knnen zum Motiv
ihrer Dichtungen zu machen. So Shakespeare im Othello, Sophokles
im Ajax: dessen Selbstmord ihm, wenn er nur einen Tag noch seine
Empfindung htte abkhlen lassen, nicht mehr nthig geschienen
htte, wie der Orakelspruch andeutet; wahrscheinlich wrde er den
schrecklichen Einflsterungen der verletzten Eitelkeit ein Schnippchen
geschlagen und zu sich gesprochen haben - wer hat denn nicht schon,
in meinem Falle, ein Schaf fr einen Helden angesehen? ist es denn
so etwas Ungeheures? Im Gegentheil, es ist nur etwas allgemein
Menschliches: Ajax durfte sich dergestalt Trost zusprechen. Die
Leidenschaft will nicht warten; das Tragische im Leben grosser Mnner
liegt hufig nicht in ihrem Conflicte mit der Zeit und der Niedrigkeit
ihrer Mitmenschen, sondern in ihrer Unfhigkeit, ein Jahr, zwei
Jahre ihr Werk zu verschieben; sie knnen nicht warten. - Bei allen
Duellen haben die zurathenden Freunde das Eine festzustellen, ob die
betheiligten Personen noch warten knnen: ist diess nicht der Fall,
so ist ein Duell vernnftig, insofern Jeder von Beiden sich sagt:
"entweder lebe ich weiter, dann muss jener augenblicklich sterben,
oder umgekehrt." Warten hiesse in solchem Falle an jener furchtbaren
Marter der verletzten Ehre angesichts ihres Verletzers noch lnger
leiden; und diess kann eben mehr Leiden sein, als das Leben berhaupt
werth ist.


62.

Schwelgerei der Rache. -Grobe Menschen, welche sich beleidigt fhlen,
pflegen den Grad der Beleidigung so hoch als mglich zu nehmen und
erzhlen die Ursache mit stark bertreibenden Worten, um nur in dem
einmal erweckten Hass- und Rachegefhl sich recht ausschwelgen zu
knnen.


63.

Werth der Verkleinerung. - Nicht wenige, vielleicht die allermeisten
Menschen haben, um ihre Selbstachtung und eine gewisse Tchtigkeit im
Handeln bei sich aufrecht zu erhalten, durchaus nthig, alle ihnen
bekannten Menschen in ihrer Vorstellung herabzusetzen und zu
verkleinern. Da aber die geringen Naturen in der Ueberzahl sind und es
sehr viel daran liegt, ob sie jene Tchtigkeit haben oder verlieren,
so -


64.

Der Auf brausende. - Vor Einem, der gegen uns aufbraust, soll man
sich in Acht nehmen, wie vor Einem, der uns einmal nach dem Leben
getrachtet hat: denn dass wir noch leben, das liegt an der Abwesenheit
der Macht zu tdten; gengten Blicke, so wre es lngst um uns
geschehen. Es ist ein Stck roher Cultur, durch Sichtbarwerdenlassen
der physischen Wildheit, durch Furchterregen Jemanden zum Schweigen zu
bringen. - Ebenso ist jener kalte Blick, welchen Vornehme gegen ihre
Bedienten haben, ein Ueberrest jener kastenmssigen Abgrnzungen
zwischen Mensch und Mensch, ein Stck rohen Alterthums; die Frauen,
die Bewahrerinnen des Alten, haben auch dieses Survival treuer
bewahrt.


65.

Wohin die Ehrlichkeit fhren kann. -Jemand hatte die ble
Angewohnheit, sich ber die Motive, aus denen er handelte und die so
gut und so schlecht waren wie die Motive aller Menschen, gelegentlich
ganz ehrlich auszusprechen. Er erregte erst Anstoss, dann Verdacht,
wurde allmhlich geradezu verfehmt und in die Acht der Gesellschaft
erklrt, bis endlich die Justiz sich eines so verworfenen Wesens
erinnerte, bei Gelegenheiten, wo sie sonst kein Auge hatte, oder
dasselbe zudrckte. Der Mangel an Schweigsamkeit ber das allgemeine
Geheimniss und der unverantwortliche Hang, zu sehen, was Keiner sehen
will - sich selber - brachten ihn zu Gefngniss und frhzeitigem Tod.


66.

Strflich, nie gestraft. - Unser Verbrechen gegen Verbrecher besteht
darin, dass wir sie wie Schufte behandeln.


67.

Sancta simplicitas der Tugend. - Jede Tugend hat Vorrechte: zum
Beispiel diess, zu dem Scheiterhaufen eines Verurtheilten ihr eigenes
Bndchen Holz zu liefern.


68.

Moralitt und Erfolg. - Nicht nur die Zuschauer einer That bemessen
hufig das Moralische oder Unmoralische an derselben nach dem Erfolge:
nein, der Thter selbst thut diess. Denn die Motive und Absichten sind
selten deutlich und einfach genug, und mitunter scheint selbst das
Gedchtniss durch den Erfolg der That getrbt, so dass man seiner That
selber falsche Motive unterschiebt oder die unwesentlichen Motive als
wesentliche behandelt. Der Erfolg giebt oft einer That den vollen
ehrlichen Glanz des guten Gewissens, ein Misserfolg legt den Schatten
von Gewissensbissen ber die achtungswrdigste Handlung. Daraus
ergiebt sich die bekannte Praxis des Politikers, welcher denkt: "gebt
mir nur den Erfolg: mit ihm habe ich auch alle ehrlichen Seelen auf
meine Seite gebracht - und mich vor mir selber ehrlich gemacht." - Auf
hnliche Weise soll der Erfolg die bessere Begrndung ersetzen. Noch
jetzt meinen viele Gebildete, der Sieg des Christenthums ber die
griechische Philosophie sei ein Beweis fr die grssere Wahrheit des
ersteren, - obwohl in diesem Falle nur das Grbere und Gewaltsamere
ber das Geistigere und Zarte gesiegt hat. Wie es mit der grsseren
Wahrheit steht, ist daraus zu ersehen, dass die erwachenden
Wissenschaften Punct um Punct an Epikur's Philosophie angeknpft, das
Christenthum aber Punct um Punct zurckgewiesen haben.


69.

Liebe und Gerechtigkeit. - Warum berschtzt man die Liebe zu
Ungunsten der Gerechtigkeit und sagt die schnsten Dinge von ihr,
als ob sie ein viel hheres Wesen als jene sei? Ist sie denn nicht
ersichtlich dmmer als jene? - Gewiss, aber gerade desshalb um so viel
angenehmer fr Alle. Sie ist dumm und besitzt ein reiches Fllhorn;
aus ihm theilt sie ihre Gaben aus, an jedermann, auch wenn er sie
nicht verdient, ja ihr nicht einmal dafr dankt. Sie ist unparteiisch
wie der Regen, welcher, nach der Bibel und der Erfahrung, nicht nur
den Ungerechten, sondern unter Umstnden auch den Gerechten bis auf
die Haut nass macht.


70.

Hinrichtung. - Wie kommt es, dass jede Hinrichtung uns mehr
beleidigt, als ein Mord? Es ist die Klte der Richter, die peinliche
Vorbereitung, die Einsicht, dass hier ein Mensch als Mittel benutzt
wird, um andere abzuschrecken. Denn die Schuld wird nicht bestraft,
selbst wenn es eine gbe: diese liegt in Erziehern, Eltern,
Umgebungen, in uns, nicht im Mrder, - ich meine die veranlassenden
Umstnde.


71.

Die Hoffnung. - Pandora brachte das Fass mit den Uebeln und ffnete
es. Es war das Geschenk der Gtter an die Menschen, von Aussen ein
schnes verfhrerisches Geschenk und "Glcksfass" zubenannt. Da flogen
all die Uebel, lebendige beschwingte Wesen heraus: von da an schweifen
sie nun herum und thun den Menschen Schaden bei Tag und Nacht. Ein
einziges Uebel war noch nicht aus dem Fass herausgeschlpft: da schlug
Pandora nach Zeus' Willen den Deckel zu und so blieb es darin. Fr
immer hat der Mensch nun das Glcksfass im Hause und meint Wunder was
fr einen Schatz er in ihm habe; es steht ihm zu Diensten, er greift
darnach: wenn es ihn gelstet; denn er weiss nicht, dass jenes
Fass, welches Pandora brachte, das Fass der Uebel war, und hlt
das zurckgebliebene Uebel fr das grsste Glcksgut, - es ist die
Hoffnung. - Zeus wollte nmlich, dass der Mensch, auch noch so sehr
durch die anderen Uebel geqult, doch das Leben nicht wegwerfe,
sondern fortfahre, sich immer von Neuem qulen zu lassen. Dazu giebt
er dem Menschen die Hoffnung: sie ist in Wahrheit das belste der
Uebel, weil sie die Qual der Menschen verlngert.


72.

Grad der moralischen Erhitzbarkeit unbekannt. - Daran, dass man
gewisse erschtternde Anblicke und Eindrcke gehabt oder nicht
gehabt hat, zum Beispiel eines unrecht gerichteten, getdteten oder
gemarterten Vaters, einer untreuen Frau, eines grausamen feindlichen
Ueberfalls, hngt es ab, ob unsere Leidenschaften zur Glhhitze kommen
und das ganze Leben lenken oder nicht. Keiner weiss, wozu ihn die
Umstnde, das Mitleid, die Entrstung treiben knnen, er kennt den
Grad seiner Erhitzbarkeit nicht. Erbrmliche kleine Verhltnisse
machen erbrmlich; es ist gewhnlich nicht die Qualitt der
Erlebnisse, sondern ihre Quantitt, von welcher der niedere und hhere
Mensch abhngt, im Guten und Bsen.


73.

Der Mrtyrer wider Willen. - In einer Partei gab es einen Menschen,
der zu ngstlich und feige war, um je seinen Kameraden zu
widersprechen: man brauchte ihn zu jedem Dienst, man erlangte von ihm
Alles, weil er sich vor der schlechten Meinung bei seinen Gesellen
mehr als vor dem Tode frchtete; es war eine erbrmliche schwache
Seele. Sie erkannten diess und machten auf Grund der erwhnten
Eigenschaften aus ihm einen Heros und zuletzt gar einen Mrtyrer.
Obwohl der feige Mensch innerlich immer Nein sagte, sprach er mit
den Lippen immer ja, selbst noch auf dem Schaffot, als er fr die
Ansichten seiner Partei starb: neben ihm nmlich stand einer seiner
alten Genossen, der ihn durch Wort und Blick so tyrannisirte, dass er
wirklich auf die anstndigste Weise den Tod erlitt und seitdem als
Mrtyrer und grosser Charakter gefeiert wird.


74.

Alltags-Maassstab. - Man wird selten irren, wenn man extreme
Handlungen auf Eitelkeit, mittelmssige auf Gewhnung und kleinliche
auf Furcht zurckfhrt.


75.

Missverstndniss ber die Tugend. - Wer die Untugend in Verbindung
mit der Lust kennen gelernt hat, wie Der, welcher eine genussschtige
Jugend hinter sich hat, bildet sich ein, dass die Tugend mit der
Unlust verbunden sein msse. Wer dagegen von seinen Leidenschaften und
Lastern sehr geplagt worden ist, ersehnt in der Tugend die Ruhe und
das Glck der Seele. Daher ist es mglich, dass zwei Tugendhafte
einander gar nicht verstehen.


76.

Der Asket. - Der Asket macht aus der Tugend eine Noth.


77.

Die Ehre von der Person auf die Sache bertragen. - Man ehrt allgemein
die Handlungen der Liebe und Aufopferung zu Gunsten des Nchsten, wo
sie sich auch immer zeigen. Dadurch vermehrt man die Schtzung der
Dinge, welche in jener Art geliebt werden oder fr welche man sich
aufopfert: obwohl sie vielleicht an sich nicht viel werth sind. Ein
tapferes Heer berzeugt von der Sache, fr welche es kmpft.


78.

Ehrgeiz ein Surrogat des moralischen Gefhls. - Das moralische Gefhl
darf in solchen Naturen nicht fehlen, welche keinen Ehrgeiz haben.
Die Ehrgeizigen behelfen sich auch ohne dasselbe, mit fast gleichem
Erfolge. - Desshalb werden Shne aus bescheidenen, dem Ehrgeiz
abgewandten Familien, wenn sie einmal das moralische Gefhl verlieren,
gewhnlich in schneller Steigerung zu vollkommenen Lumpen.


79.

Eitelkeit bereichert. - Wie arm wre der menschliche Geist ohne die
Eitelkeit! So aber gleicht er einem wohlgefllten und immer neu sich
fllenden Waarenmagazin, welches Kufer jeder Art anlockt: Alles fast
knnen sie finden, Alles haben, vorausgesetzt, dass sie die gltige
Mnzsorte (Bewunderung) mit sich bringen.


80.

Greis und Tod.- Abgesehen von den Forderungen, welche die Religion
stellt, darf man wohl fragen: warum sollte es fr einen alt gewordenen
Mann, welcher die Abnahme seiner Krfte sprt, rhmlicher sein, seine
langsame Erschpfung und Auflsung abzuwarten, als sich mit vollem
Bewusstsein ein Ziel zu setzen? Die Selbsttdtung ist in diesem Falle
eine ganz natrliche naheliegende Handlung, welche als ein Sieg der
Vernunft billigerweise Ehrfurcht erwecken sollte: und auch erweckt
hat, in jenen Zeiten als die Hupter der griechischen Philosophie und
die wackersten rmischen Patrioten durch Selbsttdtung zu sterben
pflegten. Die Sucht dagegen, sich mit ngstlicher Berathung von
Aerzten und peinlichster Lebensart von Tag zu Tage fortzufristen, ohne
Kraft, dem eigentlichen Lebensziel noch nher zu kommen, ist viel
weniger achtbar. - Die Religionen sind reich an Ausflchten vor der
Forderung der Selbsttdtung: dadurch schmeicheln sie sich bei Denen
ein, welche in das Leben verliebt sind.


81.

Irrthmer des Leidenden und des Thters. - Wenn der Reiche dem
Armen ein Besitzthum nimmt (zum Beispiel ein Frst dem Plebejer die
Geliebte), so entsteht in dem Armen ein Irrthum; er meint, jener msse
ganz verrucht sein, um ihm das Wenige, was er habe, zu nehmen. Aber
jener empfindet den Werth eines einzelnen Besitzthums gar nicht so
tief, weil er gewhnt ist, viele zu haben: so kann er sich nicht in
die Seele des Armen versetzen und thut lange nicht so sehr Unrecht,
als dieser glaubt. Beide haben von einander eine falsche Vorstellung.
Das Unrecht des Mchtigen, welches am meisten in der Geschichte
emprt, ist lange nicht so gross, wie es scheint. Schon die angeerbte
Empfindung, ein hheres Wesen mit hheren Ansprchen zu sein, macht
ziemlich kalt und lsst das Gewissen ruhig: wir Alle sogar empfinden,
wenn der Unterschied zwischen uns und einem andern Wesen sehr gross
ist, gar Nichts mehr von Unrecht und tdten eine Mcke zum Beispiel
ohne jeden Gewissensbiss. So ist es kein Zeichen von Schlechtigkeit
bei Xerxes (den selbst alle Griechen als hervorragend edel schildern),
wenn er dem Vater seinen Sohn nimmt und ihn zerstckeln lsst,
weil dieser ein ngstliches, ominses Misstrauen gegen den ganzen
Heerzug geussert hatte: der Einzelne wird in diesem Falle wie ein
unangenehmes Insect beseitigt, er steht zu niedrig, um lnger qulende
Empfindungen bei einem Weltherrscher erregen zu drfen. Ja, jeder
Grausame ist nicht in dem Maasse grausam, als es der Misshandelte
glaubt; die Vorstellung des Schmerzes ist nicht das Selbe wie das
Leiden desselben. Ebenso steht es mit dem ungerechten Richter, mit
dem Journalisten, welcher mit kleinen Unredlichkeiten die ffentliche
Meinung irre fhrt. Ursache und Wirkung sind in allen diesen Fllen
von ganz verschiedenen Empfindungs- und Gedankengruppen umgeben;
whrend man unwillkrlich voraussetzt, dass Thter und Leidender
gleich denken und empfinden, und gemss dieser Voraussetzung die
Schuld des Einen nach dem Schmerz des Andern misst.


82.

Haut der Seele. - Wie die Knochen, Fleischstcke, Eingeweide und
Blutgefsse mit einer Haut umschlossen sind, die den Anblick des
Menschen ertrglich macht, so werden die Regungen und Leidenschaften
der Seele durch die Eitelkeit umhllt: sie ist die Haut der Seele.


83.

Schlaf der Tugend. - Wenn die Tugend geschlafen hat, wird sie frischer
aufstehen.


84.

Feinheit der Scham. - Die Menschen schmen sich nicht, etwas
Schmutziges zu denken, aber wohl, wenn sie sich vorstellen, dass man
ihnen diese schmutzigen Gedanken zutraue.


85.

Bosheit ist selten. - Die meisten Menschen sind viel zu sehr mit sich
beschftigt, um boshaft zu sein.


86.

Das Znglein an der Wage. - Man lobt oder tadelt, je nachdem das Eine
oder das Andere mehr Gelegenheit giebt, unsere Urtheilskraft leuchten
zu lassen.


87.

Lucas 18,14 verbessert. - Wer sich selbst erniedrigt, will erhhet
werden.


88.

Verhinderung des Selbstmordes. - Es giebt ein Recht, wonach wir einem
Menschen das Leben nehmen, aber keines, wonach wir ihm das Sterben
nehmen: diess ist nur Grausamkeit.


89.

Eitelkeit.- Uns liegt an der guten Meinung der Menschen, einmal weil
sie uns ntzlich ist, sodann weil wir ihnen Freude machen wollen
(Kinder den Eltern, Schler den Lehrern und wohlwollende Menschen
berhaupt allen brigen Menschen). Nur wo jemandem die gute Meinung
der Menschen wichtig ist, abgesehen vom Vortheil oder von seinem
Wunsche, Freude zu machen, reden wir von Eitelkeit. In diesem Falle
will sich der Mensch selber eine Freude machen, aber auf Unkosten
seiner Mitmenschen, indem er diese entweder zu einer falschen Meinung
ber sich verfhrt oder es gar auf einen Grad der "guten Meinung"
absieht, wo diese allen Anderen peinlich werden muss (durch Erregung
von Neid). Der Einzelne will gewhnlich durch die Meinung Anderer
die Meinung, die er von sich hat, beglaubigen und vor sich selber
bekrftigen; aber die mchtige Gewhnung an Autoritt - eine
Gewhnung, die so alt als der Mensch ist - bringt Viele auch dazu,
ihren eigenen Glauben an sich auf Autoritt zu sttzen, also erst aus
der Hand Anderer anzunehmen: sie trauen der Urtheilskraft Anderer
mehr, als der eigenen. - Das Interesse an sich selbst, der Wunsch,
sich zu vergngen, erreicht bei dem Eitelen eine solche Hhe, dass
er die Anderen zu einer falschen, allzu hohen Taxation seiner selbst
verfhrt und dann doch sich an die Autoritt der Anderen hlt: also
den Irrthum herbeifhrt und doch ihm Glauben schenkt. - Man muss sich
also eingestehen, dass die eitelen Menschen nicht sowohl Anderen
gefallen wollen, als sich selbst, und dass sie so weit gehen, ihren
Vortheil dabei zu vernachlssigen; denn es liegt ihnen oft daran, ihre
Mitmenschen ungnstig, feindlich, neidisch, also schdlich gegen sich
stimmen, nur um die Freude an sich selber, den Selbstgenuss, zu haben.


90.

Grnze der Menschenliebe. - Jeder, welcher sich dafr erklrt hat,
dass der Andere ein Dummkopf, ein schlechter Geselle sei, rgert sich,
wenn Jener schliesslich zeigt, dass er es nicht ist.


91.

Moralit larmoyante. - Wie viel Vergngen macht die Moralitt! Man
denke nur, was fr ein Meer angenehmer Thrnen schon bei Erzhlungen
edler, grossmthiger Handlungen geflossen ist! - Dieser Reiz
des Lebens wrde schwinden, wenn der Glaube an die vllige
Unverantwortlichkeit berhand nhme.


92.

Ursprung der Gerechtigkeit. - Die Gerechtigkeit (Billigkeit) nimmt
ihren Ursprung unter ungefhr gleich Mchtigen, wie diess Thukydides
(in dem furchtbaren Gesprche der athenischen und melischen Gesandten)
richtig begriffen hat; wo es keine deutlich erkennbare Uebergewalt
giebt und ein Kampf zum erfolglosen, gegenseitigen Schdigen wrde, da
entsteht der Gedanke sich zu verstndigen und ber die beiderseitigen
Ansprche zu verhandeln: der Charakter des Tausches ist der
anfngliche Charakter der Gerechtigkeit. Jeder stellt den Andern
zufrieden, indem jeder bekommt, was er mehr schtzt als der Andere.
Man giebt jedem, was er haben will als das nunmehr Seinige, und
empfngt dagegen das Gewnschte. Gerechtigkeit ist also Vergeltung
und Austausch unter der Voraussetzung einer ungefhr gleichen
Machtstellung: so gehrt ursprnglich die Rache in den Bereich der
Gerechtigkeit, sie ist ein Austausch. Ebenso die Dankbarkeit. -
Gerechtigkeit geht natrlich auf den Gesichtspunct einer einsichtigen
Selbsterhaltung zurck, also auf den Egoismus jener Ueberlegung: "wozu
sollte ich mich nutzlos schdigen und mein Ziel vielleicht doch nicht
erreichen?" - Soviel vom Ursprung der Gerechtigkeit. Dadurch, dass die
Menschen, ihrer intellectuellen Gewohnheit gemss, den ursprnglichen
Zweck sogenannter gerechter, billiger Handlungen vergessen haben und
namentlich weil durch Jahrtausende hindurch die Kinder angelernt
worden sind, solche Handlungen zu bewundern und nachzuahmen, ist
allmhlich der Anschein entstanden, als sei eine gerechte Handlung
eine unegoistische: auf diesem Anschein aber beruht die hohe Schtzung
derselben, welche berdiess, wie alle Schtzungen, fortwhrend noch im
Wachsen ist: denn etwas Hochgeschtztes wird mit Aufopferung erstrebt,
nachgeahmt, vervielfltigt und wchst dadurch, dass der Werth der
aufgewandten Mhe und Beeiferung von jedem Einzelnen noch zum Werthe
des geschtzten Dinges hinzugeschlagen wird. - Wie wenig moralisch
she die Welt ohne die Vergesslichkeit aus! Ein Dichter knnte sagen,
dass Gott die Vergesslichkeit als Thrhterin an die Tempelschwelle
der Menschenwrde hingelagert habe.


93.

Vom Rechte des Schwcheren. - Wenn sich jemand unter Bedingungen einem
Mchtigeren unterwirft, zum Beispiel eine belagerte Stadt, so ist die
Gegenbedingung die, dass man sich vernichten, die Stadt verbrennen und
so dem Mchtigen eine grosse Einbusse machen kann. Desshalb entsteht
hier eine Art Gleichstellung, auf Grund welcher Rechte festgesetzt
werden knnen. Der Feind hat seinen Vortheil an der Erhaltung. -
Insofern giebt es auch Rechte zwischen Sclaven und Herren, das heisst
genau in dem Maasse, in welchem der Besitz des Sclaven seinem Herrn
ntzlich und wichtig ist. Das Recht geht ursprnglich soweit, als
Einer dem Andern werthvoll, wesentlich, unverlierbar, unbesiegbar und
dergleichen erscheint. In dieser Hinsicht hat auch der Schwchere noch
Rechte, aber geringere. Daher das berhmte unusquisque tantum juris
habet, quantum potentia valet (oder genauer: quantum potentia valere
creditur).


94.

Die drei Phasen der bisherigen Moralitt. - Es ist das erste Zeichen,
dass das Thier Mensch geworden ist, wenn sein Handeln nicht mehr
auf das augenblickliche Wohlbefinden, sondern auf das dauernde sich
bezieht, dass der Mensch also ntzlich, zweckmssig wird.- da bricht
zuerst die freie Herrschaft der Vernunft heraus. Eine noch hhere
Stufe ist erreicht, wenn er nach dem Princip der Ehre handelt;
vermge desselben ordnet er sich ein, unterwirft sich gemeinsamen
Empfindungen, und das erhebt ihn hoch ber die Phase, in der nur die
persnlich verstandene Ntzlichkeit ihn leitete: er achtet und will
geachtet werden, das heisst: er begreift den Nutzen als abhngig von
dem, was er ber Andere, was Andere ber ihn meinen. Endlich handelt
er, auf der hchsten Stufe der bisherigen Moralitt nach seinem
Maassstab ber die Dinge und Menschen, er selber bestimmt fr sich und
Andere, was ehrenvoll, was ntzlich ist; er ist zum Gesetzgeber der
Meinungen geworden, gemss dem immer hher entwickelten Begriff
des Ntzlichen und Ehrenhaften. Die Erkenntnis befhigt ihn, das
Ntzlichste, das heisst den allgemeinen dauernden Nutzen dem
persnlichen, die ehrende Anerkennung von allgemeiner dauernder
Geltung der momentanen voranzustellen; er lebt und handelt als
Collectiv-Individuum.


95.

Moral des reifen Individuums. - Man hat bisher als das eigentliche
Kennzeichen der moralischen Handlung das Unpersnliche angesehen; und
es ist nachgewiesen, dass zu Anfang die Rcksicht auf den allgemeinen
Nutzen es war, derentwegen man alle unpersnlichen Handlungen lobte
und auszeichnete. Sollte nicht eine bedeutende Umwandelung dieser
Ansichten bevorstehen, jetzt wo immer besser eingesehen wird, dass
gerade in der mglichst persnlichen Rcksicht auch der Nutzen fr
das Allgemeine am grssten ist: so dass gerade das streng persnliche
Handeln dem jetzigen Begriff der Moralitt (als einer allgemeinen
Ntzlichkeit) entspricht? Aus sich eine ganze Person machen und in
Allem, was man thut, deren hchstes Wohl in's Auge fassen - das bringt
weiter, als jene mitleidigen Regungen und Handlungen zu Gunsten
Anderer. Wir Alle leiden freilich noch immer an der allzugeringen
Beachtung des Persnlichen an uns, es ist schlecht ausgebildet, -
gestehen wir es uns ein: man hat vielmehr unsern Sinn gewaltsam von
ihm abgezogen und dem Staate, der Wissenschaft, dem Hlfebedrftigen
zum Opfer angeboten, wie als ob es das Schlechte wre, das geopfert
werden msste. Auch jetzt wollen wir fr unsere Mitmenschen arbeiten,
aber nur so weit, als wir unsern eigenen hchsten Vortheil in dieser
Arbeit finden, nicht mehr, nicht weniger. Es kommt nur darauf an, was
man als seinen Vortheil versteht; gerade das unreife, unentwickelte,
rohe Individuum wird ihn auch am rohesten verstehen.


96.

Sitte und sittlich.- Moralisch, sittlich, ethisch sein heisst Gehorsam
gegen ein altbegrndetes Gesetz oder Herkommen haben. Ob man mit Mhe
oder gern sich ihm unterwirft, ist dabei gleichgltig, genug, dass
man es thut. "Gut" nennt man Den, welcher wie von Natur, nach langer
Vererbung, also leicht und gern das Sittliche thut, je nachdem diess
ist (zum Beispiel Rache bt, wenn Rache-ben, wie bei den lteren
Griechen, zur guten Sitte gehrt). Er wird gut genannt, weil er "wozu"
gut ist; da aber Wohlwollen, Mitleiden und dergleichen in dem Wechsel
der Sitten immer als "gut wozu", als ntzlich empfunden wurde, so
nennt man jetzt vornehmlich den Wohlwollenden, Hlfreichen "gut". Bse
ist "nicht sittlich" (unsittlich) sein, Unsitte ben, dem Herkommen
widerstreben, wie vernnftig oder dumm dasselbe auch sei; das
Schdigen des Nchsten ist aber in allen den Sittengesetzen der
verschiedenen Zeiten vornehmlich als schdlich empfunden worden, so
dass wir jetzt namentlich bei dem Wort "bse" an die freiwillige
Schdigung des Nchsten denken. Nicht das "Egoistische" und das
"Unegoistische" ist der Grundgegensatz, welcher die Menschen zur
Unterscheidung von sittlich und unsittlich, gut und bse gebracht hat,
sondern: Gebundensein an ein Herkommen, Gesetz, und Lsung davon. Wie
das Herkommen entstanden ist, das ist dabei gleichgltig, jedenfalls
ohne Rcksicht auf gut und bse oder irgend einen immanenten
kategorischen Imperativ, sondern vor Allem zum Zweck der Erhaltung
einer Gemeinde, eines Volkes; jeder aberglubische Brauch, der auf
Grund eines falsch gedeuteten Zufalls entstanden ist, erzwingt ein
Herkommen, welchem zu folgen sittlich ist; sich von ihm lsen ist
nmlich gefhrlich, fr die Gemeinschaft noch mehr schdlich als fr
den Einzelnen (weil die Gottheit den Frevel und jede Verletzung ihrer
Vorrechte an der Gemeinde und nur insofern auch am Individuum straft).
Nun wird jedes Herkommen fortwhrend ehrwrdiger, je weiter der
Ursprung abliegt, je mehr dieser vergessen ist; die ihm gezollte
Verehrung huft sich von Generation zu Generation auf, das Herkommen
wird zuletzt heilig und erweckt Ehrfurcht; und so ist jedenfalls die
Moral der Piett eine viel ltere Moral, als die, welche unegoistische
Handlungen verlangt.


97.

Die Lust in der Sitte. - Eine wichtige Gattung der Lust und damit
der Quelle der Moralitt entsteht aus der Gewohnheit. Man thut das
Gewohnte leichter, besser, also lieber, man empfindet dabei eine Lust,
und weiss aus der Erfahrung, dass das Gewohnte sich bewhrt hat, also
ntzlich ist; eine Sitte, mit der sich leben lsst, ist als heilsam,
frderlich bewiesen, im Gegensatz zu allen neuen, noch nicht bewhrten
Versuchen. Die Sitte ist demnach die Vereinigung des Angenehmen und
des Ntzlichen, berdiess macht sie kein Nachdenken nthig. Sobald
der Mensch Zwang ausben kann, bt er ihn aus, um seine Sitten
durchzusetzen und einzufhren, denn fr ihn sind sie die bewhrte
Lebensweisheit. Ebenso zwingt eine Gemeinschaft von Individuen jedes
einzelne zur selben Sitte. Hier ist der Fehlschluss: weil man sich mit
einer Sitte wohl fhlt oder wenigstens weil man vermittelst derselben
seine Existenz durchsetzt, so ist diese Sitte nothwendig, denn sie
gilt als die einzige Mglichkeit, unter der man sich wohl fhlen kann;
das Wohlgefhl des Lebens scheint allein aus ihr hervorzuwachsen.
Diese Auffassung des Gewohnten als einer Bedingung des Daseins wird
bis auf die kleinsten Einzelheiten der Sitte durchgefhrt: da die
Einsicht in die wirkliche Causalitt bei den niedrig stehenden Vlkern
und Culturen sehr gering ist, so sieht man mit aberglubischer Furcht
darauf, dass Alles seinen gleichen Gang gehe; selbst wo die Sitte
schwer, hart, lstig ist, wird sie ihrer scheinbar hchsten
Ntzlichkeit wegen bewahrt. Man weiss nicht, dass der selbe Grad von
Wohlbefinden auch bei anderen Sitten bestehen kann und dass selbst
hhere Grade sich erreichen lassen. Wohl aber nimmt man wahr, dass
alle Sitten, auch die hrtesten, mit der Zeit angenehmer und milder
werden, und dass auch die strengste Lebensweise zur Gewohnheit und
damit zur Lust werden kann.


98.

Lust und socialer Instinct. - Aus seinen Beziehungen zu andern
Menschen gewinnt der Mensch eine neue Gattung von Lust zu jenen
Lustempfindungen hinzu, welche er aus sich selber nimmt; wodurch er
das Reich der Lustempfindung berhaupt bedeutend umfnglicher macht.
Vielleicht hat er mancherlei, das hierher gehrt, schon von den
Thieren her berkommen, welche ersichtlich Lust empfinden, wenn sie
mit einander spielen, namentlich die Mtter mit den jungen. Sodann
gedenke man der geschlechtlichen Beziehungen, welche jedem Mnnchen
ungefhr jedes Weibchen interessant in Ansehung der Lust erscheinen
lassen, und umgekehrt. Die Lustempfindung auf Grund menschlicher
Beziehungen macht im Allgemeinen den Menschen besser; die gemeinsame
Freude, die Lust mitsammen genossen, erhht dieselbe, sie giebt dem
Einzelnen Sicherheit, macht ihn gutmthiger, lst das Misstrauen, den
Neid: denn man fhlt sich selber wohl und sieht den Andern in gleicher
Weise sich wohl fhlen. Die gleichartigen Aeusserungen der Lust
erwecken die Phantasie der Mitempfindung, das Gefhl etwas Gleiches zu
sein: das Selbe thun auch die gemeinsamen Leiden, die selben Unwetter,
Gefahren, Feinde. Darauf baut sich dann wohl das lteste Bndniss auf:
dessen Sinn die gemeinsame Beseitigung und Abwehr einer drohenden
Unlust zum Nutzen jedes Einzelnen ist. Und so wchst der sociale
Instinct aus der Lust heraus.


99.

Das Unschuldige an den sogenannten bsen Handlungen. - Alle "bsen"
Handlungen sind motivirt durch den Trieb der Erhaltung oder, noch
genauer, durch die Absicht auf Lust und Vermeidung der Unlust des
Individuums; als solchermaassen motivirt, aber nicht bse. "Schmerz
bereiten an sich" existirt nicht, ausser im Gehirn der Philosophen,
ebensowenig "Lust bereiten an sich" (Mitleid im Schopenhauerischen
Sinne). In dem Zustand vor dem Staate tdten wir das Wesen, sei es
Affe oder Mensch, welches uns eine Frucht des Baumes vorwegnehmen
will, wenn wir gerade Hunger haben und auf den Baum zulaufen: wie wir
es noch jetzt bei Wanderungen in unwirthlichen Gegenden mit dem Thiere
thun wrden. - Die bsen Handlungen, welche uns jetzt am meisten
empren, beruhen auf dem Irrthume, dass der Andere, welcher sie uns
zufgt, freien Willen habe, also dass es in seinem Belieben gelegen
habe, uns diess Schlimme nicht anzuthun. Dieser Glaube an das Belieben
erregt den Hass, die Rachlust, die Tcke, die ganze Verschlechterung
der Phantasie, whrend wir einem Thiere viel weniger zrnen, weil
wir diess als unverantwortlich betrachten. Leid thun nicht aus
Erhaltungstrieb, sondern zur Vergeltung - ist Folge eines falschen
Urtheils und desshalb ebenfalls unschuldig. Der Einzelne kann im
Zustande, welcher vor dem Staate liegt, zur Abschreckung andere
Wesen hart und grausam behandeln: um seine Existenz durch solche
abschreckende Proben seiner Macht sicher zu stellen. So handelt der
Gewaltthtige, Mchtige, der ursprngliche Staatengrnder, welcher
sich die Schwcheren unterwirft. Er hat dazu das Recht, wie es jetzt
noch der Staat sich nimmt; oder vielmehr: es giebt kein Recht, welches
diess hindern kann. Es kann erst dann der Boden fr alle Moralitt
zurecht gemacht werden, wenn ein grsseres Individuum oder ein
Collectiv-Individuum, zum Beispiel die Gesellschaft, der Staat, die
Einzelnen unterwirft, also aus ihrer Vereinzelung herauszieht und in
einen Verband einordnet. Der Moralitt geht der Zwang voraus, ja sie
selber ist noch eine Zeit lang Zwang, dem man sich, zur Vermeidung
der Unlust, fgt. Spter wird sie Sitte, noch spter freier Gehorsam,
endlich beinahe Instinct: dann ist sie wie alles lang Gewhnte und
Natrliche mit Lust verknpft - und heisst nun Tugend.


100.

Scham.- Die Scham existirt berall, wo es ein "Mysterium" giebt; diess
aber ist ein religiser Begriff, welcher in der lteren Zeit der
menschlichen Cultur einen grossen Umfang hatte. Ueberall gab es
umgrnzte Gebiete, zu welchen das gttliche Recht den Zutritt
versagte, ausser unter bestimmten Bedingungen: zu allererst ganz
rumlich, insofern gewisse Sttten vom Fusse der Uneingeweihten
nicht zu betreten waren und in deren Nhe Diese Schauder und Angst
empfanden. Diess Gefhl wurde vielfach auf andere Verhltnisse
bertragen, zum Beispiel auf die geschlechtlichen Verhltnisse, welche
als ein Vorrecht und Adyton des reiferen Alters den Blicken der
Jugend, zu deren Vortheil, entzogen werden sollten: Verhltnisse, zu
deren Schutz und Heilighaltung viele Gtter thtig und im ehelichen
Gemache als Wchter aufgestellt gedacht wurden. (Im Trkischen heisst
desshalb diess Gemach Harem "Heiligthum", wird also mit demselben
Worte bezeichnet, welches fr die Vorhfe der Moscheen blich ist.) So
ist das Knigthum als ein Centrum, von wo Macht und Glanz ausstrahlt,
dem Unterworfenen ein Mysterium voller Heimlichkeit und Scham: wovon
viele Nachwirkungen noch jetzt, unter Vlkern, die sonst keineswegs
zu den verschmten gehren, zu fhlen sind. Ebenso ist die ganze Welt
innerer Zustnde, die sogenannte "Seele", auch jetzt noch fr alle
Nicht-Philosophen ein Mysterium, nachdem diese, endlose Zeit hindurch,
als gttlichen Ursprungs, als gttlichen Verkehrs wrdig geglaubt
wurde: sie ist demnach ein Adyton und erweckt Scham.


101.

Richtet nicht. - Man muss sich hten, bei der Betrachtung frherer
Perioden nicht in ein ungerechtes Schimpfen zu gerathen. Die
Ungerechtigkeit in der Sclaverei, die Grausamkeit in der Unterwerfung
von Personen und Vlkern ist nicht mit unserem Maasse zu messen. Denn
damals war der Instinct der Gerechtigkeit noch nicht so weit gebildet.
Wer darf dem Genfer Calvin die Verbrennung des Arztes Servet
vorwerfen? Es war eine consequente aus seinen Ueberzeugungen
fliessende Handlung, und ebenso hatte die Inquisition ein gutes
Recht; nur waren die herrschenden Ansichten falsch und ergaben eine
Consequenz, welche uns hart erscheint, weil uns jene Ansichten
fremd geworden sind. Was ist brigens Verbrennen eines Einzelnen im
Vergleich mit ewigen Hllenstrafen fr fast Alle! Und doch beherrschte
diese Vorstellung damals alle Welt, ohne mit ihrer viel grsseren
Schrecklichkeit der Vorstellung von einem Gotte wesentlich Schaden
zu thun. Auch bei uns werden politische Sectirer hart und grausam
behandelt, aber weil man an die Nothwendigkeit des Staates zu glauben
gelernt hat, so empfindet man hier die Grausamkeit nicht so sehr wie
dort, wo wir die Anschauungen verwerfen. Die Grausamkeit gegen Thiere
bei Kindern und Italinern geht auf Unverstndniss zurck; das Thier
ist namentlich durch die Interessen der kirchlichen Lehre zu weit
hinter den Menschen zurckgesetzt worden. - Auch mildert sich vieles
Schreckliche und Unmenschliche in der Geschichte, an welches man kaum
glauben mchte, durch die Betrachtung, dass der Befehlende und der
Ausfhrende andere Personen sind: ersterer hat den Anblick nicht und
daher nicht den starken Phantasie-Eindruck, letzterer gehorcht einem
Vorgesetzten und fhlt sich unverantwortlich. Die meisten Frsten
und Militrchefs erscheinen, aus Mangel an Phantasie, leicht grausam
und hart, ohne es zu sein. - Der Egoismus ist nicht bse, weil die
Vorstellung vom "Nchsten" -das Wort ist christlichen Ursprungs
und entspricht der Wahrheit nicht - in uns sehr schwach ist; und
wir uns gegen ihn beinahe wie gegen Pflanze und Stein frei und
unverantwortlich fhlen. Dass der Andere leidet, ist zu lernen: und
vllig kann es nie gelernt werden.


102.

"Der Mensch handelt immer gut." - Wir klagen die Natur nicht als
unmoralisch an, wenn sie uns ein Donnerwetter schickt und uns nass
macht: warum nennen wir den schdigenden Menschen unmoralisch?
Weil wir hier einen willkrlich waltenden, freien Willen, dort
Nothwendigkeit annehmen. Aber diese Unterscheidung ist ein Irrthum.
Sodann: selbst das absichtliche Schdigen nennen wir nicht unter allen
Umstnden unmoralisch; man tdtet z.B. eine Mcke unbedenklich mit
Absicht, blos weil uns ihr Singen missfllt, man straft den Verbrecher
absichtlich und thut ihm Leid an, um uns und die Gesellschaft zu
schtzen. Im ersten Falle ist es das Individuum, welches, um sich zu
erhalten oder selbst um sich keine Unlust zu machen, absichtlich Leid
thut; im zweiten der Staat. Alle Moral lsst absichtliches Schadenthun
gelten bei Nothwehr: das heisst wenn es sich um die Selbsterhaltung
handelt! Aber diese beiden Gesichtspuncte gengen, um alle bsen
Handlungen gegen Menschen, von Menschen ausgebt, zu erklren: man
will fr sich Lust oder will Unlust abwehren; in irgend einem Sinne
handelt es sich immer um Selbsterhaltung. Sokrates und Plato haben
Recht: was auch der Mensch thue, er thut immer das Gute, das heisst:
Das, was ihm gut (ntzlich) scheint, je nach dem Grade seines
Intellectes, dem jedesmaligen Maasse seiner Vernnftigkeit.


103.

Das Harmlose an der Bosheit. - Die Bosheit hat nicht das Leid des
Andern an sich zum Ziele, sondern unsern eigenen Genuss, zum Beispiel
als Rachegefhl oder als strkere Nervenaufregung. Schon jede Neckerei
zeigt, wie es Vergngen macht, am Andern unsere Macht auszulassen und
es zum lustvollen Gefhle des Uebergewichts zu bringen. Ist nun das
Unmoralische daran, Lust auf Grund der Unlust Anderer zu haben? Ist
Schadenfreude teuflisch, wie Schopenhauer sagt? Nun machen wir uns
in der Natur Lust durch Zerbrechen von Zweigen, Ablsen von Steinen,
Kampf mit wilden Thieren und zwar, um unserer Kraft dabei bewusst zu
werden. Das Wissen darum, dass ein Anderer durch uns leidet, soll hier
die selbe Sache, in Bezug auf welche wir uns sonst unverantwortlich
fhlen, unmoralisch machen? Aber wsste man diess nicht, so htte man
die Lust an seiner eigenen Ueberlegenheit auch nicht dabei, diese kann
eben sich nur im Leide des Anderen zuerkennen geben, zum Beispiel bei
der Neckerei. Alle Lust an sich selber ist weder gut noch bse; woher
sollte die Bestimmung kommen, dass man, um Lust an sich selber zu
haben, keine Unlust Anderer erregen drfe? Allein vom Gesichtspuncte
des Nutzens her, das heisst aus Rcksicht auf die Folgen, auf
eventuelle Unlust, wenn der Geschdigte oder der stellvertretende
Staat Ahndung und Rache erwarten lsst: nur Diess kann ursprnglich
den Grund abgegeben haben, solche Handlungen sich zu versagen. -
Das Mitleid hat ebensowenig die Lust des Andern zum Ziele, als, wie
gesagt, die Bosheit den Schmerz des Andern an sich. Denn es birgt
mindestens zwei (vielleicht mehr) Elemente einer persnlichen Lust in
sich und ist dergestalt Selbstgenuss: einmal als Lust der Emotion,
welcher Art Mitleid in der Tragdie ist, und dann, wenn es zur That
treibt, als Lust der Befriedigung in der Ausbung der Macht. Steht uns
berdiess eine leidende Person sehr nahe, so nehmen durch Ausbung
mitleidvoller Handlungen uns selbst ein Leid ab. - Abgesehen von
einigen Philosophen, so haben die Menschen das Mitleid, in der
Rangfolge moralischer Empfindungen immer ziemlich tief gestellt: mit
Recht.


104.

Nothwehr.- Wenn man berhaupt die Nothwehr als moralisch gelten lsst,
so muss man fast alle Aeusserungen des sogenannten unmoralischen
Egoismus' auch gelten lassen: man thut Leid an, raubt oder tdtet, um
sich zu erhalten oder um sich zu schtzen, dem persnlichen Unheil
vorzubeugen; man lgt, wo List und Verstellung das richtige Mittel der
Selbsterhaltung sind. Absichtlich schdigen, wenn es sich um unsere
Existenz oder Sicherheit (Erhaltung unseres Wohlbefindens) handelt,
wird als moralisch concedirt; der Staat schdigt selber unter diesem
Gesichtspunct, wenn er Strafen verhngt. Im unabsichtlichen Schdigen
kann natrlich das Unmoralische nicht liegen, da regiert der Zufall.
Giebt es denn eine Art des absichtlichen Schdigens, wo es sich nicht
um unsere Existenz, um die Erhaltung unseres Wohlbefindens handelt?
Giebt es ein Schdigen aus reiner Bosheit, zum Beispiel bei der
Grausamkeit? Wenn man nicht weiss, wie weh eine Handlung thut, so ist
sie keine Handlung der Bosheit; so ist das Kind gegen das Thier nicht
boshaft, nicht bse: es untersucht und zerstrt dasselbe wie sein
Spielzeug. Weiss man aber je vllig, wie weh eine Handlung einem
Andern thut? So weit unser Nervensystem reicht, hten wir uns vor
Schmerz: reichte es weiter, nmlich bis in die Mitmenschen hinein, so
wrden wir Niemandem ein Leides thun (ausser in solchen Fllen, wo
wir es uns selbst thun, also wo wir uns der Heilung halber schneiden,
der Gesundheit halber uns mhen und anstrengen). Wir schliessen aus
Analogie, dass Etwas jemandem weh thut, und durch die Erinnerung
und die Strke der Phantasie kann es uns dabei selber bel werden.
Aber welcher Unterschied bleibt immer zwischen dem Zahnschmerz und
dem Schmerze (Mitleiden), welchen der Anblick des Zahnschmerzes
hervorruft? Also: bei dem Schdigen aus sogenannter Bosheit ist der
Grad des erzeugten Schmerzes uns jedenfalls unbekannt; insofern aber
eine Lust bei der Handlung ist (Gefhl der eignen Macht, der eignen
starken Erregung), geschieht die Handlung, um das Wohlbefinden
des Individuums zu erhalten und fllt somit unter einen hnlichen
Gesichtspunct wie die Nothwehr, die Nothlge. Ohne Lust kein Leben;
der Kampf um die Lust ist der Kampf um das Leben. Ob der Einzelne
diesen Kampf so kmpft, dass die Menschen ihn gut, oder so, dass sie
ihn bse nennen, darber entscheidet das Maass und die Beschaffenheit
seines Intellects.


105.

Die belohnende Gerechtigkeit. - Wer vollstndig die Lehre von der
vlligen Unverantwortlichkeit begriffen hat, der kann die sogenannte
strafende und belohnende Gerechtigkeit gar nicht mehr unter den
Begriff der Gerechtigkeit unterbringen: falls diese darin besteht,
dass man jedem das Seine giebt. Denn Der, welcher gestraft wird,
verdient die Strafe nicht: er wird nur als Mittel benutzt, um
frderhin von gewissen Handlungen abzuschrecken; ebenso verdient Der,
welchen man belohnt, diesen Lohn nicht: er konnte ja nicht anders
handeln, als er gehandelt hat. Also hat der Lohn nur den Sinn einer
Aufmunterung fr ihn und Andere, um also zu spteren Handlungen ein
Motiv abzugeben; das Lob wird dem Laufenden in der Rennbahn zugerufen,
nicht Dem, welcher am Ziele ist. Weder Strafe noch Lohn sind
Etwas, das Einem als das Seine zukommt; sie werden ihm aus
Ntzlichkeitsgrnden gegeben, ohne dass er mit Gerechtigkeit Anspruch
auf sie zu erheben htte. Man muss ebenso sagen "der Weise belohnt
nicht, weil gut gehandelt worden ist", als man gesagt hat "der Weise
straft nicht, weil schlecht gehandelt worden ist, sondern damit nicht
schlecht gehandelt werde". Wenn Strafe und Lohn fortfielen, so fielen
die krftigsten Motive, welche von gewissen Handlungen weg, zu
gewissen Handlungen hin treiben, fort; der Nutzen der Menschen
erheischt ihre Fortdauer; und insofern Strafe und Lohn, Tadel und Lob
am empfindlichsten auf die Eitelkeit wirken, so erheischt der selbe
Nutzen auch die Fortdauer der Eitelkeit.


106.

Am Wasserfall. - Beim Anblick eines Wasserfalles meinen wir in den
zahllosen Biegungen, Schlngelungen, Brechungen der Wellen Freiheit
des Willens und Belieben zu sehen; aber Alles ist nothwendig,
jede Bewegung mathematisch auszurechnen. So ist es auch bei den
menschlichen Handlungen; man msste jede einzelne Handlung vorher
ausrechnen knnen, wenn man allwissend wre, ebenso jeden Fortschritt
der Erkenntniss, jeden Irrthum, jede Bosheit. Der Handelnde selbst
steckt freilich in der Illusion der Willkr; wenn in einem Augenblick
das Rad der Welt still stnde und ein allwissender, rechnender
Verstand da wre, um diese Pausen zu bentzen, so knnte er bis in die
fernsten Zeiten die Zukunft jedes Wesens weitererzhlen und jede Spur
bezeichnen, auf der jenes Rad noch rollen wird. Die Tuschung des
Handelnden ber sich, die Annahme des freien Willens, gehrt mit
hinein in diesen auszurechnenden Mechanismus.


107.

Unverantwortlichkeit und Unschuld. - Die vllige Unverantwortlichkeit
des Menschen fr sein Handeln und sein Wesen ist der bitterste
Tropfen, welchen der Erkennende schlucken muss, wenn er gewohnt war,
in der Verantwortlichkeit und der Pflicht den Adelsbrief seines
Menschenthums zu sehen. Alle seine Schtzungen, Auszeichnungen,
Abneigungen sind dadurch entwerthet und falsch geworden: sein tiefstes
Gefhl, das er dem Dulder, dem Helden entgegenbrachte, hat einem
Irrthume gegolten; er darf nicht mehr loben, nicht tadeln, denn es ist
ungereimt, die Natur und die Nothwendigkeit zu loben und zu tadeln. So
wie er das gute Kunstwerk liebt, aber nicht lobt, weil es Nichts fr
sich selber kann, wie er vor der Pflanze steht, so muss er vor den
Handlungen der Menschen, vor seinen eignen stehen. Er kann Kraft,
Schnheit, Flle an ihnen bewundern, aber darf keine Verdienste darin
finden: der chemische Process und der Streit der Elemente, die Qual
des Kranken, der nach Genesung lechzt, sind ebensowenig Verdienste,
als jene Seelenkmpfe und Nothzustnde, bei denen man durch
verschiedene Motive hin- und hergerissen wird, bis man sich endlich
fr das mchtigste entscheidet - wie man sagt (in Wahrheit aber, bis
das mchtigste Motiv ber uns entscheidet). Alle diese Motive aber, so
hohe Namen wir ihnen geben, sind aus den selben Wurzeln gewachsen, in
denen wir die bsen Gifte wohnend glauben; zwischen guten und bsen
Handlungen giebt es keinen Unterschied der Gattung, sondern hchstens
des Grades. Gute Handlungen sind sublimirte bse; bse Handlungen sind
vergrberte, verdummte gute. Das einzige Verlangen des Individuums
nach Selbstgenuss (sammt der Furcht, desselben verlustig zu gehen)
befriedigt sich unter allen Umstnden, der Mensch mag handeln, wie er
kann, das heisst wie er muss: sei es in Thaten der Eitelkeit, Rache,
Lust, Ntzlichkeit, Bosheit, List, sei es in Thaten der Aufopferung,
des Mitleids, der Erkenntniss. Die Grade der Urtheilsfhigkeit
entscheiden, wohin Jemand sich durch diess Verlangen hinziehen lsst;
fortwhrend ist jeder Gesellschaft, jedem Einzelnen eine Rangordnung
der Gter gegenwrtig, wonach er seine Handlungen bestimmt und die der
Anderen beurtheilt. Aber dieser Maassstab wandelt sich fortwhrend,
viele Handlungen werden bse genannt und sind nur dumm, weil der Grad
der Intelligenz, welcher sich fr sie entschied, sehr niedrig war. Ja,
in einem bestimmten Sinne sind auch jetzt noch alle Handlungen dumm,
denn der hchste Grad von menschlicher Intelligenz, der jetzt erreicht
werden kann, wird sicherlich noch berboten werden: und dann wird,
bei einem Rckblick, all unser Handeln und Urtheilen so beschrnkt
und bereilt erscheinen, wie uns jetzt das Handeln und Urtheilen
zurckgebliebener wilder Vlkerschaften beschrnkt und bereilt
vorkommt. - Diess Alles einzusehen, kann tiefe Schmerzen machen, aber
darnach giebt es einen Trost: solche Schmerzen sind Geburtswehen.
Der Schmetterling will seine Hlle durchbrechen, er zerrt an ihr, er
zerreisst sie: da blendet und verwirrt ihn das unbekannte Licht, das
Reich der Freiheit. In solchen Menschen, welche jener Traurigkeit
fhig sind - wie wenige werden es sein! - wird der erste Versuch
gemacht, ob die Menschheit aus einer moralischen sich in eine weise
Menschheit umwandeln knne. Die Sonne eines neuen Evangeliums wirft
ihren ersten Strahl auf die hchsten Gipfel in der Seele jener
Einzelnen: da ballen sich die Nebel dichter, als je, und neben
einander lagert der hellste Schein und die trbste Dmmerung. Alles
ist Nothwendigkeit, - so sagt die neue Erkenntniss: und diese
Erkenntniss selber ist Nothwendigkeit. Alles ist Unschuld: und die
Erkenntniss ist der Weg zur Einsicht in diese Unschuld. Sind Lust,
Egoismus, Eitelkeit nothwendig zur Erzeugung der moralischen Phnomene
und ihrer hchsten Blthe, des Sinnes fr Wahrheit und Gerechtigkeit
der Erkenntniss, war der Irrthum und die Verirrung der Phantasie das
einzige Mittel, durch welches die Menschheit sich allmhlich zu diesem
Grade von Selbsterleuchtung und Selbsterlsung zu erheben vermochte -
wer drfte jene Mittel geringschtzen? Wer drfte traurig sein, wenn
er das Ziel, zu dem jene Wege fhren, gewahr wird? Alles auf dem
Gebiete der Moral ist geworden, wandelbar, schwankend, Alles ist im
Flusse, es ist wahr: - aber Alles ist auch im Strome: nach Einem Ziele
hin. Mag in uns die vererbte Gewohnheit des irrthmlichen Schtzens,
Liebens, Hassens immerhin fortwalten, aber unter dem Einfluss
der wachsenden Erkenntniss wird sie schwcher werden: eine neue
Gewohnheit, die des Begreifens, Nicht-Liebens, Nicht-Hassens,
Ueberschauens, pflanzt sich allmhlich in uns auf dem selben Boden
an und wird in Tausenden von Jahren vielleicht mchtig genug sein,
um der Menschheit die Kraft zu geben, den weisen, unschuldigen
(unschuld-bewussten) Menschen ebenso regelmssig hervorzubringen, wie
sie jetzt den unweisen, unbilligen, schuldbewussten Menschen - das
heisst die nothwendige Vorstufe, nicht den Gegensatz von jenem -
hervorbringt.




Drittes Hauptstck.

Das religise Leben.

108.

Der doppelte Kampf gegen das Uebel. -Wenn uns ein Uebel trifft, so
kann man entweder so ber dasselbe hinwegkommen, dass man seine
Ursache hebt, oder so, dass man die Wirkung, welche es auf unsere
Empfindung macht, verndert: also durch ein Umdeuten des Uebels in
ein Gut, dessen Nutzen vielleicht erst spter ersichtlich sein wird.
Religion und Kunst (auch die metaphysische Philosophie) bemhen sich,
auf die Aenderung der Empfindung zu wirken, theils durch Aenderung
unseres Urtheils ber die Erlebnisse (zum Beispiel mit Hlfe des
Satzes: "wen Gott lieb hat, den zchtigt er"), theils durch Erweckung
einer Lust am Schmerz, an der Emotion berhaupt (woher die Kunst des
Tragischen ihren Ausgangspunct nimmt). Je mehr Einer dazu neigt,
umzudeuten und zurechtzulegen, um so weniger wird er die Ursachen des
Uebels in's Auge fassen und beseitigen; die augenblickliche Milderung
und Narkotisirung, wie sie zum Beispiel bei Zahnschmerz gebruchlich
ist, gengt ihm auch in ernsteren Leiden. Je mehr die Herrschaft der
Religionen und aller Kunst der Narkose abnimmt, um so strenger fassen
die Menschen die wirkliche Beseitigung der Uebel in's Auge, was
freilich schlimm fr die Tragdiendichter ausfllt - denn zur Tragdie
findet sich immer weniger Stoff, weil das Reich des unerbittlichen,
unbezwinglichen Schicksals immer enger wird -, noch schlimmer aber
fr die Priester: denn diese lebten bisher von der Narkotisirung
menschlicher Uebel.


109.

Gram ist Erkenntniss. - Wie gern mchte man die falschen Behauptungen
der Priester, es gebe einen Gott, der das Gute von uns verlangte,
Wchter und Zeuge jeder Handlung, jedes Augenblickes, jedes Gedankens
sei, der uns liebe, in allem Unglck unser Bestes wolle, - wie gern
mchte man diese mit Wahrheiten vertauschen, welche ebenso heilsam,
beruhigend und wohlthuend wren, wie jene Irrthmer! Doch solche
Wahrheiten giebt es nicht; die Philosophie kann ihnen hchstens
wiederum metaphysische Scheinbarkeiten (im Grunde ebenfalls
Unwahrheiten) entgegensetzen. Nun ist aber die Tragdie die, dass man
jene Dogmen der Religion und Metaphysik nicht glauben kann, wenn man
die strenge Methode der Wahrheit im Herzen und Kopfe hat, andererseits
durch die Entwickelung der Menschheit so zart, reizbar, leidend
geworden ist, um Heil- und Trostmittel der hchsten Art nthig zu
haben; woraus also die Gefahr entsteht, dass der Mensch sich an der
erkannten Wahrheit verblute. Diess drckt Byron in unsterblichen
Versen aus:

    Sorrow is knowledge: they who know the most
    must mourn the deepst o'er the fatal truth,
    the tree of knowledge is not that of life.

Gegen solche Sorgen hilft kein Mittel besser, als den feierlichen
Leichtsinn Horazens, wenigstens fr die schlimmsten Stunden und
Sonnenfinsternisse der Seele, heraufzubeschwren und mit ihm zu sich
selber zu sagen:

    quid aeternis minorem
    consiliis animum fatigas?
    cur non sub alta vel platano vel hac
    pinu jacentes -

Sicherlich aber ist Leichtsinn oder Schwermuth jeden Grades besser,
als eine romantische Rckkehr und Fahnenflucht, eine Annherung an das
Christenthum in irgend einer Form: denn mit ihm kann man sich, nach
dem gegenwrtigen Stande der Erkenntniss, schlechterdings nicht mehr
einlassen, ohne sein in intellectuales Gewissen heillos zu beschmutzen
und vor sich und Anderen preiszugeben. Jene Schmerzen mgen peinlich
genug sein: aber man kann ohne Schmerzen nicht zu einem Fhrer und
Erzieher der Menschheit werden; und wehe Dem, welcher diess versuchen
mchte und jenes reine Gewissen nicht mehr htte!


110.

Die Wahrheit in der Religion. - In der Periode der Aufklrung war man
der Bedeutung der Religion nicht gerecht geworden, daran ist nicht zu
zweifeln: aber ebenso steht fest, dass man, in dem darauffolgenden
Widerspiel der Aufklrung, wiederum um ein gutes Stck ber die
Gerechtigkeit hinausgieng, indem man die Religionen mit Liebe, selbst
mit Verliebtheit behandelte und ihnen zum Beispiel ein tieferes,
ja das allertiefste Verstndniss der Welt zuerkannte; welches die
Wissenschaft des dogmatischen Gewandes zu entkleiden habe, um dann
in unmythischer Form die "Wahrheit" zu besitzen. Religionen sollen
also - diess war die Behauptung aller Gegner der Aufklrung - sensu
allegorico, mit Rcksicht auf das Verstehen der Menge, jene uralte
Weisheit aussprechen, welche die Weisheit an sich sei, insofern alle
wahre Wissenschaft der neueren Zeit immer zu ihr hin, anstatt von ihr
weg, gefhrt habe: so dass zwischen den ltesten Weisen der Menschheit
und allen spteren Harmonie, ja Gleichheit der Einsichten walte und
ein Fortschritt der Erkenntnisse - falls man von einem solchen reden
wolle - sich nicht auf das Wesen, sondern die Mittheilung desselben
beziehe. Diese ganze Auffassung von Religion und Wissenschaft ist
durch und durch irrthmlich; und Niemand wrde jetzt noch zu ihr sich
zu bekennen wagen, wenn nicht Schopenhauer's Beredtsamkeit sie in
Schutz genommen htte: diese laut tnende und doch erst nach einem
Menschenalter ihre Hrer erreichende Beredtsamkeit. So gewiss man aus
Schopenhauer's religis-moralischer Menschen- und Weltdeutung sehr
viel fr das Verstndniss des Christenthums und anderer Religionen
gewinnen kann, so gewiss ist es auch, dass er ber den Werth der
Religion fr die Erkenntniss sich geirrt hat. Er selbst war darin ein
nur zu folgsamer Schler der wissenschaftlichen Lehrer seiner Zeit,
welche allesammt der Romantik huldigten und dem Geiste der Aufklrung
abgeschworen hatten; in unsere jetzige Zeit hineingeboren, wrde er
unmglich vom sensus allegoricus der Religion haben reden knnen; er
wrde vielmehr der Wahrheit die Ehre gegeben haben, wie er es pflegte,
mit den Worten: noch nie hat eine Religion, weder mittelbar, noch
unmittelbar, weder als Dogma, noch als Gleichniss, eine Wahrheit
enthalten. Denn aus der Angst und dem Bedrfniss ist eine jede
geboren, auf Irrgngen der Vernunft hat sie sich in's Dasein
geschlichen; sie hat vielleicht einmal, im Zustande der Gefhrdung
durch die Wissenschaft, irgend eine philosophische Lehre in ihr System
hineingelogen, damit man sie spter darin vorfinde: aber diess ist ein
Theologenkunststck, aus der Zeit, in welcher eine Religion schon an
sich selber zweifelt. Diese Kunststcke der Theologie, welche freilich
im Christenthum, als der Religion eines gelehrten, mit Philosophie
durchtrnkten Zeitalters, sehr frh schon gebt wurden, haben auf
jenen Aberglauben vom sensus allegoricus hingeleitet, noch mehr
aber die Gewohnheit der Philosophen (namentlich er Halbwesen, der
dichterischen Philosophen und der philosophirenden Knstler), alle
die Empfindungen, welche sie in sich vorfanden, als Grundwesen
des Menschen berhaupt zu behandeln und somit auch ihren eigenen
religisen Empfindungen einen bedeutenden Einfluss auf den Gedankenbau
ihrer Systeme zu gestatten. Weil die Philosophen vielfach unter
dem Herkommen religiser Gewohnheiten, oder mindestens unter der
altvererbten Macht jenes "metaphysischen Bedrfnisses" philosophirten,
so gelangten sie zu Lehrmeinungen, welche in der That den jdischen
oder christlichen oder indischen Religionsmeinungen sehr hnlich
sahen, - hnlich nmlich, wie Kinder den Mttern zu sehen pflegen,
nur dass in diesem Falle die Vter sich nicht ber jene Mutterschaft
klar waren, wie diess wohl vorkommt, - sondern in der Unschuld ihrer
Verwunderung von einer Familien-Aehnlichkeit aller Religion und
Wissenschaft fabelten. In der That besteht zwischen der Religion und
der wirklichen Wissenschaft nicht Verwandtschaft, noch Freundschaft,
noch selbst Feindschaft: sie leben auf verschiedenen Sternen. Jede
Philosophie, welche einen religisen Kometenschweif in die Dunkelheit
ihrer letzten Aussichten hinaus erglnzen lsst, macht Alles an sich
verdchtig, was sie als Wissenschaft vortrgt: es ist diess Alles
vermuthlich ebenfalls Religion, wenngleich unter dem Aufputz der
Wissenschaft. - Uebrigens: wenn alle Vlker ber gewisse religise
Dinge, zum Beispiel die Existenz eines Gottes, bereinstimmten (was,
beilufig gesagt, in Betreff dieses Punctes nicht der Fall ist), so
wrde diess doch eben nur ein Gegenargument gegen jene behaupteten
Dinge, zum Beispiel die Existenz eines Gottes sein: der consensus
gentium und berhaupt hominum kann billigerweise nur einer Narrheit
gelten. Dagegen giebt es einen consensus omnium sapientium gar nicht,
in Bezug auf kein einziges Ding, mit jener Ausnahme, von welcher der
Goethe'sche Vers spricht:

    Alle die Weisesten aller der Zeiten
    lcheln und winken und stimmen mit ein:
    Thricht, auf Bess'rung der Thoren zu harren!
    Kinder der Klugheit, o habet die Narren
    eben zum Narren auch, wie sich's gehrt!

Ohne Vers und Reim gesprochen und auf unseren Fall angewendet: der
consensus sapientium besteht darin, dass der consensus gentium einer
Narrheit gilt.


111.

Ursprung des religisen Cultus'. - Versetzen wir uns in die Zeiten
zurck, in welchen das religise Leben am krftigsten aufblhte, so
finden wir eine Grundberzeugung vor, welche wir jetzt nicht mehr
theilen und derentwegen wir ein fr alle Mal die Thore zum religisen
Leben uns verschlossen sehen: sie betrifft die Natur und den Verkehr
mit ihr. Man weiss in jenen Zeiten noch Nichts von Naturgesetzen;
weder fr die Erde noch fr den Himmel giebt es ein Mssen; eine
Jahreszeit, der Sonnenschein, der Regen kann kommen oder auch
ausbleiben. Es fehlt berhaupt jeder Begriff der natrlichen
Causalitt. Wenn man rudert, ist es nicht das Rudern, was das Schiff
bewegt, sondern Rudern ist nur eine magische Ceremonie, durch welche
man einen Dmon zwingt, das Schiff zu bewegen. Alle Erkrankungen,
der Tod selbst ist Resultat magischer Einwirkungen. Es geht bei
Krankwerden und Sterben nie natrlich zu; die ganze Vorstellung vom
"natrlichen Hergang" fehlt, - sie dmmert erst bei den lteren
Griechen, das heisst in einer sehr spten Phase der Menschheit, in der
Conception der ber den Gttern thronenden Moira. Wenn Einer mit dem
Bogen schiesst, so ist immer noch eine irrationelle Hand und Kraft
dabei; versiegen pltzlich die Quellen, so denkt man zuerst an
unterirdische Dmonen und deren Tcken; der Pfeil eines Gottes muss
es sein, unter dessen unsichtbarer Wirkung ein Mensch auf einmal
niedersinkt. In Indien pflegt (nach Lubbock) ein Tischler seinem
Hammer, seinem Beil und den brigen Werkzeugen Opfer darzubringen;
ein Brahmane behandelt den Stift, mit dem er schreibt, ein Soldat die
Waffen, die er im Felde braucht, ein Maurer seine Kelle, ein Arbeiter
seinen Pflug in gleicher Weise. Die ganze Natur ist in der Vorstellung
religiser Menschen eine Summe von Handlungen bewusster und wollender
Wesen, ein ungeheurer Complex von Willkrlichkeiten. Es ist in Bezug
auf Alles, was ausser uns ist, kein Schluss gestattet, dass irgend
Etwas so und so sein werde, so und so kommen msse; das ungefhr
Sichere, Berechenbare sind wir: der Mensch ist die Regel, die Natur
die Regellosigkeit, - dieser Satz enthlt die Grundberzeugung, welche
rohe, religis productive Urculturen beherrscht. Wir jetzigen Menschen
empfinden gerade vllig umgekehrt: je reicher jetzt der Mensch sich
innerlich fhlt, je polyphoner sein Subject ist, um so gewaltiger
wirkt auf ihn das Gleichmaass der Natur; wir Alle erkennen mit Goethe
in der Natur das grosse Mittel der Beschwichtigung fr die moderne
Seele, wir hren den Pendelschlag der grssten Uhr mit einer Sehnsucht
nach Ruhe, nach Heimisch- und Stillewerden an, als ob wir dieses
Gleichmaass in uns hineintrinken und dadurch zum Genuss unser selbst
erst kommen knnten. Ehemals war es umgekehrt: denken wir an rohe,
frhe Zustnde von Vlkern zurck oder sehen wir die jetzigen Wilden
in der Nhe, so finden wir sie auf das strkste durch das Gesetz, das
Herkommen bestimmt: das Individuum ist fast automatisch an dasselbe
gebunden und bewegt sich mit der Gleichfrmigkeit eines Pendels. Ihm
muss die Natur - die unbegriffene, schreckliche, geheimnissvolle
Natur - als das Reich der Freiheit, der Willkr, der hheren Macht
erscheinen, ja gleichsam als eine bermenschliche Stufe des Daseins,
als Gott. Nun aber fhlt jeder Einzelne solcher Zeiten und Zustnde,
wie von jenen Willkrlichkeiten der Natur seine Existenz, sein Glck,
das der Familie, des Staates, das Gelingen aller Unternehmungen
abhngen: einige Naturvorgnge mssen zur rechten Zeit eintreten,
andere zur rechten Zeit ausbleiben. Wie kann man einen Einfluss auf
diese furchtbaren Unbekannten ausben, wie kann man das Reich der
Freiheit binden? so fragt er sich, so forscht er ngstlich: giebt
es denn keine Mittel, jene Mchte ebenso durch ein Herkommen und
Gesetz regelmssig zu machen, wie du selber regelmssig bist? - Das
Nachdenken der magie- und wunderglubigen Menschen geht dahin, der
Natur ein Gesetz auf zulegen -: und kurz gesagt, der religise Cultus
ist das Ergebniss dieses Nachdenkens. Das Problem, welches jene
Menschen sich vorlegen, ist auf das engste verwandt mit diesem: wie
kann der schwchere Stamm dem strkeren doch Gesetze dictiren, ihn
bestimmen, seine Handlungen (im Verhalten zum schwcheren) leiten? Man
wird zuerst sich der harmlosesten Art eines Zwanges erinnern, jenes
Zwanges, den man ausbt, wenn man jemandes Neigung erworben hat.
Durch Flehen und Gebete, durch Unterwerfung, durch die Verpflichtung
zu regelmssigen Abgaben und Geschenken, durch schmeichelhafte
Verherrlichungen ist es also auch mglich, auf die Mchte der Natur
einen Zwang auszuben, insofern man sie sich geneigt macht: Liebe
bindet und wird gebunden. Dann kann man Vertrge schliessen, wobei
man sich zu bestimmtem Verhalten gegenseitig verpflichtet, Pfnder
stellt und Schwre wechselt. Aber viel wichtiger ist eine Gattung
gewaltsameren Zwanges, durch Magie und Zauberei. Wie der Mensch mit
Hlfe des Zauberers einem strkeren Feind doch zu schaden weiss und
ihn vor sich in Angst erhlt, wie der Liebeszauber in die Ferne wirkt,
so glaubt der schwchere Mensch auch die mchtigeren Geister der Natur
bestimmen zu knnen. Das Hauptmittel aller Zauberei ist, dass man
Etwas in Gewalt bekommt, das jemandem zu eigen ist, Haare, Ngel,
etwas Speise von seinem Tisch, ja selbst sein Bild, seinen Namen. Mit
solchem Apparate kann man dann zaubern; denn die Grundvoraussetzung
lautet: zu allem Geistigen gehrt etwas Krperliches; mit dessen Hlfe
vermag man den Geist zu binden, zu Schdigen, zu vernichten; das
Krperliche giebt die Handhabe ab, mit der man das Geistige fassen
kann. So wie nun der Mensch den Menschen bestimmt, so bestimmt er auch
irgend einen Naturgeist; denn dieser hat auch sein Krperliches, an
dem er zu fassen ist. Der Baum und, verglichen mit ihm, der Keim,
aus dem er entstand, - dieses rthselhafte Nebeneinander scheint
zu beweisen, dass in beiden Formen sich ein und der selbe Geist
eingekrpert habe, bald klein, bald gross. Ein Stein, der pltzlich
rollt, ist der Leib, in welchem ein Geist wirkt; liegt auf einsamer
Haide ein Block, erscheint es unmglich, an Menschenkraft zu denken,
die ihn hierher gebracht habe, so muss also der Stein sich selbst
hinbewegt haben, das heisst: er muss einen Geist beherbergen. Alles,
was einen Leib hat, ist der Zauberei zugnglich, also auch die
Naturgeister. Ist ein Gott geradezu an sein Bild gebunden, so kann
man auch ganz directen Zwang (durch Verweigerung der Opfernahrung,
Geisseln, in-Fesseln-Legen und Aehnliches) gegen ihn ausben. Die
geringen Leute in China umwinden, um die fehlende Gunst ihres Gottes
zu ertrotzen, das Bild desselben, der sie in Stich gelassen hat, mit
Stricken, reissen es nieder, schleifen es ber die Strassen durch
Lehm- und Dngerhaufen; "du Hund von einem Geiste, sagen sie, wir
liessen dich in einem prchtigen Tempel wohnen, wir vergoldeten dich
hbsch, wir ftterten dich gut, wir brachten dir Opfer und doch bist
du so undankbar." Aehnliche Gewaltmaassregeln gegen Heiligen- und
Muttergottesbilder, wenn sie etwa bei Pestilenzen oder Regenmangel
ihre Schuldigkeit nicht thun wollten, sind noch whrend dieses
Jahrhunderts in katholischen Lndern vorgekommen. - Durch alle diese
zauberischen Beziehungen zur Natur sind unzhlige Ceremonien in's
Leben gerufen: und endlich, wenn der Wirrwarr derselben zu gross
geworden ist, bemht man sich, sie zu ordnen, zu systematisiren,
so dass man den gnstigen Verlauf des gesammten Ganges der
Natur, namentlich des grossen Jahreskreislaufs, sich durch einen
entsprechenden Verlauf eines Proceduren-Systems zu verbrgen meint.
Der Sinn des religisen Cultus' ist, die Natur zu menschlichem
Vortheil zu bestimmen und zu bannen, also ihr eine Gesetzlichkeit
einzuprgen, die sie von vornherein nicht hat; whrend in der jetzigen
Zeit man die Gesetzlichkeit der Natur erkennen will, um sich in sie zu
schicken. Kurz, der religise Cultus ruht auf den Vorstellungen der
Zauberei zwischen Mensch und Mensch; und der Zauberer ist lter,
als der Priester. Aber ebenso ruht er auf anderen und edleren
Vorstellungen; er setzt das sympathische Verhltniss von Mensch zu
Mensch, das Dasein von Wohlwollen, Dankbarkeit, Erhrung Bittender,
von Vertrgen zwischen Feinden, von Verleihung der Unterpfnder, von
Anspruch auf Schutz des Eigenthums voraus. Der Mensch steht auch in
sehr niederen Culturstufen nicht der Natur als ohnmchtiger Sclave
gegenber, er ist nicht nothwendig der willenlose Knecht derselben:
auf der griechischen Stufe der Religion, besonders im Verhalten zu den
olympischen Gttern, ist sogar an ein Zusammenleben von zwei Kasten,
einer vornehmeren, mchtigeren und einer weniger vornehmen zu denken;
aber beide gehren, ihrer Herkunft nach, irgendwie zusammen und sind
Einer Art, sie brauchen sich vor einander nicht zu schmen. Das ist
das Vornehme in der griechischen Religiositt.


112.

Beim Anblick gewisser antiker Opfergerthschaften. - Wie manche
Empfindungen uns verloren gehen, ist zum Beispiel an der Vereinigung
des Possenhaften, selbst des Obscnen, mit dem religisen Gefhl zu
sehen: die Empfindung fr die Mglichkeit dieser Mischung schwindet,
wir begreifen es nur noch historisch, dass sie existirte, bei den
Demeter- und Dionysosfesten, bei den christlichen Osterspielen und
Mysterien: aber auch wir kennen noch das Erhabene im Bunde mit
dem Burlesken und dergleichen, das Rhrende mit dem Lcherlichen
verschmolzen: was vielleicht eine sptere Zeit auch nicht mehr
verstehen wird.


113.

Christenthum als Alterthum. - Wenn wir eines Sonntag Morgens die alten
Glocken brummen hren, da fragen wir uns: ist es nur mglich! diess
gilt einem vor zwei Jahrtausenden gekreuzigten Juden, welcher sagte,
er sei Gottes Sohn. Der Beweis fr eine solche Behauptung fehlt. -
Sicherlich ist innerhalb unserer Zeiten die christliche Religion
ein aus ferner Vorzeit hereinragendes Alterthum, und dass man jene
Behauptung glaubt, - whrend man sonst so streng in der Prfung von
Ansprchen ist -, ist vielleicht das lteste Stck dieses Erbes. Ein
Gott, der mit einem sterblichen Weibe Kinder erzeugt; ein Weiser, der
auffordert, nicht mehr zu arbeiten, nicht mehr Gericht zu halten, aber
auf die Zeichen des bevorstehenden Weltunterganges zu achten; eine
Gerechtigkeit, die den Unschuldigen als stellvertretendes Opfer
annimmt; jemand, der seine jnger sein Blut trinken heisst; Gebete
um Wundereingriffe; Snden an einem Gott verbt, durch einen Gott
gebsst; Furcht vor einem jenseits, zu welchem der Tod die Pforte ist;
die Gestalt des Kreuzes als Symbol inmitten einer Zeit, welche die
Bestimmung und die Schmach des Kreuzes nicht mehr kennt, - wie
schauerlich weht uns diess Alles, wie aus dem Grabe uralter
Vergangenheit, an! Sollte man glauben, dass so Etwas noch geglaubt
wird?


114.

Das Ungriechische im Christenthum. - Die Griechen sahen ber sich die
homerischen Gtter nicht als Herren und sich unter ihnen nicht als
Knechte, wie die Juden. Sie sahen gleichsam nur das Spiegelbild der
gelungensten Exemplare ihrer eigenen Kaste, also ein Ideal, keinen
Gegensatz des eigenen Wesens. Man fhlt sich mit einander verwandt, es
besteht ein gegenseitiges Interesse, eine Art Symmachie. Der Mensch
denkt vornehm von sich, wenn er sich solche Gtter giebt, und stellt
sich in ein Verhltniss, wie das des niedrigeren Adels zum hheren
ist; whrend die italischen Vlker eine rechte Bauern-Religion haben,
mit fortwhrender Aengstlichkeit gegen bse und launische Machtinhaber
und Qulgeister. Wo die olympischen Gtter zurcktraten, da war auch
das griechische Leben dsterer und ngstlicher. - Das Christenthum
dagegen zerdrckte und zerbrach den Menschen vollstndig und versenkte
ihn wie in tiefen Schlamm: in das Gefhl vlliger Verworfenheit
liess es dann mit Einem Male den Glanz eines gttlichen Erbarmens
hineinleuchten, so dass der Ueberraschte, durch Gnade Betubte, einen
Schrei des Entzckens ausstiess und fr einen Augenblick den ganzen
Himmel in sich zu tragen glaubte. Auf diesen krankhaften Excess des
Gefhls, auf die dazu nthige tiefe Kopf- und Herz-Corruption wirken
alle psychologischen Erfindungen des Christenthums hin: es will
vernichten, zerbrechen, betuben, berauschen, es will nur Eins nicht:
das Maass, und desshalb ist es im tiefsten Verstande barbarisch,
asiatisch, unvornehm, ungriechisch.


115.

Mit Vortheil religis sein. - Es giebt nchterne und gewerbstchtige
Leute, denen die Religion wie ein Saum hheren Menschenthums
angestickt ist: diese thun sehr wohl, religis zu bleiben, es
verschnert sie. - Alle Menschen, welche sich nicht auf irgend ein
Waffenhandwerk verstehen - Mund und Feder als Waffen eingerechnet -
werden servil: fr solche ist die christliche Religion sehr ntzlich,
denn die Servilitt nimmt darin den Anschein einer christlichen Tugend
an und wird erstaunlich verschnert. - Leute, welchen ihr tgliches
Leben zu leer und eintnig vorkommt, werden leicht religis: diess ist
begreiflich und verzeihlich, nur haben sie kein Recht, Religiositt
von Denen zu fordern, denen das tgliche Leben nicht leer und eintnig
verfliesst.


116.

Der Alltags-Christ. - Wenn das Christenthum mit seinen Stzen vom
rchenden Gotte, der allgemeinen Sndhaftigkeit, der Gnadenwahl und
der Gefahr einer ewigen Verdammniss, Recht htte, so wre es ein
Zeichen von Schwachsinn und Charakterlosigkeit, nicht Priester,
Apostel oder Einsiedler zu werden und mit Furcht und Zittern einzig am
eigenen Heile zu arbeiten; es wre unsinnig, den ewigen Vortheil gegen
die zeitliche Bequemlichkeit so aus dem Auge zu lassen. Vorausgesetzt,
dass berhaupt geglaubt wird, so ist der Alltags-Christ eine
erbrmliche Figur, ein Mensch, der wirklich nicht bis drei
zhlen kann, und der brigens, gerade wegen seiner geistigen
Unzurechnungsfhigkeit, es nicht verdiente, so hart bestraft zu
werden, als das Christenthum ihm verheisst.


117.

Von der Klugheit des Christenthums. - Es ist ein Kunstgriff des
Christenthums, die vllige Unwrdigkeit, Sndhaftigkeit und
Verchtlichkeit des Menschen berhaupt so laut zu lehren, dass die
Verachtung der Mitmenschen dabei nicht mehr mglich ist. "Er mag
sndigen, wie er wolle, er unterscheidet sich doch nicht wesentlich
von mir: ich bin es, der in jedem Grade unwrdig und verchtlich
ist," so sagt sich der Christ. Aber auch dieses Gefhl hat seinen
spitzigsten Stachel verloren, weil der Christ nicht an seine
individuelle Verchtlichkeit glaubt: er ist bse als Mensch berhaupt
und beruhigt sich ein Wenig bei dem Satze: Wir Alle sind Einer Art.


118.

Personenwechsel. - Sobald eine Religion herrscht, hat sie alle Die zu
ihren Gegnern, welche ihre ersten jnger gewesen wren.


119.

Schicksal des Christenthums. - Das Christenthum entstand, um das Herz
zu erleichtern; aber jetzt msste es das Herz erst beschweren, um es
nachher erleichtern zu knnen. Folglich wird es zu Grunde gehen.


120.

Der Beweis der Lust. - Die angenehme Meinung wird als wahr angenommen:
diess ist der Beweis der Lust (oder, wie die Kirche sagt, der Beweis
der Kraft), auf welchen alle Religionen so stolz sind, whrend sie
sich dessen doch schmen sollten. Wenn der Glaube nicht selig machte,
so wrde er nicht geglaubt werden: wie wenig wird er also werth sein!


121.

Gefhrliches Spiel. - Wer jetzt der religisen Empfindung wieder in
sich Raum giebt, der muss sie dann auch wachsen lassen, er kann nicht
anders. Da verndert sich allmhlich sein Wesen, es bevorzugt das dem
religisen Element Anhngende, Benachbarte, der ganze Umkreis des
Urtheilens und Empfindens wird umwlkt, mit religisen Schatten
berflogen. Die Empfindung kann nicht still stehen; man nehme sich
also in Acht.


122.

Die blinden Schler. - So lange Einer sehr gut die Strke und,
Schwche seiner Lehre, seiner Kunstart, seiner Religion kennt, ist
deren Kraft noch gering. Der Schler und Apostel, welcher fr die
Schwche der Lehre, der Religion und so weiter, kein Auge hat,
geblendet durch das Ansehen des Meisters und durch seine Piett gegen
ihn, hat desshalb gewhnlich mehr Macht, als der Meister. Ohne die
blinden Schler ist noch nie der Einfluss eines Mannes und seines
Werkes gross geworden. Einer Erkenntniss zum Siege verhelfen heisst
oft nur: sie so mit der Dummheit verschwistern, dass das Schwergewicht
der letzteren auch den Sieg fr die erstere erzwingt.


123.

Abbruch der Kirchen. - Es ist nicht genug an Religion in der Welt, um
die Religionen auch nur zu vernichten.


124.

Sndlosigkeit des Menschen. - Hat man begriffen, "wie die Snde in
die Welt gekommen" ist, nmlich durch Irrthmer der Vernunft, vermge
deren die Menschen unter einander, ja der einzelne Mensch sich selbst
fr viel schwrzer und bser nimmt, als es thatschlich der Fall ist,
so wird die ganze Empfindung sehr erleichtert, und Menschen und Welt
erscheinen mitunter in einer Glorie von Harmlosigkeit, dass es Einem
von Grund aus wohl dabei wird. Der Mensch ist inmitten der Natur
immer das Kind an sich. Diess Kind trumt wohl einmal einen schweren
bengstigenden Traum, wenn es aber die Augen aufschlgt, so sieht es
sich immer wieder im Paradiese.


125.

Irreligiositt der Knstler. - Homer ist unter seinen Gttern so zu
Hause: und hat als Dichter ein solches Behagen an ihnen, dass er
jedenfalls tief unreligis gewesen sein muss; mit dem, was der
Volksglaube ihm entgegenbrachte - einen drftigen, rohen, zum Theil
schauerlichen Aberglauben - verkehrte er so frei, wie der Bildhauer
mit seinem Thon, also mit der selben Unbefangenheit, welche Aeschylus
und Aristophanes besassen und durch welche sich in neuerer Zeit
die grossen Knstler der Renaissance, sowie Shakespeare und Goethe
auszeichneten.


126.

Kunst und Kraft der falschen Interpretation. - Alle die Visionen,
Schrecken, Ermattungen, Entzckungen des Heiligen sind bekannte
Krankheits-Zustnde, welche von ihm, auf Grund eingewurzelter
religiser und psychologischer Irrthmer, nur ganz anders, nmlich
nicht als Krankheiten, gedeutet werden. - So ist vielleicht auch das
Dmonion des Sokrates ein Ohrenleiden, das er sich, gemss seiner
herrschenden moralischen Denkungsart, nur anders, als es jetzt
geschehen wrde, auslegt. Nicht anders steht es mit dem Wahnsinn und
Wahnreden der Propheten und Orakelpriester; es ist immer der Grad
von Wissen, Phantasie, Bestrebung, Moralitt in Kopf und Herz der
Interpreten, welcher daraus so viel gemacht hat. Zu den grssten
Wirkungen der Menschen, welche man Genie's und Heilige nennt, gehrt
es, dass sie sich Interpreten erzwingen, welche sie zum Heile der
Menschheit missverstehen.


127.

Verehrung des Wahnsinns. - Weil man bemerkte, dass eine Erregung
hufig den Kopf heller machte und glckliche Einflle hervorrief, so
meinte man, durch die hchsten Erregungen werde man der glcklichsten
Einflle und Eingebungen theilhaftig: und so verehrte man den
Wahnsinnigen als den Weisen und Orakelgebenden. Hier liegt ein
falscher Schluss zu Grunde.


128.

Verheissungen der Wissenschaft. - Die moderne Wissenschaft hat als
Ziel: so wenig Schmerz wie mglich, so lange leben wie mglich, -
also eine Art von ewiger Seligkeit, freilich eine sehr bescheidene im
Vergleich mit den Verheissungen der Religionen.


129.

Verbotene Freigebigkeit. - Es ist nicht genug Liebe und Gte in der
Welt, um noch davon an eingebildete Wesen wegschenken zu drfen.


130.

Fortleben des religisen Cultus' im Gemth. - Die katholische Kirche,
und vor ihr aller antike Cultus, beherrschte das ganze Bereich von
Mitteln, durch welche der Mensch in ungewhnliche Stimmungen versetzt
wird und der kalten Berechnung des Vortheils oder dem reinen
Vernunft-Denken entrissen wird. Eine durch tiefe Tne erzitternde
Kirche, dumpfe, regelmssige, zurckhaltende Anrufe einer
priesterlichen Schaar, welche ihre Spannung unwillkrlich auf die
Gemeinde bertrgt und sie fast angstvoll lauschen lsst, wie als wenn
eben ein Wunder sich vorbereitete, der Anhauch der Architektur, welche
als Wohnung einer Gottheit sich in's Unbestimmte ausreckt und in allen
dunklen Rumen das Sich-Regen derselben frchten lsst, - wer wollte
solche Vorgnge den Menschen zurckbringen, wenn die Voraussetzungen
dazu nicht mehr geglaubt werden? Aber die Resultate von dem Allen sind
trotzdem nicht verloren: die innere Welt der erhabenen, gerhrten,
ahnungsvollen, tiefzerknirschten, hoffnungsseligen Stimmungen ist den
Menschen vornehmlich durch den Cultus eingeboren worden; was jetzt
davon in der Seele existirt, wurde damals, als er keimte, wuchs und
blhte, gross gezchtet.


131.

Religise Nachwehen. - Glaubt man sich noch so sehr der Religion
entwhnt zu haben, so ist es doch nicht in dem Grade geschehen, dass
man nicht Freude htte, religisen Empfindungen und Stimmungen ohne
begrifflichen Inhalt zu begegnen, zum Beispiel in der Musik; und wenn
eine Philosophie uns die Berechtigung von metaphysischen Hoffnungen,
von dem dorther zu erlangenden tiefen Frieden der Seele aufzeigt und
zum Beispiel von "dem ganzen sichern Evangelium im Blick der Madonnen
bei Rafael" spricht, so kommen wir solchen Aussprchen und Darlegungen
mit besonders herzlicher Stimmung entgegen: der Philosoph hat es hier
leichter, zu beweisen, er entspricht mit dem, was er geben will, einem
Herzen, welches gern nehmen will. Daran bemerkt man, wie die weniger
bedachtsamen Freigeister eigentlich nur an den Dogmen Anstoss nehmen,
aber recht wohl den Zauber der religisen Empfindung kennen; es thut
ihnen wehe, letztere fahren zu lassen, um der ersteren willen. -
Die wissenschaftliche Philosophie muss sehr auf der Hut sein, nicht
auf Grund jenes Bedrfnisses - eines gewordenen und folglich auch
vergnglichen Bedrfnisses - Irrthmer einzuschmuggeln: selbst Logiker
sprechen von "Ahnungen" der Wahrheit in Moral und Kunst (zum Beispiel
von der Ahnung, "dass das Wesen der Dinge Eins ist"): was ihnen doch
verboten sein sollte. Zwischen den sorgsam erschlossenen Wahrheiten
und solchen" geahnten" Dingen bleibt unberbrckbar die Kluft, dass
jene dem Intellect, diese dem Bedrfniss verdankt werden. Der Hunger
beweist nicht, dass es zu seiner Sttigung eine Speise giebt, aber er
wnscht die Speise. "Ahnen" bedeutet nicht das Dasein einer Sache in
irgend einem Grade erkennen, sondern dasselbe fr mglich halten,
insofern man sie wnscht oder frchtet; die "Ahnung" trgt keinen
Schritt weit in's Land der Gewissheit. - Man glaubt unwillkrlich, die
religis gefrbten Abschnitte einer Philosophie seien besser bewiesen,
als die anderen; aber es ist im Grunde umgekehrt, man hat nur den
inneren Wunsch, dass es so sein mge, - also dass das Beseligende auch
das Wahre sei. Dieser Wunsch verleitet uns, schlechte Grnde als gute
einzukaufen.


132.

Von dem christlichen Erlsungsbedrfniss. - Bei sorgsamer Ueberlegung
muss es mglich sein, dem Vorgange in der Seele eines Christen,
welchen man Erlsungsbedrfniss nennt, eine Erklrung abzugewinnen,
die frei von Mythologie ist: also eine rein psychologische. Bis jetzt
sind freilich die psychologischen Erklrungen religiser Zustnde und
Vorgnge in einigem Verrufe gewesen, insoweit eine sich frei nennende
Theologie auf diesem Gebiete ihr unerspriessliches Wesen trieb: denn
bei ihr war es von vornherein, sowie es der Geist ihres Stifters,
Schleiermacher's, vermuthen lsst, auf die Erhaltung der christlichen
Religion und das Fortbestehen der christlichen Theologen abgesehen;
als welche in der psychologischen Analysis der religisen "Thatsachen"
einen neuen Ankergrund und vor Allem eine neue Beschftigung gewinnen
sollten. Unbeirrt von solchen Vorgngern, wagen wir folgende Auslegung
des bezeichneten Phnomens. Der Mensch ist sich gewisser Handlungen
bewusst, welche in der gebruchlichen Rangordnung der Handlungen tief
stehen, ja er entdeckt in sich einen Hang zu dergleichen Handlungen,
der ihm fast so unvernderlich wie sein ganzes Wesen erscheint. Wie
gerne versuchte er sich in jener anderen Gattung von Handlungen,
welche in der allgemeinen Schtzung als die obersten und hchsten
anerkannt sind, wie gerne fhlte er sich voll des guten Bewusstseins,
welches einer selbstlosen Denkweise folgen soll! Leider aber bleibt es
eben bei diesem Wunsche: die Unzufriedenheit darber, demselben nicht
gengen zu knnen, kommt zu allen brigen Arten von Unzufriedenheit
hinzu, welche sein Lebensloos berhaupt oder die Folgen jener
bse genannten Handlungen in ihm erregt haben; so dass eine tiefe
Verstimmung entsteht, mit dem Ausblicke nach einem Arzte, der diese,
und alle ihre Ursachen, zu heben vermchte. - Dieser Zustand wrde
nicht so bitter empfunden werden, wenn der Mensch sich nur mit anderen
Menschen unbefangen vergliche: dann nmlich htte er keinen Grund, mit
sich in einem besonderen Maasse unzufrieden zu sein, er trge eben
nur an der allgemeinen Last der menschlichen Unbefriedigung und
Unvollkommenheit. Aber er vergleicht sich mit einem Wesen, welches
allein jener Handlungen fhig ist, die unegoistisch genannt werden,
und im fortwhrenden Bewusstsein einer selbstlosen Denkweise lebt,
mit Gott; dadurch, dass er in diesen hellen Spiegel schaut, erscheint
ihm sein Wesen so trbe, so ungewhnlich verzerrt. Sodann ngstigt
ihn der Gedanke an das selbe Wesen, insofern dieses als strafende
Gerechtigkeit vor seiner Phantasie schwebt: in allen mglichen kleinen
und grossen Erlebnissen glaubt er seinen Zorn, seine Drohung zu
erkennen, ja die Geisselschlge seines Richter- und Henkerthums schon
vorzuempfinden. Wer hilft ihm in dieser Gefahr, welche durch den
Hinblick auf eine unermessliche Zeitdauer der Strafe an Grsslichkeit
alle anderen Schrecknisse der Vorstellung berbietet?


133.

Bevor wir diesen Zustand in seinen weiteren Folgen uns vorlegen,
wollen wir es doch uns eingestehen, dass der Mensch in diesen Zustand
nicht durch seine "Schuld" und "Snde", sondern durch eine Reihe von
Irrthmern der Vernunft gerathen ist, dass es der Fehler des Spiegels
war, wenn ihm sein Wesen in jenem Grade dunkel und hassenswerth
vorkam, und dass jener Spiegel sein Werk, das sehr unvollkommene Werk
der menschlichen Phantasie und Urtheilskraft war. Erstens ist ein
Wesen, welches einzig rein unegoistischer Handlungen fhig wre,
noch fabelhafter als der Vogel Phnix; es ist deutlich nicht einmal
vorzustellen, schon desshalb, weil der ganze Begriff "unegoistische
Handlung" bei strenger Untersuchung in die Luft verstiebt. Nie hat ein
Mensch Etwas gethan, das allein fr Andere und ohne jeden persnlichen
Beweggrund gethan wre; ja wie sollte er Etwas thun knnen, das ohne
Bezug zu ihm wre, also ohne innere Nthigung (welche ihren Grund doch
in einem persnlichen Bedrfniss haben msste)? Wie vermchte das
ego ohne ego zu handeln? - Ein Gott, der dagegen ganz Liebe ist, wie
gelegentlich angenommen wird, wre keiner einzigen unegoistischen
Handlung fhig: wobei man sich an einen Gedanken Lichtenberg's, der
freilich einer niedrigeren Sphre entnommen ist, erinnern sollte:
"Wir knnen unmglich fr Andere fhlen, wie man zu sagen pflegt; wir
fhlen nur fr uns. Der Satz klingt hart, er ist es aber nicht, wenn
er nur recht verstanden wird. Man liebt weder Vater, noch Mutter, noch
Frau, noch Kind, sondern die angenehmen Empfindungen, die sie uns
machen", oder wie La Rochefoucauld sagt: "si on croit aimer sa
matresse pour l'amour d'elle, on est bien trompe'." Wesshalb
Handlungen der Liebe hher geschtzt werden, als andere, nmlich nicht
ihres Wesens, sondern ihrer Ntzlichkeit halber, darber vergleiche
man die schon vorher erwhnten Untersuchungen "ber den Ursprung der
moralischen Empfindungen". Sollte aber ein Mensch wnschen, ganz wie
jener Gott, Liebe zu sein, Alles fr Andere, Nichts fr sich zu thun,
zu wollen, so ist letzteres schon desshalb unmglich, weil er sehr
viel fr sich thun muss, um berhaupt Anderen Etwas zu Liebe thun zu
knnen. Sodann setzt es voraus, dass der Andere Egoist genug ist, um
jene Opfer, jenes Leben fr ihn, immer und immer wieder anzunehmen:
so dass die Menschen der Liebe und Aufopferung ein Interesse an dem
Fortbestehen der liebelosen und aufopferungsunfhigen Egoisten haben,
und die hchste Moralitt, um bestehen zu knnen, frmlich die
Existenz der Unmoralitt erzwingen msste (wodurch sie sich freilich
selber aufheben wrde). - Weiter. die Vorstellung eines Gottes
beunruhigt und demthigt so lange, als sie geglaubt wird, aber
wie sie entstanden ist, darber kann bei dem jetzigen Stande der
vlkervergleichenden Wissenschaft kein Zweifel mehr sein; und mit der
Einsicht in jene Entstehung fllt jener Glaube dahin. Es geht dem
Christen, welcher sein Wesen mit dem Gotte vergleicht, so, wie dem
Don Quixote, der seine eigne Tapferkeit unterschtzt, weil er die
Wunderthaten der Helden aus den Ritterromanen im Kopfe hat; der
Maassstab, mit welchem in beiden Fllen gemessen wird, gehrt in's
Reich der Fabel. Fllt aber die Vorstellung des Gottes weg, so
auch das Gefhl der "Snde" als eines Vergehens gegen gttliche
Vorschriften, als eines Fleckens an einem gottgeweihten Geschpfe.
Dann bleibt wahrscheinlich noch jener Unmuth brig, welcher mit
der Furcht vor Strafen der weltlichen Gerechtigkeit, oder vor der
Missachtung der Menschen, sehr verwachsen und verwandt ist; der Unmuth
der Gewissensbisse, der schrfste Stachel im Gefhl der Schuld, ist
immerhin abgebrochen, wenn man einsieht, dass man sich durch seine
Handlungen wohl gegen menschliches Herkommen, menschliche Satzungen
und Ordnungen vergangen habe, aber damit noch nicht das "ewige Heil
der Seele" und ihre Beziehung zur Gottheit gefhrdet habe. Gelingt es
dem Menschen zuletzt noch, die philosophische Ueberzeugung von der
unbedingten Nothwendigkeit aller Handlungen und ihrer vlligen
Unverantwortlichkeit zu gewinnen und in Fleisch und Blut aufzunehmen,
so verschwindet auch jener Rest von Gewissensbissen.


134.

Ist nun der Christ, wie gesagt, durch einige Irrthmer in das
Gefhl der Selbstverachtung gerathen, also durch eine falsche
unwissenschaftliche Auslegung seiner Handlungen und Empfindungen,
so muss er mit hchstem Erstaunen bemerken, wie jener Zustand der
Verachtung, der Gewissensbisse, der Unlust berhaupt, nicht anhlt,
wie gelegentlich Stunden kommen, wo ihm dies Alles von der Seele
weggeweht ist und er sich wieder frei und muthig fhlt. In Wahrheit
hat die Lust an sich selber das Wohlbehagen an der eigenen Kraft, im
Bunde mit der nothwendigen Abschwchung jeder tiefen Erregung, den
Sieg davongetragen; der Mensch liebt sich wieder, er fhlt es, - aber
gerade diese Liebe, diese neue Selbstschtzung, kommt ihm unglaublich
vor, er kann in ihr allein das gnzlich unverdiente Herabstrmen eines
Gnadenglanzes von Oben sehen. Wenn er frher in allen Begebnissen
Warnungen, Drohungen, Strafen und jede Art von Anzeichen des
gttlichen Zornes zu erblicken glaubte, so deutet er jetzt in seine
Erfahrungen die gttliche Gte hinein: diess Ereigniss kommt ihm
liebevoll, jenes wie ein hlfreicher Fingerzeig, ein drittes und
namentlich seine ganze freudige Stimmung als Beweis vor, dass Gott
gndig sei. Wie er frher im Zustande des Unmuthes namentlich seine
Handlungen falsch ausdeutete, so jetzt namentlich seine Erlebnisse;
die getrstete Stimmung fasst er als Wirkung einer ausser ihm
waltenden Macht auf, die Liebe, mit der er sich im Grunde selbst
liebt, erscheint als gttliche Liebe; Das, was er Gnade und Vorspiel
der Erlsung nennt, ist in Wahrheit Selbstbegnadigung, Selbsterlsung.


135.

Also: eine bestimmte falsche Psychologie, eine gewisse Art von
Phantastik in der Ausdeutung der Motive und Erlebnisse ist die
nothwendige Voraussetzung davon, dass Einer zum Christen werde und das
Bedrfniss der Erlsung empfinde. Mit der Einsicht in diese Verirrung
der Vernunft und Phantasie hrt man auf, Christ zu sein.


136.

Von der christlichen Askese und Heiligkeit. - So sehr einzelne Denker
sich bemht haben, in den seltenen Erscheinungen der Moralitt,
welche man Askese und Heiligkeit zu nennen pflegt, ein Wunderding
hinzustellen, dem die Leuchte einer vernnftigen Erklrung in's
Gesicht zu halten, beinahe schon Frevel und Entweihung sei: so stark
ist hinwiederum die Verfhrung zu diesem Frevel. Ein mchtiger Antrieb
der Natur hat zu allen Zeiten dazu gefhrt, gegen jene Erscheinungen
berhaupt zu protestiren; die Wissenschaft, insofern sie, wie frher
gesagt, eine Nachahmung der Natur ist, erlaubt sich wenigstens gegen
die behauptete Unerklrbarkeit, ja Unnahbarkeit derselben Einsprache
zu erheben. Freilich gelang es ihr bis jetzt nicht: jene Erscheinungen
sind immer noch unerklrt, zum grossen Vergngen der erwhnten
Verehrer des moralisch-Wunderbaren. Denn, allgemein gesprochen: das
Unerklrte soll durchaus unerklrlich, das Unerklrliche durchaus
unnatrlich, bernatrlich, wunderhaft sein, - so lautet die Forderung
in den Seelen aller Religisen und Metaphysiker (auch der Knstler,
falls sie zugleich Denker sind); whrend der wissenschaftliche Mensch
in dieser Forderung das "bse Princip" sieht. - Die allgemeine erste
Wahrscheinlichkeit, auf welche man bei Betrachtung der Askese und
Heiligkeit zuerst gerth, ist diese, dass ihre Natur eine complicirte
ist: denn fast berall, innerhalb der physischen Welt sowohl wie in
der moralischen, hat man mit Glck das angeblich Wunderbare auf das
Complicirte und mehrfach Bedingte zurckgefhrt. Wagen wir es also,
einzelne Antriebe in der Seele der Heiligen und Asketen zunchst zu
isoliren und zum Schluss sie in einander uns verwachsen zu denken.


137.

Es giebt einen Trotz gegen sich selbst, zu dessen sublimirtesten
Aeusserungen manche Formen der Askese gehren. Gewisse Menschen
haben nmlich ein so hohes Bedrfniss, ihre Gewalt und Herrschsucht
auszuben, dass sie, in Ermangelung anderer Objecte, oder, weil es
ihnen sonst immer misslungen ist, endlich darauf verfallen, gewisse
Theile ihres eigenen Wesens, gleichsam Ausschnitte oder Stufen ihrer
selbst, zu tyrannisiren. So bekennt sich mancher Denker zu Ansichten,
welche ersichtlich nicht dazu dienen, seinen Ruf zu vermehren oder zu
verbessern; mancher beschwrt frmlich die Missachtung Anderer auf
sich herab, whrend er es leicht htte, durch Stillschweigen ein
geachteter Mann zu bleiben; andere widerrufen frhere Meinungen
und scheuen es nicht, frderhin inconsequent genannt zu werden: im
Gegentheil, sie bemhen sich darum und benehmen sich wie bermthige
Reiter, welche das Pferd, erst wenn es wild geworden, mit Schweiss
bedeckt, scheu gemacht ist, am liebsten mgen. So steigt der Mensch
auf gefhrlichen Wegen in die hchsten Gebirge, um ber seine
Aengstlichkeit und seine schlotternden Kniee Hohn zu lachen; so
bekennt sich der Philosoph zu Ansichten der Askese, Demuth und
Heiligkeit, in deren Glanze sein eigenes Bild auf das rgste
verhsslicht wird. Dieses Zerbrechen seiner selbst, dieser Spott ber
die eigene Natur, dieses spernere se sperni, aus dem die Religionen so
viel gemacht haben, ist eigentlich ein sehr hoher Grad der Eitelkeit.
Die ganze Moral der Bergpredigt gehrt hierher: der Mensch hat
eine wahre Wollust darin, sich durch bertriebene Ansprche zu
vergewaltigen und dieses tyrannisch fordernde Etwas in seiner Seele
nachher zu vergttern. In jeder asketischen Moral betet der Mensch
einen Theil von sich als Gott an und hat dazu nthig, den brigen
Theil zu diabolisiren. -


138.

Der Mensch ist nicht zu allen Stunden gleich moralisch, diess ist
bekannt: beurtheilt man seine Moralitt nach der Fhigkeit zu grosser
aufopfernder Entschliessung und Selbstverleugnung (welche, dauernd
und zur Gewohnheit geworden, Heiligkeit ist), so ist er im Affect am
moralischsten; die hhere Erregung reicht ihm ganz neue Motive dar,
welcher er, nchtern und kalt wie sonst, vielleicht nicht einmal fhig
zu sein glaubte. Wie kommt diess? Wahrscheinlich aus der Nachbarschaft
alles Grossen und hoch Erregenden; ist der Mensch einmal in eine
ausserordentliche Spannung gebracht, so kann er ebensowohl zu
einer furchtbaren Rache, als zu einer furchtbaren Brechung seines
Rachebedrfnisses sich entschliessen. Er will, unter dem Einflusse der
gewaltigen Emotion, jedenfalls das Grosse, Gewaltige, Ungeheure, und
wenn er zufllig merkt, dass ihm die Aufopferung seiner selbst ebenso
oder noch mehr genugthut, als die Opferung des Anderen, so whlt er
sie. Eigentlich liegt ihm also nur an der Entladung seiner Emotion;
da fasst er wohl, um seine Spannung zu erleichtern, die Speere
der Feinde zusammen und begrbt sie in seine Brust. Dass in der
Selbstverleugnung, und nicht nur in der Rache, etwas Grosses liege,
musste der Menschheit erst in langer Gewhnung anerzogen werden;
eine Gottheit, welche sich selbst opfert, war das strkste und
wirkungsvollste Symbol dieser Art von Grsse. Als die Besiegung des
schwerst zu besiegenden Feindes, die pltzliche Bemeisterung eines
Affectes, - als Diess erscheint diese Verleugnung; und insofern gilt
sie als der Gipfel des Moralischen. In Wahrheit handelt es sich bei
ihr um die Vertauschung der einen Vorstellung mit der andern, whrend
das Gemth seine gleiche Hhe, seinen gleichen Fluthstand, behlt.
Ernchterte, vom Affect ausruhende Menschen verstehen die Moralitt
jener Augenblicke nicht mehr, aber die Bewunderung Aller, die jene
miterlebten, hlt sie aufrecht; der Stolz ist ihr Trost, wenn der
Affect und das Verstndniss ihrer That weicht. Also: im Grunde sind
auch jene Handlungen der Selbstverleugnung nicht moralisch, insofern
sie nicht streng in Hinsicht auf Andere gethan sind; vielmehr giebt
der Andere dem hochgespannten Gemthe nur eine Gelegenheit, sich zu
erleichtern, durch jene Verleugnung.


139.

In mancher Hinsicht sucht sich auch der Asket das Leben leicht zu
machen, und zwar gewhnlich durch die vollkommene Unterordnung unter
einen fremden Willen oder unter ein umfngliches Gesetz und Ritual;
etwa in der Art, wie der Brahmane durchaus Nichts seiner eigenen
Bestimmung berlsst und sich in jeder Minute durch eine heilige
Vorschrift bestimmt. Diese Unterordnung ist ein mchtiges Mittel, um
ber sich Herr zu werden; man ist beschftigt, also ohne Langeweile,
und hat doch keine Anregung des Eigenwillens und der Leidenschaft
dabei; nach vollbrachter That fehlt das Gefhl der Verantwortung und
damit die Qual der Reue. Man hat ein fr alle Mal auf eigenen Willen
verzichtet, und diess ist leichter, als nur gelegentlich einmal
zu verzichten; sowie es auch leichter ist, einer Begierde ganz zu
entsagen, als in ihr Maass zu halten. Wenn wir uns der jetzigen
Stellung des Mannes zum Staate erinnern, so finden wir auch da, dass
der unbedingte Gehorsam bequemer ist, als der bedingte. Der Heilige
also erleichtert sich durch jenes vllige Aufgeben der Persnlichkeit
sein Leben, und man tuscht sich, wenn man in jenem Phnomen das
hchste Heldenstck der Moralitt bewundert. Es ist in jedem Falle
schwerer, seine Persnlichkeit ohne Schwanken und Unklarheit
durchzusetzen, als sich von ihr in der erwhnten Weise zu lsen;
berdiess verlangt es viel mehr Geist und Nachdenken.


140.

Nachdem ich, in vielen der schwerer erklrbaren Handlungen,
Aeusserungen jener Lust an der Emotion an sich gefunden habe, mchte
ich auch in Betreff der Selbstverachtung, welche zu den Merkmalen der
Heiligkeit gehrt, und ebenso in den Handlungen der Selbstqulerei
(durch Hunger und Geisselschlge, Verrenkungen der Glieder,
Erheuchelung des Wahnsinns) ein Mittel erkennen, durch welches jene
Naturen gegen die allgemeine Ermdung ihres Lebenswillens (ihrer
Nerven) ankmpfen: sie bedienen sich der schmerzhaftesten Reizmittel
und Grausamkeiten, um fr Zeiten wenigstens aus jener Dumpfheit und
Langenweile aufzutauchen, in welche ihre grosse geistige Indolenz
und jene geschilderte Unterordnung unter einen fremden Willen sie so
hufig verfallen lsst.


141.

Das gewhnlichste Mittel, welches der Asket und Heilige anwendet,
um sich das Leben doch noch ertrglich und unterhaltend zu machen,
besteht in gelegentlichem Kriegfhren und in dem Wechsel von Sieg
und Niederlage. Dazu braucht er einen Gegner und findet ihn in dem
sogenannten "inneren Feinde". Namentlich ntzt er seinen Hang zur
Eitelkeit, Ehr- und Herrschsucht, sodann seine sinnlichen Begierden
aus, um sein Leben wie eine fortgesetzte Schlacht und sich wie ein
Schlachtfeld ansehen zu drfen, auf dem gute und bse Geister mit
wechselndem Erfolge ringen. Bekanntlich wird die sinnliche Phantasie
durch die Regelmssigkeit des geschlechtlichen Verkehrs gemssigt,
ja fast unterdrckt, umgekehrt, durch Enthaltsamkeit oder Unordnung
im Verkehre entfesselt und wst. Die Phantasie vieler christlichen
Heiligen war in ungewhnlichem Maasse schmutzig; vermge jener
Theorie, dass diese Begierden wirkliche Dmonen seien, die in ihnen
wtheten, fhlten sie sich nicht allzusehr verantwortlich dabei;
diesem Gefhle verdanken wir die so belehrende Aufrichtigkeit ihrer
Selbstzeugnisse. Es war in ihrem Interesse, dass dieser Kampf in
irgend einem Grade immer unterhalten wurde, weil durch ihn, wie
gesagt, ihr des Leben unterhalten wurde. Damit der Kampf aber wichtig
genug erscheine, um andauernde Theilnahme und Bewunderung bei den
Nicht-Heiligen zu erregen, musste die Sinnlichkeit immer mehr
verketzert und gebrandmarkt werden, ja die Gefahr ewiger Verdammnis
wurde so eng an diese Dinge geknpft, dass hchstwahrscheinlich durch
ganze Zeitalter hindurch die Christen mit bsem Gewissen Kinder
zeugten; wodurch gewiss der Menschheit ein grosser Schade angethan
worden ist. Und doch steht hier die Wahrheit ganz auf dem Kopfe:
was fr die Wahrheit besonders unschicklich ist. Zwar hatte das
Christenthum gesagt: jeder Mensch sei in Snden empfangen und geboren,
und im unausstehlichen Superlativ-Christenthume des Calderon hatte
sich dieser Gedanke noch einmal zusammengeknotet und verschlungen,
so dass er die verdrehteste Paradoxie wagte, die es giebt, in dem
bekannten Verse:

    die grsste Schuld des Menschen
    ist, dass er geboren ward.

In allen pessimistischen Religionen wird der Zeugungsact als schlecht
an sich empfunden, aber keineswegs ist diese Empfindung eine
allgemein-menschliche; selbst nicht einmal das Urtheil aller
Pessimisten ist sich hierin gleich. Empedokles zum Beispiel weiss gar
Nichts vom Beschmenden, Teuflischen, Sndhaften in allen erotischen
Dingen; er sieht vielmehr auf der grossen Wiese des Unheils eine
einzige heil- und hoffnungsvolle Erscheinung, die Aphrodite; sie gilt
ihm als Brgschaft, dass der Streit nicht ewig herrschen, sondern
einem milderen Dmon einmal das Scepter berreichen werde. Die
christlichen Pessimisten der Praxis hatten, wie gesagt, ein Interesse
daran, dass eine andere Meinung in der Herrschaft blieb; sie brauchten
fr die Einsamkeit und die geistige Wstenei ihres Lebens einen immer
lebendigen Feind: und einen allgemein anerkannten Feind, durch dessen
Bekmpfung und Ueberwltigung sie dem Nicht-Heiligen sich immer
von Neuem wieder als halb unbegreifliche, bernatrliche Wesen
darstellten. Wenn dieser Feind endlich, in Folge ihrer Lebensweise
und ihrer zerstrten Gesundheit, die Flucht fr immer ergriff, so
verstanden sie es sofort, ihr Inneres mit neuen Dmonen bevlkert zu
sehen. Das Auf- und Niederschwanken der Wagschalen Hochmuth und Demuth
unterhielt ihre grbelnden Kpfe so gut, wie der Wechsel von Begierde
und Seelenruhe. Damals diente die Psychologie dazu, alles Menschliche
nicht nur zu verdchtigen, sondern zu lstern, zu geisseln, zu
kreuzigen; man wollte sich mglichst schlecht und bse finden, man
suchte die Angst um das Heil der Seele, die Verzweiflung an der eignen
Kraft. Alles Natrliche, an welches der Mensch die Vorstellung des
Schlechten, Sndhaften anhngt (wie er es zum Beispiel noch jetzt
in Betreff des Erotischen gewhnt ist), belstigt, verdstert die
Phantasie, giebt einen scheuen Blick, lsst den Menschen mit sich
selber hadern und macht ihn unsicher und vertrauenslos; selbst seine
Trume bekommen einen Beigeschmack des gequlten Gewissens. Und doch
ist dieses Leiden am Natrlichen in der Realitt der Dinge vllig
unbegrndet: es ist nur die Folge von Meinungen ber die Dinge. Man
erkennt leicht, wie die Menschen dadurch schlechter werden, dass sie
das unvermeidlich-Natrliche als schlecht bezeichnen und spter immer
als so beschaffen empfinden. Es ist der Kunstgriff der Religion und
jener Metaphysiker, welche den Menschen als bse und sndhaft von
Natur wollen, ihm die Natur zu verdchtigen und so ihn selber schlecht
zu machen: denn so lernt er sich als schlecht empfinden, da er das
Kleid der Natur nicht ausziehen kann. Allmhlich fhlt er sich,
bei einem langen Leben im Natrlichen, von einer solchen Last von
Snden bedrckt, dass bernatrliche Mchte nthig werden, um
diese Last heben zu knnen; und damit ist das schon besprochene
Erlsungsbedrfniss auf den Schauplatz getreten, welches gar keiner
wirklichen, sondern nur einer eingebildeten Sndhaftigkeit entspricht.
Man gehe die einzelnen moralischen Aufstellungen der Urkunden
des Christenthums durch und man wird berall finden, dass die
Anforderungen berspannt sind, damit der Mensch ihnen nicht gengen
knne; die Absicht ist nicht, dass er moralischer werde, sondern dass
er sich mglichst sndhaft fhle. Wenn dem Menschen diess Gefhl nicht
angenehm gewesen wre, - wozu htte er eine solche Vorstellung erzeugt
und sich so lange an sie gehngt? Wie in der antiken Welt eine
unermessliche Kraft von Geist und Erfindungsgabe verwendet worden ist,
um die Freude am Leben durch festliche Culte zu mehren: so ist in der
Zeit des Christenthums ebenfalls unermesslich viel Geist einem andern
Streben geopfert worden: der Mensch sollte auf alle Weise sich
sndhaft fhlen und dadurch berhaupt erregt, belebt, beseelt werden.
Erregen, beleben, beseelen, um jeden Preis - ist das nicht das
Losungswort einer erschlafften, berreifen, bercultivirten Zeit? Der
Kreis aller natrlichen Empfindungen war hundertmal durchlaufen, die
Seele war ihrer mde geworden: da erfanden der Heilige und der Asket
eine neue Gattung von Lebensreizen. Sie stellten sich vor Aller
Augen hin, nicht eigentlich zur Nachahmung fr Viele, sondern als
schauderhaftes und doch entzckendes Schauspiel, welches an jenen
Grnzen zwischen Welt und Ueberwelt aufgefhrt wurde, wo Jedermann
damals bald himmlische Lichtblicke, bald unheimliche, aus der Tiefe
lodernde Flammenzungen zu erblicken glaubte. Das Auge des Heiligen,
hingerichtet auf die in jedem Betracht furchtbare Bedeutung des kurzen
Erdenlebens, auf die Nhe der letzten Entscheidung ber endlose neue
Lebensstrecken, diess verkohlende Auge, in einem halb vernichteten
Leibe, machte die Menschen der alten Welt bis in alle Tiefen
erzittern; hinblicken, schaudernd wegblicken, von Neuem den Reiz des
Schauspiels spren, ihm nachgeben, sich an ihm ersttigen, bis die
Seele in Gluth und Fieberfrost erbebt, - das war die letzte Lust,
welche das Alterthum erfand, nachdem es selbst gegen den Anblick von
Thier- und Menschenkmpfen stumpf geworden war.


142.

Um das Gesagte zusammenzufassen: jener Seelenzustand, dessen sich
der Heilige oder Heiligwerdende erfreut, setzt sich aus Elementen
zusammen, welche wir Alle recht wohl kennen, nur dass sie sich unter
dem Einfluss anderer als religiser Vorstellungen anders gefrbt
zeigen und dann den Tadel der Menschen ebenso stark zu erfahren
pflegen, wie sie, in jener Verbrmung mit Religion und letzter
Bedeutsamkeit des Daseins, auf Bewunderung, ja Anbetung rechnen
drfen, - mindestens in frheren Zeiten rechnen durften. Bald bt der
Heilige jenen Trotz gegen sich selbst, der ein naher Verwandter der
Herrschsucht ist und auch dem Einsamsten noch das Gefhl der Macht
giebt; bald springt seine angeschwellte Empfindung aus dem Verlangen,
seine Leidenschaften dahinschiessen zu lassen, ber in das Verlangen,
sie wie wilde Rosse zusammenstrzen zu machen, unter dem mchtigen
Druck einer stolzen Seele; bald will er ein vlliges Aufhren aller
strenden, qulenden, reizenden Empfindungen, einen wachen Schlaf,
ein dauerndes Ausruhen im Schoosse einer dumpfen, thier- und
pflanzenhaften Indolenz; bald sucht er den Kampf und entzndet ihn
in sich, weil ihm die Langeweile ihr ghnendes Gesicht entgegenhlt:
er geisselt seine Selbstvergtterung mit Selbstverachtung und
Grausamkeit, er freut sich an dem wilden Aufruhre seiner Begierden,
an dem scharfen Schmerz der Snde, ja an der Vorstellung des
Verlorenseins, er versteht es, seinem Affect, zum Beispiel dem der
ussersten Herrschsucht, einen Fallstrick zu legen, so dass er in den
der ussersten Erniedrigung bergeht und seine aufgehetzte Seele durch
diesen Contrast aus allen Fugen gerissen wird; und zuletzt: wenn es
ihn gar nach Visionen, Gesprchen mit Todten oder gttlichen Wesen
gelstet, so ist es im Grunde eine seltene Art von Wollust, welche er
begehrt, aber vielleicht jene Wollust, in der alle anderen in einen
Knoten zusammengeschlungen sind. Novalis, eine der Autoritten in
Fragen der Heiligkeit durch Erfahrung und Instinct, spricht das ganze
Geheimniss einmal mit naiver Freude aus: "Es ist wunderbar genug, dass
nicht lngst die Association von Wollust, Religion und Grausamkeit
die Menschen aufmerksam auf ihre innige Verwandtschaft und
gemeinschaftliche Tendenz gemacht hat."


143.

Nicht Das, was der Heilige ist, sondern Das, was er in den Augen der
Nicht-Heiligen bedeutet, giebt ihm seinen welthistorischen Werth.
Dadurch, dass man sich ber ihn irrte, dass man seine Seelenzustnde
falsch auslegte und ihn von sich so stark als mglich abtrennte, als
etwas durchaus Unvergleichliches und fremdartig-Uebermenschliches:
dadurch gewann er die ausserordentliche Kraft, mit welcher er die
Phantasie ganzer Vlker, ganzer Zeiten beherrschen konnte. Er
selbst kannte sich nicht; er selbst verstand die Schriftzge seiner
Stimmungen, Neigungen, Handlungen nach einer Kunst der Interpretation,
welche ebenso berspannt und knstlich war, wie die pneumatische
Interpretation der Bibel. Das Verschrobene und Kranke in seiner Natur,
mit ihrer Zusammenkoppelung von geistiger Armuth, schlechtem Wissen,
verdorbener Gesundheit, berreizten Nerven, blieb seinem Blick ebenso
wie dem seiner Beschauer verborgen. Er war kein besonders guter
Mensch, noch weniger ein besonders weiser Mensch: aber er bedeutete
Etwas, das ber menschliches Maass in Gte und Weisheit hinausreiche.
Der Glaube an ihn untersttzte den Glauben an Gttliches und
Wunderhaftes, an einen religisen Sinn alles Daseins, an einen
bevorstehenden letzten Tag des Gerichtes. In dem abendlichen Glanze
einer Weltuntergangs-Sonne, welche ber die christlichen Vlker
hinleuchtete, wuchs die Schattengestalt des Heiligen in's Ungeheure:
ja bis zu einer solchen Hhe, dass selbst in unserer Zeit, die nicht
mehr an Gott glaubt, es noch genug Denker giebt, welche an den
Heiligen glauben.


144.

Es versteht sich von selbst, dass dieser Zeichnung des Heiligen,
welche nach dem Durchschnitt der ganzen Gattung entworfen ist, manche
Zeichnung entgegengestellt werden kann, welche eine angenehmere
Empfindung hervorbringen mchte. Einzelne Ausnahmen jener
Gattung heben sich heraus, sei es durch grosse Milde und
Menschenfreundlichkeit, sei es durch den Zauber ungewhnlicher
Thatkraft; andere sind im hchsten Grade anziehend, weil bestimmte
Wahnvorstellungen ber ihr ganzes Wesen Lichtstrme ausgiessen: wie es
zum Beispiel mit dem berhmten Stifter des Christenthums der Fall ist,
der sich fr den eingeborenen Sohn Gottes hielt und desshalb sich
sndlos fhlte; so dass er durch eine Einbildung - die man nicht zu
hart beurtheilen mge, weil das ganze Alterthum von Gttershnen
wimmelt - das selbe Ziel erreichte, das Gefhl vlliger Sndlosigkeit,
vlliger Unverantwortlichkeit, welches jetzt durch die Wissenschaft
Jedermann sich erwerben kann. - Ebenfalls habe ich abgesehen von
den indischen Heiligen, welche auf einer Zwischenstufe zwischen dem
christlichen Heiligen und dem griechischen Philosophen stehen und
insofern keinen reinen Typus darstellen: die Erkenntniss, die
Wissenschaft - soweit es eine solche gab -, die Erhebung ber die
anderen Menschen durch die logische Zucht und Schulung des Denkens
wurde bei den Buddhaisten als ein Kennzeichen der Heiligkeit ebenso
gefordert, wie die selben Eigenschaften in der christlichen Welt, als
Kennzeichen der Unheiligkeit, abgelehnt und verketzert werden.




Viertes Hauptstck.

Aus der Seele der Knstler und Schriftsteller.

145.

Das Vollkommene soll nicht geworden sein. - Wir sind gewhnt, bei
allem Vollkommenen die Frage nach dem Werden zu unterlassen: sondern
uns des Gegenwrtigen zu freuen, wie als ob es auf einen Zauberschlag
aus dem Boden aufgestiegen sei. Wahrscheinlich stehen wir hier noch
unter der Nachwirkung einer uralten mythologischen Empfindung. Es
ist uns beinahe noch so zu Muthe (zum Beispiel in einem griechischen
Tempel wie der von Pstum), als ob eines Morgens ein Gott spielend aus
solchen ungeheuren Lasten sein Wohnhaus gebaut habe: anderemale als
ob eine Seele urpltzlich in einen Stein hineingezaubert sei und
nun durch ihn reden wolle. Der Knstler weiss, dass sein Werk nur
voll wirkt, wenn es den Glauben an eine Improvisation, an eine
wundergleiche Pltzlichkeit der Entstehung erregt; und so hilft er
wohl dieser Illusion nach und fhrt jene Elemente der begeisterten
Unruhe, der blind greifenden Unordnung, des aufhorchenden Trumens
beim Beginn der Schpfung in die Kunst ein, als Trugmittel, um
die Seele des Schauers oder Hrers so zu stimmen, dass sie an das
pltzliche Hervorspringen des Vollkommenen glaubt. - Die Wissenschaft
der Kunst hat dieser Illusion, wie es sich von selbst versteht,
auf das bestimmteste zu widersprechen und die Fehlschlsse und
Verwhnungen des Intellects aufzuzeigen, vermge welcher er dem
Knstler in das Netz luft.


146.

Der Wahrheitssinn des Knstlers. - Der Knstler hat in Hinsicht auf
das Erkennen der Wahrheiten eine schwchere Moralitt, als der Denker;
er will sich die glnzenden, tiefsinnigen Deutungen des Lebens
durchaus nicht nehmen lassen und wehrt sich gegen nchterne, schlichte
Methoden und Resultate. Scheinbar kmpft er fr die hhere Wrde
und Bedeutung des Menschen; in Wahrheit will er die fr seine
Kunst wirkungsvollsten Voraussetzungen nicht aufgeben, also das
Phantastische, Mythische, Unsichere, Extreme, den Sinn fr das
Symbolische, die Ueberschtzung der Person, den Glauben an etwas
Wunderartiges im Genius: er hlt also die Fortdauer seiner Art des
Schaffens fr wichtiger, als die wissenschaftliche Hingebung an das
Wahre in jeder Gestalt, erscheine diese auch noch so schlicht.


147.

Die Kunst als Todtenbeschwrerin. - Die Kunst versieht nebenbei
die Aufgabe zu conserviren, auch wohl erloschene, verblichene
Vorstellungen ein Wenig wieder aufzufrben; sie flicht, wenn sie diese
Aufgabe lst, ein Band um verschiedene Zeitalter und macht deren
Geister wiederkehren. Zwar ist es nur ein Scheinleben wie ber
Grbern, welches hierdurch entsteht, oder wie die Wiederkehr geliebter
Todten im Traume, aber wenigstens auf Augenblicke wird die alte
Empfindung noch einmal rege und das Herz klopft nach einem sonst
vergessenen Tacte. Nun muss man wegen dieses allgemeinen Nutzens
der Kunst dem Knstler selber es nachsehen, wenn er nicht in
den vordersten Reihen der Aufklrung und der fortschreitenden
Vermnnlichung der Menschheit steht: er ist zeitlebens ein Kind oder
ein Jngling geblieben und auf dem Standpunct zurckgehalten, auf
welchem er von seinem Kunsttriebe berfallen wurde; Empfindungen der
ersten Lebensstufen stehen aber zugestandenermaassen denen frherer
Zeitlufte nher, als denen des gegenwrtigen Jahrhunderts.
Unwillkrlich wird es zu seiner Aufgabe, die Menschheit zu
verkindlichen; diess ist sein Ruhm und seine Begrnztheit.


148.

Dichter als Erleichterer des Lebens. - Die Dichter, insofern auch sie
das Leben der Menschen erleichtern wollen, wenden den Blick entweder
von der mhseligen Gegenwart ab oder verhelfen der Gegenwart durch
ein Licht, das sie von der Vergangenheit herstrahlen machen, zu neuen
Farben. Um diess zu knnen, mssen sie selbst in manchen Hinsichten
rckwrts gewendete Wesen sein: so dass man sie als Brcken zu ganz
fernen Zeiten und Vorstellungen, zu absterbenden oder abgestorbenen
Religionen und Culturen gebrauchen kann. Sie sind eigentlich
immer und nothwendig Epigonen. Es ist freilich von ihren Mitteln
zur Erleichterung des Lebens einiges Ungnstige zu sagen: sie
beschwichtigen und heilen nur vorlufig, nur fr den Augenblick;
sie halten sogar die Menschen ab, an einer wirklichen Verbesserung
ihrer Zustnde zu arbeiten, indem sie gerade die Leidenschaft der
Unbefriedigten, welche zur That drngen, aufheben und palliativisch
entladen.


149.

Der langsame Pfeil der Schnheit. - Die edelste Art der Schnheit
ist die, welche nicht auf einmal hinreisst, welche nicht strmische
und berauschende Angriffe macht (eine solche erweckt leicht Ekel),
sondern jene langsam einsickernde, welche man fast unbemerkt mit sich
forttrgt und die Einem im Traum einmal wiederbegegnet, endlich aber,
nachdem sie lange mit Bescheidenheit an unserm Herzen gelegen, von uns
ganz Besitz nimmt, unser Auge mit Thrnen, unser Herz mit Sehnsucht
fllt. - Wonach sehnen wir uns beim Anblick der Schnheit? Darnach,
schn zu sein: wir whnen, es msse viel Glck damit verbunden sein. -
Aber das ist ein Irrthum.


150.

Beseelung der Kunst. - Die Kunst erhebt ihr Haupt, wo die Religionen
nachlassen. Sie bernimmt eine Menge durch die Religion erzeugter
Gefhle und Stimmungen, legt sie an ihr Herz und wird jetzt selber
tiefer, seelenvoller, so dass sie Erhebung und Begeisterung
mitzutheilen vermag, was sie vordem noch nicht konnte. Der zum Strome
angewachsene Reichthum des religisen Gefhls bricht immer wieder aus
und will sich neue Reiche erobern: aber die wachsende Aufklrung hat
die Dogmen der Religion erschttert und ein grndliches Misstrauen
eingeflsst: so wirft sich das Gefhl, durch die Aufklrung aus der
religisen Sphre hinausgedrngt, in die Kunst; in einzelnen Fllen
auch auf das politische Leben, ja selbst direct auf die Wissenschaft.
Ueberall, wo man an menschlichen Bestrebungen eine hhere dstere
Frbung wahrnimmt darf man vermuthen, dass Geistergrauen,
Weihrauchduft und Kirchenschatten daran hngen geblieben sind.


151.

Wodurch das Metrum verschnert. - Das Metrum legt Flor ber die
Realitt; es veranlasst einige Knstlichkeit des Geredes und
Unreinheit des Denkens; durch den Schatten, den es auf den Gedanken
wirft, verdeckt es bald, bald hebt es hervor. Wie Schatten nthig ist,
um zu verschnern, so ist das "Dumpfe" nthig, um zu verdeutlichen. -
Die Kunst macht den Anblick des Lebens ertrglich, dadurch dass sie
den Flor des unreinen Denkens ber dasselbe legt.


152.

Kunst der hsslichen Seele. - Man zieht der Kunst viel zu enge
Schranken, wenn man verlangt, dass nur die geordnete, sittlich im
Gleichgewicht schwebende Seele sich in ihr aussprechen drfe. Wie in
den bildenden Knsten, so auch giebt es in der Musik und Dichtung eine
Kunst der hsslichen Seele, neben der Kunst der schnen Seele; und die
mchtigsten Wirkungen der Kunst, das Seelenbrechen, Steinebewegen und
Thierevermenschlichen ist vielleicht gerade jener Kunst am meisten
gelungen.


153.

Die Kunst macht dem Denker das Herz schwer. - Wie stark das
metaphysische Bedrfniss ist und wie sich noch zuletzt die Natur den
Abschied von ihm schwer macht, kann man daraus entnehmen, dass noch
im Freigeiste, wenn er sich alles Metaphysischen entschlagen hat,
die hchsten Wirkungen der Kunst leicht ein Miterklingen der lange
verstummten, ja zerrissenen metaphysischen Saite hervorbringen, sei
es zum Beispiel, dass er bei einer Stelle der neunten Symphonie
Beethoven's sich ber der Erde in einem Sternendome schweben fhlt,
mit dem Traume der Unsterblichkeit im Herzen: alle Sterne scheinen um
ihn zu flimmern und die Erde immer tiefer hinabzusinken. - Wird er
sich dieses Zustandes bewusst, so fhlt er wohl einen tiefen Stich
im Herzen und seufzt nach dem Menschen, welcher ihm die verlorene
Geliebte, nenne man sie nun Religion oder Metaphysik, zurckfhre. In
solchen Augenblicken wird sein intellectualer Charakter auf die Probe
gestellt.


154.

Mit dem Leben spielen. - Die Leichtigkeit und Leichtfertigkeit der
homerischen Phantasie war nthig, um das bermssig leidenschaftliche
Gemth und den berscharfen Verstand des Griechen zu beschwichtigen
und zeitweilig aufzuheben. Spricht bei ihnen der Verstand: wie herbe
und grausam erscheint dann das Leben! Sie tuschen sich nicht, aber
sie umspielen absichtlich das Leben mit Lgen. Simonides rieth seinen
Landsleuten, das Leben wie ein Spiel zu nehmen; der Ernst war ihnen
als Schmerz allzubekannt (das Elend der Menschen ist ja das Thema,
ber welches die Gtter so gern singen hren) und sie wussten, dass
einzig durch die Kunst selbst das Elend zum Genusse werden knne. Zur
Strafe fr diese Einsicht waren sie aber von der Lust, zu fabuliren,
so geplagt, dass es ihnen im Alltagsleben schwer wurde, sich von Lug
und Trug frei zu halten, wie alles Poetenvolk eine solche Lust an
der Lge hat und obendrein noch die Unschuld dabei. Die benachbarten
Vlker fanden das wohl mitunter zum Verzweifeln.


155.

Glaube an Inspiration. - Die Knstler haben ein Interesse daran, dass
man an die pltzlichen Eingebungen, die sogenannten Inspirationen
glaubt; als ob die Idee des Kunstwerks, der Dichtung, der Grundgedanke
einer Philosophie, wie ein Gnadenschein vom Himmel herableuchte. In
Wahrheit producirt die Phantasie des guten Knstlers oder Denkers
fortwhrend, Gutes, Mittelmssiges und Schlechtes, aber seine
Urtheilskraft, hchst geschrft und gebt, verwirft, whlt aus, knpft
zusammen; wie man jetzt aus den Notizbchern Beethoven's ersieht,
dass er die herrlichsten Melodien allmhlich zusammengetragen und aus
vielfachen Anstzen gewissermaassen ausgelesen hat. Wer weniger streng
scheidet und sich der nachbildenden Erinnerung gern berlsst, der
wird unter Umstnden ein grosser Improvisator werden knnen; aber die
knstlerische Improvisation steht tief im Verhltniss zum ernst und
mhevoll erlesenen Kunstgedanken. Alle Grossen waren grosse Arbeiter,
unermdlich nicht nur im Erfinden, sondern auch im Verwerfen, Sichten,
Umgestalten, Ordnen.


156.

Nochmals die Inspiration. - Wenn sich die Productionskraft eine Zeit
lang angestaut hat und am Ausfliessen durch ein Hemmnis gehindert
worden ist, dann giebt es endlich einen so pltzlichen Erguss, als ob
eine unmittelbare Inspiration, ohne vorhergegangenes inneres Arbeiten,
also ein Wunder sich vollziehe. Diess macht die bekannte Tuschung
aus, an deren Fortbestehen, wie gesagt, das Interesse aller Knstler
ein wenig zu sehr hngt. Das Capital hat sich eben nur angehuft,
es ist nicht auf einmal vom Himmel gefallen. Es giebt brigens auch
anderwrts solche scheinbare Inspiration, zum Beispiel im Bereiche der
Gte, der Tugend, des Lasters.


157.

Die Leiden des Genius' und ihr Werth. - Der knstlerische Genius will
Freude machen, aber wenn er auf einer sehr hohen Stufe steht, so
fehlen ihm leicht die Geniessenden; er bietet Speisen, aber man will
sie nicht. Das giebt ihm ein unter Umstnden lcherlich-rhrendes
Pathos; denn im Grunde hat er kein Recht, die Menschen zum Vergngen
zu zwingen. Seine Pfeife tnt, aber Niemand will tanzen: kann das
tragisch sein? - Vielleicht doch. Zuletzt hat er als Compensation
fr diese Entbehrung mehr Vergngen beim Schaffen, als die brigen
Menschen bei allen anderen Gattungen der Thtigkeit haben. Man
empfindet seine Leiden bertrieben, weil der Ton seiner Klage lauter,
sein Mund beredter ist; und in mitunter sind seine Leiden wirklich
sehr gross, aber nur desshalb, weil sein Ehrgeiz, sein Neid so gross
ist. Der wissende Genius, wie Kepler und Spinoza, ist fr gewhnlich
nicht so begehrlich und macht von seinen wirklich grsseren Leiden und
Entbehrungen kein solches Aufheben. Er darf mit grsserer Sicherheit
auf die Nachwelt rechnen und sich der Gegenwart entschlagen; whrend
ein Knstler, der diess thut, immer ein verzweifeltes Spiel spielt,
bei dem ihm wehe um's Herz werden muss. In ganz seltenen Fllen,
- dann, wenn im selben Individuum der Genius des Knnens und des
Erkennens und der moralische Genius sich verschmelzen - kommt zu den
erwhnten Schmerzen noch die Gattung von Schmerzen hinzu, welche als
die absonderlichsten Ausnahmen in der Welt zu nehmen sind: die ausser-
und berpersnlichen, einem Volke, der Menschheit, der gesammten
Cultur, allem leidenden Dasein zugewandten Empfindungen: welche ihren
Werth durch die Verbindung mit besonders schwierigen und entlegenen
Erkenntnissen erlangen (Mitleid an sich ist wenig werth). - Aber
welchen Maassstab, welche Goldwage giebt es fr deren Aechtheit? Ist
es nicht fast geboten, misstrauisch gegen Alle zu sein, welche von
Empfindungen dieser Art bei sich reden?


158.

Verhngniss der Grsse. - Jeder grossen Erscheinung folgt die
Entartung nach, namentlich im Bereiche der Kunst. Das Vorbild des
Grossen reizt die eitleren Naturen zum usserlichen Nachmachen
oder zum Ueberbieten; dazu haben alle grossen Begabungen das
Verhngnissvolle an sich, viele schwchere Krfte und Keime zu
erdrcken und um sich herum gleichsam die Natur zu verden. Der
glcklichste Fall in der Entwickelung einer Kunst ist der, dass
mehrere Genie's sich gegenseitig in Schranken halten; bei diesem
Kampfe wird gewhnlich den schwcheren und zarteren Naturen auch Luft
und Licht gegnnt.


159.

Die Kunst dem Knstler gefhrlich. - Wenn die Kunst ein Individuum
gewaltig ergreift, dann zieht es dasselbe zu Anschauungen solcher
Zeiten zurck, wo die Kunst am krftigsten blhte, sie wirkt dann
zurckbildend. Der Knstler kommt immer mehr in eine Verehrung der
pltzlichen Erregungen, glaubt an Gtter und Dmonen, durchseelt die
Natur, hasst die Wissenschaft, wird wechselnd in seinen Stimmungen,
wie die Menschen des Alterthums, und begehrt einen Umsturz aller
Verhltnisse, welche der Kunst nicht gnstig sind, und zwar diess mit
der Heftigkeit und Unbilligkeit eines Kindes. An sich ist nun der
Knstler schon ein zurckbleibendes Wesen, weil er beim Spiel stehen
bleibt, welches zur Jugend und Kindheit gehrt: dazu kommt noch,
dass er allmhlich in andere Zeiten zurckgebildet wird. So entsteht
zuletzt ein heftiger Antagonismus zwischen ihm und den gleichalterigen
Menschen seiner Periode und ein trbes Ende; so wie, nach den
Erzhlungen der Alten, Homer und Aeschylus in Melancholie zuletzt
lebten und starben.


160.

Geschaffene Menschen. - Wenn man sagt, der Dramatiker (und der
Knstler berhaupt) schaffe wirklich Charaktere, so ist diess eine
schne Tuschung und Uebertreibung, in deren Dasein und Verbreitung
die Kunst einen ihrer ungewollten, gleichsam berschssigen Triumphe
feiert. In der That verstehen wir von einem wirklichen lebendigen
Menschen nicht viel und generalisiren sehr oberflchlich, wenn wir
ihm diesen und jenen Charakter zuschreiben: dieser unserer sehr
unvollkommenen Stellung zum Menschen entspricht nun der Dichter, indem
er ebenso oberflchliche Entwrfe zu Menschen macht (in diesem Sinne
"Schafft"), als unsere Erkenntniss der Menschen oberflchlich ist. Es
ist viel Blendwerk bei diesen geschaffenen Charakteren der Knstler;
es sind durchaus keine leibhaftigen Naturproducte, sondern hnlich wie
die gemalten Menschen ein Wenig allzu dnn, sie vertragen den Anblick
aus der Nhe nicht. Gar wenn man sagt, der Charakter des gewhnlichen
lebendigen Menschen widerspreche sich hufig, der vom Dramatiker
geschaffene sei das Urbild, welches der Natur vorgeschwebt habe, so
ist diess ganz falsch. Ein wirklicher Mensch ist etwas ganz und gar
Nothwendiges (selbst in jenen sogenannten Widersprchen), aber wir
erkennen diese Nothwendigkeit nicht immer. Der erdichtete Mensch, das
Phantasma, will etwas Nothwendiges bedeuten, doch nur vor Solchen,
welche auch einen wirklichen Menschen nur in einer rohen,
unnatrlichen Simplification verstehen: so dass ein paar starke, oft
wiederholte Zge, mit sehr viel Licht darauf und sehr viel Schatten
und Halbdunkel herum, ihren Ansprchen vollstndig gengen. Sie
sind also leicht bereit, das Phantasma als wirklichen, nothwendigen
Menschen zu behandeln, weil sie gewhnt sind, beim wirklichen Menschen
ein Phantasma, einen Schattenriss, eine willkrliche Abbreviatur fr
das Ganze zu nehmen. - Dass gar der Maler und der Bildhauer die "Idee"
des Menschen ausdrcke, ist eitel Phantasterei und Sinnentrug: man
wird vom Auge tyrannisirt, wenn man so Etwas sagt, da dieses vom
menschlichen Leibe selbst nur die Oberflche, die Haut sieht; der
innere Leib gehrt aber eben so sehr zur Idee. Die bildende Kunst will
Charaktere auf der Haut sichtbar werden lassen; die redende Kunst
nimmt das Wort zu dem selben Zwecke, sie bildet den Charakter im Laute
ab. Die Kunst geht von der natrlichen Unwissenheit des Menschen ber
sein Inneres (in Leib und Charakter) aus: sie ist nicht fr Physiker
und Philosophen da.


161.

Selbstberschtzung im Glauben an Knstler und Philosophen. - Wir Alle
meinen, es sei die Gte eines Kunstwerks, eines Knstlers bewiesen,
wenn er uns ergreift, erschttert. Aber da msste doch erst unsere
eigene Gte in Urtheil und Empfindung bewiesen sein: was nicht der
Fall ist. Wer hat mehr im Reiche der bildenden Kunst ergriffen
und entzckt, als Bernini, wer mchtiger gewirkt, als jener
nachdemosthenische Rhetor, welcher den asianischen Stil einfhrte und
durch zwei Jahrhunderte zur Herrschaft brachte? Diese Herrschaft ber
ganze Jahrhunderte beweist Nichts fr die Gte und dauernde Gltigkeit
eines Stils; desshalb soll man nicht zu sicher in seinem guten Glauben
an irgend einen Knstler sein: ein solcher ist ja nicht nur der
Glaube an die Wahrhaftigkeit unserer Empfindung, sondern auch an die
Unfehlbarkeit unseres Urtheils, whrend Urtheil oder Empfindung oder
beides selber zu grob oder zu fein geartet, berspannt oder roh sein
knnen. Auch die Segnungen und Beseligungen einer Philosophie, einer
Religion beweisen fr ihre Wahrheit Nichts: ebensowenig als das Glck,
welches der Irrsinnige von seiner fixen Idee her geniesst, Etwas fr
die Vernnftigkeit dieser Idee beweist.


162.

Cultus des Genius' aus Eitelkeit. - Weil wir gut von uns denken,
aber doch durchaus nicht von uns erwarten, dass wir je den Entwurf
eines Rafaelischen Gemldes oder eine solche Scene wie die eines
Shakespeare'schen Drama's machen knnten, reden wir uns ein, das
Vermgen dazu sei ganz bermssig wunderbar, ein ganz seltener Zufall,
oder, wenn wir noch religis empfinden, eine Begnadigung von Oben. So
frdert unsere Eitelkeit, unsere Selbstliebe, den Cultus des Genius':
denn nur wenn dieser ganz fern von uns gedacht ist, als ein miraculum,
verletzt er nicht (selbst Goethe, der Neidlose, nannte Shakespeare
seinen Stern der fernsten Hhe; wobei man sich jenes Verses
erinnern mag: "die Sterne, die begehrt man nicht"). Aber von jenen
Einflsterungen unserer Eitelkeit abgesehen, so erscheint die
Thtigkeit des Genie's durchaus nicht als etwas Grundverschiedenes
von der Thtigkeit des mechanischen Erfinders, des astronomischen
oder historischen Gelehrten, des Meisters der Taktik. Alle diese
Thtigkeiten erklren sich, wenn man sich Menschen vergegenwrtigt,
deren Denken in Einer Richtung thtig ist, die Alles als Stoff
bentzen, die immer ihrem innern Leben und dem Anderer mit Eifer
zusehen, die berall Vorbilder, Anreizungen erblicken, die in der
Combination ihrer Mittel nicht mde werden. Das Genie thut auch
Nichts, als dass es erst Steine setzen, dann bauen lernt, dass es
immer nach Stoff sucht und immer an ihm herumformt. Jede Thtigkeit
des Menschen ist zum Verwundern complicirt, nicht nur die des Genie's:
aber keine ist ein "Wunder." - Woher nun der Glaube, dass es allein
beim Knstler, Redner und Philosophen Genie gebe? dass nur sie
"Intuition" haben? (womit man ihnen eine Art von Wunder-Augenglas
zuschreibt, mit dem sie direct in's "Wesen" sehen!) Die Menschen
sprechen ersichtlich dort allein von Genius, wo ihnen die Wirkungen
des grossen Intellectes am angenehmsten sind und sie wiederum nicht
Neid empfinden wollen. Jemanden "gttlich" nennen heisst "hier
brauchen wir nicht zu wetteifern". Sodann: alles Fertige, Vollkommene
wird angestaunt, alles Werdende unterschtzt. Nun kann Niemand beim
Werke des Knstlers zusehen, wie es geworden ist; das ist sein
Vortheil, denn berall, wo man das Werden sehen kann, wird man etwas
abgekhlt. Die vollendete Kunst der Darstellung weist alles Denken
an das Werden ab; es tyrannisirt als gegenwrtige Vollkommenheit.
Desshalb gelten die Knstler der Darstellung vornehmlich als genial,
nicht aber die wissenschaftlichen Menschen. In Wahrheit ist jene
Schtzung und diese Unterschtzung nur eine Kinderei der Vernunft.


163.

Der Ernst des Handwerks. - Redet nur nicht von Begabung, angeborenen
Talenten! Es sind grosse Mnner aller Art zu nennen, welche wenig
begabt waren. Aber sie bekamen Grsse, wurden "Genie's" (wie man
sagt), durch Eigenschaften, von deren Mangel Niemand gern redet,
der sich ihrer bewusst ist: sie hatten Alle jenen tchtigen
Handwerker-Ernst, welcher erst lernt, die Theile vollkommen zu bilden,
bis er es wagt, ein grosses Ganzes zu machen; sie gaben sich Zeit
dazu, weil sie mehr Lust am Gutmachen des Kleinen, Nebenschlichen
hatten, als an dem Effecte eines blendenden Ganzen. Das Recept zum
Beispiel, wie Einer ein guter Novellist werden kann, ist leicht zu
geben, aber die Ausfhrung setzt Eigenschaften voraus, ber die man
hinwegzusehen pflegt, wenn man sagt "ich habe nicht genug Talent". Man
mache nur hundert und mehr Entwrfe zu Novellen, keinen lnger als
zwei Seiten, doch von solcher Deutlichkeit, dass jedes Wort darin
nothwendig ist; man schreibe tglich Anekdoten nieder, bis man es
lernt, ihre prgnanteste, wirkungsvollste Form zu finden, man sei
unermdlich im Sammeln und Ausmalen menschlicher Typen und Charaktere,
man erzhle vor Allem so oft es mglich ist und hre erzhlen, mit
scharfem Auge und Ohr fr die Wirkung auf die anderen Anwesenden, man
reise wie ein Landschaftsmaler und Costmzeichner, man excerpire sich
aus einzelnen Wissenschaften alles Das, was knstlerische Wirkungen
macht, wenn es gut dargestellt wird, man denke endlich ber die Motive
der menschlichen Handlungen nach, verschmhe keinen Fingerzeig der
Belehrung hierber und sei ein Sammler von dergleichen Dingen bei Tag
und Nacht. In dieser mannichfachen Uebung lasse man einige zehn Jahre
vorbergehen: was dann aber in der Werksttte geschaffen wird, darf
auch hinaus in das Licht der Strasse. - Wie machen es aber die
Meisten? Sie fangen nicht mit dem Theile, sondern mit dem Ganzen an.
Sie thun vielleicht einmal einen guten Griff, erregen Aufmerksamkeit
und thun von da an immer schlechtere Griffe, aus guten, natrlichen
Grnden. - Mitunter, wenn Vernunft und Charakter fehlen, um einen
solchen knstlerischen Lebensplan zu gestalten, bernimmt das
Schicksal und die Noth die Stelle derselben und fhrt den zuknftigen
Meister schrittweise durch alle Bedingungen seines Handwerks.


164.

Gefahr und Gewinn im Cultus des Genius'. - Der Glaube an grosse,
berlegene, fruchtbare Geister ist nicht nothwendig, aber sehr hufig
noch mit jenem ganz- oder halbreligisen Aberglauben verbunden, dass
jene Geister bermenschlichen Ursprungs seien und gewisse wunderbare
Vermgen besssen, vermittelst deren sie ihrer Erkenntnisse auf
ganz anderem Wege theilhaftig wrden, als die brigen Menschen. Man
schreibt ihnen wohl einen unmittelbaren Blick in das Wesen der Welt,
gleichsam durch ein Loch im Mantel der Erscheinung, zu und glaubt,
dass sie ohne die Mhsal und Strenge der Wissenschaft, vermge dieses
wunderbaren Seherblickes, etwas Endgltiges und Entscheidendes ber
Mensch und Welt mittheilen knnten. So lange das Wunder im Bereiche
der Erkenntniss noch Glubige findet, kann man vielleicht zugeben,
dass dabei fr die Glubigen selber ein Nutzen herauskomme, insofern
diese durch ihre unbedingte Unterordnung unter die grossen Geister,
ihrem eigenen Geiste fr die Zeit der Entwickelung die beste Disciplin
und Schule verschaffen. Dagegen ist mindestens fraglich, ob der
Aberglaube vom Genie, von seinen Vorrechten und Sondervermgen fr
das Genie selber von Nutzen sei, wenn er in ihm sich einwurzelt. Es
ist jedenfalls ein gefhrliches Anzeichen, wenn den Menschen jener
Schauder vor sich selbst berfllt, sei es nun jener berhmte
Csaren-Schauder oder der hier in Betracht kommende Genie-Schauder;
wenn der Opferduft, welchen man billigerweise allein einem Gotte
bringt, dem Genie in's Gehirn dringt, so dass er zu schwanken und sich
fr etwas Uebermenschliches zu halten beginnt. Die langsamen Folgen
sind: das Gefhl der Unverantwortlichkeit, der exceptionellen Rechte,
der Glaube, schon durch seinen Umgang zu begnadigen, wahnsinnige
Wuth bei dem Versuche, ihn mit Anderen zu vergleichen oder gar ihn
niedriger zu taxiren und das Verfehlte seines Werkes in's Licht zu
setzen. Dadurch, dass er aufhrt, Kritik gegen sich selbst zu ben,
fllt zuletzt aus seinem Gefieder eine der Schwungfedern nach der
anderen aus: jener Aberglaube grbt die Wurzeln seiner Kraft an und
macht ihn vielleicht gar zum Heuchler, nachdem seine Kraft von ihm
gewichen ist. Fr grosse Geister selbst ist es also wahrscheinlich
ntzlicher, wenn sie ber ihre Kraft und deren Herkunft zur
Einsicht kommen, wenn sie also begreifen, welche rein menschlichen
Eigenschaften in ihnen zusammengeflossen sind, welche Glcksumstnde
hinzutraten - also einmal anhaltende Energie, entschlossene Hinwendung
zu einzelnen Zielen, grosser persnlicher Muth, sodann das Glck einer
Erziehung, welche die besten Lehrer, Vorbilder, Methoden frhzeitig
darbot. Freilich, wenn ihr Ziel ist, die grsstmgliche Wirkung zu
machen, so hat die Unklarheit ber sich selbst und jene Beigabe eines
halben Wahnsinns immer viel gethan; denn bewundert und beneidet hat
man zu allen Zeiten gerade jene Kraft an ihnen, vermge deren sie
die Menschen willenlos machen und zum Wahne fortreissen, dass
bernatrliche Fhrer vor ihnen her giengen. Ja, es erhebt und
begeistert die Menschen, jemanden im Besitz bernatrlicher Krfte
zu glauben: insofern hat der Wahnsinn, wie Plato sagt, die grssten
Segnungen ber die Menschen gebracht. - In einzelnen seltenen Fllen
mag dieses Stck Wahnsinn wohl auch das Mittel gewesen sein, durch
welches eine solche nach allen Seiten hin excessive Natur fest
zusammengehalten wurde: auch im Leben der Individuen haben die
Wahnvorstellungen hufig den Werth von Heilmitteln, welche an sich
Gifte sind; doch zeigt sich endlich, bei jedem "Genie", das an seine
Gttlichkeit glaubt, das Gift in dem Grade, als das "Genie" alt
wird: man mge sich zum Beispiel Napoleon's erinnern, dessen Wesen
sicherlich gerade durch seinen Glauben an sich und seinen Stern und
durch die aus ihm fliessende Verachtung der Menschen zu der mchtigen
Einheit zusammenwuchs, welche ihn aus allen modernen Menschen
heraushebt, bis endlich aber dieser selbe Glaube in einen fast
wahnsinnigen Fatalismus bergieng, ihn seines Schnell- und
Scharfblickes beraubte und die Ursache seines Unterganges wurde.


165.

Das Genie und das Nichtige. - Gerade die originellen, aus sich
schpfenden Kpfe unter den Knstlern knnen unter Umstnden das ganz
Leere und Schaale hervorbringen, whrend die abhngigeren Naturen,
die sogenannten Talente, voller Erinnerungen an alles mgliche Gute
stecken und auch im Zustand der Schwche etwas Leidliches produciren.
Sind die Originellen aber von sich selber verlassen, so giebt die
Erinnerung ihnen keine Hlfe: sie werden leer.


166.

Das Publicum. - Von der Tragdie begehrt das Volk eigentlich nicht
mehr, als recht gerhrt zu werden, um sich einmal ausweinen zu knnen;
der Artist dagegen, der die neue Tragdie sieht, hat seine Freude an
den geistreichen technischen Erfindungen und Kunstgriffen, an der
Handhabung und Vertheilung des Stoffes, an der neuen Wendung alter
Motive, alter Gedanken. Seine Stellung ist die sthetische Stellung
zum Kunstwerk, die des Schaffenden; die erstbeschriebene, mit
alleiniger Rcksicht auf den Stoff, die des Volkes. Von dem Menschen
dazwischen ist nicht zu reden, er ist weder Volk noch Artist und weiss
nicht, was er will: so ist auch seine Freude unklar und gering.


167.

Artistische Erziehung des Publicums. - Wenn das selbe Motiv nicht
hundertfltig durch verschiedene Meister behandelt wird, lernt das
Publicum nicht ber das Interesse des Stoffes hinauskommen; aber
zuletzt wird es selbst die Nuancen, die zarten, neuen Erfindungen in
der Behandlung dieses Motives fassen und geniessen, wenn es also das
Motiv lngst aus zahlreichen Bearbeitungen kennt und dabei keinen Reiz
der Neuheit, der Spannung mehr empfindet.


168.

Knstler und sein Gefolge mssen Schritt halten. - Der Fortgang von
einer Stufe des Stils zur andern muss so langsam sein, dass nicht nur
die Knstler, sondern auch die Zuhrer und Zuschauer diesen Fortgang
mitmachen und genau wissen, was vorgeht. Sonst entsteht auf einmal
jene grosse Kluft zwischen dem Knstler, der auf abgelegener Hhe
seine Werke schafft, und dem Publicum, welches nicht mehr zu jener
Hhe hinaufkann und endlich missmuthig wieder tiefer hinabsteigt. Denn
wenn der Knstler sein Publicum nicht mehr hebt, so sinkt es schnell
abwrts, und zwar strzt es um so tiefer und gefhrlicher, je hher es
ein Genius getragen hat, dem Adler vergleichbar, aus dessen Fngen die
in die Wolken hinaufgetragene Schildkrte zu ihrem Unheil hinabfllt.


169.

Herkunft des Komischen. - Wenn man erwgt, dass der Mensch manche
hunderttausend Jahre lang ein im hchsten Grade der Furcht
zugngliches Thier war und dass alles Pltzliche, Unerwartete ihn
kampfbereit, vielleicht todesbereit sein hiess, ja dass selbst spter,
in socialen Verhltnissen, alle Sicherheit auf dem Erwarteten, auf dem
Herkommen in Meinung und Thtigkeit beruhte, so darf man sich nicht
wundern, dass bei allem Pltzlichen, Unerwarteten in Wort und That,
wenn es ohne Gefahr und Schaden hereinbricht, der Mensch ausgelassen
wird, in's Gegentheil der Furcht bergeht: das vor Angst zitternde,
zusammengekrmmte Wesen schnellt empor, entfaltet sich weit, - der
Mensch lacht. Diesen Uebergang aus momentaner Angst in kurz dauernden
Uebermuth nennt man das Komische. Dagegen geht im Phnomen des
Tragischen der Mensch schnell aus grossem, dauerndem Uebermuth in
grosse Angst ber; da aber unter Sterblichen der grosse dauernde
Uebermuth viel seltener, als der Anlass zur Angst ist, so giebt es
viel mehr des Komischen, als des Tragischen in der Welt; man lacht
viel fter, als dass man erschttert ist.


170.

Knstler-Ehrgeiz. - Die griechischen Knstler, zum Beispiel die
Tragiker dichteten, um zu siegen; ihre ganze Kunst ist nicht ohne
Wettkampf zu denken: die hesiodische gute Eris, der Ehrgeiz, gab ihrem
Genius die Flgel. Nun verlangte dieser Ehrgeiz vor Allem, dass ihr
Werk die hchste Vortrefflichkeit vor ihren eigenen Augen erhalte,
sowie sie also die Vortrefflichkeit verstanden, ohne Rcksicht auf
einen herrschenden Geschmack und die allgemeine Meinung ber das
Vortreffliche an einem Kunstwerk; und so blieben Aeschylus und
Euripides lange Zeit ohne Erfolg, bis sie sich endlich Kunstrichter
erzogen hatten, welche ihr Werk nach den Maassstben wrdigten, welche
sie selber anlegten. Somit erstreben sie den Sieg ber Nebenbuhler
nach ihrer eigenen Schtzung, vor ihrem eigenen Richterstuhl, sie
wollen wirklich vortrefflicher sein; dann fordern sie von Aussen her
Zustimmung zu dieser eigenen Schtzung, Besttigung ihres Urtheils.
Ehre erstreben heisst hier "sich berlegen machen und wnschen, dass
es auch ffentlich so erscheine". Fehlt das Erstere und wird das
Zweite trotzdem begehrt, so spricht man von Eitelkeit. Fehlt das
Letztere und wird es nicht vermisst, so redet man von Stolz.


171.

Das Nothwendige am Kunstwerk. - Die, welche so viel von dem
Nothwendigen an einem Kunstwerk reden, bertreiben, wenn sie Knstler
sind, in majorem artis gloriam, oder wenn sie Laien sind, aus
Unkenntniss. Die Formen eines Kunstwerkes, welche seine Gedanken zum
Reden bringen, also seine Art zu sprechen sind, haben immer etwas
Lssliches, wie alle Art Sprache. Der Bildhauer kann viele kleine
Zge hinzuthun oder weglassen: ebenso der Darsteller, sei es ein
Schauspieler oder, in Betreff der Musik, ein Virtuos oder Dirigent.
Diese vielen kleinen Zge und Ausfeilungen machen ihm heute Vergngen,
morgen nicht, sie sind mehr des Knstlers als der Kunst wegen da,
denn auch er bedarf, bei der Strenge und Selbstbezwingung, welche
die Darstellung des Hauptgedankens von ihm fordert, gelegentlich des
Zuckerbrodes und der Spielsachen, um nicht mrrisch zu werden.


172.

Den Meister vergessen machen. - Der Clavierspieler, der das Werk eines
Meisters zum Vortrag bringt, wird am besten gespielt haben, wenn er
den Meister vergessen liess und wenn es so erschien, als ob er eine
Geschichte seines Lebens erzhle oder jetzt eben Etwas erlebe.
Freilich: wenn er nichts Bedeutendes ist, wird jedermann seine
Geschwtzigkeit verwnschen, mit der er uns aus seinem Leben
erzhlt. Also muss er verstehen, die Phantasie des Zuhrers fr
sich einzunehmen. Daraus wiederum erklren sich alle Schwchen und
Narrheiten des "Virtuosenthums".


173.

Corriger la fortune. - Es giebt schlimme Zuflligkeiten im Leben
grosser Knstler, welche zum Beispiel den Maler zwingen, sein
bedeutendstes Bild nur als flchtigen Gedanken zu skizziren oder zum
Beispiel Beethoven zwangen, uns in manchen grossen Sonaten (wie in der
grossen B-dur) nur den ungengenden Clavierauszug einer Symphonie zu
hinterlassen. Hier soll der spterkommende Knstler das Leben der
Grossen nachtrglich zu corrigiren suchen: was zum Beispiel Der thun
wrde, welcher, als ein Meister aller Orchesterwirkungen, uns jene,
dem Clavier-Scheintode verfallene Symphonie zum Leben erweckte.


174.

Verkleinern. - Manche Dinge, Ereignisse oder Personen, vertragen
es nicht, im kleinen Maassstabe behandelt zu werden. Man kann die
Laokoon-Gruppe nicht zu einer Nippesfigur verkleinern; sie hat Grsse
nothwendig. Aber viel seltener ist es, dass etwas von Natur Kleines
die Vergrsserung vertrgt; wesshalb es Biographen immer noch eher
gelingen wird, einen grossen Mann klein darzustellen, als einen
kleinen gross.


175.

Sinnlichkeit in der Kunst der Gegenwart. - Die Knstler verrechnen
sich jetzt hufig, wenn sie auf eine sinnliche Wirkung ihrer
Kunstwerke hinarbeiten; denn ihre Zuschauer oder Zuhrer haben nicht
mehr ihre vollen Sinne und gerathen, ganz wider die Absicht des
Knstlers, durch sein Kunstwerk in - eine "Heiligkeit" der Empfindung,
welche der Langweiligkeit nahe verwandt ist. - Ihre Sinnlichkeit fngt
vielleicht dort an, wo die des Knstlers gerade aufhrt, sie begegnen
sich also hchstens an Einem Puncte.


176.

Shakespeare als Moralist. - Shakespeare hat ber die Leidenschaften
viel nachgedacht und wohl von seinem Temperamente her zu vielen einen
sehr nahen Zugang gehabt (Dramatiker sind im Allgemeinen ziemlich bse
Menschen). Aber er vermochte nicht, wie Montaigne, darber zu reden,
sondern legte die Beobachtungen ber die Passionen den passionirten
Figuren in den Mund: was zwar wider die Natur ist, aber seine Dramen
so gedankenvoll macht, dass sie alle anderen leer erscheinen lassen
und leicht einen allgemeinen Widerwillen gegen sie erwecken. - Die
Sentenzen Schiller's (welchen fast immer falsche oder unbedeutende
Einflle zu Grunde liegen) sind eben Theatersentenzen und wirken als
solche sehr stark: whrend die Sentenzen Shakespeare's seinem Vorbilde
Montaigne Ehre machen und ganz ernsthafte Gedanken in geschliffener
Form enthalten, desshalb aber fr die Augen des Theaterpublicums zu
fern und zu fein, also unwirksam sind.


177.

Sich gut zu Gehr bringen. - Man muss nicht nur verstehen, gut zu
spielen, sondern auch sich gut zu Gehr zu bringen. Die Geige in
der Hand des grssten Meisters giebt nur ein Gezirp von sich, wenn
der Raum zu gross ist; man kann da den Meister mit jedem Stmper
verwechseln.


178.

Das Unvollstndige als das Wirksame. - Wie Relieffiguren dadurch so
stark auf die Phantasie wirken, dass sie gleichsam auf dem Wege sind,
aus der Wand herauszutreten und pltzlich, irgend wodurch gehemmt,
Halt machen: so ist mitunter die reliefartig unvollstndige
Darstellung eines Gedankens, einer ganzen Philosophie wirksamer, als
die erschpfende Ausfhrung: man berlsst der Arbeit des Beschauers
mehr, er wird aufgeregt, das, was in so starkem Licht und Dunkel vor
ihm sich abhebt, fortzubilden, zu Ende zu denken und jenes Hemmniss
selber zu berwinden, welches ihrem vlligen Heraustreten bis dahin
hinderlich war.


179.

Gegen die Originalen. - Wenn die Kunst sich in den abgetragensten
Stoff kleidet, erkennt man sie am besten als Kunst.


180.

Collectivgeist. - Ein guter Schriftsteller hat nicht nur seinen
eigenen Geist, sondern auch noch den Geist seiner Freunde.


181.

Zweierlei Verkennung. - Das Unglck scharfsinniger und klarer
Schriftsteller ist, dass man sie fr flach nimmt und desshalb ihnen
keine Mhe zuwendet: und das Glck der unklaren, dass der Leser
sich an ihnen abmht und die Freude ber seinen Eifer ihnen zu Gute
schreibt.


182.

Verhltniss zur Wissenschaft. - Alle Die haben kein wirkliches
Interesse an einer Wissenschaft, welche erst dann anfangen, fr sie
warm zu werden, wenn sie selbst Entdeckungen in ihr gemacht haben.


183.

Der Schlssel. - Der eine Gedanke, auf den ein bedeutender Mensch, zum
Gelchter und Spott der Unbedeutenden, grossen Werth legt, ist fr ihn
ein Schlssel zu verborgenen Schatzkammern, fr jene nicht mehr, als
ein Stck alten Eisens.


184.

Unbersetzbar. - Es ist weder das Beste, noch das Schlechteste an
einem Buche, was an ihm unbersetzbar ist.


185.

Paradoxien des Autors. - Die sogenannten Paradoxien des Autors, an
welchen ein Leser Anstoss nimmt, stehen hufig gar nicht im Buche des
Autors, sondern im Kopfe des Lesers.


186.

Witz. - Die witzigsten Autoren erzeugen das kaum bemerkbarste Lcheln.


187.

Die Antithese. - Die Antithese ist die enge Pforte, durch welche sich
am liebsten der Irrthum zur Wahrheit schleicht.


188.

Denker als Stilisten. - Die meisten Denker schreiben schlecht, weil
sie uns nicht nur ihre Gedanken, sondern auch das Denken der Gedanken
mittheilen.


189.

Gedanken im Gedicht. - Der Dichter fhrt seine Gedanken festlich
daher, auf dem Wagen des Rhythmus': gewhnlich desshalb, weil diese zu
Fuss nicht gehen knnen.


190.

Snde wider den Geist des Lesers. - Wenn der Autor sein Talent
verleugnet, blos um sich dem Leser gleich zu stellen, so begeht er die
einzige Todsnde, welche ihm Jener nie verzeiht: im Fall er nmlich
Etwas davon merkt. Man darf dem Menschen sonst alles Bse nachsagen:
aber in der Art, wie man es sagt, muss man seine Eitelkeit wieder
aufzurichten wissen.


191.

Grnze der Ehrlichkeit. - Auch dem ehrlichsten Schriftsteller entfllt
ein Wort zu viel, wenn er eine Periode abrunden will.


192.

Der beste Autor. - Der beste Autor wird der sein, welcher sich schmt,
Schriftsteller zu werden.


193.

Drakonisches Gesetz gegen Schriftsteller. - Man sollte einen
Schriftsteller als einen Missethter ansehen, der nur in den
seltensten Fllen Freisprechung oder Begnadigung verdient: das wre
ein Mittel gegen das Ueberhandnehmen der Bcher.


194.

Die Narren der modernen Cultur. - Die Narren der mittelalterlichen
Hfe entsprechen unseren Feuilletonisten; es ist die selbe Gattung
Menschen, halbvernnftig, witzig, bertrieben, albern, mitunter nur
dazu da, das Pathos der Stimmung durch Einflle, durch Geschwtz zu
mildern und den allzu schweren, feierlichen Glockenklang grosser
Ereignisse durch Geschrei zu bertuben; ehemals im Dienste der
Frsten und Adeligen, jetzt im Dienste von Parteien (wie in
Partei-Sinn und Partei-Zucht ein guter Theil der alten Unterthnigkeit
im Verkehr des Volkes mit dem Frsten jetzt noch fortlebt). Der ganze
moderne Litteratenstand steht aber den Feuilletonisten sehr nahe, es
sind die "Narren der modernen Cultur", welche man milder beurtheilt,
wenn man sie als nicht ganz zurechnungsfhig nimmt. Schriftstellerei
als Lebensberuf zu betrachten, sollte billigerweise als eine Art
Tollheit gelten.


195.

Den Griechen nach. - Der Erkenntniss steht es gegenwrtig sehr im
Wege, dass alle Worte durch hundertjhrige Uebertreibung des Gefhls
dunstig und aufgeblasen geworden sind. Die hhere Stufe der Cultur,
welche sich unter die Herrschaft (wenn auch nicht unter die Tyrannei)
der Erkenntniss stellt, hat eine grosse Ernchterung des Gefhls
und eine starke Concentration aller Worte vonnthen; worin uns
die Griechen im Zeitalter des Demosthenes vorangegangen sind. Das
Ueberspannte bezeichnet alle modernen Schriften; und selbst wenn
sie einfach geschrieben sind, so werden die Worte in denselben noch
zu excentrisch gefhlt. Strenge Ueberlegung, Gedrngtheit, Klte,
Schlichtheit, selbst absichtlich bis an die Grnze hinab, berhaupt
An-sich-halten des Gefhls und Schweigsamkeit, - das kann allein
helfen. - Uebrigens ist diese kalte Schreib- und Gefhlsart, als
Gegensatz, jetzt sehr reizvoll: und darin liegt freilich eine neue
Gefahr. Denn die scharfe Klte ist so gut ein Reizmittel, als ein
hoher Wrmegrad.


196.

Gute Erzhler schlechte Erklrer. - Bei guten Erzhlern steht oft
eine bewunderungswrdige psychologische Sicherheit und Consequenz,
soweit diese in den Handlungen ihrer Personen hervortreten kann,
in einem geradezu lcherlichen Gegensatz zu der Ungebtheit ihres
psychologischen Denkens: so dass ihre Cultur in dem einen Augenblicke
ebenso ausgezeichnet hoch, als im nchsten bedauerlich tief erscheint.
Es kommt gar zu hufig vor, dass sie ihre eigenen Helden und deren
Handlungen ersichtlich falsch erklren, - es ist daran kein Zweifel,
so unwahrscheinlich die Sache klingt. Vielleicht hat der grsste
Clavierspieler nur wenig ber die technischen Bedingungen und die
specielle Tugend, Untugend, Nutzbarkeit und Erziehbarkeit jedes
Fingers (daktylische Ethik) nachgedacht, und macht grobe Fehler, wenn
er von solchen Dingen redet.


197.

Die Schriften von Bekannten und ihre Leser. - Wir lesen Schriften von
Bekannten (Freunden und Feinden) doppelt, insofern fortwhrend unsere
Erkenntniss daneben flstert: "das ist von ihm, ein Merkmal seines
inneren Wesens, seiner Erlebnisse, seiner Begabung", und wiederum eine
andere Art Erkenntniss dabei festzustellen sucht, was der Ertrag jenes
Werkes an sich ist, welche Schtzung es berhaupt, abgesehen von
seinem Verfasser, verdient, welche Bereicherung des Wissens es mit
sich bringt. Diese beiden Arten des Lesens und Erwgens stren sich,
wie das sich von selbst versteht, gegenseitig. Auch eine Unterhaltung
mit einem Freunde wird dann erst gute Frchte der Erkenntniss
zeitigen, wenn Beide endlich nur noch an die Sache denken, und
vergessen, dass sie Freunde sind.


198.

Rhythmische Opfer. - Gute Schriftsteller verndern den Rhythmus
mancher Periode blos desshalb, weil sie den gewhnlichen Lesern nicht
die Fhigkeit zuerkennen, den Tact, welchem die Periode in ihrer
ersten Fassung folgte, zu begreifen: desshalb erleichtern sie es
ihnen, indem sie bekannteren Rhythmen den Vorzug geben. - Diese
Rcksicht auf das rhythmische Unvermgen der jetzigen Leser hat schon
manche Seufzer entlockt, denn ihr ist viel schon zum Opfer gefallen. -
Ob es guten Musikern nicht hnlich ergeht?


199.

Das Unvollstndige als knstlerisches Reizmittel. - Das Unvollstndige
ist oft wirksamer als die Vollstndigkeit, so namentlich in der
Lobrede: fr ihre Zwecke braucht man gerade eine anreizende
Unvollstndigkeit, als ein irrationales Element, welches der
Phantasie des Hrers ein Meer vorspiegelt und gleich einem Nebel
die gegenberliegende Kste, also die Begrnztheit des zu lobenden
Gegenstandes, verdeckt. Wenn man die bekannten Verdienste eines
Menschen erwhnt und dabei ausfhrlich und breit ist, so lsst diess
immer den Argwohn aufkommen, es seien die einzigen Verdienste. Der
vollstndig Lobende stellt sich ber den Gelobten, er scheint ihn zu
bersehen. Desshalb wirkt das Vollstndige abschwchend.


200.

Vorsicht im Schreiben und Lehren. - Wer erst geschrieben hat und die
Leidenschaft des Schreibens in sich fhlt, lernt fast aus Allem, was
er treibt und erlebt, nur Das noch heraus, was schriftstellerisch
mittheilbar ist. Er denkt nicht mehr an sich, sondern an den
Schriftsteller und sein Publicum; er will die Einsicht, aber nicht zum
eigenen Gebrauche. Wer Lehrer ist, ist meistens unfhig, etwas Eigenes
noch fr sein eigenes Wohl zu treiben, er denkt immer an das Wohl
seiner Schler und jede Erkenntniss erfreut ihn nur, so weit er sie
lehren kann. Er betrachtet sich zuletzt als einen Durchweg des Wissens
und berhaupt als Mittel, so dass er den Ernst fr sich verloren hat.


201.

Schlechte Schriftsteller nothwendig. - Es wird immer schlechte
Schriftsteller geben mssen, denn sie entsprechen dem Geschmack
der unentwickelten, unreifen Altersclassen; diese haben so gut ihr
Bedrfniss wie die reifern. Wre das menschliche Leben lnger, so
wrde die Zahl der reif gewordenen Individuen berwiegend oder
mindestens gleich gross mit der der unreifen ausfallen; so aber
sterben bei Weitem die meisten zu jung, das heisst es giebt immer viel
mehr unentwickelte Intellecte mit schlechtem Geschmack. Diese begehren
berdiess, mit der grsseren Heftigkeit der Jugend, nach Befriedigung
ihres Bedrfnisses, und sie erzwingen sich schlechte Autoren.


202.

Zu nah und zu fern. - Der Leser und der Autor verstehen sich hufig
desshalb nicht, weil der Autor sein Thema zu gut kennt und es beinahe
langweilig findet, so dass er sich die Beispiele erlsst, die er zu
Hunderten weiss; der Leser aber ist der Sache fremd und findet sie
leicht schlecht begrndet, wenn ihm die Beispiele vorenthalten werden.


203.

Eine verschwundene Vorbereitung zur Kunst. - An Allem, was das
Gymnasium trieb, war das Werthvollste die Uebung im lateinischen Stil:
diese war eben eine Kunstbung, whrend alle anderen Beschftigungen
nur das Wissen zum Zweck hatten. Den deutschen Aufsatz voranzustellen,
ist Barbarei, denn wir haben keinen mustergltigen, an ffentlicher
Beredtsamkeit emporgewachsenen deutschen Stil; will man aber durch
den deutschen Aufsatz die Uebung im Denken frdern, so ist es gewiss
besser, wenn man einstweilen von Stil dabei berhaupt absieht, also
zwischen der Uebung im Denken und der im Darstellen scheidet. Letztere
sollte sich auf mannichfache Fassung eines gegebenen Inhaltes beziehen
und nicht auf selbstndiges Erfinden eines Inhaltes. Die blose
Darstellung bei gegebenem Inhalte war die Aufgabe des lateinischen
Stils, fr welchen die alten Lehrer eine lngst verloren gegangene
Feinheit des Gehrs besassen. Wer ehemals gut in einer modernen
Sprache schreiben lernte, verdankte es dieser Uebung (jetzt muss man
sich nothgedrungen zu den lteren Franzosen in die Schule schicken);
aber noch mehr: er bekam einen Begriff von der Hoheit und
Schwierigkeit der Form und wurde fr die Kunst berhaupt auf dem
einzig richtigen Wege vorbereitet, durch Praxis.


204.

Dunkles und Ueberhelles neben einander. - Schriftsteller, welche im
Allgemeinen ihren Gedanken keine Deutlichkeit zu geben verstehen,
werden im Einzelnen mit Vorliebe die strksten, bertriebensten
Bezeichnungen und Superlative whlen: dadurch entsteht eine
Lichtwirkung, wie bei Fackelbeleuchtung auf verworrenen Waldwegen.


205.

Schriftstellerisches Malerthum. - Einen bedeutenden Gegenstand wird
man am besten darstellen, wenn man die Farben zum Gemlde aus dem
Gegenstande selber, wie ein Chemiker, nimmt und sie dann wie ein
Artist verbraucht: so dass man die Zeichnung aus den Grnzen und
Uebergngen der Farben erwachsen lsst. So bekommt das Gemlde Etwas
von dem hinreissenden Naturelement, welches den Gegenstand selber
bedeutend macht.


206.

Bcher, welche tanzen lehren. - Es giebt Schriftsteller, welche
dadurch, dass sie Unmgliches als mglich darstellen und vom
Sittlichen und Genialen so reden, als ob beides nur eine Laune, ein
Belieben sei, ein Gefhl von bermthiger Freiheit hervorbringen, wie
wenn der Mensch sich auf die Fussspitzen stellte und vor innerer Lust
durchaus tanzen msste.


207.

Nicht fertig gewordene Gedanken. - Ebenso wie nicht nur das
Mannesalter, sondern auch Jugend und Kindheit einen Werth an sich
haben und gar nicht nur als Durchgnge und Brcken zu schtzen sind,
so haben auch die nicht fertig gewordenen Gedanken ihren Werth. Man
muss desshalb einen Dichter nicht mit subtiler Auslegung qulen und
sich an der Unsicherheit seines Horizontes vergngen, wie als ob der
Weg zu mehreren Gedanken noch offen sei. Man steht an der Schwelle;
man wartet wie bei der Ausgrabung eines Schatzes: es ist, als ob ein
Glcksfund von Tiefsinn eben gemacht werden sollte. Der Dichter nimmt
Etwas von der Lust des Denkers beim Finden eines Hauptgedankens vorweg
und macht uns damit begehrlich, so dass wir nach diesem haschen;
der aber gaukelt an unserm Kopf vorber und zeigt die schnsten
Schmetterlingsflgel - und doch entschlpft er uns.


208.

Das Buch fast zum Menschen geworden. - Jeden Schriftsteller berrascht
es von Neuem, wie das Buch, sobald es sich von ihm gelst hat, ein
eigenes Leben fr sich weiterlebt; es ist ihm zu Muthe, als wre der
eine Theil eines Insectes losgetrennt und gienge nun seinen eigenen
Weg weiter. Vielleicht vergisst er es fast ganz, vielleicht erhebt
er sich ber die darin niedergelegten Ansichten, vielleicht selbst
versteht er es nicht mehr und hat jene Schwingen verloren, auf denen
er damals flog, als er jenes Buch aussann: whrenddem sucht es sich
seine Leser, entzndet Leben, beglckt, erschreckt, erzeugt neue
Werke, wird die Seele von Vorstzen und Handlungen - kurz: es lebt wie
ein mit Geist und Seele ausgestattetes Wesen und ist doch kein Mensch.
- Das glcklichste Loos hat der Autor gezogen, welcher, als alter
Mann, sagen kann, dass Alles, was von lebenzeugenden, krftigenden,
erhebenden, aufklrenden Gedanken und Gefhlen in ihm war, in seinen
Schriften noch fortlebe und dass er selber nur noch die graue Asche
bedeute, whrend das Feuer berall hin gerettet und weiter getragen
sei. - Erwgt man nun gar, dass jede Handlung eines Menschen, nicht
nur ein Buch, auf irgend eine Art Anlass zu anderen Handlungen,
Entschlssen, Gedanken wird, dass Alles, was geschieht, unlsbar fest
sich mit Allem, was geschehen wird, verknotet, so erkennt man die
wirkliche Unsterblichkeit, die es giebt, die der Bewegung: was einmal
bewegt hat, ist in dem Gesammtverbande alles Seienden, wie in einem
Bernstein ein Insect, eingeschlossen und verewigt.


209.

Freude im Alter. - Der Denker und ebenso der Knstler, welcher sein
besseres Selbst in Werke geflchtet hat, empfindet eine fast boshafte
Freude, wenn er sieht, wie sein Leib und Geist langsam von der Zeit
angebrochen und zerstrt werden, als ob er aus einem Winkel einen Dieb
an seinem Geldschranke arbeiten she, whrend er weiss, dass dieser
leer ist und alle Schtze gerettet sind.


210.

Ruhige Fruchtbarkeit. - Die geborenen Aristokraten des Geistes sind
nicht zu eifrig; ihre Schpfungen erscheinen und fallen an einem
ruhigen Herbstabend vom Baume, ohne hastig begehrt, gefrdert, durch
Neues verdrngt zu werden. Das unablssige Schaffenwollen ist gemein
und zeigt Eifersucht, Neid, Ehrgeiz an. Wenn man Etwas ist, so braucht
man eigentlich Nichts zu machen, - und thut doch sehr viel. Es giebt
ber dem "productiven" Menschen noch eine hhere Gattung.


211.

Achilles und Homer. - Es ist immer wie zwischen Achilles und Homer:
der Eine hat das Erlebniss, die Empfindung, der Andere beschreibt
sie. Ein wirklicher Schriftsteller giebt dem Affect und der Erfahrung
Anderer nur Worte, er ist Knstler, um aus dem Wenigen, was er
empfunden hat, viel zu errathen. Knstler sind keineswegs die Menschen
der grossen Leidenschaft, aber hufig geben sie sich als solche in
der unbewussten Empfindung, dass man ihrer gemalten Leidenschaft mehr
traut, wenn ihr eigenes Leben fr ihre Erfahrung auf diesem Gebiete
spricht. Man braucht sich ja nur gehen zu lassen, sich nicht zu
beherrschen, seinem Zorn, seiner Begierde offenen Spielraum zu gnnen,
sofort schreit alle Welt: wie leidenschaftlich ist er! Aber mit der
tiefwhlenden, das Individuum anzehrenden und oft verschlingenden
Leidenschaft hat es Etwas auf sich: wer sie erlebt, beschreibt sie
gewiss nicht in Dramen, Tnen oder Romanen. Knstler sind hufig
zgellose Individuen, soweit sie eben nicht Knstler sind: aber das
ist etwas Anderes.


212.

Alte Zweifel ber die Wirkung der Kunst. - Sollten Mitleid und Furcht
wirklich, wie Aristoteles will, durch die Tragdie entladen werden, so
dass der Zuhrer klter und ruhiger nach Hause zurckkehre? Sollten
Geistergeschichten weniger furchtsam und aberglubisch machen? Es ist
bei einigen physischen Vorgngen, zum Beispiel bei dem Liebesgenuss,
wahr, dass mit der Befriedigung eines Bedrfnisses eine Linderung und
zeitweilige Herabstimmung des Triebes eintritt. Aber die Furcht und
das Mitleid sind nicht in diesem Sinne Bedrfnisse bestimmter Organe,
welche erleichtert werden wollen. Und auf die Dauer wird selbst jeder
Trieb durch Uebung in seiner Befriedigung gestrkt, trotz jener
periodischen Linderungen. Es wre mglich, dass Mitleid und Furcht
in jedem einzelnen Falle durch die Tragdie gemildert und entladen
wrden: trotzdem knnten sie im Ganzen durch die tragische Einwirkung
berhaupt grsser werden, und Plato behielte doch Recht, wenn er
meint, dass man durch die Tragdie insgesammt ngstlicher und
rhrseliger werde. Der tragische Dichter selbst wrde dann nothwendig
eine dstere, furchtvolle Weltbetrachtung und eine weiche, reizbare,
thrnenschtige Seele bekommen, desgleichen wrde es zu Plato's
Meinung stimmen, wenn die tragischen Dichter und ebenso die ganzen
Stadtgemeinden, welche sich besonders an ihnen ergtzen, zu immer
grsserer Maass- und Zgellosigkeit ausarten. - Aber welches Recht
hat unsere Zeit berhaupt, auf die grosse Frage Plato's nach dem
moralischen Einfluss der Kunst eine Antwort zu geben? Htten wir
selbst die Kunst, - wo haben wir den Einfluss, irgend einen Einfluss
der Kunst?


213.

Freude am Unsinn. - Wie kann der Mensch Freude am Unsinn haben? So
weit nmlich auf der Welt gelacht wird, ist diess der Fall; ja man
kann sagen, fast berall wo es Glck giebt, giebt es Freude am Unsinn.
Das Umwerfen der Erfahrung in's Gegentheil, des Zweckmssigen in's
Zwecklose, des Nothwendigen in's Beliebige, doch so, dass dieser
Vorgang keinen Schaden macht und nur einmal aus Uebermuth vorgestellt
wird, ergtzt, denn es befreit uns momentan von dem Zwange des
Nothwendigen, Zweckmssigen und Erfahrungsgemssen, in denen wir fr
gewhnlich unsere unerbittlichen Herren sehen; wir spielen und lachen
dann, wenn das Erwartete (das gewhnlich bange macht und spannt)
sich, ohne zu schdigen, entladet. Es ist die Freude der Sclaven am
Saturnalienfeste.


214.

Veredelung der Wirklichkeit. - Dadurch, dass die Menschen in dem
aphrodisischen Triebe eine Gottheit sahen und ihn mit anbetender
Dankbarkeit in sich wirkend fhlten, ist im Verlaufe der Zeit
jener Affect mit hheren Vorstellungsreihen durchzogen und dadurch
thatschlich sehr veredelt worden. So haben sich einige Vlker,
vermge dieser Kunst des Idealisirens, aus Krankheiten grosse
Hlfsmchte der Cultur geschaffen: zum Beispiel die Griechen, welche
in frheren Jahrhunderten an grossen Nerven-Epidemien (in der Art der
Epilepsie und des Veitstanzes) litten und daraus den herrlichen Typus
der Bacchantin herausgebildet haben. - Die Griechen besassen nmlich
Nichts weniger, als eine vierschrtige Gesundheit; - ihr Geheimniss
war, auch die Krankheit, wenn sie nur Macht hatte, als Gott zu
verehren.


215.

Musik. - Die Musik ist nicht an und fr sich so bedeutungsvoll fr
unser Inneres, so tief erregend, dass sie als unmittelbare Sprache des
Gefhls gelten drfte; sondern ihre uralte Verbindung mit der Poesie
hat so viel Symbolik in die rhythmische Bewegung, in Strke und
Schwche des Tones gelegt, dass wir jetzt whnen, sie sprche direct
zu in Inneren und kme aus dem Inneren. Die dramatische Musik ist erst
mglich, wenn sich die Tonkunst ein ungeheures Bereich symbolischer
Mittel erobert hat, durch Lied, Oper und hundertfltige Versuche der
Tonmalerei. Die "absolute Musik" ist entweder Form an sich, im rohen
Zustand der Musik, wo das Erklingen in Zeitmaass und verschiedener
Strke berhaupt Freude macht, oder die ohne Poesie schon zum
Verstndniss redende Symbolik der Formen, nachdem in langer
Entwickelung beide Knste verbunden waren und endlich die musicalische
Form ganz mit Begriffs- und Gefhlsfden durchsponnen ist. Menschen,
welche in der Entwickelung der Musik zurckgeblieben sind, knnen das
selbe Tonstck rein formalistisch empfinden, wo die Fortgeschrittenen
Alles symbolisch verstehen. An sich ist keine Musik tief und
bedeutungsvoll, sie spricht nicht vom "Willen", vom "Dinge an sich";
das konnte der Intellect erst in einem Zeitalter whnen, welches den
ganzen Umfang des inneren Lebens fr die musicalische Symbolik erobert
hatte. Der Intellect selber hat diese Bedeutsamkeit erst in den Klang
hineingelegt, wie er in die Verhltnisse von Linien und Massen bei der
Architektur ebenfalls Bedeutsamkeit gelegt hat, welche aber an sich
den mechanischen Gesetzen ganz fremd ist.


216.

Gebrde und Sprache. - Aelter als die Sprache ist das Nachmachen von
Gebrden, welches unwillkrlich vor sich geht und jetzt noch, bei
einer allgemeinen Zurckdrngung der Gebrdensprache und gebildeten
Beherrschung der Muskeln, so stark ist, dass wir ein bewegtes Gesicht
nicht ohne Innervation unseres Gesichts ansehen knnen (man kann
beobachten, dass fingirtes Ghnen bei Einem, der es sieht, natrliches
Ghnen hervorruft). Die nachgeahmte Gebrde leitete Den, der
nachahmte, zu der Empfindung zurck, welche sie im Gesicht oder Krper
des Nachgeahmten ausdrckte. So lernte man sich verstehen: so lernt
noch das Kind die Mutter verstehen. Im Allgemeinen mgen schmerzhafte
Empfindungen wohl auch durch Gebrden ausgedrckt worden sein, welche
Schmerz ihrerseits verursachen (zum Beispiel durch Haar ausraufen,
die-Brust-schlagen, gewaltsame Verzerrungen und Anspannungen der
Gesichtsmuskeln). Umgekehrt: Gebrden der Lust waren selber lustvoll
und eigneten sich dadurch leicht zum Mittheilen des Verstndnisses
(Lachen als Aeusserung des Gekitzeltwerdens, welches lustvoll ist,
diente wiederum zum Ausdruck anderer lustvoller Empfindungen).
- Sobald man sich in Gebrden verstand, konnte wiederum eine
Symbolik der Gebrde entstehen: ich meine, man konnte ber eine
Tonzeichensprache sich verstndigen, so zwar, dass man zuerst Ton
und Gebrde (zu der er symbolisch hinzutrat), spter nur den Ton
hervorbrachte. - Es scheint sich da in frher Zeit das Selbe oftmals
ereignet zu haben, was jetzt vor unseren Augen und Ohren in der
Entwickelung der Musik, namentlich der dramatischen Musik, vor sich
geht: whrend zuerst die Musik, ohne erklrenden Tanz und Mimus
(Gebrdensprache), leeres Gerusch ist, wird durch lange Gewhnung
an jenes Nebeneinander von Musik und Bewegung das Ohr zur sofortigen
Ausdeutung der Tonfiguren eingeschult und kommt endlich auf eine Hhe
des schnellen Verstndnisses, wo es der sichtbaren Bewegung gar nicht
mehr bedarf und den Tondichter ohne dieselbe versteht. Man redet dann
von absoluter Musik, das heisst von Musik, in der Alles ohne weitere
Beihlfe sofort symbolisch verstanden wird.


217.

Die Entsinnlichung der hheren Kunst. - Unsere Ohren sind, vermge der
ausserordentlichen Uebung des Intellects durch die Kunstentwickelung
der neuen Musik, immer intellectualer geworden. Desshalb ertragen wir
jetzt viel grssere Tonstrke, viel mehr "Lrm", weil wir viel besser
eingebt sind, auf die Vernunft in ihm hin zu horchen, als unsere
Vorfahren. Thatschlich sind nun alle unsere Sinne eben dadurch, dass
sie sogleich nach der Vernunft, also nach dem "es bedeutet" und nicht
mehr nach dem "es ist" fragen, etwas abgestumpft worden: wie sich eine
solche Abstumpfung zum Beispiel in der unbedingten Herrschaft der
Temperatur der Tne verrth; denn jetzt gehren Ohren, welche die
feineren Unterscheidungen, zum Beispiel zwischen cis und des, noch
machen, zu den Ausnahmen. In dieser Hinsicht ist unser Ohr vergrbert
worden. Sodann ist die hssliche, den Sinnen ursprnglich feindselige
Seite der Welt fr die Musik erobert worden; ihr Machtbereich,
namentlich zum Ausdruck des Erhabenen, Furchtbaren, Geheimnissvollen,
hat sich damit erstaunlich erweitert; unsere Musik bringt jetzt Dinge
zum Reden, welche frher keine Zunge hatten. In hnlicher Weise haben
einige Maler das Auge intellectualer gemacht und sind weit ber Das
hinausgegangen, was man frher Farben- und Formenfreude nannte. Auch
hier ist die ursprnglich als hsslich geltende Seite der Welt vom
knstlerischen Verstande erobert worden. - Was ist von alledem die
Consequenz? je gedankenfhiger Auge und Ohr werden, um so mehr kommen
sie an die Grnze, wo sie unsinnlich werden: die Freude wird in's
Gehirn verlegt, die Sinnesorgane selbst werden stumpf und schwach, das
Symbolische tritt immer mehr an Stelle des Seienden, - und so gelangen
wir auf diesem Wege so sicher zur Barbarei, wie auf irgend einem
anderen. Einstweilen heisst es noch: die Welt ist hsslicher als je,
aber sie bedeutet eine schnere Welt als je gewesen. Aber je mehr
der Ambraduft der Bedeutung sich zerstreut und verflchtigt, um so
seltener werden Die, welche ihn noch wahrnehmen: und die Uebrigen
bleiben endlich bei dem Hsslichen stehen und suchen es direct zu
geniessen, was ihnen aber immer misslingen muss. So giebt es in
Deutschland eine doppelte Strmung der musicalischen Entwickelung:
hier eine Schaar von Zehntausend mit immer hheren, zarteren
Ansprchen und immer mehr nach dem "es bedeutet" hinhrend, und dort
die ungeheuere Ueberzahl, welche alljhrlich immer unfhiger wird, das
Bedeutende auch in der Form der sinnlichen Hsslichkeit zu verstehen
und desshalb nach dem an sich Hsslichen und Ekelhaften, das heisst
dem niedrig Sinnlichen, in der Musik mit immer mehr Behagen greifen
lernt.


218.

Der Stein ist mehr Stein als frher. - Wir verstehen im Allgemeinen
Architektur nicht mehr, wenigstens lange nicht in der Weise, wie wir
Musik verstehen. Wir sind aus der Symbolik der Linien und Figuren
herausgewachsen, wie wir der Klangwirkungen der Rhetorik entwhnt
sind, und haben diese Art von Muttermilch der Bildung nicht mehr vom
ersten Augenblick unseres Lebens an eingesogen. An einem griechischen
oder christlichen Gebude bedeutete ursprnglich Alles Etwas, und zwar
in Hinsicht auf eine hhere Ordnung der Dinge: diese Stimmung einer
unausschpflichen Bedeutsamkeit lag um das Gebude gleich einem
zauberhaften Schleier. Schnheit kam nur nebenbei in das System
hinein, ohne die Grundempfindung des Unheimlich-Erhabenen, des durch
Gtternhe und Magie Geweihten, wesentlich zu beeintrchtigen;
Schnheit milderte hchstens das Grauen, - aber dieses Grauen war
berall die Voraussetzung. - Was ist uns jetzt die Schnheit eines
Gebudes? Das Selbe wie das schne Gesicht einer geistlosen Frau:
etwas Maskenhaftes.


219.

Religise Herkunft der neueren Musik. - Die seelenvolle Musik entsteht
in dem wiederhergestellten Katholicismus nach dem tridentinischen
Concil, durch Palestrina, welcher dem neu erwachten innigen und
tief bewegten Geiste zum Klange verhalf; spter, mit Bach, auch im
Protestantismus, soweit dieser durch die Pietisten vertieft und von
seinem ursprnglich dogmatischen Grundcharakter losgebunden worden
war. Voraussetzung und nothwendige Vorstufe fr beide Entstehungen ist
die Befassung mit Musik, wie sie dem Zeitalter der Renaissance und
Vor-Renaissance zu eigen war, namentlich jene gelehrte Beschftigung
mit Musik, jene im Grunde wissenschaftliche Lust an den Kunststcken
der Harmonik und Stimmfhrung. Andererseits musste auch die Oper
vorhergegangen sein: in welcher der Laie seinen Protest gegen eine
zu gelehrt gewordene kalte Musik zu erkennen gab und der Polyhymnia
wieder eine Seele schenken wollte. - Ohne jene tief religise
Umstimmung, ohne das Ausklingen des innerlichst-erregten Gemthes
wre die Musik gelehrt oder opernhaft geblieben; der Geist der
Gegenreformation ist der Geist der modernen Musik (denn jener
Pietismus in Bach's Musik ist auch eine Art Gegenreformation). So
tief sind wir dem religisen Leben verschuldet. - Die Musik war die
Gegenrenaissance im Gebiete der Kunst, zu ihr gehrt die sptere
Malerei des Murillo, zu ihr vielleicht auch der Barockstil: mehr
jedenfalls als die Architektur der Renaissance oder des Alterthums.
Und noch jetzt drfte man fragen: wenn unsere neuere Musik die
Steine bewegen knnte, wrde sie diese zu einer antiken Architektur
zusammensetzen? Ich zweifle sehr. Denn Das, was in dieser Musik
regiert, der Affect, die Lust an erhhten, weit gespannten Stimmungen,
das Lebendig-werden-wollen um jeden Preis, der rasche Wechsel der
Empfindung, die starke Reliefwirkung in Licht und Schatten, die
Nebeneinanderstellung der Ekstase und des Naiven, - das hat Alles
schon einmal in den bildenden Knsten regiert und neue Stilgesetze
geschaffen: - es war aber weder im Alterthum noch in der Zeit der
Renaissance.


220.

Das Jenseits in der Kunst. - Nicht ohne tiefen Schmerz gesteht
man sich ein, dass die Knstler aller Zeiten in ihrem hchsten
Aufschwunge gerade jene Vorstellungen zu einer himmlischen Verklrung
hinaufgetragen haben, welche wir jetzt als falsch erkennen: sie sind
die Verherrlicher der religisen und philosophischen Irrthmer der
Menschheit, und sie htten diess nicht sein knnen ohne den Glauben an
die absolute Wahrheit derselben. Nimmt nun der Glaube an eine solche
Wahrheit berhaupt ab, verblassen die Regenbogenfarben um die
ussersten Enden des menschlichen Erkennens und Whnens: so kann
jene Gattung von Kunst nie wieder aufblhen, welche, wie die divina
commedia, die Bilder Rafael's, die Fresken Michelangelo's, die
gothischen Mnster, nicht nur eine kosmische, sondern auch eine
metaphysische Bedeutung der Kunstobjecte voraussetzt. Es wird eine
rhrende Sage daraus werden, dass es eine solche Kunst, einen solchen
Knstlerglauben gegeben habe.


221.

Die Revolution in der Poesie. - Der strenge Zwang, welchen sich die
franzsischen Dramatiker auferlegten, in Hinsicht auf Einheit der
Handlung, des Ortes und der Zeit, auf Stil, Vers- und Satzbau, Auswahl
der Worte und Gedanken, war eine so wichtige Schule, wie die des
Contrapuncts und der Fuge in der Entwickelung der modernen Musik oder
wie die Gorgianischen Figuren in der griechischen Beredtsamkeit. Sich
so zu binden, kann absurd erscheinen; trotzdem giebt es kein anderes
Mittel, um aus dem Naturalisiren herauszukommen, als sich zuerst auf
das allerstrkste (vielleicht allerwillkrlichste) zu beschrnken.
Man lernt so allmhlich mit Grazie selbst auf den schmalen Stegen
schreiten, welche schwindelnde Abgrnde berbrcken, und bringt die
hchste Geschmeidigkeit der Bewegung als Ausbeute mit heim: wie die
Geschichte der Musik vor den Augen aller Jetztlebenden beweist. Hier
sieht man, wie Schritt vor Schritt die Fesseln lockerer werden, bis
sie endlich ganz abgeworfen scheinen knnen: dieser Schein ist das
hchste Ergebniss einer nothwendigen Entwickelung in der Kunst.
In der modernen Dichtkunst gab es keine so glckliche allmhliche
Herauswickelung aus den selbstgelegten Fesseln. Lessing machte die
franzsische Form, das heisst die einzige moderne Kunstform, zum
Gesptt in Deutschland und verwies auf Shakespeare, und so verlor
man die Stetigkeit jener Entfesselung und machte einen Sprung in den
Naturalismus - das heisst in die Anfnge der Kunst zurck. Aus ihm
versuchte sich Goethe zu retten, indem er sich immer von Neuem wieder
auf verschiedene Art zu binden wusste; aber auch der Begabteste bringt
es nur zu einem fortwhrenden Experimentiren, wenn der Faden der
Entwickelung einmal abgerissen ist. Schiller verdankt die ungefhre
Sicherheit seiner Form dem unwillkrlich verehrten, wenn auch
verleugneten Vorbilde der franzsischen Tragdie und hielt sich
ziemlich unabhngig von Lessing (dessen dramatische Versuche er
bekanntlich ablehnte). Den Franzosen selber fehlten nach Voltaire auf
einmal die grossen Talente, welche die Entwickelung der Tragdie aus
dem Zwange zu jenem Scheine der Freiheit fortgefhrt htten; sie
machten spter nach deutschem Vorbilde auch den Sprung in eine Art von
Rousseau'schem Naturzustand der Kunst und experimentirten. Man lese
nur von Zeit zu Zeit Voltaire's Mahomet, um sich klar vor die Seele zu
stellen, was durch jenen Abbruch der Tradition ein fr alle Mal der
europischen Cultur verloren gegangen ist. Voltaire war der letzte der
grossen Dramatiker, welcher seine vielgestaltige, auch den grssten
tragischen Gewitterstrmen gewachsene Seele durch griechisches Maass
bndigte, - er vermochte Das, was noch kein Deutscher vermochte, weil
die Natur des Franzosen der griechischen viel verwandter ist, als die
Natur des Deutschen -; wie er auch der letzte grosse Schriftsteller
war, der in der Behandlung der Prosa-Rede griechisches Ohr,
griechische Knstler-Gewissenhaftigkeit, griechische Schlichtheit
und Anmuth hatte; ja wie er einer der letzten Menschen gewesen ist,
welche die hchste Freiheit des Geistes und eine schlechterdings
unrevolutionre Gesinnung in sich vereinigen knnen, ohne inconsequent
und feige zu sein. Seitdem ist der moderne Geist mit seiner Unruhe,
seinem Hass gegen Maass und Schranke, auf allen Gebieten zur
Herrschaft gekommen, zuerst entzgelt durch das Fieber der Revolution
und dann wieder sich Zgel anlegend, wenn ihn Angst und Grauen vor
sich selber anwandelte, - aber die Zgel der Logik, nicht mehr des
knstlerischen Maasses. Zwar geniessen wir durch jene Entfesselung
eine Zeit lang die Poesien aller Vlker, alles an verborgenen Stellen
Aufgewachsene, Urwchsige, Wildblhende, Wunderlich-Schne und
Riesenhaft-Unregelmssige, vom Volksliede an bis zum "grossen
Barbaren" Shakespeare hinauf; wir schmecken die Freuden der Localfarbe
und des Zeitcostms, die allen knstlerischen Vlkern bisher
fremd waren; wir benutzen reichlich die "barbarischen Avantagen"
unserer Zeit, welche Goethe gegen Schiller geltend machte, um die
Formlosigkeit seines Faust in das gnstigste Licht zu stellen. Aber
auf wie lange noch? Die hereinbrechende Fluth von Poesien aller Stile
aller Vlker muss ja allmhlich das Erdreich hinwegschwemmen, auf dem
ein stilles verborgenes Wachsthum noch mglich gewesen wre; alle
Dichter mssen ja experimentirende Nachahmer, wagehalsige Copisten
werden, mag ihre Kraft von Anbeginn noch so gross sein; das Publicum
endlich, welches verlernt hat, in der Bndigung der darstellenden
Kraft, in der organisirenden Bewltigung aller Kunstmittel die
eigentlich knstlerische That zu sehen, muss immer mehr die Kraft
um der Kraft willen, die Farbe um der Farbe willen, den Gedanken um
des Gedankens willen, ja die Inspiration um der Inspiration willen
schtzen, es wird demgemss die Elemente und Bedingungen des
Kunstwerks gar nicht, wenn nicht isolirt, geniessen und zu guterletzt
die natrliche Forderung stellen, dass der Knstler isolirt sie ihm
auch darreichen msse. Ja, man hat die "unvernnftigen" Fesseln der
franzsisch-griechischen Kunst abgeworfen, aber unvermerkt sich daran
gewhnt, alle Fesseln, alle Beschrnkung unvernnftig zu finden; - und
so bewegt sich die Kunst ihrer Auflsung entgegen und streift dabei
- was freilich hchst belehrend ist - alle Phasen ihrer Anfnge,
ihrer Kindheit, ihrer Unvollkommenheit, ihrer einstmaligen Wagnisse
und Ausschreitungen: sie interpretirt, im Zu-Grunde-gehen, ihre
Entstehung, ihr Werden. Einer der Grossen, auf dessen Instinct man
sich wohl verlassen kann und dessen Theorie Nichts weiter, als ein
dreissig Jahre Mehr von Praxis fehlte, - Lord Byron hat einmal
ausgesprochen: "Was die Poesie im Allgemeinen anlangt, so bin ich, je
mehr ich darber nachdenke, immer fester der Ueberzeugung, dass wir
allesammt auf dem falschen Wege sind, Einer wie der Andere. Wir folgen
Alle einem innerlich falschen revolutionren System, - unsere oder die
nchste Generation wird noch zu der selben Ueberzeugung gelangen." Es
ist diess der selbe Byron, welcher sagt: "Ich betrachte Shakespeare
als das schlechteste Vorbild, wenn auch als den ausserordentlichsten
Dichter." Und sagt im Grunde Goethe's gereifte knstlerische Einsicht
aus der zweiten Hlfte seines Lebens nicht genau das Selbe? - jene
Einsicht, mit welcher er einen solchen Vorsprung ber eine Reihe von
Generationen gewann, dass man im Grossen und Ganzen behaupten kann,
Goethe habe noch gar nicht gewirkt und seine Zeit werde erst kommen?
Gerade weil seine Natur ihn lange Zeit in der Bahn der poetischen
Revolution festhielt, gerade weil er am grndlichsten auskostete, was
Alles indirect durch jenen Abbruch der Tradition an neuen Funden,
Aussichten, Hlfsmitteln entdeckt und gleichsam unter den Ruinen der
Kunst ausgegraben worden war, so wiegt seine sptere Umwandelung
und Bekehrung so viel: sie bedeutet, dass er das tiefste Verlangen
empfand, die Tradition der Kunst wieder zu gewinnen und den stehen
gebliebenen Trmmern und Sulengngen des Tempels mit der Phantasie
des Auges wenigstens die alte Vollkommenheit und Ganzheit anzudichten,
wenn die Kraft des Armes sich viel zu schwach erweisen sollte, zu
bauen, wo so ungeheure Gewalten schon zum Zerstren nthig waren. So
lebte er in der Kunst als in der Erinnerung an die wahre Kunst: sein
Dichten war zum Hlfsmittel der Erinnerung, des Verstndnisses alter,
lngst entrckter Kunstzeiten geworden. Seine Forderungen waren zwar
in Hinsicht auf die Kraft des neuen Zeitalters unerfllbar; der
Schmerz darber wurde aber reichlich durch die Freude aufgewogen,
dass sie einmal erfllt gewesen sind und dass auch wir noch an
dieser Erfllung theilnehmen knnen. Nicht Individuen, sondern mehr
oder weniger idealische Masken; keine Wirklichkeit, sondern eine
allegorische Allgemeinheit; Zeitcharaktere, Localfarben zum fast
Unsichtbaren abgedmpft und mythisch gemacht; das gegenwrtige
Empfinden und die Probleme der gegenwrtigen Gesellschaft auf die
einfachsten Formen zusammengedrngt, ihrer reizenden, spannenden,
pathologischen Eigenschaften entkleidet, in jedem andern als dem
artistischen Sinne wirkungslos gemacht; keine neuen Stoffe und
Charaktere, sondern die alten, lngst gewohnten in immerfort whrender
Neubeseelung und Umbildung: das ist die Kunst, so wie sie Goethe
spter verstand, so wie sie die Griechen, ja auch die Franzosen bten.


222.

Was von der Kunst brig bleibt. - Es ist wahr, bei gewissen
metaphysischen Voraussetzungen hat die Kunst viel grsseren Werth,
zum Beispiel wenn der Glaube gilt, dass der Charakter unvernderlich
sei und das Wesen der Welt sich in allen Charakteren und Handlungen
fortwhrend ausspreche: da wird das Werk des Knstlers zum Bild des
ewig Beharrenden, whrend fr unsere Auffassung der Knstler seinem
Bilde immer nur Gltigkeit fr eine Zeit geben kann, weil der Mensch
im Ganzen geworden und wandelbar und selbst der einzelne Mensch
nichts Festes und Beharrendes ist. - Ebenso steht es bei einer andern
metaphysischen Voraussetzung: gesetzt, dass unsere sichtbare Welt
nur Erscheinung wre, wie es die Metaphysiker annehmen, so kme die
Kunst der wirklichen Welt ziemlich nahe zu stehen: denn zwischen der
Erscheinungswelt und der Traumbild-Welt des Knstlers gbe es dann gar
zu viel Aehnliches; und die brigbleibende Verschiedenheit stellte
sogar die Bedeutung der Kunst hher, als die Bedeutung der Natur,
weil die Kunst das Gleichfrmige, die Typen und Vorbilder der Natur
darstellte. - Jene Voraussetzungen sind aber falsch: welche Stellung
bleibt nach dieser Erkenntniss jetzt noch der Kunst? Vor Allem hat sie
durch Jahrtausende hindurch gelehrt, mit Interesse und Lust auf das
Leben in jeder Gestalt zu sehen und unsere Empfindung so weit zu
bringen, dass wir endlich rufen: "wie es auch sei, das Leben, es
ist gut." Diese Lehre der Kunst, Lust am Dasein zu haben und das
Menschenleben wie ein Stck Natur, ohne zu heftige Mitbewegung, als
Gegenstand gesetzmssiger Entwickelung anzusehen, - diese Lehre ist in
uns hineingewachsen, sie kommt jetzt als allgewaltiges Bedrfniss des
Erkennens wieder an's Licht. Man knnte die Kunst aufgeben, wrde
damit aber nicht die von ihr gelernte Fhigkeit einbssen: ebenso wie
man die Religion aufgegeben hat, nicht aber die durch sie erworbenen
Gemths-Steigerungen und Erhebungen. Wie die bildende Kunst und
die Musik der Maassstab des durch die Religion wirklich erworbenen
und hinzugewonnenen Gefhls-Reichthumes ist, so wrde nach einem
Verschwinden der Kunst die von ihr gepflanzte Intensitt und
Vielartigkeit der Lebensfreude immer noch Befriedigung fordern.
Der wissenschaftliche Mensch ist die Weiterentwickelung des
knstlerischen.


223.

Abendrthe der Kunst. - Wie man sich im Alter der Jugend erinnert und
Gedchtnissfeste feiert, so steht bald die Menschheit zur Kunst im
Verhltniss einer rhrenden Erinnerung an die Freuden der Jugend.
Vielleicht dass niemals frher die Kunst so tief und seelenvoll
erfasst wurde, wie jetzt, wo die Magie des Todes dieselbe zu umspielen
scheint. Man denke an jene griechische Stadt in Unteritalien, welche
an Einem Tage des Jahres noch ihre griechischen Feste feierte, unter
Wehmuth und Thrnen darber, dass immer mehr die auslndische Barbarei
ber ihre mitgebrachten Sitten triumphire; niemals hat man wohl das
Hellenische so genossen, nirgendswo diesen goldenen Nektar mit solcher
Wollust geschlrft, als unter diesen absterbenden Hellenen. Den
Knstler wird man bald als ein herrliches Ueberbleibsel ansehen und
ihm, wie einem wunderbaren Fremden, an dessen Kraft und Schnheit
das Glck frherer Zeiten hieng, Ehren erweisen, wie wir sie nicht
leicht Unseresgleichen gnnen. Das Beste an uns ist vielleicht
aus Empfindungen frherer Zeiten vererbt, zu denen wir jetzt auf
unmittelbarem Wege kaum mehr kommen knnen; die Sonne ist schon
hinuntergegangen, aber der Himmel unseres Lebens glht und leuchtet
noch von ihr her, ob wir sie schon nicht mehr sehen.




Fnftes Hauptstck.

Anzeichen hherer und niederer Cultur.

224.

Veredelung durch Entartung. - Aus der Geschichte ist zu lernen, dass
der Stamm eines Volkes sich am besten erhlt, in welchem die meisten
Menschen lebendigen Gemeinsinn in Folge der Gleichheit ihrer gewohnten
und undiscutirbaren Grundstze, also in Folge ihres gemeinsamen
Glaubens haben. Hier erstarkt die gute, tchtige Sitte, hier wird die
Unterordnung des Individuums gelernt und dem Charakter Festigkeit
schon als Angebinde gegeben und nachher noch anerzogen. Die Gefahr
dieser starken, auf gleichartige, charaktervolle Individuen
gegrndeten Gemeinwesen ist die allmhlich durch Vererbung gesteigerte
Verdummung, welche nun einmal aller Stabilitt wie ihr Schatten folgt.
Es sind die ungebundneren, viel unsichereren und moralisch schwcheren
Individuen, an denen das geistige Fortschreiten in solchen Gemeinwesen
hngt: es sind die Menschen, welche Neues und berhaupt Vielerlei
versuchen. Unzhlige dieser Art gehen, ihrer Schwche wegen, ohne sehr
ersichtliche Wirkung zu Grunde; aber im Allgemeinen, zumal wenn sie
Nachkommen haben, lockern sie auf und bringen von Zeit zu Zeit dem
stabilen Elemente eines Gemeinwesens eine Wunde bei. Gerade an dieser
wunden und schwach gewordenen Stelle wird dem gesammten Wesen etwas
Neues gleichsam inoculirt; seine Kraft im Ganzen muss aber stark genug
sein, um dieses Neue in sein Blut aufzunehmen und sich zu assimiliren.
Die abartenden Naturen sind berall da von hchster Bedeutung, wo ein
Fortschritt erfolgen soll. Jedem Fortschritt im Grossen muss eine
theilweise Schwchung vorhergehen. Die strksten Naturen halten den
Typus fest, die schwcheren helfen ihn fortbilden. - Etwas Aehnliches
ergiebt sich fr den einzelnen Menschen; selten ist eine Entartung,
eine Verstmmelung, selbst ein Laster und berhaupt eine krperliche
oder sittliche Einbusse ohne einen Vortheil auf einer anderen Seite.
Der krnkere Mensch zum Beispiel wird vielleicht, inmitten eines
kriegerischen und unruhigen Stammes, mehr Veranlassung haben, fr sich
zu sein und dadurch ruhiger und weiser zu werden, der Einugige wird
Ein strkeres Auge haben, der Blinde wird tiefer in's Innere schauen
und jedenfalls schrfer hren. Insofern scheint mir der berhmte Kampf
um's Dasein nicht der einzige Gesichtspunct zu sein, aus dem das
Fortschreiten oder Strkerwerden eines Menschen, einer Rasse erklrt
werden kann. Vielmehr muss zweierlei zusammen kommen: einmal die
Mehrung der stabilen Kraft durch Bindung der Geister in Glauben und
Gemeingefhl; sodann die Mglichkeit, zu hheren Zielen zu gelangen,
dadurch dass entartende Naturen und, in Folge derselben, theilweise
Schwchungen und Verwundungen der stabilen Kraft vorkommen; gerade
die schwchere Natur, als die zartere und freiere, macht alles
Fortschreiten berhaupt mglich. Ein Volk, das irgendwo anbrckelt und
schwach wird, aber im Ganzen noch stark und gesund ist, vermag die
Infection des Neuen aufzunehmen und sich zum Vortheil einzuverleiben.
Bei dem einzelnen Menschen lautet die Aufgabe der Erziehung so: ihn so
fest und sicher hinzustellen, dass er als Ganzes gar nicht mehr aus
seiner Bahn abgelenkt werden kann. Dann aber hat der Erzieher ihm
Wunden beizubringen oder die Wunden, welche das Schicksal ihm schlgt,
zu benutzen, und wenn so der Schmerz und das Bedrfniss entstanden
sind, so kann auch in die verwundeten Stellen etwas Neues und Edles
inoculirt werden. Seine gesammte Natur wird es in sich hineinnehmen
und spter, in ihren Frchten, die Veredelung spren lassen. - Was den
Staat betrifft, so sagt Macchiavelli, dass "die Form der Regierungen
von sehr geringer Bedeutung ist, obgleich halbgebildete Leute anders
denken. Das grosse Ziel der Staatskunst sollte Dauer sein, welche
alles Andere aufwiegt, indem sie weit werthvoller ist, als Freiheit".
Nur bei sicher begrndeter und verbrgter grsster Dauer ist stetige
Entwickelung und veredelnde Inoculation berhaupt mglich. Freilich
wird gewhnlich die gefhrliche Genossin aller Dauer, die Autoritt,
sich dagegen wehren.


225.

Freigeist ein relativer Begriff. - Man nennt Den einen Freigeist,
welcher anders denkt, als man von ihm auf Grund seiner Herkunft,
Umgebung, seines Standes und Amtes oder auf Grund der herrschenden
Zeitansichten erwartet. Er ist die Ausnahme, die gebundenen Geister
sind die Regel; diese werfen ihm vor, dass seine freien Grundstze
ihren Ursprung entweder in der Sucht, aufzufallen, haben oder gar auf
freie Handlungen, das heisst auf solche, welche mit der gebundenen
Moral unvereinbar sind, schliessen lassen. Bisweilen sagt man auch,
diese oder jene freien Grundstze seien aus Verschrobenheit und
Ueberspanntheit des Kopfes herzuleiten; doch spricht so nur die
Bosheit, welche selber an Das nicht glaubt, was sie sagt, aber damit
schaden will: denn das Zeugniss fr die grssere Gte und Schrfe
seines Intellectes ist dem Freigeist gewhnlich in's Gesicht
geschrieben, so lesbar, dass es die gebundenen Geister gut genug
verstehen. Aber die beiden andern Ableitungen der Freigeisterei sind
redlich gemeint; in der That entstehen auch viele Freigeister auf die
eine oder die andere Art. Desshalb knnten aber die Stze, zu denen
sie auf jenen Wegen gelangten, doch wahrer und zuverlssiger sein, als
die der gebundenen Geister. Bei der Erkenntniss der Wahrheit kommt es
darauf an, dass man sie hat, nicht darauf, aus welchem Antrieb man sie
gesucht, auf welchem Wege man sie gefunden hat. Haben die Freigeister
Recht, so haben die gebundenen Geister Unrecht, gleichgltig, ob die
ersteren aus Unmoralitt zur Wahrheit gekommen sind, die anderen aus
Moralitt bisher an der Unwahrheit festgehalten haben. - Uebrigens
gehrt es nicht zum Wesen des Freigeistes, dass er richtigere
Ansichten hat, sondern vielmehr, dass er sich von dem Herkmmlichen
gelst hat, sei es mit Glck oder mit einem Misserfolg. Fr gewhnlich
wird er aber doch die Wahrheit oder mindestens den Geist der
Wahrheitsforschung auf seiner Seite haben: er fordert Grnde, die
Anderen Glauben.


226.

Herkunft des Glaubens. - Der gebundene Geist nimmt seine Stellung
nicht aus Grnden ein, sondern aus Gewhnung; er ist zum Beispiel
Christ, nicht weil er die Einsicht in die verschiedenen Religionen und
die Wahl zwischen ihnen gehabt htte; er ist Englnder, nicht weil er
sich fr England entschieden hat, sondern er fand das Christenthum und
das Englnderthum vor und nahm sie an ohne Grnde, wie jemand, der in
einem Weinlande geboren wurde, ein Weintrinker wird. Spter, als er
Christ und Englnder war, hat er vielleicht auch einige Grnde zu
Gunsten seiner Gewhnung ausfindig gemacht; man mag diese Grnde
umwerfen, damit wirft man ihn in seiner ganzen Stellung nicht um. Man
nthige zum Beispiel einen gebundenen Geist, seine Grnde gegen die
Bigamie vorzubringen, dann wird man erfahren, ob sein heiliger Eifer
fr die Monogamie auf Grnden oder auf Angewhnung beruht. Angewhnung
geistiger Grundstze ohne Grnde nennt man Glauben.


227.

Aus den Folgen auf Grund und Ungrund zurckgeschlossen. - Alle Staaten
und Ordnungen der Gesellschaft: die Stnde, die Ehe, die Erziehung,
das Recht, alles diess hat seine Kraft und Dauer allein in dem Glauben
der gebundenen Geister an sie, - also in der Abwesenheit der Grnde,
mindestens in der Abwehr des Fragens nach Grnden. Das wollen die
gebundenen Geister nicht gern zugeben und sie fhlen wohl, dass es
ein Pudendum ist. Das Christenthum, das sehr unschuldig in seinen
intellectuellen Einfllen war, merkte von diesem Pudendum Nichts,
forderte Glauben und Nichts als Glauben und wies das Verlangen nach
Grnden mit Leidenschaft ab; es zeigte auf den Erfolg des Glaubens
hin: ihr werdet den Vortheil des Glaubens schon spren, deutete es
an, ihr sollt durch ihn selig werden. Thatschlich verfhrt der
Staat ebenso und jeder Vater erzieht in gleicher Weise seinen Sohn:
halte diess nur fr wahr, sagt er, du wirst spren, wie gut diess
thut. Diess bedeutet aber, dass aus dem persnlichen Nutzen, den
eine Meinung eintrgt, ihre Wahrheit erwiesen werden soll, die
Zutrglichkeit einer Lehre soll fr die intellectuelle Sicherheit und
Begrndetheit Gewhr leisten. Es ist diess so, wie wenn der Angeklagte
vor Gericht sprche: mein Vertheidiger sagt die ganze Wahrheit, denn
seht nur zu, was aus seiner Rede folgt: ich werde freigesprochen. -
Weil die gebundenen Geister ihre Grundstze ihres Nutzens wegen haben,
so vermuthen sie auch beim Freigeist, dass er mit seinen Ansichten
ebenfalls seinen Nutzen suche und nur Das fr wahr halte, was ihm
gerade frommt. Da ihm aber das Entgegengesetzte von dem zu ntzen
scheint, was seinen Landes- oder Standesgenossen ntzt, so nehmen
diese an, dass seine Grundstze ihnen gefhrlich sind; sie sagen oder
fhlen: er darf nicht Recht haben, denn er ist uns schdlich.


228.

Der starke, gute Charakter. - Die Gebundenheit der Ansichten, durch
Gewhnung zum Instinct geworden, fhrt zu dem, was man Charakterstrke
nennt. Wenn jemand aus wenigen, aber immer aus den gleichen Motiven
handelt, so erlangen seine Handlungen eine grosse Energie; stehen
diese Handlungen im Einklange mit den Grundstzen der gebundenen
Geister, so werden sie anerkannt und erzeugen nebenbei in Dem, der sie
thut, die Empfindung des guten Gewissens. Wenige Motive, energisches
Handeln und gutes Gewissen machen Das aus, was man Charakterstrke
nennt. Dem Charakterstarken fehlt die Kenntniss der vielen
Mglichkeiten und Richtungen des Handelns; sein Intellect ist unfrei,
gebunden, weil er ihm in einem gegebenen Falle vielleicht nur zwei
Mglichkeiten zeigt; zwischen diesen muss er jetzt gemss seiner
ganzen Natur mit Nothwendigkeit whlen, und er thut diess leicht und
schnell, weil er nicht zwischen fnfzig Mglichkeiten zu whlen hat.
Die erziehende Umgebung will jeden Menschen unfrei machen, indem sie
ihm immer die geringste Zahl von Mglichkeiten vor Augen stellt. Das
Individuum wird von seinen Erziehern behandelt, als ob es zwar etwas
Neues sei, aber eine Wiederholung werden solle. Erscheint der Mensch
zunchst als etwas Unbekanntes, nie Dagewesenes, so soll er zu etwas
Bekanntem, Dagewesenem gemacht werden. Einen guten Charakter nennt
man an einem Kinde das Sichtbarwerden der Gebundenheit durch das
Dagewesene; indem das Kind sich auf die Seite der gebundenen Geister
stellt, bekundet es zuerst seinen erwachenden Gemeinsinn; auf der
Grundlage dieses Gemeinsinns aber wird es spter seinem Staate oder
Stande ntzlich.


229.

Maass der Dinge bei den gebundenen Geistern. - Von vier Gattungen der
Dinge sagen die gebundenen Geister, sie seien im Rechte. Erstens: alle
Dinge, welche Dauer haben, sind im Recht; zweitens: alle Dinge, welche
uns nicht lstig fallen, sind im Recht; drittens: alle Dinge, welche
uns Vortheil bringen, sind im Recht; viertens: alle Dinge, fr welche
wir Opfer gebracht haben, sind im Recht. Letzteres erklrt zum
Beispiel, wesshalb ein Krieg, der wider Willen des Volkes begonnen
wurde, mit Begeisterung fortgefhrt wird, sobald erst Opfer gebracht
sind. - Die Freigeister, welche ihre Sache vor dem Forum der
gebundenen Geister fhren, haben nachzuweisen, dass es immer
Freigeister gegeben hat, also dass die Freigeisterei Dauer hat,
sodann, dass sie nicht lstig fallen wollen, und endlich, dass sie
den gebundenen Geistern im Ganzen Vortheil bringen; aber weil sie von
diesem Letzten die gebundenen Geister nicht berzeugen knnen, ntzt
es ihnen Nichts, den ersten und zweiten Punct bewiesen zu haben.


230.

Esprit fort. - Verglichen mit Dem, welcher das Herkommen auf seiner
Seite hat und keine Grnde fr sein Handeln braucht, ist der Freigeist
immer schwach, namentlich im Handeln; denn er kennt zu viele Motive
und Gesichtspuncte und hat desshalb eine unsichere, ungebte Hand.
Welche Mittel giebt es nun, um ihn doch verhltnissmssig stark zu
machen, so dass er sich wenigstens durchsetzt und nicht wirkungslos zu
Grunde geht? Wie entsteht der starke Geist (esprit fort)? Es ist diess
in einem einzelnen Falle die Frage nach der Erzeugung des Genius'.
Woher kommt die Energie, die unbeugsame Kraft, die Ausdauer, mit
welcher der Einzelne, dem Herkommen entgegen, eine ganz individuelle
Erkenntniss der Welt zu erwerben trachtet?


231.

Die Entstehung des Genie's. - Der Witz des Gefangenen, mit welchem
er nach Mitteln zu seiner Befreiung sucht, die kaltbltigste und
langwierigste Bentzung jedes kleinsten Vortheils kann lehren, welcher
Handhabe sich mitunter die Natur bedient, um das Genie - ein Wort, das
ich bitte, ohne allen mythologischen und religisen Beigeschmack zu
verstehen - zu Stande zu bringen: sie fngt es in einen Kerker ein und
reizt seine Begierde, sich zu befreien, auf das usserste. - Oder mit
einem anderen Bilde: jemand, der sich auf seinem Wege im Walde vllig
verirrt hat, aber mit ungemeiner Energie nach irgend einer Richtung
hin in's Freie strebt, entdeckt mitunter einen neuen Weg, welchen
Niemand kennt: so entstehen die Genies, denen man Originalitt
nachrhmt. - Es wurde schon erwhnt, dass eine Verstmmelung,
Verkrppelung, ein erheblicher Mangel eines Organs hufig die
Veranlassung dazu giebt, dass ein anderes Organ sich ungewhnlich gut
entwickelt, weil es seine eigene Function und noch eine andere zu
versehen hat. Hieraus ist der Ursprung mancher glnzenden Begabung zu
errathen. - Aus diesen allgemeinen Andeutungen ber die Entstehung
des Genius' mache man die Anwendung auf den speciellen Fall, die
Entstehung des vollkommenen Freigeistes.


232.

Vermuthung ber den Ursprung der Freigeisterei. - Ebenso wie die
Gletscher zunehmen, wenn in den Aequatorialgegenden die Sonne mit
grsserer Gluth als frher auf die Meere niederbrennt, so mag auch
wohl eine sehr starke, um sich greifende Freigeisterei Zeugniss
dafr sein, dass irgendwo die Gluth der Empfindung ausserordentlich
gewachsen ist.


233.

Die Stimme der Geschichte. - Im Allgemeinen scheint die Geschichte
ber die Erzeugung des Genius' folgende Belehrung zu geben:
misshandelt und qult die Menschen, - so ruft sie den Leidenschaften
Neid, Hass und Wetteifer zu - treibt sie zum Aeussersten, den Einen
wider den Andern, das Volk gegen das Volk, und zwar durch Jahrhunderte
hindurch, dann flammt vielleicht, gleichsam aus einem bei Seite
fliegenden Funken der dadurch entzndeten furchtbaren Energie, auf
einmal das Licht des Genius' empor; der Wille, wie ein Ross durch den
Sporn des Reiters wild gemacht, bricht dann aus und springt auf ein
anderes Gebiet ber. - Wer zum Bewusstsein ber die Erzeugung des
Genius' kme und die Art, wie die Natur gewhnlich verfhrt, auch
praktisch durchfhren wollte, wrde gerade so bse und rcksichtslos
wie die Natur sein mssen. - Aber vielleicht haben wir uns verhrt.


234.

Werth der Mitte des Wegs. - Vielleicht ist die Erzeugung des Genius'
nur einem begrnzten Zeitraume der Menschheit vorbehalten. Denn man
darf von der Zukunft der Menschheit nicht zugleich alles Das erwarten,
was ganz bestimmte Bedingungen irgend welcher Vergangenheit allein
hervorzubringen vermochten; zum Beispiel nicht die erstaunlichen
Wirkungen des religisen Gefhles. Dieses selbst hat seine Zeit gehabt
und vieles sehr Gute kann nie wieder wachsen, weil es allein aus
ihm wachsen konnte. So wird es nie wieder einen religis umgrnzten
Horizont des Lebens und der Cultur geben. Vielleicht ist selbst der
Typus des Heiligen nur bei einer gewissen Befangenheit des Intellectes
mglich, mit der es, wie es scheint, fr alle Zukunft vorbei ist. Und
so ist die Hhe der Intelligenz vielleicht einem einzelnen Zeitalter
der Menschheit aufgespart gewesen: sie trat hervor - und tritt hervor,
denn wir leben noch in diesem Zeitalter -, als eine ausserordentliche,
lang angesammelte Energie des Willens sich ausnahmsweise auf geistige
Ziele durch Vererbung bertrug. Es wird mit jener Hhe vorbei sein,
wenn diese Wildheit und Energie nicht mehr gross gezchtet werden.
Die Menschheit kommt vielleicht auf der Mitte ihres Weges, in der
mittleren Zeit ihrer Existenz, ihrem eigentlichen Ziele nher, als am
Ende. Es knnten Krfte, durch welche zum Beispiel die Kunst bedingt
ist, geradezu aussterben; die Lust am Lgen, am Ungenauen, am
Symbolischen, am Rausche, an der Ekstase knnte in Missachtung kommen.
Ja, ist das Leben erst im vollkommenen Staate geordnet, so ist aus der
Gegenwart gar kein Motiv zur Dichtung mehr zu entnehmen, und es wrden
allein die zurckgebliebenen Menschen sein, welche nach dichterischer
Unwirklichkeit verlangten. Diese wrden dann jedenfalls mit Sehnsucht
rckwrts schauen, nach den Zeiten des unvollkommenen Staates, der
halb-barbarischen Gesellschaft nach unseren Zeiten.


235.

Genius und idealer Staat in Widerspruch. - Die Socialisten begehren
fr mglichst Viele ein Wohlleben herzustellen. Wenn die dauernde
Heimath dieses Wohllebens, der vollkommene Staat, wirklich erreicht
wre, so wrde durch dieses Wohlleben der Erdboden, aus dem der grosse
Intellect und berhaupt das mchtige Individuum wchst, zerstrt sein:
ich meine die starke Energie. Die Menschheit wrde zu matt geworden
sein, wenn dieser Staat erreicht ist, um den Genius noch erzeugen
zu knnen. Msste man somit nicht wnschen, dass das Leben seinen
gewaltsamen Charakter behalte und dass immer von Neuem wieder wilde
Krfte und Energien hervorgerufen werden? Nun will das warme,
mitfhlende Herz gerade die Beseitigung jenes gewaltsamen und wilden
Charakters, und das wrmste Herz, das man sich denken kann, wrde eben
darnach am leidenschaftlichsten verlangen: whrend doch gerade seine
Leidenschaft aus jenem wilden und gewaltsamen Charakter des Lebens ihr
Feuer, ihre Wrme, ja ihre Existenz genommen hat; das wrmste Herz
will also Beseitigung seines Fundamentes, Vernichtung seiner selbst,
das heisst doch: es will etwas Unlogisches, es ist nicht intelligent.
Die hchste Intelligenz und das wrmste Herz knnen nicht in einer
Person beisammen sein, und der Weise, welcher ber das Leben das
Urtheil spricht, stellt sich auch ber die Gte und betrachtet diese
nur als Etwas, das bei der Gesammtrechnung des Lebens mit abzuschtzen
ist. Der Weise muss jenen ausschweifenden Wnschen der unintelligenten
Gte widerstreben, weil ihm an dem Fortleben seines Typus' und an dem
endlichen Entstehen des hchsten Intellectes gelegen ist; mindestens
wird er der Begrndung des "vollkommenen Staates" nicht frderlich
sein, insofern in ihm nur ermattete Individuen Platz haben. Christus
dagegen, den wir uns einmal als das wrmste Herz denken wollen,
frderte die Verdummung der Menschen, stellte sich auf die Seite der
geistig Armen und hielt die Erzeugung des grssten Intellectes auf:
und diess war consequent. Sein Gegenbild, der vollkommene Weise
- diess darf man wohl vorhersagen - wird ebenso nothwendig der
Erzeugung eines Christus hinderlich sein. - Der Staat ist eine kluge
Veranstaltung zum Schutz der Individuen gegen einander: bertreibt man
seine Veredelung, so wird zuletzt das Individuum durch ihn geschwcht,
ja aufgelst, - also der ursprngliche Zweck des Staates am
grndlichsten vereitelt.


236.

Die Zonen der Cultur. - Man kann gleichnissweise sagen, dass
die Zeitalter der Cultur den Grteln der verschiedenen Klimate
entsprechen, nur dass diese hinter einander und nicht, wie die
geographischen Zonen, neben einander liegen. Im Vergleich mit der
gemssigten Zone der Cultur, in welche berzugehen unsere Aufgabe
ist, macht die vergangene im Ganzen und Grossen den Eindruck eines
tropischen Klima's. Gewaltsame Gegenstze, schroffer Wechsel von Tag
und Nacht, Gluth und Farbenpracht, die Verehrung alles Pltzlichen,
Geheimnissvollen, Schrecklichen, die Schnelligkeit der
hereinbrechenden Unwetter, berall das verschwenderische Ueberstrmen
der Fllhrner der Natur: und dagegen, in unserer Cultur, ein heller,
doch nicht leuchtender Himmel, reine, ziemlich gleich verbleibende
Luft, Schrfe, ja Klte gelegentlich: so heben sich beide Zonen gegen
einander ab. Wenn wir dort sehen, wie die wthendsten Leidenschaften
durch metaphysische Vorstellungen mit unheimlicher Gewalt
niedergerungen und zerbrochen werden, so ist es uns zu Muthe, als
ob vor unsern Augen in den Tropen wilde Tiger unter den Windungen
ungeheurer Schlangen zerdrckt wrden; unserem geistigen Klima fehlen
solche Vorkommnisse, unsere Phantasie ist gemssigt, selbst im Traume
kommt uns Das nicht bei, was frhere Vlker im Wachen sahen. Aber
sollten wir ber diese Vernderung nicht glcklich sein drfen, selbst
zugegeben, dass die Knstler durch das Verschwinden der tropischen
Cultur wesentlich beeintrchtigt sind und uns Nicht-Knstler ein
Wenig zu nchtern finden? Insofern haben Knstler wohl das Recht,
den "Fortschritt" zu leugnen, denn in der That: ob die letzten drei
Jahrtausende in den Knsten einen fortschreitenden Verlauf zeigen,
das lsst sich mindestens bezweifeln; ebenso wird ein metaphysischer
Philosoph, wie Schopenhauer, keinen Anlass haben, den Fortschritt
zu erkennen, wenn er die letzten vier Jahrtausende in Bezug auf
metaphysische Philosophie und Religion berblickt. - Uns gilt aber die
Existenz der gemssigten Zone der Cultur selbst als Fortschritt.


237.

Renaissance und Reformation. - Die italinische Renaissance bar -
in sich alle die positiven Gewalten, welchen man die moderne Cultur
verdankt - also Befreiung des Gedankens, Missachtung der Autoritten,
Sieg der Bildung ber den Dnkel der Abkunft, - Begeisterung fr die
Wissenschaft und die wissenschaftliche Vergangenheit der Menschen,
Entfesselung des Individuums, eine Gluth der Wahrhaftigkeit und
Abneigung gegen Schein und blosen Effect (welche Gluth in einer ganzen
Flle knstlerischer Charaktere hervorloderte, die Vollkommenheit in
ihren Werken und Nichts als Vollkommenheit mit hchster sittlicher
Reinheit von sich forderten); ja, die Renaissance hatte positive
Krfte, welche in unserer bisherigen modernen Cultur noch nicht
wieder so mchtig geworden sind. Es war das goldene Zeitalter dieses
Jahrtausends, trotz aller Flecken und Laster. Dagegen hebt sich
nun die deutsche Reformation ab als ein energischer Protest
zurckgebliebener Geister, welche die Weltanschauung des Mittelalters
noch keineswegs satt hatten und die Zeichen seiner Auflsung, die
ausserordentliche Verflachung und Verusserlichung des religisen
Lebens, anstatt mit Frohlocken, wie sich gebhrt, mit tiefem Unmuthe
empfanden. Sie warfen mit ihrer nordischen Kraft und Halsstarrigkeit
die Menschen wieder zurck, erzwangen die Gegenreformation, das heisst
ein katholisches Christenthum der Nothwehr, mit den Gewaltsamkeiten
eines Belagerungszustandes und verzgerten um zwei bis drei
Jahrhunderte ebenso das vllige Erwachen und Herrschen der
Wissenschaften, als sie das vllige In-Eins-Verwachsen des antiken
und des modernen Geistes vielleicht fr immer unmglich machten. Die
grosse Aufgabe der Renaissance konnte nicht zu Ende gebracht werden,
der Protest des inzwischen zurckgebliebenen deutschen Wesens (welches
im Mittelalter Vernunft genug gehabt hatte, um immer und immer wieder
zu seinem Heile ber die Alpen zu steigen) verhinderte diess. Es lag
in dem Zufall einer ausserordentlichen Constellation der Politik, dass
damals Luther erhalten blieb und jener Protest Kraft gewann: denn der
Kaiser schtzte ihn, um seine Neuerung gegen den Papst als Werkzeug
des Druckes zu verwenden, und ebenfalls begnstigte ihn im Stillen der
Papst, um die protestantischen Reichsfrsten als Gegengewicht gegen
den Kaiser zu benutzen. Ohne diess seltsame Zusammenspiel der
Absichten wre Luther verbrannt worden wie Huss - und die Morgenrthe
der Aufklrung vielleicht etwas frher und mit schnerem Glanze, als
wir jetzt ahnen knnen, aufgegangen.


238.

Gerechtigkeit gegen den werdenden Gott. - Wenn sich die ganze
Geschichte der Cultur vor den Blicken aufthut als ein Gewirr von bsen
und edlen, wahren und falschen Vorstellungen und es Einem beim Anblick
dieses Wellenschlags fast seekrank zu Muthe wird, so begreift man, was
fr ein Trost in der Vorstellung eines werdenden Gottes liegt: dieser
enthllt sich immer mehr in den Verwandelungen und Schicksalen der
Menschheit, es ist nicht Alles blinde Mechanik, sinn- und zweckloses
Durcheinanderspielen von Krften. Die Vergottung des Werdens ist ein
metaphysischer Ausblick - gleichsam von einem Leuchtthurm am Meere
der Geschichte herab -, an welchem eine allzuviel historisirende
Gelehrtengeneration ihren Trost fand; darber darf man nicht bse
werden, so irrthmlich jene Vorstellung auch sein mag. Nur wer, wie
Schopenhauer, die Entwickelung leugnet, fhlt auch Nichts von dem
Elend dieses historischen Wellenschlags und darf desshalb, weil er von
jenem werdenden Gotte und dem Bedrfniss seiner Annahme Nichts weiss,
Nichts fhlt, billigerweise seinen Spott auslassen.


239.

Die Frchte nach der Jahreszeit. - Jede bessere Zukunft, welche man
der Menschheit anwnscht, ist nothwendigerweise auch in manchem
Betracht eine schlechtere Zukunft: denn es ist Schwrmerei, zu
glauben, dass eine hhere neue Stufe der Menschheit alle die Vorzge
frherer Stufen in sich vereinigen werde und zum Beispiel auch die
hchste Gestaltung der Kunst erzeugen msse. Vielmehr hat jede
Jahreszeit ihre Vorzge und Reize fr sich und schliesst die der
anderen aus. Das, was aus der Religion und in ihrer Nachbarschaft
gewachsen ist, kann nicht wieder wachsen, wenn diese zerstrt ist;
hchstens knnen verirrte, spt kommende Absenker zur Tuschung
darber verleiten, ebenso wie die zeitweilig ausbrechende Erinnerung
an die alte Kunst: ein Zustand, der wohl das Gefhl des Verlustes, der
Entbehrung verrth, aber kein Beweis fr die Kraft ist, aus der eine
neue Kunst geboren werden knnte.


240.

Zunehmende Severitt der Welt. - je hher die Cultur eines Menschen
steigt, um so mehr Gebiete entziehen sich dem Scherz, dem Spotte.
Voltaire war fr die Erfindung der Ehe und der Kirche von Herzen dem
Himmel dankbar: als welcher damit so gut fr unsere Aufheiterung
gesorgt habe. Aber er und seine Zeit, und vor ihm das sechszehnte
Jahrhundert, haben diese Themen zu Ende gespottet; es ist Alles, was
jetzt Einer auf diesem Gebiete noch witzelt, versptet und vor Allem
gar zu wohlfeil, als dass es die Kufer begehrlich machen knnte.
Jetzt fragt man nach den Ursachen; es ist das Zeitalter des Ernstes.
Wem liegt jetzt noch daran, die Differenzen zwischen Wirklichkeit und
anspruchsvollem Schein, zwischen dem, was der Mensch ist und was er
vorstellen will, in scherzhaftem Lichte zu sehen; das Gefhl dieser
Contraste wirkt alsbald ganz anders, wenn man nach den Grnden sucht.
Je grndlicher Jemand das Leben versteht, desto weniger wird er
spottet, nur dass er zuletzt vielleicht noch ber die "Grndlichkeit
seines Verstehens" spottet.


241.

Genius der Cultur. - Wenn jemand einen Genius der Cultur imaginiren
wollte, wie wrde dieser beschaffen sein? Er handhabt die Lge,
die Gewalt, den rcksichtslosesten Eigennutz so sicher als seine
Werkzeuge, dass er nur ein bses dmonisches Wesen zu nennen wre;
aber seine Ziele, welche hie und da durchleuchten, sind gross und gut.
Es ist ein Centaur, halb Thier, halb Mensch und hat noch Engelsflgel
dazu am Haupte.


242.

Wunder-Erziehung. - Das Interesse in der Erziehung wird erst von dem
Augenblick an grosse Strke bekommen, wo man den Glauben an einen Gott
und seine Frsorge aufgiebt: ebenso wie die Heilkunst erst erblhen
konnte, als der Glaube an Wunder-Curen aufhrte. Bis jetzt glaubt aber
alle Welt noch an die Wunder-Erziehung: aus der grssten Unordnung,
Verworrenheit der Ziele, Ungunst der Verhltnisse sah man ja die
fruchtbarsten, mchtigsten Menschen erwachsen: wie konnte diess doch
mit rechten Dingen zugehen? - jetzt wird man, bald auch in diesen
Fllen, nher zusehen, sorgsamer prfen: Wunder wird man dabei niemals
entdecken. Unter gleichen Verhltnissen gehen fortwhrend zahlreiche
Menschen zu Grunde, das einzelne gerettete Individuum ist dafr
gewhnlich strker geworden, weil es diese schlimmen Umstnde vermge
unverwstlicher eingeborener Kraft ertrug und diese Kraft noch gebt
und vermehrt hat: so erklrt sich das Wunder. Eine Erziehung, welche
an kein Wunder mehr glaubt, wird auf dreierlei zu achten haben:
erstens, wie viel Energie ist vererbt? zweitens, wodurch kann noch
neue Energie entzndet werden? drittens, wie kann das Individuum jenen
so beraus vielartigen Ansprchen der Cultur angepasst werden, ohne
dass diese es beunruhigen und seine Einartigkeit zersplittern, -
kurz, wie kann das Individuum in den Contrapunct der privaten und
ffentlichen Cultur eingereiht werden, wie kann es zugleich die
Melodie fhren und als Melodie begleiten?


243.

Die Zukunft des Arztes. - Es giebt jetzt keinen Beruf, der eine so
hohe Steigerung zuliesse, wie der des Arztes; namentlich nachdem die
geistlichen Aerzte, die sogenannten Seelsorger ihre Beschwrungsknste
nicht mehr unter ffentlichem Beifall treiben drfen und ein
Gebildeter ihnen aus dem Wege geht. Die hchste geistige Ausbildung
eines Arztes ist jetzt nicht erreicht, wenn er die besten neuesten
Methoden kennt und auf sie eingebt ist und jene fliegenden Schlsse
von Wirkungen auf Ursachen zu machen versteht, derentwegen die
Diagnostiker berhmt sind: er muss ausserdem eine Beredtsamkeit haben,
die sich jedem Individuum anpasst und ihm das Herz aus dem Leibe
zieht, eine Mnnlichkeit, deren Anblick schon den Kleinmuth (den
Wurmfrass aller Kranken) verscheucht, eine Diplomaten-Geschmeidigkeit
im Vermitteln zwischen Solchen, welche Freude zu ihrer Genesung nthig
haben und Solchen, die aus Gesundheitsgrnden Freude machen mssen
(und knnen), die Feinheit eines Polizeiagenten und Advocaten, die
Geheimnisse einer Seele zu verstehen, ohne sie zu verrathen, - kurz
ein guter Arzt bedarf jetzt der Kunstgriffe und Kunstvorrechte aller
andern Berufsclassen: so ausgerstet, ist er dann im Stande, der
ganzen Gesellschaft ein Wohlthter zu werden, durch Vermehrung guter
Werke, geistiger Freude und Fruchtbarkeit, durch Verhtung von bsen
Gedanken, Vorstzen, Schurkereien (deren ekler Quell so hufig
der Unterleib ist), durch Herstellung einer geistig-leiblichen
Aristokratie (als Ehestifter und Eheverhinderer), durch wohlwollende
Abschneidung aller sogenannten Seelenqualen und Gewissensbisse: so
erst wird er aus einem "Medicinmann" ein Heiland und braucht doch
keine Wunder zu thun, hat auch nicht nthig, sich kreuzigen zu lassen.


244.

In der Nachbarschaft des Wahnsinns. - Die Summe der Empfindungen,
Kenntnisse, Erfahrungen, also die ganze Last der Cultur, ist so
gross geworden, dass eine Ueberreizung der Nerven- und Denkkrfte
die allgemeine Gefahr ist, ja dass die cultivirten Classen der
europischen Lnder durchweg neurotisch sind und fast jede ihrer
grsseren Familien in einem Gliede dem Irrsinn nahe gerckt ist. Nun
kommt man zwar der Gesundheit jetzt auf alle Weise entgegen; aber in
der Hauptsache bleibt eine Verminderung jener Spannung des Gefhls,
jener niederdrckenden Cultur-Last vonnthen, welche, wenn sie selbst
mit schweren Einbussen erkauft werden sollte, uns doch zu der grossen
Hoffnung einer neuen Renaissance Spielraum giebt. Man hat dem
Christenthum, den Philosophen, Dichtern, Musikern eine Ueberflle tief
erregter Empfindungen zu danken: damit diese uns nicht berwuchern,
mssen wir den Geist der Wissenschaft beschwren, welcher im Ganzen
etwas klter und skeptischer macht und namentlich den Gluthstrom des
Glaubens an letzte endgltige Wahrheiten abkhlt; er ist vornehmlich
durch das Christenthum so wild geworden.


245.

Glockenguss der Cultur. - Die Cultur ist entstanden wie eine Glocke,
innerhalb eines Mantels von grberem, gemeinerem Stoffe: Unwahrheit,
Gewaltsamkeit, unbegrnzte Ausdehnung aller einzelnen Ich's, aller
einzelnen Vlker, waren dieser Mantel. Ist es an der Zeit, ihn jetzt
abzunehmen? Ist das Flssige erstarrt, sind die guten, ntzlichen
Triebe, die Gewohnheiten des edleren Gemthes so sicher und allgemein
geworden, dass es keiner Anlehnung an Metaphysik und die Irrthmer
der Religionen mehr bedarf, keiner Hrten und Gewaltsamkeiten als
mchtigster Bindemittel zwischen Mensch und Mensch, Volk und Volk?
- Zur Beantwortung dieser Frage ist kein Wink eines Gottes uns
mehr hlfreich: unsere eigene Einsicht muss da entscheiden. Die
Erdregierung des Menschen im Grossen hat der Mensch selber in die Hand
zu nehmen, seine "Allwissenheit" muss ber dem weiteren Schicksal der
Cultur mit scharfem Auge wachen.


246.

Die Cyklopen der Cultur. - Wer jene zerfurchten Kessel sieht, in denen
Gletscher gelagert haben, hlt es kaum fr mglich, dass eine Zeit
kommt, wo an der selben Stelle ein Wiesen- und Waldthal mit Bchen
darin sich hinzieht. So ist es auch in der Geschichte der Menschheit;
die wildesten Krfte brechen Bahn, zunchst zerstrend, aber trotzdem
war ihre Thtigkeit nthig, damit spter eine mildere Gesittung hier
ihr Haus aufschlage. Die schrecklichen Energien - Das, was man das
Bse nennt - sind die cyklopischen Architekten und Wegebauer der
Humanitt.


247.

Kreislauf des Menschenthums. - Vielleicht ist das ganze Menschenthum
nur eine Entwickelungsphase einer bestimmten Thierart von begrnzter
Dauer. so dass der Mensch aus dem Affen geworden ist und wieder
zum Affen werden wird, whrend Niemand da ist, der an diesem
verwunderlichen Komdienausgang irgend ein Interesse nehme. So wie mit
dem Verfalle der rmischen Cultur und seiner wichtigsten Ursache, der
Ausbreitung des Christenthums, eine allgemeine Verhsslichung des
Menschen innerhalb des rmischen Reiches berhand nahm, so knnte auch
durch den einstmaligen Verfall der allgemeinen Erdcultur eine viel
hher gesteigerte Verhsslichung und endlich Verthierung des Menschen,
bis in's Affenhafte, herbeigefhrt werden. - Gerade weil wir diese
Perspective in's Auge fassen knnen, sind wir vielleicht im Stande,
einem solchen Ende der Zukunft vorzubeugen.


248.

Trostrede eines desperaten Fortschritts. - Unsere Zeit macht den
Eindruck eines Interim-Zustandes; die alten Weltbetrachtungen, die
alten Culturen sind noch theilweise vorhanden, die neuen noch nicht
sicher und gewohnheitsmssig und daher ohne Geschlossenheit und
Consequenz. Es sieht aus, als ob Alles chaotisch wrde, das Alte
verloren gienge, das Neue nichts tauge und immer schwchlicher werde.
Aber so geht es dem Soldaten, welcher marschiren lernt; er ist eine
Zeit lang unsicherer und unbeholfener als je, weil die Muskeln bald
nach dem alten System, bald nach dem neuen bewegt werden und noch
keines entschieden den Sieg behauptet. Wir schwanken, aber es ist
nthig, dadurch nicht ngstlich zu werden und das Neu-Errungene etwa
preiszugeben. Ueberdiess knnen wir in's Alte nicht zurck, wir haben
die Schiffe verbrannt; es bleibt nur brig, tapfer zu sein, mag nun
dabei diess oder jenes herauskommen. - Schreiten wir nur zu, kommen
wir nur von der Stelle! Vielleicht sieht sich unser Gebahren doch
einmal wie Fortschritt an; wenn aber nicht, so mag Friedrich's des
Grossen Wort auch zu uns gesagt sein und zwar zum Troste: Ah, mon cher
Sulzer, vous ne connaissez pas assez cette race maudite,  laquelle
nous appartenons.


249.

An der Vergangenheit der Cultur leiden. - Wer sich das Problem der
Cultur klar gemacht hat, leidet dann an einem hnlichen Gefhle wie
Der, welcher einen durch unrechtmssige Mittel erworbenen Reichthum
ererbt hat, oder wie der Frst, der durch Gewaltthat seiner Vorfahren
regiert. Er denkt mit Trauer an seinen Ursprung und ist oft beschmt,
oft reizbar. Die ganze Summe von Kraft, Lebenswillen, Freude, welche
er seinem Besitze zuwendet, balancirt sich oft mit einer tiefen
Mdigkeit: er kann seinen Ursprung nicht vergessen. Die Zukunft sieht
er wehmthig an, seine Nachkommen, er weiss es voraus, werden an der
Vergangenheit leiden wie er.


250.

Manieren. - Die guten Manieren verschwinden in dem Maasse, in welchem
der Einfluss des Hofes und einer abgeschlossenen Aristokratie
nachlsst: man kann diese Abnahme von Jahrzehnt zu Jahrzehnt deutlich
beobachten, wenn man ein Auge fr die ffentlichen Acte hat: als
welche ersichtlich immer pbelhafter werden. Niemand versteht mehr,
auf geistreiche Art zu huldigen und zu schmeicheln; daraus ergiebt
sich die lcherliche Thatsache, dass man in Fllen, wo man gegenwrtig
Huldigungen darbringen muss (zum Beispiel einem grossen Staatsmanne
oder Knstler), die Sprache des tiefsten Gefhls, der treuherzigen,
ehrenfesten Biederkeit borgt - aus Verlegenheit und Mangel an Geist
und Grazie. So scheint die ffentliche festliche Begegnung der
Menschen immer ungeschickter, aber gefhlvoller und biederer, ohne
diess zu sein. - Sollte es aber mit den Manieren immerfort bergab
gehen? Es scheint mir vielmehr, dass die Manieren eine tiefe Curve
machen und wir uns ihrem niedrigsten Stande nhern. Wenn erst die
Gesellschaft ihrer Absichten und Principien sicherer geworden ist, so
dass diese formbildend wirken (whrend jetzt die angelernten Manieren
frherer formbildender Zustnde immer schwcher vererbt und angelernt
werden), so wird es Manieren des Umgangs, Gebrden und Ausdrcke des
Verkehrs geben, welche so nothwendig und schlicht natrlich erscheinen
mssen, als es diese Absichten und Principien sind. Die bessere
Vertheilung der Zeit und Arbeit, die zur Begleiterin jeder schnen
Mussezeit umgewandelte gymnastische Uebung, das vermehrte und
strenger gewordene Nachdenken, welches selbst dem Krper Klugheit und
Geschmeidigkeit giebt, bringt diess Alles mit sich. - Hier knnte man
nun freilich mit einigem Spotte unserer Gelehrten gedenken, ob denn
sie, die doch Vorlufer jener neuen Cultur sein wollen, sich in der
That durch bessere Manieren auszeichnen? Es ist diess wohl nicht der
Fall, obgleich ihr Geist willig genug dazu sein mag: aber ihr Fleisch
ist schwach. Die Vergangenheit ist noch zu mchtig in ihren Muskeln:
sie stehen noch in einer unfreien Stellung und sind zur Hlfte
weltliche Geistliche, zur Hlfte abhngige Erzieher vornehmer Leute
und Stnde, und berdiess durch Pedanterie der Wissenschaft, durch
veraltete geistlose Methoden verkrppelt und unlebendig gemacht. Sie
sind also, jedenfalls ihrem Krper nach und oft auch zu Dreiviertel
ihres Geistes, immer noch die Hflinge einer alten, ja greisenhaften
Cultur und als solche selber greisenhaft; der neue Geist, der
gelegentlich in diesen alten Gehusen rumort, dient einstweilen nur
dazu, sie unsicherer und ngstlicher zu machen. In ihnen gehen sowohl
die Gespenster der Vergangenheit, als die Gespenster der Zukunft um:
was Wunder, wenn sie dabei nicht die beste Miene machen, nicht die
geflligste Haltung haben?


251.

Zukunft der Wissenschaft. - Die Wissenschaft giebt Dem, welcher in
ihr arbeitet und sucht, viel Vergngen, Dem, welcher ihre Ergebnisse
lernt, sehr wenig. Da allmhlich aber alle wichtigen Wahrheiten
der Wissenschaft alltglich und gemein werden mssen, so hrt
auch dieses wenige Vergngen auf: so wie wir beim Lernen des so
bewunderungswrdigen Einmaleins lngst aufgehrt haben, uns zu freuen.
Wenn nun die Wissenschaft immer weniger Freude durch sich macht und
immer mehr Freude, durch Verdchtigung der trstlichen Metaphysik,
Religion und Kunst, nimmt: so verarmt jene grsste Quelle der Lust,
welcher die Menschheit fast ihr gesammtes Menschenthum verdankt.
Desshalb muss eine hhere Cultur dem Menschen ein Doppelgehirn,
gleichsam zwei Hirnkammern geben, einmal um Wissenschaft, sodann
um Nicht-Wissenschaft zu empfinden: neben einander liegend, ohne
Verwirrung, trennbar, abschliessbar; es ist diess eine Forderung der
Gesundheit. Im einen Bereiche liegt die Kraftquelle, im anderen der
Regulator: mit Illusionen, Einseitigkeiten, Leidenschaften muss
geheizt werden, mit Hlfe der erkennenden Wissenschaft muss den
bsartigen und gefhrlichen Folgen einer Ueberheizung vorgebeugt
werden. - Wird dieser Forderung der hheren Cultur nicht gengt,
so ist der weitere Verlauf der menschlichen Entwickelung fast mit
Sicherheit vorherzusagen: das Interesse am Wahren hrt auf, je weniger
es Lust gewhrt; die Illusion, der Irrthum, die Phantastik erkmpfen
sich Schritt um Schritt, weil sie mit Lust verbunden sind, ihren
ehemals behaupteten Boden: der Ruin der Wissenschaften, das
Zurcksinken in Barbarei ist die nchste Folge; von Neuem muss die
Menschheit wieder anfangen, ihr Gewebe zu weben, nachdem sie es,
gleich Penelope, des Nachts zerstrt hat. Aber wer brgt uns dafr,
dass sie immer wieder die Kraft dazu findet?


252.

Die Lust am Erkennen. - Wesshalb ist das Erkennen, das Element des
Forschers und Philosophen, mit Lust verknpft? Erstens und vor Allem,
weil man sich dabei seiner Kraft bewusst wird, also aus dem selben
Grunde, aus dem gymnastische Uebungen auch ohne Zuschauer lustvoll
sind. Zweitens, weil man, im Verlauf der Erkenntniss, ber ltere
Vorstellungen und deren Vertreter, hinauskommt, Sieger wird oder
wenigstens es zu sein glaubt. Drittens, weil wir uns durch eine noch
so kleine neue Erkenntniss ber Alle erhaben und uns als die Einzigen
fhlen, welche hierin das Richtige wissen. Diese drei Grnde zur
Lust sind die wichtigsten, doch giebt es, je nach der Natur des
Erkennenden, noch viele Nebengrnde. - Ein nicht unbetrchtliches
Verzeichniss von solchen giebt, an einer Stelle, wo man es nicht
suchen wrde, meine paraenetische Schrift ber Schopenhauer: mit deren
Aufstellungen sich jeder erfahrene Diener der Erkenntniss zufrieden
geben kann, sei es auch, dass er den ironischen Anflug, der auf jenen
Seiten zu liegen scheint, wegwnschen wird. Denn wenn es wahr ist,
dass zum Entstehen des Gelehrten "eine Menge sehr menschlicher Triebe
und Triebchen zusammengegossen werden muss", dass der Gelehrte
zwar ein sehr edles, aber kein reines Metall ist und "aus einem
verwickelten Geflecht sehr verschiedener Antriebe und Reize besteht":
so gilt doch das Selbe ebenfalls von Entstehung und Wesen des
Knstlers, Philosophen, moralischen Genie's - und wie die in jener
Schrift glorificirten grossen Namen lauten. Alles Menschliche verdient
in Hinsicht auf seine Entstehung die ironische Betrachtung: desshalb
ist die Ironie in der Welt so berflssig.


253.

Treue als Beweis der Stichhaltigkeit. - Es ist ein vollkommenes
Zeichen fr die Gte einer Theorie, wenn ihr Urheber vierzig Jahre
lang kein Misstrauen gegen sie bekommt; aber ich behaupte, dass es
noch keinen Philosophen gegeben hat, welcher auf die Philosophie, die
seine Jugend erfand, nicht endlich mit Geringschtzung - mindestens
mit Argwohn - herabgesehen htte. - Vielleicht hat er aber nicht
ffentlich von dieser Umstimmung gesprochen, aus Ehrsucht oder - wie
es bei edlen Naturen wahrscheinlicher ist - aus zarter Schonung seiner
Anhnger.


254.

Zunahme des Interessanten. - Im Verlaufe der hheren Bildung wird dem
Menschen Alles interessant, er weiss die belehrende Seite einer Sache
rasch zu finden und den Punct anzugeben, wo eine Lcke seines Denkens
mit ihr ausgefllt oder ein Gedanke durch sie besttigt werden
kann. Dabei verschwindet immer mehr die Langeweile, dabei auch die
bermssige Erregbarkeit des Gemthes. Er geht zuletzt wie ein
Naturforscher unter Pflanzen, so unter Menschen herum und nimmt sich
selber als ein Phnomen wahr, welches nur seinen erkennenden Trieb
stark anregt.


255.

Aberglauben im Gleichzeitigen. - Etwas Gieichzeitiges hngt zusammen,
meint man. Ein Verwandter stirbt in der Ferne, zu gleicher Zeit
trumen wir von ihm, - also! Aber zahllose Verwandte sterben und wir
trumen nicht von ihnen. Es ist wie bei den Schiffbrchigen, welche
Gelbde thun: man sieht spter im Tempel die Votivtafeln Derer, welche
zu Grunde giengen, nicht. - Ein Mensch stirbt, eine Eule krchzt,
eine Uhr steht still, alles in Einer Nachtstunde: sollte da nicht ein
Zusammenhang sein? Eine solche Vertraulichkeit mit der Natur, wie
diese Ahnung sie annimmt, schmeichelt den Menschen. - Diese Gattung
des Aberglaubens findet sich in verfeinerter Form bei Historikern und
Culturmalern wieder, welche vor allem sinnlosen Nebeneinander, an dem
doch das Leben der Einzelnen und der Vlker so reich ist, eine Art
Wasserscheu zu haben pflegen.


256.

Das Knnen, nicht das Wissen, durch die Wissenschaft gebt. - Der
Werth davon, dass man zeitweilig eine strenge Wissenschaft streng
betrieben hat, beruht nicht gerade auf deren Ergebnissen: denn diese
werden, im Verhltniss zum Meere des Wissenswerthen, ein verschwindend
kleiner Tropfen sein. Aber es ergiebt einen Zuwachs an Energie, an
Schlussvermgen, an Zhigkeit der Ausdauer; man hat gelernt, einen
Zweck zweckmssig zu erreichen. Insofern ist es sehr schtzbar,
in Hinsicht auf Alles, was man spter treibt, einmal ein
wissenschaftlicher Mensch gewesen zu sein.


257.

Jugendreiz der Wissenschaft. - Das Forschen nach Wahrheit hat jetzt
noch den Reiz, dass sie sich berall stark gegen den grau und
langweilig gewordenen Irrthum abhebt; dieser Reiz verliert sich immer
mehr; jetzt zwar leben wir noch im Jugendzeitalter der Wissenschaft
und pflegen der Wahrheit wie einem schnen Mdchen nachzugehen; wie
aber, wenn sie eines Tages zum ltlichen, mrrisch blickenden Weibe
geworden ist? Fast in allen Wissenschaften ist die Grundeinsicht
entweder erst in jngster Zeit gefunden oder wird noch gesucht; wie
anders reizt diess an, als wenn alles Wesentliche gefunden ist und nur
noch eine kmmerliche Herbstnachlese dem Forscher brig bleibt (welche
Empfindung man in einigen historischen Disciplinen kennen lernen
kann).


258.

Die Statue der Menschheit. - Der Genius der Cultur verfhrt wie
Cellini, als dieser den Guss seiner Perseus-Statue machte: die
flssige Masse drohte, nicht auszureichen, aber sie sollte es: so warf
er Schsseln und Teller und was ihm sonst in die Hnde kam, hinein.
Und ebenso wirft jener Genius Irrthmer, Laster, Hoffnungen,
Wahnbilder und andere Dinge von schlechterem wie von edlerem Metalle
hinein, denn die Statue der Menschheit muss herauskommen und fertig
werden; was liegt daran, dass hie und da geringerer Stoff verwendet
wurde?


259.

Eine Cultur der Mnner. - Die griechische Cultur der classischen Zeit
ist eine Cultur der Mnner. Was die Frauen anlangt, so sagt Perikles
in der Grabrede Alles mit den Worten: sie seien am besten, wenn
unter Mnnern so wenig als mglich von ihnen gesprochen werde. -
Die erotische Beziehung der Mnner zu den Jnglingen war in einem,
unserem Verstndniss unzugnglichen Grade die nothwendige, einzige
Voraussetzung aller mnnlichen Erziehung (ungefhr wie lange Zeit alle
hhere Erziehung der Frauen bei uns erst durch die Liebschaft und Ehe
herbeigefhrt wurde), aller Idealismus der Kraft der griechischen
Natur warf sich auf jenes Verhltniss, und wahrscheinlich sind junge
Leute niemals wieder so aufmerksam, so liebevoll, so durchaus in
Hinsicht auf ihr Bestes (virtus) behandelt worden, wie im sechsten und
fnften Jahrhundert, - also gemss dem schnen Spruche Hlderlin's
"denn liebend giebt der Sterbliche vom Besten". Je hher dieses
Verhltniss genommen wurde, um so tiefer sank der Verkehr mit der
Frau: der Gesichtspunct der Kindererzeugung und der Wollust - Nichts
weiter kam hier in Betracht; es gab keinen geistigen Verkehr, nicht
einmal eine eigentliche Liebschaft. Erwgt man ferner, dass sie selbst
vom Wettkampfe und Schauspiele jeder Art ausgeschlossen waren, so
bleiben nur die religisen Culte als einzige hhere Unterhaltung der
Weiber. - Wenn man nun allerdings in der Tragdie Elektra und Antigone
vorfhrte, so ertrug man diess eben in der Kunst, obschon man es im
Leben nicht mochte: so wie wir jetzt alles Pathetische im Leben nicht
vertragen, aber in der Kunst gern sehen. - Die Weiber hatten weiter
keine Aufgabe, als Schne, machtvolle Leiber hervorzubringen, in denen
der Charakter des Vaters mglichst ungebrochen weiter lebte, und damit
der berhand nehmenden Nervenberreizung einer so hochentwickelten
Cultur entgegenzuwirken. Diess hielt die griechische Cultur
verhltnissmssig so lange jung; denn in den griechischen Mttern
kehrte immer wieder der griechische Genius zur Natur zurck.


260.

Das Vorurtheil Zu Gunsten der Grsse. - Die Menschen berschtzen
ersichtlich alles Grosse und Hervorstechende. Diess kommt aus der
bewussten oder unbewussten Einsicht her, dass sie es sehr ntzlich
finden, wenn Einer alle Kraft auf Ein Gebiet wirft und aus sich
gleichsam Ein monstrses Organ macht. Sicherlich ist dem Menschen
selber eine gleichmssige Ausbildung seiner Krfte ntzlicher und
glckbringender; denn jedes Talent ist ein Vampyr, welcher den brigen
Krften Blut und Kraft aussaugt, und eine bertriebene Production kann
den begabtesten Menschen fast zur Tollheit bringen. Auch innerhalb der
Knste erregen die extremen Naturen viel zu sehr die Aufmerksamkeit;
aber es ist auch eine viel geringere Cultur nthig, um von ihnen sich
fesseln zu lassen. Die Menschen unterwerfen sich aus Gewohnheit Allem,
was Macht haben will.


261.

Die Tyrannen des Geistes. - Nur wohin der Strahl des mythus fllt, da
leuchtet das Leben der Griechen; sonst ist es dster. Nun berauben
sich die griechischen Philosophen eben dieses Mythus': ist es
nicht, als ob sie aus dem Sonnenschein sich in den Schatten, in die
Dsterkeit setzen wollten? Aber keine Pflanze geht dem Lichte aus
dem Wege; im Grunde suchten jene Philosophen nur eine hellere Sonne,
der Mythus war ihnen nicht rein, nicht leuchtend genug. Sie fanden
diess Licht in ihrer Erkenntniss, in dem, was jeder von ihnen seine
"Wahrheit" nannte. Damals aber hatte die Erkenntniss noch einen
grsseren Glanz; sie war noch jung und wusste noch wenig von allen
Schwierigkeiten und Gefahren ihrer Pfade; sie konnte damals noch
hoffen, mit einem einzigen Sprung an den Mittelpunct alles Seins
zu kommen und von dort aus das Rthsel der Welt zu lsen. Diese
Philosophen hatten - einen handfesten Glauben an sich und ihre
"Wahrheit" und warfen mit ihr alle ihre Nachbarn und Vorgnger nieder;
jeder von ihnen war ein streitbarer gewaltthtiger Tyrann. Vielleicht
war das Glck im Glauben an den Besitz der Wahrheit nie grsser in
der Welt, aber auch nie die Hrte, der Uebermuth, das Tyrannische und
Bse eines solchen Glaubens. Sie waren Tyrannen, also Das, was jeder
Grieche sein wollte und was jeder war, wenn er es sein konnte.
Vielleicht macht nur Solon eine Ausnahme; in seinen Gedichten sagt er
es, wie er die persnliche Tyrannis verschmht habe. Aber er that es
aus Liebe zu seinem Werke, zu seiner Gesetzgebung; und Gesetzgeber
sein ist eine sublimirtere Form des Tyrannenthums. Auch Parmenides gab
Gesetze, wohl auch Pythagoras und Empedokles; Anaximander grndete
eine Stadt. Plato war der fleischgewordene Wunsch, der hchste
philosophische Gesetzgeber und Staatengrnder zu werden; er scheint
schrecklich an der Nichterfllung seines Wesens gelitten zu haben, und
seine Seele wurde gegen sein Ende hin voll der schwrzesten Galle. Je
mehr das griechische Philosophenthum an Macht verlor, um so mehr litt
es innerlich durch diese Galligkeit und Schmhsucht; als erst die
verschiedenen Secten ihre Wahrheiten auf den Strassen verfochten, da
waren die Seelen aller dieser Freier der Wahrheit durch Eifer- und
Geifersucht vllig verschlammt, das tyrannische Element wthete jetzt
als Gift in ihrem Krper. Diese vielen kleinen Tyrannen htten sich
roh fressen mgen; es war kein Funke mehr von Liebe und allzuwenig
Freude an ihrer eigenen Erkenntniss in ihnen brig geblieben. -
Ueberhaupt gilt der Satz, dass Tyrannen meistens ermordet werden
und dass ihre Nachkommenschaft kurz lebt, auch von den Tyrannen des
Geistes. Ihre Geschichte ist kurz, gewaltsam, ihre Nachwirkung bricht
pltzlich ab. Fast von allen grossen Hellenen kann man sagen, dass
sie zu spt gekommen scheinen, so von Aeschylus, von Pindar, von
Demosthenes, von Thukydides; ein Geschlecht nach ihnen - und dann ist
es immer vllig vorbei. Das ist das Strmische und Unheimliche in der
griechischen Geschichte. Jetzt zwar bewundert man das Evangelium der
Schildkrte. Geschichtlich denken heisst jetzt fast so viel, als ob zu
allen Zeiten nach dem Satze Geschichte gemacht worden wre: "mglichst
wenig in mglichst langer Zeit!" Ach, die griechische Geschichte luft
so rasch! Es ist nie wieder so verschwenderisch, so maasslos gelebt
worden. Ich kann mich nicht berzeugen, dass die Geschichte der
Griechen jenen natrlichen Verlauf genommen habe, der so an ihr
gerhmt wird. Sie waren viel zu mannichfach begabt dazu, um in jener
schrittweisen Manier allmhlich zu sein, wie es die Schildkrte
im Wettlauf mit Achilles ist: und das nennt man ja natrliche
Entwickelung. Bei den Griechen geht es schnell vorwrts, aber eben so
schnell abwrts; die Bewegung der ganzen Maschine ist so gesteigert,
dass ein einziger Stein, in ihre Rder geworfen, sie zerspringen
macht. Ein solcher Stein war zum Beispiel Sokrates; in einer Nacht
war die bis dahin so wunderbar regelmssige, aber freilich allzu
schleunige Entwickelung der philosophischen Wissenschaft zerstrt.
Es ist keine mssige Frage, ob nicht Plato, von der sokratischen
Verzauberung frei geblieben, einen noch hheren Typus des
philosophischen Menschen gefunden htte, der uns auf immer verloren
ist. Man sieht in die Zeiten vor ihm wie in einer Bildner-Werksttte
solcher Typen hinein. Das sechste und fnfte Jahrhundert scheint aber
doch noch mehr und Hheres zu verheissen, als es selber hervorgebracht
hat; aber es blieb bei dem Verheissen und Ankndigen. Und doch giebt
es kaum einen schwereren Verlust, als den Verlust eines Typus', einer
neuen, bis dahin unentdeckt gebliebenen hchsten Mglichkeit des
philosophischen Lebens. Selbst von den lteren Typen sind die meisten
schlecht berliefert; es scheinen mir alle Philosophen von Thales bis
Demokrit ausserordentlich schwer erkennbar; wem es aber gelingt, diese
Gestalten nachzuschaffen, der wandelt unter Gebilden von mchtigstem
und reinstem Typus. Diese Fhigkeit ist freilich selten, sie fehlte
selbst den spteren Griechen, welche sich mit der Kunde der lteren
Philosophie befassten; Aristoteles zumal scheint seine Augen nicht im
Kopfe zu haben, wenn er vor den Bezeichneten steht. Und so scheint es,
als ob diese herrlichen Philosophen umsonst gelebt htten oder als ob
sie gar nur die streit- und redelustigen Schaaren der sokratischen
Schulen htten vorbereiten sollen. Es ist hier, wie gesagt, eine
Lcke, ein Bruch in der Entwickelung; irgend ein grosses Unglck muss
geschehen sein und die einzige Statue, an welcher man Sinn und Zweck
jener grossen bildnerischen Vorbung erkannt haben wrde, zerbrach
oder misslang: was eigentlich geschehen ist, ist fr immer ein
Geheimniss der Werksttte geblieben. - Das, was bei den Griechen sich
ereignete - dass jeder grosse Denker im Glauben daran, Besitzer der
absoluten Wahrheit zu sein, zum Tyrannen wurde, so dass auch die
Geschichte des Geistes bei den Griechen jenen gewaltsamen, bereilten
und gefhrlichen Charakter bekommen hat, den ihre politische
Geschichte zeigt - diese Art von Ereignissen war damit nicht
erschpft: es hat sich vieles Gleiche bis in die neueste Zeit hinein
begeben, obwohl allmhlich seltener und jetzt schwerlich mehr mit dem
reinen naiven Gewissen der griechischen Philosophen. Denn im Ganzen
redet jetzt die Gegenlehre und die Skepsis zu mchtig, zu laut. Die
Periode der Tyrannen des Geistes ist vorbei. In den Sphren der
hheren Cultur wird es freilich immer eine Herrschaft geben mssen, -
aber diese Herrschaft liegt von jetzt ab in den Hnden der Oligarchen
des Geistes. Sie bilden, trotz aller rumlichen und politischen
Trennung, eine zusammengehrige Gesellschaft, deren Mitglieder sich
erkennen und anerkennen, was auch die ffentliche Meinung und die
Urtheile der auf die Masse wirkenden Tages- und Zeitschriftsteller
fr Schtzungen der Gunst oder Abgunst in Umlauf bringen mgen. Die
geistige Ueberlegenheit, welche frher trennte und verfeindete, pflegt
jetzt zu binden: wie knnten die Einzelnen sich selbst behaupten
und auf eigener Bahn, allen Strmungen entgegen, durch das Leben
schwimmen, wenn sie nicht ihres Gleichen hier und dort unter gleichen
Bedingungen leben shen und deren Hand ergriffen, im Kampfe eben so
sehr gegen den ochlokratischen Charakter des Halbgeistes und der
Halbbildung, als gegen die gelegentlichen Versuche, mit Hlfe der
Massenwirkung eine Tyrannei aufzurichten? Die Oligarchen sind einander
nthig, sie haben an einander ihre beste Freude, sie verstehen ihre
Abzeichen, - aber trotzdem ist ein jeder von ihnen frei, er kmpft und
siegt an seiner Stelle und geht lieber unter, als sich zu unterwerfen.


262.

Homer. - Die grsste Thatsache in der griechischen Bildung bleibt doch
die, dass Homer so frhzeitig panhellenisch wurde. Alle geistige und
menschliche Freiheit, welche die Griechen erreichten, geht auf diese
Thatsache zurck. Aber zugleich ist es das eigentliche Verhngniss
der griechischen Bildung gewesen, denn Homer verflachte, indem er
centralisirte, und lste die ernsteren Instincte der Unabhngigkeit
auf. Von Zeit zu Zeit erhob sich aus dem tiefsten Grunde des
Hellenischen der Widerspruch gegen Homer; aber er blieb immer
siegreich. Alle grossen geistigen Mchte ben neben ihrer befreienden
Wirkung auch eine unterdrckende aus; aber freilich ist es ein
Unterschied, ob Homer oder die Bibel oder die Wissenschaft die
Menschen tyrannisiren.


263.

Begabung. - In einer so hoch entwickelten Menschheit, wie die jetzige
ist, bekommt von Natur Jeder den Zugang zu vielen Talenten mit. Jeder
hat angeborenes Talent, aber nur Wenigen ist der Grad von Zhigkeit,
Ausdauer, Energie angeboren und anerzogen, so dass er wirklich ein
Talent wird, also wird, was er ist, das heisst: es in Werken und
Handlungen entladet.


264.

Der Geistreiche entweder berschtzt oder unterschtzt. -
Unwissenschaftliche, aber begabte Menschen schtzen jedes Anzeichen
von Geist, sei es nun, dass er auf wahrer oder falscher Fhrte ist;
sie wollen vor Allem, dass der Mensch, der mit ihnen verkehrt, sie gut
mit seinem Geist unterhalte, sie ansporne, entflamme, zu Ernst und
Scherz fortreisse und jedenfalls vor der Langenweile als krftigstes
Amulet schtze. Die wissenschaftlichen Naturen wissen dagegen, dass
die Begabung, allerhand Einflle zu haben, auf das strengste durch den
Geist der Wissenschaft gezgelt werden msse; nicht Das, was glnzt,
scheint, erregt, sondern die oft unscheinbare Wahrheit ist die Frucht,
welche er vom Baum der Erkenntniss zu schtteln wnscht. Er darf,
wie Aristoteles, zwischen "Langweiligen" und "Geistreichen" keinen
Unterschied machen, sein Dmon fhrt ihn durch die Wste ebenso wie
durch tropische Vegetation, damit er berall nur an dem Wirklichen,
Haltbaren, Aechten seine Freude habe. - Daraus ergiebt sich, bei
unbedeutenden Gelehrten, eine Missachtung und Verdchtigung des
Geistreichen berhaupt, und wiederum haben geistreiche Leute hufig
eine Abneigung gegen die Wissenschaft: wie zum Beispiel fast alle
Knstler.


265.

Die Vernunft in der Schule. - Die Schule hat keine wichtigere Aufgabe,
als strenges Denken, vorsichtiges Urtheilen, consequentes Schliessen
zu lehren: desshalb hat sie von allen Dingen abzusehen, die nicht fr
diese Operationen tauglich sind, zum Beispiel von der Religion. Sie
kann ja darauf rechnen, dass menschliche Unklarheit, Gewhnung und
Bedrfniss spter doch wieder den Bogen des allzustraffen Denkens
abspannen. Aber so lange ihr Einfluss reicht, soll sie Das erzwingen,
was das Wesentliche und Auszeichnende am Menschen ist- "Vernunft
und Wissenschaft des Menschen allerhchste Kraft" - wie wenigstens
Goethe urtheilt. - Der grosse Naturforscher von Baer findet die
Ueberlegenheit aller Europer im Vergleich zu Asiaten in der
eingeschulten Fhigkeit, dass sie Grnde fr Das, was sie glauben,
angeben knnen, wozu Diese aber vllig unfhig sind. Europa ist in die
Schule des consequenten und kritischen Denkens gegangen, Asien weiss
immer noch nicht zwischen Wahrheit und Dichtung zu unterscheiden
und ist sich nicht bewusst, ob seine Ueberzeugungen aus eigener
Beobachtung und regelrechtem Denken oder aus Phantasien stammen. - Die
Vernunft in der Schule hat Europa zu Europa gemacht: im Mittelalter
war es auf dem Wege, wieder zu einem Stck und Anhngsel Asiens zu
werden, - also den wissenschaftlichen Sinn, welchen es den Griechen
verdankte, einzubssen.


266.

Unterschtzte Wirkung des gymnasialen Unterrichts. - Man sucht den
Werth des Gymnasiums selten in den Dingen, welche wirklich dort
gelernt und von ihm unverlierbar heimgebracht werden, sondern in
denen, welche man lehrt, welche der Schler sich aber nur mit
Widerwillen aneignet, um sie, so schnell er darf, von sich
abzuschtteln. Das Lesen der Classiker - das giebt jeder Gebildete
zu - ist so, wie es berall getrieben wird, eine monstrse Procedur:
vor jungen Menschen, welche in keiner Beziehung dazu reif sind, von
Lehrern, welche durch jedes Wort, oft durch ihr Erscheinen schon einen
Mehlthau ber einen guten Autor legen. Aber darin liegt der Werth, der
gewhnlich verkannt wird, - dass diese Lehrer die abstracte Sprache
der hhern Cultur reden, schwerfllig und schwer zum Verstehen,
wie sie ist, aber eine hohe Gymnastik des Kopfes; dass Begriffe,
Kunstausdrcke, Methoden, Anspielungen in ihrer Sprache fortwhrend
vorkommen, welche die jungen Leute im Gesprche ihrer Angehrigen und
auf der Gasse fast nie hren. Wenn die Schler nur hren, so wird ihr
Intellect zu einer wissenschaftlichen Betrachtungsweise unwillkrlich
prformirt. Es ist nicht mglich, aus dieser Zucht vllig unberhrt
von der Abstraction als reines Naturkind herauszukommen.


267.

Viele Sprachen lernen. - Viele Sprachen lernen fllt das Gedchtniss
mit Worten, statt mit Thatsachen und Gedanken, aus, whrend diess ein
Behltniss ist, welches bei jedem Menschen nur eine bestimmt begrnzte
Masse von Inhalt aufnehmen kann. Sodann schadet das Lernen vieler
Sprachen, insofern es den Glauben, Fertigkeiten zu haben, erweckt und
thatschlich auch ein gewisses verfhrerisches Ansehen im Verkehre
verleiht; es schadet sodann auch indirect dadurch, dass es dem
Erwerben grndlicher Kenntnisse und der Absicht, auf redliche Weise
die Achtung der Menschen zu verdienen, entgegenwirkt. Endlich ist es
die Axt, welche dem feineren Sprachgefhl innerhalb der Muttersprache
an die Wurzel gelegt wird: diess wird dadurch unheilbar beschdigt und
zu Grunde gerichtet. Die beiden Vlker, welche die grssten Stilisten
erzeugten, Griechen und Franzosen, lernten keine fremden Sprachen. -
Weil aber der Verkehr der Menschen immer kosmopolitischer werden muss,
und zum Beispiel ein rechter Kaufmann in London jetzt schon sich in
acht Sprachen schriftlich und mndlich verstndlich zu machen hat, so
ist freilich das Viele-Sprachen-lernen ein nothwendiges Uebel; welches
aber zuletzt zum Aeussersten kommend, die Menschheit zwingen wird,
ein Heilmittel zu finden: und in irgend einer fernen Zukunft wird es
eine neue Sprache, zuerst als Handelssprache, dann als Sprache des
geistigen Verkehres berhaupt, fr Alle geben, so gewiss, als es
einmal Luft-Schifffahrt giebt. Wozu htte auch die Sprachwissenschaft
ein Jahrhundert lang die Gesetze der Sprache studirt und das
Nothwendige, Werthvolle, Gelungene an jeder einzelnen Sprache
abgeschtzt!


268.

Zur Kriegsgeschichte des Individuums. - Wir finden in ein einzelnes
Menschenleben, welches durch mehrere Culturen geht, den Kampf
zusammengedrngt, welcher sich sonst zwischen zwei Generationen,
zwischen Vater und Sohn, abspielt: die Nhe der Verwandtschaft
verschrft diesen Kampf, weil jede Partei schonungslos das ihr so gut
bekannte Innere der anderen Partei mit hineinzieht; und so wird dieser
Kampf im einzelnen Individuum am erbittertsten sein; hier schreitet
jede neue Phase ber die frheren mit grausamer Ungerechtigkeit und
Verkennung von deren Mitteln und Zielen hinweg.


269.

Um eine Viertelstunde frher. - Man findet gelegentlich Einen, der mit
seinen Ansichten ber seiner Zeit steht, aber doch nur um so viel,
dass er die Vulgransichten des nchsten Jahrzehnts vorwegnimmt. Er
hat die ffentliche Meinung eher, als sie ffentlich ist, das heisst:
er ist einer Ansicht, die es verdient trivial zu werden, eine
Viertelstunde eher in die Arme gefallen, als Andere. Sein Ruhm pflegt
aber viel lauter zu sein, als der Ruhm der wirklichen Grossen und
Ueberlegenen.


270.

Die Kunst, zu lesen. - jede starke Richtung ist einseitig; sie nhert
sich der Richtung der geraden Linie und ist wie diese ausschliessend,
das heisst sie berhrt nicht viele andere Richtungen, wie diess
schwache Parteien und Naturen in ihrem wellenhaften Hin- und Hergehen
thun: das muss man also auch den Philologen nachsehen, dass sie
einseitig sind. Herstellung und Reinhaltung der Texte, nebst der
Erklrung derselben, in einer Zunft jahrhundertelang fortgetrieben,
hat endlich jetzt die richtigen Methoden finden lassen; das ganze
Mittelalter war tief unfhig zu einer streng philologischen Erklrung,
das heisst zum einfachen Verstehenwollen dessen, was der Autor sagt,
- es war Etwas, diese Methoden zu finden, man unterschtze es nicht!
Alle Wissenschaft hat dadurch erst Continuitt und Stetigkeit
gewonnen, dass die Kunst des richtigen Lesens, das heisst die
Philologie, auf ihre Hhe kam.


271.

Die Kunst, zu schliessen. - Der grsste Fortschritt, den die Menschen
gemacht haben, liegt darin, dass sie richtig schliessen lernen. Das
ist gar nicht so etwas Natrliches, wie Schopenhauer annimmt, wenn er
sagt: "zu schliessen sind Alle, zu urtheilen Wenige fhig", sondern
ist spt erlernt und jetzt noch nicht zur Herrschaft gelangt.
Das faische Schliessen ist in lteren Zeiten die Regel: und
die Mythologien aller Vlker, ihre Magie und ihr Aberglaube,
ihr religiser Cultus, ihr Recht sind die unerschpflichen
Beweis-Fundsttten fr diesen Satz.


272.

Jahresringe der individuellen Cultur. - Die Strke und Schwche
der geistigen Productivitt hngt lange nicht so an der angeerbten
Begabung, als an dem mitgegebenen Maasse von Spannkraft. Die meisten
jungen Gebildeten von dreissig Jahren gehen um diese Frhsonnenwende
ihres Lebens zurck und sind fr neue geistige Wendungen von da an
unlustig. Desshalb ist dann gleich wieder zum Heile einer fort und
fort wachsenden Cultur eine neue Generation nthig, die es nun
aber ebenfalls nicht weit bringt: denn um die Cultur des Vaters
nachzuholen, muss der Sohn die angeerbte Energie, welche der Vater
auf jener Lebensstufe, als er den Sohn zeugte, selber besass, fast
aufbrauchen; mit dem kleinen Ueberschuss kommt er weiter (denn weil
hier der Weg zum zweiten Mal gemacht wird, geht es ein Wenig schneller
vorwrts; der Sohn verbraucht, um das Selbe zu lernen, was der Vater
wusste, nicht ganz so viel Kraft). Sehr spannkrftige Mnner, wie zum
Beispiel Goethe, durchmessen so viel als kaum vier Generationen hinter
einander vermgen; desshalb kommen sie aber zu schnell voraus, so
dass die anderen Menschen sie erst in dem nchsten Jahrhundert
einholen, vielleicht nicht einmal vllig, weil durch die hufigen
Unterbrechungen die Geschlossenheit der Cultur, die Consequenz der
Entwickelung geschwcht worden ist. - Die gewhnlichen Phasen der
geistigen Cultur, welche im Verlauf der Geschichte errungen ist,
holen die Menschen immer schneller nach. Sie beginnen gegenwrtig in
die Cultur als religis bewegte Kinder einzutreten und bringen es
vielleicht im zehnten Lebensjahre zur hchsten Lebhaftigkeit dieser
Empfindungen, gehen dann in abgeschwchtere Formen (Pantheismus)
ber, whrend sie sich der Wissenschaft nhern; kommen ber Gott,
Unsterblichkeit und dergleichen ganz hinaus, aber verfallen den
Zaubern einer metaphysischen Philosophie. Auch diese wird ihnen
endlich unglaubwrdig; die Kunst scheint dagegen immer mehr zu
gewhren, so dass eine Zeit lang die Metaphysik kaum noch in einer
Umwandelung zur Kunst oder als knstlerisch verklrende Stimmung
brig bleibt und fortlebt. Aber der wissenschaftliche Sinn wird immer
gebieterischer und fhrt den Mann hin zur Naturwissenschaft und
Historie und namentlich zu den strengsten Methoden des Erkennens,
whrend der Kunst eine immer mildere und anspruchslosere Bedeutung
zufllt. Diess Alles pflegt sich jetzt innerhalb der ersten dreissig
Jahre eines Mannes zu ereignen. Es ist die Recapitulation eines
Pensums, an welchem die Menschheit vielleicht dreissigtausend Jahre
sich abgearbeitet hat.


273.

Zurckgegangen, nicht zurckgeblieben. - Wer gegenwrtig seine
Entwickelung noch aus religisen Empfindungen heraus anhebt und
vielleicht lngere Zeit nachher in Metaphysik und Kunst weiterlebt,
der hat sich allerdings ein gutes Stck zurckbegeben und beginnt
sein Wettrennen mit anderen modernen Menschen unter ungnstigen
Voraussetzungen: er verliert scheinbar Raum und Zeit. Aber dadurch,
dass er sich in jenen Bereichen aufhielt, wo Gluth und Energie
entfesselt werden und fortwhrend Macht als vulcanischer Strom aus
unversiegbarer Quelle strmt, kommt er dann, sobald er sich nur
zur rechten Zeit von jenen Gebieten getrennt hat, um so schneller
vorwrts, sein Fuss ist beflgelt, seine Brust hat ruhiger, lnger,
ausdauernder athmen gelernt. - Er hat sich nur zurckgezogen, um
zu seinem Sprunge gengenden Raum zu haben: so kann selbst etwas
Frchterliches, Drohendes in diesem Rckgange liegen.


274.

Ein Ausschnitt unseres Selbst als knstlerisches Object. - Es ist ein
Zeichen berlegener Cultur, gewisse Phasen der Entwickelung, welche
die geringeren Menschen fast gedankenlos durchleben und von der Tafel
ihrer Seele dann wegwischen, mit Bewusstsein festzuhalten und ein
getreues Bild davon zu entwerfen: denn diess ist die hhere Gattung
der Malerkunst, welche nur Wenige verstehen. Dazu wird es nthig, jene
Phasen knstlich zu isoliren. Die historischen Studien bilden die
Befhigung zu diesem Malerthum aus, denn sie fordern uns fortwhrend
auf, bei Anlass eines Stckes Geschichte, eines Volkes - oder
Menschenlebens uns einen ganz bestimmten Horizont von Gedanken,
eine bestimmte Strke von Empfindungen, das Vorwalten dieser, das
Zurcktreten jener vorzustellen. Darin, dass man solche Gedanken- und
Gefhlssysteme aus gegebenen Anlssen schnell reconstruiren kann, wie
den Eindruck eines Tempels aus einigen zufllig stehen gebliebenen
Sulen und Mauerresten, besteht der historische Sinn. Das nchste
Ergebniss desselben ist, dass wir unsere Mitmenschen als ganz
bestimmte solche Systeme und Vertreter verschiedener Culturen
verstehen, das heisst als nothwendig, aber als vernderlich.
Und wiederum, dass wir in unserer eigenen Entwickelung Stcke
heraustrennen und selbstndig hinstellen knnen.


275.

Cyniker und Epikureer. - Der Cyniker erkennt den Zusammenhang zwischen
den vermehrten und strkeren Schmerzen des hher cultivirten Menschen
und der Flle von Bedrfnissen; er begreift also, dass die Menge von
Meinungen ber das Schne, Schickliche, Geziemende, Erfreuende ebenso
sehr reiche Genuss-, aber auch Unlustquellen entspringen lassen
musste. Gemss dieser Einsicht bildet er sich zurck, indem er viele
dieser Meinungen aufgiebt und sich gewissen Anforderungen der Cultur
entzieht; damit gewinnt er ein Gefhl der Freiheit und der Krftigung;
und allmhlich, wenn die Gewohnheit ihm seine Lebensweise ertrglich
macht, hat er in der That seltnere und schwchere Unlustempfindungen,
als die cultivirten Menschen, und nhert sich dem Hausthier an;
berdiess empfindet er Alles im Reiz des Contrastes und - schimpfen
kann er ebenfalls nach Herzenslust; so dass er dadurch wieder hoch
ber die Empfindungswelt des Thieres hinauskommt. - Der Epikureer hat
den selben Gesichtspunct wie der Cyniker; zwischen ihm und jenem ist
gewhnlich nur ein Unterschied des Temperamentes. Sodann benutzt der
Epikureer seine hhere Cultur, um sich von den herrschenden Meinungen
unabhngig zu machen; er erhebt sich ber dieselben, whrend
der Cyniker nur in der Negation bleibt. Er wandelt gleichsam in
windstillen, wohlgeschtzten, halbdunkelen Gngen, whrend ber ihm,
im Winde, die Wipfel der Bume brausen und ihm verrathen, wie heftig
bewegt da draussen die Welt ist. Der Cyniker dagegen geht gleichsam
nackt draussen im Windeswehen umher und hrtet sich bis zur
Gefhllosigkeit ab.


276.

Mikrokosmus und Makrokosmus der Cultur. - Die besten Entdeckungen
ber die Cultur macht der Mensch in sich selbst, wenn er darin zwei
heterogene Mchte waltend findet. Gesetzt, es lebe Einer eben so sehr
in der Liebe zur bildenden Kunst oder zur Musik als er vom Geiste der
Wissenschaft fortgerissen werde, und er sehe es als unmglich an,
diesen Widerspruch durch Vernichtung der einen und volle Entfesselung
der anderen Macht aufzuheben: so bleibt ihm nur brig, ein so grosses
Gebude der Cultur aus sich zu gestalten, dass jene beiden Mchte,
wenn auch an verschiedenen Enden desselben, in ihm wohnen knnen,
whrend zwischen ihnen vershnende Mittelmchte, mit berwiegender
Kraft, um nthigen falls den ausbrechenden Streit zu schlichten, ihre
Herberge haben. Ein solches Gebude der Cultur im einzelnen Individuum
wird aber die grsste Aehnlichkeit mit dem Culturbau in ganzen
Zeitperioden haben und eine fortgesetzte analogische Belehrung ber
denselben abgeben. Denn berall, wo sich die grosse Architektur der
Cultur entfaltet hat, war ihre Aufgabe, die einander widerstrebenden
Mchte zur Eintracht vermge einer bermchtigen Ansammelung der
weniger unvertrglichen brigen Mchte zu zwingen, ohne sie desshalb
zu unterdrcken und in Fesseln zu schlagen.


277.

Glck und Cultur. - Der Anblick der Umgebungen unserer Kindheit
erschttert uns: das Gartenhaus, die Kirche mit den Grbern, der Teich
und der Wald, - diess sehen wir immer als Leidende wieder. Mitleid
mit uns selbst ergreift uns, denn was haben wir seitdem Alles
durchgelitten! Und hier steht jegliches noch so still, so ewig da:
nur wir sind so anders, so bewegt; selbst etliche Menschen finden wir
wieder, an welchen die Zeit nicht mehr ihren Zahn gewetzt hat, als
an einem Eichenbaume: Bauern, Fischer, Waldbewohner - sie sind die
selben. - Erschtterung, Selbstmitleid im Angesichte der niederen
Cultur ist das Zeichen der hheren Cultur; woraus sich ergiebt, dass
durch diese das Glck jedenfalls nicht gemehrt worden ist. Wer eben
Glck und Behagen vom Leben ernten will, der mag nur immer der hheren
Cultur aus dem Wege gehen.


278.

Gleichniss vom Tanze. - Jetzt ist es als das entscheidende Zeichen
grosser Cultur zu betrachten, wenn jemand jene Kraft und Biegsamkeit
besitzt, um ebenso rein und streng im Erkennen zu sein als, in
andern Momenten, auch befhigt, der Poesie, Religion und Metaphysik
gleichsam hundert Schritte vorzugeben und ihre Gewalt und Schnheit
nachzuempfinden. Eine solche Stellung zwischen zwei so verschiedenen
Ansprchen ist sehr schwierig, denn die Wissenschaft drngt zur
absoluten Herrschaft ihrer Methode, und wird diesem Drngen nicht
nachgegeben, so entsteht die andere Gefahr eines schwchlichen Auf-
und Niederschwankens zwischen verschiedenen Antrieben. Indessen: um
wenigstens mit einem Gleichniss einen Blick auf die Lsung dieser
Schwierigkeit zu erffnen, mge man sich doch daran erinnern, dass
der Tanz nicht das Selbe wie ein mattes Hin- und Hertaumeln zwischen
verschiedenen Antrieben ist. Die hohe Cultur wird einem khnen Tanze
hnlich sehen: wesshalb, wie gesagt, viel Kraft und Geschmeidigkeit
noth thut.


279.

Von der Erleichterung des Lebens. - Ein Hauptmittel, um sich das Leben
zu erleichtern, ist das Idealisiren aller Vorgnge desselben; man
soll sich aber aus der Malerei recht deutlich machen, was idealisiren
heisst. Der Maler verlangt, dass der Zuschauer nicht zu genau, zu
scharf zusehe, er zwingt ihn in eine gewisse Ferne zurck, damit
er von dort aus betrachte; er ist genthigt, eine ganz bestimmte
Entfernung des Betrachters vom Bilde vorauszusetzen; ja er muss
sogar ein ebenso bestimmtes Maass von Schrfe des Auges bei seinem
Betrachter annehmen; in solchen Dingen darf er durchaus nicht
schwanken. Jeder also, der sein Leben idealisiren will, muss es
nicht zu genau sehen wollen und seinen Blick immer in eine gewisse
Entfernung zurckbannen. Dieses Kunststck verstand zum Beispiel
Goethe.


280.

Erschwerung als Erleichterung und umgekehrt. - Vieles, was auf
gewissen Stufen des Menschen Erschwerung des Lebens ist, dient einer
hheren Stufe als Erleichterung, weil solche Menschen strkere
Erschwerungen des Lebens kennen gelernt haben. Ebenso kommt das
Umgekehrte vor: so hat zum Beispiel die Religion ein doppeltes
Gesicht, je nachdem ein Mensch zu ihr hinaufblickt, um von ihr sich
seine Last und Noth abnehmen zu lassen, oder auf sie hinabsieht, wie
auf die Fessel, welche ihm angelegt ist, damit er nicht zu hoch in die
Lfte steige.


281.

Die hhere Cultur wird nothwendig missverstanden. - Wer sein
Instrument nur mit zwei Saiten bespannt hat, wie die Gelehrten, welche
ausser dem Wissenstrieb nur noch einen anerzogenen religisen haben,
der versteht solche Menschen nicht, welche auf mehr Saiten spielen
knnen. Es liegt im Wesen der hheren vielsaitigeren Cultur, dass sie
von der niederen immer falsch gedeutet wird; wie diess zum Beispiel
geschieht, wenn die Kunst als eine verkappte Form des Religisen gilt.
Ja Leute, die nur religis sind, verstehen selbst die Wissenschaft als
Suchen des religisen Gefhls, so wie Taubstumme nicht wissen, was
Musik ist, wenn nicht sichtbare Bewegung.


282.

Klagelied. - Es sind vielleicht die Vorzge unserer Zeiten, welche
ein Zurcktreten und eine gelegentliche Unterschtzung der vita
contemplativa mit sich bringen. Aber eingestehen muss man es sich,
dass unsere Zeit arm ist an grossen Moralisten, dass Pascal, Epictet,
Seneca, Plutarch wenig noch gelesen werden, dass Arbeit und Fleiss -
sonst im Gefolge der grossen Gttin Gesundheit - mitunter wie eine
Krankheit zu Wthen scheinen. Weil Zeit zum Denken und Ruhe im Denken
fehlt, so erwgt man abweichende Ansichten nicht mehr: man begngt
sich, sie zu hassen. Bei der ungeheuren Beschleunigung des Lebens
wird Geist und Auge an ein halbes oder falsches Sehen und Urtheilen
gewhnt, und jedermann gleicht den Reisenden, welche Land und Volk von
der Eisenbahn aus kennen lernen. Selbstndige und vorsichtige Haltung
der Erkenntniss schtzt man beinahe als eine Art Verrcktheit ab, der
Freigeist ist in Verruf gebracht, namentlich durch Gelehrte, welche an
seiner Kunst, die Dinge zu betrachten, ihre Grndlichkeit und ihren
Ameisenfleiss vermissen und ihn gern in einen einzelnen Winkel der
Wissenschaft bannen mchten: whrend er die ganz andere und hhere
Aufgabe hat, von einem einsam gelegenen Standorte aus den ganzen
Heerbann der wissenschaftlichen und gelehrten Menschen zu befehligen
und ihnen die Wege und Ziele der Cultur zu zeigen. - Eine solche
Klage, wie die eben abgesungene, wird wahrscheinlich ihre Zeit haben
und von selber einmal, bei einer gewaltigen Rckkehr des Genius' der
Meditation, verstummen.


283.

Hauptmangel der thtigen Menschen. - Den Thtigen fehlt gewhnlich die
hhere Thtigkeit: ich meine die individuelle. Sie sind als Beamte,
Kaufleute, Gelehrte, das heisst als Gattungswesen thtig, aber nicht
als ganz bestimmte einzelne und einzige Menschen; in dieser Hinsicht
sind sie faul. - Es ist das Unglck der Thtigen, dass ihre Thtigkeit
fast immer ein Wenig unvernnftig ist. Man darf zum Beispiel bei dem
geldsammelnden Banquier nach dem Zweck seiner rastlosen Thtigkeit
nicht fragen: sie ist unvernnftig. Die Thtigen rollen, wie der Stein
rollt, gemss der Dummheit der Mechanik. - Alle Menschen zerfallen,
wie zu allen Zeiten so auch jetzt noch, in Sclaven und Freie; denn wer
von seinem Tage nicht zwei Drittel fr sich hat, ist ein Sclave, er
sei brigens wer er wolle: Staatsmann, Kaufmann, Beamter, Gelehrter.


284.

Zu Gunsten der Mssigen. - Zum Zeichen dafr, dass die Schtzung des
beschaulichen Lebens abgenommen hat, wetteifern die Gelehrten jetzt
mit den thtigen Menschen in einer Art von hastigem Genusse, so dass
sie also diese Art, zu geniessen, hher zu schtzen scheinen, als
die, welche ihnen eigentlich zukommt und welche in der That viel mehr
Genuss ist. Die Gelehrten schmen sich des otium. Es ist aber ein edel
Ding um Musse und Mssiggehen. - Wenn Mssiggang wirklich der Anfang
aller Laster ist, so befindet er sich also wenigstens in der nchsten
Nhe aller Tugenden; der mssige Mensch ist immer noch ein besserer
Mensch als der thtige. - Ihr meint doch nicht, dass ich mit Musse und
Mssiggehen auf euch ziele, ihr Faulthiere? -


285.

Die moderne Unruhe. - Nach dem Westen zu wird die moderne Bewegtheit
immer grsser, so dass den Amerikanern die Bewohner Europa's
insgesammt sich als ruheliebende und geniessende Wesen darstellen,
whrend diese doch selbst wie Bienen und Wespen durcheinander fliegen.
Diese Bewegtheit wird so gross, dass die hhere Cultur ihre Frchte
nicht mehr zeitigen kann; es ist, als ob die Jahreszeiten zu rasch auf
einander folgten. Aus Mangel an Ruhe luft unsere Civilisation in eine
neue Barbarei aus. Zu keiner Zeit haben die Thtigen, das heisst die
Ruhelosen, mehr gegolten. Es gehrt desshalb zu den nothwendigen
Correcturen, welche man am Charakter der Menschheit vornehmen muss,
das beschauliche Element in grossem Maasse zu verstrken. Doch hat
schon jeder Einzelne, welcher in Herz und Kopf ruhig und stetig ist,
das Recht zu glauben, dass er nicht nur ein gutes Temperament, sondern
eine allgemein ntzliche Tugend besitze und durch die Bewahrung dieser
Tugend sogar eine hhere Aufgabe erflle.


286.

Inwiefern der thtige faul ist. - Ich glaube, dass jeder ber jedes
Ding, ber welches Meinungen mglich sind, eine eigene Meinung haben
muss, weil er selber ein eigenes, nur einmaliges Ding ist, das zu
allen anderen Dingen eine neue, nie dagewesene Stellung einnimmt.
Aber die Faulheit, welche im Grunde der Seele des Thtigen liegt,
verhindert den Menschen, das Wasser aus seinem eigenen Brunnen zu
schpfen. - Mit der Freiheit der Meinungen steht es wie mit der
Gesundheit: beide sind individuell, von beiden kann kein allgemein
gltiger Begriff aufgestellt werden. Das, was das eine Individuum zu
seiner Gesundheit nthig hat, ist fr ein anderes schon Grund zur
Erkrankung, und manche Mittel und Wege zur Freiheit des Geistes drfen
hher entwickelten Naturen als Wege und Mittel zur Unfreiheit gelten.


287.

Censor vitae. Der Wechsel von Liebe und Hass bezeichnet fr eine
lange Zeit den inneren Zustand eines Menschen, welcher frei in seinem
Urtheile ber das Leben werden will; er vergisst nicht und trgt den
Dingen Alles nach, Gutes und Bses. Zuletzt, wenn die ganze Tafel
seiner Seele mit Erfahrungen voll geschrieben ist, wird er das Dasein
nicht verachten und hassen, aber es auch nicht lieben, sondern ber
ihm liegen bald mit dem Auge der Freude, bald mit dem der Trauer, und,
wie die Natur, bald sommerlich, bald herbstlich gesinnt sein.


288.

Nebenerfolg. - Wer ernstlich frei werden will, wird dabei ohne allen
Zwang die Neigung zu Fehlern und Lastern mit verlieren; auch Aerger
und Verdruss werden ihn immer seltener anfallen. Sein Wille nmlich
will Nichts angelegentlicher, als Erkennen und das Mittel dazu, das
heisst: den andauernden Zustand, in dem er am tchtigsten zum Erkennen
ist.


289.

Werth der Krankheit. - Der Mensch, der krank zu Bette liegt, kommt
mitunter dahinter, dass er fr gewhnlich an seinem Amte, Geschfte
oder an seiner Gesellschaft krank ist und durch sie jede Besonnenheit
ber sich verloren hat: er gewinnt diese Weisheit aus der Musse, zu
welcher ihn seine Krankheit zwingt.


290.

Empfindung auf dem Lande. - Wenn man nicht feste, ruhige Linien am
Horizonte seines Lebens hat, Gebirgs- und Waldlinien gleichsam, so
wird der innerste Wille des Menschen selber unruhig, zerstreut und
begehrlich wie das Wesen des Stdters: er hat kein Glck und giebt
kein Glck.


291.

Vorsicht der freien Geister. - Freigesinnte, der Erkenntniss allein
lebende Menschen werden ihr usserliches Lebensziel, ihre endgltige
Stellung zu Gesellschaft und Staat bald erreicht finden und zum
Beispiel mit einem kleinen Amte oder einem Vermgen, das gerade zum
Leben ausreicht, gerne sich zufrieden geben; denn sie werden sich
einrichten so zu leben, dass eine grosse Verwandelung der usseren
Gter, ja ein Umsturz der politischen Ordnungen ihr Leben nicht mit
umwirft. Auf alle diese Dinge verwenden sie so wenig wie mglich an
Energie, damit sie mit der ganzen angesammelten Kraft und gleichsam
mit einem langen Athem in das Element des Erkennens hinabtauchen.
So knnen sie hoffen, tief zu tauchen und auch wohl auf den Grund
zu sehen. - Von einem Ereigniss wird ein solcher Geist gerne nur
einen Zipfel nehmen, er liebt die Dinge in der ganzen Breite und
Weitschweifigkeit ihrer Falten nicht: denn er will sich nicht in
diese verwickeln. - Auch er kennt die Wochentage der Unfreiheit, der
Abhngigkeit, der Dienstbarkeit. Aber von Zeit zu Zeit muss ihm ein
Sonntag der Freiheit kommen, sonst wird er das Leben nicht aushalten.
- Es ist wahrscheinlich, dass selbst seine Liebe zu den Menschen
vorsichtig und etwas kurzathmig sein wird, denn er will sich nur,
so weit es zum Zwecke der Erkenntniss nthig ist, mit der Welt der
Neigungen und der Blindheit einlassen. Er muss darauf vertrauen, dass
der Genius der Gerechtigkeit Etwas fr seinen Jnger und Schtzling
sagen wird, wenn anschuldigende Stimmen ihn arm an Liebe nennen
sollten. - Es giebt in seiner Lebens- und Denkweise einen verfeinerten
Heroismus, welcher es verschmht, sich der grossen Massen-Verehrung,
wie sein grberer Bruder es thut, anzubieten und still durch die
Welt und aus der Welt zu gehen pflegt. Was fr Labyrinthe er auch
durchwandert, unter welchen Felsen sich auch sein Strom zeitweilig
durchgeqult hat - kommt er an's Licht, so geht er hell, leicht und
fast geruschlos seinen Gang und lsst den Sonnenschein bis in seinen
Grund hinab spielen.


292.

Vorwrts. - Und damit vorwrts auf der Bahn der Weisheit, guten
Schrittes, guten Vertrauens! Wie du auch bist, so diene dir selber
als Quell der Erfahrung! Wirf das Missvergngen ber dein Wesen ab,
verzeihe dir dein eignes Ich, denn in jedem Falle hast du an dir eine
Leiter mit hundert Sprossen, auf welchen du zur Erkenntniss steigen
kannst. Das Zeitalter, in welches du dich mit Leidwesen geworfen
fhlst, preist dich selig dieses Glckes wegen; es ruft dir zu, dass
dir jetzt noch an Erfahrungen zu Theil werde, was Menschen spterer
Zeit vielleicht entbehren mssen. Missachte es nicht, noch religis
gewesen zu sein; ergrnde es vllig, wie du noch einen chten Zugang
zur Kunst gehabt hast. Kannst du nicht gerade mit Hlfe dieser
Erfahrungen ungeheuren Wegstrecken der frheren Menschheit
verstndnisvoller nachgehen? Sind nicht gerade auf dem Boden, welcher
dir mitunter so missfllt, auf dem Boden des unreinen Denkens, viele
der herrlichsten Frchte lterer Cultur aufgewachsen? Man muss
Religion und Kunst wie Mutter und Amme geliebt haben, - sonst kann
man nicht weise werden. Aber man muss ber sie hinaus sehen, ihnen
entwachsen knnen; bleibt man in ihrem Banne, so versteht man sie
nicht. Ebenso muss dir die Historie vertraut sein und das vorsichtige
Spiel mit den Wagschalen: "einerseits-andererseits". Wandle zurck, in
die Fussstapfen tretend, in welchen die Menschheit ihren leidvollen
grossen Gang durch die Wste der Vergangenheit machte: so bist du am
gewissesten belehrt, wohin alle sptere Menschheit nicht wieder gehen
kann oder darf. Und indem du mit aller Kraft vorausersphen willst,
wie der Knoten der Zukunft noch geknpft wird, bekommt dein eigenes
Leben den Werth eines Werkzeuges und Mittels zur Erkenntniss. Du hast
es in der Hand zu erreichen, dass all dein Erlebtes: die Versuche,
Irrwege, Fehler, Tuschungen, Leidenschaften, deine Liebe und deine
Hoffnung, in deinem Ziele ohne Rest aufgehn. Dieses Ziel ist, selber
eine nothwendige Kette von Cultur-Ringen zu werden und von dieser
Nothwendigkeit aus auf die Nothwendigkeit im Gange der allgemeinen
Cultur zu schliessen. Wenn dein Blick stark genug geworden ist, den
Grund in dem dunklen Brunnen deines Wesens und deiner Erkenntnisse
zu sehen, so werden dir vielleicht auch in seinem Spiegel die fernen
Sternbilder zuknftiger Culturen sichtbar werden. Glaubst du, ein
solches Leben mit einem solchen Ziele sei zu mhevoll, zu ledig aller
Annehmlichkeiten? So hast du noch nicht gelernt, dass kein Honig
ssser als der der Erkenntniss ist und dass die hngenden Wolken der
Trbsal dir noch zum Euter dienen mssen, aus dem du die Milch zu
deiner Labung melken wirst. Kommt das Alter, so merkst du erst recht,
wie du der Stimme der Natur Gehr gegeben, jener Natur, welche die
ganze Welt durch Lust beherrscht: das selbe Leben, welches seine
Spitze im Alter hat, hat auch seine Spitze in der Weisheit, in jenem
milden Sonnenglanz einer bestndigen geistigen Freudigkeit; beiden,
dem Alter und der Weisheit, begegnest du auf Einem Bergrcken des
Lebens, so wollte es die Natur. Dann ist es Zeit und kein Anlass zum
Zrnen, dass der Nebel des Todes naht. Dem Lichte zu - deine letzte
Bewegung; ein jauchzen der Erkenntniss - dein letzter Laut.




Sechstes Hauptstck.

Der Mensch im Verkehr.

293.

Wohlwollende Verstellung. - Es ist hufig im Verkehre mit Menschen
eine wohlwollende Verstellung nthig, als ob wir die Motive ihres
Handelns nicht durchschauten.


294.

Copien. - Nicht selten begegnet man Copien bedeutender Menschen; und
den Meisten gefallen, wie bei Gemlden, so auch hier, die Copien
besser als die Originale.


295.

Der Redner. - Man kann hchst passend reden und doch so, dass alle
Weldt ber das Gegentheil schreit: nmlich dann, wenn man nicht zu
aller Welt redet.


296.

Mangel an Vertraulichkeit. - Mangel an Vertraulichkeit unter Freunden
ist ein Fehler, der nicht gergt werden kann, ohne unheilbar zu
werden.


297.

Zur Kunst des Schenkens. - Eine Gabe ausschlagen zu mssen, blos weil
sie nicht auf die rechte Weise angeboten wurde, erbittert gegen den
Geber.


298.

Der gefhrlichste Parteimann. - In jeder Partei ist Einer, der durch
sein gar zu glubiges Aussprechen der Parteigrundstze die Uebrigen
zum Abfall reizt.


299.

Rathgeber des Kranken. Wer einem Kranken seine Rathschlge giebt,
erwirbt sich ein Gefhl von Ueberlegenheit ber ihn, sei es, dass sie
angenommen oder dass sie verworfen werden. Desshalb hassen reizbare
und stolze Kranke die Rathgeber noch mehr als ihre Krankheit.


300.

Doppelte Art der Gleichheit. - Die Sucht nach Gleichheit kann sich so
ussern, dass man entweder alle Anderen zu sich hinunterziehen mchte
(durch Verkleinern, Secretiren, Beinstellen) oder sich mit Allen
hinauf (durch Anerkennen, Helfen, Freude an fremdem Gelingen).


301.

Gegen Verlegenheit. - Das beste Mittel, sehr verlegenen Leuten zu
Hlfe zu kommen und sie zu beruhigen, besteht darin, dass man sie
entschieden lobt.


302.

Vorliebe fr einzelne Tugenden. - Wir legen nicht eher besonderen
Werth auf den Besitz einer Tugend, bis wir deren vllige Abwesenheit
an unserem Gegner wahrnehmen.


303.

Warum man widerspricht. - Man widerspricht oft einer Meinung,
whrend uns eigentlich nur der Ton, mit dem sie vorgetragen wurde,
unsympathisch ist.


304.

Vertrauen und Vertraulichkeit. - Wer die Vertraulichkeit mit einer
anderen Person geflissentlich zu erzwingen sucht, ist gewhnlich nicht
sicher darber, ob er ihr Vertrauen besitzt. Wer des Vertrauens sicher
ist, legt auf Vertraulichkeit wenig Werth.


305.

Gleichgewicht der Freundschaft. - Manchmal kehrt, im Verhltniss
von uns zu einem andern Menschen, das rechte Gleichgewicht der
Freundschaft zurck, wenn wir in unsre eigene Wagschale einige Gran
Unrecht legen.


306.

Die gefhrlichsten Aerzte. - Die gefhrlichsten Aerzte sind die,
welche es dem geborenen Arzte als geborene Schauspieler mit
vollkommener Kunst der Tuschung nachmachen.


307.

Wann Paradoxien am Platze sind. - Geistreichen Personen braucht man
mitunter, um sie fr einen Satz zu gewinnen, denselben nur in der Form
einer ungeheuerlichen Paradoxie vorzulegen.


308.

Wie muthige Leute gewonnen werden. - Muthige Leute berredet man
dadurch zu einer Handlung, dass man dieselbe gefhrlicher darstellt,
als sie ist.


309.

Artigkeiten. - Unbeliebten Personen rechnen wir die Artigkeiten,
welche sie uns erweisen, zum Vergehen an.


310.

Warten lassen. - Ein sicheres Mittel, die Leute aufzubringen und ihnen
bse Gedanken in den Kopf zu setzen, ist, sie lange warten zu lassen.
Diess macht unmoralisch.


311.

Gegen die Vertraulichen. - Leute, welche uns ihr volles Vertrauen
schenken, glauben dadurch ein Recht auf das unsrige zu haben. Diess
ist ein Fehlschluss; durch Geschenke erwirbt man keine Rechte.


312.

Ausgleichsmittel. - Es gengt oft, einem Andern, dem man einen
Nachtheil zugefgt hat, Gelegenheit zu einem Witze ber uns zu geben,
um ihm persnlich Genugthuung zu schaffen, ja um ihn fr uns gut zu
stimmen.


313.

Eitelkeit der Zunge. - Ob der Mensch seine schlechten Eigenschaften
und Laster verbirgt oder mit Offenheit sie eingesteht, so wnscht doch
in beiden Fllen seine Eitelkeit einen Vortheil dabei zu haben: man
beachte nur, wie fein er unterscheidet, vor wem er jene Eigenschaften
verbirgt, vor wem er ehrlich und offenherzig wird.


314.

Rcksichtsvoll. - Niemanden krnken, Niemanden beeintrchtigen wollen
kann ebensowohl das Kennzeichen einer gerechten, als einer ngstlichen
Sinnesart sein.


315.

Zum Disputiren erforderlich. - Wer seine Gedanken nicht auf Eis zu
legen versteht, der soll sich nicht in die Hitze des Streites begeben.


316.

Umgang und Anmaassung. - Man verlernt die Anmaassung, wenn man sich
immer unter verdienten Menschen weiss; Allein-sein pflanzt Uebermuth.
Junge Leute sind anmaassend, denn sie gehen mit Ihresgleichen um,
welche alle Nichts sind, aber gerne viel bedeuten.


317.

Motiv des Angriffs. - Man greift nicht nur an, um jemandem wehe zu
thun, ihn zu besiegen, sondern vielleicht auch nur, um sich seiner
Kraft bewusst zu werden.


318.

Schmeichelei. - Personen, welche unsere Vorsicht im Verkehr mit ihnen
durch Schmeicheleien betuben wollen, wenden ein gefhrliches Mittel
an, gleichsam einen Schlaftrunk, welcher, wenn er nicht einschlfert,
nur um so mehr wach erhlt.


319.

Guter Briefschreiber. - Der, welcher keine Bcher schreibt, viel denkt
und in unzureichender Gesellschaft lebt, wird gewhnlich ein guter
Briefschreiber sein.


320.

Am hsslichsten. - Es ist zu bezweifeln, ob ein Vielgereister irgendwo
in der Welt hsslichere Gegenden gefunden hat, als im menschlichen
Gesichte.


321.

Die Mitleidigen. - Die mitleidigen, im Unglck jederzeit hlfreichen
Naturen sind selten zugleich die sich mitfreuenden: beim Glck der
Anderen haben sie Nichts zu thun, sind berflssig, fhlen sich
nicht im Besitz ihrer Ueberlegenheit und zeigen desshalb leicht
Missvergngen.


322.

Verwandte eines Selbstmrders. - Verwandte eines Selbstmrders rechnen
es ihm bel an, dass er nicht aus Rcksicht auf ihren Ruf am Leben
geblieben ist.


323.

Undank vorauszusehen. - Der, welcher etwas Grosses schenkt, findet
keine Dankbarkeit; denn der Beschenkte hat schon durch das Annehmen zu
viel Last.


324.

In geistloser Gesellschaft. - Niemand dankt dem geistreichen Menschen
die Hflichkeit, wenn er sich einer Gesellschaft gleichstellt, in der
es nicht hflich ist, Geist zu zeigen.


325.

Gegenwart von Zeugen. - Man springt einem Menschen, der in's Wasser
fllt, noch einmal so gern nach, wenn Leute zugegen sind, die es nicht
wagen.


326.

Schweigen. - Die fr beide Parteien unangenehmste Art, eine Polemik zu
erwidern, ist, sich rgern und schweigen: denn der Angreifende erklrt
sich das Schweigen gewhnlich als Zeichen der Verachtung.


327.

Das Geheimniss des Freundes. - Es wird Wenige geben, welche, wenn
sie um Stoff zur Unterhaltung verlegen sind, nicht die geheimeren
Angelegenheiten ihrer Freunde preisgeben.


328.

Humanitt. - Die Humanitt der Berhmtheiten des Geistes besteht
darin, im Verkehre mit Unberhmten auf eine verbindliche Art Unrecht
zu behalten.


329.

Der Befangene. - Menschen, die sich in der Gesellschaft nicht sicher
fhlen, benutzen jede Gelegenheit, um an einem Nahegestellten, dem sie
berlegen sind, diese Ueberlegenheit ffentlich, vor der Gesellschaft,
zu zeigen, zum Beispiel durch Neckereien.


330.

Dank. - Eine feine Seele bedrckt es, sich Jemanden zum Dank
verpflichtet zu wissen; eine grobe, sich Jemandem.


331.

Merkmal der Entfremdung. - Das strkste Anzeichen von Entfremdung der
Ansichten bei zwei Menschen ist diess, dass beide sich gegenseitig
einiges Ironische sagen, aber keiner von beiden das Ironische daran
fhlt.


332.

Anmaassung bei Verdiensten. - Anmaassung bei Verdiensten beleidigt
noch mehr, als Anmaassung von Menschen ohne Verdienst. denn schon das
Verdienst beleidigt.


333.

Gefahr in der Stimme. - Mitunter macht uns im Gesprche der Klang der
eigenen Stimme verlegen und verleitet uns zu Behauptungen, welche gar
nicht unserer Meinung entsprechen.


334.

Im Gesprche. - Ob man im Gesprche dem Andern vornehmlich Recht giebt
oder Unrecht, ist durchaus die Sache der Angewhnung: das Eine wie das
Andere hat Sinn.


335.

Furcht vor dem Nchsten. - Wir frchten die feindselige Stimmung des
Nchsten, weil wir befrchten, dass er durch diese Stimmung hinter
unsere Heimlichkeiten kommt.


336.

Durch Tadel auszeichnen. - Sehr angesehene Personen ertheilen selbst
ihren Tadel so, dass sie uns damit auszeichnen wollen. Es soll uns
aufmerksam machen, wie angelegentlich sie sich mit uns beschftigen.
Wir verstehen sie ganz falsch, wenn wir ihren Tadel sachlich nehmen
und uns gegen ihn vertheidigen; wir rgern sie dadurch und entfremden
uns ihnen.


337.

Verdruss am Wohlwollen Anderer. - Wir irren uns ber den Grad, in
welchem wir uns gehasst, gefrchtet glauben: weil wir selber zwar gut
den Grad unserer Abweichung von einer Person, Richtung, Partei kennen,
jene Andern aber uns sehr oberflchlich kennen und desshalb auch nur
oberflchlich hassen. Wir begegnen oft einem Wohlwollen, welches uns
unerklrlich ist; verstehen wir es aber, so beleidigt es uns, weil es
zeigt, dass man uns nicht ernst, nicht wichtig genug nimmt.


338.

Sich kreuzende Eitelkeiten. - Zwei sich begegnende Personen, deren
Eitelkeit gleich gross ist, behalten hinterdrein von einander einen
schlechten Eindruck, weil jede so mit dem Eindruck beschftigt war,
den sie bei der andern hervorbringen wollte, dass die andere auf
sie keinen Eindruck machte; beide merken endlich, dass ihr Bemhen
verfehlt ist und schieben je der andern die Schuld zu.


339.

Unarten als gute Anzeichen. - Der berlegene Geist hat an den
Tactlosigkeiten, Anmaassungen, ja Feindseligkeiten ehrgeiziger
Jnglinge gegen ihn sein Vergngen; es sind die Unarten feuriger
Pferde, welche noch keinen Reiter getragen haben und doch in Kurzem so
stolz sein werden, ihn zu tragen.


340.

Wann es rathsam ist, Unrecht zu behalten. - Man thut gut, gemachte
Anschuldigungen, selbst wenn sie uns Unrecht thun, ohne Widerlegung
hinzunehmen, im Fall der Anschuldigende darin ein noch grsseres
Unrecht unsererseits sehen wrde, wenn wir ihm widersprchen und etwa
gar ihn widerlegten. Freilich kann Einer auf diese Weise immer Unrecht
haben und immer Recht behalten und zuletzt mit dem besten Gewissen
von der Welt der unertrglichste Tyrann und Qulgeist werden; und was
vom Einzelnen gilt, kann auch bei ganzen Classen der Gesellschaft
vorkommen.


341.

Zuwenig geehrt. - Sehr eingebildete Personen, denen man Zeichen von
geringerer Beachtung gegeben hat, als sie erwarteten, versuchen lange,
sich selbst und Andere darber irre zu fhren und werden spitzfindige
Psychologiker, um herauszubekommen, dass der Andere sie doch gengend
geehrt hat: erreichen sie ihr Ziel nicht, reisst der Schleier der
Tuschung, so geben sie sich einer um so grsseren Wuth hin.


342.

Urzustnde in der Rede nachklingend. - In der Art, wie jetzt die
Mnner im Verkehre Behauptungen aufstellen, erkennt man oft einen
Nachklang der Zeiten, wo dieselben sich besser auf Waffen, als auf
irgend Etwas verstanden: sie handhaben ihre Behauptungen bald wie
zielende Schtzen ihr Gewehr, bald glaubt man das Sausen und Klirren
der Klingen zu hren; und bei einigen Mnnern poltert eine Behauptung
herab wie ein derber Knttel. - Frauen dagegen sprechen so, wie Wesen,
welche Jahrtausende lang am Webstuhl sassen oder die Nadel fhrten
oder mit Kindern kindisch waren.


343.

Der Erzhler. - Wer Etwas erzhlt, lsst leicht merken, ob er erzhlt,
weil ihn das Factum interessirt oder weil er durch die Erzhlung
interessiren will. Im letzteren Falle wird er bertreiben, Superlative
gebrauchen und Aehnliches thun. Er erzhlt dann gewhnlich schlechter,
weil er nicht so sehr an die Sache, als an sich denkt.


344.

Der Vorleser. - Wer dramatische Dichtungen vorliest, macht
Entdeckungen ber seinen Charakter: er findet fr gewisse Stimmungen
und Scenen seine Stimme natrlicher, als fr andere, etwa fr
alles Pathetische oder fr das Scurrile, whrend er vielleicht
im gewhnlichen Leben nur nicht Gelegenheit hatte, Pathos oder
Scurrilitt zu zeigen.


345.

Eine Lustspiel-Scene, welche im Leben vorkommt. - Jemand denkt
sich eine geistreiche Meinung ber ein Thema aus, um sie in einer
Gesellschaft vorzutragen. Nun wrde man im Lustspiel anhren und
ansehen, wie er mit allen Segeln an den Punct zu kommen und die
Gesellschaft dort einzuschiffen sucht, wo er seine Bemerkung machen
kann: wie er fortwhrend die Unterhaltung nach Einem Ziele schiebt,
gelegentlich die Richtung verliert, sie wiedergewinnt, endlich den
Augenblick erreicht: fast versagt ihm der Athem - und da nimmt ihm
Einer aus der Gesellschaft die Bemerkung vom Munde weg. Was wird er
thun? Seiner eigenen Meinung opponiren?


346.

Wider Willen unhflich. - Wenn jemand wider Willen einen Andern
unhflich behandelt, zum Beispiel nicht grsst, weil er ihn nicht
erkennt, so wurmt ihn diess, obwohl er nicht seiner Gesinnung einen
Vorwurf machen kann; ihn krnkt die schlechte Meinung, welche er bei
dem Andern erzeugt hat, oder er frchtet die Folgen einer Verstimmung,
oder ihn schmerzt es, den Andern verletzt zu haben, - also Eitelkeit,
Furcht oder Mitleid knnen rege werden, vielleicht auch alles
zusammen.


347.

Verrther-Meisterstck. - Gegen den Mitverschworenen den krnkenden
Argwohn zu ussern, ob man nicht von ihm verrathen werde, und diess
gerade in dem Augenblicke, wo man selbst Verrath bt, ist ein
Meisterstck der Bosheit, weil es den Andern persnlich occupirt
und ihn zwingt, eine Zeit lang sich sehr unverdchtig und offen zu
benehmen, so dass der wirkliche Verrther sich freie Hand gemacht hat.


348.

Beleidigen und beleidigt werden. - Es ist weit angenehmer, zu
beleidigen und spter um Verzeihung zu bitten, als beleidigt zu werden
und Verzeihung zu gewhren. Der, welcher das Erste thut, giebt ein
Zeichen von Macht und nachher von Gte des Charakters. Der Andere,
wenn er nicht als inhuman gelten will, muss schon verzeihen; der
Genuss an der Demthigung des Anderen ist dieser Nthigung wegen
gering.


349.

Im Disput. - Wenn man zugleich einer anderen Meinung widerspricht und
dabei seine eigene entwickelt, so verrckt gewhnlich die fortwhrende
Rcksicht auf die andere Meinung die natrliche Haltung der eigenen:
sie erscheint absichtlicher, schrfer, vielleicht etwas bertrieben.


350.

Kunstgriff. - Wer etwas Schwieriges von einem Andern erlangen will,
muss die Sache berhaupt nicht als Problem fassen, sondern schlicht
seinen Plan hinlegen, als sei er die einzige Mglichkeit; er muss
es verstehen, wenn im Auge des Gegners der Einwand, der Widerspruch
dmmert, schnell abzubrechen und ihm keine Zeit zu geben.


351.

Gewissensbisse nach Gesellschaften. - Warum haben wir nach
gewhnlichen Gesellschaften Gewissensbisse? Weil wir wichtige Dinge
leicht genommen haben, weil wir bei der Besprechung von Personen
nicht mit voller Treue gesprochen oder weil wir geschwiegen haben,
wo wir reden sollten, weil wir gelegentlich nicht aufgesprungen und
fortgelaufen sind, kurz weil wir uns in der Gesellschaft benahmen, als
ob wir zu ihr gehrten.


352.

Man wird falsch beurtheilt. - Wer immer darnach hinhorcht, wie er
beurtheilt wird, hat immer Aerger. Denn wir werden schon von Denen,
welche uns am nchsten stehen ("am besten kennen"), falsch beurtheilt.
Selbst gute Freunde lassen ihre Verstimmung mitunter in einem
missgnstigen Worte aus; und wrden sie unsere Freunde sein, wenn sie
uns genau kennten? - Die Urtheile der Gleichgltigen thun sehr weh,
weil sie so unbefangen, fast sachlich klingen. Merken wir aber gar,
dass Jemand, der uns feind ist, uns in einem geheim gehaltenen Puncte
so gut kennt, wie wir uns, wie gross ist dann erst der Verdruss!


353.

Tyrannei des Portraits. - Knstler und Staatsmnner, die schnell
aus einzelnen Zgen das ganze Bild eines Menschen oder Ereignisses
combiniren, sind am meisten dadurch ungerecht, dass sie hinterdrein
verlangen, das Ereigniss oder der Mensch msse wirklich so sein,
wie sie es malten; sie verlangen geradezu, dass Einer so begabt, so
verschlagen, so ungerecht sei, wie er in ihrer Vorstellung lebt.


354.

Der Verwandte als der beste Freund. - Die Griechen, die so gut
wussten, was ein Freund sei, - sie allein von allen Vlkern haben eine
tiefe, vielfache philosophische Errterung der Freundschaft; sodass
ihnen zuerst, und bis jetzt zuletzt, der Freund als ein lsenswerthes
Problem erschienen ist - diese selben Griechen haben die Verwandten
mit einem Ausdrucke bezeichnet, welcher der Superlativ des Wortes
"Freund" ist. Diess bleibt mir unerklrlich.


355.

Verkannte Ehrlichkeit. - Wenn jemand im Gesprche sich selber citirt
("ich sagte damals", "ich pflege zu sagen"), so macht diess den
Eindruck der Anmaassung, whrend es hufiger gerade aus der
entgegengesetzten Quelle hervorgeht, mindestens aus Ehrlichkeit,
welche den Augenblick nicht mit den Einfllen schmcken und
herausputzen will, welche einem frheren Augenblicke angehren.


356.

Der Parasit. - Es bezeichnet einen vlligen Mangel an vornehmer
Gesinnung, wenn Jemand lieber in Abhngigkeit, auf Anderer Kosten,
leben will, um nur nicht arbeiten zu mssen, gewhnlich mit einer
heimlichen Erbitterung gegen Die, von denen er abhngt. - Eine solche
Gesinnung ist viel hufiger bei Frauen als bei Mnnern, auch viel
verzeihlicher (aus historischen Grnden).


357.

Auf dem Altar der Vershnung. - Es giebt Umstnde, wo man eine Sache
von einem Menschen nur so erlangt, dass man ihn beleidigt und sich
verfeindet: dieses Gefhl, einen Feind zu haben, qult ihn so, dass
er gern das erste Anzeichen einer milderen Stimmung zur Vershnung
bentzt und jene Sache auf dem Altar dieser Vershnung opfert, an der
ihm frher so viel gelegen war, dass er sie um keinen Preis geben
wollte.


358.

Mitleid fordern als Zeichen der Anmaassung. - Es giebt Menschen,
welche, wenn sie in Zorn gerathen und die Anderen beleidigen, dabei
erstens verlangen, dass man ihnen Nichts bel nehme und zweitens,
dass man mit ihnen Mitleid habe, weil sie so heftigen Paroxysmen
unterworfen sind. So weit geht die menschliche Anmaassung.


359.

Kder. - "Jeder Mensch hat seinen Preis", - das ist nicht wahr. Aber
es findet sich wohl fr Jeden ein Kder, an den er anbeissen muss. So
braucht man, um manche Personen fr eine Sache zu gewinnen, dieser
Sache nur den Glanz des Menschenfreundlichen, Edlen, Mildthtigen,
Aufopfernden zu geben - und welcher Sache knnte man ihn nicht geben?
- Es ist das Zuckerwerk und die Nscherei ihrer Seele; andere haben
anderes.


360.

Verhalten beim Lobe. - Wenn gute Freunde die begabte Natur loben, so
wird sie sich fters aus Hflichkeit und Wohlwollen darber erfreut
zeigen, aber in Wahrheit ist es ihr gleichgltig. Ihr eigentliches
Wesen ist ganz trge dagegen und um keinen Schritt dadurch aus der
Sonne oder dem Schatten, in dem sie liegt, herauszuwlzen; aber
die Menschen wollen durch Lob eine Freude machen und man wrde sie
betrben, wenn man sich ber ihr Lob nicht freute.


361.

Die Erfahrung des Sokrates. - Ist man in einer Sache Meister geworden,
so ist man gewhnlich eben dadurch in den meisten andern Sachen ein
vlliger Stmper geblieben; aber man urtheilt gerade umgekehrt, wie
diess schon Sokrates erfuhr. Diess ist der Uebelstand, welcher den
Umgang mit Meistern unangenehm macht.


362.

Mittel der Verthierung. - Im Kampf mit der Dummheit werden die
billigsten und sanftesten Menschen zuletzt brutal. Sie sind damit
vielleicht auf dem rechten Wege der Vertheidigung; denn an die dumme
Stirn gehrt, als Argument, von Rechtswegen die geballte Faust. Aber
weil, wie gesagt, ihr Charakter sanft und billig ist, so leiden sie
durch diese Mittel der Nothwehr mehr als sie Leid zufgen.


363.

Neugierde. - Wenn die Neugierde nicht wre, wrde wenig fr das Wohl
des Nchsten gethan werden. Aber die Neugierde schleicht sich unter
dem Namen der Pflicht oder des Mitleides in das Haus des Unglcklichen
und Bedrftigen. - Vielleicht ist selbst an der vielberhmten
Mutterliebe ein gut Stck Neugierde.


364.

Verrechnung in der Gesellschaft. - Dieser wnscht interessant zu sein
durch seine Urtheile, jener durch seine Neigungen und Abneigungen,
der Dritte durch seine Bekanntschaften, ein Vierter durch seine
Vereinsamung - und sie verrechnen sich Alle. Denn Der, vor dem das
Schauspiel aufgefhrt wird, meint selber dabei das einzig in Betracht
kommende Schauspiel zu sein.


365.

Duell. - Zu Gunsten aller Ehrenhndel und Duelle ist zu sagen, dass,
wenn Einer ein so reizbares Gefhl hat, nicht leben zu wollen, wenn
Der und Der das und das ber ihn sagt oder denkt, er ein Recht hat,
die Sache auf den Tod des Einen oder des Andern ankommen zu lassen.
Darber, dass er so reizbar ist, ist gar nicht zu rechten, damit
sind wir die Erben der Vergangenheit, ihrer Grsse sowohl wie ihrer
Uebertreibungen, ohne welche es nie eine Grsse gab. Existirt nun ein
Ehren-Kanon, welcher Blut an Stelle des Todes gelten lsst, so dass
nach einem regelmssigen Duell das Gemth erleichtert ist, so ist
diess eine grosse Wohlthat, weil sonst viele Menschenleben in Gefahr
wren. - So eine Institution erzieht brigens die Menschen in Vorsicht
auf ihre Aeusserungen und macht den Umgang mit ihnen mglich.


366.

Vornehmheit und Dankbarkeit. - Eine vornehme Seele wird sich gern zur
Dankbarkeit verpflichtet fhlen und den Gelegenheiten, bei denen sie
sich verpflichtet, nicht ngstlich aus dem Wege zu gehen; ebenso wird
sie nachher gelassen in den Aeusserungen der Dankbarkeit sein; whrend
niedere Seelen sich gegen alles Verpflichtet werden struben oder
nachher in den Aeusserungen ihrer Dankbarkeit bertrieben und allzu
sehr beflissen sind. Letzteres kommt brigens auch bei Personen von
niederer Herkunft oder gedrckter Stellung vor: eine Gunst, ihnen
erwiesen, deucht ihnen ein Wunder von Gnade.


367.

Die Stunden der Beredtsamkeit. - Der Eine hat, um gut zu sprechen,
jemanden nthig, der ihm entschieden und anerkannt berlegen ist, der
Andere kann nur vor Einem, den er berragt, vllige Freiheit der Rede
und glckliche Wendungen der Beredtsamkeit finden: in beiden Fllen
ist es der selbe Grund; jeder von ihnen redet nur gut, wenn er
sans gne redet, der Eine, weil er vor dem Hheren den Antrieb der
Concurrenz, des Wettbewerbs nicht fhlt, der Andere ebenfalls desshalb
angesichts des Niederen. - Nun giebt es eine ganz andere Gattung von
Menschen, die nur gut reden, wenn sie im Wetteifer, mit der Absicht zu
siegen, reden. Welche von beiden Gattungen ist die ehrgeizigere: die,
welche aus erregter Ehrsucht gut, oder die, welche aus eben diesen
Motiven schlecht oder gar nicht spricht?


368.

Das Talent zur Freundschaft. - Unter den Menschen, welche eine
besondere Gabe zur Freundschaft haben, treten zwei Typen hervor. Der
Eine ist in einem fortwhrenden Aufsteigen und findet fr jede Phase
seiner Entwickelung einen genau zugehrigen Freund. Die Reihe von
Freunden, welche er auf diese Weise erwirbt, ist unter sich selten im
Zusammenhang, mitunter in Misshelligkeit und Widerspruch: ganz dem
entsprechend, dass die spteren Phasen in seiner Entwickelung die
frheren Phasen aufheben oder beeintrchtigen. Ein solcher Mensch
mag im Scherz eine Leiter heissen. - Den andern Typus vertritt Der,
welcher eine Anziehungskraft auf sehr verschiedene Charaktere und
Begabungen ausbt, so dass er einen ganzen Kreis von Freunden gewinnt;
diese aber kommen dadurch selber unter einander in freundschaftliche
Beziehung, trotz aller Verschiedenheit. Einen solchen Menschen
nenne man einen Kreis: denn in ihm muss jene Zusammengehrigkeit
so verschiedener Anlagen und Naturen irgendwie vorgebildet sein. -
Uebrigens ist die Gabe, gute Freunde zu haben, in manchem Menschen
viel grsser, als die Gabe, ein guter Freund zu sein.


369.

Taktik im Gesprch. - Nach einem Gesprch mit jemandem ist man am
besten auf den Mitunterredner zu sprechen, wenn man Gelegenheit hatte,
seinen Geist, seine Liebenswrdigkeit vor ihm im ganzen Glanze zu
zeigen. Diess benutzen kluge Menschen, welche jemanden sich gnstig
stimmen wollen, indem sie bei der Unterredung ihm die besten
Gelegenheiten zu einem guten Witz und dergleichen zuschieben. Es wre
ein lustiges Gesprch zwischen zwei sehr Klugen zu denken, welche
sich gegenseitig gnstig stimmen wollen und sich desshalb die schnen
Gelegenheiten im Gesprch hin und her zuwerfen, whrend keiner sie
annimmt: so dass das Gesprch im Ganzen geistlos und unliebenswrdig
verliefe, weil Jeder dem Andern die Gelegenheit zu Geist und
Liebenswrdigkeit zuwiese.


370.

Entladung des Unmuthes. - Der Mensch, dem Etwas misslingt, fhrt diess
Misslingen lieber auf den bsen Willen eines Anderen, als auf den
Zufall zurck. Seine gereizte Empfindung wird dadurch erleichtert,
eine Person und nicht eine Sache sich als Grund seines Misslingens
zu denken; denn an Personen kann man sich rchen, die Unbilden des
Zufalls aber muss man hinunterwrgen. Die Umgebung eines Frsten
pflegt desshalb, wenn diesem Etwas misslungen ist, einen einzelnen
Menschen als angebliche Ursache ihm zu bezeichnen und im Interesse
aller Hflinge aufzuopfern; denn der Missmuth des Frsten wrde sich
sonst an ihnen Allen auslassen, da er ja an der Schicksalsgttin
selber keine Rache nehmen kann.


371.

Die Farbe der Umgebung annehmen. - Warum ist Neigung und Abneigung so
ansteckend, dass man kaum in der Nhe einer stark empfindenden Person
leben kann, ohne wie ein Gefss mit ihrem Fr und Wider angefllt zu
werden? Erstens ist die vllige Enthaltung des Urtheils sehr schwer,
mitunter fr unsere Eitelkeit geradezu unertrglich; sie trgt da
gleiche Farbe mit der Gedanken- und Empfindungsarmuth oder mit der
Aengstlichkeit, der Unmnnlichkeit: und so werden wir wenigstens dazu
fortgerissen, Partei zu nehmen, vielleicht gegen die Richtung unserer
Umgebung, wenn diese Stellung unserm Stolze mehr Vergngen macht.
Gewhnlich aber - das ist das Zweite - bringen wir uns den
Uebergang von Gleichgltigkeit zu Neigung oder Abneigung gar
nicht zum Bewusstsein, sondern allmhlich gewhnen wir uns an die
Empfindungsweise unserer Umgebung, und weil sympathisches Zustimmen
und Sichverstehen so angenehm ist, tragen wir bald alle Zeichen und
Parteifarben dieser Umgebung.


372.

Ironie. - Die Ironie ist nur als pdagogisches Mittel am Platze, von
seiten eines Lehrers im Verkehr mit Schlern irgend welcher Art: ihr
Zweck ist Demthigung, Beschmung, aber von jener heilsamen Art,
welche gute Vorstze erwachen lsst und Dem, welcher uns so
behandelte, Verehrung, Dankbarkeit als einem Arzte entgegenbringen
heisst. Der Ironische stellt sich unwissend und zwar so gut, dass die
sich mit ihm unterredenden Schler, getuscht sind und in ihrem guten
Glauben an ihr eigenes Besserwissen dreist werden und sich Blssen
aller Art geben; sie verlieren die Behutsamkeit und zeigen sich, wie
sie sind, - bis in einem Augenblick die Leuchte, die sie dem Lehrer
in's Gesicht hielten, ihre Strahlen sehr demthigend auf sie selbst
zurckfallen lsst. - Wo ein solches Verhltniss, wie zwischen Lehrer
und Schler, nicht stattfindet, ist sie eine Unart, ein gemeiner
Affect. Alle ironischen Schriftsteller rechnen auf die alberne Gattung
von Menschen, welche sich gerne allen Anderen mit dem Autor zusammen
berlegen fhlen wollen, als welchen sie fr das Mundstck ihrer
Anmaassung ansehen. - Die Gewhnung an Ironie, ebenso wie die an
Sarkasmus, verdirbt brigens den Charakter, sie verleiht allmhlich
die Eigenschaft einer schadenfrohen Ueberlegenheit: man ist zuletzt
einem bissigen Hunde gleich, der noch das Lachen gelernt hat, ausser
dem Beissen.


373.

Anmaassung. - Vor Nichts soll man sich so hten, als vor dem
Aufwachsen jenes Unkrautes, welches Anmaassung heisst und uns jede
gute Ernte verdirbt; denn es giebt Anmaassung in der Herzlichkeit,
in der Ehrenbezeigung, in der wohlwollenden Vertraulichkeit, in der
Liebkosung, im freundschaftlichen Rathe, im Eingestehen von Fehlern,
in dem Mitleid fr Andere, und alle diese schnen Dinge erwecken
Widerwillen, wenn jenes Kraut dazwischen wchst. Der Anmaassende, das
heisst Der, welcher mehr bedeuten will als er ist oder gilt, macht
immer eine falsche Berechnung. Zwar hat er den augenblicklichen Erfolg
fr sich, insofern die Menschen, vor denen er anmaassend ist, ihm
gewhnlich das Maass von Ehre zollen, welches er fordert, aus Angst
oder Bequemlichkeit; aber sie nehmen eine schlimme Rache dafr,
insofern sie ebensoviel, als er ber das Maass forderte, von dem
Werthe subtrahiren, den sie ihm bis jetzt beilegten. Es ist Nichts,
was die Menschen sich theurer bezahlen lassen, als Demthigung. Der
Anmaassende kann sein wirkliches grosses Verdienst so in den Augen der
Andern verdchtigen und klein machen, dass man mit staubigen Fssen
darauf tritt. Selbst ein stolzes Benehmen sollte man sich nur dort
erlauben, wo man ganz sicher sein kann, nicht missverstanden und
als anmaassend betrachtet zu werden, zum Beispiel vor Freunden und
Gattinnen. Denn es giebt im Verkehre mit Menschen keine grssere
Thorheit, als sich den Ruf der Anmaassung zuzuziehen; es ist noch
schlimmer, als wenn man nicht gelernt hat, hflich zu lgen.


374.

Zwiegesprch. - Das Zwiegesprch ist das vollkommene Gesprch, weil
Alles, was der Eine sagt, seine bestimmte Farbe, seinen Klang, seine
begleitende Gebrde in strenger Rcksicht auf den Anderen, mit dem
gesprochen wird, erhlt, also dem entsprechend, was beim Briefverkehr
geschieht, dass ein und der selbe zehn Arten des seelischen Ausdrucks
zeigt, je nachdem er bald an Diesen, bald an Jenen schreibt. Beim
Zwiegesprch giebt es nur eine einzige Strahlenbrechung des Gedankens:
diese bringt der Mitunterredner hervor, als der Spiegel, in welchem
wir unsere Gedanken mglichst schn wiedererblicken wollen. Wie aber
ist es bei zweien, bei dreien und mehr Mitunterrednern? Da verliert
nothwendig das Gesprch an individualisirender Feinheit, die
verschiedenen Rcksichten kreuzen sich, heben sich auf; die Wendung,
welche dem Einen wohlthut, ist nicht der Sinnesart des Andern gemss.
Desshalb wird der Mensch im Verkehr mit Mehreren gezwungen, sich auf
sich zurckzuziehen, die Thatsachen hinzustellen, wie sie sind, aber
jenen spielenden Aether der Humanitt den Gegenstnden zu nehmen,
welcher ein Gesprch zu den angenehmsten Dingen der Welt macht. Man
hre nur den Ton, in welchem Mnner im Verkehr mit ganzen Gruppen von
Mnnern zu reden pflegen, es ist als ob der Grundbass aller Rede der
sei: "das bin ich, das sage ich, nun haltet davon, was ihr wollt!"
Diess ist der Grund, wesshalb geistreiche Frauen bei Dem, welcher
sie in der Gesellschaft kennen lernte, meistens einen befremdenden,
peinlichen, abschreckenden Eindruck hinterlassen: es ist das Reden
zu Vielen, vor Vielen, welches sie aller geistigen Liebenswrdigkeit
beraubt und nur das bewusste Beruhen auf sich selbst, ihre Taktik und
die Absicht auf ffentlichen Sieg in grellem Lichte zeigt: whrend
die selben Frauen im Zwiegesprche wieder zu Weibern werden und ihre
geistige Anmuth wiederfinden.


375.

Nachruhm. - Auf die Anerkennung einer fernen Zukunft hoffen, hat nur
Sinn, wenn man die Annahme macht, dass die Menschheit wesentlich
unverndert bleibe und dass alles Grosse nicht fr Eine, sondern fr
alle Zeiten als gross empfunden werden msse. Diess ist aber ein
Irrthum; die Menschheit, in allem Empfinden und Urtheilen ber
Das, was schn und gut ist, verwandelt sich sehr stark; es ist
Phantasterei, von sich zu glauben, dass man eine Meile Wegs voraus
sei und dass die gesammte Menschheit unsere Strasse ziehe. Zudem: ein
Gelehrter, der verkannt wird, darf jetzt bestimmt darauf rechnen, dass
seine Entdeckung von Anderen auch gemacht wird, und dass ihm besten
Falls einmal spter von einem Historiker zuerkannt wird, er habe diess
und jenes auch schon gewusst, sei aber nicht im Stande gewesen, seinem
Satz Glauben zu verschaffen. Nicht-anerkannt-werden wird von der
Nachwelt immer als Mangel an Kraft ausgelegt. - Kurz, man soll der
hochmthigen Vereinsamung nicht so leicht das Wort reden. Es giebt
brigens Ausnahmeflle; aber zumeist sind es unsere Fehler, Schwchen
und Narrheiten, welche die Anerkennung unserer grossen Eigenschaften
verhindern.


376.

Von den Freunden. - Ueberlege nur mit dir selber einmal, wie
verschieden die Empfindungen, wie getheilt die Meinungen selbst unter
den nchsten Bekannten sind; wie selbst gleiche Meinungen in den
Kpfen deiner Freunde eine ganz andere Stellung oder Strke haben, als
in deinem; wie hundertfltig der Anlass kommt zum Missverstehen, zum
feindseligen Auseinanderfliehen. Nach alledem wirst du dir sagen:
wie unsicher ist der Boden, auf dem alle unsere Bndnisse und
Freundschaften ruhen, wie nahe sind kalte Regengsse oder bse Wetter,
wie vereinsamt ist jeder Mensch! Sieht Einer diess ein und noch dazu,
dass alle Meinungen und deren Art und Strke bei seinen Mitmenschen
ebenso nothwendig und unverantwortlich sind wie ihre Handlungen,
gewinnt er das Auge fr diese innere Nothwendigkeit der Meinungen aus
der unlsbaren Verflechtung von Charakter, Beschftigung, Talent,
Umgebung, - so wird er vielleicht die Bitterkeit und Schrfe jener
Empfindung los, mit der jener Weise rief: "Freunde, es giebt keine
Freunde!" Er wird sich vielmehr eingestehen: ja es giebt Freunde, aber
der Irrthum, die Tuschung ber dich fhrte sie dir zu; und Schweigen
mssen sie gelernt haben, um dir Freund zu bleiben; denn fast immer
beruhen solche menschliche Beziehungen darauf, dass irgend ein paar
Dinge nie gesagt werden, ja dass an sie nie gerhrt wird; kommen diese
Steinchen aber in's Rollen, so folgt die Freundschaft hinterdrein und
zerbricht. Giebt es Menschen, welche nicht tdtlich zu verletzen sind,
wenn sie erfhren, was ihre vertrautesten Freunde im Grunde von ihnen
wissen? - Indem wir uns selbst erkennen und unser Wesen selber als
eine wandelnde Sphre der Meinungen und Stimmungen ansehen und
somit ein Wenig geringschtzen lernen, bringen wir uns wieder in's
Gleichgewicht mit den Uebrigen. Es ist wahr, wir haben gute Grnde,
jeden unserer Bekannten, und seien es die grssten, gering zu achten;
aber eben so gute, diese Empfindung gegen uns selber zu kehren. -
Und so wollen wir es mit einander aushalten, da wir es ja mit uns
aushalten; und vielleicht kommt jedem auch einmal die freudigere
Stunde, wo er sagt:

"Freunde, es giebt keine Freunde!" so rief der sterbende Weise;
"Feinde, es giebt keinen Feind!" - ruf' ich, der lebende Thor.




Siebentes Hauptstck.

Weib und Kind.

377.

Das vollkommene Weib. - Das vollkommene Weib ist ein hherer Typus
des Menschen, als der vollkommene Mann: auch etwas viel Selteneres.
- Die Naturwissenschaft der Thiere bietet ein Mittel, diesen Satz
wahrscheinlich zu machen.


378.

Freundschaft und Ehe. - Der beste Freund wird wahrscheinlich die beste
Gattin bekommen, weil die gute Ehe auf dem Talent zur Freundschaft
beruht.


379.

Fortleben der Eltern. - Die unaufgelsten Dissonanzen im Verhltniss
von Charakter und Gesinnung der Eltern klingen in dem Wesen des Kindes
fort und machen seine innere Leidensgeschichte aus.


380.

Von der Mutter her. - Jedermann trgt ein Bild des Weibes von der
Mutter her in sich: davon wird er bestimmt, die Weiber berhaupt zu
verehren oder sie geringzuschtzen oder gegen sie im Allgemeinen
gleichgltig zu sein.


381.

Die Natur corrigiren. - Wenn man keinen guten Vater hat, so soll man
sich einen anschaffen.


382.

Vter und Shne. - Vter haben viel zu thun, um es wieder gut zu
machen, dass sie Shne haben.


383.

Irrthum vornehmer Frauen. - Die vornehmen Frauen denken, dass eine
Sache gar nicht da ist, wenn es nicht mglich ist, von ihr in der
Gesellschaft zu sprechen.


384.

Eine Mnnerkrankheit. - Gegen die Mnnerkrankheit der Selbstverachtung
hilft es am sichersten, von einem klugen Weibe geliebt zu werden.


385.

Eine Art der Eifersucht. - Mtter sind leicht eiferschtig auf die
Freunde ihrer Shne, wenn diese besondere Erfolge haben. Gewhnlich
liebt eine Mutter sich mehr in ihrem Sohn, als den Sohn selber.


386.

Vernnftige Unvernunft. - In der Reife des Lebens und des Verstandes
berkommt den Menschen das Gefhl, dass sein Vater Unrecht hatte, ihn
zu zeugen.


387.

Mtterliche Gte. - Manche Mutter braucht glckliche geehrte Kinder,
manche unglckliche: sonst kann sich ihre Gte als Mutter nicht
zeigen.


388.

Verschiedene Seufzer. - Einige Mnner haben ber die Entfhrung ihrer
Frauen geseufzt, die meisten darber, dass Niemand sie ihnen entfhren
wollte.


389.

Liebesheirathen. - Die Ehen, welche aus Liebe geschlossen werden (die
sogenannten Liebesheirathen), haben den Irrthum zum Vater und die Noth
(das Bedrfniss) zur Mutter.


390.

Frauenfreundschaft. - Frauen knnen recht gut mit einem Manne
Freundschaft schliessen; aber um diese aufrecht zu erhalten - dazu
muss wohl eine kleine physische Antipathie mithelfen.


391.

Langeweile. - Viele Menschen, namentlich Frauen, empfinden die
Langeweile nicht, weil sie niemals ordentlich arbeiten gelernt haben.


392.

Ein Element der Liebe. - In jeder Art der weiblichen Liebe kommt auch
Etwas von der mtterlichen Liebe zum Vorschein.


393.

Die Einheit des Ortes und das Drama. - Wenn die Ehegatten nicht
beisammen lebten, wrden die guten Ehen hufiger sein.


394.

Gewhnliche Folgen der Ehe. - Jeder Umgang, der nicht hebt, zieht
nieder, und umgekehrt; desshalb sinken gewhnlich die Mnner etwas,
wenn sie Frauen nehmen, whrend die Frauen etwas gehoben werden. Allzu
geistige Mnner bedrfen eben so sehr der Ehe, als sie ihr wie einer
widrigen Medicin widerstreben.


395.

Befehlen lehren. - Kinder aus bescheidenen Familien muss man eben
so sehr das Befehlen durch Erziehung lehren, wie andere Kinder das
Gehorchen.


396.

Verliebt werden wollen. - Verlobte, welche die Convenienz
zusammengefgt hat, bemhen sich hufig, verliebt zu werden, um ber
den Vorwurf der kalten, berechnenden Ntzlichkeit hinwegzukommen.
Ebenso bemhen sich Solche, die ihres Vortheils wegen zum Christenthum
umlenken, wirklich fromm zu werden; denn so wird das religise
Mienenspiel ihnen leichter.


397.

Kein Stillstand in der Liebe. - Ein Musiker, der das langsame Tempo
liebt, wird die selben Tonstcke immer langsamer nehmen. So giebt es
in keiner Liebe ein Stillstehen.


398.

Schamhaftigkeit. - Mit der Schnheit der Frauen nimmt im Allgemeinen
ihre Schamhaftigkeit zu.


399.

Ehe von gutem Bestand. - Eine Ehe, in der Jedes durch das Andere ein
individuelles Ziel erreichen will, hlt gut zusammen, zum Beispiel
wenn die Frau durch den Mann berhmt, der Mann durch die Frau beliebt
werden will.


400.

Proteus-Natur.- Weiber werden aus Liebe ganz zu dem, als was sie in
der Vorstellung der Mnner, von denen sie geliebt werden, leben.


401.

Lieben und besitzen. - Frauen lieben meistens einen bedeutenden
Mann so, dass sie ihn allein haben wollen. Sie wrden ihn gern in
Verschluss legen, wenn nicht ihre Eitelkeit widerriethe: diese will,
dass er auch vor Anderen bedeutend erscheine.


402.

Probe einer guten Ehe. - Die Gte einer Ehe bewhrt sich dadurch, dass
sie einmal eine "Ausnahme" vertrgt.


403.

Mittel, Alle zu Allem zu bringen. - Man kann Jedermann so durch
Unruhen, Aengste, Ueberhufung von Arbeit und Gedanken abmatten und
schwach machen, dass er einer Sache, die den Schein des Complicirten
hat, nicht mehr widersteht, sondern ihr nachgiebt, - das wissen die
Diplomaten und die Weiber.


404.

Ehrbarkeit und Ehrlichkeit. - Jene Mdchen, welche allein ihrem
Jugendreize die Versorgung fr's ganze Leben verdanken wollen und
deren Schlauheit die gewitzigten Mtter noch souffliren, wollen ganz
das Selbe wie die Hetren, nur dass sie klger und unehrlicher als
diese sind.


405.

Masken. - Es giebt Frauen, die, wo man bei ihnen auch nachsucht, kein
Inneres haben, sondern reine Masken sind. Der Mann ist zu beklagen,
der sich mit solchen fast gespenstischen, nothwendig unbefriedigenden
Wesen einlsst, aber gerade sie vermgen das Verlangen des Mannes auf
das strkste zu erregen: er sucht nach ihrer Seele - und sucht immer
fort.


406.

Die Ehe als langes Gesprch. - Man soll sich beim Eingehen einer Ehe
die Frage vorlegen: glaubst du, dich mit dieser Frau bis in's Alter
hinein gut zu unterhalten? Alles Andere in der Ehe ist transitorisch,
aber die meiste Zeit des Verkehrs gehrt dem Gesprche an.


407.

Mdchentrume. - Unerfahrene Mdchen schmeicheln sich mit der
Vorstellung, dass es in ihrer Macht stehe, einen Mann glcklich zu
machen; spter lernen sie, dass es so viel heisst als: einen Mann
geringschtzen, wenn man annimmt, dass es nur eines Mdchens bedrfe,
um ihn glcklich zu machen. - Die Eitelkeit der Frauen verlangt, dass
ein Mann mehr sei, als ein glcklicher Gatte.


408.

Aussterben von Faust und Gretchen. - Nach der sehr einsichtigen
Bemerkung eines Gelehrten hneln die gebildeten Mnner des
gegenwrtigen Deutschland einer Mischung von Mephistopheles und
Wagner, aber durchaus nicht Fausten: welchen die Grossvter (in ihrer
Jugend wenigstens) in sich rumoren fhlten. Zu ihnen passen also - um
jenen Satz fortzusetzen - aus zwei Grnden die Gretchen nicht. Und
weil sie nicht mehr begehrt werden, so sterben sie, scheint es, aus.


409.

Mdchen als Gymnasiasten. - Um Alles in der Welt nicht noch unsere
Gymnasialbildung auf die Mdchen bertragen! Sie, die hufig aus
geistreichen, wissbegierigen, feurigen jungen - Abbilder ihrer Lehrer
macht!


410.

Ohne Nebenbuhlerinnen. - Frauen merken es einem Manne leicht an,
ob seine Seele schon in Besitz genommen ist; sie wollen ohne
Nebenbuhlerinnen geliebt sein und verargen ihm die Ziele seines
Ehrgeizes, seine politischen Aufgaben, seine Wissenschaften und
Knste, wenn er eine Leidenschaft zu solchen Sachen hat. Es sei denn,
dass er durch diese glnze, - dann erhoffen sie, im Falle einer
Liebesverbindung mit ihm, zugleich einen Zuwachs ihres Glanzes; wenn
es so steht, begnstigen sie den Liebhaber.


411.

Der weibliche Intellect. - Der Intellect der Weiber zeigt sich als
vollkommene Beherrschung, Gegenwrtigkeit des Geistes, Benutzung aller
Vortheile. Sie vererben ihn als ihre Grundeigenschaft auf ihre Kinder,
und der Vater giebt den dunkleren Hintergrund des Willens dazu. Sein
Einfluss bestimmt gleichsam Rhythmus und Harmonie, mit denen das
neue Leben abgespielt werden soll; aber die Melodie desselben stammt
vom Weibe. - Fr Solche gesagt, welche Etwas sich zurecht zu legen
wissen: die Weiber haben den Verstand, die Mnner das Gemth und die
Leidenschaft. Dem widerspricht nicht, dass die Mnner thatschlich es
mit ihrem Verstande so viel weiterbringen: sie haben die tieferen,
gewaltigeren Antriebe; diese tragen ihren Verstand, der an sich etwas
Passives ist, so weit. Die Weiber wundern sich im Stillen oft ber die
grosse Verehrung, welche die Mnner ihrem Gemthe zollen. Wenn die
Mnner vor Allem nach einem tiefen, gemthvollen Wesen, die Weiber
aber nach einem klugen, geistesgegenwrtigen und glnzenden Wesen bei
der Wahl ihres Ehegenossen suchen, so sieht man im Grunde deutlich,
wie der Mann nach dem idealisirten Manne, das Weib nach dem
idealisirten Weibe sucht, also nicht nach Ergnzung, sondern nach
Vollendung der eigenen Vorzge.


412.

Ein Urtheil Hesiod's bekrftigt. - Ein Zeichen fr die Klugheit
der Weiber ist es, dass sie es fast berall verstanden haben, sich
ernhren zu lassen, wie Drohnen im Bienenkorbe. Man erwge doch, was
das aber ursprnglich bedeuten will und warum die Mnner sich nicht
von den Frauen ernhren lassen. Gewiss weil die mnnliche Eitelkeit
und Ehrsucht grsser als die weibliche Klugheit ist; denn die Frauen
haben es verstanden, sich durch Unterordnung doch den berwiegenden
Vortheil, ja die Herrschaft zu sichern. Selbst das Pflegen der Kinder
knnte ursprnglich von der Klugheit der Weiber als Vorwand benutzt
sein, um sich der Arbeit mglichst zu entziehen. Auch jetzt noch
verstehen sie, wenn sie wirklich thtig sind, zum Beispiel als
Haushlterinnen, davon ein sinnverwirrendes Aufheben zu machen:
so dass von den Mnnern das Verdienst ihrer Thtigkeit zehnfach
berschtzt zu werden pflegt.


413.

Die Kurzsichtigen sind verliebt. - Mitunter gengt schon eine strkere
Brille, um den Verliebten zu heilen; und wer die Kraft der Einbildung
htte, um ein Gesicht, eine Gestalt sich zwanzig Jahre lter
vorzustellen, gienge vielleicht sehr ungestrt durch das Leben.


414.

Frauen im Hass. - Im Zustande des Hasses sind Frauen gefhrlicher, als
Mnner; zuvrderst weil sie durch keine Rcksicht auf Billigkeit in
ihrer einmal erregten feindseligen Empfindung gehemmt werden, sondern
ungestrt ihren Hass bis zu den letzten Consequenzen anwachsen lassen,
sodann weil sie darauf eingebt sind, wunde Stellen (die jeder Mensch,
jede Partei hat) zu finden und dort hinein zu stechen: wozu ihnen ihr
dolchspitzer Verstand treffliche Dienste leistet (whrend die Mnner
beim Anblick von Wunden zurckhaltend, oft grossmthig und vershnlich
gestimmt werden).


415.

Liebe. - Die Abgtterei, welche die Frauen mit der Liebe treiben, ist
im Grunde und ursprnglich eine Erfindung der Klugheit, insofern sie
ihre Macht durch alle jene Idealisirungen der Liebe erhhen und sich
in den Augen der Mnner als immer begehrenswerther darstellen. Aber
durch die Jahrhundertelange Gewhnung an diese bertriebene Schtzung
der Liebe ist es geschehen, dass sie in ihr eigenes Netz gelaufen sind
und jenen Ursprung vergessen haben. Sie selber sind jetzt noch mehr
die Getuschten, als die Mnner, und leiden desshalb auch mehr an der
Enttuschung, welche fast nothwendig im Leben jeder Frau eintreten
wird - sofern sie berhaupt Phantasie und Verstand genug hat, um
getuscht und enttuscht werden zu knnen.


416.

Zur Emancipation der Frauen. - Knnen die Frauen berhaupt gerecht
sein, wenn sie so gewohnt sind, zu lieben, gleich fr oder wider zu
empfinden? Daher sind sie auch seltener fr Sachen, mehr fr Personen
eingenommen: sind sie es aber fr Sachen, so werden sie sofort deren
Parteignger und verderben damit die reine unschuldige Wirkung
derselben. So entsteht eine nicht geringe Gefahr, wenn ihnen die
Politik und einzelne Theile der Wissenschaft anvertraut werden (zum
Beispiel Geschichte). Denn was wre seltener, als eine Frau, welche
wirklich wsste, was Wissenschaft ist? Die besten nhren sogar im
Busen gegen sie eine heimliche Geringschtzung, als ob sie irgend
wodurch ihr berlegen wren. Vielleicht kann diess Alles anders
werden, einstweilen ist es so.


417.

Die Inspiration im Urtheile der Frauen. - Jene pltzlichen
Entscheidungen ber das Fr und Wider, welche Frauen zu geben pflegen,
die blitzschnellen Erhellungen persnlicher Beziehungen durch ihre
hervorbrechenden Neigungen und Abneigungen, kurz die Beweise der
weiblichen Ungerechtigkeit sind von liebenden Mnnern mit einem Glanz
umgeben worden, als ob alle Frauen Inspirationen von Weisheit htten,
auch ohne den delphischen Kessel und die Lorbeerbinde: und ihre
Aussprche werden noch lange nachher wie sibyllinische Orakel
interpretirt und zurechtgelegt. Wenn man aber erwgt, dass fr jede
Person, fr jede Sache sich etwas geltend machen lsst, aber ebenso
gut auch Etwas gegen sie, dass alle Dinge nicht nur zwei-, sondern
drei- und vierseitig sind, so ist es beinahe Schwer, mit solchen
pltzlichen Entscheidungen gnzlich fehl zu greifen; ja man knnte
sagen: die Natur der Dinge ist so eingerichtet, dass die Frauen immer
Recht behalten.


418.

Sich lieben lassen. - Weil die eine von zwei liebenden Personen
gewhnlich die liebende, die andere die geliebte Person ist, so
ist der Glaube entstanden, es gbe in jedem Liebeshandel ein
gleichbleibendes Maass von Liebe: je mehr eine davon an sich reisse,
um so weniger bleibe fr die andere Person brig. Ausnahmsweise kommt
es vor, dass die Eitelkeit jede der beiden Personen berredet, sie sei
die, welche geliebt werden msse; so dass sich beide lieben lassen
wollen: woraus sich namentlich in der Ehe mancherlei halb drollige,
halb absurde Scenen ergeben.


419.

Widersprche in weiblichen Kpfen. - Weil die Weiber so viel mehr
persnlich als sachlich sind, vertragen sich in ihrem Gedankenkreise
Richtungen, die logisch mit einander in Widerspruch sind: sie pflegen
sich eben fr die Vertreter dieser Richtungen der Reihe nach zu
begeistern und nehmen deren Systeme in Bausch und Bogen an; doch
so, dass berall dort eine todte Stelle entsteht, wo eine neue
Persnlichkeit spter das Uebergewicht bekommt. Es kommt vielleicht
vor, dass die ganze Philosophie im Kopf einer alten Frau aus lauter
solchen todten Stellen besteht.


420.

Wer leidet mehr? - Nach einem persnlichen Zwiespalt und Zanke
zwischen einer Frau und einem Manne leidet der eine Theil am meisten
bei der Vorstellung, dem anderen Wehe gethan zu haben; whrend jener
am meisten bei der Vorstellung leidet, dem andern nicht genug Wehe
gethan zu haben, wesshalb er sich bemht, durch Thrnen, Schluchzen
und verstrte Mienen, ihm noch hinterdrein das Herz schwer zu machen.


421.

Gelegenheit zu weiblicher Grossmuth. - Wenn man sich ber die
Ansprche der Sitte einmal in Gedanken hinwegsetzt, so knnte man
wohl erwgen, ob nicht Natur und Vernunft den Mann auf mehrfache
Verheirathung nach einander anweist, etwa in der Gestalt, dass er
zuerst im Alter von zwei und zwanzig Jahren ein lteres Mdchen
heirathet, das ihm geistig und sittlich berlegen ist und seine
Fhrerin durch die Gefahren der zwanziger Jahre (Ehrgeiz, Hass,
Selbstverachtung, Leidenschaften aller Art) werden kann. Die Liebe
dieser wrde spter ganz in das Mtterliche bertreten, und sie
ertrge es nicht nur, sondern frderte es auf die heilsamste Weise,
wenn der Mann in den dreissiger Jahren mit einem ganz jungen Mdchen
eine Verbindung eingienge, dessen Erziehung er selber in die Hand
nhme. - Die Ehe ist fr die zwanziger Jahre einnthiges, fr die
dreissiger ein ntzliches, aber nicht nthiges Institut: fr das
sptere Leben wird sie oft schdlich und befrdert die geistige
Rckbildung des Mannes.


422.

Tragdie der Kindheit. - Es kommt vielleicht nicht selten vor, dass
edel- und hochstrebende Menschen ihren hrtesten Kampf in der Kindheit
zu bestehen haben: etwa dadurch, dass sie ihre Gesinnung gegen einen
niedrig denkenden, dem Schein und der Lgnerei ergebenen Vater
durchsetzen mssen, oder fortwhrend, wie Lord Byron, im Kampfe mit
einer kindischen und zornwthigen Mutter leben. Hat man so Etwas
erlebt, so wird man sein Leben lang es nicht verschmerzen, zu wissen,
wer Einem eigentlich der grsste, der gefhrlichste Feind gewesen ist.


423.

Eltern-Thorheit. - Die grbsten Irrthmer in der Beurtheilung eines
Menschen werden von dessen Eltern gemacht: diess ist eine Thatsache,
aber wie soll man sie erklren? Haben die Eltern zu viele Erfahrung
von dem Kinde und knnen sie diese nicht mehr zu einer Einheit
zusammenbringen? Man bemerkt, dass Reisende unter fremden Vlkern nur
in der ersten Zeit ihres Aufenthaltes die allgemeinen unterscheidenden
Zge eines Volkes richtig erfassen; je mehr sie das Volk kennen
lernen, desto mehr verlernen sie, das Typische und Unterscheidende an
ihm zu sehen. Sobald sie nah-sichtig werden, hren ihre Augen auf,
fern-sichtig zu sein. Sollten die Eltern desshalb falsch ber das Kind
urtheilen, weil sie ihm nie fern genug gestanden haben? - Eine ganz
andere Erklrung wre folgende: die Menschen pflegen ber das Nchste,
was sie umgiebt, nicht mehr nachzudenken, sondern es nur hinzunehmen.
Vielleicht ist die gewohnheitsmssige Gedankenlosigkeit der Eltern der
Grund, wesshalb sie, einmal genthigt ber ihre Kinder zu urtheilen,
so schief urtheilen.


424.

Aus der Zukunft der Ehe. - Jene edlen, freigesinnten Frauen, welche
die Erziehung und Erhebung des weiblichen Geschlechtes sich zur
Aufgabe stellen, sollen einen Gesichtspunct nicht bersehen: die Ehe
in ihrer hheren Auffassung gedacht, als Seelenfreundschaft zweier
Menschen verschiedenen Geschlechts, also so, wie sie von der Zukunft
erhofft wird, zum Zweck der Erzeugung und Erziehung einer neuen
Generation geschlossen, - eine solche Ehe, welche das Sinnliche
gleichsam nur als ein seltenes, gelegentliches Mittel fr einen
grsseren Zweck gebraucht, bedarf wahrscheinlich, wie man besorgen
muss, einer natrlichen Beihlfe, des Concubinats; denn wenn aus
Grnden der Gesundheit des Mannes das Eheweib auch zur alleinigen
Befriedigung des geschlechtlichen Bedrfnisses dienen soll, so wird
bei der Wahl einer Gattin schon ein falscher, den angedeuteten Zielen
entgegengesetzter Gesichtspunct maassgebend sein: die Erzielung der
Nachkommenschaft wird zufllig, die glckliche Erziehung hchst
unwahrscheinlich. Eine gute Gattin, welche Freundin, Gehlfin,
Gebrerin, Mutter, Familienhaupt, Verwalterin sein soll, ja vielleicht
abgesondert von dem Manne ihrem eigenen Geschft und Amte vorzustehen
hat, kann nicht zugleich Concubine sein: es hiesse im Allgemeinen zu
viel von ihr verlangen. Somit knnte in Zukunft das Umgekehrte dessen
eintreten, was zu Perikles' Zeiten in Athen sich begab: die Mnner,
welche damals an ihren Eheweibern nicht viel mehr als Concubinen
hatten, wandten sich nebenbei zu den Aspasien, weil sie nach den
Reizen einer kopf- und herzbefreienden Geselligkeit verlangten, wie
eine solche nur die Anmuth und geistige Biegsamkeit der Frauen zu
schaffen vermag. Alle menschlichen Institutionen, wie die Ehe,
gestatten nur einen mssigen Grad von praktischer Idealisirung,
widrigenfalls sofort grobe Remeduren nthig werden.


425.

Sturm- und Drangperiode der Frauen. - Man kann in den drei oder vier
civilisirten Lndern Europa's aus den Frauen durch einige Jahrhunderte
von Erziehung Alles machen, was man will, selbst Mnner, freilich
nicht in geschlechtlichem Sinne, aber doch in jedem anderen Sinne. Sie
werden unter einer solchen Einwirkung einmal alle mnnlichen Tugenden
und Strken angenommen haben, dabei allerdings auch deren Schwchen
und Laster mit in den Kauf nehmen mssen: so viel, wie gesagt, kann
man erzwingen. Aber wie werden wir den dadurch herbeigefhrten
Zwischenzustand aushalten, welcher vielleicht selber ein paar
Jahrhunderte dauern kann, whrend denen die weiblichen Narrheiten und
Ungerechtigkeiten, ihr uraltes Angebinde, noch die Uebermacht ber
alles Hinzugewonnene, Angelernte behaupten? Diese Zeit wird es sein,
in welcher der Zorn den eigentlich mnnlichen Affect ausmacht,
der Zorn darber, dass alle Knste und Wissenschaften durch einen
unerhrten Dilettantismus berschwemmt und verschlammt sind, die
Philosophie durch sinnverwirrendes Geschwtz zu Tode geredet, die
Politik phantastischer und parteiischer als je, die Gesellschaft in
voller Auflsung ist, weil die Bewahrerinnen der alten Sitte sich
selber lcherlich geworden und in jeder Beziehung ausser der Sitte zu
stehen bestrebt sind. Hatten nmlich die Frauen ihre grsste Macht in
der Sitte, wonach werden sie greifen mssen, um eine hnliche Flle
der Macht wiederzugewinnen, nachdem sie die Sitte aufgegeben haben?


426.

Freigeist und Ehe. - Ob die Freigeister mit Frauen leben werden? Im
Allgemeinen glaube ich, dass sie, gleich den wahrsagenden Vgeln des
Alterthums, als die Wahrdenkenden, Wahrheit-Redenden der Gegenwart es
vorziehen mssen, allein zu fliegen.


427.

Glck der Ehe. - Alles Gewohnte zieht ein immer fester werdendes Netz
von Spinneweben um uns zusammen; und alsobald merken wir, dass die
Fden zu Stricken geworden sind und dass wir selber als Spinne in der
Mitte sitzen, die sich hier gefangen hat und von ihrem eigenen Blute
zehren muss. Desshalb hasst der Freigeist alle Gewhnungen und Regeln,
alles Dauernde und Definitive, desshalb reisst er, mit Schmerz, das
Netz um sich immer wieder auseinander: wiewohl er in Folge dessen an
zahlreichen kleinen und grossen Wunden leiden wird, - denn jene Fden
muss er von sich, von seinem Leibe, seiner Seele abreissen. Er muss
dort lieben lernen, wo er bisher hasste, und umgekehrt. Ja es darf
fr ihn nichts Unmgliches sein, auf das selbe Feld Drachenzhne
auszusen, auf welches er vorher die Fllhrner seiner Gte ausstrmen
liess. - Daraus lsst sich abnehmen, ob er fr das Glck der Ehe
geschaffen ist.


428.

Zunahe. - Leben wir zu nahe mit einem Menschen zusammen, so geht es
uns so, wie wenn wir einen guten Kupferstich immer wieder mit blossen
Fingern anfassen: eines Tages haben wir schlechtes beschmutztes Papier
und Nichts weiter mehr in den Hnden. Auch die Seele eines Menschen
wird durch bestndiges Angreifen endlich abgegriffen; mindestens
erscheint sie uns endlich so, - wir sehen ihre ursprngliche
Zeichnung und Schnheit nie wieder. - Man verliert immer durch den
allzuvertraulichen Umgang mit Frauen und Freunden; und mitunter
verliert man die Perle seines Lebens dabei.


429.

Die goldene Wiege. - Der Freigeist wird immer aufathmen, wenn er sich
endlich entschlossen hat, jenes mutterhafte Sorgen und Bewachen, mit
welchem die Frauen um ihn walten, von sich abzuschtteln. Was schadet
ihm denn ein rauherer Luftzug, den man so ngstlich von ihm wehrte,
was bedeutet ein wirklicher Nachtheil, Verlust, Unfall, eine
Erkrankung, Verschuldung, Bethrung mehr oder weniger in seinem
Leben, verglichen mit der Unfreiheit der goldenen Wiege, des
Pfauenschweif-Wedels und der drckenden Empfindung, noch dazu dankbar
sein zu mssen, weil er wie ein Sugling gewartet und verwhnt wird?
Desshalb kann sich die Milch, welche die mtterliche Gesinnung der ihn
umgebenden Frauen reicht, so leicht in Galle verwandeln.


430.

Freiwilliges Opferthier. - Durch Nichts erleichtern bedeutende Frauen
ihren Mnnern, falls diese berhmt und gross sind, das Leben so sehr,
als dadurch dass sie gleichsam das Gefss der allgemeinen Ungunst
und gelegentlichen Verstimmung der brigen Menschen werden. Die
Zeitgenossen pflegen ihren grossen Mnnern viel Fehlgriffe und
Narrheiten, ja Handlungen grober Ungerechtigkeit nachzusehen, wenn
sie nur Jemanden finden, den sie als eigentliches Opferthier zur
Erleichterung ihres Gemthes misshandeln und schlachten drfen. Nicht
selten findet eine Frau den Ehrgeiz in sich, sich zu dieser Opferung
anzubieten, und dann kann freilich der Mann sehr zufrieden sein, -
falls er nmlich Egoist genug ist, um sich einen solchen freiwilligen
Blitz-, Sturm- und Regenableiter in seiner Nhe gefallen zu lassen.


431.

Angenehme Widersacher. - Die naturgemsse Neigung der Frauen zu
ruhigem, gleichmssigem, glcklich zusammenstimmendem Dasein und
Verkehren, das Oelgleiche und Beschwichtigende ihrer Wirkungen auf
dem Meere des Lebens, arbeitet unwillkrlich dem heroischeren inneren
Drange des Freigeistes entgegen. Ohne dass sie es merken, handeln die
Frauen so, als wenn man dem wandernden Mineralogen die Steine vom
Wege nimmt, damit sein Fuss nicht daran stosse, - whrend er gerade
ausgezogen ist, um daran zu stossen.


432.

Missklang zweier Consonanzen. - Die Frauen wollen dienen und haben
darin ihr Glck: und der Freigeist will nicht bedient sein und hat
darin sein Glck.


433.

Xanthippe. - Sokrates fand eine Frau, wie er sie brauchte, - aber auch
er htte sie nicht gesucht, falls er sie gut genug gekannt htte: so
weit wre auch der Heroismus dieses freien Geistes nicht gegangen.
Thatschlich trieb ihn Xanthippe in seinen eigenthmlichen Beruf immer
mehr hinein, indem sie ihm Haus und Heim unhuslich und unheimlich
machte: sie lehrte ihn, auf den Gassen und berall dort zu leben,
wo man schwtzen und mssig sein konnte und bildete ihn damit zum
grssten athenischen Gassen-Dialektiker aus: der sich zuletzt selber
mit einer zudringlichen Bremse vergleichen musste, welche dem schnen
Pferde Athen von einem Gotte auf den Nacken gesetzt sei, um es nicht
zur Ruhe kommen zu lassen.


434.

Fr die Ferne blind. - Ebenso wie die Mtter eigentlich nur Sinn und
Auge fr die augen- und sinnflligen Schmerzen ihrer Kinder haben, so
vermgen die Gattinnen hoch strebender Mnner es nicht ber sich zu
gewinnen, ihre Ehegenossen leidend, darbend und gar missachtet zu
sehen, - whrend vielleicht alles diess nicht nur die Wahrzeichen
einer richtigen Wahl ihrer Lebenshaltung, sondern schon die
Brgschaften dafr sind, dass ihre grossen Ziele irgendwann einmal
erreicht werden mssen. Die Frauen intriguiren im Stillen immer gegen
die hhere Seele ihrer Mnner; sie wollen dieselbe um ihre Zukunft, zu
Gunsten einer schmerzlosen, behaglichen Gegenwart, betrgen.


435.

Macht und Freiheit. - So hoch Frauen ihre Mnner ehren, so ehren sie
doch die von der Gesellschaft anerkannten Gewalten und Vorstellungen
noch mehr: sie sind seit Jahrtausenden gewohnt, vor allem Herrschenden
gebckt, die Hnde auf die Brust gefaltet, einherzugehen und
missbilligen alle Auflehnung gegen die ffentliche Macht. Desshalb
hngen sie sich, ohne es auch nur zu beabsichtigen, vielmehr wie
aus Instinct, als Hemmschuh in die Rder eines freigeisterischen
unabhngigen Strebens und machen unter Umstnden ihre Gatten aufs
Hchste ungeduldig, zumal wenn diese sich noch vorreden, dass Liebe es
sei, was die Frauen im Grunde dabei antreibe. Die Mittel der Frauen
missbilligen und grossmthig die Motive dieser Mittel ehren, - das ist
Mnner-Art und oft genug Mnner-Verzweiflung.


436.

Ceterum censeo. - Es ist zum Lachen, wenn eine Gesellschaft von
Habenichtsen die Abschaffung des Erbrechts decretirt, und nicht minder
zum Lachen ist es, wenn Kinderlose an der praktischen Gesetzgebung
eines Landes arbeiten: - sie haben ja nicht genug Schwergewicht in
ihrem Schiffe, um sicher in den Ocean der Zukunft hineinsegeln zu
knnen. Aber ebenso ungereimt erscheint es, wenn Der, welcher die
allgemeinste Erkenntniss und die Abschtzung des gesammten Daseins zu
seiner Aufgabe erkoren hat, sich mit persnlichen Rcksichten auf eine
Familie, auf Ernhrung, Sicherung, Achtung von Weib und Kind, belastet
und vor sein Teleskop jenen trben Schleier aufspannt, durch welchen
kaum einige Strahlen der fernen Gestirnwelt hindurchzudringen
vermgen. So komme auch ich zu dem Satze, dass in den Angelegenheiten
der hchsten philosophischen Art alle Verheiratheten verdchtig sind.


437.

Zuletzt. - Es giebt mancherlei Arten von Schierling, und gewhnlich
findet das Schicksal eine Gelegenheit, dem Freigeiste einen Becher
dieses Giftgetrnkes an die Lippen zu setzen, - um ihn zu "strafen",
wie dann alle Welt sagt. Was thun dann die Frauen um ihn? Sie werden
schreien und wehklagen und vielleicht die Sonnenuntergangs-Ruhe des
Denkers stren: wie sie es im Gefngniss von Athen thaten. "O Kriton,
heisse doch jemanden diese Weiber da fortfhren!" sagte endlich
Sokrates. -




Achtes Hauptstck.

Ein Blick auf den Staat.

438.

Um das Wort bitten. - Der demagogische Charakter und die Absicht,
auf die Massen zu wirken, ist gegenwrtig allen politischen Parteien
gemeinsam: sie alle sind genthigt, der genannten Absicht wegen, ihre
Principien zu grossen Alfresco-Dummheiten umzuwandeln und sie so
an die Wand zu malen. Daran ist Nichts mehr zu ndern, ja es ist
berflssig, auch nur einen Finger dagegen aufzuheben; denn auf
diesem Gebiete gilt, was Voltaire sagt: quand la populace se mle de
raisonner, tout est perdu. Seitdem diess geschehen ist, muss man sich
den neuen Bedingungen fgen, wie man sich fgt, wenn ein Erdbeben die
alten Grnzen und Umrisse der Bodengestalt verrckt und den Werth des
Besitzes verndert hat. Ueberdiess: wenn es sich nun einmal bei aller
Politik darum handelt, mglichst Vielen das Leben ertrglich zu
machen, so mgen immerhin diese Mglichst-Vielen auch bestimmen, was
sie unter einem ertrglichen Leben verstehen; trauen sie sich den
Intellect zu, auch die richtigen Mittel zu diesem Ziele zu finden,
was hlfe es, daran zu zweifeln? Sie wollen nun einmal ihres Glckes
und Unglckes eigene Schmiede sein; und wenn dieses Gefhl der
Selbstbestimmung, der Stolz auf die fnf, sechs Begriffe, welche ihr
Kopf birgt und zu Tage bringt, ihnen in der That das Leben so angenehm
macht, dass sie die fatalen Folgen ihrer Beschrnktheit gern ertragen:
so ist wenig einzuwenden, vorausgesetzt, dass die Beschrnktheit nicht
so weit geht, zu verlangen, es solle Alles in diesem Sinne zur Politik
werden, es solle jeder nach solchem Maassstabe leben und wirken.
Zuerst nmlich muss es Einigen mehr als je, erlaubt sein, sich der
Politik zu enthalten und ein Wenig bei Seite zu treten: dazu treibt
auch sie die Lust an der Selbstbestimmung, und auch ein kleiner Stolz
mag damit verbunden sein, zu schweigen, wenn zu Viele oder berhaupt
nur Viele reden. Sodann muss man es diesen Wenigen nachsehen, wenn
sie das Glck der Vielen, verstehe man nun darunter Vlker oder
Bevlkerungsschichten, nicht so wichtig nehmen und sich hie und da
eine ironische Miene zu Schulden kommen lassen; denn ihr Ernst liegt
anderswo, ihr Glck ist ein anderer Begriff, ihr Ziel ist nicht von
jeder plumpen Hand, welche eben nur fnf Finger hat, zu umspannen.
Endlich kommt - was ihnen gewiss am schwersten zugestanden wird, aber
ebenfalls zugestanden werden muss - von Zeit zu Zeit ein Augenblick,
wo sie aus ihren schweigsamen Vereinsamungen heraustreten und die
Kraft ihrer Lungen wieder einmal versuchen: dann rufen sie nmlich
einander zu wie Verirrte in einem Walde, um sich einander zu erkennen
zu geben und zu ermuthigen; wobei freilich Mancherlei laut wird, was
den Ohren, fr welche es nicht bestimmt ist, bel klingt. - Nun,
bald darauf ist es wieder stille im Walde, so stille, dass man das
Schwirren, Summen und Flattern der zahllosen Insecten, welche in, ber
und unter ihm leben, wieder deutlich vernimmt. -


439.

Cultur und Kaste. - Eine hhere Cultur kann allein dort entstehen,
wo es zwei unterschiedene Kasten der Gesellschaft giebt: die der
Arbeitenden und die der Mssigen, zu wahrer Musse Befhigten; oder
mit strkerem Ausdruck: die Kaste der Zwangs-Arbeit und die Kaste der
Frei-Arbeit. Der Gesichtspunct der Vertheilung des Glcks ist nicht
wesentlich, wenn es sich um die Erzeugung einer hheren Cultur
handelt; jedenfalls aber ist die Kaste der Mssigen die
leidensfhigere, leidendere, ihr Behagen am Dasein ist geringer, ihre
Aufgabe grsser. Findet nun gar ein Austausch der beiden Kasten statt,
so, dass die stumpferen, ungeistigeren Familien und Einzelnen aus
der oberen Kaste in die niedere herabgesetzt werden und wiederum die
freieren Menschen aus dieser den Zutritt zur hheren erlangen: so ist
ein Zustand erreicht, ber den hinaus man nur noch das offene Meer
unbestimmter Wnsche sieht. - So redet die verklingende Stimme der
alten Zeit zu uns; aber wo sind noch Ohren, sie zu hren?


440.

Von Geblt. - Das, was Mnner und Frauen von Geblt vor Anderen voraus
haben und was ihnen unzweifelhaftes Anrecht auf hhere Schtzung
giebt, sind zwei durch Vererbung immer mehr gesteigerte Knste: die
Kunst, befehlen zu knnen, und die Kunst des stolzen Gehorsams. - Nun
entsteht berall, wo das Befehlen zum Tagesgeschft gehrt (wie in
der grossen Kaufmanns- und Industrie-Welt), etwas Aehnliches wie jene
Geschlechter "von Geblt", aber ihnen fehlt die vornehme Haltung im
Gehorsam, welche bei jenen eine Erbschaft feudaler Zustnde ist und
die in unserem Cultur-Klima nicht mehr wachsen will.


441.

Subordination. - Die Subordination, welche im Militr- und
Beamtenstaate so hoch geschtzt wird, wird uns bald ebenso unglaublich
werden, wie die geschlossene Taktik der Jesuiten es bereits geworden
ist; und wenn diese Subordination nicht mehr mglich ist, lsst sich
eine Menge der erstaunlichsten Wirkungen nicht mehr erreichen, und
die Welt wird rmer sein. Sie muss schwinden, denn ihr Fundament
schwindet: der Glaube an die unbedingte Autoritt, an die endgltige
Wahrheit; selbst in Militrstaaten ist der physische Zwang nicht
ausreichend, sie hervorzubringen, sondern die angeerbte Adoration
vor dem Frstlichen wie vor etwas Uebermenschlichem. - In freieren
Verhltnissen ordnet man sich nur auf Bedingungen unter, in Folge
gegenseitigen Vertrages, also mit allen Vorbehalten des Eigennutzes.


442.

Volksheere. - Der grsste Nachtheil der jetzt so verherrlichten
Volksheere besteht in der Vergeudung von Menschen der hchsten
Civilisation; nur durch die Gunst aller Verhltnisse giebt es deren
berhaupt, - wie sparsam und ngstlich sollte man mit ihnen umgehen,
da es grosser Zeitrume bedarf, um die zuflligen Bedingungen
zur Erzeugung so zart organisirter Gehirne zu schaffen! Aber wie
die Griechen in Griechenblut wtheten, so die Europer jetzt
in Europerblut: und zwar werden relativ am meisten immer die
Hchstgebildeten zum Opfer gebracht, Die, welche eine reichliche und
gute Nachkommenschaft verbrgen; Solche nmlich stehen im Kampfe
voran, als Befehlende, und setzen sich berdiess, ihres hheren
Ehrgeizes wegen, den Gefahren am meisten aus. - Der grobe
Rmer-Patriotismus ist jetzt, wo ganz andere und hhere Aufgaben
gestellt sind, als patria und honor, entweder etwas Unehrliches oder
ein Zeichen der Zurckgebliebenheit.


443.

Hoffnung als Anmaassung. - Unsere gesellschaftliche Ordnung wird
langsam wegschmelzen, wie es alle frheren Ordnungen gethan haben,
sobald die Sonnen neuer Meinungen mit neuer Gluth ber die Menschen
hinleuchteten. Wnschen kann man diess Wegschmelzen nur, indem man
hofft: und hoffen darf man vernnftigerweise nur, wenn man sich und
seinesgleichen mehr Kraft in Herz und Kopf zutraut, als den Vertretern
des Bestehenden. Gewhnlich also wird diese Hoffnung eine Anmaassung,
eine Ueberschtzung sein.


444.

Krieg. - Zu Ungunsten des Krieges kann man sagen: er macht den Sieger
dumm, den Besiegten boshaft. Zu Gunsten des Krieges: er barbarisirt in
beiden eben genannten Wirkungen und macht dadurch natrlicher; er ist
fr die Cultur Schlaf oder Winterszeit, der Mensch kommt krftiger zum
Guten und Bsen aus ihm heraus.


445.

Im Dienste des Frsten. - Ein Staatsmann wird, um vllig rcksichtslos
handeln zu knnen, am besten thun, nicht fr sich, sondern fr einen
Frsten sein Werk auszufhren. Von dem Glanze dieser allgemeinen
Uneigenntzigkeit wird das Auge des Beschauers geblendet, so dass er
jene Tcken und Hrten, welche das Werk des Staatsmannes mit sich
bringt, nicht sieht.


446.

Eine Frage der Macht, nicht des Rechtes. - Fr Menschen, welche bei
jeder Sache den hheren Nutzen in's Auge fassen, giebt es bei dem
Socialismus, falls er wirklich die Erhebung der Jahrtausende lang
Gedrckten, Niedergehaltenen gegen ihre Unterdrcker ist, kein Problem
des Rechtes (mit der lcherlichen, weichlichen Frage: "wie weit soll
man seinen Forderungen nachgeben?"), sondern nur ein Problem der Macht
("wie weit kann man seine Forderungen benutzen?"); also wie bei einer
Naturmacht, zum Beispiel dem Dampfe, welcher entweder von dem Menschen
in seine Dienste, als Maschinengott, gezwungen wird, oder, bei Fehlern
der Maschine, das heisst Fehlern der menschlichen Berechnung im Bau
derselben, sie und den Menschen mit zertrmmert. Um jene Machtfrage
zu lsen, muss man wissen, wie stark der Socialismus ist, in welcher
Modification er noch als mchtiger Hebel innerhalb des jetzigen
politischen Krftespiels benutzt werden kann; unter Umstnden msste
man selbst Alles thun, ihn zu krftigen. Die Menschheit muss bei jeder
grossen Kraft - und sei es die gefhrlichste - daran denken, aus ihr
ein Werkzeug ihrer Absichten zu machen. - Ein Recht gewinnt sich
der Socialismus erst dann, wenn es zwischen den beiden Mchten, den
Vertretern des Alten und Neuen, zum Kriege gekommen zu sein scheint,
wenn aber dann das kluge Rechnen auf mglichste Erhaltung und
Zutrglichkeit auf Seiten beider Parteien das Verlangen nach einem
Vertrag entstehen lsst. Ohne Vertrag kein Recht. Bis jetzt giebt es
aber auf dem bezeichneten Gebiete weder Krieg, noch Vertrge, also
auch keine Rechte, kein "Sollen".


447.

Benutzung der kleinsten Unredlichkeit. - Die Macht der Presse besteht
darin, dass jeder Einzelne, der ihr dient, sich nur ganz wenig
verpflichtet und verbunden fhlt. Er sagt fr gewhnlich seine
Meinung, aber sagt sie einmal auch nicht, um seiner Partei oder der
Politik seines Landes oder endlich sich selbst zu ntzen. Solche
kleine Vergehen der Unredlichkeit oder vielleicht nur einer
unredlichen Verschwiegenheit sind von dem Einzelnen nicht schwer zu
tragen, doch sind die Folgen ausserordentlich, weil diese kleinen
Vergehen von Vielen zu gleicher Zeit begangen werden. Jeder von Diesen
sagt sich: "fr so geringe Dienste lebe ich besser, kann ich mein
Auskommen finden; durch den Mangel solcher kleinen Rcksichten mache
ich mich unmglich". Weil es beinahe sittlich gleichgltig erscheint,
eine Zeile, noch dazu vielleicht ohne Namensunterschrift, mehr zu
schreiben oder nicht zu schreiben, so kann Einer, der Geld und
Einfluss hat, jede Meinung zur ffentlichen machen. Wer da weiss, dass
die meisten Menschen in Kleinigkeiten schwach sind, und seine eigenen
Zwecke durch sie erreichen will, ist immer ein gefhrlicher Mensch.


448.

Allzu lauter Ton bei Beschwerden. - Dadurch, dass ein Nothstand
(zum Beispiel die Gebrechen einer Verwaltung, Bestechlichkeit und
Gunstwillkr in politischen oder gelehrten Krperschaften) stark
bertrieben dargestellt wird, verliert zwar die Darstellung bei
den Einsichtigen ihre Wirkung, aber wirkt um so strker auf die
Nichteinsichtigen (welche bei einer sorgsamen maassvollen Darlegung
gleichgltig geblieben wren). Da diese aber bedeutend in der Mehrzahl
sind und strkere Willenskrfte, ungestmere Lust zum Handeln in sich
beherbergen, so wird jene Uebertreibung zum Anlass von Untersuchungen,
Bestrafungen, Versprechen, Reorganisationen. - Insofern ist es
ntzlich, Nothstnde bertrieben darzustellen.


449.

Die anscheinenden Wettermacher der Politik. - Wie das Volk bei Dem,
welcher sich auf das Wetter versteht und es um einen Tag voraussagt,
im Stillen annimmt, dass er das Wetter mache, so legen selbst
Gebildete und Gelehrte mit einem Aufwand von aberglubischem
Glauben grossen Staatsmnnern alle die wichtigen Vernderungen und
Conjuncturen, welche whrend ihrer Regierung eintraten, als deren
eigenstes Werk bei, wenn es nur ersichtlich ist, dass jene Etwas davon
eher wussten, als Andere, und ihre Berechnung darnach machten: sie
werden also ebenfalls als Wettermacher genommen - und dieser Glaube
ist nicht das geringste Werkzeug ihrer Macht.


450.

Neuer und alter Begriff der Regierung. - Zwischen Regierung und
Volk so zu scheiden, als ob hier zwei getrennte Machtsphren, eine
strkere, hhere mit einer schwcheren, niederen, verhandelten und
sich vereinbarten, ist ein Stck vererbter politischer Empfindung,
welches der historischen Feststellung der Machtverhltnisse in den in
eisten Staaten noch jetzt genau entspricht. Wenn zum Beispiel Bismarck
die constitutionelle Form als einen Compromiss zwischen Regierung
und Volk bezeichnet, so redet er gemss einem Princip, welches seine
Vernunft- in der Geschichte hat (ebendaher freilich auch den Beisatz
von Unvernunft, ohne den nichts Menschliches existiren kann). Dagegen
soll man nun lernen - gemss einem Princip, welches rein aus dem Kopfe
entsprungen ist und erst Geschichte machen soll -, dass Regierung
Nichts als ein Organ des Volkes sei, nicht ein vorsorgliches,
verehrungswrdiges "Oben" im Verhltniss zu einem an Bescheidenheit
gewhnten "Unten". Bevor man diese bis jetzt unhistorische und
willkrliche, wenn auch logischere Aufstellung des Begriffs Regierung
annimmt, mge man doch ja die Folgen erwgen: denn das Verhltniss
zwischen Volk und Regierung ist das strkste vorbildliche Verhltniss,
nach dessen Muster sich unwillkrlich der Verkehr zwischen Lehrer und
Schler, Hausherrn und Dienerschaft, Vater und Familie, Heerfhrer und
Soldat, Meister und Lehrling bildet. Alle diese Verhltnisse gestalten
sich jetzt, unter dem Einflusse der herrschenden constitutionellen
Regierungsform, ein Wenig um - sie werden Compromisse. Aber wie mssen
sie sich verkehren und verschieben, Namen und Wesen wechseln, wenn
jener allerneueste Begriff berall sich der Kpfe bemeistert hat! -
wozu es aber wohl ein Jahrhundert noch brauchen drfte. Hierbei ist
Nichts mehr zu wnschen, als Vorsicht und langsame Entwickelung.


451.

Gerechtigkeit als Parteien-Lockruf. - Wohl knnen edle (wenn auch
nicht gerade sehr einsichtsvolle) Vertreter der berrschenden Classe
sich geloben: "wir wollen die Menschen als gleich behandeln, ihnen
gleiche Rechte zugestehen"; insofern ist eine socialistische
Denkungsweise, welche auf Gerechtigkeit ruht, mglich, aber wie gesagt
nur innerhalb der herrschenden Classe, welche in diesem Falle die
Gerechtigkeit mit Opfern und Verleugnungen bt. Dagegen Gleichheit
der Rechte fordern, wie es die Socialisten der unterworfenen Kaste
thun, ist nimmermehr der Ausfluss der Gerechtigkeit, sondern der
Begehrlichkeit. - Wenn man der Bestie blutige Fleischstcke aus der
Nhe zeigt und wieder wegzieht, bis sie endlich brllt: meint ihr,
dass diess Gebrll Gerechtigkeit bedeute?


452.

Besitz und Gerechtigkeit. - Wenn die Socialisten nachweisen, dass die
Eigenthums-Vertheilung in der gegenwrtigen Menschheit die Consequenz
zahlloser Ungerechtigkeiten und Gewaltsamkeiten ist, und in summa die
Verpflichtung gegen etwas so unrecht Begrndetes ablehnen: so sehen
sie nur etwas Einzelnes. Die ganze Vergangenheit der alten Cultur ist
auf Gewalt, Sclaverei, Betrug, Irrthum aufgebaut; wir knnen aber uns
selbst, die Erben aller dieser Zustnde, ja die Concrescenzen aller
jener Vergangenheit, nicht wegdecretiren und drfen nicht ein
einzelnes Stck herausziehen wollen. Die ungerechte Gesinnung steckt
in den Seelen der Nicht-Besitzenden auch, sie sind nicht besser als
die Besitzenden und haben kein moralisches Vorrecht, denn irgend
wann sind ihre Vorfahren Besitzende gewesen. Nicht gewaltsame neue
Vertheilungen, sondern allmhliche Umschaffungen des Sinnes thun noth,
die Gerechtigkeit muss in Allen grsser werden, der gewaltthtige
Instinct schwcher.


453.

Der Steuermann der Leidenschaften. - Der Staatsmann erzeugt
ffentliche Leidenschaften, um den Gewinn von der dadurch erweckten
Gegenleidenschaft zu haben. Um ein Beispiel zu nehmen: so weiss ein
deutscher Staatsmann wohl, dass die katholische Kirche niemals mit
Russland gleiche Plne haben wird, ja sich viel lieber mit den Trken
verbnden wrde, als mit ihm; ebenso weiss er, dass Deutschland alle
Gefahr von einem Bndnisse Frankreichs mit Russland droht. Kann er es
nun dazu bringen, Frankreich zum Herd und Hort der katholischen Kirche
zu machen, so hat er diese Gefahr auf eine lange Zeit beseitigt. Er
hat demnach ein Interesse daran, Hass gegen die Katholiken zu zeigen
und durch Feindseligkeiten aller Art die Bekenner der Autoritt des
Papstes in eine leidenschaftliche politische Macht zu verwandeln,
welche der deutschen Politik feindlich ist und sich naturgemss mit
Frankreich, als dem Widersacher Deutschlands, verschmelzen muss: sein
Ziel ist ebenso nothwendig die Katholisirung Frankreichs, als Mirabeau
in der Dekatholisirung das Heil seines Vaterlandes sah. - Der eine
Staat will also die Verdunkelung von Millionen Kpfen eines anderen
Staates, um seinen Vortheil aus dieser Verdunkelung zu ziehen. Es ist
diess die selbe Gesinnung, welche die republicanische Regierungsform
des nachbarlichen Staates - le dsordre organis, wie Mrimee sagt -
aus dem alleinigen Grunde untersttzt, weil sie von dieser annimmt,
dass sie das Volk schwcher, zerrissener und kriegsunfhiger mache.


454.

Die Gefhrlichen unter den Umsturz-Geistern. - Man theile Die, welche
auf einen Umsturz der Gesellschaft bedacht sind, in Solche ein, welche
fr sich selbst, und in Solche, welche fr ihre Kinder und Enkel Etwas
erreichen wollen. Die Letzteren sind die Gefhrlicheren; denn sie
haben den Glauben und das gute Gewissen der Uneigenntzigkeit. Die
Anderen kann man abspeisen: dazu ist die herrschende Gesellschaft
immer noch reich und klug genug. Die Gefahr beginnt, sobald die Ziele
unpersnlich werden; die Revolutionre aus unpersnlichem Interesse
drfen alle Vertheidiger des Bestehenden als persnlich interessirt
ansehen und sich desshalb ihnen berlegen fhlen.


455.

Politischer Werth der Vaterschaft. - Wenn der Mensch keine Shne hat,
so hat er kein volles Recht, ber die Bedrfnisse eines einzelnen
Staatswesens mitzureden. Man muss selber mit den Anderen sein Liebstes
daran gewagt haben; das erst bindet an den Staat fest; man muss das
Glck seiner Nachkommen in's Auge fassen, also vor Allem Nachkommen
haben, um an allen Institutionen und deren Vernderung rechten,
natrlichen Antheil zu nehmen. Die Entwickelung der hhern Moral hngt
daran, dass Einer Shne hat; diess stimmt ihn unegoistisch, oder
richtiger: es erweitert seinen Egoismus der Zeitdauer nach, und
lsst ihn Ziele ber seine individuelle Lebenslnge hinaus mit Ernst
verfolgen.


456.

Ahnenstolz. - Auf eine ununterbrochene Reihe guter Ahnen bis zum Vater
herauf darf man mit Recht stolz sein, - nicht aber auf die Reihe;
denn diese hat jeder. Die Herkunft von guten Ahnen macht den chten
Geburtsadel aus; eine einzige Unterbrechung in jener Kette, Ein
bser Vorfahr also hebt den Geburtsadel auf. Man soll jeden, welcher
von seinem Adel redet, fragen: hast du keinen gewaltthtigen,
habschtigen, ausschweifenden, boshaften, grausamen Menschen unter
deinen Vorfahren? Kann er darauf in gutem Wissen und Gewissen mit Nein
antworten, so bewerbe man sich um seine Freundschaft.


457.

Sclaven und Arbeiter. - Dass wir mehr Werth auf Befriedigung der
Eitelkeit, als auf alles brige Wohlbefinden (Sicherheit, Unterkommen,
Vergngen aller Art) legen, zeigt sich in einem lcherlichen Grade
daran, dass jedermann (abgesehen von politischen Grnden) die
Aufhebung der Sclaverei wnscht und es auf's Aergste verabscheut,
Menschen in diese Lage zu bringen: whrend jeder sich sagen muss,
dass die Sclaven in allen Beziehungen sicherer und glcklicher leben,
als der moderne Arbeiter, dass Sclavenarbeit sehr wenig Arbeit im
Verhltniss zu der des "Arbeiters" ist. Man protestirt im Namen
der "Menschenwrde": das ist aber, schlichter ausgedrckt, jene
liebe Eitelkeit, welche das Nicht-gleich-gestelltsein, das
Oeffentlich-niedriger-geschtzt-werden, als das hrteste Loos
empfindet. - Der Cyniker denkt anders darber, weil er die Ehre
verachtet: - und so war Diogenes eine Zeitlang Sclave und Hauslehrer.


458.

Leitende Geister und ihre Werkzeuge. - Wir sehen grosse Staatsmnner
und berhaupt alle Die, welche sich vieler Menschen zur Durchfhrung
ihrer Plne bedienen mssen, bald so, bald so verfahren: entweder
whlen sie sehr fein und sorgsam die zu ihren Plnen passenden
Menschen aus und lassen ihnen dann verhltnissmssige grosse Freiheit,
weil sie wissen, dass die Natur dieser Ausgewhlten sie eben dahin
treibt, wohin sie selber Jene haben wollen; oder sie whlen schlecht,
ja nehmen was ihnen unter die Hand kommt, formen aber aus jedem
Thone etwas fr ihre Zwecke Taugliches. Diese letzte Art ist
die gewaltsamere, sie begehrt auch unterwrfigere Werkzeuge;
ihre Menschenkenntniss ist gewhnlich viel geringer, ihre
Menschenverachtung grsser, als bei den erstgenannten Geistern, aber
die Maschine, welche sie construiren, arbeitet gemeinhin besser, als
die Maschine aus der Werksttte jener.


459.

Willkrliches Recht nothwendig. - Die Juristen streiten, ob das
am vollstndigsten durchgedachte Recht oder das am leichtesten
zu verstehende in einem Volke zum Siege kommen solle. Das erste,
dessen hchstes Muster das rmische ist, erscheint dem Laien
als unverstndlich und desshalb nicht als Ausdruck seiner
Rechtsempfindung. Die Volksrechte, wie zum Beispiel die germanischen,
waren grob, aberglubisch, unlogisch, zum Theil albern, aber
sie entsprachen ganz bestimmten vererbten heimischen Sitten und
Empfindungen. - Wo aber Recht nicht mehr, wie bei uns, Herkommen ist,
da kann es nur befohlen, Zwang sein; wir haben Alle kein herkmmliches
Rechtsgefhl mehr, desshalb mssen wir uns Willkrsrechte gefallen
lassen, die der Ausdruck der Nothwendigkeit sind, dass es ein Recht
geben msse. Das logischste ist dann jedenfalls das annehmbarste, weil
es das unparteilichste ist: zugegeben selbst, dass in jedem Falle
die kleinste Maasseinheit im Verhltniss von Vergehen und Strafe
willkrlich angesetzt ist.


460.

Der grosse Mann der Masse. - Das Recept zu dem, was die Masse einen
grossen Mann nennt, ist leicht gegeben. Unter allen Umstnden
verschaffe man ihr Etwas, das ihr sehr angenehm ist, oder setze ihr
erst in den Kopf, dass diess und jenes sehr angenehm wre, und gebe
es ihr dann. Doch um keinen Preis sofort: sondern man erkmpfe es mit
grsster Anstrengung oder scheine es zu erkmpfen. Die Masse muss den
Eindruck haben, dass eine mchtige, ja unbezwingliche Willenskraft
da sei; mindestens muss sie da zu sein scheinen. Den starken Willen
bewundert jedermann, weil Niemand ihn hat und Jedermann sich sagt,
dass, wenn er ihn htte, es fr ihn und seinen Egoismus keine Grnze
mehr gbe. Zeigt sich nun, dass ein solcher starker Wille etwas
der Masse sehr Angenehmes bewirkt, statt auf die Wnsche seiner
Begehrlichkeit zu hren, so bewundert man noch einmal und wnscht sich
selber Glck. Im Uebrigen habe er alle Eigenschaften der Masse: um so
weniger schmt sie sich vor ihm, um so mehr ist er populr. Also: er
sei gewaltthtig, neidisch, ausbeuterisch, intrigant, schmeichlerisch,
kriechend, aufgeblasen, je nach Umstnden alles.


461.

Frst und Gott. - Die Menschen verkehren mit ihren Frsten vielfach in
hnlicher Weise wie mit ihrem Gotte, wie ja vielfach auch der Frst
der Reprsentant des Gottes, mindestens sein Oberpriester war. Diese
fast unheimliche Stimmung von Verehrung und Angst und Scham war und
ist viel schwcher geworden, aber mitunter lodert sie auf und heftet
sich an mchtige Personen, berhaupt. Der Cultus des Genius' ist ein
Nachklang dieser Gtter-Frsten-Verehrung. Ueberall, wo man sich
bestrebt, einzelne Menschen in das Uebermenschliche hinaufzuheben,
entsteht auch die Neigung, ganze Schichten des Volkes sich roher und
niedriger vorzustellen, als sie wirklich sind.


462.

Meine Utopie. - In einer besseren Ordnung der Gesellschaft wird die
schwere Arbeit und Noth des Lebens Dem zuzumessen sein, welcher am
wenigsten durch sie leidet, also dem Stumpfesten, und so schrittweise
aufwrts bis zu Dem, welcher fr die hchsten sublimirtesten Gattungen
des Leidens am empfindlichsten ist und desshalb selbst noch bei der
grssten Erleichterung des Lebens leidet.


463.

Ein Wahn in der Lehre vom Umsturz. - Es giebt politische und sociale
Phantasten, welche feurig und beredt zu einem Umsturz aller Ordnungen
auffordern, in dem Glauben, dass dann sofort das stolzeste Tempelhaus
schnen Menschenthums gleichsam von selbst sich erheben werde. In
diesen gefhrlichen Trumen klingt noch der Aberglaube Rousseau's
nach, welcher an eine wundergleiche, ursprngliche, aber gleichsam
verschttete Gte der menschlichen Natur glaubt und den Institutionen
der Cultur, in Gesellschaft, Staat, Erziehung, alle Schuld jener
Verschttung beimisst. Leider weiss man aus historischen Erfahrungen,
dass jeder solche Umsturz die wildesten Energien als die lngst
begrabenen Furchtbarkeiten und Maasslosigkeiten fernster Zeitalter
von Neuem zur Auferstehung bringt: dass also ein Umsturz wohl eine
Kraftquelle in einer mattgewordenen Menschheit sein kann, nimmermehr
aber ein Ordner, Baumeister, Knstler, Vollender der menschlichen
Natur. - Nicht Voltaire's maassvolle, dem Ordnen, Reinigen und Umbauen
zugeneigte Natur, sondern Rousseau's leidenschaftliche Thorheiten und
Halblgen haben den optimistischen Geist der Revolution wachgerufen,
gegen den ich rufe: "Ecrasez l'infame!" Durch ihn ist der Geist der
Aufklrung und der fortschreitenden Entwickelung auf lange verscheucht
worden - sehen wir zu - ein Jeder bei sich selber - ob es mglich ist,
ihn wieder zurckzurufen!


464.

Maass. - Die volle Entschiedenheit des Denkens und Forschens, also
die Freigeisterei, zur Eigenschaft des Charakters geworden, macht im
Handeln mssig: denn sie schwcht die Begehrlichkeit, zieht viel von
der vorhandenen Energie an sich, zur Frderung geistiger Zwecke, und
zeigt das Halbntzliche oder Unntze und Gefhrliche aller pltzlichen
Vernderungen.


465.

Auferstehung des Geistes. - Auf dem politischen Krankenbette verjngt
ein Volk gewhnlich sich selbst und findet seinen Geist wieder, den
es im Suchen und Behaupten der Macht allmhlich verlor. Die Cultur
verdankt das Allerhchste den politisch geschwchten Zeiten.


466.

Neue Meinungen im alten Hause. - Dem Umsturz der Meinungen folgt der
Umsturz der Institutionen nicht sofort nach, vielmehr wohnen die neuen
Meinungen lange Zeit im verdeten und unheimlich gewordenen Hause
ihrer Vorgngerinnen und conserviren es selbst, aus Wohnungsnoth.


467.

Schulwesen. - Das Schulwesen wird in grossen Staaten immer hchstens
mittelmssig sein, aus dem selben Grunde, aus dem in grossen Kchen
besten Falls mittelmssig gekocht wird.


468.

Unschuldige Corruption. - In allen Instituten, in welche nicht
die scharfe Luft der ffentlichen Kritik hineinweht, wchst eine
unschuldige Corruption auf, wie ein Pilz (also zum Beispiel in
gelehrten Krperschaften und Senaten).


469.

Gelehrte als Politiker. - Gelehrten, welche Politiker werden, wird
gewhnlich die komische Rolle zugetheilt, das gute Gewissen einer
Politik sein zu mssen.


470.

Der Wolf hinter dem Schafe versteckt. - Fast jeder Politiker hat unter
gewissen Umstnden einmal einen ehrlichen Mann so nthig, dass er,
gleich einem heisshungrigen Wolfe, in einen Schafstall bricht: nicht
aber um dann den geraubten Widder zu fressen, sondern um sich hinter
seinen wolligen Rcken zu verstecken.


471.

Glckszeiten. - Ein glckliches Zeitalter ist desshalb gar nicht
mglich, weil die Menschen es nur wnschen wollen, aber nicht haben
wollen und jeder Einzelne, wenn ihm gute Tage kommen, frmlich um
Unruhe und Elend beten lernt. Das Schicksal der Menschen ist auf
glckliche Augenblicke eingerichtet - jedes Leben hat solche -,
aber nicht auf glckliche Zeiten. Trotzdem werden diese als "das
jenseits der Berge" in der Phantasie des Menschen bestehen bleiben,
als Erbstck der Urvter; denn man hat wohl den Begriff des
Glckszeitalters seit uralten Zeiten her jenem Zustande entnommen, in
dem der Mensch, nach gewaltiger Anstrengung durch Jagd und Krieg, sich
der Ruhe bergiebt, die Glieder streckt und die Fittige des Schlafes
um sich rauschen hrt. Es ist ein falscher Schluss, wenn der Mensch
jener alten Gewhnung gemss sich vorstellt, dass er nun auch nach
ganzen Zeitrumen der Noth und Mhsal eines Zustandes des Glcks in
entsprechender Steigerung und Dauer theilhaftig werden knne.


472.

Religion und Regierung. - Solange der Staat oder, deutlicher, die
Regierung sich als Vormund zu Gunsten einer unmndigen Menge bestellt
weiss und um ihretwillen die Frage erwgt, ob die Religion zu erhalten
oder zu beseitigen sei: wird sie hchst wahrscheinlich sich immer fr
die Erhaltung der Religion entscheiden. Denn die Religion befriedigt
das einzelne Gemth in Zeiten des Verlustes, der Entbehrung, des
Schreckens, des Misstrauens, also da, wo die Regierung sich ausser
Stande fhlt, direct Etwas zur Linderung der seelischen Leiden des
Privatmannes zu thun: ja selbst bei allgemeinen, unvermeidlichen und
zunchst unabwendbaren Uebeln (Hungersnthen, Geldkrisen, Kriegen)
gewhrt die Religion eine beruhigte, abwartende, vertrauende Haltung
der Menge. Ueberall, wo die nothwendigen oder zuflligen Mngel der
Staatsregierung oder die gefhrlichen Consequenzen dynastischer
Interessen dem Einsichtigen sich bemerklich machen und ihn
widerspnstig stimmen, werden die Nicht-Einsichtigen den Finger Gottes
zu sehen meinen und sich in Geduld den Anordnungen von Oben (in
welchem Begriff gttliche und menschliche Regierungsweise gewhnlich
verschmelzen) unterwerfen: so wird der innere brgerliche Frieden und
die Continuitt der Entwickelung gewahrt. Die Macht, welche in der
Einheit der Volksempfindung, in gleichen Meinungen und Zielen fr
Alle, liegt, wird durch die Religion beschtzt und besiegelt,
jene seltenen Flle abgerechnet, wo eine Priesterschaft mit der
Staatsgewalt sich ber den Preis nicht einigen kann und in Kampf
tritt. Fr gewhnlich wird der Staat sich die Priester zu gewinnen
wissen, weil er ihrer allerprivatesten, verborgenen Erziehung der
Seelen benthigt ist und Diener zu schtzen weiss, welche scheinbar
und usserlich ein ganz anderes Interesse vertreten. Ohne Beihlfe
der Priester kann auch jetzt noch keine Macht "legitim" werden: wie
Napoleon begriff. - So gehen absolute vormundschaftliche Regierung und
sorgsame Erhaltung der Religion nothwendig mit einander. Dabei ist
vorauszusetzen, dass die regierenden Personen und Classen ber den
Nutzen, welchen ihnen die Religion gewhrt, aufgeklrt werden und
somit bis zu einem Grade sich ihr berlegen fhlen, insofern sie
dieselbe als Mittel gebrauchen: wesshalb hier die Freigeisterei ihren
Ursprung hat. - Wie aber, wenn jene ganz verschiedene Auffassung des
Begriffes der Regierung, wie sie in demokratischen Staaten gelehrt
wird, durchzudringen anfngt? Wenn man in ihr Nichts als das Werkzeug
des Volkswillen sieht, kein Oben im Vergleich zu einem Unten, sondern
lediglich eine Function des alleinigen Souverains, des Volkes? Hier
kann auch nur die selbe Stellung, welche das Volk zur Religion
einnimmt, von der Regierung eingenommen werden; jede Verbreitung von
Aufklrung wird bis in ihre Vertreter hineinklingen mssen, eine
Benutzung und Ausbeutung der religisen Triebkrfte und Trstungen zu
staatlichen Zwecken wird nicht so leicht mglich sein (es sei denn,
dass mchtige Parteifhrer zeitweilig einen Einfluss ben, welcher
dem des aufgeklrten Despotismus hnlich sieht). Wenn aber der Staat
keinen Nutzen mehr aus der Religion selber ziehen darf oder das Volk
viel zu mannichfach ber religise Dinge denkt, als dass es der
Regierung ein gleichartiges, einheitliches Vorgehen bei religisen
Maassregeln gestatten drfte, - so wird nothwendig sich der Ausweg
zeigen, die Religion als Privatsache zu behandeln und dem Gewissen
und der Gewohnheit jedes Einzelnen zu berantworten. Die Folge ist zu
allererst diese, dass das religise Empfinden verstrkt erscheint,
insofern versteckte und unterdrckte Regungen desselben, welchen der
Staat unwillkrlich oder absichtlich keine Lebensluft gnnte, jetzt
hervorbrechen und bis in's Extreme ausschweifen; spter erweist sich,
dass die Religion von Secten berwuchert wird und dass eine Flle
von Drachenzhnen in dem Augenblicke gest worden ist, als man die
Religion zur Privatsache machte. Der Anblick des Streites, die
feindselige Bloslegung aller Schwchen religiser Bekenntnisse lsst
endlich keinen Ausweg mehr zu, als dass jeder Bessere und Begabtere
die Irreligiositt zu seiner Privatsache macht: als welche Gesinnung
nun auch in dem Geiste der regierenden Personen die Ueberhand
bekommt und, fast wider ihren Willen, ihren Maassregeln einen
religionsfeindlichen Charakter giebt. Sobald diess eintritt, wandelt
sich die Stimmung der noch religis bewegten Menschen, welche frher
den Staat als etwas Halb- oder Ganzheiliges adorirten, in eine
entschieden staatsfeindliche um; sie lauern den Maassregeln der
Regierung auf, suchen zu hemmen, zu kreuzen, zu beunruhigen, so viel
sie knnen, und treiben dadurch die Gegenpartei, die irreligise,
durch die Hitze ihres Widerspruchs in eine fast fanatische
Begeisterung fr den Staat hinein; wobei im Stillen noch mitwirkt,
dass in diesen Kreisen die Gemther seit der Trennung von der Religion
eine Leere spren und sich vorlufig durch die Hingebung an den Staat
einen Ersatz, eine Art von Ausfllung zu schaffen suchen. Nach diesen,
vielleicht lange dauernden Uebergangskmpfen entscheidet es sich
endlich, ob die religisen Parteien noch stark genug sind, um einen
alten Zustand heraufzubringen und das Rad zurckzudrehen: in welchem
Falle unvermeidlich der aufgeklrte Despotismus (vielleicht weniger
aufgeklrt und ngstlicher, als frher) den Staat in die Hnde
bekommt, - oder ob die religionslosen Parteien sich durchsetzen und
die Fortpflanzung ihrer Gegnerschaft, einige Generationen hindurch,
etwa durch Schule und Erziehung, untergraben und endlich unmglich
machen. Dann aber lsst auch bei ihnen jene Begeisterung fr den
Staat nach: immer deutlicher tritt hervor, dass mit jener religisen
Adoration, fr welche er ein Mysterium, eine berweltliche Stiftung
ist, auch das ehrfrchtige und piettvolle Verhltniss zu ihm
erschttert ist. Frderhin sehen die Einzelnen immer nur die Seite an
ihm, wo er ihnen ntzlich oder schdlich werden kann, und drngen sich
mit allen Mitteln heran, um Einfluss auf ihn zu bekommen. Aber diese
Concurrenz wird bald zu gross, die Menschen und Parteien wechseln zu
schnell, strzen sich gegenseitig zu wild vom Berge wieder herab,
nachdem sie kaum oben angelangt sind. Es fehlt allen Maassregeln,
welche von einer Regierung durchgesetzt werden, die Brgschaft ihrer
Dauer; man scheut vor Unternehmungen zurck, welche auf Jahrzehnte,
Jahrhunderte hinaus ein stilles Wachsthum haben mssten, um reife
Frchte zu zeitigen. Niemand fhlt eine andere Verpflichtung gegen
ein Gesetz mehr, als die, sich augenblicklich der Gewalt, welche ein
Gesetz einbrachte, zu beugen: sofort geht man aber daran, es durch
eine neue Gewalt, eine neu zu bildende Majoritt zu unterminiren.
Zuletzt - man kann es mit Sicherheit aussprechen - muss das Misstrauen
gegen alles Regierende, die Einsicht in das Nutzlose und Aufreibende
dieser kurzathmigen Kmpfe die Menschen zu einem ganz neuen
Entschlusse drngen: zur Abschaffung des Staatsbegriffs, zur Aufhebung
des Gegensatzes "privat und ffentlich". Die Privatgesellschaften
ziehen Schritt vor Schritt die Staatsgeschfte in sich hinein:
selbst der zheste Rest, welcher von der alten Arbeit des Regierens
brigbleibt (jene Thtigkeit zum Beispiel welche die Privaten gegen
die Privaten sicher stellen soll), wird zu allerletzt einmal durch
Privatunternehmer besorgt werden. Die Missachtung, der Verfall und
der Tod des Staates, die Entfesselung der Privatperson (ich hte mich
zu sagen: des Individuums) ist die Consequenz des demokratischen
Staatsbegriffes; hier liegt seine Mission. Hat er seine Aufgabe
erfllt - die wie alles Menschliche viel Vernunft und Unvernunft im
Schoosse trgt -, sind alle Rckflle der alten Krankheit berwunden,
so wird ein neues Blatt im Fabelbuche der Menschheit entrollt, auf dem
man allerlei seltsame Historien und vielleicht auch einiges Gute lesen
wird. - Um das Gesagte noch einmal kurz zu sagen: das Interesse der
vormundschaftlichen Regierung und das Interesse der Religion gehen mit
einander Hand in Hand, so dass, wenn letztere abzusterben beginnt,
auch die Grundlage des Staates erschttert wird. Der Glaube an eine
gttliche Ordnung der politischen Dinge, an ein Mysterium in der
Existenz des Staates ist religisen Ursprungs: schwindet die Religion,
so wird der Staat unvermeidlich seinen alten Isisschleier verlieren
und keine Ehrfurcht mehr erwecken. Die Souvernitt des Volkes, in
der Nhe gesehen, dient dazu, auch den letzten Zauber und Aberglauben
auf dem Gebiete dieser Empfindungen zu verscheuchen; die moderne
Demokratie ist die historische Form vom Verfall des Staates. - Die
Aussicht, welche sich durch diesen sichern Verfall ergiebt, ist aber
nicht in jedem Betracht eine unglckselige: die Klugheit und der
Eigennutz der Menschen sind von allen ihren Eigenschaften am besten
ausgebildet; wenn den Anforderungen dieser Krfte der Staat nicht mehr
entspricht, so wird am wenigsten das Chaos eintreten, sondern eine
noch zweckmssigere Erfindung, als der Staat es war, zum Siege
ber den Staat kommen. Wie manche organisirende Gewalt hat
die Menschheit schon absterben sehen, - zum Beispiel die der
Geschlechtsgenossenschaft, als welche Jahrtausende lang viel mchtiger
war, als die Gewalt der Familie, ja lngst, bevor diese bestand, schon
waltete und ordnete. Wir selber sehen den bedeutenden Rechts- und
Machtgedanken der Familie, welcher einmal, so weit wie rmisches Wesen
reichte, die Herrschaft besass, immer blasser und ohnmchtiger werden.
So wird ein spteres Geschlecht auch den Staat in einzelnen Strecken
der Erde bedeutungslos werden sehen, - eine Vorstellung, an welche
viele Menschen der Gegenwart kaum ohne Angst und Abscheu denken
knnen. An der Verbreitung und Verwirklichung dieser Vorstellung zu
arbeiten, ist freilich ein ander Ding: man muss sehr anmaassend von
seiner Vernunft denken und die Geschichte kaum halb verstehen, um
schon jetzt die Hand an den Pflug zu legen, - whrend noch Niemand die
Samenkrner aufzeigen kann, welche auf das zerrissene Erdreich nachher
gestreut werden sollen. Vertrauen wir also "der Klugheit und dem
Eigennutz der Menschen", dass jetzt noch der Staat eine gute Weile
bestehen bleibt und zerstrerische Versuche bereifriger und
voreiliger Halbwisser abgewiesen werden!


473.

Der Socialismus in Hinsicht auf seine Mittel. - Der Socialismus ist
der phantastische jngere Bruder des fast abgelebten Despotismus, den
er beerben will; seine Bestrebungen sind also im tiefsten Verstande
reactionr. Denn er begehrt eine Flle der Staatsgewalt, wie sie nur
je der Despotismus gehabt hat, ja er berbietet alles Vergangene
dadurch, dass er die frmliche Vernichtung des Individuums anstrebt:
als welches ihm wie ein unberechtigter Luxus der Natur vorkommt und
durch ihn in ein zweckmssiges Organ des Gemeinwesens umgebessert
werden soll. Seiner Verwandtschaft wegen erscheint er immer in der
Nhe aller excessiven Machtentfaltungen, wie der alte typische
Socialist Plato am Hofe des sicilischen Tyrannen; er wnscht (und
befrdert unter Umstnden) den csarischen Gewaltstaat dieses
Jahrhunderts, weil er, wie gesagt, sein Erbe werden mchte. Aber
selbst diese Erbschaft wrde fr seine Zwecke nicht ausreichen, er
braucht die allerunterthnigste Niederwerfung aller Brger vor dem
unbedingten Staate, wie niemals etwas Gleiches existirt hat; und da er
nicht einmal auf die alte religise Piett fr den Staat mehr rechnen
darf, vielmehr an deren Beseitigung unwillkrlich fortwhrend arbeiten
muss - nmlich weil er an der Beseitigung aller bestehenden Staaten
arbeitet -, so kann er sich nur auf kurze Zeiten, durch den ussersten
Terrorismus, hie und da einmal auf Existenz Hoffnung machen. Desshalb
bereitet er sich im Stillen zu Schreckensherrschaften vor und treibt
den halb gebildeten Massen das Wort "Gerechtigkeit" wie einen Nagel in
den Kopf, um sie ihres Verstandes vllig zu berauben (nachdem dieser
Verstand schon durch die Halbbildung sehr gelitten hat) und ihnen
fr das bse Spiel, das sie spielen sollen, ein gutes Gewissen zu
schaffen. - Der Socialismus kann dazu dienen, die Gefahr aller
Anhufungen von Staatsgewalt recht brutal und eindringlich zu lehren
und insofern vor dem Staate selbst Misstrauen einzuflssen. Wenn seine
rauhe Stimme in das Feldgeschrei "so viel Staat wie mglich" einfllt,
so wird dieses zunchst dadurch lrmender, als je: aber bald dringt
auch das entgegengesetzte mit um so grsserer Kraft hervor: "so wenig
Staat wie mglich".


474.

Die Entwickelung des Geistes, vom Staate gefrchtet. - Die griechische
Polis war, wie jede organisirende politische Macht, ausschliessend
und misstrauisch gegen das Wachsthum der Bildung, ihr gewaltiger
Grundtrieb zeigte sich fast nur lhmend und hemmend fr dieselbe. Sie
wollte keine Geschichte, kein Werden in der Bildung gelten lassen; die
in dem Staatsgesetz festgestellte Erziehung sollte alle Generationen
verpflichten und auf Einer Stufe festhalten. Nicht anders wollte es
spter auch noch Plato fr seinen idealen Staat. Trotz der Polis
entwickelte sich also die Bildung: indirect freilich und wider Willen
half sie mit, weil die Ehrsucht des Einzelnen in der Polis auf's
Hchste angereizt wurde, so dass er, einmal auf die Bahn geistiger
Ausbildung gerathen, auch in ihr bis in's letzte Extrem fortgieng.
Dagegen soll man sich nicht auf die Verherrlichungsrede des Perikles
berufen: denn sie ist nur ein grosses optimistisches Trugbild ber den
angeblich nothwendigen Zusammenhang von Polis und athenischer Cultur;
Thukydides lsst sie, unmittelbar bevor die Nacht ber Athen kommt
(die Pest und der Abbruch der Tradition), noch einmal wie eine
verklrende Abendrthe aufleuchten, bei der man den schlimmen Tag
vergessen soll, der ihr vorangieng.


475.

Der europische Mensch und die Vernichtung der Nationen. - Der Handel
und die Industrie, der Bcher- und Briefverkehr, die Gemeinsamkeit
aller hheren Cultur, das schnelle Wechseln von Ort und Landschaft,
das jetzige Nomadenleben aller Nicht-Landbesitzer, - diese Umstnde
bringen nothwendig eine Schwchung und zuletzt eine Vernichtung der
Nationen, mindestens der europischen, mit sich: so dass aus ihnen
allen, in Folge fortwhrender Kreuzungen, eine Mischrasse, die des
europischen Menschen, entstehen muss. Diesem Ziele wirkt jetzt
bewusst oder unbewusst die Abschliessung der Nationen durch Erzeugung
nationaler Feindseligkeiten entgegen, aber langsam geht der Gang jener
Mischung dennoch vorwrts, trotz jener zeitweiligen Gegenstrmungen:
dieser knstliche Nationalismus ist brigens so gefhrlich wie der
knstliche Katholicismus es gewesen ist, denn er ist in seinem Wesen
ein gewaltsamer Noth- und Belagerungszustand, welcher von Wenigen ber
Viele verhngt ist, und braucht List, Lge und Gewalt, um sich in
Ansehen zu halten. Nicht das Interesse der Vielen (der Vlker),
wie man wohl sagt, sondern vor Allem das Interesse bestimmter
Frstendynastien, sodann das bestimmter Classen des Handels und der
Gesellschaft, treibt zu diesem Nationalismus; hat man diess einmal
erkannt, so soll man sich nur ungescheut als guten Europer ausgeben
und durch die That an der Verschmelzung der Nationen arbeiten: wobei
die Deutschen durch ihre alte bewhrte Eigenschaft, Dolmetscher und
Vermittler der Vlker zusein, mitzuhelfen vermgen. - Beilufig: das
ganze Problem der Juden ist nur innerhalb der nationalen Staaten
vorhanden, insofern hier berall ihre Thatkrftigkeit und hhere
Intelligenz, ihr in langer Leidensschule von Geschlecht zu Geschlecht
angehuftes Geist- und Willens-Capital, in einem neid- und
hasserweckenden Maasse zum Uebergewicht kommen muss, so dass die
litterarische Unart fast in allen jetzigen Nationen berhand nimmt -
und zwar je mehr diese sich wieder national gebrden -, die Juden als
Sndenbcke aller mglichen ffentlichen und inneren Uebelstnde zur
Schlachtbank zu fhren. Sobald es sich nicht mehr um Conservirung
von Nationen, sondern um die Erzeugung einer mglichst krftigen
europischen Mischrasse handelt, ist der Jude als Ingredienz ebenso
brauchbar und erwnscht, als irgend ein anderer nationaler Rest.
Unangenehme, ja gefhrliche Eigenschaften hat jede Nation, jeder
Mensch; es ist grausam, zu verlangen, dass der Jude eine Ausnahme
machen soll. Jene Eigenschaften mgen sogar bei ihm in besonderem
Maasse gefhrlich und abschreckend sein; und vielleicht ist
der jugendliche Brsen-Jude die widerlichste Erfindung des
Menschengeschlechtes berhaupt. Trotzdem mchte ich wissen, wie viel
man bei einer Gesammtabrechnung einem Volke nachsehen muss, welches,
nicht ohne unser Aller Schuld, die leidvollste Geschichte unter allen
Vlkern gehabt hat und dem man den edelsten Menschen (Christus), den
reinsten Weisen (Spinoza), das mchtigste Buch und das wirkungsvollste
Sittengesetz der Welt verdankt. Ueberdiess: in den dunkelsten Zeiten
des Mittelalters, als sich die asiatische Wolkenschicht schwer
ber Europa gelagert hatte, waren es jdische Freidenker, Gelehrte
und Aerzte, welche das Banner der Aufklrung und der geistigen
Unabhngigkeit unter dem hrtesten persnlichen Zwange festhielten und
Europa gegen Asien vertheidigten; ihren Bemhungen ist es nicht am
wenigsten zu danken, dass eine natrlichere, vernunftgemssere und
jedenfalls unmythische Erklrung der Welt endlich wieder zum Siege
kommen konnte und dass der Ring der Cultur, welcher uns jetzt mit
der Aufklrung des griechisch-rmischen Alterthums zusammenknpft,
unzerbrochen blieb. Wenn das Christenthum Alles gethan hat, um den
Occident zu orientalisiren, so hat das judenthum wesentlich mit
dabei geholfen, ihn immer wieder zu occidentalisiren: was in einem
bestimmten Sinne so viel heisst als Europa's Aufgabe und Geschichte zu
einer Fortsetzung der griechischen zumachen.


476.

Scheinbare Ueberlegenheit des Mittelalters. - Das Mittelalter zeigt
in der Kirche ein Institut mit einem ganz universalen, die gesammte
Menschheit in sich begreifenden Ziele, noch dazu einem solchen,
welches den - vermeintlich - hchsten Interessen derselben galt:
dagegen gesehen, machen die Ziele der Staaten und Nationen, welche die
neuere Geschichte zeigt, einen beklemmenden Eindruck; sie erscheinen
kleinlich, niedrig, materiell, rumlich beschrnkt. Aber dieser
verschiedene Eindruck auf die Phantasie soll unser Urtheil ja nicht
bestimmen; denn jenes universale Institut entsprach erknstelten,
auf Fictionen beruhenden Bedrfnissen, welche es, wo sie noch nicht
vorhanden waren, erst erzeugen musste (Bedrfniss der Erlsung); die
neuen Institute helfen wirklichen Nothzustnden ab; und die Zeit
kommt, wo Institute entstehen, um den gemeinsamen wahren Bedrfnissen
aller Menschen zu dienen und das phantastische Urbild, die katholische
Kirche, in Schatten und Vergessenheit zu stellen.


477.

Der Krieg unentbehrlich. - Es ist eitel Schwrmerei und
Schnseelenthum, von der Menschheit noch viel (oder gar: erst
recht viel) zu erwarten, wenn sie verlernt hat, Kriege zu fhren.
Einstweilen kennen wir keine anderen Mittel, wodurch mattwerdenden
Vlkern jene rauhe Energie des Feldlagers, jener tiefe unpersnliche
Hass, jene Mrder-Kaltbltigkeit mit gutem Gewissen, jene gemeinsame
organisirende Gluth in der Vernichtung des Feindes, jene stolze
Gleichgltigkeit gegen grosse Verluste, gegen das eigene Dasein und
das der Befreundeten, jenes dumpfe erdbebenhafte Erschttern der Seele
ebenso stark und sicher mitgetheilt werden knnte, wie diess jeder
grosse Krieg thut: von den hier hervorbrechenden Bchen und Strmen,
welche freilich Steine und Unrath aller Art mit sich wlzen und
die Wiesen zarter Culturen zu Grunde richten, werden nachher unter
gnstigen Umstnden die Rderwerke in den Werksttten des Geistes mit
neuer Kraft umgedreht. Die Cultur kann die Leidenschaften, Laster und
Bosheiten durchaus nicht entbehren. - Als die kaiserlich gewordenen
Rmer der Kriege etwas mde wurden, versuchten sie aus Thierhetzen,
Gladiatorenkmpfen und Christenverfolgungen sich neue Kraft zu
gewinnen. Die jetzigen Englnder, welche im Ganzen auch dem Kriege
abgesagt zu haben scheinen, ergreifen ein anderes Mittel, um
jene entschwindenden Krfte neu zu erzeugen: jene gefhrlichen
Entdeckungsreisen, Durchschiffungen, Erkletterungen, zu
wissenschaftlichen Zwecken, wie es heisst, unternommen, in Wahrheit,
um berschssige Kraft aus Abenteuern und Gefahren aller Art mit nach
Hause zu bringen. Man wird noch vielerlei solche Surrogate des Krieges
ausfindig machen, aber vielleicht durch sie immer mehr einsehen, dass
eine solche hoch cultivirte und daher nothwendig matte Menschheit, wie
die der jetzigen Europer, nicht nur der Kriege, sondern der grssten
und furchtbarsten Kriege - also zeitweiliger Rckflle in die Barbarei
- bedarf, um nicht an den Mitteln der Cultur ihre Cultur und ihr
Dasein selber einzubssen.


478.

Fleiss im Sden und Norden. - Der Fleiss entsteht auf zwei ganz
verschiedene Arten. Die Handwerker im Sden werden fleissig, nicht aus
Erwerbstrieb, sondern aus der bestndigen Bedrftigkeit der Anderen.
Weil immer Einer kommt, der ein Pferd beschlagen, einen Wagen
ausbessern lassen will, so ist der Schmied fleissig. Kme Niemand, so
wrde er auf dem Markte herumlungern. Sich zu ernhren, das hat in
einem fruchtbaren Lande wenig Noth, dazu brauchte er nur ein sehr
geringes Maass von Arbeit, jedenfalls keinen Fleiss; schliesslich
wrde er betteln und zufrieden sein. - Der Fleiss englischer Arbeiter
hat dagegen den Erwerbssinn hinter sich: er ist sich seiner selbst und
seiner Ziele bewusst und will mit dem Besitz die Macht, mit der Macht
die grsstmgliche Freiheit und individuelle Vornehmheit.


479.

Reichthum als Ursprung eines Gebltsadels. - Der Reichthum erzeugt
nothwendig eine Aristokratie der Rasse, denn er gestattet die
schnsten Weiber zu whlen, die besten Lehrer zu besolden, er gnnt
dem Menschen Reinlichkeit, Zeit zu krperlichen Uebungen und vor Allem
Abwendung von verdumpfender krperlicher Arbeit. Soweit verschafft er
alle Bedingungen, um, in einigen Generationen, die Menschen vornehm
und schn sich bewegen, ja selbst handeln zu machen: die grssere
Freiheit des Gemthes, die Abwesenheit des Erbrmlich-Kleinen, der
Erniedrigung vor Brodgebern, der Pfennig-Sparsamkeit. - Gerade diese
negativen Eigenschaften sind das reichste Angebinde des Glckes fr
einen jungen Menschen; ein ganz Armer richtet sich gewhnlich durch
Vornehmheit der Gesinnung zu Grunde, er kommt nicht vorwrts und
erwirbt Nichts, seine Rasse ist nicht lebensfhig. - Dabei ist aber zu
bedenken, dass der Reichthum fast die gleichen Wirkungen ausbt, wenn
Einer dreihundert Thaler oder dreissigtausend jhrlich verbrauchen
darf: es giebt nachher keine wesentliche Progression der
begnstigenden Umstnde mehr. Aber weniger zu haben, als Knabe zu
betteln und sich zu erniedrigen, ist furchtbar: obwohl fr Solche,
welche ihr Glck im Glanze der Hfe, in der Unterordnung unter
Mchtige und Einflussreiche suchen oder welche Kirchenhupter werden
wollen, es der rechte Ausgangspunct sein mag. (- Es lehrt, gebckt
sich in die Hhlengnge der Gunst einzuschleichen.)


480.

Neid und Trgheit in verschiedener Richtung. - Die beiden gegnerischen
Parteien, die socialistische und die nationale - oder wie die Namen
in den verschiedenen Lndern Europa's lauten mgen - sind einander
wrdig: Neid und Faulheit sind die bewegenden Mchte in ihnen beiden.
In jenem Heerlager will man so wenig als mglich mit den Hnden
arbeiten, in diesem so wenig als mglich mit dem Kopf; in letzterem
hasst und neidet man die hervorragenden, aus sich wachsenden
Einzelnen, welche sich nicht gutwillig in Reih und Glied zum Zwecke
einer Massenwirkung stellen lassen; in ersterem die bessere,
usserlich gnstiger gestellte Kaste der Gesellschaft, deren
eigentliche Aufgabe, die Erzeugung der hchsten Culturgter, das Leben
innerlich um so viel schwerer und schmerzensreicher macht. Gelingt es
freilich, jenen Geist der Massenwirkung zum Geiste der hheren Classen
der Gesellschaft zu machen, so sind die socialistischen Schaaren
ganz im Rechte, wenn sie auch usserlich zwischen sich und jenen zu
nivelliren suchen, da sie ja innerlich, in Kopf und Herz, schon mit
einander nivellirt sind. - Lebt als hhere Menschen und thut immerfort
die Thaten der hheren Cultur, - so gesteht euch Alles, was da lebt,
euer Recht zu, und die Ordnung der Gesellschaft, deren Spitze ihr
seid, ist gegen jeden bsen Blick und Griff gefeit!


481.

Grosse Politik und ihre Einbussen. - Ebenso wie ein Volk die grssten
Einbussen, welche Krieg und Kriegsbereitschaft mit sich bringen, nicht
durch die Unkosten des Krieges, die Stauungen im Handel und Wandel
erleidet, ebenso nicht durch die Unterhaltung der stehenden Heere - so
gross diese Einbussen auch jetzt sein mgen, wo acht Staaten Europa's
jhrlich die Summe von zwei bis drei Milliarden darauf verwenden -,
sondern dadurch, dass Jahr aus Jahr ein die tchtigsten, krftigsten,
arbeitsamsten Mnner in ausserordentlicher Anzahl ihren eigentlichen
Beschftigungen und Berufen entzogen werden, um Soldaten zu sein:
ebenso erleidet ein Volk, welches sich anschickt, grosse Politik zu
treiben und unter den mchtigsten Staaten sich eine entscheidende
Stimme zu sichern, seine grssten Einbussen nicht darin, worin man
sie gewhnlich findet. Es ist wahr, dass es von diesem Zeitpuncte ab
fortwhrend eine Menge der hervorragendsten Talente auf dem "Altar
des Vaterlandes" oder der nationalen Ehrsucht opfert, whrend frher
diesen Talenten, welche jetzt die Politik verschlingt, andere
Wirkungskreise offen standen. Aber abseits von diesen ffentlichen
Hekatomben, und im Grunde viel grauenhafter als diese, begiebt
sich ein Schauspiel, welches fortwhrend in hunderttausend Acten
gleichzeitig sich abspielt: jeder tchtige, arbeitsame, geistvolle,
strebende Mensch eines solchen nach politischen Ruhmeskrnzen
lsternen Volkes wird von dieser Lsternheit beherrscht und gehrt
seiner eigenen Sache nicht mehr, wie frher, vllig an: die tglich
neuen Fragen und Sorgen des ffentlichen Wohles verschlingen eine
tgliche Abgabe von dem Kopf- und Herz-Capitale jedes Brgers:
die Summe all dieser Opfer und Einbussen an individueller Energie
und Arbeit ist so ungeheuer, dass das politische Aufblhen eines
Volkes eine geistige Verarmung und Ermattung, eine geringere
Leistungsfhigkeit zu Werken, welche grosse Concentration und
Einseitigkeit verlangen, fast mit Nothwendigkeit nach sich zieht.
Zuletzt darf man fragen: lohnt sich denn all diese Blthe und Pracht
des Ganzen (welche ja doch nur als Furcht der anderen Staaten vor
dem neuen Coloss und als dem Auslande abgerungene Begnstigung der
nationalen Handels- und Verkehrs-Wohlfahrt zu Tage tritt), wenn
dieser groben und buntschillernden Blume der Nation alle die edleren,
zarteren, geistigeren Pflanzen und Gewchse, an welchen ihr Boden
bisher so reich war, zum Opfer gebracht werden mssen?


482.

Und nochmals gesagt. - Oeffentliche Meinungen - private Faulheiten.




Neuntes Hauptstck.

Der Mensch mit sich allein.

483.

Feinde der Wahrheit. - Ueberzeugungen sind gefhrlichere Feinde der
Wahrheit, als Lgen.


484.

Verkehrte Welt. - Man kritisirt einen Denker schrfer, wenn er einen
uns unangenehmen Satz hinstellt; und doch wre es vemnftiger, diess
zu thun, wenn sein Satz uns angenehm ist.


485.

Charaktervoll. - Charaktervoll erscheint ein Mensch weit hufiger,
weil er immer seinem Temperamente, als weil er immer seinen Principien
folgt.


486.

Das Eine, was Noth thut. - Eins muss man haben: entweder einen von
Natur leichten Sinn oder einen durch Kunst und Wissen erleichterten
Sinn.


487.

Die Leidenschaft fr Sachen. - Wer seine Leidenschaft auf Sachen
(Wissenschaften, Staatswohl, Culturinteressen, Knste) richtet,
entzieht seiner Leidenschaft fr Personen viel Feuer (selbst wenn sie
Vertreter jener Sachen sind, wie Staatsmnner, Philosophen, Knstler
Vertreter ihrer Schpfungen sind).


488.

Die Ruhe in der That. - Wie ein Wasserfall im Sturz langsamer und
schwebender wird, so pflegt der grosse Mensch der That mit mehr Ruhe
zu handeln, als seine strmische Begierde vor der That es erwarten
liess.


489.

Nicht zu tief. - Personen, welche eine Sache in aller Tiefe erfassen,
bleiben ihr selten auf immer treu. Sie haben eben die Tiefe an's Licht
gebracht: da giebt es immer viel Schlimmes zu sehen.


490.

Wahn der Idealisten. - Alle Idealisten bilden sich ein, die Sachen,
welchen sie dienen, seien wesentlich besser, als die anderen Sachen
in der Welt, und wollen nicht glauben, dass wenn ihre Sache berhaupt
gedeihen soll, sie genau des selben bel riechenden Dngers bedarf,
welchen alle anderen menschlichen Unternehmungen nthig haben.


491.

Selbstbeobachtung. - Der Mensch ist gegen sich selbst, gegen
Auskundschaftung und Belagerung durch sich selber, sehr gut
vertheidigt, er vermag gewhnlich nicht mehr von sich, als
seine Aussenwerke wahrzunehmen. Die eigentliche Festung ist ihm
unzugnglich, selbst unsichtbar, es sei denn, dass Freunde und Feinde
die Verrther machen und ihn selber auf geheimem Wege hineinfhren.


492.

Der richtige Beruf. - Mnner halten selten einen Beruf aus, von dem
sie nicht glauben oder sich einreden, er sei im Grunde wichtiger, als
alle anderen. Ebenso geht es Frauen mit ihren Liebhabern.


493.

Adel der Gesinnung. - Der Adel der Gesinnung besteht zu einem grossen
Teil aus Gutmthigkeit und Mangel an Misstrauen, und enthlt also
gerade Das, worber sich die gewinnschtigen und erfolgreichen
Menschen so gerne mit Ueberlegenheit und Spott ergehen.


494.

Ziel und Wege. - Viele sind hartnckig in Bezug auf den einmal
eingeschlagenen Weg, Wenige in Bezug auf das Ziel.


495.

Das Emprende an einer individuellen Lebensart. - Alle sehr
individuellen Maassregeln des Lebens bringen die Menschen gegen Den,
der sie ergreift, auf; sie fhlen sich durch die aussergewhnliche
Behandlung, welche jener sich angedeihen lsst, erniedrigt, als
gewhnliche Wesen.


496.

Vorrecht der Grsse. - Es ist das Vorrecht der Grsse, mit geringen
Gaben hoch zu beglcken.


497.

Unwillkrlich vornehm. - Der Mensch betrgt sich unwillkrlich
vornehm, wenn er sich gewhnt hat, von den Menschen Nichts zu wollen
und ihnen immer zu geben.


498.

Bedingung des Heroenthums. - Wenn Einer zum Helden werden will, so
muss die Schlange vorher zum Drachen geworden sein, sonst fehlt ihm
sein rechter Feind.


499.

Freund. - Mit Freude, nicht Mitleiden, macht den Freund.


500.

Ebbe und Fluth zu benutzen. - Man muss zum Zwecke der Erkenntniss jene
innere Strmung zu benutzen wissen, welche uns zu einer Sache hinzieht
und wiederum jene, welche uns nach einer Zeit von der Sache fortzieht.


501.

Freude an sich.- "Freude an der Sache" so sagt man: aber in Wahrheit,
ist es Freude an sich vermittelst einer Sache.


502.

Der Bescheidene. - Wer gegen Personen bescheiden ist, zeigt gegen
Sachen (Stadt, Staat, Gesellschaft, Zeit, Menschheit) um so strker
seine Anmaassung. Das ist seine Rache.


503.

Neid und Eifersucht. - Neid und Eifersucht sind die Schamtheile der
menschlichen Seele. Die Vergleichung kann vielleicht fortgesetzt
werden.


504.

Der vornehmste Heuchler. - Gar nicht von sich zu reden, ist eine sehr
vornehme Heuchelei.


505.

Verdruss. - Der Verdruss ist eine krperliche Krankheit, welche
keineswegs dadurch schon gehoben ist, dass die Veranlassung zum
Verdruss hinterdrein beseitigt wird.


506.

Vertreter der Wahrheit. - Nicht wenn es gefhrlich ist, die Wahrheit
zu sagen, findet sie am seltensten Vertreter, sondern wenn es
langweilig ist.


507.

Beschwerlicher noch, als Feinde. - Die Personen, von deren
sympathischem Verhalten wir nicht unter allen Umstnden berzeugt
sind, whrend uns irgend ein Grund (z.B. Dankbarkeit) verpflichtet,
den Anschein der unbedingten Sympathie unsererseits aufrecht zu
erhalten, qulen unsere Phantasie viel mehr, als unsere Feinde.


508.

Die freie Natur. - Wir sind so gern in der freien Natur, weil diese
keine Meinung ber uns hat.


509.

Jeder in Einer Sache berlegen. - In civilisirten Verhltnissen fhlt
sich Jeder jedem Anderen in Einer Sache wenigstens berlegen: darauf
beruht das allgemeine Wohlwollen, insofern Jeder einer ist, der unter
Umstnden helfen kann und desshalb sich ohne Scham helfen lassen darf.


510.

Trostgrnde. - Bei einem Todesfall braucht man zumeist Trostgrnde,
nicht sowohl um die Gewalt des Schmerzes zu lindern, als um zu
entschuldigen, dass man sich so leicht getrstet fhlt.


511.

Die Ueberzeugungstreuen. - Wer viel zu thun hat, behlt seine
allgemeinen Ansichten und Standpuncte fast unverndert bei. Ebenso
jeder, der im Dienst einer Idee arbeitet: er wird die Idee selber
nie mehr prfen, dazu hat er keine Zeit mehr; ja es geht gegen sein
Interesse, sie berhaupt noch fr discutirbar zu halten.


512.

Moralitt und Quantitt. - Die hhere Moralitt des einen Menschen, im
Vergleich zu der eines anderen, liegt oft nur darin, dass die Ziele
quantitativ grsser sind. Jenen zieht die Beschftigung mit dem
Kleinen, im engen Kreise, nieder.


513.

Das Leben als Ertrag des Lebens. - Der Mensch mag sich noch so weit
mit seiner Erkenntniss ausrecken, sich selber noch so objectiv
vorkommen: zuletzt trgt er doch Nichts davon, als seine eigene
Biographie.


514.

Die eherne Nothwendigkeit. - Die eherne Nothwendigkeit ist ein Ding,
von dem die Menschen im Verlauf der Geschichte einsehen, dass es weder
ehern noch nothwendig ist.


515.

Aus der Erfahrung. - Die Unvernunft einer Sache ist kein Grund gegen
ihr Dasein, vielmehr eine Bedingung desselben.


516.

Wahrheit. - Niemand stirbt jetzt an tdtlichen Wahrheiten: es giebt zu
viele Gegengifte.


517.

Grundeinsicht. - Es giebt keine prstabilirte Harmonie zwischen der
Frderung der Wahrheit und dem Wohle der Menschheit.


518.

Menschenloos. - Wer tiefer denkt, weiss, dass er immer Unrecht hat, er
mag handeln und urtheilen, wie er will.


519.

Wahrheit als Circe. - Der Irrthum hat aus Thieren Menschen gemacht;
sollte die Wahrheit im Stande sein, aus dem Menschen wieder ein Thier
zu machen?


520.

Gefahr unserer Cultur. - Wir gehren einer Zeit an, deren Cultur in
Gefahr ist, an den Mitteln der Cultur zu Grunde zu gehen.


521.

Grsse heisst: Richtung-geben. - Kein Strom ist durch sich selber
gross und reich: sondern dass er so viele Nebenflsse aufnimmt und
fortfhrt, das macht ihn dazu. So steht es auch mit allen Grssen des
Geistes. Nur darauf kommt es an, dass Einer die Richtung angiebt,
welcher dann so viele Zuflsse folgen mssen; nicht darauf, ob er von
Anbeginn arm oder reich begabt ist.


522.

Schwaches Gewissen. - Menschen, welche von ihrer Bedeutung fr
die Menschheit sprechen, haben in Bezug auf gemeine brgerliche
Rechtlichkeit im Halten von Vertrgen, Versprechungen, ein schwaches
Gewissen.


523.

Geliebt sein wollen. - Die Forderung, geliebt zu werden, ist die
grsste der Anmaassungen.


524.

Menschenverachtung. - Das unzweideutigste Anzeichen von einer
Geringschtzung der Menschen ist diess, dass man Jedermann nur als
Mittel zu seinem Zwecke oder gar nicht gelten lsst.


525.

Anhnger aus Widerspruch. - Wer die Menschen zur Raserei gegen sich
gebracht hat, hat sich immer auch eine Partei zu seinen Gunsten
erworben.


526.

Erlebnisse vergessen. - Wer viel denkt, und zwar sachlich denkt,
vergisst leicht seine eigenen Erlebnisse, aber nicht so die Gedanken,
welche durch jene hervorgerufen wurden.


527.

Festhalten einer Meinung. - Der Eine hlt eine Meinung fest, weil er
sich Etwas darauf einbildet, von selbst auf sie gekommen zu sein, der
Andere, weil er sie mit Mhe gelernt hat und stolz darauf ist, sie
begriffen zu haben: Beide also aus Eitelkeit.


528.

Das Licht scheuen. - Die gute That scheut ebenso ngstlich das Licht,
als die bse That: diese frchtet, durch das Bekanntwerden komme der
Schmerz (als Strafe), jene frchtet, durch das Bekanntwerden schwinde
die Lust (jene reine Lust an sich selbst nmlich, welche sofort
aufhrt, sobald eine Befriedigung der Eitelkeit hinzutritt).


529.

Die Lnge des Tages. - Wenn man viel hineinzustecken hat, so hat ein
Tag hundert Taschen.


530.

Tyrannengenie. - Wenn in der Seele eine unbezwingliche Lust dazu rege
ist, sich tyrannisch durchzusetzen, und das Feuer bestndig unterhlt,
so wird selbst eine geringe Begabung (bei Politikern, Knstlern)
allmhlich zu einer fast unwiderstehlichen Naturgewalt.


531.

Das Leben des Feindes. - Wer davon lebt, einen Feind zu bekmpfen, hat
ein Interesse daran, dass er am Leben bleibt.


532.

Wichtiger. - Man nimmt die unerklrte dunkle Sache wichtiger, als die
erklrte helle.


533.

Abschtzung erwiesener Dienste. - Dienstleistungen, die uns jemand
erweist, schtzen wir nach dem Werthe, den Jener darauf legt, nicht
nach dem, welchen sie fr uns haben.


534.

Unglck. - Die Auszeichnung, welche im Unglck liegt (als ob es ein
Zeichen von Flachheit, Anspruchslosigkeit, Gewhnlichkeit sei, sich
glcklich zu fhlen), ist so gross, dass wenn Jemand Einem sagt: "Aber
wie glcklich Sie sind!" man gewhnlich protestirt.


535.

Phantasie der Angst. - Die Phantasie der Angst ist jener bse ffische
Kobold, der dem Menschen gerade dann noch auf den Rcken springt, wenn
er schon am schwersten zu tragen hat.


536.

Werth abgeschmackter Gegner. - Man bleibt mitunter einer Sache nur
desshalb treu, weil ihre Gegner nicht aufhren, abgeschmackt zu sein.


537.

Werth eines Berufes. - Ein Beruf macht gedankenlos; darin liegt
sein grsster Segen. Denn er ist eine Schutzwehr, hinter welche
man sich, wenn Bedenken und Sorgen allgemeiner Art Einen anfallen,
erlaubtermaassen zurckziehen kann.


538.

Talent. - Das Talent manches Menschen erscheint geringer als es ist,
weil er sich immer zu grosse Aufgaben gestellt hat.


539.

Jugend. - Die Jugend ist unangenehm; denn in ihr ist es nicht mglich
oder nicht vernnftig, productiv zu sein, in irgend einem Sinne.


540.

Zugrosse Ziele. - Wer sich ffentlich grosse Ziele stellt und
hinterdrein im Geheimen einsieht, dass er dazu zu schwach ist, hat
gewhnlich auch nicht Kraft genug, jene Ziele ffentlich zu widerrufen
und wird dann unvermeidlich zum Heuchler.


541.

Im Strome. - Starke Wasser reissen viel Gestein und Gestrpp mit sich
fort, starke Geister viel dumme und verworrene Kpfe.


542.

Gefahren der geistigen Befreiung. - Bei der ernstlich gemeinten
geistigen Befreiung eines Menschen hoffen im Stillen auch seine
Leidenschaften und Begierden ihren Vortheil sich zu ersehen.


543.

Verkrperung des Geistes. - Wenn Einer viel und klug denkt, so bekommt
nicht nur sein Gesicht, sondern auch sein Krper ein kluges Aussehen.


544.

Schlecht sehen und schlecht hren. - Wer wenig sieht, sieht immer
weniger; wer schlecht hrt, hrt immer Einiges noch dazu.


545.

Selbstgenuss in der Eitelkeit. - Der Eitele will nicht sowohl
hervorragen, als sich hervorragend fhlen, desshalb verschmht er kein
Mittel des Selbstbetruges und der Selbstberlistung. Nicht die Meinung
der Anderen, sondern seine Meinung von Deren Meinung liegt ihm am
Herzen.


546.

Ausnahmsweise eitel. - Der fr gewhnlich Selbstgengsame ist
ausnahmsweise eitel und fr Ruhm- und Lobsprche empfnglich, wenn
er krperlich krank ist. In dem Maasse, in welchem er sich verliert,
muss er sich aus fremder Meinung, von Aussen her, wieder zu gewinnen
suchen.


547.

Die "Geistreichen". - Der hat keinen Geist, welcher den Geist sucht.


548.

Wink fr Parteihupter. - Wenn man die Leute dazu treiben kann, sich
ffentlich fr Etwas zu erklren, so hat man sie meistens auch dazu
gebracht, sich innerlich dafr zu erklren; sie wollen frderhin als
consequent erfunden werden.


549.

Verachtung. - Die Verachtung durch Andere ist dem Menschen
empfindlicher, als die durch sich selbst.


550.

Schnur der Dankbarkeit. - Es giebt sclavische Seelen, welche die
Erkenntlichkeit fr erwiesene Wohlthaten so weit treiben, dass sie
sich mit der Schnur der Dankbarkeit selbst erdrosseln.


551.

Kunstgriff des Propheten. - Um die Handlungsweise gewhnlicher
Menschen im Voraus zu errathen, muss man annehmen, dass sie immer den
mindesten Aufwand an Geist machen, um sich aus einer unangenehmen Lage
zu befreien.


552.

Das einzige Menschenrecht. - Wer vom Herkmmlichen abweicht, ist das
Opfer des Aussergewhnlichen; wer im Herkmmlichen bleibt, ist der
Sclave desselben. Zu Grunde gerichtet wird man auf jeden Fall.


553.

Unter das Thier hinab. - Wenn der Mensch vor Lachen wiehert,
bertrifft er alle Thiere durch seine Gemeinheit.


554.

Halbwissen. - Der, welcher eine fremde Sprache wenig spricht, hat mehr
Freude daran, als Der, welcher sie gut spricht. Das Vergngen ist bei
den Halbwissenden.


555.

Gefhrliche Hlfbereitschaft. - Es giebt Leute, welche das Leben den
Menschen erschweren wollen, aus keinem andern Grunde, als um ihnen
hinterdrein ihre Recepte zur Erleichterung des Lebens, zum Beispiel
ihr Christenthum, anzubieten.


556.

Fleiss und Gewissenhaftigkeit. - Fleiss und Gewissenhaftigkeit sind
oftmals dadurch Antagonisten, dass der Fleiss die Frchte sauer vom
Baume nehmen will, die Gewissenhaftigkeit sie aber zu lange hngen
lsst, bis sie herabfallen und sich zerschlagen.


557.

Verdchtigen. - Menschen, welche man nicht leiden kann, sucht man sich
zu verdchtigen.


558.

Die Umstnde fehlen. - Viele Menschen warten ihr Leben lang auf die
Gelegenheit, auf ihre Art gut zu sein.


559.

Mangel an Freunden. - Der Mangel an Freunden lsst auf Neid oder
Anmaassung schliessen. Mancher verdankt seine Freunde nur dem
glcklichen Umstande, dass er keinen Anlass zum Neide hat.


560.

Gefahr in der Vielheit. - Mit einem Talente mehr steht man oft
unsicherer, als mit einem weniger: wie der Tisch besser auf drei, als
auf vier Fssen steht.


561.

Den Andern zum Vorbild. - Wer ein gutes Beispiel geben will, muss
seiner Tugend einen Gran Narrheit zusetzen: dann ahmt man nach und
erhebt sich zugleich ber den Nachgeahmten, - was die Menschen lieben.


562.

Zielscheibe sein. - Die bsen Reden Anderer ber uns gelten oft nicht
eigentlich uns, sondern sind die Aeusserungen eines Aergers, einer
Verstimmung aus ganz anderen Grnden.


563.

Leicht resignirt. - Man leidet wenig an versagten Wnschen, wenn man
seine Phantasie gebt hat, die Vergangenheit zu verhsslichen.


564.

In Gefahr. - Man ist am Meisten in Gefahr, berfahren zu werden, wenn
man eben einem Wagen ausgewichen ist.


565.

Je nach der Stimme die Rolle. - Wer gezwungen ist, lauter zu reden,
als er gewohnt ist (etwa vor einem Halb-Tauben oder vor einem grossen
Auditorium), bertreibt gewhnlich die Dinge, welche er mitzutheilen
hat. - Mancher wird zum Verschwrer, bswilligen Nachredner,
Intriguanten, blos weil seine Stimme sich am besten zu einem Geflster
eignet.


566.

Liebe und Hass. - Liebe und Hass sind nicht blind, aber geblendet vom
Feuer, das sie selber mit sich tragen.


567.

Mit Vortheil angefeindet. - Menschen, welche der Welt ihre Verdienste
nicht vllig deutlich machen knnen, suchen sich eine starke
Feindschaft zu erwecken. Sie haben dann den Trost, zu denken, dass
diese zwischen ihren Verdiensten und deren Anerkennung stehe - und
dass mancher Andere das Selbe vermuthe: was sehr vortheilhaft fr ihre
Geltung ist.


568.

Beichte. - Man vergisst seine Schuld, wenn man sie einem Andern
gebeichtet hat, aber gewhnlich vergisst der Andere sie nicht.


569.

Selbstgengsamkeit. - Das goldene Vliess der Selbstgengsamkeit
schtzt gegen Prgel, aber nicht gegen Nadelstiche.


570.

Schatten in der Flamme. - Die Flamme ist sich selber nicht so hell,
als den Anderen, denen sie leuchtet: so auch der Weise.


571.

Eigene Meinungen. - Die erste Meinung, welche uns einfllt, wenn wir
pltzlich ber eine Sache befragt werden, ist gewhnlich nicht unsere
eigene, sondern nur die landlufige, unserer Kaste, Stellung, Abkunft
zugehrige; die eigenen Meinungen schwimmen selten oben auf.


572.

Herkunft des Muthes. - Der gewhnliche Mensch ist muthig und
unverwundbar wie ein Held, wenn er die Gefahr nicht sieht, fr sie
keine Augen hat. Umgekehrt: der Held hat die einzig verwundbare Stelle
auf dem Rcken, also dort, wo er keine Augen hat.


573.

Gefahr im Arzte. - Man muss fr seinen Arzt geboren sein, sonst geht
man an seinem Arzt zu Grunde.


574.

Wunderliche Eitelkeit. - Wer dreimal mit Dreistigkeit das Wetter
prophezeit hat und Erfolg hatte, der glaubt im Grunde seiner Seele ein
Wenig an seine Prophetengabe. Wir lassen das Wunderliche, Irrationelle
gelten, wenn es unserer Selbstschtzung schmeichelt.


575.

Beruf. - Ein Beruf ist das Rckgrat des Lebens.


576.

Gefahr persnlichen Einflusses. - Wer fhlt, dass er auf einen Anderen
einen grossen innerlichen Einfluss ausbt, muss ihm ganz freie
Zgel lassen, ja gelegentliches Widerstreben gern sehen und selbst
herbeifhren: sonst wird er unvermeidlich sich einen Feind machen.


577.

Den Erben gelten lassen. - Wer etwas Grosses in selbstloser Gesinnung
begrndet hat, sorgt dafr, sich Erben zu erziehen. Es ist das Zeichen
einer tyrannischen und unedlen Natur, in allen mglichen Erben seines
Werkes seine Gegner zu sehen und gegen sie im Stande der Nothwehr zu
leben.


578.

Halbwissen. - Das Halbwissen ist siegreicher, als das Ganzwissen: es
kennt die Dinge einfacher, als sie sind, und macht daher seine Meinung
fasslicher und berzeugender.


579.

Nicht geeignet zum Parteimann. - Wer viel denkt, eignet sich nicht zum
Parteimann: er denkt sich zu bald durch die Partei hindurch.


580.

Schlechtes Gedchtniss. - Der Vortheil des schlechten Gedchtnisses
ist, dass man die selben guten Dinge mehrere Male zum Ersten Male
geniesst.


581.

Sich Schmerzen machen. - Rcksichtslosigkeit des Denkens ist oft
das Zeichen einer unfriedlichen inneren Gesinnung, welche Betubung
begehrt.


582.

Mrtyrer. - Der Jnger eines Mrtyrers leidet mehr, als der Mrtyrer.


583.

Rckstndige Eitelkeit. - Die Eitelkeit mancher Menschen, die es
nicht nthig htten, eitel zu sein, ist die briggebliebene und gross
gewachsene Gewohnheit aus der Zeit her, wo sie noch kein Recht hatten,
an sich zu glauben und diesen Glauben erst von Andern in kleiner Mnze
einbettelten.


584.

Punctum saliens der Leidenschaft. - Wer im Begriff ist, in Zorn oder
in einen heftigen Liebesaffect zu gerathen, erreicht einen Punct, wo
die Seele voll ist wie ein Gefss: aber doch muss ein Wassertropfen
noch hinzukommen, der gute Wille zur Leidenschaft (den man gewhnlich
auch den bsen nennt). Es ist nur dieses Pnctchen nthig, dann luft
das Gefss ber.


585.

Gedanke des Unmuthes. - Es ist mit den Menschen wie mit den
Kohlenmeilern im Walde. Erst wenn die jungen Menschen ausgeglht haben
und verkohlt sind, gleich jenen, dann werden sie ntzlich. So lange
sie dampfen und rauchen, sind sie vielleicht interessanter, aber
unntz und gar zu hufig unbequem. - Die Menschheit verwendet
schonungslos jeden Einzelnen als Material zum Heizen ihrer grossen
Maschinen: aber wozu dann die Maschinen, wenn alle Einzelnen (das
heisst die Menschheit) nur dazu ntzen, sie zu unterhalten? Maschinen,
die sich selbst Zweck sind, - ist das die umana commedia?


586.

Vom Stundenzeiger des Lebens. - Das Leben besteht aus seltenen
einzelnen Momenten von hchster Bedeutsamkeit und unzhlig vielen
Intervallen, in denen uns besten Falls die Schattenbilder jener
Momente umschweben. Die Liebe, der Frhling, jede schne Melodie, das
Gebirge, der Mond, das Meer - Alles redet nur einmal ganz zum Herzen:
wenn es berhaupt je ganz zu Worte kommt. Denn viele Menschen haben
jene Momente gar nicht und sind selber Intervalle und Pausen in der
Symphonie des wirklichen Lebens.


587.

Angreifen oder eingreifen. - Wir machen hufig den Fehler, eine
Richtung oder Partei oder Zeit lebhaft anzufeinden, weil wir zufllig
nur ihre verusserlichte Seite, ihre Verkmmerung oder die ihnen
nothwendig anhaftenden "Fehler ihrer Tugenden" zu sehen bekommen, -
vielleicht weil wir selbst an diesen vornehmlich theilgenommen haben.
Dann wenden wir ihnen den Rcken und suchen eine entgegengesetzte
Richtung; aber das Bessere wre, die starken guten Seiten aufzusuchen
oder an sich selber auszubilden. Freilich gehrt ein krftigerer Blick
und besserer Wille dazu, das Werdende und Unvollkommene zu frdern,
als es in seiner Unvollkommenheit zu durchschauen und zu verleugnen.


588.

Bescheidenheit. - Es giebt wahre Bescheidenheit (das heisst die
Erkenntniss, dass wir nicht unsere eigenen Werke sind); und recht
wohl geziemt sie dem grossen Geiste, weil gerade er den Gedanken der
vlligen Unverantwortlichkeit (auch fr das Gute, was er schafft)
fassen kann. Die Unbescheidenheit des Grossen hasst man nicht,
insofern er seine Kraft fhlt, sondern weil er seine Kraft dadurch
erst erfahren will, dass er die Anderen verletzt, herrisch behandelt
und zusieht, wie weit sie es aushalten. Gewhnlich beweist diess sogar
den Mangel an sicherem Gefhl der Kraft und macht somit die Menschen
an seiner Grsse zweifeln. Insofern ist Unbescheidenheit vom
Gesichtspuncte der Klugheit aus sehr zu widerrathen.


589.

Des Tages erster Gedanke. - Das beste Mittel, jeden Tag gut zu
beginnen, ist: beim Erwachen daran zu denken, ob man nicht wenigstens
einem Menschen an diesem Tage eine Freude machen knne. Wenn diess als
ein Ersatz fr die religise Gewhnung des Gebetes gelten drfte, so
htten die Mitmenschen einen Vortheil bei dieser Aenderung.


590.

Anmaassung als letztes Trostmittel. - Wenn man ein Missgeschick,
seinen intellectuellen Mangel, seine Krankheit sich so zurecht legt,
dass man hierin sein vorgezeichnetes Schicksal, seine Prfung oder
die geheimnissvolle Strafe fr frher Begangenes sieht, so macht man
sich sein eigenes Wesen dadurch interessant und erhebt sich in der
Vorstellung ber seine Mitmenschen. Der stolze Snder ist eine
bekannte Figur in allen kirchlichen Secten.


591.

Vegetation des Glckes. - Dicht neben dem Wehe der Welt, und oft auf
seinem vulcanischen Boden, hat der Mensch seine kleinen Grten des
Glckes angelegt; ob man das Leben mit dem Blicke Dessen betrachtet,
der vom Dasein Erkenntniss allein will, oder Dessen, der sich ergiebt
und resignirt, oder Dessen, der an der berwundenen Schwierigkeit sich
freut, - berall wird er etwas Glck neben dem Unheil aufgesprosst
finden - und zwar um so mehr Glck, je vulcanischer der Boden war nur
wre es lcherlich, zu sagen, dass mit diesem Glck das Leiden selbst
gerechtfertigt sei.


592.

Die Strasse der Vorfahren. - Es ist vernnftig, wenn jemand das
Talent, auf welches sein Vater oder Grossvater Mhe verwendet hat, an
sich selbst weiter ausbildet und nicht zu etwas ganz Neuem umschlgt;
er nimmt sich sonst die Mglichkeit, zum Vollkommenen in irgend einem
Handwerk zu gelangen. Desshalb sagt das Sprchwort: "Welche Strasse
sollst du reiten? - die deiner Vorfahren."


593.

Eitelkeit und Ehrgeiz als Erzieher. - So lange Einer noch nicht zum
Werkzeug des allgemeinen menschlichen Nutzens geworden ist, mag ihn
der Ehrgeiz peinigen; ist jenes Ziel aber erreicht, arbeitet er mit
Nothwendigkeit wie eine Maschine zum Besten Aller, so mag dann die
Eitelkeit kommen; sie wird ihn im Kleinen vermenschlichen, geselliger,
ertrglicher, nachsichtiger machen, dann, wenn der Ehrgeiz die grobe
Arbeit (ihn ntzlich zu machen) an ihm vollendet hat.


594.

Philosophische Neulinge. - Hat man die Weisheit eines Philosophen eben
eingenommen, so geht man durch die Strassen mit dem Gefhle, als sei
man umgeschaffen und ein grosser Mann geworden; denn man findet lauter
Solche, welche diese Weisheit nicht kennen, hat also ber Alles eine
neue unbekannte Entscheidung vorzutragen: weil man ein Gesetzbuch
anerkennt, meint man jetzt auch sich als Richter gebrden zu mssen.


595.

Durch Missfallen gefallen. - Die Menschen, welche lieber auffallen
und dabei missfallen wollen, begehren das Selbe wie Die, welche nicht
auffallen und gefallen wollen, nur in einem viel hheren Grade und
indirect, vermittelst einer Stufe, durch welche sie sich scheinbar
von ihrem Ziele entfernen. Sie wollen Einfluss und Macht, und zeigen
desshalb ihre Ueberlegenheit, selbst so, dass sie unangenehm empfunden
wird; denn sie wissen, dass Der, welcher endlich zur Macht gelangt
ist, fast in Allem was er thut und sagt, gefllt, und dass selbst, wo
er missfllt, er doch noch zu gefallen scheint. - Auch der Freigeist,
und ebenso der Glubige, wollen Macht, um durch sie einmal zu
gefallen; wenn ihnen ihrer Lehre wegen ein beles Schicksal,
Verfolgung, Kerker, Hinrichtung, droht, so freuen sie sich des
Gedankens, dass ihre Lehre auf diese Weise der Menschheit eingeritzt
und eingebrannt wird; sie nehmen es hin als ein schmerzhaftes, aber
krftiges, wenngleich spt wirkendes Mittel, um doch noch zur Macht zu
gelangen.


596.

Casus belli und Aehnliches - Der Frst, welcher zu dem gefassten
Entschlusse, Krieg mit dem Nachbar zu fhren, einen casus belli
ausfindig macht, gleicht dem Vater, der seinem Kinde eine Mutter
unterschiebt, welche frderhin als solche gelten soll. Und sind nicht
fast alle ffentlich bekannt gemachten Motive unserer Handlungen
solche untergeschobene Mtter?


597.

Leidenschaft und Recht. - Niemand spricht leidenschaftlicher von
seinem Rechte, als Der, welcher im Grunde seiner Seele einen Zweifel
an seinem Rechte hat. Indem er die Leidenschaft auf seine Seite zieht,
will er den Verstand und dessen Zweifel betuben: so gewinnt er das
gute Gewissen und mit ihm den Erfolg bei den Mitmenschen.


598.

Kunstgriff des Entsagenden. - Wer gegen die Ehe protestirt nach
Art der katholischen Priester wird diese nach ihrer niedrigsten,
gemeinsten Auffassung zu verstehen suchen. Ebenso wer die Ehre bei den
Zeitgenossen von sich abweist, wird deren Begriff niedrig fassen; so
erleichtert er sich die Entbehrung und den Kampf dagegen. Uebrigens
wird Der, welcher sich im Ganzen viel versagt, sich im Kleinen
leicht Indulgenz geben. Es wre mglich, dass Der, welcher ber den
Beifall der Zeitgenossen erhaben ist, doch die Befriedigung kleiner
Eitelkeiten sich nicht versagen will.


599.

Lebensalter der Anmaassung. - Zwischen dem sechsundzwanzigsten und
dreissigsten Jahre liegt bei begabten Menschen die eigentliche Periode
der Anmaassung; es ist die Zeit der ersten Reife, mit einem starken
Rest von Suerlichkeit. Man fordert auf Grund dessen, was man in sich
fhlt, von Mensen, welche Nichts oder wenig davon sehen, Ehre und
Demthigung, und rcht sich, weil diese zunchst ausbleiben, durch
jenen Blick, jene Gebrde der Anmaassung, jenen Ton der Stimme, die
ein feines Ohr und Auge an allen Productionen jenes Alters, seien es
Gedichte, Philosophien, oder Bilder und Musik, wiedererkennt. Aeltere
erfahrene Mnner lcheln dazu und mit Rhrung gedenken sie dieses
schnen Lebensalters, in dem man bse ber das Geschick ist, so viel
zu sein und so wenig zu scheinen. Spter scheint man wirklich mehr, -
aber man hat den guten Glauben verloren, viel zu sein: man bleibe denn
zeitlebens ein unverbesserlicher Narr der Eitelkeit.


600.

Trgerisch und doch haltbar. - Wie man, um an einem Abgrund
vorbeizugehen oder einen tiefen Bach auf einem Balken zu
berschreiten, eines Gelnders bedarf, nicht um sich daran
festzuhalten, - denn es wrde sofort mit Einem zusammenbrechen,
sondern um die Vorstellung der Sicherheit fr das Auge zu erwecken, -
so bedarf man als Jngling solcher Personen, welche uns unbewusst den
Dienst jenes Gelnders erweisen; es ist wahr, sie wrden uns nicht
helfen, wenn wir uns wirklich, in grosser Gefahr, auf sie sttzen
wollten, aber sie geben die beruhigende Empfindung des Schutzes in
der Nhe (zum Beispiel Vter, Lehrer, Freunde, wie sie, alle drei,
gewhnlich sind).


601.

Lieben lernen. - Man muss lieben lernen, gtig sein lernen, und diess
von Jugend auf; wenn Erziehung und Zufall uns keine Gelegenheit zur
Uebung dieser Empfindungen geben, so wird unsere Seele trocken und
selbst zu einem Verstndnisse jener zarten Erfindungen liebevoller
Menschen ungeeignet. Ebenso muss der Hass gelernt und genhrt werden,
wenn Einer ein tchtiger Hasser werden will: sonst wird auch der Keim
dazu allmhlich absterben.


602.

Die Ruine als Schmuck. - Solche, die viele geistige Wandlungen
durchmachen, behalten einige Ansichten und Gewohnheiten frherer
Zustnde bei, welche dann wie ein Stck unerklrlichen Alterthums und
grauen Mauerwerks in ihr neues Denken und Handeln hineinragen: oft zur
Zierde der ganzen Gegend.


603.

Liebe und Ehre. - Die Liebe begehrt, die Furcht meidet. Daran liegt
es, dass man nicht zugleich von derselben Person wenigstens in dem
selben Zeitraume, geliebt und geehrt werden kann. Denn der Ehrende
erkennt die Macht an, das heisst er frchtet sie: sein Zustand
ist Ehrfurcht. Die Liebe aber erkennt keine Macht an, Nichts was
trennt, abhebt, ber- und unterordnet. Weil sie nicht ehrt, so sind
ehrschtige Menschen insgeheim oder ffentlich gegen das Geliebtwerden
widerspnstig.


604.

Vorurtheil fr die kalten Menschen. - Menschen, welche rasch Feuer
fangen, werden schnell kalt und sind daher im Ganzen unzuverlssig.
Desshalb giebt es fr alle Die, welche immer kalt sind oder sich so
stellen, das gnstige Vorurtheil, dass es besonders vertrauenswerthe
zuverlssige Menschen seien: man verwechselt sie mit Denen, welche
langsam Feuer fangen und es lange festhalten.


605.

Das Gefhrliche an freien Meinungen. - Das leichte Befassen mit freien
Meinungen giebt einen Reiz, wie eine Art jucken; giebt man ihm mehr
nach, so fngt man an, die Stellen zu reiben; bis zuletzt eine offene
schmerzende Wunde entsteht, das heisst: bis die freie Meinung uns in
unserer Lebensstellung, unsern menschlichen Beziehungen zu stren, zu
qulen beginnt.


606.

Begierde nach tiefem Schmerz. - Die Leidenschaft lsst, wenn sie
vorber ist, eine dunkele Sehnsucht nach sich selber zurck und wirft
im Verschwinden noch einen verfhrerischen Blick zu. Es muss doch eine
Art von Lust gewhrt haben, mit ihrer Geissel geschlagen worden zu
sein. Die mssigeren Empfindungen erscheinen dagegen schaal; man will,
wie es scheint, die heftigere Unlust immer noch lieber als die matte
Lust.


607.

Unmuth ber andere und die Welt. - Wenn wir, wie so hufig, unsern
Unmuth an Anderen auslassen, whrend wir ihn eigentlich ber uns
empfinden, erstreben wir im Grunde eine Umnebelung und Tuschung
unseres Urtheils: wir wollen diesen Unmuth a posteriori motiviren
durch die Versehen, Mngel der Anderen und uns selber so aus den Augen
verlieren. - Die religis strengen Menschen, welche gegen sich selber
unerbittliche Richter sind, haben zugleich am meisten Uebles der
Menschheit berhaupt nachgesagt: ein Heiliger, welcher sich die Snden
und den Anderen die Tugenden vorbehlt, hat nie gelebt: ebensowenig
wie jener, welcher nach Buddha's Vorschrift sein Gutes vor den Leuten
verbirgt und ihnen sein Bses allein sehen lsst.


608.

Ursache und Wirkung verwechselt. - Wir suchen unbewusst die Grundstze
und Lehrmeinungen, welche unserem Temperamente angemessen sind, so
dass es zuletzt so aussieht, als ob die Grundstze und Lehrmeinungen
unseren Charakter geschaffen, ihm Halt und Sicherheit gegeben htten:
whrend es gerade umgekehrt zugegangen ist. Unser Denken und Urtheilen
soll nachtrglich, so scheint es, zur Ursache unseres Wesens gemacht
werden: aber thatschlich ist unser Wesen die Ursache, dass wir so
und so denken und urtheilen. - Und was bestimmt uns zu dieser fast
unbewussten Komdie? Die Trgheit und Bequemlichkeit und nicht am
wenigsten der Wunsch der Eitelkeit, durch und durch als consistent,
in Wesen und Denken einartig erfunden zu werden: denn diess erwirbt
Achtung, giebt Vertrauen und Macht.


609.

Lebensalter und Wahrheit. - junge Leute lieben das Interessante und
Absonderliche, gleichgltig wie wahr oder falsch es ist. Reifere
Geister lieben Das an der Wahrheit, was an ihr interessant und
absonderlich ist. Ausgereifte Kpfe endlich lieben die Wahrheit auch
in Dem, wo sie schlicht und einfltig erscheint und dem gewhnlichen
Menschen Langeweile macht, weil sie gemerkt haben, dass die Wahrheit
das Hchste an Geist, was sie besitzt, mit der Miene der Einfalt zu
sagen pflegt.


610.

Die Menschen als schlechte Dichter. - So wie schlechte Dichter im
zweiten Theil des Verses zum Reime den Gedanken suchen, so pflegen die
Menschen in der zweiten Hlfte des Lebens, ngstlicher geworden, die
Handlungen, Stellungen, Verhltnisse zu suchen, welche zu denen ihres
frheren Lebens passen, so dass usserlich Alles wohl zusammenklingt:
aber ihr Leben ist nicht mehr von einem starken Gedanken beherrscht
und immer wieder neu bestimmt, sondern an die Stelle desselben tritt
die Absicht, einen Reim zu finden.


611.

Langeweile und Spiel. - Das Bedrfniss zwingt uns zur Arbeit, mit
deren Ertrage das Bedrfniss gestillt wird; das immer neue Erwachen
der Bedrfnisse gewhnt uns an die Arbeit. In den Pausen aber,
in welchen die Bedrfnisse gestillt sind und gleichsam schlafen,
berfllt uns die Langeweile. Was ist diese? Es ist die Gewhnung
an Arbeit berhaupt, welche sich jetzt als neues, hinzukommendes
Bedrfniss geltend macht; sie wird um so strker sein, je strker
Jemand gewhnt ist zu arbeiten, vielleicht sogar je strker Jemand an
Bedrfnissen gelitten hat. Um der Langeweile zu entgehen, arbeitet der
Mensch entweder ber das Maass seiner sonstigen Bedrfnisse hinaus
oder er erfindet das Spiel, das heisst die Arbeit, welche kein anderes
Bedrfniss stillen soll, als das nach Arbeit berhaupt. Wer des
Spieles berdrssig geworden ist und durch neue Bedrfnisse keinen
Grund zur Arbeit hat, den berfllt mitunter das Verlangen nach einem
dritten Zustand, welcher sich zum Spiel verhlt, wie Schweben zum
Tanzen, wie Tanzen zum Gehen, nach einer seligen, ruhigen Bewegtheit:
es ist die Vision der Knstler und Philosophen von dem Glck.


612.

Lehre aus Bildern. - Betrachtet man eine Reihe Bilder von sich selber,
von den Zeiten der letzten Kindheit bis zu der der Mannesreife, so
findet man mit einer angenehmen Verwunderung, dass der Mann dem Kinde
hnlicher sieht, als der Mann dem Jnglinge: dass also, wahrscheinlich
diesem Vorgange entsprechend, inzwischen eine zeitweilige Alienation
vom Grundcharakter eingetreten ist, ber welche die gesammelte,
geballte Kraft des Mannes wieder Herr wurde. Dieser Wahrnehmung
entspricht die andere, dass alle die starken Einwirkungen von
Leidenschaften, Lehrern, politischen Ereignissen, welche in dem
Jnglingsalter uns herumziehen, spter wieder auf ein festes Maass
zurckgefhrt erscheinen: gewiss, sie leben und wirken in uns fort,
aber das Grundempfinden und Grundmeinen hat doch die Uebermacht und
benutzt sie wohl als Kraftquellen, nicht aber mehr als Regulatoren,
wie diess wohl in den zwanziger Jahren geschieht. So erscheint auch
das Denken und Empfinden des Mannes dem seines kindlichen Lebensalters
wieder gemsser, - und diese innere Thatsache spricht sich in der
erwhnten usseren aus.


613.

Stimmklang der Lebensalter. - Der Ton, indem Jnglinge reden, loben,
tadeln, dichten, missfllt dem Aelter gewordenen, weil er zu laut ist
und zwar zugleich dumpf und undeutlich wie der Ton in einem Gewlbe,
der durch die Leerheit eine solche Schallkraft bekommt; denn das
Meiste, was Jnglinge denken, ist nicht aus der Flle ihrer eigenen
Natur herausgestrmt, sondern ist Anklang, Nachklang von dem, was in
ihrer Nhe gedacht, geredet, gelobt, getadelt worden ist. Weil aber
die Empfindungen (der Neigung und Abneigung) viel strker, als die
Grnde fr jene, in ihnen nachklingen, so entsteht, wenn sie ihre
Empfindung wieder laut werden lassen, jener dumpfe, hallende Ton,
welcher fr die Abwesenheit oder die Sprlichkeit von Grnden das
Kennzeichen abgiebt. Der Ton des reiferen Alters ist streng, kurz
abgebrochen, mssig laut, aber, wie alles deutlich Articulirte, sehr
weit tragend. Das Alter endlich bringt hufig eine gewisse Milde und
Nachsicht in den Klang und verzuckert ihn gleichsam: in manchen Fllen
freilich versuert sie ihn auch.


614.

Zurckgebliebene und vorwegnehmende Menschen. - Der unangenehme
Charakter, welcher voller Misstrauen ist, alles glckliche Gelingen
der Mitbewerbenden und Nchsten mit Neid fhlt, gegen abweichende
Meinungen gewaltthtig und aufbrausend ist, zeigt, dass er einer
frheren Stufe der Cultur zugehrt, also ein Ueberbleibsel ist: denn
die Art, in welcher er mit den Menschen verkehrt, war die rechte und
zutreffende fr die Zustnde eines Faustrecht-Zeitalters; es ist ein
zurckgebliebener Mensch. Ein anderer Charakter, welcher reich an
Mitfreude ist, berall Freunde gewinnt, alles Wachsende und Werdende
liebevoll empfindet, alle Ehren und Erfolge Anderer mitgeniesst und
kein Vorrecht, das Wahre allein zu erkennen, in Anspruch nimmt,
sondern voll eines bescheidenen Misstrauens ist, - das ist ein
vorwegnehmender Mensch, welcher einer hheren Cultur der Menschen
entgegenstrebt. Der unangenehme Charakter stammt aus den Zeiten, wo
die rohen Fundamente des menschlichen Verkehrs erst zu bauen waren,
der andere lebt auf deren hchsten Stockwerken, mglichst entfernt von
dem wilden Thier, welches in den Kellern, unter den Fundamenten der
Cultur, eingeschlossen wthet und heult.


615.

Trost fr Hypochonder. - Wenn ein grosser Denker zeitweilig
hypochondrischen Selbstqulereien unterworfen ist, so mag er sich
zum Troste sagen: "es ist deine eigene grosse Kraft, von der dieser
Parasit sich nhrt und wchst; wre sie geringer, so wrdest du
weniger zu leiden haben." Ebenso mag der Staatsmann sprechen, wenn
Eifersucht und Rachegefhl, berhaupt die Stimmung des bellum omnium
contra omnes, zu der er als Vertreter einer Nation nothwendig
eine starke Begabung haben muss, sich gelegentlich auch in seine
persnlichen Beziehungen eindrngt und ihm das Leben schwer macht.


616.

Der Gegenwart entfremdet. - Es hat grosse Vortheile, seiner Zeit sich
einmal in strkerem Maasse zu entfremden und gleichsam von ihrem Ufer
zurck in den Ocean der vergangenen Weltbetrachtungen getrieben zu
werden. Von dort aus nach der Kste zu blickend, berschaut man wohl
zum ersten Male ihre gesammte Gestaltung und hat, wenn man sich ihr
wieder nhert, den Vortheil, sie besser im Ganzen zu verstehen, als
Die, welche sie nie verlassen haben.


617.

Auf persnlichen Mngeln sen und ernten. - Menschen wie Rousseau
verstehen es, ihre Schwchen, Lcken, Laster gleichsam als Dnger
ihres Talentes zu benutzen. Wenn jener die Verdorbenheit und Entartung
der Gesellschaft als leidige Folge der Cultur beklagt, so liegt hier
eine persnliche Erfahrung zu Grunde; deren Bitterkeit giebt ihm die
Schrfe seiner allgemeinen Verurtheilung und vergiftet die Pfeile, mit
denen er schiesst; er entlastet sich zunchst als ein Individuum und
denkt ein Heilmittel zu suchen, das direct der Gesellschaft, aber
indirect und vermittelst jener, auch ihm zu Nutze ist.


618.

Philosophisch gesinnt sein. - Gewhnlich strebt man darnach, fr alle
Lebenslagen und Ereignisse eine Haltung des Gemthes, eine Gattung
von Ansichten zu erwerben, - das nennt man vornehmlich philosophisch
gesinnt sein. Aber fr die Bereicherung der Erkenntniss mag es hheren
Werth haben, nicht in dieser Weise sich zu uniformiren, sondern auf
die leise Stimme der verschiedenen Lebenslagen zu hren; diese bringen
ihre eigenen Ansichten mit sich. So nimmt man erkennenden Antheil
am Leben und Wesen Vieler, indem man sich selber nicht als starres,
bestndiges, Eines Individuum behandelt.


619.

Im Feuer der Verachtung. - Es ist ein neuer Schritt zum
Selbstndigwerden, wenn man erst Ansichten zu ussern wagt, die als
schmhlich fr Den gelten, welcher sie hegt; da pflegen auch die
Freunde und Bekannten ngstlich zu werden. Auch durch dieses Feuer
muss die begabte Natur hindurch; sie gehrt sich hinterdrein noch
vielmehr selber an.


620.

Aufopferung. - Die grosse Aufopferung wird, im Falle der Wahl, einer
kleinen Aufopferung vorgezogen: weil wir fr die grosse uns durch
Selbstbewunderung entschdigen, was uns bei der kleinen nicht mglich
ist.


621.

Liebe als Kunstgriff. - Wer etwas Neues wirklich kennen lernen will
(sei es ein Mensch, ein Ereigniss, ein Buch), der thut gut, dieses
Neue mit aller mglichen Liebe aufzunehmen, von Allem, was ihm daran
feindlich, anstssig, falsch vorkommt, schnell das Auge abzuwenden, ja
es zu vergessen: so dass man zum Beispiel dem Autor eines Buches den
grssten Vorsprung giebt und geradezu, wie bei einem Wettrennen, mit
klopfendem Herzen danach begehrt, dass er sein Ziel erreiche. Mit
diesem Verfahren dringt man nhmlich der neuen Sache bis an ihr Herz,
bis an ihren bewegenden Punct: und diess heisst eben sie kennen
lernen. Ist man soweit, so macht der Verstand hinterdrein seine
Restrictionen; jene Ueberschtzung, jenes zeitweilige Aushngen des
kritischen Pendels war eben nur der Kunstgriff, die Seele einer Sache
herauszulocken.


622.

Zu gut und zu schlecht von der Welt denken. - Ob man zu gut oder zu
schlecht von den Dingen denkt, man hat immer den Vortheil dabei, eine
hhere Lust einzuernten: denn bei einer vorgefassten zu guten Meinung
legen wir gewhnlich mehr Sssigkeit in die Dinge (Erlebnisse) hinein,
als sie eigentlich enthalten. Eine vorgefasste zu schlechte Meinung
verursacht eine angenehme Enttuschung: das Angenehme, das an sich
in den Dingen lag, bekommt einen Zuwachs durch das Angenehme der
Ueberraschung. - Ein finsteres Temperament wird brigens in beiden
Fllen die umgekehrte Erfahrung machen.


623.

Tiefe Menschen. - Diejenigen, welche ihre Strke in der Vertiefung der
Eindrcke haben - man nennt sie gewhnlich tiefe Menschen - sind bei
allem Pltzlichen verhltnissmssig gefasst und entschlossen: denn im
ersten Augenblick war der Eindruck noch flach, er wird dann erst tief.
Lange vorhergesehene, erwartete Dinge oder Personen regen aber solche
Naturen am meisten auf und machen sie fast unfhig, bei der endlichen
Ankunft derselben noch Gegenwrtigkeit des Geistes zu haben.


624.

Verkehr mit dem hheren Selbst. - Ein jeder hat seinen guten Tag,
wo er sein hheres Selbst findet; und die wahre Humanitt verlangt,
jemanden nur nach diesem Zustande und nicht nach den Werktagen der
Unfreiheit und Knechtung zu schtzen. Man soll zum Beispiel einen
Maler nach seiner hchsten Vision, die er zu sehen und darzustellen
vermochte, taxiren und verehren. Aber die Menschen selber verkehren
sehr verschieden mit diesem ihrem hheren Selbst und sind hufig ihre
eigenen Schauspieler, insofern sie Das, was sie in jenen Augenblicken
sind, spter immer wieder nachmachen. Manche leben in Scheu und Demuth
vor ihrem Ideale und mchten es verleugnen: sie frchten ihr hheres
Selbst, weil es, wenn es redet, anspruchsvoll redet. Dazu hat es eine
geisterhafte Freiheit zu kommen und fortzubleiben wie es will; es wird
desswegen hufig eine Gabe der Gtter genannt, whrend eigentlich
alles Andere Gabe der Gtter (des Zufalls) ist: jenes aber ist der
Mensch selber.


625.

Einsame Menschen. - Manche Menschen sind so sehr an das Alleinsein mit
sich selber gewhnt, dass sie sich gar nicht mit Anderen vergleichen,
sondern in einer ruhigen, freudigen Stimmung, unter guten Gesprchen
mit sich, ja mit Lachen ihr monologisches Leben fortspinnen. Bringt
man sie aber dazu, sich mit Anderen zu vergleichen, so neigen sie zu
einer grbelnden Unterschtzung ihrer selbst: so dass sie gezwungen
werden mssen, eine gute, gerechte Meinung ber sich erst von Anderen
wieder zu lernen: und auch von dieser erlernten Meinung werden sie
immer wieder Etwas abziehen und abhandeln wollen. - Man muss also
gewissen Menschen ihr Alleinsein gnnen und nicht so albern sein, wie
es hufig geschieht, sie desswegen zu bedauern.


626.

Ohne Melodie. - Es giebt Menschen, denen ein sttiges Beruhen in sich
selbst und ein harmonisches Sich-zurecht-legen aller ihrer Fhigkeiten
so zu eigen ist, dass ihnen jede zielesetzende Thtigkeit widerstrebt.
Sie gleichen einer Musik, welche aus lauter langgezogenen harmonischen
Accorden besteht, ohne dass je auch nur der Ansatz zu einer
gegliederten bewegten Melodie sich zeigte. Alle Bewegung von Aussen
her dient nur, dem Kahne sofort wieder sein neues Gleichgewicht auf
dem See harmonischen Wohlklangs zu geben. Moderne Menschen werden
gewhnlich auf's Aeusserste ungeduldig, wenn sie solchen Naturen
begegnen, aus denen Nichts wird, ohne dass man ihnen sagen drfte,
dass sie Nichts sind. Aber in einzelnen Stimmungen erregt ihr Anblick
jene ungewhnliche Frage: wozu berhaupt Melodie? Warum gengt es uns
nicht, wenn das Leben sich ruhevoll in einem tiefen See spiegelt? -
Das Mittelalter war reicher an solchen Naturen als unsere Zeit. Wie
selten trifft man noch auf einen, der so recht friedlich und froh mit
sich auch im Gedrnge fortleben kann, zu sich redend wie Goethe: "das
Beste ist die tiefe Stille, in der ich gegen die Welt lebe und wachse,
und gewinne, was sie mir mit Feuer und Schwert nicht nehmen knnen."


627.

Leben und Erleben. - Sieht man zu, wie Einzelne mit ihren Erlebnissen
- ihren unbedeutenden alltglichen Erlebnissen - umzugehen wissen, so
dass diese zu einem Ackerland werden, das dreimal des Jahres Frucht
trgt; whrend Andere - und wie Viele! - durch den Wogenschlag
der aufregendsten Schicksale, der mannigfaltigsten Zeit- und
Volksstrmungen hindurchgetrieben werden und doch immer leicht,
immer obenauf, wie Kork, bleiben: so ist man endlich versucht, die
Menschheit in eine Minoritt (Minimalitt) Solcher einzutheilen,
welche aus Wenigem Viel zu machen verstehen: und in eine Majoritt
Derer, welche aus Vielem Wenig zu machen verstehen; ja man trifft auf
jene umgekehrten Hexenmeister, welche, anstatt die Welt aus Nichts,
aus der Welt ein Nichts schaffen.


628.

Ernst im Spiele. - In Genua hrte ich zur Zeit der Abenddmmerung von
einem Thurme her ein langes Glockenspiel: das wollte nicht enden und
klang, wie unersttlich an sich selber, ber das Gerusch der Gassen
in den Abendhimmel und die Meerluft hinaus, so schauerlich, so
kindisch zugleich, so wehmuthsvoll. Da gedachte ich der Worte Plato's
und fhlte sie auf einmal im Herzen: alles Menschliche insgesammt ist
des grossen Ernstes nicht werth; trotzdem--


629.

Von der Ueberzeugung und der Gerechtigkeit. - Das, was der Mensch in
der Leidenschaft sagt, verspricht, beschliesst, nachher in Klte und
Nchternheit zu vertreten - diese Forderung gehrt zu den schwersten
Lasten, welche die Menschheit drcken. Die Folgen des Zornes, der
aufflammenden Rache, der begeisterten Hingebung in alle Zukunft hin
anerkennen zu mssen - das kann zu einer um so grsseren Erbitterung
gegen diese Empfindungen reizen, je mehr gerade mit ihnen allerwrts
und namentlich von den Knstlern ein Gtzendienst getrieben wird.
Diese zchten die Schtzung der Leidenschaften gross und haben
es immer gethan; freilich verherrlichen sie auch die furchtbaren
Genugthuungen der Leidenschaft, welche Einer an sich selber nimmt,
jene Racheausbrche mit Tod, Verstmmelung, freiwilliger Verbannung
im Gefolge, und jene Resignation des zerbrochnen Herzens. Jedenfalls:
halten sie die Neugierde nach den Leidenschaften wach, es ist, als ob
sie sagen wollten: ihr habt ohne Leidenschaften gar Nichts erlebt. -
Weil man Treue geschworen, vielleicht gar einem rein fingirten Wesen,
wie einem Gotte, weil man sein Herz hingegeben hat, einem Frsten,
einer Partei, einem Weibe, einem priesterlichen Orden, einem Knstler,
einem Denker, im Zustande eines verblendeten Wahnes, welcher
Entzckung ber uns legte und jene Wesen als jeder Verehrung, jedes
Opfers wrdig erscheinen liess - ist man nun unentrinnbar fest
gebunden? Ja haben wir uns denn damals nicht selbst betrogen? War es
nicht ein hypothetisches Versprechen, unter der freilich nicht laut
gewordenen Voraussetzung, dass jene Wesen, denen wir uns weihten
wirklich die Wesen sind, als welche sie in unserer Vorstellung
erschienen? Sind wir verpflichtet, unsern Irrthmern treu zu sein,
selbst mit der Einsicht, dass wir durch diese Treue an unserem
hheren Selbst Schaden stiften? - Nein, es giebt kein Gesetz, keine
Verpflichtung der Art, wir mssen Verrther werden, Untreue ben,
unsere Ideale immer wieder preisgeben. Aus einer Periode des Lebens
in die andere schreiten wir nicht, ohne diese Schmerzen des Verrathes
zu machen und auch daran wieder zu leiden. Wre es nthig, dass wir
uns, um diesen Schmerzen zu entgehen, vor den Aufwallungen unserer
Empfindung hten mssten? Wrde dann die Welt nicht zu de, zu
gespenstisch fr uns werden? Vielmehr wollen wir uns fragen, ob diese
Schmerzen bei einem Wechsel der Ueberzeugung nothwendig sind oder ob
sie nicht von einer irrthmlichen Meinung und Schtzung abhngen.
Warum bewundert man Den, welcher seiner Ueberzeugung treu bleibt, und
verachtet Den, welcher sie wechselt? Ich frchte, die Antwort muss
sein: weil Jedermann voraussetzt, dass nur Motive gemeineren Vortheils
oder persnlicher Angst einen solchen Wechsel veranlassen. Das heisst:
man glaubt im Grunde, dass Niemand seine Meinungen verndert, so lange
sie ihm vortheilhaft sind, oder wenigstens so lange sie ihm keinen
Schaden bringen. Steht es aber so, so liegt darin ein schlimmes
Zeugniss ber die intellectuelle Bedeutung aller Ueberzeugungen.
Prfen wir einmal, wie Ueberzeugungen entstehen, und sehen wir zu,
ob sie nicht bei Weitem berschtzt werden: dabei wird sich ergeben,
dass auch der Wechsel von Ueberzeugungen unter allen Umstnden nach
falschem Maasse bemessen wird und dass wir bisher zu viel an diesem
Wechsel zu leiden pflegten.


630.

Ueberzeugung ist der Glaube, in irgend einem Puncte der Erkenntniss
im Besitze der unbedingten Wahrheit zu sein. Dieser Glaube setzt also
voraus, dass es unbedingte Wahrheiten gebe; ebenfalls, dass jene
vollkommenen Methoden gefunden seien, um zu ihnen zu gelangen;
endlich, dass jeder, der Ueberzeugungen habe, sich dieser vollkommenen
Methoden bediene. Alle drei Aufstellungen beweisen sofort, dass der
Mensch der Ueberzeugungen nicht der Mensch des wissenschaftlichen
Denkens ist; er steht im Alter der theoretischen Unschuld vor uns
und ist ein Kind, wie erwachsen er auch sonst sein mge. Ganze
Jahrtausende aber haben in jenen kindlichen Voraussetzungen gelebt
und aus ihnen sind die mchtigsten Kraftquellen der Menschheit
herausgestrmt. jene zahllosen Menschen, welche sich fr ihre
Ueberzeugungen opferten, meinten es fr die unbedingte Wahrheit zu
thun. Sie alle hatten Unrecht darin: wahrscheinlich hat noch nie ein
Mensch sich fr die Wahrheit geopfert; mindestens wird der dogmatische
Ausdruck seines Glaubens unwissenschaftlich oder halbwissenschaftlich
gewesen sein. Aber eigentlich wollte man Recht behalten, weil man
meinte, Recht haben zu mssen. Seinen Glauben sich entreissen lassen,
das bedeutete vielleicht seine ewige Seligkeit in Frage stellen. Bei
einer Angelegenheit von dieser ussersten Wichtigkeit war der "Wille"
gar zu hrbar der Souffleur des Intellects. Die Voraussetzung jedes
Glubigen jeder Richtung war, nicht widerlegt werden zu knnen;
erwiesen sich die Gegengrnde als sehr stark, so blieb ihm immer
noch brig, die Vernunft berhaupt zu verlstern und vielleicht gar
das "credo quia absurdum est" als Fahne des ussersten Fanatismus
aufzupflanzen. Es ist nicht der Kampf der Meinungen, welcher die
Geschichte so gewaltthtig gemacht hat, sondern der Kampf des Glaubens
an die Meinungen, das heisst der Ueberzeugungen. Wenn doch alle Die,
welche so gross von ihrer Ueberzeugung dachten, Opfer aller Art ihr
brachten und Ehre, Leib und Leben in ihrem Dienste nicht schonten, nur
die Hlfte ihrer Kraft der Untersuchung gewidmet htten, mit welchem
Rechte sie an dieser oder jener Ueberzeugung hiengen, auf welchem Wege
sie zu ihr gekommen seien: wie friedfertig she die Geschichte der
Menschheit aus! Wieviel mehr des Erkannten wrde es geben! Alle die
grausamen Scenen bei der Verfolgung der Ketzer jeder Art wren uns
aus zwei Grnden erspart geblieben: einmal weil die Inquisitoren vor
Allem in sich selbst inquirirt htten und ber die Anmaassung, die
unbedingte Wahrheit zu vertheidigen, hinausgekommen wren; sodann
weil die Ketzer selber so schlecht begrndeten Stzen, wie die Stze
aller religisen Sectirer und "Rechtglubigen" sind, keine weitere
Theilnahme geschenkt haben wrden, nachdem sie dieselben untersucht
htten.


631.

Aus den Zeiten her, in welchen Menschen daran gewhnt waren, an
den Besitz der unbedingten Wahrheit zu glauben, stammt ein tiefes
Missbehagen an allen skeptischen und relativistischen Stellungen zu
irgendwelchen Fragen der Erkenntniss; man zieht meistens vor, sich
einer Ueberzeugung, welche Personen von Autoritt haben (Vter,
Freunde, Lehrer, Frsten), auf Gnade oder Ungnade zu ergeben, und hat,
wenn man diess nicht thut, eine Art von Gewissensbissen. Dieser Hang
ist ganz begreiflich und seine Folgen geben kein Recht zu heftigen
Vorwrfen gegen die Entwickelung der menschlichen Vernunft. Allmhlich
muss aber der wissenschaftliche Geist im Menschen jene Tugend der
vorsichtigen Enthaltung zeitigen, jene weise Mssigung, welche im
Gebiet des praktischen Lebens bekannter ist, als im Gebiet des
theoretischen Lebens, und welche zum Beispiel Goethe im Antonio
dargestellt hat, als einen Gegenstand der Erbitterung fr alle
Tasso's, das heisst fr die unwissenschaftlichen und zugleich
thatlosen Naturen. Der Mensch der Ueberzeugung hat in sich ein Recht,
jenen Menschen des vorsichtigen Denkens, den theoretischen Antonio,
nicht zu begreifen; der wissenschaftliche Mensch hinwiederum hat kein
Recht, jenen desshalb zu tadeln, er bersieht ihn und weiss ausserdem,
im bestimmten Falle, dass jener sich an ihn noch anklammern wird, so
wie es Tasso zuletzt mit Antonio thut.


632.

Wer nicht durch verschiedene Ueberzeugungen hindurchgegangen ist,
sondern in dem Glauben hngen bleibt, in dessen Netz er sich zuerst
verfieng, ist unter allen Umstnden eben wegen dieser Unwandelbarkeit
ein Vertreter zurckgebliebener Culturen; er ist gemss diesem Mangel
an Bildung (welche immer Bildbarkeit voraussetzt) hart, unverstndig,
unbelehrbar, ohne Milde, ein ewiger Verdchtiger, ein Unbedenklicher,
der zu allen Mitteln greift, seine Meinung durchzusetzen, weil er gar
nicht begreifen kann, dass es andere Meinungen geben msse; er ist, in
solchem Betracht, vielleicht eine Kraftquelle und in allzu frei und
schlaff gewordenen Culturen sogar heilsam, aber doch nur, weil er
krftig anreizt, ihm Widerpart zu halten: denn dabei wird das zartere
Gebilde der neuen Cultur, welche zum Kampf mit ihm gezwungen ist,
selber stark.


633.

Wir sind im Wesentlichen noch dieselben Menschen, wie die des
Zeitalters der Reformation: wie sollte es auch anders sein? Aber dass
wir uns einige Mittel nicht mehr erlauben, um mit ihnen unsrer Meinung
zum Siege zu verhelfen, das hebt uns gegen jene Zeit ab und beweist,
dass wir einer hhern Cultur angehren. Wer jetzt noch, in der
Art der Reformations-Menschen, Meinungen mit Verdchtigungen, mit
Wuthausbrchen bekmpft und niederwirft, verrth deutlich, dass er
seine Gegner verbrannt haben wrde, falls er in anderen Zeiten gelebt
htte, und dass er zu allen Mitteln der Inquisition seine Zuflucht
genommen haben wrde, wenn er als Gegner der Reformation gelebt htte.
Diese Inquisition war damals vernnftig, denn sie bedeutete nichts
Anderes, als den allgemeinen Belagerungszustand, welcher ber den
ganzen Bereich der Kirche verhngt werden musste, und der, wie jeder
Belagerungszustand, zu den ussersten Mitteln berechtigte, unter der
Voraussetzung nmlich (welche wir jetzt nicht mehr mit jenen Menschen
theilen), dass man die Wahrheit, in der Kirche, habe, und um jeden
Preis mit jedem Opfer zum Heile der Menschheit bewahren msse. Jetzt
aber giebt man Niemandem so leicht mehr zu, dass er die Wahrheit
habe: die strengen Methoden der Forschung haben genug Misstrauen und
Vorsicht verbreitet, so dass Jeder, welcher gewaltthtig in Wort
und Werk Meinungen vertritt, als ein Feind unserer jetzigen Cultur,
mindestens als ein zurckgebliebener empfunden wird. In der That:
das Pathos, dass man die Wahrheit habe, gilt jetzt sehr wenig im
Verhltniss zu jenem freilich milderen und klanglosen Pathos des
Wahrheit-Suchens, welches nicht mde wird, umzulernen und neu zu
prfen.


634.

Uebrigens ist das methodische Suchen der Wahrheit selber das Resultat
jener Zeiten, in denen die Ueberzeugungen mit einander in Fehde lagen.
Wenn nicht dem Einzelnen an seiner "Wahrheit", das heisst an seinem
Rechtbehalten gelegen htte, so gebe es berhaupt keine Methode der
Forschung; so aber, bei dem ewigen Kampfe der Ansprche verschiedener
Einzelner auf unbedingte Wahrheit, gieng man Schritt vor Schritt
weiter, um unumstssliche Prinzipien zu finden, nach denen das Recht
der Ansprche geprft und der Streit geschlichtet werden knne.
Zuerst entschied man nach Autoritten, spter, kritisirte man sich
gegenseitig die Wege und Mittel, mit denen die angebliche Wahrheit
gefunden worden war; dazwischen gab es eine Periode, wo man die
Consequenzen des gegnerischen Satzes zog und vielleicht sie als
schdlich und unglcklich machend erfand: woraus dann sich fr
Jedermanns Urtheil ergeben sollte, dass die Ueberzeugung des Gegners
einen Irrthum enthalte. Der persnliche Kampf der Denker hat
schliesslich die Methoden so verschrft, dass wirklich Wahrheiten
entdeckt werden konnten und dass die Irrgnge frherer Methoden vor
Jedermanns Blicken blosgelegt sind.


635.

Im Ganzen sind die wissenschaftlichen Methoden mindestens ein ebenso
wichtiges Ergebniss der Forschung als irgend ein sonstiges Resultat:
denn auf der Einsicht in die Methode beruht der wissenschaftliche
Geist, und alle Resultate der Wissenschaft knnten, wenn jene Methoden
verloren giengen, ein erneutes Ueberhandnehmen des Aberglaubens und
des Unsinns nicht verhindern. Es mgen geistreiche Leute von den
Ergebnissen der Wissenschaft lernen so viel sie wollen: man merkt es
immer noch ihrem Gesprche und namentlich den Hypothesen in demselben
an, dass ihnen der wissenschaftliche Geist fehlt: sie haben nicht
jenes instinctive Misstrauen gegen die Abwege des Denkens, welches in
der Seele jedes wissenschaftlichen Menschen in Folge langer Uebung
seine Wurzeln eingeschlagen hat. Ihnen gengt es, ber eine Sache
berhaupt irgendeine Hypothese zu finden, dann sind sie Feuer und
Flamme fr dieselbe und meinen, damit sei es gethan. Eine Meinung
haben heisst bei ihnen schon: dafr sich fanatisiren und sie als
Ueberzeugung frderhin sich an's Herz legen. Sie erhitzen sich bei
einer unerklrten Sache fr den ersten Einfall ihres Kopfes, der einer
Erklrung derselben hnlich sieht: woraus sich, namentlich auf dem
Gebiete der Politik, fortwhrend die schlimmsten Folgen ergeben. -
Desshalb sollte jetzt Jedermann mindestens eine Wissenschaft von Grund
aus kennen gelernt haben: dann weiss er doch, was Methode heisst und
wie nthig die usserste Besonnenheit ist. Namentlich ist den Frauen
dieser Rath zu geben; als welche jetzt rettungslos die Opfer aller
Hypothesen sind, zumal wenn diese den Eindruck des Geistreichen,
Hinreissenden, Belebenden, Krftigenden machen. Ja bei genauerem
Zusehen bemerkt man, dass der allergrsste Theil aller Gebildeten noch
jetzt von einem Denker Ueberzeugungen und Nichts als Ueberzeugungen
begehrt, und dass allein eine geringe Minderheit Gewissheit will. Jene
wollen stark fortgerissen werden, um dadurch selber einen Kraftzuwachs
zu erlangen; diese Wenigen haben jenes sachliche Interesse, welches
von persnlichen Vortheilen, auch von dem des erwhnten Kraftzuwachses
absieht. Auf jene bei Weitem berwiegende Classe wird berall dort
gerechnet, wo der Denker sich als Genie benimmt und bezeichnet,
also wie ein hheres Wesen drein schaut, welchem Autoritt zukommt.
Insofern das Genie jener Art die Glut der Ueberzeugungen unterhlt
und Misstrauen gegen den vorsichtigen und bescheidenen Sinn der
Wissenschaft weckt, ist es ein Feind der Wahrheit und wenn es sich
auch noch so sehr als deren Freier glauben sollte.


636.

Es giebt freilich auch eine ganz andere Gattung der Genialitt, die
der Gerechtigkeit; und ich kann mich durchaus nicht entschliessen,
dieselbe niedriger zu schtzen, als irgend eine philosophische,
politische oder knstlerische Genialitt. Ihre Art ist es, mit
herzlichem Unwillen Allem aus dem Wege zu gehen, was das Urtheil ber
die Dinge blendet und verwirrt; sie ist folglich eine Gegnerin der
Ueberzeugungen, denn sie will Jedem, sei es ein Belebtes oder Todtes,
Wirkliches oder Gedachtes, das Seine geben - und dazu muss sie es rein
erkennen; sie stellt daher jedes Ding in das beste Licht und geht
um dasselbe mit sorgsamem Auge herum. Zuletzt wird sie selbst ihrer
Gegnerin, der blinden oder kurzsichtigen "Ueberzeugung" (wie Mnner
sie nennen: - bei Weibern heisst sie "Glaube") geben was der
Ueberzeugung ist - um der Wahrheit willen.


637.

Aus den Leidenschaften wachsen die Meinungen; die Trgheit des Geistes
lsst diese zu Ueberzeugungen erstarren. - Wer sich aber freien,
rastlos lebendigen Geistes fhlt, kann durch bestndigen Wechsel
diese Erstarrung verhindern; und ist er gar insgesammt ein denkender
Schneeballen, so wird er berhaupt nicht Meinungen, sondern nur
Gewissheiten und genau bemessene Wahrscheinlichkeiten in seinem
Kopfe haben. - Aber wir, die wir gemischten Wesens sind und bald vom
Feuer durchglht, bald vom Geiste durchkltet sind, wollen vor der
Gerechtigkeit knieen, als der einzigen Gttin, welche wir ber uns
anerkennen. Das Feuer in uns macht uns fr gewhnlich ungerecht und,
im Sinne jener Gttin, unrein; nie drfen wir in diesem Zustande ihre
Hand fassen, nie liegt dann das ernste Lcheln ihres Wohlgefallens auf
uns. Wir verehren sie als die verhllte Isis unsers Lebens; beschmt
bringen wir ihr unsern Schmerz als Busse und Opfer dar, wenn das Feuer
uns brennt und verzehren will. Der Geist ist es, der uns rettet, dass
wir nicht ganz verglhen und verkohlen; er reisst uns hier und da fort
von dem Opferaltare der Gerechtigkeit oder hllt uns in ein Gespinnst
aus Asbest. Vom Feuer erlst, schreiten wir dann, durch den Geist
getrieben von Meinung zu Meinung, durch den Wechsel der Parteien, als
edle Verrther aller Dinge, die berhaupt verrathen werden knnen -
und dennoch ohne ein Gefhl von Schuld.


638.

Der Wanderer. - Wer nur einigermaassen zur Freiheit der Vernunft
gekommen ist, kann sich auf Erden nicht anders fhlen, denn als
Wanderer, - wenn auch nicht als Reisender nach einem letzten Ziele:
denn dieses giebt es nicht. Wohl aber will er zusehen und die Augen
dafr offen haben, was Alles in der Welt eigentlich vorgeht; desshalb
darf er sein Herz nicht allzufest an alles Einzelne anhngen; es muss
in ihm selber etwas Wanderndes sein, das seine Freude an dem Wechsel
und der Vergnglichkeit habe. Freilich werden einem solchen Menschen
bse Nchte kommen, wo er mde ist und das Thor der Stadt, welche ihm
Rast bieten sollte, verschlossen findet; vielleicht, dass noch dazu,
wie im Orient, die Wste bis an das Thor reicht, dass die Raubthiere
bald ferner bald nher her heulen, dass ein starker Wind sich erhebt,
dass Ruber ihm seine Zugthiere wegfhren. Dann sinkt fr ihn wohl die
schreckliche Nacht wie eine zweite Wste auf die Wste, und sein Herz
wird des Wanderns mde. Geht ihm dann die Morgensonne auf, glhend wie
eine Gottheit des Zornes, ffnet sich die Stadt, so sieht er in den
Gesichtern der hier Hausenden vielleicht noch mehr Wste, Schmutz,
Trug, Unsicherheit, als vor den Thoren - und der Tag ist fast
schlimmer, als die Nacht. So mag es wohl einmal dem Wanderer ergehen;
aber dann kommen, als Entgelt, die wonnevollen Morgen anderer Gegenden
und Tage, wo er schon im Grauen des Lichtes die Musenschwrme im Nebel
des Gebirges nahe an sich vorbertanzen sieht, wo ihm nachher, wenn
er still, in dem Gleichmaass der Vormittagsseele, unter Bumen sich
ergeht, aus deren Wipfeln und Laubverstecken heraus lauter gute und
helle Dinge zugeworfen werden, die Geschenke aller jener freien
Geister, die in Berg, Wald und Einsamkeit zu Hause sind und welche,
gleich ihm, in ihrer bald frhlichen bald nachdenklichen Weise,
Wanderer und Philosophen sind. Geboren aus den Geheimnissen der Frhe,
sinnen sie darber nach, wie der Tag zwischen dem zehnten und zwlften
Glockenschlage ein so reines, durchleuchtetes, verklrt-heiteres
Gesicht haben knne: - sie suchen die Philosophie des Vormittages.



Unter Freunden.

Ein Nachspiel.

1.

    Schn ist's, mit einander schweigen,
    Schner, mit einander lachen, -
    Unter seidenem Himmels-Tuche
    Hingelehnt zu Moos und Buche
    Lieblich laut mit Freunden lachen
    Und sich weisse Zhne zeigen.
    Macht' ich's gut, so woll'n wir schweigen;
    Macht' ich's schlimm -, so woll'n wir lachen
    Und es immer schlimmer machen, Schlimmer machen,
    schlimmer lachen, Bis wir in die Grube steigen.
    Freunde! ja! So soll's geschehn? -
    Amen! Und auf Wiedersehn!


2.

    Kein Entschuld'gen! Kein Verzeihen!
    Gnnt ihr Frohen, Herzens-Freien
    Diesem unvernnft'gen Buche
    Ohr und Herz und Unterkunft!
    Glaubt mir, Freunde, nicht zum Fluche
    Ward mir meine Unvernunft!
    Was ich finde, was ich suche -
    Stand das je in einem Buche?
    Ehrt in mir die Narren-Zunft!
    Lernt aus diesem Narrenbuche,
    Wie Vernunft kommt - "zur Vernunft"!
    Also, Freunde, soll's geschehn? -
    Amen! Und auf Wiedersehn!




*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES ***

This file should be named 7207-8.txt or 7207-8.zip

Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
unless a copyright notice is included.  Thus, we usually do not
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

We are now trying to release all our eBooks one year in advance
of the official release dates, leaving time for better editing.
Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
even years after the official publication date.

Please note neither this listing nor its contents are final til
midnight of the last day of the month of any such announcement.
The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
Midnight, Central Time, of the last day of the stated month.  A
preliminary version may often be posted for suggestion, comment
and editing by those who wish to do so.

Most people start at our Web sites at:
http://gutenberg.net or
http://promo.net/pg

These Web sites include award-winning information about Project
Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).


Those of you who want to download any eBook before announcement
can get to them as follows, and just download by date.  This is
also a good way to get them instantly upon announcement, as the
indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.

http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext04 or
ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext04

Or /etext03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90

Just search by the first five letters of the filename you want,
as it appears in our Newsletters.


Information about Project Gutenberg (one page)

We produce about two million dollars for each hour we work.  The
time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
searched and analyzed, the copyright letters written, etc.   Our
projected audience is one hundred million readers.  If the value
per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
files per month:  1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
If they reach just 1-2% of the world's population then the total
will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.

The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
which is only about 4% of the present number of computer users.

Here is the briefest record of our progress (* means estimated):

eBooks Year Month

    1  1971 July
   10  1991 January
  100  1994 January
 1000  1997 August
 1500  1998 October
 2000  1999 December
 2500  2000 December
 3000  2001 November
 4000  2001 October/November
 6000  2002 December*
 9000  2003 November*
10000  2004 January*


The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.

We need your donations more than ever!

As of February, 2002, contributions are being solicited from people
and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
Virginia, Wisconsin, and Wyoming.

We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
that have responded.

As the requirements for other states are met, additions to this list
will be made and fund raising will begin in the additional states.
Please feel free to ask to check the status of your state.

In answer to various questions we have received on this:

We are constantly working on finishing the paperwork to legally
request donations in all 50 states.  If your state is not listed and
you would like to know if we have added it since the list you have,
just ask.

While we cannot solicit donations from people in states where we are
not yet registered, we know of no prohibition against accepting
donations from donors in these states who approach us with an offer to
donate.

International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
ways.

Donations by check or money order may be sent to:

Project Gutenberg Literary Archive Foundation
PMB 113
1739 University Ave.
Oxford, MS 38655-4109

Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment
method other than by check or money order.

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by
the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN
[Employee Identification Number] 64-622154.  Donations are
tax-deductible to the maximum extent permitted by law.  As fund-raising
requirements for other states are met, additions to this list will be
made and fund-raising will begin in the additional states.

We need your donations more than ever!

You can get up to date donation information online at:

http://www.gutenberg.net/donation.html


***

If you can't reach Project Gutenberg,
you can always email directly to:

Michael S. Hart <hart@pobox.com>

Prof. Hart will answer or forward your message.

We would prefer to send you information by email.


**The Legal Small Print**


(Three Pages)

***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START***
Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers.
They tell us you might sue us if there is something wrong with
your copy of this eBook, even if you got it for free from
someone other than us, and even if what's wrong is not our
fault. So, among other things, this "Small Print!" statement
disclaims most of our liability to you. It also tells you how
you may distribute copies of this eBook if you want to.

*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK
By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm
eBook, you indicate that you understand, agree to and accept
this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive
a refund of the money (if any) you paid for this eBook by
sending a request within 30 days of receiving it to the person
you got it from. If you received this eBook on a physical
medium (such as a disk), you must return it with your request.

ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM EBOOKS
This PROJECT GUTENBERG-tm eBook, like most PROJECT GUTENBERG-tm eBooks,
is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. Hart
through the Project Gutenberg Association (the "Project").
Among other things, this means that no one owns a United States copyright
on or for this work, so the Project (and you!) can copy and
distribute it in the United States without permission and
without paying copyright royalties. Special rules, set forth
below, apply if you wish to copy and distribute this eBook
under the "PROJECT GUTENBERG" trademark.

Please do not use the "PROJECT GUTENBERG" trademark to market
any commercial products without permission.

To create these eBooks, the Project expends considerable
efforts to identify, transcribe and proofread public domain
works. Despite these efforts, the Project's eBooks and any
medium they may be on may contain "Defects". Among other
things, Defects may take the form of incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other
intellectual property infringement, a defective or damaged
disk or other eBook medium, a computer virus, or computer
codes that damage or cannot be read by your equipment.

LIMITED WARRANTY; DISCLAIMER OF DAMAGES
But for the "Right of Replacement or Refund" described below,
[1] Michael Hart and the Foundation (and any other party you may
receive this eBook from as a PROJECT GUTENBERG-tm eBook) disclaims
all liability to you for damages, costs and expenses, including
legal fees, and [2] YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE OR
UNDER STRICT LIABILITY, OR FOR BREACH OF WARRANTY OR CONTRACT,
INCLUDING BUT NOT LIMITED TO INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE
OR INCIDENTAL DAMAGES, EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE
POSSIBILITY OF SUCH DAMAGES.

If you discover a Defect in this eBook within 90 days of
receiving it, you can receive a refund of the money (if any)
you paid for it by sending an explanatory note within that
time to the person you received it from. If you received it
on a physical medium, you must return it with your note, and
such person may choose to alternatively give you a replacement
copy. If you received it electronically, such person may
choose to alternatively give you a second opportunity to
receive it electronically.

THIS EBOOK IS OTHERWISE PROVIDED TO YOU "AS-IS". NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, ARE MADE TO YOU AS
TO THE EBOOK OR ANY MEDIUM IT MAY BE ON, INCLUDING BUT NOT
LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR A
PARTICULAR PURPOSE.

Some states do not allow disclaimers of implied warranties or
the exclusion or limitation of consequential damages, so the
above disclaimers and exclusions may not apply to you, and you
may have other legal rights.

INDEMNITY
You will indemnify and hold Michael Hart, the Foundation,
and its trustees and agents, and any volunteers associated
with the production and distribution of Project Gutenberg-tm
texts harmless, from all liability, cost and expense, including
legal fees, that arise directly or indirectly from any of the
following that you do or cause:  [1] distribution of this eBook,
[2] alteration, modification, or addition to the eBook,
or [3] any Defect.

DISTRIBUTION UNDER "PROJECT GUTENBERG-tm"
You may distribute copies of this eBook electronically, or by
disk, book or any other medium if you either delete this
"Small Print!" and all other references to Project Gutenberg,
or:

[1]  Only give exact copies of it.  Among other things, this
     requires that you do not remove, alter or modify the
     eBook or this "small print!" statement.  You may however,
     if you wish, distribute this eBook in machine readable
     binary, compressed, mark-up, or proprietary form,
     including any form resulting from conversion by word
     processing or hypertext software, but only so long as
     *EITHER*:

     [*]  The eBook, when displayed, is clearly readable, and
          does *not* contain characters other than those
          intended by the author of the work, although tilde
          (~), asterisk (*) and underline (_) characters may
          be used to convey punctuation intended by the
          author, and additional characters may be used to
          indicate hypertext links; OR

     [*]  The eBook may be readily converted by the reader at
          no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent
          form by the program that displays the eBook (as is
          the case, for instance, with most word processors);
          OR

     [*]  You provide, or agree to also provide on request at
          no additional cost, fee or expense, a copy of the
          eBook in its original plain ASCII form (or in EBCDIC
          or other equivalent proprietary form).

[2]  Honor the eBook refund and replacement provisions of this
     "Small Print!" statement.

[3]  Pay a trademark license fee to the Foundation of 20% of the
     gross profits you derive calculated using the method you
     already use to calculate your applicable taxes.  If you
     don't derive profits, no royalty is due.  Royalties are
     payable to "Project Gutenberg Literary Archive Foundation"
     the 60 days following each date you prepare (or were
     legally required to prepare) your annual (or equivalent
     periodic) tax return.  Please contact us beforehand to
     let us know your plans and to work out the details.

WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO?
Project Gutenberg is dedicated to increasing the number of
public domain and licensed works that can be freely distributed
in machine readable form.

The Project gratefully accepts contributions of money, time,
public domain materials, or royalty free copyright licenses.
Money should be paid to the:
"Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

If you are interested in contributing scanning equipment or
software or other items, please contact Michael Hart at:
hart@pobox.com

[Portions of this eBook's header and trailer may be reprinted only
when distributed free of all fees.  Copyright (C) 2001, 2002 by
Michael S. Hart.  Project Gutenberg is a TradeMark and may not be
used in any sales of Project Gutenberg eBooks or other materials be
they hardware or software or any other related product without
express permission.]

*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*

