The Project Gutenberg EBook of Ein Diwan, by Jehuda Halevi

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Title: Ein Diwan

Author: Jehuda Halevi

Translator: Emil Bernhard

Release Date: February 6, 2020 [EBook #61327]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN DIWAN ***




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                             JEHUDA HALEVI




                               EIN DIWAN




                  bertragen und mit einem Lebensbild
                       versehen von Emil Bernhard

                      ERICH REISS VERLAG / BERLIN
                                  1921




                             DIE DICHTUNGEN



     I.  Gott:
         Du Quell des wahren Lebens                                10
         Wenn die Sterne sich entznden                            10
         Du, Seele, willst ins Vaterhaus                           11
         Mein Leib und Leben                                       12
         Um sein Antlitz alle Frommen flehen                       14
         Gottes Hand wird dich beschatten                          15
         Zu dir steht all mein Sehnen                              15
         Hin nach meines Lebens Quelle                             18
         Wenn du allein des Herren harrst                          19
         Halt, o Herz! Wer darf sich wagen                         20
         Knechte der Zeit: -- Knechte der Knechte!                 22
         Tag und Nacht will ich den Herren loben!                  22
         Jugend ist wie leichte Flocken                            23
         Mein Gott, ich will dich ehren                            24
         Bevor du mich geschaffen                                  27
         Ruhig, ruhig, liebe Seele!                                28

    II.  Israel:
         Wahrheit, ich liebe dich aus ganzer Kraft                 30
         Sonn' und Mond im Wechsel der Geschlechter                30
         Sei stark und harre deiner Zeit!                          31
         Seit du das Heim der Liebe bist                           32
         Entfessle deine rechte Hand                               32
         In deinem Lichte schlft aller Glanz                      33
         In deinem Haus zu ruhen                                   34
         Fauler, wirst du nicht errten?                           35
         Es blieben die Wunder, die herrlichen, fort               36

   III.  Liebe:
         Ofra wscht ihre Kleider                                  40
         Ich wiegt' auf dem Schoe                                 40
         Was drngt ihr mich also                                  40

         Abschiedsverse:
           Mein Lieb, wir mssen uns schicken                      41
           Gedenke der Tage liebender Lust                         42
           Ein Meer von Trnen zwischen uns rollt                  42
           Ach, da ich einst in dunklen Grabesrumen              42
           Du hast einen Mord begangen                             42
           Willst du wirklich meinen Tod?                          43
           All' meine Trnen blieben                               43
           Zwischen Bittre, zwischen Se                          44
           Aller Reichtum dieser Welt                              44
           Der Frauen Ehre ist ihr edles Tun                       44
           Viel tausend Garben stehen                              44
           Unter deinen leichten Fen                             45
           Deine Stimme hr' ich nimmer                            45
           Mein Herz wird bitter                                   45
         Wach doch auf aus deiner Ruh                              45
         Wie die Sonne ber Sphren schreitet                      46

         Zum Ruhme der Braut:
           Das Silber lt sich grnden                            46
           Was wendet sie sich allerwrts                          46
           Dein Gesicht voll Rosen eine Kste                      47
           Wie zwei Abendwlfe fahren                              47
           Keine Nacht besteht vor ihrem Lichte                    47
         Zeigte Liebchen mir die Wangen                            48
         Liebe Snger, singt den Trauten                           48
         Was geht noch auf die Sonne                               51
         Mg' des Paares holder Bund                               52

    IV.  Freundschaft:
         Fein snftlich, Freund, bin nicht von Erz                 54
         Sehnt sich deine Seele noch                               54
         Viele schon in meinem Herzen schufen                      56
         Wir kennen Abschied, dich von alten Tagen                 57
         Ist's der Myrrhe zartes Dften?                           61
         Dieser Schlummer mge whren                              61
         Trank die Erde wie ein Kindlein                           62

     V.  Leben, Leiden, Dichten:
         Eine Taube schluchzt vom Zweige                           68
         Sie besuchten mich im Traume                              72
         Und als nun alle war mein Gold                            73
         Siehe, Menschensohn, siehe                                73
         Kann dich Reichtum locken, Herz?                          73
         Freue dich vor deinem Nchsten                            74
         Weh der Kunde, die im Ohre gellt                          74
         Du meinst, das Dichten sei mir ein Beruf?                 75
         Nimm dieses Lied aus deines Freundes Hand!                75
         Seh' ich, wie Narren                                      76
         Augen auf, mein Liebster traut                            76
         Zwei Rtsel                                               76

    VI.  Zion:
         Zion, willst du nimmer wieder (Zionide)                   80
         Im Orient ist mein Herz, im Okzident                      85
         Komm mit mir gen Zoan                                     85
         Es war ein Tag so sehnsuchtsvoll                          86

   VII.  Das Meer:
         Der Sturm                                                 88
         Holder Zephyr, deiner Lfte                               93
         Kommt die groe Flut mit einem Mal?                       95

  VIII.  Letzte Tage:
         In Aegypten                                               98
         Hat die Zeit das Kleid des Leides                         98
         Wollt ihr Liebes mir vergelten                            99
         Dein Wunder geht durch alle Zeit                         100

         Jehuda Halevi, seine Zeit, sein Leben und sein Schaffen  101

         Quellennachweis                                          139




                                   I.
                                  GOTT



   Du Quell des wahren Lebens,
   Wie lauf' ich nicht nach dir?
   Hab' alles aufgegeben;
   Das irre, wirre Leben,
   Was ist es mir?

   Nur dich, nur dich zu schauen,
   Sehnt meine Seele sich:
   Vor dir nur will ich beben,
   Kenn' keine Kraft im Leben
   Als deine, Herr, als dich.

   Knnt' ich im Traum dich finden,
   Wie gerne schlief ich ein:
   Wollt nimmer auferstehen,
   Nein, schlafen, trumen, sehen --
   Und stille sein.

   Knnt' dich im Herzen schauen
   Dein armes Erdenkind: --
   Htt' ich dich nur da drinnen,
   So jauchzte all mein Sinnen
   Und gerne wr' ich blind!



   Wenn die Sterne sich entznden,
   Spr' ich wieder Sommertage:
   Gartenpracht in Waldesgrnden,
   Paukenschlag und Fltenklage.

   Wieder kehrt zum Arm die Spange,
   Goldener Ring, er kehrt zum Ohre,
   Gottes Haus, da es empfange,
   Oeffnet meinem Haus die Tore.

   Alle meine Pforten mnden
   Wieder ein in seine Pforte,
   Und aus tiefsten Herzensgrnden
   Kehr' ich heim zu meinem Horte.

   Ach, da lt denn meine Seele
   Jubelnd seinen Namen klingen: --
   Und sein Ruhm in meiner Kehle,
   Und mein Mund beginnt zu singen!


                              AN DIE SEELE

   Du, Seele, willst ins Vaterhaus,
   Im Traume schwingst du dich zur Hhe:
   Kein Traum nimmt dir dein tiefes Wehe,
   Dein Heimweh aus der Brust heraus.

   Der Traum vergeht, dir bleibt die Qual,
   Die Liebesqual, ihn zu erflehen
   Und dennoch fern ihm zu vergehen,
   Weil sich verhllt sein heller Strahl.

   Und doch vergehst du nicht zum Tod,
   Allein zum freudigen Erheben,
   Denn nicht zum eitlen Wahn, -- zum Streben
   Sandt' in die Welt dich sein Gebot.

   Du gingst und brachst im Lebensgang
   Der Weisheit Siegel auf und Quellen,
   Und tief hinab in ihre Wellen
   Dein durstig heies Auge sank.

   Und sank hinab und sog sich ein
   Die Weisheit, die du dir erkoren,
   Und der du hundertmal geschworen:
   -- Ich la dich nicht! Ich bleibe dein!



               All meine Gebeine sprechen:
                   _Herr, wer ist wie du?_

   Mein Leib und Leben
   Das stammt von dir,
   Durch dich sich regen
   Die Glieder mir;
   Mit Herzensgaben,
   Mit Lied und Sang
   Sie zu dir dringen
   Und opfernd bringen
   Sie meinen Dank.

   Es kam die Seele
   Aus deiner Hand,
   Der Wimper Leuchten
   Aus deinem Land;
   Aus deinem Rtsel
   Mein Sinnen quoll,
   Vor mir als Zeichen
   Stehst ohne Gleichen
   Du wundervoll.

   Wenn meine Liebe
   Dich ruft im Schmerz,
   Dich findet sicher
   Mein tiefstes Herz.
   Doch jedes Sinnen
   An dir sich bricht:
   Der Brust Gedanken,
   Der Trume Schwanken
   Ermit dich nicht.

   Fr uns bereitet
   Ein Banner steht,
   Dem, der dich sucht
   Ein Wimpel weht.
   Du bist den Treuen
   Nimmer versteckt,
   Nur, ach, die Snde
   Mit dunkler Binde
   Das Auge deckt.

   Was ich erdichtet,
   Hast du erschaut
   Vom Tage, da du
   Meine Sulen erbaut;
   Du bist's, der mir
   Das Herz bezwingt:
   Dunkelstes Achten,
   Geheimstes Trachten
   Nicht zu dir dringt.



   Um sein Antlitz alle Frommen flehen,
   Alle wollen seine Gnade sehen,
   Seiner Liebe jungen Regengu;
   Ist er selbst auch in den fernsten Weiten,
   Steht uns seine Liebe doch zur Seiten,
   Seiner groen Werke Ueberflu.

   All sein Licht zu sehn, sind alle trunken;
   Aber finden sie den kleinsten Funken,
   Zittert schon ihr armes Herze ganz.
   Mssen seinem Reiche sich ergeben,
   Seinen Namen mssen sie erheben,
   Und in diesem Namen selig leben, --
   Selig preisen seinen Glanz.



   Gottes Hand wird dich beschatten,
   Wird dir Decke sein und Hlle,
   Wenn in Redlichkeit und Stille
   Du dich birgst in seinem Schatten.

   Nimmer wird dein Fu ermatten,
   Deine Hand bleibt stark hinieden:
   Suche, Seele, nur den Frieden,
   Frieden wird er dir erstatten.



   Zu dir steht all mein Sehnen,
   Wenn auch die Lippe schweigt:
   Nur einmal mcht' ich werben
   Um deine Gunst und sterben,
   Wenn sie sich mir geneigt.

   Nimm meinen Geist zu Hnden:
   Ich schliefe frhlich ein!
   Ach, ohne dich mein Leben
   Ist Tod, doch du kannst geben:
   Mein Tod wird Leben sein!

   Nur wei ich nicht zu beten,
   Wie ich wohl beten soll:
   Lehr' mich, wie man dich findet!
   Wenn mich die Torheit bindet,
   Erls' mich gnadenvoll!

   Lehr' mich, das Haupt zu beugen,
   Solang mein Herz es fat:
   Verwirf mich nicht auf Erden,
   Damit ich nicht mu werden
   Mir selber eine Last!

   Damit der Tag nicht komme,
   Wo alles auf mich drckt,
   Und gegen alles Trutzen
   Mein Herz sich ohne Nutzen
   Nun bcken mu und bckt!

   Da mein Gebein dann welkte
   Und trg' mich nimmer fort,
   Und ich dann wandern mte
   Zu einer andern Kste,
   Zu meiner Vter Ort. --

   Ein armer Wandrer wall' ich
   Hin bers Erdenrund.
   Bin fremd auf allen Steigen,
   Mein ganzes Erb' und Eigen
   Liegt drunten in dem Grund.

   Bis jetzt sorgt meine Jugend
   Noch fr ihr Erdenteil:
   Wann endlich kommt der Morgen,
   Da meine Seele sorgen
   Wird fr ihr Seelenheil?

   Die irdische Beschwerde,
   Die Gott ins Herz mir gab,
   Mich so in Ketten brachte,
   Da nie ans Ende dachte
   Mein Herz und bers Grab.

   Wie kann sein Knecht ich heien,
   Ich, aller Lste Knecht?
   Wie kann ich hher streben?
   Schon morgen mu ich leben
   Mit Bruder Wurms Geschlecht.

   Kann ich denn Festtags lachen?
   Wei ich, was morgen ist?
   Der Tag, die Nacht, die Stunde
   Verfolgen mich wie Hunde
   Und fllen mich mit List.

   Mein Geist verweht im Winde,
   Mein Leib fllt in den Sand:
   Ich mu es schweigend tragen,
   Die Triebe selber jagen
   Mich ja ins Totenland! --

   Was bleibt mir noch im Leben
   Als deine Gunst allein?
   Willst du mein Teil nicht bleiben,
   Was soll ich hier noch treiben?
   Wo wird mein Teil dann sein?

   Ich hab' nicht gute Werke,
   Ganz nackt und blo ich bin:
   Nur dein gerechter Willen
   Kann wie ein Mantel hllen
   Den makelvollen Sinn.

   Was soll ich noch erbitten
   Von dir, mein einz'ger Hort? --
   Was soll ich noch erwhnen?
   Zu dir steht all mein Sehnen:
   Das ist mein letztes Wort.



   Hin nach meines Lebens Quelle
   Immer mich mein Sehnen trage,
   Bis mich an des Grabes Schwelle
   Niederlegen meine Tage.

   Mcht' die Seele weise werden!
   Heut noch hascht sie nach dem Winde:
   Und ist doch mein All auf Erden,
   Priesterteil und Angebinde.

   Mcht' mein Herz sich wach erweisen,
   Frhlich auf das Ende sehen:
   Jener Tag mag Schlummer heien,
   Doch er ist ein Auferstehen;

   Jener Tag nach meinen Toden,
   Wo er richtet meine Fehle,
   Wo er meinen Geist und Odem
   Zieht in seine ew'ge Seele.



   Wenn du allein des Herren harrst,
   Was ngsten dich die Zeiten?
   Lebt er in deiner heien Brust,
   All irdisch Leid, all irdisch Lust,
   Was kann es dir bedeuten? ...

   Doch nein, du liegst im dunklen Grab
   Und willst es nicht erkennen,
   Du liegst in deiner Sinne Nacht
   Und kannst -- kein Licht im finstern Schacht --
   Nicht Gut und Bse trennen.

   Es kommt der Tod: So whle doch
   Des wahren Weges Breite!
   Ach, Seele, geh doch geradezu,
   Was irrst und lufst und taumelst du
   Zur recht' und linken Seite?

   Die Wahrheit whle! Tu es, tu's!
   Denk, wie die Zeiten lgen!
   La dich nicht irren dort und hie,
   Betrge sie, betrge sie,
   Bevor sie dich betrgen.

   Ach, gute Seele, siehe zu,
   Ein Knft'ges zu erwerben:
   Gib alles hin mit leichtem Mut,
   Gib hin den Erben all dein Gut,
   Und werde selbst zum Erben!



   Halt, o Herz! Wer darf sich wagen
   In des Herzenwgers Haus?
   Hte dich, den Blick zu tragen
   In sein dunkles Reich hinaus.
   Wagtest du das frevle Abenteuer,
   Griffe dich ein flammenwildes Feuer.

   Lasse ab, dir zu erzwingen
   Seiner Rtsel dunkle Welt,
   Denn du hast kein Recht, zu dringen
   In die Tiefe, die ihn hlt:
   Fort mit dir aus seinen ew'gen Hallen,
   Denn du darfst nicht unter Engeln wallen!

   Ihm befiehl du deine Wege,
   Da er dir zur Seite bleibt,
   Ihm vertraue deine Stege,
   Wenn es dich ins Irre treibt!
   Mag dich Lust betren, Leid berhren:
   Er wird dich im rechten Gleise fhren.

   Walle nicht die ird'schen Ziele,
   Gottes Zielen walle zu!
   Frsten sind auf Erden viele,
   Doch nur einem diene du!
   Alle andern sind nur Knechtesknechte,
   Ihre Launen bleiben ihre Mchte.

   Einer nur, ein Ruhmesreicher,
   Nimmt dich an die ew'ge Brust,
   Trgt dich, ach, in wunderweicher
   Vaterhand zur hchsten Lust:
   Lerne eitlem Freundesrat entsagen,
   Lasse dich in seinem Lichte tragen!

   Er sei: deiner ersten Ernte
   Erste Frucht, dein hchstes Fest!
   Wenn die letzte sich entfernte,
   Dann sei er der letzte Rest:
   Deine Reue werde zum Altare,
   Werde deiner Sinne Flammenbahre!

   Jedem ist er ein Berater,
   Der in seiner Nhe wacht,
   Aber dem auch bleibt er Vater,
   Der die letzte Reise macht.
   Frage nicht und lass dich nicht verfhren,
   Lausche still an seinen letzten Tren!

   Was er spricht, mu sich erfllen,
   Sei's zum Leben oder Tod,
   So wie einst auf seinen Willen
   Kam das erste Morgenrot:
   Und er sprach: -- und alle Schatten scheuchten!
   Und er sah: -- es war ein herrlich Leuchten!



   Knechte der Zeit: -- Knechte der Knechte!
   Aber der Freie, der einzig rechte,
   -- Auch ein Knecht -- dienet dem Herrn.

   Whle sich jeder sein Teil!
   Mein Teil aber und Heil
   -- Spricht mein Herz -- bleibet der Herr.



   Tag und Nacht will ich den Herren loben!
   Seiner Gnade Antlitz lie er leuchten,
   Fenster brach er aus an Himmelswnden,
   Sonnen gab er, die uns Strahlen spenden,
   Strahlen, die die Finsternisse scheuchten.

   Doch er gab mir mehr: Von seinem Glanze
   Gab er mir, ich hab es froh genommen;
   Durfte seines Geistes Regen spren,
   Lie mich gern auf lichten Wegen fhren,
   Wegen, die vom Sina gekommen.

   So war sein Gesetz in meinem Munde,
   Da mich Honig seine Worte deuchten;
   Und in seiner Lehre lichten Flammen
   Jauchzte ich die ganze Welt zusammen: --
   -- Brder, seht, wie meine Augen leuchten!



   Jugend ist wie leichte Flocken,
   Bald verweht vom ersten Wind;
   Sieh auf deine schwarzen Locken!
   Hast du es noch nicht vernommen?
   Weie Boten angekommen:
   Und du schlfst, mein Weltenkind?

   Vglein schttelt sich am Morgen
   Von dem ncht'gen Silbertau;
   Also schttle ird'sche Sorgen,
   Liebe Seele, dir vom Flgel,
   Steige ber Strom und Hgel
   Lerchengleich ins Himmelblau.

   Freiheit wirst du droben finden
   Von dem Brausestrom der Tage:
   Liebe Seele, darum jage
   Hinter Gottes Spuren dicht,
   Und im stillen Kreis von allen
   Seelen, die zum Herren wallen,
   Walle hin zum ew'gen Licht.



   Mein Gott, ich will dich ehren
   Und dein gerechtes Tun:
   Nur einmal braucht' ich hren
   Und glaube alles nun.
   Nicht fragen und erproben
   Will dich dein Erdensohn:
   Du groer Bildner droben,
   Darf meistern dich der Ton?

   Ich hab' dich manche Stunden
   Gesucht an manchem Ort,
   Ich habe dich gefunden
   Als Burg und Felsenhort.
   Du, der in klarem Feuer
   Dies Erdentum erhellt
   Und unverhllt vom Schleier
   Durchstrahlt die schne Welt.

   Sieh, alle Himmel preisen
   Dein Licht und deine Pracht,
   Da sie in ihren Kreisen
   Sich beugen deiner Macht;
   Die Engel, die da schweben
   Durch Feuer und durch Flut,
   Sie jauchzen und erheben
   Zu dir die heil'ge Glut.

   Zu dir, der alles fhret,
   All diese Welten trgt,
   Und keinen Arm doch rhret
   Und keine Hand bewegt!
   Du, dessen Wunderwalten
   Die Hh' und Tiefe hlt
   Und heiliger Gestalten
   Geheimnisvolle Welt.

   Wer kndet uns das Weben,
   Das alle Wolken treibt?
   Das tiefverhllte Leben,
   Das ewig droben bleibt?
   Und doch will er sich neigen
   Dem Kinde dieser Welt
   Und lt sein Leuchten steigen
   Hinab aufs Erdenzelt.

   Und lt vor Seheraugen
   Sein ganzes Bild erstehn;
   Sonst mochte nie ihm taugen,
   Da Menschen ihn ersehn.
   Was nie sich wollt' gestalten,
   Sein Bildnis oder Ma, --
   In kniglichem Walten
   Prophetenauge sah's.

   Die ungezhlten Werke,
   Wer zhlt sie alle vor?
   Heil dem, der seine Strke
   Zu grnden sich erkor!
   Heil dem, der all sein Hoffen
   Auf ihn allein gelegt,
   Ihn, der die Welt so offen
   In seinen Armen trgt!

   Heil, wer mit heil'gem Bangen
   Ihn frchtet und bekennt
   Und dankbar im Empfangen
   Sein Recht auch Recht benennt!
   Wirkt er fr seines Knechtes
   Glck und Gedeihen doch:
   Es kommt ein Tag des Rechtes
   Dem groen Gotte noch!

   O zittre du und denke
   Und lerne wachsam sein:
   In dein Geheimnis senke
   Dein ganzes Sinnen ein!
   Woher bist du gekommen?
   Wo ist dein Grund gelegt!
   Wer hat dich einst genommen?
   Wer hegt dich und bewegt? --

   Schau hin auf Gott und sende
   Die wache Seele aus,
   Doch strecke deine Hnde
   Du nimmer nach ihm aus!
   Du kannst doch nimmer finden
   Sein Ende und Beginn,
   Und nie wirst du ergrnden
   Den rtselhaften Sinn.



   Bevor du mich geschaffen,
   Hast du mich schon gekannt,
   Ich wei, du wirst mich halten,
   Solang dein Geist wird walten
   In meiner Seele Land.

   Kann gehn ich, wenn dein Winken
   Mich an die Stelle zwngt?
   Kann ich denn bleiben stille,
   Wenn mich dein heil'ger Wille
   Mit Mchten vorwrts drngt?

   Was kann ich denn noch sagen?
   Mein Denken ist bei dir:
   Was ist denn all mein Wandeln,
   Was ist mein Tun und Handeln,
   Bist du nicht ber mir?

   Ich kann dich ja nur suchen;
   Und du: -- Zur Gnadenzeit
   Erhre mich in Milde,
   Und mach zu einem Schilde
   Mir deine Huld bereit!

   Erwecke mich am Morgen
   Und mache mich recht wach,
   Da ich in frohen Weisen
   Hinwalle, hochzupreisen
   Dich unter deinem Dach!



   Ruhig, ruhig, liebe Seele!
   Wende dich zu Gottes Throne:
   Ird'sche Throne lasse liegen;
   Bist du erst emporgestiegen,
   Stiegest du zu ew'gem Lohne.

   Seele, gib dem Herrn die Ehre,
   Beuge dich ihm froh und gern:
   Droben unter Gttershnen
   Singe mit in Jubeltnen
   Deinem hochgelobten Herrn!




                                  II.
                                 ISRAEL



   Wahrheit, ich liebe dich aus ganzer Kraft
   Und tief aus meines Herzens Leidenschaft.

   Dich liebt mein jubelnd aufgetaner Mund,
   Dich meiner Brust geheimnisvollster Grund.

   Du bist mit mir, wie kann ich einsam sein?
   Du leitest mich, wie wandle ich allein?

   Du bist mein Licht, wie knnte ich verblinken?
   Und du mein Stab, wie knnt' ich niedersinken?

   Sie haben mich geschmht, doch keiner wute,
   Da Schmach um dich mir Ehre werden mute.

   Quell meines Lebens du, mein Leben lang
   Gilt dir mein Preis, mein Lied, mein Sang!



   Sonn' und Mond im Wechsel der Geschlechter,
   Tag und Nacht als ewge Wchter,
   So steht ewig Jakobs Same;
   Gottes Linke mag sie lassen,
   Gottes Rechte wird sie fassen:
   Ewges Volk, das ist und bleibt ihr Name.

   Ach, was frchten sie und zagen
   In den schlimm und schlimmern Tagen,
   Da ihr Herz am Zweifel bricht: --
   Glaubt an euer ewiges Bestehen,
   Allsolang nicht Tag und Nacht vergehen,
   Allsolang vergeht ihr selber nicht!



   Sei stark und harre deiner Zeit!
   Was drngst du so, noch ist sie weit,
   Was soll das wilde Bangen?
   O bebe nicht und sei ein Held!
   Und singe, siehst du doch mein Zelt
   Bei deinen Zelten prangen!

   Und wenn sie spotten, du sei still!
   Und wenn du hrest ihr Gebrll,
   La es dich nicht bewegen:
   Fhr' deine Herde sanft dahin,
   Ich bin dein Gott, es ist mein Sinn,
   Das Joch dir aufzulegen.

   Ich bin es auch, der dich erhrt,
   Und der den Balsam dir beschert,
   Da deine Wunden brennen.
   Auch dank ich dir, wie du mich liebst,
   Da du mir all dein Sehnen gibst,
   Erlser mich zu nennen.

   Doch eile nicht und drnge nicht,
   Da du den Arm im Strafgericht
   Mir siehst gewaltig werden.
   Und dem, der ird'sche Herren preist,
   Dem sage, was du selber weit:
   Gott ist mein Herr auf Erden!



   Seit du das Heim der Liebe bist,
   Kehrt meine Liebe bei dir ein,
   Und meiner Feinde Drang und List
   Soll deinetwegen s mir sein:
   Sie mgen mich nur schrecken!

   Sie lernten deinen Grimm von dir,
   Sie jagten den, den du verjagt: --
   Soll ich sie hassen denn dafr,
   Der selbst sich nicht zu lieben wagt,
   Da du ihn nicht mehr liebest?

   Bis einst verwunden alle Qual,
   Vorber aller Strme Macht,
   Und du dem Volke deiner Wahl,
   Das du erlst aus mancher Nacht,
   Erlsung wieder sendest.



   Entfessle deine rechte Hand
   Und sende sie hinab ins Land,
   Da sie dein Volk erfasse!
   Ist sie zu kurz? Beherrscht denn dich
   Das Schicksal ebenso wie mich
   Und alle auf der Gasse?

   Die Sonne braust in ew'gem Kreis,
   Es steht der Mond auf dein Gehei.
   Dein Wort ist ihre Klammer.
   Dein Wort nur ihre Ketten bricht,
   Und all ihr Gold- und Silberlicht
   Es ruht in deiner Kammer.

   Da stehen sie in deinem Schein,
   Die Sterne all, und harren dein,
   Das sie dein Wille richte!
   Und fhlen tief und fhlen ganz:
   Von deinem Glanze ist ihr Glanz,
   Ihr Licht von deinem Lichte.



   In deinem Lichte schlft aller Glanz:
   Dein Volk auf finstern Wegen reist,
   Und ihrem Sehnen, lang gehegt,
   Der Frevel in die Ferse beit.
   Doch still: Darber leuchtet rein
   Wie Sonnenglanz im Morgenschein
       Das schnste Licht.

   O Vater, um ihr wildes Haupt
   Schling' einen Schleier silberklar,
   Und statt des armen Bettelkleids
   Reich ihnen einen Purpur dar.
   Gie aus dein Licht zum zweitenmal
   Wie einst am ersten Tag den Strahl:
       Es werde Licht!

   Hoch dein Panier den Wankenden!
   Dein Engel schreite nun voran
   Und lege den Erlsten blo
   Zum Siegeszug die freie Bahn!
   O segne sie der Gnaden voll,
   Doch in Verdammnis sinken soll
       Des Lichtes Feind!

   So wie ein Knecht nach Schatten lechzt,
   Lechzt Israel: Erls' es nun!
   Und ruf' ihm zu: Wie lange noch
   Willst du im dstern Hause ruhn?
   Sag' an, wie lang? Sag' an, wie weit?
   Auf, leuchte! Denn es kommt die Zeit:
       Dein Leuchten kommt!



   In deinem Haus zu ruhen,
   Gibt es wohl sre Rast
   Dem Volk, in dessen Reihen
   Du deine Ruhe hast?

   Du, der auf Weltenhhen
   So unermelich thront
   Und doch im Herz des Armen
   Und des Gebeugten wohnt:

   Dich fat nicht Himmelshhe,
   Die dich zu fassen whnt,
   Und wenn sie bis zum Horeb
   Die ewgen Kreise dehnt.

   Dein Weg, der ist so nahe
   Und doch so fernehin:
   Und alles, was du bildest,
   Hat seinen Zweck und Sinn.

   Selbst meiner Seele Trachten,
   Das sendet mir mein Hort,
   Und wenn die Lippe redet,
   So ist's ein Gotteswort.



   Fauler, wirst du nicht errten?
   Schlfst bis in den Tag hinein?
   Hrst du nicht aus tiefsten Nten
   Fremde Vlker zu ihm schrein?

   Schon mit ganzem Herzen dienen
   Ihm, die nie ihn noch gekannt:
   Und die ihm die Liebsten schienen,
   Die verstecken sich im Land?

   Auf, schon tagt es fern im Osten,
   Auf, du Schlfer, aus der Ruh!
   Fremde stehen auf dem Posten,
   Und da trumest du? --



   Es blieben die Wunder, die herrlichen, fort,
   Gott Elijahus, wo ist dein Ort?
   Wir hrten dein Wort, wir schrieen empor,
   Schon tausend Jahre ist taub dein Ohr: --
           Gott Elijahus, wo bist du?

   Schlo Elijahu des Himmels Trauf',
   Ri Elijahu den Himmel auf:
   Wasser und Feuer fiel von den Hh'n,
   Karmel und Kison haben's gesehn:
           Gott Elijahus, wo bist du?

   Sprach Elijahu zum Krgelein,
   Setzte er quellenden Segen darein;
   Lie er den Toten vom Bette stehn:
   Wer hat es gehrt? Wer hat es gesehn? --
           Gott Elijahus, wo bist du?

   Spritzt' Elijahu in feindliche Reih'n
   Flammendes Feuer und Funken hinein,
   Sechs Wochen fastet' er Tag und Nacht, --
   Dann haben die Raben ihm Brot gebracht: --
           Gott Elijahus, wo bist du?

   Fuhr Elijahu im Sturme auf,
   Feurig raste der Rder Lauf:
   Vater, Vater! Elisa schrie,
   Elijahu war fort, man sah ihn nie: --
           Gott Elijahus, wo bist du?

   Elisa blieb und ging frba,
   Er ging durch den Jordan und wurde nicht na.
   Die Mnner sahen's und staunten da:
   Elisa wie Elijahu geschah. --
           Gott Elijahus, wo bist du?

   Elijahu ist fort, doch -- -- wir sind da,
   Dulden und leiden ferne und nah;
   Versprochene Zeichen neben uns stehn: --
   Wann werden wir deine Wunder sehn?
           Gott Elijahus, wo bist du?




                                  III.
                                 LIEBE



   Ofra wscht ihre Kleider
   In meiner Trnen Flut,
   Ofra trocknet die Kleider
   An ihres Auges Glut.

   Ofra braucht keine Bronnen
   Bei meines Auges Quell,
   Ofra braucht keine Sonnen,
   Denn ihr Auge ist hell.



   Ich wiegt' auf dem Schoe
   Den Liebsten so schn,
   Da sah er sein Bildchen
   Im Auge mir stehn.

   Der Schelm! Sieh, da kt' er
   Mein Auge so wild:
   Mein Auge nicht kt' er,
   Er kte sein Bild.



        Das Mdchen spricht:
   Was drngt ihr mich also,
   Ihr Frager, ihr flinken,
   Im Meere der Liebe
   Da sollt' ich versinken.

   Da trat seine Sohle
   Zum donnernden Strande: --
   Da ging ich im Meere,
   Als ging ich im Lande.

       Der Knabe spricht:
   Im Garten der Schnheit
   Erwarbst du ein Land,
   Das grenzenlos reicht
   Bis zum ewigen Strand.

   Und wolltest die Sterne
   Zum Schmucke du han,
   Sie sprngen dir gerne
   Von himmlischer Bahn.


                             ABSCHIEDSVERSE


                                   1

   Mein Lieb, wir mssen uns schicken,
   Nun scheid' ich aus dem Tal:
   La dir ins Auge blicken
   Zum allerletzten Mal!

   Ich frcht', ich kann nicht zwingen
   Das Herz in sein Revier:
   Heraus wird es mir springen
   Und laufen hinter dir.


                                   2

   Gedenke der Tage liebender Lust,
   Und ich will denken der Nchte:
   Wie du mir ziehst durch die trumende Brust,
   Auch ich, auch ich
   Durch deine Trume mchte.


                                   3

   Ein Meer von Trnen zwischen uns rollt,
   Ich kann nicht hinbereilen;
   Doch wenn deine Liebe herber wollt',
   -- Die Wogen wrden sich teilen.


                                   4

   Ach, da ich einst in dunklen Grabesrumen
   Den Ton des Glckleins ber mir erlauschte,
   Das leise klingt an deinen Kleidersumen!

   Ach, da ich noch im Tode mich berauschte,
   Wenn du mich grt und fragst in meinen Trumen,
   Und ich dann Gru und Frage mit dir tauschte!


                                   5

   Du hast einen Mord begangen,
   Darum verklag' ich dich:
   Deine roten Lippen und Wangen
   Die sollen zeugen fr mich!

   Deine roten Lippen und Wangen,
   Was sind sie denn so rot? --
   Nun mut du schweigen und bangen:
   Mein Blut auf deinen Wangen,
   Das zeugt von meinem Tod.


                                   6

   Willst du wirklich meinen Tod?
   Ach, ich bete nur um Leben,
   Um es jung und frisch und rot
   Deinen Jahren zuzugeben.

   Ach, du raubtest mir die Ruh'
   Meiner Nchte, se Fraue!
   Leg' sie dir auf deine Braue:
   Schlummre, schlummre du!


                                   7

   All' meine Trnen blieben
   Im Feuer deiner Lust,
   All' deine Trnen zerrieben
   Die Steine in meiner Brust.

   Durch Feuer und Wasser zusammen
   Schritt mein zitterndes Herz:
   Das waren deine Flammen,
   Das war mein weinender Schmerz.


                                   8

   Zwischen Bittre, zwischen Se
   Mu mein Herz sich jetzt bequemen:
   Honig sind mir deine Ksse,
   Bitter ist das Abschiednehmen!


                                   9

   Aller Reichtum dieser Welt
   Ist mir eitel Trug,
   Deiner Lippen rote Schnur,
   Deiner Lenden Grtel nur
   Wre mir genug.

   All mein ser Honig fliet
   Dort, wo ich dich kte,
   Meiner Narde sich ergiet,
   Alle meine Myrrhe spriet
   Rund um deine Brste.


                                   10

   Der Frauen Ehre ist ihr edles Tun,
   Doch alles Tun veredelt sich durch dich.


                                   11

   Viel tausend Garben stehen
   Wohl in der Liebe Tal:
   Vor deiner Garbe beugen,
   Vor deiner Garbe neigen
   Sich alle allzumal.


                                   12

   Unter deinen leichten Fen
   Heimlich se Keime sprieen,
   Balsamknospe, Myrrhenblt':
   Mchte doch mein Leben glcken
   Nur so lange, bis ich pflcken,
   Sehen kann, wie alles blht.


                                   13

   Deine Stimme hr' ich nimmer,
   Aber leise hr' ich immer
   Klingen wie ein fernes Gren
   In den Tiefen meiner Seele
   Deine Kettchen an den Fen.


                                   14

   Mein Herz wird bitter,
   Da es gedenkt: --
   Noch hngt ja, hngt
   An den Lippen die Se,
   Noch fhl' ich die Ksse,
   Die du mir geschenkt. --



   Wach doch auf aus deiner Ruh;
   Da ich mich an deinem Bilde labe!
   Trumest du von Kssen, ser Knabe? --
   Ich kann Trume deuten, du!



   Wie die Sonne ber Sphren schreitet,
   Herrschst du in der Welt mit Kraft und Mut:
   Deine Augen wilde Pfeile schieen,
   Mnnerherzen Strme Blutes flieen:
   Mdchen, deine Pfeile treffen gut.

   Wilde Blumen stehn in deinem Garten,
   Rote Blumen, die das Pflcken wert:
   Doch du stelltest zu des Gartens Schutze,
   An die Pforte stelltest du zum Trutze
   Hin das zuckende, das Flammenschwert.


                          ZUM RUHME DER BRAUT


                                   I

   Das Silber lt sich grnden
   Im Schachte des Gesteins,
   Wer aber wollte finden
   Ein Liebchen so wie meins?

   Wie Stdte fest verbndet
   Mit Mauern und Gestmm:
   Wie Tirza hochgegrndet
   Und wie Jerusalem!


                                   II

   Was wendet sie sich allerwrts,
   Zu suchen ein Gezelt,
   Da doch mein groes, weites Herz
   Das Tor ihr offen hlt?


                                  III

   Dein Gesicht voll Rosen eine Kste:
   Meine Augen knicken sie;
   Aepfel der Granate deine Brste:
   Meine Hnde pflcken sie.
   Hoch auf deinem Lippenpaare
   Lodern wilde Feuerschlangen:
   Meiner Ksse Feuerzangen
   Reien sie mir vom Altare.


                                   IV

   Wie zwei Abendwlfe fahren
   Aus des Waldes dunklen Nchten,
   Also steigen aus den Haaren
   Dir zwei rabenschwarze Flechten.

   Doch da ist ein Licht, ein schnelles,
   Von der Wange eingedrungen,
   Und dein Antlitz steht wie helles
   Morgenlicht in Dmmerungen.


                                   V

   Keine Nacht besteht vor ihrem Lichte,
   Und ihr Licht erlscht in keinem Dunkeln:
   Leuchtet es im Tagesangesichte,
   Wchst es an zu siebenfachem Funkeln.



   Zeigte Liebchen mir die Wangen,
   -- Mitterncht'ge Stunde war's --:
   Um die zarten Schlfen hangen
   Tief die Schleier ihres Haars.

   Von Rubinen hell umgossen
   Ihre frohe Wange war,
   Und vom klarsten Licht umflossen
   Schien die dunkle Locke gar.

   Wie die Sonne, wenn im holden
   Morgenstrahl die Flamme loht: --
   Dunkle Wolken werden golden,
   Dunkle Wolken werden rot.



   Liebe Snger, singt den Trauten
   Holde Lieder zu den Lauten
   In dem schnsten Wechselsang!
   Singet den verhllten Blicken,
   Die verstohlen schaun und nicken
   Durch des Fensters Seidenhang.

   Sie, die Keuschen hinter Gittern,
   Die da lernten von den Mttern
   Rein zu halten Herz und Leib;
   Und die doch mit Pfeilen spielen,
   Kindlich mit dem Bogen zielen
   Ahnungslosen Zeitvertreib.

   Weh, geschossen und getroffen!
   Klaffend steht die Wunde offen:
   Ach, sie ahnten keinen Harm;
   Sie, die nie an Schwerter rhrten
   Und als einz'ge Waffe fhrten
   Ihren Alabasterarm.

   Sie, die Schwachen, Mden, Sen,
   Die das Kettlein an den Fen,
   Allzu schwer das Ringlein drckt;
   Deren Auge bei den Lasten
   Ihrer seidnen Wimperquasten
   Kaum ein stiller Aufschlag glckt.

   Aber wenn es einmal blicken
   Und empor zur Sonne schicken
   Seine heien Flammen wollt',
   Schwarz verbrennen in der Ferne
   Wrd' an diesem Feuersterne
   All der Sonne rotes Gold.

   Werde Licht! so spricht die Wange,
   Werde Nacht! die Lockenschlange
   Dieser holdgeliebten Schar.
   Ihre weien Kleider hllet
   Licht der Liebe, Nacht erfllet,
   Leidesnacht ihr dunkles Haar.

   O ihr Leuchten meines Lebens,
   Ist mein Herz nicht eures Schwebens
   Firmamentisch Himmelszelt?
   Rollt ihr nicht in ew'gen Gleisen
   Und in immer neuen Kreisen
   Durch dies Herze, diese Welt?

   Ach, ihr zarten, freudereichen,
   Traubenschwerem Weine gleichen,
   Wie er Zweig und Wurzel trgt!
   Ach, ihr Lippen, Schnheitsboten,
   Wie ihr eure doppelt roten
   Polster um die Perlen legt!

   Zrne, Herze, nicht den Kecken,
   Wenn gar ihres Auges Necken
   Falsch aus falschem Fenster schaut:
   Diese Aepfel, wie sie hangen,
   Diese Lilien auf den Wangen
   Sind ein ses Heilekraut.

   Sieh den Wuchs gleich einer Palme,
   Der gleich windbewegtem Halme
   Lieblich seine Hften wiegt!
   Jedes Herze, mut du wissen,
   Kaum gefangen, schon zerrissen
   Blutend ihr zu Fen liegt.

   Soll man sie nun schuldig sprechen,
   Da sie nur, um sich zu rchen,
   Gegen unsre Herzen gehn?
   Fr die Blumen, die wir Frechen
   Tglich von den Beeten brechen,
   Die in Wangenblte stehn?

   Auf, zum Richter will ich schreiten:
   Seine Schwingen, seine weiten,
   Sind der Weisheit Schutz und Hort.
   Er, der ber Tod und Leben
   Richtet, soll die Antwort geben:
   Still, er kndet Gottes Wort! -- --
   -- -- -- --



   Was geht noch auf die Sonne,
   Was leuchtet sie uns noch?
   Der Mdchen Allerschnste
   Verdunkelte sie doch.

   Magst, Sonne, du errten
   Vor ihrem holden Glanz,
   Mag aus den Bahnen treten
   Der Sterne lichter Kranz!

   Was braucht die se Taube
   Noch eure hohe Welt? --
   Sie macht die Myrtenlaube
   Sich selbst zum Himmelszelt.


                              ZUR HOCHZEIT

   Mg' des Paares holder Bund
   Israel zum Segen frommen!
   Tu' das nchste Jahr uns kund,
   Da ein neuer Stern entglommen.

   Da in ihren Tagen dann
   Froh man meinem Volke kndet: --
   Des Erlsers Leuchte hat
   Gott dir angezndet.




                                  IV.
                              FREUNDSCHAFT



   Fein snftlich, Freund, bin nicht von Erz;
   Zrnst du noch lang, so bricht mein Herz.

   Bist du nicht Arzt? Was willst du noch?
   Unheilbar Weh, du heilst es doch!

   Trink Milch und Wein von meinem Mund,
   Um Wein und Milch mach' mich gesund.

   Mein ganzes Herz ist dir bestimmt:
   Greif zu, eh es ein andrer nimmt!



   Sehnt sich deine Seele noch
   Nach der Jugend Borden,
   Da die dunkle Locke doch
   Lang schon wei geworden?
   Soll das Leben fr den Rest
   Dich noch lachen lehren,
   Da es reichlich dir entpret
   Bitterste der Zhren?

   Tglich gibst den Scheidebrief
   Du der Welt im Schmerze,
   Aber tglich widerrief
   Ihn dein schwaches Herze.
   Ob sie dir ins Antlitz spie
   Und verwarf dein Minnen,
   Stets durch neue Gaben sie
   Willst du dir gewinnen.

   Schon die weie Taube kt
   Dir den mden Scheitel;
   Fort der Rabe, und noch ist
   Jugend dir nicht eitel?
   Sag', wer soll die arme Brust
   Wieder dir verjngen,
   Wird die lang verwehte Lust
   Noch einmal gelingen?

   Wer soll wieder deinem Fu
   Gldne Kettlein geben,
   Deine Hand zum Freudengru
   Auf die Zimbel heben? -- --
   -- So fragt mancher, aber blo,
   Wer das Aug' nie kannte,
   Das vom Westen, sonnengro,
   Mir sein Leuchten sandte.

   Diese Sonne wird mich nicht,
   Nimmermehr versengen,
   Wird als Schmuck ihr Strahlenlicht
   Um den Hals mir hngen,
   Auge, auch dem Vollmond nicht
   Gleichst du, fhlt der Dichter:
   Der verliert sein mattes Licht,
   Du wirst immer lichter.

   Hast mir auch zurckgebracht
   Helle Jugendtrume,
   Die ich weit und fern gedacht
   Lngst in alle Rume.
   Und weil so dein heller Strahl
   Sprach ein neues Werde!
   Kann ich lieben noch einmal
   Diese schne Erde.



   Viele schon in meinem Herzen schufen
   Sich ein Heim: -- Du sollst der Beste sein;
   Wird mein Herz dereinst die Freunde rufen,
   Sein Berufener bist du allein.

   Wenn ich ber aller Sterne Schimmer
   Dann das Herz erhebe zu dem Firn,
   Find' ich berm hohen Himmel immer
   Hher noch und stolzer deine Stirn.

   Dehnend dann, um deine Kraft zu fassen,
   Dieses Herze weit und weiter dringt,
   Bis es grenzenlos dahingelassen
   Rauschend aus der Erdensphre springt.

   Staune nicht, ob meines Herzens Schoe,
   Da du ihn so tief, so gro empfandst:
   Mich la staunen, da du dieses groe,
   Dieses Herze so erfllen kannst.


                                ABSCHIED


                                   1

   Wir kennen Abschied, dich von alten Tagen:
   Kein Strom so alt als wie der Strom der Trnen,
   Und Unrecht ist's, die Zeiten anzuklagen: --

   Weh denen, die sie schlimm und schuldig whnen!
   Kein Falsch ist droben bei dem hchsten Wesen,
   Die Sphren laufen nach gerechten Plnen.

   Auch ist schon alles einmal dagewesen,
   Die Hand des Herrn hat einmal nur geschrieben,
   Und neues ist hienieden nicht zu lesen;

   Wo seines Siegelringes Spur geblieben,
   Da blieb es, wie es war, und alles Neue
   Ist alt aus alter Zeit heraufgetrieben;

   Man kt sich nur, da man sich wieder scheue;
   Da Vlker sich aus einem Volk gebren,
   Brach man in alten Zeiten sich die Treue;

   Und wenn nicht jene alten Zeiten wren,
   Da sich die Menschen trennten ohne Reue,
   Die Welt wr' menschenleer und d' geblieben.


                                   2

   Und andre Dinge gibt's in diesem Leben,
   Der eine nennt sie gut, der andre schlecht,
   Flle ist hier, doch Drre liegt daneben;

   Der eine hat dem Leben abgeschworen
   Und wird zum Fluche gleich die Arme heben,
   Dem Tage fluchen, der ihn einst geboren.

   Demselben Tag, den andre wieder preisen,
   Und dessen Stunden ewig unverloren
   Hinrinnen ihm in lieblich frohen Gleisen.

   Den jungen Lippen und den lebensroten,
   Zu Honig werden ihnen alle Speisen,
   Den Kranken wird im Honig Gift geboten;

   Dem Kummervollen leuchten keine Sonnen,
   Sein Aug' schaut nie des Lichtes Wunderboten,
   Und alle Helligkeit ist ihm verronnen; --

   Mein Auge auch versank in dunklen Nchten,
   Aus seinem Grunde brachen heie Bronnen,
   Als heute schied der Freund von meiner Rechten.


                                   3

   Ihm rann der Weisheit Quell vom roten Munde,
   Es ruhte Gold in seiner Seele Schchten
   Und Edelstein im allertiefsten Grunde.

   Als ungezumt noch seine Rosse standen,
   Saen wir Herz an Herz im trauten Bunde
   Und froh in friedevollen Menschenlanden.

   Zwei Mtter haben uns dem Licht gegeben,
   Und doch wie Brder uns die Menschen fanden,
   Denn Liebe einte uns zum Zwillingsleben.

   Auf grnem Hgel hat sie uns geboren,
   Wir lagen an den Brsten ser Reben,
   Als Wiege ward uns holder Duft erkoren. --

   Nun denk' ich dein auf dem Hgelland,
   Das gestern, da es dich noch nicht verloren,
   In Blumenbeeten und in Dften stand;

   Nun hngen heie Trnentropfen nieder
   Von meiner Wimper schwer benetztem Rand,
   Und jede Trne hngt im Blute wieder:

   Du bist dahin! -- Nun stehn auf deinen Wegen
   Wohl andre, singen auch wohl Friedenslieder,
   Doch wei ich, wie sie Krieg im Herzen hegen.

   O fort mit ihnen! Ihre Zhne nagen
   An ekler Speise, whrend Mannaregen
   Und Se einst auf deinen Lippen lagen.


                                   4

   Grimm und Glut den bermt'gen Narren,
   Die sich selbst fr zehnmal weise halten
   All in ihres Geistes drren Sparren;

   Ihre Gtzen sind in ihren Hirnen
   Reinster Glaube, doch als Zauber galten
   Immer meines Glaubens klare Stirnen.

   Wie sie s'n und ernten ihre Gaben!
   Wie sie jauchzen zu des Himmels Firnen,
   Wenn sie leeres Stroh gedroschen haben!

   Hrt mich, Freunde, Neues will ich knden:
   Meine Perlen will ich tief vergraben,
   Lichter hab ich, die sie wiederfinden.

   Aber wenn die Narren zu mir kommen:
   Zeig'uns doch den Schatz in deinen Grnden! --
   Eine Antwort soll allein mir frommen: --

   Vor die Sue nimmer kommt mein Gold,
   In die Wste -- habt ihr wohl vernommen? --
   Niemals meiner Wolke Regen rollt!

   Fort mit euch! Ich brauche nicht die Zeiten!
   Ach, als wenn die Seele brauchen sollt'
   Ihres Leibes eitle Nichtigkeiten!

   _Ihr_ braucht _mich_, der Leib die Seele immer:
   Halte er sie fest! Zum Sternenschimmer
   Wird sie sonst, er selbst zur Tiefe gleiten!



   Ist's der Myrrhe zartes Dften?
   Oder Duft vom sen Moste?
   Oder ist es in den Lften
   Myrtenduft auf leisem Oste?

   Sind es Trnen, die ich schaue,
   Trnen auf verliebten Wangen?
   Oder ist's im Morgentaue
   Rosenkelches Silberprangen?

   Ist's die Laute im Verstecke,
   Die ich leise spielen hre?
   Oder hinter jener Hecke
   Sind's die Nachtigallenchre? --

   Oder ist das alles nur,
   All die Tne, all die Lichter,
   Des Erinnerns se Spur
   An den weitberhmten Dichter? -- --
   -- -- -- -- -- -- --


                       AN AARON BEN ZION ALAMANI

   Dieser Schlummer mge whren,
   Diese Trume mgen glcken:
   Zu dem Frsten will ich wallen,
   Dem sich meine Garben bcken.

   Dessen Gaben hochzupreisen,
   Mund und Herz und Seele singen,
   Und aus dessen Liederquellen
   Meine eignen Lieder springen.

   Denn von seinen Lieblichkeiten
   Sind die meinen nur entwendet:
   Zrn' er nicht, da all mein Sinnen
   Sich in ihm erschpft und endet.



   Trank die Erde wie ein Kindlein
   Gestern noch an Wolkenbrsten
   Winterna auf allen Hgeln;

   Eingeschlossen manches Stndlein
   Trumte sie von Liebeslsten
   Wie ein Brutchen hinter Riegeln.

                   *       *       *       *       *

   Khle Riegel keuschen Eises;
   Doch die Trume alle flogen
   Zu dem nchtlich sen Spiele;

   Aber als mit eins ein leises
   Frhlingswehen kam gezogen,
   War ihr Trumen schon am Ziele.

                   *       *       *       *       *

   Gldner Beete zarten Schimmer
   Legt sie an und Bltendecken,
   Buntgewirkt und buntgerndert --

   Wie ein hbsches Frauenzimmer
   Tglich unter Scherz und Necken
   Neu sich kleidet und bebndert.

                   *       *       *       *       *

   Tglich andre Farben, Blten:
   Wie ein Mdchen, ein gektes,
   Bla und rot im Liebeswallen.

   Farben, wie sie niemals glhten:
   Wie gestohlner Schimmer ist es
   Aus den ew'gen Sternenhallen.

                   *       *       *       *       *

   Kommt zum Garten mit dem Weine,
   Lat uns seine Gluten nippen,
   Die entflammt am Liebesglhen:

   Schneekhl in des Kelches Scheine
   Lt er hinter roten Lippen
   Erst die groe Flamme sprhen.

                   *       *       *       *       *

   Aus der Nchte dunkler Halle
   Steigt empor die goldne Sonne:
   So der Wein aus seinen Krgen. --

   Her die blitzenden Kristalle!
   Schenkt ihn ein, den Saft der Wonne!
   Trinken wir in vollen Zgen! --

                   *       *       *       *       *

   Wandelnd nun im khlen Schatten
   Sehen wir im Sommerregen
   Trnen auf der Erde Wangen;

   Doch es freuen sich die Matten
   Dieser Perlen allerwegen,
   Die vom goldnen Halsband sprangen;

                   *       *       *       *       *

   Freuen sich am Duft des Weines,
   An der Schwalbe, an der Taube,
   Die im Busche gurrt und flattert,

   Wie ein Mgdelein, ein feines,
   Hinterm Vorhang in der Laube
   Heimlich kichert, leise schnattert.

                   *       *       *       *       *

   Aber meine Seele wittert,
   Ob vielleicht in Morgenlften
   Duft vom fernen Freunde schwebe;

   Und im Wind die Myrte zittert,
   Gibt dem Wind ihr zartes Dften,
   Da dem Freund er's weitergebe.

                   *       *       *       *       *

   Und die Vgel singen tausend
   Lieder, und die Palmen mchtig
   Rauschend ihre Zweige schwingen:

   Hrt mein Trauter, wie das brausend
   Anhebt, und sich alles prchtig
   Mht, ihm meinen Gru zu bringen? -- --
   -- -- -- -- -- -- --




                                   V.
                         LEBEN, LEIDEN, DICHTEN



   Eine Taube schluchzt vom Zweige: --
   Wird mir bitter weh zumute,
   Denn ich finde ihre Schmerzen
   In mir selber, und mein Schicksal
   Ist dem ihren zu vergleichen.
   Weint sie bers Heimatnestlein,
   Wein' ich meines armen Volkes;
   Weint sie ber Scheiden, Meiden,
   Meiner Brder in der Ferne
   Mu ich sthnen; aber wenn sie
   Schluchzt um ihre jungen Tage,
   Heb' ich selber an die Klage
   Ueber aller Welt Vergehen.

   Abgehaun sind meine Zweige,
   Meine Wurzeln ausgerissen,
   Wie man ihr die Flgel stutzte;
   Allenthalben bse Fallen
   Drohen meines Schrittes Eile
   Wie die Sprenkel ihren Fen;
   Und den Jger mu ich frchten,
   Wie sie selbst die flinken Pfeile.

   Wahrlich, Pfeile schnellt das Leben:
   Scheibe ward ich ihren Schtzen,
   Und sie treffen in mein Blut
   Und vergieen meine Galle,
   Und in meine Wunden alle
   Werfen sie mir Gift und Glut.
   Sttzte mich der Adel nicht
   Meiner unerschrocknen Seele,
   Wr' ich tot in dieser Fremde,
   Diesem Lande, dessen Tage
   Nchte sind und Todesschatten.

   Aber sie, die edle Seele,
   Steigt mir wie das helle Funkeln
   Einer Sonne, die nicht wendet,
   Nie sich neigt zum Abenddunkeln.
   Soll ich mich vor Menschen frchten,
   Da in mir das strkste Leben
   Solcher Seele ist, vor deren
   Mchten alle Mchte beben?
   Soll ich vor der Sorge zagen,
   Da ich aus der Weisheit Schchten
   Kann mir Diamanten schlagen?
   Hungre ich, sie reicht mir Frchte,
   Quellen meinem Durste springen;
   Einsam kann ich nimmer heien,
   Da mir ihre Harfen klingen:
   Und mit Freunden Rede tauschen
   Brauch' ich nicht, kann ich nur lauschen
   Ihrer Worte weisem Singen.
   Sieh, in meines Griffel Schreiben
   Lebt mir Lautenspiel und Harfe,
   Und der Weisheit Schriften bleiben
   Grtlein mir und Paradies.

   Redet nur zur Welt, zur schlimmen:
   Mag sie tun, was ihr gefllt;
   Hrter doch als ihre Dornen,
   Strker ist mein starkes Herz.
   Darf ich ihre Weine kosten,
   Will ich auch die Hefen nippen,
   Besseres verlang ich nicht.
   Denn erprobt ist meine Seele:
   Alle gift'gen Bitternisse
   Werden Honig meinen Lippen.

   Mag die Welt in harte Ketten
   Zehnmal alle Seelen zwingen,
   Zehnmal meine Seele retten
   Will ich aus den Eisenringen;
   Auf zu einem neuen Leben
   Will ich aus der Knechtschaft dringen,
   Will mich rein und frei entheben
   Ihrem trmmerreichen Sturz.

   Ihre Schnheit lockt mich nicht:
   Mag sie ihre Lichter stellen
   Flammend vor mein Angesicht,
   Ihre Sle, ihre hellen,
   Mgen andere bercken,
   Mir sind's Grber, die ersticken;
   Ihren Reichtum, ihren Schimmer
   La ich gerne, so wie immer
   Gern die Seele lt den Leib.

   Hat sie sich nicht selbst geschndet,
   Und ich sollte sie erheben?
   Da im Kote sie geendet,
   Zgre ich, sie hinzugeben?
   Schlecht geschlungen ist die Krone,
   Die aus ihrer Hand entlehnte,
   Und errten unterm Hohne
   Mssen alle, die sie krnte.

   Doch es lebt in mir ein Glaube,
   Den ich nimmer lassen werde,
   Und ein Bund, den nimmer brechen
   Meine starke Seele wird.

   Auf ein Leuchten will ich blicken,
   Aus der Hand voll Glanz und Schimmer:
   O wer wei, sie kann noch immer
   Ihre Morgenrte schicken!
   Tragen will ich, alles tragen,
   Meinen Kummer unterjochen;
   Denn ein einzig starkes Nu:
   Und die Kette ist gebrochen!
   Wecken wird mich meine Stunde,
   Meines Jammers jngstes Tagen:
   Und so harre ich der Kunde,
   Gnne meinen Wimpern nimmer,
   Da sich ihnen Schlummer bte,
   Immer an der Morgenrte
   Wimpern lasse ich sie hngen:
   Seelen, die sich selbst erheben,
   Seelen, die in Hoffnung leben,
   Gott wird ihre Tore sprengen!



   Sie besuchten mich im Traume,
   Wollten trsten, wollten laben;
   Doch versiegelt und vergraben
   Blieb ihr Trost im dunklen Raume.

   Und von allen ihren Lehren
   Hatt' ich nichts als Herzensdarben,
   Sah bei ihnen volle Garben
   Und bei mir die drren Aehren.

   Ich von allen meinen Lieben
   Bin allein in meiner Kammer
   Heimgesucht von allem Jammer
   Aller Nte Kind geblieben. -- --

   Was noch kann die Zeit mir geben?
   Such' ich, was ich nie erworben? --
   Ach, ich bin schon lngst gestorben,
   Und ich hab' kein Recht zu leben!



   Und als nun alle war mein Gold,
   Hat sich der Freund davongetrollt.
   Ich lief ihm nach: O hab' Geduld!
   Was zrnst du mir?
   Was schuld ich dir?
   Da rief er lachend: Deine Schuld
   Ist klar:
   Bist du nicht arm? --



   Siehe, Menschensohn, siehe:
   Alles ist Tand!
   Ziehe aus, ja, ziehe
   Die bunten Kleider der Freude,
   Schlag um die Schultern das Trauergewand!
   Das wird zerfallen,
   Und wie's zerfllt,
   So du:
   Das ist von allen
   Den Mhn der Welt
   Dein letzter Teil --
   Die Ruh'!



   Kann dich Reichtum locken, Herz?
   Jagst du nach dem Glcke?
   Kennst du nicht der Zeiten Trug,
   All die falsche Tcke?

   Wer sich lange Schleppen macht,
   Krzt sich seine Schritte,
   Strauchelt bei der schnsten Pracht
   Auf des Weges Mitte.

   Liegt denn nicht die schlimme Zeit
   Deinem Auge offen?
   Und du hoffst? -- O folge mir:
   Hre auf zu hoffen!



   Freue dich vor deinem Nchsten,
   Ueble Laune lasse schwinden,
   Und du wirst das Herz der Weisen
   Und den Rat der Klugen finden!

   Sei nicht schlecht und sei nicht dumm,
   Auch nicht allzusehr gerecht,
   Und erreichen wirst du alles,
   Was dein Herz sich wnschen mcht.



   Weh der Kunde, die im Ohre gellt: --
   Keine Wahrheit gibt's in dieser Welt,
   Dieser schlimmen Welt der falschen Wagen:

   Wenn ein Mann schon mit ihr leben will,
   Sie zur Gattin sich erheben will,
   Mu er sich mit einer Dirne plagen!



   Du meinst, das Dichten sei mir ein Beruf? --
   Lebendig fat dein gutes Wort mich an;
   Doch sag' ich: Nein! Was je mir Freude schuf,
   War nur der Tropfen, der vom Eimer rann.

   Das Naschwerk nur, das ich am Herde fand,
   Das liebte ich, das hab' ich mir erwhlt,
   Doch zu des Geistes Krnzen, die ich wand,
   Hab' ich mein leichtes Dichten nie gezhlt.

   Und ist die Weisheit wie ein Meer so weit,
   Mein Lied ist nur der Schaum, der drber weht:
   Nicht Mauern will ich trmen als Poet,
   Mein leichtes Ziel ist: Liebenswrdigkeit.



   Nimm dieses Lied aus deines Freundes Hand! --
   Zur letzten Reihe stellte ihn das Leben;
   Und als es endlich seine Reihe fand,
   War alles Glck der Welt schon lngst vergeben.

   Auch er gehrt zu der Berufenen Schar,
   Hat niemand seinen Namen auch geschrieben:
   Und wenn er selbst der Edelste nicht war,
   Er ist im Kreis der Edlen doch geblieben.



   Seh' ich, wie Narren
   Sich glcklich preisen,
   Seh' ich die Weisen
   Hungern und harren: --
   Schnell mcht' ich laufen,
   Den Verstand versaufen!


                              BECHERSPRUCH

   Augen auf, mein Liebster traut,
   Was im Kelche blinkt:
   Schaue, eh' der Nachbar schaut!
   Trinke, eh' er trinkt!


                              ZWEI RTSEL


                                   I

   Die Stirne von Eisen,
   Da Brder sich schieden;
   Die Zunge zu preisen:
   Sie macht wieder Frieden.

                             (_Die Wage._)


                                   II

   's ist ein Gef von ungemenen Tiefen,
   Doch fat die kleinste Hand es gut;
   Und dennoch kann die Hand nicht prfen,
   So nah sie kommt, was in ihm ruht.

                      (_Der Handspiegel._)




                                  VI.
                                  ZION



   Zion, willst du nimmer wieder
   Die verbannten Kinder gren,
   Sie, die letzten deiner Herde,
   Die dich immer wieder gren?
   Osten, Westen, Sden, Norden,
   Alle Nhen, alle Weiten --
   Horch, von allen fernsten Borden
   Grt es dich:
   Hre sie, Zion!
   Hre auch mich!

   Armer Gefangener ich,
   Ich mit meinem Sehnen,
   Hermonstau meine Trnen!
   Hermonstau? -- O wren sie's nur,
   Da ihrer Tropfen Spur
   Deine ewigen Hhen benetze!

   Ich aber, ein Tier der Wste,
   Kann nur heulen ob deinem Falle;
   Nur, wenn im Traume die Zukunft mich grte:
   Heimwallende Scharen -- zum Liedeshalle
   Meine Schmerzen alle,
   Zur jubelnden Harfe waren.

   Um Bethel sthnt mein Herz,
   Um Penil mu ich weinen,
   Um Machanam und die reinen
   Sttten alter Gottesschau!

   Dort lie der Herr sich finden
   Und wohnte im lichten Flor,
   Dort lie dein Schpfer mnden
   Deine Tore ins schimmernde Wolkentor
   Hoch oben in ewiger Ferne:
   Und war deine Fackel und Leuchte und Licht,
   Und Sonne und Mond, sie leuchteten nicht,
   Und ach, wie bleichten die Sterne!
   Sein ewiger Geist ergo sich dort
   Auf herrliche Kinder der Wahl:
   O knnte an jenem heiligen Ort
   Auch meine Seele immerfort
   Ergieen ihre Qual!
   O Knigshaus! O Gottesthron!
   Wie darf ein Knecht und Knechtessohn
   Auf Heldenthronen prahlen?

   Knnte ich wandern ber die Stellen,
   Wo der Herr sich so herrlich gezeigt,
   Wo er in Flammen sich, strahlenden, hellen,
   Deinen Priestern und Sehern geneigt!
   Flgel, wer gibt mir mchtige Flgel,
   Da ich mich schwnge zum Lande der Lust,
   In eure Risse, ihr zackigen Hgel,
   Trge die Risse der leidenden Brust.
   Oh, dann strzte ich jubelnd nieder,
   Meine Arme griffen das Land,
   Streicheln wrd' ich die Steine, die kalten,
   Schmeichelnd wrd' ich dich fassen und halten --

   Du, der Heimat glhender Sand!
   Wie erst, stnd' ich dort an den Grften,
   Die mir knden der Vter Gru,
   Knnte durchwandern in Hebrons Lften
   Stolzeste Grber mein zagender Fu!
   Oh, dann schritt' ich durch deinen Garten,
   Ginge waldber nach Gilead,
   An deinen Bergen und Felsenwarten
   Staunt' ich die durstige Seele mir satt.
   Hor, Abarim, o ewige Wonnen!
   Mose und Aaron, begrabene Sonnen,
   Leuchten und Lehrer, wo finde ich euch?

   Seelenlabe sind deine Lfte,
   O du hochgesegnetes Land,
   Deine Strme sind Honigdfte,
   Myrrhe spendet dein wirbelnder Sand.
   Doch das seste Sehnen fr immer
   Bleibt bei deinen Hallen stehn,
   Zion, ber deine Trmmer
   Mchte ich nackt und barfu gehn:
   Sehen, wo die heilige Lade
   Am geheimsten Orte stand,
   Wo im stolzesten Flgelrade
   Man die goldenen Engel fand!

   Herunter das Haar vom lockigen Haupt,
   Herunter dir von der Stirne geraubt
   Des Reifes goldene Bande!

   Fluch dem Geschicke, Fluch der Zeit,
   Die heilige Hupter so schmhlich entweiht
   In schmacherflltem Lande!

   Essen und Trinken, wie kann es mir munden?
   Deine Lwen seh' ich zerbissen von Hunden,
   Deine Aare zerrissen von gierigen Raben --
   Licht des Tages, wie kannst du mich laben?

   Ha, du Becher des Grams,
   Fort mit dir, lasse mich los!
   Angefllt ist meines Leibes Scho
   Schon lngst mit bitteren Gallen!
   Um Israel hob ich den Kelch zum Mund,
   Um Juda leert' ich ihn bis zum Grund,
   Kein Tropfen der Hefe gefallen!

   Zion, Zion, du Krone der Zeit,
   Schnheit und Liebe sind dein Kleid,
   So hltst du die Kinder gefangen;
   Sie lachen mit dir zur Lachenszeit,
   Sie sthnen um dein bitteres Leid,
   Um dein Ende tropfen die Wangen.

   Sie schmachten aus Kerkersnten empor,
   Sie neigen sich deinem ewigen Tor,
   Wenn ihre Gebete trauern.
   Deine irrenden Herden allzumal,
   Verjagt vom Berg ins dunkle Tal,
   Ach, sehn nur deine Mauern!
   Sie klammern sich fest an deinen Saum,
   Und hoch in den schwankenden Wipfelraum
   Deiner Palmen greifen die Hnde: --
   O Sehnsucht sonder Ende!
   Wohlan, wer will sich messen?
   Ha, Patros, Schinear,
   Wagt ihr's?
   Habt ihr vergessen,
   Vergessen ganz und gar
   Das heilige Zionpriesterkleid?
   O ber eure Nichtigkeit,
   Und eure morsche Gre!

   Nein, neben dich kann niemand treten,
   Kein Knig kommt den deinen gleich:
   Was sind die Allerweltspropheten
   Vor deinem heil'gen Priesterreich?
   Ach, alles strzt von seinen Thronen,
   Es sinkt der falschen Gtter Recht,
   Doch ewig bleiben deine Kronen,
   Dein Schatz ins tausendste Geschlecht!
   Du Gottessehnsucht, Menschensehnen! --
   Wem deine Mauer wieder Heimat bot,
   Heil ihm, und wer durch Sehnsuchtstrnen
   Erblickt dein ew'ges Morgenrot!
   Dein Morgenrot, da alle Wolken fallen,
   Und hundertfacher Glanz vom Himmel bricht,
   Da deine Kinder jauchzend heimwrts wallen,
   Und in des Jauchzens Heil und Widerhallen
   Aufstrahlt dein altes knigliches Licht! --



   Im Orient ist mein Herz, im Okzident,
   Am letzten Saum, vertrume ich die Stunden.
   Kann Trank und Speise, noch so s, mir munden?
   Kann ich Gelbde, kann ich Schwre halten,
   Solange Zion liegt in Roms Gewalten?
   Lt mich Arabien nicht im Kerker kmmern?
   Und was ist Spaniens reichste Flur,
   Was ist sie vor dem Staube nur
   Auf Zions, -- Zions Trmmern? --



   Komm mit mir gen Zoan,
   Zum Schilfmeer und Horeb;
   Wandeln will ich nach Silo,
   Zu gesunkenen Tempels Trmmern.
   Wo die Lade einst zog,
   Da will ich ziehen,
   Wo sie begraben ist,
   Da will ich knien;
   Kssen den Staub
   Ser als Seim,
   Schauen die Auen,
   Die schnen, daheim,
   Schauen das de,
   Vergessene Nest; --
   Oh, wenn ihr wtet:
   Die Tublein zerstoben,
   Rabenbrut nistet
   Dort oben.



   Es war ein Tag so sehnsuchtsvoll,
   Und kam mich doch ein Zittern an:
   Nach Zion mir die Sehnsucht schwoll,
   Da gabest du mir liebevoll
   Ermutigung, Berater!

   Und gabst mir deinen Namen her,
   Als Stab daran zu wallen;
   Nun schreit' ich hin, doch ist es mir,
   Als mt' ich Schritt um Schritt vor dir
   In meine Kniee fallen.




                                  VII.
                                DAS MEER


                               DER STURM


                                   1

   In Wolkenrumen
   Dort richtet er,
   Der Gnaden Sume
   Wallen aufs Meer.

   Der Mensch alleine,
   Wenn Gott ihm fehlt,
   Dient er dem Scheine
   Vom Trug beseelt.

   Aus Alltagsgrften
   Steht froh er auf,
   Eilt bers Meer
   Den Heldenlauf.

   Doch ach, in Banden
   Der Schuld gefllt,
   Mu stlich landen,
   Wer westlich hlt.

   Und er gesteht:
   Nicht seine Kraft
   Weist ihm den Weg
   Der Wanderschaft.

   Dann mu verzagen
   Das arme Herz
   Und klagen und fragen
   In Angst und Schmerz:

   Vor dir, dem Einen,
   Wo soll ich ziehn?
   Wohin vor deinem
   Geiste fliehn?


                                   2

   Wie donnernde Rder rasen die Wogen
   In mchtigem Sturz bers brausende Meer,
   Es finstert der Himmel, von Wolken umzogen,
   Es schumen die Fluten dahin und daher.

   Da hebt sich der Abgrund und steigt in die Lfte,
   Sein Brllen bis hoch an die Wolken hallt,
   Es kochen die Tiefen, es schreien die Grfte,
   Und keiner bndigt die tolle Gewalt.

   Es sinken die Helden! die Strme zerjagen
   Zu Bergen und Tlern den donnernden Schlund:
   Turmhoch das Schiff in die Lfte getragen
   Saust es hinab in den ghnenden Grund.

   Da suchen die Augen nach Schiffern und Knechten: --
   O schweige mir, Herz, und hoffe auf ihn,
   Der einst uns an Moses gewaltiger Rechten
   Durch Schlnde des Meeres lie ruhevoll ziehn.

   So ruf' ich ihn an, den Herrn aller Herren!
   Und frchte nur eins: Meiner Snden Gewalt.
   Ach, wenn sie nur jetzt nicht den Weg mir versperren,
   Nur jetzt nicht mein Jammern, mein Flehen verhallt!


                                   3

   Ha, das Meer! Wie rast es wieder!
   Ha, der Ost! Wie schmettert er nieder
   Mchtig den stolzen zedernen Mast!
   Schttet herab den Sturm seiner Grimme,
   Da sich der Nacken der Stolzen krmme,
   Und der Schiffsherr zitternd erblat.

   Kraftlos hngen dem Maste die Schwingen,
   Kann sie nicht heben, weiter zu dringen,
   Feuerlos siedet die Flut im Fhn.
   O wie verzweifeln die Herzen und sthnen,
   Da sie die Ruderer hilflos frnen
   Und die Ruder sinken sehn.

   Armer Schiffsherr, Steuermann schlechter,
   Dumme Ruderer, blinde Wchter,
   Wo, wo ist nun euer Mut?
   Trunken tanzt das Schiff im Winde
   Und verschleudert an die Grnde
   Alle euch als feiles Gut.

   Seht, schon regt der Leviathan die Flossen,
   Kommt durchs tosende Meer geschossen,
   Ruft wie ein Brut'gam die Gste zum Schmaus;
   Und das Weltmeer mit gierigem Munde
   Schlingt seine Beute zum untersten Grunde: --
   Alles verloren, alles aus!


                                   4

   Nun schmachtet nach den Hhen
   Zu dir mein Augenpaar
   Und bringet dir mein Flehen
   Als ernste Gabe dar.

   Nun zittr' ich meiner Zeiten
   Und bebe, wo ich bin,
   Wie Jona mu ich breiten
   Die Arme nach dir hin.

   La mich ans Schilfmeer denken
   Und trumen immerzu,
   La mich die Sehnsucht senken
   Im Liede nun zur Ruh!

   Der Jordanwunderzeiten
   Erfreu' sich meine Brust,
   Das Herze mag sich weiten
   Als wie von Edens Lust;

   Bis es zu ihm getragen,
   Der Bitteres verst,
   Und der des Grimmes Tagen
   Als Tag der Hilfe grt.

   Ja, meine Augen hellen
   Zu ihm sich himmelan:
   Er legt durch Meer und Wellen
   Uns eine sichre Bahn.

   Und endlich auch sein Toben
   Uns Menschenkindern frommt,
   Da Winter uns und Sommer
   Aus seinem Odem kommt.


                                   5

   So hat er seinen Zorn gewandt
   Vom niedern Sohne seiner Magd,
   Befreite aus dem Totenland
   Die arme Seele, die verzagt.

   Nun eilen schon die goldnen Hhn
   Hernieder auf den wilden Grund
   Und bringen den erregten Seen
   Hinab den schnsten Friedensbund.

   Da schweigt denn ganz der Schreckenslaut,
   Es ruht wie Oel das wilde Meer,
   Und keiner bebt und keinem graut,
   Und Freudenstimme rings umher.

   An die verzagten Herzen dringt
   Der Liebe Engelstimme schon,
   Ihr Schreiten aus den Hhen klingt,
   Ein tief geheimnisvoller Ton.

   So wird die Botschaft ausgesandt
   Dem Volk, das lang im Joche rang,
   Und das so hart des Drngers Hand,
   Des Leides Faust in Ketten zwang.

   Du wildbewegtes Volk der Wahl,
   Du gleichst dem Schiff in Sturmesnot,
   Doch naht gewi auch dir einmal
   Das liederweckende Gebot:

   Heraus, heraus aus finstrer Nacht,
   O liebes Kind, zum Sonnenfirn,
   Sieh, Gottes himmelhohe Pracht
   Strahlt herrlich ber deiner Stirn.



   Holder Zephyr, deiner Lfte
   Schwingen tragen Nardendfte,
   Duft vom Apfelbltenstrau!
   Wo des Krmers Wrzen liegen,
   Dort begann dein frisches Fliegen,
   Nimmer in des Sturmes Haus.

   Schwalbenflgel schwingst du leise,
   Freiheit lautet deine Weise,
   Myrrhen streust du hin und her.
   Ach, wie freuen sich die Scharen,
   Die auf lockrer Planke fahren
   Mit dir bers weite Meer.

   La das Schiff nicht aus der Rechten,
   Nicht am Tage, nicht in Nchten,
   Brich durchs Meer ihm seine Bahn!
   Banne fest die tiefen Grnde,
   Bis, die Ruhstatt deiner Winde,
   Gottes heil'ge Berge nahn!

   Schilt den Ost, den Meeresstrmer,
   Flutenkocher, Wogentrmer:
   Hab' ich denn noch freie Bahn?
   Ich Gefangner von Gewalten,
   Die noch jetzt im Zaum gehalten,
   Losgerissen schon mir nahn?

   Das Geheimnis meiner Flehen
   Bleibt bei Gottes Hnden stehen,
   Der es mir verborgen hlt:
   Er, der Hchste, schuf die Hhen,
   Er hat auch der Winde Wehen
   Heute gndig mir bestellt.



   Kommt die groe Flut mit einem Mal?
   Lt kein Land sich schauen in der Runde?
   Mensch und Tier und Vogel flohn die Stunde:
   Ist's das Ende? Kommt die Todesqual?

   Sh' ich einen Berg, ein Tal allein,
   Wrde meine Seele ruhig werden,
   Und ein wstes Fleckchen dieser Erden,
   Wrde jetzt mir se Labe sein.

   Ach, die Augen gehen um im Kreise:
   Nichts als Himmel, Flut, des Schiffes Knochen,
   Der Leviathan macht die Tiefe kochen,
   Und die Wellen schaun wie wilde Greise.

   Und das Meer verbirgt uns in den Wogen
   Wie der Ruber sein gestohlenes Gut: -- -- --
   Mag es rasen! Frhlich ist mein Mut:
   Nher kommt die Heimat schon gezogen!




                                 VIII.
                              LETZTE TAGE


                               IN GYPTEN

   Die Stdte sieh und sieh den Strand,
   Wo einst ihr heimisch wart:
   So ehre auch das fremde Land
   Und tritt es nicht zu hart.

   Mach deine Sohle sanft und weich,
   Die durch die Straen geht,
   Denn einst durch dieser Straen Reich
   Schritt Gottes Majestt.

   Er neigte sich an Tr und Tor
   Nach deinem Bundesblut,
   Und jeder sah's: Er schritt euch vor
   In Wolke und in Glut.

   Aus dieses Landes Felsen kam
   Dein Bundeshort heraus,
   Und deine Quadern, alter Stamm,
   Die waren hier zu Haus!



   Hat die Zeit das Kleid des Leides
   Ausgezogen und das Kleid des
   Lachens endlich angelegt?
   Sieh die Welt im Byssuskleide
   Hingelehnt in Gold und Seide,
   Wie sie ihre Glieder regt!

   Sieh am Strome das Gefilde,
   Das mit Gozens schnem Schilde
   Seine bunten Ufer hllt;
   Und der Steppe Blumenbeete
   Und die alten Trmmerstdte,
   Die ein goldnes Leuchten fllt;

   Und am Strand die sen Frauen,
   Gleich Gazellen anzuschauen,
   Nur nicht so geschwind zu Fu:
   Denn an ihren Armen hngen
   Spangen, und den Schritt beengen
   Gldner Ketten Klingegru.

   Ach, schon ist das Herz gefangen,
   Und des Alters bleiche Wangen
   Sind vergessen auf der Flur:
   In Aegyptens Paradiese,
   An dem Strome, auf der Wiese,
   Denk ich meiner Jugend nur!


                               TODESAHNEN

   Wollt ihr Liebes mir vergelten,
   Sendet meinem Herrn mich zu!
   Eh' ich unter seinem Zelte
   Glcklich nicht das meine stellte,
   Find' ich Armer keine Ruh'.

   Haltet mich nicht auf zu eilen,
   Da mich schon die Angst erfat:
   Unter seinem Flgel weilen
   Und der Vter Ruhe teilen
   Bleibt doch meine einz'ge Rast.



   Dein Wunder geht durch alle Zeit
   Und kndet uns, was Vter sahn:
   Des Stromes Wasser wurde Blut,
   Da war kein Spruch, kein Zauber gut,
   Dein Name hat's getan!

   Dein Name und der Wunderstab,
   Den legtest du in Moses Hand:
   O fhr' auch meinen frommen Mut,
   -- Das geht so schnell, das geht so gut --
   In deiner Wunder Land.




                             JEHUDA HALEVI,
                seine Zeit, sein Leben und sein Schaffen


                                  von
                             Emil Bernhard


                                   I

Das Land Spanien breitet nach Sden seine Arme aus. Durch die
Geradlinigkeit des Pyrenenrckens von Europa getrennt, vermag es keinen
regeren Verkehr mit den Vlkern nrdlich des Gebirges zu erzeugen, zumal
die Stmme, welche am Fue der bergigen Mauer wohnen, jenseits und
diesseits einander zu hnlich sind, um durch gegenseitige Bekanntschaft
angeregt und bereichert zu werden. Darum wendet Spanien dem brigen
Europa den Rcken zu. Wie es aber im Norden verriegelt ist, so hlt es
im Sden die Tore offen. Whrend bis zum Guadalquivir hinab sich jenes
weite zusammenhngende Hochland der iberischen Meseta erstreckt, das ein
echt kontinentales Klima extremer Sommer- und Wintertemperaturen
aufweist, beginnt nach Osten, Sden und Sdwesten hin ein ganz anderes
und wundervolles Bild. Ein Armausbreiten in der Tat: Als wenn das ganze
Land in Liebe sich ergsse, treibt es die volle Herrlichkeit des Sdens
hervor. Es ist die Sonne der Mittelmeerlnder, die hier scheint, ihre
Blume ist es, die hier blht, ihr Regen, der hier rauscht. Hier haben
wir die wilden Gewitter, die im Nu kommen, und im Nu vergehen, den
feinen Sonnenregen zurcklassend ber der perlenbesten Flur. Hier
wandeln wir durch die lichten Wlder, die Maquidickichte, die Huertas
und Vegas, jene herrlichen Gartenoasen, von Bchen durchrauscht hierhin
und dorthin, wo die Granate flammt, und der Apfelbaum schimmert in der
lichten Pracht seiner Blten. Hier rauschen die Morgen- und Abendwinde
ber taubedeckte Tler und knden die Nacht an, die nirgends emporsteigt
wie hier, so trumerisch erhaben, so schlummernd wach, so einsam und so
beredt. Das ist das Land Andalusien, von dem der alte arabische Dichter
einst sang: Da es emportauchte aus des Meeres Flut, ward es wie eine
Perle aus der Muschel gehoben. Da erbebten die Wogen vor Entzcken, als
sie sich legten wie eine Kette um seinen Hals. Darum lcheln noch immer
in ihm wonneerbebende Blten, darum schmettern in ihm die Nachtigallen
auf lauschenden Zweigen. Hier ist die Heimat meiner Lust. Weh mir, wenn
ich je sie verlassen mte! Hier nur ist ein Garten, die ganze Welt eine
Wste. Und als der unglckliche Emir von Sevilla, Al Motamid, im fernen
Marokko eingekerkert sa und seine wundervollen Elegien sang, da bebte
die Schnheit Andalusiens durch sein Lied: O wie gerne mchte ich
wissen, ob ich meinen Garten und meinen See wiedersehen werde in jenem
stolzen Lande, wo die Oliven grnen, wo die Tauben girren, wo die Vgel
ihr liebliches Gezwitscher ertnen lassen.


                                   II

Das Land Spanien breitet seine Arme nach Sden aus. Und der Sden
strzte in seine Arme. Nachdem die Halbinsel manche ethnische Revolution
erlebt hatte, nachdem Kelten, Karthager, Phnizier, Rmer, Vandalen
schwere Erschtterungen ber sie gebracht hatten, erhob sich im Anfang
des achten Jahrhunderts die ganze, junge, unberhrte Gewalt der
Atlaslnder und ergo den heien Strom ihrer Stmme bers Meer in die
herrlich blhenden Fluren Andalusiens und weiter bis in den Norden
hinein. Der Orient vermhlte sich dem Okzident und brachte ihm als
Morgengabe eine neue, kaum hundertjhrige Kultur mit, die, eingepflanzt
in die bunten Grten Sdspaniens, eine herrliche Bltezeit erlebte.

Nach der machtvollen Regierung der Ommajaden, vor allem der
fnfzigjhrigen des glnzenden Abderrahmn III. (912-961), der in der
Millionenstadt Cordova, ein zweiter Salomo, alle Pracht und Bildung der
Welt um sich sammelte, ward die arabische Herrschaft zwar bald durch
lange Brgerkriege in viele kleine Staaten zerschlagen, die Kultur aber
erhielt sich in ihrer vollen, zauberhaften Schnheit. Im Gegenteil: Die
Kleinstaaterei diente noch ihrer Frderung. All die Emire von Sevilla,
Cordova, Granada, Malaga, Murcia waren zu schwach, als da sie ihren
Ehrgeiz in groen kriegerischen Unternehmungen befriedigen konnten. So
suchten sie sich den Ruhm ihrer Vorgnger als Frderer und Pfleger der
Knste und Wissenschaften zu erhalten und zu mehren. Und nie hat in
einem Lande die Dichtkunst so geblht wie in Andalusien.

Es war, als htte diese gesegnete Erde nur darauf gewartet, von den
Sohlen der freien, sangesfrohen Wstenshne, den Htern der lauteren
Sprache, den Schatzmeistern des reinen Arabisch berhrt zu werden, um zu
ewigen Jubeltnen zu erwachen. Da begann die Laute zu klingen vor den
Balkonen in der Nacht zu feinen arabischen Sequidillas zum Lobe der
Schnen: -- Zum Monde blickte ich, o Geliebte, und seinen Strahlen. Da
nahm er einen Schleier und verhllte sich: Er schmte sich, o Geliebte,
als er dein holdes Antlitz sah. Deine Schnheit berwand ihn, er mute
sich verbergen. -- Da tanzte und sang das Volk auf der Silberwiese von
Sevilla, am grnen Ufer des Guadalquivir; sie warfen sich freundliche
Worte in gereimter Rede zu, und hin und wider scholl das Lachen; und
verkleidet unter ihnen wandelten die Frsten und Prinzen und
verlustierten sich im sen Nichtstun. In der wundervollen Landschaft
Silves hatte jeder Bauer das Talent, zu improvisieren. Wie sollte er
auch nicht: Silves war die Perle in der silbernen Muschel Andalusiens.
Als der genannte Al Motamid seinen Freund Ibn Ammr als Statthalter nach
Silves sandte, da brach er in Erinnerung an seine dort verlebten
Jugendtage aus dem Stegreif in die Verse aus: -- Ach, wie oft haben
dort die jungen, weien und braunen Mdchen mir das Herz mit ihren sen
Blicken durchbohrt, als ob ihre Augen Dolche wren oder Lanzen! Und
welche Nchte habe ich in jenem Tale am Ufer des Flusses mit der schnen
Sngerin zugebracht, deren Armband dem zunehmenden Monde glich! Sie
machte mich trunken durch Blicke, trunken durch Wein, trunken durch ihre
Ksse!

Wer singen und dichten konnte, war im schnen Andalusien nimmer
verloren. Der Verbrecher, der zum Tode gefhrt wurde, konnte sich noch
am Fue seines Galgens befreien, wenn er einige anmutige Schmeichelworte
in gereimter Rede zu sprechen vermochte. Der Bettler, der heute am
Straenrande lag, konnte morgen Wesir sein, wenn er, vom Emir in Versen
angesprochen, in Versen antworten konnte. So wurde Ibn Ammr von Al
Motamid aus dem Staube erhoben, so hat derselbe Frst auf der Gasse von
Sevilla seine se I'timd, die Sklavin Romaikija, gefunden, das
reizende Spielzeug seines Lebens bis zum Tage, da er nach Agmt wandern
mute in den Kerker seines Feindes.

Hand in Hand mit dieser tiefen Liebe zur Dichtung, dem hchsten Stolz
des feingesitteten Andalusiers, ging die Pflege der Wissenschaften.
Ueberall im Lande, in Cordova, Sevilla, Toledo, Valenzia, Almeriga,
Malaga, Jaen, wuchsen islamische Akademien empor, denen umfangreiche
Bibliotheken angegliedert waren, aufgesucht von den lernbegierigen
Jnglingen der ganzen arabischen Welt. Hier wurde Philosophie,
Grammatik, Lexikographie, Medizin gelehrt, und wie die andalusischen
Jnglinge hinauszogen bis nach Bagdad, um die groen Lehrer des Islams
zu hren, so kamen sie auch aus Syrien und dem Irak nach Cordova, um
Schler berhmter Meister genannt zu werden.

Dieses heie Streben nach Bildung und Gesittung erhielt aber seinen
hchsten Glanz durch die unerhrte Pracht, den malosen Reichtum, der
sich in Stdten wie Cordova, Sevilla, Toledo entfaltete. Bis in die
dunkle Klause schsischer Klster drang die Kunde von diesem Reichtum:
-- O Cordova, die helle Zierde der Welt, die junge, herrliche Stadt,
stolz auf ihre Wehrkraft, berhmt durch ihre Wonnen, strahlend im
Vollbesitz aller Dinge! sang die Nonne Hroswitha von Gondersheim. In
der Tat, man kann sich heute kaum eine Vorstellung von dem Zauber
machen, der damals diese Stadt erfllte. Wer sie besuchte, mute erst
einen dichten Kranz marmorner Sommerpalste durchwandern, die aus dem
von Tausenden von Olivenbumen bekrnzten Ufer des in goldgrnen Wellen
hinstrmenden Guadalquivir emporragten und schon um das Jahr 950
achtundzwanzig Vorstdte bildeten. Kam er dann in die Stadt selbst mit
ihren 113000 Husern, 300 Bdern und 3000 Moscheen und betrat gar die
groe Moschee mit ihren 1300 Riesensulen unter der gewaltigen Kuppel,
so mochte er sich schon dem Eindruck dieser stolzen Gre beugen, wenn
ihm nicht schon vorher die Herrlichkeit dieser Welt berkommen war, da
er die berhmte Brcke Abderrahmns ber den Guadalquivir, das Werk
seines Lebens, zagend berschritten hatte. Aehnlich wirkte das lachende
Sevilla mit seinen belebten Gassen inmitten der fruchtbaren Ebene, in
der es lag, hnlich das nrdliche Toledo, das auf der natrlichen Feste
eines hochragenden Felsens am Ufer des gelben Tajo gegrndet war,
Toledo, in dem Orient und Okzident am frhesten in innige Verbindung
traten. Hier strmte das bildungsfhige Abendland zusammen, um in die
Geheimnisse arabischer Weisheit einzudringen, hier bildeten sich schon
im zwlften Jahrhundert frmliche Uebersetzungsschulen, welche die
aristotelische Philosophie im arabischen Gewande der lernbegierigen
Christenheit vermittelten.

Der Orient war es, der hier den blhenden Baum in den Garten des
Okzidents gepflanzt hat. Er hat die Schnheit Andalusiens erst
geschaffen. Die Schnheit der natrlichen ebenso wie der geistigen
Kultur. Die Hnde der Wstenshne hatten das ganze Land mit Kanlen und
Wasserwerken durchzogen und dem Boden seine Fruchtbarkeit abgerungen,
ihr Lied und Sang, ihr Denken und Forschen war es, was auch die Menschen
des Landes eroberte. Es war eine starke Besitzergreifung. So stark, da
durch die Vermhlung von Land und Menschen bald ein neues Volk geboren
war, eine jungfruliche Nation mit neuem, bald im ganzen Orient
berhmtem Namen: -- El Andalus.


                                  III

An der Wende dieses glcklichen und reichen Zeitalters, in den letzten
Strahlen seiner untergehenden Sonne, wurde zu Toledo um das Jahr 1083
Jehuda ben Samuel ben Samuel Halevi, oder, wie er arabisch hie, Abul
Hasan Allwi, geboren. Die Familie, der er entstammte, war unbekannt,
aber nicht arm. Wenn er auch im zartesten Alter die Belagerung Toledos
(1085) und die Judenverfolgung in derselben Stadt (1090) erlebt hat,
scheint doch seine Jugend glcklich gewesen zu sein, um so glcklicher,
als er aller Wahrscheinlichkeit nach das einzige Kind seiner Eltern war.
Bald aber entwhnte ihn das rauhe Schicksal dieser Milch der
Jugendtage. Der Vater mu frhzeitig gestorben sein. Er lie den Knaben
mit der Mutter zurck, welche seine ersten bitteren Enttuschungen noch
miterleben mute.

Nach der Sitte der Zeit wurde der Knabe mit den schwarzen Locken und den
dunklen feurigen Augen, die ber braunen, gesunden Wangen leuchteten,
frh in die Sprache und Lehre seiner Vter eingeweiht. Mit dreizehn
Jahren sprach und schrieb er ein vollendetes Hebrisch und war
gleichzeitig tief in die Kenntnis der arabischen Literatur wie der
ganzen Zeitkultur eingedrungen. Er hat also seine erste Jugend, obgleich
im christlichen Spanien, doch an der Grenze der mohammedanischen Kultur
zugebracht. Dort hat er die arabische Kasside singen gelernt, das
Preisgedicht, die poetische Epistel, sowie die kunstvollen Grtel- und
Kettenlieder, die damals in Spanien aufkamen.

Um jene Zeit erfllte der Name Ab Harn Mose ibn Esras, des religisen
Dichters, die jdische Welt Spaniens. Dieser kaum mehr als
fnfundzwanzig Jahre alte Dichter lebte wie die meisten Ibn Esras in
Granada, jener Stadt im Sden Spaniens, die damals so viel Juden hatte,
da man sie schlechthin die Stadt der Juden nannte. Da erhielt er
eines Tages aus dem fernen Norden eine poetische Epistel. Von der Hand
eines Kindes. Und las. Und war erschttert. Dann setzte er sich nieder
und schrieb die Antwort:

   Ein Kind noch jung, ein Knabe zart,
   Will Geistesfelsen rcken?
   Stt Helden in den Staub hinab
   Und lt als rot und weier Knab'
   Schon volle Blten blicken?

   So ist's: Vom Norden strahlt er auf
   Und fllt mit Licht die Auen.
   Die ganze Weite ist erhellt,
   Noch hher als das Sternenzelt
   Knnt seine Hand ihr schauen.

Mose ibn Esra hat das Verdienst, Jehuda Halevi entdeckt zu haben. Er
tat es im guten Sinne des Wortes. Er gewann eine vollstndige Herrschaft
ber den jungen Dichter, der sich ihm mit ganzer berschwenglicher Seele
hingab. Der junge Jehuda war eine zarte, deutlich feminine Natur. Bei
einem ausgesprochen genialen Selbstbewutsein war er die Demut selbst
vor seinen Freunden, die er fast immer berschtzte. Er vergtterte sie.
Er dichtete ihnen die Eigenschaften an, die ihm selber fehlten. Oft
erzrnte er sich mit ihnen, immer aber war er derjenige, der um
Verzeihung bat. Es ist rhrend zu sehen, wie hufig er in seinen
Episteln an die erzrnten Freunde nach einer Schuld sucht, die nicht
vorhanden ist. Von keinem aber lie er sich so beherrschen, wie von Mose
ibn Esra. Als er sich schon dem Gipfel seines Ruhmes nhert, fhlt er
sich noch als sein Jnger. Wenn er dem Meister seine Verse schickt, ist
es ihm, als schickte er Boten an den Gesalbten Gottes, den Knig. Und er
lt sie zum Knige sprechen:

   Herr, o trage unsre Last,
   La uns selbst nicht Snde tragen,
   Wenn in unbeholfner Hast
   Wir dein Lob zu singen wagen.

   Was wir bringen, ist ja noch
   Keine Blte, Knospe eben,
   Aber einstmals soll es doch
   Hier auch Frucht und Blte geben.

Mose ibn Esra war ihm der, welcher berufen war, ihn zu lutern, das
Gold zu scheiden von seiner Schlacke. Er war ihm dichterisches und
menschliches Ideal, das Urbild der Demut und Selbstbeherrschung. Welch
trauriger Irrtum: Mose ibn Esra fhrte ein wilderes, zerfahreneres Leben
als Jehuda Halevi, dem aller Jammer, dessen sein Leben voll war, von
einem herrlichen Frohgemt bersonnt war, whrend der andere an seinen
eigenen Launen zerschellte.

Am Ende des Lebens entfremdeten sich die Freunde, wofr die Schuld wohl
eher in Mose ibn Esra zu suchen sein wird, den der strahlende Ruhm des
Jngeren seinem Charakter nach krnken mute. Als er 1138 starb, sang
ihm Halevi dennoch das Grablied: -- Mose, Mose, mein Bruder, Licht
meines Mondes, meine Sonne, meine Leuchte, meines Glanzes Quell von
alten Tagen her! --


                                   IV

Vom Norden her sandte Jehuda Halevi seine ersten Verse nach dem schnen
Granada. Dann aber kam er selbst nach dem Sden. Warum? -- Wir wissen es
nicht. So klar uns der Lebens- und Stimmungsgehalt der nun folgenden
Epoche ist, so dunkel und tatsachenarm ist sie. Um 1100, also mit
ungefhr siebzehn Jahren, befand sich der Dichter schon im Sden
Spaniens, und zwar zunchst im Sdwesten. Die allgemein verbreitete
Annahme, da er die Hochschule des berhmtesten jdischen Gesetzlehrers
jener Zeit, Isak Alfasi, in Lucena besucht habe, ist nichts als eine
leere Vermutung, die sich auf die Tatsache sttzt, da er beim Tode
Alfasis (1103) sechs Zeilen schrieb und die Einsetzung des jungen, ihm
befreundeten Josef ibn Migasch in den erledigten Lehrstuhl dieses
Meisters in einem Hymnus feierte. Jehuda Halevi zeigt in allen seinen
Werken keineswegs mehr, eher weniger als die talmudische
Durchschnittsbildung seiner Zeit. Vielmehr ist anzunehmen, da dem
herangewachsenen Jngling die einfache materielle Sorge nach dem an
Existenzmglichkeiten reicheren Sden trieb. Mit seiner Ankunft in
Andalusien beginnt eine Zeit der Kmpfe und Irrfahrten fr ihn. Von
Stadt zu Stadt wanderte er, ohne einen festen Halt zu gewinnen. Der
Kampf um den Bissen Brot jagte ihn durchs Land. Sevilla, Granada,
Guadix, Malaga, Lucena waren die Stdte, in denen er sich aufhielt, doch
immer nur kurze Zeit. Den Arztberuf, dem er spter oblag, scheint er
hier noch nicht ausgebt zu haben. Vielmehr lebte er allem Anschein nach
von seiner Feder. Er dichtete Hochzeitslieder und erhielt Honorare
dafr. Er besang die Koryphen seiner Zeit, die ihm ihrerseits
Ehrensolde bersandten, oder ihn, wie es Sitte war, in ihrem Hause
wohnen, an ihrem Tische essen lieen. Zeitweise ging es ihm so
erbrmlich, da er an reiche Leute Bettelgedichte richten mute, um sein
Leben zu fristen. Es war nur zu verstndlich, da sich in dieser Zeit
seiner im tiefsten Grunde heiteren und lebensfrohen Seele recht oft die
verzweifeltsten Stimmungen bemchtigten. Er fhlte sich von allen
verlassen und es war ihm, als htte sich die ganze Welt gegen ihn
verschworen. Einsam und verwaist nannte er sich. Dabei wuchs natrlich
sein Bedrfnis nach Freundschaft, noch mehr aber seine Empfindlichkeit.
So geriet er immer tiefer in eine Stimmung hinein, welche der
Kulturstimmung jener Zeit hnlich war: Weltschmerz und Lebensverachtung.


                                   V

Auf die Epoche des Glanzes war in Andalusien eine Epoche der tiefsten
Erniedrigung gefolgt. Der Stern des Islam war im Verblassen. Vom Norden
her bohrte das Knigreich Kastilien seinen Stachel den Mauren immer
tiefer ins Fleisch. Nachdem Ferdinand (1037-1067) gestorben war, bestieg
sein Sohn Alfons VI. den Thron von Kastilien. Dieser bernahm den Kampf
gegen den Islam als heiliges Vermchtnis von seinem Vater, und es gelang
ihm infolge der Zersplitterung des mohammedanischen Spaniens, die
kleinen Territorialfrsten Andalusiens zum Tribut zu zwingen. 1085 wagte
er den ersten groen Vorsto, dem der wichtigste Verteidigungspunkt der
Mauren, der Turm am Tore Andalusiens, Toledo, zum Opfer fiel. Ganz
Sdspanien erbebte unter diesem Schlage. Die Verwirrung und Angst wuchs
von Tag zu Tag. Da tat der Emir von Sevilla, der schon mehrfach genannte
Al Motamid, den verhngnisvollsten Schritt, den er berhaupt tun konnte.
Er rief den in Nordafrika regierenden Almoraviden Jussuf ibn Taschfn
mit seinen Berberscharen zu Hilfe. Dieser kam und erfocht gegen die
Christen in der furchtbaren Schlacht von Sallaka (1086) einen vollen
Sieg. Der Sden schien gerettet. Nach der Schlacht lie Jussuf aus den
gefallenen Christenleibern einen Riesenturm aufschichten, von dessen
Spitze der Muezzin nach allen vier Winden ausrufen mute, da es keinen
Gott gebe auer Allah: l allh ill' allh. Trotzdem blieb der Sieg
unausgenutzt, und als Jussuf nach Nordafrika zurckgekehrt war, stand
alles wie vorher. Wieder stieg die Not aufs Hchste. Da erschien Motamid
selbst in Nordafrika, um Jussuf persnlich zu veranlassen, noch einmal
der Retter zu sein. Jussuf kam. Aber er ging nicht wieder, ohne sich
seinen Lohn genommen zu haben. Er machte dem Zaunknigtum in Andalusien
mit einem Schlage ein Ende, Granada und Malaga fielen, dann Cordova und
Carmona. Al Motamid mit seinen Shnen wehrte sich tapfer. Aber es half
ihm nichts. Er mute den schrecklichen Tod seiner Shne erleben, um
schlielich in den Kerker zu Adschmt zu wandern, wo er nach vier Jahren
schwerer innerer Leiden, gebrochen an Leib und Herzen, seine knigliche
Dichterseele aushauchte. Das war im Jahre 1095.

Jussuf ibn Taschfn hatte Andalusien unterworfen. Geholfen aber hatten
ihm dabei nicht nur seine wilden Berbern, sondern auch als
unvershnlichste Truppe die orthodoxen Gelehrten des Islam, die Fakhs.
Sie begannen jetzt das Regiment zu fhren. An Stelle der frheren
Schnheit und Leichtigkeit des Lebens machte sich der bigotte Geist
dieser orthodoxen Emporkmmlinge breit. Frmmelei und Beterei
vernichteten alle Blten der frheren Freiheit. Die grazise Geste der
Lebensfreude wurde erstickt in dem Buchstabenknuel des koranischen
Gesetzes. Ketzerriecherei und Angebertum schlossen den frhlich
leichtsinnigen Mund des gebildeten Volkes. Als gar Jussuf das Zeitliche
gesegnet hatte (1106), und sein bigotter, unbedeutender Sohn Al an
seine Stelle trat, stieg die innere Not Andalusiens auf den Gipfel.
Niemand fhlte sich im Lande wohl auer den Fakhs und dem Pbel. Die
Philosophen schwiegen, denn Philosophie war verpnt. Die Freigeisterei
wurde verfolgt. In den Stdten spielten die brutalen, unsauberen Berbern
die Hauptrolle. Die Dichter, noch vor zwanzig Jahren die Lieblinge des
Volkes, gerieten in tiefste Armut. Sie hatten keine Beschtzer mehr. Wer
von ihnen nichts auf sich hielt, lief den Fakhs nach und sang ihr Lob,
um von ihnen Geld zu erhalten. Die Spekulation auf die Eitelkeit dieser
frommen Leute war auch richtig, aber sie bezahlten schlecht, und wer
seine Kunst in Ehren hielt, mochte sie nicht besingen. Ibn Bak, einer
der begabtesten Dichter, welche Andalusien berhaupt hatte, irrte wie
ein Landstreicher von Stadt zu Stadt.

Es ist kein Wunder, da unter diesen Umstnden der bessere Teil der
andalusischen Bevlkerung in dumpfe Verzweiflung geriet. Die meisten von
ihnen hatten die schnen Tage der Freiheit noch gesehen. Um so tiefer
deuchte ihnen jetzt ihr Fall. Es war alles so schnell gekommen. Was
frher unten war, war jetzt oben, die Verachtetsten waren die
Mchtigsten geworden. So wurde dem Volke damals mehr denn je das
Wechselspiel des Lebens klar. Und da der Druck immer unleidlicher wurde,
so kam es, da im Lande die alten Lebenswerte entwertet wurden, und die
Sehnsucht nach etwas Neuem, Hherem erwachte.


                                   VI

So war in Andalusien der Boden beackert fr die Saat eines neuen
Wissens, das gerade damals in Spanien seinen Einzug hielt. Es war die
Inbrunst des Persers Al Gazzl, welche den Samen auswarf. Dieser
wundersame Mann, der im Jahre 1059 in dem kleinen zu Tus gehrigen
Stdtchen Gazzlah geboren ward, war nach mannigfachem Suchen und
Forschen an allem irre geworden, was seine Zeit ihm bot. Die islamische
Theologie, die an der Schale haftend ihre ganze Kraft an kalten
Rechtsfragen halb und ganz ritueller Natur vergeudete, ekelte ihn an.
Die Philosophie, die im Geiste die vollkommenste Macht gefunden zu haben
glaubte, befriedigte ihn nicht, sondern brachte ihn nach langem Studium
zu verzweifelter Skepsis. Hier wie dort erfror ihm die Seele. Die
Spekulation war ebenso kalt wie die Dogmatik. Dies wird ihm zum
schwersten Kampfe seines Lebens. Tiefe religise Erschtterungen machen
ihn an Leib und Seele siech. So erfolgt im Jahre 1095 sein
aufsehenerregender Abgang von der Bagdader Akademie, an der er ein
bedeutendes Lehramt innehatte. Er ging, um sich ganz dem beschaulich
einsamen Leben eines Sf[1] hinzugeben. Aus dieser Einsamkeit heraus,
die im Jahre 1111 mit seinem Tode endete, predigte er der Welt seine
neue Lehre.

Es ist eine tiefe, inbrnstige und leidenschaftliche Religion, die er
vom Menschen verlangt. Eine Religion, in deren Mittelpunkt die Seele
steht. Sie ist die Macht aller Mchte. Aber diese Macht ist gebunden,
gebunden in des Leibes irdischer Leidenschaft. Zwei Welten gibt es, el
mulk und el malkt, die Welt des Sichtbaren und des Unsichtbaren. Zwei
Tore hat die Seele den Welten entsprechend: Das Tor nach auen und das
Tor nach innen. Glaube aber nicht, da du das Tor nach innen wirst
ffnen knnen, wenn du den Riegel des Leibes nicht zu sprengen vermagst.
Befreie dich vom Leibe, vom irdischen Hang, so wird dein inneres Auge
schauen, was nie dein ueres sah. So wird der Aufstieg nach el malkt
gelingen, und Auge in Auge wirst du schauen den Herrn. Ewig aber wird er
dir verborgen sein, wenn du nicht zur Reue dringen kannst, wenn dein
Herz des Irdischen sich nicht zu entschlagen vermag. Ein Kelch ist dein
Herz: Solange der noch voll Wasser ist, hat er fr den Wein keinen
Platz. La das Wasser auslaufen, o Herz! Die Liebe wird es vollbringen,
deine Liebe zu Gott. Die Welt ist ein Kerker, der dich hindert, den ewig
Geliebten zu schaun. In der Stunde des Todes springt der Kerker auf, die
Fesseln fallen, du bist bei deinem Geliebten. Und vorher nicht? Erst der
Tod ist das Erwachen? Ruhig, Seele! Du kannst das Erwachen vorwegnehmen.
Lutere dich durch die gute Tat. Sie ist die Brcke, die hinberfhrt zu
el malkt. Reue und Zerknirschung, Andacht und Inbrunst, Versenkung und
Kasteiung tragen dich zu ihm, dem Einzigen, den du suchst. Mit Schleiern
bedeckt ist heute deine Seele, so du aber Gott deine Inbrunst gibst, so
wird er einen Schleier nach dem anderen von dir nehmen, bis du ihm nahe
bist, ihn im klarsten Lichte zu schaun wie einst die Propheten. Dann
hast du den Frieden. --

Es war die Religion seines Lebens, die Gazzl lehrte. Es war nur
natrlich, da sie wirkte wie das Leben. Als das berhmte Buch des
Philosophen ber die Belebung der Religionswissenschaften nach
Andalusien kam, rief es eine ungeheure Aufregung hervor. Whrend die
ernsteren Geister, die unter dem Drucke der almoravidischen Fakhs
seelisch zugrunde gingen, das Erlsende der Lehre nur zu tief versprt
haben mgen, entfesselte sie bei den Theologen helle Wut. Obwohl das
Buch keineswegs heterodox war, fhlten diese doch, da der Geist ihnen
im innersten fremd war. So verketzerten sie das Buch und setzten durch,
da es nicht blo in Cordova und allen anderen Stdten des Reiches
verbrannt, sondern sogar der Besitz eines Exemplars bei Todesstrafe
verboten wurde.


                                  VII

Damals lernte auch Jehuda Halevi die Schriften Gazzls kennen. Das
wurde ihm Ereignis. Was alle damals bewegte, mute auch ihn bewegen. Ja,
mute ihn tiefer bewegen als alle, weil er Jude war und doppeltes Leid
trug. Mit dem Eindringen der Almoraviden in Spanien hatte fr die Juden
eine schlimme Zeit begonnen. Whrend ihre Edlen frher an den heiteren
Hfen von Malaga, Sevilla und Cordova hohe Stellungen einnahmen, und das
Volk unter ihrem Schutze ein freies Leben fhren durfte, so da auch in
seiner Mitte Kunst und Wissenschaft blhten, lsten jetzt Verfolgungen,
Erpressungen und fanatische Bekehrungsversuche einander ab. Jehuda
Halevi litt entsetzlich. Der von Knig Jussuf an den Juden Lucenas
gebte Gewaltstreich (1107), der vielfache Frauenraub berberischer
Horden, die Ermordung seines Freundes Salomo ibn Farusal (1108), warfen
dunkle Schatten in sein Gemt. Dazu kam sein damals auf den Gipfel
gestiegenes persnliches Elend: Hunger, vielfach erfahrener Undank, das
Bewutsein, andere minder Befhigte erfolgreich, sich selbst aber immer
in des Lebens letzter Reihe zu sehen, all das wirkte zusammen, seine
Lebensanschauung bestimmend zu gestalten. Was war ihm das Leben? --
Ewige Versagung. Was war ihm die Welt? -- Eitel Schaum.

So kam er zu Stunden tiefster Verzweiflung, die ihn an sein Leben mit
der letzten Frage herantreten lieen. Ein ergreifendes Zeugnis solcher
Stunden blieb uns in jenem herrlichen Gedicht aufbewahrt, in dem er im
Traume die trstenden Freunde zu sich kommen sieht. Was soll ihm ihr
Trost? Mu er nicht bei ihnen volle Garben und bei sich die ewig drren
Halme sehen?

   Ich von allen meinen Lieben
   Bin allein in meiner Kammer
   Heimgesucht von allem Jammer,
   Aller Nte Kind geblieben.

   Was noch kann die Zeit mir geben?
   Such' ich, was ich _nie_ erworben? --
   Ach, ich bin schon lngst gestorben,
   Und ich hab' kein Recht zu leben!

Da der junge Dichter solchen Stimmungen anheimfallen konnte, zeugt von
der tiefen seelischen Not, die ihn oftmals gedrckt haben mu. Diese Not
mu um so tiefer vorgestellt werden, als er von Natur eine glckhelle
Seele war. Der geringste Sonnenstrahl, der in sein Elend fiel, half ihm
ber ewige Nchte hinweg. Wie leicht wre er zufrieden gewesen! Er war
kein Weltfeind, und nichts war ihm fremder als Menschenmkelei. Gern
htte er mit der Welt in Frieden gelebt. Aber immer wieder mute er ihr
Dirnentum erkennen:

   Wenn ein Mann schon mit ihr leben will,
   Sie zur Gattin sich erheben will,
   Mu er sich mit einer Dirne plagen.

So kam er schlielich dahin, da er sich vollstndig zu verlieren drohte
und an das Glck nicht einmal zu glauben vermochte, wenn es an seinem
Halse lag. Es kamen frohe Stunden, Stunden der Liebe, der Freundschaft,
der Anerkennung, der materiellen Sicherheit. Da wute er sie nicht zu
genieen: Nur wenn es mir schlecht geht, bin ich stark, so klagt er,
und zittere, wenn mir das Glck lchelt; denn morgen wird es nicht mehr
sein. Oft war er nahe daran, seinen Jammer zu vergessen und sich des
Heute zu freuen, das so schn war und so voll Trostes, da traf es ihn
pltzlich wie ein Stich in die Brust: Alles Lge, alles Lge! Die Welt
will mich einlullen, ihr Elend zu vergessen. Fast gelingt es ihr. Aber
ich kenne ihr schlimmes Tun, ich kenne es. Sein ursprnglich heiteres
Gemt war verdunkelt. Seine Seele war mde geworden.

Und doch sollte die Verzweiflung ihn nicht haben. In seiner schlimmsten
Zeit scheint es gewesen zu sein, als ihm die Persnlichkeit Gazzls
entgegentrat und ihm den Rckweg zu sich selber zeigte. Hier war einer,
der all das fr verachtenswert erklrte, was ihm selbst, Jehuda Halevi,
versagt war, all das fr ewigen Reichtum, was er bei sich trug. Einer,
der die Eitelkeit alles Irdischen, die Hohlheit des Lebens, die
Nichtigkeit des Denkens an sich selber erlebt hatte. Und dem aus dem
Chaos der Triebe, Wnsche, Sehnsuchten, aus den Trmmern, die er, selbst
geschlagen, nur ein einziges Wertvolles sich gesondert hatte, ein
Diamant unter den Scherben seines Lebens: Die Seele. Die Seele, die aus
Gott kam, zu Gott will, in Gott ist. Jehuda Halevi fand sich in Gazzl
wieder. Der brachte ihm den Sieg ber sich selbst, die Begrndung seiner
Religion frs ganze Leben. Der Einflu ist unverkennbar. Jene
geheimnisvollen Lieder Jehuda Halevis an die Seele sind ein tiefgehender
Beweis. Es ist dieselbe vibrierende Stimme, die aus ihnen und dem
religisen Bekenntnis des arabischen Meisters spricht. Das Leben ein
Traum, ein Erwachen der Tod, aber die hingegebene Seele findet den Weg
zu ihm schon vor dem Tode, vermag sich selbst die Pforten aufzubrechen,
den Kelch sich zu fllen aus dem Brunnen der Ewigkeiten. O Seele, du
liegst im Sarge deiner Sinne, du moderst bei Lebzeiten, wenn du die Welt
nicht zu verachten vermagst. Wirf hin, was du hast, so hast du ewigen
Reichtum. La hinter dir die Erde, steig empor zu ihm, zu seinem Throne,
siehe, er kommt dir entgegen, sein Geheimstes vermagst du zu schauen:

   Wer kndet uns das Weben,
   Das alle Wolken treibt,
   Das tief verhllte Leben,
   Das ewig droben bleibt?
   Und doch will er sich neigen
   Dem Kinde dieser Welt
   Und lt sein Leuchten steigen
   Hinab aufs Erdenzelt.

   Und lt vor Seheraugen
   Sein ganzes Bild erstehn;
   Sonst mochte nie ihm taugen
   Da Menschen ihn ersehn.
   Was nie sich wollt' gestalten,
   Sein Bildnis oder Ma, --
   In kniglichem Walten
   Prophetenauge sah's.

Das ist echt Gazzlsche Inbrunst. Es verkennen, hiee blind sein.
Daraus folgt aber gleichzeitig, da all diese zahlreichen Lieder aus der
Zeit nach 1108 stammen, in welchem Jahre ungefhr die Werke Gazzls in
Spanien bekannt wurden. Wahrscheinlich sogar wurden sie erst nach 1120
gedichtet. Die religise Reife, die aus ihnen spricht, beweist, da
unser Dichter die Jahre seines Irrens hinter sich hat, da er mit sich
selbst im Reinen ist, da er wei, wo die Wurzeln seiner Kraft liegen.
Gazzl war Jehuda Halevis Wegfhrer geworden und blieb es bis an sein
Lebensende. Al Chazr, das philosophische Werk Halevis, mit dem er sein
Leben beschlo, zeigt denselben Ha gegen die Spekulation, dieselbe
Verachtung plappernder Gottesverehrung, denselben Glauben an die
prophetische Schau des inneren Auges, wie Gazzl ihn gelehrt hatte.
--

Aber noch eines war es, was Jehuda Halevi ber Wasser hielt: Das war das
naive Selbstbewutsein, die kstliche Gabe des Genies. Er fhlte sich
als Siegelring seiner Zeit berufen, ihr den Stempel aufzudrcken. Zwar
hatte sie ihn fortgeworfen, aber er blieb doch das Siegel. Er war der
Riese, der sich unter Zwerge beugen mu߫, aber doch Riese blieb. Er war
der Lwe unter den Dichtern, den es ekelt zu dichten, weil im Weinberg
der Poesie sich die Fchse breit machen.

Und was war ihm sein Dichten? Nicht ein Beruf, aber eine Berufung. Er
dichtete nicht, wie der Schuster schustert. Er glaubte an die Intuition
alles dichterischen Schaffens. Ihm war das Hchste der Tropfen, der vom
Eimer rann. Der Schaum ber dem Meere. Das Meer der Weisheit krnt sich
mit dem Schaum der Poesie. Es spricht durch den Schaum, und ihm war es
prophetische Sprache. Oft klagt er, da er keine Vision erfassen
knne, ein anderes Mal berwltigen ihn die Verse, ohne da der
Gedanke sie rief. Dann wieder redet er sie an: Wie seid ihr mde, ihr
Verse, ihr meiner Gedanken Flgel wie so lahm? Zur falschen Stunde seid
ihr immer gekommen, jetzt zur rechten schweiget ihr. Als er einst mit
den Freunden beim Gastmahle sa, forderten sie ihn auf, zu
improvisieren. Er aber weigerte sich. Da wurden die Freunde immer
frhlicher, tranken und jauchzten ihm zu, bis er, vom Weine bezwungen,
begeistert aufsprang und zu deklamieren begann: -- ein echt
orientalisches Bild: Hafis in der Schenke. Jehuda Halevi dichtete, wenn
er nicht anders konnte. Die Verse waren ihm unbndige Fllen, die sich
oft in seinen Zaum nicht schicken wollten, manchmal aber pltzlich in
seinem Zgel waren und den Taumelnden mit sich rissen. Er war ein echter
Prophet der Dichterwelt. Und als Prophet fhlte er sich. In seinem Werke
Al Chazr spottet er derer, welche der Dialektik bedrfen, um ins
Innere der Natur zu dringen. Sie sind ihm wie Dichter, die Silben
zhlen. Der Schwachkopf braucht Dialektik, dem von der Natur zur
Gottesschau Begnadeten fllt eines frommen Wortes Funken ins Herz, und
schon steht seine Seele im Licht.

Wenn Jehuda Halevi so sprach, sprach er von sich selbst. Dieses
Selbstbewutsein aber lehrte ihn schtzen, was er hatte, und verachten,
was ihm versagt war. Sein war der bessere Teil: --

   Und sie fragen: Kannst du leben
   Ohne Bruder freudevoll? --
   Ja, ich kann's: aus eigner Seele
   Stets mir meine Freude quoll!

Und ebenso lernte er den Pbel hassen, den gebildeten Pbel vor allem,
lernte es, seine Perlen zu vergraben, zu sorgen, da seines Goldes
kein Ring in den Rssel eines Schweines komme. Dieser Ha gegen die
Welt blieb ihm bis an sein Lebensende. Er hat seiner Zeit nie ganz
vergeben knnen, was sie an ihm gesndigt hat. Noch in seinen letzten
Tagen klagte er ber die Menschen, die gerade die Besten immer leiden
lassen, ber die Frsten, die mit ihrem Golde sein Gottesgnadentum
anzutasten wagten.

Trotzdem entwand er sich von Jahr zu Jahr mehr der Verbitterung, die
seine jungen Tage vergllt hatte. Seine frohe Religiositt blieb
Siegerin. Er hrte auf, zu hoffen auf das, was die Menschen Glck
nannten, und nichts blieb als der triumphierende Stolz des Dichters auf
sein gnadenreiches Leben. Was waren alle Schtze der Erde neben seinem
Reichtum, alle Pfeile des Neides und Hasses gegenber seiner gttlich
gefeiten Brust:

   Sprechet nur zur Welt, zur schlimmen:
   Mag sie tun, was ihr gefllt,
   Hrter doch als ihre Dornen,
   Strker ist mein starkes Herz.
   Darf ich ihre Weine kosten,
   Will ich auch die Hefen nippen,
   Besseres verlang' ich nicht;
   Denn erprobt ist meine Seele:
   Alle gift'gen Bitternisse
   Werden. Honig meinen Lippen.

Das ist der ganze Jehuda Halevi. Was konnten Hunger, Verkennung, Neid,
Ha, Erniedrigung ihm anhaben?

   Immer an der Morgenrte
   La ich meine Wimper hngen:
   Seelen, die sich selbst erheben,
   Seelen, die in Hoffnung leben,
   Gott wird ihre Tore sprengen! --

So endete sein Selbstbewutsein dennoch wieder dort, wo seine Demut
endete: -- In Gott.


                                  VIII

Jehuda Halevi war zum Manne gereift. Die Zeit der Irrfahrten war
vorber. Die Kmpfe freilich noch nicht. Noch manchen Sturm mute seine
Seele ertragen. Um das Jahr 1120 finden wir ihn in Sevilla wieder, wo er
zum erstenmal eine Art Heimat gefunden zu haben scheint. Hier wird es
wohl auch gewesen sein, da er jene Frau heiratete, von der wir nichts
wissen, als da sie ihm eine einzige Tochter schenkte und da sie vor
ihm starb. Selbst ihr Name ist uns unbekannt. Hier schlo er auch die
Freundschaft mit dem erheblich jngeren Abul Hasan Mer ibn Kammil, der
-- wahrscheinlich 1121 -- an den Hof des Almoraviden Al als Leibarzt
berufen wurde. Er scheint Jehuda Halevi materiell untersttzt zu haben.
Die Freundschaft zu ihm aber hat dem Dichter auch einen inneren Halt
gewhrt. Er fhlte sich nmlich in Sevilla durchaus nicht wohl. Er
scheint damals aus sich herausgegangen zu sein, um fr seine religise
Ueberzeugung, die ja dem Judentum seiner Zeit ebenso fremd war wie
Gazzls Lehre der islamischen Theologie, Anhnger zu gewinnen. Es
gelang ihm nicht, seine Stammesgenossen zu der Tiefe und Innigkeit
seines Glaubens zu bekehren. Sie plapperten weiter ihre Gebete an der
Wand stehend wie die Ochsen an der Krippe. Man nahm ihm sogar bel,
da er ein anderes Judentum wollte als die anderen, und sprach ihm die
Berechtigung ab, mitzureden, indem man ihn auf seine materielle Notlage
hinwies. Was unterstand der arme Teufel sich, die reichen Juden aus den
Palsten Sevillas zu meistern? -- So entlud sich sein ganzer Zorn ber
das dickfellige Protzentum dieser Menschen, die nur den Baum mit den
Aepfeln aus Gold als Baum der Erkenntnis anerkennen wollten. Damals
gewhrte ihm der Umgang mit dem jungen, hochbegabten Kamnil eine groe
Beruhigung. Es war eine innige Freundschaft, welche die beiden verband,
in der allerdings Jehuda Halevi, obgleich erheblich lter als Ibn
Kamnil, wie immer der beherrschte Teil war.

Viel mehr knnen wir aus den Tagen von Sevilla freilich nicht erzhlen.
Auch dauerten sie nicht allzulange. Wir schtzen die Zeit seines
dortigen Aufenthalts auf ungefhr fnf Jahre. Danach weist uns eine
verwischte Spur auf ein kurzes Verweilen in Cordova hin, wo er den Tod
des Rabbi Baruch ben Isak Albalia (st. 1125) erlebt zu haben scheint.
Dann finden wir den bereits grau werdenden Dichter in Granada. Aber auch
dort hielt er es nicht aus, sondern verlie schlielich Andalusien ganz
und zog nach dem Norden in die Heimat zurck, von der er ausgezogen:
Toledo.


                                   IX

Was ihn zu diesem Schritte veranlate, ist zweifelhaft. Mglich, da ihn
der 1126 erfolgte Regierungsantritt des Knigs Alfonso VII. Raimundez
von Kastilien dazu bewog. Dieser war den Juden freundlich gesonnen.
Seitdem er gar den edlen Jehuda Hanassi ibn Esra mit einem hohen
Staatsamte betraut hatte (1129), wurde Kastilien fr die Juden geradezu
ein Asyl. Die Zeit, in der Jehuda Halevi nach Toledo kam, wrde nach
dieser Auffassung um 1130 anzusetzen sein, was mit seinen brigen
Lebensverhltnissen in Einklang stehen wrde. Jehuda Halevi lie sich in
Toledo als Arzt nieder und entfaltete bald eine groe Ttigkeit. Zu gro
fr ihn. Er fhlte sich nach kurzer Zeit als ein Knecht seines Berufes.
Zudem empfand er die Nichtigkeit seines Wissens und Knnens, klagte ber
die Wertlosigkeit seiner Kunst und ber die Dummheit der Leute, die zu
jeder mglichen und unmglichen Stunde zu ihm gelaufen kamen, um Heilung
zu verlangen, und brutal wurden, wenn er nicht heilen konnte. Trotzdem
war er ein besserer Arzt, als er selber glaubte. Die natrliche
Behandlung, die er anwandte, indem er das Hauptgewicht auf die Hygiene,
auf Luft und Licht, Essen und Trinken, Bewegung und Ruhe, Schlafen und
Wachen legte, verschaffte ihm viel Vertrauen. Und wenn ihm die
angestrengte Ttigkeit auch lstig war, so hat sie ihm doch aller
Wahrscheinlichkeit nach das gebracht, was ihm immer gefehlt hatte, die
materielle Sorglosigkeit. Als er einige Jahre spter nach dem Sden
zurckkehrt, ist er ein unabhngiger Mann.


                                   X

Um 1135 wird es gewesen sein, da Jehuda Halevi ber die Brcke von
Cordova schritt, um nie wieder diese Stadt zu verlassen bis zu dem
Augenblicke, wo er seine Wallfahrt nach Palstina antrat.

Cordova! Dieser Name bedeutet die letzte und reichste Epoche im Leben
Jehuda Halevis. Eine glckliche Epoche. Wohl war er uerlich ein
alternder Mann geworden, als er seinen Einzug in die herrliche Stadt
Andalusiens hielt. Aber er selber wollte es nicht wahr haben. Denn er
fhlte sich jung wie am ersten Tag. Die schwarze Locke war ergraut, aber
darunter blhten frische, jugendliche Zge, und es war seine Eitelkeit,
auf den anmutigen Gegensatz zwischen dem weien Haar und den braunen vom
Barte umrahmten Wangen hinzuweisen. Die Unstetheit seines Lebens hatte
ihn nicht beugen knnen. Spt war die Ruhe gekommen, aber nun war sie da
und trug herrliche Blten und Frchte.

Cordova! Hier lernte er kennen, was Ruhm heit. Ganz Israel bekennt
sich zu dir, rief ein Freund ihm zu. Und selbst konnte er von sich
sprechen: Jehuda Sohn Samuels! Enkel Samuels! Sein Zelt ist bekannt von
den Enden Edoms bis zum Flachlande, von Kastilien bis Andalusien. Man
hrte auf ihn. Es sammelten sich Schler um ihn, die er als seines
Gartens Blumen liebte und pflegte, und die mit Andacht am Munde des
Meisters hingen, der ihnen seine Religion predigte und den Glauben
seines Lebens.

Von vielen umworben, gewhrte er doch nur wenigen das Glck seiner
Freundschaft. 1138 wurde Joseph ibn Zadk Dajan[2] von Cordova. Er war
es, der unserem Dichter am nchsten stand, in seinem Hause weilte er am
liebsten, ihm Ehrenlieder weihend, die auf den Gastereien Ibn Zadks
vorgetragen wurden. Aber auch ein sptes Familienglck erblhte ihm
noch. Er konnte seine Tochter verheiraten und wiegte noch ein
Enkelshnlein auf den Knien, das denselben Namen trug wie er.

Im Scheine dieses abendlichen Glckes setzte sich Jehuda Halevi noch
einmal nieder, um in einem umfangreichen Werke die letzten Schlsse
seines Lebens zu ziehen. Das ist die philosophische Schrift Al Chazr,
das Buch des Argumentes und Beweises zur Verteidigung des verachteten
Glaubens. Als er im Jahre 1140 dieses Werk begann, da sollte es eine
Streitschrift werden, eine Streitschrift gegen die Feinde von auen und
die Feinde von innen. Seine weithin hallende Stimme sollte vom Ruhme
Israels zeugen. Als er es beschlo, war es viel mehr geworden: Das
persnlichste Bekenntnis seines Lebens. Und schreibend war er selbst ein
anderer geworden.

Al Chazr ist ein philosophisches Werk, geschrieben von einem Verchter
der Philosophie, das sagt alles. Ein Werk des Verstandes, in
Leidenschaft begonnen und vollendet, ein Werk des Beweises, dessen
Argumente allein in seinem Pathos liegen. Dem kritischen Geiste hlt es
nicht stand, aber dennoch ist es strker als er; um so viel strker, wie
Jeremia strker ist als Aristoteles. Al Chazr ist das Werk eines
Dichters. Schon die Form ist eine dichterische: Der Dialog. Der Knig
der Chazaren ringt um die Wahrheit. Eine Stimme war im Traume ber ihn
gekommen: Dein Wille gefllt mir, doch nicht die Tat! Da geht er, die
Tat zu suchen. Aber er findet sie nicht. Der Philosoph, der Christ, der
Muslim lassen ihn im Dunkel. Schlielich kommt er zum Juden, den er
verachtet. Der lehrt ihn die Tat. Lehrt ihn die realste aller
Religionen, das unmittelbarste Wissen von Gott: Offenbarung. Offenbarung
ist das A und das O dieses Werkes. Und seine verschwiegene Predigt ist,
da Offenbarung gesucht und erkmpft werden mu und -- kann. Wohl hat
die arme Zeit nichts als Ueberlieferung, die Tradition von Mund zu Mund,
die ihr die Wahrheit aller gttlichen Offenbarungen verbrgt. Aber diese
Ueberlieferung ist selbst Offenbarung, weil es die Ueberlieferung der
Adelsmenschen dieser Welt ist, die Ueberlieferung derer, die am Fu der
Himmelsleiter stehen. Es ist das Kleinod Gottes, Israel, das die
Gottesschau der Sechsmalhunderttausend kndet. Wer redet da? Wer wagt es
zu zweifeln? Weh dem, der die Kette zerreit, die uns mit den
Jahrtausenden rckwrts verknpft! --

Werden wir noch einmal Gott schauen? Ist es mglich, zu ihm zu dringen?
Wer trgt uns zu seinem Throne? -- Der denkende Geist? Nimmermehr.
Tausendmal heiler als das Auge der Spekulation ist das Auge der
Prophetie. Wer beweisen will, geht in die Irre. -- Die Selbstkasteiung?
Allein wird sie uns niemals Gott nher bringen. Eines mu hinzukommen:
Die gute Tat. Sie ist die Kraft, die uns helfen wird. Nur durch Gottes
Wort kommt man zu Gott. Sein Gebot ist die Brcke, die zu ihm fhrt. --
--


                                   XI

Das Werk Jehuda Halevis nherte sich seinem Ende. Der Dichter fhlte,
da er seine Seele ausgeblutet hatte in dieses Werk. Es war die Predigt
seines Lebens, die er der Mitwelt bot. Der Adelsmantel, den er Israel
umhngt, trgt das Wappen seines eigenen Adels, des eigenen Wertes
Bewutsein lie ihn das Kleinodentum Jakobs knden. Und das Gefhl des
eigenen Prophetentums war es, was ihn als hchste Stufe die Stufe der
Prophetie predigen lie. Er wute, was Offenbarung war. So konnte er von
Offenbarung sprechen und sprach vom eigenen Leben. Und doch, obgleich er
sich so fr einen von Gott mit der tiefsten Schau Begnadigten hielt,
doch wuchs sein Werk ber ihn hinaus. Er hatte seinem Geschlecht den Weg
zu Gott zeigen wollen. Am Ende fhlte er, wie fern er selbst noch von
ihm war, wie unvollkommen sein Tun. Ein kleines Geschlecht war es, dem
seine Rede gegolten hatte, aber er selbst war dieses Geschlechtes Knecht
gewesen ein Leben lang. Um ihre Gnade hatte er geworben, ihr Lob war ihm
Lebensbedrfnis gewesen, wie s war der sauer erkmpfte Ruhm. So
erwuchs ihm die erschtternde Gewiheit, da seine Lehre mit seinem
Leben nicht stimmte. Und die Unruhe, die sein ganzes Leben erfllt
hatte, kam wieder ber ihn. Ein Suchen entzndete sich in seiner Seele.
Eine Zeit schwerer Kmpfe folgte, aus denen heraus sich ein Entschlu
luterte, der alle seine Freunde in Schrecken setzte und sie fast an
seinem Verstande zweifeln lie: Jehuda Halevi wollte Spanien fr immer
verlassen und nach Palstina wandern. Er wollte sterben fr seine Welt,
sterben fr seine Familie, sterben fr seine Freunde, um das wahre Leben
zu gewinnen. Der Gedanke, da nur die vollkommene Tat zu Gott fhre,
brannte ihm die Seele. Er mute dorthin, wo allein die Taten vollkommen
werden konnten, ins heilige Land der Vter. Dort allein war die letzte
Erfllung des gttlichen Wortes mglich. Dort war das Tor, das von der
Erde in den Himmel fhrt, dort die Jakobsleiter zur hchsten Schar.
Dort wrde er Gott schauen Auge in Auge, dessen war er sicher.

Vergebens waren die Warnungen der Freunde, die eine schwere Enttuschung
fr den Dichter voraussahen. Oft gelang es ihnen fast, ihn wankend zu
machen. Es kamen Augenblicke der Angst und des Zweifels fr ihn. Immer
aber gewann der eine se Gedanke in ihm die Uebermacht: Zion, Zion, du
Krone der Zeit! Lchelnd sah er das Ziel vor Augen. Es war ihm
unentrinnbare Selbstverstndlichkeit geworden.

Der Entschlu war gefat. Der Tag der Abreise kam. Da sammelten sich die
wenigen Freunde in Cordova zum letzten Male. Es bildete sich eine kleine
Gefolgschaft um ihn, die bereit war, mit ihm zu ziehen. Josef ibn Zadk
sandte ihm eine reiche Abschiedsgabe, die er mit folgenden, die Gre
und den Charakter Jehuda Halevis tief kennzeichnenden Worten begleitete:

   Armut schliet uns unsre Rechte;
   Darum, was die Seele mchte,
   Reicht sie leider dir nicht dar:
   Wie belohnen wir dein Knden,
   Juda, der uns armen Blinden
   Ein so groer Knder war?

   Liedesvater, sag' mir, zeugte
   Dich der Dichterknig? Sugte
   Selig einst Deborah dich?
   Seelen jagst du, nicht mit Schlingen,
   Nein, in deiner Liebe fingen
   All die frohen Herzen sich.

   Deine Lippen sind so se,
   Deine Reden Heldengre,
   Klar dein Wort und mannazart;
   Lwe und Gazelle scheinen
   Herrlich sich in dir zu einen:
   Kraft und Schwche hold gepaart.

Dankerfllt sang Jehuda Halevi noch einmal den Ruhm des Freundes. Dann
umarmte er zum letzten Male die geliebten Schler, die Tochter, den
kleinen Jehuda, um sich pltzlich loszureien und die Tore Cordovas
durchschreitend dem Sden zuzueilen, wo das Schiff ihn erwartete, das
ihn zu den Bergen der Heimat tragen sollte. Schon zu lange hatte er
gezaudert. Deshalb konnte es ihm jetzt nicht schnell genug gehen. Wohl
wute er, da in Granada ihn Freunde erwarteten, die ihn das letzte Mal
sehen wollten. Aber die Angst, aufgehalten zu werden, veranlate ihn,
die schne Granatenstadt gar nicht zu berhren.

   Es steht der Libanon vor mir,
   Da darf ich nicht Granaten pflcken:
   So will es meiner Snden Zahl,
   Die Frevel so, die allzumal
   Auf meine Seele drcken.


                                  XII

So kam er zum Meere, das ihm nicht unbekannt war. Oft hatte er an seinem
Strande gesessen und mit den Kieseln gespielt oder den Wellen gelauscht,
die kamen und gingen wie ein unterwrfiges Heer, die Hand des Knigs zu
kssen. Jetzt sollte er sich diesem Heere anvertrauen. Zagend betrat er
die Planke des Schiffes und sah sich bald von brutalem Schiffsvolk
umgeben, das prahlend die Klugen verachtet und nur den Schwimmer
schtzt.

Die Reise war zunchst von gnstigen Winden begleitet. Dann aber kamen
strmische Tage, an denen der Dichter unter der Seekrankheit litt.
Gleichzeitig verfolgte ihn die Angst vor Piraten, und auch die
Schiffsleute flten ihm Mitrauen ein. Trotz alledem aber brachten ihm
die Tage auf dem Meere Augenblicke der hchsten dichterischen
Offenbarungen. Ob der Sturm ihn umbrauste oder der Sternenhimmel der
Mitternacht in die spiegelnden Fluten sank, seine Augen waren weit
geffnet, aus dem Brunnen der ewigen Erhabenheiten zu trinken. Er hat
die Natur des Weltmeeres ausgeschpft, wie sie sich nur ausschpfen
lt. Die Woge sprach zu ihm, aber was sie sprach, war wieder nur und
konnte nur eines sein: -- Gott.

Das Schiff war seinem Ziele nahe. Da brach -- es war im September des
Jahres 1141 -- eines Tages ein strmischer Ostwind los, der das Schiff
nicht vorwrts lie, vielmehr es zwang, rckwrts segelnd im Hafen
Alexandrias vor Anker zu gehen. Bitterer Unmut erfate Jehuda Halevi.
Aber es half ihm nichts, er mute an Land. Doch nahm er sich vor, sobald
als die Strme nachlieen, wieder in See zu gehen.

Kaum jedoch hatte sich unter den Juden Alexandrias die Kunde verbreitet,
da der gefeierte Dichter des Abendlandes in der Stadt sei, als sie
herbeistrmten, ihn zu sehen und mit den ausgesuchtesten Ehren zu
berhufen. Der reichste Jude der Stadt, der Arzt und Rabbi Aaron ben
Zion ibn Alamn, zog ihn in seinen Palast. Dieser Palast allein schon
wirkte auf den berraschten Dichter berwltigend. Da ging man ber
goldbedeckte Quadern, stieg in die Grten hinab und wandelte zwischen
blhenden Narden und Cyprusblumen an duftenden Springbrunnen vorber zu
den Myrtenlauben, in deren Zweigen die Nachtigallen sangen, whrend
gurrende Tauben die Wege bedeckten. Alamn veranstaltete fr den
Dichter rauschende Festlichkeiten, auf denen ihm die Edelsten
Alexandrias in ausgelassenem Jubel huldigten, trinkend und singend und
ihm selbst zum Singen begeisternd. Jehuda Halevi war bezwungen. So viel
Liebe hatte er sich nicht trumen lassen. Er konnte nicht anders: er
mute diese Stunde genieen und blieb. So hatte ihn das Erdentum wieder
umfangen, da er sich ihm lngst enthoben whnte. Ein spter
Liebesfrhling wird dem fast Sechzigjhrigen beschert. Mit
anakreontischer Freude singt er von reizenden Abenteuern unter den
Fenstern der Schnen.

Dann aber kommt wieder die Wirrnis ber ihn, und die Sehnsucht nach Zion
erwacht von neuem. Die Sabbathe verhllen ihm ihre Weihe, er kann nicht
wahrhaft froh werden, er fhlt, da er sich selber untreu geworden ist.
So sehnt er sich, aus Alexandria fortzukommen. Eines Tages trifft aus
Damiette ein Bote des Ab Sa'd Chalfon Halevi ein, der ihm einen Brief
von dem Frsten der gyptischen Juden, dem Nagid Ab Mansr Samuel ibn
Chananjah, berbringt. Jehuda Halevi wird eingeladen, nach Kairo zu
kommen, um sich im Palaste des Frsten seiner Gastfreundschaft zu
erfreuen. Sofort sagt er zu und meldet gleichzeitig seinen Besuch in
Damiette fr spter an. Er hofft, der Frst wird ihm helfen, bald zum
Ziele seiner Sehnsucht zu gelangen. Nachdem er in Alexandria noch einige
Einkufe erledigt hat, fhrt er nach Kairo. Der Eindruck, den der
glnzende Hofstaat des Nagid auf ihn macht, ist noch grer als der, den
er in Alexandria gehabt hat, und bertrifft alle seine Erwartungen. Wenn
er den Frsten in seiner Staatskarosse unter den Klngen rauschender
Musik und von Soldaten begleitet ausfahren sieht, mu er an Josef in
Aegypten denken. Solche Macht eines Juden hatte er in Spanien nie
gesehen. Samuel spielte in der Tat am Hofe des fatimidischen Sultans Al
Hafis eine bedeutsame Rolle und konnte dadurch seinen jdischen Brdern
eine starke Sttze sein.

Er empfngt unseren Dichter mit den hchsten Ehren, und als Jehuda
seinen Palast betritt, fhlt er, da er in ein Haus der Liebe und Freude
getreten ist. Hier wird das ruhebedrftige Herz zur Ruhe kommen. Ein
Fest folgt nun wieder dem anderen. Es ist, als wenn Aegypten ihn
entschdigen will fr die vielen Jahre der Entbehrung und Verkennung.
Aber wieder kommen die Gedanken an das letzte Ziel und trben die
Freude. Wieder ergreift ihn die Unrast und treibt ihn weiter. Wenige
Tage vor dem Chanukafest verlt er pltzlich Kairo, um nach der
Hafenstadt Damiette zu fahren, von wo aus er mit Hilfe des bereits
genannten Ab Sa'd Chalfon Halevi endlich ans Ziel zu gelangen hofft.
In Damiette verweilt er genau vierzehn Tage bis zum elften des Monats
Tebet. Hier wird er tief von der paradiesischen Natur Aegyptens
ergriffen, die dem Dichter ihre ganze Bltenpracht enthllt. Noch einmal
tritt die Jugend vor seine Augen, alte Trume steigen empor, Trume der
Liebe und Freundschaft. Ab Sa'd versucht ihn zurckzuhalten, wie es
jeder in Aegypten versucht hat. Man hatte ihn durch rauschende Feste von
dem Ziele seiner Sehnsucht ablenken wollen, das so schn war und doch
mit Enttuschung enden mute. Schlielich aber mu der Freund doch
nachgeben, und am Tage nach dem Fasten des Tebet besteigt Abul Hasan
Jehuda Halevi die Barke auf dem Nil, um weiter zu fahren: stromaufwrts
oder stromabwrts? Wir wissen es nicht. Mit diesem Tage schliet fr uns
das Leben Jehuda Halevis. Schliet mit einer Frage: Hat er das Ziel
seiner Sehnsucht erreicht? Ist er, wie die Sage erzhlt, im Tore
Jerusalems von dem Rosse eines daherjagenden Sarazenen zerstampft
worden? Oder hat man ihn irgendwo im gyptischen Sande verscharrt? --

Wir wissen nichts von seinem Ende. Wissen nur, da er mitten im Jubel
der gyptischen Tage vom Tode redete, vom Grabe, das vor ihm liege, und
vom Greisentum, das nun nicht mehr zu verheimlichen sei. Und wenn es
wahr ist, da Todesahnen des Sterbens Anfang ist, so trug er den Keim
des Todes schon damals in sich, da er mit zitternder Hand dem Frsten
Samuel die flehenden, von geheimer Angst erfllten Worte schrieb, mit
denen wir sein Leben beschlieen wollen:

   Wollt ihr Liebes mir vergelten,
   Sendet meinem Herrn mich zu:
   Eh' ich unter seinem Zelte
   Glcklich nicht das meine stellte,
   Find' ich keine Ruh'.

   Haltet mich nicht auf zu eilen,
   Da mich schon die Angst erfat:
   Unter seinem Flgel weilen
   Und der Vter Ruhe teilen
   Bleibt doch meine einz'ge Rast.


                                  XIII

Es bleibt noch brig, ein kurzes Wort ber die Dichtungen Jehuda Halevis
zu sagen. Wer sie genieen will, mu es lernen, sich auf die kurze Zeit
seines Genieens aller abendlndischen Traditionen zu entschlagen.
Dieser Dichter ist ein Orientale. Der Orientale dichtet nicht wie der
Abendlnder. Er wei nicht, was das heit: Kunstwerk. Er fngt an zu
singen, sorglos, wie er enden wird. Die orientalische Dichtung hat etwas
Sprudelndes, geheimnisvoll Bewegliches. Hier fehlt alle Konzeption und
Komposition. Nirgends sprt man die bauende Hand, nirgends die Energie
zgelhaltenden Knstlertums. Das singt und musiziert wie die Vgel im
Walde, endlos jubilierend. Daher die erstaunliche Fruchtbarkeit dieser
Poeten aus dem Lande der Morgensonne. Ihre Lieder zhlen immer nach
Tausenden.

Es ist der tiefe Unterschied zwischen Morgen- und Abendland, der sich
hier kundtut. Der Abendlnder ist induktiver, der Morgenlnder
intuitiver veranlagt. Dieser schaut, jener sinnt. Hier Prophet, dort
Denker. Der Orientale hngt am Einzelnen, springt ber zum Anderen,
flchtet zum Dritten, eines aber bleibt ihm ewig verhllt: Das Ganze.
Die Dinge sind beieinander, nicht ineinander. Das ist kein Vorteil, aber
auch nicht immer ein Nachteil. Wo es so liegt, wird die Historie zwar
leicht anekdotisch, die Dichtung geistreich. Aber es bleibt dafr alles
ursprnglich, nichts erstarrt in der Form, nichts erfriert in der
Methode.

Man kann den orientalischen Geist am besten an der Sprache studieren. Im
Semitischen wird koordiniert, nicht subordiniert. Es gibt kaum eine
Syntax. Die feinen Nancen unserer Rede sind unmglich, oder besser
gesagt: sie sind teils verborgener, teils umstndlicher als bei uns.
Woraus die unendliche Schwierigkeit fr den Uebersetzer entspringt. Der
Uebersetzer mu in den Geist der semitischen Sprachen soweit
eingedrungen sein, da er die verborgenen Nancen des Beieinander zu
spren vermag. Denn seine Aufgabe ist es, das Koordinierte zu
subordinieren, ohne die zartesten Tne zu verwischen. Ist dies gelungen,
so wird der Okzidentale den Orientalen begreifen. --

Jehuda Halevi ist ein Kind zweier Kulturen, der arabisch-andalusischen
und der jdischen. Obgleich all seine Dichtungen in klassischem
Hebrisch geschrieben sind, ist er doch in seinen profanen Gesngen der
echte arabische Rhapsode. So sehr, da er als Reprsentant der
arabischen Dichtung gelten kann: Dieselbe Glut der Farben, derselbe
Strom wechselnder Bilder, dieselbe Ungebundenheit der Sprache, dieselbe
Gewagtheit sinnlichen Schauens und dieselbe Grazie hinflieender, ewig
wandelbarer Stimmungen. Man sprt das Pathos und die Deklamation. Die
Lieder der Liebe und die Episteln der Freundschaft sind es vor allem,
die Form und Inhalt nach bei Jehuda Halevi echt arabisch sind. Das
Kommen und Gehen im Traume, das geheime Wandeln der Seele auf den Pfaden
der Liebe, das Suchen nach den verwehten Spuren auf der Freundschaft
Trmmern, die Klage um Scheiden und Meiden, die in tausend Trnen
zerrinnt, der Ueberschwang der Sehnsucht, die Uebertreibung des Lobes,
alles so leicht, so bunt, so redselig ausflieend bis auf den letzten
Tropfen, so echt -- arabisch.

Am grten aber ist Jehuda Halevi zweifellos in seiner religisen
Dichtung. Dort treffen sich die beiden Welten in ihm. Die Ungebundenheit
des Arabers findet hier einen Zgel: Den jdischen Geist. Dieser Geist,
obgleich ebenfalls orientalisch, hat es doch zu einer Aesthetik
gebracht. Palstina war der einzige Punkt im Morgenlande, wo echtes
Knstlertum wuchs: ein Knstlertum des Lebens. Die Harmonie des
Einheitsgedankens im All, die Akkorde der Vlker in der Weltgeschichte,
die Zentralitt Israels, des Kleinods, das waren mchtig ordnende und
bauende Gedanken. Und vor allem: Fr Jehuda Halevi war es lebendiges
Leben. Darum offenbart sich nirgends so wie in seiner religisen Poesie
sein Knstlertum. Hier ist er auch der Moderne am verwandtesten:
Ueberall geschlossene Reihen, abgetnte Stimmungen, harmonische
Steigerungen und Lsungen. Die Poesie der Andeutung, die ohne hchste
Einheit des knstlerischen Bewutseins nicht zu erreichen ist, finden
wir hier in wunderbar zarter Vollendung. Die geheimsten Wirkungen
moderner Stimmungen werden hier ausgelst. Bedenken wir, da der Dichter
dem Zeitalter der deutschen Minnesnger angehrt, so mssen wir geradezu
erstaunen ber die Differenziertheit seiner Empfindungen. Sie wird
verstndlich, wenn wir erwgen, da er in seinem Lande das Kind einer
blhenden Hochkultur gewesen ist.

So bewundern und verehren wir in ihm zweierlei zu gleicher Zeit: Die
ursprnglichste Natur einer verschwendenden Dichterseele und die hchste
Geisteszucht eines zwei Kulturen in sich vereinenden Genies. Damit hat
die Dichtergre Jehuda Halevis ihren Namen erhalten.

Nun aber mge er selbst zu euch sprechen, in all seiner Schwere und all
seiner Grazie. Vielleicht da er Seelen findet, die mit seiner Seele
klingen. Dem, der ihn bersetzt hat, ist er Offenbarung geworden. Wer
ihn aber immer lesen mag, er stehe still vor ihm. Hier ist heiliger
Boden: Ecce poeta.

[1] Eine Art von Derwischen, die ein Leben in Kontemplation fhren.

[2] Dajan ist der jdische Gemeinderichter.




                            QUELLENNACHWEIS


Nach zwlfjhriger, immer wieder neu aufgenommener Arbeit lt der
Uebersetzer diesen Diwan erscheinen. Die hier gebotenen Uebertragungen
sind ursprnglich mehr oder weniger freie Nachdichtungen gewesen. Erst
allmhlich erwachte in dem Uebersetzer aus dem Interesse, sich von dem
mittelalterlichen Snger Anregungen zu seinem eigenen Schaffen geben zu
lassen, das Interesse, diesem Snger selbst zum Rechte zu verhelfen.
Dieses Interesse stieg mit der wachsenden Erkenntnis, da alles bisher
an Uebersetzungen Gebotene ohne Ausnahme ungengend war. Von den
Schwierigkeiten, die freilich solcher Uebersetzung von Versen aus einer
semitischen in eine indogermanische Sprache entgegenstehen, war bereits
am Ende der biographischen Darstellung die Rede. Es bleibt der
Oeffentlichkeit berlassen zu beurteilen, wieweit diesmal das
Erforderliche geleistet worden ist.

Neben der Uebersetzung hat der Uebersetzer sich vor allem die
sorgfltige Auswahl der Gedichte angelegen sein lassen. Sein Bestreben
war, den Dichter in seinem ganzen Knnen zu zeigen, aber alle
Wiederholung des nach der Sitte orientalischer Barden sich nur zu oft
Wiederholenden mglichst zu vermeiden. Die Auswahl, die wir bieten,
zeigt in Wirklichkeit den ganzen Dichter.

Das Nachwort macht zum ersten Male den Versuch, das uns fast gnzlich
unbekannte Leben Jehuda Halevis aus seinen Gedichten neu zu
konstruieren. Die Art der Verffentlichung verbot dabei, den ganzen
wissenschaftlichen Apparat mit erscheinen zu lassen. Hier am Schluss nur
soll der Quellennachweis folgen: Die hauptschlich von uns benutzte
Ausgabe ist die von Dr. H. Brody, Divn des Ab-l-Hasan Jehuda ha-Levi,
Berlin 1894, 1896-97, 1903 in zwei Bnden mit Anmerkungen und Kommentar.
Leider ist diese klassische Ausgabe noch immer nicht vollstndig
erschienen. Wir muten deshalb ergnzend noch folgende ltere Ausgaben
heranziehen: 1. Diwn des Rabbi Jehuda ha-Levi, herausgegeben von S. D.
Luzatto, Lyck 1864, eine ausgezeichnete, aber nur 86 Stcke lediglich
religisen Inhalts umfassende Ausgabe. 2. Rabbi Jehuda ha-Levi von
Abraham Elia Harkavy, Warschau 1893, eine ganz unselbstndige und
textlich unzureichende Arbeit.

Wir zitieren nach den Herausgebern.


1. _Gott_: Du Quell des wahren Lebens ... liqrath m.qor chaj emeth
ar: Brody II, S. 296, Nr. 75 (in die 2. pers. sing. bertragen).

Wenn die Sterne sich entznden ... j'rn kokhbh nishpi: Luzatto Nr.
37, S. 15 a.

Du Seele willst ins Vaterhaus ... nfesh l.bth w thikhs.f gam
kl.th: Brody II, S. 306, Nr. 89 (in die 2. pers. sing. bertragen).

Mein Leib und Leben ... jir wrj: Luzatto Nr. 71, S. 29 a.

Um sein Antlitz alle Frommen flehen ... jchallu pn l chaj chasdw
w.jishalu: Luzatto Nr. 24, S. 11 a.

Gottes Hand wird dich beschatten ... l j.d l j.h lokh machase:
Luzatto Nr. 35, S. 14 b.

Zu dir steht all mein Sehnen ... 'adonaj negd.kha kol ta'awthi: Luzatto
Nr. 52, S. 18 b.

Hin nach meines Lebens Quelle ... ligrath m.qr chajaj 'etn m.ghamth:
Luzatto Nr. 56, S. 21 a.

Wenn du allein des Herren harrst ... 'im l'elohjikh l.bhad tochl:
Brody II, S. 248, Nr. 27.

Halt, o Herz! Wer darf sich wagen ... lib 'amd k m b.sd: Brody II,
S. 218, Nr. 8.

Knechte der Zeit: -- Knechte der Knechte ... 'abhd z.mn 'abhd
'abhdim hm: Brody II, S. 300, Nr. 83.

Tag und Nacht will ich den Herren loben ... jmm wlail halll
la'adnay: Luzatto Nr. 34, S. 14 b.

Jugend ist wie leichte Flocken ... j.shnth b.chq jaldth l.mtay
tishkh.bh: Luzatto Nr. 42, S. 16 a.

Mein Gott, ich will dich ehren ... joh shimkh: Luzatto Nr. 65, S. 24 a.

Bevor du mich geschaffen ... j.d'tn b.terem tirn: Luzatto Nr. 30,
S. 13 a.

Ruhig, ruhig, liebe Seele ... shbh j.chd el m.nchkh: Brody II, S.
217, Nr. 5.


2. _Israel_: Wahrheit, ich liebe dich aus ganzer Kraft ... b.khol m.d:
Brody II, S. 221, Nr. 10.

Sonn' und Mond im Wechsel der Geschlechter ... shemesh w.jarach l'olm
shr.th: Brody II, S. 307, Nr. 90.

Sei stark und harre deiner Zeit ... je'ema l.bhabhkh um'adekh
jachali: Luzatto Nr. 27, S. 12 a.

Seit du das Heim der Liebe bist ... m'z m'n ha'habha hajtha:
Luzatto Nr. 58, S. 21 b.

Entfessle deine rechte Hand ... j.mn 'uzzkh l w.jad ezrkh: Luzatto
Nr. 17, S. 7 b.

In deinem Licht schlft aller Glanz ... jachad b.'orkh l n'r nir'
'r: Luzatto Nr. 700, S. 28 b (mit Auslassung der letzten Strophe).

In deinem Haus zu ruhen ... jf w.tobh le'chz b.bhthkh machan:
Luzatto Nr. 31, S. 13 a.

Fauler, wirst du nicht errten ... 'l hal thebhsh w.thiklm: Brody
II, S. 272, Nr. 50.

Es blieben die Wunder, die herrlichen, fort ... 'ththn hithmahmh:
Luzatto Nr. 80, S. 36 b.


3. _Liebe_: Ofra wscht ihre Kleider ... Ofra th.khabs 'et b.gdh:
Brody II, S. 12, Nr. 7.

Ich wiegt auf dem Schoe ... jm shishatih 'al bhirkhj: Brody II, S.
16, Nr. 13.

Was drngt ihr mich also ... sh'alm bigll m tish'al: Brody II, S.
24, Nr. 22, Vers 11-18.


_Abschiedsverse_: m lokh bhija timn. irjikh: Brody II, S. 7 ff.

V. 5-8, 10-11, 13-16, 17-20, 21-24, 25-28, 29-32, 33-34, 49-52, 61-62,
63-64, 67-68 und 57-58.

Wach doch auf aus deiner Ruh' ... r j.dd mitnmthkha: Brody II, S.
20, Nr. 19.

Wie die Sonne ber Sphren schreitet ... hinn kashemesh galgal
drkheth: Brody II, S. 45, Nr. 45 (in die 2. pers. sing. bertragen).


_Zum Ruhme der Braut_: Jn l 'afq mjim: Brody II, S. 53, Nr. 53.

V. 3-6, 7-10, 23-26, 27-30, 35-38.

Zeigte Liebchen mir die Wangen ... ll gill.th lj bhij na'ar:
Brody II, S. 20, Nr. 18.

Liebe Snger, singt den Trauten ... j.f ql qadd.m khinnr l. jfth:
Brody I, S. 99, Nr. 70, Vers 1-38: Einleitung zu einer poetischen
Epistel an R. Aaaron ben Zion Al-amni (ca. 1141).

Was geht noch auf die Sonne ... m ta'al shemesh um tof'a: Brody II,
S. 19, Nr. 16.

Mg' des Paares holder Bund ... ubm jisral jithbrakh: Brody II, S.
44, Nr. 43, Vers 17-19.


4. _Freundschaft_: Fein snftlich, Freund, bin nicht von Erz ... l'at
l: Brody I, S. 11, Nr. 9.

Sehnt sich deine Seele noch ... ha 'd l. jaldth: Brody I, S. 129, Nr.
89. Einleitung der Epistel an Abul Hasan b. Moril.

Viele schon in meinem Herzen schufen ... b. libb sd: Brody I, S. 3,
Nr. 3.

Abschied: j.d'nkh n.dd: Brody I, S. 154, Nr. 101.

Ist's der Myrrhe zartes Dften ... ha r'ach mr: Brody I, S. 58, Nr.
43, Vers 1-8. Einleitung einer Epistel an Mose b. Esra.

Dieser Schlummer mge whren ... 'ashraj: Brody I, S. 157, Nr. 117.

Trank die Erde wie ein Kindlein ... 'ere k. jald: Brody I, S. 82, Nr.
60, Vers 1-38. Einleitung eines Preisgedichtes auf R. Isak Hajathm.


5. _Leben, Leiden, Dichten_: Eine Taube schluchzt vom Zweige ... jn
th.kannn: Brody I, S. 164, Nr. 110.

Sie besuchten mich im Traume ... j.'dun b.n jmm chalmth: Brody
II, S. 318, Nr. 110, Vers 1-8, 17-18.

Und als nun alle war mein Gold ... jm nd z.hbh: Harkavy II, S. 74,
Nr. 5.

Siehe Menschensohn, siehe ... r' shkhn thwl r.': Harkavy II, S.
74, Nr. 4.

Kann dich Reichtum locken, Herz? ... l.bhbh m th.raddf: Brody II, S.
289, Nr. 61.

Freue dich vor deinem Nchsten ... s.mach bifn chabhrkh: Brody II,
S. 311, Nr. 95.

Weh der Kunde, die im Ohre gellt ... hoh 'al sh.m' lal loh zen:
Brody II, S. 291, Nr. 66.

Du meinst, das Dichten sei mir ein Beruf ... shlm l. bath: Brody I, S.
18, Nr. 14, Vers 45-56.

Nimm dieses Lied aus deines Freundes Hand ... h lkh pr shr: Brody I,
S. 140, Nr. 94, Vers 73-78.

Seh' ich, wie Narren ... bir'th libb likhsl jifr: Brody II, S. 297,
Nr. 76.

Becherspruch ... j.f mar' p.qach 'ajin: Brody II, S. 312, Nr. 98.

Zwei Rtsel ... 1. k.l mkhil ... (Der Spiegel): Brody II, S. 195, Nr.
5.

2. b.lij'al w.jr.ach m.dnm (Die Wage): Brody II, S. 199, Nr. 15.


6. _Zion_: Zion, willst du immer wieder ... ijn hal thish'al: Brody
II, S. 155, Nr. 2 (Die berhmte Zionide des Dichters).

Im Orient ist mein Herz ... libb b. mizrch w. 'ankhi b.sf ma'arbh:
Brody II, S. 155, Nr. 1.

Komm' mit mir gen Zoan ... n.t b 'el o'an: Brody II, S. 183, Nr. 21.

Es war ein Tag so sehnsuchtsvoll ... jm nikhsf nafsh l. bhth
haw'ad: Brody II, S. 167, Nr. 7.


7. _Das Meer_: Der Sturm ... j' umqm: Brody II, S. 176, Nr. 17.

Holder Zephyr, deiner Lfte ... z rchakh ad ma'arbh rqach: Brody
II, S. 171, Nr. 12.

Kommt die groe Flut mit einem Mal? ... hab mabbul w. sm tbhl
charbh: Brody II, S. 169, Nr. 10.


8. _Letzte Tage_ (1141): In Aegypten ... b. mirjim: Brody II, S. 180,
Nr. 18.

Hat die Zeit das Kleid des Lebens ... hafshat hazz.mn: Brody I, S.
112, Nr. 78, Vers 1-16 (Einleitung einer Epistel aus Damiette).

Wollt ihr Liebes mir vergelten ... im r.n nafsh.khem l.mal'th r.n:
Brody I, S. 211.

Dein Wunder geht durch alle Zeit ... 'elhaj pil'akh dr dr j.ruchash:
Luzatto Nr. 47, S. 17 b.


                Druck von Mnicke und Jahn in Rudolstadt


                     Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert. Weitere
nderungen sind hier aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 115]:
   ... zu el makt. Reue und Zerknirschung, Andacht ...
   ... zu el malkt. Reue und Zerknirschung, Andacht ...

   [S. 142]:
   ... Liebe Snger, singt den Trauten ... j. f ql qadd.m ...
   ... Liebe Snger, singt den Trauten ... j.f ql qadd.m ...

   [S. 143]:
   ... Becherspruch ... j.f mar' p.qach 'ajin: Brody II, ...
   ... Becherspruch ... j.f mar' p.qach 'ajin: Brody II, ...






End of the Project Gutenberg EBook of Ein Diwan, by Jehuda Halevi

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