The Project Gutenberg EBook of Der Weltkrieg, II. Band, by Karl Helfferich

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Title: Der Weltkrieg, II. Band
       Vom Kriegsausbruch bis zum uneingeschrnkten U-Bootkrieg

Author: Karl Helfferich

Release Date: May 10, 2015 [EBook #48921]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WELTKRIEG, II. BAND ***




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                              Der Weltkrieg

                                   von

                             Karl Helfferich

                                II. Band


                           Vom Kriegsausbruch
                        bis zum uneingeschrnkten
                               U-Bootkrieg


                             [Illustration]

                                  1919

                   Verlegt bei Ullstein & Co in Berlin


  =Alle Rechte=, insbesondere das Recht der bersetzung, =vorbehalten=.

        =Amerikanisches Copyright 1919 by Ullstein & Co, Berlin=

                    *       *       *       *       *




                                 Inhalt


  Vorwort                                                              9

  Umfang und Art des Krieges                                       11-47

      Vorbemerkung 13.  bermacht der Entente 14.

   =Die militrische Gestaltung des Krieges=                       15-22
      Mobilmachung und erste Erfolge 15-17. Marneschlacht
      18, 19. Die Befreiung Ostpreuens 20, 21.
      sterreich-ungarische Niederlagen 21. Keine Aussicht auf
      ein rasches Kriegsende 21.

   =Der Krieg und die deutschen Finanzen=                          22-34
      Bestrebungen des Reichsbankprsidenten Havenstein 22, 23.
      Glaube des Auslandes an unsere finanzielle Unterlegenheit
      24, 25. Geldmarkt und Brse unter der Einwirkung des
      Kriegsausbruchs 26-33. Erste Kriegsanleihe 33, 34.

   =Der Krieg und die deutsche Wirtschaft=                         34-47
      Wirtschaftlicher Generalstab fehlte 34-36. England
      geht gleich zum Wirtschaftskrieg ber 37-40. Aussichten
      der Vergeltungspolitik 41. Neuorganisation unserer
      Wirtschaftsverfassung 42-44. Ansichten ber die Dauer des
      Krieges 44, 45. Entstehung der Kriegswirtschaft 45-47.

  Die politische und militrische Entwicklung des Krieges bis
  zum Friedensangebot                                             49-108

    Vorbemerkung                                                      51

   =Die Trkei als Bundesgenosse=                                  52-64
      Natrlicher Zwang fr die Trkei zum Anschlu 52-54.
      Dardanellensperre 55, 56. Notwendigkeit der ffnung des
      Donauweges 57-60. Versuch der Forcierung der Dardanellen
      durch die Entente 61-64.

   =Italien=                                                       64-71
      Neutralitt Italiens 64-67. Blow in Rom 67-71. Italiens
      Forderungen 68, 69. Italienische Kriegserklrung 69, 70.

   =Von der italienischen Kriegserklrung bis zum Eintritt
    Bulgariens in den Krieg=                                       71-91
      Masurenschlacht 71, 72. Durchbruchsversuche der Entente
      72-74. Befreiung Galiziens und Eroberung Polens 74-76.
      Diplomatisches Ringen auf dem Balkan 77-80. Lusitania
      versenkt 81, 82. Durchsto nach der Trkei oder
      Ausnutzung des galizischen Sieges? 82-91.

   =Vom Eingreifen Bulgariens bis zum rumnischen Krieg=          91-108
      Entente-Offensive im Westen 91-93. Eingreifen Bulgariens,
      Eroberung Serbiens, Besetzung Salonikis durch die
      Entente, Kapitulation Montenegros 93, 94. Verfehlter
      Angriff auf Verdun 95-97. sterreichischer Vorsto gegen
      Asiago und Arsiero, Brussiloff-Offensive, Somme-Offensive
      1916 97-99. Frage des einheitlichen Oberbefehls im
      Osten, Hindenburg Chef des Generalstabs des Feldheeres
      99-103. Rumniens Kriegserklrung 104-106. Niederwerfung
      Rumniens 106-108.

  Finanzielle Kriegfhrung                                       109-171

   =Reichsschatzamt=                                             111-115
      bernahme des Reichsschatzamts 111-114. Falsche
      Sparsamkeit 114, 115.

   =Die Finanzierung kriegswichtiger Unternehmungen=             115-131
      Stickstofffrage 115-122. Reichsstickstoffwerke
      122-124. Stickstoffhandelsmonopol 124-127.
      Kriegsrohstoff-Abteilung und Reichsschatzamt 127, 128.
      Handels-U-Boote 128-131.

   =Kriegskosten und Sparsamkeit=                                132-139
      Entwicklung der Kriegsausgaben 132, 133. Geld spielt
      keine Rolle 134-136. Stabilitt der Kriegsausgaben vom
      Frhjahr 1915 bis zum Herbst 1916. Legendenbildung ber
      Geldverweigerung des Reichsschatzamtes 136-139.

   =Die Kriegsanleihen=                                          139-153
      Methoden zur Aufbringung der Mittel fr die Kriegfhrung
      139-142. Der Gedanke der finanziellen Wehrpflicht 145.
      Deutsche und englische Anleihepolitik 145-151. Ungeheure
      Steigerung der Kriegsausgaben vom Herbst 1916 an 152, 153.

   =Kriegssteuern=                                               153-168
      Kriegssteuern als Ergnzung der Anleihepolitik? Vergleich
      mit England 153-159. Kriegsgewinnsteuer, Verbrauchs- und
      Verkehrssteuern im Reichstage 160-168.

   =Finanzielle Vorschsse an unsere Verbndeten=                168-171

  Wirtschaftskrieg und Kriegswirtschaft                          173-282

   =Reichsamt des Innern=                                        175-183
      bernahme des Reichsamts des Innern 175-177.
      Geschftsbereich des Reichsamts des Innern,
      Kriegsrohstoffabteilung, Kriegsernhrungsamt 177-183.

   =Deutschland als belagerte Festung=                           184-201
      Skagerrak, Kreuzerkrieg 184, 185. Londoner Deklaration,
      Ausdehnung des Bannwarenbegriffes 185-188. Die Nordsee
      von England zum Kriegsgebiet erklrt, Verhalten der
      Neutralen 188-191. Kontrolle des neutralen Handels
      191-196. Rohstoffbezug aus den besetzten Gebieten
      196-198. Ernhrungsschwierigkeiten bei den Verbndeten
      198-200. Ernteertrgnisse und Vernderungen des
      Viehbestandes in Deutschland 200, 201.

   =Der Wirtschaftskampf um die Neutralen=                       202-221
      Deutscher Gegendruck auf die Neutralen 202, 203.
      Reglementierung und Zentralisation der Ausfuhr und
      Einfuhr 203, 204. Wirkungen des planlosen Einkaufs 205,
      206. Zentral-Einkaufs-Gesellschaft 207-209. Planmige
      Verbindung von Ausfuhrgenehmigungen, Einfuhrgeschften
      und Kreditabmachungen 210-215. Gnstige Gestaltung
      unserer Einfuhr 215-221.

   =Die innere Kriegswirtschaft=                                 221-249

   =Die Technik im Dienste der Kriegswirtschaft=                 222-227
      Steigerung der wirtschaftlichen Krfte 222, 223.
      Ersatzstoffe, neue Erfindungen 224-227.

   =Umstellung der Unternehmungen und Umgruppierung der
    Arbeitskrfte=                                               227-232
      Umstellung der Produktion 227, 228. Umgruppierung der
      Arbeiterschaft 228-231.

   =Verbrauchsregelung und Volksernhrung=                       232-240
      Hchstpreise, Rationierung, Beschlagnahme,
      Bewirtschaftung 232-234. Kriegsgetreidegesellschaft
      235-237. Reglementierung und Syndizierung des Handels,
      Kriegswirtschaftliche Reichsstellen 238. bertreibung der
      Zwangswirtschaft 239, 240.

   =Bewirtschaftung der Rohstoffe=                               240-249
      Beschlagnahme und Bewirtschaftung 240, 241.
      Kriegsrohstoff-Gesellschaften 241-243. Rationelle
      Ausnutzung der Hchstleistungsbetriebe, Zeitungsgewerbe
      243-249.

   =Hilfsdienstgesetz und Hindenburg-Programm=                   249-282
      Munitionskrisis 249-254. Hindenburg-Programm,
      Hilfsdienstgesetz 254-259. Kriegsamt und Durchfhrung
      des Hilfsdienstgesetzes 259-272. Abkehrschein 273, 274.
      Lohntreiberei 275, 276. Kritik des Hindenburg-Programms
      und des Hilfsdienstgesetzes 276-278. Transport- und
      Kohlenkrisis 278-281. Finanzielle berspannung 281.
      berschtzung der deutschen Volks- und Wirtschaftskraft
      282.

  Friedensbemhungen und U-Bootkrieg                             283-430
      Kriegfhrung und Diplomatie als Mittel der Politik
      285-288.

   =Die Friedensfrage=                                           288-299
      Langsame Gewhnung an den Gedanken des
      Erschpfungskrieges 288-290. Bethmann Hollwegs
      Kriegsziele 290-292. Deutschlands Friedensbereitschaft,
      Vernichtungswille der Entente 292-294. Bemerkungen zur
      Politik des Kanzlers 294-299.

   =Die erste Phase des U-Bootkriegs=                            300-325
      Tirpitz ber die Mglichkeit eines U-Bootkrieges
      300. Bekanntmachung des U-Boot-Handelskrieges 301,
      302. Der Kaiser ber die Kriegfhrung 303. Schonung
      der neutralen Schiffe 304. Englands Abhngigkeit vom
      Schiffsverkehr 304-306. Proteste der Neutralen 306, 307.
      Deutsch-amerikanischer Notenwechsel 307-314. Versenkung
      der Lusitania 314-317. Freiheit der Meere 318-323.
      Arabic versenkt 323-325.

   =Der verschrfte U-Bootkrieg=                                 325-338
      Lansings Vorschlag ber die U-Boot-Kriegfhrung
      an die Entente-Vertreter 325-328. Wiederaufnahme
      der Lusitania-Angelegenheit 328, 329. Stellung
      der militrischen Fhrung und des Kanzlers zum
      uneingeschrnkten U-Bootkrieg 329, 330. Verschrfter
      U-Bootkrieg 330, 331. Haltung Amerikas 332-335. Forderung
      des uneingeschrnkten U-Bootkrieges, Denkschrift des
      Admiralstabes 335, 336. Tirpitz' Rcktritt 337. Reichstag
      und U-Bootkrieg 337, 338.

   =Der Sussex-Fall=                                           338-349

      Note Wilsons 339-342. Amerika oder Verdun? 343.
      Deutsch-amerikanischer Notenwechsel 344-347. Einstellung
      des verschrften U-Bootkriegs 347-349.

   =Die Bemhungen Bethmann Hollwegs um einen amerikanischen
    Friedensschritt=                                             349-355
      Ineinandergreifen der U-Boot- und Friedensfrage 349,
      350. Bemhungen bei Wilson 351-353. Gerards Reise nach
      Amerika, Wilsons Zurckhaltung 353-355.

   =Der deutsche und der amerikanische Friedensschritt=          355-379
      Presserede Greys 355, 356. Gnstige militrische Position
      fr einen Friedensschritt 356-358. Antwort an Grey 359,
      360. Deutscher Friedensvorschlag an die kriegfhrenden
      Staaten 360-369. Friedensnote Wilsons an alle Mchte
      369-372. Zustimmende Antworten Deutschlands und seiner
      Verbndeten, schroff ablehnende Antworten der Alliierten
      372-379.

   =Der uneingeschrnkte U-Bootkrieg=                            379-430
      Keine amerikanische Bemhung zur Aufhebung der Blockade
      379-381. Wiederaufnahme der U-Bootfrage 381-383.
      Verhandlungen im Hauptausschu ber den U-Bootkrieg,
      meine Stellungnahme gegen den U-Bootkrieg 383-390.
      Zentrumserklrung und ihre Wirkung auf die Stellung
      des Kanzlers zu den militrischen Instanzen 390-394.
      Gutes Ergebnis des U-Boot-Kreuzerkriegs vom Oktober
      1916 an 395. Admiralstab und Oberste Heeresleitung
      verlangen den uneingeschrnkten U-Bootkrieg 395-399.
      Festmahl der amerikanischen Handelskammer 399-403. Neue
      Denkschrift des Admiralstabes 403-408. Entscheidung
      fr den uneingeschrnkten U-Bootkrieg, Vorgnge in
      Ple 408-412. Meine persnliche Entschlieung 412,
      413. Wilsons Botschaft an den Senat 414-417. Wilson
      ersucht um Mitteilung der deutschen Friedensbedingungen
      417-419. berreichung der deutschen U-Boot-Note,
      Mitteilung der deutschen Friedensbedingungen 419-421. Die
      Auffassung Bernstorffs 421-428. Urteil ber Wilson als
      Friedensstifter 428-430.

                    *       *       *       *       *




                            Vorwort


Das ungeheure Geschehen des Weltkrieges gliedert sich dem
rckwrtsschauenden Blick deutlich in zwei groe Abschnitte.

Der erste fand seinen Abschlu mit dem Verbluten der fast fnfmonatigen
Offensive unserer Feinde auf den Schlachtfeldern der Somme, mit der
Niederwerfung Rumniens und mit dem Scheitern des Friedensvorschlages
der Mittelmchte vom 12. Dezember 1916 wie des Friedensschrittes des
Prsidenten Wilson vom 21. desselben Monats.

Die im Januar 1917 beschlossene Erffnung des uneingeschrnkten
U-Bootkrieges leitete hinber zu dem zweiten Hauptabschnitt, der durch
den Eintritt der Vereinigten Staaten in die Reihe der Kriegfhrenden
sein Geprge erhielt.

Der Darstellung des ersten dieser beiden groen Abschnitte des Krieges
gilt der vorliegende Band (Band II des Gesamtwerkes).

Der letzte Band, enthaltend die Darstellung des Krieges bis zum Ausbruch
der Revolution und zum Abschlu des Waffenstillstandes befindet sich
bereits im Druck und wird in Blde ausgegeben werden.

    Berlin, im Juni 1919
                                                       =Karl Helfferich=




                   Umfang und Art des Krieges


Ein ungeheures Schicksal war ber das deutsche Volk hereingebrochen.
Allein mit unseren sterreichisch-ungarischen Verbndeten fanden wir
uns gegenber der russisch-franzsisch-englischen Koalition, die von
vornherein durch Belgien, Serbien und Montenegro verstrkt war und
der sich noch im Laufe des August auch Japan zugesellen sollte. Unser
italienischer Dreibundgenosse dagegen lehnte es ab, den Bndnisfall
als gegeben anzusehen, und erlie eine Neutralittserklrung, die
den franzsischen Ministerprsidenten zu Worten hoher Freude und die
franzsische Kammer zu einer strmischen Ovation fr die lateinische
Schwester veranlate. Auch Rumnien, das seit vielen Jahren durch eine
geheime Militrkonvention mit uns verbunden war, hielt sich abseits;
Knig Carol war nicht stark genug, gegen seine widerstrebenden Minister
und die ententefreundliche ffentliche Meinung die Erfllung der von ihm
bernommenen Verpflichtungen durchzusetzen.

Die bermacht der Feinde war erdrckend. Allein Ruland und Frankreich
vermochten eine Truppenmacht ins Feld zu stellen, die der vereinigten
deutschen und sterreichisch-ungarischen erheblich berlegen war.
Allein die britische Flotte war eine gewaltige bermacht gegenber den
vereinigten Flotten Deutschlands und seines Bundesgenossen. Nicht minder
war finanziell und wirtschaftlich das ungeheure bergewicht auf der
andern Seite, und schon die ersten Tage des Krieges zeigten, da unsere
Feinde, namentlich England, entschlossen waren, dieses bergewicht bis
zum uersten auszunutzen.

Auch das strkste Herz mute sich von der Sorge bedrckt fhlen, wie
das deutsche Volk sich der furchtbaren bermacht sollte erwehren
knnen. Es brauchte der ganzen Kraft, die nur das Bewutsein der guten
Sache verleiht, um die bangen Zweifel zu verscheuchen und die mutige
Zuversicht zu schaffen, mit der das deutsche Volk in den Kampf um sein
Dasein und seine Zukunft ging.

Die Straen hallten wider von dem festen Tritte der Jungmannschaften
und der Landwehrmnner, die, blumengeschmckt und vaterlndische Lieder
singend, ausmarschierten. Die Hoffnungen und die heien Wnsche des
ganzen deutschen Volkes begleiteten sie. Der Abschiedsschmerz und die
Sorge um das Wiedersehen gingen unter in der Hingabe an das bedrohte
Vaterland. Alles schien klein geworden, was bisher das Leben ausgefllt
hatte; es gab nur noch eines: die Verteidigung des deutschen Bodens
und der deutschen Volksgemeinschaft. In diesem Gedanken fand sich ganz
Deutschland in erhebender Einheit zusammen, alle Stmme, alle Klassen,
alle Parteien. Und diese Einheit, aus der hchsten Not des Vaterlandes
geboren, erschien als Gewhr des Sieges.


                 Die militrische Gestaltung des Krieges

Die Mobilmachung und der Aufmarsch unserer Truppen vollzogen sich mit
der grten Ordnung und Przision. Der Kriegsminister hat mir gegen
Abschlu der Mobilisationsperiode erzhlt, da nicht eine einzige
Rckfrage der Generalkommandos bei der Zentralinstanz erforderlich
gewesen sei. Am 16. August, nach Vollendung des Aufmarsches, begab sich
der Kaiser mit dem Groen Hauptquartier in aller Stille von Berlin nach
Coblenz.

Inzwischen harrte das deutsche Volk mit atemloser Spannung der ersten
Nachrichten von den Kriegsschaupltzen.

Mit besonderer Sorge blickte mancher nach der Nordsee in der Erwartung,
da die dort versammelte britische Flotte, das gewaltigste Geschwader,
das je die Welt gesehen hatte, ohne Zgern zu dem so oft angekndigten
Vernichtungsschlage gegen unsere junge Marine ausholen werde. Aber der
erwartete Angriff erfolgte nicht. Die britischen Kriegsschiffe begngten
sich mit der Jagd auf wehrlose deutsche Handelsschiffe und dem Anhalten
neutraler Fahrzeuge, von denen sie im Widerspruch zu allem Vlkerrecht
deutsche Passagiere und deutsches Gut herunterholten. Dagegen lsten
einige khne Taten unserer Marine groen Jubel aus, so gleich in den
ersten Tagen des Krieges der Durchbruch der Gben und der Breslau
durch ein starkes feindliches Geschwader bei Sizilien und ihr Einlaufen
in die Dardanellen, vor allem aber die Versenkung der drei englischen
Kreuzer durch das U-Boot des Kapitnleutnants Weddigen.

Von den Kriegsschaupltzen zu Lande kam die erste wichtige Nachricht
am Morgen des 7. August: ein von einer kleinen Truppe unternommener
Handstreich auf Lttich sei nicht geglckt. Um so freudiger wurde
am Abend desselben Tages die Nachricht aufgenommen, da die Festung
Lttich in unseren Hnden sei. Das war der erste groe Erfolg. Er war zu
verdanken dem vor nichts zurckschreckenden Draufgngertum des damaligen
Generalmajors Ludendorff und der alle bisherigen Begriffe bersteigenden
Wirkung unserer 42-cm-Geschtze, die mit ihren Geschossen auf groe
Entfernungen die strksten Panzertrme wie irdene Tpfe zerschlugen.

Nun war die erste Bresche gelegt. Es folgte der unaufhaltsame Vormarsch
unserer Truppen durch Belgien, die Besetzung von Brssel, die Einnahme
von Namur und die Schlachten bei Mons, Charleroi, Dinant, Neufchteau
und Longwy, in denen unsere Armeen sich den Weg nach Frankreich bahnten;
dann die wuchtigen Schlge, die das britische Hilfskorps in viertgiger
Schlacht von le Cateau und Landrecies ber Cambrai und St. Quentin warf
und groenteils vernichtete. Inzwischen hatte die Armee des bayrischen
Kronprinzen die in das deutsche Lothringen eingedrungenen Franzosen
zwischen Metz und den Vogesen gefat und in einer groen Schlacht
geschlagen. Kleinere Mierfolge, wie die Schlacht von Mlhausen, in der
die geplante Abschnrung der franzsischen Truppen nicht gelang, taten
dem erfreulichen Gesamtbilde keinen Eintrag. Unaufhaltsam schienen sich
die gewaltigen deutschen Heeresmassen vorwrts zu wlzen und jeden
Widerstand vor sich zu zerbrechen. Am 4. September konnte der Kaiser in
Luxemburg, wohin inzwischen das Groe Hauptquartier verlegt worden war,
zu mir sagen: Wir haben heute den fnfunddreiigsten Mobilmachungstag.
Reims ist von unsern Truppen besetzt, die franzsische Regierung hat
ihren Sitz nach Bordeaux verlegt, unsere Kavalleriespitzen stehen 50
Kilometer vor Paris!

Freilich, als ich am Abend desselben Tages, vor meiner Rckreise in die
Heimat, den Chef des Generalstabs des Feldheeres besuchte, erhielt das
glnzende Bild, das ich mir aus den Berichten ber die Siege und den
Vormarsch unserer Truppen gemacht hatte, einen ernsten Schatten. Ich
fand den Generalobersten von Moltke keineswegs in froher Siegesstimmung,
sondern ernst und bedrckt. Er besttigte mir, da unsere Vortruppen
50 Kilometer vor Paris standen; aber -- fgte er hinzu -- wir haben
in der Armee kaum mehr ein Pferd, das noch eine andere Gangart als
Schritt gehen kann. Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: Wir wollen
uns nichts vormachen. Wir haben Erfolge gehabt, aber wir haben noch
nicht gesiegt. Sieg heit Vernichtung der Widerstandskraft des Feindes.
Wenn sich Millionenheere gegenberstehen, dann hat der Sieger Gefangene.
Wo sind unsere Gefangenen? Einige zwanzigtausend in der Lothringer
Schlacht, da noch zehntausend und dort vielleicht noch zwanzigtausend.
Auch die verhltnismig geringe Zahl der erbeuteten Geschtze zeigt
mir, da die Franzosen sich planmig und in Ordnung zurckgezogen
haben. Das Schwerste steht uns noch bevor!

Die folgenden Tage brachten die groe franzsische Gegenbewegung, die
man sich gewhnt hat, als die Marneschlacht zu bezeichnen. Trotz
taktischer Erfolge unseres schwer angegriffenen rechten Flgels endigten
die Kmpfe mit einem strategischen Rckzuge. Unsere Generalstabsberichte
zeigten in den kritischen Tagen eine Zurckhaltung, die unserm Volk den
Ernst der Lage nicht zum Bewutsein kommen lie. Die damals bei uns noch
nicht verffentlichten franzsischen und englischen Heeresberichte der
zweiten Septemberwoche strmten ber von Siegesjubel. Namentlich die
franzsischen Berichte lieen unsere Armeen in voller Auflsung und in
unaufhaltsamer Flucht erscheinen. Auch die privaten Nachrichten, die von
der Front ihren Weg nach der Heimat fanden, lauteten nicht ermutigend.
Es waren fr den Wissenden sorgenvolle Tage und schlaflose Nchte.

Allmhlich klrte sich die Lage. Unsere Armeen hatten eine stark
befestigte Verteidigungsstellung zwischen Noyon, nrdlich Reims und
Verdun bezogen, an der sich der franzsische Gegensto endgltig brach.
Franzsisch-englische Versuche, uns durch berflgelung in der rechten
Flanke zu fassen, wurden abgewiesen, wiederholten sich aber immer
wieder, und zwar fortschreitend in nrdlicher Richtung. Alle Versuche
des Feindes, durchzubrechen und unsere rckwrtigen Verbindungen zu
bedrohen, wurden in heftigen Kmpfen, so bei Bapaume und Albert,
abgewiesen.

Mit der Einnahme von Antwerpen am 9. Oktober und der bald darauf
folgenden Besetzung von Ostende war fr unsern rechten Flgel eine
starke Anlehnung an die Nordsee gewonnen. Aber unserem Versuche, mit dem
Einsatz unserer besten Kraft an der Yser und bei Ypern die feindliche
Front zu zerbrechen, die Heere der Verbndeten vom Meere abzudrngen und
sie endgltig zu berflgeln, blieb, trotz des beispiellosen Heldenmutes
unserer Freiwilligen-Regimenter und aller unsagbaren Opfer, der Erfolg
versagt. Nachdem der Feind zur Untersttzung seiner erlahmenden
Widerstandskraft das Meer ins Land hereingelassen und den grten Teil
des Kampfgelndes in Sumpf und See verwandelt hatte, flaute im November
nach einer letzten gigantischen Anstrengung bei Ypern das furchtbare
Ringen ab. Auch hier erstarrte der Kampf zum Stellungskrieg. Ebenso
blieben unsere Versuche, auf unserm linken Flgel die Sperrfortkette
Verdun-Toul zu sprengen, trotz einzelner Erfolge im ganzen fruchtlos.
Der Feldzug auf dem westlichen Kriegsschauplatze war im November auf
der ganzen Linie zum Stehen gekommen. Die Hoffnungen auf eine schnelle
Entscheidung und ein baldiges Ende des Krieges muten begraben werden.

Auch im Osten war inzwischen schwer gekmpft worden. Gleich nach
Ausbruch der Feindseligkeiten hatte es sich gezeigt, wie weit die
russische Mobilmachung an unsern Grenzen bereits vorgeschritten war.
Unsere in Ostpreuen stehenden schwachen Krfte wurden alsbald von einer
groen Armee angegriffen und muten, trotz heldenhafter Gegenwehr,
wertvolle Teile der Provinz dem Feinde preisgeben. Sengend und brennend,
plndernd und mordend ergossen sich die russischen Horden ber das
blhende Land. Das ber Erwarten rasche Vordringen des Feindes, die
verzweifelten Hilferufe der Einwohner und die Entrstung ber die
russische Barbarei bestimmten unsere Oberste Heeresleitung, frher
als ursprnglich geplant eine Gegenaktion in die Wege zu leiten. Der
General von Hindenburg, der kurz vor dem Kriege seinen Abschied genommen
hatte, wurde zum Fhrer der neuzubildenden Ostarmee ausersehen, der
Generalmajor Ludendorff wurde zu seinem Stabschef ernannt. Dem Genie
der beiden sich gegenseitig auf das Glcklichste ergnzenden Feldherren
gelang es, in den Schlachten bei Tannenberg und an den Masurischen Seen
die gewaltige russische bermacht vernichtend zu schlagen und unsere
Ostmark vom Feinde zu befreien. Der Jubel in ganz Deutschland war
grenzenlos. Die Namen Hindenburg und Ludendorff waren in aller Munde;
ihre mit einem Schlage gewonnene Volkstmlichkeit ist whrend des ganzen
Krieges von keinem andern Feldherrn oder Staatsmann auch nur annhernd
erreicht worden.

Aber auch die ostpreuischen Schlachten fhrten, so gro der Erfolg
war, keine Entscheidung herbei. Unsere sterreichisch-ungarischen
Bundesgenossen hatten im sdlichen Polen und in Galizien schwere
Niederlagen erlitten. Die Bukowina und der grte Teil von Galizien
muten preisgegeben werden, und die Russen schickten sich an, ber
den Karpathenkamm nach Ungarn einzudringen. Ein kraftvoller Vorsto
Hindenburgs gegen Warschau und der sterreicher gegen Iwangorod
muten abgebrochen werden. Schlesien erschien auf das uerste
bedroht, und Ostpreuen erlebte einen zweiten Russeneinfall. Wenn es
auch gelang, Ostpreuen zum zweitenmal zu befreien, die Gefahr fr
Schlesien abzuwenden und den Krieg erneut nach Polen zu tragen, so
gestattete gegen die Wende des Jahres 1914 die Lage auf dem stlichen
Kriegsschauplatz keine Tuschung darber, da auch von hier keine
schnelle Entscheidung und kein baldiges Kriegsende zu erwarten war. Was
im ersten jhen Ansturm in West und Ost nicht geglckt war, den Feind
vernichtend zu schlagen und ihn zu einem unser und unserer Verbndeten
Dasein sichernden Frieden bereit zu machen, das konnte jetzt nur noch
von zhem Kampf und entschlossenem Durchhalten erwartet werden. Vielen
wurde es jetzt erst bewut, vor welche Schicksalsprobe unser Volk
gestellt war.


                  Der Krieg und die deutschen Finanzen

Whrend das Heer unsere Grenzen schtzte und den Krieg in Feindesland
trug, spannte auch die Heimat alle Krfte an, um den Erfordernissen des
Krieges gerecht zu werden. Mehr denn jemals zuvor war dieser Krieg von
seinem Anbeginn an nicht nur ein Krieg der Waffen, sondern auch ein
Krieg der Finanzen und der Wirtschaft aller beteiligten Vlker.

Meine Stellung in der Direktion des grten deutschen Finanzinstituts
gab mir Gelegenheit, auf diesem Felde mitzuarbeiten.

Schon in den Jahren vor dem Kriege hatte ich die Bestrebungen des
Reichsbankprsidenten Havenstein, das deutsche Geld- und Kreditwesen
auf eine mglichst solide, auch gegenber schweren Erschtterungen
wirtschaftlicher und politischer Art widerstandsfhige Grundlage zu
stellen, in meinem Wirkungskreise nach Krften untersttzt. Meine
Kollegen in der Direktion der Deutschen Bank setzten in guter alter
Tradition ihren Stolz nicht nur in die Ausdehnung der Geschfte der
Bank, sondern mehr noch in die Aufrechterhaltung und Verbesserung
der Liquiditt ihres Standes; hier wurde die Berechtigung der
Havensteinschen Bestrebungen nicht nur theoretisch anerkannt, sondern
auch praktisch bettigt. Die seit dem Jahre 1905 sich berstrzenden
politischen Krisen zeigten, wie notwendig es war, das gesamte deutsche
Kreditwesen, das durch die ungestme wirtschaftliche Entwicklung
Deutschlands auf das Strkste angespannt war, krisenfest zu machen. In
dieser Richtung lag die Verstrkung des Goldbestandes der Reichsbank
als unserer nationalen Goldreserve, die Verbesserung der Zahlungssitten
durch die Ausdehnung des Scheck- und Giroverkehrs, die Einschrnkung
der Festlegung der Bankdepositen in langfristigen und immobilen
Krediten, die Beseitigung der Abhngigkeit des deutschen Geldmarktes von
kurzfristigen Auslandskrediten, die innere Konsolidierung der groen
Unternehmungen durch eine vorsichtige Dividenden- und Reservenpolitik.

Schon die Marokkokrisis von 1911 hatte gezeigt, da diese Bemhungen
nicht vergeblich gewesen waren. Das deutsche Geld- und Kreditwesen
zeigte damals schon, im Vergleich mit Frankreich und selbst England,
eine erfreuliche Widerstandsfhigkeit. Die namentlich im Ausland,
aber auch in Deutschland selbst verbreitete Auffassung, das deutsche
Wirtschaftsgebude sei ein Kolo auf tnernen Fen, das deutsche
Kreditsystem sei ein Kartenhaus, das beim ersten scharfen Windsto
zusammenbrechen msse, hatte sich damals schon als berholt erwiesen.
Freilich, unsere Gegner, namentlich die Franzosen, haben das nicht wahr
haben wollen. Obwohl die Brse und der Geldmarkt in Paris und sogar in
London, wie sich an den Kursen der Wertpapiere und den Geldstzen ohne
weiteres ablesen lie, durch die Erschtterung der Marokkokrisis strker
in Mitleidenschaft gezogen wurden als bei uns, blieb nicht nur die
ffentliche Meinung, sondern -- von wenigen Ausnahmen abgesehen -- auch
der engere Kreis der Fachleute in Frankreich bei der vorgefaten Meinung
von unserer unbedingten finanziellen Unterlegenheit; ja es bildete sich
die Legende, die Gefahr des finanziellen Zusammenbruchs habe es fr
Deutschland unmglich gemacht, es auf einen Krieg ankommen zu lassen.
Ich habe diesen Glauben an unsere finanzielle Unzulnglichkeit, der
mir in auslndischen Kreisen immer wieder entgegentrat, stets als
eine Verstrkung der dem Weltfrieden ohnehin schon drohenden Gefahren
angesehen; denn dieser Glaube konnte in kritischen Situationen leicht
dazu fhren, unsere Gegner zu einer berspannung ihrer Ansprche
und Zumutungen zu verleiten. Ich habe mich deshalb fr verpflichtet
gehalten, diesen irrigen Vorstellungen entgegenzutreten, insbesondere
dann, wenn sie, was vorkam, von Deutschland aus Nahrung erhielten. Noch
kurz vor Ausbruch des Weltkrieges, im Juni 1914, habe ich im Vorwort
zur vierten Auflage meines Bchleins ber Deutschlands Volkswohlstand
ausgefhrt:

Es ist geradezu ein Weltinteresse, da die Illusion verschwindet, durch
Mittel der finanziellen Politik knne erreicht werden, was bisher weder
durch militrische Macht noch durch Allianzen und Ententen zu erreichen
war: die Niederkmpfung Deutschlands.

Nun brach der Sturm des Krieges ber die Welt herein und erschtterte
den wirtschaftlichen Aufbau aller beteiligten Vlker in seinen
Grundfesten.

Schon seit dem Attentat von Sarajewo lag ein dumpfes Unbehagen ber
den finanziellen Mrkten der Welt. Das sterreichisch-ungarische
Ultimatum an Serbien und die ungengende Antwort der serbischen
Regierung, dazu die Stellungnahme Rulands, das erklrte, nicht
indifferent bleiben zu knnen, brachten das Ungewitter zum Ausbruch.
Alles, was bisher an Werten als fest und sicher galt, geriet ins
Schwanken. Bares Geld, womglich blankes Gold, erschien als der einzige
feste Pol in der Erscheinungen Flucht. Die Brsen wurden von allen
Seiten mit Verkaufsauftrgen berschttet; die Geldinstitute wurden
mit Kreditantrgen und Wechseleinreichungen bestrmt; Kredite wurden
gekndigt; bei den Banken und Sparkassen drngte sich die Kundschaft,
um Guthaben und Einlagen zurckzuziehen.

Es galt, alle Kraft einzusetzen, um die Sturmflut der Panik einzudmmen
und der Besonnenheit wieder zu ihrem Rechte zu verhelfen. Jetzt hatte
sich zu bewhren, was Deutschland in den letzten Jahrzehnten an echter
finanzieller Kraft gewonnen und an wirksamer finanzieller Organisation
aufgebaut hatte. Die groen Berliner Banken und Bankiers, die sich seit
Jahren in der sogenannten Stempelvereinigung zusammengeschlossen
und dort an ein einheitliches Handeln in allen Fragen von allgemeinem
Interesse ihres Berufes gewhnt hatten, vereinigten sich alsbald
zu einem gemeinschaftlichen Vorgehen, um in engster Fhlung mit
der Reichsbank und der Seehandlung durch eine Intervention auf den
Effektenmrkten, durch Aufrechterhaltung der Kredite und Schaffung
erweiterter Kreditmglichkeiten fr Beruhigung zu sorgen und die
Weiterfhrung einer geordneten wirtschaftlichen Ttigkeit zu
ermglichen. Jeden Vormittag versammelten sich in jener kritischen
Zeit die Vertreter der an die Stempelvereinigung angeschlossenen
Finanzinstitute im Sitzungssaal der Deutschen Bank, um ber die Lage
und die gemeinschaftlich zu ergreifenden Manahmen zu beraten. Wir alle
waren durchdrungen von der berzeugung, da in jener schweren Lage jede
ngstlichkeit und Engherzigkeit der in der deutschen Finanzwirtschaft
fhrenden Stellen verhngnisvoll wirken msse; da nur ein grozgiges
und weitherziges Verhalten gegenber den Erfordernissen der Stunde die
Lage retten knne; da schlielich den deutschen Banken ihr in langer
Arbeit und in ernster Selbstbeschrnkung gefestigter Stand es gestatte,
jetzt in den Zeiten der Not vor den Ri zu treten und im Interesse des
Ganzen groe Risiken zu bernehmen. Die strengen Normen in ruhigen
Zeiten haben ihren Zweck in der Sicherung der Bereitschaft fr den
kritischen Augenblick. Wenn das Pferd ber den Graben soll, heit es die
Zgel locker lassen.

Der Erfolg der zweckmigen Organisation und des planmigen Eingreifens
blieb nicht aus. Die finanziellen Grundmauern der deutschen Wirtschaft
zeigten sich dem Sturm der Kriegspanik gewachsen; unsere finanzielle
Widerstandskraft hielt jeden Vergleich aus mit derjenigen unserer
Feinde, die sich auf einen viel lteren Reichtum sttzen konnten und
sich uns gegenber bisher als die unbestritten berlegenen gefhlt
hatten.

Unsere Effektenmrkte zeigten in dem Kurssturz, der ber alle Pltze bis
hinber nach Amerika mit elementarer Wucht hereinbrach, immerhin eine
bessere Haltung als diejenigen Frankreichs und Englands. In der Zeit vom
17. bis 28. Juli 1914 -- in den folgenden Tagen kamen an den meisten
Pltzen keine ordnungsmigen Notierungen mehr zustande -- stellte
sich die Kursbewegung der magebenden Staatsanleihen Deutschlands,
Frankreichs und Englands wie folgt:

                                            Kurs vom           also
                                       17. Juli   28. Juli   Rckgang

     3%ige deutsche Reichsanleihe        76,50      73,75      2,75
     3%ige franzsische Rente            82,62      77,25      5,37
     2-1/2%ige englische Konsols         75,81      71,75      4,06

Der Kursrckgang in jenen kritischen Tagen war also bei den deutschen
Staatspapieren erheblich geringer als bei den englischen und namentlich
den franzsischen Anleihen. Dabei gaben die amtlichen Pariser Kurse
das wahre Bild nicht annhernd richtig wieder. Der Temps berichtete
ber den Verlauf der Pariser Brse vom 25. Juli, da die Kammer der
Kursmakler sich angesichts des starken Angebots von 3%iger Rente
gentigt gesehen habe, die Notierung eines niedrigeren Kurses als 78 zu
verbieten, obwohl Angebote zu 74 vorlagen.

Was hier in den kritischen Tagen unmittelbar vor Kriegsausbruch in
Erscheinung trat, war nicht etwa nur ein Augenblickserfolg der deutschen
Finanzen. Bis zum Frhjahr 1915 ging die 3%ige franzsische Rente um
weitere 12-15% zurck, die deutsche 3%ige Reichsanleihe nur um 5-1/2%.
Whrend im Durchschnitt des Jahres 1910 die 3%ige franzsische Rente auf
98, die 3%ige deutsche Reichsanleihe nur auf 84 gestanden hatte, sank
jetzt das franzsische Standardpapier unter den Kurs der mit gleicher
Verzinsung ausgestatteten deutschen Staatswerte. Auch der Rckgang der
englischen Konsols war bis zum Frhjahr 1915 mit 7% strker als der
Rckgang der deutschen Reichsanleihe, obwohl die britische Regierung
Mindestkurse dekretiert hatte, die damals im freien Verkehr um 3-4%
unterschritten worden sein sollen.

Ebenso wie der Markt der Staatsanleihen, dessen Verhalten typisch war
fr das Verhalten der fest verzinslichen Werte berhaupt, zeigte auch
der Markt der Dividendenwerte in Deutschland eine verhltnismig gute
Widerstandskraft. So sanken, um nur ein Beispiel zu geben, die Aktien
des ersten franzsischen privaten Bankinstituts, des Crdit Lyonnais,
vom 18.-20. Juli 1914 von 1535 auf 1350 Franken, also um 12% ihres
Kurswertes vom 18. Juli; in der gleichen Zeit sanken die Aktien der
Deutschen Bank von 231,60% auf 218%, diejenigen der Diskontogesellschaft
von 180,80% auf 170%, beide also um nicht ganz 6% des Kurses vom 18.
Juli.

Strker noch als in den Kursen kam die groe Widerstandskraft des
deutschen Kapitalmarktes in andern Erscheinungen zum Ausdruck. Die
Pariser Brse war in der letzten Juliwoche gentigt, zur Vermeidung
eines vlligen Zusammenbruchs die Ultimoliquidation zwangsweise zu
suspendieren. Ein hnliches Brsenmoratorium wurde in London notwendig.
In Berlin dagegen blieb die Brse, wenn auch unter Beschrnkung auf den
Kassahandel, bis zur Proklamation des Kriegszustandes in Ttigkeit,
und die Juliliquidation wurde, im Gegensatz zu London und Paris,
nicht hinausgeschoben, sondern dank der von den Banken gewhrten
Erleichterungen ohne nennenswerte Strung abgewickelt.

Auch dem gewaltigen Andrang nach baren Zahlungsmitteln hat das deutsche
Bankwesen -- abgesehen von einem vorbergehenden Mangel an Kleingeld --
zu ertrglichen Bedingungen gengen knnen. Die Reichsbank, untersttzt
von den fr den Kriegsfall vorgesehenen und alsbald in Wirksamkeit
tretenden Darlehnskassen, zeigte sich allen Ansprchen gewachsen. In den
beiden Wochen vom 23. Juli bis 7. August 1914 stellte sie dem Verkehr
fr mehr als 2 Milliarden Mark Zahlungsmittel der verschiedensten
Kategorien zur Verfgung, ohne mit ihrem Diskontsatz strker als von
4% auf 6% in die Hhe zu gehen. In Frankreich und England dagegen
sahen sich die Zentralbanken gentigt, empfindliche Restriktionen
in der Diskontierung von Wechseln eintreten zu lassen. Die Bank von
England mute ihren Diskontsatz in den drei Tagen vom 23. zum 25. Juli
sprungweise von 3% auf 10% hinaufsetzen. Whrend die Privatbanken in
Deutschland, gesttzt auf den Rckhalt, den ihnen die Reichsbank bot,
anstandslos alle von ihnen verlangten Auszahlungen leisten, ihre Kredite
aufrechterhalten und erweitern konnten, sahen sie sich in Frankreich
und England alsbald vor ernsthaften Schwierigkeiten. In Frankreich
lieen sich die Banken und Sparkassen die gesetzliche Ermchtigung
geben, auf die bei ihnen stehenden Guthaben nur bescheidene Teilbetrge
auszuzahlen. In England wute man sich nicht anders zu helfen, als da
der auf den ersten Montag im August fallende Bankfeiertag auch auf
die folgenden drei Tage ausgedehnt wurde, was praktisch einer Sperre
der Bankschalter whrend der strmischsten Tage gleichkam. Auerdem sah
man sich in allen kriegfhrenden Lndern, auer Deutschland, und in
zahlreichen neutralen europischen und berseeischen Lndern gentigt,
Moratorien einzufhren, teils fr den Wechselverkehr, teils fr den
gesamten Bankverkehr, teils fr alle Zahlungsverpflichtungen unter
Privaten. In Deutschland dagegen kam man in eingehenden Beratungen aller
beteiligten Instanzen zu dem Entschlu, von dem Erla eines Moratoriums
abzusehen. Man begngte sich mit Gegenmanahmen, die die deutsche
Geschftswelt vor der Wirkung der im Ausland erlassenen Moratorien
schtzten. Auerdem wurde die Mglichkeit geschaffen, im Einzelfall
beim Vorliegen eines wirklichen Notstandes die Zahlungsfristen
durch gerichtliches Urteil hinauszuschieben. Im brigen wurde die
Zahlungsfhigkeit der deutschen Wirtschaft durch eine Reihe positiver
Manahmen und Einrichtungen aufrechterhalten, die das Zusammenwirken
der Reichsbank, der Darlehnskassen, der Genossenschaften und Sparkassen
in wirksamer Weise ergnzten; so insbesondere durch die in freiwilligem
Zusammenschlu der beteiligten Kreise geschaffenen Kriegskreditbanken
und die Vereinbarungen der Bodenkreditinstitute ber die Bevorschussung
von Hypotheken.

Durch dieses ruhige, sichere und planmige Vorgehen gelang es, in
wenigen Tagen der Erregung des Publikums und der Kopflosigkeiten,
wie sie in solchen Zeiten immer vorkommen, Herr zu werden und in der
deutschen Geschftswelt das Vertrauen in die finanziellen Grundlagen
unserer Wirtschaft wiederherzustellen.

Ein Vorfall, der sich in den Tagen der ersten groen Aufregung bei der
Deutschen Bank abspielte, zeigt, da in solchen Lagen auf das groe
Publikum nichts beruhigender wirkt als ein festes und zuversichtliches
Verhalten der Stellen, auf die sich die verngstigten Augen richten. Aus
der Hauptdepositenkasse wurde nach der Direktion gemeldet, der Andrang
des Publikums zu den Auszahlungsschaltern sei ungeheuer und geradezu
lebensgefhrlich; es msse etwas geschehen, um fr die Aufrechterhaltung
der Ordnung zu sorgen. Der Bescheid, der gegeben wurde, ging dahin,
es seien alsbald zwei weitere Schalter fr die Auszahlung zu ffnen
und das dem Publikum bekanntzumachen. Die Wirkung war durchschlagend.
Viele gingen beruhigt nach Hause, weil ihnen die ffnung neuer
Auszahlungsschalter die Sicherheit gegeben hatte, da die Bank imstande
und gewillt sei, jede Auszahlung zu leisten.

Schon vor der Beendigung der Mobilmachung und vor den ersten
Siegesnachrichten fing das Publikum an, die in den Tagen der
Panik abgehobenen Gelder wieder zu den Banken und den Sparkassen
zurckzubringen. Auch die gewaltigen Geldsummen, die das
Kriegsministerium im Laufe der Mobilmachung fr die Beschaffung von
Heeresgert und Heeresausrstung aller Art verausgabte, fanden
bald ihren Weg zurck zu den groen Sammelbecken des Geldverkehrs.
An die Stelle der Geldklemme der ersten Wochen trat bald eine groe
Geldflssigkeit, die es mglich machte, die Begebung einer ersten
Kriegsanleihe schon fr den Monat September ins Auge zu fassen.

In der Tat trat Deutschland als der erste unter allen kriegfhrenden
Staaten mit einer Kriegsanleihe an den Markt. Es fehlte nicht an
warnenden Stimmen, die einen Mierfolg voraussagten. Das klgliche
Ergebnis der im Jahre 1870 vom Norddeutschen Bund ausgeschriebenen
Kriegsanleihe schwebte manchem als bler Vorgang vor Augen. Noch
mehr Bedenken erregte der khne Vorschlag des Reichsbankprsidenten,
die Kriegsanleihe in unbeschrnktem Betrag aufzulegen, damit jedem
Zeichner von vornherein die Zuteilung des vollen gezeichneten Betrages
in Aussicht zu stellen und so auf jeden Anreiz zu spekulativen
Zeichnungen und auf jeden Scheinerfolg, wie er in der berzeichnung
einer in limitiertem Betrag aufgelegten Anleihe leicht zu erzielen
ist, bewut und absichtlich zu verzichten. Ich hatte Gelegenheit, mit
dem Reichsbankprsidenten das Aktionsprogramm durchzusprechen und ihn
gegenber den Stimmen der Bedenklichen in seinen Absichten zu bestrken.
Der Erfolg hat der Khnheit recht gegeben. Das Zeichnungsergebnis
war rund 4-1/2 Milliarden Mark. Das war fast das Doppelte der bisher
grten Anleiheaktion der Geschichte, der franzsischen Anleihe vom
Juli 1872, die 2400 Millionen Mark erbracht hatte. Dabei hatte sich
die Einzahlungsfrist der franzsischen Anleihe vom Juli 1872 bis zum
Herbst 1873, also auf etwa 15 Monate erstreckt, whrend der fast
doppelt so groe Betrag der ersten deutschen Kriegsanleihe nach den
Zeichnungsbedingungen in zwei Monaten einzuzahlen war. Ferner war
die groe franzsische Anleiheaktion erst nach Abschlu des Friedens
durchgefhrt worden, die deutsche Anleihe dagegen wurde zu Anfang eines
unabsehbaren Krieges gezeichnet. Und schlielich waren die Zeichnungen
auf die franzsische Anleihe zu einem groen Teil auf fremden Mrkten,
namentlich auf dem Londoner Markte, erfolgt, whrend die 4-1/2
Milliarden der ersten deutschen Kriegsanleihe so gut wie ausschlielich
eine Leistung des auf sich selbst gestellten deutschen Volkes waren.

Die Sicherung der finanziellen Grundlagen unserer Wirtschaft und die
Beschaffung der fr den Krieg erforderlichen Geldmittel war so in den
ersten Wochen des Krieges auf das beste eingeleitet.


                  Der Krieg und die deutsche Wirtschaft

Die finanzielle Mobilmachung war in Friedenszeiten grndlich
vorbedacht und vorbereitet worden. Abgesehen von der planmigen
Verbesserung und Krftigung unserer Geld- und Kreditverfassung, die
sich jetzt so reichlich lohnte, lag der Organisationsplan bereit,
nach dem unser Finanzwesen den Kriegsbedrfnissen angepat werden
sollte. Auf dem Gebiete der Gtererzeugung und des Warenhandels waren
hnliche Vorkehrungen fr den Kriegsfall nicht getroffen worden.
Wohl hatte unsere Wirtschaftspolitik in hnlicher Weise unsere
gesamte Volkswirtschaft erstarken lassen und fr den Kriegsfall
tchtig gemacht, wie unsere Geld- und Bankpolitik die finanziellen
Grundlagen unseres Wirtschaftslebens. Vor allem war es vermge unserer
Wirtschaftspolitik gelungen, unsere landwirtschaftliche Erzeugung in
den letzten Jahrzehnten vor dem Krieg in noch strkerem Mae zu heben,
als unsere Bevlkerung gewachsen war. Ebenso war die eigene Gewinnung
der fr den Krieg wichtigsten industriellen Rohstoffe, der Kohle und
des Eisens, in einem Mae gesteigert und auch technisch vervollkommnet
worden, da eine Grundlage fr die technisch-industrielle Durchfhrung
des Krieges gesichert war. Auch hatten wichtige Erfindungen und neue
Verfahren unsere nationalwirtschaftliche Selbstndigkeit, die fr das
Durchhalten eines groen Krieges von besonderer Bedeutung ist, in
einigen nicht unwesentlichen Punkten verbessert. Schlielich waren auf
dem Gebiet der sozialen Organisation, insbesondere der Ausgestaltung der
Arbeitsnachweise, Fortschritte erzielt worden, die fr die Anpassung
unserer Wirtschaft an die durch den Krieg von Grund aus genderten
Verhltnisse eine Erleichterung bedeuteten. Aber ein eigentlicher
Organisationsplan fr die Bereithaltung, Beschaffung und Verteilung
der fr das Leben der Bevlkerung und die Durchfhrung des Krieges
erforderlichen Nahrungsmittel und Rohstoffe, fr die Umstellung unserer
gewerblichen und kommerziellen Ttigkeit und fr die Umgruppierung der
Arbeitskrfte, wie sie der Krieg erforderlich machen mute, war nicht
vorhanden.

Aus den Kreisen des praktischen Wirtschaftslebens heraus war in den
Jahren vor dem Ausbruch des Krieges wiederholt auf diese Lcke in
unserer Bereitschaft hingewiesen und u. a. die Einrichtung eines
wirtschaftlichen Generalstabs zur Bearbeitung dieser organisatorischen
Aufgaben verlangt worden. Es war aber nichts Durchgreifendes geschehen.
Ich habe den Eindruck, da man sich bei unseren amtlichen Stellen, denen
die Bearbeitung unserer wirtschaftlichen Angelegenheiten anvertraut war,
einmal ber die seit Jahren ber uns schwebende Kriegsgefahr ebensowenig
Rechenschaft gab wie im allgemeinen in unserer ffentlichen Meinung; da
man ferner sich von den wirtschaftlichen Verhltnissen und Anforderungen
eines modernen Krieges kein hinreichend greifbares Bild machen konnte,
um danach organisatorische Vorbereitungen einzurichten; schlielich, da
man weder mit einem langen Kriege, noch auch mit einem ausgesprochenen
Wirtschaftskriege ernstlich rechnete.

Nun war der Krieg da; und die Manahmen unserer Feinde, namentlich
Englands, zeigten alsbald, da dieser Krieg gegen eine gewaltige, uns
fast von allen Seiten umfassende Koalition kein bloer Krieg der
bewaffneten Streitkrfte, sondern auch ein Krieg der Volkswirtschaften,
ja der ganzen Volksgemeinschaften sein werde.

Schon bei dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen lehnte es die
britische Regierung ab, den Schutz, den nach der Haager Landkriegsakte
das private Eigentum und die privaten Forderungen zu beanspruchen
hatten, unzweideutig und uneingeschrnkt anzuerkennen. Alsbald nach
Kriegsausbruch erlie sie Verfgungen, die nach dem alten britischen
Recht alle Zahlungen an die Bewohner der mit England im Kriege liegenden
Lnder unter Strafe stellten. Das Verbot wurde bald auf den gesamten
Verkehr mit dem Feinde ausgedehnt. Ebenfalls schon in den ersten Tagen
des Krieges wurden die Filialen deutscher Banken in London unter
Staatsaufsicht gestellt, der bald die Anordnung der Zwangsliquidation
unter Sequestration des Liquidationserlses folgte. Im weiteren Verlauf
wurden Zwangsverwaltung, Sequestration und Zwangsliquidation auch auf
alle anderen Unternehmungen im Vereinigten Knigreich, den Dominions
und Kolonien, die Deutschen gehrten oder an denen deutsches Kapital in
nennenswertem Umfange beteiligt war, ausgedehnt und namentlich in den
berseeischen Gebieten in der rigorosesten Weise durchgefhrt. Dazu kam
die Aufhebung von Vertrgen mit feindlichen Staatsangehrigen und der
feindlichen Staatsangehrigen zustehenden Patentrechte.

Noch einschneidender waren die britischen Manahmen auf dem Gebiet des
Seekrieges. Ohne sich durch die vlkerrechtlichen Satzungen irgendwie
beirren zu lassen, unterwarf England den gesamten Seeverkehr auch der
Neutralen seiner Kontrolle in der Absicht, jede auch indirekte Zufuhr
fr Deutschland zu verhindern. Darber hinaus zwang es den Neutralen in
ihren eigenen Lndern eine Handelskontrolle auf, die in ihrer Wirkung
die Blockade bis an die Landgrenzen Deutschlands tragen sollte.

Ganz offenkundig und ganz rcksichtslos ging England, von seinen
Verbndeten untersttzt, von Anbeginn des Krieges an darauf hinaus,
die Kriegfhrung der Land- und Seestreitkrfte zu ergnzen und zu
untersttzen durch eine wirtschaftliche Erdrosselung des deutschen
Volkes. Durch die Abschnrung der Zufuhr kriegswichtiger Rohstoffe
sollte Deutschland wehrlos gemacht, durch die Abschnrung der Zufuhr
von Nahrungsmitteln sollte Deutschland ausgehungert und zur bergabe
gezwungen werden. Dabei handelte es sich fr England von allem Anfang
an nicht nur um ein Kriegsmittel, sondern klar erkennbar um einen
wesentlichen Kriegszweck: Deutschland sollte durch den wirtschaftlichen
Druck nicht nur -- unabhngig von den militrischen Operationen --
zur Kapitulation gezwungen, sondern Deutschlands Stellung in der
Weltwirtschaft, die England so unbequem geworden war, sollte den
tdlichen Streich erhalten. Die Verfolgung und Vernichtung jeder
deutschen geschftlichen Bettigung, jeder deutschen Wirtschafts-
und Kulturarbeit in allen den Gebieten, die fr den britischen Arm
berhaupt erreichbar waren, gibt davon beredtes Zeugnis. Der britische
Vernichtungswille kannte keine Schranke, weder in geschriebenen
Satzungen, noch in der ungeschriebenen Vlkermoral, weder im
menschlichen, noch im gttlichen Recht. Alles was in den Bestrebungen
der edelsten Geister der Menschheit bisher erreicht worden war, um die
Kriegfhrung auf die bewaffneten Streitkrfte zu beschrnken und die
Leiden des Krieges von der nichtkmpfenden Bevlkerung fernzuhalten,
erwies sich vor Englands Gewaltpolitik als eitel Schall und Rauch.

War schon der Krieg gegen eine rein militrisch so starke Koalition
fr Deutschland und seinen Verbndeten eine in diesem Ausma in der
Geschichte aller Zeiten und Vlker bisher unerreichte Kraftprobe, so
wurde die Gefahr der Zermalmung durch die brutale bertragung des
Krieges auf das wirtschaftliche Gebiet ins Ungeheuerliche gesteigert.
Deutschland war, wie kein zweites Land auer England selbst, in die
Weltwirtschaft verwachsen. Es hatte im letzten Friedensjahr eine
Einfuhr von 10,7 Milliarden Mark gehabt, hauptschlich Rohstoffe
und Nahrungsmittel; seine Ausfuhr, hauptschlich aus Fabrikaten
bestehend, hatte den Wert von 10,1 Milliarden Mark erreicht. Wenn
wir auch infolge der glcklichen Entwicklung unseres Ackerbaues nur
eines verhltnismig geringen Zuschusses an Brotgetreide aus dem
Ausland bedurften, so war doch unsere Viehwirtschaft, und damit die
Versorgung unserer Bevlkerung mit Fleisch und Fett, in erheblichem
Umfange auf fremde Zufuhren an Futtermitteln angewiesen. Von unseren
groen Gewerbezweigen war die Textilindustrie, bis auf die geringe
einheimische Erzeugung von Wolle und Flachs, von der Rohstoffzufuhr
aus dem Auslande abhngig. hnlich, wenn auch nicht ganz so schlimm,
stand es mit der Lederindustrie. Kohle und Eisen hatten wir im eigenen
Land; aber andere wichtige Metalle kamen vorwiegend, wie das Kupfer,
oder ausschlielich, wie das Nickel, aus dem Ausland. Unsere Ausfuhr
gab einem groen Teil unserer arbeitenden Bevlkerung lohnende Arbeit.
Die Ernhrung, Bekleidung und Beschftigung eines groen Teiles unserer
Bevlkerung, darber hinaus die Ausstattung unserer Streitkrfte zu
Land und zu Wasser mit Kriegsgert, Munition und Proviant wurde durch
die Unterbindung unseres Auenhandels auf das ernstlichste in Frage
gestellt. Die gewaltigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die auch ein
auf das rein Militrische beschrnkter Krieg htte mit sich bringen
mssen, wurden ins Unendliche gesteigert.

Nahezu alles, was zur berwindung dieser Schwierigkeiten und Gefahren zu
geschehen hatte, mute improvisiert werden.

Die Aussichten einer reinen Vergeltungspolitik waren schlecht. Wir
konnten die Beschlagnahme deutscher Vermgenswerte, die Zwangsverwaltung
und Zwangsliquidation deutscher Unternehmungen und die anderen gegen
deutsches Privatvermgen und deutsche Privatrechte gerichteten Manahmen
mit den entsprechenden Gegenmanahmen beantworten und taten das auch.
Aber was an feindlichem Privatvermgen und Privatrechten unserem Zugriff
unterlag, war dem Werte nach nur ein Bruchteil dessen, was bei der
weitverzweigten deutschen Bettigung in dem Machtbereich unserer Feinde
der Willkr von Englndern, Franzosen und Russen ausgesetzt war. Der
vlkerrechtswidrigen Unterbindung unserer auslndischen Zufuhren konnten
wir, da England die See beherrschte, zunchst nichts gegenberstellen
als unseren wiederholten eindringlichen Appell an die an der
Aufrechterhaltung des Vlkerrechts mit uns interessierten Neutralen; die
U-Bootwaffe, deren Anwendung wegen ihrer Rckwirkung auf die Neutralen,
besonders auf die Vereinigten Staaten, von Anfang an als zweischneidig
angesehen werden mute, kam als Mittel fr eine Gegenblockade erst im
weiteren Verlauf des Krieges ernsthaft in Betracht. Auch auf die sich
dem britischen Druck so gefgig zeigenden uns benachbarten Neutralen
konnten wir nur in sehr beschrnktem Umfang einen Gegendruck ausben.
Ihre Abhngigkeit von unserer Kohle und unserem Eisen war nicht entfernt
so gro und so empfindlich wie ihre Abhngigkeit von den unter Englands
Kontrolle stehenden Zufuhren von Nahrungs- und Futtermitteln und an
wichtigen berseeischen Rohstoffen. Immerhin gaben die uns zur Verfgung
stehenden Mittel des Gegendrucks auf diesem Gebiet uns wenigstens
einigen Spielraum.

Es kam darauf an, die bescheidenen Vorteile und Druckmittel, die uns
zur Verfgung standen, in geschickten Transaktionen und Kombinationen
nach jeder Mglichkeit auszunutzen, um die Erdrosselungsabsichten
unserer Feinde zu vereiteln. Es kam weiter darauf an, einen berblick
ber die im Inland vorhandenen Bestnde der fr das Durchhalten der
Bevlkerung und der Kriegfhrung wichtigsten Nahrungsmittel und
Rohstoffe zu gewinnen, die Erzeugungsmglichkeiten dieser Stoffe oder
geeigneter Ersatzstoffe nach Mglichkeit zu frdern, ihren Verbrauch
zu kontrollieren und zu rationieren und auf die Preisbildung der fr
den Lebensunterhalt der Bevlkerung wesentlichen Waren einen Einflu
zu gewinnen. Das bedeutete nicht nur eine den besonderen Verhltnissen
und Bedrfnissen anzupassende Umstellung der wirtschaftlichen
Ttigkeit, sondern eine Neuorganisation unserer Wirtschaftsverfassung
im Sinne des berganges von dem individualistischen System der freien
wirtschaftlichen Bettigung und Initiative, das sich in der hinter
uns liegenden Friedenszeit von selbst reguliert hatte, zu dem Versuch
einer einheitlichen und planmigen Leitung der Gtererzeugung und
Gterverteilung.

Die Aufgabe war ihrer Art nach vllig neu. Es gab keine Mglichkeit,
sich an bereits erprobte Vorbilder und Methoden anzulehnen; alles mute
gewissermaen aus dem Nichts heraus geschaffen werden.

Die Aufgabe wurde auch keineswegs in ihrem Umfange von Anfang an
erkannt. Ich glaube, es gibt niemanden in Deutschland, der von sich
sagen kann, er habe von Anfang an mit einem so langen Kriege und einer
so strengen, sich im Laufe des Krieges immer mehr verschrfenden
Abschnrung Deutschlands von auswrtigen Zufuhren gerechnet. Die
Ansicht, da ein moderner Krieg nur von kurzer Dauer sein knne, wog
in militrischen wie in wirtschaftlichen Kreisen vor. Dafr sprach
die furchtbare Zerstrungskraft der modernen Kriegswaffen, die
rasche entscheidende Schlge in Aussicht zu stellen schien; ferner
die ungeheuerliche Entziehung von Arbeitskrften durch die auf der
allgemeinen Dienstpflicht beruhenden Volksheere, eine Entziehung,
die in ihrer Wirkung auf die Volkswirtschaft mit einem Generalstreik
verglichen worden ist; dann die alle Summen, mit denen Finanzleute
und Volkswirtschaftler bisher zu rechnen gewohnt waren, weit hinter
sich lassenden Kosten; schlielich die Spekulation auf die menschliche
Vernunft, die es nicht zulassen werde, da die Vlker Europas bis zur
letzten Erschpfung ihrer physischen und moralischen Krfte, bis zur
letzten Zerstrung ihrer wirtschaftlichen und kulturellen Werte sich
gegenseitig vernichten wrden.

Gerade von sehr magebender militrischer Stelle habe ich, whrend der
Krieg bereits im Gange war, wiederholt die Meinung vertreten hren,
da das Kriegsende in nicht allzu ferner Zeit zu erwarten sei. Als
ich im Monat November 1914 im Groen Hauptquartier zu Charleville
im Einverstndnis mit dem Auswrtigen Amt den Vorschlag machte, im
Interesse unserer Kriegfhrung im Orient -- die Trkei war in den
letzten Oktobertagen an unserer Seite in den Krieg eingetreten --
die an der Verbindung mit Syrien und Mesopotamien noch fehlenden
Gebirgsstrecken der Bagdadbahn im Taurus und Amanus alsbald mit allen
Mitteln auszubauen, erhielt ich die Antwort: Da die Fertigstellung
dieser Strecken erst nach Jahr und Tag zu erwarten sei, liege kein
militrisches Interesse an dem Projekte vor. Die Mglichkeit, da
wir uns Ende 1915 noch im Kriege befinden knnten, wurde nach den
Eindrcken, die ich damals empfangen habe, berhaupt nicht ernstlich in
Betracht gezogen. Einer hnlichen optimistischen Auffassung begegnete
ich noch im April 1915, als ich als Reichsschatzsekretr im Groen
Hauptquartier weilte. Man setzte damals groe Hoffnungen auf gewisse
gerade eingeleitete militrische Operationen, und ich hrte die Hoffnung
aussprechen, da, wenn alles gut gehe, der Krieg in wenigen Monaten zu
Ende sein knne.

Ebensowenig wie mit einem mehr als vierjhrigen Krieg hat man die
Nachhaltigkeit und Wirksamkeit unserer Absperrung vom Ausland
vorausgesehen. Auch wer England jede Art von Vlkerrechtsbruch,
namentlich in der Seekriegfhrung, zutraute, hat in den Anfngen des
Krieges noch hoffen knnen, da die Maschen des Wirtschaftskrieges
weit genug bleiben wrden, um uns zu gestatten, auf dem Weg ber die
uns benachbarten Neutralen uns wichtige Zufuhren zu verschaffen. Das
Selbstinteresse der Neutralen, namentlich der Vereinigten Staaten,
erschien als ein Faktor, der in unsere Rechnung eingestellt werden
konnte. In der Tat hat in den ersten Kriegsmonaten England auf dieses
Selbstinteresse Amerikas einige Rcksicht genommen. Noch in einer Note
vom 7. Januar 1915, mit der die britische Regierung eine Beschwerde der
Regierung der Vereinigten Staaten beantwortete, betonte die britische
Regierung, sie habe z. B. Baumwolle nicht auf die Konterbandeliste
gesetzt und bei jeder Gelegenheit ihre Absicht festgestellt, bei dieser
Praxis zu bleiben. In der Tat ist Baumwolle erst in der zweiten Hlfte
des Jahres 1915 von der britischen Regierung als Konterbande erklrt
worden.

So entwickelte sich im Laufe des Krieges erst allmhlich der
ganze Ernst der Lage und damit die Erkenntnis der ganzen Gre
der zu bewltigenden Aufgabe. Unsere Kriegswirtschaft ist nicht
entstanden aus einem von vornherein die Aufgabe in ihrer Gesamtheit
umfassenden einheitlichen Plan; sie ist allmhlich herausgewachsen
aus tastenden Versuchen und aus oft unzulnglichen, oft ber das
Ziel hinausschieenden Notmanahmen, mit denen die wirtschaftlichen
Berufskreise und die staatlichen Gewalten den immer schwerer und
dringender werdenden Anforderungen der Zeit gerecht zu werden suchten.
An ihrem Anfange stand der unmittelbar nach dem Kriegsausbruch
einsetzende Zusammenschlu groer an dem Bezug auslndischer Rohstoffe
interessierter Kreise des Gewerbes und Handels zur gemeinsamen
berwindung der sich auftrmenden gewaltigen Schwierigkeiten durch
einheitliches Vorgehen und gemeinsames Tragen der mit einem Schlage so
enorm gestiegenen Risiken (Zentraleinkaufsgesellschaft, Kriegsausschu
fr le und Fette, Kautschukabrechnungsstelle u. a. m.); ferner die
Errichtung der Kriegsrohstoffabteilung im Kriegsministerium zum
Zweck der Sicherung und Beschaffung der kriegsnotwendigen Rohstoffe;
dann gewisse Notmanahmen auf dem Gebiete der Ernhrungspolitik,
wie die -- brigens von der Vertretung der Landwirtschaft selbst
angeregte -- Festsetzung von Hchstpreisen fr Brotgetreide, die
Ausmahlungsvorschriften, die Schaffung eines einheitlichen Kriegsbrotes,
die Verwendungsbeschrnkung (Verbot der Verftterung von Brotgetreide)
und hnliche Manahmen mehr. Von diesen Anfngen ausgehend, erstreckte
sich die Kriegswirtschaft auf immer weitere Gebiete unserer ganzen
Wirtschaft. Zu dem einen sich immer weiter ausdehnenden Kreis von Waren
erfassenden System der Hchstpreise, Richtpreise und Preisprfung
kamen immer weitergehende Verwendungsbeschrnkungen, Beschlagnahmen,
Enteignungen, Ablieferungsverpflichtungen, Rationierungen des
Verbrauchs durch Karten, Bezugsscheine und Verteilungsschlssel, eine
fortschreitende Zentralisation der Beschaffung und Bewirtschaftung
von wichtigen Nahrungsmitteln, Rohstoffen und Fabrikaten; weiterhin
staatliche Eingriffe in den Aufbau einzelner Gewerbezweige im Wege
zwangsweisen Zusammenschlusses, verbunden mit Stillegungen und
Produktionsregulierungen; schlielich der Versuch einer staatlichen
Regulierung der wirtschaftlichen Arbeit durch das Hilfsdienstgesetz.
Ergnzt wurde diese Entwicklung der kriegswirtschaftlichen Organisation
durch die Mitwirkung der wirtschaftlichen Verbnde des Unternehmertums
und der Arbeiterschaft, durch die mit bewundernswerter Tatkraft und
erstaunlichem Erfolg durchgefhrte Anpassung der Gtererzeugung in
Landwirtschaft und Gewerbe an die neuen Verhltnisse und an die
gewaltigen Anforderungen des Krieges, durch die im Zusammenwirken
von Wissenschaft, Technik und wirtschaftlicher Tatkraft erzielten
Fortschritte im Produktionsverfahren, die zu einer ungeahnten Steigerung
der wirksamen Ausnutzung von Stoffen und Krften fhrten und teilweise
ganz neue Wege von bleibender Bedeutung erschlossen.

Ich werde im weiteren Verlaufe meiner Darstellung Gelegenheit haben, auf
einzelne Teile der Entwicklung unserer Kriegswirtschaft, an denen ich
persnlich mitzuarbeiten berufen war, des nheren einzugehen.




     Die politische und militrische Entwicklung des Krieges bis zum
                             Friedensangebot


Die groen militrischen Entscheidungen der ersten Kriegsmonate hatten
uns in die Verteidigung gebracht. Im Westen in einer festen, weit in
das Feindesland ausholenden Linie, die im Stellungskrieg gehalten
werden mute. Im Osten in einem weiten freien Raum, der eine offensive
Verteidigung im Bewegungskrieg gestattete. Starke feindliche bermacht
hier wie dort, dazu eine bermacht, die -- wenigstens soweit Ruland
und das britische Imperium in Betracht kamen -- durch vermehrten
Krfteeinsatz noch einer wesentlichen Steigerung fhig war. Und diese
feindliche bermacht konnte aus ihrer freien Berhrung mit der gesamten
Welt Ergnzung und Entlastung finden, whrend die Mittelmchte auf sich
selbst gestellt waren.

Wir standen, wie am ersten Tage des Krieges, so nach den ersten
gewaltigen Kraftproben vor der Gefahr, trotz allen Heldentums und aller
Heldentaten erdrosselt und zermalmt zu werden. In dieser Lage hie es,
nach jeder mglichen Hilfe ausschauen, die uns aus der furchtbaren
Umklammerung befreien konnte.


                      Die Trkei als Bundesgenosse

Whrend unser italienischer und unser rumnischer Bundesgenosse sich von
Anfang an der Erfllung ihrer Bundespflicht enthielten, whrend Japan
seine zunchst erklrte Neutralitt schon am 19. August durch sein an
uns gerichtetes Ultimatum aufgab und sich der Koalition unserer Feinde
anschlo, whrend die Neutralen abwartend und zumeist mit fr uns recht
khlen Gefhlen beiseite standen, stellte sich die uns seit langem
befreundete, aber niemals verbndete Trkei als ein willkommener und
wichtiger Mitkmpfer ein.

Ich habe im ersten Teil dieses Buches die Belastungsproben skizziert,
denen die deutsch-trkische Freundschaft seit der jungtrkischen
Revolution ausgesetzt war, und denen sie sich gewachsen gezeigt
hat. Deutschlands territoriale Uninteressiertheit an den Fragen des
nheren Orients, sein positives Interesse an der Aufrechterhaltung der
Unversehrtheit, der Unabhngigkeit, der wirtschaftlichen, militrischen
und politischen Erstarkung der Trkei war so offenkundig und trat
in so konkludenten Handlungen zutage, da auch die westmchtlich
voreingenommenen jungtrkischen Politiker, sobald sie an der Macht und
Verantwortung waren, sich wohl oder bel zu Deutschland hingedrngt
sahen. Selbst das Vorgehen unseres sterreichisch-ungarischen
Bundesgenossen in der bosnischen Frage und die tripolitanische
Brutalitt Italiens hatten die aus den wahren Interessen der Trkei
erwachsende Wiederannherung an Deutschland nicht hindern knnen.

Als der Krieg ausbrach, konnte in Stambul kein Staatsmann darber im
unklaren sein, da im Falle eines Sieges der Entente Ruland nach
Konstantinopel greifen und da niemand ihm das verwehren werde. Zu oft
und zu deutlich war in den letzten Jahren von Ruland her proklamiert
worden, da der Weg nach Konstantinopel ber Berlin und Wien fhre.
Der Krieg war also von Anfang an, ob die Trkei beiseite stand oder ob
sie eingriff, ein Krieg um die Existenz des trkischen Reiches. Die
Trkei hatte die Wahl, ob sie durch ein Eingreifen an der Seite der
Mittelmchte das ihrige zur Abwendung der Vernichtung tun oder ob sie in
willenlosem Geschehenlassen ihr Schicksal hinnehmen wollte.

Die britische Politik versumte nicht, der trkischen Regierung sofort
mit Eindringlichkeit zu zeigen, wo ihr Platz in diesem Vlkerringen
sei. Schon am 2. August 1914 beschlagnahmte sie zwei von der Trkei auf
Drngen des britischen Botschafters in England in Bestellung gegebene
und im voraus bezahlte Kriegsschiffe.

Schon in jenen Tagen wurde zwischen dem deutschen Botschafter Freiherrn
von Wangenheim und der trkischen Regierung ein Bndnisvertrag
vereinbart, fr dessen Zustandekommen sich auf trkischer Seite vor
allem der Kriegsminister Enver Pascha einsetzte.

Am Abend des 10. August erschienen die beiden deutschen Kriegsschiffe
Gben und Breslau, die im Mittelmeer der feindlichen bermacht
glcklich entronnen waren, vor den Dardanellen. Sie erhielten die
Erlaubnis zur Einfahrt; denn die trkische Regierung hatte die
beiden Schiffe in Erwartung ihrer glcklichen Ankunft von der
deutschen Regierung gekauft. Entrsteter Protest der Ententemchte.
Zusammenziehung eines Ententegeschwaders vor den Dardanellen. Darauf am
28. September Sperre der Dardanellen.

Fr die deutsche Kriegspolitik war schon mit dieser Etappe ein
wichtiger Erfolg erzielt. Die Verbindung der Westmchte mit Ruland
durch die Ostsee war durch den Krieg zerschnitten. Wenn jetzt auch
der Grohandelsweg durch die Dardanellen gesperrt war, so blieb
nur noch der fr umfangreiche Transporte infolge des Mangels an
Eisenbahnen in Nordruland nicht praktikable Weg ber Archangelsk.
Die Dardanellensperre machte die Untersttzung der Entente auf dem
westlichen Kriegsschauplatz durch russische Mannschaften fr lange Zeit
unmglich, sie schrnkte die Mglichkeit der Versorgung Rulands mit
westmchtlichem Kriegsmaterial erheblich ein, und sie unterband die
Belieferung Frankreichs und Englands mit russischem Getreide.

Es konnte fraglich erscheinen, ob es im deutschen Interesse lag, die
durch drei Kriege geschwchte Trkei zu veranlassen, weiter zu gehen und
aktiv in den Krieg einzugreifen. Die Mglichkeit, auf dem Wege ber die
Trkei und mit Hilfe der Trkei das britische Reich an lebenswichtigen
Punkten anzugreifen, etwa am Suezkanal oder gar ber den Persischen Golf
in Indien, hatte zwar in der englischen Agitation gegen die Bagdadbahn
und leider auch in gewissen leichtfertigen deutschen Verffentlichungen
eine Rolle gespielt; aber bei nchterner und sachkundiger Beurteilung
mute man die Durchfhrbarkeit und die Aussichten auch nur einer Aktion
gegen den Suezkanal so lange als uerst zweifelhaft betrachten, als
einmal ein ungehinderter Verkehr zwischen den Mittelmchten und der
Trkei nicht gesichert war und als ferner die Eisenbahnverbindung
zwischen Konstantinopel und Syrien im Taurus- und Amanusgebirge noch
die empfindlichen Lcken aufwies. Im brigen bot die Trkei sowohl im
sdlichen Mesopotamien den Englndern als auch in Nordostanatolien
den Russen wegen des Fehlens jeder Eisenbahnverbindungen gefhrliche
Angriffsflchen; ja, es war nicht einmal als unbedingt sicher zu
betrachten, ob die Dardanellen, trotz der in den letzten Jahren
durchgefhrten Modernisierung ihrer inneren Befestigungsanlagen, einem
energischen und nachhaltigen Angriff wrden standhalten knnen. Auf
den Heiligen Krieg, von dem manche die Revolutionierung gyptens
und Indiens erwarteten, habe ich nach meiner Kenntnis des stumpf und
unfanatisch gewordenen Islam niemals groe Hoffnungen gesetzt, solange
wir nicht selbst die Bewegung in jene Lnder tragen konnten.

Diese Ansichten wurden auch in unserem Auswrtigen Amt geteilt, und
man hat es deshalb wohl vermieden, die Trken zum Eintritt in den
Krieg allzu eifrig zu drngen. Aber die Dinge drngten von selbst in
dieser Richtung. Es zeigte sich bald, da die Ententemchte sich mit
der Sperrung der Dardanellen nicht abfinden und der Trkei nur die
Wahl lassen wrden, sich klipp und klar zu entscheiden. Die Wahl der
trkischen Staatslenker war im voraus getroffen. Vergeblich bot die
Entente der Trkei die Garantie ihres Besitzstandes; die Trkei hatte
mit solchen Garantien zu schlechte Erfahrungen gemacht. Der Druck der
Ententemchte verstrkte sich. Ende Oktober kam es bei der Einmndung
des Bosporus in das Schwarze Meer, wo russische Kriegsfahrzeuge Minen
legten, zu einem Zusammensto zwischen trkischen und russischen
Seestreitkrften: die Kriegserklrung erfolgte aus dem Munde der
Schiffsgeschtze.

Deutschland hatte einen politischen Sieg erfochten; es hatte zu
einer Zeit, in der es in West und Ost in die schwersten Kmpfe gegen
eine erdrckende bermacht verstrickt war, einen Bundesgenossen
gewonnen, dessen nicht zu unterschtzendes Gewicht auf der Wage des
Vlkerschicksals vielleicht den entscheidenden Ausschlag geben konnte.

Nun hie es, das Gewicht des neuen Bundesgenossen in Wirkung setzen.

Der neue Bundesgenosse stand, von uns getrennt, auf einem ebenso
wichtigen wie bedrohten Auenposten. Wenn dieser Auenposten gesichert
und die militrische wie die wirtschaftliche Kraft der Trkei fr uns
nutzbar gemacht werden sollte, dann muten alsbald die Brcken zu dem
neuen Mitkmpfer geschlagen werden. Der Weg zur Trkei fhrte, solange
der Englnder das Mittelmeer, der Russe das Schwarze Meer beherrschte,
in jedem Fall ber Bulgarien, auerdem entweder ber Rumnien oder ber
Serbien. Bulgarien stand uns mit wohlwollender Neutralitt gegenber.
Aber Serbien stand mit noch ungebrochener Kraft gegen uns im Feld,
und Rumnien nahm trotz seines Bndnisvertrages mit uns damals schon
in so ungenierter Weise fr die Entente Partei, da es auch den
vlkerrechtlich durchaus einwandfreien Durchfuhren von uns zur Trkei
und von der Trkei zu uns die unerhrtesten Schwierigkeiten in den
Weg legte. Da ohne Krieg mit Rumnien die berwindung des rumnischen
Hindernisses unmglich erschien und da niemand bei uns das Bedrfnis
nach einem weiteren Kriegsgegner hatte, da ferner der serbische
Landesteil, der den Donauweg zwischen Ungarn und Bulgarien blockierte,
der sogenannte Negotiner Zipfel, eine Tiefenausdehnung von nur 50-60
Kilometern hatte, erschien der Weg vorgezeichnet: die Forcierung des
unterhalb des Eisernen Tores gelegenen serbischen Donaukreises.

Fr diese Lsung setzten sich Kanzler und Auswrtiges Amt bei der
Obersten Heeresleitung, an deren Spitze damals bereits in Vertretung
des schwer erkrankten Generalobersten von Moltke der General von
Falkenhayn stand, mit allem Nachdruck ein; es wurde jedoch stets die
militrische Unmglichkeit der Erfllung dieser Forderung geltend
gemacht. Als die Trkei, die damals schon an Munitionsmangel litt, immer
strker drngte, machte das Auswrtige Amt einen erneuten Versuch, zu
dem auch meine Mitwirkung auf Grund meiner Kenntnis der Verhltnisse
des nheren Orients herangeholt wurde. In Brssel, wohin ich gerade
von einem Besuch im Groen Hauptquartier zurckgekehrt war, erhielt
ich am 28. November ein Telegramm des Unterstaatssekretrs Zimmermann,
das mich ersuchte, beim Reichskanzler, beim Generalstabschef und
ntigenfalls beim Kaiser selbst mit den strksten Argumenten fr eine
sofortige Aktion zur Besetzung des Negotiner Kreises und Freimachung
des Donauweges einzutreten. Ich entschlo mich, sofort wieder nach
Charleville zu fahren. Als ich am Abend des 29. November dort ankam,
stellte sich heraus, da am Vormittag der Reichskanzler nach Berlin, der
Kaiser und General von Falkenhayn nach dem stlichen Kriegsschauplatz
abgereist waren. Ich wandte mich an den General Wild von Hohenborn,
der damals den Generalquartiermeister vertrat. Er sagte mir, da beim
Generalstab wenig Neigung fr die serbische Operation bestehe, da auf
den Hauptkriegsschaupltzen jeder Mann gebraucht wrde. Aus diesem Grund
habe sich der General von Falkenhayn bisher gegenber den Wnschen
des Auswrtigen Amts ablehnend verhalten und zunchst nur einmal
den Obersten Hentsch zur Prfung der Verhltnisse an Ort und Stelle
nach dem Eisernen Tor geschickt. Aus den Darlegungen des Generals von
Wild entnahm ich, da man in den leitenden militrischen Kreisen die
Voraussetzungen, unter denen allein die Trkei berhaupt erst aus einem
stark exponierten Angriffspunkt zu einem wertvollen Verbndeten gemacht
werden und auerdem Bulgarien fr den Anschlu an uns gewonnen werden
knne, nicht gengend wrdigte. General von Wild versprach mir, meine
Gesichtspunkte alsbald an den General von Falkenhayn zu telegraphieren.
Es blieb aber bei der Ablehnung.

Es war fr mich schmerzlich, zu sehen, wie statt dieser so dringlichen
ffnung des Donauweges, der uns in der Folgezeit viel schwere Sorgen
erspart und unserer Gesamtaktion eine so viel wuchtigere Schlagkraft
gegeben htte, die sterreichisch-ungarischen Truppen mit starkem
Krfteeinsatz Serbien am andern Ende anpackten. Von Bosnien aus rckte
gegen Ende November eine starke Armee in Serbien ein und erzielte in
heftigen Kmpfen gute Fortschritte. Am 2. Dezember, dem 66. Jahrestag
der Thronbesteigung des Kaisers Franz Joseph, wurde Belgrad angegriffen
und genommen. Aber bald stieen die sterreichisch-ungarischen Truppen
in dem unwegsamen westserbischen Gebirgsland auf groe Schwierigkeiten.
Schon am 9. Dezember waren sie gezwungen, den Rckzug unter Preisgabe
vielen Materials und zahlreicher Gefangener anzutreten. Am 15. Dezember
mute auch Belgrad wieder gerumt werden. Ich kann als Laie die Frage
nicht entscheiden, ob nicht der gleiche Kraftaufwand, der hier nutzlos
verpufft wurde, am Negotiner Donaubogen eingesetzt gengt htte, um die
Verbindung mit Bulgarien und der Trkei damals schon herzustellen und
zu sichern. Zunchst war durch den sterreichischen Mierfolg diese
Mglichkeit auf absehbare Zeit verschlossen. Erst zehn Monate spter ist
die damals schon so dringend empfohlene Aktion in Angriff genommen und
durchgefhrt worden.

In der Zwischenzeit mute sich die Trkei, so gut es ging, behelfen,
ohne uns ber die Sperrung der Dardanellen hinaus einen wesentlichen
Vorteil bringen zu knnen.

Ein Versuch Envers, im armenischen Hochland gegen das russische
Kaukasusgebiet vorzustoen, blieb mangels gengender rckwrtiger
Verbindungen in den Anfngen stecken und fhrte schlielich infolge
der feindlichen Haltung der armenischen Bevlkerung zu schweren
Rckschlgen. An dem trkischen Ufer des Persischen Golfs setzten
sich die Englnder mit indischen Truppen fest und bereiteten eine
Operationsbasis fr die Eroberung Mesopotamiens vor, ohne da die Trken
sie aus einer durch keine Eisenbahn berbrckten Entfernung von mehr
als tausend Kilometern ernstlich daran hindern konnten. gypten wurde
im Dezember 1914 zum britischen Protektorat erklrt, nachdem schon vor
dem Eintritt des Kriegszustandes zwischen England und der Trkei die
britische Regierung die gyptische Regierung gezwungen hatte, den
Kriegszustand gegenber den Mittelmchten zu proklamieren. Mehr als
gelegentliche Patrouillen- und Bandenvorste gegen den Suezkanal, die
keinerlei nachhaltigen Erfolg hatten, vermochten die Trken im Winter
1914/15 nicht zu unternehmen.

Dagegen machten die Verbndeten vom Februar 1915 an auerordentliche
Anstrengungen, die Dardanellen zu bezwingen und so einen entscheidenden
Sto zu fhren, der sowohl die Trkei ins Herz treffen, wie auch
die unterbrochene Verbindung zwischen Ruland und den Westmchten
wiederherstellen sollte. Letzteres erschien um so notwendiger, als
die Russen gerade damals in der Winterschlacht in den Masuren eine
Niederlage erlitten, in der ihre Verluste an Menschen und namentlich
Material so gewaltige waren, da es in Frage gestellt schien, ob die
russische Dampfwalze sich ohne ausgiebige Nachhilfe von auen werde
wiederherstellen lassen.

In England waren die Meinungen ber die Zweckmigkeit des
Dardanellenunternehmens geteilt. Churchill setzte es gegen allen
Widerspruch durch, insbesondere auch gegen den Widerspruch des Lord John
Fisher, des Ersten Lords der Admiralitt.

Am 19. Februar begann eine mchtige Schlachtflotte die Auenforts der
Dardanellen zu bombardieren. Damit war das Signal zu dem gewaltigsten
Ringen gegeben, das diese seit dem Trojanischen Krieg so viel und hei
umstrittenen Meerengen je gesehen hatten. Die veralteten und schwachen
Forts am Dardanelleneingang wurden niedergelegt, und Anfang Mrz konnte
der Versuch, die starken Innenforts zu bezwingen, ins Werk gesetzt
werden. Der Versuch scheiterte. Am 18. Mrz bten die Angreifer drei
Schlachtschiffe ein, zwei englische und ein franzsisches. Man sah ein,
da ohne ein starkes Landungskorps nicht vorwrts zu kommen sei.

Ein solches mute erst zusammengestellt und herbeigeholt werden; denn
die wenigen Bataillone Senegalesen und Zuaven, mit denen man anfnglich
auszukommen gehofft hatte, gengten nicht entfernt, und die griechische
Hilfe, die man erwartete, blieb aus. Man griff auf die in gypten
versammelten Truppen, hauptschlich Australier und Neuseelnder, zurck.
Am 25. April 1915 erfolgte die erste Landung auf der Halbinsel Gallipoli.

Die auf Gallipoli zusammengezogene trkische Armee leistete den
Angreifern, die ihre Forts und Feldbefestigungen Tag und Nacht mit
einem Eisenhagel aus Land- und Schiffsgeschtzen aller Kaliber
berschtteten, den zhesten Widerstand. Eine unerwartete aber wirksame
Untersttzung erhielt sie durch deutsche U-Boote, die pltzlich vor
den Dardanellen erschienen, vom 25. bis 27. Mai die drei britischen
Panzerschiffe Triumph, Majestic und Agamemnon torpedierten und
durch die bestndige Bedrohung die groen Schlachtschiffe von der
Halbinsel fernhielten. Aber eine schwere Sorge lastete auf den braven
Verteidigern: der Munitionsmangel. Der tgliche Verbrauch war bei aller
Sparsamkeit enorm; Rumnien lie keine Munition durch; Serbien hielt
immer noch den Negotiner Donaubogen; unsere U-Boote konnten bei ihrem
beschrnkten Tonnengehalt hchstens Znder und hnliche Dinge, aber
keine Granaten heranschaffen. Der Energie und Geschicklichkeit eines
deutschen Seeoffiziers gelang es, in Konstantinopel eine behelfsmig
ausgestattete Munitionsfabrik gewissermaen aus dem Boden zu stampfen;
aber deren Leistungsfhigkeit konnte nicht entfernt auf die Hhe des
Bedarfs der Gallipoli-Armee gesteigert werden. Die Telegramme unseres
Botschafters verlangten immer dringender die ffnung eines Weges fr
ausreichende Munitionszufuhr. Wiederholt schien die letzte Stunde
geschlagen zu haben. Mehr als einmal war nach heftigen Angriffen der
Vorrat der Artilleriemunition so vollstndig erschpft, da einem
erneuten Angriff des Feindes der Erfolg sicher gewesen wre. Churchill
sprach damals das Wort: Nur wenige Meilen trennen uns vom Ziel und vom
endgltigen Sieg. Er wute selbst nicht, wie nahe er oft an Ziel und
Sieg war.

Endlich kam die Erlsung. Im Oktober 1915 reichten wir uns ber
Serbien hinaus mit Bulgarien die Hnde, der Donauweg war frei, die
Dardanellen und Konstantinopel waren gerettet. Die Entente mute sich
von der Aussichtslosigkeit weiterer Versuche berzeugen. Schon am 2.
November 1915 nannte der britische Premierminister im Unterhaus das
Dardanellenunternehmen a disappointment and failure. Im Januar
1916 wurden bei Nacht und Nebel die letzten Reste des Landungskorps
eingeschifft. Die Grber von vielen Zehntausenden sind, wie die Tumuli
von Troja, das Denkmal des gewaltigen Ringens.


                                 Italien

Whrend uns in der Trkei ein neuer Bundesgenosse entstand, der das
Krfteverhltnis zwischen uns und der bermchtigen feindlichen
Koalition immerhin zu unsern Gunsten verbesserte und uns einige Aussicht
bot, aus der eisernen Umklammerung den Weg ins Freie zu gewinnen, rckte
unser italienischer Dreibundgenosse, der mehr als drei Jahrzehnte
hindurch die gute Zeit mit uns geteilt, sich dabei wohl befunden hatte
und zu neuer Blte erstarkt war, immer deutlicher von uns nach dem Lager
der Entente hinber.

Aus den Grnden, die ich im ersten Band dieses Werkes entwickelt habe,
muten die Mittelmchte fr den Ernstfall eines Krieges mit einer
England einschlieenden Koalition damit rechnen, da Italien sich auch
bei einem unzweifelhaften Vorliegen des Casus foederis der Verpflichtung
zur Waffenhilfe entziehen wrde. Erwarten durfte man auf Grund der mehr
als dreiigjhrigen Gemeinschaft eine unzweideutige und wohlwollende
Neutralitt. Auch Bismarck hatte damit gerechnet, da im Kriegsfall der
Dreibundvertrag Italien zum mindesten abhalten werde, sich zu unseren
Feinden zu schlagen, da er ferner sterreich-Ungarn gestatten werde,
seine italienische Grenze zu entblen, und da er andererseits einige
franzsische Armeekorps an den Seealpen binden werde.

Italien erklrte in der Tat eine freundschaftliche Neutralitt. Aber
seine Handlungen standen mit dieser Erklrung von Anfang an nicht in
Einklang.

Die Mitteilung der Neutralitt an Frankreich erfolgte in Formen, die
dort einen Begeisterungssturm erregten und der franzsischen Regierung
die Gewiheit gaben, da sie ohne Gefahr den letzten Mann von der
Alpengrenze abziehen und gegen die deutsche Armee ins Feld stellen
knne. Dagegen holte Italien gegenber den Mittelmchten den Artikel 7
des Dreibundvertrags hervor, der ihm fr den Fall einer Machterweiterung
sterreich-Ungarns auf dem Balkan eine Kompensation in Aussicht stellte.
Indem Italien sich seiner Verpflichtung aus dem Dreibundvertrag entzog,
machte es aus dem gleichen Vertrag Rechte geltend. Die Mittelmchte
erkannten den Anspruch Italiens ausdrcklich an fr den Fall, da
die im Bndnisvertrag vorgesehene Voraussetzung der Erweiterung der
sterreichisch-ungarischen Machtsphre auf dem Balkan, die nach
den Erklrungen des Wiener Kabinetts nicht in dessen Absicht lag,
tatschlich eintreten sollte. Gebessert wurde durch diese Anerkennung
nichts.

Auch wirtschaftlich lie Italien uns im Stich. Es erschwerte und
verhinderte die Durchfuhr wichtiger Stapelartikel nach Deutschland,
ja sogar den Abtransport der bei Ausbruch des Krieges in italienischen
Hfen mit Bestimmung fr Deutschland bereits lagernden Gter. Die
Aussicht, auf dem Wege ber das verbndete, aber in diesem Krieg neutral
bleibende Italien die gegen uns geplante Wirtschaftsblockade vereiteln
zu knnen, mute von vornherein aufgegeben werden.

Es kann nicht meine Aufgabe sein, hier zu schildern, wie eine
raffinierte Bearbeitung der italienischen Presse und Strae das Land fr
den Verrat an dem alten Bundesgenossen reif machte. Ich beschrnke mich
auf die Feststellung des Ergebnisses.

Bereits im Oktober 1914, als der pltzliche Tod San Giulianos, der
noch im Jahre 1912 die Erneuerung des Dreibundvertrages unterzeichnet
hatte, die Neubildung des italienischen Kabinetts ntig machte, trat
die Abkehr von den Mittelmchten unverhllt in Erscheinung. Nachfolger
San Giulianos wurde Sidney Sonnino, ein Mann, von dem ein italienisches
Wort sagt, er sei mezzo Ebreo, mezzo Inglese -- halb Jude und halb
Englnder -- und dessen Parteinahme fr England allbekannt war. Am 3.
Dezember sprach Salandra, der das Prsidium auch des neuen Kabinetts
behalten hatte, in der italienischen Kammer die bedenklichen Worte
von der ttigen und wachsamen Neutralitt, der stark gewappneten
Neutralitt und den gerechten Ansprchen, die Italien zu
verwirklichen habe. Diese Worte deuteten an und verhllten zu gleicher
Zeit, was sich in den geheimen diplomatischen Verhandlungen abspielte:
Das neue italienische Kabinett, umworben von Versprechungen und bedrckt
von Drohungen der Entente, getrieben von dem sich immer mehr erhitzenden
Nationalismus und Irredentismus der Strae, dabei dem Zug des eigenen
Herzens folgend und fast mehr schiebend als geschoben, verlangte von
sterreich-Ungarn die im Dreibundvertrag vorgesehene Kompensation
unabhngig von dem tatschlichen Eintritt der zu kompensierenden
sterreichisch-ungarischen Machterweiterung auf dem Balkan, lediglich
auf Grund der damals von der sterreichisch-ungarischen Armee
eingeleiteten und dann so unglcklich verlaufenen neuen Operation
gegen Serbien; es verlangte die Kompensation nicht, wie es dem Sinn
des Vertrages entsprach, auf dem Balkan, sondern es richtete seine
begehrlichen Augen auf Trient und Triest; es forderte schlielich
nicht eine Kompensation fr spter, sondern sofortige Auslieferung der
verlangten Gebietsteile.

Eine Gefhlspolitik htte diese Zumutungen auf jede Gefahr hin mit
Entrstung zurckgewiesen. Aber Gefhlspolitik verbot sich fr die
Mittelmchte bei der ernsten Lage, in der sie sich befanden, von selbst.
Es galt, Figuren zu opfern, um nicht mit Sicherheit das Spiel um die
eigene Existenz zu verlieren.

Die deutsche Regierung schickte den Frsten Blow, der sich zur
Verfgung gestellt hatte, als auerordentlichen Botschafter nach
Rom, damit er als bester Kenner der italienischen Personen und
Verhltnisse mit seinem ganzen Ansehen und seiner ganzen diplomatischen
Geschicklichkeit helfe, das uerste zu vermeiden.

Es bedurfte eines starken Druckes auf unseren sterreichisch-ungarischen
Bundesgenossen, um berhaupt die Grundlage fr Verhandlungen zu
schaffen und spterhin den Abbruch infolge der immer maloser werdenden
italienischen Ansprche zu verhten. Noch Ende Januar 1915 sagte der
damalige Erzherzog-Thronfolger, der sptere Kaiser Karl, bei einem
Besuch im Groen Hauptquartier unserem Kaiser, wie schwer es dem Kaiser
Franz Joseph werde, sich vor den italienischen Zumutungen zu beugen.
Kaiser Wilhelm hat mir Anfang Februar gesagt, er knne es als Souvern
und Verbndeter nicht bers Herz bringen, auf den alten Kaiser in dieser
furchtbaren Sache zu drcken. Er sei dem Baron Burian, der vor kurzem
seinen Antrittsbesuch als neuernannter Minister des Auswrtigen gemacht
habe, dankbar fr den Takt, mit dem dieser es unterlassen habe, ihn
auf die Trentinofrage anzusprechen. Die Aufgabe, sterreich-Ungarn zu
den unvermeidlichen Zugestndnissen zu bewegen, msse ihm von seinen
Staatsmnnern abgenommen werden.

Nur mit dem uersten Widerstreben und bis aufs uerste zgernd fand
die Wiener Regierung sich bereit, die italienischen Forderungen zu
diskutieren und schlielich in der Hauptsache zuzugestehen. Am 18.
Mai 1915 hat der Reichskanzler von Bethmann Hollweg im Reichstag die
sterreichischen Konzessionen mitgeteilt, deren Hauptpunkte waren:

1. Der von Italienern bewohnte Teil von Tirol wird an Italien abgetreten.

2. Ebenso das Westufer des Isonzo, soweit die Bevlkerung rein
italienisch ist, sowie die Stadt Gradisca.

3. Triest soll zur freien Kaiserlichen Stadt gemacht werden, eine den
italienischen Charakter der Stadt sichernde Stadtverwaltung und eine
italienische Universitt erhalten.

4. Die italienische Souvernitt ber Valona und die dazugehrige
Interessensphre wird anerkannt.

5. sterreich-Ungarn erklrt seine politische Uninteressiertheit an
Albanien.

Das Deutsche Reich hatte dem rmischen Kabinett gegenber im
Einverstndnis mit der sterreichisch-ungarischen Regierung die volle
Garantie fr die loyale Ausfhrung dieser Anerbietungen bernommen.

Aber Sonnino hatte sich schon im April der Entente gegenber gebunden.
Der volle Umfang der sterreichischen Zugestndnisse wurde dem
italienischen Volke und seiner Vertretung vorenthalten. Die beiden
Kammern des italienischen Parlaments, deren Mehrheit friedensfreundlich
war, lieen sich durch die bis zum Weiglhen erhitzte Strae
einschchtern und stimmten der Kriegserklrung zu, die von dem
italienischen Botschafter am Pfingstsonntag, dem 23. Mai 1915, in Wien
berreicht wurde. Die Erfllung der nationalen Aspirationen gegen jede
gegenwrtige und knftige Bedrohung wurde in diesem Dokument als der
Kriegsgrund bezeichnet!

Deutschland gegenber wurde eine Kriegserklrung nicht abgegeben. Auch
Deutschland sah zunchst von einer Kriegserklrung ab und beschrnkte
sich auf den Abbruch der diplomatischen Beziehungen.

Auch der Frst Blow hatte den Eintritt Italiens in den Krieg nicht
mehr verhindern knnen. Ob es ihm gelungen wre, wenn die Wiener
Regierung eine grere Entschlufhigkeit bettigt und rascher mit
ihren Zugestndnissen hervorgetreten wre, ist nachtrglich wohl kaum
zu entscheiden. Persnlich bin ich der Ansicht, da die italienische
Regierung, nachdem sie einmal den Weg des Verrats und der Erpressung
betreten hatte, durch das Mitrauen des Verrters und Erpressers
zwangslufig in den Krieg getrieben worden ist, und da von jenem
Augenblick an keine Diplomatie und kein Entgegenkommen den Krieg noch
verhindern konnte. Auch nach allem, was mir Frst Blow ber seine
rmische Mission erzhlt hat, ist dieser Eindruck bei mir bestehen
geblieben.

War so die Sendung des Frsten Blow zum Scheitern verurteilt, so
hat der Frst doch einen in seiner Tragweite kaum hoch genug zu
veranschlagenden Erfolg erzielt: er hat es verstanden, die Entscheidung
hinauszuschieben bis zu einem Zeitpunkt, in dem die Gestaltung der
militrischen Ereignisse unserem Bundesgenossen die Mglichkeit gab,
dem italienischen Angriff eine Verteidigung entgegenzustellen. Noch
in der letzten Aprilwoche 1915 hat mir der General von Falkenhayn
auf meine Frage geantwortet, da weder die sterreicher noch wir
in der Lage seien, einem italienischen Angriff nennenswerte Krfte
entgegenzuwerfen. Die am 2. Mai einsetzende Schlacht bei Gorlice
befreite sterreich-Ungarn von der russischen Gefahr und machte ihm
rechtzeitig die Hnde frei fr die Abwehr des italienischen berfalls.


  Von der italienischen Kriegserklrung bis zum Eintritt Bulgariens in
                                den Krieg

Die Mittelmchte waren am Ende des Jahres 1914, wie wir gesehen haben,
in die Verteidigung gedrngt, in eine feste Verteidigung im Westen, eine
bewegliche im Osten. Es handelte sich fr die Leiter ihrer Operationen
darum, auch in dieser schwierigen Lage die Initiative zu behalten. Wie
die Dinge lagen, konnte sich die Initiative nur im Osten entfalten.

Dort setzte sie bald nach Beginn des Jahres 1915 auf den breiten
Flgeln der in gewaltigem Bogen von den Masurischen Seen ber das
westliche Polen und die Karpathen bis zur ungarisch-rumnischen Grenze
geschwungenen Kampffront ein.

An der Karpathenfront gelang es, den Russen Czernowitz wieder
abzunehmen und sie in schweren Winterkmpfen ber die verschneiten
Psse zurckzuwerfen. Aber die Kraft der dort kmpfenden
sterreichisch-ungarischen Armee und der sie verstrkenden deutschen
Truppen reichte nicht aus, um den Ausgang aus dem Gebirge zu erzwingen
und das belagerte Przemysl zu entsetzen. In der zweiten Februarhlfte
kam die Angriffsbewegung ins Stocken.

Dagegen fhrte die Umfassungsschlacht, die Hindenburg am 7. Februar
gegen den rechten Flgel der russischen Front einleitete, zu einem
vernichtenden Schlag, dessen Wucht selbst Tannenberg bertraf. Acht
Tage nach dem Beginn des Ringens war die russische Armee im Raume von
Augustow-Suwalki eingekreist, und wenige Tage darauf erreichte die
Winterschlacht in Masuren mit der Vernichtung der russischen Nordarmee
ihren Abschlu.

Ostpreuen war jetzt endgltig von den Russen befreit und vor neuen
Einbrchen gesichert. Die Offensivkraft der russischen Gesamtarmee war
durch die Zerschmetterung ihres rechten Flgels und den Verlust seines
gesamten Kriegsmaterials auf das schwerste erschttert. Bis in die
Karpathen hinein empfanden die Armeen der Mittelmchte die Entlastung.
Ihre Fhrer sahen den Weg zu einer umfassenden und entscheidenden
Offensive geffnet.

Inzwischen rttelten an der Westfront Franzosen, Englnder und Belgier
mit ihren farbigen Hilfsvlkern unausgesetzt an den deutschen
Stellungen, bald in Flandern, im Artois und in der Picardie, bald an
der Aisne und in der Champagne, bald vor Verdun und in den Vogesen.
Alle diese Vorste vermochten das deutsche Stellungssystem wohl da und
dort leicht einzubeulen, aber nicht zu erschttern, geschweige denn zu
durchbrechen. Ja, die deutschen Truppen zeigten sich trotz der starken
zahlenmigen berlegenheit der Feinde zu krftigen Gegensten fhig.
Als sie gegen die Mitte des Januar 1915 in wuchtigem Gegenangriff
die Franzosen von den Soissons beherrschenden Hhenstellungen
herunterfegten, erzitterte Paris in Panik, und die Feldherren wie die
Staatsmnner der Entente muten sich Rechenschaft geben, da die Trume
vom September ausgetrumt waren, da nur eine riesenhafte Anstrengung
den deutschen Stellungsring wrde sprengen knnen.

Eine solche Anstrengung versuchte der Marschall Joffre um die Mitte des
Februar 1915. In breit angelegter Durchbruchsschlacht versuchte er die
deutschen Linien in der Champagne zu zerreien, zum mindesten aber dem
in der Masurenschlacht schwer bedrngten russischen Verbndeten eine
Entlastung zu verschaffen. Weder das weitere noch auch das engere Ziel
wurde erreicht. Nach drei Wochen fast ununterbrochenen Ansturmes mute
das Unternehmen aufgegeben werden.

In den folgenden Monaten lag der Schwerpunkt der Kmpfe bei dem
nordwestlichen Frontteil. Am 23. April begannen unsere Truppen einen
umfassenden Angriff auf die britischen Stellungen in der Gegend von
Ypern. Jetzt, in der besser gewordenen Jahreszeit, wollte unsere
Heeresleitung noch einmal den im Sptherbst milungenen Versuch machen,
hier die feindliche Stellung aus den Angeln zu heben. Die Anfangserfolge
waren vielversprechend. Es schien, als ob es gelingen sollte, die
Ypernstellung in eine eiserne Zange zu nehmen. Aber auch diesmal blieb
dem Heldenmut unserer Truppen der entscheidende Erfolg versagt. Dagegen
setzten vom 10. Mai an Franzosen und Englnder mit schweren Angriffen
gegen unsere Stellungen auf und an der Lorettohhe ein. Abermals und
dringender denn je brauchte das russische Heer eine Entlastung.

Denn am 2. Mai hatte mit der Schlacht bei Gorlice die gewaltige Aktion
der verbndeten Armeen eingesetzt, fr die die Karpathenkmpfe im
Januar und Februar und auch die Winterschlacht in Masuren, trotz ihrer
gewaltigen Dimensionen, nur eigentlich die Einleitung gewesen waren.
Die russischen Linien in Westgalizien von der ungarischen Grenze bis
zur Mndung des Dunajec in die Weichsel wurden im ersten Anprall
an zahlreichen Stellen durchbrochen. Die westgalizische Front war
zerschmettert, die sdlich anschlieende Karpathenfront kam ins Weichen,
ebenso die im Weichselbogen stehenden russischen Linien. Vierzehn Tage
nach Beginn der Offensive war der San erreicht und an mehreren Stellen
berschritten. Am 3. Juni wurde das nach langer Belagerung am 22. Mrz
gefallene Przemysl wiedererobert. Am 22. Juni wurde Lemberg den Russen
entrissen.

Im Juli rckte der Schwerpunkt des Ringens nach Polen. Westlich der
Weichsel wie zwischen Weichsel und Bug drngten unsere siegreichen
Armeen gegen Norden. Gleichzeitig begann unsere Nordarmee, die
inzwischen mit schwachen detachierten Krften den grten Teil von
Kurland erobert hatte, einen zermalmenden Druck von der Sdgrenze
Ostpreuens gegen die Narewlinie. Im August war die Frucht reif. Fast
gleichzeitig fielen am 4. und 5. August Iwangorod im Sden und Warschau
im Norden. Am 19. August folgte Kowno, am 20. Nowo-Georgiewsk mit einer
unerhrten Beute an Artillerie und sonstigem Material. Am 26. August
war Brest-Litowsk, der gewaltige Waffenplatz am Bug, in unserer Hand.
Drei Wochen spter waren unsere Truppen 180 Kilometer weiter stlich in
Pinsk angelangt; das russische Heer war vor ihnen in den Pripjetsmpfen
verschwunden. Die wolhynischen Festungen Luck und Dubno wurden eine
leichte Beute. Im Norden wurde am 3. September das stark befestigte
Grodno gestrmt. Am 18. September fiel Wilna. Aber leider blieb einem
groartigen Umfassungsversuch Hindenburgs in Richtung auf Minsk der
Erfolg versagt. Ende September 1915 hielten wir in einer Linie, die aus
der Gegend Dnaburg in fast genau sdlicher Richtung ber Pinsk nach der
Ostgrenze Galiziens fhrte. Hier war die groe, Anfang Mai eingeleitete
Operation zum Abschlu gekommen.

Gewaltiges war in den fnf Monaten erreicht worden. Das Anfang Mai bis
auf einen kleinen Rest von den Russen besetzte Galizien und der stliche
Rand von Ostpreuen waren befreit, ganz Polen, Litauen und Kurland, dazu
groe Teile von Wolhynien und Weiruland mit ihren starken Festungen
waren erobert. Die groe russische Armee, die grte, die wohl je die
Welt gesehen, war geschlagen und auseinandergesprengt, groe Teile von
ihr waren vollkommen vernichtet. Mehr als eine Million Gefangener waren
in unsern Hnden geblieben. Die Verluste der Russen an Kriegsmaterial
waren ungeheuer.

Und doch war Ruland nicht bezwungen. Seine Armee als Ganzes war zwar
stark geschwcht, aber nicht vernichtet, sein Kriegswille war nicht
gebrochen. Hinter der langgestreckten neuen Front begann es, aus seinem
fast unerschpflichen Menschenreservoir und mit der finanziellen und
industriellen Hilfe seiner Verbndeten wie der neutralen Amerikaner
sich ein neues Kriegswerkzeug zu formen; das es spter bei den weiteren
Entscheidungen mit Wucht in die Wagschale warf.

                    *       *       *       *       *

Whrend wir mit klopfendem Herzen dem Siegeslauf unserer Armeen folgten,
strmten schwere politische Sorgen auf uns ein.

Die Entente war nicht imstande, den wuchtigen Schlag, den wir
militrisch gegen Ruland fhrten, durch einen Gegenschlag zu parieren.
Die Loretto-Offensive brachte ihr zwar einigen nicht unwichtigen
Gelndegewinn; aber sie vermochte ebensowenig, wie im Februar und
Mrz die Champagne-Offensive, unsere Stellungen zu durchbrechen oder
uns zu zwingen, die russische Armee freizugeben. Dafr suchte die
Entente Entlastung auf diplomatischem Gebiete. Rumnien und Bulgarien
wurden gleichzeitig in Bearbeitung genommen. Das Ziel war, einen neuen
Balkanbund herzustellen, die Trkei endgltig von uns zu trennen,
Konstantinopel und die Dardanellen durch eine vom Lande her mit der
Ententeflotte und dem Landungskorps von Gallipoli zusammenwirkende
Armee zu forcieren und gleichzeitig vom Osten und Sdosten her einen
umfassenden Angriff der vereinigten Balkanstaaten auf sterreich-Ungarn
anzusetzen, der unserer Offensive gegen Ruland ein Ende setzen
sollte. Zusammen mit dem vom Sden und Sdosten zu fhrenden Einmarsch
der italienischen Armeen sollte diese Aktion den Zusammenbruch der
Donaumonarchie und das Ende des Krieges bringen. Mit allen Mitteln wurde
darauf hingearbeitet, die beiden Balkanstaaten diesem Plane dienstbar zu
machen. Geld wurde ebensowenig gespart wie Versprechungen.

Unsere Gegenaktion war besonders schwierig in Rumnien, wo mit dem Tode
des Knigs Carol die letzte Sttze der Mittelmchte gefallen war und
der Hof, die Regierung, die Armee und das Volk aus der Geneigtheit,
im geeigneten Zeitpunkt mit der Entente zu gehen, berhaupt keinen
Hehl mehr machten. Den Versprechungen der Entente, die den Rumnen
Siebenbrgen und Ungarn bis zur Thei in Aussicht stellte, vermochten
wir nichts annhernd Gleichwertiges gegenberzustellen. Auch wenn es
gelang, die ungarische Regierung zu erheblichen Zugestndnissen an
die ungarlndischen Rumnen zu bewegen, auch wenn man die Rumnen auf
Bessarabien hinwies, selbst wenn man ihnen die Bukowina anbot, was
wollte dies besagen gegenber der von der Entente erffneten Aussicht
auf ein im Umfang und der Bevlkerung verdoppeltes Grorumnien! Zwar
feilschte man um Kleinigkeiten, so um das Banat, auf das auch Serbien
Ansprche erhob; aber diese Differenzen waren nicht das retardierende
Element in den Entschlssen der Bratianu und Take Jonescu, sondern
einzig und allein die mangelnde Sicherheit des unbedingten Erfolges.
Man wollte einer starken russischen Hilfe fr die Moldau, einer Deckung
gegen Bulgarien fr die Walachei vergewissert sein, ehe man sich
entschlo, einzugreifen. Demgegenber gab es fr die Mittelmchte nur
ein Mittel, Rumnien drauen zu halten oder gar es auf ihre Seite zu
bringen: wir muten als die Strkeren erscheinen und in der Lage sein,
auf Rumnien einen unmittelbaren militrischen Druck auszuben.

Auch in Bulgarien lagen die Verhltnisse fr unsere Diplomatie nicht
leicht. Zwar war der Ha gegen Serbien und Rumnien gro. Serbien
hatte sich im zweiten Balkankrieg den in den ursprnglichen Abmachungen
Bulgarien zuerkannten Hauptteil von Mazedonien angeeignet. Die
bulgarischen Mazedonier aber waren seit langem die eifrigsten und
ttigsten bulgarischen Nationalisten und spielten in Sofia eine groe
und einflureiche Rolle. Die Rumnen hatten durch ihre Intervention das
Schicksal Bulgariens im zweiten Balkankrieg entschieden und den Bulgaren
die sdliche Dobrudscha abgenommen. Aber auch mit Griechenland, das die
Mittelmchte neutral zu halten wnschten und bisher mit dem Knig und
gegen Venizelos neutral gehalten hatten, und mit der Trkei, die an
unserer Seite kmpfte, hatten die Bulgaren Rechnungen zu begleichen.
Griechenland hatte sich nicht nur in dem auch von den Bulgaren begehrten
Saloniki festgesetzt, sondern den Bulgaren im zweiten Balkankriege die
wertvollen Gebiete von Serres, Drama und Cavalla abgenommen. Die Trkei,
die nach dem ersten Balkankrieg auf die Linie Enos-Midia zurckgedrngt
war, hatte den zweiten Balkankrieg benutzt, um sich Adrianopel sowie
einen bis an die Maritza heran- und ber die Maritza hinausreichenden
Gelndestreifen wiederzuholen. Auch das war eine noch nicht vernarbte
Wunde. Die Entente bot den Bulgaren Mazedonien und Thrazien an, war aber
hinsichtlich Mazedoniens durch serbischen und griechischen Widerstand,
hinsichtlich einer allzu starken Annherung an Konstantinopel durch
russische Empfindlichkeiten behindert.

Spiel und Gegenspiel auf dem Balkan war in vollem Gange und schien
der Entscheidung zuzudrngen, als Italien am Pfingstsonntag 1915 an
sterreich-Ungarn den Krieg erklrte. Aus zuverlssiger Quelle hatten
wir vorher Nachrichten ber Abmachungen zwischen Italien und Rumnien
erhalten, nach denen die beiden Staaten sich dahin verstndigt hatten,
gemeinschaftlich einzugreifen. Aber schon in den Wochen vor der
italienischen Kriegserklrung war es klar, da Rumnien noch zgerte. Es
war wohl in erster Linie unser Sieg von Gorlice und seine Auswirkung,
die Rumnien noch zur Zurckhaltung veranlaten; aber die Lage Rumnien
gegenber blieb prekr.

Die Bulgaren zeigten sich zurckhaltend und warteten offenbar auf
Anerbietungen, die wir ihnen in Rcksicht auf die Trkei nicht machen
konnten. Auch die auf Kosten Griechenlands gehenden Wnsche konnten
wir nicht erfllen. In Athen kmpfte Knig Konstantin mit Venizelos
einen schweren Kampf um die griechische Neutralitt. Htten wir
Bulgarien damals die griechischen Provinzen an der Bucht von Cavalla
versprochen, so htten wir uns die bulgarische Untersttzung mit der
Kriegserklrung Griechenlands erkauft. Wir drckten auf die Trkei, die
Entente drckte auf Serbien und Griechenland, um die Voraussetzungen
fr ein Gewinnen Bulgariens zu schaffen. Oft schien die Entscheidung
auf des Messers Schneide zu stehen. Aber auch hinsichtlich Bulgariens
hatte ich den Eindruck, da den Ausschlag nur ausreichende militrische
Garantien fr den Erfolg seines Losschlagens geben wrden. Nur wenn
wir uns fhig und bereit zeigten, sofort mit der bulgarischen Armee
wirksam zu kooperieren, konnten wir hoffen, den unertrglich werdenden
Schwebezustand zu unsern Gunsten zu beendigen.

Die immer dringender werdenden Hilferufe von den Dardanellen erinnerten
fast tglich an das, was auf dem Spiele stand.

Nach der Landung der Ententetruppen auf Gallipoli war eine Aktion gegen
den Negotiner Kreis erneut in Erwgung gezogen worden. Angesichts
des guten Verlaufs der Offensive in Westgalizien war die Oberste
Heeresleitung mehr als bisher geneigt, die Aktion in Angriff zu nehmen.
Die Kriegserklrung Italiens an sterreich machte den Plan abermals
zunichte; denn jetzt mute jeder anderswo entbehrliche Mann zur Abwehr
des italienischen Angriffs herangezogen werden. Auch diese Aussicht auf
eine Lsung mute also vertagt werden.

Wenn die Lage berhaupt noch eine Verschrfung erfahren konnte, so
durch die ernste Spannung unseres Verhltnisses zu den Vereinigten
Staaten infolge der Torpedierung der Lusitania. Das Schiff war am
7. Mai versenkt worden; am 17. Mai, sechs Tage vor der italienischen
Kriegserklrung, bergab Herr Gerard die Note, die im ernstesten Ton
Genugtuung und Sicherheiten gegen die Wiederholung eines solchen Falles
verlangte. Seit jenen Tagen lag der schwere Schatten des Bruchs mit
Amerika ber unserm Schicksal.

Den Abend des 22. Mai, den Vorabend des Pfingstfestes, verbrachte ich
bis spt in die Nacht hinein beim Kanzler. Wir waren allein auf dem
groen Gartenbalkon. Eine wundervolle Mondnacht lag ber dem Park. Der
Kanzler schlo sich auf und sprach ber seine Sorgen. Vom Frsten Blow
waren Telegramme aus Rom gekommen; der Frst hatte noch eine letzte,
ganz schwache Hoffnung, aber das Gefhl sagte uns, da der italienische
Krieg unabwendbar sei. Wir konnten jetzt hoffen, da es gelingen werde,
den italienischen Angriff am Isonzo und an der Alpenfront aufzuhalten.
Aber die Rckwirkung auf den Balkan? Wie lange wrde in Rumnien das
Schwanken, das seit unserer Gorlice-Offensive bemerkbar war, vorhalten?
Wie lange noch wrden die Trken ohne ausgiebige Munitionszufuhr die
Dardanellen halten knnen? Welche Mittel gab es, Rumnien unter Druck
zu halten und die Verbindung mit der Trkei herzustellen? Unser Angriff
in Galizien hatte den San und damit einen gewissen Abschlu erreicht.
Weiter stlich hatten die sterreichisch-ungarischen Truppen berall
die Karpathenausgnge erkmpft und standen in der Bukowina, am Pruth
und an der rumnischen Grenze. Die Frage lag nahe, ob jetzt nicht die
Mglichkeit gegeben sei, einen Teil unserer Ostarmeen heranzuziehen,
um die Lage auf dem Balkan in unserm Sinne zu entscheiden. Der Kanzler
sagte mir, da General Falkenhayn eine Erneuerung der Offensive in
Galizien vorbereite und dafr seine Truppen brauche. Ich fragte nach dem
strategischen und politischen Ziel; die Suberung Ostgaliziens und die
Befreiung Lembergs stnden nach meiner Ansicht politisch und schlielich
auch militrisch doch weit hinter einer endgltigen Eingliederung des
Balkans in unser politisch-strategisches System zurck. Der Kanzler
entgegnete, nach Falkenhayns Ansicht sei die russische Armee furchtbar
mitgenommen; der jetzt beginnende neue Angriff solle das Werk vollenden;
beim Durchhalten dieses Programms hoffe die Oberste Heeresleitung in
wenigen Wochen die russische Offensivkraft, zum mindesten fr den Rest
des Sommers, endgltig zu brechen; es sei fr ihn, den Kanzler, auch
wenn er weniger zuversichtlich denke als Falkenhayn, sehr schwer, dem
siegreichen Feldherrn in den Arm zu fallen.

Am nchsten Vormittag sprach ich mit dem Unterstaatssekretr Zimmermann
und einigen meiner Freunde vom Auswrtigen Amt ber dieselbe Frage. Die
italienische Kriegserklrung war inzwischen sicher geworden, und der
Kanzler hatte sich entschlossen, am nchsten Abend mit Herrn von Jagow
nach dem Groen Hauptquartier zu reisen. Mir schien von dem richtigen
Entschlu in dieser kritischen Lage fr den Ausgang des ganzen Krieges
so viel abzuhngen, da ich fr meine Person nichts versumen wollte.
Ich bergab deshalb dem Kanzler vor seiner Abreise die nachstehende
Niederschrift:

    Unsere Feinde werden, nachdem die Verfhrung Italiens zum
    Treubruch gelungen ist, alles daransetzen, um die Balkanstaaten,
    insbesondere Rumnien und Bulgarien, zum Eingreifen gegen uns
    zu bringen und dadurch gleichzeitig der Trkei das Ausharren an
    unserer Seite unmglich zu machen. Das Gelingen dieser Bemhungen
    wrde sofort die militrische Aufgabe aufs uerste erschweren: das
    sterreichisch-ungarische Staatsgebiet wre nicht nur im Norden
    gegen die Russen und im Sdwesten gegen die Italiener, sondern im
    weiten Bogen auch im Osten und Sden gegen die neuen Balkanarmeen
    zu verteidigen, whrend gleichzeitig die ffnung der Dardanellen
    gestatten wrde, den Russen und Rumnen Kriegsmaterial und eventuell
    Hilfstruppen in unbeschrnkten Mengen zuzufhren.

    Es ist also nicht nur ein politisches, sondern auch ein
    militrisches Lebensinteresse, da der bertritt Rumniens und
    Bulgariens in das Lager unserer Feinde verhindert wird.

    Ein solches Verhindern ist heute durch das Mittel bloer
    Versprechungen oder auch sofortiger effektiver Zugestndnisse nicht
    mehr mglich. Versprechungen sind nach dem Treubruche Italiens
    noch strker im Kurs gesunken, als sie es bereits waren; auerdem
    sind unsere Gegner in der Lage, alle unsere und sterreich-Ungarns
    Versprechungen zu bertrumpfen. Sofortige effektive Zugestndnisse
    knnten nur gegenber Rumnien in Betracht kommen (Bukowina,
    Siebenbrgen); aber der Appetit der Rumnen geht heute bereits
    so weit, da er nicht befriedigt werden kann; irgendwelche
    Anerbietungen wrden also nur eine Einladung zur Chantage sein und
    als Zeichen der Schwche aufgefat werden und so die zu vermeidende
    Entwicklung vielleicht noch beschleunigen.

    Sowohl Rumnien wie auch Bulgarien werden sich unter diesen
    Umstnden in ihrem Verhalten nur durch positive Ereignisse und
    Handlungen bestimmen lassen. Dabei wird das Verhalten der beiden
    Balkanstaaten sich gegenseitig beeinflussen: ein Vorgehen Rumniens
    gegen uns wird der russenfreundlichen Partei in Sofia Oberwasser
    geben, whrend umgekehrt die Furcht vor einem Vorgehen Bulgariens
    an unserer Seite die Russenfreundschaft und Kriegslust Rumniens
    dmpfen wrde.

    Frage: Was hat zu geschehen:

    1. um Rumnien von dem Eingreifen uns gegenber zurckzuhalten?

    2. um Bulgarien zu einem Eingreifen an unserer Seite zu veranlassen?

    ad 1. Bei dem nahezu sicheren Versagen aller Versprechungen und
    Zugestndnisse bleibt uns -- auer der unter 2. zu besprechenden
    Sicherung ber Bulgarien -- nur der militrische Druck; wenn wir in
    der Lage sind, den Rumnen zu sagen: sobald ihr euch rhrt, schlagen
    wir zu, ist die Situation gewonnen. Erscheinen wir den Rumnen
    gegenber als die Strkeren und Fordernden statt als die Schwachen
    und Bittenden, so wird der Mut der Rumnen sich verflchtigen; und
    selbst, wenn wir dann zum Losschlagen gegen Rumnien gezwungen sein
    sollten, knnen wir als Angreifer mit groer Sicherheit auf ein
    Mitgehen Bulgariens rechnen, whrend wir als schwache Angegriffene
    auch Bulgarien auf der andern Seite sehen wrden.

    Die Frage ad 1 kommt also darauf hinaus: Knnen unsere Armeen in
    Galizien und der Bukowina jetzt schon eine den sofortigen Einmarsch
    in die Moldau gestattende Gruppierung erfahren?

    ad 2: Auch Bulgarien gegenber wird mit Versprechungen allein
    (Mazedonien, Dobrudscha usw.) nichts auszurichten sein. Immerhin
    kann Bulgarien vielleicht stark beeindruckt werden durch den Hinweis
    auf die groen, vom Dreiverband den Rumnen gemachten Versprechungen
    (Ungarn bis zur Thei), wodurch Rumnien endgltig die Vorherrschaft
    auf dem Balkan gewinnen wrde. Sichere Wirkung ist aber auch bei
    den Bulgaren nur durch Handlungen zu erreichen. In erster Linie
    steht hier der Angriff auf den Negotiner Donauzipfel; hier ist
    die geographische Entfernung am krzesten, und ein Losschlagen
    gegen Serbien wrde den Bulgaren wegen Mazedonien eher liegen als
    ein Losschlagen gegen Rumnien im Falle unseres Einrckens in der
    Moldau. Eine Aktion gegen den Negotiner Zipfel wrde freilich die
    Bulgaren nur dann mit Sicherheit zum Losschlagen an unsere Seite
    bringen, wenn unsere Aktion raschen Erfolg aufweisen oder wenigstens
    von vornherein durch das Einsetzen ausreichend starker Krfte den
    Erfolg sichern wrde.

    Als wirksamstes Mittel, eine gegen uns gerichtete Balkankombination
    im Keim zu zerstren und Bulgarien zum Eingreifen an unserer Seite
    zu veranlassen, erscheint also nach wie vor eine ausreichend starke
    Aktion gegen den Negotiner Zipfel.

    An zweiter Stelle steht eine Gruppierung unserer Truppen in
    Galizien und der Bukowina, die in der krzesten Zeit uns gestatten
    wrde, einen starken Druck auf Rumnien auszuben, nicht nur nach
    der negativen Seite des Stillhaltens hin, sondern auch nach der
    positiven Seite des Durchlassens von Munition usw. nach Bulgarien
    und der Trkei.

    Geschieht nicht in der allernchsten Zeit entweder das eine
    oder das andere, dann ist zu befrchten, da trotz des schnsten
    Fortgangs unserer Operationen in Galizien der ganze Balkan gegen uns
    geht und die Trkei zur Kapitulation gezwungen wird. Dann wren die
    Frchte des galizischen Sieges verloren und alle die groen Opfer
    umsonst gebracht.

    Es ist also zwingend notwendig, auf das gewissenhafteste und
    sorgfltigste zu berlegen, wie der Fortgang der galizischen
    Operation -- und natrlich auch die Verteidigung gegen den
    italienischen Angriff -- mit den unter 1 und 2 angefhrten Aktionen
    in Einklang gebracht werden kann. Diese zwingende Notwendigkeit ist
    nicht nur eine politische; denn die politischen Entwicklungen von
    heute setzen sich morgen in militrische Zwangslagen um[1].

  [1] Auch Graf Czernin, damals noch sterreichisch-ungarischer Gesandter
      in Bukarest, sah in jener Zeit eine Aussicht, Rumnien zu
      gewinnen. In einer Rede, die er am 11. Dezember 1918 in Wien
      gehalten hat, fhrte er aus, da Majorescu, der Fhrer der
      rumnischen Konservativen, damals nicht abgeneigt gewesen sei,
      sich auf unsere Seite zu stellen; die rumnische Armee, die
      nach Bessarabien vorgestoen wre, wre weit in den Rcken
      der zurckflutenden russischen Armee gekommen und htte nach
      menschlicher Berechnung in Ruland ein Debacle herbeifhren
      mssen. Damals, wo es noch kein Amerika am Horizont gab, htte
      man nach einem solchen Erfolg vielleicht den Krieg beendigen
      knnen. Allerdings htten damals die Rumnen als Preis fr ihre
      Kooperation eine ungarische Grenzrektifikation verlangt, die von
      Ungarn glatt refsiert worden sei.

Der Kanzler schlo sich meiner Auffassung an. Im Groen Hauptquartier
jedoch stellte man die Ausnutzung des galizischen Sieges bis zur
uersten Mglichkeit ber alle andern Erwgungen.

Whrend unsere Armeen in Galizien neue Siege errangen, Lemberg
befreiten und weiter gegen Osten vordrangen, blieb die Balkanlage
im Schwebezustand. Bulgarien suchte sich mit der Trkei direkt zu
verstndigen; aber die Sondierung, ob die Trkei bereit sei, den
Bulgaren Adrianopel und die Grenze Enos-Midia zuzugestehen, stie
in Konstantinopel, trotz der bedrngten Lage der Dardanellen, auf
entrstete Ablehnung. Insbesondere Enver Pascha, der Wiedereroberer
Adrianopels, konnte sich mit der Herausgabe dieser Festung nicht
abfinden. Djavid Bey, mit dem ich in jener Zeit ber die Deckung
des trkischen Geldbedarfs verhandelte, sagte mir am 1. Juli, die
Herausgabe von Adrianopel sei gnzlich ausgeschlossen, deutete aber
an, da die Maritza als Grenze mglich sei. Das war eine Grundlage fr
die diplomatische Verstndigung; aber gleichzeitig wurde auch immer
deutlicher, da ohne eine militrische Aktion unsererseits auf dem
Balkan Bulgarien nicht zum Marschieren zu bringen war.

Wieder trat in jener Zeit eine Pause auf dem galizischen Kriegstheater
ein. Die Offensive nach Osten hatte sich ausgewirkt. Die Lage ist
unverndert lautete fast Tag fr Tag der Heeresbericht ber den
sdstlichen Kriegsschauplatz. Aber auch jetzt konnte sich die Oberste
Heeresleitung nicht entschlieen, sich dem Balkan zuzuwenden. Das
groe Kesseltreiben gegen Polen von Norden und Sden her war bereits
in Vorbereitung. Falkenhayn vertrstete den Kanzler auf die Beendigung
dieser Aktion.

Der glnzende Feldzug in Polen fllte den Juli und August. Mit Hngen
und Wrgen hielten die Trken die Dardanellen, whrend in Sofia der
Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg, untersttzt von dem Gesandten
Grafen Oberndorff und Herrn von Rosenberg vom Auswrtigen Amt, mit Knig
Ferdinand und seiner Regierung, im Groen Hauptquartier der General
von Falkenhayn mit den bulgarischen Militrs ber die politischen und
militrischen Bedingungen des Zusammenschlusses verhandelten, nachdem
unter unserer Mitwirkung eine Einigung zwischen Bulgarien und der
Trkei zustandegekommen war, die den Trken Adrianopel belie, den
Bulgaren aber die Maritza mit einem Gelndestreifen auf dem stlichen
Ufer zurckgab.

Den Bulgaren wurde ferner das bulgarische Mazedonien sowie das stliche
Serbien bis zur Morawa zugesagt. Ihre Ansprche auf das griechische
Gebiet von Drama, Serres und Cavalla sollten nur dann praktisch werden,
wenn Griechenland von seiner Neutralitt zu Kriegshandlungen gegen
unsern Verband bergehen sollte. Dafr behielten sich die Trken vor, im
Falle einer bulgarischen Gebietserweiterung auf Kosten Griechenlands die
jetzt von ihnen abzutretenden Gebiete von Bulgarien zurckzuverlangen.

Die Entente hat nicht vermocht, so lange wir ihr auch notgedrungen Zeit
lassen muten und so sehr sie alle diplomatischen Knste spielen lie,
den Anschlu Bulgariens an die Mittelmchte zu verhindern. Zwar war
der griechische Ministerprsident bereit, der Entente ber den Kopf
seines Knigs hinaus einen groen Trumpf in die Hand zu geben, indem er
zugunsten Bulgariens auf Serres, Drama und Cavalla gegen Entschdigung
durch Smyrna und andere von Griechen bevlkerte Teile Kleinasiens
verzichten wollte. Aber Serbien sperrte sich gegen die Ausdehnung der
von den Westmchten in Mazedonien gewnschten Konzessionen; und den
groen Trumpf, Konstantinopel, der bei den Bulgaren sicher gestochen
htte, wagte man in Rcksicht auf Ruland nicht auszuspielen. So
gewannen die Mittelmchte das bergewicht.

Am 7. September konnten in Sofia alle Vertrge unterzeichnet werden. Die
Vorbereitungen fr die gemeinschaftliche Aktion gegen Serbien wurden
sofort eingeleitet.


           Vom Eingreifen Bulgariens bis zum rumnischen Krieg

Am 20. September donnerten zum ersten Male wieder seit langer Zeit an
der serbischen Donau die Kanonen. Belgrad und Semendria wurden aus
sterreichischen und deutschen Geschtzen beschossen. Es war nur ein
Auftakt. Der wirkliche Angriff begann erst am 6. Oktober.

Vorher aber machte die Entente einen heroischen Versuch, auf der
Westfront die Entscheidung des Krieges zu erzwingen.

Am 25. September 1915 meldete der deutsche Heeresbericht:

Auf der ganzen Front vom Meere bis zu den Vogesen nahm das feindliche
Feuer an Strke zu und steigerte sich stlich von Ypern zwischen dem
Kanal von La Basse und Arras sowie in der Champagne von Prosnes bis zu
den Argonnen zu uerster Heftigkeit. Die nach der zum Teil 15stndigen
strksten Feuervorbereitung zu erwartenden Angriffe haben begonnen.

Was mit dieser Generaloffensive erreicht werden sollte, besagte ein
Armeebefehl des Generals Joffre vom 14. September, in dem es hie:

Auf dem franzsischen Kriegsschauplatz zum Angriff zu schreiten, ist
fr uns eine Notwendigkeit, um die Deutschen aus Frankreich zu verjagen.
Wir werden sowohl unsere seit zwlf Monaten unterjochten Volksgenossen
befreien, als auch dem Feinde den wertvollen Besitz unserer besetzten
Gebiete entreien. Auerdem wird ein glnzender Sieg ber die Deutschen
die neutralen Vlker bestimmen, sich zu unsern Gunsten zu entscheiden,
und den Feind zwingen, sein Vorgehen gegen die russische Armee zu
verlangsamen... Der gegenwrtige Zeitpunkt ist fr einen allgemeinen
Angriff besonders gnstig. Einerseits haben die Kitchener-Armeen ihre
Landung in Frankreich beendet, und andererseits haben die Deutschen
noch im letzten Monat von unserer Front Krfte weggezogen, um sie
an der russischen Front zu verwenden. Die Deutschen haben nur sehr
drftige Reserven hinter der dnnen Linie ihrer Grabenstellung... Es
wird sich fr alle Truppen, die angreifen, nicht nur darum handeln, die
ersten feindlichen Grben wegzunehmen, sondern ohne Ruhe Tag und Nacht
durchzustoen ber die zweite und dritte Linie bis in das freie Gelnde.
Die ganze Kavallerie wird an diesen Angriffen teilnehmen, um den Erfolg
mit weitem Abstand vor der Infanterie auszunutzen.

Sdwestlich von Lille, in der Gegend von Loos, erzielten die
Englnder, in der Champagne die Franzosen ansehnliche Anfangserfolge.
In der Champagne verloren wir die ganzen ersten Stellungen des III.
Armeekorps, viele Gefangene und viele Geschtze. Aber weder im Artois
noch in der Champagne erreichten die Feinde den Durchbruch. Es gelang
uns, ausreichende Reserven heranzufhren und die Einbruchsstellen
abzuriegeln. Die schweren Angriffe dauerten mit kurzen Unterbrechungen
bis in die zweite Oktoberhlfte hinein, ohne unsern Feinden mehr zu
bringen als unbedeutende lokale Gelndegewinne.

Whrend Englnder, Belgier und Franzosen in diesen gewaltigen Anstrmen
ihre Krfte nutzlos erschpften, kamen auf dem Balkan die Ereignisse ins
Rollen.

Bulgarien mobilisierte. Ruland, untersttzt von Frankreich, stellte
am 4. Oktober ein Ultimatum. Am 7. Oktober war der Abbruch der
diplomatischen Beziehungen zwischen Bulgarien und den Ententemchten
vollzogen.

In den Tagen des letzten und strksten Druckes auf Bulgarien bemchtigte
sich die Entente des Hafens von Saloniki als Operationsbasis. Am 5.
Oktober landete sie dort Truppen, angeblich auf Grund einer Aufforderung
des Ministerprsidenten Venizelos. Am gleichen Tage gab Venizelos seine
Entlassung, nachdem ihm der fr die unbedingte Aufrechterhaltung der
Neutralitt eintretende Knig erklrt hatte, er knne der Politik
seines Kabinetts nicht bis zu Ende folgen. Die Besetzung von Saloniki
wurde von der Entente durchgefhrt und aufrechterhalten gegen den
formellen Protest der griechischen Regierung.

Am 6. Oktober berschritten deutsche und sterreichisch-ungarische
Truppen an verschiedenen Stellen die serbischen Grenzflsse Drina,
Sawe und Donau. Zwei Tage spter wurde Belgrad genommen. Semendria
folgte. Der Vormarsch ins Innere Serbiens begann. Am 15. Oktober griff
Bulgarien ein. Zehn Tage spter war an der Donau die Verbindung zwischen
den Truppen der Mittelmchte und Bulgariens hergestellt; der Donauweg
war endlich frei. Am 6. November fiel die serbische Festung Nisch; die
Eroberung des alten Serbien war damit abgeschlossen. Vier Wochen darauf
wurde Monastir genommen. Mitte Dezember war Alt- und Neuserbien in
den Hnden der deutschen, sterreichischen und bulgarischen Truppen.
Mitte Januar 1916 besetzten die sterreicher die montenegrinische
Hauptstadt. Wenige Tage spter streckte Montenegro die Waffen. Der Abzug
der Ententetruppen von den Dardanellen setzte das Siegel unter diese
Ereignisse.

Aber es blieb die Ententebasis in Saloniki als Pfahl im Fleisch, und
nrdlich der Donau verharrte Rumnien in dauerndem Abwarten.

Ich halte es fr einen der schwersten und verhngnisvollsten Fehler, die
von unserer Seite whrend des Krieges gemacht worden sind, da wir, ehe
wir auf dem Balkan ganze Arbeit getan hatten, uns mit unserer Hauptmacht
wieder dem westlichen Kriegsschauplatz zuwendeten, um dort den Versuch
zu machen, mit Verdun den wichtigsten Schulterpunkt des feindlichen
Stellungssystems zu brechen.

ber die Grnde fr diesen Entschlu und ber die Art und Weise, wie
er zustandegekommen ist, habe ich niemals volle Klarheit bekommen
knnen. Die Vorbereitungen der Aktion gegen Verdun wurden mit solcher
Heimlichkeit betrieben, da es im Februar, kurz vor Beginn unserer
Operationen, zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen dem General
von Falkenhayn und dem Reichskanzler von Bethmann Hollweg gekommen ist,
weil letzterer auer dem Staatssekretr des Auswrtigen Amts auch mich
in den Plan eingeweiht hatte.

Ich selbst hatte am Neujahrstag 1916 Gelegenheit zu einer lngeren
Unterhaltung mit dem General von Falkenhayn in seinem Amtszimmer im
Berliner Kriegsministerium. Von Verdun und einer greren Offensive in
Frankreich erwhnte er nichts; Hauptgegenstand unserer Unterhaltung
war vielmehr die Aufnahme des uneingeschrnkten U-Bootkrieges, von der
Falkenhayn, gesttzt auf das Urteil des Admiralstabs, ein baldiges Ende
des Krieges erwartete, whrend ich Zweifel gegen die Berechnung des
Admiralstabs geltend machte. Meinerseits wies ich darauf hin, da die
Balkansituation einer weiteren Klrung bedrfe. Insbesondere mten
wir uns vergewissern, wie wir mit Rumnien daran seien. Nur wenn Sie
der Donna Rumania den Arm fest um die Taille legen, wird sie sich
entschlieen, mit uns zu tanzen. Falkenhayn antwortete: Sie gehren
wohl auch zu den Leuten, die meinen, ich mte nach Kiew marschieren?
Ich antwortete, da Kiew mir Hekuba sei, da es mir vielmehr einzig
und allein auf Rumnien ankomme, das wir nicht als ganz unsicheren
Kantonisten im Rcken behalten drften.

Am 23. Februar 1916 begannen, infolge des fr die Artillerievorbereitung
unmglichen Wetters einige Tage spter, als ursprnglich geplant,
unsere Operationen gegen Verdun. Bereits zwei Tage spter nahmen unsere
Truppen das hochgelegene Fort Douaumont, den wichtigen Nordpfeiler der
Auenbefestigungen von Verdun. Wir schienen den Erfolg in den Hnden
zu haben. Bei den Franzosen herrschte die schwerste Besorgnis; die
Befehle zur Rumung der Stadt und des rechten Maasufers sollen damals
gegeben, aber gleich darauf widerrufen worden sein. Whrend wir mit
unserer schweren Artillerie nur langsam vorwrts kamen, verstrkte sich
der franzsische Widerstand. Monatelang wogte der Kampf auf den Hhen
und in den Schluchten rechts und links der Maas hin und her, ohne eine
Entscheidung zu bringen. Die Verluste auf beiden Seiten waren gewaltig.
Unsere Heeresleitung suchte sich und andere damit zu trsten, da die
franzsischen Verluste noch erheblich grer seien als die unsrigen, ja
da dieses Ausbluten der Franzosen im Sack von Verdun wichtiger sei
als der Besitz der Festung selbst. Niemandem war bei diesem Troste wohl.

Gegen die Mitte des Jahres lief sich die Verdun-Offensive tot. Andere
Kampfhandlungen von riesenhaftem Ausma, fr die unsere Gegner die
Initiative ergriffen, bertnten den verhallenden Kanonendonner an der
Maas.

Mitte Mai hatten die sterreicher nach groen Vorbereitungen in Sdtirol
gegen die Italiener, die in den zwlf Monaten seit ihrer Kriegserklrung
so gut wie nichts erreicht hatten, eine Offensive begonnen. Der Angriff
entwickelte sich gut. Ende Mai waren die wichtigen befestigten Pltze
Asiago und Arsiero in den Hnden der sterreicher. Der Austritt in die
Po-Ebene schien gesichert.

Da fhrte das russische Heer vom 5. Juni an auf der ganzen Front
zwischen dem Pruth und dem Styrknie wuchtige Ste gegen die nicht
sehr starken sterreichischen Linien. Sie schlugen eine weite und
tiefe Bresche. Die wolhynischen Festungen fielen. Czernowitz und die
Bukowina wurden wieder preisgegeben. Hunderttausende von Gefangenen
und ungezhltes Material geriet in die Hand der Russen, die ber die
Leichtigkeit, mit der sie diesen groen Erfolg errangen, vielleicht
selbst am meisten erstaunt waren.

Die sterreicher waren gezwungen, die wankende Front mit allen Mitteln
zu sttzen. Die so vielversprechende Offensive gegen Italien wurde
aufgegeben, um Truppen fr den bedrohten Osten freizubekommen. Die
Italiener konnten zu Gegenangriffen bergehen. Gegen Ende Juni muten
die sterreicher ihre Sdtiroler Front zurcknehmen; am Isonzo muten
sie vor den erneut einsetzenden Offensivsten der Italiener sich auf
die Hhen stlich des Flusses zurckziehen und Grz preisgeben. Auch
vom nrdlichen Teil der russischen Front, den Hindenburg kommandierte,
wurden Verstrkungen auf Verstrkungen nach dem Sden abgegeben,
obwohl auch im Norden russische Angriffe begannen. Ja es wurden einige
trkische Divisionen an der galizischen Front eingesetzt.

Die schweren Kmpfe an der Ostfront waren noch in vollem Gange,
als die Ententeheere am 1. Juli im Westen zu einem alle bisherigen
Offensivste weit bertreffenden Angriff ansetzten. In einer Breite
von 40 Kilometern, so berichtete unser Groes Hauptquartier am 2. Juli,
begann gestern der seit vielen Monaten mit unbeschrnkten Mitteln
vorbereitete englisch-franzsische Massenangriff nach siebentgiger
strkster Artillerie- und Gasvorbereitung auf beiden Ufern der Somme
sowie des Ancrebaches. Von diesem Tage an waren unsere Truppen
fnf volle Monate hindurch den wtenden Anstrmen der Englnder und
Franzosen ohne Unterbrechung ausgesetzt. Der Feind hatte die starke
berlegenheit in der Zahl der Kmpfenden. Er hatte eine noch weit
grere berlegenheit im Material aller Art; denn die Industrie nahezu
der ganzen Welt arbeitete fr ihn. Es ist eine kaum faliche Leistung
unserer Feldgrauen, da sie, unaufhrlich berschttet vom dichtesten
Eisenhagel, in kaum aussetzenden Nahkmpfen mit der in unerschpflichen
Wellen anstrmenden weien und farbigen bermacht die eiserne Kette
hielten und nur Schritt fr Schritt dem ungeheuren Druck Raum gaben. Es
ging fast ber menschliche Kraft, aber es wurde durchgehalten.

In der Zeit der schrfsten Zuspitzung der militrischen Lage, als zu
dem russischen Vorsto die franzsisch-englischen Angriffe hinzukamen,
weilte ich bei dem Feldmarschall von Hindenburg in Kowno. Ich hatte
Gelegenheit, mit Hindenburg und seinen Offizieren die politische und
militrische Lage eingehend zu besprechen. Der Eindruck, den ich
gewann, war erschtternd. Hindenburg sagte mir am Abend des 3. Juli:
Wir haben hier oben im Norden berhaupt nur noch eine durchsichtige
Kattunschrze. Ich habe, um das Loch bei den sterreichern zuzustopfen,
alles weggegeben, was ich entbehren kann, und mehr als das. Es blieb
mir nichts anderes brig. Aber was ich weggegeben habe, sehe ich
nicht wieder. Nun greift der Russe hier oben bei uns an, ich wei
nicht, was werden soll. Seine Mitarbeiter wurden deutlicher. Die
verhngnisvollen Nachteile des Mangels eines einheitlichen Oberbefehls
ber die Ostfront mute auch dem Laien einleuchten. Meine Zweifel
an der Richtigkeit der im Osten befolgten Strategie, die ich seit
den Monaten Mai und Juni mit mir herumtrug, fand ich bestrkt. Wir
standen vom Rigaer Busen bis zur rumnischen Grenze in einer weit
auseinandergezogenen, wohl mehr als zwlfhundert Kilometer langen Front,
die in ihren berwiegenden Teilen eines jeden natrlichen Schutzes
entbehrte und gegen energische Offensivste einer an einem beliebigen
Punkt zusammengeballten Macht kaum zu halten war. Im Westen hatten wir
unsere beste Kraft in der Verdun-Offensive eingesetzt; nicht nur war es
uns nicht gelungen, die groe Schulterfestung zu bezwingen, auch der
angebliche Erfolg des Ausblutens der Franzosen wurde durch die jetzt
beginnende Somme-Offensive als Tuschung erwiesen. Dazu im Hintergrund
die rumnische Gefahr, die durch den Zusammenbruch des Rumnien zunchst
gelegenen sterreichischen Frontteiles nahezu automatisch ausgelst
werden mute.

Das dringendste Erfordernis der Stunde erschien mir die
Vereinheitlichung des Oberbefehls ber die gesamte Ostfront. In
diesem Sinne telephonierte ich noch vom Osten aus am 4. Juli mit dem
Reichskanzler.

Als ich am Sonntag, 9. Juli, nach Berlin zurckkehrte, schilderte
ich dem Kanzler mndlich auf das Eindringlichste meine Wahrnehmungen
und Eindrcke. Der Kanzler hatte, wie mir bekannt war, schon in
einem frheren Stadium des Krieges und auch spterhin wiederholt
die Frage des Oberbefehls aus dem Zweifel heraus, ob der General
von Falkenhayn der richtige Mann an diesem Platze sei, zur Sprache
gebracht. Die militrischen Berater des Kaisers hatten jedoch damals
mit Entschiedenheit an General von Falkenhayn festgehalten. Der Kanzler
erzhlte mir jetzt, da der Kronprinz von Bayern neuerdings an den
Grafen Lerchenfeld, der diesen kurz zuvor im Gefolge des Knigs von
Bayern in seinem Hauptquartier besucht hatte, einen Brief mit den
heftigsten Vorwrfen gegen die Oberste Heeresleitung geschrieben
habe. Auch andere hohe Offiziere seien jetzt zu der Ansicht gekommen,
da die Oberste Heeresleitung in ihrer derzeitigen Zusammensetzung
den Schwierigkeiten der Lage nicht gewachsen sei. Der Kanzler hatte
inzwischen bereits die bertragung des Oberbefehls ber die gesamte
Ostfront einschlielich der sterreichisch-ungarischen Truppen an
den Feldmarschall von Hindenburg verlangt. Der Chef des Generalstabs
der sterreichisch-ungarischen Armee Conrad von Htzendorff war
alsbald mit dem Antrag befat worden, hatte aber zunchst abgelehnt.
Einige Tage spter hrte ich, da der ungarische Ministerprsident
Graf Tisza sich entschieden fr die bertragung des Oberbefehls an
Hindenburg ausgesprochen habe. Am 18. Juli waren die Generale Conrad
von Htzendorff, von Falkenhayn und Ludendorff zur Besprechung der
Angelegenheit in Berlin; eine Einigung kam nicht zustande.

Ich war in den folgenden Tagen in Mnchen und Stuttgart. Sowohl der
Knig von Bayern wie der Knig von Wrttemberg sprachen sich mir
gegenber aus eigener Initiative dafr aus, da in der ungemein ernsten
Lage auf den Feldmarschall von Hindenburg zurckgegriffen werden msse.
Der wrttembergische Ministerprsident von Weizscker, dessen ruhiges
und klares Urteil ich immer besonders schtzte, flehte mich geradezu an,
der Kanzler msse dem Kaiser die Augen ffnen. Weder Kaiser noch Reich
knnten einen ernsten Rckschlag ertragen, wenn Hindenburgs Genie und
Ansehen nicht voll in Wirksamkeit gesetzt werde.

Als ich nach Berlin zurckkam, lagen dort geradezu verzweifelte Berichte
aus Wien vor. Auch Graf Andrassy, der gerade in Berlin anwesend war,
erkannte an, da die Zeit der Eitelkeiten und Rivalitten vorbei sei
und nur der einheitliche Oberbefehl Hindenburgs die Lage retten knne.
Dazu kamen Nachrichten aus Rumnien, die darauf schlieen lieen, da
Bratianu sich der Entente gegenber zum Eingreifen unter gewissen
Bedingungen verpflichtet habe, und da der Knig zu schwach sei, um
Widerstand zu leisten. Der Kanzler bestand telegraphisch auf der
schleunigen bertragung des Oberbefehls ber die gesamte Ostfront an
Hindenburg und reiste am 25. Juli selbst nach dem Groen Hauptquartier,
um die Sache unter allen Umstnden in Ordnung zu bringen. Am 2. August
wurde denn auch amtlich publiziert: Unter Generalfeldmarschall von
Hindenburg wurden mehrere Heeresgruppen der Verbndeten zu einheitlicher
Verwendung nach Vereinbarung der beiden Obersten Heeresleitungen
zusammengefat. Hindenburg hatte, wie mir der Kanzler nach seiner
Rckkehr aus dem Hauptquartier erzhlte, mit dieser Lsung, die ihm
den Oberbefehl ber die Ostfront von Kurland bis zu den Karpathen,
einschlielich der sterreichisch-ungarischen Armee gab, sich befriedigt
und weiteres als zur Zeit unerwnscht erklrt.

Es kam jedoch bald zu ernsten Reibungen zwischen dem neuen Obersten
Befehlshaber der Ostarmee und dem Chef des Generalstabs des Feldheeres,
die sich auf die Frage Falkenhayn oder Hindenburg? zuspitzten. Der
Kanzler trat in Konsequenz seiner frheren Stellungnahme mit groer
Entschiedenheit fr die Ersetzung Falkenhayns durch Hindenburg ein,
whrend die militrische Umgebung des Kaisers auch jetzt noch an
Falkenhayn festhielt. Allerdings gehrte der Kanzler nicht zu den
unbedingten Bewunderern des von dem Feldmarschall untrennbaren Generals
Ludendorff. Ludendorff sei geneigt, seinem Temperament zu unterliegen
und in ernsten Situationen bereilt zu handeln; so auch jetzt wieder,
wo er, ohne den unplichen Hindenburg zu fragen, ein Abschiedsgesuch
abgeschickt habe, um es dann wieder anzuhalten. Auch in der Beurteilung
der militrischen Lage in seinem Befehlsbereich habe er, der Kanzler, an
Ludendorff mehrfach das Schwergewicht der inneren Ruhe und Sicherheit
vermit; er sei ihm zu sehr himmelhoch jauchzend, zu Tode betrbt.
Die Lage lie jedoch auch nach seiner Ansicht keine andere Wahl als die
Ersetzung Falkenhayns durch Hindenburg-Ludendorff.

Inzwischen erfuhren die Dinge eine weitere Zuspitzung. Seit der zweiten
Augusthlfte lauteten die Nachrichten aus Bukarest zwar unklar und
widerspruchsvoll; aber im Zusammenhang mit der Gesamtlage hatte ich aus
dem, was mir bekannt wurde, den Eindruck, da Rumnien im Begriff sei,
gegen uns loszuschlagen. Ich lie mich in dieser Beurteilung, aus der
heraus ich schon seit lngerer Zeit auf den schleunigen Abtransport des
von Deutschland gekauften rumnischen Getreides hingewirkt hatte, auch
durch die lgnerischen Versicherungen des Ministerprsidenten Bratianu
und des rumnischen Knigs nicht irremachen. Als mir am Sonntag, 27.
August, der Kanzler gegen 11 Uhr durchs Telephon sagte -- in Dingen,
die nicht fr alle Ohren bestimmt waren, pflegten wir franzsisch zu
telephonieren --: L'Italie nous a dclar la guerre, antwortete ich:
Et la Roumanie suivra sur-le-champ. Im Auswrtigen Amt hatte man noch
Zweifel. Abends um 11 Uhr teilte mir der Kanzler mit, da die rumnische
Kriegserklrung in Wien berreicht worden sei. Bei der ernsten Lage
auf allen Kampffronten nahm der Kanzler die Nachricht sehr schwer. Es
blieb uns natrlich keine Wahl, als die rumnische Kriegserklrung an
sterreich-Ungarn sofort mit unserer Kriegserklrung an Rumnien zu
beantworten. Noch in der Nacht wurde an die smtlichen Bundesregierungen
telegraphiert. Ich schlug vor, sofort auch mit den Parteifhrern wegen
Einberufung des Reichstags in Verbindung zu treten. Bei diesen regten
sich Bedenken, ob die ntige Geschlossenheit gewahrt werden knne, und
die Einberufung unterblieb.

Die Telegramme aus dem Hauptquartier ber die Mglichkeit der
Gegenwirkung gegen den von den Rumnen seit Wochen und Monaten
vorbereiteten berfall lauteten wenig trostvoll. Es stand nur wenig
Infanterie dort und fast gar keine Artillerie! Weder in Ple noch
in Teschen scheint man geglaubt zu haben, da Rumnien doch noch
losschlagen wrde. Die Bulgaren hatten sich seit dem 20. August in eine
Offensive gegen die Ententearmee vor Saloniki verbissen; in welchem
Umfange und in welcher Zeit Truppen zur Verwendung gegen Rumnien
herausgezogen werden konnten, war ungewi. Zum Glck hatte sich die im
Juni angesetzte russische Offensive gegen die galizische und wolhynische
Front ausgelaufen und verblutet. Htte Rumniens Angriff einige wenige
Wochen frher eingesetzt, zu der Zeit, als die sterreichisch-ungarische
Front im Zusammenbrechen war, dann htte wohl nichts die Katastrophe
aufhalten knnen.

Die rumnische Kriegserklrung und die dadurch geschaffene Erschwerung
der militrischen Lage veranlate den Kaiser, den Generalfeldmarschall
von Hindenburg nach Ple zu berufen. Der General von Falkenhayn erhob
gegen diese ohne sein Befragen erfolgte Berufung Einspruch, worauf der
Kaiser ihm anheimstellte, seine Entlassung einzureichen. Als der Kanzler
am Vormittag des 29. August im Groen Hauptquartier eintraf, war die
Ernennung Hindenburgs zum Chef des Generalstabs des Feldheeres und
Ludendorffs zum Ersten Generalquartiermeister bereits vollzogen.

Ich reiste mit dem Staatssekretr v. Jagow am 30. August gleichfalls
nach Ple. Obwohl Bulgariens Haltung gegenber der neuen Situation noch
nicht geklrt war -- Bulgarien hat an Rumnien erst am 1. September
den Krieg erklrt -- fanden wir eine zuversichtliche Auffassung der
Lage. Vier deutsche Divisionen rollten bereits von der Westfront nach
Siebenbrgen, weitere Verstrkungen wurden vorbereitet. Man werde zwar
den Rumnen fr ihre Operationen zunchst freie Hand lassen mssen, sie
dann aber fassen und schlagen. Hindenburgs unerschtterliche Ruhe und
Ludendorffs rasch zugreifende Bestimmtheit gaben den Besprechungen die
Signatur. Wir alle verlieen Ple mit einem Gefhl der Erleichterung und
Beruhigung.

Die Rumnen brachen, fast ohne Widerstand zu finden, tief in
Siebenbrgen ein. Im Westen erneuerten Englnder und Franzosen mit einer
alles bisher Dagewesene bertreffenden Wucht ihre Angriffe an der Somme,
um uns das Abziehen von Truppen fr Rumnien unmglich zu machen. Aber
trotzdem sie gegen Mitte September bis ber die Strae Bapaume-Pronne
hinaus vorstieen, lieen sich Hindenburg und Ludendorff, die sich
inzwischen an Ort und Stelle vom Stand der Dinge berzeugt hatten,
in ihren Dispositionen fr den rumnischen Feldzug nicht beirren.
Whrend die Rumnen in Ungarn vordrangen, fate sie der erste Sto
dort, wo sie ihn augenscheinlich am wenigsten erwarteten, zwischen der
Donau und dem Schwarzen Meer in der Dobrudscha, und warf sie auf den
Trajanswall zurck. Gegen Ende September war unser Aufmarsch auch in
Ungarn vollendet. Am 29. September wurden die Rumnen bei Hermannstadt
geschlagen, am 8. Oktober wurde Kronstadt wieder genommen, und in den
folgenden Wochen wurden die rumnischen Truppen auf die Karpathengrenze
zurckgedrngt. Die Operationen in der Dobrudscha, an denen auer
bulgarischen und deutschen auch trkische Truppen teilnahmen, fanden
ihre Krnung in der Einnahme des rumnischen Hafens Constanza (23.
Oktober) und der am Eisenbahnbergang ber die Donau gelegenen Stadt
Cernavoda (25. Oktober). Schon in diesem Zeitpunkte war der Feldzug
fr Rumnien verloren, den Alliierten war der Trumpf aus der Hand
geschlagen, der die Entscheidung des Krieges hatte bringen sollen.

In der ersten Novemberhlfte erkmpften sich die deutschen und
sterreichisch-ungarischen Truppen die Ausgnge aus den Karpathen in
die Wallachei. Am 25. November erzwangen sich deutsche und bulgarische
Truppen von Sden her den Donau-bergang. In der dreitgigen Schlacht
am Argesflu griffen die beiden Armeen von Norden, Westen und Sden
das rumnische Heer umfassend an und brachten ihm die entscheidende
Niederlage bei. Als Frucht des Sieges fiel die Landeshauptstadt
Bukarest am 6. Dezember in die Hand der Verbndeten. Wenig mehr als
drei Monate hatten gengt, Rumnien niederzuschlagen und fr uns die
Lage wiederherzustellen. Auch die schweren Angriffe, die von der ersten
Novemberhlfte an die Saloniki-Armee der Entente ausfhrte und die
am 18. November die Bulgaren ntigten, Monastir wieder aufzugeben,
vermochten das Schicksal Rumniens ebensowenig zu wenden, wie die
fortgesetzten heftigen Offensivste an der Somme.

Der Krieg war an einem groen Haltepunkte angelangt, der Freund und
Feind ntigen mute, sich auf sich selbst zu besinnen und Umschau
zu halten, ob nicht vor der Einleitung neuer Kmpfe die Mglichkeit
bestehe, die schwer leidenden Vlker aus Blut und Trnen heraus zu dem
ersehnten Frieden zu fhren.




                        Finanzielle Kriegfhrung

                             Reichsschatzamt


Es war mir nicht beschieden, mit der Waffe fr das Vaterland zu
kmpfen. Infolge eines Unfalles hatte ich seit dem Jahre 1893, also
bei Kriegsausbruch seit 21 Jahren, keine militrische bung mehr
gemacht und im Jahre 1899 als dauernd untauglich meine Entlassung als
Reserveoffizier erhalten. Unter diesen Umstnden mute ich mich damit
bescheiden, in dem Krieg, der von Anfang an nicht nur ein Krieg der
Waffen, sondern auch ein Kampf der Finanzen und Volkswirtschaften war,
auf dem Platze, auf den mich mein Lebensweg gefhrt hatte, mein Bestes
zu tun.

Es waren keine kleinen Anforderungen, die der Krieg, namentlich in
seinen ersten Wochen, an die Banken und ihre Leitungen stellte. Es
hie den Kopf oben behalten und mit uerster Anspannung der Nerven
und der Arbeitskraft die Vorkehrungen und Verfgungen treffen, die
nicht nur fr die Erhaltung des Kredits und der Zahlungsfhigkeit des
eigenen Instituts, sondern auch fr die Erhaltung der finanziellen
Grundlagen unserer gesamten Volkswirtschaft erforderlich waren. Es
hie gleichzeitig mitwirken an der Schaffung der Grundlagen unserer
finanziellen Kriegfhrung und an dem Aufbau der Einrichtungen
und Organisationen, die fr die Mobilmachung unserer gesamten
Volkswirtschaft und die Einstellung unseres Wirtschaftslebens auf den
Krieg erforderlich waren.

Auch ber meinen unmittelbaren Pflichtenkreis hinaus wurde ich von
der Regierung und Obersten Heeresleitung herangezogen. So wurde ich
alsbald nach der Besetzung Brssels in das Groe Hauptquartier gerufen
und von dort nach Belgien gesandt, um dem zum Generalgouverneur
ernannten Generalfeldmarschall von der Goltz und dem ihm als Chef der
Zivilverwaltung beigegebenen Regierungsprsidenten von Sandt bei der
Einrichtung der Okkupationsverwaltung, insbesondere bei der Ordnung der
finanziellen Angelegenheiten (Bankenkontrolle, Kontributionsfrage usw.)
behilflich zu sein.

Im Dezember 1914 stellte mich der Reichskanzler von Bethmann Hollweg
vor die Frage, ob ich bereit sei, die Leitung des Reichsschatzamtes
zu bernehmen. Er brauche an der Spitze der Reichsfinanzverwaltung
einen Mann, der nicht nur mit dem deutschen Wirtschaftsleben, sondern
auch mit den Finanzen und der Wirtschaft unserer Verbndeten, unserer
Feinde und des neutralen Auslandes vertraut sei und auerdem ber eine
ungebrochene Arbeitskraft verfge. Er schtze die Person und die
Verdienste des Reichsschatzsekretrs Khn sehr hoch; aber Herr Khn
habe selbst wiederholt angedeutet, da sein Alter und seine Gesundheit
den durch den Krieg gewaltig gesteigerten und von Grund aus vernderten
Anforderungen seines Amtes nicht mehr gewachsen seien.

Das Angebot des Kanzlers kam mir vllig berraschend. Der Gedanke
widerstrebte mir, meine in mehr als achtjhriger Ttigkeit mir
liebgewordene, mich ausfllende und mich befriedigende Wirksamkeit in
der Leitung der Deutschen Bank mit einer neuen, in wichtigen Teilen
mir bisher recht fernliegenden Aufgabe zu vertauschen und meine freie
Stellung gegen ein von Kanzler und Parlament abhngiges Staatsamt
aufzugeben. Ich brachte andere Persnlichkeiten in Vorschlag, von denen
ich annehmen durfte, da sie der Aufgabe ebensogut und besser gewachsen
sein wrden als ich. Der Kanzler hatte gegen jeden meiner Vorschlge
eine Einwendung, wollte auch alle die von mir genannten Namen mit
seinen Beratern, insbesondere dem Reichsbankprsidenten Havenstein,
bereits diskutiert haben. Der einzige, der auer mir in Frage kme
und den auch ich in erster Linie vorschlug, der Reichsbankprsident
selbst, habe in Rcksicht auf seinen geschwchten Gesundheitszustand
auf das bestimmteste abgelehnt; er, der Kanzler, msse von mir das
Opfer verlangen. Betrachten Sie das Reichsschatzamt als Ihren
Schtzengraben!

Nach kurzer Bedenkzeit erklrte ich mich bereit, dem Wunsche des
Kanzlers zu entsprechen. Am 1. Februar 1915 trat ich das neue Amt an.

Was mir an meiner neuen Behrde -- in Erinnerung an die Erfahrungen
aus meiner frheren Ttigkeit in der Kolonialabteilung des Auswrtigen
Amtes -- am wenigsten sympathisch war, das war der stark ausgeprgte
Geist der Negation. Die fr eine staatliche Finanzverwaltung bequemste
Sparsamkeit, aber auch die zweischneidigste Sparsamkeit, ist der
wahllose Widerstand gegen neue Ausgaben. Diese Art Sparsamkeit war mir
in wenig angenehmem Gedchtnis. Groe Unterlassungssnden, namentlich
auf dem Gebiete des kolonialen Eisenbahnbaues und des militrischen
Schutzes, die sich spterhin auch finanziell bitter rchten, hatten
ihre Wurzel darin, da die Bewilligungsscheu des Reichstages im
Reichsschatzamt einen stillen, aber wirksamen Verbndeten besa. Da
auch der Krieg die alte Tradition nicht ohne weiteres fortgeschwemmt
hatte, davon konnte ich mich bald berzeugen. In den ersten Tagen meiner
Amtsttigkeit wurde mir ein Schreiben an eine andere Behrde vorgelegt,
in dem die Bewilligung der Gelder fr einen mir durchaus vernnftig
und notwendig erscheinenden Zweck kurzerhand abgelehnt wurde. Ich bat
den Herrn, der die Sache bearbeitet hatte, um eine Begrndung seines
ablehnenden Standpunktes und erhielt die klassische Antwort: Wir
lehnen solche neuen Antrge grundstzlich zunchst einmal ab. Ist die
Angelegenheit wirklich dringend, dann kommt die betreffende Behrde
schon auf die Sache zurck, und dann kann man sich's berlegen.

Ich suchte von Anfang an den Rahmen fr die Ttigkeit des
Reichsschatzamtes weiter zu spannen, als es der berlieferung entsprach,
und die im Kriege doppelt notwendige Sparsamkeit nicht so sehr in der
grundstzlichen Beschneidung der Antrge der anderen Ressorts, als
vielmehr in der positiven Mitarbeit an der finanziell und wirtschaftlich
zweckmigen Gestaltung des Notwendigen zu verwirklichen.


             Die Finanzierung kriegswichtiger Unternehmungen

Schon in den Tagen meiner Vorbereitung fr das neue Amt erhielt ich
Gelegenheit, diese Auffassung meiner Aufgabe in einer Angelegenheit
von auerordentlicher Bedeutung fr Kriegfhrung und Volksernhrung zu
bettigen: in der =Stickstofffrage=.

Gewaltige Mengen von Stickstoffverbindungen wurden bentigt, einmal fr
Pulver und sonstige Sprengstoffe aller Art, ferner als unentbehrliches
Dngemittel fr die Erhaltung eines einigermaen ausreichenden Ertrages
unseres heimischen Bodens.

Unser Inlandsverbrauch an Stickstoffverbindungen hatte im letzten
Friedensjahr rund 1400000 Tonnen mit einem Gehalt an reinem Stickstoff
von rund 240000 Tonnen betragen; davon wurden etwa 200000 Tonnen in der
Landwirtschaft und 40000 Tonnen in der Industrie verbraucht. Unsere
heimische Erzeugung von Stickstoffverbindungen war zwar in den letzten
Jahrzehnten gewaltig gestiegen; die Gewinnung von schwefelsaurem
Ammoniak als Nebenprodukt der Kokerei, unsere vor dem Kriege weitaus
wichtigste Stickstoffquelle, war von rund 90000 Tonnen im Jahre 1893 auf
rund 500000 Tonnen im Jahre 1913 gebracht worden. Aber trotzdem deckte
die einheimische Erzeugung von Stickstoffverbindungen auch im Jahre
1913 nicht einmal die Hlfte des Inlandsverbrauches. Die grere Hlfte
wurde aus dem Ausland bezogen, und zwar ganz berwiegend in der Form von
Chilesalpeter.

Der Krieg brachte eine enorme Steigerung unseres Bedarfs und eine
ebenso enorme Einschrnkung unserer Versorgung. Der Stickstoffbedarf
fr militrische Zwecke berstieg sofort um ein Vielfaches die Mengen,
die in Friedenszeiten von der Sprengstoffindustrie verbraucht wurden.
Auf der anderen Seite kam die Zufuhr von Chilesalpeter, die in
Friedenszeiten etwa die Hlfte unsres Gesamtbedarfs gedeckt hatte, mit
dem Kriegsausbruch vllig in Wegfall, und die heimische Gewinnung von
schwefelsaurem Ammoniak aus dem Kokereiproze erfuhr mit dem scharfen
Rckgang der Kohlenfrderung und Eisenerzeugung, der mit Kriegsausbruch
einsetzte und nur allmhlich berwunden werden konnte, gleichfalls eine
starke Einschrnkung. Es war mit einem Ausfall von nicht weniger als
zwei Dritteln unserer Friedensversorgung an Stickstoff zu rechnen. Der
Zeitpunkt, in dem die vorhandenen Lger aufgebraucht sein wrden, war
abzusehen; die heimische Produktion an Stickstoffverbindungen htte
fr die Landwirtschaft so gut wie nichts briggelassen und selbst die
Deckung des in gewaltigen Sprngen anwachsenden militrischen Bedarfs
nicht entfernt ausreichend gesichert.

Glcklicherweise waren Ersatzmglichkeiten fr die berseeischen
Zufuhren vorhanden, und zwar in den von deutschen Gelehrten
ausgearbeiteten Verfahren zur Gewinnung stickstoffhaltiger Verbindungen
aus den unerschpflichen Vorrten der Luft. In Betracht kamen einmal
das von Geheimrat Haber erfundene Verfahren der synthetischen
Gewinnung von schwefelsaurem Ammoniak, das von der Badischen Anilin-
u. Sodafabrik in Ludwigshafen a. Rh. praktisch erprobt worden war;
ferner das Frank-Carosche Verfahren zur Herstellung von Kalkstickstoff,
nach dem in Werken zu Trostberg in Oberbayern und zu Knapsack bei Kln
a. Rh. gearbeitet wurde. Die Produktion der Ludwigshafener Fabrik an
schwefelsaurem Ammoniak betrug im letzten Friedensjahr etwa 30000
Tonnen mit einem Gehalt an reinem Stickstoff von rund 6000 Tonnen, die
Produktion des Trostberger und des Knapsacker Werkes erreichte je 25000
Tonnen Kalkstickstoff mit einem Reingehalt von rund je 5000 Tonnen.
Die Ludwigshafener Fabrik hatte noch im Frieden den Ausbau ihres
Stickstoffwerkes auf eine jhrliche Leistungsfhigkeit von 150000 Tonnen
schwefelsauren Ammoniaks in Angriff genommen.

Die vitale Bedeutung der Stickstofffrage mute in die Augen springen.
Die Heeresverwaltung und das preuische Landwirtschaftsministerium
drngten auf den Abschlu von Vereinbarungen, die eine sofortige und
ausgiebige Steigerung der einheimischen Stickstoffgewinnung sichern
sollten. Die im Besitz der Verfahren befindlichen Unternehmungen
stellten sich zur Verfgung und machten Vorschlge fr die Aufbringung
und Sicherstellung der sehr erheblichen Kapitalien, die zum Zweck
der Errichtung der groen, die vorhandenen Stickstoffwerke um ein
Vielfaches bertreffenden Neuanlagen zu investieren waren. Die
Verhandlungen stieen auf allerlei Schwierigkeiten, namentlich
in der Frage der Gewhrleistung gegen den Verlust des in den
neuen Fabriken festzulegenden Kapitals bei der Wiederkehr der
Friedensverhltnisse und in der Frage der Normierung von Hchstpreisen
fr die Stickstoffverbindungen. Erst im Dezember 1914 kamen Vertrge
mit Ludwigshafen und Knapsack zustande, die gegen Gewhrung von
Darlehen des Reiches und Preuens eine Erhhung der Produktion um
45000 Tonnen reinen Stickstoff vorsahen. Damit war aber nur erst der
Heeresbedarf nach der damaligen, sich spterhin als viel zu niedrig
erweisenden Schtzung annhernd gesichert, whrend fr die durch den
Stickstoffmangel auf das Schwerste bedrohte Landwirtschaft noch nichts
vorgesorgt war. Die Verhandlungen mit den Bayrischen Stickstoffwerken,
in denen das Landwirtschaftsministerium eine Sicherung des Bedarfs
an Stickstoffdngemitteln erstrebte, waren auf dem toten Punkt: Die
Stickstoffwerke verlangten fr ihre Neuproduktion eine fnfzehnjhrige
Absatzgarantie zu einem wesentlich unter den Friedenspreisen liegenden
Satze, die landwirtschaftlichen Vereinigungen waren aus sich heraus fr
die bernahme einer solchen Absatzgarantie nicht stark genug, und die
Finanzverwaltungen Preuens und des Reiches weigerten sich kategorisch,
ihrerseits eine Absatzgarantie zu bernehmen; -- sie waren auf Grund der
Kriegskredite formal wohl zur Leistung von Ausgaben fr Kriegszwecke,
nicht aber zur bernahme von Garantien befugt!

Als meine Ernennung zum Staatssekretr des Reichsschatzamts feststand,
besuchten mich der preuische Landwirtschaftsminister Freiherr von
Schorlemer und der preuische Finanzminister Herr Lentze, um mir die
geradezu verzweifelte Lage der Stickstoffversorgung der Landwirtschaft
darzulegen und sich meiner Untersttzung bei der berwindung dieses
Notstandes zu versichern. Die Situation war mir bereits bekannt,
und ich war entschlossen, nicht nur meinerseits die Initiative zu
der notwendigen weiteren Steigerung unserer Stickstoffgewinnung zu
nehmen, sondern auch dem Reich in diesem neuen, nationalwirtschaftlich
unschtzbar wichtigen und finanziell aussichtsreichen Industriezweige
eine starke Position zu schaffen. Am Tage nach meiner Besprechung
mit den beiden Ministern, am 23. Januar 1915, fand, durch diese
veranlat, eine Besprechung der beteiligten Ressortchefs statt, an der
ich neben meinem noch amtierenden Vorgnger teilnahm. Ich entwickelte
den Gedanken, da die Reichsfinanzverwaltung durch die Bayrischen
Stickstoffwerke eine groe Kalkstickstoff-Fabrik fr das Reich bauen
lassen und gleichzeitig mit den Bayrischen Stickstoffwerken einen
Betriebsvertrag abschlieen solle, letzteren auf der Grundlage,
da der gesamte ber einen bestimmten Satz fr das Kiloprozent
Kalkstickstoff hinaus erzielte Bruttoerls dem Reich zuflieen und
dieses auerdem an dem verbleibenden Reingewinn aus dem Betriebe mit
einem angemessenen Anteil beteiligt werden sollte. Dadurch wollte ich
der betriebfhrenden Firma die Mglichkeit nehmen, eine Steigerung
ihrer Gewinne in hohen Verkaufspreisen zu suchen, sie vielmehr darauf
hinweisen, ihre Gewinnaussichten lediglich in Verbilligungen der
Produktion zu erblicken, was ihr einen mglichst starken Anreiz zur
technischen Vervollkommnung ihres Verfahrens geben mute. Ich schlug
ferner vor, durch ein Reichsgesetz dem Bundesrat die Ermchtigung zur
Einfhrung eines Stickstoff-Handelsmonopols geben zu lassen, um die
Position des Reiches in der Stickstoffindustrie zu verstrken und
gleichzeitig eine Waffe gegen eine nach Friedensschlu zu erwartende
Bedrohung der deutschen Stickstoffindustrie vom Auslande her rechtzeitig
bereitzustellen.

Meine Vorschlge fanden die Zustimmung der Ressortchefs. Auch der
Reichskanzler trat ihnen bei.

Auf dieser Grundlage schlo ich in den ersten Wochen meiner Amtsfhrung
Vertrge mit den Bayrischen Stickstoffwerken ab, in denen der schleunige
Bau zweier Reichswerke mit einer jhrlichen Leistungsfhigkeit von
insgesamt 225000 Tonnen Kalkstickstoff und gleichzeitig die Bedingungen
des Betriebs dieser Anlagen durch die Bayrischen Stickstoffwerke
nach den von mir vorgeschlagenen Grundstzen vereinbart wurden.
Ferner verpflichteten sich die Bayrischen Stickstoffwerke zu einer
Vergrerung ihrer eigenen Fabrik in Trostberg. Auerdem schlo ich mit
den Lonzawerken in Waldshut (Baden) einen Vertrag ber die Errichtung
eines weiteren Kalkstickstoffwerkes ab, und zwar gegen Gewhrung eines
Darlehns und mit der Auflage der berlassung der gesamten Produktion zu
bestimmten Preisen an das Reich oder den vom Reiche zu bezeichnenden
Abnehmer. Insgesamt sollte durch diese Vertrge die deutsche
Stickstoffgewinnung eine Erhhung um 300000 Tonnen Kalkstickstoff,
gleich 60000 Tonnen reinen Stickstoffs, erfahren.

Die Ausfhrung wurde sofort in Angriff genommen. Schon whrend die
Verhandlungen noch schwebten, waren die Stickstoffwerke ermchtigt
worden, alle fr den Bau der neuen Anlagen erforderlichen Vorbereitungen
zu treffen. Trotz der groen Schwierigkeiten in der Beschaffung von
Arbeitskrften, Maschinen, Metallen und anderen Rohstoffen gelang es,
die beiden Reichswerke in den Monaten Januar und Februar des Jahres 1916
in Betrieb zu bringen. Da mit den Bauarbeiten erst im Mrz und April
1915 hatte begonnen werden knnen, hatten also 9 bis 10 Monate Bauzeit
gengt, um die gewaltigen Neuanlagen fertigzustellen.

Um von der Gre der in so kurzer Zeit fr das Reich geschaffenen Werke
einen Begriff zu geben:

Das Reichswerk Piesteritz bei Wittenberg a. d. Elbe, das fr eine
Jahresgewinnung von 150000 Tonnen Kalkstickstoff vorgesehen war,
umfate nach dem ursprnglichen, inzwischen noch erheblich vergrerten
Ausma eine bebaute Flche von 12-1/2 Hektar. Sein jhrlicher
Elektrizittsverbrauch war auf 500 Millionen Kilowattstunden berechnet;
das ist rund doppelt so viel, wie die gesamte von den Berliner
Elektrizittswerken im Jahre 1914/15 nutzbar abgegebene elektrische
Energie. Die Elektrizitt wird in dem Bitterfelder Braunkohlenrevier
erzeugt, mit einem Tagesverbrauch von 4400 Tonnen Braunkohle, und
auf einer 22 km langen Doppelleitung mit einer Spannung von 80000
Volt zum Piesteritzer Werk geleitet, wo der Strom mit den grten
Transformatoren, die bis dahin in der ganzen Welt gebaut worden waren,
zunchst auf 6000 Volt, dann auf die Betriebsspannung umgeformt wird.
Die elektrische Energie wurde den Reichswerken zum Satz von 1 Pfennig
auf Grundlage der damaligen Kohlenpreise gesichert. Dieser Satz ist
billiger, als er jemals zuvor in Deutschland fr aus Kohle gewonnene
elektrische Energie gezahlt worden ist. Der tgliche Verbrauch des
Werkes an Kalk war auf 300 Tonnen, an Koks auf 180 Tonnen berechnet.
Kalk und Koks werden in mchtigen fen in starkem elektrischen Strom
zu Karbid verarbeitet. Der Kalkstickstoff wird gewonnen durch die
Verbindung des Luftstickstoffs mit dem gepulverten Karbid. Die Gewinnung
des Luftstickstoffs erfolgt in Piesteritz auf zwei Wegen. Einmal durch
Verflssigung von Luft und Trennung des Sauerstoffs vom Stickstoff
nach dem Linde'schen Verfahren; dann in einer Ersatzanlage, in der
nach dem Verfahren von Frank-Caro Generatorgas mit Luft verbrannt und
das entstehende Gemisch von Kohlensure und Stickstoff in seine beiden
Bestandteile zerlegt wird. Nach dem ursprnglichen Plane lieferte die
Linde-Anlage stndlich 90000 Liter flssige Luft und 9000 Raummeter
Stickstoff, die Frank-Caro-Anlage stndlich 3000 Raummeter Stickstoff.
An Khlwasser verbraucht das Werk eine Menge, die dem Wasserverbrauch
einer Stadt von 1,7 Millionen Einwohnern entspricht.

Die mit raschem Entschlu in Angriff genommene und ber alle
Kriegserschwernisse hinaus in so kurzer Zeit durchgefhrte Errichtung
der Reichswerke, deren Produktion schon der Frhjahrsbestellung des
Jahres 1916 zugutekam, hat unsere Ernhrungswirtschaft vor einer
Katastrophe bewahrt. Aber der Heeresbedarf an Stickstoff wuchs in
solchen Progressionen, da die Reichswerke alsbald auch fr die
Sprengstoffherstellung herangezogen werden muten. Ich habe in der
ersten Zeit des Krieges Schtzungen gehrt, die den militrischen
Bedarf an etwa 20%igen Stickstoffverbindungen auf 12000 bis 15000
Tonnen fr den Monat bezifferten. Als ich in die Lage kam, ber die
Stickstoffbeschaffung zu verhandeln, war bereits von erheblich greren
Mengen die Rede. Zu Beginn des Jahres 1916 wurde mir der militrische
Monatsbedarf auf etwa 40000 Tonnen beziffert, und schlielich sind
wohl 100000 Tonnen im Monat erreicht und berschritten worden. Diese
Entwicklung zwang mich und spter meinen Nachfolger im Reichsschatzamt,
den Grafen Rdern, fr immer neue Erweiterungen und Neuanlagen zu
sorgen, die leider zum Schaden der Landwirtschaft immer wieder von den
alle Erwartungen weit bertreffenden Neuanmeldungen der militrischen
Stellen berholt wurden. Soweit meine Kenntnis reicht, ist whrend des
Krieges die deutsche Stickstoffgewinnung auf einen Umfang gebracht
worden, der die gesamte Vorkriegsproduktion von Chilesalpeter (2,1
Millionen Tonnen) bersteigt und nahezu das Doppelte des normalen
deutschen Jahresverbrauches an Stickstoffverbindungen ausmacht.

Im Reichstag fand ich mit meinem Ermchtigungsgesetz fr die Einfhrung
eines Stickstoff-Handelsmonopols wenig Verstndnis. Die Kommission,
der die Vorlage berwiesen wurde, lie sich lange und interessante
Vortrge von Sachverstndigen halten, die in ihrer berwiegenden
Mehrzahl gleichzeitig Interessenten und als solche dem Handelsmonopol
abgeneigt waren. Sie vertiefte sich in eine unfruchtbare und in der
Hauptsache unberechtigte Kritik dessen, was noch in der allerletzten
Stunde getan worden war, whrend eine berechtigte Kritik sich gegen
das htte richten mssen, was lange genug versumt und unterlassen
worden war. Ich wies vergeblich darauf hin, da die neue, so
ungemein wichtige Industrie durch den Zusammenschlu der chemischen
Fabriken und die von diesen mit der Ammoniakvereinigung unserer
Montanindustrie getroffenen Vereinbarungen auf dem besten Wege zum
Privatmonopol war; ferner, da unter englischer Fhrung eine Vertrustung
sowohl der Chilesalpeter-Gewinnung wie auch der auslndischen
Luftstickstoff-Industrie drohte. Die Notwendigkeit, dem Reich in der
neuen Industrie eine nach innen und auen hinreichend gesicherte
Position zu schaffen, wurde nur von einer Minderheit erkannt. Die
Kommission konnte sich schlielich weder zu einer Zustimmung noch zu
einer glatten Ablehnung aufschwingen, und ich mute mich entschlieen,
den endgltigen Austrag der Frage, der angesichts der unabsehbar
gewordenen Verlngerung des Krieges an Dringlichkeit verloren hatte,
einer gelegeneren Zeit zu berlassen.

Eine hnliche Erfahrung habe ich gemacht, als ich bei Gelegenheit
des Erwerbs der bisher von dem amerikanischen Tabaktrust abhngigen
deutschen Zigarettenfabriken durch ein deutsches Konsortium
dem Reich die Option auf diese etwa ein Viertel der deutschen
Zigarettenproduktion darstellenden Fabriken zum Einstandspreis mit
einem geringfgigen Zuschlag sicherte, und zwar ohne das Reich fr den
Erwerb dieser Option auch nur mit einem Pfennig zu belasten. Auch hier,
wo es sich darum handelte, das Reich in einer fr ein ertragreiches
Monopol reifen Industrie zunchst einmal Fu fassen zu lassen, fand ich
kein Verstndnis, mute mich vielmehr im Hauptausschu des Reichstags
dafr angreifen lassen, da ich es vorgezogen hatte, dem Reich die
Mglichkeit des billigen Erwerbs dieser Fabriken zu sichern, statt die
Fabriken ihrer Konkurrenz auszuliefern.

Heute, im Bann des Schlagworts Sozialisierung, denkt man anders, bis
zur bertreibung ins entgegengesetzte Extrem. Man wird wohl gerade
auch der Stickstoffindustrie weit radikaler zu Leibe gehen, als das
in meinen Plnen lag. Jedenfalls aber glaube ich, da der Typ des
gemischtwirtschaftlichen Betriebs, wie ich ihn bei den Reichswerken
fr das Zusammenwirken von Reich und privatem Unternehmertum in
einem einheitlichen Betrieb geschaffen habe, den Vorzug vor manchen
anderen Formen der Sozialisierung verdient. Er sichert dem Reich die
Kontrolle des Betriebs und den Vorteil aus Preiserhhungen, die in den
Produktionskosten nicht begrndet und nur infolge der monopolartigen
Stellung des Unternehmens oder auf Grund von Preiskonventionen erzielbar
sind; er lt auf der andern Seite dem privaten Unternehmer weitgehende
Freiheit in der Gestaltung des Betriebs und einen starken Anreiz, durch
Vervollkommnung von Technik und Organisation, die ihm allein gestattet,
seinen Gewinn zu steigern, die Produktion zu verbilligen.

Ich habe die Stickstoff-Angelegenheit eingehender dargestellt einmal
wegen ihrer groen Wichtigkeit fr die Kriegfhrung und die Abwehr
der Hungersnot, dann als Beispiel dafr, wie ich die Aufgabe der
Reichsfinanzverwaltung auffate. In hnlicher Weise bin ich auf
verwandten Gebieten vorgegangen. Das Bettigungsfeld, das ich vorfand,
war allerdings dadurch stark eingeengt, da in den fnf Kriegsmonaten,
die vor dem Beginn meiner Amtsfhrung lagen, die Zivilbehrden, und
mehr als alle andern das Reichsschatzamt, die Initiative auf den
die Kriegfhrung berhrenden wirtschaftlichen Gebieten der sehr
tatkrftigen Kriegsrohstoffabteilung des Kriegsministeriums berlassen
hatten, die dann, ohne sich viel um die Zivilressorts zu kmmern,
ihren Weg ging. Da auerdem das Kriegsministerium, unbehindert durch
irgendwelchen Widerspruch, das Recht fr sich in Anspruch genommen
hatte, ber die vom Reichstag fr die Zwecke des Krieges bewilligten
Kredite frei zu verfgen, ohne fr die einzelnen Ausgaben die
Zustimmung der Reichsfinanzverwaltung einzuholen, so fehlte es dem
Reichsschatzamt sogar an einer vollstndigen bersicht ber das, was
im Kriegsministerium auf diesem fr die deutsche Volkswirtschaft
und die Reichsfinanzen so wichtigen Gebiete unternommen wurde.
Der Krieg, der rasches Handeln fordert, duldet keine Verzgerung
dringender Entschlsse durch das Aufwerfen und Durchkmpfen von
Kompetenzkonflikten. Ich suchte deshalb die notwendige Fhlung und
Zusammenarbeit auf gtlichem Wege und durch die Bereitwilligkeit zu
positiver und aktiver Mitarbeit herzustellen, wie sie meine Behrde
in der Stickstoff-Angelegenheit geleistet hatte. Ich fand hierfr
sowohl bei den Leitern des Kriegsministeriums wie auch bei der
Kriegsrohstoffabteilung Verstndnis. Von den spter im Einvernehmen und
Zusammenarbeiten mit der Heeresverwaltung in Angriff genommenen Aufgaben
erwhne ich die Schaffung einer groen deutschen Aluminiumindustrie auf
Grund der whrend des Krieges entwickelten neuen Verfahren, die eine
wirtschaftliche Herstellung von Aluminium auch aus deutscher Tonerde
gestatten, whrend bis dahin nur das aus dem Ausland, hauptschlich aus
Frankreich, bezogene Bauxit als verwendbar galt. Ich habe den Abschlu
der schwierigen Verhandlungen infolge meines bertritts zum Reichsamt
des Innern allerdings meinem Nachfolger im Reichsschatzamt berlassen
mssen.

Erwhnen mchte ich ferner die Mitwirkung des Reichsschatzamts bei der
Schaffung der Handels-U-Boote, von denen die Deutschland vor dem
Ausbruch des Krieges mit den Vereinigten Staaten zwei erfolgreiche
Fahrten nach Amerika gemacht hat, whrend ihr Schwesterschiff, die
Bremen, auf der ersten Reise verschollen ist.

Die enorme Knappheit und Teuerung von Kautschuk, Nickel und einigen
anderen Stoffen, von denen fr Kriegszwecke an sich nicht sehr
erhebliche Mengen, diese aber unbedingt erforderlich waren, veranlaten
mich, bei der Marine Erkundigungen darber einzuziehen, ob nicht U-Boote
fr die Heranfhrung dieser Stoffe verwendet werden knnten. Ich dachte
zunchst an eine bernahme der Materialien von neutralen Schiffen auf
hoher See. Dieser Weg erwies sich technisch und auch in Rcksicht
auf die mit allen Mitteln arbeitende englische berwachung als nicht
gangbar. Der vergrerte Aktionsradius unserer U-Boote, der sich in
Fahrten durch die Strae von Gibraltar nach Konstantinopel so glnzend
bewhrt hatte, lie mich die Frage aufwerfen, ob nicht ein Anlaufen
amerikanischer Hfen, in denen Kautschuk und Nickel bereitgestellt
werden konnten, durch U-Boote, die ad hoc zu desarmieren gewesen
wren, sich ermglichen lassen wrde. Auch dieser Gedanke stie auf
Schwierigkeiten; einmal war nicht mit Sicherheit vorauszusehen, ob die
Vereinigten Staaten ursprnglich als Kriegsfahrzeuge gebaute U-Boote als
Handelsschiffe anerkennen und behandeln wrden; vor allem aber erklrte
Herr von Tirpitz, von den groen und leistungsfhigen U-Booten keines
entbehren zu knnen. Es blieb also nur brig, U-Boote von vornherein als
Handelsschiffe zu bauen.

Meine Gedanken begegneten sich mit denen des Bremer Grokaufmanns
Lohmann, der mich Anfang September 1915 besuchte. Lohmann lie auf
Grund unserer Unterhaltung von der Weserwerft in Bremen Plne fr ein
Handelstauchboot konstruieren. Die Plne waren Anfang Oktober fertig und
wurden dem Reichsmarineamt vorgelegt, dessen Einverstndnis wegen der
mglichen Konkurrenz mit dem Bau von Kriegstauchbooten erforderlich war.
Es ergab sich, da zu gleicher Zeit auf Veranlassung der Firma Krupp
die Germaniawerft in Kiel Plne fr ein Handelstauchboot ausgearbeitet
hatte. Die Plne der Germaniawerft sahen eine grere Tonnage vor;
auerdem konnte die Germaniawerft fr zunchst zwei Handelstauchboote
eine Fertigstellung schon fr April und Mai 1916 in Aussicht stellen.

Risiko und Gewinnaussichten des Unternehmens waren ungewhnlich gro.
Das Risiko wurde dadurch erleichtert, da sich die Firma Krupp bereit
erklrte, eines der beiden U-Boote unentgeltlich zur Verfgung zu
stellen lediglich unter der Bedingung, da dieses U-Boot auf seinen zwei
ersten Reisen gegen Zahlung einer hoch bemessenen Fracht eine bestimmte
Menge Nickel, die fr Krupp in Amerika lagerte, nach Europa befrdere.

Zur Durchfhrung des Unternehmens wurde zwischen Herrn Lohmann und mir
die Grndung der Deutsche Ozean-Rhederei G. m. b. H. vereinbart. Das
Reich nahm der Gesellschaft das Risiko ab und behielt sich andererseits
die groen Gewinnaussichten vor.

Im Juni 1916 konnte die Deutschland in aller Stille ihre erste Reise
antreten. Das Geheimnis war vollstndig gewahrt worden. Die Ankunft
der U-Deutschland in Baltimore am 10. Juli erregte in der ganzen Welt
Sensation. Die englische Anzweifelung des Charakters der U-Deutschland
als Handelsschiff fand keinerlei Handhabe. Die Rckreise vollzog sich
ungestrt.

Auf der Ausreise hatte die U-Deutschland Farbstoffe geladen, deren
Verkauf in Amerika einen Reingewinn in der mehrfachen Hhe des
Einstandspreises des Tauchbootes erbrachte. Auf der Rckfahrt nahm das
Tauchboot mehrere hundert Tonnen Kautschuk und Nickel mit. Allein die
Differenz zwischen dem Einstandspreis des Kautschuks und dem Preis, der
damals in Deutschland fr Kautschuk bezahlt werden mute, erreichte eine
stattliche Anzahl von Millionen und bertraf noch erheblich den Gewinn
der Ausfahrt. Vor allem aber war durch die eine Reise der dringende
Heeresbedarf an Rohgummi und Nickel fr eine grere Anzahl von Monaten
gedeckt.

Es wurde, noch ehe die U-Deutschland zurckgekommen war, der Bau von
weiteren sechs Tauchbooten beschlossen. Die Kosten waren im voraus
durch den Gewinn der ersten Reise gedeckt. Die neuen U-Boote kamen als
Handelsschiffe nicht mehr zur Verwendung. Vor ihrer Fertigstellung
erfolgte der Bruch zwischen der Union und Deutschland. Die Schiffe
wurden nun als Kriegstauchboote ausgebaut.


                      Kriegskosten und Sparsamkeit

Neben der ttigen Mitarbeit an der Durchfhrung kriegsnotwendiger
Manahmen und Unternehmungen durfte die Sparsamkeit in der
Ausgabewirtschaft nicht vernachlssigt werden. Die tglichen
Nachweisungen ber die Inanspruchnahme der Reichshauptkasse waren in
ihren gewaltigen Ziffern, die immerzu den Drang nach oben zeigten, eine
immer wiederkehrende Mahnung.

Als ich das Reichsschatzamt bernahm, beliefen sich die bis dahin --
also in den ersten sechs Monaten des Krieges -- entstandenen Ausgaben
auf rund 8650 Millionen Mark. Der Monat August hatte infolge der
auerordentlichen Ausgaben fr die Mobilmachung allein 2047 Millionen
beansprucht, der September eine Ausgabe von 970 Millionen Mark, --
er blieb der einzige Kriegsmonat, dessen Ausgaben den Betrag einer
Milliarde nicht berschritten. Schon der Oktober hatte eine Steigerung
der Kriegsausgaben auf 1262 Millionen Mark gebracht. Die Ausgaben des
Januar 1915 schlossen mit 1545 Millionen ab. Fr den Februar war ein
hnlicher Betrag, fr den Mrz ein bereits erheblich hherer Bedarf
angemeldet. In der Tat haben die Ausgaben des Mrz den Betrag von 2
Milliarden Mark noch um 35-1/2 Millionen berschritten und damit die
Kosten des Mobilmachungsmonats nahezu erreicht.

Bei allem meinem Vertrauen in die finanzielle Kraft Deutschlands
erfllte mich diese Steigerung mit ernster Sorge. Die erste
Kriegsanleihe hatte rund 4-1/2 Milliarden erbracht. Aber wenn auch diese
Summe das Ergebnis aller bisher dagewesenen Anleiheoperationen weit
bertraf, so deckte sie doch nur etwa die Kriegsausgaben der ersten drei
Monate und nur etwas mehr als das Doppelte der Kriegsausgaben des einen
Monats Mrz 1915. Als ich am 1. Februar 1915 das Schatzamt bernahm,
waren an unverzinslichen Schatzanweisungen bereits wieder 4365 Millionen
Mark im Umlauf, und dieser Umlauf stieg bis Ende Mrz 1915 auf 7209
Millionen Mark. Auch wenn man fr die im Mrz 1915 aufgelegte zweite
Kriegsanleihe ein noch wesentlich hheres Ergebnis erwartete, als es die
erste Kriegsanleihe erbracht hatte, mute man bei einem weiteren Steigen
der monatlichen Kriegsausgaben mit einem fr das finanzielle Durchhalten
verhngnisvollen Anschwellen der Begebung von Schatzanweisungen
und damit -- da die Reichsbank der Hauptabnehmer war -- mit einem
lawinenartigen Anwachsen des Notenumlaufs, einer schrittweisen
Wertverringerung unseres Geldes und einer entsprechenden Steigerung des
allgemeinen Preisniveaus rechnen. Nur die peinlichste Sparsamkeit konnte
einer solchen Entwicklung entgegenwirken.

Es war mir wie aller Welt bekannt, da in den ersten Wochen nach
Kriegsausbruch die mit der Beschaffung von Heeresbedarf aller Art
betrauten Stellen der Heeresverwaltung keineswegs berall sachgem
vorgegangen waren, sondern vielfach geradezu kopflos gehandelt hatten.
Der dringende Bedarf gewaltigen Umfangs fr Ausrstung und Verpflegung
unserer Truppen scheint in manchen darauf nicht vorbereiteten
Bureaus geradezu eine Panik erzeugt zu haben. Unter dem Druck der
Beschaffungsnotwendigkeit kam es zu der von mir spterhin berall
auf das Schrfste bekmpften Parole: Geld spielt keine Rolle; es
ist vorgekommen, da den Lieferanten hhere Preise angeboten worden
sind, als sie ihrerseits zu fordern sich fr berechtigt hielten. Unter
dem gleichen Drucke haben manche Beschaffungsstellen, statt mit dem
Produzenten oder dem regulren Handel in Verbindung zu treten, sich mit
Gelegenheits-Zwischenhndlern belster Sorte, wie der Krieg sie gleich
Pilzen aus dem Boden schieen lie, in Geschfte eingelassen, die das
Reich ber Gebhr belasteten und nicht die erforderliche Gewhr fr
eine sachgeme Lieferung boten. Auch die Organisation der Beschaffung
des Heeresbedarfs lie manches zu wnschen brig; es kam vor, da sich
verschiedene Beschaffungsstellen gegenseitig Konkurrenz machten und
sich, ohne es manchmal selbst zu wissen, die Preise in die Hhe boten.

In allen diesen Punkten war zu Anfang des Jahres 1915 bereits vieles
besser geworden. Nach der Aufregung und dem Durcheinander der ersten
Mobilmachungszeit war Ruhe und Ordnung wieder eingekehrt. Die
Organisation der Beschaffung war vervollkommnet worden. Namentlich
auf dem Gebiete der Beschaffung von Nahrungs- und Futtermitteln
fr die Armee hatte die schon im Laufe des August 1914 ins Leben
gerufene Zentralstelle fr Heeresverpflegung fr eine sachgeme
und einheitliche Behandlung dieses gewaltigen Einkaufsgeschftes
gesorgt. Auch auf den brigen Gebieten wurden neue Vertrge grndlich
geprft und eine Nachprfung der alten Vertrge in die Wege geleitet,
der Gelegenheits-Zwischenhandel nach Mglichkeit ausgeschaltet und
direkte Abschlsse mit den Produzenten angestrebt. Es war natrlich
fr die Finanzverwaltung unmglich, alle die Abschlsse und Geschfte
der Heeresverwaltung im einzelnen mitzubearbeiten oder auch nur zu
kontrollieren; dazu htte ein Heer von Beamten gehrt, ber das ich
nicht verfgte und das in den Verhltnissen des Krieges auch nicht
zu beschaffen war; auerdem htte der Versuch zu einer kaum zu
verantwortenden Erschwerung und Verschleppung der meist dringlichen
Geschfte gefhrt. Es blieb also nur eine allgemeine Einwirkung im
Sinne einer zweckmigen Organisation und sachgemen Behandlung der
Beschaffung des Heeresbedarfs, sowie die Mitarbeit bei einzelnen
wichtigen Vertrgen und die Kontrolle durch gelegentliche Stichproben.

Darber hinaus betrachtete ich es als meine Aufgabe, die magebenden
militrischen Stellen von der zwingenden Notwendigkeit einer eisernen
Sparsamkeit zu berzeugen. Der verhngnisvolle Grundsatz: Geld spielt
keine Rolle mute vom Kopfe her ausgebrannt werden. Nachdem ich eine
hinreichende bersicht ber die Verhltnisse gewonnen hatte, reiste
ich Ende April 1915 in das Groe Hauptquartier, um dort mit dem Chef
des Generalstabs, dem Kriegsminister, dem Generalquartiermeister
und dem Generalintendanten des Feldheeres ber die Mglichkeiten
der Erzielung von Ersparnissen zu beraten. Wir kamen in mehrtgiger
Beratung zu dem Ergebnis, da sowohl bei den sachlichen wie namentlich
auch bei den persnlichen Ausgaben eine strengere Sparsamkeit
sich ohne Beeintrchtigung der Kriegfhrung durchfhren lasse.
Insbesondere die offensichtlich auf einen kurzen Krieg zugeschnittene
Kriegsbesoldungsordnung und ihre Anwendung bot Spielraum zu
geldersparenden Korrekturen. Aber auch in der Materialwirtschaft wurde
vielfach noch gar zu sehr aus dem Vollen geschpft. Ich konnte in dieser
Beziehung aus meinen Besuchen an der Front und vor allem aus einer
Besprechung mit dem frheren Kriegsminister, General von Einem, damals
Fhrer der Champagne-Armee, wertvolle Anregungen gewinnen.

Da meine Bemhungen nicht ganz ohne Erfolg waren, zeigt die Entwicklung
der Kriegsausgaben. Ich habe das Schatzamt verwaltet vom 1. Februar
1915 bis zum 1. Juni 1916. Die Ausgaben im Mrz 1915 stellten sich,
wie ich bereits erwhnte, auf 2035,5 Millionen Mark. In den meisten
der folgenden Monate blieben die Ausgaben hinter dem Betrage von
2 Milliarden Mark zurck. Im Mrz 1916 beliefen sie sich auf 2059
Millionen, also nur wenig hher, als ein Jahr zuvor. Die folgenden
Monate April und Mai erforderten 1,884 und 2,008,5 Milliarden Mark.
Die Ausgaben sind also in den sechzehn Monaten meiner Verwaltung
nicht irgendwie nennenswert weiter angewachsen: und dieses Ergebnis
ist erzielt worden trotz der Ausdehnung der Kriegsschaupltze, trotz
der weiteren Vermehrung des Effektivbestandes unserer Truppen, trotz
der gestiegenen Preise fr Nahrungsmittel und Rohstoffe und trotz der
starken Ausdehnung der Fabrikation von Kriegsgert und Munition.

Ich mu dabei hervorheben, da ich niemals auch nur in einem
einzigen Fall Wnschen oder Absichten des Kriegsministeriums auf
Beschaffung von Kriegsgert oder Munition entgegengetreten bin. Die
Beurteilung des in dieser Beziehung fr die erfolgreiche Fhrung des
Krieges Notwendigen konnte ich um so beruhigter der ausschlielichen
Verantwortung der zustndigen militrischen Stellen berlassen, als
die an mich herantretenden Antrge den Rahmen unserer finanziellen
und wirtschaftlichen Leistungsfhigkeit in jener ersten Phase des
Krieges nicht berschritten. Nur ein einziges Mal bin ich als
Reichsschatzsekretr in die Lage gekommen, einer unsere militrische
Ausrstung betreffenden Absicht Widerspruch entgegensetzen zu mssen,
und dieser eine Fall ging nicht das Landheer an, sondern die Marine. Im
Herbst 1915 wollte das Reichsmarineamt auf kaiserliche Anordnung fr
einen gesunkenen Kreuzer ein groes modernes Schlachtschiff in Auftrag
geben. Bei der auf drei bis vier Jahre veranschlagten Bauzeit war die
Wahrscheinlichkeit, da dieser kostspielige Neubau noch fr den Krieg
von Nutzen sein knnte, zum mindesten zweifelhaft. Auerdem htte der
Neubau groe Anforderungen an die knappen Arbeitskrfte und Materialien
gestellt und diese dem fr alle Eventualitten notwendigen U-Bootbau
entzogen. Infolgedessen verweigerte ich meine Zustimmung und der Neubau
unterblieb. Im brigen habe ich den verantwortlichen militrischen
Behrden fr die Ausrstung des Heeres mit Kriegsgert und Munition
durchaus freien Spielraum gelassen; in wichtigen Fllen, so in der Frage
der Stickstoffbeschaffung und der Handelstauchboote, bin ich aus eigener
Initiative, ohne militrische Antrge abzuwarten, mit Manahmen und
Ausgaben vorgegangen, die der Kriegfhrung wesentlich zugutekamen.

Ich stelle diesen Sachverhalt hier fest, um einer Legendenbildung
entgegenzutreten, die sich spter, zur Zeit der Beratung des Gesetzes
ber den vaterlndischen Hilfsdienst, herausgebildet hat. Damals
wurde ausgestreut -- ich habe nicht ermitteln knnen, von welcher
Seite -- die unbefriedigenden Zustnde in der Munitionserzeugung,
die sich um die Mitte des Jahres 1916 herausgestellt hatten, seien
auf Geldverweigerungen des Reichsschatzamts zurckzufhren. Ich habe
damals schon im Hauptausschu des Reichstags in Gegenwart der Vertreter
der fr die Munitionsbeschaffung zustndigen militrischen Stellen
dieselbe Feststellung gemacht wie hier, da in keinem einzigen Fall
die Beschaffung von Kriegsgert und Munition durch ein Eingreifen des
Schatzamtes verhindert oder auch nur verzgert worden ist. Auf die
tatschlichen Zustnde in der Munitionserzeugung um die Mitte des Jahres
1916 komme ich weiter unten im Zusammenhang mit dem Vaterlndischen
Hilfsdienst zurck.


                           Die Kriegsanleihen

Die ungeheuren Kosten des Krieges, die bisher in der Geschichte der
Vlker auch nicht annhernd ihresgleichen hatten -- berschritt
doch bereits im Jahre 1915 die durchschnittliche Monatsausgabe
Deutschlands die deutschen Gesamtaufwendungen fr den Krieg von 1870/71
-- stellten die Finanzpolitik der kriegfhrenden Vlker vor ganz
neue Aufgaben und Probleme. Der gesamte Umlauf an metallischen und
papiernen Zahlungsmitteln in Deutschland bewegte sich vor dem Kriege
zwischen 4 und 5 Milliarden Mark. Der Krieg machte schon im Jahre 1915
die monatliche Beschaffung und Verausgabung von 2 Milliarden Mark
erforderlich, ein Betrag, der gegen Ende des Krieges auf nahezu 5
Milliarden Mark angewachsen ist. Das gesamte jhrliche Volkseinkommen
Deutschlands hatte vor dem Kriege einen Betrag von 42 bis 45 Milliarden
Mark erreicht. Die Kriegsausgaben des Jahres 1915 stellten sich
auf rund 23 Milliarden Mark, die Kriegsausgaben des Jahres 1918 auf
50,2 Milliarden Mark. Diese Gegenberstellung lt ermessen, was die
Beschaffung und Verausgabung der fr den Krieg erforderlichen Gelder fr
die deutsche Finanzwirtschaft und Volkswirtschaft bedeutete.

Drei grundstzlich verschiedene Wege standen den kriegfhrenden Staaten
zur Aufbringung der Mittel fr die Kriegfhrung zur Verfgung und sind
von allen kriegfhrenden Staaten gleichzeitig benutzt worden, allerdings
in verschiedenem Mae und in einem sich whrend des Krieges erheblich
verschiebenden Verhltnis:

1. Die Schaffung neuer Kaufkraft zugunsten des Staates im Weg
des unmittelbaren Druckes von Papiergeld oder der Begebung von
Schatzanweisungen gegen die Ausgabe neuer Banknoten oder gegen die
Schaffung neuer Guthaben.

2. Die Aneignung vorhandener Kaufkraft durch den Staat im Wege der
Begebung von Anleihen gegen vorhandene Zahlungsmittel.

3. Die Aneignung vorhandener Kaufkraft durch den Staat im Wege der
Erhebung von Steuern.

Der erste Weg ist der bequemere aber gefhrlichere; der zweite und
namentlich der dritte Weg ist schwieriger aber gesunder. Der erstere
Weg fhrt notwendigerweise zu einer sich fortgesetzt steigernden
berfllung des Verkehrs mit Zahlungsmitteln (Inflation) und zu einer in
der sich berstrzenden Steigerung aller Preise zum Ausdruck kommenden
Entwertung des Geldes. Der zweite Weg vermeidet diese Gefahr, aber er
belastet, ebenso wie der erste, die Zukunft. Der dritte Weg schlielich,
der sowohl die Inflation, wie auch die Belastung der Zukunft vermeidet,
fhrt ber solche Widerstnde und Hemmungen wirtschaftlicher und
politischer Natur, da kein kriegfhrender Staat auf diesem Wege allein
seinen Kriegsbedarf auch nur annhernd hat decken knnen.

Alle kriegfhrenden Staaten sahen sich zunchst auf den Weg der
Schaffung neuer Kaufkraft fr den Kriegsbedarf gedrngt. In der
Hauptsache nahmen sie ihre Zentralbanken durch die Diskontierung
kurzfristiger Schatzscheine gegen Noten oder Gutschrift in Anspruch. Sie
konnten nicht anders; denn die gewaltigen Zahlungen fr die Mobilmachung
muten geleistet werden, whrend die Geldmrkte in der ersten Panik die
schwerste Klemme durchmachten, also Bargeld nicht nur nicht abgeben
konnten, sondern fr sich selbst bentigten.

Hunderte von Millionen, ja Milliarden neuen Geldes ergossen sich also
in den ersten Wochen des Krieges ber die Volkswirtschaft. Alles, was
fr das Heer zu liefern hatte, wurde bar bezahlt. Auf dem Wege ber
die Arbeitslhne und die Gebhrnisse fr Offiziere und Mannschaften
drang der neue Geldstrom bis in die kleinsten Kanle des Verkehrs.
Die Geldklemme der ersten Kriegstage wurde bald durch eine wachsende
Geldflssigkeit abgelst. Wenn einer bedenklichen Inflation vorgebeugt
werden sollte, dann mute durch eine nderung der Geldbeschaffung der
allzu reichlich flieende Quell der papiernen Scheine verstopft und die
Hochflut neuer Zahlungsmittel aufgesaugt werden.

Die Begebung langfristiger Anleihen und die Ausschreibung neuer Steuern
standen zu diesem Zweck zur Verfgung.

Man whlte bei uns den Weg der Anleihe (September 1914) und erzielte
mit einem Zeichnungsergebnis von fast 4-1/2 Milliarden Mark den bereits
geschilderten Erfolg.

Als ich das Schatzamt Anfang Februar 1915 bernahm, war der Etatsentwurf
fr das kommende Rechnungsjahr im wesentlichen fertiggestellt. Es war
darin ein neuer -- dritter -- Kriegskredit von abermals 5 Milliarden
Mark vorgesehen, den ich auf 10 Milliarden Mark erhhte. Steuern waren
nicht vorbereitet. Der Reichsbankprsident schlug mir fr den Mrz die
Ausgabe einer zweiten Kriegsanleihe vor.

Mit dieser Situation hatte ich mich zunchst abzufinden. Steuergesetze
lassen sich nicht aus dem rmel schtteln, namentlich nicht in einem
Bundesstaat. Bis zum Zusammentritt des Reichstags standen nur wenige
Wochen zur Verfgung. Da der Reichsetat in seinen ordentlichen
Einnahmen und Ausgaben infolge der bernahme der gesamten Ausgaben fr
Heer und Marine auf den Kriegsfonds balancierte, ja sogar noch die
Aufrechterhaltung der planmigen Schuldentilgung gestattete, konnte
die recht schwierige und umstrittene Frage der Kriegssteuern fr dieses
Mal auf sich beruhen bleiben. Um so mehr kam es darauf an, die Anleihe
zu einem vollen Erfolge zu fhren.

Der Erfolg unserer ersten Kriegsanleihe und ihre Kursentwicklung
nach der Zeichnung -- der Kurs stieg alsbald ber den Ausgabekurs
von 97-1/2% und erreichte zeitweise 100% -- hatten gezeigt, da die
Anleihebedingungen richtig gegriffen waren. Ein Vergleich mit England,
dem einzigen kriegfhrenden Staat, der auer uns schon im Jahre 1914
mit einer groen Anleihe an das Publikum herantrat, mute diesen
Eindruck besttigen. Bei uns hatte man sich sofort entschlossen, den
Kriegsverhltnissen durch die Gewhrung einer 5%igen Verzinsung Rechnung
zu tragen. England, das zwei Monate nach uns, im November 1914, eine
Anleihe im Betrage von 350 Millionen Pfund Sterling auflegte, gewhrte
nur eine 3-1/2%ige Verzinsung bei einem Ausgabekurs von 95%. Die Anleihe
wurde vom Publikum nicht voll genommen; die englischen Grobanken
muten sich am letzten Zeichnungstage unter dem sanften Druck der
britischen Regierung entschlieen, 100 Millionen fr sich zu bernehmen,
um wenigstens den Anschein eines Erfolges zu retten. Der Kurs der
Anleihe ging alsbald unter den Ausgabekurs (95%) und sank im Frhjahr
1915 bis 87-1/2% herab. Der Mierfolg war eingetreten, obwohl die Bank
von England den Zeichnern weit grere Erleichterungen gewhrte, als
unsere Darlehnskassen. Die Bank von England erklrte sich bereit, die
Kriegsanleihe sofort bis zur vollen Hhe des Ausgabekurses zu einem Satz
von 1% unter Bankdiskont zu bevorschussen, whrend unsere Darlehnskassen
Beleihungen nur bis zu 75% und zu einem Satz von 1/4% ber Bankdiskont
vornahmen.

Sowohl der eigene Erfolg wie der britische Mierfolg konnten uns
also nur bestrken, an dem im September 1914 gewhlten Anleihetyp
festzuhalten. Das war auch die Meinung aller Sachverstndigen aus der
Bankwelt, den Sparkassen und Genossenschaften, mit denen ich mich
alsbald nach bernahme des Schatzamtes in Verbindung setzte.

Notwendig erschien aber eine weitere Ausgestaltung der Werbettigkeit.
Der Ertrag der ersten Anleihe von 4-1/2 Milliarden Mark mute, um
unsere Kriegsfinanzen flottzuerhalten, ganz erheblich bertroffen
werden. Dazu war es erforderlich, das deutsche Volk in seiner Gesamtheit
fr die Anleihe zu interessieren. Es gilt -- so habe ich in meiner
Antrittsrede im Reichstag ausgefhrt -- dem ganzen Volk klarzumachen,
da dieser Krieg mehr als irgendein anderer zuvor nicht nur mit
Blut und Eisen, sondern auch mit Brot und Geld gefhrt wird. Fr
diesen Krieg gibt es nicht nur eine allgemeine Wehrpflicht, sondern
eine allgemeine Sparpflicht und eine allgemeine Zahlpflicht. Der
Verschwender notwendiger Lebensmittel und der Mammonsknecht, der sich
nicht von seinem Gelde trennen kann, ist um kein Haar besser als der
Deserteur, der sich seiner Wehrpflicht entzieht. Unser Ruf, der Ruf der
finanziellen Kriegsleitung, geht an alle, an Gro und Klein, und Schande
ber jeden, der sich taub stellt!

Der Gedanke der finanziellen Wehrpflicht mute hunderttausendfltig
den Kpfen eingehmmert werden. Das war durch einige Ministerreden
allein nicht zu erreichen, auch wenn diese von dem Standort der grten
Publizitt, der Tribne des Reichstags, gehalten wurden. Es bedurfte
vielmehr einer weitverzweigten, wohlgegliederten und engmaschigen
Organisation ber das ganze deutsche Land. In dieser Beziehung muten
die im September 1914 geschaffenen Anfnge ausgebaut werden.

Zunchst wurde der Kreis der Zeichnungsstellen erweitert; neben den
Banken, Sparkassen und Versicherungsgesellschaften wurden smtliche
Kreditgenossenschaften und Postanstalten als Zeichnungsstellen aufgetan.
Dann wurde im Zusammenwirken mit den Landesregierungen die Aufklrungs-
und Werbearbeit organisiert: die Landrte, die Gemeindevorsteher, die
Geistlichen, die Lehrer, nicht zum wenigsten die Zeitungen wurden fr
diese Arbeit mobilgemacht. Merkbltter, die alles Wissenswerte ber
die Kriegsanleihen enthielten, wurden in Millionen von Exemplaren
verbreitet; Mustervortrge und fr die Werbearbeit in Betracht kommendes
Material wurden den rtlichen Propagandaorganisationen berwiesen. Es
war fr den Reichsbankprsidenten und fr mich eine Freude zu sehen,
mit welchem patriotischen Eifer berall die Werbettigkeit aufgenommen
wurde, und wie sich allerorten freiwillige Mitarbeiter zur Verfgung
stellten.

Der Erfolg bertraf alle Erwartungen.

Die zweite Kriegsanleihe erbrachte ein Ergebnis von 9100 Millionen Mark,
also mehr als den doppelten Ertrag der ersten Kriegsanleihe.

Die im September 1915 ausgegebene dritte Kriegsanleihe erzielte sogar
einen noch greren Erfolg: der gezeichnete Betrag erreichte die Summe
von 12160 Millionen Mark.

Insgesamt wurden also im Jahre 1915 rund 21260 Millionen Mark auf dem
Anleiheweg aufgebracht, whrend die Kriegskosten des Jahres 1915 sich
auf 22965 Millionen beliefen. Die Kriegskosten des Jahres 1915 wurden
also bis auf einen nicht erheblichen Bruchteil durch den Ertrag der
Anleihen des Jahres 1915 gedeckt. Fr die zweite Hlfte des Jahres 1915
war das Verhltnis noch gnstiger: die Kriegsausgaben stellten sich auf
12091 Millionen, der Ertrag der Kriegsanleihe auf 12160 Millionen.

Als die Zeichnungsfrist der dritten Kriegsanleihe Ende September
1915 ablief, waren an kurzfristigen Schatzanweisungen begeben rund
10 Milliarden Mark. Der Ertrag der dritten Kriegsanleihe bertraf
diese Summe um rund 2 Milliarden Mark. Die Belastung des Reiches mit
kurzfristigem Kredit war also durch die dritte Kriegsanleihe vollstndig
abgebrdet.

Die vierte Kriegsanleihe, die letzte in meiner Amtszeit als
Reichsschatzsekretr, zeigte allerdings gegenber der dritten einen
leichten Rckgang: sie ergab 10768 Millionen Mark, also rund 1400
Millionen Mark weniger als die dritte, aber immer noch 1668 Millionen
mehr als die zweite Kriegsanleihe. Das Ergebnis war zweifellos
beeintrchtigt worden durch den damals heftige Formen annehmenden Streit
um den U-Bootkrieg und den in die Zeichnungsperiode fallenden Rcktritt
des Groadmirals von Tirpitz. Dem Ertrag der vierten Kriegsanleihe
standen gegenber die Kriegsausgaben des ersten Halbjahrs 1916 mit
rund 11750 Millionen Mark. Die Kriegsausgaben waren also in diesem
Halbjahr um rund eine Milliarde Mark hher als der Anleiheertrag. Als
Ende Mrz 1916 die Zeichnungsfrist auf die vierte Kriegsanleihe ablief,
stellte sich der Betrag der vom Reich ausgegebenen kurzfristigen
Schatzanweisungen auf 10400 Millionen Mark. Das Zeichnungsergebnis der
vierten Kriegsanleihe mit 10768 Millionen Mark deckte also auch dieses
Mal noch den Betrag der ausstehenden Schatzanweisungen.

Als ich am 31. Mai 1916 das Schatzamt verlie, stellten sich die
Kriegsausgaben des Reiches auf rund 39780 Millionen Mark. Davon waren
durch die vier Kriegsanleihen gedeckt rund 36 Milliarden Mark.

Kein anderer kriegfhrender Staat hat eine auch nur annhernd gleich
erfolgreiche Anleihepolitik durchzufhren vermocht.

England sah sich nach dem ungengenden Erfolg seiner ersten
Kriegsanleihe vom November 1914 zunchst zur Geldbeschaffung im Wege
des kurzfristigen Kredits gentigt. Im Juni 1915 legte es eine zweite
langfristige Anleihe auf, dieses Mal mit einer nominellen Verzinsung
von 4-1/2%. Whrend man in Deutschland whrend des ganzen Krieges
bei der von Anfang an gewhlten 5%igen Verzinsung bleiben konnte,
war England also gezwungen, bereits bei der zweiten Kriegsanleihe
einen um 1% hheren Zinssatz zu gewhren als bei der ersten. Es hat
spterhin bei der dritten Anleihe im Februar 1917 auf 5% gehen und einen
Emissionskurs von 95% anbieten mssen, whrend Deutschland bis zuletzt
fr seine gleichfalls 5%igen Kriegsanleihen einen Ausgabekurs von 98%
festhalten konnte. Die englische Kriegsanleihe vom Juni 1915 wurde dem
Publikum durch allerlei Reizmittel schmackhaft gemacht; so wurde dem
Publikum der Umtausch sowohl der ersten 3-1/2%igen Kriegsanleihe als
auch der 2-1/2%igen Konsols zu bestimmten gnstigen Stzen gegen die
neue 4-1/2%ige Kriegsanleihe unter der Bedingung der gleichzeitigen
Barzeichnung auf die neue Anleihe freigestellt; vor allem aber erhielten
die Zeichner die Berechtigung, fr den spter praktisch gewordenen
Fall der Ausgabe einer hher verzinslichen Anleihe die 4-1/2%igen
Stcke ohne weiteres gegen Stcke der neuen hher verzinslichen Anleihe
tauschen zu drfen. Trotz aller dieser Reizmittel erreichte die
Zeichnung, abgesehen von den Tauschstcken, nicht ganz 600 Millionen
Pfund Sterling. Um dieses Ergebnis zu erreichen, muten die Banken
200 Millionen bernehmen. Der Kurs der neuen Anleihe ging alsbald um
einige Prozent unter den Ausgabekurs zurck. Der Markt war durch die
verfehlte Operation derartig gestrt und das Schatzamt war durch das fr
die Zukunft zugestandene Konversionsrecht derartig behindert, da bis
zum Februar 1917 eine neue Anleiheoperation berhaupt nicht zustande
kam. Ende Mai 1916 hatte Deutschland 36 Milliarden Mark, England nur 19
Milliarden Mark durch die Begebung langfristiger Anleihen aufgebracht.
Und obwohl England, im Gegensatz zu Deutschland, damals schon die
Steuerschraube stark angezogen hatte, stellten sich seine kurzfristigen
Verbindlichkeiten auf nicht viel weniger als 20 Milliarden Mark, whrend
die unsrigen nur zwischen 4 und 5 Milliarden betrugen.

Frankreich kam erst im November 1916 mit einer Anleihe heraus. Sie
war mit einer 5%igen Verzinsung ausgestattet und wurde zum Kurs von
88% begeben. Ihr Ergebnis belief sich, abgesehen von dem auch hier
als Lockmittel zugelassenen Umtausch lterer niedriger verzinslicher
Anleihen, auf rund 13,7 Milliarden Franken, also um etwa auf 12
Milliarden Mark. Man kann annehmen, da Frankreich um die Mitte des
Jahres 1916 etwa zwei Drittel seiner Kriegskosten durch Inanspruchnahme
kurzfristiger Kredite und Darlehen seiner Zentralbank hatte decken
mssen.

Dabei waren sowohl England als auch Frankreich in einem Punkte
wesentlich gnstiger gestellt als wir: es stand ihnen die finanzielle
Untersttzung der Vereinigten Staaten von allem Anfang an in
wesentlich grerem Umfang zur Verfgung als uns. Die Sympathien der
amerikanischen Finanzwelt und des Publikums waren ganz vorwiegend auf
der Seite der Westmchte. Whrend England und Frankreich ohne jede
Schwierigkeit die gewnschten Kredite erhalten und im Herbst 1915 sogar
eine gemeinschaftliche Anleihe von 500 Millionen Dollar mit einem
amerikanischen Finanzkonsortium abschlieen konnten, hatten wir die
grten Schwierigkeiten, auch nur die bescheidensten Betrge in Amerika
aufzubringen. Gleich nach Beginn des Kriegs hatte die Reichsleitung den
frheren Staatssekretr des Reichskolonialamts, Herrn Dernburg, nach
Amerika geschickt, in der Hoffnung, durch seine Vermittlung in Amerika
Geldquellen erschlieen zu knnen. Aber auch seinen Bemhungen gelang
es nicht, etwas Nennenswertes zu erreichen. Bald nach meiner bernahme
des Reichsschatzamtes gelang es allerdings, durch ein Bankhaus zweiten
Ranges Schatzscheine wenigstens in dem bescheidenen Betrag von 10
Millionen Dollar unterzubringen. Aber bald mute der grte Teil davon
wieder zurckgekauft werden, um eine fr unsern Kredit bedenkliche
Entwertung zu verhindern.

Es ist spter gegen unsere Kriegsfinanzpolitik mitunter der Vorwurf
erhoben worden, sie habe versumt, Amerika rechtzeitig finanziell fr
uns zu interessieren, und es so geschehen lassen, da die Vereinigten
Staaten ein einseitiges Interesse an unsern Feinden genommen htten.
Der Vorwurf beruht auf einer Verkennung der wahren Sachlage. Als
im Mrz 1916 ein Abgeordneter im Hauptausschu des Reichstags mich
beglckwnschte, da ich den Geldbedarf fr den Krieg im Inland
decken knne und nicht, wie die Englnder und Franzosen, nach Amerika
gehen msse, da antwortete ich, da der Redner meine tugendhafte
Enthaltsamkeit berschtze, und da ich gern von Amerika Geld nehmen
wrde, wenn ich es nur bekommen knnte. Die Amerikaner haben im weiteren
Verlauf des Weltkriegs nicht etwa deshalb fr die Entente Partei
genommen, weil sie dieser Geld gegeben hatten und uns nicht, sie hatten
vielmehr der Entente Geld gegeben und nicht uns, weil sie von Anfang an
in diesem Vlkerringen mit ihren ganz berwiegenden Sympathien auf der
Seite der Westmchte standen.

Trotzdem wir so viel strker auf die eigne Kraft angewiesen waren als
unsre Feinde, gelang es uns, mit unsrer Anleihepolitik den geschilderten
Vorsprung zu gewinnen.

Aber auch bei uns in Deutschland hat sich die gnstige Situation,
die bei meinem Ausscheiden aus dem Schatzamt noch bestand, spterhin
stark verndert. Unter der Einwirkung der seit dem Herbst 1916 ins
Ungemessene wachsenden Kriegsausgaben hat sich, trotzdem jetzt das
Ertrgnis der Kriegssteuern hinzutrat, das gnstige Verhltnis
zwischen Kriegsausgaben und Anleihedeckung nicht aufrechterhalten
lassen; die Reichsfinanzverwaltung hat sich vielmehr von Halbjahr
zu Halbjahr immer weiter auf den bedenklichen Weg des kurzfristigen
Kredits und der Inanspruchnahme der Reichsbank abgedrngt gesehen.
Die Kriegsausgaben, die noch im August 1916 rund 1980 Millionen
betragen hatten, berschritten im Oktober 1916 erstmals die Summe von 3
Milliarden. Seit April 1917 sind sie niemals wieder unter 3 Milliarden
im Monat hinabgegangen, im Oktober 1917 berschritten sie den Betrag
von 4 Milliarden und haben sich seit jener Zeit mit einer Tendenz zur
weiteren Steigerung fast stndig ber dem Monatsbetrag von 4 Milliarden
bewegt. Im Oktober 1918 wurde die ungeheure Summe von 4,8 Milliarden
Mark erreicht. Einem Gesamtaufwand fr den Krieg von 23 Milliarden Mark
im Jahre 1915 steht ein solcher von mehr als 50 Milliarden im Jahre 1918
gegenber.

Mit diesem gewaltigen Anwachsen der Kriegsausgaben hielt die
Steigerung des Ergebnisses der Kriegsanleihen nicht Schritt. Den
hchsten Ertrag hat die achte Kriegsanleihe vom Mrz 1918 mit 15
Milliarden Mark erbracht; aber die durch diese Anleihe zu deckende
Halbjahresausgabe stellte sich auf wesentlich mehr als 20 Milliarden
Mark. Der Erls dieser Anleihe lie einen Betrag von 24 Milliarden
kurzfristiger Schatzanweisungen ungedeckt, whrend zwei Jahre zuvor
die vierte Kriegsanleihe die damals begebenen Schatzanweisungen noch
restlos abgedeckt hatte. Jetzt hat sich, nach den Mitteilungen der
Reichsfinanzminister Schiffer und Dernburg in der Nationalversammlung,
der Betrag der ausgegebenen Reichsschatzanweisungen und Reichswechsel
auf den ungeheuren Betrag von weit mehr als 60 Milliarden Mark erhht!

Vom Herbst 1916 an ist also die Deckung unserer Kriegsausgaben auf die
schiefe Ebene geraten und mit wachsender Beschleunigung abwrts gerollt.


                              Kriegssteuern

Diese im Herbst 1916 einsetzende bedenkliche Entwicklung unserer
Kriegsfinanzwirtschaft legt die Frage doppelt nahe, ob nicht frher und
in strkerem Mae, als es geschehen ist, neue Steuern zur Deckung der
Kriegsausgaben htten herangezogen werden sollen.

Heute, wo wir alle vom Rathaus kommen, wird diese Frage im Brustton der
berzeugung bejaht von Leuten, die im Rathause selbst noch ganz anderer
Meinung gewesen sind. Und diese Treppenklugheit erfreut sich des
allgemeinen Beifalls.

Steuern als Mittel zur Deckung des Kriegsbedarfs haben mit der
Aufbringung durch die Ausgabe langfristiger Anleihen den Vorteil
gemeinsam, da sie lediglich bereits vorhandene Kaufkraft aus
den Hnden Privater in die Hnde des Staates legen, da also die
Volkswirtschaft sich nicht den Gefahren der berflutung mit neuen
Zahlungsmitteln aussetzt; da ferner der Staat vor dem Damoklesschwert
der kurzfristigen Verbindlichkeiten gewaltigen Umfangs bewahrt bleibt.
Vor dem Anleiheweg hat der Steuerweg den Vorteil voraus, da er die
endgltige Lsung der Deckungsfrage darstellt, whrend die Anleihe die
Deckungsfrage fr Zinsen und Tilgung auf die Zukunft schiebt. Aber wenn
es schon in normalen Zeiten ein anerkannter Grundsatz der staatlichen
Finanzwirtschaft ist, da neben der Steuer auch die Anleihe, also das
Verschieben der Belastung auf die Zukunft, ihre Berechtigung hat, so
kann im Kriege der Vorzug der endgltigen Deckung erst recht nicht ohne
weiteres zugunsten der Steuern den Ausschlag geben. In der Tat hat
kein kriegfhrendes Land auf dem Steuerweg allein seinen Kriegsbedarf
aufgebracht oder auch nur einen erheblichen Teil seiner Kriegsausgaben
gedeckt. Auch England nicht. Die britischen Minister haben sich zwar
zu Anfang des Krieges auf die gute alte Tradition berufen, die Gelder
fr den Krieg soweit wie mglich durch Steuern zu beschaffen, was
sogar in den langen und kostspieligen napoleonischen Kriegen bis zu
45% der gesamten Kriegskosten gelungen war. Der Weltkrieg hat aber so
enorme finanzielle Ansprche gestellt, da auch England, so stark es
die Steuerschraube anzog, nur einen sehr bescheidenen Bruchteil der
Kriegskosten durch Kriegssteuern zu decken vermochte. Bis zum Ablauf des
Finanzjahres 1917/18 stellten sich die englischen Kriegskosten (ohne die
bei uns in Deutschland auf den ordentlichen Etat genommenen und durch
laufende Einnahmen gedeckten Zinsen der Kriegsanleihen) auf rund 120
Milliarden Mark, die steuerliche Deckung auf rund 15 Milliarden Mark[2]
gleich 12-1/2% der zu deckenden Kriegsausgaben. Dabei kamen von den 15
Milliarden Mark rund 7-1/2 Milliarden Mark, also die Hlfte, auf die
Kriegsgewinnsteuer.

  [2] Siehe =Prion=, Steuer- und Anleihepolitik Englands whrend des
      Krieges, S. 24.

Das Beispiel Englands zeigt also, wie bescheiden angesichts der enormen
Kosten des Weltkrieges das Ziel bei einer Finanzierung eines Teiles der
Kriegskosten durch Steuern gesteckt werden mute.

Dabei lagen bei uns in Deutschland die Verhltnisse fr die
Ausschreibung von Kriegssteuern ungleich ungnstiger als in England.

Schon die bundesstaatliche Verfassung des Reiches bedeutete
eine empfindliche Einschrnkung der Bewegungsfreiheit der
Reichsfinanzverwaltung. Die Bundesstaaten beanspruchten das Gebiet
der direkten Steuern als ihre Domne und setzten einem Hinbergreifen
des Reiches auf dieses Gebiet starken Widerstand entgegen; nicht
etwa nur die einzelstaatlichen Regierungen, sondern auch die
einzelstaatlichen Landtage. Demgegenber gab es wohl Druckmittel,
aber keine Zwangsmittel. Auch die Druckmittel waren nur beschrnkt
anwendbar; denn ber die Tatsache war nicht hinwegzukommen, da die
Einzelstaaten und neben ihnen die Kommunen und Kommunalverbnde fr
die Deckung ihres im Kriege gleichfalls anwachsenden Geldbedarfs sich
in der Hauptsache auf die direkten Steuern angewiesen sahen. Auf der
andern Seite hatte die Erfahrung gezeigt, da im Reichstag indirekte
Steuern nur in Verbindung mit Reichssteuern auf Besitz und Einkommen
Aussicht auf Annahme hatten. Dazu kam der doktrinre Standpunkt der
Sozialdemokratie, die indirekte Steuern grundstzlich ablehnte. Da ohne
eine starke Heranziehung indirekter Steuern auf Verbrauch und Verkehr
ein praktisch durchfhrbares Steuerprogramm berhaupt nicht denkbar
war -- auch England hat im Krieg seine Verbrauchs- und Verkehrssteuern
stark erhht --, so drohte also von einem Versuch mit Kriegssteuern
eine Gefhrdung des seit dem 4. August 1914 behteten Burgfriedens.
Schlielich war zu bercksichtigen, da die Abschnrung Deutschlands
von der Auenwelt uns eine Reihe ergiebiger Steuerquellen verschlossen
hatte, die England nach wie vor zur Verfgung standen. England konnte
den Einfuhrzoll auf Kaffee, Tee und Kakao mit guter Wirkung erhhen;
bei uns gab es an diesen Genumitteln keine nennenswerte Einfuhr mehr.
England konnte Bier und Branntwein mit groen Summen heranziehen;
wir muten die Herstellung von Trinkbranntwein verbieten und die
Bierbrauerei auf das uerste einschrnken. Der Spielraum fr die als
Domne des Reiches anerkannte indirekte Besteuerung war also durch den
Krieg selbst auf das Empfindlichste eingeschrnkt. Darber hinaus war
dem deutschen Volk durch den britischen Wirtschafts- und Hungerkrieg
eine so ungleich grere Belastung seines Lebens und seiner Wirtschaft
auferlegt als unsern Feinden, denen auer den eigenen Hilfsquellen die
finanzielle und wirtschaftliche Untersttzung der berseeischen Welt,
namentlich Amerikas, zur Verfgung stand, da sich die Frage von selbst
aufwarf: Ist es zu verantworten, und wie weit ist es zu verantworten,
dem deutschen Volk whrend des Krieges selbst im Steuerwege Lasten
aufzubrden, die es voraussichtlich erheblich leichter nach
Wiederherstellung des Friedens wrde bewltigen knnen?

Aber so gro diese Bedenken und Schwierigkeiten auch waren, ein
unbersteigliches Hindernis fr jedes Anziehen der Steuerschraube
whrend des Krieges durften sie nicht bilden. Es war bei lngerer Dauer
des Krieges mit Zwangsmomenten zu rechnen, die kaum eine andere Wahl
lassen wrden, als neben den Anleihen auch die Steuern in Anspruch
zu nehmen. Eines dieser Zwangsmomente war in verhltnismig naher
Zeit mit Sicherheit zu erwarten: die Notwendigkeit, den ordentlichen
Etat, dessen Belastung durch die Zinsen der Kriegsanleihen stark
zunehmen mute, im Gleichgewicht zu halten. Wenn man will, ein formaler
Gesichtspunkt, wie berhaupt die Ordnung etwas Formales ist. Aber dieser
formale Gesichtspunkt gab wenigstens einen bestimmten Anhalt, whrend
die Frage, welcher Prozentsatz der eigentlichen Kriegsausgaben durch
Steuern gedeckt werden sollte, nur durch einen ganz willkrlichen Griff
htte entschieden werden knnen. Auerdem konnte von der steuerlichen
Deckung der Anleihezinsen noch whrend des Krieges, die als ein lsbares
Problem sich darstellte, ein immerhin recht wertvolles Zehrgeld fr
die bergangszeit bis zur endgltigen Neuordnung der Reichsfinanzen
erwartet werden, ein Zehrgeld, das um so ntiger erscheinen mute, als
fr die Friedenszeit mit erheblich greren Schwierigkeiten in der
Aufnahme von Anleihen zu rechnen war als whrend des Krieges. Der Krieg
bedeutete fr zahlreiche Unternehmungen den Ausverkauf ihrer Bestnde,
ohne da Neuanschaffungen mglich waren. Das fr Neuanschaffungen nicht
verwendbare Geld stand fr die Kriegsanleihen zur Verfgung. Nach dem
Friedensschlu mute sich diese Sachlage ndern: die Unternehmungen
wrden -- das war zu erwarten -- flssige Mittel brauchen, um ihre
geleerten Bestnde an Rohstoffen, Halbfabrikaten, Fertigwaren usw.
wieder aufzufllen, ihren technischen und maschinellen Apparat zu
erneuern und zu ergnzen. Mit der Fortsetzung des Kreislaufs, in dem der
grere Teil des als Kriegsausgabe vom Reich hinausgegebenen Geldes
als Einzahlung auf Anleihen an das Reich wieder zurckflo, war also
nicht zu rechnen. Auch konnte niemand erwarten, da nach Friedensschlu
die Anleihezeichnung in demselben Mae noch als patriotische Pflicht
aufgefat werden wrde wie whrend des Krieges. Um so wichtiger
und unerllicher war es, rechtzeitig dafr zu sorgen, da fr die
bergangszeit bereits Neueinnahmen ausreichenden Umfanges zur Verfgung
stehen wrden.

Das zweite Zwangsmoment, das whrend meiner Verwaltung des Schatzamts
praktisch noch nicht in Erscheinung trat, sich aber spter in
bedenklichem Umfang einstellte, war die volkswirtschaftliche
Notwendigkeit, einer Inflation und ihren verhngnisvollen
Begleiterscheinungen entgegenzuwirken. Solange die Anleihebegebung die
Kriegskosten annhernd deckte, lag keine Gefahr vor. Wenn aber, was
vom Herbst 1916 an in steigendem Mae der Fall war, der Ertrag der
Anleihen hinter den Kriegsausgaben zurckblieb, so entstand ein Vakuum,
das nur durch Schaffung neuer Zahlungsmittel seitens des Staates,
also um den Preis der Inflation, ausgefllt werden konnte -- oder
durch ein starkes Anziehen der Steuerschraube. Zum mindesten lag dann
angesichts der zersetzenden und verheerenden Wirkungen der Inflation die
Notwendigkeit vor, durch das Mittel der Besteuerung nach Mglichkeit
entgegenzuarbeiten.

Nach diesen Erwgungen habe ich whrend meiner Amtszeit als
Schatzsekretr die Finanzpolitik gefhrt.

Als ich den Haushaltsplan fr 1915/16 beim Reichstag einbrachte,
mute ich von Kriegssteuern absehen, da, als ich wenige Wochen zuvor
das Amt bernahm, nichts in dieser Richtung vorbereitet war; ich
konnte von Kriegssteuern absehen, da noch keines der geschilderten
Zwangsmomente vorlag. Ich habe spterhin hufig den Vorwurf gehrt, ich
htte mich damals grundstzlich gegen die Erhebung von Kriegssteuern
ausgesprochen. Das ist ein Irrtum, der auch durch fteres Wiederholen
nicht zur Wahrheit geworden ist. Ich habe in meiner Etatsrede vom 10.
Mrz 1915 ausdrcklich darauf hingewiesen, da der Voranschlag fr das
kommende Rechnungsjahr ohne Kriegssteuern balanciere, obwohl nicht
nur die Verzinsung der bis dahin aufgelaufenen Kriegsschulden auf den
ordentlichen Etat bernommen, sondern auch die planmige Tilgung der
alten Reichsschuld aufrechterhalten worden war. Ich habe hinzugefgt:

Der zwingende Anla, aus Grnden der rechnungsmigen Balancierung des
ordentlichen Etats zu neuen Steuern zu greifen, liegt also fr uns nicht
vor, =jedenfalls zur Zeit noch nicht=. Unter diesen Umstnden haben die
verbndeten Regierungen geglaubt, =zur Zeit= von der Einbringung von
Kriegssteuern Abstand nehmen zu knnen.

In den folgenden Monaten lie ich in meinem Amt die in Betracht
kommenden Kriegssteuern durcharbeiten. Fr den 10. Juli 1915 hatte
ich die bundesstaatlichen Finanzminister zu einer Besprechung der
finanziellen Lage eingeladen. Ich stellte auf dieser Versammlung auch
die Frage der Kriegssteuern zur Errterung. Die Finanzminister kamen
in eingehender Aussprache zu einem Einverstndnis darber, da dem
Reichstag auch in der fr den 10. August in Aussicht genommenen Tagung
Kriegssteuern nicht vorgeschlagen werden sollten. Ich erklrte damals
ausdrcklich, da ich den Verzicht auf Kriegssteuern, der mir persnlich
nicht leicht werde, nur dann wrde durchhalten knnen, wenn nicht ein
weiterer Winterfeldzug ntig werde.

Diesem Standpunkt getreu habe ich im Winter 1915/16 den Bundesrat und
den Reichstag mit einer Anzahl von Steuervorlagen befat. Die zwingende
Notwendigkeit lag jetzt vor; denn trotz der bernahme der gesamten
laufenden Ausgaben fr Heer und Flotte auf den Kriegsfonds zeigte der
ordentliche Etat einen rechnungsmigen Fehlbetrag von 480 Millionen
Mark, dessen starke Erhhung im wirklichen Ergebnis mit Sicherheit zu
erwarten war.

Meine Vorschlge umfaten:

1. Eine Kriegsgewinnsteuer.

2. Eine Anzahl von Verbrauchs- und Verkehrssteuern, nmlich
eine Erhhung der Tabakabgaben, einen Quittungsstempel, einen
Frachturkundenstempel und Zuschlge zu den Post- und Telegraphengebhren.

Die Einbringung des Kriegsgewinnsteuergesetzes entsprach den Wnschen
aller Parteien. Dagegen stie jeder weitere Schritt auf erhebliche
Schwierigkeiten. Schon innerhalb des Kreises der Reichsleitung hatte
ich es nicht leicht. Namentlich die Postzuschlge fanden bei dem
Staatssekretr des Reichspostamts den strksten Widerspruch, der
schlielich nur durch eine Entscheidung des Reichskanzlers berwunden
werden konnte. Die Parteien des Reichstags zeigten sich khl oder
feindlich. Der Fhrer der Nationalliberalen, Herr Bassermann, machte
mir die eindringlichsten Vorstellungen, ich solle darauf verzichten,
den Burgfrieden der Parteien auf eine Probe zu stellen, der er nicht
gewachsen sei. Der Reichstag werde unter Umstnden gentigt sein, ber
meine Vorlagen einfach zur Tagesordnung berzugehen. Ich hielt Herrn
Bassermann entgegen, da ein Burgfrieden, der nur um den Preis des
Verzichts auf zwingende sachliche Notwendigkeiten aufrecht erhalten
werden knne, ein fauler Friede sei, der mehr schade als ntze; ich
sei entschlossen, meine Steuervorlagen einzubringen und mit ihnen,
bei aller Geneigtheit, ber Einzelheiten mit mir reden zu lassen,
zu stehen und zu fallen. -- Noch unmittelbar vor Torschlu kam der
Zentrumsfhrer Dr. Spahn aus einer Sitzung seiner Fraktion zu mir, um
mir gleichfalls dringend nahezulegen, die Steuervorlagen zurckzuziehen.
Auf meine kategorische Ablehnung richtete er an mich die Frage: Sind
Sie wenigstens der Deckung durch den Kanzler sicher? Ich antwortete
Seiner Zustimmung unbedingt. Herr Spahn schttelte bedenklich den
Kopf und erzhlte dann, in der Fraktionssitzung habe ein Abgeordneter
berichtet, er habe an einer Sitzung beim Reichskanzler teilgenommen, in
der die Frage der Kriegssteuern besprochen worden sei; der Kanzler habe
schlielich anerkannt, da die Gefhrdung des Burgfriedens durch die
neuen Steuern vermieden werden msse. Ich antwortete: Der Abgeordnete
heit natrlich Erzberger, und die Sache ist Unsinn. Ich werde aber
zu Ihrer Beruhigung den Sachverhalt sofort beim Reichskanzler selbst
feststellen. Herr von Bethmann war ber den Bericht des Herrn Erzberger
emprt. Herr Erzberger hatte ihn am Vormittag besucht und dabei auch
die burgfriedlichen Bedenken gegen die Kriegssteuern vorgebracht. Herr
von Bethmann hatte ihm geantwortet, das sei alles berlegt worden, und
nach reiflicher Prfung habe man sich zur Einbringung der Vorlagen
entschlossen; dabei msse es bleiben.

Und es blieb dabei.

Aber es wurde eine schwere Geburt.

Presse und Parlament zausten in der grausamsten Weise an meinem
Steuerbukett herum. Die einen erklrten Kriegssteuern fr berflssig
und schdlich, den andern war ich zu schchtern. Die Sozialdemokraten
riefen nach weiteren direkten Steuern, insbesondere nach einer
Erneuerung des Wehrbeitrags und nach einer Reichserbschaftssteuer, und
lehnten die Verbrauchs- und Verkehrssteuern trotz Krieg und Kriegsnot
nach altem Friedensbrauch grundstzlich ab. Alle fanden, meine Steuern
seien Stck- und Flickwerk; und damit hatten sie recht. Unrecht hatten
sie nur, wenn sie von mir in diesem Stadium des Krieges ein organisches
Ganzes und eine grozgige einheitliche Reichsfinanzreform
verlangten. Es wre Vermessenheit gewesen, im zweiten Kriegsjahr eine
durchgreifende und endgltige Neuordnung der deutschen Finanzen schaffen
zu wollen. Auch mein Nachfolger hat in seinen Steuervorlagen von 1917
und 1918 sich damit begngen mssen, zu Notbehelfen zu greifen und die
endgltige Neuordnung der Reichsfinanzen der Friedenszeit zu berlassen.

Die Verbrauchs- und Verkehrssteuern wurden mit nderungen, wie sie nun
einmal der Reichstag seiner Wrde schuldig zu sein glaubte, im groen
Ganzen angenommen. Die nderungen, die der Reichstag an meinen Stzen
fr die Postgebhren vornahm, hat er zwei Jahre spter zum groen Teil
wieder nach rckwrts korrigiert. Die Vorlage ber den Quittungsstempel
erfuhr eine gnzliche Umgestaltung: der Quittungsstempel wurde zu meiner
Freude durch den Umsatzstempel ersetzt. Ich hatte im Schatzamt den
Entwurf eines Umsatzstempelgesetzes in allen Einzelheiten ausarbeiten
lassen, da ich den Umsatzstempel fr eine sehr entwicklungsfhige Steuer
hielt, und weil ich in ihm eine wichtige Ergnzung unseres Steuersystems
erblickte. Ich habe darber bei der zweiten Lesung der Steuervorlagen
ausgefhrt:

Das Einkommen wird von den Einzelstaaten und Kommunen bei seinem
Entstehen an seiner Wurzel als Einkommen gefat. Die Besteuerung
und Verwendung des Einkommens liegt nun in der Weise beim Reich,
da derjenige Teil, der verbraucht wird, unter den Umsatzstempel
fllt, und zwar proportional zum Verbrauch, und derjenige, der nicht
verbraucht wird, also einen Vermgenszuwachs bildet, unter die
Vermgenszuwachssteuer fllt.

Wenn ich die Umsatzstempelvorlage nicht von vornherein einbrachte, so
war fr mich in erster Linie bestimmend die Befrchtung, da diese
Neuerung als allzu khn abgelehnt werden wrde. Den bereits dreimal
vom Reichstag abgelehnten Quittungsstempel schlug ich vor, weil ich
der Ablehnung so gut wie sicher war und dann wenigstens die Aussicht
hatte, da man mir aus dem Reichstag heraus als Ersatz die Umsatzsteuer
prsentieren knnte.

So geschah's.

Der Abgeordnete Mller-Fulda erwies mir, ohne es selbst zu ahnen, den
von mir erwarteten Gefallen.

Am schlimmsten verunstaltet wurde das Kriegsgewinnsteuergesetz.

Die Verteilung der Steuergebiete zwischen Reich und Einzelstaaten legte
es nahe, die Kriegsgewinnsteuer als eine Steuer von dem whrend des
Krieges eingetretenen Vermgenszuwachs zu konstruieren. Den Nachteil,
da bei dieser Konstruktion der Sparsame getroffen und der Verschwender
gewissermaen belohnt wird, wollte ich dadurch wenigstens einigermaen
ausgleichen, da ich fr die Bemessung des Steuersatzes den Grad der
Einkommensteigerung whrend des Krieges mitbestimmend sein lie. Es war
nicht ganz einfach gewesen, die Bundesregierungen, die jede Heranziehung
der Einkommen durch das Reich als einen Einbruch in ihre steuerliche
Domne anzusehen geneigt waren, fr dieses Zugestndnis zu gewinnen. Die
Reichstagskommission setzte nun in ihrer ersten Lesung eine selbstndige
Steuer vom Mehreinkommen neben die Steuer auf den Vermgenszuwachs,
und als die verbndeten Regierungen dagegen Einspruch erhoben,
schttete sie das Kind mit dem Bade aus und strich -- zur groen Freude
der einzelstaatlichen Finanzminister -- jede Bercksichtigung des
Mehreinkommens aus dem Gesetz heraus. Denn gendert mute nun einmal
werden, wenn nicht nach links, dann nach rechts!

Eine neue groe Schwierigkeit entstand infolge des
Kommissionsbeschlusses, gleichzeitig mit der Kriegsgewinnsteuer
einen neuen Wehrbeitrag zu erheben. Freisinnige und Nationalliberale
hatten sich den Sozialdemokraten angeschlossen, whrend Zentrum und
Konservative dagegen stimmten. Die einzelstaatlichen Regierungen
meldeten bei mir den schrfsten Widerspruch an. Die ganzen Steuergesetze
drohten an dieser Differenz zu scheitern. Der Abgeordnete Schiffer
machte nun den Vorschlag, neben der Kriegsgewinnsteuer eine einmalige
Vermgensabgabe von 1 0/00 zu erheben. Am 11. Mai fand eine
interfraktionelle Beratung statt, an der alle Parteien teilnahmen,
auer den Sozialdemokraten, die wegen ihrer grundstzlichen Opposition
gegen die indirekten Steuern fernblieben. Die Konservativen lehnten
den Schiffer'schen Vorschlag strikt ab. Darauf erklrte das Zentrum,
da es bei einem Kompromi nur mitmachen werde, wenn alle brgerlichen
Parteien einschlielich der Konservativen sich einigten. Wenn diese
Einigung nicht gelinge, werde nichts zustande kommen. Der bayrische
Ministerprsident Graf Hertling, der an jenem Tage in Berlin war,
erklrte mir, er werde im Bundesrat unerbittlich gegen jeden solchen
Kompromigedanken stimmen; er sprach dabei mit einer Erregung, die
auer Verhltnis zur Sache stand, ber Unitarismus und Revolution.
Die schsische Staatsregierung beantragte am gleichen Tage die
Befassung des Bundesrats mit den Kompromiverhandlungen. Ich beantragte
beim Reichskanzler, die einzelstaatlichen Ministerprsidenten und
Finanzminister zur Besprechung der Angelegenheit auf den 15. Mai nach
Berlin einzuladen. In diesen Beratungen setzte ich den Schiffer'schen
Vorschlag mit einer Variante durch, die ihn den bundesstaatlichen
Regierungen annehmbar erscheinen lie: Die Vermgensabgabe sollte
sich dadurch als eine einmalige, den Kriegsverhltnissen angepate
Steuer charakterisieren, da sie -- ebenso wie die Kriegsgewinnsteuer
auf den Vermgenszuwachs abgestellt war -- auf die Vermgenseinbuen
Rcksicht nahm, und zwar in der Weise, da sie sich fr jedes Prozent
Vermgensverlust um ein Zehntel ermigte, also bei 10% Vermgensverlust
ganz in Wegfall kam. Bei einer starken Vermgensabgabe, wie sie
jetzt wohl kommen wird, hat dieser Gedanke seine Berechtigung und
verdient geprft zu werden. Bei einer Vermgensabgabe von 1 0/00 war
er eine Spielerei. Aber diese Steuer auf entgangenen Verlust, wie
sie der badische Ministerprsident von Dusch witzig taufte, hatte
den Vorteil, die schmale Brcke zwischen kaum mehr ausgleichbar
erscheinenden Gegenstzen zu bilden. Der Vorschlag wurde sowohl von den
Bundesregierungen wie auch von den verschiedenen brgerlichen Parteien
angenommen, und damit war das Steuerkompromi perfekt.

In den letzten Tagen meiner Amtsttigkeit als Staatssekretr des
Reichsschatzamts wurden die Steuervorlagen vom Reichstag verabschiedet.
Ich hatte die Genugtuung, da es mir noch gelungen war, ber starke
Widerstnde und Schwierigkeiten hinaus grundstzlich die notwendige
Ergnzung unserer Kriegsfinanzpolitik durch die Ausschreibung von
Kriegssteuern durchzusetzen.


                    Vorschsse an unsere Verbndeten

Es wre hier noch ein Wort zu sagen ber die finanzielle Untersttzung,
die wir zu Zwecken der Kriegfhrung unseren Verbndeten haben angedeihen
lassen.

Whrend wir von auen keine nennenswerte Hilfe erhielten, waren unsere
smtlichen Bundesgenossen auf unsere Hilfe angewiesen.

sterreich-Ungarn brachte die Gelder fr die im Innern zu leistenden
Kriegsausgaben im Wege einer bemerkenswert erfolgreichen Anleihepolitik
und auch von Kriegssteuern aus eigner Kraft auf; von uns beanspruchte
es lediglich sogenannte Valutakredite zur Deckung seiner nicht
unerheblichen in Deutschland und im neutralen Auslande zu leistenden
Ausgaben. Diese Kredite wurden ihm in Abmachungen, die regelmig von
Halbjahr zu Halbjahr abgeschlossen wurden, durch Vermittlung eines
deutschen Bankenkonsortiums gewhrt.

Bulgarien bentigte von uns nicht nur Valutakredite, sondern darber
hinaus auch einen groen Teil der Gelder fr seine inlndischen
Kriegsausgaben. Ich habe im November 1915 mit dem bulgarischen
Finanzminister Tontscheff die Vertrge geschlossen, auf deren Grundlage
unsere finanzielle Hilfe im Verlauf des Krieges gewhrt wurde. Die
Vorschsse der deutschen Regierung schufen, soweit sie nicht unmittelbar
zu Zahlungen in Deutschland oder im neutralen Ausland verwendet wurden,
Guthaben, die als Grundlage fr die Notenausgabe der Bulgarischen
Staatsbank dienten.

Sehr schwierig und verwickelt gestaltete sich die Finanzierung des
Geldbedarfs der Trkei; einmal weil die Trkei in weit grerem Umfang
als Bulgarien auch fr die Beschaffung ihres inneren Geldbedarfs
auf uns angewiesen war; ferner weil die Bevlkerung im Innern der
Trkei an papierne Geldzeichen nicht gewhnt war, sondern Hartgeld
verlangte; schlielich weil das trkische Noteninstitut, die Kaiserlich
Ottomanische Bank, die von englischem und franzsischem Kapital
beherrscht war, passiven Widerstand leistete. Der erste Vorschu an
die Trkei fr ihre inneren Bedrfnisse, der ihr unmittelbar nach
ihrem Eintritt in den Krieg gewhrt wurde, war bares Gold; es handelte
sich dabei um fnf Millionen trkische Pfund. Dieser Weg war natrlich
bei lngerer Dauer des Krieges ungangbar; er htte den Goldbestand
unserer Reichsbank ausgepumpt. Als ich das Schatzamt bernahm, suchte
ich deshalb nach andern Mitteln. Mein Vorschlag, entweder den passiven
Widerstand der Ottomanischen Bank zu brechen oder an ihrer Stelle ein
neues Noteninstitut unter deutscher Beteiligung zu errichten, scheiterte
an dem hartnckigen Widerspruch und am passiven Widerstand des
Finanzministers Djavid Bey. So schlug ich vor, die Vermittlung der in
der Trkei bei Einheimischen und Fremden den besten Kredit genieenden
internationalen Administration der trkischen Staatsschulden in Anspruch
zu nehmen. Die Staatsschuldenverwaltung gab nun auf Grund von in Berlin
hinterlegten deutschen Reichsschatzanweisungen Zertifikate aus, die in
der Trkei den Charakter als gesetzliches Zahlungsmittel erhielten. Die
Vorschsse der deutschen Regierung wurden also fortan in der Hauptsache
in der Form von Schatzanweisungen gewhrt; nur ausnahmsweise und fr
besondere Zwecke wurden noch gewisse Betrge in Gold oder auch in Silber
zur Verfgung gestellt.

Insgesamt hat der Betrag unserer Vorschsse an die Bundesgenossen 10700
Millionen Mark betragen; davon sind rund 3900 Millionen Mark in bar
gewhrt worden, 6800 Millionen Mark durch Begebung oder Hinterlegung von
Schatzanweisungen.




                  Wirtschaftskrieg und Kriegswirtschaft

                          Reichsamt des Innern


Whrend ich in dem ersten groen Abschnitt des Krieges durch meine
Berufung an die Spitze des Reichsschatzamts unsere Kriegfhrung auf
dem Gebiete der Finanzen zu leiten hatte und dabei in die Lage kam,
gelegentlich auch an den groen wirtschaftlichen Aufgaben mitzuarbeiten,
brachte mich die Ernennung zum Staatssekretr des Innern Ende Mai 1916
an die Spitze derjenigen Verwaltung, der nach der Friedensorganisation
der Reichsbehrden die Bearbeitung der wirtschaftlichen Angelegenheiten
des Reichs zustand.

Am 6. Mai lie mir der Kanzler mitteilen, da der bisherige Chef
des Reichsamts des Innern, Stellvertreter des Reichskanzlers und
Vizeprsident des Preuischen Staatsministeriums, Staatsminister
Delbrck, auf seinem schon fter bekundeten Entschlu, seinen Abschied
zu nehmen, nunmehr bestehe und eine baldige Genehmigung seines Abschieds
dringend wnsche. Delbrck war kurz vor Ausbruch des Krieges im
Begriff, zur Wiederherstellung seiner stark angegriffenen Gesundheit
einen mehrmonatigen Urlaub zu nehmen; angesichts des Kriegsausbruches
hatte er diese Absicht aufgegeben und nun fast zwei Jahre hindurch die
gesteigerte Arbeitslast getragen, die der Krieg fr seine mter mit sich
brachte. Seit dem Beginn des Jahres hatte sich sein krperlicher Zustand
verschlechtert. Ich hatte mehrfach bei wichtigen Beratungen fr ihn
eintreten mssen. Nunmehr stellte mich der Kanzler vor die Frage, ob ich
als Stellvertreter des Reichskanzlers und als Staatssekretr des Innern
die Nachfolge Delbrcks bernehmen wolle; fr das Vizeprsidium des
Preuischen Staatsministeriums, dessen jngstes Mitglied ich damals war,
richtete er die gleiche Anfrage an den Eisenbahnminister von Breitenbach.

Die Grnde, die mir Herr von Bethmann Hollweg darlegte, lieen mir keine
Wahl, so schwer es mir auch wurde, das Reichsschatzamt zu verlassen und
das neue, kaum zu bewltigende Amt auf mich zu nehmen. Viel strker noch
als bei der bernahme des Schatzamts hatte ich das Gefhl des Sprungs
ins Dunkle.

Fr den Posten des Reichsschatzsekretrs fiel die Wahl auf den Grafen
von Rdern, bis dahin Staatssekretr in Elsa-Lothringen.

Am 22. Mai vollzog der Kaiser, der damals fr kurze Zeit im Berliner
Schlo Bellevue residierte, die Ernennungen. Die Kaiserin sagte mir, sie
bewundere meinen Mut. Als ich antwortete: Was man mu, das kann man
auch, setzte sie, fast etwas vorwurfsvoll, hinzu: Mit Gottes Hilfe!

Am 1. Mai trat ich das neue Amt an.

Zu dem Geschftsbereich des Reichsamts des Innern gehrte damals die
gesamte innere Politik, die Angelegenheiten des Bundesrats, die gesamte
Sozialpolitik und die wirtschaftlichen Angelegenheiten. Letztere mit
Einschrnkungen. Schon vor dem Kriege waren die Angelegenheiten der
auswrtigen Handelspolitik vom Auswrtigen Amt, das hierfr eine
eigene handelspolitische Abteilung hatte, mit dem Reichsamt des Innern
gemeinschaftlich bearbeitet worden. Gleich zu Anfang des Krieges
hatten die Militrbehrden, insbesondere die Kriegsrohstoffabteilung
des Kriegsministeriums, einen wichtigen Teil der wirtschaftlichen
Angelegenheiten, nmlich ungefhr alles, was mit der Ausrstung und
Versorgung des Heeres im Zusammenhang stand, an sich genommen. Der
Belagerungszustand und die Art und Weise, wie das auf Grund des
Belagerungszustandes den Generalkommandos zustehende Verordnungsrecht
ausgelegt und gehandhabt wurde, gab den militrischen Stellen die
Mglichkeit eines viel prompteren Zugreifens, als das sogenannte
Ermchtigungsgesetz vom 4. August den Zivilbehrden. Durch dieses
Gesetz war der Bundesrat ermchtigt worden, whrend der Zeit des
Krieges diejenigen gesetzlichen Manahmen anzuordnen, welche sich
zur Abhilfe gegenber wirtschaftlichen Schdigungen als notwendig
erweisen. Da aber der Bundesrat eine Krperschaft war, deren Mitglieder
zu ihrer Abstimmung der Instruktion durch ihre Regierungen bedurften,
war dieses Instrument -- wenn es auch gegenber der Notwendigkeit,
den Reichstag zu befassen, eine wesentliche Erleichterung bedeutete
-- doch immerhin viel schwerflliger als das Verordnungsrecht der
Militrbefehlshaber. Im brigen hat niemals eine formelle und scharfe
Abgrenzung der Arbeitsgebiete der militrischen und zivilen Behrden
stattgefunden. Vielfach griffen die Militrbehrden ein, wenn aus
militrischen Grnden die prompte Erledigung einer wirtschaftlichen
Frage notwendig war, und vielfach kamen Angelegenheiten, die von den
militrischen Stellen in Angriff genommen worden waren, zur weiteren
Bearbeitung an das Reichsamt des Innern zurck. Die erforderliche
Einheitlichkeit und Kontinuitt wurden durch die wechselseitige
Beteiligung von Kommissaren aufrechterhalten.

Ein groer Teil der wirtschaftlichen Geschfte des Reichsamts des
Innern wurde jetzt gleichzeitig mit dem Wechsel im Staatssekretariat
abgetrennt: die Ernhrungsangelegenheiten.

Auf diesem Gebiete hatte sich eine straffere und schlagfertigere
Organisation als notwendig herausgestellt. Abgesehen von der
Notwendigkeit der Befassung des Bundesrats mit den Einzelheiten der auf
diesem weitschichtigen Gebiet erforderlichen Verordnungen war an der
Vorbereitung und Ausfhrung der gesetzgeberischen Manahmen auer dem
Reichsamt des Innern eine groe Anzahl von Reichs- und Landesbehrden
beteiligt. Die Einheitlichkeit der Ausfhrung wurde dadurch in gleicher
Weise beeintrchtigt, wie die Schnelligkeit der Entschlieung. Es
erschien deshalb angezeigt, die Befugnisse des Reichskanzlers auf dem
Gebiete der Volksernhrung erheblich zu erweitern und ihm fr die
Ausbung dieser erweiterten Befugnisse eine besondere Zentralbehrde
zur Verfgung zu stellen. Mit dieser Lsung erklrte ich mich vor
der bernahme des Reichsamts des Innern einverstanden. Gleichzeitig
mit meiner Ernennung zum Staatssekretr des Innern, am 22. Mai 1916,
wurde eine Bekanntmachung des Bundesrats ber Kriegsmanahmen zur
Sicherung der Volksernhrung verffentlicht, die dem Reichskanzler
das volle Verfgungsrecht ber alle Lebens- und Futtermittel und
die zur Lebensmittel- und Futtermittelversorgung erforderlichen
Gegenstnde bertrug und ihn ermchtigte, alle zur Durchfhrung der
Lebensmittel- und Futtermittelversorgung erforderlichen Bestimmungen zu
treffen. Am selben Tage wurde durch Bekanntmachung des Reichskanzlers
das Kriegsernhrungsamt geschaffen und diesem die Ausbung der dem
Reichskanzler auf dem Gebiete des Ernhrungswesens zustehenden
Befugnisse bertragen. Zum Prsidenten des Kriegsernhrungsamts wurde
der bisherige Oberprsident von Ostpreuen, Herr von Batocki, ernannt.

Damit schieden die Angelegenheiten der Volksernhrung aus dem
Geschftskreis des Reichsamts des Innern aus; beim Reichsamt des Innern
blieb nur die Bearbeitung derjenigen Ernhrungsangelegenheiten, die
untrennbar mit den Fragen unserer Einfuhr und Ausfuhr zusammenhingen.
Denn die Einfuhr von Nahrungs- und Futtermitteln aus dem Auslande konnte
nur im engsten Zusammenhang mit allen den anderen wirtschaftlichen
Fragen behandelt werden, die unser Verhltnis zu den einzelnen
befreundeten oder neutralen Staaten betrafen.

Im brigen wurde mir in meiner Eigenschaft als Stellvertreter des
Reichskanzlers eine gewisse Mitwirkung auch bei den Geschften
des Kriegsernhrungsamts vorbehalten; da der Prsident des
Kriegsernhrungsamts nicht zum Stellvertreter des Reichskanzlers im
Sinne des Stellvertretungsgesetzes von 1878 ernannt wurde, blieb die
Stellvertretung des Reichskanzlers in diesem Sinne bei mir. Angesichts
des engen und unlsbaren Zusammenhanges der Ernhrungsfragen mit der
Gesamtheit der wirtschaftlichen Angelegenheiten erschien diese Regelung
notwendig, um die Einheitlichkeit in der Kriegswirtschaftspolitik des
Reichs nach Mglichkeit sicherzustellen und um zu vermeiden, da die
Zusammenfassung auf dem Sondergebiet der Volksernhrung durch eine
neue Zersplitterung auf dem Gesamtgebiet der Kriegswirtschaft erkauft
werde. In der Praxis jedoch waren meiner Einwirkung durch einen
besonderen Umstand enge Grenzen gezogen. Dem Kriegsernhrungsamt wurde
der schon frher geschaffene Reichstagsbeirat fr Volksernhrung zur
Seite gestellt, mit dem alle wichtigen Verordnungen und sonstigen
Manahmen durchberaten wurden. Ich habe anfnglich den Versuch
gemacht, die Beratungen des Ernhrungsbeirats persnlich zu leiten
und dadurch einen unmittelbaren Einflu auf dessen Stellungnahme und
Beschlufassung zu gewinnen. Bei der Hufigkeit und Ausdehnung der
Sitzungen des Ernhrungsbeirats und bei der starken Inanspruchnahme
meiner Zeit und Arbeitskraft durch meine brigen Dienstgeschfte lie
sich das aber nicht durchfhren. Schon Ende Juli 1916 mute ich mich
entschlieen, den Vorsitz dem Prsidenten des Kriegsernhrungsamts
zu berlassen. Nun kamen die Verordnungen und Bekanntmachungen zu
mir zur Unterschrift, nachdem der Ernhrungsbeirat bereits Stellung
genommen hatte. Beanstandungen meinerseits bedeuteten infolgedessen
die Wiederaufnahme eines schwierigen und langwierigen Verfahrens, oft
genug in Fragen, die keinen Aufschub duldeten. Dieser Weg war natrlich
nur in ganz wichtigen Fllen gangbar. Infolgedessen mute ich mich
oft genug wohl oder bel entschlieen, meinen Namen unter Verfgungen
zu setzen, die ich nicht fr zweckmig halten konnte. Ich erinnere
mich z. B. meiner Auseinandersetzungen mit Herrn von Batocki ber
die Zwangsbewirtschaftung der Eier, die ich fr verfehlt hielt und
heute noch fr verfehlt halte. Aber der Ernhrungsbeirat hatte sich
festgelegt und Herr von Batocki erklrte die Herbeifhrung einer anderen
Stellungnahme fr ebenso unmglich wie eine Regelung gegen die formell
nur gutachtlichen Beschlsse des Ernhrungsbeirats. Solche Zwangslagen
waren nicht selten. Die Ausgestaltung des Kriegsernhrungsamts zu
einem Staatssekretariat unter bertragung der Stellvertretung des
Reichskanzlers auf den Staatssekretr war die Lsung, die sich
schlielich trotz aller in der Einheitlichkeit der Fhrung der
Kriegswirtschaft begrndeten Bedenken aufdrngte. In diesem Sinne wurde
die Frage im Juli 1917 bei Gelegenheit des bergangs der Kanzlerschaft
an Herrn Michaelis und des Kriegsernhrungsamts an Herrn von Waldow
entschieden.

Das Geschftsgebiet, das dem Reichsamt des Innern -- abgesehen von
den innerpolitischen Angelegenheiten -- in den wirtschaftlichen
Dingen verblieb, war auch nach der Abtrennung der eigentlichen
Ernhrungsfragen von kaum bersehbarer Ausdehnung. Seine Bewltigung
wurde mit der Dauer des Krieges und mit der Verschrfung des Druckes der
Wirtschaftsblockade von Monat zu Monat schwieriger. Dazu kam, da der
Personalbestand des Reichsamts des Innern auf das uerste eingeschrnkt
war. Zu Kriegsbeginn hatte sich ein groer Teil der jngeren Beamten
fr den Dienst mit der Waffe freigeben lassen. Andere muten fr
die verschiedenen Kriegsorganisationen und fr die Verwaltung der
besetzten Gebiete abgegeben werden. Ausreichend geschulter Ersatz stand
nicht zur Verfgung. Die dem Amt verbliebenen Krfte waren bis zur
Grenze der Leistungsfhigkeit belastet. Dazu kam die stndig wachsende
Beanspruchung durch die parlamentarischen Verhandlungen. Whrend im
ersten Halbjahr des Krieges nur 3 kurze Plenarsitzungen des Reichstags
stattfanden, deren stenographische Berichte nur 23 Seiten umfaten, im
zweiten Halbjahr 9 Sitzungen mit 186 Seiten Bericht, fanden im sechsten
Halbjahr des Krieges (1. Februar bis 1. August 1916) nicht weniger als
37 Vollsitzungen statt, deren stenographische Berichte auf 1280 Seiten
anschwollen. Noch mehr Zeit und Kraft nahmen die parlamentarischen
Kommissionen in Anspruch. Ich habe als Staatssekretr des Innern lange
Zeiten hindurch meine eigentlichen Amtsgeschfte in der Zeit vor neun
oder zehn Uhr morgens und nach sieben oder acht Uhr abends erledigen
mssen und oft erst spt nach Mitternacht die Arbeit verlassen knnen,
um am nchsten Morgen zu frher Stunde wieder auf dem Plan zu sein; und
hnlich wie mir selbst, erging es meinen wichtigsten Mitarbeitern.

Mit diesem berlasteten Apparat muten die gewaltigen Anforderungen
bewltigt werden, die der Krieg in immer steigendem Mae an die
wirtschaftliche Zentralbehrde des Reiches stellte.


                    Deutschland als belagerte Festung

Schritt fr Schritt, mit ebenso unerbittlicher Folgerichtigkeit wie
souverner Verachtung des Vlkerrechts und brutaler Rcksichtslosigkeit
gegen die Neutralen, ergnzte und vervollkommnete die Entente unter
Englands Fhrung die wirtschaftliche Einschnrung Deutschlands.

Die deutsche Handelsflagge war in den ersten Tagen des Krieges von
den Weltmeeren verschwunden. Unsere Flotte gengte, um der britischen
Flotte die Annherung an unsere Ksten und die Einfahrt in die Ostsee
zu gefahrvoll erscheinen zu lassen. Die Schlacht am Skagerrak am 31.
Mai 1916 hat gezeigt, da es England in der Tat auf einen Kampf mit
unserer Hochseeflotte nicht ohne das grte Risiko fr seine Flotte und
damit fr seine Existenz ankommen lassen konnte. Damit war eine nach den
Regeln des Vlkerrechts durchzufhrende Blockade unserer Hfen unmglich
gemacht. Auf der anderen Seite aber war unsere Flotte nicht stark genug,
um die britische Seemacht vor deren eigenen Sttzpunkten zum Kampf
zu stellen. So waren wir in der Nordsee und Ostsee eingeschlossen.
England dagegen hatte die Meere frei, nachdem unsere wenigen zur Zeit
des Krieges in den berseeischen Gewssern stationierten Kreuzer nach
heldenhafter Gegenwehr und glnzenden Waffentaten, wie der Schlacht an
der Coronelkste, der bermacht der Feinde zum Opfer gefallen waren.
Einzelne Streifzge von Hilfskreuzern, wie der Mwe und des Wolf,
konnten, so Hervorragendes sie leisteten, an der Tatsache nichts
ndern, da unsere Kauffahrteischiffe in deutschen und neutralen Hfen
feiern muten, whrend die Schiffe der Entente bis zum U-Bootkrieg ohne
wesentliche Beunruhigung die Meere befahren konnten.

Da aber die Entente nicht in der Lage war, eine Blockade unserer
Ksten aufzurichten und durchzufhren, blieb uns die Mglichkeit des
Handelsverkehrs ber See durch die Vermittlung neutraler Schiffe, soweit
nicht die vlkerrechtlichen Satzungen ber die Bannware entgegenstanden.

England hat von Beginn des Krieges an alles darangesetzt, uns diese
Handelsmglichkeit zu zerstren und die Blockade unserer Hfen,
zu der es marinetechnisch nicht in der Lage war, durch ein System
der Schiffahrts- und Handelskontrolle zu ersetzen, das zwar allem
Vlkerrecht Hohn sprach, aber dem Zweck, uns vom Verkehr mit der
Auenwelt abzuschnren, besser angepat war, als es die wirksamste
Blockade unserer Ksten htte sein knnen.

Das Seekriegsrecht hatte auf der internationalen Konferenz, zu der die
britische Regierung im Anschlu an die Haager Friedenskonferenz von 1907
eingeladen hatte, in der sogenannten Londoner Deklaration vom 26.
Februar 1909 eine neue Kodifikation erfahren. Die Bevollmchtigten der
Signatarmchte, einschlielich der britischen und franzsischen, hatten
in den Einleitenden Bestimmungen zur Londoner Deklaration ausdrcklich
festgestellt, da die Londoner Deklaration im wesentlichen den allgemein
anerkannten Grundstzen des internationalen Rechtes entspreche.
Trotzdem hatte die britische Regierung die Londoner Deklaration bei
Kriegsausbruch noch nicht ratifiziert. Die Regierung der Vereinigten
Staaten richtete wenige Tage nach Kriegsausbruch an die kriegfhrenden
Staaten die Anfrage, ob sie die Londoner Deklaration als magebend fr
die Seekriegfhrung anerkennen wollten; sie fgte hinzu, da nach ihrer
Ansicht die Annahme der Londoner Deklaration durch die Kriegfhrenden
schweren Miverstndnissen, die andernfalls in den Beziehungen
zwischen den Neutralen und den Kriegfhrenden entstehen knnten,
vorbeugen wrde. Whrend Deutschland und sein sterreich-ungarischer
Bundesgenosse alsbald die amerikanische Anfrage bejahend beantworteten,
erklrte die britische Regierung, die Londoner Deklaration nur mit
gewissen Modifikationen und Ergnzungen annehmen zu knnen. Schon die
damals der amerikanischen Regierung mitgeteilten Modifikationen und
Ergnzungen, wie sie in der Order in Council vom 20. August 1914
enthalten waren, bedeuteten in wesentlichen Punkten einen vollstndigen
Widerspruch zu den in der Londoner Deklaration niedergelegten, bisher
allgemein anerkannten Grundstzen des Seekriegsrechts. Insbesondere
setzte die britische Regierung eine Reihe von Gegenstnden auf die
Konterbandeliste, die in der Londoner Deklaration als Nichtkonterbande
erklrt waren und die, da sie entweder berhaupt nicht oder doch nur
sehr mittelbar fr kriegerische Zwecke verwendbar sind, nach den
allgemein anerkannten Regeln des Vlkerrechts nicht als Konterbande
behandelt werden durften. Auerdem beseitigten die von der britischen
Regierung erlassenen Bestimmungen in ihrer Wirkung die in die
Londoner Erklrung aufgenommenen Regeln, nach denen die als relative
Konterbande bezeichneten Gegenstnde nur dann als Konterbande behandelt
werden sollten, wenn sie fr den Gebrauch der Verwaltungsstellen oder
der Streitmacht des feindlichen Staates bestimmt sind. Der fr die
Versorgung eines kriegfhrenden Staates bestimmte neutrale Handel mit
Gegenstnden der relativen Konterbande, insbesondere mit Lebensmitteln
und industriellen Rohstoffen, wurde damit unterbunden, im Widerspruch
nicht nur zur Londoner Deklaration, sondern auch zu dem vor der Londoner
Deklaration von der britischen Regierung selbst anerkannten Vlkerrecht.
Die amerikanische Regierung hat spter in einer ihrer vielen wirkungslos
gebliebenen Protestnoten dem Londoner Kabinett eine Erklrung des
Lord Salisbury whrend des sdafrikanischen Krieges entgegengehalten,
lautend: Nahrungsmittel, auch wenn sie feindliche Bestimmung haben,
knnen als Kriegskonterbande nur angesehen werden, wenn sie fr die
Streitkrfte bestimmt sind. Es ist nicht gengend, da sie =geeignet=
sind, so verwendet zu werden. Es mu bewiesen werden, da dies zur Zeit
ihrer Beschlagnahme in der Tat ihre Bestimmung war.

Die Order in Council vom 20. August wurde in der Folgezeit wiederholt
verschrft, immer in der Absicht, Deutschland von jeder nicht nur
Kriegszwecken dienenden, sondern auch fr die Erhaltung seiner
Bevlkerung wichtigen Versorgung durch die neutrale Schiffahrt
abzuschneiden. Schlielich wurde durch eine Order vom 23. April 1916
der Unterschied zwischen relativer und absoluter Konterbande berhaupt
aufgehoben. Die Liste der Bannwaren wurde immer lnger, so da es
schlielich kaum mehr eine wichtige Warengattung gab, die nicht auf
dieser Liste figurierte. Am 7. Juli 1916 sagten sich die britische
und franzsische Regierung gnzlich von der inzwischen wie ein Sieb
durchlcherten Londoner Deklaration los.

Aber die Ausdehnung des Bannwarenbegriffs und die Verschrfung der
Behandlung der Bannwaren gengten den Zwecken der britischen Regierung
nicht entfernt. Das Anhalten und die Untersuchung der Schiffe auf hoher
See war zu lstig und gefahrvoll, auf der anderen Seite nicht wirksam
genug.

Anfang November 1914 teilte die britische Regierung den Neutralen mit,
da die ganze Nordsee als Kriegsgebiet anzusehen sei. Es sei ntig
geworden, den Zugang zur Nordsee zwischen Schottland und Norwegen mit
Minen zu belegen; allen Schiffen, die mit Holland, Dnemark, Norwegen
und den Ostseelndern verkehren wollten, wurde der dringende Rat
erteilt, den Weg durch den Kanal und die Strae von Dover zu benutzen,
von wo ihnen ein sicherer Weg nach ihren Bestimmungshfen angewiesen
werden sollte.

Diese Mitteilung kam in ihrer Wirkung auf eine Blockade nicht nur der
deutschen Ksten, sondern auch der neutralen Anlieger der Nord- und
Ostsee hinaus. Der hierin liegende Versto gegen jedes Vlkerrecht wurde
verschrft durch eine weitere Erklrung der britischen und franzsischen
Regierung vom 1. Mrz 1915, da sie von nun an das Recht beanspruchten,
alle Schiffe anzuhalten und in einen ihrer Hfen einzubringen, die Gter
fhrten, von denen vermutet werde, da sie feindliche Bestimmung htten,
feindliches Eigentum oder feindlichen Ursprungs seien.

Die Neutralen protestierten, allen voran die Vereinigten Staaten. In
einer Note vom 30. Mrz 1915 machten sie mit Recht darauf aufmerksam,
da die Alliierten Rechte fr sich beanspruchten, die sie nur bei einer
effektiven Blockade, fr die jede Voraussetzung fehle, in Anspruch
nehmen knnten; so das Einbringen aller irgendwie verdchtigen Schiffe
statt der Untersuchung auf hoher See; so das Vorgehen gegen jeglichen
Handelsverkehr mit Deutschland, insbesondere auch gegen die Ausfuhr von
Deutschland nach neutralen Lndern. Aber der Einspruch der Vereinigten
Staaten, der in einem langwierigen Notenwechsel mit der britischen
Regierung bis zum Ende des Jahres 1915 mehrfach wiederholt wurde, blieb
auf dem Papier. Ja die Behandlung der Schiffe, die nach einem Hafen
eines Deutschland benachbarten neutralen Landes bestimmt waren oder aus
einem solchen Hafen kamen, wurde spter noch weiter verschrft, indem
diesen Schiffen bei Strafe der Beschlagnahme auferlegt wurde, sich
selbst in einem Hafen der Alliierten zur Untersuchung zu stellen.

Es ist nicht mglich, hier alle die einzelnen Manahmen zu schildern,
mit denen die neutrale Schiffahrt davon abgeschreckt wurde, deutsche
Hfen anzulaufen oder Waren irgendwelcher Art im deutschen Interesse
zu befrdern. Als bezeichnend erwhnen will ich nur noch den Gebrauch,
den England von seiner Macht als Lieferant von Bunkerkohle machte.
Seit Oktober 1915 durfte Bunkerkohle an neutrale Schiffe nur noch
gegen die bernahme von Verpflichtungen seitens der zu beliefernden
Reedereien abgegeben werden, die diese vllig unter die Kontrolle der
britischen Admiralitt stellten. Als einige neutrale Reedereien sich
dieser Erpressung dadurch zu entziehen suchten, da sie auf englische
Bunkerkohle verzichteten und dafr deutsche Bunkerkohle einnahmen,
erklrte die britische Regierung, da deutsche Bunkerkohle als Ware
deutschen Ursprunges der Beschlagnahme unterliege.

Die Neutralen lieen sich den Druck, den England durch die
rcksichtslose und vlkerrechtswidrige Ausnutzung seiner Herrschaft
zur See auf sie ausbte, unter Protest gefallen. Die Deutschland
benachbarten kleinen neutralen Staaten, die durch Englands Vorgehen
nach Deutschland am schwersten betroffen wurden, verfgten weder
politisch und militrisch, noch wirtschaftlich ber gengende
Machtmittel, um England und seinen Verbndeten einen wirksamen
Widerstand entgegenzusetzen. Ja sie waren grtenteils in ihrer
Volksernhrung und in ihrem ganzen Erwerbsleben so sehr von
berseeischen Zufuhren abhngig, da sie sich sogar dazu pressen lieen,
die vlkerrechtswidrigen Manahmen der Alliierten gegen Deutschland
auf ihrem eigenen Boden zu dulden oder gar zu untersttzen. Einzig und
allein die Vereinigten Staaten wren in der Lage gewesen, zugunsten
des Vlkerrechts und der Menschlichkeit, der die Entwicklung des
Vlkerrechts in der Beschrnkung der Kriegfhrung auf die bewaffneten
Streitkrfte gerecht zu werden versucht hatte, ein Machtwort zu
sprechen. Es hatte einige Male den Anschein, als ob die Vereinigten
Staaten sich zu einem energischen Eintreten fr die innerhalb
bescheidener Grenzen vlkerrechtlich gewhrleistete Freiheit der Meere
aufraffen wollten. Aber es blieb auch von dieser Seite bei papiernen
Protesten.

Unterdessen machte England Anstalten, das Verbot des Handels mit dem
Feinde, das es nach altem englischem Brauch alsbald nach Kriegsausbruch
fr seine Staatsangehrigen und Einwohner erlassen hatte und dem seine
Verbndeten beigetreten waren, auch den neutralen Lndern aufzuzwingen.

Mit diesem Versuch hatte es sogar in den Vereinigten Staaten einen
gewissen Erfolg. Schon im Februar 1915 gelang es den englischen
Bemhungen, die Ausfuhr von Wolle aus den Vereinigten Staaten nach
Deutschland zu unterbinden. Zu diesem Zweck gestattete England die
Belieferung amerikanischer Bezieher mit Wolle aus den britischen
Besitzungen nur noch durch die Vermittlung der Amerikanischen
Textil-Alliance, die sich ihrerseits gegenber dem britischen Handelsamt
verpflichtete, die Ausfuhr von Wolle nach Deutschland durch die
Auferlegung bestimmter Bedingungen an ihre Abnehmer zu verhindern. In
hnlicher Weise hat England die Ausfuhr von Kautschuk und Gummiwaren
aus den Vereinigten Staaten unter seine Kontrolle gebracht. Die
Vereinigten Staaten bezogen etwa 70% ihres Gummibedarfs aus britischen
Besitzungen, 30% aus Brasilien, dessen Gummigewinnung und Gummihandel zu
einem erheblichen Teil unter englischer Kapitalkontrolle stand. Diese
Machtstellung hat England benutzt, um den amerikanischen Beziehern von
Kautschuk die Verpflichtung aufzuerlegen, Gummi und Gummifabrikate
nur auf dem Weg ber England und nur mit britischer Genehmigung nach
Europa zu liefern. Ja sogar ureigene amerikanische Erzeugnisse wurden
dieser Kontrolle unterworfen. Nachdem England die Baumwolle zur Bannware
erklrt hatte (August 1915), gestattete es die Lieferung von Baumwolle
an europische Neutrale nur solchen amerikanischen Hndlern, die
Mitglieder der Liverpooler Baumwollbrse wurden und sich verpflichteten,
Deutschland auch nicht mittelbar mit Baumwolle zu beliefern. Gleiches
erreichte England hinsichtlich der amerikanischen Metalle, vor allem
hinsichtlich des Kupfers. Diese Abmachungen mit dem amerikanischen
Handel wurden ergnzt durch Abmachungen mit den wichtigsten
Schiffahrtsgesellschaften, die sich verpflichteten, von ihren Verladern
Sicherheit gegen jede Verletzung der britischen Vorschriften zu
verlangen, wofr ihnen von der britischen Regierung Erleichterungen in
der Handhabung der Kontrolle zugesichert wurden.

Handelte es sich gegenber den Amerikanern noch um gtliche
Vereinbarungen oder hchstens um einen sanften Druck, so lie England
die kleinen Neutralen die ganze Schwere seiner eisernen Faust fhlen.

Die berseeische Zufuhr der Deutschland benachbarten Neutralen wurde
einer scharfen Kontingentierung unterworfen. Die jhrlichen Kontingente
fr die einzelnen Waren wurden durch eine in Paris tagende Kommission
von Vertretern Englands, Frankreichs, Italiens und Rulands festgesetzt.
Die hierdurch bewirkte knappe Bedarfsdeckung mute allein schon eine
Einschrnkung der Wiederausfuhr nach Deutschland zur Folge haben.
Aber damit begngte sich die britische Regierung nicht; sie verlangte
vielmehr in zahlreichen Fllen Ausfuhrverbote, und zwar nicht nur
fr die ber See eingefhrten Waren, sondern auch fr einheimische
Erzeugnisse unserer neutralen Anlieger. Vor allem aber sicherte sich die
britische Regierung die nahezu lckenlose Kontrolle ber den Verbleib
der ganzen berseeischen Einfuhr der uns benachbarten Neutralen durch
die Errichtung besonderer Kontrollgesellschaften.

Als erste dieser Gesellschaften wurde schon im November 1914 die
Nederlandsche Overzee Trust Maatschappij, meist NOT genannt, ins Leben
gerufen. Beteiligt an der Grndung waren die groen hollndischen
Schiffahrtsgesellschaften und Banken, sowie einige Grohandelsfirmen.
Die NOT traf Abmachungen mit der britischen Regierung, in denen diese
zusagte, Schiffe mit an die NOT konsignierter Ladung unbeanstandet
passieren zu lassen, whrend die NOT sich verpflichtete, fr den
ausschlielich inlndischen Verbrauch der an sie konsignierten Artikel
und der aus diesen hergestellten Waren zu garantieren. Die englische
Regierung behielt sich ein weitgehendes Recht der Nachprfung vor. Die
NOT ihrerseits war verpflichtet, von den Importeuren, die sich ihrer
Vermittlung bedienten -- und andere als durch die NOT vermittelte
Importe gab es bald nicht mehr -- Sicherheit fr den ausschlielich
inlndischen Verbrauch der Waren zu verlangen; der Importeur darf
die Waren nur mit Zustimmung der NOT und nur unter der Bedingung
weiter bertragen, da der Erwerber gegenber der NOT dieselben
Verpflichtungen bernimmt wie der Veruerer.

In den Dienst der Kontrolle der Ausfhrung aller dieser Verpflichtungen
sind durch allerlei Abmachungen die Reedereien, die Spediteure, die
Lagerhuser und Speichereien gestellt worden. Eine Durchbrechung dieser
Kontrolle war um so aussichtsloser, als die hollndische Regierung
selbst durch eine Verschrfung der Grenzberwachung und der gegen
Schmuggel gerichteten Strafbestimmungen das berwachungssystem der NOT
ergnzte.

Im Herbst 1915 wurde in der Schweiz nach langen Verhandlungen
mit England, Frankreich und Italien eine der NOT hnliche
Kontrollgesellschaft unter dem Namen Socit Suisse de Surveillance
Economique, kurz S. S. S. genannt, gegrndet. In Dnemark bernahmen
die Grosserer Societt und der Industrierat die Kontrollfunktionen, in
Schweden die Gesellschaft Transito. In Norwegen wurde die Kontrolle
durch ein Zusammenwirken der Regierungsorgane mit den britischen
Konsulatsbehrden hergestellt.

Die letzte Ergnzung und Vervollstndigung erhielt dieses System der
Handelssperre durch die Postkontrolle und die Schwarzen Listen. Die
rcksichtslos durchgefhrte und systematisch ausgenutzte Postkontrolle,
der gegen jedes Vlkerrecht auch neutrale Schiffe auf der Fahrt von
neutralem zu neutralem Hafen unterworfen wurden, brachte wertvolle
Einblicke in die Handelsbeziehungen der Neutralen und damit neue
Kontrollmglichkeiten. Durch die Schwarzen Listen wurden neutrale
Kaufleute, die mit Deutschland Handel trieben oder auch nur des Handels
mit Deutschland verdchtig waren, in bezug auf Handelsverbote usw.
den feindlichen Auslndern gleichgestellt, also einem Handelsboykott
unterworfen.

Alle diese Manahmen dienten dem einen Zweck, dem im schwersten
Kampf stehenden deutschen Volk den Lebensatem abzuschnren. Niemals
in der Geschichte aller Zeiten und Vlker haben brutale Gewalt und
kaufmnnisches Raffinement sich zu einem so gewaltigen Unternehmen
zusammengetan. Die Napoleonische Kontinentalsperre war in ihrer Anlage,
ihren Mitteln und in ihren Wirkungen ein Kinderspiel im Vergleich mit
der Handels- und Hungerblockade, durch die England das groe Land im
Zentrum Europas zu einer belagerten Festung machte.

Unsere militrischen Erfolge vermochten diese Lage in manchen nicht
unwesentlichen Beziehungen fr uns zu verbessern, aber nicht von Grund
aus zu ndern.

Die rasche Besetzung Belgiens und Nordfrankreichs brachte Gebiete in
unsere Gewalt, die auch vom Standpunkt des Wirtschaftskrieges aus
eine wesentliche Strkung unserer Position bedeuteten; vor allem eine
Strkung unserer Rohstoffposition. Sowohl die Produktionsmglichkeiten
jener Gebiete wie auch die groen in jenen Gebieten lagernden Vorrte
von Rohstoffen, Halbfabrikaten und Fertigwaren waren eine wertvolle
Ergnzung unserer eigenen Bodenschtze und Warenvorrte. Ich erinnere
nur an die Eisenerzvorkommen von Longwy und Briey, an die belgische
Montanindustrie, an die groen Lager Antwerpens an Stapelartikeln
aller Art, an die Bestnde der Industriegebiete von Verviers und
Roubaix-Tourcoing an Wolle und Wollwaren, von Gent und Lille an
Baumwolle, Baumwollgarnen und Baumwollwaren. Im weiteren Verlauf des
Krieges hat die Besetzung der polnischen Industriegebiete uns einen
weiteren Zuwachs namentlich an Rohstoffen und Halbfabrikaten der
Textilindustrie gebracht.

Dagegen hatte die Besetzung dieser Gebiete im Osten und Westen keine
nennenswerte Erleichterung unserer Ernhrungssituation zur Folge.
Die dichte Bevlkerung Belgiens und Nordfrankreichs bedurfte selbst
eines sehr erheblichen Zuschusses an Nahrungsmitteln; auch Polens
Landwirtschaft hat im Frieden nicht ausgereicht, um die eigene
Bevlkerung, die sich in den groen Industriezentren von Warschau,
Lodz und Sosnowice stark zusammenballt, mit der erforderlichen Nahrung
zu versehen. Litauen und Kurland vermochten bei der Rckstndigkeit
ihrer Landwirtschaft und ihrer dnnen, durch den Krieg noch weiter
verminderten Bevlkerung das Bild nicht wesentlich zu ndern, obwohl
unsere Militrverwaltung sich nach besten Krften und mit Erfolg
bemhte, die Produktion zu heben. Die Sorge um die Ernhrung der
Bevlkerung Belgiens und Nordfrankreichs ist uns in der Hauptsache
durch die unter amerikanischer und spanischer Leitung arbeitende
Relief-Commission abgenommen worden. Die Bedingung fr die Versorgung
dieser Gebiete mit amerikanischen Einfuhren war allerdings, da wir
uns verpflichteten, nicht nur die von der Kommission eingefhrten
Nahrungsmittel nicht fr deutsche Zwecke zu beschlagnahmen, sondern
auch die eigene landwirtschaftliche Erzeugung Belgiens fr die
belgische Bevlkerung vorzubehalten. Auf diese Weise sind wir zwar
der schweren Wahl enthoben worden, entweder die dichte Bevlkerung
der besetzten Gebiete durch Zuschsse aus unseren eigenen knappen
Bestnden durchzuhalten, oder im Rcken unserer kmpfenden Truppen
eine Bevlkerung von vielen Millionen allen Verzweiflungen des Hungers
preiszugeben. Aber eine irgendwie nennenswerte Erleichterung gegenber
dem furchtbaren Druck der Hungerblockade haben uns die besetzten Gebiete
nicht gebracht.

Auch unsere Bundesgenossen waren uns in diesem Punkte keine Hilfe.

sterreich-Ungarn hatte schon in den Jahren vor dem Kriege aufgehrt,
einen berschu an landwirtschaftlichen Produkten ber den stark
angewachsenen eigenen Bedarf hinaus zu erzeugen. Immerhin stand die
Donaumonarchie in der Deckung ihres Nahrungsbedarfs durch die eigene
Erzeugung wesentlich gnstiger da als Deutschland. Trotzdem stellte sich
bald heraus, da sterreich-Ungarn gegenber der durch die Sperrung der
Nahrungsmittelzufuhr geschaffenen Lage nicht dieselbe Widerstandskraft
aufzubringen vermochte wie Deutschland. Die eigene Produktion ging
strker zurck und wurde weniger scharf erfat, der eigene Verbrauch
wurde laxer kontrolliert und eingeschrnkt als bei uns. In Energie,
Organisation und Disziplin vermochte unser Verbndeter mit uns auch auf
dem Gebiet der Volksernhrung so wenig Schritt zu halten, da wir, trotz
unserer an sich ungnstigeren eigenen Lage, uns sehr bald gezwungen
sahen, den sterreichern gelegentlich auszuhelfen.

Eine hnliche Erfahrung machten wir spter, nach der Niederwerfung
Serbiens, mit Bulgarien. Auch dieses Bauernland, das im Frieden stets
einen Nahrungsberschu erzeugte, sah seine landwirtschaftliche
Produktionskraft durch den Krieg in einer Weise gelhmt, da es nicht
nur nicht in der Lage war, uns auszuhelfen, sondern selbst in groe
Ernhrungsschwierigkeiten geriet, die schlielich zu dem Zusammenbruch
der bulgarischen Armee wesentlich beigetragen haben.

Auch die Trkei, die schon in Friedenszeiten infolge der Rckstndigkeit
ihrer eigenen Landwirtschaft einen Getreidezuschu aus Ruland brauchte,
konnte uns keine Hilfe sein.

Dagegen haben allerdings sowohl Bulgarien wie namentlich die Trkei uns
mit andern wichtigen Artikeln beliefern knnen, so mit len und Fetten,
mit Tabak, mit Wolle, Baumwolle und Seide, mit Metallen. Freilich waren
auch bei diesen Gtern die Mengen beschrnkt, nicht nur wegen der an
sich nicht sehr erheblichen Produktion, sondern vor allem wegen der
geringen Leistungsfhigkeit der Verkehrsmittel. In Friedenszeiten haben
jene Lnder fr ihre Ausfuhr und Einfuhr so gut wie ausschlielich den
Seeweg benutzt. Jetzt mute sich der Export der Trkei auf die eine
eingleisige Eisenbahn von Konstantinopel ber Sofia zusammendrngen, die
zudem fr militrische Zwecke fortgesetzt stark in Anspruch genommen
war. Auch der Donauweg, der fr den Verkehr mit Bulgarien und Rumnien
in Betracht kam, war wenig leistungsfhig und mute whrend des Krieges
erheblich verbessert werden.

So waren wir fr unsere Volksernhrung im wesentlichen auf die eigene
landwirtschaftliche Erzeugung und auf die Zufuhren gestellt, die wir
im Kampf mit der britischen Hungerblockade doch noch aus den neutralen
Lndern herausholen konnten.

Unsere Landwirtschaft selbst war durch den Krieg in eine schwere Lage
gebracht. Die Entziehung der leistungsfhigsten Arbeitskrfte durch
die Einberufungen zum Heer, die Verminderung des Pferdebestandes
durch den militrischen Bedarf, die infolge der Verwendung der
Stickstoffverbindungen zur Sprengstofffabrikation alsbald einsetzende
Knappheit an Dngemitteln wurden in ihrer Wirkung noch gesteigert durch
ungnstige Witterungsverhltnisse. So kam es, da der Ernteertrag des
Jahres 1917 an Roggen und Weizen sich nur auf 9,2 Millionen Tonnen
stellte gegen 16-1/2 Millionen Tonnen in dem allerdings glnzenden Jahr
1913; da in derselben Zeit die Gerstenernte von 3,6 auf 2,0 Millionen
Tonnen, die Haferernte von 9,5 auf 3,6 Millionen Tonnen zurckging.
Das Jahr 1916 brachte ein vlliges Versagen der Kartoffelernte, die
von 54 Millionen Tonnen in den Jahren 1913 und 1915 auf 25 Millionen
Tonnen zusammenklappte. Die beiden folgenden Jahre ergaben 34,4 und 29,5
Millionen Tonnen.

Was die Viehzucht anbelangt, so hielt sich unser Bestand an Rindvieh bis
in das Jahr 1917 hinein der Zahl nach ungefhr auf der Friedenshhe.
Aber die Knappheit an Futtermitteln, namentlich an Kraftfuttermitteln,
fhrte zu einem starken Rckgang des Lebendgewichtes und vor allem
der Milchergiebigkeit. Unser Bestand an Schweinen stellte sich am 1.
Juni 1917 nur noch auf 12,8 Millionen Stck, gegen 25,7 Millionen am
1. Dezember 1913. Zu der Verminderung der Stckzahl kam auch hier eine
starke Verminderung des Lebendgewichtes und damit der Fetterzeugung.

Diese wenigen Zahlen mgen gengen, um ein Bild davon zu geben, wie
schwer und ernst es um die belagerte Festung stand und wieviel darauf
ankam, den Druck der Handels- und Hungerblockade zu lockern und aus den
neutralen Lndern alles, was immer erreichbar war an Nahrungsmitteln und
Rohstoffen, hereinzuholen.


                  Der Wirtschaftskampf um die Neutralen

Die Mittel des Gegendruckes, die uns gegenber dem Druck Englands auf
die Neutralen zur Verfgung standen, waren bescheiden. Die Zeiten, in
denen der Verkufer im allgemeinen in der schlechteren Lage ist als der
Kufer, in denen die Konkurrenz des Angebots meist grer ist als die
Nachfrage, waren mit Kriegsausbruch vorbei. Von jetzt ab beherrschte der
Warenhunger den internationalen Handel. Auch fr die Neutralen war jetzt
die erste Frage nicht mehr: Was kann ich dir verkaufen? sondern: Was
kannst du mir liefern?

Der Welthandel ist in der Hauptsache Seehandel. Da unsere Feinde die See
beherrschten, konnten sie den Neutralen nicht nur die Erzeugnisse ihres
eigenen Landes und ihrer weltumfassenden berseeischen Besitzungen je
nach Belieben liefern oder vorenthalten, sondern darber hinaus hatten
sie es in der Hand, die Erzeugnisse der ganzen berseeischen Welt den
europischen Neutralen zu sperren. Sie haben von dieser Mglichkeit ohne
jede Rcksicht auf das Vlkerrecht den brutalsten Gebrauch gemacht.

Uns stand demgegenber nur unsere eigene, durch den Krieg ebensosehr
beeintrchtigte wie in Anspruch genommene Erzeugung zu Gebote. Darunter
wichtige Dinge, wie Kohlen, Eisen und Stahl, Teerfarben, Arzneimittel,
Kali und hnliches. Aber einmal konnten wir auch von diesen Dingen nur
beschrnkte Mengen abgeben; ferner waren Kohlen und Eisen immerhin der
Konkurrenz von englischer und auch amerikanischer Seite ausgesetzt;
schlielich ist der strkste Druck immer noch der Hunger, den die
Entente durch die Sperrung der Zufuhr an Nahrungs- und Futtermitteln
in Wirkung setzen konnte. Es handelte sich darum, mit den wenigen
Trmpfen, die wir in unserm Spiel hatten, das mglichste an Vorteilen
herauszuholen.

Dazu war ntig die planmige Verfgung ber unsere fr die Ausfuhr
verfgbaren Waren. Schon die unbedingte Sicherung des eigenen Bedarfs
fr Kriegs- und Wirtschaftszwecke hatte bald einzelne Ausfuhrverbote
erforderlich gemacht. Die Notwendigkeit, unsere Ausfuhr als Mittel im
Wirtschaftskampf um die Neutralen zu verwerten, machte es vollends
unmglich, die Ausfuhr und die Ausfuhrbedingungen in dem Belieben des
einzelnen Produzenten oder Hndlers zu belassen.

Nicht minder wurde eine Regelung der Einfuhr notwendig.

Wir konnten einmal die ohnedies gewaltigen Schwierigkeiten der
Heranziehung auslndischer Zufuhren nicht dadurch ins Ungemessene
steigen lassen, da deutsche Aufkufer auf den berlaufenen neutralen
Mrkten sich gegenseitig eine schrankenlose Konkurrenz machten, die
Preise unvernnftig in die Hhe boten und die sonstigen Gegenforderungen
des Auslandes malos erhhten.

Wir muten ferner mit unserer beschrnkten Kaufkraft fr auslndische
Waren haushalten und die fr uns beschaffbaren Betrge an fremder Valuta
fr den Ankauf der am dringlichsten bentigten Waren verwenden.

Schlielich lie die Tatsache, da die Einfuhr wichtiger Waren nur in
bestimmten Mengen und nur gegen Zugestndnisse unsererseits auf dem
Gebiete der Ausfuhr zu erreichen war, gar keine andere Wahl als eine
planmige Regelung auch der Einfuhr.

Das sind die zwingenden Grnde, aus denen die vielgescholtene
Reglementierung und Zentralisation unserer Aus- und Einfuhr entstand.

Diese zwingenden Grnde wurden, wie die ganze Tragweite des
Wirtschaftskrieges, nicht von Anfang an voll erkannt. Aber immerhin
zeigten weite und wichtige Kreise unseres Wirtschaftslebens schon
in den ersten Tagen und Wochen des Krieges ein richtiges Gefhl fr
die Notwendigkeit einheitlichen Vorgehens beim Einkauf im neutralen
Ausland. Die damals schon aus der Initiative unserer industriellen und
kommerziellen Kreise geschaffenen Organisationen sind spter ausgebaut
und mit anderen, vielfach nach ihrem Vorbild geschaffenen Einrichtungen
in den Dienst der Kriegshandelspolitik gestellt worden. Vielfach aber
fehlte das Verstndnis fr die Notwendigkeit einer einheitlichen und
planmigen Leitung unserer Einkaufs- und Verkaufsgeschfte mit den
Neutralen in einem geradezu erstaunlichen Mae. Es blieb dann nichts
brig, als mit den Machtmitteln, die der Reichstag dem Bundesrat
bertragen hatte, auch gegen den Willen der unmittelbar beteiligten
Kreise durchzugreifen.

Schon als Schatzsekretr hatte ich in wichtigen und bezeichnenden Fllen
Veranlassung, mich mit diesen Fragen zu befassen.

Die Einkufe fr den Bedarf des Feldheeres auf den neutralen Mrkten,
die damals noch einen verhltnismigen berflu an Fleisch, Fett,
Butter und Kse hatten, erforderten sehr hohe und fortgesetzt steigende
Summen. Die Ursache war, da die mit dem Einkauf beauftragten
militrischen Stellen auf diesen Mrkten nicht nur mit dem Ausland,
sondern auch mit deutschen Einkufern der verschiedensten Art, mit
Hndlern, industriellen Werken, Kommunen, Einkaufsgesellschaften usw.,
ebenso mit Einkufern fr den sterreichischen Heeres- und Zivilbedarf
zu konkurrieren hatten. Man trieb sich gegenseitig die Preise hoch mit
der Wirkung, da die Verkufer, je mehr die Preise stiegen, desto mehr
auf weitere Preissteigerungen spekulierten und die Ware zurckhielten.
Sehr schlimm lagen die Verhltnisse auf dem dnischen Buttermarkt. Ich
setzte im Herbst 1915 die Zentralisation des Einkaufs unter Einbeziehung
sterreich-Ungarns durch mit dem Erfolg, da der Butterpreis, der bis
auf 275 Kronen fr 50 kg gestiegen war, in nicht allzu langer Zeit
auf 152 Kronen zurckgebracht wurde und auerdem die Ankufe fr
Deutschland und sterreich-Ungarn erheblich gesteigert werden konnten.
Fr das Reich wurden monatlich eine ganze Anzahl von Millionen gespart,
und fr die Bevlkerung wie fr das Heer wurde die Butterversorgung
verbessert.

Noch weit schlimmer lagen die Dinge auf dem rumnischen Getreidemarkte.

Nachdem die berseeische Zufuhr von Getreide und Futtermitteln
fr uns abgeschnitten und fr die europischen Neutralen auf
ein Mindestma eingeschrnkt worden war, blieb uns und unsern
sterreichisch-ungarischen Verbndeten als einziges Land, aus dem
grere Mengen bezogen werden konnten, das damals noch neutrale
Rumnien. Die Jahre 1914 und 1915 brachten in Rumnien reiche Ernten,
fr die infolge der Dardanellensperre ein anderer Absatz als an
die Mittelmchte zunchst nicht in Frage kommen konnte. Auerdem
war Rumnien dem Druck des britischen Wirtschaftskrieges entrckt.
Rein wirtschaftlich waren also die Voraussetzungen fr den Bezug
von Getreide und Futtermitteln, namentlich Mais, aus Rumnien
durchaus gnstig. Politisch allerdings war die Haltung Rumniens
von Anfang an zweifelhaft, und die rumnische Regierung mit ihrem
ganzen Beamtenapparat, ebenso die rumnische Landwirtschaft und der
rumnische Handel waren geneigt, die Notlage der Mittelmchte nach
Krften auszunutzen. Wir erleichterten ihnen dieses Spiel. Noch viel
mehr als auf den dnischen Buttermarkt strzten sich der reelle und
unreelle Handel, die Einkufer der Militrverwaltung, wirtschaftlicher
Unternehmungen, von Stdten und Landwirtschaftskammern auf die
rumnischen Vorrte. Die Rumnen verkauften zu immer hheren Preisen
-- ich glaube fr Mais wurden schlielich an die tausend Mark fr die
Tonne bezahlt, -- lieen sich bar bezahlen, legten aber dem Abtransport
solche Schwierigkeiten in den Weg, vor allem indem sie die tatschlich
vorhandenen Transportschwierigkeiten ins malose bertrieben, da so gut
wie nichts aus Rumnien herauskam. Es lagerten schlielich in Rumnien
etwa 700000 Tonnen Getreide im Ankaufswert von etwa 200 Millionen
Mark, die von uns und unsern Verbndeten bezahlt waren, aber nicht
abtransportiert werden konnten. Weitere groe Mengen Getreide waren
noch verfgbar, aber die Rumnen, die inzwischen ihrerseits den ganzen
Getreideverkauf syndiziert hatten, verlangten unerschwingliche Preise
und unerfllbare Zahlungsbedingungen.

Auch hier konnte nur die Zentralisation des Einkaufs helfen, zugleich
mit einer einheitlichen Disposition ber die von uns fr den Abtransport
zur Verfgung zu stellenden Transportmittel.

Auf mein Betreiben wurde in schwierigen Verhandlungen die Zentralisation
durchgesetzt und das Einkaufsgeschft der Zentraleinkaufsgesellschaft,
der spter aus Unkenntnis und Unverstand so viel angefeindeten Z. E. G.,
bertragen. Die Zentraleinkaufsgesellschaft schlo sich ihrerseits mit
der sterreichischen Kriegs-Getreide-Verkehrsanstalt und der ungarischen
Kriegs-Produkten-Aktiengesellschaft zu einheitlichem Vorgehen zusammen.

Schon im September 1915, also noch vor Beginn des Feldzuges gegen
Serbien, konnte mit dem Abtransport von Getreide begonnen werden.

Der rasche und glckliche Verlauf des serbischen Feldzuges hatte
einmal die Wirkung, der Ententefreundschaft in Rumnien einen Dmpfer
aufzusetzen; dann aber machte er den Donauweg fr den Abtransport des
rumnischen Getreides frei.

Es gelang nun der Zentraleinkaufsgesellschaft, im Dezember 1915 und im
Mrz 1916 mit der rumnischen Regierung Vertrge abzuschlieen, durch
die den Mittelmchten rund 2,7 Millionen Tonnen Getreide zu ertrglichen
Preisen und Zahlungsbedingungen gesichert wurden. Die Vertrge kamen
zustande, obwohl die Ententeregierungen, vor allem die britische
Regierung, mit allen Mitteln versuchten, den Abschlu zu vereiteln. Ein
Versuch Englands, die rumnischen Getreidebestnde durch Ankauf zu hohen
Preisen und Einlagerung in Rumnien fr die Mittelmchte zu sperren, kam
zu spt und gelang nur in bescheidenen Grenzen.

Die groen Schwierigkeiten des Abtransportes wurden durch ein
Zusammenwirken der Einkaufsgesellschaften mit dem Chef des
deutschen Feldeisenbahnwesens und der sterreichisch-ungarischen
Zentraltransportleitung berwunden. Die Durchfahrt durch das Eiserne
Tor wurde verbessert und zweckmig organisiert. Die ungarischen
Bahnen, auf denen der weitere Abtransport sich zum groen Teile zu
vollziehen hatte, wurden durch Verlngerung der Ausweichgleise usw.
leistungsfhiger gemacht. Die Zentraleinkaufsgesellschaft schuf sich
in kurzer Zeit eine ansehnliche Donauflotte und sorgte fr die ntigen
Umschlags- und Umladeeinrichtungen.

Der Erfolg war, da es gelang, bis zum Ausbruch des Krieges mit Rumnien
das angekaufte Getreide abzutransportieren. Deutschland hat in dem
kritischen Frhjahr und Sommer 1916 aus Rumnien Getreidezufuhren von
mehreren hunderttausend Tonnen monatlich erhalten. --

War die Zentralisation der Einfuhr in den Hnden weniger, nach
kaufmnnischen Grundstzen arbeitender und nach einheitlichen
Direktiven handelnder Organisationen eine unerlliche Voraussetzung
fr ein erfolgreiches Vorgehen auf den neutralen Mrkten, so gengte
sie doch fr sich allein keineswegs, um einen Erfolg zu sichern.
Die planmige Ttigkeit unserer Einkaufsorgane mute Hand in Hand
gehen mit der planmigen Verfgung ber unsere Ausfuhr, und da sich
bald zeigte, da unsere Ausfuhr in ihrem Geldwert weit zurckblieb
hinter der Einfuhr, die wir bentigten und uns, eine Lsung der
Bezahlungsfrage vorausgesetzt, beschaffen konnten, so kam als Drittes
hinzu die Beschaffung der fr die Bezahlung des Einfuhrberschusses
erforderlichen auslndischen Zahlungsmittel.

In der Ausnutzung unserer fr die Neutralen willkommenen oder gar
notwendigen Ausfuhrwaren fr die Zwecke der Sicherung von Zufuhren an
fr uns notwendigen Rohstoffen und Lebensmitteln konnte nicht nach einer
einheitlichen Schablone verfahren werden. Die Verhltnisse fr ein
Operieren mit unsern Ausfuhrwaren lgen in einem jeden der neutralen
Lnder anders. Der Grad ihrer Abhngigkeit von unserer Ausfuhr war
ebenso verschieden wie der Grad ihrer Abhngigkeit von der Entente; und
auch in den einzelnen neutralen Lndern erfuhr dieses Verhltnis whrend
des Krieges fortgesetzt Verschiebungen.

In groen Zgen entwickelte sich unser Vorgehen so, da in der ersten
Zeit des Krieges vorwiegend einzelne Kompensationsgeschfte mit unsern
neutralen Nachbarn abgeschlossen wurden; d. h. wir machten einzelne
wichtige Ausfuhrgeschfte abhngig von bestimmten Gegenleistungen der
Neutralen fr unsere Versorgung. Unabhngig von diesen Warengeschften,
gelegentlich auch in Verbindung mit ihnen, wurde mit neutralen
Geldinstituten ber die Erffnung von Krediten fr die Bezahlung unseres
Einfuhrberschusses verhandelt. Es stellte sich nun bald heraus,
da der Weg des Einzelaustausches nicht immer vorteilhaft und nicht
immer gangbar fr uns war, vor allem aber, da nur ein bescheidener
Teil unseres Einfuhrbedarfs durch einzelne Kompensationsgeschfte
gedeckt werden konnte. Man kam deshalb allmhlich zu umfassenderen
Abmachungen mit den neutralen Staaten, in denen man sich gegenseitig
eine Bercksichtigung der beiderseitigen Interessen bei der Handhabung
von Ausfuhrgenehmigungen und Ausfuhrverboten zusicherte. Dabei handelte
es sich fr uns darum, durch ein weitherziges Entgegenkommen in unserer
Ausfuhrpolitik den Widerstand der Neutralen gegen den Druck der Entente
zu strken, vor allem zu verhindern, da die Neutralen sich dem
Verlangen der Entente nach dem Erla von Ausfuhrverboten fgten, oder zu
erreichen, da bereits erlassene Ausfuhrverbote dauernd oder wenigstens
fr einen bestimmten Zeitraum wieder aufgehoben wrden. Wenn auch
diese Abmachungen insofern der Przision des Einzelaustauschgeschftes
ermangelten, als Leistung und Gegenleistung nicht ziffernmig
festgelegt war, so hatten wir doch eine wirksame Handhabe, um auf eine
sinngeme Ausfhrung zu dringen. Erfllte ein neutraler Staat die
Erwartungen nicht, auf Grund deren wir uns entgegenkommend gezeigt
hatten, so waren wir in der Lage, unsere Ausfuhren nach diesem Staat
entsprechend einzuschrnken und damit einen Druck auszuben. So hat die
Schweiz im Sptsommer 1916 unter dem Druck Frankreichs und Englands
die Ausfuhr aller Waren, die von der Entente zu Bannware deklariert
worden waren, nach Deutschland eingestellt. Wir gingen, als alle unsere
Vorstellungen daran scheiterten, da die Entente die Schweiz unter dem
strksten Druck hielt, auch unsererseits mit dem strksten Druck vor,
indem wir eine Ausfuhrsperre fr Kohle, Eisenwaren und andere fr die
Schweiz unentbehrlichen Gter in die Wege leiteten. Der Erfolg war, da
schlielich eine fr uns ertrgliche Einigung zustande kam.

Solche Erfahrungen fhrten zu einem weiteren Fortschritt in der
Gestaltung unserer Wirtschaftsbeziehungen zu unsern neutralen
Anliegern. Die in ihrer Festsetzung von Leistung und Gegenleistung
przisen Einzelkompensationsgeschfte waren nur beschrnkt anwendbar
und reichten nicht aus, um unsern Einfuhrbedarf zu decken; die
umfassenderen Verstndigungen ber gegenseitige Bercksichtigung bei
der Handhabung der Ausfuhrregelung waren nicht bestimmt genug, um fr
beide Teile Lieferung und Bezug auf eine wenigstens fr einige Zeit
gesicherte Grundlage zu stellen und pltzliche Strungen auszuschlieen.
Es handelte sich darum, die Vorteile beider Systeme zu verbinden
und dabei, wenn irgend mglich, auch die immer schwieriger werdende
Finanzierung unserer Bezge sicherzustellen. Zu diesem Zweck schlug
ich vor, den Versuch zu machen, mit unsern neutralen Nachbarn zu
Abmachungen zu gelangen, die sich erstens auf einen bestimmten lngeren
Zeitraum erstreckten, zweitens fr diesen Zeitraum bestimmte Leistungen
und Gegenleistungen an den fr jeden der beiden Teile wichtigsten
Ausfuhrgtern vorsahen, drittens gleichzeitig den berschu unserer
Einfuhr ber die Ausfuhr durch bestimmte Kreditvereinbarungen deckten.
Auf dieser Grundlage wurde in der Folgezeit mit der Schweiz, mit
Holland, mit Dnemark und mit Schweden verhandelt und abgeschlossen.

Da die immer straffer durchgefhrte Reglementierung und Zentralisierung
unsrer Einfuhr und Ausfuhr, zu der als notwendige Ergnzung noch die
Regelung des Verkehrs in auslndischen Zahlungsmitteln (Devisenordnung)
hinzutrat, die Interessen zahlreicher Einzelner und wichtiger
Berufsstnde schdigte, da bei der Durchfhrung manche bertriebene
Hrte, manche berflssige Umstndlichkeit, mancher vermeidbare Fehler
mit unterlief, darber habe ich nie einen Zweifel gehabt. Insbesondere
der Handel, dessen Vermittlerttigkeit kaum mehr ein Arbeitsfeld fand,
wurde schwer getroffen. Die Organisationen zur Durchfhrung der nun
einmal durch die Kriegsverhltnisse uns aufgezwungenen einheitlichen und
planmigen Regelung unseres Auenhandels muten gewissermaen aus dem
Nichts heraus geschaffen werden. Das notwendige Personal -- es waren bei
der Zentraleinkaufsgesellschaft im Jahre 1916 weit ber 4000 Angestellte
-- mute aus allen Richtungen der Windrose zusammengeholt, eingegliedert
und eingearbeitet werden. Umstze, die bald in die Hunderte von
Millionen, ja in die Milliarden gingen, waren zu bewltigen -- kurz,
das grte Warenhandelsgeschft, das die Welt je gesehen hatte, war
aufzubauen und hatte zu arbeiten unter Verhltnissen und nach Methoden,
die ohne Vorbild waren. Und ber den Kpfen, die das alles zu leisten
hatten, schwang der Krieg seine Hetzpeitsche. Alles drngte. Oft kam es
fr wichtige Entscheidungen und Manahmen auf Stunden an. Da hie es
manchmal nach dem alten militrischen Grundsatz zu handeln: Besser ein
falscher Entschlu als gar keiner!

Alle Mngel und Unzutrglichkeiten, auch alle Kritik und alle Angriffe
muten um des Ganzen willen in Kauf genommen werden. Ja, es mute
von denjenigen, die vor der Kritik und den Angriffen Rede zu stehen
hatten, sogar hingenommen werden, da sie von der strksten Waffe der
Rechtfertigung und Verteidigung, dem Hinweis auf die erzielten Erfolge,
berhaupt nicht oder nur im engen Kreise vertraulichster Beratungen
Gebrauch machen konnten. Denn die Darlegung der erzielten Erfolge htte
unsern Feinden Einblicke in unsere Arbeit gegeben, die ihnen wirksame
Gegenaktionen ermglicht und damit die glcklich gesicherten Zufuhren
wieder auf das schwerste gefhrdet htten.

Heute lt sich ohne Gefhrdung deutscher Interessen ber diese Dinge
sprechen, und ich gebe deshalb einige Tatsachen, die zeigen, in welchem
Mae es uns gelungen ist, in dem schweren Kampf mit der Entente unsere
Stellung auf den Mrkten der uns benachbarten Neutralen nicht nur zu
behaupten, sondern sogar auf Kosten Englands zu verbessern.

Zunchst sei festgestellt, da uns trotz der Handels- und Hungerblockade
die Aufrechterhaltung unserer Einfuhr in weit hherem Mae gelungen ist,
als whrend des Krieges wohl von allen nicht Eingeweihten angenommen
wurde.

Unsere Einfuhr im letzten Friedensjahre, 1913, hatte den Wert von 10,8
Milliarden Mark erreicht. Unsere Einfuhr im Jahre 1915, als der Handels-
und Hungerkrieg bereits im vollen Gange war, betrug immer noch 7,1
Milliarden Mark; im Jahre 1916 stellt sie sich auf 8,4 Milliarden, 1917
auf 7,1 Milliarden Mark. Freilich erscheint der tatschlich eingetretene
Einfuhrrckgang in diesen Ziffern zu gering; die Preissteigerung fast
aller Waren, die auch im Jahre 1915 sich bereits geltend machte,
verwischt das Bild der wirklichen Entwicklung. Immerhin bleibt, auch
wenn man die Preissteigerung in Rechnung setzt, die Tatsache bestehen,
da uns trotz der Absperrung von der berseeischen Welt und trotz des
Druckes, den die Entente auf die uns benachbarten Neutralen ausbte,
eine recht ansehnliche Einfuhr verblieben ist. Eine Betrachtung der
Einfuhrmengen einzelner wichtiger Artikel wird dies besttigen.

Gleich hier mchte ich darauf aufmerksam machen, da unsere Ausfuhr
einen weit strkeren Rckgang erfahren hat als unsere Einfuhr. Whrend
im Jahre 1913 unsere Ausfuhr mit 10,1 Milliarden Mark nur um rund 700
Millionen Mark hinter unserer Einfuhr zurckgeblieben war, sank unsere
Ausfuhr im Jahre 1915 auf 3,1 Milliarden Mark, lie also gegenber
der gleichzeitigen Einfuhr einen Fehlbetrag von 4 Milliarden Mark. Es
gelang zwar, im Jahre 1916, trotz der schwierigen Verhltnisse und des
immer wachsenden eigenen Bedarfs fr Heer und Volk, die Ausfuhr auf 3,8
Milliarden Mark zu steigern; aber der Abstand gegenber dem Einfuhrwert
wuchs, da letzterer noch mehr gestiegen war, auf 4-1/2 Milliarden Mark.
Im Jahre 1917 stand der Einfuhr von 7,1 Milliarden eine Ausfuhr von 3,4
Milliarden gegenber; der Einfuhrberschu betrug also 3,7 Milliarden
Mark. Die groen und im Laufe des Krieges fortgesetzt steigenden
Schwierigkeiten der Beschaffung von Zahlungsmitteln fr das Ausland, die
hieraus sich ergebende Steigerung der Wechselkurse der neutralen Lnder
und der Druck auf unsere eigene Valuta finden in dem jhrlich mehrere
Milliarden betragenden Passivsaldo unserer Handelsbilanz ihre Erklrung.

Wenn unsere Einfuhr sich in dem geschilderten Umfang aufrechterhalten
konnte, so lag dies daran, da die uns benachbarten Neutralen, zu
denen bis Ende August 1916 auch Rumnien zu rechnen ist, den Ausfall
der Einfuhr aus den feindlichen Lndern und den nur auf dem Seewege
zu erreichenden Neutralen zu einem erheblichen Teil wettmachten; denn
unsere Verbndeten, deren Hilfsquellen fr den eigenen Bedarf durch
den Krieg stark in Anspruch genommen waren, vermochten uns in dieser
Beziehung keine ziffernmig ins Gewicht fallende Hilfe zu gewhren.
Whrend unsere Gesamteinfuhr sich von 10,8 Milliarden Mark im Jahre 1913
auf 7,1 Milliarden Mark im Jahre 1915 verringerte, stieg unsere Einfuhr
aus den uns benachbarten Neutralen (einschl. Rumniens) in derselben
Zeit von 1,1 auf 3,5 Milliarden Mark. Im ersten Halbjahr 1916 stellte
sich der Anteil dieser Neutralen an unserer Einfuhr sogar auf rund 70%
gegen wenig mehr als 10% im Jahre 1913.

An einzelnen wichtigsten Gtern konnten uns die benachbarten Neutralen
einen vollen Ersatz fr den Wegfall der Einfuhr aus den feindlichen und
den fr uns gesperrten neutralen Lndern gewhren, ja sogar darber
hinaus unsere Gesamtbelieferung steigern. Das gilt vor allem fr die
Produkte der Viehzucht, die in den uns benachbarten Neutralen, vor allem
in Holland und Dnemark, zu hoher Leistungsfhigkeit entwickelt war.
So ist unsere Einfuhr von Schweinefleisch, einschlielich Schinken,
von 21600 Tonnen im Jahre 1913 auf 98200 Tonnen im Jahre 1915 gebracht
worden. In derselben Zeit stieg unsere Einfuhr von Butter, an der vor
dem Kriege Ruland (Sibirien) zu mehr als der Hlfte beteiligt war,
trotz des Wegfalls dieser wichtigsten Bezugsquelle, von 54200 auf 68500
Tonnen, whrend allerdings gleichzeitig die Einfuhr von Milch und Rahm
eine starke Verminderung erfuhr. In derselben Zeit ist ferner die
Einfuhr von Kse von 26300 Tonnen auf 67300 Tonnen, also auf mehr als
das 2-1/2fache der Friedenseinfuhr gebracht worden. Die Einfuhr von
Salzheringen wurde von 1298000 Fa auf 2883000 Fa, also auf mehr als
das Doppelte, gesteigert.

Natrlich waren die uns benachbarten Neutralen, denen wir diese
wichtigen Zuschsse zu unserm Kriegshaushalt verdanken, nicht in der
Lage, ihre Erzeugung an allen diesen Dingen von heute auf morgen in
einem Mae auszudehnen, das ihnen ohne weiteres eine so erheblich
gesteigerte Belieferung Deutschlands gestattet htte. Irgendwelche
anderen Abnehmer, seien es die inlndischen Verbraucher, seien es
auslndische Bezieher, muten zugunsten Deutschlands verkrzt werden.

So war es in der Tat. Und der verkrzte Bezieher war in der Hauptsache
-- =England=!

Das sei an einigen Beispielen illustriert.

Die Ausfuhr der Niederlande nach Deutschland und England an einigen
wichtigen Artikeln, um deren Bezug die beiden Lnder whrend des Krieges
konkurrierten, hat sich folgendermaen entwickelt[3]:

                                         Hollndische Ausfuhr nach
                                          Deutschland     England
       an Butter          im Jahre 1913     19000 t        7900 t
                           "   "   1915     36700 "        2500 "
                           "   "   1916     31500 "        2200 "
       an Kse            im Jahre 1913     16100 "       19100 "
                           "   "   1915     63300 "        8400 "
                           "   "   1916     76200 "        6800 "
       an Schweinefleisch im Jahre 1913     11000 "       34000 "
                           "   "   1915     55100 "        7600 "
                           "   "   1916     25100 "       10300 "
       an Eiern           im Jahre 1913     15300 "        5800 "
                           "   "   1915     25200 "        7800 "
                           "   "   1916     36400 "         800 "

  [3] Fr 1917 und 1918 stehen mir die Ziffern nicht zur Verfgung.

Deutschland hat also seine Einfuhr aus den Niederlanden an diesen fr
die Volksernhrung und Heeresverpflegung so wichtigen Dingen whrend des
Krieges erheblich zu steigern vermocht, whrend gleichzeitig England
eine starke Verminderung seiner Zufuhren hinnehmen mute.

hnlich entwickelte sich der Kampf zwischen England und Deutschland
auf dem dnischen Markte. Whrend von 1913 auf 1915 die dnische
Ausfuhr von Butter nach England von 85300 auf 66300 Tonnen zurckging,
vermochte Deutschland seine Zufuhr aus Dnemark von 2200 auf 25200
Tonnen in die Hhe zu bringen. An Schweinefleisch bezog England im Jahre
1913 rund 9400 Tonnen, 1915 nur noch 1900 Tonnen; Deutschland dagegen
vermochte seine Bezge von 3800 auf 17900 Tonnen zu steigern. Dnemarks
Eierausfuhr nach England zeigte einen Rckgang von 30000 auf 18800
Tonnen, nach Deutschland dagegen eine Zunahme von 1200 auf 13000 Tonnen.

Auch in der Schweiz, in Schweden und lange Zeit hindurch sogar in dem
England gegenber gefgigen, von der Belieferung durch Deutschland
kaum abhngigen Norwegen wurde unsere Position nicht nur behauptet,
sondern sogar verbessert. Das gilt sowohl fr wichtige Produkte der
Viehzucht und der Fischerei, wie auch fr einige Rohstoffe, die fr
unsere Kriegsindustrie von grter Bedeutung waren. So gelang es, die
Zufuhr der fr unsere Stahlfabrikation kaum entbehrlichen phosphorarmen
schwedischen Eisenerze, sowie die Zufuhr von Ferrosilizium und andern
wichtigen Ferrolegierungen aus Schweden aufrechtzuhalten; desgleichen
erhielten wir aus Schweden gewisse Quantitten von Kupfer; ferner
groe Mengen von Holzstoff, der uns angesichts der unzureichenden
eigenen Gewinnung fr die Herstellung von Nitrozellulose, daneben
fr die Herstellung von Textilose und Papier eine wesentliche Hilfe
war. Norwegen war das einzige Land, das uns und unsern Bundesgenossen
whrend des Krieges wenigstens mit bescheidenen Mengen des fr die
Kriegsindustrie unentbehrlichen Nickels belieferte; daneben erhielten
wir von dort Kupfer und Schwefelkies sowie Rohkupfer, auch grere
Mengen von Norgesalpeter. Die Schweiz half uns vor allem aus mit
Aluminium.

Alles in allem: Wir haben zwar nicht vermocht, die britische Seesperre
zu brechen, wir blieben whrend des ganzen Krieges von allen nur zur See
erreichbaren Mrkten abgeschnitten; aber Englands Versuch, auch die uns
benachbarten Neutralen in das System seiner Blockade einzubeziehen und
damit die Blockade bis unmittelbar an unsere Landgrenzen heranzutragen,
ist trotz des beispiellosen von der Entente angewandten Druckes
gescheitert. Das neutrale Vorgelnde unserer belagerten Festung haben
wir in dem schweren Wirtschaftskampf siegreich behauptet.

Allerdings wurde auch dieses Vorgelnde mehr und mehr verwstet und
unterhhlt. England und seine Verbndeten scheuten sich nicht, den
Druck ihrer vlkerrechtswidrigen Manahmen auf unsere neutralen
Anlieger so weit zu steigern, da deren eigene Produktionsfhigkeit und
Lebenshaltung auf das schwerste beeintrchtigt wurde. Namentlich die
Leistungsfhigkeit der Viehzucht wurde durch die scharfe Rationierung
der Zufuhr von Futtermitteln herabgedrckt; und wer immer von den
Neutralen Brot bentigte, mute sich von dem Hungertod durch immer
weitere Zugestndnisse loskaufen.

Wir muten deshalb vom Ende des Jahres 1916 an mit einem kaum
aufzuhaltenden allmhlichen Versiegen auch unserer letzten neutralen
Bezugsquellen ernstlich rechnen.


                       Die innere Kriegswirtschaft

Die territoriale Erweiterung unserer Wirtschaftsgrundlage durch die
militrischen Erfolge, die uns die Besetzung und Verwaltung groer
Flchen feindlichen Gebietes ermglichten, und unser erfolgreicher
Kampf um die neutralen Mrkte, die uns erreichbar geblieben waren,
reichten nicht entfernt aus, Ersatz zu schaffen fr die gewaltigen
Zufuhren an Nahrungs- und Futtermitteln, an Rohstoffen, Halbfabrikaten
und Fertigwaren aller Art, die uns durch den Krieg und durch die
Abschneidung vom berseeischen Verkehr entzogen wurden und die bisher
ein wesentlicher Teil des Untergrundes unserer Produktions- und
Verbrauchswirtschaft gewesen waren. So ergab sich die Notwendigkeit,
einmal den uns verbleibenden Spielraum fr Produktion und Verbrauch
durch die Anwendung neuer Methoden und die Gewinnung von Ersatzstoffen
im Inland, sowie durch die intensive Nutzbarmachung der verfgbaren
Arbeitskrfte nach jeder Mglichkeit zu erweitern; dann unsere
Gtererzeugung und unsere Lebenshaltung auf die pltzlich so viel enger
gewordenen Verhltnisse einzustellen und sie gleichzeitig den gewaltigen
Bedrfnissen des Krieges anzupassen.


               Die Technik im Dienst der Kriegswirtschaft

Wissenschaft, angewandte Technik und Unternehmungsgeist hatten sich in
Deutschland seit den Zeiten eines Werner von Siemens zusammengefunden
und in gemeinschaftlicher, sich ergnzender und frdernder Arbeit
die deutsche Volkswirtschaft in den letzten Jahrzehnten zu den von
aller Welt bestaunten und beneideten Fortschritten befhigt. Jetzt
galt es, alle diese Krfte zur uersten Leistung anzuspannen, um
eine Aufgabe zu lsen, so schwer, wie sie niemals in der Geschichte
einem Volke gestellt worden ist: Das Leben und die Wirtschaft eines
Siebzig-Millionen-Volkes, die bisher auf der freien Verfgung ber die
Naturschtze und Naturerzeugnisse des ganzen Erdballes aufgebaut waren,
unter den drngenden Anforderungen und gewaltigen Erschwernissen des
Krieges durch die denkbar strkste Ausnutzung der nach Art und Menge
beschrnkten Hilfsquellen des eigenen Landes aufrechtzuerhalten.

Es war, wie wenn die Not des Vaterlandes die Krfte des deutschen
Genius vervielfacht htte. berall mhten sich die besten Kpfe, um
den Lebensspielraum, den uns der Feind mit brutaler Gewalt bis zur
Erdrosselung einengte, durch die Macht schpferischen Geistes zu weiten.
Niemals sind in gleich kurzer Zeit neue Erfindungen und neue Verfahren
in hnlicher Flle ausgedacht, ausprobiert und ins Werk gesetzt worden,
ist die Nutzwirkung von Arbeit und Stoff in hnlichem Ausma gesteigert
und vervollkommnet worden. Und wenn schlielich trotzdem das erdrckende
bergewicht der Zahl und der Masse in diesem Vlkerringen den letzten
Ausschlag gegeben hat, so bleiben jene Leistungen doch fr alle Zeiten
ein unzerstrbarer Ruhmestitel deutschen Geistes und eine Gewhr fr
eine bessere Zukunft.

Es ist nicht mglich, hier eine ins einzelne gehende Darstellung, ja
auch nur eine einigermaen vollstndige bersicht des auf dem weiten
Gebiete der Steigerung unserer nationalen Produktionskraft Geleisteten
zu geben. Nur einige der wichtigsten Fortschritte und Errungenschaften
seien angedeutet.

Von der Schaffung gewaltiger Anlagen zur Gewinnung von Stickstoff aus
der Luft, die uns berhaupt erst die Mglichkeit gaben, den ungeheuren
und stndig wachsenden Bedarf unseres Heeres an Munition zu decken und
daneben unsere Landwirtschaft mit dem unentbehrlichen Stickstoffdnger
zu versehen, habe ich in anderem Zusammenhang bereits gesprochen. Ebenso
von den Anlagen zur Gewinnung von Aluminium aus gewhnlicher deutscher
Tonerde. Ich htte hier noch zu erwhnen, da das Kalziumkarbid, das als
Zwischenprodukt fr den Kalkstickstoff gewonnen wird, auch Verwendung
als Ersatz fr fehlende oder knappe Stoffe anderer Art gefunden hat;
so als Beleuchtungsmittel an Stelle von Petroleum und Spiritus, ferner
als Ersatz fr wichtige auslndische Metalle in der Stahlfabrikation,
ja sogar als Hilfsstoff fr die Herstellung von knstlichem Gummi
und als Rohstoff fr die Herstellung von Spiritus. Aluminium hat als
Ersatz fr das immer knapper werdende Kupfer, vor allem auch bei der
Munitionsherstellung und in der elektrischen Industrie groe Dienste
geleistet. Die nahezu vllige Unterbindung der Zufuhr von Rohgummi
wurde uns ertrglich gemacht durch die whrend des Krieges erfundenen
Verfahren zur Herstellung von knstlichem Gummi und die Vervollkommnung
der Regeneration von Altgummi. Wenn auch das knstliche Produkt nur
fr Hartgummi ein vollstndiger Ersatz ist, so ist doch der Bedarf
an Naturgummi durch diese Verfahren auf einen so bescheidenen Umfang
beschrnkt worden, da wir whrend des Krieges unser Auskommen gefunden
haben und weiter gefunden htten.

Die Textilindustrie, und mit ihr die Bekleidung der deutschen
Bevlkerung, ist vor einem Zusammenbruch bewahrt worden durch die
zahlreichen Verfahren, die aus der Holzfaser neue Spinnstoffe geschaffen
haben (Textilose, Papiergarne, Typhafaser, Zellulosegarn). Diese
Verfahren haben ferner die Mglichkeit geschaffen, Landwirtschaft und
Industrie mit Packmaterial und das Heer mit den im Stellungskrieg in
so groen Mengen bentigten Sandscken zu versorgen. Das neu erfundene
Verfahren des Nitrierens von Zellulose hat uns von der Baumwolle als
Rohstoff fr das rauchlose Pulver unabhngig gemacht.

Auf dem Gebiete der Landwirtschaft richteten sich die Anstrengungen,
abgesehen von der bereits erwhnten Herstellung von Stickstoffdnger,
auf die Beschaffung von Futtermitteln, da in diesen unsere Versorgung
durch die Unterbindung der auslndischen Zufuhren am schwersten
gefhrdet war. Zunchst suchte man durch die mglichste Ausdehnung der
Kartoffeltrocknung Futterstoffe zu erhalten, die bisher in groem Umfang
durch Fulnis zugrunde gegangen waren. Das Trocknungsverfahren wurde
im Laufe des Krieges auch auf zahlreiche andere bisher als wertlose
Abflle behandelte Erzeugnisse, so auf Rbenkraut, Kartoffelkraut und
hnliches mehr mit groem Erfolg ausgedehnt. Zu dem Trocknungsverfahren
kam bald hinzu die knstliche Herstellung von Kraftfuttermitteln, vor
allem die Herstellung von Mineralhefe (als Futterhefe und als Nhrhefe)
und die Herstellung von Strohkraftfutter im Wege der Strohaufschlieung,
schlielich die Herstellung von Kraftfutter aus Tierkadavern, Knochen
und bisher unverwerteten Abfllen aller Art. In hnlicher Weise
ist unsere auf das uerste bedrohte Versorgung mit len durch die
sparsamste Ausnutzung aller lhaltigen Samen und Kerne sowie durch neue
Verfahren der lgewinnung aus animalischen Stoffen und mineralischen
Substanzen (Schiefer) nicht unerheblich aufgebessert worden.

Auf den meisten dieser Gebiete hatte das Reich, und vor allem das
mir anvertraute Amt, anregend und zusammenfassend, frdernd und
organisierend mitzuarbeiten. Kaum ein anderer Teil der Geschfte, die
ich als Reichsschatzsekretr und Staatssekretr des Innern zu leiten
hatte, hat mir die gleiche innere Befriedigung gewhrt, wie die mir
leider nur in engen Grenzen mgliche Mitarbeit an diesen schpferischen
Leistungen, als deren uersten Kontrast ich, je lnger desto mehr, die
endlosen und grtenteils fruchtlosen Parlamentsdebatten empfand. Ich
mag im Reichstag manchmal kurz angebunden und schroff gewesen sein; aber
das war dann meistens der Ausflu einer mhsam unterdrckten inneren
Auflehnung gegen die Vergeudung von Zeit und Kraft in unfruchtbaren
Debatten; whrend die dringendsten und wichtigsten Arbeiten warten
muten und zu Schaden kamen.


    Umstellung der Unternehmungen und Umgruppierung der Arbeitskrfte

Neben der Steigerung der technischen Leistungsfhigkeit
der Gtererzeugung ging einher eine Umstellung des ganzen
Produktionsapparates auf die durch den Krieg total vernderten
Bedrfnisse. Die Herstellung von Kriegsgert aller Art in gewaltigen
Mengen, daneben die Sicherung der Ernte traten mit Kriegsbeginn in den
Vordergrund; auf der andern Seite waren groe Zweige der Industrie
und des Handels alsbald zu empfindlichen Einschrnkungen gezwungen:
alles, was fr den berseeischen Export arbeitete, und alles, was auf
berseeische Rohstoffe angewiesen war. In ganz groem Stil muten
Unternehmer, Angestellte und Arbeiter sich neuen Aufgaben und neuen
Beschftigungen zuwenden.

Das Unternehmertum vollzog die Umstellung aus eigener Initiative
und im wesentlichen aus eigener Kraft mit einer erstaunlichen
Anpassungsfhigkeit und Energie. Fabriken und Werksttten, die stets
nur der Herstellung von Waren des Friedensbedarfs gedient hatten,
wandten sich, angereizt durch gute Gewinnaussichten, der Fabrikation
von Heeresgert und Heeresausrstung zu. Nicht nur Betriebe der
Metallindustrie, auch Spinnereien und hnliche Unternehmungen wurden
in Geschodrehereien und Znderfabriken umgewandelt. Neue industrielle
Anlagen zur Fabrikation von Kriegsbedarf schossen wie Pilze aus der Erde.

Weit schwieriger war die Umgruppierung der Arbeiterschaft.

Die nchste Wirkung des Krieges, der unserer Volkswirtschaft Millionen
der leistungsfhigsten Arbeiter entzog, war -- eine erschreckende
Arbeitslosigkeit! In einer Lage, in der alles darauf ankam, jede
Arbeitskraft, die der Heeresdienst nicht in Anspruch nahm, fr
die Gtererzeugung nutzbar zu machen, sahen sich Hunderttausende
zum Verlassen ihrer Arbeitsstellen gezwungen, ohne alsbald neue
Arbeit finden zu knnen. Die zum groen Teil unvermeidlichen, zum
Teil aber auch ohne Not berstrzten Betriebseinschrnkungen und
Betriebseinstellungen setzten Arbeitskrfte frei, die nicht ohne
weiteres den Weg zu neuer Beschftigung fanden, schon deshalb nicht,
weil die technische Umstellung der Industrie eine gewisse Zeit
erforderte. In welch erschreckendem Mae der Krieg den Arbeitsmarkt
erschtterte, davon geben folgende Zahlen ein Bild.

Bei den Arbeitsnachweisen kamen auf hundert offene Stellen bei den
mnnlichen Arbeitern im Juli 1914 158 Arbeitsuchende, im August 1914
dagegen nicht weniger als 248; bei den weiblichen Arbeitern kamen im
Juli 1914 auf 100 offene Stellen 99 Arbeitsuchende, im August 1914
dagegen nicht weniger als 202.

Das Reich griff alsbald nach Kriegsausbruch ein, um sowohl im Interesse
der Arbeiterschaft wie im Interesse der hchstmglichen Leistung unserer
Produktion die Umgruppierung der schaffenden Hnde zu beschleunigen.
Der Weg war eine den Kriegsbedrfnissen angepate Organisation des
Arbeitsnachweises.

Das deutsche Arbeitsnachweiswesen vor dem Kriege litt vor allem an
einer starken Zersplitterung. Neben den nicht bedeutenden gewerbsmig
betriebenen Stellenvermittlungen arbeiteten ohne ausreichenden
Zusammenhang nebeneinander: die von ffentlichen Krperschaften
eingerichteten Arbeitsnachweise, die Arbeitgebernachweise, die
Arbeitnehmernachweise und parittische Arbeitsnachweise. Das Reichsamt
des Innern gab diesen Organen gleich nach Kriegsausbruch in der
Reichszentrale fr Arbeitsnachweise eine einheitliche Spitze. Die
einzelnen Arbeitsnachweise bernahmen die Pflicht, sowohl die offenen
Stellen wie auch die berschssigen Arbeitsangebote an die Zentralstelle
zu melden, um so einen Ausgleich zu ermglichen. Schon am 9. August 1914
konnte die Reichszentrale ihre Arbeit aufnehmen. Sie hat sich nicht auf
die Herstellung der Verbindung zwischen den einzelnen Arbeitsnachweisen
beschrnkt, sondern in wichtigen Fllen unmittelbar eingegriffen;
so vor allem gleich nach Kriegsausbruch bei der Beschaffung von
Arbeitskrften fr die Bergung der Ernte, fr die in groem Umfang
eingeleiteten Festungsarbeiten, fr die reichseigenen Betriebe
der Militr- und Marinebehrden und der von diesen beschftigten
Unternehmungen; ferner bei der Zuweisung von Kriegsgefangenen an die
unter Mangel an Arbeitskrften leidenden Betriebe in Industrie und
Landwirtschaft.

Ergnzt wurde die Ttigkeit der Reichszentrale und der Einzelnachweise
durch die Schaffung von Arbeitsgelegenheit fr die nicht ohne weiteres
unterzubringenden Arbeitslosen, durch Einschrnkungen der Arbeitszeit,
das Verbot von berstunden und von Nachtarbeit in gewissen Betrieben,
durch eine den Arbeiterverhltnissen angepate Verteilung der
Heeresauftrge, durch eine planmige Frsorge fr die Erwerbslosen.

Nachdem die erste groe Umschichtung der Arbeitskrfte vollzogen war,
nderte sich die Lage und damit die zu bewltigende Aufgabe. Die
Einziehung der Millionen zum Heeresdienst und der steigende Bedarf an
Heeresausrstung lie die Nachfrage nach mnnlichen Arbeitskrften rasch
in die Hhe schnellen. Whrend im August 1914 auf 100 offene Stellen
248 Arbeitsuchende gekommen waren, brachte schon der April 1915 mit 100
Angeboten auf 100 offene Stellen den Ausgleich. In den folgenden Monaten
berwog die Nachfrage nach mnnlichen Arbeitskrften das Angebot immer
strker: auf 100 offene Stellen kamen im Oktober 1915 nur noch 85, im
Oktober 1916 nur noch 64 Angebote.

Dagegen ging bei den weiblichen Arbeitskrften das berangebot nur ganz
allmhlich zurck. Hier wirkte dem berangebot keine Einziehung zum
Heeresdienst entgegen; auerdem wurden durch Betriebseinschrnkungen
gerade solche Industriezweige am strksten betroffen, in denen die
weiblichen Arbeitskrfte berwiegen (Textilindustrie). Im Juli 1915,
also ein Jahr nach Kriegsausbruch, standen 100 offenen Stellen immer
noch 165 Arbeitsuchende gegenber; dann kam infolge der gerade damals
notwendig werdenden Einschrnkung in der Textilindustrie eine weitere
Steigerung des Arbeitsangebots bis auf 182 im Oktober 1915. Die Zahl fr
den April 1916 war 162, fr den Oktober 1916 immer noch 135 Angebote auf
100 offene Stellen.

Zunehmender Mangel an mnnlichen Arbeitskrften, fortdauernder berschu
an weiblichen Arbeitskrften -- das drngte auf einen Ausgleich.
Planmig wurde berall, wo es angngig war, die Mnnerarbeit durch
Frauenarbeit ersetzt. In welchem Mae das gelungen ist, zeigt sich
darin, da nach den Arbeitsausweisen der Betriebskrankenkassen vom 1.
Juli 1914 zum 1. Juli 1916 der Anteil der weiblichen Arbeitskrfte an
der Gesamtzahl der Arbeiter gestiegen ist:

  in der Httenindustrie, Metallbearbeitung und Maschinenindustrie
                                                          von  9 auf 19%
              in der chemischen Industrie                  "   7  "  23%
              in der elektrischen Industrie                "  24  "  55%

Allein vom 1. Juli 1915 bis zum 1. Juli 1916 weist die
Krankenkassenstatistik eine Vermehrung der weiblichen Arbeitskrfte um
750000 Arbeiterinnen auf.

Wie die Frauen, so muten auch die Jugendlichen in verstrktem Mae zur
Arbeit herangezogen werden.

Um die Arbeitskraft der Frauen und der Jugendlichen fr den Kriegszweck
voll nutzbar machen zu knnen, hatte ein Gesetz vom 4. August 1914 dem
Reichskanzler die Befugnis erteilt, Ausnahmen von den gesetzlichen
Bestimmungen ber den Schutz der weiblichen Arbeiter und der
Jugendlichen zu gestatten. Die harte Notwendigkeit des Krieges machte in
vielen Fllen eine Lockerung dieser Schutzbestimmungen erforderlich. Es
wurde eben nicht nur auf den Schlachtfeldern gekmpft, sondern auch in
den Arbeitsstellen der Heimat. Hier wie dort waren wir gezwungen, von
dem wertvollen Kapital unserer Volkskraft zu zehren, um das Volksganze
gegenber dem Vernichtungswillen unserer Feinde zu erhalten.

Ihre hchste Steigerung hat die Mobilmachung der Arbeit in dem Gesetz
ber den Vaterlndischen Hilfsdienst gefunden, auf das ich weiter unten
in einem besonderen Abschnitt des Nheren eingehen werde.


                  Verbrauchsregelung und Volksernhrung

Die erfolgreichen Bemhungen, unsere heimische Gtererzeugung durch
technische und organisatorische Vervollkommnung und durch die
Nutzbarmachung aller Arbeitskrfte zu steigern, konnten wesentliche
Erleichterungen unserer bedrngten Lage schaffen und das uerste
abwehren, aber sie konnten uns nicht der Notwendigkeit entheben, die
Verwendung der den normalen Bedarf nicht deckenden Nahrungsmittel und
Rohstoffe zu regulieren.

Es war unmglich, die Regulierung dem freien Spiel der Krfte zu
berlassen. Dann htte sich die Regulierung des Verbrauches der nur in
unzureichenden Mengen verfgbaren Waren im Wege der Preisgestaltung
vollzogen, in der Weise, da eine scharfe Preissteigerung schrittweise
die weniger zahlungsfhige Nachfrage ausgeschaltet htte. Reichliche
Versorgung der Wohlhabenden, Hunger und Elend der breiten Volksschichten
wren die unvermeidlichen Folgen gewesen. Es kam alles darauf an, eine
solche Entwicklung in sozialem Geist und mit Mitteln der sozialen
Organisation zu verhindern. Die schwere materielle Bedrngnis, die der
Krieg ber unser Volk brachte, konnte nur dann ertragen und berwunden
werden, wenn alle Volksgenossen mittragen halfen und jeder seinen Anteil
an der notwendigen Einschrnkung bernahm.

Die Festsetzung von Hchstpreisen allein konnte die Aufgabe nicht lsen.
Eine gesetzliche Preisfestsetzung schaltet den Preis als Regulator von
Angebot und Nachfrage aus, ohne einen andern Regulator an seine Stelle
zu setzen. Ein niedriger Hchstpreis veranlat Erzeuger und Hndler
zur Zurckhaltung, ohne den Konsumenten zu der gebotenen Einschrnkung
seines Verbrauches zu ntigen. Das System der Hchstpreise,
durch das die Bevlkerung von einer allzu starken Verteuerung der
Lebenshaltung bewahrt werden sollte, bedurfte mithin sofort, wenn
es das Zusammenbrechen der Versorgung nicht geradezu beschleunigen
sollte, der Ergnzung durch weitergehende Manahmen. Als solche kamen
in Betracht die Regulierung des Verbrauchs durch Einschrnkungen der
Verwendung und durch Rationierung, ferner die Erfassung der Bestnde und
der Neuproduktion durch Beschlagnahme und Enteignung. Die vollstndige
bernahme der Bewirtschaftung ist die uerste Konsequenz.

Je elementarer das Lebensbedrfnis war, dem eine Ware zu gengen
hatte, je offenkundiger die Knappheit der verfgbaren Bestnde, desto
dringender war das staatliche Eingreifen.

Auf dem Gebiet der Volksernhrung hat demgem die Reglementierung mit
dem =Brotgetreide= begonnen und hier zur Entwicklung eines Systems
gefhrt, das fr die Gesamtheit der Kriegswirtschaft von groem Einflu
geworden ist.

Neben den Hchstpreisen wurden hier schon im Oktober 1914 bestimmte
Verwendungsbeschrnkungen eingefhrt. Das Verfttern von Brotgetreide
wurde verboten. Fr das Ausmahlen von Brotgetreide wurden Mindeststze
vorgeschrieben. Fr Weizenbrot wurde ein bestimmter Zusatz von
Roggenmehl, fr Roggenbrot ein solcher von Kartoffeln oder Kartoffelmehl
vorgeschrieben. In der Folgezeit wurden diese Bestimmungen verschrft
und ergnzt.

Bereits im Januar 1915 ging man den entscheidenden Schritt weiter. Es
wurde jetzt einmal der Brot- und Mehlverbrauch pro Kopf und Tag auf
eine bestimmte Hchstmenge festgesetzt und zur Durchfhrung dieser
Rationierung die Brot- und Mehlkarte eingefhrt. Gleichzeitig wurde
die Bewirtschaftung des in Deutschland vorhandenen Brotgetreides der
im November 1914 aus privater Initiative gegrndeten und jetzt weiter
ausgebauten Kriegsgetreide-Gesellschaft bertragen. Das Brotgetreide
wurde fr die genannte Gesellschaft beschlagnahmt, und die Gesellschaft
wurde beauftragt, das beschlagnahmte Getreide aufzunehmen, zu lagern,
vermahlen zu lassen und das Mehl mit Hilfe einer gleichzeitig
geschaffenen Reichsverteilungsstelle zu verteilen. Die Verteilung
der Mehlmengen ber die Bcker bis zu den Konsumenten wurde den
Kommunalverbnden bertragen.

Ihre endgltige Form erhielt die Organisation durch eine Verordnung
vom 28. Juni 1915. Die Kriegsgetreide-Gesellschaft wurde ersetzt durch
die Reichsgetreidestelle, bestehend aus einer Verwaltungsabteilung
und einer Geschftsabteilung; die erstere wurde mit weitgehenden
behrdlichen Befugnissen ausgestattet, der letzteren wurde die
kaufmnnische Durchfhrung bertragen. Die neue Verordnung brachte
insofern eine Abweichung gegenber der bisherigen Regelung, als das
Brotgetreide der Ernte 1915 nicht fr die Reichsgetreidestelle,
sondern fr die Kommunalverbnde beschlagnahmt wurde, da diese als
die geeigneten Organe fr die Durchfhrung der Beschlagnahme und
die rtliche Kontrolle erschienen. Den Kommunalverbnden wurde die
Verpflichtung zur Lieferung des Getreides an die Reichsgetreidestelle
oder an die von dieser zu bezeichnenden Stellen auferlegt.

Hier haben wir also klar herausgearbeitet die Kombination
von Hchstpreisen mit strengster Verwendungsbeschrnkung und
Verbrauchsrationierung einerseits, Erfassung und Bewirtschaftung der
Produktion und der Bestnde andererseits.

Beim Brotgetreide hat sich diese Organisation alles in allem vorzglich
bewhrt. Sie hat nicht nur eine ausreichende und regelmige Belieferung
der deutschen Wehrmacht und der gesamten deutschen Zivilbevlkerung mit
dem tglichen Brot sichergestellt, sondern sie hat diese Belieferung
zu Preisen durchgefhrt, die bald hinter denjenigen in allen andern
Lndern, nicht nur der Kriegfhrenden sondern auch der Neutralen, nicht
nur diesseits sondern auch jenseits des Ozeans zurckblieben. Das ist
erreicht worden, obwohl Deutschland in Friedenszeiten auf Grund der
Agrarzlle das Zentrum der hchsten Getreidepreise der Welt gewesen
war, und obwohl nicht nur die auslndischen Zufuhren von Brotgetreide
in Wegfall kamen, sondern auch die inlndische Produktion infolge einer
weniger intensiven Bodenbearbeitung und geringeren Dngung wesentlich
hinter den Friedensernten zurckblieb.

Allerdings lagen beim Brotgetreide die Vorbedingungen fr eine
staatliche Bewirtschaftung besonders gnstig. Bedarf und Bestnde
sind hier verhltnismig leicht festzustellen. Die Kontrolle ist
verhltnismig einfach. Die Haltbarkeit und Transportfhigkeit von
Roggen und Weizen ist verhltnismig gut. Qualittsunterschiede spielen
keine entscheidende Rolle. Alles Eigenschaften, die ein einheitliches
Disponieren nach einem wohldurchdachten Plan erheblich erleichtern, und
Eigenschaften, die bei den meisten andern Nahrungsmitteln fehlen oder
mindestens nicht in dem gleichen Mae vorhanden sind.

Man hatte deshalb in der ersten Zeit des Krieges auch wenig Neigung, das
beim Brotgetreide erprobte System der Bewirtschaftung auf die andern
Kategorien von Nahrungsmitteln zu bertragen. Schon bei den Kartoffeln
lagen die Verhltnisse fr eine einheitliche Bewirtschaftung sehr viel
weniger gnstig. Die Bestnde sind infolge der Einmietung der Ernte
weniger leicht zu bersehen. Die Haltbarkeit ist geringer und stets
unsicher. Die verschiedenen Sorten bilden eine weitere Erschwerung.
Noch grer sind die Schwierigkeiten der zentralen Bewirtschaftung bei
leicht verderblichen Nahrungsmitteln wie bei Gemse und Obst. Ebenso bei
Fleisch, Milch, Butter, Eiern, Fischen.

Man hat deshalb bei allen diesen Dingen, als sie anfingen knapp zu
werden, eine gleichmige Verteilung zu ertrglichen Preisen auf andern
Wegen zu erreichen versucht: durch Reglementierung oder Syndizierung des
Handels, durch Abschlu von Lieferungsvertrgen zwischen Kommunen und
Hndlern oder Produzenten, durch teilweise Beschlagnahmen oder durch
Umlage von Lieferungsverpflichtungen auf Provinzen und Kommunen, durch
Festsetzung von variabeln Richtpreisen, durch Preisprfungsstellen und
Kriegswucheramt. Aber der mangelhafte Erfolg aller dieser Manahmen
drngte -- trotz aller entgegenstehenden Schwierigkeiten -- immer mehr
zu der radikalen Lsung, wie sie beim Brotgetreide mit so viel Erfolg
verwirklicht worden war. Auf fast allen Gebieten des Ernhrungswesens
kam man von Teileingriffen zur zentralen Bewirtschaftung, die nach dem
Vorbild der Brotgetreide-Organisation in die Hand von Reichsstellen
mit Verwaltungsabteilungen fr die behrdliche Ttigkeit und
Geschftsabteilungen fr die kaufmnnische Ttigkeit gelegt wurde. So
bekamen wir die Reichskartoffelstelle und Reichshlsenfruchtstelle,
die Reichsstelle fr Gemse und Obst und die Reichszuckerstelle,
die Reichsfleischstelle und die Reichsstelle fr Speisefette,
die Reichsverteilungsstelle fr Eier und den Reichskommissar fr
Fischversorgung. Viele von diesen Reichsstellen umgaben sich fr
die kaufmnnische Durchfhrung ihrer Aufgaben mit einem Kranz von
Kriegsgesellschaften fr alle mglichen Spezialgebiete, fr Sauerkraut,
wie fr Teichfische und Aale.

Ich habe der Ausdehnung der Zwangswirtschaft auf Gebiete, die sich
ihrer Natur nach fr eine staatliche Bewirtschaftung nicht eignen,
mehrfach Widerstand entgegenzusetzen versucht. Ich bin auch heute
noch der Meinung, da auf manchen Gebieten die Zwangswirtschaft weit
mehr geschadet als genutzt hat, da sie die Produzenten verwirrte und
verrgerte und so die Produktion lhmte, da sie groe Mengen leicht
verderblicher Nahrungsmittel, die im Weg des privaten Handels leicht und
sicher dem Verbrauch zugefhrt worden wren, verkommen lie, soda in
der Endwirkung Erzeuger und Verbraucher zu kurz kamen. Den allergrten
Nachteil aber sehe ich darin, da die berspannung des Systems der
zentralen Bewirtschaftung den wucherischen Schleichhandel geradezu
grozchtete. Wenn auf der einen Seite die Kontrollmglichkeit gering,
auf der andern infolge der bertreibung des Systems die Versuchung zu
seiner Durchbrechung bermchtig ist, dann gibt es kein Halten. Auch
nicht durch Strafen. Im Gegenteil, indem die Strafen das Risiko des
Schleichhandels erhhen, steigern sie die Schleichhandelspreise. Nach
meiner berzeugung wre hier weniger mehr gewesen. Aber jeder Widerstand
war vergeblich. Ein gewisser Ressortfanatismus in den Abteilungen des
Kriegsernhrungsamts und den diesem angegliederten Reichsstellen, der,
vielleicht unbewut, auf eine Erweiterung der eigenen Machtbefugnisse
hinausging, wre an sich noch zu bndigen gewesen, wenn er nicht noch
geschoben und gedrngt worden wre durch den parlamentarischen Beirat
des Kriegsernhrungsamtes, in dem die Anhnger der alles erfassenden
staatlichen Bewirtschaftung stark berwogen.


                      Bewirtschaftung der Rohstoffe

Auf dem Gebiet der industriellen Rohstoffe fhrte die gleich zu
Beginn des Krieges eingerichtete Kriegsrohstoff-Abteilung des
Kriegsministeriums.

Hier muten mit raschem Zugriff die vorhandenen Bestnde an nicht
beliebig vermehrbaren kriegswichtigen Rohstoffen fr die Heereszwecke
sichergestellt werden. Es handelte sich vor allem um die in Deutschland
nicht vorkommenden oder nur in beschrnktem Umfang zu gewinnenden
Mineralien, die sogenannten Sparmetalle, und um die Textilrohstoffe.

Die Erfassung erfolgte zunchst im Weg der Beschlagnahme. Mit der
Beschlagnahme, die noch nicht gleichbedeutend mit Enteignung ist, wird
dem Eigentmer das Recht der beliebigen Veruerung und Verarbeitung
des beschlagnahmten Materials entzogen. In zahlreichen Fllen hat die
Kriegsrohstoff-Abteilung von einer Enteignung abgesehen und lediglich
die Verwendung reguliert und kontrolliert. In andern Fllen sah sie
sich zu der berfhrung der Bestnde in Staatseigentum veranlat. Die
Notwendigkeit hierzu lag besonders dann vor, wenn nicht nur auf die
Vorrte der Industrie und des Handels, sondern auch auf die bereits in
den Gebrauch bergegangenen Bestnde von Haushaltungen, Betrieben usw.
zurckgegriffen werden mute, wie bei Kupfer und Kupferlegierungen,
Nickel, Zinn.

Fr die Verteilung und die Verwendungsregulierung waren die auf
Grund der Bestandsaufnahmen und Bedarfsanmeldungen aufgestellten
Wirtschaftsplne magebend. Bei der Aufstellung dieser Wirtschaftsplne
hie es, sich nach der Decke strecken, den angemeldeten Bedarf nach
seiner Dringlichkeit klassifizieren, nach Ersatzmglichkeiten suchen
und jedenfalls so zu disponieren, da in der Lieferung der notwendigen
Heeresausrstung keine Stockung eintreten konnte.

Wie auf dem Gebiet des Ernhrungswesens, so waren auch hier die zu
lsenden Aufgaben teils behrdlicher, teils kommerzieller Natur. Die
Anordnungen von Bestandserhebungen, Beschlagnahmen und Enteignungen,
die Festsetzung der Preise, die Aufstellung der Wirtschaftsplne und
der Verteilungsschlssel konnten nur von einer Behrde ausgehen,
die sich dabei natrlich der Beratung der beteiligten Industrie-
und Handelskreise bedienen mute. Dagegen war die Abnahme und
Bezahlung der zu beschaffenden Materialien sowohl im Inland, wie
namentlich auch in den besetzten Gebieten, in den Lndern unserer
Bundesgenossen und der uns zugnglichen Neutralen, ferner die
Verfrachtung, Einlagerung, Sortierung ein kaufmnnisches Geschft groen
Stils, fr dessen Bewltigung besondere Organe aus den beteiligten
Wirtschaftskreisen geschaffen werden muten, die sogenannten
Kriegsrohstoff-Gesellschaften.

Schon die Erfassung der kriegswichtigen Rohstoffe fr den Heeresbedarf
griff stark ein in die Versorgung der Zivilbevlkerung. Das gilt
vor allem fr die Erfassung der Faserstoffe und des Leders. Fr
die Verteilung des von der Heeresverwaltung fr die Versorgung der
Zivilbevlkerung freigegebenen Leders mute im Frhjahr 1916 eine
besondere Organisation geschaffen werden. Noch strker wurde die
Versorgung der Zivilbevlkerung in Mitleidenschaft gezogen, als
es sich notwendig zeigte, im Heeresinteresse die Hand auch auf
Fertigfabrikate der Textilindustrie zu legen. Nachdem am 1. Februar 1916
die Heeresverwaltung die Beschlagnahme der Anzugstoffe, Futterstoffe,
Wsche, Unterkleider usw. verfgt hatte, wurde eine umfassende
Regelung der Versorgung der Zivilbevlkerung mit Kleidung und Wsche
unaufschiebbar. Zu diesem Zweck wurde die Reichsbekleidungsstelle
ins Leben gerufen, der die dornenvolle Aufgabe zufiel, die
notwendig gewordene Einschrnkung des Verbrauches im Wege des der
Lebensmittelkarte nachgebildeten, auf dem Gebiet der Bekleidung aber
viel schwerer anwendbaren Bezugsscheins durchzufhren und gleichzeitig
fr die weitestmgliche Nutzbarmachung des hier besonders wichtigen
Altmaterials an Stoffen und Kleidern zu sorgen.

So entstanden, gerade in der Zeit, in der ich das Reichsamt des Innern
bernahm, fr die Zivilverwaltung auch auerhalb des Gebietes der
Volksernhrung neue groe Aufgaben.

Diese Aufgaben wuchsen, als die immer strker werdende Knappheit der
Rohstoffe und der Arbeitskrfte eine Beschrnkung auf die Regelung des
Verbrauchs nicht mehr angngig erscheinen lie.

Schon die Verteilung der allzu knapp gewordenen Rohstoffe auf die
einzelnen Betriebe durch die Kriegsrohstoff-Abteilung hatte einen
starken Einflu auf die Betriebe selbst ausgebt. Es waren zwei
verschiedene Wege gangbar: entweder die Verteilung auf smtliche
vorhandenen Betriebe nach Magabe ihrer Leistungsfhigkeit, was zur
Folge haben mute, da alle Betriebe des betreffenden Industriezweiges
nur teilweise beschftigt wurden; oder die Zuweisung des Rohstoffs an
einzelne besonders leistungsfhige Betriebe bis zur Vollbeschftigung
unter Stillegung der weniger leistungsfhigen. Wirtschaftlich
rationeller ist das zweite System; denn es ermglicht die gleiche
Leistung bei geringerem Aufwand von Arbeit, Kohle usw. Dagegen sprachen
gewisse soziale Rcksichten fr das erstere System, da dieses keinen
Betrieb gegenber den andern in Nachteil brachte und die Entlassung von
Arbeitern durch Krzung der Arbeitszeit vermeiden lie.

Solange kein Mangel an Arbeitskrften und keine Knappheit an Kohlen
bestand, mochte man dem ersteren System den Vorzug geben. Das ist in
der Tat in der ersten Periode der Kriegswirtschaft ganz vorwiegend
geschehen. Vor allem in der mit Rohstoffen besonders knapp versehenen
Textilindustrie, ebenso in der Schuhwarenindustrie hielt man auf eine
gleichmige Verteilung der Beschftigung; das bedingte eine wesentliche
Verkrzung der Arbeitszeit, die unter Gewhrung von Zuschssen aus
ffentlichen Mitteln zu den Arbeitslhnen durchgefhrt wurde.

Als aber der wachsende Bedarf an Kriegsgert die Nachfrage nach
Arbeitskrften immer mehr steigerte, als die uerste Sparsamkeit mit
Kohle und andern Betriebsstoffen immer dringlicher wurde, lie sich der
bergang zu dem wirtschaftlich rationellen System der Vollbeschftigung
der Hchstleistungsbetriebe und der Stillegung der weniger
leistungsfhigen Unternehmungen trotz aller sozialen Bedenken nicht
mehr vermeiden. Den entscheidenden Umschwung brachte das sogenannte
Hindenburg-Programm in Verbindung mit dem Hilfsdienstgesetz und die im
Winter 1916/17 scharf einsetzende Kohlenknappheit.

Schon vorher aber erschienen mir Eingriffe in die Struktur einzelner
Industriezweige im Interesse der Steigerung der Nutzwirkung aller Krfte
und Stoffe und der Vermeidung unwirtschaftlichen Arbeits-, Kapitals- und
Materialaufwandes angezeigt.

Zunchst wurde angesichts des Mangels an Arbeitskrften im Kalibergbau
ein Verbot des Abteufens von neuen Schchten erlassen (8. Juni 1916).
Dann wurden Neubauten und Erweiterungsbauten von Zementfabriken
beschrnkt (29. Juni 1916), um den angesichts der Nichterneuerung
der Syndikatsvertrge zu befrchtenden irrationellen Arbeits- und
Kapitalaufwand fr den Bau neuer oder die Vergrerung bestehender
Werke zu verhindern. In der gleichen Richtung zielten meine Bemhungen
bei den Bundesregierungen und Generalkommandos, eine Zurckstellung
aller nicht kriegswichtigen Hoch- und Tiefbauten behufs Freisetzung von
Arbeitskrften und Ersparnis von Material zu erreichen. Schlielich
erwhne ich die Durchfhrung des wirtschaftlich rationellen Prinzips
der Beschftigung einer Auswahl leistungsfhiger Fabriken in der
Seifenindustrie, die im Frieden nicht weniger als 2000 Betriebe
berwiegend kleinster Art beschftigt hatte. Von diesen wurden jetzt
nur ganz wenige leistungsfhige Betriebe mit Fetten weiter beliefert,
whrend die stillgelegten Betriebe das Recht erhielten, von den
arbeitenden Fabriken Fertigprodukte zu Vorzugspreisen zu beziehen und
mit ihren eigenen Packungen in Verkehr zu bringen (Verordnung vom 21.
Juli 1916). Eine hnliche Regelung wurde fr die Schuhindustrie in die
Wege geleitet.

Bei einem wichtigen Gewerbe allerdings mute ich aus zwingenden Grnden
des ffentlichen Wohles im entgegengesetzten Sinne, zum Zweck der
Erhaltung gerade der kleinen und weniger leistungsfhigen Betriebe,
eingreifen: beim Zeitungsgewerbe.

Es war die wachsende Knappheit der Rohstoffe der Papierfabrikation,
und spterhin auch der Kohle, die auf diesem Gebiet ein Eingreifen
ntig machte. Die Bemhungen, die Beschaffung und Verarbeitung der
Rohstoffe in ausreichendem Umfang zu sichern, hatten keinen vollen
Erfolg. Es fehlte in Deutschland an Arbeitskrften fr den Einschlag
von Papierholz; der Bedarf des Heeres an Holz fr die Schtzengrben
usw. nahm immer greren Umfang an, und der Bezug von Papierholz,
Zellstoff und Druckpapier aus dem Ausland wurde durch Ausfuhrverbote
erheblich eingeschrnkt. Um das Papier konkurrierten mit den Zeitungen
neue wichtige Industrien: einmal die Fabrikation von Papiergarn, von
dem immer wachsende Quantitten bentigt wurden, vor allem fr die
Herstellung von Sandscken fr die Schtzengrben; dann die Verwendung
von Papier im Nitrierverfahren zur Herstellung von rauchlosem Pulver.

Die aus diesen Verhltnissen sich ergebende starke Erhhung der
Rohstoffpreise und damit der Druckpapierpreise traf das Zeitungsgewerbe
um so schwerer, als seine finanziellen Grundlagen durch den Ausfall
von Einnahmen aus Inseraten ohnedies erschttert waren. Um das
Forterscheinen der Zeitungen, namentlich auch der am schwersten
bedrohten mittleren und kleineren Zeitungen, zu ermglichen,
entschlo ich mich im Frhjahr 1916 noch in meiner Eigenschaft
als Reichsschatzsekretr, Reichszuschsse zur Verbilligung des
Druckpapierpreises zu bewilligen.

Aber damit war nur der finanzielle Teil der Schwierigkeiten berwunden,
nicht aber die Knappheit an Druckpapier, die trotz aller Gegenmanahmen
so stark wurde, da der Wettbewerb um die verfgbaren Mengen einen
Teil der Presse einfach auszuschalten drohte. Eine planmige
Einschrnkung des Verbrauchs von Druckpapier durch das Reich war
um so mehr geboten, als dafr gesorgt werden mute, da die recht
erheblichen Reichszuschsse zur Verbilligung des Zeitungspapiers
ihren Zweck der Erhaltung der deutschen Presse in ihrer Gesamtheit
erfllten und nicht nur den im freien Wettbewerb um das Papier strkeren
Zeitungsunternehmungen zugutekmen.

Als Organ fr eine sachgeme Regelung wurde im April 1916 die
Kriegswirtschaftsstelle fr das deutsche Zeitungsgewerbe geschaffen
und zunchst mit der Feststellung der tatschlichen Verhltnisse
von Bedarf und Versorgung betraut. Nachdem ich das Reichsamt des
Innern bernommen hatte, wurde der Kriegswirtschaftsstelle ein
Beirat, bestehend aus Vertretern des Zeitungsgewerbes und der
Papierindustrie, beigegeben. Die notwendig gewordene Kontingentierung
des Papierverbrauchs der einzelnen Zeitungen wurde unter Mitwirkung des
Beirats durchgefhrt. Eine gleichmige Einschrnkung aller Zeitungen
um einen bestimmten Prozentsatz lie sich dabei nicht ermglichen,
weil die kleinen und mittleren Bltter, die nur in einem bescheidenen,
kaum zu verkrzenden Umfang erschienen, durch den notwendigen Abstrich
einfach zum Tode verurteilt worden wren, whrend die Zeitungen mit
einer Tagesausgabe von vielen Druckseiten eine strkere Einschrnkung
eher ertragen konnten. Die kleine und mittlere Lokalpresse mute aber
aus naheliegenden und zwingenden Grnden unter allen Umstnden am
Leben gehalten werden. Die gegebene und auch von dem Beirat mit groer
Mehrheit gebilligte Lsung war eine gestaffelte Kontingentierung,
die den Verbrauch der in greren Ausgaben erscheinenden Zeitungen
stufenweise strker einschrnkte als den Verbrauch der Bltter mit
kleiner Ausgabe.

Ich bin wegen dieser Regelung spterhin, als infolge der Kohlennot
die Kontingentierung schrfer angespannt werden mute, von einem Teil
der groen Presse heftig angegriffen worden; ja eine Anzahl Berliner
Organe hat sich damals zu einer Art Streik gegen mich zusammengetan und
verabredet, von meiner im Mrz 1917 im Reichstag zum Etat des Reichsamts
des Innern gehaltenen Rede ber unsere Kriegswirtschaft keinerlei Notiz
zu nehmen. Heute denkt wohl mancher von denen, die mich damals so scharf
befehdeten, etwas milder; denn es ist mir nicht bekannt, da nach
meinem Ausscheiden aus dem Reichsamt des Innern eine bessere Lsung der
Druckpapierfrage gefunden worden wre.

Die Zeitungsangelegenheit war ein Sonderfall ganz eigener Art. Die
Presse als Ganzes konnte ihre Funktionen, die im Kriege noch so viel
bedeutungsvoller waren als im Frieden, nur dann erfllen, wenn auch ihre
ber das ganze Land verteilten kleinen Organe erhalten blieben. Die
Erzielung einer strkeren Nutzwirkung von Krften und Stoffen im Wege
einer Konzentration der Produktion in wenigen besonders leistungsfhigen
Betrieben verbot sich also hier durch die Natur der von der Presse zu
vollbringenden Leistung. berall aber, wo solche besonderen Verhltnisse
nicht vorlagen, verlangten die immer gewaltiger anwachsenden Ansprche
des Krieges geradezu gebieterisch, da aus Menschen und Stoffen das
Hchstma von Nutzwirkung herausgeholt werde. Die Entwicklung drngte
also zu der Verwirklichung der Grundstze hin, die gegen Ende des Jahres
1916 im vaterlndischen Hilfsdienst eine gesetzliche Formel gefunden
haben.


                Hilfsdienstgesetz und Hindenburg-Programm

Die aus der allgemeinen Lage sich ergebende Notwendigkeit der uersten
Anspannung aller Krfte wurde in der zweiten Hlfte des Jahres 1916
verstrkt durch eine ernste Krisis der Munitionserzeugung.

Mit bewundernswerter Umsicht und Tatkraft hatte die deutsche
Eisenindustrie gleich nach Beginn des Krieges die gewaltige Aufgabe
der Versorgung unseres Heeres mit Kriegsgert aller Art in Angriff
genommen und bewltigt. Der Verbrauch an Munition, namentlich an
Artilleriemunition, berstieg von Anfang an alle Begriffe. Die
vorhandenen Bestnde waren rasch aufgebraucht, die bestehenden
Einrichtungen fr die Herstellung von Artilleriemunition vermochten
mit dem riesenhaften Bedarf nicht entfernt Schritt zu halten. Im
September und Oktober 1914 machte die Munitionsversorgung des Heeres
eine schwere Krisis durch, die unsere militrischen Operationen auf
das uerste beeintrchtigte, ja verhngnisvoll zu werden drohte.
Alles, was in der deutschen Eisenindustrie irgendwie der Herstellung
von Granaten dienstbar gemacht werden konnte, wurde herangeholt. Man
half sich mit Graugugranaten, die zwar gegenber den Stahlgranaten
geringwertig sind, aber rasch in groen Mengen hergestellt werden
konnten. Gleichzeitig wurden die Einrichtungen fr die Herstellung von
Stahlgranaten in einem Mae ausgebaut, da nach verhltnismig kurzer
Zeit fr diese Fabrikation mehr als 90 Werke zur Verfgung standen,
gegenber 7 bei Kriegsausbruch. Auch die Belieferung dieser Werke mit
Rohstahl gestaltete sich befriedigend. Zwar hatte unsere Eisen- und
Stahlerzeugung unmittelbar nach Kriegsausbruch einen schweren Rckgang
erfahren. Die Flustahlerzeugung war von 1628000 Tonnen im Juli 1914
auf 567000 Tonnen im August herabgesunken. Aber den Anstrengungen der
Industrie und dem verstndnisvollen Entgegenkommen der Heeresleitung
in der Freigabe von Arbeitskrften war es gelungen, die Stahlerzeugung
bald wieder zu heben; im Sommer 1916 erreichte sie etwa 1400000 Tonnen
im Monat, also etwa 85% der Friedenserzeugung. Eine besondere Frderung
hatte die Herstellung der Stahlgranaten dadurch erfahren, da es
gelungen war, als Rohmaterial Thomasstahl an Stelle des immer knapper
werdenden Siemens-Martin-Stahls zu verwenden.

Die Klagen ber ungengende Munitionsversorgung waren so allmhlich
verstummt. Lange Zeit hindurch schien die Munitionserzeugung den Bedarf
des Feldheeres ausreichend zu decken. Noch im Mai 1916 versicherte
mir der damalige Kriegsminister, General Wild von Hohenborn, als ich
mich bei ihm ber die Wirkungen des gewaltigen Munitionsverbrauches
vor Verdun erkundigte, da unsere Munitionsvorrte und unsere
Munitionserzeugung jeder Eventualitt gewachsen seien.

Da begann am 1. Juli die Schlacht an der Somme, die erste ganz
groe Materialschlacht. Englnder und Franzosen entwickelten
eine berlegenheit an Artillerie und Munition, von der man sich
bei uns offenbar weder bei der Obersten Heeresleitung noch beim
Kriegsministerium und der Feldzeugmeisterei eine auch nur annhernde
Vorstellung gemacht hatte. Wie wenig unsere magebenden militrischen
Kreise mit einer solchen Steigerung des Munitionsbedarfes gerechnet
hatten, ergibt sich daraus, da die Feldzeugmeisterei keinerlei Eile
zeigte, die am 30. Juni 1916 ablaufenden Vertrge ber die Lieferung von
Granaten aus Thomasstahl zu erneuern, obwohl der Vorstand des Vereins
Deutscher Eisenhttenleute schon Monate vorher auf den Ablauf der
Vertrge hingewiesen und auf rechtzeitige Erneuerung gedrngt hatte. Als
die Entscheidung ausblieb, richtete der Vorstand des genannten Vereins
im Juni noch einmal eine dringende Anfrage an die Feldzeugmeisterei
und erhielt darauf am 2. Juli die Antwort, eine Weiterlieferung von
Thomasstahl fr die Granatfabrikation sei nicht beabsichtigt. Vierzehn
Tage spter, am 16. Juli, erhielt der Verein ein dringendes Telegramm
des Inhalts, es liege die zwingende Notwendigkeit vor, Geschosse
aus Thomasstahl in groen Mengen zu beschaffen; es werde umgehende
Feststellung der Hchstmengen, die geliefert werden knnten, erbeten.
Drei Tage darauf fand eine Versammlung der Thomaswerke statt, bei der
die Militrbehrde den dringendsten Monatsbedarf an Thomasrundstahl
fr die Granatenfabrikation auf ein Vielfaches dessen bezifferte, was
die Thomaswerke leisten konnten. Auerdem ergab sich, da es in den
dringenden Bestellungen der Militrbehrden auf die verschiedenen
Arten von Stahlerzeugnissen -- Granaten, Wurfminen, Minenwerfer, Draht
usw. -- an der erforderlichen Einheitlichkeit fehlte, so da die
einzelnen Stellen sich in der Nachfrage nach dem Rohmaterial gegenseitig
Konkurrenz machten.

Die neuen Anforderungen der Heeresverwaltung bertrafen in ihrem
Umfang bei weitem alles bisher Dagewesene. Die Stahlindustrie zeigte
sich sofort bereit, jede andere Arbeit, auch die Lieferungen an das
neutrale Ausland, zurckzustellen und die zur Bewltigung des neuen
Munitionsbedarfes erforderliche Umstellung ihrer Betriebe, die an
Umfang selbst die Umstellung der Industrie zu Anfang des Krieges
bertraf, mit jeder mglichen Beschleunigung durchzufhren. ber die
Voraussetzungen -- Freigabe der erforderlichen Facharbeiter und der
notwendigen Rohstoffe, einheitliche Disposition in den Bestellungen
der Heeresverwaltung auf Stahlerzeugnisse, Zurckstellung des Bedarfs
fr andere Zwecke, z. B. des Schienenbedarfs des Eisenbahn-Zentralamts
-- war fr den 18. August eine abschlieende Besprechung im
Kriegsministerium vereinbart. Die Besprechung verlief ohne positives
Ergebnis, da, wie mir von Teilnehmern an der Beratung mitgeteilt worden
ist, weder der den Vorsitz fhrende Vertreter des Kriegsministeriums,
ein Major, noch der Vertreter der Feldzeugmeisterei und des
Ingenieurkorps gengend orientiert waren.

In diesem Stadium wurde ich zum erstenmal mit der Angelegenheit durch
Vertreter der Industrie befat. Ich erteilte den Herren, die ber die
Behandlung dieser unabsehbar wichtigen Frage auf das uerste erregt
waren, den Rat, sich alsbald an den stellvertretenden Kriegsminister
-- der Kriegsminister selbst befand sich im Groen Hauptquartier --
zu wenden, in der berzeugung, da dieser sofort durchgreifen wrde.
Ich stie mit diesem Rat auf Bedenken und Zweifel, aber die Herren
sagten zu, den Vorschlag alsbald an ihre Verbnde weiterzugeben. Wenige
Tage darauf erhielt ich die Nachricht, man habe meinen Rat insofern
befolgt, als man den Kriegsminister telegraphisch gebeten habe, in
der Munitionsangelegenheit alsbald zwei Vertreter der Eisen- und
Stahlindustrie im Groen Hauptquartier zu empfangen. Die Antwort habe
gelautet, der Kriegsminister sei zur Zeit an der Ostfront festgehalten
und gebe anheim, bei dem stellvertretenden Kriegsminister in Berlin
vorstellig zu werden. Ein erneutes persnliches Telegramm des Herrn
Krupp von Bohlen und Halbach an den Kriegsminister hatte die erneute
Verweisung an dessen Stellvertreter zur Folge.

Der Verein Deutscher Eisenhttenleute legte nun seine Auffassung der
Lage und seine Vorschlge in einer vom 23. August 1916 datierten
Denkschrift nieder, die dem Kriegsminister und wohl auch andern
magebenden militrischen Persnlichkeiten zugestellt wurde. Auch mir
wurde auf meinen Wunsch ein Exemplar berlassen. Schon vorher hatte ich
dem Reichskanzler, der im Begriff war, nach dem Groen Hauptquartier zu
reisen, ber die Angelegenheit Vortrag gehalten und ihm anheimgestellt,
den Chef des Generalstabs -- damals noch General von Falkenhayn -- und
den Kriegsminister auf den Ernst der Lage und auf die Notwendigkeit
einer Reorganisation der Materialbestellung hinzuweisen.

Wenige Tage darauf war der General von Falkenhayn als Generalstabschef
durch den Generalfeldmarschall von Hindenburg ersetzt. Als der
Kanzler am 28. August, noch ohne Kenntnis des Wechsels, abermals nach
dem Hauptquartier fuhr, gab ich ihm die mir inzwischen zugegangene
Denkschrift des Vereins Deutscher Eisenhttenleute mit. Der Kanzler
fand den Generalfeldmarschall und den General Ludendorff bereits
orientiert und fest entschlossen, durchzugreifen. Am 31. August
richtete der Feldmarschall an den Kriegsminister ein Schreiben, in
dem er das strkste Kraftaufgebot zur Steigerung der Munitions- und
Waffenherstellung verlangte. Dem Kanzler gab der Feldmarschall eine
Abschrift.

Ich schrieb darauf an den General Ludendorff am 3. September 1916 einen
Brief, in dem es hie:

  Ich bin ber die auf diesem Gebiet vorliegenden groen Schwierigkeiten
  durch unsere Industriellen unterrichtet. Mein Eindruck ist, da die
  volle Leistungsfhigkeit unserer Industrie nur dann ausgenutzt werden
  kann, wenn

  1. die ntigen Facharbeiter aus der Front der Industrie schleunigst
     zur Verfgung gestellt werden,

  2. die Vergebung der Auftrge vereinheitlicht wird,

  3. der zu schaffenden Zentralstelle ein Mann ersten Ranges aus
        unserer Eisenindustrie beigegeben wird.

  ... Ich empfinde es als groe Erleichterung von einer drckenden
  Sorge, da die Oberste Heeresleitung diese wichtige Angelegenheit
  nunmehr in die Hand genommen hat. Die Oberste Heeresleitung ist die
  einzige Stelle, die auf das Kriegsministerium in dieser Sache mit der
  Sicherheit des Erfolges einwirken kann.

Etwa zwei Wochen spter erhielt der Kanzler ein Schreiben des
Feldmarschalls, in dem dieser unter nachdrcklichem Hinweis auf
den Ernst der Lage und auf die Notwendigkeit der Sicherung eines
ausreichenden Heeresersatzes wie der Steigerung der Leistungen unserer
Kriegsindustrie eine Reihe von Vorschlgen zur Erwgung stellte,
deren wichtigste waren: Ausdehnung der Wehrpflicht auf alle Deutschen
mnnlichen Geschlechts vom vollendeten fnfzehnten bis zum sechzigsten
Lebensjahr und Einfhrung einer allgemeinen Dienstpflicht fr Frauen.

So sehr ich von der berzeugung durchdrungen war, da eine intensivere
Ausnutzung der vorhandenen Arbeitskrfte dringend notwendig geworden
war, so wenig konnte ich mich von der Zweckmigkeit und Wirksamkeit der
von der Obersten Heeresleitung vorgeschlagenen Eingriffe berzeugen. Die
Ausdehnung der Wehrpflicht nach unten aus Grnden des Heeresersatzes
schien mir schon deshalb berflssig, weil das bestehende Wehrgesetz,
das die Wehrpflicht vom vollendeten 17. Lebensjahre beginnen lie,
hinsichtlich der beiden jngsten Jahrgnge berhaupt noch nicht
ausgenutzt war. Auch von der Ausdehnung nach oben -- jedenfalls von
einer Ausdehnung ber das fnfzigste Jahr hinaus -- eine Ausdehnung
bis zum fnfzigsten Jahr hielt ich fr diskutabel -- vermochte ich
mir gleichfalls fr den Heeresersatz keinen Vorteil zu versprechen,
der einigermaen im Verhltnis zu den Hrten und Nachteilen einer
solchen Manahme gestanden htte. Wollte man aber die Ausdehnung der
Wehrpflicht nach oben und unten lediglich als Verschleierung einer
Arbeitspflicht, so schien mir dieser Weg nicht zweckmig; man
htte die neuen Wehrpflichtigen alsbald fr die Arbeit in die Heimat
wieder reklamieren mssen, und die mit den Reklamierten schon damals
vorliegenden Erfahrungen waren nicht gerade ermutigend. Die Einfhrung
einer allgemeinen Dienstpflicht fr die Frauen sollte die Mglichkeit
geben, mnnliche Arbeit in weiterem Umfange als bisher durch weibliche
zu ersetzen. Ich hatte den Eindruck, da die Oberste Heeresleitung, als
sie diesen Vorschlag machte, weder darber im Bilde war, in welchem
Umfang der Ersatz mnnlicher durch weibliche Arbeitskrfte bereits
gelungen war -- ich habe oben dafr einige Zahlen gegeben --, noch auch
darber, da immer noch auf dem Arbeitsmarkt ein starker berschu
des Angebots weiblicher Arbeitskrfte ber die Nachfrage bestand. Das
Problem lautete hier nicht: Wie kann man mehr weibliche Arbeitskrfte
verfgbar machen? -- sondern umgekehrt: Wie kann man fr die verfgbaren
weiblichen Arbeitskrfte geeignete Arbeit schaffen? Auch schien mir der
Urheber des Vorschlages der Obersten Heeresleitung die wirtschaftlichen,
sozialen und sittlichen Unzutrglichkeiten eines Arbeitszwanges fr das
weibliche Geschlecht nicht gengend zu wrdigen.

In dem Ziel, die mnnlichen Arbeitskrfte weit strker als bisher auf
die kriegswichtigen und lebenswichtigen Betriebe zu konzentrieren und
die Mnnerarbeit in noch weiterem Umfang als seither durch Frauenarbeit
zu ersetzen, stimmte ich mit der Obersten Heeresleitung berein. Aber
von dem vorgeschlagenen Weg vermochte ich -- abgesehen von der Frage
nach der Mglichkeit seiner gesetzgeberischen Verwirklichung -- bei
zweifelhaftem Nutzen nur ganz schwerwiegende Nachteile und Strungen
zu erwarten. Der Weg, der mir gangbar erschien, war die konsequente
Weiterfhrung und Verallgemeinerung der bereits fr einige Industrien
in Angriff genommenen Konzentration und rationellen Nutzbarmachung der
verfgbaren Arbeitskrfte, und zwar unter mglichster Frderung der
weiteren Ersetzung von Mnnerarbeit durch Frauenarbeit im Wege der
Einwirkung auf alle irgendwie fr weibliche Arbeitskrfte in Betracht
kommenden ffentlichen und privaten Betriebe. Auch die militrischen
Behrden und Betriebe sowohl in der Heimat wie in den besetzten Gebieten
schienen mir eine berprfung nach dieser Richtung hin sehr wohl zu
vertragen.

In diesem Sinne habe ich den Reichskanzler beraten, und in diesem Sinne
hat der Reichskanzler dem Generalfeldmarschall geantwortet.

Es knpfte sich daran eine weitere Errterung, in deren Verlauf die
Oberste Heeresleitung in einem Schreiben des Feldmarschalls vom
10. Oktober, das General Grner am 14. Oktober dem Reichskanzler
berbrachte, einen neuen Vorschlag machte.

In diesem Schreiben setzte der Feldmarschall auseinander, da die
bisher getroffenen Manahmen zur Steigerung der Leistungen unserer
Industrie (Einrichtung des Waffen- und Munitionsbeschaffungsamtes und
des Arbeitsamtes im Kriegsministerium) nicht zum Ziele fhren wrden.
Erfolge wrden auch in Zukunft dadurch vereitelt werden, da diese mter
nicht die erforderliche Selbstndigkeit und Befehlsgewalt htten, um
schnell und lediglich nach groen sachlichen Gesichtspunkten zu handeln,
die Ausfhrung zu berwachen und ntigenfalls auch durchsetzen zu
knnen. Auch das Kriegsernhrungsamt leide unter den gleichen Mngeln.
Die unbedingt notwendige nderung sei nur zu erreichen, wenn wir uns
zunchst auf Manahmen beschrnken, die lediglich durch Kaiserlichen
Erla, ohne Beteiligung der gesetzgebenden Krperschaften, getroffen
werden knnen. Der Entwurf einer Allerhchsten Kabinettsorder war
beigefgt.

Dieser Entwurf sah die Einrichtung eines Obersten Kriegsamtes vor, dem
die Leitung aller mit der Kriegfhrung zusammenhngenden Angelegenheiten
der Beschaffung, Verwendung und Ernhrung der Arbeiter, sowie die
Beschaffung von Rohstoffen, Waffen und Munition bertragen werden
sollte. Das Waffen- und Munitionsbeschaffungsamt, das Arbeitsamt und die
Kriegsrohstoffabteilung des Kriegsministeriums sollten dem Obersten
Kriegsamt unterstellt werden. Ferner sollte das Oberste Kriegsamt
die Manahmen des Kriegsernhrungsamts fr die Versorgung der Arbeiter
berwachen. Letztere Regelung war als eine vorlufige gedacht, die
gnzliche Einfgung des Kriegsernhrungsamtes in das Oberste Kriegsamt
sollte weiterer Erwgung vorbehalten bleiben.

Mndlich sagte General Grner bei der bergabe dieses Schreibens dem
Reichskanzler: General Ludendorff habe den Gedanken des Arbeitszwanges
noch nicht ganz aufgegeben; er, Grner, sei fr seine Person dagegen,
halte aber Einschrnkungen der Freizgigkeit der Arbeiter, hnlich wie
in England, fr ntig.

Die Errichtung eines Kriegsamts, bei dem alle Angelegenheiten der
Beschaffung von Waffen und Munition, einschlielich der Arbeiter- und
Rohstofffragen einheitlich zusammengefat werden sollten, lag in der
Richtung der in meinem Schreiben an den General Ludendorff vom 3.
September gegebenen Anregung. Zweifelhaft war die Zweckmigkeit einer
vlligen Lostrennung des Kriegsamts vom Kriegsministerium. Nach weiterer
Prfung entschieden sich die militrischen Stellen dahin, das Kriegsamt
nicht als Oberstes Kriegsamt selbstndig neben das Kriegsministerium
zu stellen, sondern es mit weitgehender Selbstndigkeit im Verbande des
Kriegsministeriums zu belassen. In diesem Sinn wurde am 1. November
1916 die Errichtung des Kriegsamts durch Allerhchste Order verfgt.
Gleichzeitig wurde der General Grner zum Chef des Kriegsamts ernannt
und General Wild von Hohenborn als Kriegsminister durch General von
Stein ersetzt.

Noch ehe diese nderungen verffentlicht waren, am 28. Oktober, teilte
General Grner dem Reichskanzler mit, da die Oberste Heeresleitung --
entgegen der im Schreiben des Feldmarschalls an den Reichskanzler vom
10. Oktober ausgesprochenen Absicht, zunchst von Manahmen, die eine
Mitwirkung der gesetzgebenden Krperschaften ntig machten, abzusehen --
auf die frheren Vorschlge in der Form zurckgreifen wollte, da fr
alle mnnlichen Deutschen vom vollendeten 15. bis zum 60. Lebensjahr,
sowie fr die Frauen eine Arbeitspflicht eingefhrt werde.

Am folgenden Tage fand beim Reichskanzler unter Zuziehung des Generals
Grner eine Besprechung mit den beteiligten Ressortchefs ber diesen
Gedanken statt. General Grner begrndete die Notwendigkeit der
Arbeitspflicht, gegen die er sich dem Reichskanzler gegenber noch
vierzehn Tage zuvor fr seine Person ausgesprochen hatte, mit dem
gewaltigen Bedarf an Arbeitskrften zur Durchfhrung des neuen groen
Waffen- und Munitionsprogramms, des Hindenburg-Programms. Ich hrte
bei dieser Gelegenheit zum erstenmal von den gigantischen Dimensionen
dieses Programms, das aufgestellt und mit der Industrie grtenteils
bereits vereinbart war, ohne da die militrischen Stellen in dieser
so tief in das gesamte Wirtschaftsleben einschneidenden und in
ihrer Durchfhrbarkeit von schwer zu bersehenden wirtschaftlichen
Voraussetzungen abhngigen Angelegenheit mit mir als dem Chef
des wirtschaftlichen Reichsressorts in Verbindung getreten wren.
Es ergab sich, da auch der Eisenbahnminister von Breitenbach
und der Handelsminister Sydow zu der Feststellung des Programms
nicht herangezogen worden waren, obwohl dessen Durchfhrung, die
enorme Transporte fr Neubauten industrieller Anlagen grten
Stils ntig machte und den Verbrauch der Kohle gewaltig steigern
mute, von der Leistungsfhigkeit unserer Eisenbahnen und unserer
Kohlenproduktion ebenso abhngig war wie von der Mglichkeit der
Beschaffung ausreichender Arbeitskrfte. Beide Minister uerten,
ebenso wie ich, die ernstlichsten Zweifel an der Durchfhrbarkeit des
Hindenburg-Programms und wiesen auf die verhngnisvollen Folgen einer
solchen berspannung hin.

In Sachen der Arbeitspflicht brachte General Grner nur den allgemeinen
Gedanken und den dekorativen Namen Vaterlndischer Hilfsdienst mit.
Keine bestimmte Formulierung und keine Ausgestaltung im einzelnen.
Die Aussprache enthllte die auerordentlichen Schwierigkeiten
der Verwirklichung des Gedankens der Arbeitspflicht. Sollten die
Arbeitspflichtigen wie die Wehrpflichtigen in Stammrollen eingetragen,
zu Arbeiterbataillonen formiert und in bestimmte Betriebe kommandiert
werden? Jedermann sah ein, da dies unmglich war. Weitaus der grte
Teil der knftighin Arbeitspflichtigen war bereits in Betrieben und
Beschftigungen ttig, die als wichtig fr die Kriegfhrung und
Volksversorgung anzusehen waren. Es htte keinen Zweck gehabt und nur
die schwersten Strungen verursacht, wenn man diese htte aus ihrer
Ttigkeit herausreien wollen, um sie dann derselben Ttigkeit oder
einer anderen, aber nicht wichtigeren, wieder zuzufhren. Der Sinn
der Arbeitspflicht konnte doch nur sein, diejenigen heranzuholen, die
bisher entweder berhaupt nicht arbeiteten oder in fr Kriegfhrung und
Volksversorgung unwichtigen oder weniger wichtigen Beschftigungen ttig
waren, oder schlielich in an sich wichtigen, aber mit Arbeitskrften
bersetzten Betrieben arbeiteten. Das Erfassen dieser Arbeitskrfte
und ihre berweisung an wichtige Arbeit war zu organisieren. Ferner
bedurfte der Zwang, eine zugewiesene Arbeit anzunehmen, zu seiner
Ergnzung einer Kontrolle des Verlassens einer kriegswichtigen Arbeit,
also einer Beschrnkung des Arbeitswechsels. Und diese weitgehenden
Einschrnkungen der persnlichen Freiheit machten ein geordnetes
Verfahren und einen Rechtsschutz fr die dadurch betroffenen Personen
ntig. Vorauszusehen war ferner, da bei der parlamentarischen
Behandlung eines Arbeitspflichtgesetzes die alten sozialen Wnsche nach
Arbeitsausschssen, Schlichtungsstellen und Einigungsmtern und die
politische Forderung nach unbeschrnkter Koalitionsfreiheit sich Geltung
verschaffen wrden.

In der grundstzlichen Frage konnte ich mich den Grnden, die General
Grner fr die Statuierung einer Arbeitspflicht darlegte, nicht
entziehen, obwohl ich den praktischen Nutzeffekt der Arbeitspflicht
erheblich geringer einschtzte als die militrischen Stellen. Aber
angesichts der schweren Bedrngnis, in die wir geraten waren, konnte
auf keine irgend mgliche Verbesserung in der Nutzbarmachung von
Arbeitskrften verzichtet werden. Die Arbeitspflicht der Jugendlichen
von weniger als 17 Jahren und der Frauen lie General Grner angesichts
der von allen Seiten geltend gemachten Einwendungen fallen.

Ich bernahm es, einen Entwurf ausarbeiten zu lassen, der als Grundlage
fr die weitere Errterung dienen sollte.

Das war am Sonntag, dem 29. Oktober. Obwohl ich damals neben
meinen anderen Geschften durch die Reichstagsverhandlungen ber
Belagerungszustand und Zensur, durch den Bundesratsausschu fr
auswrtige Angelegenheiten, der am 30. Oktober tagte, und die damals vor
der Entscheidung stehende polnische Frage auf das uerste in Anspruch
genommen war, konnte ich die Grundzge des Entwurfs schon am Donnerstag,
2. November, mit General Grner besprechen und mit diesem vereinbaren,
da vor weiterem die Angelegenheit in der folgenden Woche vertraulich
mit Vertretern der Arbeitgeber- und der Arbeitnehmer-Organisationen
durchberaten werden sollte. Zudem hatte der Kaiser sich der Auffassung
des Kanzlers angeschlossen, da vor einer ffentlichen Behandlung der
Frage der Arbeitspflicht die Wirkung des damals schon bei unseren
Verbndeten angeregten Friedensvorschlags abgewartet werden sollte.

Am 4. November war der Reichstag vertagt worden. Am Vormittag des
6. November schickte mir der Kanzler ein Telegramm des Vertreters
des Auswrtigen Amts im Groen Hauptquartier, der General Ludendorff
erklre, das Hilfsdienstgesetz dulde keinerlei Aufschub; er werde
diesen Standpunkt mit allem Nachdruck bei Seiner Majestt vertreten.
Schon am Nachmittag erhielt der Kanzler ein Telegramm des Kaisers, in
dem dieser in ungewhnlich schroffer Form die sofortige Erledigung des
Hilfsdienstgesetzes befahl. Auch in den folgenden Wochen, whrend mit
Hochdruck an dem Gesetz gearbeitet wurde -- der Entwurf wurde am 10.
November nach der Beschlufassung des Preuischen Staatsministeriums
dem Kaiser zur Genehmigung vorgelegt und alsbald nach Eingang der
Kaiserlichen Order, am 14. November, bei dem inzwischen bereits
vertraulich orientierten Bundesrat eingebracht -- wiederholte sich
dieses ungestme Drngen aus dem Groen Hauptquartier. Es ist mir
heute noch unbegreiflich, was fr einen Sinn dieses Drngen haben
sollte. Die Durchfhrung des Gesetzes bedurfte in dem gerade erst neu
errichteten Kriegsamt umfassender Vorbereitungen, die unbeschadet der
verfassungsmigen Behandlung des Entwurfs sofort in Angriff genommen
werden konnten und in Angriff genommen wurden. Auch bei der besten und
grndlichsten Vorbereitung konnten die Wirkungen des Gesetzes sich
nicht auf Tag und Stunde, sondern erst im Laufe lngerer Zeit fhlbar
machen. Andererseits war das Gesetz von solcher Tragweite fr unser
ganzes Wirtschaftsleben und fr die Verhltnisse eines jeden einzelnen
Staatsbrgers, da ich fr die Durchberatung mit den in erster Linie
beteiligten Wirtschaftskreisen, fr die Beschlufassung der Verbndeten
Regierungen und fr die Vorbereitung der parlamentarischen Behandlung
die ntige Zeit in Anspruch nehmen mute.

Jedenfalls war ich fr meine Person nicht gewillt, das fortgesetzte
Drngen hinzunehmen. Ich erklrte dem Kanzler, da ich dafr dankte,
unter der Hetzpeitsche des Groen Hauptquartiers zu arbeiten, und
bat ihn, dem Kaiser mein Entlassungsgesuch zu unterbreiten. Der
Kanzler selbst hatte den Eindruck, da die unverkennbare Animositt
des Groen Hauptquartiers sich in der Hauptsache gegen seine Person
richte. Er reiste nach Ple, um eine Aussprache mit dem Kaiser und dem
Feldmarschall herbeizufhren und danach seine eigenen Entscheidungen zu
treffen. Diese Aussprache reinigte fr kurze Zeit die Atmosphre; eine
wirkliche Klrung brachte sie nicht. Der Kanzler selbst kehrte aus Ple
zurck mit dem Gefhl eines von Einzeldifferenzen unabhngigen, auf
die Dauer unberbrckbaren Gegensatzes zwischen sich und der Obersten
Heeresleitung.

Das Hilfsdienstgesetz wurde am 21. November vom Bundesrat angenommen
und dem fr den 25. November wieder einberufenen Reichstag vorgelegt.
Schon zwei Tage zuvor begann der Hauptausschu auf Grund der von mir
mit den Fraktionsfhrern getroffenen Abrede in freier Diskussion die
Beratung des Gesetzentwurfs. In Sitzungen, die vom frhen Morgen bis
zum spten Abend dauerten, wurde das Gesetz in der eingehendsten Weise
durchgearbeitet. Der Reichstagsausschu verlangte, wie ich das nicht
anders erwartet hatte, da alle die nach dem Entwurf dem Bundesrat
vorbehaltenen Einzelbestimmungen ber die zur Durchfhrung des Gesetzes
zu schaffenden Organe und Instanzen sowie ber den Rechtsschutz fr die
Arbeitspflichtigen -- Bestimmungen, die in Form von Richtlinien der
Begrndung des Entwurfs beigefgt waren -- in den Text des Gesetzes
selbst aufgenommen wrden. Dazu kamen alle die vorausgesehenen und
manche nicht vorausgesehenen sozialpolitischen und politischen Antrge,
die auf ein mit dem Zweck des Gesetzes vertrgliches Ma in schwieriger
Diskussion zurckgefhrt werden muten. So erfllte sich die von einem
Vertreter der Obersten Heeresleitung bei der ersten Besprechung mit den
Gewerkschaften ausgesprochene Hoffnung, der Reichstag werde das Gesetz
als eine patriotische Grotat auffassen und ohne Diskussion en bloc
annehmen!

In Tages- und Nachtarbeit wurde der Entwurf so weit gefrdert, da der
Hauptausschu schon am Abend des 28. November die Beratung abschlieen
konnte. In den folgenden Tagen erledigte das Reichstagsplenum die
Vorlage in Dauersitzungen. Die zweite Lesung am 30. November begann um
12 Uhr mittags und endigte kurz vor 12 Uhr nachts. Am Nachmittag des 2.
Dezember wurde das Gesetz in dritter Lesung vom Reichstag mit 235 gegen
19 Stimmen der Unabhngigen Sozialdemokraten bei 8 Stimmenthaltungen
angenommen.

Bis zum letzten Augenblick waren einzelne wichtige Bestimmungen schwer
umstritten. Meine Stellung war gegenber dem Reichstag eine ungewhnlich
schwierige infolge des Umstandes, da zwischen den einzelnen Stadien der
Reichstagsberatung nicht die gengende Zeit lag, um eine Stellungnahme
der Verbndeten Regierungen zu weitgehenden Abnderungen und Ergnzungen
der Vorlage herbeizufhren. Dadurch war ich gezwungen, in Wahrung
des gesetzgeberischen Rechtes des Bundesrats auch gegenber Antrgen
Zurckhaltung zu zeigen, die ich an sich fr ertrglich hielt und
die ich bei den Verbndeten Regierungen gegen manche mir bekannte
Widerstnde zu befrworten entschlossen war. Ich mute in solchen
Fllen, wie ich es im Reichstag ausdrckte, den Verbndeten Regierungen
gewissermaen das Protokoll offen halten. Der Reichstag hat fr
solche Situationen, die sich aus der Stellung der Mitglieder der
Reichsleitung als Vertreter der Verbndeten Regierungen ergaben, stets
nur geringes Verstndnis gezeigt. Im vorliegenden Fall kam fr mich
noch die besondere Erschwerung hinzu, da der General Grner, der als
Chef des Kriegsamts mit mir die Vorlage zu vertreten hatte, in der nur
einem Soldaten gestatteten Unbefangenheit auf eigene Faust verhandelte
und Zugestndnisse machte, oft genug, ohne mich auch nur von seinen
Besprechungen und Zusagen zu unterrichten. Es ist mir in der Kommission
passiert, da mir ein sozialdemokratischer Abgeordneter unter vier Augen
sagte: Wir verstehen Sie nicht; Sie wehren sich hier gegen Dinge, die
uns der General Grner lngst zugestanden hat!

Noch in der dritten Lesung kam es zu einer kritischen Zuspitzung.
Am Abend vorher wurde mir mitgeteilt, da die Nationalliberalen auf
Drngen des Abgeordneten Ickler, der in den Eisenbahner-Organisationen
eine fhrende Rolle spielte, einen Antrag einbringen wollten,
der die Erstreckung der in den Beschlssen zweiter Lesung
vorgesehenen Arbeiterausschsse und Schlichtungsstellen auch auf die
Staatseisenbahnen vorsah. Der preuische Eisenbahnminister und mit
ihm das gesamte preuische Staatsministerium hatten, schon als in
den Kommissionsberatungen dieser Gedanke von sozialdemokratischer
Seite in die Errterung geworfen wurde, eine solche Erstreckung fr
unannehmbar erklrt. Der Widerstand des Eisenbahnministers richtete sich
vor allem gegen die Schiedsstellen, die fr das Verhltnis zwischen
Eisenbahnverwaltung und Eisenbahnangestellten und Arbeitern eine dritte
auerhalb stehende Instanz geschaffen htten. Dagegen gelang es mir,
von Herrn von Breitenbach die Zusicherung zu erhalten, da die bei
der Eisenbahn bereits bestehenden Arbeiterausschsse entsprechend
den aus der Mitte des Reichstags geuerten und in einer Resolution
niedergelegten Wnschen ausgebaut werden sollten. Auf Grund dieser
Zusage gelang es, die Nationalliberalen noch vor Beginn des Sitzung
zur Zurckziehung des bereits gedruckten Antrages Ickler zu bestimmen.
Die Sozialdemokraten, die bisher einen solchen Antrag nicht gestellt
hatten, erhielten jedoch von dem gleich wieder zurckgezogenen Antrag
Ickler Kenntnis und nahmen diesen nun ihrerseits auf. Als bereits
der Abgeordnete Legien zur Begrndung des Antrags sprach, trat der
Abgeordnete Ickler zu mir heran und sagte mir, da, nachdem die
Sozialdemokraten den Antrag gestellt htten, seine Freunde nun doch fr
den Antrag stimmen mten. Da die Haltung eines Teiles des Zentrums zum
mindesten zweifelhaft war, was mir der Abgeordnete Spahn besttigte,
konnte die Annahme des Antrags, wenn berhaupt noch, dann nur durch eine
klare Stellungnahme meinerseits und einen Hinweis auf die mglichen
Folgen eines solchen irreparabeln, weil in der dritten Lesung gefaten
Beschlusses verhindert werden. Ich nahm deshalb nach Legien das Wort,
teilte zunchst die Zusicherung des preuischen Eisenbahnministers
hinsichtlich der Arbeiterausschsse mit, entwickelte kurz die Grnde
gegen eine Ausdehnung der Schiedsstellen auf die Eisenbahnen und fgte
hinzu: Deshalb mu ich hier, so leid es mir tut, sagen, da, wenn
der Antrag, wie er hier gestellt ist, angenommen wird, dann in der
Tat das Gesetz gefhrdet ist. Dieses Wort habe ich bisher noch nicht
ausgesprochen; in diesem Punkte mu ich es leider tun.

Diese Erklrung trug mir im Reichstag und in der Presse die heftigsten
Angriffe ein. Sie hatte aber die Wirkung, da ein Teil der Abgeordneten,
die andernfalls fr den sozialdemokratischen Antrag gestimmt htten, vor
allem die Nationalliberalen um Ickler und die den Arbeiterorganisationen
nahestehenden Zentrumsabgeordneten, sich auf die zu diesem Thema
vorliegende Resolution zurckzogen und gegen den Antrag stimmten, der
auch jetzt nur mit einer Stimme Mehrheit, mit 139 gegen 138 Stimmen,
abgelehnt wurde. Ich war bei der Besetzung des Hauses auf eine Annahme
des Antrags gefat und hatte bereits meine Akten gepackt, um sofort zum
Kanzler zu fahren und meine Entlassung zu nehmen.

Mir persnlich wre diese Lsung eine Erleichterung gewesen. Die das Ma
menschlicher Kraft bersteigende Arbeitslast, die sich in den letzten
Wochen ins Unertrgliche gesteigert hatte und durch die Reibungen
mit dem Groen Hauptquartier auf der einen Seite, mit dem Reichstag
auf der anderen Seite, noch eine besondere Wrze erhielt, hatte mir
die Freude an meiner Amtsttigkeit zerstrt und mir auch krperlich
stark zugesetzt. Neue schwere Reibungen und Konflikte sah ich voraus.
Die Erfahrungen bei der Beratung des Hilfsdienstgesetzes hatten mir
gezeigt, da ich bei einem groen Teil des Reichstags, insbesondere bei
den Sozialdemokraten, mit einer unberwindlichen Voreingenommenheit zu
kmpfen hatte. Man sah in mir, zu dessen Geschftsbereich vor allem
auch die Sozialpolitik gehrte, stets den frheren Bankdirektor
und infolgedessen den Vertreter kapitalistischer Weltanschauung
und kapitalistischer Interessen, ohne mir den mildernden Umstand
zuzubilligen, da auch ich nicht in einer goldenen Wiege gelegen habe,
sondern aus immerhin bescheidenen Verhltnissen lediglich durch eigene
Arbeit vorwrtsgekommen war. Andererseits lehnte sich, je lnger desto
mehr, mein in neun Jahren groer geschftlicher Ttigkeit an praktische
Arbeit gewohnter Sinn gegen die Arbeitsmethoden des Reichstags auf,
der immer wieder in endlose Debatten und de Parteipolitik zurckfiel,
whrend drauen Stunde fr Stunde um Leben und Tod der Nation gerungen
wurde und uns allen die Not des Vaterlandes auf den Ngeln brannte. Auch
in der Unerquicklichkeit des Verhltnisses zum Groen Hauptquartier
sah ich keine Besserung. ber die wachsende Schwierigkeit des
vertrauensvollen Zusammenwirkens konnte es mich nicht hinwegtrsten,
da der Kaiser nach der Erledigung des Hilfsdienstgesetzes mir sein
unvermindertes Vertrauen durch die bersendung seines Reiterbildes
mit einer anerkennenden Widmung zu erkennen gab. Aber in allen diesen
Schwierigkeiten berwog doch schlielich das Gefhl, da persnliche
Empfindungen vor der harten Pflicht zurcktreten muten, und da die
Pflicht von mir verlange, auszuharren und weiterzukmpfen.

Die Durchfhrung des Hilfsdienstgesetzes wurde durch das Gesetz selbst
dem Kriegsamt bertragen, dem ein aus fnfzehn Mitgliedern bestehender
Ausschu des Reichstags, ausgestattet mit weitgehenden Befugnissen, zur
Seite gestellt wurde. Damit waren meiner unmittelbaren Einwirkung auf
die Durchfhrung des Gesetzes enge Grenzen gezogen.

Von erheblicher Bedeutung fr die Durchfhrung ist die Fassung geworden,
die der Reichstag dem  9 des Gesetzes gegeben hatte.

Der Paragraph behandelt die als Ergnzung zur Arbeitspflicht
erforderliche Beschrnkung des Arbeitswechsels. Ein Arbeitswechsel
sollte nur gestattet sein vermittels eines von dem bisherigen
Arbeitgeber ausgestellten Abkehrscheines. Gegen die Verweigerung des
Abkehrscheines sollte die Berufung an eine parittisch zusammengesetzte
Kommission statthaft sein, die den Abkehrschein bei Vorliegen eines
wichtigen Grundes fr das Ausscheiden auszustellen hatte.

Diese Regelung war bereits in den der Vorlage beigegebenen Richtlinien
enthalten. In der Kommission wurde ein Zusatz beantragt, da als
wichtiger Grund fr das Ausscheiden insbesondere die Mglichkeit der
Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu gelten habe. Gegen diesen Zusatz
wurden nicht nur von mir, sondern auch aus der Mitte der Kommission,
namentlich auch von den Abgeordneten von Payer und Dr. Schiffer, starke
Bedenken geltend gemacht. Die einseitige Hervorhebung der Verbesserung
der Lohnverhltnisse als wichtiger Grund fr den Arbeitswechsel
schien mir mit dem Zweck des Gesetzes, im Interesse der mglichsten
Steigerung der Produktion den Arbeitswechsel einzuschrnken, im
Widerspruch zu stehen. Ich fhrte damals in der Kommission aus:

Nach meiner Ansicht werden durch eine solche gesetzliche Bestimmung die
Leute geradezu mit der Nase darauf gestoen, da sie sich berlegen,
wo sie bessere Arbeitsbedingungen finden. Statt den Arbeitswechsel zu
verhindern, frchte ich, da durch eine solche einseitige Definition
das Gegenteil erreicht wird, da Unzufriedenheit in die groe Masse der
Arbeiter hineingetragen wird, die an einen Arbeitswechsel bisher gar
nicht denken.

Der Abgeordnete von Payer sprach geradezu von einer Entwertung des
ganzen Gesetzes durch eine so einseitige Hervorkehrung der Lohnfrage.

Schlielich einigte sich die Mehrheit der Kommission auf einen Zusatz,
lautend:

Bei der Entscheidung der Frage, ob ein 'wichtiger Grund' vorliegt,
ist auf die Bedrfnisse des vaterlndischen Hilfsdienstes Rcksicht
zu nehmen. Als wichtiger Grund soll insbesondere eine angemessene
Verbesserung der Arbeitsbedingungen im vaterlndischen Hilfsdienst
gelten.

Hier war wenigstens die Rcksicht auf den Zweck des Gesetzes im ersten
Satz vorangestellt.

Im Plenum des Reichstags jedoch wurde die Streichung des ersten Satzes
beantragt und gegen meinen Widerspruch angenommen.

Die seither gemachten Erfahrungen haben meine Befrchtungen leider
gerechtfertigt. Die heute allgemein, auch von den Sozialdemokraten,
beklagte ungesunde Lohntreiberei ist von der Kriegsindustrie
ausgegangen, und in der Kriegsindustrie hat ihr der vom Reichstag
beschlossene Zusatz geradezu den Boden bereitet.

Auf diesem Boden mute die Lohntreiberei um so ppiger ins
Kraut schieen, als das Kriegsamt mehr und mehr dazu berging,
Lieferungsvertrge abzuschlieen, bei denen die Preisfestsetzung offen
blieb und nach Abschlu der Lieferung auf Grund der Gestaltung der
Materialpreise und Lhne erfolgen sollte. Durch Vertrge dieser Art
wurden die Unternehmer geradezu angereizt, sich gegenseitig in den
Arbeitslhnen zu berbieten. Denn die Lohnsteigerung wurde ja nun nicht
mehr von ihnen selbst getragen, sondern von dem geduldigen Staat; ja die
Lohnsteigerung brachte ihnen geradezu einen Vorteil, da ihr Gewinn im
Verhltnis ihres Aufwandes fr Material und Lhne stieg. Das Kriegsamt
hat spter in einer besonderen Denkschrift ber dieses verheerende
System bewegliche und berechtigte Klage gefhrt. Es hat dabei nur
den einen nicht ganz unwichtigen Umstand bersehen, da nmlich die
Anwendung und die Abstellung dieses Systems lediglich Sache seiner
eigenen Zustndigkeit und Verantwortung war.

Von der Lohnfrage abgesehen war die Wirkung des Hilfsdienstgesetzes
in ganz besonderem Mae davon abhngig, wieweit es gelang, auf
organisatorischem Weg durch eine rationelle Gestaltung der einzelnen
Produktionszweige, insbesondere durch Zusammenlegung und Stillegung
von Betrieben, bisher ohne erhebliche Nutzwirkung gebundene
Arbeitskrfte freizusetzen und fr wichtige Arbeit verfgbar zu
machen. Darber ist schon bei den Verhandlungen des Hauptausschusses,
dann in den Verhandlungen des dem Kriegsamt zur Seite gestellten
Fnfzehnerausschusses unendlich viel gesprochen worden. Die praktische
Arbeit hat mit den theoretischen Worten leider nicht gleichen Schritt
gehalten. Das Reichsamt des Innern war bald gentigt, diese dem
Kriegsamt bertragenen Angelegenheiten allmhlich wieder in seine Hand
zu nehmen.

Ein abschlieendes Urteil ber die Wirkung des Hilfsdienstgesetzes
ist mir heute noch nicht mglich, da mir das hierfr erforderliche
Material nicht zugnglich ist. Mein Eindruck geht jedoch dahin, da
seine Wirkung jedenfalls weit hinter den Erwartungen der Obersten
Heeresleitung zurckgeblieben ist, ja da, alles in allem genommen, der
Nachteil den Vorteil aufgewogen hat. Dies gilt auch von der Wirkung auf
die Volksstimmung. Der groe patriotische Aufschwung, den die Urheber
des Gesetzes von der Verkndigung der allgemeinen Dienstpflicht fr
das Vaterland erwarteten, ist nicht eingetreten; dagegen haben die
Radikalsten der Radikalen das Arbeitszwangsgesetz als zugkrftigen
Agitationsstoff ausgenutzt. Ein entschiedenes, aber besonnenes
Fortschreiten auf dem bereits betretenen Weg der Einschrnkung des
Arbeitsaufwandes fr weniger wichtige Zwecke und der rationellen
Nutzbarmachung der Arbeitskrfte in den fr den Krieg und die
Volksversorgung wichtigen Zweigen htte uns wohl weiter gefhrt als die
groe Aufmachung des Vaterlndischen Hilfsdienstgesetzes.

Eines steht leider fest: Auch mit dem Hilfsdienstgesetz ist es nicht
gelungen, das Hindenburg-Programm auch nur annhernd zur Durchfhrung
zu bringen. Es trat vielmehr ein, was dem neuen Chef des Kriegsamts
schon in jener ersten Besprechung beim Reichskanzler am 29. Oktober 1916
mit allem Nachdruck entgegengehalten worden war: das Hindenburg-Programm
scheiterte nicht nur an der Arbeiterfrage, sondern auch an der
Transport- und der Kohlenfrage, und schlimmer als das: es brachte nicht
nur unsere Arbeitsverhltnisse, sondern auch unsere Transport- und
Kohlenverhltnisse in eine schlimme Verwirrung.

Schon Anfang Februar 1917 sah sich die Oberste Heeresleitung
gentigt, gegenber der Industrie den Wunsch auszusprechen, es
mchte der Weiterbau aller derjenigen Fabriken, die nicht schon
innerhalb der nchsten drei bis vier Monate fertig wrden, zunchst
einmal zurckgestellt werden. Die Schwierigkeiten, namentlich die
Transportschwierigkeiten, waren damals so gro geworden, da kein
einziger der 40 Hochfen, die vollstndig betriebsfhig, aber kalt
bereitstanden, hatte angeblasen werden knnen. Eine Entlastung der Werke
zugunsten des Eisenbahnbedarfs war zur Vermeidung einer Katastrophe
unabweisbar geworden.

Aber auch die schon damals vorgenommene erhebliche Einschrnkung
des Programms gengte noch nicht, das Gleichgewicht mit unserer
wirtschaftlichen Leistungsfhigkeit herzustellen. Die Transportkrisis,
verschrft durch einen ungewhnlich harten Winter, der fr viele
Wochen die Wasserstraen unbenutzbar machte und das Eisenbahnmaterial
stark beanspruchte, hielt an. Die Kohlenkrisis wurde von Woche zu
Woche bedenklicher. Wie man dem Eisenbahnbedarf auf Kosten der
Munitionserzeugung freieren Spielraum geben mute, so wurden auch auf
dem Gebiet der Kohlenfrderung und des Kohlenverbrauches einschneidende
Manahmen ntig.

Die Sorge fr die Kohle hatte zunchst das Kriegsamt an sich genommen.
Der Kohlenausgleich des Kriegsamts, der zu einer groen Organisation
ausgebaut worden war, stand im Februar 1916 vor der Unmglichkeit, seine
Aufgabe zu bewltigen. General Grner wandte sich an den preuischen
Handelsminister und an mich, um mit uns ber die zu ergreifenden
Manahmen zu beraten. Es wurde ein Reichskommissar fr Kohle eingesetzt
und mit selbstndigen und weitgehenden Befugnissen ausgestattet, vor
allem mit der Befugnis der Beschlagnahme der Kohle und der Zuteilung an
bestimmte Empfnger. Zur Aufrechterhaltung der unbedingt notwendigen
engen Fhlung mit den militrischen Stellen wurde der Kohlenkommissar
dem Kriegsamt angegliedert, blieb jedoch der Aufsicht des
Reichskanzlers unterstellt.

Es stellte sich bald heraus, da die Aufgabe des Kohlenkommissars, fr
eine ausreichende Deckung des Kohlenbedarfs, vor allem des dringlichen
Kohlenbedarfs, zu sorgen, bei den damals obwaltenden Verhltnissen
unlsbar war. Zwar war die Kohlenfrderung nach dem Rckschlag zu
Beginn des Krieges bald wieder in die Hhe gebracht worden. Die
Steinkohlenfrderung stand nicht mehr weit hinter der Friedensproduktion
zurck, und die Braunkohlenfrderung hatte die Friedensproduktion
sogar berschritten. Aber abgesehen von der schlechteren Qualitt
der mangelhaft aufbereiteten Kohle waren die Eisenbahnen bis in
das Frhjahr 1917 hinein nicht in der Lage, die gefrderten Mengen
abzutransportieren; Hunderttausende von Tonnen muten auf die Halde
gestrzt werden. Und auch spter, als die Wagengestellung wieder
ausreichte, um die gesamte Frderung zu bewltigen, zeigte sich, da
allein die Dringlichkeitsliste der militrischen Stellen infolge
der enormen Ansprche des Waffen- und Munitionsprogrammes grere
Kohlenmengen umfaten, als bei damaligem Stand der Belegschaften
berhaupt gefrdert werden konnten. Die Erhebungen des Kohlenkommissars,
der fr das Jahr 1917 eine Bilanz aufzustellen versuchte, ergaben bei
einer Steinkohlenfrderung von rund 160 Millionen Tonnen und einem
Bedarf von 183 Millionen Tonnen einen Fehlbetrag von nicht weniger als
23 Millionen Tonnen. Eine Nachprfung der Ersparnismglichkeiten ergab,
da die Verwendungszwecke auerhalb der Kriegsindustrie (hauptschlich
fr Eisenbahnen, Hausbrand, Gas-, Wasser- und Elektrizittswerke,
Ausfuhr auf Grund abgeschlossener Kompensationsvertrge) entweder keine
oder nur eine im Verhltnis zu dem Fehlbetrag geringfgige Einschrnkung
vertrugen. Insbesondere habe ich mich dafr eingesetzt, da der
Hausbrand, der mit 14 Millionen Tonnen ohnedies schon sehr niedrig
veranschlagt war, unter allen Umstnden sichergestellt werden msse. Wir
standen also vor der Alternative: entweder weitere Einschrnkung des
Rstungsprogramms oder Steigerung der Kohlenproduktion, die nur durch
die Freigabe einer groen Anzahl von Bergarbeitern aus der Front erzielt
werden konnte. Es handelte sich also im wesentlichen darum, den Bedarf
an Waffen und Munition und den Bedarf an Mannschaften gegeneinander
abzuwgen. Das war Sache der Obersten Heeresleitung, die allein darber
entscheiden konnte, an welchem Punkt diese beiden Interessen ihren
Ausgleich finden sollten. Ich mute mich darauf beschrnken, den
militrischen Stellen die engen Grenzen der zivilen Ersparnismglichkeit
und die damit unausweichliche Alternative: entweder ausgiebige Freigabe
von Mannschaften fr den Kohlenbergbau oder weitere empfindliche
Einschrnkung des Hindenburg-Programms, mit aller Eindringlichkeit
klarzumachen. Das ist von mir namentlich auch in einer eingehenden
Besprechung mit dem General Ludendorff im Juni 1917 geschehen.

Die Heeresverwaltung hat sich schlielich zu weitgehender Freigabe von
Mannschaften auf der einen Seite, zu einer neuen Einschrnkung des
Hindenburg-Programms auf der andern Seite entschlossen. Der ungeheure
Druck der Tatsache, da jede Tonne Steinkohle, die ohne zwingende
Notwendigkeit verbraucht wurde, eine Minderung der Versorgung des
kmpfenden Heeres mit Kampfmitteln darstellte, ntigte gleichzeitig zu
der uersten Einschrnkung des Kohlenverbrauches auf allen brigen
Gebieten.

Auch unsere finanzielle Kraft wurde durch die berspannung des Waffen-
und Munitionsprogramms ber Gebhr in Anspruch genommen. Die monatlichen
Kriegsausgaben, die noch im August 1916 sich unter dem Betrag von 2
Milliarden Mark hielten, berschritten im Oktober 1916 bereits den
Betrag von 3 Milliarden Mark. Ein Jahr spter wuchsen sie ber die
vierte Milliarde hinaus, und im Oktober 1918 haben sie den Betrag von
4 Milliarden 800 Millionen Mark erreicht. Es ist also auch nach der
Einschrnkung des Hindenburg-Programms nicht mehr gelungen, den immer
strker anschwellenden Strom der Kriegsausgaben wieder einzudmmen.

Der Reichsfinanzminister Dr. Schiffer hat im Februar 1919 in der
Nationalversammlung das Hindenburg-Programm ein Programm der
Verzweiflung genannt. Diese Bezeichnung ist nicht zutreffend. Den
Herren, in deren Kopf das Programm entstand, das sie mit dem Namen
Hindenburgs ausstatteten, war die Verzweiflung fremd. Ihr Programm war
ein Programm der Selbstberschtzung und der berschtzung der deutschen
Volks- und Wirtschaftskraft. Bei ruhiger berlegung des Notwendigen
und sachlicher Prfung des Mglichen htte es sich vermeiden lassen,
Mengen von wertvollem Material und noch wertvollerer Arbeitskraft in
industrielle Ruinen zu stecken, die aus Mangel an Menschen und Kohlen
teils nie vollendet, teils nie in vollem Umfang in Betrieb genommen
worden sind. Man htte mit weniger Arbeitskrften und Material erheblich
mehr fr die Ausrstung des Heeres geleistet und unserer Wirtschaft
Strungen und Erschtterungen erspart, die letzten Endes an die Wurzeln
der Widerstandskraft unseres Volkes gingen.




                   Friedensbemhungen und U-Bootkrieg


Das berhmte Wort des Generals von Clausewitz: Der Krieg ist eine
bloe Fortsetzung der Politik mit andern Mitteln will nicht besagen,
da whrend des Kriegszustandes der Krieg die Politik ersetze.
Clausewitz selbst hat die Auffassung abgelehnt, als ob der Krieg von
dem Augenblick an, wo er durch die Politik hervorgerufen ist, an ihre
Stelle treten, als etwas von ihr ganz Unabhngiges sie verdrngen
und nur seinen eigenen Gesetzen folgen knnte. Er hat ausdrcklich
betont, da, da der Krieg von einem politischen Zweck ausgeht, dieses
erste Motiv, das ihn ins Leben gerufen hat, auch die erste und hchste
Rcksicht bei seiner Leitung bleiben mu, da die Politik also den
ganzen kriegerischen Akt durchziehen und einen fortgesetzten Einflu auf
ihn ausben werde, wozu er allerdings die Einschrnkung macht: soweit
es die Natur der in ihm explodierenden Krfte zult. Aber die Politik
mu nicht nur die hchste Rcksicht bei der Leitung des Krieges bleiben,
wie es dem Verhltnis von Zweck und Mittel entspricht, sondern es mu
ihr auch freistehen, neben dem auerordentlichen Mittel des Krieges,
d. h. der militrischen Gewaltanwendung, sich aller anderen ihr whrend
des Kriegszustandes berhaupt noch zu Gebote stehenden Mittel zu
bedienen. Wenn man diese anderen Mittel nichtkriegerischer Art unter
dem Namen der Diplomatie zusammenfat, so heit das: Die Diplomatie
als Mittel der Politik ist durch den Kriegszustand nur so weit
ausgeschaltet, als ihre praktische Anwendung durch den Kriegszustand
unmglich gemacht ist; im brigen gehen auch whrend des Kriegszustandes
die kriegerischen und diplomatischen Aktionen als Mittel der Politik
nebeneinander her. Aufgabe der Staatslenker -- und zwar eine meist nur
mangelhaft gelste Aufgabe -- ist es, fr die Einheitlichkeit und das
planmige Ineinandergreifen der beiden Arten von Mitteln zu sorgen, die
Mittel dem Zweck anzupassen und, soweit es sich als ntig herausstellt
-- denn die Politik bleibt die Kunst des Mglichen -- den Zweck nach den
Mglichkeiten, die ihr die Mittel bieten, zu modifizieren -- das was man
kurz die Einheit von Politik und Kriegfhrung nennt.

Der Krieg, der im Sommer 1914 ber uns hereinbrach, war fr uns die
Fortsetzung der Politik der Verteidigung unseres Rechtes auf nationale
Existenz und auf friedliche Entfaltung unserer Volkskraft gegenber
einer Koalition, die uns schon vor Kriegsausbruch dieses Recht auf
dem Wege der diplomatischen Einkreisung zu verkmmern gesucht hatte.
Gegenber einer uns und unsern Verbndeten an Menschen und Machtmitteln
weit berlegenen Koalition. Gerade die bermacht der Feinde war fr
uns in besonderem Mae eine Ntigung, jedes fr die Erreichung unseres
Kriegszwecks geeignete Mittel in Wirksamkeit zu setzen, sowohl auf
den Gebieten der eigentlichen Kriegfhrung wie auf dem Gebiete der
Diplomatie. Gleichzeitig brachte diese Ntigung zur uersten Anspannung
aller Mittel in verstrktem Mae die Gefahr, da die Einheit von Politik
und Kriegfhrung verlorengehe. Wenn wir den Krieg nicht nur militrisch,
sondern auch diplomatisch zu fhren hatten, wenn wir angesichts der
Gefahr, von der feindlichen bermacht militrisch und wirtschaftlich
erdrckt zu werden, gentigt waren, mit diplomatischen Mitteln
Friedensmglichkeiten zu erschlieen und einem weiteren bedrohlichen
Zuwachs fr die feindliche Koalition vorzubeugen, so konnten sich
daraus Konflikte ergeben mit der Notwendigkeit der Einsetzung aller
militrischen Erfolg versprechenden Kriegsmittel.

Diese Konfliktsgefahr ist praktisch geworden in der Frage des
U-Bootkriegs.

Seit jenem Tirpitz-Interview vom Dezember 1914 hat die Hoffnung, mit
unsern U-Booten England, die Seele und den Zusammenhalt der feindlichen
Mchtekoalition, zu Tode treffen und damit den Krieg in kurzer Zeit zu
einem guten Ende fhren zu knnen, immer hhere Flammen geschlagen.
Aber schon die ersten Versuche, dieses Kriegsmittel einzusetzen, zeigten
seine Zweischneidigkeit; sie offenbarten die Gefahr, da die Anwendung
dieses Kriegsmittels die Neutralen, vor allem die Vereinigten Staaten,
veranlassen knnte, sich auf die Seite unserer Gegner zu schlagen.
Dadurch muten nicht nur die Aussichten, ohne die kaum erreichbare
vllige Niederwerfung unserer Feinde zum Frieden zu kommen, aufs
uerste beschrnkt werden, sondern auch die feindliche Koalition eine
Verstrkung erfahren, die zu unserm Verhngnis zu werden drohte.

So begleitete der Widerstreit von Friedensbemhung und U-Bootkrieg vom
Ausgang des Jahres 1914 an das gewaltige Ringen an den Fronten und die
aufopfernde Kriegsarbeit in der Heimat, er fhrte zu den schwersten
Konflikten zwischen den fr das Schicksal Deutschlands verantwortlichen
Mnnern und whlte unser Volk bis in seine Tiefen auf.


                            Die Friedensfrage

Vor dem Krieg war die herrschende Meinung bei unsern Militrs und
Diplomaten, unsern Praktikern und Gelehrten der Volkswirtschaft, da ein
moderner Krieg nur von kurzer Dauer sein knne. Der Generalfeldmarschall
Graf von Schlieffen hat im Jahre 1909 sich dahin ausgesprochen,
ein sich hinschleppender Krieg sei zu einer Zeit unmglich, wo die
Existenz der Nation auf einem ununterbrochenen Fortgang des Handels
und der Industrie begrndet ist und durch eine rasche Entscheidung
das zum Stillstand gebrachte Rderwerk wieder in Lauf gebracht werden
mu. Eine Ermattungsstrategie lt sich nicht treiben, wenn der
Unterhalt von Millionen den Aufwand von Milliarden erfordert. Schon
die ersten Monate des Weltkriegs haben diese Theorie widerlegt. Als
nach dem ersten gewaltigen Zusammenprall der Armeen in West und Ost
die erwartete Entscheidung ausblieb, da brachen die Wirtschaft und die
Finanzen der kriegfhrenden Lnder unter der Wucht des Krieges nicht
zusammen, sondern stellten sich mit erstaunlicher Anpassungsfhigkeit
auf die auerordentlichen Verhltnisse des Krieges ein. Sowenig wie die
moderne Waffentechnik eine rasche Entscheidung herbeizufhren vermochte,
ebensowenig war fr uns oder unsere Gegner eine wirtschaftliche oder
finanzielle Zwangslage entstanden, die stark genug gewesen wre, um
dem Krieg ein rasches Ende zu diktieren. Ermattungsstrategie und
Erschpfungskrieg waren greifbare Mglichkeiten geworden, die alle
kriegfhrenden Staaten in ihre Rechnung einzustellen hatten.

Nur widerstrebend und langsam gewhnte man sich bei uns an diesen
Gedanken. Als aber auch die groen militrischen Aktionen des Frhlings
1915 keine Entscheidung brachten, als mit Italien eine neue Gromacht
gegen die Mittelmchte ins Feld trat, da hatte man sich endgltig mit
der Wahrscheinlichkeit einer langen Kriegsdauer abzufinden.

Die Aussicht auf einen sich lange hinschleppenden Ermattungskrieg
war fr uns nichts weniger als gnstig. Je lnger der Krieg dauerte,
desto geringer mute unser Vorteil der besseren und bereiteren
Kriegsorganisation werden, desto strker und wirksamer konnten unsere
Feinde ihr ber die Erde zerstreutes und mangelhaft organisiertes
bergewicht an Menschen und Machtmitteln gegen uns ins Spiel
werfen, desto schwerer mute schlielich fr uns der Nachteil der
wirtschaftlichen Einschnrung ins Gewicht fallen. Wenn also die
militrischen Entscheidungen in ungewisse Ferne rckten, wenn wir auf
dem Felde des Wirtschaftskriegs durch unsere geographische Lage und
die Seeherrschaft des Feindes in die Verteidigung gebannt waren, wenn
wir schlielich das einzige Mittel, mit dem wir denkbarerweise der
feindlichen bermacht den Lebensatem abschnren konnten, aus Zweifeln
an seiner durchschlagenden Wirksamkeit und aus Befrchtungen wegen
seiner Rckwirkungen auf die Neutralen nicht in Anwendung zu bringen
vermochten, so ergab sich daraus die strkste Ntigung fr die Leiter
unserer Politik, nach Friedensmglichkeiten zu suchen.

Der Reichskanzler von Bethmann Hollweg und, ich glaube sagen zu
knnen, auch der Kaiser haben frhzeitig diese Lage erfat. Seit
ich durch meine amtliche Stellung mit Herrn von Bethmann in nhere
Fhlung gekommen war, konnte ich beobachten, wie die eine Frage: Wo
ist ein Weg zum Frieden? ihn unausgesetzt und auf das Innerlichste
beschftigte. Seine groe Sorge war, es knnte dahin kommen, da wir
erst im Zustand der Erschpfung unserer Kraft und unserer Hilfsmittel
zu Friedensverhandlungen gelangten und dann gezwungen sein wrden, die
Bedingungen unserer Gegner anzunehmen. Von dieser Sorge hat mir der
Kanzler zum ersten Male bereits im April 1915 eingehend gesprochen,
und er ist im weiteren Verlaufe des Krieges bei jeder vertrauensvollen
Aussprache darauf zurckgekommen. Weder unsere militrischen Erfolge,
die er hinsichtlich ihrer kriegsentscheidenden Wirkung immer skeptisch
beurteilte, noch die berraschenden Beweise unserer wirtschaftlichen und
finanziellen Leistungsfhigkeit vermochten den Druck von ihm zu nehmen.
Er war deshalb der Ansicht, da wir es nicht verantworten knnten, eine
Friedensmglichkeit an bertriebenen Kriegszielen scheitern zu lassen.
Das Kriegsziel war fr ihn die Erhaltung unseres territorialen und
wirtschaftlichen Besitzstandes. Wenn es die Gesamtlage beim Eintritt
in Friedensverhandlungen gestattete, darber hinaus Sicherungen fr
die Zukunft und eine Strkung unserer wirtschaftlichen Position zu
erreichen, so wrde Herr von Bethmann diesen Vorteil wahrgenommen haben.
Ich bin aber berzeugt, da er an keiner einzigen Forderung, die ber
die Erhaltung unseres vorkriegerischen Besitzstandes hinausging, den
Frieden htte scheitern lassen.

Von dieser Grundauffassung ausgehend hat Herr von Bethmann unablssig
ausgespht, wo sich ein Anknpfungspunkt biete und wo bei unsern
Feinden eine Geneigtheit, vom Frieden zu sprechen, sich zeige. Die
Reden und sonstigen Kundgebungen der feindlichen Staatsmnner sah er
in allererster Linie daraufhin an, was aus den Worten und zwischen
den Worten an Bereitschaft zu einer Verstndigung herauszulesen sei.
Seine eigenen Kundgebungen waren darauf eingestellt, den Gegnern unsere
Bereitschaft zu Verhandlungen zu erkennen zu geben. Den Eroberungs-
und Vernichtungszielen der Gegner pflegte er unser Verteidigungs- und
Sicherungsziel entgegenzusetzen. Noch wird der Vernichtungskrieg gegen
uns betrieben, sagte er am 9. Dezember 1915 in Beantwortung einer
sozialdemokratischen Friedensinterpellation unter Hinweis auf kurz
vorher gehaltene Kriegsreden der Herren Asquith, Briand und Ssasonoff.
Damit mssen wir rechnen. Mit Theorien, mit Friedensuerungen
von unserer Seite kommen wir nicht vorwrts und nicht zu Ende.
Kommen uns unsere Feinde mit Friedensangeboten, die der Wrde und
Sicherheit Deutschlands entsprechen, so sind wir allezeit bereit,
sie zu diskutieren... Fr die deutsche Regierung ist dieser Kampf
geblieben, was er von Anfang an war und was in allen unsern Kundgebungen
unverndert festgehalten wurde: der Verteidigungskrieg des deutschen
Volkes.

Jeder feindliche Staatsmann, der diese und hnliche Kundgebungen
des Reichskanzlers mit dem gleichen heien Bemhen, einen Weg zum
Frieden zu finden, gelesen htte, wie die Reden der feindlichen
Staatsmnner in Berlin unter die Lupe genommen wurden, htte
daraus folgern mssen -- und dieser Schlu ist von den feindlichen
Staatsmnnern sicher auch gezogen worden --: Deutschland ist
bereit zu einem Frieden, der seiner Wrde und seiner Sicherheit
Genge tut. Das Hindernis fr Friedensverhandlungen, ja fr eine
deutsche Initiative zu Friedensverhandlungen, lag ausschlielich in
den Erklrungen der Staatsmnner der Entente, die als Kriegsziel
aufstellten: die Vernichtung des sogenannten preuischen Militarismus,
die Zertrmmerung der deutschen Wirtschaftsmacht, die Abtrennung
Elsa-Lothringens oder gar des ganzen linken Rheinufers und unserer
Ostmarken, dazu hnliche Eroberungs- und Annexionswnsche gegenber
unsern Verbndeten.

Wenn also keine Friedensbesprechung zustandekam, so lag das nicht --
die weitere Entwicklung hat das klar erwiesen -- an der Schwerhrigkeit
der Entente-Staatsmnner, sondern lediglich daran, da die
Entente-Staatsmnner auf ihren mit der Sicherheit, dem Bestand und der
Wrde Deutschlands nicht zu vereinbarenden Kriegszielen beharrten. Die
fhrenden Staatsmnner der Entente waren und blieben fest entschlossen,
den Krieg bis zur Niederwerfung Deutschlands, bis zu dem knock out
blow Lloyd Georges durchzufhren, und sie hatten -- von vorbergehenden
Schwankungen abgesehen -- von Anfang bis zum Ende das feste Zutrauen,
da es ihnen gelingen werde, ihre Vernichtungs- und Eroberungsziele zu
erreichen. Daran, nicht an mangelnder Friedensbereitschaft der deutschen
Regierung oder des deutschen Volkes, nicht an mangelnder Deutlichkeit in
der Umschreibung unserer Kriegsziele und nicht an dem Unterlassen von
Anknpfungsversuchen durch unsere Diplomatie, ist das Zustandekommen
von Verhandlungen ber einen Verstndigungsfrieden gescheitert.
Daran gescheitert sind auch alle die Sondierungen und Anknpfungen,
die auerhalb der offiziellen Regierungskundgebungen versucht worden
sind, durch Staatsoberhupter und Diplomaten, durch Kaufleute und
Industrielle, durch die sozialistischen Parteien der kriegfhrenden und
neutralen Lnder.

Der Reichskanzler hatte in der Friedensfrage einen schweren Stand. Da
die Forderungen der Militrs bei Friedensschlssen meist weiter gehen,
als die politischen Staatsleiter durchsetzen und verantworten knnen,
ist eine alte Erfahrung, die sich auch jetzt wieder erneuerte. Zu den
Grenzregulierungen, die unsere Armeefhrer fr notwendig erklrten,
kamen die Forderungen der Marine auf Sicherung der flandrischen Kste.
Aber der Kampf um die Kriegsziele blieb nicht auf die Beratungszimmer
der Verantwortlichen beschrnkt, er ergriff und zerri mehr und mehr das
ganze Volk.

Die glnzenden Waffentaten unserer Armeen und ihrer Fhrer, die
Eroberung und Besetzung weiter Teile feindlichen Landes in West und Ost
bestrkten Volk und Heer in ihrem zuversichtlichen Glauben an einen
siegreichen Ausgang des Krieges. Da trotz aller der groen Erfolge
auf den europischen Kriegsschaupltzen der Krieg fr uns nicht nur
seinem Ursprung nach ein Verteidigungskrieg war, sondern auch in seiner
ganzen militrischen, maritimen und wirtschaftlichen Entwicklung ein
harter, in jedem Augenblick schwer umstrittener und in seinem Ausgang
unsicherer Verteidigungskrieg geblieben war, darber tuschten sich
weite Volkskreise hinweg. Die Riesenleistungen von Heer und Volk
verlangten, so dachten und sprachen viele, einen entsprechend groen
Siegespreis und gestatteten gleichzeitig, einen solchen Siegespreis
heimzubringen, wenn nur nicht nach dem alten Blcherwort die Feder
verderbe, was das Schwert gewonnen habe. In der Haltung des Kanzlers,
der sich weigerte, sich auf die groen Kriegsziele festzulegen, der
wieder und wieder zu erkennen gab, da er fr einen Frieden, der
sich auf den Zweck des Verteidigungskriegs beschrnke, zu haben sei,
sahen diese Kreise Kleinmtigkeit, Mangel an Siegeswillen und eine
fr den Ausgang des Kriegs gefhrliche Herabstimmung der Zuversicht
des deutschen Volkes. Die schweren Angriffe, denen Herr von Bethmann
Hollweg in dieser Richtung ausgesetzt war, sind in aller Erinnerung.
Von der andern Seite her wurde mit der Dauer des Kriegs ein immer
strkerer Druck auf den Kanzler ausgebt, klar und deutlich vor aller
Welt festzustellen, da Deutschland sich mit einem Frieden ohne jede
Gebietserwerbungen und Entschdigungen begnge. Man warf ihm vor, da er
durch die Verweigerung einer solchen ganz ausdrcklichen und bindenden
Erklrung zur Verlngerung des Krieges beitrage und die Stimmung des
Volkes, das zur Verteidigung, nicht aber zu Eroberungen ins Feld gezogen
sei, unterwhlen helfe.

Herr von Bethmann selbst hat noch im Mai 1917 seine Stellung zu diesem
Ansturm aus zwei entgegengesetzten Richtungen folgendermaen umschrieben
(Reichstagssitzung vom 15. Mai 1917):

Auch heute sehe ich bei England und bei Frankreich noch nichts von
Friedensbereitschaft, noch nichts von Preisgabe ihrer ausschweifenden
Eroberungs- und wirtschaftlichen Vernichtungsziele... Glaubt denn bei
dieser Verfassung unserer westlichen Feinde jemand, durch ein Programm
des Verzichts und der Entsagung diese Feinde zum Frieden bringen zu
knnen? Und darauf kommt es doch an! Soll ich diesen unseren westlichen
Feinden geradezu eine Versicherung geben, die ihnen gestattet, ohne jede
Gefahr eigenen Verlustes den Krieg ins Ungemessene zu verlngern?...
Oder soll ich das Deutsche Reich nach allen Richtungen hin einseitig auf
eine Formel festlegen, die von der Gesamtheit der Friedensbedingungen
doch nur einen Teil erfat, die einseitig die Erfolge preisgibt, die
unsere Shne und Brder mit ihrem Blut errungen haben, und die alle
brigen Rechnungen in der Schwebe lt? Eine solche Politik lehne ich
ab.... Und soll ich etwa umgekehrt ein Eroberungsprogramm aufstellen?
Auch das lehne ich ab. Nicht um Eroberungen zu machen, sind wir in
diesen Krieg gezogen und stehen wir jetzt im Kampf fast gegen die ganze
Welt, sondern ausschlielich, um unser Dasein zu sichern und die Zukunft
der Nation fest zu grnden. Ebensowenig wie ein Verzichtprogramm hilft
ein Eroberungsprogramm den Sieg gewinnen und den Krieg beenden. Im
Gegenteil! Ich wrde lediglich das Spiel der feindlichen Machthaber
spielen, ich wrde es ihnen erleichtern, ihre kriegsmden Vlker weiter
zu betren und den Krieg ins Ungemessene zu verlngern.

Der Reichskanzler konnte mit solchen Erklrungen weder nach rechts noch
nach links befriedigen. Und doch bin ich auch heute noch der Meinung,
da seine Haltung die richtige, ja die einzig mgliche war. Entweder
waren unsere Feinde bereit, auf ihre Eroberungs- und Vernichtungsziele
zu verzichten, dann boten die wiederholten Erklrungen des
Reichskanzlers ber unsere grundstzliche Bereitwilligkeit, uns mit der
Erreichung unseres Verteidigungszieles zu begngen, eine hinreichende
Grundlage fr die Einleitung von Friedensverhandlungen. Oder aber
die Feinde waren -- und so lagen die Dinge in Wirklichkeit -- nicht
bereit zu einem Verzicht auf ihre Eroberungs- und Vernichtungsziele,
dann konnte auch eine Bekanntmachung aller Einzelheiten unseres
Friedensprogramms nicht zu Friedensverhandlungen fhren, sondern nur,
wie jede einseitige Festlegung, dem Gegner fr jede weitere Entwicklung
den Vorteil der freien Entschlieung bei begrenztem Risiko, uns den
Nachteil der gebundenen Hand bei unbegrenztem Risiko geben.

Aber das waren schlielich Fragen der Taktik, ber die man streiten kann
und leider sehr viel, sehr heftig und sehr ffentlich gestritten hat.

In der Sache selbst glaube ich folgendes sagen zu knnen:

Wenn in irgendeinem Zeitpunkt des Krieges sich die Mglichkeit ergeben
htte, zu einem Frieden zu kommen, der uns in den groen Linien unseren
vorkriegerischen territorialen und wirtschaftlichen Besitzstand
belassen htte, so wre der Friede dagewesen; er wre an keiner von
uns geforderten Entschdigung und Grenzregulierung, auch nicht an
irgendwelchen deutschen Forderungen in bezug auf Belgien gescheitert,
wenn unsere nach diesen Richtungen gehenden Wnsche sich nur um den
Preis einer Fortsetzung des Kriegs htten durchsetzen lassen. Dies
ist meine berzeugung, wenngleich zwischen den an der Entscheidung
beteiligten Persnlichkeiten das letzte Wort noch nicht gesprochen
war und ohne die genaue Kenntnis der Lage im Augenblick wirklicher
Verhandlungen auch gar nicht gesprochen werden konnte. Wer jemals groe
und wichtige Verhandlungen zu fhren gehabt hat, der wei, da die
letzten Entschlsse nicht =vor=, sondern =whrend= der Verhandlungen
gefat werden, und zumeist in einem Zeitpunkt, der dem Ende der
Verhandlungen wesentlich nher liegt als ihrem Anfang; da die letzten
Zugestndnisse niemals durch berredung in Errterungen ber noch
unpraktische Eventualitten, sondern stets nur unter dem unmittelbaren
Druck der Verantwortlichkeit fr das Ja oder Nein zustandekommen.
Ich bin sicher, da kein Kanzler, weder Bethmann noch Michaelis noch
Hertling, unmittelbar vor die Wahl zwischen einem Status-quo-Frieden
oder einer unabsehbaren Fortsetzung des Krieges gestellt, etwas anderes
gewhlt haben wrden als den Frieden; und ich bin ebenso sicher, da der
Kaiser eine solche Entscheidung gebilligt und durchgehalten htte, auch
gegen die strksten Widerstnde anderer Ratgeber und gegen eine heftige
Auflehnung starker politischer Strmungen. Denn so wenig der Kaiser den
Krieg gewollt hat, auch wenn sein Auftreten mitunter einen kriegerischen
Eindruck machte, so sehr litt der Kaiser unter dem Krieg und wnschte er
fr sich und fr das deutsche Volk den Frieden. --

Das Scheitern aller unserer Bemhungen, im Wege einer Verstndigung
zum Frieden zu gelangen, mute unvermeidlich einen starken Einflu
auf unsere Kriegfhrung ausben, insbesondere auf die Entscheidungen
in der hei umstrittenen Frage des U-Bootkrieges. Je deutlicher die
Abgeneigtheit unserer Feinde zu Friedensverhandlungen zutage trat, desto
mehr Gewicht mute bei uns die Forderung gewinnen, da jedes verfgbare
Kriegsmittel unter Hintanstellung aller anderen Rcksichten zur
Niederkmpfung des Feindes eingesetzt werde.


                    Die erste Phase des U-Bootkriegs

In der Frhe des 22. September 1914 versenkte U 9 unter dem Kommando
des Kapitnleutnants Weddigen im Laufe einer einzigen Stunde die
drei britischen Kreuzer Abukir, Hogue und Cressy. Die drei
Torpedoschsse hallten ber die ganze Welt. In England weckten
sie ernste Besorgnis, ja Bestrzung. In Deutschland lsten sie
berschwengliche Hoffnungen aus: man begann in dem U-Boot die Waffe zu
sehen, die bestimmt sei, die britische Seetyrannei zu zerschlagen.

Diese Hoffnungen erhielten einen starken Antrieb, als der Admiral
von Tirpitz am 21. Dezember 1914 gegenber einem Vertreter der
amerikanischen United Press von der Mglichkeit eines U-Bootkriegs
gegen die feindlichen Handelsschiffe sprach, durch den England an seiner
verwundbarsten Stelle, der Zufuhr von Nahrungsmitteln und Rohstoffen,
getroffen werden knne. Jedermann sagte sich, da die hchste
Marineautoritt einen solchen ffentlichen Hinweis nur geben knne,
wenn die Wirksamkeit der U-Bootwaffe gesichert sei und wenn hinter der
Drohung die Tat stehe. Die vlkerrechtlichen Bedenken hatte England
in der deutschen ffentlichen Meinung im voraus zerstrt durch seine
vlkerrechtswidrige Handels- und Hungerblockade, insbesondere durch die
schon am 3. November 1914 erfolgte Erklrung der ganzen Nordsee zum
Kriegsgebiet.

Als ich am 1. Februar in die Reichsleitung eintrat, stand die Erklrung
des U-Boot-Handelskrieges unmittelbar bevor. Es war eine Bekanntmachung
vorbereitet, in der die Gewsser um Grobritannien und Irland als
Kriegsgebiet erklrt wurden; vom 18. Februar 1915 an sollte jedes in
diesem Kriegsgebiet angetroffene feindliche Kauffahrteischiff zerstrt
werden. Die Bekanntmachung fgte hinzu, da es nicht immer mglich sein
werde, die dabei der Besatzung und den Passagieren drohenden Gefahren
abzuwenden; da ferner auch neutrale Schiffe im Kriegsgebiet Gefahr
liefen, da es angesichts des von der britischen Regierung am 31. Januar
angeordneten Mibrauchs neutraler Flaggen und der Zuflligkeiten des
Seekrieges nicht immer vermieden werden knne, da die auf feindliche
Schiffe berechneten Angriffe auch neutrale Schiffe treffen.

Neben der Bekanntmachung war eine begrndende Denkschrift vorbereitet,
die am 4. Februar 1915 mit der Bekanntmachung den neutralen und den
feindlichen Mchten zugestellt worden ist. Die Denkschrift legte
zunchst in groen Zgen dar, wie England in seiner Seekriegfhrung sich
ber alles Vlkerrecht hinaussetze, um durch eine Lahmlegung auch des
legitimen neutralen Handels das deutsche Volk auszuhungern; sie wies
dann darauf hin, da die neutralen Mchte sich den vlkerrechtswidrigen
Manahmen der britischen Regierung im groen und ganzen gefgt htten,
da sie sich mit theoretischen Protesten abzufinden und die von England
fr seine vlkerrechtswidrige Seekriegfhrung angerufenen britischen
Lebensinteressen als eine hinreichende Entschuldigung fr jede Art
von Kriegfhrung gelten zu lassen schienen; solche Lebensinteressen
msse nunmehr auch Deutschland fr sich anrufen und die britische
Kriegsgebietserklrung damit beantworten, da es die Gewsser rings
um Grobritannien und Irland als Kriegsschauplatz bezeichne und der
feindlichen Schiffahrt daselbst mit allen verfgbaren Kriegsmitteln
entgegentrete. Weiter wurden in der Denkschrift die Neutralen aus den
schon in der Bekanntmachung angegebenen Grnden gewarnt, feindlichen
Schiffen, die das Seekriegsgebiet befhren, Mannschaften, Passagiere
und Waren anzuvertrauen, und es wurde ihnen dringend empfohlen, auch
fr ihre eigenen Schiffe das Einlaufen in das Seekriegsgebiet zu
vermeiden; denn wenn auch die deutschen Seestreitkrfte Anweisung
haben, Gewaltttigkeiten gegen neutrale Schiffe, soweit sie als solche
erkennbar sind, zu unterlassen, so kann es doch angesichts des von der
britischen Regierung angeordneten Mibrauches neutraler Flaggen und der
Zuflligkeiten des Krieges nicht immer verhtet werden, da auch sie
einem auf feindliche Schiffe berechneten Angriff zum Opfer fallen.

Die letzte Zustimmung von Kaiser und Kanzler stand noch aus. Beiden
ist sie nicht leicht geworden. Die Gefahr, da dieser Art Kriegfhrung
friedliche Passagiere, auch Frauen und Kinder zum Opfer fallen knnten,
dazu die Aussicht auf Verwicklungen mit den Neutralen, insbesondere
mit den Vereinigten Staaten, stand beiden vor Augen. Ein Zufall hatte
es gefgt, da ich zwei Monate zuvor einen Einblick in die Auffassung
des Kaisers hatte tun knnen. Ich war am Abend des 25. November 1914
in Charleville zur kaiserlichen Tafel befohlen. Der Kaiser brachte
die Nachricht mit, da sich der Untergang des auf eine deutsche Mine
gelaufenen britischen berdreadnought Audacious besttige. Bei Tisch
bemerkte ein hoher Marineoffizier -- nicht der Admiral von Tirpitz --,
um ein Haar sei auch der englische Riesenpassagierdampfer Oceanic auf
eine Mine gelaufen. Der Kaiser antwortete: Gott sei Dank, da es nicht
dazu gekommen ist! Auf eine etwas erstaunte Geste des Admirals richtete
sich der Kaiser hoch auf und sagte mit lauter Stimme: Meine Herren,
denken Sie immer daran: unser Schwert mu rein bleiben. Wir fhren
keinen Krieg gegen Frauen und Kinder. Wir wollen den Krieg anstndig
fhren, einerlei, was die andern tun. Merken Sie sich das!

Ermglicht wurde dem Kanzler wie dem Kaiser die Zustimmung zu der
Erklrung des Tauchbootkrieges in den Gewssern um England durch die
Anweisung, da neutrale Schiffe im Seekriegsgebiet geschont werden
sollten. Man war sich klar darber, da die Wirkung des U-Bootkriegs
dadurch beeintrchtigt werde; aber aus Grnden der Humanitt wie
zur Vermeidung schwerer Konflikte mit den Neutralen hielt man diese
Einschrnkung fr unerllich. Es ist spterhin mitunter behauptet
worden, der Reichskanzler sei nachtrglich der Marine mit dieser
Einschrnkung in den Arm gefallen und habe dadurch die von der Marine
erwartete Wirkung jenes ersten U-Bootkriegs vereitelt. Diese Annahme
ist unrichtig; wie sich schon aus dem Text der Bekanntmachung und
der Denkschrift vom 4. Februar 1915 ergibt, war die Anweisung an die
U-Boote, Gewaltttigkeiten gegen neutrale Schiffe zu unterlassen,
schon bei der Ankndigung der neuen Seekriegfhrung gegeben.

Die Marine rechnete auf einen raschen Erfolg. Zwar war die Zahl und die
Leistungsfhigkeit der verfgbaren U-Boote gering; aber man hoffte auf
eine starke Wirkung durch Abschreckung.

Wenn es gelang, den Schiffsverkehr der britischen Inseln erheblich
zu beeintrchtigen, so war damit in der Tat England an den Wurzeln
seiner Lebenskraft gefat. Denn noch ungleich viel mehr als Deutschland
waren die britischen Inseln in die Weltwirtschaft hineingebaut. Nicht
nur die Industrie, sondern auch die Volksernhrung des Vereinigten
Knigreichs war in weit hherem Mae, als das in Deutschland der Fall
war, von reichlichen und ungestrten berseeischen Zufuhren abhngig.
Deutschland hatte in seiner Wirtschaftspolitik der letzten Jahrzehnte
die Frderung seines Auenhandels in Einklang gebracht mit der Erhaltung
und der Entwicklung seiner heimischen Urproduktion. In den Gesamtwerten
unseres Auenhandels waren wir England nahe gerckt; aber wir hatten
gleichzeitig unsere Eigenproduktion, insbesondere an den wichtigsten
Nhrfrchten, in noch strkerem Verhltnis gesteigert, als unsere
Bevlkerung sich vermehrt hatte.

England dagegen hatte im Vertrauen auf seine Seeherrschaft sein
Wirtschaftsleben, vor allem auch seine Volksernhrung, immer mehr
auf die berseeische Zufuhr eingestellt und seine Landwirtschaft
verkmmern lassen. Seinen Bedarf an Brotgetreide hatte England in den
letzten Jahren vor Kriegsausbruch zu drei Vierteln bis vier Fnfteln,
seinen Bedarf an Butter zu nahezu zwei Dritteln, an Fleisch zu etwa
zwei Fnfteln durch berseeische Zufuhren decken mssen. Auerdem war
sein Kohlenbergbau auf starke Zufuhren von Grubenholz, seine Eisen-
und Stahlindustrie auf starke Zufuhren fremder hochhaltiger Eisenerze
angewiesen. Seine groe Textilindustrie war von auslndischen Rohstoffen
abhngig. Das fr die Kriegfhrung so wichtige Petroleum und die
Petroleumprodukte, wie Benzin, muten ber See zugefhrt werden. Die
Gesamteinfuhr Grobritanniens im letzten Friedensjahr stellte eine
Menge von rund 57 Millionen Tonnen dar. Davon kamen auf Nahrungs- und
Genumittel rund 20 Millionen Tonnen, also ein starkes Drittel, auf Holz
nahezu 16 Millionen Tonnen, auf Eisenerz rund 7-1/2 Millionen Tonnen,
auf alle andern Waren zusammen rund 13-1/2 Millionen Tonnen. Eine
erhebliche Einschrnkung des Schiffsverkehrs nach den britischen Inseln
mute also diejenigen Kategorien treffen, die fr die Volksversorgung
und die Kriegfhrung unentbehrlich waren und fr die Ersatz im eigenen
Lande entweder berhaupt nicht oder nur langsam und nur innerhalb enger
Grenzen beschafft werden konnte.

In der Ausfuhr berwogen der Menge nach die Kohlen. Von einer
Gesamtausfuhrmenge des Jahres 1913 in Hhe von rund 92 Millionen
Tonnen entfielen auf die Kohlenausfuhr allein rund 78 Millionen
Tonnen, auf alle andern Gter nur rund 14 Millionen. Volkswirtschaft
und Kriegfhrung der Verbndeten Englands waren auf die britischen
Kohlen doppelt stark angewiesen, seit Deutschland das belgische und
nordfranzsische Kohlenbecken besetzt hielt.

Das alles waren Momente, die den U-Boot-Handelskrieg als eine wirksame
Repressalie gegen den britischen Handels- und Hungerkrieg erscheinen
lieen, immer vorausgesetzt, da es gelingen wrde, den Schiffsverkehr
von und nach den britischen Inseln ausgiebig und in fortgesetzt
steigendem Mae abzudrosseln.

Wie sich die Neutralen zu dieser neuen Art des Seekriegs verhalten
wrden, war allerdings unsicher. Durch die an die U-Boote gegebene
Anweisung, neutrale Schiffe auch im Seekriegsgebiet nicht anzugreifen,
hatte man eine Rcksicht auf die neutralen Interessen gezeigt,
als deren Wirkung man erwartete, die Neutralen wrden sich unserm
U-Boot-Handelskriege gegenber ebenso mit formellen Protesten begngen,
wie sie das England gegenber aus Anla der von diesem begangenen, auf
Kosten der Neutralen gehenden Vlkerrechtsverletzungen, insbesondere aus
Anla der Erklrung der Nordsee zum Kriegsgebiet, getan hatten. ber die
Haltung der Vereinigten Staaten hatte der Unterstaatssekretr Zimmermann
den Botschafter Gerard sondiert und den Eindruck gewonnen, da mehr als
ein papierner Protest auch von der Regierung in Washington wohl nicht zu
erwarten sei.

Die Proteste kamen in der Tat.

Der amerikanische Einspruch, den Herr Gerard am 12. Februar 1915
berreichte, war, bei aller Hflichkeit in der ueren Form, sehr
bestimmt und unzweideutig in der Sache. Die amerikanische Note wies die
Kritik zurck, die in der Denkschrift der deutschen Regierung vom 4.
Februar an ihrer angeblich nicht neutralen Haltung gebt worden sei.
Sie habe gegenber allen bergriffen der andern kriegfhrenden Nationen
eine Haltung eingenommen, die ihr das Recht gebe, diese Regierungen in
der richtigen Weise fr alle eventuellen Wirkungen auf die amerikanische
Schiffahrt verantwortlich zu machen, die durch die bestehenden
Grundstze des Vlkerrechts nicht gerechtfertigt sind. Zu den von der
deutschen Admiralitt angekndigten Manahmen bemerkte die Note, die
amerikanische Regierung glaube das Recht, ja die Pflicht zu haben, die
deutsche Regierung zu ersuchen, sie mchte vor einem tatschlichen
Vorgehen die kritische Lage erwgen, die in den beiderseitigen
Beziehungen entstehen knnte, falls irgendein Kauffahrteischiff
der Vereinigten Staaten zerstrt oder der Tod eines amerikanischen
Staatsangehrigen verursacht werde. Die amerikanische Regierung wrde
in solchen Handlungen kaum etwas anderes als eine unentschuldbare
Verletzung neutraler Rechte erblicken knnen und sich gentigt sehen,
die deutsche Regierung fr solche Handlungen ihrer Marinebehrden
streng verantwortlich zu machen und alle Schritte zu tun, die zum
Schutz amerikanischen Lebens und Eigentums und zur Sicherung des vollen
Genusses der amerikanischen Rechte auf hoher See fr die Amerikaner
erforderlich seien. Die amerikanische Regierung hoffe, da die deutsche
Regierung die Versicherung geben knne und wolle, da amerikanische
Staatsbrger und ihre Schiffe auch in dem Seekriegsgebiet in keiner
andern Weise als im Wege der Durchsuchung durch deutsche Seestreitkrfte
belstigt werden sollten.

Die amerikanische Regierung stellte sich also schon in dieser Note
auf den Standpunkt, da sie ihrer Neutralitt Genge getan habe, wenn
sie fr die Amerikanern aus Vlkerrechtsverletzungen erwachsenden
Nachteile die Regierung, von der die Vlkerrechtsverletzung ausging,
in der richtigen Weise verantwortlich machte. In welcher Weise,
darber gestand sie Deutschland keine Kritik zu. In Wirklichkeit hatte
sie sich bisher gegenber England auf die Forderung von Schadenersatz
beschrnkt, jedoch keinen ernstlichen Versuch gemacht, die britische
Regierung zur Einhaltung der vlkerrechtlichen Normen zu bestimmen.
Deutschland gegenber kndigte sie an, da sie nicht nur die deutsche
Regierung fr jede Schdigung, die sich aus der Durchfhrung der am 4.
Februar angekndigten Manahmen ergeben sollte, verantwortlich machen,
sondern auch alle Schritte zum Schutz des amerikanischen Lebens und
Eigentums und zur Sicherung der amerikanischen Reisefreiheit auf den
Meeren tun werde.

Schon damit hatte der U-Bootkrieg ein ernsteres Gesicht angenommen, als
man es bei der Hinausgabe der Erklrung vom 4. Februar erwartet hatte.
Denn fr die weitere Entwicklung des Krieges kam es weniger darauf an,
ob die Haltung der Regierung der Vereinigten Staaten gerecht und billig
war, als darauf, welche Haltung diese praktisch einzunehmen entschlossen
war. Und nach dieser Richtung hin erffnete die amerikanische Note keine
allzu guten Aussichten.

Die Reichsregierung gab auf die Note am 16. Februar eine ausfhrliche
Antwort. Sie legte zunchst dar, da die angekndigte Manahme in
keiner Weise gegen den legitimen Handel und die legitime Schiffahrt
der Neutralen gerichtet sei, sondern lediglich eine durch Deutschlands
Lebensinteressen erzwungene Gegenwehr gegen die vlkerrechtswidrige
Seekriegfhrung Englands darstelle. Die Neutralen htten bisher die
vlkerrechtswidrige Unterbindung ihres Handels mit Deutschland trotz
ihrer Proteste nicht zu verhindern vermocht. Dadurch sei der Zustand
geschaffen worden, da einerseits Deutschland unter stillschweigender
oder protestierender Duldung der Neutralen von der berseeischen
Zufuhr auch solcher Gter, die niemals Kriegskonterbande waren,
abgeschnitten sei, whrend England unter Duldung der neutralen
Regierungen sogar mit solchen Waren versorgt werde, die stets und
unzweifelhaft als Konterbande galten. Insbesondere wurde auf die
Munitions- und Waffenlieferungen aus den Vereinigten Staaten an die
Entente hingewiesen. Die deutsche Regierung, so fuhr die Note fort,
gibt sich wohl Rechenschaft darber, da die Ausbung von Rechten
und die Duldung von Unrecht seitens der Neutralen formell in deren
Belieben steht und keinen formellen Neutralittsbruch involviert; sie
hat infolgedessen den Vorwurf des formellen Neutralittsbruchs nicht
erhoben. Die deutsche Regierung kann aber -- gerade im Interesse voller
Klarheit in den Beziehungen beider Lnder -- nicht umhin, hervorzuheben,
da sie mit der gesamten ffentlichen Meinung Deutschlands sich dadurch
schwer benachteiligt fhlt, da die Neutralen in der Wahrung ihrer
Rechte auf den vlkerrechtlich legitimen Handel mit Deutschland bisher
keine oder nur unbedeutende Erfolge erzielt haben, whrend sie von ihrem
Recht, den Konterbandehandel mit England und unsern andern Feinden zu
dulden, uneingeschrnkten Gebrauch machen. Wenn es das formale Recht
der Neutralen ist, ihren legitimen Handel mit Deutschland nicht zu
schtzen, ja sogar sich von England zu einer bewuten und gewollten
Einschrnkung dieses Handels bewegen zu lassen, so ist es auf der andern
Seite nicht minder ihr gutes, aber leider nicht angewandtes Recht, den
Konterbandehandel, insbesondere den Waffenhandel, mit Deutschlands
Feinden abzustellen[4]. Bei dieser Sachlage sieht sich die deutsche
Regierung nach sechs Monaten der Geduld und des Abwartens gentigt, die
mrderische Art der Seekriegfhrung Englands mit scharfen Gegenmanahmen
zu erwidern. Wenn England in seinem Kampf gegen Deutschland den Hunger
als Bundesgenossen anruft, in der Absicht, ein Kulturvolk von 70
Millionen vor die Wahl zwischen elendem Verkommen oder Unterwerfung
unter seinen politischen und kommerziellen Willen zu stellen, so ist
heute die deutsche Regierung entschlossen, den Handschuh aufzunehmen
und an den gleichen Bundesgenossen zu appellieren; sie vertraut darauf,
da die Neutralen, die bisher sich den fr sie nachteiligen Folgen
des englischen Hungerkriegs stillschweigend oder duldend unterworfen
haben, Deutschland gegenber kein geringeres Ma von Duldsamkeit zeigen
werden, und zwar auch dann, wenn die deutschen Manahmen, in gleicher
Weise wie bisher die englischen, neue Formen des Seekriegs darstellen.
Die Note wiederholte dann, da die Befehlshaber der deutschen U-Boote
angewiesen seien, Gewaltttigkeiten gegen amerikanische Handelsschiffe,
soweit sie als solche erkennbar seien, zu unterlassen, und machte zur
Vermeidung von Verwechslungen den Vorschlag, die amerikanische Regierung
mchte ihre mit feindlicher Ladung befrachteten, den britischen
Kriegsschauplatz berhrenden Schiffe durch Konvoyierung kenntlich
machen, ber deren Durchfhrung die deutsche Regierung alsbald zu
Verhandlungen bereit sei. Zum Schlu fhrte die Note aus: Sollte es
der amerikanischen Regierung vermge des Gewichts, das sie in die
Wagschale des Geschickes der Vlker zu legen berechtigt und imstande
ist, in letzter Stunde noch gelingen, die Grnde zu beseitigen, die der
deutschen Regierung ihr Vorgehen zur gebieterischen Pflicht machen,
sollte die amerikanische Regierung insbesondere einen Weg finden, die
Beachtung der Londoner Seekriegsrechts-Erklrung auch von seiten der mit
Deutschland Krieg fhrenden Mchte zu erreichen und Deutschland dadurch
die legitime Zufuhr von Lebensmitteln und industriellen Rohstoffen zu
ermglichen, so wrde die deutsche Regierung hierin ein nicht hoch
genug zu veranschlagendes Verdienst um die humanere Gestaltung der
Kriegfhrung anerkennen und aus der also geschaffenen neuen Sachlage
gern die Folgerungen ziehen.

  [4] Die amerikanische Regierung hat spter wiederholt behauptet, ein
      Verbot der Waffenausfuhr an Kriegfhrende wre, da eine
      Waffenlieferung nach Lage der Verhltnisse ausschlielich fr
      die Entente in Betracht komme, ein Verbot also ausschlielich
      die Entente schdige, eine unneutrale Handlung. Die deutsche
      Regierung dagegen konnte sich fr ihren Standpunkt, da die
      Duldung der Waffenausfuhr gerade weil sie ausschlielich der
      Entente zugutekomme, ein unneutrales Verhalten sei, auf Prsident
      Wilson berufen, der im Februar 1914 als Begrndung des Verbots
      der Waffenlieferung fr die beiden sich in Mexiko bekmpfenden
      Parteien erklrt hatte: Da Carranza keine Hfen hat, Huerta
      dagegen ber Hfen zur Waffeneinfuhr verfgt, ist es unsre Pflicht
      als Nation, beide auf gleichem Fue zu behandeln, wenn wir den
      wahren Geist der Neutralitt beobachten wollen und nicht eine
      reine Papierneutralitt.

Diese Note, die von dem formalen Recht an den Geist des Rechtes
appellierte und einen Weg zur Wiederherstellung einer menschlichen
Kriegfhrung zeigte, hatte zunchst einen Erfolg. Am 22. Februar wandte
sich die amerikanische Regierung in einer gleichlautenden Note an die
deutsche und an die britische Regierung mit einem Vorschlag, dessen
wesentlicher Inhalt war: Unterseeboote sollen gegenber Handelsschiffen
nur zur Durchfhrung des Rechtes der Anhaltung und Durchsuchung
verwendet werden; neutrale Flaggen drfen von Handelsschiffen der
kriegfhrenden Staaten nicht benutzt werden. England wird Nahrungs- und
Genumittel, die fr Deutschland bestimmt sind, nicht anhalten, wenn sie
an Agenturen in Deutschland adressiert sind, die von den Vereinigten
Staaten fr den Empfang und den Weiterverkauf an die Zivilbevlkerung
bezeichnet sind.

Die deutsche Regierung antwortete bereits am 28. Februar, da sie
in der amerikanischen Anregung eine geeignete Grundlage fr eine
Lsung zu erkennen glaube. Sie erklrte sich ausdrcklich bereit,
die Ttigkeit der U-Boote gegenber Handelsschiffen auf das Anhalten
und die Durchsuchung zu beschrnken, falls der Flaggenmibrauch
abgestellt werde und die von der amerikanischen Regierung vorgeschlagene
Regelung der Lebensmittelzufuhr nach Deutschland zustandekomme, mit
der sie ihrerseits sich einverstanden erklrte. Sie schlug lediglich
eine Ergnzung vor hinsichtlich der Zufuhr von Rohstoffen, die der
friedlichen Volkswirtschaft dienten.

Die britische Regierung dagegen lehnte am 13. Mrz 1915 die
amerikanische Anregung ab mit der Motivierung, da Deutschland die in
dem amerikanischen Vorschlag gleichfalls enthaltene Anregung ber die
Beschrnkung der Anwendung von Seeminen nicht vorbehaltlos angenommen
habe, womit es sich fr die britische Regierung erbrige, eine weitere
Antwort zu geben.

Damit war die amerikanische Vermittlungsaktion erledigt.

Indessen kam die amerikanische Regierung nicht eher wieder auf die
deutsche U-Bootnote vom 16. Februar 1915 zurck, als bis praktische
Flle vorlagen, da amerikanische Schiffe und das Leben amerikanischer
Staatsbrger durch den U-Bootkrieg vernichtet wurden. Ein erster
solcher Fall ereignete sich am 28. Mrz 1915, indem bei der Versenkung
des englischen Passagierdampfers Fallaba ein amerikanischer
Staatsangehriger das Leben verlor. Am 28. April griff ein deutsches
Flugzeug versehentlich das amerikanische Schiff Cushing an. Am 1.
Mai wurde das amerikanische Schiff Gulflight versenkt, wobei zwei
amerikanische Staatsbrger ums Leben kamen. Schlielich wurde am 7. Mai
der groe englische Passagierdampfer Lusitania durch ein deutsches
U-Boot torpediert; mehr als hundert Amerikaner, darunter viele Frauen
und Kinder, fanden ihren Tod in den Wellen.

Die Erregung in Amerika war ungeheuer. Sie wurde auch nicht gedmpft
dadurch, da die deutsche Botschaft in Washington durch eine Anzeige
in den amerikanischen Zeitungen ausdrcklich vor der Benutzung der
englischen Passagierdampfer zu Fahrten in das Kriegsgebiet gewarnt
hatte. Im Gegenteil! Die amerikanische Regierung bezeichnete es als
eine berraschende Regelwidrigkeit, da die deutsche Botschaft sich
mit einer solchen Warnung vor der Ausbung eines guten amerikanischen
Rechts durch die amerikanische Presse an die amerikanische
ffentlichkeit gewendet habe. Die Erregung wurde auch nicht gedmpft
durch den deutschen Hinweis darauf, da die Lusitania bewaffnet
gewesen sei und groe Mengen von Munition an Bord gehabt habe -- diese
Angaben der deutschen Regierung wurden von der amerikanischen Regierung,
deren Behrden das Schiff ausklariert hatten, bestritten.

Die amerikanische Regierung lie am 15. Mai in Berlin eine Note
bergeben, in der sie die ernstlichsten Vorstellungen erhob. ber
die vorliegenden Einzelflle hinausgreifend, stellte sie fest, da
der U-Bootkrieg gegen Handelsschiffe ohne Miachtung nicht nur des
Vlkerrechts sondern auch der Regeln der Billigkeit, der Vernunft,
der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit nicht durchfhrbar sei. Sie
knne im brigen nicht glauben, da die U-Bootkommandanten ihre
ungesetzlichen Handlungen anders als unter einem Miverstndnis der
von der deutschen Marinebehrde gegebenen Befehle getan haben knnten.
Sie verlangte von der deutschen Regierung Mibilligung der Handlungen
der U-Bootkommandanten, Genugtuung fr den angerichteten Schaden,
schlielich sofortige Manahmen zur Verhinderung weiterer hnlicher
Vorflle. Die Kaiserliche Regierung, so schlo die Note, wird nicht
erwarten, da die Regierung der Vereinigten Staaten irgendein Wort
ungesprochen oder eine Tat ungeschehen lassen wird, die notwendig
sein sollten, um ihrer heiligen Pflicht zu gengen, die Rechte der
Vereinigten Staaten und ihrer Brger zu wahren und deren Ausbung und
Genu zu gewhrleisten.

An diese Note schlo sich eine diplomatische Korrespondenz an, in
der die amerikanische Regierung immer schrfer ihren Standpunkt
herausarbeitete, da nur tatschlicher Widerstand eines Handelsschiffes
oder sein fortgesetztes Bestreben zu entfliehen, nachdem Befehl zum
Anhalten zwecks Durchsuchung ergangen ist, dem Kommandanten eines
Tauchbootes das Recht gebe, das Leben der an Bord befindlichen
Menschen in Gefahr zu bringen; die deutsche Regierung dagegen nahm den
Standpunkt ein, sie knne nicht zugeben, da amerikanische Brger ein
feindliches Handelsschiff durch die bloe Tatsache ihrer Anwesenheit
an Bord zu schtzen vermchten. Des weiteren wurde die Frage der
Bewaffnung und Munitionsladung der Lusitania errtert. Schlielich
wurden von deutscher Seite Vorschlge gemacht, die den freien Verkehr
ausreichend kenntlich gemachter und vorher angesagter amerikanischer
Passagierdampfer mit England sichern sollten. Dieser letztere Vorschlag
wurde von der amerikanischen Regierung in einer Note vom 23. Juli 1915
kategorisch zurckgewiesen, da er geradezu eine Vereinbarung fr die
teilweise Aufhebung jener Grundstze enthalte, auf deren Anerkennung
durch Deutschland die amerikanische Regierung bestehen msse. Schrfer
als jemals bisher lehnte es die amerikanische Regierung ab, ihre Politik
gegenber Grobritannien mit der deutschen Regierung zu diskutieren und
dem Verhalten Englands gegenber Deutschland fr die Errterung zwischen
Amerika und Deutschland ber die Frage des U-Bootkrieges irgendeine
Erheblichkeit zuzubilligen. Wenn ein Kriegfhrender einem Feinde
gegenber nicht Vergeltung ben kann, ohne Leben und Eigentum Neutraler
zu schdigen, so sollten sowohl Menschlichkeit wie Gerechtigkeit und
die angemessene Rcksicht auf die Wrde der neutralen Mchte gebieten,
da das Verfahren eingestellt wird. Das Verlangen nach Mibilligung
des Vorgehens der deutschen Seeoffiziere bei der Versenkung der
Lusitania und auf Ersatz fr den entstandenen Schaden wurde mit
Nachdruck wiederholt, und der Schlu der Note enthielt die Wendung,
da die amerikanische Regierung eine Wiederholung von Handlungen von
Kommandanten deutscher Seestreitkrfte, die eine Verletzung der Rechte
amerikanischer Brger darstellten, als vorstzlich unfreundliche
Handlung betrachten mte.

Die scharfe Note der amerikanischen Regierung vom 23. Juli 1915 enthielt
jedoch in Anknpfung an die in der vorhergegangenen deutschen Note zum
Ausdruck gebrachte Hoffnung auf Wiederherstellung der Freiheit der Meere
einen Passus, der zu dem kriegerischen Ausklang in einem merkwrdigen
Gegensatz stand. Dieser Passus lautete:

Die Regierung der Vereinigten Staaten und die Kaiserlich deutsche
Regierung kmpfen fr das gleiche groe Ziel und sind lange zusammen
eingetreten fr Anerkennung eben jener Grundstze, auf denen die
Regierung der Vereinigten Staaten jetzt so feierlich besteht. Sie
kmpfen beide fr die Freiheit der Meere. Die Regierung der Vereinigten
Staaten wird fortfahren, fr diese Freiheit zu kmpfen, von welcher
Seite auch immer sie verletzt werden mge, ohne Kompromi und um jeden
Preis. Sie ladet die Kaiserlich deutsche Regierung zu praktischer
Mitarbeit ein, im jetzigen Augenblick, wo diese Mitarbeit am meisten
durchsetzen kann und dieses groe Ziel am schlagendsten und wirksamsten
erreicht werden kann. Die Kaiserlich deutsche Regierung hat der
Hoffnung Ausdruck gegeben, da dieses Ziel in gewissem Grade sogar vor
dem Ende des gegenwrtigen Krieges erreicht werden knnte. Dies kann
geschehen. Die Regierung der Vereinigten Staaten fhlt sich nicht
nur verpflichtet, auf diesem Ziel, von wem auch immer es verletzt und
miachtet werden mag, zum Schutz ihrer eigenen Brger zu bestehen; sie
ist auch auf das hchste daran interessiert, dieses Ziel zwischen den
Kriegfhrenden selbst verwirklicht zu sehen, und hlt sich jederzeit
bereit, als gemeinsamer Freund zu handeln, dem der Vorzug zuteil wird,
einen Weg vorzuschlagen.

Neben die kaum verhllte Drohung mit dem Abbruch der Beziehungen fr den
Fall einer weiteren Schdigung der von der amerikanischen Regierung fr
ihre Staatsangehrigen beanspruchten Rechte durch unsern U-Bootkrieg war
also die Bereitschaft zu einer Kooperation mit uns zur Wiederherstellung
der Freiheit der Meere, und zwar noch whrend des Krieges, gesetzt.
Damit war die deutsche Politik vor eine Entscheidung von grter
Tragweite gestellt.

Obwohl ich als Schatzsekretr nicht unmittelbar an der Behandlung dieser
Fragen beteiligt war, hatte ich doch, auch abgesehen von gelegentlichen
Aussprachen mit dem Kanzler und meinen Freunden im Auswrtigen Amt,
gewisse Berhrungspunkte mit dem durch den U-Bootkrieg berhrten
Fragenkomplex.

So war ich seit einiger Zeit mit der Frage der Baumwolleinfuhr aus den
Vereinigten Staaten befat worden. Persnlichkeiten, die im deutschen
Baumwollhandel eine groe Rolle spielten, hatten Fhlung mit ihren
amerikanischen Geschftsfreunden genommen und standen mit diesen in
Verhandlungen wegen des Abschlusses ber einen sehr groen Posten zu
einem festen Preise. Die groen und einflureichen amerikanischen
Baumwollinteressen waren durch die Unterbindung des Absatzes nach
Deutschland empfindlich geschdigt. Fr uns handelte es sich darum,
diese Interessen zu unsern Gunsten mobilzumachen und mit ihrer Hilfe
nicht nur eine Belieferung Deutschlands mit amerikanischer Baumwolle
durchzusetzen, sondern womglich die amerikanische Politik zu einem
tatkrftigen Handeln fr die Wiederherstellung der Londoner Deklaration
zu bewegen. Die Finanzierung des Riesengeschftes, um das es sich
handelte, lie den deutschen Interessenten die Rckendeckung durch das
Reich erforderlich erscheinen, und so kam die Sache an mich. Die jetzt
von der amerikanischen Regierung angebotene Zusammenarbeit fr die
Wiederherstellung der Freiheit der Meere erregte infolgedessen mein
besonderes Interesse.

Auerdem war die Gestaltung unseres Verhltnisses zu den Vereinigten
Staaten von besonderer Wichtigkeit fr die finanzielle Kriegfhrung.
Auch bisher schon hatten die Banken der Vereinigten Staaten den
Ententelndern -- in viel bescheidenerem Mae auch uns -- einige
Untersttzung im Wege kommerzieller Kredite und der bernahme
kurzfristiger Schatzanweisungen gewhrt. Aber diese finanzielle Hilfe
hatte sich, zumal da der Prsident Wilson zunchst die Aufnahme
ffentlicher Anleihen zugunsten eines kriegfhrenden Staates als
neutralittswidrig erklrt hatte, in engen, weit unterhalb der
Leistungsfhigkeit der Union liegenden Grenzen bewegt. Niemand konnte
zweifeln, da ein Hinbertreten der Vereinigten Staaten auf die Seite
unserer Gegner den vollen Einsatz ihrer gerade whrend des Krieges
gewaltig angewachsenen Finanzkraft zugunsten der Entente bringen wrde.
Fr die Entente war daraus eine wesentliche Erleichterung nicht nur der
finanziellen, sondern auch der wirtschaftlichen Kriegfhrung, fr uns
eine entsprechende Erschwerung zu erwarten.

Aber auch ganz unabhngig von den Interessen meines speziellen Ressorts
wollte es mir als ein geradezu verhngnisvoller Fehler erscheinen, es
wegen des U-Bootkrieges zum Bruch mit den Vereinigten Staaten kommen
zu lassen und die von Wilson gebotene Hand zur Wiederherstellung der
Freiheit der Meere, von wem auch immer sie verletzt und miachtet
werden mag, zu bersehen oder auszuschlagen. Sowohl wirtschaftliche
Grnde als auch die politische Lage, insbesondere die kritische
Situation auf dem Balkan, von deren Entwicklung das Schicksal der
Dardanellen und der Trkei abhing, schienen mir keinen Zweifel ber den
richtigen Weg zu lassen, zumal da der Erfolg des U-Bootkriegs nicht
entfernt den Erwartungen entsprach.

Ich legte dem Kanzler meine Gesichtspunkte zuerst mndlich und dann,
am 5. August 1915, auch schriftlich dar. Mein Vorschlag ging dahin,
der amerikanischen Regierung zu antworten: Wir akzeptieren die
angebotene Kooperation zur Wiederherstellung der Freiheit der Meere.
In der Voraussetzung, da die amerikanische Regierung gewillt ist,
alsbald wirksame Schritte bei der britischen Regierung zu unternehmen,
um diese zur Aufgabe ihrer vlkerrechtswidrigen Seekriegfhrung zu
veranlassen und sie zur strikten Beobachtung der Londoner Deklaration
zurckzufhren, sind die U-Bootkommandanten unter Aufrechterhaltung
unseres grundstzlichen Standpunktes angewiesen worden, bis auf weiteres
den U-Bootkrieg in einer der amerikanischen Auffassung Rechnung
tragenden Weise zu fhren; wir behalten uns alles vor fr den Fall,
da die gemeinsame Aktion nicht innerhalb einer angemessenen Zeit den
gewnschten Erfolg herbeifhrt.

Dieses Vorgehen htte den Vorteil gehabt, fr die nchste fr die
Entscheidungen auf dem Balkan so wichtige Zeit die bedrohlichen
Differenzen mit Amerika praktisch auszuschalten und dem Prsidenten
Wilson freie Hand fr die von ihm in Aussicht gestellte Aktion gegen
England zu geben, ohne uns fr die Dauer die Hnde zu binden.

Mein Vorschlag fand jedoch beim Auswrtigen Amt keine Untersttzung, und
der Chef des Admiralstabs nahm in einem Immediatbericht an den Kaiser
mit groer Entschiedenheit gegen meine Anregung und deren Begrndung
Stellung. Der Kaiser stimmte zwar meiner Replik zu, in der ich meine
Auffassung unter eingehender Begrndung aufrechterhielt; aber in der
Zwischenzeit hatte sich die Lage erheblich verschrft durch die am 19.
August ohne Warnung erfolgte Torpedierung des auf der Ausfahrt von
England nach Amerika begriffenen Passagierdampfers Arabic; abermals
fanden bei dieser Versenkung amerikanische Staatsangehrige den Tod.

Glcklicherweise war schon vor der Torpedierung der Arabic eine
Weisung an die U-Bootkommandanten ergangen, da Liners nur nach
vorhergegangener Warnung und nach Rettung der Nichtkombattanten
versenkt werden sollten, es sei denn, da ein Schiff zu fliehen
versuche oder Widerstand leiste. Der Kommandant des U-Bootes, das
die Arabic versenkte, hatte sich in dem Glauben befunden, da
die Arabic Anstalten machte, sein U-Boot zu rammen. Die an die
U-Bootkommandanten ergangene Weisung wurde nun der amerikanischen
Regierung mitgeteilt. Im weiteren Verlaufe der Verhandlungen, die hart
an den Krieg heranstreiften, besttigte Graf Bernstorff am 5. Oktober
1915 dem Staatssekretr Lansing, da die an die U-Bootkommandanten
erteilten Befehle so bestimmt lauteten, da eine Wiederholung hnlicher
Zwischenflle wie des Arabic-Falles als ausgeschlossen gelte.
Gleichzeitig erkannte die deutsche Regierung an, da der Angriff auf
die Arabic den erteilten Befehlen nicht entsprochen habe, da sie den
Vorgang nicht billige und ihn bedaure; dem Kommandanten des U-Bootes
sei eine dahingehende Erffnung gemacht worden. Auch zur Gewhrung
einer Entschdigung erklrte sich die deutsche Regierung bereit.
Natrlich konnten, wie sich jetzt die Lage gestaltet hatte, an diese
Mitteilung keine weiteren Bedingungen oder Voraussetzungen bezglich
der von Amerika gegenber England zu unternehmenden Schritte geknpft
werden. Die Gelegenheit, in die von Wilson gebotene Hand einzuschlagen
und eine ernsthafte Probe auf seine Bereitwilligkeit zu einem
gemeinschaftlichen Vorgehen gegen Englands Seekriegfhrung zu machen,
war uns also durch die Versenkung der Arabic aus der Hand genommen.
Eine endgltige Klrung war auch nicht herbeigefhrt; insbesondere
betonte Lansing, da die Lusitania-Angelegenheit fr die amerikanische
Regierung noch nicht erledigt sei. Aber die unmittelbare Gefahr schien
abgewendet. Darber hinaus raffte sich jetzt die amerikanische Regierung
zum erstenmal seit langer Zeit zu einem energischen Schritt gegenber
der Entente auf. In einer sehr ausfhrlichen Note vom 5. November 1915
legte sie die Vlkerrechtswidrigkeit der von der Entente unter Englands
Fhrung beliebten Seekriegfhrung dar und erklrte, da die Vereinigten
Staaten ohne Zaudern die Aufgabe der Vorkmpferschaft fr die Rechte
der Neutralen zu bernehmen und der Erfllung dieser Aufgabe ihre ganze
Energie zu widmen entschlossen seien.

Im eigenen Lager hatte die Frage unseres Verhaltens zu Amerika zu
einer ernstlichen Krisis gefhrt. Nachdem der Kaiser sich auf den vom
Reichskanzler vertretenen Standpunkt gestellt hatte, reichte der Admiral
von Tirpitz seinen Abschied ein, der aber vom Kaiser nicht angenommen
wurde (Anfang September 1915). Dagegen wurde an Stelle des Admirals
Bachmann der Admiral von Holtzendorff zum Chef des Admiralstabs ernannt;
gleichzeitig wurden durch eine Kaiserliche Order die Kompetenzen
zwischen Reichsmarineamt und Admiralstab neu abgegrenzt. Ein zweites
Abschiedsgesuch des Admirals von Tirpitz folgte, das abermals abgelehnt
wurde.


                      Der verschrfte U-Bootkrieg

Am 18. Januar 1916 machte Herr Lansing den Vertretern der Ententemchte
in Washington einen -- spter als inoffiziell bezeichneten Vorschlag --
ber die U-Bootkriegfhrung, der im wesentlichen auf folgendes hinauskam:

Er erkannte an, da die U-Boote sich als wirksam in der Bekmpfung
feindlichen Handels erwiesen htten und da infolgedessen ihre Benutzung
zu diesem Zweck den Kriegfhrenden nicht ohne weiteres verwehrt
werden knne. Es handele sich also darum, eine Formel zu finden, die
den U-Bootkrieg, ohne seine Wirksamkeit zu zerstren, in Einklang
mit den allgemeinen Regeln des Vlkerrechts und den Grundstzen der
Menschlichkeit bringe. Sein Vorschlag sei: Einerseits sollten die
U-Boote gehalten sein, nur in den Formen des Kreuzerkriegs gegen
Kauffahrteischiffe vorzugehen, d. h. sie nicht zu versenken, ohne
sie zum Halten aufgefordert, nach Konterbande durchsucht und die
Mannschaft und Passagiere in Sicherheit gebracht zu haben. Auf der
anderen Seite sollten die Kauffahrteischiffe keinerlei Bewaffnung
fhren drfen. Zur Begrndung dieses Vorschlags fhrte Lansing an,
da angesichts der Konstruktion der U-Boote eine auch nur leichte
Bewaffnung den Handelsschiffen eine berlegenheit gebe; jede Bewaffnung
eines Kauffahrteischiffes habe unter diesen Umstnden den Charakter
einer Bewaffnung zu Offensivzwecken. Das Schreiben schlo: Ich mchte
hinzufgen, da meine Regierung das Argument verstndlich findet, da
ein Kauffahrteischiff, das irgendeine Bewaffnung trgt, angesichts des
Charakters des Tauchbootkriegs und der Schwche der U-Boote in der
Verteidigung, sowohl von den Neutralen wie von den Kriegfhrenden als
Hilfskreuzer zu betrachten und zu behandeln ist, und da meine Regierung
ernstlich erwgt, ihre Beamten dementsprechend zu instruieren.

Diese Anregung sah aus wie ein schwerer Vorsto gegen die
Seekriegfhrung der Entente. Die Entwaffnung aller Handelsdampfer
und ihre Verpflichtung, ohne Gegenwehr auf Anruf anzuhalten, sich
untersuchen und nach Feststellung der feindlichen Nationalitt oder
des Vorhandenseins von Konterbande sich versenken zu lassen, htte das
Vorgehen der deutschen U-Boote gegen den Seehandel der Ententelnder
nahezu gefahrlos gemacht und seine Wirksamkeit bedeutend gesteigert.
Die Ablehnung dieser Anregung durch die Ententemchte mute deshalb
erwartet werden. Aber fr diesen Fall stand am Schlu des Lansingschen
Schreibens die Drohung, da die amerikanische Regierung knftighin
bewaffnete Handelsschiffe als Hilfskreuzer ansehen und behandeln werde.
Das hie nicht nur, da die bewaffneten Handelsschiffe bei ihrem
Aufenthalt und ihrem Verkehr in den Hfen der Vereinigten Staaten den
fr Kriegsschiffe magebenden Beschrnkungen unterliegen sollten,
sondern auch, da die Regierung der Vereinigten Staaten sich jedes
Einspruchs gegen die Versenkung solcher bewaffneten Handelsschiffe durch
deutsche U-Boote begeben htte, auch wenn die Torpedierung ohne Warnung
und ohne die Rettung der Schiffsbemannung und Passagiere erfolgte.

Die Entente war also in der Tat vor ein schweres Dilemma gestellt.
Htte die Regierung der Vereinigten Staaten den Lansingschen Gedanken
sich zu eigen gemacht und festgehalten, so gab es fr die Entente nur
den einen Ausweg, durch die Rckkehr zur Londoner Deklaration sich die
Beschrnkung des U-Bootkriegs auf die Methoden des Kreuzerkriegs
zu erkaufen. Zielte Lansings Brief an die Ententevertreter nach
dieser Richtung? Sollte er eine drastische Ergnzung der noch immer
unbeantworteten Note der amerikanischen Regierung vom 5. November 1915
sein, die so scharf gegen die Methoden der britischen Seekriegfhrung
Stellung genommen hatte?

Ich vermag auf diese Frage auch heute noch keine Antwort zu geben;
denn ich hatte weder damals, noch habe ich heute gengend Einblick in
das, was jenseits des Atlantischen Ozeans vorging. Und die weitere
Entwicklung der Dinge selbst gab nicht nur keine Antwort, sondern
stellte uns vor ein Rtsel.

Nachdem nmlich Lansing am 18. Januar 1916 jenen Brief an die
Ententevertreter gerichtet hatte, nahm er Ende Januar gegenber dem
Grafen Bernstorff die Lusitania-Frage, die bei der Erledigung des
Arabic-Falles ausdrcklich in Schwebe gelassen worden war, wieder
auf. Er verlangte nicht nur eine Entschdigung, sondern auch die
ausdrckliche Erklrung, da wir diese Entschdigung in Anerkennung
der Ungesetzlichkeit (illegality) der Versenkung der Lusitania
gewhrten. In einem solchen Zugestndnis sah man bei uns nicht nur
eine uns angesonnene Demtigung, sondern auch einen endgltigen und
vorbehaltlosen Verzicht auf die schrfere Form des U-Bootkriegs, zu dem
man sich um so weniger entschlieen konnte, als keinerlei Sicherheiten
irgendwelcher Art fr eine Zurckfhrung des Seekriegs unserer Feinde
auf die Normen des Vlkerrechts vorlagen. Lansing bestand jedoch mit
der grten Hartnckigkeit und Schrfe auf seiner Forderung. Die Lage
erfuhr abermals eine kritische Zuspitzung bis hart an den Abbruch der
Beziehungen. Am 5. Februar 1916 verffentlichte das Wolffsche Bureau
eine Unterredung des Unterstaatssekretrs Zimmermann mit dem Berliner
Korrespondenten der Associated Press, in der er u. a. sagte: Er wolle
den Ernst der Lage nicht verhehlen. Deutschland knne keinesfalls
die Ungesetzlichkeit der Kriegfhrung der U-Boote in der Kriegszone
anerkennen. Die ganze Krisis sei auf die neue Forderung Amerikas
zurckzufhren, da Deutschland die Versenkung der Lusitania als eine
vlkerrechtswidrige Tat anerkennen solle. Deutschland knne die Waffe
der U-Boote nicht aus der Hand legen. Wenn die Vereinigten Staaten es
zum Bruch kommen lassen wollten, knne Deutschland nichts mehr tun, um
dies zu vermeiden.

Der Reichskanzler besttigte in einer Unterredung mit dem Vertreter der
New York World die Zimmermannschen Erklrungen.

Whrend unser Verhltnis zu den Vereinigten Staaten diese neue und
unerwartete Zuspitzung erfuhr, kam es bei uns im Innern zu heftigen
Kmpfen ber den U-Bootkrieg.

Der Admiralstab nahm unter seinem neuen Chef gegen Ende 1915 erneut
Stellung zugunsten der Aufnahme des durch keinerlei Einschrnkungen
gehemmten U-Bootkriegs. Von einem rcksichtslos durchgefhrten
U-Bootkrieg erwartete er binnen eines halben Jahres die Niederkmpfung
Englands und damit die siegreiche Beendigung des Krieges. Gegenber
dieser Aussicht mten alle andern Erwgungen, auch die Rckwirkung
des uneingeschrnkten U-Bootkrieges auf die Vereinigten Staaten,
zurcktreten.

Der Chef des Generalstabs, General von Falkenhayn, war um die
Jahreswende fr den uneingeschrnkten U-Bootkrieg so gut wie gewonnen.
Er hoffte auf eine Niederkmpfung Englands in wenigen Monaten.

Auch die politischen Parteien und die Presse nahmen in jener Zeit immer
schrfer in der Frage des U-Bootkrieges Stellung. Die Marinebehrden
entfalteten eine starke propagandistische Ttigkeit zugunsten des
uneingeschrnkten U-Bootkrieges, die sichtlich Einflu auf die
Meinungsbildung der politischen Kreise und des Publikums gewann.

Der Kanzler leistete dem starken Druck Widerstand. Wenn schon die
Differenzen ber die Erledigung der Lusitania-Frage so hart an den
Bruch zwischen Amerika und uns heranfhrten, so erschien der Bruch
und ihm folgend der Krieg sicher fr den Fall der Erffnung des
uneingeschrnkten U-Bootkrieges. Dafr war der Kanzler nicht geneigt,
die Verantwortung zu bernehmen.

Dagegen einigten sich die magebenden Persnlichkeiten Anfang Februar
1916 auf den sogenannten verschrften U-Bootkrieg, nmlich die
Versenkung der =bewaffneten= feindlichen Handelsschiffe ohne Warnung und
ohne Rcksicht auf die Mannschaften und Passagiere.

Der deutschen Marine waren auf verschiedenen britischen Handelsschiffen
Instruktionen in die Hand gefallen, aus denen sich ergab, da die
bewaffneten Schiffe nicht etwa die Angriffe deutscher U-Boote
abwarten und sich gegen diese verteidigen, sondern, wo immer sich
eine Gelegenheit dazu bot, angriffsweise gegen die U-Boote vorgehen
sollten. Die deutsche Regierung zog hieraus die Konsequenz, da die mit
Geschtzen bewaffneten feindlichen Kauffahrteischiffe kein Recht mehr
darauf htten, als friedliche Handelsschiffe angesehen zu werden. Sie
teilte diese Auffassung am 8. Februar 1916 den neutralen Regierungen in
einer Denkschrift mit, die mit der Ankndigung schlo, da die deutschen
Seestreitkrfte nach einer kurzen, den Interessen der Neutralen
Rechnung tragenden Frist den Befehl erhalten wrden, solche Schiffe als
Kriegfhrende zu behandeln.

ber die Zweckmigkeit dieses Schrittes konnte man verschiedener
Meinung sein; schon deshalb, weil die Erkennbarkeit der Bewaffnung
eines Handelsschiffes durch das Periskop eines U-Bootes eine recht
zweifelhafte Sache war und Irrtmer ganz unausweichlich erscheinen
muten. Ich konnte den Eindruck nicht loswerden, da die Herren von der
Marine verschrften U-Bootkrieg sagten, aber den uneingeschrnkten
U-Bootkrieg meinten. Das konnte nicht gut gehen. Auerdem htte ich
vorgezogen, zunchst einmal die Lusitania-Angelegenheit zu erledigen,
statt die so stark zugespitzte Lage durch eine neue Manahme von solcher
Tragweite zu komplizieren. Ich war jedoch an den Verhandlungen, die zu
der Proklamierung des verschrften U-Bootkrieges gefhrt hatten, nicht
beteiligt worden und erfuhr die vollendete Tatsache -- durch eine in
der Pressekonferenz von dem Marinevertreter gemachte Mitteilung.

Immerhin war der verschrfte U-Bootkrieg begrndet in einer
Auffassung, die mit der von Lansing in seinem Schreiben vom 18. Januar
an die Ententevertreter entwickelten im wesentlichen bereinstimmte.
Diese Tatsache war, so durfte man annehmen, immerhin geeignet, den
verschrften U-Bootkrieg auch in den Augen der amerikanischen
Regierung als vertretbar erscheinen zu lassen.

Diese Hoffnung erschien um so mehr berechtigt, als sich damals in den
Vereinigten Staaten in der ffentlichen Meinung und in den Kreisen
des Kongresses eine Strmung zeigte, die sich gegen den Gedanken
eines Krieges zwischen Amerika und Deutschland auflehnte und zum
Zweck der Verminderung der Kriegsgefahr die Forderung aufstellte,
die amerikanische Regierung mchte die amerikanischen Brger vor der
Benutzung bewaffneter feindlicher Handelsschiffe warnen oder gar ihnen
das Reisen auf bewaffneten feindlichen Schiffen verbieten. Im Senat wie
im Reprsentantenhaus wurden sogar Antrge in diesem Sinne eingebracht.

Um so auffallender war es, da die amerikanische Regierung nunmehr gegen
die deutsche Auffassung des Charakters und der Wirkungen der Bewaffnung
von Handelsschiffen, die sich so nahe mit der von Lansing kundgegebenen
berhrte, mit aller Schrfe Stellung nahm. Der Prsident Wilson selbst
griff ein, indem er am 24. Februar 1916 einen Brief an den Senator
Stone, den Vorsitzenden des Ausschusses fr Auswrtige Angelegenheiten,
richtete und verffentlichte, in dem er sich auf den Standpunkt stellte,
da die Ankndigung des verschrften U-Bootkrieges in so offenkundigem
Widerspruch zu den erst vor kurzem gegebenen ausdrcklichen
Versicherungen der Mittelmchte stehe, da er erst weitere Erklrungen
abwarten msse. Er fgte hinzu: Er knne keinerlei Verkrzung der Rechte
der amerikanischen Staatsbrger hinnehmen; die Ehre und Selbstachtung
der Nation sei im Spiel; Amerika wnsche den Frieden und werde ihn
um jeden Preis erhalten, nur nicht um den Preis seiner Ehre; den
Amerikanern die Ausbung ihrer Rechte verbieten aus Furcht, man knne
gezwungen sein, fr diese Rechte einzutreten, wrde in der Tat eine
tiefe Demtigung sein und auerdem nicht nur ein stillschweigendes,
sondern sogar ein ausdrckliches Sichabfinden mit der Verletzung der
Rechte der Menschheit und ein bewuter Verzicht Amerikas auf seine
bisher stolze Stellung als Wortfhrer fr Gesetz und Recht. Amerika
knne nicht nachgeben, ohne seine eigene Ohnmacht als Nation zu erklren
und seine unabhngige Stellung unter den Nationen der Welt aufzugeben.

Am 3. Mrz 1916 beschlo der Senat mit 68 gegen 14 Stimmen die
Errterung der Resolution Gore, die das Reisen auf bewaffneten
feindlichen Handelsschiffen fr Amerikaner verboten sehen wollte, auf
unbestimmte Zeit zu vertagen.

Drei Wochen spter, am 25. Mrz, verffentlichte die amerikanische
Regierung ein Memorandum ber ihre Stellung zur Frage der Behandlung
bewaffneter Handelsschiffe in neutralen Hfen und auf hoher See.
Das Memorandum kam auf Grund sehr kasuistischer Deduktionen zu dem
Schlu: Eine =neutrale= Regierung knne in ihren Hfen ein bewaffnetes
Handelsschiff auf Grund der Prsumption behandeln, da es zum Angriff
bewaffnet sei und infolgedessen den Charakter des Kriegsschiffs
habe; dagegen msse ein =Kriegfhrender= auf hoher See auf Grund der
Prsumption vorgehen, da das Handelsschiff zu Verteidigungszwecken
bewaffnet sei und infolgedessen den Charakter als Kauffahrteischiff
habe. Der Status eines bewaffneten Handelsschiffes auf hoher See als
eines Kriegsschiffes knne nur auf Grund beweiskrftiger Evidenz seiner
Angriffsabsicht festgestellt werden.

Zwei Tage zuvor, am 23. Mrz, hatte die britische Regierung die
Lansingsche Anregung vom 18. Januar als unvereinbar mit den allgemeinen
Grundstzen des Vlkerrechts und mit bestimmten Klauseln der Haager
Konvention abgelehnt.

Das merkwrdige Zwischenspiel des Lansingschen Vorschlags blieb
unaufgeklrt. Wir hatten jetzt bei der Fhrung des verschrften
U-Bootkrieges gegen die bewaffneten Handelsschiffe mit demselben
Widerstand Amerikas, ja mit einem noch ausgesprocheneren Widerstand zu
rechnen, wie bei unserm ersten Tauchbootkrieg. Jeder Tag konnte mit
einem neuen Zwischenfall die Krisis akut machen und uns vor die Wahl
zwischen dem Krieg mit Amerika oder der Einschrnkung des U-Bootkrieges
auf die vlkerrechtlich einwandfreien Formen des Kreuzerkriegs stellen.

In dieser Lage wuchs bei uns die Forderung nach dem uneingeschrnkten
U-Bootkrieg zu einem wahren Sturm auf den Reichskanzler an. Die
Marine, die den verschrften U-Bootkrieg durchgesetzt hatte, dachte
nicht daran, sich damit zufriedenzugeben. Der Admiralstab hatte
eine umfangreiche Denkschrift ber die englische Wirtschaft und den
U-Bootkrieg ausarbeiten lassen, die auf Grund eines weitschichtigen
statistischen Materials, aber in ganz dilettantischer Beweisfhrung, den
Nachweis zu erbringen versuchte, da der uneingeschrnkte U-Bootkrieg
im Laufe lngstens eines halben Jahres zu dem Erfolge fhren wrde,
England auf dem Wege der Unterbindung des Seeverkehrs zum Frieden zu
zwingen. Zu der Denkschrift wurden von zahlreichen hervorragenden
Persnlichkeiten aus den Kreisen der Industrie, des Handels und der
Bankwelt Gutachten eingefordert, die bei der klugen Auswahl der
Befragten sich durchweg mit mehr oder weniger vorsichtigen Vorbehalten
den Folgerungen der Denkschrift anschlossen. Die Bearbeitung der
Presse und der ffentlichen Meinung zugunsten des uneingeschrnkten
U-Bootkrieges war um so wirksamer, als es unmglich war, die zugunsten
des U-Bootkrieges in Umlauf gesetzten Behauptungen und Beweisfhrungen
zu widerlegen, ohne geradezu Landesverrat zu begehen.

Ich hatte mich damals im Auftrage des Reichskanzlers eingehend mit
der im Admiralstab ausgearbeiteten Denkschrift befat und mute auf
Grund der mit dem ersten U-Bootkrieg gemachten Erfahrungen, der noch
verhltnismig intakten wirtschaftlichen Reserven Englands, der
ausgezeichneten Welternte, namentlich auch der Rekordernten der England
zunchst gelegenen Versorgungsgebiete, des Umfangs des England noch
zur Verfgung stehenden Schiffsraumes usw. zu dem Schlusse kommen, da
auch bei voller Leistung der vom Admiralstab in Aussicht gestellten
Versenkungen keinerlei Gewhr fr eine Niederzwingung Englands innerhalb
eines absehbaren Zeitraumes gegeben sei. Auf der andern Seite konnte ich
nicht umhin, die Gefahren eines Krieges mit Amerika wesentlich hher zu
veranschlagen, als dies von seiten der Befrworter des uneingeschrnkten
U-Bootkrieges geschah.

In der ersten Mrzhlfte kam auf Betreiben der Marine die Frage
des uneingeschrnkten U-Bootkrieges im Groen Hauptquartier erneut
zur Entscheidung. Der Reichskanzler drang mit seiner Ansicht
durch. Es scheint, da auch der Chef des Admiralstabs und der Chef
des Generalstabs sich dem Gewicht seiner Grnde nicht entziehen
konnten. Der Kanzler bestand bei dieser Gelegenheit auch auf einer
Abstellung der von der Marine ausgehenden Propaganda zugunsten des
uneingeschrnkten U-Bootkrieges. Der Kaiser verfgte die Lostrennung
der Nachrichtenabteilung vom Reichsmarineamt und ihre Angliederung
an den Admiralstab. Diese Manahme gab die unmittelbare Veranlassung
zum Rcktritt des Groadmirals von Tirpitz. An seiner Stelle wurde
der Admiral von Capelle, der in der U-Bootfrage die Auffassung des
Reichskanzlers teilte, zum Staatssekretr des Reichsmarineamts ernannt.

Die Budgetkommission des Reichstages beschftigte sich Ende Mrz in
vertraulichen Sitzungen mit der U-Bootfrage. Auch die Konservativen
und derjenige Teil der Nationalliberalen, die mit Entschiedenheit fr
den uneingeschrnkten U-Bootkrieg eintraten, nahmen schlielich davon
Abstand, eine dahingehende Entschlieung zu beantragen. Es kam nach
langen Verhandlungen zwischen den Parteien eine Resolution zustande, die
lautete:

Nachdem sich das Unterseeboot als eine wirksame Waffe gegen die
englische auf die Aushungerung Deutschlands berechnete Kriegfhrung
erwiesen hat, gibt der Reichstag seiner berzeugung Ausdruck, da
es geboten ist, wie von allen unsern militrischen Machtmitteln, so
auch von den Unterseebooten denjenigen Gebrauch zu machen, der die
Erringung eines die Zukunft Deutschlands sichernden Friedens verbrgt,
und bei Verhandlungen mit auswrtigen Staaten die fr die Seegeltung
Deutschlands erforderliche Freiheit im Gebrauch dieser Waffe unter
Beachtung der berechtigten Interessen der neutralen Staaten zu wahren.

Man einigte sich ferner dahin, da eine Besprechung der U-Bootfrage im
Plenum des Reichstages unterbleiben solle.


                            Der Sussex-Fall

Inzwischen kam, was kommen mute.

Die Versenkungen von Schiffen mit Amerikanern an Bord huften sich.
In der Zeit vom 27. Mrz bis zum 1. April hatte der amerikanische
Botschafter an unser Auswrtiges Amt, in Vorbereitung weiterer Schritte,
in nicht weniger als fnf Fllen die Anfrage zu richten, ob die
Versenkung durch ein deutsches Tauchboot erfolgt sei. Der schlimmste
dieser Flle war die am 24. Mrz 1916 ohne Warnung erfolgte Torpedierung
des unbewaffneten Passagierdampfers Sussex, der dem Passagierverkehr
ber den Kanal diente. Von mehr als 300 Passagieren fanden etwa 80 ihren
Tod, darunter auch eine Anzahl Amerikaner. Der Kommandant des fr die
Torpedierung in Betracht kommenden U-Bootes gab an, einen Minenleger
der neuen britischen Arabis-Klasse torpediert zu haben. Ort und Zeit
stimmte mit der Torpedierung der Sussex berein, und die im Rumpf der
Sussex vorgefundenen Stcke eines deutschen Torpedos stellten den
Sachverhalt auer allen Zweifel.

Mit dieser Katastrophe, deren Umfang nahezu an die Versenkung der
Lusitania heranreichte, stand unser Verhltnis mit Amerika vor dem
Biegen oder Brechen. Die Haltung der Vereinigten Staaten lie darber
keine Unklarheit. Nachdem unsere ursprngliche, auf den Angaben
des U-Bootkommandanten beruhende Aufstellung, da das versenkte
Schiff mit der Sussex nicht identisch sei, widerlegt war, bergab
der amerikanische Botschafter am 20. April dem Staatssekretr des
Auswrtigen Amtes eine Note, deren Bedeutung noch dadurch besonders
unterstrichen wurde, da der Prsident Wilson sie unmittelbar vor ihrer
bergabe in einer von ihm persnlich verlesenen Botschaft dem Kongre
zur Kenntnis brachte.

Der wichtigste Inhalt der Note war:

Der tragische Fall der Sussex stehe leider nicht allein; er sei
nur =ein= Fall, wenn auch einer der schwersten und betrbendsten,
fr die vorbedachte Methode, mit der unterschiedslos Handelsschiffe
aller Art und Bestimmung zerstrt wrden. Die deutsche Regierung habe
offenbar keinen Weg gefunden, ihren Tauchbooten die von ihr zugesagten
Beschrnkungen aufzuerlegen. Immer wieder hat die Kaiserliche
Regierung der Regierung der Vereinigten Staaten feierlich versichert,
da zum mindesten Passagierschiffe nicht in dieser Weise behandelt
werden wrden, und gleichwohl hat sie wiederholt zugelassen, da ihre
U-Bootkommandanten diese Versicherung ohne jede Ahndung miachteten.
Noch im Februar dieses Jahres machte sie davon Mitteilung, da sie
alle bewaffneten Handelsschiffe in feindlichem Eigentum als Teil
der Seestreitkrfte ihrer Gegner betrachten und als Kriegsschiffe
behandeln werde, indem sie sich so, wenigstens implicite, verpflichtete,
nichtbewaffnete Schiffe zu warnen und das Leben ihrer Passagiere und
Besatzungen zu gewhrleisten; aber sogar diese Beschrnkung haben ihre
U-Bootkommandanten unbekmmert auer Acht gelassen. Die Regierung der
Vereinigten Staaten habe viel Geduld gezeigt und die Hoffnung nicht
aufgeben wollen, da es der deutschen Regierung mglich sein werde,
den U-Bootkrieg mit den im Vlkerrecht verkrperten Grundstzen der
Menschlichkeit in Einklang zu bringen; sie habe den neuen Verhltnissen,
fr die es keine Przedenzflle gebe, jedes Zugestndnis gemacht und
sei gewillt gewesen, zu warten, bis die Tatsachen unmiverstndlich
und nur einer Auslegung fhig geworden seien. Dieser Zeitpunkt sei
jetzt gekommen. Wenn es die Absicht der deutschen Regierung sei, den
U-Bootkrieg gegen Handelsschiffe fortzusetzen ohne Rcksicht auf das,
was die amerikanische Regierung als die heiligen und unbestreitbaren
Normen des Vlkerrechts und die allgemein anerkannten Gebote der
Menschlichkeit ansehen msse, so gebe es fr die amerikanische
Regierung nur einen Weg: Sofern die Kaiserliche Regierung nicht jetzt
unverzglich ein Aufgeben ihrer gegenwrtigen Methoden des U-Bootkrieges
gegen Passagier- und Frachtschiffe erklren und bewirken sollte, kann
die Regierung der Vereinigten Staaten keine andere Wahl haben, als die
diplomatischen Beziehungen zur deutschen Regierung abzubrechen.

Zur Zeit der bergabe dieser Note befand sich der Kanzler im Groen
Hauptquartier. Er reiste alsbald nach Berlin zurck, um die Lage
zu besprechen. Am Ostersonntag und Ostermontag (23. und 24. April)
fanden ausgedehnte Konferenzen statt, in denen der Staatssekretr
des Reichsmarineamts, Admiral von Capelle, im Gegensatz zum Chef des
Admiralstabs, Admiral von Holtzendorff, die Auffassung vertrat, da
die Zurckfhrung des U-Bootkrieges auf die Formen des Kreuzerkrieges
keine allzu starke Beeintrchtigung der Wirksamkeit der U-Boote bedeute;
der weitaus grte Teil der Versenkungen erfolge jetzt bereits vom
aufgetauchten Boot durch Artilleriefeuer, und mit der fortschreitenden
Vergrerung des U-Boottyps und der Verstrkung der artilleristischen
Ausrstung der U-Boote werde sich in Zukunft das Verhltnis zugunsten
der Versenkungen durch Artillerie noch verstrken. Diese Darlegungen
erleichterten uns den ohnehin kaum vermeidbaren Entschlu, den
U-Bootkrieg mindestens zeitweise auf die Formen des Kreuzerkrieges zu
bringen. Ich griff dabei auf meinen Vorschlag vom August 1915 zurck,
einen Zusammenhang zwischen diesem Zugestndnis und den damals von
Wilson angebotenen Bemhungen zur Wiederherstellung der Freiheit der
Meere zu konstruieren. Es erschien fraglich, ob dieser Zusammenhang in
Form einer Bedingung oder einer Voraussetzung fr unser Zugestndnis
oder in Form einer bloen Erwartung hergestellt werden sollte.
Die Entscheidung zugunsten der letzteren Auffassung gab schlielich
eine vertrauliche und freundschaftliche Mitteilung des spanischen
Botschafters, der erklrte, die bestimmte berzeugung gewonnen zu haben,
da ein an Bedingungen oder Voraussetzungen geknpftes Nachgeben von der
amerikanischen Regierung als ungengend werde angesehen werden und zum
alsbaldigen Abbruch der Beziehungen, dem der Krieg folgen werde, fhren
msse.

Der Kanzler reiste am 25. April nach dem Groen Hauptquartier zurck,
whrend das Auswrtige Amt den Text der Antwortnote in Arbeit nahm.
Der amerikanische Botschafter hatte dem Kanzler vor seiner Abreise den
Wunsch, oder mindestens in einer einem Wunsch gleichkommenden Form die
Bereitwilligkeit ausgedrckt, nach dem Hauptquartier zu reisen und dem
Kaiser persnlich Aufklrung ber den amerikanischen Standpunkt zu
geben. In der Tat erhielt Herr Gerard am 28. April eine Einladung, nach
dem Hauptquartier zu kommen. Er wurde dort am 1. Mai in Gegenwart des
Kanzlers vom Kaiser empfangen, der mit ihm die deutsch-amerikanischen
Beziehungen und die U-Bootfrage durchsprach, um auf diese Weise ein
unmittelbares Bild der amerikanischen Auffassung zu gewinnen.

Die Erledigung der U-Bootfrage in dem in Berlin besprochenen Sinn war
inzwischen im Hauptquartier auf eine groe Schwierigkeit gestoen:
der General von Falkenhayn, der noch acht Tage zuvor dem Kanzler
gegenber sich dahin ausgesprochen hatte, da auch nach seiner Ansicht
ein Konflikt mit Amerika vermieden werden msse, trat jetzt beim
Kaiser gegen die Beschrnkung des U-Bootkrieges auf die Formen des
Kreuzerkrieges ein; er msse auf die Fortsetzung der Aktion gegen Verdun
verzichten, wenn der U-Bootkrieg suspendiert werde, und zwar, weil
selbst ein voller Erfolg der Verdun-Aktion die Opfer nicht lohne, wenn
die Suspendierung des U-Bootkrieges den Englndern Luft gebe und den
Franzosen die Hoffnung auf weitere englische Hilfe lasse. Der Kaiser
war durch diese Auffassung Falkenhayns stark beeindruckt und sagte am
30. April dem Kanzler: Sie haben also die Wahl zwischen Amerika und
Verdun! Der Kanzler war ber diese Alternative auf das uerste erregt.
Der Gedanke, vor der Geschichte als derjenige dazustehen, durch dessen
Schuld hunderttausend Mann vor Verdun umsonst geopfert worden seien,
schien ihm ebenso unertrglich, wie die Verantwortung fr den Bruch mit
Amerika. Er lie mich ber die Sachlage telephonisch informieren und bat
mich, sofort nach dem Hauptquartier zu kommen.

Ich traf am nchsten Tage, 1. Mai, im Laufe des Nachmittags in
Charleville ein und fand die Lage bereits geklrt. Der Chef des
Admiralstabs hatte sich den politischen Grnden des Kanzlers
unterworfen. Der Kaiser hatte sich dem Kanzler gegenber dahin geuert,
da der Bruch mit Amerika vermieden werden msse, und sich mit dem vom
Kanzler vorgeschlagenen Vorgehen einverstanden erklrt.

Am nchsten Abend sprach sich der Kaiser nach Tisch mir gegenber
eingehend ber die U-Bootfrage aus. Ich hatte den Eindruck, da ihm die
Entscheidung einen schweren Stein vom Herzen genommen habe. Er sprach
witzig und geistreich ber seine Unterhaltung mit Herrn Gerard. Wenn man
Politik machen wolle, msse man vor allem wissen, worauf es dem anderen
ankomme; denn Politik sei nun einmal ein zweiseitiges Geschft. Gerards
uerungen htten ihm besttigt, da Wilson eine Leiter zu der neuen
Prsidentschaft suche. Da wollten wir ihm lieber die Friedensleiter
hinstellen als die Kriegsleiter, die uns schlielich auf den eigenen
Kopf fallen werde.

Unsere Antwortnote wurde am 4. Mai dem amerikanischen Botschafter
berreicht. Sie stellte gegenber dem Appell der Unionsregierung an
die geheiligten Grundstze der Menschlichkeit und des Vlkerrechtes
fest, da es nicht die deutsche, sondern die britische Regierung
gewesen ist, die diesen furchtbaren Krieg unter Miachtung aller
zwischen den Vlkern vereinbarten Rechtsnormen auf Leben und Eigentum
der Nichtkmpfer ausgedehnt hat, und zwar ohne jede Rcksicht auf die
durch diese Art der Kriegfhrung schwer geschdigten Interessen und
Rechte der Neutralen. Bei dieser Sachlage knne die deutsche Regierung
nur erneut ihr Bedauern darber aussprechen, da die humanitren
Gefhle der amerikanischen Regierung, die sich mit so groer Wrme
den bedauernswerten Opfern des U-Bootkrieges zuwendeten, sich nicht
mit der gleichen Wrme auch auf die vielen Millionen von Frauen und
Kindern erstreckten, die nach der erklrten Absicht der englischen
Regierung in den Hungertod getrieben werden sollten. Die deutsche
Regierung, und mit ihr das deutsche Volk, htten fr dieses ungleiche
Empfinden um so weniger Verstndnis, als sie zu wiederholten Malen
sich ausdrcklich bereit erklrt habe, sich mit der Anwendung der
U-Bootwaffe streng an die vor dem Krieg anerkannten vlkerrechtlichen
Normen zu halten, falls England sich dazu bereit finde, diese Normen
ebenfalls seiner Kriegfhrung zugrundezulegen. Wenn die deutsche
Regierung sich trotzdem zu einem uersten Zugestndnis entschliee,
so sei fr sie entscheidend der Gedanke an das schwere Verhngnis, mit
dem eine Ausdehnung und Verlngerung dieses grausamen und blutigen
Krieges die gesamte zivilisierte Menschheit bedrohe. Das Bewutsein der
Strke hat es der deutschen Regierung erlaubt, zweimal im Laufe der
letzten Monate ihre Bereitschaft zu einem Deutschlands Lebensinteressen
sichernden Frieden offen und vor aller Welt zu bekunden. Sie hat damit
zum Ausdruck gebracht, da es nicht an ihr liegt, wenn den Vlkern
Europas der Friede noch lnger vorenthalten bleibt. Mit um so strkerer
Berechtigung darf die deutsche Regierung aussprechen, da es vor
der Menschheit und der Geschichte nicht zu verantworten wre, nach
einundzwanzigmonatiger Kriegsdauer die ber den U-Bootkrieg entstandene
Streitfrage eine den Frieden zwischen dem deutschen und amerikanischen
Volke ernstlich bedrohende Wendung nehmen zu lassen. Einer solchen
Entwicklung will die deutsche Regierung, soweit es an ihr liegt,
vorbeugen. Sie will gleichzeitig ein letztes dazu beitragen, um --
solange der Krieg noch dauert -- die Beschrnkung der Kriegfhrung auf
die kmpfenden Streitkrfte zu ermglichen, ein Ziel, das die Freiheit
der Meere einschliet, und in dem sich die deutsche Regierung mit der
Regierung der Vereinigten Staaten auch heute noch einig glaubt. Von
diesem Gedanken geleitet, teilt die deutsche Regierung der Regierung der
Vereinigten Staaten mit, da Weisung an die deutschen Seestreitkrfte
ergangen ist, in Beobachtung der allgemeinen vlkerrechtlichen
Grundstze ber Anhaltung, Durchsuchung und Zerstrung von
Handelsschiffen auch innerhalb des Seekriegsgebietes Kauffahrteischiffe
nicht ohne Warnung und Rettung der Menschenleben zu versenken, es sei
denn, da sie flchten oder Widerstand leisten.

Der Schlu der Note sprach die Erwartung aus, da die neue Weisung
an die deutschen Seestreitkrfte auch in den Augen der Regierung der
Vereinigten Staaten jedes Hindernis fr die Verwirklichung der in
der Note vom 23. Juli 1915 angebotenen Zusammenarbeit zu der noch
whrend des Krieges zu bewirkenden Wiederherstellung der Freiheit der
Meere aus dem Wege rumt; die deutsche Regierung zweifle nicht, da
die amerikanische Regierung nunmehr bei der britischen Regierung die
Beobachtung der vlkerrechtlichen Normen der Seekriegfhrung verlangen
und durchsetzen werde. Sollten die Schritte der Vereinigten Staaten
nicht zu dem gewollten Erfolge fhren, den Gesetzen der Menschlichkeit
bei allen kriegfhrenden Nationen Geltung zu verschaffen, so wrde die
deutsche Regierung sich einer neuen Sachlage gegenbersehen, fr die sie
sich die volle Freiheit der Entschlieung vorbehalten mu.

Die Note brachte also die Zurckfhrung des U-Bootkrieges auf die
vlkerrechtlich anerkannten Formen des Kreuzerkrieges. Das Zugestndnis
wurde jedoch nicht fr alle Zeit gemacht; vielmehr behielt sich die
deutsche Regierung freie Hand vor fr den Fall, da es Amerika nicht
gelingen sollte, England zu einer Anpassung seiner Seekriegfhrung an
das Vlkerrecht zu bewegen.

Damit war bis auf weiteres die Krisis in unserem Verhltnis zu den
Vereinigten Staaten beigelegt.

Mehr war nicht erreicht.

Da seit dem verflossenen Juli Wilsons Bereitwilligkeit, mit uns zur
Wiederherstellung der Freiheit der Meere zu kooperieren, zum mindesten
stark abgeflaut war, zeigte die amerikanische Antwort auf unsere
Note. Diese vom 10. Mai 1916 datierte Antwort nahm Notiz von unseren
Erklrungen und fgte hinzu:

Die Regierung der Vereinigten Staaten hlt es fr notwendig, zu
erklren, da sie es fr ausgemacht ansieht, da die Kaiserliche
Regierung nicht beabsichtigt, zu verstehen zu geben, da die
Aufrechterhaltung der neu angekndigten Politik in irgendeiner Weise
von dem Verlauf oder Ergebnis diplomatischer Verhandlungen zwischen der
Regierung der Vereinigten Staaten und irgendeiner anderen kriegfhrenden
Regierung abhnge, obwohl einige Stellen in der Note der Kaiserlichen
Regierung vom 4. d. M. einer solchen Auslegung fhig sein knnten. Um
jedoch die Mglichkeit eines Miverstndnisses zu vermeiden, teilt die
Regierung der Vereinigten Staaten der Kaiserlichen Regierung mit, da
sie keinen Augenblick den Gedanken in Betracht ziehen, geschweige denn
errtern kann, da die Achtung der Rechte amerikanischer Brger auf
hoher See von seiten der deutschen Marinebehrden in irgendeiner Weise
oder im geringsten Grad von dem Verhalten irgendeiner anderen Regierung,
das die Rechte der Neutralen und Nichtkmpfenden berhrt, abhngig
gemacht werden sollte. Die Verantwortlichkeit in diesen Dingen ist
getrennt, nicht gemeinsam, absolut, nicht relativ.

In welchem Mae die Westmchte von der deutsch-amerikanischen Spannung
glaubten profitieren zu drfen, ergibt sich daraus, da die britische
Regierung am 24. April 1916 die amerikanischen Vorstellungen vom
5. November 1915 wegen der Vlkerrechtswidrigkeit der britischen
Seekriegfhrung durchweg ablehnend beantwortete und da am 7. Juli 1916
die britische und franzsische Regierung gemeinsam den neutralen Mchten
mitteilten, da sie sich an die bisher schon von ihnen immer weiter
durchlcherte Londoner Deklaration nicht mehr fr gebunden hielten.


        Die Bemhungen Bethmann Hollwegs um einen amerikanischen
                             Friedensschritt

Im weiteren Verlauf der Dinge griffen U-Bootfrage und Friedensfrage
ineinander ber. Es scheint mir, angesichts des falschen Bildes, das bei
manchen Politikern und wohl auch in einem groen Teile der ffentlichen
Meinung von den wechselseitigen Beziehungen dieser beiden Fragen
entstanden ist, am Platze zu sein, da ich versuche, die verschlungenen
Fden, soweit ich es vermag, zu entwirren.

Schon bei den Berliner Besprechungen ber die an die amerikanische
Regierung zu gebende Antwort auf die U-Bootnote vom 20. April
entwickelte der Reichskanzler den Gedanken, unser kaum mehr zu
vermeidendes Zugestndnis nicht nur zur Beseitigung der akuten
Konfliktsgefahr, sondern womglich zur Anbahnung des Friedens zu
benutzen. Die in der letzten Zeit nach verschiedenen anderen Richtungen
hin ausgestreckten Fhler hatten kein Ergebnis gehabt oder drohten
ergebnislos zu bleiben. Dem Prsidenten Wilson traute der Kanzler
zu, da es ihn reizen knne, die groe weltgeschichtliche Rolle
des Friedensstifters zu spielen. Auf diesen Gedanken des Kanzlers
geht der oben wiedergegebene Hinweis auf unsere wiederholt gezeigte
Friedensbereitschaft in unserer Note vom 4. Mai zurck. Der Kanzler
hat auch in Unterhaltungen mit Herrn Gerard diesen Punkt berhrt. Herr
Gerard erzhlt in seinem Buch, der Kanzler habe ihm bei seinem Abschied
vom Groen Hauptquartier gesagt: Ich hoffe, da, wenn wir jetzt diese
Sache in Ordnung bringen, Ihr Prsident gro genug sein wird, die
Frage des Friedens aufzunehmen. Herr Gerard erzhlt weiter, da auch
spterhin der Kanzler bei verschiedenen Gelegenheiten ihm vorgefhrt
habe, da Amerika etwas fr den Frieden tun msse, und da, wenn
nichts geschehe, die ffentliche Meinung in Deutschland sicherlich die
Wiederaufnahme des uneingeschrnkten U-Bootkrieges erzwingen werde.

Mir gegenber hat der Kanzler von einem Schritt bei Wilson, um diesen
zu einer auf den Frieden gerichteten Aktion zu bestimmen, zum ersten
Male gesprochen, als ich am 31. August 1916 nach der Kriegserklrung
Rumniens und nach der Ernennung Hindenburgs zum Chef des Generalstabs
des Feldheeres zusammen mit dem Staatssekretr von Jagow im Groen
Hauptquartier eintraf. Der Kanzler, der schon zwei Tage vorher nach
Ple gereist war, entwarf uns ein Bild der Lage, die er trotz der
Zuversicht Hindenburgs und Ludendorffs als auerordentlich schwer ansah.
Wir mten alles tun, um zum Frieden zu kommen. Der einzige Weg, den
er berhaupt noch sehe, fhre ber Wilson, und dieser Weg msse, auch
wenn die Aussichten ungewi seien, beschritten werden. Wilson habe
allein bei unseren Gegnern die groe Position, die fr einen wirksamen
Friedensschritt ntig sei. Wir mten Wilson sagen, da wir bereit
seien, Belgien herauszugeben, unter dem Vorbehalt, unsere Beziehungen
zu Belgien nach dessen Restitution durch unmittelbare Verhandlungen zu
ordnen.

Der Gedanke wurde zwischen dem Kanzler, Herrn von Jagow und mir
eingehend errtert. Mir schien gegen eine Anrufung Wilsons zu sprechen,
da dieser im bisherigen Verlaufe des Krieges eine stets wachsende
Voreingenommenheit zugunsten der Westmchte und ein geringes Verstndnis
fr unsere deutschen Verhltnisse und Lebensbedrfnisse gezeigt hatte;
sein Verhalten seit dem Beginn des Jahres 1916 schien mir keinen Zweifel
mehr an seinen Gesinnungen uns gegenber zu gestatten. Auch frchtete
ich, da Wilson, wenn wir ihm die Friedensvermittlung in die Hand gben,
uns vor eine internationale Konferenz fhren wrde, in der unsere
Feinde ber uns zu Gericht sen. Von der malosen Unpopularitt einer
Anrufung Wilsons als Friedensvermittler sprach ich nicht; ich wute, da
der Kanzler sich darber ganz im klaren war, da aber solche Erwgungen
ihn nicht bestimmen wrden. Eine Verstndigung mit Ruland auf Kosten
Polens, ber dessen knftigen Status der Kanzler und Jagow kurz zuvor
in Wien verhandelt hatten, ntigenfalls sogar unter Zugestndnissen in
dem von den Russen wieder besetzten Ostgalizien, zu denen sich unser
sterreichisch-ungarischer Verbndeter, wenn es nicht anders gehe,
bereit finden msse, erschien mir immer noch als der fr uns gnstigste
Weg zum Frieden. Der Kanzler glaubte jedoch nach dieser Richtung hin
kaum mehr eine Hoffnung zu sehen, nachdem alle Sondierungen gescheitert
waren, auch die im Einverstndnis mit unserm trkischen Bundesgenossen
gemachten Andeutungen einer den russischen Wnschen entgegenkommenden
Regelung der Meerengenfrage. Herr von Jagow pflichtete dem Kanzler bei.

In der Tat lie der Kanzler in der ersten Septemberwoche an den
Grafen Bernstorff nach Washington telegraphieren, um ihn ganz
persnlich um seine Ansicht ber Wilson als Friedensvermittler zu
befragen. Graf Bernstorff antwortete, da vor der Anfang November
stattfindenden Prsidentenwahl von Wilson nichts zu erwarten sei; werde
er wiedergewhlt, wofr die Wahrscheinlichkeit spreche, dann werde
er wohl die Friedensvermittlung in die Hand nehmen, da er berzeugt
zu sein scheine, Amerikas Interesse verlange, da keine der beiden
Mchtegruppen zu Boden geworfen werde.

Herr Gerard will dann im Laufe des September von Herrn von Jagow
gedrngt worden sein, mit seiner Frau, die fr kurze Zeit nach Amerika
gehen wollte, zusammen zu reisen, um den Prsidenten zu bestimmen, etwas
fr den Frieden zu tun. Wie weit das richtig ist, vermag ich nicht zu
sagen.

Jedenfalls war der Eifer des Prsidenten, auf unseren Wunsch einen
Schritt zur Herbeifhrung des Friedens zu unternehmen, nicht allzu gro,
obwohl er bei den Prsidentenwahlen fr sich als den Friedensmacher
Propaganda machen lie. Auch nachdem er Anfang November wiedergewhlt
worden war, beeilte er sich nicht, irgend etwas zugunsten des Friedens
zu tun oder auch nur die deutsche Regierung in irgendeiner Weise wissen
zu lassen, da er beabsichtige, mit einem Friedensschritt in naher
Zeit hervorzutreten. Der amerikanische Geschftstrger in Berlin, Herr
Grew, wich jeder Sondierung aus, indem er die Frage des zwangsweisen
Abtransports der belgischen Arbeitslosen, bei dem bedauerliche
Migriffe vorgekommen waren, zum Mittelpunkt der deutsch-amerikanischen
Beziehungen machte. Herr Gerard berichtet in seinem Buche, da er
den Prsidenten Wilson gesprochen habe, ehe er am 4. Dezember die
Rckreise nach Deutschland antrat. Sein Eindruck sei gewesen, da der
Prsident vor allem anderen wnschte, Frieden zu halten und Frieden
zu machen. Natrlich, so fhrt Herr Gerard fort, war diese Frage
des Friedenmachens eine sehr heikle. Ein direktes Angebot von unserer
Seite konnte uns derselben Behandlung aussetzen, die wir Grobritannien
whrend des Brgerkrieges angedeihen lieen, als Grobritannien
Erffnungen zum Zweck der Herbeifhrung des Friedens machte und die
Nordstaaten eine Antwort gaben, die darauf hinauskam, da die britische
Regierung sich um ihre eigenen Angelegenheiten kmmern solle, da sie
keine Einmischung dulden und weitere Erffnungen als unfreundliche
Handlungen betrachten wrden. Die Deutschen haben diesen Krieg begonnen
ohne irgendeine Befragung der Vereinigten Staaten, und dann schienen
sie zu denken, da sie ein Recht htten, zu verlangen, die Vereinigten
Staaten sollten Frieden fr sie machen zu solchen Bedingungen und zu
solcher Zeit, wie es ihnen, den Deutschen, gut scheine; da ferner, wenn
wir das nicht tten, sie das Recht htten, alle Regeln der Kriegfhrung
zu verletzen und Brger der Vereinigten Staaten auf hoher See zu
ermorden. Nichtsdestoweniger glaube ich, da der Prsident geneigt war,
in der Herbeifhrung des Friedens sehr weit zu gehen.

Aus diesen Ausfhrungen des Herrn Gerard ergibt sich das eine mit
Sicherheit, da der Prsident Wilson, als Herr Gerard am 4. Dezember
1916 Amerika wieder verlie, sich noch zu keinem bestimmten Schritt
zugunsten des Friedens entschlossen hatte und da Herr Gerard keine
Antwort auf die von Herrn von Bethmann und Herrn von Jagow gemachten
Erffnungen mit auf den Weg bekam. Ferner geben die Bemerkungen des
Herrn Gerard einen Einblick in den Geist, in dem unsere Anregung, der
Prsident mchte eine Initiative zugunsten des Friedens ergreifen, zum
mindesten von Herrn Gerard aufgefat worden ist.


           Der deutsche und der amerikanische Friedensschritt

Am 23. Oktober 1916 hielt Lord Grey bei einem Pressefestmahl eine
auffallende Rede. Er beschftigte sich zunchst wieder einmal mit den
Kriegsursachen, wobei er wiederum alle Schuld auf Deutschland abzuwlzen
versuchte; dann ging er mit einer Verbeugung vor Wilson und Hughes, den
beiden amerikanischen Prsidentschaftskandidaten, ber zu einem Hymnus
auf Vlkerbund und Schiedsgerichte als die Pfeiler des Systems, das in
Zukunft die Entstehung neuer Kriege verhindern msse.

Der Bericht ber die Rede lag in Berlin am 25. Oktober vor. Der Kanzler
war durch die Rede stark beeindruckt. Er fand sie sehr geschickt auf die
Mentalitt der Neutralen, insbesondere der Amerikaner, zugeschnitten,
aber auch auf die Stimmung der kriegfhrenden Vlker, die sich aus dem
Zerstren und Morden nach einem besseren Zustand des Zusammenlebens der
Vlker sehnten. Der Krieg habe die Idee eines Vlkerbundes und der
Schiedsgerichte ohne Zweifel mchtig gestrkt. Auch nach seiner Ansicht
gehre dieser Idee die Zukunft. Er habe das Gefhl, da in dieser Sache
die deutsche Politik nicht beiseite stehen drfe. Er msse jedenfalls in
diesem Sinn auf die Rede Greys antworten.

Mir schien die Frage der Verhinderung knftiger Kriege so lange im
zweiten Rang zu stehen, als die Frage der Beendigung des jetzigen
Krieges noch nicht gelst sei. Die beste Antwort auf Grey schien mir
eine solche zu sein, die Grey auf diese praktische Frage stellte.
Zwei Tage zuvor war Constantza von unsern Truppen genommen worden; am
Vormittag hatte ein Telegramm die Einnahme von Cernavoda gemeldet. Der
rumnische Feldzug nherte sich seinem Ende. Unsere Feinde waren im
Begriff, abermals eine Hoffnung zu verlieren. Der Winter, und damit der
dritte Winterfeldzug, stand vor der Tr. Wenn irgendein Zeitpunkt seit
Beginn des Krieges die Regierungen und die Vlker zum Nachdenken stimmen
mute, ob es sich lohne, den Krieg fortzusetzen, so war es der jetzige.
Ich empfahl, zu berlegen, ob die Gesamtlage uns nicht das Recht und
die Pflicht gebe, ein offenes Friedenswort zu sprechen, auf das unsere
Feinde antworten mten; etwa die Aufforderung an die Kriegfhrenden, zu
einer Besprechung ber die Mglichkeit eines Friedens zusammenzutreten,
der Ehre, Dasein und Entwicklungsfreiheit aller wahre.

Der Kanzler erwrmte sich fr den Gedanken und entschlo sich, sofort
zum Kaiser zu fahren, der damals in Potsdam weilte. Im Begriff ins Auto
zu steigen, erhielt er die Nachricht von dem erfolgreichen Vorsto der
Franzosen vor Verdun auf das Fort Douaumont. Das war ein Dmpfer auf die
rumnische Freude, aber mit solchen Zwischenfllen mu man im Kriege
immer rechnen.

Der Kaiser war sofort einverstanden. Der Kanzler reiste noch am
gleichen Abend nach dem Groen Hauptquartier, um sich mit dem
Generalfeldmarschall von Hindenburg zu besprechen. Der Feldmarschall
wollte sich nicht gegen die Anregung stellen und erklrte, er knne
jedenfalls keine Aussicht erffnen, da nach Beendigung des rumnischen
Feldzugs, die in einigen Wochen zu erwarten sei, im Winter oder
im nchsten Frhjahr ein entscheidender, den Frieden militrisch
erzwingender Schlag gefhrt werden knne.

Nun wurde der Gesandte von Stumm nach Wien geschickt, um das
Einverstndnis unseres sterreichisch-ungarischen Bundesgenossen
zu sichern. An der grundstzlichen Zustimmung war um so weniger zu
zweifeln, als Baron Burian, wie mir der Kanzler sagte, selbst schon bei
frheren Gelegenheiten ein hnliches Vorgehen angeregt hatte.

Nachdem auf dieser Grundlage der Kanzler dem Kaiser nochmals vorgetragen
hatte, schrieb der Kaiser an den Kanzler nachstehenden eigenhndigen
Brief:

                                              Neues Palais, 31. 10. 16.

                          Mein lieber Bethmann!

Unser Gesprch habe ich noch nachher grndlich berdacht. Es ist klar,
die in Kriegspsychose befangenen, von Lug und Trug im Wahne des Kampfes
und im Ha gehaltenen Vlker unserer Feinde haben keine Mnner, die
imstande wren, die den moralischen Mut besen, das befreiende Wort
zu sprechen. Den Vorschlag zum Frieden zu machen, ist eine sittliche
Tat, die notwendig ist, um die Welt -- auch die Neutralen -- von dem
auf allen lastenden Druck zu befreien. Zu einer solchen Tat gehrt ein
Herrscher, der ein Gewissen hat und sich Gott verantwortlich fhlt, und
ein Herz fr seine und die feindlichen Menschen, der unbekmmert um die
eventuellen absichtlichen Mideutungen seines Schrittes den Willen hat,
die Welt von ihren Leiden zu befreien. Ich habe den Mut dazu, ich will
es auf Gott wagen. Legen Sie mir bald die Noten vor und machen Sie alles
bereit.

                                                          Wilhelm I. R.

Die folgenden Wochen waren ausgefllt mit Verhandlungen mit unseren
Verbndeten ber die Grundlinien der bei einer Friedensbesprechung zu
erstrebenden Ziele, ber die Art des gemeinschaftlichen Vorgehens, ber
den Text der ber unsere Friedensbereitschaft zu erlassenden Kundmachung
oder der an die Alliierten zu bergebenden Note.

In der Zwischenzeit antwortete der Reichskanzler im Hauptausschu
des Reichstags am 9. November 1916 auf die Rede Greys. Er widerlegte
Greys Darstellung der Schuldfrage und stellte sich mit viel bemerktem
Nachdruck auf den Boden des Vlkerbundes und der Schiedsgerichte.
Von dem geplanten Vorschlag zu Friedensverhandlungen sprach er noch
nicht. Mit unseren Verbndeten hatte man sich dahin geeinigt, da der
Friedensschritt unternommen werden sollte, sobald durch den in kurzem zu
erwartenden Fall von Bukarest die Abwendung der rumnischen Gefahr fr
jedermann offenkundig geworden sei.

Da irgendwelche Rcksichten auf den Prsidenten Wilson ein Hindernis
fr einen unmittelbaren Friedensschritt sein knnten, ist mir
gegenber in den vielfachen Besprechungen, die in dieser Angelegenheit
stattfanden, von keinem der Herren, die an der Sondierung Wilsons
beteiligt waren, jemals erwhnt worden. Bisher war auf die schon
Anfang Mai von Herrn von Bethmann gegenber Herrn Gerard gemachte
Andeutung keinerlei Antwort erfolgt. Das Anfang September an den
Grafen Bernstorff gerichtete Telegramm hatte diesen auch nicht etwa
beauftragt, bei Herrn Wilson oder der amerikanischen Regierung
irgendeinen Schritt zu unternehmen, der die deutsche Regierung in ihrer
eigenen Bewegungsfreiheit htte binden knnen, sondern ihn nur um
eine persnliche Meinungsuerung ber Wilsons Geneigtheit zu einem
Friedensschritt ersucht. Die Mglichkeit, da Wilson nach seiner am 6.
November 1916 erfolgten Neuwahl zum Prsidenten irgend etwas zugunsten
des Friedens tun werde, konnte uns, solange mit uns keine Vereinbarungen
darber getroffen oder uns nicht wenigstens die bestimmte Absicht
eines Vorgehens mitgeteilt war, nicht das Recht der eigenen Initiative
beschrnken noch uns der Verpflichtung berheben, nach anderen Wegen,
die zum Frieden fhren konnten, Ausschau zu halten und einen uns
geeignet erscheinenden Zeitpunkt unsererseits fr eine Friedensaktion zu
benutzen.

In der Tat geht aus der oben wiedergegebenen Stelle des Gerardschen
Buches hervor, da Herr Wilson am 4. Dezember, also vier Wochen nach
seiner Wiederwahl, jedenfalls noch keinen bestimmten Schritt zugunsten
des Friedens ins Auge gefat hatte und sich seinerseits uns gegenber in
der Friedensfrage in keiner Weise gebunden fhlte.

Ich erwhne dies ausdrcklich, weil spterhin bei uns in Deutschland
behauptet worden ist, die deutsche Politik habe dem Prsidenten Wilson
gegenber ein doppeltes Spiel gespielt, indem sie ihn zuerst um eine
Friedensvermittlung ersucht habe, und dann, nachdem Herr Wilson sich
hierzu bereitgefunden, mit einer eigenen Aktion vorgegangen sei.

Persnlich erschien es mir fr die deutsche Regierung durchaus
erwnscht, die Initiative zum Frieden in der eigenen Hand zu behalten;
denn ich konnte das Unbehagen gegenber dem Gedanken einer Fhrung
Wilsons in den Friedensangelegenheiten nicht berwinden. Auerdem
konnte ich mir, so wenig es mir lag, im Strom der ffentlichen Meinung
zu schwimmen, nicht verhehlen, da die Stimmung in Heer und Volk gegen
Amerika ein immer ernstlicheres Hindernis fr eine amerikanische
Friedensaktion geworden war. Es kam schlielich doch auch darauf an,
da der erste Schritt zum Frieden vom eigenen Volk mglichst einmtig
untersttzt und nicht von vornherein aus Gefhlen heraus, deren
Berechtigung nicht abzustreiten war, einer starken Anfeindung ausgesetzt
wurde. Die Tatsache, da Amerikas Verhalten gegenber dem deutschen
Volke in dem Kampf um sein Dasein nur eine formelle Neutralitt, in der
Sache aber eine starke Begnstigung unserer Gegner war, lag klar vor
jedermanns Augen. Wilson war uns bei der Ausnutzung unserer U-Bootwaffe
gegen England in den Weg getreten. Das war sein formelles Recht; aber
die Ausbung dieses Rechtes uns gegenber involvierte zum mindesten die
moralische Verpflichtung, auch England gegenber mit gleich scharfen
Mitteln auf der strengen Beobachtung des Vlkerrechtes zu bestehen. Seit
lnger als sechs Monaten hatten wir in der U-Bootfrage nachgegeben; aber
die amerikanische Regierung hatte noch keinerlei Anstalten gemacht,
nun auch England auf den Boden des Vlkerrechtes zurckzufhren. Die
Erbitterung bei uns wurde gesteigert durch immerzu wachsende Mengen
von Kriegsgert und Munition, die Amerika der Entente lieferte. Die
Gerechtigkeit, die Herr Wilson noch im Februar 1914 dem Mexikaner
Carranza hatte zuteil werden lassen, indem er angesichts der materiellen
Unmglichkeit der Waffenlieferung an den von der Kste abgeschnittenen
Carranza auch die Waffenlieferung an dessen Gegner Huerta verbot,
enthielt er Deutschland und seinen Verbndeten vor. Die vlkerrechtliche
Sophistik, mit der die Regierung der Vereinigten Staaten diese
Papierneutralitt begrndete, wollte unserem Volke nicht in den Kopf.
Zumal der Feldgraue, den amerikanische Geschosse berschtteten, sah
nur die gewaltige Untersttzung, die Amerika einseitig unseren Feinden
gewhrte.

Am 6. Dezember 1916 fiel Bukarest. Damit war der Zeitpunkt fr die
Friedensaktion gekommen.

Am 12. Dezember bergab der Reichskanzler den Vertretern der neutralen
Mchte, die den Schutz unserer Interessen in den uns feindlichen Staaten
bernommen hatten, eine Note mit dem Ersuchen um bermittlung an die mit
uns im Kriege liegenden Staaten. Das gleiche geschah um dieselbe Zeit in
Wien, Konstantinopel und Sofia. Dem Reichstag machte der Reichskanzler,
nachdem tags zuvor die Parteifhrer verstndigt worden waren, alsbald
Mitteilung von dem vollzogenen Schritt. Nach einem kurzen und wirksamen
berblick ber die Lage fhrte er aus:

Nach der Verfassung lag am 1. August 1914 auf Seiner Majestt dem
Kaiser persnlich der schwerste Entschlu, den je ein Deutscher zu
fassen gehabt hat, der Befehl der Mobilmachung, der ihm durch die
russische Mobilmachung abgerungen wurde. Whrend der langen und
schweren Kriegsjahre bewegte den Kaiser der einzige Gedanke, wie einem
festgesicherten Deutschland nach siegreich gefochtenem Kampfe wieder
der Friede bereitet werde. Niemand kann das besser bezeugen als ich,
der ich die Verantwortung fr alle Regierungshandlungen trage. Im
tiefsten sittlichen und religisen Pflichtgefhl gegen sein Volk und
darber hinaus gegen die Menschheit hlt der Kaiser jetzt den Zeitpunkt
fr eine offizielle Friedensaktion fr gekommen. Seine Majestt hat
deshalb in vollem Einvernehmen und in Gemeinschaft mit seinen hohen
Verbndeten den Entschlu gefat, den feindlichen Mchten den Eintritt
in Friedensverhandlungen vorzuschlagen.

Der Kanzler verlas nunmehr die Note, die angesichts ihrer Bedeutung fr
die Friedensfrage hier im vollen Wortlaut Platz finden mge:

    Der furchtbarste Krieg, den je die Geschichte gesehen hat, wtet
    bald seit zwei und einem halben Jahre in einem groen Teil der Welt.
    Diese Katastrophe, die das Band einer gemeinsamen, tausendjhrigen
    Zivilisation nicht hat aufhalten knnen, trifft die Menschheit in
    ihren wertvollsten Errungenschaften. Sie droht, den geistigen
    und materiellen Fortschritt, der den Stolz Europas zu Beginn des
    zwanzigsten Jahrhunderts bildete, in Trmmer zu legen.

    Deutschland und seine Verbndeten, sterreich-Ungarn, Bulgarien
    und die Trkei, haben in diesem Kampfe ihre unberwindliche Kraft
    erwiesen. Sie haben ber ihre an Zahl und Kriegsmaterial berlegenen
    Gegner gewaltige Erfolge errungen. Unerschtterlich halten ihre
    Linien den immer wiederholten Angriffen der Heere ihrer Feinde
    stand. Der jngste Ansturm im Balkan ist schnell und siegreich
    niedergeworfen worden; die letzten Ereignisse beweisen, da auch
    eine weitere Fortdauer des Krieges ihre Widerstandskraft nicht zu
    brechen vermag, da vielmehr die gesamte Lage zur Erwartung weiterer
    Erfolge berechtigt.

    Zur Verteidigung ihres Daseins und ihrer nationalen
    Entwicklungsfreiheit wurden die vier verbndeten Mchte gezwungen,
    zu den Waffen zu greifen. Auch die Ruhmestaten ihrer Heere
    haben daran nichts gendert. Stets haben sie an der berzeugung
    festgehalten, da ihre eigenen Rechte und begrndeten Ansprche in
    keinem Widerspruch zu den Rechten der anderen Nationen stehen. Sie
    gehen nicht darauf aus, ihre Gegner zu zerschmettern oder gar zu
    vernichten.

    Getragen von dem Bewutsein ihrer militrischen und
    wirtschaftlichen Kraft und bereit, den ihnen aufgezwungenen Kampf
    ntigenfalls bis zum uersten fortzusetzen, zugleich aber von dem
    Wunsch beseelt, weiteres Blutvergieen zu verhten und den Greueln
    des Krieges ein Ende zu machen, schlagen die vier verbndeten Mchte
    vor, alsbald in Friedensverhandlungen einzutreten. Die Vorschlge,
    die sie zu diesen Verhandlungen mitbringen werden und die darauf
    gerichtet sind, Dasein, Ehre und Entwicklungsfreiheit ihrer Vlker
    zu sichern, bilden nach ihrer berzeugung eine geeignete Grundlage
    fr die Herstellung eines dauerhaften Friedens.

    Wenn trotz dieses Anerbietens zu Frieden und Vershnung der Kampf
    fortdauern sollte, so sind die vier verbndeten Mchte entschlossen,
    ihn bis zum siegreichen Ende zu fhren. Sie lehnen aber feierlich
    jede Verantwortung dafr vor der Menschheit und der Geschichte ab.

Am gleichen Tage wurde ein Kaiserlicher Armeebefehl erlassen, der
lautete:

    Soldaten! In dem Gefhl des Sieges, den Ihr durch Eure Tapferkeit
    errungen habt, haben Ich und die Herrscher der treu verbndeten
    Staaten dem Feinde ein Friedensangebot gemacht. Ob das damit
    verbundene Ziel erreicht wird, bleibt dahingestellt. Ihr habt
    weiterhin mit Gottes Hilfe dem Feind standzuhalten und ihn zu
    schlagen.

Die Aufnahme, die der Friedensvorschlag in Deutschland fand, war nicht
einheitlich zustimmend. In den konservativen und berwiegend auch in
den nationalliberalen Kreisen frchtete man, der Vorschlag knne im
Ausland als Schwchezeichen ausgelegt werden und die Wirkung unserer
Siege in Rumnien beeintrchtigen. In den Kreisen derjenigen, die an
sich den Friedensvorschlag als einen ernsthaften Versuch, Deutschland
und die Welt von dem Elend des Krieges zu befreien, aufrichtig
willkommen hieen, bemngelte man vielfach, da in dem Vorschlag unsere
konkreten Friedensbedingungen nicht aufgezhlt waren.

Beide Ausstellungen halte ich auch heute noch fr unberechtigt.

Es handelte sich darum, entweder zum Frieden zu kommen, oder vor der
ganzen Welt, sowohl vor dem eigenen Volke, wie vor den Vlkern der
Neutralen und unserer Feinde die Verantwortlichkeit fr die Fortdauer
des Krieges festzustellen. Wenn der Krieg weitergehen sollte, dann
brauchte vor allem unser eigenes Volk angesichts des ungeheueren auf ihm
lastenden Druckes eine moralische Rckenstrkung in dem Bewutsein, da
es nicht an uns lag, wenn Friedensverhandlungen nicht zustandekamen. Die
Gefahr, da unsere Feinde unser Angebot als Schwche auffassen knnten,
durfte demgegenber nicht den Ausschlag geben; durch die Wahl des
Zeitpunktes war zudem dieser Gefahr nach Mglichkeit vorgebeugt worden.

Eine ffentliche Enthllung unserer einzelnen Friedensbedingungen
wre, solange die grundstzliche Bereitwilligkeit unserer Feinde,
mit uns ber einen Ehre, Dasein und Entwicklungsfreiheit unseres
Volkes wahrenden Frieden zu sprechen, nicht vorlag, das Gegenteil von
Zweckmigkeit gewesen. Wir htten uns ganz einseitig festgelegt, uns
dadurch gegenber unseren Gegnern stark in Nachteil gesetzt und jede
Verhandlung ber die einmal ffentlich genannten Punkte auerordentlich
erschwert. Es ist leicht, ber die Geheimdiplomatie zu schelten. Aber
solange die menschliche Natur sich nicht von Grund aus gendert hat,
wird der Zweck einer jeden Verhandlung, nmlich die Verstndigung, in
vertraulichen Beratungen stets leichter zu erreichen sein, als wenn der
Ringkampf der Verhndler sich vor den Augen der ffentlichkeit abspielt.
Wenn unsere Feinde berhaupt Neigung hatten, mit uns ber einen Frieden
zu sprechen, so mute es ihnen gengen, da unsere Friedensnote klar
aussprach: Der Krieg ist fr uns ein Verteidigungskrieg geblieben;
fr uns kommt es darauf an, Ehre, Dasein und Entwicklungsfreiheit
unserer Vlker zu sichern; unsere Rechte und Ansprche stehen in keinem
Widerspruch zu den Rechten der anderen Nationen.

Aber die Neigung, mit uns ber den Frieden zu sprechen, bestand bei
unseren Feinden nicht. Die Ziele, die sie verfolgten und unbeachtet
aller Opfer und Rckschlge zh im Auge behielten, waren mit der
Verteidigung unseres Besitzstandes, mit der Wahrung unserer Ehre,
unseres Daseins und unserer Entwicklungsfreiheit nicht vereinbar. Ihre
Regierungen frchteten, durch jede Einleitung eines Friedensgesprchs
den auf unsere Niederwerfung gerichteten Kriegswillen zu schwchen,
und deshalb hatten sie es ungemein eilig, unseren Vorschlag schroff
zurckzuweisen.

Schon am Tage nach unserem Friedensvorschlag, am 13. Dezember 1916
erklrte der franzsische Ministerprsident Briand unsere Aufforderung
zu Friedensverhandlungen fr ein Manver, um unter den Alliierten
Uneinigkeit zu sen, die Gewissen zu verwirren und die Vlker zu
demoralisieren. Am 16. Dezember wies der neue russische Minister des
Auswrtigen, Herr Pokrowsky, den Friedensvorschlag der Mittelmchte
mit Entrstung ab und stellte ihm das Ziel gegenber, das uns allen
am Herzen liegt: die Vernichtung des Feindes; alle die unzhligen
Opfer wrden umsonst gebracht sein, wenn man mit einem Feind, dessen
Krfte zwar geschwcht, aber nicht gebrochen seien, einen vorzeitigen
Frieden schliee. Am 18. Dezember beschwor der italienische Minister
des Auswrtigen, Herr Sonnino, die Kammer, nichts zu beschlieen, was
die Vermutung zuliee, da Italien in der Aufnahme des von Deutschland
gemachten hinterlistigen Schrittes eine von seinen Verbndeten
verschiedene Haltung einnehmen knnte. Am Tage darauf sprach Lloyd
George, der inzwischen Herrn Asquith als Ministerprsident ersetzt
hatte, in der gewohnten Weise ber den preuischen Militrdespotismus
und verlangte als Voraussetzung fr irgendwelche Friedensgesprche
von Deutschland vollstndige Wiederherstellung, volle Genugtuung und
wirksame Garantien.

Nun erschien auch der Prsident Wilson auf dem Plan.

Am 21. Dezember 1916 bergab der amerikanische Botschaftsrat in Berlin
dem Staatssekretr Zimmermann eine Note, die gleichlautend auch den
brigen kriegfhrenden Staaten zugestellt wurde.

Die Note enthielt eine Friedensanregung. Der Prsident der Vereinigten
Staaten schlug vor, da baldigst Gelegenheit genommen werde, von allen
jetzt kriegfhrenden Staaten ihre Ansichten ber ihre Bedingungen zu
erfahren, unter denen der Krieg zum Abschlu gebracht werden knnte
und ber die Vorkehrungen, die gegen die Wiederholung des Krieges
oder die Entfachung irgendeines hnlichen Konfliktes in der Zukunft
zufriedenstellende Brgschaft leisten knnten, so da sich die
Mglichkeit biete, sie offen zu vergleichen. Dem Prsidenten, so fuhr
die Note fort, ist die Wahl der zur Erreichung dieses Zieles geeigneten
Mittel gleich. Er ist gern bereit, zur Erreichung dieses Zweckes in
jeder annehmbaren Weise seinerseits dienlich zu sein oder sogar die
Initiative zu ergreifen; er wnscht jedoch nicht, die Art und Weise
und die Mittel zu bestimmen. Jeder Weg wird ihm genehm sein, wenn nur
das groe Ziel, das er im Auge hat, erreicht wird. Die Note wies
dann darauf hin, da die allgemeinen Ziele der beiden kriegfhrenden
Parteien nach den von ihren Staatsmnnern abgegebenen Erklrungen dem
Wesen nach die gleichen seien. Das Interesse der Vereinigten Staaten
an den knftigen Manahmen zum Schutz des Vlkerfriedens sei ebenso
gro, wie das irgendeines anderen Volkes. Das amerikanische Volk und
seine Regierung sehnten sich danach, bei der Erreichung dieses Zieles
mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln mitzuwirken. Aber erst
msse der Krieg beendet sein. Die konkreten Ziele, fr die der Krieg
gefhrt werde, seien niemals endgltig festgestellt worden. Der Welt
bleibe es berlassen zu vermuten, welche endgltigen Ergebnisse,
welcher tatschliche Austausch von Garantien, welche politischen oder
territorialen Vernderungen oder Verschiebungen, ja selbst welches
Stadium des militrischen Erfolges den Krieg zu Ende bringen wrde.
Der Prsident schlage keinen Frieden vor, er biete nicht einmal seine
Vermittlung an; er rege nur an, da man sondiere, damit die Neutralen
und die kriegfhrenden Staaten erfahren, wie nahe wohl das Ziel des
Friedens sein mag, nach dem die ganze Menschheit mit heiem und
wachsendem Begehren sich sehnt.

Dies war der sachliche Kern des Wilsonschen Friedensschritts.

An der Einkleidung dieses Kerns war bemerkenswert einmal die wiederholte
starke Betonung des Interesses der Vereinigten Staaten an der baldigen
Beendigung des Krieges, das sich schon daraus ergebe, da sie
offenkundig gentigt wren, Bestimmungen ber den bestmglichen Schutz
ihrer Interessen zu treffen, falls der Krieg fortdauern sollte;
ferner eine Bemerkung ber das Verhltnis der Wilsonschen Anregung zu
dem Friedensschritt der Zentralmchte. Der Prsident, so fhrte die
Note aus, habe sich schon lange mit dem Gedanken seines Vorschlages
getragen. Er mache ihn jetzt nicht ohne eine gewisse Verlegenheit, weil
es den Anschein haben knnte, als sei er angeregt von dem Wunsch, im
Zusammenhang mit dem jngsten Vorschlag der Zentralmchte eine Rolle
zu spielen. Tatschlich sei der Gedanke des Prsidenten in keiner
Weise auf diesen Vorschlag zurckzufhren, und der Prsident htte
mit seinem Vorschlage gewartet, bis der Vorschlag der Zentralmchte
beantwortet worden wre, wenn seine Anregung nicht auch die Frage des
Friedens betrfe, die am besten mit anderen dahingehenden Vorschlgen
errtert werde. Der Prsident stellte also die Unabhngigkeit seiner
Anregung von dem Vorschlag der Zentralmchte fest, empfahl aber eine
gemeinschaftliche Errterung.

In der Sache kam die Anregung des Prsidenten Wilson auf das gleiche
Ziel hinaus, das den Mittelmchten bei ihrem Friedensschritt
vorgeschwebt hatte: ein gegenseitiger Austausch der konkreten
Friedensbedingungen. Dieser Austausch mute, wenn eine einseitige
Festlegung des einen oder anderen Teiles vermieden werden sollte,
Zug um Zug erfolgen, nach der Ansicht der Mittelmchte am besten
in der elastischeren Form eines unmittelbaren und persnlichen
Gedankenaustausches der kriegfhrenden Mchte.

Dem entsprach die Antwort, die wenige Tage nach berreichung der
amerikanischen Note von den Mittelmchten erteilt wurde. Die deutsche
Antwort vom 26. Dezember 1916, die derjenigen unserer Verbndeten
inhaltlich entsprach, lautete wie folgt:

Die Kaiserliche Regierung hat die hochherzige Anregung des Herrn
Prsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Grundlagen fr
die Herstellung eines dauernden Friedens zu schaffen, in dem
freundschaftlichen Geiste aufgenommen und erwogen, der in der Mitteilung
des Herrn Prsidenten zum Ausdruck kommt. Der Herr Prsident zeigt das
Ziel, das ihm am Herzen liegt, und lt die Wahl des Weges offen. Der
Kaiserlichen Regierung erscheint ein unmittelbarer Gedankenaustausch
als der geeignetste Weg, um zu dem gewnschten Ergebnis zu gelangen.
Sie beehrt sich daher, im Sinne ihrer Erklrung vom 12. d. M., die
zu Friedensverhandlungen die Hand bot, den alsbaldigen Zusammentritt
von Delegierten der kriegfhrenden Staaten an einem neutralen Orte
vorzuschlagen. Auch die Kaiserliche Regierung ist der Ansicht, da das
groe Werk der Verhtung knftiger Kriege erst nach Beendigung des
gegenwrtigen Vlkerringens in Angriff genommen werden kann. Sie wird,
wenn dieser Zeitpunkt gekommen ist, mit Freuden bereit sein, zusammen
mit den Vereinigten Staaten von Amerika an dieser erhabenen Aufgabe
mitzuarbeiten.

Auch durch Wilsons Friedensanregung lieen sich die alliierten
Regierungen in ihrem Willen, Friedensgesprche zurckzuweisen und den
Krieg fortzusetzen, in keiner Weise beeintrchtigen; nur eine kurze
Verzgerung in der von Herrn Briand voreilig fr den 20. Dezember
angekndigten Antwort der Entente auf unseren Friedensvorschlag ist
wohl durch den in London und Paris schon am 19. Dezember bekannt
gewordenen Friedensschritt Wilsons herbeigefhrt worden. Aber in dem
Inhalt der Ententeantwort, die am 30. Dezember von Herrn Briand dem
amerikanischen Botschafter in Paris zur Weitergabe an die Zentralmchte
berreicht worden ist, hat Wilsons Eingreifen nichts gendert: schroffer
und hhnischer abweisend konnte keine Antwort lauten. In tendenziser
Darstellung versuchte sie wieder einmal den Nachweis, da der Krieg
gewollt, hervorgerufen und verwirklicht worden sei durch Deutschland
und sterreich-Ungarn. Nachdem Deutschland seine Verpflichtungen
verletzt habe, knne der von ihm gebrochene Friede nicht auf sein Wort
gegrndet werden. Eine Anregung ohne Bedingungen fr die Erffnung der
Verhandlungen sei kein Friedensangebot. Die durch die Kriegserklrung
Deutschlands verursachten Verwstungen, die zahlreichen Attentate, die
Deutschland und seine Verbndeten gegen die Kriegfhrenden und gegen
die Neutralen verbt htten, verlangten Shne, Wiedergutmachung und
Brgschaften. Deutschland weiche listig dem einen wie dem anderen aus.
Der durch die Zentralmchte gemachte Vorschlag sei in Wirklichkeit
nichts als ein Kriegsmanver, das einen deutschen Frieden aufntigen
solle und beabsichtige, die ffentliche Meinung in den alliierten
Lndern zu verwirren. In voller Erkenntnis der Schwere, aber auch
der Notwendigkeiten der Stunde lehnen es die alliierten Regierungen,
die unter sich eng verbunden und in voller bereinstimmung mit ihren
Vlkern sind, ab, sich mit einem Vorschlag ohne Aufrichtigkeit und ohne
Bedeutung zu befassen.

Da diese Antwort, die an Deutlichkeit nichts zu wnschen briglie,
mehr als eine Woche nach dem Friedensschritt des Prsidenten Wilson
erfolgte, mute nicht nur der Friedensvorschlag der Zentralmchte,
sondern auch die Friedensanregung Wilsons als gescheitert betrachtet
werden. Wieder einmal stellte sich heraus, da die feindliche Koalition
nicht bereit war, ber Frieden zu sprechen, solange sie nicht in der
Lage war, den Frieden nach ihrem Belieben zu diktieren. Von dem Geist,
der bei den Machthabern unserer Feinde trotz des rumnischen Rckschlags
herrschte, gibt Zeugnis ein Tagesbefehl des Zaren an die russische Armee
und Marine vom 25. Dezember 1916, in dem als russisches Kriegsziel
aufgestellt wurde der Besitz Konstantinopels und der Meerengen, sowie
die Schaffung eines in allen seinen drei gegenwrtig getrennten Teilen
freien Polens.

Immerhin konnte man gespannt sein auf die Antwort, die unsere Feinde auf
die Friedensanregung Wilsons geben wrden. Denn hier stand ihnen nicht
ein Feind gegenber, den sie auf Tod und Leben zu bekmpfen entschlossen
waren, sondern der Reprsentant der strksten neutralen Macht, dessen
Haltung fr den Ausgang des Krieges von entscheidender Bedeutung werden
konnte.

Es dauerte drei volle Wochen, bis die Alliierten sich ber eine Antwort
an Wilson geeinigt hatten; erst am 10. Januar 1917 wurde diese von Herrn
Briand dem amerikanischen Botschafter in Paris ausgehndigt.

Die Antwort enthielt viele schne Worte an die Adresse des Herrn
Wilson und ber den knftigen Vlkerfrieden. In der Sache aber war
sie gegenber der Wilsonschen Anregung eine kaum weniger unverhllte
Ablehnung, wie die Antwort an die Zentralmchte.

Die Alliierten empfinden, so hie es in der Note, ebenso tief wie
die Regierung der Vereinigten Staaten den Wunsch, mglichst bald
diesen Krieg beendet zu sehen, fr den die Mittelmchte verantwortlich
sind und der der Menschheit grausame Leiden auferlegt; aber sie sind
der Ansicht, da es unmglich ist, heute bereits einen Frieden zu
erzielen, der ihnen die Shnen, Wiedergutmachung und Brgschaften
sichert, auf die sie ein Recht haben infolge des Angriffs, fr den die
Mittelmchte die Verantwortung tragen und der gerade darauf abzielt,
die Sicherheit Europas zugrundezurichten. Nach langen Beschwerden ber
die vlkerrechtswidrige und grausame Kriegfhrung der Mittelmchte, die
zu einem stndigen Hohn auf Menschlichkeit und Zivilisation geworden
sei, erklrte die Note, die den Mittelmchten durch Vermittlung der
Vereinigten Staaten berreichte Antwort auf deren Friedensvorschlag
vom 12. Dezember 1916 beantworte die von der amerikanischen Regierung
gestellte Frage. Im brigen seien die Kriegsziele der Alliierten
wohlbekannt; sie seien mehrfach in Erklrungen der Oberhupter der
verschiedenen Regierungen dargelegt worden. Diese Ziele werden
in den Einzelheiten mit allen Kompensationen und gerechtfertigten
Entschdigungen fr den erlittenen Schaden erst in der Stunde der
Verhandlungen auseinandergesetzt werden. Aber die zivilisierte Welt
wei, da sie alles Notwendige einschlieen und in erster Linie die
Wiederherstellung Belgiens, Serbiens und Montenegros, die ihnen
geschuldeten Entschdigungen, die Rumung der besetzten Gebiete von
Frankreich, Ruland und Rumnien mit den gerechten Wiedergutmachungen,
die Reorganisation Europas, Brgschaft fr einen dauerhaften Frieden,
die Zurckgabe der Provinzen und Gebiete, die frher den Alliierten
durch Gewalt oder gegen den Willen der Bevlkerung entrissen worden
sind, die Befreiung der Italiener, Slawen, Rumnen, Tschechen und
Slowaken von der Fremdherrschaft, die Befreiung der Bevlkerungen, die
der blutigen Tyrannei der Trken unterworfen sind, und die Entfernung
des Osmanischen Reiches aus Europa, weil es zweifellos der westlichen
Zivilisation fremd ist. Die Note fgte hinzu, es sei selbstverstndlich
niemals die Absicht der alliierten Regierungen gewesen, die Vernichtung
der deutschen Vlker und ihr politisches Verschwinden anzustreben; sie
wollten nur die Sicherung des Friedens auf der Grundlage der Freiheit,
der Gerechtigkeit und der unverletzlichen Treue, welche die Regierung
der Vereinigten Staaten stets beseelt habe.

Eine besondere Verschrfung erfuhr die Ablehnung irgendwelcher
Friedensgesprche mit den Zentralmchten durch die Verwahrung gegen eine
Gleichstellung mit diesen. Mit Genugtuung, so hie es in der Note,
nehmen die Alliierten zur Kenntnis, da die amerikanische Mitteilung in
keinem Zusammenhang steht mit dem Schritt der Mittelmchte; sie zweifeln
nicht an dem Entschlu der amerikanischen Regierung, selbst den blassen
Anschein einer auch nur moralischen Untersttzung der verantwortlichen
Urheber des Krieges zu vermeiden. Die Alliierten Regierungen halten
es fr ihre Pflicht, sich in der freundschaftlichsten aber klarsten
Weise gegen eine Gleichstellung auszusprechen, welche auf ffentlichen
Erklrungen der Mittelmchte beruht und in direktem Widerspruch zur
offenkundigen Sachlage steht, sowohl bezglich der Verantwortlichkeiten
in der Vergangenheit wie betreffs der Brgschaften fr die Zukunft.
Prsident Wilson hat durch ihre Erwhnung gewi nicht beabsichtigt,
sich ihnen anzuschlieen.

Schallender konnte die Friedenstr nicht zugeworfen werden. Wenn sich
die Alliierten bei Herrn Wilson verbaten, von ihm mit den Mittelmchten
auf gleichem Fu behandelt zu werden, so war das eine in ihrer Schrfe
kaum zu bertreffende Zurckweisung aller guten Dienste, die ein Dritter
zur Herbeifhrung einer Verstndigung zwischen den beiden kriegfhrenden
Gruppen berhaupt anbieten konnte.

Sachlich bedeuteten die von den Ententeregierungen kurz umrissenen
Friedensbedingungen nichts anderes als die vllige Zertrmmerung der
Trkei, die vllige Auflsung der sterreichisch-ungarischen Monarchie,
die Verstmmelung und Erniedrigung Deutschlands. Die Alliierten hatten
recht, wenn sie feststellten, da es unmglich sei, einen diesen
Wnschen entsprechenden Frieden jetzt schon zu erzielen; denn nur von
einem vllig niedergeworfenen Gegner konnten sie annehmen, da er solche
Bedingungen auch nur einen Augenblick zur Diskussion stellen lassen
wrde.

Der Fall lag also klar: Die Mittelmchte waren bereit, ber einen
Frieden zu sprechen, der ihr Verteidigungsziel erfllte und Ehre, Dasein
und Entwicklungsfreiheit ihrer Vlker sicherte; die Entente lehnte eine
Verhandlung auf dieser Grundlage mit der offenen Begrndung ab, da sie
auf der Zertrmmerung, Verstmmelung und Erniedrigung der Mittelmchte
bestehe, ein Friedensziel, fr das auch nach ihrer Auffassung die
Mittelmchte noch nicht reif waren.

Wie Herr Wilson sich zu dieser Antwort stellte, werden wir spter sehen.


                    Der uneingeschrnkte U-Bootkrieg

Die deutsche Note vom 4. Mai 1916 hatte den U-Bootkrieg auf den
Kreuzerkrieg zurckgefhrt und dadurch den Frieden mit Amerika erhalten.
Damit war die uerste Erschwerung vermieden worden fr eine Zeit,
die uns erst den gewaltigen Sto der Russenoffensive in Wolhynien und
Galizien und die erfolgreiche Erneuerung der italienischen Offensive am
Isonzo, dann die an Einsatz und Dauer alles bertreffenden Angriffe der
Franzosen und Englnder an der Somme und schlielich den rumnischen
berfall brachte.

Wir hatten uns Amerika gegenber fr die Fhrung des U-Bootkrieges
freie Hand vorbehalten fr den Fall, da unsere Erwartung, es mchte
der Regierung der Vereinigten Staaten gelingen, die Beobachtung
der vlkerrechtlichen Normen der Seekriegfhrung auch bei England
durchzusetzen, sich nicht erfllen sollte.

Die Erwartung erfllte sich nicht. Von irgendwelchen ernstlichen
Versuchen der amerikanischen Regierung, England und die brigen
Ententemchte zur Aufgabe ihrer vlkerrechtswidrigen Handels- und
Hungerblockade zu veranlassen, ist in der Folgezeit nichts bekannt
geworden.

Die Propaganda zugunsten des uneingeschrnkten U-Bootkrieges war
unter dem Eindruck der unmittelbaren Gefahr des Bruches mit Amerika
vorbergehend abgeflaut. Im Laufe des Sommers kam sie neu in Gang. Auch
die Marine begann, die Frage des U-Bootkrieges wieder aufzunehmen, zumal
da der gewaltige Einsatz von Material in der Sommeschlacht die Erwgung
nahelegte, ob nicht unseren Feinden die Zufhrung dieses Materials durch
eine wirksamere Gestaltung des U-Bootkrieges einigermaen verknappt
werden knnte. Auch von dem Admiral von Capelle, der im Frhjahr noch
mit aller Entschiedenheit die Meinung vertreten hatte, da die auf den
unbeschrnkten U-Bootkrieg gesetzten Hoffnungen seiner Befrworter
bertrieben seien und da angesichts des zweifelhaften Erfolges die
politischen Bedenken den Ausschlag geben mten, hatte ich den Eindruck,
da er mehr und mehr auf den Standpunkt kam, wenn jetzt die Oberste
Heeresleitung den unbeschrnkten U-Bootkrieg zur Entlastung der schwer
kmpfenden Westfront verlange, dann werde die Marine ihre Hilfe nicht
verweigern knnen, auch wenn man diese Hilfe bescheiden veranschlage.

Inzwischen war der U-Boothandelskrieg um England herum gnzlich oder
fast gnzlich eingestellt worden, whrend er im Mittellndischen Meer
mit leidlichem Erfolg in den Formen des Kreuzerkrieges fortgesetzt
wurde. Die Versenkungen gingen nach den Angaben des Admiralstabs von
225000 Tonnen im Monat April 1916 auf 101000 Tonnen im Juni 1916 zurck.

Gegen Ende August 1916 nahm der Chef des Admiralstabs die U-Bootfrage
offiziell wieder auf. Er teilte dem Reichskanzler mit, da er nach
genauer Prfung der Verhltnisse die berzeugung gewonnen habe, da
jetzt der Zeitpunkt fr die Aufnahme des uneingeschrnkten U-Bootkriegs
gekommen sei, und beantragte eine alsbaldige Beratung der Angelegenheit.

Diese Beratung fand am 31. August 1916 im Groen Hauptquartier zu Ple
statt. Es nahmen an ihr teil der Reichskanzler, der neuernannte Chef des
Generalstabs Generalfeldmarschall von Hindenburg, General Ludendorff,
der Chef des Admiralstabs Admiral von Holtzendorff, Admiral von Koch,
der Kriegsminister General Wild von Hohenborn, der Staatssekretr des
Auswrtigen Amts von Jagow und ich als Staatssekretr des Innern und
Stellvertreter des Reichskanzlers. Die gesamte politische, militrische
und wirtschaftliche Lage wurde auf das genaueste durchgesprochen,
ebenso die technischen Mglichkeiten und die militrischen und
wirtschaftlichen Wirkungen des U-Bootkrieges. Die Lage wurde in erster
Linie beherrscht durch die rumnische Kriegserklrung und den Einmarsch
starker rumnischer Truppen nach Siebenbrgen. Alle Truppen, die wir
irgendwo verfgbar machen konnten, muten gegen Rumnien geworfen
werden. Gegenber Eventualitten, wie sie ein Bruch mit Amerika und
ein starker kombinierter Druck der Entente und der Vereinigten Staaten
auf die uns benachbarten Neutralen hervorrufen konnten, war nichts
vorgekehrt und konnte in der nchsten Zeit nichts vorgekehrt werden.
Unter diesen Umstnden sprachen sich die Generale von Hindenburg und
Ludendorff dahin aus, da bis zur Erledigung der rumnischen Gefahr
die Oberste Heeresleitung eine Verantwortung fr die Einleitung des
uneingeschrnkten U-Bootkrieges nicht bernehmen knne.

Der Verlauf der Beratung lie keinen Zweifel daran bestehen, da die
beiden Generale an sich dem uneingeschrnkten U-Bootkrieg zuneigten.
Es war zu erwarten, da sie auf die Frage zurckkommen wrden, sobald
dies der Verlauf der militrischen Operationen in Rumnien gestattete.
Die ffentliche Meinung war durch die unausgesetzte Bearbeitung seitens
der Befrworter des uneingeschrnkten U-Bootkrieges immer mehr fr die
berzeugung gewonnen worden, da wir mit den U-Booten eine Waffe in der
Hand htten, die uns bei richtiger Anwendung gestatte, binnen weniger
Monate England auf die Knie zu zwingen und damit allen den Opfern und
Leiden des Krieges ein Ende zu machen. Auch in den Reichstagsparteien,
die bisher in der U-Bootfrage Zurckhaltung gezeigt hatten, so im
Zentrum und bei den Freisinnigen, blieb die U-Bootkrieg-Propaganda
nicht ohne Wirkung.

Dies zeigte sich, als Anfang Oktober 1916 der Hauptausschu des
Reichstages sich erneut mit der U-Bootfrage befate.

Die Stimmung des Ausschusses war gegenber dem Monat Mrz, in dem
die letzte U-Bootdiskussion stattgefunden hatte, merkbar verndert.
Zudem glaubte der Ausschu aus der Rede, mit der Herr von Bethmann
die Errterung einleitete, und noch mehr aus der Rede des Admirals
von Capelle, die auf die Kanzlerrede folgte, eine Verminderung des
Widerstandes gegen den uneingeschrnkten U-Bootkrieg herauslesen zu
knnen. Auch wirkten auf die Urteilsbildung der Abgeordneten einige
sachliche Momente stark ein, die zweifellos die Aussichten eines
Erfolges des uneingeschrnkten U-Bootkrieges verbessert hatten, so die
wesentliche Vermehrung der Anzahl und die erhebliche Verbesserung der
Leistungsfhigkeit der U-Boote seit Jahresbeginn, ferner die Bedrohung
der Versorgung Englands mit Brotgetreide durch eine mige Ernte im
eigenen Lande und eine malos schlechte Ernte in den Vereinigten Staaten
und Kanada. Dazu kam die wachsende Erbitterung gegen die Vereinigten
Staaten, die unsere Gegner in immer grerem Umfang mit Kriegsmaterial
untersttzten, ja ihnen dadurch die Sommeschlacht in ihren ungeheuren
Abmessungen berhaupt erst mglich machten, und die, nachdem wir uns
ihrem Druck in der U-Bootfrage gefgt hatten, augenscheinlich keinen
Finger rhrten, um England, das seinen Hungerkrieg gegen uns und die
uns benachbarten Neutralen immer mehr verschrfte, auf den Boden des
Vlkerrechts zurckzufhren. Ich hatte einen schweren Stand, gegenber
der hierdurch erzeugten Stimmung fr Besonnenheit und Erwgung der uns
aus einem bergang zum uneingeschrnkten U-Bootkrieg drohenden Gefahren
einzutreten.

In meinen Erwiderungen auf Ausfhrungen aus der Mitte der Kommission
bemhte ich mich, die Sachlage mit aller Ruhe und Objektivitt
darzustellen. Ich gab ohne weiteres zu, da durch die Gestaltung der
Welternte des Jahres 1916 die Mglichkeit gewachsen sei, Englands
Ernhrung durch den U-Bootkrieg zu erschweren, vielleicht sogar zu
gefhrden. Englands eigene Ernte an Brotgetreide hatte im Jahre 1916
nur 6 Millionen Quarters, gegen 8,7 Millionen Quarters im Vorjahre
ergeben. Die Weizenernte der Vereinigten Staaten und Kanadas wurde fr
1916 auf nur 21-1/2 Millionen Tonnen geschtzt gegen 37-1/2 Millionen
Tonnen im Vorjahre. Dabei hatte England im abgelaufenen Erntejahre aus
diesen beiden zunchst gelegenen Gebieten nicht weniger als 88% seines
Einfuhrbedarfs gedeckt. Ein Zurckgreifen auf Argentinien oder gar auf
Indien und Australien war angesichts des fhlbaren Mangels an Frachtraum
auerordentlich erschwert; denn der Frachtweg aus diesen Gebieten
nach England war zwei- bis dreimal so lang wie der Frachtweg aus
Nordamerika, die Heranfhrung derselben Getreidemenge erforderte also
den zwei- bis dreifachen Schiffsraum. Die sichtbaren Getreidevorrte
Englands waren in der zweiten Septemberhlfte 1916, nach Einbringung
der englischen Ernte, zum erstenmal niedriger als zur gleichen Zeit des
Vorjahres; sie betrugen 8,6 gegen 10,6 Millionen Quarters, whrend sie
sich zu Anfang Mai 1916 um 1,8 Millionen Quarters hher gestellt hatten
als Anfang Mai 1915.

Aber ich konnte nicht umhin, diesem fr den Erfolg des uneingeschrnkten
U-Bootkrieges gnstiger gewordenen Moment gewichtige Zweifel
entgegenzustellen.

Schon auf dem Gebiet der Brotgetreideversorgung Englands durften
die groen amerikanischen Bestnde aus der vorjhrigen Ernte nicht
vernachlssigt werden. Ob es mglich sein wrde, die Zufuhren aus
diesen Bestnden und der allerdings knappen neuen Ernte im Wege des
uneingeschrnkten U-Bootkrieges so weit zu verringern, da sie zur
Ergnzung des in England liegenden, fr mindestens 4-1/2 Monate
gengenden Bestandes nicht ausreichen wrden, war zum mindesten eine
offene Frage.

Ebenso mute ich den Berechnungen entgegentreten, die beweisen sollten,
da eine monatliche Versenkung von 600000 Tonnen Handelsschiffsraum
gengen werde, um England innerhalb einer bestimmten Zeit -- es
wurde von 6 bis 8 Monaten gesprochen -- auf die Knie zu zwingen oder
wenigstens mrbe zu machen. Ich stellte fest, da die britische
Handelsflotte (ohne diejenige der Dominions und Besitzungen) nach den
letzten Ausweisen im Juni 1916 noch 18825000 Bruttotonnen stark war.
Ich gab zu, da davon etwa 7 Millionen fr militrische Zwecke in
Anspruch genommen seien und da die fr den privaten Handelsverkehr
verbleibenden rund 12 Millionen im Laufe von 6 bis 8 Monaten durch den
uneingeschrnkten U-Bootkrieg auf 8 Millionen Tonnen verringert werden
knnten. Aber ich gab zu bedenken, da die britische Handelsflotte
vor dem Kriege fast die Hlfte der gesamten Handelsflotte der Welt
ausgemacht hatte, da sie nicht nur fr England, sondern fr die halbe
Welt die Seefrachten besorgt hatte, da Deutschlands Handelsflotte, nach
England die grte der Welt, vor dem Kriege gerade erst ber 5 Millionen
Bruttotonnen hinausgewachsen war und da wir mit diesen 5 Millionen
Tonnen ber unsere eigene Versorgung hinaus uns gleichfalls einen
ansehnlichen Anteil am internationalen Frachtverkehr hatten sichern
knnen. Dazu kam fr England die Mglichkeit, im Notfall auf den fr
militrische Zwecke in Anspruch genommenen Frachtraum zurckzugreifen.
Ich zog daraus die Folgerung: Niemand in der ganzen Welt wird mit
Sicherheit behaupten knnen, England werde nach sechs oder acht Monaten
wegen Frachtraummangels nicht mehr in der Lage sein, weiterzukmpfen.

Ferner warnte ich davor, die britische Zhigkeit, die Mglichkeit fr
die Englnder, sich in hnlicher Weise einzuschrnken, wie wir es
hatten tun mssen, schlielich die britische Fhigkeit, zu organisieren,
allzu niedrig einzuschtzen.

Vor allem aber hob ich die Gefahren eines Bruches und Krieges mit den
Vereinigten Staaten hervor. Aus der Mitte des Ausschusses wurde die
Ansicht geuert, da Amerika wegen des U-Bootkrieges nicht mit uns
brechen oder jedenfalls nicht Krieg mit uns machen werde. Demgegenber
fhrte ich aus: Ich habe im Laufe der Zeit von allen den Leuten, die
aus Amerika herbergekommen sind und die ich gesehen habe, nie eine
andere Ansicht gehrt als die: Wenn ihr den rcksichtslosen U-Bootkrieg
anfangt, dann habt ihr den Bruch und den Krieg mit Amerika.

Den immer wieder hervortretenden Zweifeln, ob Amerika, wenn es uns den
Krieg erklre, der Entente erheblich mehr nutzen und uns erheblich mehr
schaden knne wie jetzt schon im Zustand der sogenannten Neutralitt,
konnte ich nicht beitreten. Ich legte dar, da die finanzielle Hilfe,
die von den Amerikanern den Ententemchten bisher nur in verhltnismig
engen Grenzen und zu recht schweren Bedingungen gewhrt worden war,
ohne weiteres einer ganz erheblichen Steigerung fhig sei; da ferner
die amerikanische Stahlproduktion, die mit 40 Millionen Tonnen jhrlich
fast dreimal so gro war wie die unserige, den Amerikanern im Falle
ihres Eintritts in den Krieg eine gewaltige Steigerung ihrer Erzeugung
von Kriegsgert und Material ermgliche; da schlielich die Gefahr
der Untersttzung der Entente durch Truppensendungen kein Hirngespinst
sei. Die Schwierigkeiten, mit denen wir zu kmpfen haben, so fhrte
ich aus, liegen doch zum groen Teil darin, da die andern die groe
berlegenheit an Menschenmaterial haben. Glauben Sie unsere Position
dadurch zu verbessern, wenn Sie ein kultiviertes Land mit einer
starken, krftigen Rasse, mit mehr als 100 Millionen Einwohnern auf
die andere Seite werfen? Auch die Hoffnung, da es unsern U-Booten
gelingen werde, Munitions- und Mannschaftstransporte von Amerika nach
dem westlichen Kriegsschauplatz zu verhindern, konnte ich nicht ohne
Widerspruch lassen, obwohl ich wute, da diese Hoffnung von magebenden
Persnlichkeiten in der Marine geteilt wurde. Mein Optimismus geht
jedenfalls nicht so weit, zu bezweifeln, da Amerika im Kriegsfall
betrchtliche Mengen von Truppen herberschaffen kann, auch angenommen,
da wir manchen Transportdampfer versenken. In Saloniki sollen noch
400000 Mann und mehr stehen. Diese ganze Armee ist antransportiert
worden und erhlt ihren Nachschub an Ersatz, Munition und Proviant,
trotzdem unsere U-Boote ihre Ttigkeit im Mittelmeer ausben. Die
Truppentransportdampfer sind eben auf ihrer Fahrt viel besser gesichert
als andere Dampfer.

Auch die Wirkungen eines Krieges mit Amerika auf unsern spteren
Wiederaufbau bat ich zu bercksichtigen. Die Wiederherstellung unserer
Auenbeziehungen nach dem Krieg sei viel schwerer, als die meisten es
sich denken. Wenn aber die Neutralitt berhaupt aufgehrt hat, dann
kann dasjenige, was heute die Entente trumt, Wirklichkeit werden,
nmlich der Wirtschaftskrieg nach dem Krieg; dann mgen wir noch fr
Jahre der boykottierte Hund sein, dem kein Mensch auf der ganzen Welt
ein Stck Brot gibt.

Vor allem aber mten wir uns eines vor Augen halten: Wenn die Karte
des rcksichtslosen U-Bootkriegs ausgespielt wird und sie sticht nicht,
dann sind wir verloren, dann sind wir auf Jahrhunderte hinaus verloren.

Meine Ausfhrungen machten wohl einigen Eindruck, vermochten aber nicht,
einen entscheidenden Erfolg zu erzielen. Ich hatte Veranlassung, in der
Diskussion mehrfach auf meine Bedenken zurckzukommen und den eifrigen
Verfechtern des uneingeschrnkten U-Bootkriegs zu sagen: Wir wollen
doch klar sehen, wir wollen doch genau wissen, wie die Dinge liegen;
und sollte der U-Bootkrieg gemacht werden, so soll niemand da sein, der
nachher, wenn die Sache etwa schief geht, sagen kann: Ja, wenn man dies
und jenes uns gesagt htte, wenn diejenigen, die an verantwortlicher
Stelle stehen, auf dies und jenes hingewiesen htten.

Der Kanzler konnte sich darauf berufen, er befinde sich in der
Beurteilung der Sachlage in bereinstimmung mit der Obersten
Heeresleitung. Diesem Umstand war es mehr als allen Grnden zu
verdanken, da im Hauptausschu ein ausdrcklicher Mehrheitsbeschlu
zugunsten des uneingeschrnkten U-Bootkrieges verhindert werden konnte.
Aber wenn auch kein frmlicher Beschlu zustande kam, so konnte doch der
Verlauf der Debatte keine Zweifel daran lassen, wie die Mehrheit der
Kommission zu dem U-Bootkrieg stand. Vor allem fiel ins Gewicht, da die
Zentrumsfraktion, die bisher in ihrer groen Mehrheit den Kanzler in
seiner Stellungnahme zum U-Bootkrieg gedeckt hatte, folgende Erklrung
am 7. Oktober 1916 zu den Akten des Hauptausschusses gab:

Namens =smtlicher=[5] Fraktionsmitglieder der Zentrumsfraktion im
Ausschu fr den Reichshaushalt ist folgende Erklrung abgegeben worden:

Fr die politische Entscheidung ber die Kriegfhrung ist dem Reichstag
gegenber der Reichskanzler allein verantwortlich. Die Entscheidung des
Reichskanzlers wird sich dabei wesentlich auf die Entschlieung der
Obersten Heeresleitung zu sttzen haben. Fllt die Entscheidung fr
die Fhrung des rcksichtslosen Unterseebootkrieges aus, so darf der
Reichskanzler des Einverstndnisses des Reichstags sicher sein.

  [5] Im amtlichen Original gesperrt gedruckt.

Diese Erklrung der bei den Parteiverhltnissen des Reichstags
ausschlaggebenden Fraktion war nicht nur eine Blankovollmacht, sondern
geradezu eine Aufforderung an den Reichskanzler, in der U-Bootfrage
den Entschlieungen der Obersten Heeresleitung zu folgen. Die Oberste
Heeresleitung, der natrlich der Gang der Verhandlungen im Hauptausschu
und die Zentrumserklrung nicht verborgen blieben, wute nunmehr, da
der Reichskanzler, wenn er einem Verlangen der Obersten Heeresleitung
nach Erffnung des uneingeschrnkten U-Bootkrieges knftighin sich
widersetzen sollte, nicht mehr auf die Deckung durch den Reichstag wrde
rechnen knnen.

In der fr die weitere Entwicklung des Krieges entscheidenden Frage war
damit die Stellung des verantwortlichen Leiters der deutschen Politik
gegenber der Obersten Heeresleitung in einer geradezu verhngnisvollen
Weise geschwcht.

Jeder Krieg birgt den Keim von Konflikten zwischen der militrischen
Gewalt und der politischen Leitung in sich. Der Krieg als Mittel
der Politik ist ein gewaltsames und herrschschtiges Mittel, das,
einmal in Wirkung gesetzt, eigenen Gesetzen zu folgen sucht. Es
bedarf einer starken Willenskraft und einer starken Autoritt der
politischen Leitung, um Herr ber den ungebrdigen Diener zu bleiben
und zu verhindern, da das Mittel den Platz des Zweckes usurpiert.
Wenn die Gefahr solcher Konflikte in irgendeinem Lande besonders gro
war, dann in Deutschland. Eine eiserne militrische Erziehung hatte
unser Volk aus Zerrissenheit, Ohnmacht und Elend zu Einheit, Macht und
Wohlstand emporgefhrt, hatte unser Land, das Jahrhunderte hindurch
das Schlachtfeld fremder Vlker gewesen war, befreit und gesichert,
hatte die Grundlagen geschaffen, auf denen unser Volk in friedlicher
Arbeit sich ein wohnliches Haus bauen konnte. Die Leidensgeschichte von
Jahrhunderten war es, die unserm Volk die Achtung vor der militrischen
Macht und ihren Vertretern anerzogen hatte. Mehr noch als unser Volk
stand die Hohenzollerndynastie, deren Oberhaupt uns die Reichseinheit
verkrperte, auf der militrischen Tradition. Auch ein an sich durchaus
friedlich gerichteter Charakter wie Wilhelm II. war in den groen
militrischen berlieferungen seines Hauses befangen; ja man kann sagen,
je weniger er innerlich Krieger und Feldherr war, desto strker stand er
unter dem Bann derjenigen, die Soldatengeist und Feldherrntum kraftvoll
verkrperten.

Die schweren Konflikte, die ein Bismarck, trotz seiner berragenden
Persnlichkeit und seiner bei Knig und Volk fest begrndeten Autoritt,
im Deutsch-Franzsischen Krieg mit den militrischen Gewalthabern
durchzukmpfen hatte, sind bekannt. Dabei dauerte dieser Krieg knapp
neun Monate. In dem von Jahr zu Jahr sich hinziehenden Weltkrieg
verfgten wir ber keinen Staatsmann, dessen Autoritt auf dem festen
Fundament politischer Grotaten begrndet war und dessen Persnlichkeit
auf Volk und Kaiser eine bismarckische Wirkung auszuben vermochte.
Dagegen erstrahlte seit der Tannenberger Schlacht das militrische
Doppelgestirn Hindenburg und Ludendorff in vollstem Glanz. Das deutsche
Volk ist, trotz all des Schrecklichen, das wir jetzt erleben, im
Grunde seines Wesens autorittsbedrftig. Seine ganze Hingabe und seine
ganze Hoffnung setzte es auf die beiden Generale, die gleich zu Anfang
des Krieges in einer Waffentat ohnegleichen das ostpreuische Land
von den russischen Horden befreit hatten und die im weiteren Gang des
Krieges mehr als alle andern Feldherrn durch ihre gewaltigen Schlge
die Begeisterung des deutschen Volkes an sich fesselten. Dazu kam der
Eindruck der menschlich groen Persnlichkeit des Feldmarschalls und
der eisernen Willenskraft wie des lodernden Temperaments des Generals
Ludendorff. Als der Kaiser Hindenburg den Heros des deutschen Volkes
nannte, da sprach er aus aller Herzen und vor allem aus seinem eigenen.
Gegen Ludendorff hatte er eine gefhlsmige Abneigung, aus der heraus
er sich ursprnglich gegen die Berufung der beiden an die Spitze der
Obersten Heeresleitung strubte. Auch spterhin ist er mit Ludendorff
nie warm geworden, ja er hat mitunter bei vertraulichen Unterhaltungen
in heftiger Aufwallung seinem Unmut ber Ludendorff Luft gemacht; aber
gleichwohl stand er im Banne von Ludendorffs Willensstrke, und vor
allem unterwarf er sich der berzeugung, da Hindenburg und Ludendorff,
die untrennbar waren, in der Leitung der militrischen Operationen
unersetzlich seien.

Es war eine Wirkung und gleichzeitig eine Verstrkung des bergewichts
der Heeresleitung ber die politische Leitung, wenn jetzt die strkste
Fraktion des Reichstags eine Erklrung abgab, die unzweideutig die
Entscheidung ber die Schicksalsfrage des U-Bootkriegs in die Hnde von
Hindenburg und Ludendorff legte.

Wer Ludendorffs Persnlichkeit kannte, der mute wissen, da die
Forderung der Obersten Heeresleitung auf Erffnung des uneingeschrnkten
U-Bootkriegs nicht lange auf sich warten lassen wrde. Und dann wurde,
das stand jetzt, wo der Kanzler auch des parlamentarischen Rckhaltes
beraubt war, fr jeden Kenner der Persnlichkeiten und Verhltnisse so
gut wie unumstlich fest, der U-Bootkrieg gemacht. Nichts war mehr
stark genug, dies zu verhindern. Der ganze Ingrimm darber, da wir
seit mehr als zwei Jahren ohne Gegenwehr den schndlichen Hungerkrieg
Englands ber uns hatten ergehen lassen mssen, whrend wir nach den
Erklrungen der hchsten Marine-Autoritten ber ein sicheres Mittel
verfgten, den Hungerkrieg zu brechen, auf einen Schelmen anderthalb
zu setzen und dem Kriegsjammer in kurzer Zeit ein Ende zu machen --
der ganze Ingrimm darber, da Amerika uns den Gebrauch dieser Waffe
verwehrte, whrend es den Hungerkrieg des Feindes gewhren lie und
die Ententearmeen zu ihren furchtbaren Offensiven mit Kriegsgert und
Munition ausstattete -- dieser Ingrimm war nicht mehr zu bndigen und
zu halten in dem Augenblick, wo Hindenburg und Ludendorff den von der
Reichstagsmehrheit im voraus gebilligten uneingeschrnkten U-Bootkrieg
vom Kanzler verlangten.

Es gab nur einen Ausweg, und das war die Herbeifhrung von
Friedensverhandlungen; ein Ausweg, den auch -- wie oben dargestellt --
in jener Zeit die Entwicklung der gesamten Kriegslage nahelegte und fr
den es gelang, sowohl die Oberste Heeresleitung wie vor allem auch den
Kaiser zu gewinnen.

In der Zwischenzeit konnten die Wirkungen des U-Bootkriegs auch
innerhalb der in den Formen des Kreuzerkriegs gegebenen Beschrnkung
wesentlich gesteigert werden. Der Admiralstab hatte -- wie oben
erwhnt -- nach dem Abschlu der Verhandlungen mit Amerika ber den
Sussex-Fall den U-Bootkrieg gegen Handelsschiffe in den britischen
Gewssern gnzlich eingestellt und die U-Boote in der Nordsee nur noch
zu rein militrischen Zwecken verwendet. Im Oktober 1916 entschlo
sich der Admiralstab trotz der Erschwerungen, die der Kreuzerkrieg fr
U-Boote gerade in den britischen Gewssern wegen der vervollkommneten
Abwehrmanahmen bot, auch dort den U-Bootkrieg gegen Handelsschiffe
in den Formen des Kreuzerkrieges wieder aufzunehmen. Der Erfolg war
ansehnlich. Die im U-Bootkrieg versenkte Tonnage stieg von 101000 Tonnen
im Juni und 103000 Tonnen im Juli auf 394000 im Oktober und 416000 im
Dezember 1916.

Aber der Admiralstab lie sich mit diesen Erfolgen nicht gengen.

Zunchst drngte er darauf, da der verschrfte U-Bootkrieg, d. i.
der uneingeschrnkte U-Bootkrieg gegen die bewaffneten feindlichen
Handelsschiffe wieder aufgenommen werde. Er wute fr diesen Gedanken
auch die Oberste Heeresleitung zu gewinnen, die mit ihrer Forderung
dringend wurde, nachdem die leitenden Staatsmnner der Entente sich in
ihren unmittelbar auf unsern Friedensvorschlag folgenden Reden scharf
ablehnend ausgesprochen hatten. Eine amtliche Antwort der Ententemchte
auf unsern Vorschlag lag noch nicht vor; der Friedensschritt des
Prsidenten Wilson war gerade erst erfolgt. Die elementarste politische
Klugheit gebot, einstweilen noch stillzuhalten, auch wenn man sich nach
den Reden der feindlichen Staatsmnner damit abfinden mute, da es
nicht zu Friedensverhandlungen kommen werde.

Am Abend des 28. Dezember 1916 reiste der Kanzler mit dem Staatssekretr
Zimmermann und mir nach dem Groen Hauptquartier. Wir besprachen auf der
Fahrt die U-Bootfrage. Die Oberste Heeresleitung hatte die sofortige
Absendung einer Note an die Vereinigten Staaten ber die Erffnung des
uneingeschrnkten U-Bootkriegs gegen die bewaffneten Handelsschiffe
ohne jede Rcksicht auf irgendwelche Friedensaktionen verlangt. Nun
stellte sich auch Zimmermann auf den Standpunkt, da ein solcher Schritt
nicht lnger verschoben werden drfe; er schlug vor, hchstens bis
zum 2. Januar 1917 zu warten. Ich setzte mich auf das entschiedenste
zur Wehr. Die Wirkung des vorgeschlagenen Schrittes auf Amerika mute
nach allem, was vorangegangen war, dieselbe sein, wie diejenige einer
Erffnung des uneingeschrnkten U-Bootkrieges berhaupt. Wir zerschlugen
mit eigenen Hnden den letzten Rest einer Aussicht unserer eigenen
und der Wilsonschen Friedensaktion; wir setzten uns darber hinaus
dem Verdacht aus, da es uns mit unserm Friedensvorschlage gar nicht
ernst gewesen sei und da wir einen Erfolg des Wilsonschen Schrittes
verhindern wollten, wenn wir jetzt, ohne eine Antwort abzuwarten und die
Friedensaktion sich auswirken zu lassen, eine Manahme ergriffen, von
der wir uns sagen muten, da sie jede Friedensmglichkeit vernichten
und gerade unter diesen Begleitumstnden mit Sicherheit nicht nur den
Bruch, sondern den Krieg mit Amerika herbeifhren mute. Der Kanzler
stimmte mir bei, und auch Zimmermann schien berzeugt.

In Ple fanden wir bei dem Feldmarschall und dem General Ludendorff
-- der Kaiser war nicht anwesend -- einen Empfang, der mit dem Worte
eiskalt noch milde bezeichnet ist. Die Differenzen der letzten Zeit --
was mich betrifft vor allem ber die Behandlung des Hilfsdienstgesetzes
-- hatten offenbar eine starke Verstimmung hinterlassen. In der Sache
erkannten die beiden Generale unsern Standpunkt in der Frage der
bewaffneten Handelsschiffe nach kurzer Errterung als berechtigt an.
Ich hatte den Eindruck, da sie auf dieses Zwischenstadium keinen allzu
groen Wert legten, da es ihnen vielmehr auf die baldige Erffnung
des uneingeschrnkten U-Bootkrieges ankomme. In dieser Frage erklrte
der Kanzler, seine Haltung von der endgltigen Stellungnahme der
Entente zu dem Friedensschritt der Mittelmchte und Wilsons sowie von
der weiteren Entwicklung der Gesamtlage abhngig machen zu mssen. Er
knne sich jetzt noch nicht festlegen. Die Sache werde im gegebenen
Moment zu prfen sein, und wenn dann eine bereinstimmung zwischen der
Obersten Heeresleitung und ihm nicht zu erzielen sei, werde der Kaiser
zu entscheiden haben. Materiell wurde diese Frage nicht eingehend
behandelt. Ich begngte mich auszufhren, da der uneingeschrnkte
U-Bootkrieg sicherlich England erheblich schdigen werde, da aber
niemand mit Sicherheit behaupten knne, da England innerhalb einer
bestimmten Zeit zum Frieden gezwungen werde; trotz der schlechten
Welternte bleibe das Risiko fr uns enorm.

Wenige Tage nach unsrer Rckkehr nach Berlin traf die Antwort der
Entente auf unsern Friedensvorschlag ein. Der Kanzler hatte das
berechtigte Gefhl, da diese Antwort trotz aller ihrer Schroffheit eine
vorsichtige Behandlung erfordere. Wenn schon unsere Bemhungen um den
Frieden scheiterten, so mute wenigstens vor aller Welt klargestellt
werden, da die Verantwortung fr die Fortsetzung des Krieges
ausschlielich auf die Entente falle. Ich habe Grund zur Annahme, da
der neue sterreichisch-ungarische Minister Graf Czernin, der kurz zuvor
Herrn von Burian ersetzt hatte und der am 8. Januar gleichzeitig mit
dem Staatssekretr Zimmermann im Groen Hauptquartier weilte, derselben
Ansicht war. Zu einer vorsichtigen Behandlung mahnte, abgesehen von
allen andern gewichtigen Grnden, auch die Haltung Bulgariens, das
sich wegen einer Differenz mit unserer Obersten Heeresleitung ber
die Dobrudscha verstimmt zeigte und dessen Ministerprsident sich
beeilt hatte, auf die Antwort der Entente in der Sobranje zu erklren,
Bulgariens Ansprche seien bescheiden und wrden von der Entente -- die
Bulgarien in ihrer Antwort nicht erwhnt hatte -- als legitim anerkannt.

In dieser schwierigen und aufs uerste gespannten Lage fand am
Abend des 6. Januar 1917 im Hotel Adlon das spter vielbesprochene
Festmahl der amerikanischen Handelskammer zu Berlin zu Ehren des aus
den Vereinigten Staaten zurckgekehrten Botschafters Gerard statt.
Das Festmahl war seit lngerer Zeit angesagt, und der Staatssekretr
Zimmermann hatte es bernommen, bei dieser Gelegenheit eine Ansprache
zu halten. Da jedoch Graf Czernin mit Zimmermann am Morgen des
6. Januar aus dem Groen Hauptquartier nach Berlin gekommen war
und Zimmermann denselben Abend mit dem Grafen Czernin bei dem
sterreichisch-ungarischen Botschafter zubringen mute, ersuchte mich
der Reichskanzler, an Stelle Zimmermanns bei der Begrungsfeier der
amerikanischen Handelskammer zu sprechen. Ich entledigte mich dieser
Aufgabe in einer mit dem Reichskanzler und Zimmermann vereinbarten
Ansprache, in der ich nach einigen hflichen Wendungen fr die
Bemhungen des Botschafters, mit dem Studium der deutschen Sprache
auch in den Geist des deutschen Wesens einzudringen, die meist seit
langen Jahren in Deutschland ansssigen Mitglieder der amerikanischen
Handelskammer als Zeugen dafr anrief, da unser einziger Ehrgeiz
war, im friedlichen Wettbewerb der Vlker durch Arbeit und Tchtigkeit
uns emporzuringen, durch Hebung unseres geistigen, sittlichen und
wirtschaftlichen Standes uns unsern Platz in der Welt zu gewinnen und zu
behaupten. Nach einigen Worten ber den Militarismus Deutschlands und
seiner Feinde fuhr ich fort:

Ich htte noch manches hinzuzufgen, was Ihr und unser Herz bewegt.
Aber als Gast an einem neutralen Tische will ich nicht ber Dinge reden,
die die Welt entzweien. Ich will nicht den Eindruck erwecken, als wollte
ich Ihrer Neutralitt zu nahe treten, als wollte ich bei Ihnen fr
unsere Sache werben. Sie wissen, wir verlangen von den Neutralen nichts,
keine Hilfe, keine Begnstigung, nichts als Neutralitt. Freilich eine
Neutralitt, die beide Parteien mit gleichem Mae mit, beiden Parteien
in gleichem Mae Achtung erweist angesichts eines Vlkerringens auf
Leben und Tod, wie es die Welt noch nicht gesehen. Als Kaufleute, die
seit langen Jahren unter uns leben, haben Sie Verstndnis fr unsere
Sinnesart und unsere Lebensnotwendigkeiten. Sie bilden fr dieses
Verstndnis eine Brcke ber den Ozean. Ich bin berzeugt, da diese
Brcke von Nutzen sein wird jetzt bei der Fortdauer des Krieges, wie
sie durch die Zurckweisung der vorgeschlagenen Friedensverhandlungen
notwendig wird, und auch spterhin, wenn es gilt, die Fden des
geistigen und wirtschaftlichen Verkehrs zwischen unsern Lndern wieder
aufzunehmen und fortzuspinnen.

Ich schlo mit dem Wunsche, da die friedlichen Schiffe des Kaufmannes
bald wieder zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten das jetzt
gefesselte, knftighin freie Meer befahren mchten zum Wohle der beiden
Lnder und Vlker.

Auf diese jedenfalls nicht berschwengliche Begrung, die einen ernsten
Hinweis auf die dunkle Wolke enthielt, die seit langer Zeit ber dem
Verhltnis zwischen Deutschland und Amerika lag, antwortete Herr Gerard
in einem auffallend herzlichen und freundschaftlichen Tone. Seine
Ansprache gipfelte in der Versicherung, da die Beziehungen zwischen
den Vereinigten Staaten und Deutschland niemals besser gewesen seien,
als in diesem Augenblick, und da die Fortdauer dieser ausgezeichneten
Beziehungen gewhrleistet sei, solange Mnner wie Bethmann Hollweg,
Helfferich, Zimmermann, Hindenburg, Ludendorff und Holtzendorff die
Geschicke Deutschlands leiteten.

Noch am spten Abend erschien der Staatssekretr Zimmermann. In kurzer
Rede sprach er die berzeugung aus, da die freundschaftlichen und
vertrauensvollen Beziehungen, die ihn mit dem amerikanischen Botschafter
schon vor dessen Reise verbunden htten, sich weiter so freundlich
gestalten wrden, wie der Botschafter es ausgedrckt habe.

Die Veranstaltung und die bei ihr gehaltenen Reden haben damals groes
Aufsehen erregt. Ich bin in der Presse und spter auch im Hauptausschu
des Reichstags heftig angegriffen worden, da ich berhaupt bei
der Empfangsfeier fr Herrn Gerard erschienen sei, und wenn schon
-- da ich mich dem Ehrengast gegenber hflich und nicht wie ein
Hausknecht benommen habe. Der politische Unverstand, der uns Deutsche
auszeichnet, ist mir selten klarer zum Bewutsein gekommen als bei
dieser Gelegenheit. Jedermann mute fhlen, da es in jener Zeit um die
letzte Entscheidung darber ging, ob es gelingen wrde, Amerika aus dem
Krieg zu halten. Und wenn auch mit einem after dinner speech keine
groen Wirkungen erzielt werden knnen, so wre eine so offenkundige
Brskierung des amerikanischen Botschafters wie das Fernbleiben von
jener Veranstaltung oder das gegen jede amerikanische Auffassung
verstoende Stummbleiben das sicherste Gegenteil der Wahrung unserer
Interessen gewesen. Es kam nur darauf an, mit der gebotenen Courtoisie
die Wahrung unseres Standpunktes und unserer Wrde zu verbinden. Ich
glaube, diesem Gebot der Lage gerecht geworden zu sein.

Fr die berschwenglichkeit des Herrn Gerard trifft mich keine
Verantwortung. Sie hat mich an jenem Abend erstaunt. Mein Erstaunen
ist gewachsen, nachdem ich in dem Buch des Herrn Gerard gelesen habe,
da dieser bereits vor jenem Abend zuverlssige Mitteilungen darber
bekommen haben will, da die Wiederaufnahme des uneingeschrnkten
U-Bootkrieges beschlossene Sache sei. Wenn dies der Fall war, wenn Herr
Gerard infolgedessen zu der Feier vom 6. Januar mit der Sicherheit
kam, da der Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland
bevorstehe, wie konnte er dann von den Beziehungen zwischen den beiden
Vlkern, die niemals besser gewesen seien, in so hohen Tnen reden?

An jenem Abend war ber die Wiederaufnahme des uneingeschrnkten
U-Bootkrieges noch keinerlei Beschlu gefat. Persnlich hatte ich
noch die Hoffnung, da man vor jeder Entscheidung die Auswirkung der
deutschen und der amerikanischen Friedensaktion abwarten werde.

Aber allerdings -- die Entscheidung sollte rascher erfolgen, als ich
damals nach dem Ergebnis der Besprechung im Groen Hauptquartier vom 29.
Dezember erwartete.

Am 8. Januar erhielt der Kanzler vom Feldmarschall von Hindenburg
eine telegraphische Mitteilung, die ihn bat, alsbald nach dem Groen
Hauptquartier zur erneuten Besprechung der U-Bootfrage zu kommen; die
Erffnung des uneingeschrnkten U-Bootkrieges knne keinesfalls ber
den 1. Februar hinaus verschoben werden. Kurz vorher hatte der Chef
des Admiralstabs dem Kanzler eine neue Denkschrift bergeben, die er
auch mir mit einem Schreiben vom 6. Januar zustellte. Die Denkschrift
selbst war schon vom 22. Dezember datiert. Sie bezifferte den fr die
Versorgung Englands noch zur Verfgung stehenden britischen Schiffsraum
auf hchstens 8 Millionen Bruttotonnen und berechnete, da man neben
einer monatlichen Versenkung von 600000 Tonnen mit einer Abschreckung
von mindestens zwei Fnfteln der auf England fahrenden neutralen
Tonnage mit Sicherheit rechnen knne. Dadurch werde der Seeverkehr
Englands im Laufe von fnf Monaten um 39 vom Hundert verringert, und
eine solche Verringerung werde England nicht ertragen knnen. Der
U-Boot-Kreuzerkrieg dagegen werde in derselben Zeit, auch wenn die
bewaffneten Handelsschiffe freigegeben wrden, nur 18 vom Hundert des
britischen Seeverkehrs in Wegfall bringen knnen, und das werde nicht
gengen, um England zum Frieden zu bringen. Zwar sei der Krieg mit
Amerika eine so ernste Angelegenheit, da alles geschehen msse, um ihn
zu vermeiden; aber die Scheu vor dem Bruch drfe nicht dazu fhren, im
entscheidenden Augenblick vor dem Gebrauch der Waffe zurckzuschrecken,
die uns den Sieg verheie. Um rechtzeitig vor der neuen Ernte die ntige
Wirkung erzielen zu knnen, msse der uneingeschrnkte U-Bootkrieg
sptestens am 1. Februar beginnen. Ein energisch und mit aller
Kraft gefhrter Schlag gegen den englischen Schiffsraum verspreche
unbedingt sicheren Erfolg. Er, der Chef des Admiralstabs, stehe nicht
an zu erklren, da wir, wie die Verhltnisse jetzt lgen, mit dem
uneingeschrnkten U-Bootkrieg England in fnf Monaten zum Frieden
zwingen knnten.

Der Eindruck dieser Denkschrift auf den Kanzler wurde verstrkt durch
Mitteilungen, die ihm eine Autoritt ersten Ranges unserer Hochseeflotte
ber ihre absolute Zuversicht auf den Erfolg des uneingeschrnkten
U-Bootkrieges in diesen gleichen Tagen machen lie.

Der Kanzler entschlo sich, noch am Abend des 8. Januar nach dem Groen
Hauptquartier zu reisen. Vor seiner Abreise besprach er die Lage mit
Zimmermann und mir. Ich machte starke Ausstellungen an den Berechnungen
des Admiralstabes. Auerdem aber waren wir alle drei uns darber einig,
da vor allem weiteren das Auswirken der Friedensaktion, zum mindesten
die Antwort der Entente an Wilson, abgewartet werden msse.

Mir war klar, da der Kanzler beim Durchsetzen dieses Standpunktes einen
schweren Kampf wrde durchkmpfen mssen, und ich machte mir Vorwrfe,
da ich nicht mit aller Entschiedenheit darauf bestanden hatte,
ihn nach dem Hauptquartier zu begleiten. Die Sache lie mir keinen
Schlaf. Ich arbeitete in der Nacht noch einmal die ganze 37 gedruckte
Folioseiten starke Denkschrift des Admiralstabs durch und schrieb ein
ausfhrliches Telegramm an den Kanzler, in dem ich die meines Erachtens
fr die Beurteilung des Erfolgs des uneingeschrnkten U-Bootkriegs
entscheidenden Punkte zusammenfate, und das ich am Morgen dem Kanzler
durch Fernschreiber nach Ple bermitteln lie.

In diesem Telegramm bezweifelte ich zunchst die Berechnung des
Admiralstabs, da in fnf Monaten der Seeverkehr Englands durch
den uneingeschrnkten U-Bootkrieg um 39 vom Hundert, durch den
U-Boot-Kreuzerkrieg nur um 18 vom Hundert eingeschrnkt werde. Ich
wies darauf hin, da im Falle des gerade infolge des uneingeschrnkten
U-Bootkriegs zu befrchtenden Eintritts der seefahrenden Neutralen in
den Krieg die abschreckende Wirkung des U-Bootkriegs auf die neutrale
Schiffahrt mindestens zu einem erheblichen Teil aufgehoben werden wrde.
Ein Beweis, bei welchem Prozentsatz der Einschrnkung des britischen
Seeverkehrs England nicht mehr durchhalten knne, sei natrlich nicht
zu erbringen. Die Angaben der Denkschrift ber die Versorgung Englands
mit Brotgetreide erkannte ich als vorsichtig an mit dem Hinweis, da
angesichts der knappen Zufuhrmglichkeiten die britischen Bestnde im
Laufe des Januar und Februar unaufhaltsam weiter abnehmen wrden. Ich
gab jedoch zu bedenken:

Hat der uneingeschrnkte U-Bootkrieg den Eintritt Amerikas in den
Krieg gegen uns zur Folge, so ist Amerika an dem Siege Englands wie
an einer eigenen Sache interessiert. Ist eine Niederlage Englands nur
durch ausreichende Getreideversorgung abzuwenden, so mu und kann
Amerika zu diesem Zweck ein Opfer bringen, an das es als neutraler
Staat nicht denkt: die Einschrnkung des eigenen Getreideverbrauchs
zugunsten Englands. Die Einschrnkung braucht keineswegs durch eine
Rationierung des amerikanischen Brotverbrauchs zu erfolgen; es wrden
groe Kufe evtl. Zwangsankufe der amerikanischen Regierung den Zweck
wohl erreichen knnen. Da die Union mehr als doppelt so viel Einwohner
hat wie England, ist jede Beschrnkung des Getreideverbrauchs pro Kopf
des Amerikaners eine mehr als doppelt so groe Zulage pro Kopf des
Englnders. Wenn das Schicksal des Krieges davon abhngt, halte ich es
nicht fr ausgeschlossen, da Amerika eine zehnprozentige Einschrnkung
seines normalen Verbrauchs zugunsten von England durchfhren knnte,
womit 1,7 Millionen Tonnen, gleich einem englischen Bedarf von drei
Monaten, freigemacht wrden. Auch wenn hiervon auf dem Weg nach England
die Hlfte versenkt wrde -- ein Prozentsatz, der weit ber die vom
Admiralstab berechneten Mglichkeiten hinausgeht --, wre ein solches
Vorgehen fr England eine wertvolle, vielleicht die entscheidende Hilfe.
So paradox es klingt, ist also die Mglichkeit nicht ausgeschlossen,
da der uneingeschrnkte U-Bootkrieg gegenber dem U-Boot-Kreuzerkrieg
in seiner Endwirkung speziell die englische Versorgung mit Brotgetreide
nicht verschlechtert, sondern verbessert.

Ob es beim uneingeschrnkten U-Bootkrieg mglich sein werde oder nicht,
die Neutralen drauen zu halten, werde sich in einigen Wochen, wenn die
Antwortnote der Entente an Wilson vorliegt, besser bersehen lassen
als jetzt. Zu berstrzten Entschlssen liege keine Veranlassung vor.
Denn augenblicklich arbeite in Sachen der Versorgung Englands die
Zeit nicht gegen, sondern fr uns. Der Januar und Februar seien aus
natrlichen Grnden der Jahreszeit stets ungnstige Monate fr die
britische Getreideeinfuhr. Dieses Mal habe die Absenkung der britischen
Einfuhr infolge der schlechten amerikanischen Ernte sogar schon im
Dezember begonnen; trotz der grten Anstrengungen Englands habe die
Getreideeinfuhr der vier Dezemberwochen nur 1410000 Quarters erreicht
gegen 1955000 Quarters im Vorjahr. Wenn wir aus den oben entwickelten
Grnden die Entscheidung ber den uneingeschrnkten U-Bootkrieg noch
um einige Wochen aussetzten, so htten wir alle Aussicht, da sich
inzwischen die bereits knappen britischen Getreidebestnde noch
erheblich weiter verringerten. Je niedriger der Bestand beim Beginn
eines uneingeschrnkten U-Bootkrieges, desto rascher und sicherer werde
der Erfolg sein.

Auch dieser letzte Versuch, wenigstens eine Vertagung zu erreichen,
nderte nichts mehr an der Entscheidung.

Der Kanzler kam unerwarteterweise schon in der Frhe des 10. Januar aus
Ple zurck. Er schickte mir den Chef der Reichskanzlei, der mir sagte:
Der Rubikon ist berschritten.

Ich war durch diese Mitteilung auf das schwerste erschttert.

Nach kurzer Aussprache bat ich Herrn Wahnschaffe, dem Kanzler zu sagen,
da ich bei aller Treue und Ergebenheit fr seine Person diesen Weg
nicht mitgehen knne und meine Entlassung nehmen wrde. Wahnschaffe
erwiderte, mein Abgang wrde fr mich selbst natrlich der bequemste
Ausweg sein. Der Kanzler seinerseits habe aus Grnden zwingender Natur
davon Abstand genommen, auf seiner ursprnglichen Ansicht, den Abschied
zu nehmen, zu beharren. Der Kanzler habe den Wunsch, sich mit mir
persnlich ber alles auszusprechen, und lasse mich bitten, bis dahin
keine Entschlsse zu fassen.

Ich sah den Kanzler an diesem und an dem folgenden Tage nicht. Ich ging
erst zu ihm, als er mich am Abend des 12. Januar zu sich bitten lie.

Er schilderte mir die Vorgnge in Ple. Schon bei der Ankunft habe
ihm der Chef des Marinekabinetts, Admiral von Mller, mitgeteilt, der
Kaiser habe sich nach schweren inneren Kmpfen zu der berzeugung
durchgerungen, da der uneingeschrnkte U-Bootkrieg nicht zu vermeiden
sei. In der Beratung am Vormittag beim Generalfeldmarschall habe dieser
mit dem General Ludendorff auf das eindringlichste verlangt, da das
an allen Fronten in schweren Kmpfen stehende Landheer moralisch
und materiell durch den uneingeschrnkten U-Bootkrieg Untersttzung
erhalte. Im Westen sei fr das Frhjahr mit einer neuen Offensive der
Franzosen, Englnder und Belgier zu rechnen, die an Wucht sogar die
Somme-Offensive des verflossenen Halbjahres bertreffen werde. Jede
Mglichkeit der Einschrnkung der Zufuhr von Material und Mannschaften
an den Feind msse unter allen Umstnden wahrgenommen werden. Zeit
sei nicht zu verlieren. Wenn der uneingeschrnkte U-Bootkrieg nicht
zum 1. Februar erffnet werde, knnten sie, die beiden Generale,
die Verantwortung fr den Gang der militrischen Operationen nicht
bernehmen. Auf der andern Seite seien sie bereit, die Verantwortung fr
alle militrischen Folgen des uneingeschrnkten U-Bootkrieges zu tragen,
auch fr die Folgen eines Eingreifens der europischen Neutralen und
Amerikas. Dem Eingreifen Amerikas legten sie brigens keine allzu groe
Bedeutung bei.

Der Chef des Admiralstabs habe sich mit seinen bekannten Argumenten mit
der grten Entschiedenheit fr die Erffnung des uneingeschrnkten
U-Bootkriegs am 1. Februar eingesetzt.

Angesichts der Bestimmtheit, mit der Hindenburg und Ludendorff die
Entlastung der Fronten durch den sofortigen Beginn des uneingeschrnkten
U-Bootkriegs als unerllich bezeichneten und mit der sie die
Verantwortung fr alle militrischen Folgen des U-Bootkriegs auf
sich nahmen, und angesichts der Sicherheit, mit der nicht nur der
Chef des Admiralstabs, sondern auch die Hochseeflotte und der
frher dem uneingeschrnkten U-Bootkrieg abgeneigte Staatssekretr
des Reichsmarineamtes innerhalb weniger Monate den vollen Erfolg
des uneingeschrnkten U-Bootkriegs in Aussicht stellten, ja
gewhrleisteten, habe er, der Kanzler, sich die Frage vorlegen mssen,
ob er vor seinem Gewissen berechtigt sei, dem Kaiser zu raten, dem
Antrag der Obersten Heeresleitung und des Admiralstabs nicht zu
entsprechen. Sein nchster Gedanke sei gewesen, seinen Abschied zu
erbitten und zu der auf abends 6 Uhr beim Kaiser angesetzten Besprechung
nicht mehr zu erscheinen. Von dieser Absicht habe er auch dem Chef des
Zivilkabinetts Mitteilung gemacht. Er habe sich jedoch, so schwer es
ihm gefallen sei, berzeugen mssen, da er sich auf diese Weise nicht
der Verantwortung entziehen drfe. Nachdem die Oberste Heeresleitung
die Frage so gestellt habe, da der uneingeschrnkte U-Bootkrieg
unvermeidlich geworden sei, und nachdem er dessen Verhinderung, wenn sie
berhaupt noch mglich gewesen wre, nicht auf seine Verantwortung habe
nehmen knnen, sei er verpflichtet, alles zu tun, um dem U-Bootkrieg zum
Erfolg zu verhelfen. Dazu gehre, da sich das deutsche Volk und unsere
Verbndeten geschlossen hinter den U-Bootkrieg stellten. Wenn er wegen
der Erffnung des uneingeschrnkten U-Bootkriegs seinen Abschied nehme,
so werde das einerseits die Erffnung des uneingeschrnkten U-Bootkriegs
nicht verhindern, andrerseits den inneren Streit ber den U-Bootkrieg,
der mit dem endgltigen Entschlu, den U-Bootkrieg zu machen, verstummen
msse, geradezu auf die Spitze treiben, ja die innere Front gnzlich
zertrmmern; es werde ferner die Zustimmung unserer Bundesgenossen
fr den uneingeschrnkten U-Bootkrieg und damit unser Bndnissystem
selbst auf das uerste gefhrden. Auch ich msse mir die Gewissensfrage
stellen, ob ich mit der Einreichung meines Abschieds eine Demonstration
machen drfe, die an der bereits fr den 1. Februar befohlenen Erffnung
des uneingeschrnkten U-Bootkriegs nicht das mindeste ndere, dafr aber
Verwirrung in die eigenen Reihen und in die Front unserer Bundesgenossen
tragen, bei uns das Vertrauen in den Erfolg des U-Bootkriegs schwchen
und bei unsern Gegnern und den Neutralen von vornherein Zweifel an
unserm Erfolg hervorrufen msse; dies lediglich auf mein persnliches
Urteil hin, mit dem ich nachgerade unter den kompetenten Ratgebern der
Krone isoliert sei, und angesichts der Tatsache, da doch auch nach
meiner Auffassung die Aussichten eines Erfolges des U-Bootkriegs sich
erheblich gebessert htten. Ich msse mir diese Gewissensfrage um so
mehr vorlegen, als es sich in erster Linie um eine Angelegenheit der
auswrtigen Politik und der Kriegfhrung handele, also um eine Frage,
die nicht in das Gebiet meiner Verantwortlichkeit falle.

Es war fr mich die schwerste Entscheidung meines Lebens.

Sie wurde mir etwas erleichtert dadurch, da der Kanzler mir die gerade
durch Wolff verffentlichte Antwortnote der Entente an den Prsidenten
Wilson zeigte, die durch die Malosigkeit der angedeuteten Kriegsziele
und die Unverschmtheit der Weigerung, sich mit Deutschland auf gleichen
Fu stellen zu lassen, jede Friedensmglichkeit verschttete und jeden
halbwegs unbefangenen Beurteiler von unserm Recht zur uersten Notwehr
berzeugen mute.

Sie wurde mir erschwert durch die Erwgung, da es hier nur ein Entweder
-- Oder gebe: Entweder protestieren und gehen, oder bleiben, dann aber
die einmal gefallene Entscheidung hinnehmen, sich auf ihren Boden
stellen und auf diesem Boden kmpfen, wie der General seine Schuldigkeit
tut, auch wenn er bei der Feststellung des Operationsplanes seine
Ansicht nicht durchgesetzt hat.

Ich schied von dem Kanzler mit der Zusage, da ich ihm helfen wrde, die
Erffnung des uneingeschrnkten U-Bootkriegs vor dem Reichstag soweit zu
vertreten, wie es mir nach Lage der Dinge mglich sei.

Der im Groen Hauptquartier gefate Beschlu war dahin gegangen, da
in einem nher umschriebenen Sperrgebiet um die britischen Inseln
und im Mittelmeer vom 1. Februar an der uneingeschrnkte U-Bootkrieg
gegen jeglichen Seeverkehr gefhrt werden sollte. Der Beschlu war bis
zum letzten Augenblick geheimzuhalten. Erst am 31. Januar sollte der
uneingeschrnkte U-Bootkrieg den Neutralen angekndigt werden, jedoch
mit der Magabe, da neutrale Schiffe, die am 1. Februar auf der Fahrt
nach Hfen im Sperrgebiet sein sollten, whrend einer angemessenen
Frist geschont werden sollten.

Ich fand diese Art der kurzen Ankndigung ebenso sinnlos wie
provozierend. Aber die Marine hatte auf dieser Inszenierung aus
marinetechnischen Grnden bestanden, und die Befehle waren, als ich
davon erfuhr, schon hinausgegangen.

Mit Spannung wartete ich nun, wie Herr Wilson sich bis zur Bekanntgabe
der Erffnung des neuen U-Bootkriegs zu der unerhrten Antwort der
Entente auf seine Friedensanregung stellen werde. Hier lag vielleicht
noch ein kleiner Funken von Hoffnung.

Am 22. Januar richtete der Prsident Wilson an den amerikanischen
Senat eine Botschaft, die er noch am selben Tage den Regierungen der
Kriegfhrenden bermitteln lie. Die Botschaft gewhrt in die Sinnesart
und den Gedankengang ihres Urhebers, in dessen Hnde der Gang der
Geschichte damals das Schicksal des alten Europa gelegt hatte, einen
wichtigen Einblick.

Die Botschaft begann mit einer Zensur der Antworten, die die beiden
kriegfhrenden Gruppen auf die Friedensanregung des Prsidenten
gegeben hatten: Die Mittelmchte erwiderten in einer Note, die
einfach besagte, da sie bereit seien, mit ihren Gegnern zu einer
Konferenz zusammenzutreten, um die Friedensbedingungen zu errtern.
Die Mchte der Entente haben viel ausfhrlicher geantwortet und, wenn
auch nur in allgemeinen Umrissen, so doch mit gengender Bestimmtheit,
um Einzelfragen einzubeziehen, die Vereinbarungen, Brgschaften und
Wiederherstellungen angegeben, die ihnen als die unumgnglichen
Bedingungen einer befriedigenden Lsung erscheinen. Wir sind dadurch
der endgltigen Errterung des Friedens, der den gegenwrtigen Krieg
beenden soll, um so viel nhergekommen.

Dem Prsidenten fehlte also jedes Verstndnis dafr, da die von den
Ententemchten angedeuteten Bedingungen derart waren, da die Entente
selbst eine Errterung dieser Bedingungen bei dem damaligen Stande
des Krieges fr ausgeschlossen hielt. Die Ausfhrlichkeit, mit der
die Entente ihr Eroberungs- und Vernichtungsprogramm entwickelt und
eine Friedensdiskussion mit den Mittelmchten abgelehnt hatte, war
ihm sichtlich wertvoller als die Knappheit, mit der die Mittelmchte
sich zur Errterung eines Friedens, der lediglich Ehre, Dasein und
Entwicklungsfreiheit ihrer Vlker sichern sollte, bereit erklrt hatten.
Die Bekundung einer so merkwrdigen Befangenheit war eine Besttigung
aller Bedenken, die bisher gegen eine Wilsonsche Friedensvermittlung
laut geworden waren, und gleichzeitig eine Warnung fr die Zukunft,
die spter im entscheidenden Augenblick leider nicht gengend beachtet
worden ist.

Im Anschlu an diese kurze, fr die Frage der Friedensverhandlungen
allein unmittelbar wichtige Einleitung entwickelte Wilson ausfhrlich
seine Ideen ber das knftige Zusammenleben der Vlker. Dem Frieden
msse eine Neuordnung der Vlkergemeinschaft folgen, an deren Aufbau die
Vereinigten Staaten sich unter allen Umstnden beteiligen mten. Die
Grundlage fr diesen Neubau werde durch den Friedensschlu gelegt, der
dem Vlkerkrieg ein Ende zu machen habe. Die Hauptfrage sei: Ist der
gegenwrtige Krieg ein Kampf um einen gerechten und sicheren Frieden
oder nur fr ein neues Gleichgewicht der Krfte? Nicht Gleichgewicht,
sondern Gemeinsamkeit der Macht sei notwendig, nicht organisierte
Nebenbuhlerschaft, sondern organisierter Gemeinfriede. Es msse ein
Frieden werden ohne Sieg. Ein Siegfrieden wrde von dem Unterlegenen
als Demtigung, als Hrte, als unertrgliches Opfer empfunden werden
und einen Stachel, Rachsucht und bitteres Gedenken hinterlassen, auf
dem das Friedensgebude wie auf Flugsand ruhen wrde. Nur ein Friede
unter Gleichen verspreche Dauer. Die Gleichheit der Nationen msse
eine Gleichheit der Rechte sein, ohne Unterschied zwischen Groen und
Kleinen. Das Recht msse gegrndet sein auf die gemeinsame Kraft,
nicht auf individuelle Nationen. Die Menschheit hlt jetzt Ausschau
nach der Freiheit des Lebens, nicht nach dem Gleichgewicht der Macht.
Neben der Gleichberechtigung der organisierten Vlker sei fr einen
dauernden Frieden erforderlich, da die Regierungen ihre Macht von der
Zustimmung der Regierten ableiteten. Er halte es z. B. fr ausgemacht,
da die Staatsmnner berall ber die Herstellung eines einigen,
unabhngigen, selbstndigen Polen einig seien. Soweit wie mglich,
sollte berdies jedes groe Volk eines direkten Ausganges zu den
Heerstraen der See versichert sein, wenn nicht durch Gebietsabtretung,
so durch Neutralisierung der Zugangswege. Die Seewege selbst mten
gleichfalls sowohl durch gesetzliche Bestimmung, wie auch tatschlich
frei sein. Freiheit der Meere ist eine Conditio sine qua non fr den
Frieden, fr Gleichheit und Zusammenarbeit. Wilson sprach dann weiter
von der Notwendigkeit der Rstungsbeschrnkungen zu Wasser und zu Land.
Die Rstungsfrage sei am unmittelbarsten und einschneidendsten mit dem
knftigen Geschick der Vlker und des Menschengeschlechtes verknpft.

Das waren Gedanken von einer groen Konzeption und hohem idealem Flug.
Aber ihre Verwirklichung war abhngig, wie das Wilson auch selbst
ausgefhrt hat, von der Lsung der unmittelbar praktischen Frage der
Beendigung des Weltkrieges. Und in diesem Punkte brachte Wilsons
Botschaft weniger als nichts; denn sie enthllte nur seine vllige
Verstndnislosigkeit fr unsere und unserer Verbndeten Lebensrechte
und Lebensbedrfnisse und fr das Ungeheuerliche der Forderungen der
Entente, die nach deren eigenem Eingestndnis nicht durch einen Frieden
ohne Sieg, sondern nur nach vlliger Niederwerfung der Mittelmchte
erreichbar waren.

Allerdings schien es noch einmal, in allerletzter Stunde, als wolle und
knne Herr Wilson einen Ausweg finden.

Am Sonntag, 28. Januar 1917, lie mich der Kanzler noch abends gegen
10 Uhr zu sich bitten. Es war ein Telegramm des Grafen Bernstorff
eingegangen, das nach meiner Erinnerung folgenden Inhalt hatte: Oberst
House habe ihm im Auftrag des Prsidenten Wilson mitgeteilt, der
Prsident gebe trotz der Ablehnung der Entente die Hoffnung nicht auf,
den Frieden zustandezubringen, und sei bereit, seine Bemhungen nach
dieser Richtung wieder aufzunehmen. Diese seine Bemhungen wrden ihm
wesentlich erleichtert werden, wenn wir uns bereit fnden, ihm unsere
Friedensbedingungen mitzuteilen. Graf Bernstorff bat, unter diesen
Umstnden die ihm zur bergabe am 31. Januar bereits bermittelte Note,
enthaltend die Ankndigung des uneingeschrnkten U-Bootkriegs, vorlufig
einbehalten zu drfen, und empfahl, dem Wunsche des Prsidenten Wilson
nach Mitteilung der Friedensbedingungen zu entsprechen.

Der Kanzler, der hier noch einmal die Hoffnung aufleuchten sah,
es knne der Krieg mit Amerika vermieden und vielleicht sogar der
Friede erreicht werden, war in einer Erregung, wie ich sie nie an ihm
gesehen habe. Er war entschlossen, Wilson durch Bernstorff in groen
Umrissen die Friedensbedingungen mitzuteilen, die wir fr den Fall des
Zustandekommens der von uns vorgeschlagenen Friedensverhandlungen als
unsern Vorschlag mitbringen wollten. Schwierig lag die von Bernstorff
erbetene Einbehaltung der U-Bootnote; denn die U-Boote waren lngst nach
ihren Stationen, die zum Teil weit im Westen Irlands lagen, unterwegs
und wahrscheinlich nicht zu erreichen.

Der Kanzler entschlo sich, noch am gleichen Abend mit dem
Staatssekretr Zimmermann nach dem Groen Hauptquartier zu reisen.
Dort wurde ein Antworttelegramm an den Grafen Bernstorff vereinbart
des Inhalts, da wir die neue Initiative des Prsidenten auf das
freudigste begrten und den Botschafter ermchtigten, dem Prsidenten
die Grundzge unserer Friedensbedingungen, wie sie bei unserm
Friedensvorschlag vom 12. Dezember 1916 ins Auge gefat waren, zu
seiner persnlichen Information mitzuteilen. Dies solle gleichzeitig
mit der bergabe der U-Bootnote geschehen. Die Zurckhaltung der
letzteren sei unmglich, da die Boote mit den Befehlen sich bereits auf
ihren Stationen befnden und fr einen Gegenbefehl grtenteils nicht
erreichbar seien. Wir seien jedoch bereit, den neuen U-Bootkrieg alsbald
einzustellen, wenn es den Bemhungen des Prsidenten gelungen sein
wrde, eine Erfolg versprechende Grundlage fr Friedensverhandlungen zu
sichern.

Die dem Prsidenten Wilson mitgeteilten Bedingungen, die wir zur
Grundlage von Friedensverhandlungen zu machen beabsichtigten, waren die
folgenden:

    Zurckerstattung des von Frankreich besetzten Teiles von Ober-Elsa.

    Gewinnung einer Deutschland und Polen gegen Ruland strategisch und
    wirtschaftlich sichernden Grenze.

    Koloniale Restitution in Form einer Verstndigung, die Deutschland
    einen seiner Bevlkerungszahl und der Bedeutung seiner
    wirtschaftlichen Interessen entsprechenden Kolonialbesitz sichert.

    Rckgabe der von Deutschland besetzten franzsischen Gebiete unter
    Vorbehalt strategischer und wirtschaftlicher Grenzberichtigungen
    sowie finanzieller Kompensationen.

    Wiederherstellung Belgiens unter bestimmten Garantien fr die
    Sicherheit Deutschlands, welche durch Verhandlungen mit der
    belgischen Regierung festzustellen wren.

    Wirtschaftlicher und finanzieller Ausgleich auf der Grundlage des
    Austausches der beiderseits eroberten und im Friedensschlu zu
    restituierenden Gebiete.

    Schadloshaltung der durch den Krieg geschdigten deutschen
    Unternehmungen und Privatpersonen.

    Verzicht auf alle wirtschaftlichen Abmachungen und Manahmen,
    welche ein Hindernis fr den normalen Handel und Verkehr nach
    Friedensschlu bilden wrden, unter Abschlu entsprechender
    Handelsvertrge.

    Sicherstellung der Freiheit der Meere.

Die deutsche Regierung erklrte sich ferner bereit, auf der Basis der
Senatsbotschaft des Prsidenten Wilson an der von ihm nach Beendigung
des Krieges angestrebten internationalen Konferenz teilzunehmen.

Das Telegramm an den Grafen Bernstorff ist am 31. Januar 1917,
unmittelbar nach berreichung der U-Bootnote an Herrn Gerard, den
Mitgliedern des Hauptausschusses des Reichstags in geheimer Sitzung
mitgeteilt worden. Auch die Mehrheitssozialdemokraten erkannten es als
einen Versuch an, die Vereinigten Staaten dem Kriege fernzuhalten
und den Weg zum Frieden offenzuhalten. Die Grundlinien unseres
Friedensprogramms gaben wegen ihrer Bescheidenheit Anla zur Kritik.
Die Sprecher der beiden konservativen Parteien, der Nationalliberalen
und des Zentrums, wenn ich mich recht erinnere, auch der Freisinnigen,
sprachen den Wunsch aus, der Kanzler mge sich, wenn es nun doch noch
zu Friedensverhandlungen kommen sollte, nicht an dieses Programm fr
gebunden halten.

Es kam nicht zu Friedensverhandlungen, sondern sofort nach berreichung
der Note zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen den
Vereinigten Staaten und dem Deutschen Reiche und einige Wochen spter
zur Kriegserklrung.

                    *       *       *       *       *

Ich habe mich bemht, im Vorstehenden die verwickelten Zusammenhnge
zwischen den Friedensbemhungen, denjenigen der Reichsregierung wie
denjenigen Wilsons, und dem U-Bootkrieg zu entwirren und klarzulegen.
Nach bestem Wissen und Gewissen habe ich die Vorgnge dargestellt,
wie ich sie im Werden gesehen habe. Ich wei, da andere, darunter
auch solche Persnlichkeiten, die jene tragische Entwicklung handelnd
miterlebt haben, nicht in allen Punkten mit meiner Auffassung der
Geschehnisse bereinstimmen, ja in wesentlichen Punkten von meiner
Auffassung abweichen. Das gilt vor allem von dem Grafen Bernstorff, der
als Botschafter in den Vereinigten Staaten auf seinem Posten jenseits
des Atlantischen Ozeans die Friedensbemhungen und die zum Krieg mit
Amerika fhrende Entwicklung mitgemacht hat.

Graf Bernstorff war damals und ist wohl heute noch nicht nur
davon berzeugt, da der Prsident Wilson in jener Zeit ehrlich
den Frieden wollte, sondern auch da er den beiden kriegfhrenden
Parteien ohne Voreingenommenheit gegenberstand und bereit war, einen
fr uns annehmbaren und ertrglichen Frieden durchzusetzen. Die
Friedensbemhungen des Prsidenten Wilson htten nach seiner berzeugung
zum Erfolg gefhrt, wenn nicht wir, die wir doch selbst den Prsidenten
fortgesetzt zur Friedensvermittlung gedrngt htten, in dem Augenblick,
wo der Erfolg reifte, mit dem uneingeschrnkten U-Bootkrieg dem
Prsidenten geradezu ins Gesicht geschlagen, jede Friedensmglichkeit
zerstrt und Amerika zum Krieg gegen uns gezwungen htten.

Ich selbst habe bis zur letzten Mglichkeit dafr gekmpft, da die
Entscheidung ber die Erffnung des uneingeschrnkten U-Bootkrieges
vertagt werde, bis sich die Auswirkung unseres Friedensschrittes wie
desjenigen des Prsidenten Wilson vollkommen bersehen lasse. Wenn ich
der Auffassung des Grafen Bernstorff entgegentrete, so pldiere ich
also gewi nicht in eigener Sache, sondern lediglich im Interesse der
Aufklrung und der geschichtlichen Wahrheit.

Ich will dem Prsidenten Wilson den ehrlichen Willen, einen nach seiner
Ansicht gerechten Frieden herbeizufhren, nicht abstreiten. Aber ich
kann ihm weder zubilligen, da er in der Herbeifhrung des Friedens
einen besonderen Eifer an den Tag legte, noch da er -- bei allem
subjektiven Bestreben nach Gerechtigkeit -- den beiden kriegfhrenden
Gruppen objektiv dasselbe Ma von Verstndnis und Wohlwollen
entgegenbrachte.

Anfang Mai 1916 hat nach des Botschafters Gerard eigenem Bericht der
Reichskanzler von Bethmann Hollweg diesem gegenber die Hoffnung
ausgesprochen, der Prsident Wilson werde nunmehr gro genug sein,
sich der Sache des Friedens anzunehmen. Damals war es noch ein halbes
Jahr bis zur Prsidentenwahl; das Bevorstehen der Prsidentenwahl
konnte also noch kein ernstliches Hindernis fr eine Friedensaktion
sein. Aber der Prsident tat nichts fr den Frieden. Er steckte unser
Zugestndnis der Einstellung des uneingeschrnkten U-Bootkriegs
ein und versuchte nicht einmal irgendeinen ernsthaften Schritt, um
England zur Rckkehr auf den Boden der vlkerrechtlichen Normen des
Seekriegsrechts zu veranlassen. Die deutsche Politik ist dabei gewi
nicht frei von Fehlern gewesen. Prsident Wilson htte sich vielleicht
anders verhalten, wenn die Zurckfhrung des U-Bootkriegs auf die Formen
des Kreuzerkriegs nicht erst im Mai 1916 erfolgt wre, nachdem die
durch die Versenkung der Lusitania geschaffene kritische Lage durch
die Torpedierung der Arabic und schlielich der Sussex -- um nur
die wichtigsten Flle zu nennen -- eine heillose Erschwerung erfahren
hatte, sondern nach meinem leider nicht befolgten Vorschlag schon im
Juli-August 1915 in Beantwortung des Angebotes des Prsidenten, mit ihm
zur Wiederherstellung der Freiheit der Meere noch whrend des Krieges,
gegen wen es auch sei, zusammenzuwirken. Aber sei dem, wie ihm wolle
-- die Tatsache bleibt bestehen, da der Prsident Wilson auf die von
deutscher Seite schon Anfang Mai 1916 gegebene Anregung, sich der
Sache des Friedens anzunehmen, viele Monate hindurch nichts tat, nicht
einmal eine Zusage gab, da er etwas tun werde, da er schlielich mit
einem Friedensschritt erst hervortrat, nachdem Deutschland und seine
Verbndeten ihrerseits den Friedensvorschlag vom 12. Dezember 1916
gemacht hatten.

Da der Prsident Wilson in Sprache, in Lebensauffassung und
Weltanschauung dem angelschsischen Kulturkreis angehrt und
infolgedessen innerlich unsern Feinden nhersteht als uns, ist kein
Vorwurf gegen Herrn Wilson, war aber fr uns eine Tatsache, die wir
ungestraft nicht bersehen durften. Da Herr Wilson objektiv nicht mit
dem gleichen Mae messen konnte, hatte sich bald nach Kriegsausbruch
in dem ersten Depeschenwechsel zwischen dem Kaiser und dem Prsidenten
der Vereinigten Staaten gezeigt. Seit den Verhandlungen mit dem
Prsidenten vom Oktober-November 1918 ber die Herbeifhrung eines
Waffenstillstandes und die Anbahnung von Friedensverhandlungen
sollte auch dem grten deutschen Verehrer Wilsons klar geworden
sein, da dieser Mann nicht imstande ist, sich von Vorurteil und
Voreingenommenheit uns gegenber zu befreien. Was wir von Herrn Wilson
an gerechter Wrdigung unserer nationalen Ehre und Lebensbedrfnisse
zu gewrtigen hatten, war schon geradezu berwltigend zum Ausdruck
gekommen in seiner Botschaft an den Senat vom 22. Januar 1917. In
dieser Botschaft tat er unsere Bekundung der Bereitwilligkeit zu
einem Frieden, der unser Verteidigungsziel verwirklichen und Ehre,
Dasein und Entwicklungsfreiheit unserer und unserer Verbndeten Vlker
sichern sollte, kurzerhand ab mit der Behauptung, wir htten auf seine
Friedensanregung einfach unsere Bereitwilligkeit erklrt, mit unsern
Gegnern zu einer Konferenz zusammenzutreten, whrend er die viel
ausfhrlichere Antwort unserer Gegner, die nichts weniger als die
Zerstcklung sterreich-Ungarns und der Trkei und die Verstmmelung
Deutschlands verlangte, als einen Schritt bezeichnete, der die
endgltige Errterung des Friedens so viel nher gebracht habe!

Wenn Graf Bernstorff trotz dieser Unzweideutigkeit auch noch in der
letzten Januarwoche des Jahres 1917 der Ansicht war und heute noch,
wie es den Anschein hat, der Ansicht ist, da Wilson damals im Begriff
gewesen sei, sich fr einen fr uns annehmbaren und ertrglichen
Frieden einzusetzen und sich dafr mit Erfolg einzusetzen, so ist das
nur erklrlich durch die nachhaltige Wirkung von Suggestionen, denen
er seit zwei Jahren ohne das Gegengewicht einer auch nur einigermaen
ausreichenden Fhlung mit der Heimat ausgesetzt war. Der Briefverkehr
und jede Art persnlicher Fhlung zwischen Berlin und der deutschen
Botschaft in Washington war vllig abgebunden. Die Benutzung unserer
eigenen amerikanischen Stationen fr drahtlosen Verkehr hatte uns die
Regierung der Vereinigten Staaten bald nach Kriegsausbruch fr jede Art
von Chiffretelegrammen unmglich gemacht, whrend die britischen Kabel
unbeschrnkt unsern Feinden zur Verfgung standen. Die Mglichkeit,
durch Vermittlung der amerikanischen Botschaft in Berlin und der
amerikanischen Regierung in Washington Chiffretelegramme an unsern
Botschafter gelangen zu lassen, wurde nur innerhalb der engsten Grenzen
gewhrt. So ist es schlielich zu verstehen, da unserer Vertretung
jenseits des groen Wassers der Kontakt mit dem um seine Existenz
ringenden deutschen Volke und das Augenma fr das uns Notwendige und
Ertrgliche verlorenging.

Jedenfalls stand fr uns in der Heimat um die Mitte des Januar 1917
fest, da sowohl die deutsche wie auch die amerikanische Friedensaktion
an dem unerbittlichen Eroberungs- und Vernichtungswillen unserer Feinde
gescheitert seien. Den Temperamentvolleren gengten zur Besttigung
dieser berzeugung bereits die Reden, mit denen die feindlichen
Staatsmnner in den unmittelbar auf den 12. Dezember 1916 folgenden
Tagen unsern Friedensvorschlag mit Spott und Hohn zurckwiesen,
jedenfalls aber die Antwortnote, die uns die Ententemchte am 31.
Dezember 1916 berreichen lieen. Fr die Vorsichtigeren war jeder
Friedensversuch erledigt mit der ungeheuerlichen Antwort, die Herr
Briand namens der Ententeregierungen am 10. Januar 1917 auf den
Friedensschritt des Prsidenten Wilson dem amerikanischen Botschafter
in Paris bergab. Die Senatsbotschaft des Prsidenten Wilson vom 22.
Januar 1917 konnte diesseits des Atlantischen Ozeans nicht als eine
Fortsetzung der Friedensbemhungen, sondern lediglich als eine nur aus
unheilbarer Voreingenommenheit erklrliche Parteinahme des Prsidenten
Wilson zugunsten unserer Feinde aufgefat werden. Niemand in unseren
leitenden Kreisen, auch ich nicht, der ich mich bis zur Entscheidung
und ber die Entscheidung hinaus gegen die alsbaldige Erffnung des
uneingeschrnkten U-Bootkriegs eingesetzt hatte, konnte nach diesen
Vorgngen noch der Meinung sein, da man jenseits des Atlantischen
Ozeans die Friedensaktion als noch nicht erledigt ansah und an ihre
Fortsetzung dachte.

Erst das am 28. Januar abends hier eingegangene Telegramm des Grafen
Bernstorff zeigte, da Prsident Wilson einen erneuten Friedensschritt
zu machen beabsichtigte. Auf dieses Telegramm hin ist, soweit ich
es beurteilen kann, von deutscher Seite das nach Lage der Dinge
berhaupt noch mgliche geschehen, um dem Prsidenten Wilson freies
Feld fr diesen neuen Versuch zu geben. Der Prsident hat es aber
vorgezogen, trotz der Mitteilung der von uns als Grundlage fr die
erste Friedensaussprache ausgearbeiteten Bedingungen und trotz unserer
Bereitwilligkeit, den uneingeschrnkten U-Bootkrieg alsbald wieder
einzustellen, wenn es ihm gelungen sei, erfolgversprechende Grundlagen
fr Friedensverhandlungen zu sichern, brsk jede weitere Verhandlung
abzuschneiden und die diplomatischen Beziehungen mit uns ohne jede
weitere Begrndung abzubrechen.

Es mag als ein miges Fragen erscheinen, ob es dem Prsidenten
Wilson, falls die Erklrung des uneingeschrnkten U-Bootkriegs nicht
in jenen kritischen Tagen erfolgt wre, gelungen wre, den Frieden
herbeizufhren, oder ob wenigstens die Vereinigten Staaten in diesem
Falle dem Krieg ferngeblieben wren. Aber diese Fragen haben unser
ganzes Volk so sehr in seinen Tiefen erregt, da es mir ein Bedrfnis
ist, auch hierber ein Wort zu sagen.

Ich halte es fr ausgeschlossen, da die von Wilson gegen Ende Januar
1917 ins Auge gefate neue Friedensaktion zu einem fr uns annehmbaren
Frieden htte fhren knnen. Die von der Entente aufgestellten
Bedingungen, an deren Ernsthaftigkeit wir nicht zweifeln knnen,
waren derart, da nur ein gnzlich niedergebrochenes Deutschland sie
annehmen konnte. Wer htte es damals in Deutschland wagen knnen,
Elsa-Lothringen mit weiteren Teilen des linken Rheinufers und
unsere Ostmarken preiszugeben, dem deutschen Volk eine gewaltige
Kriegsentschdigung aufzuladen, uns fr die Zukunft unter die
Vormundschaft der Entente zu stellen, dazu unsere Bundesgenossen in
der schndesten Weise der Zertrmmerung preiszugeben? Auch nur ein
Status-quo-Frieden wre nur unter den schwersten inneren Kmpfen
durchzufechten gewesen; er wre durchgefochten worden, aber was darber
hinausging, war schlechterdings unmglich. Nur wenn der Prsident Wilson
bereit gewesen wre, mit dem ganzen Schwergewicht der amerikanischen
Macht auf die Ententemchte zu drcken, um sie zu einer vlligen
Sinnesnderung zu zwingen, und nur wenn er bei einem solchen Vorgehen
die Untersttzung des amerikanischen Volkes und seiner Vertretung
gefunden htte, wre Aussicht gewesen, zum Frieden zu kommen. Dazu
war aber Wilson, der in seiner Senatsbotschaft vom 22. Januar 1917
die unerhrten Kriegsziele der Entente als diskutabel behandelte,
ganz offensichtlich nicht bereit, ebensowenig Volk und Kongre der
Vereinigten Staaten. Viel nher lag die Wahrscheinlichkeit eines
amerikanischen Druckes auf uns und unsere Verbndeten.

Diese Wahrscheinlichkeit lag um so nher, als sich in der am 21.
Dezember 1916 in Berlin berreichten Friedensnote der amerikanischen
Regierung der Passus fand, da die Interessen der Vereinigten Staaten
durch den Krieg ernstlich in Mitleidenschaft gezogen seien, und da
das Interesse der Union an einer baldigen Beendigung des Krieges sich
daraus ergebe, da sie offenkundig gentigt wre, Bestimmungen ber
den bestmglichen Schutz ihrer Interessen zu treffen, falls der Krieg
fortdauern sollte. Diese kaum verhllte Drohung wurde noch deutlicher
gemacht durch ein Interview, das der Staatssekretr Lansing bald
darauf Vertretern der amerikanischen Presse gewhrte und in dem er mit
unzweideutigem Hinweis auf Deutschland sagte, Amerika stehe nahe am
Krieg.

Es ist also auf der einen Seite so gut wie ausgeschlossen, da der
Prsident Wilson, auch wenn wir damals den uneingeschrnkten U-Bootkrieg
nicht gemacht htten, der Welt den Frieden gebracht htte. Auf der
andern Seite ist es nicht vllig ausgeschlossen, da gerade aus der
Fortsetzung der Wilsonschen Friedensaktion der Krieg zwischen Amerika
und Deutschland entstanden wre, der nun aus der Veranlassung des
U-Bootkriegs entstanden ist.

Ich bedaure es, da die Sachlage, die im Januar 1917 zur Klrung
drngte, infolge der berstrzten Erffnung des uneingeschrnkten
U-Bootkriegs wohl niemals in einer den letzten Zweifel ausschlieenden
Weise wird aufgehellt werden knnen. Fr mich selbst steht aus dem
Miterleben jener kritischen Epoche unerschtterlich fest: Wilsons
geschichtliche Mission, der Welt zu einem Frieden unter Gleichen zu
verhelfen, ist gescheitert an seiner Verstndnislosigkeit fr unsere
Lebensrechte und Lebensnotwendigkeiten, gescheitert nicht erst in den
schwarzen Oktober- und Novemberwochen 1918, sondern schon um die Wende
der Jahre 1916 und 1917.

                    *       *       *       *       *

Diese Ausfhrungen waren niedergeschrieben und gedruckt vor der
Bekanntgabe der unter Wilsons Mitwirkung zustandegekommenen
Friedensbedingungen der gegen uns verbndeten Mchte. Diese Bedingungen
sind eine Besttigung des oben ausgesprochenen Urteils.

                    *       *       *       *       *

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                    *       *       *       *       *




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    Werk... gehrt zu den tiefsten und gehaltsamsten Erzeugnissen der
    unter der Einwirkung des Krieges entstandenen Literatur.
                                                 Klnische Volkszeitung.




                            MNNER UND VLKER


                  Arbeiterbewegung und Sozialdemokratie
                         von =Paul Kampffmeyer=


                                Sd-Tirol
                   vom Brenner bis zur Salurner Klause
                  herausgegeben von Dr. =Karl Grabmayr=


                         Englische Staatsmnner
                             von =Sil-Vara=


                        Franzsische Staatsmnner
                            von =Max Nordau=


                             Russische Kpfe
                  von Professor Dr. =Theodor Schiemann=


                   Die Trger des deutschen Idealismus
                      von Professor =Rudolf Eucken=


                           =Jeder Band 3 Mark=

                    *       *       *       *       *

                      VERLAG ULLSTEIN & CO, BERLIN

                             [Illustration]

                    *       *       *       *       *




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End of Project Gutenberg's Der Weltkrieg, II. Band, by Karl Helfferich

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WELTKRIEG, II. BAND ***

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The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
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Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
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