The Project Gutenberg EBook of Florens Abentheuer in Afrika, und ihre
Heimkehr nach Paris. Zweiter Band., by Julius von Vo

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Title: Florens Abentheuer in Afrika, und ihre Heimkehr nach Paris. Zweiter Band.

Author: Julius von Vo

Release Date: May 10, 2015 [EBook #48918]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FLORENS ABENTHEUER IN AFRIKA, ZWEITER ***




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                          Florens Abentheuer
                              in Afrika,
                    und ihre Heimkehr nach Paris.


                       Romantisches Seitenstck
                                zu den
                Begebenheiten des Herrn von Jalonsky,
                                 von
                           Julius von Vo.

                            Zweiter Band.

                      Mit Kupfern und Vignetten.

                            Berlin, 1809.
                     Bei Johann Wilhelm Schmidt.




                            Fnftes Buch.




                           Erstes Kapitel.
                        Blick nach dem Heere.


Wir wissen, da Kuku und Tata geschlagen wurden, aber in einem Gebirge
eine neue gute Stellung bezogen. Daran thaten sie besser als wren sie
vorbergeflohen, und htten dem Feinde eine groe Landesstrecke zum
beliebigen Niebrauch berliefert. Nun wurde das Heer wieder ermuthigt,
die Verstrkungen aus den Provinzen beeilt, und vor allen Dingen die
Fechtart in Gigis Heer, und die Bewegungen, wodurch das diesseitige bei
den schwachen Punkten angegriffen worden war, fleiig gebt. Kuku war
die Thtigkeit selbst, er hielt sogar Reden. Darkullaner, hie es unter
andern darin, ihr seid ein Volk von Lwenkraft, von Tygergrimm, von
Felsenhrte, am Feinde erblickt man nur die Strke des Schakal, die Wuth
der Zibethkatze, die Dauer der Cocosnu. Dennoch erschlug er unsre
Brder, und zwang uns zur Flucht. Das macht, ein Geist stand ihm bei.
Knnen wir den Geist auch beschwren, dann sind wir Ueberwinder. Und
eine Zauberin hat mir schon den Kreis gezeigt, worin er zu bannen ist.
Uebt nur recht fleissig die neue Kampfart, dadurch wird uns der Geist
zugethan, und hrt unser Rufen.

Die Darkullaner glaubten, es sei ein Gespenstergeist gemeint, Kuku
verstand aber blos den im Kreise des Schdels. Flore war die Zauberin.
Liebe hatte ihn gelehrig fr ihre Winke gemacht, denn sie gebietet der
rohesten Barbarei, und zwar in einer Regel mit wenigern Ausnahmen, wie
bei der zartesten Verfeinerung. Nur noch ein Paar muthige frhliche
Schritte weiter, und dieser Sultan konnte der Manco Capac seines Volkes
werden, und zum Erzieher einer wilden Menge eignete er sich darum schon,
weil er von selbst darauf fiel, einigen moralischen Hokuspokus
anzubringen, und dennoch nicht dabei Gefahr lief, von der Weisheit
verlacht zu werden. So lernte Jetros Schfer Gutes und Wahres in
Egypten, wollte es einem Haufen verchtlicher Sklaven mittheilen,
zndete bald einen Busch an, bald stieg er, ein majesttisch Ungewitter
merkend, auf den Sinai. Manches Jahrtausend nachher hielten die Genies
Rousseau und Schiller diesen edlen Betrgereien noch Lobreden. So wurde
Romulus von einer heftigen Tendenz des Willens getrieben, ein groes
Reich zu stiften, bei der Nachwelt vergttert zu sein, und nur ein
Huflein Lumpengesindel konnte er um sich sammeln. Er log ihnen die
Inspiration der Nymphe Egeria vor, (wobei, wenn man Lust fhlt, poetisch
zu ahnen, sich immer eine begeisternde Geliebte denken lt) und noch
steht das Quiritenvolk als das Maa des Grten da, wenn wir die
Erscheinungen der Geschichte prfen. So sprte ein morgenlndischer
Kameeltreiber dasjenige Krafttalent in seinem Innern, das das Groe
leicht fhlt, und die Zeit, die einen Vlkerverein wollte, da
anarchische Gruel wtheten:

   Die ungestme Presserin, die Noth,
   Der nicht mit hohlen Namen, Figuranten
   Gedient ist, die die That will, nicht das _Zeichen_,
   Den Grten immer aufsucht und den Besten,
   Ihn an das Ruder stellt, und mte sie ihn
   Aufgreifen aus dem Pbel selbst -- die setzte ihn
   In dieses Amt und schrieb ihm die Bestallung.

Er ftterte Tauben aus dem Ohr, und lie den Brunnen zuwerfen, in
welchem ein versteckter Sklave Gottes Stimme nachahmte. Gleichwohl wird,
wenn einst die turcomannische Aufklrung hereinbricht, (unter Sultan
Selim wollte ihr Morgen schon ein wenig dmmern) und Sptter lange genug
den Witz eines voltairischen Stachels an dem Araber bten, doch
spterhin ein Fichte im Turban auftreten, welcher beweist: nur in
solcher Form htte einst der Islamismus auftreten knnen, und da besser
wie alles Wissen sey, die _Tauben_ auf _Glauben_ fr den heiligen Geist
zu nehmen.

Doch unser Kuku sollte bald fallen.

Wenn aber bei aller Gelenkigkeit zum moralischen Fortschreiten, noch
dann und wann ein Bleiklumpen seinen Fu zurckhielt, darf uns das nicht
befremden. So konnte er auch den Gedanken an Osmanns Kopf nicht tilgen.
Gesetzt auch, er htte es ber sich vermogt, die trotzige Rache wider
Gigi aufzugeben, so ging die Prophezeiung ihm zu nahe an, und daran noch
nicht zu glauben, war fr Kuku zu frh. Man kann also einen Strau von
Blumen, die der Geliebten Hand pflanzte, oder eine Locke ihres seidnen
Haares, nicht sehnschtiger erwarten, wie Kuku das von der Sultanin
erflehte Geschenk. Da sie es ihm verweigern wrde, glaubte er nicht.

Es mu hier nachgeholt werden, da vor einiger Zeit Lolo, der die
auswrtigen Angelegenheiten besorgende Minister, ins Lager gerufen ward.
Er sollte wo mglich, mit Habesch (in unsern Geographien meistens
Abyssinien genannt) einen Schirm- und Angriffsbund schlieen. Er hatte
in einer geheimen Unterredung aber dem Sultan gesagt, das Verfahren der
Nene knnte viele Uebel ber das Land bringen, selbst den Zunder innerer
Kriege in Brand stecken. Viel reine Wahrheit lag darin wohl. Allein
reine Wahrheit von geliebten Personen berichten, heit bei den Liebenden
sie anschwrzen. Kuku verstand, wo Nene im Spiele war, keinen Spas, und
lie seinen Minister entzungen. Da er nun so leicht keinen
Wahrheitsager wieder fand, versteht sich. Uebrigens sollte auch dabei an
Lolo ein Exempel von Belang gelten, denn schon zuvor hatte sich eine
Stimme gegen Nene vernehmen lassen, wenn die, welche sie erhoben, schon
nicht so khn waren, wie der Minister, und mehr zu errathen
aufforderten, als sie selbst aussprachen.

Endlich wurde der langeersehnte Krbis berbracht. Diese ausgehohlte
Frucht vertrat nmlich in Darkulla die Stelle der Kisten.

Der Bote, welcher den Krbis trug, hub an: Esel aller Esel, Sohn --

Weg mit dem Titel, unterbrach ihn Kuku, Nene liebt ihn nicht, er mag
wegfallen. Nenne mich Sultan Kuku.

Wohlan, Sultan Kuku, ich bringe dir des Caffern Osmanns Kopf.

Kuku sprang so lustig umher, bei der Nachricht, wie einst der Feldherr
Suwarow, wenn er ein Belobungsschreiben seiner Kaiserinn empfing. Dann
ri (grelle Wildheit, die noch in dem Barbaren hauste) er den Krbis
auf, nahm den Kopf heraus, tanzte wieder und kte ihn sogar. Woher die
Hiebe auf dem Gesichte, fragte er den Mann. Der Caffer wollte sich nicht
geben, setzte sich krftig zur Wehr, und konnte nur von Wunden
zerfleischt, niedergeworfen werden, hie die Antwort.

Wenn schon, rief Kuku, ist der Kopf nun doch in meiner Gewalt. Und
gleich will ich ihn auch der tckischen Feindinn hinbersenden. Ein
Offizier wurde auch sogleich befehligt, ihn an die nchste Vorpost der
Beduinen abzuliefern.

Als der Offizier bald seinen Weg vollendet hatte, sahe er die Kniginn
mit einem zahlreichen Gefolge daher reiten. Sie untersuchte die Ordnung
der Wachenkette. Da fr das gegenwrtige Geschenk eben keine goldene
Dose, oder Diamantenaigrette zu erwarten stand, so eilte der Darkullaner
um so mehr, den nchsten Soldaten zu erreichen, warf den Kopf in den
Sand, und rief ihm blos zu: das deiner Knigin vom Sultan Kuku. Sie darf
der Geschenke mehrere hoffen. Nun wendete er sein Pferd, und trieb es
schnell davon.

Gigi hatte aber den Offizier bemerkt, und da sie ohnehin an Kuku etwas
sagen lassen wollte, so schickte sie einige Adjudanten ab, wie sie ihn
umkehren sah, ihn wieder zu rufen. Jener spornte desto mehr, hatte aber
den Unfall, mit dem Pferde ber eine Vertiefung zu strzen. Nun hielt
man ihn an, sagte aber: er htte nichts zu frchten, solle nur eine
Bothschaft an seinen Herrn mitnehmen.

Der Darkullaner frchtete nur zu viel, denn in dem Augenblicke ging
jener Soldat auch zu Gigi heran, den Kopf zu berbringen.

Gigi war so von Ahnung, Entsetzen und Abscheu durchdrungen, da sie bei
dem Anblick unvermgend war, im Sattel zu bleiben. Ohne Untersttzung
wre sie zu Boden gesunken. Sie winkte stumm gegen den Soldaten hin,
noch zurckzubleiben, sie wollte erst Fassung sammeln, denn ihren ganzen
zerrissenen Zustand im Gemthe, sollte das Gefolge nicht sehn.

Doch wenn der groe Charakter im Kampf mit seinem Schmerz unterlge,
wre ihm ja der gewhnliche ganz gleich. Wenigstens mu er die harte
Kunst verstehn, den Schein zu verbergen. Nach einigen Sekunden schon,
fragte Gigi: wessen Kopf brachtest du, Darkullaner? -- Des Caffern
Osmann, gab er bebend zur Antwort.

Ein Ausruf des Schreckens, ein neues Wanken, Gigi wandte das Auge hinweg
-- doch auch das wollte die Knigin sich nur zwei Augenblicke gestatten.
Dann rief sie: es ist geschehn! Edelstein an Edelstein fgt zu einem
Becher. Darin setzt ihn in meinem neuen Marmortempel bei. Ich gebe dir
den Tod nicht, Bote, aber melde deinem Herrn, noch knne er der Rache
entfliehn, wenn mir wenigstens Mustapha lebend gesandt wrde.

Der Darkullaner schwang sich eilig wieder auf sein Ro. Kaum glaubte er
dem eignen Munde der Sultanin, Gnade.

Diese blickte hin auf das Haupt, schauderte, rief aber pltzlich wieder:
holt den Darkullaner zurck!

Der arme Teufel spornte aus Leibeskraft, war aber dennoch bald
eingehohlt, und mute abermals vor Gigi. Aber statt er Widerruf der
Milde, und unerhrte Foltern erwartete, hatte sich das Antlitz der
Siegerin freundlich gerthet. Dein Sultan, rief sie, wollte mir nur
einen Schrecken bereiten. Es ist Osmanns Haupt nicht. Wunden sollten es
entstellen, da ich getuscht wrde. Kuku ist nicht so grausam, seine
Drohung zu vollziehen. Entbiete ihm tausend Dank. Entbiete ihm aufs Neue
Friede, und Erstattung aller Uebel, die dieser Krieg ber seine Lnder
brachte.

Mit diesem Bescheid mute der Bote zurck, dem die Brust mchtig leicht
wurde, als er das Lager der Beduinen nicht mehr sah.

Der Becher aus Juwelen wurde nicht verfertigt, und der Kopf fand ein
einfaches Grab im Sande.

Wenn sich der sthetische Sinn des Lesers, zu sehr daran stt, da hier
so viel von einem Kopfe geredet wird, so hat der Verfasser zwei
Entschuldigungen. Einmal ist die Szene Afrika, und der Versto gegen das
Kostm knnte vom Kunstrichter mit Fug gergt werden, wenn nur Kpfe auf
Rmpfen hier die Bhne zierten. Ferner ist man immer noch gegen das
Wiener Theater der Kaiserstadt Deutschlands diskret. Denn dort wird gar
eine Oper, _Lisaura_ betitelt, dargestellt, worin ein Kopf Cavatinen
singt.




                           Zweites Kapitel.
                        Kukus zorniger Eifer.


Ein Europer ist gar keiner Vorstellung von der Freude fhig, welche
Kuku empfand, nachdem ihm jener Kopf bergeben und dann an Gigi
gefrdert ward, selbst nicht einer aus den Geringeren, wo man sich noch
in der Lust und im starken Getrnk berauschen kann. Von vornehmen
Mnnern aus diesem Welttheil ist nun gar nicht die Rede. Die wissen nur
zu lcheln, zu versichern, sie waren _enchantirt_, bei frohen
Ereignissen, und im Champagner trinken sie blo sich krank. Kuku lie
nicht nur alle Vorrthe von dem berauschenden Thau ausspenden,
unbekmmert, ob man hernach Mangel leiden wrde, sondern auch
Lustgefechte im Heere anstellen, wobei wohl tausend Mann blieben. Seine
Klugheit rechtfertigte noch dazu diese Ergtzlichkeiten, wie eine
bewhrte Uebung der Tapferkeit. So hatte ein preuischer (alt-)Oberst
ein Freibataillon geworben, und stand zum erstenmale damit gegen den
Feind. Man hatte ihm hinter einer Anhhe seinen Posten angewiesen, oben
wurden nur beobachtende Wachen hinbefehligt, die hinter Struchern auf
dem Bauche lagen, um zu sehn, ohne gesehen zu sein. Allein der Oberst
nderte die Weisung des Feldherrn, und stellte seine Leute am Rande der
Anhhe frei auf. Der Feind, welcher Kanonen in der Nhe hatte, wute gar
nicht, warum er die gute Gelegenheit, seine Artilleristen zu ben,
ungentzt lassen sollte? Sie zeigten auch gar bald, da ihre Schulen
gemacht wren, und das Freibataillon bekam manche Lcke. Nun schickte
der General, der das seltsame Schauspiel von ferne gewahrte, im vollen
Sprung einen Adjudanten ab, der anfragen mute: was denn das bedeute?
Nichts, gab der Oberst zur Antwort, ich gewhne sie nur ein wenig ans
Feuer. --

Genug, Kuku feierte Lustschlachten und Bankette, hatte sich selbst kaum
wieder von einem der wildesten Jubelrusche, die jemals getrunken worden
sind, ernchtert, als sein Bote zurckkam.

Die Erzhlung befremdete ihn, da Jener die Sultanin selbst gesprochen
habe, das Ende des Berichtes setzte ihn in eine desto heftigere Wuth,
als erst seine Genugthuung ungemessen war.

Wie, Nene htte mich betrogen? Soll ichs glauben? Knnte die liebliche
Schlange -- -- und Gigi spricht: ich wre zu gut, einen Caffernkopf
abzuschneiden? O den Hohn soll sie mir bezahlen, diese Beschimpfung,
dieses Vergessen, was sie dem Sultan von Darkulla schuldig ist. O meine
Truppen mehren sich tglich, und lernen die neue Kriegerkunst. Habesch
nhrt meine Hoffnung auf einen Bund. Bald werde ich das Felsennest
meiden, und im freien Gefilde den Kampf erneuen. Vielleicht tanz ich am
Siegestage mit Gigis Kopf in der Hand, -- -- -- --

Er vollendete nicht. Tata trat eben in sein Zelt. Schon hatte dieser des
Boten Meldung gehrt. Wirklich Bruder, hub er an, schien es mir Osmanns
Kopf gleich nicht zu sein. Ich sah den Caffern zu oft, um die Gestalt
nicht in der Erinnerung aufzubewahren. Heller ist die Farbe des
Gesichtes und schwrzer der Bart. Dich nicht zu krnken, schwieg ich.

O Mahomed! O ihr goldnen Esel des Paradieses! Was soll ich beginnen?
rief Kuku.

Tata erwiederte: Ritze dir vor allen Dingen mit deinem Dolche eine Ader
auf, da der Zorn dir ausstrmt.

Kuku that es auf der Stelle, denn er fand den Rath gut, und er ist es
auch wirklich bei Wilden, bei deren Constitution es ohnehin auf ein
zwlf Unzen Blut mehr oder weniger nicht ankommt.

Whrend der Lebensquell im Flieen war, fuhr Tata fort: Nun glaub ich
auch, du wirst einem Sultan anstndig von der treulosen Cafferin reden
knnen. Sonst mte selbst dein Bruder fr seine Zunge frchten.

Wie, und du erfrechest dich, die Cafferin treulos zu nennen? rief Kuku
noch sehr emprt.

Tata zog sich etwas zurck, und erwiederte: Es flo noch zu wenig, nur
noch einer Kokosnu voll, du wirst einsehn, da die treulos sein msse,
die den nicht enthaupten mag, von welchem geweissagt ist, er wrde, wenn
er lebte, deinen Thron besteigen.

Kuku rief weinend: Freilich, freilich, freilich scheint es so, aber ist
es nicht, diese Sonne sendet nur reinen Strahl nieder. --

Tata sagte manches was zur Sache gehrte, wich dabei dem Sultan aus, und
nahm den Dolch vom Boden, frchtend, jener nhme ihn auf, ihn nach des
Bruders Herzen zu werfen.

Der Futeppich des Zeltes war schon ziemlich gefrbt, da rief Kuku:
diesen Mond kann keine Finsterni verdunkeln.

Tata schpfte Hoffnungen, und raffte seine Beredsamkeit zusammen.

Schon waren alle Tygerhute, woraus der Teppich verfertigt war, roth, da
rief Kuku: dieser Stern kann sich nicht in die frostige Erde tauchen.

Tata war sehr froh und antwortete: Die Sonne sengt oft die Blthen des
Mandelbaums, wird bisweilen finster, wie es der Mond auch wird, in jeder
Nacht fahren Gestirne zur Grube.

Ach das ist wahr, gab ihm Kuku zu.

Und jener erneute fest seinen Ausspruch: Die Cafferin ist eine Treulose.

Verbinde mir die Ader, chzte der Sultan, ich werde schwach.

Tata ri ein Stck von der Eselshaut des Thrones, und wand es um Kukus
Arm.

Der Sultan begehrte Wasser.

Reichlich trnkte ihn der Bruder und legte ihn auf ein erhhtes Kissen
nieder.

Was soll ich thun? fragte der Sultan.

Dreister antwortete der Bruder: Sultan von Darkulla, einst gebotest du,
alle deine Weiber, selbst die geliebte Gigi zu morden, damit sie denen
von Habesch nicht in die Hnde geriethen. Jetzt gilt es mehr. Deinen
Thron, dein Leben. Argwohnt deine Klugheit nicht, was im festen Lande
geschehen soll? O ich hrte viel, frchtete mehr, und nun erst reicht
mein Verdacht bis in die Hlle. Dieser Osmann hat das Herz der Sultanin
zu beschleichen gefrevelt.

Das ist nicht wahr, Verlumder! Ein Sklave, ein Sklave! Kann er meinen,
da die Sultanin ein Weib ist?

O diese Caffern meinen frech! Gutwilliger, unvorsichtiger Knig! Warum
hat die Weisheit der Vter die Eunuchen bestellt, aus deren Mitte die
Weiber der Gebieter nicht weichen sollten, in deren Mitte keinem andern
Mann zu dringen vergnnt war? Du gabst Nene das oberste Regiment, und
alle Schranken der Freiheit, nach der dem glhenden Herzen drstete,
konnte sie sich erffnen. Warum wrde sie einen elenden Kopf verweigern,
wenn nicht -- --

Hre auf, hre auf! nur einen Dolch senkte ich in meine Ader, du bohrst
Tausende in mein Leben.

Treue, Bruderliebe, Pflicht gebieten, dir alles zu sagen. Es ist darauf
angesehn, dich beim Volke gehat zu machen, empren will sie sich mit
gewaffneter Hand, dich vom Thron werfen, und den Caffern hinaufsetzen.
Folgst du nicht Bruderrath, bist du verloren.

Mahomed, Mahomed! zu welchem Leiden bin ich gespart! O der Thron ist
nichts, Alles Nene! Meine Lnder mag mir der Caffer rauben, nur nicht
Nene.

O schon ist sie dir geraubt!

Ist sie, ist sie? Klagt dein Mund sie auch nicht flschlich an?

Zeugen sollen beschwren, da Osmann allein in ihrem Zimmer war. Wache,
Frauen, alles mute sich entfernen.

In die Hlle, in die Hlle mit Nene. --

Endlich fhlst du, wie es dem Sultan ziemt. Gern schont ich deiner
Liebe, und rieth, noch einmal Osmanns Kopf fordern zu lassen. Aber die
schndlich dich betrog, wird neue Ausflchte finden. Es ist zu spt.
Eine Botschaft an den Senat ist nthig, gemessener Befehl, Nene den
Gehorsam aufzusagen, und Osmann zu ergreifen.

O Nene -- Nene!

Immer noch?

Aber wer wird den Befehl berbringen, wenn ich ihn erlasse? -- Freilich
mu ich ihn erlassen!

Ich wrde sagen, du selbst, wenn du nicht an Heeres Spitze stndest. So
la mich ziehn. Ich nehme einige Truppen auf den Nothfall mit.

Du hast mich berredet. Aber was soll aus Nene werden?

Giebt sie sich in Gutem, fhre ich sie unversehrt in dein Lager; sonst
mu der Sultan aber auch nicht zrnen, wenn ich ihren -- -- --

Kopf bringe, willst du sagen!

Das ist nicht des Sultans Stimme, der brausende Jngling fuhr auf: Rufe
den Stolz der Vter! La den Sultan reden.

Bringe ihren Kopf, so bin ich all der Verwirrung frei!

Es lebe der edle weise Sultan von Darkulla!




                           Drittes Kapitel.
                         Coutances und Nene.


Welch gehssig Unrecht der armen Sultanin in Tatas Anklage widerfuhr,
liegt am Tage; aber die Anklagen bertreiben meistens, und wer hoch
steht, folglich viel gesehen wird, mu auch herberen Tadel dulden; wie
auf der anderen Seite, das se erhabene Lob, was ihn trifft, sich
vervielfltigt. Nicht auf die entfernteste Weise lie sich an die
Entspinnung eines Liebeshandels unter Coutances und Floren denken. Er,
ob ihm schon ein Theil seiner alten Munterkeit zurckgekommen war,
fhlte immer noch fr Isabellen (und zwar seit einiger Zeit wieder mehr
wie sonst,) und ihr war Rings Andenken heier aufgeregt worden, seitdem
sein Freund ihr Nachrichten von ihm berbracht hatte. Auch stellte sie
manche, gar nicht unmoralische, Betrachtung ber die Dankbarkeit an,
welche dem Sultan von Darkulla fr so viel Liebe, Gte und Vertrauen
gebhrte, und wenn sie Ring vergessen mute, so hatte Kuku die
allergegrndeten Ansprche auf Gegenliebe, er mogte schwarz sein oder
nicht.

Zudem waren Beide von bedenklichen Umstnden angefeindet, muten gegen
die Fremdheit, gegen das Vorurtheil und andere Hindernisse kmpfen,
wobei man denn nicht leicht an Etwas denkt, woran man sich sonst
allenfalls wrde erinnert haben. --

Da die Sultanin beim Volke eine Mehrheit fr sich gewann, da der
Franzos und der Spanier werkthtig fr die Landeskultur waren,
berichtete das Ende des ersten Theils. Flore hoffte um so mehr Gutes,
als Kuku zeither so viel Billigung geuert so viel Empfnglichkeit fr
den Geist des Weiterstrebens in stummen Zeichen an den Tag gelegt hatte.
Endlich dachte sie, erleuchte ich des Schwarzen innere Dunkelheit ganz,
und dann mu das Licht nothwendig schon mit Edelsinn und Zartgefhl in
Bund treten. Dann lt mich Kuku ziehn, und giebt mir eine Bedeckung
nach Egypten. Mein Name wird dann in Darkulla von Enkel zu Enkel
gefeiert werden. Wre aber Ring todt, dann blieb ich wohl, ob es schon
meine Muhme in Paris[1] sehr bekmmern wrde.

Vollkommen unschuldig standen die Sachen zwar, als schon jener Befehl,
welcher am Ende des ersten Theils gemeldet wurde, eintraf; gleichwohl
hatten der Antheil, den Flore schon frher an Coutances nahm, die
Freundschaft desselben mit Ring, der Nutzen, welchen er ihr schon in
Darkulla leistete, und fernerhin leisten konnte, ihn ihr theuer gemacht.
Nun sollte sie, so lautete Kukus Flehen, (denn damals flehte er noch)
sein Haupt einschicken. Frchterlicher Auftrag!

Es nicht thun, Kukus Flehn verspotten, reizte den Zorn des Mchtigen,
und an die Erfllung seiner Bitte konnte sie gar nicht denken. Was ihr
vollends die Mglichkeit einer solchen Einwilligung raubte, war der
Umstand, da Coutances, von allem unterrichtet, in ihr Zimmer trat, und
sie beschwor, Folge zu leisten. Ihre Herrschaft, ihr Leben vielleicht
stehn auf dem Spiel, das bin ich nicht werth, theure Landsmnnin, rief
er, mein Kopf mag ihre Sicherheit erkaufen. Schweigen sie, gab sie zur
Antwort, und kommen sie nie wieder zu mir, wenn sie einer solchen
Anmuthung fhig sind.

[Funote 1: Siehe Begebenheiten des Ignaz von Jalonsky. Berlin, bei
Schmidt 1806, wo der Leser berhaupt Ring und Floren nher kennen lernen
wird.]

Coutances eilte zum Spanier. Diesem war eben angezeigt worden, einer der
Caffern liege auerhalb der Stadt erschlagen. Dem Franzosen stieg ein
verschlagener Gedanke auf. Er eilte hinaus, den Leichnam zu sehen. Haar
und Bart waren den seinigen hnlich. Starke Wunden entstellten das
Gesicht. Es wurde aus der Noth eine Tugend gemacht, und des Erschlagenen
Haupt ins Geheim dem Spanier berliefert. Coutances sagte ihm: Bringen
sie es der Sultanin, geben sie vor, ich sei der Getdtete, so ist der
Sultan zu befriedigen. Es mu etwas fr die Sicherheit Florens geschehn.
Ich verberge mich einstweilen.

Alonzo fand den Anschlag gut ersonnen, und richtete ihn ins Werk. Flore
sank fast ohnmchtig nieder. Sie hatte eben ein Schreiben an Kuku
angefangen, als der Spanier erschien, und nach einigen vorsichtigen
Umschweifen berichtete, Coutances sei ein Opfer der ffentlichen Rache
geworden. Kein Wunder, setzte er hinzu, im Volke wute man Kukus
Begehren, man konnte unsern Freund als gechtet ansehn. Wehmthig traure
ich um ihn, da das Schreckliche aber nun geschehen ist, so darf sie auch
nichts abhalten, das Haupt zu bersenden. Schicken sie keinen Brief mit,
so mag der Sultan einstweilen glauben, seine Bitte sei durch sie selbst
erfllt worden; was sie um so mehr in seiner Gunst befestigt, und den
Verlumdungen ein Ziel setzt, wovon sein Brief meldete. Erfhrt er ja
auf anderm Wege, unser Freund sei durch den Pbel umgebracht, so bleibt
die Behauptung immer brig, man sei ihnen zuvorgekommen. In andrer Zeit
mgen sie allenfalls die Wahrheit offen bekennen, so stehn sie um so
reiner von einer Uebelthat da.

Sie konnte sich nicht beruhigen, nicht entschlieen, Alonzos Vorschlag
einzugehn. Nein, ich will meine Getreuen aufrufen, ihre Zahl ist nicht
mehr klein, die Thter des Frevels ausmitteln, frchterlich bestrafen,
und dann Coutances mit dem Leichenpomp eines Sultans bestatten. Der
grausame Kuku soll mindestens seinen Blick nicht am Grlichen weiden.

Es gab eine Menge Grnde wider alles das, und Alonzo bot sie auf. Erst
gab es Vorwrfe, er habe den Freund nicht geliebt da er so schauderhaft
kalter Besonnenheit fhig sei, da er die ehrwrdigen Reste entweihen
wollte. Alonzo konnte sich leicht mit Geduld waffnen, schwieg endlich am
ersten Tage, nachdem er wenigstens Floren das Versprechen abgefleht
hatte, noch nichts weiter zu thun. Auch am folgenden blieb alles ein
Geheimni. Am dritten drang er so weit durch, da Flore ihm berlie,
nach seinem Gutdnken zu handeln. Nun empfing der Bote sogleich den mit
Specereien verpackten Caffernkopf, und Alonzo sagte einem Kammerherrn
leise: Die Sultanin habe in der Stille ihrer innern Kammern, Osmann
tdten lassen. Zugleich bat er ihn, gegen Niemand davon zu reden.
Allerdings erzhlten es nun bald Stadt und Land. Coutances verbarg sich
eine Zeitlang bei Alonzo, dann brunte er sich das Gesicht, um den
Egyptern hnlich zu sein, von welchen viele unter den Knstlern und
Werkleuten waren, und ging aufs Land. Es rhrte ihn innig, wenn er hier
durch Alonzos Briefe erfuhr, da Flore ihn tglich beweinte. Dies ist
die Lsung der Rthsel in den vorigen Kapiteln.




                           Viertes Kapitel.
                Ein alter Bekannter tritt wieder auf.


Flore weinte also, aber denn doch mit Philosophie, das heit, sie hrte
nach einiger Zeit auf. Die Genugthuung behielt sie sich vor, einst dem
Sultan zu erklren, sie habe keinen Theil an dem, was mit Osmann
vorgegangen sei, und darauf zu bestehn, da dem Unglcklichen ein
stolzes Monument errichtet werde.

So vergingen mehrere Wochen, in deren Verlauf sich die Zeichen der
Volksgunst abermals erweiterten. Von dem Ungewitter, das ihr vom Lager
her drohte, frchtete die arme Unwissende nichts.

Sie sollte zuvor aber noch mannichfach berrascht werden. Frher als sie
es hatte erwarten knnen, wurde ihr ein schwarzer Sklavenhndler
gemeldet. Sie lie ihn vor, und es war der ehrliche Musa. Er hatte
treulich Florens Auftrag vollzogen, und in Cairo Ring gesucht. Doch war
dieser schon seit einiger Zeit von dort entfernt, denn er hatte nach
seinem Beruf, den Truppen, die Syrien besuchten, folgen mssen. Und die
Nachrichten, welche den Verlust bei dieser Gelegenheit aufzhlten, waren
noch bei Musas Anwesenheit in Cairo bekannt geworden -- dort hatte er
das Unglck gehabt, von den Trken gefangen zu werden. Durch einen
Griechen, der im Umgang mit vielen Franzosen stand, war es dem Neger
mglich geworden, ber das alles Kundschaft einzuziehn.

Flore erschrack gar sehr, da die Gefangenschaft bei den Trken, wie man
erfuhr, drckend genug sein sollte, indessen trstete sie Musa, und
sagte: Es findet sich doch auch mancher wackere Muselmann, und wenn man
sich auf weitere Kundschaft legt, und Nachricht einzieht, wo er
hingekommen ist, so wird er wohl loszukaufen sein. Ich verspreche meiner
Bekannten Beistand, denn fr mich selbst ist Syrien zu entlegen.

Jetzt zog der Neger noch einen Brief aus der Tasche. Diesen, sagte er,
hat dein Frank in seiner Wohnung zurckgelassen. Er war fr dich
bestimmt, wenn du etwa nach Cairo zurckkmest, und weil ich davon
hrte, mute ihn mir der Grieche verschaffen.

Flore griff hastig zu, und ihr Herz erbebte, da sie die wohlbekannte
Hand der Aufschrift sah. Mit frohem Zittern erbrach sie das Siegel. Ring
schrieb:

Ich folge den Truppen, welche nach Syrien gehn, und theile ihre
vielseitige Gefahr. Sollte das Glck wollen, da du Verlorne whrend
meiner Abwesenheit in Cairo eintrfest, so wre es dir lieb und
ntzlich, einen Brief von mir zu finden. Darum schreibe ich diese Zeilen
nieder, so geringe auch die Hoffnung ist, da sie in deine Hand
gelangen. Den Schmerz dir zu malen, den ich empfand, da ich von den
Pyramiden heimkehrte, und erfahren mute, dich htten Mamelukken
geraubt, erlasse mir, ich wrde nur meine Wunden aufreien. Glaube auch,
da ich nichts unversucht lie, deinen Aufenthalt zu ersphn. Doch
Kosten, Briefe, da und dorthin, gefhrliche Reisen, alles blieb
unbelohnt. Kmmst du bei dem allen aber nach der Hauptstadt Egyptens, so
erwarte mich aus Syrien. Hrst du von meinem Tode, so weine nach Gebhr,
versage aber einem braven Franzosen, der um die Wittwe wirbt, deine Hand
nicht, da dir kein Beschtzer mangle, dich ins Vaterland zu fhren.
Erfhrst du etwa, ich sei gefangen, wird wohl nur Paris der Ort sein, wo
wir uns wieder treffen. Sorge dann nicht um die Hrte meines Schicksals,
du weit, ich habe den Kampf gegen das Leben bestehen gelernt, und es
giebt keine Lage, in die ich mich nicht muthig und heiter zu fgen
wte. Ich werde schon meine Masregeln treffen, da es mir gelingt,
Frankreich wieder zu erreichen. Schliee dich dann an meine Freunde, und
suche mit dem ersten Schiffe, das nach Europa segelt, abzugehn. Hier
hast du also Weisungen fr mehr als einen Fall. Doch ist noch ein
anderer brig. Du knntest, niedlich, angenehm und verstndig, Glck in
eines vornehmen Muselmannes Harem finden, und dies Glck dir durch die
Vorwrfe des Pflichtgefhls, die Erinnerungen der Treue gestrt werden.
Nein, dringt etwa dennoch dieser Brief zu dir, so glaube, da ich dich
um jeden Preis beruhigt wissen mgte. Der Nothwendigkeit mu man
gehorchen. Bist du in einen Harem gesperrt, so verseufze das Leben
nicht. Geniee, und denke nicht weiter an mich als an einen Freund, den
man doch nie hoffen darf, wieder zu sehen. Ich dagegen liebe sicher
keine andre, wenn ich dich nicht wieder finde. Das ist keine Tugend,
kein Heroismus von Liebe und Treue, sondern beruht auf einer winzigen
Kleinigkeit, mir gefllt keine wie du. Es ist weniger ein Wollen, wie
ein Mssen, da ich, sei es in Afrika, Asia oder Europa, ewig bin

                                                            der Deine.
                                                                 Ring.

Gro-Cairo.

Flore war von diesem Briefe innig gerhrt, noch strker ward der Zug des
Herzens nach ihm, noch lebendiger erwachte Rings Andenken in ihrer
Brust. Weit entfernt, aus der einen Wendung des Briefes, eine Befugni
in Darkulla zu bleiben, fr ihre Ueberzeugungen zu schmieden, sah sie in
der Liebe, von welcher die Wendung ausging, nur ein heiliges Gebot, nach
Befreiung zu streben. Wie wenig stand aber da in ihrer Macht? Sie
herrschte in dem Inneren von Darkulla. Aber htte sie es zu fliehen, zu
verlassen gesucht, wrde der erste Schritt aus dem engen Passe sie
entdeckt haben, denn vor demselben lagerten Truppen, die auf alles was
aus und einging, genaue Obacht fhrten. Zu einem solchen Vorhaben,
htten es auch die anderweitigen Schwierigkeiten und Gefahren ausfhrbar
gemacht, konnte immer die gegenwrtige Zeit nicht gewhlt werden.

Sie belohnte unterdessen Musa reichlich, und fragte gleich: in wie fern
er wrde ausmitteln knnen, wo Ring gefangen se? Er antwortete: Schon
dachte ich diesen Auftrag zu bekommen, und lie meine Bekannten in Cairo
nach Aleppo Damaskus und Smirna schreiben, denn die Sklaven werden
bisweilen weit verfhrt. Ich denke, wenn ich mit der Caravane nach
Fezzan komme, wohin ich bald abgehe, einen Brief dort vorzufinden, der
mich benachrichtiget, was die Bekannten erfahren haben.

Thue alles was du kannst, ihn loszukaufen, ich gebe dir das nthige
Gold gleich mit, und mehr wie du bedarfst, denn ich kann deiner
Redlichkeit trauen.

Musa nahm wieder das Wort: Sultanin, auch meine Knechte waren in dieser
Zeit nicht mig, ja noch glcklicher wie ich! Sie haben Mehemeds Fhrte
so rastlos verfolgt, bis sie ihn selbst erreichten. Eben da er ber den
Niger kam, denn er ist auch jenseit dieses Stromes gewesen, fingen sie
ihn, und trafen mich auf der Reise hieher, da sie ihn zu mir brachten.
Noch alle deine Kostbarkeiten fand ich auf seinen Kameelen, diese aber,
gehren mir, wie du wohl einsiehst. Nichts veruntreue ich, doch das
meinige lasse ich auch nicht gern fahren.

Behalte alles, rief Flore, ich bedarf dessen jetzt nicht, und kann ich
einst Darkulla meiden, gebhrt mir fr das seinem Volke erwiesene Gute,
auch nicht mit leerer Hand zu ziehn. Aber wo ist der betrgerische
Mehemed?

Musa rief nach auerhalb, und zwei Neger brachten Perotti gefhrt. Hier,
redete ihn Musa an, ist die Sultanin, sie wird die Strafe ber dich
verhngen.

Perotti blickte auf Floren, lie einen Ausruf der Verwunderung hren,
fate sich aber schnell, und stimmte Frohlocken an. So hab ichs
gewnscht, vorausgesehn, den Plan legte ich an, schrie er, und warf sich
vor der Sultanin nieder.

Sie war sehr befremdet ber diese unverschmte Herzhaftigkeit, der
Italiener lie sich aber nicht irre machen, sondern fuhr fort: Bei
deiner Liebenswrdigkeit mute dir in Afrika hohes Glck lcheln, darum
kauft ich dich nicht los. Dein Vermgen wollt' ich dir bewahren, da es
ja doch der Sklavenhndler genommen htte; sieh so ein redlicher Mann
bin ich! Auch ist kein Rubin, kein Smaragd abhnden gekommen, was willst
du mehr? Da mich des Musa Knechte festhielten, dafr konnt ich nicht,
aber ich wollte eben nach Darkulla kommen, dir deine Schtze
auszuhndigen, denn so gebot es meine Gewissenhaftigkeit. Du darfst sie
dem Neger nur abnehmen, und kmmst zu deinem Eigenthum. Hast du je eine
bewhrtere Treue gefunden?

Flore fiel ein: Buben fehlt es selten an Gegenwart des Verstandes. Du
meinst doch nicht, ich soll deinen Worten glauben?

Perotti betheuerte von Neuem, und setzte noch hinzu: Wre auch meine
frwahr engelreine Absicht, schwarz wie die Hlle gewesen, jetzt httest
du Grund, sie zu lieben, sie erhob dich auf den Thron von Darkulla.

O dieser unglckliche Thron! Httest du mich von Musa erstanden,
vielleicht wre es mir gelungen, nach Cairo zu kommen!

Nimmer, nimmer, erhabene Sultanin! Zu keiner Zeit waren die Gegenden
mehr mit Rubervolk berschwemmt!

Mein Freund, dein Feind, fand hier schmhligen Tod. Das macht mir dies
Negerland, so reizend es die Natur ausstattete, doppelt verhat.

Dein Freund? mein Feind? Wer wre das? Ich kenne Niemand, der mein Feind
wre. Ich zum wenigsten liebe die ganze Welt.

Kennst du den Franzosen Coutances?

Coutances, er war in Darkulla? Ohne Zweifel Isabellen zu suchen? Und den
nennst du meinen Feind? Wir wetteiferten blos um den Besitz der
Schnheit. Nie konnt ich ihn hassen. Mich freute vielmehr sein Witz,
mich entzckte der verschlagene Sinn, und indem er ihn bte, erhhte er
auch mein Talent!

Du bist ein Meister der Verstellung.

Und dieser brave feurige Coutances wre dahin? Verzeihe meiner Thrne!
Sie mu ihm flieen.

Perotti weinte so natrlich, da Flore beinahe getuscht wurde.
Wenigstens freuten sie die Thrnen, welche Coutances geweiht waren. Der
Augenblick ihrer Bewegung traf ein, und sie sprach: Sey ein Verrther,
ein Heuchler, oder nicht, es ist dir verziehn! Was frommte mir deine
Bestrafung? Geh frei aus!

Perotti warf sich von Neuem auf die Erde. Ich bin nicht strafwrdig,
dabei blieb er, also kannst du mich auch nicht strafen. Aber was soll
mir jetzt die Freiheit? Die Schwarzen raubten mir alles. Nimm mich in
deinen Dienst, groe Sultanin!

Dich? ha ha ha!

Keinen ergebneren, keinen treueren Knecht findest du.

Ha ha ha!

Frwahr, ich kann dir brauchbar seyn. Auf meiner Reise habe ich die
Sitten der Vlker dieses Welttheils geprft, und da ich tiefer in den
Sden drang, wie noch nie ein Europer, lernt ich auch klger mich in
den Menschen finden.

O daran zweifelt bei Signor Perotti Niemand. Und wie fingst du es an,
berall ungestrt durchdringen zu knnen, da so mancher Andere frh
umkehren mute, oder seinen Tod fand?

Auch ich machte den Arzt, wie es andre gethan haben, bediente mich aber
lauter krftiger flchtiger Reize, die allenfalls im Stande waren, die
Lebenskraft des Hinscheidenden noch fr eine Stunde zurckzurufen. So
machte meine Heilkunde oft Glck, so lange ich anwesend war, was nach
meiner Abreise geschah, kmmerte mich nicht!

O pfui!

Was thut der Europer nicht um die Weisheit! Nchstdem hatte ich einige
chemische Apparate, einige Instrumente der Naturkundigen auf meinen
Thieren. Ich hatte vorausgesehn, da ich mir so den Ruf eines groen
Zauberers und Furcht erwerben knne. Und es gelang mir damit.

Wirklich mgte man glauben, da wenn ins Groe getrieben wrde, was
Perotti wohl nur mit weniger Bedeutung that, die Naturwissenschaften
einen unternehmenden Abentheurer gar wohl in Stand setzten, sich unter
den Vlkern in Afrika, vielleicht selbst in Asien, zum Religionsstifter
zu erheben; das hchste was bis jetzt unter den Menschen erreicht worden
ist, da die Namen Moses, Confutsee, Zoroaster, Fot, Mahomed u. s. w. die
der groen Eroberer berdauern. Welche fr solche Menschen
unbegreifliche Erscheinungen knnte sie nicht hervorbringen, die ihnen
unfehlbar Himmelswunder glten, und gttliche Sendung urkundeten.
Chemische Prozesse, Elektrizitt, Luftschifferei, welche Hlfsmittel zu
diesem Zweck. Vielleicht fllt noch ein ruhmschtiger Wagehals darauf.
Noch interessanter ist aber der Gedanke an eine so hohe Stufe der
Naturkunde, die selbst Vlkern, wie die gegenwrtig gelehrtesten,
Wunderglauben auferlegen knnte. Und doch wird sie gewi einst erreicht,
und mu wieder winzig dastehn, gegen das, was die von ihr weiter gehende
Entwicklung offenbaren kann.

O, fuhr Perotti fort, wenn einige ruhige Stunden dazu gnstig sind, dann
werde ich erzhlen, was ich alles unter diesen Vlkern sah, und that.
Aber am meisten werden meine Hrer staunen, wenn ich berichte, was mir
jenseits der Gebrge zu Gesicht kam, die das Auge erst in blauer Ferne
entdeckt, wenn der Pilger hundert Meilen ber den Niger hinausdrang.
Wisse, da hier Nationen hausen, bei denen tiefe Wissenschaft und Knste
mancher Art gar nicht fremde sind. Weie wohlgebildete Nationen.
Nachkommen der von den Rmern vertriebenen Carthager, der vor Belisarius
fliehenden Vandalen und Andere.

Darauf wre ich wohl begierig, versetzte Flore.

Es wird sich Zeit dazu finden. Wohlan, bleibe in meinem Dienst, wenn du
schon mein Vertrauen nimmer gewinnen kannst.

Jetzt trat auch Alonzo ins Zimmer, der sich nicht wenig ber den
Ankmmling verwunderte. Es erhub sich gleich ein Streit unter den
Beiden. Des Spaniers alter Kummer erwachte, und er maa dem Italiener
Isabellens Verlust bei. Dieser erwiederte: Deine Schuld, da du mich dem
Franzosen nachsetztest. Flore sagte: Dem sei wie ihm wolle, jetzt mt
ihr euch vershnen. Und wie steht es denn um die Nachrichten von
Isabellen, Perotti?

Auf meinem Wege fand ich keine weitere Spur.

Ach sie ist lngst hinber, seufzte Alonzo.

Wir hrten, nahm Flore wieder das Wort, sie sei umgekommen.

Das glaube ich demungeachtet nicht, erwiederte Perotti.

Auch ich nicht, war Florens Bemerkung.




                           Fnftes Kapitel.
                      Die schlimme Gefahr naht.


Eben wollte man weiter reden, als ein Darkullaner athemlos
hereingestrzt kam. Sultanin, rief er, ich bin dir treu, und will, wie
Tausend andere, mein Leben in deiner Vertheidigung opfern. -- Du sollst
deiner Macht entsetzt, getdtet werden. So will es der Sultan.

Alles rief bestrzt: der Sultan?

Ja, fuhr der Darkullaner fort, und schon ist sein Bruder Tata zum
Felsenweg herein. Allen die in den Drfern wohnen, verkndigt er Kukus
Befehl. Hoher Lohn erwartet den, der dich lebend oder todt liefert.
Viele Mchtigen jubeln, aber die Knechte weinen, und berathen, ob sie
sich dir zur Seite stellen sollen? Denn du warst ihnen mild, und sahen
sie es nicht gleich ein, da sie in dir ihre Beschtzerin lieben muten,
so sind sie nun von ihrem Irrthum zurckgekommen. Viele haben sich im
groen Dattelwald gesammelt. Schicke ihnen einen Anfhrer, und ihr
Entschlu wird genommen sein. Noch wei Niemand in der Stadt davon, denn
ich ritt das schnellfigste Dromedar todt, um dir noch zu guter Zeit
die Kunde zu bringen.

Mir ziemt Ergebung, sprach Flore gefat, der Sultan gab mir diese Macht,
er nehme sie wieder hin, er ist Herr ber mein Leben, mir bleibt nichts,
als mit Ruhe zu sterben. Schndliche Verlumdung hat seinen Zorn
entflammt, vielleicht werde ich gehrt, kann meine Unschuld darthun.

Hren wird man dich nicht, rief der Darkullaner.

Dies fordert das Recht, versetzte die Sultanin, und ich kenne Kuku.
Aufbrausen kann er, aber leicht erwacht neue Gromuth in seinem Busen.

Perotti wimmerte: Gewi lt der Sultan erst deinen Kopf holen, der
verwnschte Gebrauch in Afrika, dann wird man einen Proze anstellen.
Sinne auf List, auf Trug, auf Rnke, hintergehe die Gegner.

Greife zum Schwerdt mit deinen Getreuen, rief Alonzo.

Wie, ich sollte das Schwerdt gegen meinen Wohlthter erheben?

Ist er es denn auch noch, wenn er elender Afterrede Gehr giebt, und
dich, die Unschuldige, zu verderben denkt. Unter den Waffen la die
Grnde gegen deine Anklage hren, sonst bist du verloren.

Flore war tief erschttert. Wohl bin ichs mir schuldig, sprach sie, auf
meine Rettung zu sinnen, aber wie viele werden mir beistehn, wenn sie
des Sultans Gebot hren?

Durch Gaukelknste mu das Volk an dich gekettet werden, fiel Perotti
ein.

Freilich ist alles hier recht, was die Klugheit empfiehlt, doch wollen
wir edle Mittel gebrauchen. Der Sultanin Schnheit, die Anmuth ihrer
Rede, werden, mssen ihr die Herzen gewinnen, wenn sie sich ffentlich
zeigt.

Perotti billigte diesen Ausspruch, doch setzte er hinzu, ich werde dann
sorgen, da ihr Eindruck alle Gegenpartheien zermalmet.

Musa wurde gefragt, was er meinte, da jetzt anzufangen sei? Er gab zur
Antwort: Ich trete nicht auf eine, noch auf die andere Seite, und
entfernte sich.

Flore rief den Obersten der Leibwache. Einen Eid, sprach sie, fordre ich
von dir und deinen Leuten, da ihr in einer nahen Gefahr, die mich
bedrohen wird, mir beisteht, ohne zu fragen von wannen sie naht.

Was ist da ein Eid nthig, sagte der Offizier. Das mssen wir ja so, da
wir schon schwuren, dich mit unserm Leben zu vertheidigen.

Wohlan, versetzte Flore, befiehl, da alles Volk der Stadt sich vor dem
Pallaste sammle. -- Der Eunuche ging ab.

Alonzo entfernte sich einige Minuten. Whrend dessen trug Perotti einen
Plan nach dem andern vor. Die Soldaten werden dir nicht ergeben bleiben,
sprach er unter andern, wenn des Sultans Gebot ihnen zu Ohren kmmt;
wre ich wie du, ich lie ihre Gehrwerkzeuge mit erhitzten Eisen
zerstren, so vernhmen sie nicht, was ausgerufen oder vorgelesen wird.

Die Kammerherrn erschienen. Sie hatten erfahren, da Nene Sorge
umschwebe. Welche? wuten sie aber nicht, und waren doch unsglich
neugierig. Zugleich versicherten sie, wie sie auer sich vor Verdru
wren, nicht jeder Zehntausend Leben und Zwanzigtausend Arme zu
besitzen, um sie in Nenes Vertheidigung lchelnd hinzuopfern. Gleich
aber folgte die Frage wieder: welche Gefahr doch die Sultanin umschwebe?

Da sie mit der Antwort zauderte, fiel Perotti darauf, ihnen gleichsam im
Vertrauen zu erffnen, da Sultan Kuku mit der Ergebung, welche das Volk
der Sultanin bezeigte, nicht zufrieden genug sei. Er wolle durchaus, ihr
solle unterwrfiger wie ihm selbst gehorcht werden, sogar gegen sein
Gebot solle man ihr treu bleiben. Um zu prfen, ob auch dieser strenge
Wille befolgt sei, wrde Tata mit Kriegern erscheinen, und das Volk
aufrufen, der Sultanin nicht mehr gehorsam zu sein, ja sie gefangen
auszuliefern; wer nun gehorchte, dessen Kopf wrde in Kukus Lager
gebracht.

Die Kammerherren eilten was sie konnten, das auszustreuen, und von Mund
zu Mund lief die Warnung, ja nicht nach Tata zu hren.

Alonzo kam zurck. Heitrer wie zuvor suchte er Nene Muth einzusprechen,
und setzte hinzu: Es wird jemand, von dem du es gar nicht hoffest, zu
deiner Hlfe eilen.

Das Volk fing jetzt an, sich in dem Pallasthofe zu sammeln. Man hrte
sein dumpfes Murmeln, sahe die Bewegungen, welche den lebendigsten
Antheil, und verschiedne Partheinahme ausdrckten. Der treue Schwarze
mute hinunter, und die Gesprche nher hren. Er kam bald zurck, und
berichtete: wie das listige Vorgeben wenig Glauben gewinne, vielmehr
sagte man sich: wenn Kuku seinen Bruder schicke, die Sultanin
abzusetzen, geschehe es, weil sie so manche ehrwrdige Einrichtung ber
den Haufen geworfen habe.

So wei ich noch eine andere List, rief Perotti, und diese wird
gelingen. Er rannte bei diesen Worten hinaus.

Welche List steht uns zu Gebote? sprach Alonzo. Ja, htten wir
mancherlei Gegenstnde aus Europa, so sollte sich Nene wie eine
Wunderthterin, wie eine Gottgesandte zeigen. Eine groe
Elektrisirmaschiene im Pallast verborgen, einen Draht unbemerkt
hinausgefhrt, und so dem ganzen zusammengedrngten Volke einen Schlag
versetzt, whrend auch noch ein knstlicher Donner ertnte; eine
Engelgestalt aus Wachstaffent mit rostatischem Gas gefllt, in der
Nacht an einem dnnen Faden zur Hhe gelassen, und dann vor dem
Angesichte des Volks majesttisch in den Pallast herabgezogen, da jeder
whnte, ein Himmelsbote brchte der Sultanin Gottes Befehl, das knnte
mchtig wirken. Aber woher nhmen wir das alles?

Man sieht, da ihr ein Spanier seid, versetzte Flore, auch eure List
trgt den poetischen Stempel. Mag es seyn wie es wolle, ich mu
versuchen, was mein Anblick, meine Rede auf den rohen Haufen wirken.

Sie trat nach diesen Worten auf eine Art Balkon hinaus, machte eine
grende Bewegung, und hub dann an mit Wrde zu sprechen.

Doch ein geringer Theil empfing sie nur mit Freudengeschrei, ein anderer
mibilligte das Stille gebietend, so entstand ein unordentliches
doppeltes Gerusch, das Florens Rede ungehrt machte. Die unzufriedene
Parthei unterhielt den Lrmen absichtlich, und verletzte die
Ehrerbietung mit Frechheit. Flore eilte endlich zurck in den Saal, rief
erzrnt ihre Wache, und befahl ihr, muthig die Unverschmtheit zu
strafen.

Indem hrte man die Ankunft eines Herolds, der sich auf einem
darkullanischen Instrumente hren lie. Vielleicht kmmt er zu mir,
dachte Flore, allein er hielt im Hofe, gebot Aufmerksamkeit, und rief
das Volk auf.

Die eben hinausgestrzten Eunuchen hrten auch auf den Herold, der nun
in Tatas Namen verkndigte: das Volk solle der Cafferin Nene Kopf, die
nicht mehr Eselin der Eselinnen sey, an Tata liefern. Weigerte man sich,
so wrde er, schon nach zwei Tagen hier, die Stadt in Brand setzen, und
alles ermorden lassen.

Unentschlossen zauderte das Volk, doch einige Glieder des Divan, die
sonst immer noch treulich auf Nenes Seite gestanden hatten, riefen
furchtbar: Wir mssen gehorsamen!

Sogleich wlzte sich der rebellische Haufe dem Pallaste zu, selbst die
Eunuchen widerstanden nicht.

Jetzt war Perotti wieder ins Zimmer der Sultanin gekommen, die in der
That an ihrer Sache verzweifelte. Hinaus, rief er, noch einmal hinaus,
in diesem Augenblicke wird es gelten. Dabei nderte er einiges an ihrem
Haarschmuck, was sie kaum bemerkte.

Sie trat wieder auf den Balkon, und mute den letzten Rest ihres Muthes
aufrufen, um nicht vor Schrecken ber die unbndige auf ihr Leben
herandringende Masse niederzusinken.

Aber o Wunder! Pltzlich stand die Menge, das Wuthgeheul schwieg, die
mordlustigen Blicke waren erheitert. Ein kurzer Freudenruf, dann
allgemeines Verstummen.

Flore begriff diese schnelle Vernderung durchaus nicht, ntzte sie aber
mit voller Geistesgegenwart, und hielt eine Rede voll Hoheit und
Rhrung. Jedes Wort drang ein, alles rief: wir haben unsere Eselin
wieder! Heil der Eselin aller Eselinnen!

Der Divan rief am lautesten, die Eunuchen der Wache drohten
niederzubohren, was noch einen Schritt gegen den Pallast wagte.

Schwrt mir, rief Flore, bei dem Propheten, neue Treue! -- Sie schwuren
alle. So nur knnt ihr eurem Sultan gefallen, setzte sie hinzu. Ich wei
besser wie ich mit ihm stehe, wie selbst sein Bruder. Und nun
auseinander, zu euren Wohnungen!

Alles zerstreute sich sogleich, und Flore kehrte zurck.

Seht ihr, rief Perotti aus, indem er den Angstschweis von der Stirn
tilgte, seht ihr, es war wohlgethan, mich in euren Dienst zu nehmen.
Euer Leben rettete ich. Er fate hierauf wieder nach ihrem Haupte, und
nahm die zwei Ohren der Leibeselin herunter, die er vorhin ihr unbemerkt
aufgesteckt hatte.

Nicht wahr, ein gescheuter Einfall, da ich vorhin in den Marstall
schlich, und die Ohren holte? Sie haben das ganze Wunderwerk vollbracht.

Floren mischte sich Verdru in die Freude, doch hatte sie einmal mit den
Eselsohren dagestanden.

Ich rathe, sprach nun Alonzo, die Stadt in Vertheidigungsstand zu
setzen. Tata und seine Krieger drften nicht so bald zu umwandeln seyn.

Flore war das zufrieden. Das Volk mute einen Wall und einen Graben
aufwerfen, spitze Pfhle erschwerten den Zugang. Alonzo leitete diese
Arbeiten, und als Tata erschien, war man schon zu einer Belagerung
vorbereitet.

Der treue Schwarze war auch thtig, und versicherte Floren, nun die
Stdter ihr bei Mahomeds Namen Treue geschworen htten, knne sie auch
darauf bauen, da sie ihr Leben fr sie wagten, und nichts sie
erschttere.

Wohin soll das aber fhren? rief Flore. Ich will keinen inneren Krieg,
Blut soll um mich nicht strmen. Alonzo entgegnete: und doch wird es
nicht mehr zu vermeiden seyn, es wre denn, Tata liee mit sich
unterhandeln, und berichtete an den Sultan zurck. Unter den Waffen aber
unterhandelt es sich am nachdrcklichsten.

Flore erlie Proklamationen an das Volk, die Alonzo aufgesetzt hatte,
und prchtig klangen. Neben aller Wrde, verga man doch nicht, der
Menge darin zu schmeicheln. So gering auch die Portion ist, die bei
solcher Gelegenheit auf den Einzelnen fllt, so wachsen doch die kleinen
Theile von Erkenntlichkeit wieder zu einem namhaften Ganzen an.

Tata dagegen, wie er mit seinen Kriegern, und dem an sich gezogenen
Landvolk die Verschanzung umzingelt hatte, sprach in wthenden
Manifesten, die bei furchtsamen Nationen vortrefflich seyn mgen, bei
andern aber, wohin hier unsre Darkullaner gezhlt werden knnen, ganz an
der unrechten Stelle sind.

Doch nahm beinahe ein gewisser Umstand eine gnstige Wendung fr Kukus
Bruder. Die Eselin nmlich, welche durch Perotti um ihre wohlgeformte
Ohren gekommen war, die Leibeselin in den Hofmarstllen, hatte in
Darkulla eine gewisse Weihe, einen Mysticismus aus den Zeiten der
Abgtterei her, und noch hatte der Islamismus, wie wir schon oben
bemerkten, diese Spuren nicht verdrngen knnen. Ueberhaupt ist die
Ideenmengung bei den Religionen so gar ungewhnlich nicht, und es drfte
keine einzige geben, die nicht mehrere Grundzge einer anderen in sich
aufnhme. Darber liee sich hier der Schein tiefer Gelehrsamkeit
annehmen, wenn man berhmte aber dennoch nicht sehr gekannte
Schriftsteller ausschreiben wollte. Ohne aber mit einem Bailli oder
Volnei zu untersuchen: ob der Esel von Darkulla, mit einem thiopischen
Mythos zusammenhngen mgte, sei es genug, zu melden, da sein Stall
eine Art Tempel war, und da dieser nach Ahnen, Tugend und Anmuth
gewhlte Erzesel, sogar Priester zu seinem Cultus hatte. Nur an hohen
Festen durfte ihn der Sultan besteigen. Krankheit und Tod dieses Thieres
galten unglckliche Zeichen dem Lande; sein Wohlsein, muntrer Appetit,
sein muthiges Hintenausschlagen frohe Verkndigung.

Wenn nun unser Italiener im Augenblicke der Noth auf den Einfall kam,
der Sultanin des Landes edles Simbol in das Haar zu pflanzen, so
enthielt er die Genialitt glcklicher Erfindung, denn der Gradsinn sah
reuiges Hinwenden zu dem Ehrwrdigen, der Aberglaube vielleicht gar den
Arm des Himmels in dieser Erscheinung. Allein Florens Unstern fhrte den
Italiener grade zu dem heiligen Thiere, ein unerhrt schrecklicher
Umstand. Der Stall war eben ledig, und so wurden die Ohren schnell genug
und unbemerkt abgelst. Nach einer Stunde etwa sprach Perotti mit dem
Spanier ber die vollbrachte List, und dieser fragte: wie er doch so
geschwind zu den Ohren gekommen sei? Jener zeigte auf den Stall.

Alonzo schlug die Hnde ber dem Haupte zusammen. Wir sind alle
verloren, wenn das kein Geheimni bleibt, rief er aus, und erklrte dem
Italiener, was er, bei lngerem Aufenthalt in Darkulla, genauer, wie
dieser kannte.

Dieser lief in der Angst mit den Ohren wieder hinunter, bediente sich
eines Baumharzes aus dem Pallastgarten, und klebte sie so gut wieder an,
als es sich im ersten Augenblicke thun lie. Zum Glck waren die
Priester und Knechte, des Auflaufs wegen, nicht in der Nhe.

Unentdeckt konnte aber die Sache nicht bleiben, und es war hchst
gefhrlich, irgend jemand in die Mitwissenschaft zu ziehn. Es wurden
daher die gewhnlichen Knechte des Esels entfernt und Perotti ftterte
und putzte ihn an ihrer Stelle, wodurch man der Entdeckung auswich. Auch
mute Flore vorgeben, ein besonderes Gefhl der Verehrung des heiligen
Esels sei ber sie gekommen, und sie wollte ihn huldigend mit einer
kstlichen Krone schmcken. Diese wurde in Eile aus Gefieder und
Juweelen gemacht, und sie bedeckte den Oberkopf so, da weder ein Organ
daran vermit wurde, noch sein defekter Zustand in die Augen fiel.

Perotti lie sich sogar die priesterliche Wrde geben, um bei Aufzgen
das Thier zu fhren. So wurde jedermann davon entfernt.

Das alles aber reizte die Neugier eines andern Priesters, der gleich
vermuthete, es msse hier eine Heimlichkeit verborgen sein, die man zu
offenbaren frchtete. Er versteckte sich also eine Nacht hindurch in dem
Tempel, untersuchte das Thier, und fand die Verstmmlung auf.

Er war auer sich vor Freude, und das aus folgenden Grnden: Die
Eselspriester hatten ewige Controversen mit den Mahomedspriestern zu
bestehn, denn diese wollten jene, wie die ganze Eselsverehrung, als
unrein und unerlaubt austilgen. Bei den Controversen bt sich der
Verstand und nimmt einen ungewhnlichen Flug, whrend die Vorurtheile
sinken. Der Mann, von welchem wir gegenwrtig reden, war jung, feurig,
der Priesterschaft gram, und hatte sich in Floren, die er oft sah,
heftig verliebt. Augenblicklich durchschaute er den Plan mit jenen
Ohren, und baute darauf einen Plan fr das Glck seiner Liebe, oder noch
wohl hherer Wnsche. Er lie sich kurz nach seinem Auffund bei Floren
melden.

Sie nahm ihn, umringt von einigen Staatsbeamten, an. Er bat um Gehr
unter vier Augen. Dem Priester versagte sich das nicht wohl. Nun warf er
sich nieder, und bekannte unverschmt und ohne Hehl seine Leidenschaft.

Flore fhlte sich heftig entrstet. Schon der Akt an und fr sich mute
sie empren, und ihr war auch bekannt, da die Eselspriester zum
ehelosen Stand, zur strengsten Enthaltsamkeit der Liebe verbunden waren.

Und du erfrechst dich -- hub sie mit strafendem Eifer an, aber der Neger
lie sie nicht weiter reden, sondern fiel ein:

Erhabne weise Sultanin, oder vielmehr schnste der Weiber im
Menschengeschlecht, du herrschest hier durch die Kraft der Gesetze, auch
meine Macht ist nicht geringe, sie ward auf die Gewalt des Wahnes
gegrndet, und diese berbietet oft sogar jene.

Und du erdreistest dich, die Religion Wahn zu nennen?

Schne Knigin, du glaubst an die Gttlichkeit der Esel nicht, nur das
Volk sichrer zu lenken, erzeigst du ihnen Verehrung. Noch mehr wie du,
lache ich, der Priester, ber die Gaukelei. Aber wenn wir uns im
Zutrauen begegneten, welche Ketten, dauernd, und fest, wrde unser
Verein den vornehmen und niederen Sklaven schmieden knnen. Die, woran
du das Volk lenkest, droht zu brechen, weil du die meinige zertrmmern
willst. Ich kann dir ersprielicher als irgend ein Darkullaner oder
Caffer sein. Ich will die Herzen gewinnen, die Ueberzeugung fesseln.
Nicht nur gemeinschaftlicher Vortheil, auch Liebe, die heieste, die je
im heien Afrika einen Busen durchglhte, Liebe, Liebe betet dich an.
Verwirf sie nicht, und ich lehre dir, dem Zorn des Sultans Trotz zu
bieten.

Verruchter, rief Flore, ich hre auf, deinen Stand zu achten, und strafe
nur den Frevel.

Stolz erwiederte jener: Das wrdest du vor dem Volke verantworten
mssen.

Fr niemand wird es sich einlegen, der seine hohe Wrde entheiligte.
Ich rede schon zuviel mit dir. Wache!

Noch Eins! Ich kann dich verderben. Das Geheimni ist mir bekannt, wie
neulich die wthende Menge beruhigt wurde.

Flore erschrack.

Der Priester bemerkte es schadenfroh, und setzte hinzu: Verwirfst du
mich, schreie ich der mich verhaftenden Wache zu: die heilige Eselin ist
der Ohren beraubt, geschndet, Weh ber Darkulla, wenn sie nicht gercht
wird! Preise dein Geschick, da ich ber die Eselin lache, da Liebe mir
hher gilt, wie Possen, sonst wrst du schon verloren.

Flore sah den Abgrund, der vor ihr ghnte, sie dachte: Besonnenheit
allein kann mich retten, zog einen unter dem Kleide verborgenen Dolch
hervor, und stie ihn dem Priester in die Brust. Eine That, welche die
grausam dringende Nothwendigkeit, und das nichtswrdige Betragen des
Bonzen ihr erleichterten.

Er sank hin, sagte aber sterbend: Es wird dich reuen, schne Tyrannin.

Kein Eingeborner durfte ins Zimmer. Alonzo und Perotti wurden schnell
gerufen. Verbergt den Leichnam, schnell, schnell!

Die Beiden erschracken heftig.

Es mute sein, das Weitere ein Andermal.




                          Sechstes Kapitel.
                             Fortsetzung.


Wo man den Meister spielt, lt sich viel ins Werk setzen, darum wurde
die heimliche Beerdigung des Priesters bald zu Stande gebracht. Alonzo
sagte aber: Wir mssen mehr als je mit dem Volke auf unsrer Hut sein.
Perottis Einfall rettete fr den Augenblick, aber spterhin kann er uns
verderben.

Ei, rief Perotti, ich machte schon ein ander Thier ausfindig, das dem
vorigen hnlich ist. Bei Nacht schaff ich es in den Tempel, und das
verstmmelte wird in einen Teich versenkt.

Wie gefhrlich aber ist das alles, versetzte der Spanier. Lat uns auf
Mittel sinnen, dem Volke ein Blendwerk im hheren Styl zu bereiten.
Selbsterhaltung legt es uns auf. Wir sind Europer. Unsre
Naturwissenschaft mu uns dazu in Stand setzen. Lat uns einige der
geschicktesten Caffern gebrauchen. Auch ber sie schwebt die Gefahr.
Feuergewehr ist selten in diesem Reiche, wenn es schon nicht den
Schrecken verbreitet, wie bei ganz wilden neuentdeckten Vlkern. Wir
wollen aber dennoch Salpeter suchen und Pulver in so groer Menge
verfertigen, als es immer mglich ist.

Gut, gut, rief Perotti, fehlt es uns an Flinten oder Stcken, so machen
wir Feuerwerke, hier ein ungesehen Schauspiel, mit dem manches
auszurichten ist. Das Volk mu uns schon der Kurzweil halber lieben.

Auch denke ich Minen unter den Wall zu legen, oder -- noch etwas anders
fllt mir bei, wovon ich nachher reden werde.

Mir auch, warlich in dem nmlichen Augenblick, sprach der Italiener, und
ich wette, wir fielen auf einen Gedanken.

Sollte es uns nicht mglich werden, eine elektrische Vorrichtung zu
erbauen. Es fehlt uns zwar manches dazu, aber Noth ist erfinderisch.

Wohl! Die Theorie davon ist mir wenigstens bekannt. Doch vor allen
Dingen mgte ich leichtes Gas und einen Wachstaffent bereiten knnen.
Ich glaube, einer unserer geschickten Zeugmacher hat einen feinen
dichten seidenen Stoff fertig.

Mit Wachs berzieh ich ihn.

Vitriol, Eisen, besitzen wir. Warum sollte sich nicht ein leichtes Gas
bereiten lassen.

Unter dem Pallast sind tiefe Kellergewlbe. Da leg ich eine Werkstatt
an. Die Caffern, welche mir helfen, kommen nicht mehr ans Tageslicht,
bis das Volk von Darkulla uns unbedingt huldigt.

Flore rief: Ihr Herren denkt auf alles. Beim Ausfhren des Wunderbaren
will ich schon an meiner Stelle stehn. Warlich, nichts Geringes lastet
auf uns. Eigentlich mssen wir ja gegen das innere Volk der Stadt, und
wider das Belagerungsheer zugleich kmpfen. Fast ist unser Sieg nicht
abzusehn. Doch fallen wir, kann es die Feinde nicht ehren.

Doch unser Triumph wird unerhrt sein. Und die hohe Stufe europischer
Kultur mu gebieten! schwrmte der Spanier, der viel Elastizitt hatte,
welche nur des uern Drucks bedurfte, um wirksam zu sein. Daneben
fehlte es ihm gar nicht an dem poetischen Schwung, der ja nach
Isabellens Zeiten, wie neuere deutsche Autoren behaupten, ein Grundzug
des hispanischen Charakters geworden sein soll.

Genug, sechs Arbeiter wurden im Geheim angestellt, Perotti leitete die
Technik, die Ideen gab Alonzo, Flore bte die Rollen des Ausfhrens ein.
Weiter unten wird das Warum, Wie und Wo, nher berichtet.

Wenden wir den Blick zu Tata hin. Er stand vor der Stadt, und
besichtigte die Vertheidigungslinie. Anfangs glaubte er, seine Befehle
wrden ohne Weiteres Unterwrfigkeit erzielen, da er aber die Hauptstadt
Nene anhngen, und sich zur Wehre stellen sah, wurde er heftig
erbittert. Zwar meinte er gleich, das Volk sei durch Verfhrungsknste
geblendet worden, und zauderte deshalb, um nicht Blut von Darkulla durch
Darkullaner zu vergieen, allein fest stand auch der Beschlu: wenn man
nicht bald sich gbe, die ausgesprochenen Schreckensdrohungen nach ihrem
ganzen Umfange zu erfllen.

Whrend er nun auf Aenderung des Sinnes hoffte, und die schwchste
Stelle der Verschanzung ausgesucht ward, um sie, wenn es sein msse, zu
erstrmen, langte ein Knabe bei ihm an, der in der Nacht ber den Wall
gestiegen war, und den Graben durchschwommen hatte. Er brachte ein
Palmblatt, auf welchem diese Worte standen:

Ruchlose Gaukelei hat das Volk der Stadt betrogen. Kein Zeichen vom
Himmel war es, da die Sultanin der Menge mit den Ohren der heiligen
Eselin erschien, tempelruberisch haben ihre Caffern das Thier
verstmmelt, und frech hat Nene die Ohren entweiht. Da nicht Tausend
Donner den Frevel straften, ist des Himmels Langmuth, und seine Gnade
gegen dich, o Tata, weil er dir die Rache bergiebt. Ich sterbe fr
meine Aussage, und bin nicht mehr, wenn der Bote deinem Lager naht.

                                 Der Gropriester der heiligen Eselin.

                   *       *       *       *       *

Diesem im Tempel dienenden Knaben, der des Lesens unkundig war, hatte
der Verrther das Blatt berliefert, ehe er zu Nene ging. Niemand, bei
Strafe des Feuertodes, lautete seine Weisung, zeige das Blatt. Warte
drei Tage auf mich, bin ich dann nicht wieder bei dir, so lebe ich nicht
mehr, und die Esel des Paradieses wollen, da du in Tatas Lager
schleichest, ihm das Blatt in seine Hnde zu liefern.

Der Knabe hatte am Altar schwren mssen. Allein nicht gleich war es ihm
mglich geworden, das Gebot zu erfllen. Zu genau wachten die Krieger
auf dem Walle. So waren acht Tage vergangen, endlich aber doch die
Aufsicht betrogen worden.

Tata schauderte, da ihm doch noch einige Landesvorurtheile anhingen,
schumte vor Wuth gegen die Sultanin, war aber bei dem allen auch froh,
nun ein Mittel gefunden zu haben, wodurch die Feindin unfehlbar zu
verderben sei.

Das Blatt wurde sogleich vervielfltigt, und rund um die Stadt durch
angestellte Getreuen laut abgelesen. Die Darkullaner auf dem Walle
vernahmen jedes Wort, Fanatismus, Jhzorn und Rachsucht loderten
furchtbar in allen Busen auf.

Ein Strom von Emprern brauste in zgelloser Erbitterung auf den Pallast
los. Schon sind sie an seiner Eisenpforte, wollen sie aufreissen, das
Haupt, das Herz der Sultanin holen, um das beleidigte Gttliche zu
shnen -- da trifft den vordersten Mann, der das Thor berhrt hat, ein
Schlag von unsichtbarer Hand, und diesen nmlichen Schlag fhlt die
ganze gedrngt nachstrzende Menge. Alle Nerven wurden den Mnnern durch
den entsetzlichen Schlag erschttert. Kaum konnten sie ber das Ereigni
nachsinnen, als die Sultanin auf dem Balkon erschien, und ausrief:
Unverletzlich ist das Thor der Sultanin. Der Himmel beschtzt sie, und
wer das geringe Zeichen seines Unwillens noch nicht achtet, dem wird es
sich wiederholen, bis er todt zu Boden strzt, und die Seele der
Verdammni sendet. Fort auf den Wall, die Stadt zu vertheidigen!

Starr weilte die Menge. Niemand wagte sich mehr vorwrts, Niemand wagte
auch den Befehl zu erfllen. Pltzlich fhlte jeder einen neuen Schlag,
viel strker als der vorige. Alles strzte zu Boden.

Erfllt das Gebot, oder des Himmels neues Zeichen strzt euch alle ins
Grab.

Behend sprang hier Jeder auf, nach seinem Platze auf der Verschanzung zu
eilen. Tata hatte doppelt sicher gehen wollen, und whrend der Zeit, wo
der Wall von seinen Vertheidigern leer war, einen Sturm anbefohlen. An
vielen Stellen hatte man den Graben bereits durchschwommen, und
betrchtliche Haufen kletterten schon an dem Walle hinauf, doch nun
strzte die erschrockene, durch eine hhere Furcht, als die vor dem
feindlichen Angriff, entflamme Menge hinzu, ein wthend Gemetzel
entstand, die Strmer wurden in den Graben zurckgeworfen, und die
Felsstcke, welche Alonzo an seinem Rande hinreihen lie, auf sie
niedergerollt, da fast keiner zurck ins Lager kam.

Nach dem vorhin Angedeuteten begreift der Leser wohl, wie elektrische
Vorrichtungen das hervorgebracht hatten, was Unkunde und Empfnglichkeit
fr Aberglauben, Wunder nennen muten. Den ersten Schlag empfingen die
Aufrhrer durch das eiserne Thor selbst, den andern durch einen aus dem
Keller emporgeleiteten Draht, womit Perotti einen in der Menge berhrte.

Bald sahe Flore Abgesendete aus dem Volke, welche im Staube flehten, den
tapferen Kampf gegen Tatas Sturm, der Unbesonnenheit des verfhrten
Volkes, zur Entschuldigung gelten zu lassen. Sie verzieh auf die
Bedingung knftiger Unerschtterlichkeit.

Sie zeigte sich oft den Kriegern, sorgte reichlich fr sie, munterte
durch Belohnungen auf und gewann sich die Herzen aufs Neue.

Dem Tata schickte sie eine Botschaft hinaus, welche ihm sagen sollte:
Ihr sey es nicht zu verargen, wenn sie sich gegen Schande und
schmachvollen Tod zur Wehr setzte. Er mgte abziehn, damit kein Blut
mehr flsse, und Kuku melden, was er gesehn htte. Wenn Kuku aber selbst
kme, dann wolle sie unbewaffnet ihm entgegen gehn, sein Herz wrde sie
dann hren.

Tata lie aber den Darkullaner, welcher die Botschaft brachte, sogleich
aufknpfen, und erfuhr sogar nicht, was die Sultanin ihm wollte. Zu
ergrimmt war er ohnehin ber den Verlust beim Sturm und sein Milingen,
und willigte auch bei andern Versuchen in keine Unterhandlung. Dagegen
lie er immer wieder des Gropriesters Bericht ablesen, und immer wurde
hinzugesetzt: Darkullaner, eine hllische Gaukelei betrog euch, lat
euch die heilige Eselin zeigen, und ihr werdet sehn, welche Missethat
die Cafferin verbte.

Das verfehlte denn doch nicht allen Eindruck, nachdem der erste
Schrecken ber die Elektrizitt gewichen war. Wo ist der Gropriester?
diese Frage wurde fters gehrt, man wnschte allgemeine Gebete um
Waffenglck, wo die heilige Eselin in Prozession umhergefhrt, und in
die Mitte gestellt wurde.

Es erschien dieserhalb eine Bittschrift bei der Sultanin. Sie
erwiederte: Wie schon Tag und Nacht im Tempel gebetet wrde, und deshalb
auch kein Priester ihn verlassen drfe, (sie waren aber in Gewahrsam,
denn sie hatten nun doch den Zustand des Thieres gesehn, und konnten dem
Volke schlimme Dinge ins Ohr sagen) da aber die ffentliche Andacht
gewnscht werde, so knnte sie in einigen Tagen statt haben.

Bald darauf muten die Herolde ankndigen: Die Hlfte der Bewaffneten
sollte sich einfinden, die andere auf dem Walle bleiben. Flore hatte
rund um den Eselstempel die nahen Gebude wegreissen, und in der
Entfernung von einigen hundert Schritten einen Verschlag anbringen
lassen. Gegen Abend sammelte sich die Hlfte der Krieger, strmten alle
Weiber und Kinder aus der Stadt zu. Ein langes stummes Gebet machte den
Anfang der Feierlichkeit, dann trat Flore auf und hielt eine noch
lngere Rede, indem sie bald nach dieser, bald nach jener Seite der
Schranken ging, berall ihre Worte zu wiederholen. Hauptschlich trug
sie vor: Darkullaner, die Wrde der Religion Mahomeds hat eure Herzen
gerhrt, doch noch ruht des Propheten Zorn auf euch, da ihr das Joch
alter Abgtterei noch nicht abzuwerfen vermgt. Zweierlei Andacht ist
frevelhaft. Eine tadelt die Andere. Manche Noth, die seit kurzem dies
reizende Land heimsuchte, mag eine Strafe der Untreue seyn, die immer
einer Gottheit widerfahren mu. Weit entfernt sey es von mir,
entscheiden zu wollen, welche die allein wahre ist, die ltere oder die
neuere? Aber die Zeit ist gekommen, wo sich die allein wahre, durch ein
Wunder der Allmacht offenbaren will. Das sagte mir ein heiliger Traum.
Wohlan, so vereint denn eure Gebete brnstig mit dem meinigen. Wie eure
Sultanin, sinkt aufs Knie, und fleht, da dies Wunder heute vor euren
staunenden Blicken erscheinen mge. Seht, hier steht der Tempel der
heiligen Eselin! Aus seinem Fenster glnzt der Opferlampe Schein durch
die Nacht. Dort auf der andern Seite prangt die Moschee, stattlich
aufgefhrt, durch die Gefhle der Glubigen geweiht, um dort den
Gottesdienst zu feiern, den des Propheten Coran auferlegt. Fleht, da an
den Tempeln noch in dieser Nacht kund werde, welcher von ihnen dem
Himmel der geflligste ist!

Alles warf sich nieder. Die feierliche Erwartung, der Fanatismus aufs
hchste gespannt. Leises Beten der Einzelnen, halblautes Seufzen, aber
in der Vielheit in der nchtlichen andchtigen Stille, schon ein
wesentliches Gerusch. Einige Zeit vergeht, dumpfe Pause folgt der auf
den Lippen und von den Busen hrbaren Inbrunst, dann tnt Florens Stimme
wieder, und die andern fallen neuerdings ein. Dicke Nacht umgiebt die
Knieenden und der Himmel ist umwlkt. Selbst die Opferflamme im Tempel
glimmt dster.

Pltzlich wird ein dumpfer unterirdischer Donner vernommen, und die
Erde, worauf die Andacht sich niederschmiegte, bebt. Dieser Donner lst
sich in ein hohles Knarren, ein gellendes Krachen, zuletzt in einen
orkanhaften Knall auf, bei dem alles aus Schrecken aufs Antlitz sinkt.
Ein helles Umleuchten. Ueberraschung mahnt aber in demselben Momente,
alle Blicke, sich wieder emporzurichten. Halbgeblendet, staunen, starren
sie nach dem Gtzentempel hin, der in Trmmern zerschellt in einer hohen
Feuersule in die Wolken steigt. Dampf, Rauch und dicker Staub
verschlingen bald wieder die Blitzeshelle, die zerrissenen Mauern sinken
aber brennend und rauchend auf den Boden zurck, Erde fllt weit
umhergeschleudert auf die Beter nieder.

_Mahomed ist Gottes Prophet!_ tnt nun eine Stimme aus der Hhe, nach
der Moschee richten sich alle Augen. Sie ist von lauter feurigen
Lichtern umgeben, kleine Flammen, Sternen gleich, steigen aus den
Minarets empor, und oben zeichnet Feuerschrift mit groen Charakteren
den Namen des arabischen Religionsstifters. Die Empfindungen der Menge
ergeben sich von selbst.




                          Siebentes Kapitel.
                           Tatas Unglaube.


Da eine Mine den Gtzentempel in die Luft gesprengt hatte, sieht
jedermann ein. Wo so leicht gebaut wird, wie in Darkulla, lie sich in
ihrer Nhe aushalten, bei dicken Steinmauern wren wohl manche der Beter
zertrmmert worden.

Die Priester machten die Reise mit, obgleich Flore gewollt hatte, man
sollte sie retten, und irgendwo verbergen. Perotti meinte: besser sey
besser, und erklrte, als er Florens Vorwrfe hrte, er wolle alle die
Priesterseelen auf sein Gewissen nehmen.

Auch die heilige Eselin ohne Ohren ward bei dieser Gelegenheit
zerrissen, und man war der schlimmen Untersuchung berhoben. Alonzo und
Perotti tappten noch in der Nacht mit kleinen Blendlaternen umher, und
brachten die Stcke der Krper zusammen, die etwa oben auf den Trmmern
lagen, um sie zu verscharren. Der Glaube sollte meinen, alles Leben sei
hier vllig vernichtet worden.

Die Moschee erleuchtete ein Feuerwerk, von dem alle verrtherische
Ueberbleibsel auch weggenommen wurden, und damit das alles destomehr
ohne Beobachtung geschehen konnte, lie Flore beim Sonnenaufgang, diesen
Tag dem Fasten und Gebeten widmen, denen, mit Ausnahme der Krieger auf
der Verschanzung, Jedermann daheim im Hause obliegen sollte.

Vielleicht wundert man sich, wie es Alonzo und Perotti mglich wurde, so
mancherlei Geheimes ins Werk zu richten, und die Arbeiter in der
Werkstatt zu bewachen. Aber es ist auch oben erinnert worden, wie
letztere dabei mit Leben und Wohlfahrt interessirt waren. Bei dem allen
hatte Perotti von den entlassenen stummen Kammerherrn gehrt, meinte,
hier stnden sie an ihrem Platz, und berief sie ein. Sie muten Aufsicht
ber die Knstler fhren, Neugierige abhalten, und wo es sonst nthig
wurde, Hlfe leisten.

Zum Unglck aber konnte einer von ihnen schreiben, sogar etwas denken.
Er sah von den Arbeiten ab, was ihm mglich war, und berlegte, da er
dem Bruder des Sultans mit Nachrichten ber diese Gegenstnde,
willkommen sein drfte. Wenigstens lchelte er ihn an, und versicherte
ihn seiner Gnade, ein Genu, welcher ihn, so lange er vom Hofe entfernt
war, nicht gelabt hatte.

In Tatas Lager sah man den Aufflug der Mine und die Verklrung des
islamitischen Tempels gar wohl, und die Krieger fanden sich wunderbar
durch die Erscheinungen bewegt. Ein Wispern und Flistern durchlief die
Reihen: man fhre schlimmen Krieg, Gott stnde dem Feinde bei. Tata
erschrack darber nicht wenig, und wute doch nicht, wie er den bsen
Eindruck bei seinen, und den guten bei Nenes Kriegern, den diese
unerhrte Dinge ins Leben gerufen hatten, tilgen sollte.

Da kam in der Nacht jener stumme Hfling, dem es gelungen war, aus der
Stadt zu schleichen. Die widerrechtlich eingeschlummerten Schildwachen
muten dazu einen Todtenschlaf gehabt haben, da der Parfm des
Vorberschleichenden sie nicht weckte. Genug der Hfling war da.

Man reichte ihm einige Palmbltter, darauf niederzuschreiben, was er
anzubringen hatte. Einige wurden mit Artigkeiten angefllt, dann ging es
zur Sache ber, wo dem Frsten Tata versichert wurde, wenn es ihm
Vergngen mache, werde er, der Ankmmling, die Ehre haben, auch feurige
Erscheinungen und entsetzliche Donnerwetter hervorzubringen.

Ich dachte es, rief Tata, ich dachte es, Gaukelei liege zum Grunde, oft
habe ich gehrt, da die Caffern im Lndchen Europa mit ihrem schwarzen
Staub, Blitz und Donner machten; den Feuerschlund, welchen unsere
Krieger einst eroberten, wrden wir auch laden und losbrennen knnen,
wenn uns der Staub nicht fehlte.

Jener klopfte der weisen Rede mit seinen Hnden Beifall, und schrieb
wieder: er habe das Geheimni abgemerkt.

Sogleich wurden ihm Handlanger in Menge zugesellt, die Gegend war an
Salpeter und Schwefel reich, man half sich mit den Kohlen so gut es gehn
wollte, und nach einigen Wochen besa Tata einen groen Vorrath an
Schiepulver. Stand es gleich um die Mischung und Krnung desselben
fehlerhaft, war es immer geeignet, Staunen und Schreckni unter die
Darkullaner zu verbreiten, und Florens Triumph zu stren.

In der Stadt vermuthete man gar wohl, da den Belagerern eine solche
Kunde zugekommen sei. Denn es wurde der Flchtling vermit und Tata lie
auch vor den Wllen ausrufen: er werde nchstens auch solche feurige
Erscheinungen hervorbringen, wie die Gauklerin Nene, welche die
Darkullaner schndlich betrge, und sich frevelhaft rhme, der Gottheit
Wunder erfleht zu haben. Das machte allerdings, da die erste Stimmung
nach jener Nacht, die Floren vollkommen gnstig gewesen wre, wie eine
neue Religionsstifterin in Darkulla aufzutreten, in eine gewisse Klte,
eine mitrauische Bedenklichkeit, und eine gespannte Erwartung, was im
Lager vorgehn werde, berging.

Das Kleeblatt, Flore, Alonzo, und Perotti, berathete also, wie, wenn
auch Tata Explosionen mit Schiepulver zu Stande brchte, doch Vorliebe,
Bewunderung und Ehrfurcht auf dieser Seite zu erhalten, und noch
siegender als zuvor dahin zu lenken wren.

Tata lie unterdessen einen ungeheuren Esel anfertigen. Es geschah in
einem Verschlag, da die Ansicht der zunehmenden Arbeit nicht dem
Eindruck der Vollendung schaden sollte. Daneben war der Plan sehr klug,
einen Theil des Walles zu untergraben, und in die Luft zu sprengen. Das
sollte in der Nacht geschehen und dann der Esel mit Feuerwerksmaterie
behende auf Rollen durch die Bresche in die Stadt geschoben werden.

Alonzo, der gern etwas Genaueres wissen wollte, redete mit jenem
Darkullaner, der zuerst die treue Nachricht berbracht hatte, und bewog
ihn, im Finstern durch den Graben zu schwimmen und sich einen Tag im
Lager aufzuhalten, wo man, ihn fr einen Krieger Tatas haltend, keinen
Verdacht schpfen wrde. Dann sollte er alles ersphn, und zurckkehren.

Der Neger, fest in seiner Anhnglichkeit, richtete den Auftrag zur
Zufriedenheit seiner Sender aus, und diese erfuhren Tatas Absicht
vollkommen, waren mithin auch im Stande, Gegenmittel vorzukehren.

Die Stelle des Walles, an welcher die Kluft ausgehhlt ward, (eine
Arbeit, welche die Belagerer immer in der Nacht vollzogen, nachdem die
Arbeiter ber den Graben geschwommen waren) blieb nun nicht unbekannt,
und es wre ein leichtes gewesen, die Hhlung wieder auszufllen, und
keinen Grber mehr hereinzulassen. Das wollte man aber nicht, der
Triumph wre nicht glnzend genug gewesen. Es wurde vielmehr hinter
jener Stelle ein neuer Abschnitt von einem Wall und Graben gemacht, weit
genug, da die Kraft des im Hauptwalle entzndeten Pulvers ihn nicht
treffen konnte. Dazu legte man in der Mitte dieses Abschnittes noch eine
kleine Mine an. Zu welchem Behuf, werden wir hren.

Jetzt gedieh auch die chemische Beschftigung mit dem Vitriol, und dem
kleingehackten Eisen mehr, und es wurde so viel brennbares Gas gewonnen,
als zu den vorgesetzten Zwecken erforderlich war.

Aus feinem gewchsten Seidenzeuge fertigten die Mnner eine Hlle, die
aufgeblht die Gestalt eines Engels mit ausgebreiteten Fittigen
nachahmte. Das brennbare Gas fllte diesen seidenen Krper, und
wohlverschlossen wurde er in der Nacht an einem sehr langen dnnen
seidenen Strange in die Luft gelassen. Das Ende des Stranges war in
einem Zimmer angeknpft, dem kein Ungeweihter nahen durfte.

Am Tage sahe niemand den Strang, weil er zu dnn war, und in einer
betrchtlichen Hhe aus dem Pallaste stieg; der Cherub hatte sich
vollends allen Augen entzogen, und schwebte hoch im Aether.

Nun kndigte die Sultanin abermals eine ffentliche Gebetfeier an, die
aber diesmal auf den frhen Morgen bestimmt war. Wie neulich mute sich
das Volk versammeln, aber Flore zeigte sich nur von einer Zinne des
Pallastes, auf welcher sie frei stand. Hier wurde das Volk wieder ernst
aufgerufen. Die Rednerin sprach ber die Tcke und Ruchlosigkeit der
Feinde, welche sie verderben wollten, wie sichtbar auch der Schutz
hherer Mchte sei; wie sie sich bemhten, sogar den Glauben wankend zu
machen, ja wie die Sultanin in Erfahrung gebracht, da sie Teufelsknste
bereiteten, um die hohe Erscheinung verspottend nachzuahmen. So fleht
denn alle, setzte sie hinzu, da der Herrscherin Geist von Oben
erleuchtet werde, da sie stark und weise genug sei, des Gegners Bosheit
zu vereiteln.

Sie kniete oben, unten sank die Menge nieder. Ein langes stummes
inbrnstiges Gebet, bald von einzelnen Seufzern unterbrochen, dann ein
gemeinsamer lauter Chorus, der aus tiefen Herzen die Bitte tnen lie.

Pltzlich vernahm man einige liebliche Akkorde, die aus den himmlischen
Gefilden herabzusteigen schienen. Alles ward still, kein Athem mehr
hrbar, denn jedes Ohr wollte die wundersen fremden Wohllaute trinken.
Die Blicke staunten empor in die Region des Liedes, wuten aber nicht,
wie es ins Leben gerufen wurde. Doch ein Pnktlein ward bald darauf in
der Hhe sichtbar. Ein Gestirn im reinen Blau des Morgenschimmers, wenn
schon die Sonne hoch ber dem Horizonte prangt -- dies hatte noch keines
Darkullaners Auge gesehn. Doch der Punkt ward heller, grer, schien
sich herzuneigen aus den stillen Lften. Die andchtigste Erwartung,
frommes wollstiges Beben in jeder glhenden Brust. Doch bald kein
Punkt, kein Stern, kein Mond mehr. Ein glnzender schner Knabe, vom
Schimmer der Verklrung umflossen, getragen durch ein leichtes
Goldgefieder, eine Harfe in der Hand. Daher tnten also die entzckenden
Melodien. Auf den Rcken warf sich alles, die Hnde zur Anbetung
emporgestreckt. Keinen Augenblick wollte man im Anschauen des
himmlischen Boten versumen.

Endlich senkt sich die Engelsgestalt auf die Zinne des Pallastes nieder,
wo Flore kniete. Sie berhrt den Boden nicht, umschwebt nur der Sultanin
Haupt, und scheint ihr himmlische Kunde zu vertrauen. Bald darauf erhebt
sie sich wieder, unter der alten Gttermusik, verkleinert sich, und dann
bleibt nichts mehr den Sinnen wahrzunehmen, als ein ser Duft, der,
seitdem die Gestalt nher kam, die Athemzge mit balsamischem magischen
Hauche labte.

Der Leser wei, wie die sthetischen Gaukler verfuhren. Ein Aufrollen
des Fadens, und das Abrollen nachher, bewirkten das ganze Wunder,
nachdem die rostatische Figur einmal in die Hhe gelassen war. Eine
Aeolsharfe, die die Gestalt trug, und einige andre auf der Zinne
angebracht, sangen mit Zephirs Beistand die wonnigen Harmonien, und
eine, aus den erwhltesten Blumen gezogene Essenz wurde reichlich
verschwendet, um mehr als einen Sinn zu bezaubern.

In der folgenden Nacht mute aber der Engel herunter, und ward sehr
sorgsam versteckt, denn ein besonders scharfes Auge, das immer auf die
Zinne geblickt htte, knnte doch wohl den Faden entdeckt haben. Und
_scharfsinnig_ sind die Neger, wobei man das Wort nicht in dem Verstande
zu nehmen braucht, welchen ihm eine verschobene Sprachmanier unter uns
gab.




                           Achtes Kapitel.
                     Tatas groer Plan scheitert.


Wir schweigen davon, was Flore nun den Kriegern in der Stadt war, und
wie es ein Spiel wurde, sie berall nach ihrem Willen zu lenken.

In Tatas Lager hatte man brigens auch die Lichterscheinung
wahrgenommen, und sie dem Heerfhrer angezeigt. Dieser tritt aus seinem
Zelte, und erblickt im Luftraum den ungewhnlichen strahlenden
Gegenstand. Begreifen konnte er nicht, was er sah, doch ermangelte ihm
die Fassung nicht, den Schlu zu ziehn: Wer einmal Blendwerksknste
treibt, ist geneigt, fter dazu seine Zuflucht zu nehmen, und was man
bei ihm Nicht Erklrbares findet, berechtigt immer, auf neuen Trug der
Art zu schlieen. Sogleich lie er den Befehl rund um die Linie ergehn:
es sollte sich alles platt aufs Gesicht niederwerfen, und nicht wieder
erheben, bis die Trommel ein gewisses Zeichen gbe. Klglich wollte er
hierdurch ausweichen, da seine Leute der Anblick irre machte.

Sein Ueberlufer konnte keine Auskunft geben; nur die Bereitung des
Pulvers, nicht das chemische Laboratorium hatte er gesehn. Doch wurde
gleich beschlossen, er sollte in die Stadt zurckschleichen, um auch die
unbegreifliche Kunst abzusehn, woran er freilich nicht gern wollte.

Doch war auch fr die folgende Nacht etwas Anderes vorbereitet, und Tata
hoffte um so mehr davon, als es seit einigen Wochen seine ganze
Anstrengung aufgeboten hatte. Die Hhlung im Walle war fertig, und schon
mit Pulver geladen.

Nun brachte man den mit Feuerwerksmaterien behangenen und entzndeten
Esel aus dem Verschlage. Unter dem Ruf: Mahomed ist der wahre Prophet,
aber auch der Vter Gtter thronen im Himmel! ward er gegen den Wall
geschafft. Auf ein vom Feldherrn gegebenes Zeichen ward die Mine
angebrannt, und ein Stck Wall flog krachend zur Hhe, deckte auch, wie
man erwartet hatte mit der niedersinkenden Erde einen Theil des Grabens.
Noch etwas Strauchwerk zur Aushhung, und der Esel konnte hinber, und
hielt einen Einzug, dem des Rosses von Ilion hnlich, wenn schon mit
minderem Glck. Zugleich mute ein dicker Haufe mit vordringen, um den
Sturm auf die Stadt zu bestehn, whrend der Esel schon psychologisch
alles berwunden htte. So hohe Aussichten erffnete sich die Erwartung
von dem Thierlein, das freilich oft mehr gilt, wie man glauben sollte.
Darf man Kleines mit Groem vergleichen, so ist hier die Anekdote in
Erinnerung zu bringen, wie einst ein berhmter deutscher General sagte:
Meine Regimentsmusikanten taugten nicht, ich lie sie aber fleiig auf
einem Esel reiten, und nun blasen sie vortrefflich. Ein anwesender
witziger Prinz bemerkte: _Was doch ein Esel vermag!_

Gleichwohl ging es dem Esel Tatas, wie seinen Kriegern beraus schlimm.
Diese fanden im Vordringen einen neuen Graben. Neger durchschwimmen den
wohl bald, aber ein neuer Wall mit spitzen Pfhlen ausgesteckt, tuschte
die Hoffnung, weiter zu kommen, grausam. Der Raum fllte sich um so
schneller, als laut dem entworfenen Plan, die Krieger hinten dichte
aufrckten. Da nun der Raum angefllt war, gab Alonzo das Zeichen,
_seine_ Mine zu sprengen, und es flogen Esel und Mannschaft in die Luft,
wogegen die Belagerten, die zeitig den neuen Wall mieden, nicht einen
Krieger verloren.

Der Morgen enthllte einen Anblick voll Grausen. Mehr als Tausend von
Tatas Leuten waren dahin, zerrissenes Gebein berall herumverstreut. Der
Abschnitt spottete eines abermaligen Angriffes.

Tata beweinte die Verlornen, doch sein Muth wuchs mit dem Widerstande.
Der Ueberlufer sollte und mute in die Stadt. Allein die Unflle folgen
sich gern. Er wurde ergriffen und gehngt, aber an einen Galgen von
Mahagoniholz und einem parfumirten Strick. Man war auch so artig, auf
einer mit einem Pfeil hinbergeschossenen Visitencharte das traurige
Ableben zu melden.

Wohlan, rief Tata, seine Truppen anredend, an loser Kunst ist uns die
rebellische Cafferin berlegen. Lat uns aber sehn, ob sie auch Mittel
finden wird, samt ihren treubrchigen Soldaten, dem Hunger zu entgehn.
Wir sind zahlreich genug, jeden Eingang zu bewachen. Auch kein Reiskorn
darf in die Mauern der Stadt. Da der Mangel bereits wthet, ist mir
bekannt. Lat uns hier liegen, entweder die Noth reibt sie auf, oder sie
mssen sich uns ergeben.




                           Neuntes Kapitel.
                 Vorkehrungen gegen den Mangel in der
                                Stadt.


Freilich sahen sowohl Flore, wie ihre Rthe, die ngstliche Lage ein,
worin sie die Entbehrung aller Zufuhr brachte.

Die Niedergeschlagenheit wegen dieses traurigen Umstandes verminderte
die Freude ber die letzten Siege gar sehr.

Man hatte zwar schne Grten, die neben den trefflichsten anderen
Obstarten, Brotbume, Sagopalmen, Oelpalmen, Ananas und Pisangpflanzen
trugen; auf den Teichen schwammen der Albatros, der Anhinga, der
Papagoientaucher und Pelikan; aus ihren klaren Wogen fischte man den
Zitteraal, den Paru, den Chtodon, Cephalus, den Cobitis, Polynemus, und
andre leckre Wasserthiere, wie auch die Ufer dieser Teiche, so artig
gestaltete, als fein nahrhafte Schildkrten, Muscheln und Schnecken
lieferten; aber wie mig auch verfahren wurde, wie enthaltsam der
Mensch im heissen Erdgrtel an sich ist, die Zahl derer, welche Anspruch
auf die Lebensvorrthe machten, stand mit diesen in keinem Verhltnisse.
Grten und Teiche zeigten bereits merkliche Abnahme, und es wurde sogar
beschlossen, die Menagerie des Pallastes anzugreifen, die ohnehin aus
Futtermangel nicht mehr zu unterhalten war, aber freilich auch fr
einige Zeit noch aushelfen konnte, denn es fanden sich ganze Stlle voll
Giraffen und Heerden von Strauen da.

Der treue Darkullaner aber sagte zur Sultanin: Wie ich zu dir kam,
berichtete ich dir, da ein Haufe von dir ergebenen Knechten sich im
groen Dattelwalde gesammelt habe.

Alonzo fiel ein: da ihnen ein Anfhrer mangele. Der hat sich gefunden.

O fuhr jener fort, dann sind sie auch wohl schon stark genug, etwas im
offenen Felde wider Tata zu unternehmen. La mich noch einmal
entschleichen, Sultanin, ich suche die Mnner auf, melde die Bedrngni,
und knnen sie Tata nicht ganz berwltigen, so wird doch whrend eines
nchtlichen Kampfes, der von der Stadt untersttzt werden mu, es
mglich werden, Hundert beladene Kameele in ein Thor zu treiben.

Flore rief aus: Ich verdanke der Erfindung Perottis in jenem Aufruhr das
Leben; Alonzos khne Einflle haben mich in der Gunst des Volkes
befestigt, und Tatas Angriffe bis jetzt vereitelt; wer nun noch Mittel
erdenkt, diese Schaaren dem Hungertode zu entziehn, hat einen gleichen
Anspruch auf meinen Dank.

Alonzo sprach: So viel der Europer sonst mglich machen kann, hier will
mir nichts beifallen. Und die Hoffnung, welche der Neger hegt, scheint
sehr unsicher, es wre denn, der Haufe von Getreuen htte sich ber die
Erwartung betrchtlich gemehrt. Dann steh ich fr den Anfhrer ein.

Aber wer ist denn dieser Anfhrer? Davon wei ich ja noch nichts, sagte
Flore.

Alonzo erwiederte lchelnd: Einer unserer Caffern, der viel Talent zum
Kriege offenbarte.

Perotti kratzte den Kopf, und nahm das Wort: Ich habe schon an so
vielerlei gedacht. Wren nur Tauben abzurichten, die in ganzen Schaaren
zu unsern Freunden flgen, und denen diese kleine Flschchen mit Wein,
oder Ananas an den Hals hingen, oder wenn unsre Anhnger eine Batterie
von groen Mrsern zu errichten wten, und uns daraus Melonen,
Pfauenschinken und Korbflaschen mit Maraskinoliqueuren zuwrfen.

Ein khner Ausfall, nahm Alonzo wieder das Wort, mu uns Proviant
erkmpfen. Wir bemchtigen uns der Vorrthe, welche der Feind hufte,
mit Gewalt.

Flore war in Traurigkeit versunken. Und wohin fhrte es am Ende, fragte
sie, wenn auch das noch gelnge?

Sei getrost, sprach der Darkullaner. Dieser Mehemed sprach von Tauben.
Es war eine Art Ahnung. Wisse, da ich schon seit einigen Wochen mit
unsern Freunden durch Tauben Briefe wechsle. Was ich vorhin sagte,
geschah, dich nach und nach auf eine hchst freudige Botschaft
vorzubereiten. Ich brauche nicht von dannen zu schleichen, denn in
dieser Nacht kmmt Hlfe.

Alle schrien froh auf.

Zum Heer ist das Huflein im Dattelwalde herangewachsen. Alle Caffern
vom Lande und begnadigte Beduinen schlugen sich zu ihm. Besser wurde es
schon eingebt, wie Tatas Krieger. Auch sie haben sich den schwarzen
Staub bereitet, der im Kampfe so furchtbar ist. Doch fertigten sie auch
Rhre aus Giraffengebeinen mit seidnen Strngen, Leder und Eisenwerk
berzogen, an, und schleudern geglttete Steine. Genug, die Rettung ist
nahe. Wir mssen uns nur bereit halten, einen krftigen Ausfall durch
das Thor zu thun, whrend Tatas Krieger von rckwrts angegriffen
werden, und alles wird gut gehn. Sind wir Ueberwinder, fllt auch Tatas
Anhang der Sultanin zu. Alle die noch zaudern, und um der Sicherheit
willen, partheilos gelten wollen, schlieen sich dann an unsere Sache,
Nene ist Meisterin des inneren Darkulla und indem sie den Eingang
versperrt, wird Kuku auf immer von der Herrschaft ausgeschlossen.

Das wrde nimmer geschehn, wie mir auch das Waffenglck lchelte. Dem
Sultan darf ich sein Land nicht vorenthalten, nur mu er sich mit mir
verstndigen, und einen guten Frieden eingehn, dessen Hauptpunkt mein
Abzug zu den Meinen ist.

So Flore. Alonzo und Perotti dagegen meinten: wenn die Herrschaft
befestigt wre, msse es sich doch ganz artig in Darkulla leben lassen.




                           Zehntes Kapitel.
                               Entsatz.


Der Neger hatte keine Unwahrheit gesagt. Gegen die Tiefe der Nacht erhob
sich in Tatas Lager jhling ein wildes Geschrei: Zu den Waffen! Wir sind
verrathen! In demselben Augenblicke vernahm man auch Artillerieschsse,
Sausen der Wurflanzen, Schwirren der Pfeile, Sbelklang, Wehklage der
Sterbenden und Verwundeten, und was der Ripienstimmen noch mehr sind,
welche ein Schlachtkonzert zusammensetzen, und die nachzuahmen, doch
keinem andern Tondichter gelingen will.

In der Stadt waren Tausend Mann schon am Abend bereit gestellt worden,
um in diesem Fall durch ein Thor auszubrechen, Alonzo bat sich nun die
Ehre aus, sie anfhren zu drfen, und lud Perotti ein, die Rolle seines
Lieutenants dabei zu bernehmen.

Gern, recht gern, rief dieser, und nahm einen langen Spie in die Hand.
Aber ^Cospetto di baco!^ brach er mit einemmale aus, knnen wir auch den
Ausfall wohl sicher wagen? Kann Tata nicht den Darkullaner gewonnen
haben, all das Getse Kriegslist seyn, und man nur eine Falle legen?

Der Darkullaner berlieferte sich sogleich der Leibwache Florens, und
bedeutete sie, ihm den rgsten Martertod zu geben, falls er gelogen
htte.

Bei dem allen, meinte Perotti, sei es doch besser, er bliebe innerhalb,
im schlimmen Fall dem Spanier einen gesicherten Rckzug zu bereiten.

Dieser lchelte. Ich merke, Signor Perotti, ihr seid ein besserer
Meister in List, wie in Tapferkeit.

Kann sein, war die Antwort, verschieden theilte die Natur ihre Gaben
aus.

Nun wurden die Balken, womit man die Thore verrammelt hatte, von einem
derselben weggeschafft, mit einem Flosse der Weg ber den Graben
gebahnt, und Alonzos Trupp, durchglht von Kampfgier und Verwegenheit,
trat den Marsch an.

Tatas Krieger waren schon in die belste Verlegenheit gerathen. Nicht in
den Rcken erwarteten sie einen Angriff, die Wachen standen alle gegen
die Stadt, hinterwrts Zelte, Htten, Vieh, die Behltnisse der
Vorrthe. Um nun gleich etwas entgegen werfen zu knnen, muten die
Wachen, durchs Lager nach hinten eilen. Da Alonzo aber eintraf, fand er
keinen offnen Widerstand, und drang gleich bis ins Lager, wo die aus dem
Schlaf erwachten Krieger erst gestellt wurden, und von der Stadt aus
keinen Anfall ahnend, den Rcken dahin wendeten. Leicht ward es so, im
Gemetzel Herr zu werden, und die Feinde zu Schaaren hinzustrecken.

Bald war eine groe Lcke durchbrochen, und die Bndner, durch ein
Loosungswort einander kenntlich, das in des Darkullaners Briefwechsel
verabredet war, stieen zusammen. Alles vom Feinde Uebrige wurde in die
Seite genommen, und das ist bekanntlich die Schaam des Kriegers, die ja
bedeckt gehalten werden mu. Man rollte rund um die Stadt auf. Gnade
nahm keiner der Belagerer an, obgleich das zur Wehr stellen, ganz
zwecklos war, da gegen die beraus schmale Vertheidigung eine so breite
Sule herandrang. Der aufdmmernde Morgen zeigte den Siegern den
freudigen Gruelanblick erst ganz, die Stadt war gleichsam mit einem
Grtel von schwarzen Leichnamen umgeben. Tata war gleich anfangs
getdtet worden.

Wie der Seefahrer, den die ganze gewitterschwere Nacht hindurch, die
Furcht vor Klippen und Sandbnken ngstete, am Morgen froh aufathmet,
wenn Titans erste Strahlen die Einfahrt des freundlichen Hafens
beleuchten, so fhlte Nene den Busen erleichtert, da, nachdem die
Finsterni geendet hatte, ein Bote auf den andern mit Siegesnachrichten
erschien. Endlich kam Alonzo selbst und legte Tatas Schwert vor ihr
nieder. Er war verwundet, doch nicht schwer. Flore umarmte den khnen
Greis dankbar.

Nun traf ein Caffer ein. Ihm folgten Hundert Kameele mit
Lebensvorrthen, zudem alle dem Feinde abgenommene Waffen und
Kostbarkeiten, welche andere Lastthiere trugen. Der Caffer fragte: wohin
die Sultanin befhle, da alles das gebracht wrde?

Flore berlie es Alonzo, Sorge zu tragen, ri ihre Diamanten vom Halse,
sie dem Caffer zu schenken, und rief: Aber wo ist der Anfhrer des
Heeres, dem wir Rettung verdanken? Warum seh ich den Helden nicht, ihm
in meinen Freudenthrnen die Flle der Erkenntlichkeit zu weinen? Jener
antwortete: Schon zieht er mit den Truppen ab, die hier nicht mehr
nthig sind, da nicht einer von deinen Feinden noch lebt. Er wird den
Felsenpa besetzen, damit kein neuer Widersacher eindringe.

Und ich soll ihn nicht sehn? Nimmermehr, eile ihn zurckzurufen!

Er wird sich nur zeigen, Sultanin, wenn dein Streit mit Kuku endete.

Nun, fiel Alonzo lchelnd ein, da mssen ihn doch wichtige Grnde
bestimmen. Wrs auch nur die zarte Bescheidenheit, die keinen Dank
rndten will, gebhrt es sich, sie zu ehren.

O, rief Flore in Feuer, hier ist nicht blo von meinem Dank die Rede.
Die Sultanin mu ihm die Stirn mit einem Lorbeer schmcken. Und den hat
ja, wie ich hrte, Csar getragen, und er soll doch auch bescheiden
gewesen seyn.

Csar, gab der Spanier zur Antwort, hatte ein kahles Haupt; dies
Gebrechen zu verbergen, diente ihm die Zweigkrone. La deinen Helden
ziehn, nthig ist es, den Felsenpa zu besetzen.

Flore mute es sich gefallen lassen, so gern sie auch dem Anfhrer der
entsetzenden Truppen Dank und Lohn ertheilt htte. In der Stadt dagegen
ordnete man glnzende Feierlichkeiten an, alle Herzen neigten sich
wrmer zu Nene hin; bald kamen zahlreiche Sendungen vom Lande, die ihr
im Namen des ganzen Volkes den Wunsch darbrachten, ihr allein als
Herrscherin von Darkulla huldigen zu drfen.

Sie hielt da, wie es sich von selbst versteht, Reden, und wie es sich
gar nicht von selbst versteht, sie machte sie selbst.




                           Elftes Kapitel.
                     Erste Gesandtschaft an Kuku.


Machten ihr aber die Triumphe Freude, so schauderte sie bei dem Gedanken
an das vergeudete Blut. Denn nicht nur bei der Hauptstadt, auch in der
Provinz hatte des Krieges Flamme whrend dessen gelodert, aber ihre
Parthei nach und nach allenthalben die Oberhand behalten. Aber der
Erbitterung wegen, mit welcher afrikanische Krieger fechten, war die
Summe der in all den Gefechten Erschlagenen gro, ja sie hatte einen gar
merklichen Theil der Bevlkerung verschlungen. Sie floh deshalb den
Anblick der Menschen und sann im einsamen Gemach nach, was hier weiter
zu thun sei.

Bald darauf lie sie Musa zu sich rufen. Er hatte sich immer noch in der
Stadt aufgehalten, und ob Perotti ihm schon bel wollte, und ihn gern
verdchtig gemacht htte, so gab Flore nichts darauf. Hre, Dschelab,
sagte sie zu ihm, hast du Lust eine Sendung zu bernehmen? Ich
verspreche dir Gewinn.

_Musa._ Und warum nicht, erhabene Sultanin?

_Flore._ An Sultan Kuku?

_Musa._ Hm -- wenn er des Bruders Tod erfhrt, wird er bel zu sprechen
sein, und der Kopf des Gesandten die bse Laune erfahren.

_Flore._ Ich hoffe, der Sendung Inhalt soll ihn vershnen.

_Musa._ Der wre?

_Flore._ Du magst ihm entbieten: Sultan Kuku! Du gabst Verlumdungen
Gehr, und begehrtest der treuen Nene Leben. Wohl der Wurm erwehrt sich
des Todesstreiches, so auch Nene. Oft lie sie Tata Unterhandlung
anbieten, er lieh ihr kein Ohr. Endlich fiel er durch das Schwert der
Tapfern, welche unaufgefordert der Stadt zu Hlfe eilten, und Nene
konnte nichts mehr als ihn beweinen, und ihm ein ehrenvolles Grab
erhhn.

Nene ist jetzt Herrin des innern Darkulla, und mit Mhe wird ein fremdes
Schwert das Land ihr streitig machen. Wohl aber gedenkt sie, wie deine
erste Liebe, dein erstes Vertrauen ihr die Macht in die Hnde gaben. Um
dieser schnen Zeit, will sie die traurige Verirrung aus dem
Gedchtnisse tilgen, wo deine Grausamkeit sie zwang, sich kriegend gegen
dich zu vertheidigen. Bereit ist sie, dir dein Land mit allen
Reichthmern zurckzugeben, so du schwrst, sie mit sicherem Geleit nach
Egypten ziehn, und dem Volk, das fr sie stritt, alle Rache zu erlassen.

_Musa._ Ein freundlich Anerbieten. Ich richte die Sendung aus.

_Flore._ Und was meinst du, da der Sultan beschlieen werde?

_Musa._ Aufrichtig, da er dich ziehn lt, glaube ich nicht. Seine
Liebe --

_Flore._ O die haben Zeit und Abwesenheit getilgt, wie htte er sonst
meinen Kopf fordern lassen.

_Musa._ Aber kann man denn nicht demungeachtet hei, recht hei lieben?

_Flore._ Eine cht afrikanische Frage! Freilich lie er seine vorigen
Weiber einst morden. Gigi sollte auch die heisse Liebe empfinden, lehnte
aber die Ehre ab. Es heit: der Krieg wider Gigi nhme jetzt
glcklichere Wendungen. Ich wollte, Gigi wrde Kukus Gefangene, er
vershnte sich mit ihr, und entbehrte desto lieber mich. Doch was rede
ich. Nicht Liebe, Ha wirst du bekmpfen mssen! Und ich denke, das
schne Land soll alles gleich machen. Biete alle Kunst der Ueberredung
auf! --

Musa sahe noch das prachtvolle Leichenbegngni, das Flore dem Bruder
des Sultans hielt, und die Errichtung seines kostbaren Denkmals im
Pallasthofe. Dann reiste er auf der Stelle ab.

Daheim traf Flore nun viele Vernderungen. Der Senat wurde in den
Ruhestand versetzt. Eben so die lteren Minister. Dagegen errichtete sie
drei hohe Rathsstellen, und theilte sie dem treuen Darkullaner, Alonzo
und Perotti zu. Gleichviel verdanke ich euch Dreien, sagte sie, billig,
da euch mit demselben Danke gelohnt werde.

Jeder bekam einen Zweig in der Landesverwaltung, den er pflegen sollte.
Es ging aber dabei so erwnscht nicht, wie die Sultanin hoffte. Der
Spanier, im Drange der Noth einst so thtig, war jetzt abgespannt, und
berlie sich seinem alten Gram um Isabellen wieder. Was zu seiner
Erheiterung geschah, war fruchtlos.

Der Darkullaner, so treu, wie er sich immer schon bewiesen hatte, war
aber unfhig, Geschften vorzustehn. Leidenschaften muten bei ihm die
Stelle der Vernunft einnehmen. Dazu ward er sehr stolz, und prunkte
unmig.

Perotti hingegen, nahm nicht nur seiner zugetheilten Arbeit wahr,
sondern ri auch die fremde an sich, da Flore ber seine Thtigkeit
staunte. Immer wute er ihr etwas Angenehmes zu berichten. Allein sie
wurde meistens getuscht. Der Schein, nicht die That. Perotti ladete die
Arbeit Unterbeamten auf, und verfuhr selbst mit Oberflchlichkeit, und
einer Krze, welche eigentlich den Zeitgeitz zum Grunde hatte, den
Zeitgeitz, der den Vergngungen keine Frist rauben will. Bestechen lie
er sich unerhrt, doch mute es mit Dekoration geschehn. Da aber die
Unterdiener denn doch hinter die Koulissen blickten, so machten sie es
ihrerseits kein Haar besser, und der Italiener sah ihnen gromuthsvoll
nach, ausgenommen es hatte einer es zu arg gemacht. Dann mute er die
Kunst verstehn, die Hlfte des Raubes der Exzellenz zuzuwenden, wenn er
nicht verfolgt seyn wollte. Die Forderung erfllte ein solcher getrost,
denn um so offner und sicherer waren nun die Wege, die geopferte Hlfte
doppelt zu gewinnen. Genug, Perotti htte wohl in andern Lndern
Minister seyn knnen, als in Darkulla.

Die drei Minister fingen auch bald an, gegen einander zu kabaliren.
Jeder wollte die vorzglichste Aufmerksamkeit der Monarchin fr sich,
jeder erinnerte an das, was er geleistet hatte, mit dem erheblichsten
Anspruch.

Alonzo, der trotz seiner dstern Stimmung doch den Stolz nicht
aufgegeben hatte, gab zu verstehen: Nur Volksgunst erhielt die Sultanin.
Und wer hat diese durch erhabene, ja poetische Politik, wieder geweckt,
hher entflammt, mchtig erhalten?

Der Darkullaner uerte unverhohlen: Ohne ihn wrde die Parthei in der
Provinz nicht so angewachsen, Hunger endlich eine alles zu Boden
werfende Emprung aufgereitzt haben, wenn er nicht durch seine
Verbindungen es dahin gebracht htte, da das Heer zum Entsatz
herangenaht sei.

Perotti hingegen spielte oft, als geschhe es aus aufgeklrtem Spott
ber das Alterthum, auf Eselsohren an, im Grunde aber wollte er immer
mahnen: _Mein_ damaliger Einfall rettete im Aufruhr Nenes Leben.

Sie sagte ihnen bisweilen: Ihr Herren, ich verdanke euch alles, aber ihr
mir doch auch. Und wieder eben so viel bin ich dem Manne schuldig, der
Tata schlug, und der bescheidener als wir Viere sich gar nicht einmal
zeigt.

                       Ende des fnften Buches.




                              Potpourri.
                      Basil, Sohn des Boguslav.


                    Beliebte altrussische Legende.

Boguslav, Frst von Novogrod, starb im achtzigsten Jahre. Sechzig davon
waren unter seiner glcklichen Regierung verstrichen. Sein einziger
Sohn, ein Jngling, kaum dem Knabenalter entflohn, frchtete nun keine
Vaterstrenge mehr. Die Vormundschaft einer zrtlichen Mutter hielt ihn
nicht ab, seinem wilden Ungestm Raum zu geben, und die Stadt erfuhr
davon viel Unheil. Bewundernswerth konnte man die Leibeskraft des jungen
Prinzen nennen. Tage lang ergtzte er sich in den Straen mit Jung und
Alt bei gymnastischen Spielen. Wehe aber den Theilnehmern. Wen Prinz
Basil an der Hand ergriff, der war um die Hand, wessen Kopf er packte,
der war um den Kopf.

Den Bewohnern Novogrods mibehagte der Frstensohn, mit seiner seltsamen
Knabenlust. Die _Posadniks_ (Herren vom Rath) versammelten sich,
beriethen. Dann erschienen sie vor des Prinzen Mutter, und redeten also:
_Amelpha, Timophejewna!_ Edle Frstin! Wir flehen um strengere Obhut
ber dein geliebtes Kind, Basil, Sohn des Boguslav. Untersage ihm die
wilde Kurzweil, denn unsere groe Stadt ermangelt der Bevlkerung.

Die gute Dame ward gerhrt, sagte den Posadniks die Gewhrung ihrer
Bitte zu, verneigte sich dann, und entlie sie freundlich. Gleich lie
sie den Prinzen rufen, und ermahnte ihn mtterlich: Um Gottes Willen,
mein lieber Sohn, treib es nicht mehr mit Alt und Jung auf den Gassen
von Novogrod. Dir ward die Kraft eines Ritters, aber nicht guten Brauch
weit du davon zu machen, denn der, dem du die Hand angreifest, ist um
seine Hand, der, dessen Kopf du erpackest, ist um seinen Kopf. Das Volk
murrt, und die Posadniks kamen zu mir, Klage zu fhren. Emprten sie
sich wider uns, was vermgten wir doch? Du hast keinen Vater mehr, ich
bin eine schwache Wittwe. Wrde deine Leibeskraft es mit Tausenden
wagen? Wer zhlte die Brger in Novogrod? Darum mein lieber Sohn,
empfange treuen Rath, und gehorche der liebenden Mutter!

Basil, Sohn des Boguslav, horchte unterwrfig, und da Amelpha
Timophejewna geendet hatte, beugte er sich tief und antwortete
bescheidentlich: Meine gute Mutter! Wenig kmmern mich die Posadniks,
wenig die Brger von Novogrod, aber viel deine wackre Ermahnung, und
dein mtterlicher Rath. Ich verheisse dir, nimmer in den Straen
Kurzweil zu pflegen; wie aber b' ich knftig meinen starken Arm? Hast
du mich geboren, da ich nur am Ofen mich wrme? Wozu empfing ich diese
ritterliche Mannhaftigkeit? O die Zeit wird kommen, wo die Posadniks
erbeben, das ganze Land der Reussen mir das Knie beugen soll. Doch jetzt
leiste ich dir noch Gehorsam. Vergnne nur, da ich mir einige Kameraden
auswhle, mit denen ich mich herumtummeln, und Ritterspiel ben mag.
Gieb mir Hypokras[2] und Bier, da ich die Strksten und Krftigsten
lade, und Kampfgenossen finde, die meiner werth sind.

Die Bitte fand Gehr. Amelpha Timophejewna lie vor die Burgpforte
Tonnen mit Hypokras und Bier stellen. Humpen aus gediegnem Gold,
befanden sich daneben, und Herolde riefen durch Novogrod: So jemand in
Lust und Ueberflu zu leben gedenkt, und sich schmcken mag mit reichen
Kleidern, der zeige sich vor dem Pallaste Basils, Sohn des Boguslav.
Doch zuvor prfe er der Gebeine festen Bau, denn nur die Khnen und
Markigten liebt Basil, Sohn des Boguslav. So riefen die Herolde vom
Morgen zum Abend, doch niemand erschien. Auch blickte der Prinz
neugierig durch sein Gitterfenster nach Ankmmlingen aus, aber Niemand
wagte die Tonnen zu berhren.

[Funote 2: Ein Getrnk, mit Wrzen und Sigkeiten zubereitet.]

Endlich gegen die Nacht lie _Fomuschka der Lange_ sich an der Pforte
sehn. Er nahte einem der eichenen Gefe, ergriff einen gewaltigen
goldenen Humpen, fllte ihn mit Hipokras bis zum Rand und schlrfte ihn
in einem Athemzuge. Wie Basil dies gewahrte, stieg er eilig in den Hof
nieder, wo _Fomuschka der Lange_ sich befand, und versetzte ihm mit
seiner schweren Keule einen tlpischen Schlag hinter das rechte Ohr.
Fomuschka bemerkte den Schlag wenig, kaum wich die struppigte Locke
seines schwarzen stieren Haares der Keule. Da hpfte dem jungen Prinzen
das Herz freudig. Er nahm Fomuschka bei der Hand, zog ihn die Treppe
hinauf, brachte ihn in sein vergoldet Gemach. Hier umhalsete er ihn, und
beide schwuren sich den Rittereid, als Brder und Waffengefhrten treu
an einander zu halten, zusammen zu leben und zu sterben, zu trinken aus
einem Humpen, zu speisen von einem Gericht. Endlich mute sich Fomuschka
an die eichene Tafel setzen, Zuckerwerk und Wein wurden aufgetragen, und
man lie sichs wohl seyn, in Jubel und Lust.

Zur andern Frhe, da Basil wieder durch das Gitterfenster sphte, ob
niemand kme, an seinen Tonnen zu trinken, erschien _Bogdanuschka der
Kleine_. Dieser trat an das Bier, warf den goldnen Humpen zur Erde, hob
eine groe Tonne an den Mund, und leerte sie, ohne da er einhielt, bis
zum letzten Trpflein. Basil rief den Gefhrten. Sie nahmen zwei starke
eiserne Lanzen der Rstkammer, eilten hinab, und schlugen mit
Leibeskraft auf des kleinen Trinkers Schdel. Doch Sieheda! in tausend
Splittern brachen die Spiee, Bogdanuschka ward es kaum gewahr. Diese
Probe entzckte Jene, sie nahmen ihn in die Mitte, geleiteten ihn durch
den weiten Hof, ber die schne Treppe hinauf in das vergoldete Gemach.
Hier Umarmung und Schwur der Treue und Bruderschaft bis zum Tod.

Bald verkndete ein Gercht: Basil, Sohn des Boguslav whlte die
riesenstrksten Jnglinge zu Gefhrten, und schlo mit ihnen
brderlichen Verein. Die Posadniks schpften Besorgni, und beratheten
wieder. Nachdem jeder seinen Platz eingenommen, trat _Tschoudin_ der
erfahrne Greis, in des Saales Mitte, neigte sich nach allen vier Seiten,
zog wiederholt den weien langen Bart durch die Hand, und sprach also:
Hret mich, Posadniks von Novogrod, und ihr alle, Mnner des Volkes der
Slaven die hier versammelt sind, hret mich! Bekannt ist es euch, wie
unser Reich des Herrschers ermangelt, denn minderjhrig ist der Sohn des
Boguslav, und bis er das Mannesalter wird erreichen, sind wir Herren von
Novogrod, und von den Landen im Umkreis.

Doch der frstliche Jngling, bestimmt, einst ber uns zu gebieten,
verheisset keine freundliche Hoffnung. Kaum den Knabenspielen entflohn,
zeiget er bsartigen hochfahrenden Sinn, Grausamkeit ist seine Kurzweil.
Waisen und Wittwen rufen schon in groer Zahl Wehe ber seine
Ergtzungen. Nun treibt er es mit den wildartigsten Burschen des Landes.
Und warum? In guter Absicht? Dies lasset uns erforschen. Geben wir ein
festlich Mahl, den jungen Prinzen zu laden. Hier mag sich enthllen,
welche Gesinnungen fr das Oeffentliche seine Brust verschliet. Einen
groen Humpen starken Weines wollen wir ihm darreichen. Schlgt er ihn
aus, sehn wir ein bel Zeichen, Bedenkliches fhrt dann der Sohn des
Boguslav im Schilde. Trinkt er, wird die Verstellung aus dem
muthwilligen Geiste weichen, wir entdecken, was er in Herzens Tiefen
birgt, denn _Wahrheit ist im Wein_! Gewahren wir nun tckisches
Vorhaben, schlagen wir ihm ohne Zaudern sein Haupt ab, denn wohl leben
andre Frsten in Ruland, unter denen die Auswahl zu treffen ist, und
gbe es deren nicht, nun so knnten wir ihrer auch entrathen.

Hier erhuben sich alle Posadniks, und machten dem weisen Tschoudin ihre
Verbeugung; dann rief es rund umher, wie von einer Stimme: Ehre deiner
Weisheit! Es geschehe was du willst!

Schon mit dem Anbruch des folgenden Tages begannen die Vorbereitungen
zum Feste. Im groen Saale des Rathhauses wurden lange Tafeln von
Eichenholz hingereiht, bedeckt mit weien Tchern. Reichlich trug man
Backwerk und Confekt auf, sauber geordnet in den Schsseln. An den
Wnden entlang prangten stattliche Tonnen mit Wein und Bier, ber ihnen
hing kstliches Trinkgeschirr aus Gold, Silber und theurem Holz. Da
alles bereit stand, wurden etliche Posadniks nach der Burg entsendet,
die Frstin zu laden, und den Sohn. Nachdem sie ihren Auftrag
ehrerbietig vollendet hatten, gab die gute Amelpha Timophejewna ihnen
diesen Bescheid: Spiele und Tnze sind fr mich dahin, die Tage der
Freude vorber. Wie meines Lebens Sonnenstrahl noch glnzte, da mir der
Gemahl, euer Gebieter, noch zur Seite stand, hab auch ich des Frohsinns
Wonne gekostet, aber nun, da meines Lebens Sonnenstrahl entfloh, weil'
ich traurig im einsamen Gemache. Geht indessen zu meinem Sohne Basil,
vielleicht schmckt seine Jugend eure Feier, so ihr ihn bittend
begrt. Nach diesen Worten eilten die Posadniks, den jungen Prinzen zu
sehn, und baten unterwrfig: zu schmcken ihr Fest durch seine Jugend.
Basil verhie zu erscheinen, wenn anders Amelpha Timophejewna
einwilligte, und begab sich zu ihr. Darf ich dem Mahle der Brger von
Novogrod beiwohnen? fragte er. Die gute Mutter war es zufrieden, und
ertheilte dem Sohne manchen belehrenden Wink, ber das Betragen, welches
er unter den heuchelnden Posadniks anzunehmen htte, die sie gar wohl
kannte. Trinke, mein Sohn, warnte sie, aber trinke nicht zu viel, listig
sind die Posadniks, durchblicken wollen sie dich. Sei wacker auf deiner
Hut, und so sie prahlen mit ihrer Kraft, ihrer Weisheit, ihren
Reichthmern, so mgen sie prahlen. Schweige, und prahle nicht. Vor
allen Dingen sei artig und herablassend, krnke Niemand durch unhfliche
Manier! -- Nach dieser Rede schlo sie den Prinzen in ihre Arme, und
dieser begab sich in den festlichen Kreis.

Die Posadniks empfingen ihn an den untersten Stufen der Treppe, und
geleiteten den Prinzen in den Festsaal. Sie wiesen ihm gebckt den
Ehrenplatz an, doch Basil verbat ihn, und lie sich am Ende der Tafel
nieder. Nun faten sie ihn artig unter den Arm, fhrten ihn oben hin und
sprachen: Hier gebhrt es dir, dich zu setzen, Sohn des Boguslav, dies
ist dein Platz! Oft hat ihn der Frst, dein Vater, eingenommen. Hierauf
reichten sie ihm einen Humpen sen Weins, und Basil trank, a auch von
dem Backwerk und Confekt, womit er bewirthet wurde. Doch trinkend und
speisend sa er da, wie eine zchtige Jungfrau, und kein Wort entfloh
seiner Lippe.

Indessen begannen die Posadniks zu scherzen und zu plaudern, bald lie
sich auch eitle Prahlsucht vernehmen. Einer rhmte sich dies, der andre
das. Der lobte sein schnes Pferd, jener seine junge Frau. Hier wurde
mit Reichthum, dort mit Leibesstrke gro gethan. Wieder einer prunkte
mit Klugheit. Sie schrien alle auf Einmal. Doch Basil, Sohn des
Boguslav, lie sich durch solch Beispiel nicht anlocken. Er brach sein
Schweigen nicht, mogten sie prahlen nach Herzenslust. Endlich redeten
der weise Tschoudin, und der reiche Satka ihn also an: Warum bleibst du
allein stumm, frstlicher Jngling? Wohl knntest du deine Vorzge
rhmen! Und der junge Prinz gab bescheidentlich zur Antwort:
Posadniks, ihr seid Mnner hoher Achtung werth. Euch ziemt es frei und
khn zu reden. Wie aber sollte ich mich vor euch preisen, ich ein
Jngling noch, und verwaist? Wohl besitze ich einiges Gold, Silber,
Edelgestein, doch bin ich es nicht, der die Schtze zu erwerben wute.
Auch ich werde einst zur Reife gedeihen, und dann sei es mir auch
vergnnt, mich den andern gleich zu stellen. Die Posadniks waren
verwundert, ob der bescheidnen und verstndigen Rede, flsterten
einander zu, und pflogen ferneren heimlichen Rath. Da ihr Entschlu
genommen war, fllte Tschoudin einen groen Humpen mit starkem Wein, und
brachte ihn dem Prinzen mit den Worten: Wer liebt der Slaven Lande, und
das groe Novogrod, leeret den Humpen! Nun konnte Basil sich nicht
weigern, er fate das Geschirr, und trank bis zum letzten Tropfen. Aber
da nun die Posadniks in der vorigen Weise fortfuhren, erhitzte der Geist
des Trankes des jungen Prinzen Gehirn, und nicht weiter vermogte er an
sich zu halten.

Ihr Gecken, rief er aus, wisset wer Basil ist, der Sohn des Boguslav,
und schweigt! Basil ist Herr ber Reussen, alle Lande der Slaven sind
ihm unterthan. Novogrod soll ihm Tribut zahlen, und die Posadniks in
seiner Gegenwart knien.

Bei diesen Worten fuhren die Posadniks zornig auf. Sie erhoben sich von
den Sitzen und schrien allzumal: Nein, nicht gebieten wirst du ber der
Slaven Lande, nicht beugen wollen wir uns vor dir. Tirannensinn brtet
dein bsartig wildes Gemth, und es thut uns kein Herrscher Noth. Darum
rume unsere Stadt, das Reich, und das morgen wie der Tag beginnt. Und
wirst du nicht im Guten dich fgen, soll Gewalt dich zwingen.

Ich frchte weder euch noch jemand auf Erden, antwortete der Prinz.
Waffnet ganz Novogrod gegen mich, ich werde euch die Spitze bieten, und
fragen, wer mich zwingen will, mein Reich zu meiden? Denn Novogrod
gehrt mir, ihr alle seid meine Unterthanen. Hier stand er auf, schritt
durch den erboten Haufen, der ihm Platz ffnete, und verlie den
Festsaal und das Rathhaus.

Da er entfernt war, lachten die Posadniks seiner Drohungen. Was will
dies Kind, riefen sie, denn so hie man den Prinzen in der Versammlung.
Demungeachtet beschlo man zur Stelle alle Truppen von Novogrod unter
die Waffen zu sammeln, da man den Prinzen zur Entfernung zwnge.

Sein junges Gebein, rief Satka, soll auf der Haide bleichen, blos dem
Regen und Schnee, denn wie leistet der Knabe uns Widerstand?

Von allen Thrmen brllte die Sturmglocke, wer das Schwert fhren
konnte, traf eilig auf dem Sammelplatze ein. Wie die gute Dame Amelpha
Timophejewna es vernahm, forschte sie nach der Ursache, und da sie
erfuhr, des Sohnes verwegene Rede habe der Posadniks Wuth entflammt,
eilte sie in sein Gemach, ihn ernst zu schelten. Da ihr aber sein
Zustand sichtbar ward, nahm sie ihn bei der Hand und fhrte ihn in ein
Kellergewlbe, wo er weilen sollte, bis die Dnste der Trunkenheit durch
den Schlaf zerstreut wren.

Hierauf begab sich Amelpha Timophejewna in die Kammern, welche ihre
Schtze bewahrten. Sie ersah einen goldenen Kelch, den sie mit
mancherlei edlen Steinen fllte, mit Rubinen, Smaragden, und Diamanten.
Nun erschien sie, von ihren Frauen begleitet, im Rathhause, wo die
Posadniks anwesend waren. Indem sie den Saal betrat, neigte sie sich
tief, dann wurde der reiche Kelch auf die Tafel gestellt, und se Worte
schmeichelten den Mnnern. Verzeihet seinem Leichtsinn, flehte sie,
verzeiht der unbesonnenen Drohung in der Lust des Weins entflohn.
Gedenkt seiner Jugend, und wollt ihr das nicht, vergesset aus Liebe fr
den verstorbenen Frsten Boguslav, der sich verdient machte, um euch und
Novogrod die groe!

Doch Bitte und Herablassung vermehrten nur der Posadniks Stolz, und
frech antworteten sie ihrer Frstin: Hinweg von hier, betagte Frau!
Nichts haben wir mit dir zu schaffen, und nicht thun uns Noth deine
Steine und dein Gold. Wir wollen nur den Kopf deines verwegenen Kindes.
So schrien sie allzumal.

Bittre Thrnen vergieend, kehrte die gute Dame nach ihrer Burg zurck.
Sie befahl alle Pforten zu schlieen, und harrte ungeduldig auf den
Ausgang der widrigen Begebenheit.

Am andern Tage, mit dem Erwachen der Sonne, griffen die Posadniks mit
der ganzen Macht von Novogrod die Burg an. Die Pforten wurden erstrmt,
und in den weiten Hof strzten Soldaten, den Wogen gleich auf dem Bette
des emprten Stroms.

Vom Waffenlrm, vom Geschrei der Menge auf den Gassen von Novogrod,
erwachte in seinem Gewlbe, Basil, Sohn des Boguslav. Leicht raffte er
sich auf, eilte nach der Thr, sprengte das feste Schlo mit einem
Handschlag, und stand nach zwei Sprngen mitten im Hofe. Die von
Novogrod warfen sich auf ihn. Doch er gewahrte zu seinen Fen einen
Balken aus Eichenholz, den die Axt der Zimmerer noch nicht beschlt
hatte. Diesen packt er eilig, und wirft ihn nun wieder auf die von
Novogrod. Bald nehmen diese Reiaus, Basil treibt sie vom Hofe weg,
folgt ihnen auf der Ferse, und erlegt sie hundertweis. Die entsetzliche
Waffe in der Faust, lt er sie bald rechts bald links niederprasseln,
und macht die dicken Haufen der Flchtigen licht. Umsonst schreien sie
Erbarmung, umsonst verheien sie Gehorsam, Treue. Das junge Blut des
Prinzen siedet, sein Grimm ist nicht zu erweichen, er treibt die Emprer
der ungestmen Wolchova zu.

Nun meiden die Posadniks die Wahlstatt, rennen zum Rathhause, fllen
einen groen Goldpokal mit Juwelen, und bringen ihn angstvoll der guten
Dame Amelpha Timophejewna. Vor ihre Fenster, auf der Gasse stellen sie
sich hin, denn sie wagten sich nimmer in den Hof, und ihre stolzen
Schdel an den Boden drckend, wimmern sie klglich: Ach Frstin! Ach
Mutter! Dein Mitleid wende sich nicht von uns! Wir erzrnten deinen
Sohn, unsern Herrn, Basil, Sohn des Boguslav, und sein Grimm macht eine
Wste aus Novogrod. Verlasse unser Schrecken nicht, lege dich ein fr
die Bangen, da sein gewaltiger Zorn ende! Wohl vernahm die gute Dame
das Geschrei, doch zeigte sie sich nicht, sondern lie durch eine
Dienerin herabsagen: Ihr begannt, ihr mgt enden. Was gehn die betagte
Frau eure Hndel an?

Mit gesenktem Ohr schlichen die Posadniks zurck, unterwarfen in einer
Urkunde, sich, Novogrod und das Land dem jungen Frsten, und boten ihm
unbeschrnkte Gewalt ber Leben und Tod, Gut und Blut, in ganz Ruland.
Mit dieser Schrift nahten sie demthig _Fomuschka dem Langen_, und
_Bogdanuschka dem Kleinen_. Wir sind sein, hier unsre Unterwerfung
sprachen sie.

Die Ritter wurden erweicht, und warfen die zum krftigen Beistand des
Waffenbruders erhobenen gewaltigen Keulen nieder, hielten das Blatt
empor, und riefen: Heil Basil, Sohn des Boguslav! Morde nicht lnger
den Unterthan, denn alles ward dir gegeben. Heil dir Frst von Novogrod
und Ruland! Hier warfen sie sich mit den Posadniks nieder, die Menge
folgte.

Nun hielt der junge krftige Prinz ein, empfing Urkunde und Huldigung,
und verga, was geschehen war. Froh kehrte alles zur Burg. Glcklich
herrschte Basil, Sohn des Boguslav. Kein innrer Zwiespalt, kein Krieg
von auen, strten seine Regierung, denn alle Welt frchtete Basil, Sohn
des Boguslav, Fomuschka den Langen, und Bogdanuschka den Kleinen.

Die ^Archives litteraires de l'Europe^ erheben diese Legende, wegen
mancher Zge von Einfalt, doch giebt sie auch einen Maasstab, wie rohe
Einbildungskraft Monarchenwerth in Anschlag bringt. Unserm Roman wurde
sie als Beilage verliehn, um den Leser zu der Betrachtung aufzufordern:
Es ist im Nord und Sd sich manches hnlich, Bs und Gut berall gleich
gemengt, Demokrit und Heraklit vermissen nirgend ihren Stoff, und nach
Belieben, oder Lebensalter und Gemthsstimmung ist Schillers Wort
anzuwenden:

   Thor, wo du siehst die Noth und die Plag,
   Erblick ich des Lebens hellen Tag.




                            Sechstes Buch.




                           Erstes Kapitel.
                        Flore und ihre Rthe.


Wir sahen, da die Rthe der Sultanin in Darkulla fleiig einander den
Platz streitig machten, woraus fr das Ganze nicht viel Segen zu keimen
pflegt. Man kann die Staatsfhrung allenfalls mit einem Wagen
vergleichen. Die vorgespannten Rosse sind die oberen Diener, der
Souverain lenkt ihre Zgel, achtet auf des rechten Weges Geleis. Gut,
wenn die Rosse stark sind, muthig schnaubend vorwrts dringen, da es
eher nthig wird, den Zaum aufzuhalten, als ihn bei anderweitiger
Antreibung zu lockern; mgen sie auch ein wenig eigenwillig, wiewohl dem
obern Willen gehorchend, lenkbar seyn, denn Shakespear sagt sinnreich
genug: verdrielich ein Ro, das nicht in den Zgel beit. Herrlich geht
alles von Statten, wenn die ausgreifenden Krfte vorne _Talent_, und die
Lenkenden hinten _Genie_ genannt werden knnen. Es mangelte sogar nicht
an Beispielen eines gar lobenswerthen Fortgangs unter so angethanen
Umstnden. Auch darf man nur in den bunten Gukkasten der Geschichte
blicken, wo die Tragikomdie der Vergangenheit aufgefhrt wird, und man
wird da manchen Zgler gewahr, dem das Lenken unbequem wird, und der
sich also einen Stellvertreter anordnet, dem er nur bisweilen auf die
Hnde sieht. Auch kann es gedeihlich ergehn, ermangelt diesem nur nicht
Kunde des Wegs und Kraft der Fuste, schlimm aber wenn der Zgel
nachgelassen wird, eines der Thiere springt im wilden Gallop an, das
Zweite will sich im trgen Trott schonen, auch gelegentlich Gras an der
Seite des Weges rupfen. Am Kreuzpfad biegt eins rechts, das andre links.
Oder dem eigentlichen Bilde, worauf es hier angesehen ist, nher zu
kommen: ein Hochbeamter will rstig fort ins Gebiet der Neuerung, wird
entzckt von den Phrasen der Projektenmacher, freuet sich der Zahlen
eines Law, hofft fr jede papierne Saat Goldrndten, und der andre
gleichet solchen, wovon Herr von Held ein meisterhaft possierliches
Gemlde lieferte:

   Wohl mancher lt an der Geschfte Spitze,
   Von dem erhabenen Ministersitze,
   Die Staatsmaschine leiernd gehn,
   Das Schnarrwerk tanzt, und endlich lohnen
   Den invaliden Leirer, Pensionen,
   Dann mag ein Andrer weiter drehn.

Wie geht es da? Man gelangt auf Irrwege. Bald bricht etwas am Wagen,
bald kmmt er nicht von der Stelle, man wirft um u. s. w. u. s. w.

Floren machte es gewaltigen Verdru, da sie sah, da Alonzo, Perotti und
der Darkullaner ungleich und gegen einander wirkten. Und das Lenken
selbst nun so schwieriger, gewhrte ihr um so weniger Vergngen, als die
Blutszene ihr das sonst reitzende Land verhat gemacht hatten, und die
Sehnsucht den Blick nur ins Vaterland rief. Mit heier Ungeduld
erwartete sie Musa zurck, und schneren Traum konnte sie nicht trumen,
als Kukus Einwilligung in ihre Vorschlge.

Unterdessen kam Alonzo fters, und stellte ihr vor: fr die Arme einer
Dame wren die Zgel des Regiments zu beschwerlich. Ein Premierminister
wrde ihre Sorge am freundlichsten erleichtern. Dann hatte er diesen
oder jenen glnzenden ausschweifenden Entwurf, welchen er zur Stelle
vollzogen wissen wollte. Denn obschon unthtig im Tagewerk, lebte ihm
doch eine rege Phantasie, er hielt den Charakter des Hispaniers fest.
Allein Flore fand die Entwrfe selten nach ihrem Geschmack, und der Alte
ward dann murrlaunig.

Perotti erschien noch hufiger, immer festlich geschmckt, die ziemlich
greisen Haare mit einer Farbe geschwrzt. Wenn er Floren nun eine Menge
angenehmer Dinge, und ser Lgen vorgebracht hatte, stellte er ihr vor,
wie nthig ihr in dem dermaligen Verhltnisse ein Gatte sei, ein Gatte,
nicht zu jung, um noch ein Sklave der Unbesonnenheiten zu sein, nicht zu
alt, um noch das Feuer der Liebe empfinden zu knnen. Dann gab er die
Rolle des Zerstreuten, Nachsinnenden, Unglcklichen.

Flore lachte in sich, da sie seine Plane ahnte.

Nicht lange, so erschien auch ein Brieflein voll der zrtlichsten
Wendungen. Flore lachte noch mehr, und beantwortete es nicht.

Doch wenige Tage nachher spielten ihre Frauen auf eine Verheirathung der
Sultanin an, die Stadt war pltzlich eines Abends erleuchtet, und Alonzo
erschien noch ganz spt, warf sich Floren zu Fen, und warnte mit den
dringendsten Grnden, gegen den neuen Vorsatz. Flore war vor Erstaunen
auer sich.

Nein, ehe du dem arglistigen gauklerischen Italiener die Hand reichst,
wei ich einen Gemahl fr dich, edelmthig, tapfer, jung, liebenswerth,
und dem du eben so viel verdankest --

Aber ums Himmels Willen, wurde er unterbrochen, wer hat euch gesagt, da
mir so ein Gedanke einkam?

Wer? Jedermann. Die gesammte Stadt ist voll davon. Darum die
Erleuchtung. Morgen werden Abgeordnete dir im Namen des Volkes Glck
wnschen.

Hieraus ergab sich, da Perotti die Neuigkeit selbst verbreitet hatte,
Floren desto eher fr die Ausfhrung zu stimmen. So lt man in den
Zeitungen verkndigen, man habe ein gewisses Geschenk, eine Stelle, eine
Ehrenbezeugung erhalten, und Einigemal hat das die Wirklichkeit zur
Folge gehabt.

Nicht so bei Floren. Sie lie den Wlschen rufen, und sagte ihm
gemessen: Signor Perotti, war ich euch Dank schuldig, so bedenkt, da
ich ihn durch Vertrauen, und durch Vergessen eurer ehemaligen Untreue,
entrichtet habe. Spielt ihr jemals auf diese eure thrigte Absicht
wieder an, geht ihr eures Amtes verlustig.

Perotti versetzte: Sultanin, wohin fhrt Liebe!

Wie, in eurem Alter?

Medea verjngte den Greis Aeson, ihr, eine grere Zauberin, werdet doch
den Mann aus den Mitteljahren ins Jnglingsalter zurckfhren --

O erlat mir das! Ich meinte, jene Isabelle sei eure Geliebte. Schlecht
ls't ihr euer Wort, sie bis ans Ende der Welt zu suchen.

Im Wetteifer mit Coutances gab ich dies Wort. Er ist todt, was brauche
ich es nun zu lsen.

Also Eitelkeit, elende Eitelkeit, der Listigste gelten zu wollen, nicht
krftige Leidenschaft spornte euch?

Flore gab ihm noch manchen ernsthaften Verweis, dann trat auf ein
gegebenes Zeichen der Wachtoffizier herein, und Perotti wurde verhaftet.
Nur auf vier Wochen, sprach Flore. Jener mute alles Strubens
ungeachtet mit fort.

Diesen Abend war die Stadt noch weit heller erleuchtet. Das hatte Alonzo
besorgt. Flore, die ihn rufen lie, erhielt auf ihre Frage folgenden
Bescheid:

Das Volk ist doppelt froh. Einmal, da Perottis Sage unwahr ist, ferner
da ein Minister, der seinen vollen Ha trgt, hat ins Gefngni wandern
mssen.

Das sind, erwiederte Flore, alles Dinge, wovon dies gute Volk nichts
wute, ehe wir die Hand an seine Verfeinerung legten. Ich sehe gar wohl,
da jede Unze des Guten, die es durch mich empfing, reichlich durch eine
Unze Uebel aufgewogen wird, und das ist es, was mir die ganze
Beherrschung hchst zuwider, mit jedem Tage mehr zuwider macht. An all
das geflossene Blut darf ich vollends nicht denken, oder mich befallen
Gram und Trbsinn.

O, fiel der andre ein, ein Gemahl, ein Gemahl, nur Perotti nicht.

Schweigt, ich besitze schon einen! -- Doch Apropos! Ihr erwhntet vor
Kurzem eines rhmlichen jungen Mannes. -- Fat ja keinen unrichtigen
Gedanken, wenn ich frage. Es hie, ich verdankte ihm viel, und das mag
ich nicht schuldig bleiben.

Alonzo fing eben lchelnd an:

Es ist --

Da trat ein Diener ins Zimmer, und meldete Musas Zurckkunft. Dies
unterbrach das Gesprch vllig, denn Florens ganzer Antheil war dem
Neger zugewendet, der auch gleich vorkam.




                           Zweites Kapitel.
                       Musas Berichterstattung.


Was sagt Kuku? wackerer Dschelab, rief Flore dem Ankmmling entgegen.

Er erwiederte folgendes:

Da ich zu dem Sultan kam, erhabene Nene, und mich als deinen Gesandten
offenbarte, warf er sich jammernd und winselnd auf den Teppich. Alle
Liebe ist von den Weibern gewichen, rief er, auch diese Nene, die ich
zur Eselin der Eselinnen erhob, wollte nicht sterben.

O der Barbar! fiel Flore ein.

Jener fuhr fort: Nun mute ich deinen Krieg gegen den Bruder berichten,
und wie Tata fiel. Da zrnte er nicht. Mein Bruder war ein Krieger,
sprach er, rhmlich ist Tata gesunken. Nun erzhlte ich, wie du sein
Grab geehrt, sein Denkmal erhht hast, da weinte er vor Freude.

Edler Rittersinn, rief Flore. Kuku verleugnet sich nicht. Das Gute und
Bse liegt in seiner Seele beieinander. Ich aber mag hier weder tilgen
noch entwickeln. Weiter!

Da ich nun antrug, du wolltest ihm sein Land zurckstellen, wenn er dich
mit sicherem Geleite ziehen liee, war er halb zufrieden, halb nicht,
doch erklrte er sich endlich: er msse vor allen Dingen erst Osmanns
Kopf, womit er betrogen worden sei, bekommen, diese Bedingung wrde Nene
nicht versagen.

Osmanns Kopf? rief Flore. Osmanns Kopf! Betrogen sagst du? Hat er ihn
nicht? Mit meinem Willen zwar nimmer. Alonzo, was sagt ihr?

Ich wei nicht anders, stockte dieser.

Musa fuhr fort: Der Sultan behauptet, einen anderen Kopf erhalten zu
haben. Er besteht auf den chten; dann sollst du ihm auch noch einen
geschickten Caffern zusenden, der ihm das schwarze Pulver bereitet. Er
will es wider Gigi gebrauchen, mit der es immer noch nicht zu der lange
erwarteten entscheidenden Schlacht kam, denn man unterhandelt noch mit
Habesch um die Mittel, jene unfehlbar zu verderben.

Der Caffer soll ihm werden, ich hab ihn schon ersehen. -- Es ist ein
Irrthum. Der Kopf wurde ihr zugeschickt. Doch stnde der Franzose auch
lebend vor mir, ich wrde nimmer in die Forderung willigen.

Sie lie hierauf Perotti aus dem Gefngnisse bringen.

Signor, erklrte sie ihm, ihr geht zum Sultan Kuku! Verseht ihn mit
Kunst, mit List, so viel ihr wisset und ihm Noth thut. Wenn ihr das
gehrig ins Werk gerichtet habt, so vollendet meinen Frieden mit ihm.
Der ehrliche Musa wird euch begleiten. Vielleicht ziehen wir am Ende
froh nach Europa.

Nach Europa? rief Perotti. Ich habe es schon vergessen, und darauf
verzichtet.

Ich nicht, Signor, ich nicht!

Lat uns doch in Darkulla bleiben. Zum Paradiese fehlt ihm ja nichts
mehr, als eine Opera buffa, und ein maskirt Carneval. Doch Geduld, ich
richte alles noch ein.

O meinetwegen knftig bei Sultan Kuku. Genug, ich hre keinen
Widerspruch, keine Bitte.

Aber mein Amt, mein Amt!

Werde ich einstweilen schon verwalten lassen, auch mich beim Sultan
einlegen, da es euch vorbehalten bleibt.

O keinem Sultan mag ich dienen, einer Monarchin. Wie Essex der
Elisabeth. Das bringt vortrefflich Regiment.

Dies waren eure Abschiedsworte. Kameele vor. Glck auf die Reise!

Er mute gehorchen.

Alonzo wurde wieder allein befragt: Welchen jungen Mann meintet ihr?

Er gerieth in Verlegenheit. Ich bitte um Nachsicht, Sultanin. Ich wei
keinen. Es war mir nur darum, zu erfahren, wie du einen Antrag der Art
beantworten wrdest.

So? -- Ei! -- Und Osmanns Kopf? Ihr stokt. Ihr bergt mir ein Geheimni,
auch mag ich es nicht entschleiern. In einem Fall bin ich aber
unzufrieden mit euch. Das sollt ihr einst erfahren. Die Verkettung der
Ereignisse, welche uns treffen, ist sonderbar. Gebe das Schicksal nur
eine endliche freundliche Lsung.

Alonzo mute Perottis Geschfte mit versehn. Flore drngte ihn, da
durfte er seiner Trgheit weniger nachhngen. Ehrlicher wie Perotti,
hing das Volk ihm lebhaft an, wiewohl es bald darauf auch genug an
seinen Einrichtungen zu tadeln fand, denn mit den ersten Eindrcken der
Verfeinerung, hatte sich der Geist des Widerspruchs, der in aller Busen
wohnt, der uns als moralisches Vertheidigungsmittel von der Natur
zugelegt zu sein scheint, auch ziemlich bei den Darkullanern
ausgebreitet. Von ihm sagt Morellet, einer der geistvollsten unter den
neueren franzsischen Autoren:

^Supposons qu'on appelle au Ministre un gnie lev, d'une probit qui
dcourage la calomnie mme, plein de la passion du bien public, et de
tous les sentimens qu'on peut desirer et exiger dans un homme en place;
je vais dire ce qui arrivera. S'il regarde autour de lui avant
d'entreprendre; s'il tudie, non pas les principes de l'administration
que l'exprience et de profondes rflexions lui ont rendus familiers,
mais les moyens par lesquels on peut les mettre en pratique et vaincre
les obstacles que la corruption lve de toutes parts; s'il marche avec
cette sage lenteur qui conduit plus srement et plus promptement au but,
on dira: _il ne fait rien_; _nous ne voyons rien_; c'est qu'on sera au
desespoir de n'avoir rien  blmer et  contredire; mais  la premire
de ses oprations, des milliers de voix s'lveront; l'un critiquera la
forme, l'autre le fonds, non pas d'aprs des principes rflchis, mais
uniquement par esprit d'opposition. Si le ministre et fait tout le
contraire, on se ft simplement abstenu de corriger tel abus de faire
telle loi, ces mmes gens l'auraient dsapprouv avec la mme violence.
On et dit: pourquoi ne rforme-t-il pas ceci ou cela? Pourquoi ne
fait-il ce bien au peuple, cette faveur  l'agriculture? S'il rforme,
s'il change, s'il s'efforce d'amliorer toutes les parties de
l'administration, on s'criera: pourquoi toucher  ce qui est? Ne
sommes-nous pas bien? L'esprit de systme, la constitution de l'Etat,
les privilges des diffrens corps, le caractre de la nation, les
dangers d'une libert, qui deviendrait bientt licence, seront les mots
de ralliement que se donnera l'esprit de contradiction, et bientt sera
renverse, la statue au pied de laquelle on avait brl quelque encens.^

Dieser Geist des Widerspruchs, tief verfolgt zur Wurzel, und dann wieder
einen vielzweigigen Stamm aus der Tiefe erzogen, lieferte gar wohl den
Stoff einer neuen Erklrung des gesellschaftlichen Lebens. Doch scheint
die Sucht, philosophische Systeme aufzustellen, bei den Deutschen in
Abnahme zu gerathen. Bliebe es dabei! Denn wohin fhren sie alle? Den
Mann bis zum Grabe zur Pein des Schlers zu verdammen; denn will er
nicht das sogenannte Hinken nach dem Zeitalter als Vorwurf hren, mu er
immerfort lernen. Und darf man Schtzen einen Werth zuerkennen, von
denen es ausgemacht ist, die Mode wird frher oder spter gebieten, sie
wieder wegzuwerfen. Oder soll der Teutone die Weisheit inniger
umschlingen, da die Klugheit sich seinem Arm so viel entwindet?




                           Drittes Kapitel.
                        Der Kriegsschauplatz.


Wenden wir den Blick nach dem Kriegesgetmmel.

Immer hatte Gigi Unterhandlungen anknpfen wollen, doch kein Gehr bei
Kuku gefunden. In seiner festen Stellung trotzte er ihren Angriffen, wie
wir bereits wissen, und bte daneben seine Truppen mit vieler Klugheit.
Eilboten gingen fleiig nach Habesch, und kamen von daher. Der
Entfernung halber, und da es nothwendig war, betrchtliche Umwege zu
nehmen, verliefen aber mehrere Monate, ehe die Unterhandlung am Ziele
stand. Endlich aber sagten die Verbndeten zu, Gigi mit einem groen
Heere in den Rcken zu gehn, und es wurde ein Tag beraumt, wo Kuku seine
Verschanzung meiden, und die Amazone im offenen Felde angreifen sollte.
Der Feldherr der Verbndeten rechnete darauf, um diese Zeit auch nahe zu
sein, so gerieth die Feindin zwischen zwei Angriffe, und um desto eher
hoffte man sie zu verderben.

Eben war man auf das ernsthafteste mit Waffenbungen beschftigt, da
Perotti in Kukus Lager kam. Aber welche Waffenbungen. Nicht etwa so
bequem wie in Deutschland, wo man die freundliche Jahreszeit, den Tag,
und fein flache Gefilde dazu auswhlt, dazu jedermann auf dem Papiere
hat, welche Szenen aufgefhrt, welche Truppen vorwrts rcken, und
welche fliehen sollen. Nein, Sturm, Regen, Wolkenbruch, wie sie die
nasse Jahreszeit dort viele im Gebrge gab, tiefe Nacht, hohe Felsen,
Wald und Smpfe liebte Kuku zu diesem Behuf. Immer wurden zwei Partheien
aufgestellt, deren Fhrer nach Urtheil handelten. Da es dabei auf
blutige Kpfe nicht ankam, auf dem Exerzierplatze Todte zu begraben, ins
Spital Verwundete zu bringen waren, versteht sich von selbst.

Perotti kam in der belsten Laune von der Welt im Lager an. Er hatte so
schne Trume getrumt, und war so bel davon erwacht. Zwar besa er
viele Schtze, denn es war ihm vergnnt worden, ein Kameel mit seinen
Habseligkeiten zu beladen, und was er erpret, und durch Bestechungen
gewonnen hatte, nahm darauf Platz; gleichwohl aber sah er wenige
Sicherheit fr den Reichthum voraus, und dem Kriegsruhm hatte er in
Europa nimmer Geschmack abgewonnen, um wie viel weniger in dieser
Erdgegend. Bei dem allen mute er der Nothwendigkeit weichen, und es
galt ihm nur, sich in die Gunst des Sultans zu schmeicheln.

Das geschah denn nach aller Kraft, es wurde Pulver verfertigt, auch
Kanonen, ob sie gleich zu nichts taugten, als Schrecken einzujagen, was
freilich schon viel taugen heit, besonders wenn man schreckhafte Feinde
vor sich hat. Kuku wollte ihm eine Unterbefehlshaberstelle bei den
Truppen anvertrauen, die er aber demthig verbat, und dafr antrug, die
eines Feldhistoriographen anzuordnen, welche er mit nicht geringem Eifer
zu versehn anfing. Dabei stutzte er Zeitungsschreiber zu, und lie alle
Tage ein Palmblatt ausgeben, worauf die Kriegsvorflle geschildert
wurden. Hatte ein Darkullaner einen Fluch oder Schimpf gegen die
Beduinen ausgestoen, so sprach diese Zeitung von der begeisterten
Stimmung, die das ganze Heer durchglhe. Kriegslieder enthielt sie zu
Dutzenden, sie wurden in der Expedition gut bezahlt, also fand sich
alles damit ein, was nur in der Landessprache reimen konnte. Hatte ein
Krieger in der Nacht _Wer da!_ gerufen, hie es in Perottis Zeitung: ein
Ueberfall sey mit groem Verlust des Feindes zurckgeschlagen. Eine
ausgeschickte Patroll wurde zum Scharmtzel gemacht, und eine grere
Zahl von Beduinen war auf dem Platze geblieben, als ihr Heer stark seyn
konnte. Da sagte Kuku aber: du bist ein Narr mit deiner Zeitung, hre
auf!

Bald darauf fiel des Sultans Geburtstag ein. Perotti machte, da im
ganzen Lager Gastmahle gehalten wurden, man streute Blumen, Raketen und
Schwrmer stiegen am Abend leuchtend in die Hhe. Ueber dies Fest wurde
eine eigne Schrift herausgegeben, worin man den Patriotismus und die
Unterthanenliebe der Darkullaner bis zu den Wolken erhob. Kuku lachte
aber gar sehr, wie er die Schrift sah, und sagte zu Perotti: also meinst
du, ich soll an dem Darkullaner Tugenden des Unterthans erblicken, wenn
mein Geburtstag ihm einen Anla giebt, sich bei Mahl und Frhligkeit zu
ergtzen? Nein, da will ich andre Beweise, am meisten in der nahen
Schlacht. -- So gescheut war Kuku.

Einmal lag Perotti in seinem Zelte. Schon war es tiefe Nacht. Da nahte
etwas durch die Strnge, womit das Haus von Linnen befestigt war.
Perotti horchte bange, und wollte eben nach der Wache rufen, als eine
Stimme ihm leis zuflisterte: Sei ruhig, es naht ein Freund, der dir
groe Schtze nachweisen kann. Dies machte, da der Italiener die Furcht
berwand. Der Fremde kam ins Zelt. Ich bin von Gigi gesandt, sprach er.
Sie wei, da Mehemed beim Sultan gilt. Liefere ihr die beiden Caffern
Mustapha und Osmann lebendig in die Hand.

Mustapha? erwiederte Perotti, das wre so unmglich nicht, aber Osmann
ist todt. Der Sultan hat ja sein Haupt abholen lassen.

Glaubst du das Mhrchen auch? entgegnete die Stimme. Osmann lebt im
Felsenlande.

Osmann lebt? lebt? fuhr Perotti auf.

Gewi.

Und wie kmmt es, da Gigi das wei?

Man schickte ihr einen Kopf, der Osmann gehren sollte, sie erkannte
ihn aber falsch.

Falsch? Wenn sah denn diese Gigi Osmann? Fremdling, ist mir doch, als
htte ich deine Stimme schon einmal gehrt.

Das wte ich doch nicht, versetzte die Stimme.

Seltsame, seltsame Gedanken stiegen bei Perotti auf. Endlich rief er:
wie weit ist es von hier nach Gigis Lager?

Nur wenige Tausend Schritt.

Kannst du mich unbemerkt hinbergeleiten, und wieder zurckbringen?

Das ginge wohl an, doch aus welchem Grunde?

Ich mu selbst mit Gigi reden.

Kannst du mir deinen Willen nicht vertrauen?

La mich zu ihr, dann verstndigen wir uns leichter. Verdacht kann sie
nimmer gegen mich bergen, wie wagte ich mich zu ihr, und hier mein
Leben, fhlte ich nicht gegen sie warme Anhnglichkeit. Ich habe so viel
von ihren Thaten gehrt, und bin schon lange ihr Bewunderer. Nicht nur
die Caffern sollen ihr werden, sondern wenn sie mir Folge leistet, auch
Sieg ber Kuku.

Wohlan, schleiche mir nach, sagte der Fremde. Ich kann unbemerkt durch
die Auenwachen finden.

Nicht ohne Zittern willigte Perotti ein. Aber eine gewisse Ahnung in
seiner Seele bestimmte ihn zur Entschlossenheit.

Man tappte hinaus. Die einzelnen Wchter der Lagerkette sangen, dies
verbarg das leise Rauschen der Futritte im Sand. Nicht lange darauf kam
man bei einigen Reutern an, die den unternehmenden Spher erwarteten.
Einer von ihnen mute sein Pferd an Perotti geben, und so ging es im
schnellen Galopp davon.

Wie man in das fremde Lager angekommen war, mute Perotti etwas
zurckbleiben, da sein Fhrer ihn erst anmelden wollte. Jener brauchte
diese Zeit dazu, sich das Gesicht mit Erde zu beschmutzen, und sich
mglich unkenntlich zu machen, denn er meinte: _es sei wohl mglich, da
er hier gekannt wre_.

Es whrte einige Zeit, bis der Beduin wiederkam. Er trug eine Fackel in
der Hand. Neugierig blickte Perotti nach seinem Gesichte, aber ein tief
in die Stirn gedrckter Turban, und ein bis ber die Brust
herabflieender Bart machten, da nur wenige Zge kenntlich waren.

Die Frstin ist geweckt, und ihr deine Ankunft berichtet worden, sprach
Jener; folge zu ihrem Zelte.

Er ging mit der Fackel voran. Man kam durch lange Reihen von Pferden,
welche theils schnarchend ausgestreckt lagen, theils wachend ihr Gras
kuten, die Reuter lagen mitten unter ihnen, denn sowohl die Beduinen
wie die Kalmucken halten mit dem edelsten der Hausthiere enge
Freundschaft. Wachen waren in diese Gassen vertheilt, bei denen kleine
Feuer brannten. Die Zelte der Vornehmen erhoben sich geordnet, und
wurden durch Laternen, welche an ihrem Eingang hingen, auch in der Nacht
sichtbar. Endlich gewahrte man der Knigin Gezelt. Wie der Dom eines
prachtvollen Tempels, zu einer Festlichkeit erleuchtet, ragte es empor,
denn nicht nur seine Hhe erregte Staunen, sondern berall waren auch
Laternen angebracht, welche rund umher den Platz erhellten, und alle
Schildwachen zu Pferde, welche umhergestellt waren, und die blinkende
Harnische bekleideten, sichtbar machten.

Die Stangen dieses Zeltes waren gerstartig bereinander gestellt und
gefgt, kunstreich die Thierhute, welche seine Wnde bildeten,
verbunden. Der inwendige Theil bestand aus persischen Tapeten, und
Futeppiche in Natolien gefertigt, deckten den Boden. Die Anlage eigener
Manufakturen hatte Gigi, wie wir wissen, noch wenig glcken wollen, sie
lie also die Kostbarkeiten von der Fremde hereinbringen. Einstweilen
aber, bis ihre Stdte eine vollendetere Gestalt zeigten, hatte sie
Erfindungsgeist und Geschmack auf die Verfeinerung des nomadischen
Lebens gewendet. Ein wandelnder Pallast war ihr Wohngebude aus Huten
und Tapeten; stattlich prangten die ihrer vornehmen Beamten; bequeme und
nette Einrichtung hatten die der Arbeiter; die Soldaten trugen ihre
Kasernen stckweis mit fort, und so die Pferde ihre Stallungen. Nur
jetzt, da man gegen den Feind stand, durfte letztere kein Obdach
enthrten, und auch die Bereitschaft auf Kampf duldete kein Hinderni.

In der That hat das Nomadisiren fr die Einbildungskraft viel
Anziehendes. Wenn man die _Tavernier_, _Niebuhr_, _Savary_, ber die
Wanderer in Egypten und Arabien liest, und mehr noch die _Wytsen_,
_Georgi_, _Haygold_, _Reineggs_, _Pallas_ u. s. w. ber die am Caucasus,
im kabardinischen und Truchmenen-Lande, Turkestan, der Bucharei, so
gewinnt das Bild einer reisenden Stadt einen wesentlichen Vorzug, gegen
das traurige Einerlei unserer festen dumpfen Wohnpltze. Welch ein
heiteres, gesundes, an mannichfacher Abwechslung reiches Leben, unter
Zelten, auch in der kultivirten Welt! Grade hier knnten die Knste ja
seine Bequemlichkeit so erhhn. So schtzte z. B. das Trnken mit
elastischem Harz die Leinwand gegen Nsse. Im Winter lagerte man
zwischen Bergen, die die rauhe Luft abwehrten, bei Wldern, um keinen
Mangel an Feuerung zu leiden. Camine lassen sich gar wohl in Zelten
anbringen, oder man grbt in dieser Jahreszeit sich etwas in die Erde.
Im Frhjahr bezge man anmuthige Hhen, den Anblick der Naturverjngung
ins Weite zu genieen, und nicht durch die viele Feuchtigkeit belstigt
zu sein. Der Sommer wrde an See- oder Stromufern hingebracht, Khlung
und Bad in der Nhe zu sehen -- -- doch es tnen so viele Aber entgegen,
da man gern von dem Traume endet.

Perotti wurde nun in einen Vorsaal des Zeltes gefhrt, der wohl
erleuchtet war. Die Leibwache der Heldin schimmerte in leuchtenden
Krassen, denn Gigi hatte zu viel Geschmack, Krieger mit rothen,
weissen, gelben Lappen herauszuputzen, und so unkrftig wenn sie nicht,
wie die Europer, die feiger gegen die Last einer heilsamen Trutzwaffe
sind, wie gegen den Schu einer Flinte oder Stich und Hieb der
Seitengewehre.

Nachher gelangte man in das innre Zimmer. Auf einem erhheten Polster
sa Gigi, angethan mit einem mehr mnnlichen als weiblichen Nachtkleide,
von ausgewhlter Eleganz. Ueber ihr Gesicht hing aber ein dichter
Schleier nieder. Nur ein Helldunkel war verbreitet, also konnte man die
Umrisse der Gestalt nicht deutlich erkennen.

Wie nennest du dich? fragte sie, mit einer Stimme, in der sich eine
erknstelte Vernderung wahrnahm.

Perotti antwortete mit verstellter Sprache: Ich heie Mehemed.

Von welchem Lande der Caffern bist du?

Von der Halbinsel Morea.

So -- -- Renegat, oder als Muselmann geboren?

Als Muselmann geboren.

Du fandest Gnade bei Sultan Kuku?

Er vertraut mir Geschfte.

Die Sultanin sandte dich zu ihm?

Sultanin Nene.

So -- -- werden Kuku und Nene sich vershnen?

Sultan Kuku ist grausam und wild, sanft und gut, voll von strrischem
Eigensinn, und geflliger Nachgiebigkeit. Man kommt ihm schwer und
leicht bei.

Welche Zge aber wirken hier ein?

Die freundlicheren. Alles ist ausgeglichen, bis auf ein oder zwei Kpfe
-- --

Was? -- wie? -- Ein oder zwei -- wie --

Kpfe von Caffern. Lange hat Nene einen verweigert, und das kostete
Tausend von schwarzen. Nun aber wird sie wohl --

Wird sie -- was, was?

Der Klugheit nachgeben, wenigstens einen, wo nicht beide Kpfe senden.

Gigi sank etwas auf ihren Teppich zurck. Der Beduin fuhr heraus: Nein,
nein, das wird sie nicht!

Perotti, der ohne Aufmerksamkeit sichtbar zu machen, alles scharf
wahrnahm, fuhr nachlig fort: Freilich wird es ihr hart angehen, am
meisten bei Osmann. Dieser liebt sie und liebt beglckt.

Perotti log hier hchst unverschmt, doch hatte er Grnde.

Gigi machte eine abermalige Bewegung des Schreckens; der Beduin rief:
Lge, Verlumdung! hielt aber bald wieder an, und sagte ruhig und
freundlich: Unsre Sultanin bittet dich, ihr in ihren Absichten
beizustehn. Der Dienst, welchen du ihr leistest, wird das Maas deiner
Belohnungen bestimmen.

Perotti versetzte mit Lebhaftigkeit: Der Thatenruf Gigis hat mir lange
schon Bewunderung auferlegt, ihre Nhe begeistert mich, reit mein
Gemth hin in ihre Sklaverei. Sie gebiete.

Ist es dein Ernst, rief die Frstin, so sinne auf Mittel, Mustapha und
Osmann lebendig in meine Hand zu liefern.

Schnell setzte der Andere hinzu: Gewisse Kunstfertigkeiten, die beide
besitzen, und die sonst in diesen Gegenden nicht zu finden sind, machen
der Sultanin diese Mnner so theuer.

Und wo sollen diese Kunstfertigkeiten wuchern? fragte Perotti nach
einigem Bedenken, und fuhr fort: Schon fielen die von Habesch in Gigis
Land. Ein Feind steht hier vor ihr, der sich tglich verstrkt, und die
Kunst der Schlachten bt. Zwischen zwei Angriffe gepret, kann sie
leicht Thron und Land einben.

Gigi fiel ein, obgleich nicht ohne Stocken: O dagegen brgt mein
Schwert.

Der Beduin sagte: Da du zeitig entdeckest, was uns gefhrlich
berraschen soll, beweist Treue an dir. Aber schon sind wir
unterrichtet, da neue Feinde in unserem Rcken auftreten, und Anstalten
dagegen sind vorgekehrt.

Perotti ging einige Schritte auf und nieder, dann brach er aus:
Sultanin, die Zeit ist kurz, du mut mich vor Anbruch des Morgens
zurckbringen lassen, oder das Verstndni wird offenbar, dein Getreuer
hole mich aber in der folgenden Nacht wieder ab. Bis dahin werde ich
berlegt haben, was zu deinem Nutzen geschehen kann.

Dies war man zufrieden, und entlie den Italiener, den schnelle Rosse
wieder in Kukus Lager brachten, wo Niemand ihn vermit hatte.

Gegen die Mitte der folgenden Nacht holte ihn der Beduin auf die vorige
Art ab, und die Heimlichkeit der Ausfhrung gelang vollkommen. Da er nun
wieder im Gezelt erschien, hub er an:

Sultanin, ohne Zweifel hrtest du von dem inneren felsenumschlossenen
Darkulla.

Es soll das schnste Land der Welt sein, versetzte Gigi.

Dort, fuhr Perotti fort, dort mte Gigi herrschen, und das Paradies der
Natur wrden bald die gewhltesten Zaubereien der Kunst schmcken. Die
Bahn der Verfeinerung ist gebrochen, deine Caffern, noch meistens am
Leben, wrden unter deiner Leitung das Wundervolle darstellen, wogegen
Nene zwar hohe Entwrfe fat, aber auch bald wieder in Ueberdru sinkt,
und nur ein Gefhl noch im Busen trgt, das Heimweh.

Gigi hrte sehr aufmerksam zu.

Perotti fuhr fort: Und welcher unendliche Vortheil in der festen
Sicherheit des Lndchens. Eine geringe Wache am Pa, und inwendig ist
der ewige Friede nimmer zu stren. Sultan Kuku beging die rgste
Thorheit, nur einen Fu ber die Klippengrnze zu setzen. Suche dich zur
Meisterin des kleinen Paradieses zu machen. Kuku hat Schlimmes um dich
verdient. Nicht werth ist er des Kstlichen, sonst htte er seinen
Entschlu von damals nicht gendert. Den Tod wollte er dir geben, den
Bruder untersttzte er in seinem Hohn gegen dich, er versagt deinen
billigen Antrgen, Frieden, und Entehrung wrde dein Loos, so er dich
gefangen nhme. Deine Getreuen haben meistens Weib und Kind daheim. Gar
wohl nimmt das innere Darkulla diese Bevlkerung noch auf, der harte
Krieg von neulich tdtete groe Schaaren, und die Fruchtbarkeit ist
ungemessen.

Die Amazonin sprach: Das innere Darkulla gehrt Nene, welche durch
Schnheit, Muth und gewandten Sinn es erwarb. Knnt ich auch, wie drft
ich sie darum bringen!

O, gab Perotti zur Antwort, Nene tritt dir mit Freuden das Reich ab. Um
ein sicher Geleit nach Egypten, will sie ja alles Kuku zurckgeben.
Vergi deine Steppen, die wilde Nachbarn unsicher machen, die Krieger
von Habesch jetzt berschwemmen, und richte deine Absichten auf das
innre Darkulla.

Ich gestehe unverhohlen, bekam er zur Antwort, da dein Rath mir
gefllt. Doch alle Hindernisse, die noch zwischen ihm und der Ausfhrung
liegen --

Besiegt List, fiel der Italiener ein. Vertraue meinen Planen.

Etwas schnell entgegnete Gigi: O viel wre auf deine List zu bauen,
knnte man deiner Redlichkeit gewi sein.

Der Beduin sprach: Zwischen unserm Lager und dem schnen Lande steht
Kukus Heer, in dem wohlvertheidigten Felsenneste, das nicht anzugreifen
ist.

Doch nicht lange mehr, erwiederte der Italiener. Bald wird er zum Kampf
hinausstrmen. Schlgt ihn Gigi, dann ist der Weg offen, und durch den
Pa bringe ich sie.

Wie aber, wenn ich geschlagen werde? fragte die weise Heerfhrerin.

Das mu nicht geschehn. Kuku mu fallen. Ich werde machen, da ein
hohes weisses Fhnlein getragen wird, wo er sich beim Kampfe aufhlt.
Dahin mgen deine Schtzen unverdrossen zielen. Sind sie demungeachtet
nicht glcklich, denke ich selbst -- im Gedrnge -- ein behender
Dolchstich macht kein Aufsehn -- und sank der Fhrer, ist gemeinlich das
Heer verloren.

Nein, pfui, nein! schrie Gigi heftig. Nur in guter Schlacht will ich
siegen, nicht durch Verrath und Meuchelmord des Feindes.

Du bist ein Ungeheuer! Weg von mir!

Perotti erwiederte kalt: Wenn mich Bewunderung dir so ergeben machte,
da ich selbst das Zrnen deines Edelmuthes nicht frchte, so ist es die
Schuld deines Ruhmes. Und wute ich ein ander Mittel, die Caffern zu
retten --

Die Caffern! die Caffern! rief Gigi mit Bewegung. Hre Mehemed! Meine
Schlacht mit Kuku la mich kmpfen, und sein Leben sei dir theuer. Kann
deine List mich aber nach gewonnenem Siege in den Pa fhren, nehme ich
sie an und lohne sie reichlich. Erobere, denke ich, man durch List, wenn
der Eroberung, des Landes Heil folgen soll. Tdten aber nimmer. Wrde
ich aber geschlagen -- geschlagen --

Dann gieb dich getrost an Kuku gefangen.

Wie, du hast behauptet, mein Loos wrde beklagenswerth seyn.

Doch meinen Einflu auf ihn nicht genannt. Ich werde ihm rathen, dich
als Sklavin an Nene zu senden, und du wirst dort eine Freundin finden,
die willig dir ihren Thron rumt. Du findest deine Caffern dort --

Meine Caffern!

Ich werde ihm vorstellen, nur so knne er Nenes Liebe gewinnen, sie
vermgen, in Darkulla zu bleiben, an seiner Seite, wenn du ihr als
Sklavin -- doch mit zarter Achtung vor aller Welt Blick behandelt -- zur
Stelle abgeschickt -- -- du magst verstehen --

Gigi eine Sklavin! Wie keck der Caffer mit Einbildungen spielt! Der
Gedanke knnte ihm wo anders das Haupt kosten, rief der Beduin.

Gigi lchelte aber, und beschenkte vorerst den Italiener. Kme das
Schlimmste zum Schlimmen, rief sie, bleibt mir mein Ring mit dem
rettenden Tropfen. Sonst mag die Zeit entscheiden, wie ich von Mehemeds
Hlfe Gebrauch machen kann.

Hier wurde er entlassen, und wie in den vorigen Nchten zurckgebracht.
Der Beduin redete noch Zeichenverstndigung mit ihm ab, und sagte beim
Abschiede: Nur Verrath lasse dir nicht einkommen, sonst bin ich es, der
ihn straft.




                           Viertes Kapitel.
                    Die gelieferte Hauptschlacht.


Perotti lag Kuku mit Vorstellungen an, in jedem Fall Nene ziehn zu
lassen. Dann, sprach er, bist du deines Landes zwischen den Felsen am
sichersten. Wer stnde sonst ein, da sie dir, wenn du zurckgekehrt
wrest, nicht die Herzen wieder entzieht, denn sie ist eine groe
Zauberin. Gieb mir einige hundert Mann, und Briefe an die Herrscher,
deren Land zwischen hier und Egypten liegt, da sie sicher bis zur
Grnze reisen kann. Ich geleite sie und komme dann wieder. Eben jetzt,
da du der eigentlichen Hauptschlacht entgegen siehst, ist der Gedanke
wichtig. Denn trfe dich Unheil, knntest du ohne Sorge Rettung finden.

Der Sultan that, was die Sultane nicht immer pflegen, er gab Grnden
Gehr. Allein im Lager und unter dem fortwhrenden Waffengetse, hatte
seine Leidenschaft, so heiafrikanisch sie auch ursprnglich war, an
Feuer abgenommen. Ziehe sie hin, hie die Antwort, ich werde dir die
Krieger geben.

Dann, versetzte Perotti, sendet sie dir auch gewi aus Dankbarkeit die
Kpfe. Es ist ein eigensinnig Gemth, aus Zwang will sie nichts, alles
mit Freiheit thun.

Er empfing nun dreihundert wohl gewaffnete und berittene Neger, die die
Weisung hatten, ihm unbedingt Gehorsam zu leisten. Auch die Briefe
fehlten nicht. Sein Plan war nun, Gigi zu bewegen, da sie ihr Heer
verlie, um eine Reise nach dem innern Darkulla zu machen. Die
Sehnsucht, ihre Caffern zu sehn, meinte er, wrde sie leicht den
Entschlu ergreifen lassen. Er theilte dem Beduinen, welcher in einer
der folgenden Nchte wieder bei ihm erschien, den Plan mit. Grade da die
Unterredung statt hatte, nahte auch Musa dem Zelte. Er hrte gedmpfte
Stimmen, verhielt sich ruhig, und lauschte. Nichts Zusammenhngendes
konnte er verstehn, doch aber sahe er ein, wie ein Verstndni mit Gigi
angezettelt war, und so viel war ihm wohl deutlich geworden, da Gigi
nach dem innern Darkulla kommen sollte. Ha, Mehemeds Rache! dachte er.
Leicht konnte er Lrmen erregen, und den Treulosen wie den fremden
Spher verhaften lassen. Doch urtheilte er, das knne vielleicht noch zu
keinem vollen Lichte fhren, da beide Theile hartnckig lugnen wrden.
Er nahm sich daher vor, auch in knftigen Nchten aufmerksam zu sein,
und die Unterredungen nher zu behorchen. Gleich aber schickte er am
Morgen einen Eilboten an Nene, mit der Warnung, ja auf ihrer Hut zu
sein, und den Pa noch zu verstrken. Denn Gigi wrde sie vielleicht zu
bekriegen suchen.

Es kam aber zu keiner weitern Unterhandlung zwischen Perotti und Gigi,
denn eine Stunde, nachdem Musas Eilbote weggeeilt war, langte auch einer
bei Kuku an, den der Feldherr von Habesch abgefertigt hatte. Er brachte
die Botschaft, da man eine Abtheilung der Beduinen geschlagen habe, und
nun dichte im Rcken Gigis stehe. Zugleich erfolgte die Einladung,
sofort anzugreifen, und das Versprechen, kraftvoll und nachdrcklich den
Kampf zu untersttzen.

Kuku gab also seine Befehle, und Perotti blieb mit seinen Negern in der
Nhe, um den Ausgang des Tages abzuwarten.

Allgemein war bald die Schlacht, und hartnckiger wie je eine in Europa
geliefert wurde. Gigi lie ihre Reuterei einbrechen, ehe noch Kukus
Truppen gehrig entwickelt waren. Bei jener herrschte aber der Gebrauch,
den Pferden die Ohren zu verstopfen, und die Augen zu verbinden, damit
weder das Getse der Schlacht, noch der Anblick widerstehender Reihen
und gefhrlicher Waffen sie schrecke. Nur das Gefhl blieb ihnen, und je
nher an den Feind, je mehr empfanden sie des muthigen Reuters Sporn,
wogegen in einem gewissen andern Welttheil der antreibende Stachel immer
weniger, und der wuthmigende Zgel immer mehr gebraucht werden soll.
Vorgestreckte Lanzen, wenn gleich noch einmal so lang, wie die
Bajonetflinte der Europer, galten diesen Beduinen ein lcherliches
Hinderni, denn hart an der Spitze, lie der vorderste Reuter sein
wohlgebtes Pferd einen mannhohen Satz machen, und zerbrach beim
Niedersenken die Stangen, indem die Trger zu Boden geworfen wurden,
oder es wurde auch das Thier aufgeopfert, und mit seiner durchbohrten
Brust angerannt, um dann einen unfehlbaren Streich zu fhren. Dann
sprang sein Hintermann ber ihn. Allein die Neger waren auch gegen
solchen khnen Angriff bereit. Sie schreckte der Anblick der Vermessenen
nicht, noch weniger kehrten sie um, weil das grade der Reuterei den Sieg
in die Hnde geben heit. Jeder trug zwei Lanzen, was ja auch recht wohl
angeht, da die freigebige Natur den Menschen mit zwei Hnden versah.
Eine hielt er niedrig, die andre hoch, eine zum beliebigen Aufspieen
des Pferdes beim graden Anrennen, eine beim Sprung. Da ihn die Gewalt
des Thieres nicht hinwarf, untersttzten ihn die Kameraden. Sonst war
eine Lanze dem Pferde, die andere dem Reuter zugedacht. Auch wenn
demungeachtet die Linie gebrochen wurde, verzagten diese Neger nicht.
Sie wuten, da es nur einen leichten Griff nach dem Beine des Reuters
kostet, um ihn ber das Pferd zu werfen, ein Griff, den der Mangel an
Fassung sonst so selten wagt. Ein gelenker Mann kann auch schneller aus
dem Wege springen, als das Pferd ihn niederwirft. Des Reuters Stiche und
Hiebe sind ungewisser, als die des Fugngers. Wie bald ist das Thier
hingestreckt. Die Neger krmmten sich gern unter seinen Bauch, wo sie
vor dem Reuter geschtzt waren, und stachen es so mit einem Messer
nieder. Andre sprangen ber den Schweif desselben, und warfen den
durchbohrten Feind ber den Kopf, wodurch sie das Pferd gleich
behielten. Die neuen Stcke des Kuku taugten gar wenig, der Materie und
dem Bau nach, versagten vielfltig den Dienst, sprangen und verletzten
die eignen Leute, waren schwierig von der Stelle zu bringen, das Pulver
hatte schlechte Kraft, statt der Kugeln wurden auch Steine genommen, bei
denen wenig auf sichern Schu zu zhlen war. Demungeachtet leisteten sie
weit mehr, wie da, wo sie ganz vortrefflich sind, die Kanoniere aber in
groer Entfernung zu schieen beginnen, wo nur sehr selten getroffen
wird, und je nher der Feind kmmt, je ungewisser sie zielen, endlich,
wenn sie ihm das Weie im Auge sehn, davonlaufen. Im letztern Abstand
fingen die Darkullaner erst zu feuern an, aber so kaltbltig, so ihr
Ziel fassend, da sie nimmer fehlten. Doch hatten die Beduinen sich
wieder darauf eingerichtet. Sie sprengten in schmalen Kolonnen
pfeilschnell daher. Zuvor wurde das Loos gezogen, welche Reuter die
ersten sein sollten. Diese bekamen denn ein Ehrenzeichen, und die
Zusicherung eines hochrhmlichen Grabes. Dies Loosziehen war darum
Nothwendigkeit, weil Jeder der Vordere, Niemand hinten sein wollte.
Ueber die Gefallenen setzte die Schaar unaufgehalten fort, und in wenig
Minuten befanden sich die Uebriggebliebenen zwischen den Stcken. Die
Beduinen suchten gern ihren Feind in die sogenannten Flanken oder Seiten
der Reihen anzufallen. Leicht fhrten sie auch vermge des Eilflugs
ihrer Pferde die Bewegungen aus, die zu einem solchen Zweck leiten
konnten. Aber der Sultan von Darkulla, Kriegern mit eisernem Sinn
gebietend, sah gar keine Gefahr, wo Europer verzweifeln. Die Truppen
standen immer doppelt dick an den Enden. Wie eine Linie sich zeigte,
gingen sie selbst auf diese los, durchbrachen sie als Colonne, und indem
sie sich zu beiden Seiten wandten, bekmpften sie nun zwei Flanken der
Angreifenden.

Wo so geschlagen wird, glnzen schne Rckzge nicht, sondern der
Kmpfer Tod endet nur die Schlacht. Gigi fhrte Ueberall in die
schlimmste Gefahr. Kuku zeigte sich an der Spitze, wo der Streit am
hitzigsten war. Vielleicht htte man ohne Entscheidung fortgemordet,
allein die Truppen aus Habesch rissen die Schaale nieder. Gigi hatte
sich ihre Zahl nicht so gro vorgestellt und nur eine geringe Abtheilung
entgegen gesandt.

Diese war durch die Menge berwltigt worden, und zugleich so umzingelt,
da keine Nachricht von dem blen Erfolg zu der Gebieterin dringen
konnte. Selbst wurden einige Beduinen Verrther, und berichteten
flschlich einen gnstigen Erfolg. So sahe Gigi endlich eine sehr groe
Anzahl neuer Feinde in ihrem Rcken, und da sie nun urtheilte, der
ungleiche Kampf knne nicht mit Vortheil gefhrt werden, so gebot sie
selbst ihren Haufen, sich zu zerstreuen, und nannte einen Ort an der
Wste, wo man sich wieder sammeln wollte. Sie selbst spornte ihr Ro, um
diesen Ort so bald wie mglich zu erreichen.

Auf diesem Ritte aber ward ihr Pferd tdlich getroffen, sank, und die
Amazonin fiel einem nacheilenden Negerhaufen in die Hnde. Schon ri sie
den Ring vom Finger, um das Leben zu enden, doch fiel ihr in diesem
Augenblicke Perotti ein. Wie, wenn er es treu meinte, dachte sie bei
sich, zum Sterben ist es immer noch Zeit. Sie gab also das Vorhaben auf,
und den Negern ihr Schwert zum Zeichen der Ergebung.

Sie wollten ihr den Ring nehmen, sie sagte aber: ihr seht, er ist ohne
Werth, aber das Andenken einer Zauberin. Ich will ihn euch zehnfach
bezahlen. Das wurde geglaubt, und Gigi nach Kukus Zelt gebracht.

Dort ertnten aber Jammer und Klage. Die Siegsgesnge schwiegen traurig,
und alles lief erschrocken und trostlos umher, denn eben zu Ende der
Schlacht hatte Kuku eine tdtliche Wunde empfangen, an der er ohne
Hoffnung auf dem Teppich lag. Die Generale jubelten inde auf, da sie
Gigi bringen sahn, auch erhob sich der Sultan ein wenig bei dem Anblick
der berwundenen Feindin, allein Freude und Leid hatten mit ihm ihre
Rechnung gemacht. Kaum hrbar, rief er Perotti, der auch zugegen war.
Mehemed, sprach er, bringe diese Gefangene zu Nene, ihr gehrt all mein
Land auen und innen der Gebrge, ich bitte sie es nicht zu meiden, sie
beherrscht es weise.

Hier starb der Sultan. Perotti warf sich mit heissen Thrnen auf seinen
Leichnam, und dennoch hatte er selbst den Sultan hinterrcks verwundet.
Der Arme kam um, wie es von Gustav Adolph und Carl XII. vermuthet wird.
Desto eher glaubte Perotti seine Absichten durchzusetzen. Er wollte nun
auch ber alles beim Heere gebieten, das lieen aber die alten Mnner
nicht zu, sondern errichteten einen Rath, der bis auf Weiteres die
Angelegenheiten leiten sollte. Sie zeigten auch schlechte Lust, Nene zu
gehorchen, welche hier viel getadelt ward, und Perotti lie das Vorhaben
in ihnen erwachen, selbst einen Sultan zu whlen, welches einer in den
anderen bestrkte.

Der Rath beschlo noch, den Rest der Beduinen aufzureiben, und Sultan
Kukus Leichnam in das Felsenland zu schicken, um dort neben Tata
begraben zu werden; denn den Wunsch hatte der Verstorbene einst
geuert.

Perotti sah noch bei der ihm anvertraut gewesenen Kasse mglichst zu
seinem Vortheil, dann machte er sich mit den zugetheilten Reutern, und
der schnen Gefangenen auf den Weg. Er hatte sie in dem Zelte des
Sultans nun ohne allen Schleier gesehn, und kein Zweifel bestand mehr,
wer sie sey.




                           Fnftes Kapitel.
                   Perottis vernichtete Anschlge.


Zwei Tagereisen ging es dem Felsenlande zu. Er lie Gigi mit aller
Bequemlichkeit reisen, ihr ein prachtvolles Zelt geben, und hohe Ehre
beweisen. Sich selbst zeigte er aber nicht, doch den Sklavinnen, die ihr
auch zur Aufwartung gegeben waren, schrfte er ein, sie krftig ber ihr
Schicksal zu trsten, und sie zu versichern, Nene wrde ihr die
Herrschaft abtreten. Eine aber unter den Sklavinnen hatte er auf seine
Seite gebracht.

Gigi wute nicht, ob sie den Zusicherungen Glauben beimessen sollte,
schwebte in verlegener Unruhe, und wagte die ersten Nchte keinen
Schlaf. Endlich aber behauptete die Natur ihre Rechte, sie streckte sich
ein wenig auf einen Teppich, und gebot den Frauenzimmern, sie, wenn
irgend Jemand nahte, sogleich zu wecken. Die Verrtherin aber nahm den
Augenblick wahr, entfernte unter einem ersonnenen Vorwande die brigen,
und zog, wie Perotti ihr aufgetragen hatte, Gigi den Ring leise vom
Finger. Vor groer Ermdung war ihr Schlummer ungewhnlich fest, und sie
bemerkte den Raub nicht. Am Morgen, da man schon Anstalten zum Aufbruch
machte, stellte die Sklavin ihre Beute dem erwachten Perotti zu.

Sogleich schrieb dieser einen mit Spott und Bitterkeiten erfllten Brief
an Nene. In meiner Gewalt stand es, sagte er in diesem Briefe, dich
nach Egypten, nach Europa zu bringen, denn ich gebiete Dreihundert
Reutern unbeschrnkt, und besitze Sicherheitsbriefe, allein du hast mich
durch Verbannung von meiner Stelle, durch Kaltsinn gegen meine Liebe
gehhnt, und nun magst du ewig unter den Negern bleiben. Denn kein
Geleit werden dir die Darkullaner auer dem Gebirge geben, die dich
hassen, und die meine Rache selbst aufmunterte, sich einen andern
Gebieter zu whlen.

Dem sogenannten Osmann schrieb er Worte, welche ihn auch auf das
bitterste verwunden konnten, und schickte einen der Neger mit den
Briefen ab.

Nun wurde aber sogleich sein Weg verndert, und der nach Egypten
eingeschlagen. Die Reuter wuten von Kukus Befehl, Gigi in das innre
Darkulla zu bringen, nichts, sondern hatten nur Weisung, Mehemed zu
gehorchen, was solche Menschen denn blindlings thun.

Gigi sa auf ihrem Dromedare, noch kein Unheil ahnend, da kam Perotti
lachend herangeritten, und rief: Nach Egypten zieht die Karavane. Die
stolze Knigin der Beduinen schlft diese Nacht in Perottis Zelt.
Endlich werden Recht und Klugheit siegen! Er sprengte weg.

Sie gerieth auer sich vor Schrecken, wollte den Ring vom Finger reissen
-- er war dahin. Sie wollte sich von dem Dromedar hinabstrzen, man
hielt sie ab, und hinderte jeden Ausbruch ihrer Verzweiflung. --

Der Leser lasse sich gefallen, da die Szene des Romans wieder in das
innre Darkulla verlegt werde, und wende den Blick einstweilen von
Perotti und Gigi.

Flore hatte unterdessen von Perottis Unterhandlungen vieles gehofft. So
wenig sie auf seinen Charakter baute, meinte sie doch, auch er wrde
wohl des Lebens unter den Negern mde sein, und gern nach der Heimath
zurckkehren. Das mute ihn denn bestimmen, alles zur gemeinschaftlichen
Abreise einzuleiten.

Es whrte aber lange, ehe eine befriedigende Nachricht einlief, Flore
theilte sich unterdessen mit Alonzo und jenem treuen Neger in die
Regierungsgeschfte, deren sie aber mit jedem Tage mder ward, denn mit
jedem Tage drangen mehr Bitten und Gesuche auf sie ein, weil des Volkes
Begriffe so erweitert worden waren. Stolz und Habsucht forderten berall
Ehrenstellen und Reichthmer, und wie konnten sie immer befriedigt
werden. So huften sich auch die Klagen, da der Verbrechen immer mehr
ins Leben gerufen wurden. Oft gedachte Flore der Worte ihrer alten
Rthe, wenn sie sie damals schon verlacht hatte, und sahe ein, da: wie
einmal die menschliche Natur angethan ist, Monarchengewalt, verbrdert
mit der heiligsten Religion des edelsten Willens, dennoch _keine
Glckliche zu erschaffen vermag_. Nein, nein, in der Mansarde des Palais
Royal wre mirs besser, wie in diesem Pallast, dachte sie, denn es ist
unter andern mit dem Glcke auch, wie mit dem Regenbogen, nur wenn er
vor oder hinter uns steht sehen wir ihn, mitten darin nicht.

Es giebt bei dem allen Gemther, welche in der Volkserziehung groe
Ausdauer zeigen, wie z. B. Numa Pompilius, (nachdem Romulus, den die
Sache etwas zu langweilen begann,) den khnen Entwurf eines neuen
Reiches geboren, und die Riesenschritte eingeleitet hatte. Flattersinn
geht bald in eine gewisse Philosophie ber, die zwar weise Wahrheit
genug in sich trgt, allein der anhaltenden Arbeit nicht frommt.

Genug, Flore war des Regierens mde, und harrte ihrer Erlsung. Da kam
der Eilbote Musas an, durch welchen der Dschelab kund thun lie, Mehemed
be Verrtherei, und wolle wie es schien, Gigi in das Innre von Darkulla
fhren, um Nene zu bekmpfen, und vom Thron zu werfen. Das letztere
klingt auch dem hart, der freiwillig vom Thron zu steigen gewilligt
wre. Des Thrones Hhe durchglht mit einem gar empfindlichen Stolz, und
die Lear, oder Carl V wrden gleich ihre volle Gewalt entgegnet haben,
wenn Jemand in dem Augenblicke, da sie das Szepter niederlegen wollten,
es ihnen zu entwinden versucht htte. So empfing Flore auch kaum jenen
Bericht, als sie Alonzo zu sich rufen lie, und ihm aufgab, zur
Sicherheit des Landes doppelt zu sehn.

Das geschieht ohnehin, gab er zur Antwort, es ist nicht nur der Pa wie
immer besetzt, sondern es steht auch noch ein Heer nahe an demselben
bereit. Der Treue, welcher es anfhrt, meint: Kuku knne, auch Friede
heuchelnd, Arges im Schilde fhren, und man msse deshalb unter den
Waffen sein.

Von Kuku frchte ich nichts, versetzte Flore, doch Gigis wegen seid auf
eurer Hut. Sie knnte jenen schlagen, und dann zu uns eindringen wollen,
und ihre Rache wegen der vorenthaltenen Caffern, die Unschuldigen
empfinden lassen.

So verstrich einige Zeit, bis das Gercht einlief: Kuku habe in einer
groen Schlacht das Leben verloren. Bald darauf erfuhr man, sein
Leichnam wrde nach der Hauptstadt gebracht werden, weil der Verstorbene
ein Grab neben Tata gewnscht htte. Dem Gercht folgte eine frmliche
Meldung, denn der Offizier, welcher den Leichnam geleitete, sendete zum
Pa voraus, und begehrte Eingang. Es wurde bei Floren angefragt, und
diese beschlo, mit Alonzo selbst dem Zuge entgegen zu reisen, und begab
sich zur Grnze. Diese Ehrenbezeugung geschah, um das Volk noch mehr zu
gewinnen, denn seine Gunst ist bei allem, was man vorhaben mag, wichtig.




                          Sechstes Kapitel.
                             Fortsetzung.


Der Zug hatte mit dem Leichnam einige Tage auerhalb warten mssen, da
Flore ankam. Sie wollte ihm zuerst auf der innern Grnze ein Todtenopfer
darbringen.

Schon in einiger Entfernung kam ihr ein wohlgekannter Beamter entgegen,
der ihr von dem letzten Willen des Sultans Nachricht gab. Die Sultanin
konnte nicht anders, wie sich wahrhaft gerhrt dabei zeigen. Der Neger
setzte anhnglich hinzu, das Erbe auerhalb der Felsen mgte dir
vielleicht streitig gemacht werden. Vornehme Krieger, von denen einige
durch Heirathen ihrer Vter mit dem Sultansstamme verwandt sind, zeigen
sich schwierig, und der Caffer Mehemed selbst redete ihnen zu, einen
Rath niederzusetzen, der vermuthlich aus ihrer Mitte ein Oberhaupt
whlt. Doch giebt es auch eine Parthei fr dich, und nach der dir so
eigenen Kunst, die Herzen zu gewinnen, wirst du auch da wohl
durchdringen. Floren reizte diese Aussicht wenig, doch emprte sie die
Falschheit des treulosen Perotti, welche sie vernommen hatte. Noch
erfuhr sie, da Gigis Truppen smmtlich zerstreut wren, und die Feindin
selbst ihr wrde gefangen eingeliefert werden. Du hast die Gelegenheit
deiner Rache bald in der Hand, setzte jener Neger hinzu, denn Mehemed
bringt nach einem Auftrage Kukus die Gefangene.

Alles wnschte Floren Glck zu so vielen gnstigen Ereignissen, mit
kluger Politik aber erwiederte sie: das alles trstet meinen Kummer ber
des edlen Kuku Hintritt nicht.

In geringer Entfernung vom Felsenpa sahe sie das Heer, von dem Alonzo
ihr gemeldet hatte. Darf der Fhrer sich dir nahen? fragte letzterer.
Und warum nicht, erwiederte sie, schon lange wnscht ich ihn zu sehen,
der sich meinem Anblick entzog, und dem ich den Sieg ber Tata verdanke.

Ein Wink Alonzos, und der Fhrer ritt heran. Froh berrascht rief die
Franzsin: Coutances! Ihr? ihr lebt? Ich glaubte dir manche Unruhe zu
ersparen, sagte Alonzo, wenn du ihn todt, und seinen Kopf dem Sultan
berliefert whntest.

O meine Ahnung! versetzte Flore, wohl habe ich ihn unter den Lebenden
vermuthet. Es gab eine Szene groer Freude, von allen Seiten.

Wohlan, nahm Flore wieder das Wort, nachdem sie Coutances herzlich
begrt und ihm gerhrte Dankbarkeit erwiesen hatte, wohlan meine
Freunde, nun mgen diese Krieger auseinander gehn, denn keinen Feind
frchten wir mehr.

Viele davon zerstreuten sich auch sogleich; doch einen Theil davon,
behielt Coutances noch beisammen, um die Begleitung des Leichnams zu
machen.

Jetzt gab man am Felsenpa das Zeichen, dem Zuge den Weg zu ffnen, und
die Wache lie die Brcken nieder. Doch wurde in der groen Sicherheit,
worin man sich befand, die Masregel versumt, welche sonst in der
Gewohnheit war, nmlich einen Theil der Ankmmlinge zuvrderst ber die
erste Brcke zu lassen, und diese sodann wieder aufzuziehn, ehe die
folgende erhoben ward, und so von einer zur andern. Das Gefolge des
Leichenzuges war bekannt und nicht zahlreich genug, um von ihm, htte es
auch tckische Absichten genhrt, etwas zu frchten; sonst entdeckte
sich auerhalb der Felsen Niemand, die Brcken sanken also alle nieder,
langsam und feierlich ging der zusammenhngende Kondukt fort.

Flore wartete seiner, in tiefer Trauer, von ihren Hflingen umgeben; in
einiger Entfernung standen Truppen mit gesenkten Waffen und rhrten ihr
dumpfes Spiel. Feierlich war die Anordnung.

Alonzo gab auf den Zug wenig Acht, sondern hatte sich whrend der Zeit
zu Coutances begeben. Was meint ihr, sprach er zu diesem, wird eure
Landsmnnin noch daran denken, diesen reizenden Aufenthalt zu verlassen,
nachdem sie hier so sicher, und keine Feinde mehr frchtend, thronen
kann?

Vermuthlich dennoch. Ein geheimer Zug ins Vaterland zieht sie
unwiderstehlich an. Und vielleicht kann sie ihm nun um so eher folgen.
Denn was hindert sie nun, eine starke Bedeckung auszuwhlen, und mit
dieser ihre Reise anzutreten?

Hm -- wer wei, wre das Volk dabei gleichgltig. Es drfte die
Regierung nicht gern wieder verndert sehen, weil das nicht ohne
Erschtterungen erfolgt.

O da helfen Erdichtungen.

Ich gestehe offen, da ich gern den brigen Abend meiner Tage hier
verlebte.

Auch ich. Jemehr die Spuren der Barbarei ausgetilgt werden, jemehr
verdient dies Land den Namen eines Paradieses.

Bewerbt euch um die Liebe eurer Landsmnnin. Groen Anspruch habt ihr
auf ihren Dank. Das Volk wnscht sie vermhlt zu sehn. So ist ihr Sein
an Darkulla zu fesseln. Ich deutete schon oft bei ihr dahin.

Ich? Ihr wit -- -- nein, nein!

Ihr denkt immer noch an Isabellen, und das rhrt mich innig. Allein sie
schlummert im Grabe. Ihr seid jung. Denkt an die Prophezeihung, ihr
wrdet hier den Thron besteigen.

Wie, an die Prophezeiung?

Hier wurden sie durch den Anblick eines Getmmels unterbrochen, das sich
da erhob, wo die Sultanin betend kniete, indem grade der Leichnam an ihr
vorber kam. Dies Getmmel war mit einem wilden unverstndlichen
Geschrei begleitet, und Alonzo und Coutances spornten ihre Thiere an, um
dahin zu eilen.

Die Ursache dieser Bewegungen war folgende:

Langsam war der Kondukt durch den Pa gegangen, und wie das Ende
desselben dem innern Ausgang nahe war, sahen die Wachen mit Schrecken
und Befremdung, da ein Trupp Beduinen vorwrts sprengte, um sich daran
zu schlieen. Man wollte abwehren, zu spt, sie hatten sich dieser
Gelegenheit, einzuschleichen, mit vollem Glck bedient, schon waren die
vorderen ber alle Brcken, ein zahlreicherer Schwarm drang nach, die
Wachen sahen sich geworfen, und jene dehnten sich im Innern aus.

Alles flchtete in einen nahen Wald, Coutances flog zu den Truppen, um
sie heran zu fhren. Er war aber zu schwach bei der Gegner Menge, mute
vorerst auch auf einen Rckzug bedacht seyn, um die jngst Zerstreuten
in einer vortheilhaften Stellung zu sammeln. Unter dieser Zeit wuchs die
Zahl der Beduinen immer strker an.

Flore berathete mit Alonzo. Ohne Zweifel meinte dieser, sind diese
Reuter von dem geschlagenen Heere Gigis, und sie treibt wilde
Abentheurerei umher. Es ist groer Unfug von ihnen zu frchten, wenn
hier nicht krftig widerstanden wird. Man traf also alle Anstalten, ein
zahlreiches Heer in kurzem beisammen zu haben.

Da die Zerstreuten noch keinen weiten Weg zurckgelegt hatten, so fanden
sie sich, nachdem ihnen Boten nachgeschickt waren, bald wieder ein, und
Coutances konnte daran denken, dem Feinde die Spitze zu bieten. Flore
und Alonzo blieben beim Heere, theils, um die Tapferkeit aufzumuntern,
theils weil der Weg zur Hauptstadt durch die herumschwrmenden Feinde
unsicher gemacht war. Von den Anhhen, auf welchen nun Coutances die
wieder zusammen gebrachten Truppen ordnete, erblickte man bald darauf
die jetzt auch in regelmige Schlachtordnung gestellten Feinde, die
durch die Ebene zum Kampf heranzogen. Coutances rckte ihnen entgegen,
und bald standen die Heereslinien in einer geringen Entfernung von
Einander.

Ein Herold erschien vor der Mitte, und gab das Verlangen nach
Unterhandlung kund. Coutances ritt ihm mit Bedeckung entgegen, und
fragte, was den Haufen so vermessen machte, in dies Land zu dringen?

Der Herold erwiederte: Bist du Feldherr?

Ich bin es!

Sultanin Gigi fordert dich auf, die Waffen zu strecken!

Diese Aufforderung darf mir Niemand thun. Aber deine Sendung, Herold,
beginnt auch noch mit einer Lge. Gefangen ist deine Sultanin.

Dorthin wende den Blick. Die hohe Gestalt mit der weissen Feder auf dem
Helm ist Gigi. Willst du kmpfen, so sind wir bereit. Aber noch soll ich
dir vorschlagen, von beiden Theilen die Waffen ruhn zu lassen, bis Gigi
Bothschaft an deine Sultanin geschickt hat.

Nicht fern ist sie von hier. Sie soll durch mich erfahren, was an sie
zu bestellen ist. Doch ihr Ruber wollt nur Zeit gewinnen. Schon zu
lange hauset ihr hier. Von Kuku schon seit ihr geschlagen. Vor mir
streckt das Schwerdt, oder keiner wird lebend davon kommen.

Nicht mgt ich wagen, dies an Gigi zu bestellen. Mache aber erst deiner
Sultanin kund, was ihr Gigi sagt: Ich komme in dies Land, Wohnpltze
fr mein Heer zu finden. Es giebt deren noch genug hier. Gieb mir meine
mir lange verweigerten Caffern, vor allen Mustapha und Osmann, von denen
ich wei, da sie noch leben, dann wollen wir friedlich zusammen wohnen.
Gleich zum Zeichen des freundlichen Willens mu aber das Heer mir die
Waffen liefern, und dann auseinanderziehn.

Coutances war nicht wenig verwundert. Der Antrag, erwiederte er, ist
Nene nicht zu machen. Wer wrde auch mit treulosen Beduinen einen
thrigten Bund eingehn. Die Caffern, wovon du sprichst, befinden sich
wohl unter dem Szepter ihrer edlen Gebieterin.

Indem kam Flore selbst herzu, und vernahm den Antrag des Herolds mit
Verwunderung. Ich begreife nicht, rief sie, wie mir von Gigi eine
Sendung zukommen kann, die ich gefangen wei; wre es aber, so sage ihr:
sie soll ihre Krieger die Waffen niederlegen lassen, und sich selbst mir
als Geissel bergeben, dann sage ich Freundschaft und Wohnpltze zu. Wo
nicht, so entscheide das Schwert.

Der Herold eilte kopfschttelnd hinweg, und kehrte nach einer Stunde
wieder. So entbietet meine Herrin der Sultanin von Darkulla, sprach er:
Mich jammert des Blutes, das in dieser Fehde strmen soll, doch giebt
mein hoher Sinn nicht nach, und rumen kann ich dies Land nicht mehr,
denn das meinige ging verloren, und berlegene Feinde harren drauen
meiner. Es mag aber der Feldherr des Heeres sich gegen mich in tapferem
Zweikampf stellen, ich bin bereit, in Person das Schwert gegen ihn zu
ziehn. Sinkt er, so gebiete ich im innern Darkulla, trifft mich der Tod,
sind meine Beduinen Nenes Sklaven.

Ich nehme die Ausforderung an, schrie Coutances. Flore wollte abmahnen.
Lat mich, lat mich, versetzte er, um so unblutiger wird die
Entscheidung nahen. Er wartete nicht erst ab, was die Sultanin aufs Neue
einwenden wollte, sondern spornte den muthigen Barbarhengst, und flog
vor die Linie hinaus.

Gigi von der andern Seite, ersah ihn kaum, als auch ihr Thier
angetrieben wurde. Kaum schien sein Huf den Staub zu berhren. Der
Reiterin Schwerdt glnzte im Schein der heissen Sonne, hoch wallte der
Federbusch an ihrem Helm empor.

Beide kamen sich nher. Gigi trug einen Wurfspie in der rechten Hand,
und wute so fertig damit umzugehn, wie ein Beduin. Da sie nun aber auf
funfzig Schritte heran war, rief sie: Wie? kein Neger, ein Weisser fhrt
dies Heer? Wohlan, Europerwaffen! Sie schleuderte den Spie hin, und
zckte einen breiten Degen. Coutances hatte den Griff des seinigen schon
in der Hand, und hob ihn hoch ber den Kopf, einen wthenden Streich
damit auf die Gegnerin zu fhren.

Bis auf wenige Sprnge sind sie sich nah, da blicken sie einander an,
und in pltzlicher Erstarrung reit jede linke Hand den Zgel zurck,
jede rechte lt die Waffe sinken. Dennoch stehen die Rosse dichte
zusammen, weil der Sprung sich nicht jhling anhalten lt. Bald darauf
eilen beide, hinab vom Sattel zu kommen, und sinken sich in die Arme.

Die Heere, in deren Angesicht das vorgeht, staunen, Flore, wenig von den
Kmpfern entfernt, sagte zu Alonzo: Coutances umarmt die Feindin, er ist
ein Verrther, oder -- oder --

Kein Verrther! ruft dieser aus, und flieht bestrzt zu dem Paare. Da
sprengt auch von jener Linie ein Beduin herzu. Auch mir eine Umarmung,
ruft Alonzo, die stattliche, mehr herangewachsene schner gewordene
Heroin erkennend, auch mir Isabelle, und reit sie Coutances weg. Da
greift der Beduin in des Franzosen Hand. Erinnerst du dich des Mannes,
Frank, dem du in der Wste das Leben rettetest? Ich sagte dir Lohn zu,
endlich kann ich zahlen. Coutances fiel ihm an die Brust.

Flore, die von fern die umarmende Gruppe sah, eilte auch hinzu, da
stellte Alonzo die Tochter, Coutances die Geliebte, Gigi Vater und
Geliebten vor, da jeder Funke der Kriegesflamme erstarb. Da die
Weiber, welche durch das Gercht schon lange Antheil aneinander genommen
hatten, auch sich in den Arm fielen, ahnet der Leser schon, aber es
sollte die Gruppe noch dichter werden. Denn von der andern Seite kam
Musa, einen Esel fhrend, worauf ein sehr gebrechlich scheinender
Kranker sa. Es war Perotti.

An dem Fleck, wo der Zweikampf hatte vor sich gehen sollen, wurde ein
prchtig Zelt aufgeschlagen, worin die Gesellschaft Erfrischungen nahm,
und sich ihre Begebenheiten mittheilte. Beide Heere traten zu einander
ber, und wurden kstlich bewirthet.




                          Siebentes Kapitel.
                            Erluterungen.


Wie kam aber Gigi, die Gefangene, zu Freiheit und Heeresmacht? Das sind
wir bereit zu erzhlen.

Der Leser entsinnt sich, da der dankbare Imar zugesagt hatte, des
Franken Edelthat zu lohnen. Er sah wohl ein, da es nur durch Gigi
geschehn konnte, und verlor sie nicht aus dem Gesicht. Ihr
heldenmthiger Charakter griff krftig in die Begebenheit, da er sie
durch die Flucht befreit hatte, und ihre alle Beduinen bezaubernde
Schnheit, gab ihr die Gewalt ber die Herzen und den Herrscherstab in
die Hand. Denn die wilden unstten Krieger hatten das Weib nur verhllt,
schwach und ngstlich gekannt, die alles fr sich gewinnenden Reize, die
khne unternehmende Natur der trefflichen Spanierin, durch die viel
eingewebte Romantik ihres Schicksals entwickelt, kamen ihnen wie etwas
Zauberisches vor, und sie erblickten eine Seherin, eine Prophetin in
ihr. So viel vermgen Schnheit, Kraft, Verstand!

Da sie nun ihre Plane zur Kultur des eroberten Landstrichs entwarf, die
freilich poetischer empfunden, als genau auf die mgliche Ausfhrbarkeit
berechnet waren, sollte Imar ihr auch den Vater und Geliebten zur Stelle
schaffen. Daher seine Reise nach Egypten. Doch war ihm strenge
untersagt, ihren europischen Namen kund zu thun, sie wollte eine Szene
des unerwarteten Erkennens vorbereiten, ob sie schon nicht glaubte, die
Verkettung wrde dahin gedeihn, da sie noch einst dem Geliebten im
Zweikampf gegenberstnde. Dies war auch so ein romantischer Sinn. Wir
wissen nun, warum Imar jederzeit ein Geheimni barg, selbst mute er
Isabellens Tod behaupten, so prften sich auch Treue und Anhnglichkeit.

Uebrigens zog er hufige Nachrichten von den beiden Lieben ein, war auch
selbst im innern Darkulla, wenn es schon, wie wir wissen, nimmer
gelingen wollte, sie zu den Beduinen zu bringen. Imars Vater starb
unterdessen.

Da nun endlich die Unterhandlung mit Perotti angeknpft, und die
Schlacht verloren war, sollte dieser bekanntlich die Gefangene an Floren
liefern. Imar aber sammelte von den zerstreuten Beduinen einige Tausend
Mann, und zog mit diesen in einiger Entfernung neben Perotti her, der
auf seinem Wege genau beobachtet wurde. Jener hatte sich auch eine
Unterredung mit Musa mglich gemacht, und weil dieser sich unerkannt
unter Perottis Gefolge mischte, gegen den er seinen alten Ha trug, so
empfing Imar von des Italieners Beginnen jede Nacht Kunde. Der
vernderte Weg, und die trotzig rohe Sprache desselben entgingen ihm
also ebenfalls nicht.

Als er nun an jenem Tage, wo er sich seiner ganz werth betragen, den
Marsch vollendet hatte, und die Zelter aufgeschlagen waren, lie er
Isabellen zu sich bringen, hohnlachte: Du bist, wenn du schon einem
Volke gebotest, meine Sklavin, und endlich will ich afrikanische Rechte
an dir gltig machen. Die Arme wollte verzweifeln, da sie sich nicht
den Tod geben konnte. Er spottete frech. Eben ging es so weit mit dem
ruchlosen Beginnen, als Waffenlrm und Mordgeschrei drauen ertnten.
Der Himmel erbarmt sich, sendet mir Rettung, rief Isabelle. Rettung
erwiederte Imar, der eben mit Musa ins Zelt strzte. Die Beduinen hatten
die Neger berfallen, und sich zu Meistern der Dinge gemacht.

Man trug Sorge fr die schwer Gengstete, aber Perotti kam diesmal nicht
mit so gelinder Strafe davon, wie er es bei anderen Unthaten gewohnt
war. Der Araber behandelte ihn im Geschmack des Landes. Die bse Lust
soll dir vertilgt werden, rief er. Eine Art Chirurgus begleitete ihn,
der auf dem Fleck, und mit rascher Geschicklichkeit eine Operation an
dem Italiener vollzog, wie man sie in seinem Vaterlande zum Behuf der
Musik, und in den muselmnnischen Reichen, der Haremssicherheit wegen
kennt. Es versteht sich aber, da Isabelle damals das Zelt schon
verlassen hatte.

Ihr alter Muth kehrte ihr bald zurck, und der Rath, sich nach dem
innern Darkulla zu wenden, fand Gehr. Musa wute, da Sultan Kukus
Leichnam durch den Felsenweg wrde gebracht werden, und Imar baute
darauf den listigen Anschlag, mit hineinzudringen.

Der Bote, den Perotti abgeschickt hatte, war unterwegs von Beduinen
aufgefangen worden, und langte darum nicht bei Floren an, wenn seine
Briefe schon destomehr Licht ber des Italieners Vorsatz warfen.

Isabelle htte nach dem inneren Darkulla eilen mssen, auch, wenn sie
das Herz nicht dahin zog, denn Uebermacht hatte schon die Beduinen
ausgemittelt, und verfolgte sie. Doch einmal durch den Weg, zog man die
Brcken auf, und wachte so sorgsam, da nichts weiter zu befrchten
stand. Das Uebrige wissen wir.




                           Achtes Kapitel.
                        Die neuen Freundinnen.


Isabelle bat Floren jetzt dringend um Vergebung, da sie mit listiger
Gewalt in ihr Reich gedrungen war.

Diese lehnte die Hflichkeit auf das artigste ab, entschuldigte den
Schritt durch den Zug des Herzens und den Drang der Umstnde.

Isabelle machte das Kompliment: Wie Flore nur befehlen sollte, und sie
wre bereit, gleich wieder hinauszuziehn.

Flore machte das Gegenkompliment: wie sie ihr unendlich vielen Dank zu
sagen htte, denn ihre Ankunft gewhre ihr das Glck, einer lange
sehnlich gewnschten Bekanntschaft.

Isabelle dankte fr ihre Gte, und sprach: wenn ich bleiben darf, werde
ich mich und meine Beduinen ganz unter eure Befehle stellen. Ihr seid
Herrin!

Flore antwortete: Seid es mit mir! Wohnpltze giebt es genug, und die
reizendsten von der Welt. Noch um eine zwiefache Zahl kann das innre
Darkulla bevlkert werden, seitdem die letzten Kriege so viel Leben
raubten. Nun blhe der Oelzweig immer. Tragen wir nur Sorge, da
Harmonie unter den beiden Nationen besteht. Ist irgendwo der schne
Traum des Abt St. Pierre zu verwirklichen, so laden die Dinge hier dazu
ein.

Diese sinnigen Gegenartigkeiten fhrten zum Wechselvertrauen, und dies
bald zu gromthiger feuriger Freundschaft. Flore redete davon, wie sie
es bald bei den schwarzen Machthabern im ueren Darkulla dahin bringen
wolle, da alle Beduinenhaufen, welche noch zerstreut umherschwrmten,
ungehindert in das Felsenland gelassen wrden, wie auch die Weiber und
Kinder in den noch brigen Lgern. Das erweckte allgemeine Freude unter
den Arabern. Dann schlug sie vor, bald nach der anmuthigen Hauptstadt zu
eilen, womit Isabelle sehr zufrieden war. Von dort, sprach Flore, leitet
sich alles wegen der Ansiedlungen am besten, ich kann euch auch
anstndiger bewirthen, und dann -- vor allen Dingen -- ein Geschft, bei
welchem ich auch die Sorge mit Niemand theilen werde -- vor allen Dingen
mu ich Anstalt zu einem hohen zrtlichen Feste treffen, das doch wohl
bald gefeiert werden wird. Nicht wahr, schne Isabelle?

Isabelle lchelte hoch errthend. Coutances schlug die Augen nieder,
eine Bewegung, welche ein Franzos nicht leicht macht, er mte denn
wahrhaft verliebt seyn.

Da das innre schne Darkulla von vielen Teichen und kleinen Seen
durchschnitten war, die durch Strme und Kanle verbunden wurden, so
bediente sich das Sultanshaus zu Reisen, die eben keine Eile hatten,
einer schwimmenden Insel, wie es deren auf den Gewssern viele gab. Sie
waren nicht, wie in China, knstlich verfertigt worden, sondern die
Natur selbst hatte Stcken Torfmoor vom Lande getrennt, durch Winde war
nach und nach mehr Erde hinauf geweht, wie auch Saamenpflanzungen. Wer
sich ein so liebliches Eiland zugeeignet hatte, machte es durch
schattige Bume, edle Frchte, Lauben von Blumen und Trauben noch
lieblicher. Eine inlndische Gattung von Schwnen, sehr empfnglich fr
Unterricht, wurde erzogen, diese kleine Inseln, an die man sie mit
Guirlanden von Lotosranken band, gemchlich fortzurudern.

Nichts entzckender wie so eine Reise. Man schifft sich ohne alle Sorge
fr Unterhalt ein, von Bumen aller Farbe, mit Blumenduft jeder Art
bewillkommt. Am Fue dieser Bume verflechten sich erquickende Melonen,
Bignonias, saftige Trauben ranken von Zweig zu Zweig hinauf, und bieten
dem Pilger freundliche Labe dar. Grotten, Wlbungen und Hallen, bildeten
Gestruche mit Blumengewlken berhangen. An den Zweigen, die sich
liebkosend zu den Wellen beugen, zieht man kstliche Meerspinnen,
Austern, und andre buntfarbige Schaalthiere hinauf, in dem dichteren
Geflechte fanden die Reisenden ohne Mhe die erlesensten Gattungen der
Fische. Auf den balsamhauchenden Wipfeln der Bume setzt sich Geflgel
aller Art, das der Gefahren nicht gewohnt, kaum nachlssig weghpft,
wenn eine menschliche Hand ihm naht, man wrde also auch thierische
Nahrung nach Bedarf finden. Allein die ganze Empfindung ist den
Wanderern zu harmlos gestimmt, als da sie tdten knnten. Frommen
Braminen gleich, dienen nur Frchte zu ihrer Nahrung, und so gewrzhaft,
so in Flle des reinsten Nahrungsstoffes, wie diese sind, wrde auch ein
Lukull, wenn er von den Schatten wiederkehrte, hier vergngt sein, fr
seine Pfauenzungenragouts entschdigte ihn eine Cocosnu mit einem
Gemisch aller hligten balsamischen Fruchtkerne und edler Wrzen, das
hier sogleich anzufertigen ist, und seinen Falerner, unter Consul
Torquat gepret, wrde er vergessen, wenn er hier eine nektarische
Traube in eine Muschel drckte.

Das Eiland, welches Flore hier zur Reise bestimmte, glich ungefhr an
Umfang und Gestalt der Remusinsel in Rheinsberg, nur da die sdlichen
Frchte dort prangten. Wer also zu Rheinsberg war, kann sich ein desto
vollkommneres Bild von jener entwerfen, und urtheile, ob Flore,
Isabelle, Alonzo, Coutances, und die treuen Diener bequemen Platz darauf
fanden. Der Untreue sollte im Anfange nicht mit, fand aber hernach
Milde, wie der Verfolg darthun wird.

                      Ende des sechsten Buches.




                              Potpourri.
                Glossen ber eine Weisung des Jesuiten
                          Balthasar Gracian.


Elegante Gelahrtheit, diese vor allen Dingen suche der chte Weltmann
sich anzueignen. Kunde von den Gegenstnden der Zeit, Witz im gltigen
Augenblick, angenehme Wendungen; sie vollenden, zeichnen aus vor der
Menge, Alltagsform. Bisweilen bringt eine hingeworfene Deutung, eine
leichte feine Geberde mehr Eindruck zu Wege, als der tiefe Unterricht
weiser Lehre. Die Kunst der Unterhaltung wucherte Vielen reichlicher,
wie die gesammte Ausbeute der sieben freien Knste.

Alcid errang mehr Triumphe durch sein Betragen, wie durch den
Heldenmuth. Der Kraft, welche seinen Lippen entfloh, wich jene, womit er
die furchtbare Keule schwang. Hier tilgte er rohe Ungeheuer, dort schlug
er edle Geister in Banden. Es giebt eine gewisse freundliche Hofmanier,
eine gewisse trauliche glckliche Kennerschaft, welche allenthalben
beliebt, allenthalben gesucht machen. Doch nicht das Buch, nicht die
Schule erziehen dir diese Bildung. Sie mu im Tempel des guten
Geschmacks, auf der Bhne des hheren verfeinerten Lebens gerndtet
werden. Ihre lieblichen Geistesblthen sind -- Allgemeine Vertrautheit
mit den Weltereignissen -- mit dem Ton des Tages -- die Gabe fein zu
beobachten, bei den Grothaten der Frsten, den seltsamen Verkettungen
des Geschicks, dem Unbegreiflichen in der Natur. Ein Register sammelt
sie von der reinsten Poesie in den Dichtungen, des Antheilwrdigsten im
Neuen, des Gedachtesten in der Philosophie, des Treffendsten in der
Satyre. Sie kennt die moralische Angeln, um welche sich das Leben dreht,
die Tiefen der Vernunft, der Leidenschaften Gewalt und Schwche des
Willens, am grndlichsten aber die Individualitt derjenigen, welche
eben in dem Trauerlustspiele der Welt die Hauptrollen geben. Jeden ihrer
Charakterzge verzeichnet ihr aufmerksamer Flei. So unterrichtet sie
sich von der rthselhaften Eigenheit dieses Monarchen, von dem
befremdenden Widerspruch, in welchem jener Groe mit sich selbst steht,
von Schwche des andern; mittelst dieser prfenden seelenkundigen
Zergliederung, lernt sie den Schleier von der Wahrheit, und ihr Urtheil
ber die Dinge heben. Ganz besonders aber halte sie ein Kabinet von
kernhaften Aussprchen, sinnigen Anekdoten, schneidenden Einfllen,
Witz, Scherz und Laune. Man kann sich das alles, man kann sich die
Sentenzen eines Philipp II, die Apophthegmen eines Carl V, so
haushlterisch einspeichern, da die Geistesgegenwart jede Unterhaltung
krftig zu wrzen vermag. Doch bei dem Gebrauch des fremden Geistes
wache Vorsicht. Nicht immer gefllt noch, was einst gefiel. Die
Ansichten sind verrckt, oder auch die Grazie ging in der Zeit unter.
Dem Reize der Neuheit seine Huldigung. Wer alt Silber losschlgt, mu
den Arbeitslohn einbssen. Nicht genug, da der Diamant strahle, die
Mode darf auch nichts gegen seine Fassung einwenden. Pedanten und Orbile
bemchtigen sich der verjhrten Schngeisterei.

So weit _Gracian_. Man fhlt wohl, da er ein Ideal zeichnet, denn
wirklich drfte ihm kein Knstler im Weltton vorgekommen sein, der diese
Forderungen smmtlich erfllt htte. Ueberhaupt bedienen sie alles oder
nichts. Mehr wie ein Menschenleben, das anhaltendste Zeitopfer,
gnzliche Abgeschiedenheit mgten nthig sein, ihnen im vollen Sinn
nachzukommen. Und wo bliebe denn die Praktik des Umgangs, wo wre
anzuwenden, was der Forscher erbeutet htte. Aber einen, da -- wo die
Kritik nicht fhlbar ist -- glnzenden Schimmer ins Leben zu rufen, wird
hier eher gelehrt. Geschieht alles so obenhin, da der Glaube fr sich
gewonnen wird, so ist die ganze Weisung auch das Reskript zu einem
chten ^Ex omnibus aliquid, ex toto nihil^.

Und so ist es gewi von Hundert Weltmnnern gebraucht, und mit Erfolg
gebraucht worden. _Gracian_ wurde besonders in Frankreich oft aufgelegt
und beliebt, denn in Spanien mogte die Zeit, fr welche solche Regeln
taugen, ziemlich vorber sein. In Frankreich waren sie aber unter Ludwig
XIV, dem Regenten, und Ludwig XV. recht an ihrer Stelle.

Doch mit Ludwig XVI. vernderte sich die Szene. Das Hofleben, und der
Ton der franzsischen Residenz, nahmen, bis auf wenigen geheimen
Intriguengeist, einen einfacheren Charakter an. Die ernsthafter
gewordene Literatur trug das ihrige dazu reichlich bei. Wie die
Montesquieu, J. J. Rousseau, Rainal gelesen wurden, galt das _Wissen_
bei Mnnern, nicht mehr sein Schein, so wie um diese Zeit der
flatterhafte Stutzer in den solideren Elegant berging. Es ist
merkwrdig, da Mercier in dem _alten_ Gemlde von Paris, ber die
letzte Anwesenheit Voltair's in der Hauptstadt sagt: Er htte whrend
der dreiig Jahre, wo er Paris nicht gesehn, den Ton der Gesellschaft
verlernt, die Sucht: ^de parotre ingenieux  chaque instant^ habe
Befremdung erregt. Allerdings hatte sich die Wrdigung des Menschen
gewaltig verndert, und eine so armselige Weisheit konnte nicht mehr
gefallen. Und Voltaire hatte sie selbst krftig verdrngt.

In der Revolution schrie die Noth um Kraft, und fand sie. Ihr Impuls zum
schnellen bedachten Handeln, zur Selbstbeherrschung, zur Ergebung in die
Nothwendigkeit, zum eiligen epikurischen Erfassen der Freude, wenn sie
sich einmal darbeut, und zur stoischen Geduld im Leiden, ist sichtbar
auf jeden Franzosen abgeprgt, er ist durchaus der Mann der That
geworden, der Mann des Schimmers kann nicht mehr gedeihn, er hat
wahrlich mehr Melancholie im Charakter aufgenommen, wie der Britte, und
jene angenehm faselnden mit Epigrammen glnzenden Marquis, mit der
bunten Auenseite einer Erudition, wie Gracian sie will, finden sich
schon lange nicht mehr in Frankreich.

Aber der Deutsche, gern und versptet den Nachbarn jenseit des Rheines
nachffend, hat manches von jenem alten Ideal gerettet, da es dort schon
untergegangen war. An deutschen Hfen sahe man genug, wenn gleich
verunglckte Kopieen jenes Originals, und da mit dem Ha der
franzsischen Staatsumwlzung, dort und hie Deutschheit affektirt wurde,
zeigte man Vorliebe fr vaterlndische Geisteswerke, und das Zeichen der
Vielbelesenheit kam in Gebrauch. Elegants und Damen muten gelehrt
scheinen, wenn sie Anspruch auf den Ton des Geschmacks machen wollten.
So haben wir denn nun den Schimmer des Wortes von den Franzosen
eingetauscht, und die That von Ehedem dafr hingegeben.




                             Aphorismen.


Wo Geniemangel fhlbar wird -- es gilt von Frsten, Vlkern, Individuen
-- suche man dagegen Wahrheit zu erkennen. Nur auf diesem Wege ist
einiger Ersatz fr die Entbehrung zu finden.

                   *       *       *       *       *

In der Familie lieben Eltern die Kinder ohne Ursach, diese, welche
Ursach htten, jene wenig. Umgekehrt lieben im Staatsverein die Kinder
das Vaterland, und werden nicht geliebt.

Der Grostdter, den sein Luxus ermdete, kann das Kstliche im
Landleben nicht mehr umarmen, seine Kraft ist dahin, so wie der
Landmann, der spt in die Residenz kmmt, seine Kraft nicht mehr so
zerstren kann, bis er diejenigen Freuden der Verfeinerung, deren Genu
Schwche bedingt, in sich aufzunehmen vermgte.

                   *       *       *       *       *

Liebe fr alte Gewohnheiten, ist meistens nur Trgheit, sich in neue zu
fgen.

                   *       *       *       *       *

Den Beinamen: Gro, verdient ein Knig, der mit einem Volke von geringen
Fhigkeiten khne Unternehmungen vollbringt; er kmmt einem Volke zu,
wenn trotz der Mittelmigkeit seines Regenten die Angelegenheiten
vortheilhaft gehn.

                   *       *       *       *       *

Willst du Ehre -- ehre!




                           Siebentes Buch.




                           Erstes Kapitel.
                          Beginn der Reise.


Schon am Ende des sechsten Buches war die Rede von dem schwimmenden
Reiseeiland, das unsre Europer in Afrika tragen sollte. Sie begaben
sich nach dem Ufer, da sa Perotti bleich und matt, er war bereits
vorangegangen. Flore und Isabelle, da sie an ihm vorber schritten,
errtheten und sahen weg, Coutances warf einen Blick des hchsten Zornes
auf ihn, und Alonzo fragte finster: was er da wolle?

Mich mit einschiffen, gab er zur Antwort. Das Gefolge legt den Weg auf
Eseln zurck. Mein Zustand fordert Bequemlichkeit.

Wie frech seid ihr aber, euch hier noch vor den Frstinnen zu zeigen. Zu
viel Mitleid und Gromuth, da sie nicht die Todesstrafe ber euch
verhngten. Verbergt euch, da man euch gar nicht bemerkt, der Gedanke
an immerwhrenden Kerker drfte doch ganz nahe liegen.

Man kann mich nicht ungehrt verdammen. Wir treiben hier alle
Abentheurerei. Das Geschick erhebt, wie es eben fllt. Den Mangel an
Recht mu die Klugheit ersetzen, und klug handelte ich immer, nur nicht
mit dem Glcke im Bund. Nach dem Recht ist Isabelle meine Sklavin, ich
fordere Todesstrafe fr Imar und Musa wegen der Gewaltthat, und gewi
vergebens, denn es wird jenen freundlich geschmeichelt. So ungerecht ist
man, und will mir Ha aufbrden. Flore hat mir fr alles, was sie wurde,
Verbindlichkeiten. Wenn ich sie damals von Musa nicht loskaufte, war es
nur eine billige Rache fr ihren leichtsinnigen empfindlich verwundenden
Spott. Dadurch bestieg sie den Thron. Ich rettete ihr Leben, und wurde
meines Amtes entsetzt. Wars nicht recht, da ich ohne sie nach Europa
entfliehen wollte?

Coutances fing an Mitleid zu fhlen, Flore hatte etwas von seiner
Rechtfertigung gehrt, Imar und Musa baten vor, man war berall heiter
gestimmt, und so durfte er denn das Eiland mit besteigen, und die Mnner
sorgten fr seine Pflege.

Coutances sprach: Dankt dem Himmel fr das, was Imar an euch thut. Nun
ist mein Zorn entwaffnet, sonst httet ihr den Dolch lngst im Busen
gefhlt.

Hm -- erwiederte Perotti -- es ist damit auch so gar bel nicht. Wem die
Liebe entrissen wird, dem geht ein Kelch vorber, der oben mit holdem
Nektar, unten mit dem herbesten Gallentrank gefllt ist. Wer unter euch
berhmt sich, nicht eine Rechnung mit Amor schlieen zu knnen, wo Wonne
und Verdru rein aufgehen. Und die sind noch die Glcklichsten, viele
haben fr eine Minute der Extase, Jahre von Pein und Reue zu zhlen.

Alonzo, Imar und Musa schwiegen, aber der feurige hoffende Coutances
bernahm sehr beredt Amors Vertheidigung. Eine reine, treue Liebe,
triumphirend in Hymens Tempelhallen, wird doch mit Entzcken schwer die
Waage heben.

Ha ha ha ha! lachte der Italiener, als ob sich das nicht auch berechnen
lie. Tausend Meilen hoch in den Aether hinauf, reiche die Leiter, auf
deren hchsten Stufe du jetzt stehst, so wirst du doch nach Tausend
Genssen, wenn nicht ehe, wieder auf der platten breiten Erde stehn.
Also hast du jeden Genu mit einer Meile schmerzlichem Verlust bezahlt.
Erfahre, erfahre nur zuvor!

Nun, sagte Alonzo, so haben wir dir mindestens eben so viel Glck zu
wnschen, als wie dich beklagen, und solltest du nicht minder Minister
werden, ist dein Anspruch auf die Oberhauptstelle der Eunuchen
vollkommen gerecht.




                           Zweites Kapitel.
                             Fortsetzung.


Man war eingeschifft, die Schwne zogen. An der einen Seite stand eine
wunderschne Laube, von tausend Blumenzweigen geflochten. Hier nahmen
Isabelle und Coutances Platz, und waren gar nicht da wegzubringen, so
viel hatten sie sich zu sagen, so wenig kmmerte sie, was weiter um sie
vorging, so ganz gngten sie sich nach Art der Liebenden. Bald erzhlten
sie einander von der traurigen bangen innigen Sehnsucht, die sie
gefhlt, wie sie vom Wiederverein wachend und schlummernd getrumt, wie
sie unter den Sternen des Nachthimmels Zeichen der Liebe gesucht, aus
den Mondstrahlen, die durch die Cocospalme winkten, Hieroglyphen der
Liebe geflochten, im Liede der Luftsnger Gru der Liebe vernommen
htten; dann schwuren sie sich wieder, da die Phantasie, welche die
reitzendsten Gottheiten der Griechen erfand, die Heiligen, welche den
Himmel offen gesehn, nicht die Wollust empfunden htten, welche sie nun
empfnden, wieder beisammen zu sein. Ein Theil freute sich ber den
leicht gefundenen schnen Ausdruck des andern, und seine hochfliegende
poetische Uebertreibung, die aber den Funken der Beredsamkeit wieder aus
dem eignen Herzen schlug, da die Hyperbeln zu Schaaren Leben traten[3].
So da ltliche Mnner, die es angehrt, tdliche Langeweile empfunden
htten, nicht aber ltliche Frauen, denn in Weibes Brust sterben die
Erinnerungen an die schne Liebe nicht, und wecken die Theilnahme.

[Funote 3: Ein gewisser deutscher an Bildern vorzglich reicher Dichter
heirathete, mit Flle der Liebe. Doch nach kurzer Zeit -- kam es zur
Scheidung. In seinem Namen wurde folgende Elegie gefertigt:

   Eh noch des Torus heilige Fakkel mir glhte,
   Wehte Zephirs Athem im Blumenthale _Ciane_,
   Blthen des Schleedorns Lenzgestruche _Ciane_,
   Rankten Veilchen die zarten Gewebe _Ciane_,
   Flteten Amsel und Prognens Schwester _Ciane_,
   Zitterte Luna durch dunkle Platanen _Ciane_,
   Pltscherte Seeschaum an Promentous Vorland _Ciane_,
   Rauschten Wogen an Lemans Gestade _Ciane_,
   Flochten die Moose auf Bevais Felsen _Ciane_,
   Tnte Echo in Klosterruinen _Ciane_,
   Lchelten Sterne im Aetherplane _Ciane_.
   Ach! da aber des Torus Fakkel entglhet,
   Hymen verstrickt die rosenumdufteten Bande,
   Da die Sympathie verkettet das Lichtpaar der Psychen,
   Die mit Hohn der Grber die stolzen Busen erfllten,
   Und er floh, der schnste elisischer Trume,
   Ach! da braus'te der Seesturm um schroffe Klippen _Ciane_,
   Heulte Orkan in nchtlichen Oeden _Ciane_,
   Wimmerte Uhu aus Warteklften _Ciane_,
   Krchzten Raben um bange Kerker _Ciane_,
   Flsterten schaurig an Grbern Cypressen _Ciane_,
   Aechzten Geister im Nebelthale _Ciane_,
   Sangen der Tiefe Gnomen im Hohngelchter _Ciane_,
   Zrnten Bren auf Grnlands Eisflur _Ciane_,
   Glimmten Lampen in Todtengrften _Ciane_,
   Thrmten Lavinen aus Schnee den Namen _Ciane_,
   Flammten Schlakken im Krater Aetnas _Ciane_,
   Grinzten Schdel in Murtens Beinhaus _Ciane_,
   Klirrten mit Kettengerusch Verbrecher _Ciane_,
   Wanden sich Schlangen der Eumeniden _Ciane_,
   Bellte Cerberus Mund mit dreien Zungen _Ciane_!]

Flore unterdessen nahm mit Alonzo mancherlei Abrede ber die
Feierlichkeiten, die sie veranstalten und die Ausfhrung eines
Entschlusses, der den Feierlichkeiten folgen sollte. Mit Imar und Musa
wurden die Masregeln berlegt, wie die Weiber und Kinder der Beduinen
sicher hereinzuschaffen, und denn die brunlichen und schwarzen
Einwohner so zu befreunden, und zu verbrdern wren, da Abneigung und
Eifersucht keinen Raum gewnnen. Musa brachte eine Sendung an die
Machthaber drauen in Vorschlag, welche eine Entsagung Florens auf die
Lnder auer den Felsen kund thte, worauf jene denn wohl zur
Willfahrung ihres Verlangens geneigt sein wrden. Flore war vollkommen
damit zufrieden. Imar meinte: eine hnliche Botschaft msse von Seiten
der noch immer gefrchteten Gigi geschehn, und dem Reiche Habesch ohne
Vorbehalt auf andre Zeiten abgetreten werden, was ihr Schwert einst
erobert htte, so wrde man die Weiber und Kinder, welche in ihren
Hnden wren, gern ziehn lassen. Flore konnte zusagen, da Isabelle
freudig einwilligen werde, Musa und Imar erboten sich aus eignem
Antriebe, die Rollen der Abgesandten zu bernehmen, womit Flore auch
Ursache hatte, einverstndig zu sein.

So verstrich die Zeit, und die blhende und fruchttragende Barke glitt
weiter auf der klaren Silberfluth. Unterhielt man sich nicht, so labten
die kstlichen Gensse, welche das wandelnde Paradies darbot. War man da
ersttigt, schweiften die Blicke nach den Ufern umher, und einer machte
den andern aufmerksam, auf die immer erneute Abwechslung der Aussichten,
auf die Verschnerung der Gegenden, je nher es zur Hauptstadt hinging,
auf die zauberische Wirkung bald der Morgenrthe, bald der Abendsonne,
bald des traulichen Mondlichts, bald der hellstrahlenden Planeten und
groen Fixsterne, deren Licht, wegen der sdlichen Klarheit der Luft,
weit verklrter leuchtete, wie im gemigten Erdgrtel. Und das alles
wurde von Menschen genossen, denen von Auen Freude des Schicksals
lchelte, und in deren innerer Welt die Harmonie der Zufriedenheit
tnte. Glckselige Tage!

Indessen besuchte Kaiser Joseph II. einst eine Abtei an der Donau. Das
Kloster, oder vielmehr der Klosterpallast, ist auf einer Erhhung
gebaut, die hart an die Donau reicht. Der katholische Clerus hat
bekanntlich von jeher viel Geschmack in Anlage seiner Niederlassungen
offenbart. Aus den Wohnzimmern entdeckt das Auge eine Pracht der
Aussicht, welche jeden fhlbaren Ankmmling hinreien mu. Joseph,
entzckt und begeistert, sagte dem Abte: Ich beneide sie! Was befremden
konnte, da es ja nur bei dem Kaiser stand, die geistlichen Herrn wo
anders zu siedeln, und ein Lustschlo aus dem Kloster zu machen. Der Abt
antwortete ziemlich trocken: man wird es gewohnt, Ew. Majestt.

So erging es, mit Ausnahme der Verliebten, auch unserer
Reisegesellschaft. Paradies, immer Paradies, ^toujours perdrix^, das
frommt endlich der menschlichen Natur nicht, und es ist daher sehr
ersprielich, da die Hoffnung einer himmlischen Wonne, die vermuthlich
dauernder ist, uns winkt, wenn wir einst die seligen Gefilde beziehen
sollen. Sie sahen sich also nach anderem Vertreib desjenigen, was der
Mensch widersprchlich so hei liebt, der Zeit, um. Besonders Flore, sie
war ohnehin derjenige Theil unter allen, den die Gegenwart am wenigsten
kettete, und der die meisten Wnsche in die Ferne trug.

Da wurde denn also Signor Perotti, der keck und unverschmt ihr wieder
nahte, mit Schwnken beliebt, und bat nicht umsonst, um die Stelle des
Reisespasmachers. Man entdeckte sogar noch manche unbekannte Talente bei
ihm, so konnte er aus der Tasche spielen, und wute von dem, was ihm aus
der Physik bekannt war, einen so erlustigenden Gebrauch zu machen, wie
sein berhmter Landsmann, der sehr in Eifer gerieth, da ein Professor in
Berlin seine Wunder erklrte.

Unter andern mute er denn auch Fragmente aus seiner Lebensgeschichte
erzhlen, die bunt genug ausfielen. Auch mahnte ihn Flore, da er ihr
einst habe von der Reise Nachricht geben wollen, die er in die
unbekannteste Tiefe von Afrika gethan, nach dem Abentheuer in Darfur,
Isabellen suchend. Er entgegnete: Es wurde zeither immer vergessen, da
aber die gegenwrtige Mue besonders einladet, so mgt ihr vernehmen.




                           Drittes Kapitel.
                         Perottis Erzhlung.


Da ich mich heimlich, und nicht ohne Gefahr von jenem Sultan entfernt
hatte, durchzog ich mehrere Lnder der Schwarzen, wo ich fast dieselben
Thorheiten wie in Darfur wiederfand. Rohheit, nrrische Titel, tolle
Ceremonie, lcherlicher Stolz, dummer Aberglaube, Mitrauen und Ha
gegen Fremde, waren fast berall Sitte und Charaktergrundzge. Dagegen
nahm ich dort auch manche Kraft, manche Tugend wahr, die man in Europa
vergeblich suchen wrde. Den vielen Hindernissen, die ich vorfand,
begegneten Keckheit und Charlatanerie mit Glck. Charlatanerie ist
berhaupt ein Wort von weiterem Umfange, und achtbarerer Bedeutung, wie
es im gemeinen Leben verstanden wird. Nicht nur der Pfuscher in der
Heilkunde, auch der groe Arzt, nicht allein geringe Knstler, auch
berhmte Weisen, der volkerziehende Staatsmann, der vlkererschtternde
Held, versehen sich mit ihrem Nimbus, und gemeinhin wrden sie sonst _zu
wenig leuchten_. Charlatanisiren heit: sich geachtet machen, und
geschieht das, trgt man die Schuld an sich, redlich ab.

Es lohnte nicht, meine in diesen Reichen gesammelte Erfahrungen alle
aufzuzhlen. Ich bergehe sie, um bald zur Hauptsache zu kommen, die
euch aber ohne Zweifel, Staunen abdringen wird.

Ich war ber den Niger gegangen, und verfolgte meinen Weg gen Sden hin.
Die Reiche _Azarad_, _Terga_, _Zuenziga_, hatte ich schon gesehn, was
ich an den Ufern des groen Stromes sah, entfernte sich unbedeutend von
dem Gewhnlichen, darum ging es immer weiter. Nahe an der Linie ward ich
endlich einen neuen in keiner Erdbeschreibung gedachten Strom inne, der
den Nil, den Senegal, den Niger ungemein an Breite bertrifft. Kaum
reicht das Auge von einem Ufer zum andern hinber, doch vermuthe ich,
da dies mchtige Gewsser sich endlich in den Sand verliert, sonst
wrden die Kstenfahrer, die Ausstrmung ins Meer doch wahrgenommen
haben.

Dem sei wie ihm wolle, ich bekam Lust ber den Strom zu setzen, allein
es fehlte mir durchaus an Hlfsmitteln zu meinem Vorhaben, denn eine
Wste reichte, so weit das Auge sah, an das Gestade, und kein Fahrzeug
lie sich wahrnehmen. Ich kehrte also mit meinem Diener zurck,
Negerwohnungen aufzusuchen. Es gelang. Nun fragte ich: wo man wohl ein
Schiff finden mgte, ber den groen Strom zu gelangen? Sie antworteten:
Einmal sei kein solches Schiff vorhanden, ferner drfe auch kein
Lebender sich ber seine Fluthen wagen, jenseit hause der Teufel, der
die Seelen der Verdammten dort erwarte. Die Vter erzhlten sich, da
einige Verwegene auf zusammengefgten Brettern hinber gerudert wren,
doch kein Menschenkind habe je ein Gebein von ihnen wieder gesehn.

Es versteht sich, da dieser platte Aberglaube nur mein Verlangen noch
mehr aufreizte. Ich machte den Negern groe Versprechungen, wenn sie mir
ein Canot bauten. Es war ein gutmthig Vlklein, einige daraus wurden
durch den Gewinn bestimmt, und man fllte einen dicken Baum, den wir
mittelst scharfer Kieseln aushhlten. Nun schafften wir ihn auf einem
Dromedar bis ans Ufer, und aus einer Binsenmatte wurde ein kleines
Seegel gefertigt. Steuer und Ruder zimmerten wir, so gut es gehn wollte.

Ich lohnte die Schwarzen ab, die mich als ein berirdisch Wesen ansahn,
und vor mir anbetend niederfielen, als ich die Keckheit in ihrem
Angesicht vollzog, die gefrchteten Wogen zu befahren. Sie baten dabei
naiv genug, ihres Volks im Guten bei dem Teufel zu denken, und die
lieben Verstorbenen zu gren.

Der Wind blies so gnstig, da ich das Ruder gar nicht von Nthen hatte,
und bald war ich dem Ufer drben nahe.

Wohl ergriff mich bei diesem Anblick Staunen. Ich kam aus Gegenden, wo
die Vlker kaum eine Lehmwand an ihren Husern zu kneten wuten, hier
aber stiegen feste Steinmauern und majesttische Thrme empor. Der
Anblick war mir so berraschend, da ich nicht wute, ob ich meinen
Augen trauen durfte. Am Lande kamen mir, was meine Befremdung vermehren
mute, einige weie Mnner entgegen, die ich hier wohl nimmer vermuthet
htte. Sie trugen Waffen, woraus ich schlo, sie mten den Eingang in
die Stadt, welche vor mir lag, bewachen. Ich betrog mich nicht, wurde
angehalten, und befragt: woher ich kme, und welche Geschfte mich nach
der Stadt fhrten?

Ich verstand sehr viele Wrter in ihrer Sprache, wenn ich mich gleich
nur dunkel erinnerte, wo ich sie einst mogte gehrt haben. Auf einer
meiner Reisen aber gewi.

Die Mnner waren eben so gut befremdet wie ich, einen _fremden_ Weissen
zu sehn. Sie sagten, da ihnen bekannt sei, drben ber dem Strome
wohnten dunkelfarbige Menschen, von denen so leicht sich keiner herber
wage, da die Erfahrung sie wohl belehrt htte, da keiner wieder
zurckgelassen wrde. So ist unsre Vorsicht, setzte der Eine gutmthig
hinzu, denn die Nachkommen des Belisarius sollen nicht entdecken, da
unsere Vter in diese versteckten Gegenden flchteten.

Die Nachkommen des Belisarius? rief ich verwundert, indem ich mich so
viel als mglich ihres Idioms bediente, und ihnen also auch verstndlich
ward. Welchen Zusammenhang hatten eure Vter mit diesem unglcklichen
Heerfhrer? Unglcklich? antwortete der Andere, wem gelang mehr, was er
unternahm? Ihm mute selbst der tapfere Gilimer weichen, unser Ahnfrst,
dessen Namen wir noch fhren.

Ich kramte aus, was ich von der Geschichte des Belisarius wute, wie man
ihm einen so blen Lohn gereicht habe, auch kein morgenlndischer Rmer
mehr zu frchten sei, da Justinians schwache Nachfolger endlich den
Trken htten weichen mssen. Dann drang ich aber mit vielen Fragen ein,
wie man doch hier noch die Nachkommen eines so lange verstorbenen Helden
frchten knne?

Ich erhielt zur Antwort: Unsre Vorfahren, die sich Vandalen nannten,
hatten mit einigen anderen Vlkerschaften aus Germanien, in Afrika ein
Reich gestiftet, welches blhte. Allein sie wurden durch Belisarius
angegriffen und geschlagen. Wer der Gefangenschaft entweichen wollte,
mute sich entschlieen zu fliehn. Sie nahmen den Weg nach der Mitte von
Afrika, und ihre Nachkommen haus'ten dort in Ruhe. Dieser Strom ist die
Grnze unsers Landes, nach den Schwarzen hin. Ein altes Gesetz verbietet
den Gilimeriern, so nennen wir uns, nicht ber den Strom zu gehen, und
der Fremde, der zu uns kmmt, darf nicht wieder weg, da unser
Aufenthalt nicht verrathen werde.

Das _nicht wieder weg sollen_ gefiel mir ganz und gar nicht, indessen
dachte ich, irgend eine List wird wohl Hlfe gewhren. Dann fuhr ich mit
meinen Erkundigungen fort, ob in dieser Weltgegend noch andere Vlker
wohnten? O ja, hie es, mehrere, die eben wie unsere Vter, bei Kriegen
im Alterthum flohn. Es giebt Celtiberier und Alt-Carthager, einst durch
Scipio verjagt, Vercingenten, die sich vor Julius Csar retteten. Alle
diese kamen frher an, wie unsere Ahnen, wohnen auch tiefer sdlich, wir
bekamen das Grnzland.

Und diese Vlker, leben sie in Verbindung unter sich?

O ja, antworteten meine Begleiter, wir handeln, wir schlieen Bndnisse,
wir fhren Krieg --

Krieg! Also doch auch Krieg? rief ich. Ists doch, als ob er gar nicht
aus der menschlichen Natur zu tilgen wre. Wo man nur hinkmmt, hrt man
von Krieg. Wohlan, setzte ich hinzu, wrde mir es denn erlaubt sein,
eine Reise durchs Land zu machen? Ich bin neugierig, sehe die Fremde
gern.

Ich wurde zum Befehlshaber des Ortes gebracht, der mir nach manchen
Schwierigkeiten einen Pa ertheilte.




                           Viertes Kapitel.
                Was Perotti unter den Gilimeriern sah.


Ich trat nun die Reise ins Innere des Landes der Gilimerier an, und
theile gedrngt mit, was ich unter dem sonderbaren Volke sah.

Wie ich meinen Pa empfangen hatte, sagte mir der Ausfertiger: ich wrde
das weiseste von allen Vlkern, nicht nur in Afrika, und auf dem
Erdenrund, sondern von allen Wandelsternen sehn. Ich nahm das erst fr
eine Redensart, nach afrikanischem Zuschnitt, allein die Folge belehrte
mich, da die Gilimerier ihre feste Ueberzeugung mit so triftigen
Beweisgrnden sttzten, da der Zweifler gern ehrerbietig verstummte.

Da man brigens von Wandelsternen sprach, und sie bewohnt voraussetzte,
hatte ich gleich den Beweis, das Volk msse gedacht haben, ein Beweis,
der sich auch oft genug wiederholte. Die Gilimerier sind Vieldenker,
Hoch- Tief- Lang- und Breit-Denker, nur zum Handeln kommen sie ber das
Denken sprlich.

Ich wollte zuerst die Hauptstadt sehn, und fragte nach ihrem Namen. Man
sagte mir: Es ist ein wenig zweifelhaft, die Hauptstadt der Gilimerier
zu bestimmen. Nun antwortete ich, es wird doch Jedermann bekannt seyn,
wo der Sitz der Regierung, des Landesoberhauptes, der Mittelpunkt der
Wissenschaften und Knste, und des Handels ist?

Der Mann, mit dem ich noch immer redete, kratzte den Kopf, und meinte:
So eigentlich wre der Sitz der Regierung in _Urkundia_, aber so
eigentlich auch nicht, brigens wrde sie dort, so viele Jahrhunderte
ihre Blthe geprangt htte, nicht mehr gehandhabt.

Nun, erwiederte ich, so will ich nach Urkundia, denn Handel,
Wissenschaften und Knste werden mich durch ihren Anblick entschdigen.

O, Handel giebt es dort gar nicht, fiel mein Gilimerier ein.

_Ich._ Sonderbar, ich sollte glauben, die Weisheit deutete aus manchem
Grunde darauf, den Mittelpunkt des Handels und der Regierung zu
vereinen, aber --

_Der Gilimerier._ Wissenschaften findet ihr in Urkundia gar nicht. Da
mt ihr nach _Plapria_, oder besser, nach _Klinklingia_, Knste sucht
in _Lekria_, _Plapria_, allenfalls in _Zigzig_ und andern Orten.

_Ich._ Also meint ihr, da von solchen Trennungen etwas Ersprieliches
ausgehn werde?

_Der Gilimerier._ Allerdings! Unsre vielen hohen Schulen sichern noch
mehr die Freiheit des Denkens. Die Tiefe der Wissenschaft, die Hhe der
Spekulation, das sind die Punkte, wo die Gilimerier sich vereinen.

_Ich._ Nun gut, wo wohnt denn also das Landesoberhaupt?

_Der Gilimerier._ In _Lekria_.

Lachend trat hier ein Andrer hinzu. Was, in Lekria wohnte das
Landesoberhaupt? Ha ha ha ha! Wie lange wurde ihm dieser Anspruch schon
geschmlert, und nun -- nun -- entsagte der Welik nicht selbst? Der
Erste war bel mit jener Einwendung zufrieden. Er wollte entgegnen und
hub an: Die _Gilimerier_ --

_Chilimerier_ heit es, unterbrach ihn ein Dritter, und nun erhob sich
ein hitziger Streit, worin jeder Theil Beweise fr die Gte seiner
Aussprache, und Rechtschreibung des Volksnamens, mit ermdender
Weitluftigkeit auskramte. Gemach, unterbrach ich die erhitzten Kpfe
bald, ein Volk, das sogar darber nicht Eins ist, wie es heit, kann
schwerlich wohl in Sachen von Gewicht zusammenklingen. Doch, ich werde
das ja alles nher sehn.

Hier reiste ich ab, und kam nach einer ziemlich weiten Reise in Lekria
an.

Es ist eine sehr groe Stadt, von entzckenden Umgebungen, doch eben
keiner schnen Bauart. Der Gassen Volksgedrnge, die wohlgenhrten
Krper und ruheverkndenden Gesichter sprechen den Reisenden zuerst an.
Viele Tempel sind auch in Lekria zu sehn, und an feierlichen Tagen wird
der Cultus darin auf eine rhrende und erhabene Weise vollzogen. Ich
erkundigte mich bald nach der Natur dieses Gottesdienstes, und erfuhr,
da die Gilimerier den _Crodo_ anbeten, der aber in den Ober-, Mittel-
und Unter-Crodo abgetheilt ist. Daneben aber verehrt man die _Freja_,
den _Bsterich_, und noch eine Menge kleinerer Bsterichs, was
eigentlich verstorbne Gilimerier sind, die sich als Heroen der
Frmmigkeit auszeichneten, und eine Art Apotheose empfingen. Zufolge des
weiten Abstandes, welchen die Demuth sich maas, betet sie wenig zum
Crodo, sondern wendet sich an die Bsterichs, welche Vorbitte leisten
sollen. Die Druden kann man in jeder Gestalt zu sehn bekommen. Man kann
sie sich auf den Stufen einer groen Pyramide denken. Die unterste zeigt
meistens unmanierliche Gesellen aus dem Pbel, in ekelhafte Lumpen
gehllt, den Bettelsack neben sich. Sie wird fr die verdienstlichste
gehalten, aber Shne von Geburt oder Mitteln verirren sich selten zu
ihr. Auf der andern wird man schon artige Kleider und rauchende Tafeln
gewahr, und hbscher Leute Kind lt sich aufnehmen. Von der dritten
strahlen Tressengewnder und kstlich Tempelgerth, dampfen pikante
Saucen, duften wrzhafte Weine entgegen. Dann sieht man hher hinauf
Druden, welche wieder Druden mancher Art unter sich, daneben ber
ergiebige Lndereien zu gebieten haben. Die Geschfte bei ihrem Amte mu
ein Unterdrude um ein Geringes versehn, und sie pflegen des Lebens. Hier
treten Grauen der untern Klassen schon mit Vergngen ein, und weil mit
der Drudenstelle das ^Incommodum^ verbunden ist, da man keinen
weiblichen Mund mit den Lippen berhren darf, so wird eine Art Flor
dazwischen gelegt, der aber kaum zu merken ist. Ferner erblickt man
Druden, die nicht nur Stdte, Drfer, und Lndereien von groem Belang
unter sich haben, sondern auch Soldaten zu Pferd und zu Fu halten,
deshalb ihre Residenz der Sitz eines sehr kriegerischen Frsten zu seyn
scheint. Vornehmere Grauen, ja die nachgebornen Shne des Weliks drngen
sich zu den eintrglichsten zu diesen Stellen. Von dieser Art Druden
giebt es die meisten in Gilimerien (oder man fand sich mit einer
Ausnahme allein da) wenn schon die Crodoische Religion auch in vielen
Lndern gilt. Noch hher stehen die Druden, welche den Drududu, d. i.
den Oberfrsten aller Druden zu khren haben. Es giebt viele unter
diesen Aemtern, wohin nur eine vorgeschriebene Edelbrtigkeit nicht nur
des Kandidaten, sondern auch einer gewissen Zahl seiner begrabenen
Verwandten gehrt, doch immer nur auf den oberen Stufen, zu den
untersten kann nahen, wer Lust hat. Endlich ganz oben steht der Drududu,
im glnzendsten Pomp. Bei dem allen, haben die letzteren Zeiten
Ereignisse mit sich gefhrt, welche sowohl dem Drududu, als den brigen
Druden, Macht, Einflu, und Reichthum bedeutend schmlerten.

Meine Aufnahme in Lekria war gastfreundlich. Ohne empfohlen zu seyn,
machte ich da und dort an ffentlichen Orten, Bekanntschaften, und ward
bald in dies, bald in jenes Haus geladen. Die Essen, welche man auftrug,
die Weine, die man mir vorsetzte, waren ausgesucht. Dazu giebt es in
_Lekria_ vortreffliche Schauspiele, und dicht dabei hinreissend schne
Lustwandelgnge. Es wrde mir ohne ein Paar Widrigkeiten, ein
bezaubernder Aufenthalt geworden sein. So aber hre man weiter:

Wie gut ich immer aufgenommen war, so langweilten mich oft die
Gesellschaften. Denn die Damen (sehr liebenswrdig, was die Sache
empfindlicher macht) wandten sich frostig von mir, und unterhielten sich
mit jungen Herren desto feuriger. Die Mnner redeten, auer wenn sie zu
Essen mahnten, wenig, oder auch es waren Alltagsgesprche. Da ich mich
nun genau von der Gilimerier Weisheit unterrichten wollte, so ergriff
ich verschiedentlich das Wort, und lenkte eine Unterhaltung ber
religise, philosophische oder politische Gegenstnde ein. Da that nun
Einer, als verstnde er mich nicht, ein Andrer blickte mich mit
Mitrauen an, und brachte etwas Gewhnliches zur Sprache, ein Dritter
sagte wohl gutmthig: Lassen wir das an seinen Ort gestellt sein, und
leeren die Flasche! Hin und wieder fand ich denn aber doch offnere, und
sehr unterrichtete Mnner. Diese lieen das gescheuteste Urtheil, was
man nur erwarten kann, hren. Einen solchen fragte ich denn auch einst:
Worin besteht aber die so gerhmte Weisheit der Gilimerier? Er gab mit
Lachen zur Antwort: Das errtre im Allgemeinen wer Lust hat, nur in
_Lekria_ und dem ganzen Gebiete des Gro Weliks, besteht die Weisheit
darin, die Weisheit von dem Volke entfernt zu halten, so entgeht es
ihren Gefahren.

Seit einiger Zeit hatte ich bemerkt, da mir ein nicht eben
belgekleideter Mensch, folgte. Auf Spatziergngen lustwandelte er in
einer Nebenallee, trat ich in ein Erfrischungshaus, sa er bald an einem
andern Tische, so Ueberall. Dies bewog mich eines Tages an ihn hinan zu
gehn, und zu fragen: Ob er etwa ein Anliegen an mich habe, das er zu
erffnen zaudre? Sehr hflich verneinte er, und empfahl sich. Am andern
Morgen erhielt ich eine Ladung zur Stadtobrigkeit, wo mir auch sehr
hflich angedeutet wurde, ich htte binnen vierundzwanzig Stunden die
Stadt, und binnen acht Tagen das Land zu rumen.

Ich mute gehorchen, und ging nach _Urkundia_, einem rucherichen alten
Neste. Hier brachte ich erst die Staatsverfassung der Gilimerer genau zu
meiner Kenntni, denn da eine Menge krzlich brotlos gewordener
Schreiber, um Beschftigung bei mir anfragte, lie ich nur den Wunsch,
unterrichtet zu werden, fallen, und sie berschrieen Einander, mir zu
willfahren.

Einer darunter ward erkieset, und gab mir folgenden Unterricht!

Nichts, so weit sie im ungemessenen Kreise umhersphn, nichts weiseres
hellen die Strahlen der Sonne auf, sahen es nicht in den Tagen der
Vorzeit, werden es nicht wieder erblicken, bis der Bau der Dinge
zusammenfllt -- als die Staatsverfassung der Gilimerier. Der rmsten
Pflger Rechte sind mit treu republikanischer Waage gewogen, aber die
der Edelbrtigen auch. Nirgends baut der Staat eine so rein symmetrische
Spitzsule. Der Growelik thront oben. Drei Druden, zugleich Unterweliks
folgen, dann fnf andere. Diese acht (in neueren Zeiten wurden sie noch
vermehrt) whlen Jenen, und legen ihm Papiere vor, die er feierlich zu
beschwren hat. Wo gbe es eine weisere Vorsicht bei Besetzung der
hchsten Wrde? Dann folgen die anderen Weliks verschiedenen Ranges, mit
Gebieten von weiterem oder geringerem Umfange, die Stdte mit eigner
Verfassung, ja die Drfer. Dreihundert Sttlein, jedes Einzelne mit
sattsam zugetheiltem Maas von Freiheit, bilden den Gesammtstaat. Ein
immerwhrender Bodd (leider vor Kurzem durch gewisse Umstnde
unterbrochen, doch wer wei wie lange?) in Urkundia gehalten,
reprsentirte alle Stnde, machte aller Theile urherkmmliche Rechte
gltig. In drei Kammern auf verschiedenen Bnken versammeln sich die
ehrwrdigen Stellvertreter, der weiseste --

Ich unterbrach: Aber guter Freund, wohin hat denn die Weisheit dieser
Einrichtung euch gebracht? Herrschten immer Gemeinsinn und Einigkeit?

Ach, gab der Urkundianer zur Antwort, darum schrieb man ja Papierste,
die, wrden sie in eine Sule gethrmt, an den Mond reichten. Natrlich
erwiederte ich: Und reichte sie in die Sonne, sie erfllte nie ihren
Zweck, denn euer Bodd mute auseinander gehn, manche Gegend eures
Landes, durch die ich kam, ist von fremden Kriegern besetzt.

Ach, fiel der Andre ein, das that Gewalt von Auen.

Und ich entgegnete wieder: Also eure so unendlich weise Staatsordnung
verlieh euch dennoch keine Mittel, der Gewalt von Auen zu widerstehn?

_Der Andre._ O sie wren wohl da gewesen, htten nicht einzelne Glieder
sich der gemeinen Sache entzogen.

_Ich._ Und das litt euer Oberhaupt?

_Der Andre._ Seine Macht war nicht gro genug, sie zu zwingen.

O tiefe Weisheit! brach ich lachend aus, die weder den Einzelnen Liebe
einzuflen, noch ihr Urtheil ber die Vortheile der unentbehrlichen
Einigkeit aufzuklren vermag, und am Ende dem Haupte nicht Kraft giebt,
das Nothwendige zu erzwingen! Ha ha ha!

Dies nahm mein Mann ergrimmt auf. Bestnde nur noch unser
Staatsobergerichtshof, rief er, ich wrfe euch einen Proze an den Hals,
der dreihundert Jahre whren sollte!

Er spielte mir demungeachtet noch an dem Abend einen Possen. Vermuthlich
mogte er in Brgergesellschaften davon erzhlt haben, da ich die
Weisheit der Staatsform ein wenig spttisch in Zweifel gezogen htte,
und die Urkundianer, in Ehrfurcht gegen das ehrwrdig Gepriesene
aufgesugt, schlugen mir die Fenster ein. Ich eilte davon, und wandte
mich nach Klinklingia auch Lyrtonia genannt. Unterwegs berhrte ich noch
manche Gegenden, wo rechts und links kleine Drudenpallste standen,
allein sie waren zum Theil den Druden abgenommen worden. Auch dachte man
schon gar sehr auf Reinigung des Crodoismus, dessen Lehren durch die
Druden eigenschtig und mibruchlich verflscht worden waren. Ich
hrte: vor Jahrhunderten habe man gar blutige und schaudervolle
Brgerkriege in Gilimerien gefhrt, indem der Sd und der Nord in
einigen Glaubenspunkten von einander abwichen. Das fand ich nun wieder
nicht der gerhmten Weisheit angemessen, da dergleichen Dinge bei kaltem
Blute, und mit Grnden, nicht aber in Kampfwuth und mit Waffen abgemacht
werden sollten. Noch weniger aber, da am Ende man auf halbem Wege stehn
geblieben, und alle Metzelei umsonst gewesen war. Denn die Trennung
blieb, und mute nach so wahnsinniger Erbitterung, in einen geheimen
forterbenden gegenseitigen Ha bergehn. Demungeachtet wurde der Friede,
der diese Trennung befestigte, und strkte, wie ein Meisterstck der
hchsten Weisheit gerhmt. Doch was ist nicht weise bei den Gilimeriern.

Ich kam nach _Lyrtonia_. Eine kleine unansehnliche Stadt, in der Nhe
zwei oder drei artige Anlagen. Hier, sagen die Gilimerier, sind die
ersten Schngeister der Nation, ein lebendig Pantheon der Musen, der
Grazien, des guten Geschmacks, und was wei ich.

Allerlei Bekanntschaften wurden bald gemacht. Man mute mir auch die
Werke der dortigen Poeten reichen, und ich entsagte fr einige Zeit
meinem Italienischen Geschmack, der freilich lngst ber alle
schulrechten Formen lachte, und sich nur bei den Improvisatoren auf dem
Molo zu Neapel oder Sanct Marco in Venedig ergtzt. -- Der eine davon
gefiel mir ganz ausnehmend, er war so lebendig, mannigfach, anmuthig,
beschftigte zugleich das Urtheil, wenn er alle Gefhle angenehm
aufregte, und die lieblichsten Gestalten in die Einbildungskraft trug.
Ich wurde zu einem Caffee geladen. Hier fing ich an, ber das Gelesene
zu reden, und erklrte: wie ich jenem Dichter vor allen, laut meiner
Empfindung, den Vorzug einrumen msse. Ich meinte, die Lyrtonianer
wrden es nicht allein sehr verbindlich aufnehmen, ihren Mitbrger so
durch meinen Ausspruch geehrt zu sehn, sondern auch alle damit
bereinstimmen.

Pltzlich aber ward auf allen Gesichtern eine Vernderung kund. Hier ein
Paar vergrerte Augen, dort ein offner Mund, bald ein Zug der Satyre
auf den Wangen, bald eine Hand, die das Lachen versteckte. Einige
schlugen die Hnde ber den Kopf zusammen, und ich hrte ein: Aber kann
man so zurck sein? flstern. Einige junge Mnner zgelten den Blick
der Verachtung gar nicht weiter, und drehten mir nasermpfend den Rcken
hin.

Das nahm ich bel, und fing meine Meinung an zu vertheidigen. Man lie
mich aber nicht zu Wort. Veraltet sei der Dichter, rief der Eine. Seine
Gedanken da und dort entlehnt, ein Anderer. Er wolle berall mit Umfang
von Gelehrsamkeit prunken, ein Dritter. Dann kamen Alle darauf: ich
mte durchaus unerfahren in der neuesten Geschmackslehre sein, und
fragten: ob ich denn nimmer eine Vorlesung gehrt htte, bei -- --.
Ungeduldig unterbrach ich sie mit einem Wrtlein des Moliere, aber man
achtete nicht weiter auf meine Rede, sondern verlie das Zimmer,
gleichsam als frchte man, mit einem so rohen Barbaren in Gemeinschaft
zu bleiben. Die Abgehenden lieen auch wohl ein verchtliches Pfeifen
hren.

Hm, dachte ich, im Schulzwang des Geschmackes liegt doch auch eine so
gediegene Weisheit nicht, und begab mich von dem Oertlein, wo mir die
Ehre widerfahren war, ausgepfiffen zu werden, weg.

Mein Weg ging nun nach einer nahen sehr hohen Schule, in dem Bezirk von
Lyrtonia, und in den engsten Verbindungen mit der Poetenstadt. Hier,
sagten die Weisen, ist der Weisheit Tabernakel. Kaum hatte ich den Fu
ins Gasthaus gesetzt, als ich nach dem berhmtesten Lehrer der
Philosophie fragte. Da drben ist sein Hrsaal, war die Antwort. --
Kann man wohl eintreten? -- Es steht einem Fremden frei.

Gleich war ich hinber. Vor eben nicht vielen Zuhrern stand ein Mann,
der so wenig reprsentirte, vielleicht noch weniger wie ich, Signor
Perotti. Aber von viel gewaltigerer Stimme war er, wie ich es besonders
seit einem gewissen Zeitpunkte bin. Der Saal war ohne Schmuck, hatte
sogar ein drftig Ansehn, das that jedoch der Weisheit keinen Abbruch.
Mein Mann schlo heute seinen Vortrag, da er nach einer andern Lehrstadt
ziehen wollte. Ich hrte nur die letzten Worte noch. Sie klangen
ungefhr: So hab ich ihnen denn das einzig wahre, nur wahr mgliche,
nothwendig ewige System der Weltweisheit dargestellt. Ich bewies
unumstlich, da alles vor mir, den Pfad des Irrthums wandelte, die
Nachwelt kann nur meinen Weg einschlagen. Sie sind geweiht, gehn sie,
und lehren die Menschheit!

Diese hohen Worte lieen mich bedauern, nicht des Mannes ganzen Vortrag
gehrt zu haben. Ich klagte das dem Gastwirth, den ich unter Bchern und
Papieren vergraben fand. Zu meiner nicht geringen Befremdung war er
Mitarbeiter an einem groen kritischen Institut, das alle Werke des
Geistes richtete. Er trstete mich, und versprach, um ein Geringes, die
geschriebenen Hefte von der Lehre, welche ich wnschte,
herbeizuschaffen. Mich einstweilen zu unterhalten, las er mir eine
Kritik ber ein neu erschienenes Buch vor, womit er war beauftragt
worden. Nie hab ich so viel hmischen Witz, Gallsucht, und in stattliche
Worte gekleidete Grobheit gepaart gefunden. Wirklich, ich mute diesen
Meister loben und verachten. Doch noch nicht ganz war er zu Ende, als
jemand anpochte. Es war ein Bote von _Lyrtonia_, mit einem Briefe an den
Kunstrichter. Ehrerbietig erbrach er ihn. Ach, wandte er sich, nachdem
er hineingeblickt hatte zu mir, das ist ein Anderes, ja ja, das ist ein
Anderes, und stellte sich flugs an das Schreibepult.

Ich verstand ihn nicht, und begab mich auf mein Zimmer.

Unter Andern hatte ich erfahren, da in einigen Tagen ein neuer Lehrer
der Weltweisheit, an dem Platze des Mannes, welchem ich das Ohr geliehn
hatte, erscheinen wrde. Dies wartete ich ab, indem ich mir die Zeit mit
Spaziergngen in den gar anmuthigen Gegenden vertrieb. Der Tag kam
heran. Ich sa vor dem Lehrstuhl. Der Weise trat auf, und hub an: Alles
was mein Vorgnger gesagt hat, ist nichtig, ich erklre ihn fr einen
grundlosen Schwtzer, noch gab es keine Weltweisheit, hier aber ist
eine: Nun zhlte er eine Art Buchstabenrechnung auf, womit er der
menschlichen Denkkraft Anschaulichkeit zu geben strebte, und vertiefte
sich so in Unverstndlichkeit, da ich gern davon lief. Zu Hause nahm
mich mein kritischer Gastwirth in sein Zimmer. Hren sie nun meine
umgeformte Kritik, sprach er. Mir kam ein Wink von bedeutender Hand zu,
da galt es, in einen andern Ton zu fallen. Jetzt hatte er eine
Lobschrift gefertigt, die nicht preisender, ausschweifender, ja
kriechender sein kann, lachte hoch auf whrend ihrer Mittheilung, und
erwartete mein Bravo ber seine Gefgigkeit, das ich ihm freilich nicht
versagen konnte.

Ich hatte genug, und schlug die Strae nach Zigzig ein. Hier sind die
Haupt-Bcherniederlagen der Gilimerier, auch bringt man auf den
alljhrigen Buchmarkt mehrere Tausend neue Werke. Wie mute ich staunen,
als ich in die weitluftigen Lden trat! Die Abtheilungen aller
Materien, machte allein eine ziemliche Schrift, die Aufzhlung aller
vorhandenen Bcher, ein ungeheures Werk in vielen Bnden. Was giebt es
Gutes unter dem Neuesten, fragt ich: z. B. der Religion? Der Buchhndler
gab mir einige Sachen in die Hand, und ich bltterte. Sie vergriffen
sich, sagt ich, das sind ja Stze gegen den Crodoismus. Vielleicht
Freigeistereien. -- Nein, nein! -- Ich habe wenig Zeit. Auch etwas von
neuerer Aufklrung! -- Eine Menge neuer Schriften lag vor mir. Ich sah
hinein. Aber mein Herr, ich empfange immer das Entgegengesetzte. Hier
find ich ja nur das Lob der Bsterichs und Druden. -- Ich versichere,
da das die neueste philosophische Moral ist.

Nun konnte ich nicht umhin, die Fabrike im Allgemeinen sehr zu loben,
denn Vernderung der Waare ist allerdings ein vortrefflicher
kaufmnnischer Grundsatz.

Ich verlie Zigzig, um so frher, als die durch den Ruf der groen Stadt
Plapria oder Martialia entflammte Neugierde mich trieb, und nach wenigen
Tagen, zog ich in ihre langen perspektivischen Straen.

In der That, berall viel blendende Pracht, und eine so regelvolle
Ordnung der schnen Gebude, wie ich nirgends sah. Zugleich aber auch
das Bild des Elends. In allen Husern Sieche. Die Aerzte viel
beschftigt, eben so viel die Leichenwagen. Die Stadt war schon einige
Jahre in Feindes Hnden, und die Truppen der Eroberer kosteten ihr viel,
obschon ihre eigenen Erwerbsquellen versiegt waren. Ich bedauerte die
Einwohner.

Ich ging indessen auch in die zahlreichen Buchlden, und lie mir die
Neuigkeiten zeigen. Fast nichts wie Schriften ber Politik und
Kriegskunst. Hm, merkte ich an, wenn ihr es so gut versteht, wie man
Bndnisse knpfen, und den Kampf fhren soll, warum ging doch euer
meistes Land verloren? Der Buchhndler erwiederte: Ach ein anderes die
Theorie, ein anderes die Ausfhrung. Ei, das sollte kein anderes sein,
gab ich darauf, Ausfhrbarkeit ist ja eben die Eigenheit einer guten
Theorie.

Ich ging hierauf nach einem Caffeehause zu frhstcken. Da kam ein Mann
mit freudigem Gesichte hereingesprungen, und rief: Die Feinde verlassen
die Stadt in einer Viertelstunde! Das erweckte groe Freude. Ich nahte
ihm gesprchig, und fragte: Um Vergebung, welche Grnde bewegen den
Feind dazu? -- Grnde? Grnde? was wei ich! -- Ohne Grnde ist die
Erscheinung denn doch nicht denkbar. Ihr Wort in Ehren, aber noch glaube
ich es nicht. -- Sie glauben es nicht, halten es also auch mit dem
Feinde? -- Wie sollt ich, der Fremde aus ferner Weltgegend, der so
wenig mit dem einen als mit dem andern Theile in Verbindung steht.
Allein ich urtheile nach gesunder Vernunft. Politische Ereignisse knnen
es allerdings dahin wenden, da der Sieger ihr Land rumt, von denen mu
aber doch erst die Rede mit Ueberzeugung sein. Sonst meine ich, ist es
gar nicht rathsam, sich mit Gerchten zu schmeicheln, deren Tuschung
doch bald offenbar wird, denn seit den Vierundzwanzig Stunden, da ich
in Martialia bin, hat man wohl schon sechsmal den gewnschten Abzug
jener bewaffneten Macht prophezeit, aber falsch. -- Ei Herr, sie sind
kein Patriot, das geht aus allen ihren Reden hervor!

Ein Mann, der ein inlndischer Krieger von Rang sein sollte, fiel ein:
Nun, ists denn nicht einmal Zeit, da die *** zum *** gehen? Er
bediente sich derber Worte. Ich dachte: Ein Ausbruch des Zorns gegen
die, von welchen man geschlagen und gefangen wurde, erklrt sich leicht.
Allein es war nicht blos der Zorn. Die _Meinung_ des Mannes ward in der
Fortsetzung seines Gesprches offenbar. Denn er lie sich nun
weitluftig ber die Feinde aus und das bald, indem er mit Grnden zu
beweisen strebte, sie wren ohne Kriegskunst, Ordnung, Mannszucht,
Tapferkeit, bald mit der verchtlichsten Sptterei ber ihre Formen, sie
lcherlich zu machen suchte. Man lachte ihm lauten Beifall.

Ich, etwas befremdet, konnte nicht umhin, den Antheil fortzusetzen.
Freilich htte ich klger gethan, zu schweigen. Aber mein Herr, rief
ich, in aller Welt, was gewinnen sie, wenn sie ihren Ueberwinder
herabwrdigen? Je mehr ihnen das gelingt, je tiefer mssen sie ja mit
sinken. Ich dchte, ich wrde meinen glcklichen Feind auf die stolzeste
Hhe hinauf rhmen, das zge mich immer ein gut Stck nach. Mindestens
glnzte ich als kluger Wrdiger. So gbe es wenigstens mein Takt mir an.

Hilf Himmel! wie bel erging mirs!

Einer warf mir Injurien an den Kopf, der andre gar das Glas. Da ich mich
neuerdings auf das Vernnftige in meiner Behauptung steifte, kams dahin,
da ich unter Prgeln zur Thr hinausgeworfen wurde.

So hatt' ich denn auch ein Prbchen der Weisheit in _Martialia_, und
eilte ber Hals und Kopf nach dem groen Handelsorte _Derbia_. Hier
findet man enge schmutzige Gassen, hohe hlzerne Huser, alte Tempel.
Die Einwohner _scheinen_ nicht so fein, nicht so klug wie die in
Martialia, doch so viel ein flchtiger Blick, oder die eigne
augenblickliche Erfahrung urtheilen knnen, mchte ich behaupten: sie
_wren_ mehr, als sie scheinen, denn ich hrte keine ungesunden
Urtheile, und bekam noch weniger Prgel.

Das geschftige Leben, von welchem man die Zeichen in einem groen
Hafen, weitluftigen Speichern und andern Dingen sieht, stockte eben
gewaltig, die Schiffe waren meistens abgetakelt, die groen Waarenlger
verschlossen.

Ich fragte nach der Ursache einer so betrbten Lage der Dinge. Seufzend
gab mir ein Kaufmann zur Antwort: Seit vielen Jahren wthet ein Krieg
zwischen den Carthagern, welche einst vor Scipio dem Rmer in die Tiefe
von Afrika flohn, und den Vercingenten, welche Csar vertrieb, und deren
ihr fast allenthalben in Gilimerien gesehn habt. Welchen Vorwand man
auch hat gltig machen wollen, so ist doch die Hauptsache immer gewesen,
da die Carthager _allein_ Vortheil von gewissen kstlichen
Fruchtpflanzungen rndten wollen, die nur auf einem vor wenigen
Jahrhunderten erst entdeckten Landstrich gedeihn.

Und wem gehrt denn dieser Landstrich? fragte ich.

Der Derbianer erwiederte: Als er hinter Gebrgen und Wsten ausgemittelt
wurde, ging hin wer da wollte, den fast kindisch schwachen Einwohnern
Land zu nehmen und anzubauen. Die Celtiberier, die Vercingenten, die
Carthager und andere.

_Ich._ Die Gilimerier griffen ohne Zweifel doch auch zu?

_Der Derbianer._ Die Gilimerier nicht. Sie kauften die seltene Frucht
von anderen.

_Ich._ O Himmel, warum versumten sie denn die Gelegenheit, machten sich
abhngig von anderen, verloren im Handelsgleichgewicht -- denn ich ahne
schon, wie es hat kommen mssen.

_Der Derbianer._ Auch fertigen die Carthager viele Waaren besser an, wie
wir. Sonst holte sie Derbia, und gewann dabei sowohl, wie beim Handel
mit den seltenen Frchten.

_Ich._ Warum lassen die Gilimerier irgendwo etwas besser fertigen, als
bei sich? Zeigt ihnen denn hier ihre Weisheit nicht die Mittel an? Warum
nehmen sie vom Auslnder lieber, wie vom Einlnder, gesetzt es fehlte
auch die volle Gte?

Der Derbianer wurde etwas hitzig, verbat allen Tadel der Art und fhrte
mich in seine Bibliothek. Nirgends, rief er, giebt es schtzbarere Werke
ber Handel und Kunstflei, da sehen sie diese stolze Reihen klassischer
Bnde, und verstummen sie!

Ich machte eine tiefe Verbeugung gegen die Bcher, und eine gewhnliche
gegen den Kaufmann, dann ging ich aus seinem Hause.




                           Fnftes Kapitel.
                Was Perotti unter den Carthagern sah.


Nun dacht ich: so hab ich denn das weise Volk gesehn, das die
vortrefflichste Staatsverfassung ersann, aber nichts an dem alten
ehrwrdigen Bau ausbessern wollte, bis er zusammenstrzte; dessen Vter
sich um Satzungen des Crodoismus erschlugen, aber wo bei den Enkeln, die
Druden aufgeklrt, und die Philosophen orthodox wurden; das seine
Kriegskunst und Tapferkeit mit Glck gegen sich selbst wandte, aber
uneinig dem Auslande unterlag, das, wie ber alle Dinge, von Handel und
Kunstflei die herrlichsten Theorien kennt und ausgesogen wird.
Eigentlich tragen die Shne der Vter Schuld, und der Apfel pflegt dann
auch nicht weit vom Stamme zu fallen.

Ich wollte die Carthager sehn, und lie mich ber den Strom zu ihnen
hinbersetzen. Es war eigentlich alle Verbindung aufgehoben, doch fand
ich heimlich Mittel, auf ein koarthagisches Fahrzeug zu kommen, deren
die Menge auf dem Strom umherschwammen.

Der Schiffer der mich fuhr, rief: Verdamm mich Crodo, ihr kommt ins Land
der Freiheit und Gromuth! Nirgends auf Erden gilt der Mensch so viel,
wie bei uns. Wir sind ein Volk von Weliken[4].

Das klingt hoch, erwiederte ich.

Bald waren wir hinber. Es ging zur Hauptstadt. Die Drfer unterwegs,
waren sehr nett gebaut, aber auer Knaben und Greisen, selten ein
mnnlicher Einwohner zu entdecken. Dazu paten in Bschen und hinter
Hgeln, gewaffnete Mnner auf, die, wenn sich eine Mannsperson zeigte,
sogleich auf sie eindrangen, und sie fortfhrten. Nicht sowohl die Gte
meiner Psse, sondern, wie es schien, meine Jahre, und mein schwchlich
Ansehn, machten, da ich, auch schon angepackt, wieder losgelassen
wurde.

Ich hatte einen Mann am Strande getroffen, der wie ich, nach der
Hauptstadt _Nodnol_ wollte, und mit ihm Reisegesellschaft gemacht. Er
war, so wie der Schiffer, von dem Lande der Carthager eingenommen.
Natrlich fragte ich ihn: was es mit der sonderbaren Menschenjagd fr
eine Bewandni habe? und wurde unterrichtet: da man die aufgegriffenen
Mnner auf den Prahmen brauche, die theils Waaren verfhrten, theils die
Prahmen andrer Vlker wegnhmen, die auch Waaren laden wollten.

[Funote 4: Knigen.]

Ich murmelte das Wort Freiheit zwischen den Zhnen, und erkundigte mich
bei meinem Reisegefhrten, der ein Kaufmann war, und Ghlt hie, welche
Satzungen und Gebruche denn der Carthager Anspruch auf den Namen des
gromthigsten Volkes begrndeten. Herr Ghlt antwortete:

Erstens hat das Land Gesetze, welche die niedrigsten Tagewerker dem
vornehmsten Mann gleichstellen, Niemand darf ohne Wissenschaft aller
Welt im Kerker gehalten werden, durch seines Gleichen wird der
Verbrecher gerichtet, keine Peinfrage, keine Marterstrafe. Ueber die
Religionen herrscht die vollkommenste Duldung. Die groe Hauptstadt, zu
der wir bald kommen, und die wenige Nebenbuhlerinnen auf dem Erdball
hat, zhlt nicht allein eine groe Menge von Armen- und Waisenanstalten,
die der ffentliche Schatz unterhlt, sondern es giebt auch, durch den
Beitritt edelgesinnter Brger, in allen ihren Theilen, Stiftungen, zu
unentgeltlicher Heilung armer Kranken. Mehr als ein Dutzend
Gesellschaften zu Abhelfung allerlei Noth, Leiden, Gefahr, eine fr
unvorstzliche Schuldner, eine zur Aufmunterung guter Gesinde, eine
gegen Laster und Unsittlichkeit, eine zur Verhtung von Verbrechen und
falschen Spielen, und noch viele andere.

Das lt sich hren, sagte ich, und wurde eben gewahr, wie groe
Geldsummen auf ein Fahrzeug geladen wurden. Man sahe zugleich Bedeckung
von des Weliks Leuten dabei. Welche Bestimmung mgen diese Schtze
haben? fragt ich wieder, und Ghlt antwortete mir: Das ist Geld, welches
wir unseren Bundesgenossen senden, damit sie den Krieg wider unsere
Feinde um so nachdrcklicher fhren knnen. Schon mehr als funfzehn
Jahre erhalten wir einen weitschichtigen furchtbaren Krieg unserer
Bundesgenossen, und die Kosten gehen uns dennoch immer wieder ein. Nicht
nur das gromthigste, sondern auch das klgste, entwurfreichste, im
Handel Allen berlegene Volk, sind die Carthager. Es gab sonst auf der
Nhe ein kleines aber zum Handel gar bequemes Lndchen, dessen Einwohner
durch Flei und Sparsamkeit mehrerer Jahrhunderte, ungeheure Reichthmer
gesammelt hatten. Wir nahmen ihm aber zuletzt seine auswrtigen
Besitzungen, seine Prahmen, sein Gewerbe, und die vielen Gelder, die es
uns geliehn hatte, bekam es nicht zurck. So mute es verarmen, und wir
triumphirten auf seinem Ruin. Da sind unsre Nachbarn, die Vercingenten.
Einst waren sie auch im Handel geschftig, und boten uns im Kriege die
Spitze. Sie geriethen aber einmal in innre Noth, da paten die Carthager
den Zeitpunkt ab, und wurden im Handel ihre Meister. Die Celtiberier
hatten wir Lust zu berauben. Sie lieen eben Prahmen mit Silber von
ihren Bergwerken kommen. Mitten im Frieden nahmen wir sie weg, und
kndigeten dann Krieg an. Jetzt darf sich auf den Strmen, die das
kultivirte Afrika umflieen, kein Prahmen sehen lassen, oder wir nehmen
ihn weg. Unser Handel soll allein gelten, wir finden Mittel, allen
Kunstflei der brigen Vlker zu vernichten, und da wir so die Preise
nach Willkhr stellen knnen, saugen wir nach und nach all ihr Mark aus.

Ich schlug die Hnde ber den Kopf zusammen. Also gegen einen ins Wasser
Gefallenen, gegen einen Schuldner seid ihr gromthig, und den Vlkern
seid ihr Ruber und Mrder?

Ach, rief Ghlt, das ist vaterlndische Tugend!

Wir langten nun bald in Nodnol an. Es ist in der That ein Ungeheuer von
einer Stadt. So viele Schiffe sahe ich nie beisammen, wie auf dem
Strome, der ihren Hafen bildet, die Waarenvorrthe, die
Kaufmannsspeicher, bertrafen an Gre und Weitluftigkeit, auch die
gespannteste Erwartung, viele ansehnliche Prachtgebude, Monumente des
Staatsreichthums, viele geschmackvolle Anlagen im Kleinen, Belege des
hohen Wohlstandes der Einzelnen, wurden berall sichtbar. Das
Menschengewhl setzte in Erstaunen. Allein es entdeckte sich auch bald,
da man weit mehr Waaren besa, wie man loszuwerden hoffen durfte, viele
Lden waren ohne Beschftigung; eine unerhrte Menge von Arbeitern aller
Art, mit bleichen verhungerten Gesichtern, fragte vergebens nach Arbeit;
Noth und Elend boten in den entlegenen Winkeln ein grlich Schauspiel
dar, und die Unsittlichkeit hatte eine schauderhafte Hhe erreicht.

Aber wo sind denn nun die Reichthmer, welche ihr von allen Seiten
erpretet? fragte ich meinen Begleiter. Sind sie in die Hnde weniger
Einzelnen gekommen, welch Heil wird dem Volke davon? Er stockte, und
sagte mir, ich sollte in den groen Pallast gehn, wo die Gesetzgebung
und Staatshaushaltung ffentlich gehandhabt wrden, da wrde ich ber
die groen Angelegenheiten Licht empfangen.

Der Rath wurde befolgt. Ich hrte dreierlei verhandeln. Einmal die
Nothwendigkeit neuer Auflagen, wobei die lteren aufgezhlt wurden,
deren fast auf allen Lebensbedrfnissen bestanden, so da ein Einwohner
dieses Landes, die Abgaben zu erschwingen, mehr als die Hlfte seiner
Vermgenseinknfte geben, oder mehr als die Hlfte seiner Zeit, um
diesen Zweck arbeiten mute. Leibeigne zur Hlfte, waren also diese
gepriesenen Freien. Eben bewilligte man eine Abgabe auf das Trinkwasser.
Dann wurden die nothwendigen Summen zur Erhaltung der Kriegsprahmen fr
das laufende Jahr gefordert. Sie waren so hoch, da ich wohl begriff,
wie das meiste, was dies Volk von anderen im Handel gewann, auf dem Wege
der Auflagen den Einwohnern wider abgenommen werden mute, um jene groe
Kosten zu bestreiten. Endlich kam die Schuld der Nation zur Sprache. Sie
betrug weit mehr, als den Werth des Landes, mit Allem was darin ist.
Also war man nicht reich, sondern arm, nicht nur arm, noch weniger. Der
Wucher baute eigentlich doch nur das Unglck der Menschen, wie
riesenhaft er auch seine Spekulationen anlegte.

Ich begab mich vor die Stadt hinaus. Da sah ich ein Lager bei dem
anderen, berall Waffenbung. Was bedeutet dies? fragte ich einen
Spaziergnger.

Das sind unsere Freiwilligen, gab er zur Antwort.

Und wozu versammelt ihr so viel Jugend? Entzieht dem Ackerbau so viele
Hnde?

Aus Furcht vor einem Angriff der Vercingenten, die ber den Strom kommen
mgten. Schon Jahre lang sind wir so in Bereitschaft. Noch Jahre lang
werden wir es fortsetzen mssen. Wohl ist es nothwendig. Die
Vercingenten knnen sechs Mann stellen, wo wir einen stellen, sind
fertig im Landkriege, wir mssen auf unsrer Hut sein, da wir die Ufer
vertheidigen.

So viel Angst, Sorge, Mhe, Verbrechen und Gewinn, der am Ende doch
wieder in Nichts zerfliet. Und wenn nun den Vercingenten es dennoch
einmal gelnge, den Fu siegreich ans Land zu setzen?

Dann wrden die Vornehmsten und Reichsten entfliehen. Mgten die Feinde
das Land hinnehmen.

Und das Land wrde seinem Unheil berlassen, die Schuld wre quitt? --
Adieu Land der Carthager! Ich habe das Land der Freiheit, Gromuth und
der Handelsherrlichkeit gesehn.




                          Siebentes Kapitel.
               Was Perotti unter den Vercingenten sah.


Nichts Eiligers hatte ich zu thun, als mich aus dem Lande der Freiheit
und Gromuth zu entfernen. Ein Ruber, der ein stattlich Pferd ritt,
plnderte mich noch unterwegs, und da ich alles hingab, war er in der
That so gromthig, mir das Leben zu lassen. Gut da ich mir durch
einige Gaukelknste Etwas wieder erwarb, sonst wre ich in die
drckendste Verlegenheit gekommen.

Ich lie mich zu den Vercingenten bersetzen. Eigentlich sollte es nicht
sein, doch mit Geld lt sich Vieles mglich machen.

An dem Gestade der Vercingenten sahe ich groe Vorkehrungen, um in das
Land der Carthager zu fallen. Es lagerte ein Heer, viele Fahrzeuge waren
bereit, ber den breiten Strom zu setzen. Doch sagte mir ein Vercingent
ins Ohr: Wer wei, ist es Ernst damit, wir richten aber schon genug aus,
wenn die Carthager in Furcht gehalten werden. Sie sind dann genthigt,
alle Krfte zur Bereitschaft des Widerstandes anzuspannen.

Ich erfuhr im Lande, da die Vercingenten vor mehreren Jahren sich
genthigt gesehen htten, eine Regierungsvernderung vorzunehmen. Das
ging niemand etwas an, wie ihnen selbst. Allein mehrere auswrtige
Mchte waren mit gewaffneter Hand aufgetreten, und hatten begehrt, sie
sollten die alten Formen herstellen. Das hatte nun Partheiwuth und
innere Noth aufs hchste gebracht. Nichts war mehr zu verlieren, alles
zu gewinnen. Darum stand die Nation in voller Kraft auf, ihr Recht zu
behaupten. Wenn alles auf dem Spiele steht, mu sogar der Muthlose
verwegen sein. Genug, die Kraftsumme, welche jetzt in Thtigkeit kam,
brachte neben einer, dem Kriege gnstigen geographischen Lage die
erstaunenswerthesten Wirkungen hervor, und besser stand noch der
Vercingenten Spiel, als ihre Feinde sich schlecht mit einander
vertrugen, und oft ihre Lust daran hatten, wenn der heimlich gehate
Bundesgeno Unflle erlitt. Wie glorreich sie aber auch kmpften, und
jeden Krieg mit Eroberung krnten, die Carthager (wir wissen schon
warum) bewirkten durch ihr Gold ihnen immer neue Kmpfe. Zuletzt wurden
die Vercingenten der Sache recht gewohnt, der Krieg war ihr Element, und
sie machten sich von einem Lande nach dem anderen Meister.

Eben da ich nach der Hauptstadt reis'te, sah ich auf den Landstraen
bald Wagen mit erbeuteten Waffen, bald Siegeszeichen aus einer eben
gewonnenen Schlacht, bald lange Reihen Gefangener, die aus der Fremde
gebracht wurden.

Sehr begierig war ich, ihre Hauptstadt zu sehen, und der Wunsch wurde
mir bei den vortrefflichen Wegen und Anstalten zum schnellen Fortbringen
der Reisenden bald gewhrt.

Ihr Umfang ist ebenfalls betrchtlich, wenn sie sich gleich durch
Schnheit der Straen und Wohnhuser im Allgemeinen nicht empfiehlt.
Kmmt man brigens nach dieser Stadt, so wird man (mit Ausnahme einiger
Gegenstnde, die bald zur Berhrung kommen sollen) nichts weniger
meinen, als da dies der Mittelpunkt eines kriegerischen und immerfort
in Krieg begriffenen Landes sei. Nichts wie ppige Vergngungen berall.
Schauspiele in allen Gegenden der Stadt, die leckersten Gastereien bei
den Groen, eine Menge Lustgrten, die den raffinirtesten Lebensgenu
darbieten, Spiel- und Tanzhuser ohne Zahl. Nicht in Soldatentracht geht
hier der Held, der vielleicht mit Wunden bedeckt ist, und jenseit der
Grnze vor Kurzem vielleicht Wunder der Tapferkeit verrichtete. Im
weichlichen Stutzeranzuge sieht man ihn, von kstlichen Salben duftend,
von Schne zu Schne fliegen, Musik, Gesang und Galanterie treibend. Was
die Historie von einem Sybaris, einem Capua spricht, bleibt bei Weitem
gegen das sinnentrunkene Leben zurck, das die Vercingenten in ihrer
Hauptstadt fhren, und die Schtze, welche man den Feinden abnahm,
werden hier zu den feinsten Schwelgereien angelegt. Ich fragte in den
Buchlden, welche Werke am meisten Leser fnden, und mir wurde ein
Lehrgedicht ber die leckere Kochkunst genannt. Und gleichwohl darf ein
solcher Prasser nur zu den Heeren gerufen werden, so scheut er wieder
keine Mhseligkeit, und theilt Mangel, Noth und Gefahr, mit dem
niedrigsten Krieger auf die gelufigste Weise.

Ich konnte mich nicht genug verwundern, wie das, was sonst die Menschen
zu allem Krftigen und Muthigen abspannt, hier gar keine nachtheilige
Wirkung uerte, und sah mich dann ein wenig nach den Mitteln um, welche
die Vercingenten anwendeten, um das Feuer des Kriegsgeistes bei ihren
Brgern nicht verglimmen zu lassen.

Was ich aber da sahe, lockte mir wieder ein neues Staunen ab. Denn
Gemth und Einbildungskraft waren hier nach allem, was darin anschlagen,
reizen, begeistern kann, so in Ueberblick und Lenkbarkeit gebracht, als
wren sie sichtbare fhlbare Rder einer Maschine, die man nach Gefallen
in Bewegung bringt. Eine dichterische Spannung war ber das gesammte
Soldatenhandwerk gebracht, da jeder Krieger nichts Edleres, Hheres
fassen konnte, wie die Waffe. Alle Knste strebten, das Herz in den
Banden der Begeisterung fest zu halten, der Feldherr hatte Aussicht, in
groen Marmorstaten, Untergebieter der Truppen in Bsten und Gemlden,
der Geringste in goldener Namensschrift an Ehrensulen auf die Nachwelt
zu kommen. Man feierte phantastische, verbrdernde, ermuthigende Feste,
bei Versammlung der Heere, an Tagen berhmter Siege. Dem Alter der
Hlflosigkeit des Kriegers, winkten bequeme Versorgungen. Der Lohn fr
den besondern Muth war ausschweifend. Der Neugeworbene konnte hoffen,
schon im knftigen Jahre eine bedeutende Stufe zu erklimmen, die Krieger
von Rang erlangten neben Ehrenzeichen und Schtzen, oft Land und Leute,
wurden herrschende Grauen, wohl gar Weliks. So viele Aussaat mute denn
wohl mit Frucht wuchern, und nichts wunderte mich mehr, als wie die
Feinde der Vercingenten, die das System solcher Anreize nicht kannten,
nicht in Ausfhrung bringen wollten (auch nicht mehr konnten), doch
immer Sieg hofften. Ohne ein Wunder vom Himmel blieb er, alle Umstnde
zusammengenommen, denn doch nicht denkbar. Einige waren aber auch klug,
und wandten sich auf die Seite derer, die sie doch einmal nicht zu
bezwingen verstanden.

Uebrigens ist es blos eine gewisse Krze des Entschlusses, welche die
Vercingenten zu dem Gipfel der Gre erhebt. Was ihnen gut dnkt, thun
sie gleich zur Stelle, haben sie geirrt, ndern sie geschwind wieder
ihren Weg. Liegt ein Stein vor ihnen, dieweil andre ihn messen, und
weitluftig ber die Mittel berathen wrden, ihn wegzuschaffen,
sprengten sie lange darber weg. Wer tiefe Ueberlegung, lange
Berechnungen ihrer Plane, hartnckige Ausdauer an einem Vorhaben bei
ihnen suchte, wrde sehr irren, berall nur kurzer muntrer Entschlu,
das nchste zu thun. Und das fhrt sie denn um so weiter als ihre
Nachbarn trge im Handeln sind. Auerdem, so viel Abgeschliffenheit
ihnen eigen ist, mag ich nichts mit ihnen zu thun haben, auer bei den
Tafeln der Groen ihrer Hauptstadt.

Ich gerieth bald in armseelige Umstnde. Denn indem ich tglich in den
vornehmsten Gasthusern schmauste, und niedliche Mdchen dazu einlud
(ein Fehler, in den ich wohl nun nicht mehr fallen drfte) ward mein
Geld bald rein all. So gern ich das lustige Treiben fortgesetzt htte,
mein Erwerb langte nicht, da es viel feinere und geschicktere Gaukler
gab. Ich sang zuletzt in die Guitarre, gewann aber auch da nichts, und
lief, Schulden nachlassend, davon.




                           Achtes Kapitel.
                   Perotti endigt seine Erzhlung.


Mit Mhe erreichte ich das Land der Celtiberier. Diese waren einst
arbeitsam, stolz, groherzig, dichterisch gewesen, allein Reichthum
hatte Trgheit ber sie gebracht, und der Aberglaube hatte, durch
frhere politische Leitung so dick und dunkel die Geister umnebelt, da
wer nicht den Druden jedes Mhrchen aufs Wort glaubte, verbrannt wurde.
Ich gewann inde ansehnliche Geschenke, da ich den Crodoismus annahm,
und hielt mich lnger nicht auf.

Nun kam ich noch zu manchen anderen Vlkern. Unter andern ins Land der
Hinkenden. Hier konnte Niemand grade einhergehn, den Fehler aber zu
verstecken, tanzte man bestndig. Die Kapriolen mit gebrechlichen Beinen
nahmen sich sonderbar genug aus, ob man gleich nun die Lhmung nicht
entdeckte. Ich ging natrlicherweise aufrecht, und ohne Sprnge zu
machen, einher, da httet ihr das Lachen sehen, das Spotten hren
sollen. Es blieb dabei nicht, ich wurde auch mit Steinwrfen abfertigt.
Dies Land der Hinkenden kam mir vor, wie ein gewisses, wo es scheint,
die Menschen wten gar nicht das nchste evident klare Urtheil
auszusprechen, sei es nun aus einem wirklichen Hindernisse in der
Gehirnmasse, das den einfachen Gedanken immer unterbricht und
verschiebt, oder aus einem gewissen Dnkel, dem das Grade gemein dnkt,
und die Umschweife vornehm. Genug, um das Uebel zu verstecken, bedienen
sie sich der philosophischen Tanzkunst, und schweben immer zur Hhe
empor. Wehe, wer nun ein gesundes Urtheil, das sich nach Gebhr, auf dem
Erdboden erhlt, unter ihnen gltig machen will! Er wird ausgezischt,
gegen ihn geschrieben, man bewirthet ihn mit Schimpf, ja es kann dahin
kommen, da er in den Kerker wandern mu. Und so schlechte Progressen
auch die philosophischen Hinker machen; so sehr ihre Sprnge sie auf dem
Wege zurckhalten; wie sie ermattet keuchen, wo sie bequem vorwrts
dringen knnten; sie weichen dennoch nicht von der beliebten Methode.

Ich sah auch noch ein Volk von lauter Harlekinen, ber die man nicht
lachte, von lauter tragischen Poeten, deren Nchternheit keine Thrne
rief. Endlich aber ward ich der Streiferei mde, und begab mich nach dem
Gilimerischen Stdchen, wo ich zuerst ber jenen Grnzstrom setzend,
angelangt war. Ich forderte die Erlaubni, mich wieder zurckbegeben zu
drfen. Doch umsonst. Heilig hielt man das Landesgesetz. Die brige
bewohnte Welt soll nichts von diesen verborgenen Vlkern erfahren, und
deshalb wird kein Fremdling von ihnen gelassen. Man sagte mir: ich msse
mich auf Lebenslang ansiedeln, wo? stnde in meiner Willkhr.

Zum Glcke aber ist die Luftschifferei unter ihnen noch unbekannt. Ich
verfertigte ins Geheim einen Ball, wartete gnstigen Wind ab, und
flatterte so nach der Wste. Wie sahn die Bewohner mir nach! Man wird
wie von einem Wunder von meiner Abreise sprechen.

In der Wste hatte ich meine Schtze verborgen, die, welche ich einst
dir verwahrte, und die mir der ruchlose Musa abnahm, waren dabei. Ich
hatte nur eine mige Summe mit ber den Strom genommen.

Mein Diener war krank zurck geblieben, und zur Pflege bei einem alten
Neger gelassen worden. Ich fand ihn hergestellt. Wir nahmen die Schtze,
die Kameele, die der Neger auch hatte fttern mssen, und begaben uns
zurck. Mich traf das Unglck, den Sphern des Musa in die Hnde zu
fallen, oder vielmehr das Glck, denn nun konnte ich dir, hohe Nene,
treue Dienste leisten. Was mir Armen sonst widerfuhr, ist dir bekannt.

Hier schlo Perotti seine Erzhlung, aber Flore ma ihr wenigen Glauben
bei, und uerte unverholen, sie hielte alles fr unverschmte
Erdichtung.




                           Achtes Kapitel.
               Sie kommen in der Hauptstadt des innern
                             Darkulla an.


Die Schwne zogen rstig, der Wind half, und so sahe man denn bald den
Blumenpallast der Hauptstadt liegen. Flore zeigte ihn Gigi von fern,
doch diese blickte nur mit flchtigem Auge dahin, sie beschftigte die
holde neugeborne Liebe.

Als das Reiseeiland endlich dem Gestade des Pallastgartens nahe war,
rief Flore den alten Alonzo auf die Seite. Schon whrend der ganzen
Reise, fing sie an, denk ich darauf, wie ich das Beilager der Liebenden
auf eine neue, noch nicht erhrte Weise feiern lassen will. Alles in
unsern Schicksalen ist auerordentlich, so mu es auch diese Feier sein.
Aber ich bin ohne Erfindung, nur Gewhnliches fllt mir bei, wissen sie
nichts auszudenken?

Und sie fragen noch? erwiederte der Hispanier. Wir steigen alle vom
Eiland, bis auf das Paar, ich spreche einen eiligen Vater- und
Priestersegen, sie besttigen ihn obrigkeitlich, und wir stoen sie
wieder ab. Sie mgen nun drei Tage fr sich umherschwimmen. Kann ein
junges Paar seliger sein?

Recht Alter, Recht! entgegnete Flore, nach drei Tagen holen wir sie von
dem Eilande ein, und dann eine groe Feier durchs ganze Land.

Man befand sich schon bei der Auffuhrt. Perotti, Imar und die Diener
wurden voran in die Stadt geschickt, Flore hatte einige rosenfarbne
Veilchen in einen Kranz gewunden, und schmckte die rabenschwarze
liebliche Locke Isabellens, unerwartet damit. Alonzo, heiligen Ernst auf
der Stirne, hie die beiden niederknien. Sie thaten es betroffen, vor
einem Hgel von gediegenem Goldstaub, auf den der Strahl des eben ber
das Palmengebsch emporschwebenden Vollmonds glnzte. Alle Abendviolen
des Eilands hatten eben die duftenden Busen geffnet.

Seegen vom Himmel auf dies neue Paar, sprach Alonzo mit freudebebender
Stimme, das ich an Priesters Statt hier verbinde.

Seegen! rief Flore, zog den Alten hinber, und stie mit einem kleinen
Stabe an die Insel, den Schwanen zugleich ein Zeichen gebend. Die
verstndigen Thiere wandten sich um, und ruderten still wieder in den
groen silberklaren mondbeglnzten Teich. Ein leiser Zephyr stieg
zugleich auf, und blies in die breiten Cocosbltter und den Jasmin, die
Seegelstelle vertraten, und ein zahlreiches Heer von Nachtigallen, fing
ein holdes Lied an zu flten, Isabellen und ihrem Erwhlten das
heiligste Epithelam.

In drei Tagen Widersehn, riefen Jene den frohbestrzten, entzckten,
Neuvermhlten zu, deren Wonne verstummte.

Alle Trauben an den Thyrsusstben, verwandelten sich in therischen
Nektar, aus jeder Frucht ward Ambrosia Elysiums. Luna umstrahlte mit
Verklrung, im Dufte der Blumen athmeten sie Gtterwahn, Philomelens
Gesang hob sie in die Sphren der Unsterblichkeit. Ein Gott und eine
Gttin von lauter Himmel umgeben, schwammen sie auf dem Eiland dahin.
Keine Fabel, denn trugen sie nicht den Gtterfunken der Liebe im Busen,
hier von dem entzckend freundlichen Schicksal zur flammenden Apotheose
erzogen?

                      Ende des siebenten Buchs.




                              Potpourri.
                      Erfinderische Trumereien.


Manches Ding auf Erden bringt dem Geschlechte der Sterblichen,
alleinigen Nutzen, es mte denn offenbarer Mibrauch im Spiele sein,
manches wird wenigstens eben so oft heilsam wie nachtheilig, die
entschiedenen Schdlichkeiten knnen meistens unter besonderen Umstnden
Vortheile bringen, wie unter andern Gifte, in der Aerzte Hand. So leicht
aber wird keine Sache ein so sichtbares emprendes Uebergewicht des
Bsen zeigen, wie das Schiepulver. Ganz berflssig wre es, dieser
Behauptung noch die kleinste Rednerblume anzuflechten, sie berzeugt
genug in vollkommner Einfachheit, denn das versteht sich wohl, der
Gesichtskreis soll hier nicht gelten, in welchen der Widerspruch den
Helden fhren knnte, welcher durch die Mnchserfindung seinen Ruhm
erweitert. Auch den oft gehrten Satz: die Kriege sind jetzt weniger
blutig, als da noch mit Lanzen und Pfeilen gestritten wurde, weisen wir
billig zurck. Held und Krieg werden hier nicht bedungen, sondern
Menschenwohl.

Bei dem allen knnte das Pulver, vermge seiner Gewalt, und bei
schwierigen weitluftigen Arbeiten, hchst ersprieliche Dienste
leisten, ja auf andern Wegen ganz unerreichbare, unglaubliche romanhafte
Zwecke, lieen sich im Bunde mit dieser Titanenkraft umarmen, wenn wir
mehr Aufmerksamkeit auf diesen hochwichtigen Gegenstand wendeten.

Vor allen Dingen mte die Materie wohlfeiler dargestellt werden, und
das knnte geschehn, wenn wir den Salpeter, wie in Frankreich, mehr
aufsuchten. Dann ist auch zu gewissen Zwecken gar nicht nthig, da es
mhsam und kostspielig auf den Mhlen zubereitet werde, der Zusatz von
Kohle, nothwendig, sobald vom Schieen die Rede ist, kann vielleicht
unter gewissen Umstnden, zum Theil, oder ganz wegfallen. Salpeter und
Schwefel verlieren ohnehin durch ihn nur an Strke. Lavoisier fand
freilich die Explosion ohne den Zusatz zu furchtbar, und die Materie
schwierig und gefhrlich zu handhaben, allein das beweiset nicht, da
sich dazu nicht bequeme Mittel ausfindig machen liessen, und mit der
erhhten Vorsicht, wird die Gefahr vermindert.

Der Ackerbau, die Bergwerke, der Handel, alles was groe mechanische
Krfte braucht -- wo ein Hauptsto bedungen wird, da ist doch alle
Mechanik gegen das Pulver wie eine lahme Matrone zu betrachten.

Einem schlechten Acker, den der Landwirth in nutzlose Brachen abtheilen
mu, wre oft durch eine gnzliche Umwhlung aufzuhelfen, bisweilen
liegt nicht tief unter dem Sande, eine Ton- oder andre fruchtbare Erde,
wte man sie hinauf und den Sand hinunterzubringen, beide allenfalls
nur zu mischen, so wrde der Acker an Ergiebigkeit, folglich an Werth,
ansehnlich gewinnen.

Das sogenannte Rajolen wird jetzt in Grten angewendet, auf dem
Kornfelde selten, es ist dem Landmanne zu kostspielig, es fehlt auch
gemeinhin an hinlnglichen Menschenarmen dazu. Vielleicht wrde es schon
bei dem gegenwrtigen Preise des Pulvers wuchern, sich seiner zur
Totalumwhlung schlechter Aecker zu bedienen, wie viel mehr, wenn erst
eine gewisse Wohlfeilheit erzielt wrde, was, wie wir eben zeigten, gar
wohl mglich ist. Der Proze wre dann folgender. Man baute eine Art
Ramme mit Rdern, die dann auf lange Zeiten, und von einer ganzen
Ortschaft zu benutzen wre. Mit dieser wrde ein spitzer Pfahl in
angemessenem Abstand, sechs oder acht Schuh tief, in schiefer Richtung
in die Erde geschlagen. Dann htte man von einer eigens dazu bereiteten
schlechten Pappe, mit etwas Holz gegen den Erddruck gesichert,
Schachteln mit Pulver gefllt. Diese wrden nun in das schiefe durch den
Pfahl gebohrte Loch niedergelassen. An den Schachteln befnde sich von
derselben harten Pappe eine Rhre, die bis auf den Erdhorizont
hinausginge, und durch welche ein in Schwefel und Salpeter getrnkter
Faden lief. Sodann drckte und schttete man die Erde mit Vorsicht zu.

Die Masse Pulver mte eben hinreichen, einen Trichter Erde zur Hhe zu
sprengen. Lge sie sechs Fu tief, so wrde der Trichter, laut den
Erfahrungen der Minenlehre, zwlf Fu im Zirkeldurchschnitt bekommen.
Alle zwlf Fu mten also auch Lcher eingesteckt werden. Die in einen
Punkt verbundenen Faden zndete man an, so wrde das Feuer zu jeder
Schachtel laufen, und die allgemeine Sprengung von Statten gehen. Die
obere Erde ginge zuerst in die Luft, wrde also auch die Steigekraft
zuerst wieder verlieren, und zurckfallen. Die untere, ohnehin
unmittelbar durch den Ansto getroffen, drnge durch die obere Lage, und
snke spter nieder. Dadurch also bekme der Landmann diejenige Erde,
welche sechs Fu tief gelegen, oben, wenigstens mischte sie sich sehr
stark mit der anderen. Wre sie von besserer Gte, so knnte das
Grundstck nun vielleicht noch einmal so viel werth seyn, wo nicht, so
wre bei der frischen ausgeruheten Erde, immer einer Brache zu entsagen,
und das gbe schon einen ansehnlichen Gewinn.

In einem flachen Lande untersttzt nichts so die innere Gemeinschaft,
wie Kanle, auch von dem Nutzen, den sie als Bewsserungsmittel fr das
Land haben, weggesehn. Wie anmuthig wird auch das Leben in Holland durch
sie. Statt in anderen Lndern, bei einer Reise man sich, dem immer doch
unbequemen Wagen, vertrauen, sich zu Pferde setzen, oder den Weg
beschwerlich zu Fue zurck legen mu, miethet man dort einen Platz in
der Postgondel. Es ist ein wandelndes Haus. Man sitzt im netten, in der
Hitze khlen, bei rauher Luft erwrmten Zimmerchen, fhlt kein Stuckern,
frchtet kein Umwerfen, und die Landschaft drauen zieht still vorber.

Alle niederen Lande knnten mit Kanlen durchschnitten, alle Flsse von
Belang, mit Hlfe der Schleusen durch sie verbunden sein; bis jetzt
macht das aber ganz unerhrte Kosten, nur sehr wirthliche Regierungen
knnen von Zeit zu Zeit daran denken. Mehren wir aber erst den
Salpetergewinn, und bereiten eine rohe wohlfeile Sprengemischung, dann
legt man in dichten Abstnden Minen, da ein Zirkel in den andern
greift, und wirft sich so einen Kanal aus der Erde. Die Hauptsache ist
mit dem Wurfe geschehen, die Ungleichheiten des Randes werden mit dem
Spaten gehoben, und nun fr die Bewsserung Sorge getragen.

Um viele nahmhafte Stdte wird die Gegend der fehlenden Abwechslung
wegen angeklagt. Die Kunst hat durch Jahrhunderte gestrebt, das Schne
darzustellen, sie prangt in stolzen Monumenten, und lockt des Wanderers
staunende Blicke an; allein die Vter whlten die Lage ohne Geschmack,
eine stiefmtterliche Natur steht mit einem den Kontrast gegen die
Herrlichkeiten von Menschenhand da, und nur desto freudenlosere
Empfindungen ergreifen das Herz, wenn man vor Thoren eines neuen Athens
lustwandelt, und vielleicht eine unbildliche charakterlose Flche
anblicken mu! Was haben sich unter andern die Umgebungen von Berlin,
durch den sinnreichen Verfasser der Parallele: _Wien und Berlin_, mssen
Bitteres sagen lassen! Petersburg, Moskau, Warschau, Kopenhagen darben
an Bergen in der Nhe, die eine schne Landschaft bilden knnten. Was
wrden nicht auch Paris und London dadurch gewinnen!

Die alten egyptischen Knige htten sich nun freilich unter solchen
Umstnden bald zu helfen gewut. Wer Pyramiden erbaute, oder den See
Motis ausstechen lie, bei dem htte es wohl nur einer Erinnerung
bedurft, und bald wrde sich ein kleiner Ossa oder Pelion emporgethrmt
haben. Nur im Geschmack der Neueren liegt so etwas gar nicht, besonders
weil sie so selten etwas fr die Nachwelt thun wollen; die Erndte kann
immer nicht rasch genug auf die Saat folgen. Aber freilich, wer denn
auch einmal von der kleinlichen Gemeinregel abweicht, erscheint bald wie
eine Art Wunderthter, und die Frsten, welche ihre Regierung nur als
Pfrndegenu ansehn, und das Lob ihrer Ruhe, am liebsten von der
Schmeichelei hren, sinken bald zu Boden, wenn es einem unter ihnen in
gutem Ernste beifllt, das Leben der Unsterblichkeit zu widmen.

Einen Berg, oder eine Bergreihe darzustellen, hat aber so abschreckende
Hindernisse nicht, wie die Einbildungskraft im ersten Augenblicke
trumt, wenn man sich der Salpeter- und Schwefelkrfte bedient, und
daneben (das brauchte freilich keiner Erinnerung) die Kosten nicht
scheut.

Hier folgt die Art der Sprengung, welche Schreiber dieses zu einem
solchen Ende erdacht hat. Er mgte sie gern durch Zeichnungen erlutern,
aber der Verleger spricht achselzckend vom -- Zeitalter.

Man legt neben der Stelle, wo ein Berg entstehen soll, in einer nach
Maasgabe gekrmmten Linie eine Minenreihe an, deren Trichter zur Hlfte
ineinander greifen mssen, ladet und zndet. Nun wird die Erde nach
beiden Seiten zum Theil weit versprengt, zum Theil dicht am Rande des
entstandenen Grabens hingeworfen werden. In diesem aber, der Seite des
projektirten Berges gegenber, grbt man (bedient sich des Erdbohrers
vielmehr) dann wieder eine Reihe in den Rand, so da die krzeste Linie
nach diesem, nicht nach dem oberen Erdhorizonte geht. Jetzt wird man
Herr ber die Sprengung, und kann sie beliebig nach der Stelle des
Berges leiten. Wie die Erde dieser Minenreihe nach ihrer Bestimmung
geworfen ist, fllt der Erdhorizont nach und ein neuer schiefer Gang
wird gebildet. In diesen scheidet man wie zuvor ein, und wirft seine
Hlfte weg, wodurch ein abermaliger neuer Rand sich darbietet. So wird
nun in der Widerholung alle Erde aus der Tiefe der anfnglichen Miene
fort, und nach der Bergstelle geschafft. Die Ladung wird so abgepat,
da vorerst eine neue und niedrige Flche erzielt wird, welche die
nthige Unterlage giebt. Gedieh das weit genug, beginnt ein neuer
Hauptgraben, von dem aus eine anderweitige Lage fortgenommen wird. Da
der Aufwurf schmaler zur Hhe steige, mssen die Verhltnisse der Ladung
bewirken. Das Wasser in der Tiefe wird vorerst durch hydraulische Mittel
entfernt, dann aber noch mit den nchsten Flssen in Verbindung gesetzt,
da man nicht nur einen Berg, sondern zur greren Verschnerung auch
einen See daneben erziele.

Mit Hunderttausend Thalern liee sich schon viel sprengen. Manches
Prachtgebude kostet mehr und bringt doch bei weitem den Eindruck eines
Berges an seinem Orte, nicht hervor. Wirthlichkeit mu es aber noch weit
wohlfeiler bewirken knnen.

Bei Berlin, in der Gegend der sogenannten Jungfernhaide, zum Wedding und
Gesundbrunnen hin, ein groer gekrmmter See, mit Wiesen diesseits, mit
einer stattlichen, bepflanzten, in verschiedenen Kuppen sich endenden
Bergreihe jenseits, ein andrer See zwischen Tempelhof und Schneberg,
der den Templower Berg, mit seiner Erde spitz erhht, einige kleinere
Anlagen auf der nordstlichen Seite -- wrde die Landschaft da nicht
bald einen anmuthigen, ja romantischen Charakter empfangen? Und die dann
entstehenden, entzckenden Aussichten, von den Hhen ber die groe
Stadt!

Ohne diese Theorie htte dergleichen, wenn gleich nicht so vollkommen,
mit Menschenhnden zu Stande gebracht werden knnen, wren seit dem
siebenjhrigen Kriege die vielen migen Soldaten auer dem sogenannten
Dienst auf diese Weise beschftigt worden. Und welche Kunststraen
htten sie in einem solchen Zeitraume anlegen knnen!

Aber freilich, sie muten ihre Kraft allein der Waffenbung zuwenden --
um das Vaterland einst mit hohem Nachdruck zu vertheidigen.




                            Letztes Buch.




                           Erstes Kapitel.
               Wie Flore den Zustand der Dinge vorfand.


Flore hatte ihre Residenz eilig verlassen, und wenig Vorkehrungen wegen
des Regiments whrend ihrer Abwesenheit gemacht, doch fand sie alles mit
Treue und Gewissenhaftigkeit verwaltet. Der alte Darkullaner hatte viele
Glieder des Divans mit den Einzelgeschften beauftragt, und so war alles
in der Ordnung gegangen.

Am anderen Morgen nach ihrer Rckkunft lie sie sich Bericht erstatten.
Es war berhaupt lange nicht geschehn, und die unbestndige Sultanin
etwas nachlig gewesen. Die vormaligen Divanglieder zeigten mit einigem
Nachdrucke der Stimme an, da, was sonst nimmer in Darkulla erfolgt war,
viele Brger Einander um Schuld und Rckstnde verklagt htten.
Gewhnlich sei der Gegenstand irgend ein gekauftes und noch nicht
bezahltes Kleidungsstck. Ja, es habe sogar ein Darkullaner den andern
erschlagen, um ihm einen kstlichen durch die Caffern gefertigten Mantel
zu nehmen; demnchst wren die Knechte sehr schwierig gegen ihre Herren,
fast tglich liefen da Beschwerden ein. Sie wollten bei groer Drre
(sonst gabs keine Ackerverrichtungen, als da man sete und rndtete)
kein Wasser auf die Gefilde tragen, darber sei manche Frucht
untergegangen, auch das Gold nicht aus den Flssen waschen, da also die
Herren der Sultanin nicht so viel Gold als sie sollten, entrichten
knnten, und also ein Ausfall in den Einknften vorhanden sey. Sogar
habe es von einem neuen Aufstande gegen die Regierung verlauten wollen,
was aber noch bei guter Zeit unterdrckt worden wre.

Ihr wollt mich berzeugen, da Laster im Gefolge meiner Neuerungen
entstanden sind. Zufolge der menschlichen Natur, ist es schwer zu
vermeiden, die Gte der Gesetze vermag aber viel dagegen. Wartet nur
noch kurze Zeit, ihr werdet euch einer trefflichen Regierung freuen!

Jetzt traf Flore Anstalten zu dem bevorstehenden hohen Feste. Alonzo und
Perotti muten alle ihre Erfindung aufbieten. Wie Csar das ganze Volk
von Rom speiste, sah man Drftigkeit, gegen die Flle, welche hier
herbeigeschafft wurde. Csar hatte aber keinem Darkulla zu gebieten.

Auf einem schnen Anger, nahe an der Stadt, wurden in Eile lauter kleine
runde trockne Teiche gegraben, und mit Perlmutter und breiten Muscheln
fest ausgelegt. Dann fllte man sie, entweder mit dem trinkbaren
sberauschenden Blumenthau von Darkulla, mit dem frischgepreten Most
der edlen wilden Reben, mit der Milch der Angoraziegen, die auf den
duftenden Hgeln weideten, mit einem Sorbethnlichen Gemisch, oder dem
ausgedrckten Saft von Himbeeren, oder Ananas.

Zwischen diesen Bassins (auf denen, in der Manier des Lord Russel,
Knbchen und kleine Mdchen auf groen Muscheln herumruderten, und die
Gste bedienten) wurden nun Lauben gebaut, aus lauter mit der Wurzel
eingegrabenen Fruchtbumen und Weinranken, da Pomonens Ueberflu auf
die Rasentische niedersnke.

Noch leitete man berall kleine Bche durch, in welchen Austern, roh und
gebraten, wie alle Arten Fische, auf die leckerste und verschiedenste
Weise zugerichtet, geschwommen kamen.

Gebraten Geflgel aller Art, dem sowohl die Schwingen gelassen, als auch
mit kleinen Blschen voll brennbarer Luft versehn waren, flatterte
umher; so liefen Haasen, Kaninchen, Rehe vllig zubereitet zwischen die
Lauben, denn die brennbare Luft half ihnen fort.

In der Mitte des Angers steckte an einer Zeder von ungeheurer Lnge, ein
weisser Elephant, und wurde bei einem gewaltigen Feuer gedreht. In
seinem Bauch befanden sich drei bis vier Ochsen, die wieder Ziegen oder
Rehe in den Eingeweiden hatten, worauf Lmmer, Spanferkel, Eichhrnchen
folgten, zuletzt kam immer eine kleine weisse Maus, von besonders zartem
Geschmack.

So trugen andre Vorrichtungen Straue von ausnehmender Gre, denen
Schwan, Pfau, Gans, Fasan, Papagoi, Waldschnepfe, bis zum Zaunknig
einverleibt waren.

Eine Giraffe lag auf einem Rost von Mastbumen, und ein kleines Wldchen
war allein zu dieser Feuerung umgehauen.

So war alles in Bereitschaft gesetzt worden, als die Neuvermhlten drei
Nchte, und drei Tage, der Einsamkeit auf ihrer schwimmenden Insel
gehuldigt hatten.

Gegen Abend lie Flore das Volk berufen, hielt eine innige Rede, und
lie sich das allgemeine innige Versprechen geben, da man mit dem, was
sie anordnen wrde, zufrieden seyn wolle. Das Volk sah die festlichen
Anstalten, wallte von Liebe ber und verhie.

Nun steuerte Flore nach dem Eilande, das eben nicht weit vom
Pallastgarten schwamm. Das junge Paar wollte gar nicht glauben, da
schon drei Tage geschwunden waren, stritt, bat um Verlngerung seiner
Einsamkeit, aber Flore willigte in nichts. Das Volk ist zum Feste
versammelt, sprach sie, nun gelte die allgemeine Freude.

Coutances und Isabelle muten folgen, so schwerfllig ihr Tritt auch
war. Sie wurden vorerst in den Pallast gefhrt, um sich zu schmcken,
dann ging es in Begleitung des Hofes, der hohen Staatsdiener, der
Garden, und allem was den Glanz des Gefolges mehren konnte, zum Gefilde
hinaus.

Der Mond ging diesen Abend spter auf, daher war es dunkle Nacht. Den
Neuvermhlten kam es schon sonderbar vor, in die Finsterni geleitet zu
werden, doch das Zeichen einer Rakete, und ein bewundernswrdiges, jeder
Erwartung spottendes Schauspiel, berraschte ihre befremdeten Blicke.

Nicht weit von der Hauptstadt befand sich nmlich ein hoher spitzer
Berg, dessen Inneres viel Schwefeladern enthielt. Alonzo war darauf
gefallen, einen Vulkan daraus zu machen, der dem Mahle am Feste leuchten
sollte. Mit Hlfe einer groen Menschenmenge, hatte man den Berg also
bis auf den Schwefel gehhlt, und noch Harz, Pech, Salpeter,
Eisenschlacken u. s. w. in groer Menge hineingeworfen, auch dergleichen
Materien die Flle daneben unter Schirmdchern aufgehuft, um immer
wieder Nahrung in den Krater werfen zu knnen. Damit auch keine
Explosion, sondern eine Strmung erfolgte, wurde ein kleiner Bach hinein
gelenkt, der den schnellen Ausbruch dmpfen konnte.

Da nun die Rakete winkte, zndeten die Mnner, deren Obhut der Vulkan
bergeben war, an, und ein dicker Feuerstrom, in allen Farben spielend,
stieg majesttisch gegen den Aether empor, und erhellte die ganze
Gegend. Nicht der Mittag stellt die Dinge klarer dem Auge dar, wie diese
eindruckreiche, magische Beleuchtung.

Isabelle schrie bewundernd auf, Coutances erstarrte. Sie wuten nicht,
sollten sie den Blick nach der Lichtsule wenden, oder nach dem
unbersehbarem Volke und den Anordnungen der Lust, oder nach der Stadt,
deren Prospekt in dieser Helle etwas Hinreiendes zeigte.

Coutances, rief Flore, die alte Weissagung trifft ein, ihr seid Sultan
von Darkulla. Euch und Isabellen bergebe ich Land und Herrscherstab,
und des Volkes Zusage: meiner Verfgung froh zu begegnen, ward mir. Ihr
khner, alles hoffender, jedem Hinderni spottender Geist, Isabelle,
wird in Wonne schwelgen, diesem Volke edlere Bildung zu erziehn, und
viel kann ein so warmer Wille umfassen. Fr mich, die Schwchere, pat
das Riesenwerk nicht, und ich folge dem Zug ins Vaterland.

Isabellens Auge glnzte. Freundin, diese Gromuth -- Coutances rief:
Meine Ahnung!

Nichts von Dank, wo er mir nicht gebhrt, fuhr Flore fort, Herolde
verkndet meinen Willen! juble Volk deinen Gru dem neuen
Herrscherpaare!

Bald ras'te das betubende Freudengeschrei, denn auch in Afrika fliegen
die Herzen und Erwartungen neuen Regenten zu.

Dann nahm der Hof unter seinen Goldbaldachinen Platz, die Menge
vertheilte sich in die Lauben. Der Schmaus, der stattliche, begann. Dann
durchtnten tausend afrikanische Instrumente die Luft, und die
freudetrunkenen Paare wirbelten im bachantischen Tanz dahin.

Der heie Neger ist bei solcher Gelegenheit nicht so zu zgeln, wie der
Europer, besonders der verfeinerte, bei dem oft eigne Schwche zur
Polizei wird. Vom Mittelalter lesen wir aber, da auch in unserm
Welttheile bei Trunk und Tanz Gefahr fr die Jungfrauen erwachsen sei.
Dort aber ward es ungemein arg damit. Des Hofes Ansehn, die wenigen
Eunuchen richteten nichts aus. Flore mute sogar, des Aergernisses
halber, zornig gebieten, da der Vulkan mit seiner Feuerfontaine
einhielt, wodurch die Sache freilich viel schlimmer ward.

Bei dem allen darf man hier nicht an das vom Tigellinus dem Nero
gegebene Gastmahl, denken, wovon Tacitus im funfzehnten Buche der
Annalen ein Gemlde liefert.

Der Hof kehrte auch, frher wie er es gedacht, zurck in den Pallast.




                           Zweites Kapitel.
                         Isabellens Entwrfe.


Am andern Morgen sprach Flore: Ich gebe nun alle Regentengeschfte in
ihre Hand, theure Isabelle, und rste mich zur Reise. Eine gute
Bedeckung nehme ich mit, das letzte worber ich noch gebieten will.

Jene komplimentirte viel, Flore mgte doch noch da bleiben, sie mit Rath
untersttzen, ihre ersten Einrichtungen prfen, es war ihr sogar Ernst
damit, denn Flore hatte sie gewonnen; diese blieb aber fest.

Es bedarf meines Raths nicht, schne Hispanierin, sie haben den Gemahl
und Vater. Auch ist das Volk eine Tafel von Wachs, die alle Eindrcke
leicht empfngt. Sptestens nach drei Tagen umarme ich sie zum
Letztenmale.

Isabelle weinte ein wenig, dann trocknete sie aber die Augen, und hub
mit allem Feuer einer poetischen Projektantin an: Hren sie wenigstens
an, was ich mit der Religion vorhabe. Ich denke eine _neue_ zu stiften.

Flore versetzte: Das Volk ist noch offen dafr. Es geschah sogar Einiges
die Bahnen zu ebnen.

Hren sie, fuhr Isabelle fort: die Darkullaner sollen den
Unerforschlichen anbeten, dem alle Nationen, wenn schon nach
verschiedenem Cultus, Altre bauen, doch ohne Simbol, ohne Kirche, nur
unter dem Dom des Sternenhimmels. Selten die hohe, ffentliche, rein
geistige Verehrung, etwa beim neuen Jahr, nach der Erndte, am
Stiftungstag der neuen Weihe. Damit aber die edlere Sinnlichkeit, einen
Spielraum vor sich erffnet sieht, damit die Knste in einen schnen
Bund mit dieser Religion treten knnen, nimmt sie geheiligte Heroen auf,
denen Tempel zu bauen, und Gebilde aufzustellen sind. Diese knpfen das
Erdenleben an das Gttliche, deuten, bestimmen, ordnen die
Menschenpflicht. Christus ist einer der Hochverehrten; die Kindheit, die
Freundschaft, der Brudersinn, die Aufopferung sind sein Gebiet. Heiter
werden seine Tempel erhht, die rhrenden Szenen seiner Legende mag die
Kunst darin abbilden. Das Kind empfngt dort Unterricht, und wird mit
dem Jugendkranz entlassen; Feinde werden dahin gefhrt, sich zu
vershnen. Trost und Strkung schpfen hier Unglckliche, denn auch die
Unsterblichkeit verbrgt der Heilige. Maria, die schne, sanfte, milde,
ist die Harmonie der Liebe. Ideale sind ihre Gemlde, die Dichtkunst
legt ihre erhabensten Erfindungen, von Bildners Hand verwirklicht, an
ihren Altren nieder. Jnglinge und Mdchen, deren Herz spricht, mgen
hier flehen. Das Eheband wird hier geknpft. Moses ist der Heros des
Rechtes. In seinen groen ersten Tempeln werden die Gesetze ausgehngt,
die Richter, seine Priester, halten Gericht. Da das Recht ein Theil der
Religion werde, scheint mir passend und heilsam. Auch Mahomed ist ein
Heros dieser Religion, denn ich mu ja meinen Darkullanern begegnen. Ihm
gehre der Krieg. Gilt es das gute Recht, das Vaterland zu vertheidigen,
dann werde sein sonst geschlossener Tempel geffnet, der Kmpfer heiligt
seine Waffen vor den Bildsulen des Furchtbaren, und der begeisternde
Streitgesang ertne.

Was meinen sie, wenn einst Maler, Bildhauer und Dichter in Darkulla
erstehen, wird nicht diese Religion hohe Schnheit gewinnen, kann sie
nicht gute edle Menschen erziehn? Das brgerliche Gesetz sei innig damit
verwebt, nur Greise die Priester, da allem Mibrauch vorgebeugt wird.

Flore war gerhrt, umarmte die Freundin, wnschte das herrlichste
Gedeihen, und zog sich dann auf ihr Zimmer zurck.

Hier fing sie heftig an zu weinen. Wie, sprach sie zu sich, mein
Geschick ist so verwickelt, so sonderbar, aber oft komme ich doch mit so
guten Menschen, mit so wichtigen erhabenen Dingen in Beziehung. Was bin
ich gleichwohl? Eine Verworfene!

Aechte Magdalenenthrnen, die sie aber ehrten, strmten reichlich von
ihren, aus Rhrung bleichen Wangen nieder.

Ja Flore, du warst einst eine Verworfene, aber eine beraus unglckliche
Erziehung, die deine guten Anlagen untergrub, widrige Umstnde, bses
Beispiel rissen dich in den Abgrund. Eine andere an deiner Stelle, die
jetzt vielleicht eine freundlichere Fgung, zum achtbaren gerhmten
Weibe machte, htte auch sinken mssen. Richte dich auf, du hast in
dieser Bung viel Schmach von der Tafel deiner Erinnerung weggetilgt!
Richte dich auf, du hast auch viel Gutes gewirkt, und der Wille, der
jetzt in deinem Busen lebt, ist fromm und tadellos! Die Reue verdient
Lob, aber sie vergifte nicht die heitre Laune, die in so manchem Sturm
des Lebens dich ber den Wogen erhielt.

Nun, zu sehr ist das Letztre auch nicht zu frchten. Flore ist eine
Pariserin. Schon trocknet sie ihre Thrnen.




                           Drittes Kapitel.
                        Abreise von Darkulla.


Vierundzwanzig Elephanten lie Isabelle mit Goldstaub beladen. Wozu so
viel? rief Flore? Ist des Plunders nicht genug in Darkulla? gab die
Sultanin zur Antwort.

Werde ich auch mit den Elephanten durch die Wste kommen? fragte wieder
die Exsultanin. Alonzo rief: Nehmen sie noch vierundzwanzig. Zwlfe
mgen Ftterung, zwlfe Wasser tragen. Nun wurden dreihundert
Darkullaner, und dreihundert Beduinen, lauter stattliche treubewhrte
Mnner, zur Bedeckung ausgesucht, ohne die Elephantenknechte. Den
wackern Imar bestimmte Coutances zum Befehlshaber ber die Krieger. Ich
stehe dafr, der Araber wird den Durchzug erzwingen, wo man ihn
verweigern will.

So wurde nun die Reise angetreten, und der Hof geleitete Floren bis an
den Ausgang der Felsenkette. Hier schied man ohne Sentimentalitt, aber
nicht ohne Thrnen.

Floren ward sonderbar, wie der Weg sie nun immer weiter fhrte. Der
Himmel ihrer Hoffnungen war gerthet, und auch nicht, sie verlie
Darkulla gern, und auch ungern, Wehmuth und Zufriedenheit wechselten,
ein fortwhrender Streit der Empfindungen. Doch wie sie nach einigen
Tagen beim Zurckblicken keine Felskuppe des verlassenen Landes mehr
sah, da zog es sie entschiedner vorwrts, und sie war beruhigt, da sie
die schnste Natur des Erdbodens, und die Freunde nicht wieder sehn
wrde. --

So war Flore denn vom innern Darkulla entfernt. Der Leser suche aber das
reizende Land auf keiner Karte, er wird es nicht durch Guidotti,
Houghton, Mungo Park, Borheck oder Forster beschrieben finden; es liegt
zu versteckt, und ist den Geographen entgangen. Das groe Darkulla
findet er wohl; so gut wie Louisiana, aber nicht die Gegenden, wo
Chateaubriants Atala wandelte.

Es whrte jedoch nicht lange, so erwarteten unsere Reisende herbe
Unflle. Die Hupter des Landes auer den Felsen, erhielten Kundschaft
von ihr, und den Reichthmern, mit denen sie von dannen zog. Sie
meinten: es sei Unrecht, das Kstliche so in die Fremde zu schleppen,
kamen mit gewaffneter Hand, und fielen sie am Wege an. Es gab einen
hartnckigen Kampf. Imar fhrte tapfer und krftig an, hatte aber das
Unglck, tdtlich mit einem Pfeile verwundet zu werden. Flore gerieth
auer sich vor Bestrzung, und theilte nun selbst die Rollen des
Trauerspiels aus. Brav fochten ihre Streiter, aber nach groem Verlust
an Mannschaft, hinderten sie der Feinde Beute doch nur zur Hlfte. Zwlf
goldbeladne Elephanten gingen verloren.

Flore beweinte Imar, waffnete sich des eingebten Reichthums wegen aber
mit Philosophie, und zog weiter.

Sie kam ohne neuen Unfall mit den zwlf brigen Thieren bis Darfur. Auf
der Grnze forderte man Eins als Abgabetribut fr den Sultan
Abdelrachman. Die Begleitung war geschwcht, die Forderung nicht zu
verweigern. In der Residenz lud sie aber der Herrscher zum Mahl, und
redete wie ein welker Salomo ber die Nichtigkeit der Erdengter.

Am Ausgang des Reiches Darfur, baten sich die Mauthner abermals einen
Elephanten aus. Fahre hin, dachte Flore, kaufe ich doch mit dem Rest
noch eine ganze Gasse von Paris.

Doch es sollte noch viel schlimmer gehn. In der groen Wste konnten die
Thiere, bei aller Aufmerksamkeit fr sie, und allen reichlichen
Vorrthen, nicht ausdauern. Es sank Eines nach dem Andern zu Boden, die
Ladung war nicht fortzubringen, mute da im Sande liegen, und was das
rgste war, so lie sich auch nicht daran denken, sie ein Andermal mit
Kameelen abzuholen. Denn wenn die Elephanten, die entkrftet, nicht eben
behende sind, hinsanken, gingen meistens die Kisten, worin der Goldstaub
gepackt war, entzwei, der Wirbelwind der Wste ergriff ihn -- dahin flog
der Welt Herrlichkeit.

Eine starke Seele erschttern die tckischen Angriffe des Schicksals
wenig, auch der Leichtsinn giebt einen erprobten Balsam gegen seine
Wunden. Flore jubelte, da sie nur zwei lebendige Elephanten mit ihren
Schtzen ins fruchtbare Land von Oberegypten brachte. Immer trugen sie
noch genug, um in Paris unter den Reichsten zu glnzen.

Die Mnner der Bedeckung lagen ihr hier an, entlassen zu werden. Der
Rckweg ist lang und gefahrvoll, sprachen sie, wir werden im uern
Darkulla ohnehin uns zum Gebrge durchschlagen mssen. Kaufe dir hier
Sklaven, die die Thiere fhren, das Land ist bebaut, die Straen sicher.

Schon seit mehreren Tagen hatte Unzufriedenheit unter ihnen geherrscht,
und das wohl, weil bei dem groen Verlust, den Flore erlitten hatte, sie
geringe Belohnung ihrer Mhseligkeit erwarteten.

Diese war sehr betroffen, doch indem sie am Ende gar Meuterei zu
befrchten hatte, beschlo sie, den Mnnern zu willfahren, sobald sich
nur etwas mehr Sicherheit auf dem Wege entdecken liee.

Dieser Fall trat bald ein, denn Flore stie auf einen Trupp
franzsischer Soldaten, bei deren Anblick sie in lauten Ausruf des
Entzckens ausbrach. Sie erfuhr, da man vermuthlich Egypten rumen
werde, da lie sich denn also noch hoffen, unangefochten bis ans
mittellndische Meer zu gelangen. Htte Flore aber lnger in Darkulla
gezaudert, und wre nach dem Abmarsch ihrer Landsleute in Egypten
angekommen, wrde schwerlich auch die Bedeckung von Negern und Beduinen
sie gegen die wilden Ausbrche des Hasses gesichert haben.

Sie kaufte, oder miethete sich vielmehr einige Sklaven, denen sie die
beiden Elephanten bergab. Einen franzsischen Troknecht nahm sie in
Dienst, ihres Reitpferdes zu warten. Nun wurden einige Edelsteine an
Moggrebinische Kaufleute veruert, und ein Paar Kameele mit
Lebensmitteln fr die Afrikaner beladen, jeder von ihnen empfing ein
reichlich Geschenk, und so wurden sie entlassen.

In dem Briefe an Isabellen, den sie auch mitnehmen muten, sprach Flore
nichts von ihren Unfllen, die Freundin nicht zu betrben, wiewohl die
Boten davon keinesweges werden geschwiegen haben, wenn sie glcklich zu
dem Orte ihrer Bestimmung gekommen sind. Der letztere Umstand ist aber
mit Recht zu bezweifeln, denn man hrte kurz darauf von einem
neuausgebrochenen wilden Kriege zwischen vielen Vlkerschaften gegen die
Mitte dieses Welttheils. Darfur, Habesch, Bergu, und andre Reiche
sollten Theil daran haben; da werden diese, ohnehin durch jenes Treffen,
und Krankheiten in der Wste, betrchtlich an der Zahl verminderten
Krieger, wohl unter irgend einen wthenden Schwarm gerathen, und
umgekommen sein.




                           Viertes Kapitel.
               Flore trifft den guten wohlthtigen Bei.


Die Soldaten, an welche Flore sich nun geschlossen hatte, nahmen den Weg
gegen die Ruinen von Theben. Nach einigen Tagen erreichte man die
bewundernswrdigsten Denkmler, welche das ganze Alterthum der Gegenwart
nachlie.

Wie staunten die Reisenden! Flore setzte sich zu einem Zeichner, auf ein
Sulenstck. Dieser hatte Sonninis Reisen bei sich, und las der
Gesellschaft folgendes Fragment daraus vor, welches die schon lebendig
erregte Begeisterung noch mehr entflammte:

Wir langten bald darauf in dem elenden Dorfe Karnack an, dessen Htten
den Glanz der prchtigen Ruinen, die um sie her liegen, nur desto mehr
erhhen wrden, wenn etwas mit den Ueberresten von Theben, einer
berhmten Stadt aus dem Alterthume, die Homerus besang[5], verglichen
werden knnte. Eine Meile weiter hinauf liegt Luxor, das auch ein Dorf
und auf dem uersten Sdende der Stelle erbaut ist, die diese berhmte
Stadt auf dieser Seite des Flusses einnahm. Man htte mehr Zeit, als ich
hatte, und mehr Sicherheit haben mssen, als auf diesem Boden herrschte,
der mit Ruinen und Rubern bedeckt war, wenn man die Trmmern, die die
Unsterblichkeit den Anfllen der Zeit, und der Wuth der Barbarei
entrissen hatte, genau und vollstndig htte untersuchen wollen. Nicht
weniger schwer wrde es sein, wenn ich die Eindrcke beschreiben wollte,
die der Anblick so groer, so majesttischer Gegenstnde in mir
hervorbrachte. Es ergriff mich nicht eine bloe Bewunderung, sondern es
berfiel mich eine Entzckung, die den Gebrauch aller meiner Krfte
aufhob. Lange blieb ich bewegungslos vor unnennbarer Wonne stehen, und
fhlte mich mehr als einmal bereit, mich zum Zeichen der Ehrfurcht vor
Denkmlern niederzuwerfen, die alle menschliche Erfindung, und alle
menschliche Krfte zu berschreiten scheinen.

[Funote 5: Der deutsche Uebersetzer des Sonnini fhrt an: _Achilles_
sagt beim _Homerus_: Nie werde ich mich vom Agamemnon berreden lassen,
ins Lager der Griechen zurckzukehren:

   Bt er sogar die Gter Orchomenos oder was Theben
   Hegt, Aegyptos Stadt, wo reich sind die Huser an Schtzen.
   Hundert hat sie der Thor' und es ziehen zweihundert aus jedem
   Rstige Mnner zum Streit mit Rossen daher und Geschirren.

      Ilias B. IX. 383. (nach Vo Uebers.)]

Obelisken, kolossalische und andere ungeheure Staten, Zugnge, die
durch Sphinxe gebildet werden, und durch die man noch hineingehn kann,
obgleich der grte Theil von den Statuen zerbrochen, oder unter dem
Sande vergraben ist; gewlbte Gnge von einer ungeheuern Hhe, wovon
noch einer von 170 Fu Hhe und 200 Fu Breite vorhanden ist:
unermeliche Sulenstellungen, deren Sulen ber zwanzig, und einige
sogar ein und dreiig Fu im Umfange haben; Farben, die noch durch ihre
Schnheit in Erstaunen setzen; Granit und Marmor, die bei dem Baue in
Menge verschwendet sind; ungeheuer groe Steine, die von Knufen
getragen werden, und die diesen prchtigen Gebuden zur Decke dienen;
endlich Tausende von umgestrzten Sulen, alles dieses nimmt eine
Strecke von einem sehr groen Umfange ein.

Wie sehr sinken die so gerhmten Gebude _Griechenlands_ und _Roms_ vor
den Tempeln und Pallsten des _egyptischen Thebens_ herab. Seine stolzen
Ruinen sind noch imposanter als ihre prchtigen Zierrathen, und seine
ungeheuer groen Trmmern sind noch ehrwrdiger, als ihre vollkommene
Erhaltung. Der Ruf der berhmtesten Gebude verschwindet vor den Wundern
der _egyptischen_ Baukunst, und wenn man sie wrdig beschreiben wollte,
mte man das Genie der Mnner besitzen, die den Plan dazu entworfen und
denselben ausgefhrt haben, oder man mte so beredt als Bossuet
schildern[6].

[Funote 6: Eines Abends zog ich mich, den Geist mit den Wunderwerken,
die ich gesehen hatte, angefllt, in eine von den Htten zu Luxor
zurck, und las nochmals mit Enthusiasmus _Bossuets_ Stelle durch, wo er
nach Thevenots Erzhlung, eine kurze Uebersicht von den Ruinen von
Theben giebt. Man kann von Werken, die Ehrfurcht und Bewunderung
einflen, nicht in einer erhabneren Sprache sprechen. Ich glaube meinen
Lesern einen Gefallen zu erzeigen, wenn ich diese Stelle hier einrcke,
die ihnen ohne Zweifel noch eine vollkommenere Vorstellung von Orten
geben wird, die des Pinsels des franzsischen Redners wrdig sind.

   Die Werke der _Egypter_ waren fr die Ewigkeit gemacht. Ihre
   Bildsulen waren Colosse, ihre Sulen unermelich gro. _Egypten_
   hatte seine Absicht auf das Groe gerichtet, und wollte die Augen
   auf sich ziehn, indem es dieselben stets durch die Richtigkeit
   der Verhltnisse befriedigte. Man hat in dem _Saib_ (man wei,
   da dies der Name der _Thebais_ ist) Tempel und Pallste
   entdeckt, die beinahe noch vollkommen erhalten wurden, wo diese
   Sulen, und diese Staten unzhlbar sind. Man bewundert daselbst
   vorzglich einen Pallast, dessen Ueberreste blos darum scheinen
   stehen geblieben zu sein, um den Ruf aller der gresten Werke zu
   vernichten. Vier Gnge die so weit reichen, als man sehen kann,
   und an deren beiden Enden Sphinxe stehen, die aus einem eben
   so seltnen Stoffe gehauen sind, als ihre Gre merkwrdig ist,
   dienen einer Halle, deren Hhe die Augen in Erstaunen setzt, zu
   Eingngen. Welche Pracht und welche Gre! Noch haben diejenigen,
   die uns dieses ungeheure Gebude beschrieben haben, nicht Zeit
   gehabt, darin herumzugehn, und sie wissen nicht einmal, ob sie
   die Hlfte davon gesehen haben, alles aber erregte ihr
   Erstaunen.

Ein Saal, der ohngefhr in der Mitte dieses prchtigen Gebudes war,
wurde von sechsundzwanzig Sulen getragen, die sechs Klaftern dick,
verhltnimig gro, und mit Obelisken untermengt waren, die so viele
Jahrhunderte nicht haben niederstrzen knnen. Selbst die Farben, d. h.
dasjenige, was der Macht der Zeit am meisten unterworfen ist, sind noch
gut unter den Ruinen dieses bewundernswrdigen Gebudes erhalten, und
haben noch ihre ehemalige Lebhaftigkeit. So gut verstand Egypten allen
seinen Werken den Charakter der Unsterblichkeit aufzudrcken.]

Der Araber, der zu _Luxor-Ismain_, _Abu-Alis_ Befehlshaber war, und dem
ich einen Brief von diesem Frsten bergab, nahm mich sehr wohl auf,
dann setzten wir uns zu Pferde, und ritten unter seiner Bedeckung, bei
den Ruinen der alten Residenzstadt der egyptischen Knige herum. Ihre
Pracht und ihre Gre bertrifft alles, was man sich vorstellen kann,
allein neue Ereignisse jagten mich von den Ruinen weg, deren
merkwrdigsten Theil ich untersuchen und zeichnen lassen wollte. Ich
habe blos eine Zeichnung aufnehmen lassen knnen, die eine sonderbare
Sulenstellung des Theiles von den Ruinen vorstellt, wovon das Dorf
_Luxor_ umgeben ist.

Der Europer, und nur der Alterthumskundige vermag den tiefen Eindruck
dieser edlen Erhabenheit in sich aufzunehmen, doch ging das sonst nicht
ohne listige oder gefhrliche Strung an. Nun aber in Gesellschaft
bewaffneter Soldaten wurde jede Nachforschung leicht, kein hoher Genu
vernichtet. Und htte die Expedition der Franzosen, ganz gewi noch
einst folgenschwer, auch nichts bewirkt, als der gebildeten Welt all die
herrlichen authentischen Werke ber Egypten zu geben, so wrde die
Nachwelt sie schon mit Preis und Dank nennen.

Zwei bis drei Tage hielt man sich hier auf, bewunderte, maa, zeichnete,
beschrieb. Flore half die Mekette tragen.

Am letzten Tage irrte sie allein ein wenig umher, bog um eine dicke
Mauer, und wurde einige Menschen von drftigem Ansehn gewahr, die ihr
etwas Bekanntes zu haben schienen. Jene erschracken, und wollten sich
verbergen, Flore ermuthigte sie, und fragte gutmthig: ob sie ihnen
worunter ntzlich werden knne?

Auf den vernommenen Ton ihrer Stimme wandte sich der Eine von den
Mnnern etwas rasch um, und blickte mit starrem Auge auf Floren. Diese
ihrerseits prfte, forschte nher mit ihren Blicken -- siehe da! sie
hatte den Bei vor sich, den gutmthigen, der sie einst von Schmach und
Tod gerettet, sie mit Geschenken und Freundschaft berhuft hatte.

Sie freute sich hoch, aber mit Beben erkundigte sie sich; warum er doch,
mit seiner wackeren Gattin (denn auch sie sa da, in einen einfachen
Schleier gehllt) und wenigen Knechten, sich an dem abgelegenen Orte
befnde?

Der Bei, nachdem er sich von seinem Staunen erholt hatte, erzhlte ihr
in Kurzen, wie er nicht nur durch die Zeitumstnde von allem Einflu,
und allen Einknften ausgeschlossen worden sei, sondern auch noch das
herbe Unglck erlebt habe, auf jenem Landhause, seiner Schtze beraubt,
ja bis auf die ersten Bedrfnisse an Kleidung, geplndert worden zu
sein. Seine eignen Knechte hatten mit diebischen Arabern einen Bund
geknpft, sich nach der That entfernt, und vorher alle Gebude in Brand
gesteckt.

Waren die nicht dabei, welche mich geleiteten? rief Flore.

Ich vermuthe, diese waren die ruchlosen Anstifter, entgegnete der Bei.

O das ist mir glaubwrdig genug. Auch an mir frevelten die Verrther.

Sie fuhr nicht weiter fort, sondern dem ersten Gedanken, der ihr Herz
fllte, wrmte, fortzog, folgend, sprang sie zu ihren Elephanten. Sie
waren schon beladen, denn man wollte aufbrechen. Hierher, Knecht, mit
dem Einen! rief sie. Der verwunderte Bei sah sich pltzlich reich, seine
Gattin empfing einen Ku, und Flore war in dem Sulenlabyrinth
verschwunden.

Da sie floh, und mit den Truppen fortwanderte, warf eine Stimme in ihrem
Innern ihr vor: Aber so viel! die ganze Hlfte! und eine andre fragte:
Konnte ich weniger thun?

Die erste mute bald verstummen.




                           Fnftes Kapitel.
                 Neues Unglck und Ankunft in Cairo.


Sie zogen ohne Abentheuer, und ohne Merkwrdigkeiten zu sehn, mehrere
Tage fort; dann muten sie sich ber den Nil setzen lassen. Hier war es,
wo die arme Flore eine neue schwere Tcke des Schicksals erfahren
sollte. Es ging ihr genau nach der uralten Bemerkung, da das Unglck
nicht Einzeln zu kommen pflegt.

Die Fhre, welche am Ufer vorgefunden wurde, war nicht gerumig, das
Commando mute in zwei Abtheilungen eingeschifft werden. Der Elephant
blieb zuletzt, und es machte groe Mhe, bis er zu bewegen war, in das
Fahrzeug zu steigen. Flore wollte nicht von ihrem Besitzthume entfernt
sein, aber sie frchtete die plumpen Bewegungen des Thieres, deshalb
fuhr sie in einem kleinen Boote neben der Fhre her. In der Mitte des
Stromes mu unseligerweise ein Nilungeheuer, Hippodamus genannt, an der
Fhre in die Hhe springen, wie man wohl, die Ostsee beschiffend,
pltzlich erscheinende Seehunde wahrnimmt. Der Elephant entsetzt sich,
wird scheu, fngt an hin und her zu springen, dadurch verliert das
Fahrzeug das Gleichgewicht, die Ruderer schreien auf, springen in die
Fluth, sich durch Schwimmen zu retten, und das Fahrzeug schlgt um. Der
Elephant geht sogleich, von seiner Last in die Tiefe gedrckt, unter.

Flore fing laut an zu lachen. So komme ich also wieder nach Cairo, wie
ich auszog, rief sie. Aller Reichthum von Darkulla ist dahin, ich kann
die ganze Hoheit von Darkulla einen Traum nennen, und anders soll sie
auch in meinem Gedchtnisse nicht aufbewahrt werden.

Man kann nicht gefater seyn, wie sie es war. Andere htten daran
gedacht, durch Taucher, die Ladung des Elephanten suchen zu lassen, sie
dachte aber: wer wei, wohin der Strom das Thier wirft, wo find ich
solche Leute, _allein_ wre ich mit ihnen nicht sicher, und die Soldaten
mssen fort. Fahre hin Reichthum! Finde ich nur in Cairo, was ich noch
zu fordern habe, lt mich das Geschick Paris wieder erreichen, Ring
einst wieder sehn, so will ich gern sagen: mir _trumte_ einmal, ich
wre Sultanin von Darkulla.

Wenn das Verhngni nur Reichthum nimmt, ist es noch milde genug, aber
wenn auch die Freiheit verlohren geht, (wie Bajazeth, nachdem ihm
Tamerlan alles genommen hatte, noch in den Kficht kriechen mute,) dann
wirds arg, und viel rger, wenn man ein persischer Prinz ist, eine
Hauptschlacht wider den Gegner verloren hat, gefangen wird, und dann die
Augen hergeben mu.

Entstnde die Frage: welchen Sterblichen nennt die Geschichte, der am
bittersten verlor; so wre man geneigt zu antworten: der liebende
Ablard, da er durch die Greuelthat -- -- -- -- allein die cht feinen
Gemther, die das Menschliche ins Gttliche zu versenken wissen, knnen
antworten: Ablards Liebe verlor nicht, sie gewann. --

Die Ungewitter des Schicksals toben aber bisweilen aus. Ist ein
ungeheures Weh, nach frheren groen, erlitten, darf der Mensch auf
einen entwlkten Horizont hoffen. Flore kam nach Cairo, eilte nach ihrer
vorigen Wohnung, und so lange sie auch entfernt war, so lange man nichts
von dem gefangenen Ring gehrt hatte, so fand sie alle ihre
Habseligkeiten richtig wieder. Die bravgesinnten Kameraden ihres Mannes
hatten sich der Aufbewahrung und Verwaltung unterzogen. Ja alle
Rechnungsbcher, die die an die Truppen geleisteten Lieferungen
aufzhlten, alle Quitungen lagen an ihrem Ort. Es mangelte nicht an
baarer Kasse, und Flore bersah bald, da Ring ber das aus Frankreich
mitgenommne Kapital, mehr als Hunderttausend Franken, in gltigen
Forderungen, ausstehen habe. Das war die Frucht vortheilhafter Einkufe,
emsigen Fleisses, und des Glckes bei dieser oder jener Unternehmung.

Jetzt waren die Forderungen nicht einzuziehn, doch Anweisungen auf Paris
wurden dargeboten. Flore war damit vollkommen zufrieden, um so mehr, als
sie hinlnglich mit Reisegeld versehn war.

Wie man die Papiere ausgefertigt hatte, beschenkte sie die redlichen
Freunde, und eilte nach Alexandrien. Hier besuchte sie Coraims Eltern,
und erzhlte dem jungen Trken von Isabellen, Alonzo, Coutances,
Perotti, der nicht wenig befremdet wurde, und nun um einen Roman reicher
war, wenn er eine Gesellschaft durch Erzhlungen vergngen wollte.

Dann sahe sie sich nach einem Schiffe um, das nach Frankreich segeln
wollte. Sie fand deren jetzt nicht, da die Englnder zu mchtig in den
egyptischen Gewssern umherschwammen, doch lag ein italienischer
Kauffahrer mit Ladung nach Triest im Hafen. Sie beschlo mit diesem ihr
Glck zu wagen, und wurde bald einig wegen der Fracht. Es versteht sich,
da sie sich jetzt immer wieder der Mannskleider bediente. Doch
wechselte sie den uniformmigen Rock, mit brgerlichem Frack und
Ueberrock.




                          Sechstes Kapitel.
              Reiseabentheuer auf der Fahrt nach Europa.


Welche Gefhle, da Flore das Boot bestieg, welches sie nach dem auf der
Rheede liegenden Schiffe tragen sollte! Welche Gefhle, da die Matrosen
dort die Strickstufen hinablieen, und sie daran zum Verdeck
hinaufstieg! Welche Gefhle, da bald darauf der Schiffskapitain
zufrieden nach dem Wimpel empor schauete, und die Anker lichtende Winde
rstig gedreht ward!

Sanft theilte der Kiel die blauen Fluthen. Das Schiff ging vor einem
Sdostwinde von miger Kraft, kein peinliches Schwanken, das die
Seekrankheit ruft, behagliches Gefhl, nur die sich verkleinernde Kste,
das Zeichen der eilenden Fahrt.

Noch am Abend sahe man wenig mehr vom Gestade des alten romantischen
Egyptens, am Morgen, da Flore ihr Wandbett frhlich verlie, und zur
Cajte hinaufstieg, erblickte sie nur Himmel und Wasser, Seemven, und
in der Entfernung einige englische Stationrs.

Der Schiffskapitain hatte Floren versprochen, im Fall die Englnder das
Schiff visitirten, sie fr seinen Sohn auszugeben, denn freilich konnte
sie auf keine Freundlichkeit bei den Britten zhlen. Jene Zusage
beruhigte sie aber, denn der Mann hatte eine gewisse Biederkeit an sich,
die ihr Zutrauen warb. Ihre Menschenkunde betrog sich aber.

Sie hatte ihm ein Mrchen aufgebunden, nach welchem sie der Sohn eines
alten franzsischen Offiziers sei, der in Egypten seinen Tod gefunden
hatte. Der Seemann glaubte, bedauerte, und verhie Wohlwollen aller Art.

Allein in einigen Tagen kam ein englisches Kriegsfahrzeug nahe heran,
und gab das Zeichen die Seegel niederzulassen. Man mute gehorchen, und
eine Chaluppe brachte mehrere brittische Beamte, welche die Papiere des
Kauffahrers untersuchen sollten.

Sie stiegen an Bord, fanden Frachtbriefe und Ladung richtig, und hatten
nichts einzuwenden, da das Schiff nach einem neutralen Hafen segelte.
Nun kam die Reihe der Passagiere. Die drei, welche auer Floren noch da
waren, fanden keine Schwierigkeit, nun fragte der englische Offizier:
wer ist der junge Mensch? Psse vorgezeigt!

Es ist ein Franzos! rief der Schiffskapitn. Florens Knie zitterten. Die
Britten lieen ihr ^God damm^ und ^French dog^ vernehmen, und kndigten
ihr an, sie msse gefangen mit auf das englische Schiff.

Die Arme war bis in den Tod erschrocken, und emprt ber die
Treulosigkeit des Schiffers, da war aber wenig Zeit zu Ausrufungen,
Verwnschungen und Klagen, sie mute hinunter in die englische Chaluppe.

Meinen Koffer, rief sie, lat mich doch mitnehmen, der Italiener
lugnete, da einer da sei, die Britten wollten sich nicht lange
aufhalten, und ruderten davon.

Ein guter Genius der Vorsicht hatte Floren gerathen, ihre Papiere in
einem Taschenbuche von Wachstaffent, ins Futter der Weste zu nhen, so
hatte sie nun doch alle ihre Anweisungen auf Paris bei sich, und der
treulose Wlsche fand in ihrem Koffer, auer einigen egyptischen
Seltenheiten, und Kleidungen von geringem Werthe, nur wenig baares Geld.

Die Englnder wiesen ihr im unteren Schiffraum ihren Aufenthalt an, der
freilich sehr na, kalt, und unbehaglich war. Sie konnte nicht einmal
fragen, was man mit ihr vorhabe, da sie nicht englisch verstand. Sie war
brigens nicht geplndert worden, auch ihr Geschlecht blieb unentdeckt.
Eine Portion Schiffszwieback wurde ihr tglich gereicht, auch wohl
Mittags ein wenig Stockfisch oder Sauerkraut.

Vierzehn Tage lang mute sie dies traurige, ngstliche, ungewisse Leben
aushalten, und selten wurde ihr vergnnt, ein wenig frische Luft auf dem
Verdecke zu schpfen.

Dann segelte das Schiff nach Morea, um Wasser einzunehmen. Dort befanden
sich damals russische Truppen, und der junge franzsische Gefangene, den
man nicht mehr mit sich herumschleppen wollte, wurde ihnen ausgeliefert.

Waren die Englnder rauh, waren es die Shne Moscoviens noch weitmehr.
Kaum hatte sie den Fu ans Land gesetzt, als die Kosaken, welche sie ins
russische Hauptquartier bringen sollten, ihr Stiefeln, Ueberrock und Hut
nahmen. Sie gab noch die geringe Baarschaft von selbst hin, und bat
kniend nicht weiter zu gehn, denn sie hatte nun alles zu frchten.

Knieen, Flehen, Hnderingen, das sind inzwischen Dinge, von denen man
gar nicht billigerweise erwarten darf, da sie auf Kosaken Eindruck
machen sollten. Sie kommen ihnen im Kriege tglich vor, und es ist
nothwendige Regel, da Gewohnheit fr die Eindrcke abstumpfe.

Doch gute Naturen plndern dennoch mit Gte. Sie mihandeln nicht, und
ziehen die Kleidung behutsam herunter, indem die Versicherung gegeben
wird, es solle weiter nichts geschehen.

Im Anfang des letzten Krieges, den Oestereich mit der Pforte fhrte,
empfingen die trkischen Soldaten, fr den feindlichen Kopf, einen
Dukaten, und suchten dann haushlterisch ein Smmchen einzusammeln.
Nahmen sie nun Kaiserliche gefangen, und diese wanden sich um Pardon,
sagten die Leutseligen unter den Muselmnnern: Frchte dich nicht! Nur
den Kopf!

Doch zu Floren. In dem gltigen Augenblicke, trat eben ein russischer
Offizier daher, einen schnen jungen Mann in brgerlicher Kleidung am
Arme. Mnner erkennen verkleidete Weibern nicht immer, wenn die
weibliche Abweichungen der Gestalt nicht sehr scharf ausgesprochen sind.
Aber ein verkleidet Frauenzimmer erkennt das andre auf den ersten Blick.

Darum wandte sich Flore auch nicht an den Offizier, sondern seinen
schnen Begleiter, vermuthete aus der feinen Haltung, die franzsische
Sprache wrde verstanden werden, und rief: schne Dame, retten sie mich,
ich bin wie sie eine Verkleidete!

Der Offizier wurde roth, die andre Person bla, doch stellte jener
Befehle aus, die Kosaken muten im Raub Einhalt thun, ja Ueberrock, Hut
und Stiefeln zurckgeben, wofr er ihnen einige Rubel hinwarf.

Er erkundigte sich weiter. Flore fertigte einen kurzen wahren Abri
ihres Lebens, wo aber manches ausblieb, z. B. das Palais Royal, und das
Knigreich Darkulla; wie sie aber von ihren Begebenheiten bei der
polnischen Legion sprach, erwiederte der Offizier: O davon sollst du mir
noch mehr erzhlen, ich bin auch ein Pole.

Flore wurde aus den Hnden der Kosaken befreit. Ich verantworte alles,
sprach der Offizier und nahm sie mit nach seiner Wohnung, in einem nicht
weit von dem Ankerplatz, wo die Englnder lagen, entfernten Flecken.

Dort mute nun Flore noch viel ber den Krieg in Italien nachholen, und
ihre Reise mit dem Herrn von Jalonski, ein Hauptmoment aus jener Zeit,
kam auch zur Sprache.

Bei dem Namen Jalonski fuhren jene auf. Das ist mein Jugendfreund, rief
der Offizier, mit etwas blassem Gesichte. Die andere Person errthete,
wie der Vollmond, wenn er dem Meere entsteigt.

Alles was Flore von dem Herrn von Jalonski wute, mute sie jetzt
berichten; man nahm nicht nur den lebendigsten Antheil daran, sondern
begegnete ihr nun mit lebhafter Auszeichnung, woran auch der bei ihrer
Erzhlung offenbarte Verstand Ursache war.

Sie bekam ein kleines besonderes Zimmer, und die Versprechung, man werde
gewi Sorge tragen, da sie ungehindert und sicher nach Venedig oder
Triest gelangte.

Schon da alles schlief, kam die andere Person noch auf Florens Zimmer,
gestand, sie sei eine Verkleidete, und -- Jalonski's erste Geliebte.

Wer denkt man, da es war? _Maria Gurowska!_ _Joseph_, der russische
Offizier! Nach jenem Aufstand in Warschau hatte er russische Dienste
genommen, und Marie geheirathet. Jetzt stand er schon eine gute Zeit in
Morea, empfand Langeweile, und schrieb nach Taurien, wo sich seine
Gattin befand, sie mgte zu ihm kommen. Sie whlte Mannskleider.

Joseph und Maria Gurowska sind denjenigen bekannt, welche die
Begebenheiten des Herrn von Jalonski lasen; wer die Lesereise durch
gegenwrtiges Bchlein macht, und dem jene Begebenheiten fremd sind,
wird auch mit den beiden Personen vertraut werden, wenn er sich jenes
Buch aus irgend einer Leihbibliothek holen lt.

Hier wird demnach auch ein Kritiker ausgeshnt, welcher dem Verfasser
einst den Vorwurf machte: er habe nicht berichtet, was aus Joseph und
Maria Gurowska weiter geworden sei.




                          Siebentes Kapitel.
                             Fortsetzung.


Maria konnte immer nicht genug von dem guten Ignaz hren, und manche
Thrne der Rhrung perlte auf ihre holden Wangen nieder, wenn seine
Unflle berhrt wurden.

Die Erzhlung mute nothwendig Sympathie unter den beiden Weibern
erzeugen. Denn man kann verheirathet sein, und den andern Theil achten
und lieben; eine Erzhlung, die die Saiten der ersten Liebe berhrt,
ruft doch Melodien der Erinnerung, die den orpheischen Mund segnen
lassen. So kettete sich Maria an Floren, und diese gehrte ihr, durch
die Freude an ein solch Gefhl, und den Dank.

Sie wurden Freundinnen von neuer Zeitrechnung, aber innig.

Flore mute acht Tage hier bleiben, und diese Zeit, ihr ohnehin angenehm
gemacht, diente ihr dazu, sich von den Mhseeligkeiten auf dem
englischen Schiffe zu erholen.

Dann fuhr eine Postjacht nach Corfu. Flore bekam gute russische Psse
und Empfehlungen, auch Josephs Diener mit, der unterwegs fr ihre
Bequemlichkeit sorgen, und ihr eine Gelegenheit nach Venedig oder Triest
verschaffen sollte, die man in Corfu bald zu finden hoffte.

Man schied gerhrt. Sehen sie einst Jalonski, rief Joseph, so sagen sie
ihm: wenn schon unsere politischen Grundstze sich trennten, mein Herz
gehrt immer noch dem Jugendfreunde! Maria wandte den Blick weg, sie
konnte nichts sagen.

Das kleine Schiff, von Ragusanern gefhrt, ging immer lngs der Kste,
und lag nach einigen Tagen im Hafen von Corfu. Man fand noch an
demselben Tage eine Brigg, die nach Triest steuern wollte. Flore
miethete ihren Platz darauf, beschenkte den Diener Josephs und lie
Tausend Dank nach Morea entbieten.

Es gelang ihr, ein franzsisches Papier, mit einigem Verluste, bei dem
Wechsler, dem sie durch Joseph empfohlen war, umzusetzen, folglich
drckte sie keine Verlegenheit mehr.

Von jetzt an schien das Glck vershnt, der Schiffskapitn, mit dem sie
reiste, war ein redlicher Mann, die Passagiere gute freundliche
Menschen; bis auf einen kleinen unerheblichen Sturm erzeigten sich Wind
und Wetter vollkommen gnstig, und bald lag die Brigg im Hafen von
Triest vor Anker.

Flore begegnete jenem treulosen Schiffskapitn, der groe Augen machte,
sie in Triest zu sehn. Sie reichte eine Klage wider ihn ein, er stritt
aber, und sie htte vielleicht manche Woche harren mssen, um einem
vortheilhaften Richterspruch entgegenzusehn, das schien ihr der Mhe
nicht werth, und sie eilte weiter zu kommen.

Josephs Empfehlungen an den russischen Consul, waren auch in Triest sehr
wirksam, man hatte die Gte ihr einen Pa zu geben, der sie einen
Schweitzer nannte; so hinderte sie der Krieg zwischen Frankreich und
Oesterreich nicht an ihrer weiteren Reise.

Sie ging erst nach Venedig, dann mit einem Vetturin nach Mailand. Eine
Postkutsche brachte sie nach Turin, und hierauf wurden Maulthiere
gemiethet, um ber den groen St. Bernard zu gehn. Sie kehrte bei den
gastlichen Vtern auf der Hhe ein, und lie sich dann auf einem
geflochtenen Palankin niederwrts tragen, denn das Ramassiren, oder auf
kleinen Schlitten ber den Schnee, bei den jhesten Abgrnden vorbei,
gleiten, (was manchen Englndern so viel Vergngen macht, da sie die
Fahrt fter wiederholen,) wagte sie nicht.

Die kalte Alpenluft war freilich sehr unbehaglich fr Jemand, der aus
der Mitte von Afrika anlangt, doch trug sie nur einen kleinen Schnupfen
davon, der nichts zu bedeuten hatte, weil er bald verging. Denn
freilich, vergeht ein Schnupfen nicht bald, kann er viel zu bedeuten
haben. Tissot begegnete einem Edelmann, und fragte: wie befinden sie
sich? Jener antwortete: Wohl, bis auf einen Schnupfen. O, rief Tissot,
am Schnupfen sterben mehr, wie an der Pest. Er hatte Recht, da der
Schnupfen, vernachlssigt, leicht die Wurzel gefhrlicher
Brustkrankheiten legt.

In Genf ruhete unsere Reisende nicht nur von den neuen
Ungemchlichkeiten auf dem Meere und den Gebrgen aus, sondern sie legte
hier auch feierlich das mnnliche Kleid ab, um es nie wieder anzuziehn.

Man wunderte sich nicht wenig im Gasthofe, bei der Verwandlung, und als
Flore eine Kammerjungfer miethete, mit der es ans Nhen, und
Cffrenaufstecken ging.




                           Achtes Kapitel.
                      Endliche Ankunft zu Paris.


Da alles mit dem Costme in Ordnung war, miethete Flore zwei Pltze auf
der Diligence, und stieg mit ihrer Kammerjungfer, einer munteren
Savoyarde, ein. In Lyon versah sie sich noch mit allerlei Putzwerk, um
stattlich in die Vaterstadt einzuziehn, alles aber an ihr mute den
Stempel einer grazisen Ehrbarkeit tragen.

Auer da die Gastwirthe unterwegs ziemlich dreist auf ihre Brse
spekulirten, begegnete ihr nichts Erzhlungswerthes auf dem Wege. Die
Landstraen sind gut, die Postillone fahren trefflich, der Ton ist in
Frankreich voll Anstand gegen das andere Geschlecht, da knnen also die
Frauen mit Bequemlichkeit und Dezenz reisen, wenn auch keine mnnliche
Begleitung um sie ist, ein Schritt, bei dem es in Deutschland dagegen,
Bedenklichkeiten genug giebt.

So rasch aber der Wagen fortgezogen wurde, je nher an Paris, je grer
Florens Ungeduld. Feierlicher, heiliger wird die Heimath, wenn man aus
einer weiten Entfernung zurckkehrt. Werde ich von Ring hren? Ihn
vielleicht gar finden? Werden meine Verwandten noch leben? Alle diese
Fragen richtete sie ngstlich an das Geschick. --

Endlich erreichte man die letzte Post, auf der die Pferde unleidlich zu
zgern schienen, ob sie der Postillon schon sehr eilig vorlegte. Endlich
rollte die schwere Kutsche, mit Passagieren berfllt, auch von dort
weg. Flore setzte sich hinaus, auf das sogenannte Cabriolet, welches der
Platz vor der Kutsche ist, um die freiere Aussicht nach der Stadt hin zu
genieen, und sie eher wie von Innen zu sehn.

Oft tuschten sie Pappelbume im Hintergrunde, die sie fr die Thrme
von Notredame, und wieder dicke Linden, die sie fr die Dome von dem
Pantheon, den Invaliden, oder Val de grace ansah. Endlich aber machte
die Tuschung der Wahrheit Platz, die Zinnen lagen wirklich vor ihr, und
von einem Hgel herab, war der ganze Prospekt, auf die breite, mit
zahllosen, von Rauch und Dampf umhllten, Husermassen bedeckte Flche.
Trumst du, Sultanin von Darkulla? Nein, da breitet Paris sich vor dir
aus!

Da sie nun in der Stadt angekommen war, und die Diligence vor ihrer
Ausspannung anhielt, nahm Flore einen Miethswagen, und lie sich in ein
Hotel bringen. Bei Dame Beatrice, ihrer Tante, im Palais Royal
vorfahren, das ging nicht mehr an. Auch ber die Trume von Hoheit
weggesehn, gehrte Flore zu der Zahl ehrsamer guter Frauen, und das
Gesicht ward ihr immer hei, wenn sie an die tiefe Vergangenheit dachte.

Sie htte allenfalls den Abend erwarten, dann ins Palais Royal gehen,
und zur Tante unbemerkt hinaufschleichen knnen. Aber auch das wollte
sie nicht, aus Furcht, alte, nicht rhmliche Bekanntschaften, dort zu
finden. Ihr Kammermdchen sollte brigens auch ganz und gar nichts von
einer gewissen Vorzeit erfahren.

Es wurde ein Lohnlakai zu Dame Beatrice geschickt mit der Ladung,
sogleich ins Hotel N. N. auf das und das Zimmer zu kommen. Wer den
Lohnlakaien schickte, das wute er selbst nicht, die Bestellung war ihm
unten im Hause gemacht worden, und die Tante sollte auch berrascht
sein.

Das gab aber Anla zu einer sehr komischen Verwechslung. Dame Beatrice,
nach einem Hotel berufen, was konnte sie meinen, das man von ihr wollte?
Nicht doppelte Gnge zu haben, nahm sie gleich einige -- Stickerinnen
mit, die auch wohlgemuthet ins Zimmer traten. Darber gerieth Flore in
peinliche Verlegenheit, und es minderte die Freude des Wiedersehens. Zum
Glcke aber kannten jene Novizen sie nicht, und wurden auf Florens Wink
bald von der Alten beurlaubt.

Diese war auer sich vor Freude, verschwenderisch an Fragen, die keine
Antwort erwarteten, und an Erzhlungen, die nicht zu Ende kamen. Flore
konnte keine Ruhe in ihr Gemth bringen, und ehe man sichs versah, war
Jene zur Thr hinausgesprungen und verschwunden.

Flore sa eine Weile allein auf dem Zimmer, und weinte, da die Alte ihr
nichts von Ring hatte sagen knnen.

Nach einer halben Stunde war Dame Beatrice wieder da, den ^Matre
dcrotteur^, und den Virtuosen Martin an der Hand, welche das Vergngen
des Tages theilen, und die Heimgekehrte bewillkommen sollten.

Der Leser kennt diese beiden Ehrenmnner auch nur, wenn er die
Geschichte des Herrn von Jalonski seiner Durchsicht wrdig gehalten hat.
Der eine, Florens Oheim, hatte eine Boutique am Pont neuf, wo fr die
Reinlichkeit der Schuh und Stiefeln Vorbergehender Sorge getragen
wurde, der andere, sein Herzensfreund, ging Abends in den Gassen der
Vorstdte umher, einen Ohrenschmaus auf einem Instrumente anzutragen,
das auch das erklrteste musikalische Nichttalent in einer Stunde
meisterhaft spielen lernen kann weil es nur eine drehende Bewegung
fordert.

Ohne Umstnde, nach Weise guter kleiner Brger, fielen sie Floren um den
Hals, und die vormalige Sultanin in Afrika, konnte sich nicht einmal der
freudigen Ausbrche erwehren.

Beklommen freundlich fragte sie: Was befehlen die Herren zu trinken?
^Blanc cte d'or? Hermitage? Vin vieux du Rhin? de Tokai?^

Eh, eh! erwiederte der Decrotteur, zu theuer, viel zu theuer! Ein Glas
^Chablis^ oder ^Beaune^. Oder eine Flasche ^Bierre de mars^, sagte der
Freund.

Flore schmte sich, und lie ^Blanc cte d'or^ bringen, wobei sich die
Gste bedeutend ansahen, und den Wein kennerisch zum Munde fhrten.

Der Decrotteur begehrte etwas Brot, und eine rohe Zwiebel, sein Freund
ein wenig Kse, Dame Beatrice uerte Appetit auf ein Stck ^boeuf  la
mode^. Flore lie ein ^Poulet normand au cresson^, eine ^Capitolade aux
truffes^, einige ^Bcasses, compots de touts espces^, eine Menge von
Cremen und Confituren auftragen. Jene kauten sehr hoch, und der
vertrauliche Ton verminderte sich mit jeder neuen Delikatesse, womit
Flore auch gar nicht unzufrieden war.

Bald gingen die beiden Mnner, auch mit einem etwas steifen Komplimente,
davon, denn ihre Geschfte riefen.

Nun sprach Flore zur Tante: Ich kann es nicht mehr ansehen, Dame
Beatrice, da sie ihr Handwerk fortsetzen.

Jene erwiederte: Himmel! Es nhrte mich doch so lange redlich, nichts
anders habe ich gelernt.

Flore fuhr fort: Ich bin im Stande, fr ihren Unterhalt zu sorgen. Es
gelang mir, in Egypten etwas zu erwerben, und ich bringe Anweisungen
mit, an deren Gltigkeit gar kein Zweifel besteht, da, wie ich schon
unterwegs erfuhr, durch die Soliditt der jetzigen Regierung der
Staatskredit immer mehr befestigt wird. Ich kann auch meine Papiere bei
jedem Wechsler loswerden. Und mit dem Landgtchen, was Ring und ich
einst mit Papiergelde kauften, mu es gegenwrtig auch wohl stehn.

O ja, rief Dame Beatrice, es liegt Pacht fr dich in Bereitschaft.
Wolltest du es verkaufen, es wrde ansehnlicher Vortheil davon --

Nein, nein, unterbrach sie Flore, wir ziehen zusammen nach Toury. Paris
ist kein Ort fr sie. Aufs geschwindeste geben sie alles auf,
versteigern ihre Mobilien, und folgen mir.

Ei nun wenns so gemeint ist, sagte die Tante mit weinerlichem Ton, wenn
du mich todt fttern willst, so geb ich die Geschfte mit Vergngen auf,
die Zeiten werden so immer schlechter, es giebt Unserer zu viel, und die
Welt ist bs, man wird auf allen Enden betrogen.

Flore trieb die Sache eilig und mit Nachdruck. Denn Paris, so hei sie
sich danach gesehnt hatte, war ihr jetzt zuwider. Da sie seine Freuden
durchaus nicht ungestrt genieen konnte. Sie besuchte die Oper, das
Boulevard, den Garten des Palais Luxemburg, in Gesellschaft der Wirthin,
doch berall fand sich bald ein ltlicher Elegant, der, sie
lorgnettirend, entweder ein bedeutendes ^Aha!^ ausrief, es gingen ein
Paar Militairs hinter ihr, und riefen ohne Umstnde: ^Voil Flore!^ oder
sie mute wohl gar derbe Scherze vernehmen. Das machte, da sie gar
nicht mehr ausging.

Sie verwandelte ihre Papiere in Geld, und that dies auf sichren Zins.
Dame Beatrice mute aufpacken, Herr Jolin, der die Tante spterhin
heirathete, setzte sich mit in den Wagen, und so gings auf Toury bei
Orleans zu, dessen Pchter, wie ein ehrlicher Mann gewaltet hatte.

Sie fand baare Summen vor, die Grundstcke waren verbessert, es mangelte
nicht an Vieh, nicht an Gerth, und Toury verhie seiner Besitzerin ein
anstndiges Auskommen.




                           Neuntes Kapitel.
                         Einsamkeit zu Toury.


Hier dachte sie nun ernst ber ihre bunte Vergangenheit nach. Die
Unruhe, das Schwanken zwischen Furcht und Hoffnung, waren von ihr
gewichen, zum Erstenmale kam das Gefhl eines gleichstimmigen, zwischen
den Extremen unbemerkt hinlaufenden Daseins ber sie. Die lndlichen
Beschftigungen in ihrer harmlosen Einfachheit, gewann sie lieb, mischte
sich, wie eine Penelope, bald unter die Winzerinnen, bald unter die
Frauen an der Spindel.

Wohl von mehr als einer Seite konnte man sie mit der fabelhaften Knigin
von Ithaka (die brigens kaum so reich war, als Flore jetzt, um wie viel
weniger, als einst Flore in Darkulla) gleichen. Denn die junge Wittwe,
(alles sagte ihren Mann todt,) mit artigem Vermgen, und einem artigen
^beau reste^ gefiel manchen ehelustigen Mnnern der Gegend. Zu Wagen, zu
Ro und zu Fue wurden ihr Aufwartungen gemacht, deren Absicht klar
genug einleuchtete, auch trafen ganz runde Anwerbungschreiben ein.

Doch sie hoffte auf Rings Zurckkunft. Warum sollte er nicht leben?
fragte sie immer. Lebendig ward er gefangen, das sagen meine
Nachrichten. Mordet der Trk nicht im Wthen der Schlacht, so lt er
hernach den Gefangenen wohl unverletzt, da er ihn als Sklave verkaufen,
oder selbst ntzen kann. Lebt Ring, so wird er, es daure so lange es
will, schon Mittel finden, sein Loos, seinen Aufenthalt, hieher kund zu
thun, und da kauft man ihn mit einer Summe los.

Darum wurden die Freier artig, doch gemessen abgewiesen. Und da zu viel
Justiz im Lande war, als da sie sich, wie jene bermthigen, die Herrn
von Gthe so gefallen[7], htten einlegen, und von der Schnen Haabe
zehren knnen, so blieb ihnen nichts, als sich artig zu entfernen; was
noch dazu in aller Stille geschah, weil Niemand gern den empfangenen
Korb wollte ruchtbar werden lassen.

[Funote 7: Siehe: Leiden des jungen Werthers.]

Doch nicht alle Freier beruhigten sich mit einem Korb; das, was sie
entbehren sollten, gewann nur einen desto anziehenderen Reiz fr sie,
und die Plane der Intrigue wurden zu Hlfe gerufen.

So gings auch hier mit einem Herrn Noiseul, der sich in Madame Ring
verliebt hatte, und nicht an der Festung Uebergabe verzweifeln wollte,
war gleich das erste Aufforderungsschreiben rund abgelehnt worden. Wir
werden im folgenden Kapitel sehn, was Herr Noiseul that.

Sonst sind der Regel nach, die Weiber in diesen Intriguen gewandter, und
wie mancher Ehemann wird nach Hymens Tempel an den Banden der Schlauheit
geleitet.

Den Leser noch mit einer Episode zu bewirthen, mag hier eine Geschichte
der Art Platz nehmen, die dazu das Verdienst der pnktlichen Wahrheit
hat.

In B*** lebte eine adliche Wittwe, noch nicht ber die Jugendfrische
hinaus, nicht ohne einnehmende Reitze, nicht ohne Vermgen. Ein
Offizier, noch jnger als sie, fand sie liebenswrdig, und da Offenheit
seine Sache war, blieben seine Gefhle ihr gar nicht verborgen. Sie fand
den Stand der Wittwe ein wenig de, und einen Lebensgesellschafter, wie
den jungen Offizier, um so erfreulicher, als ihre erste Ehe eine Art
Zwangverbindung gewesen war. Der junge Offizier besa eben keine Mittel,
doch ihre Einknfte und sein Gehalt zusammengelegt, konnten eine
Haushaltung ganz gut bestreiten; zudem war ja darauf zu zhlen, da die
Zeit seine weitere Befrderung, und mit ihr, einen ansehnlicheren
Gehalt, herbeifhren wrde. Sie sagte also dem Wstling, der dreister
Natur, ihr bald im Hause aufwartete, eben keine Hrten, und behielt ihn,
da seine Besuche gewhnlich in die Nachmittagstunden fielen, gemeinhin
zum Abendessen.

Ein solch Souper auf der Serviette hatte fr den Offizier viel
Anziehendes. Die Einladung hie immer: ohne alle Umstnde, oder ^ la
fortune du pot^, und es fanden sich denn in der That nur zwei
Schsselchen, wohl gar nur eine, aber erlesen, denn Frau von *** besa
darin recht feinen Geschmack. Ein Kapaun mit Austern, ein Fasan, eine
Gans mit Kastanien gestopft, eine sogenannte Matelotte von Karpfen und
Aal, eine Rebhuhnpastete -- ein niedlich Desert darauf, und ein
trefflich Glas Chateau Margot, von dem der selige Herr einen guten
Vorrath im Keller angehuft hatte. Und nun noch die angenehme, witzige,
piquante Unterhaltung der lieben Frau, ihr Klavier -- wars Wunder, da
Herr von *** die gewohnten Wirthshuser, ja Schauspiel und Konzert mied,
um in jenem stillen Kreise, Wonneabende zu feiern? Und er wieder, der
Gefllige, Zrtliche in jeder Art; was lie sich erwarten, als da sie
alle ihre Gesellschaftszirkel aufgeben wrde, um daheim sich weit besser
zu unterhalten.

So schwand ein froher Monat nach dem andern, und die Leutchen vergaen
ber ihr Glck, die nheren Erluterungen sowohl, wie das nicht mehr
ganz stumme Urtheil der Welt.

Er besa einen Freund, welcher von dem eben erwhnten Urtheile Einiges
vernahm. Dieser warnte: Du bist zu jung, zu unbestndig, zu
flattersinnig, als da eine Heirath dir schon zu rathen wre. Drngt die
Empfindung nicht ganz unwiderstehlich, oder ist das uere Glck nicht
besonders ausgezeichnet, so bleibt es im Soldatenstande das klgste,
ledig zu bleiben. Dann nur zieht man mit ungetrbtem Sinn, und leichtem
Muth in den Krieg. Die beiden genannten Flle sind hier wohl nicht
vorhanden, also lasse bei Zeit ab. Denke auch, was die Pflicht der
Redlichkeit dir gebietet, an die Ruhe, die Ehre der Dame. Es wre
unverzeihlich, ihr Gemth mit Hoffnungen zu nhren, die du nicht zu
erfllen denkst; es wre noch unverzeihlicher, ihr durch einen Umgang,
der zu zweideutigen Anmerkungen Gelegenheit giebt, Leumund zu bewirken,
ihr vielleicht eine anderweitige angemessene Verbindung, zu untergraben.
Vielleicht gingst du schon zu weit darin, darum hre was der Freund
erinnert. Er prft mit kaltem Blute. Oder aber, ist es dein voller Wille
zu heirathen, fhlst du einen mchtigen Zug, dem du gern der Jugend
Freiheit hinopferst -- dann --

Nein, nein, mein Guter, erwiederte jener mit gengsteter Stimme, ich
fhle, da der Ehestand mich unendlich einengen wrde, ich nicht stark
genug wre, im ganzen Umfang zu thun, zu meiden, was er gebietet -- und
-- und --

Demungeachtet bist du tglich bei Frau von ***.

Ich empfinde die Gerechtigkeit deiner Vorwrfe. Ich darf aber schwren,
da ich ihr meine Hand nicht zusagte, es war sogar, unmittelbar, noch
davon nicht die Rede -- da bin ich also nicht treulos, wenn ich
zurcktrete; die Bemerkungen des Publikums mssen aufhren, wenn ich
alle Besuche abschneide, und -- da, meine Hand -- es soll von Heute an
geschehn!

Er hielt Wort.

Wer war aber bestrzter, wie Frau von *** als der Geliebte um die
gewhnliche Zeit nicht erschien, ja auch, was sonst bei einem
eingetretenen Hindernisse pnktlich geschah, seinen Besuch nicht einmal
absagen lie!

Sie schickte nach seiner Wohnung. Er war nicht zu Hause.

Es war ein so leckrer Heringsalat mit Kalbsbraten, Neunaugen,
Braunschweiger Wurst, Oliven, rothen Rben, Mstrich, Kapern, Zwiebeln,
Aepfeln, Kartoffeln, Zitronsure, und dem fettesten Marseiller Oel
bereitet. Er nannte diese Mischung sein Lieblingsessen, und wre sonst
um einen solchen Heringsalat von einer Frstentafel weggeblieben; doch
heute -- wer begreift, wer erklrt das? -- heute kmmt er nicht.

Frau von *** wartet zwei, drei traurige Tage, sie wartet umsonst.

Eine Kartenlegerin mu kommen. Eine Kartenlegerin! rufen die Leser in
kleinen Stdten verwundert. Aber die Geschichte spielte auch in keiner
kleinen, sondern in einer groen Stadt. Da hat sich die Tradition nicht
nur durch das Zeitalter der Freigeisterei gerettet, sondern Poesie trat
in den letzten Tagen mit Mystik und Aberglauben, auch in einen sinnigen
bedeutungschweren Bund. Wie lange wird es whren, und wir sehen wieder
Astrologie. Wo giebt es erhabenere Kontemplationen als bei ihr? Wie
tragen die Verse empor:

   Das, was geheimnivoll bedeutend webt
   Und bildet in den Tiefen der Natur --
   Die Geisterleiter, die aus dieser Welt des Staubes,
   Bis in die Sternenwelt, mit tausend Sprossen
   Hinauf sich baut, an der die himmlischen
   Gewalten wirkend auf und nieder wandeln
   -- Die Kreise in den Kreisen, die sich eng
   Und enger ziehn, um die Centralische Sonne -- -- --
   Die himmlischen Gestirne machen nicht
   Blo Tag und Nacht, Frhling und Sommer. Nicht
   Dem Smann blo bezeichnen sie die Zeiten
   Der Aussaat und der Erndte. Auch des Menschen Thun
   Ist eine Aussaat von Verhngnissen
   Gestreuet in der Zukunft dunkles Land
   Den Schicksalsmchten hoffend bergeben.

Und der Kobold der Wenden, von dem immer noch eine geheime Sage, im Nord
von Deutschland, in der Lausitz, in Bhmen umtnt -- ob er gleich seit
Karl dem Groen aus der Phantasie getilgt sein soll -- rufe nur ein
mystischer Dichter, in einem hohen Trauerspiele, neue Weihe ber ihn,
und es wird bald Ton werden, an ihn zu glauben, ihn bei nchtlicher
Weile gesehn zu haben u. s. w.

Genug, die Kartenlegerin mute kommen. Natrlich wurde ihr alles
vertraut, sie hatte aber die Karte vergessen, konnte nicht zur Stelle
weissagen. Auf Morgen gelobte sie wiederzukommen und die treffende
Auskunft zu geben.

Die Zwischenzeit wurde angewandt, sich nach Herrn von *** und seinem
dermaligen Thun zu erkundigen. Die Prophetin brachte in Erfahrung, da
er viel in des Freundes Gesellschaft lebe, es schlich sogar einer ihrer
Spher den Beiden am Abend nach, und behorchte ihr Gesprch. Sie war
mehr als zulnglich unterrichtet.

Da sie sich am anderen Tage bei Frau von *** einstellte, wurde das
magische Kartenspiel ber den Theetisch gebreitet. Der Coeur Knig lag
nicht weit von Coeur Dame, er blickte sehnschtig zu ihr hin, allein der
Pik Valet stand zwischen beiden. Aha Madam, das ist der falsche Feind,
dieser bringt das Unheil, dieser macht abwendig.

O das ist der verwnschte N. N., rief die Dame, schon hab ich das
geargwohnt, der Mensch hat auch die maliziseste verworfenste
Physiognomie, die es nur auf dem Erdboden giebt. Die Kartenlegerin
empfing ein Goldstck, und entfernte sich mit vielen Hflichkeiten.

Nun wute die gute Frau etwas, wute sogar Wahrheit, doch wohin fhrte
sie das? An Planen war sie eben nicht reich. Ihr fiel bei, da die
Person, der die Wahrheit sich entschleierte, auch wohl die Wege zum
menschlichen Herzen kennen mgte, und die Kartenlegerin wurde abermals
berufen. Da sie freudig erschien, kann man denken, denn nicht alle Tage
fanden sich Kundschaften, wo mit Goldstcken honorirt wurde.

Eine groe Selbstvergessenheit von der Dame allerdings, dies Vertrauen,
ja in seiner ganzen Ausdehnung, nicht einmal mit ihrer Leidenschaft zu
entschuldigen.

Bald darnach empfngt der Offizier ein Billet von der Dame, worin sie
mit einem gewissen schneidenden Schmerz meldet, -- sie befinde sich in
andern Umstnden.

Mit Entsetzen luft dieser zu dem Freunde, ihm das Geheimni
mitzutheilen. Ah -- ruft der Freund -- standest du so mit der Frau von
***

Nein -- Ja -- aber --

Jetzt kann ich weiter nicht rathen. Ich verweise dich an dein Gefhl. --

Unruhe, Gewissen machten, da Herr von *** nun schnell zur alten
Geliebten eilte. Sie bedurfte Trost, fragte: sind sie ein Mann von Ehre?
Und sie zweifeln? hie die Antwort, in welcher ihr Trost lag.

Das vorige Leben. Nur Erinnerungen, klare, von ihrer Seite, bald
Anstalten wegen der Heirath zu treffen.

Er ging zu seinem General. Dieser schttelte den Kopf. Ei, ei, in ihren
Jahren schon? Das ist zu frh. Es ist eine Aufwallung, kein reif
berdachter Entschlu. Besinnen sie sich ein halbes Jahr, und kommen
dann wieder. Ich rede mit Niemand davon.

Der junge Mensch berichtete dies der Dame, die auch eben dem General
nicht gewogen ward. Doch mute man sich fgen.

Jener fragte: wann sie meinte, da ihre Entbindung nahen wrde? Etwa
nach sechs Monaten, versetzte sie. -- Heimlichkeit ist dann
nothwendig!

Die Zeit verstrich, und der Offizier wunderte sich bisweilen, nicht zu
bemerken, was ihm angezeigt worden war, er whnte noch weiter hinaus,
wurde demungeachtet eines Morgens ganz unerwartet mit einem Briefchen
berrascht, worin Frau von *** meldete: Ein klein lieblich Wesen erwarte
seine Ksse.

Er eilt hin. Wie, in voriger Nacht? -- Ja! -- Wer dachte daran? --
Es bereilte mich.

Die schne Frau lag im geschmackvollen Nachtanzug da -- wenig
mitgenommen -- und reichte ihm einen jungen Sohn, dem er allerdings
liebkoste.

Frau von *** sagte mit schwacher Stimme: Er soll in der Stille aufs
Land. Und sie mein Herr, werden nun doch Ernst machen, die von dem
grmlichen General bestimmte Zeit, ist um, in dieser Angelegenheit haben
sie zu entscheiden. Uebel genug, da ich sie mahnen, an ihr Kind mahnen
mu.

Nein, nein, das darfst du nicht, entgegnete er lebhaft. Heute setze ich
alles ins Werk.

Zufllig befand sich der General auf der Jagd, wurde nach einigen Tagen
erst zurck erwartet. Unterdessen erfuhr der Freund, dem nichts
verschwiegen blieb, die Lage der Dinge und diesem kam so manches darin
bedenklich vor.

Er hatte einen Diener, der zum Aussphen von Heimlichkeiten trefflich zu
brauchen war. Dieser erhielt den Auftrag, genau zu beobachten, was in
der Wohnung der Frau von *** vorginge. Er fing das richtig an, und
hinterbrachte dem Herrn: ein altes Weib, das sich von Kartenlegen nhre,
kme des Abends, und hielt sich lange dort auf. Gut, sprach der Herr,
beobachte mir auch einen Tag lang alle Gnge des Weibes. Der Diener
stellte sich vor ihre erforschte Wohnung, und folgte von fern, wie sie
aus dem Hause trat. Unter andern ging sie nach dem groen Hospitale, wo
auch arme Mdchen entbunden werden. Nun kostete es ein Trinkgeld, dort
von den Krankenwrtern zu erfahren, zu wem die Alte kme? Man nannte ein
vor einigen Tagen entbundenes Mdchen.

Auf diese Nachricht, lie der Freund es sich nun nicht verdrieen,
selbst nach dem Hospitale, zu dem Bette der Wchnerin zu gehn.

Wo ist ihr Kind?

Die Person stockte.

Ohne Umstnde, sage sie mirs, hier ist ein Thaler, es erfhrt Niemand
von mir.

Das arme Geschpf wollte erst Ausflchte suchen, da diese aber nicht
galten, so vertraute sie: Ich bekomme zwanzig Thaler, und mu mir dafr
gefallen lassen, da eine alte Frau tglich mein Kind auf einige Stunden
abholt. Wohin, wei ich nicht, doch ist es gewi in guten Hnden, wird
mir immer richtig zurckgebracht, und von Morgen an, soll es auch ein
Ende damit haben.

Der Freund hatte genug, und begab sich zu Herrn von ***. Wie gehts mit
deiner Angelegenheit?

Schlimm und gut, wie du willst. Ich besitze einen allerliebsten Jungen.
Morgen kmmt er aufs Land. Wie der General zurck ist, geht es vorwrts
mit meiner Heirath, wie kann ich nun anders?

Ich wage eine Prophezeihung. Bald nach der Heirath wird das Kind auf dem
Lande gestorben sein. Du siehst es nicht wieder.

Wie kmmst du darauf?

Beschwren wrde ich das, so gewi bin ich meiner Sache.

Das klingt ja sehr rthselhaft.

Du siehst das Kind nicht wieder, doch hrme dich nur nicht, es war nicht
das deinige.

Wie!

Ein armer Bastard aus dem Hospital. Gemiethet, dich zu fesseln. Freundes
Pflicht mute dir das bekannt machen. --

Es versteht sich, da nun aus der Heirath nichts wurde. Und zu beider
Theile Glck, sie paten nicht fr Einander.




                           Zehntes Kapitel.
                       Herrn Noiseuls Intrigue.


Herr Noiseul hatte Ring in Paris gekannt, und einige Geschfte mit ihm
gepflogen. Das wute Flore aber nicht. Er meinte: Nie wird Ring
heimkehren, vermuthlich starb er aus Mangel und Noth in der
Gefangenschaft, sonst wre wohl ein Brief von ihm da.

Er machte ein Frauenzimmer in Paris ausfindig, eine Griechin aus
Konstantinopel gebrtig, der trkischen Sprache vollkommen gewachsen.
Sie war mit dem Bedienten eines franzsischen Gesandten bei der Pforte,
nach Frankreich gekommen, und lebte jetzt in Mangel. Er beredete sie
leicht, eine Rolle in seiner Komdie zu bernehmen, und listigen
Gemthes war sie denn auch vollkommen dazu geeignet.

Diese Griechin kam eines Tages in morgenlndischen Kleidern und mit
einigem Reisegepck zu Toury an, und lie sich bei Floren melden. Diese
empfing sie desto verwunderter, als die Fremde vor lauter Thrnen nicht
zur Anrede kommen konnte. Endlich wurde sie Meisterin ihrer Worte, und
verkndigte Floren, sie kme aus Bagdad, wo Ring in der Sklaverei
verstorben wre.

Flore erschrack aufs heftigste, sank zurck in ihren Stuhl, und konnte
nur nach einer Minute kalter Erstarrung, in Thrnen ausbrechen. Dann
rief sie: Auf so eine Nachricht mute ich freilich gefat sein, doch
aber bermannt sie mich. Nenne mir die nheren Umstnde seines Todes,
Unbekannte! Wie kmmst du so weit hieher? La mich alles hren!

Nun fuhr die Griechin fort: Ich war Rings Weib. Er bedurfte einer
Gehlfin in der Sklaverei, erst auf dem Todtenbette vertraute er mir,
wie er schon in Frankreich sich verheirathet habe, doch meine Noth
bedenkend, sagte er: Gehe nach Paris, vielleicht findest du meine Flore
dort; sie wird einsehn, da ich nicht Unrecht hatte, auf immer von ihr
getrennt, mich wieder zu verbinden, und so gut meine Flore ist, wirst du
auch Unterhalt bei ihr finden. -- Von Paris wie man mich hieher.

Flore, die erst ungemessen geweint hatte, trocknete whrend dieser
Erzhlung, eine Thrne nach der andern, und bald bedurfte sie keines
Tuches mehr. Denn die beleidigte Weiblichkeit gerieth mit dem Gram in
Wechselwirkung.

Die Griechin vollendete ihr Mhrchen durch Aufzhlung vieler
Nebenumstnde, die Ring ganz richtig bezeichneten, ja, sie hatte ein
Briefchen, mit Zittern auf dem Krankenlager hingeschrieben, -- es schien
Rings Hand.

Flore blickte nur oben drberhin, gab wenig mehr auf die Rede, und
dachte immer vor sich: Und ich, ich, auch so weit entfernt, ohne
Hoffnung ihn je wieder zu sehn, ich heirathete doch nicht. Zwar sprach
eine Stimme aus dem Innern dagegen: Es htte doch leicht dahin kommen
knnen, sie wurde berhrt.

Bald ging Flore mit hastigen Schritten im Zimmer umher, bald warf sie
sich weinend auf den Divan, bald traf ein Blick flchtiger Verachtung
die Fremde.

Endlich bermannte es sie, eine Krankheit mehrerer Tage war die Folge,
whrend welcher Zeit Dame Beatrice die Griechin in einem Hinterzimmer
verpflegte, und sie nicht vor Floren lie.

Herr Noiseul, in der Nachbarschaft wohnend, hatte denn von der Krankheit
gehrt, kam, nahm Theil, lie sich fast stndlich erkundigen.

Als Flore wieder hergestellt war, erklrte sie sich bereit, der Griechin
ein klein Jahrgeld auszuwerfen, doch sollte sie zu Paris ihre Wohnung
nehmen.

Eine Zeitlang erschien Herr Noiseul wieder nicht. Beide Nachrichten
sollten erst tief genug eingreifen, und er berechnete menschenkundig
genug, da die, von einer anderweitigen Heirath Rings, seinen Vortheil
noch mehr frdern msse, wie jene von seinem Tode.

Oft dachte er zwar: Wie aber, wenn der Mann noch lebte? Doch war er so
leichtsinnig, als unternehmend, und endete: Kmmt Zeit, kmmt Rath!

Nach sechs bis acht Wochen erneute er seine Besuche zu Toury, wurde
weniger khl empfangen, machte der Tante Geschenke, und erfuhr schon von
dieser im Geheim: Madame Ring htte gesagt: Herr Noiseul sei ein ganz
feiner Mann.




                           Letztes Kapitel.
                               Schlu.


An einem trben Herbstnachmittag sa man zu Toury am Kaminfeuer. Es
strmte drauen, die falben Bltter der Linden vor dem Hause fielen ab,
der Regen trufte an den Fenstern nieder.

Dame Beatrice, indem sie ihren Thee schlrfte, hub an: der Winter naht,
wohl dem, der nicht einsam am traulichen Caminfeuer sitzt. -- Im Sommer
fhlt sich das Bedrfni der Geselligkeit weniger, als an den langen
Winterabenden --

Sie wollte nun, nach und nach, auf die Empfehlung der Ehe kommen, denn
ihr Plan war entworfen.

Flore sahe stumm ber den Theebecher hin.

Da bellten drauen die Hunde, und ein Mann in fremder Kleidung kam ber
den Hof. Dame Beatrice eilte ans Fenster, Flore blieb an ihrem Platz,
Herr Jolin ging hinaus, Erkundigung einzuziehn.

Bald kam er zurck. Ein Mann im Turban und trkischen Pelz, mit einem
langen Bart, verlangt Madame Ring zu sprechen.

Was ist das wieder? rief Flore verdrielich, er komme.

Furchtbar anzuschauen, trat der Ankmmling ins Zimmer. In gebrochenem
Franzsischen sagte er: Ich komme aus dem fremden Morgenlande, und habe
Botschaft von dem Christen Ring an sie.

Ring ist todt! schrie Flore.

Nein, nein, das ist er nicht, war des Trken Antwort.

So bin ich betrogen worden. Die Griechin, die er heirathete, meldete es
mir!

Wie wrde er heirathen! Lge! Er lebt, doch in harter Gefangenschaft.

Aber mein Himmel! warum werd ich denn so schrecklich, so schndlich
hintergangen? Gottes Seegen ber dich, Muselmann, wenn du wahr redest!
Aber bist du nicht auch ein Betrger? Rede mir etwas in trkischer
Sprache, ich verstehe sie ein wenig.

Es geschah.

Du bist beglaubigt. Wo lebt Ring?

In Smyrna!

Erst hie es in Bagdad. Wie ist er loszukaufen? Wohin mu das Geld?
Welche Summe ist erforderlich?

Sein Herr fordert viel. Hunderttausend Franken.

Gern, gern! Was ich besitze, kmmt von ihm, ist sein! O, wenn ich fr
diesen Preis ihn wiedershe!

Hunderttausend Franken! seufzte die Tante.

Gewaltig viel, setzte Jolin hinzu.

Flore merkte nicht darauf. Ich eile nach Paris, rief sie, zum Gesandten
der Pforte, auf der Stelle -- aber kannst du nichts Schriftliches
vorzeigen, Muselmann?

O ja, entgegnete dieser. Er wollte ein Papier herausnehmen, schlug den
Pelz auseinander. Bei dieser Gelegenheit wurde sichtbar, da ihm ein Arm
fehlte. Flore sank bei dem Anblick auf den Divan.

Dir fehlt ein Arm? --

So bin ich erkannt!

Weg flogen Turban und falscher Bart. Und du wolltest Hunderttausend
Franken erlegen? Hier hast du mich umsonst.

Man kann hier unmglich wieder erzhlen, was in dem Buche[8], wozu das
gegenwrtige ein Seitenstck ist, bereits gedruckt steht. Dort findet
man, wie der einarmige Ring, nachdem er bei St. Jean d'Acre gefangen
worden, eine gute Zeit als Sklave zugebracht, aber des krperlichen
Mangels wegen, eben nicht geachtet ward, wie er frei wurde, nach
Constantinopel, nach Polen kam, und endlich seine Reise nach Frankreich
antreten konnte.

[Funote 8: Ignaz von Jalonsky, oder die Liebenden in der Tiefe der
Weichsel. Eine wahre Geschichte aus den Zeiten der Polnischen,
Franzsischen und Negerrevolution in St. Domingo, erzhlt von Julius von
Vo. Berlin bei J. W. Schmidt. 8. 2 Theile. 1806.]

Nun hatte ihn Flore, er Floren wieder! Sie waren am Ende aller
Abentheurerei. Wohlstand und Ruhe winkten ihnen eine freundliche Zukunft
entgegen.

Dame Beatrice gestand ihre Vermuthung: Herr Noiseul habe jenen Zuspruch
der Griechin veranlat. Sie weinte heftig darber.

Ring, hchst emprt, wollte Herrn Noiseul auf Pistolen vorladen, das
Frauenzimmer sollte gerichtlich verfolgt werden.

Allein in all der Wonne der neuen Vereinigung besann man sich eines
Andern, beschlo nun der Ruhe und Liebe zu leben, und Herr Noiseul
empfing blos eine hfliche Anzeige der Heimkehr. Weisung genug fr ihn,
Toury nicht wieder zu betreten.

Es ist nichts mehr zu sagen brig.

                                Ende.




                          Letzter Potpourri.


                                 Die
                             Tapetenwand,
                      ein superfeines Lustspiel
                                 nach
                           Duchrest Genlis.

                              Personen.

   Die Marquise.
   Die Grfin.
   Der Chevalier.
   Sophie, der Grfin Nichte.
   Dpr, ihr Kammerdiener.

             Szene: Paris. Das Theater ein kleiner Saal.




                             Erste Szene.


                           Marquise. Dupr.

_Dupr._ Wrs gefllig hier zu verziehn --

_Marquise._ Wie, Dupr, gehrt dies Zimmer nicht der Grfin?

_Dupr._ Ihrer Nichte, und Madame bittet --

_Marquise._ Nach sechs Monaten erwarte ich kaum den Augenblick sie
wiederzusehn. Sie theilt meine Ungeduld eben nicht.

_Dupr._ Sie verkennen die Grfin. O sie hat Ihnen so viel zu sagen.
Doch heute Abend giebt sie Gesellschaft, vierzig Fremde umringen sie,
wie es nur mglich ist abzukommen, erscheint sie hier sogleich --
einstweilen hab ich die Vollmacht, sie in die Intrigue zu weihen, die
eben vorbereitet wird -- wenn Madame es nmlich wnschen.

_Marquise._ Welche Intrigue?

_Dupr._ Sie ist neu, zartgesponnen, einzig!

_Marquise._ Ei ei!

_Dupr._ So viel Sinn wie Laune darin.

_Marquise._ Zur Sache.

_Dupr._ Denken sie an keine Alltglichkeiten. Spannen sie immer die
Erwartung.

_Marquise._ (setzt sich.) Ich nehme Platz. Dupr, wie ich mich entsinne,
ist nicht ohne Verstand, nicht ohne guten Vortrag, aber ohne lakonische
Krze.

_Dupr._ Wie sie befehlen. Ich fange mit einem Gemlde der Grfin an.

_Marquise._ Funfzehn Jahr bin ich ihre Freundin.

_Dupr._ Ah -- ich siebzehn Jahr ihr Kammerdiener, ich wage zu behaupten
-- Siegelbewahrer ihrer Geheimnisse -- das dringt weiter, wie die
Freundschaft. Auch ist mir eine treue Zeichnung gestattet, denn nur
holde Zge vermag ich darzustellen. Sie ist so gut, es wird so leicht
ihr zu gehorchen -- o mit diesem edelmthigen Sinn, dieser chten Wrde,
der noch kein Leumund zu nahen wagte -- diesen Talenten, dieser
Schnheit -- es stnde nur bei ihr, die vier oder fnfunddreiig Jahre
zu verlugnen, denn wer sie sieht, glaubte wohl daran --

_Marquise._ Vier oder fnfunddreiig -- wirklich schon?

_Dupr._ Ja ja! -- da waren sie bereits nicht genau unterrichtet. Einen
Fehler aber, einen hat die Grfin -- den Frohsinn!

_Marquise._ Grade dadurch erscheint sie so liebenswrdig, ihre
Unterhaltung empfngt so viel Wrze --

_Dupr._ Zu viel Madame, zu viel! Mit Kummer habe ich es oft gesagt. Sie
giebt dem Frohsinn, dem gesellschaftlichen Vergngen, zu freien
Spielraum, darum wird so manche kleine Unbesonnenheit ihr Vorwurf. Der
verstorbne Graf war unertrglich. Sie hinterging ihn nicht nein, aber
sie hatte ihn zum Besten, immer Miverstndnisse, Entzweiung. Nun immer
noch dieselbe. Kmmt es darauf an, jemand in Verlegenheit zu bringen --
o wenn sie nur lachen kann; sie spielt mit fremder Ruhe, ihr Witz
verwundet; ein Leichtsinn dazu, als zhlte sie funfzehn Jahre. Es ist
furchtbar!

_Marquise._ Furchtbar, der richtige Ausdruck -- doch zur Sache --

_Dupr._ Eine kleine Geduld, ich mu noch zwei andere Gemlde --

_Marquise._ Aber --

_Dupr._ Von Personen, welche sie nie sahen. Der Chevalier von Blanc.
--

_Marquise._ Wohl kenn ich ihn.

_Dupr._ Empfing ihn die Grfin --

_Marquise._ Zwei oder drei Monat vor meiner Abreise.

_Dupr._ Achtundzwanzig Jahr, den Ruf eines Wildfangs. Madame wollte
erst keine jungen Leute bei sich sehn, doch sie traf sich irgendwo mit
ihm, fand ihn drollig, lachte, er hatte Eingang. Da spielt er nun
Sprchworte, macht den Erzhler, den Dilettanten der Musik, den --
Verliebten. Madame lacht, sie lacht, aber ich wiederhole ihr mein: _zu
viel Frohsinn_! -- Doch hat sie eine Schwester in der Provinz.

_Marquise._ Und diese eine verheirathete Tochter --

_Dupr._ Sophie -- nach einem Jahre wurde sie Wittwe, und verlor bald
darauf auch ihre Mutter --

_Marquise._ Das alles wei ich, die junge Person ist ohne Vermgen.

_Dupr._ Die Grfin denkt sie an Kindesstatt zu nehmen -- nun, es ist
ihre Nichte, seit vier Monaten bewohnt sie dies Zimmer.

_Marquise._ Sie ist schn?

_Dupr._ Ein Engel! Eine Form, eine Blthe, eine Harmonie der Bewegung,
Madame -- und siebzehn Jahr! Wie sie nun ankam, gings an ein Entwickeln,
Bilden, Verfeinern; Ballettnzer, Opernsnger als Lehrer; dann
Toiletten, Schmuck, Federn; kurz der Grfin Puppe. Die Kleine schreitet
zum Verwundern fort, so hold, so liebenswrdig -- _Frohsinn_ wird man
eben an ihr nicht inne, aber _Gefhl_, _Gefhl_! -- Madame wollte sie
wieder vermhlen, ausstatten --

_Marquise._ Daran erkenn ich ihre Gte.

_Dupr._ Aber das kleine Herz traf eine Wahl, ganz fr sich, ohne mit
Jemand zu berathen. Wir hatten ihr einen Mann gesucht -- vertraulich,
nicht flatterhaft, an Jahren reif -- nein, nein, nein, nein! sie mgte.
--

_Marquise._ Den Chevalier?

_Dupr._ Ja wohl!

_Marquise._ Und er --

_Dupr._ Ich gebe mein Wort, bis zum Wahnsinn! Aber diesem Ritter gngt
nicht _ein_ Roman, der Tempel seiner Phantasie ist weit genug, um die
Altre von mehr als einer Geliebten darin zu erbauen. Immer die
zrtliche, bald schmachtende, bald ungestme, Aufmerksamkeit fr Madame.
Die Leidenschaft fr die Nichte, hebt den Geschmack fr die Tante nicht
auf.

_Marquise._ Das ist ja ganz -- und was hofft er?

_Dupr._ Wohnt in solchen Kpfen Urtheil? Madame unterhlt, ergtzt,
entzckt ihn, Sophie rhrt ihn sanft, still, tief, innig; abwechselnd
kostet er die Wonne der verschiedenen Eindrcke. Uebrigens bringt er
sich in keinen zu bescheidenen Anschlag. Er glaubt an eine heftige
Empfindung bei Madame. Einmal schmeichelt sie, dann gebhrt ihr
Schonung. Die Grfin darf das Gefhl fr Sophien nicht entdecken. Das
Geheimni wird ihr sorgsam verschleiert; die Zeit, hofft er, wird den
Augenblick herbeifhren, wo man es ohne Gefahr entdecken kann. Bis dahin
liebt er, wird geliebt, freut sich der Wonne zu gefallen, der erobernden
Triumphe, ktzelt sein Selbstgefhl durch das Bewutsein einer feinen
Schlauheit.

_Marquise._ Ahnt die Grfin? --

_Dupr._ Sie _wei_, von mir. Hier ist die Geschichte: Der Chevalier
ward gegen mich artig, verbindlich -- _Mein lieber, mein guter Dupr_ --
Bisweilen ein klein Geschenk. Ah, ein Plan! dacht ich. Madame lachte gar
sehr, glaubte Bezug auf sich, gebot, ich sollte dem Ritter mein Ohr
leihen. Ich bereite ihm Gelegenheit -- aufmunternde Winke -- er vertraut
mir -- vertraut mir -- die Liebe zu Sophien.

_Marquise._ Und wozu?

_Dupr._ Sie erriethen es kaum. Sehn sie diese falsche Thr?

_Marquise._ Nun?

_Dupr._ Diese Tapetenwand trennt den Saal von einer Kammer, die an mein
Zimmer stt. Der Saal gehrt Sophien. Sie wollte den Chevalier nicht
bei sich sehn, man verbarg der Tante -- dann der Ton -- endlich ward man
Eins, nach dem Souper sich durch die Tapeten zu unterhalten, Sophie im
Saal, der Liebhaber in jener Kammer, die brigens keine Verbindung mit
diesem Saale hat -- unverletzt ist die Tapete -- eine Hoftreppe fhrt
dort hinein.

_Marquise._ Hm --

_Dupr._ Der Chevalier bot mir dreiig Louisd'or, und beschwor mich, ihm
das Kabinet von Zeit zu Zeit einzurumen. Ich nahm vierundzwanzig
Stunden Bedenkzeit, und meldete Alles Madame.

_Marquise._ Sie erschrack!

_Dupr._ Heftig, heftig! Diesmal war ihr _Frohsinn_ nicht anzuklagen.
Sie lachte einen Augenblick darnach -- aufrichtig, es war Grimasse. O es
drang ein, tief ein. Bei dem allen befahl sie mir, die Goldstcke zu
nehmen, mein Kabinet zu rumen und ja ber ihr Mitwissen zu schweigen.
Ich gehorchte. Unsre Verliebten sprachen sich auf diese Weise nun acht
oder zehnmal in sechs Wochen. Und Madame -- hochherzig -- bekmpfte,
beherrschte sich muthig wenn sie wollen -- beschlo ihre Nichte dem
Chevalier zu geben; nur will sie das Paar zuvor zwei oder drei Stunden
durch Unruhe peinigen, Rache ben, an des Chevaliers Larve, Sophiens
Verstellung.

_Marquise._ Und wie?

_Dupr._ Sophie, ohnehin der Tante flchtig hnlich, besitzt ein
Sprachorgan, so bereinstimmend mit dem der Grfin, da es fast
unmglich wird, durch den gleichen Ton der Rede nicht hintergangen zu
werden. Wir Hausgenossen erfahren das alle Tage.

_Marquise._ Schon errathe ich. Die Grfin denkt Sophiens Platz
einzunehmen --

_Dupr._ Unsre Intrigue! Die Ausfhrung naht schon. Der Chevalier kmmt
diesen Abend ins Kabinet, Madame unterhlt sich in Sophiens Namen.

_Marquise._ Lustig, neu -- aber ich besorge manches. Der Chevalier,
indem er Sophien vermuthet, kann ber die Grfin in den Tag
hineinschwatzen.

_Dupr._ Wohl mglich, doch Madame lacht mit so viel Geist, verzeiht mit
so viel Schonung, und die Empfindlichkeit, nur eine Minute in ihrem
Gemthe, flieht. Jetzt heiter, erlustigt sie das alles, statt sie zu
entrsten; auf vollkommne Nachsicht wenigstens, schwre ich. Doch man
kmmt, sie wird es sein --

_Marquise._ Ihre Stimme --

_Dupr._ Ob es auch wohl Sophie ist? -- Nein Madame! -- Hier!




                            Zweite Szene.


                           Grfin. Vorige.

_Grfin._ Wo? -- Ah! (umarmt die Marquise.) wie glcklich bin ich!

_Marquise._ Wissen sie, da ich eine Stunde warte?

_Grfin._ Mein Gott, ich stand auf Dornen. Die vielen Menschen -- es
endete gar nicht. -- Denken sie, wir verlassen die Tafel -- Da ich sie
doch nher sehe -- Ihr Gesicht ist wirklich sehr interessant -- ich bin
hager geworden, nicht wahr? -- Dupr! Gestatten sies, Liebe, da ich
meine Befehle gebe? -- Dupr, sie wissen ihre Rolle --

_Dupr._ Der Chevalier tritt, wie gewhnlich, in mein Cabinet, ich melde
ihm, die gndige Frau Nichte wird im Saal --

_Grfin._ Vergessen sie das Gerusch nicht, da wir sie hren. (zur
Marquise.) Sie lachen, sind unterrichtet --

_Marquise._ Doch ihre Stimme! Der Liebhaber Ohr ist scharf.

_Grfin._ Sie glauben nicht, welche Aehnlichkeit -- auch werde ich den
kindlichen Ton wohl nachahmen. Zudem sind noch Bretter hinter den
Tapeten. Man mu etwas rufen. Das verstellt -- nicht wahr, ein drolliger
Schwank? Dupr, wie viel an der Uhr?

_Dupr._ Ein Viertel auf Zwlf. Um Mitternacht trifft der Chevalier ein.

_Grfin._ Gut, verlassen sie uns! Welch Zeichen denken sie zu geben,
wenn er kmmt?

_Dupr._ Ich huste.

_Grfin._ O das hrt man nicht. Sagten sie nicht selbst, ein Gesprch im
natrlichen Ton, wre an der Gegenseite nicht zu verstehn?

_Dupr._ Man vernimmt nur ein leises Murmeln, die Worte unterscheiden
sich nicht. Aber ich huste gewi krftig --

_Grfin._ Nein, nein! Stellen sie einen schweren, dichtgepolsterten,
groen Armstuhl hinter die Thr, den sie beim Oeffnen umwerfen.

_Dupr._ Madame, ich habe in dem Kabinet nur einen kleinen geflochtenen
Rohrsessel, ohne Lehne, er wird nicht viel schwerer wie eine Feder
fallen, es reicht nicht an den Husten --

_Marquise._ Dies Husten liegt ihm sehr am Herzen.

_Grfin._ Gemeinhin fllt er um diese Stunde in Unbeholfenheit.

_Dupr._ Freilich naht mir der Schlummer ein wenig, und unterdrckt die
Geisteskraft. Aber wenn Madame, wie ich, um sechs Uhr aufstnden --

_Grfin._ Eilen sie sich aufzumuntern -- einen Polsterstuhl aus meinem
Zimmer gebracht -- Eilen sie!

_Dupr._ (ab.)




                            Dritte Szene.


                          Grfin. Marquise.

_Marquise._ Aber was machten sie mit Sophien?

_Grfin._ Strme, Strme regt ich auf in ihrem Busen. Nach der Tafel
zhlt sie auf ihr Stelldichein, doch wink ich nun, ziehe sie in mein
Kabinet, sage: Sophie, sie vertreten mich diesen Abend, nehmen mein
Spiel, eine dringende Angelegenheit kann mich wohl bis zwei Uhr am
Morgen entfernt halten. --

_Marquise._ Die arme Kleine! O die arme Kleine!

_Grfin._ Von der Umwandlung ihrer Zge entwerfen sie umsonst ein Bild.
Roth, bleich, Zittern, Wanken, unerhrt! Ich schien gar nicht zu
beobachten, nahm wieder das Wort: Vor zwei oder drei Stunden, empfing
ich ein Billet, das mich bestimmte, in eine heimliche Unterredung zu
willigen. Meine Zimmer sind angefllt, ich frchte die Neugier, und will
die andere Person in ihren kleinen Saal bestellen. Hier fiel die
unglckliche Sophie in eine tdtliche Erstarrung, kaum athmete sie noch
-- ich, bescheidne Verlegenheit heuchelnd, fahre fort: Hren sie alles
Sophie! Der, den ich erwarte, ist der Chevalier von Blanc. -- Bei
diesem Namen glaubte ich, sie wrde ohnmchtig niederfallen, doch
berwand sie den Schrecken, die Bewegung. Sie sitzt beim Wist --

_Marquise._ Harte Tirannin! -- Arme Sophie!

_Grfin._ Bedauern sie sie nur. Unten warten zwei Notare, die ihren
Heirathsvertrag aufsetzen, ich lasse ihr verschreiben, was sie meinem
Wunsche begegnend, empfangen htte. Ich behalte die Beiden, sie mgen
hier wohnen, meine Kinder sein: schelten sie doch die harte Tirannin!

_Marquise._ Nein, nein, sie sind gtig, duldend, hochherzig, die nahe
rasche Entwicklung tilgt mein Mitleid, und wahr bleibt es, Sophie htte
ihnen entdecken sollen --

_Grfin._ Ja wohl, doch ich entschuldige sie. Der Chevalier band ihr
auf, ich fhle Liebe fr ihn, nur die Zeit wrde mich heilen, mir Kraft
zum Aufopfern geben. Sophie fhlend, romanhaft, glaubte. Der Geliebte
leitete sie, demungeachtet verbirgt ihre Unbefangenheit sich so wenig
gewandt, da es nur meinen Willen gegolten htte, und das Geheimni war
mein. Der Vorwurf meiner Rache ist _er_, mit seiner Falschheit, dem
strflichen unbedachtsamen, platten Leichtsinn. Ihm gilt es!

_Marquise._ Meinen sie aber, er knne mit dieser Denkart ihre Nichte
beglcken?

_Grfin._ Sie ist Wittwe, Herrin ber sich, whlte allein; brigens hat
er freilich tausend Gebrechen, doch zum Erstenmale liebt er wahr, er
betet Sophien ja an. Und er ist doch auch wacker, von achtbaren
Eigenschaften, Name, Vermgen -- billigt die gesunde Vernunft Sophiens
Wahl nicht unbedingt, was kann sie viel einwenden?

_Marquise._ Welche Pein sie ihm bereiten; doch die Erscheinung der
Notare gleicht alles aus.

_Grfin._ So? Ah sie kennen ihn wenig. Das Lustige ist, er kmmt nicht
mehr davon, mu den Heirathsvertrag zeichnen, diesen Abend, mu entzckt
sein, vom Himmel, vom Gttlichen reden -- und er fhlt dennoch nicht die
mindeste Neigung zu einer so frhen Ehe.

_Marquise._ Ah --

_Grfin._ Ein Herz ohne Tadel, doch ein Sinn fr Freiheit -- sie kennen
das alles noch nicht. Wie er es jetzt treibt, trieb er es gern noch
lange. Ihn entzckt das Umhergaukeln, wohl denkt er Sophien einmal zu
heirathen, aber das drngt, das pret ihn noch wenig. Erst noch Roman
auf Roman. Bisher kannte er nur die Genugthuung, zu gefallen; die
hhere, geliebt zu sein, beugte die ppige Eitelkeit noch keineswegs
nieder, alle Frauen die ihm liebenswerth erscheinen, zu unterwerfen. Und
das gelingt ihm besonders durch eine ungemeine Geschmeidigkeit der
Phantasie, die ihn alle Eindrcke auf das lebendigste in sich aufnehmen
lt. Andere Mnner ergreifen den _Schein_, er darf nicht heucheln, sein
leichter Flug der Begeisterung giebt die Wahrheit selbst; er glaubt
selbst an seine Eide; so betrgt er ohne zu hintergehn, ist ohne
Treulosigkeit wankelmthig.

_Marquise._ Sophie, ich beklage dich!

_Grfin._ Immer wird er zu Sophien wiederkehren. Dies ist alles, was sie
ber ihre Nebenbuhlerinnen erhebt. Aber ist es wenig? Die Mnner -- wer
von ihnen schlge keine Nebenwege ein?

_Marquise._ Der Vicomte von Verteuil. Ihn nehmen sie aus. Innig glhte
er fr sie.

_Grfin._ Htte ich die Flamme genhrt, lange wre sie erloschen.

_Marquise._ O er fhlt noch --

_Grfin._ Freundschaft!

_Marquise._ Sehn sie ihn?

_Grfin._ Hin und wieder, und ich treibe dann den Scherz, Blancs
Eifersucht zu wecken.

_Marquise._ Dieser zeigt ihnen also immer Liebe?

_Grfin._ Meidet Sophie das Zimmer, allerdings! Glauben sie, seitdem mir
sein Geheimni offenbar wurde, treib ich viel Scherz --

_Marquise._ Aber zuvor meine Freundin -- viel Ernst?

_Grfin._ Sie glaubten --

_Marquise._ (lachend.) Nun --

_Grfin._ Solche Schwche von mir?

_Marquise._ Offen! Aus der Menge, die ihnen zu gefallen strebte -- hatte
der Chevalier vielleicht die gltigsten Ansprche.

_Grfin._ O mein Gott! Er hat Verstand, Grazie! -- Zehn Jahre frher,
drft ich vielleicht -- nein, nein, nein, den Staarkopf htte ich
geflohn -- kalte Verstndigkeit will ich, strengen Sinn --

_Marquise._ Die hat der Vicomte, dazu manche Anmuth.

_Grfin._ Der Gestalt -- ja er -- las, fhlt richtig, doch werden sie
eingestehn.

_Marquise._ Gestehen sie auch, da die Starrkpfe oft desto anziehender
sind.

_Grfin._ Pst -- mir deuchtet --

_Marquise._ Ja ja -- man steigt die Treppe herauf.

_Grfin._ Die Thr ... Ah der Stuhl fllt. Das ist er, kein Zweifel.
Gehn sie theure Freundin!

_Marquise._ O noch einen Augenblick lassen sie mich hier.

_Grfin._ Still, still! -- lassen sie uns hren. -- Man redet. Duprs
Stimme. (Sie horcht) Immer Dupr. (sehr laut) Sie sind doch allein? --
(zur Marquise) Ja er ist allein. Nur eine Probe mit dem Lehnstuhl. (Sie
horcht) Ja -- aber verstehn sie mich auch? (zur Marquise) Noch lauter.
-- Guter Gott, wie stark mu man rufen --

_Marquise._ Diese Art der Unterhaltung strengt an.

_Grfin._ Nun werd ich inne, warum Sophie seit sechs Wochen heiser ist.




                            Vierte Szene.


                            Dupr. Vorige.

_Dupr._ Nun Madame, sie hrten den Fall?

_Grfin._ Deutlich, und vernahmen sie genau, was ich sprach?

_Dupr._ O nein, reden sie ja lauter, den Mund an die Tapete. --
Apropos! Ich sahe, Madame, ihre Nichte, da ich den Stuhl holte --

_Grfin._ So, und ihre Miene?

_Dupr._ Die Trauer, die Melancholie! Sie wollte allerhand fragen, ich
blieb stumm wie ein Fels. Sie hatte einen Augenblick die Gesellschaft
verlassen, ich wei nicht unter welchem Vorwand, da sie meine Stimme
hrte. Nun rief man sie wieder zum Spiel. Seufzend gehorchte sie. --

_Grfin._ Der Chevalier wird nicht lnger sumen, gehen sie Dupr.

_Dupr._ Er sollte bald da sein, es wird spt -- (geht und kmmt
wieder.) Ei -- verga ich nicht das Allerwesentlichste?

_Grfin._ Nun?

_Dupr._ Es kann alles fehlschlagen.

_Grfin._ Was fehlt denn, was?

_Dupr._ Ja wenn ich das wte?

_Grfin._ Sie wissen es nicht?

_Dupr._ Schlimm eben. -- Jeden Abend der Unterredung giebt mir, Madame,
ihre Nichte etwas, das ich zum Chevalier trage --

_Grfin._ Was denn etwa?

_Dupr._ Wie ich dem Chevalier die Thre ffne, empfngt er es. Er kennt
die Bedeutung, ich nicht.

_Marquise._ Ha ha ha!

_Grfin._ Er schlft, schwatzt im Traum.

_Dupr._ Ein klein Geschenk, mu ich berreichen.

_Grfin._ Worin aber besteht es gewhnlich?

_Dupr._ Wahrhaftig Madam, ich entsinne mich nicht sogleich. Bald dies,
bald jenes ... ein Nichts, eine Kleinigkeit --

_Grfin._ Gestern?

_Dupr._ Gestern? Erlauben sie -- knnt ich mich doch nur erinnern, aber
es war nicht der Rede werth, das wei ich wohl noch. Gestern --

_Grfin._ Welche Geduld mu ich verschwenden!

_Dupr._ Ah, mir fllt ein, was ich das Vorletztemal berbrachte; eine
Rose, ich verwundete mich noch am Stiel.

_Grfin._ Eine Rose?

_Dupr._ Eine Rose. Ah, mein Gedchtni wird treu! Am Freitag ein
Veilchen, am Sonnabend einen Strau von kleinen Lilien --

_Grfin._ Immer also Blumen?

_Dupr._ Ich glaube ja -- Blumen.

_Grfin._ (zur Marquise:) Was mag das bedeuten?

_Marquise._ Abgeredete Zeichenschrift.

_Grfin._ Gewi Sophiens romantischer Einfall. Das macht mich verlegen.
-- Dupr, frge der Chevalier danach --

_Dupr._ Unfehlbar.

_Grfin._ Sagen sie, Sophie htte ihnen nichts gegeben.

_Dupr._ Dann schmollt er.

_Grfin._ Meine Sache. Wir wollen schon sehn --

_Dupr._ (Nach der Uhr sehend) Mitternacht! Er eilt grade nicht.
Vielleicht schlummerte er ein. Ich tht es an seiner Stelle gewi --

_Grfin._ Fort, fort zur Thr!

_Dupr._ (ab.)




                            Fnfte Szene.


                          Grfin. Marquise.

_Marquise._ Sophie ist so romanhaft?

_Grfin._ Bis zur Uebertreibung. Und der Chevalier fertig, jeden Ton,
jede Form zu umarmen, weiht sich dem ihrigen mit einem Anstand, einer
Kunst -- Ohne da es ihnen kund ward, behorchte ich einige ihrer
Unterhaltungen, und auf meine Ehre, der Chevalier bertraf sich selbst,
an zarten sublimen Wendungen, Flug der Phantasie --

_Marquise._ St -- was gilts, da --

_Grfin._ Er -- er!

_Marquise._ Pocht ihr Herz nicht ein wenig? Frchten sie nicht, erkannt
zu werden?

_Grfin._ Nichts weniger. Aber Freundin, sie weilen nicht mehr.

_Marquise._ Nur bis zu Anfang der Szene. -- Das whrt lange.

_Grfin._ Seine Stimme. -- Er klopft -- ruft Dupr.

_Marquise._ Der ohne Zweifel einschlief.

_Grfin._ Apropos! Wenn sie mich verlassen, treten sie in die
Gesellschaft, nehmen Sophien bei Seite, und berichten ihr mein Vorhaben
mit Blanc.

_Marquise._ Auch den Ausgang?

_Grfin._ Ja wohl, und sie erscheinen Beide, wenn Dupr sie ruft.

_Marquise._ Nun treten sie hin -- der Stuhl liegt am Boden.

_Grfin._ Nun, nun -- machen sie mich nicht lachen -- ich sterbe vor
Vergngen -- diesmal ist es Blanc -- Ja, ich bin schon da ... Wie?[9]
... Bald eine Stunde. ... Eine Stunde? Das Bouquet, welches sie mir
diesen Morgen sandten? ... O ja! ... (gegen die Marquise) Ah, Dupr
hatte es ihm zurckbringen sollen.

_Marquise._ Hren sie!

_Grfin._ (sehr laut:) Ich verstand nicht. ... Weil ich es gern lnger
tragen wollte. -- (sehr laut) Wie? ... Ich verstehe nicht ... Meine
Hand?

_Marquise._ Was sagt er?

_Grfin._ (gegen die Marquise) Meine Hand will er durch die Tapete
kssen.

_Marquise._ Das ist neu.

_Grfin._ Welch ein Einfall! ... Ich willigte ein? ... (gegen die
Marquise) In der That, diese Gunst darf man ohne viel Bedenken
gestatten.

[Funote 9: Die Punkte zeigen ihr Schweigen an, whrend dessen sie
horcht, was der Chevalier an der Gegenseite der Tapetenwand ihr sagt.]

_Marquise._ Wie huldigen Liebende der Thorheit!

_Grfin._ (gegen die Marquise) Das ist doch wahrhaft sonderbar. (gegen
die Wand) Wie zeige ich ihnen aber die Stelle an?

_Marquise._ Sagt er nicht: wie gestern?

_Grfin._ Ja!

_Marquise._ So empfangen sie doch Unterricht.

_Grfin._ Durch Schlagen. (gegen die Wand) Schlagen? ... den Handschuh
ablegen? ... Legt ich ihn denn gestern ab? ... (gegen die Marquise) Er
sagt, endlich htte ich mich entschieden.

_Marquise._ Ha ha ha ha.

_Grfin._ Man mu noch einige Schwierigkeit machen. (gegen die Wand)
Weil ... Weil sie zu viel fordern. ... (gegen die Marquise) Recht
hbsch, was er da sagt. (gegen die Wand) Nun -- nun -- keinen Zorn! ...
Gewi! ... Zweifeln sie nicht lnger! ... Er ist abgelegt.

_Marquise._ Aber so ziehn sie ihn doch aus.

_Grfin._ (gegen die Marquise) Ja ja, ganz aufrichtig. (gegen die Wand)
Es geschah -- hren sie -- hier die Hand, hier hier ... (gegen die
Marquise) Mit welcher Extase er den Fleck drben kte. Bei dem allen
glaub ich, Sophie htte die Lippe auf der Hand gefhlt. Es giebt nur
_ein_ Lebensalter von so scharfer Empfindung.

_Marquise._ Ha ha ha ha!

_Grfin._ Ich sagte nichts ... Errthet? ich bin errthet? ... (gegen
die Marquise) Wie er an Kindlichkeit und Unschuld bei Sophien glaubt!
Wie artig, diese Meinung zu uern! Aber ist das nicht allerliebst?
(gegen die Wand) Wahrhaftig, Chevalier, ich glaube, da sie mich sehn.

_Marquise._ Sache des Herzens, nicht des Kopfes.

_Grfin._ Ausdruck der Empfindung, und Ausdruck der Galanterie. O welch
ein Unterschied! ... Er hat eine andere Stimme bemerkt ... (gegen die
Wand) Ja, meine Kammerfrau. ... Gewi! ... Sie kam, mir anzuzeigen, da
die Tante noch nicht schlafen gegangen sei. (gegen die Marquise) Gehn
sie, meine Gute!

_Marquise._ Ich will der armen Sophie das Leben zurckgeben. Ungern meid
ich dies Zimmer. Die Intrigue ist so unterhaltend. (geht ab.)




                            Sechste Szene.


                            Grfin. Dupr.

_Grfin._ (allein.) Ja, sie ist hinaus. ... Ich bin ganz allein. (vor
sich) Was will doch Dupr? (gegen die Wand.) Es ist Dupr, der mir was
zu sagen hat.

_Dupr._ (heimlich zur Grfin, die sich von der Wand entfernt) Da hatt'
ich einen artigen Schrecken. Die Frau Nichte dachte sie zu berfallen.

_Grfin._ Wie?

_Dupr._ Unter dem Vorwand, hier einen Mantel zu holen. ... Hren sie!
Er ruft sich den Katarrh. Antworten sie!

_Grfin._ (laut gegen die Wand) Einen Augenblick Geduld! Ich hre nur
Dupr an. Gleich! (zu Dupr) Nun?

_Dupr._ Jhling kam sie, bleich, verstrt, ich hielt sie an, sie wollte
hinein, wute nicht was sie that, die Frau Marquise erschien, nahm sie
unter den Arm, und verschwand mit ihr.

_Grfin._ Die Marquise bringt freudige Ruhe ber sie. Still, was fllt
mir ein, der Chevalier mag eine Erzhlung hren. (zur Wand) Helfen sie
mir!

_Dupr._ Mit Vergngen!

_Grfin._ Chevalier ... ich bebe ...

_Dupr._ Gewi, Herr Chevalier, wie ein Rohrhalm im Orkan!

_Grfin._ Erschrecken sie aber nicht!

_Dupr._ O, er ist schon auer sich.

_Grfin._ Die Tante wollte uns berfallen. Ohne Dupr --

_Dupr._ Ja, ich erwies ihnen einen groen Dienst. ... O sie sind sehr
gtig!

_Grfin._ Wie wrde sie mich apostrophirt haben! ... Dupr hat sie
berzeugt, ich schlief lange.

_Dupr._ Und sie glaubte mit einer edlen Einfalt! ... O, man hintergeht
sie leicht, glauben sie mir ... (zur Grfin) Wie er lacht!

_Grfin._ (an der Wand) Ha ha ha ha!

_Dupr._ (lacht laut auf an der Wand) Ha ha ha ha! Wenn sie ahnte, welch
ein Streich ihr gespielt ward.

_Grfin._ Ha ha ha ha! ... Gewi! ... Sie haben Recht ... Einen
Alltagskopf foppen, lohnt nicht; ... aber eine so listige verschmitzte
superfeine Frau ... Ha ha ha ha! (zu Dupr) Hrst du sein Gelchter?

_Dupr._ Ha ha ha ha! Darber weicht aller Schlummer vor mir. (gegen die
Wand) Ja ja, die Thren sind alle zu. Es ist nichts weiter von ihr zu
frchten.

_Grfin._ (gegen die Wand) Nein ich versichre es, sorgen sie nicht. --
Fort Dupr, die Rolle wurde gut gegeben.

_Dupr._ O Madame, lange nicht so vollkommen wie die ihrige. (geht ab)




                           Siebente Szene.


                            Grfin allein.

Ja! ... Er ist fort. ... Ein unglcklicher Abend. Immer Strung! ... He?
Ich verstand nicht. ... Ein wenig lauter! ... Ihr Billet von heute? ...
Ich fand es -- artig, recht artig. ... Unglcklich? ... ob ich errathe,
warum sie unglcklich sind? (vor sich) Das ist so leicht eben nicht.
(gegen die Wand) O Chevalier! ... (vor sich) Weil ich ihm abschlug,
abschlug? Was denn? (gegen die Wand) Ob ich Grausame heute Erbarmen
zeigen will? ... (vor sich) Er wrde keinen Gott beneiden? Ich mu wohl
fortfahren, zu versagen. (gegen die Wand) Aber wie drfen sie hoffen ...
Berhren sie diese Saite nicht mehr, Blanc! Ich bitte! ... (vor sich)
Ah ein Crochet von meinen, nein, von ihren Haaren. Und ich fiel nicht
gleich darauf? Es lag ja am Tage. Ha ha ha! (gegen die Wand) Was? ...
Ich lache, da sie einen so groen Werth daran binden. ... Nun, wir
werden sehn. ... Nein, ich sage nichts zu. ... Ueberrasche lieber. ...
Wie? ... (vor sich) Jetzt will er meinen Anzug wissen. (gegen die Wand)
Ein Musselinkleid von weisser Farbe. ... Ein weisser Hut. ... Der Grtel
hellblau. (vor sich) Drollige Neugier! (gegen die Wand) Die Schuh? ...
Nun blau und schwarz. (vor sich) Er will doch alles erfahren. (gegen die
Wand) Und dies ihr Kleid? ... Auch blau? (vor sich) Da haben wir die
Sympathie! (gegen die Wand) O ja, ich bin frohgelaunt. ... (vor sich) O
das ist drollig, ich komme ihm heute pikanter vor wie gewhnlich. Kann
sein! (gegen die Wand) Vorwrfe? ... Sie sind reitzbar ... Ich
versichere, da sie mich nicht ganz kennen. ... So bin ich nicht
vollkommen von Coquetterie frei. ... Nein! ... Nein! ... Sie ist aber
weniger Zug des Gemthes, wie Eigensinn. ... Bei ihnen, mein Herr, im
Gegentheil, ist sie lauter Gemth! ... Sie streiten? ... Der Roman mit
der Tante? ... Ihre Empfindung fr sie? ... (vor sich) Welch ein platter
Wahn! ... (gegen die Wand) Ich glaube nicht daran. Nein! Eher mgt ich
annehmen, da sie den Vicomte liebt. ... Sie nur, Sie? (vor sich) Ist da
nicht eine Eigensucht! (gegen die Wand) Aber sie lieben meine Tante,
_liebten_ sie wenigstens? ... Nicht? (vor sich) Schmeichelhaft! (gegen
die Wand) Aber denken sie nur an den Sommer in Bercy. Wo sie die Nchte
hindurch vor ihrer Terrasse weilten, die tnende Guitarre in der Hand.
Jenen Abend, wo sie eine so poetische Erklrung begannen, die sie mit
lauten Epigrammen unterbrach? ... Wer mir das sagte? sie allein. ... O
das ist nicht wahr. Ich glaube der Tante mehr. ... Warum? Weil sie mir
theuer ist. ... (vor sich) Ah, Sophie gedachte meiner immer
vortheilhaft. Braves Mdchen! (gegen die Wand) Aber sie lieben doch
unstreitig den Ton ihrer Stimme? ... Warum? der Aehnlichkeit halber? ...
Sie meinen, das wolle nicht viel sagen, knne sie nimmer tuschen? (vor
sich) Wir haben die Probe. (gegen die Wand) Sie finden also ganz und gar
die bezaubernde Liebenswrdigkeit nicht, die der Vicomte ihr andichtet?
(vor sich) Schmeichelhaft! (horcht gegen die Wand) Nun zeichnet er mein
Portrt! ... Himmel! nach allem was er mir sagte, beschwur! ... O
Mnner, Mnner! So sind sie aber alle. Das ist bestrafter Vorwitz.
(gegen die Wand zornig) Was? Unbestndig, voll Leichtsinn, ohne Tiefe
der Empfindung? Und dennoch whnen sie von ihr zum Sterben geliebt zu
sein? So flach zeichnen sie ihr Gemth, und behaupten eine Kraft der
Leidenschaft -- ei, so widersprechen sie sich doch nicht! ... Wie? Wer
ist bei ihnen? Dupr? Was will er? Immerhin Heimlichkeiten, ich erfahre
sie dennoch. ... Reden sie zu mir Dupr! ... Nicht beide auf Einmal! Er
will sie erinnern, da die Stunde zu Ende ging? Gut, die Unterredung
soll gleich abgebrochen sein. Nur weg! ... O wie sie den Armen anlieen?
Gleich Aufwallung. ... Ich verlasse sie nun, habe noch Briefe zu
schreiben. ... Nein nein, sie sind heute unertrglich. ... Wie, ich wre
gestern weit liebenswrdiger gewesen? Ich wette nein! ... Sanftmthiger?
Wre mglich! ... Den Maskenball am Sonntage htte ich ihnen
aufgeopfert? Sie flehten, und dennoch waren sie gegen ihr heiliges
Versprechen dort. ... Nur einen Augenblick? Das heit, zwei oder drei
Stunden. ... Sie gaben einer grauen Nonne den Arm. Und kten ihre Hand
oft, ohne Handschuh, ohne Tapeten. (vor sich) Ah das verwirrt ihn.
(gegen die Wand) Mit eignen Augen sah ich es ja, denn ich hielt mein
Versprechen nach ihrem Muster. Ich folgte tief verlarvt, _sie_ zu
enthllen. Sie sind durchschaut. ... (vor sich) Doch ein Triumph! Ich
qule ihn unerhrt. (gegen die Wand) Nicht wahr, sie kannten mich noch
nicht? ... Sie meinen, in sechs Monaten erforsche sich das weibliche
Herz? O wie unerfahren! ... Nun nun, lachen wir darber, klger wie
Harm. ... Gegenseitige Duldung! ... Sie finden das nicht romantisch? ...
Aber doch weise! ... Nachsicht von beiden Theilen! ... (vor sich) Ah,
nun fllt er in den tragischen Ton! (gegen die Wand) Wenn dies System
ihnen nicht gefllt, so -- so -- Hren sie: die Leidenschaft meiner
Tante ist doch ein unbersteiglich Hinderni. Sie ist meine
Wohlthterin. Darf ich ihre Ruhe untergraben? ... (vor sich) Welche
Bewegung! (gegen die Wand) Das Glck will einmal unsrer Liebe nicht
winken. Also standhafte Philosophie. Sprache der Lebensklugheit. Ich
besitze kein Vermgen, sie eben nicht viel. ... Hren sie mich doch
ruhig an! Sie erklrte mir diesen Abend, ich msse dem Baron meine Hand
geben, oder lebenslang auf ihr Wohlwollen verzichten. Ich sagte aber
nichts zu -- aber -- aber. ... (vor sich) Nein diese Wuth! (gegen die
Wand) Ob ich den Baron liebe? Nein, doch Achtung, viele Achtung -- ...
Sie drohen? O deshalb wanke ich nicht. ... Eine runde nette Erklrung?
Wohlan: Ich fhle mich zu ihnen hingezogen, aber Chevalier, ihr
Ungestm, ihr herrischer eiferschtiger Sinn -- ich legte alles auf die
Waage -- ein Tag wandelt vieles um -- Mein Herr, ich kann ihnen meine
Pflichten nicht opfern, ihre Drohungen, ihr wilder Eifer, mahnen mich
nur lauter an Trennung. Sie wissen Alles! ... (vor sich) Nun ist er
starr und stumm! -- Bei alledem ein liebenswrdiger zorniger Unmuth!
Eine edle Verzweiflung! (gegen die Wand) Leben sie wohl! ... auf ewig --
ewig! (entfernt sich von der Wand, springt aber wieder zurck) Wie, das
Klirren eines Degens? Chevalier! (lauter) Chevalier! Chevalier! Sie
werden doch nicht! Gott ich mgte zu Boden sinken!




                             Achte Szene.


                            Dupr. Grfin.

_Dupr._ Welch Geschrei! Giebts hier Unheil?

_Grfin._ Ah -- kaum athme ich noch! (gegen die Wand) Es ist Dupr. ...
Welch Entsetzen! ... Ruhe, Ruhe, ich beschwre sie darum! (zu Dupr) Das
drang tief ein --

_Dupr._ Wie -- durch die Wand? Hren sie. ...

_Grfin._ Was sagt er da?

_Dupr._ Er frchtet, sie werden in Ohnmacht sinken.

_Grfin._ Ah! Das weckt mir einen hnlichen Gedanken. Er entsetzte mich,
ich entsetze ihn wieder. Mache ihm bange, recht bange. Sprich!

_Dupr._ (gegen die Wand) Mein Herr, mein Herr -- Madame taumelt -- das
geht bel -- bel -- (zur Grfin) Ach! -- hren sie die Angst!

_Grfin._ (entfernt ihren Stuhl von der Wand) Sage ihm, ich sei ohne
Besinnung.

_Dupr._ Ach mein Herr! Madame ist bleich, wie eine Lilie. -- Die Augen
sind starr -- der Anblick durchbohrte ihr Herz.

_Grfin._ Trefflich! Nur weiter! Ich glaube er weint.

_Dupr._ Er weint, schluchzt, rauft das Haar. Hren sie es denn nicht?
(gegen die Wand) Das nenne ich Krmpfe, Convulsionen! Ich brachte sie
auf den Divan, und empfing furchtbare Ste ihrer Hand. -- Die Wangen
sind hellgrn und dunkelgelb, die Lippen Indigoblau. ... Ja ja, ich habe
^Eau de cologne^ hier --

_Grfin._ Sag ihm, da die Krmpfe zunehmen.

_Dupr._ O -- o -- o! (schlgt an die Wand) Hren sie es wohl, Herr
Chevalier, sie macht den Lrmen -- mit Hand, Fu, und Stirn, ich halte
sie nicht allein. -- Mein Gott welcher Zustand. ... Ja den Kopf halt ich
zwischen den Hnden, sie stie sich nur einmal wider die Stirn, es
bedeutet wenig. (zur Grfin) Aber nun Madame, enden sie!

_Grfin._ So la mich zu mir kommen, aber nach und nach. (sie rckt den
Stuhl wieder zur Wand hin.)

_Dupr._ Ah dem Himmel sei Dank, da fand ich doch ein wirksam Mittel.
Ich wollte ihr ein wenig Wasser ins Gesicht sprengen, sie schlug mit dem
Arm an die Carafine, und so strmte die ganze Flut ber sie. -- Aber es
thut Effekt. -- Sie truft wie eine Nymphe im Bade. -- Wre nur das
Wasser nicht so eiskalt. Doch mit einem Schnupfen kmmt sie davon. -- Ja
es hilft wunderbar. -- Sie ffnet die Augen ... (die Grfin und Dupr
klopfen wider die Wand) das ist sie immer noch. ... Die Krisis des
Uebels. Sie stampft -- windet sich -- die Nerven sind frchterlich
angegriffen. ... Ah -- nun kmmt Ruhe ber sie -- Erholung -- die
Mifarbe schwindet -- das Kolorit ist wieder da. ... Die Lippen noch ein
klein wenig blau, sonst alles wieder in voller Ordnung.

_Grfin._ Sage, ich nenne seinen Namen.

_Dupr._ Mein Herr, sie stammelt etwas, kaum hrbar zwischen den Lippen.
Ah -- Blan -- Blan -- ihren Namen, mein Herr! ... O glauben sie, da ich
wie ein Kind weine -- (weint) Ihre Augen sind noch immer so stier -- da
quellen, glnzen, brechen Thrnen hervor. ... Antworten sie ihm doch.

_Grfin._ (gegen die Wand mit weinendem Ausdruck.) Ich wollte sie bergen
-- meine Fhlbarkeit -- vielmehr meine Schwche --

_Dupr._ Wie zrtlich er nun ist.

_Grfin._ Geh, ich mgte nur lachen!

_Dupr._ (ab.)




                            Neunte Szene.


                               Grfin.

(allein) Oder weinen! (gegen die Wand) Hren sie mich? ... Die
Verstellung gelingt mir nicht. ... Ich wollte sie strafen. Erinnern sie
sich, was sie mir sagten. ... Ja ja, wenn die Tante will. ... Sie mu
zugezogen werden. ... Vereinen wir unser Flehn, wir werden sie rhren.
... Gewi. ... Sie verkennen die Gromuth der Tante. ... Nun, hren sie
einen Vorschlag an, der sie ein wenig befremden wird. Ich berge ihnen
noch eine wichtige Entdeckung, mu ihnen ein Papier vorzeigen -- genug,
niemanden anders kann ich mich vertrauen, bin also bereit, sie hier zu
empfangen. ... Ja, ohne Tapetenwand, in dieser Stunde. ... (vor sich)
Bei allem Sturm der Liebe, zaudert er hier doch. Viel Zartsinn. Viel
innige Achtung fr Sophiens Ruf. Ja, er verdient Gegenliebe! ... (gegen
die Wand) Gehrte ihnen Sophiens Herz noch nicht, diese Gesinnungen
wrden es ihnen unterwerfen. Kommen sie ohne Furcht, ich mu sie sehn.
... (vor sich) Er sinkt aufs Knie. -- wie er zu bewegen versteht. (gegen
die Wand) Vielleicht wird ihnen hier Verzeihung -- oder sie fhlen sich
desto schuldiger. Stehn sie doch auf! Ich rufe Dupr, da er sie
abholet. -- Dupr!




                            Zehnte Szene.


                            Grfin. Dupr.

_Grfin._ Bald lst sich der Knoten. Holen sie den Chevalier!

_Dupr._ Hieher?

_Grfin._ Ja. Geschwind!

_Dupr._ In dieser Stunde? -- Madame, Madame! Zu viel Frohsinn!

_Grfin._ Er glaube immer noch, Sophie erwarte ihn. Was ist die Uhr?

_Dupr._ Zwanzig Minuten auf Zwei!

_Grfin._ In einer guten Stunde wird die Marquise mit Sophien gerufen.

_Dupr._ Das heit, wenn Madame eine Stunde mit dem Chevalier
schwatzten.

_Grfin._ Ja!

_Dupr._ Eine gute Stunde! -- Aber wenn er sie sieht, wirds mit dem
Schmlen zu Ende sein.

_Grfin._ Fort, fort!

_Dupr._ Eine gute Stunde ist zu viel --

_Grfin._ Aber Dupr --

_Dupr._ Madame -- ich kenne das -- Sie sind in Wallung -- haben wieder
zu viel Frohsinn -- Madame! auf ihrer Hut! (ab.)




                             Elfte Szene.


                           Grfin (allein).

_Auf ihrer Hut!_ So bel nicht! Da mich der Chevalier empfindlich traf,
darf ich es mir verhehlen? -- Hm -- was knnte interessanter sein, als
wenn er, bei all der endlosen Leidenschaft fr Sophien, in der Stunde,
wo ich ihre Hand in die seinige legen werde -- wenn er noch da -- da --
da gestraft, ich gercht wrde. -- Sie wre mglich diese Rache, bei ihm
-- o bei allen Mnnern. Darf man auf Einen bauen? -- Ich Glckliche, da
ich die wiedererlangte Freiheit bewahrte! Ich Glckliche, da er nicht
_so_ mich liebte, wie Sophien! -- Ah -- Da wird er sein. -- Thrigt
genug, aber ich bin voll peinlicher Unruhe. (setzt sich) Wie wird er
staunen! --




                            Zwlfte Szene.


                        Grfin. Der Chevalier.

_Chevalier._ (im Hintergrunde) Wie bin ich erschpft! -- Da ist sie -- O
Sophie!

_Grfin._ (erhebt sich und wendet sich) Mein Herr?

_Chevalier._ (bei Seite) Himmel! Die Grfin!

_Grfin._ So angewurzelt -- versteinert? Doch was frchten sie; sagt ich
ihnen nicht Verzeihung zu? Verzeihung in diesem Saal?

_Chevalier._ Was hr' ich! Wie, Madame --

_Grfin._ Suchen sie Sophien etwa? Sie mied, seit der Abendtafel, nicht
mein Zimmer.

_Chevalier._ Trum ich aber? -- Madame -- sie -- sie htten durch die
Tapetenwand --

_Grfin._ Mich mit ihnen unterhalten. Ich meine, die Stimme knnte Sie
nicht hintergehn. Sophiens Sprachorgan ist viel melodischer und
harmonischer. Nannten sie es nicht so?

_Chevalier._ Madame -- sie -- sie! Wenn ich also Sophien anklagte, umgab
mich Tuschung, warfen Irrthmer mich hin; Sophie ist unschuldig, nichts
konnte sie umwandeln.

_Grfin._ In der That, diese Aufwallung gewann mich. Nur aus der
tiefsten, wahrhaft gerhrten Seele kann sie hervorgehn. Ein anderer
zeigte Bestrzung, Schaam, Verlegenheit, sie phantasiren nur mit
Sophiens Herz. So, so liebt man wahr!

_Chevalier._ Erwach ich denn gar nicht von diesem Traume? -- Rufe ich
mir aber zurck, was sie sagten, begreif ich nicht, da ich einen
Augenblick hintergangen werden konnte. Welche Andere konnte mich mit
einer so zauberischen Gewalt der Worte, so treffendem, geistvollem
Ausdruck, so viel Grazie der Urtheile hinreissen.

_Grfin._ Denken sie daran, was sie vorhin von mir sagten, und fhlen
sie, wie jetzt ihr Lob in mein Ohr tnt.

_Chevalier._ Wer eine Rivalin wie sie bekmpfen will, mu sich in die
Arme der Unwahrheit werfen.

_Grfin._ Und diese Leidenschaft, die sie mir andichten --

_Chevalier._ Glaubt ich an den frohen Wahn, lie ich mir eine
Gerechtigkeit widerfahren, die mich mit Selbstvertrauen waffnen sollte.
Theilt ich ihn Sophien mit, sollt er mir in ihren Augen mehr Werth
geben. O der Mann, den sie lieben, entflammt jedes Frauenherz.

_Grfin._ Sie peinigt also keine Reue, keine Verlegenheit.

_Chevalier._ Ich wrde betroffen sein, wren sie nicht ber die
Gewhnlichkeit erhaben, fhlt ich mehr Eigenliebe als Bewunderung fr
sie -- denn die Schmach, die sie auf mich zu hufen strebten, war hart
-- Doch welche Flle der Beruhigung in ihren Triumphen!

_Grfin._ Artige Triumphe, sie zwei Minuten gefoppt zu haben.

_Chevalier._ Sie fhlten ihren Stolz nicht! Nein, die Bescheidenheit
wre zu gro.

_Grfin._ Ei -- Doch Apropos -- Ein wenig umgewandt. Im Frack? Ohne
Degen? Vortrefflich! -- Schon glaubt ich an Selbstmord, whnte in
grauenvoller Ahnung die Klinge zcken zu hren.

_Chevalier._ Die Ohnmacht, die schauderhaften Zuckungen, die mir das
Haar emporstrubten.

_Grfin._ Repressalien.

_Chevalier._ Nein Madame, in dem Talent zu hintergehn, wie in der
Gewalt, in Ketten der Liebe zu werfen, erkenn ich ihre Obermacht. -- O
diese Thrnen, die gleich den meinigen geboten -- Grfin, wenn ich sie
wrdigte, nahm ich einen khnen Flug, doch um einen ganzen Himmel hher
liegt der Gipfel, auf den sie heute meine Bewunderung tragen.

_Grfin._ Ein Lob ohne Poesie, eine Erkenntlichkeit ohne Ausschweifung
will ich um sie verdienen. Was ich beschlo fr Sophien zu thun, wenn
sie den Baron heirathete, geschehe auch jetzt. Sie verdienen sie, so
nehmen sie denn Sophiens Hand!

_Chevalier._ (gerhrt) Ah Madame! Blickten sie in mein Herz -- Neben so
holder Schnheit, ein so reiner wahrer Edelsinn, so emporhebende Reize,
so niederwerfende beschmende Gromuth -- ich trag es nicht --

_Grfin._ Das Glck meines Lebens bedingt ihre Freundschaft!

_Chevalier._ Nur meine Freundschaft? Arme Forderung! Nicht mein Leben?
Nicht --

_Grfin._ Ich verlange, was sie gewhren knnen --

_Chevalier._ Htten sie -- o ich Unglcklicher!

_Grfin._ Nehmen wir Platz. (setzen sich) Ich fahre fort, ihnen mein
Herz vollkommen zu offenbaren.

_Chevalier_. (vor sich) Wt ich nur recht, was in dem meinigen
vorginge.

_Grfin._ Jetzt -- da wir gegen einander alle Gefallsucht verbannen,
knnen wir uns zutraulich nahen.

_Chevalier._ _Gefallsucht_! -- Ja ja, das ist das rechte Wort. Verzeihen
sie, Grfin, nur diese eitel prunkende Hlle stellten sie mir dar, es
gelang mir nie, sie _herzlich_ zu sehn.

_Grfin._ Aber nein! In _mir_ wohnte die Gefallsucht nicht, sonst wrde
die Szene der Tapetenwand mich ja entrstet haben, sie sehen meinen
Gleichmuth.

_Chevalier._ Entrstet? Warum, warum? Sie drfen berall den Rang
fordern; Schnheit, Geist --

_Grfin._ Weg nun mit aller Galanterie! Bei der Geliebten ist sie ein
Simbol, nichts bedeutet sie der Freundin, der Tante --

_Chevalier._ (ergreift ihre Hand, um sie zu kssen.) O gefhrliche,
gefhrliche Freundin! -- -- (leicht) doch warum ziehn sie die Hand
zurck, das Simbol ist aufgehoben. -- (wieder in Feuer) Nein _nie_ sah
ich sie! Zum _Erstenmale_ erblicke ich diese _neue, neue_ Anmuth --

_Grfin._ Keine Unterbrechung! Ich habe ihnen zu erffnen --

_Chevalier._ Zu _erffnen_?

_Grfin._ Da ich endlich mich berzeugte: nur eine gewisse
_Sentimentalitt_ banne Lebensfreuden; da ich dem Scherz mit der Liebe
ja meiner Freiheit entsage.

_Chevalier._ Wie? Gewi? Versteh ich sie --

_Grfin._ Sie sehn mich zu einer andern Heirath entschlossen --

_Chevalier._ Grfin!

_Grfin._ Sie kennen die Leidenschaft des Vicomte --

_Chevalier._ Des Vicomte -- Grfin! Wo denken sie hin! Nein sie wollen
mich nur qulen --

_Grfin._ Da ich noch an ihre _Liebe_ glaubte, konnten sie an den Plan
einer solchen Qual glauben, nun --

_Chevalier._ Wie, sie _liebten_ den Vicomte?

_Grfin._ Eine Andre sagte unter den Umstnden wohl -- _Ja_, ich aber
_Nein_! Ihm mangelt die Bildung, welche mich gewinnen knnte, doch
wrdige ich sein Herz, und hoffe von der Zeit Neigung.

_Chevalier._ Hat er ihr Wort?

_Grfin._ Nicht eben entscheidend.

_Chevalier._ Hoffnung?

_Grfin._ Ja -- wer _so_ liebt, schpft sie leicht.

_Chevalier._ Seit wenn?

_Grfin._ Seit ich entdeckte, von ihnen betrogen zu werden -- Aber mein
Gott! Was sagt ich!

_Chevalier._ Grfin! -- In welche -- ich _betrog_ sie nicht! Nein! Htt
ich geahnt, da sie sogar meinen Geschmack fr Sentimentalitt theilen
--

_Grfin._ Chevalier --

_Chevalier._ Sie htten mich geliebt? Kein Wahn -- und _so, so_ geliebt
--

_Grfin._ Weg mit der Vergangenheit!

_Chevalier._ Sie werden den Vicomte _nie_ lieben, knnen es nicht.

_Grfin._ Er hat freilich wenig Grazie des Umgangs, ihm mangelt der
heitre gesellige Ton, der das Leben so mit Blumen bestreut, ihm fehlt
das leicht ansprechende scharfe Gefhl, dem die gleichgestimmte Saite
mit so viel Wonne entgegen tnt, und -- und -- doch wenn ihnen auch an
dem Allen ein Reichthum wurde, lieben sie nicht eine Frau, die ihn
entbehrt? -- Sophie zieht durch Anmuth, einfachen Sinn, freundlichen
Willen an, doch -- was man _piquant_ nennt, das ist sie nicht. -- Sie
sehn, da man auch die ungleiche Natur zu lieben vermag.

_Chevalier._ Vermag man das wirklich? Oder ist es eine gefhrliche
Tuschung, die aus dunklem Hintergrunde mit Reue droht! -- Gleiche Natur
-- o gleiche Natur, kstliche ewige Fessel des Gottes der -- -- sie
sagten Vertrauen zu, eine Frage, _eine_, aber lsen sie sie wahr --

_Grfin._ O -- Unwahrheit gelingt mir ohne Tapetenwand nicht, (auf ihre
Augen deutend) diese Verrtherinnen plaudern mich aus --

_Chevalier._ O dann mu ich diese redlichen Schnheiten um Antwort
anflehn --

_Grfin._ Nun -- (beide sehn sich stillschweigend an)

_Chevalier._ Ach --

_Grfin._ Fragen sie mit _Worten_!

_Chevalier._ Wissen sie aber, da die Entscheidung mir ein neues Loos
werfen, unwiderruflich werfen kann? --

_Grfin._ O, o --!

_Chevalier._ Galt ich ihnen einst mehr? Betrog mein Wahn mich nicht
vllig? Sie senken den Blick -- schweigen -- Grfin --

_Grfin._ Weg mit der Vergangenheit! (ergreift ein Portefeuille und
nimmt einige Briefe heraus) Weg jede Erinnrung aus ihr. Nothwendigkeit
bedingt das harte Opfer. Nehmen sie diese Briefe zurck, die mich -- ach
zu grausam betrogen --

_Chevalier._ Ich heilige jeden Eid, den sie schwuren. (wirft sich vor
ihr hin) Hier ist mein Altar. Hier nur darf ich anbeten!

_Grfin._ So sind die Mnner, _so so_ --

_Chevalier._ O Grfin --




                          Dreizehnte Szene.


                      Marquise. Sophie. Vorige.

_Sophie._ (Indem sie den Chevalier aufstehen sieht) O meine gute Tante,
auch mir gebhrt es, mich zu ihren Fen zu werfen.

_Grfin._ Du hast den Chevalier errathen. Er dankte eben fr meine
Einwilligung --

_Sophie._ Blanc, ihr lebendiger Eifer rhrt mich!

_Chevalier._ (bei Seite) Aber der Teufel --

_Grfin._ (zu Sophien) Wie bewegt -- wie hingerissen in Liebesflug --
irrend in hheren Welten. Sieh ihn an!

_Chevalier._ Madame --

_Marquise._ Die Notare warten. --

_Chevalier._ (etwas auffahrend) Notare?

_Marquise._ (bei Seite) Bei aller Liebe entfrbt ihn dies Wort.

_Grfin._ Das wichtige Papier ist der Heirathsvertrag, der auf ihre
Unterschrift wartet --

_Chevalier._ Sogleich? -- Was verdanke ich ihnen nicht alles.

_Grfin._ Sophie, triumphiren sie ber ihre Wahl! Hier ist redliche,
feste, ber jeden Wankelmuth erhabene Liebe. Wohl giebt es Mnner, von
einer so kraftlosen Eitelkeit beherrscht, da sie gleich vergessen und
hinopfern, wie nur ihrer thrigten Eigenliebe verschlagen gehuldigt wird
--

_Chevalier._ Nein Grfin, sie klagen zu hart an.

_Sophie._ Und warum vertheidigen sie ungleiche Naturen? (ihn an der Hand
fassend) _Dies_ reine Gemth begreift das Strafbare nicht.

_Chevalier._ (von der Grfin an der andern Hand ergriffen) Schonung!

_Grfin._ Dem Verdienste Gerechtigkeit! (winkt der Marquise, Sophien
abzufhren) Wir folgen!




                            Letzte Szene.


                          Grfin. Chevalier.

_Chevalier._ Endlich! --

_Grfin._ Lust und Rache sind gebt. Umarmen sie nun ihr Glck!

_Chevalier._ Mein Glck? Sie warfen es zu Boden, ich finde es nicht
mehr, mich umgiebt Verwirrung, soll ich sie _hassen_ oder _anbeten_? Sie
bewundern, oder wie eine Eumenide fliehen? Bin ich ein Narr, ein
Beklagenswerther, ein Glcklicher --

_Grfin._ Ein _Glcklicher_! Sie lieben Sophien.

_Chevalier._ Ja!

_Grfin._ Mich auch? Nicht wahr?

_Chevalier._ Ja, ja -- wer mag es erklren -- Gleich getheilt --

_Grfin._ _Getheilt_, doch nicht _gleich_. Ihr _Herz_ gehrt Sophien,
ihr Flattersinn, geleitet von glanzschtiger Eigenliebe, floh mir zu.
Ich erwartete es, alles war Prfung; ich erfand den Roman mit dem
Vicomte --

_Chevalier._ Sie heirathen ihn nicht, Grfin? Ein Fels weicht von meiner
Brust --

_Grfin._ Diese Freude ist ein Verbrechen an Sophien. An sie tragen sie
meine Schuld ab. Entsagen sie Ansprchen, die ihnen nur das Lob der
Thoren, und den Tadel der Guten bringen. Bisher war die Jugend ihre
Fhrerin, nun sei es --

_Chevalier._ Die Freundschaft!

                         Ende des Lustspiels.




Anmerkungen zur Transkription


Die fehlende berschrift Fnftes Buch wurde ergnzt. Einige
Kapitelnummern erscheinen doppelt und einige Kapitelnummern fehlen. Dies
wurde wie im Original belassen.

Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind,
wurden ^so^ markiert.

Die krftig variierende und inkonsistente Schreibweise und Grammatik des
Originals wurden weitgehend beibehalten. Offensichtliche Auslassungen
von Satzzeichen sowie offensichtliche Buchstabenvertauschungen wurden
stillschweigend korrigiert. Alle weiteren nderungen sind hier
aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 8]:
   ... winkte stumm gegen den Soldaten hin, noch zuzurckbleiben, ...
   ... winkte stumm gegen den Soldaten hin, noch zurckzubleiben, ...

   [S. 17]:
   ... in deren Mitte keinen andern Mann zu dringen ...
   ... in deren Mitte keinem andern Mann zu dringen ...

   [S. 61]:
   ... und wirksam zu sein. Daneben fehlte es ihm ...
   ... um wirksam zu sein. Daneben fehlte es ihm ...

   [S. 64]:
   ... Rachsucht loderten farchtbar in allen Busen ...
   ... Rachsucht loderten furchtbar in allen Busen ...

   [S. 70]:
   ... der Fanatismus aus hchste gespannt. ...
   ... der Fanatismus aufs hchste gespannt. ...

   [S. 91]:
   ... furchtbar ist. Doch fertigten sie auch Rhre aus
       Giaffengebeinen ...
   ... furchtbar ist. Doch fertigten sie auch Rhre aus
       Giraffengebeinen ...

   [S. 113]:
   ... Hier erhuben sich alle Posadnicks, und machten ...
   ... Hier erhuben sich alle Posadniks, und machten ...

   [S. 118]:
   ... zahlen, und die Pasadniks in seiner Gegenwart ...
   ... zahlen, und die Posadniks in seiner Gegenwart ...

   [S. 120]:
   ... aus Liebe fr den verstorbenen Frsten Boleslav, ...
   ... aus Liebe fr den verstorbenen Frsten Boguslav, ...

   [S. 122]:
   ... schreien sie Erbarmung, unsonst verheien sie Gehorsam, ...
   ... schreien sie Erbarmung, umsonst verheien sie Gehorsam, ...

   [S. 124]:
   ... und Bogdnauschka den Kleinen. ...
   ... und Bogdanuschka den Kleinen. ...

   [S. 140]:
   ... de lui avant d'entreprendre; s'il tuduie, non ...
   ... de lui avant d'entreprendre; s'il tudie, non ...

   [S. 140]:
   ... pas les principes de l'administration que l'experience ...
   ... pas les principes de l'administration que l'exprience ...

   [S. 140]:
   ... que la corruption lve des toutes parts; ...
   ... que la corruption lve de toutes parts; ...

   [S. 140]:
   ... rien  blmer at  contredire; mais  la premire ...
   ... rien  blmer et  contredire; mais  la premire ...

   [S. 140]:
   ... s'lveront; l'un critiquera la forme, l'autre ...
   ... s'lveront; l'un critiquera la forme, l'autre ...

   [S. 140]:
   ... le fonds, non pas d'apres des principes rflchis, ...
   ... le fonds, non pas d'aprs des principes rflchis, ...

   [S. 140]:
   ... pourquoi ne rforme-t-il pas ceci on cela? ...
   ... pourquoi ne rforme-t-il pas ceci ou cela? ...

   [S. 141]:
   ... de l'administration, on s'ecriera: pourquoi toucher ...
   ... de l'administration, on s'criera: pourquoi toucher ...

   [S. 141]:
   ... L'esprit de systme, la constitution de l'Etat, ...
   ... L'esprit de systme, la constitution de l'Etat, ...

   [S. 141]:
   ... les privileges des diffrens corps, la caractre ...
   ... les privilges des diffrens corps, le caractre ...

   [S. 141]:
   ... raillement que se donnera l'esprit de contradiction, ...
   ... ralliement que se donnera l'esprit de contradiction, ...

   [S. 141]:
   ... dem Zeitalter; als Vorwurf hren, mu er immerfort ...
   ... dem Zeitalter als Vorwurf hren, mu er immerfort ...

   [S. 143]:
   ... ankam, auf dem Exerzierplatze Todten zu begraben, ...
   ... ankam, auf dem Exerzierplatze Todte zu begraben, ...

   [S. 168]:
   ... die Zusicherung eines hohrhmlichen Grabes. ...
   ... die Zusicherung eines hochrhmlichen Grabes. ...

   [S. 172]:
   ... eher glaubte Perrotti seine Absichten durchzusetzen. ...
   ... eher glaubte Perotti seine Absichten durchzusetzen. ...

   [S. 194]:
   ... Durkulla, wenn es schon, wie wir wissen, nimmer ...
   ... Darkulla, wenn es schon, wie wir wissen, nimmer ...

   [S. 219]:
   ... Ein gewisser deutscher an Bildern vorzgleich reicher ...
   ... Ein gewisser deutscher an Bildern vorzglich reicher ...

   [S. 236]:
   ... kann sie sich auf den Stufen einer groen Pyramise ...
   ... kann sie sich auf den Stufen einer groen Pyramide ...

   [S. 237]:
   ... Shne des Meliks drngen sich zu den ...
   ... Shne des Weliks drngen sich zu den ...

   [S. 256]:
   ... Des geschftige Leben, von welchem man die ...
   ... Das geschftige Leben, von welchem man die ...

   [S. 259]:
   ... die Shne, der Vter Schuld, und der Apfel ...
   ... die Shne der Vter Schuld, und der Apfel ...

   [S. 287]:
   ... sie sechs Fu tief; so wrde der Trichter, laut den ...
   ... sie sechs Fu tief, so wrde der Trichter, laut den ...

   [S. 301]:
   ... nicht weit vom Pallastgarten schwammen. Das ...
   ... nicht weit vom Pallastgarten schwamm. Das ...

   [S. 320]:
   ... beiden Enden Sphinxe stehen, die aus einen eben ...
   ... beiden Enden Sphinxe stehen, die aus einem eben ...

   [S. 323]:
   ... Der Europer, und nur der Alterhumskundige ...
   ... Der Europer, und nur der Alterthumskundige ...

   [S. 335]:
   ... sie hatte nun alles zu furchten. ...
   ... sie hatte nun alles zu frchten. ...

   [S. 340]:
   ... rief Joseph, so sagen sie ihm; wenn schon unsere ...
   ... rief Joseph, so sagen sie ihm: wenn schon unsere ...

   [S. 343]:
   ... und den Gebrgen, aus, sondern sie legte hier ...
   ... und den Gebrgen aus, sondern sie legte hier ...

   [S. 361]:
   ... zu gluben, ihn bei nchtlicher Weile gesehn zu ...
   ... zu glauben, ihn bei nchtlicher Weile gesehn zu ...

   [S. 392]:
   ... ich frchte die Neugier, und will die anderen ...
   ... ich frchte die Neugier, und will die andere ...

   [S. 418]:
   ... Grfin. (gegen die Wand mit weinenden Ausdruck.) ...
   ... Grfin. (gegen die Wand mit weinendem Ausdruck.) ...






End of the Project Gutenberg EBook of Florens Abentheuer in Afrika, und ihre
Heimkehr nach Paris. Zweiter Band., by Julius von Vo

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FLORENS ABENTHEUER IN AFRIKA, ZWEITER ***

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Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

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facility: www.gutenberg.org

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