The Project Gutenberg EBook of Carl Scharnhorst. Abenteuer eines deutschen
Knaben in Amerika., by Armand and Friedrich Armand Strubberg

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Title: Carl Scharnhorst. Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika.

Author: Armand
        Friedrich Armand Strubberg

Illustrator: August Hengst

Release Date: February 20, 2015 [EBook #48322]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CARL SCHARNHORST. ABENTEUER ***




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  Carl Scharnhorst.

  Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika.

  Von
  Armand.

  [Illustration]

  Mit 6 Bildern in Farbendruck, nach Zeichnungen von August Hengst.

  Der Verfasser behlt sich das Recht der Uebersetzung vor.

  Hannover.
  Carl Rmpler.
  1863.

  Druck von August Grimpe in Hannover.




Inhalt.


                                                                      Seite
  #Abschnitt 1.# In Deutschland. -- Das Frhjahr. -- Die Fahrt
  mit dem Hunde. -- Der Sonnenaufgang. -- Carl Scharnhorst an dem
  Felsabhang. -- Die Gesellschaft. -- Die Schreckensbotschaft. --
  Freude im Glck                                                         1

  #Abschnitt 2.# Abzug vom Gute. -- Der Brief von Amerika. -- Der
  Beschlu zur Auswanderung -- Vorbereitungen. -- Weihnachten. --
  Der Neger. -- Die Nordsee. -- Die Seeschweine. -- Die Inseln. --
  Der Sonnenuntergang. -- Der Eisberg. -- Amerika. -- Der Adler.
  -- Todesnachricht. -- Der Verlust                                      34

  #Abschnitt 3.# Der schwarze Freund. -- Reise nach dem Westen. --
  Der Hirsch. -- Die Nacht im Freien. -- Die Ueberschwemmung. --
  Die wilden Pferde. -- Die Prairie. -- An der Frontier. -- Der
  Bffel. -- Die wilden Truthhne                                        79

  #Abschnitt 4.# Das Land zur Niederlassung. -- Die Wlfe. -- Die
  Pferdediebe. -- Die hlzerne Festung. -- Das Kanoe. -- Das Feld.
  -- Fischfang. -- Die Brenjagd. -- Die Felle. -- Der Jaguar. --
  Der vermoderte Baum                                                   120

  #Abschnitt 5.# Lederbereitung. -- Die Poolkatze. -- Bffeljagd.
  -- Der Lasso. -- Die wilden Bienen. -- Weihnachtsabend. --
  Vorsichtsmaregeln. -- Der Mais. -- Die Biber. -- Der Alligator.
  -- Der Wacoindianer                                                   159

  #Abschnitt 6.# Biberfang. -- Die Brin. -- Der graue Br. -- Der
  Prairiebrand. -- Der wilde Rappenhengst                               198

  #Abschnitt 7.# Ritt durch die Wildni. -- Wasser. --
  Die Antilopen. -- Die Grenze des Prairiebrandes. -- Die
  Klapperschlangen. -- Der Delawaren-Huptling. -- Das Lager der
  Indianer. -- Der schwarze Panther. -- Rckkehr in das Fort. --
  Indianerfreundschaft. -- Der Frhling. -- Die Bestrmung. --
  Letztes Mittel. -- Die nahende Rache                                  239

  #Abschnitt 8.# Aufopferung. -- Stummer Abschied. -- Der Falbe.
  -- Das Rennen wider Willen. -- Das Handelshaus. -- Groer
  Bffelfang. -- Der Panther. -- Dankbarkeit. -- Das Wiedersehen        278




Abschnitt 1.

  In Deutschland. -- Das Frhjahr. -- Die Fahrt mit dem Hunde. --
  Der Sonnenaufgang. -- Carl Scharnhorst an dem Felsabhang. -- Die
  Gesellschaft. -- Die Schreckensbotschaft. -- Freunde im Glck.


In dem schnen gesegneten Werrathale lebte eine Familie, Namens Turner,
die aus den beiden Eltern, zwei Shnen und einer Tochter bestand. Herr Max
Turner war Oeconom und hatte ein kleines Gut, die Kluse genannt, in Pacht,
welches einer alten Adelsfamilie als Eigenthum angehrte. Schon sein
Urgrovater hatte dieses Gut pachtweise besessen, die Pacht war immer vom
Vater auf den Sohn bertragen worden, und so war auch Herr Max Turner in
dieselbe eingetreten. Ueber hundert Jahre befand sich die Kluse nun schon
in den Hnden der Familie Turner, so da diese das Gut als ihr Eigenthum
betrachtete, von welchem sie jhrlich eine gewisse Summe Geldes an jene
adelige Herrschaft abzugeben hatte. Es war niemals von einer anderweitigen
Verpachtung die Rede gewesen, und als vor mehreren Jahren die Gter in
Deutschland bedeutend im Werthe stiegen, hatte sich Herr Turner auch gern
dazu verstanden, seiner Herrschaft eine angemessen hhere Pacht zu zahlen.
Die Kluse lag kaum eine Viertelstunde von der Werra entfernt in einem
engen, reich bewsserten Thale, welches sich nach dem Strome hin ffnete
und zu beiden Seiten von hohen Bergen eingeschlossen war. Groes Vermgen
hatten die Turners nie erworben, dazu bot das kleine Gut die Mittel nicht;
doch hatten sie ihre Pacht immer pnktlich entrichtet, hatten ohne groe
Sorgen gelebt, ihren Kindern stets eine gute Erziehung geben lassen und
dabei eine kleine Summe baaren Geldes zurckgelegt, wie man zu sagen pflegt
fr bse Tage, die da kommen knnten. Ebenso stand es nun mit Herrn Max
Turner. Auch er besa kleine Capitalien, die er in dem nahen Stdtchen auf
Grundstcke ausgeliehen hatte; er lebte zufrieden und ohne Sorgen und bot
Alles auf, um seine Kinder so viel als mglich lernen zu lassen; denn er
war der Ansicht, da eine gute Erziehung bei reichen Kenntnissen mehr werth
sei, als alles Vermgen. Wer etwas Tchtiges gelernt hat, sagte er oft,
der fhrt ein Capital mit sich, das ihn in jeder Lage seines Lebens und
unter allen Verhltnissen ernhrt und welches ihm Niemand nehmen kann.
Seine vierzehnjhrige Tochter Julie war sein ltestes Kind; darauf folgte
ein Sohn, Arnold, im Alter von elf Jahren, und Wilhelm, der zweite Sohn,
hatte sein neuntes Jahr erreicht. Auerdem befand sich noch ein Knabe
in der Familie, welcher gleichfalls zu derselben gezhlt wurde und Carl
Scharnhorst hie. Seine Mutter, die Schwester des Herrn Turner, war an
einen Doctor Scharnhorst verheirathet gewesen; Beide waren vor mehren
Jahren gestorben, und Carl Scharnhorst wurde als Waise von seinem Onkel in
die Familie aufgenommen und als eigenes Kind betrachtet und behandelt. Carl
war vierzehn Jahre alt und ein Knabe von ungewhnlichen krperlichen
wie geistigen Anlagen. Er war ein schner, krftiger, gesunder Junge
mit braunem lockigen Haar, groen, blauen lebendigen Augen und offenem,
ehrlichen, edel geformten Gesicht. Schnell und gewandt in seinen
Bewegungen, war er auch rasch und entschlossen in seinen Handlungen und
verrieth bei Allem, was er that, ein Herz voll Liebe, Freundschaft und
Dankbarkeit. Mit leidenschaftlicher Anhnglichkeit hing er an den
Kindern seines Onkels, die er Schwester und Brder nannte, und seine
Schulkameraden, denen er seine Freundschaft einmal zugesagt hatte, konnten
sich bei jeder Gelegenheit unbedingt auf ihn verlassen. Die dankbare
Verehrung und kindliche, herzinnige Liebe aber gegen seine Pflegeeltern
kannte gar keine Grenzen, er schien nach ihren Gedanken zu haschen, um
ihren Wnschen zuvorkommen zu knnen.

Herr Turner war ein ernster, verstndiger Mann im Alter von noch nicht
ganz vierzig Jahren, er war gro und stark gebaut, hatte glnzend schwarzes
Haar, dunkele beredte Augen, aus denen Biederkeit und Entschlossenheit
sprachen, und seine hohe offene Stirn zeugte von grndlichem tiefen Denken.
Seine Frau Marie dagegen war eine helle Blondine mit himmelblauen,
so freundlichen, liebreichen Augen, da Jedermann, der ihren Blicken
begegnete, sie lieb gewinnen mute. Sie war eine schne gesunde Frau, der
man es ansah, da sie die Hnde nicht oft in den Schoo legte, und da sie
nur fr ihre Familie und fr ihre Wirthschaft lebte. Von frh Morgens bis
Abends spt war sie in ihrem Haushalte beschftigt, und da ihre Tochter
Julie seit einigen Wochen die Schule verlassen hatte und confirmirt worden
war, so mute sie ihr bei den huslichen Arbeiten zur Hand gehen.

Julie versprach ganz das Ebenbild ihrer Mutter zu werden, sie hatte
dieselben blonden Haare und blauen Augen, und dieselbe Anmuth und
Lieblichkeit lag in ihrem ganzen Wesen. Arnold, ihr jngerer Bruder
dagegen, mit schwarzem Haar und dunkeln Augen, glich mehr seinem Vater,
whrend Wilhelm, der jngste, wieder blond war und auf die Mutter artete.
Wahres Glck und wahrer Segen ruhte auf dieser Familie; mit unbegrenzter
Liebe und unermdlicher rastloser Frsorge wachten die Eltern ber das
Wohl der Kinder, und mit gleicher Liebe und Dankbarkeit hingen diese an
den Eltern. Zutrauen und Einigkeit verbanden sie innig, und kein Opfer war
ihnen zu gro, um einander gefllig zu werden und sich gegenseitig
Freude zu bereiten. In wahrer Frmmigkeit waren sie alle Gott ergeben und
bekannten mit dankbarem demthigen Herzen in ihm den alleinigen Spender
des vielen Glcks, dessen sie sich erfreuten. Sorgen und Kummer waren ihnen
fremd, sie hatten Alles, was ihre bescheidenen Wnsche orderten, und
eine ungestrte krftige Gesundheit lie ihnen jede Freude, die ihnen ihr
einfaches Leben bot, im vollsten Mae genieen.

Nach einem anhaltenden strengen Winter, der noch bis in den Monat Mrz
hinein die Werra mit einer starren Eisdecke berzogen und die hohen,
steilen Berge und die Kluse mit hohem Schnee bedeckt hielt, war das
Frhjahr mild und segnend erschienen, und der Mai hatte Berg und Thal mit
frischem jungen Grn geschmckt. Die Wlder prangten im zarten neuen Laube,
die Saaten schossen ppig empor, die Wiesen zierten ihre saftig grnen
Flchen mit Blumen, und die Obstbume sahen, mit Blthen berset, wie
weie und rothe Wolken aus den Grten hervor. Klar und durchsichtig
rauschten die leichten Wogen der Werra zwischen den frisch grnen Ufern hin
und folgten spielend ihren Schlangenwindungen durch die mchtigen Gebirge,
deren schroffe Basaltkuppen im hellen Sonnenlichte unter dem blauen
wolkenlosen Aether glnzten. Alle Zugvgel waren von ihrer Winterreise aus
fernen Landen zurckgekehrt, die Schwalben schwrmten in lustigen Zgen
schwirrend von Berg zu Berg, die Lerche hob sich singend und trillernd
zum Himmel auf, der Kukuk lie seinen Ruf durchs Thal ertnen und die
Nachtigall fltete ihre sen melancholischen Lieder im Dster des Forstes
und im schattigen Dunkel der Grten.

Es war Pfingstsonnabend Nachmittag, und Carl Scharnhorst hatte die
Feierstunden benutzt, um seinen Brdern, wie er Arnold und Wilhelm Turner
nannte, eine Freude zu bereiten. Fr den groen schwarzen Hofhund, Pluto,
hatte er ein Geschirr angefertigt, denselben in einen kleinen Wagen
gespannt, und nun rief er seine Brder herbei, das Fuhrwerk nach dem nahen
Stdtchen zu lenken, um fr die Mutter allerlei Haushaltsbedrfnisse nach
der Kluse zu schaffen; denn fr die Feiertage muten Kche und Keller
gut versorgt werden. Die Freude der beiden Jungen war gro, als sie ihren
lieben Pluto mit dem weien Ledergeschirr im Wagen eingespannt erblickten,
und Carl mute das mchtige Thier mit Gewalt am Halsbande halten, damit es
bei den Liebkosungen, die es den Knaben mit Ungestm erwiedern wollte, das
Fuhrwerk nicht umwarf. Der laute Jubel brachte auch Madame Turner und Julie
vor die Hofthr, auch sie brachen in ein lautes freudiges Lachen aus, als
sie den groen Hund eingespannt sahen, und Madame Turner, die in Carls
Bemhung nur dessen Liebe zu ihren Kindern erkannte, strich ihm liebevoll
die braunen Locken und kte ihn zrtlich. Dann gab sie ihm die bereits
geschriebene Liste ber die verschiedenen Gegenstnde, welche sie durch
einen der Knechte hatte auf einem Schiebkarren aus der Stadt holen lassen
wollen. Wilhelm setzte sich in den Wagen hinein, Arnold ging mit dem
Lenkseil in der Hand nebenher, und von Carl gefolgt, trabte Pluto mit dem
Wagen durch das Hofthor die Strae hinunter.

Nur langsam, langsam, Ihr Jungen! rief ihnen Madame Turner lachend nach;
kaum hatten sie aber die offene Strae erreicht, als sie Pluto zum Laufen
aufforderten, und nun davon sausten, so schnell sie ihre Fe nur tragen
konnten.

Die Sonne sank zu den fernen blauen Gebirgen hinab, die vielen einzelnen
Basaltkuppen, die sich hier und dort aus dem Werrathale erhoben, dehnten
ihre Schatten weiter aus, der Himmel im Westen wurde immer feuriger, immer
glhender, und eine heilige Ruhe legte sich auf das schne Thal, die
nur durch den friedlichen Ton der Abendglocken und zuweilen durch einen
verspteten Grasmher unterbrochen wurde. Herr Turner kam auf einem
prchtigen Rappen auf der Strae hergetrabt, die von dem Stdtchen nach
der Kluse fhrte, und holte auf halbem Wege seine drei Buben ein, von
denen Arnold und Wilhelm neben dem groen Hunde hinschritten, whrend Carl
Scharnhorst hinter dem beladenen Wagen ging und denselben vorwrts schob,
damit die Last dem Thiere nicht zu schwer werden sollte.

Ist es mglich, seid Ihr es? rief Turner lachend und verwundert aus.
Habe ich mich doch besonnen, was fr ein Fuhrwerk dies sein knnte! Aber
wer hat Euch denn das Geschirr fr Pluto und die ganze Einrichtung gemacht?
es ist ja allerliebst!

Carl hat Alles heimlich hergestellt, und als er Pluto eingespannt hatte,
rief er uns herbei, damit wir fahren knnten, antworteten die beiden Shne
Turners vergngt und sahen mit dankbaren freudigen Blicken nach Carl hin.

Ei, Du bist ja ein Prachtbursche, Carl! Dafr sollst Du nun aber auch
wahrlich Deinen Spa haben, sagte Turner, indem er vom Pferde sprang und
Carl den Zgel hinreichte. Komm her, mein Junge, sollst den Rappen nach
Hause reiten, ich wei, es macht Dir Freude. Wart nur, ich will die Bgel
etwas krzer schnallen.

Nein, bester Onkel, ich danke, ich mu bei dem Wagen bleiben, es wird
Pluto zu sauer! antwortete Carl und sah mit glnzendem Blicke nach dem
Sattel hinauf, in welchem er so gern Platz genommen htte.

Nein, nein, Carl, eine Ehre ist der andern werth; Du hast Deinen Brdern
eine Freude gemacht, und es ist nun an mir, auch Dir eine solche zu
bereiten. Steig auf, flink, ich bleibe beim Wagen und werde ihn statt
Deiner schieben.

Aber, bester Onkel, wenn das Jemand she -- ich zu Pferde und Du hinter
dem Wagen -- das geht ja nicht!

Eine jede Arbeit ehrt den Mann, Carl; wer mich nicht hinter dem Wagen
sehen mag, der mu einen andern Weg blicken. Schnell auf das Pferd, darfst
es einmal tchtig laufen lassen, nimm Dich aber in Acht, schiebe die Fe
nicht zu weit in die Steigbgel, damit Du mir nicht darin hngen bleibst,
wenn Du herunterfallen solltest.

Hat nichts zu sagen, Onkel, ich habe den Rappen schon zu oft in das Wasser
geritten, ich falle nicht herunter, erwiederte Carl und sprang behend in
den Sattel.

So, nun sage der Mutter, da ich Fuhrmann geworden sei und bald mit der
reichen Ladung nachfolgen wrde, sagte Turner, worauf Carl den Rappen in
Galopp setzte und davon jagte.

Die flchtigen Tritte des Rosses, als Carl in den Hof sprengte, lockten
Madame Turner in die Hausthr, wo ihr der Knabe lachend zurief, was ihm
sein Onkel zu bestellen aufgetragen hatte. Dann bergab er das Pferd
einem Knecht und lief nun rasch wieder nach der Strae hinunter, dem Wagen
entgegen zu eilen und Herrn Turner dort abzulsen.

Der Mond stieg glhend roth ber den dunkeln Bergen auf und blickte in das
Thal herab, in welchem die Kluse lag, als der Wagen vor dem Hause anlangte
und Pluto sich ermdet niederlegte.

Hier, Mutter, wir haben Alles glcklich hergebracht, es ist Nichts entzwei
gegangen, rief Arnold seiner Mutter triumphirend zu, als diese aus dem
Hause hervorsprang, um ihre Lieben zu bewillkommnen.

Und wie schn war die Fahrt, ich sage Dir, Mutter, ganz prchtig, fiel
Wilhelm ein.

Und die Freude habt Ihr Carl zu verdanken, erwiederte Madame Turner.

O ich habe aber einen noch weit grern Spa gehabt, weil Onkel so gut
war und mich den Rappen reiten lie; wie hat der aber laufen mssen!
unterbrach Carl schnell seine Tante; doch diese fuhr, zu ihren Shnen
gewandt, fort:

Nun, bedankt Euch hbsch bei Carl, der Euch so lieb hat, worauf die
beiden Buben Carl um den Hals fielen, ihn kten und ihm fr die Freude
dankten, die er ihnen bereitet hatte.

Hast Du uns Fuhrleuten denn aber nun auch etwas Gutes gekocht, Mutter? wir
haben uns tchtig fr Dich abgearbeitet, nahm jetzt Herr Turner das Wort,
indem er seinen Arm um die Schulter der geliebten Gattin legte und von ihr
den gewohnten Ku zum Willkommen empfing.

Ihr sollt zufrieden sein. Julie hat Puffer gebacken, und wenn ich mich
nicht irre, so sind sie ihr gut gerathen, entgegnete Madame lchelnd.

So la uns das Abendbrod im Garten in der Laube verzehren; ich meine
immer, im Freien knnten wir dem gtigen Gott besser fr seine Wohlthat
danken, als in dem Zimmer, dort sehen seine Wolken so freundlich auf uns
hernieder, seine Gre und Allmacht tritt uns lebendiger vor die Seele.
Es ist eine so herrliche Nacht, da es schade wre, uns in das Zimmer
einzusperren, entgegnete Turner.

Sehr gern, es ist mir leichte Mhe, die Speisen hinauszubringen, und dort
werden sie uns noch viel besser schmecken, antwortete Madame Turner, und
eilte in das Haus, um die nthigen Anordnungen zu treffen, whrend ihr
Gatte mit den Knaben die Ladung von dem Wagen hinein befrderte. Carl hatte
Pluto das Geschirr bereits abgenommen, und der Hund folgte ihm nun auf
Schritt und Tritt nach.

Eine halbe Stunde spter sa die ganze Familie im Garten in der
Geisblattlaube um den groen steinernen Tisch, auf dem das einfache
Abendbrod aufgetragen war und auf dessen Mitte eine Lampe mit heller
Glaskuppel brannte.

Herr Turner erhob sich zum Dankgebete und die Seinigen folgten seinem
Beispiele. Mit wenigen klaren, aus tiefem Herzen kommenden und zum Herzen
dringenden Worten dankte er Gott fr die unendlich vielen Wohlthaten, die
er ihm und seiner Familie hatte angedeihen lassen, und flehte um seinen
ferneren Segen. Mit demthiger Andacht folgten Mutter und Kinder dem Gebet,
und nach dessen Beendigung wnschten sich Alle gegenseitig guten Appetit.

Daran wird es uns Allen gottlob nicht fehlen, denn wir haben ja smmtlich
unsere Schuldigkeit gethan und unsere Herzen drckt keine Schuld und
kein Kummer, sagte Turner, indem er die Schssel mit Speisen nahm, sich
derselben bediente, und sie dann weiter reichte.

Ich htte Euch nun wohl einen Vorschlag zu machen, das heit, wenn Ihr
frh aufstehen knntet, fuhr er nach einer Weile fort. Wie wre es, wenn
wir morgen frh auf der Wichtelkuppe die Sonne aufgehen shen?

Ach ja, lieber Vater! fielen die Kinder jubelnd ein, und auch die Mutter
stimmte freudig dafr.

Die Mahlzeit war bald gehalten und Madame Turner rckte auf der Bank nher
zu ihrem inniggeliebten Gatten, um sich in treuer Liebe an seine Seite zu
schmiegen. Der Mond blickte silberhell in die Laube, der Maiwurm glhte im
Grase und die Nachtigall fltete ihre sen Lieder im nahen Gestruche.
Die laue Nachtluft trug den tausendfltigen Duft der Frhlingsflur hin
und wieder, und der nahe Bach rauschte und murmelte in dem Gestein, ber
welches seine krystallklaren Wellen spielten.

Der allmchtige gtige Gott hat uns doch berreich gesegnet, Marie, sagte
Turner im Gefhle seines groen Glckes zu seiner Gattin, und sah nach
den Kindern hin, die in den krummen Wegen des Gartens spielten und sich
jauchzend und lrmend auf denselben hin- und herjagten. Sieh unsere Kinder
an, wie sie geistig und krperlich gedeihen, wie sie gut und ehrlich denken
und fhlen, wie jede Unwahrheit, jedes Unrecht ihnen verhat ist, und wie
sie krftig und bermthig emporwachsen.

Gott der Gtige erhalte uns unser Glck, Max, wir sind vor Tausenden von
ihm bevorzugt. Unsere Kinder sind gut, wir haben keine Sorgen, und unsere
Liebe hat uns den Himmel auf Erden gegeben. Mag unsere Bitte um Erhaltung
unseres Glcks dem Allmchtigen nicht unbescheiden klingen; fast ist es zu
gro fr diese Welt, sagte Madame Turner, zum Himmel aufblickend, und
das Mondlicht spiegelte sich in den Freudenthrnen, die unter ihren langen
Wimpern glnzten.

Es war schon spt, als die Familie den Garten verlie und sich zu ihrer
Ruhesttte begab, um noch einige Stunden sich in sorglosem glcklichen
Schlafe zu strken; aber lange vor dem ersten Grauen des Tages schon weckte
Herr Turner die Schlfer, und Alle schossen schnell in die Kleider, um zum
Aufbruch nach der Wichtelkuppe bereit zu sein.

Noch war der Mond nicht versunken und er warf sein Licht ber den rohen
Fahrweg, der sich, steil hinansteigend, zwischen den Bergen nach dem
erwhlten Ziele der frhen Wanderung hinaufwand. Herr Turner, mit einem
schweren Stocke bewaffnet, schritt mit seiner Gattin voran, dann folgten
ihre drei Kinder, und Carl Scharnhorst beschlo mit Pluto den Zug. Ein
Jedes von ihnen hatte Etwas zu tragen, denn es waren Milch, zwei Bouteillen
Wein und ein tchtiger Vorrath von frischem Kuchen, so wie einige Glser
mitgenommen, und Alles war unter die Gesellschaft zum Tragen vertheilt
worden.

Warum heit denn der Berg die Wichtelkuppe, Vater? fragte Arnold.

Es ist eine alte Sage, die dem Berge diesen Namen gegeben hat. Man
erzhlte sich vor langen Jahren, da in den Kohlenbergwerken am Meiner,
dort drben an der andern Seite der Werra, gute Geister in der Gestalt von
ganz kleinen Menschen leben sollten, die man Wichtelmnner nannte. Diese
Geister, sagte man, hielten in mondhellen Nchten ihre Zusammenknfte und
ihre Tnze auf jenem Berge, und darum nannte man ihn die Wichtelkuppe. In
frheren Jahren gab es noch viele sehr unwissende Menschen, die an solche
Geistergeschichten glaubten; heutzutage aber lacht man darber, da man
wei, da es nur _ein_ Geist, _ein_ groer allmchtiger gtiger Geist ist,
der allenthalben unsichtbar gegenwrtig und der uns und diese Erde, so wie
alle die Welten geschaffen hat, die wir am Himmel ber uns sehen. Dieser
einzige Geist ist der gtige Gott, den Niemand zu frchten hat, wenn er
recht thut. Andere Geister giebt es nicht, und wem einmal ein angeblicher
Geist begegnen sollte, der fasse ihn nur gleich beim Kragen, und er wird
sogleich finden, da er einen Menschen, oder sonst einen Gegenstand vor
sich hat. Nur dumme Furcht, oder ein bses Gewissen knnen Gespenster
sehen. Nehmt Euch hier in Acht, Ihr Jungen, da Ihr nicht fallt, es ist
dunkel in diesem Hohlweg, und es liegen viele Steine darin, sagte Turner,
sich nach den Knaben umsehend. Wer trgt denn die zweite Flasche Wein?.

Ich habe sie, Onkel, ich werde sie nicht zerbrechen, rief Carl, der etwas
zurckgeblieben war.

Der dunkle Hohlweg war bald durchschritten und eine steinige Hhe erreicht,
von der man auf die Kluse hinabsehen konnte. Hier wurde fr einige Minuten
Halt gemacht, weil der Weg bis hierher sehr steil gewesen war. Bald aber
ging es wieder vorwrts, und immer noch gab der Mond Licht genug, um den
Weg erkennen zu knnen. Ueber eine Stunde lang waren die Wanderer in der
frhlichsten Laune scherzend und lachend, beinahe fortwhrend bergauf
gestiegen, als sie pltzlich die hchste Spitze der Wichtelkuppe erreicht
hatten, und wie von einem Thurme herab in das tiefe Werrathal hinunter
schauten. Der Mond hatte den Saum der Gebirge erreicht und warf seinen
letzten Blick auf den ruhigen Spiegel des Stromes, der sich wie eine
glnzende silberne Schlange durch das tiefe dunkele Thal hinwand. Bald
aber versank die helle Mondscheibe hinter dem Berge, die Nacht breitete ihr
Dunkel ber die Erde, und die Sterne blitzten und funkelten lebendiger. Nur
im Osten zeigte der Himmel ber den Gebirgssumen einen bleichen Streif,
der den nahenden Tag verkndete. Von Minute zu Minute wuchs dieser
Lichtschein und seine bleichgelbe Farbe ging in ein zartes Rosenroth ber.
Zugleich zitterte die Morgendmmerung ber die Berge, und die einzelnen
Basaltkuppen und Waldstriche wurden im Thale sichtbar. Der Himmel frbte
sich immer feuriger, immer prchtiger, bis seine ganze stliche Hlfte mit
einem glhenden Roth bedeckt war.

Turner, dessen Gattin, und um sie herum die Kinder hatten sich auf
Felsstcke niedergesetzt, und hielten erwartungsvoll und von heiligen
Schauern durchbebt, die Blicke auf den Fleck ber dem dunkeln Gebirgsrcken
geheftet, von wo aus die Gluth am Himmel aufzusteigen schien. Pltzlich
wurde dort ein glnzender heller Lichtpunkt sichtbar, die goldene Scheibe
der Sonne stieg empor, und ihr Strahlenlicht ergo sich ber die Erde.

Erkennt die Gre des allmchtigen Gottes in diesem seinen Werke! sagte
Turner zu den Kindern, indem er die Hand nach dem aufsteigenden Gestirn
erhob. Wie Alles in der ganzen Schpfung Gottes Gnade bekundet, so sendet
auch dieses gttliche Werk Leben, Segen und Gedeihen ber unsern Erdball.
Seht nur, wie die Natur erwacht und wie Alles neu belebt wird!

Kein Wlkchen war am Himmel zu erblicken, blau und durchsichtig spannte
er seinen hohen Bogen ber die weite, im goldenen Morgenlicht glnzende
Berglandschaft, frisch und erquickend zog die Luft durch das Thal, und
rollte den leichten Nebel, der die Werra wie mit einem weien Schleier
bedeckte, in kleinem Gewlk nach den Hhen hinauf, und Alles schien fr den
ersten Pfingsttag geschmckt.

In die Herzen der Familie Turner war der Festtag schon mit dem Erwachen der
Natur eingezogen, und so wie die Vgel hoch in der Luft und unten im Thale
sich unter frhlichem Gesange des Morgens erfreuten, so gaben auch
Turners sich der beglckenden Heiterkeit hin, die ihnen von allen Seiten
entgegenlachte. Noch ber eine Stunde verweilten sie im Genusse des
herrlichen Morgens auf der luftigen Hhe, ehe sie an den Heimweg dachten.
Als aber Madame Turner daran erinnerte, da man aufbrechen msse, um zur
rechten Zeit in der Kirche erscheinen zu knnen, schlug ihr Gatte vor, auf
dem krzeren Fupfad, der an den Werra-Abhngen hinfhrte, zurckzugehen.
Alle stimmten freudig ein, weil dieser Weg beinahe fortwhrend einen
Blick in das tiefe Thal gestattete, und so traten sie dann abermals ihre
Wanderung an. Der Pfad aber war schmal, so da nur _eine_ Person darauf
Platz hatte, und von Herrn Turner gefhrt, folgte Einer dem Andern. Oft
blieben sie stehen, um die steilen Felswnde zu beiden Seiten des Flusses
zu bewundern, oder den kleinen Fischernachen nachzublicken, die wie
schwarze Punkte auf der Werra hinglitten. Wohl die Hlfte des Heimweges
hatten sie bereits zurckgelegt, als sie auf dem hohen Bergsaum einen
Platz erreichten, wo der Pfad an einer Felswand hinfhrte, und wo an dessen
anderer Seite der, mit losem Gestein bedeckte Boden sehr steil abschssig
wurde, und in einer Entfernung von etwa hundert Fu in einem senkrechten
schwindelnden Abhang nach dem Ufer des Stromes hinuntersank. Herr Turner
blieb stehen und rief den Kindern zu, voran zu gehen, damit er sie im Auge
behalten knne, und als sie bei ihm vorber kamen, ermahnte er sie zur
Vorsicht auf diesem gefhrlichen Wege. Carl Scharnhorst schritt voran,
indem er dem Hund pfiff, der soeben einen Hasen aufgejagt hatte und, ohne
auf den Pfiff zu hren, denselben verfolgte. Hinter Carl ging Julie, dann
kam Arnold, darauf Wilhelm, und Herr Turner, mit seiner Gattin vor sich,
beschlo den Zug. Die schmalste Stelle des Pfades war erreicht, als
pltzlich Pluto, um zu Carl zu gelangen, in vollem Lauf bei Herrn und
Madame Turner vorbersauste, und im Vorbeirennen an Arnold, diesen so
heftig zur Seite stie, da der Knabe von dem Pfade herabstrzte und an
dem steilen Berge hinunterrollte. Mit einem Schrei des Entsetzens sahen die
Eltern, wie der Knabe sich vergebens bemhte, seinem Hinabrollen Einhalt zu
thun; es war umsonst, das lose Gestein rollte mit ihm, und schon hatte er
die Hlfte des Abhanges, der zu dem senkrechten Abgrunde fhrte, erreicht,
als Carl sich pfeilschnell hinter ihm herstrzte, ihn mit seinen Armen
umklammerte, und alle seine Krfte aufbot, ihn in dem furchtbaren Lauf
aufzuhalten. Umsonst -- Beide rollten weiter dem unvermeidlichen Tode
entgegen. Carl hielt aber seinen Kameraden fest umschlossen, und lenkte nur
mit den Fen seinen Weg einem einzelnen Baume zu, der am Ende des Abhanges
stand und ber die ghnende Tiefe hinabhing. Wie vom Tode erfat und in
Verzweiflung erstarrt, sahen die Eltern hnderingend den beiden Knaben
nach, wie dieselben dem uersten Rande des Abgrundes immer nher kamen und
das lose Gestein um sie her ihnen voran in die bodenlose Tiefe rollte. Noch
lagen nur wenige Schritte zwischen den Knaben und dem uersten Felsrand,
als Carl, seinen Kameraden im Arm, sich mit den letzten Krften nochmals
dem Baume zustie, und an dessen Stamm ber dem Abgrunde hngen blieb. Mit
einem Arm hielt er den ohnmchtigen Arnold umschlossen, und mit dem andern
sttzte er sich an den Baumstamm, der ihn von dem Sturz in die Tiefe
zurckhielt.

Halt fest, Carl, halt fest, Gott der Allmchtige wird Dir Krfte
verleihen! schrie Turner, indem er seine Gattin aus seinen Armen sinken
lie und seine bebenden Hnde den Knaben entgegenstreckte.

Halt fest, Carl, um Gotteswillen, halt fest, ich hole Hlfe, ich bin bald
zurck! schrie Turner noch einmal mit verzweifelter, mit rasender Angst,
und strzte dann in fliegendem Laufe an den Felsen hin, um von der Kluse
her Hlfe zu holen.

[Illustration]

Madame Turner lag hnderingend auf ihren Knieen und flehte laut zum Himmel
auf, da Gott Barmherzigkeit haben und Rettung senden mge, und Julie und
Wilhelm klammerten sich weinend und jammernd an die bebende Mutter und
hielten zitternd ihre Blicke auf die beiden Knaben geheftet. Carl hielt den
geliebten Halbbruder fest an sein Herz gepret, und suchte vorsichtig nach
und nach seinen Sitz zu verbessern, um lnger darin aushalten zu
knnen; denn seitwrts von dem Stamme, an dem er sa, blickte er in die
schwindelnde Tiefe hinunter, wo sein Auge keinen Gegenstand mehr erkennen
konnte. Seine Krfte, die er bei der bernatrlichen Anstrengung whrend
des Rollens bis an den Baum aufgewandt hatte, kehrten zurck, und er fhlte
sich stark genug, sich hier zu erhalten, bis sein Onkel ihm Hlfe bringen
wrde. Alle seine Besorgni richtete sich jetzt nur noch auf das Erwachen
Arnolds und auf dessen Bewegungen; denn die mindeste Biegung aus dem
Gleichgewicht mute sie beide in den Abgrund strzen. Jetzt regte sich
Arnold, er strich sich mit der Hand ber das Gesicht, und wollte sich
erheben.

Rhre Dich nicht, Arnold, oder wir sind Beide verloren, bewege Dich nicht
und sieh Dich nicht um, verla Dich auf mich, ich halte Dich! rief ihm
Carl in die Ohren, und zog seinen Arm fester um ihn.

Carl, wo sind wir denn? fragte Arnold jetzt, indem er die Augen aufschlug
und in den Abgrund blickte. Ach Gott, wir fallen hinunter! setzte er
halblaut hinzu, und begann am ganzen Krper zu zittern. Bewege Dich nur
nicht, Arnold, ich halte Dich, der Vater wird gleich zurckkommen und uns
helfen. Schliee die Augen und bleibe ruhig so liegen, ich kann Dich so
ganz gut halten und wenn es noch so lange dauern sollte!

Von drehendem Schwindel ergriffen, schlo Arnold bebend und zitternd
die Augen, und klammerte sich krampfhaft an Carl fest, der jetzt selbst
vermied, seitwrts in die Tiefe zu schauen, da er fhlte, wie ihn dabei
eine unberwindliche Machtlosigkeit durchrieselte. Er hielt seinen Blick
hinauf nach der jammernden Mutter Arnolds gerichtet, und wandte sich mit
seiner Seele vertrauungsvoll zu Gott, der ihm ja beigestanden hatte, den
Baum zu erreichen.

Unbeweglich sa er ber der bodenlosen Tiefe, doch konnte er sich des
Gefhls nicht erwehren, da der Baum seinem Druck nachgeben, und mit ihm
und Arnold hinunterstrzen wrde. Mit krampfhafter Spannung horchte er
auf jeden Ton, um die nahenden, Rettung bringenden Futritte Turners zu
erkennen; eine Ewigkeit schien an ihm vorberzuziehen, er fhlte, wie seine
Fe in der gezwungenen Lage erstarrten, und doch durfte er diese nicht
wechseln, wollte er nicht das Gleichgewicht verlieren. Ueber eine halbe
Stunde war schon verstrichen und noch war keine Hlfe erschienen. Liege
ganz ruhig, Arnold, sagte Carl jetzt zu diesem mit entschlossener Stimme,
ich mu meinen Fu unter Dir hervorziehen, ich kann es unmglich lnger
in dieser Lage aushalten. Dabei befreite er seinen linken Arm von seinem
Halbbruder, fate mit beiden Hnden den Stamm hinter sich, und hob sich
vorsichtig mit aller Kraft langsam etwas empor, indem er seinen Fu unter
Arnold herauszog und ber den Abhang hinunterhngen lie.

So, Gottlob, nun ist es gut, nun kann ich es wieder aushalten! sagte er,
und legte seinen Arm abermals um Arnold. Da schallte die Stimme Turners von
weit her durch die Berge, als fordere sie Carl zur letzten Kraftanstrengung
auf.

Der Vater kommt, sagte dieser zu dem bebenden Gefhrten, nun werden wir
gerettet. Rhre Dich nur nicht, Arnold!

Wenige Minuten spter erschien Turner auch wirklich auf dem Pfade, und
strmte mit einer Steinhacke auf der Schulter zu dem verhngnivollen
Platze heran. Er kam aber nicht allein, smmtliche Knechte waren ihm von
der Kluse hierher gefolgt, und trugen schwere Taue herbei, die zur Rettung
der Knaben gebraucht werden sollten. In aller Eile wurden diese einzelnen
sehr langen Stricke aneinander gebunden, Turner lie sich das eine Ende um
die Brust befestigen, und stieg nun, mit der Steinhacke in der Hand, an dem
Abhang hinunter, indem die Knechte auf der Hhe zurckblieben und das Seil
hielten. Sie lieen dasselbe nur langsam nachfolgen, whrend Turner auf
seinem abschssigen Wege mit der Hacke Stufen in das lose Gestein hieb und
eine Art von Treppe erzeugte, die ihm den Rckweg nach der Hhe erleichtern
sollte. Dabei redete er mit erzwungen ruhiger Stimme, bald zu Carl, bald zu
Arnold, ermahnte sie, nur still und unbeweglich zu sitzen, und nicht in die
Tiefe zu blicken. Schritt fr Schritt stieg er weiter hinab, whrend das
Gestein, welches er vor sich loshieb, ber den Abhang hinunter rollte, und
so erreichte er endlich schweitriefend und erschpft die beiden Knaben.

Der Allmchtige sei gelobt und gepriesen! rief er in hchster Seligkeit
mit bebender Stimme aus, als er Arnold mit beiden Hnden krampfhaft
erfate, ihn Carl aus den Armen nahm und ihn auf die nchste Stufe ber
sich hob.

Sitze ruhig, Carl, bester Carl, gleich kehre ich zu Dir zurck; rhre Dich
nicht, sagte er zu diesem, und lie Arnold nun die steile Hhe vor sich
erklimmen, wobei er ihn von Stufe zu Stufe hob, und die Diener auf der Hhe
das Tau wieder an sich ziehen muten. In ihren zitternden Armen empfing die
Mutter ihr Kind an ihrem Herzen, und Turner eilte, ohne einen Augenblick zu
verlieren, abermals auf den Stufen hinab, um nun auch Carl dem furchtbaren
Abgrunde zu entreien.

Mein Carl, Du Retter meines Lebensglcks, komm an mein Herz, an das Herz
Deines dankbaren zweiten Vaters! rief der berglckliche Mann, indem er
den Knaben von dem Baume wegzog und ihn vor sich auf die Stufe hob.

Bald hatten sie die Hhe erstiegen und Madame Turner zog den Knaben mit
freudigem Beben von der letzten Stufe zu sich herauf.

Carl, mein geliebter Carl, Du Retter meines Kindes, wie soll ich es Dir
im Leben danken! stammelte sie in ihrem Glck, indem sie Carl mit ihren
Liebkosungen berhufte. Von ihr aber ging er aus einer Umarmung in die
andere, bis Turner auf seine Kniee sank, um dem Allmchtigen fr die Gnade,
fr die Barmherzigkeit zu danken, die er ihm in so wunderbarer Weise hatte
angedeihen lassen. Alle Gegenwrtigen wandten, tief ergriffen, ihre Herzen
zu Gott und stimmten in das laute Dankgebet Turners mit ein. Dann aber
eilten sie von dem Schreckensplatze hinweg, ohne sich nochmals nach dem
Abgrunde umzusehen.

Als Turners nach der Kluse zurckkamen, war es zu spt geworden, um noch
in die Kirche zu gehen, aber in dem Tischgebete sandten sie nochmals ihren
herzinnigen, heien Dank fr die wunderbare Rettung der beiden Knaben zum
Himmel auf. Die Liebe, welcher sich Carl Scharnhorst bisher in der Familie
Turner zu erfreuen gehabt hatte, war eine noch viel innigere geworden, sie
hatte in der Dankbarkeit noch eine neue Grundlage gefunden, und die Eltern
sowohl, wie die Kinder fhlten sich mit unlslichen Herzensbanden an den
braven Knaben gefesselt. Aber noch ein anderes Gefhl war in ihnen fr Carl
erwacht, welches seine aufopfernde Anhnglichkeit, seine Unerschrockenheit,
seine Entschlossenheit hervorgerufen hatte; es war das Gefhl der Achtung.
Whrend man bisher nur den liebevollen, treuherzigen, dankbaren Knaben
in ihm gesehen, erkannte man jetzt in ihm ein Glied der Familie, dessen
Persnlichkeit noch eine andere Bedeutung hatte, als die eines geliebten
Kindes.

Von dem Augenblick an, wo der erste Freudenrausch ber die Rettung Arnolds
verwogt war, behandelte Turner sowohl, wie seine Gattin, Carl Scharnhorst
unwillkrlich anders, als frher: in Wort und Handlung gebrauchten sie,
ohne es zu wollen, mehr die Rcksichten, die man einem Freunde zollt, als
die, welche man dem Pflegekinde angedeihen lt; er war mit einem Worte in
ihrem Gefhle pltzlich nicht mehr der Knabe, sondern der befreundete, edle
Jngling, wenn auch seine ganze Erscheinung noch die des Kindes war. Auch
die Dienerschaft, die Knechte und Mgde aus der Kluse, begegneten ihm mit
einer Ehrerbietung, mit einer Achtung, die man einem Knaben sonst nicht
zollt, und wo er sich sehen lie, kam man ihm mit ehrender Auszeichnung
entgegen und pries und rhmte seine edle That. Carl sah nichts weiter in
der Aufmerksamkeit, als die Freude ber die Rettung Arnolds, an der er ja
selbst von ganzem Herzen Theil nahm; doch kam es ihm gar nicht dabei in
den Sinn, da er etwas so Ungewhnliches gethan habe. Er glaubte, nur so
gehandelt zu haben, wie es jeder Mensch zu thun verpflichtet sei und wie er
selbst gar nicht anders gekonnt htte.

Am folgenden Morgen rstete man sich auf der Kluse zeitig, um sich nach
dem Stdtchen zur Kirche zu begeben. Der leichte, mit drei Sitzen versehene
Korbwagen hielt vor der Hausthr, so wie auch der gesattelte Rappe, den
Herr Turner bei solchen Gelegenheiten stets zu reiten pflegte. Madame
Turner trat mit ihren Kindern und mit Carl aus dem Hause, um den Wagen zu
besteigen, als Herr Turner, der bei dem Rappen stand, Carl zu sich winkte
und sagte:

Carl, Du sollst heute den Rappen reiten, und ich will statt Deiner fahren;
ich wei, es macht Dir Freude, und bei der ersten Gelegenheit, die sich nur
bietet, werde ich Dir ein Pferd kaufen, welches ganz Dein Eigenthum sein
soll. Komm, ich habe die Bgel schon fr Dich verkrzt.

Carls Blick strahlte vor Wonne; denn wenn er auch schon oft den Rappen in
der Nhe der Kluse geritten hatte, so war er doch niemals zu Pferde in der
Stadt erschienen, und dies zu thun, machte ihm eine besonders groe Freude.

Aber, bester Onkel, reitest Du nicht lieber, als Du Dich in den Wagen
setzest? Du zogest es sonst doch immer vor, sagte Carl bescheiden und
zgernd.

Nein, nein, heute fahre ich lieber; steige nur auf. Wenn Du in die
Stadt kommst, so reite nach dem Gasthofe und lasse das Pferd in den Stall
bringen, der Stallbursch wei schon, was er fr dasselbe zu thun hat. Sage
ihm nur, da Du nach der Kirche wiederkommen wrdest, um nach Hause zu
reiten.

Bei diesen Worten gab Turner die Zgel an Carl, dieser schwang sich mit
hochschlagendem Herzen in den Sattel, winkte Allen noch einen Gru zu, und
trabte in hchster Lust davon, whrend Turner sich zu seiner Gattin und
seinen Kindern in den Wagen setzte. Der Weg war bald zurckgelegt, und als
in der Nhe der Kirche der Wagen anhielt und Turners ausstiegen, kamen von
allen Seiten Freunde und Bekannte herbeigeeilt, um ihnen ihre Glckwnsche
zu der wunderbaren Rettung des Knaben darzubringen; denn die Nachricht
davon hatte sich bereits durch das Stdtchen verbreitet. Es war noch nicht
volle Zeit, sich in das Gotteshaus zu begeben, und der mit hohen Linden
umstandene Platz vor demselben fllte sich immer mehr mit Kirchgngern, als
Carl dort erschien und sich nach den Seinigen umschaute. Whrend er durch
die Menge hinschritt, wurde er von allen Seiten angehalten. Jedermann
wollte dem braven Knaben die Hand reichen und ihn begren, und unter
warmen Liebesbezeugungen und lauter Anerkennung seiner edlen hochherzigen
That gelangte er zu Turners. Hier waren nun viele von deren nheren
Freunden versammelt, und abermals wurde Carl reiches Lob gespendet. Diese
Liebe, diese Beweise von Zuneigung erfllten sein junges Herz mit Freude,
doch blieb er weit davon entfernt, sich etwas auf seine That einzubilden,
da er nicht anders wute, als da Jedermann ebenso handeln msse, wie er es
gethan hatte.

Nach beendigtem Gottesdienste begleiteten viele Bekannte Turners diese nach
dem Wagen, welcher im Schatten der alten Lindenbume gehalten hatte, und
eine groe Anzahl der Freunde kndigten ihren Besuch auf der Kluse fr den
Nachmittag an. Auf halbem Heimwege holte Carl die Seinigen wieder ein, und
blieb nun in der Nhe des Fuhrwerks, indem er bald im Schritt zurckblieb,
und bald wieder im Trabe oder im Galopp bei ihm vorbereilte. Wohlbehalten
und in der glcklich heitern Stimmung, wie sie das Herz des Menschen nach
Beseitigung einer groen Gefahr noch lange Zeit erfllt, langte die Familie
zu Hause an; es wurde schnell zu Mittag gespeist, und dann begab sich
Madame Turner mit Julie in die Vorrathskammern und in die Kche, um die
nthigen Vorbereitungen zur Bewirthung der zu erwartenden lieben Gste zu
treffen.

Gastfreundschaft und Freigebigkeit hatten von jeher auf der Kluse
geherrscht, und auch die gegenwrtigen Bewohner derselben waren weit und
breit dafr bekannt, da Freunde ihnen jederzeit willkommen waren. Arme
Leute fanden dort immer Arbeit, und oftmals gab Turner ihnen Beschftigung,
wenn ihr Dienst ihm auch in keiner Weise einen Vortheil bot, und Kranke und
Altersschwache meldeten sich niemals in diesem Hause, ohne Untersttzung,
Pflege und Trost zu erhalten. Der Freunde aber, welche von Turners
Gastfreundschaft Gebrauch machten, waren unzhlige; es verging fast kein
Tag, wo nicht einige derselben sich auf der Kluse einfanden, und selten
waren die Mittagstafeln, der Kaffeetisch oder die Abendmahlzeit ohne
Gste. Madame Turner machte ihretwegen durchaus keine Aenderungen in den
huslichen Einrichtungen, sie wurden herzlich willkommen geheien und
muten mit dem vorlieb nehmen, was die Hausordnung mit sich brachte. Alles
aber, was man ihnen reichte, wurde freudig gegeben und war gut, ja, man
sagte allgemein, besser als irgendwo anders. Der Spaziergang von dem
Stdtchen nach der Kluse war ein nicht gar weiter, der Weg trocken und
eben und die Gegend malerisch schn. Das Gut selbst lag reizend, hatte eine
zauberisch liebliche, von fernen blauen Gebirgen begrenzte Aussicht in das
Werrathal, und seine Grten waren wegen ihrem Blumenflor sowohl, als wegen
ihres herrlichen Obstes berhmt.

Heute, am zweiten Pfingsttage, wurde nun allerdings der Kaffeetisch, der
in der Laube des Gartens gedeckt war, mit grerer Sorgfalt besetzt, als
gewhnlich: das gute Porzellan- und Silbergeschirr war aufgetragen, und ein
reichlicher Vorrath von verschiedenen Festkuchen erhob sich auf der Mitte
des Tisches. Madame Turner selbst erschien in einem schwarzen seidenen
Gewande, trug aber zum Schutze fr dasselbe eine blendend weie Schrze
darber, und Julie, die der Mutter beim Anordnen des Tisches zur Hand ging,
war wei gekleidet, und glich mit dem blarothen seidenen Bande, welches
sie umgab, den zarten Blthen, womit der Frhling die Bume des Gartens
geschmckt hatte.

Die Gste stellten sich bald in groer Zahl ein, sie wurden herzlich und
freudig bewillkommnet, es wurde Alles aufgeboten, ihnen den Aufenthalt
angenehm zu machen, ihre Erwartungen und Wnsche auf das vollkommenste zu
befriedigen, und der allgemeine Frohsinn, die unbegrenzte Heiterkeit, unter
welchen der Nachmittag hingebracht wurde, zeigten deutlich, wie sehr das
Bestreben Turners sein Ziel erreicht hatte.

Der Tag neigte sich, die Sonne versank, und der Abendstern begann zu
funkeln. Es war ein zauberisch schner milder Abend, die Bewegung der Luft
hatte nicht Macht genug, die fallenden schneeigen Blthen der Bume mit
sich fortzutragen, nur den Duft derselben nahm sie mit sich und mischte
ihn mit dem der Wlder, der Wiesen und der Felder. Von allen Seiten des
Berggartens her ertnte der schmelzende melodische Gesang der Nachtigallen,
als wetteiferten sie, der Familie Turner und deren Gsten ihre schnsten
Lieder darzubringen, als forderten sie dieselben auf, nher zu ihren
dunkeln Verstecken heranzutreten. Die ganze Gesellschaft erhob sich, um
sich in der erfrischenden Abendluft zu ergehen und den hher gelegenen
Theil des Gartens zu besuchen, von wo sie die Aussicht auf das Thal noch
freier und ungehinderter genieen konnte. Noch hatten sie die Hhe nicht
erreicht, als der Mond glnzend am Himmel aufstieg und sein mildes helles
Licht ber die Erde breitete.

Madame Turner und Julie stahlen sich aber dort von der Gesellschaft hinweg,
um ein einfaches Abendbrod fr dieselbe zu bereiten, und als nach einer
halben Stunde Herr Turner mit den Gsten nach der Laube zurckkehrte, war
der Tisch bereits gedeckt. Der Mond stand schon hoch am Himmel, als die
Gste den Heimweg antraten und ihren freundlichen Wirthen einen neuen
Beitrag zu dem Glauben hinterlieen, da sie mehr aufrichtige wahre Freunde
besen, als andere Menschen.

Der folgende Tag war fr die Arbeiter noch ein Festtag, Herr Turner war
aber seiner Gewohnheit nach schon am frhen Morgen davongeritten, um die
Felder und Wiesen in Augenschein zu nehmen. Auch Madame Turner hatte sich,
wie an Werktagen, vor Aufgang der Sonne in ihrer Wirthschaft eingefunden,
um mit Julie beim Melken, beim Buttern und beim Bereiten des Frhstcks
zugegen zu sein. Die Knaben waren, weil sie heute die Schule noch nicht
zu besuchen brauchten, frhzeitig nach dem Flusse gegangen und hatten eine
tchtige Tracht Fische gefangen, wozu Carl die Angeln angefertigt hatte. Im
Triumph trugen sie die reiche Beute in die Kche, damit Madame Turner die
kleineren Fische noch zum Frhstck in der Pfanne backen mge, whrend die
greren fr das Mittagsessen aufgehoben werden sollten. Dann nahm Carl
seine beiden Halbbrder mit sich hinaus, um Herrn Turner entgegen zu gehen,
da sie genau den Weg kannten, auf welchem derselbe zurckzukehren pflegte.
Pluto natrlich mute sie begleiten, und jubelnd sausten sie durch
das bethaute Gras der nahen Wiese, um an deren anderen Seite den Pfad
einzuschlagen, der zwischen den Feldern hinfhrte. Kaum hatten sie
denselben aber erreicht, als Herr Turner schon herangetrabt kam und die
junge Gesellschaft nach dem Hause zurckfhrte.

Bald darauf trat Julie in ihres Vaters Zimmer, um ihn zum Frhstckstisch
zu rufen, bei welchem sich die Familie schnell sammelte; denn Alle waren
schon seit mehren Stunden thtig gewesen, und erfreuten sich eines gesunden
Appetits. Als nach dem blichen Tischgebet der Teller mit rohem Schinken
und das Brod und die Butter herumgereicht wurden, und Julie den Kaffee und
die frische Milch darbot, nahm Herr Turner das Wort, und rhmte den Segen,
der weit und breit auf den Fluren ausgebreitet lge.

Alles steht ungewhnlich gut und im Ueberflu, und wenn der Himmel uns
ferner gndig ist, so machen wir eine auerordentlich reiche Ernte. Die
Kluse ist und bleibt doch eine Goldgrube, und--

In diesem Augenblick trat das Hausmdchen mit einem Briefe in der Hand
in das Zimmer, und meldete, da ein Bote der adeligen Herrschaft, deren
Eigenthum die Kluse war, das Schreiben abgegeben habe.

Sage ihm, er solle warten, vielleicht bekommt er Antwort mit, rief Turner
dem Mdchen zu, indem er aufstand und den Brief erbrach.

Er ist schon fort, und sagte, da er nicht auf Antwort zu warten brauche,
entgegnete die Dienerin und verlie das Zimmer, whrend Turner mit den
Worten: was mgen die wollen? nach dem Fenster trat und das Papier
entfaltete.

Madame Turner war unwillkrlich mit dem Blick ihrem Gatten gefolgt;
dieser wurde pltzlich bleich, das Papier bebte in seiner Hand, er las das
Schreiben noch einmal durch, und faltete es dann schnell zusammen, um es
in der Rocktasche zu verbergen. Da begegneten seine Augen dem ngstlich
fragenden Blick seiner Gattin.

Er sagte nichts, und Madame Turner fragte nicht; es war aber ein Schweigen,
wie wenn ein Gespenst in die Stube getreten wre und htte ihnen die Worte
auf den Lippen erstarrt. Turner legte seine Serviette neben seinem Teller
nieder und verlie das Zimmer.

Carl war aufgesprungen und wollte seinem Onkel nacheilen, doch Madame
Turner hielt ihn mit den Worten zurck: geh mit Arnold und Wilhelm in den
Garten, bist auch ein guter Carl. Der Vater hat jetzt Geschfte.

Dann sandte sie Julie mit dem Tischgerth fort und blieb allein in dem
Zimmer zurck.

Mit angsterfllter Brust stand sie einige Augenblicke, unschlssig, was sie
thun solle. Es war etwas Ernstes, etwas Schreckliches geschehen, das hatte
ihr der Blick ihres Gatten gesagt -- was aber konnte es sein -- was in
der Welt gab es, dessen Verlust einen solchen erschtternden Eindruck auf
Turner machen konnte? Sie mute es wissen -- sie mute das Unglck mit dem
Gatten tragen, wie sie das viele Glck mit ihm getheilt hatte!

Schnell glitt sie aus der Stube durch den langen Corridor nach dem Zimmer
ihres Gemahls und ffnete leise die Thr.

Turner sa in dem Lehnstuhl, seine Arme sttzten sich auf seine Kniee, sein
Kopf war auf seine Hand gesunken, und der Schreckensbrief lag vor ihm auf
dem Fuboden. Er hatte es nicht gehrt, als seine Gattin in das Zimmer
und zu ihm an den Stuhl trat. Sanft neigte sich diese zu ihm nieder, legte
leise ihren Arm um seine Schultern und weckte ihn aus seiner
Erstarrung. Einen Augenblick sah er der geliebten Lebensgefhrtin in die
thrnenschweren Augen und sagte dann mit dumpfer Stimme: ja, ja, Marie,
das Glck ist auch bei uns wandelbar geworden; wir mssen in diesem Herbst
die Kluse verlassen!

Groer Gott! und warum denn? fragte Madame Turner mit bebender Stimme und
drckte ihre gefalteten Hnde gegen die Brust.

Der zweite Sohn unserer Gutsherrschaft soll die Kluse als Erbtheil
erhalten, und will sie selbst bewirthschaften. Er ist verlobt, wird im
Herbst heirathen, und dann hierher ziehen. Unsere Pacht luft um diese Zeit
ab, und die Bedingungen in dem Pachtbriefe sind der Art, da wir nichts
gegen diesen harten Beschlu einwenden knnen.

Die Leute werden doch unmglich so an uns handeln, sie knnen uns nicht so
ohne Weiteres davonjagen, ehe wir eine andere Pachtung haben, sagte Madame
Turner, nach Trost haschend.

Sie knnen es, Marie, und sie wollen es.

Es wre ja eine unerhrte Rcksichtslosigkeit, eine Grausamkeit sonder
Gleichen. Das Gut ist schon ber hundert Jahre in den Hnden Deiner Familie
gewesen, Du hast mit Freuden die verlangte hhere Pacht bezahlt und Alles
in so guten Stand gesetzt, wie es niemals frher gewesen ist -- es wre
unerhrt, ja sndlich, so gegen uns zu verfahren! fuhr Madame Turner
fort, und suchte gefat zu erscheinen, whrend die Thrnen ber ihre Wangen
rollten.

Und doch wird es geschehen, entgegnete Turner; sie schreiben, da eine
Aenderung in dem Beschlusse unmglich sei. Wir kommen in eine verzweifelte
Lage. Groes Vermgen besitzen wir nicht, wenn wir unser Inventar verkaufen
mssen, werden wir bedeutend dabei verlieren, und dann, wo wollen wir so
schnell wieder eine Pachtung finden? Eine zweite Kluse giebt es fr uns
nicht; _der_ Goldbaum hat uns seine letzten Frchte getragen; das Glck
will uns verlassen, Marie!

Gott hat uns ja noch nie verlassen, Max, und er wird es auch jetzt nicht
thun! Auf einem andern Gute knnen wir ebenso glcklich sein, wenn wir uns
auch etwas mehr einschrnken mssen, entgegnete Madame Turner, indem sie
unbemerkt sich die Thrnen von den Augen wischte.

Ein anderes Gut, das ist leicht gesagt; wenn uns aber die Mittel nun nicht
ausreichen sollten! erwiederte Turner vor sich hinblickend.

Turner -- wir haben viele reiche und gute Freunde, nahm die Frau wieder
das Wort, indem sie die Hand ihres Gatten ergriff und ihm, wie mit einem
Trost in die Augen sah.

Du hast Recht, Marie, sagte Turner nach kurzem Schweigen, ich habe nicht
an sie gedacht; sie werden, wenn es nthig sein sollte, uns gern helfen,
da sie wissen, da sie es mit rechtlichen Leuten zu thun haben. Ich will
brigens gleich nach Tisch zu meiner Gutsherrschaft reiten, und sie zu
bereden suchen, da sie mir die Kluse wenigstens noch auf ein Jahr in Pacht
lt. Dann kann ich mich nach einem anderen Gute umsehen und Vorbereitungen
zu unserem Umzuge treffen. Die Leute werden ja billig sein.

Mit diesen Worten ergriff Turner, leichter aufathmend, den Brief und legte
ihn auf den Tisch, whrend seine Gattin ihren Arm in den seinigen schlang
und nun mit ihm im Zimmer auf und nieder schritt.

Ich habe seit vergangenem Jahre wiederholt auf Erneuerung meines
Pachtcontracts gedrungen, es wurde aber immer hinausgeschoben und ich hielt
es wahrlich kaum noch fr nthig, einen Contract mit den Leuten zu machen,
weil die Kluse ja die langen Jahre in meiner Familie geblieben ist. Wer
htte so etwas denken knnen! sagte Turner im Auf- und Niedergehen.

Die Kluse knnen uns die Menschen nehmen, unser Glck aber nicht, Max, wir
nehmen es mit uns, wohin wir auch ziehen, wenn Gott nur uns Allen unsere
Gesundheit erhlt. An Arbeit sind wir gewhnt und thun sie gern. Sprich
einmal mit den Leuten, und versuche es, sie zur Billigkeit zu stimmen.
Uebrigens ist die Kluse ja nicht das einzige Gut in der Welt, wenn wir
auch unser liebes Werrathal lange Zeit vermissen werden, versetzte Madame
Turner, und die Herzen der zum ersten Male in ihrem Leben vom Unglck
Bedrngten erleichterten sich nach und nach durch die trstenden Worte, die
sie mit einander wechselten.

Madame Turner verlie ihren Gatten in einer viel gefateren Stimmung, als
der, in welcher sie zu ihm gekommen war. Auch die erschreckten Gemther der
Kinder beruhigten sich, als die Eltern, wenn auch ernster, als sonst, doch
weniger bekmmert beim Mittagsessen erschienen, welches heute sehr zeitig
eingenommen wurde. Gleich nach Tisch reichte Madame Turner ihrem Gatten
den Kaffee, Julie brachte die Wachskerze zum Anznden der Cigarre, und Carl
Scharnhorst fhrte den Rappen vor das Haus. Herr Turner lie nicht lange
auf sich warten, schwang sich in den Sattel und reichte seiner Frau zum
Abschied die Hand mit den Worten: Gott wird uns helfen!

Gewi wird er es thun, entgegnete Madame Turner mit vollster Zuversicht,
und winkte ihrem Gatten noch einen Gru nach.

Der Ritt war vergebens; denn Turner brachte bei seiner Rckkehr die
Nachricht mit, da alle seine Bitten, seine Vorstellungen umsonst gewesen
seien, und da die Gutsherrschaft unabnderlich auf seinen Abzug von der
Kluse im kommenden Herbst bestehe.

Die Kunde von diesem Beschlu verbreitete sich bald in dem Stdtchen, und
mit ihr wurden vielerlei Vermuthungen ber die eigentliche Ursache der
Kndigung Seitens der Gutsherrschaft laut. Namentlich sagte man sich im
Vertrauen, da es mit den Vermgensverhltnissen Turners sehr schlecht
stehe. Obgleich aber diese Gerchte von Mund zu Mund gingen, so waren sie
doch nicht bis auf die Kluse gedrungen, und beinahe eine Woche verstrich,
ohne da Turners etwas Anderes aus dem Stdtchen erfuhren, als was die
Knaben, wenn sie Abends aus der Schule kamen, ihnen erzhlten.

Unbegreiflich ist es mir, da sich noch keiner unserer Freunde hier hat
blicken lassen, sagte Turner eines Abends, als er mit seiner Familie nach
dem Abendessen in traulichem Kreise im Garten sa. Ich will morgen doch
einmal in die Stadt reiten und hren, was unsere Bekannten sagen. Sie
werden sicher den innigsten Antheil an unserem Geschick nehmen. Vielleicht
wei auch der Eine, oder der Andere von einem Gute, welches pachtlos wird;
jedenfalls ist mir der Rath eines Freundes willkommen.

Am folgenden Tage gleich nach dem Mittagsessen bestieg Turner sein Pferd,
um nach der Stadt zu reiten, und Madame Turner rief ihm beim Abschied nach:
gre nur Alle recht herzlich von mir.

Von dem Gasthause aus, wo Turner sein Pferd abgab, leitete er seine
Schritte zuerst zu der Wohnung des Kreisraths, und erkundigte sich dort in
der Hausflur, ob derselbe zu sprechen sei.

Ja wohl, Herr Turner, der Herr ist in seinem Arbeitszimmer, er wird sich
freuen, Sie zu sehen, entgegnete ihm die Magd mit einem freundlichen Gru
und ffnete eine Thr, indem sie den Herrn Turner anmeldete.

Der Kreisrath, den Turner als einen seiner wrmsten Freunde betrachtete,
empfing ihn mit groer Hflichkeit, doch nannte er ihn nicht, wie frher,
mein verehrter Freund, sondern nur Herr Turner. Er fhrte ihn durch
das Zimmer nach einer Thr, indem er sagte: meine Damen werden sich sehr
freuen, Sie zu sehen.

Turner aber hielt ihn mit den Worten zurck: ich mchte Sie gern einige
Augenblicke allein sprechen, denn es ist eine wichtige Angelegenheit, in
der ich mir Ihren Rath erbitten wollte.

Gern, gern, mit Freuden stehe ich zu Ihren Diensten; wahrscheinlich einer
Klage wegen. Haben Sie einen schlechten Schuldner, sind Sie schon, oder
_sollen_ Sie noch betrogen werden? Auf meine Hlfe knnen Sie rechnen.
Sagen Sie mir geflligst nur, was ich fr Sie thun kann? erwiederte der
Kreisrath, indem er Turner nach dem Sopha fhrte und neben ihm Platz nahm.

Sie haben oft mein Glck hoch gepriesen, Herr Kreisrath, es will mir
untreu werden, begann Turner nach einer kurzen Pause.

Wie so? Sie erschrecken mich! sagte der Kreisrath mit erzwungenem
Ausdruck der Ueberraschung, um Turner nicht zu verrathen, da ihm dessen
Migeschick bereits bekannt sei.

Denken Sie sich, die Pacht ist mir gekndigt, ich mu im Herbst die Kluse
verlassen, fuhr Turner mit beklommener Stimme fort.

Es ist wohl nicht mglich! Was ist denn der Grund?

Der zweite Sohn meiner Gutsherrschaft hat die Besitzung als Erbtheil
erhalten, und will sie selbst bewirthschaften.

Das ist ja schrecklich -- will man Ihnen denn keine Zeit geben, sich nach
einer anderen Pachtung umzusehen? Das geht doch nicht so Hals ber Kopf, da
hat das Gesetz auch noch ein Wort mitzusprechen; haben Sie Ihren Pachtbrief
bei sich?

Derselbe htte schon im vorigen Jahre erneuert werden mssen, und ich
habe wiederholt darauf gedrungen, man verschob es aber von einem Monat zum
andern, und so ist es denn bis auf den heutigen Tag unterblieben. Die Pacht
luft in diesem Herbste ab, und ich habe nach den Bestimmungen in dem alten
Contract gesetzlich kein Recht zu einer Beschwerde. Nennen Sie es
nicht Nachlssigkeit, wenn ich nicht ernster auf zeitige Erneuerung des
Pachtbriefes drang. Das Gut war seit so langen Jahren in den Hnden meiner
Familie, da ich den schriftlichen Contract nur als eine Form betrachtete,
der zu irgend einer Zeit nachgekommen werden konnte. Wie htte ich
denken knnen, da die Verzgerung Seitens meiner Gutsherrschaft eine
beabsichtigte gewesen wre? sagte Turner mit einem schweren Athemzug.

Ja, ja, verehrter Herr Turner, nehmen Sie es mir nicht bel, aber
allermindestens trifft Sie doch der Vorwurf leichtsinnigen Vertrauens in
die Rechtlichkeit anderer Leute; solchem blinden Vertrauen darf man sich
heutzutage nicht mehr hingeben; wo es sich um Mein und Dein handelt, da
halte ich einen Jeden im Voraus fr einen Spitzbuben, dann wei ich, da
ich nicht hintergangen werde, entgegnete der Kreisrath mit entschiedener
Betonung.

Dazu wrde ich mich nie berreden knnen, Herr Kreisrath, und ich fr
meine Person ziehe es vor, gelegentlich betrogen zu werden, ehe ich den
Glauben an Rechtlichkeit unter meinen Nebenmenschen aufgeben und in ihnen
nur Spitzbuben sehen sollte. Ich habe gottlob noch die Ueberzeugung, viele
ehrliche Freunde zu besitzen, die mich auch, selbst wenn es sich um Mein
und Dein handelt, nicht fr einen Schurken halten, sagte Turner mit mehr
als ihm gewohnter Heftigkeit.

Ganz recht, da bin ich vollkommen Ihrer Ansicht, aber Freundschaft und
Geschft sind zwei ganz verschiedene Dinge; wo das persnliche Interesse
redet, da mu die Freundschaft aufhren. Nun sagen Sie mir, soll ich
vielleicht einmal mit Ihrem Gutsherrn reden und ihm ins Gewissen greifen?
Ich scheue keine Mhe, wenn ich Etwas fr Sie thun kann, und mein Rath
steht Ihnen jederzeit zu Dienste.

Ich bin Ihnen dankbar fr Ihre Bereitwilligkeit, mir zu helfen, mu aber
darauf verzichten, da ich diesen Versuch bereits selbst vergebens gemacht
habe. Man will von einer Aenderung in dem Beschlu Nichts hren, versetzte
Turner, kalt berhrt von den Grundstzen des Mannes, den er immer fr einen
warmfhlenden Freund gehalten hatte. Die Unterhaltung wurde wortkarger und
gezwungener, und Turner erhob sich bald darauf, um sich zu entfernen. Der
Kreisrath nthigte ihn auch nicht, lnger zu verweilen und sagte, indem er
ihn bis an die Thr begleitete, mit einer hflichen Verbeugung: mein Rath
steht Ihnen jederzeit zu Gebote, Herr Turner.

Dieser erwiederte die Zusicherung mit einer stummen Verneigung, und eilte
zusammengepreten Herzens in die Strae hinaus.

Der Kreisrath war gerade derjenige unter seinen Freunden gewesen, von dem
er die wrmste Theilnahme an seinem Schicksal erwartet hatte, und welche
Gefhle, welche Grundstze hatte dieser Mann jetzt gegen ihn ausgesprochen!

Unentschlossen, ob er geraden Wegs wieder zu seinem Pferde zurckkehren und
nach Hause reiten, oder ob er noch andere seiner Freunde aufsuchen sollte,
schritt Turner, in dstere Gedanken versunken, langsam in der Strae hin.
Das Gefhl drngte sich ihm unwiderstehlich auf, da er berall dieselbe
herbe Erfahrung machen wrde, wie bei dem Kreisrath, wenn auch sein Herz
sich dagegen strubte und an dem Glauben an wirklich wahre Freundschaft
festhielt. An der Ecke, wo die Straen sich theilten, blieb er einen
Augenblick zgernd stehen, dann schritt er aber schnell nach dem Gasthause
hin, entschlossen, es abzuwarten, welche Theilnahme ihm seine anderen
Freunde, ohne von ihm dazu aufgefordert zu sein, zeigen wrden; denn die
Kunde von seinem Migeschick mute sich bereits in dem Stdtchen verbreitet
haben.

Madame Turner hatte sich gleich nach ihres Gatten Entfernung in ihre
Wirthschaft begeben, um in den huslichen Arbeiten sich zu zerstreuen
und ihre Gedanken von dem schweren Schlag abzulenken, der ihr bisher
ungetrbtes Glck getroffen hatte. Was sie aber auch unternahm, sie konnte
nirgend Ruhe finden, und mit jeder Stunde wuchs ihr Verlangen nach der
Rckkehr ihres Gatten. Wieder und immer wieder begab sie sich in das
Wohnzimmer, aus dessen Fenstern sie weit auf der Strae, die nach dem
Stdtchen fhrte, hinblicken konnte, um zu sehen, ob sie Turner noch nicht
ersphen knne. Als aber nun die Sonne versank, da setzte sie sich an dem
Fenster nieder und hielt ihre Augen auf den fernsten sichtbaren Punkt der
Strae geheftet. Endlich erkannte sie ihren zurckkehrenden Gatten, er kam
aber nicht, wie sonst, im schnellen Trabe, das Pferd ging nur im Schritt,
und sie meinte, so langsam sei Turner niemals nach Hause geritten. Sie
konnte ihn nicht im Zimmer erwarten, sie warf ihr Tuch um und eilte hinaus
ihm entgegen.

Du bringst keine frohe Nachricht mit Dir, Turner, sagte sie, als sie mit
ihm auf der Strae zusammen traf und ihm die Hand zum Willkommen reichte.

Nein, Marie, wir haben uns in einem unserer Freunde sehr verrechnet, und
zwar in dem Kreisrath. Die Nachricht, da wir die Kluse verlassen mten,
schien mehr sein Bedenken, als seine Theilnahme zu erwecken, und statt
warmer herzlicher trstender Worte erhielt ich Nichts bezweckende kalte
Rathschlge und steife Hflichkeiten. Er war ein Freund im Glck, ist aber
kein Freund in der Noth! entgegnete Turner, indem er abstieg, das Pferd
leitete, und Arm in Arm mit der Gattin der Wohnung zuschritt.

Der Kreisrath? sagte Madame Turner berrascht mit halblauter Stimme, er
war doch immer so herzlich und liebevoll gegen uns!

Ja, der Kreisrath, er machte mir nur Vorwrfe und rieth mir, wo es sich um
Mein und Dein handele, alle Menschen fr Spitzbuben zu halten, so wie er es
thue, um sich vor Betrug zu schtzen.

Der Himmel bewahre Dich vor solchem Glauben, Turner, lieber mag man uns
betrgen. Nein, es giebt noch gute Menschen, und grade im Unglck werden
wir sie erkennen. Was sagten denn Apothekers?

Ich bin nicht bei ihnen gewesen. Es war mir unmglich, mich einer zweiten
solchen Tuschung auszusetzen. Wir wollen abwarten, welchen Trost uns
unsere Freunde bringen; suchen werde ich denselben nicht bei ihnen. Ich
ging vom Kreisrath wieder in das Gasthaus zurck. Dort fand ich viele
Brger versammelt, die mir immer herzlich zugethan waren, wenn sie mir
sonst auch nie nher gestanden haben. Die Leute waren auer sich, sprachen
sich heftig gegen die Gutsherrschaft aus, und erklrten schlielich, da
ich unter keiner Bedingung diese Gegend verlassen drfe. Es msse Rath
geschafft werden, auf irgend eine Weise ein Gut fr mich in der Nhe
auszumitteln, weil ich immer den Armen und Bedrftigen eine Sttze gewesen
sei. Sieh, Marie, das hat mir wohlgethan, und mich tausendfach fr den
Verlust eines reichen vornehmen Freundes entschdigt.

Dessen Hlfe wir auch nicht nthig haben werden, wenn uns der _eine_ treue
barmherzige Freund, der uns bis jetzt so vterlich beigestanden hat, seine
Gnade auch fernerhin angedeihen lt, sagte Madame Turner, indem sie zum
Himmel aufblickte.

Ja, Marie, Gott ist immer unser treuster Freund gewesen, und wir wollen
fest auf seine fernere liebevolle Hlfe bauen. Was uns im Augenblick als
Migeschick erscheint, wird sich sicher zu unserm Besten wenden; es sei uns
willkommen, wie es sich auch gestalten mag! Mit diesen Worten legten die
beiden Gatten ihre Hnde ineinander, als wollten sie sich gegenseitig das
Versprechen geben, in diesem Glauben niemals zu wanken.

Am nchsten Morgen setzte Turner mehrere Anzeigen fr verschiedene
Zeitungen auf, worin er bekannt machte, da er ein Gut zu pachten suche,
und schrieb zugleich eine Menge Briefe an auswrtige Freunde, welche er
aufforderte, sich fr ihn zu bemhen und ihm mitzutheilen, wenn sie von
einer offenen Pachtung hren sollten. Er brachte die Schreiben selbst nach
der Stadt zur Post, und wurde dabei allenthalben in den Straen von den
Einwohnern angehalten, da ein Jeder aus seinem Munde hren wollte, ob das
Gercht von der Pachtkndigung wahr sei. Es herrschte nur _eine_ Stimme
unter den Leuten, die der Entrstung gegen die Gutsherrschaft und die der
wrmsten liebevollsten Theilnahme fr Turner. Von seinen Freunden aber
bekam er Keinen zu sehen. Mochte es nun Zufall sein, da Keiner derselben
ihn beim Vorbergehn vor deren Wohnung bemerkt hatte; bis jetzt aber war
er kaum jemals durch das Stdtchen gegangen, ohne da der eine, oder andere
Freund ihn aus dem Fenster angerufen, oder ihn in der Strae, oder im
Gasthaus aufgesucht hatte. Vor der Apotheke sogar blieb er eine geraume
Zeit stehen, weil mehrere Brger ihn dort anredeten, um ihm ihr Bedauern
ber das ihn betroffene Migeschick auszusprechen; er erkannte hinter dem
Fenster die Frau und die Tchter des Apothekers, sah, wie dieselben sich
schnell von den Fenstern entfernten, und erwartete nun von Augenblick zu
Augenblick, da sein Freund, der Apotheker, zu ihm heraus in die Strae
kommen wrde, -- allein, er hatte sich getuscht, es lie sich Niemand aus
dem Hause sehen.

Auf der Kluse wurde es jetzt sehr still, denn die vielen angesehenen,
reichen Freunde, von denen sich Jahr aus, Jahr ein fast tglich eine Anzahl
dort eingefunden hatte, blieben aus; Tage und Wochen eilten dahin, ohne da
Einer derselben sich htte sehen lassen, obgleich das Wetter ungewhnlich
schn und einladend war, und die Grten im reichsten ppigsten Schmuck ihre
ersten Frchte darboten. So schmerzlich sich Turners nun auch durch diese
Theilnahmlosigkeit und Vernachlssigung berhrt fhlten, so wrde doch
ihr unbedingter guter Glaube an die Biederkeit ihrer Nebenmenschen nicht
dadurch beeintrchtigt worden sein, wren nicht die nachtheiligen Gerchte
zu ihren Ohren gekommen, welche man ber sie in dem Stdtchen verbreitet
hatte. Tief gekrnkt und entrstet darber, bemhte sich Turner, die Quelle
zu entdecken, aus welcher diese Verlumdungen entsprungen waren; doch
umsonst, alle seine Nachforschungen dieserhalb blieben vergebens.

Zum ersten Male in ihrem Leben fhlten sich Turners von den Menschen
zurckgestoen, und ihr Glaube an dieselben begann zu wanken. Um so
enger und um so inniger aber schlossen sie sich in ihrem Familienkreise
aneinander, und kamen bald zu der Ueberzeugung, da ihr wahres Glck
niemals durch die Menschen vermehrt worden war, da es immer nur in ihnen
selbst, in ihrer Liebe fr einander bestanden hatte. Mit doppeltem Eifer,
mit doppelter Thtigkeit widmeten sie sich ihren Geschften und machten, wo
sie konnten, schon jetzt Vorbereitungen fr ihren Abzug von der Kluse.
Sie wurden nun nicht mehr durch viele Besuche von ihren Arbeiten
zurckgehalten, und die Ersparnisse in Folge von deren Ausbleiben stellten
sich als nicht unbedeutend heraus. Bald waren die sogenannten Freunde, die
Schmarotzer, vergessen, und Turners befreundeten sich tglich mehr mit dem
Gedanken, das ihnen unentbehrlich geglaubte schne Werrathal zu verlassen.




Abschnitt 2.

  Abzug vom Gute. -- Der Brief von Amerika. -- Der Beschlu zur
  Auswanderung. -- Vorbereitungen. -- Weihnachten. -- Der Neger. -- Die
  Nordsee. -- Die Seeschweine. -- Die Inseln. -- Der Sonnenuntergang.
  -- Der Eisberg. -- Amerika. -- Der Adler. -- Todesnachricht. -- Der
  Verlust.


Auf Carl Scharnhorst bten die Vernderungen in Turners Verhltnissen einen
auffallenden Einflu aus; es schien, als fhle er, da er die Kinderschuhe
ausziehen, da er seinen Lieben bald seine Krfte leihen und ihnen
bald eine thtige Hlfe werden msse. Er war ernster als sonst, mit
unermdlichem Fleie besuchte er die Schule, empfing noch bis spt Abends
Privatunterricht, und das erste Licht des Morgens fand ihn schon bei seinen
Bchern.

So segenreich und vielversprechend das Frhjahr auch erschienen war, so
verminderten sich doch die Hoffnungen auf eine ergiebige Ernte von Tag zu
Tag mehr, da eine anhaltende Drre sich eingestellt hatte. Die Heuernte war
schon vollstndig mirathen, weil das Gras wegen Mangels an Regen durch die
Sonnengluth verbrannt wurde, und aus gleichem Grunde darbten die Frchte
auf den Feldern; denn der ausgetrocknete Boden konnte ihnen keine Nahrung
zum Wachsen und Gedeihen geben. Die Kornernte kam heran, und begann vier
Wochen frher als gewhnlich, sie lieferte nur kleine leichte Krner und
kurzes gehaltloses Stroh. Auch das Grnfutter konnte nicht gedeihen, es
vertrocknete auf dem Lande, der Weizen lieferte schlechtes Gewicht, und den
Hafer lohnte es kaum der Mhe zu mhen. Diese Ergebnisse drckten schwer
auf die schon bedrngten Herzen der Turners, denn grade diese Ernte sollte
ihnen ja baares Geld in die Hand liefern, und ihnen helfen, anderswo eine
neue Heimath zu grnden. Dennoch verlie sie die Hoffnung und der Glaube
nicht, da Alles sich zu ihrem Besten gestalten wrde, und unverdrossen
boten sie alle ihre Krfte, alle ihre Thtigkeit auf, die Ernten um so
sorgfltiger einzubringen. Turner hatte schon viele Gter in Augenschein
genommen, wobei er wiederholt wochenlang von der Kluse abwesend geblieben
war, doch keines von allen hatte ihm zugesagt, theils, weil sie werthlos,
theils, weil sie zu bedeutend waren, als da er sie mit eigenen Mitteln
htte bernehmen knnen. In der Nhe war berhaupt kein Gut zu pachten,
welches nur einigermaen seinen Anforderungen entsprochen htte, wodurch
sich die Nothwendigkeit fr ihn herausstellte, sein Inventar, das heit
seine Gerthschaften, Vieh und Pferde und alle seine Vorrthe zu verkaufen,
die er weithin nicht mit sich nehmen konnte. Die Zeit, wo Turner die Kluse
verlassen sollte, rckte immer nher, wieder und wieder begab er sich
auf Reisen, um pachtfreie Gter zu besehen, aber immer kehrte er ohne den
gewnschten, ersehnten Erfolg nach Hause zurck.

Die letzten vier Wochen waren nun angetreten, welche Turners noch auf der
Kluse zubringen konnten, und da sie immer noch kein anderes Gut gepachtet
hatten, so blieb ihnen Nichts brig, als Alles zu verkaufen, nach der
Stadt zu ziehen, und sich dann von dort aus in Ruhe nach einer Pachtung
umzusehen. Die gegen frhere Jahre nicht bedeutenden Vorrthe waren bereits
nach und nach zu ziemlich guten Preisen verwerthet, und um sich nun auch
des Inventars zu entledigen, wurde eine Auktion angesetzt und die Anzeige
davon in mehreren Zeitungen, so wie in den nicht weit entfernten Stdten
und Ortschaften durch Anschlagzettel bekannt gemacht. Die Zahl der
Kauflustigen, die sich dazu einfanden, war keine groe, und der Verkauf
stellte sich als ein sehr mittelmiger heraus. Namentlich brachte das Vieh
sehr niedrige Preise auf, weil fast Niemand nur fr den eigenen Viehbestand
Futter genug geerntet hatte.

Wenige Tage nach der abgehaltenen Auktion standen des Morgens zwei aus der
Stadt gemiethete vierspnnige Frachtwagen, mit dem Hausgerth der Familie
Turner beladen, auf dem Hofe der Kluse; Madame Turner trat, einen frischen
Blumenstrau in der Hand, mit Thrnen in den Augen aus dem Wohngebude und
nahm den Arm ihres Gatten. Schweigend und durch ihre Thrnen blickte sie
die alte freundliche Wohnung an, die ihr bisheriges groes unermeliches
Glck beherbergt hatte; stumm, aber schluchzend sagte sie ihr das letzte
Lebewohl, mit blutendem Herzen ri sie sich von dieser theuren Heimath los,
um, wer wute wo, eine andere zu finden. Auch Turner waren die Augen feucht
geworden; das alte Haus war die Wiege seiner Vorfahren, seine eigene
und die seiner Kinder gewesen, es hatte seit hundert Jahren das stille
anspruchslose Glck der Turnerschen Familie gesehen, und nun sollte ihr
Name in seinen Mauern vergessen werden! Er hatte keine Worte fr den
herzzerreienden Abschied, fr das letzte Lebewohl, er gab den Fuhrleuten
einen Wink fortzufahren, drckte den Arm seiner Gattin fest an seine Brust,
und schritt mit ihr und mit den Kindern durch das Hofthor nach der Strae
hinunter. Langsam und ohne ein Wort zu sagen, folgten sie den knarrenden,
wankenden Wagen, und erst, als sie den letzten Punkt auf der Strae, von
wo man noch die Kluse sehen konnte, erreicht hatten, blieben sie stehen und
blickten zurck.

Die alte Heimath haben wir verlassen, wir sind unterwegs, Marie, wer wei,
wohin dieser Weg uns fhren wird! sagte Turner, indem er seinen Arm um die
Schulter der Gattin legte, und seinen Blick auf die Kluse geheftet hielt.

Wohin er uns auch fhren mag, unsere Heimath nehmen wir mit uns; denn
wo wir vereint sind, da ist unsere Heimath! antwortete Madame Turner mit
einem innigen liebevollen Blick, und streckte ihre Hand nach den Kindern
aus, die sich an sie schmiegten und gleichfalls betrbten Herzens von der
Kluse Abschied nahmen.

In dem Stdtchen wurden sie allenthalben freundlichst begrt und von
vielen Bekannten bis zu dem kleinen Hause geleitet, welches Turner
gemiethet hatte. Dasselbe lag an der Auenseite der Stadt auf einer Anhhe
in einem hbschen Garten, und gewhrte einen freien, weiten Blick ber das
Werrathal, so da Turners in ihrer uern Umgebung wenigstens ein hnliches
Bild fanden, wie das, welches sie auf der Kluse so viele Jahre hindurch
entzckt hatte. Nach wenigen Tagen waren sie in ihrer neuen Wohnung
eingerichtet; Madame Turner suchte sich in den ihr ungewohnten mssigen
Stunden im Garten zu beschftigen, obgleich der Herbst ihre Thtigkeit dort
sehr beschrnkte; und Herr Turner konnte sich jetzt ungehinderter seinen
Bemhungen um eine neue Pacht hingeben. Der Erls aus seinen smmtlichen
Verkufen belief sich auf ungefhr neuntausend Thaler, welche er in
Werthpapieren angelegt hatte, und seine in der Stadt ausgeliehenen Gelder
betrugen noch tausend Thaler, so da er ber ein baares Capital von
zehntausend Thalern zu verfgen hatte. Er stand nach allen Richtungen hin
in Briefwechsel, und bald nach seiner Uebersiedlung in das Stdtchen wurden
ihm mehrere Gter im Preuischen bezeichnet, welche pachtlos geworden
waren. Er schickte sich abermals zur Reise an, um die Gter in Augenschein
zu nehmen, kehrte aber nach mehreren Wochen unverrichteter Sache wieder
zurck, denn keines derselben hatte seinen Bedrfnissen entsprochen.

Die Freude des Wiedersehens berwltigte im Anfange die trbe Stimmung
Turners ber den abermaligen ungnstigen Erfolg seiner Reise; als aber die
Lampe auf dem Theetisch angezndet war und die Familie sich um denselben
sammelte, da sprach Turner sich recht ernstlich besorgt darber aus, da er
mglicherweise noch ein ganzes Jahr ohne Pachtung bleiben und unthtig Geld
verzehren msse, ohne Etwas verdienen zu knnen.

Gieb mir doch die Zeitungen, vielleicht findet sich Etwas darin, sagte
er nach einer Weile zu seiner Gattin, und setzte noch, als diese aufstand,
hinzu: sind auch Briefe angekommen?

Ja wohl, entgegnete diese, ich wollte sie Dir eben mitbringen. Es ist
auch ein Brief von Amerika dabei; ich glaube, er ist von Deinem Vetter
Victor.

Sieh, endlich einmal wieder ein Lebenszeichen von ihm, sagte Turner,
whrend seine Gattin das Zimmer verlie.

Bald kehrte dieselbe zurck und legte ein Packet Zeitungen und mehrere
Briefe vor ihren Gatten auf den Tisch.

Wahrhaftig, ein Brief von Victor! Nun, da bin ich doch neugierig, wie es
dem geht; es sind wohl schon beinahe drei Jahre, da er Nichts von sich
hren lie.

Mit diesen Worten zog Turner die Lampe nher zu sich und ffnete das
Schreiben. Er las den Inhalt mit augenscheinlich sich steigerndem
Interesse, und als er die letzte Seite beendet hatte, legte er den Brief
auf den Tisch, schlug mit der Hand darauf, und sagte mit einem freudigen
Lcheln zu seiner Gattin: nun, Marie, was meinst Du wohl, was er
schreibt?

Hoffentlich, da es ihm und den Seinigen recht gut geht; was er sonst
schreibt, mchte mir schwer werden zu errathen.

Nichts mehr und Nichts weniger, als da er uns einladet, auch hinber zu
kommen. Es geht ihm sehr gut; er besitzt eine Farm unterhalb Baltimore
an der Chesapeake-Bay, baut Mais und Taback, und verdient dort dreimal so
viel, als es ihm hier auf dem Gute bei Hannover mit der doppelten Arbeit
mglich war. Dabei ist er so wie seine Familie frisch und wohl, hngt von
Niemandem ab, wird von Niemandem belstigt, und mu in wenigen Jahren ein
reicher Mann sein.

Madame Turner sah ihren Gatten berrascht und mit groen Augen an, als lese
sie einen Gedanken auf seinen Zgen, von dem sie im Augenblick nicht wisse,
ob sie ihn willkommen heien solle. Dann aber kam ihre gewohnte Ruhe wieder
ber sie, und sie sagte: im Anfange seines Dortseins ist es ihm aber auch
schlecht genug ergangen. Ich wei noch recht gut, da er sich sehr nach dem
alten Deutschland zurcksehnte. Gottlob, da es ihm nun besser geht!

Turner schwieg, zog eine Cigarre aus der Tasche hervor und hielt sie
wiederholt, und wie in Gedanken versunken, ber die Lampe.

Wenn man es eigentlich so recht bedenkt, fuhr er dann nach einer Weile
fort, so ist es ziemlich einerlei, ob man nach Sddeutschland oder nach
Amerika zieht; die Reise nimmt kaum mehr Zeit in Anspruch, und zu Wasser
ist sie viel bequemer als zu Lande. Da der Brief gerade in diesem
Augenblick kommen mu -- sonderbar!

Aber in einem fremden Lande, unter fremden Menschen, ohne Freunde!
bemerkte Madame Turner halb erschrocken.

Ohne Freunde, Marie, -- verlangst Du schon wieder nach Freunden?
entgegnete Turner bitter.

Nicht nach solchen schlechten Freunden, Max, wie wir sie auf der Kluse
um uns hatten, aber nach uneigenntzigen, ehrlichen, biedern, gemthlichen
Freunden, solche meine ich, wie Du ja hier unter den Brgern hunderte
besitzest. Hast Du mir nicht selbst gesagt--

Ja, ja, Marie, Du hast Recht, wie immer, Du bist ein prchtiges, gutes,
gescheutes, mein liebes Weib, fiel ihr Turner in die Rede und zog sie zu
sich heran, um sie zu kssen; aber beste Frau, man kann doch solche Sachen
berlegen, und braucht nicht das Kind mit dem Bade auszuschtten. Sieh,
Victor schreibt, da man dort in seiner Nhe gutes Land fr zehn bis
fnfzehn Thaler den Morgen kaufen kann, und da weiter im Westen das
Regierungsland nur etwa drei hiesige Thaler kostet. Denke einmal darber
nach, ob es nicht fr drei so tchtige Buben, wie wir deren haben, besser
ist, wenn der Vater ein gutes Stck Land als Eigenthum besitzt, als da er
den Pchter auf einem fremden Gute spielt, von dem man ihn beim Ablauf der
Pacht verjagen kann. Und, sage selbst, lge das Wasser nicht zwischen
den beiden Erdtheilen, wer wrde sich nur einen Augenblick bedenken, nach
Amerika hinber zu wandern?

Das alte Sprichwort sagt, bemerkte Madame Turner: Bleibe im Lande--

Und mache es so, wie es die Vter machten, und wenn es auch gar nicht
mehr in die Zeit pat, unterbrach sie ihr Gatte, es ist ja nur, da man
darber spricht, Marie; noch wollen wir ja nicht auswandern. Da, nimm den
Brief und lies ihn morgen einmal mit Mue.

Nun ffnete Turner die brigen Schreiben, die jedoch nichts von Wichtigkeit
brachten, und dann begann er die whrend seiner Abwesenheit angekommenen
Zeitungen zu durchsuchen, ob nicht darin eine offene Pachtung angekndigt
sei.

Madame Turner war nachdenkend geworden und blickte, von den Anderen
unbeachtet, bald ihren Gatten, bald ihre Kinder an, denn Alle waren mit
Lesen beschftigt, sie allein nur strickte. Turner verbrachte den ganzen
Abend mit Durchsehen der Zeitungen, wobei er sich nicht gern stren lie,
weshalb die Stunden ziemlich schweigsam verliefen.

Sieh, da habe ich die lteste Zeitung bis zuletzt aufgespart, sagte
er, indem er das Blatt entfaltete. Es wird aber wohl ebenso wenig
Interessantes fr mich darin sein, als in den andern. Er berblickte den
Inhalt nur flchtig, und wollte das Papier zu den anderen legen, als eine
Anzeige, die auf der letzten Seite stand, seine Aufmerksamkeit fesselte.

Ist es mglich, sagte er, freudig berrascht, das Gut Schwaneberg in
Sachsen soll verpachtet werden, der Eigenthmer will es nicht mehr selbst
bewirthschaften. Ja, wenn ich das bekommen knnte, da wrde ich mich nicht
einen Augenblick besinnen. Ich kenne es ganz genau, denn ich habe einen
Theil meiner Lehrzeit darauf zugebracht; es ist nicht zu gro, und
vortrefflich in jeder Beziehung, htte ich nur schon vor meiner Abreise
diese Anzeige gesehen, ich wrde die Reise gar nicht gemacht haben.
Sogleich will ich aber an den Besitzer schreiben, damit der Brief morgen
frhzeitig abgeht; wenn mir nur kein Anderer schon zuvorgekommen ist. Er
stand rasch auf, nahm die Zeitungen und die Briefe und eilte nach seinem
Zimmer.

Am folgenden Morgen, whrend Turner nach der Post ging, setzte sich Madame
Turner an das Fenster und begann den Brief von Amerika zu lesen. Sie that
es halb mit Widerwillen und mit der Ueberzeugung, da sie, was auch darin
stehen mge, niemals fr eine Auswanderung in das fremde Land stimmen
wrde. Whrend des Lesens aber wurde sie aufmerksamer, sie hielt wiederholt
inne und sah nachdenkend ber das Papier hinweg, und als sie mit Lesen zu
Ende war, begann sie das Schreiben abermals durchzublttern. Der Vetter
ihres Mannes hatte die groen Vorzge Amerika's, namentlich die fr
Oeconomen, so klar und deutlich geschildert, und den reichen Ertrag der
Lnderei so anschaulich hervorgehoben, da Madame Turner, trotz ihres
Vorurtheils, Nichts dagegen einzuwenden vermochte. Er hatte aber
insbesondere auf die Kinder Turners hingewiesen und ihm auseinandergesetzt,
da er, wenn er auf der Kluse bleibe, denselben niemals eine sichere
Zukunft bereiten knne, wenn sie auch smmtlich auf diesem Gute immer genug
zu leben htten. In Amerika aber wrde er mit Leichtigkeit einem jeden der
Knaben ein eigenes Gut in seiner Nhe einrichten knnen, so da sie
fr Lebzeiten versorgt sein wrden. Dann beschrieb er die unabhngigen
gesellschaftlichen und politischen Verhltnisse so schn und angenehm, gab
eine so herrliche Schilderung von dem prchtigen Lande und dem reizenden
Klima, da Madame Turner das Bild Amerika's mit jedem Augenblicke in einem
schnern Lichte sah.

Wieder und immer wieder nahm sie das Schreiben von ihrem Nhtisch auf, um
einzelne Abschnitte desselben noch einmal zu berlesen, und sie hatte
es abermals offen vor sich auf den Tisch gelegt, als Turner von der Post
zurckkehrte und in das Zimmer trat.

Nun, hast Du den Brief gelesen und was hltst Du davon? fragte er die
Gattin.

Der Brief ist ganz vernnftig geschrieben; es mu Deinem Vetter sehr gut
gehen und ihm sehr gefallen, entgegnete Madame Turner mit einem Ausdruck
der Zufriedenstellung.

Und Du siehst nun wohl auch ein, da es nicht geradezu Thorheit ist,
wenn man gelegentlich die Sache berlegte? bemerkte Turner abermals halb
fragend.

Max, Dein Urtheil ist freier und richtiger, als das meinige, Deine Ansicht
ist mein Glaube, Dein Wunsch ist mein Wille, und Deine Wohnsttte ist mein
Himmel. Was Du im Leben auch beschlieen, wohin Du auch gehen magst, ich
folge Dir, und ginge es an das Ende der Welt. Nur la uns Nichts bereilt
thun und nicht Gutes weggeben, ehe wir sicher sind, Besseres dafr zu
bekommen. Fr unsere Kinder leben wir, und was wir fr ihr Wohl thun
knnen, darf uns kein Opfer sein, antwortete die Frau mit einem Tone
liebevollster Hingebung und reichte ihrem Gatten die Hand.

Du bist ein Engelsweib, Marie, und ich verspreche es Dir, Nichts ohne
Deinen Willen, ohne Deines Herzens Zustimmung zu beschlieen. Kann ich das
Gut Schwaneberg bekommen, so bleiben wir hier im Vaterlande, wo nicht, so
wollen wir ber Amerika sprechen.

Von diesem Augenblick an war unverkennbar ein frischer Lebensfunke in die
Gemther der beiden Gatten gefallen; die Ungewiheit ber ihre
Zukunft hatte sie pltzlich verlassen, sie hatten auer der einen noch
zweifelhaften Aussicht noch eine zweite in Amerika, und diese erfllte sie
von Stunde zu Stunde mit schneren Hoffnungen. Der Brief von dem Vetter
wurde immer wieder hervorgeholt, er wurde Abends beim Thee laut vorgelesen
und besprochen, und die Kinder, namentlich aber Carl, redeten von Nichts
mehr als von Amerika. Ja, der Wunsch Turners, eine gnstige Antwort ber
das Gut Schwaneberg zu erhalten, wurde tglich weniger dringend, und als
nach mehreren Tagen der erwartete Brief von dem Eigenthmer des Gutes
ankam, ffnete ihn Turner sogar mit einem leisen Hoffnungsgefhl, da er
eine abschlgige Antwort enthalten mge. So war es denn auch: der Besitzer
des Gutes meldete mit Bedauern, da er vor nur wenigen Tagen einem Andern
die Pacht zugesagt habe.

Da ist die Antwort ber Schwaneberg, Marie, sagte Turner zu seiner
Gattin, indem er in ihr Zimmer trat und ihr den Brief hinreichte. Die
Vorsehung zeigt uns augenscheinlich den Weg, den wir whlen sollen; hier in
Deutschland schlgt uns Alles fehl. Das Gut ist bereits verpachtet.

Madame Turner nahm ihrem Gatten den Brief halberschrocken ab; denn so
angenehm sie auch der Gedanke an das schne Amerika umgaukelt hatte, so war
doch die Vorliebe fr das traute, alte Deutschland zu fest in ihrem Herzen
eingewurzelt, als da eine pltzliche Entscheidung, ob in dem Vaterlande
zu bleiben, oder ihm auf ewig Lebewohl zu sagen, sie nicht htte mit
Zaghaftigkeit ergreifen mssen.

Also wirklich, es ist schon verpachtet? Das ist mir sehr leid -- Du
hattest Dich so darauf gefreut -- und wir wrden dort ein sicheres gutes
Brod gefunden haben, sagte sie etwas kleinlaut, indem sie den Brief
ffnete und durchblickte.

Du siehst, Marie, wie sich Alles so wunderbar gefgt hat, um uns hier frei
zu machen und unsere Blicke nach der neuen herrlichen Welt zu richten. La
uns ruhig und ohne alle Vorurtheile berlegen, dann aber auch entschlossen
und muthig handeln. Es gilt das Glck unserer Kinder.

In Gottes Namen erklre ich mich zu Allem bereit, was dieses und Dein
eigenes Wohl frdern kann, Max. La uns Alles reiflich berlegen und dann
entscheide; der Himmel wird uns dort, so wie hier gndig sein, entgegnete
die Frau entschlossen, indem sie ihres Gatten Hand ergriff und dieser sie
an seine Brust drckte. Noch am selbigen Abend ward der Beschlu gefat,
nach Amerika auszuwandern.

Frisches Leben und rege Thtigkeit war jetzt in die Familie Turner
gekommen, und alles Denken, alles Streben richtete sich auf das neue Ziel,
auf die neu zu grndende Heimath. Schon am folgenden Tage antwortete
Turner seinem Vetter Victor in Amerika, und zeigte ihm an, da er sich
entschlossen habe, mit seiner Familie nach dort zu ziehen. Er bat
ihn zugleich, nun so schnell als mglich ihm, nach seinen gemachten
Erfahrungen, mit Rath an die Hand zu gehen und ihm zu sagen, in welcher
Weise er sich zu der Uebersiedelung einrichten solle. Es war ein sehr
langes Schreiben, denn Turner hatte darin seinem Vetter ber Alles, was
ihm zu wissen nthig schien, Fragen gestellt. Einen wichtigeren,
entscheidenderen Brief hatte er nie zur Post getragen; die Zukunft seiner
Familie war darin verschlossen. Mit groem Eifer wurde in Turners Hause
Alles gelesen, was Auskunft ber Amerika gab, und anerkannt gute Schriften
ber dieses Land, dessen Zustnde und Verhltnisse, wurden angeschafft. Das
praktische, selbststndige Leben war in allen vorherrschend geschildert,
und namentlich wurde es dem Farmer darin zur Aufgabe gemacht, sich
mglichst unabhngig von Anderen zu stellen. Er mute sich in allen Lagen
seines Lebens selbst zu rathen und zu helfen wissen, und zu diesem Ende
mit den verschiedenen Handwerken fr den Nothfall vertraut sein. Turner
beschlo daher, sich selbst einige Kenntni davon zuzueignen, und ebenso
Carl Scharnhorst darin unterweisen zu lassen. Er fr seine Person entschied
sich dafr, eine Zeitlang bei einem Schmied und dann auch bei einem
Bchsenmacher in die Lehre zu gehen, und Carl sollte bei einem Stellmacher
und einem Schreiner Unterricht nehmen.

Turner fhrte nun auch den Beschlu mit der ihm eigenen Willenskraft sofort
aus. Des Morgens, nach zeitigem Frhstck, begab er sich zu dem
besten Schmied in der Stadt, arbeitete dort mit Lust und Liebe bis zur
Mittagszeit, und wieder nach Tisch bis zur einbrechenden Dmmerung, whrend
Carl in gleicher Weise bis zum Abend bei einem Wagener beschftigt war, um
dann noch einige Privatstunden im Englischen und im Maschinenbau zu nehmen.
Nach dem Abendbrod sa dann die Familie heiter um den groen Tisch gereiht,
Turner entfaltete vor sich eine Landkarte von Amerika, die Reise nach der
neuen Welt wurde beredet, und tausend Plne entworfen, wie man sich dort
einrichten wollte.

Die Herbststrme brausten durch das buntgefrbte Laub der Wlder und
trieben die gelben und rothen Bltter wie einen Goldregen vor sich hin
durch das Werrathal, Nachtfrste berzogen Wiesen und Grten mit Rauhreif,
der in den ersten Strahlen der aufsteigenden Sonne wie ein Schleier von
Diamanten blitzte und funkelte, die Hhen der Gebirge frbten sich wei,
und Anfangs December legte der Winter eine dichte Schneedecke ber die
Erde.

Um so traulicher saen Turners Abends in dem gemthlich warmen Zimmer
beisammen und besprachen ihre hoffnungsreiche Zukunft in einem sonnigeren
Lande. Das Weihnachtsfest nahete sich mit groer Klte, es sollte das
letzte sein, welches die Familie Turner in der alten Heimath feierte.
Madame Turner hatte in dem grten Zimmer einen prchtigen Tannenbaum
aufgestellt und ihn mit Zuckerwerk und Lichtern reich geschmckt, und als
am Christabend die Dunkelheit hereinbrach, vertheilte sie die Geschenke
fr die Kinder auf die verschiedenen, um den Baum stehenden Tische, fgte
Aepfel, Nsse und Kuchen hinzu, und zndete die Lichter an. Dann lie sie
die Schelle ertnen, die Thre des anstoenden Zimmers ffnete sich,
und jubelnd und mit strahlenden Blicken strmte die junge Schaar herein.
Turner, den Kindern folgend, breitete seine Hnde nach der Gattin aus, und
empfing sie unter Freudethrnen an seinem Herzen. Es war ein feierlicher
Augenblick, ein Augenblick zwischen der hochbeglckenden Gegenwart und der
dicht verschleierten Zukunft, -- wo und wie sollten sie wohl das nchste
Weihnachtsfest feiern? Beide sahen auf die frhlichen, jauchzenden Kinder,
und Beide beantworteten sich gegenseitig schweigend ihre stummen Fragen
durch einen Blick nach Oben, mit welchem sie dem Allmchtigen ihre Zukunft,
ihr Schicksal zu lenken, vertrauungsvoll anheim stellten. Die Frhlichkeit
der Kinder verscheuchte aber bald den Ernst von den Zgen der Eltern, und
Madame Turner fhrte mit einem freudigen heitern Antlitz ihren Gatten
nach einem der Tische, auf welchem sie mehrere kleine Geschenke fr ihn
niedergelegt hatte. Unter anderen befand sich dort ein schner schwarzer
Filzhut mit sehr breitem Rande, den Turner als ein nothwendiges
Kleidungsstck in einem heien Klima genannt hatte. Er ergriff ihn, um ihn
aufzusetzen, und fand darunter einen Brief -- einen Brief von dem Vetter
Viktor in Amerika. Derselbe war schon am Tage vorher eingetroffen, Madame
Turner aber hatte ihn verheimlicht, um ihren Gatten am heutigen Festabend
damit zu berraschen. Die Freude war aber auch eine sehr groe und
allgemeine, denn selbst bei den Kindern war fr den Augenblick alles
Interesse fr die Geschenke verschwunden, und sie drngten sich zu den
Eltern, um die Nachrichten von Amerika zu vernehmen. Turner mute sich bei
dem Tannenbaume niedersetzen und bei dessen Lichtschein den Brief vorlesen.
Dies geschah nun, wenn auch nur stckweise, doch hinreichend, um etwas
Nheres ber die bevorstehende Abreise bestimmen zu knnen. Das Frhjahr
ward dazu festgesetzt.

Es war der heiterste und doch der ernsteste Weihnachtsabend, der in dieser
Familie jemals gefeiert war. Madame Turner hatte einen vortrefflichen
heien Punsch angefertigt, und auf eine glckliche Zukunft in der noch
fernen neuen Heimath erklangen und wurden die Glser bis auf den letzten
Tropfen geleert. Alle am heutigen Abend zwischen Eltern und Kindern
vertheilten Geschenke waren fr das Leben in Amerika berechnet, und Keiner
war so reich bedacht worden, als Carl Scharnhorst. Eine prchtige,
sehr werthvolle Doppelbchse mit allem Zubehr, ein herrliches schweres
Jagdmesser, eine Jagdtasche, ein Compa, waren die Gaben, die ihn besonders
beglckten, und unter Freudenthrnen und mit Kssen dankte er seinen
Pflegeeltern fr ihre Gte und ihre Liebe.

Alle gaben sich der seelenvollsten Heiterkeit hin, sie lachten, scherzten
und stieen mit den Glsern an, whrend der Sturm drauen die weien
Schneeflocken gegen die Fensterscheiben trieb, und die Mitternachtsstunde
war schon lange dahingeeilt, als die Glcklichen ihr letztes Weihnachtsfest
in Europa beschlossen und sich mit den glnzendsten Hoffnungen fr ihre
Zukunft zur Ruhe begaben.

Der folgende Tag wurde nun ganz dem Briefe des Vetters geweiht. Dieser gab
darin die ausfhrlichsten Anweisungen zu den Vorbereitungen fr die Reise.
Er rieth, dieselbe im Frhjahr zu unternehmen, und sich namentlich mit so
wenig Gepck zu befassen, als es irgend mglich sei, indem man das Nthige
in Amerika neu billiger kaufen knne, als die mitgebrachten Sachen dort zu
stehen kmen. Er gab ber Alles die genaueste Auskunft, gab hunderte von
Rathschlgen und Anweisungen, und schlo endlich den langen Brief mit
dem Wunsche, sie smmtlich gesund und froh dort in dem Sonnenlande
bewillkommnen zu knnen. Wenige Tage spter ging eine lange ausfhrliche
Antwort an den Vetter ab.

Der Winter verstrich unter Vorbereitungen zur Auswanderung; Turner war von
dem Schmied zu einem Bchsenmacher in die Lehre gegangen, und Carl hatte
den Wagenmacher gegen einen Schreinermeister vertauscht.

Unter den Brgern des Stdtchens erregten diese ernsten Anstalten fr
einen Abschied auf immer, groes Aufsehen und die wrmste Theilnahme. Mit
allgemeinem Bedauern sah man eine so biedere, so hochgeehrte und beliebte
Familie sich nach einem fernen Lande wenden, und von allen Seiten suchte
man Turners die Verehrung, die sie hier weit und breit genossen, durch
Hlfsleistungen und Liebesdienste aller Art an den Tag zu legen. Die
vornehmen, reichen frheren Freunde aber schmten sich in tiefster Seele
ihrer niedrigen selbstschtigen Handlungsweise, und vielfach wurden ihnen
Kundgebungen der Verachtung zu Theil; die ffentliche Meinung hatte sie
gerichtet.

Abermals zog das Frhjahr lchelnd und neu belebend in das freundliche
schne Werrathal ein, Wald und Flur schmckten sich wieder mit jungem
Grn, die Grten prangten wieder in reichster Blthenpracht, die Schwalben
begrten schwirrend die heimathlichen Berge und suchten ber den Thren
und in den friedlichen Hausfluren ihre Nester auf, und die Nachtigallen
sangen ihre sen klagenden Lieder, wie zum Abschied an die reisefertige
Familie Turner.

Der Wonnemonat ging zu Ende, als ein gerumiges Schiff unweit des
Stdtchens vom Ufer stie, und Alt und Jung der Einwohnerschaft den
Passagieren im Boote ein herzinniges Lebewohl zurief. Es war die Familie
Turner, die mit feuchten Augen von dem Schiffe her nach dem Ufer zurck
schaute, und von den vielen wahren Freunden und von der Heimath Abschied
nahm. Lange noch hingen ihre thrnenvollen Augen an den geliebten
Mitbrgern, an dem Stdtchen, an der Kluse, an den trauten Bergen, bis sie
die klare Fluth der Werra um eine schroffe nahe Basaltkuppe trug, und
sie nun ihre Blicke vorwrts richteten. Sie nahten sich dem Fue der
Wichtelkuppe, da schlossen Turner, so wie seine Gattin, Carl beim Anblick
des Baumes, der ber der Felswand hing, von der furchtbaren Erinnerung
tief ergriffen, an ihre Herzen, und dankten ihm nochmals mit seelenvollster
Innigkeit fr die Rettung ihres Kindes.

Carl hatte von Allen das unternehmendste Aussehen: er trug einen grauen
Filz, dessen breiter Rand ber seine Schultern hinausragte, einen kurzen
grauen Rock, unter welchem das umgeschnallte Jagdmesser hervorsah, und
ber seiner offenen Brust lag der durch Juliens Hand schn gestickte Riemen
seiner Waidtasche. Seine Bchse, mit deren Gebrauch er es bereits zu
einer auerordentlichen Fertigkeit gebracht hatte, hielt er im Arm, um
im Vorberfahren hier oder dort einen Meisterschu nach einem Vogel
anzubringen.

Von dem fr das Wohl ihrer Kinder gefaten groen Entschlu beseelt, und
von dem festesten Willen, denselben mit allen Krften zu einem glcklichen
Ende auszufhren, durchdrungen, saen Turner und dessen Frau auf
dem vorderen Theile des Schiffes und nahmen schweigend von jedem
zurckgelassenen Drfchen, von jedem Berge, ja von dem ganzen lieben
Werrathale Abschied -- Abschied auf Nimmerwiedersehen. Niemals war ihnen
das Thal so lieblich, so reizend erschienen, als jetzt, wo sie ihre Blicke
zum letzten Male daran weideten; niemals war ihnen die Werra so klar
smaragdgrn vorgekommen, als jetzt, wo ihre dahineilenden spielenden Wellen
sie den Wogen des Weltmeeres zutrugen. Es war Abend, als das Thal sich
ffnete, und das malerisch schn gelegene Stdtchen Mnden im Duft der
blauen Ferne sichtbar wurde. Dort war das Ziel dieses ersten Tages
der angetretenen langen Reise. Bald glitt das Boot an dem altergrauen
Herzogsschlo vorber der Weser zu, und legte sich, wo die Fluthen der
beiden Strme sich vereinigen, an die Seite eines grern Schiffes, welches
die Reisenden am folgenden Tage aufnahm und sie glcklich nach Bremen
trug. Hier gnnte man ihnen einige Ruhe, weil das Schiff, welches sie nach
Amerika fhren sollte und welches unweit der Wesermndung vor Anker lag,
seine Ladung noch nicht vollstndig eingenommen hatte. Diese Rasttage
benutzten sie, um sich noch mit vielerlei kleinen Bedrfnissen zur Reise zu
versehen.

Turner zahlte sein Geld an ein groes Banquierhaus, von welchem er dagegen
Wechsel auf Baltimore, dem Ziel der Reise, erhielt, und wohl versorgt mit
allem Nthigen, begab er sich nebst den Seinigen nach mehreren Tagen an
Bord eines Segelfahrzeugs, welches sie auf das Seeschiff bringen sollte.
Ihr Fu hatte jetzt zum letztenmale die heimathliche Erde berhrt, und mit
tiefer Wehmuth sahen sie Bremen bald hinter sich in der Ferne verschwinden.
Der Wind war stark und gnstig, eilig glitt das Fahrzeug auf dem sich rasch
erweiternden Strome dahin, und als die Sonne sich neigte, schaukelte es
sich auf hohen halbsalzigen Wogen bis an die Seite des Schiffes Goliath,
welches in groer Entfernung vom Lande vor Anker lag. Der Kapitain dieses
mchtigen Schiffes, ein krftiger wettergebrunter Seemann, Namens Bosse,
bewillkommnete die Familie Turner von der hohen Brstung herab, lie eine
hlzerne Treppe aushngen, und untersttzte mit seinem Steuermann die
Passagiere, das Fahrzeug zu besteigen. Carl Scharnhorst war der Letzte, der
noch im Boote zurckblieb, weil er erst seinen Liebling, Pluto, sicher an
Bord des Goliath wissen wollte. Er hob ihn in seinen Armen an der Treppe
in die Hhe, wo der Steuermann den Hund an dem Halsband erfate und ihn zu
sich hinauf zog, und dann erst folgte Carl nach.

Als Turners glcklich auf dem Verdeck angelangt waren, reichte der Kapitain
ihnen smmtlich die Hand und versicherte ihnen, da er Alles aufbieten
werde, um ihnen die Reise so angenehm als mglich zu machen. Er fhrte sie
dann in die prchtig ausgestattete Kajte, wo sie zum Willkommen ein Glas
Wein mit ihm trinken sollten. Sie hatten kaum Platz genommen, als die
Kinder und auch Madame Turner pltzlich erschrocken auffuhren, denn ein
Mann, so schwarz wie Ebenholz, trug den Wein und die Glser herein. Es war
der erste Neger, den sie in ihrem Leben erblickten, und sein pltzliches
Erscheinen hatte sie sehr berrascht. Gleich darauf stimmten sie aber in
das Lachen mit ein, in welches der Neger selbst ausbrach, weil er bemerkte,
da seine schwarze Farbe den Fremden einen solchen Schreck eingejagt hatte.
Es war ein sehr freundlicher gutmthiger Mensch, hie Daniel, oder kurzweg
Dan, und hatte die Aufwartung in der Kajte zu besorgen. Der Kapitain
fllte die Glser, stie mit seinen Gsten an und trank mit ihnen auf eine
recht glckliche schnelle Ueberfahrt nach der neuen Welt. Dann wies er
ihnen drei kleine Zimmer an, deren Thren in die Kajte fhrten, und deren
jedes zwei Betten bereinander enthielt. Madame Turner mit Julie nahmen von
dem einen Besitz, Turner und Wilhelm von dem zweiten, und Carl mit Arnold
bezogen das dritte Gemach. Bald aber fanden sie sich smmtlich wieder auf
dem Verdeck ein, um bei dem scheidenden Tageslicht ihre neue schwimmende
Wohnung zu berblicken, welche sie durch den Ocean tragen sollte, und
welche ihnen fr viele Wochen als Aufenthaltsort bestimmt war. Die Weser
erschien hier schon so breit, da man das jenseitige Ufer kaum erkennen
konnte, und nach Westen hin ruhte das Auge auf einer endlosen Wasserflche.
Die Sonne hatte dort den Horizont erreicht und lie, in die Fluth
hinabtauchend, ihre Abschiedsstrahlen auf den dahin eilenden Wogen tanzen
und blitzen, bis ihr letztes Licht versunken war und nur der Feuerschein
des Himmels sich noch glhend auf der bewegten Fluth spiegelte. Die Schauer
der einbrechenden Nacht zogen ber die unabsehbare Flche, brausend rollten
die Wogen der Nordsee zu, warfen sich ungestm gegen das an den Ankerketten
auf- und niedersteigende Schiff, und in ihrem dumpfen Rauschen verhallte
der eintnige Gesang der Matrosen, womit dieselben das Aufwinden der Gter
aus dem Segelkahn begleiteten. Auf dem hohen Verdeck ber der Kajte sa
Turner neben seiner Gattin und hielt ihre Hand in der seinigen. Der Ernst
und die Feierlichkeit der sie umgebenden Natur stand mit der Stimmung
ihrer Seelen im Einklang, sie blickten schweigend den unaufhaltsam dahin
fliehenden Wogen nach; welchen Strmen, welchen Klippen jagten dieselben
wohl zu! Sie dachten an ihre eigene Zukunft, an ihr und ihrer Kinder
Schicksal; welchen Beschwerden, welchen Widerwrtigkeiten zogen sie wohl
entgegen!

So wie diese Wellen verlassen auch wir unsere friedliche stille Heimath,
Marie, um auf dem groen Lebensmeere heftigern Strmen, vielleicht auch
hherem Glck zu begegnen, sagte Turner nach langem Schweigen.

Die Wellen treibt keine Sorge fr Anderer Glck von der Heimath fort, wir
wandern fr unsere Lieblinge aus, um ihnen eine segensreichere Zukunft zu
schaffen, als wir selbst beanspruchen. Mit unserer Liebe fr sie wollen wir
tragen, was uns das Schicksal auch auferlegen mag, wir haben es in Gottes
Hand gegeben, und er wird es zu unser Aller Besten lenken, entgegnete die
Frau, mit vertrauungsvollem Herzen zu dem besternten Himmel aufblickend,
whrend Turner ihre Hand an seine Lippen prete.

Die Kinder, die auf dem untern Verdeck den Matrosen bei deren Arbeit
zugesehen hatten, kamen jetzt, von Carl gefhrt, zu den Eltern herauf, und
schmiegten sich an dieselben an; denn Alles war ihnen so neu und fremd, und
die rasch zunehmende Dunkelheit steigerte das unheimliche Gefhl, welches
die ernste de Umgebung ihnen aufdrngte.

Morgen frh, mit Gottes Hlfe, werden wir in See gehen, sagte Turner zu
den Kindern, die Reise durch den Ocean ist mit vielen Gefahren verbunden,
und man mu alle Vorsicht gebrauchen, sich denselben nicht unnthig
auszusetzen. Haltet Euch immer in unserer Nhe auf, und wenn wir nicht auf
dem Verdeck sein sollten, so folgt dem, was Carl Euch rth.

In diesem Augenblicke trat der Kapitain herzu, und bat, ihn zum Abendessen
in die Kajte zu begleiten.

Ich denke, diese erste Mahlzeit am Bord des Goliath soll Ihnen smmtlich
nach Ihrer heutigen Fahrt recht gut munden; morgen, wenn das Schiff im
Segeln ist, mchte sich leicht Appetitlosigkeit einstellen.

Mit diesen Worten lie der Kapitain seine Passagiere nach der Kajte
voranschreiten, und als er mit Carl den Zug beschlo und sah, wie Pluto
demselben auf dem Fue folgte, bemerkte er noch, zu dem Knaben gewandt:
Deinem Hunde, mein Sohn, mssen wir morgen auch einen Platz bestimmen, wo
wir ihn an die Kette legen knnen, damit ihn bei den Arbeiten der Matrosen
kein Unfall trifft. Es ist wirklich ein schner Hund.

Ja und ein so braver treuer Hund, wie es wenige giebt, entgegnete Carl
stolz, und klopfte den lockigen Nacken des Thieres.

Die Passagiere ruhten am folgenden Morgen noch im tiefsten Schlafe, als sie
pltzlich durch das Rasseln der schweren Ankerkette geweckt wurden und sich
auf ihrem Lager hin- und hergeschaukelt fhlten. Rasch waren sie in den
Kleidern und eilten auf das Verdeck, um von dem Festlande Abschied zu
nehmen; denn das Schiff war bereits in vollem Segeln und strmte bei
heftigem Sdwind der Nordsee zu. Hher und mchtiger hoben sich die Wogen,
sie wurden durchsichtiger und grner, ihre Hupter bedeckten sich mit
weiem Schaum, und, sich bereinander hinstrzend, warfen sie ihren Gischt
weit um sich her. Das Land war nur noch wie ein Nebelstreif zu erkennen;
doch die Blicke der Auswanderer hingen fest an diesem letzten Zeichen der
theuren Erde, und lange schon bildete nur das Wasser noch den fernsten
Gesichtskreis, als die Scheidenden immer noch Land zu sehen glaubten, und
ihm ihr Lebewohl zuwinkten. Der Goliath hatte die Nordsee erreicht, als
der Wind sich drehte, und immer mehr und heftiger von Westen herblies.
Der Kapitain, in der Hoffnung, da derselbe ganz nrdlich werden wrde,
steuerte dem Canal zu, und die Bewegung des Schiffes, welches nun gegen
Wind und Wogen ankmpfen mute, wurde mit jedem Augenblick unangenehmer.
Die Folge hiervon war, da sich bei den Passagieren die Seekrankheit
einstellte, da sie auf alles Frhstck verzichteten und sich in ihre
Betten zurckzogen. Auch die Anzeige Daniels, da das Mittagsessen
aufgetragen sei, vermochte sie nicht, ihr Lager zu verlassen; denn schon
der Gedanke an Speisen war ihnen zuwider. Nachmittags aber fhlten sie sich
pltzlich weniger unwohl, sie meinten, das Schiff mache nicht mehr solche
gewaltige stoende Bewegungen, und nach und nach kamen sie aus ihren
Zellen hervor. Der Wind stand so fest und gerade von dem Ocean in den Canal
herein, da der Goliath nur mit groer Schwierigkeit und vielem Zeitverlust
htte gegen denselben ansegeln knnen, weshalb Kapitain Bosse sich
entschlossen hatte, in der Nordsee hinauf und nrdlich um England seinen
Weg nach dem Weltmeer zu nehmen. Dadurch, da der Wind nun mehr seitwrts
in die Segel des Goliath blies, wurden dessen Bewegungen regelmiger und
weniger heftig, und in gleichem Mae nahm das Unwohlsein der Passagiere ab.
Herr und Madame Turner erholten sich weniger schnell und waren genthigt,
sich auf dem Verdeck auf wollenen Decken niederzulegen, die Daniel dort fr
sie ausbreitete; aber die Kinder hatten bald die Seekrankheit vergessen und
ergtzten sich an dem neuen prchtig groen Schauspiel, welches sie umgab.
Mit aufgeblhten Segeln bis in die Spitzen seiner Masten berwlkt, stieg
das Schiff an den durchsichtigen smaragdgrnen Wasserbergen hinan, theilte
deren schumende Hhen und scho dann wieder in die Tiefe hinab, um sich
abermals auf die nchste Woge zu heben. Die Sonne strahlte aus dem eilenden
Gewlk hervor und warf hier und dort helle Lichtstreifen auf das wogende
Meer, und der Sprhregen, der sich vor dem scharfen Kiel des Goliath
aufthrmte und seitwrts an ihm vorberstubte, blitzte in ihrem Schein in
allen Farben des Regenbogens. In der Mitte des obern Verdecks war das groe
Boot, mit dem Kiel nach oben gekehrt, auf mehreren Sttzen befestigt, so
da man unter demselben Schutz gegen Regen und Sonnenschein finden konnte.
Diesen Platz hatte Carl fr sich und seine Gefhrten zum Sammelplatz
erkoren, sobald Matrosen sich auf dem Verdeck zeigten, um Arbeiten zu
verrichten. Jetzt aber, wo das Schiff ruhig und ohne weitere Hlfe beim
Winde segelte, waren Carl und Arnold, so wie Wilhelm oben auf das Boot
gestiegen, weil sie von hieraus ber die Brstung des Schiffes hinaus das
Meer frei berblicken konnten. Der Neger Daniel fand groes Gefallen an den
wackeren Knaben und gesellte sich, sobald er einige Augenblicke Zeit hatte,
zu denselben, um sich mit ihnen zu unterhalten; denn er hatte schon beinahe
zwei Jahre auf diesem Schiffe gedient und recht gut Deutsch reden gelernt.
Die Knaben faten bald Zutrauen zu dem ehrlichen Schwarzen, und er mute
ihnen ber Alles, was sie nicht kannten, Auskunft geben. Die weien und
bunten, groen und kleinen Mven, die auf ihren langen sichelfrmigen
Schwingen segelnd ber das Meer hinschwebten und von Zeit zu Zeit in
den Schaum einer Wellenspitze hineinstieen, nahmen insbesondere die
Aufmerksamkeit der Kinder in Anspruch, und Dan, ihr schwarzer Freund,
erzhlte ihnen dabei von den felsigen Inseln, nrdlich von Schottland, auf
welchen diese Vgel in unzhligen Schaaren brteten.

Fische, Fische, groe Fische! riefen pltzlich die Knaben einstimmig, und
zeigten ber die See hinaus.

Das sind Pourpoises, Braunfische, oder Seeschweine, sie kommen gerade
hierher, und werden bald den Goliath umschwrmen, besonders gern spielen
sie in dem Schaume vor dem Schiffe, antwortete der Neger, gleichfalls nach
den groen Fischen schauend, deren mehrere hundert von weit her angebraust
kamen, indem sie aus der See emporschossen, einen Bogen durch die Luft
beschrieben, und, mit dem Kopfe voran, wieder in die Fluth hinabtauchten.
In diesem spielenden Laufe jagten sie, den Schaum um sich aufspritzend,
pfeilschnell ber die Wogen heran, und sie hatten das Schiff bis auf einige
hundert Schritte erreicht, als Carl nach der Kajte springen wollte, um
seine Bchse zu holen. Daniel aber hielt ihn zurck und bedeutete ihn, da
die Bchse nicht die rechte Waffe sei, um diese Fische zu jagen.

Mit der Harpune kann man einen fangen, sagte er aufspringend, soll ich
sie herbeiholen?

Ach ja, Dan, geschwind, da sind die Fische schon dicht beim Schiff -- hu
-- wie sie brausen! riefen die Jungen, und Daniel rannte eiligst hinab
in die Kajte, um deren Wunsch zu erfllen. Wenige Augenblicke nachher
erschien er wieder auf dem untern Verdeck mit dem zwei Fu langen Eisen,
dessen scharfe Spitze mit Widerhaken versehen war, stie einen langen
schweren Stock in das hohle andere Ende desselben, befestigte eine starke
Leine daran, und winkte nun den Knaben, zu ihm herabzukommen. Diese folgten
jauchzend dem Neger bis an die vordere Spitze des Schiffes, wo derselbe das
Seil der Harpune an der Brstung befestigte, ber welche die Kinder in die
See hinabschauten und den hin- und herschieenden Fischen mit den Blicken
folgten. Daniel hatte sich auf die Brstung an das starke Tauwerk gestellt,
welches von da nach den Masten hinauffhrt, und hielt, in das Meer
hinabsphend, die Harpune zum Wurf bereit in die Hhe. Die Fische schienen
es besonders zu lieben, seitwrts an dem Schiffe vorberzujagen und
sich dann in den Schaumberg hinein zu strzen, der sich vor demselben
aufthrmte. Wiederholt zuckte Daniel mit der Lanze, als wolle er sie
hinabschleudern, hielt sie aber immer noch zurck, um seines Wurfes gewi
zu sein; pltzlich aber fuhr sie sausend hinunter, und ihre Spitze begrub
sich tief in dem Rcken eines der Fische.

Getroffen, getroffen! rief Carl jubelnd, doch der Fisch war in die Tiefe
hinunter geschossen und zog das lange Seil schwirrend nach sich. In wenigen
Augenblicken hatte dasselbe jedoch das Ende erreicht, und man konnte sehen,
da das gespiete Thier mit gewaltiger Kraft an demselben ri und zuckte.
Daniel rief nun einige Matrosen zu Hlfe, um die Beute auf das Verdeck zu
ziehen. Mit groer Anstrengung wurde das Seil eingezogen, bald erschien
der Fisch, dagegen kmpfend und um sich schlagend, ber den Wogen, und nun
hoben ihn die Matrosen ber die Brstung und lieen ihn auf das Verdeck
fallen. Es war ein ungeheures, nicht mit Schuppen, sondern mit einer
braunen glatten Haut bedecktes Thier, im Gewicht von mehr als zweihundert
Pfund. Bald hatte es sich verblutet und wurde von den Matrosen seiner Leber
beraubt, dem einzigen geniebaren Theile seines Krpers. Es ward in Stcken
gehauen und seines Thranes wegen ausgebraten.

Durch diese Jagd hatte Daniel seinen jungen Freunden eine groe Freude
bereitet und sich in ihrer Gunst nur noch fester gesetzt.

Herr und Madame Turner fhlten sich wieder so viel wohler, da sie an dem
Abendbrod Theil nahmen, wenn sie sich dabei auch mit einem Stck Zwieback
und einer Tasse Thee begngten. Dann eilten sie aber auf das Verdeck
zurck, weil ihnen die frische Seeluft besonders wohl that, und der
aufmerksame Daniel richtete ihnen dort abermals aus wollenen Decken
ein Lager her. Julie hatte ihre Mutter whrend des ganzen Tages nicht
verlassen, bereitete Limonade fr sie, reichte ihr zuweilen ein Stck einer
Orange, deren sie von Bremen einen Vorrath mitgenommen hatte, und war jeden
Augenblick ihres Winkes gewrtig, um ihr einen Wunsch zu erfllen.

Der Kapitain kam wiederholt zu den Passagieren herangetreten, um sich nach
ihrem Befinden zu befragen, und als der Tag sich neigte, setzte er sich in
traulicher Unterhaltung bei ihnen auf dem Verdeck nieder.

Die Knaben scheinen mit Daniel Freundschaft geschlossen zu haben, sagte
Turner zu dem Kapitain, durch den Fang des Fisches hat er sich ihre Herzen
gewonnen. Jetzt sitzen sie alle drei wieder um ihn, und lassen sich von ihm
erzhlen.

Der Neger ist ein ungewhnlich guter Bursche, ein ausgezeichneter Diener
und ein Mensch, der sehr viel im Leben durchgemacht hat, antwortete der
Kapitain. Seine Eltern waren Sklaven unter einem Indianerstamm im
fernen Westen Amerika's, dort wurde er geboren und dort verlebte er seine
Jugendzeit. Nachdem ihm aber Vater und Mutter durch den Tod entrissen
waren, entfloh er den Wilden, gelangte nach langer Verfolgung durch
dieselben glcklich in die Grenzansiedelungen der Weien und kam endlich
als freier Schwarzer nach New-York, wo er sich mehrere Jahre durch Arbeiten
ein rechtliches Brod erwarb. Ich lernte ihn kennen, als ich vor einigen
Jahren mein Schiff in jener Stadt ausbesserte, wobei er sich mir als
Arbeiter vermiethete. Ich gewann ihn lieb und machte ihm den Antrag, mit
mir auf See zu gehen, um die Aufwartung in meiner Kajte zu bernehmen. Er
willigte ein, und so ist er bei mir geblieben, und bis auf den heutigen
Tag haben wir noch nie ein bses Wort mit einander gewechselt. Er ist ein
zuverlssiger, ehrlicher und treuer Mensch.

_Den_ Eindruck hat er mir vom ersten Augenblick an gemacht, und es ist
mir lieb, da er sich der Jungen annimmt, da er ber sie wachen wird,
entgegnete Turner, nach dem Neger hinschauend, der zwischen den drei Knaben
oben auf dem Boote sa, und sie eifrig unterhielt.

Er erzhlte ihnen aus seinem Leben unter den Wilden, von den Jagden nach
Bffeln, Bren und wilden Pferden, von den blutigen Kmpfen unter den
verschiedenen Indianerstmmen und von den herrlichen, noch von weien
Menschen unbewohnten unermelichen Lndern, in denen die Wilden ihr
unsttes heimathloses Leben fhren. Die Knaben horchten mit groer Spannung
den Mittheilungen des Schwarzen und unterbrachen ihn nur selten durch
einzelne Fragen. Besonders aber war Carl ganz Ohr und sah sich schon im
Geiste auf einem flchtigen Hengste dem fliehenden Bffel folgen, oder im
wilden Kampfe einen grimmigen Bren erlegen. Die Dunkelheit hatte sich
ber das Meer gebreitet und die Nachtluft wurde empfindlich khl, als Herr
Turner die Knaben in ihrer Andacht strte, mit der sie den Erzhlungen des
Negers lauschten, indem er sie daran mahnte, da es Zeit sei, sich zur Ruhe
zu begeben.

Onkel, httest Du doch gehrt, was uns Daniel erzhlt hat! sagte Carl,
als sie in der Kajte angelangt waren. Er hat uns die Jagden beschrieben;
die Bffel werden zu Pferde gejagt, man sprengt an ihre Seite und schiet
sie vom Pferde herab mit Pistolen. Das mu ein Spa sein!

Aber ein sehr gefhrlicher Spa, mein lieber Carl, bei dem man ganz leicht
Hals und Beine brechen, oder unter den Fen des Bffels zertreten werden
kann, antwortete Turner lchelnd. Wo wir uns niederlassen werden, da
giebt es keine Bffel mehr.

Das ist schade, ich htte doch einmal gern eine solche Jagd mitgemacht,
bemerkte Carl mit einem Ausdruck vereitelter Hoffnung.

Nun, wer wei, ob Du nicht einmal eine Reise nach dem Westen machen wirst,
das ist ja so weit nicht! sagte Turner trstend, und setzte noch hinzu:
wenn wir erst unsere Farm in Ordnung und ein paar gute Ernten gemacht
haben, dann kann man einmal einige Wintermonate daran wenden, um die Lnder
im Westen zu sehen; es soll dort herrlicher Boden sein.

Der beste Boden in ganz Amerika, sagt Daniel, antwortete Carl rasch und
begeistert.

Und Bffel und Bren und wilde Pferde zu Tausenden, nicht wahr? fiel
Turner lachend ein. Nun, legt Euch in Gottes Namen zur Ruhe, und trumt
meinetwegen, da Ihr auf einem Bffel spazieren reitet.

Die Nacht verstrich ohne alle Strung, die Schlfer lieen sich durch die
wiegende Bewegung des Schiffes in liebliche Trume schaukeln, und am frhen
Morgen fanden sie sich wieder heiter und guter Dinge auf dem Verdeck ein.
Die Sonne tauchte prchtig und klar aus dem Meere empor, der Himmel wlbte
sich wolkenlos und durchsichtig ber der wogenden Fluth, und der frische
Wind fllte die Segel des Goliath mit aller Macht und trieb ihn eilig auf
seiner einsamen Bahn dahin.

Madame Turner hatte fr sich und fr Julie Nharbeiten mit auf das Verdeck
genommen, um die Zeit nicht mssig zu verbringen, und Turner setzte sich
mit einem Buche, welches ber Amerika handelte, zu ihnen. Carl aber
mit Arnold und Wilhelm hatte das Boot wieder bestiegen, um die See zu
bersphen und zu wachen, ob sich nicht wieder die Gelegenheit zu einer
Jagd darbieten wrde. Daniel fand sich, so oft es seine Zeit erlaubte, bei
den Knaben ein und wurde von ihnen dann mit tausend Fragen bestrmt; mit
weiteren Erzhlungen ber sein Leben in der Wildni aber vertrstete er sie
auf den Abend, wo ihn seine Geschfte nicht dabei unterbrechen wrden.

Eine auffallende Ruhe und Stille herrschte auf dem Schiffe. Die Matrosen
saen auf dem untern Verdeck mit der Ausbesserung von Segeln beschftigt,
oder hingen hier und dort hoch in der Luft in dem Tauwerk der Masten, um
kleine Schden auszubessern, und der Kapitain ging ab und zu, indem er
seine Anweisungen bei den Arbeiten gab. Nur von Zeit zu Zeit rief er die
Matrosen herbei, um das eine oder andere Segel etwas straffer anzuziehen;
denn auerdem gebrauchte das Schiff keine besondere Hlfe: es segelte
unverndert whrend des ganzen Tages in derselben Richtung und dasselbe
Bild, dieselben Erscheinungen umgaben fortwhrend das Fahrzeug. Turners
schauten zwar oftmals ber die See hinaus und folgten mit den Blicken dem
Laufe der rollenden Wogen; diese boten aber in ihrer regelmigen Bewegung
dem Auge durchaus keine Vernderung, und Turner bemerkte dem Kapitain, als
derselbe einmal zu ihnen getreten war, da auf die Dauer eine Seereise doch
sehr einfrmig, ja langweilig werden msse.

Wir wollen hoffen, da die unserige in dieser Beziehung recht langweilig
bleiben mge; denn die Abwechselungen, die sie uns bieten knnte, sind
nicht zu unserm Vortheil. Bei Windstille und glatter ruhiger See wrden wir
nicht aus der Stelle kommen, und ein Sturm, so schn und interessant die
Landbewohner ihn sich auch denken mgen, ist und bleibt ein gefhrliches
Vergngen. Wind und Wetter, wie wir es heute haben, ist des Seemanns
hchste Lust; dieser Wind wrde uns in einigen zwanzig Tagen nach Baltimore
bringen.

Ich verzichte auch gern auf jede Abwechselung, bemerkte Madame Turner,
der Himmel mag uns vor Strmen bewahren!

Wir sind jetzt in der gnstigen Jahrszeit, wo man sie am wenigsten
zu befrchten hat; hoffentlich werden Sie ihre Bekanntschaft gar nicht
machen, erwiederte der Kapitain. Der Tag verlief ruhig und heiter und
der Abend wurde von Carl und seinen Gefhrten freudig bewillkommnet, denn
gleich nach dem Abendessen setzte sich Daniel wieder zu ihnen und erzhlte
von seinem Leben in der Wildni.

Am folgenden Morgen fhlten die Passagiere schon in ihren Betten an
den heftigen Bewegungen des Schiffes, da mit der See eine Vernderung
vorgegangen sein msse. Der erste Blick auf das Verdeck machte ihre
Vermuthung auch wahr: ein sehr heftiger Wind jagte schwere graue Wolken
fliegend ber die Wogen, welche sich immer hher und gewaltiger erhoben
und sich ungestm gegen die Seiten des Goliath warfen. Die Matrosen waren
eifrig beschftigt, die oberen Segel ganz einzuziehen und die unteren zu
verkleinern, alle Arbeiten auf dem Verdeck waren eingestellt, alle
Taue, die nach den Segeln hinauffhrten, lagen fr schnellen Gebrauch
zusammengeringelt an der Brstung hin, und allenthalben auf dem Schiffe
war die grte Ordnung hergestellt. Auf die Frage der Madame Turner an den
Kapitain, ob er Besorgni ber das Wetter hege, erwiederte er, da dasselbe
weniger gnstig zu werden scheine, und da er alle Vorkehrungen treffen
msse, ihm zu begegnen. Der Wind nahm von Stunde zu Stunde an Heftigkeit
zu, bis er gegen Abend aus Sdwesten in einem Sturm heranzog. Das Dster
der einbrechenden Nacht vermehrte das Schauerliche des Bildes, welches die
Umgebung des Goliath jetzt darbot. In rollenden Wasserbergen thrmte sich
die See um ihn auf, donnernd brachen sich die Wogen unter seinem Kiel und
warfen, hoch vor ihm aufsteigend, ihren weien Gischt ber das Verdeck hin.
Dabei pfiff und sthnte der Wind in dem rasselnden Tauwerk und drohte
die wenigen kleinen Segel, die das Schiff noch trug, zu zerreien. Der
Sprhregen der Wogen, der ununterbrochen ber das Verdeck peitschte, hatte
die Passagiere von dort verjagt und sie in die Kajte getrieben. Hier saen
sie bei dem matten Scheine der Ampel, die sich unter der Decke hin und her
schwang, mit bangen Herzen beisammen, und lauschten dem Brausen und Toben
des Sturmes und der Wogen, so wie dem Aechzen und Sthnen des Schiffes und
seiner Masten. Es ging schon auf Mitternacht, als der Kapitain durchnt
hereintrat, um seinen Rock zu wechseln, und seine Passagiere noch auf fand.
Er versicherte ihnen nun, da noch durchaus keine Gefahr vorhanden sei, bot
Alles auf, sie zu beruhigen, und bat sie dringend, sich zu Bett zu begeben;
er wrde statt ihrer wachen. Turners gaben seinen Vorstellungen nach,
verbrachten jedoch eine sehr unruhige Nacht und hieen mit ganzem Herzen
das neue Tageslicht willkommen.

Kurz vor der Frhstckszeit rief sie der Kapitain auf das Verdeck, um ihnen
die Orkney-Inseln zu zeigen, in deren Nhe sich der Goliath jetzt befinde.
Turner mute seine Gattin beim Gehen halten und untersttzen, um das obere
Verdeck zu ersteigen; denn das Schiff lag sehr auf der Seite und schwankte
gewaltig auf und nieder. Die Wolken hingen in ihrem schnellen Zuge so
tief auf das Meer herab, da man nur von Zeit zu Zeit, wenn sie der Sturm
auseinander fegte, einen weiteren Blick von dem Schiffe aus hatte, und eine
geraume Zeit waren die Passagiere mit den Augen der Richtung gefolgt,
in welcher der Kapitain die Inseln andeutete, ehe sie dieselben erkennen
konnten.

In schwarzen steilen Felsmassen, um welche sich das graue Gewlk rollte,
stiegen sie aus der wild tobenden Fluth auf, und die Auenlinien ihrer
schroffen zackigen Wnde wurden dem Auge bei Annherung des Fahrzeuges
immer deutlicher und schrfer. Bald hatte der Goliath die stlichste
Inselgruppe bis auf geringe Entfernung erreicht und strmte, von Wind und
Wogen gejagt, an ihr vorber. Die See bumte sich an den nackten schwarzen
Felsen und warf ihren weien Schaum hoch an ihnen empor, whrend Milliarden
von Mven, Enten, Gnsen und Tauchern ihre Hhen wie weie Wolken krchzend
umschwrmten und sich in groer Zahl auf ihren Spitzen niedergelassen
hatten. Weithin erkannte man von Zeit zu Zeit noch mehrere andere dieser
kahlen felsigen Inseln, die Jahr aus Jahr ein von der See gepeitscht, dem
Zorn der Elemente Trotz bieten und auf denen, abgeschieden von der brigen
Welt, glckliche Menschen wohnen, die diese ihre Heimath lieben und sie
gegen keine andere vertauschen mchten. Eilig zog der Goliath an den Inseln
vorbei und bald verschwanden dieselben in der schweren grauen Luft, die
der Sturm ber das Meer hintrieb. Der Wind war ganz westlich geworden und
nthigte das Fahrzeug, seine nrdliche Richtung beizubehalten. Nur wenige
kleine Segel waren noch entfaltet, genug, um das Schiff steuern zu knnen,
und doch scho es mit fliegender Eile Woge auf, Woge ab dahin, whrend
seine nackten Masten sich weit ber die See hinaus neigten. Noch am
selbigen Abend zog es an den Shetland-Inseln vorber, die ein hnliches
Bild boten, wie die Orkneys, und am folgenden Tage kamen die Faroer-Inseln
in Sicht. Der Sturm hatte immer noch nicht an Heftigkeit abgenommen, und
immer noch mute der Kapitain sein Schiff nach Norden steuern lassen,
um dasselbe mglichst vor Schaden durch den Wind und durch die furchtbar
rollende See zu behten.

Auch die Faroer-Inseln blieben zurck, und der Goliath segelte nun in
gerader Richtung auf Island zu. Jetzt aber schien der Sturm nachzulassen,
er brauste nur noch stoweise auf, die blauer gefrbten Wogen des Weltmeers
dehnten sich lnger, nahmen an Hhe ab, und nach und nach gewann die
See wieder ein freundlicheres Ansehen. Die Temperatur aber hatte eine
bedeutende Vernderung erlitten, es war empfindlich kalt geworden, so da
die Passagiere Tcher und Mntel umhngen muten, und eines Morgens, als
sie auf das Verdeck kamen, war alles Tau- und Segelwerk bis in die Masten
hinauf mit einer Eiskruste berzogen. Am Himmel war kein Wlkchen mehr
zu sehen, und als die Sonne ihre Strahlen ber das Meer ausbreitete,
verschwand das Eis und die Klte, und ein lauer Wind von Sden erinnerte
die Reisenden wieder daran, da sie sich im Monat Juni befanden. Das Meer
hatte sich geglttet, es wogte nur noch wie in langen Athemzgen auf und
nieder, und nur hier und dort lief eine weie Schaumwelle spielend ber die
glatte glnzende Fluth. Dabei fllte der leichte Wind die Segel des Goliath
bis in die hchsten Spitzen seiner Masten, und trieb ihn fast
regungslos auf der endlosen Wasserflche hin. Es war Sonntag und fr
die Schiffsmannschaft sowohl, wie fr die Passagiere, nach einer so
unfreundlichen gefahrvollen Zeit ein wahrer Festtag. Nach einem heien
Dankgebet, welches Turners dem Allmchtigen fr seinen Schutz gebracht
hatten, eilten sie smmtlich auf das Verdeck, um sich des wunderbar schnen
neu belebenden Morgens zu erfreuen. Der Himmel und die See lchelten ihnen
entgegen, die weit umherkreisenden schreienden Mven schienen ihnen Gre
zuzurufen, und die lustigen Pourpoises spielten und jagten sich ber die
spiegelnde Flche. Mit Bedauern sahen die Bewohner des Goliath den Tag
seinem Ende nahen, und Turners hatten sich auf dem obern Verdeck zusammen
niedergelassen, um der Sonne bei ihrem Scheiden noch ein dankbares Lebewohl
zuzuwinken.

Je mehr dieselbe sich ihrem Fluthbette nherte, desto lebendiger
frbte sich der Himmel im Westen mit Gold und Purpur, und als sie, eine
durchsichtig glhende Scheibe, ber den Rand des Meeres stand und ihr
blitzender funkelnder Schein, wie ein Weg von Brillanten, bis zum Schiffe
ber die leicht gekruselte Fluth tanzte, hatte sich der Himmel ber ihr in
ein Feuermeer verwandelt.

An der andern Seite des Oceans aber, im Osten, stieg in diesem Augenblick
der Mond silberhell ber der dunkeln Meeresflche auf, hauchte sein
bleiches Perlenlicht ber sich am Himmel empor, und sandte seinen hell
glnzenden Schein, wie ein zitterndes Atlasband, ber die Wellen bis zu
dem Goliath hin. Zugleich wurden die erstaunten bewundernden Blicke der
Passagiere nach Norden hingezogen; denn dort erschien ein drittes Licht am
Firmament, welches sich in zarten rosenrothen Strahlen aus dem Meere erhob,
bis zu der Mitte des Himmelsgewlbes hinaufscho, und sich zugleich bis zu
dem Schiffe her auf der Fluth spiegelte. Es war das Nordlicht, die =Aurora
borealis=, welches, wie in raschen Pulsschlgen, von Secunde zu Secunde an
Kraft und Farbenpracht zunahm, bis es in ein leuchtendes Carmin berging,
und sich zu seinen Seiten mit dem Feuermeer ber der sinkenden Sonne und
mit dem Perlenlichte des Mondes vereinigte. Die Sonne schied zuerst
aus diesem zauberischen dreifachen Lichtbunde, sie sank, wie das sich
schlieende Auge des Tages in das Meer, auf dessen zitternder Flche nur
noch der Wiederschein des Himmels spielte; das Nordlicht verblich nach
und nach, wie mit ermattendem Hauche stiegen seine Strahlen schwcher und
schwcher empor, und der Mond zog triumphirend am Himmel auf und breitete,
als Herrscher der Nacht, seinen Atlasschein ber die endlose Fluth.

Lange noch saen die Passagiere, in tiefer stummer Bewunderung versunken,
auf dem Verdeck und hielten das entschwundene Zauberbild vor ihrem
geistigen Auge gefesselt.

Ach, wie schn ist das Meer, wie prchtig, wie furchtbar gro in seinem
Zorne, wie lieblich, wie bezaubernd in seiner Ruhe! rief Madame Turner
tiefbewegt aus, als der Kapitain zu ihr trat, der mit einem gewissen Stolze
die Verehrung bemerkte, welche die Familie seiner Heimath, der See, zollte.

Es mu wohl schn sein; denn was sonst zieht den Seefahrer mit so
unwiderstehlicher Gewalt immer wieder auf seine blauen Wogen hinaus, um
zuletzt unter ihnen sein groes Grab zu finden -- wo bleiben die Matrosen
alle -- wie selten stirbt ein alter Seemann auf dem Lande, und wie noch
viel seltener begegnet man dort einem solchen, der sich Reichthmer
erworben hat? Das Meer ist eine schnere Heimath, als das Land! sagte der
Kapitain, und schaute mit Wohlgefallen ber die, im Mondlicht glnzende
endlose Meeresflche.

Am folgenden Morgen fanden die Passagiere das Schiff auf seiner andern
Seite liegend durch die See gleiten, denn der Wind war in der Nacht
herumgegangen und blies jetzt frisch von Nord-Ost her in die Segel. Das
herrlichste Wetter begleitete den Goliath nun whrend einiger Wochen, und
kaum wurde es einmal nthig, die Segel anders zu stellen.

Zufrieden und beglckt durch den Gedanken, fr das Wohl ihrer Kinder ein
ruhiges gefahrloses Leben in dem Vaterlande geopfert zu haben und sich den
Gefahren der See, so wie denen in einem fremden Lande und unter fremden
Menschen preiszugeben, schwanden Turner und seiner Gattin die Tage angenehm
und rasch, und die frohe Hoffnung, nun bald das Ziel ihrer Reise zu
erreichen und ihren Fu auf die Erde ihrer neu erwhlten Heimath zu setzen,
wurde tglich lebendiger in ihrer Brust. Die Kinder aber, denen der Ernst
der verhllten Zukunft noch keine Sorgen machte, zhlten keine Stunden,
keine Tage; sie sehnten nur an jedem neuen Morgen den Abend herbei, wo ihr
Freund Daniel sich zu ihnen setzen und ihnen aus seiner Jugendzeit erzhlen
wrde. Ehe dann die Knaben sich zur Ruhe begaben, theilten sie den Eltern
gewhnlich Bruchstcke aus den Erzhlungen des Negers mit, so da Turner
zuletzt selbst neugierig wurde und einige Fragen an den Schwarzen zu
stellen beschlo. An einem stillen Abend, als Daniel wieder seine jungen
Zuhrer um sich versammelt hatte, trat Turner wie zufllig heran und lie
sich mit den Worten bei ihnen nieder:

Nun Daniel, ich mu doch auch einmal etwas ber Dein frheres Leben hren;
Du bist ja unter den Indianern aufgewachsen.

Ja wohl, Herr, meine Eltern waren Sklaven unter einem der Indianerstmme,
welche die fernen westlichen Lnder Amerika's Jahr aus Jahr ein
durchwandern und, dem Bffel folgend, im Frhling nach Norden und im Herbst
wieder nach Sden ziehen. Sie leben ausschlielich von der Jagd und fhren
groe Heerden von Pferden und Maulthieren mit sich, fr welche sie stets
die besten Weiden aufsuchen, entgegnete der Neger.

Dann hast Du Gelegenheit gehabt, die verschiedenen Lnder Amerika's zu
sehen und mit einander zu vergleichen; wo sind denn Deiner Ansicht nach die
besten fr einen Farmer zu finden?

Jedenfalls im Sdwesten, denn dort sind die reichsten immergrnen Weiden,
wo das Vieh Winter und Sommer im Freien gehen kann, stets reichliche
Nahrung findet und seinem Eigenthmer weder Geld noch Mhe kostet. Wer dort
eine Neigung zur Viehzucht besitzt, mu durch sie zum reichen Manne werden.
Im Norden, wo im Winter Monate lang Schnee liegt und der Frost das Gras
tdtet, kann der Farmer nur so viel Vieh halten, wie er im Winter in dem
Stalle zu ernhren vermag. Dort ist er mehr auf den Ackerbau angewiesen,
und auch damit steht der Norden gegen den Sden sehr zurck, wo man whrend
des ganzen Jahres sen und ernten kann.

Das ist einleuchtend; aber im Sden ist es sehr ungesund, und ein weier
Mann kann die Arbeit nicht lange aushalten.

Darum nannte ich den Sdwesten, entgegnete Daniel; dort ist es gesund,
in den offenen waldlosen Prairien kann die Luft sich frei bewegen, und
es giebt keine stehenden verdorbenen Gewsser, keine Smpfe, wie in den
sdstlichen Staaten.

Jene westlichen Lnder aber sind noch im Besitze der Wilden und ein
Ansiedler ist dort groen Gefahren ausgesetzt, nahm Turner wieder das
Wort. Bist Du denn einmal in Baltimore gewesen und kennst Du das Land an
den Ufern der Chesapeake-Bay?

Ich habe ber ein Jahr dort auf einer Farm gearbeitet. Es ist ein
herrlicher, reicher Landstrich, wenngleich auch dort der oft sehr strenge
Winter die Viehzucht beschrnkt. Auch herrschen im Herbste an den Ufern der
Bay die Fieber, wenn sie auch nicht so bsartig sind, wie weiter im Sden.

Du hast also auch auf einer Farm gearbeitet, -- was hast Du denn dort
gethan?

Nun, Alles, was dem Farmer zu thun obliegt. Ich hatte mich bei einer
Wittwe vermiethet und besorgte mit noch einem Neger, dem Sklaven der
Frau, die ganze kleine Wirthschaft; ich pflgte, sete, pflanzte, machte
Einzunungen, und brachte die Ernte ein. Wir bauten Mais und Taback, und
verdienten der Wittwe vieles Geld, sagte der Schwarze.

Was kostet denn dort das Land? fragte Turner.

Das ist sehr verschieden, schlechtes Land kauft man fr zehn Dollar und
ganz gutes fr hundert Dollar.

Also doch so hoch wird es dort bezahlt. Man schrieb mir, da man das beste
Land fr zehn Dollar kaufen knne, fiel Turner berrascht ein.

Ja, ja, in Amerika redet ein Jeder in seinem eigenen Interesse. Wer Ihnen
das geschrieben hat, wird auch wohl seinen Vortheil dabei im Auge gehabt
haben.

Doch nicht, es war mein eigener Vetter, der es mir schrieb, antwortete
Turner, halb in Gedanken versunken, und setzte dann schnell hinzu, aber im
Westen, dort ist das Land noch billig.

Regierungsland kostet zwei und einen halben Dollar, gut oder schlecht, wie
man sich es whlen will. Doch in der Nhe der Ansiedelungen ist alles gute
Land schon von Speculanten angekauft, man mu also weiter hinaus in
das Territorium der Indianer gehen. Man kauft aber auch zwischen den
Ansiedelungen bestes Land zu vier bis zehn Dollar den Acker, versetzte der
Neger.

Der Unterschied wre also doch sehr bedeutend, bemerkte Turner und sagte,
indem er aufstand: Ich habe Dich aber in Deiner Unterhaltung mit den
Knaben unterbrochen, nun erzhle ihnen noch von den Jagden, denen Du in
jenen schnen Lndern gefolgt bist. Wre nicht mein knftiger Wohnort schon
bestimmt, wahrhaftig, ich htte selbst Lust, dort einen Versuch zu machen.

Der Sie auf die Dauer wahrscheinlich mehr befriedigen wrde, als in den
alten stlichen Staaten, bemerkte der Schwarze noch, als Turner zu seiner
Gattin und Tochter zurckging.

Einige Tage spter nderte sich die Temperatur auffallend schnell, es
wurde khl und immer klter, so da die Passagiere abermals ihre Mntel
hervorsuchten. Obgleich sich der Kapitain nicht darber uerte, so zeigten
doch die verschiedenen Anstalten, die auf dem Schiffe gemacht wurden, da
er irgend etwas befrchtete. Die Segel wurden trotz dem nicht heftigen
Wind bis auf sehr wenige eingezogen, so da das Schiff ungewhnlich langsam
durch das Wasser strich, es wurden zwei Matrosen auf die spitzen Masten
des Goliath gesandt, um fortwhrend die See zu bersphen, und mehrere
male stieg der Kapitain selbst in den Mastkorb hinauf. Gegen Mittag zog ein
immer dichter werdender Nebel von Norden her ber das Meer und hllte bald
das Schiff so sehr ein, da man kaum mehr vom einen Ende desselben bis zum
andern sehen konnte. Dabei nahm die Klte immer noch zu und, wie es schien,
in gleichem Mae die Besorgni des Kapitains. Turner fragte ihn um die
Ursache dieses Nebels, worauf Bosse ihm ausweichend erwiederte, da das
Schiff sich auf der Bank von Neufoundland befinde, wo solche Nebel sehr
hufig eintrten. Der Mittag verstrich ohne die mindeste Aenderung in der
Luft, nur auf dem Schiffe wurde die Vorsicht verdoppelt, und sehr oft sahen
die Passagiere, da der Kapitain ein Thermometer in die See hinab lie und
dasselbe beim Herausheben aufmerksam betrachtete. Die Dmmerung nahm rasch
zu, als Daniel zum Abendessen rief. Die Passagiere lieen sich stets durch
den Kapitain zu den Mahlzeiten geleiten, diesmal aber bat derselbe nur
vorauszugehen, er wrde nachfolgen. Erst nachdem Turners ihr Abendessen
bereits beendigt hatten, erschien Bosse und zwar in groer Eile, um sich
bald wieder auf das Verdeck zu begeben. Turner wandte sich abermals an ihn,
um die Ursache seiner augenscheinlichen Besorgni zu erfahren, doch wich er
wieder wie frher einer erklrenden Antwort aus. Daniel hatte dem Kapitain
Thee eingeschenkt, und derselbe hob die Tasse an seinen Mund, als ein
furchtbarer Sto und ein Krach das Schiff erschtterte, wie wenn es in
Trmmer zerschlagen sei.

Eis, Eis, Gott sei uns gndig! schrie der Kapitain und strzte mit den
Passagieren, den Sthlen und Allem, was auf dem Tische stand, bis an
die hintere Wand der Kajte; denn deren Eingang hatte sich so sehr empor
gehoben, da es kaum mglich war, ihn zu erklimmen. Das Zetergeschrei,
womit sich Madame Turner und die Kinder umklammerten, wurde von den
Angstrufen, die auf dem Verdeck erschallten, bertnt, und donnernd und
krachend hrte man Fsser, Kisten und Ballen ber das Schiff poltern.

Kapitain Bosse war der Erste, dem es gelang, die Kajte zu verlassen,
und mit grter Anstrengung und durch die Hlfe des herbeieilenden Daniel
erreichten denn auch Turners das Verdeck.

Ein schrecklicher, entsetzlicher Anblick bot sich hier ihren Augen dar.
Das Schiff stand, wie ein sich bumendes Ro, mit der Spitze hoch gegen den
Himmel erhoben, und etwas seitwrts vor ihm blickte man gegen die glnzende
Riesengestalt eines vierzig Fu hohen ungeheuren Eisberges. Unbeweglich,
wie festgemauert stand der Goliath, sein Vordertheil aus dem Wasser
erhoben, auf dem Eise, whrend sein Ende bis an die Kajtenfenster von der
See besplt wurde. So trieb er langsam mit der kolossalen Eismasse auf den
Wogen hin.

Die Verwirrung, die Bestrzung, die Verzweiflung unter der Mannschaft und
den Passagieren war grenzenlos, Alle rannten, so weit es das abschssige
Verdeck zulie, wild durcheinander hin, man schrie, weinte, betete, und
glaubte jeden Augenblick, der Goliath wrde in Stcken auseinander brechen;
er aber rhrte sich nicht und hatte das Aussehen, als sei er es, der den
Eisberg besiegt habe.

Turners lagen vor der vordern Wand der Kajte zusammengekauert und hielten
sich umklammert, als wollten sie sich selbst im Tode nicht trennen. Die
erste Viertelstunde war die entsetzlichste, dann gab die Verzweiflung schon
einem Hoffnungsgedanken Raum, und bald fing man an, die Lage zu prfen und
zu bereden. Der Kapitain war der Gefateste und Ruhigste auf dem Schiffe;
er lie die Luken ffnen und stieg selbst in die unteren Rume, um zu
untersuchen, ob die Wnde des Goliath Schaden gelitten htten. Nirgend aber
zeigte sich eine Spur von einer Beschdigung. Mit hoffender Zuversicht
trat er trstend zu Turners und versicherte ihnen, er hege die feste
Ueberzeugung, da das Fahrzeug ohne Gefahr von dem Eise loskommen werde.

Wir haben wenigstens auf drei Monate Lebensmittel an Bord, sagte er und
in wenigen Tagen treiben wir in den Golfstrom hinein, in dessen warmem
Wasser das Eis sehr schnell unter dem Schiffe schmelzen wird. Nur ein Sturm
knnte uns jetzt gefhrlich werden; in dieser Jahreszeit aber und in diesem
Breitengrade haben wir solchen nicht zu befrchten.

Unter Bangen und Zagen verstrich die Nacht, das leiseste Knarren in den
Fugen des Fahrzeuges schreckte die Bewohner desselben auf und klang wie
Todesruf in ihre Ohren. Dabei nahm die Klte so zu, da alle Mntel und
Decken nicht hinreichten, sich zu wrmen, und mit ngstlichem Sehnen wurde
der Morgen erwartet. Bei Anbruch des Tages verstrkte sich der Wind, und
da der Eisberg sich so gedreht hatte, da das Schiff mit der Spitze dem
Luftstrom entgegen stand, so lie der Kapitain Segel aufziehen, in der
Hoffnung, da dieselben den Goliath von dem Eise zurckdrngen wrden. Wohl
fllten sie sich krftig und beugten die Masten und Segelstangen zurck,
aber das Fahrzeug rhrte sich nicht. Da kam dem Kapitain der Gedanke, ob er
nicht mit Hlfe der Anker das Schiff in Bewegung setzen knnte; der grte
wurde in ein Boot hinabgelassen, die Kette desselben von der Spitze des
Schiffes unter dessen Bauch hingezogen, und einige zwanzig Schritte hinter
dem Ende des Fahrzeuges ward der schwere Anker in die See hinabgeworfen. Er
sank tief im Wasser ber den uersten Rand des Eisberges, und nun lie
der Kapitain die mchtige Winde in Bewegung setzen, um die Ankerkette
anzuziehen. Es fragte sich, ob der Anker beim Aufwinden den Eisrand unter
dem Wasser erfate, dann war Hoffnung vorhanden, da er das Schiff zu sich
zurckziehen knne. Die Winde drehte sich geraume Zeit, pltzlich aber
stand sie still, denn der Anker sa fest. Mit vereinten Krften legten
sich jetzt alle Matrosen gegen die Winde, es waren noch mehrere Segel
aufgezogen, die Masten beugten sich und chzten, die Ankerketten knarrten,
das Schiff wankte, es neigte sich zur Seite, noch einen Ruck -- und
rauschend glitt es in die See zurck. Ein jauchzendes, jubelndes Gott
sei gelobt! schallte von allen Seiten ber das Verdeck, denn der Goliath
schaukelte sich wieder leicht auf den Wogen, und der Eisberg zog an ihm
vorber. Der Anker wurde nun aufgezogen, das Schiff vor den Wind gebracht,
und bald steuerte es abermals ruhig seinem Ziele zu. Von jetzt an
sollten die Reisenden am Bord des Goliath das Meer nur noch in seiner
freundlichsten Laune sehen; die Wogen trugen sie spielend dahin, die Sonne,
von ihrem Auftauchen aus dem Ocean bis zu ihrem Hinabsinken verbarg sich
nicht mehr vor ihren Blicken, und nach Verlauf von einigen Wochen frbte
sich die See pltzlich grn, das sichere Zeichen, da das Land nicht mehr
fern sei. Mit lauten Freudenrufen wurde bald darauf die Kste Amerika's
begrt, und mit frisch gefllten Segeln zog der Goliath stolz in die
Chesapeake-Bay ein.

Wie strahlten die Blicke der Familie Turner nach den Ufern dieses wunderbar
schnen Gewssers hinber, wie hingen sie freudig an jedem Farmhause, an
jeder Htte, die friedlich und anmuthig unter hohen Baummassen hervorsah;
-- sollte doch auf diesem Ufer auch ihre neue Heimath gegrndet werden! --
Noch eine Nacht muten sie auf dem Goliath zubringen, morgen aber hofften
sie die amerikanische Erde zu betreten. Nur wenige Stunden whrend
dieser Nacht gaben sich die Passagiere der Ruhe hin, denn das Mondlicht
beleuchtete die Ksten der sich immer mehr verengenden Bay mit Tageshelle,
so da die Blicke der Einwanderer immer noch von dort angezogen wurden,
und die Hunderte von groen und kleinen Schiffen, welche mit ihren weien
aufgeblhten Segeln an ihnen vorber schaukelten und nickten, fesselten sie
bis spt in die Nacht hinein auf dem Verdeck. Kaum aber graute der Tag,
als sie smmtlich aus der Kajte hervoreilten, um ihre Augen wieder an den
schnen Ufern zu weiden und jeder Farm im Vorbersegeln Gre zuzusenden;
denn der Vetter Victor wohnte ja unmittelbar an der Bay und war ja schon
lange im Besitze der Nachricht, da sie mit dem Goliath reisen wrden.
Der Name des Schiffes war mit groen schwarzen Buchstaben an dessen Spitze
geschrieben, so da der Vetter mit Hlfe eines Fernglases denselben lesen
konnte -- vielleicht eilte er dann sofort nach Baltimore, um seine lieben
erwarteten Verwandten bei ihrer Ankunft daselbst zu empfangen. Die Sonne
neigte sich schon, als die Thrme und Kuppeln dieser Stadt aus der blauen
Ferne hervortraten, und die Abenddmmerung strich ber die Erde, als der
Goliath die Landspitze erreichte, von welcher aus Baltimore sich bis auf
die ferneren Hhen ausdehnt. Hier, an der Point, wie man diesen uersten
Theil der Stadt nannte, legten alle aus See kommenden groen Schiffe an,
und bald war der Goliath an einem Werfte befestigt und aller seiner Segel
beraubt.

Mit einem stummen, aus tiefstem Herzen kommenden Dankgebet zum Himmel
traten Turner und seine Gattin mit den Kindern an das Land, um nun sogleich
einen Brief an den Vetter Victor der Post zu bergeben, damit dieser, von
ihrer glcklichen Ankunft benachrichtigt, sobald als mglich in ihre Arme
eilen mchte. Daniel, der in der Stadt bekannt war, mute sie begleiten,
und Kapitain Bosse versprach mit dem Abendessen auf ihre Rckkehr zu
warten, denn es war zu spt geworden, um noch nach einem Gasthause
bersiedeln zu knnen. Daniel rieth Turner, einen Wagen zu nehmen, da man
eine halbe Stunde gebrauche, um nach der eigentlichen Stadt zu gehen, und
weil ihm und den Seinigen nach so lange entbehrter Bewegung der Weg sauer
werden wrde. Turner folgte dem Rathe des Negers weniger aus Besorgni vor
dem weiten Spaziergang, als weil er den Kapitain nicht zu lange mit dem
Abendessen auf sich warten lassen wollte. An der nchsten Straenecke, wo
viele Miethwagen hielten, wurde ein solcher bestiegen, Daniel setzte sich
zu dem schwarzen Kutscher auf den Bock, und im Galopp jagten die Pferde mit
dem leichten Fuhrwerk dahin. Die hohen prchtigen Gebude, die Kirchen mit
ihren Kuppeln und Thrmen, die Monumente und die wogenden Menschenmassen
auf den Trottoirs, Alles von dem hellen Licht des Mondes beschienen,
machten einen berraschenden, einnehmenden Eindruck auf die Ankmmlinge,
und der Gedanke, in der Nhe einer so schnen belebten Stadt zu wohnen,
that ihnen wohl. Die Post wurde bald erreicht, der Brief abgegeben, und
ohne Aufenthalt lenkte der Kutscher die Pferde nach der Point zurck.
Frhzeitig am folgenden Morgen verlieen die Passagiere nun das Schiff und
dessen freundlichen Fhrer, und bezogen ein Gasthaus zweiten Ranges ganz in
der Nhe des Werftes, wo der Goliath lag. Kapitain Bosse, der mit dem Wirth
des Hauses schon seit Jahren bekannt war, fhrte Turners bei ihm ein, und
schnell hatten sie sich dort whnlich eingerichtet.

Turner stattete nun dem Kaufmann, auf welchen seine Wechsel ausgestellt
waren, einen Besuch ab, um das Geld dafr in Empfang zu nehmen. Man gab
ihm fr den Betrag Anweisungen auf zwei verschiedene Banken, welche er
in denselben vorzeigte und wogegen ihm die Summen zur Verfgung gestellt
wurden. Turner empfing von der einen Bank den ganzen Betrag der Anweisung
mit viertausend Dollar in Gold, in der anderen Bank aber lie er das Geld,
welches nicht ganz drei tausend Dollar betrug, stehen, um nicht sein ganzes
Vermgen einem etwaigen Diebstahl auszusetzen.

Es ist besser sagte er zu seiner Gattin, wenn wir nur einen Theil
unseres Geldes bei uns im Hause haben; in der Bank kann es uns nicht
gestohlen werden.

Der dritte und vierte Tag verstrich, ohne da der Vetter Victor selbst,
oder nur eine Antwort von ihm erschienen wre; denn Turner ging Morgens und
Abends nach der Post und erkundigte sich nach Briefen. Dies Schweigen
war ihm und den Seinigen recht unangenehm, wenn es auch in keiner Weise
Besorgni erregte, denn die unregelmige schlechte Postverbindung im Lande
seitwrts von den groen Straen machte es erklrlich. Als aber auch der
fnfte Tag verflo, ohne da ein Lebenszeichen von dem Vetter eingetroffen
war, entschlo sich Turner, selbst zu ihm hinzureisen und ihn zu
berraschen.

Der Wirth des Gasthauses, dem Turner den Wohnort seines Vetters
bezeichnete, rieth ihm, einen Wagen zu miethen und sich hinfahren zu
lassen, wenn die Reise auch zu Schiff in krzerer Zeit gemacht werden
knne. In einem Segelboot sei er mehr von Wind und Wetter abhngig und
habe weniger Bequemlichkeit, whrend die Kosten ziemlich gleich wren. Am
nchsten Morgen mit Tagesanbruch trat Turner die Reise an und nahm Carl
Scharnhorst mit sich, um nicht ganz allein zu fahren und weil er selbst
weniger gut englisch sprach, als der Knabe, der sich viel bei Daniel darin
gebt hatte. Es war ein herrlicher heiterer Morgen, die Sonne verscheuchte
bald den Nebel, der sich von der Bay aus weit ber das Land gelegt hatte,
und freudigen, muthigen, thatkrftigen Herzens begrte Turner die waldige
Hhe, ber welche die rohe Strae fhrte. Bunte, in goldigem Sonnenschein
glnzende Vgel schwirrten durch den frischen grnen Wald, oder sangen
ihr Morgenlied auf den himmelhohen Bumen, graue und schwarze Eichktzchen
huschten ber den Weg und jagten sich spielend an den Baumstmmen hinauf,
und zu Carls groer Freude schwang sich ein mchtiger weikpfiger Adler in
nicht groer Entfernung von dem vorberfahrenden Wagen auf eine Eiche. Carl
rief dem Kutscher zu, anzuhalten, sprang mit seiner Bchse in der Hand aus
dem Wagen, und eilte der Hhe zu, auf welcher die Eiche stand. In diesem
Augenblicke erhob ber der nahen Bay, auf welche Carl von hier aus einen
Blick hatte, ein Fischadler ein lautes Geschrei, scho, die Flgel an sich
drckend, pfeilschnell nach dem Wasserspiegel hinunter, verschwand einen
Augenblick unter demselben, und stieg dann mit einem groen Fisch in den
Krallen wieder aus der Fluth empor. Kaum aber hatte er sich mit seinem Fang
erhoben, als der Adler von der Eiche herabscho und mit Blitzesschnelle
auf ihn Jagd machte. Der Fischadler stieg schreiend gerade gegen den Himmel
auf, der weikpfige aber folgte ihm mit gewaltigem Flgelschlage, bis
pltzlich sein fliegender Gegner den Fisch fallen lie und er denselben
noch einholte und ergriff, ehe er das Wasser erreichte. Nun zog der
mchtige Vogel mit seiner Beute nach der Eiche zurck, um sie dort zu
verzehren. Carl hatte, hinter Baumstmmen verborgen, der Jagd zugesehen und
sich nun vorsichtig bis auf Schuweite dem Ruber genhert, der schon emsig
beschftigt war, den Fisch zu verspeisen. Die Bchse knallte und der Adler,
von der Kugel in die Brust getroffen, strzte todt mit dem Fisch auf die
Erde herab. Im Triumph trug Carl beide zum Wagen hin, und erzhlte nun
seinem Onkel in grter Freude den Hergang der Jagd.

Das ist der Lauf der Welt, Carl; der Mchtigere unterdrckt und beraubt
den Schwchern, sagte Turner lchelnd zu dem Knaben.

Aber Onkel, ich habe ja nur den Ruber bestraft, entgegnete Carl halb
verlegen.

Das heit, weil es Dir berhaupt Spa machte, den Vogel zu erlegen,
antwortete Turner scherzend. Du hast ihn brigens gut getroffen, und Du
schieest schon sehr sicher mit der Bchse.

Sie ist ja auch ein Geschenk von Dir, lieber guter Onkel, da mu ich ihr
doch Ehre machen, entgegnete Carl, indem er Turners Hand ergriff und sie
zrtlich drckte.

Der Weg bot whrend des ganzen Tages die reizendste Abwechselung: bald
fhrte er durch weite ppige Grasflchen, auf denen prchtiges Vieh
in groen Heerden weidete, bald zog er sich durch reiche Mais- und
Tabacksfelder und an lieblichen Pflanzerwohnungen vorber, bald wurde er
von hohem Urwald berschattet, der sich wie ein Laubgewlbe ber ihm schlo
und nur hier und dort einzelnen Sonnenstrahlen gestattete, den mit riesigen
Krutern bedeckten Boden zu erreichen, und bald wieder streckte er sich
ber kahle Hhen, von wo man auf die grne Fluth der Bay hinabschaute, auf
welcher sich unzhlige groe und kleine Schiffe unter ihren weien Segeln
wiegten. Je nher Turner dem Ziele seiner Reise kam, um so strker wurde
das Verlangen nach dem Augenblick, wo er dem Vetter in die Arme eilen
wrde, und wieder und wieder fragte er den Kutscher, wie lange er noch zu
fahren habe. Endlich, als die Sonne sich schon neigte, deutete der Fuhrmann
nach einem seitwrts von der Strae an dem Ufer der Bay gelegenen Gehft,
und bezeichnete dasselbe als die ersehnte Farm. Kaum eine Viertelstunde war
nthig, dieselbe zu erreichen, und mit hochschlagendem Herzen sprang Turner
aus dem Wagen und eilte durch den kleinen verwahrlosten Garten dem Hause
zu. Seine Blicke schweiften nach allen Richtungen vor sich, um den Vetter
zu ersphen, als ein Mann in Hemdsrmeln aus der Hausthr unter die Veranda
trat und die Ankommenden verwundert betrachtete. Turner nherte sich ihm,
begrte ihn freundlich, und fragte ihn in gebrochenem Englisch, ob Herr
Victor Turner hier wohne, und ob er zu Hause sei.

Herr Victor Turner ist todt, er ist vor zwei Monaten am Fieber gestorben;
ich habe seiner Wittwe diese Farm abgekauft, und sie ist, so viel ich wei,
ber New-York nach Deutschland zurckgekehrt, antwortete der Fremde mit
gleichgltigem Tone, und setzte dann noch hinzu: Wollen Sie nicht nher
treten, Herr?

Turner stand, wie vom Blitz getroffen, und starrte den Fremden an, als
forsche er, ob er wohl recht gehrt habe.

Mein Vetter todt? rief er dann pltzlich, die Hnde zusammenschlagend,
aus, es ist wohl nicht mglich!

Aber wahr, er ist todt und begraben, dort unter jenem Ahorn liegt er,
wohin er vor seinem Ende noch bestimmte, beerdigt zu werden, erwiederte
der Fremde, nahm die Schpfkelle aus dem Eimer mit Trinkwasser neben der
Thr, und reichte sie Turner mit den Worten hin: Wollen Sie nicht einen
frischen Trunk zu sich nehmen, Herr?

Turner, ohne Antwort zu geben, sank von Schreck und Schmerz berwltigt,
auf eine Bank nieder, bedeckte sein Gesicht mit beiden Hnden, whrend sich
Carl weinend an ihn schmiegte und den Arm um seinen Nacken schlang. Nach
einigen Minuten jedoch sammelte sich Turner wieder, und fragte den
jetzigen Herrn der Farm, ob ein Wirthshaus in der Nhe sei, wo er die Nacht
zubringen knne.

Trinkhuser giebt es viele an der Strae, aber keine Wirthshuser; das
nchste ist zehn Meilen von hier entfernt. Wollen Sie jedoch bei mir
bleiben, so sind Sie willkommen. Sie mssen vorlieb nehmen, ich habe noch
keine Frau, sagte der Farmer, und rief dann dem Kutscher zu, er solle die
Pferde ausspannen und nach dem Stalle bringen.

Turner nahm nothgedrungen das Anerbieten an, verbrachte aber eine
schreckliche Nacht unter dem Dache, unter welchem er Rath, Hlfe und Liebe
fr sich und die Seinigen zu finden gehofft hatte. Jetzt stand er allein,
verlassen und ohne alle Freunde auf dieser fremden Erde; wo und wie sollte
er nun eine Heimath suchen und finden? Trostlos trat er am folgenden Morgen
seine Rckreise nach Baltimore an, und nherte sich bei Sonnenuntergang
der Stadt mit einer tiefen Wehmuth im Herzen, denn er sollte nun auch
den Seinigen die glckliche sorgenlose Ruhe nehmen und ihnen die
Schreckenskunde berbringen.

Groer Gott, Max, allein? sagte Madame Turner zu ihm, als er aus dem
Wagen stieg und sie den Ernst auf seinen Zgen las.

Turner schlang liebevoll seinen Arm um die Gattin und fhrte sie schweigend
nach ihrem Zimmer. Dort theilte er ihr nun die schwere Trauerbotschaft mit,
unter der auch sie im ersten Augenblick erlag. Sie wurde bleich, sie bebte
und warf sich weinend an ihres Gatten Brust, doch bald ermannte sie sich
wieder in dem Gedanken an den Allmchtigen, der ihnen immer so gndig
in der Noth beigestanden und sie noch krzlich auf der See vom nahen
Untergange gerettet hatte. Beide sprachen einander Trost ein, Beide sahen
unbedingt und unerschtterlich nur ihr Bestes in Allem, was Gott ber
sie verfge, und sie beschlossen, vorsichtig, aber ohne Zagen den Weg zu
verfolgen, den sie fr das Wohl der Kinder eingeschlagen hatten. Turner
wollte sich nicht im Ankauf einer Farm bereilen, er wollte sich mit Ruhe
nach einer solchen umsehen, und namentlich bei der Wahl derselben darauf
bedacht sein, da sie in einer gesunden Gegend lge. Sein Hauswirth sprach
ihm auch Muth ein, derselbe war fast mit allen Farmern, die unweit der Bay
wohnten, bekannt, da dieselben gewhnlich zu Schiff ihre Producte nach der
Stadt fhrten und dann bei ihm abstiegen. Turner besa noch ungefhr
sieben tausend Dollar baares Geld, und der Wirth hatte ihm schon von vielen
hbschen, sehr eintrglichen Farmen erzhlt, die mit allem Zubehr fr
weniger angekauft waren. Bis zum Herbst hatte er ja Zeit, sich umzusehen,
und da er sehr billig wohnte, so machte ihm der verzgerte Aufenthalt
im Gasthause auch keine Sorgen. Schon nach wenigen Tagen stiegen mehrere
Farmer aus dem Lande in dem Gasthause ab; der Wirth machte Turner mit ihnen
bekannt, und sie luden ihn freundlich ein, mit ihnen nach Hause zu segeln,
da sie ihm in ihrer Gegend verschiedene Pflanzungen zeigen knnten, die
kuflich wren. Turner nahm den Vorschlag an, blieb ber eine Woche von der
Stadt entfernt, und kehrte sehr befriedigt zurck, wenn er sich auch noch
nicht zum Kauf entschlossen, sondern vorher noch andere Lndereien in
Augenschein nehmen wollte. Er machte dann mehrere kleine Reisen zu
gleichem Zweck landeinwrts, weil ihm gesagt wurde, da dort weniger Fieber
herrschten, als an den Ufern der Bay, und seine Zufriedenheit mit dem Lande
wuchs von Tag zu Tag. Kapitain Bosse, der mit Einnehmen einer neuen Ladung
nach Europa beschftigt war, suchte Turners hufig in den Abendstunden auf,
und freute sich stets, wenn er hrte, da es ihnen in ihrer neuen Heimath
gefalle.

Eines Morgens sa Turner mit dem Wirthe auf der Bank vor der Thr des
Gasthauses und unterhielt sich mit ihm ber die Vorzge und Nachtheile
einer Farm, die ihm ganz in der Nhe der Stadt angeboten war. Wohl ber
eine Stunde hatten sie hier geplaudert und kaum bemerkt, da die Strae
mehr, als gewhnlich, von Fugngern belebt war, die dem obern Theile der
Stadt zueilten. Jetzt aber kam ein Trupp junger Mnner bei ihnen vorber,
von denen einer dem Wirth zurief, da eine Bank ihre Zahlungen eingestellt
habe und mit Ungestm von dem Volke bedrngt werde. Turner, der es nicht
deutlich verstanden hatte, lie sich die Aussage durch den Wirth erklren,
und hrte nun zu seinem furchtbaren Entsetzen, da es gerade die Bank sei,
in welcher er sein Geld stehen habe. Mit bebenden Lippen theilte er dies
nun dem Wirthe mit, und beschwor ihn, sich seiner anzunehmen und ihm
behlflich zu sein, um sein Eigenthum zu retten. Der Wirth war sogleich
bereit ihn zu begleiten; sie bestiegen ohne Aufenthalt einen Wagen und
eilten der Stadt zu. Je weiter sie fuhren, um so belebter fanden sie die
Straen, und bald wurde das Gedrnge so gro, da der Wagen nicht mehr
weiter fahren konnte. Turner und der Wirth stiegen aus, und erreichten bald
darauf das geschlossene Bankgebude, vor welchem sich Tausende von Menschen
versammelt hatten.

An wen kann ich mich denn wohl wenden, um wenigstens einen Theil meines
baar eingelegten Geldes wieder zu bekommen? fragte Turner in seinem
Schrecken den Wirth.

Ja, bester Herr, es thut mir leid, es Ihnen sagen zu mssen, aber ich
wrde Ihnen keinen Dollar fr Ihre ganze Forderung geben. Wie ich hre,
so hat die Bank ungeheure Summen in Papiergeld ausgegeben, der Prsident
derselben und der Cassirer sind mit der Baarschaft durchgegangen, und es
wird Niemand einen Cent herausbekommen. Fgen Sie sich in Ihr Schicksal,
es ist Nichts daran zu ndern. Htten Sie mich um meinen Rath gefragt, ich
wrde Sie davor gewarnt haben, das Geld in dieser Bank stehen zu lassen.

Mit diesen Trostworten ergriff der Wirth den Arm Turners und zog ihn mit
sich fort aus dem Gedrnge, um ihn von dem Orte zu entfernen, der ihm
beinahe die Hlfte seines Vermgens kostete.




Abschnitt 3.

  Der schwarze Freund. -- Reise nach dem Westen. -- Der Hirsch. -- Die
  Nacht im Freien. -- Die Ueberschwemmung. -- Die wilden Pferde. -- Die
  Prairie. -- An der Frontier. -- Der Bffel. -- Die wilden Truthhne.


Dieser neue Schlag war zu schwer fr Turners, als da sie sich sobald
htten darber erheben knnen. Aller Trost, den ihnen der freundliche Wirth
sowohl, als auch Kapitain Bosse einzusprechen suchten, fand kein Gehr
bei ihnen, sie gaben sich ihrem Schmerz, ihrem Unglck hin, und sahen mit
Verzweiflung auf die Kinder. Mehrere Tage verstrichen, ohne da sie htten
den mindesten Beschlu fassen, oder auch berhaupt ihre Lage berblicken
knnen. Sie verlieen kaum ihre Zimmer, saen dort mit den Kindern in
Kummer und Jammer versunken, und dachten an das schne Werrathal zurck.
Eines Abends, als die Sonne sich neigte und der Abendwind khlend durch die
Thr und die Fenster des Zimmers strich, sa Turner mit seiner Gattin in
der dstern Ecke des Gemachs und gab seinem Gram Worte: Es bleiben uns
nicht mehr volle viertausend Dollar brig, damit kann man hier im Lande
keine Farm kaufen, die uns zu ernhren vermchte. Arbeitskrfte besitzen
wir nur in meinen und Carls Hnden, und wenn wir auch gern das Unsrige thun
wollen, so ist uns die Arbeit, wie sie hier vorkommt, doch noch zu neu und
fremd, als da wir viel zu schaffen im Stande sein werden. Htten wir das
Geld nicht verloren, so knnten wir uns einen Neger miethen, oder auch
kaufen; wir wrden ihn ja gut und nicht als Sklave behandelt haben. So
aber besitzen wir nicht einmal genug Vermgen mehr, um Land, Vieh und
Gerthschaften zu kaufen. Ich wei nicht, was aus uns hier werden soll!

Bei diesen letzten Worten lie Turner muthlos die gefalteten Hnde zwischen
seinen Knieen hinabsinken, und blickte niedergebeugt auf den Fuboden vor
sich. Madame Turner weinte und sah gleichfalls schweigend vor sich nieder;
vergebens suchte sie nach einem Auswege, nach einem Trostwort.

Carl Scharnhorst, welcher schweren Herzens whrend dieser Tage dem Schmerz
und Gram der geliebten Pflegeeltern gefolgt war, sa ihnen auch jetzt
schweigend gegenber, und sah ihre Trostlosigkeit, ihre Verzweiflung.
Pltzlich aber erhob er seinen Kopf, seine Augen glnzten und verriethen,
da ein Hoffnungsgedanke ihn belebe. Er stand schweigend auf, nahm seinen
Hut und Stock, und verlie das Zimmer. Mit raschen Schritten eilte er in
der dster werdenden Strae hinab nach dem Werfte, wo der Goliath lag,
und erstieg wenige Minuten spter das Verdeck des Schiffes. Die Matrosen
bewillkommneten ihn aufs Freundlichste, denn alle hatten den Knaben
liebgewonnen, sie theilten ihm aber mit, da der Kapitain nach der Stadt
gegangen sei. Carl entgegnete ihnen, er komme, um Daniel zu sprechen, von
welchem er wnsche, ber Verschiedenes Auskunft zu erhalten. Auf den Ruf
seines Namens kam der Neger herbeigeeilt, und freute sich herzlich, seinen
jungen Freund zu sehen. Carl nahm ihn mit sich auf das obere Verdeck nach
dem Boote, wo sie so manchen Abend in traulicher Unterhaltung beisammen
gesessen hatten, und bat ihn, an seiner Seite Platz zu nehmen.

Daniel, ich habe Dich Etwas zu fragen, worauf Du mir offen und ehrlich
antworten mut, begann Carl, indem er die Hand des Negers ergriff, und ihn
mit seinen groen treuen Augen ansah.

Gern, junger Herr, will ich dies thun, so wie ich Alles gern thun werde,
um Ihnen dienen zu knnen. Sie und die Ihrigen sind so freundlich gegen
mich gewesen, wie es ein Amerikaner gegen einen Schwarzen gar nicht sein
kann und wie ich es Ihnen niemals in meinem Leben vergessen werde. Was soll
ich Ihnen denn beantworten? entgegnete der Neger mit freundlicher Miene.

Sage mir, warum fhrst Du zur See und verdienst Dein Brod nicht lieber
auf dem Lande, wo Du doch nicht immer so groen Gefahren ausgesetzt bist?
fragte Carl.

Das will ich Ihnen sagen, weil ich im Dienste des Kapitains Bosse eine
bessere Behandlung geniee und weniger der Verachtung der Weien ausgesetzt
bin, als in den Vereinigten Staaten. Aber warum wnschen Sie dies zu
wissen, junger Herr? entgegnete Daniel.

Du hast wohl gehrt, Daniel, da mein Onkel so viel Geld an der Bank
verloren hat.

Ja wohl, und es hat mir sehr leid gethan.

Sieh, Daniel, nun kann mein Onkel sich nicht hier ankaufen, wie er es
beabsichtigte, und kann auch nicht, wie er wollte, Arbeiter miethen. Und
doch mu er Jemanden zur Hlfe bei sich haben, der mit dem Landbau hier
bekannt ist. Wir sind in einer schlimmen Lage, und der Onkel wei gar
nicht, was er anfangen soll, sagte Carl etwas verlegen und schwieg dann,
als wolle er Daniel das Wort berlassen.

Es trat eine Pause ein, der Neger sa whrend einiger Minuten sinnend vor
sich niederblickend und nickte wiederholt mit dem Kopfe. Dann, wie zu einem
Entschlusse kommend, sagte er: Das ist freilich eine schlimme Lage, Sie
sind fremd hier und unbekannt mit dem hiesigen Leben und Treiben, und
leicht knnen Sie noch um den Rest des Vermgens betrogen werden. Sie haben
mich als Mensch, als Ihres Gleichen behandelt, und wrden mir gewi auch
beigestanden haben, wenn ich Ihrer Hlfe bedurft htte. Glauben Sie, junger
Herr, da Ihr Onkel meine Dienste nicht zurckweisen wrde? Schon lange
htte ich gern das Seeleben aufgegeben, htte mich nicht das Vorurtheil
der Weien gegen meine Hautfarbe von dem Lande zurckgehalten. Mit Ihnen,
junger Herr, mchte ich all mein Lebelang beisammen sein.

Du lieber, guter Dan, der Onkel wrde ganz glcklich sein, wenn Du bei uns
leben wolltest, und wir alle wrden Dich gewi immer recht lieb haben; und
ich besonders, Dan, das weit Du ja, versetzte Carl, indem er dem Neger
die Hand drckte. Aber, fuhr er dann fort, wrde es Kapitain Bosse nicht
leid thun, wenn Du ihn verlieest? er ist so gut gegen uns gewesen und wir
drfen ihm doch nichts Unangenehmes zufgen.

Der Kapitain verliert mich allerdings nicht gern, ich habe ihm aber schon
oft gesagt, da ich das Seefahren mde sei, und lieber auf dem Lande leben
wrde, wenn ich dort einen liebevollen guten Herrn wte. Er hat auch
nichts dagegen, und hat mir erklrt, da er meinem Wunsche nicht im Wege
stehe. Wenn Ihr Onkel mich in seinen Dienst nehmen will, so wrde ich
sicher Alles thun, um mich ihm ntzlich zu machen und mir seine freundliche
Gesinnung zu erhalten.

Gut, so gehst Du mit uns, wohin wir auch ziehen werden, bester Daniel,
und Nichts in der Welt soll uns wieder trennen, sagte Carl, auer sich vor
Freude. Nun will ich schnell nach Hause eilen und es Onkel sagen, da Du
mit uns leben willst. Ich habe noch Nichts davon erwhnt, weil ich mit Dir
erst darber sprechen wollte. Morgen frh komme ich wieder zu Dir. Hiemit
sprang Carl auf, drckte dem Neger nochmals liebevoll die Hand, und eilte
mit hochschlagendem Herzen nach dem Gasthaus zurck. Als er in das Zimmer
trat, herrschte dort noch immer dieselbe ernste, gedrckte Stimmung.
Turner schritt in Gedanken versunken auf und nieder, und die Andern saen
schweigend und wie in ihr Schicksal ergeben, umher.

Nun, Carl, hast Du einen Spaziergang gemacht? sagte Turner zu ihm, nur
um Etwas zu sagen und strich ihm im Vorberschreiten mit der Hand ber die
reichen Locken.

Nein, Onkel, ich bin auf dem Goliath gewesen und bringe Dir eine recht
erfreuliche Nachricht.

Erfreulich, Carl? wiederholte Turner mit einem Ausdruck der Wehmuth und
sah den Knaben fragend an.

Ja, recht erfreulich, Onkel: Daniel will bei uns leben und mit uns
arbeiten. Ich habe ihm gesagt, in welcher Lage wir uns befinden, und weil
wir ihn freundlich behandelt haben, hat er sich entschlossen, uns zu helfen
und beizustehen. Er ist doch recht gut.

Ist es mglich, Carl? Das wre fr uns ja mehr werth, als das ganze Geld,
welches wir verloren haben. Und das htten wir Dir wieder zu verdanken, Du
braver, treuer Junge; wir sind so schon so tief in Deiner Schuld! sagte
Turner berrascht und bewegt und heftete seinen freudigen Blick auf den
Knaben, indem er ihm beide Hnde auf die Schultern legte.

Du bist unser guter Engel, Carl, bist das Werkzeug Gottes, durch welches
er uns in der Noth seine Barmherzigkeit, seine Hlfe zukommen lt, fiel
Madame Turner ein, die bei der unerwarteten frohen Botschaft aufgesprungen
und herangetreten war. In ihrer Freude ergriff sie den Kopf des Knaben mit
beiden Hnden, zog ihn an sich und kte ihn auf die Stirn.

Nein, Daniel mssen wir ja dafr danken, er thut es ja, um uns zu
helfen, sagte Carl verschmt und drckte seinen Mund auf die Hand seiner
Pflegemutter.

Und ohne Dich wrde er nie darauf gekommen sein, mein Carl, versetzte
Turner, ihm liebevoll die Wange streichelnd. Hast Du denn wohl daran
gedacht, da der Kapitain, der uns so viel Freundschaft erzeigt hat, ihn
nicht gern entbehren wird; wir sind Bosse zu Dank verpflichtet, und wrden
Unrecht gegen ihn handeln, wenn wir ihm den Neger abtrnnig machten.
Empfangenes Gutes soll man nie vergessen, Dankbarkeit ist eins der edelsten
Gefhle des menschlichen Herzens.

Doch, Onkel, ich habe Daniel darauf aufmerksam gemacht; er erwiederte
mir aber, da er dem Kapitain schon seit lngerer Zeit seinen Wunsch
mitgetheilt habe, das Seeleben aufzugeben, sobald er auf dem Lande einen
guten Herrn finden wrde. Der Kapitain will ihm auch dabei nicht hinderlich
sein.

Nun, dann in Gottes Namen, uns ist die Hlfe Daniels eine Lebensfrage,
sagte Turner wie neu belebt, und setzte sich, nachdem er noch einige Male
in der Stube mit raschen Schritten auf und abgegangen war, zu seiner Gattin
in das Sopha. Das kleine matte Licht der Lampe, welches bisher mit der
trben, niedergeschlagenen Stimmung der Familie in Einklang
gestanden hatte, wurde vergrert, und mit neuem Muthe und frischem
Unternehmungsgeist ward wieder die Zukunft beredet.

Am folgenden Morgen, gleich nach dem Frhstck, traf Turner den Kapitain
Bosse in der Gaststube und sumte nicht, ihm sofort den Entschlu Daniels
mitzutheilen und ihm zugleich zu versichern, da er das Anerbieten
des Negers ablehnen werde, wenn es mit dem Wunsche des Kapitains nicht
bereinkomme. Dieser aber erklrte sich vollkommen damit einverstanden
und wnschte Turner von ganzem Herzen Glck, sich einen so braven, treuen
Diener erworben zu haben. Als er sich entfernte, versprach er, Daniel
Abends nach beendigter Arbeit zu Turner zu schicken, damit er selbst
sich weiter mit dem Neger bereden knne. Carl stattete diesem aber noch
Vormittags einen Besuch ab, und bei einbrechender Dmmerung ging er
abermals nach dem Goliath, um Daniel von dort abzuholen. Als er mit
demselben bei Turners im Zimmer erschien und diese dem Neger einen Stuhl
reichten, wollte derselbe sich nicht darauf niederlassen, weil es, wie er
sagte, gegen den Gebrauch des Landes sei, da ein farbiger Mensch sich in
Gesellschaft von Weien setze; Turners aber erklrten ihm, da sie keinen
Unterschied zwischen schwarzen und weien Menschen kennten, und nthigten
ihn, den Stuhl anzunehmen.

Diese Begnstigung that Daniel wohl, denn es war das erste Mal in seinem
Leben, da sie ihm zu Theil ward. Er erklrte sich nun bereit, in Turners
Dienste zu treten und treulich bei ihnen in guten und in bsen Zeiten
auszuhalten, so lange sie mit ihm zufrieden sein wrden. Turners dagegen
sprachen sich offen ber den groen Nutzen aus, den Daniels Hlfe ihnen
gewhren wrde, und versicherten ihm, mit ewigem Dank diesen seinen
Beistand zu lohnen. Nach gegenseitiger Uebereinkunft begann Turner nun mit
dem Neger die zunchst zu thuenden Schritte zur Niederlassung zu bereden.
Die Vortheile und Nachtheile der verschiedenen, Daniel bekannten Lnder
wurden reiflich gegen einander erwogen, so wie auch die Mittel und Krfte
Turners dabei in Anschlag gebracht, und nach stundenlangem Ueberlegen
stellte es sich heraus, da doch die sdwestlichen Landstriche Amerika's
die berwiegendsten Vorzge vor allen andern besen. Daniel rieth
unbedingt dazu, dorthin zu wandern, um sich anzusiedeln, wenn auch Turner
sich im Augenblick noch nicht dazu entschlieen konnte, die Seinigen den
Gefahren auszusetzen, die ihrer dort harren wrden. Daniel brachte von
nun an einige Stunden an jedem Abend bei Turners zu, und blieb whrend
der Berathung, die dort ber die Zukunft gepflogen wurde, immer bei seiner
zuerst ausgesprochenen Ansicht, da der Sdwesten Amerika's sich fr
die Verhltnisse Turners zum Ansiedeln am Besten eigne. Seine genaue
Bekanntschaft mit jenen Lndern und seine anschaulichen, berzeugenden
Schilderungen von deren Fruchtbarkeit und Weidereichthum trugen endlich den
Sieg davon, und Turner entschlo sich, dort seine neue Heimath zu grnden.

Mittlerweile hatte der Goliath seine Ladung vollstndig erhalten und wurde
zum Absegeln bereit gemacht. Turners begaben sich eines Morgens an Bord, um
dem Kapitain, mit nochmaligem Dank fr seine viele Freundschaft, Lebewohl
zu sagen und ihm zugleich Briefe an Freunde in dem lieben Deutschland zur
Befrderung zu bergeben. Es war ein herzlicher, aber trauriger Abschied;
ein Gefhl bemeisterte sich Turners, als ob mit dem Scheiden des Kapitains
und des Schiffes die letzte Beziehung zwischen ihnen und Europa gelst
werde, und mit thrnenschweren Blicken sahen sie die Segel ber dem Goliath
sich fllen und ihn hinaus in die Bay treiben. Lange noch standen sie am
Strande und blickten ihm nach, bis er in der blauen Ferne verschwand; es
war, als wollten sie dem Kapitain noch einen Dank nachwinken dafr, da er
in Daniel ihnen einen Trost, eine Sttze zurckgelassen habe.

Der Neger trat nun in seine Stellung bei Turners ein, und zwar als Diener
und als hlfreicher Freund zugleich. Die Vorbereitungen zu der weiten
Reise nach dem Westen wurden jetzt mit allem Eifer begonnen. Ein groer
Frachtwagen wurde gekauft und dazu eingerichtet, um ihn sowohl mit Pferden
als auch mit Ochsen bespannen zu knnen, und noch ein zweites sehr leichtes
Fuhrwerk ward angeschafft, welches zur Bequemlichkeit der Madame Turner und
der Kinder dienen sollte. Werkzeuge und Ackergerthschaften aller Art,
so wie diejenigen nthigen Gegenstnde fr den Haushalt, welche nicht von
Deutschland mitgebracht waren, wurden erstanden, und Alles zur
Befrderung mit der Eisenbahn gut verpackt. Namentlich aber verga man die
erforderlichen Waffen nicht. Es wurden drei Paar Revolver gekauft, und noch
zwei Doppelbchsen, welche genau dieselben kleinen Kugeln schossen, wie die
Revolver; denn Daniel nannte es einen wesentlichen Vortheil, kleine Kugeln
zu benutzen, weil man dadurch so viel weniger Gewicht an Blei und auch an
Pulver zu tragen habe.

Der August war erschienen, als Turners ihre smmtlichen Habseligkeiten auf
die Eisenbahn geschafft hatten, und selbst mit den Kindern und Daniel den
nach Cincinnati abgehenden Zug bestiegen. Mit beklommenem Herzen nahmen sie
von Baltimore Abschied; die Hoffnung, die sie hierher geleitet hatte, war
unter groen Opfern vereitelt worden, abermals waren sie auf langer Reise,
um sich eine Heimath zu suchen -- sollten sie diesmal glcklicher sein
-- sollte der heie, sehnlichste Wunsch ihres Herzens, den Kindern eine
sichere, sorgenlose Zukunft zu grnden, diesmal in Erfllung gehen? Fort
brauste der Eisenbahnzug, die Thrme und Monumente Baltimore's entschwanden
den Blicken der Reisenden, wildromantische Felsen, waldbedeckte Hhen
stiegen zu beiden Seiten der im Sturmlauf Vorbereilenden auf, aus reichen,
mit Wiesen und Feldern geschmckten weiten Thlern sahen liebliche einzelne
Farmen und kleine Stdtchen hervor, und Turners richteten ihre Blicke mit
neuem zuversichtlichen Vertrauen auf den Beistand des Allmchtigen abermals
nach Westen. Cincinnati wurde glcklich erreicht, und hier begaben sich
Turners nach kurzer Rast mit ihren Effecten an Bord eines Dampfers, der sie
in wenigen Tagen auf den Fluthen des Ohioflusses und des Mississippi nach
Memphis fhrte. Von dieser groen bedeutenden Handelsstadt aus mute nun
die Reise zu Lande fortgesetzt werden. Die Wagen wurden aufgestellt, fr
den greren wurden drei Paar mchtige Zugochsen, fr den kleineren aber
zwei krftige Rosse gekauft, und auer drei Reitpferden, welche fr Turner,
Carl und Daniel bestimmt waren, noch ein Wagenpferd angeschafft, welches
fr den Nothfall, da Einem oder dem Andern Etwas zustoen wrde, dienen
sollte. Nach Verlauf von einigen Wochen war Alles zur Abreise bereit,
frhzeitig am Morgen wurde die Ueberfahrt ber den Mississippi glcklich
ausgefhrt, und Daniel, der vorzglich mit Ochsen zu fahren verstand, trieb
von seinem Pferde herab mit der langen Peitsche die sechs mchtigen
Stiere vor dem schwer bepackten Wagen an. Ihm folgte das leichte, von zwei
stattlichen Schimmeln gezogene offene Fuhrwerk, in welchem Madame Turner
mit ihren Kindern sa und selbst die Pferde lenkte. Den Zug beschlo Herr
Turner zu Ro, whrend Carl Scharnhorst denselben anfhrte, indem er, von
Pluto gefolgt, auf einem edeln Falben in einiger Entfernung vor Daniel
auf der rohen Strae hinritt. Sein Pferd war ein vollkommen fr die Jagd
abgerichtetes Thier, es stand unbeweglich beim Schieen, lie Wild aller
Art auf seinen Rcken packen, und entlief niemals seinem Herrn, wenn er
es sich selbst berlie. Dabei war es ein schnes, krftiges Thier von
gelblicher Farbe mit schwarzer Mhne und schwarzem Schweif, und besa neben
einer auerordentlichen Schnelligkeit eine groe Ausdauer. Mit Verlangen
hatte Carl whrend der Reise von Baltimore bis Memphis diesen Augenblick
herbeigewnscht, wo er, mit der Bchse bewaffnet, zu Ro die Urwlder des
Westens durchziehen wrde, und freudig begrte er das heimliche Dunkel
unter dem schattigen Laubdach der Riesenbume, die ihre ungeheuren
Aeste hoch ber ihm zu einer Kuppel verschlangen. Wie ein hochgewlbter
Sulengang, von den Stmmen colossaler Eichen, Cypressen und Platanen
getragen, wand sich die Strae durch den undurchdringlich dichten Wald, und
Carl sandte in der Hoffnung, einem Stck Wild zu begegnen, seinen sphenden
Blick voraus durch die hohen Pflanzen, die von beiden Seiten in den wenig
befahrenen Weg hingen. In seinem Eifer trieb er sein Pferd zu raschen
Schritten an, so da bald das Knarren und Aechzen des schwer beladenen
Wagens sein Ohr nicht mehr erreichte. Todtenstille herrschte rundum, kein
Luftzug bewegte das Laub oder die leichten, mit bunten Blthen besetzten
Ranken der Schlingpflanzen, die von den hchsten Aesten bis ber den
Weg herabhingen, und eine schwle, drckend heie Luft fllte den Wald.
Pltzlich sah Carl an der entfernten Biegung der Strae einen goldrothen
Fleck aus dem frischen Grn hervorglnzen, jetzt bewegte sich derselbe, es
mute ein Hirsch sein! Im Augenblick war Carl aus dem Sattel gesprungen,
lie das Pferd zurck, und schlich schnell, aber vorsichtig von Busch zu
Busch, von Baum zu Baum, bis nur etwa hundert Schritt zwischen ihm und dem
Thiere lagen. Dasselbe stand aber, mit dem Kopf an der Erde, hinter hohen
Pflanzen, so da Carl nur wenig von dessen Krper erkennen konnte. Nher
durfte er nicht gehen, wollte er nicht von ihm bemerkt werden; er stand
hinter dem letzten Busch, der in den Weg hineinhing, und in den Wald
hineinzuschreiten, war hier wegen des Rankengeflechts unmglich. Carls Herz
schlug so laut, da es ihm vorkam, als msse das Thier es hren, es machte
ihm das Athmen schwer, er bebte vor Eifer am ganzen Krper; da hob der
Hirsch den Kopf empor und schlug, indem er hinter dem Busche heraustrat,
mit dem mchtigen Geweih nach den Fliegen. Im Augenblick ri Carl die
Bchse an die Schulter, der Schu krachte und der Weg war in Pulverdampf
gehllt. Carl sprang durch den Rauch vorwrts und sphte nach dem Platz,
wo der Hirsch gestanden hatte, doch konnte er Nichts mehr von diesem
erblicken, und als er selbst den Fleck erreichte, suchte er vergebens nach
einer Schweispur. Es war der erste Hirsch, den er jemals im Freien gesehen
hatte, und untrstlich schaute er mit der Ueberzeugung um sich, da er ihn
gefehlt habe. Whrend er nun seine Bchse wieder zu laden begann, war Pluto
in das Dickicht gelaufen und lie pltzlich seine Stimme in flchtiger Jagd
ertnen. Carl rannte in gleicher Richtung auf dem Wege hin, war aber nur
einige Augenblicke gelaufen, als der Hund verstummte, der Hirsch dagegen
gellende Klagetne ausstie. Carl stellte die Bchse an einen Baum, zog
das Jagdmesser und sprang dem Schreien nach in den Wald hinein. Wiederholt
mute er sich mit dem Messer durch die Ranken den Weg bahnen, bis er
wirklich den Hirsch vor sich sah, den Pluto niedergerissen hatte. Die
Freude Carls berstieg alle Grenzen, er gab dem Thiere den Todesstich, zog
es dann mit groer Anstrengung und Mhe bis auf den Weg und eilte nun zu
seinem Pferde zurck, welches noch auf demselben Platze, wo er es verlassen
hatte, ruhig graste. Nachdem er die Ladung seiner Bchse wieder vollendet
hatte, fhrte er sein Ro zu dem Hirsche, und ergtzte sich an dem Anblick
des erlegten Wildes, bis er pltzlich das Knarren des Wagens hrte. Schnell
schwang er sich in den Sattel und eilte davon, damit die Seinigen durch
die Jagdbeute berrascht werden sollten. Bald darauf kamen die Ochsen im
langsamen Schritt heran und die Vordersten stutzten vor dem mitten im Wege
liegenden, todten Thiere, ehe Daniel dasselbe gewahrte. Der Neger jubelte
laut auf, sprang vom Pferde und zog den Hirsch bis hinter den Wagen, damit
Madame Turner und die Kinder ihn sehen sollten, und Turner war gleichfalls
abgestiegen, um ihn zu betrachten und Daniel behlflich zu sein, ihn auf
den Wagen zu heben.

Carl fngt wahrhaftig an, uns im eigentlichen Sinne des Wortes zu
ernhren, sagte Turner halb im Scherz, halb im Ernst, welche Freude wird
es ihm aber gemacht haben, uns so berraschen zu knnen.

Ja, und wie gut hat er den Hirsch geschossen, die Kugel sitzt gerade auf
dem Blatt; er wird einmal ein tchtiger Jger werden, fiel Daniel ein,
indem er das Thier mit abgebrochenen Bschen bedeckte, um es gegen die
Fliegen zu schtzen.

Carl war whrend dieser Zeit wieder vorangeeilt, in der Hoffnung, noch
einen Schu nach Wild anzubringen; zu seinem Leidwesen aber lichtete sich
bald der Wald, und der Weg fhrte nun durch offene Grasfluren und Felder
nach dem Stdtchen Marion. Carl erwartete in dem Schatten der letzten Bume
die Wagen, whrend er sein Pferd grasen lie, und wurde von den Seinigen
mit Jubel begrt und belobt ber den Meisterschu, den er gethan hatte.
Die Sonnenstrahlen fielen jetzt drckend auf die Reisenden nieder, so da
Madame Turner und die Kinder Regenschirme aufspannen muten, und auch Herr
Turner bediente sich eines solchen, um sich gegen die Sonne zu schtzen;
Carl aber ertrug sie ohne Beschwerde, und meinte, ein Jger mit einem
Regenschirm msse ausgelacht werden. Nach einigen Stunden erreichten
die Wanderer zu ihrer groen Erquickung wieder den Wald, der sie ohne
Unterbrechung berschattete, bis sie bei sinkender Sonne an einem khlen
Wasser ihrer Tagereise ein Ziel setzten. Es war zum ersten Male, da
Turners eine Nacht unter Gottes freiem Himmel zubringen sollten, und wenn
sie sich dies whrend ihres ruhigen wohlgeborgenen Lebens auf der Kluse
auch als etwas Schreckliches, kaum Mgliches gedacht haben wrden, so hatte
es jetzt etwas Reizendes, Bezauberndes fr sie. Zwischen den kolossalen
Stmmen der himmelhohen Bume, auf welche die Sonne hier und dort ihre
letzten rothen Lichter durch die dunkelgrnen Laubmassen warf, wurde auf
dem ppigen hohen Grase hart an dem Ufer des rauschenden Wassers das Zelt
aufgeschlagen, und vor ihm das Lagerfeuer angefacht, dessen flackerndes
Licht die schnell einbrechende Dunkelheit auf weithin zurckdrngte, und
das hohe Laubdach mit seinem tausendfach verschlungenen Rankengeflecht und
seinem bunten Blumenflor glhend beleuchtete. Whrend Daniel seinem jungen
Freunde Anweisung gab, wie der Hirsch zerlegt werden msse, war Madame
Turner mit Julie so recht innig vergngt beschftigt, das Abendbrod an dem
Feuer zu bereiten, den Kaffee zu kochen, aus Maismehl das Brod zu backen
und die Pfanne herzurichten, um die zarten feisten Stcke Wildpret, welche
Carl ihr jetzt reichte, zu braten. Turner hatte die Pferde in dem Bache
getrnkt und gab ihnen Mais zum Abendfutter in den hlzernen Trog, welcher
zu diesem Behuf hinter dem Wagen befestigt war, nachdem er den Ochsen eben
solche Trge vorgestellt, und ihnen darin den nthigen Mais verabreicht
hatte. Der Hirsch war bald zerlegt, die einzelnen Theile in der Nhe des
Zeltes an Aeste aufgehangen und die Haut mit langen Stcken ausgespannt,
welches Daniel dadurch bewerkstelligte, da er dieselben an beiden Seiten
zuspitzte und bers Kreuz in den Hautrand einstach. Er hatte sie nahe vor
dem Feuer aufgestellt, damit sie durch dessen Hitze getrocknet und vor
Verderben geschtzt werde.

Madame Turner rief jetzt zum Abendessen, welches auf dem Deckel einer
groen Kiste vor dem Zelte aufgetragen war; ihre Lieben lieen sich um
denselben im Grase nieder, und auch Daniel setzte sich auf Turners Wunsch
mit in die Reihe. Es mundete Allen herrlich, denn der lange Tagesmarsch
hatte das Mahl gewrzt, und Alle meinten, so gut htte es ihnen doch
niemals in Deutschland geschmeckt. Es war eine lauwarme stille Nacht, der
Rauch und die Funken des lustig flackernden Feuers wirbelten sich wie
eine golddurchwirkte Sule gerade zum Himmel auf, und hier und dort in den
Oeffnungen zwischen den unbewegten riesigen Baumkronen blitzten die hellen
Sterne am dunkeln Firmament. In dem weiten Kreise, den das Feuerlicht um
das Lager schuf, zitterten die schwarzen langen Schatten der majesttischen
Baumstmme auf den Laubmassen, und weiter hin in der Finsterni des Waldes
schwebten Myriaden von leuchtenden Insecten. Spt noch saen Turners, von
der Schnheit der Nacht entzckt, und lauschten den Erzhlungen Daniels. Er
sprach von den unabsehbaren wogenden Grasfluren der westlichen Lnder, von
dem wundervollen Blumenflor, womit dieselben Jahr aus Jahr ein geschmckt,
von den kristallhellen brausenden Gewssern mit ihren goldig schimmernden
Fischen, von dem durchsichtig blauen Himmel und von der ewig bewegten
khlen Luft, die erquickend und strkend ber jene Lnder ziehe. Unter den
Indianern geboren, war deren hoher Sinn fr die Schnheiten der Natur auf
ihn bertragen, und seine lebendigen gefhlvollen Beschreibungen von den
Fluren, wohin er die Wanderer jetzt fhrte, begeisterten diese mit den
beglckendsten Hoffnungen. Endlich mahnte Turner an die Nachtruhe und begab
sich mit den Seinigen in das Zelt, whrend Carl es vorzog, bei Daniel
vor dem Feuer zu schlafen. Dieser machte ihm nach Jgerbrauch ein Lager
zurecht, breitete die wollene Satteldecke fr ihn aus, gab ihm den Sattel
als Kopfkissen und hie ihn seine Bchse als Schlafkameraden neben sich
legen. Ruhig und in wonnigen Trumen, wie sie nur der Schlaf unter heiterem
Sternenhimmel zu geben vermag, schwand den Ruhenden die Nacht, und der
frhe Morgen, als noch das Laub sich unter dem schweren Thau neigte, sah
sie schon wieder auf ihrem Wege nach Westen. Ueber zwei Wochen wanderten
sie in dieser Weise vom Anbrechen bis zum Sinken des Tages durch das
waldbedeckte sumpfige Arkansas, und zwar oftmals halbe Tage lang, ohne auf
ein anderes Zeichen der Cultur zu stoen, als die rohe, durch das Fllen
von Bumen geschaffene Strae, auf der sie fuhren, verrieth. In den
einzelnen Farmen, an denen sie vorber zogen, kauften sie Mais fr die
Zug- und Reitthiere, Mehl und Kartoffeln fr den eigenen Bedarf, und wurden
mitunter mit Milch, Buttermilch, Eiern und Butter beschenkt. So reich und
ppig der Boden dieser Farmen aber auch war, so khl und heimisch deren
Wohnhuser auch in dem Schatten dichtbelaubter uralter Bume versteckt
lagen, so stand doch unverkennbar auf den bleichen kraftlosen Gestalten
ihrer Bewohner geschrieben, da ein bser Feind, das Fieber, sich unter
ihnen aufhalte, welches fortwhrend aus den endlosen Smpfen der Wlder
erzeugt wurde. Mit verwunderten, oft neidischen, oft wehmthigen Blicken
betrachteten die Leute auf diesen Ansiedelungen die frischen rosigen
Gesichter der deutschen Wanderer, und riethen ihnen auch wohl, nicht in
diesem Lande des Todes zu weilen. Das Fieber schien aber keine Gewalt ber
die krftigen gesunden Naturen der Turnerschen Familie zu haben, und frisch
und heiter begrten sie die ersten Grasfluren im westlichen Ende von
Arkansas. Der Anblick dieser Prairie, wenn sie auch nur einige Meilen im
Durchmesser hatte, berraschte und entzckte die Herzen unserer Reisenden
sehr. Das hin- und herwogende hohe Gras, die Farbenpracht der Blumen, die
aus demselben hervorsahen, der khlende Luftstrom, der erfrischend darber
hinzog, stand so sehr mit dem einfrmigen beschrnkten Bilde im Gegensatz,
welches der undurchdringliche Urwald mit seiner schweren, schwlen Luft
den Wanderern whrend einiger Wochen geboten hatte, da sie wie aus einem
dsteren Gefngni hervortraten und wieder frei aufathmeten. Noch einmal
sollte sie aber der unheimlich dichte Wald umfangen, und die Sonne stand
schon niedrig, als sie von der hochgelegenen Grasflche in denselben
hineinfuhren. Die Bewohner einer an dem uersten Anfange der Prairie
gelegenen Farm, von denen Turners mit Mais versorgt worden waren,
hatten sie aufmerksam darauf gemacht, da sie in diesem Walde ein bses,
gefhrliches Wasser finden wrden, welches bei dem leichtesten Regen so
schnell steige und aus seinen Ufern trte, da es die ganze Gegend zu
seinen Seiten auf viele Meilen weit berschwemme. Als die Wagen in diesen
Wald hinein fuhren, zogen schwere Gewitterwolken am Himmel hin, welche bald
die Sonne verdunkelten und sich immer drohender und schwrzer aufthrmten.
Daniel hielt die Stiere an, und fragte, ob es nicht besser sei, hier den
Regen abzuwarten, doch Turner zog es vor, noch an diesem Abend den Wald zu
durchziehen, da derselbe nur wenige Meilen breit sein sollte. Er frchtete,
da das Wasser steige und es ihnen dann vielleicht auf viele Tage, ja auf
Wochen unmglich machen werde, den waldigen Grund zu passiren. Daniel trieb
nun die Ochsen zu verdoppelter Eile an, und whrend Turners ihm folgten,
ritt Carl Scharnhorst voran, um den Weg, und namentlich den Flu in
Augenschein zu nehmen. Die Strae war nur breit genug fr _einen_ Wagen und
bot Daniel kaum hinlnglich Raum, zu Pferde neben den Stieren herzureiten.
Dabei wurde der Weg immer sumpfiger und grundloser, so da die Rder bis an
die Achsen versanken. Der Zuruf Daniels und die Peitsche trieben aber die
Ochsen mit Eile vorwrts, und schon konnte der Neger in einiger Entfernung
Carl erkennen, der sein Pferd in dem seichten Flusse trnkte, als das
Fuhrwerk ber einen, im Morast versunkenen Baumstamm fuhr, und der schwere
eiserne Nagel, der den Vorder- und Hinterwagen zusammen hielt, mit einem
lauten Krach zerbrach. Daniel, der sofort erkannte, was geschehen war,
brachte im Augenblick die Zugthiere zum Stehen und theilte mit Bestrzung
Herrn Turner den Unfall mit, indem er zugleich auf das Gewitter hindeutete,
welches schon schwer ber dem Walde hing. Turner sah mit Entsetzen den
Wagen an; in diesem Zustande konnte derselbe nicht vom Flecke bewegt
werden. War es wirklich mglich, da das Wasser in so unglaublich kurzer
Zeit steigen knne, wie die Farmersleute gesagt hatten, so durften Turners
die Fluth schon binnen wenigen Stunden hier um sich erwarten, und dann war
an eine Rettung des Wagens und der Ladung nicht mehr zu denken. Wohin
man nach den Bumen und Bschen blickte, erkannte man die Spuren frherer
Ueberschwemmungen an dem Schlamm, Schilf und Reisig, welches die Strmung
zehn Fu hoch von der Erde an ihnen zurckgelassen hatte, so da ein
solches Wasser die Fuhrwerke bedecken und wahrscheinlich mit sich fort
reien mute. Rathlos und ohne zu einem Entschlusse kommen zu knnen,
hielt Turner mit dem Neger bei dem Wagen, als Carl herangeritten kam, um
zu fragen, was die Ursache des Haltens sei. Unter Angst und Schrecken wurde
ihm der Grund mitgetheilt. Auch Carl war im ersten Augenblick bestrzt und
sah besorgt bald nach dem Wagen, bald nach dem angeschwemmten Reisig in den
Aesten der Bume; dann aber wandte er sich rasch zu dem Neger und sagte:

Daniel, Du hast mir ja von einer Holzart erzhlt, aus welcher die Indianer
ihre Bogen verfertigen, und welches so hart und so zhe sei, wie Stahl;
sollte dies Holz vielleicht hier im Walde wachsen? dann knnte man ja einen
Nagel daraus machen.

An allen den Flssen, etwas weiter westlich, trifft man dieses Holz an,
es wre darum nicht unmglich, da es sich auch hier vorfnde. Die Indianer
nennen es =bois d'arc=, oder Bogenholz. Ich will mich schnell einmal danach
umsehen, antwortete der Neger, wie von einer Hoffnung belebt, band sein
Pferd mit dem Zgel an einen Baum, und eilte mit der Axt in der Hand in
das Dickicht hinein. Carl war abgestiegen und sprang auf den Wagen, um
die Kiste zu ffnen, in welcher die Werkzeuge sich befanden. Nachdem er
verschiedene derselben auf die Erde hinab geworfen hatte, begab er sich
unter das Fuhrwerk, um den Schaden nher zu untersuchen, und er hatte dort
nur wenige Minuten verbracht, als Daniel in der Ferne einen lauten Jubelruf
erschallen lie.

Er hat das Holz gefunden! rief Carl freudig aus, hob die schwere Winde
dann von dem Wagen und setzte sie unter denselben, um ihn damit in die
Hhe zu heben. Turner war ihm dabei behlflich, indem er ein Stck Holz von
einem umgefallenen Baume des weichen Bodens wegen unter die Winde
legte, und nun begannen Beide mit vereinten Krften den schweren Wagen
aufzuwinden. Bald war dies so weit geschehen, da Carl die beiden Stcke
des zerbrochenen eisernen Nagels aus der Oeffnung hervornehmen konnte, und
nun hing Alles davon ab, ob Daniel wirklich das erwnschte Holz mit sich
brachte.

Ein heftiger Donnerschlag erschreckte jetzt die Hoffenden und mahnte sie
von Neuem an die Gefahr, in der sie schwebten. Zugleich fielen schwere
Regentropfen auf sie nieder und wenige Augenblicke spter go es wie ein
Wolkenbruch vom Himmel herab. Durch den dichten Regen wurde aber Daniel
jetzt sichtbar und zwar mit einem starken Ast in der Hand.

Gottlob, nun sind wir gerettet! rief Carl, ihm entgegentretend, und nahm
ihm das Holz ab. Schnell ergriff er dann das scharfe Beil, womit er den
Ast, um den Nagel daraus herzustellen, zu behauen begann. Das Holz aber
war so hart, da die Arbeit nur sehr langsam von Statten ging und mit
jedem Hiebe ertnte der Stahl in hellem Klange. Dabei strmte die Fluth
ununterbrochen so gewaltig auf die Erde nieder, da bald, so weit man sehen
konnte, die ganze Grundflche einem See glich, der mit jeder Minute an
Tiefe zunahm, und bereits zu strmen begann. Madame Turner hatte sich mit
den Kindern in ihren Wagen geflchtet, wo sie das starke darber gespannte
Leinentuch gegen die Nsse schtzte, whrend die beiden Mnner das
Tuch ber den groen Wagen strammer anzogen und Carl den Nagel eifriger
bearbeitete. Endlich war derselbe fertig, war passend und sauber abgerundet
und Carl setzte ihn mit Hlfe Turners und des Negers an den Platz des
eisernen Nagels ein. Dann ward der Wagen wieder niedergelassen und Alles
war zur Weiterfahrt bereit. Jetzt war es die Frage, ob das Stck Holz stark
genug sein wrde, namentlich whrend des ersten Anfahrens, um der groen
Gewalt zu widerstehen, die gegen dasselbe wirken mute; denn die Rder
waren bis an die Achsen versunken. Die Pferde wurden bestiegen, Carl ritt
voran, Daniel rief den Stieren zu und schwang die gefrchtete Peitsche
ber deren Kpfen, sie legten sich mit aller Kraft in die Ketten und
unter schwerem Knarren und Aechzen setzte sich nach wiederholten uersten
Anstrengungen der Thiere der Wagen in Bewegung. Das Wasser wurde mit jedem
Schritt tiefer und die Strmung strker, und als die Stiere in den Flu
hinein schritten, reichte ihnen die Fluth bis an die mchtigen Seiten
hinauf. Das Wasser stieg in den groen Wagen, konnte der Ladung aber keinen
Schaden zufgen, weil der untere Theil derselben aus Gegenstnden bestand,
auf welche die Nsse nicht nachtheilig wirkte. Die Rder an dem Fuhrwerk
der Madame Turner waren sehr hoch, so da der Strom kaum ber den
Futeppich in denselben drang, dennoch steigerte dies die Bangigkeit der
Frau und Kinder whrend der Durchfahrt sehr. Bald aber war das jenseitige
Ufer glcklich erreicht und mit frohen, von Angst befreiten Herzen
erkannten die Wanderer, da der Grund unter ihnen wieder fester wurde. Der
Weg hob sich allmhlig, er wurde steiler und trockener, der Donner
rollte nicht mehr so anhaltend, so frchterlich, und der Regen verlor an
Heftigkeit. Hier und dort theilte sich bald darauf das eilende Gewlk, der
blaue Himmel schien hindurch und die sinkende Sonne warf noch ihre Strahlen
freundlich und mild auf die krystallhell glnzende Tropfensaat, die der
Regen an jedem Blatt, jedem Halme, jedem Reis zurckgelassen hatte. Jetzt
erreichten Turners am Ende des Waldes einige steile Hhen, von wo sie auf
die so gefahrvoll durchwanderte Niederung zurckblicken konnten. Das ganze
bewaldete Thal war ein reiender Strom, aus dessen weischumenden Wogen
die hheren Bume emporragten und ihre unteren Aeste mit der Fluth spielen
lieen. Nach Westen aber, wo jetzt die Sonne nahe ber dem flachen Horizont
stand, lag eine endlose unabsehbare Grasflche vor den erstaunten Blicken
der Wanderer, und mit frohlockenden Herzen begrten sie diese erste offene
Prairie. Das ppige saftige Grn dieser weiten Flur war durch den Regen
erfrischt worden, und die letzten Blicke der Sonne beleuchteten glhend die
feurigen Blthen der hohen Cactusarten, die sich in Turners Umgebung aus
dem Grase erhoben.

Unter einer Gruppe uralter, undurchdringlicher, dicht belaubter
Lebenseichen hielten die Wagen an und die mden Zugthiere wurden aus
ihrem Zwange erlst. Heute sollten sie fr ihre lange und schwere Arbeit
entschdigt werden, sie sollten sich whrend der Nacht an dem zarten
frischen Grase laben. Daniel hatte mit unglaublicher Schnelligkeit jedem
der Thiere die beiden vorderen Fe mit einem Streifen roher Ochsenhaut
zusammengefesselt, so da sie dieselben nur zugleich vorwrts setzen
konnten und dadurch mehr oder weniger an weiterem Fortgehen gehindert
wurden. Dann trieb er sie dem Grase zu und berlie es ihnen, sich die
beste Weide zu suchen. Die Reitpferde wurden dagegen in der Nhe mit langen
Stricken an einzeln stehende Bume ins Gras gebunden, damit auch sie sich
darin laben mchten, ohne sich weit vom Lager entfernen zu knnen. Turner
hatte auf einem steinigen Fleck das Zelt aufgeschlagen, Carl und die beiden
anderen Knaben hatten Reisholz herbeigeholt und dasselbe nicht ohne Mhe
angezndet, und Madame Turner war mit Julie beschftigt, das Abendbrod
zu bereiten. Jetzt kam Daniel auch mit einem schweren Stck von einem
trockenen Baumstamm heran, schleifte denselben an das flackernde Feuer
und ging dann wieder, um noch mehr Holz fr die Nacht herbeizuschaffen. Es
rhrte sich kein Wind, die Luft aber war erquickend khl und rein und es
kam den Reisenden vor, als athmeten sie mit jedem Zug noch einmal so viel
Luft ein, als sonst. Nacht legte sich ber die weite Landschaft, der Himmel
im Westen glhte noch in dunkelm Carmin ber dem schwarzen uersten Rande
der Prairie und das Firmament war mit funkelnden Sternen berset. Die
Familie Turner und der treue Daniel saen vor dem hochauflodernden groen
Feuer, ber dessen Lohe sich die Aeste der alten Eichen zitternd hin- und
herschwangen, und priesen die Gnade des Allmchtigen, welcher sie ihre
Rettung aus der berstandenen Gefahr verdankten. Carl war wieder die Hand
gewesen, durch welche ihnen Gott diesen Beistand hatte angedeihen lassen,
und mit herzinnigen Segenswnschen dankte Turner dem anspruchslosen
hlfreichen Knaben.

Die durchnten Gegenstnde waren an dem groen Feuer getrocknet, die
Reitpferde wurden an den Wagen befestigt und Turner legte sich in dem
Zelte zur Ruhe, whrend Carl und Daniel ihr Nachtlager wieder vor dem Feuer
herrichteten.

Kaum graute der Tag, als Alle, vom sen Schlaf gestrkt, sich erhoben und
Vorbereitungen zur Weiterreise machten. Die Reitpferde wurden abermals ins
Gras gebunden und das Feuer zur Bereitung des Frhstcks frisch angefacht.
Die Stiere, so wie die drei Wagenpferde, hatten sich whrend der Nacht
ziemlich weit von dem Lager entfernt und standen weidend dort im hohen
Grase. Die Sonne stieg prchtig und heiter ber dem waldigen Osten auf und
go ihr belebendes Licht ber die endlose Grasflur, auf der hier und
dort einzelne Rudel von Hirschen zu erkennen waren. Turners saen beim
Frhstck, lieen aber ihre Blicke dabei wiederholt ber die Prairie
schweifen, da jeder Punkt auf derselben ihre Neugierde anzog.

Was kommt dort hinter der Waldspitze hervor? fragte Carl pltzlich, indem
er seitwrts nach der waldigen Niederung zeigte, wo dieselbe sich an die
Prairie lehnte.

Schnell, schnell, das sind wilde Pferde, schnell auf die Gule, damit wir
sie von unseren Wagenpferden abhalten, sonst sind diese fr uns verloren!
rief Daniel erschrocken aus und sprang mit einem Zaum in der Hand nach
einem der Reitpferde, whrend Turner und Carl hastig seinem Beispiel
folgten. Im Augenblick waren den drei Thieren die Zume bergeworfen,
Turner, Daniel und Carl schwangen sich auf deren nackte Rcken, und in
Carriere sausten sie ber die Prairie, den wilden Rossen entgegen. Diese
waren aber schon zu nah herangekommen, als da die Reiter sie noch htten
von den Wagenpferden zurckhalten knnen, welche, als ob sie nach der
Freiheit ihrer wilden Kameraden verlangten, denselben trotz der Fesseln
in schwerflligen, doch flchtigen Sprngen entgegeneilten. Ehe noch die
Reiter sie erreichten, waren sie in dem wirren Haufen der wilden Schaar
verschwunden, die, ber zweihundert Kpfe stark, jetzt in gedrngten Massen
vor den Reitern ber das wogende Gras dahinstrmte.

Vorwrts, nur frisch dazwischen, wenn die Fesseln an den Fen unserer
Pferde halten, so knnen sie uns nicht entgehen! rief Daniel und trieb
sein Ro zu mglichster Eile an; doch Carl sauste an ihm vorber, sein
Falber war das schnellste der Thiere und er war der Erste, der sich den
fliehenden Pferden nahte. Die Erde drhnte unter den Hufen der
wilden Rosse, hoch wehten die langen Mhnen und Schweife, ihre rothen
weitausgespannten schnaubenden Nstern glhten wie Feuer und ihre groen
Augen blitzten mit Entsetzen nach Carl hin, der jetzt ihre letzten Reihen
erreichte. Es schien, da die Thiere bisher noch ihren Lauf gemigt
hatten, um die gefesselten Kameraden zu schtzen und sie mit sich fort zu
nehmen; als aber der Falbe mit Carl auf seinem Rcken ihnen zu nahe kam, da
brachen sie in wilder fliegender Flucht los und lieen die noch mit
letzter Anstrengung ihnen folgenden Wagenpferde zurck. Nur _ein_ mchtiger
goldbrauner Hengst wandte sich noch einmal um, scho in hohen Bogenstzen
dicht an Carl vorber und umkreiste wiehernd die gefesselten Brder, als
wolle er sie nochmals zur Flucht anfeuern; dann aber scho er wie ein Pfeil
davon, seiner fliehenden Heerde nach. Die Wagenpferde blieben ermattet
stehen, doch Carl jagte an ihnen vorber, die Lust der wilden Jagd war zu
gro, als da er sie schon htte aufgeben knnen, er drckte beide Sporen
fest in die Seiten des flchtigen Falben und in fliegendem Sturm ging
es nun ber die Prairie, den davonsausenden Rossen nach. Nher und nher
rckte er der gengsteten Schaar, deren krftigste Thiere die letzten
waren, wie es schien, um die jngeren vorwrts zu treiben, und der
goldbraune Hengst blieb noch weiter zurck, als wolle er den schrecklichen
Reiter von ihnen abhalten. Jetzt aber wurden zwei Fllen hinter
der verworrenen Masse sichtbar, ein schwarzes und ein weies, ihre
Schnelligkeit nahm ab, sie ermatteten mehr und mehr, umsonst umschwrmte
sie der goldbraune Hengst, sie konnten nicht weiter und fielen gnzlich
erschpft in das Gras nieder. Carl hatte sie erreicht und hielt, laut
jubelnd, seinen Falben an, da gewahrte er zu seiner Freude Daniel, der in
voller Carriere herangejagt kam. Beide waren von ihren Pferden gesprungen,
hoben die ermatteten hbschen Fllen auf die Fe und schmeichelten und
liebkosten sie, doch es dauerte lange, ehe dieselben sich erholten und
wieder zu Athem kamen.

Wenn wir nur einen Strick htten, Daniel, damit wir sie binden und mit
uns nehmen knnten, sie sind zu lieb und hbsch, und welch prchtige Pferde
mssen sie werden!

Wir gebrauchen keines Strickes, junger Herr, antwortete Daniel lachend
und beglckt ber die Freude, die Carl empfand, lassen Sie die Thiere nur
erst ganz zu Krften kommen, dann folgen sie geduldig unsern Pferden; wir
werden wenig Mhe mit ihnen haben, denn sie sind schon stark genug, um sich
selbst ernhren zu knnen.

So wie Daniel es vorhergesagt hatte, so geschah es auch. Als die Fllen
wieder zu Krften gekommen waren, bestiegen die Reiter ihre Pferde, und
die kleinen Verwaisten folgten denselben, als ob es ihre Mtter wren.
Der Jubel war gro, als Carl und Daniel mit den beiden Pferdchen im Lager
anlangten, Madame Turner und die Kinder waren auer sich vor Freude, sie
liebkosten die schnen Thiere und Carl machte seinen Brdern, Arnold und
Wilhelm ein Geschenk mit dem Rappen, den kleinen Schimmel aber schenkte er
seiner Schwester Julie. Turner hatte die Wagenpferde auch glcklich wieder
zum Lager zurckgetrieben, und so war aus dem Schrecken eine groe Freude
hervorgegangen. Nun wurde sich schnell zur Abfahrt gerstet, und als
der Zug sich in Bewegung setzte, folgten die beiden Fllen dem dritten
Wagenpferde, welches zu diesem Zwecke hinter das Fuhrwerk der Madame Turner
angebunden war.

Das schne herrliche Land der Prairieen lag jetzt vor den Reisenden
ausgebreitet, bald schwanden die letzten blauen Umrisse der Wlder von
Arkansas, und wie auf einem wogenden, mit Blumen berseten grnen Meere
zogen die Wanderer ber die reichen, wellenfrmig auf- und niedersteigenden
Grasfluren hin. Sie hatten das Indianergebiet westlich von Arkansas
betreten, und erreichten am zweiten Abend das Fort Towson, in dessen Nhe
sie bernachteten. Der Befehlshaber der Dragonerabtheilung, welche hier
auf Station lag, um die Grenzansiedelungen der Weien gegen die
Gewaltthtigkeiten der Indianer zu schtzen, bezeigte sich sehr freundlich
gegen Turners und besuchte sie noch vor ihrer Weiterfahrt am folgenden
Morgen in ihrem Lager. An diesem Tage gelangten sie bei dem neuen
Grenzstdtchen Franklin an, wo sie den rothen Flu berschritten, um sich
aus dem Lande zu entfernen, welches von der Regierung der Vereinigten
Staaten den verschiedenen Indianerstmmen, die sie aus den stlichen
Staaten vertrieben hatte, als Eigenthum angewiesen war. Nun lagerten
Turners auf der nrdlichen Grenze von Texas. Von hier aus ward der Weg nur
durch undeutliche Wagenspuren bezeichnet und das Gefhl, der vollstndigen
Wildni nher zu kommen, drngte sich den Reisenden mehr und mehr auf. Nur
selten trafen sie noch ein einsames Blockhaus an, bis sie nach Verlauf
von einer Woche endlich das letzte Grenzstdtchen Preston am rothen Flusse
erreichten. Man nannte es Stadt, wenn es auch nur aus wenigen Holzhusern
bestand, die unter einzelnen Baumgruppen versteckt lagen und durch sandige
Fupfade mit einander verbunden waren. Mehrere Kaufleute, die alle fr
die Grenzansiedler nthigen Bedrfnisse feil hielten, ein Schneider, ein
Schmied, ein Schuhmacher, ein Arzt und ein Advocat nebst mehreren Farmern
und zweien Schenkwirthen bildeten die Einwohnerschaft. Die Trachten dieser
Leute bekundeten, da sie an der uersten Grenze der Civilisation wohnten,
denn dieselben bestanden zum groen Theil in Lederanzgen, und die langen
Messer, die Pistolen und die Bchsen, welche sie mit sich fhrten, deuteten
die Nhe der Wildni an.

Daniel war mit diesem Lande genau bekannt, da er sich oft mit den Indianern
Monate lang hier aufgehalten hatte; bei seinem letzten Besuche in dieser
Gegend stand jedoch auf Tagereisen weit noch kein einziges Haus. Turner
erkundigte sich darum bei einem der Kaufleute, von welchem er mehrere
unbedeutende Gegenstnde erstand, wie weit westlich sich die Ansiedelungen
von hier aus noch erstreckten, und erfuhr, da zehn Meilen von hier an dem
Choctawbache sich die letzten Niederlassungen befnden. Auf die Frage, ob
man dort Khe, Schweine und Federvieh kaufen knne, wurde ihm gesagt, da
er dies Alles im Ueberflu dort finden und die Leute sehr erfreuen wrde,
wenn er sich in ihrer Nhe niederlassen wolle. Nachdem Turner dem Kaufmann
das Versprechen gegeben hatte, von ihm gelegentlich seine Bedrfnisse zu
beziehen, setzte er die Reise noch eine Meile weiter fort, bis zu einem
Bache, wo er das Lager fr die Nacht aufschlug. Am folgenden Tage langten
die Wanderer gegen Abend an dem Choctawbache an, zu dessen beiden Seiten
sich einige Meilen breit prchtiger hoher Urwald hinzog. Der Weg durch
denselben war durch Fllen der Bume geffnet und fhrte Turners ber
den klaren rauschenden Bach bis an den ueren Waldsaum, wo im schattigen
Dunkel der Riesenbume eine Ansiedelung versteckt lag. Von den Husern
derselben sahen nur die Dcher ber eine hohe Pallisadenwand hervor, welche
aus aufrechtstehenden, neben einander in die Erde gegrabenen Baumstmmen
bestand und smmtliche Gebude umgab. Auf der offenen Prairie, welche sich
an den Waldsaum anlehnte, grasten in Schuweite vor den Pallisaden viele
Pferde, die dort mit langen ledernen Stricken an Pfhlen angebunden waren,
und weiter auf der Grasflur weideten mehrere hundert Stck Rindvieh.

Bei Annherung Turners kamen ihnen viele Hunde bellend entgegen gerannt,
und gleich darauf erschienen mehrere Mnner vor der hlzernen Mauer
und sahen verwundert nach den Kommenden hin. Es war der Eigenthmer
der Niederlassung, Herr Warwick, mit seinen drei erwachsenen Shnen und
mehreren jungen Amerikanern, die bei ihm wohnten, weil sie unentgeltlich
bei ihm lebten, nicht zu arbeiten brauchten, und sich mit der Jagd und
Fischerei belustigten. Herrn Warwick war der Aufenthalt dieser Leute in
seinem Hause sehr erwnscht, da die Lebensmittel fr dieselben nichts
kosteten, und sie ihm und den Seinigen eine Sicherheit mehr gegen die
Angriffe der Indianer gewhrten. Warwick war der erste Ansiedler in dieser
Gegend gewesen und hatte manche groe Gefahr hier bestanden. Er war
ein schon bejahrter, doch noch krftiger, rstiger Mann von gutmthigem
freundlichen Wesen. Indem er Turners entgegen kam, bewillkommnete er sie
aufs Herzlichste und bot ihnen seine Hlfe und Untersttzung nach allen
Krften an. Die Wagen wurden nahe vor die Pallisaden gefahren, die Pferde
an Stricken in das Gras gebunden, whrend die beiden Fllchen lustig um
sie hersprangen, und die Stiere lie Daniel frei gehen, band aber einem
derselben eine groe Metallglocke um den Hals, damit er immer hren konnte,
wo die Thiere weideten. Turners folgten nun der freundlichen Einladung
Warwicks und begaben sich in dessen Wohnung, die aus mehreren, innerhalb
der hohen Pallisaden nebeneinanderstehenden Blockhusern bestand. Die
Hausfrau, so wie deren Tchter nahmen die Gste ebenso freundlich auf, wie
es Warwick gethan hatte, und fhrten sie zum Abendessen, welches soeben
aufgetragen war. Daniel mute in der Kche speisen, weil die Amerikaner es
nicht dulden, da sich ein Schwarzer in ihrer Gesellschaft aufhalte. Nach
dem Essen aber eilten Alle hinaus vor die Einzunung und setzten sich unter
eine alte Lebenseiche in das Gras nieder, um die erquickende Abendluft zu
genieen, die nicht so frisch und frei in die Huser eindringen konnte.
Eine friedliche heimische Ruhe lag auf der Gegend, in dem hohen dunkeln
Walde hinter den Wohnungen lie sich nur noch hier und dort ein Vogel
hren, auf der Prairie, an deren duftig blauer Ferne die Sonne versunken
war, zogen die Heerden unter klingendem Glockenton der Leitkhe langsam
heran, um sich in der Nhe der Ansiedelung zu lagern, und das Tageslicht
wich vor dem bleichen Schimmer des Mondes, der schon hoch am Himmel stand.
Turners dachten an die schnen Abende auf der Kluse, an den ruhigen, im
Mondlicht glnzenden Spiegel der Werra, an die blauen Berge der lieben
alten Heimath -- wie ganz anders war Alles hier und doch auch, wie schn --
nur die feierlichen Tne der Abendglocken htten sie gerne jetzt gehrt --
es war ihnen ein wehmthiger Gedanke, da dies nie wieder geschehen sollte.

Warwick hatte seinen Shnen verschiedene Auftrge gegeben und wandte sich
jetzt an Turners, wodurch er deren Gedanken von dem Werrathale abzog.
Zuerst sprach er sich ausfhrlich ber die groen Vortheile aus, welche
diese Lnder vor anderen dem Ansiedler boten, er wies namentlich auf das
herrliche gesunde Klima hin, dann auf den reichen Boden, auf die immer
grnen ppigen Weiden, auf die Menge von Wild, von Fischen und von Bienen,
und malte zuletzt die groe Zukunft aus, die dieser Gegend in nicht gar
langer Zeit bevorstnde, eine Zukunft, die wohl werth sei, da man jetzt
Etwas dafr wage. Dann theilte er Turner mit, da alles Land an diesem
Bache bereits Eigenthum der zehn Ansiedler sei, die jetzt daran wohnten,
und da keiner von ihnen, auch er selbst nicht, ein Stck davon verkaufen
wrde. Fnf Meilen weiter westlich aber, sagte er, befnde sich an dem
sogenannten Brflu das ausgezeichnetste Land, welches smmtlich noch der
Regierung gehre, und Derjenige, welcher zuerst dort hinzge, wrde die
Auswahl haben und knnte sich ganz nach seinem Wunsche und nach seinem
Geschmack anbauen. Turner bemerkte ihm, da aber dieser Erste dort sehr
groen Gefahren ausgesetzt sein wrde und da es ihm selbst wohl kaum
mglich sei, sich mit seinen wenigen Krften gegen die Indianer zu
behaupten.

Wir Alle hier am Choctawbache werden Ihnen helfen, fiel ihm Warwick in
die Rede, denn sehen Sie, es ist ja in unserm eignen Interesse, da dort
Ansiedelungen entstehen, da dieselben fr uns Vorposten gegen die Indianer
sein werden. Das ist so der Gebrauch an der Frontier, Einer mu immer der
Vorderste sein und eine Zeitlang die Widerwrtigkeiten des Grenzlebens
ertragen; hab' ich ja doch viele Jahre lang hier allein gewohnt.

Sie kamen aber wohl mit mehr Arbeitskrften hierher, als ich, und konnten
sich schnell jene Festung bauen? versetzte Turner.

Mit keinen andern Krften, als diese beiden Arme mir boten, bin ich hier
angelangt, denn mein ltester Junge war kaum neun Jahr alt. Meine Frau hat
mir aber treulich geholfen, sowohl bei der Arbeit als auch beim Fechten;
ihre Kugeln haben manchmal zur rechten Zeit getroffen. Uebrigens, lassen
Sie es sich nicht bange werden, wir smmtlich hier am Bache ziehen mit
Ihnen hinaus und bauen Ihnen die Huser nebst den Pallisaden, das ist nicht
mehr, als Schuldigkeit, entgegnete Warwick und lie sich dann darber aus,
welche Vorsicht der Frontiermann beobachten msse, um sich gegen die List
der Indianer zu sichern. Turner fragte nun, ob Rindvieh, Schweine und
Schafe hier in den Niederlassungen zu kaufen seien, worauf Warwick
sich erbot, ihn hiemit ganz nach Wunsche zu versorgen, und zwar zu den
allerbilligsten Preisen. Federvieh aller Art wollte er ihm unentgeltlich
liefern und so auch hinreichend Mais zur Aussaat und zum eigenen Verbrauch
fr die Zeit, bis er die erste Ernte gemacht habe. Dies sei ein altes
Herkommen an der Grenze und die Ansiedler am Choctawbache wrden Alles
aufbieten, um ihrem ersten Vorposten gegen die Indianer zu helfen.

Daniel hatte sich, wie fr die Befehle seiner Herrschaft bereit, in
kurzer Entfernung hinter die Gesellschaft in das Gras gelegt und die ganze
Unterhaltung mit angehrt. Gegen zehn Uhr nahm Warwick seine Gste mit sich
in seine Wohnung, Carl aber dankte fr die Einladung und machte sich
mit Daniel ein Nachtlager bei den Wagen zurecht, wo sie auch ein Feuer
anzndeten. Pluto ruhte wie gewhnlich neben ihnen, und ganz in ihrer Nhe
hatten sich auch die beiden Fllen ins Gras gelegt. Als sie sich auf ihren
wollenen Decken ausgestreckt hatten, nahm Daniel das Wort und sagte:

Ich kenne jenen Brflu ganz gut, von welchem Herr Warwick sprach, das
Land in seiner Nhe ist besser und die Weiden sind viel reicher als hier,
denn dort giebt es nur das reine Mosquitogras; nirgends in diesem Lande
fanden wir damals so viel Wild, als gerade dort an jenem Flusse. Ich werde
mit Herrn Turner morgen frh darber sprechen, er soll nur dort hinziehen
und sich seine Huser bauen lassen, mit den Indianern wollen wir schon
fertig werden; ich bin ja selbst Indianer genug, um mich nicht von ihnen
berlisten zu lassen. Da giebt es aber Jagden, junger Herr; ich habe dort
manches Mal sicher sechs- bis achttausend Bffel mit einem Blick bersehen.
Und wilde Pferde giebt es dort, so schn, wie nirgend anderswo.

Das soll aber ein Spa werden, Daniel, wie wollen wir Beide uns die besten
Pferde herausfangen! Wenn ich nur erst mit dem Lasso umzugehen wte.

Das werden Sie bald lernen; ich verstehe es aus dem Grunde, entgegnete
der Neger und erzhlte nun seinem jungen Freunde von den Jagden und
Abenteuern, die er hier in der Gegend bestanden hatte, als er noch unter
den Indianern lebte. Bald aber fielen Beiden die Augen zu, sie sanken auf
ihre Sttel zurck, und die wonnigsten Trume beglckten ihren erquickenden
Schlaf.

Frhzeitig am folgenden Morgen kam Herr Turner zu ihnen, um sich mit Daniel
ber Warwicks Vorschlag zu bereden und war sehr erfreut, da der Neger
so eifrig fr die Annahme desselben stimmte. Er beschlo, dessen Rath zu
befolgen, und setzte alsbald Herrn Warwick davon in Kenntni. Nach dem
Frhstck ritt dieser mit Turner, Carl und Daniel auf die Prairie hinaus zu
den Heerden, damit Turner das Vieh auswhle, welches er zu kaufen wnsche,
und Warwick erbot sich, ihm dasselbe an Ort und Stelle abzuliefern, sobald
seine Niederlassung gegrndet sein wrde. Noch am selbigen Nachmittag, als
die Sonne ihre Gewalt verlor, bestiegen sie mit Warwick wieder ihre Pferde,
und begaben sich nach dem Brflu hinber, damit Turner sich ein Stck Land
dort whlen mge, auf dem er seine Niederlassung begrnden wolle. Noch vor
Sonnenuntergang langten sie dort an und ritten noch mehrere Meilen weit an
dem uersten Rand des hohen Waldes, der sich zu beiden Seiten des Flusses
hinzog. Die Pferde gingen dabei fortwhrend bis an die Sttel in dem
feinsten, ppigsten Gras, und wohin man blickte, standen Rudel von Hirschen
und schauten verwundert nach den Reitern. Carl war auer sich vor Freude
ber das viele Wild, und nur die Versicherung des Herrn Warwick, da er
noch heute Abend einen Hirsch erlegen solle, hielt ihn ab, whrend des
Reitens vom Pferde zu springen, um sich an einen solchen anzuschleichen.
Endlich als die Sonne unterging, hielt Warwick sein Pferd an einem Platze
an, wo der Flu in einem Bogen aus dem Walde hervortrat und sich dicht
an die Prairie lehnte. Hier wurde beschlossen, die Nacht zuzubringen, um
frhzeitig am folgenden Morgen das Land an dieser Seite des Flusses weiter
zu besichtigen, und dann auch das jenseitige in Augenschein zu nehmen.
Den Pferden wurde Sattel und Zeug abgenommen, die Vorderfe wurden ihnen
zusammengebunden, und dann lie man sie gehen, damit sie sich an dem
reichen Grase laben konnten. Warwick und Turner zndeten neben einem
umgefallenen trockenen Mosquitobaume ein Feuer an, neben welchem sie ihre
Satteldecken fr das Nachtlager ausbreiteten, Carl aber eilte mit Daniel
und Pluto davon, um nun schnell noch eine Jagd zu machen. Sie waren wohl
eine Viertelstunde lang an dem Waldsaume hingeschritten, als der Neger Carl
rasch beim Arm ergriff und zugleich ins Gras niederkniete. Dann deutete
er mit der Hand seitwrts und gab zu verstehen, da dort Wild stnde.
Vorsichtig hoben Beide sich wieder empor, und Carl gewahrte nun einen
starken Hirsch, der soeben den Kopf in die Hhe richtete, so da sein
mit vielen Enden prangendes Geweih sichtbar wurde. Er stand noch auer
Schuweite und die Jger schlichen sich langsam und vorsichtig nher zu
ihm hin, indem sie immer den Augenblick dazu benutzten, wenn der Hirsch den
Kopf in das Gras versenkte. Endlich hatten sie ihn bis auf hundert Schritte
erreicht, Daniel winkte Carl zu, noch nher zu gehen, doch dieser war
seines Schusses gewi und hob die Bchse an die Schulter, um zu schieen,
als der Neger ihn pltzlich wieder beim Arm niederzog und und mit
blitzenden Augen nach der andern Seite hinzeigte. Beide hatten sich tief
ins Gras niedergebeugt und Daniel flsterte seinem Gefhrten zu, da ein
Trupp Bffel vom Walde her auf sie zukme. Carl stockte vor freudiger
Ueberraschung der Athem und sein Herz pochte hrbar.

Lassen Sie sie nahe herankommen und schieen Sie dann dicht hinter das
Schulterblatt, aber sehr tief nach unten, sonst fllt der Bffel nicht,
sagte der Neger leise, indem er sich nahe an Carl drckte. Nehmen Sie
sich die Zeit, schieen Sie ruhig und werfen Sie sich nach dem Schu in das
Gras, damit die Bffel Sie nicht sehen -- da kommen sie.

Bei diesen Worten spannte Daniel gleichfalls seine Doppelbchse und Carl
hob sich vorsichtig aus dem Grase empor. Als sein Blick ber dasselbe
hinstrich, stand eine schwere, schwarze Riesengestalt auf vierzig
Schritte vor ihm, die sich wie ein Berg von dem glhend rothen Abendhimmel
abzeichnete. Es war ein kolossaler mnnlicher Bffel, der seiner Heerde in
einiger Entfernung voranging. Er war stehen geblieben und schttelte seinen
schwer umlockten ungeheuren Kopf, wobei die langen Mhnen, die sein ganzes
Vordertheil bis hinter die Schultern bedeckten, ihn wild umwogten. Dann
blickte er sich nach der Heerde um, die wie eine schwarze Masse langsam
herangezogen kam.

Lassen Sie ihn nher kommen, junger Herr, flsterte Daniel, denn er sah,
da die Aufregung es Carl unmglich machte, die Bchse ruhig zu halten.

Der Bffel schritt wieder vorwrts und blieb auf zwanzig Schritte von den
Jgern entfernt abermals stehen. Carl hob die Bchse wieder empor, doch
Daniel sagte kaum hrbar: Noch nicht, warten Sie, bis er zur Seite tritt.

Carl hatte seinen Hut abgeworfen, um sich nicht durch denselben dem
Thiere zu verrathen, und er wagte kaum, nach diesem durch die Grashalme
hinzublicken. Jetzt wandte sich aber der Bffel mit einem dumpfen Brummen
etwas seitwrts und gab Carl seine ganze Schulter preis. Im Augenblick
hatte dieser die Bchse am Kopf. Schieen Sie nicht zu hoch, flsterte
der Neger. Das Feuer flog aus dem Rohre, der Bffel bumte sich mit lautem
Wuthgebrll und strzte dann vorwrts, bis er wenige Schritte vor den
Jgern zusammenbrach. Die Heerde aber strmte zu ihrem gefallenen Fhrer
heran und wrde die beiden Schtzen unfehlbar unter ihren Fen zermalmt
haben, wre Daniel nicht aufgesprungen und ihr mit einem Zetergeschrei
entgegengerannt, indem er seinen Hut hoch ber sich durch die Luft schwang.
Links und rechts stoben jetzt die kolossalen Thiere in wilder Flucht
auseinander und suchten das Weite, whrend der verwundete Bffel sich
wieder auf seine Vorderfe erhoben hatte, seinen wthenden Blick auf
Daniel richtete, und Anstrengungen machte, ganz aufzustehen. In diesem
Augenblick krachten aber die Bchsen der beiden Jger zugleich, und, durchs
Herz geschossen, sank der Bffel todt zur Erde nieder.

[Illustration]

Der Jubel Carls war gro, als er das ungeheure Thier hingestreckt vor sich
liegen sah.

Sie haben ihn sehr gut getroffen, junger Herr; Ihre erste Kugel wrde ihn
schon nach kurzer Zeit getdtet haben, doch es war besser, da wir ihm noch
Eins gaben. Ihr zweiter Schu ist ihm durchs Herz gegangen, rief Daniel
freudig, indem er sein Messer aus der Scheide zog. Das heit, wenn es Dein
Schu nicht war, der ihn ins Herz getroffen hat, entgegnete Carl
lachend. Nein, wirklich, junger Herr, ich habe etwas zu weit nach hinten
geschossen; sehen Sie, dies ist meine Kugel, sagte der Neger, indem er auf
eine blutige Wunde zeigte, welche auf den Rippen des Thieres sa; denn er
wollte Carl die Freude lassen, da er allein den Bffel erlegt habe. Er
schnitt nun schnell dem Thiere die Zunge unter der Kinnlade heraus, da
seine und Carls Krfte nicht hinreichten, demselben das Maul zu ffnen,
spaltete dann die Haut auf dem Hcker, welcher sich ber den Schultern des
Bffels erhob, und lste ihn von dem Rcken ab.

Dies ist das beste Stck am ganzen Thiere, sehen Sie nur, wie es mit Fett
durchwachsen ist, sagte Daniel, indem er dasselbe und die Zunge mit einem
Seil zusammenband und ber die Schulter hing.

Was sollen wir denn aber mit dem brigen Fleische anfangen? fragte Carl.

Wir berlassen es den Wlfen zum Abendbrod, Sie werden hren, welche Musik
sie dabei anstimmen; bis morgen frh ist Nichts mehr vom Bffel brig, als
die Knochen, entgegnete Daniel.

Das ist ja aber schade, das viele, gute Fleisch, bemerkte Carl.

Ja freilich, wir knnen es aber doch nicht mitnehmen, entgegnete
Daniel und schritt nun eilig voran, auf krzestem Wege den Lagerplatz zu
erreichen. Der letzte Tagesschimmer war verschwunden, und das Mondlicht
zeigte den Jgern die Richtung, die sie zu nehmen hatten. Schon von
Weitem sahen sie den Schein des Lagerfeuers, wie es sich auf der
hohen, dunkelgrnen Wand des Urwaldes spiegelte, und als sie nher
herangeschritten kamen, rief Turner ihnen freudig entgegen: Nun, Carl,
hast Du einen Hirsch geschossen?

Einen Bffel, einen ungeheuren Bffel, Onkel, noch einmal so gro wie
unsere Stiere, antwortete Carl berglcklich.

Ei, was Tausend, wirklich, einen Bffel? den mu ich mir doch morgen frh
auch einmal betrachten, sagte Turner.

Das wird wohl nicht mglich werden, denn Daniel sagte, da die Wlfe ihn
in dieser Nacht vollstndig verzehren wrden, entgegnete Carl, als der
Neger herankam und die Beute in dem hohen Grase niederlegte.

Sieh, das ist ein guter Bursche gewesen, so feist trifft man sie nicht
immer, sagte Warwick, auf den Hcker blickend, davon mu ich mir doch
auch ein Stck ausbitten.

Hiemit stand der Alte auf, schnitt einige dnne Stcke von dem Fleisch
ab, rieb sie mit Salz und Pfeffer ein, welches er in einer Bchse in der
Kugeltasche mit sich fhrte, stie sie an einen Stock, und stach denselben
vor dem Feuer in die Erde, so da das Fleisch ber dessen Gluth schmorte.
Turner, Carl und Daniel folgten seinem Beispiel und bereicherten mit diesem
kostbaren Braten ihre Abendmahlzeit, welche aus von Hause mitgenommenem
Fleisch und Zwieback bestand. Warwick hatte auch in einem groen Blechgef
Kaffee gekocht, der, wenn auch ohne Milch und Zucker, Allen vortrefflich
mundete. Nach dem Essen zndeten die drei Mnner ihre Pfeifen an, und
Warwick erzhlte von den herrlichen Jagden, die er an diesem Flusse so oft
gemacht hatte, als pltzlich ein lautes, gellendes Geheul ertnte, wie wenn
es von hundert Kehlen angestimmt wrde.

Hren Sie, junger Herr, jetzt wird Ihr Bffel verspeist; ich wette, da in
kurzer Zeit viele hundert Wlfe sich dabei einfinden. Sie kommen schon von
allen Seiten, sagte der Neger zu Carl, und wirklich wurde jetzt das Geheul
weithin in allen Richtungen beantwortet.

Sage einmal, Daniel, knnten wir uns nicht zu ihnen hinschleichen und
einen von ihnen schieen? ich mchte wohl einen Wolf in der Nhe sehen,
sagte Carl hochauflauschend.

Das mchte ich Ihnen doch nicht rathen, junger Freund, entgegnete
Warwick; mit den kleineren Prairiewlfen wrde es so leicht Nichts zu
sagen haben, es drften aber wohl auch von den groen weien Wlfen welche
darunter sein, und die verstehen keinen Spa. Sie werden auch noch genug
dieser Ruber in der Nhe zu sehen bekommen.

Trotz des immer zunehmenden Geheuls sanken doch die Lagernden bald auf ihre
wollenen Decken nieder und verbrachten die Nacht in ungestrtem wonnigen
Schlafe. Der anbrechende Tag aber fand sie schon mit Zubereitung des
Frhstcks beschftigt, wobei der Bffelhcker wieder in Anspruch genommen
wurde, und ehe noch die Sonne ber der flachen Ferne auftauchte, saen die
Reiter wieder zu Ro, um das weitere Land in Augenschein zu nehmen.

Als sie in die Nhe des Ortes kamen, wo der Bffel lag, erblickten sie
noch einzelne Wlfe, die bei ihrer Annherung davon flohen; aber von dem
erlegten Thiere war Nichts mehr brig, als das Skelett.

Das mu ja ein riesenhafter Bffel gewesen sein, wie viel sollte er wohl
gewogen haben? sagte Turner, indem er mit Verwunderung auf das ungeheure
Knochengebude schaute.

Er ist sicher achtzehnhundert Pfund schwer gewesen, entgegnete Daniel,
und sprang dann mit den Worten vom Pferde: Ich will aber doch seine Hrner
mitnehmen, es ist Ihr erster Bffel, junger Herr, von dem Sie ein Andenken
haben mssen, ich werde Ihnen ein Trinkhorn und ein Pulverhorn daraus
verfertigen. Nun hieb er mit dem kleinen, sehr scharfen Beile, welches
er in einer ledernen Scheide am Sattel hngen hatte, schnell die kurzen,
breiten Hrner von dem Schdel, und folgte dann mit Carl im Galopp den
beiden Andern, die in raschem Schritt vorangeritten waren. Turner blickte
staunend und stumm bald ber die in der frischen Morgenluft wogende
Prairie, bald nach dem zweihundert Fu hohen Urwald; eine so reiche,
ppige Vegetation hatte er bis jetzt noch nicht gesehen. Dabei prangte die
Grasflur, so weit das Auge reichte, durch ihre Blumen in den prchtigsten,
buntesten Farben, und der lieblichste Blthenduft umwehte die Reiter.
In allen Richtungen sah man Rudel von Hirschen und Antilopen weiden, und
mehrere Zge wilder Pferde wurden sichtbar. Der Urwald dehnte sich oft
in Spitzen weit in die Prairie hinaus und wich dann wieder in tiefen,
schattigen Buchten zurck; hier hatte noch niemals eine andere Axt als die
eines Jgers einen Baum gefllt, und die zerstrende Hand der Civilisation
hatte der Urschnheit der Natur noch keinen Abbruch gethan. Wie seit
Jahrtausenden dieser Wald im ewigen Aufkeimen und Absterben seine Kronen
dichtverschlungen gegen den Himmel emporgehalten hatte, so berschattete
er noch jetzt die zur Erde gefallenen Riesenstmme und die nach dem Lichte
aufstrebenden jungen Schlinge.

Warwick, der das Erstaunen Turners bemerkte, unterbrach das Schweigen und
sagte: Nicht wahr, ich habe Ihnen nicht zu viel von diesem Lande erzhlt?
es ist bedeutend besser als das unserige am Choctawbache. Ich htte mich
gern selbst hier angesiedelt, damals aber war es mir noch zu gefhrlich,
und jetzt mag ich den Ort, wo ich so viel Arbeit gethan habe, nicht wieder
verlassen. Solches Land wie dieses ist wohl werth, da man Etwas darum
wagt.

Turner gab nun seiner Verwunderung und seiner Freude Worte, und erklrte
sich bereit, alle seine Krfte aufzubieten, um sich hier zu behaupten,
wobei ihm Warwick wiederholt die Versicherung gab, da er und seine
Nachbarn ihm treulich mit Rath und That beistehen wrden.

Whrend mehrerer Stunden folgten sie dem Laufe des Flusses an der
Auenseite des Waldes, und erst als die Sonnenstrahlen drckend wurden,
bogen sie auf einem Bffelpfade in den Wald ein, um denselben zu
durchschreiten und dann das Land an der anderen Seite zu besichtigen.
Wie mit einem Netz sind diese westlichen Lnder Amerika's mit uralten
Bffelpfaden berzogen, und sie allein gestatten es dem Wanderer, die
undurchdringlichen Waldstriche zu durchziehen. Der Pfad, auf dem unsere
Reiter in den Wald eindrangen, kam weit aus der Prairie her, und war selbst
auf dem festesten Boden mehrere Fu tief eingetreten, whrend seine Breite
nur _einem_ Pferde Raum gab, darin zu gehen. Warwick ritt voran und nahm
dabei sein schweres Jagdmesser in die Hand, um diejenigen Ranken damit zu
durchhauen, welche von den Bumen herab ber den Pfad hingen und welche er
nicht zur Seite schieben, noch ihnen ausweichen konnte. Tiefer in dem
Walde aber wurden die Weinranken und Schlingpflanzen ber dem Wege immer
zahlreicher, so da die Reiter sich genthigt sahen abzusteigen und ihre
Pferde zu fhren, damit sie den Bffeln es nachmachen konnten, die gebckt
unter dem Geflecht hingehen, wie die allenthalben an den Dornen und Ranken
hngenden lockigen Haare dieser Thiere bezeugten.

Der Weg wand sich wie eine Schlange zwischen den riesigen Baumstmmen hin
und her, das hohe Laubdach wlbte sich immer dichter, und immer ppiger und
krftiger erhoben sich die Pflanzen aus der schwarzen Walderde, je nher
man dem Flusse kam. Wie Blumengewinde schwangen sich die buntblhenden
Lianen von Baum zu Baum, von Ast zu Ast, und hingen leicht und grazis aus
der hchsten Hhe herab, oder schlangen sich um die kolossalen Weinranken,
die wie Riesenschaukeln auf und niederstiegen. Oft sperrte der ungeheure
Stamm eines umgefallenen Baumes den Pfad, so da die Reiter sich einen
weiten Umweg um ihn bahnen muten, und hier und dort hing ein solcher
Kolo der Pflanzenwelt schwebend in tausend Ranken, die ihn in seinem Sturz
aufgehalten hatten und an denen er seine Nachbaren zu sich niederbeugte.
Nur einzeln stahl sich ein Sonnenstrahl durch die dichten Baumkronen und
blitzte auf dem silbergrauen glnzenden Schaft einer Magnolie, auf dem
weigelben Stamm einer Platane; doch das Licht war nicht hinreichend, das
wohlthuende Halbdunkel des Waldes zu verscheuchen. Eine reine wunderbar
labend khle Luft fllte den grnen Raum, und die heimliche Stille und Ruhe
in demselben wurde nur durch das Brausen des Flusses unterbrochen, der wild
schumend in seinem felsigen, dreiig Fu tiefen Bett dem rothen Strome
zueilte.

Wie ganz anders ist es in diesen Wldern, als in denen von Arkansas,
Onkel, sagte Carl zu Turner, welche Beide ihre Hte abgenommen hatten und
ihre Schlfe von der duftigen frischen Waldluft umwehen lieen.

Die Wlder in diesen Gegenden bergen keine stehenden Gewsser, keine
Smpfe, wie die in jenem Lande, und darum giebt es keine so bsartigen
Fieber hier, als dort, antwortete Turner, wir knnen dem gtigen Gott
nicht genug danken, da er uns hierher leitete. Sieh, Carl, was wir oft im
Leben als das grte Unglck betrachten, was wir gar nicht glauben ertragen
zu knnen, was uns wohl verzweifeln lassen will: nach einiger Zeit finden
wir aus, da es gerade zu unserem Besten gewesen, da ein groes Glck
fr uns daraus entstanden ist. Htten wir meinen Vetter Victor bei unserer
Ankunft in Amerika noch am Leben getroffen, so wrden wir uns sicher bei
ihm niedergelassen haben, und vielleicht htte Viele von uns dort dasselbe
Schicksal erreicht, welches ihm ein so frhes Ende bereitete. Ohne da
wir das Geld in der Bank verloren htten, wrden wir niemals unsern treuen
lieben Freund Daniel bekommen haben, und ohne ihn wren diese gesunden
herrlichen Lnder uns vielleicht nie bekannt geworden. Darum, Carl, was Dir
auch im Leben begegnen mag, sei es noch so hart und niederschlagend, gieb
niemals die Ueberzeugung auf, da Gott es zu Deinem Besten lenken wird.

Der Anblick des Brflusses, den die Reiter jetzt erreichten, unterbrach
Turner in seiner Rede, und mit der grten Ueberraschung blickte er
und Carl auf die pfeilschnell dahineilende Fluth, die so klar und so
durchsichtig war, da man in der tiefsten Tiefe jeden Stein, jeden Fisch,
jede Schildkrte auf dem Grunde erkennen konnte, und da man, wenn keine
Bewegung in dem Wasser gewesen wre, jedenfalls darber in Zweifel gekommen
sein wrde, ob berhaupt Wasser in dem Flubette sich befinde, oder
nicht. Die Bewunderung, die man dem herrlichen Gewsser zollte, wurde aber
pltzlich auf etwas Anderes gelenkt, was die Aufmerksamkeit aller vier
Reiter in Anspruch nahm. Pluto nmlich stberte in diesem Augenblicke
einige hundert wilde Truthhne von dem Ufer des Flusses aus den
Bschen auf, so da das donnerhnliche Prasseln ihrer Flgel die Pferde
erschreckte. Wie Raketen stiegen sie gerade in die Hhe und schwangen sich
nach allen Seiten hin auf die hchsten Aeste der umstehenden himmelhohen
Bume. Schnell gaben die Reiter die Zgel ihrer Pferde an Daniel, und
eilten mit ihren Bchsen in verschiedenen Richtungen durch das Dickicht, um
sich solchen Bumen zu nhern, auf denen diese riesigen Vgel standen. Carl
folgte dabei dem Gebell Pluto's, der auf einer kleinen Ble im Kreise
um eine ungeheure Cypresse sprang und, an ihr hinaufsehend, seine Stimme
ertnen lie. Auf den gewaltigen Aesten, die der Riesenbaum weit ber den
Flu hinausstreckte, standen wohl einige zwanzig Truthhne und schauten,
ihre langen Hlse niederbeugend, nach dem bellenden Hunde. Carl hatte den
Baum bald erreicht, richtete seine Bchse nach der luftigen Hhe, und mit
dem Krach des Schusses strzte ein mchtiger Hahn von dem Aste herab und
fiel schwirrend und flatternd in den Flu hinein. Carl sprang schnell
an das Ufer, um Pluto hinter dem Vogel herzusenden. Dieser trieb auf der
Fluth, indem er dieselbe mit den Flgeln peitschte, und der Hund, der ihn
jetzt gewahrte, sprang von dem hohen Ufer hinab, um ihn fr seinen Herrn an
das Land zu holen. Die Strmung nahm sie Beide rasch mit sich fort, Pluto
kam dem Hahn aber bald nher, und hatte ihn in einer Biegung des Flusses
bis auf wenige Schritte erreicht, als ein groer Alligator pltzlich unter
dem Ufer hervorscho, vor dem Hunde auf der Oberflche des Wassers erschien
und seinen furchtbaren Rachen nach dem Vogel ffnete.

Carl, der auf dem Ufer gefolgt war, hatte kaum das verhate Thier erkannt,
als er seine Bchse auf dasselbe richtete und ihm eine Kugel in den
gepanzerten Rcken scho. Der Alligator jedoch lie sich nicht in seinem
Raub stren, sondern ergriff den Truthahn mit den grimmigen Zhnen und
sank mit ihm in der klaren Fluth am Ufer hinab, bis er unter demselben
verschwand. Carl hatte Pluto mit Angst und Schrecken aus dem Flusse
zurckgerufen, und schaute verdrielich nach dem Platze im Wasser, wo der
Ruber mit der Beute sich seinen Blicken entzogen hatte, welcher Fleck
durch aufsteigenden Schlamm bezeichnet wurde. Da traten Turner und Warwick,
ein jeder mit einem geschossenen Hahn beladen, zu dem Knaben, und erfuhren
nun von ihm das Migeschick, welches ihn betroffen hatte. Dabei blickte
derselbe betrbt auf die beiden prchtigen Vgel, welche die Mnner erlegt
hatten und sagte schlielich:

Da ich aber auch solch Unglck haben mu!

Sage lieber solch Glck, Carl. Denke Dir nur, wenn der Alligator statt des
Vogels Deinen Hund erfat und mit sich fortgenommen htte, wre das nicht
viel schlimmer gewesen? Auerdem mu man nicht tglich und fortwhrend nur
auf Gelingen seiner Unternehmungen rechnen; hast Du denn schon vergessen,
da Dir das Jagdglck gestern Abend so sehr hold war? sagte Turner
liebevoll zu Carl und strich ihm ber die Wangen, worauf dieser des Onkels
Hand ergriff und sie kte, als danke er ihm fr seine Zurechtweisung. Sie
schritten nun am Ufer hin bis zu Daniel zurck, und bestiegen dort wieder
ihre Pferde, whrend der Neger die beiden erlegten Vgel an seinen Sattel
befestigte. Der Bffelpfad war sehr tief in das Ufer eingetreten, so da
er nicht allzusteil nach dem Flusse hinabfhrte, dessen Grund man in der
kristallhellen Fluth ganz deutlich erkennen konnte.

Halten Sie Ihre Bchsen und Kugeltaschen in die Hhe, damit dieselben
nicht na werden, wenn die Pferde in das Wasser sinken, sagte Warwick zu
seinen Gsten.

Das wird hier wohl kaum nthig sein, das Wasser reicht meinem Pferde ja
nicht bis an den Sattel, entgegnete Turner und blickte Warwick verwundert
an.

Irren Sie sich nicht, sagte dieser, das Wasser ist hier wenigstens zehn
Fu tief, man lt sich durch dessen Klarheit sehr leicht tuschen. Ich
will voranreiten, damit Sie sehen, wie tief es ist.

Hiemit lenkte er sein Pferd zu dem Flusse hinab und in denselben hinein, wo
es sofort mit dem schweren Manne auf seinem Rcken bis an den Kopf versank.
Gleich aber tauchte es wieder bis zur Oberflche empor, und trug seinen
Reiter in wenigen Augenblicken auf das jenseitige Ufer. Turner, der ihm
folgte, sank beim Hineinreiten in den Flu bis unter die Arme in das
Wasser, Carl jedoch, dessen Gewicht das Pferd nicht so sehr drckte, wurde
kaum bis an den Leib na. Die Bchsen, Kugeltaschen und Pulverhrner waren
aber nach Warwicks Rath vor Nsse bewahrt worden.

Das war doch tiefer, als ich gedacht hatte, sagte Turner, auf seine Fe
schauend, von denen das Wasser aus seinen Kleidern in Strmen herabflo.
Ich bin wirklich bis unter die Arme na geworden.

Das mu man an der Frontier gewohnt werden, entgegnete Warwick sich
schttelnd. Es thut auch keinen Schaden in diesem Klima; in einer halben
Stunde sind Sie wieder trocken.

In meinem Vaterlande drfte man es freilich nicht wagen, so in dem nassen
Zeug zu bleiben, man wrde sich eine Krankheit dadurch zuziehen, bemerkte
Turner.

Darber knnen Sie sich beruhigen, das Bad wird Ihnen sehr gut bekommen.
Lassen Sie uns nur weiter reiten, der Wald ist hier nicht mehr breit und
in der Prairie jenseits soll uns die Sonne bald genug trocknen, antwortete
Warwick und lie, wo es die Schlingpflanzen ihnen gestatteten, sein Pferd
tchtig ausschreiten.

Nach Verlauf von einer Viertelstunde zeigte sich auch in der Ferne vor den
Reitern eine Oeffnung in den dichten dunkeln Baummassen, durch welche
der Pfad, wie durch eine Pforte hinaus in die, mit hellem blendenden
Sonnenlichte bedeckte Prairie fhrte. Als Warwick diese Oeffnung erreichte
und sein Pferd mit ihm unter den weitausgestreckten Aesten einer uralten
Eiche in das Freie hinaus schreiten wollte, hielt er es pltzlich an und
sagte, indem er sich zu seinen Gefhrten umwandte:

Jetzt aber, Herr Turner, sollen Sie Bffel sehen! Seit langer Zeit bin ich
so zahlreichen Heerden nicht begegnet. Schauen Sie nur ber die Prairie;
alle jene schwarzen Striche bis in die weite Ferne sind Bffelheerden.
Hierbei zeigte er mit der Hand ber die unabsehbare Grasflur. Nur wenige
hundert Schritte vom Walde weideten wohl ber tausend Bffel in einer
Heerde zusammen, die sich um die anderen, weiterhin grasenden nicht zu
kmmern schienen; denn als die vier Reiter sich vor dem Walde zeigten,
hoben sie smmtlich ihre Kpfe aus dem Grase hervor und schauten verwundert
nach den Fremden hin, whrend hier und dort die Heerden sich in einen
schwerflligen Galopp setzten und davon jagten. So weit das Auge reichte,
war die Prairie von diesen riesigen Thieren belebt, und zwischen ihren
einzelnen Abtheilungen sah man Rudel von wilden Pferden, von Hirschen und
von Antilopen weiden.

Hier kommt Niemand in die Gefahr, Hunger zu leiden, sagte Warwick, der
das Erstaunen seines Gastes bemerkte. Es wrde uns ein Leichtes sein,
zwischen eine solche Heerde hineinzujagen, und ein Dutzend dieser Thiere zu
erlegen. Die Weide hier mu einen eigenen Reiz fr sie haben, denn wenn man
weit und breit kein Wild antrifft, hier geht man niemals fehl.

Wollen wir nicht einmal dazwischen sprengen und ein Paar Bffel schieen?
sagte Carl, indem er mit strahlendem Blick auf die immer noch unbeweglich
dastehenden Thiere sah.

Es wrde unsre Pferde ermden und uns von dem eigentlichen Zweck unseres
Rittes abziehen, entgegnete Warwick.

Und wir wrden ja auch gar keinen Nutzen von den erlegten Thieren haben,
da wir Fleisch nicht mit uns nehmen knnen; nur um des Vergngens willen
mu man kein Geschpf tdten, bemerkte Turner freundlich, und Carl stellte
sich damit zufrieden, obgleich er gar gern seinem Falben die Zgel htte
schieen lassen. Sie ritten nun in die Prairie hinaus und folgten dem
Waldsaume, whrend die Bffelheerde, die sie so verwundert betrachtet
hatte, sich jetzt in Galopp setzte und ihren Kameraden nacheilte.




Abschnitt 4.

  Das Land zur Niederlassung. -- Die Wlfe. -- Die Pferdediebe. -- Die
  hlzerne Festung. -- Das Kanoe. -- Das Feld. -- Fischfang. -- Die
  Brenjagd. -- Die Felle. -- Der Jaguar. -- Der vermoderte Baum.


Die Gegend gewhrte den Reitern whrend mehrerer Stunden fortwhrend
denselben Anblick: zu ihrer linken Seite stand der prchtige Urwald, wie
eine hohe grne Mauer, und zu ihrer rechten lag die ppige Prairie, deren
Ende mit der duftigen Ferne verschwamm. Vor ihnen aber stieg jetzt ber dem
uersten Rand der Grasflur ein Wald auf, der sich wie blaues Gewlk
von Westen her nach dem Brflusse zog und den Warwick als das Gehlz
bezeichnete, welches die Ufer eines Baches bedeckte. Dieser Bach wurde der
Pflaumenbach genannt, wegen der unglaublich vielen wilden Pflaumen, die auf
seinen Ufern wuchsen; er kam mehrere Stunden weit aus der Prairie und ergo
sich in den Brflu. Nachmittags erreichten die Reiter das Gehlz, welches
den Bach in seinem tiefen Schatten verbarg und welches hier, wo es im
rechten Winkel auf den Wald am Brflu stie, mehrere tausend Schritte
breit war. Ein Bffelpfad, dem die Jger schon seit einigen Stunden gefolgt
waren, fhrte gerade in das Holz hinein und auf ihm langten sie sehr bald
an dem herrlichen silberklaren Bache an, der nahebei rauschend in den
Brflu strzte. Nicht umsonst wurde er Pflaumenbach genannt, denn da, wo
die Reiter ihre Pferde in demselben trnkten, waren die Ufer allenthalben
mit Pflaumenbumen bedeckt, die ihre mit herrlichen blauen Frchten
beladenen Aeste weit ber das Wasser hinausstreckten. Dasselbe war nicht
tief, so da die Reiter unter die herabhangenden Zweige reiten, und sich
nach Herzenslust an den Pflaumen laben konnten. Ihre Kleidung war wieder
ganz trocken geworden und die Khlung, welche sie hier in dem dunkeln
Schatten des ber ihnen geschlossenen Waldes duftig und belebend umwehte,
that ihnen nach dem langen Ritt in der brennenden Sonne auerordentlich
wohl. Nachdem sie selbst und ihre Pferde sich erfrischt und erholt hatten,
folgten sie wieder dem Bffelpfad, der sie an der andern Seite des Holzes
abermals in die Prairie fhrte und sich an dem hohen Walde des Brflusses
hinzog. Hier hielt Warwick sein Pferd an und wandte sich mit den Worten zu
Turner: Sehen Sie, Herr Turner, dies ist das Stck Land, welches ich so
gern zu meiner Niederlassung gewhlt haben wrde und welches ich jetzt
Ihrer Beachtung empfehle. Gerade in diesem Winkel, wo der Wald des Baches
auf den des Brflusses stt, liegt der reichste Boden, der mir auf weit
und breit bekannt ist; schauen Sie nur, welch ppiger Graswuchs und welch
riesige Pflanzen hier stehen; die Sonnenblumen reichen ja viele Fu ber
unsere Kpfe hinaus. Hier in dieser Ecke, dachte ich, sollten Sie Ihr
Feld anlegen und dort einige tausend Schritte weiter am Walde hin, wo der
Brflu sich aus demselben hervorwindet und sich an die Prairie anlehnt,
wrde ein sehr passender Platz fr Ihre Wohnung sein. Lassen Sie uns
hinreiten, damit Sie denselben selbst in Augenschein nehmen.

Hiermit ritt Warwick durch das hohe Gras voran, welches ihm bis an den
Sattel hinaufreichte, und bald hielt er mit seinen Gefhrten auf dem
steilen, dreiig Fu hohen Ufer, unter welchem die brausende Fluth des
Brflusses wild tobend dahineilte. Der Platz bestand aus einem Hgel, der
wohl funfzehn Fu ber der anderen Uferflche erhaben war und hierdurch
einen weiten Blick ber die flache Prairie gewhrte. Auf der Hhe standen
mehrere dichtbelaubte rothe Ulmen, welche den Hgel beschatteten, und an
seiner Abdachung nach dem Pflaumenbache hin rieselte ein frischer khler
Quell aus zu Tage liegendem Gestein hervor. Etwas weiter, nur etwa hundert
Schritte von dem Hgel, wand sich der Brflu wieder in den Wald hinein.

Sie haben hier alle Vortheile, die Sie wnschen knnen, nahm Warwick
wieder, zu Turner gewandt, das Wort. Sie bersehen die ganze Prairie,
den Quell hier am Fu des Hgels knnen Sie mit in Ihre Einzunung fassen,
diese prchtigen Ulmen geben Ihnen den herrlichsten Schatten, dort unten,
wo der Flu in den Wald einbiegt, haben Sie auf diesem Ufer so viel Holz
in Ihrer Nhe, wie Sie nur bedrfen, und von da aus bis an den Pflaumenbach
knnen Sie Ihr Feld in beliebiger Gre anlegen. Auerdem haben Sie hier im
Flusse eine Wasserkraft, die hinreicht, irgend ein Mhlwerk zu treiben.
Ich fr meinen Theil knnte mir keinen passenderen und angenehmeren Platz
wnschen.

Auch mir sagt er in jeder Weise zu und ich bin Ihnen unendlich dankbar
dafr, Herr Warwick, da Sie mich hierher gefhrt haben. In Gottes Namen
will ich denn hier den Meinigen die neue Heimath grnden und mag er
mich dabei gndig beschtzen und mir die Krfte verleihen, mein Ziel zu
erreichen, entgegnete Turner und hielt Warwick die Hand zum Danke hin.

Und auf uns am Choctawbache drfen Sie zu jeder Zeit rechnen, wir werden
Ihnen gute Nachbarn sein, erwiederte Warwick, indem er Turner die Hand
schttelte.

Es ist eine etwas weitlufige Nachbarschaft, sagte Turner lchelnd, und
doch wird sie mir ein Trost werden.

Seien Sie guten Muthes, Sie werden hier nicht lange allein bleiben; es
kommen sicher bald mehr Ansiedler in unsere Gegend, und am Choctawbache
nehmen wir sie nicht auf, wir senden sie Alle hierher zu Ihnen! antwortete
Warwick und sagte dann, indem er sein Pferd den Hgel hinab lenkte: Nun
wollen wir aber den ersten Bffelpfad durch den Wald einschlagen, damit wir
nicht zu spt nach Hause kommen.

Er ritt nun mit seinen Gefhrten am Ufer hin, bis wo der Flu aus dem Holze
hervorkam, und folgte dann wohl eine halbe Stunde weit dem Waldsaum bis
zu einem tief ausgetretenen Bffelpfade, der aus der Prairie in denselben
hineinfhrte. Daniel war der Letzte im Zuge, und wollte eben hinter Carl
her in den Wald einlenken, als er diesem zurief:

Halt, junger Herr, steigen Sie schnell ab, vielleicht knnen Sie einen
Wolf schieen; dort kommt ein ganzes Rudel hinter einem Bffel her.
Schnell, schnell!

Zugleich stieg er vom Pferde, fhrte dasselbe in den Wald und ergriff den
Zgel des Falben, whrend Carl absprang und hinter dem letzten Baume an die
Prairie trat. Ein lautes Wolfsgeheul, welches jetzt zu Carls Ohren drang,
lenkte seinen Blick weit ber die Prairie, wo er einen Bffel erkannte, der
im Sturmlauf herangesaust kam. Derselbe hatte nur noch wenig Vorsprung vor
einer Schaar Wlfe, die ihm nachfolgte. Sie kamen schnell nher, das Geheul
wurde immer lauter, immer wthender, und immer grer wurde die Anstrengung
des Bffels, den Wald zu erreichen. Er kam in gerader Richtung auf Carl zu,
wie es schien, um dem Pfad zu folgen. Seine Flanken waren mit weiem Schaum
bedeckt, seine brennendrothe Zunge hing ihm weit aus dem Maule hervor und
die Erde drhnte unter seinen schwerflligen, doch sehr flchtigen weiten
Sprngen. Die wthende Schaar hinter ihm hatte ihn bis auf wenige Schritte
erreicht und schwrmte heulend nach beiden Seiten auseinander, um ihm in
die Flanken zu fallen. Es waren wohl vierzig von den kleinen Prairiewlfen,
doch ihnen voran setzte ein ungeheurer weier Wolf, der jetzt mit
geffnetem Rachen den Bffel erreichte. In diesem Augenblick blitzte es aus
Carls Bchse, der weie Wolf berschlug sich heulend, der Bffel schreckte
zur Seite, dem nahen Dickicht zu, und die Schaar der Wlfe stob nach allen
Richtungen hin auseinander. Carl sprang hinter dem Baume hervor, richtete
sein Gescho auf einen fliehenden glnzend schwarzen Wolf, und als das
Feuer aus dem Laufe fuhr, rollte derselbe kopfber in das Gras.

Ei, ei, allen Respect vor Ihrem Schieen, junger Freund! rief Warwick,
der in die Oeffnung des Waldes geritten war, wo haben Sie das gelernt? So
in aller Flucht zwei Kugeln anzubringen, da mu der lteste Frontiermann
seinen Hut abnehmen. Dann wandte er sich nach Turner um und sagte:

Von solchen Schtzen halten sich die Indianer gern entfernt; der Knabe
wird Ihnen eine gewaltige Sttze werden.

Das ist er mir in der That schon oft gewesen, wofr ich ihm vielen Dank
schulde; er ist ein uerst braver Junge, erwiederte Turner, indem er nach
Carl hinsah, der bei dem weien Wolf stand und untersuchte, wohin er ihn
getroffen hatte. Er warf ihn auf die andere Seite, um zu sehen, ob die
Kugel auch durchgeschlagen sei und strich ihm mit der Hand das schne weie
Haar glatt. Dann rief er dem Neger zu:

Daniel, sollen wir die Felle nicht mitnehmen?

Wenn es Ihnen Freude macht, junger Herr, so will ich sie schnell
abstreifen, es sind aber Sommerfelle, an denen das Haar nicht so gut ist,
wie im Winter, entgegnete der Neger.

Ach, la sie uns mitnehmen, wir knnen sie doch wohl benutzen, sagte
Carl, und begann seine Bchse wieder zu laden.

Gern, gern, rief Daniel, band schnell seinem Pferde die Vorderfe
zusammen und lie es mit dem Falben im Grase gehen, und machte dann sich
rasch an die Arbeit, um den Wlfen die Hute abzunehmen.

Mit auerordentlicher Geschicklichkeit und Gewandtheit hatte er es bald
vollbracht, hing die beiden Felle hinter seinen Sattel ber das Pferd,
schwang sich auf dessen Rcken und folgte seinen Gefhrten in den Wald
hinein.

Die Sonne war eben versunken, als die Reiter Warwicks Niederlassung
erreichten und dort mit groer Freude empfangen wurden. Die beiden
prchtigen Truthhne und die Bffelzunge wurden der Hausfrau bergeben,
und die beiden Wolfsfelle prangten whrend der Nacht ausgespannt bei dem
Lagerfeuer, welches Carl und Daniel fr sich errichtet hatten. Am folgenden
Morgen ritt Warwick zu allen Ansiedlern am Choctawbache und forderte
sie auf, dabei behlflich zu sein, fr Turner die Huser am Brflusse zu
erbauen. Zwei Tage spter nahm dieser mit den Seinigen von Warwicks Familie
Abschied, um das Ende seiner langen Wanderung zurckzulegen, wobei Warwick
selbst und noch einige zwanzig Mnner vom Choctawbache ihn begleiteten.
Obgleich keine Spur von einem Wagen nach dem Brflusse fhrte, so gelangten
sie doch ohne groe Schwierigkeit durch die offene Prairie bis an den Wald,
in welchem jenes Wasser flo, hier aber mute Halt gemacht werden, weil die
Wagen nicht auf einem Bffelpfade den Wald durchziehen konnten. An dessen
Saume unter einer schattigen Eiche wurde ein Feuer angezndet, bei welchem
Madame Turner eine Mahlzeit bereiten wollte, whrend die Mnner sich mit
dem Aushauen eines Weges durch den Wald beschftigten. Carl fehlte zwischen
diesen nicht, und schwang seine Axt trotz einem der Mnner. Warwick fhrte
den Zug, um dem Wege die Richtung nach einer Stelle am Flusse zu geben, wo
das Ufer nicht sehr steil und das Wasser seicht war. Alle greren Bume
lie man unberhrt stehen, indem man den Weg hin und her zwischen ihnen
durchwand, und hieb nur die dnneren Stmme und das Buschwerk dicht an der
Erde ab. Beides wurde zur Seite in das Dickicht geworfen. Die Arbeit ging
sehr rasch von Statten, weil Warwick fr den Weg immer die lichtesten
Stellen whlte, da es weniger darauf ankam, denselben so kurz wie mglich
zu machen, als ihn mit der wenigsten Mhe herzustellen. Schon nach Verlauf
von einigen Stunden war derselbe bis an den Flu beendet, worauf die Mnner
zu Madame Turner zurckkehrten, um sich bei der Mittagsmahlzeit von der
Arbeit zu erholen. Sie erlaubten sich aber nur eine kurze Rast, dann eilten
sie wieder nach dem Flusse, um ihr begonnenes Werk zu vollenden. Das Ufer
zu beiden Seiten desselben wurde nun abgetragen, so da ein Wagen ohne
groe Schwierigkeit hinab- und hinauffahren konnte, und dann fhrten die
Mnner den Weg weiter durch das Holz nach der, westlich von demselben
gelegenen Prairie. Die Sonne war noch nicht versunken, als sie die Arbeit
vollbracht hatten und zu den Wagen zurckkehrten, die jetzt schnell
bespannt und zur Durchfahrt durch den Wald in Bewegung gesetzt wurden. Nur
ein guter Fuhrmann, wie es Daniel war, konnte mit dem langen Gespann von
drei Paar Ochsen diese Fahrt ausfhren, da die Biegungen des Weges zwischen
den Bumen hier oft sehr kurz waren. Es ging aber Alles gut, und noch
strahlte das scheidende Tageslicht von dem glhenden Abendhimmel her ber
die dunkelnde Prairie, als die Wanderer aus dem dstern Walde hervorzogen
und ihre knftige Heimath mit jubelnden Herzen begrten.

Nicht weit von dem Platze, wo der Weg den Wald verlie, erhob sich der
Hgel, welcher fr die Ansiedlung ausgewhlt war, und dorthin richtete sich
jetzt der Zug. Mit einem herzinnigen Gottlob stieg Turner vom Pferde und
dem Allmchtigen sei es gedankt, sagte Madame Turner, als sie ihr Gatte
vom Wagen hob und sie, von Hoffnung und Vertrauen fr die Zukunft beseelt,
an seine Brust drckte. Bald war das Zelt an dem Hgel unweit der Quelle
aufgeschlagen, ein Feuer vor demselben angezndet, ein anderes Feuer
loderte auf dem Hgel empor, wo die Mnner vom Choctawbache sich lagerten,
und alle Zug- und Reitthiere weideten mit gebundenen Fen in dem hohen
saftigen Grase, welches den Boden in der Nhe des Lagers bedeckte. Mit
freudigem beglckenden Gefhl stellte Madame Turner an diesem Abend die
Tpfe, Pfannen und Kannen auf die Kohlengluth; es war ja das erste Mahl,
welches sie in der so lang ersehnten neuen Heimath bereitete. Mit einem
inbrnstigen Dankgebet zu Gott schlossen Turners erst spt in der Nacht die
Augen, whrend die Mnner vom Choctawbache auf dem Hgel um das Feuer herum
so sorglos eingeschlafen waren, als ob sie in dem Schooe der Civilisation
ruhten. Carl Scharnhorst und Daniel hatten sich ihre Ruhelager bei dem
Feuer vor dem Zelte bereitet und zwar Carl auf der weien Wolfshaut.
Die Schlfer lagen so fest und unbeweglich, da die Feuer nach und nach
erloschen und kein Zeichen von Leben mehr im Lager zu erkennen war. Auch
die Pferde und die Stiere hatten sich in dem Grase niedergelegt, um sich
von des Tages Arbeit zu erholen, und nur das Brausen des Flusses unterbrach
die Stille, die auf Wald und Flur lag. Der Mond stand hoch am Himmel
und die dichten Ulmen warfen ihre schwarzen Schatten auf die sorglosen
Schlfer. Da erwachte Carl, weil er glaubte, Pluto habe geknurrt. Er schlug
die Augen auf und berzeugte sich, da er sich nicht geirrt hatte; denn
der Hund sa aufrecht und knurrte jetzt wieder, indem er unbeweglich in
der Richtung auf die Pferde hinabblickte, die sich unterhalb des Hgels
gelagert hatten. Carl setzte sich auf, und sphete aufmerksam weiter ber
die Thiere hinaus, da kam es ihm vor, als ob er in einiger Entfernung von
denselben einen dunkeln Gegenstand sich langsam durch das Gras bewegen
she. Bald glaubte er, sich getuscht zu haben, dann aber wieder meinte er,
er htte es sich deutlich dort bewegen sehen. Er stie Daniel leise an und
weckte ihn, ohne Gerusch zu machen.

Daniel, ich sehe dort Etwas sich im Grase bewegen, dort hinter den
Pferden, sollte das wohl ein wildes Thier sein? sagte er leise zu dem
Neger, und dieser hob sich auf seinem Arm empor und blickte eine Zeitlang
regungslos nach dem bezeichneten Platze. Dann sagte er: Das sind keine
wilde Thiere, es sind wilde Menschen, es sind Indianer, die unsere Pferde
stehlen wollen. Nehmen Sie ihre Bchse zur Hand, wir wollen ihnen doch
einen Schreck einjagen.

Es ist aber noch viel zu weit, um zu schieen, flsterte Carl.

Wenn sie aber in die Nhe der Pferde kommen, so wird es nicht mehr zu weit
sein. Ich will es Ihnen sagen, wenn es Zeit ist, zu feuern.

Aber die Tante wird sich erschrecken, Daniel, ich will es ihr schnell
sagen, da wir schieen wollen.

So eilen Sie sich, und stehen Sie nicht auf; kriechen Sie auf den Knieen
nach dem Zelte hin. Aber eilen Sie sich, die Kerls kommen schnell nher,
flsterte Daniel, und Carl glitt auf Hnden und Fen durch das hohe Gras
in das Zelt hinein. Nach wenigen Augenblicken kehrte er daraus zurck
und schlich sich ebenso vorsichtig wieder an des Negers Seite, der ihm
zuflsterte: Sehen Sie dort, junger Herr, ber die beiden Schimmel hinweg,
dort bewegt es sich jetzt, das mssen mehrere Indianer zusammen sein. Jetzt
knnen Sie sie sehen, das Gras ist da nicht so hoch, wahrhaftig, es sind
drei oder vier Kerls. Schieen Sie, es kann nicht viel weiter sein, als
hundert Schritte; schieen Sie aber kein Pferd; jetzt, Feuer!

Der Blitz fuhr kaum aus dem Rohr, da sprangen sechs dunkle menschliche
Gestalten hinter den Pferden aus dem Grase empor und flogen mit des
Hirsches Schnelligkeit ber die, vom Monde mit Tageshelle beleuchtete
Flche.

Jagen Sie auch die andere Kugel hinter den Spitzbuben her! rief Daniel,
und Carl gab abermals Feuer. Die Indianer aber verdoppelten nur noch ihre
Eile und waren bald in der nebelichten Ferne verschwunden.

Der Krach des ersten Schusses hatte die Schlfer aus ihrer Ruhe aufgejagt,
Alle hatten zu ihren Waffen gegriffen, und als ihnen der zweite Schu die
Richtung zeigte, wo der Feind zu suchen sei, so erkannten auch sie die
fliehenden Indianer, und schossen smmtlich noch ihre Bchsen nach ihnen
ab, obgleich sie schon lngst auer dem Bereiche der Kugeln waren.

Die Schurken haben wenigstens das Blei pfeifen hren und kommen nun sobald
nicht wieder; es hat fterer geknallt, als sie erwartet hatten, rief
Warwick in seinem Zorn, und setzte dann, indem er den Indianern die
geballte Faust nachstreckte, noch hinzu: Aber wartet, Ihr werdet hier am
Brflusse noch Blut lassen!

Auch Turner war gleich nach dem ersten Schusse aus dem Zelte
hervorgekommen, und Daniel mute nun den ganzen Hergang des Vorfalls
berichten.

Lat uns schnell auf die Gule springen und ihnen nachjagen! riefen
mehrere der Mnner, doch Warwick entgegnete ihnen: Den Ritt knnen wir
sparen. Die Schurken haben bereits das Dickicht am Pflaumenbach erreicht,
dort werden sie ihre Pferde verborgen haben, und wir sollten wohl lange
nach ihnen suchen. Sie kommen sobald nicht wieder; einige zwanzig Kugeln
sind mehr, als sie lieben.

Turner schlug vor, die Pferde aus dem Grase zu holen und in der Nhe
anzubinden, doch Warwick versicherte ihm, da es jetzt unnthig sei, diese
Vorsicht zu gebrauchen. Er rieth, sich wieder zur Ruhe zu legen und war
der Erste, der sich bei dem frisch angefachten Feuer auf seine Satteldecke
ausstreckte.

Die Nacht verging ohne alle Strung und der anbrechende Tag rief die
Mnner wieder zu der Arbeit. Madame Turner und Julie hatten schnell
Kaffee gekocht, Maisbrod gebacken und Speck gebraten, das Frhstck wurde
verzehrt, und Warwick fhrte seine Gefhrten an dem Flusse hinunter, dahin,
wo derselbe wieder in den Wald einbog. Dort begannen die Mnner nun, auf
dem diesseitigen Ufer Bume zu fllen, um aus deren Stmmen die Huser und
Einzunungen fr die Ansiedler aufzufhren. Es wurde auch eine mchtige
Cypresse gehauen, und von ihrem Stamme zwei Fu lange Stcke abgesgt,
welche Daniel mit einem Paar Ochsen nach dem Hgel schleifte. Diese Stcke
wurden zu dnnen, breiten Brettern gespalten, welche als Schindeln zu
den Dchern der Huser verwandt werden sollten. Sobald die Bume nun in
grerer Zahl fielen, nahm auch Carl ein Paar Stiere, und schleifte die
Stmme, so wie Daniel es that, zu dem Hgel hin. Vier Tage lang setzten sie
Alle die Arbeiten unermdet fort, und am fnften hatten sie bereits so viel
Holz um den Hgel liegen, als nthig war, die Ansiedelung zu grnden. Nun
ging es an das Aufbauen der Huser. Es wurden zwei Baumstmme von zwanzig
Fu Lnge in gleicher Richtung vierzehn Fu von einander entfernt auf
die Erde gelegt, und dieselben durch zwei sechzehn Fu lange Stmme mit
einander verbunden, welche auf ihre Enden gehoben wurden, so da sie
zusammen ein Viereck bildeten. In dieser Weise wurden nun immer mehr Stmme
aufeinandergelegt, bis dadurch die vier Wnde eines Blockhauses zwlf Fu
Hhe erreicht hatten. Solche Huser stellte man drei nebeneinander und
zwar zehn Fu von einander entfernt, und deckte ber alle drei _ein_
Schindeldach, so da auch die beiden Zwischenrume zwischen den Husern mit
dem Dache berdeckt wurden. Nun schnitt man mit der Sge Thren und Fenster
in die Holzwnde, schnitt gleichfalls Oeffnungen in dieselben, wo die
Kamine angebracht werden sollten, und fhrte von diesen Schornsteine
von Holz, Lehm und Steinen auf. Die Thren und Fensterladen wurden von
gespaltenem Cypressenholz verfertigt und mit Eisenbeschlgen, welche Turner
mitgebracht hatte, eingehangen. Als die Huser nun auf der Hhe des Hgels
unter den schattigen Ulmen fertig standen, begannen die Mnner an der
Auffhrung der Pallisadenmauer. Rund um den Hgel wurde ein zwei Fu tiefer
Graben angebracht, so da er sich mit seinen beiden Enden an den steilen
Abhang ber dem Flusse anlehnte, und in diesen Graben stellte man die
Baumstmme dicht nebeneinander aufrecht hinein und warf ihn um dieselben
mit Erde zu. Die in dieser Weise aufgefhrte Mauer war vierzehn Fu hoch,
und alle Oeffnungen in derselben zwischen den Stmmen wurden mit Holz
ausgefllt. Der Eingang, den man an der Seite in dieser Einzunung lie,
wurde mit einem starken Thor versehen, welches man innerhalb mit schweren
Ketten verschlieen konnte. Auerdem wurde in kurzer Entfernung von
dieser hlzernen Festung eine Einzunung errichtet, in welcher Nachts die
Milchkhe und bei Tage deren Klber eingesperrt werden sollten. Hiermit
waren die Arbeiten vollbracht, welche die Mnner vom Choctawbache fr ihre
neuen Nachbarn auszufhren bernommen hatten, und nach vierzehntgigem
Aufenthalt bei ihnen nahmen sie nun Abschied und wnschten ihnen alles
Glck und allen Segen zu ihrer Unternehmung. Warwick versprach, ganz in der
Krze das von Turner gekaufte Vieh hier abzuliefern, so wie den zugesagten
Mais und die Hhner herzuschaffen, und fr die Folge recht oft hier
vorzusprechen, um zu sehen, wie es ihm und seiner Familie ergehe.

Mit recht traurigen Herzen blickten Turners den Mnnern nach, und sahen sie
auf dem neugeschaffnen Wege in dem Walde verschwinden. Es war ihnen, als ob
sie aller menschlichen Gesellschaft Lebewohl gesagt, als wenn sie von der
brigen Welt Abschied genommen htten. Sie waren allein in einer Wildni,
die nur von wilden Thieren und von feindseligen wilden Menschen bewohnt
wurde, und es drngte sich ihnen ein unheimliches Gefhl auf bei dem
Gedanken, da vor ihnen nach Westen hin bis an das stille Weltmeer noch
niemals ein weier Mensch seine Htte aufgeschlagen hatte. Um so sehnlicher
wandten sich ihre Herzen nach den wenigen Niederlassungen am Choctawbache
zurck, welche nun noch ihre einzige Sttze, das einzige Band zwischen
ihnen und der civilisirten Welt blieben.

Demohngeachtet war Turner weit davon entfernt, zu verzagen; der Gedanke,
fr das Wohl der Seinigen zu handeln, sthlte seinen Willen, und das
Gefhl, nun in der Wirklichkeit fr sie thtig sein und schaffen zu knnen,
gab ihm Muth und Zuversicht in seine eigene Kraft. Dabei sttzte er sich
auf die vielseitigen Erfahrungen, auf die Treue und Anhnglichkeit des
braven Negers und zugleich auf die Hlfe Carls, den die Vorsehung erwhlt
zu haben schien, seiner Familie in der Noth als Retter zu erscheinen.

Die erste Grundlage zu der Niederlassung war gelegt, Turners hatten
ein Obdach und einen Schutz gegen einen ersten Angriff der Wilden;
die eigentliche Arbeit aber, diesen Ort zu einer wirklichen Heimath
umzugestalten, sollte jetzt erst beginnen, und mit allen Krften gingen die
Ansiedler an dies schwere Werk. Das Erste, was unternommen wurde, war die
Anlage eines Gartens. Dies geschah unmittelbar neben der Festung an dem
Ufer des Flusses, so da das Wasser der Quelle, welche innerhalb der
Pallisaden entsprang, durch den Garten nach dem Strome flo. Daniel hatte
dort in wenigen Tagen zu diesem Zwecke ein kleines Stck Land mit einer
Einzunung umgeben, und mit Hlfe Turners und Carls dasselbe umgegraben,
so wie die feste schwarze Erde, die der Prairie eigen ist, mit Mhe und
Sorgfalt bearbeitet. Es wurden sogleich Beete angelegt und dieselben mit
Erbsen, Bohnen, Melonen und Krbissen, mit Kohl und Rben bestellt, bei
welcher Arbeit auch Arnold und Wilhelm fleiig halfen. Als am vierten Tage
dieselbe beendigt war und man sich zum Mittagsessen in das Fort begeben
wollte, kam Warwick mit einem leichten Wagen angefahren und brachte auf
demselben den versprochenen Mais, die Hhner und eine Sau, whrend zwei
seiner Shne das von Turner gekaufte Vieh herantrieben. Die Freude der
Ansiedler war gro, weil das Wiedererscheinen der Nachbarn ihnen das Gefhl
gab, da sie doch nicht so ganz verlassen seien. Die Klber wurden in die
dafr bestimmte Einzunung gesperrt, whrend man deren Mtter sich selbst
berlie, da man gewi war, da diese sich Abends bei ihren Kleinen
einfinden wrden. Die Hhner befreite man innerhalb der Festung und gab
ihnen dort etwas Futter, die Sau wurde gleichfalls dort bewahrt, und fr
den Mais baute Daniel schnell ein kleines Huschen aus leichten Stmmen,
welches er mit Schindeln bedeckte. Warwick war sehr berrascht, als er in
die Wohnung trat; denn in dem einen Zimmer fand er schon Tische und
Bnke vor, welche Carl aus leeren Kisten verfertigt hatte, die Oeffnungen
zwischen den Balken waren mit Stcken Holz ausgefllt, und die Wnde mit
groen Leinentchern behangen, von denen eine mit einem Spiegel in goldenem
Rahmen prangte. An der Wand, der Thr gegenber, hingen alle Waffen hbsch
geordnet, so wie auch Sttel und Zume, und Alles im Zimmer war sauber und
nett, und gab Zeugni von der Ordnungsliebe und dem Flei der Hausfrau.

Die drei Nachbarn muten sich mit zu Tische setzen und wurden dort bei dem
sehr einfachen Mahle aufs Herzlichste willkommen geheien.

Ihr Europer richtet Euch doch, wohin Ihr auch kommen mgt, sofort
behaglich und gemthlich ein, whrend wir Amerikaner nur den Nutzen im
Auge halten, und unsere eigene Bequemlichkeit und Annehmlichkeit darber
vergessen, sagte Warwick, sich wohlgefllig umschauend, und heftete dann
seinen Blick auf die schnen Waffen an der Wand.

Nun, beim Himmel, damit knnen Sie ja das Fort gegen eine ganze Armee
vertheidigen, rief er erstaunt aus, das sind ja nicht weniger als
sechszehn Gewehre und auerdem noch viele Revolver und Pistolen -- da
braucht Ihnen wahrlich nicht bange vor den Indianern zu sein. Als ich
zuerst nach dem Choctawbache zog, besa ich Nichts an Waffen, als eine
einfache Bchse und ein Jagdmesser. Demungeachtet rathe ich Ihnen die
grte Vorsicht an, denn die Rothhute sind schlau wie die Wlfe und
grausam wie die wildesten Thiere. Nun, Daniel kennt sie ja hinreichend und
wei, wie weit man ihnen trauen darf.

An Vorsicht soll es nicht fehlen, entgegnete Turner, und wenn die Wilden
uns dazu zwingen, auch nicht an tapferer Gegenwehr.

Sie thun besser daran, wenn Sie sich nicht erst von ihnen zur Nothwehr
zwingen lassen, denn dann mchte es schon zu spt sein. Machen Sie es sich
zum Grundsatz, jeden Indianer wie ein Raubthier zu betrachten und ihn zu
tdten, wo und wie Sie knnen, er ist nichts anders, und ist auch nichts
anders werth, sagte Warwick etwas in Eifer, den auch die Rthe verrieth,
die sein Gesicht berzog.

Das wre wohl nicht ganz recht, entgegnete Turner, es sind doch
Menschen, die uns nur darum feindlich entgegentreten, weil wir Weien uns
in den Besitz von Land drngen, welches sie als ihr Eigenthum betrachten.
So sehr bel kann ich es ihnen nicht nehmen, wenn sie sich nicht geduldig
davon verjagen lassen.

Es sind Menschen, sagte Warwick, freilich, das ist nicht abzuleugnen; es
sind aber wilde Menschen, die so wie die wilden Thiere, nur fr die Wildni
bestimmt sind, und die ihr Recht auf das Land da verlieren, wo die Cultur
erscheint. Die Erde ist doch sicher nicht dazu geschaffen, damit sie immer
eine Wildni bleiben sollte. Warum bauen sich denn die Rothhute nicht auch
an und leben ein friedliches gesetzliches Leben? dann wrde sie Niemand von
ihrem Stck Land vertreiben. Glauben Sie mir, der erste Schu ist immer
der beste; ich habe es stets so gehalten, und nur dadurch habe ich mich am
Choctawbache behaupten knnen.

Die Unterhaltung bewegte sich whrend des Essens ausschlielich um die
Wilden, es war Warwicks Lieblingsthema, und mit einem gewissen Stolze gab
er eine Menge feindseliger Zusammentreffen mit den Indianern zum Besten, in
denen er Sieger geblieben war.

Daniel hatte sich nicht mit an den Tisch gesetzt, um den freundlichen
Nachbarn durch seine Gegenwart nicht einen Ansto zu geben. Madame Turner
aber sandte ihm durch Julie die Speisen und den Kaffee in das andere Haus,
wo er eine leere Kiste statt eines Tisches benutzte.

Als die Sonne sich neigte, begaben sich Warwick und seine Shne unter den
Versicherungen treuester Nachbarschaft auf den Heimweg, und Turner eilte zu
der Einzunung, vor welcher die Khe darauf warteten, da man sie zu ihren
Klbern einlasse. Erstere wurden durch Madame Turner und Julie gemolken und
in die Einzunung gesperrt, whrend man die Klber in das Gras trieb, damit
sie noch bis zur Dunkelheit dort weiden konnten; denn whrend der Nacht
wagte man es nicht, sie drauen zu lassen. Durch die groe Menge Milch,
welche die Khe lieferten, war die Haushaltung sehr bereichert worden, und
Madame Turner wute sie in gar vieler verschiedener Weise zu verwenden.

Die nchste Arbeit, welche man in Angriff nahm, war, ein Kanoe zu
verfertigen, wozu ein ungeheurer Pappelbaum gefllt wurde.

Ein zwlf Fu langes Stck seines Stammes wurde auf der obern Seite platt
gehauen und etwas ausgehhlt, wonach Daniel ein Feuer darauf anzndete und
dasselbe in fortwhrender Kohlengluth erhielt. In dieser Weise brannte er
den Stamm hohl, so da er, nachdem dies geschehen, nur wenig mit dem Beil
und dem Stemmeisen nachzuhelfen brauchte. Dann hieb er den Stamm uerlich
in die Form eines Schiffes, brachte ein Paar Bnke in demselben an, und
bald schwamm es zu aller Freude leicht und beweglich auf der klaren Fluth
des Brflusses.

Auf einer Stelle in nicht groer Entfernung vom Fue des Hgels flachte
sich das Ufer nach dem Wasser hin ab, so da man dort die Pferde trnken
konnte, und hier wurde das Kanoe mit einer Kette an einem Baum befestigt.
Whrend Daniel das Boot anfertigte, schuf Carl ein anderes Werk von ebenso
groem Nutzen; er baute nmlich ein Mhlenrad, und brachte dessen Welle auf
einem kleinen Flo an, welches er auf dem Flusse zusammengefgt hatte, so
da die starke Strmung das Rad drehen mute. Die Welle setzte er mit einer
groen eisernen Maismhle, die Turner vorsichtigerweise frher angekauft
hatte, in Verbindung, welche durch dieselbe in Bewegung gesetzt wurde und
die viel mehr Maismehl lieferte, als die Ansiedler gebrauchten. Es wurde
ihnen hierdurch die sehr beschwerliche Arbeit erspart, selbst tglich den
Mais fr den Brodbedarf zu mahlen. Nach Beendigung dieser Arbeit begann
Carl einen Pflug zu bauen, wozu alles Eisenwerk fertig mitgebracht war.
Turner und Daniel dagegen widmeten sich einer schweren Aufgabe, indem sie
ein Stck des Waldes am diesseitigen Ufer zu einem Felde umschufen. Der
Waldboden ist leicht zu bearbeiten und trgt gleich im ersten Jahre die
reichste Maisernte, whrend ein Feld, in der Prairie angelegt, erst im
dritten Jahre zum vollen Ertrag kmmt. Diese Erde ist zu fest und hart, als
da man sie gleich im ersten Jahre hinreichend lockern knnte. Die greren
Bume des Waldes blieben stehen, wurden aber rundum einige Zoll breit von
der Rinde entblt, welches sie bis zum kommenden Frhjahr tdten mute.
Die kleineren Stmme und die Bsche wurden abgehauen und dicht um die
groen Bume aufgehuft, um sie dort zu verbrennen, sobald sie trocken sein
wrden. Dann zunte man das Feld ein, und da um diese Zeit der Pflug durch
Carl hergestellt war, so wurde dasselbe zum ersten Male umgebrochen, um es
whrend der Winterzeit so liegen zu lassen und im Frhjahr zu besen. Neben
diesen Hauptarbeiten fhrten die Ansiedler noch unzhlige kleinere aus,
die theils durch die Nothwendigkeit bedingt wurden, theils aber zur grern
Bequemlichkeit verhelfen, oder auch nur Vergngen bereiten sollten. So
spannte zum Beispiel Daniel ein starkes Seil ber den Flu und befestigte
es auf beiden Ufern an schwanke Bume. An dieses Seil band er nun viele
kurze, mit starken Angelhaken versehene Fischleinen, so da dieselben in
den Strom hinabhingen, und befestigte auch eine Metallschelle daran,
die verknden sollte, wenn sich ein Fisch gefangen habe und an dem Seile
zuckte. Zu irgend einer Zeit, wenn Madame Turner nun Fische zu haben
wnschte, wurden die Angelhaken mit Fleisch versehen, und es dauerte dann
auch nie lange, bis die Glocke ertnte und man in dem Kanoe hinfuhr, um den
gefangenen Fisch aus dem Strome zu ziehen. Der Reichthum dieses Wassers
war unglaublich, es lebte von Fischen, deren viele ein Gewicht von dreiig
Pfund erreichten, und es gewhrte dem Auge einen berraschenden reizenden
Anblick, dieselben in dem krystallklaren Elemente im Sonnenlichte in allen
Farben schillern zu sehen. Auch die kstlichen Schildkrten, die dies
Wasser zu Tausenden beherbergte, gelangten oft zu einem Gewicht von dreiig
Pfund.

Wenn Carl nun whrend des ganzen Tages unermdlich arbeitete und jede
Gelegenheit mit Liebe und Lust erfate, um sich ntzlich zu machen, so
gehrte doch stets der frhe Morgen und der spte Abend ihm, und wurde von
ihm verwandt, um seiner Liebhaberei, der Jagd, zu folgen. Daniel war dabei
immer, wenn es dessen Zeit erlaubte, sein treuer Begleiter, und bald ward
der Wald, bald die Prairie von ihnen zusammen durchstreift. Bei diesen
Ausflgen gestattete Daniel seinem jungen Freunde stets den ersten Schu
nach dem Wild, und half nur noch mit einer Kugel nach, wenn Carl dasselbe
nicht gleich tdtlich getroffen, oder gar ganz gefehlt hatte. Der Neger war
ein auerordentlich guter Schtz und seine Schnelligkeit im Gebrauch der
Bchse hielt mit der seines Falkenauges gleichen Schritt. Oftmals wurde
Carl dadurch so berrascht, da er laut seine Verwunderung darber
aussprach, welches Daniel dann immer mit Lachen beantwortete und sagte, das
sei noch eine Erinnerung aus seinem Indianerleben. Eines Abends, nachdem
sie des Tages Arbeit beendet hatten, ritten sie vor Sonnenuntergang in die
Prairie hinaus, um dort wo mglich noch einen Hirsch zu erlegen. Wie aber
das alte Sprichwort sagt, es ist alle Tage Jagdtag, aber nicht alle Tage
Fangtag, so kann man oft in dem besten Jagdrevier sich abmhen, ohne
Beute zu machen. So ging es den beiden Jgern heute, und sie lenkten halb
verdrielich ihre Pferde zurck nach der uersten Spitze des Waldes am
Pflaumenbach, welche sich eine Stunde weit hinaus in die Prairie erstreckte
und durch einige himmelhohe Pappeln und Cypressen auf viele Meilen weit zu
erkennen war.

Die Dmmerung zog schon ber die Gegend, als sie diese Waldspitze
erreichten und lngs derselben hinritten, um nach Hause zurckzukehren.
Hier standen die Bume sehr einzeln, so da man weit durch den Wald blicken
konnte, dessen Boden hier nur mit niedrigem Grase bedeckt war und nur hier
und dort einzelne Bsche trug. Daniel erzhlte whrend des Reitens seinem
jungen Gefhrten von frheren Jagden und dieser hrte ihm aufmerksam
zu, lie aber demungeachtet seinen Blick dabei seitwrts durch den Wald
schweifen. Pltzlich hielt er sein Pferd an und sagte leise zu Daniel:

Was ist das dort unter der Eiche, siehst Du den schwarzen Punkt nicht?

Ein Br, wahrhaftig; er hat uns noch nicht gesehen, schnell, springen Sie
ab und schleichen Sie sich an ihn, der Wind ist gnstig.

Im Augenblick war Carl von seinem Pferde und sprang, tief gebckt, von Baum
zu Baum durch den Wald. Der Br suchte Eicheln und stand mit dem Kopf von
Carl abgewandt.

Dieser kam ihm schnell nher und hatte ihn bis auf hundert Schritte
erreicht, als er auf ein trockenes Reis trat, dessen Brechen und Knacken
ihn selbst erschreckte. Er warf sich nieder, aber in demselben Augenblick
setzte sich der Br auf seinem Hintertheil auf, und blickte sich nach Carl
um. Dieser hatte jedoch seine Bchse schon auf ihn gerichtet und gab Feuer.
Der Br rannte davon und Carl scho auch den zweiten Lauf nach ihm ab, ohne
ihn jedoch in seiner Flucht aufzuhalten.

In diesem Augenblicke sauste Daniel zu Pferde an ihm vorber und unter den
Bumen hin dem dichten Walde zu, um dem fliehenden Bren den Weg dorthin
abzuschneiden, und Carls Falber strmte ihm mit fliegenden Steigbgeln
nach. Vergebens rief Carl dem Pferde zu, es folgte zgellos dem Kameraden,
und bald war die wilde Jagd in der Richtung nach der Spitze des Waldes vor
seinen Augen verschwunden, da der Br sich vor dem heranjagenden Neger und
dem losen Ro abgewandt hatte. Carl lauschte der Jagd, deren Richtung ihm
durch den gellenden Ruf Daniels bezeichnet wurde, und begann seine Bchse
wieder zu laden, whrend er mimuthig schon in Gedanken sah, wie sein
Gefhrte nun ohne ihn den Bren erlegen wrde. Da schallte abermals der
wilde Jagdruf Daniels zu seinem Ohr und zwar in nicht so groer Entfernung;
Carl blickte auf, und dort kam der Br in weiten Stzen unter den Bumen
hergerannt. Er kam geraden Wegs auf Carl zu, dieser hatte soeben die Kugeln
in die Lufe gesteckt und den Ladestock hervorgezogen, um sie hinunter zu
stoen; konnte er noch fertig laden, bis das grimmige Thier ihn erreicht
hatte? das war die Frage, die sich ihm aufdrang. Mit aller Macht stie er
die eine Kugel in den Lauf hinab, der Br war nur noch fnfzig Schritte
entfernt, jetzt stie Carl die zweite Kugel hinunter, warf den Ladestock
von sich und griff nach den Zndhtchen, da hatte ihn der Br bis auf
zwanzig Schritt erreicht und stie, den furchtbaren Rachen weit geffnet,
ein dumpfes Wuthgebrll aus. Carl spannte beide Hhne seiner Bchse, warf
dieselbe an die Schulter, und im Knall strzte der Br ber Kopf nieder.
Im nchsten Augenblicke hob er sich wieder hoch auf seine Hinterfe
und, seine Vordertatzen nach dem Schtzen ausstreckend, schritt er
zhnefletschend auf ihn zu. Carl rhrte sich nicht, er sah fest ber den
Lauf nach dem Kopfe des Bren, gab Feuer und das wthende ungeheure Thier
strzte todt zu seinen Fen. In fliegender Carriere kam Daniel herangejagt
und stie einen lauten Freudenschrei aus, als er den Bren niedersinken
sah, denn die Gefahr, in der sein junger Freund schwebte, war ihm nicht
entgangen; es war ihm aber nicht mglich gewesen, dem Bren geraden Wegs
zu folgen, da dieser sich durch eine Reihe hoher Steinblcke vor ihm
geflchtet hatte, die er zu umreiten genthigt gewesen war.

Gratulire, junger Herr, das ist Ihr erster Br, und ein feister Bursche
ist es, er wiegt wenigstens achthundert Pfund, rief Daniel, indem er
vom Pferde sprang und Carl auf die Schulter klopfte, das haben Sie gut
gemacht, es war mir schon bange, Sie mchten den Kopf verlieren und sich
auf die Flucht begeben; das Thier wrde Sie in wenig Augenblicken eingeholt
haben, auch selbst wenn Sie einen Baum erstiegen htten. Diese schwarzen
Bren klettern wie die Katzen, wohingegen die grauen, oder Grisleybren
nicht klettern knnen. Nun aber, schnell nach Hause, wir mssen noch heute
Nacht das Thier holen, damit die Wlfe es nicht zerreien.

Bei diesen Worten zog Daniel seine Jacke aus und warf sie ber die
Jagdbeute, und Carl folgte seinem Beispiele. Dann band der Neger Carls
weies Taschentuch an einen Baumzweig, so da dasselbe ber dem todten
Thiere hin- und herwehte, und nun bestiegen sie ihre Pferde, nachdem Carl
den Sattel auf seinem Falben wieder zurechtgelegt hatte, der ihm whrend
der Jagd unter den Bauch gerutscht war. Nun ging es im Galopp ber die
Prairie der Niederlassung zu, die sie mit der Dunkelheit erreichten.

Die Nachricht von dem Jagdglck erzeugte groe Freude im Fort, denn Warwick
hatte Turners viel von dem Nutzen erzhlt, den ein Br um diese Jahreszeit
dem Haushalte gewhre. Der Korbwagen, in welchem Madame Turner die
Reise gemacht hatte, wurde angespannt, Daniel versah sich reichlich mit
Kienspnen, um sie als Fackeln zu gebrauchen, zndete einige davon an, und
ritt dem Wagen voraus, auf welchem Carl Platz genommen hatte und die
Pferde lenkte. In der Prairie ging die Fahrt leidlich von Statten, obgleich
manchmal ein umgefallener Mosquitobaum, oder ein Graben, den Gewitterwasser
gerissen hatten, dieselbe fr kurze Zeit unterbrach; als es aber in den
Wald hineinging, da waren solcher Hindernisse viel mehr, und die alten
Baumstmpfe, die nicht mehr hoch aus der Erde hervorsahen, gaben dem
Fuhrwerk manchen unerwarteten heftigen Sto. Daniel war aber zu wohl mit
dem Leben in der Wildni vertraut, als da er nicht das Erreichen seines
Ziels htte mglich machen sollen, und bald rief er freudig aus: Dort sehe
ich schon Ihr Taschentuch wehen; die Herren Wlfe werden es hoffentlich
respektirt haben!

Der Br lag denn auch wirklich noch so, wie sie ihn verlassen hatten. Sie
fuhren den Wagen dicht an ihn heran, obgleich die Wagenpferde sich Anfangs
weigerten, in die Nhe dieses gefrchteten Thieres zu kommen, und dann
wurden Anstalten gemacht, um den Br auf das Fuhrwerk zu befrdern.
Vermittelst Stricken und Hebebumen gelang dies den beiden Jgern endlich,
wenn auch nur durch die grte Anstrengung, und nun wurde die Rckreise
angetreten. Es lag etwas Schauerliches in dieser Fahrt: die Nacht war
rabenschwarz, das Fackellicht erhellte mit seinem rothen Scheine nur die
nchste Umgebung, der schwarze Rauch des Kienholzes umwlkte den Wagen,
auf dem das todte Ungeheuer lag, und nach allen Richtungen hin ertnte das
unheimliche, klagende Geheul der Wlfe. Daniel ritt schweigend voran, und
ebenso stumm lenkte Carl ihm die Pferde nach, whrend Beide die Bchsen
zum raschen Gebrauch bereit hielten. Endlich aber zeigte sich die
Pallisadenwand des Forts in dunkelem Umri vor dem nchtlichen Himmel, und
Turner trat mit einer Fackel in der Hand aus der Festung hervor. Im Triumph
zog der Wagen durch das Thor ein, wo Madame Turner und die Kinder auf den
Anblick des erlegten Thieres harrten. Der Br wurde nun von dem Fuhrwerk
herabgeworfen und mit einem Ausruf der Ueberraschung begrt. Man
betrachtete und bewunderte ihn von allen Seiten, und dem Schtzen Carl ward
allgemeines Lob gespendet.

Warum habt Ihr aber das Thier nicht an Ort und Stelle ausgeweidet? Ihr
httet dadurch doch weniger Gewicht auf den Wagen zu heben brauchen,
fragte Turner, indem er auf den kolossalen Umfang des Bren schaute.

Weil wir dann das feinste und beste Feist verloren haben wrden. Das Fett,
welches zwischen den Eingeweiden des Bren liegt, ist so zart, da es, so
lange es noch warm ist, Einem zwischen den Fingern zerfliet, und es wre
Schade gewesen, es zu verlieren, denn es giebt das kstlichste Oel. Wir
wollen den Petz auch ruhig liegen lassen bis morgen, entgegnete Daniel,
indem er die Strnge der Pferde vom Wagen lste, und diese in ihre Stnde
an der Pallisadenwand fhrte, wo sie mit den anderen Rossen jede Nacht
befestigt wurden.

Bald nachher saen die Kolonisten smmtlich vergngt um den Tisch und
erfreuten sich des Abendbrods.

Daniel, kurz vorher, ehe Ihr kamet, mu irgend Etwas bei den Khen
gewesen sein, denn sie fingen mit einem Male schrecklich zu brllen an, und
sprangen wie toll in der Einzunung umher, sagte Turner zu dem Neger.

Das kann ein Panther, mglicherweise aber auch ein Jaguar gewesen sein,
diese Gesellen werden uns berhaupt noch viel zu schaffen machen. Ich will
morgen, ehe wir die Khe hinauslassen, spren, um mich zu berzeugen, was
es gewesen ist; denn wir drfen solche Besuche nicht dulden, entgegnete
der Neger. In diesem Augenblicke ertnten abermals die lauten erzrnten
Stimmen der Khe und Daniel sprang rasch auf, ergriff seine Bchse, rief
Pluto und eilte zu dem Thore. Er ffnete dasselbe schnell und glitt, von
Carl gefolgt, hinaus und durch die Dunkelheit der Einzunung zu, in welcher
die Khe brllend umhertobten. Es war umsonst, in der Finsterni einen
Gegenstand erkennen zu wollen, darum scho Daniel und auch Carl die Bchse
ab, und Beide lieen laute, gellende Schreie ertnen, indem sie den Hund
hetzten.

Pluto sprang zwar bellend in die Finsterni hinaus, kam aber sogleich
wieder zurck und Alles ward still; denn auch die Khe hatten sich
beruhigt.

Die Nacht verstrich ohne weitere Strung, und als der Morgen anbrach, begab
sich Daniel nach den Khen, um nach dem nchtlichen Besucher zu spren.
Bald entdeckte er denn auch die Fhrte eines mchtigen Jaguars, der die
Einzunung umschritten, es aber doch nicht gewagt hatte, zu den erbosten
Khen hineinzuspringen. Daniel sprte nun seiner Fhrte nach und fand,
da er von dem Pflaumenbache hergekommen war. Dort aber das Lager des
Raubthiers aufzufinden, war ohne dazu abgerichtete Hunde nicht mglich, und
man mute sich damit begngen, dasselbe bei einem wiederholten Besuche in
der Nhe des Forts zu belauern. Nun machte sich Daniel dabei, den Bren
zu streifen, zu zerlegen und dann die prchtige Haut zum Trocknen
aufzuspannen. Mit dem grten Erstaunen sahen Turners den Rcken des
Thieres von der Haut entblen, wo derselbe mit einer sechs Zoll hohen Lage
Feist bedeckt war; in gleichem Mae befand sich das Innere des Bren mit
Fett durchwachsen, und die Vorrathskammer der Madame Turner erhielt einen
wesentlichen Zuwachs an kstlichem Oel. Nach dem Frhstck begaben sich
Carl und Daniel in den Wald hinter dem neu angelegten Feld, um dort ein
Vorhaben auszufhren, welches sie schon lange besprochen hatten. Sie
wollten nmlich eine Falle bauen, um wilde Truthhne zu fangen, deren sich
unzhlige in diesem Walde aufhielten, weil dort sehr viele Pecanubume
standen, deren Frchte sie auerordentlich lieben und deren Genu sie sehr
fett macht. Auf einer Ble im Walde baute Daniel eine Htte, indem er
junge Baumstmmchen im Kreis tief in den Boden steckte, sie oben mit den
Spitzen zusammenband und sie dann mit dnnen Stcken durchflocht. Die Htte
war mannshoch und so dicht, da man kaum den Arm zwischen den Stmmchen
durchstecken konnte. Nun begann Daniel in einiger Entfernung von derselben
einen Pfad zu graben, der nach der Htte hin immer tiefer wurde, so da er
wohl zwei Fu tief unter dem Geflecht hin in dieselbe hineinfhrte und
sich innerhalb wieder erhob. Die Stmmchen, unter welchen dieser Weg
durchfhrte, wurden ber demselben durch Stcke und Weidengeflecht an
ihren Enden verbunden. Nun streute Daniel um den Anfang des Pfades und auf
demselben hin bis in die Htte hinein losen Mais, welchen die Truthhne
sehr lieben. Wenn nun die Vgel beim Aufpicken der Krner dem Pfade folgen
und unter dem Geflecht in die Htte hineingehen, so finden sie den Weg
niemals wieder heraus, da sie die Kpfe erheben und an dem Geflecht hin-
und herlaufen, um zwischen demselben einen Ausgang zu finden, nie
aber daran denken, sich zu bcken und eben so hinauszugehen, wie sie
hereinkamen. Die Arbeit war nach einigen Stunden vollbracht, und Daniel
hoffte, da sie schon heute Abend einige Gefangene gemacht haben wrden.
Carl konnte kaum den Sonnenuntergang erwarten, wo er mit dem Neger wieder
nach der Falle gehen wrde; um so fleiiger aber war er Tags ber bei einer
Arbeit, die er auf Anrathen Daniels begonnen hatte. Er verfertigte nmlich
eine lange starke Leiter, die von dem steilen Uferabhange innerhalb des
Forts bis auf ein Felsstck hinabfhren sollte, welches unten aus dem
Strome hervorsah. Es war eine Vorsichtsmaregel des Negers fr den Fall,
da einmal die Wilden das Fort strmen wrden, wo die Leiter dann dessen
Bewohnern die Flucht aus demselben mglich machen sollte. Man konnte auf
ihr leicht den Felsen im Flusse erreichen, und von da in dem Kanoe nach dem
jenseitigen Ufer in den Wald gelangen, wo Daniel einen Fupfad bis zu dem
Fahrwege ausgehauen hatte. Bis jetzt war zwar noch kein Indianer wieder
gesehen worden, Daniel sagte jedoch, da man gerade darum am meisten auf
seiner Hut sein msse. Whrend Carl an der Leiter beschftigt war, schlugen
Turner und der Neger lange eiserne Ngel, an denen sie die Kpfe abgefeilt
hatten, in die Spitzen der Pallisaden, damit dieselben bei einem etwaigen
Sturm den Indianern das Uebersteigen erschwerten.

Unter solchen und hnlichen Arbeiten verstrich der Tag, Carl legte vergngt
sein Handwerkszeug bei Seite und hing das Jagdgerth um. Voller Erwartung
eilte er nun mit Daniel den Hgel hinab und dem Walde zu, wo sie die
Falle erbaut hatten. Sie traten in den Wald ein, und schlichen sich durch
denselben hin, als pltzlich von fern her ein lautes Rauschen und Schlagen
zu ihren Ohren drang.

Wahrhaftig, es sitzen schon welche darin, hren Sie nicht, wie sie mit den
Flgeln schlagen! rief Daniel und sprang voran durch das Dickicht, whrend
Carl ihm mit allem Eifer folgte.

Bald hatten sie die Htte erreicht und gewahrten fnf kolossale Truthhne
in derselben, die mit hochgehobenen Hlsen darin umherrannten und mit den
Flgeln schlugen, als wollten sie davonfliegen.

Ja, wartet nur, ich will Euch den Weg zeigen! rief Daniel und zog sein
Jagdmesser hervor, whrend Carl gleichfalls mit dem Messer in der Hand an
die Htte sprang. Sie steckten nun die Arme durch das Geflecht und hieben
mit dem Messer den Gefangenen die Kpfe ab. Sie wurden nun auf den Pfad
herausgezogen, und frischer Mais auf denselben gestreut. Es waren fnf
Hhne von auerordentlicher Gre, denn sie wogen ein jeder gegen fnfzehn
Pfund. Daniel band dreien von ihnen die Fe zusammen und hing sie ber
die Schulter, whrend Carl sich mit den beiden andern belud, um den Heimweg
anzutreten.

Um diese Zeit sa die Familie Turner neben dem Thore vor den Pallisaden
auf einer Bank und ruhte sich von des Tages Arbeit aus. Es war einer jener
milden, wonnigen Abende, wie sie der November in diesen sdlichen Lndern
gewhnlich bietet. Die Luft zog khlend und krftigend ber das hohe
wogende Gras der Prairie, aus dem die Blumen des Herbstes ihre bunten, in
den prchtigsten Farben leuchtenden Kpfe hervorhoben, die Sonne hatte den
fernen flachen Horizont erreicht und lie ihre letzten Strahlen auf dem
hohen Walde des Brflusses ruhen, dessen dunkeles Grn schon mit Gold
und Carmin gemischt und mit dem brennend rothen Laube der Schlingpflanzen
durchwirkt war; glnzend silberweie Reiher und rosenrothe Flamingo's
schwebten dem Urwalde zu und schwangen sich in dem scheidenden Blick der
Sonne auf die schwindelnde Hhe der Cypressen, die ihre Riesenarme ber
den brausenden Flu streckten, und der Whippoowill rief seinen eignen Namen
klagend und wehmthig durch das Dunkel des Waldes.

Turner und dessen Gattin saen in stummer Bewunderung und heiligem
Anstaunen der Naturschnheit, die sie umgab, und dankten mit demthigem
Herzen dem Schpfer dieser Herrlichkeit fr die Gnade, mit der er sie
hierhergefhrt und beschtzt hatte.

Wie unendlich gndig ist uns Gott gewesen, Marie! brach Turner das
Schweigen.

Und er wird uns auch ferner gndig sein, sagte Madame Turner mit einem
flehenden Blick zu dem Himmel, wo der Abendstern, freundlich blinkend,
ihrem Auge begegnete, als wolle er ihr die Zusage ihrer Bitte verheien.

Wie sonderbar sich Alles zu unserm Besten fgte! nahm Turner wieder das
Wort. Die Vorsehung hat uns doch augenscheinlich den braven Daniel als
Hlfe in unserer Noth zugesandt; was htten wir wohl ohne ihn anfangen
wollen! Wie wei er mit Allem umzugehen und wie liebevoll unterweist er
unsern Carl in allen Geschften. Was die Beiden auch anfangen mgen, es
gelingt ihnen. Soll mich einmal wundern, ob sie wirklich wilde Truthhne
fangen werden.

Mein Gott, sieh das Thier dort -- es springt ber die Einzunung zu den
Klbern! rief Madame Turner in diesem Augenblick entsetzt aus, und Turner
rannte mit dem Ausruf: Ein Jaguar, ein Jaguar! in das Fort, um seine
Bchse zu holen. Doch ehe er zurckkehrte, hatte das Raubthier eins der
Klber niedergerissen, hatte es mit seinem furchtbaren Gebi auf dem Rcken
erfat, und setzte mit _einem_ Sprunge mit der Beute ber die Einzunung.
Trotz dem Rufen und Schreien der Madame Turner und der Kinder lie es
seinen Raub nicht fahren, und floh in langen Stzen ber das Gras dem
Walde zu, whrend das Kalb in seinem Rachen die jmmerlichsten Klagetne
erschallen lie.

Turner kehrte mit der Waffe zurck, jedoch nur um dem Ruber nachzusehen,
der sich wiederholt einige Augenblicke ruhte und dann seine Flucht
weiter fortsetzte. Mit wthendem Gebrll und hoch in die Luft gestreckten
Schwnzen kamen zugleich die Khe aus der Prairie herangejagt, um dem
klagenden Kalbe beizustehen, dessen Stimme verhallte aber bald und sein
Mrder verschwand mit ihm in dem Walde.

Mit Schrecken und Leidwesen hatten Turners den ganz unerwarteten Vorfall
mit ansehen mssen, ohne etwas dagegen thun zu knnen, und die Kinder
weinten und jammerten ber den Verlust des hbschen kleinen Kalbes und
konnten sich noch lange Zeit darber nicht zufrieden geben.

Es soll mir aber eine Lehre sein, nicht wieder ohne meine Bchse vor das
Fort zu gehen, sagte Turner, wie leicht htten uns auch Indianer hier
berraschen knnen. Man wird viel zu leicht gleichgltig gegen die Gefahr.
Geht lieber in das Haus, ich will hier in dem Thore bleiben, bis unsere
beiden Jger zurckkehren; sie werden hoffentlich bald kommen.

Die Dunkelheit brach schnell herein und bald kamen auch die beiden
schwerbeladenen Jger den Hgel heraufgeschritten.

Endlich, ich habe sehr nach Euch verlangt, sagte Turner zu ihnen, und
theilte ihnen nun gleich mit, was sich whrend ihrer Abwesenheit zugetragen
hatte.

Das ist glcklich, bemerkte Daniel, es kostet uns allerdings ein Kalb,
aber nun mu auch der Jaguar sterben. Er wird das ganze Thier nicht in
dieser Nacht verzehren und kommt sicher morgen Abend noch einmal zu ihm
zurck, dann werden wir ihn erwarten.

Ja, ja, wer wei, wohin er das Kalb getragen hat, er rannte ja so leicht
mit ihm davon, als ob es ein Hase wre, entgegnete Turner.

Mag er rennen, so weit er will, ich finde ihn; ich war einst der
berhmteste Sprer unter den Indianern; umsonst hatte man mir meinen Namen
nicht gegeben! sagte Daniel mit einem leuchtenden Blick, wie von einer
pltzlichen Begeisterung ergriffen.

Wie nannte man Dich denn? fragte Turner. Der Neger bereute aber
augenscheinlich schon, was er gesagt hatte und erwiederte, sichtbarlich
verlegen:

Man nannte mich den Sprer.

Dabei warf er die drei Truthhne von der Schulter und zog sie hinter sich
her in das Fort, indem er sagte:

Wir bringen aber fr Madame Turner fnf herrliche Braten; unsere Falle hat
sich gut bewhrt.

Aber, Carl und Daniel, Ihr seid ja prchtige Jger, Ihr bringt uns so
viel Fleisch in das Haus, da wir es kaum verbrauchen knnen, sagte Madame
Turner, als sie die fetten Hhne erblickte. Ich habe das Brenfleisch
eingesalzen, wie Du mir riethest, Daniel, nun mut Du mir aber die
Vorrichtung machen, um es zu ruchern, damit wir es bewahren knnen.

Das will ich morgen frh thun, wenn wir das Kalb aufgefunden haben. Ich
will dann eine Art von Rauchhaus bauen, damit wir immer einen tchtigen
Vorrath von geruchertem Fleisch halten knnen; man wei nicht, wie uns die
Indianer einmal verhindern mchten, frisches Wild zu haben, entgegnete der
Neger.

Mache mir nicht bange, Daniel, der Himmel wird uns hoffentlich vor solchen
Schreckensscenen bewahren, sagte Madame Turner, bat dann Carl, die Hhne
auerhalb an das Haus aufzuhngen, und ging, um das Abendessen zu bereiten.

Nach Tisch, als das Fort verschlossen war, saen die Kolonisten traulich
um den groen Tisch herum, mit verschiedenen Arbeiten beschftigt. Madame
Turner und Julie hatten Nharbeiten vor sich, Turner mit seinen beiden
Shnen machten Mais von den Kolben los, um ihn am folgenden Morgen fr
die Mhle bereit zu haben, Carl verfertigte Patronen mit etwas kleineren
Kugeln, als er gewhnlich fr seine Bchse gebrauchte, um fr einen
Nothfall schneller damit laden zu knnen, und Daniel arbeitete an
den beiden Hrnern des Bffels, welchen Carl erlegt hatte, um fr ihn
versprochener Maen ein Trinkhorn und ein Pulverhorn daraus anzufertigen.
Von dem Bren hatte er die groen Fangzhne gleichfalls aufbewahrt, um fr
seinen jungen Freund ein Pulverma und eine Pfeife daraus zu machen.
Pluto war die Bewachung der Festung bergeben, welcher Pflicht er treulich
nachkam, indem er in der Mitte der Einzunung lag und auf jeden Ton auer
derselben lauschte oder einen Rundgang an den Pallisaden machte.

Die Nacht verstrich in ungestrter Ruhe und kaum graute der Tag, als Daniel
seinen jungen Freund weckte und Beide ihr Jagdgerth umhingen, um das
geraubte Kalb aufzusuchen. Turner lie sie aus dem Thor, was er stets zu
thun pflegte, wenn die Beiden sich entfernt hatten. Daniel folgte nun der
Spur des Jaguars, welche er leicht an dem niedergedrckten Grase erkennen
konnte. Bald hatte er mit seinem Gefhrten den Wald erreicht, wo einzelne
gebrochene Pflanzen oder der wunde Erdboden, auf dem das Raubthier seine
Tatzen niedergesetzt hatte, als Wegweiser dienen muten. Dem Neger schien
es durchaus keine Schwierigkeit zu machen, auf der Fhrte zu bleiben, wenn
Carl auch kein Zeichen derselben erkennen konnte. Daniel aber stand oft
still und zeigte seinem Freunde die unbedeutenden Merkmale, denen er
folgte, und unterrichtete ihn, dieselben zu bemerken. Die Spur zog sich
in ziemlich gerader Richtung zwischen den Bschen hin, wie es schien, der
Gegend zu, wo der Pflaumenbach in den Brflu mndete. So weit hatte jedoch
der Jaguar nicht fr nthig gefunden, seinen Raub zu tragen, denn pltzlich
standen die beiden Jger vor dem zerrissenen Kalbe, von welchem sein Mrder
die ganze eine Seite verzehrt hatte. Die Ueberreste davon lagen in einem
Dickicht, welches aus Dornen, Rankengeflecht und hohen Krutern bestand und
von den Laubmassen der umstehenden Bume, die ihre Aeste bis auf den Boden
herabhngen lieen, versteckt wurde.

Dies ist ein bser Platz, um dem Burschen aufzulauern, an Schieen ist
hier nicht zu denken, und dann wrde er uns auch frher gewahren, als wir
ihn. Wir mssen sehen, wohinaus er von hier gegangen ist und ihn auf seinem
Rckwege erwarten, sagte Daniel und suchte auf dem Boden, um im Dickicht
die Spur des Jaguars aufzufinden. Pltzlich blieb er stehen und sagte:

Er ist gestern Abend, nachdem er sich gesttigt hatte, von hier
fortgegangen und heute frh wieder hierher zurckgekehrt. Vielleicht haben
wir ihn selbst so eben verscheucht. Hier steht eine Spur, die von dem
Pflaumenbach her in das Dickicht fhrt, und zwei, die dorthin zurckzeigen,
und hierbei ist eine ganz frische. Nun wird er whrend des Tages sicher
nicht wieder kommen, aber umso gewisser gegen Abend. Wir wollen jedoch
schon frh genug hier sein. Lassen Sie uns dieser frischen Fhrte folgen,
bis sie ber eine offene Stelle im Walde fhrt, auf der man um sich sehen
kann.

Mit diesen Worten schritt Daniel, gebckt und auf den Boden sphend, voran
und Carl vorsichtig hinter ihm her. Nach einer Weile blieb der Neger stehen
und schaute um sich auf die Erde.

Dort, wo Sie stehen, ist die Fhrte ganz deutlich in dem feuchten Boden
ausgedrckt, hier vermisse ich sie! rief er Carl zu. Gehen Sie nicht von
jener Stelle, ich will in einem weiten Bogen um Sie gehen, dann mu ich die
Fortsetzung der Spur finden.

Er hatte nur kurze Zeit in einiger Entfernung von Carl gesucht, als er sich
mehr zu dessen rechter Seite befand und rief:

Kommen Sie hierher, der Bursch ist ber diesen freien Platz gegangen,
und hier soll er auch sterben; eine vortheilhaftere Gelegenheit, um ihm
unbemerkt aufzulauern, kann man sich nicht wnschen.

Als Carl aus den Bschen hervor zu Daniel trat, zeigte dieser auf die Erde
vor sich und sagte:

Sehen Sie, hier ist er frisch hinber geschritten, und dort in dem
Bschchen vor jener alten Eiche sollen Sie sich heute Abend verbergen;
ich wette Zehn gegen Eins, da er diesen Weg wieder zurck einschlgt. Nun
wollen wir aber nochmals nach dem Kalbe eilen und auch der andern Fhrte
nachgehen, damit ich fr mich gleichfalls einen Platz aussuche; denn es
wre ja mglich, da er dort zurckginge.

Mit derselben Sicherheit verfolgte Daniel bald darauf die andere Spur, die
sich etwas weiter rechts wandte, und whlte auf derselben wiederum eine
weite Ble, um Abends darauf selbst seinen Stand zu nehmen. Dieselbe war
einige hundert Schritt von der fr Carl gewhlten entfernt und durch ein
undurchdringliches Dickicht von ihr getrennt. Nachdem sich die Jger genau
die Pltze gemerkt hatten, begaben sie sich auf den Heimweg, wollten aber
im Vorbergehen doch nach ihrer Falle sehen. Zu Carls bergroer Freude
saen richtig wieder zwei Hhne in der Htte, die schnell getdtet und
hervorgezogen wurden.

Nun wollen wir aber die Falle schlieen und erst dann wieder ffnen, wenn
wir Wild nthig haben, sagte der Neger und verstopfte den Eingang mit
Bschen. Dann nahm er einige Hnde voll Mais aus den Taschen und streute
sie auf den Pfad, damit die Vgel sich daran gewhnen sollten, hier immer
Futter zu finden.

Ziemlich ermdet kehrten die Jger mit der neuen Beute nach dem Fort
zurck, wo Madame Turner sie mit Brentatzen zum Frhstck tractirte. Nach
gehaltener Rast begab sich Daniel, von Herrn Turner untersttzt, an den
Aufbau eines Rauchhauses, welches sie aus dnnen Baumstmmen auffhrten und
mit Schindeln bedeckten; Carl aber nahm die Angel, um zu versuchen, ob
er eine Schildkrte fangen knne. Zu diesem Zwecke werden vier groe
Fischhaken so mit dem Rcken zusammengebunden, da die Spitzen nach allen
vier Seiten auseinander stehen. Wenn sie nun an der Leine befestigt sind,
so bindet man einige Zoll ber denselben ein Stck Fleisch an die Schnur
und senkt sie in das Wasser. Die Schildkrte ergreift das Fleisch mit den
beiden Vorderpfoten, mit denen sie es fest hlt, um es zu benagen; wird nun
die Angel schnell in die Hhe gezogen, so mu einer der Haken in die Fe
des Thieres fassen, und es ist gefangen.

Nicht weit vom Fort machte der Flu im Walde eine sehr kurze Biegung, und
der Strom, der mit aller Kraft sich hier hereindrngte, hatte das Ufer
unterhhlt. Das Wasser war sehr tief, und Carl kannte diese Stelle als
einen Lieblingsplatz der Schildkrten, weshalb er hierher eilte und seine
Angel auswarf. Er hatte gar nicht lange auf dem Rande des hohen Ufers
gestanden und den Bewegungen des schwimmenden Korks zugesehen, den der
Strudel in dieser Bucht im Kreise herumtrieb, als es an der Angel zuckte.
Es zuckte wieder und strker und nun wurde der Kork in die Tiefe gezogen.
Carl schlug schnell die Angel in die Hhe, fhlte aber gleich, da ein
sehr schweres Gewicht daran hing; es mute eine groe Schildkrte sein, die
jetzt mit dem Strome davon eilte und gewaltig an der Angel ri. Carl hielt
dieselbe mit aller Kraft an, in diesem Augenblicke aber glitt er mit beiden
Fen auf dem lockern Boden des Ufers aus, und scho von demselben hinab in
die Fluth. Er sank bis auf den Grund, stie sich von dort wieder nach oben
und gerieth, anstatt auf die Oberflche des Stromes, unter die ausgehhlte
Uferbank in tausend Wurzeln, die aus derselben in dem Wasser hinabhingen.
Er verlor jedoch die Geistesgegenwart nicht, sondern erkannte sofort seine
Lage, stie sich mit geffneten Augen wieder in die Tiefe hinunter und
dann nach dem Lichte hinauf, wo er im nchsten Augenblicke ber dem
Wasserspiegel auftauchte. Mit einigen krftigen Zgen erreichte er das
jenseitige niedrige Ufer, auf dem er landete und sogleich sich nach seiner
Angel umblickte, die er wohl hundert Schritt weiter stromabwrts schwimmen
sah. Er lief auf dem Ufersand hin, sprang abermals in das Wasser und holte
die Angel an das Land. Nun zog er vorsichtig die Leine an, und es gelang
ihm, die Schildkrte trotz alles Strubens auf den Sand zu ziehen. Sie wog
gegen vierzig Pfund und war eine sogenannte weichschaalige, deren Schild
sich zu Gallerte kocht und sehr schmackhaft ist. Er band die Leine um sie
und schleifte sie hinter sich her durch den Wald bis an das Ufer gegenber
dem Fort, wo er Daniel rief, damit er ihn in dem Kanoe ber den Flu hole.
Carls Erscheinung verursachte unter den Seinigen im ersten Augenblick
Schreck und Besorgni, dann wurde aber herzlich ber sein Abenteuer gelacht
und er selbst lachte tchtig mit. Auf die kstliche Suppe aber, welche
Madame Turner versprach, fr den folgenden Tag aus der Schildkrte zu
bereiten, freuten sich Alle schon im Voraus. Nachdem Carl sich umgekleidet
hatte, betheiligte er sich beim Aufbauen des Rauchhauses, bis die Sonne
sich zu neigen begann und Daniel an die Zeit mahnte, nach dem Walde zu
gehen, um den Jaguar zu belauern. Heute versahen sich die beiden Jger
jedoch auer mit Bchse und Messer auch noch ein Jeder mit einem Revolver,
und so ungern Turners auch sahen, da Pluto sich vom Fort entfernte, so
mute er doch mitgehen.

Die Sonne stand noch ziemlich hoch ber dem fernen Rand der Prairie,
als die beiden Schtzen den Platz im Walde erreichten, welcher fr Carl
ausgewhlt war. Er machte seinen Sitz vor der Eiche zurecht und steckte
noch mehrere Bsche vor sich herum, damit er dem sphenden scharfen Auge
des Jaguars verborgen bleiben mchte. Eine Wurzel der Eiche stand ziemlich
hoch aus der Erde hervor und bildete fr Carl einen bequemen Sessel,
whrend der Stamm des Baumes ihm als Rcklehne diente.

Machen Sie nur keine rasche Bewegung, auch selbst nicht mit den Augen,
denn der Jaguar berblickt die Ble sicher, ehe er aus dem Dickicht
hervortritt. Halten Sie Ihren Blick besonders dorthin gerichtet, von wo
seine Fhrte herfhrt, von dort wird er wohl kommen, sagte Daniel, als
Carl sich zurecht gesetzt hatte und Pluto hinter der Eichenwurzel verborgen
lag. Uebereilen Sie sich nur nicht und nehmen Sie sich Zeit zum Schieen.
Steht das Thier still, so zielen Sie nach dessen Kopf, bleibt es im Gehen,
so halten Sie ihm hinter das Schulterblatt, und sollte es nach dem Schusse
auf Sie zuspringen, so setzen Sie ihm den Hund entgegen, dann werden Sie
eine gute Gelegenheit finden, ihm die zweite Kugel durch den Kopf zu jagen.
Vor Allem bleiben Sie ruhig und kaltbltig. Nun will ich mich auf meinen
Stand begeben, Einem von uns wird er doch wohl kommen, hoffentlich Ihnen;
Waidmannsheil!

Mit diesen Worten eilte der Neger geruschlos zwischen den Bschen und
Stmmen hin und verschwand bald vor Carls Blicken.

Eine feierliche Ruhe herrschte durch den Wald, kein Lftchen rhrte sich,
auch die zartesten Ranken, die wie leichtes buntes Spitzengewebe von den
Aesten der hohen Bume herabhingen, bewegten sich nicht, und jeden leisen
Ton, wie das Fallen einer Frucht, das Hpfen eines Eichhrnchens, konnte
man weithin hren. Mit jeder Minute wurde es stiller und heimlicher, denn
auch die Vgel verstummten und nur noch einzeln lie ein Wasserrabe seine
krchzende Stimme von dem Flusse her ertnen. Die letzten Strahlen der
Sonne, die sich hier und dort durch die Laubmassen stahlen und sich
blendend hell auf den Baumstmmen spiegelten, verblichen, und das Dster
des Abends zitterte mit dem Wiederschein des Feuermeers am westlichen
Himmel durch den Urwald. Carl sa regungslos und bewegte nur von Zeit zu
Zeit langsam seinen Blick ber die Ble vor sich, um ihn dann wieder auf
den Fleck zu heften, wo die Fhrte des Jaguars aus dem Dickicht hervorkam.
Dort war der feuchte Boden mit ppigen Pflanzen bedeckt, deren brennend
rothe Kelchblumen aus dem tiefsten Schatten des darber hngenden dichten
immergrnen Lorbeergestruches hervorleuchteten, und aus diesen dunkeln
Laubmassen hingen die schneeweien, federartigen, zwei Fu langen Blthen
einer Magnolienart herab, die man des alten Mannes Bart nennt. Carl
ergtzte sich an der Farbenpracht, die trotz des zunehmenden Dsters das
saftige Grn des Laubes durchwirkte, da bewegte sich eine der weien lang
herabhngenden Blthen, als sei der Strauch, an dem sie hing, durch irgend
Etwas erschttert worden. Mit verhaltenem Athem und fest gefater Bchse
stierte Carl in das Dunkel unter den dicht belaubten Zweigen hinein, da
bewegte sich abermals eine der weien Blthen, welche aus dem vordersten
Busche hervorsah.

Jeder Nerv, jede Muskel in Carl war angespannt, sein Blick wollte das
tiefste Dunkel durchdringen; da theilten sich die blutrothen Blumen und die
goldgelbe schwarz gefleckte Gestalt des Knigs dieser Wlder, des Jaguars,
schritt lautlos zwischen ihnen hervor. Er stand jetzt still und seine wie
Feuer glhenden Augen bersphten die Waldble. Carl hatte die Bchse
schon an der Schulter, als der erste goldige Schein zwischen den
rothen Blthen sichtbar wurde, und blickte ber den Lauf hin auf den
buntgefleckten Kopf des Knigthiers.

In dem Augenblick, als er seinen Schritt anhielt, prete Carl die Bchse
noch fester gegen die Schulter, heftete ihr Korn noch unbeweglicher auf das
Haupt des Feindes und gab Feuer. Der Donner des Gewehrs drhnte durch
den Wald und der Pulverdampf rollte sich in einer dichten Wolke ber den
offenen Platz, doch Carl hatte im Schu schon erkannt, da der Jaguar
zusammenbrach.

Pluto, fa! schrie er dem Hunde zu und sprang mit der Bchse in der Hand
durch die Bsche vor sich; da sah er das Raubthier an der anderen Seite der
Ble in das Dickicht hineinsetzen.

Fa, Pluto! rief er abermals dem Hunde nach, der schon die Dickung
erreicht hatte und den Jaguar verfolgte. Auch Carl war mit wenigen Sprngen
in den Bschen und strzte, sich gewaltsam Bahn brechend, vorwrts; da
sperrte ein riesiger umgefallener Baumstamm seinen Weg. Zugleich hrte er
an dessen anderer Seite die Stimme Pluto's, und erkannte, da derselbe mit
dem grimmigen Raubthier in verzweifeltem wthenden Kampfe sei. Mit _einem_
Satze war er auf dem Baumstamme, um ihn zu berspringen; die Borke aber
zerbrach unter seinen Fen, und er selbst versank bis an die Brust in dem
vollstndig zu Pulver vermoderten Stamme. Er sah, wie der Jaguar seinen
Hund unter sich liegen hatte, wollte sich aus dem Stamme hervorheben, um
dem treuen Thiere zu helfen, da erblickte ihn der furchtbare Feind und
wandte sich mit weit geffnetem Rachen von dem Hunde ab, auf ihn zu. Carl
senkte ihm seine Bchse entgegen mit dem Bewutsein, da er verloren sein
wrde, wenn die Kugel fehl ginge. Der Jaguar aber hatte nur einen Sprung
vorwrts gethan, als Pluto ihn schon wieder erfate und seine Zhne in sein
Hintertheil einschlug. Das Raubthier fuhr mit wildem Stogebrll herum,
um abermals den Hund zu ergreifen, da feuerte Carl, und die Kugel
zerschmetterte den Kopf des wthenden, gefhrlichen Gegners.

In diesem Augenblick ri Daniel das nahe Gestrpp auseinander und sprang
mit gespannter Bchse aus demselben hervor, der Tiger lag todt zu
seinen Fen, und Pluto stand ber ihm und lie, ihn zwischen den Zhnen
schttelnd, seine Wuth an ihm aus.

Gott sei gelobt! rief der Neger, von dem getdteten Jaguar nach seinem
jungen Freunde berrascht aufblickend, der seine Bchse von sich gelegt
hatte und sich nun aus dem Baume hervorzuheben suchte.

Um des Himmels Willen, wie kommen Sie in den Baum? rief Daniel aus, indem
er Carl zu Hlfe sprang, ihn aus seinem Gefngnisse zu befreien.

Ich war in eine Falle gerathen, Daniel, und wenn Pluto, der brave treue
Hund nicht noch zu rechter Zeit zugefat htte, so wrde es mir vielleicht
so ergangen sein, wie dem Kalbe. Das Thier sprang wthend auf mich ein,
entgegnete Carl lachend, und trat frohlockend zu dem Jaguar hin.

War recht, Pluto, so war es recht, alter treuer Kerl, fa ihn, zaus ihn,
das war brav! rief er, indem er sich ber den Hund hinbeugte und seine
Arme liebkosend um ihn schlang.

Freund Pluto hat aber einige tchtige Feldzeichen davon getragen, sehen
Sie, er blutet gewaltig aus der Schulter und auch am Halse; die lange Wunde
auf der Schulter ist mit den Krallen gerissen.

Ja wohl, und das Ungeheuer wrde ihn todt gemacht haben, wre ich nicht
hinzugekommen, denn er lag unter demselben und wehrte sich so gut er
konnte. Als mich nun der Jaguar in meiner Falle erblickte, verlie er Pluto
und wandte sich gegen mich, aber der treue Hund fiel ihm schnell in die
Keule, und ich gewann Zeit, meinen Schu anzubringen.

Und ein Meisterschu war es, gerade durch den Schdel. Hatten Sie ihn denn
mit dem ersten Lauf gefehlt, Sie haben doch zweimal geschossen?

O nein, ich mu ihn auch das erste Mal getroffen haben, denn er strzte
im Feuer zusammen, dennoch habe ich nicht sicher geschossen, da ich nach
seinem Kopfe zielte.

Sie haben mit der Bchse gewankt, hier ist das Kugelloch, der Schu ist
ihm durch den Hals gegangen, sagte Daniel, indem er Pluto zurckzog und
auf den mchtigen Nacken des Tigers zeigte.

Ja, Daniel, ich gestehe es, das Herz schlug mir gewaltig, so da ich es
laut hren konnte und es flimmerte mir vor den Augen. Das nchste Mal aber,
wenn ich wieder nach einem Jaguar schiee, soll es besser gehen. Gefrchtet
habe ich mich aber nicht, sagte Carl und warf das schne Thier auf den
Bauch, um die herrliche Zeichnung der schwarzen Flecken auf seinem Rcken
zu bewundern. Als Carl es anfate, fiel Pluto sofort wieder ber den Feind
her, doch jener zog ihn mit den Worten zurck: La ihn in Ruhe, er ist
todt, und Du verdirbst das schne Fell, dabei schmeichelte er den Hund
und wandte sich an Daniel: Was wirst Du mir denn aus diesen Fangzhnen
machen?

Gar nichts, ich will Ihnen den ganzen Schdel aufbewahren; wir vergraben
ihn in einen Ameisenhaufen; die Ameisen nagen das Fleisch sehr sauber ab,
darauf legen wir ihn in die Sonne, damit er recht schn wei bleicht und
dann hngen Sie ihn an einen Nagel ber Ihr Bett. Sie werden sich noch
manchmal ber den Meisterschu freuen. Nun aber mu ich mich wahrhaftig
eilen, um die Haut noch abzunehmen, ehe es ganz dunkel wird.

Hiermit stellte der Neger die wieder abgespannte Bchse an einen Baum,
zog das Messer aus der Scheide, und begann, bei dem Jaguar niederknieend,
denselben seines schnen Kleides zu berauben. Carl war ihm dabei
behlflich, whrend Daniel ihn unterwies und Vorsicht anempfahl, nicht in
die Haut zu schneiden. Dieselbe wurde bis an den Kopf abgestreift, dieser
nun von dem Krper getrennt und somit war die Arbeit beendet, whrend die
Nacht vollstndig hereingebrochen war. Daniel warf das Fell ber seine
Schulter und ergriff die Bchse, da trat Carl nochmals zu dem Jaguar
hin und sagte: Ich will mir doch nun auch seine Krallen zum Andenken
mitnehmen.

Er schnitt sie schnell von den Tatzen ab, steckte sie in seine Jagdtasche
und folgte nun dem Neger, der sicheren Schrittes durch die Finsterni dem
Waldsaume zueilte. Auf dem Wege bis dorthin geriethen sie aber wiederholt
so sehr in die Ranken und Dornen des Dickichts, da ihnen Hand und Gesicht
blutete, als sie die Prairie erreichten.

Morgen will ich doch gleich einige Hirschhute gerben, damit wir uns
Lederanzge machen knnen. Wir werden schn aussehen, wenn wir nach Hause
kommen, sagte Daniel, nun rasch an dem Walde hinschreitend, der sich wie
eine schwarze Wand zu dem sternbedeckten Himmel erhob.

Hier ist das Kleid des Rubers! rief Carl triumphirend, als Turner das
Thor ffnete und die beiden Jger einlie.

Also wirklich! entgegnete Turner, freudig berrascht. Ich hatte meine
groen Zweifel, ob es Euch gelingen wrde, seiner habhaft zu werden. Kommt
herein, auch die Andern werden sich freuen.

Carl hatte dem Neger die Haut abgenommen und trug sie stolz in das Zimmer,
wo er sie auf dem Boden ausbreitete.

Das ist ja ein ungeheures Fell, es ist ber sechs Fu lang, sagte Turner,
indem er erstaunt die Haut betrachtete.

Und wie prchtig ist es gezeichnet, und wie glnzend und glatt ist das
Haar, fiel Madame Turner ein.

Er holt uns keine Klber wieder, sagte Carl und erzhlte nun den Hergang
der Jagd.

Das war ja aber eine groe Gefahr, der Du ausgesetzt warst, Carl; wie
leicht htte Dich das Thier verletzen knnen. Du mut Dich wahrhaftig mehr
in Acht nehmen, Du bist zu dreist, fiel Madame Turner mit liebevollem Tone
ein und strich dem Knaben die wild um seinen Kopf hngenden weichen Locken
zurck.

Dreist ist schon gut, nur mu die nthige Vorsicht und Ueberlegung damit
gepaart werden, versetzte Turner; httest Du Dich vorsichtig auf den
Baum gehoben, so httest Du unbemerkt dem Jaguar wohl Deinen zweiten Schu
anbringen knnen, und Du wrest nicht in dem Stamme versunken.

Aber, lieber Onkel, wer konnte denn denken, da der Baum inwendig aus
lauter Pulver bestand, entgegnete Carl, und zeigte nun die Krallen, die
er dem Thiere abgeschnitten hatte. Dann mute Pluto herbeitreten und seine
Wunden in Augenschein nehmen lassen, wofr er von Madame Turner mit einem
Ueberreste von einer Hirschkeule belohnt wurde.

Aber, Carl, wie siehst Du denn aus -- Dein Rock hngt ja in Fetzen um
Dich, sagte Julie, als dieser dem Lichte nher trat; hat ihn Dir der
Jaguar zerrissen?

O nein, der ist so nahe nicht an mich gekommen; die Dornen haben es
gethan, als wir in der Dunkelheit durch den Wald gingen, entgegnete Carl,
indem er vor den Spiegel trat und die vielen Oeffnungen in seinem Rocke
betrachtete, durch welche das weie Hemd hervor schien.

Ich werde morgen Hirschhute gerben, aus denen wir uns Kleidung machen
wollen, denn aller andere Stoff hlt auf der Jagd nicht aus. Auch _meine_
Jacke hat diesmal groe Noth gelitten, fiel der Neger ein und verlie
mit den Worten das Zimmer: Ich will schnell noch die Hute der zuletzt
geschossenen Hirsche in das Wasser legen, damit sie weich werden.

Bald kehrte er zurck und nahm mit Turners am Tische Platz, um das
Abendbrod zu verzehren. Nachdem dies geschehen war, griff ein Jedes wieder
zu einer Arbeit, und Daniel kam heute mit der Anfertigung des Pulverhorns
und des Trinkbechers zu Ende, welche er Carl berreichte, als sie sich
erhoben, um sich zur Ruhe zu begeben. Beide Hrner waren uerst sauber und
geschmackvoll gearbeitet und machten Carl auerordentlich groe Freude.
Er dankte dem freundlichen Neger von ganzem Herzen und wnschte nur eine
Gelegenheit zu finden, ihm gleichfalls eine Freude bereiten zu knnen.




Abschnitt 5.

  Lederbereitung. -- Die Poolkatze. -- Bffeljagd. -- Der Lasso. -- Die
  wilden Bienen. -- Weihnachtsabend. -- Vorsichtsmaregeln. -- Der Mais.
  -- Die Biber. -- Der Alligator. -- Die Wacoindianer.


Am folgenden Morgen holte Daniel die Hirschhute aus dem Flu und rief Carl
zu sich, um ihm zu zeigen, in welcher Weise sie zu bereiten seien. Er
hatte zu diesem Zwecke mehrere Hirschkpfe aufbewahrt, schnitt auch den des
Jaguars aus dessen Haut, und nahm nun aus smmtlichen Schdeln das Gehirn
heraus. Er mischte dasselbe in einem Gefe mit Wasser zu einem dnnen
Brei, und nachdem er die Hirschhute auf ein von der Rinde entbltes Stck
Baumstamm gelegt und mit einem Ziehmesser von allen Fleischtheilen und von
den Haaren gereinigt hatte, bestrich er sie mit diesem Brei, faltete sie
dann mehrere Male zusammen und legte schwere Steine darauf. Die Jaguarhaut
behandelte er ebenso, nur lie er das Haar auf ihr sitzen. In dieser Weise
lie er sie bis zum folgenden Morgen liegen, wusch sie dann im Flusse
sauber aus und hing sie im Schatten auf. Noch ehe sie aber ganz trocken
wurden, nahm er sie ab, um sie trocken zu reiben. Er hatte zu diesem Zwecke
ein breites Brett in die Erde eingeschlagen, dessen in die Hhe stehendes
Ende zugeschrft und nach den Seiten hin abgerundet war. Auf diese nach
oben stehende Schrfe legte er nun eine Haut und zog dieselbe darauf von
einer Seite nach der andern hinunter, wobei er alle Kraft anwandte, um die
Fasern derselben auseinander zu dehnen.

Die Haut wurde hierdurch sehr geschmeidig und weich, besonders nachdem
Daniel sie zuletzt noch zwischen seinen Hnden ganz trocken gerieben hatte.
Die Hirschfelle verarbeitete er auf beiden Seiten auf dem Holze, whrend er
die Jaguarhaut nur auf der Fleischseite rieb, da sie ja das Haar behalten
sollte. Nun war das Leder fertig und so zart und wei, wie es ein
Weigerber nicht schner machen konnte. Damit es aber durch Nawerden nicht
wieder zusammenschrumpfen und hart werden sollte, wurde es geruchert. Dies
vollbrachte Daniel dadurch, da er ein zwei Fu tiefes Loch in die Erde
grub, dessen obere Oeffnung die Gre der Haut hatte. Er entzndete nun in
der Vertiefung ein Feuer, warf eine Menge faules Holz darauf, so da es nur
kohlte und stark rauchte, und spannte die Haut glatt darber aus, indem er
sie mit hlzernen Ngeln rundum auf den Erdboden festnagelte. Von Zeit zu
Zeit lftete er das Fell, um das Feuer mit faulem Holze zu versehen, und
lie in dieser Weise das Leder ganze zwlf Stunden ruchern, wodurch es
eine schne goldbraune Farbe bekam und vor allem Hartwerden fr immer
gesichert ward. Madame Turner schnitt nun aus dem Leder zwei Jacken,
eine fr Carl und die andere fr Daniel, und bergab sie Julie zum Nhen,
whrend sie sich des Abends selbst bei dieser Arbeit betheiligte.
In gleicher Weise wurden auch bald fr die beiden Jger Beinkleider
angefertigt, so da sie auf ihren Streifzgen nicht mehr so sehr durch die
Dornen zu leiden hatten, und auch fr Arnold und Wilhelm verfertigte Madame
Turner und Julie solche Lederanzge. Die Jaguarhaut war Carls Stolz, sie
prangte von nun an auf seinem Sattel als Decke und gewhrte ihm durch ihr
kurzes strammes Haar, welches den Tiger von dem Leoparden unterscheidet,
einen ebenso sichern als khlen Sitz.

Turner war tglich bemht, seine beiden Knaben gleichfalls in dem Gebrauch
der Waffen zu ben, er lie sie nach einem Ziel schieen, und sie muten
sich auch an Wild versuchen, wenn dasselbe in die Nhe des Forts kam. Beide
Knaben schossen schon sehr sicher, sowohl mit der Bchse, als auch mit dem
Revolver, und beide hatten schon verschiedenes Wild erlegt. Carl dagegen
bte sich, so oft es seine Zeit erlaubte, in dem Gebrauch des Lasso's,
einem aus Bffelhaut verfertigten dreiig Fu langen Strick, an dessen
Ende sich eine Schlinge befand. Die Kunst, den Lasso zu gebrauchen, besteht
darin, da man die Schlinge auf die Entfernung der Lnge des Strickes einem
Thiere ber den Kopf wirft, um dasselbe darin zu fangen. Carl bte sich
an leblosen Gegenstnden, mitunter aber muten auch Arnold und Wilhelm die
Stelle des Wildes vertreten, und im vollen Laufe hinter ihnen her, gelang
es ihm hufig, ihnen die Schlinge ber den Kopf zu werfen, was dann stets
einen groen Jubel veranlate. Geschickte Lassowerfer aber, wie Daniel
einer war, sind sogar im Stande, ein flchtiges Thier an einem beliebigen
Fu zu fangen, indem sie die Schlinge gerade auf den Fleck auf die Erde
werfen, wo das Thier den Fu hinsetzen wird, worauf sie den Strick rasch
an sich ziehen und die Schlinge sich um den Fu zuzieht. Daniel hatte von
Warwick einen alten Lasso geschenkt bekommen, wollte aber, sobald ihm die
Arbeit Zeit gestatten wrde, einige Bffel tdten und aus ihren Huten
Lasso's fr sich und fr Carl anfertigen.

Die Arbeiten bei und in dem Fort waren vor der Hand beendet, der Garten
lieferte die herrlichsten Gemse und war mit den wundervollsten Blumen
geschmckt, welche Carl und Daniel bei ihren Jagdausflgen aus dem Walde
und aus der Prairie mitgebracht hatten; es waren Lorbeerbume, Magnolien,
Maulbeer- und Pflaumenbume hineingepflanzt, ber der Quelle im Fort war
ein Milchhaus erbaut und mit Schilf dicht behangen, so da die Sonne keinen
Einflu auf dessen innere Khle ausben konnte, und an den beiden vorderen
Ecken des Forts waren die Pallisaden in der Form von Thrmchen vorgebaut
worden und Schieffnungen darin angebracht, so da man aus ihnen die Wnde
der Festung beschieen konnte.

An einem khlen Decembermorgen zeigten sich viele Bffelheerden auf der
Prairie und Daniel schlug vor, zu Pferde eine Jagd auf sie zu machen,
theils um einige Hute zu bekommen, theils aber auch, um Fleischvorrath
einzusalzen und zu ruchern, weil jetzt in der khlen Jahreszeit dies mit
weniger Gefahr vor Verderben geschehen konnte. Carl, der sich schon lange
auf eine solche Jagd gefreut hatte, war sofort bereit, die Pferde wurden
gesattelt, das Riemenwerk noch genau nachgesehen, ber die Jaguarhaut wurde
noch besonders ein Gurt geschnallt, und kaum hatte die Sonne ihr neues
Licht ber die in ihrer Winterflur bunt schimmernde Prairie ausgebreitet,
als die Jger ihre muthigen Rosse den Hgel hinab in das hohe Gras lenkten.
Turners standen vor dem Thore und winkten den Reitern noch so lange nach,
bis dieselben zwischen den einzelnen Baum- und Gebschgruppen, die sich
wie Inseln hier und dort aus der Prairie erhoben, vor ihren Blicken
verschwunden waren.

Turner hatte sich in den Garten begeben, seine Frau und Tochter waren zu
ihren huslichen Arbeiten zurckgekehrt, und die beiden Knaben wollten
nach dem Boote gehen, um mit der Angel dort einige Fische zu fangen.
Pluto begleitete sie und sie hatten das Ufer noch nicht erreicht, als sie
pltzlich ein Thier vor sich im Grase gewahrten, welches die Gre einer
Katze hatte und glnzend schwarz und blendend wei vom Kopf nach dem
Hintertheil gestreift war. Die Knaben sprangen darauf zu, um das Thier zu
fangen, welches jedoch statt zu fliehen, seinen mit fulangen weien Haaren
bewachsenen Schwanz ber seinen Rcken legte und sich ganz mit demselben
bedeckte. Die Knaben wollten das ihnen unbekannte Thier lebendig mit
nach Hause nehmen und riefen Pluto zu sich, doch dieser fiel zornig ber
dasselbe her und wollte es mit den Zhnen erfassen. Das Thier aber bi ihn
gewaltig in die Nase, so da der Hund mit einem Klagelaut zurcksprang,
zugleich aber wandte es sich mit seinem Hintertheil nach ihm hin, und
spritzte mit seinem Urin eine stinkende Flssigkeit, welche es in einer
Drse bei sich trgt, ber ihn und ber die beiden Knaben aus. Ein
furchtbarer, Ekel erregender Geruch erfllte sofort die Luft, der erzrnte
Pluto jedoch fiel abermals ber das Thier her und bi es todt. Die Knaben
eilten von ihm weg, weil sie den Geruch nicht ertragen konnten, Pluto aber,
mit dem Thier zwischen den Zhnen, folgte ihnen, und so kamen sie denn
smmtlich bald darauf in der Stube bei Madame Turner an, wo der Hund seine
Beute niederlegte.

Um des Himmels willen, was ist das fr ein schrecklicher Geruch, den Ihr
mir in das Zimmer bringt? rief Madame Turner entsetzt aus, denn die Luft
im ganzen Hause schien in dem Augenblick verpestet zu sein.

Es ist das Thier, Mutter, welches so riecht, riefen die Knaben, nach der
Thr springend, um dort frischen Athem zu schpfen.

So schafft es mir aus dem Hause, es ist ja frchterlich, abscheulich, rein
um ohnmchtig zu werden! rief Madame Turner ganz auer sich, indem sie
gleichfalls, so wie auch Julie zur Thr hinaus flchtete. Pluto folgte
ihnen mit einem sehr betrbten Gesichte, denn er wurde elend und mute sich
bergeben.

Das ist ja doch rein zu arg, Ihr Jungen, mir einen solchen Geruch in das
Haus zu bringen; gleich holt das abscheuliche Thier heraus, sagte Madame
Turner sehr aufgebracht; doch die Knaben wollten nicht wieder in das Zimmer
gehen, weil sie sich schon sehr unwohl fhlten. Madame Turner lief jetzt in
das Thrmchen, an dessen Auenseite sich der Garten befand, und rief durch
eine Schiescharte ihrem Gatten zu, da er in das Fort kommen mge. Mit
der grten Verwunderung hrte er bei seinem Eintritt, was sich zugetragen
hatte, und ging lachend mit den Worten nach dem Hause:

Ihr seid wohl Alle nrrisch geworden! doch kaum trat er in die Thr, als
er selbst vor der Luft, die ihm entgegenkam, zurckprallte. Dann sprang
er aber schnell in das Zimmer, ergriff die Feuerzange, fate damit das
schreckliche Thier und schleifte es heraus und aus dem Fort nach dem Ufer,
wo er es in den Flu hinabschleuderte.

Nein, so Etwas ist mir denn doch auch im Leben noch nicht vorgekommen,
sagte er, als er in das Fort zurckkehrte; wie bekommen wir nur den Geruch
wieder aus dem Zimmer?

Er ergriff darauf einen Spaten, eilte in das Haus und stach die Erde von
dem Fleck, wo das Thier gelegen hatte, denn das Zimmer war noch nicht mit
einem Fuboden versehen. Nachdem er dieselbe in den Flu geworfen hatte,
nahm er einige Feuerbrnde aus dem Kamin, legte sie in der Mitte der Stube
auf die Erde und trug faules Holz darauf, so da der Raum bald dicht mit
Rauch angefllt war.

Die Thr und Fenster wurden geschlossen, und als man sie nach Verlauf von
einer Stunde wieder ffnete und den Rauch hinausziehen lie, hatte sich
auch der Geruch, den das Thier hinterlassen hatte, sehr gemildert.

Whrend dieser Zeit ritten die beiden Jger lustig durch die bunten
Blumenfelder der Prairie und nherten sich einer groen Bffelheerde,
welche in einer Vertiefung weidete. Dort war das Gras auerordentlich hoch,
so da die riesigen Thiere kaum mit dem Rcken aus demselben hervorsahen,
und ihre Kpfe tief in ihm vergraben waren. Daniel hatte sie aber schon auf
eine weite Entfernung erkannt, und whlte sie vorzugsweise zur Jagd, weil
er hoffte, sich ihnen unbemerkt nahen zu knnen und dadurch den Pferden
die Anstrengung zu ersparen, sie in vollem Laufe einholen zu mssen. Andere
Heerden, die links und rechts weideten, gewahrten die Reiter frhzeitig und
flohen in eiligem Galopp davon.

Wenn ein recht feister Bulle dabei ist, so wird er bald hinter der Heerde
zurckbleiben, da ihm das gewaltige Laufen den Athem nimmt, und dann will
ich Ihnen einmal zeigen, wie man einen Bffel ohne Schuwaffe tdten kann,
sagte Daniel zu seinem jungen Freunde.

Beugen Sie sich auf den Hals Ihres Pferdes nieder, damit wir, ohne gesehen
zu werden, so nahe wie mglich an die Heerde gelangen; wir ersparen dadurch
unseren Rossen groe Anstrengung.

Carl that wie ihm Daniel rieth, und so kamen sie den sorglosen Bffeln bald
sehr nahe, von denen her der frische Wind den Jgern entgegen zog und sie
khlend umwehte.

Die Prairie hob sich hier wellenfrmig auf und nieder, und die Reiter
suchten immer in der Vertiefung zu bleiben, die sie jetzt in das kleine
Thal fhrte, in welchem die Bffel grasten. Es lagen kaum noch funfzig
Schritte zwischen ihnen und den Thieren, da hoben mehrere derselben die
finster umlockten Kpfe aus dem Grase empor und schauten verwundert nach
den Reitern hin.

Hurrah! schrie Daniel jetzt mit seiner gewaltigen Stimme und Hurrah
lie auch Carl die seinige mit aller Kraft ertnen, und Beide gaben ihren
Rossen Zgel und Sporen. Das ganze Thal ward in dem Augenblicke lebendig,
das Gras theilte sich und wogte verworren hin und her, wohl vierhundert
Bffel rannten in wilder Bestrzung durcheinander hin, wie Donner erdrhnte
die Erde unter ihren Fen, und eng zusammengedrngt jagten sie in
schwerflligem Galopp der nchsten Hhe zu. Die ganze Heerde, die fliegend
ber die Grasflur dahineilte, war in der dichten, um sie aufwirbelnden
Staubwolke verschwunden, whrend die Jger ihr auf den flchtigen Rossen in
Carriere folgten. Die gellenden Jagdrufe der Reiter schienen die Thiere zu
immer schnellerer Flucht anzutreiben und ihre Angst zu steigern, die
sie durch wildes verworrenes Brllen zu erkennen gaben. Fort ging es in
Sturmeslauf Hgel auf, Hgel ab, ber steinige Hhen, durch mannshohes
Gras in den Thlern, ber umgefallene Baumstmme, durch breite, tiefe
ausgetrocknete Wassergrben, ohne Rast, ohne Aufenthalt, umsaust von dem
strmischen Tumult der Jagd, so wie eine Windsbraut ber die Erde fliegt.
Wohl mehrere Meilen weit jagte die Heerde dem frischen Winde gerade
entgegen, so da derselbe den Jgern die Staubwolke zuwehte, die unter den
Fen der Thiere aufstieg; jetzt aber wandten diese sich mehr zur Seite,
und ihre riesigen, von fliegenden Mhnen umwogten dunkeln Krper wurden
in dem seitwrts verwehenden Staube wieder sichtbar. Der Anblick der Jger
aber mehrte das Entsetzen der Bffel, ihre Flucht wurde immer rasender
und die schwersten, die feistesten unter ihnen begannen, hinter der Heerde
zurckzubleiben. Namentlich einem alten Bullen schien der tolle Lauf
beschwerlich zu werden, seine Flanken hatten sich mit weiem Schaum
bedeckt, keuchend lie er seine brennend rothe Zunge ber den langen Bart
seines Unterkiefers herabhngen und mit wuthblitzenden glhend gertheten
Augen blickte er seitwrts nach seinen Verfolgern. Mehr und mehr entfernte
sich die Heerde von ihm, und vergebens waren seine Anstrengungen, ihr nahe
zu bleiben, sein Lauf wurde immer schwerflliger, seine Sprnge wurden
krzer, und mit dumpfem zornigen Gebrll schttelte er wiederholt die
schwarzbraunen glnzenden Mhnen. Dennoch blieb er im Galopp und folgte auf
dem niedergetretenen Grase der Spur seiner davoneilenden Kameraden.

Da sprengte Daniel mit gellendem Jagdruf nher zu diesem Bffel heran,
er hob sich strack in den Steigbgeln auf, schwang mit der Rechten den
gelsten Lasso hoch ber sich im Kreise durch die Luft, und schleuderte
die Schlinge sausend auf das Gras hinab vor das flchtige Thier, welches
im Sprunge seinen linken Vorderfu in dieselbe niedersetzte. In derselben
Secunde zog Daniel den Lasso zurck, denn er hatte sein Pferd zur Seite
gewandt, und die Schlinge zog sich um den Fu des Bffels fest. Hoch bumte
sich jetzt das pltzlich parirte Pferd des Negers und der Bffel, in seinem
Sturmlauf an dem Fue zurckgehalten, strzte ber Kopf donnernd zu
Boden, da die Erde unter ihm erzitterte. Das ungeheure Thier lag mit
emporgestreckten Gliedern auf dem Rcken und mit Blitzesschnelle spornte
der Neger sein wild aufgeregtes Ro im Kreise um dasselbe und wand, noch
ehe der Bffel sich erheben konnte, das starke lederne Seil um dessen vier
Beine.

Mit jedem Kreise, den er um das Thier beschrieb, zog er dessen Glieder
fester zusammen, whrend der Gefangene die Luft mit seinem Gebrll
erfllte.

Wuthschumend warf er sich hin und her, und ri und dehnte den Lasso
mit seinen Riesenkrften, whrend er mit den scharfen Hrnern den Boden
zerwhlte.

Wir haben ihn, wir haben ihn! rief Carl triumphirend aus, und sprengte
sein entsetztes Ro nher zu dem gegen seine Fesseln kmpfenden Kolo
hinan, als Daniel ihm zurief:

Zurck, zurck, nehmen Sie sich in Acht, das Seil hat nicht gut gefat, er
kommt wieder los. Zugleich lie er sein Pferd rckwrts schreiten, um
den Strick, welcher mit dem Ende an dem Sattelknopf befestigt war, fester
anzuziehen; der Bffel aber zuckte und schlug so gewaltig mit seinen
Gliedern, da er das Seil ber seine Kniegelenke streifte und pltzlich
alle vier Beine aus dem Gewinde befreite. Daniel warf sein Ro zur Seite,
um davon zu jagen und so den Bffel abermals an dem gefangenen Fue
niederzureien; derselbe aber war mit ebenso groer Schnelligkeit
aufgesprungen und strzte jetzt mit entfesselter Wuth seinem Gegner nach.
Das Gras war hier ungewhnlich hoch und hemmte die Flucht des Pferdes,
whrend dieses fr den Bffel die Bahn brach und derselbe mit grerer
Leichtigkeit folgen konnte. In tollem Laufe sausten sie vorwrts, ohne
einander nher zu kommen, oder sich weiter von einander zu entfernen;
ein Fehltritt des Rosses aber wrde diesem und seinem Reiter sicher einen
schnellen Untergang bereitet haben. Kaum gewahrte Carl jedoch die Gefahr,
in der sein Freund schwebte, als er dem Falben die Sporen in die Flanken
stie und in fliegender Carriere an die rechte Seite des Bffels sprengte.
In gestrecktem Laufe richtete er die Bchse auf die Schulter des wthenden
Thieres und feuerte beide Lufe auf dasselbe ab. Im Augenblick wandte
es sich nach seinem neuen Gegner, doch der Sprung zur Seite streckte den
Lasso, der seinen Fu gefangen hielt, und das Pferd des Negers ri den
Bffel abermals daran zu Boden. Daniel war darauf vorbereitet und wandte
sein Ro geschickt und schnell dem Gefangenen zu, den er nun wieder
umkreiste und ihn mit dem Lasso umwand. Diesmal gelang es ihm, die Glieder
des Bffels so fest damit zusammenzuschnren, da dessen Anstrengungen
dagegen erfolglos blieben und derselbe sich bald in sein Schicksal ergab.
Seine Krfte nahmen auch rasch ab, denn die beiden Schsse Carls waren
tdtlich und lieen das Thier sich schnell verbluten.

Das htte bs fr mich ausfallen knnen, sagte Daniel, indem er vom
Pferde sprang und demselben die Vorderfe zusammenband; es war ein
Uebermuth von mir, denn wir htten ja den Bffel mit halb so vieler Mhe
erschieen knnen; ich wollte Ihnen aber doch zeigen, da man auch ohne
Schuwaffen ein solches riesiges Thier erlegen kann. Sie haben mir in der
That das Leben gerettet; denn htte mein Pferd auf den Lasso getreten,
so mute es mit mir zusammenstrzen und dann wrde dies wohl meine letzte
Bffeljagd gewesen sein. Ich versuchte, den Lasso von dem Sattelknopf zu
lsen, konnte aber den Knoten whrend des Jagens nicht ffnen. Nun wollen
wir eine Fahne ber dem alten Burschen aufrichten und schnell nach Hause
reiten, um sein Fleisch zu holen; er ist unglaublich feist.

Hiermit sprang der Neger nach einem nahestehenden Mosquitobaum, hieb mit
dem Jagdmesser einen langen Ast davon ab, band an dessen Spitze ein rothes
seidenes Halstuch, welches er zu diesem Zwecke mitgebracht hatte, und
pflanzte die Fahne ber dem Bffel auf, so da der krftige Wind sie
flatternd ber demselben entfaltete. Carl hatte whrend dieser Zeit seine
Bchse wieder geladen, und nun bestiegen die Jger abermals ihre Rosse und
lenkten sie eilig nach dem Fort zurck, wo sie noch vor Tisch anlangten.

Hallo -- hier ist eine Poolkatze gewesen! rief Daniel, als sie das Thor
der Festung erreichten, wo ihnen der immer noch starke Geruch des durch
Pluto getdteten Thieres entgegenkam. Auch in dem Hause war derselbe noch
nicht ganz beseitigt, und Daniel unterrichtete nun seine Freunde, da das
Thier eine Poolkatze oder Stinkthier gewesen sei, eine Art Iltis,
welcher sich gegen seine Feinde durch Ausspritzen des stinkenden Saftes
vertheidige.

Das Mittagsessen wurde nun schnell eingenommen und darauf der leichte Wagen
bespannt, um das Fleisch des erlegten Bffels herbeizuschaffen. Carl fuhr,
und Daniel folgte ihm zu Pferde. Bald sahen sie die rothe Fahne im Winde
flattern, und ber ihr viele hunderte von Geiern die Luft durchschwrmen,
die sich nicht in die Nhe des rothen Tuches wagten. Als sich die Jger
nherten, ergriffen auch viele Wlfe die Flucht, die sich in einiger
Entfernung um den Bffel gesammelt hatten, aber gleichfalls durch das
wehende Tuch von ihm zurckgehalten worden waren.

Daniel band sein Pferd an den Wagen und beeilte sich nun, mit Carls Hlfe
dem Bffel die prchtige Haut abzunehmen. Dann wurde derselbe ausgeweidet,
in Stcke gehauen und dieselben auf den Wagen gehoben. Das Fleisch war
ganz mit goldgelben Fettadern durchwachsen und Daniel erklrte, da man nur
selten einem so auerordentlich feisten Bffel begegne. Kaum hatten sich
die Jger einige hundert Schritte von den zurckgelassenen Ueberresten
des Thieres entfernt, als die Geier sich zu Hunderten aus der Luft
herabschwangen und sich auf dieselben niederlieen. Die Fahrt ging des sehr
hohen Grases wegen nur langsam von Statten und nicht in gerader Richtung
nach dem Fort zurck, weil Carl sich auf den Hhen zu halten suchte, wo das
Gras weniger hoch war. Sie naheten sich einer der Waldinseln, die hier
in der Prairie zerstreut lagen, als Daniel, der etwas seitwrts vom Wagen
ritt, pltzlich sein Pferd diesem zulenkte und zu Carl sagte: Halten
Sie an, dort hinter der Insel stehen mehrere Bffel, denen Sie sich mit
leichter Mhe auf Schuweite nhern knnen. Die schne Haut, welche wir
im Wagen haben, mchte ich nicht gern zu einem Lasso zerschneiden, es wre
schade dafr. Schieen Sie einen von jenen Bffeln, damit wir noch eine
Haut bekommen. Schnell, eilen Sie in das Holz, ich will bei den Pferden
bleiben.

Hiermit stieg der Neger ab und fhrte sein Ro zu den Wagenpferden, whrend
Carl von seinem Sitze sprang und eilig durch das hohe Gras der Waldinsel
zulief. Dieselbe bestand aus hohen prchtigen Eichen, Tulpenbumen,
Platanen und Ahornen, deren Stmme sich aus ppigem dichten Gebsch
erhoben, whrend das ganze Wldchen nur einige hundert Schritte im Umfang
ma. Carl hatte bald das Dickicht erreicht, und schlich sich vorsichtig
durch dessen tiefes Dunkel der andern Seite zu. Es lag viel trockenes
Reisig auf dem Boden, auf welches zu treten er sorgfltig vermied, um sein
Nahen den Bffeln nicht zu verrathen, und je nher er dem Waldsaume kam, um
so behutsamer setzte er den Fu an die Erde. Bald aber gelangte er hinter
den letzten Bschen an den Stamm einer alten Eiche, und blickte neben ihm
hinaus in die Prairie. Ein freudiger Schreck durchzuckte ihn, denn nur
wenige Schritte vor ihm standen fnf kolossale mnnliche Bffel in dem
hohen Grase und schauten regungslos in das Dickicht. Sie muten doch Etwas
gehrt haben, welches ihnen verdchtig schien, denn sie verwandten keinen
Blick von der Richtung, in welcher Carl stand. Dieser aber war durch die
Eiche verdeckt und hob mit der grten Vorsicht die Bchse an die Schulter;
dann beugte er sich langsam auf die Seite des Stammes und richtete den Lauf
auf eines der riesigen Thiere. Die groe Nhe desselben erfllte ihn mit
einem unheimlichen Gefhl, er kam sich selbst so klein, so winzig gegen
dieses Ungeheuer vor, und er dachte daran, da _ein_ Futritt desselben ihn
zermalmen wrde. Es war aber nur ein Augenblick des Bangens, dann gab er
Feuer. Der Donner der Bchse und das Getse, mit welchem die Bffel in das
Dickicht hereinstrzten, betubten Carl, er drckte sich fest hinter den
Eichenstamm und fhlte denselben erbeben, als die Riesenthiere an ihm
vorberschossen und im Dunkel des Wldchens verschwanden. Er hrte ihre
drhnenden Schritte weithin verhallen, zugleich aber vernahm er in dem
Dickicht ein Rauschen und Schlagen und Brechen, welches auf ein und
demselben Platze ertnte. Carls Herz schlug hoch vor Freude, denn dies
Getse mute von dem verwundeten Bffel verursacht werden. Er wollte schon
in das Dickicht hineinspringen, da fiel ihm der Jaguar ein und die Gefahr,
in welche er damals gerathen war. Er eilte nun hinaus in die Prairie und um
die Waldinsel, bis er Daniels ansichtig wurde, der ihm schon mit dem Wagen
entgegen kam und ihm zurief: Haben Sie einen geschossen?

Wie viele Bffel hast Du fortrennen sehen? fragte ihn Carl.

Vier Stck, entgegnete der Neger.

So habe ich einen erlegt, denn es waren ihrer fnf und ich hrte es eben
noch im Walde schlagen. Wollen wir hineingehen?

Lassen Sie mich dies thun und bleiben Sie bei den Pferden; ein
angeschossener Bffel ist ein gefhrlicher Gesellschafter.

Carl trat nun zu den Pferden und Daniel schlich sich mit der Bchse in der
Hand in das Dickicht hinein. Nach wenigen Augenblicken aber rief er jubelnd
aus: Hier liegt er mausetodt, Sie haben ihn durch das Herz geschossen.

Gleich darauf trat der Neger wieder aus den Bschen hervor, band die Zgel
der Pferde an einen Baum und begab sich dann mit seinem jungen Freunde zu
dem erlegten Bffel, um sich der Haut desselben gleichfalls zu bemchtigen.
Auer dieser wurden noch die besten Stcke Fleisch, die Zunge und die
Markknochen von dem Thiere auf den Wagen gebracht, und dann setzten die mit
reicher Beute versehenen Jger ihren Heimweg fort. Die Sonne war schon
im Scheiden, als sie das Fort erreichten und dort freudig bewillkommnet
wurden.

Am folgenden Morgen gab es nun viele Arbeit im Fort. Turner und dessen Frau
und Tochter zerlegten das Fleisch und salzten es ein, einen Theil davon
aber hingen sie, in dnne Scheiben zerschnitten, auf Stcken ber ein
stark rauchendes Kohlenfeuer, wo auch die Sonnenstrahlen darauf einwirken
konnten, um es schnell zu trocknen. Daniel und Carl nahmen die
beiden Bffelhute vor und reinigten sie mit dem Ziehmesser von allen
Fleischtheilen, welche noch an der Haut saen; dann bestrichen sie die
schnste derselben mit dem Gehirn der beiden Bffel und falteten sie
zusammen, um sie am folgenden Tage zu gerben; die zweite Haut aber legte
Daniel mit dem Haar nach unten auf einen ganz ebenen Platz, und nagelte sie
auseinandergespannt mit hlzernen Pflcken auf die Erde fest. Dann stach
er sein sehr scharfes Messer in die Mitte derselben ein, drehte es in einen
kleinen Halbzirkel, so da er die Haut hier fassen konnte, und begann nun
einen zollbreiten Streifen aus derselben zu schneiden, indem er ihn mit der
linken Hand an sich zog und ihn im Kreise immer weiter aus der Haut lste,
bis er endlich die Holzpflcke erreichte und das ganze Fell in einen,
mehrere hundert Fu langen Streifen zerschnitten war. Dieses Band wurde nun
zwischen einzelnstehenden Bumen von einem Stamme zum andern ausgespannt
und die Haare davon mit scharfen Messern abgeschabt. Auer Carl muten
Arnold und Wilhelm dem Neger bei dieser Arbeit behlflich sein, und nachdem
sie sauber vollendet war, wurden schwere Holzstcke an den Hautstreifen
gehangen, damit derselbe sich so lang als mglich ausdehne. Dabei wurde
er na erhalten und am folgenden Morgen in fnf gleich lange Stcke
zerschnitten. Dieselben rollte Daniel zu Knueln auf, band deren Enden
zusammen und hing sie an den Ast eines Baumes. Nun begann er, diese
fnf Streifen fest zusammen zu flechten, so da er einen Strick daraus
bereitete, der ber vierzig Fu lang war. Denselben spannte er abermals
zwischen zwei Bumen aus, rieb ihn tchtig mit Brl ein und hing schwere
Gewichte daran, um ihn mglichst auszudehnen, wodurch er dnn und rund
wurde und die einzelnen Streifen sich fest ineinander zogen. Nachdem
dieses Lederseil mehrere Tage so ausgespannt und vollkommen getrocknet war,
verflocht Daniel das eine Ende desselben zu einer Schlinge, wodurch
der Lasso fertig wurde. Er war sehr glatt und geschmeidig und von
auerordentlicher Strke. Die andere Bffelhaut hatte Daniel gegerbt,
sie war weich und zart, wie ein Tuch, und gab fr Carl eine prchtige
Bettdecke.

Eines Morgens beim Frhstck, als Madame Turner das Gef mit Honig auf den
Tisch setzte, welchen sie zum Versen des Kaffee's von Warwicks erhalten
hatte, sagte sie: Hier ist aber der letzte Honig, wir mten einmal
versuchen, ob wir nicht von Warwicks welchen kaufen knnten.

Honig kaufen? rief Daniel lachend, das wre schn -- wir wohnen ja in
dem Lande, wo Honig fliet. Nein, Madame Turner, Sie brauchen deshalb nicht
zu Warwicks zu schicken, ich will Ihnen sogleich so viel holen, wie Sie
bedrfen. Geben Sie uns nur einige Eimer, und in ein paar Stunden sollen
dieselben mit Honig gefllt sein.

Madame Turner hielt Daniel beim Wort, und nach dem Frhstck nahm er die
drei Knaben mit sich nach dem Ufer des Flusses, wo dasselbe sich sandig
abflachte. Dort setzte er sich nieder und hielt seinen Blick auf den
Wasserrand geheftet. Nach wenigen Minuten schon kamen mehrere Bienen
geflogen und lieen sich zum Trinken an dem Wasser nieder. Als sie sich
wieder in die Luft erhoben, folgte Daniel ihnen mit dem Blick, so weit
er sie sehen konnte, ging dann bis dorthin und steckte einen Stock in die
Erde, auf welchem er ein mit Honig bestrichenes Papier befestigt hatte.
Nach kurzer Zeit fielen mehrere Bienen auf dasselbe nieder und beluden sich
schnell mit der Sigkeit. Als sie nun wieder davon flogen, folgte ihnen
Daniel abermals mit dem Stock und pflanzte denselben da auf, wo er sie
zuletzt gesehen hatte. So ging es nun wohl eine Viertelstunde weit am
Waldsaume hin, bis die Bienen, deren Zahl sich schnell vermehrt hatte, sich
von dem Papier nach einer alten Platane wandten, die an dem uersten Ende
des Waldes stand.

Dort in jenem Baume wird wohl ihre Wohnung sein, sagte Daniel, indem er
nach der Platane ging und deren Aeste betrachtete.

Richtig, da oben sind sie, rief er den Knaben zu, sehen Sie den
schwarzen Fleck an jenem starken Aste? Das sind die Bienen vor dem Eingange
ihres Baues. Carl, znden Sie ein tchtiges Feuer hier an, ich will mich
auf den Baum machen und den Ast abhauen.

Der Neger warf nun den Lasso ber einen der Aeste des ungeheuren Baumes,
so da die beiden Enden an dem Stamme herunterhingen, befestigte sie um
denselben und kletterte nun an dem Seile hinauf. Dann lie er eine Leine
von oben herab, an welche die Knaben die Holzaxt binden muten, die er
daran zu sich heraufzog. Nun stieg er nahe zu dem Aste hin, in welchem
die Bienen hausten, und begann ihn dicht am Stamme abzuhauen. Es war keine
leichte Arbeit, denn der Ast hatte ber drei Fu im Durchmesser und der
Stand des Negers war unbequem, so da dieser sich oftmals ruhen mute;
dennoch begann nach einer Stunde der Ast sich zu neigen und strzte
pltzlich mit lautem Krachen zur Erde nieder. Er zerbrach im Falle in
mehrere Stcke, und die Aushhlung, in welcher der Honig sich befand, war
geffnet. Die Bienen wirbelten sich, wie eine schwarze Wolke ber ihrer
zertrmmerten Wohnung auf, und Daniel rief den Knaben zu, beim Feuer zu
bleiben, bis er hinabgestiegen sei. Er lie sich nun wieder an dem Lasso
zur Erde nieder, eilte zum Feuer und ergriff einige Feuerbrnde. Die Knaben
muten desgleichen thun, und nun trugen sie die rauchenden Stcke Holz
zu dem zerbrochenen Aste, unbekmmert um die Bienen, die denselben dicht
umschwrmten. Der starke Rauch vertrieb die erzrnten Thiere schnell, und
ihre Ruber begannen nun, mit den Messern die Wachszellen aus der Hhlung
des Astes zu schneiden und die mitgebrachten Gefe damit zu fllen. Der
Honig war so hell, wie Wasser, und von so kstlichem gewrzigen Geschmack,
da die vier Bienenjger sich whrend der Arbeit nach Herzenslust daran
labten. Sie hatten vier Eimer damit gefllt und traten schwer beladen
ihren Rckweg nach dem Fort an, wo Madame Turner durch den herrlichen Honig
freudig von ihnen berrascht wurde.

An Honig soll es nie fehlen, denn ich will mich verbindlich machen, in
ganz kurzer Zeit ber hundert Bienenstcke aufzufinden, sagte Daniel,
erfreut, seinen Freunden sich abermals ntzlich erwiesen zu haben. Es wre
aber schade, wenn wir uns die Bienen entgehen lassen wollten, denn es ist
ein krftiger junger Schwarm; wir wollen sie heute Abend einfangen und hier
beim Fort aufstellen.

Um dies auszufhren, wurde im Walde ein Stck von einem umgefallenen hohlen
Baume abgeschnitten und mit den Ochsen nach dem Fort geschleift. Dort wurde
es mit der unteren Oeffnung auf ein Brett gestellt, die obere mit einem
solchen vernagelt und ein Eingang an dem untern Rande eingeschnitten. Als
nun der Abend kam, begaben sich die Bienenjger wieder nach dem abgehauenen
Aste, wo sie die Bienen auf einen Haufen versammelt fanden. Daniel
schttete sie in einen Sack, trug sie nach dem Fort, und schttelte
sie dort in den hohlen Baumstumpf hinein, der dann wieder auf das Brett
gestellt wurde. Schon am folgenden Morgen fingen die Bienen an zu arbeiten,
und ihre neue Wohnung mit Zellen zu versehen.

Alles gedieh unter der Arbeit und der Sorge der fleiigen Ansiedler; der
Garten lieferte ihnen ununterbrochen einen Ueberflu an herrlichen Gemsen
und Frchten; die kstlichsten Melonen kamen trotz der Winterzeit zur
Reife, sehr schmackhafte Krbisse wurden geerntet und andere wegen ihrer
uern Schale gezogen, die zu Gefen aller Art benutzt wurden, und se
Kartoffeln und Erdnsse wuchsen in Menge. Auch der Viehstand hatte sich
vermehrt, es waren mehrere Klber geboren, die Sau hatte acht niedliche
Ferkel zur Welt gebracht und die Hhner waren kaum noch zu zhlen. Diese
wurden gnzlich sich selbst berlassen, sie schliefen whrend der Nacht
in den nchststehenden Bumen, brteten in den Bschen ihre Eier aus,
und fhrten dann ihre Kleinen nach dem Fort, wo eine solche Schaar jungen
Anwuchses immer freudig begrt wurde.

Das Rauchhaus war mit Fleisch gefllt, die durch Daniel und Carl
verfertigten Btten mit Salzfleisch versehen, ein groer Vorrath von Heu
war im Fort aufgestapelt, und eine zweite Ladung Mais war vom Choctawbache
herbeigeschafft worden. Die Familie Warwicks hatte Turners wiederholt
besucht, und alle deren Mitglieder freuten sich innig ber das segensreiche
Gedeihen der Ansiedelung. Warwick war jederzeit eine Gelegenheit
willkommen, wo er Turners gefllig oder dienlich sein konnte, und er
brachte ihnen bei seinen Besuchen immer irgend ein ntzliches Geschenk mit.
So hatte er ihnen einen Beutel voll Pfirsich-, Pflaumen- und Aprikosenkerne
geschenkt, um sie zu pflanzen, da in diesem Lande aus den Kernen die
vortrefflichsten Obstbume gezogen werden, und meist schon im vierten Jahre
Frchte tragen. Auch hatte er bei seinem letzten Besuche vier ausgewachsene
junge Hunde mitgebracht, damit dieselben helfen sollten, das Fort zu
bewachen.

Bei dieser Gelegenheit sprach er auch sein groes Erstaunen darber aus,
da Turners so ganz und gar von den Feindseligkeiten der Indianer verschont
geblieben waren, und erklrte, da dies zu den wirklich ungewhnlichen
Ausnahmen gehre. Er hoffte und wnschte, da diese Ruhe nicht diejenige
sein mge, welche einem schweren Sturme voranzugehen pflege, und rieth
besonders unausgesetzte Vorsicht an.

Die Weihnachten naheten und Madame Turner konnte nicht umhin, auch hier
Vorbereitungen fr das Begehen des Festes zu treffen, wie sie so oft frohen
Herzens in dem alten theuren unvergelichen Deutschland gethan hatte.

Es wurden aus dem Wachs der wilden Bienen kleine Kerzen bereitet, es wurden
Honigkuchen gebacken, zu welchem Zwecke von Warwicks ein Fchen Weizenmehl
gekauft worden war, Nsse, und zwar die allerherrlichsten, hatte der Wald
geliefert, nur der Tannenbaum, wie er in Deutschland das Weihnachtsfest
zierte, war hier nicht zu finden. Statt seiner schaffte aber Daniel einen
schnen Cederbaum an, und stellte ihn am Weihnachtsabend in einem der
Huser auf. Der Neger, der noch nie dies Fest hatte begehen sehen, der aber
so viel durch die Kinder darber erfahren hatte, freute sich selbst wie ein
Kind darauf, und konnte kaum den Abend erwarten, bis er die Lichter an dem
Baume brennen sehen wrde.

Die Nacht brach herein und Alle, bis auf Madame Turner, hatten sich in dem
Wohnzimmer versammelt, whrend diese in der Stube bei dem Baume beschftigt
war. Endlich ertnte die Schelle, die Thr in dem andern Hause ffnete
sich, der helle Kerzenschein drang aus ihr hervor, und die Kinder
strmten mit ihrem Freunde Daniel, und von Turner gefolgt, in das blendend
erleuchtete Gemach. Da hob sich der geschmckte Baum im prchtigen
Lichterglanz, Kisten mit bunten Tchern berdeckt, vertraten die Stelle
der Tische, und auf ihnen lagen Geschenke fr alle Anwesenden und standen
Teller mit allerlei Backwerk und Nssen.

Dabei war das Zimmer mit blendend weien Leinentchern behangen und mit
frischem immergrnen Laub geziert, und neben dem Kamin, in welchem ein
lustiges Feuer flackerte, stand auf einem improvisirten Tische ein
groer Suppennapf mit dampfendem Punsch, wozu Warwicks gleichfalls die
Ingredienzen geliefert hatten. Die Freude, der Jubel Aller war gro, der
Neger aber schien am Tiefsten ergriffen.

Er stand verwundert und sprachlos da, und wute nicht, wohin er seine
Blicke wenden sollte, bis Madame Turner ihn freudig bei der Hand ergriff
und ihn zu dem Tische fhrte, auf welchem seine Geschenke lagen. Sie hatte
fr ihn, so wie fr Carl, eine Weste aus Hirschleder gearbeitet und schn
mit bunter Seide gestickt, Turner hatte sich vom Choctawbache her eine
Pfeife und Taback fr ihn verschafft und auerdem ihn mit Baumwollenzeug zu
einem ganzen Anzug beschenkt. Die dankbare Rhrung des Negers berwltigte
ihn vollstndig, bebend kte er Allen die Hnde, und Thrnen der Freude
netzten seine schwarzen Wangen. Carl fand auf seinem Tische eine goldene
Uhr, welche Turner fr ihn aus Deutschland mitgebracht hatte, und eine
Menge kleiner Handarbeiten von seiner Tante und von Julie prangte daneben
im hellen Lichtscheine.

Arnold und Wilhelm waren von ihrer Mutter mit ledernen Jacken beschenkt,
die sie aus den Huten von Hirschen verfertigt hatte, welche durch die
Knaben selbst erlegt worden waren.

Wenn nun auch Manches fehlte, was in Deutschland dazu beigetragen hatte,
die Feierlichkeit und den Glanz des Weihnachtsfestes zu erhhen, so war die
Heiterkeit und das Glck der Ansiedler deswegen nicht weniger gro, und mit
wonnig bewegten Herzen gaben sie sich der Freude hin, die ihnen der heilige
Abend bot.

Er verstrich in sorgloser Frhlichkeit, und Mitternacht mahnte daran, da
es Zeit sei, sich zur Ruhe zu begeben, als die Hunde auerhalb des Forts
pltzlich ein wthendes Gebell anstimmten. Sie waren durch die, fr
sie angelegten kleinen Oeffnungen in den Pallisaden hinaus gerannt, und
schienen im Anfang ganz in der Nhe der Festung irgend einen Feind vor
sich zu haben, bald aber entfernte sich der Lrm in der Richtung nach dem
Pflaumenbache hin, wo er zuletzt verhallte.

Turner, Daniel und die Knaben hatten eilig zu ihren Waffen gegriffen, und
sich damit in dem Hofe aufgestellt.

Sie hefteten ihre Blicke gegen den nchtlichen Himmel auf die Spitzen der
Pallisaden, um etwaigen Feinden das Uebersteigen zu wehren, und lauschten
dabei auf jeden Ton nahe und fern. Bald aber kamen die Hunde smmtlich
zurck in das Fort und gaben dessen Bewohnern durch ihre Rckkehr die
beruhigende Ueberzeugung, da kein Feind sich mehr in der Nhe befinde.
Daniel bat seine Freunde dringend, sich zur Ruhe zu begeben, er selbst
wolle whrend dem Rest der Nacht im Hofe wachen, wobei Carl es sich nicht
nehmen lassen wollte, ihm Gesellschaft zu leisten.

Turners dankten ihm fr seine Liebe, seine Frsorge und gingen dann
beruhigt nach ihren Lagern, worauf Daniel die vier, von Warwick erhaltenen
Hunde aus dem Fort schickte, Pluto aber bei sich behielt. Dann setzte
er sich mit Carl auf die Bank vor dem Hause, von wo er die Pallisaden
bersehen konnte, und erzhlte seinem jungen Freunde von den vielen
blutigen Fehden, die er unter den Indianern mitgefochten hatte. Die Nacht
verstrich aber ohne alle Strung, und als der Tag kam, und Turner wieder
im Hofe erschien, ging der Neger mit Carl aus dem Fort, um sich davon zu
berzeugen, was die Ursache der nchtlichen Strung gewesen sei. Er suchte
um den Fu des Hgels in dem bethauten Gras, und erkannte bald an den
niedergebeugten und zerknickten Halmen die Spur der Hunde, wo sie ihren
Feind verfolgt hatten. Die Fhrte des Feindes selbst konnte er in dem Grase
nicht unterscheiden, er ging aber der Spur bis in den Wald am Pflaumenbach
nach. Dort wandte sich dieselbe am Holze hin und auf dem ersten Bffelpfad
in dasselbe hinein. Hier blieb Daniel stehen, gab Carl seine Bchse zu
tragen, und legte sich nun auf die Kniee nieder, um die staubige Erde auf
dem Wege zu untersuchen. Er war nur eine kurze Entfernung auf demselben
hingekrochen, als er Carl zu sich rief, und ihm den kaum sichtbaren Abdruck
eines menschlichen Fues in dem leichten Staube zeigte.

Es sind Waco- oder Tonkoway-Indianer gewesen, man kann es deutlich an der
Schrfe der dicken harten Sohlen unter ihren Mokassins erkennen, sagte er.

Diese beiden Stmme sind sogenannte Fuindianer, und zwar die einzigen,
welche diese sdlichen Lnder bewohnen, whrend alle brigen Stmme
Pferdeindianer sind, das heit, Indianer, welche ihre Jagd- und Kriegszge
zu Pferde machen und stets groe Heerden dieser Thiere auf ihren
Wanderungen mit sich fhren.

Die Pferdeindianer sind Jahr aus Jahr ein auf der Reise, sie leben
ausschlielich von der Jagd, ziehen im Frhling weit nach Norden in die
groen endlosen Prairien, den unzhligen Bffelheerden nach, und kehren
im Herbst wieder nach Sden zurck, wo die Weiden nie aufhren zu grnen.
Diese Fuindianer dagegen verlassen diese Gegend nicht, und schleichen
wie Schlangen in den Wldern und Bschen umher, weil sie mit den
Pferdeindianern in ewigem Kriege leben, und von ihnen ebenso sehr gehat
und verfolgt werden, wie von den weien Grenzansiedlern.

Sie sind smmtlich mit Feuerwaffen versehen, whrend die anderen Wilden
dieser Lnder keine solche besitzen, und darum sind sie auch viel
gefhrlicher, als diese. Wir mssen jetzt sehr auf unsrer Hut sein, denn
dies ist sicher nicht ihr letzter Besuch bei uns gewesen.

Der Neger zeigte seinem Gefhrten nun die Spur noch weiter auf dem Pfade
hin, um ihn dadurch zu unterrichten, und dann begaben sie sich nach dem
Fort zurck, um noch einige Vorsichtsmaregeln gegen solche nchtliche
ungebetene Gste zu treffen.

Dort angelangt, verfertigte Daniel aus dem Bandeisen, womit die Kisten
Turners benagelt gewesen waren, zwei weitlufige Geflechte in der Form
von Krben, welche dazu dienen sollten, Kienspne darin anzuznden und die
Umgebung des Forts bei Nacht schnell zu beleuchten. Er errichtete nun in
jeder der beiden vorderen Ecken der Pallisadenwand aus leichten Baumstmmen
hohe Galgen, und befestigte an die Spitze von deren Armen eine Rolle. Durch
diese zog er eine eiserne Kette, an deren Ende er einen der Krbe anhing,
so da man denselben daran aufziehen konnte, bis er mehrere Fu hoch ber
den Pallisaden in der Luft hing. Auf diese Weise wollte der Neger bei einer
nchtlichen Strung die ganze Umgebung des Forts hell erleuchten, damit man
durch die Schiescharten den Feind erkennen und nach ihm feuern knne. Die
Vorrichtung war auerordentlich einfach und sehr bald ausgefhrt, und auch
noch ein tchtiger Vorrath von Kienspnen herbeigeholt.

Diese neue Erinnerung an die Gefahr, in welcher Turners lebten, hatte ihre
Besorgni wieder frisch angefacht, mit Bangen sahen sie den Abend nahen und
fuhren bei dem leichtesten Gebell der Hunde zusammen. Die Pferde wurden
mit Sonnenuntergang schon aus dem Grase geholt, getrnkt und in das Fort
gefhrt, dann das Thor desselben geschlossen, und die vier neuen Hunde
hinausgelassen und ausgesperrt. Die Schrotflinten waren smmtlich fr eine
etwaige Vertheidigung der Festung mit Rllern geladen, und alle brigen
Waffen zum schnellen Gebrauch in Bereitschaft gesetzt.

Mehrere Wochen eilten aber wieder dahin, ohne da von Indianern Etwas
gesehen worden wre, und die Besorgni der Ansiedler nahm abermals nach und
nach in der Gewhnung an die Gefahr ab. Die Zeit war gekommen, da das Feld
mit Mais bestellt werden mute, bei welcher Arbeit abwechselnd bald Turner,
bald Carl dem Neger behlflich war, Einer von ihnen aber immer in dem Fort
zurckblieb.

Whrend das Feld nun nochmals gepflgt und dann beset wurde, muten die
Hunde dessen Umgebung bewachen, zu welchem Zwecke Daniel sie auf allen vier
Seiten desselben ankettete.

Auch diese Arbeit wurde ohne alle Strung ausgefhrt, und nach wenigen
Wochen zeigte der Mais sich in frisch grnen Reihen ber dem Felde. Die
Freude der Colonisten ber diese ppig aufschieende Hoffnung fr die erste
Ernte war gro, und mit Leidwesen zogen sie auf das Anrathen Daniels die
vielen berflssigen Pflanzen aus den schnen Reihen, obgleich der Neger
ihnen erklrte, da an einer geringern Zahl derselben bedeutend mehr und
besserer Mais wachsen wrde. Bei dieser Arbeit halfen auch Arnold und
Wilhelm, so wie sie sich auch fleiig dabei betheiligten, als mit der Hacke
die Erde um die Pflanzen aufgehuft wurde. Von dem Hgel aus konnte man
nach dem Felde hinsehen, und sobald das Fort am frhen Morgen geffnet
wurde, erfreuten sich die Bewohner desselben an dem hellgrnen Schein,
womit der Mais zu ihnen herberglnzte. Man mag sich nun den Schrecken der
Ansiedler denken, als sie eines Morgens aus der Festung traten und sahen,
da das Feld, so wie die ganze Grasflche vom Fue des Hgels an bis in
die Ecke am Pflaumenbach, sich in einen See verwandelt hatte. Carl war
der Erste, der die Ueberschwemmung gewahrte, und auf seinen Ruf kamen alle
Uebrigen herausgeeilt, um eben so traurig berrascht zu werden.

Das ist Wasser aus dem Pflaumenbache, denn der Brflu ist ja nicht
gewachsen, sagte Daniel, indem er sinnend auf den ruhigen Wasserspiegel
blickte, der sich wohl eine halbe Meile weit an dem Walde des Pflaumenbachs
hinaufzog. Sicher ist der Abflu des Baches in den Brflu gehemmt,
und darum hat sich das Wasser seitwrts Luft gemacht. Wie kann dies aber
geschehen sein?

Sollten uns die Indianer vielleicht einen Streich gespielt haben, um
unsere Ernte zu zerstren? bemerkte Turner.

Nein, entgegnete Daniel mit Bestimmtheit, von Indianern haben wir nur
verborgene oder offene Angriffe auf unsere Person zu erwarten, sie werden,
wenn es in ihrer Macht steht, uns tdten; uns aber nur Schaden zuzufgen,
das fllt ihnen nicht ein. Warum bringen sie unsere Khe nicht um, die
oftmals so weit in die Prairie hinausgehen, da wir sie von hier aus nicht
mehr sehen knnen? Wenn sie das Wasser so hoch zu stauen im Stande wren,
da wir darin ertrinken mten, oder wenn sie es uns bei einer Belagerung
gnzlich entziehen knnten, um uns verdursten zu lassen, so wrden sie es
thun; aber eine solche schwere Arbeit auszufhren, wie das Abdmmen des
Pflaumenbaches, ohne da sie unser Leben dadurch gefhrdeten, daran werden
sie nicht denken. Es hat eine andere Ursache, mag sie sein, welche sie
will. Wir werden sehr bald darber ins Klare kommen; nehmen Sie Ihre
Waffen, junger Herr, wir wollen gleich nach dem Pflaumenbache hingehen.

Hiermit sprangen der Neger und Carl in das Fort, Beide ergriffen ihre
Bchsen und eilten an der Einzunung des Gartens hin bis an das Ufer des
Brflusses, denn dasselbe lag hher, als die Prairie, und war noch von
Wasser frei. Sie folgten dem Ufer in den Wald hinein, und konnten nur
mit groer Mhe dort ihren Weg darauf fortsetzen, weil dasselbe dicht mit
Dornen und Bschen bedeckt war. Dennoch bahnten sie sich ihren Weg und
trafen schon hier und da das Wasser bis auf das Ufer des Brflusses
vorgedrungen. Sie schritten bald bei dem berschwemmten Felde vorber und
nherten sich der Mndung des Pflaumenbaches, hrten aber das gewohnte
heftige Rauschen nicht, womit derselbe seine Fluthen in den Brflu
hinabstrzte. Hier war der Boden des Waldes auch trocken, und als sie
nun das Ufer des Pflaumenbaches erreichten, fanden sie dessen Bett
grtentheils von Wasser frei, und nur hier und dort eine Vertiefung mit
demselben angefllt.

Wie ich es vorhersagte, der Bach ist abgedmmt, aber weiter nach oben,
sagte Daniel, von dem Ufer hinabblickend, ich bin doch wirklich neugierig,
wie dies geschehen ist; ich kann mir nicht denken, da es die Indianer
gethan haben sollten. Kommen Sie, wir wollen am Bache hinaufgehen, um uns
das Rthsel zu lsen.

Der Neger voran, und Carl ihm folgend, waren sie nur eine kurze Strecke
gegangen, als Daniel stehen blieb und in das Bett des Baches hinabzeigte,
indem er sagte:

Dem Burschen da unten wollen wir aber doch das Lebenslicht ausblasen;
sehen sie den ungeheuren Alligator, wie er aus dem Wasserloch hervorsieht,
es ist zu seicht fr ihn. Halten Sie meine Bchse, ich will ihm den Kopf
abhauen.

Daniel reichte Carl sein Gewehr, zog die Holzaxt aus seinem Grtel hervor
und sprang behend vom Ufer hinab. Kaum nahete er sich auf dem sandigen
Grunde dem Wasserpfuhl, in welchem der Alligator lag, als derselbe den
Neger gewahrte und, seinen furchtbaren Rachen ffnend, aus der Vertiefung
hervor und auf ihn zuschwamm. Die Bewegungen dieses hlichen gefhrlichen
Thieres sind auf dem Lande glcklicherweise ebenso unbehlflich und
langsam, wie die einer Schildkrte, und weder Mensch noch Thier hat es
auerhalb des Wassers zu frchten, wenn seine Gegenwart ihm einmal bekannt
ist. Liegt es aber regungslos da, so gleicht es einem alten vermoderten
Stck Holz und lauert darauf, da ein lebendes Wesen sich ihm sorglos
nahet, um es mit Blitzesschnelle mit seinem schrecklichen Gebi zu
erfassen, aus welchem keine Befreiung mglich ist.

Wart, Ungeheuer, Du sollst keinen Schaden mehr thun! rief Daniel dem
erbosten Thiere zu, welches, mit dem Rachen schnappend und mit dem Schwanze
um sich schlagend, ihm entgegen kroch.

Der Neger hatte sich ihm bis auf wenige Schritte genhert und schwang die
schwere Axt ber sich durch die Luft, der Alligator hob sich auf seinen
Vorderfen so hoch auf, als er konnte, und hielt den weit aufgerissenen
Rachen in die Hhe, als wolle er die Axt ergreifen; doch das schwere Eisen
scho pfeifend herab und vergrub sich in dem Schdel des Ungethms. Daniel
sprang zurck, mute aber die Axt im Stich lassen, mit welcher im Kopf, der
Alligator wthend nach ihm schnappte und ihn verfolgte.

Werfen Sie mir Ihre Axt herunter, junger Herr, ich mag dem Teufel doch
nicht zu nahe kommen, rief der Neger seinem Gefhrten zu und fing dann die
Axt, welche dieser vom Ufer herabwarf.

Der Alligator schlug mit Kopf und Schwanz in der grten Wuth um sich,
whrend der lange Axtstiel ber seinem Schdel hervorstand; doch Daniel
benutzte einen Augenblick, wo er sich ihm von der Seite nahen konnte, und
hieb ihm mit einem Schlage den Kopf vom Rcken ab.

So, du gruliches, bses Thier, nun ists vorbei mit deinem Morden, gieb
mir nun meine Axt wieder, sagte Daniel, indem er dem getdteten Alligator
das Eisen aus dem Kopf zog und dann wieder auf das Ufer hinaufsprang.

Nun eilte er mit Carl am Bache weiter hinauf und sie hatten etwa einige
tausend Schritte zurckgelegt, als sie vor sich ber dem Bette des Baches
eine Wand von umgestrzten Baumstmmen, Aesten und Reisholz gewahrten, die
wild durcheinander hinlagen, aber doch eng mit einander verbunden schienen.
Zugleich sahen sie seitwrts den Boden des Waldes mit Wasser bedeckt,
welches, von diesem Damm zurckgehalten, ber das Ufer des Baches
ausgetreten war.

Hallo, seid Ihr es, die uns den Streich gespielt haben? Das sollt Ihr mit
Euren Fellen bezahlen! rief der Neger, laut auflachend, und wandte sich
dann zu seinem erstaunten Gefhrten: Was meinen Sie, wer hat wohl diesen
Damm gebaut?

Wer anders, als Indianer -- das ist eine ungeheure Arbeit gewesen,
entgegnete Carl und sah verwundert auf die mehrere Fu starken Baumstmme,
die bereinander hingeworfen waren.

Nein, nein, junger Herr, das sind ganz andere Zimmerleute, es sind Biber.

Biber -- ist es mglich -- Biber sollten diese Stmme abgenagt haben?

Freilich, sehen Sie nur die Stmpfe, die dort aus dem Wasser hervorragen;
Sie knnen die Bisse an den abgenagten Stellen erkennen. Nun aber schnell,
lassen Sie uns ein Loch in den Damm machen, damit wir das Wasser aus
dem Felde kriegen. Dasselbe liegt hher als die Prairie und wird schnell
trocken sein. O, wie werden sie sich im Fort freuen, wenn sie mit einem
Male den Mais wieder sehen, dem die kurze Ueberschwemmung nur groen
Vortheil bringt. Nehmen Sie sich aber in Acht, wenn das Wasser erst eine
Oeffnung hat, so wird es mit einer furchtbaren Gewalt hervorbrechen, denn
es ist an der andern Seite des Dammes wenigstens funfzehn Fu tief.

Es waren ber ein Dutzend grerer und kleinerer Bume von beiden Ufern her
ber den Bach gestrzt, die den Damm bildeten und so nahe zusammenlagen,
da derselbe nicht mehr als ungefhr dreiig Fu Dicke betrug. Zwischen
diesen Stmmen waren die Rume mit Aesten, Reisig, Buschwerk und Schlamm
dicht ausgefllt, so da kein Wasser hindurch dringen konnte.

Daniel und Carl stiegen auf die Stmme hinauf, um zwischen ihnen dem Wasser
Luft zu machen, als Daniel seinem Gefhrten zurief:

Sehen Sie nur die abgenagten Enden der Stmme und Aeste an, sieht es
nicht aus, als ob sie mit einem scharfen Stemmeisen abgestochen wren. Und
betrachten Sie nur die Menge von Spnen, die hier allenthalben umherliegen;
man sollte glauben, man befnde sich auf einem Zimmerplatze. Dort die
beiden Espen sind auch schon rundum tief benagt, das steigende Wasser
hat aber die Biber in ihrer Arbeit gestrt, sonst htten sie dieselben
gleichfalls umgeworfen.

Wie knstlich die Thiere diese Tausende von Stcken hier zwischen die
Stmme unter unseren Fen angebracht haben, um den Damm dicht zu machen
und dem Schlamm Festigkeit zu geben.

Whrend der Neger zu Carl sprach, zog er aus der Mitte des Dammes Stcke,
Aeste und Buschwerk hervor und warf es hinter demselben in das leere Bett
des Baches, whrend Carl seinem Beispiel folgte und in gleicher Weise
fleiig arbeitete. Sie hatten bald an der hinteren Seite des Dammes und in
dessen Mitte bedeutende Oeffnungen gemacht, doch immer noch lie er kein
Wasser durch, weil seine vordere Seite, vor der sich der Bach gestaut
hatte, mit einer dichten Lage von Schlamm bedeckt war. Daniel zog aber
jetzt einige Bsche aus derselben hervor, das Wasser durchbrach die
Schlammwand und der Strom scho mit einer so rasenden Gewalt zwischen den
Stmmen durch in das leere Bett hinter dem Damme, da Reisig, Stcke und
Aeste smmtlich in wenigen Augenblicken mit fortgerissen wurden und mit den
hoch und wildschumenden Fluthen dem Brflu zubrausten.

Daniel und Carl waren schnell auf das eine Ende des Dammes gesprungen, denn
selbst die schweren Baumstmme warf der furchtbare Strom auseinander und
strzte sich in hochschlagenden Wogen zwischen ihnen durch.

Setzen Sie sich zu mir auf diesen Stamm, junger Herr; in kurzer Zeit
werden wir das Ufer am Bache hinauf wieder vom Wasser befreit sehen, dann
wollen wir es versuchen, uns darauf hin einen Weg zu bahnen; es liegt etwas
hher, als der Wald, und viel hher, als die Prairie auerhalb. Ich mchte
gern die Huser der Biber in Augenschein nehmen, um daraus auf die Zahl der
Thiere zu schlieen; es mu eine groe Bibercolonie sein, sonst htten sie
diesen Damm nicht bauen knnen. An einem starken Baum nagen immer drei
bis vier Biber zu gleicher Zeit, wenn sie ihn fllen wollen, was sie mit
unglaublicher Schnelligkeit ausfhren knnen, zumal da sie nur weiche
Holzarten dazu whlen. Liegt der Baum einmal, dann fllt die ganze Colonie,
die hufig aus hundert Stck besteht, darber her und ein jeder Biber nimmt
einen Ast vor. Wollen sie einen Damm bauen, so fllen sie die Bume mit
groer Geschicklichkeit so, da sie ber den Bach fallen, die abgebissenen
Aeste tragen sie in den Zhnen zwischen die Stmme, so auch die dnneren
Zweige und die Bsche, und dann fhren sie auf ihren breiten, platten,
haarlosen Schwnzen den Schlamm herbei, um alle Oeffnungen damit zu
verkitten.

Der Bach, in seinem Laufe aufgehalten, steigt nun rasch und dehnt sich zu
beiden Seiten aus, worauf die Biber in tiefen Stellen auf offenen Pltzen
ihre Huser in das Wasser bauen. Sie fhren dieselben aus zwei bis drei Fu
langen Stcken auf, welche sie im Kreis vom Grund des Wassers verflechten
und zwischen einander so durchstecken, da sie eine starke, dicke Mauer
bilden, die sie noch drei bis vier Fu ber dem Wasserspiegel enger bauen,
und dann oben in Form einer Kuppel vereinigen. Das Gebude hat das Ansehen
eines Bienenkorbes, hat aber sichtbarlich keinen Eingang, denn derselbe
befindet sich auf dem Grunde des Wassers. Das Innere des Hauses ist mit
einer, mitunter auch mit zwei Abtheilungen bereinander eingerichtet, von
welcher die obere sich ber dem Wasserspiegel befindet, und in welche der
Eingang durch den Fuboden fhrt.

Diesen oberen Raum, welcher niemals vom Wasser berhrt wird, fttern die
Biber sauber mit Moos aus, und verwahren hier ihre Jungen. Im Norden, wo
die Winter kalt sind, bringen sie im Herbst in den untern Raum des Hauses
groe Vorrthe von abgebissenen Stcken, deren junge Rinde ihnen whrend
der Zeit zur Nahrung dient, in welcher das Wasser mit Eis bedeckt ist und
sie nicht an das Land gelangen knnen, um frische Zweige zu benagen;
denn der Biber lebt ausschlielich nur von Baumrinden, und nicht, wie
irrthmlich so vielfach geglaubt wird, von Fischen.

In einer Bibercolonie wird niemals ein fremder Biber aufgenommen, er mu
sich entfernen, oder wird todtgebissen.

Ist die Gesellschaft zu zahlreich geworden, so theilt sie sich in zwei oder
mehrere Partieen, und jede sucht sich einen andern Wohnort. Auch verlassen
sie die Ansiedelung, sobald das weiche Holz in der Nhe des Wassers
sprlich wird. Die Biber machen oft weite Reisen und wandern zusammen
Stunden Weges ber Berg und Thal, um sich eine Heimath zu suchen.

Das mssen ja einzige Thiere sein, knnen wir nicht eines derselben
habhaft werden? sagte Carl nach dieser Mittheilung des Negers.

Eines derselben? nein, die ganze Gesellschaft wollen wir fangen, es
soll uns auch nicht Einer davon entgehen. Ich werde nach dem Choctawbache
reiten, und mir von den dortigen Ansiedlern smmtliche Fallen borgen, die
sie besitzen. Nur _einen_ mnnlichen Biber mssen wir schieen, ehe wir die
andern fangen knnen; denn wir mssen von ihm das Bibergeil erhalten, um
seine Kameraden damit nach der Falle zu locken. Er trgt dasselbe, eine
lige Flssigkeit, in zwei Drsen bei sich.

Whrend sich die beiden Jger in dieser Weise unterhielten, brauste und
tobte das Wasser mit wildem Ungestm durch den geffneten Damm, und sank
dabei schnell oberhalb desselben. Nach Verlauf von einigen Stunden wurden
auch die Ufer des Bachs wieder sichtbar, und jetzt, wo das Wasser aus der
Prairie nicht mehr ber dieselben abflieen konnte, nahm die Strmung im
Bache auch sehr ab.

Unser Feld mu schon ganz von Wasser frei sein, denn dasselbe liegt
vollkommen so hoch, wie dieses Ufer hier, sagte Daniel, indem er aufstand.
Nun kommen Sie, wir wollen es versuchen, ob wir am Bache hinaufgehen
knnen.

Hiermit sprang er von dem Baumstamme hinab auf das Ufer, und Carl folgte
ihm nach. Der Boden war auerordentlich weich und schlpfrig, so da
das Gehen auf demselben sehr erschwert wurde, die Jger aber schritten
demungeachtet frisch darauf los, wenn sie auch mitunter bis an die Kniee
einsanken, oder eine Strecke Wasser zu durchwaten hatten. Je weiter sie
durch die Bsche, Ranken und Dornen vorrckten, um so lichter wurde der
Wald, und sie hatten eine umfangreiche Ble in demselben erreicht, durch
welche der Bach sich hinwand, da blieb Daniel stehen und zeigte auf einen
hohen, oben abgerundeten Reisig- und Knppelhaufen, der sich wohl zehn Fu
aus dem Bache erhob.

Das ist eins der Biberhuser, es sieht aus, wie ein riesiges
Stachelschwein. Die Bewohner desselben werden bereits in groer Noth sein,
weil das Wasser so sehr gefallen ist. Ich bin berzeugt, da sie sich
smmtlich zu dem Damme begeben, um ihn auszubessern; sie werden sich aber
sehr wundern, wenn sie das groe Loch in demselben bemerken. An diesem
Biberhause knnen Sie sehen, weshalb die Thiere den Damm gebaut haben. Sie
haben das Wasser so hoch gestaut, da ihre Wohnung von einem unabsehbaren
Wasserspiegel umgeben war, und dieselbe dadurch ihren Feinden verborgen und
unzugnglich blieb. Jetzt ist das Ufer kaum noch zehn Schritt von derselben
entfernt, und ein Jaguar, ein Panther, oder ein Br kann vom Lande aus
leicht die Thiere in ihrem Gebude wittern und sie darin berfallen; denn
der Reisighaufen ist leicht auseinandergerissen. Wenn die alten Biber nun
auch selbst dadurch nicht gefhrdet wrden, weil sie nur in dem untern Raum
in das Wasser zu springen brauchen, um sich dem Feinde zu entziehen, so
wrden doch ihre Jungen demselben ein Opfer werden, und deshalb setzen sie
die ganze Umgegend unter Wasser. Nun will ich Ihnen einen Vorschlag machen,
junger Herr: Ich glaube nmlich, da es gerade jetzt ein sehr gnstiger
Augenblick ist, um einen Biber zu schieen, weil dieselben wegen des
fallenden Wassers hin- und herschwimmen, und sich auf der Oberflche sehen
lassen werden, was sie sonst nur in der Nacht thun.

Sie knnen hier sitzen bleiben, und ich will weiter am Bache hinauf ein
anderes Biberhaus whlen, um dabei zu lauern.

Im Fort wird man uns nicht zurckerwarten, da unsere Freunde an dem Fallen
des Wassers erkennen werden, da wir an der Arbeit sind. Verstecken
Sie sich in den Busch an jener Pappel, von dort knnen Sie das Wasser
bersehen. Wenn ein Biber sich auf der Oberflche zeigt, so mssen Sie
ihn auf den Kopf schieen und schnell zu ihm ins Wasser springen und ihn
ergreifen, ehe ihn der Strom mit sich fortnimmt. Treffen Sie ihn nicht in
den Kopf, so entgeht er Ihnen. Das Wasser hier ist nicht tief. Seien Sie
sehr vorsichtig und bewegen Sie sich nicht; denn der Biber ist eins der
schlausten Thiere; und verlieren Sie die Geduld nicht, wir mssen darauf
rechnen, vielleicht bis zu einbrechender Nacht zu sitzen. Wenn es so lange
dauern sollte, und Sie knnen nicht mehr zum Schieen sehen, so gehen Sie
am Ufer hinauf bis zu mir, dann gehen wir bis an das Ende des Wassers,
welches in der Prairie zurckgeblieben ist, und nehmen unsern Heimweg im
trocknen Grase.

Indem Daniel seinem Gefhrten noch guten Erfolg wnschte, eilte er auf
dem Ufer hin, und fand in nicht groer Entfernung von Carl eine Menge
Biberhuser aus dem Bache hervorsehen, so wie auch mehrere, die
seitwrts in dem Walde in Vertiefungen standen und nur noch von wenig
zurckgebliebenem Wasser umgeben waren. Er wute aber, da diese bereits
von ihren Bewohnern verlassen seien, und nahm sich darum nicht die Zeit,
sie zu durchsuchen. Er wollte aber nicht in der Nhe Carls bleiben, um
demselben nicht durch einen Schu die Jagd zu verderben, deshalb schritt er
weiter am Bache hinauf, und gelangte dahin, wo das Wasser nicht aus seinem
Ufer ausgetreten gewesen war, und der Wald zu beiden Seiten mehr aus hohen
Bumen und nur einzelnen Bschen bestand. Es war dieselbe Gegend, wo Carl
an jenem Abend den Bren erlegt hatte. Hier fand Daniel noch ein Biberhaus
in dem Bache, dessen Ufer sich auf dieser Stelle weit von einander
entfernten und eine Art von kleinem See bildeten. Der Neger whlte einen
hochgelegenen Platz am Ufer, von wo aus er den ganzen Wasserspiegel
bersehen und mit Genauigkeit bis an das Biberhaus schieen konnte.

Es stand dort ein alter Ahorn, an dessen Stamm er sich niedersetzte,
nachdem er einige Bsche vor sich in die Erde gesteckt hatte, um sich dem
Blick der Biber zu entziehen. Es war Nachmittag geworden und die Sonne
begann ihre Strahlen schrg durch den Wald zu werfen.

Alles war still und lautlos, weder in dem Laube der hohen Baumkronen,
noch auf dem glatten Wasserspiegel war eine Bewegung zu erkennen, und der
goldene Streif, den das Sonnenlicht ber den Teich warf, wurde nur zuweilen
durch einen aufspringenden Fisch gekruselt. Stunden eilten dahin, ohne da
ein Biber seine Gegenwart verrathen htte, obgleich der sprhende scharfe
Blick des Negers fortwhrend das Wasser berwachte. Die Schatten der Bume
dehnten sich lnger und dunkeler ber die Erde aus, und hier und dort
wurden zwischen den Stmmen Hirsche und Antilopen sichtbar, die vertraut
und sorglos dem Bache zuschritten, um ihren Durst in dessen khlen Fluthen
zu stillen. Daniel sah ihnen zu, wie sie mit einander scherzten, ihre
Gehrne an einzelnen Stmmchen rieben, oder die zartesten Kruter in dem
Grase suchten; da pltzlich fuhren mehrere derselben, wie durch irgend
etwas erschreckt, zusammen und hielten lauschend die Kpfe in die Hhe.

Daniel blickte schnell um sich durch den Wald, so weit sein Auge aber
reichte, konnte er Nichts erkennen, was die Veranlassung zu der pltzlichen
Aufmerksamkeit der Thiere htte geben knnen. Vielleicht war es ein groer
Raubvogel, der sie erschreckt hat, dachte Daniel und blickte wieder nach
dem Biberhause; da sah er unweit desselben eine Bewegung im Wasser, es
erschien ein dunkeler Punkt auf der Oberflche und derselbe bewegte sich
jetzt schnell dem Ufer zu. Es war ein Biber, der schwimmend mit der Nase
das Wasser theilte, und von derselben aus zwei lange Streifen in einem
spitzen Winkel hinter sich auf dem glatten Spiegel zurcklie.

Daniel hatte behutsam die Bchse an den Backen gehoben, und zielte dem
nahenden Thiere auf den Kopf, bis dasselbe nur noch wenige Schritte vom
Lande entfernt war, dann gab er Feuer. Der Biber berschlug sich im Wasser
und warf dasselbe hoch um sich auf, da hatte der Neger aber schon seine
Bchse an den Baum gestellt und war in _einem_ Satze bis zu der sterbenden
Beute ins Wasser gesprungen. Er ergriff das Thier beim Schwanze und schwamm
in wenigen Augenblicken mit ihm an das Land zurck.

Hier schttelte er das Wasser von sich, hing seine Kugeltasche um
und ladete den abgeschossenen Lauf seiner Bchse. Kaum hatte er dies
vollbracht, und bckte sich, um sich wieder an dem Baume niederzusetzen
und Carl zu erwarten, da fiel ein Schu, und die Kugel schlug neben Daniels
Kopf in den Baumstamm.

In weiten Stzen sprang der Neger von der Anhhe herab nach einer
umgefallenen kolossalen Cypresse, die nur einige zwanzig Schritte von
ihm entfernt lag, und warf sich hinter dem Stamme in das Gras nieder. Das
scharfe, gebte Auge Daniels hatte aber beim ersten Umblicken den Schtzen
erkannt, einen Indianer, der hinter einer Eiche hervorsah und nach dem
Schusse sich wieder hinter derselben verbarg. Diese Eiche stand weiter am
Bache hinunter, etwa hundert Schritte von dessen Ufer entfernt, und der
erste Gedanke des Negers war Carl zugewandt, der nun bald von dort her
kommen mute. Er schob die Holzaxt durch den Grtel, den er um den Leib
trug, und war im Begriff, den Indianer sofort anzugreifen, ehe derselbe
seine Bchse wieder laden konnte, denn er wute, da die Wilden keine
Doppelgewehre fhrten; doch hob er zuerst nur seinen Hut ber dem Baumstamm
hervor. In demselben Augenblick fielen von anderen Bumen her wieder zwei
Schsse, und eine Kugel flog durch den Filz. Der Neger hatte gleichfalls
die beiden Indianer gesehen, welche jetzt geschossen hatten.

Er war unschlssig, ob er hervorspringen und den Kampf offen beginnen, so
wie versuchen solle, den Weg zu Carl zu gewinnen; da kam ihm der Gedanke,
da mglicherweise eine noch viel grere Zahl von Wilden in der Nhe
verborgen sein knnte und er dieselben bei einer Flucht seinem Gefhrten
gerade entgegenfhren wrde. Der Baum, hinter welchem er lag, war durch
einen Sturm umgeweht und mit den Wurzeln aus dem Grunde gerissen, so
da diese mannshoch ber dem Boden emporragten und tief in das Loch
hinabhingen, welches sie in der Erde zurckgelassen hatten. In diese
Vertiefung sprang Daniel jetzt hinein, weil er durch das Wurzelwerk des
Baumes den Blicken der Feinde entzogen wurde und selbst doch zwischen
demselben hindurch nach ihnen hinsehen konnte. Nur mit dem Kopfe ragte
er ber dem Erdboden empor, und vermochte die ganze Waldflche nach den
Indianern hin zu bersehen; so sehr sein Auge sich aber auch anstrengte,
so konnte er doch Nichts von denselben gewahren. Er sphete unverwandt nach
den drei Bumen hin, von wo die Schsse gekommen waren, und hielt selbst
die sichere Doppelbchse zum augenblicklichen Gebrauch fertig.

Die letzten Sonnenblicke waren verschwunden und der Abend breitete sein
Dster durch den Wald aus, whrend die Besorgni des Negers um seinen
Gefhrten von Minute zu Minute zunahm, und sich bis zu einer entsetzlichen
Angst steigerte.

Derselbe mute nun bald an dem Ufer heraufkommen, die Wilden muten ihn
in seinem sorglosen Schritt schon von Weitem kommen sehen, und dann war er
sicher verloren! Es trieb den Neger jetzt mit tdtlicher Angst heraus aus
seinem Versteck, damit Carl durch das viele Schieen vor der Gefahr, die
seiner harrte, gewarnt wurde, da sah er, wie der Wilde, der zuerst nach ihm
gefeuert hatte, mit Blitzesschnelle hinter der Eiche hervor und nach einer
andern, dem Ufer nher stehenden, hinrannte. Er fhrte es so schnell aus,
da Daniel zwischen den Wurzeln, durch welche er blickte, ihm in seinem
Lauf nicht mit der Bchse folgen konnte, und dann wurde in demselben Moment
sein Blick auf noch zwei andere Indianer gezogen, die gleichfalls hinter
Bumen standen, und die er frher nicht gesehen hatte.

Es waren deren also fnf und sie beabsichtigten, ihn bis an das Ufer des
Baches zu umzingeln; denn zwei derselben sprangen jetzt auf der andern
Seite nher nach dem Wasser hin. Der Wilde, der zuerst seinen Stand
gewechselt hatte, befand sich nun gerade in der Richtung, von wo Carl
herkommen mute, und Daniel sphete an ihm vorber nach der kleinen Anhhe,
die sich in kurzer Entfernung hinter ihm erhob. In diesem Augenblick
erschien der Hut seines Gefhrten ber dem Hgel, und gleich darauf seine
Gestalt bis an die Brust.

Indianer -- zurck, fliehen Sie! schrie der Neger jetzt mit aller Gewalt
seiner Stimme seinem jungen Freunde zu, und winkte, indem er aus der
Vertiefung neben dem Stamm sprang, ihm mit seinem Hute entgegen. In
derselben Sekunde feuerten seitwrts von ihm zwei Indianer, doch ohne
Daniel zu treffen, der sich zugleich ber dem Stamme aufrichtete und einen
dieser Wilden durch den Kopf scho, noch ehe derselbe sich hinter den Baum
zurckziehen konnte. Mit einem furchtbaren Kriegsgeschrei strzte der Neger
nun hinter dem Stamm hervor und auf den Indianer zu, der zwischen ihm
und Carl hinter der Eiche stand, der Wilde aber richtete seine Bchse ihm
entgegen und wrde dem Leben Daniels wahrscheinlich ein Ende gemacht haben;
es blitzte aber in diesem Augenblicke von Carl her, und mit einem gellenden
Todesschrei brach der Indianer zusammen.

Hurrah! schrie Carl, da es weit durch den Wald schallte, und sprang
seinem Freunde entgegen, und Hurrah! schrie Daniel und wandte sich den
drei anderen Indianern zu, die jetzt die Flucht ergriffen und wie Hirsche
zwischen den Bumen davon sausten.

Halt -- Du mut zurckbleiben! rief der Neger jetzt dem Letzten der
fliehenden Wilden zu und hob stillstehend sein Gewehr an die Schulter. Du
bist ein Waco -- eine Schlange, und hast wohl einmal vom schwarzen Panther
gehrt!

Das Feuer fuhr aus der Bchse Daniels, und so blitzschnell auch der
Indianer in seinem Lauf hin und hergesprungen war, so hatte ihn doch die
Kugel des Negers erreicht, und er berschlug sich im Todessturze zwei --
drei -- viermal.

Carl hatte den Augenblick benutzt, sein abgeschossenes Rohr wieder zu
laden, Daniel aber unterbrach ihn darin, indem er seine Hand hastig ergriff
und seine Lippen darauf pressend ausrief:

Der gtige Gott hat uns gerettet, junger Herr, ihm sei Lob und Dank
dafr!

Freudebebend drckte er abermals Carls Hand an seinen Mund und sagte dann:

Ich habe Ihnen wieder mein Leben zu danken, die Rothhaut hatte ruhig und
gut gezielt, ich fhlte schon in Gedanken die Kugel, da machten Sie Funken
und, wahrhaftig sie hatten nicht schlechter gezielt.

Und auch Du hast mir das Leben gerettet, Daniel, denn wenn Du mir nicht
gewinkt httest, wodurch Du Dein eignes Leben aufs Spiel setztest, so
wrde ich nichts von den Indianern gewahr worden sein, bis ich ihre Kugeln
gefhlt htte. Du hast eben so viel, und noch mehr fr mich gethan, wie ich
fr Dich; denn auf mich wurde keine Bchse gerichtet.

Wir haben aber gut gefochten, die Teufel scheinen alle drei todt zu sein;
es sind Waco's, die allerschlechtesten, allergefhrlichsten Indianer von
allen. Wir wollen uns aber doch zum Andenken ihre Waffen und ihren Schmuck
zueignen, und dann eilen, da wir nach Hause kommen, sie werden im Fort
besorgt um uns sein, sagte Daniel, indem er die Kugeln in seine Bchse
trieb und dann Zndhtchen aufsetzte. Zuerst gingen die Kampfgenossen
nun zu dem zuletzt erlegten Indianer, und fanden ihn todt auf dem Gesicht
liegend. Die Kugel war ihm in den Hinterkopf eingedrungen.

Es war weit, deswegen hielt ich etwas hoch, ich habe aber ziemlich gut die
gerade Linie gehalten; es war mein schlechtester Schu nicht, sagte der
Neger, indem er dem Erschossenen die Kugeltasche, den Tomahawk und den
Schmuck abnahm, der in metallenen Armringen, Ohrringen und einem Halsband
aus Muscheln bestand. Dann ergriff er dessen Bchse und sagte:

Sieh, der Lump hat nicht einmal nach uns gefeuert, die Bchse ist noch
geladen.

Warum riefest Du ihm denn zu, ob er einmal von einem schwarzen Panther
gehrt habe? fragte Carl, auf den Todten blickend.

Ja so -- o, das ist nur so eine Redensart unter den Indianern, antwortete
Daniel sichtbarlich verlegen, und ging seinem Gefhrten voran zu dem zuerst
Gefallenen, dem die Kugel durch die Stirn gedrungen war. Sie nahmen ihm
gleichfalls Waffen und Schmuck ab. Auch den durch Carl erlegten Wilden
fanden sie todt, er war durch den Rcken geschossen. Carl belud sich
mit dessen Waffen, whrend Daniel dessen Schmuck zu sich nahm, und beide
begaben sich dann zu dem Biber, welchem der Neger die Drsen mit Bibergeil
ausschnitt. Darauf band er ihm einen Busch an den Schwanz und warf ihn in
das Wasser, so da der Busch aus demselben hervorsah; denn es war zu spt,
um ihm die Haut abzunehmen, die Daniel jedoch am folgenden Tage holen
wollte. Die Dunkelheit war schon hereingebrochen, als die beiden Jger die
Prairie erreichten, der neue Mond stand aber am Himmel, und sein mattes
Licht war hinreichend, den Heimkehrenden das Gehen zu erleichtern. Sehr
ermdet langten sie beim Fort an und wurden durch das Bellen der Hunde
dessen Bewohnern schon von Weitem angemeldet.

Als sie das Thor erreichten, hatte Turner dasselbe bereits geffnet und
trat ihnen mit einem Gottlob entgegen.

Wo seid Ihr denn so lange geblieben? wir waren wirklich in Sorgen um
Euch, sagte er, als sie durch das Thor einschritten, das Wasser ist
aber aus dem Felde verschwunden; was war denn die Ursache von der
Ueberschwemmung?.

Eine Bibercolonie hatte in dem Pflaumenbach einen Damm gebaut, den wir
ihnen zum Aerger zerstrt haben, antwortete Daniel.

Was habt Ihr denn da fr Bchsen und sonst fr Sachen? fragte Turner
jetzt verwundert, da der Schein des Lichtes, womit Madame Turner in die
Hausthr trat, auf die beiden Jger fiel.

Wir haben sie von drei Waco-Indianern zum Geschenk erhalten, wenn auch
gegen ihren Willen, entgegnete Daniel und setzte lachend hinzu, nein, wir
haben sie von ihnen geerbt.

Mein Gott, Ihr habt doch wohl nicht mit Indianern gefochten? sagte Madame
Turner erschrocken.

Und ganz gut gefochten, antwortete der Neger, indem er im Zimmer die
Bchsen an die Wand stellte und die andere Beute dabei niederlegte. Wir
hatten fnf gegen uns zwei und haben drei von ihnen erschossen; die beiden
anderen mgen es ihren Kameraden als Warnung erzhlen.

Nun wurden theils durch Daniel, theils durch Carl die Begebenheiten
mitgetheilt, wobei den Lippen der Madame Turner und Juliens manches Ach
und Oh entfuhr.

Die Hand des Allmchtigen hat ber Euch gewacht, er sei gepriesen und
gelobt, sagte Turner, als die Erzhlung zu Ende war, und Madame Turner
trocknete unbemerkt die Thrnen des stillen innigsten Dankes, die ihr in
die Augen getreten waren.

Wenn die Ueberschwemmung nur unserm Mais keinen Schaden gethan hat, nahm
Turner wieder das Wort, nachdem die Angelegenheit mit den Indianern lange
Zeit besprochen war.

Im Gegentheil, er wird um so krftiger emporschieen, das Wasser hat ihn
nur erfrischt, entgegnete der Neger. Da fllt mir ein: ich will Abends,
wenn wir das Fort schlieen, immer das Kanoe bis zu dem Felsstck hier
unter dem Abhange rudern und auf der Leiter heraufsteigen; es knnte das
Schiff uns leicht durch die Indianer gestohlen oder zerstrt werden, und
auerdem hat man es auch zur Hand, wenn man, wovor uns der Himmel bewahren
mag, dasselbe einmal zur Flucht nthig haben sollte.

Am folgenden Morgen, als Madame Turner zum Frhstck rief, hatte der Neger
schon einen Ritt gemacht und den Biber geholt. Nachdem er ihm das prchtige
Fell abgenommen und ihn sauber ausgeweidet hatte, bergab er ihn der
Hausfrau als einen vortrefflichen Braten, und bezeichnete dessen Schwanz
als einen ganz besondern Leckerbissen. Madame Turner hatte ihr Bedenken
dabei, ihn zuzubereiten, und meinte, das Thier habe ganz das Aussehen einer
groen Ratte; auf Daniels Versicherung und Carls Zureden jedoch versprach
sie, dasselbe auf den Tisch zu bringen.

Das Bibergeil nahm der Neger aus den Drsen, that es in eine kleine
Bouteille, go nur sehr wenig Cognac hinzu und verstopfte das Glas fest.
Nach dem Frhstck bestieg er sein Pferd, um nach dem Choctawbache zu
reiten und von den dortigen Ansiedlern Biberfallen zu borgen. Carl htte
ihn sehr gern dorthin begleitet, doch als Madame Turner ihn bittend fragte:

Willst Du denn mit Daniel reiten? verzichten er sofort darauf und
erwiederte:

O nein, es wird nicht nthig sein, Daniel wird wohl allein die Fallen
herberschaffen knnen.

Er benutzte den Tag, um fr seine Tante in dem Garten einige Beete
mit Gemsen zu bestellen und fr Julien ein Gestell zu einer Laube
aufzuschlagen, um welche er dann prchtig blhende Schlinggewchse
pflanzte, die er zu diesem Zwecke gelegentlich aus dem Walde mitgebracht
hatte.




Abschnitt 6.

  Biberfang. -- Die Brin. -- Der graue Br. -- Der Prairiebrand. -- Der
  wilde Rappenhengst.


Noch vor Sonnenuntergang kehrte Daniel zurck und zwar mit acht eisernen
Fallen, sogenannten Tellereisen, die um seinen Sattel herumhingen. Mit
groer Bereitwilligkeit hatten die Ansiedler am Choctawbache ihm dieselben
zum Gebrauch berlassen, zumal da die Biber aus jener Gegend schon
verschwunden waren. Die Nachricht von dem Sieg Daniels und Carls ber die
Waco-Indianer war in der Niederlassung mit Jubel aufgenommen worden, ganz
besonders aber hatten Warwicks sich darber gefreut, weil, wie der alte
Herr sagte, die Rothhute eine gute Lehre dadurch erhalten htten und nun
sobald nicht wieder kommen wrden. Die Fallen setzte der Neger sogleich
smmtlich in guten Stand und lte sie ein, um am folgenden Tage die Jagd
damit zu beginnen. Nachdem die Pferde getrnkt und in ihr Nachtquartier
gebracht worden waren, ruderte Daniel das Kanoe bis an das Felsstck unter
dem Abhange, stieg von da auf der Leiter in das Fort und zog dieselbe dann
wieder zu sich herauf.

Der folgende Tag wurde Carl sowohl, wie auch Arnold und Wilhelm unendlich
lang, denn erst gegen Abend wollte Daniel nach dem Pflaumenbache reiten, um
die Fallen zu legen, und den beiden jngeren Knaben war es versprochen, mit
dabei zu sein. Endlich sattelte der Neger sein Pferd, Carl folgte seinem
Beispiel und fr Arnold und Wilhelm wurden die beiden Schimmel aufgezumt.
Die vier Reiter vertheilten die Fallen unter sich und hingen sie an
ihre Sttel und dann ritten sie vergngt davon, whrend Turner das Thor
verschlo. Es war verabredet worden, da einige Schsse vom Fort her als
Aufforderung zur eiligen Rckkehr nach demselben gelten sollten, denn der
Wind stand nach dem Pflaumenbache hin, so da man den Knall eines Gewehrs
sicher dort hren konnte.

Bald hatten die Reiter den Bach erreicht, da wo Daniel den Biber geschossen
hatte, die todten Indianer aber waren verschwunden. Die Pferde wurden
schnell an Bume befestigt, worauf der Neger mit dem Legen der Fallen
begann. Er versenkte sie aufgestellt an dem Ufer in das Wasser und zwar an
solchen Stellen, wo dieses nicht mehr als einen halben Fu tief war. Dann
nahm er ein dnnes Reis, tauchte dessen eines Ende in das Bibergeil und
steckte es mit dem andern Ende so in das Ufer, da die angefeuchtete Spitze
gerade ber der Falle auf den Wasserspiegel zeigte. An jede Falle hatte
Daniel einen Strick gebunden und an dessen Ende einen Busch, den er auf das
Ufer legte. Wenn nun in der Nacht ein Biber auf den Wasserspiegel kam und
das Bibergeil witterte, so lockte dies denselben zu sich heran, er kam
bis ber die Falle geschwommen, trat auf dieselbe und mute an dem Fue
gefangen werden. Nach Verlauf von einer halben Stunde waren smmtliche
Fallen in Entfernungen von etwa funfzig Schritt gelegt und die Jger
begaben sich in gespannter Erwartung, wie viele Biber sich wohl fangen
wrden, auf den Heimweg. Gleich nach Sonnenuntergang langten sie schon
wieder im Fort an, und Abends bei verschiedener Beschftigung um den groen
Tisch wurde von Nichts als von den Bibern gesprochen, deren Felle so sehr
werthvoll waren.

Daniel sagte voraus, da ganz gewi in jeder Falle ein Biber sitzen wrde
und da er binnen einer Woche die ganze Colonie auszufangen gedenke.

Kaum graute der Tag, als die vier Reiter abermals zu Rosse waren und in
Galopp dem Pflaumenbache zujagten.

Die Knaben nahmen sich dort nicht einmal Zeit, die Pferde anzubinden,
sondern baten Daniel, dies fr sie zu thun, whrend sie selbst zu der
ersten Falle liefen, und gleich den Busch auf dem Ufer vermiten. Er
schwamm unweit des Biberhauses auf dem Wasser, also mute die Falle von
dem Gefangenen dorthin gezogen sein. Daniel kam nun mit einem sehr langen
Stock, an dessen Ende er einen hlzernen Haken befestigt hatte, und zog mit
demselben den schwimmenden Busch zu sich heran. Dieser wurde nun auf das
Ufer gezogen und als die Falle an dem Strick folgte, hing wirklich ein
todter Biber darin. Er hatte sich an einem Vorderfu gefangen, war mit der
Falle in die Tiefe getaucht und hatte sich heftig gegen dieselbe gewehrt;
denn seine Bisse waren an dem Eisen zu sehen und die Schrfe seiner Zhne
war abgebrochen. Das schwere Eisen hatte ihn in der Tiefe gehalten und ihn
ertrnkt; denn der Biber kann nur eine gewisse Zeit der Luft entbehren. Der
Jubel der Knaben war grenzenlos und mit grter Erwartung rannten sie zu
der zweiten Falle, die sie gleichfalls entfhrt fanden. Mit ihr aber kam
kein Biber, sondern eine Otter hervor, denn auch diese Thiere werden durch
Bibergeil herangelockt.

So ging es nun von einer Falle zur andern, und wie es der Neger vorher
gesagt hatte, so sa in jedem der Eisen ein Biber. Sieben dieser
werthvollen Thiere, deren Felle zu jeder Jahreszeit vollkommen gut im Haare
sind, und eine Otter waren die reiche Beute der verflossenen Nacht, und mit
neuen Hoffnungen wurden die Fallen wieder aufgestellt.

Die nchste Nacht lieferte nur vier Biber als Beute, und Daniel und Carl,
welche diesmal allein hinausgeritten waren, um die Fallen zu untersuchen,
whlten andere Pltze fr dieselben, so da die letzte Falle in der Nhe
des zerstrten Dammes zu stehen kam. Als sie am andern Morgen abermals
hinausritten, um nach dem Fang zu sehen, trennten sie sich, ehe sie den
Pflaumenbach erreichten; Carl nahm die gerade Richtung nach dem Damme hin,
und der Neger ritt nach dem kleinen See, den der Bach oberhalb bildete.
Carl drang auf einem alten, wenig benutzten Bffelpfad in den Wald ein,
der nach dem Biberdamme zu fhren schien, aber sehr mit Ranken und Bschen
berwachsen war, so da der junge Jger viele Mhe hatte, sich den Weg
zu bahnen. Bald aber wurde dieser freier und der Falbe schritt rascher
vorwrts, als sein Reiter ihn anhielt, weil vor ihm ein alter umgefallener
Kiefernbaum den Pfad versperrte.

Die Entfernung bis zu demselben betrug nicht mehr als zwanzig Schritte,
und Carl schaute sich links und rechts um, auf welcher Seite er wohl am
leichtesten den Baum umreiten knne. In diesem Augenblicke erhob sich
an der andern Seite des Stammes eine groe Masse von Kiefernbschen und
trockenem Laube, es bewegte sich darin, rauschte und brach, und in der
Mitte der verworrenen dunkeln Masse kam pltzlich der Kopf eines riesigen
schwarzen Bren zum Vorschein. Carl hatte bei der Bewegung, die er hinter
dem Stamme bemerkte, die Bchse erhoben und darauf hingerichtet, und kaum
erschien der von ihm abgewandte Kopf des Ungeheuers, so gab er Feuer. Mit
dem Knall der Bchse versank die ganze erhobene Masse, und Carl warf sein
Pferd herum und jagte auf dem Pfade zurck, so schnell, als er sich in
dem Dickicht durchwinden konnte, nach der Prairie hinaus. Er lauschte und
lauschte, kein verdchtiger Ton aber drang zu seinem Ohr, dennoch wollte er
es nicht wagen, ohne Daniel in den Wald zurck zu reiten.

Nicht lange hatte er aber gewartet, als die laute Stimme des Negers aus
dem Holze her dringend seinen Namen rief, worauf er ihm mit allen Krften
antwortete. Nach wenigen Minuten wand Daniel sich zu Fu aus dem Dickicht
hervor und rief seinem jungen Freunde ganz auer Athem zu:

Gottlob, da meine Angst unbegrndet war; als ich Ihren Schu hrte,
fielen mir die verhaten Waco's ein, und es ergriff mich die Furcht, sie
knnten nach Ihnen geschossen haben. Ich lie mein Pferd zurck, weil ich
nicht damit durch die Dickung dringen konnte und bin wirklich schneller
hier angelangt, als ich glaubte, da es mglich sei. Wonach haben Sie denn
geschossen?

Nach einem sehr groen Bren; er stand vor mir aus dem Laube unter einem
umgefallenen Baumstamme auf, und als ich seinen Kopf sah, gab ich Feuer.
Dann bin ich fortgejagt, und habe nichts weiter von dem Thiere gehrt,
entgegnete Carl.

Nun, der wird auch wohl nicht viel mehr von sich hren lassen. Sie werden
ihn wahrscheinlich aus seinem Winterschlafe geweckt haben, denn es
ist jetzt die Schlafzeit der Bren, und htten Sie ihn nicht tdtlich
getroffen, so sollte er wohl bald hinter Ihnen gewesen sein. Wir wollen ihn
aufsuchen, folgen Sie mir nur nach.

Mit diesen Worten spannte Daniel seine Bchse und schritt rasch auf dem
Bffelpfad durch das Dickicht hin, indem er mit seinem Jagdmesser die
Ranken fr den ihm folgenden Carl aus dem Wege hieb.

Dort liegt der Baum, Daniel, nimm Dich in Acht, rief Carl diesem zu,
und machte gleichfalls seine Bchse zum Schu bereit; doch der Neger rief
lachend aus:

Sie haben dem Freund Urian einen zu starken Schlaftrunk eingegeben, als
da er noch einmal aus seinem Pallast hervorschauen sollte. Bleiben Sie
dort zurck, ich will mich um den Baum herumschleichen und sehen, wo der
Eingang ist.

Hiermit sprang Daniel in das Dickicht hinein und erschien gleich nachher
auf der andern Seite des Baumes in einiger Entfernung von demselben.

Es scheint unter dem Stamme eine Hhle zu sein, die mit trockenen
Kiefernzweigen bedeckt ist, rief er seinem Gefhrten zu, warf dann mit den
Worten, Hallo, Bursche, ists gefllig aufzustehen? ein Stck Holz gegen
den Stamm.

Wahrhaftig, es bewegt sich unter dem Reisig! rief er aus, und erhob die
Bchse. Nach einer Weile gespannter Aufmerksamkeit aber sagte er:

Wissen Sie, was ich glaube? Sie haben eine alte Brin geschossen, und die
Jungen sind es, die in dem Laube herumspringen. Wir wollen es bald genau
wissen.

Hierauf trat der Neger nahe zu dem Baume hin und blickte mit vorgehaltener
Bchse durch die Kiefernzweige.

Richtig, wie ich Ihnen sagte, hier schaut eine Hintertatze der Alten
hervor, sie liegt auf dem Rcken und zwei ganz kleine Bren sitzen auf ihr.
Die wollen wir lebendig mitnehmen, sie werden Ihnen tausend Spa machen,
denn es sind allerliebste Thierchen.

Indem Daniel dies sagte, stellte er seine Bchse an den Baum und beugte
sich in die Vertiefung unter denselben, aus welcher er zwei kleine Bren
hervorhob, die nicht viel grer als Kaninchen waren. Carl war vom Pferde
gesprungen und zu Daniel hingeeilt, wo er laut aufjauchzte, als er die
niedlichen Thiere erblickte, die ganz zutraulich seinen Finger in das Maul
nahmen und daran sogen. Sein Gefhrte rumte nun die Zweige und das Laub
hinweg, worauf die ganze Brin sichtbar wurde. Carl mute ihm behlflich
sein, dieselbe aus ihrem Lager hervorzuziehen, wobei Beide alle ihre Krfte
anzuwenden hatten.

Es war ein ungeheures Thier, welches wenigstens siebenhundert Pfund wog.

Carls Kugel war ihm von hinten in den Schdel eingedrungen. Daniel ging nun
allein nach dem Bach, um die Fallen zu untersuchen, whrend Carl bei den
kleinen Bren blieb, damit sie nicht abhanden kommen mchten. Nach Verlauf
von einer Stunde kehrte der Neger seinem Gefhrten zurck, indem er sein
Pferd leitete, an dessen Sattelknopf vier gefangene Biber hingen. Dieselben
wurden nun neben die Brin gelegt, ein Tuch wurde ber ihnen aufgehangen,
um Raubthiere davon abzuhalten, und dann bestiegen die Jger ihre Pferde,
indem ein Jeder von ihnen einen kleinen Bren in den Arm nahm. So langten
sie denn glcklich in dem Fort an, wo die verwaisten Kleinen groe Freude
erzeugten, und durch ihre Zutraulichkeit und ihr spaiges Wesen das Mitleid
Madame Turners, so wie Juliens erweckten. Daniel spannte schnell die
Schimmel vor den leichten Wagen und fuhr mit Carl nach dem Waldsaume am
Pflaumenbach zurck, um die Beute nach dem Fort zu schaffen. Dort nahm er
eines der Pferde vom Wagen, fhrte es in den Wald zu dem Bren, und lie
diesen durch dasselbe nach der Prairie schleifen. Mit groer Anstrengung
wurde das schwere Thier endlich aufgeladen, Daniel holte noch die Biber
herbei, und nach Verlauf von einer halben Stunde langten sie wohlbehalten
in dem Fort an. Das kostbare Fett des Bren war Madame Turner sehr
willkommen, das Fleisch desselben wurde gesalzen und geruchert, und
die ungeheure Haut ward getrocknet, um dann als Decke unter dem Tisch im
Wohnzimmer zu dienen.

Wie es Daniel vorhergesagt hatte, so war im Laufe von zwei Wochen die ganze
Bibercolonie ausgefangen. Vierunddreiig Biber waren erlegt, und nirgends
mehr war eine Spur von einem solchen Thiere zu entdecken. Der Werth der
erbeuteten und sauber getrockneten Felle betrug gegen zweihundert Dollar,
welche Warwick dafr an Turner bezahlte, um selbst noch beim Verkauf an
einen Pelzhndler einen kleinen Nutzen daran zu machen.

Dem Maisfeld hatte die Ueberschwemmung augenscheinlich wohl gethan, denn
die Pflanzen schossen ungemein krftig empor. Die Freude und das Glck
der Ansiedler ber diese herrliche Aussicht fr ihre erste Ernte war
unbeschreiblich, denn sie nahm ihnen jede Nahrungssorge fr ihre Zukunft.
Zwischen die Reihen der Maisstauden hatten die Kolonisten se Kartoffeln,
Bohnen, Krbisse und Melonen gelegt, so da die Ernte eine berreiche und
vielseitige zu werden versprach.

Knnten wir doch den armen Leuten in unserer alten Heimath unsern
Ueberflu an Lebensmitteln und an Holz abgeben, sagte Turner eines Abends,
als sie Alle um den Tisch herum saen. Der Segen in diesem Lande ist doch
unglaublich. Jetzt liegt in Deutschland die Natur noch im Winterschlafe,
und die Felder sind wahrscheinlich mit einer Schneedecke berzogen; wir
dagegen holen uns tglich frische Gemse aus dem Garten, und diejenigen
Bume und Struche, welche vor wenigen Wochen das vorjhrige Laub verloren
hatten, treiben schon wieder junge Knospen. Und welchen Reichthum von Wild
haben wir hier gefunden! Hunderte von Hirschen und Antilopen knnen wir
fast tglich vor uns auf der Prairie weiden sehen, gar nicht der Tausende
von Bffeln zu gedenken, die so hufig die Umgegend, so weit das Auge
reicht, bedecken.

Und die Bren nicht zu vergessen, fiel Madame Turner ein, sie sind mir
der wichtigste Artikel in meiner Haushaltung; wie wollten die armen Leute
in Deutschland jeden Tropfen von deren kostbarem Oel verwenden!

Und doch haben die Bren hier schon abgenommen, gegen jene Zeit, als noch
kein Ansiedler am Choctawbache wohnte, fiel Daniel ein. Ich habe hufig
hier mit den Indianern, unter denen ich lebte, Jagd gemacht, und erinnere
mich recht gut, da wir ein Dutzend starke Bren in einem Tage an diesem
Flusse schossen. Daher hat er ja auch seinen Namen. Auch trafen wir hier
einmal einen Grisleybren an; dies frchterliche Thier tdtete uns einen
jungen Krieger, dessen Pferd es in vollem Laufe einholte und ihn dann von
demselben herabzog und zerri.

Das ist ja erschrecklich; jetzt giebt es doch wohl hier solche Thiere
nicht mehr? sagte Madame Turner entsetzt.

Sie waren auch damals nur Fremdlinge in diesen flachen Gegenden. Ihre
Heimath ist in den weiter westlich liegenden Gebirgen, aus denen sie im
Winter, wenn dort die Nahrung sprlich wird, sich herab in die Niederungen
ziehen und dann in dem Walde am rothen Flusse mitunter bis in diese Lnder
vordringen. Die Ansiedler aber bieten Alles auf, um ihrer gleich habhaft zu
werden, denn einen gefhrlichern Feind fr sich selbst und fr ihre Heerden
giebt es nicht. Ein Grisleybr nimmt ein zweijhriges Pferd in die Arme
und trgt es fort. Auch holt er jedes Pferd auf die Dauer ein; denn seine
Krfte halten lnger aus, als die irgend eines andern Thieres. Ich habe
Grisleybren erlegen helfen, die gegen zweitausend Pfund wogen. Der Himmel
mag sie fern von uns halten, sonst wre es bs fr unser Vieh.

Das mu ja ein wahres Ungeheuer sein, bemerkte Turner, vor einem solchen
Thiere wre ja Flucht kaum mglich.

Auer wenn man einen Baum ersteigen kann. Der Grisleybr kann zum Glck
nicht klettern, entgegnete Daniel.

Geht denn eine Kugel durch sein Fell? fragte Carl.

Das wohl, aber oft sind zwanzig Kugeln nthig, um ihn zu tdten, wenn
nicht zufllig eine gleich auf den rechten Fleck kommt, antwortete der
Neger.

Nun, den Fleck knnte man ja wohl treffen, bemerkte Carl lachend.

Carl, Carl, Du wirst mir wahrhaftig zu dreist; der Himmel bewahre Dich
davor, mit einem solchen entsetzlichen Thiere zusammenzutreffen, sagte
Madame Turner mit ngstlicher Betonung.

Am sichersten ist der Schu auf seinen Kopf, das heit, wenn es nicht weit
ist, sonst mu man ihn kurz hinter das Schulterblatt und zwar ganz tief
schieen, denn das Herz des Bren liegt unten im Brustkasten, nahm Daniel
wieder das Wort, und setzte noch trstend hinzu: Wir werden aber wohl
niemals einen solchen Besuch hier bekommen, denn der Grisleybr lt sich
nur selten in der Nhe von Ansiedelungen sehen.

Da der Mais die Thtigkeit der Kolonisten jetzt nicht in Anspruch nahm, so
benutzten dieselben die Zeit, um das Feld herum noch mehr Bume zu tdten
und das Buschwerk abzuhauen, damit sie es im kommenden Herbste vergrern
knnten. Auch fllten sie Bume und spalteten daraus zwlf Fu lange
Holzstcke, die sie dann zur Erweiterung der Einzunung benutzen wollten.
Dies war die Ursache, da whrend einer ganzen Woche Keiner von ihnen auf
die Jagd gegangen und kein frisches Wildpret auf den Tisch gekommen war.
Madame Turner bemerkte eines Abends beim Essen, da sie wohl ein Stck Wild
zu haben wnsche, und Carl erbot sich mit Freuden dazu, am folgenden Morgen
hinauszureiten und einen Hirsch zu schieen. Arnold und Wilhelm baten, da
sie ihn begleiten drften; worin Turner einwilligte, unter der Bedingung,
da sie sich nicht weit von dem Fort entfernen wollten.

Die beiden jngeren Knaben waren schon ganz gute Reiter, da sie sich fast
tglich bten, indem sie die Pferde zum Wasser brachten, und sehr hufig
Abends, wenn die Khe nicht bei guter Zeit zu Hause kamen, in die Prairie
hinausritten und das Vieh heimtrieben; dabei gab es denn manch lustiges
wildes Rennen. Turner hatte sich durch Warwick zwei mexikanische Sttel fr
seine Knaben verschafft, in welchen man ungleich sicherer und fester sitzt,
weil sie einen hohen Sattelknopf und sehr hohe Rcklehnen haben. Zugleich
waren die Knaben schon recht gute Schtzen, wenn auch nicht so gewandte
Jger, wie Carl; denn Turner war zu ngstlich, um sie allein weit
hinausreiten zu lassen. Am folgenden Morgen sollten sie nun ihre erste Jagd
zu Pferde machen, und Carl sollte sie fhren und ber sie wachen, damit
ihnen kein Unglck zustoe; denn Daniel war mit dem Felde sehr beschftigt,
und einen Hirsch konnten die drei Knaben ja leicht allein in der Nhe des
Forts erlegen.

Arnold und Wilhelm konnten kaum den Tag erwarten, und als dessen
erstes Licht erschien, waren sie schon mit den Vorbereitungen der Jagd
beschftigt. Sie richteten Alles so ein, wie Carl es that, nur fehlten
ihnen die Revolver, welche jener heute umschnallte, und die schne
Jaguarhaut, die derselbe auf dem Sattel liegen hatte.

Die beiden Schimmel wurden nach dem Frhstck fr sie aufgezumt, Turner
untersuchte selbst noch das Riemenzeug, und als er seinen beiden Shnen in
die Sttel half, ermahnte er sie nochmals zur grten Vorsicht und sagte zu
Carl: Du wirst gut auf sie Acht geben, Carl; Eines mut Du mir aber noch
versprechen: da ihr keine Bffeljagd machen wollt, hrst Du, mein Junge!

Nein, gewi nicht, Onkel; wir schieen nur einen Hirsch, und dann kommen
wir gleich zurck, entgegnete Carl mit seiner treuherzigen Stimme.

Nun, so reitet mit Gott, sagte Turner, whrend seine Gattin zu Carl
an das Pferd getreten war, und, ihm die Hand drckend, sagte: Carl, sei
vorsichtig mit meinen Kindern, und kommt bald zurck.

Das trockene Gras ist so hoch, junger Herr, da Sie sehr nahe an das Wild
hinanreiten knnen, rief der Neger noch Carl zu. Halten Sie dann die
Pferde an, binden Sie den Schimmeln die Fe zusammen, und schleichen
Sie sich mit Ihren Brdern zu Fue an die Hirsche. Sie knnen Arnold und
Wilhelm heute den ersten Schu zukommen lassen, und nur noch nachhelfen,
wenn es nthig sein sollte.

Carl winkte dem Neger scheidend die Versicherung zu, da er thun werde, wie
derselbe ihm angedeutet hatte, und lustig trabten die drei Knaben den Hgel
hinab bis in das hohe Gras, wo die Pferde von selbst in Schritt fielen.
Das Gras reichte den Thieren bis an den Bauch hinauf und war abgestorben,
whrend die jungen Halme schon Fulang zwischen ihm emporstanden und auf
dem Grunde eine frischgrne Decke bildeten. Carl nahm die Richtung nach
der Spitze des Waldes am Pflaumenbache, wo dieselbe in der Prairie endigte,
weil er dort immer das meiste Wild gesehen hatte. Auf dem Wege dahin
sprangen wiederholt Hirsche aus dem hohen Grase und flohen vor den nahenden
Reitern, doch vergebens strengte Carl seine Blicke an, weidendes Wildpret
von fern zu erkennen, um sich ihm vorsichtig nahen zu knnen.

Sie hatten die letzte Waldspitze erreicht, die nur aus einzelnen
hohen Bumen bestand, und Carl hielt sein Pferd an, um unter demselben
hinzusphen, ob dort nicht ein Hirsch zu erkennen sei. Nachdem er vergebens
eine zeitlang auch mit dem kleinen Fernglas den Wald durchschaut hatte,
sagte er zu seinen Kameraden: Sonderbar, da gerade heute hier kein Hirsch
steht, ich bin doch fast nie hier gewesen, ohne mehrere zu sehen. Man kann
hier so leicht von Baum zu Baum an sie schleichen. Es hilft uns Nichts, wir
mssen in die Prairie hinausreiten, dort nach jenen Waldinseln zu, die Ihr
wie blaue Wolken ber dem Grase hervorblicken seht. Lat uns weiter reiten,
wir treffen sicher bald Wildpret an.

Hiermit lenkte Carl sein Pferd von der Waldspitze ab nach Westen in die
offene Grasflur, und Arnold und Wilhelm ritten zu seinen beiden Seiten.
Wohl eine Viertelstunde lang hatten sie whrend des Reitens eifrig sich
nach Wildpret umgesehen, als Carl in weiter Ferne vor sich ein Rudel
starker Hirsche erkannte, die sich vertraut ten und mit einander
scherzten.

Dort steht ein Rudel, seht dort, wo die zwei Mosquitobume aus dem Grase
hervorragen; gleich links daneben.

Ja, ja, ich sehe sie! sagten seine beiden Gefhrten zugleich.

Es ist noch sehr weit, wir knnen noch viel nher zu ihnen hinreiten. Es
sind starke Hirsche, ich kann schon von hier die Geweihe erkennen, denn der
Bast sitzt noch daran, was sie so dick macht. Beugt Euch aber etwas auf den
Hals der Schimmel, damit Eure schwarzen Hte uns nicht verrathen, sagte
Carl und neigte sich selbst nach vorn. Sie ritten in langsamem Schritt
vorwrts und die Formen der Hirsche wurden ihren Blicken immer deutlicher.

Es sind neun Stck, hub Carl wieder nach einer Weile an.

Wollen wir noch nicht absteigen? fragte Arnold in seinem Jagdeifer.

Nein, noch nicht; ich will es Euch schon sagen, wenn es Zeit ist. Legt
Euch nur hbsch hinter die Hlse Eurer Pferde, entgegnete Carl, indem
er neben dem Kopf seines Rosses nach dem Wild blickte. Pltzlich fuhr der
Falbe zusammen und machte einige Stze vorwrts, indem er schnaubend seinen
Kopf hoch empor richtete und hinter sich blickte. Carl ri ihn angehalten
mit dem Zgel zurck, und schaute sich dann selbst um.

Mein Gott, was kommt dort von der Waldspitze her -- seht Ihr es -- dort
ber dem Grase -- es ist ein Br -- aber kein schwarzer -- es ist ein
grauer Br! rief Carl, seinen Falben mit Gewalt zurckhaltend, whrend
auch die Schimmel schon das Weite suchen wollten.

Ach Gott, Carl, was sollen wir thun? der holt uns ein. La uns nach dem
Fort zurckjagen! rief Arnold entsetzt und Wilhelm jammerte: Ach lieber
Gott -- Carl -- hilf uns!

Er hat uns den Weg nach dem Fort abgeschnitten. Seid aber nur ruhig, er
kann uns nicht einholen, unsere Pferde sind zu gut. Lat den Schimmeln die
Zgel und folgt mir, treibt sie aber nicht an und sitzt fest im Sattel. Es
hat Nichts zu sagen, der soll uns wohl nicht kriegen. Vorwrts! rief
Carl und lie seinem Falben die Zgel schieen, der nun, von den beiden
Schimmeln gefolgt, ber das hohe trockne Gras dahinsauste. Augenscheinlich
hatten die Thiere trotz der groen Entfernung den furchtbaren Feind
erkannt, denn sie wandten im vollen Jagen die Kpfe bald links bald rechts,
um nach dem Bren zurckzublicken, der in ungeheuren Stzen ber das Gras
heranstrmte und ihnen in Schnelligkeit vollkommen gleich blieb.

Er bleibt schon zurck! rief Carl jetzt seinen Brdern zu, um sie zu
beruhigen, obgleich ein Blick nach dem Bren ihn berzeugte, da derselbe
noch eben so nahe hinter ihnen war, als im ersten Augenblick der Flucht.
Er hielt seinen Falben gewaltsam zurck, da es ihm schien, da die Schimmel
ihm nicht so schnell folgen konnten, gab ihm aber immer wieder die Zgel,
um die beiden Wagenpferde zu grerer Eile anzufeuern.

Lat nur die Zgel frei und treibt Euere Pferde etwas mehr an, dann wollen
wir bald in Sicherheit sein! rief Carl, indem er sich nach seinen Brdern
umsah, und zugleich einen Blick auf das schreckliche Thier warf, welches
immer in gleichem Sprunge ihnen folgte.

Schneller konnten die Schimmel nicht laufen, das sah Carl wohl ein, und er
wute, da sein Falber ihn mit Leichtigkeit von ihnen fortgetragen haben
wrde; er hielt ihn aber zurck, so da er nur einige zwanzig Schritte
vor seinen Kameraden hinsauste. Fort ging es in unausgesetztem Sturmlauf
vorwrts Hgel auf, Hgel ab, ohne da die Entfernung zwischen den beiden
Rossen und dem ihnen folgenden Ungeheuer sich vermindert htte. Meile
auf Meile blieb zurck, die Pferde bedeckten sich mit Schwei, die weien
Schaumflocken flogen von ihren Gebissen, und immer keuchender schnaubten
sie aus ihren weitausgespannten blutrothen Nstern. Carl sprach seinen
Brdern unaufhrlich Muth zu, und diese trieben die Schimmel mit Sporn und
Peitsche an; ihre Schnelligkeit aber begann nachzulassen, und der Br kam
ihnen nher. Vor den Fliehenden hob sich jetzt rasch die Waldinsel deutlich
empor, und nach ihr hin richtete Carl seinen Lauf. Noch wute er nicht, in
welcher Weise das kleine dichte Gehlz ihnen Hlfe bringen sollte, wenn es
aber eine Rettung gab, dann mute sie dort gesucht werden. Nher und nher
rckten sie dem Wldchen, und nher und nher kam ihnen der grimmige Feind.
Noch lagen nur hundert Schritte zwischen ihnen und dem Gehlz, als Carl
sein Ro noch mehr zurck hielt, so da seine Brder an seine Seite kamen.

[Illustration]

Jetzt sind wir gerettet! rief er ihnen zu, sobald wir an dem Wldchen
dicht vorberjagen, biegt Ihr Beiden links um dasselbe herum, so da der
Br Euch nicht mehr sieht; ich bleibe etwas zurck, bis er mir ganz nahe
ist, und dann lasse ich meinen Falben rechts ab davon jagen. Der Br wird
mir folgen, ich werde ihm aber bald aus den Augen sein, und dann komme ich
nach Hause. Eilt, so schnell Ihr knnt, von der Waldinsel nach dem Fort,
und sagt dort, da der Br mich nicht kriegen knnte, da ich aber erst
spt nach Hause kommen wrde.

Das Wldchen war erreicht, Carl blieb jetzt hinter seinen Brdern zurck,
und rief ihnen zu:

Vorwrts, jagt um das Holz herum und dann nach Hause, ich komme bald
nach.

Dabei parirte er sein Pferd, das sich wild und entsetzt bumte, denn der
Riesenbr kam herangestrzt und war nur noch kaum hundert Schritte von ihm
entfernt. Carl sah ihn an, er bebte aber nicht, denn er sah im nchsten
Augenblick seine Brder um das Gehlz verschwinden. Jetzt lie er dem
Falben abermals die Zgel schieen und jagte rechts vom Holze ab in die
Prairie hinaus. Seinen Blick aber hielt er nach dem Ungeheuer gerichtet, ob
es ihm auch folgen wrde.

Gottlob! entfuhr Carls Lippen, als er den Bren hinter sich sah, und nun
sprach er dem Falben zu, sein Bestes zu thun. Kaum fhlte das brave Thier
die freien Zgel, kaum hrte es den aufmunternden Ruf seines Reiters, da
flog es davon, als ob seine Hufe den Boden gar nicht berhrten, und der Br
blieb weit zurck.

Gottlob! sagte Carl abermals, als er gewahrte, da der Feind ihm nicht
so schnell folgen konnte, und Gottlob! rief er laut aus, als er nach der
Insel zurckblickte, und an deren anderer Seite seine beiden Brder schon
in weiter Ferne davonjagen sah.

Nun sollst du mich wohl nicht kriegen, du abscheuliches Thier, dachte
Carl, und schmeichelte seinem Falben, indem er ihm den nassen Hals
liebkosend klopfte. Bald war der Br mehrere tausend Schritte hinter dem
entschlossenen Knaben zurck und derselbe athmete wieder freier auf. Er
lie seinem Pferde jetzt freien Willen, denn da der Br ihn nicht einholen
konnte, das war ja gewi; dennoch schaute er immer nach demselben zurck,
in der Hoffnung, da er die Jagd aufgeben wrde. Der Br vernderte weder
seinen Sprung, noch seine Eile, und strmte in der Bahn vorwrts, die der
Falbe in dem Gras gebrochen hatte. Die Insel verschwand hinter Carl in
blauem Duft und vor ihm hob sich ein Waldstrich aus der Prairie empor,
der sich weit am westlichen Horizont hinzog. Das mute der Wald sein, von
welchem ihm Daniel oft erzhlt hatte, da er nur aus einzeln stehenden
Lebenseichen bestehe, deren Kronen ein dichtes Laubdach bildeten, whrend
der Boden mit einer feinen Grasdecke berzogen sei. Den Wald mute Carl zu
erreichen suchen, so dachte er und trieb jetzt seinen Falben strker an,
denn dessen Schnelligkeit hatte abgenommen, und es schien dem Knaben, da
der Br wieder etwas nher gekommen sei. Das Pferd gehorchte im Augenblick
jeder Anforderung seines Reiters, aber jedesmal auf krzere Zeit, dann lie
es wieder im Laufe nach. Seine Sprnge wurden krzer und mhsamer, sein
Athem wurde schwer, und Carl erkannte es zu seinem Schrecken, das die
Krfte des edlen Thieres schnell abnahmen. Im Laufe des Bren war keine
Aenderung.

Die Mglichkeit, da das furchtbare Ungethm ihn einholen knne, fing an,
in dem Knaben mehr und mehr zur Gewiheit zu werden, und die dann nthige
Vertheidigung vereinigte jetzt mit aller Willenskraft seine ganze geistige
Thtigkeit.

Der Schu durch den Kopf und der durch das Herz des Thieres muten ihm
gelingen, davon war Carl berzeugt, und dann war er und der Falbe gerettet.
Wie aber, wenn die Kugeln dennoch nicht den rechten Fleck trfen? Der graue
Br konnte aber nicht klettern, hatte Daniel gesagt, und der Eichenwald
war ja schon ganz nahe vor Carl, ein Baum sollte ihm Schutz und dem Pferde
Rettung bringen! Jetzt drckte der Knabe beide Sporen fest in die nassen
Flanken des treuen Rosses, und nochmals stob dasselbe fliegend dahin, und
abermals lie es den Bren weiter zurck. Die Eichen waren erreicht und
in sausender Carriere jagte Carl zwischen ihnen hindurch, indem er weithin
nach einem Baume sphete, der seinem Zweck entsprechen wrde. Noch hatte er
mehrere tausend Schritte Vorsprung vor seinem grimmen Verfolger, da hielt
er pltzlich das Pferd vor einer Eiche an und sprang im selbigen Augenblick
aus dem Sattel.

Ein Schlag mit der Peitsche und die in der Ferne heranstrmende
Riesengestalt des Bren trieben den Falben in wilder Flucht davon, whrend
Carl die Bchse um den Nacken hing und den nicht starken, aber rauhen
Stamm der Eiche erklomm. Nach wenigen Augenblicken stand er auf den ersten
Aesten, die wohl funfzehn Fu ber der Erde erhaben waren, und nahm die
Bchse vom Nacken, um sie zum Gebrauch fertig zu machen. Jetzt hrte er die
schweren Tritte des Bren nahen, die Erde drhnte unter seiner Wucht und
Carl konnte deutlich das laute Aechzen seines Athems vernehmen.

Da kam der Br unter den Eichen her, gerade auf den Baum zu, auf welchem
Carl stand. Wie aber, wenn derselbe vorberrennen und dem Pferde folgen
sollte -- dann wre dasselbe verloren! In schwerflligen ungeheuren Stzen
strzte der Br jetzt zwischen den nchsten Stmmen hervor, Carl hatte die
Bchse auf ihn gerichtet, er gab Feuer, und ri den Hut vom Kopf, den er
dem Ungeheuer vor die Fe warf, in dem Augenblick, als dasselbe den Baum
erreichte. Mit einem dumpfen Wuthgebrll fiel der Br ber den Hut her und
schlug seine Zhne und Klauen in den Filz ein, da blitzte es zum zweiten
Male vom Baum herab, und im Schu rollte der Br kopfber. Im nchsten
Augenblick aber richtete er sich wieder empor und sah zhnefletschend nach
dem Schtzen hinauf. Er sprang an dem Stamme in die Hhe und schlug mit den
Riesentatzen nach seinem Gegner, reichte jedoch nicht ganz bis an den Ast,
auf dem Carl stand, und dieser sah, wie ihm das Blut vom Kopf und von der
Seite herabstrmte. Mit einem furchtbaren Wuthausbruch fate der Br den
Baumstamm und schttelte ihn, als wolle er ihn aus der Erde reien. Carl
aber hatte den Revolver gezogen, hielt ihn dem brllenden Umgethm entgegen
und feuerte in dessen weitgeffneten Rachen.

Der Br umklammerte nach dem Schusse mit den Vordertatzen den Stamm und
stie ein rchelndes dumpfes Brummen aus. Carl aber richtete den Revolver
nun mitten auf den Kopf des Thieres und mit dem Knall sank dasselbe
zuckend, und an allen Gliedern zitternd, am Stamme nieder.

Gott sei gelobt und gedankt! rief Carl aus und faltete seine Hnde, indem
er die Waffen in den Armen an sich drckte und mit thrnenfeuchtem
Blick zum Himmel ber sich schaute. Dann sah er wieder hinab, da lag das
Ungeheuer zu seinen Fen hingestreckt, doch das Leben war noch nicht ganz
aus ihm gewichen. Carl schob den Revolver in den Grtel und ladete, so
schwierig es ihm auch wurde, seine Bchse wieder, denn ehe er sich zu dem
Thiere hinabbegeben wollte, mute er von dessen Tod berzeugt sein.
Er scho ihm nun noch eine Bchsenkugel durch den Schdel, worauf jede
Bewegung des Bren aufhrte und Carl sich an dem Stamme herablie. Einige
Augenblicke stand er erstaunt vor dem todten Riesenkrper, dann aber dachte
er an seinen Falben und beschlo, dem treuen Thiere sofort zu folgen. Er
ladete schnell den abgeschossenen Lauf, suchte nun die Spur des Pferdes,
der er dann mit mit raschen Schritten folgte; denn das Gras war seiner Eile
nicht hinderlich.

Die Sonne stand hoch am Himmel und Carl war durch die ungewhnlichen
Anstrengungen sehr ermdet, der Schatten aber, den das dichte Laubdach
der immergrnen Eichen gewhrte, und die frische Luft, die unter demselben
hinzog, thaten ihm wohl und lieen ihn wieder zu Krften kommen. Das Gras
war sehr fein und nicht lang, so da er jeden Tritt seines Pferdes leicht
erkennen und ihm ohne Unterbrechung folgen konnte, whrend sein Blick
sehnlichst und besorgt auch in die Ferne schweifte, ob er das geliebte Ro
nicht ersphen knne.

Um diese Zeit naheten sich seine geretteten Brder dem Fort. Kaum konnten
die Schimmel sich noch im Galopp erhalten, so sehr die Peitschen und Sporen
der Knaben sie auch antrieben.

Immer noch wandten diese bebend ihre ngstlichen Blicke zurck ber die
weite Grasflur, und meinten, sie mten im nchsten Augenblick wieder das
entsetzliche Thier hinter sich herstrmen sehen. Auch die Pferde hatten das
Ungeheuer noch nicht vergessen, denn auch sie blickten sich oft
schnaubend um, und strzten vorwrts, als wollten sie laufen, bis sie todt
zusammenbrchen. Der Anblick des Forts gab den Rossen und Reitern wieder
Trost und lie sie ihre Erschpfung vergessen, und mit fliegenden Mhnen
und verhngten Zgeln jagten sie mit den letzten Krften durch das hohe
Gras dem heimischen Hgel zu.

Madame Turner hatte wohl eine Stunde ber die gewohnte Zeit mit dem
Mittagsessen auf die Rckkehr der Knaben gewartet, und ging jetzt hinaus
vor das Fort zu ihrem Gatten und zu Daniel, welche schon seit einiger
Zeit dort gesessen hatten, um nach den jungen Jgern auszusphen. Noch war
Nichts von ihnen zu sehen, und auch Julie war hinzugetreten, als Madame
Turner sagte:

Wo mgen die Jungen nur so lange bleiben, sie wollten sich doch nicht weit
entfernen.

Sie werden wohl einen Hirsch angeschossen haben und ihn verfolgen.
Man wei stets, wann man auf die Jagd geht, nie aber, wann man von ihr
zurckkommen wird, bemerkte Daniel.

Da man aber gar Nichts von ihnen sehen kann und da wir auch keinen Schu
gehrt haben! sagte Turner mit sichtbarer Unruhe.

Wenn ihnen nur kein Unglck zugestoen ist. Wir htten sie doch nicht
sollen allein reiten lassen, fiel Madame Turner ein.

Carl ist ja dabei und er ist ein eben so guter Schutz, als ob ich
mitgeritten wre. Seien Sie ohne Sorgen, er wird die beiden Knaben
wohlbehalten zurckbringen, versetzte der Neger.

Dort sehe ich Etwas herankommen, ich glaube es sind die Schimmel, fiel
Julie pltzlich ein, und zeigte in die flache Ferne.

Das sind sie -- in voller Jagd -- sie haben Etwas angeschossen! sagte
Daniel und hielt die Hand ber die Augen, um schrfer sphen zu knnen.

Mein Gott -- ich sehe den Falben nicht -- nur die beiden Schimmel kann
ich erkennen! rief der Neger nach einer Weile und setzte mit ngstlicher
Stimme noch hinzu: Das ist auch keine Jagd das sieht mir aus wie Flucht;
da ist Etwas geschehen, -- sie kommen ja in gerader Richtung auf uns zu --
Carl ist nicht dabei!

Um des Himmels Willen, wenn ihm nur kein Unglck zugestoen ist! sagte
Madame Turner und prete ihre gefalteten Hnde bebend zusammen.

Schweigend, und von Schrecken erstarrt, hefteten Alle ihre Blicke auf die
beiden heranjagenden Knaben und ihre Angst, ihr Entsetzen steigerte sich
mit jedem Sprunge, den die Schimmel ber das Gras thaten.

Bald erkannten sie auch an den Bewegungen der Pferde deren groe
Erschpfung, sahen, wie die Knaben sie mit den Peitschen zur Flucht
antrieben, und wie den Thieren der weie Schaum von den Gebissen flog.

Wo ist Carl, um Gottes Willen, wo ist Carl? riefen Alle zugleich den
Knaben entgegen, als dieselben in Galopp den Hgel heraufgesprengt kamen,
und wo ist Carl? wiederholten Alle, als Turner und Daniel sie aus den
Stteln hoben.

Ein grauer Br! war Alles, was die entsetzten Knaben hervorstammeln
konnten, die sich jetzt weinend in die Arme ihrer Eltern schmiegten.

Daniel hatte aber kaum das Wort Br gehrt, als er in das Gras
hinunterstrzte, sein Pferd von dem Strick befreite und mit ihm nach dem
Fort zurckrannte.

In wenigen Minuten hatte er es gesattelt, hatte seine Waffen ergriffen,
und trat nun zu Turners in das Haus, um noch weitere Auskunft ber Carls
Schicksal zu erhalten, ehe er sich zu dessen Auffinden entfernte.

Er fand die ganze Familie in Thrnen und Jammer, denn jetzt hatten die
Knaben den Hergang der unglcklichen Begebenheit erzhlt. Mit lautem
Schluchzen und Wehklagen empfingen Turners den treuen Neger, und machten
sich die bittersten Vorwrfe, da sie ihre Zustimmung zu der Jagd gegeben
hatten.

Noch ist nicht Alles verloren, sagte Daniel trstend, der Falbe ist
ein edles Pferd und Carl ein guter Reiter. Er hat die Richtung nach dem
Eichenwald genommen, und er wute, da der graue Br nicht klettern kann.
Noch gebe ich die Hoffnung nicht auf, da der Himmel ihn beschtzt hat.

Hiermit sprang der Neger hinaus zu seinem Pferde, schwang sich in den
Sattel und sprengte in fliegendem Lauf der Waldspitze am Pflaumenbache
zu. In sehr kurzer Zeit hatte er dieselbe erreicht und dort auch die
Riesenfhrte des Bren erkannt. Im Galopp folgte er derselben nach der
Waldinsel, wo Carl seine Brder gerettet und den Blutdurst des Raubthieres
auf sich selbst gelenkt hatte. Hier fand Daniel nun die Fhrte des Falben
mit der des Bren zusammen, und sie fhrten ihn dem Eichenwalde zu.

Der Himmel hatte sich mit grauem Gewlk berzogen und ein heftiger Wind war
von Sden her aufgesprungen, als der Neger den Wald erreichte, unter dessen
Laubdach das immer dort herrschende Dster schon durch den einbrechenden
Abend vermehrt wurde. Dennoch konnte Daniel von seinem Pferde herab
die Fhrten des Falben und des Bren erkennen, wenn er ihnen auch mehr
Aufmerksamkeit schenken mute, als in dem hohen Grase der Prairie, wo die
zerrissenen und niedergedrckten Halme dieselben auf weithin bezeichneten.
Er mute seiner Eile, seiner Sehnsucht aber Gewalt anthun und im Schritt
reiten, um nur die Fhrten nicht zu verlieren. Bald aber wurde es so
dster, da er dieselben vom Sattel herab nicht mehr erkennen konnte,
weshalb er abstieg und sein Pferd fhrte. Mit schwerem Herzen ging er von
Baum zu Baum und suchte den Gedanken zu bekmpfen, da er pltzlich den
Fleck erreichen wrde, auf welchem sein junger Freund ein Opfer seines
edlen Herzens geworden -- und durch das frchterliche Thier gemordet war.
Er mute der zunehmenden Dunkelheit wegen gebckt gehen, um die Futapfen
des Bren erkennen zu knnen, schritt aber immer noch mit mglichster Eile
vorwrts, als er pltzlich aufsah und sein Blick auf das getdtete Ungethm
fiel.

Gerettet, gerettet, mein junger Herr ist gerettet! schrie der Neger laut
zum Himmel auf und hob seine Hnde gefaltet empor, dann zog er sein Pferd
im Trabe hinter sich her zu dem Bren, bei dem er niederfiel, um sich
zu berzeugen, da er durch Carls Kugeln getdtet sei. Bei seiner
Herzensfreude jubelte er hell auf, lie seinen gellenden Jagdruf durch den
Wald ertnen und feuerte die beiden Rohre seiner Bchse ab. Antwort wurde
ihm keine andere gegeben, als die, welche eine Eule ihm klagend zurief; der
Neger aber lachte lustig auf und sagte: Du lgst, ich habe bessere Kunde
von meinem jungen Herrn!

Carl war schon zu weit von Daniel entfernt, als da er dessen Schsse htte
hren knnen.

Er war whrend des ganzen Nachmittags den Huftritten seines Rosses
unermdlich gefolgt, bald rechts, bald links, bald vorwrts, bald
rckwrts, so da er zuletzt gar nicht mehr wute, in welcher Richtung
er gehe, denn die Sonne hatte sich versteckt, und seinen Compa hatte er
unglcklicherweise zu Hause gelassen. Es war ihm aber im Augenblick auch
ganz einerlei, wohinaus er ginge, denn er stand ja immer noch auf der
Fhrte seines Falben, und das war der beste Wegweiser, den er jetzt sich
wnschen konnte. Lange Zeit hatte die Fhrte deutlich gezeigt, da das
Pferd flchtig gewesen war, dann aber hatte es sich in Trab gesetzt, und
nun erschienen die Futritte im Schritt. Es war um dieselbe Zeit, als
Daniel den Bren fand, da Carl nur noch mhsam die Fhrte seines Rosses
erkennen konnte, und mit traurigem, verzweifelnden Herzen blickte er zu
dem grauen Himmel auf, weil er befrchtete, da ein schwerer Regen jedes
Kennzeichen von dem Wege verwischen wrde, welchen der Falbe eingeschlagen
hatte. An sich selbst dachte er noch gar nicht, er fhlte keine Mdigkeit,
keinen Hunger, keinen Durst; das heie Verlangen, sein braves Pferd
wiederzufinden, erdrckte jedes andere Gefhl in ihm. Jetzt wurde er irre
in der Fhrte, es war zu dunkel, um sie noch zu erkennen; er beschlo
daher, hier unter einer alten Eiche zu schlafen und am folgenden Morgen
sein Suchen wieder zu beginnen.

Er stellte seine Bchse an den Baum und war im Begriff, seine Jagdtasche
abzulegen, als er in der Ferne unter den Eichen eine Bewegung bemerkt zu
haben glaubte. Er fuhr zusammen, denn die Hoffnung, die ihn bis hierher
begleitet hatte, erwachte in dem Augenblick wieder mit aller Strke. Er
verwandte keinen Blick von jenem Fleck zwischen den schwarzen Stmmen,
und da bewegte es sich abermals. Schnell hatte er die Bchse ergriffen und
sprang von Baum zu Baum, jedoch vorsichtig dem sich bewegenden Gegenstand
zu, der vor seinem Blick immer heller erschien, bis er pltzlich die
gefleckte Jaguarhaut auf der unbestimmten Form seines Falben erkannte.

Falber, Falber! schrie er dem Pferde zu, um sich ihm zeitig zu erkennen
zu geben, damit das gengstigte Thier nicht etwa die Flucht vor ihm
ergreifen mge, und ging nun mit liebkosenden, zutraulichen Worten nher
und nher zu ihm hinan.

Das Pferd hatte ihn bald erkannt, wieherte ihm freudig entgegen, und als
Carl mit den Worten zu ihm trat: Ja, Falber, ehrlicher Falber, freuest Du
Dich denn, da ich wieder bei Dir bin? da wieherte das Thier abermals und
legte seinen Kopf auf die Schulter seines jungen Herrn.

Carl war im Begriff, dem Pferde Sattel und Zeug abzunehmen, da erkannte er
weiterhin unter den Eichen einen Gebschstreifen, und er zog es vor, dort
sein Nachtlager aufzuschlagen, weil er in dem Dickicht weniger leicht
gesehen werden konnte, und die Dunkelheit ihn noch nicht genug verbarg.
Er fhrte sein Pferd nach dem Gebsch hin und fand in demselben zu seiner
grten Freude ein frisches Quellwasser, welches wahrscheinlich den Falben
herbeigelockt hatte; denn derselbe war schon dabei gewesen, wie dessen
Huftritte in dem weichen Boden zeigten.

Fr Carl war diese Entdeckung eine groe Wohlthat, denn jetzt, da sein
Verlangen nach dem Pferde gestillt war, fhlte er seine Erschpfung und
einen brennenden Durst.

Er warf sich an den Quell nieder, und als er sich nach Herzenslust daran
gelabt hatte, nahm er dem Falben Sattel und Zaum ab und band ihn mit dem
Seil, welches derselbe zu diesem Zwecke um den Hals trug, an ein junges
Bumchen, damit er noch in dem ppig grnen wilden Roggen weiden knne, der
zwischen den Bschen den Boden bedeckte.

Dann legte Carl sein Jagdgerth ab, breitete seine Jaguarhaut unter einer
alten Eiche aus, und lie sich darauf nieder, um nun der Ruhe zu pflegen,
die ihm so sehr nthig war. Madame Turner hatte ihm am frhen Morgen, wie
sie immer zu thun pflegte, wenn Carl auf die Jagd gehen wollte, ein Stck
Brod und etwas Fleisch in die Jagdtasche gesteckt, dies holte er jetzt
hervor und stillte seinen Hunger damit, der sich auch nun fhlbar gemacht
hatte.

Carl meinte, so gut habe ihm noch niemals eine Mahlzeit geschmeckt, er
fhlte sich dabei so froh und so beglckt im Herzen, denn er dachte an
seine geretteten Brder und an den Jubel, den ihre Rckkehr nach der
berstandenen Gefahr im Fort erzeugt haben mute. Freilich wute er, da
Turners sehr besorgt um ihn sein wrden, er hatte ihnen ja aber sagen
lassen, da er vielleicht spt nach Hause kommen knne und mit dem ersten
Tageslicht wollte er ja auch seinen Rckweg nach dem Fort antreten.

Wo hinaus aber lag das Fort? -- darber war Carl mit sich nicht eins, er
trstete sich aber damit, da Morgen die Sonne scheinen wrde und er nur
ihrem Aufgange entgegenzureiten brauche, um an den Brflu zu gelangen;
denn derselbe flo ja von Sden nach Norden in den rothen Flu.

Dieserhalb beruhigt, und mit dem beseligenden Bewutsein, eine gute That
vollbracht zu haben, sank er bald auf seinen Sattel zurck und verfiel in
einen sen, strkenden Schlaf.

Der Wind nahm von Stunde zu Stunde an Heftigkeit zu, er pfiff und heulte
durch die alten Eichen, schttelte ihre gewaltigen Aeste und warf ihr
trockenes Holz von ihnen auf die Erde nieder; Carl hrte nicht, was um ihn
her vorging und fhlte nicht, wie der Wind in seinen reichen Locken whlte,
er schlief den Schlaf der Guten und trumte von seinen Brdern. Kaum aber
graute der Tag, als er erwachte und sich verwundert umblickte, denn im
ersten Augenblick wute er nicht, wo er war.

Der Falbe wieherte laut auf, als er die Bewegung seines Herrn sah, und Carl
ermunterte sich schnell und sprang zu dem Pferde, um dasselbe auf einen
andern Weideplatz zu fhren. Zugleich hrte er etwas weiter an dem Wasser
hinunter den kollernden Ruf von wilden Truthhnern, womit sie den Morgen
begrten. Carl hatte nichts mehr zum Essen bei sich, deshalb ergriff er
seine Bchse und sprang schnell in das Buschwerk dem Rufe der Truthhner
nach. Er gelangte an die letzten Bsche, als er wohl fnfzig dieser
kolossalen Vgel aus demselben hervor und unter den Eichen hinrennen sah.

Ihr Lauf war so flchtig, wie der eines Pferdes, doch Carl hatte schnell
einen der grten Hhne unter ihnen gewhlt und sandte ihm seine Kugel
nach. Sie traf, der Vogel strzte, mit den Flgeln um sich schlagend,
zusammen, und Carl trug ihn eilig nach seinem Lagerplatz. Dort zndete er
sogleich ein Feuer an, schnitt die besten fettesten Stcke Fleisch von
der Brust des Vogels, spiete sie an einen Stock und pflanzte sie vor der
Feuergluth zum Braten auf. Das Frhstck war bald bereitet und schmeckte
Carl vortrefflich, als er es aber beendet, eilte er, sich zum Nachhauseritt
fertig zu machen, denn er wute, wie sehr man nach seiner Rckkehr
verlangen wrde.

Der Falbe hatte sich in dem fetten wilden Roggen tchtig etwas zu Gute
gethan, er wurde rasch gesattelt und Carl schwang sich auf ihn hinauf, mit
dem freudigen Gedanken daran, welcher Jubel ihn im Fort empfangen wrde.
Die Sonne war nicht erschienen, der hohe Himmel war mit einem hellen
einfarbigen Grau berzogen und der Wind blies mit einer solchen Gewalt
durch die Bume, da ihre Aeste wild umherschlugen und knarrten und
krachten. Carl beschlo nun, auf der Fhrte des Falben seinen Rckweg nach
dem Bren zu suchen, denn von dort aus konnte es ihm dann nicht mehr schwer
werden, sich nach Hause zu finden. Das niedergetretene Gras hatte sich aber
whrend der Nacht in den Huftritten wieder aufgerichtet, der Wind hatte die
Halme ber denselben vereinigt, und es war unmglich, sie noch zu erkennen.
Carl blickte verlegen um sich, denn er wute wirklich nicht, wohinaus er
reiten sollte. Die Richtung, von woher er am Abend zuvor den Falben zuerst
erblickt hatte, glaubte er jedoch zu erkennen und hiernach whlte er seinen
Weg; denn geritten mute werden. Er setzte sein Pferd in Trab und lie
seine Blicke ber den Boden schweifen, in der Hoffnung, doch wohl einmal
des Falben Spur vom vergangenen Tage zu finden; doch es gelang ihm nicht,
so aufmerksam er auch war. Wie htte dies auch geschehen knnen, er ritt
ja ganz in der entgegengesetzten Richtung von der, welcher er zu folgen
glaubte; er ritt nach Westen, und das Fort lag hinter ihm in Osten. Als
er nun glaubte, in die Nhe des Bren zu kommen, strengte er seine
ganze Sehkraft an, um ihn zu entdecken, aber vergebens; er ritt und ritt
stundenlang in gleicher Richtung vorwrts, vom Bren sah er nichts, und
pltzlich befand er sich an dem Rande des Eichenwaldes, wo derselbe sich
an die Prairie anlehnte. Mit aller Zuversicht, da er sich auf dem rechten
Wege nach dem Brflusse befinde, ritt er in das hohe trockene Gras hinaus,
dessen lange Halme der Sturm in einander verwirrt hatte. Das Gehen wurde
dem Pferde mitunter in den Vertiefungen der Prairie beschwerlich, weil dort
das Gras ihm bis an den Sattel reichte, auf den Hhen aber munterte Carl es
zur Eile auf, und willig folgte das Thier dem Wunsche seines Reiters. Jetzt
stieg eine Waldinsel vor Carls Blick empor, und er bewillkommnete sie als
das Wldchen, welches seinen Brdern Rettung gebracht hatte; nun war er
sicher, da er ohne Schwierigkeit seinen Weg nach dem Fort finden wrde.
Er kam nher und nher und immer mehr berzeugte er sich, da es dasselbe
kleine Gehlz sei, in dessen Nhe er sich gestern von seinen Brdern
getrennt hatte. Auch selbst, als er dasselbe erreichte, glaubte er noch,
die einzelnen Bume zu erkennen, und da er von der Spur des Bren nichts
mehr sah, war ja bei diesem Sturm nicht zu verwundern. Er ritt getrost
weiter, mute aber seinen Hut tief auf den Kopf drcken, damit ihm derselbe
nicht davon flog. Der Wind steigerte sich mehr und mehr, bis er um die
Mittagszeit als entfesselter Orkan von Sden her ber die unabsehbare
Grasflche brauste. Vergebens suchte Carls Blick in der Ferne den Wald des
Brflusses zu entdecken, der seiner Berechnung nach schon sichtbar sein
mute, und ein unheimliches Gefhl der Ungewiheit ber die eingeschlagene
Richtung drngte sich ihm unwillkrlich auf. Es fiel ihm jetzt auch auf,
da er ungewhnlich viele Thiere auf der Prairie in Bewegung sah, und zwar
mit einer Unruhe, die er frher nie so allgemein an ihnen bemerkt hatte.
Namentlich kamen deren immer mehr von Sden mit dem Sturme herangezogen und
schienen sich weniger um Carl zu kmmern, als sonst. Er hatte eine Zeitlang
verwundert dem Winde entgegen geblickt, als er pltzlich einen dunklen
Streif ber dem fernen Horizont gewahrte. Er hielt denselben im ersten
Augenblick fr aufsteigendes Gewlk, dann aber kam er ihm nicht mehr wie
gewhnliche Wolken vor, es war ein glatter langer Strich, der sich schnell
ber den uersten Rand der Prairie erhob und immer schwrzer von Farbe
wurde. Das ist kein Gewlk; was aber kann es sein, das mit dem Sturm dort
heranzieht? dachte Carl, und sah in weitester Ferne noch immer mehr Thiere
heranjagen. Da fuhr es ihm wie ein Blitzstrahl durch die Gedanken: Wenn
es ein Prairiebrand wre! Kaum hatte er es gedacht, so stand auch die
Gewiheit in ihm darber fest, denn das Bild, welches Daniel ihm so oft
von diesem Schreckensereigni gegeben hatte, stimmte vollkommen mit dem
berein, welches er jetzt vor Augen hatte.

Der schwarze Strich waren Rauchwolken, die schon beinahe um den dritten
Theil des Horizonts sichtbar wurden, und sich weiter und weiter hinter Carl
ausdehnten.

Zugleich nderte der Sturm seine Richtung und kam mehr von Osten
hergezogen. Noch lebte die Hoffnung in Carl, da seine Richtung ihn nach
dem Brflusse fhre, wenn auch viel weiter nach dessen Mndung in den
rothen Flu, als das Fort lag. Hier war keinenfalls seines Bleibens, und
nur die Flucht konnte ihn und sein Ro von einem grausigen Untergange in
den Flammen des brennenden Grases retten. Auch der Falbe schien jetzt die
drohende Gefahr, die mit jenen Rauchwolken aufstieg, zu ahnen, denn er sah
schnaubend nach ihnen hin und drngte sich in das Gebi, um davoneilen zu
drfen. Kaum aber hatte Carl ihm die Zgel gegeben, so flog das Thier mit
ihm davon, als wolle es den Sturmwind hinter sich zurcklassen.

Links und rechts jagte es an fliehenden Hirschen, an einzelnen Bffeln,
an wilden Pferden vorber, und soweit Carls Auge reichte, belebte sich die
Grasflche in jedem Augenblicke mehr mit Thieren der Wildni, die alle vor
dem Orkane dahin jagten. Carl suchte sein Pferd zu beruhigen, um ihm auf
die Dauer die Kraft zu erhalten, er sprach zu ihm und klopfte mit der Hand
seinen festen Hals; die Aufregung des Thieres schien sich aber immer mehr
zu steigern und seine Sprnge immer weiter, immer flchtiger zu werden.
Carl blickte zurck nach dem rasch aufsteigenden schwarzen Gewlk, und sah,
wie unter demselben die weiteste Ferne der flachen Prairie sich mehr
und mehr mit bewegten dunkeln Massen bedeckte. Diese Massen waren die
fliehenden vierfigen Bewohner dieser Wildni, die das Feuer von weit her
vor sich hingetrieben hatte, und die jetzt in gedrngten Reihen in wilder
Flucht ihre Rettung suchten. _Einen_ Trost fhlte Carl in dem Hinblick auf
seinen Falben, den, da derselbe den Lauf ebenso lange aushalten wrde, als
eines jener Tausende von Thieren, die ihm folgten; denn lieen seine Krfte
frher nach, so wre der Tod unter den Fen jener Massen unvermeidlich
gewesen. Dahin jagte Carl Scharnhorst mit dem Sturme um die Wette, Hgel
auf, Hgel ab; vergebens aber sphete er nach dem Walde des Brflusses,
sein Blick schweifte rundum nur ber eine endlose Grasflche. Immer
eiliger, immer drohender zogen die Rauchwolken am Himmel empor und rollten
sich in schwarzen schweren Massen ber einander an demselben hin;
schon jagten sie sich, wie in wildem Kampfe ber Carls Haupt, mit ihrem
Weiterzuge nahm das Tageslicht mehr und mehr ab, und ein Dster, wie
das hereinbrechender Nacht, legte sich auf die im Sturme wogende weite
Grasflche. Pltzlich zog ein rthlicher Schein ber das schwarze rollende
Gewlk, und als Carl sich umwandte, sah er im Halbzirkel hinter sich
die Flammen des brennenden Grases ber dem uersten Rande der Prairie
emporlodern. Sie schlugen hoch und wild zum Himmel auf und beleuchteten mit
ihrem glhendrothen Scheine das wogende Thiergewirre, das sie im Todeslaufe
vor sich hertrieben. Die ganze Flche hinter Carl schien zu leben, und wie
ferner Donner drang es von dort her zu seinem Ohr. Die Rauchwolken hatten
den ganzen Himmel berzogen, sie schienen rundum auf dem Rande der Prairie
zu liegen, und die durch sie erzeugte schwarze Nacht wurde nur durch das
glhende Feuerlicht der immer hher in der Ferne hinter Carl aufsteigenden
Flammen verscheucht. Fort ging es mit des Sturmes Rasen ber viele, viele
Meilen weite Strecken, immer noch gleich flchtig trug der brave Falbe
seinen Reiter weit vor den heranstrmenden Thiermassen hin, und nur
einzelne der schnellsten Bewohner dieser Steppen, Hirsche, Antilopen und
wilde Pferde begleiteten ihn zu beiden Seiten auf der verzweifelten Flucht.
Alles rannte in blinder Verwirrung durcheinander hin, Alles in seiner
Schnelligkeit Rettung suchend, Alles vor dem furchtbaren Elemente fliehend,
dessen Flammen, vom Orkan getragen, ber das Grasmeer wirbelten und in
ihrer Gluth verzehrten, was ihrem Bereich verfiel.

Nicht weit von Carl jagte ein Trupp wilder Pferde; an ihrer Spitze
befanden sich viele Fllen, welche, wie es schien, durch die Alten zur Eile
angetrieben wurden, denn diese rannten hinter ihnen hin und her, und lieen
sie nicht zurckbleiben. Zwei der Fllen aber strzten pltzlich zusammen,
und whrend die Heerde an ihnen vorbersauste, blieben ihre Mtter
bei ihnen zurck, stieen sie mit dem Kopf, scharrten an ihnen mit den
Vorderfen und suchten sie auf alle Weise zum Aufstehen zu bewegen; es
war aber umsonst, die Kleinen konnten sich nicht wieder erheben. Nochmals
versuchten es die Stuten, sie aufzutreiben, dann aber sahen sie mit
entsetztem Blick nach den Flammen zurck, und jagten der Heerde nach. Bald
darauf brach ein mchtiger Hirsch vor Carl zusammen, er sprang wieder auf
und suchte sich auf den Fen zu erhalten, sank aber immer wieder nieder,
und als Carl an ihm vorberjagte, hob das erschpfte Thier den Kopf empor
und schaute ihn an, als ob es seine Hlfe erflehen wolle.

Hier strzte ein Pferd, dort eine Antilope, da ein Hirsch, ein Bffel; ihre
Kameraden aber flohen davon und berlieen sie ihrem Schicksale.

Noch hatte des Falben Schnelligkeit nicht nachgelassen, Angst und Entsetzen
trieben ihn vorwrts, und die Verzweiflung gab seinen Gliedern immer noch
neue Krfte. Dennoch fhlte Carl, da die Bewegungen des edlen Thieres
hrter und weniger leicht wurden, und mit Schrecken hrte er durch das
Heulen und Brausen des Orkans die mhsamen schweren Athemzge des treuen
Rosses. Bald aber wurden auch dessen Sprnge krzer, seine Glieder hoben
sich nicht mehr hoch ber das trockne harte Gras, sie theilten mhsam
dessen verworrene Halme, und Erschpfung zeigte sich in seiner verminderten
Schnelligkeit. Augenscheinlich kamen die Flammen und die heranstrmenden
Heere der wilden Thiere jetzt Carl nher, und mit Entsetzen schaute er bald
rckwrts in die, zwar noch ferne auflodernde Gluth, bald in die dstere
Weite vor sich. -- Wo -- wie -- sollte er Rettung finden, Rettung fr sich
und fr sein ihm so theures Pferd!

In der Ferne, nur in der weiten Ferne konnte er sie suchen; ein Wald -- ein
Wasser -- klang es mit verzweifelndem Verlangen durch Carls Seele, und mit
schmerzlichem Zucken stach er beide Sporen in die von Schwei triefenden
Flanken des ermdeten lieben Rosses. Hoch schnellte das Thier sich wieder
ber das Gras hinaus und lie in fliegender Carriere abermals eine Meile
hinter sich zurck; um so schneller aber sanken seine Krfte, und um so
mhsamer wurden seine Anstrengungen, sein Athmen. Der krzeste Aufenthalt
aber war sicherer, unvermeidlicher Tod; vorwrts, war die Losung, und
abermals trieb Carl den Falben zu wilder Flucht an, und nochmals folgte
das treue Thier der Aufforderung seines Reiters. Es sauste hinab in ein
schmales Thal und hatte die nchste Hhe mit letzter Anstrengung erreicht,
da strzte es mit seinem Reiter zusammen und wandte seinen Kopf mit einem
Blick nach ihm hin, als wolle es Abschied von ihm nehmen. Mit Entsetzen
sprang Carl empor, und schlang seine Arme um den Hals des geliebten
Thieres; wie konnte er ihm helfen -- wie konnte er sich selbst retten?

[Illustration]

Er sah zurck in die zum Himmel auflodernden, im Fluge heranziehenden
Flammen, sah die schwarzen Thiergestalten im Sturmlauf nher kommen, und
hrte den Donner, womit sie den Boden unter sich erdrhnen lieen. Hier
durfte er nicht weilen; noch einen kurzen Abschied dem Falben, und mit
der Bchse in der Hand rannte Carl ber die Hhe davon. Er hatte aber
kaum vierzig Schritte zurckgelegt, als er hinter einem niedrigen
Gebschstreifen in einer Vertiefung ein sumpfiges Wasser gewahrte, welches
in kurzer Entfernung bei einem alten kolossalen Mosquitobaum seinen Anfang
zu haben schien. Carl lief zu dem Baume hin, der hoch auf dem Ufer stand
und sich ber das Wasser neigte, welches tief unter seinen Wurzeln als
klarer Quell hervorkam und nach dem Sumpfstreifen hinflo. Der gtige
Gott hatte ihn zu seiner Rettung hierhergefhrt, das fhlte Carl mit
dankerflltem Herzen, und mit glubiger Zuversicht auf seinen fernem
Beistand warf er noch einen Blick in die Vertiefung unter den Wurzeln des
Baumes, und rannte dann mit fliegenden Sprngen zu seinem Pferde zurck. In
wenigen Augenblicken hatte er die Gurte des Sattels gelst, denselben von
dem Pferde herabgezogen, den Strick, den dasselbe um den Hals trug, so wie
den Zaum von ihm genommen, und trug Alles in Eile in die Aushhlung, welche
sich unter dem Baume in dem Ufer befand. Jetzt erinnerte er sich, da
Daniel ihm gesagt hatte, man msse bei einem Prairiebrand selbst das Gras,
wo es niedrig stehe, anznden, um einen Platz zu gewinnen, wo dann das
heranziehende Flammenmeer keine Nahrung mehr finden wrde; da dachte er
aber an seinen Falben, sollte er selbst dem treuen Thiere den Tod bereiten?
Unmglich, das konnte er nicht, und wenn er selbst ein Opfer des Feuers
werden sollte. Er ri schnell seinen Hut vom Kopfe, fllte ihn an dem
Quell, rannte damit zu dem erschpften Pferde, und go demselben das Wasser
ber den Kopf. Das erschreckte Thier raffte sich auf, strzte wankend
vorwrts und erreichte den Sumpf, in welchem es abermals zusammenbrach.

Gottlob! rief Carl aus, als er das Wasser aus dem hohen schilfartigen
frischen Grase ber dem Thiere aufspritzen sah; denn mglicherweise blieb
dasselbe dort von der schnell ber ihm hinziehenden Gluth verschont. Da
hrte er aber wieder den Donner der heranstrmenden Thiere, und sah schon
im Geiste, wie dieselben seinen armen Liebling unter ihren Fen zermalmen
wrden. Es stand aber nicht in seiner Macht, mehr fr das Ro zu thun,
und die unter ihm drhnende Erde mahnte ihn, auf seine eigene Sicherheit
bedacht zu sein. Er sprang nach dem Baume zurck und in die Vertiefung
unter demselben in das Wasser hinein. Er legte sich darin nieder, so da
seine Kleidung ganz durchnt wurde, sein Gepck und seine Waffen schob er
unter den Wurzeln des Baumes tief in das Ufer hinein, indem er schnell mit
dem Messer und mit den Hnden die Hhle noch vergrerte. Dann tauchte er
die Jaguarhaut in den Quell, um sich damit zu berdecken, sobald das Feuer
sich nahe; denn Daniel hatte ihm erzhlt, da sich die Indianer bei einem
Prairiebrande wohl in eine frische Bffelhaut einwickelten, um sich gegen
das Feuer zu schtzen.

Das Ufer war ziemlich hoch, das Gras an dessen Abhang und um das Wasser
konnte nicht brennen, da es noch grn war, und die Bsche, die auf dem
Ufer standen, gewhrten gleichfalls noch Schutz. Auch vor den fliehenden
Thierschaaren war er sicher, und seine ganze Besorgni, seine Angst war
nur noch dem lieben Falben zugewandt. Derselbe hatte sich aber wieder etwas
erhoben und streckte seinen Kopf empor, als wolle er ber das Ufer hin
nach dem dumpfen Getse sphen, welches schnell nher kam und von Minute zu
Minute lauter und drhnender mit dem Brausen des Orkans die Luft erfllte.

Jetzt verfinsterte sich die Luft, ein dichter schwarzer Aschenregen wehte
ber die sumpfige Vertiefung und raubte Carl jeden Blick in die Ferne,
nur den Falben konnte er noch erkennen, weil der Sturm die Asche hoch ber
denselben hinauswehte. Zugleich meldete das Erzittern der Erde das Nahen
der wilden fliehenden Thierschaaren an, und der Donner ihrer Tritte,
die Schreckenstne ihres Gebrlls, ihres Geheuls mischten sich mit den
furchtbaren betubenden Accorden des Sturmes.

Carl erfate die im Wasser vor ihm liegende Jaguarhaut, hielt aber
zusammengepreten Herzens seinen Blick immer noch auf seinen Falben
geheftet; da sprang derselbe, wie von neuem Entsetzen ergriffen, aus dem
Schilf heraus, erreichte mit verzweifelten Stzen das trockene Ufer, und
stob in die Finsterni hinaus, womit die fallende Asche die Ferne bedeckte.
Pltzlich wurde es hell, die ganze Luft erglhte, statt der schwarzen Asche
wehte dieselbe brennend als Feuerregen ber die Prairie, und Himmel und
Erde schienen in Flammen zu stehen. Der Baum, unter welchem Carl verborgen
lag, erbebte bis in seine Wurzeln, das Ufer schien ber ihm einbrechen zu
wollen, das Getse betubte sein Gehr, und links und rechts strzten
sich Bffel, Bren, Rosse, Hirsche, Antilopen, Wlfe, Jaguare und Panther
bereinander hin von der Hhe hinab in den Sumpf hinein. Im Augenblick war
derselbe, so weit Carls Blick reichte, mit wilden Thieren ausgefllt, auf
welche andere vom Ufer hinabsprangen und sich ihren Weg ber deren Krper
zu bahnen suchten. Der Kampf derselben war ein furchtbarer, verzweifelter,
aber ein kurzer; denn Kopf an Kopf und Rippe an Rippe drngten sich
Tausende von nachfolgenden Thieren ber die Streitenden hin, und die
Bahn fr den Sturmlauf der groen Massen, die jetzt erst vor den Flammen
herangebraust kamen, war geebnet: Alles, was sumte, was strzte, ward
unter den Fen zermalmt.

Carl hatte beim ersten Erscheinen dieser furchtbaren Schaaren nach einem
Revolver gegriffen, und hielt ihn fest in der Hand, die Thiere aber
bemerkten ihn nicht, denn alle strebten weiter. Nur ein riesiger Panther
wandte sich aus dem Getmmel der Hhle zu, um in ihr Schutz zu suchen. Er
stutzte vor der gefleckten gelben Haut des Jaguars, welche Carl bis ber
die Brust heraufgezogen hatte, er erkannte in ihr den Knig dieser Wildni
und zgerte, zhnefletschend, sich ihm zu nahen. Carl hatte ihm aber den
Revolver zwischen die glhenden Augen gerichtet und scho ihm die Kugel
durch den Schdel. Ohne Zucken sank das Raubthier vor Carls Fen zusammen
und der Krach des Schusses verhallte unbemerkt in dem Donnerdrhnen, womit
die vorberstrmenden Thierschaaren die Luft erfllten. Unaufhaltsam
und ununterbrochen zog Heerde auf Heerde in dicht gedrngten Reihen im
buntesten Gemisch und in fliegendem Laufe zu Carls beiden Seiten
vorber, Freund und Feind nebeneinander, und hier und dort sah Carl eine
Leopardenkatze, einen Lux auf dem zottigen Rcken eines kolossalen Bffels
reiten.

Endlich wurden die Reihen lichter und die erschpften Nachzgler strzten
mit Aufwand ihrer letzten Krfte vorber, um bald von den Flammen eingeholt
und von ihnen vernichtet zu werden. Der Feuerregen war mit den Thieren
weiter gezogen, der Himmel aber hatte sich in ein blendendes Gluthmeer
verwandelt und der Sturm trug jetzt eine sengende Glhhitze heran. Carl
warf noch einen Blick an dem Ufer empor, er sah die Flammenspitzen hoch
ber sich in der Luft ausgestreckt zngeln, warf sich in die Hhlung zurck
und zog die nasse Jaguarhaut ber den Kopf. Es waren Augenblicke zwischen
Leben und Tod, er hielt den Mund dicht an die Erde, dennoch schien ihn die
glhende Luft ersticken zu wollen, seine Gedanken verwirrten sich, und er
hrte nur noch ein strmisches Sausen und Brausen in der Luft. Es waren
aber nur Augenblicke der Qual und der Betubung, denn pltzlich wehte es
kalt, ja eisig in die Hhle hinein; Carl warf die Jaguarhaut von sich, und
verschwunden war Feuer und Gluth. Es war wieder Tag, Carl sah den hohen
grauen Himmel wieder ber sich, und sah vor sich die schwarzen Rauchwolken
ber den aufwirbelnden Flammensulen vor dem Orkane nach Westen hin ber
die weite Ebene jagen. Er sprang aus seinem Versteck hervor auf das Ufer
hinauf und blickte dem dahineilenden Grasbrande nach. Ein Bild des Todes,
der Erstarrung umgab ihn. So weit sein Auge reichte, lag die, noch vor
wenigen Minuten im Sturme wogende Prairie, eine schwarze kahle Flche,
ausgebreitet, und wohin er schaute, traf sein Blick auf versengte und
verbrannte schwarze Thiergestalten, deren viele noch mit dem Tode rangen.
Carl fiel auf seine Kniee, faltete seine Hnde und dankte, zum Himmel
aufsehend, dem Allmchtigen fr seine wunderbare Rettung. Dann stand er auf
und blickte auf die Verwstung um sich; wohin sollte er sich wenden, um
die lebende Welt wiederzufinden? Thrnen traten ihm in die Augen, denn
er dachte an die Angst, an die Sorgen der Seinigen, und fhlte sich so
verlassen, so hlflos. Was mochte auch wohl aus seinem Falben geworden sein
-- derselbe war gewi auch in den Flammen umgekommen! Htte er ihn jetzt
noch gehabt, dann wre ihm nicht bange gewesen, der htte ihn gewi wieder
nach dem Fort zurckgetragen. Carl schaute nach dem Platze, wo sein
Pferd mit ihm zusammengestrzt war, und sah etwas weiter hin bei einem
Mosquitobaum sich Etwas bewegen. Er ging nher und erkannte einen schwarzen
Pferdekopf, der sich, wie es schien, aus einer Vertiefung erhob. Bald sah
er das ganze Pferd, einen Rappen, der in einem steinigen trocknen Graben
lag, wie sie hufig von schweren Gewitterregen in der Prairie erzeugt
werden. Er trat nahe an das wilde Ro hinan, es war ein Rappenhengst von
etwa vier Jahren, der aber Carl nicht zu bemerken schien und nur nach Luft
schnappte. Er war aber nicht versengt, denn seine Mhnen hingen lang und
glnzend an seinem Nacken, und ber seine Stirn fielen lange Locken von
seinem Kopf herab. Es war ein schnes Thier, nur sein Blick war nicht, wie
er sein sollte, denn seine Augen waren mit Asche und Staub angefllt. Die
Vertiefung, in welcher das Ro lag, hatte dasselbe vor den schnell ber
ihn hineilenden Flammen geschtzt; denn das Gras ward ja in wenigen
Augenblicken von dem Feuer verzehrt, und der Sturm hatte dieses ja fliegend
ber die Erde hingetrieben.

Carl sprang rasch nach seiner Hhle zurck, zog den Strick seines Falben
hervor und eilte damit zu dem wilden Pferde. Er befestigte denselben um
dessen Hals, und band dann das andere Ende fest an den nahestehenden Baum.
Das Thier war so erschpft, da es sich Alles ruhig gefallen lie, auch
selbst, da Carl mit ihm sprach und ihm Kopf und Hals mit der Hand klopfte.
Nun ging er wieder nach seinem Versteck, um dem Thiere Wasser zu bringen.
Da er aber in dem Hut nur zu wenig herbeitragen konnte, so nahm er die
Jaguarhaut, fate ihre vier Enden und die Seiten zusammen, versenkte sie
in den Quell, und hob sie dann mit Wasser gefllt empor. Nun trug er sie
vorsichtig zu dem Pferde, und go demselben das Wasser ber den Kopf. Das
Thier erschrack gewaltig und sprang auf die Fe, es war aber zu
schwach, um das Ufer zu erklimmen. Carl wiederholte die Uebergieung noch
einigemale, und zuletzt gelang es dem Pferde, aus der Vertiefung auf die
versengte Erde bei dem Baume zu springen. Carl verkrzte nun den Strick,
so da das Thier den Graben nicht wieder erreichen konnte, und er sah zu
seiner Freude, wie es sich nach und nach erholte. Daniel hatte ihm oft
erzhlt, da man wilde Pferde leicht dadurch bndigen knne, wenn man ihnen
mit dem Lasso den Hals fr einige Augenblicke zuschnre und ihnen dann die
Schlinge wieder lse. Er holte schnell den Lasso, den er am Sattel trug,
und legte dem Rappen die Schlinge um den Hals, damit er im Stande sein
wrde, ihn zu bndigen, wenn er mit der Rckkehr seiner Krfte bse werden
sollte. Noch aber war das Thier ganz geduldig und lie Alles mit sich thun.

Carl holte nun einen Hut voll Wasser und drckte ihn dem Pferde unter das
Maul, so da dasselbe in das Wasser kam. Das Thier schreckte mit dem Kopfe
zurck, leckte aber doch seine Lippen ab, schnaubte laut aus den Nstern
und zeigte, da ihm die Erfrischung wohlgethan habe. Sein Durst mute
schrecklich sein, denn als Carl sein Verfahren wiederholte und ihm abermals
das Wasser unter das Maul hielt, trank es gierig den ganzen Hut leer. Carl
brachte ihm so viel Wasser, bis es nicht mehr trinken wollte, und wusch ihm
dann die Augen aus. Im Anfang erbebte das Pferd jedesmal, wenn der Knabe
sich ihm nahte, bald aber sah es ihn nicht mehr so scheu an und lie ihn,
ohne zu erschrecken, bei sich kommen. Er holte nun von dem Ufer des Sumpfes
frisches Gras und reichte es dem Thiere, dasselbe wollte aber noch kein
Futter annehmen, worauf Carl das Gras an dem Baumstamme niederlegte.

Er hatte nun wieder ein Pferd, ob er es aber zum Reiten wrde benutzen
knnen, das war noch die Frage; versuchen wollte er es jedoch jedenfalls.
Jetzt mute er aber auch an sich selbst denken, denn sein eigener Magen
verlangte nach Speise. Wegen Nahrung brauchte er nun freilich nicht in
Verlegenheit zu sein, denn es lagen ja Hunderte von getdteten Thieren ganz
in seiner Nhe. Er ging nach dem Ufer des Sumpfes, der mit todten Krpern
vollstndig ausgefllt war und fand an dem Rande desselben einen jungen
Hirsch, den die fliehenden Heere niedergetreten hatten. Carl schnitt
das zarteste Wildpret aus ihm heraus, zndete ein Feuer neben dem alten
Mosquitobaume an, denn trockenes Holz lag in Menge unter demselben, und
bereitete nun sein Mittagsessen. Das Quellwasser war herrlich und stillte
seinen Durst. Er hatte aber auch an die nchste Zukunft zu denken, denn
mehrere Tage mute er jedenfalls hier verweilen, ehe er das Pferd wrde
reiten knnen. Zeigte sich die Sonne wieder, so stand zu erwarten, da die
vielen Thierkrper schnell in Verwesung bergehen wrden, wo er dann deren
Fleisch nicht mehr benutzen konnte, und auf diesem den abgebrannten Lande
durfte er wohl nicht hoffen, ein lebendes Thier erscheinen zu sehen.
Er zerschnitt darum das Fleisch des Hirsches in sehr dnne Streifen und
trocknete es ber einem rauchenden Kohlenfeuer.

Der Sturm hatte sehr nachgelassen, der Himmel hatte sich aber um so
finsterer berwlkt und drohte mit Regen. Die Nacht brach herein, Carl
reichte seinem Pferde nochmals Wasser, trug ihm dann einen Arm voll Gras
hin und legte sich auf den versengten Erdboden bei dem Feuer nieder,
nachdem er dieses mit einigen starken Stcken Holz versehen hatte. Obgleich
seine Kleidung wieder getrocknet war und er das Feuer whrend der Nacht
unterhielt, so fror ihn doch sehr, denn er besa nichts, um sich darin
einzuhllen und konnte auch die Jaguarhaut nicht unter sich legen, weil
dieselbe noch na war. Er beschlo darum, am folgenden Morgen einem der
Bffel, welche todt im Schilfe lagen, die Haut abzunehmen und sie fr
seinen Gebrauch, so gut er konnte, zuzubereiten, denn dies hatte er von
Daniel grndlich gelernt. Als der Tag graute, erwachte Carl aus einem
mehrstndigen festen Schlaf und richtete seinen ersten Blick nach dem
Rappenhengst hin. Derselbe hatte sich schon erhoben und verzehrte das
letzte Gras, welches Carl ihm am Abend vorher zugetragen hatte. Als aber
dieser sich ihm nahete, sprang er entsetzt zurck, bumte sich und ri mit
aller Gewalt an dem Seil, womit er an dem Baume befestigt war. Carl suchte
das Pferd mit guten Worten zur Ruhe zu sprechen, es schnaubte ihm aber
gewaltig entgegen und stierte ihn scheu und gengstigt an, und als er ihm
einen Hut voll Wasser holte, drngte es sich von ihm zurck und geberdete
sich wild und unbndig. Jetzt ergriff Carl den langen Lasso, dessen
Schlinge der Hengst um den Nacken trug und zog dieselbe zu. Das Ro bumte
und strubte sich gegen die Gewalt, die ihm angethan wurde, aber der Athem
ward ihm genommen und es strzte, an allen Gliedern zitternd, zu Boden.
Carl lste nun schnell die Schlinge, um das Pferd vor dem Ersticken zu
bewahren, und suchte dasselbe durch Liebkosungen zu beruhigen; kaum aber
athmete das Thier wieder, als es aufsprang und noch wilder, noch wthender
tobte. Carl jedoch zog abermals die Schlinge zu, wieder strzte der Hengst
zusammen, und diesmal lie sein Bndiger ihn lnger dulden und es dauerte
geraume Zeit, ehe das Thier sich erholte, nachdem die Schlinge wieder
geffnet war.

Es schien jetzt die Uebermacht seines Herrn anzuerkennen, denn es duldete
nun, da derselbe sich ihm nherte und ihm wie frher mit der Hand das
glatte Haar strich. Sein Zittern und Beben zeigte aber, da seine Angst
sehr gro war, wenn es sich auch nicht mehr zu widersetzen wagte. Das
Wasser, welches Carl ihm reichte, wollte es nicht trinken, doch es
verzehrte das Gras, welches er ihm reichlich zutrug.

Nachdem Carl nun selbst etwas gebratenes Fleisch und einen frischen Trunk
aus dem Quell zu sich genommen hatte, begab er sich in das hohe grne
Schilf zu einem todten jungen Bffel, von welchem er sich die Haut aneignen
wollte. Es lag ein alter Bffel und ein Pferd auf dem jungen Thiere, welche
beide Carl nur mit groer Anstrengung zur Seite ziehen konnte, um zu jenem
zu gelangen.

Nach langer Arbeit aber setzte er es doch durch, und nahm dem Thiere
die Haut ab. Sie war gro genug, um sich darin vom Kopf bis zu den Fen
einzuhllen, und war doch nicht so unhandlich und schwer, wie die eines
ausgewachsenen Bffels. Carl spaltete nun mit dem Beil, welches er am
Sattel trug, mehreren der umherliegenden Thiere die Kpfe, nahm das
Gehirn aus denselben und strich die ganze Haut damit an, worauf er sie
zusammenfaltete und sie mit Steinen und Stcken Holz beschwerte, um sie am
folgenden Tage zuzubereiten. Sein Pferd verzehrte heute alles Gras, welches
er ihm reichte, verstand sich aber erst gegen Abend dazu, Wasser aus dem
Hut zu trinken.

Mit dem Neigen des Tages theilte sich das Gewlk, der blaue Himmel blickte
hier und da hervor und die Sonne zeigte sich wieder. Sie warf im Scheiden
ihre letzten Strahlen ber die abgebrannte schwarze Flche, und Carl sah
verwundert nach ihr ihn, denn dort, wo sie versank, hatte er geglaubt, da
es Sonnenaufgang sein msse. Er war demnach nach Westen geflohen, whrend
er der festen Meinung gewesen, nach Osten dem Brflu zuzujagen. Es lagen
nun drei bis vier Tagereisen zwischen ihm und seiner Heimath, und der Weg
dorthin fhrte ber eine de Strecke, auf welcher kein Gras fr sein Pferd
mehr stand, und auf welcher es sehr ungewi war, ob er fr dasselbe und fr
sich Wasser antreffen werde, um den Durst zu stillen. Diesen Weg konnte er
dehalb nicht einschlagen, um das Fort zu erreichen; welche andere Richtung
sollte er aber whlen? Er wute, da der rothe Flu von Westen nach Osten
strmte und da er denselben in nrdlicher Richtung treffen mute; wie
weit es aber zu dessen Ufern sei, das konnte er sich nicht beantworten.
Das Feuer war von Sdost gekommen und nach Nordwest gezogen, also nach dem
rothen Flusse hin, darum hielt es Carl fr das Rathsamste, seinen Weg nach
Sdwesten zu verfolgen, in der Hoffnung, dort am ersten auf Land zu stoen,
welches vom Feuer verschont geblieben war. Jedenfalls mute er noch einige
Tage hier verweilen, bis er das Pferd so weit gezhmt hatte, da er es
reiten konnte. Er legte ihm schon am folgenden Tage den Sattel einmal auf,
legte ihm den Zaum an, und hing sich mit den Armen wiederholt auf seinen
Rcken, welches das Thier zitternd und bebend duldete, theils, weil es noch
sehr entkrftet war, theils aber auch, weil es die Schlinge noch immer an
das Erdrosseln erinnerte. Auerdem aber schien es auch die Hlfe und die
Wohlthaten seines Herrn anzuerkennen, und sich immer weniger vor ihm zu
frchten. Carl bereitete heute auch die Bffelhaut, wobei er sich
mehrerer schweren Steine als Werkzeuge bediente, und wobei ihm der warme
Sonnenschein sehr zu Hlfe kam.

Whrend Carl nun mit den Vorbereitungen zu seiner Weiterreise beschftigt
war, herrschte in dem Fort der grte Jammer ber das schreckliche
Schicksal, das ihn aller Vermuthung nach erreicht haben mute. Daniel war
an jenem Abend, als er Carl suchte und den Bren gefunden hatte, bei diesem
whrend der Nacht liegen geblieben, und hatte am folgenden Morgen viele
Meilen weit mit der grten Mhe die Futritte seines jungen Freundes und
die des Falben verfolgt, bis dieselben seinen Blicken unbemerklich wurden
und er nur noch auf gut Glck weiter ritt und nach einem Zeichen von Carl
sphete. Pltzlich aber sah er die schwarzen Rauchwolken von Sden her
aufsteigen und mehr und mehr nach Westen hinziehen. Der Gedanke, da
Carl in das Feuer gerathen sein knne, war ihm entsetzlich, und als er
Nachmittags zufllig wieder die Spur des Falben erkannte, die nach Westen
zeigte, da trieb ihn die Verzweiflung vorwrts. Er stieg vom Pferde ab, um
die Fhrte leichter verfolgen zu knnen, und gelangte dann auch wirklich
auf ihr in die abgebrannte Prairie hinaus, wo er bald an den Huftritten
des Falben erkannte, da derselbe im Sturmlauf dahingeeilt war. Nicht
lange aber konnte er ihnen folgen, weil die fliehenden Thierschaaren sie
ausgetreten hatten.

Alle Hoffnung fr die Rettung Carls war jetzt in der treuen Seele des
Negers erstorben, denn nur zu gut wute er es, da derselbe dem, vom Sturm
gejagten Feuer nicht hatte entfliehen knnen.

Mit blutendem Herzen schaute er lange Zeit ber die endlose schwarze Flche
vor sich, und wandte sich dann unter Thrnen zurck nach dem Eichenwald,
wo er ohne Speise und ohne Trank die Nacht verbrachte. Als er aber am
folgenden Tage ohne Carl nach dem Fort zurckkehrte, da brachen Turners
smmtlich in lautes Wehklagen aus, und Alle weinten und rangen die Hnde
ber den Verlust des braven Knaben, der sich fr ihr Wohl, fr ihr Glck
geopfert hatte. Der Bericht des Negers stellte es auer allen Zweifel, da
Carl in den Flammen des brennenden Grases seinen Tod gefunden habe, nachdem
er aus dem Kampfe mit dem Bren siegreich hervorgegangen war. Auch in den
Ansiedelungen an dem Choctawbache erregte die Kunde von Carls Schicksal
groes Bedauern, namentlich bei Warwick; denn der alte Herr hatte in dem
Knaben immer eine Hauptsttze der Niederlassung am Brflu erkannt.

Es war nun eine Woche verstrichen, seit Carl dem Flammentode entgangen war,
und von Tag zu Tag hatte das gefangene wilde Pferd sich zutraulicher und
williger gegen ihn gezeigt. Er hatte ihm jeden Morgen Sattel und Zaum
aufgelegt, und das Thier erlaubte ihm nun schon, seinen Rcken zu
besteigen, welches er recht hufig that und es dabei am Zgel hin- und
herlenkte, ohne jedoch den Strick vom Baume zu lsen. Die in Verwesung
bergehenden, umherliegenden todten Thiere mahnten ihn jetzt aber dringend,
diesen Ort zu verlassen, und er beschlo eines Morgens nach dem Frhstck,
einen Proberitt auf seinem Rappen zu machen. Er lste den Strick von dem
Baume, stieg in den Sattel und lenkte das Pferd in weitem Kreise um den
Sumpf ber die kahle Flche, und zu seiner groen Freude folgte das
Thier geduldig dem Zgel, wenn es auch nur langsam mit seinem Reiter
dahinschritt. Es war noch immer sehr matt, denn wenn Carl ihm auch
hinreichend Gras zugetragen hatte, so konnte es sich doch nicht so davon
erholen, als wenn es sich selbst die Nahrung gesucht htte. Nachdem Carl
wohl eine Stunde lang so umhergeritten war, lenkte er das Pferd nach dem
Quell, damit es sich an dem frischen Trank erquicken mge, und dann ritt er
an den Sumpfrand in das beste Gras, und lie das Thier dort weiden.

Er verbrachte beinahe den ganzen Tag in dieser Weise mit der Pflege seines
Rosses, welches sich denn auch zum ersten Male seit seiner Gefangennehmung
wirklich nach Herzenslust sttigte und sich dann geduldig wieder an den
Baum befestigen lie.




Abschnitt 7.

  Ritt durch die Wildni. -- Wasser. -- Die Antilopen. -- Die Grenze des
  Prairiebrandes. -- Die Klapperschlangen. -- Der Delawaren-Huptling.
  -- Das Lager der Indianer. -- Der schwarze Panther. -- Rckkehr in das
  Fort. -- Indianerfreundschaft. -- Der Frhling. -- Die Bestrmung. --
  Letztes Mittel. -- Die nahende Rache.


Am folgenden Morgen hatte Carl nun schon frhzeitig den Hengst gesattelt,
hatte die Bffelhaut zusammengerollt und hinter den Sattel gebunden und das
getrocknete Fleisch an demselben befestigt. Nachdem er selbst, so wie sein
Pferd sich noch einmal an dem Quell gelabt hatten, bestieg er dasselbe
und ritt in den Strahlen der aufsteigenden Sonne nach Sdwesten davon. Die
Hoffnung, die Seinigen bald wieder zu sehen, trieb ihn vorwrts, und
der Gedanke, durch sein Erscheinen ihren Kummer, ihren Gram zu heilen,
beseligte sein junges hochschlagendes Herz. Er trieb den Rappen zur Eile
an, und lie ihn hufig lange Strecken traben, nach Verlauf von einigen
Stunden aber fand er schon aus, da dessen Krfte zu einem tchtigen Ritt,
wie er ihn auf dem Falben oft gemacht hatte, nicht ausreichten. Er mute
darum seiner Sehnsucht nach den Seinigen Zwang anthun und sich mit einem
raschen Schritt des Thieres zufrieden stellen, wobei ihn die Ueberzeugung
trstete, da nur die groe Ermattung desselben ihn berhaupt in den Stand
gesetzt habe, es seinem Willen so weit unterthnig zu machen. Die weite
Flche, ber welche er seinen Weg richtete, gewhrte einen schauerlichen
trostlosen Anblick; wie in einem schwarzen Trauerkleide lag sie,
wellenfrmig auf- und niedersteigend um ihn ausgebreitet, nirgends war ein
grner Halm, ein grner Baum zu sehen, hier und dort bezeichnete eine dnne
aufsteigende Rauchsule den trocknen Stamm einer abgestorbenen Mimose,
welche Feuer gefangen hatte und nun so lange glhte und kohlte, bis selbst
die Wurzeln in der Erde verbrannt waren, und in allen Richtungen sah man
Schwrme von Geiern ber todten Thieren schweben, die den Flammen des
Prairiebrandes zum Opfer geworden waren. Links und rechts ritt Carl an
gefallenen Bffeln, Bren, Hirschen und Antilopen vorber, manch schnes
Pferd sah er verendet liegen, und der todten Wlfe waren es unzhlige,
deren versengte Krper wie schwarze Steine ber dem verbrannten Boden
emporragten.

Vergebens sphete Carl unaufhrlich und sehnschtig in die Ferne, ob er
nicht den freundlichen grnen Schein lebender Vegetation erkennen knne;
das finstere Bild blieb unverndert. Die Sonne berschritt ihren Hhepunkt
und neigte sich dem westlichen Horizont zu, und noch hatte Carl seinem
Pferde nicht einen Augenblick Rast gegeben, immer noch hielt er an dem
Glauben fest, er msse einen grnen Punkt in der schwarzen Ferne entdecken.

Der Rappe war sehr erschpft, und sein Reiter mute ihn mit den Sporen
antreiben, sollte er nicht stille stehen. Endlich aber half auch
dieses Mittel nicht mehr, und Carl stieg ab, um dem Thiere die Last zu
erleichtern. Er ging nun zu Fue und zog sein Pferd an dem Zgel hinter
sich her, denn die Hoffnung konnte er nicht aufgeben, Wasser zu finden.

Die Sonne hatte den flachen dunklen Rand der Prairie erreicht und versank
hinter demselben wie ein glhender Feuerball, whrend der Himmel ber ihr
sich blutroth frbte, und sein feuriger Wiederschein ber die schwarze
Steppe zitterte. Jetzt weigerte sich der Rappe, noch einen Schritt weiter
zu gehen, und Carl sah es ein, da es nicht bser Wille des Thieres,
sondern vollstndige Entkrftung war, die dasselbe an die Stelle fesselte.
Er zog es mit Gewalt bis zu einem Mosquitobaume, befestigte es an dessen
Stamm und nahm ihm seine Brde ab. Wie gern htte er ihm Gras weit
hergeholt und ihm Wasser in seinem Hut zugetragen, aber wo sollte er
es hernehmen? Ihn selbst peinigte der Durst, und doch wrde er ihn gern
ertragen haben, htte er dem erschpften Thiere nur helfen knnen. Dasselbe
legte sich bald nieder, und Carl streckte sich, ohne ein Abendbrod genossen
zu haben, neben ihm auf seiner Jaguarhaut aus, und deckte sich mit dem
Bffelfell zu; denn das getrocknete Hirschfleisch htte er nicht verzehren
knnen, ohne erst seinen Mund mit einem Trunk Wasser zu erfrischen. Die
Nacht breitete sich schnell ber die Einde aus, weder nah noch fern
verrieth ein Laut die Gegenwart eines lebenden Wesens, und selbst die Lfte
schienen zur Ruhe gegangen zu sein, denn nicht der leiseste Hauch bewegte
die reichen Locken Carls, der mit dem Kopf auf den Sattel zurckgesunken
war und den Sternen sein Leid klagte, die so heiter blitzten und so
freundlich auf ihn niederfunkelten.

Ein bleicher Lichtstreifen am stlichen Himmel zeigte sich ber dem Rande
der Steppe und verkndete den nahenden Tag, als Carl aus sen wonnigen
Trumen, wie sie nur die frische Jugend spendet, erwachte, und sich
verwundert umschaute; denn er konnte im ersten Augenblick sich nicht
besinnen, wo er eigentlich war. Die schwarze schwere Masse seines Rappen,
den er neben sich durch die Dunkelheit erkannte, rief ihm seine Lage
schnell ins Gedchtni zurck, und er schaute nun besorgt und mitleidig
auf das entkrftete Thier und rhrte sich auf seinem Lager nicht, um seinen
armen Leidensgefhrten nicht in seiner Ruhe zu stren. Er lenkte aber
seinen Blick zu den hellen Sternen ber sich, faltete seine Hnde und bat
den Allmchtigen, ihm seinen fernern gnadenreichen Beistand zu verleihen.

Carls Vertrauen auf Gottes Schutz und Hlfe war von seiner frhesten
Kindheit an unbedingt und unerschtterlich gewesen, und der
augenscheinliche wunderbare Beistand des Hchsten in den vielen groen
Gefahren, in welchen der Knabe sich trotz seiner Jugend schon befunden
hatte, war an ihm nicht unbeachtet vorbergegangen, er hatte das Vertrauen
nur tiefer in seinem dankbaren Herzen befestigt. Auch jetzt schaute er mit
Zuversicht und unverzagt in die nchste Zukunft, und sagte sich, da
die Hand, die ihn schtzend hierhergeleitet hatte, ihn auch ferner nicht
verlassen wrde.

Der Morgen zitterte ber die Erde und der Tag warf bald sein helles,
heiteres Licht auf die de, ausgestorbene Wste. Es that Carl leid, den
Rappen in seiner Ruhe stren zu mssen, er wollte aber in der Khle des
Morgens den besten Ritt machen, und lieber in der Mittagshitze rasten. Der
Hengst sprang rasch empor und schaute ganz erfrischt und munter um sich,
ja, er widersetzte sich sogar ein wenig, als sein Herr ihm Sattel und Zeug
auflegen wollte. Dies Zeichen von Strkung war Carl jedoch sehr willkommen,
und er wandte nur Gte an, um das Thier zur Weiterreise fertig zu machen.
Dann schwang er sich auf dessen Rcken, und hatte seinen groen Spa
darber, als der Hengst in Galopp fiel und mit ihm davonrennen wollte. Bald
aber wurden Carl die Anstrengungen des Rappen doch zu bedenklich, und er
fate die Zgel mit beiden Hnden, um ihn in seiner Gewalt zu behalten. Das
Thier aber war kaum zu bndigen, hob die Nase immer hoch gegen den frischen
Wind und drngte sich gewaltsam rechts aus der Richtung, in welcher sein
Reiter es zu halten suchte. Diese auffallende Vernderung in dem Benehmen
des Pferdes, und namentlich das hartnckige Bestreben, etwas weiter
nrdlich zu gehen, fiel Carl auf, und er lie ihm mehr Freiheit. Kaum
fhlte das Ro aber die lockern Zgel, als es mit seinem Reiter dahin
sauste, wie wenn es nie ermdet gewesen wre, so da Carl seine Last hatte,
nur einigermaen noch die Herrschaft zu behaupten.

Der Lauf des Hengstes wurde immer wilder, immer flchtiger und unbndiger,
und sein Reiter konnte Nichts mehr thun, als sich nur im Sattel zu
erhalten. In wenigen Minuten waren einige Meilen zurckgelegt, da erblickte
Carl in der Ferne vor sich einen hellgrnen Streif, und nach ein paar
Minuten spter erkannte er deutlich zwei Pappeln, das sicherste Zeichen,
da Wasser sich in der Nhe befinde. Jetzt ward es ihm klar, weshalb das
Thier so gewaltig nach dieser Richtung gestrebt hatte, denn der Wind wehte
gerade von den Pappeln her, und das Pferd hatte das Wasser schon auf Meilen
weit gewittert.

In sehr kurzer Zeit waren die Pappeln erreicht, welche an dem Ufer eines
klaren, nach Nordost flieenden Baches standen. Noch ehe aber das Ro an
das Ufer kam, hielt Carl es mit Gewalt an, sprang aus dem Sattel, nahm
diesen von dem Rcken des Pferdes, und leitete dasselbe dann an dem Zgel
nach dem Wasser, weil er voraussetzte, da das Thier sich in den Bach
hineinlegen wrde. Dies geschah nun auch sofort, der Hengst warf sich in
dem Bache nieder und wlzte sich von einer Seite zur andern; dann sprang er
auf, schttelte sich, stillte seinen Durst und wandte sich darauf nach dem
frischen saftigen Grase an dem Ufer. Carl befestigte ihn mit dem Strick an
eine der Pappeln, so da er beide Ufer erreichen und darauf weiden konnte,
und nachdem er nun selbst seinen groen Durst gelscht hatte, lie er sich
in dem Grase nieder und verzehrte einige Stcke des getrockneten Fleisches.

Erquickt und gestrkt ruhte er mit dem Rcken an einem der Bume, und sah
whrend einiger Stunden mit Freude seinem Rappen zu, wie derselbe zwischen
dem hohen, vom Feuer verwelkten schilfartigen Grase die zarten frischen
Halme und Kruter verzehrte, und sich daran labte. Endlich hatte sich das
Thier gesttigt und die Ruhe schien ihm jetzt das Nothwendigste zu sein,
denn es lie sich im Grase nieder und streckte die Glieder darin aus. Auch
Carl fhlte sich schlfrig und die Augen waren ihm zugefallen. Nach einer
Weile aber schlug er sie wieder auf und lie seinen Blick ber die weite
de Flche wandern, als wolle er sich berzeugen, da er sich unbesorgt
einem festen Schlafe hingeben knne.

Da traf sein Auge in der Ferne auf einen hellen Fleck, den er frher nicht
bemerkt hatte. Er zog sein Fernglas hervor, und erkannte durch dasselbe
einige zwanzig Antilopen, welche ber die schwarze Ebene wanderten und
wahrscheinlich, wie sein Rappe es gethan hatte, das Wasser aufsuchten. Ihre
Richtung war aber weiter nach dem Bache hinauf, wo kein Busch, kein hohes
Gras ein Annhern an dieselben mglich machte, und da Carl die groe
Neugierde dieser Thiere kannte, so hieb er schnell einen langen Stock von
der Pappel, spitzte ihn unten zu, band sein Taschentuch an das obere Ende,
und pflanzte diese Fahne einige fnfzig Schritt am Bache hinauf in dessen
erhhtes Ufer. Nun legte er sich hinter die Pappel und beobachtete die
Antilopen durch sein Fernglas. Sie kamen unbekmmert und unaufmerksam
immer nher, bis sie pltzlich stillstanden und smmtlich die Kpfe
emporrichteten. Sie blickten verwundert und neugierig nach der im Winde
wehenden Fahne. Ein altes Thier setzte sich jetzt in Bewegung und schritt
dem Rudel voran der Fahne zu, whrend die anderen sich zusammendrckten und
der Alten folgten. Carl hielt immer noch das Glas auf sie gerichtet, bis
sie sich in Trab setzten, dann griff er schnell nach der Bchse, hob sich
hinter dem Baum auf ein Knie und machte sich zum Schusse bereit. Jetzt
kamen die Antilopen im Galopp nach der Fahne herangesprungen, und als sie
dieselbe bis auf fnfzig Schritte erreicht hatten, wandten sie sich im
Kreis um sie und jagten direct auf die Pappeln zu. Da hob der Rappe seinen
Kopf aus dem Grase empor, und die Antilopen sprangen erschrocken zur Seite.
Carl aber hatte seine Bchse schon fest auf einen jungen Bock gerichtet und
gab Feuer. Das Thier berschlug sich, und bemhte sich vergebens, wieder
aufzuspringen, um seinen Gefhrten zu folgen; es konnte nicht weiter, die
Kugel war ihm am Herzen durchgegangen. Mit raschen Sprngen hatte Carl den
Bock erreicht und ihm den Todessto gegeben. Er schnitt schnell das beste
Fleisch von ihm ab, um fr einige Tage frisches Wildpret zu haben, und
zndete darauf ein Feuer bei den Pappeln an, ber welchem er sich ein
Mittagsmahl aus den feistesten Stcken bereitete. Es schmeckte ihm ganz
vortrefflich, er labte sich nochmals durch einen frischen Trunk, und dann
streckte er sich im Grase aus, um sich vollends fr die Weiterreise zu
strken.

Die Sonne begann sich schon zu neigen, als er erfrischt erwachte und seinen
Rappen zum Aufstehen ermunterte. Derselbe schien auch neues Leben bekommen
zu haben, und Carl hatte ziemlich viel Mhe, um ihn zu satteln. Endlich
aber sa er wieder auf dem Rcken des Hengstes, und lie ihn nun tchtig
austraben, indem er dem Bache hinauf folgte, da derselbe aus Sdwest
hergeflossen kam. Er beabsichtigte nmlich, so weit in dieser Richtung
vorzudringen, wo das Feuer nicht mehr gewthet hatte, und dann seinen Weg
nach Osten einzuschlagen, wo er jedenfalls auf Ansiedelungen stoen mute.
An diesem Wasser war sein Pferd vor Hunger und Durst gesichert, und es
stand zu erwarten, da er auch an seinen Ufern Wildpret antreffen werde.
Er ritt noch spt in die Nacht hinein, schlief abermals an dem Rande
des Baches, und folgte demselben whrend des ganzen nchsten Tages. Mit
Sonnenuntergang erreichte er auf einer Hhe, wo wenige entlaubte Eichen
standen, die Quellen des Baches, und schlug hier sein Nachtlager auf. Am
folgenden Morgen glckte es Carl wieder, einen feisten Hirsch zu erlegen,
wodurch sein Vorrath an frischem Fleisch ersetzt wurde.

Das Wasser war hier nun zu Ende, und der Knabe wrde abermals mit Zweifeln
ber seine nchste Zukunft sein Pferd bestiegen haben, htte er nicht
von hier aus in der Ferne vor sich die blauen Umrisse eines ber dem
Prairierand aufsteigenden Waldes erkannt. Mit neuer Hoffnung, in jenem
Walde endlich die Grenze der Verwstung, die das Feuer angerichtet hatte,
zu finden, verlie er die Quellen, und gab seinem Hengst die Zgel, damit
er ihn schnellmglichst aus dieser Einde tragen mge. Der Rappe hatte sich
sehr erholt, und begann durch seinen Uebermuth seinem Reiter oft viel zu
schaffen zu machen, dieser aber kannte ein sehr gutes Mittel, um ihn zu
bndigen: er lie ihn nach Herzenslust laufen, und wenn er dann, etwas
ermdet, langsam gehen wollte, dann trieb er ihn mit den Sporen zum Galopp
an, bis ihm der weie Schaum auf den schwarzen Flanken stand. Nach einigen
Stunden flchtigen Rittes nherte sich Carl dem Walde, dessen grner
Schein von immergrnen Baum- und Straucharten zeugte, die sich in demselben
befanden. Carls Hoffnung, hier die Grenze der Feuerverwstung zu finden,
wuchs mit jedem Schritte des Rappen, und sie wurde zur Wahrheit, als er
um die Mittagszeit das Holz erreichte. Der Brand war bis an dessen Saum
gedrungen, und war an ihm hin nach Nordwesten gezogen. Der Wald war
ziemlich licht, nur einzeln zeigte sich hier und dort eine Dickung von
immergrnen Lorbeer- und Myrthenarten in demselben, aber allenthalben unter
den einzelnstehenden Bumen befand sich frisches junges Gras, in welchem
das Feuer keine Nahrung gefunden hatte.

Carl verfolgte seine Richtung durch den Wald, in der Hoffnung, Wasser zu
finden, welches er um so sicherer glaubte, weil sich nach allen Seiten hin
ungeheure Felsstcke aus dem Boden erhoben. Schon nach Verlauf einer halben
Stunde gelangte er an die westliche Seite des Holzes, wo dasselbe sich an
eine hgelige Prairie anlehnte, die, so weit das Auge reichte, mit frischem
jungen Grase bedeckt war. Dieses Land mute vor einigen Monaten von
Indianern abgebrannt sein, wie denn berhaupt alle Prairiebrnde durch die
Wilden erzeugt werden. Wenn ein Indianerstamm eine Zeitlang an einem Orte
verweilt hat und das Wildpret sprlicher wird, so zieht er weiter und
benutzt den Augenblick, wo der Wind von daher weht, wohin er reisen will,
um das Gras anzuznden, damit er, wenn er nach einigen Monaten in diese
Gegend zurckkehrt, hier frische Weide und Reichthum an Wild vorfindet.

An dem Saume des Waldes traf Carl denn auch auf ein herrliches klares
Wasser, welches von einer felsigen Hhe zu seiner linken Seite herabkam.
Er beschlo, hier zu rasten, sich und sein Pferd auszuruhen, und dann der
Grenze der Feuerverwstung bis zu deren Anfang nach Sdost zu folgen. --
Die Felsen erhoben sich in dem Walde in kurzer Entfernung von Carl, und
er lenkte sein Pferd nach ihnen hin, indem er an dem rauschenden Wasser
hinaufritt.

Je nher er den hoch bereinander aufgethrmten Steinmassen kam, um so mehr
einzelne mchtige Felsblcke lagen zwischen den Bumen umher, so da er
endlich sein Ro in das Wasser selbst leiten mute, um nach dessen Quellen
gelangen zu knnen.

Ohne groe Schwierigkeiten erreichte er den Fu der hohen Felsenpartie,
wo das Wasser aus einer tiefen Spalte in dem grauen Gestein lustig
hervorsprudelte und durch einen kleinen Grasplatz rieselte, der ihm sein
frisches ppiges Grn verdankte. Dies war ein herrlicher Weideplatz fr
den Rappen, so wie ein recht heimliches Versteck fr ihn und seinen
Reiter, dehalb sah sich Carl nach einem passenden Ort um, wo er sein
Lager aufschlagen wollte. Er war nur eine kurze Strecke an den steil
aufstrebenden Felsen zwischen uralten immergrnen Eichen und umherliegendem
Gestein hingeschritten, als er hinter einem dichten Lorbeergebsch eine
tiefe Spalte in der Felswand bemerkte, die sich nach unten sehr erweiterte
und eine gerumige Hhle zu bilden schien. Als er seinen Rappen zu deren
Eingang fhrte, fand er, da sie weit in den Berg hineinfhrte und gerumig
genug war, ihn und sein Pferd in sich aufzunehmen. Einen passenderen Platz
fr seine Rast htte er sich gar nicht wnschen knnen; nur wollte er
vorsichtig das Innere der Hhle untersuchen, ob auch kein Raubthier darin
verborgen sei, denn es war ja die Schlafzeit der Bren. Er fhrte den
Rappen von dem Eingange hinweg, befestigte ihn an einem Baum, und schritt
dann mit der Bchse in der Hand in die Hhle hinein. Kaum aber war er
eingetreten, als ein betubendes Geklapper darin erschallte und Carl
schnell wieder in den Eingang zurcksprang; denn er erkannte das warnende
Zeichen der Klapperschlange, welches sie mit der Klapper an dem Ende
ihres Schwanzes einem jeden Nahenden giebt, und er glaubte, da wenigstens
hundert dieser Thiere sich in der Hhle befinden mten, um ein solches
Getse hervorzubringen. Er hatte aber in der Nhe des Forts schon so
unzhlig viele dieser Schlangen todtgeschlagen und wute, da sie einem
Menschen in keiner Weise gefhrlich werden knnen, wenn ihm nur ihre
Gegenwart bekannt ist, da sie nur aus Nothwehr beien und immer ngstlich
vor dem Menschen fliehen. Carl bewaffnete sich daher mit einem tchtigen
langen Stock, und ging dann in die Hhle zurck. Die Schlangen hatten sich
smmtlich in das hinterste Ende derselben geflchtet und sich zwischen
losem Gestein verkrochen, das Tageslicht fiel aber von der Hhe der
Felsspalte hinreichend auf sie herab, so da Carl sie erkennen konnte. Als
er sich ihnen nun nherte, hoben sie die Kpfe hoch empor und klapperten
durch die schnelle zitternde Bewegung ihres Schwanzes; jeder Hieb des
Knaben aber, den er nach einem der Kpfe fhrte, tdtete eine Schlange. Es
waren deren, groe und kleine zusammen, einige Dutzende; Carl warf sie mit
dem Stock zur Hhle hinaus und untersuchte in derselben Alles genau, ob
sich keines dieser widrigen Thiere noch irgendwo versteckt halte, er hatte
sie aber smmtlich getdtet. Nun befreite er sein Ro von Sattel und Zeug,
trug Alles in die Hhle hinein, und band dann den Rappen auf dem nahen
Grasplatz in die Weide. Er hatte einige kstliche Stcke Hirschfleisch mit
hierhergebracht, welche er jetzt fr seine Mahlzeit zubereitete, und zwar
innerhalb der Hhle, wo er ein Feuer anzndete. Der Rauch desselben zog
durch die hohe Spalte, wie durch einen Schornstein ab, und verschwand in
den dichtbelaubten Kronen der Lebenseichen, die ihre ungeheuern Aeste
rings um den Felsen ausbreiteten, so da eine aufsteigende Rauchsule
Carls Gegenwart nicht an Wilde verrathen konnte, im Falle sich deren in der
Umgegend aufhalten sollten. Von dem Eingange der Hhle aus konnte er nicht
allein sein Pferd beobachten, sondern auch, wie von einer Festung herab,
weithin durch den Wald blicken, und hielt whrend des ganzen Tages scharfe
Wacht. Mit Ausnahme von einigen Rudeln Hirschen, die flchtig vorberzogen,
gewahrte er aber weder Thiere, noch Indianer, und er wunderte sich, hier
nicht einen grern Reichthum von Wildpret zu finden, da im Walde sowohl,
als auch auf der nahen Prairie das Gras jung und ppig stand, und im Osten
das Land auf so ungeheure Entfernungen kahl gebrannt war.

[Illustration]

Als die Sonne sich neigte und der Rappe nicht mehr weiden wollte, sondern
sich in dem Grase zum Ruhen niederlegte, fhrte ihn Carl in die Hhle
und befestigte ihn dort an einem starken Holzpflock, den er mit dem Beile
zurechtgehauen und in eine enge Spalte zwischen dem Gestein eingeschlagen
hatte. Dann stellte er einige dicht belaubte Bsche vor die Hhle, damit
der Eingang einem unberufenen fremden Auge verborgen bleiben mge, und nahm
seine Waffen, um in der Nhe zu versuchen, ob er ein Stck Wild erlegen
knne. Nochmals durchblickte er von der Hhe herab den Wald, und ging dann
vorsichtig zwischen den Felsstcken hin, indem er fortwhrend mit wachsamem
Auge um sich sphete. Er traf nur wenig Wild an, und die einzelnen Hirsche
und Antilopen, die er zu Gesicht bekam, waren auerordentlich scheu und
flohen schon auf weite Entfernungen, wenn er sich ihnen nahen wollte.
Er hatte in der Umgebung des Forts, wo er und Daniel doch so oft jagten,
niemals das Wild so scheu gesehen, und erklrte sich dessen Wildheit hier
durch den stattgehabten Prairiebrand, welcher die Thiere so in Flucht
gesetzt haben mute. Es war schon sehr dster geworden, als Carl an dem
Wasser hinauf nach seiner Hhle zurckging, ohne da es ihm gelungen
war, eine Jagdbeute zu machen, und er erstieg die felsige Hhe im letzten
Scheine des scheidenden Tageslichtes, da kam es ihm vor, als ob er in der
Ferne einen Schu gehrt habe. Er blieb stehen und lauschte lange Zeit, es
war aber Alles still, und er suchte sich zu berreden, da er sich verhrt
habe, denn der Schu konnte nur von einem Indianer herrhren, und die
Gegenwart von Wilden, welche in dieser Gegend jagten, konnte auch die
Ursache von dem scheuen Benehmen der Thiere sein.

Er beruhigte sich aber, als er durch die Bsche in die Hhle trat, denn
in diesem Versteck war er zu gut verborgen, als da ihn ein Indianer htte
auffinden knnen, und lange wollte er ja auch nicht hier verweilen. Wenn
er hier nur einen Hirsch erlegte und dessen Fleisch trocknete, so hoffte er
mit diesem Mundvorrath seine Rckreise nach dem Fort ausfhren zu knnen,
im Fall ihm die Jagd unterwegs keine neue Beute liefern sollte. Zu diesem
Zweck wollte er am folgenden Morgen sein Jagdglck noch einmal versuchen.

Seinen Rappen fand Carl, wohlbehalten der Ruhe pflegend, auf dem Boden
ausgestreckt, und das Thier hob nur zutraulich den Kopf empor, um seinen
Herrn zu begren. Carl klopfte ihm schmeichelnd den Hals, legte dann seine
Waffen ab und zndete ein Feuer an, um sein Abendbrot zu bereiten. Sobald
dieses aber geschehen war, lschte er das Feuer wieder aus, damit der helle
Schein in der obern Felsspalte seine Gegenwart nicht etwa verrathen mge.
Er htte es gern whrend der Nacht unterhalten, denn es wurde sehr khl und
der Wind blies in die Hhle herein, seine Vorsicht aber untersagte es ihm,
dehalb hllte er sich dicht in seine Bffelhaut und empfahl sich Gottes
Schutz, whrend ihm die Mdigkeit die Augen zudrckte.

Der Morgen graute, als Carl aus einem ruhigen erquickenden ungestrten
Schlafe erwachte und schnell emporsprang, damit er die Dmmerung noch zu
der beabsichtigten Jagd benutzen knne. Mit der Bffelhaut um die
Schultern und der Bchse in der Hand, trat er aus der Hhle auf einen der
vorspringenden Felsen und durchsphete und berlauschte die nahe Umgebung,
dann erfrischte er sich schnell bei dem sprudelnden Wasser, trug die
Bffelhaut in sein Versteck zurck, und trat nun seine Wanderung in den
Wald hinab an, von Stein zu Stein, lauschte auf jedes, auch das leiseste
Gerusch, und achtete auf jede Bewegung, die ein leichter Luftzug in dem
schwer bethauten Laub und in den ppigen Pflanzen um ihn her erzeugte. Wohl
eine halbe Stunde lang war er in dem Walde hin- und hergeschlichen, ohne
auch nur ein Stck Wild zu Gesicht zu bekommen, da warf die Sonne ihren
ersten Blick durch die immergrnen Bume, und in dem goldigen Lichte,
welches auf eine frische grne Grasflche unter hohen Lebenseichen fiel,
erkannte Carl die glnzend rothe Farbe eines sich senden Hirsches. Er
schlich sich leichten Fues schnell von Eiche zu Eiche, und hatte sich dem
Thiere bis auf hundert Schritte genhert, als dieses pltzlich zusammenfuhr
und mit weiten Stzen davon sprang. Carl aber folgte ihm mit dem Rohre
seiner Bchse, und es hatte nur wenige Sprnge gethan, als der Schu
des Knaben den Wald durchhallte und der Hirsch, tdtlich getroffen,
zusammenstrzte. Freudig sprang Carl zu ihm hin, warf sich ber ihn her,
damit er ihm nicht entgehe, und gab ihm mit dem Jagdmesser den Todessto.
Die Bchse hatte er neben sich in das Gras gelegt und knickte bei dem
Hirsch, um ihn auszuweiden, da sagte eine Stimme ganz in seiner Nhe:

Ei, ei, noch so jung und doch schon ein so guter Jger?

Carl fuhr erschrocken empor, indem er zugleich seine Bchse ergriff, und
blickte sich nach dem Sprecher um; da trat in kurzer Entfernung von ihm ein
groer schner Mann hinter einer Eiche hervor und winkte ihm freundlich zu,
indem er sagte:

Brauchst nicht zu dem Gewehre zu greifen, Du hbscher Knabe, denn wenn
ich Dir htte etwas zu Leide thun wollen, so wrde ich Dich nicht angeredet
haben. Du warst ja in meiner Gewalt und auch ich wei die Bchse zu
handhaben; aber Dein Schu nach diesem Hirsch war ein Meisterschu, und es
jagen nicht viele Jger in diesem Lande, die Dir denselben nachthun knnen.
Wo lagert Deine Jagdgesellschaft? Ich bin ein Delaware und ein Freund der
weien Mnner, fhre mich zu ihnen, damit ich mit ihnen rauchen und reden
kann.

Carl hatte auf den ersten Blick erkannt, da der Fremde ein Indianer sei,
wenngleich dessen Erscheinung von der jener Wilden verschieden war, die er
bisher gesehen hatte. Derselbe trug ein aus Wildleder verfertigtes, bunt
gesticktes und zierlich befranztes Jagdhemd, welches ihm bis an die Kniee
reichte, trug hirschlederne Gamaschen und Mokassins von demselben Material,
und um seinen Kopf war ein buntes seidenes Tuch in Form eines Turbans
gewunden. Unter demselben hing das glnzend schwarze Haar des Indianers
ber seine breiten Schultern herab, und um seinen braunrothen Nacken lag
eine breite Perlenschnur, an welcher eine groe silberne Medaille mit
dem Bildni des Prsidenten der Vereinigten Staaten bis auf seine nackte
dunkelfarbige Brust reichte. Er war eine hohe schne Mannsgestalt von
schlankem aber muskulsen Bau, und die Formen seines mnnlichen Gesichts
waren edel und ausdrucksvoll. Die Adlernase und die hohe Stirn zeugten von
Willenskraft, Entschlossenheit und Muth, und in seinen groen dunklen Augen
lag ernste Ruhe und tiefe Leidenschaftlichkeit zugleich. Dieselbe Ruhe lag
auf seiner ganzen stolzen Erscheinung, und jede seiner Bewegungen schien
von ihr beherrscht zu werden. Als er aber zu Carl sprach, hatten seine Zge
einen freundlichen milden Ausdruck angenommen, der dem Knaben Vertrauen
einflte und die schreckhafte Ueberraschung, die sich seiner im ersten
Augenblicke bemeistert hatte, verscheuchte.

Wenn Du ein Delaware-Indianer bist, so habe ich keine Ursache, vor Dir
besorgt zu sein; denn die Delawaren sind ja immer Freunde der Weien
gewesen, und haben gegen die Englnder mit groer Treue an ihrer Seite
gefochten, als sie sich von deren Herrschaft befreiten. Daniel hat mir
sehr viel Gutes von den Delawaren erzhlt, entgegnete Carl, indem er ohne
Bangen dem Indianer die Hand hinreichte, die dieser zutraulich ergriff.

Wer ist denn der Daniel, der so viel Gutes von den Delawaren gesagt hat?
fragte der Indianer.

Er ist ein Neger, der sich als Freund bei meinem Onkel aufhlt,
antwortete Carl.

Und wo ist denn Dein Onkel? fhre mich zu ihm, fuhr der Indianer fort.

Mein Onkel ist nicht hier, er wohnt am Brflu, ich bin allein hier.

Du allein hier? fragte der Indianer mit einem Tone, als bezweifle er die
Wahrheit von Carls Aussage.

Ja, ganz allein. Der Prairiebrand hat mich hierhergetrieben und es ist
ein Wunder, da ich nicht dabei umgekommen bin. Mein armes Pferd habe ich
verloren, doch habe ich mir ein wildes Pferd dafr gezhmt, welches
mich hierhergetragen hat, erwiederte Carl mit seiner natrlichen
Offenherzigkeit.

Du setzest mich in Erstaunen; bist ja doch nur noch ein Knabe, und Dein
Benehmen, so wie Deine Handlungen sind die eines tchtigen Mannes. Wie
heiest Du? mein Name ist Leopard.

Ich heie Carl Scharnhorst, und mein Onkel am Brflu heit Max Turner,
antwortete Carl.

So komm mit mir in mein Lager, Carl, ich bin mit meinem Stamme auf dem
Wege nach dem Brflu, und will Dich zu Deinem Onkel zurckbringen. Am
Choctawbache habe ich viele Freunde, die ich in jedem Frhjahre besuche. Wo
hast Du Dein Pferd? nahm der Indianer wieder das Wort und legte liebkosend
seine Hand auf die Schulter des Knaben.

Dort hinauf, in jenem Felsen, entgegnete Carl, nach der Hhe zeigend.

In der Hhle dort oben? Ich habe schon manchen feisten Bren in ihr
getdtet, sie ist ein Lieblingsaufenthalt der Petze. Lade Deine Bchse, ich
will dem Hirsch schnell die Haut abnehmen, sagte der Indianer, und kniete
bei dem erlegten Thiere nieder, whrend Carl den Schu in seinem Gewehr
ersetzte.

Du wirst nicht viel Wild mehr in diesem Walde angetroffen haben, fuhr
Leopard whrend seiner Arbeit fort, wir haben ber zweihundert Hirsche und
Antilopen hier geschossen, denn wir fanden sehr viel Wild hier vor, als wir
vor einem Monat hierherkamen, und das Feuer auf der Prairie trieb uns noch
eine groe Anzahl davon zu. Es ist gut, da ich Dich getroffen habe, denn
wir wollten morgen von hier aufbrechen. Schade nur, da Du nicht frher
hier warest; ein Jger wie Du es bist, wre mir sehr willkommen gewesen.

In wenigen Minuten hatte der Indianer dem Hirsch die Haut abgenommen,
denselben zerlegt und sich mit den beiden Keulen beladen, whrend er die
Schulterbltter und den Rcken desselben zusammenband und Carl zu tragen
gab. Darauf ergriff er seine lange einfache Bchse und schritt mit seinem
jungen Gefhrten den Felsen zu, die sie bald erreichten. Leopard kannte den
Weg nach der Hhle sehr gut, und trat voran in dieselbe hinein. Der Rappe
sprang entsetzt vor dem Indianer zurck, Carl aber beruhigte ihn, und
whrend jener das Ro von allen Seiten betrachtete und seine Formen lobte,
legte Carl demselben Sattel und Zeug auf und befestigte das mitgebrachte
Wildpret an demselben. Nachdem er nun noch die Bffelhaut ber den Sattel
geworfen hatte, leitete er das Pferd aus der Hhle dem Indianer nach,
welcher einen, Carl noch nicht bekannten Pfad zwischen den Felsen
hinabschritt, auf welchem sie bald die frisch grne Prairie erreichten.
Leopard war verstummt und schien in Gedanken versunken, und Carl war im
Geiste schon im Fort zurck, sah sich von seinen Lieben umarmt und hrte
ihren Jubel, ihre Worte der Liebe. So schritten sie schweigend an dem
Waldsaume hin, bis sie nach einer halben Stunde das Lager der Delawaren
erreichten.

Carl erkannte dasselbe schon von Weitem an den Rauchsulen, die zwischen
den einzelnstehenden Eichen aufstiegen, und bald darauf an den vielen
Pferden, welche theils in dem Schatten der Bume, theils in der nahen
Prairie weideten.

Das Lager selbst bestand aus einigen zwanzig Zelten, die aus Baumwollenzeug
verfertigt und vermittelst hlzerner Stangen aufgestellt waren. Vor jedem
Zelte brannte ein Feuer, an welchem man Indianerinnen beschftigt sah,
Speisen zu bereiten, whrend daneben junge krftige Mnner auf Bffelhuten
ruhten, oder ihre Waffen reinigten und in Stand setzten. Wo man hinblickte,
sah man zum Trocknen ausgespannte Thierfelle an den Bumen hngen, oft
einige Dutzend derselben, die bis in die hchsten Aeste hinauf sich in dem
Winde schaukelten.

Als Leopard mit seinem Gaste in das Lager schritt, erhoben sich die Mnner
und kamen ihm entgegen, um ihn zu begren; denn er war der Huptling
dieses Stammes und zugleich erster Huptling aller Delawaren, die aus zehn
solcher Abtheilungen bestanden. Die ganze Nation zhlte kaum noch einige
Tausend Seelen, obgleich sie in frheren Jahren die mchtigste unter
den Indianern dieses Welttheils war, und die stlichen Lnder von der
Chesapeakebay bis zu den groen Landseen im Norden als ihr Eigenthum
beherrschte. Von den Weien aus ihrer Heimath verdrngt, blieben die
Delawaren denselben dennoch treu befreundet, und wanderten unter blutigen
Kmpfen mit anderen Indianern weiter und weiter nach Westen, bis sie
endlich an dem Kanzasflusse, westlich von Missouri, eine bleibende Sttte
sich gegrndet hatten, welches Land ihnen von der Regierung der Vereinigten
Staaten als freies unantastbares Eigenthum berwiesen wurde. Dort hatten
sie sich nun einer Art von Civilisation hingegeben, das heit, sie gaben
ihr Wanderleben auf, bauten sich Drfer, trieben Viehzucht und pflanzten
Mais. In diesen kleinen Niederlassungen wohnten nur die alten Leute, die
grere Zahl der Frauen und die Kinder, whrend die jungen Mnner mit nur
wenigen Weibern beinahe Jahr aus Jahr ein der Jagd lebten, und im Frhjahr
nach Norden bis in die Felsengebirge, und im Herbst nach Sden bis an die
Ufer des Golfs von Mexico dem Wild folgten. Auf ihrer Durchreise hielten
sie sich nur einige Wochen in ihren Niederlassungen auf, und nahmen dann
abermals auf ein halbes Jahr Abschied von den Ihrigen. Die Delawaren
standen aber auch in dem Dienst der Regierung der Vereinigten Staaten, und
wurden von derselben zu Unterhandlungen und Vermittlungen mit den anderen
Nationen der Indianer verwandt, wofr sie jhrlich eine sehr bedeutende
Summe Geldes baar ausbezahlt bekamen. Dies Freundschaftsverhltni zu
der Regierung war theilweise eine Ursache, weshalb die Delawaren bei den
anderen Indianern in hohem Ansehen standen; der Hauptgrund lag aber in
ihrer Persnlichkeit, in ihrem Charakter. Offenheit, Biederkeit und tiefes
Gefhl fr Freundschaft, aber auch unvershnliche Rachsucht, Khnheit und
Tapferkeit bis zur Verzweiflung waren ihre vorherrschenden Eigenschaften.
Auch die mchtigsten Nationen unter den Indianern wagten es nicht, zu
Feindseligkeiten mit den Delawaren Veranlassung zu geben, und erkannten
ihre groe Ueberlegenheit als Krieger an. Die Delawaren waren smmtlich
vortreffliche Schtzen, besaen die besten Feuerwaffen, und waren ebenso
gewandt zu Fu, wie zu Pferde. Namentlich gegen die sdlichen Indianer,
welche mit den Weien in noch keinerlei freundliche Beziehung getreten
waren, und noch in ihrem ursprnglichen Naturzustande lebten, standen sie
in groem Vortheile; denn jene fhrten durchaus keine Feuerwaffen, weil die
Weien ihnen dieselben nicht ausbesserten und ihnen keine Munition zukommen
lieen.

Jetzt war Leopard mit seinem Stamme auf seiner Rckreise nach Norden,
nachdem er mehrere Monate lang in diesen sdlichen Lndern gejagt hatte,
und wollte wieder einige Wochen bei den Seinigen am Kanzasflusse rasten,
ehe er nach Norden zur Jagd aufbrche; denn der Frhling sollte ihm
voranziehen und dort die Grasfluren mit frischem Grn schmcken. Der
Huptling bergab Carls Ro einer Indianerin, damit sie fr dasselbe Sorge
trage, und fhrte ihn selbst zu seinem Zelte, wo er ihn willkommen hie
und ihm seinen Schutz und seine Gastfreundschaft zusicherte. Er sprach, wie
alle Delawaren, sehr gut englisch, rief aber nun in seiner Muttersprache
die Mnner aus dem Lager zusammen, und theilte ihnen mit, in welcher Weise
er mit dem fremden Knaben bekannt geworden sei, woher derselbe stamme und
da er beabsichtige, ihn zu seiner Familie an den Brflu zurckzubringen.
Die Mittheilung ber Carls Tchtigkeit als Jger erwarb ihm bei den
Indianern sofort Ansehen und sie betrachteten mit groer Bewunderung seine
Waffen. Sie hatten sich zu ihm gesetzt und lieen seine Bchse von Hand zu
Hand gehen, da ein Jeder von ihnen dieselbe in Augenschein nehmen wollte,
als pltzlich ein groer Raubvogel ber ihnen erschien und seine Kreise in
der Luft beschrieb. Leopard sah Carl lchelnd und fragend an, und deutete
auf den Vogel ber sich, als ob er wnsche, da sein junger Gast die
Mittheilung wahr machen mchte, welche er seinen Leuten ber dessen
Geschicklichkeit im Schieen gegeben habe. Carl blickte nach dem Vogel
hinauf, ergriff rasch die ihm hingereichte Bchse, zielte einen Augenblick
nach dem ber ihm schwebenden Falken und gab Feuer. Der Raubvogel aber lie
in demselben Augenblick seine Flgel sinken, und fiel unter dem lautesten
Jubel und den Freudenrufen der Indianer aus der Luft herunter in das Gras.
Der Huptling schaute mit einem stolzen Blick durch die Versammlung und
reichte dann Carl wie zum Danke die Hand, indem er sagte: Warum mutest
Du auch unter den Weien geboren werden und nicht unter den Delawaren? Du
wrdest ein groer Mann unter ihnen geworden sein. Httest Du keine Freunde
am Brflusse, so sollten die Delawaren Deine besten Freunde werden.

Nun folgten alle Indianer dem Beispiele ihres Huptlings, reichten Carl
die Hand, und ein Jeder von ihnen sagte dem Knaben, da er sein Freund sei.
Carl war ganz glcklich ber die liebevolle Behandlung, die ihm zu Theil
ward, und es freute ihn, da er Daniels Mittheilungen ber die Delawaren so
treu besttigt fand. Er wurde nun mit der grten Aufmerksamkeit bewirthet,
es wurden ihm in der Asche gebackene Brentatzen, gerstete Markknochen von
Bffeln und gebratene Hirschleber vorgesetzt, und herrlicher klarer Honig
dazu gereicht. Nach dem Essen lagerten sich die Indianer um ihn im Schatten
der Bume, und er mute ihnen von Europa erzhlen; denn er hatte dem
Huptling mitgetheilt, da er nicht in Amerika geboren sei.

Er hatte unzhlige Fragen zu beantworten, und Alles, was der Knabe sagte,
wurde mit grter Aufmerksamkeit angehrt. Abends aber nach dem Essen, als
sie vor dem Zelte des Huptlings beim Feuer lagen, bat Carl diesen, er mge
ihm nun auch ber die Geschichte seines Volkes Etwas erzhlen, da ihn dies
eben so sehr interessire, wie ihn Carls Mittheilungen ber Europa. Der
Huptling schien sich durch diese Bitte geschmeichelt zu fhlen, setzte
sich aufrecht und begann mit ernstem, feierlichen Tone die Gre seines
Volkes in jener Zeit zu schildern, als dasselbe die Ufer der Chesapeakebay,
des Susquehanna und der groen Landseen im Norden seine Heimath nannte, und
sein Reich sich bis an die Ksten des Oceans erstreckte. Mit hinreiender
Begeisterung pries er den damaligen unerschpflichen Reichthum der endlosen
Jagdgrnde in dem Lande der Delawaren, schilderte die Schnheit der edlen
Pferde und der auserlesenen Waffen, welche seine Vorfahren besessen
hatten, und nannte mit Verehrung die gefeiertsten Krieger, deren Namen
seit Jahrhunderten von Mund zu Mund, von Geschlecht zu Geschlecht in
dem Andenken des Volkes fortgelebt hatten. Er sprach von der Macht der
Delawaren, von ihrer Wahrheitsliebe, von ihrer Gastfreundschaft, von ihrer
Tapferkeit und von den vielen glorreichen Siegen, die sie ber ihre
Feinde erkmpft hatten. Er redete mehrere Stunden lang, ohne von einem der
Umsitzenden unterbrochen zu werden, und ebenso, wie alle brigen Zuhrer,
wurde auch Carl von der feierlichen Mittheilung ber die vergangene Gre
der Delawaren tief ergriffen. Mit einem Ausdruck der Wehmuth, der Trauer
verstummte der Huptling endlich, und sa eine Zeitlang, schweigend vor
sich niedersehend, da, dann ergriff er die Hand Carls und sagte mit einem
Blick zu dem sternbedeckten Himmel ber sich: Es ist der Wille des groen
Geistes, da die rothen Kinder den Weien Platz auf dieser Erde machen
sollen!

Abermals versank er dann in stummes Nachdenken, welches, wie es schien,
die brigen Indianer als einen Wink des Huptlings betrachteten, sich zu
entfernen; denn sie erhoben sich smmtlich und begaben sich nach ihren
verschiedenen Zelten. Als nun der Huptling noch allein mit Carl beim Feuer
sa, wandte er sich zu ihm und sagte: Du nanntest heute frh einen Neger
den Freund Deines Onkels; ich will wnschen, da Dein Onkel sich nicht von
dem Neger bethren lt; ein Mohr ist niemals ein Freund, ein Mohr redet
mit doppelter Zunge, und sein Herz ist so schwarz wie seine Haut.

Dann macht unser Freund Daniel eine Ausnahme von der Regel, er ist uns ein
wahrer, aufrichtiger und uneigenntziger Freund, fiel ihm Carl schnell
in die Rede, um auch nicht einen Augenblick lnger einen so ungerechten
Verdacht auf seinem Daniel zu lassen.

Das lt er Euch glauben, so lange, bis es ihm einen Vortheil bringt, Euch
zu hintergehen, fuhr der Huptling fort.

Nein, nein, Daniel ist und bleibt ewig unverndert unser treuer Freund und
will uns niemals verlassen, fiel Carl wieder ein; denn von dem ehrlichen
Daniel sollte Niemand etwas Unrechtes sagen.

Er wird so lange bei Euch bleiben, bis er anderswo glaubt, einen
angenehmeren Aufenthalt zu finden. Auch bei mir lebte ein Neger, er hie
der schwarze Panther, und er war mein bester Jger, so wie mein bester
Krieger. Den schwarzen Panther frchteten die Indianer von dem Golf von
Mexiko bis hinauf zu den Felsengebirgen! Er wurde unter uns geboren, denn
sein Vater und seine Mutter waren Sclaven meines Vaters. Ich habe den
Knaben zuerst auf ein Pferd gesetzt, ich habe ihm die ersten Waffen in die
Hnde gegeben und ihn angewiesen, sie zu gebrauchen, und ich war es, der
ihm das Kriegsgeschrei der Delawaren lehrte, welches spter Keiner von uns
Allen mit solcher Gewalt ertnen lassen konnte, wie der schwarze Panther.
Er hat an meiner Seite geschlafen, gespeist, gejagt und gekmpft, und wo
der Leopard und der schwarze Panther erschienen, da war ihnen der Sieg
gewi. Seine Eltern starben, ihre Gebeine ruhen bei denen meiner Vter,
und der schwarze Panther wurde dem Leoparden untreu und verlie ihn, ohne
Abschied von ihm zu nehmen. Er floh den Ansiedelungen der Weien zu, ich
folgte ihm, um ihm die Fe zu lhmen und ihn den wilden Thieren als Beute
zu berlassen; die Fe des schwarzen Panthers aber waren schneller und
leichter, als die des Leoparden, und er entkam unter die Weien. Ich habe
nie wieder von ihm gehrt; ein Neger hat kein Herz fr einen Freund, er hat
nur ein Herz fr sich selbst.

Bei diesen Worten des Huptlings verstummte Carl, es war ihm, als ob
ihm der Athem genommen wrde, denn die Worte Daniels fielen ihm ein,
die derselbe dem fliehenden Waco-Indianer zugerufen hatte, ehe er ihn
niederscho: Du hast wohl einmal vom schwarzen Panther gehrt!

Daniel war der schwarze Panther, darber konnte Carl nicht mehr in Zweifel
sein, und mit Angst und Schrecken dachte er daran, da der Huptling den
Neger im Fort wiedersehen und ihm dann ein Leids zufgen wrde. Er bereute
es tief, da er berhaupt von Daniel gesprochen hatte, weil Leopard gewi
nach ihm fragen wrde, wenn sie das Fort erreichten; und Carl sann auf
Mittel und Wege, ein Zusammentreffen des Indianers mit dem Neger zu
verhindern. Der Huptling unterhielt sich noch eine Zeitlang mit dem
Knaben; als er aber dessen Wortkargheit bemerkte, glaubte er, derselbe sei
mde und wnsche, sich zur Ruhe niederzulegen.

Er bat ihn daher, in sein Zelt einzutreten, und wies ihm dort ein Lager an,
welches die Frauen fr ihn aus weichen Thierhuten bereitet hatten. Dann
wnschte er ihm eine sanfte Ruhe, die ihn fr die Reise, welche sie am
folgenden Morgen antreten wollten, strken mchte.

Vier Tage spter saen Turners Abends, als die Sonne sich neigte, in deren
wohlthuendem Strahlenlichte an der Auenseite des Forts auf einer Bank, und
Daniel hatte sich neben ihnen im Grase niedergelassen. Sie ruhten sich
von der vollbrachten Tagesarbeit aus, und lieen ihre Blicke in trauerndem
Andenken an den geliebten, fr sie verlorenen Carl ber die weite Grasflur
wandern, auf welcher sie glaubten, da der treue, brave Knabe seinen
Opfertod gefunden habe. Sie hatten schon eine Zeitlang in sprlicher
Unterhaltung dagesessen, immer wieder war Carl genannt worden, immer wieder
war die Unterhaltung verstummt, und Madame Turner hatte wiederholt die
Thrnen heimlich weggewischt, die ihr in die Augen getreten waren, da
richtete sich Daniel auf seiner linken Hand empor, und hielt die Rechte
ber die Augen, indem er in die flache Ferne schaute.

Sollten das Bffel sein, die dort herangezogen kommen? Sehen Sie dort den
schwarzen Strich ber jenem Mosquitobaum nicht? Er bewegt sich -- es sind
wahrscheinlich Bffel. Wenn sie nahe herankommen, so will ich doch einen
von ihnen schieen, wir knnen frisches Fleisch gebrauchen, sagte der
Neger, indem er wieder auf seinen Ellnbogen zurcksank und seinen Blick auf
die Ferne geheftet hielt.

Als Carl noch bei uns war, da hatten wir immer Ueberflu an frischem
Wildpret im Hause, seit seinem Scheiden scheint Alles bei uns die
Thtigkeit verloren zu haben, sagte Madame Turner, und abermals entfielen
Thrnen der Wehmuth ihren Augen.

Ja wohl, die frohe, rege Thtigkeit hat uns verlassen; wei der Himmel,
ich mag die Bchse gar nicht mehr anrhren, denn immer sehe ich dann den
lieben Carl wieder vor mir, und es ist mir, als ob mir das Herz zerreien
wollte, sagte Daniel mit einem schweren schmerzlichen Athemzug, sprang
aber pltzlich auf und rief: Das sind keine Bffel, das ist ein Zug
Indianer, sie kommen hierher.

Mit diesen Worten rannte er in das Fort hinein und kehrte nach wenigen
Augenblicken mit dem Fernglas in der Hand zurck. Er schaute nun durch
dasselbe nach dem schwarzen Streifen hin, der jetzt deutlicher in seiner
Bewegung am Horizont zu erkennen war.

Das sind Indianer! sagte er nach einer Weile mit einem Ton, der
unverkennbar verrieth, da ein Schreck den Neger ergriffen hatte.

Es mssen viele Indianer sein, denn es ist ja ein langer Zug, fiel Turner
ein, der die Aufregung Daniels bemerkte, welcher unverwandt das Fernglas
vor dem Auge hielt, ohne eine Sylbe zu erwiedern.

Sollen wir nicht in das Fort gehen und unsere Waffen zur Hand nehmen?
fragte Turner mehr und mehr besorgt.

Sie und die Ihrigen haben Nichts von jenen Indianern zu befrchten, es
sind Delawaren, und die sind den Weien in Freundschaft zugethan, fuhr
Daniel mit bebender Stimme fort und hielt immer noch das Fernglas vor das
Auge. Pltzlich aber schlug er mit einem lauten Schrei die Arme auseinander
und rief: Carl -- Carl, unser Carl -- er lebt -- er kommt -- groer Gott
-- es ist Carl! und Carl, Carl schrieen Turners und breiteten weinend
und jauchzend ihre Arme nach der Ferne aus, wo der Reitertrupp schnell
dem Blicke deutlicher wurde. Daniel aber war in dem Fort verschwunden
und kehrte nach wenigen Minuten mit seinen Waffen in der Hand unter
sichtbarlich gesteigerter Aufregung zu Turners zurck.

Ich mu fort, sagte er, heftig bewegt; die Delawaren drfen mich nicht
sehen; sollten sie nach mir fragen, so sagen Sie, ich htte Sie verlassen,
um wieder auf See zu gehen.

Daniel, um Gottes willen, Daniel, Du wolltest uns verlassen -- das ist
unmglich, Du darfst nicht fort -- bester Daniel, bleibe bei uns -- was
soll ohne Dich aus uns werden! riefen Turners durcheinander und schlangen
ihre Arme um den Neger; doch dieser wand sich mit den Worten von ihnen los:
Ich mu fort, um Ihretwillen und um meiner selbst; wenn Carl nicht zu viel
ber mich geredet hat, so werden die Delawaren sich nicht lange aufhalten,
und dann komme ich zu Ihnen zurck, ich bleibe im Walde. Sagen Sie nur dem
Huptling, wenn er nach mir fragt, ich sei wieder auf See gegangen.

Mit diesen Worten sprang Daniel davon, eilte nach dem Kanoe, und verschwand
bald darauf an der andern Seite des Flusses in dem Walde.

Turners standen sprachlos; das Glck und der Schmerz hatten sie gleich
gewaltig ergriffen, und Thrnen der Freude und des Leids fllten zugleich
ihre Augen. Das Glck aber war fr den Augenblick strker; sie sahen den
Reiterzug nahen, und mit ihm den todtgeglaubten Liebling ihres Herzens
ihren Armen entgegeneilen. Nher und nher kamen die Reiter, schneller
und strmischer schlugen die Herzen der Turners, und sehnschtiger und
verlangender breiteten sie die Arme nach dem geliebten Wiederkehrenden aus.
Da sprengte von der Spitze der nahenden Schaar Carl Scharnhorst auf seinem
Rappenhengst heran ber das wogende Gras, und sauste unter jauchzenden
Freudenrufen am Hgel herauf seinen Lieben zu. Er warf sich vom Pferde und
Turners in die Arme. Es war ein Augenblick hchster Seligkeit, welche die
Wiedervereinten berwltigend durchbebte, die keine Worte, die nur Thrnen,
heie Freudenthrnen hatten, um ihren Gefhlen Ausdruck zu geben, ihren
bervollen Herzen Luft zu machen.

Wo ist Daniel? rief Carl pltzlich, wie aus einem Rausche erwachend, und
blickte sich erschrocken nach den Indianern um, die jetzt den Fu der Hhe
erreicht hatten und von ihren Pferden stiegen.

Er ist fort, in den Wald; wir sollen sagen, er sei wieder auf See
gegangen, antwortete Turner rasch.

Gottlob, dann wird Alles gut gehen! sagte Carl und wandte sich
schnell dem Huptling zu, der jetzt auf der Hhe mit feierlichem Ernst
herangeschritten kam. Carl ergriff seine Hand und fhrte ihn zu den
Seinigen, indem er ihn denselben als seinen liebevollen hlfreichen Freund
vorstellte. Turners hieen den Indianer mit so strmischer Herzlichkeit
willkommen, da derselbe tief ergriffen ward, und mit augenscheinlicher
Freude die Danksagungen, die Liebkosungen der beglckten Familie hinnahm.
Sie lieen ihm kaum Zeit, seinen Leuten zuzurufen, da sie weiter am
Flu hinauf ihr Lager aufschlagen mchten, und zogen ihn, von ihren
Armen umschlungen, in das Fort hinein, um ihm dort wieder und wieder ihre
Dankgefhle darzuthun.

Dem Huptling waren solche strmische Ausdrcke menschlicher Gefhle eben
so fremd wie berraschend, denn der Indianer zeigt niemals in seiner uern
Erscheinung, was in seinem Innern vorgeht; im hchsten Schmerz, im hchsten
Glck liegt dieselbe stolze Ruhe auf seinen Zgen. Diese Kundgebungen
der Freude und der Dankbarkeit Turners aber rissen ihn aus seiner uern
Theilnahmlosigkeit, seine Zge erheiterten sich, Freude, herzinnige Freude
strahlte aus seinen Blicken, -- und immer wieder drckte er Turner und
dessen Gattin die Hnde, und nahm die Kinder in seine Arme. Es dauerte
lange, ehe der Sturm des unverhofften Glcks der Wiedervereinten verwogte;
dann aber mute Carl ausfhrliche Mittheilung ber seine Schicksale und
ber seine Rettung machen. Alle lauschten seiner Erzhlung mit der grten
Theilnahme, manches Gottlob drang von den Lippen der Hrer, manch
dankbarer Blick wurde von ihnen zum Himmel gesandt, und manche Thrne
entfiel ihren Augen. Als er seinen Bericht aber beendet hatte, da ging
der Knabe abermals aus einer Umarmung in die andere, und der Huptling
wiederholte die Worte: Warum mutest Du unter den Weien, und nicht unter
den Delawaren geboren werden!

Bis jetzt war des Negers noch nicht erwhnt worden und Turners vermieden
absichtlich jedes Wort, welches das Gesprch htte auf denselben lenken
knnen. Madame Turner und Julie entfernten sich, um ihren Gast auf das
Beste zu bewirthen, und Turner und Carl unterhielten ihn, indem sie ihm
ihre smmtlichen Waffen zeigten, und ihm deren Vorzge vor den, in diesem
Lande gewhnlich benutzten langen einfachen Bchsen auseindersetzten. Das
Abendessen war fr diese Wildni ein ausgezeichnetes zu nennen. Madame
Turner hatte dabei alle ihre Kochkunst aufgeboten und das Beste ihrer
Vorrthe dazu verwandt. Auch war das gute Porzellan dabei aufgetragen,
alles Silberzeug auf den Tisch gebracht und derselbe herrlich mit Blumen
geschmckt. Dem Huptling entging es nicht, da Alles dies nur ihm zu Ehren
geschah; denn er war schon oft von Grenzansiedlern bewirthet worden, wo es
immer viel einfacher hergegangen war.

Die Aufmerksamkeiten und Herzlichkeiten Turners machten ihm Freude und
er meinte, da die Europer mehr Gefhl fr Freundschaft und Dankbarkeit
htten, als die Amerikaner.

Nach dem Abendessen, als er mit der Familie bei dem Kaminfeuer sa und
so, wie Turner eine Cigarre rauchte, fiel ihm der Neger wieder ein, und er
fragte halb verwundert, wehalb derselbe sich noch nicht gezeigt habe, da
er doch ein so guter Freund der Familie sein solle. Turner entgegnete ihm
etwas verlegen, da der Schwarze ihn vor Kurzem verlassen habe, um wieder
auf See zugehen, weil ihm dort ein besserer Verdienst zu Theil werde.

Der Huptling sah Carl mit einem triumphirenden Blick an, und sagte:
Glaubst Du nun noch an die Freundschaft eines Negers, junger Mann? Dein
geliebter Daniel ist ein eben solcher Freund gewesen, wie mein schwarzer
Panther; auch sein Herz ist so schwarz wie seine Haut.

Carl gab dem Indianer keine Antwort, was dieser fr Anerkennung seiner
ausgesprochenen Ansicht hielt und darauf das Gesprch auf einen andern
Gegenstand lenkte.

Der Abend verstrich in traulicher Unterhaltung und ehe der Huptling dann
von dem fr ihn bereit gehaltenen Ruhelager auf Daniels Bett Gebrauch
machte, begab er sich nach seinen Leuten, um ihnen zu sagen, da er bei
seinen weien Freunden schlafen werde.

Am folgenden Morgen hatte Madame Turner schon sehr zeitig das Frhstck
bereitet, weil ihr Gast mit Sonnenaufgang seine Weiterreise antreten
wollte. Nach beendigtem Mahle wurde dem Huptling sein Pferd vor das Fort
gebracht, er nahm einen herzlichen Abschied von seinen Freunden, versprach,
im nchsten Herbst sie wieder zu besuchen, und bemerkte dabei, da Carl
ihn dann auf einige Wochen begleiten und mit ihm jagen msse. Der Knabe
geleitete ihn darauf zu seinem Lager, und brachte die Indianer bis zu
dem Weg, welcher durch den Wald nach dem Choctawbache fhrte, damit seine
Freunde mit weniger Schwierigkeiten das Holz durchreiten knnten. Nochmals
versprach er hier dem Huptling, im Herbst mit ihm zu jagen, und sah mit
erleichtertem Herzen die Delawaren dahinziehen, weil er die Minute kaum
erwarten konnte, wo er Daniel in die Arme fallen wrde.

Der Neger hatte aber aus dem Dickicht des Waldes die Bewegungen der
Indianer beobachtet, war, als er sie den Weg nach dem Choctawbache
einschlagen sah, mit fliegender Eile durch den Wald nach dessen anderer
Seite gerannt, und hatte den Saum erreicht, als die Delawaren schon in
der Prairie jenseits angelangt waren. Er kletterte schnell auf einen der
hchsten Bume, um ihnen von dort aus weit hin mit dem Blicke folgen zu
knnen, und als er sie endlich in der blauen Ferne verschwinden sah, da
lie er sich rasch auf die Erde nieder, und rannte nun, von der Sehnsucht
seines treuen Herzens getrieben, nach dem Fort, um seinen geliebten jungen
Freund wieder zu sehen. Kaum hatte er den Fleck an dem Ufer des Flusses
erreicht, wo er unter berhngenden dichten Laubmassen das Kanoe verborgen
hatte und dasselbe in den Strom hinein gerudert, als Carl von dem Fort
hergesprungen kam, und ihm jubelnd und jauchzend entgegen eilte. Das Glck
der Beiden, als sie sich in die Arme fielen, kannte keine Grenzen, und
mein Daniel, mein Carl! war Alles, was sie hervorstammeln konnten.

Der Neger ging nun mit Carl Arm in Arm nach dem Fort zurck, wo er mit
groer Freude von Turners empfangen wurde, und wo er ihnen nun mittheilte,
da er der schwarze Panther sei, der vor einer Reihe von Jahren dem
Huptling entsprungen war. Er gestand es ein, da derselbe ihn gut und
liebevoll behandelt habe, stellte aber ein jedes Unrecht, welches man in
seiner Flucht finden mchte, in Abrede, da seine beiden Eltern freie Neger
gewesen und von den Delawaren gewaltsam zu Sclaven gemacht waren. Sie
hatten an der Indianergrenze sich eine Niederlassung gegrndet, waren dort
von dem Vater Leopards berfallen und fortgefhrt worden. An ihm, sagte
Daniel, htten sie demnach kein Eigenthumsrecht, wenn es berhaupt ein
Recht gebe, einen Menschen als Eigenthum zu besitzen, und er fhle sich
durchaus frei davon, ein Unrecht gegen Leopard begangen zu haben.

Turner fragte den Neger nun, was denn der Huptling mit ihm thun wrde,
wenn er ihn wieder in seine Gewalt bekme; worauf Daniel erwiederte, da
derselbe ihn in einer grausamen Weise umbringen wrde, da die Rache eines
Indianers nur mit dem Tode seines Feindes ende.

Wenn der Huptling aber Deinen Werth in Geld ausgezahlt bekme, wrde er
Dich dann nicht verkaufen? fragte Turner.

An Geld ist dem Indianer Nichts gelegen, weil er Alles besitzt, wonach
seine Wnsche trachten. Auerdem opfert er auch Alles seiner Rache,
entgegnete der Neger, und wies alle Anerbietungen Turners, ihm sein ganzes
baares Geld zur Verfgung zu stellen, als nutzlos zurck. Er suchte aber
zugleich seine Freunde zu beruhigen, indem er ihnen auseinandersetzte,
da ihm keine groe Gefahr drohe, da die Delawaren nur im Frhjahr und im
Herbst diese Gegend besuchten, und er selbst sich dann vor ihnen leicht
verborgen halten knne. Andern Indianern sagte er, wre er nicht so genau
bekannt, und so knnten die Delawaren auch nicht erfahren, da er der
schwarze Panther sei, und sich hier aufhalte.

Der Tag verstrich in dem Glcke, welches mit Carl unter die Ansiedler
zurckgekehrt war, und als der Abend kam, verlie Daniel das Fort, um
in dem Walde zu bernachten, wo er berhaupt verweilen wollte, bis die
Delawaren sich aus der Gegend entfernt haben wrden. Er nahm einige
Hute und Kochgeschirr mit sich, um sich eine Art von Wohnung im Walde
einzurichten. Carl begleitete ihn, um ihm dabei behlflich zu sein, und den
Platz seines Aufenthaltes zu kennen.

Der Knabe kehrte spt nach dem Fort zurck, und die Besorgni um den
Sieger minderte sich, als er die Nachricht brachte, wie derselbe sich gut
versteckt habe, und sicher Niemand ihn auffinden knne. Am folgenden Morgen
besuchte er seinen Freund wieder, brachte ihm Brod und andere Lebensmittel,
und Tags darauf ritt er frhzeitig nach dem Choctawbache, um Erkundigungen
ber die Delawaren einzuziehen.

Bei Warwicks, in deren Nhe dieselben gelagert hatten, wurde Carl mit
groem Jubel bewillkommnet; sie hatten schon durch die Indianer von seiner
Rettung gehrt und wuten es ihm besonders groen Dank, da er nun selbst
gekommen war, um sich ihnen zu zeigen. Die Delawaren hatten schon frh am
Morgen ihr Lager abgebrochen und waren dem rothen Flusse zugeritten, um
sich nach ihrer Ansiedelung am Kanzasstrome zu begeben.

Ungeachtet dieser erfreulichen Nachricht, die Carl seinem Freunde
berbrachte, verweilte derselbe noch einige Wochen in dem Walde, da er
sagte, einem Indianer drfe man nie trauen; dann aber kehrte er in das
Fort zurck, und die Besorgni wegen der Sicherheit Daniels wurde bald
vergessen.

Das Frhjahr hatte seinen ganzen Schmuck, seine ganze Pracht ber Wald und
Prairie ausgebreitet, und die bunte Blumenflur prangte in dem frischen Grn
der Bume und der Bsche, so wie in dem saftigen, ppigen jungen Grase.
Aus dem glnzenden dunkeln Laube der Magnolien, die sich zwischen den
Riesenbumen des Waldes zum Himmel erhoben, glnzten deren alabasterweie
Blthen wie kolossale Rosen hervor, die Tulpenbume waren mit goldigen
Blumen berset, der Hundeholzbaum streckte seine groen weien
Sternblthen gegen den blauen Himmel, die Bignonie trug ihre blarothen
Blthenfackeln zur Schau, die Jucka hielt den dreiig Fu langen, mit
schneeigen Glocken behangenen Blthenstengel ber ihrer Stachelkrone empor,
und in tausendfltigem Farbenspiel schlangen sich die blhenden Lianen von
Ast zu Ast, von Wipfel zu Wipfel, und wehten wie bunte Guirlanden in
der lieblich duftenden Frhlingsluft, die ber die Blumenfelder der
unabsehbaren Prairie gezogen kam. Der Spottvogel, der Cardinal, der
Blauvogel sangen in dem schattigen Dunkel des Waldes ihre sen Lieder,
der Kolibri summte von Blthenkelch zu Blthenkelch, und das glnzend
bunte Gefieder der Papageien blitzte und funkelte durch die reichen
ppigen Laubmassen. Alles sollte neues reges Leben empfangen, und auch die
Ansiedler waren von frischer Thtigkeit beseelt; denn die Arbeit gedieh
unter ihren fleiigen Hnden und versprach ihnen eine reiche sorgenlose
Zukunft. Das Feld prangte in grter Ueppigkeit, der Garten bot ihnen
Ueberflu und der Viehstand vermehrte sich schnell. An die Gefahren, welche
ihnen von Seiten der Indianer drohten, hatten sie sich gewhnt, und dadurch
hatten dieselben fr sie das Frchterliche verloren, ja, sie wrden sie
ganz vergessen haben, htte nicht der vorsichtige Freund Daniel sie immer
wieder daran erinnert und bei jeder Gelegenheit sie ermahnt, auf ihrer Hut
zu sein. Er sorgte dafr, da Abends die Pferde immer zeitig in das Fort
gebracht wurden, da dessen Thor immer gut und fest verschlossen ward, da
man die Hunde hinaussperrte, und da die Waffen stets zum augenblicklichen
Gebrauch in gutem Stand blieben. Auch lie er die drei Knaben oft nach
einem Ziel schieen, und hatte stets fr den besten Schu ein Geschenk zu
geben, welches dann in einem Pulverma, einem Kugelbeutel, einer Angel,
oder einer hnlichen kleinen Arbeit seiner eigenen Hnde bestand. Die Ruhe
im Fort blieb jedoch ungestrt, und die Ansiedler htten jetzt ihr stilles
Glck nicht mehr fr alle Freuden in der groen Welt vertauscht.

Der Wald bot nun auch in den sen berreifen Maulbeeren seine ersten
Frchte, und Daniel ging regelmig, wenn der Abend kam, mit den Kindern
ber den Flu und sammelte mit ihnen einen Korb voll dieser kstlichen
Beeren.

Madame Turner brachte dieselben dann beim Abendbrod auf den Tisch, gab
herrliche khle Milch dazu und Alle labten sich dann an dem Gericht nach
Herzenslust.

Es war eines Abends spt geworden, ehe Daniel mit seinen jungen Freunden
aus dem Walde zurckkehrte, denn sie hatten dies Mal viele Maulbeeren
gesammelt, weil Madame Turner den Kindern versprochen hatte, Fruchtkuchen
davon zu backen. Turner hatte bereits die Pferde getrnkt und in das
Fort gebracht, als Daniel mit den Knaben dort anlangte; das Thor wurde
geschlossen, die Hunde hinausgesperrt, und bald saen die Ansiedler in
traulichem Kreise um den groen Tisch, und erfreuten sich an dem einfachen
guten Mahle, welches Julie aufgetragen hatte. Dann holte ein Jeder von
ihnen seine Arbeit herbei; Carl mute wieder erzhlen, wie er unter den
Wurzeln des Mosquitobaumes gesessen hatte, als die fliehenden Thierschaaren
bei ihm vorberbrausten und das Feuermeer ber ihn hinzog; hundert Fragen
mute er beantworten, und bald wurde er bedauert, bald wurde ber ihn
gelacht, wobei er dann immer von ganzem Herzen mit einstimmte. Der Abend
verstrich in der heitersten Stimmung und es war spter als gewhnlich
geworden, ehe die Ansiedler ihr Lager aufsuchten und sich einem sorglosen
Schlafe hingaben.

Friedliche Ruhe lag auf dem Fort, die Pferde hatten sich in ihren Stllen
auf dem Boden hingestreckt, und Pluto lag regungslos in dem Hofe. Es war
Mitternacht, als Daniel durch das ziemlich ferne Gebell der Hunde auerhalb
des Forts geweckt wurde. Er richtete sich auf seinem Lager auf und
lauschte dem Lrm, welcher schnell nher und nher kam. Die Hunde wichen
unverkennbar vor einem Feinde zurck, und ihr Gebell wurde mit jedem
Augenblick heftiger und wthender. Jetzt klagte und heulte einer derselben
laut, und alle hatten bald darauf die Pallisaden erreicht, wo nun Pluto aus
dem Innern des Forts mit seiner tiefen Bastimme in ihren rasenden Lrm
mit einstimmte. Der Neger sprang aus dem Bette und wollte Carl wecken, doch
dieser war auch schon auf den Fen und fragte:

Was mgen die Hunde vorhaben?

Es mssen Indianer sein, die sie zurcktrieben, ich hrte das Bellen der
Hunde schon weit in der Prairie. Nur schnell in die Kleider und zu den
Waffen, ich will Herrn Turner wecken!

Mit diesen Worten sprang Daniel nach Turners Zimmer und wollte an die Thr
klopfen, als dieser ihm schon entgegentrat und bestrzt sagte:

Ich glaube, es sind Indianer vor dem Fort, nur schnell mit den Waffen in
den Hof, ehe sie die Pallisaden bersteigen, es ist drauen so finster, da
man keine Hand vor Augen sehen kann.

Ich will es bald hell machen, eilen Sie, nehmen Sie die Schrotgewehre,
Arnold und Wilhelm mssen helfen! rief der Neger, und sprang in den Hof
hinaus, wo es so dunkel war, da man kaum die Spitzen der Pallisaden gegen
den Himmel erkennen konnte. Dort traf er Carl, der mit der Schrotflinte in
der Hand, der Doppelbchse ber der Schulter und den Revolvern im Grtel
nach der Hhe der Pallisaden sphete, whrend Pluto mit wthendem Gebell an
denselben auf und niederrannte.

Geben Sie Acht, junger Herr, da keiner der Wilden bersteigt, ich will
schnell die Feuer anznden und dann gehen Sie in jenen Thurm, rief Daniel,
eilte zu dem einen der frher erbauten Galgen, und fllte den Eisenkorb
mit Kienspnen. In diesem Augenblick sprang Pluto mit rasender Wuth an
der andern Holzwand in die Hhe, und ber derselben erschien eine dunkle
menschliche Gestalt.

Carl, Carl, dort, sehen Sie! schrie der Neger, als er den Indianer auf
den Pallisaden erblickte; da blitzte es aber schon aus Carls Flinte, und
der Wilde verschwand mit einem gellenden Schrei. Der Krach des Gewehrs
und der Schrei des Indianers aber wurden von einem hllischen Zetergeheul
auerhalb des Forts beantwortet, als wrde es von hundert Kehlen
angestimmt.

Nun loderten die Flammen des angezndeten Kienholzes aus dem Eisenkorbe
auf, und im nchsten Augenblick hatte Daniel denselben emporgezogen, so
da der Hof und die Umgebung des Forts blendend erhellt waren. Ein noch
strmerisches Geschrei erschallte jetzt auerhalb der Festung, und Carl,
der in einen der Vorbaue gesprungen war und durch eine Schieffnung
blickte, sah, wie die Indianer in verworrenen Haufen in wilder Flucht den
Hgel hinabrannten.

Das haben sie nicht erwartet! rief Daniel, indem er sich beeilte, den
zweiten Eisenkorb mit Holz zu fllen und anzuznden. Sie haben einen
Schrecken bekommen, werden aber doch bald zurckkehren.

Auch der zweite Korb schwang sich nun mit seiner Feuergluth ber die
Pallisaden, und Turner trat mit Arnold und Wilhelm in den Vorbau daneben,
whrend Daniel sich zu Carl in die andere Ecke der vordern Holzwand begab.
Die Wilden hatten sich auer Schuweite von dem Fort in dem hohen Grase
gesammelt, und die Belagerten erkannten zu ihrem Schrecken, da die Zahl
ihrer Feinde ber hundert betragen mute. Daniel aber ermuthigte seine
Gefhrten und versicherte sie, da sie die Wilden sicher von dem Fort
zurckhalten wrden, wenn sie tchtig mit Schrot unter sie schssen, denn
so viele Kugeln in einem Schusse sei ihnen etwas Neues und wrde sie mit
Entsetzen davon jagen. Er benutzte den Augenblick, um smmtliche
Gewehre aus dem Hause zu holen und noch Vorrath von Pulver und Schrot
herbeizuschaffen. Nachdem er Waffen und Munition vertheilt, trat er wieder
zu Carl und schaute nach den Indianern hinaus.

Sie berathen sich, auf welche Weise sie strmen wollen, sagte er zu Carl.
Es sind Reiterindianer, denn dort etwas weiter in der Tiefe sehe ich ihre
Pferde. Jetzt laufen sie zu denselben hin; was mgen sie vorhaben?

Wirklich waren smmtliche Wilde zu ihren Pferden geeilt, doch konnten die
Belagerten nicht erkennen, was sie dort vornahmen. Bald darauf aber sollte
es ihnen klar werden, denn sie sahen die Feinde jetzt mit ihren Lasso's in
den Hnden heranschreiten, whrend sie Bogen und Pfeile in dem Kcher ber
den Schultern und die Streitaxt im Grtel um den Leib trugen.

Sie haben ihre Lasso's geholt, um dieselben ber die Spitzen der
Pallisaden zu werfen und daran in die Hhe zu klettern. Sie wollen strmen.
Schieen Sie immer in den dichtesten Haufen, dann wirkt das Schrot
besser, rief Daniel seinen Kameraden zu, whrend die Indianer sich in drei
Abtheilungen sonderten. Pltzlich stimmte einer von ihnen den Kriegsgesang
an und Alle lieen nun ein furchtbares Geheul ertnen.

Das ist das Kriegsgeschrei der Comantschen; geben Sie Acht und schieen
Sie nicht fehl! rief Daniel laut aus und sagte dann zu Carl: Schieen Sie
immer dahin, wo Viele zusammen sind, und nicht zu nahe, damit das Schrot
sich auseinander breitet.

Die Wilden kamen in drei Haufen mit einem betubenden Zetergeschrei wie im
Sturmwind herangesaust, und hatten in wenigen Augenblicken die Pallisaden
bis auf vierzig Schritt erreicht, da krachte es aus den Schiescharten, und
das tdtliche Blei fuhr aus den Gewehren der Ansiedler tausendfach in
die nackten Krper der Indianer, da dieselben in wilder Verwirrung
durcheinander strzten. Sie wichen aber nicht zurck, sie warfen ihre
Lasso's ber die Spitzen der Pallisaden und kletterten an den Stricken
in die Hhe. Das mrderische Feuer aber, welches aus beiden Vorbauen der
Festung auf sie unterhalten wurde, strzte die Meisten zu Boden, und nur
dreien von ihnen gelang es, unverwundet in das Fort herabzuspringen. Kaum
aber berhrten sie die Erde, als Pluto einen derselben niederri und Carl
den Wilden mit dem Revolver erscho, in dem Augenblick, als derselbe die
Streitaxt gegen den Hund erhob, Turner den zweiten mit einem Bchsenschusse
tdtete, und Daniel sich mit dem Messer in der Hand auf den dritten warf
und mit ihm zu Boden strzte. Es war nur ein Kampf weniger Sekunden, dann
sprang der Neger von seinem getdteten Gegner auf und eilte zu Carl zurck,
um wieder durch die Schiescharte zu blicken. Die Indianer waren geflohen
und sammelten sich abermals auer Schuweite, whrend viele Verwundete
vor den Pallisaden sich heulend im Grase wanden und Todte hier und dort
umherlagen. Jetzt sprang Daniel aus dem Vorbau durch den Hof nach der
hintern Seite des Forts und lie die Leiter auf den Felsen in den Flu
hinab, indem er seinen Gefhrten zurief: Schnell, schnell, retten Sie sich
in den Wald, Madame Turner, Julie, schnell, schnell, ehe es zu spt wird!

Madame Turner und Julie waren bleich und bebend aus dem Hause getreten,
und wie von einer hhern Macht getrieben, folgten Alle der Aufforderung des
Negers. Turner stieg zuerst auf den Felsen hinab, ihm folgte seine Gattin,
dann kamen ihre Kinder, und Carl stand noch zgernd an der Leiter, indem er
die Hand des Negers ergriff, und sagte: Du gehst mit uns, Daniel?

Nein, nein, ich bleibe, es giebt noch _ein_ Mittel, die Niederlassung zu
retten. Fort, fort, fhren Sie die Ihrigen durch den Wald und eilen Sie
nach Warwicks; der Allmchtige wird Sie in seinen Schutz nehmen!

Mit diesen Worten drngte der treue schwarze Freund seinen Liebling Carl
auf die Leiter und auch dieser erreichte den Felsen. Turner sprang nun
mit den Anderen in das Kanoe und ruderte an das jenseitige Ufer. Der Neger
ergriff dann seine Doppelbchse, ffnete schnell das Thor und strzte
nun hinaus vor das Fort, wo er im hellen Scheine des Feuerlichtes sich im
Angesichte der noch berathenden Indianer aufstellte.

Kennt Ihr den schwarzen Panther der Delawaren? schrie er mit donnernder
Stimme den Comantschen zu, und schwang seine Axt hoch ber sich durch die
Luft, da ihr blanker Stahl in dem Feuerschein blitzte. Wer von Euch will
den Scalp eines Delawaren erbeuten? So viele Haare, wie derselbe enthlt,
so viele Scalpe der Comantschen werden die Delawaren als Zahlung dafr
nehmen. Kommt heran, wenn Ihr den schwarzen Panther besiegen wollt, bringt
aber Eure besten Waffen mit!

Nun stimmte der Neger das furchtbare Kriegsgeschrei der Delawaren an und
tanzte, seine Waffen ber sich schwingend, nach dieser Schreckensmelodie
deren Kriegstanz.

Die Ueberraschung und zugleich der Schreck der Wilden war augenscheinlich
gro, denn sie standen unbeweglich und stierten nach dem schwarzen
Delawaren hinauf, auf dem das Licht des lodernden Kienholzes flackerte;
nicht lange aber besannen sie sich, denn sie beredeten sich nur wenige
Minuten, warfen dann ihre Waffen von sich und kamen, die Arme auf der Brust
gekreuzt, auf Daniel zugeschritten. Der Huptling nahm das Wort und sagte:

Die Comantschen sind Freunde der Delawaren und Freunde des schwarzen
Panthers. Sie wuten nicht, da ein Delaware unter diesen Bleichgesichtern
lebte, sonst wrden sie nicht nach deren Leben getrachtet haben. La uns
unsere gefallenen Brder mit uns nehmen und lsche Deine Feuer aus; Du
kannst ruhig schlafen!

Dabei reichte er Daniel die Hand, machte dann nochmals das Zeichen der
Freundschaft, und winkte seinen Leuten zu, die Todten und Verwundeten
fortzuschaffen. Der Neger theilte ihm mit, da noch drei Todte in dem Fort
lgen und ging, von einer Anzahl Wilden gefolgt, in dasselbe hinein, welche
die Erschlagenen davon trugen. Nach Verlauf von einer Stunde waren die
Comantschen verschwunden und die Feuer in den Krben waren erloschen.

Daniel sa in dem Zimmer an dem groen Tische und vor ihm brannte eine
dstere Lampe. Er hatte seine Stirn in seine Hand gelegt und dachte an die
Folgen dieser Nacht. Es war kein Zweifel darber, da binnen ganz kurzer
Zeit die Delawaren von seinem Hiersein unterrichtet werden und sofort
hier erscheinen wrden, um seiner habhaft zu werden. Was sollte er thun?
flchtete er sich von hier, so muten Turners mit ihrem Leben, oder wenn
sie entkamen, mit ihrem Eigenthum dafr ben, denn die Delawaren wrden
die ganze Niederlassung zerstren. Er wrde dann die Ansiedelung aus den
Hnden der Comantschen gerettet haben, um ihre Vernichtung den Delawaren zu
berlassen. Blieb er hier und berlieferte sich dem Leopard, so wute er,
da ein schrecklicher Martertod seiner erbarmungslos harrte. Er sa lange
Zeit regungslos an dem Tische und dachte an die Zukunft seiner Freunde, und
der bleiche Schimmer des nahenden Tages stahl sich durch die Thr herein,
als er aufstand und hinausging, um die Pferde in das Gras zu binden. -- Er
hatte beschlossen, hier zu bleiben, und sich den Delawaren zu berliefern.

Nachdem er die Pferde in die Weide gefhrt hatte, brachte er Alles im Fort
wieder in Ordnung, was whrend der Verwirrung in der Nacht in Unordnung
gerathen war; er reinigte die Gewehre, lud sie wieder, hing sie in Turners
Zimmer an der Wand auf und verbrachte den Tag mit Arbeit im Fort und im
Garten. Da seine Freunde glcklich die Niederlassung am Choctawbache
erreicht hatten, darber war er beruhigt, denn Carl war ja bei ihnen, und
er war berzeugt, da sofort alle Mnner von dort hierhereilen wrden, um
die Indianer zu vertreiben. So geschah es denn auch. Noch stand die Sonne
hoch am westlichen Himmel, als eine Schaar von vierzig Reitern mit dem
alten Warwick an ihrer Spitze aus dem Walde hervorgesprengt kam und zu dem
Fort heraufjagte.

Auch Turner und Carl befanden sich unter ihnen, und ihr Erstaunen war
gro, als Daniel aus dem Fort hervortrat und ihnen mittheilte, da die
Comantschen in Frieden abgezogen seien. Auf die Frage, wie dies mglich und
was sie dazu bewogen habe, sagte der Neger, er sei zu ihnen hinausgegangen
und habe mit ihnen geredet und ihnen gesagt, da die Mnner am Choctawbache
bald hier sein und sie verfolgen wrden, so weit sie ihre Pferde tragen
knnten. Wenn nun diese Mittheilung Warwicks und seinen Gefhrten auch
rthselhaft und unglaublich erschien, so war es doch Thatsache, da Alles
in und um das Fort sich unversehrt fand, und da die Wilden sich entfernt
hatten.

Preis und Lob wurde ber den treuen Neger ausgesprochen und Warwick meinte,
da Daniel im Besitze eines Zaubermittels sein msse, durch welches er die
Rothhute gebndigt habe. Die Mnner vom Choctawbache traten bald darauf
ihren Heimweg wieder an und mit ihnen Warwicks beide Shne, der Alte aber
wollte hier bleiben, bis am folgenden Tage Madame Turner mit ihren Kindern
hierher zurckgekehrt sein wrde.

Carl hatte in der Nacht die Seinigen glcklich durch den Wald gefhrt und
hatte mit ihnen erst gegen Mittag die Niederlassung Warwicks erreicht, denn
das Gehen in dem hohen Grase der Prairie war Madame Turner und den Kindern
sehr mhsam geworden. Nur die Angst und das Entsetzen vor den Wilden hatte
es ihnen berhaupt mglich gemacht, den Weg ohne Aufenthalt zurckzulegen,
und zu Tode erschpft waren sie bei ihren theilnehmenden Freunden
angelangt. Die beiden Shne Warwicks sollten ihnen nun die frohe Kunde
bringen, da alle Gefahr vorber sei und sie dann am folgenden Tage zu
Pferde nach dem Fort zurckgeleiten. Carl ritt ihnen am nchsten
Morgen entgegen und langte dann auch noch vor der Mittagszeit mit ihnen
wohlbehalten zu Hause an. Madame Turner rief allen Segen des Himmels auf
den treuen Daniel herab und ihre Danksagungen wollten kein Ende nehmen. Der
alte Warwick frohlockte ber das Ereigni, welches Turners unter so groer
Gefahr glcklich berstanden hatten; denn er meinte, da sie nun, nachdem
die Comantschen, die mchtigsten Indianer dieses Landes, ihren Angriff
aufgegeben htten, vor allen brigen Wilden sicher wren und weissagte
ihnen nun ungestrten Frieden in ihrem Eigenthum. Seine langjhrige
Erfahrung, seine genaue Bekanntschaft mit dem Thun und Lassen der Indianer
und seine zuversichtlichen Worte flten Turners Vertrauen ein und
beruhigten ihre Gemther, denn immer noch klangen die Schreckenstne der
Wilden durch ihre Seelen. Der biedere alte Freund scherzte und lachte ber
die einzelnen Scenen in jener Nacht, und that Alles, um die erschreckten
Herzen der Ansiedler aufzuheitern. Er verweilte bei ihnen, bis die Sonne
sich neigte, sagte ihnen dann ein herzliches Lebewohl, versprach bald
wieder zu kommen, und trat dann mit seinen beiden Shnen den Heimritt an.

Die sorglose Ruhe, der glckliche Friede, welche bisher die Ansiedler
umgeben hatten, waren aber tief erschttert, und mit Bangen und Zagen sahen
sie jetzt immer die Nacht hereinbrechen. Daniel that sein Mglichstes,
ruhig und sorglos zu erscheinen, um seinen Freunden Muth zu geben und vor
ihnen seinen eignen Seelenkampf zu verbergen, der ihm, wo er ging, wo er
stand, sein unvermeidliches furchtbares Ende vorspiegelte. Tage verstrichen
aber, und Wochen eilten dahin, ohne da die Ruhe im Fort abermals gestrt
worden wre, und dem Frhling mit seinen tausend Schnheiten, seinen
zahllosen Reizen gelang es, die Herzen der Bedrngten wieder zu ermuthigen,
zu erfreuen. Die ganze Natur war ja heiter und festlich gestimmt, es war ja
kaum mglich, an etwas Trauriges, etwas Schreckliches zu denken, denn das
Bild eines ewigen Friedens umgab die Niederlassung. Bei Turners zog nach
und nach das frhere Glck, die frhere heitere Zuversicht in ihre Zukunft
wieder ein; aber im Herzen Daniels wurde es von Tag zu Tag trber, und mit
Bangen schlo er Abends das Fort, mit Bangen blickte er Morgens ber dessen
Umgebung. Er wollte seinem Schicksal nicht entgehen, er wollte sich fr
seine Freunde opfern, aber es schauderte ihn, dachte er an die grausame
Rache der Indianer. Er war stets der Erste, der Morgens einen Blick aus den
Schiescharten der Pallisaden warf, um zu sehen, ob die Delawaren das Fort
noch nicht umstellt htten; denn sobald dieselben erschienen sein wrden,
wollte er sich durch Turner an sie ausliefern lassen, damit bei den
Indianern jeder Vorwurf gegen seine Freunde verschwinden mge.




Abschnitt 8.

  Aufopferung. -- Stummer Abschied. -- Der Falbe. -- Das Rennen wider
  Willen. -- Das Handelshaus. -- Groer Bffelfang. -- Der Panther. --
  Dankbarkeit. -- Das Wiedersehen.


Daniel hatte sich eines Morgens so eben mit dem Gedanken an die Delawaren
von seinem Lager erhoben, und trat in den Hof, um einen Blick ber die
Prairie zu thun, als das laute, lrmende Gebell der Hunde auerhalb des
Forts ihm wie ein Blitzstrahl durch die Seele fuhr. Er sah im Geiste seine
Henker nahen, sprang an die Schieffnung, und nun ward der Gedanke zur
Wahrheit; denn dort kamen die Delawaren mit Leopard an der Spitze im Galopp
ber das wogende Gras dem Fort zugejagt. Die Liebe zum Leben, der Trieb der
Selbsterhaltung blitzte mit einem Gedanken an die Leiter und an das Kanoe
in Daniel auf; noch war es Zeit, zu fliehen, noch konnte er dem Tode unter
den Hnden der Barbaren entgehen! Er blickte nach dem Abhang, wo die
Leiter lag, er sah aber auch die geschlossenen Thren, hinter welchen seine
Freunde in sorglosem glcklichen Schlummer ruhten, und verschwunden war
jedes Wanken, jedes Zagen, er wollte sich seinen Feinden berliefern.

Der Lrm der Hunde brachte nun auch Carl und Turner erschreckt in den Hof,
doch Daniel rief ihnen zu, es seien die Delawaren, die sich naheten und von
denen sie Nichts zu befrchten htten.

Die Delawaren -- doch nicht mit Leopard? rief Turner erschrocken; dann
eile fort in den Wald, Daniel, da sie Dich nicht hier finden!

Sie kommen, um mich zu holen, und ich werde mit ihnen gehen, antwortete
der Neger entschlossen.

Nimmermehr, nun und nimmermehr, Daniel, lieber wollen wir uns smmtlich
unter den Trmmern des Forts begraben lassen. Fort, guter Daniel, fort in
das Boot, noch ist es Zeit, rief Turner dringend und zog den Neger nach
der Leiter hin.

Es ist umsonst, die Delawaren wissen durch die Comantschen, da ich hier
bin; denn diesen habe ich es in jener Nacht gesagt, um sie von weiteren
Feindseligkeiten abzuhalten. Durch meine Flucht wrde ich Sie smmtlich
dem Tode weihen. Ich liefere mich an Leopard aus, sagte Daniel
unerschtterlich, und weigerte sich, die Leiter zu betreten, welche Carl
auf den Felsen hinabgelassen hatte. Dieser, so wie Turner aber schlangen
ihre Arme um den treuen Freund und flehten und beschworen ihn, zu fliehen,
und sie ihrem Schicksale zu berlassen.

Daniel aber blieb bei seinem Entschlu, und zeigte einige Augenblicke
spter nach dem jenseitigen Ufer, wo jetzt vor dem Walde schon mehrere
Delawaren erschienen.

So werden wir mit Dir sterben, Daniel, lebendig sollen diese Barbaren
weder Dich noch uns in die Hnde bekommen. Carl, hole die Waffen! rief
Turner auer sich, schlang abermals seine Arme um den Freund und flehte ihn
an, sich zu vertheidigen.

Halloh, weier Mann, hre mich, ich bin Leopard, der Delawarenhuptling!
rief jetzt die Donnerstimme des Indianers auerhalb des Forts, indem
derselbe mit seiner Streitaxt an das Thor schlug.

Was willst Du, kommst Du als Freund oder als Feind zu mir? Bedenke, da
ich mich unter dem Schutze des Prsidenten der Vereinigten Staaten befinde,
in dessen Diensten Du stehst.

Ich komme als Freund zu Dir und bitte Dich, mir mein Eigenthum, den
schwarzen Panther auszuliefern, der unter Deinem Dache wohnt.

Du hast kein Eigenthumsrecht an ihn, denn dein Vater hat dessen Eltern
geraubt und sie zu seinen Sklaven gemacht, entgegnete Turner entschlossen.

Richte ber Deine eigenen Angelegenheiten, nicht ber die meinigen. Ich
werde mein Eigenthum, den schwarzen Panther, lebendig oder todt mit mir
von hier nehmen. Er kann mir nicht entgehen, denn ich werde Deine Festung
umstellt halten, bis der Hunger Euch Alle tdtet, oder bis Ihr mir den
schwarzen Panther berliefert. Ich lehne mich nicht gegen den Willen des
groen Vaters, des Prsidenten der Vereinigten Staaten auf, denn ich werde
keine Gewalt gegen Dich gebrauchen und Deine Holzwnde nicht ersteigen; es
soll kein Fu eines Delawaren Dein Haus betreten, Du magst frei ein- und
ausgehen, aber Lebensmittel lasse ich nicht in Deine Festung ein, bis der
schwarze Panther in meinen Hnden ist.

Ich werde Dir folgen, Leopard, obgleich Du kein Recht an mir hast, schrie
Daniel dem Indianer zu, doch Turner unterbrach ihn und rief: So entferne
Dich von meinem Eigenthum, so weit, da Dich meine Kugeln nicht erreichen
knnen; ich werde mich und meinen Freund Daniel vertheidigen, und meine
Freunde vom Choctawbache werden bald hier sein und mir beistehen!

Thue, was Du willst, der Leopard redet nur _einmal_! rief der Huptling
von drauen und gab weiter keine Antwort.

Madame Turner und die Kinder waren zu Tode erschrocken in den Hof
gekommen, und hrten mit Entsetzen, um was es sich handele. Sie weinten
und jammerten, und hingen sich flehend an Daniel, der bei seinem Entschlu
blieb, das Fort zu verlassen und sich den Delawaren zu berliefern.

Als Turner durch eine Schieffnung blickte, sah er, da die Indianer auer
Schuweite rings um das Fort ihre Zelte aufgeschlagen hatten, und da ihre
Pferde weiterhin im Grase weideten.

Noch eine Bitte mut Du mir zugestehen, Daniel, Du mut hier bleiben, bis
ich nochmals mit dem Huptling gesprochen habe, sagte Turner nun zu dem
Neger, ich will hinaus zu ihm gehen und will ihm all mein vorrthiges Geld
bieten, um Dich frei zu kaufen. Ich habe noch mehr, als er fr Dich fordern
kann.

Daniel stellte ihm vor, da es umsonst sein wrde; Madame Turner und die
Kinder hingen sich an Turner, und wollten ihn nicht hinausgehen lassen;
doch er blieb bei seinem Entschlu, und ffnete das Thor. Carl mute es
wieder hinter ihm verschlieen, und nun schritt er den Hgel hinab dem
Zelte zu, vor welchem er den Huptling sitzen sah.

Sei mir willkommen in meinem Lager, sagte Leopard, dem Nahenden entgegen
gehend, und bot ihm die Hand zum Gru; die Delawaren sind Freunde der
weien Mnner.

Damit leitete er Turner vor sein Zelt und lie ihn neben sich auf einer
Bffelhaut Platz nehmen.

So zeige es mir, da Du mein Freund bist, ich fordere einen
Freundschaftsdienst von Dir und will Deinen Schaden nicht. Verkaufe mir
den Neger, ich bin bereit, Dir einige tausend Dollar fr ihn zu geben; mehr
Geld besitze ich nicht, sagte Turner, und ergriff bittend die Hand des
Huptlings.

Geld kann kein Unrecht gut machen, welches einem Delawaren zugefgt ist.
Behalte Du Dein Geld und gieb mir meinen schwarzen Panther, antwortete der
Huptling mit unerschtterlicher Bestimmtheit.

Nun, so will ich versuchen, ob meine Freunde am Choctawbache mir auf mein
ganzes Eigenthum noch Geld borgen wollen, ich zahle Dir Alles, was ich
aufbringen kann fr den Neger, nahm Turner wieder das Wort.

Und wenn Du mir alles Geld der weien Mnner geben knntest, so wrde ich
Dir den schwarzen Panther nicht dafr verkaufen, entgegnete Leopard mit
einem finstern Blick, und blieb gegen alle Vorschlge, alles Flehen Turners
unerbittlich.

Mit blutendem Herzen kehrte dieser unverrichteter Sache in das Fort zurck,
und gab sich dort mit den Seinigen dem Schmerz und dem Jammer ber das
unvermeidliche Schicksal des geliebten Freundes hin.

Den Tag verbrachten die schwer Bedrngten unter Wehklagen und Thrnen, nur
Carls Augen waren trocken geworden, und es glnzte ein Gedanke auf deren
Spiegel, der in seiner Seele immer lebendiger aufstieg. Er wurde stumm und
nachdenkend, und erst, als die Sonne sich neigte, sagte er zu Turner: Ich
will noch einmal mit dem Huptling reden, vielleicht gelingt es mir, ihn
milder zu stimmen; er ist mir sehr gut gewesen.

Turner schlang seinen Arm um den braven Knaben und drckte ihn innig an
seine Brust, indem er sagte: Du meinst es so gut, Carl, der Himmel mag
Dich untersttzen, ich frchte aber, es wird auch umsonst sein. Gehe mit
Gott und versuche es, das Herz des Wilden zu erweichen. Darauf geleitete
Turner den Knaben zu dem Thore und lie ihn hinaus.

Als Carl den Hgel hinabschritt, kam ihm der Huptling schon von Weitem
entgegen und empfing ihn mit den Worten: Warum willst Du mich zwingen,
auch Dir eine Bitte abzuschlagen, da Du weit, da ich sie Dir nicht
gewhren kann, und da Du weit, wie gut ich Dir bin? Habe ich Dir doch
gesagt, wie leid es mir thut, da Du nicht als Delaware geboren bist!

Und wenn ich nun dennoch ein Delaware werden wollte, ein treuer Delaware
mit Leib und Seele, wrdest Du mich nicht lieber haben, als ihn?

Bei diesen Worten Carls war es, als ob ein pltzlicher Sonnenschein ber
die finstern Zge des Huptlings fhre, er sah den Knaben berrascht und
in hchstem Erstaunen an, ergriff pltzlich dessen beide Hnde, zog ihn an
seine Brust und schlang seine sehnigen Arme um ihn.

Du, ein Delaware? rief er, auer sich vor Freude; und wenn ich hundert
schwarze Panther fr Dich geben mte, so solltest Du ein Delaware werden!
Dein Herz ist gro, ja es ist grer fr Freundschaft, als das meinige,
ich will Dir aber ein eben so guter Freund sein, als Du es dem schwarzen
Panther bist. Ja, Knabe, Du sollst Delaware, Du sollst mein Freund werden,
und ich gebe den schwarzen Panther fr Dich auf.

Du mut ihm nicht allein seine Freiheit geben, er mu als Delaware unter
Deinem Schutze bei den Meinigen bleiben, damit sie und ihr Eigenthum gegen
jede Feindseligkeit anderer Indianer sicher gestellt werden. Willigst Du
hierin ein, so ziehe ich mit Dir, und will Dir ein treuer Freund sein,
sagte Carl mit freudestrahlendem Blick; denn nun hoffte er nicht allein,
seinen Freund Daniel zu retten, er hoffte auch, fr immer alle Gefahren von
seinen Lieben abzuwenden.

Ich gehe es ein, der schwarze Panther ist frei, er bleibt als Delaware bei
den Deinigen, und wer ihren Frieden strt, dessen Herz sollen die Delawaren
den Wlfen hinwerfen. Du ziehst mit mir, Carl, Du sollst auf meinem Lager
schlafen, sollst mit mir essen, mit mir jagen und kmpfen und die Delawaren
werden Dich lieben und ihren letzten Scalp fr Dich hingeben, wenn Du in
Gefahr kommen solltest.

Hiemit reichte der Huptling Carl die Hand und dieser schlug ein.

Wird Dein Onkel Dich aber mit mir gehen lassen? fragte der Indianer nun
bedenklich, ich darf Dich nicht rauben.

Ich gehe aus eignem Willen mit Dir, freilich mu es heimlich geschehen.
Ich sage es meinem Onkel schriftlich, da ich freiwillig mit Dir gezogen
bin, und lasse den Brief in meinem Zimmer zurck. In dieser Nacht, wenn
Alles im Fort schlft, schleiche ich mich davon und komme zu Dir; noch
ehe der Tag graut, mssen wir weit von hier fort sein. Halte Alles zum
schnellen Aufbruch bereit, nach Mitternacht bin ich bei Dir.

Mit dem beseligenden Gedanken, durch sein Handeln die Seinigen fr immer
vor allen Gefahren zu schtzen und seinen Freund Daniel dem Tode zu
entreien, verlie Carl den Huptling und kehrte leichtern Herzens in das
Fort zurck.

Du bringst frohe Kunde, Carl, ich lese es auf Deinen Zgen, sagte Turner,
als er den Knaben am Thor empfing und, von Hoffnung bewegt, dessen Hand
ergriff.

Der Huptling ist friedlicher gestimmt, er will morgen noch einmal mit
Dir reden, entgegnete Carl entschlossen, sein Vorhaben, welches er fr das
Wohl seiner Lieben ausfhren wollte, nicht auf seinen Zgen zu verrathen.

Gottlob! sagte Turner, nun wird sich doch noch Alles zum Guten wenden;
Carl, Du bist und bleibst unser Schutzengel.

Madame Turner dankte dem Knaben unter Thrnen fr den neuen Beweis seiner
Liebe, und Daniel gab sich mit den innigsten Danksagungen der Hoffnung hin,
da sein Geschick eine gnstige Wendung nehmen mge.

Als die Sonne versunken war und Turner daran erinnerte, da die Pferde in
das Fort hereingebracht werden mten, sagte Carl: Ich will sie zum Wasser
fhren und sie dann wieder in das Gras bringen; wir wollen sie whrend der
Nacht drauen lassen. Es zeigt von Mitrauen gegen die Delawaren, wenn wir
sie hereinholen. Turner stimmte seiner Ansicht bei, und Carl trnkte nun
die Pferde und band sie dann wieder in die Weide, seinem Rappen aber gab
er dabei einen Platz nicht weit von dem Zelte des Huptlings. Nachdem er in
das Fort zurckgekehrt war und die Seinigen mit Daniel in dem Speisezimmer
versammelt fand, ging er in seine Stube und schrieb schnell einen
Abschiedsbrief an alle seine Lieben. Er theilte ihnen den Grund mit,
wehalb er sie verlie, sagte ihnen, da es ihn hoch beglcke, sie allen
Gefahren zu berheben, und bat sie, sich nicht ber sein Entfernen zu
grmen, da es ihm ja gut gehen wrde, und er sie im nchsten Herbst
besuchen wolle. Er schlo den Brief mit der Bitte, ihm nicht zu folgen,
da er fest entschlossen sei, bei den Delawaren zu bleiben, und ihn nichts
vermgen werde, in das Fort zurckzukehren. Er richtete diese letzten
Worte insbesondere an Daniel, beschwur ihn, nun treulich bei den Seinigen
auszuhalten, und dadurch Carls Schritt zu heiligen. Die Thrnen, welche
whrend des Schreibens seinen Augen entquollen, gestatteten ihm kaum, den
Brief zu beenden, und er mute sich wiederholt dabei unterbrechen. Als er
ihn endlich geschlossen hatte, richtete er die Aufschrift an seinen Onkel,
und verbarg dann das Schreiben in seiner Lederjacke. Er steckte nun schnell
alle Gegenstnde, die er mitnehmen wollte, in seine Jagdtasche, hing
dieselbe neben seine Waffen, und ging dann zu den Seinigen, um mit ihnen
das Abendbrod zu verzehren. Mit schwerem Herzen setzte er sich an dem
Tische nieder, es war ja zum letzten Male, da er sich hier mit seinen
Lieben versammelte, und unbemerkt wischte er die Thrnen von seinen Augen,
die er nicht zurckhalten konnte. Sein Schweigen und sein Ernst fiel nicht
auf, denn auch die Anderen saen bekmmert und wortkarg da, und dachten an
das Schicksal Daniels, welches erst morgen entschieden werden sollte. Carl
erhob sich zuerst, um sich zur Ruhe zu begeben, und die Anderen folgten
seinem Beispiel; denn die Stimmung war zu traurig, um ein lngeres
Zusammensein zu veranlassen. Carl kte die Seinigen, wie er immer zu thun
pflegte, wenn er ihnen eine gute Nacht wnschte; er kte sie aber inniger,
heier und lnger als sonst, denn er nahm einen stummen Abschied von
ihnen. Er weinte dabei bitterlich, welches man der Ungewiheit ber Daniels
Schicksal zuschrieb, und Turner suchte Carl zu beruhigen, und trstete ihn
mit dem Vertrauen auf den Allmchtigen, der ihnen beistehen wrde. Alle
begaben sich nach ihren Ruhesttten, doch der Schlaf blieb ihnen noch lange
fern, und erst gegen Mitternacht hatten die Bewohner des Forts die Augen
geschlossen; nur Carl war noch wach, fhlte von Zeit zu Zeit auf dem
Zifferblatt seiner Uhr, wie spt es sei, und lauschte nach den Athemzgen
Daniels, ob derselbe auch fest schlafe. Es war schon lange nach
Mitternacht, als er sich leise von seinem Lager erhob, sich schnell
ankleidete und den Brief an seinen Onkel auf den Tisch legte. Dann
schnallte er die Revolver und das Jagdmesser um, hing die Jagdtasche ber
seine Schulter, nahm die Jaguarhaut und seine wollene Decke, ergriff die
Bchse und schlich vorsichtig in den Hof hinaus. Pluto kam freudig zu ihm
herangesprungen, Carl aber wies ihn liebkosend zur Ruhe, und schritt nach
dem Thore, welches er geruschlos ffnete. Er ging hinaus, trug sein Gepck
an die vordere Wand der Pallisaden, und kehrte noch einmal in das
Fort zurck, um sein Sattelzeug zu holen. Als er wieder durch das
Thor hinausschritt, wollte Pluto ihm folgen, er drckte den Hund aber
schmeichelnd zurck, und schob das Thor hinter sich zu. Nun eilte er mit
Sattel und Zeug den Hgel hinab zu dem Zelt des Huptlings, wo dieser ihn
beim Feuer freudig empfing und ihm sagte, da Alles zur Abreise bereit sei.

Carl lief nun noch einmal zu den Pallisaden hinauf, um seine dort
niedergelegten brigen Sachen zu holen, sandte noch einen heien innigen
Abschied aus der Tiefe seines Herzens an alle seine Lieben, und ging dann
wieder zu Leopard, dessen Zelt bereits zusammengepackt war und auf den
Rcken eines Pferdes gebunden wurde. Carl fhrte seinen Rappen zum Feuer,
legte ihm schnell das Reitzeug und Gepck auf, wobei der Huptling ihm
behlflich war, und stieg dann in den Sattel, whrend die Indianer sich zu
Pferde um ihn sammelten und freudig in ihm ihren neuen Gefhrten begrten.
Bald war nun auch der Huptling zu Ro, und der Reiterzug setzte sich,
mit ihm und Carl an der Spitze, in Bewegung, whrend dieser seinen
thrnenschweren Blick auf die dunklen Umrisse des Forts gerichtet hielt,
und im Stillen den geliebten dort Ruhenden sein letztes heies Lebewohl
sagte. Lautlos zogen sie in eiligem Schritt durch die dunkle Nacht dahin,
und bald war der letzte Lichtschein der verlassenen Lagerfeuer und die
schwarze Form der Pallisadenwnde ihren Blicken entschwunden.

In dem Fort aber herrschte Todtenstille, denn selbst das gewohnte Gerusch,
welches die Pferde whrend der Nacht dort zu erregen pflegten, unterbrach
die Ruhe nicht.

Der Morgen graute und Daniel erwachte mit dem festen Entschlu, sich heute
dem Huptling zu berliefern, wenn die bevorstehende Unterhandlung mit
demselben keinen friedlichen Vergleich herbeifhren sollte. Er erhob sich
leise von seinem Lager, um seinen Freund Carl nicht im Schlafe zu stren,
da gewahrte er, da Carls Bett leer war. Der Neger erschrak und richtete
seinen nchsten Blick nach der Wand, wo die Waffen des Knaben zu hngen
pflegten; sie waren fort. Jetzt sah er den Brief auf dem Tische liegen
und erkannte die Handschrift seines Freundes, denn dieser hatte ihm ja
Unterricht im Schreiben ertheilt. Ein Brief von Carl, an seinen Onkel
gerichtet, -- was konnte die Veranlassung dazu sein -- warum war Carl
nicht hier? Der Neger zitterte am ganzen Krper, mit dem Brief in der Hand
strzte er hinaus in den Hof und nach dem Thore -- das Thor war offen, und
die Indianer waren verschwunden! Wie gelhmt stand Daniel da, und sah auf
den Brief, der in seiner bebenden Hand zitterte; das Papier sagte ihm, was
der Knabe fr ihn gethan hatte. Ohne Worte, ohne Thrnen sank er auf die
Kniee und prete den Brief zitternd mit beiden Hnden auf sein Herz. Er
wute nicht, was er that, wute nicht, was er thun sollte, das Geschehene
war zu ungeheuer, zu schrecklich, als da er es htte fassen knnen, es
drckte ihn, wie ein riesiges Unglck zu Boden und prete ihm das Herz und
die Brust zusammen.

Pltzlich aber fuhr er auf, strzte in das Fort hinein zu Turners Haus und
schrie:

Carl ist fort, Herr Turner, Carl ist fort!

Was sagst Du, Carl fort? rief Turner, aus dem Zimmer hervorspringend, und
ergriff hastig den Brief, den ihm der Neger entgegenstreckte.

Er ist fort, Herr, er ist mit den Delawaren fortgezogen. Lesen Sie, lesen
Sie schnell, ich mu ihn noch einholen und ihn aus den Hnden der Indianer
befreien; ich bin es, dessen Besitz sie verlangten, nicht Carl, mich sollen
sie haben! schrie der Neger in hchster Verzweiflung und stierte auf
den Brief, den Turner mit zitternder Hand entfaltet hatte und ihn mit
ngstlicher Hast durchflog.

Carl, Carl! klagte er dann mit einem Blick zum Himmel, und lie sein
Antlitz auf den Brief in seine beiden Hnde sinken.

Er soll zurckkehren, Sie sollen ihn wieder haben! schrie der Neger, und
wollte davon eilen, doch Turner ergriff ihn beim Arm und sagte:

Es ist umsonst, Daniel, er wird nicht zurckkehren! Glaubst Du, da Carl
seine Freiheit mit Deinem Leben erkaufen wrde?

Er soll, er mu zurckkehren, die Delawaren sollen mich tdten, und dann
bleibt Carl nicht bei ihnen, rief Daniel, und wollte sich von Turner
losreien; doch dieser hielt ihn zurck und sagte:

So hre, was er schreibt, und was er Dir in diesem Briefe sagt, dann wirst
Du einsehen, da es nutzlos wre, wenn Du ihm folgtest.

Turner las nun dem Neger den Brief vor, und dieser stand wie vernichtet da,
rang die Hnde und jammerte wieder und wieder:

Warum habe ich mich auch nicht gleich selbst ausgeliefert!

Es war nicht Deine Schuld, Daniel, wir selbst haben Dich ja gehalten. Der
Himmel, der Alles so gefgt hat, wird unsern Liebling beschtzen, und ihn
doch wieder in unsere Arme zurckfhren. Carl lebt, er lebt nur fr uns,
und wei, da mit ihm ein groer Theil unseres Glcks verloren ist. Er wird
wiederkehren!

So suchte Turner den treuen Neger und sich selbst zu trsten, und den
herzzerreienden Schmerz von sich abzuwehren; als er aber seiner Gattin und
den Kindern die Kunde von Carls Aufopferung berbrachte, da berwltigte
sie smmtlich der Jammer, und sie brachen weinend und schluchzend in lautes
Wehklagen aus.

Carl ritt immer noch schweigend an der Seite des Huptlings, und immer noch
entfielen Thrnen seinen Augen.

Dein Herz ist traurig, Carl, sagte Leopard theilnehmend zu ihm, und
das macht auch mich traurig; meine Freude aber darber, da Du mein Freund
werden willst, ist gro, und soll Dich wieder froh machen. Die Delawaren
werden Dich lieben, und Du wirst einst ein groer Mann unter ihnen sein,
sie werden Dir folgen, wenn der Leopard zu schwach wird, um sein Jagdro
zu reiten, und sein Auge zu matt, um die Kugel in das Herz des Wildes zu
senden. Du sollst die schnsten Pferde haben, und die Frauen der Delawaren
werden die prchtigsten Hute fr Dich zubereiten und Dir die weichsten
Jagdhemden und Gamaschen anfertigen.

Ich bin mit Allem zufrieden, wenn ich nur wei, da es meinen Freunden am
Brflusse gut geht, antwortete Carl, mit feuchtem Auge auf die glnzend
schwarzen Mhnen niedersehend, die der Rappenhengst in seinem Uebermuthe
schttelte.

Niemand soll und wird nun noch den Frieden Deiner Freunde stren, und Du
wirst sie zweimal des Jahrs wiedersehen und sie erfreuen.

Das hast Du mir versprochen, Leopard, und mut es halten; nur mit dieser
Hoffnung kann ich fern von ihnen zufrieden sein.

Du wirst zufrieden, Du wirst glcklich sein, denn unser Leben ist ein
glcklicheres, als das der Weien. Wir haben Alles, wonach unsere Herzen
sich sehnen; die Weien haben niemals das, wonach sie streben; das Geld
stiehlt ihnen die Ruhe, wir lachen darber; uns kann das Geld nicht froh,
nicht traurig machen.

Carl blieb wortkarg, doch der Huptling hrte nicht auf, ihn zu unterhalten
und ihm das Leben der Indianer von der schnsten Seite zu schildern.

Whrenddem eilten sie nach Nordwest dahin ber die mit Blumen bersete
Prairie, auf der das trockene Gras vermodert zur Erde gesunken und
die frischgrnen Halme darber mit der Blthenpracht des Frhlings
aufgeschossen waren. Der Huptling wollte der Grenze des Prairiebrandes bis
an den rothen Flu folgen, weil er dort das meiste Wild anzutreffen hoffte.
Er ritt mit Carl den brigen Indianern in ziemlich groer Entfernung
voraus, um seinem jungen Freunde Gelegenheit zu geben, whrend der Reise
mitunter ein Stck Wild zu erlegen, die Reiterschaar folgte ihnen langsam
nach, hinter derselben kamen die Pferde, die mit den Zelten, Gerthschaften
und Vorrthen aller Art beladen waren, und den Zug beschlossen die Frauen,
welche die Packthiere vorwrts trieben und sie zusammenhielten. Carl that
im Laufe des Tages wiederholt einen Meisterschu auf Wild, welches der
Huptling dann, stolz auf die Geschicklichkeit des Knaben, seinen ihm
folgenden Leuten berwies. Der Abend brachte sie in den Eichwald, wo Carl
den furchtbaren grauen Bren erlegt hatte, und an dem Wasser, wo er seinen
Falben wiederfand, wurde das Lager fr die Nacht aufgeschlagen. Er benutzte
das Dmmerlicht noch zur Jagd, wobei er zwei Antilopen erlegte, welche von
den beiden Indianern, die ihn begleitet hatten, im Triumph in das Lager
getragen wurden. Mit Sonnenaufgang setzte sich am folgenden Morgen die
Schaar wieder in Bewegung und folgte dem Saume des Eichwaldes, der sich bis
zu den Ufern des rothen Flusses hinaufzog, und neben welchem die Prairie
bis dorthin durch jenen Schreckensbrand abgesengt war. Das junge Gras hatte
sie aber schon mit einer fuhohen Decke berzogen, auf welcher in allen
Richtungen Bffel, Hirsche und Antilopen weideten. Es war ein reizender
Tagesmarsch unter dem schattigen Laubdach der Eichen auf der feinen dichten
Grasdecke, aus welcher sich die mchtigen Stmme erhoben. Weithin wanderte
das Auge, da nirgends ein Dickicht die Fernsicht hemmte, und der Blick
konnte kaum eine Richtung finden, wo er nicht auf Wild traf. Besonders
zahlreich waren die Zge wilder Truthhne, die sich um diese Jahreszeit zu
Hunderten versammeln, whrend die Hennen einsam im hohen Grase der Prairie,
oder im Dickicht der Wlder auf ihren Eiern sitzen und brten. In endlosen
Reihen flohen die Hhne vor der nahenden Reiterschaar, und wiederholt
sprengte der Huptling mit seinem jungen Freunde ihnen nach, bis sie sich
prasselnd in die Luft erhoben und sich in die hohen Eichen schwangen. Dann
holte jede Bchsenkugel der beiden Reiter einen dieser colossalen Vgel auf
die Erde herab, und Carl scho zur Freude Leopards auch einige derselben
mit dem Revolver herunter. Ohne zu rasten, ging es whrend des ganzen Tages
in dem khlen Schatten des lichten Waldes vorwrts, whrend die Sonne
hei auf die Baumkronen niederbrannte, und ihre Strahlen hier und dort ein
blendendes Licht auf den frischgrnen Boden warfen.

Dort weidet ein starkes Rudel wilder Pferde, sie sind uns noch nicht
gewahr geworden, sagte der Huptling zu Carl, und zeigte unter den Bumen
hin nach dem Saume der Prairie.

Ach, wenn wir doch nahe an sie hinanreiten knnten; es sind zu schne
Thiere. Ich meine immer, das Pferd wre in seiner Freiheit viel stolzer als
in der Gefangenschaft.

Wenn Dir das Spa macht, so reite nur dicht hinter mir her, ich will Dich
ganz nahe zu ihnen fhren. Du mut Dich aber auf den Hals Deines Pferdes
legen, entgegnete der Huptling, und ritt nun weiter seitwrts unter den
Eichen hin, bis er eine recht groe Zahl von Stmmen zwischen sich und den
Rossen sah, so da er durch sie mehr oder weniger den Blicken der Thiere
entzogen wurde. Dann ritt er auf sie zu, whlte aber immer die Richtung,
in welcher er die meisten Baumstmme vor sich hatte. Es lagen wohl noch
fnfhundert Schritte zwischen den beiden Reitern und den wilden Pferden,
die noch immer ganz sorglos grasten, als Carl dem Huptling pltzlich leise
zurief: Halt, halt, Leopard, halt Dein Pferd zurck! und schnell sein
Fernglas aus der Tasche hervorzog und es vor sein Auge hob. Der Huptling
hielt sein Ro an, und sah erst nach seinem Gefhrten, dann aber wandte er,
wie dieser, seinen Blick gleichfalls nach der wilden Heerde.

Du suchst wohl Deinen todten Liebling unter ihnen? fragte Leopard
lachend.

Ja, wahrhaftig, dort steht ein Pferd, welches gerade so aussieht, wie mein
Falber, wenn er sich nur noch etwas zur Seite wenden wollte, entgegnete
Carl in groem Eifer, und hielt das Glas unbeweglich vor sein Auge.
Nach einer Weile fuhr er noch bewegter fort: Jetzt wendet es sich,
-- wahrhaftig, es ist mein Falber, ich sehe den Satteldruck auf seinem
Rcken!

Mit diesen Worten zeigte Carl, ganz auer sich vor Freude, nach einem
Pferde hin, welches etwas seitwrts von der Heerde nahe an der Prairie
weidete.

Wre es mglich -- la mich einmal durch Dein Glas sehen, sagte der
Huptling, und nahm dasselbe dem Knaben ab. Nachdem er einige Augenblicke
nach dem Thiere hingeschaut hatte, sagte er rasch: Das Pferd hat schon
einen Sattel getragen, und wenn Du sagst, da es Dein Falber sei, so sollst
Du ihn auch wieder reiten. Bleibe hier hinter diesen Eichen halten, bis ich
zurckkomme, ich mu mein Kriegspferd reiten, wenn ich Deinen Falben fangen
will.

Hiermit lenkte er sein Ro eilig auf demselben Wege zurck, auf dem er
gekommen war, und nach einer Weile sah Carl ihn in fliegendem Laufe davon
jagen. Die anderen Indianer waren noch weit zurck, so da Carl noch nichts
von ihnen entdecken konnte. Mit hochschlagendem Herzen hielt er nun seinen
Blick durch das Glas auf den Falben gerichtet, und berzeugte sich immer
mehr, da derselbe sein todtgeglaubter Liebling sei. Ungeduldig sphete er
wieder durch den Wald zurck, ob der Huptling noch nicht sichtbar wrde,
und lauschte nach den Hufschlgen seines Rosses. Noch war nichts von ihm zu
sehen, und mit Bangigkeit blickte Carl dann wieder nach der Heerde, ob sie
auch nicht unruhig werde. Die Thiere aber grasten ganz vertraut, und hier
und dort legte sich eins derselben im Grase nieder. Es schien, da sein
Falber noch immer von den brigen Rossen als Fremdling angesehen werde,
da er sich stets in einer gewissen Entfernung von ihnen hielt, und dies
bestrkte Carl noch mehr in seiner Ueberzeugung, da es sein Pferd sei.
Der Huptling blieb erschrecklich lange fr Carl aus, und die Ungeduld
des Knaben, so wie dessen Besorgni, da die Heerde pltzlich davon eilen
wrde, steigerte sich von Minute zu Minute; er strengte seinen Blick mit
allen Krften an, um den Schimmel, den Leopard reiten wollte, in der Ferne
zu ersphen, da sah er ihn pltzlich weiter seitwrts sich nahen, und
zwar schon in nicht groer Entfernung. In verhaltenem Schritt kam der edle
Schimmelhengst zwischen den dichtstehenden Baumstmmen herangeschritten,
er war mit einer prchtigen Jaguarhaut geziert, die ber seinen Sattel
ausgebreitet lag, und auf welcher der Indianerhuptling, von aller Kleidung
entblt, sa. Nur ein breites Stck feuerrothen Tuches umgab dessen Hfte,
und statt der Waffen hielt er einen sehr langen Lasso aufgeschlungen in
seiner Rechten. Stolz hob sich seine muskulse schlanke rothbraune Gestalt
ber dem muthigen blendend weien Rosse empor, und sein langes glnzend
schwarzes Haar hing weit ber seine breiten Schultern herab. Als er nher
kam, migte er noch mehr den Schritt des Pferdes und legte sich hinter
dessen breiten Hals. Bald hatte er Carl erreicht und sagte:

Wenn Dein Falber wirklich so schnelle Fe und so langen Athem besitzt,
wie Du mir gesagt hast, so wird es eine heie Jagd geben; noch aber habe
ich kein Pferd gesehen, welches im Laufe vor meinem Hengst bleiben konnte.
Halte Dich nur hinter mir, wir wollen so nahe wie mglich unbemerkt zu dem
Falben reiten; wird er uns aber gewahr, dann ist keine Zeit zu verlieren.
Dann sorge nur, da Du mich im Auge behltst, meinen Schimmel kannst Du
sehr weit sehen.

Knnte ich mich dem Falben nahen, ohne da die Heerde davonjagte, so wrde
er gleich zu mir kommen, sobald er mich erkannt htte, sagte Carl, mit
Verlangen nach dem Pferde hinschauend.

Die Freiheit schmeckt zu s und das Thier hat sie nun schon zu lange
genossen, als da es freiwillig wieder in die Gefangenschaft zurckkehren
sollte. Es ist ja mit den Indianern auch so, sie werden von den Weien
immer nher zu den Gebirgen der Anden hingedrngt, wo sie mit dem Bffel
wegen Mangel an Nahrung zu Grunde gehen mssen und dennoch, trotzdem, da
sie ihr Schicksal voraussehen, wollen sie lieber untergehen, ehe sie sich
dem Joch der Civilisation ergeben. Wir mssen Deinem Falben mit Gewalt die
Fessel wieder anlegen, wenn er Deine Herrschaft abermals anerkennen
soll. Nun folge mir, entgegnete der Huptling, wandte seinen ungeduldig
scharrenden Hengst dem Falben zu und nahte sich ihm von Baum zu Baum,
ohne da das Thier ihn gewahr worden wre, bis er es auf hundert Schritte
erreicht hatte. Hier standen die Eichen viel einzelner, und kaum schritt
der Schimmelhengst unter ihren Schatten, als die ganze wilde Heerde
zusammenschreckte und in wilder Verwirrung die Flucht ergriff.

Mit einem lauten gellenden Jagdgeschrei lie aber im selbigen Augenblicke
der Huptling seinem Hengst die Zgel schieen und flog ihr nach, als ob
sein Schimmel von dem Winde dahin getragen wrde. In wenigen Augenblicken
war die Prairie erreicht, die wilden Pferde, die unter den Eichen
auseinandergesprengt waren, sammelten sich jetzt in einen dichten Haufen,
der Falbe jagte an ihrer Spitze und fort ging es in sausender Carriere ber
die grne, im Sonnenlichte glnzende Grasflur.

Carls Rappe mute an die Zeit seiner eigenen Freiheit denken, denn er
setzte wie rasend hinter der fliehenden Heerde her und hatte auch bald die
letzten Reihen derselben erreicht. Der Huptling aber jagte im Sturmlauf an
ihr vorber, dem Falben nach, der schon mehrere hundert Schritte Vorsprung
vor den wilden Rossen gewonnen hatte, und diese wandten sich entsetzt von
dem Indianer ab und suchten seitwrts das Weite. Carl wollte dem Huptling
folgen, sein Rappe aber kndigte ihm den Gehorsam und sprengte trotz Zgel
und Sporn in die Mitte des fliehenden Haufens. Fort ging es Hgel auf,
Hgel ab in tollem rasenden Laufe, denn die wilden Pferde sahen mit
Entsetzen nach der Menschengestalt hin, die sich zwischen ihnen erhob, und
verdoppelten ihre Anstrengungen zur eiligsten Flucht. Der Rappe aber blieb
zwischen ihnen; fliegend umwogten seine langen Mhnen den jungen Reiter
auf seinem Rcken, hoch wehte sein glnzend schwarzer Schweif und laut und
schnaubend blies er aus seinen weit geffneten Nstern. Mit Verzweiflung
schaute Carl seitwrts ber die mit ihm fliehenden Schaaren nach dem
Huptling hinber, der nur noch wie ein weier, dahinfliegender Punkt in
weiter Ferne zu erkennen war; vergebens aber wandte er alle seine Krfte
auf, seinen widerspnstigen Rappen zurckzuhalten, derselbe strmte
unaufhaltsam mit ihm fort und mit ihm die ganze wilde Heerde, da der Boden
erzitterte und der Donner der Hufschlge die Luft erfllte. Carl ergab sich
in sein Schicksal, Meile auf Meile blieb zurck und sein Ro, so wie dessen
wilde Kameraden bedeckten sich mit weiem Schaum.

Jetzt ging es einem Eichwalde zu, der sich ber dem Saum der Prairie erhob,
und mit Schrecken dachte Carl an die Gefahr, die ihm beim Einjagen zwischen
die Baumstmme drohte; aber umsonst wandte er wieder und wieder alle seine
Krfte an, das wilde Thier in seinem Laufe aufzuhalten, es blieb in der
Mitte der fliehenden Massen. Der Eichwald ward erreicht, und im Sturm
ging es in denselben hinein und zwischen den Stmmen hin, da Carl jeden
Augenblick glaubte, an einem derselben hngen zu bleiben; er wand sich aber
hin und her und drckte sein Pferd gewaltsam herber und hinber, um
den Bumen auszuweichen. Da erkannte er pltzlich vor sich einen weiten
Wasserspiegel, der sich an dem Saume des Waldes hinzog und in welchem er
keinen andern als den rothen Flu erkennen konnte. Ein Hoffnungsstrahl fuhr
in Carl auf, denn an dem Strome, dachte er, wrde die Heerde Halt machen,
und er wrde einen Augenblick gewinnen, um Herr seines Pferdes zu werden.
Er sah, wie die Vordersten der dahinstrmenden Schaar das Ufer des Flusses
erreichten, sie strzten sich in die Fluthen hinab und alle ihre wilden
Kameraden ihnen nach, da die Wellen hoch ber ihnen zusammenschlugen. Auch
Carl sauste mit seinem Ro in die Wogen hinunter, er hrte und sah nicht
mehr, das Wasser thrmte sich um ihn auf und fr einen Augenblick war
ihm der Athem genommen. Er klammerte sich aber an seinen Rappen fest, der
jetzt, von den Hunderten von Pferden umgeben, welche rings um ihn aus den
Wellen emporschauten, eilig die schnelle Fluth durchzog und dem jenseitigen
Ufer zuschwamm. Schnaubend und brausend stieg der Hengst aus den Wogen auf
und nieder und trug seinen Reiter vielen seiner Kameraden vorber glcklich
an das jenseitige Land. Diese letzte Anstrengung hatte aber die Krfte der
wilden Rosse erschpft, sie erstiegen mhsam das Ufer und theilten sich nun
im Trab nach allen Richtungen auseinander, um der fremden Schreckensgestalt
auf dem Rappen zu entgehen. Umsonst machte dieser abermals neue
Anstrengungen, jenen zu folgen, er strubte sich nur noch kurze Zeit gegen
die Gewalt seines Reiters und ergab sich dann dessen Herrschaft. Durchnt
bis auf die Haut und mit einem zu Tode erschpften Pferde, sah sich Carl
nun allein und verlassen viele Meilen von seinen Freunden entfernt und von
ihnen durch einen mchtigen Strom geschieden. Er stieg ab und sein nchster
Gedanke traf seine Waffen, die gleichfalls, wenn auch nur einen Augenblick,
unter Wasser gewesen waren. Er feuerte schnell seine Bchse, so wie seine
Revolver ab, und zu seiner Freude versagte kein Schu. Sein Pulverhorn war
vollkommen wasserdicht, dehalb ersetzte er gleich smmtliche Ladungen und
berdachte dabei seine Lage. Wre der Flu nicht vor ihm gewesen, so
wrde er auf dem Wege, den er gekommen, zurckreiten, um die Delawaren
aufzusuchen; mit seinem mden Pferde konnte er sich aber den Fluthen nicht
noch einmal anvertrauen, und er sah keinen andern Ausweg, als hier am Ufer
zu verbleiben und zu warten, ob seine Freunde zu ihm kommen wrden. Ohne
Zweifel folgten diese, sobald sie ihn vermiten, der breiten Spur, welche
die wilden Rosse hinterlassen hatten, und er beschlo, ein groes Feuer zu
errichten, damit die Delawaren seinen Aufenthalt daran erkennen knnten,
wenn sie erst in der Nacht den Flu erreichen sollten; denn die Sonne
stand nicht mehr hoch und es war ungewi, ob die Jagd nach dem Falben den
Huptling nicht sehr weit abgezogen hatte. Whrend der Rappe, den Carl an
einen einzelnen Baum befestigte, sich an dem jungen Grase erholte,
trug dieser trockenes Holz herbei, um das Feuer anzuznden, welches ihm
augenblicklich sehr wnschenswerth war; denn in der nassen Kleidung fing
ihn an zu frieren. Er zog die Zunderbchse aus der Tasche und nahm sie aus
der fest zugebundenen Blase hervor, in welcher er sie stets verwahrte, um
sie vor Nsse zu schtzen. Dann schlug er mit Stahl und Stein Funken hinein
und blies die erzeugte Gluth zur Flamme an, in welcher er einen Bndel
trockenes Gras entzndete. Bald loderte nun das Feuer aus dem gesammelten
Reishaufen empor und wirbelte sich um das schwere Holz, welches Carl darauf
warf. Die Gluth war bald so gro, da er sich einige Schritte von ihr
entfernt halten mute, wo er sich nun von allen Seiten durch sie trocknen
lie, indem er sich langsam vor ihr drehte. Er hatte schwere Aeste von
einem umgefallenen Mosquitobaum herbeigetragen, um das Feuer whrend der
Nacht zu unterhalten, da er sicher darauf rechnete, seine Freunde erst spt
erscheinen zu sehen; doch kaum war die Sonne versunken, als ihn der ferne
Jubelton des Huptlings von der andern Seite des Flusses her begrte. Bald
darauf sah er ihn denn auch an der Spitze seiner Schaar unter den Eichen
heranziehen, und wie gro war Carls Freude, als er an der Seite Leopards
seinen lieben Falben erkannte, der geduldig neben demselben herschritt. Als
der Huptling das Ufer erreicht hatte, rief er Carl zu, er mge dem Flusse
folgen, da einige Meilen weiter eine sehr seichte Stelle sich in demselben
befinde, wo man durchreiten knne, ohne na zu werden. Sogleich war Carl
zu Ro und eilte dem Ufer entlang, er konnte aber den Augenblick kaum
erwarten, wo er wieder bei seinem Falben sein wrde.

Die Delawaren folgten dem Strome an dem andern Ufer, und Carl verwandte
keinen Blick von seinem Liebling, der ihm whrend seiner Abwesenheit noch
viel schner geworden zu sein schien. Endlich hielt der Huptling an und
blickte sich nach einer Stelle um, wo das Ufer nicht zu steil war. Er fand
sie in kurzer Entfernung, lenkte sein Pferd in den Strom hinein, und der
ganze Zug der Delawaren folgte ihm noch. Das Wasser reichte wirklich den
Pferden nicht bis an den Leib und schnell war der Flu durchritten. Carl
war abgestiegen und wartete mit grter Ungeduld am Ufer, und als der
Falbe auf dasselbe heraufschritt, da schlang er seinen Arm um den Hals des
geliebten Thieres, und sagte in hchster Freude:

Ja, Falber, kennst Du mich denn noch, Du braver Kerl, wie ist es Dir denn
ergangen? Dabei klopfte und strich er liebkosend den Hals des Pferdes, und
dieses gab ihm durch leises Wiehern zu verstehen, da es sich ebenso sehr
freue, ihn wiederzusehen.

Dann aber wandte sich Carl mit rhrenden Versicherungen seines ewigen
Dankes an den Huptling, der mit der innigsten Freude das Glck
beobachtete, welches sich auf Carls Zgen spiegelte.

Du hattest mir nicht zu viel von dem Falben gesagt, fiel ihm Leopard in
das Wort, er ist flchtig wie die Antilope und ausdauernd wie der Bffel,
er hat meinem Hengst vielen Schwei gekostet. Ich bin ihm ber fnf Meilen
weit gefolgt, ehe ich den Lasso nach ihm werfen konnte, kaum lag aber die
Schlinge um seinen Hals, als er sich ergab und sich geduldig von mir leiten
lie. Er ist den Ritt werth gewesen, zumal da ich meinem jungen
Freunde eine so groe Freude dadurch verschafft habe. Wenn ich meinen
Schimmelhengst nicht htte, so mchte ich wohl den Falben besitzen, es
giebt nicht viele seines Gleichen.

Ja, er ist ein braves edles Thier, und ich danke Dir von ganzem Herzen,
da Du ihn mir wiedergegeben hast. Der Rappe dort ist nicht so treu, es
htte mir bei diesem Ritt das Leben kosten knnen; der Abscheuliche ging
mit mir durch, und ich mute, ob ich wollte oder nicht, mit der tollen
Heerde davonjagen.

Ich sah es wohl, entgegnete der Huptling lachend, ich konnte aber doch
unmglich den Falben entkommen lassen; auch dachte ich, wer einen solchen
Prairiebrand glcklich mit durchgemacht hat, der knne auch wohl einmal in
der Mitte einiger Hundert wilder Rosse einen lustigen Ritt machen.

Sehr lustig war er nun gerade nicht, ich kann Dir sagen, in dem Eichwalde
war es ein gefhrlicher Lauf, und den Sprung in den Strom will ich im Leben
nicht vergessen!

Du bist ja nun ein Delaware, und darum ist Dir auch kein Ritt zu wild;
wir werden noch weit lustigere zusammen machen. Wo giebt es denn wohl
eine grere Lust fr den Mann, als auf den Rcken eines flchtigen edlen
Rosses?

Der Huptling gab seinen Leuten nun einen Wink, das Lager aufzuschlagen,
die Frauen breiteten fr ihn und fr Carl weiche Bffelhute im Grase aus,
und in ganz kurzer Zeit darauf hatten sie Leopards Zelt hinter ihm und
hinter seinem jungen Freunde aufgestellt. Auch die brigen Zelte erhoben
sich schnell, die Feuer vor denselben loderten empor, und die Weiber
beeilten sich, das Abendbrod zu bereiten. Der Huptling theilte Carl
nun mit, da er sich nach einem, mehrere Tagereisen von hier gelegenen
Handelshause der vereinigten Staaten begeben wolle, deren die Regierung an
der ganzen Grenze des Indianergebiets bis weit nach Norden hin errichtet
hatte, damit die Indianer dort Alles kaufen und eintauschen knnten, dessen
sie bedrftig wren, ohne in die Ansiedelungen der Weien vordringen zu
mssen. Er wollte dort die, auf diesem Jagdzuge erbeuteten Hute, das
Brenl, den Honig und das Wachs, so wie getrocknetes Wildpret verwerthen,
und vielerlei Bedrfnisse fr seine Niederlassung am Kanzasflusse
eintauschen. Dorthin wollte er dann ziehen, um einige Wochen bei den
Seinigen zuzubringen, ehe er nach Norden zur Jagd aufbrche. Bald nach dem
Abendessen legte Carl sich in dem Zelte zur Ruhe nieder, denn er war sehr
ermdet von den Anstrengungen whrend des wilden Rittes; ehe ihn aber
der erquickende Schlaf umfing, sandte er seine innigsten, liebevollsten
Gedanken seinen zurckgelassenen Theuern zu und schlo sie in sein Gebet
ein. Mit dem anbrechenden Tage folgte er dem Beispiel smmtlicher Indianer
und badete sich in den kristallklaren Fluthen des rothen Flusses, wobei
er die Geschicklichkeit im Schwimmen bewunderte, welche seine Gefhrten
besaen; denn sie schienen eben so sicher und heimisch im Wasser zu sein,
wie auf dem Lande. Als die Sonne sich ber der flachen weiten Ferne erhob
und ihr goldenes Licht ber die endlose grne Ebene warf, war der Zug schon
wieder in Bewegung, und Carl sa abermals auf dem Rcken seines lieben
Falben, whrend sein Rappe einem jungen Indianer zum Reiten bergeben war,
damit derselbe ihn vollkommen in Gehorsam bringe. Ununterbrochen fhrte
whrend drei langer Tagereisen der Weg der Indianer durch eine offene
Grasflur, aus der sich nur hier und dort ein Mosquitobaum, eine
dichtbelaubte rothe Ulme erhob, und nur an den einzelnen Gewssern, die
sie berschritten, und die ihre kleinen Wellen dem Kanzasflusse zufhrten,
trafen sie auf dichte hohe Waldstriche. Am dritten Abend erreichten sie ein
solches Wasser und erkannten schon von Weitem vor dem Walde, der dasselbe
berschattete, eine groe Anzahl von hohen spitzen weien Zelten, welche
das Lager eines bedeutenden Indianerstammes bezeichneten. Bei Annherung an
dasselbe theilte der Huptling seinem jungen Freunde mit, da es ein Stamm
der Comantschenindianer sei, der dort lagere. Bald hatten sie das Zelt des
Huptlings erreicht, und wurden von demselben mit groer Aufmerksamkeit und
Freundlichkeit begrt. Leopard stellte ihm Carl als seinen Freund vor, der
mit ihm zu leben beschlossen habe, und theilte ihm mit, da der schwarze
Panther der Delawaren bei Carls Onkel am Brflusse lebe, und Niemand diese
Niederlassung beunruhigen drfe, wenn er nicht die Delawaren zu Feinden
haben wolle. Der Comantschenhuptling schien von dieser Mittheilung nicht
sehr erbaut zu sein, hatte jedoch Nichts dagegen einzuwenden, und gab
Leopard nur die Versicherung, da die Comantschen stets gute Freunde der
Delawaren bleiben wrden. Carl betrachtete mit groem Interesse die Zelte.
Dieselben waren von gegerbtem weien Bffelleder verfertigt, hatten die
Form eines Zuckerhutes, und maen auf dem Boden zwlf bis vierzehn Fu im
Durchmesser, whrend ihre Hhe gegen sechszehn Fu betrug. Die Oeffnung,
welche hineinfhrte, konnte mit Lederbndern zugebunden werden, so da
man sich im Innern des Zeltes gegen Wind und Klte geschtzt befand. Lange
Stangen waren inwendig in den Erdboden eingestochen, die oben zusammen
kamen und durch die Oeffnung hinaus reichten, welche in der Spitze des
Zeltes gelassen, und welche zugleich als Schornstein diente, da in der
Mitte des innern Raumes bei kaltem Wetter ein Feuer unterhalten wurde. Rund
um dasselbe waren die Ruhelager fr die Bewohner des Zeltes aus Thierhuten
hergerichtet, und an den Stangen, die dasselbe ausgespannt hielten, hingen
Waffen und Gerthschaften des Eigenthmers. Die weie Auenseite aller
dieser beweglichen Wohnungen war mit bunten Malereien geziert, welche
Schlachten und Gefechte mit wilden Thieren vorstellten.

Zusammengepackt werden diese Zelte auf der Reise von Maulthieren getragen,
und die langen Stangen, an deren Hals befestigt, von ihnen ber Berg und
Thal mitgezogen. Carls Aufmerksamkeit wurde gleichfalls durch die groe
Heerde von Pferden und Maulthieren angeregt, welche vor dem Lagerplatz
in der Weide ging und aus mehr als fnfhundert dieser Thiere bestand. Sie
werden von den Indianern theils zum Reiten, theils zum Tragen der Zelte,
Gerthschaften und Vorrthe benutzt, und bei Gelegenheit auch, wenn Wild
mangelt, geschlachtet und gegessen.

Leopard schied nach einer langen Unterredung mit dem Huptling der
Comantschen im freundlichsten Vernehmen von demselben, bat ihn schlielich
noch, allen Indianerstmmen, mit welchen er zusammentreffen mchte, die
Mittheilung wegen des schwarzen Panthers zu berliefern, und zog dann noch
einige Meilen weiter am Flusse hinauf, um dort zu bernachten. Am folgenden
Tage langten die Delawaren bei dem Handelshause der Regierung an, und
schlugen in nicht groer Entfernung von demselben an dem Flusse, an dessen
Ufer jenes gelegen war, ihr Lager auf.

Es war Abend geworden und Leopard sandte einen seiner Krieger an den
Vorstand der Niederlassung, um denselben von seiner Ankunft zu unterrichten
und ihm wissen zu lassen, da er wnsche, am nchsten Morgen mit ihm zu
handeln. Der Bote kam bald zurck, und brachte die Antwort, da es dem
Director der Handlung sehr erfreulich sein werde, die Delawaren bei sich zu
sehen und sie bedienen zu knnen.

Mit dem anbrechenden Tage wurden nun alle Vorrthe, welche sie mit sich
fhrten, bereit gemacht, und nach dem Frhstck beluden deren Eigenthmer
ihre Pferde damit, um sie nach dem Handelshause zu schaffen.

Leopard und Carl geleiteten sie auf dem Wege, und nur die Weiber blieben im
Lager zurck. Das sogenannte Handelshaus bestand aus einer Menge hlzerner
Gebude, welche in einem Viereck erbaut und mit einer hohen Pallisadenwand
umgeben waren. Der Eingang fhrte in einen, gleichfalls von Blockhusern
eingeschlossenen Vorhof, durch welchen man dann erst in den innern Raum des
eigentlichen Forts gelangte, und vor welchem Durchgang zwei kleine Kanonen
aufgepflanzt waren, um denselben im Fall eines feindlichen Angriffs durch
die Indianer damit zu vertheidigen. Der Vorhof war nun stets der Ort, wo
die Wilden mit den Beamten der Niederlassung zusammenkamen, um ihre Hndel
abzuschlieen, und wohin die Waaren gebracht und ihnen vorgelegt wurden.

Der Director des Geschfts empfing Leopard und seine Begleiter mit
groer Freundlichkeit, und sagte ihnen, da sie zu einem sehr gnstigen
Augenblicke gekommen seien, da er vor wenigen Tagen bedeutende Zusendungen
von Waaren erhalten habe, und sie aufs Beste bedienen knne.

Die Indianer bergaben nun einzeln ihre Vorrthe dem Geschftsfhrer, und
dieser bestimmte in Gemeinschaft mit Leopard fr die Waare eines jeden
Mannes den Preis, zu welchem die Handlung dieselbe bernehmen wollte,
und von welchem ein gewisser Theil dem Huptling zukam. Dann nannten die
einzelnen Leute die Gegenstnde, welche sie zu kaufen wnschten, und welche
nun aus dem Fort in den Vorhof gebracht wurden. Dieselben bestanden in
grobem feuerrothen Tuch, welches die Delawaren benutzten, um ihre Hften
damit zu umbinden, in bunten Baumwollenzeugen, seidenen Tchern, Spiegeln,
Perlen, Pfeifen, Waffen aller Art, Pulver und Blei, und Taback. Die Wahlen
waren bald getroffen, und Carl wunderte sich dabei ber die unerhrt
hohen Preise, welche seinen Freunden berechnet wurden. Nachdem die
Leute smmtlich befriedigt waren, erstand nun auch Leopard fr den ihm
zugefallenen Antheil an dem Erls aus den Vorrthen der Indianer eine Menge
Waaren, womit das Geschft beendigt wurde. Der Director machte dann dem
Huptling noch verschiedene Geschenke, und bedauerte, da die Delawaren
keine gerucherte Bffelzungen mitgebracht htten, wofr er augenblicklich
einen sehr hohen Preis bewilligen knne; denn dieselben wren in den
stlichen Staaten sehr gesucht.

Der Huptling zeigte sich erfreut ber diese Mittheilung und entgegnete dem
Director, er wolle sofort eine Jagd nach Bffeln unternehmen, die, wenn sie
glckte, ihn in den Stand setzen wrde, einige hundert Bffelzungen binnen
Kurzem hierherzubringen. Der Hndler munterte ihn noch mehr zu dieser
Jagd auf und sagte, er wrde ihm fr die Zungen noch viel schnere Waaren
vorlegen.

Leopard nahm nun Abschied von ihm, die Leute schafften ihre Einkufe in das
Lager, und schon nach wenigen Stunden waren die Delawaren unterwegs nach
Westen.

Leopard theilte seinem jungen Freunde mit, da er nur _einen_ Ort kenne, wo
er die beabsichtigte groe Jagd auf Bffel ausfhren knne; es frage sich
nur, ob er zahlreiche Heerden dieser Thiere dort antreffen werde. Wre
dies der Fall, so wolle er sie mit seinen Kriegern einer tiefen Schlucht
zutreiben, in welche sie hinunter strzen und sich zu Hunderten tdten
wrden.

Carl war sehr gespannt auf diese neue Art von Jagd, und der Huptling mute
ihm viel ber solche, frher schon gehaltene erzhlen.

Nach scharfem Reiten whrend zweier Tage gelangten sie an ein kleines
Wasser, welches von schmalen Waldstreifen berschattet war. Hier wurde noch
vor Sonnenuntergang das Lager aufgeschlagen, der Huptling aber bestieg
seinen Schimmel, Carl seinen Rappen, welcher whrend des heutigen
Tagesmarsches nicht geritten war, und Beide eilten einer Hhe zu, die
einige Meilen von dem Lager entfernt, sich weiter nach Westen in der
Prairie erhob. Leopard wollte sehen, ob auf der Ebene jenseits des
Hgels Bffel weideten, denn dort war der Platz, wo er die Jagd zu halten
beabsichtigte. Schon auf dem Wege nach der Hhe trafen die beiden Reiter
viele Bffel an, links und rechts konnte man bis in die weiteste Ferne
Heerden dieser Thiere erkennen, und als sie die Anhhe erreichten, von wo
ihnen sich die Aussicht nach Westen ffnete, fanden sie zu ihrer Freude
ihre Hoffnungen erfllt. So weit das Auge reichte, war die Grasflche
mit Bffelheerden bedeckt. Der Huptling bezeichnete Carl nun am fernen
Horizonte eine Gruppe hoher Bume, und sagte ihm, da dort die Schlucht
sich befinde, und da sie sich eine Meile lang ausdehne. Dorthin sollte
morgen nun die Jagd gemacht werden, und mit dem Wunsch, da sie am
folgenden Tage noch eben so viele Bffel hier antreffen mchten, traten die
beiden Reiter ihren Rckweg an.

Im Lager herrschte an diesem Abend groe Thtigkeit: die Mnner setzten
ihre Waffen in besten Stand, und die Weiber sahen das Sattelzeug genau nach
und stellten alle Schden daran sorgfltig wieder her. Viele waren aber
damit beschftigt, ein Gestell aus leichtem Weidenholz zu flechten,
welches, wenn eine Bffelhaut darber gehangen wurde, die ungefhre Form
eines Bffels hatte. Dieses Gestell sollte bei der Jagd einer der Delawaren
auf dem Kopf tragen, und den Bffelheerden den Weg nach der Schlucht
zeigen. Hierzu war der beste Lufer, ein schlanker, krftiger junger
Bursch, gewhlt und nachdem das Gestell fertig war, hing er die Bffelhaut
darber, hob es auf seinen Kopf, und rannte damit zur Belustigung Aller
in den tollsten Sprngen im Lager umher, whrend ihm von allen Seiten der
lauteste Beifall gezollt wurde. Namentlich war Carl sehr berrascht, als
pltzlich dies Ungeheuer um das Feuer des Huptlings, bei welchem er
ruhte, herumgaloppirt kam und der Indianer, der in ihm steckte, die
frchterlichsten Tne dabei ausstie. Leopard war sehr mit der Ausfhrung
dieses nachgeahmten Bffels zufrieden, und sagte dem Burschen, der die
Vorstellung gab, da er einen doppelten Antheil an der Beute haben solle,
wenn die Jagd gut ausfiele. Nachdem das Abendbrod eingenommen war und man
sich zur Ruhe begab, bestieg jener junge Krieger sein Pferd, legte die
groe Bffelhaut unter sich ber den Sattel, nahm das Gestell auf seine
Schultern, und ritt davon, um auf einem weiten Umwege von Westen her die
Schlucht zu erreichen, wohin die Jagd gemacht werden sollte. Auf diesem
Wege beunruhigte er die Bffelheerden an dieser Seite der Schlucht nicht,
und er war morgens frhzeitig auf seinen Posten, um seine Rolle als Bffel
zu spielen.

Beim ersten Grauen des Tages bestiegen die Delawaren nun ihre besten
Pferde und ritten, von Leopard auf seinem Schimmel und Carl auf dem Falben
gefhrt, nach der Anhhe, welche der Huptling am Abend zuvor besucht
hatte. Es war noch nicht ganz Tag, als sie dort anlangten und die ganze
Ebene bis nach der, viele Meilen entfernten Schlucht mit Bffelheerden
bedeckt fanden. Viele dieser Thiere hatten sich noch nicht erhoben und
ruhten sorglos in dem frischen jungen Gras. Der Huptling sandte seine
Krieger nun zur Rechten und zur Linken ab, um in einem weiten Halbzirkel
die Heerden zu umstellen. Er selbst blieb mit Carl auf dem Hgel halten,
und sie folgten mit den Blicken den davonreitenden Jgern, von denen von
Zeit zu Zeit einer stehen blieb, um die Treiblinie zu bilden. Bald aber
verschwanden die Weiterziehenden in der Ferne, und ihre Richtung wurde
nur durch heraneilende Bffelheerden bezeichnet, welche, durch sie
aufgeschreckt, vor ihnen flohen. Die Heerden auf der Ebene nach der
Schlucht hin zeigten aber keine Unruhe, und die neu herzukommenden begannen
gleichfalls zwischen ihnen zu weiden. Als es heller Tag geworden war, sagte
der Huptling zu Carl: Sieh jetzt einmal durch Dein Glas nach der Schlucht
hin, ob Du vor derselben einen einzelnen Bffel gewahren kannst, das wrde
unser Mann mit dem Gestell auf dem Kopfe sein. Er wird sich dort in der
Gegend aufhalten, und erst, wenn die Bffel, von uns gejagt, angestrmt
kommen, der Schlucht zufliehen, damit die Heerden ihm folgen.

Carl sah lange Zeit nach den bezeichneten Bumen hin, die sich am Horizont
erhoben, konnte aber keinen einzelnen Bffel in deren Nhe erkennen.
Der Huptling hatte whrenddem, mit der Hand ber den Augen, gleichfalls
unverwandt hingeblickt, und sagte pltzlich: Ich glaube, ich sehe ihn,
dort ist wenigstens ein schwarzer Punkt, und ich meine, derselbe habe sich
den Bumen etwas genhert. Gieb mir Dein Glas.

Er nahm nun das Fernrohr aus Carls Hand, und hatte nur kurze Zeit
hindurchgesehen, als er sagte: Freilich ist es unser Mann, er steht gerade
in der Mitte vor der Schlucht. Jetzt wirst Du ihn auch erkennen knnen,
suche ihn rechts von den Bumen.

Carl nahm nun das Fernglas, und hatte kaum hindurchgeblickt, als auch er
den nachgeahmten Bffel erkannte, der sich jenseits der Heerden vor der
Schlucht aufgestellt hatte.

Von links und rechts kamen immer noch Bffel angezogen, und der Huptling
sphte nach den beiden uersten Enden des Halbzirkels, in welchem seine
Leute von beiden Seiten heranreiten sollten. Bald erschienen denn auch die
letzten derselben wie dunkele Punkte in weiter Ferne, sie bewegten sich
der Schlucht zu, und man konnte nun den ganzen Bogen, welchen die Delawaren
beschrieben, vom Hgel herab bersehen. Pltzlich lie der Huptling sein
gellendes Jagdgeschrei ertnen, und auf der ganzen Linie zu beiden Seiten
wurde es dann auch von den Treibern angestimmt. Zugleich setzten Alle ihre
Rosse in Galopp und strmten der Schlucht entgegen, whrend die wilden
Jagdrufe die sorglosen Bffel auf der ganzen Ebene aufscheuchten und alle
vor den heranjagenden Reitern die Flucht ergriffen. In sausender Carriere
folgte die ganze Linie der Indianer den fliehenden Heerden, die von beiden
Seiten immer nher zusammengedrngt und von hinten im Sturmlauf vorwrts
getrieben wurden. Je mehr die Indianer sich der Schlucht nherten, um
so enger rckten sie in ihrer Linie zusammen und um so lauter und
frchterlicher ertnte ihr Jagdgeschrei. Nur einzelne Bffel wandten sich
gegen die Linie, und wurden von den Kugeln der Indianer begrt. Keiner
von diesen aber hielt sich um einen verwundeten oder getdteten Bffel auf,
alle blieben in der Nhe und folgten den Heerden in wilder tobender
Jagd. Auch Carl scho mehrere Bffel nieder, sprengte aber immer mit dem
Huptling vorwrts, und lie seinen Jagdruf aus Leibeskrften erschallen.

Whrend dieser Zeit stand der Indianer mit der Bffelhaut ber dem Kopfe
einige Tausend Schritte vor der Schlucht auf der Grasflur aufgestellt und
schaute nach den aus der Ferne heranstrmenden Bffelheerden. Wie Donner
kam es mit ihnen herangezogen, und die Erde begann unter den Fen des
Indianers zu beben. Er ging jetzt hin und her, hielt aber seinen Blick
immer auf die vorderste Heerde gerichtet und suchte durch wiederholte
Sprnge deren Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie kam auf ihn zu, und
nun setzte er sich langsam in Trab, blickte sich aber immer wieder um,
damit die wilden Schaaren ihm nicht zu nahe kommen mchten. Er beeilte
bald seine Schritte mehr und mehr, und sah zu seiner groen Freude, da
die vorderste Heerde ihm geraden Weges folgte. Jetzt aber setzte er sich
in raschen Lauf, denn Rippe an Rippe kamen die entsetzten Thiere in
so rasender Flucht herangejagt, da, wollte er nicht unter ihren Fen
zermalmt werden, er keine Sekunde mehr verlieren durfte. In fliegenden
Sprngen setzte er vor dem ihm folgenden Thiergewoge ber die Prairie
der Schlucht zu, und erreichte deren steilen Abhang, als nur noch fnfzig
Schritte zwischen ihm und den Bffeln lagen. Ein Busch auf dem Abhange
bezeichnete ihm die Stelle, wo er sichern Schutz zu finden wute; denn dort
fhrte ein schmaler Fusteig, den die Indianer in die Felswand eingehauen
hatten, zehn Fu an derselben hinab und in eine Hhle, die sich dort tief
in den Felsen erstreckte. Der Pfad war so schmal, da ein Mensch ihn nur
mit Lebensgefahr betreten konnte, denn neben demselben scho der Abhang
mehrere Hundert Fu senkrecht hinunter. Der Indianer hatte den Busch ber
dem Pfad erreicht, warf das Gestell mit der Bffelhaut ber den Kopf in den
Abgrund hinunter, kletterte auf dem Pfad hinab und sa wenige Augenblicke
spter sicher geborgen in der Hhle. Die Felswand schien unter der Wucht
der heranstrmenden Schaaren zu wanken, das Donnerdrhnen der Tritte hatte
den Abhang erreicht, und jetzt sah der Indianer die Riesenthiere brllend
ber sich durch die Luft fliegen und vor sich in die Schlucht hinabstrzen.
Tausende von Bffeln wurden jetzt von den ihnen folgenden Reitern gegen den
Abhang gejagt; zu spt wurden ihre vorderen Reihen denselben gewahr,
denn ehe sie sich in ihrem Sturmlauf aufhalten und von der Schlucht sich
abwenden konnten, drngten sie die folgenden Massen ber den Felsrand
hinaus. Nach wenigen Minuten aber hatte das wilde verworrene Thiergewoge
Halt gemacht, und Leopard rief seinem jungen Freunde zu:

Zurck, zurck, folge mir, la dem Falben die Zgel! und fort jagten
Beide, und links und rechts smmtliche Delawaren mit ihnen, denn jetzt
waren die Bffel die Angreifer und die Jger die Gejagten. Mit lautem
Wuthgebrll kamen die erzrnten colossalen Thiere gesenkten Kopfes
herangebraust, und verfolgten ihre Feinde weit ber die Grasflur, bis sie
sich berzeugten, da sie die flchtigen Pferde nicht einholen konnten.
Dann stampften sie, ihnen nachblickend, den Boden, und lieen ihr
Siegesgebrll ertnen.

In weitem Bogen fhrte der Huptling nun seine Schaar in Galopp dem Ende
der Schlucht zu, wo dieselbe sich in der Prairie erweiterte und abflachte,
und dann ritten die Jger in derselben hinauf, um zu ihrer Beute zu
gelangen. Je weiter sie zwischen den beiden Felswnden vordrangen, um so
hher erhoben sich dieselben, um so mehr nherten sie sich einander. Schon
von Weitem sahen die Jger die schwarzen Massen der herabgestrzten Bffel
in der Schlucht liegen, und bald erkannten sie, da viele derselben sich
noch hin- und herwarfen und aufzustehen versuchten. In einer Lnge
von fnfhundert Schritten lagen unter der Felswand zwischen drei- und
vierhundert Bffel, und hoch ber ihnen sah der Indianer aus der Felsspalte
hervor und bewillkommnete seine Kameraden bei der reichen Jagdbeute mit
lauten Jubelrufen. Die noch lebenden Thiere wurden schnell getdtet, und
dann begaben sich die Indianer eilig an die Arbeit, allen Bffeln die
Zungen auszuschneiden. Nur wenige wurden ihrer Hute beraubt, alle aber den
Geiern und Wlfen zum Schmause berlassen; denn kaum hatten die Jger die
Zungen der Bffel an ihren Stteln hngen, so ging es ohne Aufenthalt nach
dem Lager zurck, um die Beute den Frauen zum Trocknen und Ruchern
zu bergeben. Zu so hoher Begeisterung Carl auch in der Aufregung der
groartigen Jagd hingerissen wurde, so war ihm doch der Anblick der
ungeheuren Zahl von gemordeten Thieren, die ihr Leben nur ihrer Zunge wegen
hatten hingeben mssen, abschreckend und widrig gewesen, und er war
froh, die Schlucht hinter sich zurckzulassen und seinen Blick an dem
freundlichen Bilde zu weiden, welches die saftig grne Flche mit ihren
tausendfarbigen Blumen ihm bot. Die Frauen hatten im Lager nun schon die
nthigen Gerste ber Kohlenfeuern aufgestellt, um die Zungen darber zu
ruchern und zu trocknen, und mit groem Jubel bewillkommneten sie die
glcklichen Jger und nahmen deren Beute in Empfang. Der Tag verstrich in
groer Thtigkeit, und es wurde whrend desselben an keine weitere Jagd
gedacht. Am folgenden Morgen aber forderte der Huptling Carl auf, einen
Gang mit ihm an dem Wasser hinab zu machen, da dessen Ufer immer reich
von Wild belebt seien. Carl war schnell bereit, ergriff seine Bchse und
verlie mit dem Huptling das Lager, nachdem dieser seine Leute ersucht
hatte, nicht gleichfalls am Flusse hinab zu jagen, sondern lieber die
entgegengesetzte Richtung zu whlen. Er lie dann Carl in den Waldstrich
an dem linken Ufer gehen und begab sich selbst durch das seichte Wasser an
dessen andere Seite, weil, wie er sagte, dort zu viel Rhricht stehe und
Carl sich leicht darin verirren knne. Ehe sie sich trennten, bezeichnete
er einen Ort, wo sich die Prairie bis an das Wasser in den Wald hinein
erstrecke; dort sollte Carl auf ihn warten. Wohl eine halbe Stunde lang
war dieser hin und her in dem ziemlich lichten Gehlz fortgeschritten, ohne
irgend ein Wild zu Gesicht zu bekommen, da rauschte es pltzlich neben ihm
in dem Rhricht am Wasser, es krachte und brach darin, und eine schwere
dunkle Masse strzte aus dem Dickicht hervor. Carl war hinter einen Baum
gesprungen, und erkannte jetzt einen schwer verwundeten riesigen Bffel,
der sich wahrscheinlich nach der gestrigen Jagd hierher geflchtet und das
Wasser aufgesucht hatte, um darin seine Wunden zu khlen. Carl scho nach
ihm, doch da das Thier sich dennoch mhsam fortschleppen wollte, so gab er
ihm seine zweite Kugel, welche dasselbe nun vllig tdtete.

In diesem Augenblick fiel an der andern Seite des Wassers in nicht groer
Entfernung ein Schu, und Carl schaute nach der Richtung hin, von wo der
Schall gekommen war. Da hrte er die gellende Stimme des Huptlings, und
erkannte deutlich, da er seinen Namen rief. Mit wenigen Stzen hatte er
durch das seichte Wasser hin das jenseitige Ufer erreicht, und brach sich
gewaltsam Bahn durch das Rhricht, whrend der Hlferuf des Huptlings
immer lauter, immer dringender zu ihm herber drang. Das Dickicht war aber
zu sehr mit Ranken durchschlungen, als da Carl sich htte schnell vorwrts
bewegen knnen, und der sumpfige Boden, in dem er oft bis an die Knie
einsank, hinderte noch mehr seine Eile. Endlich ward es licht, er hatte
einen offenen Grasfleck erreicht, und hrte nun von dessen anderer Seite
her den Ruf Leopards ganz nahe aus dem Rhricht erschallen.

Carl strzte sich in dasselbe hinein, bog es mit allen Krften links und
rechts zur Seite, und sprang pltzlich in eine offene Stelle, wo vor ihm
auf dem Boden der Huptling lag und mit einem ungeheuern Panther rang,
der auf ihm sa und seinen Hals zu ergreifen trachtete. Leopard wehrte das
grimmige Thier mit seiner linken Hand von sich ab, whrend sein rechter Arm
mit Blut bedeckt machtlos in dem Grase hing. Mit _einem_ Satze warf sich
Carl auf das wthende Thier und stie ihm sein langes Jagdmesser in die
Seite. Der Panther fuhr herum, und schlug seine furchtbaren Tatzen in die
Schulter seines neuen Gegners, doch Carls Messer fand mit dem zweiten Sto
das Herz des Raubthiers und streckte es todt zu Boden. Jetzt erst erkannte
der Knabe, da der Huptling auf einem zweiten Panther lag, welchem der
Kopf gespalten war. Leopard sank mit einem dankbaren Blick nach seinem
Retter in das Gras zurck und verlor die Besinnung; Carl aber nahm schnell
sein Tuch hervor und verband damit die Wunden an dem rechten Arm Leopards,
aus welchem das Blut noch immer frisch hervorquoll. Dann holte er Wasser in
seinem Hute herbei und wusch seinem Freunde die Schlfe und die Brust,
bis derselbe die Augen wieder aufschlug. Der Huptling deutete auf seinen
rechten Schenkel, und als Carl denselben untersuchte, fand er mehrere sehr
arge Wunden daran, die das Raubthier mit den Hintertatzen geschlagen hatte.
Der Knabe wollte sein Hemd ausziehen, um dasselbe zum Verbinden dieser
Wunden zu verwenden, da sah er das Tuch, welches der Huptling um den Kopf
getragen hatte, im Rohr hngen; er holte es schnell herbei und wand es
sorgfltig um das verwundete Bein. Dann brachte er abermals Wasser in
seinem Hut, um seinen Freund damit zu erfrischen, und fragte ihn nun,
was er thun solle, damit er ihn in das Lager schaffe. Leopard bat ihn mit
matter Stimme, seine Bchse zu laden und sie neben ihm niederzulegen, da er
im Nothfall dieselbe auch mit der linken Hand wrde abfeuern knnen;
denn seine rechte war er nicht im Stande zu erheben. Carl erfllte seinen
Wunsch, und als ihn Leopard nun aufforderte, in das Lager zurckzueilen,
lud Carl auch noch sein eigenes Gewehr, legte es bei dem Verwundeten
nieder, und sprang dann auf dem Wege, den er gekommen war, so schnell ihn
seine Fe tragen konnten, wieder zurck nach dem Lager. Die Wunden an
seinem eignen Arm beachtete er gar nicht, obgleich sie ihn schmerzten und
das Blut aus dem Aermel bis auf seine Hand geflossen war.

[Illustration]

Die Nachricht von dem Unglck, welches Leopard betroffen hatte, verbreitete
groen Schrecken unter den Delawaren, die Krftigsten von ihnen schlossen
sich Carl sofort an, und er mute sie zu ihrem Huptling fhren. Sie fanden
denselben durch den bedeutenden Blutverlust sehr entkrftet, verfertigten
schnell eine Trage, legten ihn auf dieselbe und hoben die Bahre auf ihre
Schultern.

Leopard trug einem der Delawaren auf, die Hute der beiden Panther
mitzunehmen, und auch die eines jungen Panthers, welchen er ihm in dem
Rhricht bezeichnete, wo derselbe todt lag. Darauf setzte sich der Zug in
Bewegung und langte nach Verlauf einer Stunde in dem Lager an. Die Mnner,
so wie die Frauen sammelten sich traurig um ihren geliebten Huptling, er
wurde in sein Zelt getragen, dort auf weichen Huten gebettet, und zwei
Indianerinnen legten nun Kruter in die Wunden und verbanden dieselben dann
von Neuem. Sie kochten auch einen Kruterthee fr ihn, den sie ihm von Zeit
zu Zeit zu trinken gaben, und blieben whrend der ganzen folgenden Nacht
bei ihm sitzen, um seine Schmerzen zu lindern und den Verband seiner Wunden
hufig zu erneuen. Sie hatten auch Carl verbunden, der nun gleichfalls
nicht von der Seite des Huptlings wich, und dieser hielt oft lange Zeit
des Knaben Hand in seiner Linken und schaute ihn mit dankbarem Blick dabei
an. Gegen Morgen versank Leopard in einen tiefen Schlaf, aus dem er erst
erwachte, als die Sonne schon hoch am Himmel stand. Er fhlte sich sehr
gekrftigt, rief Carl lchelnd zu sich heran, und nachdem derselbe sich
neben ihm niedergelassen hatte, erzhlte er ihm, in welcher Weise er am
Tage vorher so zu Schaden gekommen war. Er sagte, es sei seine eigene
Schuld gewesen, und er verdiene die Schmerzen, die er sich selbst zugezogen
habe.

Whrend er in dem Walde sphend vorwrts geschritten war, hatte er
pltzlich an dem Saume der Rohrdickichts einen jungen Panther erblickt, und
hatte, ohne sich zu bedenken, nach ihm gefeuert. Das Thier war verwundet
in das Rhricht hineingeeilt, und Leopard war ihm nachgesprungen, hatte
es eingeholt, und hatte es mit einem Schlage seiner Streitaxt getdtet. In
demselben Augenblick aber waren die beiden alten Panther durch das Rhricht
auf ihn zugestrzt, und es war ihm gelungen, dem einen mit der Axt den Kopf
zu spalten. Der andere aber hatte seinen rechten Arm dann so zerrissen,
da ihm die Waffe aus der Hand gefallen war, und nun hatte ihn das Thier
zu Boden geworfen, und nur mit grter Noth war es ihm mglich gewesen,
dasselbe von seinem Halse abzuwehren.

Nachdem der Huptling den Verlauf der Begebenheit Carl mitgetheilt hatte,
ergriff er dessen Hand und sagte:

Du hast den obersten Huptling der Delawaren seinem Volke erhalten, Du
hast Deinem Freunde das Leben gerettet, und hast dabei Dein eigenes gewagt;
denn htte Dein Messer das Herz des Panthers verfehlt, so wrst Du verloren
gewesen. Der einzige Griff des Thieres auf Deine Schulter hat Dir schon
tiefe Wunden geschlagen, wenn sie auch zum Glck nicht so bedeutend sind,
wie die meinigen. Httest Du mich nicht von dem Raubthier befreit, so wrde
es mich nach wenigen Minuten erwrgt haben, denn meine Krfte gingen zu
Ende. Du hast ein groes Herz fr Freundschaft und fr Dankbarkeit, doch
auch die Herzen der Delawaren sind nicht klein dafr.

Diese letzten Worte sagte der Huptling mit einer feierlichen Betonung, und
drckte Carl dabei bedeutungsvoll die Hand.

Die ungeschwchte Gesundheit, wie sie nur der Indianer besitzt, lie die
Wunden Leopards schnell heilen, und nach Verlauf von einigen Wochen war
er wieder im Besitz seiner vollen Kraft. Das Lager war abermals nach dem
Handelshause verlegt, und die Bffelzungen zu hohen Preisen an dessen
Vorstand verwerthet.

Der Huptling hatte niemals wieder in Carls Gegenwart des Ereignisses mit
den Panthern erwhnt, und niemals wieder von seinem Dank fr die Hlfe des
Knaben geredet. An dem Abend, nachdem er den Handel ber die Bffelzungen
abgeschlossen hatte, und mit Carl allein bei dem Feuer vor seinem Zelte
lag, sagte er zu diesem:

Ich habe einen langen Ritt zu machen, um ein, fr mich sehr wichtiges
Geschft abzuschlieen; ich werde morgen zeitig die Reise antreten. Du
sollst mich begleiten, denn ich hoffe, da Du mir groe Dienste dabei
erweisen wirst.

Du weit es ja, Leopard, wie gern ich Dir diene, wenn nur meine
Fhigkeiten dazu ausreichen werden, antwortete Carl mit freudigem Blick.

Sie werden ausreichen, wenn Du nur den guten Willen hast, mir zu helfen,
und davon bin ich ja unbedingt berzeugt. Es werden mich nur wenige meiner
Leute begleiten, und sie sollen mir meinen Schimmel und Dir Deinen Rappen
nachfhren; denn uns Beiden steht ein scharfer Ritt bevor. Du machst ja
gern einen lustigen Ritt!

So lange meine Krfte ausdauern, bleibe ich bei Dir, mag es hingehen,
wohin es will, entgegnete Carl mit funkelnden Augen, und sah sich in
Gedanken schon wieder in wilder Jagd auf der endlosen Prairie.

Gut, ich werde Dich auf die Probe stellen, sagte der Huptling lchelnd,
und wandte dann das Gesprch auf andere Dinge.

Am folgenden Morgen, noch ehe die Sonne ber die Erde blickte, sa Leopard,
so wie auch Carl schon zu Ro, und vier junge Krieger schwangen sich in
ihre Sttel, um ihrem Huptling zu folgen. Zwei von ihnen leiteten den
Schimmel desselben und den Rappen seines jungen Freundes. Unter tausend
Glckwnschen der Zurckbleibenden verlieen sie das Lager und nahmen eine
sdstliche Richtung. Leopard war ernst und schweigsam, was Carl mit der
Wichtigkeit des abzuschlieenden Geschftes erklrte; die neuen Gegenden,
die Wlder in ihrem Frhlingsschmuck, die Grasfluren in ihrer Farbenpracht,
die Gewsser mit ihren Fischen, das unzhlige Wild aber fesselten
fortwhrend die Aufmerksamkeit des Knaben und unterhielten seinen
lebendigen, fr alles Schne hoch empfnglichen Geist. Vier Tage lang
hielten sie ihre Pferde von dem Grauen des Morgens bis in die Nacht hinein
in eiligem Gange, und als am vierten Abend die Dunkelheit sich ber die
Gegend legte, sagte der Huptling zu Carl, da sie noch einige Stunden zu
reiten htten. Die Nacht war sternhell und die Reiter erreichten bald
einen hohen Wald, an dessen Saum sie mehrere Stunden lang hinzogen. Dann
gelangten sie an einen tiefausgetretenen uralten Bffelpfad, welcher in
den Wald hineinfhrte. Hier stieg Leopard ab, und seine Begleiter folgten
seinem Beispiele, um die Pferde zu leiten, da man der Ranken wegen
namentlich in der Dunkelheit nicht zu Ro in den Wald eindringen konnte.
Schweigend schritt der Huptling voran, und machte whrend des Gehens seine
Begleiter nur darauf aufmerksam, wenn ihm ein Hinderni in den Weg kam.
Nach einer halben Stunde gelangten sie im Walde an einen Flu, wo Leopard
bestimmte, die Nacht zuzubringen.

Schnell war ein Feuer angezndet, die Pferde wurden in den wilden Roggen
gebunden, der den Boden des Waldes hier bedeckte, und die Reiter erquickten
sich mit einem Stck Hirschfleisch, welches sie am Feuer rsteten, so wie
mit dem frischen Trunk, den ihnen die krystallhelle Fluth des Flusses bot.
Es schien, da Leopard mit jedem Tage ernster und schweigsamer geworden
war, ohne jedoch seine innige Herzlichkeit gegen Carl zu beeintrchtigen.
Auch an diesem Abend redete er nicht viel, wnschte dem Knaben bald ruhig
zu schlafen, drckte ihm herzlich die Hand, und streckte sich dann auf
seiner Satteldecke aus. Am folgenden Morgen wurde es spt, ehe sich der
Huptling von seinem Lager erhob, und auch dann noch schien er keine
Eile zu haben, die Weiterreise anzutreten. Das Frhstck verzgerte er
augenscheinlich absichtlich, und als endlich die Sonne ihre Strahlen durch
die Baumkronen auf das Lager warf, sagte er zu Carl:

Wir Beide haben heute einen kurzen aber scharfen Ritt zu machen: Du sollst
dabei meinen Schimmel reiten, damit Du mir nicht zurckbleibst, es wird ein
heies Rennen werden.

Carl sah ihn verwundert an, denn auer Leopard selbst hatte er noch
nie einen Menschen auf dem Rcken des Schimmels gesehen, und er glaubte
beinahe, da der Huptling sich versprochen habe.

Ich soll Deinen Schimmel reiten? fragte der Knabe erstaunt.

Ja wohl, meinen Schimmelhengst, und ich hoffe, da Du ihm als Reiter Ehre
machen und mir nicht erlauben wirst, ihn einzuholen; denn das ist bis jetzt
noch keinem Rosse mglich gewesen.

Es soll an mir nicht liegen, Du wirst zufrieden mit mir sein, entgegnete
Carl freudestrahlend; denn auf die Ehre, den Schimmel zu reiten, hatte er
nicht gehofft. Derselbe wurde nun statt des Falben gesattelt, Carl mute
ihn besteigen, Leopard schwang sich auf sein Ro und der Flu, in welchem
das Wasser nicht tief war, ward berschritten. Der Wald wurde hier lichter,
so da die Reiter nicht abzusteigen brauchten, und ihre Pferde in raschem
Schritte halten konnten. Bald sah man durch die Laubmassen die Prairie
liegen, und nach wenigen Minuten hielt Leopard an dem Ausgange aus dem
Walde sein Pferd an.

Jetzt mut Du mir voranreiten, unser Rennen wird von hier aus beginnen,
ich hoffe, Du lssest Dich nicht von mir einholen, sagte er zu Carl mit
einem strahlenden Blicke.

Wohin wollen wir denn rennen? fragte Carl verwundert.

Reite nur hinaus, dann wirst Du schon die Richtung finden, entgegnete der
Huptling, und zog sein Pferd zur Seite, um dem Knaben Raum zu geben.

Carl ritt, erstaunt um sich sehend, unter dem letzten Baume hervor, warf
einen Blick am Waldsaume hin und schrie:

Groer Gott -- das Fort!

Vorwrts! rief der Huptling, und dahin sauste Carl auf dem
Schimmelhengst, als flge er ber das Gras, dem heimathlichen Hgel zu, auf
dem das Fort seines Onkels stand, und hinter ihm her strmte der Huptling
in gestrecktem Laufe.

Carl wollte rufen, wollte schreien, die Stimme aber versagte ihm, und statt
der Worte von seinen Lippen flossen die Freudenthrnen von seinen Augen.
Der Huptling aber hinter ihm lie das Jagdgeschrei der Delawaren ertnen,
da es laut und jubelnd nach dem Fort hinaufschallte und dessen Bewohner
erschrocken in das offene Thor rief.

Carl sah die Seinigen, wie sie die Hnde nach ihm ausstreckten; auch er
breitete jauchzend ihnen seine Arme entgegen, und der Huptling hielt sein
Ro im Lauf zurck und winkte mit dem Tuche durch die Luft, um jeden
Schein von Feindseligkeit zu beseitigen. Der Schimmel flog am Hgel hinauf,
Turners rissen den geliebten Knaben vom Pferde, er verschwand in ihren
Umarmungen, und Daniel hielt mit einer Hand den Schimmel und streckte die
andere zwischen seinen berglcklichen Freunden nach seinem geliebten
Carl aus, um wenigstens dessen Arm zu erfassen. Das unverhoffte Glck, die
Seligkeit des Wiedersehens berwltigte Alle fr den Augenblick so sehr,
da sie nicht bemerkten, wie der Huptling unbeweglich neben ihnen stand,
und selbst das Glck, welches er hier geschaffen hatte, wonnig in sein Herz
einziehen lie; als aber der erste Freudenrausch verwogte und die Blicke
der Beseligten sich fragend auf ihn richteten, hub er mit ernster Stimme
an:

Der Knabe hat dem Manne Freundschaft und Dankbarkeit gelehrt, er ist dem
Huptling der Delawaren ein treuer Freund gewesen, er hat ihm das
Leben gerettet, und das Herz des Leoparden enthlt jetzt nicht
weniger Freundschaft und Dankbarkeit, als das Herz des Knaben. Der
Delawarenhuptling giebt seinen Freund Carl dessen Lieben zurck, er
schenkt ihm sein bestes Ro, seinen Schimmelhengst, und er ertheilt dem
schwarzen Panther die Freiheit, damit derselbe nun seinen Freund Carl
niemals wieder verlasse. Der schwarze Panther ist und bleibt ein Delaware,
und wer seine und seiner Freunde Ruhe strt, der wird der Todfeind der
Delawaren sein.

Kaum hatte der Indianer aber das letzte Wort gesagt, so warf sich Carl ihm
an die Brust und umschlang seinen Nacken unter heien Thrnen des
Dankes und des Glcks, und Turners smmtlich und der Neger drckten den
hochherzigen Indianer an ihre Herzen und stammelten unter Freudenthrnen
ihren Dank hervor.

Mein Herz ist nun wieder froh und meine Zunge wieder leicht; Leopard hat
jetzt viele Freunde am Brflusse! sagte der Huptling, berwltigt von dem
Wonnegefhl, mit welchem das von ihm geschaffene Glck seine Brust fllte.

Er lie sich von seinen Freunden nun in das Fort fhren, wo sie ihn jubelnd
und jauchzend willkommen hieen. In Freude und glcklicher Eintracht
verbrachte er hier den Tag, schlief mit Carl in _einem_ Zimmer, und sagte
am folgenden Morgen seinen Freunden mit dem Versprechen Lebewohl, sie
zweimal im Jahre zu besuchen.

Fnf Jahre spter, whrend welcher Zeit der Verfasser dieses Buches
wiederholt aus dem Munde des Delawaren-Huptlings Begebenheiten aus dem
Leben Carl Scharnhorsts vernommen hatte, besuchte er selbst die Familie
Turner in ihrer Niederlassung am Brflusse, und erfuhr dann von ihnen
und von Carl Scharnhorst selbst ihre Schicksale, die in diesem Buche
geschildert sind.

Das Fort war verschwunden, ein freundlicheres, von blhenden Lianen
umschlungenes Haus stand statt seiner auf dem Hgel, und wurde von Turner,
dessen Gattin und ihren beiden Shnen bewohnt.

Das Feld war weit in die Prairie am Pflaumenbache hinauf ausgedehnt und
theils mit Mais, theils mit herrlicher Baumwolle bestellt.

Julie war an den zweiten Sohn Warwicks am Choctawbache verheirathet,
und Carl Scharnhorst hatte seine eigene Farm an der andern Seite des
Pflaumenbaches gegrndet, die er mit Daniel musterhaft bewirthschaftete.
Die Prairie vor beiden Niederlassungen war mit herrlichen Viehheerden
belebt, Alles in und um die Ansiedelungen zeugte von Wohlhabenheit und
glcklichem ungestrten Frieden der Eigenthmer, und in einer groen
Einzunung vor Carls Hause weideten der Falbe, der Rappe und der Schimmel.




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Buchhandlungen zu beziehen:


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  _Aus den Quellen._

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  Aus den Quellen.

  Von
  _Theodor Colshorn_.

  Gro Octav. Elegant geheftet. 1Thlr.

  In elegantem englischen Einbande mit Goldpressungen. 1Thlr.10Ngr.


Der Deklamator.

  _Hundert deutsche Gedichte zum Deklamiren_
  nebst biographischen Notizen.

  Fr die reifere Jugend zusammengestellt
  von
  #Theodor Colshorn.#

  Octav. Elegant geheftet. 20Ngr.


Mrchen und Sagen

  von
  #C.# und #Th. Colshorn#.

  Mit Titelbild nach Originalzeichnung von #L.Richter#,
  xylographirt von #A.Gaber#.

  Gro Octav. In elegantem englischen Einbande mit Goldpressungen. 15Ngr.


Deutsche Mythologie fr's deutsche Volk.

  _Vorhalle zum wissenschaftlichen Studium derselben._

  Von
  #Theodor Colshorn.#

  Miniatur-Ausgabe. Elegant geheftet. 1Thlr. In prachtvollem englischen
  Einbande mit Goldpressungen und Goldschnitt. 1Thlr.10Ngr.




[ Hinweise zur Transkription


Eine auf den Halbtitel folgende ganzseitige Illustration wurde zu der
entsprechenden Textstelle auf Seite248 verschoben.

Der Halbtitel wurde entfernt.

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription
sind _gesperrte_ Schrift, Textanteile in =Antiqua-Schrift= sowie
#Fettdruck# jeweils markiert.

Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, mit folgenden
Ausnahmen,

  Seite 12:
  "Madam" gendert in "Madame"
  (in vollem Lauf bei Herrn und Madame Turner vorbersauste)

  Seite 22:
  "" eingefgt
  (ist und bleibt doch eine Goldgrube, und--)

  Seite 40:
  "" eingefgt
  (wenn mir nur kein Anderer schon zuvorgekommen ist.)

  Seite 59:
  "" eingefgt
  (in einigen zwanzig Tagen nach Baltimore bringen.)

  Seite 65:
  "." gendert in "?"
  (kennst Du das Land an den Ufern der Chesapeake-Bay?)

  Seite 82:
  "" eingefgt
  (Der Kapitain verliert mich allerdings nicht gern)

  Seite 99:
  "Perde" gendert in "Pferde"
  (wenn die Fesseln an den Fen unserer Pferde halten)

  Seite 105:
  "" hinter "helfen." entfernt
  (um ihrem ersten Vorposten gegen die Indianer zu helfen.)

  Seite 112:
  "" eingefgt
  (ein Trinkhorn und ein Pulverhorn daraus verfertigen.)

  Seite 117:
  "" eingefgt
  (Ich bin wirklich bis unter die Arme na geworden)

  Seite 122:
  "?" gendert in "!"
  (wir senden sie Alle hierher zu Ihnen! antwortete Warwick)

  Seite 146:
  "Tnrner" gendert in "Turner"
  (als ob es ein Hase wre, entgegnete Turner)

  Seite 155:
  "gnt" gendert in "gut"
  (sich so gut er konnte. Als mich nun der Jaguar)

  Seite 162:
  "Jaguarhant" gendert in "Jaguarhaut"
  (ber die Jaguarhaut wurde noch besonders ein Gurt geschnallt)

  Seite 176:
  "Honigkochen" gendert in "Honigkuchen"
  (es wurden Honigkuchen gebacken)

  Seite 176:
  "Weinachtsfest" gendert in "Weihnachtsfest"
  (wie er in Deutschland das Weihnachtsfest zierte)

  Seite 195:
  "er-ermdet" gendert in "ermdet"
  (Sehr ermdet langten sie beim Fort an)

  Seite 199:
  "eineu" gendert in "einen"
  (An jede Falle hatte Daniel einen Strick gebunden)

  Seite 206:
  "" eingefgt
  (lt sich nur selten in der Nhe von Ansiedelungen sehen.)

  Seite 212:
  "" vor "Der" entfernt
  (Der Schu durch den Kopf und der durch das Herz)

  Seite 240:
  "Tauerkleide" gendert in "Trauerkleide"
  (wie in einem schwarzen Trauerkleide lag sie)

  Seite 264:
  "Anwort" gendert in "Antwort"
  (Carl gab dem Indianer keine Antwort, was dieser)

  Seite 269:
  "Thierscharen" gendert in "Thierschaaren"
  (als die fliehenden Thierschaaren bei ihm vorberbrausten)

  Seite 270:
  "Fortes" gendert in "Forts"
  (der Hof und die Umgebung des Forts blendend erhellt waren)]







End of the Project Gutenberg EBook of Carl Scharnhorst. Abenteuer eines
deutschen Knaben in Amerika., by Armand and Friedrich Armand Strubberg

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CARL SCHARNHORST. ABENTEUER ***

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Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
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Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
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The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
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Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

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    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

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