Project Gutenberg's Der Occultismus des Altertums, by Karl Kiesewetter

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Title: Der Occultismus des Altertums

Author: Karl Kiesewetter

Release Date: July 2, 2013 [EBook #43078]

Language: German

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  Der Occultismus des Altertums
  von
  Karl Kiesewetter.


  Leipzig,
  Verlag von Wilhelm Friedrich.

  Druck von Emil Herrmann senior in Leipzig.




  Der Occultismus des Altertums.




  Von demselben Verfasser erschien in gleichem Verlage:

  Geschichte des neueren Occultismus.
  Broschiert Mark 16,--, gebunden Mark 18,--.

  Geheimwissenschaften.
  Broschiert Mark 16,--, gebunden Mark 18,--.




Inhaltsverzeichnis.


Der Occultismus des Altertums.


I. Buch.

Der Occultismus bei den Akkadern, Babyloniern, Chaldern und Assyriern.


I. Kapitel.

Religionsphilosophie, weie und schwarze Magie der Akkader.

Eine aus der Bibliothek des Knigspalastes von Niniveh stammende Tafel mit
den Fragmenten von 28 Zaubersprchen. -- Die akkadische Magie. -- Religion
der Kuschiten. -- Planetengtter. -- Tammuz. -- Die obersten zwlf Gtter.
-- Astralgeister. -- Die obersten Naturgeister der Akkader. -- Sieben
Maskim. -- Die akkadischen Beschwrungen der Maskim. -- Die akkadischen
Krankheitsbeschwrungen. -- Mesmerisierte Bder. -- Verschiedene Arten von
Talismanen. -- Heilmesmerismus. -- Transplantation der Krankheiten. -- Der
Bildzauber. -- Die Verwnschung. -- Silik-mulu-khi. -- Das Urbild des
Paktes mit dem Teufel. -- Das Intellektualsystem der Akkader. -- Die
akkadische Geisterlehre. -- Lehre von den Feruern.


II. Kapitel.

Das Divinationswesen der Chalder.

Die Astrologie. -- Observatorien. -- Die Loswahrsagung. -- Belomantie. --
Die Beobachtung des Vogelflugs. -- Wahrsagung aus den Eingeweiden der
Opfertiere. -- Traumdeutung. -- Die wahrsagerische Beobachtung der Wolken
und atmosphrischen Erscheinungen. -- Die Fulguration. -- Wahrsagerei aus
Erdbeben. -- Phyllomantie, Wahrsagung aus der Bewegung und dem Rauschen der
Bume. -- Die Schlange als wahrsagendes Tier. -- Baalzebub, Baalfliege,
Herr der Fliege. -- Trume von Feuer und Flammen. -- Incubation. --
Nekromantie.


II. Buch.

Der Occultismus der Meder und Perser.


Erste Abteilung.

Der medische Magismus.

Das System des Magismus. -- Kambyses in gypten. -- Feier des Magiermords.
-- Geist des ursprnglichen Mazdeismus. -- Der siebenstckige Thurm zu
Borsippa. -- Der babylonische Gestirn- und Planetendienst. -- Die Trias. --
Die drei Weltzonen. -- Zrvna-akarana, Ahuramazd und Angrmainyus. -- Der
Brauch der Menschenopfer. -- Die turanischen Ureinwohner Mediens. -- Die
Wurzel aller Schlangen- und Teufelskulte. -- Directe Nachkommen der alten
Angrmainyusverehrer. -- Yezidis oder Teufelsanbeter.


Zweite Abteilung.

Der Zoroastrismus.


I. Kapitel.

Das Leben Zoroasters.

Sohn des Poraschasp und der Dogdo. -- Zendavesta. -- Amschaspands. -- Die
vier Elemente des Menschenkrpers. -- Parsismus. -- Gustaspes. -- Die
mediumistischen Erscheinungen der Feuerfestigkeit und des forcierten
Pflanzenwachstums. -- Spuren der Physiognomik. -- Das Darunopfer mit Wein,
Wohlgerchen, Milch und einem Granatapfel. -- Sein Krper, aller Verwundung
unfhig. -- Der Brahmine Tschengregatscha. -- Ardjaspes. -- Iran. --
Grndung des Cypressendienstes.


Dritte Abteilung.

Der religionsphilosophisch-occultistische Inhalt und die Kosmogonie des
Zoroastrismus.


I. Kapitel.

Der religionsphilosophisch-occultistische Inhalt des Zoroastrismus.

Der Unendliche und Anbeginnlose Ahuramazd und Angrmainyus. --
Zrvna-akarana. -- Die Feruer aller Wesen. -- Gedanken du Prels
anticipiert. -- Die sieben Amschaspands. -- Bahman. -- Schahriver. --
Sapandomad. -- Chordad. -- Amerdad. -- Die Izeds. -- Die Stufenleiter der
Izeds. -- Mithra. -- Korschid. -- Aban. -- Ader. -- Anahid. -- Amiran. --
Ard. -- Arduisur. -- Aschtad. -- Asman. -- Barzo. -- Behram. -- Dahman. --
Din. -- Farvardin. -- Gosch. -- Goschorun. -- Mah. -- Mansrespand. --
Neriosengh. -- Pavand. -- Rameschne-kharan. -- Raschne-rast. -- Serosch. --
Taschter. -- Vad. -- Venant. -- Zemiad. -- Der Urvater der Menschheit. --
Die sieben Erzdews. -- Kampf der guten und bsen Geister. -- Der Tod. --
Die Auferstehung der Toten.


II. Kapitel.

Der zoroastrische Kultus.

Liebe und Ha, Sympathie und Antipathie. -- Zoroaster gebietet unhnlich
dem indischen Quietismus keine empfindungslose Geistesstille, keine
Abttung des Leibes. -- Das heilige Altarfeuer Behram, das heilige Wasser
Zahre, welches auf dem Urberg Albordj entspringt, und der heilige Hombaum,
aus welchem der Lebenssaft, das Wasser der Unsterblichkeit hervorquillt. --
Die Zauberer als Hnde und Fe, Augen und Zungen von Angrmainyus
betrachet. -- Zweck der Religion Lichtwerdung der ganzen Schpfung. -- Die
allgemeine Harmonie alles Lebendigen. -- Gemeinde der Lebendigen. -- Krper
des Urworts. -- Das Wort, das Urwesen, durch welches alle Wesen geworden
sind, was sie sind. -- Es ist eins mit der Lebenskraft und dem gttlichen
Wesen. -- Das erste Gesetz. -- Das Werk der Finsternis. -- Erhaltung der
Reinheit der Seele. -- Feuerdienst. -- Die Reinigungen. -- Das Wasser. --
Das Fasten.


III. Kapitel.

Auszug aus dem Bun-Dehesch, der parsistischen Kosmogonie.

Ahuramazd und Angrmainyus. -- Die beiden Urprinzipien. -- Die Fixsterne
der Sichtbarkeit. -- Meschgah. -- Kaiomorts. -- Sieben Fixsterne als
Wchter. -- Schpfung des Wassers. -- Der Urstier. -- Der Hund Sura. --
Meschia und Meschiane. -- Von der Zeugung. -- Eine Art mystischer Zoologie.
-- Von der Auferstehung der Toten und Wiederherstellung der Leiber. --
Sostosch. -- Vom sublunarischen Himmel. -- Ewige Dauer.


IV. Kapitel.

Die Orakel Zoroasters.

Aphorismen. -- Oneirokritik des Astrampsychus. -- Kommentar des Psellos. --
Plethon. -- Incarnationen. -- Das Bild von den Ausklopfern der Seele. --
Paradies. -- Der Astralkrper. -- Hefe der Seele.


III. Buch.

Der Occultismus der Inder.

Veden. -- Rigveda. -- Yayurveda. -- Samaveda. -- Artharvaveda. --
Sabismus. -- Gttertrias: Brahma, Wischnu, Schiwa. -- Brahma. -- Der
vergeistigte Mazdeismus. -- Das Gesetzbuch des Manu. -- Die kosmogonischen
Philosopheme. -- ther (+ksa+). -- Reincarnationen. -- Die Weltendauer.
-- Pessimismus der indischen Religionsphilosophie. -- Drei Dimensionen des
Raumes. -- Tamas. -- Maya. -- Satya. -- Sankhyaphilosophie. -- Echtheit der
Theosophie. -- Yogi. -- Autohypnose. -- Somatrank. -- Atma. -- Traumschlaf.
-- Ekstase. -- Das Manas. -- Indische Astrologie. -- Die Siebenzahl. -- Die
Wochentage. -- Tierkreis. -- Die Entstehung des Tierkreises. -- Harmonie
des Makrokosmos mit dem Mikrokosmus. -- Die eigentliche Astronomie. -- Der
Brahmane und spter portugiesische Abb Faria. -- Schaustellungen der
Bokte-Lamas. -- Hucs Bericht ber die magischen Wunderheilungen. -- Der
franzsische Gesandte Gobineau. -- Zauberei in Camerun. -- Oberstlieutenant
T.G. Frazer. -- Die wandelnden Krge. -- Die Fakire Jacolliots. --
Covindasamy.


IV. Buch.

Der Occultismus der gypter.


I. Kapitel.

Der gyptische Occultismus als Priesterwissenschaft.

Jamblichus. -- Die gyptischen Priester. -- Porphyrius. -- Die Hofzauberer
Pharaos. -- Die Heilgottheiten der gypter. -- Isis. -- Horus. -- Apis. --
Phtha, das Bild des unendlichen Geistes.


II. Kapitel.

Der Heilmagnetismus bei den alten gyptern.

Bentrosch-Stele nach der bersetzung des Professor Dr.Lauth. -- Chonsu
Heilgott. -- Der gyptische Hypnotiseur. -- Die +sa+-Striche. --
Festmachen. -- Erzeugung von Hypnose und Somnambulismus.


III. Kapitel.

Die eigentliche magische Heilkunde der gypter.

Hermes Trismegistos. -- Die hermetische Litteratur. -- Heilkrfte gegen
Hautkrankheiten und Epilepsie, gegen Augenkrankheiten, Zahnleiden,
Ohrenleiden, Nasenleiden, fr die Kehle, fr den Magen, fr die Gedrme,
fr die Blase, fr die Geschlechtsteile, fr die Gebrmutter, fr die
Nieren. -- Humoralpathologie. -- Der Grundsatz: +similia similibus+. --
Homopathie. -- Impfung und Serumtherapie. -- Ebn Esras.


IV. Kapitel.

Die Seelenlehre der alten gypter.

Wahrscheinlichkeit, da die Kabbala auf Moses zurckzufhren. --
Totengericht. -- Wgung des Herzens. -- Das Zwischenreich. -- Die Unterwelt
Amenti. -- Paradies. -- Papyrus, Totenbuch. -- Der Mensch als Monade in
einer Siebenteilung. -- 92.Kapitel des Totenbuches. -- Tetragramme oder
magische Quadrate.


V. Buch.

Der Occultismus der Hebrer.


I. Kapitel.

Die schwarze Magie der Hebrer.

Elementarwesen des Feuers, der Luft, des Wassers und der Erde. --
Salamander, Sylphen, Undinen und Pygmen. -- Pflanzlicher Nephesch
(Astralleib). -- Gewisse Vorgnge im modernen Mediumismus. -- Mit Hilfe der
Elementarwesen ausgefhrte Magie. -- Der Sohar. -- Das magische Schauen. --
Monen. -- Astrologie der Tagewhlerei. -- Nichusch, wahrsagende Deutung der
Erscheinungen und Vernderungen irdischer Dinge. -- Doresch ha Methim, ein
Befragen der Toten. -- Der Kischuph. -- Beschwrung der Satanim. -- Habal
de Garmin. -- Schdigende Willensmagie.


Zweite Abteilung.

Die Kabbala.


I. Kapitel.

Das Alter der Kabbala.

Joseph ben Akiba. -- Simon ben Jochai. -- Gemara. -- Mischna. -- Rabbi
Zera. -- Die mysterise und heilige Lehre der Merkaba. -- Das
Tetragrammaton. -- Maimonides. -- Geheimlehre ber die Schpfung und die
Natur der Gottheit. -- Kultus des Buchstabens. -- Kabbalisten im Gegensatz
zu den Essern. -- Die Adepten der Kabbala.


II. Kapitel.

Die kabbalistischen Bcher. -- Die Authenticitt des Sepher Jezirah.

berlieferung des Talmud. -- Die Darstellungsweise des Jezirah. --
Autoritt des Moses Botril. -- Rabbi Akiba. -- Der Verfasser des Buches der
Schpfung.


III. Kapitel.

Die Authenticitt des Sohar.

Rabbi Moses ben Nachman. -- Rabbi Ascher. -- Rabbi Gedalia. -- Jehuda ben
Gerim. -- Simon ben Jochai. -- Der Verfasser des Sohar. -- Moses von Leon.
-- Die Emanationslehre, Grundlehre des ganzen im Sohar entwickelten
Systems. -- Hieronymus, von den zehn mystischen Namen. -- Die Stephiroth.
-- Die Kette der Tradition. -- Supplement des Sohar. -- Die kabbalistischen
Lehren durch mndliche Tradition berliefert. -- Das System des Simon ben
Jochai. -- Das Copernikanische System. -- Der heilige Augustin ber
denselben Gegenstand.


IV. Kapitel.

Die Lehren der kabbalistischen Bcher. -- Analyse des Sepher Jezirah.

Das Buch Jezirah. -- Die zweiunddreiig wunderbaren Wege der Weisheit. --
Die zehn Sephiroth. -- Die zweiundzwanzig Buchstaben des hebrischen
Alphabets. -- Das letzte Wort des kabbalistischen Systems. --
Transformation des Symbols zur Idee.


V. Kapitel.

Analyse des Sohar. -- Die allegorische Methode der Kabbalisten.

Die Kabbalisten schoben auf eine den Profanen unbekannte Weise in
mysterisem Sinn den historischen Thatsachen und positiven Geboten eine
geheime Bedeutung unter. -- Origenes, +Homil 7 in Levit.+


VI. Kapitel.

Die Anschauungen der Kabbalisten ber die gttliche Natur.

Das Buch des Geheimnisses. -- Dreizehntausend Myriaden Welten. -- Der Name
des Unendlichen En Soph. -- Die gttlichen Attribute. -- Idra Suta. -- Der
hchste Gedanke oder das Wort. -- Besondere Rolle der einzelnen Sephiroth
und ihre Gruppierung nach Trinitten und Personen. -- Hegel. -- Die
Personen dieser Trinitt als drei aufeinanderfolgende und absolut
notwendige Phasen des Denkens und Seins. -- Mit der Hegelschen Philosophie
vergleichbar, eine Verbindung von Ideen Platos und Spinozas. -- Die drei
ersten Sephiroth. -- Die Sephiroth bilden in ihrer Gesamtheit den
himmlischen oder idealen Menschen. -- Absolute Identitt der Existenz und
des Gedankens. -- Schechinah. -- Die immanente Kraft der Dinge. -- Das Buch
der Geheimnisse. -- Die Knige von Edom, die Welten, welche bestanden, noch
ehe sich die Formen gebildet hatten, um als Mittelglied zwischen der
Schpfung und der gttlichen Wesenheit in ihrer grten Reinheit zu dienen.
-- Von dem Geschlechtsunterschied des idealen Menschen. -- Die
Metempsychose. -- Die Dmonen. -- Hllen.


VII. Kapitel.

Die Weltanschauung der Kabbalisten.

Kommentatoren des Sepher Jezirah. -- Das Dogma von der Schpfung. -- +Ex
nihilo nihil.+ -- Der Erzengel des Bsen. -- Samael. -- Die Kabbalisten
ber die Physiognomik. -- Die vier Gestalten des mystischen Wagens des
Hesekiel. -- Von der himmlischen und der hllischen Hierarchie. -- Der
Engel der Reinheit (Tahariel), der Barmherzigkeit (Rachmiel), der
Gerechtigkeit (Zadkiel), der Befreiung (Padael), und der berhmte Raziel,
welcher mit eiferschtigen Augen die Geheimnisse der kabbalistischen
Weisheit bewacht. -- Der Engel des Feuers Nuriel, der des Lichts Uriel. --
Die Absicht dieser Allegorien. -- Die groe Hure oder die Meisterin der
Ausschweifungen Lilith. -- Die Dmonologie der Kabbalisten eine notwendige
Ergnzung ihrer Metaphysik.


VIII. Kapitel.

Die Lehrmeinung der Kabbalisten von der menschlichen Seele.

Drei Principien oder vielmehr drei Grade der menschlichen Existenz. -- Das
individuelle Princip. -- Von den Androgynen Platos. -- Dogma der
Prexistenz. -- Die Lehre von der moralischen Prdestination. -- Diejenigen
welche auf der Welt Bses thun, haben schon im Himmel angefangen, sich vom
Heiligen zu entfernen. -- Probe der Seelenwanderung (Gilgul). -- Die
Rckkehr der Seele in den Scho der Gottheit. -- Palast der Liebe. -- Ksse
der Liebe. -- Das Dogma vom Sndenfall.


Anhang.

Blten vom Baume der Kabbala.

Grundstoff (Huli) der Welt. -- Isaak Loriah: Sepher Cch'wanoth, Fol.46. --
Massel (Genius, transcendentales Subject). -- Nischmath Chajim, Fol.101.
-- Nephesch. -- Machschaba (Imagination). -- Mairecheth Aeloluth, Fol.41,
63. -- Der Ruach der Tiere. -- Der umkreisende ther. -- Gedanken des
Herzens wirken auf den ther ein. -- Esarah Maimeroth, Fol.49.


VI. Buch.

Der Occultismus der alten Griechen.


I. Kapitel.

Die jonischen Naturphilosophen.

Berhrung des Occultismus mit der Philosophie. -- Thales von Milet. --
Seine Lehre vom flssigen Urstoff. -- Hylozoimus. -- Aussprche des Thales.
-- Anaximander. -- Der gasfrmige Urzustand. -- Nebularhypothese. --
Entstehen und Vergehen der Welten. -- Anaximenes. -- Bedeutung der
Verdnnung und Verdichtung. -- Hippo, Idaeus und Diogenes von Apollonia. --
Kreisbewegung. -- Heraclit der Dunkle. -- Sein ist Werden. -- Lehre von den
Weltperioden. -- Das groe Jahr. -- Beziehungen zu Zoroaster.


II. Kapitel.

Pythagoras und die Alt-Pythagorer.

Geschichte seines Lebens. -- Geheimbund. -- Die einfachsten
Zahlenbestimmungen der musikalischen Harmonie. -- Zahlenmystische
Spielereien. -- Theologie der alten Pythagorer. -- Die kosmologischen
Einsichten. -- Harmonie der Sphren. -- Metempsychose, richtiger
Metemsomatose. -- Palingenesie. -- Sexuelle Enthaltsamkeit. -- Genu der
Bohnen.


III. Kapitel.

Die Eleaten.

Xenophanes. -- Skepsis. -- Reiner Monotheismus. -- Parmenides. -- Vorlufer
der Naturphilosophie des Telesius. -- Warmes und Kaltes. -- Zeno, der
Eleat. -- Einheit des Seins. -- Wesen von Raum und Zeit. -- Wirklichkeit
und Erscheinung. -- Gesetz der bestimmten Anzahl. -- Rangordnung der
Realitten.


IV. Kapitel.

Empedocles, Pherekydes, Epimenides von Kreta.

Praktiker auf dem Gebiete der sog. Geheimwissenschaften. -- Medizin-Mann.
-- Hypnotische Technik. -- Gotie. -- Charlatanerie. -- Kreislauf des
Stoffwechsels. -- Attraktionskraft und Repulsionskraft. -- Liebe und Ha.
-- Darwinistische Theorie. -- Antizipation der Lehre von der indirekten
Auslese. -- Seelenwanderungslehre. -- Vegetarismus. -- Pherekydes. --
Sehertum. -- Theogonie. -- Epimenides von Kreta. -- Jatromanten. -- Nona.
-- Epidemische Geisteskrankheit. -- Reinigungsceremonien. --
Orpheotelesten. -- Das Wunder suggestiver Massenheilung.


V. Kapitel.

Die Geheimlehre der Mysterien.

Bacchische und cerealische. -- Kreta. -- Soziale Nebentendenz. -- Die
bacchischen Mysterien. -- Ahnung der gttlichen Einheit. -- Geheimkult
indischen Ursprungs. -- Dionysos. -- Zagreus. -- Die Siebenzahl. --
Weltkonomie. -- Spiegelbecher. -- Phallus. -- Lingam und Yoni. -- Die Welt
des Scheins. -- Becher der Reinigung oder Wiedergeburt. -- Spekulative
Analyse der indischen Ideen. -- Die schaffende Gottheit Welt-Lingam. -- Die
cerealischen Mysterien. -- Die Eleusinien. -- Erntefeste. -- Die sog.
kleinen Mysterien. -- Erkennungszeichen. -- Die letzte Weihe, +epopteia+.
-- Selbstschau. -- +Conx ompax.+ -- Spiritismus. -- Unsterblichkeit. --
Demeter eine Gottheit mit doppeltem Charakter. -- Spekulative Analyse des
Inhalts der eleusinischen Lehre. -- Die Toten sind Demetrier. -- Die
Thesmophorien. -- Der Ackerbau als das fruchtbarste Prinzip der Humanitt.
-- Mysterium der Ehe. -- Natrlich geschlechtliche Basis der Ehe. --
Neuntgige Enthaltung von geschlechtlichem Verkehr. -- Sthenien. -- Die
Orgie in Halimus. -- Schamlose Seite altheidnischer Feste. -- +Kteis.+ --
Orgiasmus. -- Die samothrakischen Mysterien. -- Todesfeier des Dionysios.
-- Orphiker. -- Heilige Sage.


VI. Kapitel.

Anaxagoras.

+Nus+, Verstand. -- Homomerien.


VII. Kapitel.

Die Atomistiker, insbesondere Demokritos.

Leucippos. -- Demokrit. -- Atomverbindungen. -- Quantitative Beziehungen.
-- Primre und sekundre Eigenschaften. -- Besonderer Seelenstoff. --
Sophistik.


VIII. Kapitel.

Sokrates und sein Dmonium.

Problem des sog. Genius. -- Glauben an die Orakel. -- Dmonion. -- Vulgre
Psychologie. -- Unbegreiflichkeit des Phmomens. -- Dhring. -- Dramatische
Spaltung des Ich. -- Du Prels Mystik der alten Griechen.


IX. Kapitel.

Platon.

Platon der Vater des Idealismus. -- Traum des Sokrates. -- Groe Reise nach
Cyrene und nach gypten. -- Syrakus. -- Dionysios. -- Dion. -- Unverletzte
Virginitt. -- Platos Lehre. -- Der Thetet, der Sophist und der
Politikos. -- Parmenides. -- Ideenlehre. -- Bedeutung der platonischen
Ideen. -- Lotze in seiner Metaphysik. -- Verhltnis der Ideenwelt zur
Gottheit. -- Phdrus, Philebus, die Republik und der Dialog von den
Gesetzen. -- Unsterblichkeit der Seele. -- Phaedon, der Staat, Phaedrus,
Timaeus und das Gastmahl. -- Der intelligible Charakter. -- sthetische
Mystik.


X. Kapitel.

Aristoteles.

Universal-Gelehrter. -- Scholastik. -- berschtzung. -- Exoterische und
esoterische Schriften. -- Form und Stoff. -- Dualismus. -- Seelenlehre. --
Entelechie. -- Persnliche Substanz. -- Der thtige Intellekt. -- Der
leidentliche Intellekt. -- Rationalistische Theorie der Trume.


VII. Buch.

Der Occultismus der alten Rmer.


I. Kapitel.

Einflu der Etrusker auf die rmische Religion.

Die Verhllten.


II. Kapitel.

Die Religion der Rmer.

Die Religion im Dienste des Staates. -- R. v. Ihering. -- Machiavellismus
der Rmer. -- +Ver sacrum.+ -- Jupiter. -- Mars. -- Quirinus. -- Juno. --
Die Matronalien. -- +Ficus Ruminalis.+ -- Nebenbedeutung allerintimster
Natur. -- Lupercus. -- Lupera. -- Innuus. -- Unfruchtbarkeit. --
+Februare.+ -- Rock der Juno. -- Subigus. -- Prema. -- Pertunda. --
Perfica. -- Fluonia. -- Lucina. -- Befriedigung des Geschlechtstriebes. --
Janus. -- Saturn. -- Das goldene Zeitalter. -- Ceres, Liber und Libera. --
+Fascinum+= Phallus. -- Flora. -- Euhemeristische Mythologie. -- Die
Freudenmdchen. -- Die rmische Venus. -- Volupia, die eigentliche Gttin
der Wollust. -- Angeronia. -- Cloacina. -- Minerva. -- Vulcan. -- Faunus.
-- Ficarii und Incubi. -- Fatua. -- Pales. -- Priapus. -- Anna Perenna. --
Acca Laurentia. -- Die Apotheose eines Freudenmdchens. -- Die
geschlechtliche Sinnlichkeit des Rmers. -- Volksmetaphysik.


III. Kapitel.

Unsterblichkeitsglaube und Jenseitsvorstellung.

Eine sozial sehr zweckmige Eigenschaft. -- Genien, Laren oder Manen und
Lemuren. -- Manen. -- Totenfest. -- Aller-Seelenfeier. -- Larenopfer. --
Venus Libitina. -- Beziehung der Demeter zum Tode und zur Zeugung.


IV. Kapitel.

Der Glaube an Magie und symbolische Handlungen.

Cicero in seiner Schrift ber die Weissagung. -- Ausfhrung des
Naturforschers Plinius.


V. Kapitel.

Weissagung und Zeichendeuterei. Orakel. Sibyllinische Bcher.

Werfen der Loose. -- Orakel. -- Tibur. -- Somnambule Zustnde. -- Orakel zu
Tumae. -- Sibylle. -- Neun Bcher Weissagungen. -- Die sog. sibyllinischen
Bcher. -- Eine sibyllinische Weissagung.


VI. Kapitel.

Beobachtung der Himmelszeichen, Vgel, Blitze u.s.w., und Opferschau.

+Augurium.+ -- Auguren. -- Der Glaube der alten Rmer an die Unfehlbarkeit
der Auspicien. -- Geheimwissenschaft. -- Verfahren. -- Flug der Vgel. --
Fressen der heiligen Hhner. -- Cicero ber die Auspicien. -- Opferschauer.
-- +Haruspicium.+ -- Ein Wort Hannibals. -- Beobachtung der Blitze. --
Jupiter, Elicius. -- Wettermagie.


VIII. Buch.

Der Occultimus der Alexandriner, Neupythagorer und Neuplatoniker.

Vorbemerkung.


Erste Abteilung.

Die Alexandriner.


I. Philo von Alexandria


I. Kapitel.

Philos Leben und Lehrweise.

Alexandria. -- Bibliothek. -- Philos Leben. -- Versuche, das alte Testament
esoterisch zu deuten. -- Die mystische Reise nach Haran. -- Ekstase der
indischen Sonnen- und Mondkinder. -- Der Logos.


II. Kapitel.

Philos Mystik.

Sekte der Esser durch buddhistische Missionre gestiftet. -- Sndenfall.
-- Askese oder Unterricht. -- Heraustreten aus dem eigenen Ich.


III. Kapitel.

Die Elemente der Gnosis bei Philo.

Theosophie Philos. -- Die doppelte Erkenntnis.


II. Die Therapeuten und Esser.

Josephus. -- Ihre Gtergemeinschaft.


Zweite Abteilung.

Die Neupythagorer.

Apollonius von Tyana.

Parallele Christi. -- Zweifel an der Existenz des Apollonius. -- Eduard
Baltzer. -- Apollonius, ein entschiedener Spiritist. -- Julia Domna. --
Philostratus von Lemnos. -- Mysterien des Aeskulapdienstes. --
Schweigezeit. -- Die indischen Brahmanen. -- Ereignisse im Leben des
Apollonius. -- Parallele aus der Autobiographie des Brgermeisters Barth.
Sastrow zu Stralsund. -- Gymnosophisten.


Dritte Abteilung.

Die Neuplatoniker.


I. Kapitel.

Plotinos.

Plutarch. -- L. Apulejus. -- Ammonios Sakkas. -- Longinos. -- Porphyrius.
-- Die Verstandeswelt, das Muster der Sinnenwelt. -- Das Geisterreich. --
Die Einkrperung der Seele. -- Zwei Wege, zum Schauen des Einen, Ersten und
Hchsten.


II. Kapitel.

Porphyrius, Jamblichus, Proklus, Sosipatra.

Vereinigung mit Gott. -- Vehikel der Seele. -- Dmonologie. -- Mantik. --
Jamblichus. -- Materialisation. -- Schrift +De mysteriis Aegyptiorum+. --
Annahme eines Astralleibes. -- Prachtstck der theurgischen Weisheit. --
Proklus. -- Sosipatra.


III. Kapitel.

Hierokles und sein Kommentar zu den goldenen Sprchen des Pythagoras. --
Die letzten Neuplatoniker.

Vierundfnfzig Strophen der goldenen Sprche. -- Hierokles. -- Erkenntnis
der Doppelnatur des Menschen. -- Die mystische Reinigung.


IV. Kapitel.

Synesios, der letzte Neuplatoniker, sein Leben und seine Lehren.

Hypatia. -- Cyrenaica oder Pentapolis. -- Messias-Putsch. -- Synesios in
Konstantinopel. -- Schrift Die gypter, oder ber die Vorsehung. --
Bischofswrde. -- Die Schrift ber die Trume.


V. Kapitel.

Die Gnostiker und Manicher.


IX. Buch.

Der Occultismus der Kelten und Germanen.


Erste Abteilung.

Die Kelten.


I. Kapitel.

Die Druiden.

Das Religionssystem der Kelten. -- Pentalpha. -- Geheimlehre. -- Die auf
Eichen wachsende Mistel. -- Triaden. -- Oberdruide.


II. Kapitel.

Gottesdienst und Geheimlehre der Druiden.

Menschenopfer. -- +Teutates.+ -- Seelenfhrer. -- +Esus+ oder +Hesus+. --
Die Insel Mona. -- Hu gadarn. -- Die Gotteinheit der britischen Kelten. --
Mysterien vom Tode des Hu. -- Ceridwen. -- Tetragrammaton. -- Lehrgebude
des Kesselordens.


Zweite Abteilung.

Der Occultismus der Germanen.

Entwickelungsgeschichte der germanischen Mythologie.


I. Kapitel.

Die Weltschpfung der Edda. Yggdrasil.

Dualismus eines bsen und guten Weltprinzips. -- Der Mythus vom Weltbaum.


II. Kapitel.

Der Gtterhimmel der Germanen.

Die Edda. -- Odin. -- Odin-Wodan. -- Das Gespensterheer. -- Die Erzhlung
der Edda vom Dichtertrank. -- Der runenkundige Gott. -- Lehre vom
Doppel-Ich. -- Thor und Loki. -- Balder. -- Hdur. -- Deutung dieses
Mythus. -- Frigg. -- Iduna.


III. Kapitel.

Gtterdmmerung und Wiedergeburt.

Ragnark. -- Weltuntergang. -- Esoterische Idee der Wiedergeburt.


X. Buch.

Der Occultismus der barbarischen Vlker.

Skythen. -- Toxaris und Anacharsis. -- Massageten. -- Geten. -- Zamolxis.
-- Hyperborer. -- Abaois. -- Taurer.




Vorwort.


Am zweiten Ostertage v.J. (1895) starb _Karl Kiesewetter_, einer der
eifrigsten Forscher auf dem Gebiete des Wunderbaren und Geheimnisvollen,
der Verfasser der _Geschichte des neueren Occultismus_, der
_Geheimwissenschaften_ und des ersten Halbbandes _dieses Buches_ ber den
_Occultismus des Altertums_. Ein pltzlicher Tod entri ihn im besten
Mannesalter seinem eigenartigen Studiengebiete, auf dem er augenscheinlich
eine erstaunliche Belesenheit und Quellenkunde besa.

_Die Verlagshandlung wandte sich nun an mich, mit dem Antrage, die
Herstellung des zweiten Halbbandes dieses Buches unter Benutzung des
Kiesewetterschen handschriftlichen Nachlasses zu bernehmen_ und zwar genau
nach der bereits von Kiesewetter festgestellten Disposition. Die Einsicht
des handschriftlichen Nachlasses ergab, da der Verstorbene nur das achte
Buch seiner Disposition, den Abschnitt ber die _Alexandriner_,
_Neupythagorer_ und _Neuplatoniker_ ausgearbeitet hatte.

Der wohlwollende Leser mge die ganze von mir gelieferte Arbeit nicht etwa
als ein Werk auffassen, das mit wissenschaftlicher Prtension sich etwaigen
hnlichen Forschungen ber vergleichende Religionswissenschaft zur Seite
stellen mchte, sondern als das Ergebnis dilettantischer Nebenstunden, als
eine dem gebildeten Dilettanten selber, der ber keine Zeit und keine
gengende Ausdauer verfgt, aus dem Staube der Bibliotheken und dem Studium
schwerfllig gelehrter Originalwerke das ihn Interessierende selber
herauszusuchen, gewidmete Skizze eklektischer Streifzge ins Gebiet der
Mystik.

                     +Dixi et salvavi animam meam.+

_Jena_, im Februar 1896.

                                                        L. Kuhlenbeck.




Erstes Buch.

Der Occultismus bei den Akkadern, Babyloniern, Chaldern und Assyriern.

Erstes Kapitel.

Religionsphilosophie, weie und schwarze Magie der Akkader.


Der Occultismus ist so alt wie die ihrer selbst bewute Menschheit, und
selbst wo uns die Hieroglyphen gyptens im Stich lassen, fhrt uns die
Keilschriftlitteratur der Euphrat- und Tigrislande in die graueste Urzeit
des Menschengeschlechts hinauf und zeigt uns, da zum allermindesten
tausend Jahre vor Beginn der beglaubigten Geschichte der Occultismus in
seinem _Kern_ derselbe war wie heute. Natrlich wechselten mit den
verschiedenen Staatsreligionen seine _Formen_, und wir haben deshalb den
stets gleichen _esoterischen Kern_ unter den wechselnden Hllen der
_Dogmen_ nachzuweisen sowie auch seine fortschreitende Weiterbildung und
Ausreifung.

Vor noch nicht einem Menschenalter -- im Jahre 1866 -- verffentlichten die
englischen Orientalisten Sir Henry Rawlinson und Norris im zweiten Band der
+Cuneiform Inscriptions of Western Asia+ eine aus der Bibliothek des
Knigspalastes von Niniveh stammende Tafel mit den Fragmenten von 28
Zaubersprchen, welche, wie Lenormant sagt[1]: von der Existenz einer so
knstlichen und zahlreichen Dmonologie bei den Chaldern zeugt, wie sie
sich ein Jacob Sprenger, Jean Bodin, Wier oder Pierre de Lancre wohl nimmer
vorgestellt htten. Es erschliet sich uns darin eine ganze Welt von bsen
Geistern, deren Rangordnung mit vieler Gelehrsamkeit festgestellt, deren
Persnlichkeiten sorgfltig unterschieden und deren besondere Eigenschaften
scharf prcisiert sind.

Auerdem entdeckte Layard an gleicher Stelle die gegenwrtig im +British
Museum+ aufbewahrten Fragmente eines umfangreichen magischen Werkes von
zweihundert Tafeln, welches fr Chalda wohl das Gleiche war, was die alten
Inder in ihrem Atharva-Veda besaen, nmlich eine Sammlung aller Formeln,
Beschwrungen und Hymnen der chaldischen Magier, von denen die
Schriftsteller des Altertums berichten.

Diese Urkunden sind in akkadischer, einer den finnischen und tartarischen
Dialekten verwandten turanischen Sprache abgefat, welche von den
vorgeschichtlichen Ureinwohnern Chaldas, den Akkadern, gesprochen wurde.
Assurbanhabal lie dieselben im siebenten Jahrhundert v.Chr. fr seine
Palastbibliothek mit der berlieferten assyrischen Interlinearversion
abschreiben, ohne welche sie wohl nicht mehr verstanden worden wren, weil
damals die akkadische schon ber tausend Jahre eine tote Sprache war.

Dieses Erbe der Akkader, welches offenbar aus ltern im Laufe der Zeit
zusammengestellten berlieferungen besteht, fhrt in eine altersgraue Zeit
hinauf, in welcher, wie wir sehen werden, neben dem Kultus kosmischer und
tellurer Potenzen der Glaube an die Einheit und Geistigkeit des gttlichen
Wesens bestand.

Die akkadische Magie beruhte auf einem vollstndigen wohlgegliederten
mythologischen System, welches in seinen Ursprngen ber das dritte
Jahrtausend vor Christus zurckreicht. In diesem Jahrtausend wanderten
vermutlich in das von den Akkadern bewohnte nachmalige Chalda Kuschiten
ein, welche Sprache, Religion und Volkstum der Akkader allmhlich in den
Hintergrund drngten. In Babylonien wie in Chalda bildeten sich
verschiedene Religionsformen aus, bis ums Jahr 2000 Knig Sargon eine
einheitliche Staatsreligion einfhrte, die in Chalda und Babylonien wie
spter auch in Assyrien galt.

Diese Staatsreligion beruhte zum Teil auf der der syrischen und
phnicischen verwandten Religion der Kuschiten; sie nahm aber viele
akkadische Elemente auf, und so beginnt denn die bis zur Zeit Alexanders
des Groen reichende Periode der Chalder. Allerdings nahmen in dieser
Mischreligion die akkadischen Elemente mit ihrer Dmonenlehre und ihren
Exorcismen einen untergeordneten Rang ein, und ihre Pfleger waren eine
niedere Kaste von Zauberpriestern, welche durch ihre Beschwrungen
Krankheiten und Bezauberungen zu heilen, Dmonen zu vertreiben, widrige
elementarische Einflsse zu zerstreuen usw. usw. suchten. Die oberste
Priesterkaste waren die Chalder, welche -- wie die persisch-medischen
Magier -- sich nur mit Astronomie und Astrologie befaten.

Da bei den genannten Vlkern Kultus und Occultismus auf das engste
verbunden sind, mssen wir zunchst zu einer Darstellung ihrer
Religionslehren bergehen.

Nach chaldisch-babylonischer Anschauung ist die Erde von den als
Gottheiten gedachten Meer, Ocean und Chaos (chald. +Tiamat+, +Apsu+ und
+Mummu+ -- %Thayath%, %Apasn% und %Mumis% des Berosus) geboren. Jedoch
werden diese mystischen Gottheiten im ffentlichen Kultus nicht verehrt,
sondern an ihre Stelle tritt zuerst die oberste Trias der mnnlichen
Gottheiten, welcher eine gewisse hnlichkeit mit der christlichen
Dreieinigkeit nicht abzusprechen ist. Die erste Person dieser Trias ist
+Anu+ (Himmel), der Erstgeborene, der Uralte, der lteste der Gtter, der
Vater der Gtter, der Gebieter der Finsternis. Er ist der Herr des Himmels
und des Weltalls, schon ehe er dem Chaos eine feste Gestalt gegeben hatte,
und zugleich der Gott der Welt und Zeit. Auf ihn folgt +Ea+, die das All
durchdringende, belebende, lenkende und befruchtende gttliche Weisheit,
der ber dem Meer schwebende Geist. Die dritte Person dieser Trias ist
+Bel+ (akkad. +Mul-ge+), der Gebieter und die Personifikation der
geordneten Schpfung, der Bildner des Sternenhimmels und Lenker der
geordneten Bewegung der Himmelskrper.

Diese drei Personen der obersten gttlichen Trias sind in ihrem Wesen
gleich und gleich mchtig, ohne jedoch auf gleicher Stufe der Emanation zu
stehen; +Anu+ ist stets der Vater des +Ea+, aber bald der Vater und bald
der Bruder des +Bel+.

Dieser obersten mnnlichen Trias steht eine weibliche gegenber, +Anat+
(akkad. +Anu+), +Belit+ (akkad. +Ningelal+) und +Davkina+, welche man sich
als der weibliche Ausdruck und Form der mnnlichen Trias dachte. Diese
Gottheiten sind androgyner Natur, und dieser uralten Anschauung entstammen
die von den Orphikern und Neuplatonikern gelehrten hierhergehrigen Mythen
der klassischen Vlker.

Der Begriff der Androgynie war bei den Chaldern auch auf die
Planetengtter bertragen, wie es denn von der Venus (+Dilbat+) heit:

    Der weibliche Stern ist der Venusstern; er ist weiblich
        bei Sonnenaufgang;
    Der mnnliche Stern ist der Venusstern; er ist mnnlich
        bei Sonnenuntergang.

Wie lange sich diese Anschauungen erhielten, mge man daraus ersehen, da
in der Astrologie bis auf die neueste Zeit Mercur als Hermaphrodit gilt,
welcher -- am Morgenhimmel sichtbar -- weiblich und am Abendhimmel mnnlich
ist.

Die hchste Planetengottheit ist die Sonne, +Samas+, dessen weibliche
Potenz +Gula+ hie; ihr folgte der Mondgott +Sin+, dessen weibliches
Prinzip im Akkadischen +Nin-gelal+ hie; der assyrische Name ist noch nicht
mit Sicherheit entziffert.

Diesen hchsten Planetengttern folgen nun in bekannter Stufenreihe: +Adar+
(Saturn), +Maruduk+ (Jupiter), +Nergal+ (Mars), +Istar+ (Venus), +Nebo+
(Mercur); akkadisch: +Nin-dara+, +Amar-utuki+, +Nirgal+, +Sukus+ und +Ak+.
Ihnen allen stehen mit Ausnahme der unklar androgyn gedachten +Istar+,
deren geheimnisvoller Gatte +Dumuzu+ heit, ausgesprochene weibliche
Prinzipe gegenber. So dem Adar: die +Belit+, dem Maruduk die +Zarpanit+,
dem Nergal die +Laz+, und endlich dem Nebo die +Tasmit+.

Da nun Venus und Mercur bald am Morgen, und bald am Abend sichtbar sind, so
nahm man eine doppelte Istar, eine von Arbela und eine von Niniveh, an und
machte aus Nebo gar zwei Persnlichkeiten, Nebo den Gott der Wissenschaften
und Knste, und +Nuzku+, den Diener und Boten des Bel. -- Wir sehen also
hier schon vllig den mythologischen wie den astrologischen Charakter des
Mercur vorgebildet.

Der geheimnisvolle Gatte Dumuzu (Tammuz) der Istar wurde ihr in seiner
Jugendblte entrissen und veranlate ihre Wanderung in das Land ohne
Heimkehr, das Totenreich, wodurch er Anla zur Dichtung des ltesten Epos
der Menschheit, die Hllenfahrt der Istar, gab. Da nun Dumuzu die Sonne
ist, liegt diesem Mythus wohl der astronomische Vorgang des zeitweisen
Verschwindens der Venus unter den Sonnenstrahlen zu Grund.

Die Planetengtter bilden die auf die hchste Trias folgende oberste
Gtterklasse und regieren mit ihnen nach Diodorus Siculus[2] die zwlf
Monate und zwlf Zeichen des Tierkreises.

Auf Denkmlern, wie dem Obelisk des Salmanassar zu Nimrud und dem
Monolithen des Assur-nasir-habal werden die obersten zwlf Gtter
folgendermaen genannt:

  1. _Anu_, der Knig der himmlischen und irdischen Erzengel, Knig der
    Welt.
  2. _Bel_, Vater der Gtter, Schpfer.
  3. _Ea_, Knig des Oceans, Lenker des Schicksals, Gott der Weisheit und
    Erkenntni.
  4. _Sin_, Herr der Kronen, zum hchsten Glanz erkoren.
  5. _Bin_, der Krieger und Herr der befruchtenden Kanle.
  6. _Samas_, Richter des Himmels und der Erde.
  7. _Maruduk_, gerechter Frst der Gtter, Herr der Geburt.
  8. _Adar-Samdar_, der Mchtige, Krieger unter den kriegerischen Gttern,
    Vernichter des Bsen.
  9. _Nergal_, der Edelmthige, Knig der Schlachten.
  10. _Nebo_, Trger des hchsten Scepters.
  11. _Belit_, Gattin des Bel und Mutter der hchsten Gtter.
  12. _Istar_, die lteste des Himmels und der Erde, die das Antlitz der
    Krieger mit Glanz erfllt.

Anderswo[3] heien die zwlf Monate des Jahres mit ihren Gttern:

  1. _Nisannu_, Anu und Bel.
  2. _Airu_, Ea, Gebieter der Menschheit.
  3. _Sivanu_, Sin, Erstgeborener des Bel.
  4. _Duzu_, Adar, der Krieger.
  5. _Abu_, Allat, Herrin des Zauberstabes (Nin-gis-zida).
  6. _Ululu_, Istar, Herrin der Schlachten.
  7. _Tasritu_, Samas, der Herr der Welt.
  8. _Arak-samma_, Maruduk, der groe Frst der Gtter.
  9. _Kisilvu_, Nergal, der groe Krieger.
  10. _Tebitu_, Pap-sukul, Diener des Anu und der Anat.
  11. _Sabatu_, Bin, Feldherr des Himmels und der Erde.
  12. _Addaru_, die sieben groen Gtter der Planeten.
  13. _Makru-sa-addari_, (Schaltmonat) Assur, Vater der Gtter.

Mit Leichtigkeit erkennt man in diesen Monaten diejenigen des Kalenders der
Juden, welche ihr Jahr mit dem siebenten Monat der Chalder beginnen
lieen. Der erste jdische Monat Tischri entspricht dem Tasritu, der
Marchesvan dem Arak-samma, der Kaslev dem Kisilvu, der Thebet dem Tebitu,
der Schebat dem Sabatu, der Adar dem Addaru, der Nisan dem Nisannu, der
Ijar dem Airu, der Sivan dem Sivanu, der Tammuz dem Duzu, der Ab dem Abu,
der Elul dem Ululu und der jdische Schaltmonat Veadar endlich dem
chaldischen Makru-sa-addari.

Damit endlich, da man die Planeten vergttlichte und sie zu den Herren der
Zeichen des Tierkreises wie der Monate machte, waren die Grundlagen der
Astrologie geschaffen.

Eine groe Anzahl von Sternbildern und einzelnen Fixsternen wurden als
Gtter niederen Ranges und Genien (+musedu+) angesehen und nach ihrem Rang
und ihrer Bedeutung genau klassifiziert. Man suchte sich ihrer Krfte durch
Anfertigung ihnen geweihter Talismane zu versichern, aus denen dann die
astrologischen Bilder entstanden, von denen ich in meinen
Geheimwissenschaften ausfhrlich handelte.

Diese Astralgeister standen zwischen den Gttern und Menschen und griffen
segenbringend oder unheilstiftend in das Schicksal der letzteren ein. Die
vier wichtigsten schtzenden Genien waren: der bekannte Flgelstier mit dem
Menschenhaupt, der +sedu+ oder +Kirubu+, akk. +Alad+; der Lwe mit dem
Menschenhaupt, +lamassu+ oder +nirgallu+, akkad. +lamass+; der menschlich
gestaltete +ustur+ und endlich der geierkpfige +nattig+, welcher Hesekiel
bei seiner Beschreibung der vier symbolischen, den Thron Jehovas tragenden
Wesen vorschwebte.

ber diesen Genien standen noch zwei besondere Engelgruppen, die +Igigi+,
die Geister des Himmels, und die +Amuna-irsiti+ (akkad. +amuma-ge+), die
Geister der Erde, welche den phnizischen Kabiren entsprechen.

Nach Angabe eines Tfelchens aus der Bibliothek von Niniveh gab es auer
der obersten Trias sieben hchste Gtter, fnfzig groe Gtter des Himmels
und der Erde, dreihundert Geister des Himmels und sechshundert Geister der
Erde.

Es ist natrlich, da die Annahme eines solchen Gtter- und
Dmonenschwarmes die Aufnahme des akkadischen Beschwrungs- und Zauberritus
in die chaldische Priesterwissenschaft begnstigen mute, obschon die
alten Akkader keine eigentlichen Gtter, sondern nur gute und bse
Naturgeister kannten, welche die Chalder spter in Gtter, Genien und
Dmonen umbildeten.

Lenormant nimmt an, da diese Jahrhunderte whrende Umbildung und der
Ausbau der alten Religion innerhalb der chaldischen Priesterschulen zur
Zeit SargonsI. um das Jahr 2000 v.Chr. abgeschlossen wurde.

Die obersten Naturgeister der Akkader sind die +allad+ (assyr. +sedu+),
Genien, und +lamma+ (assyr. +lamassu+), Kolosse, welche jedoch in sehr
unklarer Weise bald als gute und bald als bse Geister aufgefat werden.
Besser sind wir ber die eigentlichen Dmonen, +utuk+, welches Wort aber
auch zuweilen einen guten Geist oder die menschliche Seele bedeutet,
unterrichtet. Die wichtigsten unter ihnen sind die +alal+ (assyr. +allu+),
Zerstrer, die +gigim+ (assyr. +e-kimmu+), welcher Name nicht entziffert
ist, die +tellal+ (assyr. +gallu+), Krieger, und endlich die +maskim+
(assyr. +rabisu+), Nachsteller.

Diese letzten bilden die wichtigste scharf abgegrenzte Klasse und sind aufs
genaueste das Widerspiel der sieben Planetengottheiten, kosmische Dmonen,
welche berall strend und vernichtend in das Naturleben eingreifen;
sieben bse Geister, sieben Flammengespenster, sieben Dmonen der feurigen
Sphren.

Diese sieben Maskim, welche sich als Planetendmonen durch alle Mythologien
ziehen[4] und noch als Vorbilder der sieben Kurfrsten der Teufel des
Faustschen Hllenzwangs deutlich erkennbar sind, sind die Shne des +Ana+,
des Gottes und Knigs der finstern Welt der Akkader; sie stren die Ordnung
des Planetenlaufs, erregen Sonnen- und Mondfinsternisse; sie fhren gleich
den griechischen Titanen und den Naphelim oder Nephilim des Buches Henoch
kurz nach der Schpfung erbitterte Kmpfe gegen Gott. Sie thronen gleich
den Teufeln im Innern der Erde und verursachen Unheil und Umsturz im Himmel
und auf Erden. Eine akkadische Inschrift schildert ihr Treiben
folgendermaen mit lebhaften Farben:

    Die Sieben, sie werden im Gebirge des Westens geboren;
    Die Sieben, sie werden gro im Gebirge des Ostens;
    Sie thronen in den Tiefen der Erde;
    Sie lassen ihre Stimme erschallen auf der Hhe der Erde;
    Sie lagern im unermelichen Raum im Himmel und auf Erden.
    Einen guten Namen im Himmel und auf Erden besitzen sie nicht;
    Sie, die Sieben, erheben sich im Gebirge des Westens;
    Sie, die Sieben, legen sich im Gebirge des Ostens zur Ruh. --
    -- -- Sieben sind es, sieben sind es:
    Sieben sind es in des Oceans tiefsten Grnden, aus dem verborgenen
        Schlupfwinkel.
    Sie sind nicht mnnlich, sind nicht weiblich,
    Sie breiten sich aus gleich Fesseln.
    Sie haben kein Weib, zeugen nicht Kinder;
    Ehrfurcht und Wohlthun kennen sie nicht.
    Gebet und Flehen erhren sie nicht.
    Ungeziefer, das dem Gebirge entsprossen,
    Feinde des Ea,
    Sind sie die Werkzeuge des Zornes der Gtter.
    Die Landstrae strend, lassen sie auf dem Wege sich nieder,
    Die Feinde, die Feinde;
    Sieben sind sie! Sieben sind sie! Sieben sind sie!
    Geist des Himmels, da sie beschworen seien!
    Geist der Erde, da sie beschworen seien! -- -- --
    Sie sind der Tag der Trauer, der schdlichen Winde!
    Sie sind der verhngnivolle Tag, der verheerende Wind, der ihm
        vorausgeht.
    Sie sind die Kinder der Rache, die Shne der Rache;
    Sie sind die Vorboten der Pest;
    Sie sind die Werkzeuge des Zorns der Nin-kigal[5];
    Sie sind die flammende Wettersule, welche arg hauset auf Erden;
    Sie sind die sieben Gtter des unermelichen Himmels;
    Sie sind die sieben Gtter der unermelichen Erde;
    Sie sind die sieben Gtter der feurigen Sphren;
    Die sieben Gtter, sie sind sieben an der Zahl;
    Sie sind die sieben schdlichen Gtter;
    Sie sind die sieben Schreckgeister;
    Sie sind die sieben bsen Flammengespenster,
    Sieben im Himmel, sieben auf der Erde,
    Der bse Dmon, der bse +alal+, der bse +gigim+, der bse +telal+,
        der bse Gott, der bse +maskim+.
    Geist des Himmels, beschwre sie! Geist der Erde, beschwre sie!
    Geist der Nin-gelal, der Herrin der Lnder, beschwre sie!
    Geist des Nin-dara, Sohn des Feuerhimmels, beschwre sie!
    Geist der Sukus, Herrin der Lnder, die zur Nachtzeit erglnzt,
        beschwre sie!

Die akkadischen Beschwrungen der Maskim erhalten zuweilen eine noch
grere Ausdehnung und nehmen dann stets eine dramatische Form an. Eine
Schilderung der von den Dmonen verursachten Verheerungen bildet die
Einleitung, wobei vorausgesetzt wird, da die Klage von dem wohlwollenden
+Silik-mulu-khi+, dem Sohne Ea's, der ber den Menschen wacht und zwischen
ihnen und den obern Gttern als Vermittler dient, erhrt worden sei. Aber
seine Macht und Weisheit sind nicht derart, da sie die bermchtigen
Geister, deren Einflu beschworen werden soll, zu berwinden vermgen.
Silik-mulu-khi wendet sich daher an seinen Vater Ea, den Herrn der ewigen
Geheimnisse, der die theurgischen Handlungen leitet, und dieser offenbart
endlich den mysterisen Ritus, die Zauberformel oder den _allmchtigen
geheimnivollen Namen_, der im Stande ist, alle Anschlge der
furchtbarsten Hllenmchte zu vereiteln.

Es wird also in den akkadischen Beschwrungen von einem allmchtigen,
geheimnisvollen Namen gesprochen, mittelst dessen Ea im Innern seines
Herzens die Zukunft bewacht und beschirmt; dieser Name aber, der alle
hllischen Mchte zu Boden streckt, wird nicht genannt: er wird in
geheimnisvoller Weise vom Vater auf den Sohn bermittelt, hnlich wie die
wahre Aussprache des $YHWH$ bei den Juden von Hohepriester zu Hohepriester.
Ea erteilt noch einige Vorschriften zum Behuf der Beschtzung und Heilung
der von den Maskim Besessenen, worauf endlich mehrere gttliche Wesen, wie
die Hllengttin Nin-kigal und Nin-akka-quddu, deren Eigenschaften weniger
bekannt sind, unter Eas Anfhrung in die Handlung eingreifen und zusammen
mit dem Feuergott zur vlligen Unterwerfung und Bindung der Maskim
schreiten.

Noch ist zu bemerken, da diese soeben besprochenen Dmonen, deren
Thtigkeit vorwiegend eine allgemeine und kosmische ist, nicht selten auch
Menschen angreifen, deren Migeschick sie herbeifhren. Ihre Einwirkung
kann aber auch -- wie die der Teufel des Mittelalters und der
Reformationszeit -- infolge der Bezauberung durch Schwarzknstler, wovon
weiter unten, eintreten, und diese gilt daher als Urquelle alles
menschlichen Unglcks sowie als Ursache aller tellurischen Katastrophen.

Wir sehen also in dem akkadischen Beschwrungsritual den ganzen Modus der
mittelalterlichen Teufelsbeschwrungen vorgebildet, und wie dort die Maskim
durch Silik-mulu-khi, den Sohn des Ea, und den allmchtigen,
geheimnivollen Namen Eas beschworen werden, so werden hier die sieben
Kur- oder Grofrsten der Hlle durch Jesum Christum, Gottes Sohn, und die
geheimnisvollen kabbalistischen Namen Gottes citiert und wieder entlassen.
Ja, der allmchtige, geheimnivolle Name der Akkader erinnert sogar an
die Worte des Goetheschen Fausts, mit welchen dieser den in Pudelsgestalt
hinter dem Ofen hockenden Mephistopheles apostrophiert:

    Verworfenes Wesen,
    Kannst du ihn lesen,
    Den nie entsprossenen,
    _Unausgesprochenen_,
    Durch alle Himmel gegossenen,
    Freventlich durchstochenen?

Die akkadisch-chaldischen Planetengtter und Maskim wurden im Parsismus zu
den Amschaspands und Devs, bei den Juden zu den Erzengeln und Dmonen der
Planeten, bei den Neuplatonikern zu den Weltfrsten und den Frsten der
Materie, und bei den mittelalterlichen Magiern endlich zu den
Planetenintelligenzen und Grofrsten der Hlle.

Die andern Naturgeister wurden nicht zu den eigentlichen Dmonen gezhlt,
sondern -- wie der keilschriftliche Ausdruck lautet -- als an sich selbst
bse Geister angesehen. Namentlich waren dies die Geister heier und
ungesunder Winde, welche in Verbindung mit den klimatischen Verhltnissen
Chaldas die Ausbildung und Verbreitung ansteckender Krankheiten
begnstigten. Noch die Magie der nachreformatorischen Zeit lt die vier
Kardinalwinde von den Teufeln Oriens, Paymon, Egyn, Amaymon beseelt sein,
und noch Robert Fludd schrieb in seiner +Medicina catholica+ einen
stattlichen Folioband, worin er die Entstehung und Heilung aller
Krankheiten durch die Geister der Winde detailliert.

Die Thtigkeit der brigen, unbestimmt klassifizierten akkadischen Dmonen
ist auf die Vorgnge des tglichen Lebens gerichtet, und eine Beschwrung
sagt hierber Folgendes:

    Sie sind der Hlle Ausgeburt,
    Sie tragen den Umsturz nach oben, sie bringen Verwirrung nach unten.
    Sie sind das Gift in der Galle der Gtter, die groen Tage, die vom
        Himmel sich weg stehlen.
    Sie fallen als Regen vom Himmel, sie sind die der Erde entsprossenen
        Kinder.
    Sie drngen sich rings um hohe Gerste, um gerumige Gerste.
    Sie dringen aus einem Hause in das andere,
    Sie werden von den Thren nicht abgehalten,
    Sie werden von den Riegeln nicht aufgehalten,
    Sie schleichen zwischen den Thren hindurch wie Schlangen,
    Sie verhindern die Schwngerung des Weibes durch den Gatten[6],
    Sie stehlen die Kinder vom Schooe des Menschen[7],
    Sie vertreiben den Besitzer vom vterlichen Hause,
    Sie sind die Stimme, die den Menschen verflucht und verfolgt.

Diese Dmonen wohnen in Einden und Wildnissen[8], von wo aus sie in
bewohnte Lndereien einfallen, um die Menschen zu schrecken und zu
schdigen. Sie werden in den Beschwrungen nach ihren Wohnorten
klassifiziert, nach der Wste, rauhen Berggipfeln, pesthauchenden Smpfen
und dem Meere. Ferner heit es an einer Stelle, da der +utuk+ die Wste
bewohne, der +alad+ sich auf den Berggipfeln aufhalte, der +gigim+ die
Wste durchstreife und der +telal+ in den Stdten umherschleiche.

Von allen bsen Einwirkungen, welche die Dmonen auf die Menschen ausben,
ist die Besessenheit am meisten gefrchtet, und es giebt zahlreiche Sprche
und Beschwrungen zur Heilung derselben. So heit es z.B.:

    Den Dmon, der sich des Menschen bemchtigt, den Dmon, der sich des
        Menschen bemchtigt,
    Den +gigim+, der das ble anthut, den bsen Dmon,
    Geist des Himmels, beschwre ihn! Geist der Erde, beschwre ihn!

Wenn die Dmonen aus den Besessenen vertrieben waren, so suchte man zum
Schutz gegen ihre Wiederkehr durch Beschwrung dahin zu wirken, da nach
Ausfahrt des bsen Geistes ein guter in den Leib des Besessenen fahre. In
diesem Sinne sagt eine Beschwrung:

    Da der bse Dmon ausfahren mge!
    Da er sich anderswo niederlasse!
    Da der holde Dmon, der holde Colo
    Einfahren mge in seinen Krper!
    Geist des Himmels, beschwre sie! Geist der Erde, beschwre sie!

Nach akkadischem Glauben waren alle Krankheiten ein Werk der Dmonen,
woraus sich die schon Herodots Aufmerksamkeit erregende Thatsache erklrt,
da es bei den Erben der Akkader, den Babyloniern und Assyriern, keine
rzte in unserm Sinne gab; die Medizin war bei ihnen nicht wie bei den
Griechen eine rationelle Wissenschaft, sondern ein Zweig der Magie, welche
wiederum mit der Religion zusammenfiel. Das rztliche Verfahren bestand in
Beschwrungen, Exorcismen und der Anwendung von Zaubertrnken, wodurch
allerdings nicht ausgeschlossen wird, da man sich bei Anwendung der
letzteren nicht auch einer Anzahl von Stoffen bediente, deren Heilkraft die
Erfahrung gelehrt hatte.

Die Auffassung, da die Krankheiten ein Werk feindlicher Dmonen seien,
zieht sich bekanntlich durch die ganze Geschichte, und diesbezgliche
Beschwrungen wren wohl kaum zu allen Zeiten gebt worden, wenn sie nicht
zuweilen wirksam gewesen wren. Die so von und bei geeigneten
Persnlichkeiten erzielten Heilungen bestrkten natrlich den Glauben an
die objektive Wahrheit des den Beschwrungen zu Grund liegenden zufllig
herrschenden Dogmas, welcher Irrtum zur Zeit der Aufklrung Veranlassung
gab, das Kind mit dem Bade auszuschtten und mit der falschen Voraussetzung
auch den thatschlich erzielten Erfolg preiszugeben. Die durch Exorcismen
erzielten Heilungen sind ganz einfach als +mind-cures+ zu betrachten, in
denen eine willenskrftig liebevolle durch die dem jeweiligen Kulturzustand
entsprechende Beschwrung glubig erregte Psyche auf eine andere,
schwchere wirkt; und dies mag wohl schon bei den Akkadern der Fall gewesen
sein.

Das zweite Buch des Sargonschen Auguralwerks enthlt die akkadischen
Krankheitsbeschwrungen, welche nach einem Muster geformt sind: Eine
Erklrung der Krankheit und ihrer Symptome macht den Anfang und fllt den
grten Teil der Beschwrung aus, worauf die Wnsche nach Genesung, oder
aber eine an die Krankheit selbst[9] gerichtete kategorische Aufforderung,
sich zu entfernen, den Schlu bilden. Manchmal erhlt die Beschwrung am
Schlu eine dramatische Form, und es entspinnt sich dann stets ein Dialog,
in welchem Ea von Silik-mulu-khi angegangen wird, das gewnschte Heilmittel
nachzuweisen.

Manchmal sind diese Heilmittel magnetische, wie z.B. magnetisiertes
Wasser, Transplantation der Krankheit und magnetisierte Amulette. Ein
Beispiel fr den Gebrauch magnetisierten Wassers liefert uns eine lngere
Beschwrung, deren Anfang leider verstmmelt ist. Der Text beginnt mit den
Worten:

    Die Krankheit der Stirn ist der Hlle entsprungen,
    Sie ist dem Wohnsitz des Gebieters der Hlle entsprungen.

Im Folgenden werden die besonderen Symptome des Leidens charakterisiert; es
wird von der anschwellenden Geschwulst und beginnender Eiterung sowie
von der Gewalt des bels gesprochen, welches die Wnde des Kopfes gleich
denen eines morschen Schiffes zersprengt. Vergeblich hat der Kranke die
Wirkung der reinigenden Gebruche versucht; sie vermochten die der Hlle
entstammende Plage nicht zu bemeistern:

    Er hat sich gereinigt und hat den Stier nicht gebndigt,
    Er hat sich gereinigt und hat den Bffel nicht ins Joch gespannt.

Trotzdem lt das bel nicht ab, den Kranken gleich Heuschreckenschwrmen
zu zernagen; da schreiten endlich die Gtter ein, und von jetzt ab lautet
der Text:

    Silik-mulu-khi hat ihm Beistand geliehen.
    Er ist in seines Vaters Behausung getreten und hat zu ihm gesprochen:
    Mein Vater! die Krankheit des Hauptes ist der Hlle entstiegen.
    Ein zweites Mal hat er zu ihm gesprochen:
    Was er dagegen thun soll, das wei dieser Mann nicht; wie wird er
        dieselbe berwinden?
    Er hat seinem Sohne Silik-mulu-khi erwidert:
    Mein Sohn! weshalb weit du das nicht? Warum soll ichs dich erst
        lehren?
    Was ich wei, das weit du doch auch.
    Doch komme her, mein Sohn Silik-mulu-khi;
    ..........[10] nimm den Eimer;
    Schpfe Wasser von der Spiegelflche des Flusses;
    Theile diesem Wasser deine hohe Zauberkraft mit;
    Verleihe ihm durch deinen Zauber den Glanz der Reinheit.
    Benetze mit ihm den Mann, den Sohn seines Gottes;
    .......... umhlle sein Haupt.
    Da der Irrsinn vergehe!
    Da die Krankheit seines Hauptes sich auflse wie ein flchtiger
        Nachtregen!
    Da Eas Vorschrift ihn heile!
    Da Davkina[11] ihn heile!
    Da Silik-mulu-khi, des Oceans Erstgeborener, das gnstige Bild
        schaffe!

Nehmen wir, was hier zulssig ist, an, da bei den Akkadern, wie bei den
gyptern der heilende Gott in der Praxis durch einen Priester vertreten
wird[12], so sehen wir in dem letzten Passus der Beschwrung gleichzeitig
eine Vorschrift zur Herstellung magnetisierten Wassers vor uns, welches
angewendet wurde, wenn der Exorcismus oder -- besser gesagt -- die geistige
Heilkraft, nicht stark genug war.

Da die alten Akkader auch eine Art mesmerisierter Bder kannten, ergiebt
sich aus dem Inhalt folgenden Zauberspruchs[13]:

    Flle ein Gef mit Wasser;
    ..........
    Stelle einen Zweig von der weien Ceder hinein;
    bertrage demselben den Zauber der von Eridhu[14] kommt.
    Bekrftige sodann die Bezauberung dieses Wassers;
    Vervollstndige den gttlichen Zauber.
    Reiche dieses Wasser dem Menschen;
    Thue, was.......... sein Haupt.
    Den hinflligen Menschen, Sohn seines Gottes, stelle wieder her!
    .......... sein Zauberbild.
    Beschwre diesen Menschen.
    Verleihe Heilkraft diesem bezauberten Wasser, auf da
    Ihn alle Folgen der Verwnschung verlassen.
    Gleichzeitig, whrend dieses Wasser ber seinem Krper zerrinnt,
    Mge die Pest, die seinen Krper behaftet, zerrinnen wie dieses Wasser.
    Fange dieses Wasser im Gefe wieder auf
    Und schtte es aus als Trankopfer auf die Seite der Landstrae,
    Da die Landstrae die Krankheit, die seine Krfte verzehrt, entfhre!

Wie allbekannt, werden noch heute Bder mesmerisiert, indem man mit einem
Stab, dem Konduktor, das in der Wanne befindliche Wasser eine Zeit lang in
gleicher Richtung kreisfrmig umrhrt, eine Manipulation, welche, wie der
Augenschein beweist, schon vor Jahrtausenden bekannt war. Nach unserer
Vorschrift scheint man das magnetisierte Wasser sowohl zum Trinken als zu
einer Art Douche benutzt zu haben. Das Ausgieen des Bades auf die
Landstrae ist eine sogenannte Transplantation der Krankheit in die
Elemente, wie sie noch heute bei den sogenannten magnetischen Kuren
vielfach gebt wird, indem man die mit der kranken Mumie angefllten
Magnete -- um die klassisch gewordenen Ausdrcke der Paracelsisten
beizubehalten -- an die Luft oder in den Rauch hngt, vergrbt, verbrennt,
ausschttet usw.

Der Zauberstab oder magnetische Konduktor spielt in den Euphratlndern eine
groe Rolle und heit akkadisch +gis-zida+, der gnstige, wohlthtig
wirkende Stab, oder +gi-namekirru+, Rohr des Schicksals und assyrisch
+qan mamiti+, Rohr des Schicksals und +qan pasari+, Rohr der
Offenbarung. Als Schilfrohr ist der Zauberstab Attribut des heilenden
Gottes Silik-mulu-khi, und es heit von ihm[15]:

    Goldenes Schilfrohr, mchtiges Schilfrohr, leuchtendes Schilfrohr
        der Smpfe,
    Heilige Streu der Gtter,
    Kupfernes Schilfrohr, das die Vollendung erhht,
    Ich bin der Bote des Silik-mulu-khi,
    Der Verknder hehrer Verjngung.

Offenbar beziehen sich die dem Schilfrohr oder Zauberstab beigelegten
Bezeichnungen auf durch denselben hervorgerufenes Hellsehen oder erzeugte
Heilungen resp. wohlthtige allgemeine Wirkungen, und es gewinnt nach
obiger Strophe den Anschein, als ob man sich auch metallener Konduktoren
bedient habe. Vielleicht untersttzten die Erben der Akkader ihre Seher und
Seherinnen durch das Rohr der Offenbarung. Die bekannteste dieser antiken
Somnambulen wohnte im Turme zu Borsippa, und Herodot uert sich, das Wesen
der Incubation miverstehend, folgendermaen ber die dort erteilten
Orakel:

Im obersten Thurm ist ein gerumiger Tempel, in demselben befindet sich
eine groe wohlgebettete Lagersttte und daneben steht ein goldener Tisch;
ein Gtterbild ist aber dort nicht aufgerichtet, auch verweilt kein Mensch
darin des Nachts auer einem Weibe, eine von den Eingeborenen, welche der
Gott sich aus allen erwhlt hat, wie die Chalder versichern, welche die
Priester dieses Gottes sind. Eben dieselben behaupten auch, wovon sie mich
jedoch nicht berzeugt haben, da der Gott selbst in den Tempel komme und
auf dem Lager ruhe, gerade wie in dem egyptischen Theben auf dieselbe
Weise nach Angabe der Aegypter, denn auch dort schlft im Tempel des
thebanischen Zeus ein Weib. Diese beiden pflegen, wie man sagt, mit keinem
Manne Umgang; ebenso verhlt es sich in dem lycischen Patara mit der
Priesterin des Gottes zur Zeit des Orakels, denn es findet dasselbe nicht
immer dort statt; wenn es aber stattfindet, so wird sie dann die Nchte
hindurch mit dem Gott in den Tempel eingeschlossen.[16]

Einigen Aufschlu ber die Anwendung magnetisierter Stoffe zu Heilzwecken
in Verbindung mit magnetisiertem Wasser bei den Akkadern giebt uns
folgender Zauberspruch, in welchem Ea die Mittel zur Heilung eines
Kopfbels angiebt[17]:

    Nimm das Fell eines weiblichen Camels, das sich nie begattete,
    Die Zauberin[18] stelle sich zur Rechten, auch treffe sie ihre
        Vorbereitungen zur Linken (des Kranken);
    Zertheile (dieses Fell) in zweimal sieben Stcke und theile ihnen den
        Zauber mit, der da kommt von Eridhu.[19]
    Umhlle das Haupt des Kranken,
    Umhlle den Sitz seines Lebens,
    Umhlle seine Hnde und Fe.
    Lasse ihn sich niedersetzen auf seinem Lager und
    Benetze ihn mit den bezauberten Wassern;
    Da die Krankheit seines Hauptes in den Himmelsraum entfhrt werde
        gleich einem reienden Sturmwind.
    Da sie von der Erde entfhrt werde wie die zeitweise bertretenden
        Wasser.[20]
    Da Eas Vorschrift ihn heile!
    Da Davkina ihn heile!
    Da Silik-mulu-khi, des Ozeans Erstgeborener, dem Bilde die heilsame
        Kraft verleihe!

Soviel ber den Mesmerismus bei den Akkadern, dessen Anwendung auf dem
heilenden wie auf dem divinatorischen Gebiet die gleiche ist, heute wie
tausend Jahre vor dem Beginn der eigentlichen Geschichte.

Oben wurde bereits angedeutet, da die Akkader die Krankheit als ein
persnliches Wesen betrachteten, welches sich des Menschen bemchtige. Dies
geschah besonders bei den beiden schwersten Krankheiten, an denen die
Chalder zu leiden hatten, der Pest und dem Fieber, Namtar und Idpa. Diese
zhlen zu den gefrchtetsten Dmonen, wie wir aus folgendem
Beschwrungsfragment ersehen:

    Gegen den Kopf des Menschen richtet seine Macht der fluchwrdige
        +idpa+,
    Gegen das Leben des Menschen der grausame +namtar+,
    Gegen den Hals des Menschen der schdliche +utuq+,
    Gegen die Brust des Menschen der verderbenbringende +alal+,
    Gegen die Eingeweide des Menschen der bse +gigim+,
    Gegen die Hand des Menschen der schreckliche +telal+.

Die auf diese schadenstiftenden Dmonen folgende Klasse sind die
Schreckgespenster, welche mit den Schatten der Toten im Innern der Erde, in
dem dem jdischen Scheol vergleichbaren Land ohne Heimkehr wohnen und aus
ihm hervorgehen. Die drei wichtigsten Wesen dieser Klasse sind das
larvenartige Schreckgespenst oder Schattenbild (akkad. +dimme+, assyr.
+lamastuv+), das Gespenst (akkad. +dimmea+, assyr. +labasu+) und der
Vampyr (akkad. +dimmekhab+, assyr. +abharu+), von welchen die ersteren nur
die Menschen durch ihre Erscheinung erschrecken, whrend der Vampyr den
Menschen anfllt. Der Vampyrglaube ist in Chalda sehr verbreitet, und in
dem Epos die Hllenfahrt der Istar ruft die Gttin dem Hter der Hlle am
Thore folgende Worte zu:

    Hter, ffne dein Thor;
    ffne dein Thor, damit ich eintreten kann!
    ffnest du aber das Thor nicht, und kann ich nicht eintreten,
    Dann strme ich das Thor und sprenge sein Schlo,
    Strme die schlieenden Riegel, durchschreite das Thor.
    Dann werde ich die Todten erwecken, zu verschlingen die Lebenden,
    Ich werde die dem Tageslicht wieder zugefhrten Todten zahlreicher
        machen denn Alles, was lebt.

Eine besondere Geisterklasse sind die Dmonen der nchtlichen
Samenergsse, das Nachtmnnchen, +lillal+, und das Nachtweibchen,
+kiel-lillal+, die bezwingende Beischlferin, deren Umarmungen sich weder
Weiber noch Mnner entziehen knnen. Die +kiel-lillal+ ist die Lilith der
Juden, und es heit von ihr ganz conform der Stelle bei Jesaias[21]:

    Dornen werden in ihren Palsten wachsen,
    In ihren Festen Nesseln und Disteln;
    Schakale werden da hausen,
    Straue werden da nisten.
    Dort werden die Thiere der Wste den Wlfen begegnen,
    Die Dmonen mit einander verkehren.
    Dort allein wird Lilith ihre Wohnstatt suchen, ihren Ruheplatz finden.

Auer dem Nachtweibchen giebt es noch einen weiblichen Kobold (akkad.
+kiel-udda-karra+, assyr. +ardat+), von welchem nur bekannt ist, da er
sich gern in der Nhe der Menschen aufhlt und besonders die Stlle zum
Schauplatz ihres Treibens macht, also ein Hauskobold.

Noch sei erwhnt, da die Akkader den bsen Blick und das Berufen kannten.
Das bse Wort und der bse Mund werden berall neben dem bsen Blick
erwhnt; so heit es:

    Den, der das gefertigte Ebenbild bezaubert,
    Das bse Antlitz, den bsen Blick,
    Den bsen Mund, die bse Zunge,
    Die bse Lippe, das schdliche Gift,
    Geist des Himmels, beschwre sie! Geist der Erde, beschwre sie!

Auer den Beschwrungen bedienten sich die Chalder und spter die Assyrer
in ausgedehntester Weise der Talismane (akkad. +sagba+, assyr. +mamituv+).
Folgende Beschwrung wurde ber einen solchen Talisman gesprochen, um ihm
die Macht zu verleihen, die sich in die Huser einschleichenden Dmonen zu
vertreiben:

    Talisman! Talisman! Unwandelbarer Hort!
    Unberschreitbare, von den Gttern errichtete, Schranke!
    Grenzscheide des Himmels und der Erde, die man nimmer hinwegrckt.
    Einziger Gott, der sich nimmer verndert,
    Dessen Macht kein Gott, kein Mensch zu bekmpfen vermag,
    Schlinge, die nimmer gelst wird, dem bsen Zauber gelegt,
    Schwert, dem man nimmer entgeht, gegen den schdlichen Zauber
        gerichtet!
    Sei's auch ein bser +utuk+, ein bser +alal+, ein bser +gigim+, ein
        bser +telal+, ein bser Gott, ein bser +maskim+,
    Ein Schreckgespenst, ein Nachtgeist, ein Vampyr,
    Ein Nachtmnnchen, ein Nachtweibchen, ein weiblicher Kobold,
    Sei's gar die verheerende Pest, das schmerzhafte Fieber, eine bsartige
        Krankheit:
    Wer sein Haupt gegen die Wasser des Ea erhebt, die durch Besprengen
        verbreitet,
    Den soll die Falle des Gottes Ea erfassen.
    Wer sein Haupt gegen die Speicher des Gottes Serakh erhebt,
    Den soll das Sichelschwert des Gottes Serakh in Stcke zerschneiden,
    Wer den Grenzstein des Eigenthums berschreitet,
    Den wird der Grenzstein der Gtter, der Grenzstein des Himmels und der
        Erde nimmer entkommen lassen! --
    ..........
    Wer Arges im Schilde fhrt wider das Wohnhaus,
    Den soll er in den Graben des Hauses versenken!
    Diejenigen, die aller Orten Verwirrung und Umsturz stiften,
    Die soll er anderswohin verjagen, in de, unfruchtbare Orte!
    Wer am Thore des Hauses auflauert,
    Den soll er einsperren im Hause, an einem Ort, aus dem keine Wiederkehr
        mglich ist!
    Wer sich den Thrflgeln, den Querriegeln anhngt,
    Den sollen die Thrflgel, die Riegel in unauflsbare Bande
        einschlieen!
    Wer sich heimlich in die Rinnen und Dachtraufen stiehlt,
    Wer mit Gewalt den Verschlu fortstt, der auf die Thr und Angeln
        gelegt ist,
    Den soll er wie Wasser hindurchflieen lassen!
    Den soll er zerschmettern wie einen irdenen Krug!
    Den soll er zermalmen wie Thonerde.
    Wer das Zimmerwerk berschreitet, den soll er der Flgel berauben!
    Den, der seinen Hals zum Fenster hinaussteckt, den soll das Fenster
        erwrgen!

Es gab sehr verschiedene Arten von Talismanen bei den Akkadern: so auf
Zettel geschriebene Zaubersprche, welche gleich den Denkzetteln der Juden
an die Kleider geheftet getragen wurden. Auch trug man Periapte aus
allerlei Stoffen um den Hals als Schutzmittel gegen Unglck aller Art,
Krankheiten, dmonische Nachstellungen usw., ebenso in Steine geschnittene
Bildnisse von Gttern und Genien, wie dergleichen vielfach in den Museen
aufbewahrt werden.

Eine ganze Anzahl talismanischer Gtterstatuetten aus gebranntem Lehm fand
Botta unter der Thorschwelle des Knigspalastes von Khorsabad und lie sie
in das Museum des Louvre schaffen. Es sind dies: Bel mit einer
Kopfbedeckung, die mit mehreren Reihen Stierhrnern geschmckt ist; Nergal
mit einem Lwenkopf, Nebo mit einem Scepter usw. In einer dazugehrigen
Inschrift, welche sich gegenwrtig in Cambridge befindet, sagt
Nergalsarussur, ein Nachfolger des babylonischen Knigs Nabukudurussur, da
er bei der Wiederherstellung der Thore der heiligen Pyramide von Babylon
acht talismanische Figuren von Bronce, welche durch Todesschrecken Bse
und Feinde entfernen, habe verfertigen lassen, um sie dort aufzustellen.

Aus dem Fragment folgenden Zauberspruches lassen sich recht deutlich die
Bestimmung, Macht und Anwendung derartiger Talismane ersehen:

    Zur Erhebung eurer Hnde habe ich mich in einen dunkelblauen Schleier
        gehllt;
    Ich habe ein vielfarbiges Kleid angelegt; in eure Hnde..
    Ich habe die Zauberbinde vervollkommnet, ich habe sie gereinigt.
    Ich habe mich mit Glanz umhllt..........
    ..........
    Stelle zwei an einander gebundene Bilder, untadelhafte Bilder, welche
        die bsen Dmonen verjagen,
    Neben den Kopf des Kranken zur Rechten und Linken.
    Stelle das Bild des Gottes Ungal-Nirra[22], der nicht seines Gleichen
        hat, an die Umzunung des Hauses.
    Stelle das Bild des Gottes, der im Glanze der Tapferkeit strahlt, der
        nicht seines Gleichen hat[23],
    Und das Bild des Gottes Narudi, des Gebieters der mchtigen Gtter,
    Auf den Boden unter das Bett.
    Zur Abhaltung alles nahenden Ungemaches stelle den Gott.. und den
        Gott Latarak an die Thr.
    Zur Abhaltung alles bels stelle als Scheuche an die Thr..
    An den Thorweg stelle den streitbaren Helden, der seine Hand dem Feinde
        entgegenstreckt,
    Stelle ihn zur Rechten und Linken.
    Stelle die wachsamen Bilder des Ea und Silik-mulu-khi unter den
        Thorweg;
    Stelle sie zur Rechten und Linken......
    .... die Zauberkraft Silik-mulu-khis, welche dem Bilde innewohnt,
    ..........
    O, die ihr dem Ocean entsprossen, ihr Glnzenden, Kinder des Ea,
    Esset, was mundet, trinket, was s schmeckt!
    Dank eurem Schutz kein Ungemach eindringe!

Aus dem Schlu des Zauberspruches ergiebt es sich mit Sicherheit, da die
Akkader fr ihre Gtter und Genien, gerade wie unsere Altvordern fr die
Hauskobolde, irgendwo im Hause Speise und Trank aufzustellen pflegten, um
sich ihrer Gunst zu versichern. Analog heit es in einer Sammlung
assyrischer Beschwrungen gegen die Einwirkung bser Zauberer:

    Gegen die Dmonen, den Genius, den +rabisu+, den +ekimmu+,
    Das Gespenst, das Schattenbild, den Vampyr,
    Das Nachtmnnchen, das Nachtweibchen, den weiblichen Kobold
    Und alles bel, das den Menschen erfat,
    Veranstaltet Festlichkeiten, opfert und kommt alle zusammen;
    Da euer Weihrauch zum Himmel emporsteige!
    Da die Sonne das Fleisch eures Opfers verzehre!
    Da Eas Sohn, der Held, dessen Zauber...... euer Leben
        verlngere!

Eine andere Art von Talismanen wurde in der Absicht hergestellt, da man
die durch sie dargestellten Dmonen durch die Scheulichkeit ihrer
Ebenbilder zu vertreiben gedachte. So giebt z.B. Ea seinem Sohne
Silik-mulu-khi behufs Vertreibung des Pestdmons Namtar folgenden Rat:

    Tritt heran, mein Sohn Silik-mulu-khi,
    Knete den Schlamm des Oceans
    Und forme daraus das ihm (Namtar) hnliche Bild,
    Lege den Menschen nieder, nachdem du ihn einer Reinigung unterzogen;
    Lege das Bild auf seinen entblten Unterleib;
    Theile ihm den Zauber mit, der von Eridhu kommt.
    Wende sein Antlitz nach Westen.
    Da der bse Namtar, der seinen Krper bewohnt, sich anderswo
        niederlasse.
    Amen.
    Das Bild, das sein Haupt emporgerichtet, ist mit groer Macht
        ausgestattet.

Eine derartige Broncestatuette, welche nach einer auf ihrem Rcken
befindlichen akkadischen Inschrift den Dmon des Westwindes darstellt,
befindet sich im Museum des Louvre. Die aufrechtstehende Figur hat einen
Totenkopf mit Augen und Ziegenhrnern, den Rumpf eines Hundes, Lwentatzen,
Adlerfe, einen Skorpionsschweif und ausgespannte Flgel. An einem am
Hinterkopf der Figur befindlichen Ring wurde dieselbe am Fenster oder vor
der Thr des Hauses aufgehngt, um den schdlichen Einflu des von der
arabischen Wste nach Babylon herberstreichenden Westwindes zu vernichten.

Im +British Museum+ befinden sich hnliche Talismane wie z.B. ein Bild
eines Dmons mit einem Widderkopf und bermig langem Hals oder mit einem
Hynenkopf, Brenleib und Lwentatzen usw. usw. Es ist leider nicht
mglich, alle Formen dieser Talismane festzustellen und zu deuten, indessen
kann nicht der mindeste Zweifel darber herrschen, da in spterer Zeit aus
ihnen Abraxasgemmen und -ringe sowie die astrologischen Bilder entstanden.
Die abenteuerlichen Formen dieser aus menschlichen und tierischen Teilen
bestehenden Geschpfe hngen mit uralten kosmogonischen Mythen zusammen,
denn Berosus schildert die Geschpfe des Chaos ganz analog, wenn er sagt:

Es gab eine Zeit, wo alles in Finsterni gehllt und vom Wasser
durchdrungen war, und wo mitten in diesem wirren Chaos die scheulichsten
Thiere und wunderbarsten Geschpfe urpltzlich entstanden; es gab Menschen
mit zwei und vier Flgeln, mit zwei verschiedenen Gesichtern oder Kpfen,
von denen der eine oft mnnlichen, der andere weiblichen Geschlechtes war,
ja es gab sogar Menschen, welche gleichzeitig mnnlichen und weiblichen
Geschlechtes waren; es gab Menschen mit Ziegenfen und Ziegenhrnern oder
solche mit Pferdefen; es gab endlich Menschen, welche mit dem Hintertheil
eines Pferdes und dem Vordertheil eines Menschen ausgestattet waren,
hnlich den Hippocentauren, Es gab Stiere mit menschlichem Kopfe, Hunde mit
vierfachem Krper und Fischschwnzen, Pferde und Menschen mit Hundekpfen,
desgleichen Thiere, welche mit dem Kopf und Krper eines Pferdes und dem
Schwanze eines Fisches versehen, auch andere Vierfler, welche aus
verschiedenen Thieren, wie Fische, Schlangen und andere Reptilien
zusammengesetzt, desgleichen zahlreiche Arten von wunderbaren Ungeheuern,
welche auf das verschiedenartigste gestaltet waren und deren Abbildungen
man auf den Wandgemlden des Baaltempels sehen kann. Ein Weib, Amoroka[24],
leitete diese Schpfung; sie wird im Chaldischen Thavatth[25] genannt, ein
Name, der im Griechischen das Meer bedeutet; doch wird sie auch mit dem
Monde identificiert.

Diese Geschpfe des Chaos sind nach Lenormant[26] entweder wohlthtige
Genien oder von den Gttern bekmpfte Dmonen, welche bei der Scheidung der
Elemente entstanden, und denen Diodorus Siculus die ganze untere Hlfte
des Weltalls als Sitz anweist.[27] Die Ungeheuer, welche Tiamat im Chaos
beherrschte, sind indessen auch die Bestandteile jenes Heeres, mit welchem
Tiamat -- die Personifizierung der von den Gttern noch ungeordneten
Materie -- die geordnete Welt befehdet. Auch ist es Tiamat, welche die
ersten Menschen zur Verletzung der gttlichen Gebote verleitet, so da sie
in der chaldo-babylonischen Schpfungstradition die gleiche Rolle spielt,
wie die Schlange in der biblischen. Die beim Kampfe der Tiamat mitwirkenden
chaotischen Geschpfe werden vollstndig mit den Dmonen identifiziert und
deshalb von den oberen Gttern bekmpft. Im +British Museum+ befindet sich
z.B. ein aus dem Palast von Nimrud herrhrendes Basrelief, auf welchem der
mit Knigskrone und Stierhrnern geschmckte Maruduk, welcher an den
Schultern vier Flgel trgt, mit dem Blitzstrahl in der Hand die Tiamat
verfolgt, welche als Ungeheuer mit Krper, Kopf und Vorderfen eines Lwen
und den Flgeln, Kopf und Krallen eines Adlers erscheint.

Die Talismane, welche man zum Schutz in den Husern verbarg, entfalten nach
dem Glauben der Urzeit wie nach dem des spteren Mittelalters nur so lang
ihre heilbringende Kraft, als sie an ihrem Platz bleiben, wie sich schon
aus folgender von Knig Assurakhiddin herrhrenden Inschrift ergibt:

    Da der bewachende Stier, der bewachende Genius,
    Der die Macht meines Knigthums schtzt,
    Fr alle Zeiten meinen freudestrahlenden und geachteten Namen erhalte,
    Bis seine Fe von seinem Platz verdrngt werden.

In anderen Bruchstcken unseres magischen Sammelwerkes wird dem reuevollen
Bekenntnis begangener Snden, der aufrichtigen Bue und reinigenden
Gebruchen schtzende Wirkung gegen die Nachstellung bser Dmonen
beigelegt. Man sieht also, da gewisse kirchliche Gebruche nichts weniger
als christlichen Ursprungs sind.

Zu den wichtigsten der schtzenden Talismane der Chalder wird der
Zauberstab bezeichnet, dessen akkadische Bezeichnung +gis-zida+, der
gnstige, wohlthtige wirkende Stab auch von den Babyloniern und Assyriern,
wenn er auch Beinamen fhrte, doch nicht durch einen andern Namen ersetzt
wurde. Der Titel +Nin-gis-zida+, die Herrin des Zauberstabs, ist eine
Nebenbezeichnung der akkadischen Gttin Nin-kigal und der assyrischen
Allat, der Herrin des Totenreichs, welche daher auch die Sondergttin der
Magie und Geisterbeschwrung ist; ihr, der Herrin des Zauberstabs, ist
der Monat Ab geheiligt.

Welche Rolle der magische Stab bei den Hofzauberern Pharaos, in der
Odyssee, bei Cicero usw. usw. spielt, ist bekannt.

Die Chalder machten einen Unterschied zwischen helfender Magie und
schdigender schwarzen Kunst. Die Vorschriften zu ersterer wurden in den
heiligen Bchern mitgeteilt und ich habe oben an einigen Stichproben
gezeigt, da dem Verfahren im wesentlichen Heilmesmerismus und
Transplantation der Krankheiten zu Grund lag; auerdem spielten noch die
Beschwrungen eine groe Rolle. Durch die Beschwrung der Schutzgtter, als
welche besonders Ea und der Sonnengott betrachtet werden, sollen nicht
allein die bsen Dmonen bekmpft, sondern es soll auch die Wirkung des
Zaubers vernichtet werden. In diesem Sinne heit es in einem Hymnus:

    Der du die Lge zu Schanden machst, den bsen Einflu vernichtest,
    Der du Wunder, schreckliche Zeichen, Deutungen, Trum' und
        Erscheinungen,
    Der du die bsen Rnke vereitelst, Menschen und Lnder vernichtest,
    Die der Hexerei und bsem Zauber ergeben sind, usw.

Der Zauberer und Schwarzknstler wird in den akkadischen Beschwrungen
meist der Bsewicht, der boshafte Mensch bezeichnet, welche Namen
dessen magische Thtigkeit aus Furcht nur verschleiert andeuten, gerade wie
man im Mittelalter die Hexen gute Frauen, +bonnes dames+ usw. zu nennen
pflegte. So wird auch bei den Akkadern im gleichen Sinn die Zauberei das
Wirkende, das Gewaltsame; die magischen Gebruche die Handlung; die
Beschwrung das Wort und der Zaubertrank die wirkende Sache genannt.

Der akkadische Bsewicht bt die gleichen Venefizien wie die
mittelalterlichen Hexen. Sie bezaubern den Menschen durch den bsen Blick
oder bse Worte; durch seine Beschwrungen und Knste zwingt er die
Dmonen, da sie seinen Befehlen gehorchen und Menschen wie ganze Lnder
mit Krankheit, Besessenheit und Tod berziehen. Durch Zauberei,
Verwnschungen und wirkliches den Zaubertrnken beigemischtes Gift ttet er
die Menschen, whrend umgekehrt die zur Heilung der Zauberei angewendete
Beschwrung den tdlichen Ausgang auf den Schwarzknstler zurckzuwlzen
sucht. So lautet ein hierhergehriger Passus einer assyrischen Beschwrung,
die gegen die bsen Knste einer Hexe gerichtet ist[28]: Da sie sterbe
und ich am Leben bleiben mge!

Bei den Akkadern wird wie bei den Thessaliern, den brigen Vlkern des
Altertums und den Hexen die Schwarzkunst hauptschlich von den Frauen
betrieben, weshalb sich auch eine groe Anzahl assyrischer Beschwrungen
gegen das Treiben der Zauberinnen und Hexen richtet. Bei den
mesopotamischen Vlkern herrschte auch der Glaube, da die Hexen auf
Besenstielen durch die Luft ritten, und das dazu bestimmte Stck Holz
(+gusur+) heit das Reitthier der Hexe (+rakabu sa kasipti+).

Ein lebhaftes Bild von den Knsten der akkadischen Hexen entwirft uns
folgende Beschwrung[29]:

    Der Zauberer hat mich durch Zauber bezaubert, er hat mich durch seinen
        Zauber bezaubert;
    Die Zauberin hat mich durch Zauber bezaubert; sie hat mich durch ihren
        Zauber bezaubert;
    Der Hexenmeister hat mich durch Hexerei behext; er hat usw.;
    Die Hexe hat mich durch Hexerei behext; sie hat mich usw.;
    Die Zauberin hat mich durch Hexerei behext, sie hat mich usw.
    Derjenige, der Bildnisse anfertigt, entsprechend meiner ganzen
        Erscheinung, hat meine Erscheinung bezaubert;
    Er hat den mir bereiteten Zaubertrank ergriffen und meine Kleider
        verunreinigt.
    Er hat meine Kleider zerrissen und sein zauberisches Kraut mit dem
        Staube meiner Fe vermengt[30],
    Da der Feuergott, der Held, ihre Zaubereien zu Schanden machen mge!

Eine andere Beschwrung derselben Tafel spricht von dem Zauberer, der die
Nachtwachen mit Zauberei hinbringt, schdliche Worte spricht,
zauberische Knoten schrzt, die gelst werden mssen[31], und schliet
mit dem Wunsche, da er durch das Machtwort der Gtter beschworen werden
mge!

Das Venefizium wurde von den Akkadern wie von den Hexen durch die
Beschwrung, die symbolische Handlung und den Zaubertrank ausgebt, der
unter Umstnden irgend ein pflanzliches oder mineralisches Gift ist.

Der Bildzauber spielt eine groe Rolle und scheint eine der hufigsten
Manipulationen der chaldischen Schwarzknstler gewesen zu sein, denn in
fast allen Beschwrungen wird vor dem Anfertiger des Ebenbildes gewarnt.
Diese Manipulation scheint sich Jahrtausende hindurch fortgeerbt zu haben,
denn der im 14. Jahrhundert lebende arabische Geschichtsschreiber Ibn
Chaldn berichtet als Augenzeuge von den am untern Euphrat lebenden
nabatischen Zauberern[32]:

Wir haben mit eigenen Augen gesehen, wie einer dieser Schwarzknstler das
Bildni einer Person herstellte, die er bezaubern wollte. Die Bildnisse
bestehen aus Stoffen, deren Qualitt sich je nach den Absichten und Plnen
des Zauberers richtet, und deren symbolische Bedeutung mit dem Namen und
Stand seines Opfers gewissermaen harmonirt. Nachdem der Zauberer das
Bildni, welches die zu bezaubernde Person thatschlich oder sinnbildlich
darstellt, vor sich aufgestellt und einige Worte darber gesprochen, speit
er einen Theil des im Munde gesammelten Speichels gegen dasselbe, whrend
er gleichzeitig die Organe bewegt, mittelst deren die Buchstaben der
verhngnivollen Formel ausgesprochen werden. Endlich spannt er ber
diesem symbolischen Bildni eine bereit gehaltene Leine, in welche er einen
Knoten macht[33], womit er andeuten will, da er mit Entschlossenheit und
Beharrlichkeit handelt und mit dem Dmon, der im Augenblick des Ausspeiens
seine Handlung untersttzte, einen Bund schliet, und beweist, da er die
feste Absicht hegt, den Zauber unlsbar zu machen. Ein bser Geist, der, im
Speichel verborgen, dem Munde des Zauberers entfhrt, nimmt an diesen
unheilvollen Handlungen und Worten Theil, whrend allmhlich noch andere
bse Geister hinzutreten, soda der Zauberer vollkommen im Stande ist,
seinem Opfer das Bse anzuthun, was er ihm angewnscht hat.

Des magischen Knpfens der Knoten bedienten sich brigens auch die
helfenden Magier, und eine akkadische Formel sagt u.a.: Silik-mulu-khi,
Eridhus Sohn, durchschneide den Knoten mit deinen reinen, heiligen Hnden!
Es scheint jedoch hier die Lsung eines in schdigender Absicht geknpften
magischen Knotens von Seiten eines helfenden Zauberers gemeint zu sein, wie
wir hnlichen Manipulationen beim Nestelknpfen und andern magischen
Knsten des Mittelalters begegnen.

Das mchtigste Zaubermittel des akkadischen Bsewichts war die
Verwnschung, welche nicht allein die Dmonen entfesselte, sondern auch die
Gtter beeinflute, insofern sie deren Handlungen und Worte mit schdlichen
Eigenschaften ausstattete. Nach chaldischer Anschauung machten sich die
Schwarzknstler durch ihre Verwnschungen die ber die einzelnen Menschen
wachenden Gtter unterthan und verwandelten ihre wohlthtige Macht in eine
feindliche. Dieser Gedanke liegt folgender Beschwrung zu Grund[34]:

    Die schndliche Verwnschung, sie wirkt auf den Menschen wie ein bser
        Dmon;
    Der Spruch der Verwnschung schwebt ber ihm;
    Der Spruch des Verderbens schwebt ber ihm;
    Die schndlichste Verwnschung, sie ist der Zauber, der den Irrsinn
        hervorrief.
    Die schndliche Verwnschung, sie erwrgt diesen Menschen wie ein Lamm.
    Sein Gott hat sich aus dem Innern seines Krpers entfernt;
    Seine Gttin, aufgebracht, hat sich anderswo niedergelassen,
    Die drhnende Stimme umhllt ihn wie ein Schleier, sie schmettert ihn
        zu Boden durch die Kraft ihres Schalles.

Hierauf kommt Silik-mulu-khi dem Verwnschten zu Hilfe und befragt Ea um
Rat, welcher antwortet:

    Reich' ihm die Hand von der Hhe der glnzenden Wohnsitze herab;
    Zerstre das bse Geschick, befreie ihn vom bsen Geschick,
    Welches bel auch in seinem Innern whlen mag,
    Sei es eine Verwnschung seines Vaters,
    Eine Verwnschung seiner Mutter,
    Eine Verwnschung seines lteren Bruders,
    Oder gar der Fluch eines Unbekannten.
    Das bse Geschick, mge es auf den Zauberspruch, den Ea verkndet,
    Gleich einer Zwiebel sich abschlen,
    Gleich einer Dattel zerstckelt,
    Gleich einem Knoten gelst werden!
    Das bse Geschick! Geist des Himmels, beschwre es! Geist der Erde,
        beschwre es!

Die Fortsetzung des Zauberspruches zerfllt in eine Anzahl von Strophen,
welche zu symbolischen Handlungen gesprochen wurden, die sich aus den
Anfngen derselben ergeben. So heit es:

    I.  Gleichwie diese Zwiebel ihrer Schale beraubt ist, so wird es auch
        dem bsen Zauber ergehen!
    Das lodernde Feuer wird sie verzehren!
    II. Gleichwie diese Dattel in Stcke zerschnitten ist, so wird es auch
        dem bsen Zauber ergehen!
    Das lodernde Feuer wird sie verzehren!
    III. Gleichwie dieser Knoten gelst ist, so wird es auch dem bsen
        Zauber ergehen! usw.
    IV. Gleichwie diese Wolle zerfetzt ist, so usw.
    V.  Gleichwie dieses Fhnlein zerrissen ist, so usw.
    VI. Gleichwie dieses gewalkte Tuch zerfetzt ist, so wird es auch dem
        bsen Zauber ergehen!
    Das Feuer wird es verzehren!
    Der Walker wird es nimmermehr frben und zu einem Kleidungsstck
        verwenden,
    Es wird nimmermehr zum Gewand eines Knigs, eines Gottes erwhlt
        werden!
    Der Mensch, der den bsen Zauber verhngt hat, desgleichen sein Weib,
    Die gewaltsame Einwirkung, das Zeigen mit den Fingern, die bezaubernde
        Schrift, die Verwnschung und sndige Rede,
    Das bel, welches meinen Unterleib, mein Fleisch, meine Wunden
        behaftet,
    Mge dies Alles zerfetzt werden wie dieses gewalkte Tuch!
    Mge es noch an diesem Tage vom lodernden Feuer verzehrt werden!
    Mge sich das bse Verhngni verziehen, mge es wieder hell um mich
        werden!

Soviel von der schwarzen Magie der Akkader.

Wie bereits oben gesagt, ging der akkadische Kultus der Naturgeister in die
Staatsreligion der Chalder ber, in welcher er eine untergeordnete
Stellung einnahm, whrend die Naturgeister selbst zu niedrigen, kaum ber
den Menschen stehenden Emanationen wurden. Die akkadischen Zauberpriester,
die wir uns wohl als eine Art Medizinmnner oder Schamanen zu denken haben,
fanden Aufnahme in die Priesterkaste der Chalder, hnlich wie in Indien
Priesterfamilien der braunen, den Ariern vorausgehenden Rasse unter die
Brahminen aufgenommen wurden. Aber diese Zauberpriester bildeten nach ihrer
Aufnahme besondere, den andern Priestern im Rang nachstehende
Krperschaften, die +Khartumim+, +hakamim+ und +asaphim+ des Buches Daniel.

Die Sammlung ihrer berlieferten Beschwrungen, welche wohl um diese Zeit
abgeschlossen wurde, fand Aufnahme unter die heiligen Bcher der Chalder
und erhielt einen kanonischen Charakter. Sie war das Hauptlehrbuch dieser
der Magie ergebenen Priesterkollegien, hnlich wie man in Indien das
Atharva-Veda, welches in vielen Stcken mit dem ursprnglichen reinen
Glauben der Arier wie auch mit der orthodoxen brahminischen Lehre in
Widerspruch stand, unter die heiligen Bcher aufnahm, insofern es als den
Priesterfamilien Goptris oder Angiras angehrend betrachtet wurde.

Die akkadische Magie beruht auf dem Glauben an unzhlige persnliche
Geister, welche berall in der Natur verbreitet und bald mit den von ihnen
beseelten Naturkrpern eins sind, bald eine von diesen abgesonderte
Existenz besitzen. Diese naive Anschauung des bersinnlichen ist dem
Fetischismus nahe verwandt, mit welchem sie das blinde Vertrauen zu den an
die Stelle der Fetische tretenden Talismanen gemein hat. Die genannten
Geister rufen alle Naturerscheinungen hervor; sie beleben und beherrschen
alle Geschpfe, verursachen das Gute und Bse, leiten die Himmelskrper in
ihren Bahnen, fhren den Wechsel der Jahreszeiten herbei, bewirken das
Wehen der Winde, erzeugen den Regen sowie alle guten und schadenstiftenden
atmosphrischen Erscheinungen; sie machen den Boden fruchtbar, lassen die
Pflanzen keimen und reifen; sie sind die Erzeuger und Erhalter der
Lebenskraft und die Bringer von Krankheit und Tod. Diese Geister wohnen
berall: im Sternenhimmel, in der Atmosphre, auf der Erde, in der Luft, im
Feuer und Wasser. Jeder Himmelskrper wird von Geistern bewohnt. Man
verleiht diesen Geistern sichtbare, bestimmte Persnlichkeiten.

Wie berall in der Natur Bses und Gutes, Licht und Nacht, Leben und Tod,
Gesundheit und Krankheit einander gegenberstehen, so findet sich --
hnlich wie bei Zoroaster -- auch bei den akkadischen Zauberpriestern ein
ausgesprochener Dualismus in ihren Vorstellungen von der Geisterwelt, von
welcher sie weniger Gutes erhoffen, als Bses frchten. Gewaltige Gruppen
bser und guter Geister stehen einander gegenber und bekmpfen sich
unaufhrlich in allen Teilen des Weltalls. Die abwechselnden Siege und
Niederlagen der guten Geister verursachen den Wechsel zwischen guten und
bsen, glcklichen oder unglcklichen Ereignissen und lassen auf den
regelmigen Verlauf der Dinge pltzliche Katastrophen folgen. Mit jedem
Stern, jedem Element, jedem Wesen und Ding sind gute wie bse Geister
verbunden, leben und weben in ihm, weshalb denn auch berall Zwietracht
herrscht und nichts vom Kampfe zwischen dem Guten und Bsen verschont
bleibt. Dieser Kampf wird -- dem niederen kulturellen Standpunkt der
Akkader entsprechend -- in berwiegender Weise als ein physischer
aufgefat, und die ethische Seite desselben tritt selbst in den religisen
Hymnen vllig zurck. In einer an gewisse Stellen des alten Testaments
erinnernden Weise erscheinen in den magischen Texten der Akkader Verste
gegen den Ritus als die schwersten Vergehen, welche durch uere Gebruche
geshnt werden mssen. Eines der grten Verbrechen ist die unterlassene
Anrufung der guten Geister und der mit den bsen eingegangene Bund. Wir
haben also hier das Urbild des Paktes mit dem Teufel.

Auf dieser dualistischen Grundlage beruht auch die fromme und erlaubte
akkadische Magie, welche als Theurgie, als ein durch heilige Gebruche
zwischen den Menschen und der Welt der guten Geister vermittelter Verkehr
zu betrachten ist.

Der Mensch ist selbst in den bestndigen Streit zwischen den guten und
bsen Geistern verwickelt, ohne ihm entrinnen zu knnen. Alles ihm
widerfahrende Gute rhrt von den guten, alles Bse von den bsen Geistern
her. Deshalb bedarf er des Beistandes der guten gegen die bsen Geister und
die von diesen hervorgerufenen Krankheiten und Plagen. Denselben gewhren
ihm die allmchtigen, geheimnisvollen Worte der Beschwrungen der
Zauberpriester, ihre Bannungen und Talismane. Allein durch diese werden die
bsen Dmonen vertrieben und die guten herbeigerufen. Ja man hat einen so
hohen Begriff von der Allgewalt dieser Beschwrungsworte und Gebruche
usw., da man annimmt, sie erhhten die Kraft der guten Geister im Kampfe
gegen die bsen, da sie dieselben unberwindlich machten und ihnen den
Sieg verliehen. Darum beschirmen die Zauberpriester nicht nur die Menschen,
sondern verhindern auch schdigende Naturereignisse und greifen
entscheidend in den Kampf der guten und bsen Geister ein.

Die guten Geister wurden in Klassen geteilt, welche mit denen der Dmonen
parallel liefen; jedoch sind die keilschriftlichen Angaben ber die
Einteilung und Rangordnung der guten Geister noch ungenauer als die ber
die Klassifizierung der bsen erhalten gebliebenen. Nur soviel ist
ersichtlich, da die Geisterrassen der +alad+, +lamma+ und +utuk+ sowohl
unter den guten, als unter den bsen Geistern vorkamen, insofern in den
Beschwrungen sehr hufig der gute +alad+, der gute +lamma+ und der
gute +utuk+ den bsen entgegengestellt werden. Auch ist von
Elementargeistern (+zi+) im engeren Sinn, Schutzgeistern und krperlich
gestalteten Engeln die Rede, unter denen namentlich die auf Erden
wohnenden +anunna+ und die unter dem Himmel schwebenden +igigi+ oder
+igaga+ unterschieden werden.

Auf der Spitze dieser Geisterleiter stehen eine Anzahl Gtter, -- +ana+,
+dingi+ oder +dimmer+--, welche sich jedoch nicht erheblich von den
Geistern (+zi+) unterscheiden und nur dadurch auszeichnen, da man ihnen
eine grere Macht oder einen greren Wirkungskreis beilegt. Soweit sich
das Intellektualsystem der Akkader bersehen lt, ist ein Gott von einem
Naturgeist nur dadurch unterschieden, da er an weniger enge rumliche
Grenzen gebunden ist und einen greren Teil des Universum, eine grere
Menge von Naturvorgngen und eine besondere Gruppe von Menschen und Dingen,
von welchen brigens eine jede Individualitt durch einen besondern Geist
beherrscht wird, regiert.

Diese Gtterklasse erscheint uerst zahlreich. Viele werden in den
Beschwrungen gegen die Dmonen und Krankheiten sowie in den magischen
Hymnen genannt; viele werden aber auch nur an einer einzelnen Stelle und
unter Umstnden erwhnt, da man daraus nichts Bestimmtes ber ihre
Persnlichkeiten, mter usw. entnehmen kann.

Um die akkadische Geisterlehre vllig verstehen zu knnen, mssen wir uns
mit den Begriffen bekannt machen, welche sie von Himmel und Erde hatten:

Die Akkader dachten sich die von den Menschen bewohnte Erde (+k+) als eine
umgestrzte Barke in Gestalt einer halben Kugel, deren innere, nach unten
geffnete Hhlung der Abgrund, die Unterwelt (+ge+) ist, in welcher die
Toten wohnen (+kur-nu-ga+, +kgal+, +arali+), und in welcher auch die Sonne
ihre Wanderung whrend der Nachtzeit vollbringt. ber der Erde dehnt sich
der Himmel (+ana+) wie eine Decke aus. Derselbe dreht sich mit den
Fixsternen (+mul+) um den Berg des Ostens (+charsak kurraj+), nmlich um
eine Himmel und Erde verbindende, dem Himmel als Axe dienende Sule. Dieser
Berg ist nordstlich von Akkad gelegen, welches -- unter dem Zenith
(+nuzku+) befindlich -- der Mittelpunkt der bewohnten Erde ist. Weiter
nordstlich vom Berge des Ostens befindet sich das Land der Aralli, der
goldreiche Wohnsitz der Gtter und seligen Geister.

In spterer Zeit nahmen die chaldischen Astrologen einen sphrischen
Himmel an, welcher die Erde nach allen Seiten hin umschlo; jedoch lassen
gewisse charakteristische Ausdrcke die Vermutung zu, da man in der Zeit,
in welcher der grte Teil der magischen Urkunden abgefat wurde, sich den
Himmel als Halbkugel dachte, deren unterer Rand als Fundamente des
Himmels (+uru ana+) auf den uersten Enden der Erde jenseits des groen
Wasserbeckens (+abzu+) ruhten, welches das Festland gerade wie der Okeanos
des Homer umgab. Die Planeten, welche, wie ihr akkadischer Name +lubad+ --
Leithammel -- anzeigt, als lebende Wesen betrachtet wurden, bewegen sich in
einer niedern Sphre (+ul-gana+), die sich unterhalb des Fixsternhimmels
(+e-sara+) befindet. Jedoch findet sich in diesen Texten noch keine Spur
einer Annahme konzentrischer Planetenbahnen. Der Fixsternhimmel trgt den
Ocean der himmlischen Gewsser (+ziku+), welche noch in der
mittelalterlichen Magie spuken; derselbe wird auch wie der irdische Ocean
als ein alles umschlingender Flu gedacht.

Das Universum besteht aus drei Regionen, dem Himmel, der Erde und Luft
sowie endlich dem Abgrund. ber diese drei Regionen gebieten die drei
mchtigsten Gtter: Ana, Ea und Mul-ge oder Elim, entsprechend den
chaldischen Anu, Ea und Bel. Der akkadische Ana ist jedoch nicht nur der
Himmel selbst, sondern auch der Gott desselben und der oberste Herr der
Naturgeister.

Ea ist der gewaltige Fisch des Oceans (+gal-chana-abzu+), den er bewohnt,
der Oannes (+ea-chan+) des Berosus. Derselbe nennt Ea den Beschtzer und
Retter des Xisuthros (+khasisatra+), des chaldischen Noah und sagt,
nachdem er erzhlt hat, wie das Schiff des Gerechten auf einem hohen Berge
stehen geblieben war: Ein Theil dieses gestrandeten Schiffes ist noch
vorhanden in den korydischen Bergen in Armenien, und Wallfahrer holen von
da Asphalt, den sie vom Wrack abkratzen, um es als Mittel gegen Bezauberung
zu gebrauchen. hnlich sagt der Auszug des Abydenus: Aus dem Holze des
Schiffes machen die Bewohner des Landes Amulette, welche sie zum Schutz
gegen Bezauberung um den Hals hngen.

ber die Vorstellungen, welche die Akkader von der Gestalt der Erde hatten,
wurde bereits das Ntige gesagt; es bleibt nur noch brig, die
Anschauungen derselben von der Unterwelt, dem Abgrund und Land ohne
Heimkehr zu entwickeln. In der Hllenfahrt der Istar wird dasselbe hnlich
dem hebrischen Scheol folgendermaen geschildert:

    Die Tochter des Sin (Istar) hat ihren Geist gerichtet
    Auf die Sttten der Auflsung, den Sitz des Gottes Irkalla,
    Auf die Sttte, in die man eintritt, ohne wiederzukommen[35],
    Auf den Pfad, den man wandelt, ohne wiederzukehren,
    Auf die Sttte, wo Allen, die da eintreten, das Licht durch Blindheit
        ersetzt wird,
    Wo die Menge nur Staub fr ihren Hunger, nur Schlamm zu ihrer
        Nahrung hat,
    Wo man das Licht nicht erblickt und im Finstern wohnt,
    Wo die Schatten gleich Vgeln gekleidet sind in ein Gewand von Flgeln,
    Wo auf der Thr und den Thrflgeln der Staub sich anhuft.

In Istars Hllenfahrt wird eine Quelle des Lebenswassers erwhnt, welche
sich im Hintergrund des Landes ohne Heimkehr befindet und von den
unterirdischen Mchten eiferschtig vor der Annherung der Schatten
(+utuk+) der Verstorbenen bewacht wird. Nur ein Befehl der himmlischen
Gtter kann sie veranlassen, eine Annherung zu gestatten; wer aber das
Wasser des Lebens getrunken, kehrt lebend an das Tageslicht zurck. --
Eine hnliche Vorstellung hat wohl schon zur Zeit der Abfassung der
magischen Texte existiert, weil ein Hymnus auch dem Silik-mulu-khi, dem
Mittler zwischen Gott und Mensch, die Macht zuschreibt, die Todten ins
Leben zurckzufhren. -- Auch Diogenes Lartius berichtet ausdrcklich,
da die Chalder an eine Auferstehung glaubten, nach welcher die Menschen
unsterblich sein sollten.

In dem genannten chaldischen Epos wird das Land ohne Heimkehr nach dem
Vorbilde der Planetensphren in sieben konzentrische Kreise geteilt, zu
welchen sieben Thore und Verschlsse der Welt fhren, die man sich
vermutlich rings um den Saum der Erde verteilt dachte. Der Haupteingang in
die Unterwelt, welchen der Gott Negab (Thrhter), der groe Thrhter der
Welt bewachte, lag im Westen in der Nhe des groen Berges, welcher dem
Berge des Ostens, der Wiege des Menschengeschlechts und dem
Versammlungsort der Gtter gegenberliegt.

Whrend die Pelasger die Gtter der Unterwelt als die Erzeuger der
Fruchtbarkeit verehrten, verehrten die Akkader die Sonne der Unterwelt[36]
als den Gott der glnzenden Steine und Metalle, aus welchen die Talismane
gefertigt wurden. Die magischen Bcher kennen einen Gott des Goldes, des
Silbers und Kupfers, einen Gott und Herrn des Ostens in seinem Berg von
Edelsteinen und einen Gott der Ceder, welcher namentlich bsen Zauber
abwendete.

In einem Hymnus an Nin-dara werden fter kostbare Steine erwhnt, deren
talismanische Krfte ihr Besitzer Nin-dara gegen das feindliche Land
richtet, woraus sich wohl die Thatsache erklren lt, da das Altertum den
Ursprung des talismanischen Zaubers nach Chalda verlegt. Das Buch, welches
nach Angabe des Plinius der Babylonier Zacharias ber Talismane verfate
und dem Knig Mithridates widmete, gehrte wahrscheinlich zu den Produkten
der griechisch-babylonischen Litteratur, welche zu den alten akkadischen
Zauberbchern in einem hnlichen Verhltnis standen wie die hermetischen
Bcher zu den Schriften der alten gypter.

Die der Hlle entsprossenen Dmonen hegen wie die Schwarzknstler eine
groe Vorliebe fr die Finsternis und schleichen unter dem Schutz der
Finsternis als Plagegeister umher, welche die Menschen berall belstigen
und heimsuchen. Die Finsternis galt deshalb als sichtbare Offenbarung des
bsen Prinzips ebenso wie das Licht als Offenbarung des guten. Utu, die
Tagessonne, verscheucht die Dmonen und Zauberer:

    Du machst die Lge schwinden, du vernichtest den bsen Einflu
    Der Wunder, Vorbedeutungen, Zaubereien, Trume und schdlichen
        Erscheinungen.

Ein anderer Gegner der Dmonen und Zauberer ist Ini oder Mermer, der Gott
der Winde und fruchtbaren Regen, welcher spter in den chaldischen Bin
oder Ramann, den Gott aller atmosphrischen Erscheinungen umgewandelt
wurde.

Auch der Feuergott Bil-gi ist ein mchtiger Widersacher der Zaubereien und
Bekmpfer der bsen Dmonen, als welchen ihn folgendes Fragment preist:

    Der du die bsen Maskim verjagst,
    Der du gedeihen lt die Wohlfahrt des Lebens,
    Der du des Bsen Brust in Schrecken bannst,
    Hter des Orakels des Mul-Gelal.
    Feuer, Vernichter des Feindes,
    Schreckliche Waffe, welche die Pest vertreibt,
    Welche befruchtet und leuchten lt,
    Welche unter den sieben Gttern die Bsen vernichtet.

Ini, der altakkadische Feuergott, nahm bei den Babyloniern einen solaren
Charakter an und wird als Izdhubar der Held eines der bedeutendsten
chaldischen Epen, in welchem auch die Sintflutmythe eine besondere Episode
bildet. Er wird wie Bil-gi der Herr der Talismane genannt, und seine
hauptschlichsten Prdikate sind: +puvalu+, Riese, und +puvalu-emuki+,
Riese an Macht. Sein Abzeichen ist das Schilfrohr, welchem wir als
Zauberstab schon oben begegneten, und das spter an Silik-mulu-khi
bergeht.

Silik-mulu-khi, der Verknder des Willens und der Ratschlge Eas, der
Mittler zwischen ihm und der Menschheit, ist eng mit dem Erzengel raoscha,
dem Heiligen und Gerechten des Zoroastrismus verwandt, ebenso mit Mithra,
wie man denselben am Ende der Periode der Achmeniden unter dem Einflu des
medischen Magismus zur Zeit der Zersetzung der alten mazdeischen Lehre
auffate.

Eine andere Analogie zwischen der Magie der Akkader und der sptern
mazdeischen Religion findet sich in der Lehre von den Feruern, welche im
Zoroastrismus die reinen Formen der Dinge, himmlische Urbilder der
irdischen Wesen sind. Jeder Engel, jeder Mensch, jeder Stern, ja jedes Tier
und jede Pflanze hat seinen eigenen Feruer, seinen unsichtbaren
Schutzgeist, welcher bestndig ber ihm wacht, und den der Mensch durch
Gebet und Opfer um Gnade anfleht. Diese Feruer sind offenbar die den
Einzelwesen vorstehenden Geister der Akkader, welche in den sptern
Parsismus Aufnahme fanden und hier ihren Platz auf den untern Stufen der
Hierarchie des guten Prinzips fanden.

Wie im Zendavesta jeder Mensch seinen Feruer besitzt, so ist bei den
Akkadern einem jeden von Geburt an ein besonderer Gott zugeeignet, welcher
ihn beschtzt, in ihm lebt und sein geistiges Urbild ist.[37] Nach einer
Vorstellung entspricht jedem Menschen sogar ein Gott und dessen Gttin,
reine Geister ber ihm. Daher heit es auch so hufig anstatt z.B. der
fromme Mensch, der fromme Knig: der Mensch, Sohn seines Gottes, der
Knig, Sohn seines Gottes. Daher ruft auch z.B. in einer Beschwrung der
Priester dem Feuergott zu: Mit dir sei in Frieden das Herz meines Gottes
und meiner Gttin, der reinen Geister! und deshalb heit es: Er werde
zurckversetzt in die gndigen Hnde seines Gottes!

Diese Schutzgtter sind brigens keineswegs vollkommene Wesen, sondern
teilen die menschliche Natur ihrer Schutzbefohlenen mit ihren
Unvollkommenheiten und Schwchen. Sie knnen samt den mit ihnen verbundenen
Menschen von den Dmonen und Zauberern bezwungen und dienstbar gemacht und
sogar dahin gebracht werden, alles Bse im Menschen zu bewirken und zu
veranlassen, was Dmonen und Zauberer befehlen. Wenn z.B. der Pestdmon
Namtar einen Menschen ergriffen hat, so befinden sich der Gott und die
Gttin des Menschen ebensogut in der Gewalt des Geistes der Krankheit als
dessen Krper. Es lt sich mithin sagen, da der besondere Gott und die
besondere Gttin eines Menschen einen Teil seiner Seele bilden, was auch
von den zoroastrischen Feruern gilt, nur da die Auffassung der letzteren
eine dem transcendentalen Subjekt entsprechende hhere war und sich von
der Stofflichkeit und Unvollkommenheit des irdischen Menschen besser
abgelst hatte.




Zweites Kapitel.

Das Divinationswesen der Chalder.


Das chaldische Divinationswesen gehrt der sechzehn Jahrhunderte
umfassenden Periode an, welche von SargonI., Knig von Agane, bis zu
Alexander dem Groen reicht.

Aus den im vorigen Kapitel angegebenen Elementen hatte sich die chaldische
Staatsreligion herausgebildet und war in den in Babylonien, Assyrien und
Chalda gleich einflureichen Priesterschulen nach einem einheitlichen
philosophischen System geregelt worden. Ihre ein zusammenhngendes Ganze
bildenden Lehren waren in den heiligen Bchern codifiziert und wurden in
den Tempeln und Priesterschulen, deren einflureichste sich zu Erech
befand, gelehrt.

Wie schon gesagt, nahm die akkadische Magie in dieser Staatsreligion nur
eine niedere Stufe ein, denn die den forschenden Geist der Priester der
neuen Religion belebenden Ideen waren ganz anderer Natur. Die Basis
derselben war die Astrologie, welche die im Altertum sprichwrtlich
gewordene Hauptbeschftigung der Chalder bildete. Die Bezeichnung Chalder
hat hier jedoch keine ethnische Bedeutung, sondern wird im Sinne der Bibel
wie der Griechen fr die Angehrigen jener groen Priesterkaste gebraucht,
welche sich nach der eingangs erwhnten groen Reformation um das Jahr 2000
v.Chr. ber Babylonien wie Chalda verbreitete und ihren allgewaltigen
Einflu auch auf die assyrische Kultur ausbte.

Philo sagt: Die Chalder scheinen die Sternkunde und Wahrsagerei vor allen
andern Vlkern gepflegt und befrdert zu haben. Sie brachten die irdischen
Dinge mit den himmlischen, mit andern Worten den Himmel mit der Erde in
Verbindung und suchten dann aus den wechselseitigen Beziehungen dieser nur
rumlich, nicht wesentlich geschiedenen Theile des Weltalls auch den
harmonischen Einklang derselben nachzuweisen. Sie stellten die Vermuthung
auf, da die sinnliche Welt an sich oder doch wenigstens durch die sie
belebende Kraft Gott sei, und riefen, indem sie diese Kraft unter dem Namen
Verhngni oder Nothwendigkeit vergttlichten, den reinen Atheismus hervor,
denn sie erweckten den Glauben, da alle Naturerscheinungen nur eine
sichtbare Ursache htten, und da von der Sonne, dem Mond und dem Laufe der
Gestirne das Glck oder Unglck eines jeden Menschen abhnge.

Der Kern der chaldischen Lehren, ihre Licht- und Schattenseiten knnen
wohl kaum treffender charakterisiert werden; nur ist das, was Philo ber
den Atheismus und Materialismus der Chalder sagt, eben so wenig wrtlich
zu nehmen als eine hnliche Stelle des Diodorus Siculus[38]:

Die Chalder behaupten, da die Welt ihrem Wesen nach ewig sei, da sie
keinen Anfang gehabt habe und kein Ende haben werde. Die Schnheit und die
Ordnung des Weltalls schreiben sie einer gttlichen Vorsehung zu und
behaupten dennoch, da auf Erden keine Erscheinung, kein Vorkommni
zufllig oder spontan, sondern schon im Voraus von den Gttern bestimmt
sei.

Die von Diodorus gemeinte Vorsehung ist nicht die schaffende, sondern die
ordnende Urkraft, welche einerseits mit der Ewigkeit der Welt verbunden
ist, andererseits aber nach einem hheren Willen den Lauf der Gestirne in
den bestimmten Bahnen regelt. Dieses Gesetz aber ist nichts anderes als das
Verhngnis oder die Notwendigkeit des Philo, das Gesetz und die Harmonie,
welche Sanchuniathon personifiziert[39], die Thuro-Chusartis der
phnizischen Theologie, das Sinnbild der Einheit der unwandelbaren Ordnung
und wunderbaren Harmonie des Weltalls. Die Bezeichnung Atheismus ist
insofern unzutreffend, als die Chalder ein gttliches Urwesen oder eine
allgemeine Weltseele, aus welcher alle niederen Gottheiten emanierten,
annahmen. Nur leiten sie dieses gttliche Urwesen von der Materie ab,
welche sie sich niemals vllig von ihm getrennt dachten. Deshalb war auch
ihr Gott weder ein Wesen an sich, noch rein geistiger Natur, noch auch
unumschrnkt. Er war als Ordner und Leiter der Welt doch durch das
unbeugsame Gesetz der Notwendigkeit gebunden, nach dessen Bestimmungen er
durch seine oberste Emanation die Schpfung der Welt hatte vollbringen
lassen.

Die Neigung zur Astrologie erwuchs den Chaldern aus ihren eigentmlichen,
den nrdlichen Semitenvlkern entlehnten religisen Anschauungen. Indem sie
den Himmel, die Harmonie seiner Bewegung und die Einwirkung der Sonne auf
alle Lebewesen beobachteten, waren sie in durchaus naheliegender Weise
dahin gekommen, alle Naturerscheinungen mit den Sternen, namentlich mit den
Planeten, in Verbindung zu bringen; sie fhrten den Gestirndienst ein. Die
Chalder verehrten die Gestirne nicht nur als die glnzendste Offenbarung
der gttlichen Macht, sondern verehrten sie als Gottheiten. Auch fhrten
sie zuerst systematische astronomische Beobachtungen ein, wie sie zur
Einteilung der Zeit und Innehaltung ihrer religisen Feste unbedingt
notwendig waren.

Diese Beobachtungen nahmen sie auf ihren Pyramiden vor, welche in
Stockwerke geteilt und wie die gyptischen mit den Seiten nach den
Himmelsgegenden orientiert waren. Die Zahl der Stockwerke schwankt zwischen
drei zu Ur und sieben zu Borsippa am groen Turm, den Nabukudurussur wieder
herstellen lie. Die drei Stockwerke zu Ur entsprechen der Trias der Gtter
der Sonne, des Mondes und der Luft, Samas, Sin und Bin. Fnf Stockwerke,
welche ebenfalls vorkommen, entsprechen den Planeten, und sieben den
Planeten samt den Lichtern. Alle Pyramiden von sieben Stockwerken sind mit
den Farben der Planeten bertncht.[40] Sie waren sowohl die Sttten des
Gestirnkultus als auch wirkliche Observatorien, wie Diodorus Siculus von
der groen Pyramide zu Babylon ausdrcklich sagt. Man glaubte sich durch
sie den Gttern stufenweise zu nhern, und auch auf einem Basrelief von
Denderah ist die in den Geheimlehren des Altertums eine so groe Rolle
spielende Leiter in dieser Gestalt abgebildet, und auch Celsus bedient sich
bei der Beschreibung der Mithrasmysterien des Wortes %klimax%, Leiter, in
entsprechender Weise.[41] Die Himmelsleiter Jakobs ist ebenfalls als eine
solche Pyramide zu betrachten.

Die Chalder zeichneten die auf diesen Pyramiden beobachteten
Himmelserscheinungen, Konstellationen, Mondphasen usw. samt ihrem
Zusammenfallen mit irdischen Ereignissen auf und glaubten, indem sie von
der hnlichkeit und Gleichheit der Erscheinungen auf den Parallelismus der
Geschicke schlossen, den Schlssel zu den Rtseln der Zukunft gefunden zu
haben.

Lenormant sagt: Die unabnderliche Regelmigkeit des Laufes der Sterne
und ihr Einflu auf den Wechsel der Jahreszeiten rief die Vorstellung vom
Walten eines unabnderlichen und ewigen Gesetzes hervor, welches durch ein
festes solidarisches Verhltni alle Erscheinungen und Ereignisse verbinden
und die irdischen Dinge von den himmlischen abhngig mache. Und daraufhin
wurde angenommen, da alle beobachteten Coincidenzen sich mit nothwendiger
Gleichheit wiederholen mten.

Die Astrologie nahm allmhlich eine immer bestimmtere Form an, ja sie
machte sogar auf wissenschaftliche Genauigkeit Anspruch, da sie mittelst
der fortgesetzten alltglichen Beobachtungen eine Reihe astronomischer
Wahrheiten erhrtet hatte. Die menschlichen Geschicke und geschichtlichen
Begebenheiten wurden lediglich in die Kategorie der gewhnlichen
Naturereignisse gerechnet, und daher suchte man denn auch das Geheimni
derselben in den complicirten wechselnden Stellungen derselben, sowohl
unter einander als in Bezug auf Sonne und Mond zu ergrnden. Die Gestirne
waren nicht allein Lenker des Weltalls, die bestimmende Ursache aller
Vorkommnisse und Begebenheiten, sondern auch die Verknder derselben. Denn
ihre Stellungen und Erscheinungsphasen hatten smmtlich eine bestimmte
Bedeutung, und wie die ersteren die Ereignisse bestimmten, so waren die
letzteren auch sichere Vorzeichen derselben. Man reihte deshalb alle
wahrgenommenen Coincidenzen der verschiedenen Begebenheiten mit den
Erscheinungen der Sonne, des Mondes, der Planeten und Fixsterne in ein
bestimmtes System ein, unterlie aber gleichzeitig nicht, aus den
allgemeinen Beziehungen der wechselnden Erscheinungen zur Atmosphre neben
den politischen und historischen Prophezeiungen auch manche sich nicht
selten als richtig erweisende Vermuthungen ber das Wetter abzuleiten.
Endlich wurden derartige Beobachtungen und Erfahrungen tabellarisch
verzeichnet, um eben in allen vorkommenden Fllen befragt und als
Richtschnur beobachtet zu werden.

Hier einige Proben derartiger Aufzeichnungen der Keilschriftlitteratur:

Erscheint der Mond auffllig gro, so wird eine Finsterni eintreten.
Erscheint er dagegen auffllig klein, so wird die Ernte des Landes gesegnet
sein. (Unvollkommene Beobachtungen von Perigum und Apogum des Mondes,
welche zufllig mit einer Finsternis und guten Ernte zusammenfielen.)

Zeigt der Mond am 1. und 28. des Monats das gleiche Aussehen, so ist dies
ein verhngnivolles Zeichen fr Syrien. -- Ist der Mond am 30. sichtbar,
so ist dies ein gutes Zeichen fr das Land Akkad und ein bses fr Syrien.

Zeigt der Mond am 1. und 27. des Monats das gleiche Aussehen, so ist dies
ein verhngnivolles Zeichen fr Elam.

Jupiter geht auf, und sein Licht ist hell wie der Tag; in einem Glanze
bildet er hinter sich einen Schweif, hnlich dem Stachel der Scorpione. Es
ist dies ein gnstiges Vorzeichen, welches Glck verkndet dem Herrn des
Hauses und dem ganzen ihm unterthnigen Lande.

Leuchtet im Monat Duz der Stern Entemaslun (Aldebaran) bei seinem Aufgang
sehr hell, so wird die Ernte des Landes sehr gut, und ihr Ertrag ein
reichlicher sein. -- Ist dagegen dieser bei seinem Aufgange verhllt, so
wird die Ernte des Landes mirathen.

Wird der Mond von dichtem Gewlk verhllt, so stehen berschwemmungen
bevor. -- Trinkt der Mond in den Wolken, so wird es regnen.

Man sieht, da diese Aufzeichnungen der frhesten Kindheit der Beobachtung
entstammen und mit Ausnahme der letzten Schlsse vom Prgel auf den Winkel
sind.

Auer den astronomischen Erscheinungen wurden noch die tellurischen eifrig
beobachtet, und es hat sich das Inhaltsverzeichnis eines
augurallitterarischen Werkes aus der Bibliothek des Statthalters von
Niniveh erhalten, welches fnfundzwanzig Tafeln und Kapitel stark war. Von
diesen fnfundzwanzig Kapiteln handelten vierzehn von gnstigen und
ungnstigen tellurischen Erscheinungen, elf von Astrologie. Der Text selbst
ist verloren, und von den Kapitelberschriften sind folgende Reste
erhalten:

1. Also, die Prophezeiungen von Glck und ihr Gegentheil, -- die Anzeichen
von Freude und Trbsal fr das Menschenherz.

2. Also: der Herr des Geldes, der Erklrer der Regengsse--.

Es handelt sich hier offenbar um die Wahrsagung aus den Regen, welche als
Brechomantie noch heute in der Trkei eine groe Rolle spielt.

3. Von den Sternwarten der Stadt.

Die berschrift des vierten Kapitels ist schwer verstndlich; es scheint
von der Deutung des Gesanges oder Geschreis, des Erscheinens und des Fluges
der Vgel des Himmels, der Gewsser und der Erde gehandelt zu haben. Den
diesbezglichen Beobachtungen scheint man besonders dann eine groe
Wichtigkeit beigelegt zu haben, wenn sie in der Stadt und den Straen
derselben gemacht wurden.

6. Zinnober ist ber der Flamme verbrannt.

7. Wird das Aussehen eines Hauses alterthmlich, so ist dies fr die
Bewohner des Hauses ein verhngnivolles Zeichen.

ber diese sogenannte koskopie schrieb bei den Griechen ein gewisser
Xenokrates, und auch der heilige Basilius spricht in seinen Schriften
darber.

13. Ein Traum von hellem Schein, das Land in Feuer, -- ein Traum von
hellem Schein, die Stadt in Flammen.

14. Ein Seedrache mit den Vgeln des Himmels...

Aus den astrologischen Kapitelberschriften sind folgende hervorzuheben.

3. Der Venusstern erhebt sich bei Tagesanbruch...

4. Der Marsstern mit sieben Namen in........

5. Das gleichmige Aussehen von Sonne und Mond..

6. Der gleichzeitige Anblick von Sonne und Mond..

7. Vom 1. und 5. des Monats, der Mond.....

8. Der Stern, welcher vorn einen Stern und hinten einen Schweif
hat....

10. Der Stern +iku+....

11. Der Polarstern, der am Scheitelpunkt (des Himmels) sich um sich selbst
dreht....

Elf Tafeln, betreffend Himmelserscheinungen, unter ihnen der Stern, der
vorn einen Stern und hinten einen Schweif hat, -- die Himmelserscheinungen
.... Die Erscheinungen auf Erden und am Himmel.... Himmel und
Erde....

Die Schluzeilen der Vorderseite dieser Tafel sind nur fragmentarisch
erhalten und betreffen irgend eine Himmelserscheinung, deren
verhngnisvolle Bedeutung auf der Rckseite folgendermaen angegeben wird:

Diese Erscheinung lehrt, da die Stadt des Landesfrsten samt ihren
Einwohnern in die Gewalt des Feindes gerathen wird; Sterblichkeit und
Hungersnoth.... auf der Tafel, die Zahl, welche du genannt, dir
verknden wird, und wie.....

Diese Sammlung von fnfundzwanzig Tafeln betrifft die Erscheinungen am
Himmel und auf Erden, sowie ihre gnstigen und ungnstigen
Vorbedeutungen.... alle Erscheinungen am Himmel und auf Erden....
hierin ist ihre Deutung verzeichnet.

Knig SargonI. lie diese Sammlung sowie ein groes Werk von siebenzig
Tafeln ber alle bis auf seine Zeit erhaltenen astrologischen Resultate
anlegen, welches das Hauptwerk der chaldischen Astrologie und anscheinend
von Berosus ins Griechische bersetzt wurde.

Neben der bienenfleiig getriebenen Beobachtung der astronomischen und
tellurischen Erscheinungen und Vorzeichen bten die Chalder auch das
einfachste und unentwickeltste Divinationsverfahren, die Loswahrsagung. Ich
habe dieselbe in meinen Geheimwissenschaften ausfhrlich beschrieben und
mu darauf zurckverweisen. Hier will ich nur kurz rekapitulieren, da man
in einem Kcher sieben mit Schriftzeichen versehene Pfeilschfte
durcheinander schttelte und aus dem zuerst herausspringenden wahrsagte.
Mit diesen Stben ist nicht das Rohr des Schicksals, der Offenbarung, der
Enthllung (akkad. +gi-namekirru+, +qan-mamiti+, +qan pasari+, assyr.
+kil-killuo+) zu verwechseln, welches durch Bewegungen in der Hand der
Magier Orakel erteilte.

Neben dieser Art Belomantie kannten die Chalder noch ein anderes
Verfahren, welches in einem besonderen Kapitel eines Werkes der Bibliothek
von Niniveh besprochen wird.[42] Es wurden wirkliche Pfeile nach
verschiedenen Richtungen hin abgeschossen und sodann aus der greren und
geringeren Entfernung derselben vom Schtzen, sowie aus der Art und Weise
ihres Niederfallens Schlsse auf die Zukunft gezogen.

Bekanntlich wird diese Wahrsagungsart im alten Testament mehrfach erwhnt.

ber die chaldischen Auguren und Haruspices sagt Diodorus Siculus[43]:
Die Chalder sind erfahren in der Deutung des Vogelfluges und in der
Auslegung von Trumen und Wunderzeichen, auch hlt man sie fr geschickte
Opferschauer, welche genau das Richtige treffen.

Die Auguralwissenschaft der Chalder war demnach, und wie sich aus den
Keilschriften ergiebt, in vier Abteilungen geteilt: in die Beobachtung des
Vogelflugs, in die Wahrsagung aus den Eingeweiden der Opfertiere, in die
Auslegung aller Arten von Naturerscheinungen (%terata%) und in die
Traumdeutung.

Leider sind wir bei dem gnzlichen Mangel an Keilschrifttexten nicht im
Stande, etwas Nheres ber die Vogelschau der Chalder zu sagen; nur soviel
ergiebt sich -- wie schon erwhnt--, da dieselben dem Gesang und Geschrei
der Vgel groe Bedeutung beimaen, wie dies die Griechen, Etrusker und
Rmer ebenfalls thaten.

Nach Festus teilten die Etrusker und Rmer die Vgel in +alites+ und
+oscines+, je nachdem man ihren Flug oder Ruf fr bedeutungsvoll hielt. Bei
den Griechen war die Kunst der %oinpoloi% schon in sehr frher Zeit im
Gebrauch und kommt bereits bei Homer vllig ausgebildet vor. Wahrscheinlich
war sie von Chalda nach Griechenland gekommen. Wie Suidas angiebt, sei sie
eine Erfindung des Telegonus, des Sohnes des Odysseus und der Circe
gewesen, Clemens von Alexandrien hingegen sagt, da sie aus Phrygien
stamme, womit Cicero bereinstimmt, der Phrygien, Cilicien, Pisidien und
Pamphylien als die Lnder nennt, in welchen diese Divinationsgattung
besonders im Schwang sei. Diese Gegenden hatten aber bereits in sehr frher
Zeit die Kultur der Euphratlnder angenommen und mit andern
babylonisch-chaldischen Elementen auch diese Wahrsagungsart nach
Griechenland getragen. Auch die nach Cicero[44] in hohem Grad entwickelte
Auguralwissenschaft der Araber ist wohl auf babylonische Einflsse
zurckzufhren ebenso wie die Spuren, die sich bei den Maudi und Juden[45]
finden. Auch das Haruspicium kennen die Juden, und zwar spricht Hesekiel an
der bekannten Stelle davon[46], wo Nabukudurussur das Pfeilorakel befragt
und sich aus der Leber der Opfertiere weissagen lt.

Nach den Fragmenten des groen auguralwissenschaftlichen Werkes von Knig
SargonI. suchten die Chalder in den Eingeweiden der verschiedensten Tiere
vorbedeutende Anzeichen. Ein Fragment handelt von einem leider nicht nher
angegebenen Vorzeichen, welches man in den Herzen junger Hunde, Fchse,
wilder und zahmer Schafe, Pferde, Esel, Rinder, Lwen, Bren, Fische,
Schlangen u.a.m. beobachten knne. Doch hatte die betreffende Erscheinung
bei jeder Tierart eine besondere Vorbedeutung. Ein zweites Fragment bezieht
sich auf Wahrzeichen, welche man aus der Farbe und dem Ansehen der
Eingeweide der Opfertiere besonders der Esel und Maultiere entnehmen
wollte. So heit es z.B.: Sind die Eingeweide des Esels auf der rechten
Seite schwarz, -- auf der rechten Seite blulich, desgleichen ihre
Windungen, -- auf der rechten Seite dunkelfarbig, -- auf der rechten Seite
kupferfarbig, -- auf der linken Seite kupferfarbig, so sind diese
Erscheinungen ebenso viele Vorbedeutungen fr die Jahreszeiten sowie die
Schicksale des Landes und des Landesherrn. Die gleichen Erscheinungen,
welche auf der rechten Seite gnstig waren, waren auf der linken Seite
ungnstig und umgekehrt. Die auf der linken Seite auftretenden
Erscheinungen waren im allgemeinen ungnstiger als die auf der rechten
vorkommenden.

Andere Vorbedeutungen suchten die chaldischen Haruspices im Innern der
Eingeweide, welche nach vorausgegangener uerer Besichtigung geffnet
wurden. So heit es z.B.:

Zeigen sich im Innern der Eingeweide auf der linken Seite Risse, so tritt
Hader und Zwietracht ein.

Zeigen sich im Innern der Eingeweide auf der linken und rechten Seite
Risse, so tritt ebenfalls Hader und Zwietracht ein.

Ist das Innere der Eingeweide auf der rechten und linken Seite schwarz, so
tritt Zwietracht ein.

Von den noch unverffentlichten Fragmenten bezieht sich nach Lenormant
eines auf die Hepatoskopie, die Leberschau, welche bekanntlich auer bei
den Babyloniern bei den Vlkern des klassischen Altertums eine groe Rolle
spielte. Das erhaltene keilschriftliche Fragment ist klein und verstmmelt
und enthlt nur die Aufzhlung der Flle, welche mit der greren oder
geringeren Entwickelung des einen oder anderen Lappens der Leber oder
beider zugleich sowie mit dem vlligen Schwund des rechten oder linken
Lappens oder aber mit der schwarzen, blulichen, kupferigen oder roten
Frbung eines oder beider Lappen zusammenhngen, worauf die aus dem
Aussehen und der Entwickelung der Gallenblase gezogenen Schlsse folgen.

Die Opferschau verbreitete sich von Babylonien aus ber alle Lnder der
alten Welt: im Norden ber Armenien und Komagene, im Westen ber Phnizien
und Palstina (die O. wird den Juden ausdrcklich verboten[47]) bis nach
Karthago. Vorzugsweise wurde sie in Kleinasien betrieben, wo namentlich die
Einwohner von Telmessos als geschickte Haruspices berhmt waren. Von
Kleinasien kam das Haruspicium sehr frhzeitig nach Griechenland, wo die
Familienangehrigen der Damiden und Klytiaden als Haruspices in groem
Ansehen standen. Der griechischen Tradition zufolge soll Delphos, der Sohn
des Apollo, der Erfinder des Haruspicium gewesen sein, was indessen wohl
nur darauf hindeutet, da die Opferschau vorzugsweise in Delphi ausgebt
wurde. In Italien war diese Divinationsgattung besonders in Etrurien
gebruchlich und erlangte in Rom selbst niemals den offiziellen Charakter,
den die Beobachtung der Auspicien und sonstigen Naturerscheinungen trug.
Zur Zeit, als der Senat die +haruspices+ befragte[48], wurden dieselben aus
Etrurien berufen und bildeten eine besondere Krperschaft, welche
gesetzlich anerkannt war.[49] Die +libri haruspicini+ waren ebenso wie die
+libri fulgurales+ und +tonitruales+[50] etruskische Bcher, deren
Vorschriften und Lehren man fr Offenbarungen des der Erde entstiegenen
Tages hielt.[51]

Auer den Regengssen wurde die Gestalt und Farbe der bei Tage
erscheinenden Wolken eifrig beobachtet und gedeutet, whrend die Deutung
der Beziehungen der nchtlichen Wolken zu den Sternen Sache der Astrologen
war.

ber die erstere Wolkengattung heit es z.B.:

Steigt blulichschwarzes Gewlk am Himmel auf, so wird im Verlaufe des
Tages der Wind wehen.

Ausgefertigt durch Nabu-akha-irib.

Wie man sieht, tragen diese kindlich naiven Beobachtungen einen
meteorologischen Charakter.

Moses[52] und Jeremias[53] verbieten den Juden die wahrsagerische
Beobachtung der Wolken und atmosphrischen Erscheinungen.

Die Fulguration scheint bei den Chaldern sehr ausgebildet gewesen zu sein.
Wie die klassischen Schriftsteller berichten, unterschieden die Chalder im
allgemeinen zwei Arten von Blitzen: 1.auf die Erde herabfallende und
2.nur in den Wolken leuchtende. Nach der Versicherung des Plinius[54]
nahmen die Chalder an, da diese Blitze von den Planeten Saturn, Jupiter
und Mars herrhrten und beobachteten sie vorzugsweise. Die zweite Art, die
+fulgura fortuita+ des Plinius verkndeten durch ihren Donner die Stimme
der atmosphrischen Wchter, deren Pfad sie durch ihre Leuchtkraft
bezeichneten.[55]

Es ist nur ein einziges und zwar sehr verstmmeltes keilschriftliches
Fragment ber die Einteilung der Blitze bei den Chaldern erhalten[56], das
aber trotz seiner Verstmmelung sehr wichtig ist, insofern es die
Richtigkeit der Angaben des Plinius beweist. Dasselbe lautet:

    Der Blitz.................
    Der Blitz der Sterne............
    Der Blitz des Gottes Bin..........
    Der Blitz der Erde.............
    Der Blitz des Wassers............
    Der Blitz der Nacht, welcher leuchtet....
    Der Blitz des Gottes Mamna.........
    Der Blitz des Gottes Baluv.........
    Der Blitz des Gestirnes...........
    Der Blitz..................

Vergleichen wir nun die Blitze der Planeten und die +fulgura fortuita+ des
Plinius mit den Angaben des Fragments, so finden wir, da die Blitze des
Ersteren mit dem Blitz der Gestirne und dem Blitz des Gottes Bin
(assyr. Rimmon) zusammenfallen. Bin ist der Gott der Luft und des Donners
und wird deshalb mit einem Donnerkeil oder einem zackigen Blitz
dargestellt.

Die Blitze der Gtter Mamna und Baluv sind verschiedenen Erscheinungsphasen
des Planeten Mars zugeeignet und waren wegen ihrer zndenden Kraft
berchtigt.[57]

Die brigen auf dem Fragment genannten Blitzarten waren den Etruskern
ebenfalls bekannt, welche dieselben auch zum Teil den obern Planeten
zuschrieben.[58] Dieselben kannten auch eine Art dem Saturn geweihte
Blitze, welche von der Erde zum Himmel emporstiegen.[59] Dies ist wohl der
Blitz der Erde des Fragments, welcher mit dem Blitz des Bel oder Mul-ge
identisch ist. Endlich kannten die Etrusker noch die Blitze der Nacht,
welche der Gott Summanus erzeugen sollte, whrend die Rmer die
komplizierte etruskische Fulgurallehre einfacher gestalteten und nur
Blitze des Tages und Blitze der Nacht annahmen, die sie dem Jupiter
oder dem Summanus zuschrieben. Dagegen findet sich in den Berichten ber
die etruskische Fulguration nichts, was sich mit dem rtselhaften Blitz
des Wassers der Chalder vergleichen liee.

ber die Wahrsagerei der Chalder aus Erdbeben, welche Diodorus Siculus
erwhnt[60], wissen wir nichts nheres, ebensowenig als ber die
chaldische Kapnomantie und Pyromantie. In Griechenland war die Pyromantie,
deren Erfindung dem Amphiaraus zugeschrieben wurde, allgemein gebruchlich.
Man warf unter Gebeten Weihrauch in die Flamme und beobachtete, ob derselbe
verzehrt oder zerstreut wurde, worauf man dann Schlsse auf gnstige oder
ungnstige Vorbedeutung schlo. Diese auch Libanomantie genannte
Wahrsagungsart war besonders in Apollonia gebruchlich, wo die heiligen
Feuer durch dem Boden entstrmende Kohlenwasserstoffgase genhrt wurden.

Da oben ein mitgeteiltes Fragment einer Kapitelberschrift des Sargonschen
Auguralwerkes lautet: Zinnober ist ber der Flamme verbrannt, so scheint
es, da die Akkader ein hnliches Verfahren kannten; auch drften sie, weil
sie ihrem Feuergott eine so groe Bedeutung als Bekmpfer der bsen Dmonen
beilegten, auch auf das uere Ansehen der Feuerflammen geachtet haben.

Nach einigen Bruchstcken des Sargonschen Werkes schrieben die Akkader auch
Quellen und Flssen prophetische Bedeutung zu und weissagten aus der Menge,
dem Aussehen und der Strmung des Wassers.

Nach Psellus[61] sind die Assyrer die Erfinder der Lekanomantie, welche bei
ihnen jedoch anders als in spterer Zeit ausgebt wurde. Psellus sagt:

Die Lekanomantie wird mittelst einer Schale ausgebt, welche man mit
prophetischem Wasser anfllt und vor sich stehen hat. -- Dieses Wasser
unterscheidet sich uerlich durch nichts vom gewhnlichen Wasser, aber die
Handlungen und Beschwrungen, welche ber dem Gef vorgenommen werden,
beschenken es mit einer prophetischen Kraft, welche im Schoe der Erde
entspringt und sich eigenartig uert: Denn whrend sie sich dem Wasser
mitteilt, ruft sie ein unbestimmtes Rauschen hervor, welchem die Anwesenden
zunchst keinen rechten Sinn abgewinnen knnen; hat sie sich aber in der
Flssigkeit nach allen Seiten hin gleichmig ausgebreitet, so vernimmt man
gewisse seltsame Tne, aus denen man die Prophezeiung der Zukunft schpft.
Diese der materiellen Wirklichkeit angehrenden Klnge haben aber stets
etwas Rtselhaftes und Geheimnisvolles an sich[62], daher denn auch die
Weissager, welche diesen Umstand mglichst ausbeuten, niemals eines Betrugs
berfhrt werden knnen.

Nach einigen Tafeln der Bibliothek zu Niniveh legte man auch dem grern
oder geringeren Glanz edler Steine divinatorische Bedeutung bei, wie denn
z.B., um ber das Gelingen oder Fehlschlagen eines feindlichen Angriffs zu
prophezeien, geprft wurde, ob der Diamant am Finger seine Strahlen nach
rechts oder links warf.

Unter den Akkadern wie unter allen Vlkern des Altertums war die
Phyllomantie, die Wahrsagung aus der Bewegung und dem Rauschen der Bume
sehr gebruchlich[63] und von ihnen zu den Juden bergegangen; bei ihnen
finden wir die Zaubereiche in Sichem[64]; die Maulbeerbume, aus deren
Rauschen David prophezeite[65], und die Palme, unter welcher Deborah
weissagte.[66] Auch die vorislamitischen Araber hatten heilige Palmen und
verehrten auch den Sumurahstrauch (+Spina aegyptiaca+) als gttlich.
berhaupt war es ein sehr verbreiteter Glaube der Araber, da sie aus allen
mglichen Arten dorniger Strucher prophetische Laute zu vernehmen
glaubten, und dieser Anschauung drfte auch die Erscheinung Jehovahs im
brennenden Dornbusch ihren Ursprung verdanken. -- Die Etrusker, deren
Kultur entschieden von der chaldischen abhngig ist, unterschieden
gnstige und ungnstige Bume je nach den Prophezeiungen, welche sie
denselben entnahmen.[67] Die Griechen hatten redende Eichen (%prosgoroi
dryes%), wie zu Dodona, der ltesten pelasgischen Orakelsttte, und
weissagende Lorbeerbume zu Delphi und Delos. -- Auf den Baumkultus der
Germanen werde ich spter zurckkommen.

Die den Tieren entnommene Orakel anlangend, so betrachteten die Chalder
vorzugsweise die Schlange als wahrsagendes Tier, was die alten Philosophen
damit zu erklren suchen, da die kriechende Schlange am meisten von allen
Tieren mit der Erde, dem Urquell aller Inspiration, in Verbindung stehe.
Auch ist darauf aufmerksam zu machen, da in den semitischen Sprachen die
Worte Schlange und weissagen der gleichen Wurzel +nahasch+ entspringen.

Die Schlange ist bei den Chaldo-Babyloniern und Assyriern das Sinnbild des
Ea, der hchsten Einsicht wie des Inhabers der hchsten Weisheit, weshalb
sie auch als Sinnbild alles magischen Wissens betrachtet wird. Die Genesis
hlt sie fr listiger denn alle Tiere, die Jehovah erschaffen und die alten
Araber glaubten, da man durch den Genu eines Schlangenherzens und einer
Schlangenleber die Sprache der Tiere verstehen lerne, eine Anschauung,
welche bekanntlich noch in der deutschen Volkssage fortlebt. -- Es scheint
sogar, da man in einigen babylonischen Tempeln Schlangen zchtete, welche
man als Mittler zwischen den Gttern und Menschen ansah und aus ihren
Gebahren orakelte. -- Auf hnliches scheint auch die biblische Erzhlung
vom Drachen zu Babel hinzudeuten.

Ein anderes prophetisches Tier war der Hund, und Lenormant teilt eine ganze
Reihe von Regeln mit, nach welchen die Chaldo-Babylonier aus der Farbe und
dem Exkrementieren eines fremd in den Knigspalast oder ein Privathaus
gelaufenen Hundes wahrsagten.

Eine leider nur lckenhaft erhaltene Inschrift giebt an, da Fliegen
(+zumbi+) von den Chaldo-Babyloniern zum Wahrsagen benutzt wurden. Dieser
Umstand beleuchtet einen wichtigen Punkt der semitischen Mythologie,
nmlich die Rolle, welche der groe Gott von Akkaron (Ekron) spielt.
Derselbe hie bei den Philistern bekanntlich Baal-Zebub, Baal-Fliege oder
Herr der Fliege; die Septuaginta nennt ihn %Baal myia%, Josephus %theos
myia%, und die Juden machten ihn spter zum Obersten der Teufel. Dieser
Baal-Zebub besa ein berhmtes Orakel, welches nach dem
alttestamentarischen Bericht selbst Achasja, Knig von Israel, ber den
Ausgang seiner Krankheit um Rat befragte und dadurch den Zeloteneifer des
Elias entflammte. Bercksichtigen wir nun obige keilschriftliche Nachricht,
so bleibt kein Zweifel, da zwischen dem Namen des groen Gottes von
Akkaron und der Art und Weise der Ausbung seines Orakels Zusammenhang
herrscht, und da die semitischen Vlker so gut wie die Chalder
Fliegenorakel besaen. Da Bienen und Ameisen als wahrsagende Tiere auch
bei den klassischen Vlkern eine Rolle spielten, beweist die Erzhlung von
der Kindheit Platos und die Midassage.

Nach dem Bericht des Jamblichus[68] weissagten die Babylonier sogar aus dem
Verhalten der Ratten, Heuschrecken&c., und endlich wurden nach Angabe des
Sargonschen Auguralwerks auch die Fische der Teiche zu den prophetischen
Tieren der Chalder gerechnet, worunter wahrscheinlich heilige Fische zu
verstehen sind, die man zum Behuf der Wahrsagung zchtete. So gab es z.B.
in Lycien heilige Fische, welche durch Fltenspiel an die Oberflche des
Wassers gelockt wurden, worauf man aus ihrem Verhalten orakelte; das
Gleiche war nach Varro[69] auch in Lydien der Fall. Auch drften die in
einem Teiche beim Tempel des Zeus Labrandeus zu Mylasa in Karien
gezchteten Fische, welche Ohrgehnge an den Kiemen trugen, zu
Wahrsagezwecken gehalten worden sein, wie ferner die zu Ehren der Gttin
Atargatis oder Derketo zu Askalon gezchteten, wo bekanntlich ein dem
babylonischen verwandter Kultus herrschte.

Auch war die chaldische Mantik bemht, aus spontanen Bewegungen oder Tnen
von Hausgerten und Mbeln wahrzusagen, und es ist ein Fragment erhalten,
welches eine ganze Reihe von hlzernen Mbeln und Teilen des Hauses nennt,
aus denen prophetische Laute hervortnen (+assaput+, +ku-a+), geeignet,
das Menschenherz frhlich zu stimmen. Die einzelnen Deutungen sind jedoch
verloren gegangen. Ich habe schon oft darauf hingewiesen, da wir es hier
wohl mit den Anfngen des Tischklopfens und Tischrckens zu thun haben.

Auch zufllig gehrten Worten wurde prophetische Bedeutung beigelegt; es
sind dies die von den Juden +bath-kol+ genannten Stimmen.

Hingegen lt sich im Sargonschen Auguralwerk nicht die Ausbung der im
Buche Hiob erwhnten Chiromantie, der Onychomantie sowie der Kranioskopie
nachweisen.

Die Beschftigung der Chalder mit der Astrologie brachte es mit sich, da
sie den Migeburten groe Aufmerksamkeit zuwendeten. Nach ihren
Behauptungen rechtfertigten 470000 jahrelang angestellte Beobachtungen die
Annahme, da der bei der Geburt eines Menschen vorhandene Sternenstand
dessen Geschick bestimmen. Da aber Gebrechen und Migestaltungen
neugeborener Kinder ebenfalls von diesem Sternenstand abhngig seien, so
lasse sich aus Migeburten ebenso gut die Zukunft entschleiern als aus den
Sternen selbst.[70] Deshalb legte man den Migeburten eine ungeheuere
Wichtigkeit bei und behandelte deren Deutung sehr ausfhrlich in dem
Sargonschen Auguralwerk. Von den 72 diesbezglichen Texten, welche
Lenormant beibringt, will ich nur folgenden anfhren, welcher beweist, da
man schon in jener altersgrauen Vorzeit der Glckshaube eines
neugeborenen Kindes eine ebenso groe Wichtigkeit beilegte als heute:

    Gebiert eine Frau ein Kind,
    dessen Haupt mit einer Haube bedeckt ist, so wird beim Anblick
        desselben ein
    gnstiges Vorzeichen im Hause walten.

Namentlich wurde den Migeburten frstlicher Frauen groe Bedeutung
beigelegt, und auch die Migeburten mancher Tiere -- wie z.B. der Stuten
-- galten als besonders omins.

Der Glaube an die Vorbedeutung der +Portenta+ ging auf Etrusker und Rmer
ber, und noch in der zweiten Hlfte des 17. Jahrhunderts schrieb Caspar
Schott +De mirabilibus portentorum+.

Mit die wichtigste Rolle im chaldischen Divinationswesen spielt die
Traumdeutung. Nach Diodorus Siculus rechneten die Chalder die Trume zu
den tellurischen Vorzeichen und deuteten sie nach den Vorschriften des
Sargonschen Auguralwerks. Ein Fragment desselben lautet[71]:

    Sieht einer im Traum......................
    Einen mnnlichen.........................
    Die Gestalt eines Hundes.....................
    Die Gestalt eines Bren mit den Fen eines...........
    Das Vordertheil eines Bren mit den Fen eines.........
    Die Gestalt eines Hundes mit den Fen eines andern Thiers....
    Einen todten Hund........................
    Den Gott Nin-kistu (Nergal) todtschlagen.............
    Leichen groer Thiere......................
    Ein Licht............................
    Einen Mann auf sich harnen....................

Das Urinlassen als Traumsymbol dnkte den Chaldern ganz besonders wichtig
und wird auch noch von einem Weib, Bren, Hunde usw. angefhrt. Herodot
berichtet bekanntlich von einem hierhergehrigen Traum des Astyages, dessen
Tochter Mandane auf diese Weise ganz Asien berschwemmte und so die
Herrschaft des Cyrus prognostizierte.

Von den Kapiteln des Auguralwerkes scheint besonders das von der
Traumdeutung gehandelt zu haben, dessen Anfang lautet:

    Ein Traum von hellem Schein, das Land in Feuer....
    Ein Traum von hellem Schein, die Stadt in Flammen...

Bekanntlich spielen Trume von Feuer und Flammen noch in der modernen
Traumdeutung eine groe Rolle.

Nach Jamblichus begaben sich die babylonischen Frauen absichtlich in den
Tempel der Zirpanit oder Aphrodite, um divinatorische Trume zu erhalten,
welche sie sofort von den Traumdeutern auslegen lieen. Bekanntlich wurde
dieser +incubatio+ oder %enkoimsis% genannte Brauch auch in gypten oder
Griechenland ausgebt.

In Chalda und wahrscheinlich auch in Assyrien, da ja die Assyrier in
diesen Dingen nur die Schler und Nachbeter der Chalder waren, gab es nach
den Keilschrifttexten Seher (+sabru+), welchen die Gtter vorzugsweise
prophetische Trume zu Teil werden lieen. Derartige Seher und Seherinnen
scheint es, wie die oben mitgeteilte Nachricht Herodots vom Tempel zu
Borsippa andeutet, in manchen Tempeln stndig gegeben zu haben. --
Zweifellos wurden bei den Chaldern prophetische Trume auch durch
narkotische Mittel hervorgerufen wie bei andern Vlkern des Altertums und
noch bei vielen wilden Vlkerschaften.

Der Eingang des obersten -- siebenten -- Stockwerks des Turmes von Borsippa
war dem Gott Nebo (Prophet) geweiht und hie +bab assaput+, Thor des
Orakels. Ein hnliches Orakelgemach, +bil assaput+, existierte noch nach
inschriftlichen Angaben in der Pyramide des kniglichen Stadtviertels zu
Babylon. Ob jedoch die Art und Weise, wie die Orakel in diesem erteilt
wurden, die gleiche war wie im Turme von Borsippa, ist aus den Inschriften
nicht ersichtlich. Gewi ist nur, da dieses Gemach als Grabkammer des
Bel-Maruduk galt, was vermuten lt, da daselbst Incubation stattfand,
weil man im Altertum hufig Grabsttten aufsuchte, um in ihnen prophetische
Trume zu erhalten. Auch ist bekannt, da das Orakel des Belus oder
Bel-Maruduk in der Geschichte Alexanders des Groen insofern eine Rolle
spielt, als die Chalder den siegreichen Eroberer im Namen dieses
Heiligtums zu bestimmen suchten, von Babylon fern zu bleiben. Allerdings
blieb dieser Versuch erfolglos, weil Alexander die egoistischen Beweggrnde
der Chalder wohl erkannte.

Das Gebet, welches Incubation im Grab des Bel-Maruduk einleitete, ist
teilweise erhalten und enthlt folgende charakteristische Stellen:

    Gewhre mir den Eintritt, da mir ein Glckstraum zu Theil werde!
    Der Traum, den ich trume, da er gnstig sei!
    Der Traum, den ich trumen werde, da er wahrhaft sei!
    Der Traum, den ich trumen werde, la ihn ausfallen zu meinen Gunsten!
    Makhir, der Traumgott, mge walten ber meinem Haupt!
    Gewhre mir Eintritt in den E-saggal, in das Gtterschlo, den Wohnsitz
        des Herrn!
    Auf da ich mich nhere Maruduk, dem Erbarmer, dem Glckspender und den
        gesegneten Hnden seiner Allmacht!
    Mge ich rhmen knnen deine Gre, lobpreisen deine Gottheit!
    Mgen die Bewohner meiner Stadt rhmen knnen deine Werke!

In der Zeit vom 8. bis 6. Jahrhundert erreichte die Traumdeutung ihren
Hhepunkt in Vorderasien und gypten, woselbst sie sogar die Politik und
Kriegsfhrung beeinflute. Durch einen siegverheienden Traum wurde
Assurbanhabal zum Kriege gegen Te-Umman angeregt, und durch Trume wurde
mehrfach sein Heer zur Ausdauer ermuntert. Ein Traum bewog Gyges zur
Anerkennung der assyrischen Oberherrschaft. Trume waren es, welche Krsus
den Tod seines Sohnes Atys, Astyages die Herrschaft seines Enkels und Cyrus
die des Darius verkndeten. Ein Traum fhrte Sebek, Knig von gypten, zum
Entschlu, seine Regierung niederzulegen; auch war es wiederum ein Traum,
welcher dem Knig Seti die endliche Vernichtung des assyrischen Heeres
unter Senacherib zusicherte und ihn so zum Ausharren in der Gegenwehr
ermunterte. Endlich hatte der thiopische Frst Ta-nuat-Amen einen Traum,
welcher ihm seine zuknftige Macht offenbarte und ihn zur Eroberung
gyptens anspornte.

Bei den Juden war die Deutung der von Jehovah gesandten Trume erlaubt,
dagegen bei Strafe der Steinigung verboten, im Namen fremder Gottheiten
Trume herbeizufhren und zu deuten. Diese Bestimmung wirkt in der bei den
Christen gemachten Einteilung der Trume in gttliche und teuflische bis in
das vorige Jahrhundert nach.

Die letzte wichtige Wahrsagung der Chaldo-Babylonier ist die Nekromantie.
Wie oben schon mitgeteilt, ist jedem Menschen von Geburt an ein den Feruern
entsprechender besonderer Geist beigegeben, welcher ihn schtzt, in ihm
lebt und sein geistiges Urbild ist. Nach dem Tode des Menschen wird aus
diesem Geist ein Dmon (+utuk+, +utukku+), dessen Schicksal im Land ohne
Heimkehr je nach Magabe der Geneigtheit der Gtter ein gnstiges oder
ungnstiges ist. Nur bevorzugte Seelen von Helden und Knigen fanden
Eingang in den Himmel und bewohnten fortan:

    Das Land mit Silberhimmel,
    Wo Segensgter
    Sind zu ihrer Nahrung
    Und se Lust
    Sie zu beseligen,
    Wo ist Einhalt
    Des Kummers und Jammers.

Das Loos der groen berzahl der Menschen, deren +utuk+ in das Land ohne
Heimkehr (akkad. +kur-nu-ga+, assyr. +mat la Tayarti+) hinabstieg,
gestaltete sich ziemlich trostlos. Das Land ohne Heimkehr wird in der
Hllenfahrt der Istar folgendermaen geschildert:

    Dort wohnen die Fhrer und die des Glckes entbehren,
    Wohnen die Geringen und Groen,
    Wohnen die Ungeheuer des Abgrunds der groen Gtter,
    Wohnt Etanna, wohnt Nir....

Im Land ohne Heimkehr lebt die Seele wie im Scheol der Hebrer ohne
Empfindung und Willenskraft, von Finsternis umgeben, fort. Ihr Zustand ist
weder vllige Vernichtung noch Unsterblichkeit, sondern eine Art von
Erstarrung oder Schlummer. Im Hintergrund des Landes ohne Heimkehr befand
sich jedoch, wie oben erwhnt, im ewigen Heiligthum die Quelle der
Lebenswsser, deren Sprudel die hllischen Mchte mit der grten
Wachsamkeit und Ehrfurcht behteten. Den Zugang zu ihr konnte nur ein Gebot
der hchsten Gtter, namentlich des Ea, erschlieen, und wer daraufhin von
ihr getrunken hatte, kehrte -- wie Istar am Schlu ihrer Gefangenschaft --
lebend an das Licht zurck. Ob diese Quelle eine Andeutung der
Auferstehung, an welche die Chalder nach Diogenes Lartius glaubten, ist,
lt sich nach den Texten nicht entscheiden.

brigens konnten die Seelen nicht nur auf Eas Gebot, sondern auch als
Vampyre dem Land ohne Heimkehr entsteigen, um die Lebenden zu qulen.
Deshalb droht auch Istar dem Schlieer des Hllenreichs mit den Worten:

    Oeffnest du aber das Thor nicht, und kann ich nicht eintreten,--
    Dann werde ich die Todten erwecken, zu verschlingen die Lebenden;
    Ich werde die dem Tageslicht wieder zugefhrten Todten zahlreicher
        machen denn Alles, was lebt.

Auch die Schwarzknstler vermgen Vampyre aus dem Land ohne Heimkehr
heraufzubeschwren und die Gegenstnde ihres Hasses von ihnen peinigen zu
lassen.

Da man sonach an die Citation Verstorbener glaubte, so lag es sehr nahe,
die von den Schranken des Raumes und der Zeit befreiten Geister der
Verstorbenen ber die Zukunft zu befragen, und die Nekromantie mute sich
folgerecht entwickeln. ber die Ausbung der Nekromantie habe ich
anderwrts[72] schon das Ntige gesagt. Hier will ich nur rekapitulieren,
da wir uns aus dem alten Testament ein ungefhres Bild von der
Totenbeschwrung der Chalder entwerfen knnen.

Der biblische +Ob+ ist ein unsauberer Geist, ein Totengeist, welcher in dem
Krper eines Mannes oder einer Frau wohnt und von hier aus die Zukunft
offenbart, entsprechend dem +jidoni+, dem Wissenden oder Belehrenden,
welcher fast immer mit den +oboth+ zusammen genannt wird. Es ist dabei zu
bemerken, da die Worte +oboth+ und +jidonim+ sowohl fr die Geister selbst
als die von ihnen Besessenen gebraucht werden.

Das Letztere ist nicht nur der Besprechung der Hexe von Endor durch
Josephus[73] sondern auch daraus zu entnehmen, da die Septuaginta
wiederholt +oboth+ mit %engastrimythoi% bersetzt, sowie berhaupt aus den
charakteristischen Ausdrcken, deren sich die Propheten bei der Schilderung
der +oboth+ bedienen.

Ziehen wir nun die ausdrckliche Angabe des Jamblichus, da die Babylonier
mittelst ihrer %Sakchoiras% die Geister der Toten ber die Zukunft
befragten, in Betracht, und erwgen wir, da +ob+ kein semitisches Wort
ist, sondern vom akkadischen +ubi+, strafwrdigen Knsten obliegen,
abstammt, so kann es keinem Zweifel unterliegen, da die hebrische
Nekromantie aus der akkadischen hervorging.




Zweites Buch.

Der Occultismus der Meder und Perser.

Erste Abteilung.

Der medische Magismus.


Medien war bis zur Einwanderung der eigentlichen iranischen Meder im Besitz
eines Volkes turanischer Rasse, welches mit den Akkadern eine groe
hnlichkeit hatte und das protomedische genannt wird. Die iranische
Einwanderung geschah nach Lenormant und Maury im achten Jahrhundert vor
Christus; jedoch bildeten auch nach der vlligen Besitznahme Mediens die
Iraner immer noch den kleineren, wenn auch herrschenden Teil der
Bevlkerung. Zur Zeit der Achmeniden sprach das Volk noch die
protomedische Sprache, welche auch die amtliche Sprache der Perserknige
wurde. Das turanische Medien aber bewahrte nicht nur seine eigene Sprache,
sondern auch seinen eigenen religisen Charakter, welchem es erst nach
langem mit wechselndem Glck gefhrten Kampf gegen die Religion Zoroasters
entsagte. Die den Protomedern eigenen religisen Vorstellungen fanden
endlich sogar bei den iranischen Eroberern Eingang und erzeugten durch ihre
Vermischung mit der Religion derselben das System des _Magismus_, so
genannt nach dem Stamme der Magier, welche das ausschlieliche Privilegium
besaen, daselbst das Priesteramt auszuben.[74]

Der Name Magismus wurde sehr lange Zeit der Religion des Zoroaster
beigelegt, was jedoch auf einer von den griechischen Schriftstellern
begangenen Verwechslung beruht, die namentlich Herodot verschuldet hat,
welcher wohl Medien, aber nicht das eigentliche Persien bereiste. Ja diese
Annahme ist nach den neuesten Forschungen sogar ein entschiedener Irrtum,
da beide Religionssysteme, der Magismus und der Zoroastrismus einander
entgegengesetzt sind.

Darius, Sohn des Hystaspes, welcher wohl genauer als Herodot unterrichtet
war, berichtet ausdrcklich in seinen Regierungsannalen auf dem Felsen von
Behistan, da die Magier, welche mit Gaumata, dem falschen Smerdis, eine
Zeit lang Herren des Reichs waren, den Versuch machten, die iranische
Religion durch die ihrige zu verdrngen, und da Darius ihre gottlosen
Altre strzte.

Es heit in der genannten Inschrift[75]:

Als Kambyses in Aegypten war, verfiel das Volk in Gottlosigkeit, und
Wahnglauben wurde im Lande mchtig, in Persien, Medien und andern
Provinzen. Die Knigswrde, welche unserm Geschlecht entrissen war, habe
ich wiedererlangt; ich habe sie von Neuem wiederhergestellt. Die Tempel,
welche der Magier Gaumata zerstrt hatte, habe ich wieder erbaut; ich habe
die Familien, welchen sie vom Magier Gaumata entrissen worden, die heiligen
Gesnge und rituellen Gebruche wiedererstattet; ich habe den Staat auf
seinen alten Grundlagen wiederhergestellt und Persien, Medien sowie die
brigen Provinzen wieder an mich gebracht.

In der zu Naksch-i-Rustam befindlichen Grabschrift des Darius heit es
ferner: Als Ahuramazd dieses Land dem Aberglauben preisgegeben sah,
vertraute er es mir an. Das im Text fr Aberglauben gebrauchte Wort ist
+ytum+, Religion der Ytus, wie die Feinde des Zoroaster im Zendavesta
genannt werden. Danach und nach der im nchsten Kapitel zu gebenden
Lebensbeschreibung des Zoroaster erscheint das Blutbad, welches die Perser
bald nach der Ermordung des falschen Smerdis anrichteten, und die sonst
unerklrliche Einsetzung der Feier des Magiermords, welche man lange Zeit
hindurch am Jahrestag desselben beging, begreiflich. Die Magier werden
berhaupt in keiner alten entschieden zoroastrischen Urkunde persischen
oder baktrischen Ursprungs als Diener der Religion erwhnt. Jedoch trat die
Zersetzung und Entstellung der ursprnglichen und nationalen iranischen
Lehre des reinen Mazdeismus der Ghts und der ersten Fargards der
Vendidad-Sde bei den Medern schon frhzeitig durch ihre Berhrung mit
turanischen Elementen ein, bevor sie das ganze Medien genannte Land erobert
hatten.

Indessen charakterisieren Herodot und die andern alten Schriftsteller den
eigentlichen Geist des ursprnglichen Mazdeismus sehr richtig, indem sie
die Perser als ein Volk hinstellen, welches Gtzendienst und fremde
Religionen verabscheute und deshalb auf seinen Kriegszgen den Kultus
anderer Vlker zu zerstren suchte, Tempel verbrannte, die Gtterbilder
vernichtete, wertvolle gottesdienstliche Gerte als Beute mitschleppte, die
Priester beschimpfte und ttete, die Feier religiser Feste verhinderte,
heilige Tiere ttete und sogar die Grber entweihte. -- Kambyses in
Aegypten ist das Prototyp des persischen Fanatismus.

Wenn aber Herodot auf die positive Seite des Mazdeismus einzugehen
versucht, so sehen wir mit Erstaunen, da er nicht einmal den Namen des
Ahuramazd kennt. Er spricht von einem Kultus der Sonne, des Mondes, des
Feuers, der Erde, des Wassers und der Winde, also von einer Religion,
welche mit dem Geiste des Zendavesta nicht das Mindeste gemein hat und weit
mehr der der Veden oder gar der alten akkadischen Zauberbcher gleicht.
Hiermit stimmt berein, da Herodot ausdrcklich die Magier, die Vertreter
der alten protomedischen Religion als die Priester dieses Kultus nennt.[76]

Der Gestirndienst war im medischen Magismus sehr ausgebildet, obschon er in
den Zendschriften nur wenig und zwar in neueren unter fremden Einflssen
stehenden Teilen hervortritt. Gegen das Ende der persischen Herrschaft
jedoch hatte er -- wie auch in den am sptesten Zendbchern -- groe
Bedeutung gewonnen.

Da dieser von den Magiern herrhrende Kultus bei den Medern eine
Hauptrolle spielte, bezeugt brigens auch Herodot in seiner Schilderung der
sieben Mauern Ekbatanas, welche mit den Farben der sieben Planeten bemalt
waren. Wir begegnen dieser Sitte noch zu Gazaka, dem zweiten Ekbatana, der
Stadt mit den sieben Ringmauern und zur Zeit der Sassaniden an dem Palaste
Bahram-Gurs. Dieser Brauch entstammt direkt chaldo-babylonischer
Anschauung, denn der siebenstckige Thurm zu Borsippa wurde nach seiner
Wiederherstellung durch Nabukudurussur ebenfalls mit den sieben
Planetenfarben bemalt, und das Gleiche war bei dem Zipurrat, dem heiligen
Turm des Palastes zu Khorsabad der Fall.

Der babylonische Gestirn- und Planetendienst gelangte gleich dem Anatkultus
vermutlich durch die Assyrier zu den medischen Turanern und zwar whrend
deren langer Berhrung mit der Kultur der Euphratlnder; dann ging er auf
die Magier ber, welche ihn hinwiederum auf die Perser und andern
iranischen Vlker bertrugen.

Erwhnt sei, da die Lehre von Zrvna-akarana, der unbegrenzten Zeit, der
gemeinsamen Quelle des Ahuramazd und Angrmainyus, eine von der Sekte der
Zervanier herrhrende Entstellung der ursprnglichen mazdeischen Lehre ist.
Eudemius, der Lieblingsschler des Aristoteles, welcher diese Person wie
das aus ihr entspringende dualistische Paar sehr eingehend behandelt,
bezeichnet sie ebenfalls als eine Schpfung der Magier.[77] Auch ist es von
Interesse, hier eine Angabe des Berosus zu erwhnen, wonach derselbe Name
Zrvna auch der mythischen Personifikation der alten turanischen Rasse,
welche in der chaldisch-babylonischen Legende vom Ursprung der Rassen in
Armenien auftritt, beigelegt wurde. In den Bruchstcken der akkadischen
Zaubertexte begegnet man aber ebenfalls Anschauungen, welche denen der
Auffassung der Zrvna-akarana entsprechen. In derselben emanieren aus
Mul-ge sowohl gehssige Gtter wie Namtar, als gndige, die Dmonen
bekmpfende Gtter, wie z.B. Nin-dara; auch aus Ana entspringen sowohl
Dmonen, als auch der Feuergott, welcher den Charakter eines +Deus
averruncus+, eines die Dmonen vertreibenden Gottes trgt. Betrachten wir
die Trias: das Urwesen Ana und den dem dstern Mul-ge entgegengesetzten
holden Ea, die drei Gtter, welche die Akkader ber die drei Weltzonen
setzten, so werden wir bei Zrvna-akarana, Ahuramazd, und Angrmainyus nur
unwesentliche Modifikationen finden.

Aus dem medischen Magismus ist indessen noch mehr hervorzuheben als das
gemeinschaftliche Urprinzip, aus welchem Ahuramazd und Angrmainyus
hervorgingen. Whrend nmlich im echten Mazdeismus der Perser Ahuramazd
allein verehrt und Angrmainyus mit Verwnschungen berschttet wurde,
wurden im Magismus das gute wie das bse Prinzip in gleicher Weise verehrt.
Plutarch erzhlt[78], da die Magier dem Angrmainyus (%Aids, Areimans%)
Opfer darbrachten, und beschreibt die drei blichen Gebruche, welche
hauptschlich in der Darbringung des Sumpfgrases (%ommi%) bestanden, das
mit dem Blute eines Menschen benetzt und an einem finstern Ort aufbewahrt
wurde. Herodot[79] lt Amnestris, die Gemahlin des Xerxes, welche dem
Einflu der Magier gnzlich ergeben war, dem Gotte der Finsterni und der
untern Regionen sieben Kinder opfern; auch berichtet er von einem
hnlichen Opfer, welches die Perser auf ihrem Zug nach Griechenland beim
bergang ber den Strymon zu Ehren desselben Gottes verrichtet haben
sollten. Der Brauch der Menschenopfer ist aber ebenso wie die Anbetung des
Angrmainyus den Grundprinzipien des Zoroastrismus durchaus zuwider, auch
wiederholt er sich sonst in der Geschichte der Perser nicht, weshalb er
wohl als ein Rckfall in den Magismus zu betrachten ist.

Der medische Magismus steht insofern auf einer tieferen Stufe wie die
akkadische Magie, als in ihm das bse wie das gute Prinzip gleichmig
verehrt wurden. Aber, wie es scheint, rhrt dies daher, da die Meder einen
ihrer Hauptgtter vor der iranischen Einwanderung und Eroberung in
Schlangengestalt verehrten, ein Brauch, welcher sich mehrfach bei den
turanischen Vlkern findet. So war bei den Akkadern die Schlange eine
Erscheinungsform des Ea und ein hufig gebrauchtes religises Symbol. So
legt z.B. ein akkadischer Zauberhymnus einem Gott -- vielleicht Ea --
folgende Worte in den Mund:

    Wie die gewaltige siebenkpfige Schlange ihre Kpfe heftig schttelt,
        so schwinge ich die siebenkpfige Waffe.
    Wie die Schlange, die die Wogen des Meeres peitscht, ihren Feind von
        vorn angreift,
    So fhre auch ich die Verheererin in tobendem Schlachtgetmmel, die
        Beherrscherin von Himmel und Erde, die siebenkpfige Waffe.

Bei der Vermischung der protomedischen Religion mit den iranischen
berlieferungen mute sich der alte Schlangengott mit dem iranischen bsen
Prinzip zu einem Wesen verschmelzen, um so mehr, als in der iranischen
berlieferung Angrmainyus Schlangengestalt angenommen hatte, um in den
Himmel Ahuramazds zu gelangen. Da nun die turanischen Ureinwohner Mediens
wohl sicher grere Neigung ihren alten Schlangengott als den iranischen
Ahuramazd zu verehren besaen, mute der Kultus des Angrmainyus so recht
zu der mit magischen Gebruchen verbundenen Volksreligion werden, und hier
haben wir auch die Wurzel aller spteren Schlangen- und Teufelskulte zu
suchen, deren ursprngliche Bedeutung verloren gegangen war. -- Direkte
Nachkommen der alten Angrmainyusverehrer sind die noch heute im nrdlichen
Mesopotamien lebenden Yezidis oder Teufelsanbeter, deren Religion noch ganz
die alte dualistische ist, die aber nur das bse Prinzip verehren, weil das
gute keine Anbetung verlange.

Hervorgehoben mu noch werden, da seit Artaxerxes Memnon der persische
Mithra eben dieselbe Vermittlerrolle zwischen der Gottheit und der
Menschheit ausbt wie der akkadische Silik-mulu-khi. So wird auch Mithra
der Freund genannt, was als iranische bersetzung des akkadischen
Beinamens des Silik-mulu-khi, der den Menschen Gutes zuwendet, gelten
kann. Jedenfalls hat Mithra im Magismus die Stellung irgend eines
vermittelnden, dem akkadischen Silik-mulu-khi entsprechenden Gottes in der
protomedischen Religion mit hnliches bedeutendem Namen innegehabt.

Was nun den eigentlichen Ritus der Magier anlangt, so sind nach Ansicht
aller mazdeischen Schriften die Beschwrungs- und Zaubergebruche des
medischen Magismus nur ein Werk und eine Erfindung der Ytus, der Feinde
des Zoroaster, weshalb dieselben ausdrcklich untersagt und mit strengen
Strafen belegt werden.

Die Weissagung bten die Magier, wie schon oben gesagt, hauptschlich durch
das Loswerfen mit Tamariskenstben aus. Das in spterer Zeit das
Hauptabzeichen der Diener des mazdeischen Kultus bildende Barema ist
nichts als ein Bndel solcher Wahrsagestbe, deren Anwendung in Persien
unter dem Einflu der Magierkaste Eingang gefunden hatte.

Die Magier gaben ferner vor, da sie durch bestimmte Worte und Handlungen
himmlisches Feuer auf ihre Altre herabziehen knnten, und legten sich
berhaupt nach Herodot[80] und Diogenes Lartius[81] alle mglichen
bersinnlichen Krfte bei. Das Herabziehen des Blitzes, welches wir auch
bei den Etruskern und Rmern antreffen, knnte vielleicht auf primitiven
elektrischen Kenntnissen beruhen, welche bei der Ausbung der Fulguration
erworben worden waren.

Endlich verbreitete sich zur Zeit der Perserkriege in Griechenland ein
Buch, welches von einem Magier Osthanes verfat worden war und nach
Plinius[82] den Griechen einen wahren Heihunger nach Magie beibrachte,
die von jetzt ab an die Stelle der alten rohen Gotie trat. So viel von dem
Buche bekannt ist, lehrte es allerlei Zauber- und Wahrsageknste sowie die
Beschwrung der Toten und Dmonen.[83]




Zweite Abteilung.

Der Zoroastrismus.

Erstes Kapitel.

Das Leben Zoroasters.[84]


Der groe parsische Gesetzgeber heit in der Zendsprache Zarethoschtro, im
Pehlvi Zerathescht oder Zertoscht, und endlich im Parsi Zerduscht. Die
Griechen machten aus diesen Namen Zeroasters, Zabratos, Zaratas, Zarasdes
und endlich den gebruchlichsten Namen Zoroaster. Die Bedeutung desselben
ist Goldstern oder Sohn des Stern, hnlich wie Bar Cochba oder
Nazaratos.

Nach den Zendschriften lebte Zoroaster im 6ten Jahrhundert v.Chr. und
wurde zu Urmi in Aderbedschan als Sohn des Poraschasp und der Dogdo
geboren.

Dies begab sich -- heit es im Zerduscht-nameh -- am Ende eines
Zeitpunkts, wo Angrmainyus Macht hatte. Bosheit war gewaltig auf Erden,
die Vlker ohne Richter, und Angrmainyus war ihr Herrscher und Plager. Da
zeigte Gott das Antlitz seiner Liebe, lie aus Feriduns Wurzel einen Baum
hervorgehen[85], Zoroaster, den Propheten der mute die Gefangenen
erlsen.

Dogdo, Zoroasters Mutter, hatte im sechsten Monat ihrer Schwangerschaft
einen Traum voll Furcht und Schauder. Eine schwarze Wolke war vor ihrem
Auge, die wie ein Adlerflgel das Licht bedeckte und schreckliches Dunkel
erzeugte. Lwen und Tiger und Wlfe und Rhinocerosse mit Schlangen regneten
aus dieser Wolke in Dogdos Haus. Das gewaltigste und grausamste dieser
Ungeheuer strzte sich auf sie, wthete und brllte, ri ihr den Leib auf
und zog Zoroaster hervor, packte ihn zwischen die Klauen und wollte ihn
umbringen. Alle Menschen erhoben ein furchtbares Geschrei, und Dogdo rief
mit Zittern und Zagen: Wer will mich erretten von dem Ungeheuer, das mich
erdrckt? -- Sei guten Muths, sprach Zoroaster, die Ungeheuer werden nichts
ausrichten, denn der Herr wacht zu meinem Schutz; lerne ihn nur kennen,
Mutter! Ich, der Einzige, will die Menge der Ungeheuer bezwingen!

Diese Worte waren Trost fr Dogdos Herz. Und am Orte der Bestien erhob
sich ein hoher Berg; Sonnenglanz zerstubte die Nachtwolke, Sdwind blies,
und die Ungeheuer zerstiebten wie Bltter.

Am hohen Tage zeigte sich ein Jngling, schn wie der Glanz des vollen
Mondes, leuchtend wie Djemschid, mit einem Lichthorn[86] in der einen Hand
ri er die Wurzel der Dews aus, die andere hielt ein Buch. Er schwang sein
Buch nach den Bestien, da schwanden sie aus Dogdos Haus, als wren sie zu
nichts geworden. Nur die drei mchtigsten: Lwe, Wolf und Tiger blieben. Es
schlug sie aber der Jngling mit dem Lichthorn, da sie vergingen. Da
schlo er Zoroaster wieder in seiner Mutter Leib, blies sie an, und sie
ward schwanger. Ohne Furcht! sprach er zu Dogdo, der Knig des Himmels
schtzt das Kind; die Welt ist voll seiner Erwartung; er ist der Prophet
Gottes an sein Volk. Sein Gesetz wird der Erde Freude bringen. Durch ihn
soll Lwe und Lamm zusammen trinken. Frchte diese Bestien nicht! Wessen
Helfer Gott ist, wie sollte er die ganze Welt frchten?

Der Jngling verschwand und Dogdo erwachte. Dies war gegen Mitternacht.
Die zagende Dogdo suchte einen ehrwrdigen Greis auf, der erfahren war in
der Traumdeutung und Kenntni der Welt wie des Laufes der Gestirne. Sie
erzhlte ihr Gesicht, um das Unglck zu erfahren, welches sie befrchten
msse. Mein Leben lang, sprach der Alte, habe ich dergleichen nicht gehrt.
Bringe mir den Planetenstand bei deiner Geburt und komme in vier Tagen
wieder.

Die drei Nchte, welche kamen, waren schlaflos fr Dogdo. Als der vierte
Tag anbrach, sah sie den Traumdeuter wieder, und Freudenlicht glnzte aus
seinen Augen. Sein Astrolabium war zur Sonne gerichtet; er betrachtete
nochmals, was sich begeben sollte, nahm darauf eine Tafel und schrieb
darauf bei einer Stunde lang, indem er die Sterne beobachtete, und sprach
dann zur Mutter Zoroasters: Ich sehe, was noch kein Menschenkind gesehen
hat. Du bist schwanger fnf Monate und dreiundzwanzig Tage, und wenn deine
Zeit gekommen ist, sollst du einen Sohn gebren[87], den man nennen wird
gebenedeieter Zoroaster. Er soll ein Gesetz verkndigen, das der Erde
Freude bringen wird. Die Verehrer des unreinen Gesetzes werden seine
Widersacher sein und gegen ihn streiten. Du wirst davon leiden, wie du
gelitten hast von jenen Bestien, endlich aber siegen. Der lichtglnzende
Jngling, der dir im Gesicht erschienen, ist aus dem sechsten Himmel; das
Lichthorn in seiner einen Hand ist ein Sinnbild der Gre Gottes, der
Zoroasters Beistand sein wird zur Vertreibung des Bsen. Das Buch in seiner
andern Hand ist ein Siegel seiner Weissagung[88], vor welchem die Dews
fliehen. Die drei Bestien, welche bleiben, sind drei gewaltige Feinde, die
aber nichts gegen ihn auszurichten vermgen. Um diese Zeit wird ein Knig
sein, der das vortreffliche Gesetz einfhren wird. Welcher Mensch
Zoroasters Worten glaubt, dem wird Gott das Paradies schenken; die Seele
seiner Feinde wird zum Duzakh[89] mssen.

Woher, sprach Dogdo, weit du meine fnfmonatliche Schwangerschaft? Wisse,
war seine Antwort, da ich Wahrheit sage: Die Berechnungen meiner Kunst
beruhen in der Kenntni des Himmels. So schreiben die alten Bcher.

Dogdo, deren Herz vor Freude trunken war wie von Wein, hpfte wie die
Wolken, segnete den Traumdeuter, kehrte heim und sagte Alles, was sie
begeben hatte, Poroschasp, ihrem Manne.

Am Ausgang der neun Monate gebar sie einen Sohn. Kaum geboren, lchelte
der Knabe, worber sich alle Welt verwunderte und groe Dinge weissagte.

Unter den Frauen in Dogdos Gemach waren Magierinnen, welche dieses Wunder,
das sie im Leben noch nicht gesehen hatten[90], stumm machte. Das Gercht
des Wunders erscholl allenthalben und machte den groen Haufen der Magier
bekmmert. Sie besorgten daraus Bses fr sich und wollten Zoroaster
umbringen. Dies entdeckte Ahuramazd Zoroaster[91] mit den Worten: Im
Anfang verschworen sich die Dews wider den groen Zoroaster und trachteten
ihm nach dem Leben. Aber Zoroaster soll reine Freude haben und die Dews
berwinden.

Von Norden aus kommt Angrmainyus[92], aus allen Gegenden und Orten kommt
der todschwangere Frst der Dews; er luft ruhelos, dieser todschwangere
Angrmainyus, dieser Eingeber des argen Gesetzes. Dieser Darudj[93]
durchstreicht die Lnder und verheert sie, o reiner Zoroaster! berall
dringt er hin; er, der Dew, der Vater alles Bsen, der Verheerer, Plager
und Lehrer des bsen Gesetzes.

Darauf offenbarte Ahuramazd dem Zoroaster, was beim Anfang der Welt
zwischen ihm und Angrmainyus vorgefallen; wie der Arge im Anblick des
knftigen Untergangs seines Reiches durch Zoroaster Alles, die Krfte
seiner Engel, gegen ihn aufgebracht von der Stunde seiner Geburt an.

Er mit seinem langen Arm und ausgedehnten Krper, heiliger Zoroaster,
durchstreifte die weite Erde, ohne nach Ahuramazd dem Groen, dem
gerechten Richter der Welt, zu fragen; er durchlief sie lang und breit, und
da er wie ber eine weitgehende Brcke war, drang er in die feste Stadt des
Poroschasp. Doch war Zoroaster weit strker als Angrmainyus, der Vater des
bsen Gesetzes.

Damals lebte in dieser Gegend Frst Duranserun, Haupt der Magier und
Erster der Schler des bsen Gesetzes.[94] Er wute, da Zoroaster, sobald
er aufstnde, durch sein reines Gesetz alle Magie tten wrde. Kaum wurde
ihm des Kindes Geburt verkndigt[95], als er auf den Thron sprang wie ein
Stier, zu Pferde stieg und sich mit Eifer in das Haus des Poroschasp begab.
Er fand Zoroaster an der Mutter Brust, seine Wangen waren wie des Frhlings
Blte, und Gre Gottes ging von ihm aus. Belehrt von dem, was sich begeben
hatte bei seiner Geburt, machte Duranserun der Zorn bla, und er befahl
seinen Leuten, da sie das Kind greifen und mit dem Sbel zerhauen sollten.
Aber der Vater der Seelen lie seine Hand verdorren auf dem Fleck. Im
Feuerzorn verlie er Zoroasters Wiege, und die Magier, wie Schlangen
gekrmmt, machten sich von dannen.

Einige Zeit darauf nahmen sie Zoroaster und trugen ihn in die Wste.
Daselbst bauten sie einen Holzsto von Pech und andern Feuermaterien,
entzndeten ihn und warfen Zoroaster darauf und gingen mit Freude und
Jauchzen, Duranserun anzusagen, was sie gemacht htten. Dogdo hrte dies
und lief wie auer sich zur Wste, fand aber Zoroaster sanft und ruhig
schlafen. Feuer war ihm ses Wasser. Sein Antlitz glnzte wie Zohore[96]
und Moschteri.[97] Sie nahm ihr Kind, gab ihm hundert Ksse und trug es
heim.

Augenblicklich verbreiteten sich diese Wunder. Feuer hatte nicht Macht
gehabt ber Zoroaster, das wute Jedermann. Darauf trugen ihn die Magier
auf Befehl ihres Obersten in einen Hohlweg, den Ochsen begingen; die
sollten ihn zertreten und zerreien. Aber der grte und strkste der
Heerde ging auf Zoroaster zu wie eine zrtliche Mutter, umfate ihn und
schlug mit dem Horn alle Stiere, die auf ihn zu wollten, und wie sie alle
vorbei waren, ging der Ochse seinen Weg und lie das Kind. Dies ward wieder
ruchbar. Als Dogdo hrte, wohin man ihr Kind getragen, holte sie es heim
und behielt alle diese Dinge Tag und Nacht in ihr ihrem Herzen.

Ein gewisser Zauberer Turberatorsch, berhmt durch seine Zauberknste,
sah seine Gesellen ganz muthlos und sprach: Wozu das Klagen? Ich wei, wir
knnen nichts gegen Zoroaster. Gott schtzt ihn. Bahman[98] wird ihn zum
Throne Ahuramazds bringen; der wird ihm alle Geheimnisse aufschlieen und
ihn zum Propheten der ganzen Welt machen. Er wird ihr ein Gesetz geben, und
ein gerechter Knig wird alle Magier verderben. Poroschasp hrte den Magier
vom Schicksal seines Sohnes reden und fragte: Was denkst du von seinem
Lachen bei der Geburt? Turberatorsch sprach: Dein Herz freue sich: So lange
die Welt steht, hat sie dergleichen nicht gesehen. Das Kind wird ein Wunder
der Heiligkeit werden und den Vlkern den Weg zur Reinigkeit zeigen und
nach dem Wort des reinen und siegreichen Gottes Zendavesta auf die Erde
bringen. Der Knig Gustasp[99] wird sein Gesetz annehmen. -- Das waren
Worte der Freude fr Zoroasters Vater.

Poroschasps Nachbar, alt in Weisheit und Heiligkeit, kam als der Hahn
krhte, und bat Poroschasp, ihm Zoroaster anzuvertrauen. Er wolle seiner
pflegen und fr ihn sorgen als fr die zarteste und schnste Blume.
Poroschasp willigte darein, und Zoroaster blieb bei dem alten Weisen,
geschtzt durch die Glorie Ahuramazds, ohne den Feuerwind des Angrmainyus
und der Magier zu empfinden.

Nach diesem kamen Turberatorsch und Duranserun zu Poroschasp, um durch
ihre Bezauberungen seinen Knaben tdlich zu erschrecken. Sie trieben Kunst
auf Kunst, erregten Schrecken auf Schrecken, da alles Volk zitterte.
Zoroaster, dessen ganzes Thun und Lassen in Gott war, blieb allein beherzt,
ohne einen Fu zu bewegen. Gott lie ihn alle Zaubereien berwinden und
erfllte die Magier mit Verzweiflung, da sie von dannen wichen.

Zoroaster wurde krank, und seine Freunde sehr betrbt. Turberatorsch, der
Zauberer Oberster, bereitete einen Arzneitrank aus reinen und unreinen
Pflanzen aller Art. Nimm diesen Trank, sprach er zu Zoroaster, wenn du
genesen willst! Zoroaster, der gleich wute, da dies Zauberarznei wre,
die allem Volke Ahuramazds verboten ist, nahm sie aus der Hand des Argen
und go sie auf die Erde mit den Worten: Kothseele, ich bedarf deines
Mittels nicht; verbe alle deine Magie gegen mich: komme zu mir im falschen
Kleide, meine Seele kennet dich doch. Der Allerhchste lt mich sehen, wie
du bist; er, welcher der Seele Leben giebt und nimmt.

Magier deckten damals das Erdreich, und die meisten Erdenkinder vergaen
des Weltenschpfers und fragten blos die Dews.[100] Poroschasp, der Diener
Ahuramazds lie sich vom Strom mit fort reien und vereinigte in sich
Anbetung Ahuramazds und Ehrfurcht vor den Dewspriestern. Eines Tages
versammelte er bei sich eine Schaar kundiger Magier, unter ihnen
Turberatorsch und Duranserun, und gab ihnen ein Mahl. Als sie gegessen und
getrunken hatten, sprach er zu Turberatorsch: O, du, der du alle Tiefen der
Magie weit, gieb mir ein geheimes Mittel, das heute Freude in meiner Seele
erzeugt.

Zoroaster hrte seines Vaters Begehr und sagte: Sprich nicht, Vater,
solche leere Worte; du brauchst nicht solche Mittel. Geht dein Fu nicht
reinen Weg, so mut du einst zur Hlle. Folge dem, was Gott dir zeigt, der
alle Dinge gemacht hat. Du trauest falsch den Zauberknsten und vergissest
das Werk des Gottes aller Welt. Ihr Ende wird sein Abgrund und Verderben,
ihrer Thaten Frucht.

Turberatorsch antwortete: Warum kannst du nicht schweigen, kleiner
Schwtzer? Du und dein Vater, was seid ihr vor mir? Du willst mit Gewalt
mein Geheimni aufdecken? Kein Mensch hat noch also von mir geredet. Warte!
Ich will dich berall beschimpfen, deine Werke verrufen; nie soll dein Herz
sich freuen!

Heillose Kothseele, sprach Zoroaster, alle deine Lgen werden nichts
vermgen. Was ich sage ist wahr. Dieser Arm soll dich zerstuben! Durch
Hlfe des groen Gottes der Allmacht will ich all dein Beginnen zu nichts
machen, dich an Leib und Seele plagen! Diese Worte erfllten die Zauberer
mit Schauder, und Turberatorsch -- man sollte gedacht haben, seine Seele
wre auer dem Leibe -- wich von dannen und wurde heftig krank.

So erreichte Zoroaster sein fnfzehntes Jahr.[101] Er war Tag und Nacht
im Gebet, sein Haupt zur Erde gebeugt, und hatte Leiden an Seele und Leib.

Den Bedrngten spendete er Trost und Hlfe im Geheimen. Konnte Jemand
nicht in seinem Vorhaben fort, so brachte er es in Ordnung, kleidete die
Armen und gab Almosen, wo es nthig war. All sein Gold und Silber gab er
dahin, und sein Name war gro bei Jung und Alt.

Ein Jngling wie Zoroaster, dessen Herz nicht durch irdische Gter umfat,
noch durch die Vergngungen seines Alters erwrmt wurde, fand keine Lust am
Umgang der der Magie ergebenen Bewohner von Urmi. Er fand seine Freude und
Trost in der Weisheit bis zum fnfundzwanzigsten Jahr. Er hrte die Weisen
aus Chalda, und die hohen Gedanken, welche er aus ihren Schriften
schpfte, waren der Keim fr alle die Wahrheiten, durch welche er spter
Persien erleuchtete.

Im dreiigsten Jahr trieb ihn sein Herz nach Iran.[102] -- Er kam daselbst
an am letzten Tag des Jahres. Man feierte daselbst just Farvardians, d.h.
das Fest der Seelen des Gesetzes[103], und die Frsten des Reiches waren
beisammen. Zoroaster wollte auch dahin, aber die Nacht berkam ihn auf dem
Wege. Er legte sich hier schlafen und sah im Traum ein Heer Schlangen von
Mitternacht ausziehen, welche den ganzen Weg bedeckten und keinen Ausgang
lieen. Wie Zoroaster sie eine Weile anschaute, sah er ein anderes Heer von
Mittag kommen. Beide stieen wthend auf einander; dieses aber berwand.

Dieser Traum deutete auf die Magier und Dews, welche wie brllende Lwen
gegen Zoroaster kriegen wrden, wenn er, in den Geheimnissen Gottes
unterrichtet, der Welt sein Gesetz bekannt gemacht htte; da aber
Mediomah[104] an dieses Gesetz glauben, dem neuen Gesandten Gottes
beistehen, und die Dews und Magier durch das Lesen des Zendavesta in die
Flucht getrieben wrden.

Sobald Zoroaster der geheime Sinn seines Traumes aufgegangen war, ging er
zu dem Ort des Festes und berlie sein Herz der Freude. Dann besuchte er
in der Mitte des Monats Ardibehescht[105] ein groes Meer und sah sich in
der Mitte eines paradieshnlichen Landes. Bei Sonnenaufgang des Tages
Dapmeher[106] dachte Zoroaster hin und her ber die Widersprche, die er
nun bald wrde leiden mssen, und verlie Iran mit nassen Augen. Nachdem er
ber den Araxes war, kam er nach wenigen Tagen an das Ufer des Meeres
Daeti.[107] Er stieg in das Wasser ohne Furcht; anfangs ging es ihm bis an
die Schenkel, darauf bis an die Kniee, den Leib und den Hals.

Diese vier Wasserhhen deuteten auf das Wachsen seines herrlichen
Gesetzes[108] zu vier verschiedenen Zeiten: unter Zoroaster, unter den
Propheten Oschederbami und Oschedermah in den letzten Tagen und unter dem
Sosiosch, der bei der Auferstehung die ganze Welt reinigen und zum Paradies
machen wird.[109] Zoroaster wusch sich Haupt und Leib im Daeti und dankte
Ahuramazd, wie er hindurch war. Er zog sich hierauf in die Gebirge zurck,
um den Allerhchsten zu befragen, und in allergrter Ruhe bei sich zu
betrachten, was er seinem Vaterland verknden wolle.

Hier erschien ihm nun Bahman im Lichtglanz wie die Sonne. Seine Hnde
waren in einen Schleier gehllt, und er sprach zu Zoroaster: Wer bist du,
und was suchst du? -- Ich suche, was Ahuramazd gefllt, dem Schpfer
beider Welten, wei aber nicht, was er von mir will. Du, der du rein bist,
zeige mir den Weg des Gesetzes. -- Bahman hatte Wohlgefallen an diesen
Worten und sprach: Mache dich auf, um vor Gott zu erscheinen; da sollst du
Antwort hren auf dein Begehr. Zoroaster machte sich auf und folgte
Bahman, der zu ihm sprach: Schliee deine Augen und gehe frisch. -- Es war,
als ob ein Adler ihn aufnhme und vor Gott brchte. -- Zoroaster that seine
Augen auf und sah des Himmels Glanz, Heerscharen der Engel kamen auf ihn
zu; jeder fragte ihn um etwas und zeigte es mit dem Finger. Vor dem Throne
Gottes betete er erst an und fragte dann um dies und das, wie Djemschid
einst that.

Zoroaster sprach zum Allerhchsten: Wer ist der beste deiner Diener in der
Welt? -- Gott, der immer gewesen ist und immer sein wird, antwortete: Der
ist's, der reines Herzens ist; wohlthtig gegen den Gerechten und gegen
alle Menschen; der seine Augen vom Reichthum wendet; der von Herzen Gutes
thut allem Geschpf in der Welt, dem Feuer, Wasser und Thiergeschpfen: der
soll ewig sein in Fried und Freuden. Ich hasse den, sprach Ahuramazd, der
den Guten betrbt, der meine Diener bekmmert und auer meinen Geboten
wandelt, der -- sage es allem Volk -- mu ewig in der Hlle sein.

Hierauf fragte Zoroaster Ahuramazd ber die Amschaspands[110], die ihm
lieb sind, ber den unreinen Angrmainyus, der nur Arges denkt, ber Gute
und Bse und ber den Ausgang derer, die den Dews anhngen.

Ahuramazd sprach: Ich bin es, der lehrt, was gut ist[111]; Angrmainyus
ist der Vater des Bsen; mein Wille ist nicht der Menschen Plage. Wisse:
Bses kommt nur von Angrmainyus, alles bse Thun und alles bse Denken.
Die Strafe der Snde ist in der Hlle. Die Thoren lgen, wenn sie sagen,
ich thte Bses.

Alsdann bat Zoroaster Angrmainyus um Unsterblichkeit, damit er in allen
Zeiten die Menschen im Glauben und der Befolgung des Gesetzes strken
knne. Ahuramazd sprach[112]: Befreie ich dich vom Tode, so wird auch der
Krper des Dew Turberatorsch davon befreit sein, und es wrde alsdann keine
Auferstehung geben. Du wrdest alsdann den Tod von mir suchen. Ahuramazd
gab ihm eine Speise, hnlich dem Honig. Zoroaster a und sah im Traum die
Herzen und Gedanken der Menschen aufgedeckt. Ahuramazd lie ihn alle
Begebenheiten vom Ersten der Menschen bis zur Auferstehung sehen und was im
letzten Weltjahrtausend geschehen wrde. Beim Anblick der Plagen und
belthaten, welche die Welt verwsten wrden, wnschte er sich nicht mehr
Todlosigkeit.[113]

Ahuramazd lehrte ihn noch den Umlauf des Himmels[114], die guten und bsen
Einflsse der Gestirne, die Tiefen der Naturgeheimnisse, die Hoheit der
Amschaspands und die Freuden der himmlischen Wesen. Zoroaster sah auch die
Gestalt des Angrmainyus in der Hlle und erlste aus diesem Reich der
Finsternis einen Menschen, der Gutes und Bses gethan hatte.[115]

Als Angrmainyus ihn erblickte, schrie er mit groer Stimme: Verlasse das
reine Gesetz; wirf es wie Staub hinweg; du sollst doch in der Welt haben,
was dein Herz begehrt.[116] Kmmere dich nicht um deinen Ausgang, oder
bekmpfe wenigstens mein Volk nicht, o reiner Zoroaster, Sohn des
Poroschasp, der du geboren bist von der, die dich getragen. Zoroaster
sprach: Falscher Ruhm und Glanz ist dir und allen deinen Nachfolgern in
der Hlle. Mit Gottes Barmherzigkeit will ich dein Werk in Schimpf und
Schande bringen!

Zoroaster -- voll gttlicher Majestt -- sah nun einen Feuerberg; er mute
hinein und ging schadlos hindurch. Es wurden geschmolzene Metalle ber ihn
ausgegossen, und er verlor kein Haar. Darauf ffnete man ihm auf Befehl
Ahuramazds den Leib und nahm Alles heraus. Wen Gott schtzt, dem ist Feuer
in der Hand wie Wachs, und wenn er auch durch Feuer oder Wasser mu, so
frchtet er doch nichts.[117]

Ahuramazd sprach: Sage nun allem Volk, was du gesehen hast, du, sein
Hirte! Wer nun Angrmainyus unreinen Weg wandelt, aus dessen Leib sollen
Blutflsse flieen, und er soll den Feuerflammen bergeben werden, wie dir
gezeigt ist. Vom Flu des geschmolzenen Metalls siehe diese Deutung: Ein
Menschengeschlecht wird das Gesetz verlassen und Angrmainyus anhngen;
aber die Mobeds werden sich rsten wider die Dews zu streiten. Zweifelsucht
wird ber die Menschen Gewalt ben, aber dieser Feuerstrom soll sie
aufzehren. Aderbad Mahrespand[118] wird erscheinen und die Menschen lehren
Alles, was sie wissen mssen. Geschmolzene Metalle werden ber ihn gegossen
werden, ihm aber nicht schaden. Dieses Wunder wird alle Zweifel wie Staub
verschwinden machen und den rechten Weg zeigen.[119]

Darauf befragte Zoroaster Ahuramazd, der alle Geheimnisse wei, um die
Pflichten seiner Diener -- Desturs und wachsamen Mobeds -- um die Art zu
beten und sein Gesicht zu kehren. Der Allernhrer jedes Tags und
Allgenugsame sprach: Sage den Menschen, da mein Licht verborgen ist unter
allem, was glnzt.[120] Richte dein Antlitz gegen das Licht und thue meine
Gebote, so wird Angrmainyus fliehen; in der Welt geht nichts ber das
Licht.

Dann lehrte Ahuramazd Zoroaster den Zendavesta und sprach: Lies ihn vor
dem Knig Gustasp, damit er ihn in seinen Schutz nehme; zeige ihm, wer ich
bin, damit er Mitleiden und Gte beweise; lehre ihn Alles und unterrichte
auch die Mobeds an meiner Statt, da sie den Weg Angrmainyus meiden. ber
diese Gebote freute sich Zoroaster und dankte Ahuramazd.

Nun kamen die Amschaspands zu Zoroaster, um ihre Auftrge auszurichten.
_Bahman_, der die Tiere schtzt[121], sprach: Ich berlasse dir die Thiere
und Herden; la die Mobeds dafr sorgen. Kein junges und ntzliches Thier
msse getdtet werden; das sage Alt und Jung: ich habe sie von Ahuramazd
empfangen und darf sie keinem Bsen anvertrauen.

Der glnzende _Ardibehescht_[122] sprach: Sage in meinem Namen Gustasp,
Diener des reinen Gottes, ich habe dir alle Feuer empfohlen. La Desturs,
Mobeds und Herbeds[123] dafr sorgen, da sie nicht getilgt werden, weder
durch Wasser, noch Koth, da jede Stadt ein Atesch-gah[124] habe und diesem
Element zum Lobe die vorgeschriebenen Feste feiere, denn der Glanz des
Feuers kommt vom Glanze Gottes. Was ist Schneres in der Welt? Er will nur
Holz und Gerche; Jung und Alt bringt ihm die, und er wird die Gebete
erhren. Ich berlasse es dir, wie es mir von Ahuramazd berlassen ist.
Wer mein Wort nicht hrt, der geht zur Hlle.

_Shariver_[125] befahl, die Waffen -- Sbel, Lanze&c. -- nicht verrosten
zu lassen.

_Espendarmad_[126]: die Menschen sollten nach dem Willen dessen, der alles
segnet, die Erde vor Blut bewahren, vor Unreinigkeiten und Todten; alles
Unreine und Todte an besondere Orte schaffen, die Erde fleiig bauenusw.

_Chordad_[127] empfahl ihm alles Wasser unter und ber der Erde, in
Quellen, Flssen, Brunnen usw. Wasser giebt allem Lebendigen Strke, macht
grn usw.; deshalb darf man nichts Unreines und Todtes hineinwerfen.

_Amerdad_[128] sprach von Frchten und Bumen und befahl sie nicht
muthwillig zu beschdigen.

Noch wurde Zoroaster befohlen: La die Desturs in alle Welt gehen und die
Menschen zum Glauben an Ahuramazds Gesetz bekehren.[129] In jedem Ort
bestelle einen zum Lehrer des Gesetzes und der Gerechtigkeit, der den
Zendavesta liest und zu Gott, dem Schpfer der Welt, betet. Alle Menschen
sollen sich nach der Seite des Rechts wenden, mit dem Kosti[130] umgrtet
sein, dem Kennzeichen der Schler des heiligen Gesetzes, und rein erhalten
die vier Elemente des Menschenkrpers, Luft, Wasser, Feuer, Erde; dann wird
alles blhen und den Segen des Allerhchsten genieen.

Dies waren die Lehren, welche Ahuramazd und die Amschaspands ihrem Diener
Zoroaster erteilten.

Da nun Zoroaster auerdem noch auf den Bergen Offenbarungen von Ahuramazd
erhielt, so heiligte er in den Gebirgen Persiens dem Mithra[131] eine
Hhle. Diese Hhle sollte ein Bild der Weltschpfung durch Mithra sein, und
die Dinge, welche in ihr in abgemessenen Entfernungen von einander lagen,
sollten die Harmonie des Weltalls darstellen, die Bewegung der Planeten und
Fixsterne und den Aufenthalt der Seelen auf denselben.

Nach Origenes[132] hatten die Perser in den spter allenthalben
entstandenen Mithrasgrotten eine symbolische Leiter von acht Sprossen. Die
erste aus Blei bestehende Sprosse stellte den Saturn, die zweite aus Zinn
bestehende den Jupiter, die dritte aus Eisen bestehende den Mars, die
vierte aus Kupfer bestehende die Venus, die fnfte aus gemischtem Metall
bestehende den Mercur, die sechste, silberne, den Mond, die siebente,
goldene, die Sonne und die achte den Fixsternhimmel dar.

Auch im neueren Parsismus nimmt man sieben den Planeten entsprechende
Himmel mit verschiedenen Graden der Seligkeit an. ber sie alle geht
Gorotman, die Wohnung Ahuramazds und der himmlischen Geister. Gorotman ist
die achte Stufe der Leiter des Origenes.

Nachdem Zoroaster die Offenbarungen Ahuramazds und der Amschaspands
erhalten hatte, kehrte er in die Welt zurck. Die Dews und Magier
versuchten ihn zu bekriegen, konnten aber nichts ausrichten. Der oberste
Magier sprach: Sprich du immerhin Avesta, du sollst gegen uns doch nichts
knnen. Da ward Zoroaster zornig und sprach Avesta in Zend[133], da flohen
alle Dews und verbargen sich in den Abgrnden der Erde. Die Magier erfllte
Schrecken und Verzweiflung; ein Teil derselben starb, der andere bat um
Gnade.

Nunmehr nahte sich Zoroaster auf der Strae von Balkh dem Palaste des
Gustasp.[134] An einem Glckstag kam er in die Stadt und ruhete ein wenig;
dann betete er zu Gott und ging zum Knig. Da er nicht vor sein Angesicht
kommen sollte, spaltete er das Dach des Hauses darin der Knig Hof hielt.

Die Hofleute flohen, und nur Gustaspes blieb allein ohne Schrecken. Die
Hofleute aber bestanden aus den Groen Irans und den berhmtesten Weisen.
Der nhere und entferntere Zutritt zu seiner Person war die Belohnung ihrer
greren oder geringeren Verdienste.

Zoroaster trat vor den glnzenden Gustaspes und segnete ihn. Getroffen
durch Zoroasters Worte der Weisheit, fragte der Knig seine Weisen, wer er
wre. Zoroaster setzte sich und redete unerhrte Dinge und beantwortete die
Fragen, da alle staunten.

Darauf breiteten die Weisen ein Decke auf den Fuboden und setzten sich um
Zoroaster.[135] Jeder fragte ihn besonders, so viel er konnte, um die alten
Wissenschaften und bewunderte die Tiefe und Weite seiner Einsicht.
Gustaspes fragte auch nach der Weisheit der Alten und vernahm mit der
Freude des Herzens seine Antwort und schenkte ihm darauf eine herrliche
Wohnung neben sich. Die Weisen sannen die ganze Nacht auf Fragen, womit
sie Zoroaster beschmen wollten; er aber betete die ganze Nacht und dankte
Gott fr den Sieg ber sie.

Bei Tagesanbruch fanden sich die Diener und Weisen beim Knig ein. Sie
redeten von vielen Dingen, aber Zoroaster war ihnen immer berlegen. Was
will daraus werden? sagten sie.

Wie ein scharfschneidendes Schwert war seine Zunge gegen sie, und ihre
Fragen aus der Weisheit beantwortete er hundertfltig. Gustaspes erwies ihm
Ehre ber Ehre, und Zoroaster mute ihm seinen Stand, Namen, Familie und
Geburtsort anzeigen. Am folgenden Tag Ahuramazd war Versammlung aller
Groen, Heerfhrer und Weisen. Des Knigs Diener aber entbrannten vor Zorn
und sprachen: Was, ein Fremdling will uns unsern Namen rauben? Wohlan, wir
wollen zusammenhalten und alle seine Reden unntz machen!

Aber Zoroaster machte, da am Tage Ahuramazd[136] wie an den vorigen Tagen
alle Groen und Weisen verstummen muten, und er wurde gro vor Gustaspes
und sprach: Ich bin von Gott ausgegangen, der die sieben Himmel gemacht
hat, die Erde und die Sterne; von dem Gott, der Leben und Nahrung giebt Tag
vor Tag und sich seines Dieners annimmt; der dir die Krone aufgesetzt hat
und dich schtzt und deinen Krper aus dem Nichts gezogen. Durch ihn
regierst du und hast Gewalt ber seine Knechte. Zoroaster stellte
Gustaspes Avesta vor und sprach: Gott hat mich den Vlkern gesandt, da
sie sein Wort in Zend, Ahuramazds Willen, annehmen. Thust du Gottes
Willen, so wirst du Glanz haben in der andern Welt, wie dieser; hrst du
aber sein Wort nicht, so wird Gott in seinem Zorn deine Krone zerbrechen,
und dein Ende der Duzakh[137] sein. Neige dein Ohr den Belehrungen
Ahuramazds und thue nicht mehr den Willen der Dews.[138] -- Gustaspes
sprach: Was thust du zum Beweis deiner gttlichen Sendung fr Zeichen, da
ich deinen Worten glaube und dich wider Ungerechtigkeiten schtze?

Wer das thut, was ich lehre, sprach Zoroaster, wird groe Wunder thun.
Gott hat mir gesagt: Wenn dein Knig Zeichen fordert, so sprich: Lies nur
Zendavesta, so brauchst du keine Wunder. Das Buch selbst, das du siehst,
ist Wunder genug. Es wird dich lehren, was in beiden Welten ist, der Sterne
Lauf und den Weg des Guten. -- So lies denn Zendavesta, sprach
Gustaspes. Zoroaster las ein ganzes Stck, und der Knig fand nicht
Geschmack, denn die Gre von Avesta ging ber seinen Verstand. Er war wie
ein Kind, das nicht kstliche Steine schtzt; wie ein Unwissender, der
nicht kennt den Wert der Wissenschaft.

Der Knig sprach zu Zoroaster: Ich billige deine guten Wnsche fr mich;
aber wir mssen die Sache besonders ansehen. Ich will untersuchen und dir
meine Zweifel darlegen. Um nicht Lge zu glauben, will ich Zendavesta
lesen, und was ich klar erkenne, dem will ich folgen. Zoroaster freute
sich ber den Knig und versprach zur Zerstreuung seiner Zweifel alle
Zeichen zu thun, die der Knig verlangte.

Die Weisen des Knigs gestanden, da Zoroasters Lehre rein sei; da man
aber, um sich von seiner gttlichen Sendung zu berzeugen, ein
auerordentliches Zeichen von ihm verlangen msse. Welches denn? fragte
der Knig. Die Weisen antworteten: Wir wollen ihn stark binden, mit
Krutern, deren Kraft wir kennen, reiben und ein Man[139] geschmolzenes Erz
ber ihn ausgieen. Zoroaster war damit zufrieden, legte den Zendavesta
vor sie und sprach: O Gott, wenn dieses Buch dein ist, so zeige es jetzt!
Man go geschmolzenes Erz auf seine Brust, und es schmerzte ihn nicht.
Zoroaster that noch andere Wunder als: er pflanzte eine Cypresse, die in
wenig Tagen zu einem groen Baum erwuchs[140]usw.

Nun glaubte Gustaspes, und Zoroaster erklrte ihm den ganzen Zendavesta.
Des Knigs Diener wurden eiferschtig und sannen auf Mittel ihn zu strzen.
Einst erhielten sie durch Bestechung den Schlssel zu Zoroasters Gemach im
Palast des Knigs. Sie trugen Blut, unreine Dinge, Haare, Leichname usw.
zusammen, alles in einen Sack und legten es in sein Bett unter das
Kopfkissen. Darauf gingen sie zum Knig und sprachen: Zoroaster ist ein
groer Betrger; die ganze Nacht zaubert er und erfllt dein Reich mit
Grueln.[141] Du bist unser Knig, und wir sagen nichts, als was wir
wissen; du kennst diesen Schalk noch nicht! Gustaspes dachte dem nach und
wollte doch wissen, ob es wahr wre. Zoroaster, der sich seiner Unschuld
freute, ffnete ganz ruhig sein Gemach; aber da fand man Ngel,
Todtengebeine usw.[142] Gustaspes zeigte das Alles seinen Dienern, und sie
verfluchten Zoroaster. Du Unreiner! sprachen sie. Ist das nicht Rstzeug
der Zauberer? Zoroaster berief sich auf den Thrhter, welcher sagte, kein
fremder Wind sei in sein Gemach gegangen. Gustaspes glaubte und nannte
Zoroaster einen Hund, warf ihm den Zendavesta vor die Fe und lie ihn in
Eisen legen. Solch ein Zauberer sei noch nicht in der Welt gewesen, denn er
knne die Welt umkehren. -- Tglich bekam Zoroaster im Kerker ein Brod und
einen Krug Wasser. Nach sieben Tagen offenbarte ein Wunder seine Unschuld.
Der Knig hatte ein Lieblingspferd, das war schwarz. Er glaubte, wenn er
dasselbe reite, so folge ihm der Sieg. Pltzlich hatten sich diesem die
Beine in den Leib gezogen, und kein Arzt oder Weise wute Hlfe. Der Knig
a und trank nicht, und die ganze Stadt war Trauer und Klage. Zoroaster
hrte es endlich und sprach: Lasse mich der Knig aus dem Kerker, so soll
sein Pferd gesund sein.

Es geschah. Als Zoroaster vor den Knig kam, sprach dieser: Von dem, was
du mir sagst, begreife ich nichts; heilst du aber mein Pferd, so bist du
ein wahrer Prophet. Zoroaster sprach: Zuerst mut du glauben[143], da
ich ein Prophet Gottes bin, der dir dein Gesicht gegeben hat und darin
einen Charakter ausdrckt.[144] Wenn dein Herz ist wie deine Lippen, so
soll dein Wunsch geschehen. Gustaspes versprach sein Leben lang das Gesetz
zu halten, zu thun, was recht sei, und Gott zu ehren. Darauf rief Zoroaster
Gott an und weinte, und dem Pferde kamen die Beine wieder.

Vor dem Heraustreten des zweiten Beines mute der Held Espendiar
versprechen, da er Zoroaster und sein Gesetz schtzen wolle. Vor dem
Heraustreten des dritten lie sich Zoroaster in das Innerste des Palastes
fhren und verkndete dem ganzen kniglichen Hause den Zendavesta. Endlich
mute der Thrhter die Betrger unter den Dienern des Knigs entdecken,
die ihn in Ungnade gebracht hatten. Der Knig bedrohte ihn mit dem Leben,
die Wahrheit zu sagen. Er fiel auf sein Angesicht und bat um Gnade. Die
Weisen haben mich bedroht, sprach er, und wie sollte ich denen widerstehen,
die mein Herr und Knig ehrt? -- Die vier vornehmsten der Weisen wurden
gespiet. Zuletzt sprach Zoroaster: Gottes Macht ist so gro, da er thut,
was er will, ohne da man fragen darf, wie und warum? Von nun an fragte
der Knig Zoroaster um Alles, was er vornehmen wollte. Einst sprach er:
Mein Herz verlangt vier Dinge, die eben so gro und wunderbar sind als
Gottes Gesetz: Zu wissen, was fr ein Ort mir in in der andern Welt
bestimmt ist; da ich mich vor keinem meiner Feinde frchte; da ich sehe,
alles Gute und Bse, was in der Welt sich begeben wird, und da meine Seele
im Krper bleibe bis zur Auferstehung.[145]

Ich will zwar, sprach Zoroaster, um diese vier Dinge von Gott bitten; du
mut dich aber an einem begngen und den drei Vornehmsten deines Hofes die
andern berlassen; denn Gott schenkt sie alle nicht einem Menschen allein,
damit er nicht sagen knne: ich bin allmchtig. Da verlangte Gustaspes
seinen Ort in der andern Welt zu wissen.

Am Morgen des andern Tags kam Zoroaster vor den Knig, der auf einem
goldenen Thron sa. Er hatte den Knig kaum gesegnet, so standen vier edle
Krieger im reichsten Waffenschmuck und hoch wie Berge vor der Thre. Sie
hieen Bahman, Ardibehescht, Chordad und Adergoschasp.[146] Sie sprachen:
Gott hat uns zu dir gesandt, Knig der Lnder, um dir zu sagen, da, wenn
du Zoroasters Worten glaubst, du vor der Hlle bewahrt bleiben sollst, denn
ich, sagt Ahuramazd, habe ihn gesandt.

Der Knig war eine Zeit lang sprach- und sinnlos. Als er wieder bei Sinnen
war, sprach er: Ich, der Geringste unter den Dienern Ahuramazds, bin zu
allem bereit, was ihr mir gesagt habt. Der Knig sprach zu Zoroaster: Ich
bergebe mich dir mit Leib und Seele, wie mir Ahuramazd befohlen hat.
Zoroaster antwortete: Sei getrost und guten Muths; du sollst sehen, was du
verlangt hast! Er verrichtete darauf das Darunopfer mit Wein,
Wohlgerchen, Milch und einem Granatapfel. Nachdem er diese Dinge und las
Zendavesta und trank von dem Wein und gab den Becher dem Knig, der auch
trinken mute und wie berauscht einschlief. Im Schlafe, der drei Tage
dauerte, erhob sich seine Seele zum Throne Gottes und sah seinen
Kerdar[147] in Reinheit glnzend, seinen Platz, der fr ihn und die
Heiligen im Himmel bereitet war.

Dem zweiten Sohn des Gustaspes, Paschutan, gab Zoroaster die Milch zu
trinken. Er wurde dadurch unsterblich. Djamaspes, der Diener des Gustaspes,
bekam die Gerche und damit alle Weisheit und die Erkenntnis alles
Geschehenden bis an die Auferstehung. Espendiar endlich geno einige
Granatkerne, und sein Krper wurde fest wie ein Fels, aller Verwundung
unfhig; daher nannte man ihn Kupferleib (Ruintan).

Als der Knig nach drei Tagen erwachte, sprach er: O Gott der beiden
Welten, dein Reich wird whren von Ewigkeit zu Ewigkeit. Er berief hierauf
Zoroaster zu sich und sagte Alles, was er gesehen hatte, und befahl auch
allen seinen Unterthanen, dem Gesetz zu gehorchen.

Nun verlangte der Knig, da Zoroaster von einem erhabenen Sitz den
Zendavesta vorlesen sollte, damit ihm alle Zweifel benommen wrden und er
das Gesetz vollkommen verstehen lerne. Zoroaster that dies mit
Herzensfreude und begann mit dem Gebet an Gott. Durch das Lesen erzitterten
alle Dews und flohen in die Abgrnde. Darauf lie Zoroaster die reinen
Mobeds und Herbeds zu sich kommen und redete mit ihnen in Gegenwart des
Knigs der Knige von den verschiedenen Arten des Feuers, zeigte ihnen den
Dienst derselben&c. Er lie auch ein gewlbtes Gemach bauen, darunter das
Bild eines halben Mondes setzen, und in dieses Gemach einen mit Gold und
Silber bekleideten Thron; es wurde auch allenthalben bedeckt, damit kein
Unreiner es sehen knne. In diesen Atesch-gah wurde das heilige Feuer[148]
gebracht, und Zoroaster befahl, da an jedem Ort ein hnlicher Atesch-gah
erbaut werden solle. Da war das Herz der Diener Ahuramazds in Freude und
das der Anbeter der Dews[149] in Traurigkeit.

Vor dem Atesch-gah gab Zoroaster dem Gustaspes noch folgende Ermahnungen:
Den Anfang machte eine Lobpreisung Gottes, der alle Welt geschaffen hat,
und die Bsen am Ende, wie er sie aus dem Nichts genommen, wieder ins
Nichts zurckbringen wird; er, der den Himmel gemacht und den Sternen Glanz
gegeben, dessen Reich ohne Ende dauert, der ein Knig alles Lichtes und
aller Herrlichkeit ist.

Darauf erklrte Zoroaster dem Knig das Gesetz nach den Zendbchern und
sprach also: Betest du Gott an in der Wahrheit, so wirst du zum Himmel
gehen. Angrmainyus ist Ahuramazds Feind; er wendet das Herz der Menschen
unaufhrlich vom Gesetz der Gerechtigkeit und sucht sie nach sich in die
Hlle zu ziehen, um seine natrliche Wuth zu stillen, denn der Menschen
Unglck ist der Hlle Freude. Am Ende werden die Snder von den Dews
verspottet, welche sagen: Warum hast du den Weg der Gerechtigkeit verlassen
und bist den Weg der Finsterni gewandelt?

Zoroaster fuhr fort: Gott, der herzliches Mitleiden mit seinen Dienern
hat, hat mich mit dem Gesetz zu ihnen gesandt, damit sie den Weg des Bsen
verlassen. Wer sein Herz vom bel wendet, der wird ewige Freude haben.
Mchte doch der Ungerechte seine Ungerechtigkeiten verwnschen und Andere
mit sich auf den Weg der Wahrheit fhren.

Der Gott der Welt hat mich zu dir gesandt, o reiner und gerechter Knig,
und gesagt: Verkndige meinen Dienern, da sie nicht von meinen Geboten
weichen; lehre die Vlker der Erde den Weg des verwnschten Angrmainyus zu
hassen und meinen Weg der Gerechtigkeit zu wandeln; dann werden sie in den
Himmel gelangen. Wer ihn verlt, der mu mit Angrmainyus in der Hlle
sein.

Siehe, noch folgenden Unterricht hat mir Ahuramazd gegeben.

Die Welt ist wie nichts in den Augen dessen, der sie gemacht hat. Auch die
lngste Geschlechtsreihe mu ihr Ende haben.

Du siehst diese runden Gewlbe -- er zeigte nach dem Himmel und dem
Atesch-gah[150]--; hier wird einst der Knig mit seinem Unterthan, der
Herr mit dem Knecht vereinigt sein.

Lehre nie, was du nicht von mir gehrt hast, und am Ende will ich mich
deiner erbarmen; denn ich finde nicht Wohlgefallen an deiner Snde; ich
will dein Bses und deine Strafen mindern.

Bei deinen Handlungen werden die Frchte sein, je nachdem du gepflanzt
hast. Wer in der Welt Reinigkeit set, dem wird sie im Himmel zu Theil.
Gott spricht ein Wort, dazu und davon kommt nichts: Wer Snde thut, wird in
der Hlle Schande tragen.

Siehe, was Ahuramazd ber die verstndigen Mobeds sagt: Das Wasser der
Gre[151] ist Ebenmaa, das weder zu viel noch zu wenig hat. Wenn diese
Wahrheit schon gesagt ist, bin ich ein Lgner; wenn aber noch kein Mund
etwas hnliches hervorgebracht hat, so mu man meine Worte nicht mit einem
bsen Herzen betrachten. Der Mensch soll vielmehr wissen, da dies Worte
des reinen Gottes sind und nicht der unreinen Dews. Denn die Dews wrden
nicht so reden und Gott lobpreisen.

Von allen, die als Propheten in die Welt gekommen sind und den Vlkern
Gesetze gegeben haben, hat noch keiner gezeigt, was auf Erden ist oder
geschehen wird. Nur Zoroaster, der Reine, hat nach Zendavesta verkndigt,
was sein wird; Gutes und Bses, das nach der Weltschpfung bis zur
Auferstehung verborgen geblieben sein wrde, hat er aufgedeckt. Er hat uns
die Dews kennen lehren, Gerechtigkeit und gute und bse Thaten.

Noch kein Prophet hat mit reinem, geraden, menschlichen und fehlerlosen
Herzen gebetet als Zoroaster, der Meister des reinen Gesetzes, der
Lobpreiser und Vertraute Ahuramazds.

Ahuramazd sagt zum Menschen des Gesetzes: wer Gutes thut, wird guten Lohn
empfangen, nachdem sein Gutes ist.

Ahuramazd verkndet dies den Vlkern der Welt: Die Seelen aller Menschen
mssen einige Zeit in der Hlle dauern, nachdem ihr Bses ist, gro oder
klein.

Noch zuletzt sagt Ahuramazd: Wer nicht dein Schler ist, ber den frage
nicht, wie es mit ihm werden wird; Strafe erwartet ihn am Ende seiner
Tage.--

Der Eifer des Gustaspes war die feste Sttze Zoroasters. Es wurden
Atesch-gahs errichtet, und zwar zuerst dem Feuer Farpa[152], das Djemschid
heilig ist, auf dem Berge Charesom, neben Kasbin im Vardjemguerd; ferner
dem Feuer Goschasp[153], dem Kekhosro auf dem Berge Asnevand in Aderbedjan
einen Atesch-gah gebaut hatte; und dem Feuer Burzin-meher und Behram[154],
das aus verschiedenen Feuern bestand. Allenthalben wurden nun auch
Gesellschaften von Mobeds und Desturs gegrndet.

Zu Kaschmer[155] in Khorasan war ein sehr berhmter Atesch-gah. Neben dem
Tempelthor pflanzte Zoroaster eine Cypresse, in deren Rinde er die Annahme
des Gesetzes durch Gustaspes schnitt. Wie nun nach einigen Jahren diese
Cypresse gro und stark genug geworden war, so baute man darber einen
Palast, der in der Hhe und ins Gevierte vierzig Ellen hielt. Er schlo
zwei Sle ein, deren Decke mit Gold, deren Fuboden aber mit Silber
berzogen war; die Mauern waren mit kstlichen Steinen ausgeschmckt.
Daselbst hing man die Bildnisse Djemschids und Feriduns auf. Hierher zog
Gustaspes, als seine Stunde gekommen war, da seine Seele sich in den
Himmel erheben wollte. Vor seinem Ende lie dieser Frst den Satrapen aller
Provinzen bekannt machen, da sie zu Fue nach dieser Cypresse wallen, an
Zoroasters Gesetz glauben und allem Gtzendienst von Turan und Tschin
absagen sollten. Diesem Gesetz kam man teils mit Lust, teils aus Furcht
nach.

Zoroasters Name drang bis Indien. Der Brahmine _Tschengregatscha_, der die
Weisen der Welt gebildet hatte, und dessen Bcher in Iran sehr berhmt
waren, hrte von einem ihm unbekannten Propheten, der den Knig von Iran
und seine Diener und alle seine Lnder bekehrt habe. Er schrieb daher mit
dem Eifer eines Mannes, der sich fr die Sttze der Wahrheit hlt, an
Gustaspes.

Sein Brief begann mit dem Namen Gottes, des Allbeherrschers, der den
kreisenden Himmel zu seinen Fen hat und Leib und Seele des Menschen
geschaffen. Hierauf erhob er den Knig mit einer Lobpreisung und bezeugte,
da er von einer neuen Religionsform gehrt habe, die ihn tief schmerze und
ruhelos lasse. Er sagte: Ein Betrger, ein Heuchler, hat Iran verfhrt.
Dergleichen hat sich weder unter Feridun, noch unter Kobad, noch unter
Djemschid, noch unter Kaus begeben. Die Einwohner Irans haben sich einem
jungen Mann[156] ergeben und seine Lgen glubig angenommen. Was mich am
meisten wundert, ist Djamaspes, der Diener des Knigs Lohraspes. Er hat
mehrere Jahre hindurch meine Lehren gehrt; ich habe ihm nichts von meiner
Weisheit verhalten. Er, der Andere htte vor Gefahr schtzen sollen, ist
selbst in die Schlingen gefallen. Ich wei nicht, welches Netz ihm gestellt
ist, da seine Kraft ihn verlassen hat, und er mit Schande verstummt ist.

Hierauf gab Tschengregatscha Gustaspes den Rat, sich ja nicht durch dieses
Betrgers Zaubereien, noch durch seine gleienden Worte fangen zu lassen.
Ich selbst will mich aufmachen, sprach der Brahmine, ihn seiner Lgen
berfhren und auf Alles antworten, was er vorbringen wird. Du, o groer
Knig, mut ihn so lange bewahren, bis ich komme, und wenn ich alsdann
werde die Schande dieses Schurken aufgedeckt haben, so werde ich dich um
seine Bestrafung bitten, damit kein hnlicher in Zukunft das Herz habe, die
Vlker durch falsche Gesetze und Neuerungen in der Religion irre zu
fhren.

Als dieser Brief Tschengregatschas anlangte, befand sich Djamaspes bei
Gustaspes. Die Schreiber muten ihn lesen, und der Knig sprach zu seinem
Diener: Kein Andrer als du bist im Stande, die Sache einzusehen. Prfe sie
und antworte Tschengregatscha, wie du es fr passend erachtest. Ich bin
unbeweglich im himmlischen Gesetz, sprach Djamaspes, ich glaube an Gottes
Wort. Kein Mensch kann aus sich selbst wissen, was Zoroaster wei, noch
thun, was er thut. Gott mu sein Lehrer sein. Doch glaube ich auch, o
groer Knig, da kein Mensch auf der Welt so weise sei wie
Tschengregatscha. Ich habe seine Bcher gelesen, Iran verlassen und ihn in
Hindostan aufgesucht; er hat meine Seele in allen Wissenschaften
ausgebildet. Ich halte es also fr das Beste, da man ihn mit Gte bitte,
nach Iran zu kommen, damit er selbst das Gesetz des Himmels annehme;
dadurch werden, wenn die Welt es hrt, alle Zweifel gegen Zoroasters Gesetz
vllig vernichtet werden.

Tschengregatscha erhielt folgende Antwort: Wir haben deinen Brief gelesen.
Was du von Zoroaster gehrt hast, ist wahr. Wir glauben an sein Gesetz. Wir
sagen dir hiermit, da wir uns der Weisheit und den Lehren Zoroasters
ergeben haben. Mit unsern Augen haben wir seine unglaublichen Thaten
gesehen. Wir haben seine Worte gehrt, seine Bcher gelesen, und kein
Mensch kann etwas dagegen sagen. Wir haben die Weisen aller Lnder berufen,
und alle haben sie der Weisheit seiner Antworten weichen mssen. Die Groen
Irans beneiden ihn nicht mehr, sondern glauben an sein Gesetz und sagen:
Kein Mensch kann solche Dinge aus sich lernen; der Mund Gottes mu sie ihm
sagen. Wundert dich das, so komme selbst und du wirst ber die Tiefe seiner
Weisheit staunen. Dem denke fleiig nach. Gott leite dich!

Tschengregatscha wurde mit Freude erfllt, als er dieses las. Er las noch
eine Menge Bcher, um die ganze Weisheit der Vorwelt in sich zu sammeln,
und erdachte zwei ganze Jahre hindurch ohne Schlaf und Ruhe die schrfsten,
tiefsten und feinsten Fragen. Den Weisen von Hindostan schrieb er, da sie
sich wie Lwen bereiten sollten, mit ihm zu ziehen. Frchtet euch aber nur
nicht, sprach er zugleich; ganz Iran soll noch sagen: Wer Weisheit sucht,
mu nach Hindostan, und ber Tschengregatscha ist kein Menschenkind
weise. -- Der Brahmine schrieb darauf an Gustaspes: Ich bin bereit, mit
meinen Weisen vor deinen Thron zu kommen, und dich und die Herzen deiner
Unterthanen vom Irrthum zu erlsen. Es wurden nun alle Anstalten der
Pracht und des Glanzes gemacht. Tschengregatscha stellte sich am siebenten
Tag nach seiner Ankunft in der Knigstadt vor den Thron des Gustaspes,
segnete ihn und sprach: Es sei mir erlaubt, o Knig, mit dir zu reden!
Gustaspes antwortete: Hier ist nicht der Ort des Kampfes mit der Lanze
oder aus Neid; sondern Thaten, Fragen, Worte, das sind die Waffen, welche
die Zweifel auflsen mssen. Es wurden hierauf zwei goldene Throne gesetzt
fr Tschengregatscha und Zoroaster, dessen lichtglnzendes Antlitz die
Blicke aller Weisen auf sich zog. Tschengregatscha erhob sich und sprach:
Gerechter Knig! Wir sind hier versammelt aus zwei Ursachen; erstlich, da
ich diesem Mann, welcher Gottes Prophet sein will, Fragen vorlege und, wenn
er sie lsen kann, ich mit meinen Freunden, den Weisen Hindostans, sein
Gesetz annehme; zweitens aber, da du ihn zur Stunde strafest, wenn meine
Fragen ungelst bleiben. Gustaspes sprach, da er nach der bloen That
richten werde und sich durch keine Vorliebe fr irgend eine Partei binden
lassen wolle.

Zoroaster sprach zu Tschengregatscha: Zum Besten meines Gesetzes will ich
vor dem Ersten der Vlker ein Neues thun, was den Augen als Wunder
erscheinen mu. Vlker haben mich schon gehrt; neige auch du dein Ohr
gegen einen der gttlichen Nosks[157], den ich vorlesen will; oder gefllt
es dir, so la ihn einen deiner Schler vorlesen. Die Weisen hrten nun
mit Aufmerksamkeit einen Nosk des Avesta an. Dieser Nosk enthielt die
Lsung aller Fragen, auf welche Tschengregatscha zwei Jahre lang gesonnen
hatte.

Kaum war das Lesen beendet, so rief Tschengregatscha ganz in Verwunderung
versunken aus: Wie, ich bin schon grau, und Alles, was mir Gott
erschlossen hat von meiner Jugend an bis heute, das Alles habe ich eben aus
Avesta gehrt. Welche Wissenschaft hat dies errathen knnen? Auf wie Vieles
habe ich nicht in den zwei Jahren gedacht, welche Fragen, die mir so viel
Mhe gemacht haben, und von denen ich glaubte, da sie in zweihundert
Jahren nicht aufgelst werden knnten! Keinem Menschen habe ich sie
erffnet, o Knig des Ruhms! Ich erkenne das bermenschliche, das Werk
Gottes!

Tschengregatscha bezeugte hierauf, da er an Avesta glauben und Zeit seines
Lebens danach handeln werde. Zoroaster empfahl ihm die Anbetung
Ahuramazds, Reinheit des Leibes und der Seele und verhie ihm einen Platz
im Himmel. Zoroaster umarmte Tschengregatscha und gab ihm eine Abschrift
vom Avesta; auch wurde wegen der wunderbaren Bekehrung dieses Brahminen,
welche nach allen Enden der Welt erscholl, ein Fest von sieben Tagen
gefeiert. Tschengregatscha studierte nun sein Leben lang im Avesta und
entzndete die Brahminen mit gleichem Eifer. Mehr als achtzigtausend der
Weisen und Hupter von Indien, Sind und andern Reichen glaubten an
Zoroasters Avesta.

Nach der Bekehrung Tschengregatschas begab sich Zoroaster nach Babylon, um
den Chaldern den Avesta zu lehren, und soll daselbst auch Pythagoras
unterwiesen haben. Dann begleitete er Gustaspes nach Istakhar, nachdem er
die von ihm so gerhmten reinen Seelen[158] in den Provinzen Serman,
Saenan und Dahu besucht hatte.

Nach etwa zwanzig Jahren wurde die zoroastrische Religion dem Knig von
Turan mifllig, und selbst verschiedene vom Knig von Iran abhngige
Frsten waren dagegen. Unter andern Sal und Rustem, Frsten von Sistan,
Vater und Sohn. Darum glnzen ihre Namen auch nicht in den Zendbchern,
obschon ihre Ahnen, Sam und Guerschaspes, als alte Helden Persiens darin
verewigt sind.

Nicht so mild wie gegen diese Frsten, an denen er sich nur durch
Stillschweigen rchte, verfuhr Zoroaster gegen den Dewsanbeter Ardjaspes,
Knig von Turan.

Ardjaspes stammte von Afrasiab und war nach dem Schah-nameh einer der
mchtigsten Frsten Asiens. Er hatte vom Knige Irans einen jhrlichen
Tribut erzwungen und besa auch im westlichen Iran am kaspischen Meer
Lndereien; auch hate er Zoroaster persnlich. Darum auch sagte
derselbe[159]: Sei mir gndig, o Quell Arduisur, da Zerir verderbe den,
der groe Schtze hat, den Frieden mindert, den Dew, den Anbeter der Dews,
meinen Feind Ardjaspes, der in der Welt Macht hat.

Zoroaster frchtete, da Ardjaspes seine Religion vernichten wrde, und
trachtete daher nach dem Tod desselben. Er kannte den gewaltsamen, schnell
entschlossenen Charakter des Gustaspes und war sich seines Einflusses auf
ihn wohl bewut. Deshalb stellte er ihm die Notwendigkeit vor, den Knig
von Turan zu bekriegen. Nach seinem Gesetz sei Freundschaft mit Gottlosen
unerlaubt; es sei unverantwortlich, da Gustaspes, als rechtglubiger
Frst, dem Knig von Tschin, einem Dewsanbeter, den Tribut der
Unterthnigkeit zahle. Wirst du ihn angreifen, sprach Zoroaster zu
Gustaspes, so ist Gott gewi dein Schutz.

Der Knig war froh, sagte Ardjaspes den Gehorsam auf und verlangte von ihm,
er solle Zoroasters Gesetz annehmen und ihm einen Teil seiner Lnder
nordwestlich von Balkh abtreten; wo nicht, so werde er ihn zu Staub machen.

Beim Anblick des diese Botschaft enthaltenden Briefes entbrannte Ardjaspes
vor Zorn und schrieb an Gustaspes, da er sich mit seinem ganzen Hofe von
einem alten Betrger habe verfhren lassen. Er rate ihm die Religion der
Vter wieder anzunehmen, die Lehren und Grundstze der Magier, welche einen
Knig, welchem Gott die Krone aufgesetzt habe, zu verwerfen. Wo nicht, so
werde er ihn bekriegen und sein Reich zerrtten und verheeren. Die
Herrlichkeit Gottes will es, da ich dich angreife! sprach Ardjaspes.

Gustaspes zeigte den Brief dieses Frsten Zoroaster und seinen Dienern und
allen Groen des Hofes. Djamaspes wollte mit groer Klugheit darauf
antworten; aber Zoroaster sprach: Was Klugheit? Ziehe gegen ihn zu Feld!

Nach diesem Ausspruch wurde die Antwort abgefat und beide Knige stellten
groe Heere gegeneinander auf. Der Krieg war sehr blutig, und ein Teil der
Familie des Gustaspes -- sein Bruder Zerir und mehrere seiner Kinder --
fielen. Aber Espendiar entschied endlich den Sieg fr Gustaspes. Der Knig
von Turan mute sein Land abtreten, und Gustaspes bezeugte Zoroaster seine
Dankbarkeit.

Der weitere Verlauf der Kriege hngt nicht direkt mit dem Leben des
Religionsstifters zusammen.

Nach den Ravaets[160] starb Zoroaster im 77. Jahre seines Alters.

Kleuker setzt Zoroasters Geburt in das Jahr 589 v.Chr. Im dreiigsten Jahr
durchzog er Iran, lebte dann zehn -- nach anderer Angabe zwanzig -- Jahre
in der Wste und nhrte sich nur von Kse. Zehn Jahre that er Wunder. Im
65. Jahre gab Zoroaster philosophischen Unterricht zu Babylon und kehrte
nach drei Jahren zur Grndung des Cypressendienstes zurck. Nach acht
Jahren riet er Gustaspes zum Krieg gegen Turan und starb als Greis von 77
Jahren.




Dritte Abteilung.

Der religionsphilosophisch-occultistische Inhalt und die Kosmogonie des
Zoroastrismus.

Erstes Kapitel.

Der religionsphilosophisch-occultistische Inhalt des Zoroastrismus.


Der Geist des ausgebildeten Zoroastrismus setzt vor den Anfang der Welt
und der Wesen Zrvna-akarana[161], die unbegrenzte Zeit, die
anbeginnlose Ewigkeit. Sie ist der unergrndliche Urgrund, in dem heilige
Dunkelheit, Ewigkeit im Leben in unschaubarer Nacht, in Unergrndlichkeit
der Lnge und Weite, Hhe und Tiefe ist. In ihr ist aber nicht leere de,
sondern aller Wesensstufen Urgrund, der allerhchste Gott. Der Ewige ist
Schpfer des Urlichts, Urwassers und Urfeuers, und der Same dessen, was
beim Beginn der Wesen Licht, Wasser und Feuer wurde lag von Ewigkeit her in
der grenzenlosen Zeit verborgen. Der Ewige ist seinem Wesen nach _Wort_,
das vor allen Wesen, sichtbaren und unsichtbaren, da war, und wodurch
alles, was Wesen hat, geboren ist.

Aus dem gttlichen und ewigen Samen zeugte der Unendliche und Anbeginnlose
_Ahuramazd_ und _Angrmainyus_, die zweiten Wesen nach sich, lebendig,
wirkend, schaffend, die Wurzeln aller Geschpfe.

_Ahuramazd_, aus dem ewigen Samen des Unendlichen erzeugt, der
Erstgeborene aller Wesen, das Glanzbild und Gef der Unendlichkeiten des
Unergrndlichen aus ewigem Licht geboren und fort und fort an sich ziehend,
wohnend im Urlicht, dem Thron der Ewigkeit, von Anbeginn. Durch und durch
gut, rein und alles Guten Quell und Wurzel, hat der Himmlische der
Himmlischen fast alle Herrlichkeiten und Eigenschaften des Unendlichen;
denn er ist der Urabdruck seines Wesens, worin das Wesen des Ewigen allein
sichtbar wird. Seine Weisheit und Einsicht ist ohne Anfang in Weite, Hhe
und Tiefe, und seine Macht, sein Wille, unbegrenzt heilig bis auf die
Wurzel seines Wesens. Der Erste und Erhabenste im Wissen und Verstehen, im
Wirken des Reinen und Guten. Darum ist er die hchste Weisheit selbst und
-- schlaflos bei Tag und Nacht -- der hchste Weltenrichter, Knig aller
Wesen in reinster Gerechtigkeit, Gte, Licht und Glanz. Sein Krper, d.h.
seine Hlle, die ihn umschlieende Sphre ist das reinste Licht.

_Ahuramazd_ hat die ganze reine Welt aus sich geboren durch sein
allschaffendes _Wort_; den Himmel und was darin ist: Licht, Feuer, Wasser,
Sterne und Sonne. Er liebt in sich sein Volk die durch ihn gewordenen
Menschen. Er ist als Knig gut und weise, lebendig ber Alles; er strkt,
nhrt und erhlt alle Wesen, giebt ihnen das geistige Lebensfeuer, wodurch
sie dauern und leben. Er giebt dem Menschen, der ihn bittet, Lichtsamen zur
Reinigkeit des Gedankens, des Herzens, Geistes und Willens. Gnade und Liebe
ist seine Lust; er ermdet nie, der sichtbaren und unsichtbaren Welt, der
ganzen Natur wohlzuthun. Er bestreitet durch seine und seiner Diener Kraft
alles Bse Tag und Nacht bis zum endlichen Triumph des Guten ber das Bse.

_Angrmainyus_, vom Ewigen nach Ahuramazd geschaffen, war anfangs gut und
kannte das Gute; aber er wurde aus Neid gegen Ahuramazd _Dew_, arg, Quell,
Grund und Wurzel alles Unreinen, Argen und Bsen. Sein Licht verwandelte
sich in Finsternis; im Lichtreich der Schpfung entstand ein Schatten. Die
Zerrttung seines Wesens aus Licht in Finsternis kam nicht vom Ewigen,
sondern aus ihm und durch ihn selbst. Durch ihn wurde die _Finsternis_
geboren, der Same alles Bsen, Argen und Todes. Als er Dew wurde, strzte
er aus der Hhe und wurde vom Abgrund der Finsternis verschlungen, bis auf
die Wurzel seines Wesens bse. Ahuramazd ist seinem Wesen nach Licht und
wohnt im Lichtreich hher denn die Himmel; Angrmainyus ist seinem Wesen
nach Finsternis, d.h. Laster, Zerrttung und Argheit selbst, und die
Sphre seiner Wohnung, alles, was ihn einhllt, ist Finsternis der
Finsternisse. In _Duzakhs_ Tiefen ist sein Thron, und soweit die Finsternis
reicht, ist er Knig und grausamer Gewalthaber. Seine Kenntnis ist gro,
aber durch die Finsternis beschrnkt; seine Macht, als die des Zweiten nach
Ahuramazd, ist ausgedehnt, reicht aber nicht an Ahuramazds Erhabenheit
und Glanz.

Seiner Neigungen Wurzel ist die ewige Grundfeindschaft alles Guten, das
durch Ahuramazds Herrlichkeit erzeugt wird. Er, die als ein mchtig
wirkendes Wesen symbolisierte Finsternis ist in einem stndigen Kampfe
gegen das Licht begriffen, soweit ihm dieser zugelassen ist. Durch ihn wird
alles Bse. Wie nichts Reines, Gutes und Seliges in der Welt sein kann,
ohne aus Ahuramazds Lichtquell zu flieen, so steigt der Grund alles Bsen
von Ursache zu Ursache bis in seinen Abgrund. Sein Sinnen und Dichten
endigt sich in bestndigem Streben und Wirken zur Erweiterung seines
Reichs. Darum vergiftet er mit seinen Dews die ganze Natur, Pflanzen, Tiere
und Menschen durch Krankheiten, Seuchen, Plagen, und besonders streut er
den Samen zu unreinen Gedanken und schwarzen Begierden in der Menschen
Herz, wodurch sein und der Dews Reich bestndig an Umfang und innerer Macht
zunimmt. Er durchstreift die Welt, um berall Irrtum, Tod und Laster
auszustreuen, denn damit ist er stets schwanger, und er ist der Einzige,
welcher unter den Izeds im Himmel erscheinen darf. Wo er einen Menschen
findet mit groer Kraft und Heldeneifer fr des Guten Vermehrung in
Ahuramazds Lichtwelt, dem ist er todfeind. Der bloe Gedanke oder Anblick
desselben macht ihn blagelb, er wagt alles gegen ihn, vermag aber nichts,
denn der Streiter fr das Gute gehrt zu dem geliebten Volk Ahuramazds und
hat den Schutz aller Izeds des Lichtes fr sich.

Das Bild seines Wesens ist die Schlange oder der Drache. Der Ewige hat ihn
zur Dauer aller Ewigkeiten geschaffen; er soll aber nicht immer der
Grundfeind des Lichtes, der Bestreiter des Guten und Knig der Finsternis
bleiben, sondern nach der Auferstehung der Toten wird er von Ahuramazd
mit Ohnmacht geschlagen und sein Reich bis auf die Tiefen seiner
Grundfesten zertrmmert werden. Er selbst wird ausgebrannt in feurigen
Metallstrmen, wodurch er Sinn und Willen ndert; er wird heilig,
himmlisch, und begrndet in seiner Welt Ahuramazds Gesetz und Wort,
wodurch alle Wesen geworden sind. Er wird auf ewig Freund Ahuramazds, und
beide singen Zrvna-akarana Izeschn, d.h. Ruhm- und Lobgesnge.

Aus der unbegrenzten Ewigkeit wurde der Anfang, die Zeit. Wie der Ewige
Ahuramazd und Angrmainyus geboren, fate er den Ratschlu einer Zeitdauer
von zwlf Jahrtausenden, worin alles, was der Ewige in Gedanken hatte in
aufeinanderfolgenden Reihen erscheinen und vollendet werden sollte. Dies
geschah noch vor der Schpfung der Wesen auf hheren oder niederen Stufen.
Noch hatte der Unbegrenzte kein Volk auer Ahuramazd und Angrmainyus.
Dieser die begrenzte Zeit genannte Cyclus ist fr die Herrschaft von
Ahuramazd und Angrmainyus bestimmt; sie als die Erstgeborenen aus der
Unendlichkeit des Ewigen sollen die ersten Regenten und Machthaber bis nach
Ablauf dieses Zeitraumes sein. Diese zwlf Jahrtausende teilte der
Unendliche nach wechselnden Perioden unter diese beiden Knige aus. Das
erste Vierteil wurde Ahuramazd, dem Erstgeborenen der Wesen, zu Teil.
Ahuramazd in Licht und Herrlichkeit fing an zu schaffen und zu wirken nach
der Art und Natur seines Wesens. Angrmainyus sah Ahuramazds Glorie und
Herrlichkeit, wurde neidisch, schwur ihm ewige Feindschaft und begann den
Krieg gegen Ahuramazd. Nun begann der Kampf zwischen Licht und Finsternis.
Ahuramazd entbot ihm zwar Freundschaft, wenn er Mitschpfer der reinen,
guten Welt sein wolle, aber Angrmainyus verhrtete sich aus Stolz, Neid
und Ha und wurde der Grundrgste. Nun zerfiel alles in zwei Knigreiche,
Welten und Gewalten. Das Licht ward Ahuramazds Eigentum, die Finsternis
das des Angrmainyus. Angrmainyus strzte aus der Hhe unendlich tief in
den Abgrund, blieb aber Knig des Abgrundes, und wenn die Zeit seiner
Herrschaft kommt, ist er der grausamste Gewalthaber, der rgste Tyrann. In
der Zeit seiner Herrschaft wirkt er mit uerstem Streben, Unruhe und
Anspannung aller seiner Krfte, denn er wei sein Ende. In dieser Zeit des
Angrmainyus hat oft das Bse die Oberhand, und die Finsternis verdunkelt
das Licht. So steigt und fllt bis zum Schlu der begrenzten Zeit die
bermacht oder Schwche des Guten und Bsen. Ahuramazd und Angrmainyus
befinden sich in stetem Kampf gegeneinander, und das Ende ist der Sieg des
Guten, der Triumph Ahuramazds.

Am Anfang schuf Ahuramazd zur Bekmpfung des Angrmainyus die _Feruer_
aller Wesen. Er dachte als Schpfer auf Wesen aller Art, die rein, gut,
stark und edel wren, und jeder dieser Gedanken war ein Feruer, der Geist
des knftigen Wesens, das knftig ein Teil von Ahuramazds Welt sein
sollte, ganz Licht und Geist, im Wesen Geist und im Leben Geist, durch den
bloen Schpfergedanken geboren; denn Ahuramazd dachte im _Wort_, und
jeder Gedanke im allschaffenden Wort ist _Geist_, der das Geschpf belebt,
zu dem er gedacht ist.

Die aus Ahuramazds allschaffendem Geist hervorgegangenen zahllosen Arten,
Gestalten und Stufen der Feruer aller reinen Wesen sind unsterblich, denn
ihr Same war vom ewigen Geist und unzerstrbaren Licht. Sie sind ganz
Leben, denn der sie gebar, schuf sie durch ihre schaffende Feuer- und
Lichtkraft stets wirkend und belebend. Durch sie lebt Alles in der Natur,
Stern und Mensch, Tier und Baum; Alles erhlt durch sie Bewegung und Segen.
Sie sind des Himmels Schutz und Wache gegen Angrmainyus; der Seele Schutz,
denn sie sind erhaltend, reinigend bei der Auferstehung von allem Bsen;
sie bekmpfen die Schlangen, Dews, die Bsen und erlsen die Gerechten. Mit
der Schnelligkeit eines Vogels fahren sie gen Himmel und bringen die Gebote
vor Ahuramazd. In der Welt sind sie an die Krper gebunden.

Die Zahl und Stufen der Feruer sind unendlich wie die der Wesen, weil die
unbegrenzte Ewigkeit sich denkt im allmchtigen Wort, und dieser Abdruck
des unergrndlichen Wesens ist Ahuramazds Feruer. Des Gesetzes Feruer ist
des Gesetzes Geist und Lebenskraft, das Lebendige und Belebende im Wort,
das Wort, wie Gott es denkt. Der Feruer Zoroasters ist kstlich in den
Augen Ahuramazds, denn er hat das Gesetz in Gang gebracht und des
Weltenherrschers Glanz und Herrlichkeit an das Licht gebracht.

Nach diesen reinen ersten Schpfungsbildern sind alle himmlischen und
irdischen Wesen in endlosen Reihenfolgen geworden. In ihnen steht die Welt
Ahuramazds, und gegen sie kmpft Angrmainyus mit seinen argen Geistern.

An diese zoroastrischen Stze knpft Kleuker eine lngere Anmerkung, die
insofern Interesse besitzt, als in einem Teil derselben Kleuker den
Gedanken du Prels anticipiert, der Genius des Sokrates sei dessen
transcendentales Subjekt oder Feruer.

Die betreffende Stelle lautet:

Zend-Avestas Feruers sind ein feiner Gedanke. Sie sind der bergang von
dem, was wir Substanz nennen, zum bloen Schpfergedanken der Substanz.
Weil aber der Wesenschpfer nach dem Geist Zendavestas, keinen einzigen
Gedanken leer -- als einer bloen Mglichkeit denkt, so dachte er lauter
Feruers. Feruers sind die ersten, reinsten Abdrcke aller knftigen Wesen
und Geschpfe; das, was in allen Wesen abgezogenster Geist, reinster Funke,
himmlischer, gttlicher Natur ist. Sie werden immer von den Seelen
unterschieden; sie sind hher und eher als dieselben; sie haben zwar schon
den Grund in sich, warum sie knftig mit solchen und nicht andern
Geschpfen vereinigt werden sollen, aber noch nicht die Gestalt eines
besonderen Geschpfes; sie sind Platos Ideen. Wie Ormuzds Gedanke
Zoroasters Feruer schuf, so war er von allen Feruers hherer Geister, wie
von allen Feruers aller Menschen unterschieden; er war aber noch nicht
Zoroaster, sondern enthielt nur das ganze Bild, doch aber in wahrer,
lebendiger Existenz, was Zoroaster knftig werden sollte. Sobald Ormuzd sie
dachte, lebten sie, und knnen Jahrtausende leben und wirken, ehe sie mit
den Geschpfen vereinigt werden, dieselben zu beleben. Daher kommts, da
die alten Philosophen, die aus dem Quell der Weisheit des Orients
getrunken, den Geist lange vorher leben und freiwirken lassen, ehe er mit
dem Krper verbunden wird, da sie ihn gttlichen Geschlechts und Natur
nennen, sagen, im Tode geh' er wieder hin, woher er gekommen sei. Nach
Zoroaster sind die Feruers die reinsten Ausflsse von Ormuzds
Schpfergeist, derselben Natur, wahres Licht, wahres, lebendiges Wort:
darauf wird auch ihre Unsterblichkeit und ewige Fortdauer gegrndet: denn
kein Funke gttlichen Geistes kann sterben, er ist seiner Natur nach Leben
und belebende Kraft. Zunchst wird Feruer von verstndigen und lebenden
Geschpfen gebraucht, die gewesen sind, oder sind, oder noch geboren werden
sollen, (denn auch diese sind schon vorhanden,) wie wir nur von
Himmelswesen und Menschen Geist eigentlich zu gebrauchen pflegen; aber es
giebt auch Feruers (Geist) in Thieren, Bumen, Blumen, Sternen. -- Kurz, wo
Leben, Regsamkeit, Bewegung, Wachsthum ist, da lehren die Parsen innere
Kraft, Feuer, Lichtsamen, und das bestimmt eben die Natur der Feruers. Sind
sie mit Wesen verbunden, so werden sie oft fr das Wesen oder Geschpf
selbst gesagt, weil sie das Reinste und letzter Mittelpunkt jeden
Geschpfes sind. Sie sind der Seele Schutz. Daher mu der Parse fr seinen
Feruer besonders beten, da Ormuzd ihn bewahren wolle; denn ohne ihn wird
Seel' und Leib unrein, irre geleitet. Siehe da Sokrates
Schutzgeist![162]----

Die von Ahuramazd geschaffene Welt ist unendlich gro, lebend und wirkend
in Wesen und Geschpfen von zahllosen Arten und Stufen; sie teilt sich in
eine himmlische und irdische, in eine geistige und materielle Welt ein.

Den hchsten Rang in der geistigen Welt nehmen die sieben _Amschaspands_
ein. Ihr Knig und Schpfer ist _Ahuramazd_, der Urquell alles Lebens. Sie
sind die sieben ersten Geister Gottes, Knige, ganz Leben, heilig, rein und
gro; der Menschen Muster. Sie gehen an keinen unreinen Ort. Ein jeder hat
einen Tag, dem er vorsteht, an dem er Segen und Wohlthaten spendet. Ihre
Namen sind heilig.

Der zweite Amschaspand ist _Bahman_, der Knig der Welt, des Lichtes und
Himmels. Die brigen Amschaspands ruhen unter seinem Schutz. Er sieht durch
Ahuramazds Lichtverstand, giebt Weisheit, Friede und Reinigkeit des
Herzens; er nimmt die Seelen der Gerechten in Gorotman auf und segnet ihre
Ankunft im Sitz der Seligkeit. Er ist fort und fort in Lichtglanz und
Glorie.

Der dritte Amschaspand ist der lichtglnzende _Ardibehescht_. Er giebt
Feuer und Gesundheit.

Der vierte Amschaspand ist _Schahriver_. Er ist der Vorsteher der Metalle,
der Vater des Mitleids und der Pfleger der Hungrigen.

Der fnfte Amschaspand ist _Sapandomad_, Ahuramazds Tochter, der
weibliche Ized der Erde; die heiligste und reinste der ersten reinen Wesen;
weise, freigebig und demtig wie Demut verleihend; er hat reine,
wohlthtige Augen und befruchtet die Erde. Von ihr sind das erste
Menschenpaar, _Meschia_ und _Meschiane_, gebildet.

Der sechste Amschaspand ist der von Ahuramazd den Menschen zum Heil
geschaffene _Chordad_, der Knig der Jahre, Monate, Tage und Zeiten. Den
Reinen giebt er reines Wasser und se Speise. Sein Tag ist heilig und der
erste des Jahres.

Der siebente Amschaspand ist _Amerdad_, der Schutzgeist der Bume und des
Getreides, der Befruchter der Herden, welcher Frchte aller Art in Flle
spendet.

Die zweite Klasse der guten Geister sind die _Izeds_. Ahuramazd hat sie
geschaffen zum Segen der Welt, zu Richtern und Schutzaugen des reinen
Volks. Der Mensch mu ihre heiligen Namen nennen und durch Nachahmung ihrer
Eigenschaften nach ihrem Wohlgefallen streben. Alle Monate und Tage sind
unter die Amschaspands und Izeds verteilt, und selbst die fnf Abschnitte
des Tages und die fnf Schalttage werden als unter besondere Ized stehend
gedacht. Jeder hhere Geist hat niedriger stehende zu Begleitern; so ist
Ahuramazd von den Amschaspands, und diese sind von den Izeds begleitet.

Folgendes ist die Stufenleiter der Izeds nach den Zendbchern:

1. _Mithra_ (auch Meher), der Hchste und Glanzreichste aller Izeds, wird
mit der Sonne angerufen, ohne die Sonne selbst zu sein. Er glnzt wie der
Mond, ist hocherhaben wie Taschter[163], hebt seine Hnde auf zu
Ahuramazd, dem Knig der Welt. Er ist mit tausend Ohren und Augen der
Schutzwchter und Segner aller Menschen und Geschpfe, und spricht die
Wahrheit in den Versammlungen der Izeds. Er segnet Iran mit Friede und
Glck, giebt der Erde Licht und Sonne und vertreibt die Druschts.[164]

2. _Korschid_ (die Sonne) ist gro, unsterblich, Ahuramazds Auge. Er hat
vier Pferde und vollendet seinen Lauf in 365 Tagen wie ein Held.

3. _Aban_, Ized des Wassers.

4. _Ader_, Ized des Feuers; er giebt Glanz, und sein Name bezeichnet alle
gttlichen Feuererscheinungen, welche sich den Menschen gezeigt haben.

5. _Anahid_ (Venus), die Bewahrerin des Samens Zoroasters.

6. _Amiran_, das von Gott geschaffene Urlicht; der Urheber des Lichtes des
menschlichen Leibes.

7. _Ard_, giebt Weisheit, Gre, Edelmuth, Glanz, Gter; er wird mit dem
weiblichen Ized _Aesching_ oder _Aschehing_ identificirt, welcher
Gesundheit, tgliche Nahrung und Freuden spendet.

8. _Arduisur_, ein weiblicher Ized, kommt den Toten zu Hilfe, hat einen
jungfrulichen Leib, heit die Tochter Ahuramazds und ist das von
Ahuramazds Thron ausflieende Wasser; von Arduisur kommen alle Wasser
unter dem Himmel.

9. _Aschtad_ ist der Ized des berflusses, _Oschens_ Mitgehlfe. Sein Sitz
ist der Berg des Lebens. Von da wacht er ber die Erde und hilft das
Tagewerk der Menschen vollbringen.

10. _Asman_, der Himmel, schtzt wider den Duzakh.

11. _Barzo_ ist der Schutzgeist von Bordj, woher die Wasser ausstrmen.
Taschters Gehilfe bei der Austeilung des Wassers auf der Erde.

12. _Behram_, der lebendigste aller Izeds, besitzt einen himmlischen
Krper, dessen Glanz von Ahuramazd kommt. Derselbe hat ihn auch zum Knig
der Wesen gesetzt, welche er alle wie Feuer durchdringt. Er erscheint im
Winde und unter allerlei Tiergestalten.

13. _Dahman_ ist der Segen der Geschpfe und des gerechten Menschen, dessen
Seele er von Seroschs Hnden nimmt und in den Himmel trgt.

14. _Din_, Ized des Gesetzes, giebt Wissenschaft.

15. _Farvardin_, der Herr des ersten Monats des Jahres und des neunzehnten
Tags eines jeden Monats, giebt Kraft und Licht.

16. _Gosch_, giebt alle Gter, Unsterblichkeit, Reinigkeit; er vermehrt die
Wesen, die Kinder des Verdienstes, welche fr das Gesetz mit Eifer
brennen; er verleiht die Freundschaft der Gerechten, vertreibt die Dews und
hilft die Dewsanbeter besiegen.

17. _Goschorun_ ist der Ized der Herden und die Seele der Tiere; er seufzt
und klagt vor Ahuramazd und bittet um Erlsung vom Dew Eschem.

18. _Mah_ (der Mond) ist ein weiblicher Ized und schtzt den Keim des
Stiers; er geht von Albordj aus, giebt Wrme, Geist und Frieden. Bei seiner
Flle beginnt alles zu grnen und zu wachsen; er ist wohlthtig und giebt
allen Herden Samen.

19. _Mansrespand_, der Ized als gttliches Wort, ist der Schutzwchter des
Himmels. Sein Glanz ist rein, und was er sehen lt, ist gut.

20. _Neriosengh_, der Ized des Feuers zu kniglichem Mut und des Friedens,
schtzt den Gerechten nach Gottes Willen; er schtzt zwei Teile zu
Kaiomorts Samen, zum mnnlichen Gliede und zur Seele.

21. _Parvand_ ist ein weiblicher Ized.

22. _Rameschne-kharan_ ist der Ized des Glcks, der reine dauernde Freuden
giebt.

23. _Raschne-rast_, der Ized der Wahrheit und Redlichkeit, ist herrlich und
weise, sieht scharf und weit und schtzt die Erde. Zehntausende himmlischer
Geister begleiten ihn; er hat tausend Krfte und zehntausend Augen.

24. _Serosch_ ist der Ahuramazd der Erde, weil er ihr Knig ist. Er ist
auf dem Gipfel der Welt ber alles erhaben, lebendig und der wirksamste
aller Izeds, der gehorsamste und am meisten thtige. Er ist der Menschen
Schutz, und durch seinen Dienst haben sie das Gesetz.

25. _Taschter_. Sein Auge ist Gerechtigkeit und Gte. Er ist der Ized des
Regens und erscheint unter mancherlei Gestalten, als Jngling, als mutiges
Pferd usw.; er belebt die ganze Natur durch fruchtbare Gewsser und Regen.

26. _Vad_, der Ized des Windes, giebt Kraft und Mut.

27. _Venant_, Ized des Rigel[165], schtzt im Mittage und giebt Kraft und
Gesundheit.

28. _Zemiad_ giebt ewigen Thron, thut alles Gute, wenn sie gepflegt wird,
und ist ein weiblicher Ized.[166]

So viel ber die himmlische Welt.

Die sichtbare Welt, Himmel und Erde, schuf Ahuramazd in sechs
Reihenfolgen, und die Amschaspands waren dabei thtig.

Zuerst schuf Ahuramazd das _Licht_ zwischen Himmel und Erde, die Fixsterne
und Planeten.

Alsdann schuf er das _Wasser_, welches die ganze Erde bedeckte, in die
Tiefen der Erde stieg und durch den himmlischen Wind, der es durchdrang wie
der Geist den Leib, in die Hhen getrieben wurde, damit sich Wolken
bildeten. Darauf schlo Ahuramazd dieses Wasser ein und gab ihm die Erde
zur Grenze.

Hierauf ward die _Erde_, bei deren Schpfung -- wie auch bei der des
Wassers -- Angrmainyus mit thtig war, denn diese Elemente besitzen einen
Teil Finsternis, und alle Finsternis kommt von Angrmainyus. Albordj[167]
wurde zuerst geboren, darauf die brigen Gebirge. Albordj ist der Erde
Kern, Wurzel, Herz und Nabel.

Ferner wurden die _Bume_ aller Art geschaffen. Im Anfang lie Ahuramazd
einen Baum erstehen, aber der war drr. Aber der Amschaspand Amerdad,
welchem Ahuramazd die Bume anvertraut hat, setzte den Keim dieses Baumes,
als Taschter ber die ganze Erde Regen ausgo, in Taschters Wasser. Darauf
wuchsen Bume aus der Erde wie Haare auf des Menschen Haupt.

Zum Fnften wurden die _Tiere_ geschaffen. Zuerst wurde der _Stier_
gebildet. Dieser starb, und aus seinem Schweif gingen fnfzig Heilpflanzen
hervor, die sich auf Erden mehrten. Die Izeds brachten den Samen dieses
Stieres in den Mondhimmel, durch dessen Licht er gereinigt wurde, so da
Ahuramazd einen neuen, schnen Krper daraus bildete, den er belebte.
Hieraus wurde ein neues Paar erzeugt, welches Vater und Mutter aller
Tiergeschlechter wurde, die auf Erden sind, der Vgel in den Wolken und der
Fische im Wasser.

Am Ende wurde der _Mensch_ geschaffen, dessen Keim ebenfalls dem Urstier,
dem Vorbild aller lebenden und sich bewegenden Geschpfe entstammt. Der
Urvater der Menschheit war _Kaiomorts_.[168] Er war lichtglnzend mit zum
Himmel schauenden Augen, rein durch seinen Feruer und lebte noch dreiig
Jahre nach dem Tode des Urstiers. Als er starb, weissagte er den knftigen
Triumph des Menschengeschlechts ber Angrmainyus. Bei seinem Tod lie er
seinen Samen zurck, den die Sonne reinigen, und von welchen Neriosengh
zwei Teile und Sapandomad den dritten aufbewahren mute. Aus diesem Samen
erwuchs der Baum Reivas aus der Erde, welcher ein Zwitter[169] war,
anzusehen, wie zwei, die aufs Innigste vereinigt sind. Ahuramazd bildete
diesen Baum zum Doppelmenschen um, worauf er anstatt Frchte zehn
Menschenpaare trug. Das erste Paar war _Meschia_ und _Meschiane_, die
Stammeltern des Menschengeschlechts. Sie waren anfangs rein und unschuldig,
und der Himmel sollte ihnen werden, wenn sie rein wren in Gedanken, rein
und demtig im Herzen, rein in ihren Thaten. Anfangs waren sie das und
erkannten Ahuramazd als den einzigen Schpfer aller Dinge und beteten auch
keine Dews an. Sie lebten aber schon in dem Jahrtausend, da Angrmainyus
Gewalt hatte, Bses unter das Gute zu mischen, und so wurde zuerst das Weib
Meschiane und darauf Meschia von Angrmainyus, der sich der Gedanken und
Begierden ihres Herzens bemchtigt hatte, verfhrt, und beide wurden
Darvands (Snder). Jedoch vermehrte sich ihr Geschlecht durch immer neue
Zeugungen.

Als Ahuramazd seine Schpfung vollendet hatte, feierte er ihr zu Ehren die
himmlischen Gahanbars.[170]

Von der Lichtwelt Ahuramazds wenden wir uns zur finstern Welt des
Angrmainyus.

Angrmainyus, der grundarge Feind Ahuramazds und alles Guten, gedachte,
sobald er nur knne, eine Reihe von Wesen zu schaffen, die ihm hnlich
sind, Feinde Ahuramazds und aller reinen und guten Geschpfe wie er, und
die wie Angrmainyus aus dem innern Quell der Bosheit und Feindschaft an
Zerrttung der Welt Ahuramazds arbeiten. Wie auf Erden Tier gegen Tier
ist, so ist im Reiche der unsichtbaren Wesen Geist gegen Geist. Die ersten
sieben Dews sind das im Reiche der Finsternis, was die Amschaspands im
Reiche des Lichts sind. Jeder hat seinen besondern Namen und einen
besondern Widersacher unter den Amschaspands, mit dem er zunchst zu
kmpfen hat. Die sieben _Erzdews_[171] sind an die sieben Planeten
gekettet. Sie kommen von Norden, sind mnnlichen und weiblichen
Geschlechts, und alle bel kommen von ihnen. Jeder ist eine besondere
Quelle eines besonderen bels; andere Dews wiederum sind deren Gehilfen,
gerade so wie die Amschaspands ihre Gehilfen (Hamkars) an den Izeds, und
diese wieder an den geringeren Izeds besitzen. Sie erscheinen unter
allerlei Gestalten auf der Erde, als Schlange, Mensch, Wolf, Fliege&c.

Am Ende der Welt und Zeit sollen alle Dews bis auf Angrmainyus ausgerottet
werden.

Ihre Zahl ist -- wie die der guten Geister -- ber zehntausendmal
zehntausend.

Folgende sind die wichtigsten:

1. _Akuman_, welcher unter allen Dews zuerst von Angrmainyus geschaffen
wurde. Er ist der Widersacher Bahmans, in seinen Gedanken ganz Gift und der
hlichste der Dews. Er plagt vorzglich die gut und edel lebenden
Menschen.

2. _Aresch_, der Dew des Neids.

3. _Aschmogh_, raubt alles Gute von der Erde und bringt dafr alles Bse.
Das Wort der Wahrheit ist ihm wegen seiner auerordentlichen Grundbosheit
unertrglich. Er heit auch die zweifige Schlange.

4. _Astuiad_, der Dew des Todes, raubt den Toten die Seele.

5. _Boete_ besitzt und lhmt die Gelenke des menschlichen Leibes.

6. _Derevesch_ ist der Dew der Armut.

7. _Djadu_ ist der Dew der Magie.

Dies sind die sieben Erzdews. Weiter folgen:

8. _Dje_, Dew der Unreinigkeit.

9. _Eghetesch_, Dew der Zerrttung des Herzens.

10. _Eschem_, Dew des Neides, Goschoruns Widersacher.

11. _Epeosche_, erscheint in Gestalt eines Pferdes.

12. _Kesosch_, giebt Zwerggestalt.

13. _Khevezo_ ist der Besitzer der Toten.

14. _Khiveh_ ist der Feind des Feuers und Wassers.

15. _Xonde_ ist der Dew der Trunkenheit.

16. _Nesosch_ besitzt ein ganzes Heer von Dews, die nach Norden schwrmen.

17. _Pretesch_ ist der Dew aller Falschheit und Lsterung.

18. _Sor_ ist Seroschs Widersacher.

19. _Vaziresch_ besitzt die Toten.

20. _Vato_ ist der Dew der Ungewitter.

21. _Verin_ ist der Dew der Regengsse.

22. _Zaretsch_ ist der Allverderber.

Dies sind die wichtigsten Dews. Fast jedes Laster, jede bse Neigung, jede
Plage und Krankheit hat ihren Dew. Jeder Wohlthter unter den Amschaspands
und Izeds hat mit vielen und namentlich mit dem ihm entgegengesetzten
Erzdew zu kmpfen.

Die neun Hupter der Druschts sind:

1. _Angrmainyus_, der Widersacher Ahuramazds.

2. _Akuman_, der Widersacher Bahmans.

3. _Ander_, der Nebenbuhler Ardibeheschts.

4. _Savel_, der Nebenbuhler Schahrivers.

5. _Tarmad_, der Gegner Sapandomads, der Druscht des Stolzes.

6. _Tarik_, der Gegner Chordads.

7. _Zaretsch_, der Gegner Amerdads.

8. _Eschem_, einer der schlimmsten Druschts, Druscht der Gewaltthtigkeit,
Gegner des Serosch, Dmon der Grausamkeit, welcher Ahuramazds Volk mit
ganz besonderem Grimm bekmpft.

9. _Aschmogh_, raubt alle Gter, schwcht und krnkt die Menschen und
verursacht alle bel der Erde. Er wei, da Avesta das wahre Gesetz
Ahuramazds ist, weigert sich aber infolge seiner grenzenlosen Bosheit
dasselbe auszuben.

In dem bestndigen Kampf der guten und bsen Geister, Menschen und Krfte,
liegt nun die Mischung des Guten und Bsen, wie sie in der Welt in
Erscheinung tritt. Alles Gute, alle lebendige Kraft und Wirkung stammt von
Ahuramazd und fhrt wieder zu ihm zurck. Die Thtigkeit eines jeden
Wirkenden, sei er auch der Unterste der unendlichen Kette, reicht in ihren
Folgen wie in der Kette ihrer Ursachen bis hinab in die unbegrenzte
Zeit[172]. -- Ebenso verhlt es sich mit dem Bsen. Die Welt der bel
ist unter gute und bse Prinzipien, Wesen und wirkende Ursachen verteilt.
Des Guten ist nur soviel vorhanden, als wirkende Ursachen sind und
Angrmainyus mit seinen Dews geschlagen wird. Deshalb betrachtet sich der
Anhnger Zoroasters als einen Krieger Ahuramazds, welcher nicht sndigen
kann, ohne alle guten Izeds zu betrben, die Krfte des Guten in der Welt
Ahuramazds zu schwchen, und keine Todsnde begehen, ohne selbst ein
Darvand, ein Glied der Welt des Angrmainyus zu werden.

Der _Tod_ ist durch Angrmainyus durch die Snde des ersten Menschenpaares
in die Welt gebracht worden. Er erlst den Anhnger Zoroasters von seinem
Streit gegen Angrmainyus. Wenn er in seinem Leben treu war im Streit und
rstig durch Tilgung des Bsen gegen Angrmainyus und die Dews kmpfte, so
hat er vom Tod nichts zu frchten. Er geht ber die Brcke _Tschinvad_ zur
Ruhe und Seligkeit ein.

Sofort nach seinem Abscheiden eilen die Dews herbei und wollen sich seiner
Seele bemchtigen. Ist sie aber gerecht und rein und hat sie sich im Leben
die Izeds zu Freunden gemacht, so sind diese zu ihrem Schutz bereit. Die
Seele des Gottlosen aber ist von allen verlassen, und da sie sich in ihrer
Ohnmacht nicht selbst wehren kann, so wird sie der Raub der Dews. Einige
Tage nach ihrem Hinscheiden kommt sie an die groe Brcke Tschinvad, welche
die Scheidewand und Verbindung zwischen dieser und jener Welt bildet. Hier
untersuchen Ahuramazd und Bahman den Wandel des Menschen und verweisen
ihn, wenn sich Gutes und Bses annhernd die Wage halten, zu einem
_Mittelaufenthalt_ bis zur Auferstehung, der je nach dem Wandel mehr oder
weniger selig oder von Unseligkeit und Angst erfllt ist.[173] -- Spricht
Ahuramazd Lob und Preis ber des Menschen Leben, so wird er von den
heiligen Izeds ber die Brcke in das Land der Freuden gefhrt, wo er einer
frhlichen Auferstehung wartet. Im andern Fall kann er nicht ber die
Brcke und mu in den Duzakh, den seine Thaten verdienen.

Zuletzt erfolgt die _Auferstehung der Toten_. Gute und Bse sollen
auferstehen, und Erde und Flsse sollen die Gebeine der Menschen
wiedergeben. Ahuramazd will sie zusammensetzen und mit Fleisch und Adern
berziehen und neu beleben.[174] Gute sollen sich zu Guten und Bse zu
Bsen gesellen. Darauf soll die ganze Natur so neu werden wie der Mensch an
Leib und Seele. Nun folgen noch nach einem von der anbeginnlosen Zeit
festgestellten Ratschlu Versuche, den Sndern die Thore Gorotmans
aufzuschlieen. Wenn die Verdammten durch Strafen im unterirdischen Duzakh
gelutert und gedemtigt worden sind, so mssen sie durch Feuerstrme
geschmolzenen Metalls, wo sie die letzte Reinigung erfahren; alsdann
genieen sie mit den Gerechten die endlose Seligkeit. Die ganze Natur ist
alsdann am Endziel ihrer Bestimmung angelangt und Licht geworden. Selbst
Duzakh ist nicht mehr, sondern ist Paradies geworden. Das Reich des
Angrmainyus ist zertrmmert und das des Ahuramazd Alles in Allem
geworden. Das Gesetz Ahuramazds herrscht allein im Weltall und ist das
alleinige Element, in dem die Geschpfe aller Stufen und Arten leben und
weben. Ahuramazd, im Gefolge die Amschaspands, und Angrmainyus, von den
vormaligen Erzdews begleitet, bringen dem Urwesen Zrvna-akarana die Opfer
ewigen Lobes. Dies ist das Ende der begrenzten Zeit.




Zweites Kapitel.

Der zoroastrische Kultus.


Die Anbetung Ahuramazds, die Liebe gegen alles von ihm kommende, tdlicher
Ha gegen Angrmainyus und sein Reich ist die erste Pflicht des
Avestabekenners.

Liebe und Ha, Sympathie und Antipathie sind die +causa movens+ des
Parsismus, wie alles Bestehenden. Der Anhnger Zoroasters mu alles Gute,
die sichtbare und unsichtbare Lichtschpfung Ahuramazds lieben, das Reich
des Angrmainyus aber hassen und bestreiten, so lange ein physisches und
moralisches bel zu bekmpfen ist.

Ahuramazd ist Licht, sein Reich ist Licht, sein religises System ein
Lichtsystem, und der ganze Kultus bezweckt die Verherrlichung Ahuramazds,
wobei seine Glorie erkannt und durch Vermehrung des Lichtes Lebensgenu und
Lebensmitteilung vermehrt werden. Dies ist das Wesen der Religion
Zoroasters, der heilige Dienst des lebendigen Worts.

Die Erkenntnis Ahuramazds ist die erste Pflicht des Parsen, der Anfang und
das Ende seiner Bestimmung, die Grundlage seines Denkens, Thuns und Lassens
in der sichtbaren und unsichtbaren Welt. Ohne Ahuramazd wrde alles Nacht
sein, tot und de, durch ihn ist der Parse, was er ist, und hofft in alle
Ewigkeit an Kraft und Licht, Leben und Gte zu wachsen.

Ahuramazd mu erkannt werden als Gott und Schpfer aller guten Wesen. Er
ist seinem Wesen nach Licht; Licht aber ist Leben, Lebenskraft, Gte und
Urwort. Aus ihm strmt Licht, Leben, Geist, Kraft, Gte und Wahrheit ber
das ganze von ihm geschaffene Weltall aus. Er mu erkannt werden als der
allein alles Belebende, der alles zu Licht und Leben macht und Gte und
Seligkeit zu erkennen und genieen giebt.

Darum preisen auch die Gebete des Zendavesta alle Geschpfe Ahuramazds
hoch, alle Izeds, alle reinen Menschen, reine Tiere und Pflanzen. Denn alle
leben mehr oder minder im Lichte Ahuramazds, durch seine belebende
Geisteskraft. Selbst Bahman, der hchste Amschaspand und seinem Wesen nach
Ahuramazd am nchsten stehend, bekennt in seinen Lobgesngen, da er
seinen Verstand, sein Licht, seine Weisheit und vielzeugende Kraft nur von
Ahuramazd habe.

So mu Ahuramazd erkannt werden im Himmel und auf Erden von allen Wesen,
die ihn erkennen knnen.

Die Verehrung Ahuramazds mu aber zur _That_, zu _lebendigen Handlungen_
werden. Das Bild des Lichtes, welches ohne Unterla leuchtet, wrmt, belebt
und wirksam ist, mu die ganze Empfindung durchdrungen haben und _thtig
sein_. Obgleich Zoroaster in der heiligen Hhle seinen Geist nach
orientalischer Sitte lang in tiefe Betrachtungen versenkt hatte, so
gebietet er doch unhnlich dem indischen Quietismus keine empfindungslose
Geistesstille, keine Abttung des Leibes, um durch Versenkung in die
Gottheit nur Geist zu werden. Bei ihm ist alles Leben und That, Wachsamkeit
und reger Dienst des Gttlichen bei Tag und Nacht. Deshalb auch konnte er
durch das Judentum und Christentum so unendlichen Einflu auf die Vlker
der kaukasischen Rasse gewinnen, welcher der faule Buddhismus gnzlich
zuwider ist.

Nach dem Zendavesta ist alles Lichte und Reine, alles, was Leben besitzt
und Leben mitteilt, gut; die ganze Welt Ahuramazds mit allen in ihr
lebenden Wesen ist gut, alles durch Gedanken, Wort und That Belebende ist
gut. Zoroaster fat alles, was im einzelnen Wahrheit, Gte, Liebe, Leben,
Kraft, Geist, Segen und Seligkeit ist, in dem Worte Licht zusammen. Darum
schreibt er auch allen Wesen einen _Glanz_, einen _Lichtschein_ zu, dem
Baume wie dem edlen Menschen, dem ntzlichen Tier wie dem Amschaspand. In
allen Wesen und Geschpfen Ahuramazds ist Licht, und der Glanz eines
Geschpfes ist der Inbegriff seines Geistes, seiner Kraft und seiner
Lebensregungen als Funken der Gottheit. Je nach Magabe der Beschaffenheit
dieser Funken ist der Grad des Glanzes grer oder geringer. In Ahuramazd
vereinigt sich alles, darum ist sein Glanz der hchste und vollkommenste.
Da nun der zoroastrische Kultus nur den Zweck hat, Ahuramazd in seiner
Schpfung zu verherrlichen, so mu der Parse alles vom Schpfer des Lichts
kommende Gute lieben, verehren und sich ihm gefllig zu machen suchen. Vor
allen Dingen aber mu er Ahuramazd in Gedanken, Worten und Thaten anbeten.
Kein Wesen darf er gleich Ahuramazd verehren auer Zrvna-akarana, die
zuweilen auch der Urgrund und Abgrund aller Wesen genannt wird.

Nach dem Schpfer alles Guten mu aber sein Geschpf, die Welt, wie sie von
den Menschen erkannt wird, je nach der Stufe der Hoheit, Wrde und
Vollkommenheit der Dinge geliebt und angerufen werden; denn die Welt
enthlt, soweit sie gut ist, lauter Shne Ahuramazds, von Ahuramazd
geliebte Geschpfe, in welchen er sich mit Wohlgefallen widerspiegelt, ber
die er sich freut wie beim Anbeginn der Dinge, da alles durch ihn geboren
ward. Darum richtet der Parse sein Gebet zuerst an die Amschaspands, die
ersten Abdrcke Ahuramazds, die Nchsten seines Glanzes und die Ersten an
seinem Thron. In den an sie gerichteten Gebeten und Lobpreisungen werden
die besonderen Eigenschaften eines jeden gerhmt, und sie werden um Schutz,
Hilfe und Segen angerufen, je nachdem ihnen Ahuramazd die verschiedenen
Teile der Schpfung anvertraut hat.

Hieraus, wie aus den brigen Anrufungen der Geschpfe ergiebt sich, worin
deren Verehrung besteht. Sie besteht darin, da ein jedes Geschpf fr das
erkannt wird, was es ist, da dies in der Form eines Gebetes bekannt wird,
und da man von jedem Geschpf, je nach seinem Daseinszweck die Wohlthat
erbittet, welche zu erteilen ihm von Ahuramazd anbefohlen ist.

Der Zoroastrismus personifiziert im Geiste des alten Orients die guten oder
bsen Eigenschaften der Dinge in guten oder bsen geistigen Wesen und
glaubt z.B. seine Dankbarkeit fr die wohlthtigen Eigenschaften des
Wassers nicht besser beweisen zu knnen, als wenn er dieselben in einem an
den Ized des Wassers gerichteten Lobhymnus preist, wobei indessen
Ahuramazd ebensowenig vergessen wird, als wenn er von einem Ized oder dem
ihm geweihten Gegenstand dessen wohlthtige Wirkungen erbittet.

Das Gebet an die himmlischen Geister bezieht sich genau auf ihre
Eigenschaften wie Funktionen und -- wenn es Himmelskrper sind -- auf die
Zeit ihrer Erscheinung. So wird z.B. die Sonne nur bei Tag angerufen, der
Mond aber bei Tag und bei Nacht.

Die Sonne als Quell alles Lichtes, die alles mit Leben und Freude erfllt,
wird als sichtbares Bild Ahuramazds angerufen, als Knig des Himmels, der
ohne Ruhe im Lauf ist wie ein Held.

Die Anrufungen sind je nach den Tageszeiten verschieden. Das Morgengebet
geht dahin, da Ahuramazd seinen Glanz erhhen wolle wie der Sonne Glanz,
und das Abendgebet, da der Beter durch Ahuramazds und aller Izeds Schutz
seinen Lebenslauf vollenden mge wie der himmlische Glanzknig, um in
Gorotman einzugehen. Mithra wird in allen Gebeten nach seinem reinen Glanz
als Befruchter der Erde gepriesen, welcher Nahrungssaft ber die ganze
Natur ausgiet, als Urheber des Friedens, als mchtiger Streiter wider alle
Dews des Streites, des Krieges und der Zerrttung. Endlich richtet der
Parse sein Gebet an den eigenen Feruer und den aller reinen Menschen. Diese
Feruer werden schon im irdischen Leben eng verbunden gedacht als Glieder
jener lebendigen Gemeinde, welche in Gorotman noch mehr eins werden soll.
Auch die Tiere werden unter Hinweisung auf Ahuramazd gepriesen, und der
Gedanke an den himmlischen Stier, von welchem alle Menschen, Tiere und
Pflanzen kommen, giebt diesem Gebet Leben und inneres Gewicht.

Endlich wird alles von Ahuramazd kommende gepriesen: Feuer, Wasser und
Bume, so namentlich das heilige Altarfeuer Behram, das heilige Wasser
Zare, welches auf dem Urberg Albordj entspringt, und der heilige Hombaum,
aus welchem der Lebenssaft das Wasser der Unsterblichkeit hervorquillt.

Nach der Anbetung Ahuramazds und der Hochschtzung aller wohlthtigen und
reinen Geschpfe befiehlt der Zendavesta die Ausbung des Guten in
Reinigkeit des Gedankens, des Wortes und der That. Der Mensch soll im
ganzen Verhalten des uern und innern Menschen wie Licht sein und wirken.
Dies ist der beste Beweis fr die zu Ahuramazd getragene Liebe. Er soll
wirken wie das Licht, d.h. wie Ahuramazd, die Amschaspands, die Izeds,
wie Zoroaster und die reinen Menschen, in denen Ahuramazd sich gefllt,
weil sie ihm hnlich sind. Je mehr Lichtreinheit und Gte ein Mensch in
seinem Wesen ausdrckt, um so nher sind ihm die himmlischen Geister, um so
mehr knnen sie ihn lieben und zu seinem Dienst bereit sein. In diesem
Geist mu man auch gegen die Menschen auf Erden handeln und wie die Izeds
alles mit Wohlthtigkeit segnen, so mu der Mensch die Natur zu veredeln
und berall Lebenslicht und Fruchtbarkeit auszustreuen suchen. In diesem
Sinn speist er die Hungrigen, pflegt die Kranken, beherbergt die Wanderer,
bepflanzt die Wste mit Bumen, trnkt die Erde und beset sie zur Freude
der heiligen Sapandomad mit reinem Samen; er sorgt fr die Nahrung und
Fortpflanzung der Tiere, stiftet Ehen usw. Dies alles thut er, damit er
nicht Finsternis sei, sondern Licht werde und die Finsternis durch sein
wohlthtiges Licht erleuchte, da das Wste fruchtbar werde, das Schwache
stark und das Tote lebendig.

Der zweite Teil des Ahuramazddienstes besteht im Streit gegen Angrmainyus
und seine Anhnger, im Ha gegen alles Bse und der Unterdrckung des
physischen und moralischen bels. Jeder Parse mu Angrmainyus, den
Thronfrsten der Finsternis, Vater alles Bsen, durch Gedanken, Wort und
That, so sehr verwnschen und hassen, als er nur Kraft zu hassen hat. Wer
Angrmainyus und seine Gesellen anbetet, und als Darvand thut, was die Dews
thun, liebt was sie lieben, in irgend welcher Weise ihre feindlichen
Absichten frdert, ihre Einflsse erleichtert und vermehrt, der ist
verwnscht an Leib, Seele und Vermgen; Flche ruhen auf ihm zu Tausenden.
Zum Streit gegen Angrmainyus gehrt besonders noch, da der Anhnger
Zoroasters bekenne, von Angrmainyus und den Dews komme alles Bse her.

Zu den Anhngern des Angrmainyus gehren besonders die Zauberer, welche
Zoroaster als Hnde und Fe, Augen und Zungen von Angrmainyus betrachtet.
Um so hher das Ansehen der Magier beim Volke gestanden hatte, um so mehr
verwnscht Zoroaster ihr Thun. Sie hren und Gemeinschaft mit ihnen haben,
ist Fluch und Verdammnis; sie verfolgen und vertreiben, ist die Freude
Ahuramazds und aller Izeds und Segen fr alle Menschen und Geschpfe.

Eine That ist edel, wenn die Dews dadurch erbittert werden, und bei jedem
amschaspandhnlichem Thun mchten sie vor Bosheit und Zornwut ohnmchtig
werden; jeder Anblick einer reinen hochstrebenden Seele -- wie z.B. die
Zoroasters -- macht sie mutlos und blagelb. Thaten des Lichts, reine, edle
Werke sind das beste Mittel, das Beginnen der Dews zu zerstren. Was die
Dews verheeren, mu der Anhnger Zoroasters blhend machen. Die Dews lehren
den Menschen das Gesetz Duzakhs und der Finsternis; der Mensch dagegen mu
das Wort des Lebens berall lebendig machen und das Gesetz des Lichts und
der Wahrheit in Gang bringen. So wie bei der Verehrung Ahuramazds nichts
als die That gilt, so ist der Kampf gegen Angrmainyus und sein Reich ganz
That und Streit durch Gebet im lebendigen Wort, durch Reinheit der Seele
und des Leibes und durch Vertreibung der Dews, wo sie oder ihre Anhnger
sich einfinden sollten.

Nach dem Zendavesta ist der Zweck der Religion Lichtwerdung der ganzen
Schpfung Ahuramazds, Triumph des Guten, des Lichts der Wahrheit und des
Lebens, sowie Zerstrung des Todes, der Finsternis und Unseligkeit.

Der Anhnger Zoroasters ist nicht der Ansicht, da er fr sich und
Ahuramazd fr Alle sorgen msse, sondern betrachtet sich als ein Glied der
lebendigen Gesellschaft, das nur dann gesund ist, wenn der ganze Krper in
Gesundheit und Strke blht. Er wacht ber die Mitanbeter Ahuramazds mit
der gleichen Sorgfalt wie ber sich selbst, denn je mehr durch ihn die
ganze Schpfung zum Licht emporgehoben wird, desto glcklicher ist sein
Zustand. So thun Ahuramazd wie die Izeds, und der Parse mu ihr Thun
nachahmen. Ahuramazd, seinem Wesen nach ganz Licht und Leben, hat bei
seiner Schpfung und Regierung der Welt nur den Zweck, da dieselbe Licht
und Leben werde, und alle Glieder seines Reiches, jedes nach seiner
Stellung zum Ganzen, zu Reinheit, Wahrheit, Vollkommenheit und Seligkeit
gelange, deren es fhig ist, und alles gewonnen werde und nichts verloren
gehe, da alles in Ahuramazd, dem Schpfer und Urquell alles Lichts und
aller Gte, zuletzt zusammenfliee.

Das Licht mu immer im Kampf sein mit der Finsterni, und Ahuramazd mit
dem zahllosen Heer seiner Krfte ist ohne Unterla geschftig, die Mchte,
Wirkungen und Geschpfe von Angrmainyus tglich zu schwchen, sein Volk
zu retten und zu reinigen von allen physischen und moralischem bel, wo
eins das andere erzeugt, eins das andere verschlingt, und jedem seines
Volkes durch Verleihung von Kraft im Kampfe beizustehen. Dies ist das
tgliche Geschft Ahuramazds, und darum soll jedes Glied seiner Welt durch
seine Krfte in seiner Sphre thun, was Ahuramazd im ganzen All seines
Reiches fr alle Geschpfe und durch die ganze Flle seiner Licht- und
Lebenskrfte vollendet.

Im Zendavesta wird die allgemeine Harmonie alles Lebendigen, die Existenz
_eines_ Lebens in der ganzen Schpfung gelehrt. Alle Einzelheiten, welche
Zoroaster dem Schpfer alles Guten beigelegt, einigen sich im Begriff der
Allbelebung, der Allschpfung und Allbeseligung, dessen Geist, Wort und
Kraft durch alle Glieder des Lebens und Webens der Schpfung dringt, der in
allen Gliedern wohnt und sie alle leben, fhlen, thun und wachsen lt wie
der menschliche Lebensgeist den menschlichen Organismus. Was nun Ahuramazd
fr das All der Schpfung ist, das soll jeder Ahuramazdverehrer in seinem
Wirkungskreis sein, wobei er allezeit den groen Zweck Ahuramazds im Auge
haben mu, der das Ganze zu Einem machen will, voll Harmonie, Leben,
Wahrheit, Licht und lebendiger Wirksamkeit.

Die ganze Schpfung ist _ein_ Wesen, worin alles in Harmonie verbunden ist
von Glied zu Glied, von Ursache zu Ursache, von Wirkung zu Wirkung.
Besonders werden alle Izeds, die Feruers des Lichts und alle Seelen reiner
Menschen als eine lebendige Gemeinde, als das Volk Ahuramazds vorgestellt,
worin derselbe Knig und Haupt ist und in allen und durch alle wirkt. Kein
Geschpf kann im Licht der Wahrheit leben und wahre Seligkeit genieen,
wenn es nicht ein Teil dieser _Gemeinde der Lebendigen_ ist. In der
lebendigen Gemeinde der Ahuramazddiener hat ein jedes Glied einen Teil der
Krfte des Alls. Diese Krfte sind Krfte des Lebens und kommen von
Ahuramazd; sie mssen gebraucht werden, wozu sie dienen, zur Zerstrung
des Bsen und Schaffung des Guten. Der Anhnger Zoroasters mu fortwhrend
Licht schaffen, sonst weicht Ahuramazd von ihm und er selbst hrt auf ein
Lebendiger zu sein. Jedes Glied der lebendigen Gemeinde hat eine von
Ahuramazd ihm angewiesene Wirkungssphre, welche er durch sein Licht
beleuchten und den Samen seiner guten Thaten befruchten und beleben mu,
sonst wird sie de Wste, Sphre der Finsternis und des Todes. Der
Wirkungskreis eines jeden Wesens in Ahuramazds Lichtwelt liegt in der
Sphre, worin er lebt. So wirkt Bahman nicht in der Sapandomads, die Sonne
nicht in der des Mondes, und der Priester nicht in der Sphre des gemeinen
Parsen. Wenn ein jeder Wirkende in der Kette lebendiger Ursachen sich und
was um ihn ist belebt, so ziehen alle brigen Glieder aus seiner Flle
Lebenssaft an sich und teilen ihn wieder mit; er macht vielen ihr Wirken
leicht und sie wieder ihm. Deshalb mu jeder Parse fr Alle beten; der
Priester mu durch die Flle seiner guten Handlungen und durch die
Erfllung aller Pflichten Ahuramazd und Zoroaster nachahmen und so ein
Beispiel fr das Volk und zum Segen fr alle Stnde werden. Vom
Ackerbautreibenden wird bestndige Sorge fr seine Lndereien und Herden
begehrt, damit er ein Quell des berflues fr Viele werde.

So wie im himmlischen Reich Ahuramazds jeder Ized seine Verrichtungen mit
Freude und Leichtigkeit thun kann, weil sie sie alle freudig thun, so soll
nach dem Zendavesta ein jedes Glied eines jeden Standes im sichtbaren Reich
Ahuramazds auf Erden die Pflichten seiner Sphre ganz und mit Reinigkeit,
Lust und Leben thun, damit alle sie thun knnen, und diese Gemeinde der
Ahuramazdverehrer auf Erden ein Abbild sei der lebendigen Gemeinde des
Himmels, und sie immer hher gehoben und weiter gefrdert werde, bis sie im
groen All des Lichtreiches von Ahuramazd aufgeht.

Ein jedes Glied der Gemeinde der Ahuramazddiener hat den Zweck,
_vollkommen_ zu werden; aber wie die Vollkommenheit des Auges nicht die
Vollkommenheit des Ohrs ist oder der Hand oder des Fues, so hat auch in
der lebendigen Gemeinde jeder Obere wie jeder Untergeordnete eines jeden
Standes eine besondere Bestimmung, und im besten Erreichen _seiner_
Bestimmung besteht seine Vollkommenheit, darin beruht _sein_ Glanz, _seine_
Gte, _sein_ Leben und _sein_ Licht. Und obgleich der Glanz des Kriegers
nicht wie der Glanz des Priesters, noch der Glanz des Unterthanen wie der
Glanz des Knigs, so hat doch ein jeder _seine_ Vollkommenheit, und darin
beruht sein Ruhm und Glanz. Wenn alle sind, was sie sein sollen, so fliet
daraus die Verherrlichung Ahuramazds wie die Lichtwerdung der ganzen
guten Welt. Alsdann freut sich die ganze Gemeinde im Lebensgenu, ein jedes
Glied im Leben aller geniet und giebt zu genieen, jedes fr alle und alle
fr jedes.

Es soll also jeder Anhnger Zoroasters als Glied der lebendigen Gemeinde
die Verherrlichung Ahuramazds zum ersten und letzten Zweck haben sowohl
_fr sich_ in dieser Welt dadurch, da er sich von allem Bsen des Leibes
und der Seele reinigt, Angrmainyus und seine Diener im ganzen Reich der
Finsternis bestreitet, Licht wird und Licht schafft; und in der knftigen
Welt, da er als treuer Diener Ahuramazds ewiges Leben geniee, ewig
Ahuramazd gefalle, und im Licht lebe und webe. Er soll aber auch die
Verherrlichung Ahuramazds zum ersten und letzten Zweck haben _fr Andere_,
da er die ganze Schpfung verehre, in ihr Ahuramazd berall finde und mit
sich die Geschpfe verschiedener Art veredle, die Geister nach ihrer
Hoheit, nach ihrem verschiedenen Glanz, nach ihrer mannigfaltigen
Wohlthtigkeit rhme und hoch erhebe und in ihnen lebendige Muster seines
ganzen Verhaltens erkenne. Die Menschen verehre und veredle er dadurch, da
er fr ihr Heil in diesem und jenem Leben sorge, fr sie bete und ber sie
wache, damit sie ihre Pflichten thun. Er nhre die Tiere, ziehe sie auf und
sorge, da alle guten Geschpfe auf Erden sich vermehren und die Elemente
rein erhalten bleiben, damit von Tag zu Tag alles in Licht und Reinheit,
Lebensgenu, Gte, Freude wachse, und er mit allem, was ihn umgiebt, von
Tag zu Tag edler werde und von Finsternis zum Licht, vom Tod zum Leben, von
der Materie zum Geist sich entwickle und alles mit sich emporhebe in die
Nhe Ahuramazds, damit alles eins werde und eine Seligkeit des Lebens
geniee.

Zur Erreichung dieses Zwecks schrieb Zoroaster einen Kultus vor, dessen
genaue und sorgfltige Ausbung das Mittel dazu ist.

Zoroasters Gesetz ist der Krper des _Urworts_[175], das _vor_ allen Wesen
war, und ist als fortwhrend schaffende gttliche Geistessprache im
Zendavesta wahrhaftig aufbehalten. Das _Wort_ war das Urwesen, durch
welches alle Wesen geworden sind, was sie sind. Es ist eins mit der
Lebenskraft und dem gttlichen Wesen, insofern es ganz Licht, Geist und
Kraft des Lebens ist und alles belebt, sobald Ahuramazd haucht. Insofern
Gottes Natur ganz Leben und Lebenskraft ist und weder von Anfang noch von
Ende wei, heit Gott das _Urwort_, und insofern Gottes Geist dieses Wort
spricht und durch dieses Sprechen auer sich andern Wesen auer sich Sein,
Leben und Wirksamkeit, d.h. Licht mitteilt, heit dieses Sprechen Gottes
auch _Wort_, Wort der Belebung, lebendige Geistessprache Gottes. Die
Sprache Gottes ist blos geistig, ein unsichtbarer Zug der gttlichen
Willenskraft, der aus dem Mittelpunkt der Gottheit in die Izeds bergeht
und zugleich die Kraft zu beleben und zu schaffen mit sich fhrt. Diese
Sprache verstehen die Izeds vollkommen, denn sie ist die unmittelbare
Anschauung der Dinge, das Gefhl des Willens, wie es in Gott war und das
aus Gott in sie berging, was keine Menschenzunge aussprechen kann. Die
Izeds und Feruers selbst reden unter sich diese Sprache innerer Empfindung
und Anschauung, die Menschen aber sprechen mit dem von der Zunge gefaten
Wort miteinander, darum wissen sie auch nicht, wie Gott spricht, und was
die Sprache und das Wort Gottes ist. Dieses Wort heit auch das _erste
Gesetz_, die hchste Weisheit, Ahuramazds ursprnglichstes Element, das
mit dem Urlicht so zu sagen eins ist, der Ausflu und die Seele
Ahuramazds, denn es enthlt gewissermaen die wahren Elemente Gottes; es
ist das ewige _Ich bin_, vor dem Beginn aller Dinge vorhanden, ewig die
Vollkommenheit selbst, Licht, schrecklich, lebendig und schnell. Ahuramazd
sprach es, und alle Wesen wurden. Er spricht es von Augenblick zu
Augenblick, und dadurch kommt aller berflu, alles Gute, aller Samen des
Lichts in die Welt; alle Dinge in der Welt sind nur ausgesprochene Worte
Ahuramazds. Wie Ahuramazd das _Wort_ der unbegrenzten Ewigkeit ist, so
ist die ganze Welt _sein_ Wort, und alles, was die Izeds wirken, ist _ihr_
Wort.

Dieses Wort wurde unter der Hlle des Gesetzes den Menschen offenbart, oder
-- besser gesagt: der Schpfer aller Dinge wollte den Menschen Erkenntnis
und Licht der Natur der ewigen und in jedem Augenblick neu schaffenden
Gottheit geben und redete deshalb zu den Menschen in menschlicher Sprache,
die sie verstehen konnten, und so wurde das _Gesetz_, das im Zendavesta,
das himmlische, gttliche Gesetz genannt wird, das Gesetz des Lichts, der
Wahrheit und des Lebens.

Die Gottheit hat sich schon vor Zoroaster offenbart und offenbart sich nach
ihm, aber Zoroaster ist ihr vornehmster Prophet.

Der Hauptinhalt des ganzen Gesetzes besteht in den Worten: Du mut
Ahuramazd, den Knig der ganzen Welt, erkennen in Reinheit, seine
Schpfung hochschtzen, Zoroaster fr den wahren Propheten Gottes halten
und das Reich des Angrmainyus zerstren. Die Menschen sollen Gutes thun
wie der erste der Amschaspands, weise sein in ihrem Verstand, wahrhaftig in
der Rede, gro, edel und verstandvoll in ihrem Thun und Lassen.

Die einzelnen Vorschriften des Gesetzes bezwecken Ahuramazds Reich im
einzelnen und im ganzen zu verschnern, Licht, Leben, Wahrheit und
Seligkeit berall auszubreiten, und sind entweder moralisch oder
gottesdienstlich oder politisch-religis.

Die moralischen Vorschriften beziehen sich auf die Seele, ihre inneren und
ueren Wirkungen. Hier ist das Hauptgebot die grte Reinheit des inneren
und ueren Lebens, Reinheit des Gedankens, Reinheit des Worts und der
That. Der Schwerpunkt liegt auf dem Innern der That.

Die Reinheit des Gedankens, aus welcher Reinheit der Rede und der That
entspringt, ist die Richtschnur, nach welcher die Handlungen bemessen und
beurteilt werden mssen. Die Reinheit des Gedankens verdammt alle bsen
Begierden, welche aus den Keimen Duzakhs entspringen. Jede unreine Lust hat
ihren eigenen Dew, wie jede Vollkommenheit und Tugend ihren besonderen
Ized. Jeder unreine Gedanke betrbt die Izeds und hindert sie dieser Seele
zu dienen, er schwcht das Licht und Leben der Seele und macht, da die
Dews sich freuen und mehr Gewalt bekommen.

Die Reinheit des Worts besteht in der Gte und Wahrheit der Rede, in der
Harmonie zwischen Gedanken und Wort, Zunge und Herz. In der Bezeichnung
Reinheit der Rede wird im Zendavesta alles zusammengefat, was in der
Reinheit des Gedankens liegt, nur da die Rede unsern Nebenmenschen
versinnlicht, was im Herzen Edles, Wahres und Gutes verborgen liegt.
Bekannt ist, da die alten Schriftsteller nicht genug die Wahrheitsliebe
der Perser zu rhmen wissen, und nach Herodot bedeutete die Lge bei den
Persern brgerlichen Tod, und die Jugend wurde von frh an an die strengste
Wahrheitsliebe gewhnt. Im Zendavesta heit es sehr oft: Sei wahrhaftig in
deinen Worten! und von allen Persern wird Reinheit, Edelmut, Hoheit im
Denken und Wahrhaftigkeit im Reden vorzglich verlangt. Ahuramazd, dessen
Wort lautere Wahrheit ist, wird bestndig als Muster aller Muster
gepriesen, und Mithra ist der spezielle Ized der Wahrheit in der lebendigen
Gemeinde; er ist der Schutzengel der Wahrheit, der Einigkeit und des
Friedens. Die Lge gilt im Zendavesta als das Hlichste, wodurch der
Mensch zum Dew wird; Angrmainyus ist der Erzlgner und Vater aller Lgen.

Die Reinheit der That oder Gerechtigkeit ist der Tugendgeist und die
Lichtabsicht der Handlungen. Wie alles zwischen Ahuramazds und
Angrmainyus Reich, zwischen Licht und Finsternis, Reinheit und Unreinheit
geteilt ist, so auch die Thaten. Die Handlungen haben Licht und Glanz, wenn
der Geist des Gesetzes in ihnen lebt, wenn der sie erzeugende Trieb auf
Ahuramazd und die Verherrlichung seiner Schpfung durch Vermehrung des
Guten gerichtet ist. Alles dagegen, was nicht hierauf abzielt, ist das Werk
der Finsternis, ein Werk von Angrmainyus. Im Zendavesta wird die Reinheit
der Handlungen nicht durch viele subtile Regeln bestimmt, sondern der
Unterricht ist, weil die Vorschriften fr Menschen aller Stnde bestimmt
sind, so beschaffen, da alle bei der Befolgung des Gesetzes wissen knnen,
wie sie aus reinen Trieben zu handeln imstande sind. Verehre Ahuramazd
und sein glnzendes Volk, das er im Anfang geschaffen hat, -- heit es im
Zendavesta, -- whle ihr Beispiel dir zum Muster und thue den Willen
Ahuramazds so, wie die Izeds im Himmel ihn thun, so handelst du rein. --
Wenn die Anhnger Zoroasters beten, so mssen sie vorher in demtiger Reue
ihre Snden bekennen, wodurch das Herz erleichtert und zum Gebet gereinigt
wird. Beim Spenden der Almosen, das den Parsen oft und dringend geboten
wird, mssen sie bestndig an Ahuramazd und die Izeds gedenken und
betrachten, wie wohlthtig dieselben sind. Mit grter Bereitwilligkeit des
Herzens soll ein Parse dem andern wohlthun, der Reiche den Armen speisen,
weil auch dieser ein Verehrer Ahuramazds ist, weil alle im Gorotman eins
zu werden hoffen, und weil Ahuramazd und die Amschaspands sich vorzglich
der Notleidenden annehmen. -- Der Knig soll hauptschlich dahin streben,
da sein Thun und Lassen rein sei, wozu gehrt, da er seinem Volk sei, was
Ahuramazd der ganzen Welt ist, Ernhrer und Vater der Armen und Betrbten,
der Schtzer und Helfer der Gerechten, da er ihnen viel Freude mache und
mit seiner ganzen Gewalt das Bse unterdrcke, da er seine Macht und Wrde
allein als Ahuramazds Geschenk trage und sie nur zum Wohlthun benutze.
Weiterhin wird allen Stnden die Nachahmung Ahuramazds und seiner Izeds
anbefohlen, und jeder Stand hat einen besondern Ized, den er vorzugsweise
nachahmen soll, und wenn er dies befolgt, so trgt sein Thun zur
Verherrlichung und Lichtwerdung der Schpfung Ahuramazds bei, was der
Zweck der Lebensthtigkeit eines jeden Geschpfs sein soll. Jede darauf
hinzielende That ist rein, und je reicher jemand an reinen Thaten ist,
desto hnlicher ist er Ahuramazd und seinen Lichtgeschpfen.

Diese Reinigkeit des Herzens und der That ist das Endziel aller Parsen, und
wer sie besitzt, der soll Tag und Nacht dahin wirken, da ihr Samen sich
vermehre. Ist erst jemand durch die Reinheit des Gedankens, des Worts und
der That so weit gereinigt, da er nichts als Gutes thut und -- als Mensch
auf Erden betrachtet -- ganz Licht ist und immer mit ganzem Herzen
Ahuramazd anbeten kann, dessen Gewalt ist so gro, da alle Darvands,
Druschts und Dews vor ihm fliehen mssen, da er sie durch seinen Willen,
sein Gebet und das Licht seiner Thaten vollstndig ohnmchtig macht. Jedoch
soll niemand glauben, da er ohne die Kraft und den Beistand Ahuramazds,
der Izeds und namentlich Mithras sich in der Reinheit der Seele erhalten
knne.

Vorzugsweise soll der Parse die Sprache und die Kraft zu wirken heilig
halten, denn beide sind Ahuramazds Geschenke und die Mittel, wodurch der
Mensch Gre, Edelmut und Thatkraft im Dienste Ahuramazds beweisen und
vermehren kann.

Zur Erhaltung der Reinheit der Seele dient in erster Linie der Gebrauch des
Gesetzes. Das Lesen des Zendavesta ist eine der notwendigsten Pflichten,
und ein dem Urwort gebrachtes Opfer ist eine tgliche Nahrung der Seele,
ohne welche ihr Licht zu Finsternis wird. Nur durch dieses Opfer erhlt
sich der Anhnger Zoroasters im Besitz des lebendigen Worts.

Auer dem Lesen des Gesetzes ist das Gebet die heiligste Pflicht der
Ahuramazdverehrer und unumgnglich notwendig, weil dieselben mit den
tglichen Anlufen Angrmainyus und seiner Diener sowie mit den Lockungen
zum Bsen kmpfen mssen, welche nicht anders als durch das Gebet zu
berwinden sind. Das Gebet verleiht neue Kraft und neuen Eifer zum Streit
gegen das Bse und zum Streben nach dem Guten. Es erweckt den hohen
Gedanken, da jeder Anhnger Zoroasters fr Ahuramazd kmpfe, tglich in
der Seele von neuem und erhebt das Herz zum Himmel. Ohne das Gebet knnen
die Geister in ihrer Sphre das nicht wirken, wozu sie geschaffen sind und
wovon die Diener Ahuramazds alles Gute erhoffen mssen.

Die Beschaffenheit des Gebets ist im Zendavesta vorgeschrieben. Zuerst legt
der Parse ein aufrichtiges Gebet seiner Snden ab, deren Entstehungsarten
aufgezhlt werden. Alsdann beklagt er seine und aller Menschen Snden und
rhmt die grenzenlose Barmherzigkeit und Gnade Gottes, von welcher er
Vergebung erhofft. Hierauf beteuert er seine Liebe zu Ahuramazd und seinen
Ha gegen das Reich des Angrmainyus, seine Treue gegen das Gesetz und die
Notwendigkeit guter Thaten. Nach diesem Sndenbekenntnis und Gelbde folgen
Lobpreisungen Ahuramazds, der Amschaspands, Izeds und aller reinen
Menschen von Kaiomorts an bis zur Auferstehung sowie aller Shne Gottes,
d.h. aller Geschpfe, in denen Leben und Spuren von Ahuramazds Geist zu
finden sind.

Die Parsen beten nicht nur fr sich, sondern fr alle reinen Menschen,
welche den Schpfer der Natur erkennen und verehren auf allen Teilen der
Erde. Besonders ist der Priester verbunden, fr sich und alle zu beten: fr
den Knig, den Ahuramazd ber sein Volk gesetzt hat und so herab bis auf
alle Menschen, die noch bis an das Ende der Welt in Ahuramazds Reich leben
werden; er betet ferner fr die Seelen und Feruer, gleichviel ob dieselben
auf Erden bereits verkrpert waren oder nicht. Damit das Gebet eine grere
innere Energie habe, vereinigt es der Priester mit dem Gebet aller reinen
Menschen auf der ganzen Erde, die gelebt haben, leben und bis zur
Auferstehung leben werden.

Ein Ahuramazddiener betet fr Alle, und Alle fr Einen. Der Priester
bekennt, da er Teil nehme an den guten Werken aller von Ahuramazd
geliebten Seelen, wie sie umgekehrt alle an den Frchten seiner eigenen
guten Thaten teilnehmen.

Ebenso atmen alle religisen Ceremonien und liturgischen Formen den Geist
der Gemeinsamkeit.

Unter den eigentlichen gottesdienstlichen Gebruchen und Riten ist in
erster Linie der Feuerdienst zu nennen. Die Parsen glauben nmlich an ein
_Urfeuer_ und ein _materielles Feuer_, welches letztere ein Bild vom
Ersteren ist. Jenes ist von Ewigkeit, und dieses ist aus jenem entstanden.
Das Urfeuer ist das Band der Vereinigung und den in Zrvna-akarana
verschlungenen Wesen; es ist der Samen, aus welchem Ahuramazd alle Wesen
erzeugt hat und was Ahuramazd durch sein Feuer erzeugt ist sein Sohn.
Deshalb heien die Amschaspands, Izeds, Feruer, Sterne, Menschen, Tiere und
Pflanzen, alle Shne Gottes, weil alle diese Wesen etwas vom Samen der
Allschpfung und Allbelebung in sich tragen und dadurch sind, was sie sind.
Das Urfeuer hat sich von Anfang an unter verschiedenen Gestalten hier auf
Erden zu erkennen gegeben, teils in sichtbaren Feuererscheinungen, teils in
unsichtbaren Wirkungen seiner Kraft in den Geschpfen. Alle groen Thaten,
alle Heldenthaten, alle Weisheit und alle Weissagung werden der Kraft des
Urfeuers zugeschrieben. Je reiner und strker das Feuer ist, durch welches
die Menschen belebt werden, desto reiner, strker und geistiger sind ihre
Wirkungen.

Das Urfeuer war von Ewigkeit in der unendlichen Gottheit und gab allen
Geschpfen ihr Wesen, und das durch jenes entstandene und in alle Wesen
bergegangene Feuer, welches nun in Millionen und aber Millionen von
Geschpfen unter den verschiedensten uerungen und Wirkungsarten das
einzige allschaffende, allwirkende und allbelebende Prinzip ist, das
Mittel, durch welches Ahuramazd die ganze Schpfung in Leben und Bewegung
erhlt. Das Feuer ist also der Ausflu des Geistes und der Kraft Gottes,
das reinste Symbol der unaufhrlich schaffenden, allwirkenden und
allbelebenden Gottheit.

Zum Ruhm dieser Kraft Gottes stiftete Zoroaster den Feuerdienst, und weil
das gttliche Urfeuer unsichtbar ist, so befahl er, heilige Feuerherde,
Tempel zur Feuerverehrung (Dad-gah) zu errichten. Ihr Zweck war, die
Gottheit unter dem Symbol des Feuers zu verehren. Das Bild des Feuers
mute also mit aller ihm zu Grund liegenden Kraft und Hoheit der Idee den
Seelen der Anhnger Zoroasters tief eingeprgt werden. Deshalb sagt
Strabo[176]: Zu welcher Gottheit die Perser auch beten mgen, sie rufen
vor allen Dingen zuerst das Feuer an.

Trotzdem verehren die Parsen das Feuer nicht als Gottheit selbst, sondern
beten in ihm nur die Eigenschaften des Schpfers an, Ahuramazds belebende
und erzeugende Kraft. Die dem Feuer gebrachten Opfer dienen zur
Unterhaltung desselben, und die an das Feuer gerichteten Gebete sind Lob-
und Dankgebete fr die genannten uerungen Ahuramazds. Auch die Elemente,
Izeds, Sterne usw. wurden nicht als eigentliche Gottheiten verehrt, sondern
als wohlthtige Krfte, als belebte Wesen, durch welche Ahuramazd die Welt
regiert. Wenn die griechischen Schriftsteller derartigen von den Persern
verehrten Wesen Namen wie Zeus, Hestia usw. beilegen, so beweist dies nur,
da es ihnen unmglich ist, aus dem Bannkreis ihrer Mythologie
herauszukommen.

Auer dem Feuerdienst hatten die Perser noch andere rituelle Gebruche, von
denen in erster Linie die Opfergeschenke zu nennen sind. Dieselben
bestanden in Miezd, Hom und Perahom genannten Kleidern fr die Priester,
deren Darbringung durch Gebete an Ahuramazd und die Izeds und das Lesen
der heiligen Bcher begleitet wurde.

Einen uerst wichtigen Teil der parsistischen Ceremonien machen die
Reinigungen aus. Die Reinheit des Leibes ist das Bild der Reinheit des
Herzens und dieses ist Alles in Allem. Das Herz kann aber nicht rein sein
ohne Reinheit des Krpers, weshalb diese die grte Sorgfalt und
Wachsamkeit erfordert. Den unreinen Krper besitzen eine Menge Dews, aber
vor dem reinen mssen sie weichen. Die Menschen werden von Natur unrein
geboren, denn sie stammen alle von Kaiomorts, welcher durch Angrmainyus
verunreinigt ist.[177]

Aus dem Glauben an die Unreinheit des Krpers sind verschiedene rituelle
Gebruche entstanden. So das Gebot, beim Gebet und Essen den untern Teil
des Angesichts mit dem Penom[178] verhllt zu halten, weil der Speichel
irgend etwas verunreinigen knne. Daher rhrt auch das Gebot, nichts vom
oder aus dem Krper Kommendes in das Wasser oder Feuer zu werfen; auch
drfen die Parsen beim Beten, Essen und Verrichten der Notdurft nur eine
Zeichensprache reden, weil sich sonst Dews in den Krper einschleichen
knnen, wenn sich das Gemt nicht in gehriger Sammlung, Stille und
Wachsamkeit befindet. -- hnliche Anschauungen gingen bekanntlich in den
Talmud ber.

Die Unreinheit des inneren Krpers kann nicht ganz aufgehoben werden,
weshalb der Parse wenigstens fr die Reinhaltung des ueren sorgen und
durch bestndige Aufmerksamkeit auf alles, was verunreinigen kann, verhten
mu, da die Unreinheit des Innern wachse. Dabei mu sein Blick sowohl auf
die Auenwelt als auf sich selbst gerichtet sein, weil dies die beiden Wege
sind, auf welchen sich Verunreinigungen einschleichen knnen. Auf die
Auenwelt, damit er keinem unreinen Menschen oder Tier nahe, und da er
nichts Totes berhre, ohne die vorgeschriebenen Bruche beobachtet zu
haben. Auf sich selbst insofern, als er in allen Fllen, in welchen Dews
ihn verunreinigen knnen, besonders wachsam auf sich ist und sich nicht
durch sinnliche Gegenstnde zerstreuen lt. Ist der Mensch, was nicht zu
vermeiden, verunreinigt worden, so mu er sich durch das Wasser reinigen.

Das Wasser wird im Zendavesta eben so hoch gepriesen als das Feuer. Es
gehrt mit zum Ursamen aller Dinge, und das reinste Himmelswasser fliet
vor dem Throne Ahuramazds, es belebt die Natur, reinigt die Krper der
Natur, giebt ihnen Nahrungssaft, Samen, Gehirn, Verstand, Mark und Kraft,
Milch und Fruchtbarkeit zur Zeugung, es erneuert die Wesen und giebt
berflu aller Art. Ahuramazd hat das Wasser dem Menschen zum Schutz gegen
die Dews und ihre Erzeugnisse gegeben; es hat einen heiligen Ized und mu
des Morgens beim Krhen der Hhne angerufen werden. Das Wasser ist -- wie
Feuer und Licht -- Symbol alles Guten und untersttzt das Feuer in seinen
Wirkungen. So wie das Feuer alle Geschpfe durchdringt und in allen
Geschpfen Wirkungen des Lebens uert, so auch das Wasser, welches den
Lebenssaft aller Menschen, Tiere und Pflanzen enthlt.

Die Parsen haben zwei heilige Wsser, _Zur_ und _Hom_. Das Wasser Zur wird
zu Mitternacht unter mancherlei Ceremonien und Gebeten aus gemeinem Wasser
bereitet, whrend Hom, das Wasser des Lebens und der Unsterblichkeit, aus
dem Saft des Hombaumes bereitet wird.

Die Flle, in welchen der Parse der Wasserreinigung bedarf, sind: nach
Verrichtung der Notdurft, bei Frauen nach der Menstruation, das Kind nach
der Geburt, berhaupt nach jeder Verunreinigung usw. usw. Ist der Parse
verhindert, sich zu reinigen, so ersetzen Reue und Gebet die Reinigung.

Auch die gesetzlichen Strafen gelten als Reinigungsmittel, und die
reinigende Kraft der Todesstrafe ist so gro, da die Snde dadurch getilgt
und der Snder in Gorotman aufgenommen wird.

Das Fasten hlt Zoroaster weder fr ntig, noch fr verdienstlich, noch
berhaupt fr erlaubt. Er befiehlt Migkeit, aber der Parse soll seinen
Leib pflegen, damit er Ahuramazd zu Ehren wirken und gegen die Dews
kmpfen knne, und damit der Hunger seinen Geist nicht von der
Aufmerksamkeit auf das Gesetz abziehe. Die religisen Feste der Parsen
beziehen sich auf die Schpfung und das Naturleben berhaupt. So die sechs
je fnftgigen _Gahanbars_ auf die sechs Perioden der Schpfung, das
allerheiligste _No-ruz_ (Neujahr) als Frhlingsfest auf die Vollendung der
Schpfung, auf den Triumph Kaiomorts ber den Dew Eschem, auf die Schaffung
des ersten Menschenpaares und die Neubelebung der Natur an diesem Tag. Dem
No-ruz ist die Mithrafeier _Mehrdjan_ als Herbstfest entgegengesetzt.




Drittes Kapitel.

Auszug aus dem Bun-Dehesch[179], der parsistischen Kosmogonie.


Im Urbeginn wurde Ahuramazd und Angrmainyus das Wesen mitgeteilt. Darauf
nahm die Welt ihren Anfang und was sie sein wird bis ans Ende, bis zur
Wiederherstellung aller Dinge.[180] Ahuramazd lebt erhaben ber alles mit
hchster Weisheit und Heiligkeit im Lichtkreise der Welt. Dieser
Lichtthron[181] Ahuramazds wird das erste Licht genannt und ist als
alles bertreffende Weisheit und Reinheit Ahuramazds Gesetz.

Ahuramazd und Angrmainyus sind im Laufe ihrer Existenz allein das Volk
der unbegrenzten Zeit. Der wahre Schpfer ist die Zeit, welche keine
Schranken kennt, nichts ber sich und keine Wurzel hat, die ewig gewesen
ist und ewig sein wird. Deshalb spricht der Verstndige nicht: Woher ist
die Zeit gekommen? In der Gre, worin die Zeit war, war nichts
Geschaffenes, das sie Schpfer nennen konnte, denn es war noch nichts
geschaffen. Darauf ward Feuer und Wasser, und aus ihrer Vereinigung
Ahuramazd. Die Zeit war der Schpfer und fhrte die Herrschaft ber alle
Geschpfe. Ahuramazd war in der Zeit und wird sein in Ewigkeit.

Angrmainyus wohnt mit seinem Gesetz in der ersten Finsternis und war
allein ihre Mitte. Die beiden Urprinzipien, in Unendlichkeit des Guten und
Bsen verschlungen und ohne Grenzen der Fortdauer, wurden sichtbar durch
Vermischung. Ihre Wohnungen, des groen Ahuramazd erstes Lichtreich und
Angrmainyus Urfinsternis, waren ebenfalls ohne Grenzen. Sie lebten einsam
in der Mitte dieser _Abgrnde_, und einer nherte sich dem andern. Ein
jedes dieser Wesen war durch seine Hlle begrenzt. -- Angrmainyus wei
alles, wie Ahuramazd, und beide haben alles, was ist, geschaffen.
Ahuramazd ist ohne Grenzen, denn er durchschaut die Schranken der Macht
beider in Unendlichkeit verschlungenen Wesen. Angrmainyus ist Sklave und
Knig.

Ahuramazds Volk wird bis zur Auferstehung der Toten endlos dauern, ewig
wie der Lauf der Wesen.

Die Genossen des Angrmainyus werden, wenn dereinst die Toten neu belebt
sind, schwinden. Er selbst wird ohne Ende sein.

Ahuramazd kannte durch seine ihm von der unbegrenzten Zeit gegebene
allumfassende Wissenschaft das listige Unterfangen der argen Wnsche des
Angrmainyus, wie er bis an das Ende der Dinge seine Werke mit den Werken
des guten Wesens vermischen drfe, und wie seine Macht sich endigen werde.

Darauf sprach Ahuramazd: Ich mu durch meine Macht das Volk des Himmels
schaffen. Da schuf er in dreitausend Jahren den Himmel und sein Volk. Und
Angrmainyus, fort und fort auf Bses sinnend zum Widerstand des Guten, war
unbekmmert um das, was vorging. Angrmainyus wute nicht, was Ahuramazd
wute.

Endlich erhob sich der Grundarge und nherte sich dem Licht. Wie er nun
Ahuramazds Licht erblickte, wollte er, dem nie Gutes in den Sinn kommt,
der nichts denkt, als wie er als Druscht alles schlagen und zerstren mag,
er wollte das Licht verschlingen. Aber durch dessen Schnheit, Glanz,
Erhabenheit geblendet, strzte er von selbst in seine vorige dicke
Finsternis zurck und zeugte ein groes Heer von Dews und Druschts zur
Plage der Welt.

Ahuramazd, der alles wei, erhob sich, sah Angrmainyus Volk, sein
grlich-schreckliches Volk; sein Hauch war Fulnis, Bosheit und der
Schpfung unwert. Angrmainyus erblickte das Volk Ahuramazds, das Volk in
Scharen, das Volk in Herrlichkeit, ber welches der in Ewigkeit
verschlungene den Schpfungsrat fassen mute, das der Schpfung wert war
und welches Ahuramazd fr wrdig erklrt hatte.

Ahuramazd indessen, welcher wute, da zuletzt Angrmainyus Werk doch ein
Ende nehmen msse, bot ihm Friede und sprach: O Angrmainyus, hilf der
Welt, die ich geschaffen habe, ehre sie, und deine Schpfung soll
unsterblich sein, nicht altern, sich nicht zerrtten und nie Mangel haben.

Angrmainyus, der Lgenvater, schuf Akuman, den ersten der Dews und
Widersacher Bahmans.

Der Himmel war die erste Schpfung Ahuramazds in der reinen Welt; ihm ward
Bahman vorgesetzt. Er sah, da seine Schpfungen bis zur Auferstehung
dauern wrden, und lie Ardibehescht, Schahriver, Sapandomad, Chordad und
Amerdad der Folge nach werden. In der dunkeln Welt schuf Angrmainyus
Akuman, Ander, Savel, Nakaed, Tarik und Zaretsch.

Nach dem Himmel schuf Ahuramazd das Wasser, die Erde, die Pflanzen, die
Tiere und die Menschen.

Ahuramazd lie Licht werden zwischen Himmel und Erde, Fixsterne und
Planeten, Sonne und Mond, wie gesagt ist: Er schuf anfangs den Himmel. Die
Fixsterne der Sichtbarkeit ordneten sich in zwlf Gestirne wie in eben so
viel Stammmtter. Ihre Namen sind: Lamm, Stier, Zwillinge, Krebs, Lwe,
hre, Wage, Scorpion, Bogen, Steinbock, Schpfeimer und Fische. Diese
Konstellationen sind seit ihrem Ursprung in achtundzwanzig _Kordehs_[182]
mnnlichen Geschlechts eingeteilt, welche heien: Pesch, Parviz, Peruesch,
Pehe, Aveser, Beschen, Rekhad, Tarehe, Avre, Nehn, Meian, Avdem, Maschahe,
Sapner oder Sapur, Hohro, Srob, Nor, Guel, Grefsche, Vareand, Gao, Goi,
Moro, Bonde, Kehtser, Veht, Meian, Keht.

Alle diese Gestirne wurden anfangs geschaffen, um in der Welt immerfort
Stand zu halten, damit, wenn der Feind sich darstellt, wenn Peetiar[183]
selbst zu schaden trachtet, durch ihren Beistand die Geschpfe von den
belthtern gerettet werden.

Dieser Sterne sind sechstausend und vierhundert und zwanzigtausend zum
Dienst des groen Gestirns geschaffen worden. Noch hat Ahuramazd an den
vier Enden des Himmels vier Wachen aufgestellt, welche auf die Fixsterne
achten mssen. Ein jeder steht da als Wchter seines Kreises und seiner
Himmelsgegend durch seine Kraft und Macht, er, der Schpfer der
Sternenheere, wie gesagt ist: Taschter schtzt den Osten, Satevis den
Westen, Venand den Mittag und Haftorang den Norden.

Meschgah ist ein groer Stern in der Mitte des Himmels, und wenn der Feind
mit seinem Heer herannaht, so deckt derselbe -- auch Rapitan genannt -- den
Mittag. Um den Gah Rapitans[184] lobsingt Ahuramazd mit den Amschaspands
himmlische Izeschn.[185] Izeschn giebt jedem Kraft, Peetiar zu schlagen.
Notwendig ist dieser Dienst.

Zu gleicher Zeit fhrte die allwissende und vortrefflichste Weisheit den
Menschen Feruer zu und sprach: Welcher Gewinn fr euch, Krper in der Welt
zu beleben! Seid daher im Kampfe gegen die Druschts und macht die Druschts
schwinden! Am Ende sollt ihr in den ersten Zustand zurckkehren. Seligkeit
soll euch werden, Unsterblichkeit ohne Veraltung, ohne bel. Meine Fittige
sollen euch gegen den Feind decken! -- Darauf kam des Menschen Feruer,
durch des Allwissenden Geist gegen die Druschts des Angrmainyus geschtzt,
in die Welt und ward sichtbar. Am Ende der Zeit wird er, vom Feinde
Peetiar errettet, des ersten Glcks genieen, wenn die Toten neu leben,
durch alle Ewigkeiten der Wesendauer.

Angrmainyus, der Machtberaubte, und alle Dews mit ihm sahen den Menschen
und strzten vor seiner Macht zu Boden. Eine Zeitlnge von drei
Jahrtausenden mute Angrmainyus angekettet liegen, und wie er so gebunden
lag, sprach jeder der Dews zu ihm: Auf und mit mir! Ich will diesen
Ahuramazd und die Amschaspands in dieser Welt bestrmen und
zusammentreiben! -- Der Arge berlegte zweimal und war sehr unzufrieden,
denn Furcht vor dem reinen Menschen hielt Angrmainyus zurck. Am Schlu
der dreitausend Jahre kam der Darvand Dj zu ihm und sprach: O
Angrmainyus, mache dich auf mit mir! Ich will hinaus in die Welt,
Ahuramazd und die Amschaspands bekriegen und sie ngstigen! -- Der
belthter berzhlte zweimal seine Dews, aber mit Verdru. -- Angrmainyus
wollte sich gern von seinem Kummer beim Anblick des reinen Menschen
losmachen, aber der Darvand Dj sprach: Auf, mit mir zum Krieg! Welche
Plagen will ich ber die reinen Menschen und arbeitenden Rinder ausgieen!
Wenn ich meinen Willen an ihnen vollbracht habe, so sollen sie, so wahr ich
bin, nicht leben! Zerstren will ich ihr Licht, durchdringen das Wasser,
die Bume, das Feuer Ahuramazds, ja alle Geschpfe Ahuramazds.

Der nichts als Bses thut bersah nochmals seine Heere, und siehe, wie
auer sich vor Freude, sprang er aus dem Kleinmut, welcher bis jetzt
gefangen hielt, und kte Djs Haupt. Dj ist der Schpfer der
Unreinigkeit, die man der Weiber Zeit nennt. Angrmainyus sprach zu Dj:
Was du nur immer wnschen kannst, nimm von mir! Djs Bitte war: Mit
Menschengestalt wollte ich bekleidet sein, gieb sie mir! -- Angrmainyus
bildete eines fnfzehnjhrigen Jnglings schnen Leib und zeigte ihn Dj,
und Dj, unsauber in Gedanken, trug ihn davon.

Nach diesem stellte sich Angrmainyus in Begleitung aller Dews vors Licht
und sah den Himmel, und die nur Zerrttung sinnenden Dews gedachten, wie
sie ihn strzten. Angrmainyus allein drang in den Himmel. In
Schlangengestalt sprang er vom Himmel auf die Erde.

Am Tage Ahuramazd des Monats Farvardin[186] lief er von Sden aus und sah
den Himmel, aber Schauder und Schreck durchfuhr ihn, wie das Schaf vor dem
Wolf. Er zog in die Wolken, sah unter sich die Erde und drang durch die
gemachte ffnung in die Mitte der Erde. Darauf durchfuhr er die Bume, den
Stier, Kaiomorts[187] und das Feuer. In Fliegengestalt durchstreifte er
alles Geschaffene. Gegen Sden, in Mittag verheerte er die Erde durchaus,
und Alles berzog Schwrze wie Nacht. Danach schickte er fressende
_Kahrfesters_ auf die Erde, welche Gift haben, wie Schlangen, Skorpione,
Krten usw. Alles verbrannte bis zur Wurzel, und nichts konnte den
Kahrfesters widerstehen. Glutheies Wasser regnete auf die Bume und machte
sie im Augenblick verdorren. Der grausam plagende Verin und Boschasp[188]
muten sich auf den Stier und Kaiomorts strzen, um sie an der Brust zu
fassen.

Vor des Stiers Erscheinung schuf Ahuramazd Binak, das Wasser der
Gesundheit. Wer daraus an der Quelle trank, mute ihre ganze Heilkraft
spren.

Der, dessen ganzer Wille Bses war, schlug durch sein Gift den Stier, da
er krank darnieder sank und seufzend starb.

Im Sterben sprach er noch: Siehe, was geschehen mu fr die Tiere, die noch
werden sollen. Mein Wille ist, sie vor dem Bsen zu schtzen!

Ehe Kaiomorts ward, schuf Ahuramazd das Wasser Chei[189] und brachte es zu
ihm. Mit groem Ruhm spricht das Gesetz von dem Wasser Chei, welches
Kaiomorts Lichtglanz und Jugend verlieh.

Kaiomorts sah die Welt in Finsternis wie die Nacht, und wie die durch
Kahrfesters verbrannte Erde kaum noch bestand. Am Himmel liefen Sonne und
Mond in ihren Bahnen, und die Dews von Mazenderan kmpften gegen die
Fixsterne. Denn Angrmainyus hatte auer dem, was er gegen Kaiomorts Bses
im Sinne hatte, einen Plan, welcher war der ganzen Welt Zerstrung.
Astruiad[190] mute mit tausend Dews, Kunstmeistern des Todes, Kaiomorts
besitzen; aber seine Zeit war noch nicht gekommen, daher vermochten sie
nichts an seinem Krper, denn es heit: Zur Zeit der Ankunft Angrmainyus
Peetiars war Kaiomorts schon im Leben; schon dreiig Jahre war er Knig.
Nach der Ankunft Peetiars lebte er noch dreiig Jahre. Kaiomorts sprach zu
ihm: Du bist wie ein Feind gekommen; aber alle Menschen meines Samens
werden thun, was rein ist, verdienstvolle Werke und dich zu Boden strzen!

Nach diesem drang Angrmainyus ins Feuer und lie schwarzen Rauchdampf
daraus aufsteigen. Geschtzt durch ein Heer von Dews mischte er sich unter
die Planeten und versuchte sich mit dem Sternenhimmel zu messen und drang
durch die Fixsterne und an allen Orten hervor. Durch neunzig Tage und
neunzig Nchte standen des Himmels Izeds im Kampfe mit Angrmainyus und den
Dews aller Welt. Die Dews strzten entkrftet in den Abgrund, und der
Himmel half den Izeds, da Angrmainyus sich nicht mehr an sie wagen
durfte. Aus des Abgrunds Mitte stieg Angrmainyus auf die Erde, durchbrach
sie, zeigte sich darauf und durchreiste sie; Alles in der Welt kehrte er
um. Als Feind des Guten mischte er sich in Alles, zeigte sich in Allem und
suchte Bses zu schaffen oben und unten.

Es steht ferner geschrieben, da im Augenblick, da der noch einzig
geschaffene Urstier starb, Kaiomorts aus seiner rechten Schulter
hervorging. Nach seinem Tode kam aus seiner linken Schulter Goschorun als
Seele des einzig geschaffenen Stiers. Goschorun, also geboren, verweilte
bei dem Leichnam des Stiers und erhob ein lautes Geschrei wie tausend
Menschen. Er trat vor Ahuramazd mit diesen Worten: Wen hast du zum Knig
der Erde gesetzt? Angrmainyus geht darauf aus, in Eile die Erde zu
zertrmmern, die Bume zu schdigen und sie durch feuriges Wasser zu
verbrennen. Ist es dieser Mensch, von dem du gesagt hast, ich will ihn
schaffen, da er lerne sich vor dem Argen zu schtzen? Ahuramazd
antwortete: Krank ist der Stier geworden durch Angrmainyus Krankheit; aber
dieser Mensch ist fr eine Erde und Zeit aufgehoben, wo Angrmainyus nicht
wird Gewalt ben knnen.

Goschorun ging und zog durch die Sphren der Sterne und den Himmel der
Sonne wie des Mondes. Nun zeigte ihm Ahuramazd Zoroasters Feruer und
sprach: Ihn will ich der Welt schenken, und er soll sie lehren, wie man
sich vor dem Bsen rein bewahre. Goschorun wurde freudig, zollte dem
Verlangen Ahuramazds Beifall und sprach: Ich werde fr der Welt Geschpfe
sorgen.----

ber die Welt sind sieben Fixsterne als Wchter bestellt:

  1. Taschter, von dem Planeten Tir (Jupiter) begleitet.
  2. Haftorang, "   "     "     Beram (Mars)     "
  3. Venant,    "   "     "     Anhuma (Merkur)  "
  4. Satevis,   "   "     "     Anahid (Venus)   "
  5. Mesch,     "   "     "     Revans (Saturn)  "
  6. Gurzscher und
  7. Dodjdom Muschever mit ihren Schweifen (Kometen), stehen unter der
     Wache der Sonne und des Mondes.

Albordj ging hervor. Dieser Berg umkreist die Welt und steht in der Mitte
der Erde.

Wie das Wasser, so geht auch die Sonne im Kreislauf, schwebend in der Mitte
der Welt, beginnend bei Albordj, beim Zeichen Var.[191]

Hundert und achtzig Tage luft die Sonne stlich und eben so viel
westlich.[192] Tag fr Tag besucht sie Albordj mit ihrem Licht. Das macht
einen Tag.

Fixsterne wie Planeten, sichtbar in ihrem Lauf, durchschwrmen alle Tage
drei Keschwars und einen halben[193], wie deine Augen sehen knnen.

Jedes Jahr hat zweimal Gleichheit der Tage und Nchte. Am ersten Kordeh zur
Frhlingszeit beginnt die erste Gleichheit zwischen Dunkel und Licht.
Lngster Tag ist am ersten Kordeh des Krebses, die zweite Gleichheit des
Tages und Dunkels am Kordeh der Wage, wo Anfang des Herbstes ist, und am
Kordeh des Steinbocks ist die lngste Dauer der Nacht. Hier beginnt der
Winter, und wenn Var wieder sichtbar wird, so ist neue Gleichheit zwischen
Licht und Dunkel, so da die Sonne von Beginn ihres Laufs bis zur Rckkehr
360 Tage braucht. Dazu kommen die fnf Tage der Gahs.[194] Wer in ihnen die
vorgeschriebenen Gebete vollendet, der soll die Geheimnisse der Dews wissen
und wird dieselben binden knnen.

Angrmainyus lief hinaus in die Welt, und beim Anblick der Schnheit,
Reinheit und Strke der Izeds ergriff er von neuem die Flucht. Der Himmel
stellte sich wie ein Streiter im Harnisch vor Angrmainyus zum Kampf.
Ahuramazd half aus dem festen Himmel, seinem Wohnsitz, dem Himmel, der
umluft. Die Feruer der Krieger und Reinen, mit Lanzen und Keulen in der
Hand, rsteten sich zur Untersttzung des Himmels, der sich umdreht, und
halfen ihm mit der That. Angrmainyus ward zur neuen Flucht gezwungen,
indem er sah, da seine Dews flohen und er selbst seine Kraft verlieren
werde, weil der endliche Sieg Ahuramazd aufbehalten ist, von der
Auferstehung der Toten an durch die ewige Dauer der Wesen hindurch.

Ahuramazd und Angrmainyus wirkten beide bei der Schpfung des Wassers.
Als nmlich der Stern Taschter im Krebs war, flo Wasser im Kordeh
Avr.[195] Am Tage, da der Feind im Wassergebiet seinen Lauf hatte, kehrte
Taschter in seiner Bahn zurck[196] und schien im Kordeh Avr westwrts,
denn jeder Monat hat sein besonderes Zeichen. Der Tirmonat ist der vierte
des Jahres. Der Krebs ist das vierte Zeichen vom Lamm an. Wie Taschter
dieses Zeichen berhrt hatte, lie er Regen kommen, der allen Dingen
Wachstum giebt, und daraus zog er mit der Kraft des Windes Wasser in die
Wolken. Taschter fand Schutz an Bahman und dem Ized Hom[197], den der
gesegnete Ized Barso[198] begleitete, und reine Seelen wachten mit Sorge
ber Taschter. Dreiig Tage und dreiig Nchte lang glnzte sein Licht
hoch[199], und unter jedem Krper gab er zehn Tage Regen, wie es von den
Fixsternen heit: jeder dieser Sterne hat drei Krper.

Jeder Wassertropfen war wie eine Schale, und die Erde war in der Hhe eines
Menschen mit Wasser bedeckt. Alle Kharfesters auf Erden starben durch
diesen Regen[200]; er durchdrang alle ffnungen. In der Folge teilte sich
ein Wind vom Himmel dem Wasser mit und trug es in den Wolken mit sich fort
und gab ihm die Erde zum Pfand. So ward Zar Ferakh kand[201] gebildet.

Die toten Kharfesters blieben auf Erden zurck und teilten derselben Gift
und Fulnis mit. Um die Erde von der groen Menge Krten zu reinigen, kam
Taschter in Gestalt eines weien Pferdes mit langem Schwanz in den Zar
herab, und der Dew Apevesch[202] in der Hlle eines schwarzen Pferdes mit
starkem Schwanz zog ihm entgegen in den Streit. Taschter wurde geschwcht
und berwunden und mute ein Stck zurckfliehen, bat aber Ahuramazd um
den Sieg, der ihm bermacht schenkte, denn es heit: Alsobald bekam
Taschter von Ahuramazd zehn junge Pferde, eben so viel Kameele und Stiere,
zehn Berge und zehn Flsse. Der Dew Apevesch wurde schwach und floh als
berwundener ein Stck zurck. Tschem[203] soll keine Sttze gewesen sein
wie Tir[204] die Taschters. Darauf wirkte Hom in der Hhe mit groer Macht,
da das Wasser ber die Erde schwemmte.

Jetzt ist Frage ber das Wasser, das Taschter aus dem Zar nahm. Er lie es
in wunderbarer Menge regnen, und es fielen Tropfen in der Gre eines
Rinder- und Menschenkopfs, grere und kleinere. Unter Taschters Regen
versuchte der Dew Apevesch in Rogestalt Bses zu thun. Taschter
schleuderte aber den Blitz (das Vadjeschtefeuer) auf ihn und
Aspotschereh[205] erhob ein frchterliches Gebrll.

Wie beide so wirkten, regnete es zehn Tage und Nchte und die Flsse
wurden. Die Erde behielt Krten in Menge und Gift der Kharfesters, die sich
in alles Wasser mischten und es salzig machten. Denn alle Kharfesterkeime,
die der Erde blieben, verursachten giftige Fulnis. Darauf strmte ein
heftiger Wind drei Tage lang allerseits Wasser ber die Erde; daraus
sammelten sich drei groe Zars und dreiundzwanzig kleine. Zwei
Zarquellen, Tetscheschtvar und Sumbar, fingen an zu springen, welches zwei
groe Quellen sind, die sich bei dem Quell der Zars einigen.

Von der Nordseite aus flossen zwei Wasser, eines ost- und das andere
westwrts, Arg und Veh, wie es heit: Ahuramazd lie nach seiner hchsten
Liebe gegen die Menschen von seinem Thron aus zwei Wasser flieen, die
ihren Kreislauf ber die Oberflche der Erde nehmen und zuletzt im Zar
Ferakh kand in eins zusammenflieen. Diese zwei Wasser flieen aus Quellen,
woraus Gott achtzehn andere ausgehen lt, und daraus kommt alles brige
Gewsser, das er zuletzt wieder in den Arg und Veh zurckflieen lt, er
der da ist der Weltenschpfer.

Whrend sich Angrmainyus in das Innere der Erde zurckzog, ward den Bergen
ihre Kraft anerschaffen, die Erde gleichsam zu entwickeln. Im Anfang
entstand Albordj, darauf die brigen Berge der Erde. Wie sich Albordj nach
allen Seiten weit ausgedehnt hatte, gelangten alle andern Berge auch zur
Vervielfltigung, da sie aus der Wurzel von Albordj entsprossen waren. Sie
stiegen tief aus der Erde in die Hhe empor, wie ein Baum, dessen Wurzel
bald hoch, bald in die Tiefe wchst. So kam es, da alle Berge aller Wurzel
Sprossen waren, sich durch den ganzen Erdkrper ausbreiteten und seit der
Wesenschpfung gesehen worden sind.

Das Erdwasser quillt in den Bergen, wo die Ader verborgen liegt. Aller
Berge Wurzel ist in Hhen und Tiefen gepflanzt; man sieht ihre Ausbreitung
durch die Erde, den Verschlingungen der Baumwurzeln in der Erde gleich, und
wie alle Adern des menschlichen Krpers in einen Stamm zusammenlaufen und
dem ganzen Krper Kraft und Strke geben.

Auer dem Albordj wuchsen innerhalb hundertundsechzig Jahren aus und ber
der Erde alle Berge mit allem ihrem berflu und ihrer Fruchtbarkeit.

Ahuramazd und Angrmainyus waren beide Schpfer des Baumes. Anfangs war
derselbe drr, aber der Amschaspand Amerdad, dem der Baum zugehrt, setzte
ihn, als er noch klein war, in das Wasser Taschters, als Taschter durch
einen allgemeinen Regen Wasser ber die ganze Erde fhrte. Der Baum wuchs
wie Haar des Menschenhauptes, und aus einem Baum sproten zehntausend
fruchtbare Baumarten zur Heilung der Zehntausenden von Krankheiten, welche
Angrmainyus in der Welt geschaffen hat. Diese zehntausend Gattungen von
Bumen gaben wieder die Keime zu einhundertundzwanzigtausend Arten von
Gewchsen, welche sich -- aus einem Keim entspringend -- fruchtbar
vermehrten.

Ahuramazd legte den Keim aller Pflanzen in den Zar Ferakh kand, worin
dieser Keim wuchs, der alle Pflanzenarten mit ihren Vervielfltigungen in
sich schlo. Neben diesen Urkeim aller Pflanzen setzte Ahuramazd den Baum
Gogard, welcher alle verjngende und reichmachende Kraft in sich
schlo.[206]

Ahuramazd und Angrmainyus sind der Schpfer des Urstiers. Als derselbe
tot war, gingen aus seinem Schweif fnfundfnfzig Arten Getreidepflanzen
und zwlf Arten gesundmachender Bume hervor, die sich auf Erden
vervielfltigten. Den Samen des Lichts und der Strke des Stiers bergaben
die Izeds dem Mondhimmel, wo er durch das Mondlicht gelutert wurde.
Ahuramazd bildete daraus einen wohlgebauten Krper, belebte ihn, und
daraus wurden zwei andere Stiere, mnnlichen und weiblichen Geschlechts.
Aus diesen entwickelten sich wieder 282 Tierarten auf Erden, die Vgel in
der Luft und die Fische im Wasser.

Whrend des dreiigtgigen Regens, welchen Taschter ber die Erde ausgo,
teilte sich dieselbe in sieben Teile, deren mittelster, um welchen sich die
sechs anderen gruppieren, Khunnerets (Iran) ist. In Khunnerets hat
Ahuramazd alles gelegt, was im hchsten Grad rein ist, und seit Anbeginn
schon sucht Angrmainyus diesen Erdteil zu schdigen, weil er sah, da
Khunnerets das Vaterland des Keans (reinen, weisen Menschen) sein, und das
reine Gesetz in Keans gegeben werden wrde, von wo aus es erst die andern
Teile der Erde erhalten, und da der Sosiosch in Khunnerets geboren werden
wrde, der bestimmt ist, Angrmainyus ohnmchtig zu machen und die
Auferstehung der Toten sowie die Wiederherstellung der Leiber zu
bewirken.[207]----

Im Gesetz steht geschrieben: Als der Urstier tot war, ging aus dem Mark
seines Leibes Samen in Mannigfaltigkeit aus, wie es heit: Aus dem Marke
kamen Schpfungen verschiedener Art, denn im Marke liegt alles verborgen.
Aus den Hrnern des Stiers wuchsen die Frchte, aus seiner Nase die
Laucharten, aus seinem Blute die Trauben, aus denen der Wein gekeltert
wird, welcher das Blut vermehrt. Aus seiner Brust keimte Espand[208],
welches gegen Fulnis und Hauptkrankheiten dient.

Als der Same des Stiers im Mondhimmel gereinigt worden war, wurden aus ihm
verschiedene Tiergattungen gebildet, zuerst zwei Stiere mnnlichen und
weiblichen Geschlechts. Darauf setzte Ahuramazd von jedem Tierpaare eines
auf die Erde, welche sich in Iran-vedj vermehrten und einen Hesar von drei
Farsangs mit mit ihren Jungen anfllten.[209] Diese Tiere blieben tausend
Tage und tausend Nchte ohne Nahrung, danach tranken sie Wasser und nhrten
sich von den Bumen.

Aus dem Stierpaar wurden zuerst Ziegen und Schafe, dann Kameel und Rindvieh
und endlich Pferd und Esel geschaffen. Diese wurden zuerst und zum Gebrauch
der Reinen erzeugt. In zweiter Linie schuf Ahuramazd Soweje[210], dessen
Lauf schnell ist, und den Hirsch, Tiere, die keine Hand zhmt. Drittens
schuf Ahuramazd die Wassertiere.

Diese Tiere teilte Ahuramazd in fnf Gattungen: in solche mit gespaltenem
Huf zum Gebrauch der Reinen, in Tiere mit ungespaltenem Huf, in Tiere mit
fnf Klauen, in Vgel und Fische.-- Im Bun-Dehesch werden die Sugetiere
in 282, die Vgel und Fische in je zehn Arten geteilt.

Es ist auch von einem mystischen Hund Sura am Himmel nach der Seite des
Gestirns Haftorang zu die Rede, den Ahuramazd zur Wache ber die Menschen
und zum Schutz der Tiere schuf. Wenn Menschen und Tiere zusammenkommen, ist
er in der Welt und bewacht sie. Er ist es, welcher durch die Hilfe des
Arduisurwassers aus einem Menschen eine unzhlige Menge hat entstehen
lassen. Sein Haar ist ihm Kleid, und er wacht mit Thtigkeit und Gre.

Der lebendige Sa (Wolf) ist vom Haupte der bsen Geister geschaffen und
richtet unter den Herden viel Unheil an. In Abwesenheit des Hundes vermehrt
er die Furcht.

Ahuramazd sagt: Ich habe den Vogel Varescha in groer Anzahl wider das
Bse in der Welt geschaffen und besonders wider den, der -- durch das
Gesetz erleuchtet -- hufig die Werke Angrmainyus thut. Ich habe ihn
geschaffen, damit die Wnsche des Menschen Darvand nicht erfllet werden.
Du wirst dich nicht sttigen knnen, wenn du den Wasservogel schlgst. Ohne
den Vogel Varescha wrde Angrmainyus Darvand alle Arten von beln ber die
Krper verhngen; die Welt wrde nicht bestehen knnen.[211]

Der Hund Sura vervielfltigt alle Tierarten, und Angrmainyus zerrttet
eines wie das andere, da zuletzt nur eines brig bleibt.

Nach dem Tode Kaiomorts wurde dessen Same durch das Licht der Sonne
gereinigt, und nach Ablauf von vierzig Jahren ging eine Reivaspflanze aus
der Erde hervor, die wie ein Baum aufwuchs fnfzehn Jahre mit fnfzehn
Sprlingen. Dieser Baum ist wie zwei nebeneinander gestellte Krper, da
einer dem andern die Hand ans Ohr hlt und beide -- so miteinander
vereinigt -- gleichsam ein Leib sind.[212] -- Sie waren so genau
miteinander verbunden, da man weder mnnliches noch weibliches voneinander
unterscheiden, noch sehen konnte, ob Ahuramazd das mnnliche Glied zuerst
erschaffen habe, wie gesagt wird in Hinsicht auf das Erstgeschaffene, ob es
das Glied oder der Leib gewesen. Ahuramazd sagt davon, da er zuerst die
Hand und darauf den Krper gemacht und dann jenes Glied dem Krper angefgt
habe; da er dem Krper seine eigentmliche Wirkungskraft anerschaffen, um
sein Werk zu thun und zu leben. Aber die Seele ist von ihm vor dem Krper
erschaffen worden. Wie Krper und Seele aus Pflanzenwesen in Menschenwesen
umgebildet waren, so bekam das Glied von Ahuramazd seine Stelle, und die
Seele nahm ihre Wohnung im Krper.

Der Baum wuchs empor und trug zehn Menschenarten als Frchte.

Ahuramazd redete von Meschia und Meschiane. Der Mensch als Weltvater
wurde. Der Himmel ward ihm bestimmt mit der Bedingung der Herzensdemut,
Gehorsam gegen den Willen des Gesetzes, der Reinheit in Gedanken, der
Reinheit in Reden, der Reinheit in Thun und Lassen, und da er keine Dews
anbete. Durch Beharren in diesem Geist sollten der Mann zum Glcke des
Weibes und das Weib zum Glcke des Mannes leben. So waren auch im Anfang
ihre Gedanken und ihre Werke. Sie nahten sich einander und hatten
Gemeinschaft zusammen.

Anfangs sprachen sie: Ahuramazd ist es, von dem Wasser und Erde, Bume und
Tiere, Sterne, Sonne, Mond und alles Gute kommt, das reine Wurzel und reine
Frucht hat. Darauf bemchtigte sich Angrmainyus ihrer Gedanken, verdarb
ihre Seele und gab ihnen ein, er sei es, der Wasser und Erde, Bume und
Tiere und alles Gute geschaffen habe. Das glaubten sie, und so gelang es
Angrmainyus, sie gleich anfangs zu betrgen durch Irrtmer in der Lehre
von den Dews, und von Anfang bis zu Ende suchte der Grausame nichts als
Betrug. Meschia und Meschiane wurden durch den Glauben an diese Lge
Darvands, und ihre Seelen mssen bis zur Neubelebung der Leiber im Duzakh
verharren.

Meschia und Meschiane kleideten sich dreiig Tage lang schwarz; danach
gingen sie auf die Jagd und fanden eine weie Ziege, aus deren Zitzen sie
die Milch sogen; die war ihnen liebliche Nahrung. Meschia und Meschiane
sprachen: ich habe noch nichts so angenehmes genossen wie diese Milch, sie
hat mich ungemein erquickt. Das war aber ein bel fr ihren Krper, denn
dadurch sndigten sie gegen ihren Leib und wurden gestraft.

Angrmainyus, dessen Rede ganz Lge ist, zeigte sich -- durch jenen Betrug
noch beherzter -- ihnen zum zweiten Mal und gab ihnen Frchte, die sie
aen. Dadurch verloren sie die hundert Glckseligkeiten, die sie bisher
genossen hatten, bis auf eine. Nach dreiig Tagen und dreiig Nchten kam
ein fetter weier Schps zu ihnen, dem sie das linke Ohr abschnitten. Die
himmlischen Izeds hatten sie gelehrt, Feuer aus dem Konarbaum zu ziehen,
dessen Holz sie mit einem scharfen Eisen rieben. Beide legten das Feuer an
den Baum und machten durch ihr Blasen, da es in einer Flamme ausschlug.
Zuerst brannten sie Holz von Konarbaum, darauf von Datteln und Myrten. Den
Schps brieten sie und teilten ihn dreifach, und von den zwei Teilen, die
sie nicht aen, wurde ein Teil durch den Vogel Kehrkas gen Himmel getragen.

Anfangs kleideten sie sich in Hundsfelle, denn Hundefleisch war ihre
Speise, danach jagten sie fleiig und machten sich Kleider von den Fellen
des Rotwilds.

Es steht auch geschrieben, da Meschia und Meschiane eine ffnung in die
Erde machten. Darin fanden sie Eisen, woraus sie eine Axt fertigten,
nachdem sie es mit Steinen geschrft hatten. Diese legten sie einem Baum an
die Wurzel, hieben ihn ab und bauten sich eine Wohnung, ohne Gott zu
danken. Dadurch bekamen die Dews groe Gewalt ber sie. Einer wurde der
Feind des andern, einer entbrannte in Neid und Ha gegen den andern, einer
lehnte sich gegen den andern auf, schlug und beschdigte ihn und erlitt ein
Gleiches. Endlich schrie der Frst der Dews aus seiner finstern Wohnung
gewaltig: O, betet an, ihr Menschen, betet an die Dews! Der Dew des Neides
und des Hasses setzte sich auf seinen Thron. Meschia nahte sich, zog Milch
von seiner Kuh und go sie nordwrts aus. Dadurch bekamen die Dews grere
Macht, und Meschia und Meschiane wurden unfruchtbar. In fnfzig Jahren
dachten sie an keine leibliche Vereinigung. Am Ende der fnfzig Jahre bekam
Meschia zuerst Lust zur Zeugung und danach Meschiane. Meschia sprach zu
Meschiane: Ich mchte deine Schlange sehen, denn die meinige erhebt sich
mit Macht. Danach sprach Meschiane: O Bruder Meschia, ich sehe deine groe
Schlange, sie fhrt auf wie ein leinen Tuch. Darauf sahen sie sich, und
dieses Sehen ward ihnen verderblich, denn sie thatens mit Ausschweifung,
indem jedes bei sich selbst dachte: schon seit fnfzig Jahren htte ich das
thun sollen. Nach neun Monaten wurden ihnen Zwillinge, ein Knblein und ein
Mgdlein, geboren. Von diesen geliebten Kindern pflegte die Mutter das eine
und der Vater das andere. In der Folge nahm ihnen Ahuramazd diese
Lieblinge ab und sorgte fr ihre Erziehung; sie blieben auf der Erde.
Meschia und Meschiane sahen noch sieben Paar Nachkommen mnnlichen und
weiblichen Geschlechts von ihnen. Alle waren Brder und Schwestern. Jedes
Paar zeugte Kinder bis zum fnfzigsten Jahr und gegen das hundertste starb
es. Unter diesen sieben Paaren waren Siamakh, der Mann, und Veschak, die
Frau, welche wieder zwei Kinder beiderlei Geschlechts miteinander hatten,
Frevak und Frevakein.

Von diesen wurden fnfzehn Paare Kinder geboren, von denen ein jedes die
Eltern eines besonderen Volkes wurde, und auf welche alle Vlker der Erde
zurckgehen. -- Dabei sei nebenbei bemerkt, da im Bun-Dehesch monstrse
Menschen -- hnlich wie bei Berosus -- angefhrt werden, so Menschen mit
einem Ohr, einem Auge, einem Haarschweif, einem Pferde- oder Hundskopfusw.

Von der Zeugung sagt das Gesetz, da eine Frau, nachdem sie vom
Daschtan[213] gekommen ist, innerhalb zehn Tagen und zehn Nchten nach
ihrer Empfngnis schwanger wird. Der Beginn ihrer Schwangerschaft ist das
Ende ihrer Periode. Ist der Same des Mannes krftiger, so wird ein Knabe
geboren, ist es der weibliche Same, ein Mdchen. Hat der Same von Mann und
Frau gleichviel Kraft und Geist, so wird die Geburt zwei- und dreifach.
Tritt der Samen des Mannes zuerst aus, so wird die Frau Mutter; quillt aber
der weibliche Samen zuerst, so ist es bloes Blut, und sie hat Ungemach
davon.

Der Samen des Weibes ist bluthnlich und kommt aus der Seite als eine
weilich-rot-gelbe Flssigkeit. Der feurige und trockene Samen des Mannes
quillt aus dem Haupt und Marke, ist flssig, wei, stark und in Menge
ausschieend. Sobald der weibliche Samen in die Mutter dringt, ist er
wirksam; der mnnliche bedeckt ihn und erfllt die Mutter; aller nachmalige
geht in die Adern der Mutter und wird zu Blut, und nach der Geburt wird er
zu Milch, der Nahrung des Kindes, denn alle Muttermilch kommt vom
mnnlichen Keime.

Vier Dinge sind Mutter. Himmel, Metalle, Wind und Feuer sind zeugende Vter
und werden nie etwas anderes; aber Wasser, Erde, Bume und Mond sind
weiblich ohne alle Verwandlung. Alles brige ist mnnlich und weiblich.

Das Gesetz spricht von fnf Arten Feuer: vom Feuer Berezesengh in
Ahuramazd und den Knigen; von Voh freiann in den Menschen und Tieren; von
Oruazescht in den Tieren und Gewchsen; von Vazescht, dem Feuer des Blitzes
und dem Feuer des Beehenescht, welches den Bedrfnissen des Menschen dient
und aus dem das heilige Feuer Behram zubereitet wird. Das Behramfeuer
stammt aus der reinsten Lichtmaterie aller Feuer.

Nachdem der Menschenkrper im Mutterleib gebildet ist, kommt die Seele vom
Himmel herab und belebt ihn. So lange er durch sie lebt und sich bewegt,
begleitet sie ihn unablssig. Wenn der Mensch stirbt, wird sein Leib Staub,
und die Seele kehrt in den Himmel zurck.

Im Bun-Dehesch folgt nun eine Art mystischer Zoologie, worin namentlich
dargestellt ist, welche Tiergattungen gegen gewisse Dmonen schtzen, eine
Anschauung, welche sich bekanntlich bis in das Mittelalter fortspinnt. Aus
den diesbezglichen Anfhrungen des Bun-Dehesch will ich nur folgende, als
bei den Juden, den Neuplatonikern und im Mittelalter noch besonders in
Ansehen stehend mitteilen, obschon die Erinnerung an die Quelle dieser
Anschauung verloren gegangen war:

Der Hahn ist den Dews und Zauberern feind. Er untersttzt den Hund, wie im
Gesetz steht: Unter den die Druschts plagenden Geschpfen vereinigen der
Hahn und der Hund ihre Krfte. -- Das Gesetz sagt: wenn der Hund und der
Hahn gegen Druscht streiten, so entkrften sie ihn, der sonst Menschen und
Vieh peinigt. Daher heit es: Durch ihn werden alle Feinde des Guten
berwunden; seine Stimme zerstrt das Bse. Der Hund verlangt vom Menschen
nichts als Fleisch und Fett; ihm es geben, ist Quelle der Gesundheit, die
Ahuramazd schenkt. Nichts Schdliches darf ihm gegeben werden. Wer ihm --
auch unbewut -- etwas Faules giebt, der mu von den Desturs, welche die
fnf ntigen Eigenschaften haben, gestraft werden. Nhrt man ihn aber mit
dem, was vorgeschrieben ist, so macht man alle Dews zu Schanden.

In der deutschen Volkssage spielt bekanntlich ein dreibeiniger gespenstiger
Schimmel eine bedeutende Rolle, whrend im Bun-Dehesch von einem hnlichen
dreibeinigen weien Esel die Rede ist. Offenbar walten hier uralte
Reminiscenzen arischer Vlker ob, deren Sinn verloren gegangen ist.

Vom Wasser wird im Bun-Dehesch allerlei Mystisches berichtet: Das erste
Wasser ist das der Pflanzen; das zweite, das aus den Bergen quillt und
Quellen bildet; das dritte Wasser ist der Regen; das vierte das in Brunnen
gegrabene; das fnfte der menschliche und tierische Samen; das sechste der
Schwei; das siebente das Rckenmark; das achte der Urin; das neunte der
Speichel; das zehnte das menschliche und tierische Fett; das elfte der
menschliche und tierische Lebenssaft; das zwlfte der von unten
aufsteigende Baumsaft, von welchem es heit: Der Saft in den Bumen gleicht
Wassertropfen, die ausquellen, wenn man den Baum nahe an das Feuer legt.
Das dreizehnte Wasser endlich ist die Milch der Tiere und Menschen.

Wenn alle diese Dinge ein Nefa[214] berhrt oder wenn ein aus dem Wasser
gezogener Leichnam oder ein Stck davon sich wieder mit dem Wasser der Ruds
vermischt, alsdann sind, wie geschrieben steht, die drei Ruds: Arg, Muru
und Itmand, sie die himmlischen, mit Unreinheit geschlagen; ihr Flu trnkt
die Welt nicht mehr; und wenn eine Frau nach unzeitiger Geburt aus dem
besondern Ort ihrer Entfernung dieses Wasser anschauet, so zeigt sich in
diesen Fllen das Wirken des Menschenfeindes.[215] Aber Zoroaster hat auch
dafr gesorgt, denn Ahuramazd spricht: Ich gebe euch das sechste Wasser
Zur. Wen ihr damit begiet, der gelangt zur ersten Reinheit. Von diesem
Wasser heit es: Wenn wenig Her[216] und viel Zur ist, so kommt das Wasser
in drei Jahren wieder zur Quelle; sind Her und Zur gleich, so geschieht es
in sechs Jahren; ist aber mehr Her als Zur, so bedarf es neun Jahre, und
dann kehrt es zurck, um den Bumen Glanz zu geben.

Es folgt im Bun-Dehesch wieder eine lngere naturgeschichtlich-mystische
Exkursion, aus welcher ich nur hervorheben will, da die Affen als eine Art
Dews betrachtet werden, erzeugt aus der Ehe der Schwester Djemschids mit
einem Dew. Bekanntlich hlt noch Luther in seinen Tischreden die Affen fr
Teufel.

Hinsichtlich der Chronologie will ich nur folgende Stellen des Bun-Dehesch
anfhren.

Es heit, da im Jahr, durch der Monate Lauf Wrme und Klte und Klte und
Wrme sich innerhalb sechzig Tagen zweimal miteinander vereinigen. Die
Monate Farvardin, Ardibehescht, Chordad machen Frhling; Tir, Amerdad,
Schahriver Sommer, Meher, Avan, Ader Herbst und Din, Bahman und Sapandomad
sind Wintermonate. Die Sonne vollendet vom Kordeh Vareh (Widder), bis sie
wieder an diesen Ort kommt, in ihrem Lauf 365 Tage und fnf kleine
Zeitteile. Das macht ein Jahr. Alsdann kehrt sie dahin, woher sie gekommen
ist. In drei Monaten durchluft sie drei Himmelszeichen mehr oder minder
sichtbar und kehrt wieder zurck.

Alle Zeit vollendet sich in zwlf Jahrtausenden. Im Gesetz steht, da das
Himmelsvolk in den ersten drei Jahrtausenden allein war, da damals das
Heer des Feindes nicht in die Welt ausstreifte. Kaiomorts und der Stier
machen bis zur Erscheinung der Welt drei andere Jahrtausende. Das sind also
sechs Jahrtausende. Diese Tausende Gottes bilden sich ab in den sechs
ersten himmlischen Zeichen: Lamm, Stier, Zwillinge, Krebs, Lwe, Kornhre.
Diese begreifen die sechs Jahrtausende Gottes.

Nach den Tausenden Gottes kam die Wage. Angrmainyus lief aus in die Welt.

Nach der Zeitrechnung des Bun-Dehesch wrde die Gegenwart unter dem Zeichen
des Steinbocks stehen.

Ich will bemerken, da die Verteilung der Zeit unter die Himmelszeichen und
Planeten auf die ganze Astrologie nachwirkte.

Noch sei erwhnt, da auch im Bun-Dehesch die biblische Anschauung von
einem paradiesischen unschuldigen Urzustand der Natur vertreten ist. Es
heit:

Vor des Feindes Ankunft in der Welt hatten die Bume weder Dornen noch
Rinde. Seit Angrmainyus Peetiar, der sich in alles, was ist, mischte,
tragen sie Stachel und Rinde. Am strksten wirkte seine Macht auf die
Gewchse, denn ihre Schdlichkeit bertrifft alles andere bel; ihr
Giftsaft ttet durch seinen Genu Menschen und Tiere.

Von den Druschts heit es: Dew Tarmat ist der Dew des Hochmuts. Dew Medokht
ist Angrmainyus. Dew Areschk ist Urheber des Neids. Der mchtigste dieses
argen Volkes ist Dew Eschem, wie geschrieben steht. Sieben Krfte werden
Eschem gegeben zur Zerrttung der lebendigen Geschpfe. Durch seine
siebenfachen Krfte schlug er zu seiner Zeit die Keans, lebendige Bewohner
der sieben Keschvars. Ein einziger Keschvar kmpfte gegen ihn, Medokht kam
dahin, und Areschk ward darber froh. Eschem kehrte alles um. Eschem
eroberte eine Gegend, woselbst er viele Geschpfe zerrttete und in groer
Zahl zu Grund richtete. Eschem ist es eigentlich, der gegen das von
Ahuramazd geschtzte Volk feindselig handelt. Die Keans, Geschpfe des
Lebens, wurden durch die Bosheit Eschems gedrckt, wie es heit: Eschem
Khruidrosch schuf Dew Odjescht, der Tag und Nacht frit in der Welt und der
Toten Seelen mit Furcht qult, ihnen Schrecken einflt und vor dem
Hllenthor sich aufhlt. Er schuf Dew Ode, der den Menschen, er sitze am
Orte der Aufmerksamkeit oder speise an einem himmlischen Ort, auf die
Schulter schlgt und ihm zuredet, Unreines zu essen, damit er nicht zu den
reinen Wohnungen der Seligkeit (Behescht) gelangen mge.

Von der Auferstehung der Toten und Wiederherstellung der Leiber berichtet
das Gesetz, da so, wie Meschia und Meschiane, Erdengezeugte, zuerst von
bloem Wassertrinken lebten, nachmals festere Nahrung, Baumfrchte,
genossen, dann Milch und endlich Fleisch, so in umgekehrter Ordnung die
Menschen, welche durch die ganze Zeitdauer von ihnen abstammen, zuerst
Fleisch, dann Milch und Brot zur Nahrung machen werden, bis sie wieder
dahin gebracht sind, da sie von nichts als Wasser leben.

Im Jahrtausend Oscheder mah wird noch Kraft in der Natur sein, aber
abnehmen. Die Menschen werden nur in je drei Tagen ein Izeschn[217]
vollenden, eines wie das andere essen und sich am Ende der Tage erkennen.
Darauf werden sie nicht mehr Fleisch essen, sondern Baumfrchte und Milch
wird ihre Nahrung sein. Dann werden sie auch nicht mehr Milch genieen,
sondern blos von Gewchsen leben und Wasser trinken. Im letzten Jahr der
Erscheinung des Sosiosch wird der Mensch ohne alle Nahrung leben.

Danach wird Sosiosch die Toten beleben, wie geschrieben steht: Zoroaster
fragte Ahuramazd und sprach: Der Wind fhrt den Staub der Krper fort,
Wasser nimmt ihn mit sich; wie soll der Tote auferstehen? Ahuramazd
antwortete: Ich bin es, der den allweiten sternreichen Asman (Himmel) im
Raum des thers hlt; der macht, da er -- hier zeigte er auf das Antlitz
des Himmels -- in Tiefen und Weiten Licht, das einst in Nacht begraben war,
ausstrahlen mu. Durch mich ist die Erde geworden zur Dauer und Bestand,
die Erde, darauf der Herr der Welt wandelt. Ich bin es, der den Glanz der
Sonne, des Monds und der Sterne durch die Wolken leuchten lt. Ich bin der
Schpfer des Samenkorns, das nach der Verwesung in der Erde von neuem keimt
und sich vermehrt ins Unendliche. Ich bin es, der den Bumen Adern des
Saftes und Wurzeln mancherlei Art geschaffen. Durch meine Kraft lebt in den
Bumen und allen Geschpfen ein Feuer, das nicht verzehrt. Ich bin es, der
die lebendige Frucht in die Mutter legt nach ihrer Art, der allen Wesen
besonders giebt Haut, Ngel, Blut, Fu, Auge, Ohr. Ich bin es, der Wasser
in den Tiefen schafft und in den Hhen, damit die Welt getrnkt werde durch
Flsse und Regen. Ich bin es, der den Menschen macht, dessen Auge Licht
ist, dessen Lebenskraft im Hauche des Mundes liegt; will er sich heben
durch die unsichtbare Kraft des Lebens, das ich in ihn gelegt, so kann kein
Arm ihn niederdrcken. Ich bin Schpfer aller Wesen. Trete der Arge auf und
versuche die Auferweckung; er wird sie umsonst versuchen und keinen
Leichnam beleben knnen. Sicher und gewi sollen deine Augen einst durch
die Auferstehung neu leben sehen. Gerippe sollen Sehnen und Adern bekommen.
Und ist die Belebung der Toten vollendet, so wird sie kein zweites Mal
erfolgen. Denn um diese Zeit wird die verklrte Erde Gebeine und Wasser,
Blut und Pflanzen, Haar und Feuer und Leben geben wie beim Beginn der
Dinge.

Kaiomorts wird der Erstling der Auferstehung sein und Meschia und Meschiane
nach ihm; nach diesen wird das brige Menschengeschlecht Leben bekommen.
Der Mensch soll wieder auf Erden sichtbar werden. Rein oder Darvand, jeder
Mensch soll nach dieser Ordnung neu leben. Ihre Seelen sollen erst sein;
alsdann sollen alle Leichname der ganzen Welt, so weit sie ist, ganz so neu
werden wie beim Anbeginn der Schpfung. Ein Lichtstrahl der Sonne wird
Kaiomorts Licht und Glanz geben, ein anderer der brigen Menschenmenge.
Jede Seele wird die Leiber erkennen: Siehe, mein Vater! meine Mutter! mein
Bruder! mein Weib! meine Freunde und Verwandten! Alsdann werden die Wesen
aller Welt mit dem Menschen auf Erden versammelt sein. In dieser
Versammlung wird jeder sein Gutes und Bses, das er gethan hat, sehen. In
dieser Versammlung wird der Darvand sein wie ein weies Tier unter den
schwarzen. In dieser Weltversammlung wird der Darvand den Gerechten, dessen
Freund er hier war, besonders an sich ziehen und sagen: Ach, warum hast du
mich doch auf Erden, da ich doch dein Freund war, nicht gelehrt, mit
Reinheit zu handeln. Du, o Reiner, hast mich nicht zum Guten geleitet, und
darum bin ich unter diesen Seligen!

Danach wird eine Scheidung sein zwischen den Gerechten und Darvands. Die
Gerechten werden in Gorotman eingehen, und alle Darvands werden von neuem
in den Abgrund gestrzt werden. Drei Tage und drei Nchte hindurch mssen
Leib und Seele ben, unterdessen der Gerechte in der Himmelswohnung die
Lieblichkeiten der Seligen mit Leib und Seele schmecken wird, denn so steht
geschrieben. Am Tage der Scheidung des Reinen von Allem, was Darvand ist,
wird jeder Befleckte in die Tiefe sinken.

Dann wird der Vater von seinen Geliebten, die Schwester vom Bruder, der
Freund vom Freund geschieden sein. Jeder wird nehmen nach seinen Werken.
Unbefleckte werden weinen ber die Darvands, und die Darvands ber sich
selbst. Von zwei Schwestern wird die eine rein sein, die andere Darvand.
Zohak und Afrasiab aus Turan und ihnen hnliche werden die Strafe der Snde
Marguerzan (Tod) erleiden. Die Menschen werden jener Luterung von drei
Tagen und drei Nchten nicht entrinnen.

Beim Beginn dieser Auferstehung werden von den noch lebenden Reinen fnfzig
mnnlichen und fnfzig weiblichen Geschlechts dem Sosiosch zu Hilfe kommen.

Wenn einst Gurzscher[218] vom sublunarischen Himmel auf die Erde strzen
wird, so wird die Erde krank sein gleich dem Schaf, das mit Zittern und
Zagen vor dem Wolf niederfllt. Alsdann werden durch des Feuers Hitze groe
und kleine Berge mit Metallen zerflieen. Das geschmolzene Erz bildet einen
groen Strom, und alles, was Mensch heit, mu hindurch zur Reinigung. Der
Reine durchgeht ihn wie einen warmen Milchflu. Die Darvands mssen auch
hindurch, sie fhlen sich dazu gezwungen, und so mu die ganze Welt den
geschmolzenen Erzstrom durchgehen, damit sie rein und glcklich werde,
Vater, Sohn, Schwester, Freund, Einer wie der Andere, und Einer mit dem
Andern werden Gutes thun.

Wenn nun die Seelen, es sei der Gerechten oder Darvands, sprach Zoroaster,
ber die ich deinen Unterricht gesucht habe, so gereinigt worden sind, was
wird dann weiter aus dem Menschen, sowohl der Seele als dem Leibe nach,
werden? Ahuramazd sprach: Alle Menschen werden sich zu einem Werk
vereinigen und werden Ahuramazd und den Amschaspands mit lebendigem Eifer
ein groes Setaesch[219] bringen. Wenn nun um diese Zeit alle Schpfungen
Ahuramazds vollendet sein werden, wird er nichts mehr hinzuthun. Die
Neubelebten werden dem Knechtsdienst entrissen sein. Sosiosch wird mit
allen belebten Toten lobpreisen, und der Stier Hedeiavesch wird einstimmen.

Die Toten werden leben durch das, was vom Stier ausgeht und dem weien Hom.
Sosiosch wird allen Menschen von diesen Sften zu trinken geben, und sie
werden gro und unvergelich sein, so lange Wesen dauern. Alle Tote, gro
und klein, werden davon trinken und neu leben.

Endlich wird Sosiosch auf Befehl des gerechten Richters Ahuramazd von
einem erhabenen Ort aus allen Menschen geben, was ihre Thaten wert sind.
Der Reinen Wohnung wird der glnzende Gorotman sein, Ahuramazd selbst wird
ihre Krper zu sich in Gorotmans Hhen ziehen, und sie werden alle
Ewigkeiten hindurch unter seinem Schutze wandeln.

Dann werden Ahuramazd und Angrmainyus, Bahman und Akuman, Ardibehescht
und Ander, Schahriver und Savel, Sapandomad und Darmad, Naonghes, Kordad,
Amerdad, Tarik und Zaretch, Serosch und Eschem vereinigt Izeschn
anstimmen.

Alsdann wird Druscht Angrmainyus bleiben und in Ahuramazds Welt
zurckkehren. Er selbst, Djuti[220] und Serosch und Raspi[221] werden den
Evanguin[222] in der Hand fhren. Alsdann wird Angrmainyus, des Argen,
Macht, die nichts als Bses thut, geschlagen sein. Er wird vom Himmel zur
Brcke Tschinvad eilen und sich von neuem in die dichte Finsternis strzen.
Dieser Morddrache wird in dem Flusse geschmolzenen Erzes ausbrennen: Alles
Faule und Unreine des Duzakh wird darin aufgelst und gelutert werden. Der
unterirdische Angrmainyus wird von neuem erscheinen, des Abgrunds Erde
durch den Erzstrom ziehen und sie zum fruchtreichsten Land machen. Auch
wird die Welt durch das Wort bei der Auferstehung ewige Dauer bekommen.




Viertes Kapitel.

Die Orakel Zoroasters.


Wie bereits gesagt, galt -- wenn auch durchaus irrtmlicher Weise -- im
ganzen Altertum Zoroaster als der Erfinder und grte Adept der Magie.
Deshalb standen auch bei den Magiern und Theurgen, Neuplatonikern und
Gnostikern ihm zugeschriebene Aphorismen, die sogenannten +Oracula magica
Zoroastris+, im hchsten Ansehen.

Lt sich nun auch ein Zusammenhang dieser Orakel mit der Person Zoroasters
nicht nachweisen, so vertreten sie doch entschieden zoroastrische Ideen,
obschon dieselben neuplatonisch und gnostisch berfirnit erscheinen. Uralt
sind sie gewi; und wenn der um 220 gestorbene Kirchenvater Clemens von
Alexandria in seinen +Stromata+ sagt: Pythagoras machte zuerst auf den
berhmten persischen Magier Zoroaster aufmerksam, dessen Geheimschriften
die Anhnger des Prodicus zu besitzen vorgaben, so haben wir in dem den
magischen Orakeln Zoroasters zu Grund liegenden Original vielleicht eine
solche Geheimschrift zu sehen, welche -- von den alten Pythagorern wollen
wir ganz absehen -- zweifelsohne den Neupythagorern, Neuplatonikern und
Gnostikern bekannt war. Dafr spricht auer dem sachlichen Inhalt auch der
Umstand, da sie von dem gelehrten Byzantiner _Michael Psellos_
(gest.1106) kommentiert wurden, von demselben Psellos, der so viele
neuplatonische Schriften dem Untergang entri und mit Commentaren versah.
Auch ist sie den von Marsilius Ficinus mitgeteilten Symbolen des
Pythagoras sehr hnlich.

Ich habe von dem den magischen Orakeln zu Grund liegenden Original
gesprochen und zwar mit Recht, denn die uns heute unter diesem Namen
vorliegenden Aphorismen sind ganz offenbar nicht das Original, sondern
Fragmente, welche sich in vier verschiedenen Fassungen mit eben soviel
Kommentaren erhalten haben. Drei Fassungen tragen neuplatonisches, die
vierte anscheinend gnostisches Geprge.

Ich wende mich zuerst zu den neuplatonischen Bearbeitungen samt ihren
Kommentaren. Der erste Commentator der Orakel ist der oben genannte
Psellos, der zweite ist der als Rat des Manuel und Theodor Palologos und
berhmter Philosoph der Renaissance bekannte, wahrscheinlich 1452
gestorbene _Georgios Gemistios Plethon_, der dritte, aber der hier
beobachteten Reihenfolge nach der erste, ist ungenannt. Ich vermute in
diesem unbekannten Kommentator einen gewissen _Johannes Opsopoeus_, welcher
diese mystischen Fragmente mit den Kommentaren des Psellos und Plethon
unter dem Titel herausgab: +Oracula magica Zoroastris cum scholiis+ unter
+Plethonis et Pselli nunc primum edita, e bibliotheca regia stud. Joh.
Opsopoei, Graec. et Lat. Paris. 1607. 8.+ Beigebunden sind noch die
sogenannten metrischen Orakel des Jupiter, Apollo, Serapis und der Hekate,
sowie die von Joseph Scaliger besorgte Ausgabe der Oneirokritik des
Astrampsychus.

Opsopoeus schickt seiner Zusammenstellung der drei verschiedenen
Redaktionen der zoroastrischen Fragmente eine Sammlung von Stellen aus
Platos Alcibiades, aus Plutarchs Isis und Osiris, ber den Verfall der
Orakel, aus Plinius Naturgeschichte, aus Suidas Ammianus Marcellinus,
Clemens von Alexandria und Eusebius ber die Person&c. Zoroasters voraus,
welche wir hier bergehen knnen. Darauf lt er die erste Fassung der
Orakel mit dem Kommentar des Ungenannten, alsdann die Fassung und den
Kommentar des Psellos folgen. An denselben giebt er eine kurze Erluterung
der chaldischen[223] Religionslehren durch Psellos, aus welcher ich nur
herausheben will, da Psellos sagt:

Die Chalder nehmen sieben Welten an, eine feurige, drei therische und
drei materielle, deren letzte die unter dem Mond befindliche irdische ist.

Weiterhin sagt Psellos noch, da nach chaldischer Lehre die Seelen sich
nach dem Tode nach Magabe ihres Luterungsbedrfnisses zerstreuten und
sich in teilbare und unteilbare Naturen absonderten. Das brige dieses
Abschnittes ber die chaldischen Lehren enthlt nichts als bekannte
exoterische uerlichkeiten. Den Schlu des Buches von Opsopoeus bilden die
zoroastrischen Orakel in der Fassung, wie sie Plethon kannte, mit dem
Kommentar des selben. -- Am meisten gleichen sich die erste Fassung der
Orakel und die des Plethon; die Fassung des Psellos weicht erheblich ab.

Ich gebe nun eine vergleichende Zusammenstellung der Orakel sowohl als der
Kommentare.

Der erste Aphorismus in der ersten Fassung lautet:

Erforsche den Weg der Seele, woher sie komme und weshalb sie dem Leib
dienen msse. Trachte dahin, da du sie an den Ort zurckbringst, von dem
sie ausgegangen ist.

Dieser Aphorismus fehlt bei Psellos und lautet in dieser Fassung des
Plethon:

Erforsche die Reihenstufe, auf welcher deine Seele steht, welchen Rang sie
vor ihrer Verbindung eingenommen; mittelst magischer Worte und Gebruche
wirst du sie zu ihrer frheren Wrde wieder aufrichten.

Der anonyme Kommentator bemerkt hierzu, da nach Annahme der Magier die
Seele unsterblich vom Himmel herabkomme, um sich auf der Erde mit dem
Krper analog dem Verhltnis des Mannes zur Frau zu verbinden und ihn
dereinst wieder behufs ihrer Rckkehr in den Himmel zu verlassen. Ob sie
aber thatschlich in den Himmel zurckkehre, komme auf ihr Verhalten
whrend des irdischen Lebens an, ob sie sich nmlich mehr den Prinzipien
des Lichts oder der Finsternis zugeneigt habe&c. Darauf deutet nun
ermahnend der Spruch hin, da wir ber den reinen Spruch der Seele
nachdenken sollen; denn kennen wir den Weg, welchen sie aus dem Himmel
genommen hat, so wird sie ihn auch zurckfinden. -- Bestimmter spricht
sich Plethon aus:

Die Magier aus der Schule Zoroasters glaubten, da die Seele wegen
frherer Verschuldung mit dem Krper sich verbinde, sich aber derselben in
dieser Verbindung nicht mehr entsinnen knne. Nur wenn die Seele whrend
ihres irdischen Aufenthaltes einen tugendhaften Wandel gefhrt habe, stehe
ihr die Rckkehr in die himmlische Heimat frei. Weil aber mannigfache
Wohnungen der Seele bereitet sind, so ist es natrlich und begreiflich, da
der Aufenthalt der einen ein lichtumflossener, der der andern ein
undurchdringliches Dunkel sein mu. Der Zug der Seele fhrt sie dahin, wo
ihr die whrend der Verbindung mit dem Leibe begangenen Handlungen eine
Stelle anweisen. Das Orakel ermahnt uns daher, da wir ber den Ursprung
der Seele und ber unsere Handlungen auf Erden nachdenken und darauf durch
Gebet und gottgefllige Ceremonien ihre Erhebung in den Himmel zu bewirken
trachten.

Unter diesen Ceremonien sind die sogenannten theurgischen Hlfen zu
verstehen, welche nach Philo und den Neuplatonikern, wie berhaupt nach den
Mystikern aller Zeiten in der Zurckgezogenheit von der Welt und Stille, in
der Enthaltsamkeit von berflssiger Nahrung, Fleischspeisen, alkoholischen
Getrnken und physischer Liebe, in der Zurcksetzung weltlicher Geschfte,
Meditation und Betrachtung gewisser Worte und Symbole bestehen. Von diesen
sagt _Proklos_[224]:

Die Vollbringung geheimer, ber alle Vernunft gehender, den Gttern
wohlgeflliger Handlungen und die Kraft der von den Gttern allein
erkannten unaussprechlichen Symbolen gewhrt nur die theurgische
Vereinigung. Daher wird sie nicht durch das Denken bewirkt, und wir bringen
sie nicht durch die Thtigkeit der Vernunft in uns hervor. Die gttlichen
Charaktere oder Symbole (%symbola% oder %synthmata%) bringen vielmehr,
ohne da wir denken, die theurgische Vereinigung (%theougikn hensis%, bei
Porphyrius %synousia%) hervor, also da die verborgene Kraft der Gtter,
worauf sich jene beziehen, durch sich selbst ihre eigenthmlichen Bilder
erkennt.[225]

Der zweite sich dem Sinn nach vllig an den ersten anschlieende Aphorismus
lautet in der ersten Fassung:

Wende dich nicht rckwrts! Das Verderben ist auf der Erde, und sieben
Wege sind es, welche dich vom Bessern abziehen und dem Schicksal
unterwerfen.

Dieser Aphorismus fehlt bei Psellos und lautet in der Fassung des Plethon:

Damit du nicht zum Abgrund hinneigst und abermals dem Schicksal
verfllst.

Der anonyme Kommentator versteht unter dem Verderben das Laster, die
sittliche Verdorbenheit und das sittliche Elend; unter Erde den irdischen
Leib, die sinnliche Natur, unter Feuer das Gttliche im Menschen. Die
sieben den Menschen dem Schicksal unterwerfenden Wege sind die sieben nach
der alten Weltanschauung von den Planeten abhngigen Kardinalfehler, die
Todsnden der katholischen Kirche. Nach diesem Kommentator erhebt sich der
Mensch durch die Anwendung seiner sittlichen Kraft ber das Fatum oder die
vorher bestimmte Versuchung, indem er der unsittlichen Neigung, welche
sich, je nach dem in ihm herrschenden Temperamente, seiner Seele am meisten
zu bemchtigen droht, den krftigsten Widerstand entgegensetzt.

Plethon versteht unter dem Abgrund die Erde als Gegensatz zur Lichtwelt
und giebt dem Aphorismus folgenden Sinn: Lebe so, da du vor der
Wiederverkrperung behtet werdest, denn solltest du zu einem abermaligen
Wandeln auf der Erde verurteilt werden, so befindest du dich wieder unter
der Herrschaft der Nothwendigkeit.

Der dritte Aphorismus lautet in der ersten Fassung und bei Plethon
bereinstimmend:

Dein Gef werden die Thiere der Erde bewohnen und beide Kommentatoren
verstehen einstimmig unter dem Gef der Seele den Leib, und unter seinen
Bewohnern die Wrmer. Psellos dagegen, in dessen Fassung dieser Aphorismus
der Reihenfolge nach der neunzehnte ist, versteht unter Gef߫ das
Temperament des aus allen Elementen zusammengesetzten Leibes, und unter den
Bewohnern des Gefes die sich eines jeden Menschen, der seine
Leidenschaften nicht beherrschen kann, sich bemchtigenden Dmonen nach dem
Grundsatz, da Gleiches von Gleichem angezogen wird.

Der vierte Aphorismus lautet in der ersten Fassung:

Strebe nicht dein Schicksal zu erweitern, denn die Vorsehung giebt allen
Dingen ihr bestimmtes Maa, und ihre Handlungen sind nicht unvollkommen.

Bei Plethon und Psellos (bei letzterem Aph. 29):

Erweitere nicht dein Schicksal.

Der anonyme Kommentator erklrt diesen Aphorismus allgemein moralisierend
und sagt, da diese Mahnung diejenigen angehe, welche mit der ihnen im
Leben angewiesenen Stellung unzufrieden seien und whnen, da sie selber
ihr Schicksal machen und die Beschlsse der Gottheit verbessern knnten.
Psellos und Plethon fassen das Schicksal (%heimarmen%, +fatum+, des
Grundtextes) im landlufigen Sinn auf und sagen, es sei thricht, durch
Wnsche und Gebete die unabwendbaren Beschlsse der Gottheit abndern zu
wollen.

Die zweite Hlfte des vierten Aphorismus der ersten Fassung bildet in der
Reihenfolge Plethons den fnften und lautet hier:

Denn es geht nichts Unvollkommenes vom Vater der Seelen aus.

Der Kommentar dazu sagt:

Du bist nicht im Stande, dein Erdenlos zu verbessern, denn alle Ereignisse
geschehen nach naturgemem Lauf, und es ist eines die Folge des andern bis
zum Zeitpunkt der Schpfung zurck; alle Begebenheiten greifen harmonisch
in einander, nirgends nimmt man einen Zufall wahr. Wo ist also
Unvollkommenheit?

Dieser wie der fnfte Aphorismus der ersten oder der sechste der
Plethonischen Fassung fehlt bei Psellos. Bei dem fnften (sechsten)
Aphorismus zeigt sich jedoch recht deutlich, da die auf uns gekommenen
Fassungen Varianten eines alten, verloren gegangenen Originals sind.
Derselbe lautet in der ersten Fassung:

Der Seelen Vater gestattet nicht solche Ausschweifungen des Eigenwillens;

bei Plethon:

Er kann nicht auf deine Wnsche achten, so lange die Binde der
Vergessenheit deinen Blick umschleiert, bis endlich diese fallen wird, und
das heilige Zeichen des Vaters sich deinem Gedchtni einprgt.

Was bei Plethon Text ist, wird in der ersten Fassung hnlich im Kommentar
gesagt, denn daselbst heit es:

Erst dann wird unsere Seele sich freier bewegen, wenn sie die Binde der
Vergessenheit ihrer himmlischen Heimath zugleich mit den Banden des sie
umnachtenden Leibes abgestreift hat. Dann besitzt sie wieder das Vermgen,
in die tiefste Vergangenheit und in die ernste Zukunft zu blicken. Aber es
kann dieses Vermgen auch schon bei Lebzeiten des Leibes zum Theil erreicht
werden, wenn man sich eines heiligen Wandels befleiigt und gewisse
magische Sprche erlernt hat, welche dem Reinen die Pforten der Geisterwelt
ffnen.

Plethon kommentiert:

Die Vergessenheit der frheren Zustnde (Incarnationen) ist eine Folge der
Verbindung der Seele mit dem Leibe. Erst nach der Auflsung des letzteren
wird ihr Blick wieder freier, und sie begreift nun auch, indem sie ihres
frheren Seins wieder bewut wird, da ihr Schicksal auf der Erde nur die
notwendige Folge ihrer Handlungen und deshalb unabnderlich war.[226] Die
freigewordene Seele ist alsdann wieder gotthnlich und allwissend; das ist
das Zeichen des Vaters, welches ihr Gedchtni auffrischt.

Der sechste Aphorismus der ersten Fassung ist bei Psellos der sechzehnte
und bei Plethon der siebente. Sein Wortlaut in den drei Redaktionen ist der
Reihenfolge nach:

1. Eile, da du zum Urlicht zurckkehrst, zum Glanze deines himmlischen
Erzeugers, von dem deine Seele ausgeflossen ist.

    2. Das Gttliche erflle deine Seele!
    Den Blick zum Himmel stets gewendet![227]

3. Eile zum Licht des Vaters, von welchem deine Seele ausgeflossen ist.

Der Anonymus und Plethon deuten diesen Spruch bereinstimmend dahin, da
die Gottheit das hchste Licht, und in diese Lichtheimat zurckzukehren das
einzige Verlangen der Seele sein msse. Psellos dagegen sagt etwas
abweichend:

Die Seele entwickelt drei Krfte: Verstand, Gedchtni und Urtheilskraft;
diese drei Potenzen vereinige, um ber das Wesen der Gottheit nachzudenken
und sich mit dieser zu vereinigen.

Bis hierher haben wir in der Aufeinanderfolge der Aphorismen einen
gewissen Zusammenhang beobachten knnen. Jetzt aber folgt ein dem Sinn nach
gar nicht verwandter Spruch, was auf einen verloren gegangenen Teil des den
drei Bearbeitungen zu Grunde liegenden Originals deutet. Dieser in der
ersten Fassung als siebenter folgende Aphorismus ist bei Psellos der
achtundzwanzigste und bei Plethon der achte. Sein Wortlaut ist der
Reihenfolge nach:

1. Jene beweint die Erde sammt ihren Kindern.

2. Die Erde klagt fortwhrend ber sie und ihre Kinder.

3. Sie beweint die Erde und mit ihnen zugleich ihre Kinder.

Plethon kommentiert diesen Spruch folgendermaen:

Diejenigen, welche dieser Mahnung nicht folgen, werden von der Erde
beklagt. Unter der Erde ist aber hier die irdische Natur verstanden, welche
eine Folge der Unvollkommenheit ist, denn das irdische Leben ist eine
Strafe. Darum beweint die Erde auch die Kinder der Unvollkommenheit, denn
die Eltern pflanzen ihre sndhaften Begierden auf die Kinder fort; die
Tugendhaften befleiigen sich eines keuschen Wandels.

Whrend also Plethon obigen Spruch mit Bezugnahme auf die Reincarnations-
und Vererbungstheorie deutet, so kommentieren ihn der Anonymus und Psellos
nur in Hinsicht auf die Wiederverkrperung. Ich kann ihre Aussprche hier
bergehen.

Der nchste Aphorismus, ebenfalls ohne Zusammenhang mit den brigen, findet
sich nur in der ersten Fassung und lautet:

Die Ausklopfer der Seele, welche ihr aufzuathmen mglich machen, sind
auflsender Art.

Der Kommentar sagt:

Unter den 'Ausklopfern der Seele', welche hier unter dem Bilde eines
Kleides eingefhrt sind, werden die Vernunftgrnde verstanden, welche, wenn
sie Eingang in die Seele finden, den Staub der Leidenschaften und alle
bsen Neigungen aus ihr heraustreiben. Ihre auflsende Art besteht darin,
da sie von den Schlacken reinigen, welche die Seele von ihrer Hlle, der
unreinen Materie, an sich zieht.

Ich bemerke hierzu, da auch die Kabbala das Bild von den Ausklopfern der
Seele kennt, welche der Seele im Moment des Todes den letzten schweren
Grabschlag (+Chibbut Hakkeber+) erteilen. Da die Kabbala zum groen Teil
im Zoroastrismus wurzelt, so ist diese Stelle ein Beweis fr das hohe Alter
unserer Aphorismen.

Der neunte auch zusammenhanglose Aphorismus, bei Psellos der zwlfte und
bei Plethon ebenfalls der neunte lautet:

1. Auf der linken Seite ist der Sitz der tugendhaften Begierden.

2. Der Tugend Quell ist auf der linken Seite der Hekate. Jungfrulichkeit
bewahre.

3. Auf der linken Seite ist der Tugend Quell, bewahre die
Jungfrulichkeit.

Alle drei Kommentatoren betrachten diesen Spruch als Keuschheitsgebot und
sagen, da die linke Seite als Sitz der Tugend betrachtet werde, weil auf
ihr das Herz liege; die rechte Seite sei wegen Anwesenheit der Leber der
Sitz der Begierden.

Der zehnte Aphorismus der ersten Fassung findet sich in allen drei
Bearbeitungen, er ist bei Psellos der fnfzehnte und bei Plethon ebenfalls
der zehnte und hat der Reihe nach folgenden Wortlaut:

1. Die Seele strebe danach, sich mit dem Gttlichen zu verbinden. Hat sie
sich dadurch von den Einflssen der Materie frei gemacht, so wird sie von
Gott durchdrungen sein.

    2. Die Seele trachte gottberauscht zu sein,
    Was irdisch und gebrechlich von sich thuend.

3. Die Seele des Menschen strebe, das Gttliche in sich zu behalten.

Der erste Kommentar sagt sehr drftig, die Seele knne des Gttlichen nicht
voll sein, ohne zuvor die irdischen Gelste abgelegt zu haben.

Psellos bemerkt:

Die Seele heilige sich zu einem Gefe, in welchem die Gottheit ihre
Wohnung nehme. Dies geschieht, wenn sie erleuchtet ist, in einem Zustand
also, dem ein heiliger Wandel, eine Verachtung alles Irdischen vorhergehen
mu.

Plethon endlich sagt:

Obgleich die Seele mit dem Leib verbunden ist, so vergesse sie doch ihren
himmlischen Ursprung nicht, beklage sich aber auch nicht, da ihr der
schmutzige Leib zur Hlle gegeben wurde, ebenso wenig als sie auf die
himmlischen Gter und gttlichen Eigenschaften stolz sein darf, mit welchen
sie der Vater so reichlich bedachte.

Aphorismus elf in allen drei Fassungen lautet der Reihenfolge nach:

1. Weil die Seele ein durchsichtiges Feuer ist, so bleibt sie unsterblich
und die Herrin des Lebens.

2. Weil die Seele ein leuchtendes Feuer ist, darum ist sie unsterblich und
Herrin des Lebens.

3. Weil sie ein lichtes Feuer ist und unsterblich....

Die drei Kommentatoren sagen:

1. Das Irdische ist das Vergngliche, das Geistige das Unvergngliche. Nur
des letzteren knnen wir verlustig gehen, und deshalb ist die Seele die
Herrin des Lebens, d.h. des ewigen Lebens.

2. Die Seele ist immateriell, stofflos, daher unvergnglich, weil sie
nicht aus auflsbaren Stoffen zusammengesetzt ist. Sie nimmt nichts von der
Finsterni an, weil sie keinen Krper hat; sie ist also eitel Licht.

3. Unter dem Feuer sind die geistigen Fhigkeiten verstanden, mit welchen
die Seele des Menschen begabt ist.

Bei Plethon folgt nun als zwlfter, bei Psellos als achtzehnter ein kurzer
Aphorismus, der in der ersten Fassung fehlt:

Suche das Paradies!

Plethon sagt kommentierend nur, da unter Paradies der lichtumflossene
Aufenthalt der reinen Seelen zu verstehen sei; Psellos dagegen uert sich
folgendermaen:

Die Chalder verstehen unter Paradies den Chorus von smmtlichen
Eigenschaften der Gottheit, welche ihn als besondere Personificationen
umgeben.[228] Dem Unwrdigen wehrt ein feuriges Schwert. Daselbst findet
man alle Tugenden, welche den Menschen gotthnlich machen.

Der zwlfte Aphorismus der ersten Fassung, bei Psellos der siebzehnte und
bei Plethon der dreizehnte hat dieser Reihenfolge nach folgenden Wortlaut:

1. Verunreinige nicht den Geist und ziehe ihn nicht in die Tiefe hinab.

    2. Beflecke nicht den Geist und ziehe
    Sein Lichtgewand nicht in die Tiefe.

3. Verunreinige nicht den Geist.

Der bedeutsamste Kommentar dieses Spruches ist der erste:

Die Pythagorer und Platoniker denken sich die Seele auch nach dem Tode
nicht vom Krper getrennt. Sie theilen nmlich die Seele in einen
unsterblichen Geist, der vom Himmel stammt, und in die Thierseele. Ersterer
kehrt nach dem Tode in den ther zurck, Letztere[229] bewohnt noch einige
Zeit den Krper bis zu seiner gnzlichen Auflsung. Die Wnsche, von
welchen sie whrend des Lebens bewegt wurde, beschftigen sie noch jetzt,
whrend ihr die Organe zur Befriedigung derselben fehlen[230]; sie sind
nach der Erde gerichtet und verhindern die volle Befriedigung des Geistes.
Das sind die Dmonen, welche unstt umherirren; sie verunreinigen den Geist
und ziehen ihn in die Tiefe hinab. Die reineren Seelen hingegen, welche
sich schon im leiblichen Leben dem Ewigen zuwendeten, vereinigen sich nach
dem Tode sogleich mit dem Urquell des Lichts. Das ist, was die Jnger
Zoroasters lehren.

Psellos sagt, da die Chalder der Seele zwei Gewnder zuerteilen, deren
eines (es ist der Astralkrper gemeint) aus den feinsten Stoffen der
Sinnenwelt gewebt, das andere aber therisch, lichtglnzend und unfalich
sei. Der Spruch warne, beide mit sndigen Lsten zu beflecken. -- Plethon
uert sich folgendermaen:

Die Pythagorer und Platoniker nehmen mit Zoroaster eine dreifache Seele
an, nmlich die Thierseele, welche vom Leibe unzertrennlich ist und mit
diesem aufhrt zu sein. Hher als diese steht die mit Vernunft begabte
Seele des Menschen, welche aber durch die Verbindung der Seele mit dem
Krper der Versuchung sich zu verunreinigen ausgesetzt ist, aber auch durch
den Sieg ber die Versuchung die Unsterblichkeit sich zu bewahren vermag.
Die hchste Stufe nehmen die Seelen der Dmonen ein, deren Hlle eine
feinere ist und nicht aus materiellen Stoffen besteht, weshalb sie auch
nicht dem Verderbni einer gebrechlichen Natur ausgesetzt ist. ber diesen
stehen die Planetenintelligenzen, deren Hlle aus reinem Licht besteht.

Bei Plethon folgt nun als vierzehnter Aphorismus der bei den Andern
fehlende Spruch:

    Vernachlssige aber auch nicht den Leib.

mit dem kurzen Kommentar:

D.h. man schwche ihn nicht absichtlich, um sich aus diesem Leben frher
zu befreien, als es der Wille der Vorsehung beschlossen hat.

In der ersten Fassung der Orakel folgt nun als dreizehnter, nachstehender,
bei Psellos gleichlautender und in seiner Reihenfolge erster, bei Plethon
aber fehlender Aphorismus:

Auch von dem Schattenbild der Seele ist ein Theil eitel Licht.

Der anonyme Kommentator bemerkt hierzu:

Das Schattenbild der Seele ist die thierische Psyche im Menschen, welche
zwar mit dem bessern Ich desselben in Wechselwirkung steht und insofern
also von dem gttlichen Theil im Menschen einiges Licht empfngt, aber an
sich selbst der Vernunft beraubt ist und nur den Einflsterungen der Sinne
gehorcht.

Psellos sagt:

Schattenbilder oder Idole sind bei den Philosophen solche Dinge, welche an
sich selbst schlechter oder den bessern untergeordnet sind, aber doch mit
ihnen eine gewisse hnlichkeit besitzen, wie z.B. der menschliche Verstand
ein Theil der Gottheit, aber doch dem Irrthum unterworfen ist. Vom Verstand
ist nun wieder die Thierseele im Menschen in gleichem Abstand; sie hat nur
materielles Streben und ist deshalb ein Schattenbild des Geistes. Dieser
begiebt sich nach seiner Trennung vom Leibe in die Lichtregion. Zoroaster
will also sagen: Nicht blos die mit Vernunft begabten Seelen knnen in die
vollkommen erleuchtete Region versetzt werden, sondern auch die Thierseele
im Menschen, wenn dieser tugendhaft wandelte. Hier weicht also der Grieche
vom Chalder ab, insofern Ersterer die Thierseele sich nach ihrer Trennung
vom Leibe im Weltenraum unbewut verflchtigen lt, d.h. ihr die
Fortdauer abspricht.

Aphorismus vierzehn und fnfzehn der ersten Fassung (bei Plethon fehlend)
lauten:

berlasse auch nicht deine Seele der Hefe der Materie.

berlasse auch nicht die Hefe deiner Seele dem Abgrund, damit sie bei
ihrer Trennung vom Krper nicht zu Schaden komme.

Bei Psellos zwei und drei:

    berlasse auch nicht die Hefe der Seele dem Abgrund
    Damit sie nicht bei der Trennung vom Krper zu Schaden komme.

Der erste Kommentar nennt diese Aphorismen:

Eine Ermahnung, da die Seele stets ber sich wache und nicht den
Anfechtungen des Leibes unterliege, wodurch sie mit ihm ins Verderben
sinkt. Damit ist vor der Strafe der Seelenwanderung gewarnt, welcher alle
verfallen, die whrend ihres Erdenlebens dem Krper, d.h. der Hefe der
Seele, eine zu groe Macht einrumen.

Psellos sagt:

Unter Hefe der Seele ist der aus den vier Elementen zusammengesetzte
Krper verstanden. Der Jnger wird also ermahnt: Nicht nur die Seele erhebe
zu Gott, sondern suche auch ihr Kleid, nmlich den Leib, zu erheben.
Abgrund ist Erde, auf welche die aus dem Himmel verwiesene Seele
herabgeschleudert wurde. Wie lt sich aber diese Ermahnung anders
befolgen, als indem man den Krper dem Scheiterhaufen bergiebt. Oder ist
die Luterung durch gttliches Feuer gemeint, wie wir an Henoch und Elias
sehen, die es wegen ihrer Auffahrt zum Himmel noch bei lebendigem Leibe
wohl in ihrer Vervollkommnung so weit gebracht hatten, da sie nur noch
einen therischen Leib besaen? Dieses Ziel zu erreichen ist aber ohne den
Beistand der gttlichen Gnade unmglich.

Bezglich des zweiten Spruchs sagt Psellos, da auch Plotinos denselben
anfhre und bemerkt weiter:

Diese Ermahnung ist sehr wichtig, denn die Furcht vor dem Tode zieht die
meisten Menschen von edleren Betrachtungen ab, so da die Seele ihre
Luterung nicht bestehen kann. Daher kommt es, da die aus der Welt
abscheidende Seele noch einige ihrer irdischen Sorgen und Wnsche mit
hinber nimmt, anstatt sie zu Gott und den Engeln zu erheben, wie die
Erleuchteten thun, deren Blick schon diesseits des Grabes eine hhere
Richtung nimmt.

Der sechzehnte Aphorismus der ersten Fassung, der zwanzigste bei Psellos
und fnfzehnte bei Plethon hat in den drei Bearbeitungen folgenden
Wortlaut:

1. Wenn du deinen aus therischem Stoff bestehenden Geist zur Verehrung
der Gottheit hinleitest, so wird auch dein irdisches Theil dabei wohl
fahren.

    2. Wenn du dein feurig Ich zu guten Werken lenkst,
    So wirst du auch dein feuchtes Ich erretten.

3. Wenn du dein feuriges Theil aufrichtest, so wirst du auch den feinsten
Stoff des Leibes dir erhalten.

Der anonyme erste Kommentator bemerkt, da unter der Verehrung der Gottheit
nicht allein der Kultus, sondern alle sittlichen Handlungen zu verstehen
seien. Psellos versteht unter dem feurigen Ich die vom Gttlichen
erleuchtete Seele und unter dem feuchten Ich den materiellen Leib. Plethon
sagt:

Wenn du einen gottesfrchtigen Wandel fhrst, so wird dir auch leibliches
Wohlsein zu Theil werden.

Der siebzehnte Aphorismus, bei Plethon der sechzehnte (bei Psellos fehlend)
wird in mystischen Werken sehr hufig citiert[231] und lautet in der ersten
Fassung:

Von allen Enden der Erde kommen Hunde herbei, die den Sterblichen durch
falsche Zeichen ffen.

In der zweiten:

Aus allen Enden der Erde springen Hunde hervor, den Menschen Gaukelbilder
zeigend.

Beide Kommentatoren sagen bereinstimmend, da den in die Mysterien
Einzuweihenden Gespenster mit Hundefratzen erschienen, und verstehen unter
denselben Personifikationen der zerstrenden Leidenschaften, welche die
Seele aus ihrer Ruhe aufschrecken.

Der achtzehnte (bei Psellos fehlende) und bei Plethon siebzehnte Aphorismus
hat folgenden Wortlaut:

1. Die Vernunft lehrt uns, da die Dmonen ursprnglich heilige Geister
seien, und die bsen Eigenschaften eine Verkehrung der guten sind.

2. Die Natur sagt uns, da die Dmonen vollkommene Wesen seien.

Der erste Kommentar ergeht sich in ziemlich nichtssagender Weise ber den
Fall der Engel, welchen wir auch oben bei Zoroaster vorkommen sahen. --
Plethon versteht unter Dmonen nicht im vulgren Sinn bse Geister, sondern
geistige Wesen berhaupt; im brigen umschreibt er nur den Aphorismus, ohne
etwas von Bedeutung zu sagen.

Der nchste Aphorismus findet sich nur in der ersten Fassung:

Die rchenden Furien zgeln den Menschen. Es fhre die Seele die
Oberherrschaft und schicke vorsichtig nach allen Seiten ihre Blicke aus.

Der Kommentar versteht unter den rchenden Furien die notwendigen Folgen
der Thaten der Menschen, und unter den Blicken die angeborenen guten
Eigenschaften, mit deren Hilfe wir die schlechten erkennen und ihren
Einflu auf uns abwehren.

Der folgende, sich auch bei Psellos findende Aphorismus:

    O Mensch, du khnes Kunstwerk der Natur.

gehrt offenbar zum einundzwanzigsten Spruch der ersten Fassung, welcher in
den beiden andern fehlt:

Httest du meinen Beistand fleiiger angerufen, so wrdest du wohlgethan
haben, denn nicht vom himmlischen Stoffe scheint dir das Weltgebude,
sondern zu Schlechten und Krummen sich neigend. Die Sterne glnzen nicht,
der Mond ist verfinstert, die Erde wankt, und alle Gegenstnde scheinen
sich in Blitze zu verwandeln.

Der Kommentar sagt nur:

So spricht das Orakel zu dem in die Weihen Initiierten.

Der zweiundzwanzigste -- bei Psellos fehlende -- und bei Plethon achtzehnte
Aphorismus lautet:

Nimm nicht das Bild der Natur fr die Gottheit selbst!

Bei Plethon:

Berufe dich nicht auf das Bild der Natur!

Beide Kommentare sagen bereinstimmend, Gott sei nicht durch das Bild zu
erfassen.

Alle dem Eingeweihten[232] sich darbietenden Erscheinungen, wie Flammen,
Blitze, sind nur Sinnbilder des Schpfers, nicht sein eigentliches Wesen.

Der dreiundzwanzigste -- bei Psellos zehnte -- Spruch heit:

Mit reinem Gemth umfasse die Zgel des Feuers.

Bei Psellos:

Die gestaltlose Seele halte die Zgel des Feuers.

Der erste Kommentar ist nichtssagend. Psellos bemerkt:

Die gestaltlose, d.h. die von der Materie sich abwendende Seele halte die
Zgel des Feuers. Sie soll sich nmlich in den Besitz des zum ewigen Licht
fhrenden Mittels setzen. Wer die Zgel schlaff hlt, dessen gute Vorstze
erschlaffen, und er fllt wieder der Erde anheim.

Der vierundzwanzigste, bei Psellos dreizehnte Spruch hat den Wortlaut:

Wenn du das heilige Feuer aller Gestalt ledig durch die Tiefen des ganzen
Weltalls wirst schimmern sehen, so horche auf den Ton des Feuers.

Bei Psellos heit es:

    Wenn du gewahrst des heiligen Feuers Strahl,
    Das doch Gestalt nicht hat, der Unterwelt auch leuchtend,
    Dann horche auf des Feuers Ton!

Der erste Kommentator giebt folgende Auslegung:

Das gestaltlose Feuer ist die Gottheit selbst, welche alle Rume der Welt
durchdringt. Auf ihr Flstern achte du!

Psellos bemerkt:

Dieses Feuer ist das gttliche Licht, weil es keine Gestalt hat. Wenn
dieses den Seher erleuchtet, da er im Geist der Erde Tiefen durchschaut,
dann vertraue er seinen Eingebungen.

Der fnfundzwanzigste Aphorismus lautet bei dem Anonymus und Psellos:

1. Die Seele des Menschen trgt die Spuren ihrer gttlichen Abkunft in
sich.

2. Eile zum Lichte zu gelangen, zu den Strahlen des Vaters, von welchem
deine Seele ausgeflossen ist.

Beide Commentare sind nichtssagend, weil der Aphorismus fr sich spricht.

Der sechsundzwanzigste Aphorismus in der ersten Fassung und
zweiunddreiigste bei Psellos lautet:

1. Vernimm, was sich durch den Verstand fassen lt, denn dies ist ber
die Vernunft.

2. Wisse, das durch den Geist Wahrnehmbare kann vom Verstande nicht
begriffen werden.

Der erste Kommentar lautet:

Obschon der Schpfer die Bilder der unsichtbaren Dinge dir eingegeben hat,
so bestehen sie in deiner Seele doch nur durch das Vorstellungsvermgen;
trachte du aber danach, sie in der Wirklichkeit zu besitzen, d.h. dich
nach dem Tode des Leibes mit dem Urgeist, dem nichts verborgen ist, zu
vereinigen.

Psellos dagegen sagt:

Obschon der Verstand uns alle Dinge erklrt, so kann doch das Wesen Gottes
von ihm nicht erfat werden, denn dies wre nur durch unmittelbare
Erleuchtung von oben mglich. Weder der Gedanke des Menschen, noch das
artikulirte Wort kann das Wesen des Schpfers definiren. Er ist durch
ehrfurchtvolles Schweigen weit passender verehrt, als durch einen Schwall
von Worten. Er ist ber alles Lob erhaben.

Der siebenundzwanzigste -- bei Psellos fehlende -- Aphorismus hat den
Wortlaut:

1. Wahrlich, etwas ist durch den Geist wahrnehmbar, das sich den Sinnen
entzieht.

Der Kommentator bezieht das den Sinnen nicht Wahrnehmbare kurzweg auf Gott.

Der achtundzwanzigste -- bei Psellos sechsundzwanzigste -- Aphorismus
lautet:

1. Alles ist aus Einem Feuer hervorgegangen, welches der Urheber dem aus
ihm hervorgegangenen Geist bergab, welch' Letzteren die Menschen fr das
Urwesen[233] selbst halten.

2. Alles ist aus einem Feuer entstanden.

Der erste Kommentator sagt:

Alles emanirt aus Gott. Er hat Alles geschaffen, nmlich die geistigen
Vorbilder der Dinge[234]; der eigentliche Weltbaumeister verfertigte die
irdischen Abbilder der vorigen, denn von der Materie, welche aber nicht vom
Urquell des Lichts herstammt, konnte die Krperwelt nicht entstehen.

Psellos bemerkt zu diesem Aphorismus in seiner Fassung nur, da er dem
christlichen Glauben entspreche, insofern alles in Gott wurzele.

Der neunundzwanzigste Aphorismus der ersten Fassung fehlt bei Psellos und
ist der neunzehnte bei Plethon; er hat folgenden Wortlaut:

1. Die Dinge, welche vom Verstand erforscht werden, sind selbst
Intelligenzen.

2. Die Seelen, welche vom Vater empfangen werden, sind selbst der
Empfngni fhig.

Der erste Kommentar lautet dahin, da die geistigen, unkrperlichen Wesen
Zeugungen Gottes, selbst handelnde Persnlichkeiten und verschieden von den
mit dem Leib vermhlten Seelen[235], den Geschpfen des Demiurgen sind.
Plethon sagt nur, da hier die geistige Fortpflanzung der Ideen gemeint
sei, welche die Chalder sich als unsichtbare Personifikationen der Dinge
auf Erden vorstellten.

Der dreiigste Aphorismus der ersten Fassung ist bei Psellos der siebente
und bei Plethon der zwanzigste. Er lautet der Reihenfolge nach:

1. Die Welt wird nach unwandelbaren Gesetzen von vielen Intelligenzen
regiert.

2. Die Welt wird durch vernunftbegabte und doch unbewegliche Wesen vor dem
Untergang geschtzt.

3. Die Welt erhlt zu Lenkern solche Wesen, die, weil sie nur
intellektuell, also mit den Sinnen nicht wahrnehmbar, auch der Vernderung
nicht unterworfen sind.

Der erste Kommentator und Plethon bemerken nur, da die oberste dieser
Intelligenzen der Demiurg[236] sei, und da, da die Welt unvergnglich sei,
diese Eigenschaft deren geistigen Regenten erst recht zukomme. Psellos
verliert sich in die unfruchtbare magisch-astrologische Lehre von den
Planetenintelligenzen.

Der einunddreiigste Aphorismus ist bei Psellos der dreiundzwanzigste, bei
Plethon der einundzwanzigste und lautet in den drei Fassungen:

1. Sich selbst hat der hchste Gott dem Blicke aller Wesen entzogen,
welche, obschon mit dem Vermgen ausgerstet, sich von unsichtbaren Dingen
eine Vorstellung zu machen, doch seine Eigenschaften nicht begreifen
knnen.

2. Der Schpfer hat sich in die Verborgenheit zurckgezogen und ist selbst
den geistigen Naturen unerforschlich.

3. Der Vater hat sich selbst entzogen.

ber diese auch in der Kabbalistik ausgesprochene Lehre bemerkt der erste
Kommentator nur, da dies daher komme, weil kein geschaffener Geist Gott
als ungeschaffenes Wesen begreifen knne. Psellos lt sich auf keine
Erklrung ein und sagt nur, da dieser Satz dem christlichen Glauben
widerspreche. Plethon hingegen uert sich folgendermaen:

Obgleich geistige Wesen mittelst des Geistes wahrgenommen werden, entzieht
sich doch der Schpfer auch diesem, wenn der menschliche Forschungsgeist
die Natur der Gottheit zu erforschen sich vermit.

Der zweiunddreiigste und letzte Aphorismus der ersten Fassung, der
zweiundzwanzigste bei Psellos und Plethon lautet:

1. Der Vater aller Wesen flt nicht Furcht ein, sondern den Trieb, ihm
gehorsam zu sein.

2. Gott flt keine Furcht ein, sondern den Trieb, ihm gehorsam zu sein.

3. Der Vater flt nicht Furcht ein.

Der erste Kommentator und Plethon sagen nur, da Gott als Urquell alles
Guten nur Liebe, nicht aber Furcht einflen knne. Psellos bemerkt:

Die gttliche Natur kennt weder Zorn noch Unwillen, sie bleibt sich stets
gleich. Deshalb flt sie auch den Geschpfen keine Furcht ein. Wre sie
feindlicher Gesinnung, so knnte die Schpfung keinen Bestand haben. Gott
ist ein Licht, aber dem Snder ein verzehrendes Feuer.

Damit schlieen bei Plethon und in der ersten Fassung die magischen Orakel
Zoroasters. Aus der Fassung des Psellos hebe ich noch folgende, bei den
andern Beiden fehlenden Aphorismen hervor:

    Aph. 5: Nicht niederwrts den Blick gerichtet!
            Zum Himmel strebe auf! Denn unten
            Herrscht nur Nothwendigkeit, die harte,
            Die den Planeten ihre Richtung gab.

Der Kommentar enthlt nur den bemerkenswerten Ausspruch, da sich die Seele
auf jedem Planeten verkrpern msse. Das brige ist astrologische
Spitzfindelei.

    Aph. 14: Es lt Natur uns Geisterreiche ahnen,
             Des Bsen wie des Guten allzugleich.

Der Kommentar sagt nur, da die geahnten Geisterreiche auch zur Erscheinung
gebracht werden knnten, wenn es dem Theurgen gelinge, die Elementarkrfte
aufzuregen. Damit schlieen die Orakel Zoroasters in der Redaktion des
Psellos, welche ich hier der fortlaufenden Vergleichung halber auer der
Reihenfolge brachte.

In der anscheinend gnostischen Fassung lauten die Orakel folgendermaen:

Erforsche den Weg der Seele, woher oder auf welche Weise du, wenn du dem
Leibe dienest, jene wieder in die Ordnung, von der du abgewichen bist,
bringen kannst, indem du mit dem heiligen Wort dein Werk vollbringst.

Nicht abwrts sollst du dich neigen; ein Abgrund ist auf Erden, welcher
dich von der Schwelle, die sieben Gnge hat, abzieht, unter welcher der
Thron des furchtbaren Schicksals steht.

Denn dein Behltni werden die wilden Thiere der Erde bewohnen.

Gieb ja nicht dem Schicksal einen Zuwachs; denn nichts Unvollkommenes geht
von der Herrschaft des himmlischen Vaters aus.

Aber der Wille des Vaters lt nicht den Willen jener Seele, bis sie die
Vergessenheit preisgegeben und das Wort gesprochen hat, im Gedchtni
behaltend das heilige Zeichen des Vaters.

Du mut zum Lichte eilen und zum Glanze des Vaters, von dem deine Seele
ausgegangen ist, welcher viel Verstand inne wohnt.

Die Erde beweint sie bis auf die Kinder.

Die Vertreiber der Seele, welche sie wieder ins Leben rufen, knnen erlst
werden.

In der linken Hhle deines Lagers wohnt die Kraft der Tugend und bleibt
ganz darin, ohne ihre Jungfrulichkeit preiszugeben.

Die Seele der Menschen wird Gott gewaltig an sich ziehen; nichts
Sterbliches habend, ist sie ganz Gottestrunken. Denn sie rhmt sich der
Einheit[237], in welcher sich der sterbliche Krper befindet.

Weil die Seele glnzendes Feuer ist durch die Macht des Vaters, so bleibt
sie unsterblich und ist Herrin des Lebens, und weil sie viele Vollendungen
der Welt hat, sollst du das Paradies suchen.

Verunreinige nicht den Geist und drcke ihn nicht in die Tiefe nieder.

Es ist auch dem Bilde der Seele[238] sein Theil allenthalben an einem
hellglnzenden Ort.

La nicht den Auswurf des Stoffes am Abgrunde liegen.

Fhre nicht die Seele heraus, damit sie nicht den Krper verlassend, in
Gefahr komme.[239]

Wenn du den feurigen Geist zum Dienste Gottes antreibst, so wirst du auch
den Krper im Leben wohl-erhalten.

Aus dem Busen der Erde gehen irdische Hunde hervor, die niemals das wahre
Zeichen dem irdischen Menschen aufweisen.

Die Natur rth, da die Geister heilig seien, und da auch die Steine des
schlechten Stoffs gut und edel sind.

Rchende Wesen zchtigen den Menschen.

Eine unsterbliche Tiefe wird ber die Seele herrschen; du aber richte die
Augen ganz in die Hhe.

O Mensch, du Gebilde der zuversichtlichsten Natur! Wenn du fter mit mir
geredet haben wirst, so wirst du alles wohl im Gedchtni behalten. Denn
dann wird dir nicht mehr krumm und schief die himmlische Masse erscheinen.
Die Sterne glnzen nicht; das Licht des Mondes ist verdeckt. Die Erde steht
nicht fest, und Alles wird wie Blitze aussehen.

Du sollst nicht das durch sich selbst offenbare Bild der Natur anrufen.

Allenthalben mit einfltigem Herzen ergreife die Zgel des Feuers.

Wenn du gestaltlos das heilige Feuer erblickst, wie es schimmernd springt
durch die Tiefen der ganzen Welt, so hre auf das Gerusch des Feuers.

Der Geist Gottes selber gab den Seelen der Menschen die vterlichen
Sinnbilder ein.

Begreife, was mit dem Verstand begriffen werden kann, denn es ist auer
dem Geiste.[240]

Es giebt wahrlich etwas, was mit dem Verstand begriffen werden kann.[241]

Alles ist aus einem Feuer hervorgebracht, sintemal Alles der Vater
vollbracht hat und hat es dem zweiten Geiste mitgetheilt, welchen die
Geschlechter der Menschen den ersten nennen.

Die Gestalten, welche im Geiste ergriffen werden, vernommen durch den
Geist des Vaters, begreifen auch selbst, damit sie, durch schweigende
berlegung bewegt, einsehen.

O wie hat diese Welt Lenker, welche mit der Kraft der Einsicht begabt sind
und nicht gebeugt werden knnen.

Sich selber hat der hchste Vater von allen andern getrennt; aber nicht
auf die Kraft seiner Einsicht hat er sein Feuer beschrnkt.

Der Vater lt keine Furcht zu, sondern nur Gehorsam.




Drittes Buch.

Der Occultismus der Inder.


Am reinsten gelangt der indische Occultismus in den Veden zur Darstellung.

Veda, das Wissen, heit im weiteren Sinn alles Geoffenbarte, weshalb
gewissermaen alle heiligen Bcher der Inder Veden genannt werden knnen.
In engerem Sinn jedoch versteht man unter Veden die vier ltesten
Sammlungen religiser Urkunden, welche nach indischer Anschauung in der
Urzeit von Brahma selbst gegeben wurden, und auf welche die indische
Religion, die Gesetze und die Litteratur gegrndet sind. Es sind:

1. Der Rigveda mit religis-moralischen Vorschriften, Ermahnungen und
Hymnen auf alle Gottheiten.

2. Der Yayurveda, bestehend in sechsundachtzig prosaischen Abschnitten ber
die verschiedenen Arten der Opfer und die dabei zu beobachtenden Gebruche.

3. Der Samaveda, welcher fr den heiligsten gehalten wird und lyrische
Gebete enthlt, die gesungen werden.

4. Der Atharvaveda mit ber siebenhundert Hymnen, Exorcismen,
Zaubersprchen, Verfluchungenusw.

Die Veden zerfallen weiter in einen rituellen, Prvakndam oder Karmakndam
genannten Teil, welcher u.a. die Gebete -- Mantras -- enthlt, die, wenn
sie metrisch -- rig -- sind, gesungen und, wenn nicht metrisch -- yajush --
leise gemurmelt werden. Daran reiht sich der Brhmana, Uttaraknda oder
Gnna -- Gnosis -- genannte Abschnitt, welcher sich ber Kosmogonie, das
gttliche Wesen, die gttlichen Attribute usw. verbreitet. Jeder Veda,
besonders die Brhmanas enthalten noch eine Anzahl Upanischads oder
Meditationen, genannte Traktate, welche die eigentliche Theologie der
Veden enthalten. Jedes auf die Veden sich sttzende Werk fhrt den Namen
Sstra; deren giebt es eine groe Anzahl und sie wie ihre Kommentare
enthalten die zahllosen ceremoniellen Vorschriften.

Die Veden werden hufig Sruti, das durch Offenbarung Gehrte genannt,
weil sie von Brahma selbst heiligen Mnnern, deren Namen genannt werden,
geoffenbart worden sein sollen; doch gestehen die Kommentare selbst zu, da
die genannten Heiligen, die Rischis, die wahren Verfasser sind. -- Die ber
diese Verfasser usw. umlaufenden Traditionen lasse ich beiseite.

Zur Zeit als die arischen Indier sich von verwandten Vlkern trennten und
von den asiatischen Hochebenen in das Tiefland einwanderten, war ihre
Religion wohl Sabismus und im wesentlichen Sonnendienst, wie denn noch
jetzt bei Sonnenaufgang das Homaopfer dargebracht wird und die Sekte der
Sauras ausschlielich die Sonne verehrt; bei den Indiern wie bei den
Essern darf die Sonne die Ble des Menschen nicht bescheinen, und in den
Veden ist es wie im Zendavesta und bei den Pythagorern verboten, sein
Wasser gegen die Sonne zu lassen,&c.&c.

Als mythische Gottheit und erste Person der allbekannten indischen
Gttertrias: Brahma, Wischnu, Schiwa, fhrte die Sonne den Namen Brahman,
der Leuchtende. Sie schlft zur Zeit des winterlichen Regens, sie stirbt,
wird neugeboren, und zahlreiche Mythen des alten Indiens sind nur aus dem
Sonnenkultus zu erklren und +mutatis mutandis+ universalgeschichtliche
Erscheinungen. berall, wo Sonnendienst herrschte, begegnen wir denselben
Festen und den gleichen ihnen zu Grund liegenden mythologischen
Vorstellungen, die -- wie die ganze Theogonie -- in epischem Gewand
gleichsam historisiert auftreten.

Die zum Heil des Menschengeschlechts unternommenen Thaten und Wanderungen
des Sonnengottes bilden sich im Laufe der Zeit in eine Gtterlegende oder
-- wenn auf menschliche Heroen bertragen -- zu einer Heldensage um, aus
welcher fr das Volk Belehrung und Moral geschpft wird, und an deren
thatschlicher Grundlage weder Priester noch Geschichtschreiber zweifeln.

In den Veden treffen wir den Brahmaismus in engerem Sinn oder den
Sonnendienst mit dem untergelegten Gedanken eines ewigen Lichtquells und
weltschaffenden Geistes, welcher -- an sich von der Sonne als Weltkrper
unabhngig -- diese wie das ganze Universum hervorgebracht hat, welcher
alles Thun der Gtter und Menschen wahrnimmt und unter dem Bilde der Sonne
zu verehren ist.

Mit der Zeit ging diese Anschauung zum reinen Monotheismus ber, und wie im
Mazdeismus Zrvna-akarana, so wird im Brahmaismus +Brahma+, das Groe,
ein neutrales Abstraktum, welchem erst die Prdikate durch Kraftuerungen
nach auen werden mssen; deshalb wird es auch +tat+, das Ich, die Seele
oder das Wesen, +sat+, genannt. Dieses Groe wurde als das hchste Wesen
betrachtet, in welchem alles seinen Grund habe, und das man mit Eifer aus
seinen Wirkungen zu erkennen suchen msse. Es fhrt in den Veden den Namen
+Parabrahma+, das Urgroe; +Avoyaka+, das Unsichtbare; +Nirvikalpa+, das
Unerschaffene; +Svayambhu+, das durch sich selbst Seiende, wodurch Brahma
den Begriff des Ewigen und Selbstndigen erhlt. Auf dieses unendliche
Urwesen bezieht sich keine Mythe, und es heit in den Veden nur, da vor
ihm nichts vorhanden war, und da seine Glorie so gro sei, da es kein
Bild derselben geben kann. Eine Manifestation desselben ist erst die als
Demiurg, als weltschaffender Brahma gedachte Sonne, hnlich wie im
Mazdeismus Ahuramazd der vollkommenste Abdruck des Erhabenen ist.

Das durch sich selbst Seiende regiert durch diesen seinen Statthalter und
andere aus ihm geflossene gttliche Emanationen, welche nur das persnliche
Hervortreten und Sichtbarwerden der verschiedenen Attribute und
Eigenschaften des Urersten sein sollen, die Welt nur mittelbar, und hierbei
verliert sich die indische Spekulation in ein buntes Gewimmel
metaphysisch-mythologischer Gestaltungen, welches wir hier bei Seite lassen
knnen. Bei diesem Personifikationsproze der einzelnen Attribute trat
vorerst das durch sich selbst Seiende in den Hintergrund zurck, und selbst
Brahma -- seine erste Emanation -- verlor an Ansehen, so da vom
Brahmaismus Indiens nur insofern die Rede sein kann, als sich derselbe auf
den ursprnglichen vergeistigten Sonnendienst bezieht.

Trotzdem ist aus den heiligen Bchern der Indier berall nachweisbar, da
die indische Religion sich schon sehr bald vom Sabismus zur Verehrung
_eines_ hchsten Wesens erhoben hatte, und es ist leicht einzusehen, da in
Indien, wo kein Eroberer die beschauliche Ruhe der Weisen unterbrach, der
Sinn fr die religisen Grundwahrheiten frher geweckt werden mute, als es
in dem von wilden Strmen bewegten Westen mglich war. Hier begannen die
schchternen, von Sokrates nachmals mit der Moral verbundenen Anfnge der
Religionsphilosophie mit Anaxagoras und Xenophanes und nahmen dann unter
Pythagoras und Plato einen hhern Aufschwung bis sie in den Lehren der Stoa
einen dem Christentum hnlichen wrdigen Ausdruck fanden.

Der vergeistigte Mazdeismus bte mchtigen Einflu auf die Religion der
Juden, unter denen bisher nur die Propheten auf einer hheren
Erkenntnisstufe gestanden hatten, whrend der groe Haufe zwischen den
polytheistischen Religionen seiner Nachbarvlker hin und her schwankte bis
endlich der Stifter des Christentums die Lichtstrahlen des Mazdeismus, des
Buddhismus und der hellenistisch-jdischen Religionsphilosophie in einem
Brennpunkt vereinigte und mit einer reinen praktischen Moral verband.

Alle Religionen des Altertums zeigen ein Fortschreiten vom Fetischismus aus
durch den Sabismus und Sonnendienst zur Lichtreligion und Verehrung Eines
hchsten Wesens, von welchem die Volksgottheiten usw. nur niedere Potenzen,
Emanationen, Attribute&c. sind.

Gerade die indische Litteratur zeigt wie keine andere die Fhigkeit des
menschlichen Geistes, von der Bewunderung der menschlichen Natur ausgehend,
aus eigner Kraft zum Hchsten sich erheben zu knnen, und beweist die
Nichtigkeit einer ertrumten gttlichen Urweisheit und eines Urpriestertums
des menschlichen Geschlechts, wie es sich bei den mehr oder weniger von
Jakob Bhme abhngigen glubigen Naturforschern und Naturphilosophen der
ersten Hlfte unseres Jahrhunderts in so aufdringlicher Weise breit macht.

Fr den indischen Monotheismus der Indier erheben sich schon frh
gewichtige Stimmen. So sagt Philostratus in seinem Leben des Apollonius von
Tyana[242], da in Indien nur eine hchste Gottheit alles leite, da aber
daneben Untergtter angenommen wrden. Bardesanes spricht sich dahin
aus[243], da es mehrere tausend Brahminen gebe, die nach Gesetz und
Tradition keine Bilder verehrten, weder Fleisch noch geistige Getrnke
genssen, ohne Falsch seien, ihren Geist allein auf die Gottheit richteten.
Selbst der Muhammedaner Abulfeda gesteht zu, da der gebildete Indier keine
Idololatrie treibe, und da beim Volk endlich die Gtterbilder nur zur
Fixirung der Andacht dienten. In unserer Zeit bekennt endlich
Colebrooke[244], da der Monotheismus in den Lehren der Vedas genau
ausgesprochen, wenn auch nicht immer klar von der Polylatrie geschieden
sei; da er aber in den den Veden folgenden Schriften der Indier, welche
sich demnach mit Recht auf die Lehre ihrer religisen Schriften von der
Einheit Gottes beriefen, immer mehr hervortrete.

Das Gesetzbuch des Manu sagt ausdrcklich, da die Veden nur einen Gott
lehren als den Herrn aller Gtter und Menschen, den man in jedem Wesen
erkennen und verehren msse, und im allgemeinen schildern die Veden die
Gottheit als immateriell, unsichtbar, ber alle Vorstellung erhaben, aus
deren Werken der Mensch ihre Ewigkeit, Allmacht, Allwissenheit und
Allgegenwart erkennen kann; als das gttliche unvergleichlich groe Licht,
von welchem alles ausgeht, zu dem alles zurckkehrt, welches allein unsern
Verstand erleuchten kann und auf gerechte Weise Vergeltung erteilt durch
die rollenden Zeiten.[245]

Die Veden lehren: Es ist ein lebendiger, wahrer Gott, ewig, krperlos,
ohne Theile und ohne Leidenschaft, allmchtig, allweise und allgtig, ein
Schpfer und Erhalter aller Dinge. -- Er ist allwissend, aber Niemand kennt
ihn, den man den groen, weisen Gott nennt. -- Gott, der die vollkommene
Weisheit ist, ist die endliche Zuflucht des Menschen, der freigebig sein
Vermgen spendete, fest in der Tugend war und der den groen Einen kennt
und verehrt. -- Er ist der Gott, welcher das Weltall regierend durchdringt;
er war der Erstgeborene und ruht fort im Mutterleib; er kam in das Licht
des Daseins, wohnt im Licht und in Allem, was ist. Der Herr der Schpfung
war frher als das All, er wirkt in allen Wesen und freut sich ber seine
Schpfung. Wem sollten wir blutlose Opfer bringen, als ihm, der die
therische Luft geschaffen wie die feste Erde, ihm, der die Scheibe der
Sonne festheftete und des Himmels Wohnung, ihm, der des niedern Luftkreises
Tropfen in eine Gestalt brachte? Wem sollten wir unsere Gaben bieten als
ihm, den Himmel und Erde im Geiste beschauen?[246]

Wer wei genau, und wer wird in dieser Welt aussprechen, von wannen und
warum diese Schpfung stattgefunden? Die Gtter sind spter als die
Schpfung. Der im hchsten Himmel der Lenker dieses Alls ist, wei es; aber
kein Anderer kann darber Kunde haben.[247] -- ber den Sonnen hinaus
scheint keine Sonne mehr, kein Mond und kein Stern mehr, dort funkelt kein
Blitz, sondern die Gottheit strahlt dort allein und giebt dem Universum
sein Licht.

Es ist kein Grerer als Brahma, der Mchtige, in jedem Raume gegenwrtig,
allwissend und einzig. Forsche nicht ber das Wesen des Ewigen, noch ber
die Gesetze, nach welchen er regiert, beides ist eitel und strafbar; dir
sei es genug, da du tglich seine Weisheit, Macht und Gte in seinen
Werken schaust. Dies sei dir Heil. Du, o Gott, bist das wahre ewig selige
Licht aller Zeiten und Rume; deine Weisheit erkennt tausend und mehr als
tausend Gesetze, und doch handelst du allezeit frei und zu deiner Ehre; du
warst vor Allem, was wir verehren, dir sei Lob und Anbetung. -- Man kann
Gott erkennen aus dem Gesetz, das er gegeben hat, und aus den Wundern, die
er in der Welt wirkt. Man entdeckt ihn auch durch die Vernunft und den
Verstand, welche er den Menschen gegeben, und durch die Schpfung und
Erhaltung aller Dinge. Was er von den Menschen fordert, besteht
hauptschlich in Liebe und Glauben, denn so steht in unserm Gesetz vom
Dienste des hchsten Gottes: der Mensch soll ihn lieben, ihn mit Mund und
Herz bekennen und soll nichts thun als aus Liebe und Glauben, nach welchem
er Gott anrufen und seinen Geboten gehorchen mu, also da er sich in Allem
unverbrchlich nach seinem Willen richte.[248]

Das hchste Wesen ist unsichtbar; niemand hat es je gesehen, und die Zeit
hat es nicht begriffen. Sein Wesen erfllt Alles, und alle Dinge
entspringen aus ihm; alle Kraft, alle Weisheit, alle Heiligkeit und alle
Wahrheit ist in ihm; es ist unendlich gtig, gerecht und barmherzig; es hat
alle Dinge geschaffen, erhlt Alles und ist gern unter den Menschenkindern,
um sie zur ewigen Glckseligkeit zu fhren, die darin besteht, da man das
unendliche Wesen liebe und und ihm diene.[249]

Ich diene dem Herrn der Welt, in welchem sie besteht, zu dem sie einst
zurckkehrt, und in dessen Licht sie glnzt; dem Herrn, dessen Herrlichkeit
ewig und unaussprechlich; der ohne Wechsel ruhend und immer dauernd ist,
und zu dem heilige Menschen sich erheben, wenn sie die Finsterni des
Irrthums zerstreut haben.[250] -- Als Einsiedler mut du mit einem
aufrichtigen Herzen an Gott denken, an denjenigen Gott, der weder veralten,
noch ein Ende haben wird, welcher der Hchste ist, der Allen, die ihn
suchen, Verstand giebt; seiner sollst du allein gedenken.[251] -- Welchen
Vortheil hat man, wenn man die Vedas, Puranas und Shastras liest? Besser
ist allezeit an Brahma denken und also seine Seele bewahren, denn diese
wird immerdar bestehen, und der, durch welchen weie Flamingos, grne
Papageien und bunte Pfauen geschaffen wurden, der wird fr dich
sorgen.[252]

Soviel ber den indischen Monotheismus.

Was nun die kosmogonischen Philosopheme anlangt, so widersprechen sich
dieselben in den Veden und namentlich in den Puranas vielfach. Am reinsten
treten die Schpfungstheorien in den Veden entgegen, in welchen es heit,
da das Weltall durch den bloen Gedanken Brahmas entstanden sei: Er[253]
dachte, ich will Welten schaffen, und sie waren da! oder durch sein
Schpfungswort, welches -- wie spter in der Gnosis -- personificiert
erscheint. Im Rigveda erscheint +vch+, die Rede, als aktive Kraft Brahmas,
welche von ihm als Gttin ausgeht, als die hchste Weisheit und Knigin
aller Wissenschaft. Alle Wesen durchdringend erzeugte sie erst den als
Demiurg gedachten Brahma und ist mit dem Urwesen eins.[254]

Auch Origenes sagt[255], da die Brahminen sich die Gottheit nicht sowohl
als ein Licht denken, verschieden von Sonne und Feuer, sondern auch als
Wort (%logos%), gttlich und krperlich, als das Wort der Gnosis, durch
welches den Weisen die verborgensten Mysterien sichtbar wrden. Ja, ein
anonymer Indier uert sich in seinem Schriftchen +De Brahmanis+[256]:

+Nam verbum Deus est, hoc mundum creavit, hoc regit et alit omnia. Hoc nos
veneramur, hoc diligimus, ex hoc spiritum trahimus, siquidem ipso Deus
spiritus est atque mens.+

Diese und hnliche schon frher erwhnte Anschauungen liegen der schon
sptern spezifischen Logosidee zu Grund.

In Manus Gesetzbuch heit es ber die Schpfung:

    Zahllose Weltentwickelungen giebts, Schpfungen, Zerstrungen,
    Spielend gleichsam wirkt er dies, der hchste Schpfer fr und fr,

und in den Veden spielt der alles hervorbringende Brahma mit Maya, der
illusorischen Ideenwelt, und ruht gleichsam in der Mitte des Universum, wie
eine Spinne in ihrem Gewebe, alles aus sich selbst herausspinnend und
wieder in sich hineinziehend. An einer andern Vedastelle, wo von der
Schpfung gehandelt wird, heit es, da anfangs weder Sein noch Nichtsein
-- +sat+ und +asat+ -- gewesen, sondern das groe Es -- +tat+ -- oder
Brahma habe sich selbst erst zum Sein manifestiert, whrend die Maya oder
Tuschung rings um ihn in gestaltlosem Nebel als +asat+ oder +non Ens+
geschwebt habe.[257] Indem aber nun auf diese Weise das Urwesen sich selbst
im Spiegelglanz der Maya anzuschauen begann, ward durch seine Betrachtung
die Finsternis geteilt, und die Liebe in seinem Gemt wurde zur produktiven
Schpferkraft.

Im Upnekhata bildet sich die Welt aus einem Ei, woraus sich zunchst Brahma
als Makrokosmus in der Gestalt eines Menschen entwickelt. Zu seinem Krper
gehren selbst die Gtter, da alles eins ist, und wer ihn erkennt und ihn
versteht, der ist selbst Gott.[258]

Wenn in den indischen Kosmogonien ein Urstoff angenommen wird, so ist
derselbe je nach dem herrschenden Kultus verschieden, bei den Verehrern des
Schiwa das Feuer, und im Wischnukultus das Wasser. Im Ramayana heit
es[259]:

Alles war Wasser, dann wurde die Erde geschaffen, und darauf entstand der
selbststndige Brahma mit den Devatas.

In Manus Gesetzbuch wird gesagt[260]:

Als der Ewige und Unsichtbare, den nur die Vernunft ergrndet, aus seiner
eigenen gttlichen Substanz mannigfache Wesen hervorbringen wollte, schuf
er zuerst durch einen Gedanken das Wasser und that darein den
Zeugungsstoff. Dieser ward zu einem Ei, wie die Sonne glnzend, und in ihm
entwickelte sich der groe Urvater aller Geister, Brahma, die schaffende
Kraft des Ewigen, welche nach einem Schpfungsjahr allein durch den
Gedanken das Ei zertheilte, dessen beide Hlften sodann Himmel und Erde
bildeten.

Andere wieder halten die Luft oder -- besser gesagt -- den ther (+ksa+)
fr das erste Prinzip und betrachten ihn, wie spter die Griechen usw., als
ein fnftes Element, in welchem sich die Himmelskrper bewegen, seit sie
von der Hand des Schpfers den ersten Ansto erhielten.

In noch andern Kosmogonien waltet ein dualistisches Prinzip, insofern der
ewigen Materie ein ewiger Urgeist als Seele oder +sensorium commune+
gegenbergestellt wird, auf welchen die hchste Gottheit durch Bewegung
einwirkt. In diesem Sinne heit es in einem Purana[261]:

    Den Stoff und auch den Geist durchdrang von Anbeginn der Weltenfrst,
    Mit seiner Einheit Majestt bewegte sie der hchste Herr;
    Dem jungfrulichen Sehnen gleich, und wie des Frhlings Zephirhauch
    Verharrte in Bewegung dann Er, dieser Eingestaltige.

Eine Grundlehre der Brahmanen ist ferner, da Gott alle Dinge gut schuf,
und der Mensch als freies Wesen allein die Schuld an dem moralischen bel
trgt, insofern seine Seele eine Emanation der Gottheit ist.

Als Brahma das Schpferwort aussprach, entstanden die geistigen Urbilder
alles Lebens, deren Aufenthalt der ther ist. Sie sind vllig den Feruers
des Mazdeismus vergleichbar. Andere aus Brahma emanierende, den
Amschaspands, Izeds oder Engeln hnliche Wesen sind die Devs und Surs,
welche in der intelligiblen Welt ihre Freiheit genossen, bis einer von
ihnen -- +Mahsasura+, der Bffeldmon, -- aus Neid und Eifersucht von
Brahma abfiel, ihm hnlich gesinnte Geister verfhrte und dadurch der
Seligkeit verlustig ging. Hierauf schuf Brahma die materielle Welt, damit
in ihr die abgefallenen Geister durch Prfungen gelutert und erneuert
wrden. Die menschliche Seele ist das Ebenbild (+mrt+) der Gottheit, denn
sie ist vom gttlichen Atem belebt. Sie hat ihren Sitz im Gehirn, wo sie
wie die Luft in einem Gef eingeschlossen ist. Zerbricht die Form, so
vereinigt sich der menschliche Geist wieder mit dem gttlichen, gleichwie
ein in das Meer geworfenes Gef seinen Inhalt mit dem des Oceans mischt.
Die brigen Teile des Menschen lsen sich in die vier Elemente auf. Diese
Auflsung in fnf Bestandteile -- +panchatvam+, der Zustand von Fnfen,
denen die fnf Sinne als ebensoviel Thren dienen, welche man gegen die
Auenwelt verschlossen halten soll -- ist der Tod, der keine Vernichtung
ist, sondern eine stete Umbildung in neue Formen. Die endliche Vereinigung
mit der Gottheit sucht der Mensch dadurch zu erreichen, da er in strenger
Askese alle sinnlichen Einflsse auf sich abzuhalten sucht.

Das moralisch Bse wird als etwas Negatives, als das Nachlassen der
geistigen Kraft auf die Materie aufgefat, gegen welche das Gute als
Positives, als frei waltende Kraft fortwhrend zu kmpfen hat. Die Gtter
selbst gaben dazu durch ihre Bungen ein Vorbild.

Das Dasein des Menschen auf Erden ist eine Strafe und wie jedes Leiden und
Ungemach durch in frheren Daseinsstufen begangene Snden verschuldet, und
je weiter sich alles von der Quelle der Gottheit entfernt, desto mehr
verschlimmert es sich, weil die Gesetze der Emanation und Evolution es mit
sich bringen, da die Kette und der Kreis aller Wesen sich je lnger je
mehr vom Mittelpunkt entfernt. Das Bse wrde demnach bei seinem
beharrlichen Sinken keine Aussicht auf eine Rckkehr zum Gttlichen haben,
wenn die Gottheit nicht selbst dazu ein Mittel gegeben htte. Sie hat, sich
gewissermaen zum Fatum -- Karma -- gestaltend, nicht nur jedem Einzelwesen
ein besonderes Ziel in einer Einzelexistenz -- Incarnation -- gesteckt,
sondern vergnnt ihm auch in wiederholten Existenzen -- Reincarnationen --
auf die Erde herabzukommen, um sich in ihnen zum endlichen Rckflu in die
Gottheit zu lutern. -- Durch die Kenntnis dieses Gesetzes erhlt der
Mensch die Richtschnur fr sein Denken und Handeln.

Die Weltendauer ist auf 12000 resp. 432000 Jahre beschrnkt, nach deren
Verlauf alles Bse vernichtet wird, wenn die Gottheit abermals erscheint,
die materielle Welt zerstrt und ein allgemeines Reich des Geistes
einfhrt.

Es heit in den Veden: Was kann die Welt fr Freude gewhren, wo Alles
sich verschlimmert? Knige sind gefallen, Strme versiegt, Berge versunken.
Der Pol selbst hat seinen Ort verndert; Sterne sind aus ihrer Bahn
gewichen, die ganze Erde ist von ihrer Bahn heimgesucht und die Geister
selbst vom Himmel geschleudert worden. Darum mu alles Sein
dahinschwinden, und das Ramayana[262] ergeht sich in folgenden
Betrachtungen:

    So wie die reife Baumesfrucht im Augenblicke fallen kann,
    Mu dir, o Mensch, dein Erdenziel bestndig in Gedanken sein;
    Denn wie veraltet ein Gebu, so fest es war, in Trmmer fllt,
    So welkt der Sterblichen Geschlecht dem Tode unaufhaltsam zu.
    Es kehret nimmermehr zurck die Nacht, wenn einmal sie verschwand,
    Und mit des Ganges Wasser mischt ohne Rast sich Yamuna.
    Es schwinden unsre Tage hin, und aller Wesen Lebenshauch
    Ist wie ein Dunst zur Sommerzeit, den aufwrts zieht der Sonnenstrahl,
    Zur Seite wandert uns der Tod, kehrt ein mit uns von Jugend auf.
    Und wendet sich mit uns zurck, wenn wir am hchsten Ziele sind,
    Wenn grau das Haar geworden ist, wenn eingeschrumpft die Glieder
        sind. --
    Es freuen sich die Menschen hier, wenn auf- die Sonn' und untergeht:
    Es sollte Warnung ihnen sein, da Alles auf- und untergeht:
    Sie freuen sich der Frhlingszeit, wenn Alles jung und neu erscheint:
    Ach, wie das Jahr die Zeiten rollt, so schwindet auch das Leben hin! --
    Wie dort am Lotosblatte sich ein Tropfen Thaues zitternd hlt,
    So ist dem steten Falle nah des Menschen zitternd Erdenglck,
    Und wie im groen Ocean ein Splitter Holz den andern trifft,
    So treffen hier auf Erden sich die Wesen einen Augenblick.

Der ausgesprochene Pessimismus der indischen Religionsphilosophie lt, wie
bekannt und bereits gesagt, die irdische, materielle, sublunarische Welt
ein bel sein, welches steter Vernderlichkeit und stetem Wechsel
ausgesetzt ist, whrend darber hinaus stete Ruhe und Seligkeit herrscht.

Diese dem Wandel unterworfene Sinnenwelt zerfllt in drei Abteilungen nach
den drei Dimensionen des Raumes. In diesen drei Abteilungen sind vierzehn
Klassen von Wesen verteilt nach den drei Grundkrften, mit denen die Natur
wirkt. Denn gleichwie der Zusammenflu von drei Strmen nur einen bildet,
oder wie durch Vereinigung von l, Docht und Flamme das Licht entsteht, so
wirken die drei Grundkrfte durch Vereinigung der feindlichen Gegenstze zu
einem Zwecke hin. Die drei Grundkrfte sind folgende:

1. +Tamas+, Finsternis, Unwissenheit und niedere Selbstsucht, bei welcher
das Gewissen und die Scham wegen bser Handlungen eintritt.[263] Diese
Eigenschaft ist in Erde und Wasser vorherrschend, weil diese Elemente
abwrts streben. Zu ihr gehren fnf Abteilungen der untersten Weltzone,
die Tierwelt und die leblosen Krper. Deshalb findet auch bei Menschen, in
denen diese Eigenschaft vorherrscht, die Metempsychose in niedere
Tierkrper statt, soda die grten Snden wie Ehebruch, Zerstrung
religiser Gebude die Seelenwanderung in die niedersten Tierkrper, ja
sogar den bergang in Pflanzen und Mineralien nach sich zieht.

2. +Maya+, die Tuschung oder der Schein. Dieselbe herrscht in der Luft vor
und ist beim Menschen ein passiv-leidenschaftlicher Zustand, in welchem die
Vernunft gefangen genommen ist. Bei ihm findet eine Metempsychose in
menschliche oder hchstens bermenschliche Wesen niederster Gattung statt.
Sie hat in der mittlern, nur von einer Wesensreihe -- der menschlichen --
bewohnten Weltzone die Oberhand. In ihr herrscht die Leidenschaft, weshalb
sich der Mensch gegen dieselbe wappnen und seine Sinne beherrschen soll.

3. +Satya+, die Wesenheit, Wahrheit, Tugend. Sie herrscht im Feuer vor,
weil dieses nach oben steigt. Bei dem Menschen ist sie die harmonische
Wirksamkeit aller Seelenkrfte und das Streben nach dem Guten und Wahren,
bei dessen Obwalten bei der Metempsychose eine bestndige Vergttlichung
stattfindet, hnlich wie sich der Neuplatoniker Hierokles in folgenden
Versen ausdrckt[264]:

    Dann wirst du froh in den reinen ther dich singend erheben,
    Vom Tod auf ewig befreit, bist du unsterblicher Gott dann!

Bevor aber die Seele, wie es in der Bhagavadgita heit[265], nach dem
zerrissenen und abgenutzten Gewand ein neues anzieht oder vom Mund zum
Himmel sich erhebt, mu sie vor den Totenrichter Yamas kommen, der ihr das
Verzeichnis ihrer Thaten vorliest, worauf sie in dem Fall, da in ihrer
Incarnation die Snde vorherrschte, eine Zeit lang ohne krperliche Hlle
in verschiedenen Hllen ben mu. Dieselben sind Fegefeuer mit furchtbaren
Einrichtungen, wie glhende Betten, Schlammgruben&c., zur Peinigung der
sndigen Seelen. Erst wenn eine solche Seele je nach dem Grad ihrer
Sndhaftigkeit eine grere Anzahl Hllen durchwandert hat, kann sie einen
neuen Krper anziehen und behufs ihrer Besserung den Weg der Reincarnation
weiter beschreiten.

Die Guten kommen direkt in das Paradies Indras, wo sie in seliges
Anschauen, in Ekstase versinken.

In der sogenannten Theosophie oder dem esoterischen Buddhismus ist
unendlich viel von den sieben Grundteilen des Menschen die Rede, ohne da
jedoch im Entferntesten diese Lehre etwas dem Buddhismus oder der indischen
Religionsphilosophie Eigentmliches wre. Im Gegenteil finden wir bei allen
philosophischen, religisen und occultistischen Lehren, die auf
pantheistischer Grundlage ruhen und ein Emanieren der Seele aus Gott
annehmen, ein Zerlegen des nicht krperlichen Menschen in mehrere,
keineswegs stets sieben Grundteile; im Gegenteil ist die Zahl derselben
eine sehr schwankende. Der Annahme mehrerer Grundteile des bersinnlichen
Menschen liegt die Folgerung zu Grund, da die eigentliche als Teil der
Gottheit emanierte Seele weder leiden noch sndigen knne. Darum giebt man
ihr noch mehrere mehr oder weniger niedere Grundteile bei, um Leiden,
Snde, Leidenschaft usw. erklren zu knnen. Damit ist die Annahme eines
Astralkrpers als therisches Grundschema des Menschenleibes eng verbunden.
Ich werde die Ausbildung dieser Anschauungen verfolgen und will hier
einstweilen nur bemerken, da die Theosophie eine Entwickelung oder
Sublimation der sieben Grundteile aus dem Stoff heraus und empor analog der
Entwickelung des Menschen aus dem Urschleim annimmt, um den Umstand
erklren zu knnen, da in manchem Menschen der gttliche Funke total fehlt
oder nur ganz rudimentr entwickelt ist, wie beim Idioten, Verbrecher usw.
So ist bei dem Menschen der westlichen Kultur nach theosophischer
Anschauung erst der fnfte Grundteil entwickelt, bei den hochbelobten
Mahatmas der sechste und erst bei den verschiedenen Buddhas und Christus
-- ein hirnverbrannter Theosoph zhlt neunzehn Christus auf -- ist der
siebente Grundteil ausgebildet. -- Die als die geistigste aller geistigen
Lehren und uralt gepriesene Theosophie ist also durchaus materieller
Natur und modernsten Ursprungs.

Die theosophische Anschauung entstammt der Sankhyaphilosophie, welche
zwischen einer spirituellen und einer sensitiven Seele oder einer Art
Astralkrper unterscheidet. Die Grnder der Theosophie haben dann aus den
verschiedensten Geheimlehren Brocken aufgelesen, die Lebenskraft
hinzugethan und endlich, um der mystischen Zahl Sieben Genge zu thun,
sieben Grundteile glcklich herausgebracht. Davon, da Paracelsus und
Agrippa von Nettesheim wie Helmont wirklich sieben Grundteile annahmen,
wuten sie kein Wort, das habe _ich_ erst entdeckt und Herr Franz Hartmann
in seinem Paracelsus verwendet. Spter wies Herr Franz Lambert die Annahme
von sieben Grundteilen bei den gyptern und in der Kabbala nach, was
indessen ebenso wie meine Entdeckungen fr die Echtheit der Theosophie gar
nichts beweist, als da in den ersten beiden Jahren des Bekanntwerdens der
Blavatskosophie in Deutschland ein Jagdfieber nach Grundteilen herrschte.
Das Zusammentreffen ist ein rein zuflliges und eine durchgehende
esoterische Annahme von sieben Grundteilen im Menschen ist nicht im
Entferntesten vorhanden. Ich werde den Nachweis fhren. Mit der
durchgehenden Annahme von sieben Grundteilen aber, die sich einer aus dem
andern entwickeln, steht und fllt die ganze Theosophie.

Nach der Sankhyaphilosophie also sind zwar die Seelen aus dem Urgeist --
Atma -- geflossen, aber wir mssen sie mit Perlen vergleichen, die an eine
Schnur gereiht sind. Ein jeder Krper hat seine individuelle Seele, weil
sonst jeder Einflu auf alle zusammen wirken wrde, und ebenso hat auch
jede Seele ihre Vollkommenheiten und Schwchen, gerade wie eine jede der
auf der Schnur verteilten Perlen. Die geistige, lebende, selbstbewute
Seele -- +jva+, +buddhi+ -- ist umhllt mit einem feinen Leib aus dem
feinsten materiellen ther. Derselbe ist das, was die spteren Philosophen
+anima sensitiva+ -- bei den Indiern +manas+ -- nannten, welches der Sitz
der Neigungen und Leidenschaften der Menschen ist, und welchen man durch
die geistige Seele, die Vernunft, +buddhi+, beherrschen mu. Die +anima
sensitiva+ fhrt auch den Namen +skshmasarra+, feiner Krper -- also
Astralkrper -- und ist der Sitz des Selbstbewutseins; derselbe wird durch
innere und uere Eindrcke angeregt, ist aber des sinnlichen Genusses so
lange unfhig, bis er von einem materiellen Krper umgeben ist. -- Derselbe
-- +sthlasarra+ -- besteht aus den Elementen, wird durch die Zeugung
fortgepflanzt und ist sehr vergnglich, whrend der feine Krper
dauerhafter ist und sich durch eine Reihe von Generationen hindurchzieht,
gleich wie derselbe Schauspieler die verschiedenen Rollen seines Repertoirs
spielt. Endlich aber wird der feine Krper im ther aufgelst, whrend
die Vernunft -- +buddhi+ -- in der Gottheit aufgeht, ohne dabei ihre
Individualitt zu verlieren. Dies ist die ewige Seligkeit, die Auferstehung
in der Lichtwelt.

Nach der Lehre der Brahmanen ist die eigentliche Aufgabe des hheren
geistigen Lebens die Contemplation und Meditation, bis die Seele ganz und
gar dasjenige erreicht, womit sie sich ausschlielich beschftigt. Indem
sie sich mit allen Krften in die Natur dessen, womit sie sich beschftigt,
versetzt und darin aufgeht, so mu sie die ganze Kraft ihres Willens dahin
richten, den Gebrauch solcher Mittel zu ben, welche einen derartigen
magisch-mystischen Rapport hervorrufen, um durch stufenweise Einweihung und
fortschreitende bung jene mystische Vollendung zu erreichen, in welcher
ihnen Brahma selbst erscheint und sich mit ihnen vereinigt.

Diese Mittel sind Bue und strenge Askese. Um die Seele ganz von dem
Irdischen loszulsen und sie in vllige Freiheit zu setzen, mu der Yogi
genannte Asket allen natrlichen Verhltnissen entsagen, sich gnzlich von
der Welt zurckziehen und allem Umgang mit Menschen entsagen, durchaus
keusch leben und streng fasten. Auch scheint ein anhaltender Aufenthalt im
Dunkeln und eine berladung des Bluts mit Kohlensure, herbeigefhrt durch
systematisch verlangsamtes Atmen, die Yoga zu befrdern. Unbedingter
Gehorsam gegen den Fhrer -- Guru -- auf den ansteigenden Stufen der Yoga
ist ebenfalls unbedingt erforderlich, um die vollkommene Ruhe der Seele zu
erlangen, ebenso wie der Leib ganz ohne Bewegung, dem Holze gleich, ohne
Empfindung und Regung festgehalten und alle seine Pforten der natrlichen
Ausgnge verschlossen gehalten werden mssen.

brigens kommen in Manus Gesetzbuch mehrere Stellen vor, welche noch
uere Mittel nennen, die zur Erreichung des inneren Schauens mithelfen
sollen, wie das Schauen in Feuer, Sonne oder Mond -- also Autohypnose --
Opfer, Gesnge und endlich der berhmte Somatrank. Der Somatrank gilt als
unerllich zur Vollendung der Yoga und soll in jenen magischen Zustand
versetzen, in welchem die Yogis sich ber alle Welten erheben und -- mit
Brahma vereint -- das All durchschauen. Nach Decandolle ist der Somatrank
der Milchsaft der +Asclepias acida+ (+Cynanchum viminale+), und der
genannte Botaniker spricht sich ber denselben folgendermaen aus: Dieser
Saft ist scharf und reizend und kann in grerer Gabe leicht giftig werden,
und in manchen Fllen werden die Nerven wie von narkotischen Mitteln
afficiert, die besser als erstarrend bezeichnet werden knnen, da sie die
Bewegungsthtigkeit der Nerven hemmen, ohne einen betubenden Schlaf
hervorzurufen. hnlich sagt Windischmann in seinem bekannten Werk ber die
Anwendung des heiligen Trankes, da der Genu des Somatrankes schon in
lterer Zeit als ein heiliger Akt und gleichsam als ein Sakrament
betrachtet wurde, wodurch die Vereinigung mit Brahma bewirkt werden sollte,
leuchtet aus mehreren Zeugnissen der indischen Schriften ein; fter heit
es: Paradschapati selbst trinke diese Milch, die Essenz aller Nahrung und
Wahrnehmung, die Milch der Unsterblichkeit.

Oben wurde der eigentmlichen Methode, durch systematisch gehemmtes Atmen
das Blut mit Kohlensure zu berladen und so ekstatische Zustnde zu
erzeugen, gedacht. Nach dem Oupnekhata ist der Vorgang folgender: Voraus
geht ein Gebet:

Brahma ist ein unvergngliches Wesen, reines Licht in einer heiligen
Wohnung, und so ist auch die denkende Seele eine Offenbarung jener
lichtausstrahlenden Kraft. Ich sinne im Geiste jener Lichtkraft -- Brahma
-- nach, durch ein verborgenes Licht geleitet, das in mir selbst wohnt, und
durch das ich denke, welches in meinem Herzen ist. Der allerhchste Brahma,
der die sieben Welten erleuchtet, wolle meine Seele mit ihrem Lichte
erleuchten.

Dann heit es weiter:

Um die weie Magudschi (Betrachtung) zu machen, soll man sich auf eine
viereckige Basis setzen, auf die Fersen nmlich, und dann die neun Pforten
verschlieen. Die beiden untern durch die Fersen, die Ohren durch die
Daumen, die Augen durch die Zeigefinger, die Nase durch die mittleren, die
Lippen durch die vier andern Finger. Die Lampe im Gef des Krpers wird
dann bewahrt vor Licht und Bewegung, und das ganze Gef wird Licht. Wie
die Schildkrte mu der Mensch alle Sinne in sich hineinziehen, das Herz
dann in der Mitte der ffnung hten, dann wird Brahma in ihn eintreten als
Feuer, Blitz. In dem groen Feuer in der Herzffnung wird eine kleine
Flamme aufwrts lodern, und in ihrer Mitte Atma sein. Und wer alle
weltliche Lust und ihre Weisheit in sich zerstreut, wie ein Habicht ist er
durch die Fden des Netzes gebrochen und ist mit Brahma eins geworden. Wie
die Flsse, nachdem sie einen groen Raum durchlaufen, eins werden mit dem
ungebundenen Meer, so diese sich absondernden Menschen; sie werden selbst
Brahma, selbst Atma. Im Groen der Groen und der Groe der Groen ist mit
seinem Lichte Alllicht; wer ihn als Brahma erkennt, wird Brahma.
Hunderttausendmal hunderttausendfaches Sonnenlicht reicht nicht an das
Licht dessen, der Brahmatma geworden ist. Atma selbst zeigt ihm seine
Gestalt. Eben darum gelangt nicht jeder zu dieser Hhe, weil Atma ihre
Sinne von sich treibt, da sie nur ueres sehen. Wer daher diesen Weg zu
Brahma einschlgt, mu aller Welt und Lust entsagen, die Scham nur
bedecken, einen Stock nur fhren und so viel Almosen nehmen, als zur
Fristung des Lebens nothwendig ist. Dies thun aber nur noch die Kleineren;
der Groe wirft Gef und Stock weg und liest auch nicht die Oupnekhata.
Brahma erkennt die Luft als seine Decke; er heftet sich an nichts, er ist
nicht geschieden und nicht gebunden mit irgend etwas; fr ihn ist nicht Tag
und nicht Nacht, nichts als Atma, und Brahma ist ihm Alles.

Analog heit es in den Upanischads:

Das Herz wandelt in der Zeit des Wachens an Orten, wohin das Auge, das Ohr
und die andern Sinne nicht gelangen und gewhrt schon so ein groes Licht.
Ebenso wandelt es im Traume an entlegene Orte und zndet den andren Sinnen
ein groes Licht an. Im tiefen Schlaf ist es eins und ungetheilt und hat
nicht seines Gleichen im Leibe; es ist das Princip aller Sinne. Der Fhige
vollbringt seine Werke mittelst des Herzens, und der Erkennende erkennt
durch das Herz, auch ist es der Beweggrund aller Opfer. Es ist die Leuchte
des Leibes und der Mittelpunkt desselben und aller Sinne Mitte. In ihm
wohnt die Erinnerung und alle berlegung. In seinen Banden ist der
vergangene, gegenwrtige und zuknftige Zustand der Welt, alles
Vergngliche; es selbst aber ist unvergnglich. In der Herzhhle wohnt die
unsterbliche Person nicht grer als ein Daumen, in der Mitte des Geistes,
diese Person ist klar wie eine rauchlose Flamme. In dieser Hhle ist
Brahmas Wohnung, eine kleine Lotosblume, ein kleiner Raum, der von
therischem Licht erfllt ist. Was das sei, was darin ist, sollte erforscht
und erkannt werden. Derselbe ther, wie er auen ist, ist auch innerhalb
jenes kleinen Raumes im Herzen und in ihm sind Himmel und Erde enthalten,
und das Feuer und der Wind, und Sonne und Mond, und der Blitz und die
Gestirne. Alles ist und ist nicht an diesem Ort. Und wenn Einer sagt, da
hierin Alles enthalten ist und alles Verlangenswerthe, was bleibt dann
brig, wenn Brahmas Wohnung, welche im Herzen ist, altert und vergeht?
Darauf mu erwidert werden: jener zarte ther altert nicht und wird nicht
getdtet mit dem Leibe. Er ist wahrhaftig und Brahmas Wohnung, in welcher
Alles enthalten ist. Er ist der Geist, von allem bel weit entfernt, dem
Alter, der Krankheit, dem Tode nicht unterworfen. Wer diesen Atma nicht
erkennt, geht aus der Welt und in alle Welten, seiner nicht mchtig, und
zieht aus, den Lohn der Werke zu empfangen, der ihm gebhrt. Die aber von
hier weg gehen, den Geist erkennend, die gehen ihrer und ihrer Wnsche
mchtig und empfangen ewigen Lohn. Wem der Schleier der Unwissenheit und
des Irrthums vom Herzen genommen wird, wer die Gestalt des zarten thers
angenommen hat, dem ist alles Wnschenswerthe gegenwrtig. Wie der
Nichtwissende ber einen in der Erde verborgenen Schatz wegschreitet und
ihn nicht findet, so wissen die Menschen nicht, wohin sie gehen und mit wem
sie alle Tage zusammenkommen, wenn sie -- in tiefen Schlaf versinkend --
wirklich zu Brahma eingehen und einkehren in jenen innern ther. Wer aber
den Geist erreicht, der sieht, wenn er auch uerlich nicht sieht, der wird
gesund, wenn er auch krank ist. Ihm wird die Nacht zum Tag, das Dunkel zum
Licht, er ist sich offenbar, und diese offenbare Gegenwart ist die Welt
des Brahma selbst. Wer sie gewinnt, der ist aller Orten und auf alle
Weisen, wie er will, zu jeder Zeit; wenn er sich von aller Anhnglichkeit
an die Sinnenwelt geschieden hat, ist er wahrhaftig.

Nach Manus Gesetzbuch hat die Seele drei Zustnde der Erkenntnis: das
Wachen, der Traumschlaf und die durch die Yoga hervorgerufene Ekstase.

Das Wachen in der uern sinnlichen Welt gilt den Indiern nicht als ein
wahres Erkennen, denn Unwissenheit und Bethrung walten vor wegen der
Anhnglichkeit an uere Dinge und der Begierde nach deren Besitz. Daher
die Habsucht, die Anhnglichkeit an das Vergngliche und sinnlich
Handgreifliche, das Trachten nach falschen Gtern, die Unbestndigkeit und
das Gemisch von gut und bse, hohem und niedern, Laster und Tugend, Tier
und Mensch. Dieser Zustand entspricht der Finsternis nach den verschiedenen
Stufen vom ersten Erwachen ins irdische Dasein bis zur Intelligenz und
allem Raffinement in den Knsten und Wissenschaften.

Im Traumschlaf herrscht noch der Sonnendienst in Bildern; die Seele schwebt
noch im Dmmerlicht in Bewegung zwischen Freude und Leid, Liebe und Ha,
zwischen Khnheit und Furcht vor Gefahren. Das ganze Leben ist ein
Traumleben voll Eitelkeit, ohne je das wahre Ziel zu erreichen; jedoch ist
es schon der bergang zum wahren Erwachen in Brahmas Welt.

Die Ekstase ffnet erst das wahre Licht der Erkenntnis, und das rechte
Wachen ist ein Schauen eines dem gemeinen Auge unsichtbaren unzugnglichen
Lichtes. Hier wird erst das innere Auge aufgeschlossen, und das Sehen ist
nicht mehr das sinnliche, dem Zufall und dem natrlichen Licht
preisgegebene verwirrbare, sondern es ist das Hellsehen, das Durchschauen
der Dinge. -- Die Ekstase hat aber verschiedene Grade des innern Erwachens,
in welchem die Yogis in tiefen Schlaf versenkt und wie die im Traumschlaf
Befangenen der Welt entrckt sind, und in den niedern Stufen herrscht
Ohnmacht und Ruhe und halbaufgeschlossener innerer Sinn wie im
Traumschlafe. Alle Menschen verfallen tglich in diesen Zustand, aber
daraus zurckgekehrt wissen die wenigsten etwas davon und fallen beim
Erwachen in die uere Welt wieder der Unwissenheit anheim.

Nach einer Erzhlung der Upanischads antwortete ein Rischi auf die Frage:
wer wohl der Grere sei, der wache, der Trume schaue, und wo der Ort der
Wonne sei? auf folgende Weise: Wenn die Sonne untergeht, gehen ihre
Strahlen in den Kern zurck; auf dieselbe Weise gehen die Sinne in Manas
(den Allsinn) zurck. Die Person sieht nichts, hrt nichts, riecht nichts,
schmeckt und fhlt nichts, fat nichts mit der Hand und hat keine
Lustbegierde, eine solche Person ist in Supta (im Schlafe). Aber innerhalb
der Stadt des Brahma (im Leibe des Schlafenden) sind dann die fnf Pranas
leuchtend und wach. So lange die Pforten des Leibes noch offen stehen und
das Herz in den Regionen der uern Sinneswelt umherschweift, erwacht keine
wesentliche Selbstheit, denn die Sinne stehen dann geschieden und
vereinzelt. Werden sie aber in das Herz hineingezogen, so gehen sie
Gemeinschaft ein, und der Mensch erreicht sich selbst im Licht jener
Pranas, er ist bei verschlossenen Pforten des Leibes und im tiefen Schlafe
-- auch bei vlliger Erstarrung und Unempfindlichkeit -- innerlich wach und
geniet die Erkenntnis des Brahma an jedem Tag und zur Zeit des seligen
Schlafes. Da sieht er dann, was er im Wachen that, und sah an jedem Ort
Alles aufs Neue. Er sieht Alles insgesammt, Gesehenes und Nichtgesehenes,
Gehrtes und Nichtgehrtes, Gewutes und Nichtgewutes, und weil Atma
selbst Urheber aller Handlungen ist, so verrichtet er nun im Schlaf
gleichfalls alle Handlungen und nimmt seine ursprngliche Gestalt wieder
an. Um dahin zu gelangen, mssen die Sinne und die Sinnenlust verschlossen
sein, auch innerlich im Leibe mu diese Macht in die Pfortader eintreten
und der Galle den Ausflu verschlieen, denn das Manas bindet in dieser
Zeit jene Ader, welche der Weg der Begierde ist, und der Schlafende sieht
dann keinen Traum mehr, sondern er wird dann ganz Atma, lichtartig, und
sieht die Dinge, wie sie sind. Er wirkt vernnftig und vollbringt Alles. Er
wird mit Brahma Eins.

    Wie Strme rinnen und im Ocean,
    Aufgebend, Name und Gestalt, verschwinden,
    So geht, erlst von Name und Gestalt,
    Der Weise ein zum gttlich hchsten Geist.

So viel ber Kosmogonie, Mystik&c. der Inder.

Ich wende mich nun zur indischen Astrologie, ber die ich in meinen
Geheimwissenschaften schon Einiges sagte.

Eine jede sabische Religion ist aus der Beobachtung der Gestirne
erwachsen, und es gehrt zum Glauben der hierhergehrigen Kulte, da die
Himmelskrper die Geschicke der Menschen bestimmen. Deshalb ist und bleibt
die Astrologie die Mutter der Astronomie. Es ist ein tiefeingreifender
Glaube der sabischen Religionen, da die Gestirne belebt, da sie entweder
gttliche Wesen an sich seien, deren Pfad am Himmel die Milchstrae
darstellt, weshalb diese bei den Indern sowohl die Sternenbahn, als auch
die Gtterstrae und der Weg der Frommen genannt wird, oder da wenigstens
die Seelen der Tugendhaften aus ihnen strahlen, so lange ihr Verdienst
whrt, dann aber als Sternschnuppen herabfallen, um abermals in irdische
Krper gebannt zu werden. So sagt Matalis zu Arjunas: es sind Fromme,
welche du in Sternengestalt auf der Erde gesehen hast! und diese
Vergleichung mit einem gefallenen Stern bei den indischen Dichtern findet
nach dieser Ansicht erst einen tiefen Sinn. hnlich war die Vorstellung bei
einigen Griechen; denn bei Aristophanes heit es ausdrcklich, da die
Seele zum leuchtenden Stern werde, und auch Origenes kann sich von diesem
Stern kaum losreien.

Werden aber die Gestirne mit diesem Interesse betrachtet, so mu die
Astrologie in dem ursprnglichen Sinn der Astrognosie gar bald ein
unzertrennlicher Teil der Religion werden, und die Beobachtung mu sich auf
die Himmelskrper mit gesteigertem Anteil lenken, um womglich ihre ewigen
Gesetze zu berechnen und die scheinbar regellos zerstreuten Funken in eine
kosmische Symmetrie zu bringen.

Die Beobachter waren Priester, durch Mue, hhere Bildung, Kastenverbindung
und Beruf am ersten angewiesen, auf alles, was Religion betraf, aufmerksam
zu sein, und so konnte es auch der oberflchlichsten Beobachtung nicht
entgehen, wie die alles belebende Sonne als Hauptgottheit des Sabismus im
Laufe der Jahreszeiten ihren Einflu zugleich mit der anscheinenden Bahn
vernderte, wie die Sterngruppen zu ihrer Stellung wechselten, und
besonders der Mond eine regelmige Wanderung zu machen schien am
unermelichen Himmelsgewlbe, bald dieses, bald jenes Gestirn begrend,
bald im vollen Glanz, bald unscheinbar und ganz verschwindend.

Im Geiste des Orients hllte man die beobachtete Regelmigkeit in populre
Allegorien ein, teils um die Mitteilung der Erfahrungen zu erleichtern,
teils um dem Volke den geglaubten Einflu jener glnzenden Krper auf die
Erde bemerklich zu machen.

Dies war der Ursprung der Astrologie.

Fortgesetzte Beobachtungen muten bald neben Sonne und Mond noch fnf
Planeten entdecken lassen, und wirklich geht die Bekanntschaft mit
denselben ber die uns bekannte Geschichte hinaus. Bereits Homer kennt die
Venus, whrend die Chalder besonders Jupiter und Mars verehrten, und aus
keinem andern Grund geniet die mystische Zahl Sieben eine solche
Verehrung, als aus Rcksicht auf die Zahl der Planeten.

Bei den Indern ist die Siebenzahl hochheilig und spielt in den Mythen eine
sehr bedeutende Rolle; dabei will ich nur an die sieben heiligen Rischis,
die sieben Rosse des Surya, die sieben Zungen des Agnis, an den
siebenkpfigen Drachen und an die sieben Reinigungshllen erinnern.

Die Planeten werden in den ltesten heiligen Schriften der Indier genannt,
und es giebt sogar besondere Gebete an sie. Venus ist eine mnnliche
Gottheit; sie und Merkur sind glckliche Sterne und stehen wie Jupiter,
der Lehrer der Gtter, in hohem Ansehen. Hingegen ist Saturn, der
Langsame (+Sanis+), unheilbringend; ihm ist der Rabe gewidmet, welcher
allenthalben als ein Anzeichen des Unglcks, der Trennung und der Regenzeit
erscheint.

Die Wochentage werden folgendermaen unter die Planeten verteilt:

  1. Sonntag     Tag des +Sryas+ (Sonne).
  2. Montag       "   "  +Chandras+ (Mond).
  3. Dienstag     "   "  +Mangalas+ (Mars).
  4. Mittwoch     "   "  +Buddhas+ (Merkur).
  5. Donnerstag   "   "  +Vrihaspatis+ (Jupiter).
  6. Freitag      "   "  +Sukras+ (Venus).
  7. Sonnabend    "   "  +Sanis+ (Saturn).

Der Sonntag war der heiligste Tag; er war der Schpfungstag unter dem
Meridian von Lanka, und mit ihm -- um Sonnenaufgang -- beginnt die Kalpa
oder eine neue Weltperiode.

Die Indier haben einen doppelten Tierkreis, insofern derselbe nmlich
sowohl in die zwlf Bilder der Ekliptik, als in achtundzwanzig
Mondstationen geteilt ist.

Die Indier nennen den Zodiacus Gestirnkreis (+jyotishimandala+) oder
Zeichenrad (+rsichakra+), und die Bilder kommen sowohl in den Veden, als
im Ramayana und Bhagavadgita vor. Sie sind ursprnglich einfache
Kalenderzeichen und beziehen sich auf die klimatischen Verhltnisse, von
denen die drei bedeutsamsten Zeichen auf eine periodische berschwemmung
hinweisen. Diese sind:

Der _Steinbock_, welcher eine Doppelgestalt, halb Bock, halb Fisch,
besitzt. Aratus gedenkt des Fischschwanzes noch nicht, wohl aber
Eratosthenes, welcher ihn nach gelufigen Ideen Pan nennt. Bei den Indiern
ist er eigentlich ein Delphin (+makara+) und wird dann mit einem
Seeungeheuer, welches dem Gotte Varuna geweiht ist, am gewhnlichsten mit
einem Krokodil, verwechselt. Die Bildung des ausgehenden Fischschwanzes
kommt hier hufiger vor, unter andern bei der Matsyavatara des Wischnu; um
aber das Steigen des Wassers recht anschaulich zu machen, fgt die indische
Sphre das Bild einer Gazelle hinzu.

Der _Wassermann_ giet aus seiner Urne Strme Wasser aus, und schon
Eratosthenes meint, er scheine seinen Namen von der That zu haben. Im
Sanskrit heit dieses Zeichen Krug (+kumbha+), welcher in der Hand des
Wassermanns die auffallendste hnlichkeit mit den gyptischen Canopuskrgen
darbietet. Nach dem periodischen Regen zur Zeit, in welcher die Sonne im
Zeichen des Wassermannes steht, folgt im dritten Monat der Regenzeit das
vllige Wachsen der Strme, welches

die _Fische_ andeuten, deren Mythus sich unwandelbar an die syrische Gttin
Atargatis -- Derketo -- knpft. Im nchsten Monat ist das Wasser so weit
abgelaufen, da man im Zeichen des

_Widders_ das Kleinvieh wieder auf die Weide treiben kann. Der Widder wird
bald als der des Bacchus in Libyen, bald als der des Phrixus und der Helle
aufgefat und wiederum mit Jupiter Ammon in Verbindung gebracht. Sein
Charakter als Zeichen der Frhlingsnachtgleiche wrde auf ein Entstehen des
Tierkreises um etwa 560 v.Chr. hindeuten.

Der _Stier_ ist das natrlichste Zeichen, da im Frhling das Feld
bestellt werden mu; auerdem ist auch in Bezug seiner Reihenfolge auf den
Widder zu beobachten, da im Frhling nach den Schafen die Rinder werfen.
gyptische Mythen beziehen den Stier auf den Apis; mit grerem Recht haben
wir wohl an den zoroastrischen Urstier, Moloch&c. zu denken.

Die _Zwillinge_ erscheinen auf der indischen Sphre getrennten Geschlechts;
jedoch erscheint diese Darstellung jnger als die griechischen Mythen,
welche in diesem Sternbild die Dioskuren, Triptolemus und Jasion, Zethus
und Amphion, Herkules und Apollo sehen. Bemerkt sei noch, da sich anstatt
der menschlichen Zwillinge, auf welche sich jedoch schon die Asvinau der
Indier in den epischen Gedichten zu beziehen scheinen, in indischen
Darstellungen zwei Gazellen finden, und das ganze Bild somit die im
Frhling ppig grnende Natur anzudeuten scheint.

Die Darstellung des folgenden Zeichens durch einen _Krebs_ ist zwar
allverbreitet und uralt, unterliegt aber doch wohl ursprnglich einer
falschen Deutung, insofern die ltesten Darstellungen der gyptischen und
indischen Sphre nicht einen Krebs, sondern den der Sonne geheiligten
Scarabus darstellen, welcher jedoch erst in spterer Zeit als
Solstitialzeichen dem Anubis beigesellt wurde.

Die griechische Mythe lt den Krebs aus dem lernischen Sumpf hervorgehen
und den Herkules bei seinem Kampf gegen die Schlange am Fue verwunden.
Diese Mythe entstand hchst wahrscheinlich erst aus dem Sternbild selbst,
um so mehr, als Taschenkrebse -- denn einen solchen stellt das Sternbild
vor -- nur im Meere leben. -- In spterer Zeit erklrt Makrobius den Krebs
aus der abnehmenden Deklination der Sonne, nachdem sie den
Sommersolstitialpunkt erreicht hatte.

Auf der alten Sphre bezeichnet der _Lwe_, das Sinnbild der Kraft, den
ursprnglichen Kulminationspunkt der Sonne, und hierauf beziehen sich die
diesbezglichen Mythen wie vom nemeischen Lwenusw.

Die _Jungfrau_ mit der hre (+Spica+) ist an sich klar das Bild der Ernte
und kann sich, da dem gesamten Altertum das Bild einer Frau als Schnitterin
fremd ist, nur auf die Erde als Gttin beziehen, welche ihre Gaben spendet.
Darauf beziehen sich auch die schwankenden Mythen, welche bald auf Dike,
bald auf Astra, Isis usw. abzielen.

Bekannt ist, da der ltesten griechischen Sphre das Zeichen der _Wage_
fehlt, und da sich an ihrer Stelle die Scheren des Skorpions befinden. Auf
der indischen Sphre jedoch befindet sich die Wage (+tul+) mit zwei
Schalen, deren die Goldschmiede sich bedienen und worauf der Totenrichter
Yama die Thaten der Menschen abwgt. Auerdem bedeutet sie an sich
+aequalitas+ und ist somit das natrlichste Zeichen des quinoktium.

Bezglich des _Skorpions_ finden sich nur wenig Mythen, doch fngt in
gypten unter ihm das Reich des Typhon an. Am richtigsten ist wohl, bei der
Aufstellung dieses Sternbildes daran zu denken, da im Herbst Indien und
Persien von Skorpionen, Schlangen und anderm Gewrm wimmeln; auch wre es
vielleicht angezeigt, an die Kharfesters des Zendavesta zu denken.

Die Entstehung des Sternbildes des _Schtzen_ ist sehr zweifelhaft; auf
keinen Fall kann die Mythe von den Centauren, Chiron&c. gengen, und auch
an einen gyptischen Ursprung ist wohl kaum zu denken, da das Nilthal ein
durchaus pferdearmes Land ist, wohingegen die Entstehung der Centaurenmythe
durchaus auf die Ebenen Hochasiens pat.

berhaupt steht die Annahme des gyptischen Ursprungs des Tierkreises in
entschiedenem Widerspruch zum dortigen Naturleben, abgesehen von dem
Umstand, da das Alter des Tierkreises von Denderah nicht ber die Zeit des
Tiberius hinausgeht. Wenn andere Flsse abnehmen, sagen schon die Alten, so
steigt der Nil vom Sommersolstitium bis zum Herbstquinoktium, und wenn
andere Vlker Winter haben, ist in gypten alles blhend. Die
Frhlingsnachtgleiche findet im Widder statt; der Nil steigt im Krebs, und
die berschwemmung dauert bis in das Zeichen der Wage, weshalb der Lwe
nicht mehr ein Bild der Sonnenhhe sein kann. Die Landbestellung fngt im
November, also im Zeichen des Schtzen an, die Ernte fllt in den Mrz,
weshalb der Stier nicht Erntestier sein kann, und im Zeichen der Jungfrau
steht das Land unter Wasser. Aus den genannten Ursachen wrde ein
gyptischer Ursprung des Tierkreises nur dann annehmbar sein, wenn man das
Frhlingsquinoktium in die Wage, und das Wintersolstitium in den Krebs
versetzen wollte. Dabei wrden aber die so charakteristischen Zeichen des
Stiers, des Krebses und des Lwen ihre Bedeutung vllig einben, abgesehen
von dem Umstand, da man die Entstehung des gyptischen Tierkreises in das
Jahr 14272 v.Chr. setzen mte.

Dahingegen wrde die Entstehung des Tierkreises vllig auf das nrdliche
Indien und Bengalen passen, insofern die Regenmonate (+chaturo vrshikan
msn+ nach der Ramayana) der Sphre entsprechend vom November bis Februar
fallen. Die Vedas setzen den Frhling (+vasanta+) unter die Zeichen von den
Fischen bis zum Stier sofort nach der berschwemmung. Die betreffenden drei
Monate sind die angenehmsten, und in ihnen beginnen die Pilgerfahrten nach
Haridvari bis zum April hin, wo endlich die Zeit der Feldbestellung im
Zeichen des Stieres beginnt. Der Tierkreis bietet somit noch gegenwrtig
den Indiern einen vlligen Naturkalender dar, whrend er fr gypten eine
nichtssagende Hieroglyphe ist.

Es fragt sich nun endlich noch, ob die Anordnung des Tierkreises getroffen
wurde, als noch Bild und Sache zusammenfielen, d.h. mit andern Worten, als
der Katasterismus des Widders das Zeichen des Frhlingsquinoktium war, was
um ca. 550 v.Chr. stattfand, oder ob dies frher geschehen sei. Dabei ist
der Betrag der Prcession -- in 72 Jahren ein Grad -- wohl zu
bercksichtigen und zu bedenken, das die Prcession eines Zeichens 2160
Jahre, die des ganzen Tierkreises jedoch rund ca. 26000 Jahre betrgt.

Da nun trotz der Behauptungen des Ktesias, der alten chaldischen Priester
usw. nicht an ein solches Alter der Astronomie zu denken ist, so bleibt nur
die Annahme des indischen Ursprungs des Zodiacus brig, wobei nur das spt
entstandene Zeichen der Wage strend wirkt, whrend alle anderen Zeichen
ihre ungezwungene Erklrung finden, wenn mit dem Stier das Jahr sich
erffnete. Die Hitze mit ihren Fiebern wird am drckendsten zur Zeit des
Herbstquinoktium, wenn die Sonne in den Skorpion tritt, gerade wie der
Parsismus und die biblische Kosmogonie das Hereinbrechen des bels unter
dem alten Drachen und die neueren Stcke des Zendavesta im Zeichen der Wage
annehmen. Im Steinbock steigt die Sonne wie das Wasser der Strme, welches
durch das Amphibium Makara angedeutet wird. Der Wassermann giet seine
Strme herunter, und der Scarabus erhlt dadurch Bedeutung, da er erst
zur Sonne strebt, aber noch nicht deren Kulminationspunkt bezeichnet.
Derselbe tritt im Lwen, im astrologischen Haus der Sonne ein, weshalb
Herkules auf der Lwenhaut ausruht und in gypten der Lwe der Thron des
Horus ist. berhaupt beziehen sich alle siderischen Mythen nur auf diese
Sphre, besonders wenn in ihnen der Stier figuriert, an dessen Stelle in
spterer Zeit der Widder oder das Lamm trat.

Die Chinesen beginnen noch heute den Tierkreis mit dem Stier und feiern die
Wiederkehr der Sonne im Wassermann, whrend die Perser die zwlf Bilder des
Tierkreises mit den zwlf ersten Buchstaben des Alphabets bezeichnen und
fr den Stier +A+, fr die Zwillinge +B+ setzen usw. Dabei will ich
nochmals daran erinnern, da im Zendavesta der Urstier, der himmlische
Lichtbringer, welcher das Gras wachsen lt, im Frhjahr geschaffen wird.

Noch deutlicher wird dies bei den Mithramonumenten und bei dem gyptischen
Apis usw. In allen diesen religisen Mythen, welche das ganze Altertum
durchdringen, erffnet der Stier das Jahr, und es geht mit ihm und dem
Frhlingsquinoktium bei der Weltschpfung die Umwlzung smtlicher
Gestirne aus. In den Vedas beginnen die Krittikas oder die Plejaden am
Halse dieses Sternbildes ebenso wie die 28 Mondnakshatras, eine Anordnung,
welche Colebrooke um das Jahr 1400 v.Chr. setzt.

Nur die gypter, bei denen die Personifikation der Erde als eine Kuh als
eine ihnen ursprnglich fremde Vorstellung vorausgesetzt werden darf,
treten hier -- durch ihr Klima gentigt -- mit der spteren Sphre
allenthalben in Widerspruch.

Der Widder, welcher im koptischen Tierkreis das Reich des Ammon genannt
wird, war den gyptern bereits das Zeichen des Frhlingsquinoktium, und
die Mythen von Jupiter Ammon sind wie die Sothisperiode wohl kaum so alt
als man gewhnlich annimmt. Der Sirius (Sothis) sollte nach den
Anschauungen der gypter der Schpfung der Welt vorgestanden haben, weil
sie nach dem astronomischen Jahr des Meton den Jahresanfang in das
Sommersolstitium verlegten oder die Schpfung im Zeichen der Wage geschehen
sein lieen, weil sonst die Zge des Osiris keine Beziehungen zu dem Land
gehabt htten, denn nach Diodorus Siculus trat, whrend Osiris in thiopien
war, der Nil aus seinen Ufern. Dennoch begannen sie die Trauer um Isis,
wenn der Nil noch im Steigen war, und die Thrnen der Isis vermehrten das
Wasser, und Osiris stirbt im Zeichen des Skorpions. Alles dies sind
Anschauungen der Perser und Indier von dem Absterben der Natur und dem Sieg
des Bsen, welche jedoch mit dem Anfang des Frhlings im Nilthal ohne alle
Bedeutung sind.

Alle diese Umstnde wrden auf eine Entstehung des Tierkreises um etwa 1600
v.Chr. deuten. Das hohe Alter des Tierkreises erhellt auch aus dem
Umstand, da das lteste Jahr 360 Tage zhlte. Die Griechen schrieben die
Einfhrung desselben dem Solon zu, whrend nach Diodor[266] in gypten zu
Phil tglich ein Gef mit Milch aufgestellt wurde, bis die Zahl von 360
erreicht war; eben so viele Priester muten Wasser in ein durchlchertes
Fa gieen, und der Kriegsrock des Amasis bestand aus Fden von 360
Drhten. Am Rocke des Hohepriesters befanden sich nach einigen Rabbinen 360
Glckchen, und in der Kaaba der alten Araber standen 360 Gtterbilder;
Semiramis baute um Babylon eine Mauer von 360 Stadien Lnge, und auch das
altpersische Jahr hatte 360 Tage. Bei den Indiern bilden 360 irdische Jahre
ein Gtterjahr, und noch jetzt ist ein Jahr von 360 Tagen auf Sumatra,
Java, in Surate usw. in Gebrauch. Die indische Stunde hat 60 Minuten oder
360 Augenblicke, und es scheint, da auch die gypter ihre
Stundeneinteilung diesem Jahre entlehnten. Wenigstens scheint dies aus
Ptolemus zu erhellen, welcher nach den 360 Graden des Tierkreises der
Stunde fnfzehn Minuten und der Minute fnfzehn Sekunden, dem Tag also 60
Stunden giebt, whrend der brgerliche Tag nur 24 Stunden zhlt.

Es bleibt nun noch die indische Lehre zu erwhnen, nach welcher der
Tierkreis in 120 Dekatemorien geteilt wird, so da auf jedes Zeichen zehn
entfallen, ferner in 36 Dekanate, deren Herren -- die Dekane -- die
einzelnen menschlichen Glieder analog der Harmonie des Makrokosmos mit dem
Mikrokosmos regieren. Ursprnglich entstammte diese Anordnung wohl den
Chaldern, weil Psellus und andere sie denselben zuschreiben. Diodorus
Siculus nennt dieselben %theoi boulaioi%, und bei den Indiern heien sie
+dreskns+.

Einer der bedeutendsten indischen Astrologen war der um 506 nach Christus
lebende Varahamihioas, ein Brahmane zu Udjayini, von seinen Schlern
Avantikas genannt, welcher ein reichhaltiges astronomisch-astrologisches
Werk schrieb. Der erste Teil desselben enthlt die eigentliche Astronomie,
und die beiden letzten die Astrologie. Die letztere zerfllt wieder in drei
Teile (+skands+), nmlich +Tantra+, welches die Berechnung der
Planetenorte lehrt, alsdann +Hor+, das eigentliche Stellen der Nativitten
und das Ermitteln glcklicher Elektionen zu Reisen, Hochzeiten usw. Der
dritte Teil enthlt die Wetterprognostika (+Skh+). Von dem Gesamtwerk
sind nur die astrologischen Teile unter dem Namen +Vrihatsanhit+ erhalten
geblieben und von Bhattatpala kommentiert worden.

Ein anderer berhmter Astrolog war der um 581 n.Chr. lebende Brahmaguptas,
welcher groen Einflu auf die Araber ausbte, und mit welchem namentlich
Abumassar in der Theorie von den groen Umlufen des Saturn und Jupiter
bereinstimmt.

Noch will ich bemerken, da es nach Diodorus Siculus und Strabo bereits zur
Zeit Alexanders des Groen in Indien astrologische Ephemeriden gab, und da
am Neujahrstage die Astrologen bei Hofe erscheinen muten, um die
Witterung fr das Jahr vorauszusagen. Was aber Strabo und Diodorus
Witterung nennen, bezieht sich auf die glcklichen und verbrannten
Tage (+dagdhas+), welche bis auf die Neuzeit in der Astrologie eine groe
Rolle spielen. Es leuchtet ein, da die Ermittelung dieser Tage, welche an
gewisse Konstellationen geknpft sind, Berechnungen erfordern, weshalb der
Astrolog im Sanskrit Rechner (+ganakas+) oder Zeichenkenner (+nimittavid+)
heit. Die Astrologie heit entweder Gtterbefragung (+devaprasna+) oder
Nativittsberechnung (+jtaka+), und der Berechner astrologischer
Ephemeriden fhrt den Namen +Smoatsaras+. In Trankebar besteht gegenwrtig
noch der Kalender (+panchngam+) aus fnf Hauptteilen: aus den Titthis, den
Wochentagen (+vara+), den Nakschatras, den Yogas und aus dem astrologischen
Teil, der die +Kana+ und +Tyga+ oder dasjenige vorschreibt, was an den
glcklichen oder unglcklichen Tagen zu thun und zu lassen sei. Die
Astrologie kommt bereits im Ramayana bei der Geburt des Rama vor, welche
unter einer glcklichen Konstellation stattfand, ja aus vielen Stellen
alter Sanskritschriften ergiebt sich, da das Leben der alten Inder durch
astrologische Ideen so beherrscht wurde, da er nichts that, ohne die
Planeten zu befragen. Diese Anschauungen muten sich allenthalben da
entwickeln, wo die Gestirne ihren Einflu auf die Regierung der Welt, auf
Charakter und Sitten, auf die knftigen Schicksale, auf die Krperbildung
wie auf das ganze Naturleben behaupteten.

Was sonst noch ber indische Astrologie zu sagen ist, habe ich in meinen
Geheimwissenschaften mitgeteilt.

Sehen wir nun zu, was an verbrgten Resultaten des praktischen Occultismus
der Inder in Europa bekannt geworden ist.

Dr. Johannes Baumgarten berichtet in der +Sphinx+[267]:

Seitdem Charcot 1878 den wissenschaftlichen Bann gebrochen hat, der auf
den Magnetisten (nicht zu verwechseln mit den Magnetiseurs) lastete, sind
die 'Profanen' allseitig in das sorgfltig gehtete dunkle Gebiet des
Occultismus eingedrungen und haben als Gewinn ihrer Streifzge eine Reihe
sogenannte Entdeckungen von Thatsachen heimgebracht, die seit
Jahrhunderten, vielleicht seit Jahrtausenden, nur der blinden Schulweisheit
unbekannt waren, die sie jedoch unter neuen Namen zuerst an das Licht
gezogen zu haben whnen. Keine einzige der durch die Experimente von
Charcot, Baurneville, Richet, Liebeault, Bernheim, Dumontpallier, Preyer
u.v.a. herausgestellten Hauptthatsachen des Hypnotismus und der
Suggestion ist neu; sie lassen sich nachweisen in den Schriften von Du
Potet und dessen Schlern; ja manche bei den ersten Mesmeristen und selbst
weiter rckwrts im 18. Jahrhundert.

Der Brahmane und sptere portugiesische Abb Faria, der in dem ersten
Viertel unseres Jahrhunderts durch seine Experimente in Frankreich Aufsehen
erregte und Schler wie Noizet und Bertrand bildete, stellte die erste
Theorie der Suggestion auf. In vielen Dingen steht er bereits auf heutigem
wissenschaftlichem Boden. Sein etwas schwer zu lesendes Werk ist eine
Fundgrube fr Forscher; man findet darin: Gedankenbertragung, Lesen
geschlossener Bcher oder versiegelter Briefe, Fernsehen, Ortsvernderung
der Seele&c.

Ein anderer Brahmane Lahanteka, der 1854 und 55 Amerika bereiste, bewies
in merkwrdigen Experimenten die direkte Wirkung des Willens auf die uere
Welt und zeigte u.a. wie durch einen einfachen Willensakt die Sinne seiner
Zuhrer dergestalt von Illusionen befangen wurden, da sie glaubten, einen
Schwarm von Vgeln durch den Saal fliegen zu sehen und deren Gesang zu
hren. Von Gedankenlesen gab er ihnen folgenden Beweis:

Lahanteka hatte ihnen zu wiederholten Malen unter zwanzig Mnzen diejenige
richtig bezeichnet, auf welche sie whrend seiner Abwesenheit ihre
Willenskraft koncentrirt hatten. Da schlug einer, ebenfalls in Abwesenheit
des Brahmanen, vor, um ihn zu prfen, unter den Geldstcken keine Wahl zu
treffen und sie ihm so vorzulegen. Lahanteka untersuchte die Mnzen genau
und erklrte dann, man habe auf keine einzige speziell den Gedanken
gerichtet; hierauf betrachtete er eben so genau seine Zuhrer und
bezeichnete dann richtig denjenigen, der diese Probe vorgeschlagen hatte.

Bei aufmerksamer Lektre der seit dem 16. Jahrhundert erschienenen
Reisebeschreibungen wird man auf eine Menge bisher wenig beachteter
occultistischer Thatsachen stoen, die nicht selten durch ihre
bereinstimmung in den verschiedensten Lndern eine entscheidende
Beweiskraft fr ihre Wirklichkeit und dadurch vielfach fast den Wert
direkter Experimente haben.

Erst seit sieben Jahren wei man genauer, da in den Bazars des Orients
eine geheime Korrespondenzweise bekannt ist, wodurch man Nachrichten in die
Ferne senden und daraus erhalten kann. Dieselbe heit Hindostan und im
westlichen Asien Khabar (d.h. arab. Nachrichten).

Diese bis jetzt fr die Wissenschaft unerklrliche Mitteilung geschieht
mit der Schnelligkeit des Blitzes, wie Lord Cameron in seinen 'Erinnerungen
an die Drusen' sagt:

Fragt euch ein Kaufmann, Trke, Araber, Hindu oder Perser, ob ihr die
neuesten Nachrichten kennt, und ihr antwortet verneinend, so teilt er euch
diejenigen mit, welche der Khabar eben offenbart hat.

Hieraus erklrt sich, wie whrend des Krimkrieges die Brahmanen eher als
die Englnder und noch vor dem Eintreffen der telegraphischen Nachricht den
Fall Sebastopols und nachher den Abschlu des Friedens von 1856 erfuhren.
Das Journal Du Potets erinnert daran, da 1816 ein kurzer Aufstand unter
einigen Vlkerschaften im Innern von Hindostan entstand, weil diese -- drei
Wochen bevor die englische Regierung es erfuhr -- die Nachricht von der
Niederlage der Englnder am Vormittage von Waterloo erhalten hatten. Kurz
darauf traf ebenso schnell die Nachricht vom schlielichen Siege der
Englnder ein. An der Thatsache, die in hnlicher Weise auch in Central-
und Nordasien von Reisenden beobachtet wurde, ist kaum zu zweifeln. Aber
wie soll man sie erklren? Noch kein wissenschaftlicher Beobachter hat sie
untersucht, man ist also auf Vermuthungen beschrnkt, da auch von der
Benutzung des Hellsehens einer Somnambule dabei nicht die Rede ist.

Man knnte denken an den Gebrauch des magischen Spiegels +Sarwa anjoun+,
den die Hindu und Mohammedaner in Indien kennen, und welcher in
merkwrdiger Weise an das Experiment des Grafen de Laborde mit dem Magier
Achmed in gypten erinnert. Die Operationsweise mit diesem Spiegel ist
folgende:

Man nimmt eine Handvoll von +dolichos lablab+, welche man ber dem Feuer
verkohlen lt und zu Pulver zerreibt und dann mit Biberl befeuchtet.
Hierauf lt man dieses Prparat in einem neuen irdenen Gef, Lota
genannt, verbrennen und drckt diese Masse, nachdem man eine gewisse Formel
gesprochen hat, in die Hand eines Knaben, der bald darauf darin
geheimnisvolle Gestalten und Geister erblickt. -- Hchst bemerkenswerth
ist, da eine der ersten Gestalten, welche das Kind erblickt, gewhnlich
die des +fourach+ oder Straenkehrers ist, dem ein Wassertrger folgt;
hierauf kehrt der +fourach+ zurck, breitet einen Teppich aus und es
erscheint eine groe Schaar von guten und bsen Geistern, bis sich ihr
Fhrer auf einem Throne zeigt und dadurch die Erscheinung zu Ende geht.

So geht die Sache in Hindostan vor sich. Nun hat sich aber ganz dasselbe
in Kairo beim Experiment Achmeds vor dem Grafen de Laborde gezeigt: Der in
seine Hand blickende Knabe beschrieb einen trkischen Soldaten, der einen
Platz vor einem Zelte fegte. Die Beweise von Fernsicht, welche das Kind
gab, waren durchaus berzeugend.

Von einem zum Fernsehen gebrauchten Knaben ist weder beim Khabar noch bei
den Sannyasis und Hoyis, welche den +Sarwa anjoun+ handhaben, die Rede. Es
mu also eine andere Erklrung gesucht werden, und da drfte denn die von
einem Herrn Magliulo 1856 zu Bona in Algerien (jedenfalls im Verkehr mit
den dortigen Arabern) gemachte Entdeckung eines hchst einfachen,
Ferngesichte erzeugenden Zauberspiegels eine Handhabe bieten. Nach Du
Potets Journal (+XV, 494+) bereitet man diesen Spiegel auf folgende Weise:

Man schwrzt mit Tinte in der Hhlung der linken Hand eine Flche von der
Gre eines Zehncentimes-Stckes, giet 2-3 Tropfen l darauf, den Flecken
magnetisiert man durch einige Striche mit der rechten Hand, was auch ein
anderer eine halbe Minute lang thun kann, hierauf lehnt man die Hand
irgendwo an, um sie nicht ermden zu lassen, und haftet unverwandt den
Blick ohne die Augen und Gedanken jemals abschweifen zu lassen, auf den
schwarzen Flecken in der linken Hand und erwartet die sicher eintreffenden
Erscheinungen und verlangten Fernblicke ab. Personen von nervsem oder
lymphatischem Temperamente erhalten dieselben recht bald, vollkommen
gesunde und krftige oft erst nach lngerer Zeit.

Die Mglichkeit dieser Operationsweise beim Khabar lt sich nicht ohne
weiteres zurckweisen, da eine Reihe hnlicher Beobachtungen mit anderen
sogenannten Zauberspiegeln vorliegen. Das Ganze beschrnkt sich auf eine
braidistische Konzentration des Blickes und Gedankens, die eine
Auto-Hypnose erzeugt, welche bei hysterischen und nervsen Personen die
bekannten Erscheinungen unzweifelhaft zur Folge haben. Es kann nicht
eindringlich genug darauf aufmerksam gemacht werden, da diese Auto-Hypnose
wie berhaupt alle Auto-Magnetisations-Experimente uerst gefhrlich sind,
da hufig Wahnsinn, selbst Tobsucht eintritt, jedenfalls eine dauernde
Disposition zu Delirien und Wahnvorstellungen. Aubin Gauthier machte schon
auf die Gefhrlichkeit der vor ihm so genannten Ipso-Magnetisation
aufmerksam in dem Falle, wo sie die Erzeugung eines somnambulen Zustandes
bezwecke. Es treten zuweilen unheimliche Zustnde einer Art von fast
dmonischer Besessenheit mit entsetzlichen Hallucinationen ein, wie sie
uns Du Potet beschreibt, der sie an sich selbst erfahren hat. Bei dieser
Gelegenheit kann ich nicht unerwhnt lassen, da Paul Gibier in seinen
beiden letzten Schriften und mehrere andere Sachkenner es fr einen hchst
gefhrlichen Unfug halten, wenn sogenannte Antispiritisten und
Hallucinationsknstler in Deutschland umherziehen und mit ihren
hypnotistischen Experimenten die unwissende Menge, wozu auch auf diesem
Gebiete die meisten Gebildeten gehren, verblffen. 'Es sind Kinder', sagte
er, 'welche mit Dynamitpatronen spielen.'

Wir gehen jetzt ber zur Schilderung einiger occultistischer
Merkwrdigkeiten aus Tibet, welche wir den Reisebeschreibungen des
Missionars Huc entnehmen. Die Werke dieses Reisenden wurden auf den Index
gesetzt und er selbst seiner Stelle als Missionar entkleidet, weil er in
naiver Weise die bereinstimmung einer Reihe katholischer Ceremonien und
Gebruche mit tibetanischen wahrheitsgetreu ans Licht gezogen und ebenso
ber einige Wunderdinge, die er unter den Lamas mit eigenen Augen gesehen,
berichtet hatte. Einiges harrt noch der wissenschaftlichen Erklrung und
Besttigung, anderes, wie die Schaustellungen der Bokte-Lamas, ist heute
durch hnliche Beobachtungen in Kleinasien und Nordafrika vollstndig auer
Zweifel gesetzt.

Wir gehen jetzt zu einer andern occultistischen Thatsache ber, deren
Bericht dem Missionr Huc[268] den Spott und Hohn der wissenschaftlichen
Welt, namentlich der Mediziner, zuzog, die aber heute durch ganz dieselben
Beobachtungen in andern Lndern in die Reihe jener zahlreichen, scheinbar
unmglichen und bernatrlichen Thatsachen gerckt worden ist, deren
Erklrung auf positiv wissenschaftlichem Boden gegenwrtig teils schon
erfolgt ist, teils mit Zuversicht erwartet werden kann. Allerdings wird das
Ergrnden der letzten atomistischen Vorgnge fr uns Erdenshne ewig ein
vergebliches Suchen bleiben; man wird zuletzt immer auf ein unbegriffenes
Residuum stoen, wie dies selbst bei einigen Vorgngen des Telephonierens
der Fall sein drfte.

Die in ganz Tibet berhmten Schaustellungen der Bokte-Lamas finden an den
groen religisen Festen in den buddhistischen Klstern statt. Vor der
Tempelthre im Klosterhof wird ein groer Altar errichtet, welchen
zahlreiche im Kreise geordnete Lamas und die dichtgedrngte Schaar der
Pilger schweigend umlagern. Der Bokte-Lama, der stets den untern Stufen der
Hierarchie angehrt, erscheint, schreitet wrdevoll zum Altar und setzt
sich darauf unter dem Beifallrufen der Menge. Hierauf nimmt er ein groes
Messer aus seinem Grtel und legt es vor sich auf die Kniee. Nun erheben
die Lamas, die zu seinen Fen sitzen, die schrecklichen Anrufungen und
Gebete dieser scheulichen Ceremonie. Unter den fortdauernden Gebeten
beginnt der Lama an allen Gliedern zu zittern und mehr und mehr in
wahnsinnige Krmpfe zu gerathen. Bald verlieren die Lamas alles Maa; ihre
Stimmen werden begeistert, ihr Gesang wird unordentlich und bereilt; das
Hersagen der Gebete geht zuletzt in Schreien und Heulen ber.

In diesem Augenblick wirft der Bokte die Schrze, mit welcher er umwickelt
ist, ab, ebenso seinen Grtel, ergreift das geheiligte Messer und ffnet
sich den Bauch in seiner ganzen Lnge. Whrend das Blut fliet, wirft sich
die Menge vor diesem schauderhaften Schauspiel auf die Kniee und man
befragt diesen Wahnsinnigen ber verborgene Dinge, ber zuknftige
Ereignisse und dergleichen. Der Bokte giebt auf alle diese Fragen
Antworten, die von Jedermann als Orakel betrachtet werden.

Ist die fromme Neugierde der zahlreichen Pilger befriedigt, so beginnen
die Lamas wieder mit Ernst und Ruhe ihre Gebete herzusagen. Der Bokte nimmt
in seiner rechten Hand Blut aus seiner Wunde auf, hlt es an seinen Mund,
blst dreimal darber und wirft es mit einem groen Schrei in die Luft.
Dann fhrt er rasch mit der Hand ber seine Wunde und alles kehrt in seinen
frheren Zustand zurck, ohne da auer einer auerordentlich groen
Entkrftung die geringste Spur dieser diabolischen Operation zurckbleibt.

Das Bauchaufschneiden -- fgt Huc hinzu -- ist eine der berhmtesten
Sifas (tibetanisch: verworfene Mittel) der Lamas; andere gleichartige sind
weniger volksthmlich und auffallend; sie werden in Privatkreisen und nicht
an den groen Festen der Lamaserieen gezeigt: so hlt man z.B. glhende
Eisen ungestraft an die Zunge, bringt sich Schnitte bei, von denen einen
Augenblick nachher keine Spur mehr sichtbar ist usw. Allen diesen
Schaustellungen mu das Hersagen eines Gebetes vorangehen.

Der Missionr, der von seinem Standpunkt aus alles als Wirkungen und
Wunder des Teufels erklrt, sagt jedoch ausdrcklich: Wir denken durchaus
nicht, da man diese Thatsachen stets auf Rechnung der Betrgerei setzen
kann.

Wenn Hucs Bericht ber die magischen Wunderheilungen vereinzelt dastnde,
so wrde er sicherlich in das Gebiet der Fabeln verwiesen und der
wissenschaftlichen Verwerthung entzogen werden; aber derselbe schliet sich
einer langen Reihe hnlicher Beobachtungen anderer Reisender bis auf die
neueste Zeit an, wodurch, wie wir spter sehen werden, eine fr die
Psychologie und Philosophie beraus wichtige Thatsache festgestellt,
bewahrheitet und der definitiven wissenschaftlichen Erklrung nher
gebracht wird. Wir heben einige dieser Beobachtungen hervor und bemerken
dabei, da wir das ganze Gebiet der christlichen Wunderwirkungen
ausschlieen. Dieselben sind keine bloen Schaustellungen, sondern meistens
auf sittliche Zwecke gerichtet, und es drfte daher trotz mancher Analogien
eine bloe physiologische und psychologische Erklrung nicht
ausreichen.[269]

Von den Aissawas, den tanzenden und heulenden Derwischen und der Secte der
Ruffais ist bekannt, da sie sich durch Tnze, krampfhafte Bewegungen,
Musik, lange wiederholte Gutturaltne usw. in epileptische Ekstase
versetzen und sich dann unbeschadet die grlichsten Wunden beibringen und
glhende Eisen belecken. Diedier sah in Cairo die Derwische vom Orden des
Scheiks Bedr-Eddin nicht nur sich ohne Schaden spitze Eisen in die Brust,
den Kopf und die Augen stoen, leere Gefe aus der Ferne mit Wasser
fllen, sondern auch am Feste des Propheten auf lange Stangen aufgepfhlt,
deren eiserne Spitzen zwischen ihren Schultern hervorragten, sich durch die
Moschee umhertragen lassen, whrend die Glubigen laut beteten oder die
Kapitel des Korans hersagten. Kein Beobachter hat genauer und drastischer
die grausenhaften Vorstellungen der heulenden Derwische geschildert als
Theophile Gautier, der sie in Scutari und Pera sah. Der Raum gestattet uns
leider nicht, den interessanten Bericht, der das allmhliche Entstehen der
Ekstase, ihre wahnsinnigen Gestaltungen und deren Ansteckungsfhigkeit auf
die Zuschauer fast photographisch treu schildert, hier wiederzugeben.

Seit Tavernier haben zahlreiche Reisende ganz dieselben Vorkommnisse aus
Hindostan berichtet; doch drfte eine Erfahrung, welche ein Oberst und
mehrere Marine-Officiere mit den hindostanischen Ruffais machten, weniger
bekannt geworden sein. Die Officiere sahen, wie diese Leute sich ohne
Schaden Glieder und selbst die Zunge abschnitten, welche sie wieder in den
Mund steckten, wo sie augenblicklich anheilte.[270]

In andern Theilen Asiens machte man dieselben Beobachtungen. So berichtet
der franzsische Gesandte Gobineau[271], der in Persien Ekstatiker glhende
Kohlen in den Mund stecken sah; Bastian[272], der von den burtischen
Schamanen berichtet, da sie unbeschadet ins Feuer springen und glhende
Eisen ber die Zunge ziehen, bis sich die Htte mit dem Geruch des
verbrannten Fleisches fllt.

Zu den vorstehend mitgetheilten Thatsachen giebt die von Carl Rehbinder in
der +Sphinx 1889, VII, S.243ff.+ mitgetheilte, der +Pall Mall Gazette
(Nr.3, Januar 1889)+ entnommene merkwrdige Nachricht von einer 'Zauberei
in Camerun' eine sehr willkommene Ergnzung, welche allerdings der heutigen
officiellen Wissenschaft etwas rgerlich, ungeheuerlich und unerklrbar,
also absurd fabelhaft vorkommen mu. Doch Thatsachen sind hartnckig und
weichen keiner bloen Leugnung. -- Die Leistungen der schwarzen Zauberin
bertrafen alle bekannten Wunderwirkungen der Fakire und Derwische:

Nichts von alledem, was ich von ihr sah, sagt der Berichterstatter, konnte
bernatrlich im eigentlichen Sinn genannt werden. Sie schien nmlich die
Naturkrfte blo in ihrer Gewalt zu haben, ja, wie der eben erzhlte Fall
(Schweben in der Luft) beweist, ihre Gesetze aufheben, aber nicht umkehren
zu knnen. Sie konnte z.B. einen frisch abgehauenen Arm durch Berhrung
ihres Stabes und angeblicher Zaubersprche innerhalb einer Secunde mit dem
Stumpf wieder so vereinigen, da auch nicht eine Spur von einer Verletzung
zu sehen war (ganz wie bei den Ruffais oben); als ich sie jedoch
aufforderte, unserm Quartiermeister den vor mehreren Jahren verlorenen
Vorderarm zu ersetzen, erklrte sie freimthig, da sie es nicht im Stande
sei. Sie sagte: der Arm ist todt, ich habe nicht die Macht. -- ber alles
Lebendige hatte sie eine erstaunliche, unmittelbare, Grausen erregende
Gewalt. Als sie einst in meiner Gegenwart mit einem boshaft gezischten
Fluchwort ihren Stab gegen einen Krieger richtete, schwand dieser frmlich
hin: Die Muskeln begannen zusammenzuschrumpfen, und nach ein paar Minuten
blieb von dem groen, starken Mann nicht viel mehr brig als ein Gerippe.
-- Ebenso verwandelte sich unter dem Zauberstabe eine Frau in ein hartes
und kaltes Steinbild im buchstblichen Sinn des Wortes, wovon ich mich
berzeugte, indem ich mit meinem Revolver den ganzen Krper ausklopfte und
einen Ton erhielt, als wenn ich Marmor angeschlagen htte.

Rehbinder meint: Das Weib war einfach in hypnotische Katalepsie versetzt;
aber der Hypnotismus, ein neues Wort fr alte Thatsachen, reicht hier zur
Erklrung nicht aus, ebensowenig wie bei der Fernwirkung jenes
malabarischen Fakirs Covindasamy, der vor den Augen Jacolliots von der
Terrasse des Hauses aus die Hand gegen einen Diener ausstreckte, der aus
dem Brunnen inmitten des groen Gartens Wasser heraufzog; zuerst wurde das
Brunnenseil unbeweglich, dann als der Mann, im Wahne, das Seil sei
bezaubert, mit gellender Stimme Beschwrungen zu singen begann, stockte
dieselbe pltzlich in seiner Kehle, er konnte trotz aller Anstrengung kein
Wort mehr hervorbringen, bis der Fakir durch Sinkenlassen der Hand den Bann
lste. Die magische Wirkung des Fakirs ist derselben Art, wie die der
schwarzen Zauberin von Kamerun; die Hypnose, unter welchem Namen man heute
eine ganze Reihe verschiedener Zustnde und Wirkungen zusammenfat, erklrt
sie nicht, ebensowenig wie die Kataplexie oder Schrecklhmung Preyers.
Suggestion oder Hallucination findet auch nicht dabei statt; die Erklrung
mu also einen andern Weg suchen, der zu einem occultistischen Arkanum
fhren drfte, dessen vollstndige Kenntni auch das Knnen einschlieen
und deshalb nur Eingeweihten zugnglich sein wrde. Von welchem
Ausgangspunkte aus man eine annhernde Kenntni zu erstreben haben wird,
lt sich jedoch, wie wir sehen werden, mit einiger Sicherheit bestimmen.

Jemehr die Aufmerksamkeit sich auf occultistische Thatsachen in
Reisebeschreibungen lenkt, desto mehr Besttigungen viel bisher mit
unglubigem Lcheln als dummer Aberglaube der Beachtung nicht werth
gehaltener lterer Berichte werden zu Tage treten. Es mgen hier noch als
besonders merkwrdig hervorgehoben werden die noch wenig bekannten
occultistischen Vorgnge mit Drusen im Libanon, welche seit Jahrhunderten
die Magie und deren Praxis in einem sorgfltig gehteten geheimen Orden
lehren und ausben. Der ganze Stamm zerfllt in Akkals, Eingeweihte, und
Dschahils, Profane, Nichteingeweihte. Die Geheimlehre wird nur mndlich
berliefert; die auf den Bibliotheken von London, Paris und Oxford
befindlichen drusischen Bcher und Handschriften enthalten wenig darber.
Silvester de Sacy, der sich eingehend damit beschftigte, fand nicht so
viel Zuverlssiges, als Gerard de Nerval (+Voyage en Orient, Paris 1867+),
der einem drusischen Scheik wichtige Dienste leistete, als Gast desselben
manche Einzelheiten der Tradition erfuhr und u.A. auch einen drusischen
Katechismus verffentlichte. Einige englische Berichte theilt A. Diezmann
mit, worin auch merkwrdige Wunderheilungen, namentlich der Epilepsie und
des Wahnsinnes, erwhnt werden. Der Akkal giebt den Kranken, die man zu ihm
bringt, durchaus keine Arznei, sondern spricht nur einige
Beschwrungsformeln und streicht mit der Hand ber sie.

Ein Englnder, welcher sechs Monate unter den Drusen verweilte und mit
ihnen sehr vertraut wurde, hatte von einem Landsmann, 'dessen Aussage
unbedingten Glauben verdiente', erfahren, da der Scheik Beschir nicht blos
Wunderheilungen, sondern auch unerklrliche Zaubereien verrichte. So habe
er einen Stock auf dessen Befehl ganz allein und ohne sichtbare Beihilfe
von einem Ende des Zimmers zum andern gehen sehen. Ferner wurden in seiner
Gegenwart zwei Krge, ein leerer und ein gefllter, in zwei Ecken des
Zimmers einander gegenberstellt, worauf bald der leere sich in Bewegung
setzte, ber das Zimmer hin und danach auch der volle sich erhob, dem
andern entgegenmarschirte (d.h. sich bewegte) und ihm seinen Inhalt
bergab, mit dem der letztere dann an die Stelle zurckkehrte, von welcher
er gekommen war. -- Durch diese Erzhlung neugierig gemacht, beschlo der
Berichterstatter, den merkwrdigen Mann nher kennen zu lernen und
berichtet darber:

Anfangs lehnte Scheik Beschir mit aller Bestimmtheit meine Bitte ab, mir
einige seiner Zauberkrfte zu zeigen, von denen ich so viel gehrt, und
erklrte, er habe es sich zur Regel gemacht, nichts mehr mit der
unsichtbaren Welt zu schaffen zu haben, auer etwa um Heilungen zu
bewirken. Nachdem wir aber genauer mit einander bekannt geworden waren,
willigte er eines Tages ein, mir eines seiner Kunststcke zu zeigen... Er
nahm einen gewhnlichen Wasserkrug, murmelte gewisse Beschwrungsformeln in
denselben hinein und bergab ihn zwei Personen, die aufs Geradewohl unter
den Anwesenden ausgewhlt wurden, und die einander gegenber saen. Eine
Zeit lang rhrte sich der Krug nicht, whrend der Scheik sehr rasch
hintereinander, wie es mir vorkam, Verse aus dem Koran sprach und dazu den
Takt mit der rechten Hand in die linke schlug. Der Krug blieb noch immer
unbeweglich und der Scheik wiederholte seine Verse so ungestm und schien
wegen des Erfolges so aufgeregt zu sein, da trotz dem kalten Winde, der in
das Zimmer blies, in welchem wir saen, der Schwei ihm ber das Gesicht
und den Bart strmte. Endlich begann der Krug sich zu bewegen, anfangs
langsam, dann schneller, bis er ziemlich rasch drei- bis viermal herumging.
Der Scheik wies triumphirend darauf hin und stellte sein Gemurmel ein,
worauf der Krug stehen blieb. Nach einer Pause von etwa einer Minute begann
der Scheik seine Beschwrungen von Neuem und wunderbarer Weise drehte sich
der Krug ebenfalls sofort wieder. Endlich hrte er auf, nahm den Krug aus
den Hnden derer, die ihn gehabt hatten und hielt ihn einen Augenblick an
mein Ohr, so da ich deutlich ein singendes Gerusch darin hrte, wie von
kochendem Wasser. Darauf go er das Wasser sorgsam aus, murmelte wieder
etwas in den Krug hinein und gab ihn den Dienern, damit sie ihn wieder mit
Wasser fllten und an den Ort stellten, wo er vorher gestanden hatte, fr
den Fall, da Jemand zu trinken wnsche. Ich htte vorausschicken sollen,
da der Krug einer der gewhnlichen war, wie man sie in Syrien hat und mit
mehreren andern an der Thr stand. Als die Vorstellung zu Ende war, sank
der Scheik ganz erschpft auf den Divan und erklrte, es sei das letzte
Mal, da er sich solcher Anstrengung aussetze und Zauberknste verrichte,
auer wenn es einen Kranken gesund machen knne.

Der Scheik, berichtet der Englnder, bereitet sich zu den Heilungen durch
lngere Fasten vor, die, wie er sagte, nothwendig seien, um die Macht ber
die Geister zu erlangen, die er dabei brauche. Er ist wohlhabend, nimmt
keine Belohnung an; will seine Kunst, die aus der Pharaonenzeit stamme, von
einem alten Marokkaner erlernt haben; sie knne nicht fr Geld erlangt
werden; es lebten jetzt nicht fnfzig Personen in der Welt, welche die
wahre Kenntni davon besen; er selbst sei noch ein Anfnger, da er die
erforderlichen strengen Fasten nie ohne Nachtheil fr seine Gesundheit habe
halten knnen.

So weit der Englnder.

Oberstlieutenant T. G. Fraser berichtet folgende Erzhlung einer Generalin
W. in seinem Werke: +Sport and Military life in Western India+--,
brigens ein Buch, in welchem man nicht leichtglubige Voreingenommenheit
fr die bersinnliche Erklrung von Thatsachen vermuten wird. Die Dame
beschreibt Fraser als untadelhaft in Genauigkeit und Aufrichtigkeit,
furchtlos und starksinnig, auch so wenig unter dem Einflusse krankhafter
oder aberglubischer Einbildung stehend, wie nur irgend Jemand, den er
kenne. Von Fraser selbst aber sagt u.a. Oberst Malteser +C.B.J.+, da
er der offenste und zuverlssigste Mann sei, mit dem er je das Glck
gehabt habe, in Berhrung zu kommen. Fraser giebt die Erzhlung der
Generalin folgendermaen wieder:

An einem schwlen Aprilabende stand ich an der Eingangspforte unseres
Grundstcks, als ein Birudge, ein Hinduber von mittleren Jahren, mit
Asche bedeckt, auf der Strae daher kam und an mir vorberging. Dabei sah
er mich einen Augenblick eindringend an, ohne jedoch stehen zu bleiben oder
mir zu zeigen, da er mich kenne. Als er einige Schritte weiter gegangen
war, wandte er sich um und sagte zu mir: Im Namen Gottes, es ist mir
gegeben, Dir zu sagen, was Dein Schicksal sein wird. -- Ich rief eine in
der Nhe stehende Ordonanz herbei und befahl ihr, dem Manne eine Rupie zu
geben. -- Nein, sagte der Mann, ich bitte um nichts; aber Dein Schicksal
steht fr mich auf Deiner Stirn geschrieben, und ich will es Dir, wenn Du
es wnscht, enthllen. -- Ich vermuthe, erwiderte ich, Du gewinnst Deinen
Unterhalt damit. -- Ich kann dies, sagte er dagegen, nur fr wenige
Personen, Du aber bist eine derselben. -- Wirklich? Nun dann la einmal
hren! Sag mir, wer ich bin; wenn Du aber etwas unrichtiges sagst, werde
ich Dich bestrafen lassen. -- Du bist die Frau des General Sahib, Du hast
einen Sohn und eine Tochter! -- Ich hatte, warf ich ein, aber ich habe
ersteren verloren. -- Nein, erwiderte er, es ist wie ich sage. -- Nun fahre
nur fort. -- Du wirst sehr bald das Land verlassen und in Deine Heimath
zurckkehren. (Mein Mann hatte indessen sehr hufig erklrt, niemals wieder
Indien verlassen zu wollen.) -- Nun, wann soll denn das vor sich gehen? --
Sehr bald! -- Werden wir denn unversehrt daheim ankommen? -- Du wirst; aber
vierzehn Tage, nachdem Ihr von hier abreist, wird er in Gott ruhen! -- Bis
dahin hatte ich ihm gleichgltig zugehrt, jetzt aber fuhr ich erbost und
gengstigt auf: Was sagst Du, Elender? -- Nicht ich rede, hohe Frau, nur
Dein Schicksal redet. In 18 Tagen wirst Du an Bord sein, und wirst Alles
hier verkauft haben bis auf ein einziges Pferd. -- Hier, rief ich, ist der
Stall; komm und zeige mir das Pferd, von dem Du meinst, da wir es nicht
verkaufen werden. -- Er lie seine Augen schnell an der Reihe der Pferde
entlang gleiten, und zeigte sofort auf einen Grauschimmel: das da! (Mein
Mann hatte mir dieses Pferd zwei Jahre vorher zum Geburtstage geschenkt.)
-- Nun, sagte ich, wenn Du doch so viel weit, sage mir doch, ob ich sicher
im Hause anlangen und mein Kind sehen werde? -- Ja, Du wirst Deinen Sohn
sehen, wenn Du von hier abreisest, aber wirst ihn nicht mehr sprechen; er
wird Dir mit einem Tuche von ferne zuwinken. Du wirst in Europa anlangen
und dort eine Zeit bleiben, aber Geldschwierigkeiten werden Dich zwingen,
hierher zurckzukehren; danach jedoch wirst Du wieder heimkehren und nach
einiger Zeit wirst Du das Geld erhalten und glcklich sein.

Bis diesen Augenblick ist All und Jedes eingetroffen, genau wie es jener
Mann vorhergesagt. Noch an demselben Abend beim Thee sagte pltzlich der
General, der so oft seinen Entschlu geuert hatte, nur in Indien leben
und sterben zu wollen: 'Was wrdest Du zu einer Tour nach England sagen?
Ich sprach mit F. und er hat mir einen Platz an Bord der *** gesichert,
wenn wir zum *** bereit sind; ich habe Lust dazu.'

Ich war so berrascht, da mir fast die Tasse aus der Hand fiel. Ich
starrte meinen Mann an, aber es war nur zu wahr. Noch im Laufe desselben
Monats waren die erforderlichen Einrichtungen getroffen, Alles wurde
verkauft bis auf den arabischen Grauschimmel, der, da er ein
Geburtstagsgeschenk war, an *** gegeben wurde. Wir schifften uns bei
vollstndiger Gesundheit ein, und als wir eben auf der Hhe des
Leuchtthurmes waren, sahen wir in der Ferne ein Boot, das sich vergeblich
bemhte, uns einzuholen. Mit dem Fernglas konnten wir in demselben einen
Europer bemerken, der mit einem Taschentuch winkte; nachher stellte sich
heraus, da dies mein Sohn gewesen, dessen Tod uns zwei Monate vorher aus
den oberen Provinzen berichtet worden war. Htte ich ihn damals erkennen
knnen, so wre ich dadurch gewissermaen auf das, was folgte, vorbereitet
worden. Zehn Tage spter fiel der General auf dem Deck nieder, wurde in
seine Cabine getragen und starb am vierzehnten Tage nach unserer Abreise,
wie der Fakir es richtig vorhergesagt hatte. Ich kam brigens wohlbehalten
daheim an und es mu sich zeigen, ob sich auch der Rest seiner
Prophezeiungen erfllen wird. Jedenfalls sehen Sie, da ich wieder nach
Indien zurckgekehrt bin, um meine Geldangelegenheiten und das Testament
des Generals zu ordnen, denn F. wollte mir kein Geld weiter auszahlen.

Oberst Fraser fgt hinzu: So weit die Geschichte; sie redet fr sich
selbst. Bald nachher hrte ich, da meine verehrte Freundin, die Generalin,
wieder nach England abgereist ist. -- --

Je tiefer man in das occultistische Gebiet, auf dem sich heute eine hchst
bedeutende wissenschaftliche Neugestaltung zu vollziehen im Begriff ist,
vordringt, auf desto mehr Thatsachen, wiederholen wir, stt man, die
bisher vereinzelt, als unglaublich erschienen sind, deren vergleichende
Zusammenstellung jedoch zur Anerkennung ihrer Wirklichkeit fhrt, wenn
auch die Wissenschaft dabei noch vor ungelsten Rtseln steht. Wir fahren
mit den Belegen dazu fort.

Was die wandelnden Krge betrifft, welche bei den Drusen im Libanon Wasser
herbeischleppen und ausgieen, so erinnern sie auffallend an Berichte der
Alten[273] von laufenden Dreifen, von Bildsulen, welche sich automatisch
bewegen und an den Hfen der indischen Frsten bei der Tafel aufwarten. Das
Bewirken von Ortsvernderungen lebloser Gegenstnde ohne Berhrung und aus
der Ferne bei Sitzungen mit Medien ist durch zahlreiche Experimente aus
letzter Zeit eine so unzweifelhafte Thatsache geworden, da selbst
Vertreter der exakten Wissenschaften, wie Wallace, Crookes und neuerdings
Paul Gibier, de Rochas und viele andere dieselbe anerkannt haben, obgleich
ihnen, wie allen unbefangenen Forschern dabei zugestoen ist, was der
berhmte Foucault Jahrzehnte vorher prophetisch gesagt hatte: +Le jour, o
l'on ferait bouger un ftude de paille sons la seule action de ma volont,
j'en serais pouvant.+ Die unglubigsten Beobachter haben bei solchen
Sitzungen sehr oft gesehen, wie ohne Berhrung Sthle herbeihumpelten,
Bcher und Instrumente durch die Luft flogen und Tische sich fuhoch ber
den Boden erhoben; Thatsachen, die zu derselben Kategorie gehren, wie die
durch Berichte von russischen und deutschen Reisenden bekannten ebenso
unzweifelhaften fliegenden Tische der Schamanen.

Es lieen sich aus Hindostan, Tibet und China noch eine Reihe hnlicher,
genugsam beglaubigter Vorkommnisse anfhren; wir bergehen sie und geben
dafr aus neuester Zeit eine Mitteilung von Horace Pelletier, einem Schler
des Obersten de Rochas, welcher mit drei Sensitiven (magnetisch Begabten)
occultistische Experimente vornimmt, die ihn zu hchst interessanten
Ergebnissen gefhrt haben.

Sie wissen, schreibt er an den Direktor der +l'Initation+, da dank der
psychischen Kraft, welche aus dem Krper meiner Sensitiven ausgeht, leblose
Gegenstnde aus der Ferne und ohne jede Berhrung bewegt werden und ihre
Stelle verlassen. Diese Gegenstnde bleiben nicht bei der bloen
Ortsvernderung, sie drehen sich, Kreise beschreibend, um sich selbst,
laufen von einem Ende der Tischplatte bis zur andern, kehren selbst zu
ihrem Ausgangspunkte zurck, um von neuem mit erstaunlicher Schnelligkeit
wieder davon auszugehen; manchmal schnellen sie in die Hhe, springen ber
den Tischrand und fallen zur Erde.

Oft gehorchen sie dem Worte; ja sie gehorchen wirklich; wenn man ihnen
befiehlt. Bei allen meinen Sitzungen wiederholt sich diese merkwrdige
Thatsache mehrmals, als wenn das Fluidum, welches ihnen die Bewegung
mittheilt, mit Verstand begabt wre.

Ich stelle zwei Korkstpsel mitten auf die Tischplatte, 11/2-2 Zoll von
einander entfernt, und ich sage zu ihnen: Kt euch! Sofort drcken sie
sich aneinander, nachdem jeder die Hlfte des Zwischenraumes zurckgelegt
hat. Nun befehle ich ihnen sich zu trennen, und jeder seines Weges zu
gehen. Sie gehorchen pnktlich, trennen sich und, indem jeder eine
entgegengesetzte Richtung einschlgt, bewegt er sich bis an den Rand der
Tischplatte. -- Ich befehle ihnen sich zu vereinigen; sie kehren zu
einander zurck und von Neuem drckt der eine sich an den andern. --
Hierauf sage ich zu dem einen: Nimm einen Anlauf und springe! Sofort luft
der treue Korkstpsel, meinem Befehl gehorchend, an den Rand der
Tischplatte; aber zuweilen hat er die Entfernung schlecht bemessen und
bleibt am Rand stehen. Ich wiederhole meinen Befehl, und er kehrt zu seinem
Ausgangspunkt zurck, aber besser berechnend, luft er mit groer
Schnelligkeit, springt wie eine Gemse ber den Rand und fllt zu Boden. Ich
wei wohl, da ich da sonderbare, unerhrte, unglaubliche Dinge erzhlte,
aber ich bertreibe nichts, ich behaupte nur, was genau wahr ist. Auch habe
ich hierfr Zeugen. Bemerken will ich noch, da meine Sensitiven, whrend
die Dinge vor sich gingen, sich drei Fu vom Tischchen entfernt befanden
und meistens, gelangweilt durch diese von mir unablssig wiederholten
Experimente, wenig darauf achteten, plauderten und lachten, ohne sich um
das Ergebni zu kmmern.

Der Umstand, da die vorgehend geschilderten Experimente mit ganz
gewhnlichen Krgen, Stpseln u.dergl. gemacht wurden, kann dieselben
weder lcherlich machen, noch deren Bedeutsamkeit fr die Erkenntnis der
ihnen zu Grunde liegenden, zum Teil noch unbekannten Naturgesetze im
mindesten schmlern.

Ich wende mich jetzt zu den Berichten ber die Fakire Jacolliots, deren
Knste wie die oben erwhnten auf uralten Traditionen beruhen und hnlich
schon im alten Indien gebt wurden, wie wir bei Apollonius von Tyana sehen
werden. Ich referiere nach Perty[274], dessen Darstellung in weiteren
Kreisen wenig bekannt wurde:

Die Urgeschichte gerade derjenigen alten Vlker, welche am meisten auf die
klassische und moderne Kultur Einflu bten, wurde am sptesten,
hauptschlich erst in diesem Jahrhundert aufgeschlossen. Es sind die Indier
und die noch lteren gypter, Vlker mit wesentlich hierarchischen
Verfassungen einer mchtigen Priesterschaft, ausgebildeter Geheimlehre, bis
ins kleinste geordnetem Ritus und Ceremoniell, deren Sitten, Knste,
Meinungen, Philosophie mchtig auf die Perser, Araber, Griechen eingewirkt
haben, deren Religionsbegriffe z.B. auch in andern Glaubenslehren, die
christliche nicht ausgeschlossen, eingedrungen sind. An die Geister der
Vorfahren scheinen schon die Arier in ihren Ursitzen geglaubt zu haben, bei
den Indiern wurde dieser Glaube im Buche der Pitris zu einem System
ausgebildet. Diese und andere indische Verhltnisse wurden wieder in den
letzten Jahren durch den Franzosen Herrn Louis Jacolliot untersucht, der in
Pondichery wohnhaft, von hier aus Indien durchstreifte, und Forschungen
ber seine Geschichte, seine Altertmer und Religion anstellte. Der Teil
derselben, welcher die Leser nher interessieren drfte, fhrt den Titel:
+Le spiritisme dans le monde, l'Initiation et les scienses occultes dans
l'Inde (Paris 1875)+ und enthlt, sich hauptschlich auf das Buch der
Pitris (Geister) sttzend, unter anderem selbstbeobachtete Produktionen der
Fakirs, welche mit den spiritualistischen des Abendlandes groe hnlichkeit
haben.

Zum Verkehr mit den Geistern knnen nur die Eingeweihten, von den Fakirs
an, gelangen. Nur durch schwere, lang fortgesetzte Bungen kommt man zu
den oberen Stufen, deren hchste, der Yogi, unermelich hoch ber den
gewhnlichen Menschen steht. Die Yogis bilden den Rat der Alten, enthalten
sich des geschlechtlichen Verkehrs, und so erhaben ist ihr Zustand und
Verdienst, da gewhnliche Menschen ihn in Tausenden von Generationen und
Seelenwanderungen nicht erreichen knnten. Das siebenknotige
Bambusstbchen, welches schon die Fakirs immer fhren, findet man auch bei
den oberen Stufen, und es wird feierlich durch den Oberpriester zugestellt;
die sieben Knoten stellen die sieben Stufen der Anrufung und der ueren
Manifestationen vor. Der oberste Priester fhrt den Namen Brahmatma. Wenn
der Guru (Oberpriester) seinen Unterricht vor den Schlern beginnt, die
glubig und verehrend zu seinen Fen sitzen, so spricht er zu ihnen: Hrt!
Whrend der elende Sudra (die unterste Kaste) sich dem Hunde gleich auf
sein Lager wirft, der Vaysia die Reichtmer der Erde anzuhufen denkt, der
Tschatrya (Frst, Krieger) im Frauengemach schlft, ermdet aber nie
gesttigt vom Vergngen, so ist es jetzt fr die Gerechten, die nicht von
der unreinen Krperhlle sich wollen beherrschen lassen, Zeit, die
Wissenschaft zu studieren.

Die Eingeweihten gelangen zu der ihnen zugeschriebenen Macht durch ein
langes Leben der strengsten Askese und zwar zu den verschiedenen Graden
ihrer Macht. Zu einer ersten Klasse gehren die Grihastas, die ihre
Familien nicht verlassen und die Vermittelung zwischen den Tempeln und dem
Volk herstellen, keine magischen Phnomene hervorbringen knnen, sondern
nur die Seelen der Vorfahren, und zwar nur in ihrem Stammbaum anrufen
drfen, um von ihnen Eingebungen zu erhalten; dann die Purohitas, welche,
bereits den Tempeln zugeteilt, die gewhnlichen Priesterfunktionen
versehen, bei den Geburten, Ehen, Bestattungen thtig sind, die
Familiengeister anrufen, die Horoskope stellen, die Dmonen vertreiben;
endlich die Fakirs, die Almosensammler der Tempel, zugleich die Zauberer,
welche willkrlich die auffallendsten und unsern sogenannten Naturgesetzen
am meisten widersprechenden Wirkungen hervorbringen und zwar mit Hilfe der
Pitris, Geister der Vorfahren, zu deren Herbeirufung nach brahmanischer
Behauptung sie ermchtigt sind. Fr die Eingeweihten der zweiten Klasse,
der Sanyassis, und der dritten, der Nirvanys und Yogis ist die Macht ihrem
Wesen nach gleich und nur dem Grade nach verschieden. Sie bringen ihre
Manifestationen nur im Innern der Tempel, uerst selten bei sehr vornehmen
Personen oder bei seltenen ffentlichen Festen hervor, glauben, da die
sichtbare und unsichtbare Welt ihrem Willen unterworfen sei, da sie den
Elementen gebieten, ihren Krper verlassen und wieder in denselben
zurckkehren knnen; ihre orientalische Phantasie kennt keine Schranke und
kein Hindernis, und sie werden in Indien gleichsam fr Gtter gehalten. Man
sieht, da daselbst eine durchgefhrte priesterliche Organisation besteht
und es wird behauptet, da in den Krypten der Pagoden die Eingeweihten
viele Jahre hindurch einer strengen Disziplin unterworfen werden, welche
ihren Organismus physiologisch umstimmt und das reine Fluidum in ihnen
vermehrt, welches, Akasa genannt, das Vehikel aller magischen Wirkungen
ist. Es war Herrn Jacolliot nicht mglich, ber diese verborgenen Vorgnge
sich zu unterrichten, und er kann daher nur ber die Fakirs Mitteilungen
machen. Sogar die Gebets- und Evokationsformeln der hheren Grade wurden
nie aufgeschrieben, sondern nur mndlich mitgeteilt, und das Buch der
Pitris schweigt hierber.

Nach brahmanischer Lehre ist jener Akasa, das reine Lebensfluidum -- etwa
unser ther -- durch die ganze Natur verbreitet und setzt alle belebten und
unbelebten, alle sichtbaren und unsichtbaren Wesen miteinander in
Verbindung; Elektrizitt, Wrme, alle Naturkrfte kommen nur durch den
Akasa zur Wirksamkeit. Wer eine grere Quantitt desselben besitzt,
erlangt Macht ber diejenigen, welche davon weniger haben, und ber die
leblosen Wesen. Selbst die Geister, welche ihre Macht zum Dienst der
Menschen anwenden, die imstande sind, sie herbeizurufen, fhlen die
allgemeine Verbindung, welche der Akasa unter den Weltdingen herstellt. Fr
gewisse Brahmanen ist der Akasa das wirkende Prinzip der Weltseele und der
Beherrscher aller Seelen, die in inniger Gemeinschaft stehen wrden, trte
nicht die grobkrperliche Materie bis auf einen gewissen Grad hindernd
dazwischen; je mehr von dieser eine Seele sich durch ein beschauliches
Wesen frei macht, desto inniger fhlt sie die allgemeine Strmung, welche
die sichtbare und unsichtbare Welt durchzieht.

Allgemein bekannt ist die auerordentliche Geschicklichkeit der indischen
Fakirs, die man gewhnlich als Zauberer oder Jongleurs bezeichnet und
welchen alle asiatischen Vlker eine bernatrliche Kraft zuschreiben.
Viele glauben zwar, da unsere geschicktesten Taschenspieler das Gleiche zu
vollbringen vermgen, es bestehen aber zwischen beiden die wesentlichsten
Unterschiede, denn der Fakir giebt nie Vorstellungen vor greren
Gesellschaften, sondern nur im Innern von Privatwohnungen, hat nie einen
Helfer, ist immer ganz unbekleidet mit Ausnahme eines handgroen, die
Geschlechtsteile bedeckenden Lappens, wei nichts von den tausend Gerten
und Apparaten, den Bechern, Bchsen mit doppeltem Boden, Zauberscken,
prparierten Tischen, eigens eingerichteten Localitten unserer
Taschenspieler. Der Fakir hat gar nichts als ein Bambusstbchen, dick wie
ein Federhalter, mit sieben Knoten in der rechten Hand und ein Pfeifchen
von etwa drei Zoll Lnge, an einer seiner Haarflechten befestigt, weil er,
als ganz unbekleidet, keine Tasche hat, um es darin aufzubewahren. Er
operiert, wie man will, sitzend oder aufrecht, auf der Rohrmatte des
Salons, auf dem Marmor-, Granit- oder Mrtelboden der Veranda, auf der
nackten Erde des Gartens. Hat er zur Hervorrufung lebensmagnetischer und
somnambulistischer Zustnde eine Person ntig, so nimmt er den nchsten
Domestiken dazu, den man ihm bezeichnet, gleichviel ob Indier oder
Europer; bedarf er ein Musikinstrument, Rohr, Papier, Bleistift, so
ersucht er darum. Zugleich wiederholt er seine Darstellung, so oft man es
verlangt, um sie kontrollieren zu knnen, und verlangt niemals eine
Bezahlung, sondern nimmt das Almosen an, das man ihm fr seinen Tempel
giebt; alle Fakire der verschiedenen indischen Lnder beobachten diese
Vorschriften. Glaubt man in der That, fragt Jacolliot, da unsere
Taschenspieler unter diesen Bedingungen etwas leisten knnten?

Derselbe, seit vielen Jahren in Indien, kannte die Phnomene des
amerikanischen und europischen Spiritualismus nicht, hatte in Europa nie
einen Tisch sich bewegen sehen, der bertriebene Glaube an die
Unsichtbaren erinnerte ihn so sehr an die Ekstasen und Mysterien des
Katholicismus, da er, ein eingefleischter Rationalist, welcher noch jetzt
zu sein er behauptet, sich nicht entschlieen konnte, bei den Vorgngen in
einem Cirkel zugegen zu sein. Die indischen Fakirs, von ihm einfach fr
Taschenspieler gehalten, hat er immer abgewiesen, hrte aber fortwhrend
von ihrer wunderbaren Geschicklichkeit sprechen. Als nun in Pondichery
einst gegen den Mittag durch den Dobaschy, Kammerdiener, wieder ein Fakir
bei ihm gemeldet wurde, entschlo er sich doch, ihn zu empfangen, was in
einer der inneren Verandas seines Hauses geschah, wo ihn der Fakir, auf
den Marmorplatten des Fubodens kauernd, erwartete. Jacolliot war betroffen
ber seine Magerkeit, sein fleischloses Gesicht und die halberloschenen
Augen erinnerten ihn an die graublauen Augen der Haie des groen Oceans.
Der Fakir erhob sich langsam, verneigte sich mit an die Stirne gelegten
Hnden und murmelte: Ehrerbietigen Gru, Herr! Ich bin Salvanidin-Odar,
Sohn des Canagareyen-Odar. Der unsterbliche Wischnu beschtze deine Tage!
-- Sei gegrt Salvanidin-Odar, Sohn des Canagareyen-Odar, knntest du
sterben am heiligen Ufer des Tucangy, und mge diese Transformation deine
letzte sein! erwiderte Jacolliot. -- Der Guru der Pagode hat mir diesen
Morgen gesagt: geh auf geradewohl hren lesen lngs den Reisfeldern, und
Ganesa, der Schutzgott der Wanderer, hat mich zu Dir gefhrt. -- Sei
willkommen! -- Was wnschest Du von mir? -- Man behauptet, Du knntest
leblose Krper bewegen, ohne sie zu berhren; ich mchte gerne dieses
Wunder dich vollbringen sehen. -- Salvanidin-Odar hat diese Macht nicht;
er ruft seine Geister an, die ihm ihren Beistand gewhren. -- Nun wohl,
Salvanidin-Odar, rufe die Geister und zeige mir ihre Macht! -- Gleich nach
diesen Worten kauerte der Fakir sich wieder auf dem Boden nieder, stellte
sein Stbchen mit den sieben Knoten zwischen seine gekreuzten Beine und bat
mich nun, ihm sieben kleine irdene Tpfe mit Erde, sieben dnne
Holzstbchen von je zwei Ellen Lnge und sieben beliebige Bltter bringen
zu lassen. Dann lie er die gebrachten Gegenstnde, ohne sie selbst zu
berhren, durch den Dobaschy etwa zwei Meter von seinen ausgestreckten
Armen in eine Linie legen; hierauf mute der Diener in jeden Topf eines von
den Holzstbchen stecken und ber jedes ein in der Mitte durchbohrtes Blatt
stlpen, das am Stbchen hinuntergleitend, den Topf wie einen Deckel
bedeckte. Hierauf hob der Fakir die geschlossenen Hnde ber seinen Kopf
und sprach in tamulischer Sprache folgende Anrufung: Mgen alle Mchte, die
ber das geistige Prinzip des Lebens und ber das Prinzip der Materie
wachen, mich gegen den Zorn der bsen Geister beschtzen, und der
unsterbliche Geist Mahatatritandi, der drei Formen hat, mich nicht der
Rache Yamas berliefern! -- Dann streckte er die Hnde gegen die Tpfe und
blieb unbeweglich wie in Ekstase, nur von Zeit zu Zeit seine Lippen
bewegend, als wenn er innerlich sprche.

Pltzlich schien es Jacolliot, als wenn ein leichter Wind seine eigenen
Haare bewege und ber sein Gesicht streiche wie der tropische Abendwind
nach Untergang der Sonne, und doch bewegten sich die Vorhnge zwischen den
Sulen der Veranda nicht; die gleiche Empfindung wiederholte sich mehrmals
nach einander. Es war etwa eine Viertelstunde verflossen, wo der Fakir
seine Stellung nicht verndert hatte; da stiegen langsam die Feigenbltter
an den Holzstben empor und lieen sich wieder herab, und der Beobachter,
nher tretend und gar keine Verbindung zwischen dem Fakir und ihnen
findend, fhlte eine gewisse Aufregung; die Bltter unterbrachen ihr Auf-
und Absteigen nicht, obschon er mehrmals zwischen den Tpfen und dem Fakir
durchging. Jacolliot nahm dann, was ihm unbedenklich zugestanden wurde, die
Bltter von den Stben und diese aus den Tpfen und leerte die ganze Erde
auf dem Fuboden aus. Hierauf klingelte Jacolliot dem Koch, lie sich aus
der Kche sieben Fuglser, aus dem Garten Erde und neue Bltter bringen,
teilte selbst ein Bambusrohr in sieben Stcke, die er in die Glser
steckte, ber welche er die durchbohrten Bltter stlpte und fragte nun den
etwa vier Meter entfernten Fakir, der regungslos dem Allen zugesehen hatte,
ob er glaube, da seine Geister auch jetzt noch wirken knnten. Der Hindu
antwortete nicht, sondern streckte nur wie zuvor seine Hnde gegen die
Glser aus, und es dauerte keine fnf Minuten, als das Auf- und Absteigen
der Bltter von neuem begann. Jacolliot fragte hierauf den Fakir, ob denn
die Tpfe und Erde fr die Hervorbringung des Phnomens notwendig seien,
und als dieser die Frage verneinte, lie Jacolliot sieben Lcher in ein
Brett bohren und steckte in diese die Bambusstcke. Nach kurzer Zeit folgte
die Erscheinung mit gleicher Regelmigkeit und zwar zwei Stunden hindurch
nach vielfach genderten Versuchen in immer gleicher Weise, so da
Jacolliot sich fragen wollte, ob er nicht selbst unter einer starken
magischen Einwirkung stehe. Da sprach der Fakir: Hast Du von den
Unsichtbaren nichts zu verlangen, ehe ich mich von ihnen trenne? Jacolliot
hatte gehrt, da die europischen Medien sich fr ihre angebliche
Unterhaltung mit den Geistern eines Alphabets bedienen, teilte dies dem
Hindu mit und fragte, ob man nicht durch hnliche Mittel eine Verbindung
mit jenen herstellen knnte. Wrtlich antwortete der Fakir: Frage, was Du
wnschest. Haben die Geister Dir nichts zu sagen, so werden die Bltter
unbeweglich bleiben; haben sie, welche die Bltter bewegen, Dir ihre
Gedanken mitzuteilen, so werden die Bltter an den Stbchen emporsteigen.
Jacolliot zeichnete eiligst das Alphabet auf ein Blatt Papier, da fiel ihm
noch ein anderes Mittel ein. Er besa kupferne Buchstaben und Zahlen auf
Zinkplatten geltet, die er brauchte, seinen Namen und eine Ordnungsnummer
auf seine Bcher zu prgen, und warf diese nun alle unter einander in einen
kleinen Sack, um eine nach der andern herauszunehmen. Der Fakir hatte seine
Anrufungsstellung angenommen, Jacolliot dachte an einen vor fast zwanzig
Jahren verstorbenen Freund und nahm nun eine Zinkplatte nach der andern
heraus, immer die Buchstaben und Zahlen und zugleich die Bltter
beobachtend. Vierzehn von jenen waren schon herausgenommen, als beim
Buchstaben +A+ die Bltter schnell bis zum Gipfel der Stbchen
emporstiegen, dann herunterfielen und unbeweglich auf dem Brett liegen
blieben, in welchem die Stbchen steckten. Jacolliot fhlte sich bewegt,
denn +A+ war der erste Buchstabe des Namens jenes Verstorbenen. Als der
Sack leer war, wurde er wieder mit den Typen gefllt, und nach und nach,
Buchstaben fr Buchstaben, erhielt der Beobachter den Satz:

+Albain Brunier, mort  Bourg-en-Bresse, 3. Janvier 1856.+

Es flimmerte vor seinen Augen, als er dieses Resultat vor sich sah, und er
mute, unfhig, die Beobachtungen diesen Tag lnger fortzusetzen, den Fakir
fr den nchsten Tag zu sich laden.

Nachdem er einen Teil der Nacht ber diese Dinge nachgedacht, dann in der
folgenden Sitzung die Phnomene des vorigen Tages in gleicher Art hatte
wiederholen lassen, bat Jacolliot den Fakir, noch einmal anzufangen,
richtete aber sein Verhalten nach einer von ihm gemachten Voraussetzung
ein. Er nderte nmlich im Geiste die Buchstaben jener Phrase, wie er
meinte, beibehaltend, die Stellung derselben und erhielt so durch dieselbe
Prozedur wie am vorigen Tage die Namen:

+Halbin Pruniet, mort  Bourg-en-Bresse, 3. Janvier 1856.+

Jacolliot wollte auch den Namen der Stadt und den Todestag ndern, gelangte
aber nicht dazu, sondern erhielt wieder:

+mort  Bourg-en-Bresse, 3. Janvier 1856.+

Vierzehn Tage nacheinander lie Jacolliot den Fakir kommen, welcher die
grte Hingebung bewies, und vernderte fortwhrend seine Versuche, bald
erhielt er nderungen in den Buchstaben jenes Namens, die denselben ganz
unkenntlich machten, bald Modifikationen des Tages, Monats und Jahres des
Todes, nie aber eine nderung im Namen der Stadt, woraus er, immer von der
Voraussetzung einer natrlichen Kraft ausgehend, die den Fakir und die
Bltter in Verbindung setze, schlo, da er vielleicht sein Wissen der
wahren Orthographie vielleicht nicht bei allen Worten gengend isoliren
knne. Er wiederholte dann noch fter zu verschiedenen Zeiten mit
verschiedenen Subjekten die Versuche, ohne zu einem andern Resultat zu
gelangen. Whrend einesteils die materiellen Phnomene sich sozusagen
konstant reproduzierten, wechselte ebenso konstant die Verschiedenheit in
bertragung der Gedanken, und zwar von ihm gewollte oder ganz gegen seinen
Willen eingetretene Verschiedenheit.

In der letzten Sitzung mit dem Fakir machte dieser mit einer gewhnlichen
Pfauenfeder die leere Schale einer Wage sinken, whrend die andere mit 80
Kilos belastet war; auf einfache Auflegung seiner Hnde flog ein
Blumenkranz in die Luft; man hrte in dieser unbestimmte Tne, und eine
therische Hand schrieb in der Luft leuchtende Zeichen, Phnomene, die
Jacolliot damals fr reine Phantasmagorie hielt und von denen spter noch
die Rede sein wird. Die erwhnten materiellen Phnomene lieen auch bei der
strengsten Untersuchung keinerlei Betrug entdecken, hinsichtlich der
psychologischen hat er nichts ganz Festes und Unvernderliches erhalten und
neigt sich mit Ausschlu aller natrlichen Einwirkung zu der Ansicht, da
die Phnomene auf einer fluidischen Gemeinschaft zwischen ihm und dem
Operateur beruhen. Seine richterlichen Funktionen einerseits und dann die
Studien ber das alte Indien gestatteten ihm nicht die Fortsetzung dieser
Untersuchungen, doch zeichnete er Alles auf, was sich auf die Lehre von den
Pitris und den Geisterglauben bezog, ebenso was ihm ber die materiellen
Wirkungen des Fakirs kund wurde, in der Absicht, das ber diese
fremdartigen Gegenstnde Gefundene spter bekannt zu machen, wobei er sich
jedoch blo als Historiker verhalten wollte, da er nach seiner Aussage zu
keiner wissenschaftlichen Ansicht hierber kommen konnte.

Jacolliot glaubt jedoch, da in der Natur und im Menschen, der in der Welt
doch nur ein Atom ist, unermeliche Krfte liegen, deren Gesetze man jetzt
noch nicht kennt, aber sie entdecken wird, und da die Zukunft Dinge als
Wirklichkeiten erweisen wird, die man jetzt fr Trumereien hlt, und
Phnomene sehen wird, die man jetzt nicht einmal ahnen kann. Man knnte
vielleicht einwenden, die Indier htten seit tausenden von Jahren nicht
vermocht, die Gesetze jener Phnomene festzustellen und man solle seine
Zeit damit nicht weiter verlieren. Aber bei den Brahmanen, die alles unter
den religisen Glauben gebeugt haben, giebt es eben wegen des Glaubens
weder Erfahrung noch wissenschaftliche Prfung, und was hat, fragt
Jacolliot, das Mittelalter, das seine Grundstze aus dem Text der Bibel
holte, von Wissenschaft zu Tag befrdert? Man hat in den Pagoden die
Dampfkraft gekannt und durch sie Vasen zersprengen lassen, man hat auch
einige uerungen der Elektrizitt beobachtet, ist aber weder zu
Eisenbahnen, noch zu Telegraphen gekommen, die freilich auch bei uns von
sehr gelehrten Gesellschaften als Schwindel behauptet worden waren. Das,
was er in Indien sah, bringt Jacolliot schlielich zum Ausspruch, da im
Menschen eine spezifische Kraft vorhanden sein msse, die unter einer
unbekannten, oft intellektuellen Leitung wirkt, eine Kraft, deren Gesetze
durch vorurteilsfreie Mnner studiert werden sollten. Und ist es am Ende
nicht die gleiche Kraft, welche, durch Erziehung und Leitung entwickelt,
die Tempelpriester der alten Vlker in den Stand setzte, der Menge durch
angebliche Wunder zu imponieren? Dann wre manches begrndet, was uns in
den alten berlieferungen geboten wird, und neben aberglubischen
Vorstellungen htten wir auch reale Wirkung einer natrlichen Kraft vor
uns.

Jacolliot hatte den ganzen Abschnitt ber diese Gegenstnde 1866 in
Pondichery geschrieben, und als er das vorliegende Buch fr den Druck
vorbereitete, anfnglich die Absicht, ihn ganz zu unterdrcken, weil er,
der sich vorgenommen, nur einfacher Berichterstatter sein zu wollen,
bemerkte, da er doch Partei fr eine nach seiner Meinung eine natrliche,
in Wahrheit jedoch bernatrliche Wirkungen erzeugende Kraft genommen habe.
Da bekam er durch Geflligkeit des Dr.Pual den bekannten Artikel von
Crookes ber die sogen. psychische Kraft im +Quarterly Journal of
Science+ zu lesen, der whrend seines Aufenthaltes in Indien erschienen
war, und geriet in Erstaunen, als er sah, da der berhmte englische
Chemiker nach seinen Versuchen die Existenz einer Kraft im Menschen
frmlich behauptete, die er, Jacolliot, mehrere Jahre frher nur vermutet
hatte. Dieses bestimmte ihn, das betreffende Kapitel so zu lassen, wie es
ursprnglich geschrieben worden war und demgem auch seine hier folgenden
Erfahrungen mitzuteilen.

Unter dem indischen Himmel mit seiner Glut und Farbenpracht ist die Gefahr
noch grer als bei uns, aus der Sprache nchterner und objektiver
Erzhlung in eine solche zu verfallen, welche Sensation zu beabsichtigen
scheinen knnte. Am 3. Januar 1866 reiste Jacolliot in einem Dungui, einem
landesblichen Fahrzeug, mit kleiner Kajte, von Tschandernagore auf dem
Hugly ab und gelangte 14 Tage spter nach der heiligen Stadt Benares. Zwei
Eingeborene, nmlich ein Kammerdiener und ein Koch, begleiteten ihn, ein
Bootsfhrer und sechs Ruderer aus der Fischerkaste bildeten die Bemannung
des Fahrzeuges. Jacolliot schilderte mit Begeisterung die Pracht der groen
Wallfahrtsstadt der Bekenner der Brahmareligion, in welcher unzhlige
Pilger aus dem weiten Indien kommen und gehen, mit ihren Tempeln, den
Minaretstrmen der Mohammedaner, welche ber die Massen der Palste
emporragen, den zahlreichen mchtigen Quadertreppen (Chabs), welche zum
Ganges hinabfhren, an dessen gekrmmten Ufern sich die Stadt in einer
Ausdehnung von fast zwei Stunden hinzieht. berall lange Arkaden, von
Sulen gesttzt, hohe Quais, Terrassen mit Balkonen und dazwischen das
ppige Laubwerk der Baobabs, Tamarinden und Bananenbume, vielfach mit
vielfarbigen Bltentrauben bedeckt, Grten voll Blumen in weiten Hfen.
Mohammedanische und indische Baukunst mischen sich wundersam in der ganz
unregelmigen Stadt, in welcher die Waren von Indien und Asien
zusammenstrmen, in der eine Toleranz ohnegleichen herrscht, so da die
Moslim und Brahmadiener gemeinsam ihre Waschungen im heiligen Strome
verrichten. Jacolliot hatte in Tschandernagore einen Mahrattenfrsten
kennen gelernt, der sich nach Benares zurckgezogen hatte und ihm nun ein
Quartier in seinem prachtvollen siebenstckigen Palast am Strome, links von
der berhmten Moschee Aurengzebs, anwies.

Es ist nicht selten, da indische Groe ihre letzten Jahre in Benares,
zurckgezogen von der Welt, hinbringen, und unter den Pilgern giebt es
solche, welche in kleinen Scken die nach der Leichenverbrennung
gesammelten Knochenreste der Bagahs oder reicher Personen mitbringen,
welche die Reise bezahlen knnen, beauftragt, sie in den heiligen Strom zu
werfen; denn die letzte Hoffnung des Hindu ist, an den Ufern des Ganges zu
sterben, oder seine Reste dahin bringen zu lassen. Diesem Umstand verdankt
Jacolliot die Bekanntschaft vielleicht des auerordentlichsten Fakirs, den
er in Indien getroffen, Covindasamy mit Namen. Er kam von Trivanderam,
nicht weit von Kap Comorin, der Sdspitze Hindostans, mit dem Auftrage, die
Leichenreste eines reichen Malabaren, aus der Kaste der Kaufleute,
Commutys, nach Benares zu bringen. Der Frst, dessen Familie aus dem Sden
stammte, war gewhnt, in den Nebengebuden seines Palastes die Pilger von
Travancor, Maisur, Tandjaor und der alten Mahrattenlande aufzunehmen und
hatte Covindasamy, der schon 14 Tage da war, eine kleine Strohhtte am Ufer
angewiesen, wo er whrend einundzwanzig Tagen zu Ehren des Toten jeden Tag
morgens und abends seine Waschungen machen sollte. Nachdem sich Jacolliot
von seinem guten Willen berzeugt hatte, lie er ihn eines Tages um die
Mittagsstunde, wo Alles im Palast wegen der Hitze Siesta hielt, zu sich in
ein Zimmer fhren, vor welchem eine Terrasse mit der Aussicht auf den
Ganges sich befand, in welcher ein Springbrunnen hchst angenehme Khlung
verbreitete. Nachdem sich der Fakir mit gekreuzten Beinen auf den Boden
gekauert, sprach Jacolliot zu ihm, ob er wohl eine Frage an ihn richten
knne? -- Ich hre, war die Antwort. -- Weit Du, fuhr Jacolliot fort, ob
in Dir eine Kraft sich entwickelt, wenn Du die Phnomene hervorbringst, und
hast Du nie in Deinem Gehirn oder Deinen Muskeln eine besondere Empfindung
erhalten? -- Es ist nicht eine natrliche Kraft, die wirkt, antwortete
Covindasamy, sondern ich rufe die Seelen der Vorfahren an, und sie sind es,
welche ihre Macht zeigen, deren Werkzeug ich nur bin. -- Eine Menge Fakirs,
welche Jacolliot ber den gleichen Punkt befragt hatte, gaben fast die
gleiche Antwort, und er lie nun Covindasamy seine Wirksamkeit beginnen.
Derselbe hatte schon Stellung genommen und streckte seine Hnde in der
Richtung gegen eine groe, mit Wasser gefllte Bronzevase aus. Kaum nach 5
Minuten begann die Vase an ihrem Grunde in Schwingungen zu geraten und sich
ohne sichtbare Rucke unmerklich dem Zauberer zu nhern, und im Mae wie
ihre Entfernung von ihm abnahm, hrte man mehr und mehr metallische Tne
aus ihr, als wenn mit einem Stahlstab auf sie geschlagen wrde, und diese
Tne wurden in einem gegebenen Moment so zahlreich und folgten sich so
rasch, als wenn ein Hagelschauer auf ein Zinkdach fiele. Jacolliot
verlangte, die Operation leiten zu drfen, was der Fakir ohne weiteres
zugab, und die Vase, stets von ihm beeinflut, rckte vor oder wieder
zurck, oder blieb ruhig, und die Tne stellten ein ununterbrochenes Rollen
dar, oder folgten sich langsam und regelmig, wie die Stundenschlge einer
Uhr, je nach dem Verlangen, welches Jacolliot uerte; auch geschah eine
bestimmte Zahl von Schlgen in einer gegebenen Zeit, und es wurde das Spiel
einer Musikdose, welche sich im Palast befand, fr die die Hindus so groe
Liebhaberei hegen, und welche zuerst den Walzer aus dem Freischtz, dann
den Marsch aus dem Propheten spielte, im Takt von den Schlgen begleitet.
Alles geschah ohne Apparat auf einer Terrasse von einigen Quadratmetern,
und die, wie angegeben, bewegte Vase, breit ausgeschweift wie eine Schale
und bestimmt, das Wasser des Springbrunnens aufzunehmen, das zu den
morgendlichen Waschungen diente, die in Indien ein wahres Bad sind, hatte,
wenn ganz leer, ein solches Gewicht, da kaum zwei Mnner sie bewegen
konnten. Der Fakir, bis dahin unbeweglich kauernd, erhob sich nun und
sttzte seine Fingerspitzen auf den Rand der Vase, die nach einigen
Augenblicken immer schneller hin und her zu schwanken begann, ohne da ihr
Fu, der bald die eine, bald die andere Seite auf den Stuckboden setzte,
das geringste Gerusch machte. Dabei blieb, was Jacolliot am meisten in
Erstaunen setzte, das Wasser in der Vase unbeweglich, als wenn ein starker
Druck es hinderte, seinem durch die Bewegung des Behlters fortwhrend
genderten Schwerpunkt zu folgen. Dreimal whrend dieser Schwankungen erhob
sich die Vase ganz ber den Boden, 7-8 Zoll hoch, und wenn sie auf diesen
wieder zurck ging, geschah es ohne wahrnehmbaren Sto. Die sich gegen den
Horizont neigende Sonne mahnte Jacolliot, seine Exkursionen durch die
Monumente und Ruinen des alten Kassy, des Mittelpunktes geistlicher Macht
zu unternehmen, nachdem die Brahminen im Kampf mit den Rajahs ihre
weltliche verloren hatten, -- und den Fakir, sich im Sivatempel durch die
blichen Gebete auf die Waschungen und Trauerceremonien vorzubereiten, die
er jeden Abend am Ufer des heiligen Stromes zu erfllen hatte. Er
versprach, jeden der wenigen Tage seines Bleibens in Benares noch zu
kommen, denn Jacolliot hatte sein Herz gewonnen, da er, so lange Jahre im
Sden Indiens lebend, das sanfte und wohlklingende Tamul sprach, was in
Benares nicht verstanden wurde, der Fakir daher mit ihm sich ber sein
wunderbares Heimatsland voll alter Denkmler und herrlicher Vegetation, und
ber die geheimnisvollen Krypten der Pagode von Trivanderam unterhalten
konnte, in welchem er von den Brahminen in die Kunst der Anrufung
eingeweiht worden war.

Nachdem dies auch bei der Zusammenkunft am nchsten Tage geschehen, und
hierauf Covindasamy sinnend mit gekreuzten Beinen verharrt hatte, stand er
pltzlich auf, nherte sich der Bronzevase, die bis zum Rand mit Wasser
gefllt war, hielt seine Hnde ber dieses, ohne es zu berhren, und blieb
unbeweglich. Vielleicht weil seine Kraft heute schwcher war, verflo eine
Stunde ohne alle sichtbare Wirkung, bis endlich das Wasser wie unter einem
leichten Luftzug sich zu runzeln begann; Jacolliot, der seine Hnde auf den
Rand des Gefes gelegt hatte, empfand einen Hauch von Frische, und ein auf
das Wasser geworfenes Rosenblatt trieb gegen den Rand. Eigen war dabei, da
die kleinen Wellen sich an der dem Fakir entgegengesetzten Seite bildeten
und gegen den Rand, an dem er stand, anschlugen. Nach und nach geriet die
Wassermasse wie bei starker Erhitzung in eine sprudelnde Bewegung,
berflutete die Hnde des Zauberers und manche Wasserstrahlen schossen ein
bis zwei Fu hoch empor. Bat Jacolliot den Fakir, seine Hnde vom Wasser
zurckzuziehen, so lie dessen Bewegung allmhlich nach, nherte er sie
wieder, so nahm sie aufs neue zu.

Der Hindu bat um ein kleines Stbchen, und Jacolliot gab ihm einen noch
nicht angeschnittenen Bleistift, den Covindasamy auf das Wasser legte und
der nach einigen Minuten den Hnden des Fakirs folgte, wie man eine
Magnetnadel durch vorgehaltenes Eisen in allen Richtungen zu fhren
vermag. Dann legte er uerst leise die Spitze seines Zeigefingers auf die
Mitte des Bleistiftes und dieser sank nach wenig Augenblicken unter das
Wasser bis auf den Grund der Vase. Jacolliot hatte schon bei manchen Fakirs
Erhebungen vom Boden gesehen und bat auch Covindasamy um eine solche.
Dieser ergriff ein Rohr von Eisenholz, welches Jacolliot von Ceylon
gebracht hatte, sttzte die rechte Hand auf den Kopf, schlug die Augen zur
Erde und begann seine Evokationen zu sprechen, worauf er sich allmhlich,
die eine Hand auf den Kopf gesttzt, mit nach orientalischer Weise
gekreuzten Beinen bis etwa zwei Fu ber den Boden erhob, dabei unbeweglich
bleibend in einer Stellung, hnlich den bronzenen Buddhas, welche jetzt
alle Touristen aus dem uersten Orient mitbringen, whrend die meisten
dieser Statuetten in den Schmelzereien von London angefertigt wurden.
Jacolliot vermochte schlechterdings nicht zu begreifen, wie der Fakir ber
20 Minuten lang in einer dem Gesetze der Schwere gnzlich widersprechenden
Stellung verharren konnte. Als er an diesem Tage Abschied nahm, kndigte er
Jacolliot an, da in dem Augenblick, wo die heiligen Elephanten auf den
kupfernen Becken in Sivas Pagode die Mitternachtsstunde schlagen wrden, er
die Familiengeister der Franguys (Franzosen) anrufen wolle, welche im
Schlafzimmer Jacolliots dann ihre Gegenwart anzeigen wrden. Um gegen alle
Tuschung gesichert zu sein, schickte Jacolliot die beiden Diener auf das
Dingui, um dort mit dem Cercar (Bootsfhrer) und seinen Leuten die Nacht
zuzubringen. Der Palast des Peischwa hat Fenster nur nach dem Ganges hin
und besteht aus sieben bereinander gebauten Stockwerken, deren Zimmer sich
gegen bedeckte Gallerien und Terrassen ffnen. Die Stockwerke sind auf
sonderbare Weise untereinander in Verbindung gesetzt; vom untersten fhrt
nmlich eine einzige Freitreppe (Perron) in das nchste obere, und am
andern uersten Ende von diesem wieder ein Perron nach dem dritten
Stockwerk und so fort bis zum sechsten, von welchem ein beweglicher Perron
durch Ketten, nach Art einer Zugbrcke aufhebbar, in das siebente Stockwerk
fhrt, welches letztere, halb orientalisch und halb europisch mbliert,
der Peischwa seinen fremden Gsten anzuweisen pflegt. Nachdem Jacolliot die
Zimmer genau untersucht, die Zugbrcke aufgehoben hatte, war alle
Verbindung nach auen abgeschnitten. Da schien es ihm um die angegebene
Stunde, er hre deutlich zwei Schlge gegen die Mauer seines Zimmers, und
als er gegen die Stelle zuging, einen schwachen Schlag, der aus der
Glasglocke zu kommen schien, welche die Hngelampe gegen die Mcken und
Nachtschmetterlinge schtzte, dann noch Gerusch in den Cedernbalken der
Decke, worauf alles still war. Er ging dann an das Ende der Terrasse, es
war eine der Silbernchte, die man in unserem Klima nicht kennt, der Ganges
breitete seinen ungeheuren Teppich zu Fen der schlafenden Stadt aus, und
auf einem der Tritte war eine dunkle Gestalt sichtbar: Der Fakir von
Trivanderam, welcher fr die Ruhe der Toten betete.

Jacolliot konnte sich nicht berzeugen, da fr die Hervorbringung der so
oft von ihm gesehenen Phnomene die Theorie der Hindus, nach welcher die
Geister der Vorfahren sie erzeugen, erwiesen sei, versichert aber
wiederholt, da niemand in Hindostan die von den Zauberern angewandten
Mittel kennt; die Hindus trennen die materiellen Phnomene nicht von ihrem
religisen Glauben. Jawohl, sagte er zum Fakir, als dieser am nchsten
Abend wieder erschien, die Gerusche, welche Du angezeigt hast, haben sich
vernehmen lassen, der Fakir ist sehr geschickt. -- Der Fakir ist nichts,
antwortete Covindasamy hchst kaltbltig, er spricht die Mentrams und die
Geister hren ihn. Es waren die Manen Deiner franzsischen Vorfahren,
welche Dich besucht haben. -- Du hast also Macht auch ber fremde Geister?
-- Niemand kann den Geistern gebieten. -- Ich meine, wie knnen die Seelen
der Franguys die Bitten eines Hindu erhren, sie sind ja nicht von Deiner
Kaste? -- Es giebt keine Kaste in der obern Welt. -- Es war diesmal so
wenig als ein andermal mglich, Covindasamys berzeugung wankend zu machen;
er ergriff, ohne weiteres abzuwarten, einen kleinen Schemel von Bambus und
setzte sich darauf, die Beine nach Moslimweise gekreuzt, die Arme ber die
Brust gelegt. Der Kammerdiener (Cansama in Hindustani, das Gleiche was
Dobaschy im Tamul) hatte die Terrasse taghell erleuchtet, und so sah auch
Jacolliot nach einigen Augenblicken der Willenskonzentration des ganz
unbeweglichen Fakirs, den Bambusschemel geruschlos in kleinen Rucken von
etwa 10 Centimeter ber den Boden gleiten und in etwa 10 Minuten an das
Ende der sieben Meter langen Terrasse gelangen, dann sich wieder rckwrts
bis zum alten Platz bewegen. Dreimal erfolgte auf Jacolliots Wunsch das
gleiche; die Beine des Fakirs waren um die ganze Hhe des Schemels ber dem
Boden. Die Hitze war an diesem Tag auerordentlich, die khlende Brise,
jeden Abend vom Himalaya kommend, noch nicht eingetreten und der Koch
bewegte zur Abkhlung nach Leibeskrften ber den mittelst eines Strickes
aus Kokosfasern einen enormen Pankah, eine Art beweglichen Fcher, der an
einer der mittleren Eisenstangen der Terrasse aufgehngt war. Der Fakir
lie sich den Strick geben, sttzte beide Hnde auf die Stirne und kauerte
sich unter dem Pankah nieder, der bald, ohne da Covindasamy eine Bewegung
gemacht hatte, zuerst sanft, dann immer schneller, wie von Menschenhand
bewegt, zu schwingen anfing. Lie der Zauberer den Strick fahren, so
bewegte sich der Pankah langsamer und langsamer, bis er zuletzt still
stand. Von drei Blumentpfen auf der Terrasse, so schwer, da Manneskraft
zur Hebung von einem erforderlich war, whlte Covindasamy einen, legte
seine Fingerspitzen auf dessen Rand und bewirkte damit ein regelmiges,
pendelartiges Hin- und Herbewegen auf seiner Basis und zuletzt schien
Jacolliot der Topf sich ber den Boden zu erheben und nach dem Willen des
Fakirs hin und her zu gehen, ein Phnomen, was Jacolliot auch sehr oft am
hellen Tag gesehen hatte.

Derselbe hatte dem Fakir auch so gut als mglich den Lebensmagnetismus und
Somnambulismus erklrt, die nach des letzteren Meinung ebenfalls durch
Geisterwirkung zustande kommen; er konnte aber keine Zeit finden, hierber
Versuche anzustellen. Er hatte manchmal Gegenstnde durch Zauberer fest an
den Boden heften sehen, entweder, wie ein englischer Mayor meinte, indem
sie durch ihr Fluidum deren spezifisches Gewicht ungemein vermehrten, oder
auf unbekannte Weise. Jacolliot, willens den Versuch zu wiederholen, nahm
einen kleinen Leuchterstuhl von Teakholz, den er leicht mit Daumen und
Zeigefinger aufheben konnte, setzte ihn in die Mitte der Terrasse und
fragte den Fakir, ob er ihn hier nicht so befestigen knne, da er nicht
anderswo hin zu bringen sei? Der Malabare, seine beiden Hnde auf die obere
Platte legend, blieb fast eine Viertelstunde in dieser Stellung, worauf er
lchelnd sprach: Die Geister sind gekommen, und niemand kann diesen
Gueridon ohne ihren Willen verrcken. Jacolliot versuchte dieses, aber das
Mbel verrckte sich so wenig, als wenn es durch Klammern am Boden
befestigt wre, und als er seine Anstrengungen verdoppelte, blieb ihm die
obere zerbrechliche Platte in den Hnden. Als er mit den ein Kreuz
bildenden Fen auch nichts machen konnte, dachte er, wenn das Gerte durch
die Hnde des Zauberers mit einer Kraft geladen worden sei und diese nicht
mehr erneuert werde, so msse nach einiger Zeit der Gegenstand bewegt
werden knnen. Er bat daher den Fakir, an das Ende der Terrasse zu gehen,
und in der That konnte nach einigen Minuten Jacolliot das Mbel verrcken,
was Covindasamy damit erklrte, da die Geister abgegangen seien. Aber
hre, sie kehren wieder zurck. Mit diesen Worten legte er seine Hnde auf
eine der gewaltig groen silberplattierten Kupferplatten, welche die
reichen Eingeborenen zu einem gewissen Spiel brauchen, und fast
augenblicklich hrte man eine gewaltige Menge starker Laute, als wie von
Hagel auf ein Metalldach, und Jacolliot glaubte, ungeachtet es Tag war,
eine Anzahl die Platte in allen Richtungen durchkreuzender Flmmchen zu
sehen. Nach dem Willen des Fakirs verschwand die Erscheinung und kehrte
wieder zurck.

Auf den Gestellen dieser halb europisch, halb orientalisch mblierten
Zimmer standen eine Menge Nippsachen: kleine Windmhlen, welche
Schmiedehmmer bewegten, Bleisoldaten, Tierchen in Holz mit grnen
Bumchen, ein frhes Spielzeug der Kinder, und andere Nrnberger Waren,
dazwischen wieder wertvolle und knstliche Dinge, alles durcheinander.
Jacolliot nahm eine kleine Mhle, die, durch Blasen in Bewegung gesetzt,
diese einigen Persnchen mitteilte, und ersuchte Covindasamy, sie ohne
Berhrung in Bewegung zu setzen. Dies geschah durch bloes Darberhalten
seiner Hnde, und die Bewegung wurde immer schneller, je mehr er die Hnde
nherte. Jacolliot hing eine Harmonika an einer dnnen Schnur an einen der
eisernen Griffe der Terrasse auf, so da sie etwa zwei Fu ber dem Boden
schwebte, und bat den Zauberer, Tne aus ihr zu ziehen, ohne sie zu
berhren. Dieser ergriff mit Daumen und Zeigefinger beider Hnde die
Schnur, an welcher das Instrument schwebte, und ging dann, vllig
unbeweglich werdend, in sich selbst ein. Bald regte sich das Instrument,
das Pfeifenwerk erhielt eine Bewegung von unsichtbarer Hand und man hrte
langgezogene reine Tne, doch keine Akkorde. Knntest Du nicht eine Arie
erhalten? fragte Jacolliot. -- Ich will den Geist eines alten Musikers der
Pagoden anrufen, erwiderte dieser hchst kaltbltig. Das Instrument hatte
nach Jacolliots Frage sogleich geschwiegen; nach langer Stille regte es
sich, gab zuerst wie prludierend, eine Reihe von Akkorden und dann ganz
entschieden eine der populrsten Arien der Malabarkste, deren Anfangsworte
lauten: Bringe Kleinodien fr die Jungfrau von Aruna. Der Fakir, ganz
unbeweglich bleibend, hielt nur die Schnur zwischen seinen Fingern;
Jacolliot, der beim Instrument niederkniete, sah die Griffe nach Bedrfnis
sich auf- und niederbewegen.

Es war fr Covindasamy der einundzwanzigste Tag seiner Anwesenheit in
Benares gekommen, wo er 24 Stunden lang von einem Sonnenaufgang zum andern
im Gebet verharren mute, um dann nach Trivandaram zurckzukehren. Aber
zuvor, sprach er zu Jacolliot, werde ich Dir noch einen Tag und eine Nacht
widmen, denn Du warst gut mit mir, und ich, dessen Mund lange verschlossen
war, habe in der Sprache mit Dir reden knnen, die meine Mutter brauchte,
als sie mich in einem Bananenblatt in Schlaf wiegte. Alle Indier sprechen
nie ohne Bewegung von ihrer Mutter. Als am Vorabend des langen Gebetstages
Covindasamy die Terrasse verlie und in einem Gef vielfarbige Federn der
merkwrdigsten indischen Vgel sah, ergriff er davon eine Hand voll und
warf sie so hoch als mglich ber seinen Kopf, und als sie herab kommen
wollten, machte er mit den Hnden Luftstriche unter ihnen, und sowie
letzteren eine Feder nahe kam, so drehte sie sich leicht um sich selbst und
stieg in Spiralen bis zum Zeltdach der Terrasse empor. Alle folgten der
gleichen Richtung, aber einen Augenblick spter wollten sie, der Schwere
folgend, zu Boden sinken, stiegen aber, kaum auf der Hlfte des Weges
angelangt, wieder auf und setzten sich an der Decke fest. Noch einmal
erzitterten sie und zeigten eine schwache Neigung zum Herabsinken, aber
bald blieben sie vollkommen unbeweglich hngen und gewhrten durch ihre
Anordnung auf dem Goldgelb der Strohmatte der Decke und ihre bunten Farben
einen angenehmen Anblick. Kaum aber war der Fakir abgegangen, so fielen
sie trg zu Boden, wo sie Jacolliot lngere Zeit liegen lie, um sich zu
berzeugen, da er beim Anblick dieser unbegreiflichen Phnomene nicht das
Opfer einer Hallucination geworden sei.

Der Fakir weihte nach Beendigung seiner Mission Jacolliot noch einen Tag
fr zwei Sitzungen, eine zur Tages-, die andere zur Nachtzeit, jedoch bei
voller Beleuchtung, und hatte Jacolliot versprochen, alle Geister, welche
ihm beistehen, anzurufen, damit Jacolliot Dinge sehe, die ihm stets
unvergelich bleiben wrden. Covindasamy brachte zur Tagsitzung ein
Sckchen sehr feinen Sandes mit, den er auf den Boden leerte und mit der
Hand zu einer gleichfrmigen Flche von etwa 50 Quadratcentimeter
ausbreitete. Dann lie er an einem Tisch gegenber mit Papier und Bleistift
Jacolliot Platz nehmen, verlangte ein Stckchen Holz, worauf ihm Jacolliot
einen Federhalter reichte, den er vorsichtig auf die Sandflche legte. Ich
rufe, sprach Covindasamy, nun die Geister an; sobald Du den mir gegebenen
Gegenstand sich vertikal erheben siehst, so aber, da sein eines Ende mit
dem Sand in Verbindung bleibt, kannst Du auf das Papier beliebige Zeichen
machen, und Du wirst sie auf dem Sande nachgebildet sehen. Er streckte dann
seine beiden Hnde wagerecht vor und murmelte seine geheimen Anrufungen,
worauf in krzester Zeit der Federhalter sich allmhlich erhob und zu
gleicher Zeit, wo Jacolliot auf sein Papier die bizarrsten Figuren
zeichnete, dieselben getreu auf dem Sande kopierte. Hielt Jacolliot an, so
stand auch der Federhalter still, und fuhr seinerseits fort, wenn Jacolliot
wieder begann; der Fakir, der keine Verbindung mit ihm hatte, blieb
vollkommen ruhig. Jacolliot, um zu veranlassen, da der Fakir nicht einmal
die Bewegungen sehen knne, die er mit seinem Bleistift mache, nahm hierauf
eine Stellung an, wo dieses unmglich war, untersuchte hierauf die
Zeichnungen auf dem Papier und dem Sande und fand sie ganz identisch. Der
Fakir, nachdem er den Sand wieder geglttet hatte, forderte Jacolliot auf,
sich ein Wort in der Gttersprache, dem Sanskrit, zu denken und auf dessen
Frage, warum gerade in dieser? bemerkte er, da die Geister sich leichter
dieser unsterblichen, den Unreinen verbotenen Sprache bedienen; Jacolliot,
der mit Covindasamy ber dessen religise Anschauungen diskutierte, dachte
sich hierauf ein Sanskritwort; der Hindu regte sich, erhob sich, und
schrieb alsbald: +Purucha+ (der himmlische Erzeuger), das Wort, was
Jacolliot gedacht hatte. Und auch eine ganze Phrase: +Adict Vaicuntam
Haris+ (Vischnu schlft auf dem Berge Veikunta), die Jacolliot zu denken
aufgefordert worden war, wurde geschrieben. Knnte mir wohl der Geist, der
Dich inspiriert, fragte Jacolliot, die 243. Sloca des vierten Buches von
Manu geben? Er hatte kaum diesen Wunsch ausgesprochen, so setzte sich der
Federhalter in Bewegung und schrieb Buchstaben fr Buchstaben jener
Strophe: +Darmapr dnam purucham tapas hatakilvisam paralkam nayati
cou bsuantam kaarininan+ (der Mensch, dessen smmtliche Handlungen auf
Tugend zielen, dessen Snden durch fromme Akte und Opfer vershnt werden,
gelangt zum himmlischen Aufenthalt, lichtstrahlend und von einem geistigen
Leibe bekleidet). Jacolliot legte die Hand auf ein kleines geschlossenes
Buch, das im Auszug einige Hymnen des Rigveda enthielt und fragte, welches
das erste Wort der fnften Zeile der einundzwanzigsten Seite sei? Der
Federhalter schrieb +Devadatta+ (von Gott gegeben), und es war so. Willst
Du eine Frage in Gedanken stellen, fragte Covindasamy, und Jacolliot nickte
einwilligend mit dem Kopfe. Der Stift schrieb auf den Sand: +Vasundara+
(die Erde). Jacolliot hatte in Gedanken gefragt: Was ist unsere
gemeinschaftliche Mutter?

Es war 10 Uhr morgens geworden, Licht und Hitze bereits sehr gro, der
Spiegel des Ganges warf einen blendenden Glanz. Jacolliot ging mit dem
Zauberer an das Ende der Terrasse und sie sahen im Garten einen Koch, der
Wasser aus einem Brunnen schpfte und es in eine Bambusleitung go, die in
einen Badesaal ausmndete. Covindasamy streckte seine Hnde in der Richtung
des Brunnens aus, und alsbald wollte das Seil des Eimers nicht mehr in der
Rolle laufen, trotz des Zornes des Kochs. Wie alle Hindus Widerwrtigkeiten
den bsen Geistern zuschreiben und diese dann durch magische Gesnge zu
vertreiben suchen, so auch dieser Koch. Kaum hatte er jedoch einige Worte
in dem scharfen nselnden Tone hervorgebracht, der uns den orientalischen
Gesang so unangenehm macht, so blieben ihm die Worte in der Kehle stecken,
und er konnte trotz aller Grimmassen kein einziges mehr sprechen. Nach
einigen Minuten lie der Fakir seine Hnde sinken, und der Koch erhielt
seine Stimme wieder und den Gebrauch seines Seiles. Jacolliot klagte ber
die Hitze, der Fakir schien ihn nicht zu hren, so tief war er in sich
selbst gekehrt. Da sah der erstere einen Fcher von Palmblttern von einem
Tisch, auf dem er lag, sich erheben und die Luft um sein Gesicht fcheln,
und glaubte harmonische Tne einer Menschenstimme zu hren. Als der Fakir,
Abschied nehmend, die Hnde ber die Brust gekreuzt, im Ausschnitt der
Pforte stand, welche von der Terrasse auf den Perron fhrte, erhob er sich
ohne alle Sttze 25-30 Centimeter in die Luft, was Jacolliot dieses Mal
genau messen konnte; indem hinter ihm sich ein seidener Vorhang befand, der
als Thre diente und weie und Goldstreifen hatte; die Fe des Fakirs
waren beim nchsten Streifen. Das Erheben, Schweben in der Luft und
Wiederherabkommen whrte etwas ber 8 Minuten, das Beharren im Maximum der
Erhebung etwa 5 Minuten. Auf die Frage, ob er dieses Phnomen willkrlich
hervorbringen knne, antwortete er mit orientalischer Emphase: Der Fakir
knnte sich bis in die Wolken erheben. Obschon er sich schon oft nur als
ein Werkzeug der Geister erklrt hatte, enthielt sich Jacolliot doch wieder
nicht der Frage, wie er diese Macht der Erhebung erlange? worauf
Covindasamy mit einer Sentenz antwortete: Man mu durch Gebete und
Betrachtung mit den Pitris in bestndiger Verbindung bleiben, dann steigt
ein hoher Geist vom Himmel herab.

Jacolliot sah schon fter die Leistungen der Fakire, einen Einflu auf das
Pflanzenwachstum in der Weise ben, da dadurch, wie sie behaupten, in
wenigen Stunden Resultate erreicht werden, die sonst Monate, selbst Jahre
erfordern, wie hnliches der Missionr Juc auch aus Tibet berichtet.
Jacolliot hatte dieses jeder Zeit als ein sehr knstliches
Taschenspielerstckchen betrachtet, demselben daher keine nhere Beachtung
geschenkt, jetzt wollte er es auch von Covindasamy sehen, dessen
Fhigkeiten wirklich wunderbar waren, und alle Aufmerksamkeit darauf
wenden. Als der Fakir nachmittags 3 Uhr erschien, glaubte er ihn mit diesem
Ansinnen zu berraschen, aber Covindasamy sagte in seiner gewhnlichen
einfachen Weise: Ich stehe zu deinem Befehl. -- Wirst Du mich auch die
Erde, das Gef und den Samen whlen lassen, den Du vor mir treiben lassen
willst? -- Das Gef und den Samen ja! Die Erde hingegen mu aus einem
Nest der Carias (Termiten) genommen sein. -- Der Kammerdiener wurde
beauftragt, eine Blumenvase voll Erde und verschiedene Samen zu bringen,
und der Fakir bat ihn noch, die Erde zwischen zwei Steinen zu zermalmen,
denn sie ist durch den mrtelartigen Speichel der Insekten fast so fest wie
Mauerstcke. In weniger als einer Viertelstunde waren die Sachen zur Hand,
und Jacolliot schickte den Cansama fort, weil er nicht wollte, da er mit
dem Fakir etwa Gemeinschaft habe. Er gab nun letzterem die Erde, die
derselbe mit etwas Wasser anrhrte, dabei seine Mentrams murmelnd. Dann
verlangte er die Samen und einige Ellen irgend eines weien Stoffes.
Jacolliot ergriff auf geradewohl einen Kern des Melonenbaumes und fragte
ihn, ob er ihn zeichnen drfe? Auf die bejahende Antwort schnitt Jacolliot
die uere Haut dieses, mit Ausnahme der Farbe, einem Krbiskern hnlichen,
nur ganz dunkelbraunen Kernes leicht ein und bergab ihn nebst einigen
Ellen Moskitotuch dem Fakir. -- Ich werde bald den Schlaf der Geister
schlafen, sagte dieser, schwre mir, weder mich noch die Vase zu berhren.
Nachdem Jacolliot dieses gelobt, pflanzte er den Samenkern in die nun einem
flssigen Schlamm hnliche Erde, stie dann sein Stbchen mit sieben
Knoten, dem Attribut des Eingeweihten, ohne das er nie ging, in einen
Winkel der Vase und breitete ber ihn das Mousselinstck aus. Dann kauerte
er sich nieder, streckte beide Hnde horizontal ber den Apparat und
verfiel in vollkommene Katalepsie. Als nach einer halben Stunde, immer die
Arme horizontal ausgestreckt, was kein Wacher thun knnte, und selbst nach
einer Stunde nicht die geringste Muskelzuckung eintrat und der fast nackte
durch die Hitze gebrunte und glnzende Krper einer Bronzestatue glich,
wobei die Augen offen und starr waren, konnte Jacolliot, der sich der
Beobachtung halber ihm gegenbergesetzt hatte, den Blick dieser
halberloschenen Augen nicht mehr ertragen; es schien ihm die ganze Umgebung
-- der Fakir mit -- vor den Augen zu tanzen, ohne Zweifel infolge der zu
gespannten Aufmerksamkeit, und er mute sich an das Ende der Terrasse
setzen, wo er abwechselnd auf den Strom und Covindasamy blickte. Endlich
nach zwei Stunden machte ein leichter Seufzer ihn erzittern, der Fakir war
wieder zum Bewutsein gekommen, gab ihm ein Zeichen sich zu nhern, hob
das Mousselintuch weg und zeigte ihm ein frisches junges Stmmchen des
Melonenbaumes von etwa 20 Centimeter Hhe. Jacolliots Gedanken erratend,
griff er in die Erde, zog vorsichtig die junge Pflanze heraus und zeigte an
dem Hutchen, das noch an den Wurzeln hing, den vor zwei Stunden gemachten
Einschnitt. Jacolliot bemerkt, der Fakir habe vor seinem Kommen nicht
gewut, was von ihm verlangt wrde; er konnte nichts unter Kleidern
verbergen, da er fast nackt war, er konnte auch nicht wissen, da
Jacolliot, der ihn whrend der ganzen Zeit nicht aus den Augen gelassen
hatte, gerade einen Samenkern des Melonenbaumes whlen werde. Es sei dies
einer von den Fllen, wo die Sinne keinerlei Betrug zu entdecken
vermochten, die Vernunft sich aber doch nicht gefangen geben wolle. Nachdem
der Fakir sich einige Augenblicke an seinem Staunen geweidet, sagte er
nicht ohne Stolz: Htte ich die Anrufungen fortgesetzt, so wrde der
Melonenbaum in 8 Tagen Blten und in 14 Frchte gehabt haben. -- An die
Erzhlung von Huc und an gewisse Phnomene denkend, die Jacolliot selbst in
Carnatic gesehen, sprach er, es gbe Zauberer, die das Gleiche in zwei
Stunden hervorbringen knnten. -- Du irrst, erwiderte Covindasamy, das,
wovon Du sprichst, war die Herbeibringung fruchtbarer Bume durch die
Geister; was ich Dir zeigte ist Wachsthum; nie hat das von den Pitris
gerichtete reine Fluidum in einem einzigen Tage Keimung, Blte und Frucht
erzeugen knnen. -- Jacolliot macht darauf aufmerksam, da unter dem
Himmel Indiens, wenn man den Samen vieler Kchenkruter um die Morgenrte
in feuchtes, der Sonne gut ausgesetztes Erdreich set, die Pflnzchen schon
um Mittag aus der Erde hervorkommen und um 6 Uhr abends fast einen
Centimeter hoch sind, da aber freilich ein Same des Melonenbaumes 14 Tage
zur Keimung braucht.

Um zehn Uhr abends an diesem Tage trat Covindasamy wie gewhnlich
schweigend in das Zimmer von Jacolliot, nachdem er auf einer der Stufen der
Treppe das Languty abgelegt hatte, jenes kleine Zeugstck, und gewhnlich
seine einzige Bekleidung, und er war nun ganz nackt, sein Bambusstbchen
mit den sieben Knoten an einer seiner langen Haarflechten befestigt. --
Nichts Unreines, sagte er, darf den Krper des Anrufenden berhren, wenn er
seine Fhigkeit, mit den Geistern in Verbindung zu treten, in ihrer ganzen
Strke erhalten will. -- Jacolliot kam hierbei der Gedanke, ob nicht die
von den Griechen am Indus getroffenen Gymnosophisten eben solche
Eingeweihte wie Covindasamy waren. Es wurde an diesem Abend auf der
Terrasse und im Schlafzimmer von Jacolliot experimentiert, beide, nur unter
sich zusammenhngend, waren nach auen vollstndig abgeschlossen, in jeder
der beiden Lokalitten brannte eine Hngelampe mit Kokosl, in ein
Krystallglas eingeschlossen. In allen indischen Husern findet man kleine
kupferne Kohlenbecken, bestndig mit glhenden Kohlen gefllt, um darauf
von Zeit zu Zeit einige Prisen eines wohlriechenden Pulvers von Sandelholz,
Iriswurzel und Myrte zu verbrennen. Der Fakir stellte ein solches Becken
auf die Mitte der Terrasse und daneben eine kupferne Platte mit jenem
wohlriechenden Pulver, dann kauerte er sich in gewohnter Stellung mit
gekreuzten Armen auf den Boden, begann hierauf eine lange Inkantation in
einer unbekannten Sprache, rezitierte seine Mentrams und blieb dann
unbeweglich, die linke Hand auf dem Herzen, die rechte auf sein Stbchen
gesttzt; von Zeit zu Zeit brachte er die Hand an die Stirne, wie um durch
Striche sein Gehirn frei zu machen. Auf einmal mute Jacolliot erzittern,
denn eine schwachleuchtende Wolke bildete sich in seinem Schlafzimmer, aus
der nach allen Seiten hin rasch Hnde hervorkamen und wiederum in sie
zurckgingen; nach einigen Minuten verloren mehrere dieser Hnde ihr
dunstiges Ansehen und glichen, sich gewissermaen materialisierend,
menschlichen Hnden, whrend die andern leuchtender wurden; erstere waren
undurchsichtig und warfen Schatten, die andern so durchsichtig, da man
Gegenstnde hindurchsehen konnte; Jacolliot zhlte im Ganzen sechzehn. Kaum
hatte Jacolliot den Fakir gefragt, ob es nicht mglich wre, diese Hnde zu
berhren, so lste sich eine von der Gruppe ab, kam gegen ihn geschwebt und
drckte seine dargebotene Hand. Sie war klein, geschmeidig und feucht wie
die Hand einer jungen Frau. -- Der Geist ist da, obwohl nur eine seiner
Hnde sichtbar ist, sprach Covindasamy. Du kannst mit ihm reden, wenn Du es
wnschest. -- Jacolliot fragte lchelnd, ob der Geist, dem diese kleine
Hand gehre, ihm nicht ein Andenken geben wolle? und fhlte darauf jene
Hand in der seinen vergehen und sie gegen ein Blumenbouquet schweben, eine
Rosenknospe abbrechen, welche sie zu seinen Fen warf, worauf sie
verschwand. Whrend zwei Stunden kamen Dinge vor, ganz geeignet, die
Besinnung zu verwirren; bald streifte eine Hand Jacolliots Gesicht oder
fchelte ihm mit einem Fcher, bald verbreitete eine andere im Zimmer einen
Blumenregen oder zeichnete in der Luft feurige Buchstaben, welche
verschwanden, nachdem der letzte erschienen war, wobei wahrhafte
Blitzstrahlen durch das Zimmer und die Terrasse fuhren. Zwei der
Sanskritsprche, die Jacolliot rasch mit dem Bleistift aufzeichnete,
lauteten: +Divyavapur gatw+ (Ich habe einen fluidischen Krper angenommen)
und unmittelbar darauf schrieb die Hand: +Atmram cryasa yoxyatas
Dchasya'sya vim canat+ (Du wirst das Glck erlangen, wenn du dich von
diesem vergnglichen Krper losmachst). Nach und nach verschwanden die
Hnde, die Wolke hatte in dem Mae abgenommen, als die Hnde sich zu
materialisieren schienen; an der Stelle, wo die letzte Hand verdunstet war,
fand man einen Kranz von jenen stark duftenden Immortellen, welche die
Hindus bei allen ihren Ceremonien verwenden.

Einen Augenblick nach dem Verschwinden der Hnde, whrend der Fakir seine
Anrufungen eifrig fortsetzte, bildete sich eine dunklere und dichtere Wolke
neben dem kleinen Kohlenbecken, das Jacolliot nach dem Wunsch des Hindu
stets mit Glut gefllt erhalten hatte, und allmhlich nahm diese Wolke
menschliche Form an und erschien als der Schemen eines alten opfernden
Brahminen, der neben dem Becken kniete. Er hatte auf der Stirne die dem
Wischnu heiligen Zeichen, seine Hnde hielt er vereinigt wie beim Opfern
ber den Kopf, und seine Lippen bewegten sich wie betend. In einem
gegebenen Augenblick nahm er eine starke Prise des wohlriechenden Pulvers
und warf sie auf die Glut, worauf alsbald ein dichter Rauch alle Rume
erfllte, nach dessen Verschwinden Jacolliot den Schemen zwei Schritte vor
sich sah, der ihm seine fleischlose Hand reichte, die Jacolliot grend in
die seine fate und -- obwohl knchern und hart -- doch warm und lebend
fand. Bist du wohl, fragte er laut, ein frherer Bewohner der Erde? Und
kaum hatte er diese Frage beendet, als auf der Brust des Schemens glnzend
wie Phosphorlicht das Wort +Am+ (Ja) erschien und sogleich wieder
verschwand. Und als Jacolliot weiter fragte: Willst du mir kein Zeichen
deines Vorbergangs hinterlassen? zerri der Geist seinen aus drei
Baumwollenschnren gemachten Grtel, gab ihm denselben und verschwand zu
seinen Fen.

Jacolliot glaubte die Sitzung beendet, aber der Fakir dachte noch immer
nicht daran, seine Stellung zu verndern. Da hrte ersterer pltzlich eine
bizarre Melodie, ausgefhrt auf einem Instrument, das ihm die zwei Tage
vorher gebrauchte Ziehharmonika zu sein schien, welche jedoch der Peischwa
des Abends vorher hatte abholen lassen, und die sich nicht mehr in den
Zimmern von Jacolliot befand. Die anfangs fernen Tne erklangen bald wie
aus nheren Rumen und zuletzt wie im Schlafzimmer, als Jacolliot lngs den
Mauern hingleitend das Phantom eines Pagodenmusikers erblickte, welcher,
die Harmonika spielend, auf ihr jene einfrmigen und klagenden Tne
hervorbrachte, wie sie der religisen Musik der Hindus eigen sind.

Als das Phantom durch das Zimmer und die Terrasse passiert war, verschwand
es, und an der Stelle seines Verschwindens lag das von ihm gebrauchte
Instrument, in der That die Ziehharmonika des Rajah, und doch waren alle
Thren wohl verschlossen. Covindasamy stand nun auf, in Schwei reich
gebadet, auf das uerste erschpft, und doch sollte er in wenig Stunden
seine Reise antreten. -- Dank Dir, Malabare, sprach Jacolliot, ihn so mit
dem Namen seiner geliebten Heimat anredend--, und mge der, welcher die
drei geheimnisvollen Gewalten vereinigt, (die brahmanische Dreifaltigkeit),
Deine Reise nach den lieblichen Lndern des Sdens beschtzen, und mgest
Du erfahren, da whrend Deiner Abwesenheit Freude und Glck in Deiner
Htte gewohnt haben. -- Der Fakir antwortete in noch mehr emphatischem
Tone, und nachdem er das dargereichte Geschenk empfangen, ohne es
anzusehen, selbst ohne dafr zu danken, sprach er melancholisch seinen
letzten Salam (Gru) und verschwand geruschlos. Als Jacolliot in der
ersten Morgenrte von der Terrasse auf den Strom blickte, sah er auf
demselben einen schwarzen Punkt und mittelst des Nachtfernrohrs, da es der
Fakir war, der den Fhrmann geweckt hatte und nun den Ganges kreuzte, um
den Weg nach Trivanderam einzuschlagen und das blaue Meer, die Kokospalmen
und seine Htte wiederzusehen, von der er so oft gesprochen. Nach einigen
Stunden Schlafs im Hamak erwachend, schien ihm die vergangene Nacht Traum
und Hallucination zu sein, aber die Harmonika war da, die geworfenen Blumen
bedeckten alle noch die Terrasse, der Immortellenkranz lag noch auf einem
Divan, und die Worte, die er in Feuerschrift gesehen, standen in seiner
Schreibtafel aufgezeichnet, einen Betrug konnte Jacolliot ebensowenig
entdecken als Abb Huc in Tibet bei den dort gesehenen Produktionen.

Etwa vier Jahre spter reiste Jacolliot ber Madras, Bellary und Bedjapur
nach der Provinz Aurungabad, um den unterirdischen Tempel von Karli zu
besuchen, welche berhmten Krypten wie Ellora, Elephantea, Rosach&c. in
einem Hgelkranz des Mahrattenlandes liegen, der -- mit Forts versehen --
Jahrhunderte lang das Eindringen der Moslims gehindert hat. Der Eingang in
die in Felsen gehauenen Krypten von Karli befindet sich etwa 300 Fu ber
der Basis des Hgels, und man gelangt dahin auf einem Wege, der eher dem
Bett eines Bergstroms als einer Strae gleicht und auf eine Terrasse fhrt,
die einen wrdigen Vorplatz des prachtvollen Innern bildet. Auf der linken
Seite des Porticus steht eine mit unentzifferbaren Charakteren bedeckte
massive Sule, die auf ihrem Kapitl drei noch kaum erkennbare Lwen trgt;
auf die Schwelle tretend, hat man einen ungeheuren Vorsaal vor sich, der in
seiner ganzen Lnge von etwa 600 Schritt mit Arabesken und Skulpturen
bedeckt ist; an jeder Seite des Eingangs stehen drei riesige Elephanten mit
ihren Cornacs auf Hals und Rcken; das Gewlbe ist durch zwei Reihen von
Pfeilern gesttzt mit einem Elephanten ber jedem, der auf seinem Rcken
eine mnnliche und eine weibliche Gestalt trgt, wie gebeugt unter der
ungeheuern auf ihnen ruhenden Last. Dieses imposante dunkle Innere ist nun
eine berhmte Wallfahrtssttte fr die Fakirs aus ganz Indien, und manche
schlagen ihre Wohnung in der Nhe des Tempels auf, kasteien ihren Leib und
leben allein noch der Betrachtung. Tag und Nacht vor flammenden Feuern
hingekauert, welche die Glubigen unterhalten, eine Binde ber den Mund, um
nicht das geringste Unreine einzuatmen, nichts genieend als einige Krner
gersteten Reis mit Wasser befeuchtet, das durch ein Tuch geseiht wird,
magern sie nach und nach zu Skeletten ab, die Geisteskrfte sinken rasch,
und ehe ihre letzte Stunde schlgt, haben sie schon eine lange Zeit
physischer und intellektueller Schwche durchlebt, die kein Leben mehr ist.
Alle Fakirs, welche in der obern Welt die hchsten Transformationen
erlangen wollen, mssen ihren Leib diesen schrecklichen Kasteiungen
unterwerfen. Man zeigte Jacolliot einen, erst vor wenigen Monaten vom Kap
Comorin angekommenen, der, zwischen zwei Glutpfannen liegend, fast schon
ganz gefhllos geworden war. Wie erstaunte Jacolliot, als eine breite Narbe
auf dem Schdel ihn den Fakir von Trivanderam erkennen lie, und er fragte
ihn in seiner geliebten Sprache des Sdens, ob er sich nicht an den Franguy
von Benares erinnere. Einen Augenblick schien ein Blitz durch seine fast
verloschenen Augen zu zucken, und er murmelte die zwei Sanskritworte,
welche in jener Sitzung in feurigen Buchstaben erschienen waren:
+Divyavapur gatw.+ Ich habe einen fluidischen Krper angenommen. Es war
von ihm, den sie nur Karli Sava, den Leichnam, das Phantom von Karli
nannten, kein weiteres Zeichen von Aufmerksamkeit zu erlangen. So enden,
sagt Jacolliot, in Siechtum und Geistesschwche die indischen Medien.--

Es ist denkbar, selbst wahrscheinlich, da Jacolliot manches mit zu
lebhaften Farben geschildert hat, und da eine Gruppierung der Phnomene
stattgefunden hat, um die berzeugung herbeizufhren, da namentlich
vielleicht die Steigerung derselben ein teilweises Produkt spterer
Anordnung sei, die Folge nicht gerade in der angegebenen Weise
stattgefunden habe. Prft man aber die einzelnen Flle fr sich, so stimmen
sie nach Wegrechnung des Volkscharakters, der natrlichen Umgebungen, des
Bodens, auf dem sie spielen, dem Wesen nach mit den brigen mystischen
Erscheinungen der verschiedensten Zeiten und Vlker berein und sind nicht
mehr und nicht weniger wunderbar als diese, namentlich auch die
spiritistischen Phnomene. Diese bereinstimmung in der innern wesentlichen
Beschaffenheit lt demnach die Angaben Jacolliots so glaubwrdig
erscheinen, wie die meisten andern, und wir befinden uns auch ihnen
gegenber in der gleichen Kontroverse einer Hervorbringung durch magische
Krfte lebender Menschen oder in der Regel unsichtbare Wesen, sogenannte
Geister, welche die Lebenden, speziell die, welche man Medien nennt, als
Organe ihrer Kundgebung brauchen. Man sieht aus den hier mitgeteilten
Angaben, da die Indier seit uralter Zeit sich fr die letztere Meinung
entschieden haben und ihre Pitris, die Geister der Vorfahren, fr die
hierbei Wirkenden ansehen. Haben sie recht, so mu man schlieen, da bei
diesen Krfte frei werden, die nicht an die sogenannten Naturgesetze
gebunden sind, da sie aber zur Besttigung derselben in sehr vielen Fllen
mit Lebenden in Verbindung treten, nicht sowohl als wenn sie dieselben zur
Hervorbringung der Phnomene ntig htten, als vielmehr durch diese ihr
eigenes Dasein zu erweisen und wenigstens teilweise ihre Fhigkeiten dem
Verstndnis der Lebenden nher zu bringen. -- Was aber die Fakirs,
Sanyassis, Nirvanys&c. betrifft, so ist kaum daran zu zweifeln, da manche
nicht dazu gelangen werden, das magische Vermgen in sich zu entwickeln,
und dadurch der Versuchung verfallen, dasselbe zu simulieren, durch seinen
Schein zu tuschen, da sie von Magiern zu Taschenspielern herabsinken.
Dieses wrde, wie beim gyptischen, Zend- und anderem Kultus geschehen ist,
in dem Mae zunehmen, als der Brahmanismus seinem Verfall entgegen ginge,
wovon jedoch bis jetzt nicht viel zu bemerken ist. Lachten doch schon in
der sptern Zeit der Republik rmische Auguren, wenn sie sich begegneten,
und als die Rmer nach gypten kamen, waren die Priester nur noch imstande,
als Fhrer zu den alten Herrlichkeiten zu dienen.

Die Erfahrung aller Zeiten hat gelehrt, da die bung dieser Dinge fr die
Lebenden mit Gefahr verbunden ist, und da sie auf Kosten ihrer Bestimmung
fr die gegenwrtige Form des Daseins vollzogen wird. Bekannt ist, wie
gefhrlich z.B. jene das visionre Vermgen erweckenden Rucherungen sind,
von denen schon Benvenuto Cellini erzhlt, vor welchen Horst und
Eckartshausen warnen und deren Wirkung auch Jacolliot erfahren hat. Um wie
viel bedenklicher werden aber jene fortgesetzten asketischen bungen sein,
die in manchen Fllen zur Stigmatisation, in andern sonst zum Hinsiechen
des Organismus fhren. Wenn ein Trost fr solche Hingebung zu finden ist,
so wird er darin bestehen, da durch sie Aufschlsse ber das innerste
Wesen der menschlichen Natur erlangt worden sind, die auf anderem Wege
nicht zu erhalten waren, und wenn jene Meinung richtig ist, welche die
Wirkung oder doch Mitwirkung der nicht mehr im irdischen Leben Wandelnden
behauptet, so wre damit ein empirischer Beweis fr die persnliche
Fortdauer geleistet, ungleich wertvoller als alle Spekulation darber. Und
so htten die Mystiker aller Zeiten, indem sie irdische Bestimmung
wenigstens teilweise verfehlten, sehr oft auch das, was man irdisches Glck
nennt, einbten, doch nicht umsonst gelebt und entbehrt, sondern der
Menschheit einen sehr groen Dienst indirekt erwiesen. Dieses und nicht die
vermeinte Gottgeflligkeit der sich jenen abnormen Zustnden Hingebenden
oder von ihnen berwltigten, scheint mir der Gesichtspunkt zu sein, von
welchem aus sie zu wrdigen sind.

Eine spezielle gttliche Einwirkung mu man wohl bei ihnen allen
ausschlieen; es erfolgen diese Vorgnge bei einer Gesetzmigkeit, wie sie
durch die Weltvernunft fr alle Gebiete des Seins festgestellt, aber fr
das in Frage stehende uns noch ganz verschleiert ist. Diese Dinge sind sehr
wunderbar, aber kein Wunder im populren Sinn des Worts, wofr sie freilich
der fromme Glauben aller Zeiten zu halten geneigt ist. Mit denjenigen aber
ist nicht zu rechten, welche bei ihrer gnzlichen Unkenntnis dieses
Gebietes mit dem Schlagwort Betrug die Thatsachen vernichten zu knnen
glauben, welche aus Naturgesetzen, die hier nicht gelten, die Unmglichkeit
mystischer Erscheinungen erweisen wollen und den Beifall einer urteilslosen
Menge der ernsten und unbefangenen Forschung vorziehen.

So weit Perty. Ich habe seinen Worten nichts hinzuzufgen.




Viertes Buch.

Der Occultismus der gypter.

Erstes Kapitel.

Der gyptische Occultismus als Priesterwissenschaft.


Mehr als in jedem Land des Altertums -- Akkad vielleicht ausgenommen --
wurde der Occultismus und zwar zumeist in den Zweigen des Somnambulismus
und Heilmagnetismus -- in gypten von den Priestern ausgebt, deren ganze
Lebensweise und Disziplin an die Brahmanen gemahnt. Schon Jamblichus
sagt[275]:

Die Priester verlegen sich nur auf die Erkenntni Gottes, ihrer selbst und
der Wahrheit. Sie beachten nicht einen eitlen Ruhm bei ihren heiligen
Handlungen und geben der Phantasie keinen Platz.

Bekanntlich waren sie gleich den Brahmanen die herrschende Kaste und ihr
Rang dem des oft von ihnen beherrschten und ihrer Kaste angehrigen Knigs
gleichgestellt. Wie die Brahmanen fhrten sie die strengste Lebensweise und
abermals wie diesen waren auch ihnen wiederholte tgliche Waschungen
vorgeschrieben. Ihre Kleidung bestand aus Baumwolle und Leinwand, und ihre
Sandalen waren aus Papyrus gefertigt. Ihre Dit war zumeist die
vegetarische, jedoch genossen sie auch zuweilen Fleisch, welches jedoch
vorher von besonders dazu angestellten Beamten besichtigt werden mute, die
dasselbe, wenn sie es fr rein und gesund erkannten, mit einem Stempel
bezeichneten. Schweinefleisch genossen sie nur zur Zeit des Vollmonds, und
Fische -- ganz besonders aber Seefische -- waren ihnen ebenfalls verboten.
Von Pflanzenkost waren ihnen die Hlsenfrchte und Zwiebeln verboten, und
zwar -- wie Plutarch meint -- erstere, weil sie zu stark nhren und
Blhungen erzeugen, letztere wegen ihrer stimulierenden Wirkung und weil
sie zum Durst reizen. Wein durften sie nach einigen alten Schriftstellern
nicht trinken, nach anderen war es jedoch gestattet. Sprengel sucht diesen
Widerspruch dergestalt zu erklren[276], da er annimmt, der Wein sei erst
zu Psammetichs Zeiten in gypten eingefhrt worden und auch dann noch ein
Privilegium der hheren Stnde gewesen.

Die gyptischen Priester waren bekanntlich in verschiedene Grade und
Klassen geteilt, von denen einige -- wie die Fakire -- magisch-
mediumistische Knste ausbten, andere die Astrologie pflegten,
wieder andere magisch-magnetische Heilkunst trieben und Somnambulismus
hervorriefen. Sie teilten ihre geheimen Knste keinem nicht zur Kaste
gehrenden mit, und lange war es Auslndern unmglich, in dieselbe
aufgenommen zu werden.

Die ersten Fremden, welche der Tradition zufolge in die Tempelgeheimnisse
eingeweiht wurden, waren Orpheus, Thales und Pythagoras.

Von letzterem erzhlt Porphyrius[277]:

Pythagoras bat vor seiner Reise nach gypten den Polykrates, Knig von
Samos, um ein Empfehlungsschreiben an den gyptischen Knig Amasis, damit
man ihn dort in die geheimen Lehren der Priester einweihe. Der Knig gab es
ihm, allein die Helipoliten, an die er sich zuerst wendete, schickten ihn
nach Memphis, gleichsam zu den Hheren und lteren. Zu Memphis wurde er
unter demselben Vorwand zu den Diospoliten oder Thebanern entlassen. Da
diese aus Furcht vor dem Knig nichts mehr vorzuschtzen wuten, kamen sie
berein, ihn durch bermiges Arbeiten und Druck von seinem Vorhaben
abzuwenden. Da aber Pythagoras auf das Pnktlichste Alles erfllte, so
wunderten sie sich darber so sehr, da sie ihn einweihten und ihren
Geheimnissen beiwohnen lieen, was sonst keinem Fremden gelang.

Wie allbekannt, spricht die Bibel von gyptischen Magiern, Traumdeutern,
und die Hofzauberer Pharaos kennt jedes Kind. Auch Homer deutet hnliches
an, wenn er singt[278]:

    Aber ein Neues ersann die liebliche Tochter Kronions:
    Siehe, sie warf in den Wein, wovon sie tranken, ein Mittel
    Gegen Kummer und Groll und aller Leiden Gedchtni.
    Kostet einer des Weins, mit dieser Wrze gemischet,
    Dann benetzt den Tag ihm keine Thrne die Wangen,
    Wr ihm auch sein Vater und seine Mutter gestorben,
    Wrde vor ihm sein Vater und sein geliebtester Sohn auch
    Mit dem Schwerte getdtet, da seine Augen es shen.
    Siehe, so heilsam war die knstlich bereitete Wrze,
    Welche Helenen einst die Gemahlin Thons, Polydamna,
    In Aegyptos geschenkt. Dort bringt die fruchtbare Erde
    Mancherlei Sfte hervor zu gut und schdlicher Mischung;
    Dort ist jeder ein Arzt und bertrifft an Erfahrung
    Alle Menschen, denn wahrlich, sie sind vom Geschlechte Paons.

Die Heilgottheiten der gypter waren Isis, Horus, Serapis, Osiris, Apis und
Phtha.

Bezglich der Isis sagt Diodorus Siculus[279]:

Die Aegypter versichern, da Isis ihnen in der Arzneikunst groe Dienste
geleistet habe durch heilsame Mittel, die sie entdeckte; da sie jetzt, wo
sie unsterblich geworden, an dem Gottesdienst der Menschen ein besonderes
Wohlgefallen habe und sich vorzglich um ihre Gesundheit bekmmere; da sie
ihnen durch Trume zu Hlfe komme, womit sie ihr ganzes Wohlgefallen
offenbare. Die Probe ist darber festgesetzt nicht durch Fabeln, wie bei
den Griechen, sondern durch gewisse Thatsachen. In der That, alle Vlker
der Erde geben Zeugni von der Macht dieser Gttin in Bezug auf Heilung von
Krankheiten durch ihre Verehrung und Dankbarkeit. Sie zeigt in den Trumen
denjenigen, die leidend sind, die fr ihre Krankheiten geeigneten Mittel
an, und die treue Erfllung ihrer Verordnungen hat gegen die Erwartung
aller Welt Kranke gerettet, die von den rzten aufgegeben waren.

Die berhmtesten Isistempel befanden sich zu Memphis und Busiris.

Horus, der Sohn der Isis, hatte nach dem Glauben der gypter von seiner
Mutter die Heilkunst erlernt und wurde namentlich in seiner spteren
Gestaltung als Harpokrates als Heilgott verehrt. Hhere Verehrung geno
Serapis, dem nach Jablonski zweiundvierzig Tempel geweiht waren, von denen
sich die berhmtesten zu Memphis, Canopus und besonders in Alexandria
befanden. Strabo sagt von Serapis[280]:

In seinen Tempeln ist eine groe Gottesverehrung, wo viele medicinische
Wunder geschehen, an welche die berhmtesten Mnner glauben und fr sich
und andere den Tempelschlaf pflegen.

Der Serapistempel zu Canopus wurde von den angesehensten Personen mit
groer Ehrfurcht besucht und nach Strabo befanden sich im Innern desselben
eine Menge Wunderkuren enthaltende Weihetafeln.

Der berhmteste Serapistempel war bekanntlich der zu Alexandria, wo auch
die von Kaiser Vespasian ausgebten magnetischen Heilungen sich ereigneten.
Tacitus erzhlt dieselben folgendermaen[281]:

Als Vespasian sich zu Alexandrien aufhielt, geschahen sehr viele Wunder,
wodurch besonders sich die gttliche Gewogenheit und Zuneigung fr
Vespasian offenbarte. Irgend ein gemeiner und wohlbekannter Blinder von
Alexandrien kam auf Anrathen des Gottes Serapis zu den Knieen des Kaisers,
mit Thrnen um Hlfe rufend. Er bat den Kaiser, da er seine Augen mit
seinem -- des Kaisers -- Speichel benetzen mchte. Ein anderer an der Hand
Gelhmter bat gleichfalls auf Anrathen des Serapis, da ihn der Kaiser mit
seinem Fu berhren, d.h. mit der Fusohle treten mchte.

Allein Vespasian lachte zuerst, war ungehalten und frchtete, als jene
dringend zu bitten fortfuhren, in den Ruf der Eitelkeit zu kommen; endlich
aber wurde er durch ihr Flehen, durch den Zuspruch und durch die
Liebkosungen Anderer zur Hoffnung bewegt. Zuletzt lie er die rzte
entscheiden, ob eine solche Blindheit und Schwche durch menschliche Hlfe
zu heilen wre. Die rzte sprachen hin und her und meinten, die ganze
Sehkraft sei noch nicht erloschen[282], und das Gesicht knne wiederkehren,
wenn nur die Hindernisse gehoben werden knnten; allein der Kaiser
versuchte es vor der Versammlung, und der glckliche Erfolg blieb nicht
aus. Jener andere knne seine bsen Gliedmaen wieder heilen, wenn irgend
eine hlfreiche Kraft angewendet wrde. Zu diesem gttlichen Dienst knne
vielleicht der Kaiser ausersehen sein. Und endlich wrde der Ruhm der
geleisteten Hlfe immer dem Kaiser bleiben, der Spott aber im Falle des
Fehlschlags die armen Kranken treffen. Vespasian vollzog also im Glauben,
da seinem Glcke Alles offen stehe, und da nichts unmglich sei, mit
freudigem Gesicht vor der aufs uerste gespannten Versammlung das Gebot.
Der Eine gebrauchte gleich seine Hand und dem Blinden schien das
Tageslicht. Alle, die gegenwrtig waren, stimmen bezglich der Wahrheit mit
einander berein, daher erwartet die Lge umsonst ihren Preis.

Eine weitere Heilgottheit war Apis, von welchem Plinius berichtet[283]:

In Aegypten wird ein Ochse, den sie Apis nennen, gttlich verehrt; er hat
an der rechten Seite einen glnzenden weien Fleck, welcher mit dem
Neumonde zu wachsen beginnt.[284] Er darf nur ein gewisses Alter erreichen,
dann ertrnken ihn die Priester und suchen klagend nach einem andern an
dessen Stelle. Nachdem sie einen gefunden haben, fhren ihn die Priester
nach Memphis, wo das Orakel blos durch Zeichen und Deutungen knftige Dinge
verkndete. Aus der verschiedenen Haltung, aus den Bewegungen und dem Thun
des Ochsen pflegten sie wahrzusagen, indem ihm die Rathfragenden Speise
darboten. Aus der verschiedenen Zu- oder Abneigung, solche anzunehmen,
leitete man seine Antworten ab.[285] So stie er z.B. die Hand des Kaisers
Augustus von sich, worauf derselbe nach kurzer Zeit starb. Apis lebt ganz
verborgen; wenn er sich aber einmal losreit, so treiben die Lictoren das
Volk aus dem Wege und eine Herde Knaben begleitet ihn, Loblieder zu seiner
Ehre singend, was er zu verstehen scheint.

Phtha ist das Bild des unendlichen Geistes, der Alles schuf. Er ist ein
feines therisches Feuer, welches unaufhrlich fortleuchtet, und dessen
Glanz weit ber den der Sterne und Planeten erhaben ist. Er ist also
gewissermaen das Symbol des Astral- oder odischen Lichtes, welches ja
bekanntlich bei somnambulen und heilmagnetischen Vorgngen eine groe Rolle
spielt. Der berhmteste Phthatempel befand sich zu Memphis und hatte wie
die Isistempel die Inschrift: Ich bin, der ich bin, und kein Sterblicher
hat mein Geheimni entdeckt.

ber das, was im Innern dieser geheimnisvollen Tempel vorging, haben wir
bruchstcksweise berlieferte Nachrichten, denn den Uneingeweihten war der
Zutritt gnzlich untersagt, und die Eingeweihten -- selbst die Griechen --
hielten den abgelegten Schwur des Stillschweigens.

Dennoch wissen wir aber, da, wie im nchsten Kapitel nher ausgefhrt
werden soll, Hervorrufung von Somnambulismus und heilmagnetische Praxis
eine Hauptrolle spielte. Die Vorbereitung dazu bestand in Fasten, Baden,
Reinigung, Salben und Reiben; in an die Gtter gerichteten Gebeten und
Lobpreisungen, whrend feierliche Opfer, heilige Ceremonien und
geheimnisvolle Musik in tiefer Dunkelheit die Seele der Glubigen in
mystische Schwingungen versetzte.

Vom Priester selbst sagt Jamblichus:

+Ipse sacerdos, antequam det oracula, multa rite peragit sacrificia,
observat sanctimonium, lavatur; triduum prorsus abstinet cibo, habitat in
secessu, jamque incipit paulatim illuminari mirificeque gaudere.+

Betrachten wir nun das magnetische Verfahren der gypter selbst.




Zweites Kapitel.

Der Heilmagnetismus bei den alten gyptern.[286]


Auf der auf der Pariser Nationalbibliothek befindlichen sogen.
Bentrosch-Stele von dreitausendjhrigem Alter wird die glckliche Heilung
der besessenen Tochter eines mesopotamischen Frsten erzhlt, und es kann
nicht der mindeste Zweifel obwalten, da die Heilung durch Hypnotismus und
Heilmagnetismus geschah.

Der Text der Bentrosch-Stele lautet nach der bersetzung des Professor Dr.
Lauth in Mnchen[287]:

Siehe, es befand sich Se. Majestt in Nahar gem seiner alljhrlichen
Gepflogenheit. Die Groen jedes Fremdlandes zogen als Gebckte, als
Friedfertige mit Opfergaben vor die Geistigkeit Sr. Majestt von den
uersten Hinterlndern her. Sie brachten ihre Tribute an Gold, Silber,
Lapis Lazuli, Kupfer und allen Holzarten des heiligen Landes auf ihren
Rcken; ein jeglicher suchte seinen Nebenmann zu berbieten. Da lie auch
der Frst des Landes Buchtan herbeigebracht werden seine Tribute und gab
ihm seine lteste Tochter an der Spitze derselben, indem er anrief Se.
Majestt und das Leben erbat von demselben. Es war dies ein schnes Weib,
beraus geschtzt von Sr. Majestt ber Alles. Sofort schrieb man ihren
Titel als knigliche Hauptfrau mit dem Namen Ranofru 'Sonne der
Schnheiten'. Nachdem Se. Majestt der Knig nach gypten gelangt war,
vollbrachte er ihr alle Ceremonien, die einer kniglichen Hauptfrau
gebhren.

Im Jahre 15 am 22. Payni[288] geschah es nun, da sich Se. Majestt in der
Stadt Theben befand, der siegreichen, der Gebieterin der Stdte,
beschftigt mit Lobpreisungen des Vaters Amun, des Herrn der Throne beider
Welten, an seinem schnen Panegyrienfeste im sdlichen Apt, seinem
Lieblingssitze von Anfang. Da kam man zu sagen Sr. Majestt: 'Es ist ein
Bote des Frsten von Buchtan da, gekommen mit zahlreichen Geschenken fr
die Knigsfrau', und sofort wurde dieser vor Se. Majestt gebracht mit den
Geschenken. Alsdann sprach er, den Boden kssend vor Sr. Majestt: 'Preis
Dir, Du Sonne der neun Vlker! Gestatte uns zu leben bei Dir! Ich komme zu
Dir, o Groknig, mein Gebieter, in Betreff der Bentrosch, deiner jngern
Schwester von Seiten der Knigsfrau Ranofru. Ein bel ist eingedrungen in
ihre Glieder. Mge darum abreisen lassen Deine Majestt einen
Sachverstndigen, um sie zu besehen.' Sofort sprach Se. Majestt: 'Bringet
mir die Schreiber des Hierogrammatenhauses und die Gelehrten der
Geheimnisse des Adytum!' Sie wurden auf der Stelle herbeigefhrt. Da sprach
Se. Majestt: 'Warum hat man Euch rufen lassen? Damit ihr hret dieses
Wort: Sofort liefert mir einen Knstler in seinem Herzen, einen Schreiber
(Operateur) mit seinen Fingern aus Eurem Kreise.' Nachdem nun der
Basilicogrammate Thotemhebi vor Se. Majestt getreten war, befahl ihm Se.
Majestt, da er ausziehe gen Buchtan mit diesem Boten. Als nun aber
gelangt war der Sachverstndige gen Buchtan, traf er die Bentrosch im
Zustande einer von einem Dmon Besessenen, und fand sich selbst zu schwach,
um mit demselben zu kmpfen. Da sandte der Frst von Buchtan wiederum einen
Boten an Se. Majestt mit den Worten: 'O Groknig, mein Herr, es mge
befehlen Se. Majestt, da gebracht werde der Gott Chonsu selber.'[289] Es
ereignete sich nun, da Se. Majestt im Jahre 26 im Monate Pachon[290] zur
Zeit der Amunspanegyrie im Innern von Theben sich befand. Da trat Se.
Majestt wieder vor Chonsu nofer hotep[291] mit den Worten: 'O gtiger
Herr, ich bin wieder vor dir in Betreff der Tochter des Knigs von
Buchtan.' Sofort wurde gebracht Chonsu nofer hotep zu Chonsu p-ari
secher[292], dem groen Gott, welcher vertreibt die Unholde. Alsdann sprach
Se. Majestt vor Chonsu nofer hotep: 'O du gtiger Herr, wenn du doch
wendetest dein Antlitz gen Chonsu p-ari secher, welcher vertreibt die
Unholde, damit er ziehe gen Buchtan.' Zunickung, groe, groe. Alsdann
sprach der Knig: 'Gieb deinen Segen mit ihm, damit ich ziehen mache Se.
Heiligkeit gen Buchtan, um zu erlsen die Tochter des Frsten von Buchtan.'
Zunickung des Hauptes, groe, groe, von Seiten des Chonsu nofer hotep.
Sofort machte er den Segen viermal ber den Chonsu p-ari secher. Es befahl
dann Se. Majestt, da man ausziehen mache Chonsu p-ari secher auf einer
groen Barke mit fnf Schifflein, einem Wagen und zahlreichen Pferden
rechts und links. Als nun gelangt war dieser Gott gen Buchtan in einer
Dauer von 1 Jahr 5 Monaten, siehe da kam der Frst von Buchtan mit seinen
Soldaten und Edeln entgegen dem Chonsu p-ari secher, dem Planausfhrenden.
Derselbe that sich auf seinen Bauch, indem er sprach: 'Du kommst zu uns, du
lt dich bei uns nieder nach der Weisung des Knigs Vesu-ma-Ra
sotep-en-Ra.'

Sofort begab sich dieser Gott[293] zu dem Ort, wo Bentrosch sich aufhielt.
Alsdann machte er den Segen ber die Tochter des Frsten von Buchtan: gut
ward sie augenblicklich. Hierauf sprach der Dmon, der mit ihr war, vor
Chonsu p-ari secher[294]: 'Komme in Frieden, groer Gott, welcher vertreibt
die Unholde: Deine Stadt ist Buchtan, deine Sklaven sind seine Bewohner;
auch ich bin dein Sklave: ich werde fortgehen zu dem Ort, von dem ich
ausgezogen bin, um zu befriedigen dein Herz in Betreff dessen, weshalb du
gekommen bist. Nun mge Deine Heiligkeit befehlen, da man begehe einen
Festtag mit mir und dem Frsten von Buchtan.' Sofort nickte dieser Gott
gegen seinen Propheten mit den Worten: 'Lasse veranstalten den Frsten von
Buchtan ein Speiseopfer vor diesem Dmon.' Whrend nun Chonsu p-ari secher
dies mit dem Dmon verhandelte, stand der Frst mit seinen Soldaten dabei,
sich gar sehr frchtend. Indessen veranstaltete er ein groes Opfer vor
Chonsu p-ari secher und vor diesem Dmon; der Frst von Buchtan hielt ein
Freudenfest fr sie. Hierauf ging der Dmon in Frieden an den Ort, den er
liebte, auf Befehl des Chonsu p-ari secher.

Da war der Frst von Buchtan aufjubelnd ber alle Maen sowie jede Person,
welche in Buchtan war. Alsdann berlegte er in seinem Herzen, indem er bei
sich sprach: 'Es knnte werden dieser Gott eine Gabe fr Buchtan; ich werde
ihn nicht heimziehen lassen nach gypten.' So blieb derselbe 3 Jahre 9
Monate in Buchtan. Da lag der Frst von Buchtan einstmals auf seinem Bette
und sah trumend, wie dieser Gott herausging aus seinem Hause, in Gestalt
eines Goldsperbers aufschwebend himmelwrts gen Chemi. Nachdem er vor
Entsetzen aufgewacht war, sagte er sofort zu den Theodulen des Chonsu p-ari
secher: 'Dieser Gott, welcher bei uns weilt, will gen Chemi ziehen. Lasse
also seinen Wagen fahren gen Chemi.' Alsdann lie der Frst von Buchtan
fortziehen diesen Gott gen Chemi, indem er ihm mitgab Geschenke, viele von
allen guten Dingen, Soldaten und zahlreiche Pferde; sie gelangten in
Frieden nach Theben. Alsdann ging Chonsu p-ari secher zum Tempel des Chonsu
nofer hotep, und er legte die Geschenke, die ihm der Frst von Buchtan
gegeben hatte, an allen guten Dingen, vor Chonsu nofer hotep; er that
nichts in sein eigenes Haus. Es gelangte Chonsu p-ari secher zu seinem
Hause in Frieden im Jahre 33 am 19. Mechir[295] des Knigs von Ober- und
Untergypten Vesu-ma-Ra sotep-en-Ra, der dieses Denkmal geschaffen hat.
Mge er Leben spenden gleich dem Sonnengott immerdar.

Soweit der Text der Bentrosch-Stele.

Festzuhalten ist, da Chonsu Heilgott ist, welcher durch geistige,
magische Kraft heilt.

Wir sehen aus der Erzhlung, da die Schwgerin eines gyptischen Knigs --
es ist RamsesXII. gemeint -- erkrankt, resp. besessen ist. Da die Kunst
der einheimischen rzte nicht geholfen zu haben scheint, so wurde eine
Gesandtschaft abgeschickt, um einen der in hohem Rufe stehenden gyptischen
rzte herbeizuholen. Ramses lt sich darauf einen geeigneten Mann
bezeichnen, einen -- wie Prof. Dr. Lauth bersetzt -- Knstler in seinem
Herzen, einen Schreiber (Operateur) mit seinen Fingern. -- Setzt man nun
die Kenntnis des Heilmagnetismus und Hypnotismus bei den gyptern voraus,
wozu sich die Berechtigung bald ergeben wird, so wird man die Stelle anders
bersetzen mssen. Deshalb bersetzt auch der franzsische gyptologe
Vicomte de Roug: Ein Mann mit intelligentem Herzen, ein Meister mit
geschickten Fingern. -- Allein nach Lambert ist auch dies nicht ganz
richtig, insofern Herz fr Wille gebraucht wird, und er sagt
deshalb[296]:

Es hat also nach dieser Analyse alle Berechtigung, wenn ich den Befehl des
Pharao so verstehe, da ihm ein Mann bezeichnet werde, der 'Herr seines
Willens und Meister seiner Finger' sei. Bei der letzteren Eigenschaft ist
jedoch weniger an einen Operateur, als an einen tchtigen Hypnotiseur und
Magnetiseur zu denken, weil ein solcher sowohl mit seiner Hand als mit
seinem Willen arbeiten mu.

Der erwhlte gyptische Hypnotiseur, der lteste, dessen Namen bekannt
wurde, hie Thotemhebi. Als derselbe nach Buchtan kam, gewahrte er, da
Bentrosch besessen war, und versuchte sie ohne Erfolg zu heilen. Es
vergingen elf Jahre, ohne da die Leidende gesund wurde, worauf deren Vater
abermals eine Gesandtschaft nach gypten schickte mit der Bitte, man mge
doch einen Gott nach Buchtan schicken. Wie sich aus dem Zusammenhang klar
ergiebt, wird hier Gott euphemistisch fr einen Priester der oberen
hierarchischen Stufen gebraucht. Der Pharao begiebt sich also nach dem
Tempel des Chonsu und bittet den Chonsu nofer hotep, welcher offenbar als
Oberpriester zu betrachten ist, er mge den Chonsu p-ari secher, einem
unter diesem stehenden Priester, seinen Segen oder seine Kraft mitteilen.
Dies wird gewhrt, und der Chonsu nofer hotep macht die segnende
Bestreichung -- +sa+ -- viermal. Fr dieselbe wird folgende Hieroglyphe
gebraucht:

[Illustration: Hieroglyphe]

Darauf wird der Chonsu p-ari secher nach Buchtan geleitet, wo er die
besessene Bentrosch durch eine segnende Bestreichung heilt, die mit
folgender Hieroglyphe bezeichnet wird:

[Illustration: Hieroglyphe]

ber die Bedeutung dieser Segen lasse ich nun Lambert selbst sprechen:

Was sind nun diese verschiedenen Segen? Ich denke, ich werde keinem
Widerspruch begegnen, wenn ich dieselbe fr mesmerische Bestreichungen, und
ihre verschiedenen, durch die beiden Hieroglyphen deutlich dargestellten
Formen fr die Schemata halte, nach denen die Striche gefhrt wurden. Der
Segen ist ja in seiner ursprnglichen Wesenheit wohl nichts Anderes als ein
Ausstrmenlassen einer Kraft aus seinen Hnden.

Der einfachere +sa+-Strich (No.2) wurde ausgefhrt, indem die segnende
Gottheit oder der Arzt in der durch die Hieroglyphe gekennzeichneten Art
ber den Hinterkopf nach den Schultern zu strich, nicht einmal, sondern
wiederholt und mit beiden Hnden. So spricht die Gttin Muth zu RamsesIII.
auf einer Abbildung, die sich in Lepsius +Denkmlern (III.21.)+
verffentlicht findet: 'Ich strecke aus meine beiden Arme, um zu machen die
+sa+-Striche hinter deinem Haupte.' An beiden Seiten des +sa+-Zeichens
sehen wir Knoten oder Verdickungen. Jedenfalls bezeichnen diese die
Stellen, wo der Streichende einen Halt in der Bewegung zu machen oder einen
besondern Nachdruck auszuben hatte. Das Gleiche ist an jener Stelle der
Fall, wo die Linie des Striches in der Gegend des Genickes sich selbst
schneidet. Aus der ganzen Fhrung des Striches scheint hervorzugehen, da
sich an dieser Stelle des Genickes die Kraft der Streichungen concentriren
soll. Warum aber gerade dort? Die Kabbalisten lehren, da ein kleiner
Knochen des Halses, Luz genannt, 'unverweslich' sei, in ihn versenkte sich
die Schattengestalt des Nephesch bei dem Verstorbenen, und aus beiden werde
der Auferstehungsleib am Ende der Tage gebildet. Dieser Luz der Kabbala ist
aber identisch mit dem Uls der gyptischen Lehre, welcher da liegt, wo das
Rckgrat vom Hinterhaupt nach den Schultern eine Einbiegung macht. (Luz
heit im Hebrischen wie Uls im Altgyptischen Einbiegung oder Krmmung.)
Es wrde zu weit fhren, diesen Uls und seinen ganzen Kultus in der Stadt
Mendes, wo die Rckgratreliquie des Osiris aufbewahrt wurde, hier zu
besprechen. Ich wollte hier nur darauf hinweisen, warum bei dem Akte jenes
+sa+-Striches der Nachdruck auf die hintere Halspartie verlegt wurde, und
die Ursache hiervon liegt wohl unzweifelhaft, da dort eine gnstige Stelle
zum Erwecken gewisser transscendentaler Krfte des Menschen gesehen wurde.
Vielfache Textstellen bezeugen, da bei der +sa+-Bestreichung die Absicht
war, inneres Leben zu erwecken.

Die andere -- complicirtere -- Bestreichung (No.1), welche vom Nofer
hotep an dem Ari-secher ausgefhrt wird, erstreckte sich vermuthlich ber
den ganzen Krper, ob aber ber die Vorder- oder Rckseite desselben, ist
fraglich.

[Illustration: Hieroglyphe]

Es kommen nun unter den Hieroglyphen noch mehrfache Zeichen vor, die
solche Knoten vorstellen, und jedenfalls als hnliche Manipulationen wie
die +sa+-Striche zu verstehen sind. Ein solches Zeichen ist +rod+, was
'festmachen' bedeutet. Das drfte wohl ein Strich gewesen sein, um die
Unbeweglichkeit der Extremitten zu bewirken. Ist dies der Fall, dann
geschah diese Action nicht durch einfache gerade Striche, wie bei unsern
Hypnotiseuren, sondern es wurde, z.B. um den linken Arm 'festzumachen',
wohl an der rechten Schulter begonnen, von da eine ber den Rumpf gehende
Schleife gezogen, die an der linken Schulter endigte, und dann von hier aus
ein gerader Strich ber den Arm mit einem Halt am Ellenbogengelenk nach den
Fingerspitzen zu ausgefhrt.

Da der Chonsu nofer hotep die Bestreichung viermal machte, scheint einen
ganz besondern Grund zu haben. Es entspricht dies den Bezeichnungen, die in
Verbindung mit dem +sa+-Zeichen No.1 vorkommen, nmlich +tos-sa+, 'den
Einflu herbeifhren', +tu-sa+, 'den Einflu mittheilen', +meh-sa+, 'den
Einflu vermehren', und +sotep-sa+, 'den Einflu fixiren'. Es hat also wohl
jede der vier Bestreichungen ihren bestimmten Zweck: die Wirkung wird
herbeigefhrt, mitgetheilt, vermehrt und fixirt.

Nicht ohne Bedeutung ist es, da der Gott Thot, der spter zum Hermes
Trismegistos geworden ist, den Beinamen +Sa+ fhrt. Thot ist ein Gott der
Heilkunde, der Ibis ist ihm heilig. Thot ist auch ein Gott der Erkenntni
und zwar besonders der transscendentalen Erkenntni, und es hat alle
Wahrscheinlichkeit fr sich, da er seinen Beinamen +Sa+ deswegen fhrte,
weil in der Hypnose, die ja, wie wir jetzt wissen, durch einen Act, der
+Sa+ heit, herbeigefhrt wird, die innere transscendentale Erkenntni
aufgeht. Demnach ist es Gott Thot, welcher in der Hypnose nach der Meinung
der Aegypter das innere Schauen und besonders auch als Heilgott die
Heilverordnungen eingiebt. -- Thot wird vielfach mit Chonsu identificirt
und scheint in seiner medicinischen Eigenschaft als Mondgott mit Chonsu
nofer hotep vollstndig dieselbe Person zu sein. Ich mchte hierzu auch an
den Einflu des Mondes auf Schlafende erinnern.

Soweit Herr Franz Lambert. Ich mchte noch hinzufgen, da auch die
bekannten Hnde der Isis, welche nach Apulejus bei Prozessionen
umhergetragen wurden (auf einen Stab gesteckte linke Hnde, deren Daumen
und zwei erste Finger ausgestreckt, deren drei letzte aber eingeschlagen
sind), auf Erzeugung von Hypnose und Somnambulismus hinzudeuten scheinen.




Drittes Kapitel.

Die eigentliche magische Heilkunde der gypter.


Die magische Heilkunde der gypter knpft, wenn in ihr auch uralte
Tempelgeheimnisse des Thot enthalten sein mgen, im Wesentlichen an den
mythischen Hermes Trismegistos[297] an und entstammt somit einer
verhltnismig spten Zeit. ber ihren Ursprung heit es im hermetischen
Asklepius:

+Quoniam ergo proavi nostri multum errabant, contra rationem Deorum
increduli et non animadvertentes ad cultum religionemque divinam,
invenerunt artem, qua Deos efficerent, cui inventae adjunxerunt virtutem de
mundi natura convenientem, eamque miscentes, et quoniam animas facere non
poterant, evocantes animas Daemonum vel Angelorum, eas indiderunt
imaginibus suis divinisque mysteriis, per quas sola idola et benefaciendi
et maleficiendi vires habere potuissent. Avus tuus, o Asclepi, medicinae
primus inventor, cui templum consecratum est in monte Lybiae circa littus
Crocodilorum, in quo ejus jacet mundanus homo, id est corpus; reliquus
enim, vel potius totus, si est homo totus in sensu vitae melior, remeavit
in coelum, omnia etiam nunc adjumenta hominibus praestans infirmis numine
suo, quae ante solebat Medicinae arte praebere. Hermes, cujus nomen mihi
avitum est, sibi cognomen patrium consistens omnes mortales undique
venientes adjuvat atque conservat.+

+Constat, o Asclepi, de herbis, lapidibus et de aromatibus vim
divinitatis naturalem in se habentibus, et propter hanc causam sacrificiis
frequentibus oblectantur numina hymnis quoque et laudibus dulcissimisque
sonis in modum coelestis harmoniae, concinnantibus, ut illud, quod est
coelesti usu et frequentatione illectum in idola, possit laetum humanitas
patiens longe durare per tempora; sic Deorum autor est homo. Et ne putes
fortuitos effectus esse terrenorum Deorum, o Asclepi, Dii coelestes
inhabitant summa coelestia unusquisque per ordinem, quem accepit complens
atque custodiens. Hi vero nostri sigillatim quaedam curantes, quaedam
praevidentes, quaedam hortibus et divinatione praedicentes, his pro mado
subvenientes humanis, quasi amica cognatione auxiliantur.+

Mit diesen Worten des mythischen Hermes Trismegistos stimmt der sptere
Neuplatoniker Proklos (412-485 n.Chr.) vllig berein, wenn er sich
folgendermaen ausspricht:

Und wenn uns auch der Verstand an sich selbst gleichsam als Gott
erscheint, und die Seele von Urbeginn verstndig ist, so sind doch die
obersten Dmonen hher geartet, sie stehen den Gttern am nchsten, sind
gleichfrmig und gttlich. Die zweite auf diese folgende Dmonenclasse ist
ebenfalls des Intellects theilhaftig; sie stehen den himmlischen
Aufsteigungen und Absteigungen vor und berbringen und offenbaren die
gttlichen Befehle allen Dingen. Die dritte Dmonenclasse ist jene, welche
die Befehle der gttlichen Seelen berbringt und das Band zwischen diesen
und den niedern Dingen bildet. Die vierte berbringt die wirkenden Krfte
aller Naturen auf die erzeugten Dinge, flt den Einzelnen Leben ein,
schafft Ordnung, Regel und Wirkung. Die fnfte ist gewissermaen krperlich
und schafft das uere der Krper. -- Die meisten von ihnen beschftigen
sich mit der Materie und berbringen herabsteigend die Krfte der
himmlischen Materie der irdischen, verbinden beide, bewachen das Irdische
sodann und bringen die Verschiedenheit der Formen hervor.

Nach diesen Grundstzen wurden gttliche Wesen konstruiert, welche den
einzelnen Krankheiten vorstanden, und man richtete an dieselben Gebete,
Hymnen und Beschwrungen, damit sich ihr Zorn besnftige, und sie die
verlorene Gesundheit wieder verliehen. Also ganz dieselbe primitive
Anschauung, wie wir sie schon bei den Akkadern fanden, und der wir noch
heute bei den Indianern, Negern&c. begegnen.

Die gypter betrachten die Welt als _ein_ groes Lebewesen, in welchem
alles in wechselseitiger Verbindung stehe, das von einer bestndigen
Sympathie durchstrmt und durch _eine_ Kraft zu _einem_ Leben vereinigt
werde.[298] Deshalb suchte man nach Krften die wechselseitigen Beziehungen
und Wirkungen der Dinge zu erforschen, was bei den Krankheiten, da man von
dem Grundsatz: +similia similibus+ ausging, zu der von Paracelsus
aufgefrischten Lehre von den Signaturen fhrte. D.h. man schlo aus der
hnlichkeit irgend eines Teils einer Pflanze, eines Tiers oder Minerals mit
irgend einem Glied des menschlichen Krpers, da ersterer Heilkrfte gegen
die Krankheiten des letzteren besitzen msse. So galt als gegen
Hauptkrankheiten und Epilepsie besonders wirksam die Ponienknospe, ferner
der Mohn, die Wallnu, Muskatnu, Meerzwiebel, der Lerchenschwamm&c. Gegen
Augenkrankheiten wurden Augentrost, Habichtskraut, Skabiosen usw.
angewendet; gegen Zahnleiden die Zahnwurz, Granatapfelkerne, Zirbelnsse,
die Knllchen des Feigwarzenkrautes&c., gegen Ohrenleiden die Bltter von
der Haselwurz, dem Lffelkraut und der Wassermnze. Dieselben sollten auch
gegen Nasenleiden dienen, weil zwischen Ohr und Nase eine besondere --
wahrscheinlich aus der Beobachtung der Katarrhe geschlossene --
Verwandtschaft bestehe. Fr die Kehle galt als heilsam das Wintergrn, der
Hirschschwamm und der Zimmt. Fr die Lunge war das Lungenkraut signiert;
fr das Herz die Citrone, der Pfirsich, die Brechnu und Anthora; fr die
Leber pfel, eine -- nicht genannte -- Moosart, Birkenschwamm, Eicheln und
das Leberkraut; fr die Milz das Scolopendrium, die Hirschzunge,
Mauerraute, das Milzkraut; fr den Magen die Bltter des Alpenveilchens,
Ingwer, Galgant; fr die Gedrme eine nicht nher genannte Windenart,
Calmus, Zimmt; fr die Blase die Judenkirsche, Staphisagria, der
Nachtschatten; fr die Geschlechtsteile die Wurzeln aller Orchisarten; fr
die Gebrmutter die Hohlwurz; fr die Nieren der Portulac und das
Alpenveilchen; fr die Gelenke die Datteln; fr die Hnde die jetzt +Palma
Christi+ genannte Orchideenwurzel.

In hnlicher Weise wandte man in spterer Zeit in gypten den +humores
peccantes+ der Galen'schen Humoralpathologie hnlich gefrbte Pflanzensfte
zur Austreibung der Ersteren an. So gegen die gelbe Galle Kmmel, Crocus,
Aloe, Senna, Wermut, Koloquinte, Rhicinus, Rhabarber. Gegen die schwarze
Galle allerlei Pflanzen mit dunkelgefrbten Blten, wie Smilax, rote Melde,
Ochsenzunge&c. Gegen berflssige phlegmatische Feuchtigkeiten Pflanzen
mit Milchsaft oder weien Blten, weie Schwmme, wie Lerchenschwamm&c.
Gegen die sogenannte rote Galle wurden Pflanzenstoffe von rotem Aussehen,
rote Blten, rote Sfte usw. angewendet, wie rotes Sandelholz, Rotkohl,
Alkannawurzel&c.

Der Grundsatz: +similia similibus+ durchzog die ganze Arznei. So wandte man
z.B. gegen den Stein einige zubereitete Steinarten, menschliche
Blasensteine, die steinigen Concremente in gewissen Fischaugen&c. an;
gegen Wunden brauchte man scheinbar von der Natur durchlcherte Kruter wie
das Johanniskraut. Giftige Schlangen, Spinnen, Scorpione wurden zubereitet,
um als Gegengift zu dienen. Gegen allzulebhaften Geschlechtstrieb wandte
man Pflanzen an, welche nach alter Anschauung keine Frucht hervorbrachten,
wie Salat, Sadebaum, Weide. Umgekehrt suchte man durch saftstrotzende
Pflanzenteile -- wie Orchideenwurzeln -- oder durch den Genu geiler Tiere,
wie des Sperlings und des Skinks die daniederliegende Zeugungskraft zu
heben. Das Fleisch gefriger Tiere, wie des Wolfs oder des Karpfens geno
man zur Hebung des Appetits, whrend der Genu des Fleisches intelligenter
Tiere Intelligenz, das trger Trgheit hervorrufen sollte. Endlich wandte
man sich durch hervorragende Leistungen auszeichnende Krperteile gewisser
Tiere gegen Leiden der entsprechenden menschlichen Krperteile an, wie
z.B. Fuchslunge gegen Lungenschwindsucht.

Erscheint uns nun auch bei der Lehre von den Signaturen das Meiste nicht
mehr haltbar und barock, so lt sich jedoch keineswegs in Abrede stellen,
da dem Ganzen ein groer und richtiger Gedanke zu Grund liegt, welcher der
Vater der Homopathie ist; und erinnert es nicht an die Impfung und
Serumtherapie, wenn die gypter aus giftigen Tieren Gegengifte bereiteten?

Wie allbekannt, nahm man einen Gestirneinflu auf alles Irdische und
mithin auch auf die menschlichen Glieder und Pflanzen an, wobei die gypter
(doch wohl erst der alexandrinischen Zeit?) nach Ebn Esra besonders die
zwlf Zeichen des Tierkreises als magebend betrachteten. Auf diese Art
entstand eine astrale Botanik und eine astral-botanische Heilkunde, bei
welcher die vier Grade der alten Grundeigenschaften der Dinge: warm und
trocken, warm und feucht, kalt und trocken, kalt und feucht, besondere
Bercksichtigung fanden. Ebn Esra giebt von dieser Lehre folgende
Grundzge[299]:

Der Widder ist ein mnnliches, feuriges, warmes und trockenes, das
menschliche Haupt beherrschendes Zeichen. Die ihm unterworfenen Pflanzen
sind warm und trocken in vier Graden.

Im ersten Grad stehen: der rothe Beifu, die Betonica Cichorie, die
Drrwurz, der Traubenhollunder, die Mnze, der Huflattig und Ehrenpreis.
Diese Pflanzen sind nach dem in die Hundstage fallenden Vollmond zu
sammeln.

Dem zweiten Grad gehren an: der Spargel, das Johanniskraut, die
Schafgarbe, der Wegebreit, die Ponie. Zu sammeln sind sie, wenn sich Sonne
und Mond im Krebs befinden.

Dem dritten Grad gehren an: der Lerchenschwamm, Kellerhals, die
Coloquinthe, der Enzian, Liguster, Rhicinus, Hollunder. Sie sind Ende Juli
und Anfang August[300] zu sammeln.

Dem vierten Grad gehren an: die weie Niewurz, der Majoran, der weie
Andorn, die Kresse, der Rosmarin. Sie sind theils im April, theils im
September zu sammeln.

Der Stier ist ein weibliches, kaltes, trockenes und irdisches Zeichen; ihm
ist Hals und Gurgel unterthan. Die ihm angehrigen Pflanzen sind kalt und
trocken.

Dem ersten Grad gehren an: das Milzkraut, Cathera(?), der Gamander, Epheu,
die Lilienwurzel, Narcisse, das Engels, die Rose, der Baldrian, das
Veilchen. Dieselben erweichen die Geschwlste des Halses und der Milz.

Dem zweiten Grad gehren an: das Venushaar, die Judenkirsche, die Aklei,
die Eiche und Eichenmistel. Diese Pflanzen sind Wundkruter.

Dem dritten Grad gehren an: die Ochsen- und Hundszunge, das
Carduibenedictenkraut, der Wasserhanf, die Klette, die Doste, Petersilie,
der Sanikel, die Braunwurz, Tormentill und das Kreuzkraut. Alle sind
Wundkruter.

Dem vierten Grad gehren an: das Maushrchen, Schllkraut, die Esche,
Malve, das Lungenkraut und die Scabiose.

Die Zwillinge sind ein mnnliches, luftiges, warmes und feuchtes Zeichen,
dem die Schultern unterworfen sind. Die ihm zugehrigen Pflanzen sind warm
und feucht.

Dem ersten Grad gehren an: der Anis, Althstrauch, Boretsch, Fenchel,
Ysop, die Prunelle und Mauerraute.

Dem zweiten Grad: das Farrnkraut, die Linde und Rbe.

Dem dritten Grad: die Vogelmiere, Aronswurz, der Macis, Sauerklee und die
Taubnessel.

Dem vierten Grad: der Sauerampfer, die Camille, das Mutterkraut, der
Rhabarber.

Der Krebs ist ein weibliches, wsseriges, kaltes und feuchtes Zeichen, dem
Brust, Lunge, Rippen und Zwerchfell unterthan sind. Die ihm angehrigen
Pflanzen sind kalt und feucht.

Dem ersten Grad gehren an: der Kohl, die Kardendistel, die Bohnen, die
Rapunzel, die Weinreben und die Braunwurz.

Dem zweiten Grad: der Erdbeerstrauch, die Tanne, die Zirbelnsse, der
Nachtschatten, die Terebinthe und Mistel.

Dem dritten Grad: die Binse, die Brunnenkresse, der Petersiliensamen,
Portulac, die Weide, der Steinbrech und Mauerpfeffer.

Dem vierten Grad: die Muscheln[301], die weie Coralle, der Krystall, die
Perlmutter, die Wasserrose, die Krebsaugen, der Vitriol.

Der Lwe ist ein mnnliches, feuriges, warmes und trockenes Zeichen,
welchem Herz und Magen unterthan sind. Die ihm zugeschriebenen Pflanzen
sind warm und trocken.

Dem ersten Grad gehren an: das Basilicum, der Crocus, die Cypresse,
Gewrznelke, der Ysop, Lavendel, Wegerich, Sonnenthau und Thymian.

Dem zweiten Grad: die Angelica, das Zweiblatt, die Kornblume, der Galgant,
Enzian und Teufelsabbi.

Dem dritten Grad: die Hundscamille, Pastinakwurz, Mnze, Gartenkresse, das
Flhkraut, die Ranunkel und Brennnessel.

Dem vierten Grad: die Birke, der Buchsbaum und Lorbeer.

Die Pflanzen des ersten Grades mssen gesammelt werden, wenn die Sonne in
den Fischen, der Mond im Krebs ist; die des zweiten Grades: zu Anfang Mai
vor Sonnenaufgang oder zu Ende August; die des dritten Grades, wenn die
Sonne im Lwen und der Mond in der Jungfrau, oder wenn die Sonne im Stier
und der Mond in den Zwillingen sich befinden, vor Sonnenaufgang; die des
vierten Grades, wenn die Sonne in den Fischen und der Mond im Wassermann
steht.

Die Jungfrau ist ein weibliches, irdisches, kaltes und trockenes Zeichen,
dem der Bauch, die Leber und Eingeweide unterthan sind. Die ihr
zugeschriebenen Pflanzen sind kalt und trocken.

Dem ersten Grad gehren an: die Berberitze, Cichorie, der spitze Wegerich,
die Birne und der wilde Salbei.

Dem zweiten Grad: der Mangold, die Hagebutten, die Mispel, das
Salomonssiegel.

Dem dritten Grad: die Osterluzei und Drrwurz.

Dem vierten Grad: das Tausendgldenkraut, die Schlangenzunge, die Schlehe
und Schlangenwurz.

Die Wage ist ein mnnliches, luftiges, warmes und feuchtes Zeichen, welches
den Nieren und der Blase vorsteht. Ihr werden folgende warme und feuchte
Pflanzen zugeschrieben:

Dem ersten Grad gehren an: das Gnseblmchen, der Brwurz, der Bocksbart.

Dem zweiten Grad: der Lauch, Trkenbund und das Eisenkraut.

Dem dritten Grad: das Lwenmaul, der Beifu.

Dem vierten Grad: der Lachenknoblauch, Hhnerdarm, die Haselnu und
Mauerraute.

Der Scorpion ist ein weibliches, wsseriges, kaltes und feuchtes Zeichen,
welches den Genitalien vorsteht. Ihm werden folgende kalte und feuchte
Pflanzen zugeschrieben:

Dem ersten Grad gehren an: das Kreuzkraut, der Weidorn, die Vogelbeere.

Dem zweiten Grad: die Esche, der Apfelbaum, die Pflaume.

Dem dritten Grad: die Erbse und das Seifenkraut.

Dem vierten Grad: die Melde, das Bingelkraut und die Narcisse.

Der Schtze ist ein mnnliches, feuriges, warmes und trockenes Zeichen,
welchem die Lenden und Schenkel unterthan sind. Ihm werden folgende
Pflanzen zugeschrieben:

Dem ersten Grad gehren an: die Zwiebel, der Rettig, der Sesam und die
Knigskerze.

Dem zweiten Grad: der Lauch, das Liebstckel.

Dem dritten Grad: die Haselwurz, das Curcume, der Gundermann, die
Maulbeere.

Dem vierten Grad: die Eselsgurke, Wolfsmilch und Waldrebe.

Der Steinbock ist ein weibliches, irdisches, kaltes und trockenes Zeichen,
welches den Knieen und Sehnen vorsteht. Ihm gehren folgende Pflanzen an:

Dem ersten Grad: die Ringelblume, Schwarzkirsche, der Alant, die Maul- und
Heidelbeere.

Dem zweiten Grad: das Scharlachkraut, das Wollkraut.

Dem dritten Grad: der Wasserschwertel, das Tschelkraut, der Krbis und die
Disteln.

Dem vierten Grad: die Niewurz, das Bilsenkraut, die Mandragora, der
Sturmhut, der Nachtschatten und das Lusekraut.

Der Wassermann ist ein mnnliches, luftiges, warmes und feuchtes Zeichen,
welches den Schienbeinen vorsteht. Ihm gehren folgende Pflanzen an:

Dem ersten Grad: die Mhre, die Feige, der Steinklee und die Sanikel.

Dem zweiten Grad: der Kmmel, die Flachsseide, die Rosenwurz, das
Mauerkraut.

Dem dritten Grad: die Odermennige, das Musehrchen, die Gerste, der
Steinbrech.

Dem vierten Grad: das Herzgespann und die Mispel.

Die Fische sind ein weibliches, wsseriges, kaltes und feuchtes Zeichen,
welches den Fen vorsteht. Ihm gehren folgende Pflanzen an:

Dem ersten Grad: Die Buche, die Osterluzei, das Kraut, die Myrobalanen und
Rben.

Dem zweiten Grad: Die Artischocke, die Kornblume, das Stchaskraut.

Dem dritten Grad: der Schwarzkmmel und Mohn.

Dem vierten Grad: der Schierling, das Bilsenkraut, der Sturmhut und
Nachtschatten.

Wir drfen Ebn Esra wohl unbedenklich glauben, da das eben geschilderte
astrologisch-botanische System den gyptern der alexandrinischen Zeit
entstammt; allein, was uns hier vorliegt -- ich habe Ebn Esras Originalwerk
nicht auftreiben knnen[302] -- ist offenbar die Bearbeitung desselben
durch einen deutschen Arzt des 16. Jahrhunderts. Es kam indessen auch nur
auf eine Darstellung des Systems und der Methode an.




Viertes Kapitel.

Die Seelenlehre der alten gypter.[303]


Die Berichte, welche das erste Buch Mosis ber die Schpfung der Welt und
die lteste Geschichte des Menschengeschlechtes liefert, sind nicht
ausschlielich Eigentum der Juden, sondern finden sich bei fast allen
Kulturvlkern semitischer und hamitischer Abstammung bereits in uralter
Zeit, so bei den Babyloniern, Phniziern und gyptern. Es werden in unsern
Tagen an den Ufern des Euphrats ganze Bibliotheken von beschriebenen
Thontafeln zu Tage befrdert, welche von der Schpfungsgeschichte, dem
Paradiesgarten mit dem Lebensbaume und der Schlange, der Sintflutsage
Nachricht geben, und zwar mit einer bereinstimmung in der Detaillierung,
da ein notwendiger Zusammenhang mit den biblischen Erzhlungen unmglich
geleugnet werden kann. In gypten sind es weniger zahlreiche und deutliche
berreste, doch darf auch fr das alte Pharaonenland die Kenntnis der
Flutsage, des Gartens Eden und des Babelturmes als erwiesen betrachtet
werden.

Diese merkwrdigen bereinstimmungen weisen auf die gemeinsame asiatische
Urheimat dieser Vlker hin und auf die Verwandtschaft aller Nachkommen der
Shne Noahs, Sem, Cham und Japhet, die sich ber die benachbarten Lnder
verbreiten muten, weil die Heimat die allzu zahlreich Gewordenen nicht
mehr zu fassen vermochte. Nach GenesisX, 6 sind die Shne Chams: Kusch,
Mizraim, Put und Kanaan. Diese wanderten nach Westen und wir drfen fr die
Nachkommen des Put und Kanaan die Bewohner des Landes Punt und Keft
ansehen, die Araber und Phnizier, whrend Kusch am weitesten nach Sden
gelangt und der Stammvater der thiopier wurde, und Mizraim sich in gypten
niederlie.

Die ltesten Abkmmlinge des Mizraim erkennen wir in gypten in den
prhistorischen Hor-schasu, den Horusdienern, den Grndern der ltesten
Stadt des Landes Anu (On der Bibel, Heliopolis der Klassiker), mit
theokratischer Regierung, deren letzter Herrscher, Bytes, bis auf 4245
v.Chr. zurckreicht. Die Kultur dieser Hor-schasu mu schon in
unvordenklichen Zeiten eine hochentwickelte gewesen sein; in den ltesten
Schriften wird auf ihre Epoche als auf ein goldenes Zeitalter hingewiesen
und ihr eine Dauer von Myriaden von Jahren zugesprochen, whrend eine Dauer
von 4000 Jahren eine mige Schtzung der heutigen Gelehrten ist. Ihnen ist
die Gaueinteilung des Landes, Einfhrung der Gesetze, Erfindung der Knste
und Wissenschaften, des Papiers und der Schrift zuzuschreiben. Nach der
Hor-schasu beginnt (etwa 4000 v.Chr.) die historische Zeit mit der
Regierung von Knigen, und wir finden schon unter der ersten Dynastie
derselben in gypten eine ausgebildete Mythologie, die nur das Produkt
langer theosophischer Spekulationen sein kann, mit Tempeln und Pyramiden,
welche letztere wieder die Einbalsamierung der Leichen und somit die Lehre
von einer Fortdauer der Seele nach dem Tode voraussetzt. -- War ein Keim
aus der asiatischen Urheimat mitgebracht worden, aus welchem die Priester
ihre esoterischen Lehren von Gott, der Welt und den Menschen entwickelten?

Man knnte versucht sein, die jdische Geheimlehre, die Kabbala, hier in
Betracht zu ziehen, die so viele bereinstimmungen mit dem gyptischen
Emanationssystem der Priesterlehre aufweist, und vermuten, da der Ursprung
beider auf eine solche asiatische Quelle zurckzufhren sei. In der That
greifen einige Kabbalisten bezglich der Entstehung ihrer Lehre bis auf
Adam zurck, dagegen nennen andere den Abraham, wieder andere Moses als den
ersten, dem die Lehre mitgeteilt worden sei, ganz zu schweigen von den
neueren Forschern, von denen jeder zu einem andern Resultate gelangt. --
Ich mchte der Wahrscheinlichkeit, da die Kabbala auf Moses
zurckzufhren, demnach gyptischen Ursprungs sei, vor allen anderen
Theorien den Vorzug geben. Die jdische Nation war als Nomadenfamilie von
70 Gliedern in gypten eingewandert (11. Moses1, 5), und erst whrend
ihres mehr als 400jhrigen Aufenthaltes daselbst das groe Volk geworden,
das nachmals durch das rote Meer zog. Moses selbst, in gyptischer
Weisheit erzogen und wie auch sein Bruder Aharon-Levi, in die Geheimnisse
der Priester eingeweiht, tritt gleich nach dem Auszuge als Gesetzgeber auf
-- mit gyptischen Gesetzen. Die Hierarchie der Leviten, Lebensart und
Verrichtungen derselben, die Bestimmungen ber reine und unreine Tiere, die
Einteilung der Stiftshtte mit dem Allerheiligsten, alles dieses, auch die
zehn Gebote, von denen das vierte mit derselben Verheiung bei den gyptern
vorkommt, ist von Moses nach gyptischen Vorbildern bestimmt und zum Gesetz
erhoben worden. Sollte dagegen Moses die geheime Priesterweisheit selbst
seinem Volke ganz und gar vorenthalten haben?

Hieran anknpfend, will ich im Nachfolgenden den Beweis zu liefern
versuchen, da die Vorstellung vom Menschenwesen, von seinem materiellsten,
krperlichsten Prinzip, dem Leib, bis hinauf zu dem hchsten, dem
transscendentalen Ich, dem Geist, wie in der jdischen und sonstigen
esoterischen Lehre, so auch wohl in der Priesterlehre der alten gypter die
gleiche war, da fr alle Zwischenglieder der beiden Extreme, Krper und
Geist, sich Bezeichnungen im gyptischen Totenbuche vorfinden, die fr
vollstndig kongruent mit den Bezeichnungen der jdischen und indischen
Geheimlehren gehalten werden drfen. -- Zuvrderst mu ich jedoch zum
besseren Verstndnis die altgyptische Vorstellung von dem Schicksal des
Menschen nach dem Tode schildern.

Dem griechischen Schriftsteller Stobos verdanken wir die Schilderung eines
Fragmentes aus einer lteren hermetischen Schrift, die einen wichtigen
Beitrag zur Seelenlehre enthlt. Es wird darin gelehrt, da:

Von _einer_ Seele, der des Alls, alle diese Seelen stammen, welche sich,
gleichsam verteilt, in der Welt umhertreiben. Diese Seelen erfahren viele
Verwandlungen; die, welche jetzt kriechende Geschpfe sind, verwandeln sich
in Wassertiere; aus diesen Wassertieren werden Landtiere, aus diesen Vgel.
Aus den Geschpfen, die oben in der Luft leben, werden die Menschen. Als
Menschen aber empfangen sie den Anfang der Unsterblichkeit, indem sie zu
Dmonen werden und in den Chor der Gtter gelangen.

Wir erkennen hier die Wanderung eines Ausflusses der Allseele durch die
Tierleiber als Prexistenz einerseits und die Fortdauer der Seele nach dem
Tode des Menschen als Unsterblichkeit andererseits; die Begriffe
Seelenwanderung und Unsterblichkeit sind streng auseinander zu halten. Auch
die bis auf unsere Tage erhaltenen inschriftlichen Denkmler des
Pharaonenlandes trennen stets diese beiden Begriffe, und zwar so, da die
Unsterblichkeit als ein Zustand dargestellt wird, in welchem die Seele, mit
ihrem verklrten Leibe vereinigt, ein ewiges glckliches Dasein geniet,
befreit von allen Leiden der irdischen Wesen, whrend die Seelenwanderung
sich auf der Erde vollzieht, in einem steten Wechsel zwischen Tod und
Wiederaufleben in einem neuen Krper besteht, wobei die Leiden in den
irdischen Krpern, besonders der Schmerz des jedesmaligen Todes, von der
Seele ertragen werden mssen. Hand in Hand mit dem gttlichen Ursprung der
Seele geht dann die Lehre von einer Belohnung der Guten und einer
Bestrafung der Bsen. So heit es im ersten Kapitel des Totenbuches:

Da ich fr fromm befunden wurde auf Erden und Sorge hatte vor dem Herrn
der Gtter, darum habe ich erreicht das Land der Wahrheit und
Rechtfertigung. Ich erstehe als ein lebender Gott und strahle im Chor der
Gtter, welche im Himmel wohnen, denn ich bin von ihrem Stamm.

Der Glaube an ein ewiges Leben der Gerechten und an einen zweiten Tod der
Frevler, wie sich die gypter ausdrcken, setzt ein Gericht voraus, das
nach dem Hinscheiden ber den Verstorbenen gehalten wird. Dieses
Totengericht wird vielfach bildlich dargestellt. Im Saale der zweifachen
Wahrheit sitzt Osiris als Totenrichter auf dem Thron, Krummstab und Geiel
in den Hnden, auf dem Haupt die Federkrone, um den Hals eine Kette mit dem
Abzeichen des Oberrichters, einem Tfelchen, welches die Wahrheit genannt
wurde. Anbetend tritt der Verstorbene ein, ihn empfngt die Gttin der
Wahrheit, Mat. In der Mitte des Saales steht eine Wage, auf deren eine
Schale der Verstorbene sein Herz legt. Anubis, der schakalkpfige, legt
eine Statuette der Gttin der Gerechtigkeit auf die andere Wagschale.
Horus, der sperberkpfige, prft das Gewicht, und Thot, der ibiskpfige
Gott der Schreibkunst, verzeichnet das Resultat der Wgung auf einer
Schreibtafel. Osiris spricht das Urteil.

Wurde das Herz zu leicht befunden, so mute der Verstorbene zum zweitenmal
sterben, d.h. sein Herz hat die dreitausendjhrige Wanderung durch die
verschiedenen Tierleiber, vom Schwein angefangen, von neuem durchzumachen,
whrend die Seele unrettbar der Vernichtung durch die Hllengeister
anheimfllt. Bei der Vollstreckung ihrer Strafe tritt in die Seele das
transscendentale Wesen des Verdammten als rchender Dmon, erinnert sie an
die Verachtung seines Rates, an die Verhhnung seiner Bitten, zchtigt sie
mit der Geiel ihrer Snden und giebt sie dem Sturme und Wirbelwinde der
heraufbeschworenen Elemente preis. Bestndig zwischen Himmel und Erde hin
und hergeworfen, ohne je ihrem Bannfluche zu entgehen, sucht die
verurteilte Seele menschliche Krper heim, um sich in ihnen einzunisten,
und sobald sie einen gefunden hat, martert sie diesen, beldt ihn mit Fluch
und strzt ihn in Mordthaten und Irrsinn. Wenn die Seele nach Jahrhunderten
schlielich das Ziel ihrer Qualen erreicht, so fllt sie doch nur dem
zweiten Tode anheim. In den 75 Abteilungen der Hlle, die in ihrer
Einrichtung dem Gehenna oder Ghinam der Kabbala entspricht, werden die
Seelen der Verdammten den qualvollsten Martern unterworfen. Sie werden in
glhenden Kesseln gebraten, unter den frchterlichsten Durstesqualen in
kaltes Wasser geworfen, versuchen sie zu trinken, so wird das Wasser zu
Feuer. Die Speisen, die sich den Hungernden darbieten, verwandeln sich in
Schatten. Von roten Dmonen werden sie an Pfhle gebunden und mit
Schwertern zerfleischt, mit den Fen nach oben gehngt, ihnen das Herz aus
dem Leibe gerissen usw. -- Die Darstellung dieser Qualen der Hlle scheint
jedoch nur an die Adresse der groen Menge gerichtet gewesen zu sein, in
der esoterischen Lehre drften die Strafen fr immaterielle Wesen doch
anders gelautet haben.

Hat der Verstorbene jedoch Gnade gefunden vor den Augen des Osiris, so
harren seiner die Freuden des Paradieses, des Gefildes Aalu. Gtter
erscheinen an seinem Sterbebette, um die Seele in Empfang zu nehmen.

Sie reinigen seinen Krper von allen Makeln, sie richten seine Beine ein
und krftigen seine Gelenke, sie bereiten seinen Krper zur Wiedergeburt
vor.

Die Vorstellung, da am Sterbebette der Frommen Gtter erscheinen, seine
Seele in Empfang zu nehmen und vor Gefahren zu schtzen, begegnet uns
wieder im Gnostizismus. -- So sagt St.Pachomius:

Wenn jemand im Punkte ist zu sterben, dann kommen zu demselben vier Engel.
Gott will durch sie bewirken, da die Trennung der Seele vom Leibe eine
schmerzlose sei. Einer dieser Engel steht zu Hupten, der andere zu Fen
des Hinscheidenden, und zwar in der Stellung von Menschen, die den Krper
mit l einreiben, bis sich die Seele vom Leibe trennt. Der dritte Engel
hlt in den Hnden ein Tuch von nichtstofflicher Beschaffenheit, in das er
die Seele aufnimmt, der vierte endlich singt Hymnen in einer dem Menschen
unverstndlichen Sprache: so geleiten sie die Seele zu den
Sphrenwohnungen.

Diese Vorstellung ist, wie so vieles im Gnostizismus, eine cht gyptische.
Zahl und Amt der Engel entsprechen genau denen der vier gyptischen
Totengenien.

Der Verstorbene, welcher bei der Wgung des Herzens von sich sagen konnte,
da er die verschiedenen Snden nicht begangen und gengend gute
Handlungen, die er im Leben verrichtet, zu seinem Herzen auf die Wage legen
konnte, fhrt nun den Namen Osiris und kann seine Reise nach dem Paradiese
antreten. Das Vermeiden bser und Verrichten guter Handlungen wurde jedoch
nicht fr gengend erachtet, um den Verstorbenen des direkten Eintrittes in
das Paradies, der Genossenschaft der Gtter zu wrdigen. Die guten und
bsen Handlungen waren nach der Priesterlehre zunchst Ergebnis seiner
Neigungen, also Handlungen, die ihren Grund im Herzen haben. Aber nicht nur
das Herz, sondern auch der Verstand mute den Gttern hnlich sein. Der
Verstorbene mute die Religionslehre kennen, die Namen der Gtter wissen
und in den Geheimnissen der Priesterlehre bewandert sein. Stand sein Wissen
nicht auf dieser Hhe, so mute er im Zwischenreich lngere oder krzere
Zeit verweilen. Wir werden solchen Verstorbenen, den Uschabti, noch
begegnen.

Im Westen wurde der Verstorbene begraben, und wie im Westen die Sonne als
Osiris untergeht, dann um die untere Hemisphre, ohne zu leuchten, durch
das von Osiris beherrschte Reich Amenti, den dunkeln Hades, das
Zwischenreich zieht, um anderen Tages als Morgensonne, Horus, im Osten
wieder aufzuleuchten, so dachte man sich auch den Weg des Verstorbenen von
der westlichen Grabregion nach Osten durch die untere Hemisphre, Amenti,
gehend, worauf er dann am Himmel, jetzt nicht mehr mit dem Namen Osiris,
sondern als Horus gleich der Sonne erscheint.

Die Unterwelt Amenti ist zu denken als ein Land, dem obern Land gypten
etwa gleich mit einem unterirdischen Nil, Gauen und Stdten, mit ckern und
Wiesen, jedoch dunkel, ohne leuchtende Sonne. Ebenso ist das Paradies, das
Gefilde Aalu, welches der Verstorbene betritt, wenn er die Unterwelt
verlassen hat, als ein hnliches Land zu denken, jedoch mit Abnderungen,
welche auf die, vor undenklichen Zeiten von den eingewanderten gyptern aus
Asien mitgebrachten Paradies-Vorstellungen zurckzufhren sein drften.

Die berfahrt von der westlichen Grabesregion nach der unteren Hemisphre
macht der Verstorbene auf der Sonnenbarke des Osiris als dessen Gefhrte.
Sobald die Barke im verborgenen Lande anlegt, betritt er den Weg, der
unter der Erde ist. Auf diesem Wege nun begleiten wir unsern Osiris. Er
ist noch immer als ein Verstorbener in Mumienform zu denken, er kann nicht
sprechen, er ist ohne Erinnerung, ohne Atem und Lebenswrme. In der Region
der Unterwelt, die den Namen Nutercherti hat, trifft er als deren Bewohner,
die vorhin erwhnten Uschabti. Ich halte diese fr die noch nicht an Wissen
vollendeten Verstorbenen, gewissermaen die armen Seelen des Fegfeuers.
Auch sie sind, wie er, in Mumiengestalt ohne Sprache u.s.f. Der
Verstorbene mte nun eigentlich helfen, die Arbeiten dieses Gaues zu
verrichten, zu bebauen die Felder, zu fllen die Kanle mit Wasser, zu
fhren den Sand des Westens nach dem Osten und umgekehrt. Alles Arbeiten,
welche die Uschabti ohne Gebrauch von Hnden und Fen verrichten, nur
vermge der ihnen innewohnenden Fhigkeiten, wie es auf den Texten der
Uschabtifigurinen heit. Ist er jedoch bereits geistig hher entwickelt, so
gengte es, da man den Verstorbenen, dessen Name, gefolgt von dem seiner
Mutter, fast stets darin bemerkt ist, Licht ausgestrahlt, das heit, da
er bereits ein Geluterter ist, und da die Uschabti ihn fr fhig erklren
sollen, die besagten Arbeiten zu thun. Da aber, wie gesagt, die Uschabti
noch stumm sind, und die Befhigung nicht aussprechen knnen, gerade
deshalb ist dieselbe auf den Figurinen aufgeschrieben. Die anerkannte
Befhigung gengt, der Verstorbene braucht sich nicht im Nutercherti
aufzuhalten und kann seinen Weg fortsetzen. Er wandert nun im groen Zuge
der Gtter. Nach und nach erhlt er seinen Mund, d.h. seine Sprache, seine
Erinnerung, sein Herz und seine Seele zurck. Er bekmpft Krokodile und
allerlei schlimmes Gewrm; er wird bedroht, gebissen zu werden von dem, der
das Gesicht nach hinten hat; er stt den zurck, der den Esel verzehrt; er
rettet sich vor der Gefahr, Kot essen zu mssen, -- Abenteuer, die zwar
recht albern lauten, denen jedoch eine tiefere allegorische Bedeutung zu
Grunde liegt. Er kommt auch an den Ort, wo die Gottlosen, die zweifach
Toten, sich befinden, und man zeigt ihm ihre Leiden und Qualen, gleichsam
um ihm den Wert der himmlischen Freuden noch schtzbarer zu machen. Auch
diese Vorstellung findet sich in der Kabbala wieder.

Es wrde natrlich zu weit fhren, alle Details des Zwischenreiches Amenti,
wie auch des nun folgenden Paradieses hier ausfhrlich zu besprechen, oder
auch nur deren Namen anzufhren; auch wrde es sehr schwer sein, einen
Begriff von diesen Labyrinthen mit allen ihren Gngen, Hallen, Thoren,
Stdten und Gauen zu geben. In der That war das berhmte, von dem Knig
AmenemhaIII. erbaute Labyrinth nichts anderes, als eine steinerne
Darstellung des Amenti.

An dem Paradies, das wir uns im Bereiche des Sonnengottes Ra, also am
Himmel ber uns, vorzustellen haben, angekommen, tritt der Verstorbene ein,
gefolgt von dem Gotte Thot. Nach den vorgeschriebenen Verbeugungen bringt
er den dreimal drei groen Gttern ein Opfer dar. Dann besteigt er die
Barke, um auf dem Wasser des Friedens zu fahren, vorbei an Stdten und
Inseln, und gelangt endlich an den ihm angewiesenen Wohnort, wo er den
Gttern der beiden Sonnenberge und dem Herrn des Himmels ein zweites Opfer
darbringt. Wir sehen den Verstorbenen im Gefilde des Aalu pflgen, sen und
ernten. Das Getreide wird sieben Ellen hoch, die hren haben drei Ellen,
die Halme vier. Vom Ertrage bringt er dem Hapi, dem Gott der Fruchtbarkeit,
ein Dankopfer dar fr den reichen Erntesegen. Auf der Reise dahin nimmt er
in jedem himmlischen Gau die Gestalt und Eigenschaft des Gottes an, der dem
Gau vorgeht. Er sprot als ein reiner Lotus auf dem Wiesengrunde des Ra. Er
nimmt die Gestalt des Phtha an, und geniet die Opfer, welche diesem Gotte
dargebracht werden. Er erhebt sich in die Lfte als Horussperber,
verwandelt sich in den heiligen Phnixusw.

Der Aufenthalt im Gefilde Aalu soll aber kein ewig dauernder sein, sondern
scheint nur ein Lohn zu sein fr das menschlich Gute des Verstorbenen. Wie
alle Seelen ein Ausflu der All-Seele sind, so mssen sie auch wieder zur
All-Seele zurckkehren, in den hchsten reinsten gttlichen Urzustand.
Maspero sagt:

Es giebt zwei Gtterchre, der eine schweift umher, der andere steht
unbeweglich fest. Letzterer bildet die letzte Stufe in der verklrten Weihe
der Seele. Auf dieser wurde sie ganz Vernunft (richtiger: Dmon= +chu+),
sie sieht Gott von Angesicht zu Angesicht und versenkt sich in ihn.

Es erbrigt mir noch, einige Bemerkungen ber das Totenbuch beizufgen. --
Da dem lebenden Bewohner des schwarzen Landes, wenigstens dem Laien, die
Geheimnisse der Priesterlehre streng vorenthalten wurden, der Verstorbene
dieselben jedoch zu seinem Heil im Jenseits kennen mute, so wurden sie auf
einer Papyrusrolle niedergeschrieben, und diese nebst verschiedenen
Amuletten und Talismanen dem Toten mit ins Grab gegeben. Diese Papyrus
fhren in der Wissenschaft seit Lepsius den Namen Totenbuch. In der Form
und Redaktion, in der uns die erhaltenen Exemplare dieser Papyrus
vorliegen, drfte deren Entstehung wohl nicht ber die 18. Dynastie
zurckreichen. Einzelne Teile und Kapitel derselben waren jedoch bereits im
alten Reiche, in der ersten und vierten Dynastie, bekannt. So heit es
z.B. ausdrcklich im 64. Kapitel:

Dieses Kapitel wurde gefunden zu Hermopolis, auf einer Alabasterplatte,
mit blauer Farbe geschrieben zu Fen des Gottes Thot, zur Zeit des Knigs
Menkera durch den Prinzen Hartatef, als er auf einer Reise begriffen war,
um die Tempel zu besichtigen. Er trug den Stein in den kniglichen Wagen,
als er sah, was darauf geschrieben stand. O, groes Geheimni! Er sah nicht
mehr, er hrte nicht mehr, als er dies reine und heilige Kapitel las, er
berhrte kein Weib mehr und a weder Fleisch noch Fisch.

Die ltesten Fragmente, die auf uns gekommen sind, finden sich auf
Holzsrgen der 11. Dynastie. -- Das Totenbuch wurde von den Priestern
sorgfltig geheim gehalten. So heit es am Schlusse des 162. Kapitels:

Dieses Buch ist ein groes Geheimni: Lasse es kein Menschenauge sehen; es
wre das eine groe Snde. Verbirg sein Vorhandensein. Sein Name ist: Buch
von der verborgenen Wohnung. (Ferner Kapitel 133:) La dieses Buch keines
Menschen Antlitz schauen, studire es geheim vor deinem Vater, vor deinen
Shnen, denn wer es verwahrt, der ist ein reiner Geist vor Ra, und es
verleiht ihm Macht vor dem Herrn der Gtter, da die Gtter ihn betrachten,
wie einen ihres Gleichen, und die zweifach Toten schauen ihn liegend auf
ihrem Antlitz, denn er wird betrachtet als ein Bote des Ra.

Der Grund der Geheimhaltung drfte der sein, da der Mensch nicht im
Streben nach Reinigung des Herzens erlahmen, dann auch, da er sich nicht
ber die Furcht vor dem letzten Gericht hinwegsetzen sollte, was bei der
Kenntnis der geheimnisvollen Kapitel zu befrchten war. Ein weiterer Grund
war wohl auch der, da nicht Mibrauch damit getrieben werden sollte. Es
wird in Papyros Lee und Rollin von dem gottlosen Huy, dem Aufseher der
Herden des Ramses, berichtet, welcher dergleichen Schriften aus der
Hofbibliothek entwendete und dann mit denselben bsen Zauber versuchte.

Ich komme nun zu meinen Resultaten ber die verschiedenen Bezeichnungen fr
die leiblichen, seelischen und geistigen inhrierenden Bestandteile des
Menschen, wie sich solche in der hieroglyphischen Sprache, besonders im
Totenbuch, vorfinden, und zu dem Beweise, da diese mit den Bezeichnungen
der Kabbala und des Esoterismus berhaupt bereinstimmen. Letzterer tritt
uns in deutscher Darstellung zuerst mit dem Aufblhen der neueren Zeit bei
den tonangebenden Mnnern des 16. und 17. Jahrhunderts, Agrippa, van
Helmont und anderen entgegen, findet sich aber wohl am weitestgehenden bei
Paracelsus ausgeprgt.

Wie in manchen esoterischen Lehren der Mensch als Monade in einer
Siebenteilung sich darstellt, so auch in der gyptischen Priesterlehre.
Ich will diese Teile des menschlichen Wesens kurz die sieben Grundteile des
Menschen nennen.

Von dem untersten, materiellsten Grundteile, dem Krper, gyptisch +chat+,
hebrisch +guf+, bei Paracelsus Elementarleib ausgehend, finden wir als
das zweite, das Leibesleben, gyptisch +anch+, hebrisch +coach ha guf+,
bei Paracelsus der Archus oder die Mumia. Dieses +anch+, Leben, wurde
als Hauch und Lebenswrme (+nifu+ und +bas+) gedacht, und da es durch den
Tod dem Krper verloren geht, von dem Gott Anubis, dem Wiederbeleber, von
neuem dem gerechten Verstorbenen verliehen. Die alten Abbildungen zeigen
den Gott Anubis, die Hnde wie zum Segnen ber den auf der Bahre liegenden
Leichnam ausbreitend. Infolgedessen zieht die Seele in Gestalt eines Vogels
mit Menschenkopf, mit dem Lebenszeichen und dem Zeichen des Hauches, dem
Segel, versehen, in den Krper wieder ein. Dadurch wird aber der
Verstorbene nicht ein +anch+, ein krperlich Lebender, sondern ein +sahu+,
ein geistig Lebender. So sagt ein Text einer Votivtafel in Wien: Es macht
ihn zum +sahu+ der Gott Anubis selbst. Bei einer hnlichen Abbildung
lautet die Beischrift: Die Seele, ihren Krper erblickend, vereinigt sich
zu ihrem gttlichen +sahu+.

Der dritte Grundteil, in der Kabbala +Nephesch+, bei Paracelsus der
siderische Mensch, Astralleib oder +Evestrum+ wird durch die Hieroglyphe
+ka+ bezeichnet, welche zwei nach oben ausgebreitete Arme darstellt. ber
den +ka+ ist von den gyptiologen vielfach geschrieben und gestritten
worden. Le Page Renouf und Maspero haben die Bedeutung als Reflex des
Menschen nach dem Tode, +le double de l'homme+, erklrt. Pierret
widerspricht dem und findet in +ka+ gerade im Gegenteil die krperliche
Substanz, die materielle Person, die Individualitt des Leibes. Zieht man
die esoterische und kabbalistische Bezeichnung zu Rate, so findet man, da
beide Deutungen nicht unrichtig, aber auch nicht vollstndig sind. +Ka+ ist
die Persnlichkeit des krperlichen Menschen und zugleich ein Doppelgnger
stofflicherer Art, als der geistige Doppelgnger, welchen wir im sechsten
Grundteil, dem +cheybi+, kennen lernen. +Ka+ ist auch die krperliche
Erscheinung des Verstorbenen im Hades, dem Zwischenreich; er entspricht
somit vollstndig dem obersten Gliede im +Zelem+ des +Nephesch+.

Der Gebrauch der gypter, die Leiche auf das sorgfltigste vor Verwesung
zu schtzen, um dadurch dem Verstorbenen, wie es heit, die Mglichkeit der
astralen Erscheinung zu sichern, setzt voraus, da in dem mumifizierten
Krper etwas Immaterielles als zurckbleibend gedacht wurde, das, mit den
hheren Grundteilen in Verbindung tretend, die Erscheinung bewirkt. Es mu
angenommen werden, da den gyptern ein hnliches wie der +Habal de garmin+
der Kabbala, der sich in die Knochen versenkende +Zelem+ des +Nephesch+,
bekannt war. In der That finden wir im 154. Kapitel des Totenbuches die,
wenn auch mystisch dunkel gehaltene Besttigung dessen. Die Vignette,
welche dieses Kapitel ziert, stellt den Sonnendiskus dar, der von dem
baldachinartigen Himmelsgewlbe auf die Mumie herabsteigt, und von dem es
im Texte heit, da er sich in den Leib versenkt. Einige Zeilen weiter
heit es: (Dieses ist) das Geheimni von demjenigen Leben, welches das
Ergebnis der Zerstrung des Lebens ist. Dieses Leben also, das Resultat
des durch den Tod vernichteten +anch+, kann daher wohl fr bereinstimmend
mit dem +Habal de garmin+ angesehen werden.

Der vierte Grundteil ist der Wille, das Gemt, in der Kabbala +Ruach+, bei
Paracelsus der tierische Geist. Die Hieroglyphe dafr stellt das Herz
dar, mit der Lautung +hati+ und +ab+. Als der Sitz des Gemtes, des
Ethischen im Menschen, sahen wir bereits das Herz auf der Wage im
Totengericht; und es wurde dadurch darauf hingewiesen, da nicht die Seele,
sondern das Herz, dessen Ausflsse die guten und bsen Thaten, die Werke
der Barmherzigkeit und die Gebete sind, bei der Wgung in Betracht kommen.
Auch als Wille oder tierische Seele finden wir +hati+ im Totenbuch
aufgefat. Im 26. Kapitel wird dem Verstorbenen sein Herz zurckgegeben,
wodurch er die Herrschaft ber seine Glieder zurck erhlt, und zwar
geschieht dies, wie es dort heit, zum Besten seines +ka+, seines
Astralleibes. Dieses zum Besten seines +ka+ ist insofern wichtig, als
daraus zur Evidenz hervorgeht, da der +ka+, der Astralleib, als die
krperliche Form des Verstorbenen in der Unterwelt gedacht wurde.

Der fnfte Grundteil ist die Seele, +Neschamah+, bei Paracelsus die
verstndige Seele, die Trgerin der Vernunft, des Verstandes und
Gedchtnisses, hieroglyphisch dargestellt durch den Sperber mit
Menschenkopf, +bai+ oder +ba+. Horapollo lehrt, da die Psyche, die Seele,
gyptisch +bai+ heit. Da nun aber das griechische Wort %psych%
verschiedene Bedeutung hatte, so: Verstand (+ratio+), Gemt (+mens+) und
Leidenschaft (+appetitus+), dann Lebenskraft (+spiritus vitalis+), wir aber
die letzteren bereits in +hati+, +ab+ und +anch+ kennen gelernt haben, da
ferner +ba+ im Totenbuche nie im Sinne von Gemt, Leidenschaft oder
Lebenskraft gebraucht wird, so bleibt uns fr +bai+ nur die Bedeutung
Verstand (+ratio+) brig, in welchem Sinne es auch vortrefflich mit zu dem
+Neschamah+ der Kabbala pat.

Die Seele ist das oberste Glied unter den dreien, die den +Zelem+ des
+Ruach+ ausmachen, und zugleich das unterste Glied im +Zelem+ der
+Neschamah+. Mit dem fnften Grundteil, Seele, schliet die Reihe der
Bezeichnungen fr die bewute Person des Menschensubjektes und es beginnt
die unbewute, die transscendentale Person.

Der sechste Grundteil, in der Kabbala +chaijah+, bei Paracelsus
Geistesseele, ist hieroglyphisch +cheybi+, der Schatten, geschrieben
durch ein Zeichen, welches den Schattenspender, den Sonnenschirm darstellt
(ungefhr in der Form von einem Palmblattfcher). Es entspricht den %skiai%
und +umbrae+ der klassischen Autoren und ist die Erscheinung der
Verstorbenen, die von den Lebenden gesehen aber nicht angefhlt werden
kann. Der +cheybi+ wandelt tglich auf Erden umher, sieht seine Angehrigen
und freut sich ber die an das Grab gebrachten Opfergaben. Hufig kommt die
Dualform +cheybti+ vor, mit der Bedeutung, der zweite Schatten, jedenfalls
bezieht sich dies auf eine Unterscheidung von dem Astralleib +ka+, der ja
als Doppelgnger auch eine Art von Schatten ist.

Merkwrdig drfte es sein, da sehr hufig in den bildlichen Darstellungen
der +cheybi+ umgedreht, also das unterste zu oberst dargestellt wird. Ein
Fries aus Karnak zeigt Kpfe mit dem Zeichen +cheybi+ bekrnt abwechselnd
mit der Geiel, dem heute noch in gypten vielgebrauchten Kurbatsch.

Der siebente Grundteil endlich ist der Geist, in den verwandten Lehren
+jeschida+ und der gttliche Gedanke der deutschen Mystik, oder bei
Paracelsus der Mensch des neuen Olymps, gyptisch geschrieben durch die
Hieroglyphe +chu+, deren Bedeutung: Der Leuchtende, Strahlende ist. Es
ist der Geist im hchsten Sinne des Begriffs. Mit +cheybi+ und +bai+
vereint bildet er die Wesenheit des verstorbenen Gerechten oder Verdammten
(fr welche beide der Ausdruck +chu+ gebraucht wird, bei letzteren jedoch
mit dem Zusatz +moti+, der zweifach Tote). Diese Wesenheit ist der gute
oder bse Dmon, von dem bereits oben die Rede war. Identisch mit diesen
drei obersten Grundteilen erscheinen mir auch die %daimones%, %res% und
%psychai archontoi% in dem Jamblichus zugeschriebenen +de mysteriis liber+
zu sein.

Eine Besttigung fr die richtige Aufeinanderfolge der einzelnen Prinzipien
in der Zusammenstellung, in der ich dieselbe gegeben, findet sich im 92.
Kapitel des Totenbuches, woselbst die Bezeichnungen fr die
geistig-seelischen Grundteile in einer unzweifelhaft absichtlichen
Reihenfolge angefhrt sind, und zwar immer vom unteren Prinzip ausgehend,
zum oberen fortschreitend. So heit es: Nicht werde meine Seele gefangen,
nicht werde mein Schatten aufgehalten, damit ich den Weg bahne meinem +ba+,
meinem +cheybi+ und meinem +chu+. Dieses also sind die drei obersten
Grundteile. Ferner erwhne ich die Stelle: Der Weg der Bsen sei abgelenkt
von meinem +ka+, meinem +ba+ und meinem +chu+. Hier sind also der 3., 5.
und 7. Grundteil zusammengestellt, je das oberste Glied aus der
krperlichen, der bewut-geistigen und transscendental-geistigen Triade,
auerdem findet sich ein schlagender Beweis fr die Richtigkeit meiner
Aufstellung im Grabe des Nebunef in Theben. Der Verstorbene ist dargestellt
in: Anbetung der vier Totengenien Amasath, Hapi, Tiaumutef und Kebsonuf,
welche vier stets in dieser typischen Reihenfolge auftreten. Amasath
berreicht dem Verstorbenen seinen +ka+, Hapi sein +ab+, Tiaumutef seinen
+ba+ und Kebsonuf seinen +cheybi+.

Es wird nach dem bisher Gesagten als hchst wahrscheinlich gelten mssen,
da sich wesentliche Teile der gyptischen Seelenlehre mehr oder weniger
unmittelbar ber die spteren Kulturvlker verbreiteten. Da Griechenland
seine Kunst und Wissenschaft, auch zum Teil seine Gesetze,
Staatsverfassungen und Religionsgebruche aus gypten bezogen, wird von den
griechischen Schriftstellern selbst zur Genge bezeugt. Schon Orpheus soll
ein Schler gyptischer Priester gewesen sein, und die durch ihn
gestifteten eleusinischen Geheimnisse erinnern an gyptische Mysterien.
Thales von Milet, der den Joniern eine Sonnenfinsternis genau voraussagte,
was er wohl aus eigenem Studium nicht vermocht htte, hatte gypten
besucht. Pythagoras war mit den grten Anstrengungen in die esoterischen
Lehren eingedrungen, indem er selbst gyptischer Priester wurde. Er
verdankte wohl den besten Teil seines Wissens dem Unterricht in den
Tempeln. Nebenbei will ich seine Kenntnis der Tetragramme oder magischen
Quadrate erwhnen, deren sich auch die Kabbalisten bedienen. Solon, welchem
die Hierogrammaten mitteilten, da der Weltteil Atlantis vor 9000 Jahren
vom Meere verschlungen worden sei, dasselbe verschollene Land, das auch in
verschiedenen neueren Werken wieder ein Gegenstand wissenschaftlicher
Forschung geworden ist, Solon und ebenso Lykurg gaben Gesetze nach
gyptischen Vorbildern. Auch Platos ist nicht zu vergessen, der mit
Weisheit und Philosophie dieses Landes durch seine Reisen dahin wohl
vertraut wurde.

In den ersten Jahrhunderten des Christentums ward gypten, und speziell
Alexandria, noch einmal der Glanzpunkt in der Geschichte der Gelehrsamkeit
mit dem Aufblhen des Neuplatonismus und des Gnostizismus; und da auch die
deutschen Mystiker zur Zeit des Wendepunktes unserer Kulturentwickelung
durch diese Vermittelung aus der alten Quelle gyptischer Weisheit
schpften, wird ebenfalls nicht bezweifelt werden knnen. Ganz besonders
hatte Paracelsus vermutlich eine Gelegenheit, unmittelbare Unterweisung in
diesen esoterischen Lehren whrend seiner Orientreise zu genieen. Seitdem
nun aber die Sprachforschung der letzten hundert Jahre uns mehr und mehr
auch die Schtze altindischer Weisheit erschlossen hat, finden wir selbst
in dieser einige charakteristische Zge, welche eine Verwandtschaft mit der
gyptischen Seelenlehre nicht wohl verkennen lassen; so die Anschauung
einer Aufwrtsentwickelung der Lebewesen von den niedrigsten Gestaltungen
durch unzhlige Verkrperungen bis zum Menschen und zum Gotte, ferner die
daran anknpfende Lehre der Seelenwanderung und nicht minder die Einteilung
des menschlichen Wesens in verschiedene Grundteile, deren Zahl allerdings
je nach den verschiedenen Zeiten und Anschauungen verndert gerechnet
wurde.

Ob nun vielleicht auch die Indier aus der gyptischen Quelle esoterische
Weisheit geschpft haben und wann? Ob in frhester Zeit oder etwa erst um
1300 v.Chr., wo die Handelsverbindung beider Lnder ihren Anfang genommen
haben drfte: darber lt sich Bestimmtes nicht sagen. Soviel drfte
gewi sein, da die brahmanischen Weisen einen groen Teil der gyptischen
Priesterweisheit bis zum heutigen Tage besitzen, wo es denjenigen Forschern
des Westens, welche nach denselben begehren, allmhlich mehr gelingt, in
deren Wesen einzudringen. Freilich aber standen wohl nicht ohne Grund auf
dem Standbild der Gttin Neith zu Sais, welche die Hterin der Geheimnisse
war, die Worte geschrieben:

    Keiner lftet jemals meinen Schleier.




Fnftes Buch.

Der Occultismus der Hebrer.

Erstes Kapitel.

Die schwarze Magie der Hebrer.[304]


Nach der Kabbala steht alles Existierende im groen wie im kleinen, im
einzelnen wie im ganzen, in einer magischen Verbindung. berall ist das
uere der Ausdruck des Innern und das Untere die Ausprgung des Hheren,
und in derselben Weise, wie das Hhere und Innere nach unten und auen
wirkt, so wirkt umgekehrt das Untere und uere nach oben und innen magisch
zurck. Diese Sympathie bildet das innere Prinzip alles Geschaffenen.

Der Welt des Lichtes steht eine Welt der Finsternis gegenber, whrend der
Mensch seinen Platz in der Mitte behauptet und als der unterste Auslufer
der Welten sowohl des Lichtes als auch der Finsternis gelten kann. Der
Rapport zwischen dem Unteren und dem Hheren wird durch den Kultus, durch
die mit rituellen Handlungen verknpfte Assimilation hergestellt, indem das
Untere, welches nur durch sein Oberes existiert, sich demselben
gleichfrmig zu machen und mit ihm eins zu werden bestrebt ist.
Gleichzeitig sucht es von ihm immer mehr Krfte an sich zu ziehen, um in
seinem Geiste zu leben und zu wirken. Es ist also die Mglichkeit der
Existenz einer heiligen und einer finstern Magie gegeben.

Es wird aber auch ein Rapport des Innern mit dem uern, des Menschen mit
der Natur, d.h. eine Naturmagie mglich sein. Bei derselben wird die
Beobachtung eines fest bestimmten naturgesetzmigen Verhaltens gefordert,
um sich mit den Krften und Individualitten der Natur in Verbindung zu
setzen, sowie sich denn auch der Mensch hier durch Anwendung von
knstlichen Mitteln auf naturnotwendigem Wege in einen ekstatischen Zustand
versetzen mu.

Diese Naturmagie ist an sich weder unrichtig noch bse, kann aber leicht in
beide Eigenschaften umschlagen und ist dem Irrtum und Trug leicht
ausgesetzt. Nach kabbalistischer Lehre bilden nmlich alle Wesenheiten des
Universums eine organisch gegliederte, auf das Innigste verbundene Kette,
in welcher die obern Glieder auf die untern, und diese wieder auf jene
wirken. Der Mensch aber kann durch die Naturmagie nur mit den untern und
uern Wesen dieser Kette (Merkabah), den Elementarwesen und
Astralgeistern, in Verbindung treten, nie aber mit den hheren
Intelligenzen, welche sich ihm auf uerliche Weise durch die unteren
getrbten Naturkrfte mitteilen. Die Mitteilungen, welche diese Wesen den
Menschen zukommen lassen, sind je nach ihrem hheren oder tieferen Ursprung
von sehr verschiedenem Wert, nur bedingungsweise richtige und nichtsweniger
als unverbrchliche Wahrheiten. Selbst die hheren Wesen dieser Klasse
haben nur Einsicht in die natrlichen Verhltnisse der Dinge und das
Schicksal der Menschen, insofern dasselbe durch ihre frheren Handlungen
bedingt ist, whrend sich das aus den knftigen Thaten Entspringende ihrer
Kenntnis entzieht. Die Mitteilungen der untern Wesen dieser Klasse aber
sind noch unzuverlssiger, indem ihr Wissen mit jeder tieferen Stufe
dunkler und unbestimmter wird, und die am tiefsten stehenden, an die
dmonische Region grenzenden Naturgeister und Elementarwesen (Schedim) den
Menschen oft geflissentlich belgen. -- Die Kabbala kennt also bereits die
bedingte Richtigkeit der von ihr dem sogen. Elementarwesen zugeschriebenen
mediumistischen Mitteilungen, und konstruiert eine an Kardek erinnernde
Geisterleiter, in welcher selbst die hier allerdings auermenschliche Zge
tragenden +esprits menteurs+ unverkennbar geschildert sind.

Aber auch zum Bsen kann die Naturmagie fhren, weil der Mensch groe
Gefahr luft, unter den Einflu niederer Wesen zu gelangen, die ihn immer
tiefer in das Dunkel der Natur fhren, ihn moralisch und intellektuell
verkommen lassen und alle Schrecken des Mediumismus ber ihn
heraufbeschwren.

Es drfte umsomehr am Platze sein, hier eine kurze bersicht ber das zu
geben, was die Kabbala von den Elementarwesen lehrt, als sich diese Lehren
bei den Neuplatonikern, bei Psellus, den mittelalterlichen Magiern,
Paracelsus, van Helmont und berhaupt in der ganzen Mystik wiederholen; und
von der Kabbala wird die Naturmagie im wesentlichen als von den
Elementarwesen abhngig gedacht, weshalb sie dieselbe auch Maase Schedim,
das Werk der Elementarwesen, nennt.

Die Kabbala geht von dem Prinzip aus, da nichts in der Welt ohne geistiges
Leben sei und da, wie sich Paracelsus vllig im Geiste der jdischen
Geheimlehre ausdrckt, nichts geschaffen ist, das ohne ein Mysterium (bei
P. geistiges Leben berhaupt) ist[305]. Demgem lt sie die Elemente
durch Wesen belebt sein, welche sie die Hefen oder Reste des untersten
Geistigen nennt und klassifiziert dieselben in Elementarwesen des Feuers,
der Luft, des Wassers und der Erde, welche als Salamander, Sylphen, Undinen
und Pygmen sich durch die ganze Geschichte der Magie ziehen. -- Die
ersteren sind nach Loria[306] zum Guten weise und unsichtbar, sie haben
etwas von der menschlichen Seele an sich, kennen die Geheimnisse der Natur
und helfen den Menschen gern. -- Die zweite Klasse hnelt der ersten, nur
steht sie auf einer etwas niedrigeren Stufe. -- Die dritte Klasse steht
noch tiefer und besitzt nach Loria[307] einen pflanzlichen Nephesch
(Astralleib), whrend die vierte Klasse am tiefsten steht und mit einem
mineralischen Nephesch bekleidet ist. -- Diese beiden letzten Klassen
knnen mit unsern Sinnen leichter wahrgenommen werden, und im ganzen
unterscheiden sich die Elementarwesen hauptschlich nur dadurch von den
Menschen, da ihnen sowohl die hheren geistigen Grundteile als auch der
Elementarleib abgehen und sie nur aus einem Ruach und Nephesch bestehen.
Darum sind auch diese Elementarwesen der Nahrung bedrftig, welche sie aus
den feinsten Teilen der Speisen, aus den Dmpfen der Opfer und Rucherungen
ziehen; darum pflanzen sie sich fort und sind der Auflsung
unterworfen.[308]

Die letzten beiden Klassen sind meist bsartige Koboldnaturen, die den
Menschen necken, verspotten[309] und ihm gerne Schaden zufgen; doch giebt
es unter ihnen auch friedlichere Wesen, welche es mit dem Menschen gut
meinen und allerlei husliche Dienste verrichten.[310] -- Die Kabbala
unterscheidet die Elementarwesen ferner nach ihrem Aufenthaltsort, ob sie
nmlich unter Menschen, in Einden, an unfltigen Orten usw. wohnen, ein
Gedanke, welchem wir bei den +Sylvestres+, +Vulcanales+ usw. des Paracelsus
wieder begegnen.

Die oben genannten beiden Koboldklassen bilden nach kabbalistischer Lehre
den bergang aus dem Reiche des Sichtbaren in das Unsichtbare und sind,
weil dem Menschen leiblich am nchsten stehend, demselben besonders
gefhrlich. Sie sind mit mancherlei ungewhnlichen Krften und Einsichten
in das verborgene Reich der unteren Natur ausgerstet und entbehren auch
nicht einzelner Blicke in die Zukunft und die hhere geistige Naturwelt,
weshalb ein Kultus derselben[311] von seiten der jdischen Zauberer nahe
lag, der zum Reiche des Bsen hinabfhrt. -- Ganz besonders sind es
widernatrliche sexuelle Verbindungen, Claim, welche diese S'hirim
anziehen, weshalb manche Zauberer -- Bileam[312] gilt hier %kat' exochin%
als Beispiel -- solche Claim geflissentlich aufsuchen, denn das Wesen der
Zauberei besteht in der Verbindung von Dingen, welche voneinander
verschieden sind, und wenn man solche Dinge hierunten verbindet, dann
vermischen und verbinden sich ihre oberen Krfte miteinander und bringen
eine wunderbare fremdartige Wirkung hervor. Das Verbot der Claim geht auch
dahin usw. Der Mensch mu die Welt lassen nach dem einfachen natrlichen
Gange, das ist der Wille Gottes[313]. -- Ich habe wohl kaum ntig, hierzu
auf gewisse Vorgnge im modernen Mediumismus hinzuweisen.

Durch diese Claim werden nmlich nach kabbalistischer Lehre unvollkommene
Nephesch erzeugt, welche den unreinen Klippoth zur Hilfe dienen und eine
Art dmonischer Schemen bilden. -- Der gleiche Gedanke wird von Paracelsus
und Jung-Stilling wiederholt.[314] -- Doch nicht allein durch die Claim
werden magische Geburten erzeugt: ein jeder Gedanke, jedes Wort und jede
That besitzt eine bleibende und lebende magische Existenz, welche das Reich
der Finsternis oder des Lichts auf reale Weise vermehrt.[315] Deshalb wurde
auch beim Tode frommer Israeliten ein Exorcismus ber die aus ihren Snden
erzeugten Wesen gesprochen, damit diese dem Leichnam nicht nahen und ihn
nicht zu Grabe geleiten sollten.[316]

Die mit Hilfe der Elementarwesen ausgefhrte Magie heit -- wie erwhnt --
Maase Schedim, das Werk der Schedim, und ist nicht so strafbar als das
Maase Kischuph, die schwarze Magie, weil die Schedim -- entgegengesetzt den
wirklichen Dmonen -- die Menschen nicht in vlliges Verderben ziehen. --
Interessant ist die Ansicht verschiedener Talmudisten, da die Schedim zwar
nicht die Wesenheit der Dinge verndern, wohl aber die Dinge sammeln und
von Ort zu Ort bewegen knnen.[317] -- Die Bringungen, Bewegungsphnomene
usw. werden also den Elementarwesen zugeschrieben.

Die eigentliche Naturmagie ist zum groen Teil von der geistigen Strke und
dem Willen abhngig, und die Kabbala lehrt ausdrcklich, da bei allen
Menschen Sehergabe und magische Kraft -- wenn auch in verschiedenen Graden
-- vorhanden ist. Zu allem magischen Wirken wird nach der Kabbala[318] von
seiten des Menschen eine feste und starke Kwanah (Willensrichtung,
Intention) erfordert, um den hheren geistigen Einflu an sich zu ziehen
und zu seinen Zwecken verwerten zu knnen, was nur durch Willenskraft
mglich ist.

Der Wille des Menschen mu ausschlielich auf seinen Gegenstand gerichtet
sein und mit ihm bereinstimmen, indem nur das Verwandte einander anziehen
kann.[319] Ferner gehrt zu allem magischen Wirken eine starke, lebhafte
und klare Vorstellungskraft (Koach ha Dimian), damit die Impressionen aus
der geistigen Welt sich tief und lebendig in die Seele eingraben und dort
festgehalten werden. Dieselben Bedingungen gehren auch zum richtigen
magischen Schauen. Es mu nmlich der Zustand des Geistes, der Seele und
des Leibes des Sehers in einer inneren harmonischen bereinstimmung mit dem
innerlich anzuschauenden geistigen Objekt stehen, denn blo hnliches
vermag das hnliche wahrzunehmen. Deshalb darf die Seele nicht durch
weltliche Dinge, Leidenschaften usw. getrbt, sondern mu ganz auf ihr
inneres Objekt gerichtet sein. Endlich aber mu die Imagination klar,
stark und lebhaft sein, damit nach kabbalistischer Lehre die Einzeichnung
aus der geistigen Welt (Reschima) sich tief und fest einprgt und nicht
verwischt oder durch fremde Vorstellungen entstellt wird. Darum lieben auch
die Zauberer die Einsamkeit und suchen sich bei ihren Beschwrungen durch
allerlei knstliche Mittel von der Auenwelt abzuziehen und so ihre
Imagination zu steigern.

Weil nun zu allem magischen Schauen und Wirken auer der natrlichen Kraft
und Strke des Geistes und der Seele noch ganz besonders notwendig ist, da
die ganze Neigung und Willensintention eine bestimmte feste Richtung hat,
und der Mensch sich in vlliger bereinstimmung mit dem Gegenstand seiner
Wnsche befindet, so wird in der schwarzen Magie nur derjenige erfolgreich
wirken, welcher mit einer hohen geistigen Strke eine eben so groe
Verkehrtheit des Willens verbindet. Deshalb sagt auch der Sohar: Der Mensch
mu fr dergleichen Dinge geordnet sein. Bileam war dazu geordnet, denn er
hatte einen Fehler im Auge[320], worunter jedoch nicht blo ein
krperlicher, sondern vielmehr ein moralischer Fehler zu verstehen ist,
weil Bileam in der Kabbala als das Prototyp der Wollust, des Stolzes und
des Neides gilt. -- berhaupt ist nach dem Sohar die uere Physiognomie
der objektive Ausdruck der Beschaffenheit der Seele[321], welche demnach
als organisierendes Prinzip gedacht wird. In dieser Beziehung behauptet
dann auch die Kabbala folgerecht, da jeder Schwarzknstler etwas
Verzerrtes oder Gebrechliches an sich habe.[322]

Der Virtuositt der weien Magie im Guten entspricht die Virtuositt der
Schwarzkunst im Bsen, welche beide besondere Strke der Seele und des
Geistes voraussetzen, weshalb auch die Kabbala -- in Hinsicht der Strke --
Bileam dem Moses gleichstellt.[323] Zauberer wie Bileam sind die Priester
und Heroen im Reiche der Tumah, und es hat solche berall und zu allen
Zeiten gegeben. Die Kabbala rechnet zu ihnen die Nephilim der Tradition und
die groen Magier der mosaischen Zeit wie Jamnes und Jambres[324] und
Balak.[325]

Da nun die Kabbala dem Menschen eine sowohl auf das Schauen als auch auf
das Wirken gerichtete magische Kraft beilegt, so tritt die Frage an uns
heran, weshalb nach dieser Lehre das Herbeiziehen und die Mitwirkung einer
Geisterwelt notwendig wird. Diese Frage wird zwar in der Kabbala selbst
nirgends ausdrcklich aufgestellt, aber ihre Beantwortung ergiebt sich
leicht aus den Prinzipien der jdischen Magie: Obschon der Mensch von Natur
aus magische Kraft besitzt, so wird doch dieses Vermgen bei weitem erhht,
durch den Einflu anderer mchtigerer geistiger Wesen, und zwar hat er die
Hilfe um so ntiger, wenn er in Sphren gelangen will, fr welche seine
eigene Kraft nicht ausreicht.

Was nun das magische Schauen betrifft, so mu das Erkennen der ueren
Sinne rtlich oder zeitlich verborgener, oder in natrlicher Verbindung
stehender Dinge unterschieden werden von der hheren Divination oder dem
Voraussehen knftiger durch die freie Wahl der Menschen bedingter
Begebenheiten. Allerdings kann der geistige Mensch durch das Entbundensein
von den ueren Sinnen, durch das innere geistige Wesen der Dinge auf eine
fr ihn fhl- und bemerkbare Weise affiziert werden[326], infolgedessen er
ohne alle fremde Beihilfe unmittelbar das Verborgene durchschaut und aus
der Beschaffenheit desselben die dadurch verursachten Wirkungen erkennt. Er
vermag daher auch, da nach kabbalistischer Lehre nicht nur jede Handlung
eines Menschen eine Reschimah (Einzeichnung) hinterlt, sondern auch alles
Geschehene seit Beginn der Welt sich in den ther eingrbt, die Zukunft
vorauszusehen, insofern sie durch frhere Handlungen bedingt ist. Trotzdem
hat diese unvermittelte Seherschaft ihre Grenzen, weil der innere Mensch
nur von demjenigen affiziert wird, das ihm verwandt ist. Je freier und
hher entwickelt der geistige Mensch, desto weiter wird sich seine eigenste
unmittelbare Anschauungs- und Aktionssphre erstrecken. Wo aber dieselbe
endigt, hat er die Hilfe anderer geistiger Wesen nach kabbalistischer
Lehre ntig, die sein inneres Schauen erweitern und ihm kund thun, was er
selbst nicht zu schauen vermag. Darum lehrt die Kabbala auch bei den
hheren Graden der niederen Magie den Einflu und die Einwirkung geistiger
Wesen, welche sich gern und leicht zu den Menschen gesellen, die in ihr
Gebiet hineinimaginieren.

Anders verhlt es sich mit knftigen, vom freien Willen abhngigen
Handlungen eines Geschpfes oder mit dem Ratschlu der Gottheit und ihrem
Eingreifen in die Schicksale der Einzelnen wie des Ganzen. Diese Dinge sind
nur der Gottheit als dem absoluten selbstndigen Urgrund bekannt und werden
von derselben den Propheten durch einen freien Willensakt mitgeteilt.[327]

Die Intellektualwelt ist eine in zahllosen Stufen gegliederte Hierarchie
von Wesen, welche von der Gottheit nach unten emanieren, die von ihr
erhalten und regiert werden und um so hher und geistiger sind, als sie
ihrem Urquell nher stehen. Die Gottheit, der absolute Urgrund, offenbart
sich allen Geschpfen, jedem nach seiner Art, auf doppelte Weise, auf eine
innerlich subjektive und eine uere objektive. Vermge der ersteren
erfllt die Gottheit die Kreatur in der Art, da der Schpfer in seiner
ganzen Unendlichkeit im Geschpfe gegenwrtig, demselben innerlich
unmittelbar nahe und fr dasselbe gleichsam nur allein vorhanden ist.
Vermge der letzteren jedoch ist die Gottheit zwar der eine allgemeine Gott
fr alle Geschpfe der intellektuellen und materiellen Welt, aber er
befindet sich auerhalb der Geschpfe und teilt sich denselben auf eine
uerliche geistige Weise mit in der Art, da die der Gottheit
zunchststehende Stufe der Intellektualwelt den gttlichen Einflu
unmittelbar empfngt und mittelbar auf die unteren Stufen bertrgt, die
sich stufenweise ineinander abspiegeln. So gelangen die gttlichen
Offenbarungen nach unten, in welche die niederen Stufen nur so viel
Einsicht erlangen als ihnen die oberen mitteilen; endlich empfangen die
Offenbarungen -- namentlich die unglcklicher Ereignisse -- die Vollzieher
der Strenge (die finstern Wesen) und zeigen sie, die in baldiger Erfllung
stehen, den Menschen im Traume.[328] Deshalb ist nach kabbalistischer
Lehre auch in vielen Fllen des finstern magischen Schauens und Wirkens die
Beihilfe der Dmonen ntig, welche sich gern freiwillig zu den Menschen
gesellen, sobald diese in ihre Sphre energisch einzugreifen beginnen.

Die schauende Naturmagie ist sowohl auf das uere Sinnliche, als auch auf
das innere bersinnliche gerichtet. Die uerlich schauende Magie besteht
in den Versuchen, aus den Erscheinungen und Vernderungen in den ueren
sichtbaren Dingen den verborgenen Willen ihrer unsichtbaren Lenker und
damit die Zukunft zu erforschen und zerfllt in zwei Abteilungen, deren
erste die Aufmerksamkeit auf die oberen himmlischen, die letzte jedoch auf
die unteren irdischen Dinge richtet. Die erstere wird Monen, die letztere
Nichusch genannt.

Unter Monen versteht man die gesamte Astrologie der Tagewhlerei durch
astrologische Elektionen. Die Tagewhlerei ist verboten, ebenso das
unbedingte Vertrauen auf die astrologischen Schicksalssprche und das
Einrichten des Lebens nach den Konstellationen des Himmels. Doch ist die
Astrologie als Naturweisheit erlaubt, und der Jude soll die Aussprche der
Astrologen nicht verachten, sondern beherzigen; er darf sie jedoch nicht
als untrglich ansehen, weil alle natrlichen Mantien die Zukunft nur mit
bedingter Gewiheit verknden.[329]

Der Nichusch ist also die wahrsagende Deutung der Erscheinungen und
Vernderungen irdischer Dinge und grndet sich darauf, da nach
kabbalistischer Lehre erstens alles beseelt ist und das Himmlische sich dem
Irdischen sowohl mitteilt als auch einprgt. Das Innerste der Elemente ist
geistiger Natur und von Intelligenzen belebt, welche ihren Einflu und ihre
Wirkung selbst auf die Vgel und vierfigen Tiere ausdehnen.[330] Zweitens
grndet sich der Nichusch auf den Umstand, da es keinen reinen Zufall
giebt, sondern da alle Dinge auf der Welt in einem inneren geistigen
Zusammenhang stehen und sich aufeinander beziehen.

Der Nichusch schpft also seine Weissagungen aus allen Reichen der Natur,
aus meteorologischen Erscheinungen, aus dem Rauschen der Bume, aus dem
Verhalten des Feuers wie der Tiere, besonders der Vgel, aus den
Eingeweiden der Opfertiere, den Angngen, Anzeichen usw. und umfat bei
weitem die meisten der zum Teil noch heute blichen niederen
Wahrsageknste.

Die innerlich schauende Naturmagie beruht darauf, da der Mensch durch
verschiedene Manipulationen und Methoden seine Sehergabe entwickelt und
sich auf knstliche Weise mit der innern Naturwelt in Verbindung setzt.
Auch die innerlich schauende Naturmagie zhlt verschiedene Stufen, deren
unterste Kosem K'samim genannt wird, auf dieser wird ein mehr oder minder
klares Hellsehen durch die Kleromantie mit ihren Unterarten[331], sodann
durch Hypnotismus und Mesmerismus, also durch das Blicken auf glnzende
Gegenstnde, Spiegel, blanke Messer und Pfeile, Wasserbecken usw. sowie
endlich durch das Auflegen der Hnde erzeugt.[332] -- Die Kleromantie oder
Looswahrsagung beruht jedoch nicht allein auf einer bewirkten inneren
Konzentration der Seele, sondern auch gleichzeitig auf der bereinstimmung
des ueren magischen Aktes mit der inneren Ordnung der Dinge selbst, und
wird daher nur insoweit von Erfolg begleitet sein, als diese
bereinstimmung vorhanden oder hergestellt ist.[333] -- Bei dem magischen
Schauen bedienen sich die Magier vielfach junger Leute, welche noch keinen
Umgang mit Frauen gehabt haben, unter der Voraussetzung, da sich die
Unschuld noch in ungetrbter Verbindung mit dem Wesen des Seins
befindet.[334]

Die zweite hhere Stufe der schauenden Naturmagie ist das Doresch ha
Methim, ein Befragen der Toten, welches jedoch nicht mit der Nekromantie zu
verwechseln, sondern eher als eine Art Inspirationsmediumschaft zu
betrachten ist. Der Magier sucht nmlich durch Fasten, Beten gewisser
Sprche, Verbrennung von Rauchwerk und bernachten auf Grbern eine Art
Inkubation und den Rapport mit geistesverwandten Verstorbenen
herbeizufhren.[335] -- Die dritte und geistige Stufe ist endlich die, auf
welcher der Mensch sich nach mystischer Vorbereitung, Abziehung von allem
ueren und die Anwendung heiliger Schemoth (Namen) mit den oberen Sarim
(Naturgeistern) in Verbindung setzt, um von ihnen Offenbarungen zu
erhalten; also wieder ein inspiriertes Medientum, bei welchem auch die
hohen Geister der Spiritisten nicht fehlen.

Die wirkende Naturmagie besteht in der Kunst, auf uerem, physischem Wege
die wirksamen Beziehungen im inneren Elementarnephesch der Dinge zu erregen
und so irgend welche Wirkungen und Vernderungen hervorzubringen, wobei
sowohl Leben auf Leben wirkt, als auch die Willensrichtung und
Willensstrke des Menschen eine bedeutende Rolle spielen. Hierher gehren
die magischen Heilungen, die auf Hypnose beruhende Augenverblendung, das
Segnen organischer Wesen zur Befrderung ihres Wachstums und Wohlseins und
endlich das Chober-Chaber genannte Besprechen resp. Bannen von Menschen und
Tieren durch leise geraunte, manchmal keinen Sinn ergebende Zaubersprche,
welche nach Moses Maimonides nur zur Fixierung der Seelenkrfte dienen,
nach anderen aber eine innere Kraft besitzen.[336]

Die letzte Stufe der Naturmagie ist die Verbindung mit den Elementarwesen,
um mit deren Hilfe Vernderungen sowohl im Leben der allgemeinen als auch
der individuellen Natur hervorzubringen. Maimonides schildert einige
hierher gehrende magische Gebruche[337], welche im wesentlichen in einer
entsprechenden Lebensweise, im Tragen von aus gewissen Metallen oder
Metallmischungen gefertigten Amuletten, sowie in Reinigungen, Opfern und
Rucherungen bestanden.

Die schwarze Magie, der Kischuph[338], ist ebenfalls ein schauender und
wirkender und wird von der Kabbala zwar als ein Werk der finstern Welt
betrachtet, bei welchem sich jedoch der dazu besonders veranlagte Mensch
nicht passiv verhlt, sondern selbstthtig mitwirkt, weshalb der Seher auch
sagt: Mancher macht Zauberei, und es gelingt ihm, ein anderer macht es
ebenso und es gelingt ihm nicht, denn zu solchen Dingen mu der Mensch
geordnet sein.[339]

Der schauende Kischuph besteht nach kabbalistischer Lehre entweder in der
Beschwrung der Satanim oder in der eigentlichen Nekromantie. Die Satanim
sind gewissermaen als Schedim auf der tiefsten Stufe zu betrachten, als
auer der irdischen Beschrnkung lebende, geistig schauende, nicht an die
Kategorien der Zeit und des Raumes gebundene Wesen, die insofern einen
Blick in die Zukunft haben, als diese nicht von den freien Handlungen der
Menschen abhngt, und hintergehen die Zauberer mit Lgen.[340]

Die Beschwrung der Satanim geschieht entweder in der Art, da durch
schamanistisches Tanzen, Toben, Drehen, Heulen, durch Selbstverstmmelung
usw. ein ekstatischer Zustand hervorgerufen wird, in welchem die Satanim
angeblich von den Jidonim genannten Zauberern Besitz ergreifen und aus
ihnen heraussprechen.[341] -- Die zweite Art ist die frmliche Beschwrung
mit blutigen Opfern und zur Materialisation dienende Rucherungen.[342]

Die Nekromantie geschieht nach der Kabbala durch Einwirkung auf den Habal
de Garmin, des eigentlichen Elementarnephesch, welches sich von der
Empfngnis an nicht wieder von dem irdischen Stoff trennt, sondern selbst
in der Nhe des Grabes bleibt. Der Habal de Garmin, durch dessen Kraft der
Auferstehungsleib gebaut wird[343], hat die Gestalt des Krpers, schwebt
ber dem Grabe und kann von jenen gesehen werden, denen die Augen geffnet
sind.[344] -- Da nun nach der Kabbala der Leichnam unter die Herrschaft der
finstern Welt fllt, so ist die von den Ob genannten Nekromanten
gewnschte und fr den Toten mit groer Erschtterung[345] verbundene
Erregung des Habal de Garmin fr die Satanim ein Leichtes. -- Eine andere
Art Nekromantie besteht darin, da der Zauberer den Schdel eines
Verstorbenen[346] einruchert und Beschwrungen spricht, worauf der Habal
de Garmin zwar nicht sichtbar erscheint, aber mit vernehmlicher Stimme
antwortet.[347]

Die wirkende schwarze Magie der Juden besteht der Kabbala zufolge in der
Strung der Elemente und des Naturlebens mit Hilfe der Satanim, in
Versuchung von Menschen und Tieren, in der Stiftung von Ha und Feindschaft
(schdigende Willensmagie), in der Erzeugung von Schmerz, Krankheiten und
Tod von Menschen und Vieh durch bse, namentlich mit krperlichen
Excretionen gebte Sympathie. Ja, die Kabbala kennt selbst die Lykanthropie
und den spezifischen Hexensabbath, wobei gewisse Salben und le eine groe
Rolle spielen.[348]

Die weie Magie besteht in der Vergeistigung des Menschen durch ein
aufrichtiges Streben nach oben, zum Gttlichen hin, wobei dieselbe in dem
Mae, als er nichts egoistisch fr sich selbst zu erringen strebt, sondern
das Heilige nur um dessen willen sucht, aus freier, gttlicher, nur das
Reine und Heilige liebender Gnade mit der Kraft des gttlichen Lebens
erfllt wird. Ist nun nach der Kabbala das Nephesch und der Ruach eines
solchen Menschen dazu disponiert, so kann dessen N'schamah in Verbindung
mit den Engeln und der gttlichen Welt treten und von dieser je nach ihrer
Fassungskraft Offenbarungen erhalten und mit magischer Wirkungskraft
ausgerstet werden. Die unmittelbare Verbindung mit der Gottheit, wobei
alles Irdische und Stoffliche vergeistigt wird, ist die letzte, hchste
Daseinsstufe, die heilige Manie.




Zweite Abteilung.

Die Kabbala.

Erstes Kapitel.

Das Alter der Kabbala.[349]


Die enthusiastischen Anhnger der Kabbala lassen dieselbe durch die Engel
vom Himmel herabgebracht werden, um dem ersten Menschen nach seinem Fall
die Mittel zu bezeichnen, wie er seinen ursprnglichen Adel und seine
ursprngliche Glckseligkeit wieder erlangen knne. Andere sind der
Meinung, da der Gesetzgeber der Hebrer, nachdem er sie whrend seines
vierzigtgigen Aufenthaltes auf dem Sinai von Gott selbst empfangen habe,
sie den siebenzig ltesten, mit denen er die Gaben des heiligen Geistes
teilte, mitgeteilt habe, und da sie sich mndlich bis zu der Zeit
fortgepflanzt habe, in welcher Esra sie und das Gesetz niederschreiben
lie. Mag man aber mit der skrupulsesten Aufmerksamkeit die Bcher des
alten Testamentes durchsehen, so wird man nirgends auf die Spuren einer
Geheimlehre oder auf eine tiefere und reinere esoterische Lehre stoen,
welche nur einer kleinen Zahl Auserlesener vorbehalten sei. Das hebrische
Volk kannte von seinem Ursprung bis zur Rckkehr aus der babylonischen
Gefangenschaft -- wie alle anderen Nationen in ihrer Jugend -- keine
anderen Organe der Wahrheit und keine anderen Diener der Gottheit als die
Propheten, Priester und Dichter, von denen die beiden letzteren --
ungeachtet einer gewissen trennenden Verschiedenheit -- in dem ersteren
aufgehen; der Priester lehrte nicht, sondern wandte sich nur mittelst des
Pompes der religisen Ceremonien an das Auge, und was die die Religion in
Form einer Wissenschaft, welche der Sprache der Inspiration den
dogmatischen Ton substituiert, lehrenden Theologen anlangt, so wissen wir
nur, da sie -- ohne Sonderbezeichnung -- in jener Periode berhaupt
existierten. In bestimmten Umrissen treten sie erst zu Anfang des dritten
Jahrhunderts der christlichen ra unter der Allgemeinbezeichnung Thannam
auf, welches Wort Organe der Tradition bezeichnet, kraft deren man alles
lehrte, was nicht klar in der heiligen Schrift zum Ausdruck gelangte. Die
Thannam, die ltesten und geachtetsten der jdischen Gelehrten, bilden
eine lange Kette, deren letztes Glied der heilige Judas, der Verfasser der
Mischna ist, in welchem Werk er der Nachwelt alle Aussprche seiner
Vorgnger sammelte und berlieferte. Man zhlt zu ihnen die angeblichen
Verfasser der ltesten kabbalistischen Bcher, nmlich Joseph ben Akiba und
Simon ben Jochai samt ihren Shnen und Freunden. Unmittelbar nach dem in
das Ende des zweiten Jahrhunderts n.Christi fallenden Tod des Judas
beginnt eine neue Gelehrtengeneration, welche den Namen Amoraim fhrt, weil
sie fr sich selbst keine Autoritt beanspruchen, sondern nur in
erklrender Weise die Aussprche ihrer Vorgnger wiederholen; auch
sammelten sie alle noch nicht redigierten Sentenzen derselben. Whrend der
nchsten drei Jahrhunderte hrten diese Kommentare und neuen Traditionen
nicht auf, sich in einer wahrhaft wunderbaren Weise zu vermehren und wurden
endlich unter dem Namen der Gemara d.h. Tradition gesammelt. In diesen
beiden Sammlungen, welche von ihrer Zusammenstellung bis auf unsere Zeit
heilig aufbewahrt und unter dem Namen Talmud (Studium, Wissenschaft)
vereinigt wurden, mssen wir zweifelsohne die Ideen suchen, welche die
Basis des kabbalistischen Systems bilden und Gelegenheit zur Entstehung der
Kabbala gaben.

Man findet in der Mischna[350] folgende merkwrdige Stelle.

Es ist verboten, zwei Personen die Genesis zu erklren, nur einer
einzigen darf man die Merkaba oder den himmlischen Wagen lehren, und diese
sei ein weiser Mann, der ein gutes Verstndni besitze.

Der Talmud berliefert (+Hagiga 13a+) eine Bereita, welche nicht in die
Mischna des Rabbi Judas aufgenommen wurde, in welcher Rabbi Hiya
hinzusetzt: Aber man kann ihm die ersten Worte der Kapitel erklren.

Ein Talmudist, Rabbi Zera (+a.a.O.+) zeigt sich noch strenger, denn er
sagt, da selbst der Hauptinhalt der Kapitel nur Menschen von hoher Wrde
und auerordentlicher Klugheit mitgeteilt werden drfe, oder, um die Worte
des Originals zu gebrauchen: welche in sich ein Herz voll Unruhe tragen.

Augenscheinlich ist hier weder vom Text der Genesis noch von der Vision des
Hesekiel, welche derselbe an den Ufern des Flusses Khebar hatte, allein die
Rede. Die ganze Schrift war, so zu sagen, in aller Mund, und seit
undenklichen Zeiten machten es auch die skrupulsesten Beobachter der
Traditionen zur Pflicht, da sie jhrlich mindestens einmal in den
Synagogen ganz gelesen werde. Moses selbst hrt nicht auf, das Studium des
Gesetzes zu empfehlen, unter welchem man allgemein den Pentateuch verstand,
und Esra las dasselbe nach der Rckkehr aus der babylonischen
Gefangenschaft mit lauter Stimme dem versammelten Volke vor. Es ist in der
That unmglich, da die von uns citierten Worte ein Verbot der Erklrung
oder des Suchens eines Verstndnisses der Erzhlungen der Genesis oder der
Vision des Hesekiel enthielten; es handelt sich vielmehr um eine bekannte
Auslegung oder Lehre, welche jedoch mit einem gewissen geheimnisvollen
Schleier umgeben ist. Es handelt sich um ein Wissen, welches sowohl in
seiner Form, als in seinen Prinzipien feststeht, kennt man doch seine
Einteilung in verschiedene Kapitel mit ihrem Inhalt. Es ist zu bemerken,
da die Vision des Hesekiel nichts hnliches enthlt; sie erstreckt sich
nicht ber mehrere Kapitel, sondern nur ber ein einziges und zwar das
erste des diesem Propheten zugeschriebenen Buches. Wir sehen weiter, da
diese Geheimlehre zwei Theile enthlt, welchen man jedoch nicht gleiche
Wichtigkeit beilegte, denn der eine Teil durfte zwei Personen gelehrt
werden, der andere jedoch nur einer einzigen, welcher die schwersten
Bedingungen auferlegt wurden. Wenn wir Maimonides Glauben schenken drfen,
der, obgleich nicht eingeweiht in die Kabbala, weit entfernt ist, deren
Existenz zu leugnen, so enthielt die erste Hlfte unter dem Titel:
Geschichte der Genesis oder der Schpfung ($Ma'aseh bereshit$) die
Wissenschaft der Natur, whrend der zweite, die Geschichte des Wagens
($Ma'aseh merkaba$) genannte, eine geheime Theologie lehrte. Diese
Anschauung wird von allen Kabbalisten angenommen.

Ich fhre hier eine weitere Stelle an, aus welcher dasselbe auf eine nicht
weniger evidente Weise hervorgeht:

Rabbi Jochanan sagte eines Tages zu Rabbi Eliezer: Siehe, ich will dir die
Geschichte der Merkaba lehren. Darauf antwortete dieser: Ich bin noch nicht
alt genug dazu. Als er das Alter erreicht hatte, starb Rabbi Jochanan, und
einige Zeit spter sagte Rabbi Assi ebenfalls zu ihm: Siehe, ich will dir
die Geschichte der Merkaba lehren. Da antwortete Eliezer: Wenn ich mich
dazu wrdig gehalten htte, so wrde ich sie von Rabbi Jochanan, deinem
Lehrer, gelernt haben.[351]

Man sieht aus diesen Worten, da, um in die mysterise und heilige Lehre
der Merkaba eingeweiht zu werden, weder Intelligenz, noch eine
hervorragende Stellung gengte, sondern da auch dazu ein gewisses
fortgeschrittenes Alter ntig war, und selbst wenn man diese auch von den
modernen Kabbalisten verlangte Bedingung erfllte[352], so hielt man sich
weder hinsichtlich seiner Intelligenz noch seiner moralischen Kraft fr
sicher genug, um die Last dieser gefrchteten Geheimnisse auf sich zu
nehmen, welche durchaus nicht ohne Gefahr fr den positiven Glauben und fr
die uere Beobachtung der religisen Vorschriften waren. Es mge hier ein
merkwrdiges im Talmud erzhltes Beispiel folgen, welches uns in
allegorischer Sprache folgende Erluterung giebt:

Nachdem unser Meister uns belehrt hat, gingen vier in den Garten der Wonne
ein, nmlich Ben Aza, Ben Zoma, Acher und Rabbi Akiba. Ben Aza warf einen
neugierigen Blick hinein und starb. Man kann auf ihn den Spruch der Schrift
anwenden: Der Tod seiner Heiligen ist werth gehalten vor dem Herrn.[353]
Ben Zoma blickte ebenfalls hinein und verlor die Vernunft, und sein
Schicksal wird durch den Ausspruch des weisen Salomo gekennzeichnet:
Findest du Honig, so i seiner genug, da du nicht zu satt werdest und
speiest ihn aus.[354] Acher aber richtete Verwirrung unter den Pflanzen an.
Nur Akiba ging davon in Frieden.[355]

Es ist kaum ntig, diesen Text buchstblich zu verstehen und anzunehmen, es
handle sich hier um eine wirkliche Vision des knftigen Lebens, denn
erstens ist es ohne Beispiel, da der Talmud, wenn er vom Paradies spricht,
solche mystische Ausdrcke gebraucht, wie sie in obiger Stelle Anwendung
finden. Und wie wrde sich zweitens damit vereinigen lassen, da zwei
lebende Personen, welche in den Himmel der Auserwhlten blicken, den
Glauben und die Vernunft verlieren, wie die Erzhlung angiebt? Dagegen ist
zu bemerken, da nach den angesehensten Autoritten der Synagoge der Garten
der Wonne, in welchen die vier Rabbinen eingetreten sind, als die
mysterise Wissenschaft, von welcher wir sprechen, die so schrecklich fr
schwache Gemter ist, da sie dieselben entweder dem Wahnsinn oder den
schrecklichsten Verwirrungen der Gottlosigkeit preisgiebt. Das letztere
will die Gemara andeuten, wenn sie bezglich Achers sagt, da er Verwirrung
unter den Pflanzen angerichtet habe. Dieselbe erzhlt uns, da der in den
talmudistischen Erzhlungen so berhmte Acher ursprnglich einer der
Weisesten in Israel war. Sein wahrer Name war Elisa ben Abuja, welcher in
Acher[356] umgewandelt wurde, um die nderung zu kennzeichnen, die sich in
ihm vollzog. Denn als er den allegorischen Garten verlie, in welchen ihn
eine verhngnisvolle Neugierde gefhrt hatte, ward er ein ausgesprochener
Gottloser; er verlor sich, wie der Text sagt, in der Erzeugung des Bsen,
lebte sittenlos und der Welt zum Abscheu, verriet den Glauben, und einige
klagen ihn sogar des Kindesmordes an. Und worin bestand die Ursache seines
ersten Irrtums? Wohin fhrten ihn seine Forschungen ber die wichtigsten
Religionsgeheimnisse? Der jerusalemitische Talmud sagt positiv, da er die
beiden obersten Prinzipien anerkannt habe, und der babylonische Talmud,
nach welchem wir die obige Erzhlung mitteilten, deutet das Gleiche an. Er
sagt, da Acher, als er im Himmel Metatron in all seiner Macht sah, den
Engel, welcher unmittelbar nach dem Herrn kommt, betete: Wenn es mglich
ist, so sei mir erlaubt, zwei Mchte anzunehmen. Wir wollen uns nicht zu
lange bei dieser Sache aufhalten, denn es sind noch viel bedeutungsvollere
anzufhren, nur sei bemerkt, da der Engel oder die Metatron[357] genannte
Hypostase eine groe Rolle im System der Kabbala spielt. Er ist es, welchem
recht eigentlich die Herrschaft der sichtbaren Welt anvertraut ist, er
herrscht ber alle himmlischen Sphren, die Planeten und Fixsterne sowie
ber die Engel, welche denselben vorstehen, denn die ber ihm stehenden
intelligibeln Formen der gttlichen Wesenheit und reinsten Geister sind so
immateriell, da sie keine unmittelbare Wirkung auf krperliche Dinge
ausben knnen. Auch ist der Zahlenwert seines Namens gleich dem des
Allmchtigen. -- Zweifelsohne ist die Kabbala weit davon entfernt, einen
eigentlichen Dualismus zu lehren, aber die allegorische Manier, mit welcher
sie die intelligible Wesenheit Gottes von der das Weltall ordnenden Kraft
scheidet, ist sehr geeignet, diesen von der Gemara gekennzeichneten Irrtum
hervorzurufen.

Ein letztes, derselben Quelle entnommenes und von Reflexionen des
Maimonides begleitetes Citat wird, wie ich hoffe, die Darlegung des
wichtigen Punktes abschlieen, da eine Art Philosophie oder religiser
Metaphysik so zu sagen von Mund zu Mund von den Thannam oder den ltesten
hebrischen Theologen gelehrt wurde. Der Talmud lehrt uns, da man frher
drei Namen besa, um die gttliche Wesenheit zu bezeichnen und
auszudrcken: nmlich das berhmte Tetragrammaton oder den aus vier
Buchstaben bestehenden Namen, sodann zwei andere der Bibel unbekannte
Namen, von denen der eine aus zwlf und der zweite aus zweiundvierzig
Buchstaben zusammengesetzt ist. Das Tetragrammaton, dessen Gebrauch der
groen Menge allerdings verboten war, fand freie Anwendung im Innern der
Schule. Die Weisen, sagt der Text, lehrten diesen Namen einmal wchentlich
ihren Shnen und ihren Schlern. Der aus zwlf Buchstaben bestehende Namen
war anfnglich noch bekannter und verbreiteter. Man lehrte ihn aller Welt.
Aber als die Zahl der Gottlosen sich vermehrte, wurde er nur den
verschwiegensten unter den Priestern anvertraut, und diese lieen ihn mit
leiser Stimme von ihren Brdern whrend der Segnung des Volkes
wiederholen. Der Name von zweiundvierzig Buchstaben wurde endlich als das
heiligste Geheimnis betrachtet. Man lehrte ihn nur einem Mann von
anerkannter Verschwiegenheit, reifem Alter, welcher dem Zorn, der
Unmigkeit und Eitelkeit unzugnglich und in angenehmem Verkehr mit seines
Gleichen lebte. Wer, sagt der Talmud, in dieses gttliche Geheimni
eingeweiht war und dasselbe wachsam, in reinem Herzen bewahrt, kann auf die
Liebe Gottes und die Gunst der Menschen zhlen; sein Name flt Achtung
ein, sein Wissen darf das Vergessenwerden nicht frchten und er wird der
Erbe beider Welten, der gegenwrtigen und der knftigen.[358]

Maimonides bemerkt mit viel Scharfsinn, da in keiner Sprache ein aus
zweiundvierzig Buchstaben bestehender Namen existiert, und da dies im
Hebrischen noch unmglicher sei, da dasselbe keine Vokale besitzt. Er hlt
sich deshalb zu dem Schlu berechtigt, da diese zweiundvierzig Buchstaben
auf mehrere Worte entfielen, von denen ein jedes eine notwendige Idee oder
ein fundamentales Attribut des ewigen Wesens ausdrckte, welche in ihrer
Gesamtheit die wahre Definition der gttlichen Wesenheit ergaben. Sagt man
alsdann, fhrt unser Autor fort, da der hier in Frage stehende Name der
Gegenstand eines Studiums, einer nur den Weisesten vorbehaltenen Lehre war,
so will man uns zweifelsohne zu wissen thun, da mit der Definition der
gttlichen Wesenheit notwendige Aufklrungen und gewisse Enthllungen ber
die Natur der Gottheit und der Dinge im allgemeinen verbunden waren. Dies
ist noch zutreffender fr das Tetragrammaton, denn wie wre es sonst
mglich, einem in der Bibel so hufig gebrauchten Wort, von welchem diese
selbst die Erklrung giebt: Ich bin, der ich bin, einen geheimen Sinn
unterzulegen, den die Weisesten des Volkes wchentlich einmal ihren
auserlesensten Schlern im Geheimen mitteilten? Das, was der Talmud die
Kenntni der Namen Gottes nennt, sagt Maimonides, ist nichts als ein guter
Theil der Wissenschaft von Gott, oder der Metaphysik, was man die Probe des
Vergessens nennt, denn ein Vergessen ist nicht mglich fr Ideen, welche
ihren Sitz in der aktiven Intelligenz, d.h. in der Vernunft haben. Es
drfte schwer sein, sich diesen Reflexionen hinzugeben, wenn nicht die
tiefe Wissenschaft und die allgemein anerkannte Autoritt der Talmudisten
sich nicht schlielich doch an den gesunden Menschenverstand des freien
Denkers wendete. Wir wollen hier nur eine einzige Beobachtung anfhren,
die, wenn auch in den Augen des kritischen Verstandes bestreitbar, doch
nicht ohne Wert fr die hier behandelte Ideenfolge ist, und die wir als
eine geschichtliche Thatsache hinnehmen mssen, nmlich den Umstand, da
die Buchstaben der heiligen zehn Sephiroth der Kabbala zusammengezhlt die
Zahl zweiundvierzig ergeben. Ist es da nicht erlaubt anzunehmen, da dies
der dreimal heilige Name sei, welchen man selbst den auserlesensten Weisen
nur mit Zittern mitteilte? Wir finden eine volle Besttigung der gemachten
Bemerkungen bei Maimonides: Zunchst bildeten die zweiundvierzig Buchstaben
nicht nach gewhnlicher Annahme einen Namen, sondern mehrere Worte.
Weiterhin drckt jedes Wort -- wenigstens nach der Anschauung der
Kabbalisten -- ein wesentliches Attribut der gttlichen Natur aus oder, was
fr sie dasselbe ist, eine der notwendigen Formen des gttlichen Seins.
Endlich aber geben alle nach der kabbalistischen Wissenschaft, nach dem
Sohar und allen Kommentatoren die exakteste Definition, welche unsere
Intelligenz vom Grundprinzip aller Dinge gewhren kann. Diese Art, das
Verstndnis des gttlichen Wesens zu suchen, ist durch einen Abgrund von
der vulgren Glubigkeit getrennt, und man begreift nun sehr wohl die
getroffenen Vorsichtsmaregeln, da dieses Geheimwissen nicht aus dem Kreis
der Initiierten heraustrete. Doch, es sei nochmals gesagt, ist dies ein
Punkt, welchem wir kein besonderes Gewicht beilegen wollen, es mge
gengen, da wir die allen Citaten zu Grund liegende Thatsache zur Evidenz
bewiesen haben.

Zur Zeit der Zusammenstellung der Mischna existierte also eine Geheimlehre
ber die Schpfung und die Natur der Gottheit. Man einigte sich ber die
Art der Einteilung dieser Lehre, deren Name bei den nicht Eingeweihten
einen frommen Schauder hervorrief. Wre es nun nicht mglich, genau die
Zeit ihres Ursprungs zu bestimmen und so die denselben umgebende Finsternis
aufzuhellen? In dieser Beziehung lt sich folgendes sagen: Nach Ansicht
der vertrauenswrdigsten Historiker wurde die Redaktion der Mischna
sptestens im Jahre 3949 der Schpfung oder 189 n.Chr. beendet. Weiterhin
mssen wir uns ins Gedchtnis zurckrufen, da Judas hanassi nur die
Vorschriften und Traditionen der ihm vorausgehenden Thannam sammelte, und
da weiterhin die oben mitgeteilten Citate, welche die unvorsichtige
Mitteilung der Geheimnisse der Schpfung und Merkaba verbieten, lter sind,
als die Mischna selbst. Es ist wahr, man kennt den Autor obiger Citate
nicht, aber eben dieser Umstand ist der sicherste Beweis fr ihr Altertum,
denn wenn sie nur die Meinung eines Einzelnen aussprchen, so wrden sie
entweder nicht so viel Gewicht besessen haben, um Autoritt werden zu
knnen, oder man wrde ihren verantwortlichen Urheber genannt haben.
Weiterhin mu eine Lehre selbst lter sein als ein Gesetz, welche ihre
allgemeine Bekanntmachung verbietet. Sie mute bekannt geworden sein und
eine gewisse Autoritt erworben haben, bevor man die Gefahr ihres
Bekanntwerdens nicht sowohl unter dem Volk, als unter den Gelehrten und
Weisen in Israel einsah. Wir knnen also ihre Entstehung unbedenklich
mindestens in das Ende des ersten christlichen Jahrhunderts setzen. Es ist
dies die Zeit, in welcher Joseph ben Akiba und Simon ben Jochai lebten,
welchen die Kabbalisten die Autorschaft ihrer wichtigsten und berhmtesten
Bcher zuschreiben. In dieser Zeit lebte auch Rabbi Joseph von Sepphoris,
der Verfasser der Idra Rabba, eines der wichtigsten und ltesten Theile des
Sohar, welcher zu den vertrautesten Freunden und eifrigsten Schlern des
Simon ben Jochai gehrte. Die Idra Rabba ist derjenige kabbalistische
Traktat, welchem wir die meisten auf die Merkaba bezglichen Citate
entnahmen. Zu der Zahl der das Alter, wenn nicht der Bcher, so doch der
kabbalistischen Ideen bezeugenden Autoritten gehrt auch die unter dem
Namen des Onkelos vorhandene chaldische bersetzung der fnf Bcher Mosis.

Diese berhmte bersetzung stand von Anfang an in so hohem Ansehen, da sie
fr eine gttliche Offenbarung gehalten wurde. Ja der babylonische Talmud
nimmt an, da Moses dieselbe auf dem Sinai gleichzeitig mit dem
geschriebenen und dem mndlichen Gesetz erhalten habe, da sie durch
Tradition bis auf die Zeit der Thannam gekommen sei, und da dem Onkelos
allein der Ruhm ihrer Niederschrift gebhre. Eine groe Anzahl moderner
Theologen will in ihr die Grundlage des Christentums sehen und den Namen
der zweiten gttlichen Person in dem Wort Mimra finden, welches in der
That das Wort, der Gedanke, %logos% bedeutet, und welches der Verfasser
dem Namen Jehovah substituiert. Thatsache ist, da in dem ganzen Buch ein
der Mischna, dem Talmud, dem ganzen vulgren Judaismus, ja selbst dem
Pentateuch entgegengesetzter Geist herrscht; mit einem Wort, die Spuren des
Mysticismus sind nicht selten. So wurde es mglich, da eine Idee an die
Stelle einer Sache oder eines Bildes trat, da der geschriebene Buchstabe
dem geistigen Sinn aufgeopfert wurde, und da der zerstrte
Anthropomorphismus die gttlichen Attribute in ihrer Nacktheit sehen lie.

In einer Zeit, wo der Kultus des Buchstabens bis zur Idololatrie ging, wo
die Menschen ihr Leben damit zubrachten, die Verse, Worte und Buchstaben
des Gesetzes zu zhlen, wo die offiziellen Lehrer, die legitimen Vertreter
der Religion nichts Besseres zu thun wuten, als die Intelligenz sowohl als
den Willen unter einem Wust uerlicher Religionsvorschriften zu ersticken,
macht uns dieser Abscheu vor allem Materiellen und Positiven, die
Gewohnheit, sowohl Grammatik als Geschichte einem hochgeschraubten
Idealismus zu opfern, unfehlbar die Existenz einer Geheimlehre klar, welche
alle charakteristischen Eigenschaften und Prtensionen des Mysticismus
besitzt und die sicher nicht erst von dem Tage stammt, an welchem ihre
Existenz verlautbarte.

Ohne der Sache zu viel Gewicht beizulegen, sei noch bemerkt, da die
Kabbalisten ihre Zuflucht zu wenig rationellen Mitteln nahmen, um zu ihren
Zwecken zu gelangen und ihre eigenen Ideen in die gttliche Offenbarung
einzufhren. Eines dieser Mittel bestand in der Bildung eines neuen
Alphabets, wobei man die Buchstaben nach ihrem Zahlenwert betrachtete oder
sie vielmehr nach einer durch denselben gegebenen Ordnung vertauschte.
Diese Methode wird hufig im Talmud angewendet, wurde aber schon weit
frher in der chaldischen Paraphrase des Jonathan ben Usiel gebraucht,
eines Schlers und Zeitgenossen von Hillel dem lteren, welcher whrend der
ersten Regierungsjahre des Herodes in hohem Ansehen stand. Es ist richtig,
da hnliche Prozeduren unterschiedslos den verschiedensten Ideen dienen
knnen, aber man findet nicht leicht eine knstliche Sprache, deren
Schlssel man sowohl nach seinem Willen verbergen kann, wenn man
entschlossen ist, seine Gedanken der groen Menge zu verbergen. Aber,
obschon der Talmud oft analoge und weit ltere hnliche Methoden anwendet,
auf welche wir zurckkommen werden, so ist diese doch die seltsamste.
Vergleicht man alle zusammen, so kommt man zu dem Schlu, da vor dem Ende
des ersten Jahrhunderts der christlichen Zeitrechnung sich geheimnisvoll
unter den Juden eine hochverehrte Wissenschaft sich verbreitete, welche von
der Mischna, dem Talmud und der heiligen Schrift sehr verschieden ist, eine
mystische Lehre, welche von dem Bedrfnis der Reflexion und
Selbstndigkeit, besser gesagt, der Philosophie, erzeugt wurde, und in
welcher man mit Vorliebe die Autoritt der Tradition und der heiligen
Schrift vereinigt sah.

Die Urheber dieser Lehre, welche man jetzt Kabbalisten nennt, drfen nicht
mit den Essern verwechselt werden, welche schon bedeutend frher bekannt
waren und ihre Gebruche wie ihren Glauben bis in das Zeitalter Justinians
erhielten. Wenn wir Philo und Josephus, den einzigen vertrauenswrdigen
Berichterstattern ber dieselben Glauben schenken[359], so war der Zweck
dieser Sekte lediglich ein moralischer und praktischer; sie strebten die
Herrschaft des Geistes der Gleichheit und Brderlichkeit unter den Menschen
an, also das Gleiche, was Christus und die Apostel wollten. Die Kabbala
aber ist im Gegenteil nach den uns berlieferten alten Zeugnissen eine
durchaus spekulative Wissenschaft, welche die Geheimnisse der Gottheit und
der Schpfung entschleiern will. Die Esser hingegen bildeten eine
organisierte Gesellschaft, welche mit den religisen Bruderschaften des
Mittelalters vergleichbar ist; ihre Anschauungen wie ihre Ideen
reflektierten sich in ihrem uern Leben, und sie nahmen alle in ihre
Gemeinschaft auf, welche ein reines Leben fhrten, selbst Frauen und
Kinder. Die Kabbalisten waren im Gegensatz zu den Essern von ihrem ersten
Auftreten an in Geheimnisse gehllt. Erst nach und nach ffneten sie unter
tausend Vorsichtsmaregeln einem neuaufgenommenen Adepten die Thre ihres
Sanktuarium ein wenig, bei dessen Auswahl sie jedoch nur die Elite des
Geistes bercksichtigten und darauf sahen, da sein Alter wie seine
Weisheit Garantien fr seine Verschwiegenheit boten. Die Esser scheuten
sich ungeachtet der pharisischen Strenge, mit welcher sie den Sabbath
feierten, nicht, ffentlich die Traditionen zu verwerfen und zuzugestehen,
da die Moral weit ber dem Kultus stehe, und waren sogar bezglich
desselben weit entfernt, die vom Pentateuch vorgeschriebenen Opfer
darzubringen und die anbefohlenen Ceremonien auszuben. Aber die Adepten
der Kabbala banden sich wie die Karmaten unter den Mohammedanern und die
meisten christlichen Mystiker streng an die uerlichen Gebruche; sie
hielten sich genau an die Tradition, welche sie zu ihren Gunsten auslegten,
und mehrere von ihnen waren -- wie schon gesagt -- berhmte
Mischnagelehrte, und auch noch in den spteren Zeiten wurden sie selten
diesen Geboten der Klugheit untreu.




Zweites Kapitel.

Die kabbalistischen Bcher. Die Authenticitt des Sepher Jezirah.


Wir kommen jetzt zu den Originalschriften, in welchen nach der allgemein
verbreiteten Meinung das kabbalistische System seit seiner Entstehung
niedergelegt ist. Nach den uns erhaltenen Titeln scheinen sie sehr
zahlreich gewesen zu sein, allein wir beschftigen uns hier nur mit
denjenigen, welche vollstndig erhalten geblieben sind und unsere
Aufmerksamkeit sowohl durch ihre Wichtigkeit als durch ihr Alter fesseln.
Dieselben entsprechen also der berlieferung des Talmud, da die Kabbala in
die Geschichte der Schpfung und die heilige Merkaba zerfllt. Das eine ist
betitelt: Buch der Schpfung ($Sepher Jezirah$) und enthlt, ich will
nicht sagen ein physikalisches, wohl aber ein kosmologisches System,
welches einer Epoche und einem Land entspricht, wo der Geist gewohnt war,
alle Naturvorgnge aus einem unmittelbaren Eingreifen der Gottheit zu
erklren, und in welcher demgem allgemeine Beziehungen und oberflchliche
Beobachtungen fr Naturwissenschaft galten. Das andere Buch ist Sohar
Licht genannt nach den Worten des Propheten Daniel[360]: Die Lehrer aber
werden leuchten wie des Himmels Glanz. Der Sohar beschftigt sich
ausschlielich mit Gott, den Geistern und der menschlichen Seele, mit einem
Wort, mit der intellektuellen Welt. Wir sind weit von der Annahme entfernt,
da beide Bcher von gleichem Wert und gleicher Wichtigkeit sind. Das
zweite ist viel umfangreicher, viel reichhaltiger, aber auch viel
schwieriger als das erste und verdient eine weit eingehendere Behandlung.
Jedoch mssen wir uns zunchst mit dem ersten als dem lteren beschftigen.

Man hat sich zu Gunsten des Alters des Sepher Jezirah auf den Talmud
berufen und dabei viel Scharfsinn vergeblich verschwendet. Wir bergehen
also die diesbezglichen umlaufenden Legenden und Kontroversen mit
Stillschweigen und suchen nur den Inhalt des Buches kennen zu lernen. Dies
wird gengen, seinen Charakter zu taxieren und seinen frhen Ursprung
kennen zu lernen.

1. Das System, welches das Buch Jezirah enthlt, entspricht genau den
Begriffen, welche man sich nach seinem Titel von ihm machen mu, und wir
knnen zunchst folgenden Satz aufstellen:

Der Ewige, der Herr der Heerscharen, der Gott Israels, der lebende,
allmchtige, allerhchste Gott, der von Ewigkeit ist, und dessen Name hehr
und heilig ist, schuf die Welt durch zweiunddreiig Wege der Weisheit.

2. Die zur Erklrung des Werks der Schpfung angewandten Mittel, die den
Zahlen und Buchstaben beigelegte Wichtigkeit machen es begreiflich, wie
Unwissenheit und Aberglaube in spterer Zeit das angewandte Prinzip
mibrauchten, wie sich die bekannten ber die Kabbala umlaufenden Fabeln
verbreiteten, und wie die sogenannte praktische Kabbala entstehen konnte,
welche durch die Kraft der Buchstaben und Zahlen den Lauf der Natur
verndern zu knnen glaubt.

Die Darstellungsweise des Jezirah ist einfach und schwerfllig, und man
findet nicht das Geringste, was einem Beweis oder einer Begrndung gleicht;
es enthlt nur in eine ziemlich regelmige Ordnung getheilte Aphorismen,
welche ungefhr die gleiche Bndigkeit wie die alten Orakel besitzen. Eine
Thatsache ist frappant, da nmlich das in spterer Zeit ausschlielich fr
Seele gebrauchte Wort[361] gerade wie im Pentateuch und im ganzen alten
Testament berhaupt fr den lebenden, von der Seele noch nicht verlassenen
Leib gebraucht wird. Auerdem finden sich mehrere Worte fremden Ursprungs.
So gehren z.B. die Namen der Planeten und des himmlischen Drachens[362]
der Sprache der Chalder an, welche zur Zeit der babylonischen
Gefangenschaft einen fast allmchtigen Einflu auf die Juden ausbten.
Hingegen wird man keinem der vielen griechischen und arabischen Ausdrcke
begegnen, wie sie im Talmud oder in den Werken einer Zeit vorkommen, in
welcher die hebrische Sprache bereits in den Dienst der Wissenschaft und
Philosophie getreten war. Wir kommen also zu dem Schlu, da das Buch
Jezirah zu einer Zeit, wo die jdische Civilisation noch nicht an der
griechischen und arabischen teilnahm, ja vielleicht schon vor der
Entstehung des Christentums abgefat wurde. Wir mssen jedoch zugestehen,
da es nicht schwer ist, in dem uns beschftigenden Werk Spuren der Sprache
und Philosophie des Aristoteles nachzuweisen. Nach dem oben citierten Satz,
laut welchem der Ewige die Welt auf zweiunddreiig wunderbaren Wegen der
Weisheit schuf, gebraucht das Buch Jezirah noch die Ausdrcke: der,
welcher zhlt, das Gezhlte und die Handlung des Zhlens, was schon die
ltesten Kommentatoren durch Subjekt, Objekt und die Handlung der
Reflexion oder das Denken auslegen. Es ist unmglich, sich dabei nicht an
den berhmten Satz des zwlften Buches der Metaphysik des Aristoteles zu
erinnern: Die Intelligenz begreift sich selbst, indem sie das Intelligible
wahrnimmt, und sie wird selbst intelligibel durch den Akt des Begreifens
und Einsehens, insofern nmlich die Intelligenz und das Intelligible
identisch sind. Jedoch liegt es auf der Hand, da obige Worte spter
hinzugesetzt sind, insofern sie weder mit dem Satz selbst, noch im
Vorausgehenden und Folgenden; sie kommen berhaupt im ganzen Verlauf des
Werkes nicht wieder zum Vorschein, obgleich in demselben in der
umfangreichsten Weise von dem Gebrauch der zehn Zahlen und zweiundzwanzig
Buchstaben die Rede ist, welche die zweiunddreiig Wege bilden, deren sich
die Gottheit bei der Schpfung bediente. Man begreift endlich kaum, wie sie
ihren Platz in einem Werk finden konnten, in welchem nur die Rede von den
verschiedenen Beziehungen der verschiedenen Teile der materiellen Welt ist.
Was nun die Abweichungen der beiden Manuskripte der Mantuaer Ausgabe[363]
anlangt, von denen das eine am Schlu des Bandes, das andere inmitten
anderer Traktate abgedruckt ist, so sind dieselben nicht im Entferntesten
so bedeutend, als manche moderne Kritiker annehmen wollen. Bei einer
unparteiischen und eingehenden Vergleichung findet man nur einige
unbedeutende Varianten, welche sich bei dem hohen Alter des Sepher Jezirah
im Laufe der Jahrhunderte sehr leicht durch die Unaufmerksamkeit der
Abschreiber und Kommentatoren einschleichen konnten. Andererseits behandeln
die beiden Manuskripte nicht nur denselben Stoff, dasselbe von einem
allgemeinen Standpunkt aus betrachtete System, sondern sie haben auch die
gleiche Einteilung, die gleiche Kapitelzahl und den gleichen Inhalt der
Kapitel; endlich aber sind die gleichen Gedanken mit den gleichen
Ausdrcken dargestellt. Aber man findet nicht die gleiche bereinstimmung
in der Zahl und Stellung derjenigen Stze, welche unter dem Namen Mischna
hier und da eingestreut sind. Hier hat man sich nicht vor berflssigen
Wiederholungen gehtet, an der einen Stelle die Stze unntig
zusammengehuft und an der andern ungerechtfertigt getrennt und vereinzelt.
Endlich erscheint ein Satz klarer als der andere, weniger bezglich des
Wortlautes als hinsichtlich des Gedankenganges. Wir wollen nur eine einzige
Stelle anfhren, bei welcher dieser letztere Unterschied auffllig
hervortritt. Das eine Manuskript sagt ganz einfach, da der Urbeginn des
Alls der Geist des lebendigen Gottes sei; das andere Manuskript fgt hinzu,
da dieser Geist Gottes der heilige Geist sei, welcher gleichzeitig Geist,
Stimme und Wort sei. Ohne Zweifel ist dieser Gedanke von hoher Wichtigkeit,
aber er fehlt auch nicht in dem Manuskript, wo er weniger klar dargestellt
ist, und er bildet, wie wir bald sehen werden, die Grundlage und das
Schluergebnis des ganzen Systems. brigens wurde das Buch der Schpfung
zu Anfang des zehnten Jahrhunderts ins Arabische bersetzt und kommentiert
von Rabbi Saadiah, einem groen Geist und methodischen, klugen Kopf;
derselbe hlt es fr eines der ltesten und frhesten Denkmler des
menschlichen Geistes. Wir fgen, ohne diesem Zeugnis einen zu groen Wert
beizulegen, hinzu, da die ihm whrend des zwlften und dreizehnten
Jahrhunderts folgenden Kommentatoren der gleichen Meinung sind.

Wie alle Werke einer weit zurckliegenden Zeit ist auch das uns
beschftigende ohne Titel und Namen des Verfassers; jedoch schliet es mit
folgenden merkwrdigen Worten:

Und als Abraham, unser Vater, alle diese Dinge betrachtet, untersucht,
ergrndet und erforscht hatte, offenbarte sich ihm der Herr der Welt und
nannte ihn seinen Freund und machte ein ewiges Bndnis mit ihm und seiner
Nachkommenschaft. Und Abraham glaubte an Gott, und dies ward ihm als ein
Werk der Gerechtigkeit angerechnet, und der Glanz Gottes fiel auf ihn, denn
von ihm sind die Worte gesprochen: Siehe, ich habe dich gekannt, ehe du im
Mutterleib gebildet wurdest.

Diese Stelle kann nicht als eine neue Erfindung gelten, denn sie findet
sich in den beiden mantuanischen Texten und den meisten alten Kommentaren.
Wahrscheinlich wurde sie im Interesse des Buches der Schpfung
untergeschoben, damit es scheine, als ob der Stammvater der Hebrer der
Verfasser dieses Buches sei und durch dasselbe zu dem Gedanken eines
einzigen und allmchtigen Gottes gelangt sei. Ferner existiert unter den
Juden eine Tradition, nach welcher Abraham groe astronomische Kenntnisse
besa und sich allein durch die Betrachtung der Natur zu der Idee des
wahren Gottes emporgeschwungen habe. Nichtsdestoweniger hat man bis heute
obige Worte auf eine grobmaterielle Weise interpretiert. Man glaubte
nmlich, da Abraham der Verfasser sei und nannte seinen Namen mit einer
religisen Scheu. Folgendes sind die Ausdrcke, mit denen Moses Botril
seinen Kommentar des Sepher Jezirah beginnt:

Unser Vater Abraham, Friede sei mit ihm, schrieb gegen die Weisen seiner
Zeit, welche nicht an das Prinzip der Einheit glaubten. Wenigstens sagt so
Rabbi Saadiah -- das Andenken dieses Gerechten sei gesegnet! -- im ersten
Kapitel seines Buches, welches den Titel fhrt: der Stein der Weisen.[364]
Ich fhre seine eigenen Worte an: Die chaldischen Weisen bekmpften unsern
Vater Abraham um seines Glaubens willen. Die chaldischen Weisen aber
zerfielen in drei Sekten. Die erste glaubte, da das Weltall zwei in der
Art ihrer Thtigkeit durchaus verschiedenen Grundursachen unterworfen sei,
von denen die eine zu zerstren versuche, was die andere geschaffen habe.
Es ist dies die Anschauung der Dualisten, die sich auf ein System sttzen,
welches auf die Urheber des Guten und des Bsen gegrndet ist. Die zweite
Sekte nimmt drei Grundprinzipien an, nmlich die eben genannten, welche
sich gegenseitig aufheben, und das aus dieser Aufhebung entspringende
Nichts. Die dritte Sekte endlich erkennt keinen anderen Gott als die Sonne
an, welche sie als das Grundprinzip des Werdens und Vergehens betrachtet.

Ungeachtet der groen und allgemein respektierten Autoritt des Moses
Botril knnen wir seine Meinung nur als eine ganz vereinzelte betrachten,
denn an die Stelle des Namens von Abraham ist lngst der des Ben Akiba
getreten, eines der fanatischsten Trger der Tradition und eines der vielen
Mrtyrer der Freiheit seines Landes, welcher verdient, zu den
bewundernswertesten Helden gezhlt zu werden, wie sie je in Athen und Rom
eine Rolle spielten. Uns erscheint jedoch diese letztere Annahme ebenso
unwahrscheinlich und nicht besser begrndet als die erstere. berall, wo
der Talmud Akiba erwhnt, erscheint er als ein fast gttliches, selbst ber
Moses hinausragendes Wesen, jedoch reprsentiert er sich in keiner Weise
als eine der Leuchten der Merkaba oder der Weisheit der Genesis, nichts
lt vermuten, da er das Buch der Schpfung geschrieben habe oder irgend
ein Buch von hnlicher Beschaffenheit, und im Gegenteil tadelt man ganz
positiv an ihm, da er von der Gottheit gerade keine sehr erhabenen
Anschauungen gehabt habe. So sagt z.B. Rabbi Joseph von Galila: O Akiba,
wie sehr vermischest du Gewhnliches mit der gttlichen Majestt. Nur die
Begeisterung, welche er einflte, die Geduld, mit welcher er Regeln fr
alle Lebenslagen aufstellte, der von ihm vierzig Jahre lang gezeigte
religise Eifer und endlich der Heroismus seines Todes haben der Tradition
ein gewisses Gewicht gegeben; hingegen stimmen die ihm zugeschriebenen
vierundzwanzigtausend Schler durchaus nicht mit dem Verbot der Mischna
berein, auch nur das geringste Geheimnis der Kabbala bekannt zu machen.

Einige neuere Kritiker haben geglaubt, es htten zwei verschiedene Bcher
unter dem Titel Sepher Jezirah existiert, von denen das dem Abraham
zugeschriebene und im Talmud erwhnte lngst verloren gegangen und nur das
neuere uns erhalten geblieben sei. Morin, der Verfasser der
+Exercitationes biblicae+, entnimmt einem Chronisten des 16. Jahrhunderts
folgende Stelle, an welcher sich derselbe ber Akiba uert: Derselbe hat
das Buch der Schpfung zu Ehren der Kabbala geschrieben; es existierte aber
noch ein anderes von Abraham geschriebenes Buch der Schpfung, ber welches
Rabbi Moses ben Nachman (abgekrzt Ramban genannt[365]), einen groen und
wunderbaren Kommentar schrieb. Dieser zu Ende des dreizehnten Jahrhunderts
geschriebene und in der Mantuaer Ausgabe einige Jahre nach der erwhnten
Chronik gedruckte Kommentar entspricht auf das Genaueste dem Buche Jezirah,
wie wir es noch heute besitzen. Die meisten seiner Ausdrcke sind genau
hinbergenommen, und es liegt auf der Hand, da der von uns genannte
Chronist den Kommentar nicht gelesen hat. Endlich ist der erste, welcher an
die Stelle des Namens von Abraham den des Akiba setzte, ein Kabbalist des
16. Jahrhunderts, Isaak Delares, welcher in seiner Vorrede zum Sohar fragt:
Wer hat Rabbi Akiba erlaubt, unter dem Namen Mischna das Buch Jezirah zu
schreiben, da dasselbe ein Buch ist, welches seit Abraham mndlich
berliefert wurde? Allerdings ist dieser Ausspruch der Fiktion, welche wir
zerstren wollen, entgegenstehend; aber nichtsdestoweniger beruht dieselbe
auf der eben genannten Autoritt. Der Verfasser des Buches der Schpfung
ist noch nicht entdeckt, und es ist nicht unsere Sache, den ber seinem
Namen liegenden Schleier zu lften; ja wir glauben sogar, da dies bei dem
geringen vorliegenden Material unmglich ist. Diese Ungewiheit kann sich
aber nicht auf die im Sepher Jezirah demonstrierten Lehrstze erstrecken,
welche das philosophische Interesse erwecken mssen, das dieser Stoff
beanspruchen kann.




Drittes Kapitel.

Die Authenticitt des Sohar.


Ein lebhaftes Interesse, aber auch groe Schwierigkeiten sind mit dem jetzt
zu besprechenden litterarischen Denkmal, dem Sohar oder Buch des Lichtes,
dem Universalkodex der Kabbala verbunden. In der bescheidenen Form eines
Kommentars zum Pentateuch berhrt er mit groer Unabhngigkeit alle
geistigen Fragen und erhebt sich manchmal zu Lehren, welche dem grten
Genie unserer Zeit zur Ehre gereichen wrden. Aber er ist weit entfernt,
sich bestndig auf dieser Hhe zu erhalten, sondern steigt oft zu einer
Sprache, zu Ausdrcken und Ideen herab, welche den uersten Grad von
Unwissenheit und Aberglauben verraten. Man findet in ihm einerseits die
Einfachheit und den naiven Enthusiasmus der biblischen Zeit, andererseits
Namen, Thatsachen, Kenntnisse und Gebruche, welche auf eine ziemlich
vorgerckte Epoche des Mittelalters deuten. Diese Ungleichheit der Form wie
des Inhalts, die bizarre, die verschiedensten Zeiten ineinander werfende
Mischung des Charakters, das fast vllige Schweigen der beiden Talmud und
endlich das Fehlen positiver Dokumente bis zum Schlu des 13. Jahrhunderts
haben die verschiedensten Meinungen ber den Ursprung und den Verfasser
dieses Buches aufkommen lassen. Wir wollen zunchst die ltesten und
zuverlssigsten Zeugnisse beibringen und sprechen lassen, bevor wir unsere
eigene Meinung ber diese schwierige Frage kund thun.

Alles, was man ber die Entstehung und das Alter der Sohar sagt und
vermutet, ist in einer durchaus unparteiischen Weise zwei Schriftstellern
entnommen. Der erste derselben, Abraham ben Zakuth (um 1492) sagt in seinem
Buch der Genealogien:

Der Sohar, dessen Strahlen die Welt erleuchten und die tiefsten
Geheimnisse des Gesetzes und der Kabbala enthllen, ist nicht das Werk des
Simon ben Jochai, obgleich er unter dessen Namen verffentlicht wurde. Aber
es ist von seinen Schlern verfat, welche es wiederum ihren Schlern
anvertrauten und denselben die Fortsetzung ihrer Arbeit zur Aufgabe
machten. Die mit der Wahrheit vollkommen bereinstimmenden Worte des Sohar
wurden von Mnnern niedergeschrieben, welche spt genug lebten, um die
Bestimmungen der Mischna und die Vorschriften des mndlichen Gesetzes zu
kennen. Dieses Buch wurde erst nach dem Tod von Rabbi Moses ben Nachman
(ca. 1309) und Rabbi Ascher (ca. 1320; beide spanische Juden) verbreitet,
die es noch nicht kannten.

Rabbi Gedalia, der Verfasser einer berhmten Chronik unter dem Titel Kette
der Tradition sagt:

Um das Jahr 5500 der Schpfung (1290 n.Chr.) gab es eine Anzahl Leute,
welche annahmen, da alle im aramischen Dialekt geschriebenen Theile des
Sohar das Werk des Rabbi Simon ben Jochai seien, und da ihm nur die in
heiliger Sprache (dem reinen Hebrisch) abgefaten nicht zugeschrieben
werden drften. Andere glaubten, da Rabbi Moses ben Nachman dieses Buch im
heiligen Land entdeckt und nach Catalonien geschickt habe, von wo es nach
Arragonien und in die Hnde des Rabbi Moses von Leon gekommen sei. Wieder
Andere waren der Meinung, da Rabbi Moses von Leon als wohl unterrichteter
Mann die Commentare selbst geschrieben und dieselben, um bei den Gelehrten
seinen finanziellen Nutzen zu wahren, unter dem Namen des Rabbi Simon ben
Jochai und seiner Freunde verffentlicht habe. Man fgt hinzu, da er dies
gethan habe, weil er arm und von Geschften erschpft gewesen sei. Was mich
jedoch anlangt, sagt Rabbi Gedalia, so glaube ich, da alle diese Meinungen
grundlos sind, und da Rabbi Simon ben Jochai mit seinen heiligen Genossen
in Wirklichkeit alle diese und noch andere Dinge gesagt haben, da sie aber
zu seiner Zeit noch nicht niedergeschrieben, sondern, nachdem sie lange
Zeit in verschiedenen Handschriften umgelaufen waren, gesammelt und
geordnet wurden. Man darf sich darber nicht wundern, denn in gleicher
Weise stellten Rabbi Ascher die Gemara und Rabbi Judas die Mischna
zusammen, deren Manuscripte anfnglich in alle vier Enden der Erde
zerstreut waren.

Wir sehen aus diesen Worten, welchen die moderne Kritik auch nichts
Wesentliches hinzuzufgen wei, da die uns beschftigende Frage drei
verschiedene Lsungen gefunden hat. Eine Partei schreibt die Urheberschaft
des Sohar mit Ausnahme der rein hebrischen Stellen, die brigens in keiner
gedruckten Ausgabe[366] und in keinem bekannten Manuskript vorkommen, dem
Rabbi Simon ben Jochai zu. Die andere Partei macht den Sohar zum Werk eines
Betrgers, Moses von Leon, und setzt seine Entstehung in den Schlu des 13.
oder Anfang des 14. Jahrhunderts. Die dritte Partei endlich schlgt einen
Mittelweg zwischen beiden Extremen ein: sie lt Simon ben Jochai die im
Sohar enthaltene Philosophie seinen Schlern lehren, welche dieselbe
mndlich fortpflanzten, bis nach einigen Jahrhunderten die zerstreuten
Niederschriften im Sohar, wie er uns jetzt vorliegt, gesammelt worden
seien.

Die erste Anschauung verdient keine ernsthafte Widerlegung, und sie grndet
sich auf folgendes dem Talmud entlehnte Faktum[367]:

Rabbi Jehuda, Rabbi Joseph und Rabbi Simon ben Jochai waren eines Tages
versammelt, und bei Ihnen befand sich ein gewisser Jehuda ben Gerim. Da
sagte Rabbi Jehuda bezglich der Rmer: Was hat diese Nation gro gemacht?
Doch nur das Erbauen von Brcken und die Einrichtung von Mrkten und
ffentlichen Bdern. -- Auf diese Worte hin schwieg Rabbi Joseph, aber
Rabbi Simon ben Jochai antwortete: Sie haben dies nur zu ihrem eigenen
Nutzen gethan. Sie haben Mrkte eingerichtet, um Huren anzulocken; sie
haben Brcken gebaut, um Zlle zu erheben, und Bder, um sich zu
erfrischen. Rabbi Jehuda ben Gerim erzhlte weiter, was er gehrt hatte,
und es kam zu den Ohren des Kaisers, welcher befahl: Jehuda, welcher mich
gelobt hat, soll erhht werden; Joseph, welcher schwieg, soll nach Sipora
(Sephoris) verbannt, und Simon, welcher mich geschmht hat, getdtet
werden. Daraufhin verbarg sich dieser mit seinem Sohn in der Schule, und
die Thrhterin brachte ihm jeden Tag ein Brod und einen Napf Wasser. Aber
die Acht, welche auf ihn gelegt war, war sehr schwer, und Simon sprach zu
seinem Sohn: Die Frauen sind von schwachem Charakter; deshalb steht zu
befrchten, da unsere Thrhterin, wenn man ihr mit Fragen zusetzt, uns
verrth. Auf diese Betrachtungen hin verlieen sie ihr Asyl und verbargen
sich in einer Hhle. Dort schuf Gott durch ein Wunder zu ihren Gunsten
einen Johannisbrotbaum und eine Quelle. Simon und sein Sohn legten ihre
Kleider ab, vergruben sich bis an den Hals in den Sand und brachten ihre
Tage mit der Betrachtung des Gesetzes zu. So lebten sie in dieser Hhle
zwlf Jahre lang, bis der Prophet Elias am Eingang ihres Zufluchtsortes
erschien und ihnen zurief: Wer verkndet dem Sohn des Jochai, da der
Kaiser gestorben und sein Befehl vergessen ist? Darauf gingen sie hinweg,
lebten wie andere Menschen und bebauten das Land.

Whrend dieser zwlf Jahre der Einsamkeit und Verbannung soll nun nach dem
Talmud Simon ben Jochai mit Hilfe seines Sohnes Eleazar das berhmte Werk
geschrieben haben, an welches sein Name geknpft blieb. Aber, selbst wenn
man aus dieser Erzhlung die beigemengten fabelhaften Umstnde ausscheidet,
ist es noch immer sehr schwierig, die daraus gezogenen Folgerungen zu
rechtfertigen, denn man kann natrlich unmglich sagen, was die Resultate
der Betrachtungen waren, durch welche die beiden Proskribierten ihre Qualen
zu vergessen suchten. Endlich findet man im Sohar eine Menge von Thatsachen
und Namen, welche Simon ben Jochai, der nicht lang nach der Zerstrung
Jerusalems um den Anfang des zweiten christlichen Jahrhunderts starb,
unmglich kennen konnte. Wie konnte er z.B. von den sechs Teilen
sprechen[368], in welche die etwa sechzig Jahre spter geschriebene Mischna
zerfllt? Wie konnte er die Autoren und Vorschriften der Gemara
erwhnen[369], welche nach dem Tod des heiligen Judas begonnen und
fnfhundert Jahre nach Christus vollendet wurde? Wie konnte er die Namen,
die Gesichtspunkte und andere Eigentmlichkeiten der Schule von Tiberias
kennen, welche erst zu Anfang des sechsten christlichen Jahrhunderts
entstand? Ja manche Kritiker wollen sogar die mohammedanischen Araber im
Sohar unter dem Namen der Ismaliten erwhnt finden, und es ist in der That
sehr schwer, sich der Beweiskraft folgenden Satzes zu verschlieen:

Der Mond ist sowohl das Zeichen des Guten als des Bsen. Der Vollmond ist
das Gute, der Neumond das Bse. Und weil er sowohl das Gute als das Bse in
sich begreift, so haben ihn sowohl die Kinder Israels als Ismaels ihrer
Rechnung zu Grund gelegt. Wenn eine Mondfinsterni eintritt, so ist dies
ein bses Zeichen fr Israel, tritt dagegen eine Sonnenfinsterni ein, so
ist es ein solches fr Ismael. Also bewahrheiten sich die Worte des
Propheten: Die Weisheit der Weisen wird zu Grunde gehen, und die Klugheit
der Klugen wird verdunkelt werden.

Es mu jedoch bemerkt werden, da diese Worte nicht im Text, sondern in
einem weit jngeren Kommentar stehen, welcher den Titel fhrt: der gute
Hirte, $Ra'ya Meheimna$, und da sie die ersten Herausgeber aus eigener
Machtvollkommenheit dem Sohar hinzufgten, weil sie an der betreffenden
Stelle eine Lcke zu finden glaubten.

Man hat im Sohar selbst noch eine bestimmtere Stelle finden wollen, welche
ein Schler des Simon ben Jochai aus dem Munde seines Meisters gehrt haben
will:

Wehe ber den Augen, da Ismael zur Welt geboren wurde und das Zeichen der
Beschneidung annahm. Denn was that der Herr, dessen Name gelobt sei? Er
schlo die Kinder Ismaels von der himmlischen Verbindung aus. Aber da sie
das Verdienst hatten, das Zeichen des Bundes angenommen zu haben, so
behielt er ihnen fr ihren Theil den Besitz des heiligen Landes vor. Also
sind die Kinder Ismaels bestimmt, das heilige Land zu beherrschen, und sie
hindern die Kinder Israels dorthin zurckzukehren. Aber dies wird nur bis
zu der Zeit dauern, in welcher das Verdienst der Kinder Israels erloschen
sein wird. Alsdann werden sie schreckliche Kriege entfesseln, und die
Kinder Edoms werden sich gegen sie vereinigen und sie schlagen zu Wasser,
zu Land und bei Jerusalem. Der Sieg wird bald auf der einen und bald auf
der andern Seite sein, aber das heilige Land wird nicht in die Hnde der
Kinder Edoms gegeben werden.

Zum richtigen Verstndnis dieser Zeilen sei bemerkt, da die hebrisch
schreibenden jdischen Schriftsteller unter den Kindern Israels sowohl das
heidnische, als das christliche Rom, als auch die Christenheit berhaupt
verstehen. Da nun hier nicht vom heidnischen Rom die Rede sein kann, so hat
man in dieser Stelle die Niederlagen der Sarazenen gegen die Christen
whrend der Kreuzzge vor der Eroberung Jerusalems sehen wollen. Was die
Prophezeiung des Simon ben Jochai anlangt, so habe ich wohl kaum ntig zu
sagen, welches Gewicht sie unserer Ansicht nach besitzt. Auch will ich mich
nicht lange bei der Darstellung der heute allgemein bekannten und von der
modernen Kritik zur Genge wiederholten Thatsachen aufhalten. Ich will nur
einen fr unser endliches Urteil ganz besonders wichtigen Umstand anfhren.
Um die berzeugung zu gewinnen, da Simon ben Jochai nicht der Verfasser
des Sohar, und dieses Buch selbst nicht die Frucht dreizehnjhriger
Betrachtungen und der Einsamkeit sein kann, gengt es, einige
Aufmerksamkeit auf die Erzhlungen zu verwenden, welche fast stets mit der
Entwickelung des Gedankenganges verbunden sind. So vereinigte nach dem Idra
Suta genannten Fragment, welches eine in jeder Hinsicht bewundernswrdige
Episode in dieser ungeheuren Kompilation bildet, Rabbi Simon vor seinem
Tode eine kleine Anzahl seiner Schler und Freunde um sich, unter welchen
sich sein Sohn Eleazar befand. Simon sagte zum Letzteren: Du wirst
studieren, Rabbi Aba wird schreiben und meine andern Freunde werden
stillschweigend ihren Betrachtungen nachhngen. An allen andern Stellen
spricht der Meister in den seltensten Fllen; wohl aber sind seine Worte im
Munde seiner Shne und Freunde, welche sich noch nach seinem Tod
versammeln, um ihre Erinnerungen auszutauschen und sich gegenseitig ber
den rechten Glauben zu belehren nach den Worten der heiligen Schrift:
Siehe, wie fein und lieblich ist es, wenn Brder eintrchtig bei einander
wohnen! -- Begegnen sich einige seiner Schler unterwegs, so dreht sich
ihre Unterhaltung sofort um den gewhnlichen Gegenstand ihrer Betrachtungen
und sie beginnen irgend eine Stelle des alten Testaments in einem geistigen
Sinn auszulegen. Hier ein Beispiel statt tausend: Rabbi Jehuda und Rabbi
Joseph waren unterwegs, und der erstere sprach zu seinem Reisegefhrten:
Sage mir etwas vom Gesetz, denn wenn der Mensch die Worte des Gesetzes
betrachtet, so steigt der Geist Gottes zu ihm herab oder geht vor ihm her,
um ihn zu fhren.[370]

Man pflegt endlich, wie wir bereits oben sagten, Bcher zu citieren, von
denen nur vereinzelte Bruchstcke auf uns gekommen sind, die aber
notwendiger Weise lter als der Sohar sein mssen. So wollen wir nur
folgende Stelle hierhersetzen, von welcher man glauben knnte, da sie von
einem Schler des Copernicus geschrieben sein msse, wenn ihr Ursprung
nicht mit voller Gewiheit sptestens in das Ende des 13. Jahrhunderts zu
setzen wre[371]:

Im Buch des Rabbi Hamnuna des ltern wird vermittelst verschiedener
Erklrungen gelehrt, da sich die Erde um sich selber kreisfrmig dreht,
da Einige oben und Andere unten sind, da alle Menschen nacheinander in
gleicher Lage die verschiedenen Stellungen des Himmels zu Gesicht bekommen,
da ein Theil der Erde erleuchtet ist, whrend der andere in Dunkelheit
liegt, da ein Theil der Menschen Tag hat, whrend es bei den andern Nacht
ist, da es Gegenden giebt, wo es bestndig Tag ist, oder wo wenigstens die
Nacht nur wenige Augenblicke dauert.

Es liegt auf der Hand, da der Verfasser des Sohar, sei er, wer er sei,
gewi nicht Rabbi Simon ben Jochai sein kann, dessen Tod und letzte
Augenblicke darin erzhlt werden.

Sind wir aber deshalb gentigt, die Ehre seiner Urheberschaft einem
obskuren Rabbi des dreizehnten Jahrhunderts, einem unglckseligen
Charlatan, zuschreiben zu mssen, welcher seinem Elend auf eine ebenso
unwrdige als unsichere Weise ein Ende machen wollte? Ganz gewi nicht. Und
selbst wenn wir die innerste Natur, den innersten Wert des Buches prfen,
so macht es nicht die mindeste Mhe darzulegen, da diese Ansicht
ebensowenig als die erste begrndet ist. Doch mssen wir zu ihrer
Widerlegung positive Beweisgrnde beizubringen suchen.

Der Sohar ist in aramischer Sprache geschrieben, welche keinem
ausgesprochenen Dialekt angehrt. Welche Absicht knnte wohl Rabbi Moses
von Leon gehabt haben, als er sich eines Idioms bediente, das zu seiner
Zeit gar nicht gebruchlich war? Wollte er, wie ein neuerer, bereits
angefhrter Kritiker annimmt[372], seinen Erdichtungen eine gewisse
Wahrscheinlichkeit geben, wenn er die Personen des Sohar, unter deren Namen
er seine Ideen einschmuggelte, in der Sprache ihrer Zeit reden lt? Aber
selbst, wenn er so ausgedehnte Kenntnisse besessen htte, so wrde er
selbst nach der Meinung der von uns hier bekmpften Gegner nicht haben
bersehen drfen, da Simon ben Jochai und seine Freunde zu den Verfassern
der Mischna gehren, deren gewohnte Sprache der jerusalemitische Dialekt
war, und welche demnach gewi hebrisch geschrieben htten. Er wrde sich
also gewi der letzteren Sprache bedient haben, wenn er den Sohar durch
Einschmuggelung seiner eigenen Ideen htte flschen wollen, welcher Betrug
sicher bald entdeckt worden wre. Da wir aber nirgends etwas dergleichen
auf unsere Zeit Gekommenes finden, so braucht uns obige Annahme nicht mehr
zu beschftigen.

Aber sei sie wahr oder falsch, sie dient zur Bekrftigung folgenden
Umstandes:

Wir wissen mit grter Gewiheit, da Moses von Leon in hebrischer Sprache
ein kabbalistsches Werk unter dem Titel: der Name Gottes oder einfach
der Name ($Sefer Hashem$) schrieb. Moses Corduero besa dieses noch
handschriftlich erhaltene Werk und bringt daraus mehrere Stellen bei, aus
welchen sich ergiebt, da es ein sehr subtiler und detaillierter Kommentar
ber einige der dunkelsten Stellen der Lehren des Sohar ist, wie z.B.:
Welches sind die verschiedenen Kanle oder -- so zu sagen -- Influenzen,
wechselseitige Rapporte, welche zwischen den Sephiroth bestehen und die das
gttliche Licht oder die Ursubstanz der Dinge von dem einen zum andern
fhren? Lt sich nun annehmen, da derselbe Mann, welcher den Sohar in
chaldisch-syrischer Sprache geschrieben haben soll, um die Schwierigkeiten
desselben noch durch den Dialekt zu vermehren, um die in ihm erhaltenen
Gedanken dem Volk zu verschleiern, im Hebrischen entschleierte und
preisgab, was er in einer selbst von den Gelehrten halbvergessenen Sprache
so ngstlich zu verbergen gesucht hatte? Glaubt man wirklich, da er durch
diesen Wechsel der Methode bei seinen Lesern Erfolg erzielt haben wrde?
Es ist in der That viel zu viel Zeit und Mhe mit viel zu gelehrten und
komplizierten Kombinationen verschwendet worden, um einen unbedeutenden
Mann der dmmsten Widersprche und grbsten Anachronismen zu beschuldigen.

Ein anderer Grund zwingt uns, den Sohar fr weit lter als Moses von Leon
und fr nicht europischen Ursprungs zu halten, nmlich der, da man
nirgends eine Spur aristotelischer Philosophie und keine Erwhnung des
Christentums und seines Begrnders findet, und es ist doch allbekannt, da
whrend des 13. und 14. Jahrhunderts in Europa das Christentum und
Aristoteles unbeschrnkt herrschten. Wie knnte man also annehmen, da in
einer so fanatischen Zeit ein armer spanischer Rabbi, welcher in
unverstndlicher Sprache ber religise Stoffe schrieb, der Anklage
entgangen wre, welche so oft gegen sptere Schriftsteller erhoben wurde,
nmlich, da sie sich nicht wie Saadiah, Maimonides und ihre Nachfolger von
dem unwiderstehlichen Einflu der peripatetischen Philosophie htten frei
machen knnen? Man lese aber alle Kommentare des Buches der Schpfung und
werfe einen Blick auf alle religisen und philosophischen Schriften seiner
Zeit, und man wird berall der Sprache des Organon und der unbeschrnkten
Herrschaft der Philosophie des Stagyriten begegnen. Das Fehlen dieses
Merkmals im Sohar ist aber von einer nicht hoch genug zu schtzenden
Bedeutung. Man kann in den zehn Sephiroth, von denen wir weiter unten
ausfhrlich sprechen werden, keine verkappte Nachahmung der aristotelischen
Kategorien sehen, weil nmlich die letzteren nur einen logischen Wert
besitzen, die ersteren hingegen ein erhabenes metaphysisches System
darstellen. Wenn einige Teile der Kabbala ja einem System der griechischen
Philosophie hneln, so ist es das System Platos, welcher ja bekanntlich
einem gewissen Mysticismus ergeben war; Plato war aber damals auerhalb
seines Vaterlandes sehr wenig bekannt.

Endlich aber bemerken wir, da die im Sohar gebrauchten Ideen und
Ausdrcke, welche zur Erluterung des kabbalistischen Systems dienen, in
weit lteren Schriften als solchen vorkommen, die zu Ende des 12.
Jahrhunderts abgefat wurden. So ist z.B. der von uns schon genannte Moses
Botarel, einer der Kommentatoren des Sepher Jezirah, der die
Emanationstheorie nach den Anschauungen der Kabbalisten lehrt, von Saadiah
wohl gekannt, denn dieser fhrt folgende Stelle des ihm zugeschriebenen
der Stein der Weisen genannten Buches an:

O du, der du aus den Cisternen schpfst, hte dich, wenn man dich
versuchen will, die Emanationslehre zu enthllen, denn dieselbe ist ein
groes Geheimni im Munde der Kabbalisten, und ein anderes Geheimni ist
enthalten in den Worten des Gesetzes: Ihr sollt den Herrn nicht versuchen!

Aber Saadiah greift die Emanationslehre, welche die Grundlage des ganzen im
Sohar entwickelten Systems ist, heftig in seinem Glauben und Meinen
betitelten Buch an, wie einwandsfrei aus folgender Stelle desselben
hervorgeht[373]:

Ich bin oft Leuten begegnet, welche die Existenz eines Schpfers nicht
leugnen, aber nicht begreifen, wie unser Geist fassen knne, da irgend
etwas aus nichts geschaffen sei. Da nun der Schpfer das einzige Wesen ist,
welches von Anbeginn an existiert, so mu ihrer Meinung nach das Weltall
aus der eigenen Wesenheit des Schpfers hervorgegangen sein. Diese Leute
(Gott behte euch vor ihren Anschauungen) sind noch sinnlicher als alle
andern, von denen wir bisher gesprochen haben.

Der Sinn dieser Worte wird noch klarer, wenn man in demselben Kapitel
liest, da der Glaube, auf welchen sie anspielen, durch die Worte bei
Hiob[374] gerechtfertigt werde: Woher kommt denn die Weisheit? Und wo ist
die Sttte des Verstandes? -- Gott wei den Weg dazu und kennet ihre
Sttte. Man findet hier in der That die Namen, welche der Sohar den drei
ersten und obern Sephiroth weiht, und die alle andern in sich fassen:
nmlich die Weisheit, den Verstand und die Sttte. Anstatt Sttte sagen nun
die Kabbalisten das Nichtseiende und nennen sie so, weil das Nichtseiende
das Unendliche ohne Attribut, Form und Eigenschaft in einem unbegreiflichen
Zustand ohne Realitt reprsentiert.[375] Dies ist der aus dem
Nichtseienden gezogene Sinn, sagen die Kabbalisten.

Derselbe Autor giebt uns auch eine psychologische Theorie, welche vllig
identisch mit der Simon ben Jochai zugeschriebenen ist[376] und lehrt uns,
da das im Sohar[377] enthaltene Dogma der Prexistenz und Rincarnation zu
seiner Zeit von Leuten angenommen worden sei, welche nur dem Namen nach
Juden gewesen seien und ihre extravagante Meinungen durch das Zeugnis der
heiligen Schrift zu sttzen gesucht htten.

Dies ist jedoch nicht alles, denn der heilige Hieronymus spricht in einem
seiner Briefe[378] von den zehn mystischen Namen (+decem nomina mystica+),
durch welche die Engel die Gottheit bezeichneten. Diese von Hieronymus
erwhnten und ausgewhlten Namen sind aber genau dieselben, mit welchen der
Sohar die zehn Sephiroth oder Attribute der Gottheit bezeichnet. Sie mgen
hier folgen, wie sie im Buch des Geheimnisses ($Sifra Ditzni'uta$), einem
der ltesten Fragmente des Sohar enthalten sind und gleichzeitig die
Grundprinzipien der Kabbala in sich fassen:

Wenn der Mensch eine Bitte an den Herrn richten will, so mu er stets die
heiligen Namen Gottes anrufen, nmlich: Eheie, Jah, Jehovah, El, Elohim,
Jedud, Eloha, Sabaoth, Schadai, Adonai. Dies sind die zehn Sephiroth,
welche heien: Krone, Weisheit, Verstand, Schnheit, Gnade,
Gerechtigkeitusw.

Alle Kabbalisten stimmen darin berein, da die zehn Namen Gottes und die
zehn Sephiroth einunddasselbe sind, nmlich der geistige Teil derselben sei
die Wesenheit der gttlichen Emanationen. Hieronymus spricht auch in
mehreren seiner Schriften von gewissen hebrischen Traditionen, welche das
Paradies, oder, wie es hebrisch heit: Eden ($Gan Eden$), lter sei als
die Welt.[379] Bemerkt sei dazu zunchst, da bei den Juden keine andern
Traditionen hnlichen Inhalts bekannt waren als die geheimnisvolle
Wissenschaft, welche der Talmud die Geschichte der Schpfung nennt. Was
ferner den mit ihrem Namen verbundenen Glauben anlangt, so stimmt derselbe
vllig mit dem Sohar berein, wo die hchste Weisheit, das gttliche Wort,
durch welches die Schpfung begonnen und vollendet wurde, das Prinzip aller
Intelligenz und des ganzen Lebens, als das wahre oder obere Eden ($Eden
ila'a$) bezeichnet wird. Aber ein schwerer als dies alles wiegender
Umstand ist, da die Kabbala sowohl der Sprache als dem Inhalt nach mit
allen gnostischen Sekten -- namentlich den in Syrien entstandenen -- und
dem Religionskodex der Nazarener besitzt, welcher vor einigen Jahren
entdeckt und aus dem Syrischen in das Lateinische bersetzt wurde. Es sei
ferner noch bemerkt, da die Lehren eines Simon Magus, Elxa, Bardesanes,
Basilides und Valentinus nur bruchstckweise in den Schriften einiger
Kirchenvter wie Clemens von Alexandria und Irenus erhalten sind, die auf
keinen Fall einem in der christlichen Litteratur gnzlich unbewanderten
Rabbi des 13. Jahrhunderts bekannt waren. Wir sind also zu der Annahme
gezwungen, da der Gnosticismus auf den Sohar nicht sowohl in seiner uns
heute vorliegenden Form, als bezglich der in ihm enthaltenen Traditionen
und Theorien einwirkte.

Auer obiger Annahme ist noch die Ansicht zu erwhnen, welche die Kabbala
zu einer Nachahmung der mystischen Philosophie der Araber macht und sie zur
Zeit der Herrschaft der Khalifen ungefhr zu Anfang des elften Jahrhunderts
entstehen lt, also in einer Epoche, wo sich die ersten Spuren des
Mysticismus bei den Arabern zeigen. Diese Konjektur wurde schon im neunten
Band der Memoiren der +Akademie des Inscriptions+ ausgesprochen, und auch
Tholuck hat sie durch seine groe Gelehrsamkeit zu untersttzen gesucht. In
einer lteren Schrift[380], worin er den Einflu der griechischen
Philosophie auf die Araber untersucht, kommt Tholuck zu dem Schlu, da die
Emanationslehre den Arabern zu gleicher Zeit wie die Philosophie des
Aristoteles bekannt geworden sei. Die letztere jedoch wurde ihnen nur durch
die Kommentare des Themistius, Theon von Smyrna, Aeneas von Gaza, Johann
Philopon, mit einem Wort, mit alexandrinischen Philosophemen in einer sehr
unvollstndigen Gestalt berliefert. Dieser vom Stamme des Islam abgelegte
Zweig entwickelte sich zu einem ausgedehnten System, hnlich dem des
Plotinos, welcher den Enthusiasmus ber die Vernunft setzt, und -- indem er
alle Wesen aus der Gottheit hervorgehen lt, dem Menschen als Endziel der
Vervollkommnung die Ekstase und Verneinung seiner selbst vorschreibt.
Diesen halb griechischen, halb arabischen Mysticismus will Tholuck als die
Quelle der Kabbala hinstellen.[381] Zu diesem Zweck greift er die
Authenticitt der kabbalistischen Bcher und vor allem die des Sohar an,
welchen er als eine am Schlu des 13. Jahrhunderts entstandene Kompilation
betrachtet, obschon er der Kabbala im allgemeinen ein hheres Alter
zugesteht. Nachdem er dies auer allen Zweifel gesetzt zu haben glaubt,
sucht er die vollkommene hnlichkeit der im Sohar enthaltenen Ideen mit
denen des arabischen Mysticismus nachzuweisen. Jedoch bringt er kein
Argument vor, das von uns nicht schon widerlegt wre, und wir brauchen uns
nur an den letzten und zweifelsohne interessantesten Teil seiner Arbeit zu
halten. Dabei sind wir jedoch gentigt, vorausgreifend uns mit den
Grundlagen des kabbalistischen Systems zu beschftigen und daran einige
ziemlich trockene Bemerkungen ber seinen Ursprung zu knpfen.

Die erste Beobachtung, welche wir machen, ist die, da allerdings die
hebrischen Lehren den arabischen vollkommen gleichen, ohne da die
ersteren jedoch ein Abklatsch der letzteren zu sein brauchen. Wre es nicht
mglich, da beide Lehren durch verschiedene Kanle aus ein und derselben
Quelle geflossen sein knnten, welche lter als die arabische und
alexandrinische Philosophie ist? Und in der That giebt auch Tholuck zu, da
die Araber mit den Hauptwerken der alexandrinischen Philosophie unbekannt
waren, da sie die Schriften des Plotinus, Jamblichus und Proclus, von
denen weder eine syrische noch eine arabische bersetzung existiert, gar
nicht, und von Porphyrius nur einen rein logischen Kommentar, nmlich die
Einleitung seiner Abhandlung ber die Kategorien kannten. Andererseits aber
lt sich kaum annehmen, da die im ganzen Altertum unter dem Namen der
orientalischen Weisheit so hochberhmte parsistische Religionsphilosophie
den Arabern bei ihrer Invasion nicht bekannt geworden wre, da sie doch
offenbar der groen unter der Herrschaft der Abbassiden sich Bahn
brechenden Bewegung zu Grunde liegt. Wissen wir doch, da Avicenna ein Werk
ber die orientalische Weisheit schrieb, welche ein neuerer Autor auf
Grund einiger weniger Citate fr eine Zusammenstellung neuplatonischer
Ideen halten will. Er sttzt sich dabei auf folgende Stelle des Al Gazali:
Du mut wissen, da zwischen der Krperwelt und der, von welcher wir
sprechen (der Geisterwelt), hnliche Beziehungen obwalten wie zwischen
unserm Krper und unserm Schatten.

Hat sich jener Kritiker nicht in das Gedchtnis zurckgerufen, da in
diesen Worten das Grundprinzip des Mazdeismus formuliert ist, und da die
Juden von ihrer Gefangenschaft an bis zu ihrer Zerstreuung in
ununterbrochener Verbindung mit Babylonien standen? Wir wollen uns bei
diesem Punkt nicht lnger aufhalten, sondern nur sagen, da der Sohar ganz
positiv die orientalische Weisheit wiederholt; er sagt: diese Weisheit,
welche die Shne des Orients seit der frhesten Zeit kannten, und citiert
aus ihr ein vollstndig mit seinen Lehren bereinstimmendes Beispiel.
Schlielich kann hier keine Rede von den Arabern sein, welche die
hebrischen Schriftsteller unabnderlich die Kinder Ismaels oder die
Kinder Arabiens nennen. In solchen Ausdrcken spricht man aber nicht von
gleichzeitigen Philosophen und ihren eben erst unter dem Einflu des
Aristoteles und seiner alexandrinischen Kommentatoren entstandenen Lehren.
Endlich wrde der Sohar den Ursprung seiner Lehren nicht in die lteste
Zeit der Menschheit verlegen und sie nicht von Abraham den Shnen seiner
Kebsweiber und von diesen den Vlkern des Orients berliefern lassen.

Aber es ist gar nicht ntig, sich dieses Arguments zu bedienen, denn in
Wahrheit bieten der arabische Mysticismus und der Sohar viel mehr
Unterscheidungs- als Berhrungspunkte dar, denn die ersteren beschrnken
sich nur auf einige in allen mystischen Systemen nachweisbare allgemeine
Grundanschauungen, whrend die metaphysischen Hauptpunkte der beiden
Systeme keinen Zweifel ber ihre Verschiedenheit aufkommen lassen. So
sehen, um das Wichtigste hervorzuheben, die arabischen Mystiker in Gott die
Grundsubstanz aller Dinge und die immanente Ursache des Weltalls und sie
behaupten, da sich die Gottheit in dreierlei Weise offenbart habe: Erstens
als Einheit oder absolutes Sein, in welchem noch keinerlei Scheidung war.
Zweitens als die das Weltall bildenden Objekte, als diese anfingen sich in
ihrer Wesenheit und intelligibeln Formen sich zu scheiden und sich vor der
gttlichen Intelligenz als gegenwrtig darzustellen. Drittens als das
Universum, die reale Welt selbst, in welcher die Gottheit sichtbar
geworden ist. Das kabbalistische System ist weit davon entfernt, diesen
Charakter der Einfachheit aufzuweisen. Zweifelsohne gilt auch in ihm die
gttliche Wesenheit als die Grundsubstanz, als die Quelle, aus welcher von
Ewigkeit, ohne da sie erschpft wird, alles Leben, alles Licht und alles
Dasein fliet; aber anstatt der drei Manifestationen, der drei
Generalformen des unendlichen Wesens, hat sie deren zehn, nmlich die zehn
Sephiroth, welche sich in drei in einer Dreiheit aufgehenden Dreiheiten und
eine hchste Form teilen. In ihrer Gesamtheit betrachtet, reprsentieren
die Sephiroth nur den ersten Grad, die erste Sphre des Seins, nmlich das,
was man die Welt der Emanationen nennt. Unterhalb derselben befinden sich
noch von einander unterschieden in unendlicher Vielfltigkeit die Welt der
reinen Geister oder der Schpfung, die Welt der Sphren und der sie
lenkenden Intelligenzen oder die Welt der Formation, und als unterste Stufe
endlich die Welt der Arbeit oder Thtigkeit. Die arabischen Mystiker nahmen
ebenfalls eine Kollektivseele an, aus welcher alle einzelnen die Welt
belebenden Seelen ausgeflossen seien, einen zeugenden Geist, welchen sie
den Vater der Geister, den Geist Muhammeds, die Quelle, das Vorbild und die
Wesenheit aller andern Geister nennen. In dieser Auffassung des Geistes hat
man das Vorbild des Adam Kadmon, den himmlischen Menschen der Kabbalisten
sehen wollen. Aber das, was die Kabbalisten mit diesem Namen bezeichnen,
ist nicht allein das Prinzip der Intelligenz und des geistigen Lebens; es
ist auch das, was sie fr ber und unter dem Geist stehend ansehen, nmlich
die Gesamtheit der Sephiroth oder die ganze Emanationswelt, nmlich das
Wesen in seinem abstraktesten und unbegreiflichsten Charakter bis herab zu
den bildenden Krften der Natur, welches sie in diesem Sinn den Punkt oder
das Nichtsein nennen. Weiterhin findet man bei den Arabern keine Spur der
Metempsychose, welche im kabbalistischen System eine so groe Rolle spielt.
Vergebens wird man auch in den Werken der arabischen Mystiker die
fortlaufenden Allegorien, die bestndige Berufung auf die Tradition, die
endlosen Geschlechtsregister nach den Worten des heiligen Paulus[382], die
gigantischen und bizarren Metaphern suchen, welche so ganz mit dem Geist
des alten Orients bereinstimmen. Schlielich kommt Tholuck von seiner
anfnglich vertretenen Ansicht zurck und meint, es sei unmglich die
Kabbala aus arabischen Quellen abzuleiten, eine Meinungsuerung, die bei
einem philosophisch so geschulten gelehrten Orientalisten ganz besonders
ins Gewicht fllt. Hier seine eigenen Worte:

Was knnen wir nun aus diesen Analogien schlieen? Meines Erachtens sehr
wenig. Denn was die beiden Systeme bereinstimmendes haben, findet sich
bereits in den ltesten Geheimlehren, in den Bchern der Saber und Perser
und bei den Neuplatonikern. Im Gegenteil aber ist die ungewhnliche Form,
in welcher uns der Gedankeninhalt der Kabbala entgegentritt, der arabischen
Mystik ganz fremd. Um nun zu beweisen, da die Kabbala wirklich aus der
letzteren hervorgegangen wre, mte man vor allem die Lehre von den
Sephiroth untersuchen; aber von ihnen findet sich bei den arabischen
Mystikern, welche nur eine einzige Art und Weise kennen, wie Gott sich
selbst offenbart, nicht die mindeste Spur; wohl aber nhert sich hier die
Kabbala den Lehren der Saber und Gnostiker.

Ist nun die Unzulssigkeit der Annahme dargethan, da die Kabbala
arabischen Ursprungs sei, so verliert die Meinung, welche den Sohar zu
einem Werk des 13. Jahrhunderts machen will, den letzten Halt. Der Sohar
enthlt ferner, wie wir s.Z. nher darlegen werden, ein philosophisches
Werk von hchstem Gedankenflug und einer ungeheuren Ausdehnung; ein solches
Werk entsteht aber nicht -- so zu sagen -- ber Nacht in einer Epoche der
Unwissenheit und des blinden Glaubens, und namentlich nicht bei einer
Menschenklasse, auf welcher der Druck der Verachtung und Verfolgung lastet.
Endlich aber begegnen wir im ganzen Mittelalter weder Vorlufern noch
Elementen des kabbalistischen Systems, weshalb wir gentigt sind, die
Entstehung desselben in das Altertum zurckzuversetzen.

Wir sind nun jetzt bei Jenen angelangt, welche behaupten, da Simon ben
Jochai thatschlich einer kleinen Anzahl seiner Schler und Freunde, unter
welchen sich auch sein Sohn befunden habe, die die Basis des Sohar
bildenden metaphysischen und religisen Lehren mitgeteilt habe. Diese
Lehren seien dann als unverletzliche Geheimnisse von Mund zu Mund
berliefert und nach und nach niedergeschrieben worden. In neuerer Zeit
seien nun diese Traditionen mit Anmerkungen und Kommentaren versehen
worden, wodurch sie zum Teil ihre Eigentmlichkeit vernderten, und endlich
gegen das Ende des 13. Jahrhunderts hin von Palstina nach Europa gekommen.
Wir hoffen, da diese bisher nur schchtern als Konjektur vorgetragene
Meinung bald den Charakter der vlligen Gewiheit annehmen wird.

Wie schon der Verfasser der die Kette der Tradition betitelten Chronik
bemerkt, stimmt der Sohar vollkommen mit der Geschichte der brigen
religisen Denkmler des jdischen Volkes berein; sie vereinigt in sich
die auf gemeinschaftlicher Grundlage stehenden Traditionen der
verschiedenen Zeitalter und die Lehren der verschiedenen Meister, aus denen
auch die Mischna wie der jerusalemitische und babylonische Talmud
entstanden. Er sagt: Ich habe die Tradition gehrt, dieses Werk sei so
umfangreich, da es in seiner Vollstndigkeit zur Belastung eines Kameels
gengen wrde. Es lt sich nun aber nicht annehmen, da ein einziger
Mann, auch wenn er sein ganzes Leben hindurch ber den betreffenden Stoff
geschrieben htte, eine so schreckenerregende Probe seiner Fruchtbarkeit
abgelegt haben knne. Endlich aber liest man in den in derselben Sprache
geschriebenen und mit dem Sohar gleichalterigen Supplementen des Sohar
($Tikunei Zohar$), da derselbe nie ganz verffentlicht worden sei, oder --
um uns an den Wortlaut zu halten -- erst am Ende der Tage werde
verffentlicht werden.

Beginnt man nun den Sohar selbst zu untersuchen, um ohne Vorurteil einige
Aufklrung ber seinen Ursprung zu erhalten, so ersieht man bald aus der
Ungleichheit des Styls, aus dem Fehlen einer Einheit und Geschlossenheit
nicht sowohl des Systems, als der Exposition, der Methode, der Anwendung
der allgemeinen Grundstze wie endlich aus dem Gedankengang im Einzelnen,
da es unmglich ist, die Autorschaft des Buches einer einzigen Person
zuzuschreiben. Wir beschrnken uns auf eine kurze Darstellung der
hauptschlichsten Differenzen der drei Hauptteile des Sohar, nmlich des
Buches des Geheimnisses ($Sifra Ditzni'uta$), welches als der lteste
Teil gilt; der groen Versammlung ($Idra Rabba$), in welcher sich Simon
ben Jochai inmitten seiner Jnger reprsentiert; und endlich die kleine
Versammlung ($Idra Zuta$), in welcher Simon auf dem Sterbebett vor seinem
Ende drei seiner Schler zu sich berufen hat, um ihnen seine noch brigen
Lehren mitzuteilen.

Diese drei durch groe Zwischenrume in der ungeheuren Sammlung getrennten
Werke bilden jedoch ein zusammengehriges Ganzes sowohl was die Thatsachen,
als auch was den Gedankengang des Inhalts anlangt. Man findet darin bald in
allegorischer Form, bald in durchaus metaphysischer Sprache eine
fortlaufende und glnzende Beschreibung der gttlichen Attribute, ihrer
verschiedenen Attribute, der Art und Weise der Schpfung und der
Beziehungen zwischen Gott und dem Menschen. Jedoch verlt der Sohar nicht
selten diese Hhen der Spekulation, um zu dem uern und praktischen Leben
herabzusteigen und die Beobachtung des Gesetzes und der religisen
Gebruche zu empfehlen. Hufig begegnet man auch einem Namen, einer
Thatsache oder einem Ausdruck, welcher uns die Authenticitt dieser Bltter
bezweifeln lassen knnte, auf denen die Originalitt der Form dem Fluge des
Gedankens preisgegeben wird. Das Wort fhrt immer der Meister, welcher
seine Zuhrer nicht mit logischen Grnden, sondern nur durch die Macht
seiner Autoritt berzeugt. Er demonstriert nicht, er erklrt nicht, er
wiederholt nicht, was er von andern gelernt hat, sondern er versichert, und
ein jedes seiner Worte wird als ein heiliger Glaubensartikel betrachtet.
Diesen Charakter trgt besonders das Buch des Geheimnisses, ein sehr
ausfhrliches, aber auch sehr dunkles Resum des ganzen Werkes. Man knnte
von ihm sagen: +docebat quasi auctoritatem habens+. Im brigen enthlt das
Buch anstatt einer fortlaufenden Exposition eine Menge ungeregelter Ideen;
anstatt eines festen, konsequent verfolgten Planes, wobei die vom Autor als
Belege seiner eigenen Ideen herangezogenen Schriftstellen sich dem
Gedankengang anschmiegen mten, ist der Verlauf des Kommentars
untergeordnet und ohne Zusammenhang. Jedoch ist, wie wir bereits bemerkten,
die Auslegung der Schrift nur ein Vorwand, und wir werden, ohne den
Bannkreis ihrer Ideen zu verlassen, durch den Text von einem Gegenstand zum
andern gefhrt, womit sich die Traditionen der Schule des Simon ben Jochai
beschftigte, der, anstatt ein logisch geordnetes System aufzustellen, dem
Zeitgeschmack folgend, seine Ideen den Hauptstellen des Pentateuch anpate.
Diese Ansicht wird noch durch den Umstand bestrkt, da oft nicht die
mindesten Beziehungen zwischen dem betreffenden biblischen Text und den
Stellen des Sohar bestehen, welche ihm als Kommentar dienen sollen.
Dieselbe Zusammenhangslosigkeit und Unordnung herrscht in der Anordnung des
Stoffes, und es finden sich nur eine kleine Anzahl von Stellen, die einen
gleichfrmigen Charakter zur Schau tragen. Hier herrscht die metaphysische
Theologie vllig souvern; aber ungeachtet der khnsten und
hochfliegendsten Theorien begegnet man sehr hufig den materiellsten
Details des uern Kultus oder kindischen Fragen, mit welchen die
Gemaristen gleich den Kasuisten anderer Religionen Zeit und Papier zu
verschwenden pflegten. Und hierin sind alle Argumente aufgehuft, deren
sich die neueren Kritiker zur Sttze ihrer Anschauungen bedient haben, und
wovon wir die Falschheit nachgewiesen zu haben hoffen. Dieser letztere Teil
des Sohars endlich weist nach Form und Inhalt die Spuren einer ziemlich
neuen Zeit auf, whrend die Einfachheit wie der glubige und naive
Enthusiasmus der andern Teile an die Zeit und Sprache der Bibel erinnert.
Wir wollen als Beispiel nur die Erzhlung vom Tode des Simon ben Jochai von
Rabbi Aba anfhren, welcher derjenige Schler Simons war, den er mit der
Niederschrift seiner Lehren beauftragt hatte:

Die heilige Leuchte (so wurde nmlich Simon ben Jochai von seinen Schlern
genannt) hatte den letzten Satz noch nicht beendet, als seine Worte
stockten, whrend ich dennoch weiter schrieb; ich schrieb noch eine Zeit
lang, obschon ich nichts mehr hrte. Ich erhob mein Haupt nicht, denn das
Licht war zu hell, als da ich es htte betrachten drfen. Auf einmal
vernahm ich eine Stimme, welche sprach: Lange Tage und Jahre des Glcks
stehen dir bevor. -- Darauf hrte ich eine andere Stimme, welche sprach: Er
verlangt dein Leben, und du giebst ihm die Jahre der Ewigkeit. Whrend des
ganzen Tages wird das Feuer nicht vom Hause weichen, und Niemand wird sich
ihm wegen des Feuers und Glanzes zu nhern wagen. -- Ich habe den ganzen
Tag auf der Erde gelegen und meinen Klagen freien Lauf gelassen. Als das
Feuer verschwunden war, sah ich, da die heilige Leuchte, der Heiligste der
Heiligen, die Erde verlassen hatte. Er lag auf seiner rechten Seite, und
sein Antlitz lchelte. Sein Sohn Eleazar stand auf, ergriff seine Hnde mit
Kssen, und ich htte gern den Staub gegessen, den seine Fe berhrt
hatten. Alsdann kamen alle seine Freunde, um ihn zu beklagen; aber keiner
von ihnen konnte das Schweigen brechen. Aber endlich flossen ihre Thrnen.
Rabbi Eleazar warf sich dreimal auf die Erde und konnte nur die Worte
hervorbringen: Ach, mein Vater! mein Vater! Rabbi Hiah, der erste seiner
Schler, setzte sich zu seinen Fen und sprach: Bis heute hat die heilige
Leuchte nicht aufgehrt uns zu erleuchten und ber uns zu wachen, und jetzt
knnen wir nichts weiter thun, als ihm die letzten Ehren zu erzeigen. Rabbi
Eleazar und Rabbi Aba standen auf, um ihm sein Sterbekleid anzulegen;
alsdann versammelten sich seine Freunde klagend um ihn, und Wohlgerche
durchdufteten das ganze Haus. Er wurde auf die Bahre gelegt, und Rabbi
Eleazar verrichtete mit Rabbi Aba dies traurige Geschft. Als die Bahre
aufgehoben wurde, sah man ber Simons Antlitz einen feurigen Glanz in der
Luft. Darauf hrte man eine Stimme, welche sprach: Kommt und feiert die
Hochzeit des Rabbi Simon! -- So wurde Rabbi Simon, der Sohn des Jochai,
jeden Tag von dem Herrn geehrt, und sein Loos war glcklich in dieser und
der andern Welt. Er ist es, von dem gesagt wurde: Ruhe in Frieden nach
deinem Ende und erwarte deinen Gewinn am jngsten Tage![383]

Mag man nun auch ber den Wert dieser Stelle denken, wie man will, so giebt
sie uns doch einen Begriff von dem Ansehen, in welchem Simon ben Jochai bei
seinen Schlern stand, und von dem wahrhaft religisen Kultus, den die
ganze kabbalistische Schule mit seinem Namen trieb.

Zweifelsohne aber wird man in dem folgenden Text einen schlagenden Beweis
fr die von uns vertretene Meinung finden, obschon dieser Text noch nie,
weder in lterer noch in neuerer Zeit citiert wurde. Er sagt, nachdem er
zwei Klassen von Gelehrten, die der Mischna ($marei Mishna$), und die der
Kabbala ($marei kabbala$) unterschieden hat:

Er gehrt zu denen, von welchen der Prophet Daniel sagt: Die weisen Mnner
leuchten wie das Licht des Himmels. Es sind das diejenigen, welche sich mit
dem Buch des Lichtes beschftigen, das gleich der Arche Noah zwei aus
einer Stadt und sieben aus einem Knigreich in sich vereinigt. Aber
manchmal vereinigt sie weder zwei aus einer Stadt, noch zwei aus einer
Familie. Auf diese sind die Worte anwendbar: Der ganze Mensch wird in einen
Flu geworfen werden. Dieser Flu aber ist das Licht dieses Buches.[384]

Diese Worte erwhnen den Sohar, welcher demnach zu jener Zeit bereits
geschrieben und unter demselben Namen wie heute bekannt war. Wir sind also
zu dem Schlu gezwungen, da der Sohar whrend des Verlaufs mehrerer
Jahrhunderte durch die Arbeit verschiedener Generationen von Kabbalisten
entstand.

Es mge hier nicht in wrtlicher bersetzung, die zu viel Raum beanspruchen
wrde, wohl aber dem Inhalt nach eine durch ihre Beziehungen sehr wertvolle
Stelle folgen, welche beweist, da die Lehren Simon ben Jochais lange Zeit
nach seinem Tod in Palstina, wo er gelebt und gelehrt hatte, in Umlauf
waren, und da sogar von Babylon Abgesandte kamen, um seine Worte zu
sammeln. Rabbi Joseph und Rabbi Hesekiel waren eines Tages zusammen
unterwegs, als die Rede auf den Vers des Predigers Salomonis kam[385]:
Denn es gehet dem Menschen wie dem Vieh; wie dies stirbt, so stirbt er
auch, und haben alle einerlei Odem, und der Mensch hat nichts mehr denn das
Vieh. Die beiden Weisen konnten nicht begreifen, da Salomo, der weiseste
der Menschen, diese Worte geschrieben htte, welche, um mich des
Originalausdrucks zu bedienen, eine offene Thr fr die Unglubigen bilden.
Indem sie also sprachen, begegnete ihnen ein Mann, welcher -- von den
Anstrengungen des langen Weges und dem Sonnenbrand erschpft -- zu trinken
begehrte. Sie gaben ihm Wasser und fhrten ihn zu einer Quelle. Als sich
der Fremde gelabt hatte, teilte er ihnen mit, da er ihr Glaubensgenosse
sei, und da er durch die Vermittelung eines seiner Shne, der das Gesetz
studiert habe, in ihre Wissenschaft eingeweiht worden sei. Darauf legten
sie ihm die Frage vor, mit welcher sie sich vor seiner Ankunft beschftigt
hatten. Fr den von uns hier verfolgten Zweck ist die Mitteilung, wie er
sie auflste, berflssig; es genge, da er groen Beifall fand, und die
Rabbinen ihn nicht von sich lassen wollten. Kurze Zeit darauf hatten die
beiden Kabbalisten Gelegenheit sich zu berzeugen, da dieser Mann den
Freunden angehrte, mit welchem Namen der Sohar die Adepten der Kabbala
bezeichnet, und da er, obschon einer der grten Gelehrten seiner Zeit,
aus Demut seinem Sohn die Ehren zukommen lie, welche ihm allein gebhrten.
Er war von den Freunden zu Babylon abgesandt worden, um die Aussprche
des Simon ben Jochai und seiner Schler zu sammeln. -- Alle andern in
diesem Buch mitgeteilten Dinge tragen dieselbe Farbe und bewegen sich auf
dem gleichen Schauplatz. Noch wollen wir erwhnen, da auch oft andere
orientalische Glaubensstze, wie solche des Sabismus und Islam erwhnt
werden, da sich aber nicht die geringste Erwhnung des Christentums
findet, und es somit wahrscheinlich wird, da der Sohar in der gegenwrtig
vorliegenden Gestalt erst zu Ende des 13. Jahrhunderts nach Europa kam.
Einige der im Sohar enthaltenen Lehren waren, wie das Beispiel des Saadiah
beweist, schon lange bekannt, aber es scheint eine Thatsache zu sein, da
vor der Zeit des Moses von Leon und der Reise des Nachmanides nach dem
heiligen Land, kein vollstndiges Exemplar desselben nach Europa gekommen
ist. Was nun den Gedankeninhalt anlangt, so belehrt uns Simon ben Jochai
selbst, da derselbe nicht ihm entstammt, sondern da er seinen Schlern
nur lehrte, was die Freunde in alten Bchern niedergeschrieben hatten. Er
citiert hauptschlich Jeba den lteren und Hamnuna den lteren. Er hofft,
da in dem Augenblick, wo er die tiefsten Geheimnisse der Kabbala enthllen
will, ihm der Schatten des Hamnuna von sechzig Gerechten begleitet zuhren
werde. Ich bin von der Annahme weit entfernt, da diese Bcher und Personen
in der That ein so hohes Alter reprsentieren, sondern will nur darthun,
da die Verfasser des Sohar den Simon ben Jochai niemals als den Erfinder
der kabbalistischen Wissenschaft hinstellen wollten.

Eine andere Thatsache verdient jedoch unsere grte Aufmerksamkeit. Es gab
nmlich noch ber hundert Jahre nach dem Bekanntwerden des Sohars in
Spanien immer noch Leute, welche die kabbalistischen Lehren durch mndliche
Tradition berlieferten und berliefert erhalten hatten, wie z.B. Rabbi
Moses Botril, welcher sich im Jahre 1409 ber die Kabbala und die
Vorsichtsmaregeln, unter denen sie zu lehren sei, folgendermaen uert:

Die Kabbala ist nichts als die reinste und heiligste Philosophie; aber die
Sprache der Philosophie ist nicht die der Kabbala. Dieselbe trgt ihren
Namen, nicht weil sie von Vernunftschlssen ausgeht, sondern weil sie durch
die Tradition berliefert wird. Und wenn ein Lehrer ihren Inhalt seinem
Schler berliefert hat und nicht das gengende Vertrauen in dessen
Weisheit setzt, so wird diesem nicht eher erlaubt, von dieser Wissenschaft
zu sprechen, als bis er von seinem Meister dazu autorisiert worden ist.
Dieses Recht wird ihm gewhrt, d.h. er darf ber die Merkaba sprechen,
wenn er gengende Proben seiner Intelligenz gegeben hat, und wenn die in
seinen Busen gestreuten Samenkrner Frucht getragen haben. Man mu ihm aber
Stillschweigen auferlegen, wenn man in ihm nur einen profanen Menschen
erkannt hat, welcher noch nicht zu denjenigen gehrt, die sich durch ihre
Meditationen auszeichnen.

Der Verfasser dieser Zeilen ignoriert den Namen des Sohar, welcher auch
nicht ein einziges Mal in seinem Werk genannt wird. Auf der anderen Seite
nennt er aber eine groe Anzahl sehr alter dem Orient angehriger
Schriftsteller, wie Rabbi Saadiah, Rabbi Hai und Rabbi Aron, das Oberhaupt
der Schule von Babylon. Manchmal spricht er auch davon, da er seine
Weisheit aus dem Munde seines Meisters habe, weshalb nicht anzunehmen ist,
da er seine kabbalistischen Kenntnisse aus den von Nachmanides und Moses
von Leon verffentlichten Manuskripten geschpft habe. Das System des Simon
ben Jochai ist aber vor Anfang des 13. Jahrhunderts der berhmteste
Vertreter der kabbalistischen Philosophie, das treu aufbewahrt und in einer
Menge von Traditionen fortgepflanzt wurde, welche die Einen
niederschrieben, whrend die andern nach dem Brauch ihrer Vter vorzogen,
es in ihrem Gedchtnis zu behalten. Im Sohar selbst finden sich nur die
Traditionen, welche dem ersten bis siebenten christlichen Jahrhundert
entstammen, ohne da wir jedoch dadurch gentigt wrden, die Abfassung des
Sohars in jene Zeit zurckzuversetzen. Wohl aber entstammen ihr die
einander so hnlichen und durch den gleichen Geist verbundenen Traditionen,
denn damals kannte man schon, wie wir bereits sahen, die Merkaba, d.h. den
Teil der Kabbala, mit welchem sich der Sohar ganz besonders beschftigt;
und Simon ben Jochai hatte, wie er selbst sagt, Vorlufer. Wir knnen
unmglich die Entstehung dieser Traditionen in eine uns nahe liegende Zeit
verlegen, da kein einziger Umstand dafr spricht; im Gegenteil stehen den
der unsern entgegengesetzten Meinungen unberwindliche Hindernisse
entgegen, unter welchen die von uns angefhrten Grnde nicht die geringsten
sein drften.

Es bleiben nun noch zwei Einwrfe zu widerlegen. Man hat eingewendet, da
man whrend eines so frhen Zeitalters, in welchem unserer Ansicht nach das
Hauptmonument des kabbalistischen Systems entstanden ist, unmglich das
Copernikanische System, die Grundlage unserer Weltanschauung, gekannt haben
knne, welche Kenntnis zweifelsohne aus der von uns oben citierten Stelle
hervorgeht. Wir entgegnen darauf, da auf alle Flle, selbst wenn der Sohar
eine am Schlu des 13. Jahrhunderts begangene Flschung wre, die
betreffende Stelle doch lange vor der Geburt des groen preuischen
Astronomen bekannt gewesen ist. Auch war diese Weltanschauung schon im
klassischen Altertum bekannt, weil Aristoteles dieselbe der pythagorischen
Schule zuschreibt. Er sagt[386]:

Fast Alle, die den Lauf des Himmels erforscht zu haben, versichern, nehmen
an, da sich die Erde im Mittelpunkt desselben befindet; aber die
Philosophen der italischen Schule oder die Pythagorer lehren gerade das
Gegentheil davon. Nach ihrer Meinung nimmt das Feuer die Mitte ein, und die
Bewegung der Erde um dasselbe bringt Tag und Nacht hervor.

Die ersten Kirchenvter haben in ihren Angriffen gegen die heidnische
Philosophie diese mit der Genesis unvereinbare Weltanschauung widerlegen zu
mssen geglaubt, und Lactanz sagt ber dieselbe:

+Ineptum credere esse homines quorum vestigia sint superiora quam capita,
aut ibi quae apud nos jacent inversa pendere; fruges et arbores deorsum
versus crescere. -- Hujus erroris origenem philosophis fuisse quod
existimarint rotundum esse mundum.+[387]

Der heilige Augustin drckt sich ber denselben Gegenstand mit hnlichen
Worten aus.[388] Endlich aber hatten die ltesten Autoren der Gemara
Kenntnis von den Antipoden und der sphrischen Form der Erde, denn man
liest im jerusalemitischen Talmud[389], da Alexander der Groe auf seinem
Eroberungszug gelernt habe, die Erde sei rund, und da sie recht gut mit
einem Ball verglichen werden knne. Der gegen uns sprechen sollende Umstand
spricht also thatschlich fr uns, denn im Mittelalter war das wahre
Weltsystem nur sehr wenigen bekannt, whrend das falsche des Ptolemus
unbeschrnkt herrschte.

Man knnte sich auch darber wundern, da in dem von uns fr den ltesten
gehaltenen Teil des Sohar, der Idra Rabba oder groen Versammlung,
medizinische Kenntnisse anzutreffen sind, die einer sehr vorgeschrittenen
Civilisation anzugehren scheinen. Hier findet sich z.B. folgende
bemerkenswerte Stelle, welche einem modernen Lehrbuch der Anatomie
entnommen sein knnte[390]:

Das Hirn inmitten des Schdels wird in drei Theile getheilt, deren jeder
einen gesonderten Platz einnimmt. Zu uerst ist es mit einer sehr zarten
Haut bedeckt, auf welche eine harte Haut folgt. Aus der Mitte dieser drei
Theile des Gehirns verbreiten sich zweiunddreiig Kanle auf beiden Seiten
durch den ganzen Krper, so da sie den Krper in allen Punkten umfassen
und sich durch alle Theile erstrecken.

Es ist unmglich, in diesen Worten sowohl die Hirnhute mit der
Marksubstanz als die zweiunddreiig Nervenpaare zu verkennen, welche sich
symmetrisch durch den Krper verteilen, um dem ganzen animalischen Haushalt
Leben und Empfindung zuzufhren. Dabei ist jedoch zu bemerken, da der
religise Zwang der Speisegesetze und die Furcht, etwas Unreines zu
genieen, die Juden schon sehr frh zum Studium der Naturgeschichte und
Anatomie fhren mute. So giebt es im Talmud eine Vorschrift, da der Genu
des Fleisches derjenigen Tiere verboten sei, deren Gehirnhute durchbohrt
sind. Jedoch sind die Meinungen ber diese Vorschrift geteilt. Einige
nehmen an, da das Verbot nur dann gelte, wenn beide Hute, andere dagegen,
wenn nur die +dura mater+ verletzt sei. Wieder andern gengt schon eine
Trennung des Zusammenhangs der beiden Hute.[391] In demselben Traktat ist
auch vom Rckenmark und seinen Huten die Rede, wozu bemerkt sei, da es um
die Mitte des zweiten Jahrhunderts unter den Juden bereits rzte von Beruf
gab, denn im Talmud wird erzhlt[392], da Judas, der Verfasser der
Mischna, whrend dreizehn Jahre an einer Augenkrankheit litt, und da sein
Arzt Rabbi Samuel, einer der eifrigsten Verteidiger der Tradition war,
welcher auer der Medizin noch das Studium der Astronomie und Mathematik
betrieb, und von dem man zu sagen pflegte, da er die Bahnen des Himmels
gleich den Straen von Nehardea, seiner Vaterstadt, kannte.

Wir beenden hiermit die bibliographischen Bemerkungen und die uere
Geschichte der Kabbala, deren Bcher nicht, wie die Enthusiasten wollen,
bernatrlichen und vorgeschichtlichen Ursprungs sind. Sie sind aber auch
nicht, wie eine oberflchliche und parteiische Kritik will, die Erzeugnisse
des Betrugs und der schmutzigen Spekulation eines vom Hunger getriebenen
Charlatans, welcher ohne eigene Idee und berzeugung auf eine stupide
Glubigkeit rechnet. Die Bcher Jezirah und Sohar sind, wir sagen es noch
einmal, die Erzeugnisse mehrerer Generationen. Sei nun auch der Wert ihrer
Lehren, welcher er wolle, so verdienen sie doch als Monumente des freien
Denkens zu einer Zeit, wo der religise Despotismus mit bleiernem Druck auf
den Vlkern lastete, alle Ehrfurcht. Aber das ist nicht der Hauptgrund
unseres Interesses, sondern der Umstand, da ihr System einen der
wichtigsten Marksteine in der Geschichte des menschlichen Denkens bildet.




Viertes Kapitel.

Die Lehren der kabbalistischen Bcher. -- Analyse des Sepher Jezirah.


Die beiden Bcher, welche wir ungeachtet des Aberglaubens auf der einen und
des Skepticismus auf der andern Seite als wahre Monumente der Kabbala
erkannt haben, sollen uns allein das Material zu unserer Darstellung der
kabbalistischen Lehren liefern, wobei es jedoch nicht selten die Dunkelheit
der Texte ntig machen wird, da wir uns der Kommentare bedienen, denn die
zahllosen, ohne Auswahl und Unterschied zu den verschiedensten Zeiten
zusammengestellten Fragmente, aus denen diese Bcher bestehen, sind weit
davon entfernt, einen einheitlichen Charakter zur Schau zu tragen. Einige
von ihnen enthalten nichts als ein mythologisches System, dessen
wesentliche Elemente sich bereits im Buche Hiob und den Visionen des
Jesaias finden; sie belehren uns mit der grten Ausfhrlichkeit ber die
Attribute der Engel und Dmonen und entsprechen zu sehr uralten
volkstmlichen Anschauungen, um einer Wissenschaft anzugehren, welche seit
ihrem Entstehen als ein schreckliches und unverletzbares Geheimnis galt.
Andere und zweifelsohne die am sptesten entstandenen enthalten so
knechtische Ideen und einen so ausgesprochenen Pharisismus, da man in
ihnen nur talmudistische Ideen sehen kann, welche Stolz und Unwissenheit
mit den Anschauungen jener berhmten Sekte vermischte, mit deren bloen
Namen schon eine wahre Gtzendienerei getrieben wurde. Die bei weitem
meisten Fragmente jedoch lehren uns den wahren Glauben der alten
Kabbalisten, und sie bilden die Quelle, aus welcher -- mehr oder weniger
von der Philosophie ihrer Zeit beeinflut -- bis auf die Gegenwart deren
Schler und Nachfolger geschpft haben. Wir bemerken jedoch, da unsere
eben aufgestellte Klassifikation nur den Sohar angeht. Was dagegen das
Buch der Schpfung betrifft, so ist dasselbe, obschon es keinen groen
Umfang besitzt und unsern Geist nicht zu schwindelnden Hhen emporhebt,
doch von einer durchaus gleichmigen Komposition und einer seltenen
Originalitt. Die Wolken, mit denen dasselbe die Imagination seiner
Kommentatoren umgeben zu mssen geglaubt hat, werden sich ganz von selbst
zerstreuen, wenn wir, anstatt in ihm die Geheimnisse einer
unaussprechlichen Weisheit zu suchen, nichts anderes darin zu finden hoffen
als die Anstrengungen, welche die Vernunft im Augenblick ihres Erwachens
macht, um den Plan des Universum und das Band zu erkennen, welches ein
gemeinsames Grundprinzip mit den Elementen verbindet und vereinigt.

Die Bibel und jedes andere religise Denkmal sttzt sich nur auf die
Gottesidee und macht sich zum Interpreten des gttlichen Willens und
Gedankens, wenn sie uns die Welt und die sich auf derselben abspielenden
Vorgnge zu erklren versucht. Dies geschieht in der Genesis, wo wir auf
den gttlichen Befehl hin das Licht aus der Finsternis hervorbrechen sehen.
Als Jehova aus dem Chaos Himmel und Erde geschaffen hatte, betrachtete er
sein Werk und fand es seiner wrdig; darum heftete er zur Erleuchtung der
Erde dem Firmament die Sonne, den Mond und die Sterne an. Dann blst er dem
Staub einen lebenden Odem ein und lt aus seinen Hnden das letzte und
schnste der Geschpfe hervorgehen, welches er nach seinem Bilde geschaffen
hatte. In dem Werk dagegen, das wir jetzt analysieren wollen, wird gerade
der umgekehrte Weg eingeschlagen, und gerade das erste Vorkommen dieses
Unterschiedes ist fr die Geschichte des jdischen Volkes sehr bezeichnend,
denn auf diese Weise erhebt es sich durch die Betrachtung der Welt zur
Gottesidee, indem durch die das Weltall durchziehende Einheit gleichzeitig
die Einheit und Weisheit des Schpfers dargethan wird. Dies ist der Grund,
weshalb unser Buch eigentlich nichts anderes als ein dem Erzvater Abraham
in den Mund gelegter Monolog ist, dem Betrachtungen untergeschoben werden,
welche den Kultus der Gestirne durch den des Ewigen ersetzen sollen. Da
der von uns gekennzeichnete Charakter des Sepher Jezirah sich mit voller
Evidenz ergiebt, geht schon aus einer sehr markanten Stelle eines
Schriftstellers des zwlften Jahrhunderts hervor. Rabbi Jehuda Halevi sagt
nmlich:

Das Buch Jezirah lehrt uns das Dasein eines einzigen Gottes, indem es uns
in der Verschiedenheit und Vielheit die Gegenwart der Einheit und Harmonie
zeigt, welche bereinstimmung nur von einem einzigen Anordner herrhren
kann.

Bisher entspricht das Buch Jezirah vllig den Ansprchen der Vernunft; aber
weiterhin macht es, anstatt die im Universum herrschenden Gesetze zu
ergrnden, um aus ihnen die Weisheit und den Plan des Schpfers darzulegen,
Anstrengungen, um eine grobe Analogie zwischen den Dingen und Zeichen des
gttlichen Gedankens und den Mitteln, durch welche sich die gttliche
Weisheit den Menschen kundgiebt, aufzusuchen. Wir mssen jedoch, ehe wir
weiter gehen, bemerken, da der Mysticismus aller Zeiten und
Erscheinungsformen ein bertriebenes Gewicht darauf gelegt hat, da er eine
freie Offenbarung der gttlichen Intelligenz, und da die heilige Schrift
kein menschliches Erzeugnis, sondern ein Geschenk der Offenbarung sei.

Das Buch Jezirah sucht dies durch die zweiundzwanzig Buchstaben des
hebrischen Alphabets darzuthun, dessen ersten zehn Buchstaben, indem sie
ihren eigenen Wert behalten, den Ausdruck der brigen bilden. Unter einem
Gesichtspunkt vereinigt, bilden diese beiden Klassen von Zeichen die
zweiunddreiig wunderbaren Wege der Weisheit, durch welche, wie der Text
sagt, der Ewige, der Herr der Heerschaaren, der Gott Israels, der lebendige
Gott, der Knig des Weltalls, der Gott der Barmherzigkeit und Gnade, der
hchste Gott, welcher in Ewigkeit herrscht, der ber alles Erhabene und
Allerheiligste seinen Namen gegrndet hat.

Mit diesen zweiunddreiig Wegen der Weisheit darf man nicht die auf ganz
andere Dinge bezglichen Haarspaltereien der neueren Kabbalisten
verwechseln; man mu im Gegenteil drei Formen annehmen, die sich --
allerdings in einem dem Zweifel unterworfenen Sinn -- an drei Ausdrcke
anpassen, welche jedoch -- wenigstens ihrem grammatikalischen Ursprung nach
-- eine groe hnlichkeit mit dem haben, was die griechische Philosophie
das Subjekt, das Objekt und den Akt des Denkens nennt. Wir haben oben
dargelegt, da diese Worte nicht im Text enthalten sind; jedoch drfen wir
nicht verschweigen, da ein angesehener spanischer Schriftsteller[393]
diesen Sinn in einer den Gesetzen der Etymologie nicht widersprechenden
Weise im Jezirah zu finden glaubt. Er sagt:

Durch den ersten dieser drei Ausdrcke (+Sephar+) will man die Zahlen
bezeichnen, welche uns allein in den Stand setzen, die Dispositionen und
Proportionen abzuschtzen, welche jeder Gegenstand nthig hat, um das Ziel
und den Zweck zu erreichen, zu welchem er geschaffen ist; das Ma seiner
Lnge, seines Inhalts, seines Gewichtes, seiner Bewegung und Harmonie:
alles ist durch die Zahl geregelt. Der zweite Ausdruck (+Sipur+) bedeutet
das Wort oder die Stimme, weil durch das gttliche Wort oder die Stimme des
lebendigen Gottes alle Wesen in ihrer innern und uern Form geschaffen
sind, und worauf die Worte anspielen: 'Gott sprach: es werde Licht, und es
ward Licht.' Der dritte Ausdruck endlich (+Sepher+) bedeutet die Schrift;
die Schrift Gottes oder das Werk der Schpfung; das Wort Gottes ist seine
Schrift, und der Gedanke Gottes sein Wort. So sind bei Gott Gedanke, Wort
und Schrift Eins, whrend sie beim Menschen Drei sind.

Diese Erklrung charakterisiert und veredelt sehr schn das bizarre System,
welche den Gedanken mit allgemeinen Symbolen zusammenwirft, um ihn
gewissermaen in der Gesamtheit und Vielheit der Schpfung sichtbar zu
machen.

Unter dem Namen der Sephiroth, welche in der Kabbala eine so groe Rolle
spielen und im Buche Jezirah zuerst genannt werden, versteht man die zehn
abstrakten Zahlen oder Numerationen. Sie reprsentieren die allgemeinen und
essentiellen Formen der Dinge oder, wenn ich mich so ausdrcken darf, der
Kategorien des Weltalls, denn wenn man nach der Kabbala -- von welchem
Gesichtspunkt aus es auch sei -- die ersten Elemente oder unverletzlichen
Grundlagen der Welt sucht, so begegnet man stets der Zahl Zehn.

Es giebt zehn Sephiroth, heit es im Buche Raziel, zehn und nicht neun,
zehn und nicht elf. Du mut sie mit deinem Verstand und deiner Einsicht zu
begreifen suchen und an ihnen bestndig deine Forschung, deine Spekulation,
dein Wissen, dein Denken und deine Imagination ben. La die Dinge auf
ihrem Urgrund beruhen und halte den Schpfer fr denselben.

Mit andern Worten: das Walten Gottes und die Existenz der Welt erscheinen
in den Augen des Verstandes unter der abstrakten Gestalt von zehn Zahlen,
deren jede etwas Unendliches reprsentiert, sei es bezglich der
Ausdehnung, der Dauer oder irgend welcher andern Eigenschaft. Dies scheint
wenigstens der Sinn folgender Stelle[394] zu sein:

Fr die zehn Sephiroth giebt es kein Ende, weder in der Zukunft, noch in
der Vergangenheit, weder im Guten noch im Bsen, weder in der Hhe, noch in
der Tiefe, weder im Osten noch im Westen, weder im Sden, noch im Norden.

Es verdient bemerkt zu werden, da hier das Unendliche in zehnerlei
Hinsicht betrachtet wird, weshalb wir aus dieser Stelle nicht allein den
allgemeinen Charakter der Sephiroth, sondern auch die mit ihnen
korrespondierenden Prinzipien und Elemente kennen lernen. Alle diese
paarweise einander gegenbergestellten Gesichtspunkte entsprechen jedoch
einer einzigen Idee und einem einzigen Unendlichen, denn es heit[395]:

Die zehn Sephiroth sind wie die Finger der Hand der Zahl nach zehn, fnf
gegen fnf, aber zwischen ihnen hindurch zieht sich das Band der Einheit.

Diese Worte besttigen unsern Ausspruch:

Diese Auffassung der zehn Sephiroth, ohne tiefer auf ihre Beziehungen zu
den ueren Dingen einzugehen, hat einen eminent abstrakten und
metaphysischen Charakter. Wollten wir hier eine genauere Untersuchung
anstellen, so wrden wir die Kategorien der Dauer und des Raumes in einer
gewissen unabnderlichen Ordnung dem Unendlichen und der absoluten Einheit
unterworfen sehen, ohne welche es selbst in der sinnlichen Sphre weder
Gutes noch Bses geben wrde. Jedoch geben wir hier eine scheinbar dem
Sinnlichen etwas mehr Rechnung tragende Darstellung der zehn Sephiroth:

Die erste der Sephiroth, Eins, ist der Geist des lebendigen Gottes.
Gelobt sei sein Name; gelobt sei der Name dessen, der da lebt in Ewigkeit!
Der Geist, die Stimme, das Wort, der heilige Geist.

Zwei ist der vom Geist ausgehende Hauch; in ihm sind die zweiundzwanzig
Buchstaben, welche jedoch zusammen nur einen Hauch bilden, eingegraben und
ausgeprgt.

Drei ist das vom Geist oder Hauch kommende Wasser. Im Wasser ergrndete er
die Finsterni und Leere; im Wasser bildete er die Erde und den Thon und
spannte sie gleich einem Teppich aus, geformt wie eine Mauer und mit einem
Dach bedeckt.

Vier ist das vom Wasser kommende Feuer, woraus der Ewige den Thron seines
Ruhmes, die himmlischen Rder (+Ophanim+), die Seraphim und dienstbaren
Engel bildete. Mit diesen Dreien erbaute der Himmlische seine Wohnung, wie
denn geschrieben steht: Er macht die Winde zu seinen Boten und die
Feuerflammen zu seinen Dienern.

Die sechs folgenden Zahlen reprsentieren die vier Enden der Welt oder die
Kardinalpunkte des Himmels, die Hhe und die Tiefe. Die Enden der Welt
gelten auch als die Embleme der Kombinationen, welche aus den drei ersten
Buchstaben des Wortes $YHWH$ gebildet werden knnen.

An Stelle der verschiedenen Punkte des Raumes, welche angenommen werden,
aber nicht reell existieren, kann man die verschiedenen Elemente, aus denen
die Welt zusammengesetzt ist, substituieren, die, dem Ewigen entspringend,
um so materieller werden, je mehr sie sich von ihrem Urquell entfernen.
Hier haben wir die dem populren Glauben, da die Welt aus nichts
geschaffen sei, entgegengesetzte Emanationslehre. Folgende Worte setzen
dies auer allem Zweifel:

Das Ende der Sephiroth ist mit ihrem Anfang verbunden, wie die Flamme mit
dem Brand, denn der Herr ist ein einiger Herr, und es giebt keinen andern.
Und was sind in Gegenwart des Einigen Namen und Zahlen?[396]

Um uns nicht vergessen zu lassen, da hier ein groes Geheimnis verborgen
ist, heit es sogleich weiter:

Schliee deinen Mund, damit du nicht davon redest, und dein Herz, da es
nicht darber nachdenke; und ist es dir entschlpft, so bringe es zurck,
denn deshalb wurde der Bund geschlossen.[397]

Ich fge hinzu, da diese letzten Worte auf einen Eid anspielen, welchen
die Kabbalisten schwuren, um ihre Lehren der groen Menge zu verbergen. Was
die erste Stelle anlangt, so wird der in ihr enthaltene einfache Vergleich
sehr hufig im Sohar wiederholt, und wir werden ihn dort sowohl auf die
Seele als auf Gott angewendet und ausgedehnt wiederfinden. Wir fgen hinzu,
da zu allen Zeiten und in allen Sphren des Seins, sei es im innern
Bewutsein, sei es in der uern Natur, die Schpfung auf dem Wege der
Emanation mit den Ausstrahlungen des Lichts oder der Flamme verglichen
wurden.

Mit dieser Theorie verbindet sich eine andere von uerst beachtungswertem
Charakter, nmlich die, welche das gttliche Wort mit dem heiligen Geist
identificiert und es nicht nur als absolute Form, sondern als das zeugende
Element und die Substanz des Weltalls betrachtet. Es ist in der That nichts
weiter als die Lehre des Onkelos, welcher, um den Anthropomorphismus zu
vernichten, an die Stelle der Persnlichkeit Gottes, welcher uns in der
Bibel in menschlicher Gestalt entgegentritt, den Gedanken oder die
gttliche Inspiration setzt. Auch in unserm vorliegenden Buch wird in
klarer und conciser Sprache gesagt, da der heilige Geist oder der Geist
des lebendigen Gottes und die Stimme oder das Wort ein und dasselbe ist; es
nimmt nach und nach je nach der Entfernung von seinem Ursprung eine immer
materiellere Gestalt an und wird schlielich, um in der Sprache des
Aristoteles zu reden, das materielle Prinzip der Dinge. Es ist das Welt
gewordene Wort, denn wir mssen uns ins Gedchtnis zurckrufen, da im
Buche Jezirah nur von der Welt, nicht aber vom Menschen und von der
Menschheit die Rede ist.

Die Betrachtungen ber die zehn Zahlen nehmen einen groen Raum des Buches
der Schpfung ein, und man bemerkt leicht, da sie sich auf das Weltall
im allgemeinen, mehr auf die Wesenheit als auf die Form beziehen. Man
vergleicht sie mit den verschiedenen Teilen des Weltalls und sucht sie auf
ein gemeinsames Grundprinzip und Grundgesetz zurckzufhren. Ihre Basis
bilden die zweiundzwanzig Buchstaben des hebrischen Alphabets, welche als
uerliche Zeichen der Ideen eine ungemein groe Rolle spielen. Betrachten
wir dieselben nach ihrem Klang oder Laut, so stehen sie sozusagen auf der
Schwelle der intellektuellen und physischen Welt, denn einesteils werden
sie durch ein materielles Element, durch die Luft oder den Hauch
hervorgebracht, whrend sie andererseits die von der Sprache untrennbaren
Zeichen und somit die einzig mgliche und unvernderliche Form des Geistes
sind. Auch lassen weder der Inhalt des ganzen Systems noch der
buchstbliche Sinn eine andere Deutung der bereits oben citierten Worte zu:

Die Zahl Zwei (oder das zweite Prinzip des Weltalls) ist der vom Geist
ausgehende Hauch; in ihm sind die zweiundzwanzig Buchstaben, welche
zusammen nur einen Hauch bilden, eingegraben und ausgeprgt.

Also spielen hier infolge einer bizarren, aber keineswegs einer gewissen
Gre entbehrenden Kombination die Grundelemente der Sprache, die
Buchstaben, eine hnliche Rolle wie die Ideen Platos.

Infolge ihrer Gegenwart und ihres Eindruckes auf die Dinge erkennt man in
allen Teilen des Alls das Walten einer hchsten Intelligenz, und durch ihre
Vermittelung offenbart sich der heilige Geist in der Natur. Nur dies ist
der Sinn folgender Stelle:

Gott schuf die Seele alles dessen, was ist und sein wird, durch die
zweiundzwanzig Buchstaben, indem er ihnen Form und Figur gab und sie auf
die verschiedenste Weise kombinierte. Auf dieselben Buchstaben hat der
Allerheiligste, gebenedeit sei er, seinen erhabenen und unaussprechlichen
Namen gegrndet.

Die Buchstaben werden in drei Klassen geteilt, nmlich in drei Mtter,
sieben doppelte und zwlf einfache Buchstaben. Es ist fr unsern Zweck ohne
Belang, dem Grund dieser sonderbaren Einteilung hier nachzuspren: es sei
nur bemerkt, da man +per fas et nefas+ die Drei, Sieben und Zwlf im
Naturleben wiederfinden will, nmlich: 1.in der allgemeinen Einteilung der
Welt; 2.in der Einteilung des Jahres und 3.im Bau des Menschen. -- Wir
finden hier, wenn auch nicht ausdrcklich ausgesprochen, die Idee des
Makrokosmus und Mikrokosmus, oder den Glauben, da der Mensch -- so zu
sagen -- das Bild oder das Resum des Weltalls sei.

Hinsichtlich der allgemeinen Zusammensetzung der Welt reprsentieren die
Mtter oder die Zahl Drei die Elemente Wasser, Luft und Feuer. Das Feuer
ist die Substanz des Himmels, und das Wasser wurde, indem es sich
verdichtete, die der Erde. Zwischen diesen einander feindlichen Elementen
befindet sich die Luft, welche sie trennt, verbindet und beherrscht.[398]
Bei der Einteilung des Jahres in die Jahreszeiten begegnen wir der gleichen
Signatur: dem Sommer entspricht das Feuer, dem Frhling, der Regenzeit des
Orients, das Wasser, und dem gemigten Herbst die Luft. Im Bau des
menschlichen Krpers entspricht die Drei dem Kopf, dem Herzen oder der
Brust und dem Magen oder dem Unterleib, welche Teile ein neuerer Arzt den
Dreifu des Lebens genannt hat. Die Dreizahl erscheint hier wie in allen
mystischen Kombinationen als etwas so notwendiges, da man sie auch zum
Symbol des moralischen Menschen gemacht hat, bei welchem das Buch Jezirah
die Ebene des Verdienstes, die Ebene der Schuld und den zwischen beiden
stehenden Wegweiser des Gesetzes unterscheidet.

Die sieben doppelten Buchstaben reprsentieren die Gegenstze oder
wenigstens Dinge, welche zueinander entgegen gesetzten Zwecken dienen
knnen. Es sind zunchst die sieben Planeten, deren Einflu bald gut und
bald bse ist, ferner die sieben Tage und Nchte der Woche und die sieben
Pforten des Krpers, nmlich die Augen, Ohren, Nasenlcher und der Mund.
Endlich giebt es siebenerlei Glcks- und Unglcksflle, welche dem Menschen
zustoen knnen. Wie man jedoch sieht, ist diese Einteilung eine sehr
willkrliche, und wir haben ein lngeres Verweilen bei derselben nicht
ntig.

Die zwlf einfachen Zahlen, von denen wir noch reden mssen, entsprechen
den zwlf Zeichen des Tierkreises, den zwlf Monaten des Jahres, den
Hauptgliedern des menschlichen Krpers und den wesentlichsten Verrichtungen
des menschlichen Organismus, nmlich: dem Gesicht, dem Gehr, dem Geruch,
der Sprache, der Ernhrung, der Zeugung, des Gefhls, der Bewegung, des
Zorns, des Lachens und des Schlafes.[399] -- Wir sehen hier den Geist der
Untersuchung bei seinem Erwachen und brauchen uns weder ber seine
kindliche Forschungsweise noch die Resultate zu verwundern, die eben seine
Originalitt beweisen.

Die durch die Buchstaben des Alphabets dargestellte materielle Form der
Intelligenz ist gleichzeitig die Form alles Seienden, denn auer dem
Menschen, dem Universum und der Zeit ist nichts als das Unendliche denkbar;
deshalb nennen die Glubigen jene drei die Zeugen der Wahrheit[400].
Jedes von ihnen ist ungeachtet der zu beobachtenden Verschiedenheit ein
System, welches ein Centrum und gewissermaen eine Hierarchie besitzt:

Denn, sagt der Text, die Einheit herrscht ber die Drei, die Drei ber die
Sieben, und die Sieben ber die Zwlf; aber ein jeder Teil des Systems ist
von dem andern untrennbar.[401]

Das Universum hat den himmlischen Drachen[402] als Centrum; das Herz ist
das Centrum des Menschen, und der Lauf der Himmelszeichen die Basis des
Jahres. Das Erste, sagt der Text, gleicht einem Knig auf seinem Thron,
das Zweite einem Knig inmitten seiner Unterthanen, und das Dritte einem
Knig in der Schlacht.[403] Ich glaube, da man durch diesen Vergleich die
vollkommene im Weltall herrschende Regelmigkeit und die Gegenstze
bezeichnen will, welche im Menschen walten, ohne seine Einheit zu
vernichten. Der Text sagt, da die zwlf Hauptglieder des menschlichen
Krpers einander gewissermaen in Schlachtordnung gegenberstehen; drei
dienen der Liebe, drei dem Ha, drei geben das Leben und drei den Tod. --
Dem Guten steht das Bse gegenber, und das Bse erzeugt nur Bses, wie das
Gute nur Gutes. ber diese drei Reiche, ber den Menschen, das Universum
und die Zeit sowohl als ber die Buchstaben und Sephiroth ist der Herr
erhaben, welcher in seiner Heiligkeit thront und herrscht von Ewigkeit zu
Ewigkeit.

Auf diese Worte folgt der Schlu des Buches in einer Art dramatischen
Lsung des Ganzen, worin Abraham vom Gtzendienst zur Religion des wahren
Gottes bekehrt wird.

Das letzte Wort des kabbalistischen Systems ist die Ersetzung jeder Art
eines Dualismus durch die absolute Einheit: so des Dualismus der
heidnischen Philosophie, welche im Stoff eine ewige Substanz erblickt,
deren Gesetze sich nicht stets im Einklang mit dem gttlichen Willen
befinden; so aber auch des Dualismus der Bibel, welche im
Schpfungsgedanken wohl die Idee des gttlichen Willens erfat und
folgegem im unendlichen Sein die einzige Ursache und den einzigen realen
Ursprung der Welt erblickt, die aber doch die Gottheit und die Welt als
zwei absolut verschiedene Dinge auffat. Im Sepher Jezirah wird dagegen
Gott als das unendliche Sein und infolgedessen als undefinierbar erklrt;
Gott steht nach unserm Text in aller Gre seines Wesens und seiner Macht
ber und nicht unter der Mglichkeit, ihn durch Zahlen und Buchstaben
auszudrcken, oder durch irgendwelche unserer Vernunft begreifbare Gesetze
des Weltalls. Jedes weltliche Element hat seine Quelle in einem hheren
Element, deren gemeinsamer Ursprung das Wort oder der heilige Geist ist. Im
Wort finden wir auch die unvernderlichen Zeichen des Gedankens, welche
sich in jeder Sphre des Seins wiederholen und berall die bestimmte
Absicht des Schpfers durchblicken lassen. Und ist dieses Wort, die erste
der Zahlen, das erhabenste aller Dinge, die wir wahrnehmen und definieren
knnen, nicht die hchste und absoluteste Offenbarung Gottes oder des
Denkens der hchsten Intelligenz? Also ist Gott im tiefsten Sinn und in der
hchsten Bedeutung der Stoff und die Form des Weltalls, denn nichts kann
ohne ihn existieren, seine Wesenheit ist die Grundwesenheit der Dinge, die
alles erfllt, und alle Dinge sind nur ihr Symbol.

Diese scheinbar so verwegene Folgerung ist die Grundlage der Lehren des
Sohar, welcher jedoch einen dem Buche Jezirah vllig entgegengesetzten Weg
einschlgt. Denn, anstatt sich nach und nach durch Vergleichung der Formen
der Einzelheiten mit denen ihnen bergeordneten emporzuschwingen,
beschftigt er sich sogleich mit dem hchsten Prinzip, mit der universellen
Form und der absoluten Einheit, welche er stets als ein unberhrbares Axiom
betrachtet.

Man knnte allerdings das den Gedankengang der beiden Bcher verbindende
Band durch die Art und Weise der Darstellung zerrissen betrachten, obschon
in ihnen ein wesentlich synthetischer Charakter vorherrscht. Aber
nichtsdestoweniger beginnt der Sohar dort, wo das Buch Jezirah aufhrt.

Eine zweite sehr bemerkenswerte Verschiedenheit trennt diese beiden
Monumente und erklrt sich durch ein allgemeines Gesetz des menschlichen
Geistes: den Zahlen und Buchstaben knnen wir nmlich die innern Formen,
die unvernderlichen Konzeptionen des Denkens, mit einem Wort die Ideen in
ihrer edelsten und weitesten Bedeutung substituieren. Das gttliche Wort,
anstatt sich ausschlielich in der Natur zu manifestieren, erscheint uns
vor allem im Menschen und in der Intelligenz und wird insofern als der
urbildliche oder himmlische Mensch, $Adam kadmon$, bezeichnet. Endlich aber
wrde, wie wir noch sehen werden, in gewissen Fragmenten von hohem Alter
die absolute Einheit oder der Gedanke nicht als die Universalsubstanz
bezeichnet und die regelmige Entwickelung dieser Potenz nicht an die
Stelle der ziemlich groben Emanationstheorie gesetzt werden.

Diese Transformation des Symbols zur Idee, welche die Kabbala vornimmt,
wiederholt sich bei allen groen religisen und philosophischen Systemen,
und es genge hier, an dieser allgemeinen Thatsache die Beziehungen des
Sepher Jezirah zu denselben dargethan zu haben.




Fnftes Kapitel.

Analyse des Sohar. -- Die allegorische Methode der Kabbalisten.


Da die Autoren, aus deren Arbeiten der Sohar entstand, ihre Ideen in der
einfachsten und einer sehr wenig logischen Form darstellten, nmlich in der
eines Kommentars zu den fnf Bchern Mosis, so knnen wir, ohne die ihnen
schuldige Achtung zu verletzen, unsere Darstellung nach der uns am
geeignetsten scheinenden Weise einrichten. Und zwar mssen wir zunchst
ihre Methode der Schriftauslegung betrachten, deren Basis der symbolische
Mysticismus ist. Ihr Urteil hierber formulieren sie mit folgenden Worten:

Wehe ber den Menschen, welcher im Gesetz nur einfache Erzhlungen und
gewhnliche Worte sieht. Denn wenn es in Wahrheit nichts weiter als solche
enthielte, so knnten wir noch heute ein ebenso bewundernswertes Gesetz
aufstellen. Um nur einfache Worte zu finden, brauchten wir uns nur an die
irdischen Gesetzgeber zu wenden, bei welchen man oft noch grere
Erhabenheit des Ausdrucks findet. Es wrde gengen, dieselben nachzuahmen
und ein Gesetz nach ihrem Vorgang und Beispiel aufzustellen. Aber dem ist
nicht also, denn jedes Wort des Gesetzes hat einen erhabenen Sinn und
schliet ein hohes Geheimni in sich.

Die Erzhlungen des Gesetzes sind das Kleid des Gesetzes, und Wehe dem,
welcher das Kleid fr das Gesetz selbst nimmt! In diesem Sinn hat David
gesagt: Mein Gott, ffne meine Augen, auf da ich sehe die Wunder an deinem
Gesetz! David wollte mit diesen Worten das unter dem Kleid des Gesetzes
Verborgene bezeichnen. Es giebt unverstndige, die, wenn sie einen
Menschen in seinem schnen Kleid sehen, nur auf dieses ihr Augenmerk legen,
und doch ist es nur der Krper, welcher dem Kleid Werth verleiht; dem
Krper aber giebt die Seele seinen Werth. So hat auch das Gesetz seinen
Krper. Es giebt Gebote, welche man den Krper des Gesetzes nennen knnte.
Die im Gesetz vorkommenden Erzhlungen sind die Kleider, mit welchen dessen
Krper bedeckt ist. Die Thoren betrachten nur die Kleider oder die
Erzhlungen des Gesetzes; sie kennen nichts Anderes und sehen nicht, was
unter diesen Kleidern verborgen ist. Die Klugen wenden keine Aufmerksamkeit
auf die Kleider, sondern auf den Krper, welchen dieselben bedecken. Die
Weisen endlich, die Diener des hchsten Knigs, welche auf dem Gipfel des
Sinai wohnen, beschftigen sich nur mit der Seele, welche die Grundlage
alles brigen ist, nmlich mit dem Gesetz selbst; und in der Zukunft sind
sie bereit, die Seele der Seele, welche das Gesetz durchweht, zu
betrachten.[404]

Die Kabbalisten schoben also auf eine den Profanen unbekannte Weise in
mysterisem Sinn den historischen Thatsachen und positiven Geboten, aus
denen sich die Schrift zusammensetzt, eine geheime Bedeutung unter. Dies
war fr sie das einzige Mittel, ihre Freiheit zu bewahren, ohne mit der
religisen Autoritt zu brechen, und vielleicht hatten sie dasselbe auch
zur Beruhigung ihres Gewissens ntig. In folgendem Passus treffen wir den
nmlichen Geist in einer noch bemerkenswerteren Form an:

Wenn das Gesetz nur aus gewhnlichen Worten und Erzhlungen bestnde, wie
die von Esau, Hagar, Laban, von Bileam und seiner Eselin, warum wrde es
dann wohl das Gesetz der Wahrheit, das vollkommene Gesetz, das wahre Wort
Gottes heien? Warum wrde es der Weise dann hher schtzen als Gold und
Perlen? Es ist eben unter jedem Wort ein erhabener Sinn verborgen, und jede
Erzhlung lehrt uns etwas Anderes als die Thatsachen, welche sie scheinbar
erhlt, und dieses erhabene und heilige Gesetz ist das wahre Gesetz.[405]

Es ist nicht ohne Interesse, da wir in den Werken eines Kirchenvaters
einer vollkommen hnlichen Ausdrucksweise begegnen. So sagt Origenes[406]:

+Si adsideamus litterae et secundum hoc vel quod Judaeis, vel quod vulgo
videtur, accipiamus quae in lege scripta sunt, erubesco dicere et confiteri
quia tales leges dederit Deus: videbuntur enim magis elegantes et
rationabiles hominum leges, verbi gratia, vel Romanorum, vel Atheniensium,
vel Lacedaemoniorum.+--

+Cuinam quaeso sensum habenti convenienter videbitur dictum quod dies
prima et secunda et tertia, in quibus et vespera nominatur et mane; fuerint
sine sole et sine luna et sine stellis; prima autem dies sine coelo? Quis
vero ita idiotes invenitur, ut putet, velut hominem quemdam agricolam, Deum
plantasse arbores in Paradiso, in Eden, contra orientem, et arborem vitae
plantasse in eo, ita ut manducans quis ex ea arbore vitam percipiat? et
rursus ex alia manducans arbore, boni et mali scientiam capitat.+[407]

+Triplicem in Scripturis divinis intelligentiae modum, historicum moralem
et mysticum: unde et corpus inesse et animam ac spiritum
intelleximus.+[408]

Um nun zwischen dem heiligen Text und ihren willkrlichen Auslegungen
plausibel erscheinende Beziehungen herzustellen, griffen die Kabbalisten zu
verschiedenen knstlichen Mitteln, welche zwar im Sohar keine Anwendung
finden, dafr aber in spterer Zeit in um so hherem Ansehen stehen. Diese
Mittel sind an sich wertlos, und wir haben uns mit ihnen nicht zu
beschftigen.

Anstatt dessen suchen wir kennen zu lernen, was in den ltesten Teilen des
Sohar ber die Natur und die Attribute der Gottheit, ber die Schpfung und
die Beziehungen Gottes zur Welt, sowie endlich ber den Ursprung, die Natur
und die Bestimmung des Menschen gelehrt wird.




Sechstes Kapitel.

Die Anschauungen der Kabbalisten ber die gttliche Natur.


Die Kabbalisten haben zweierlei Manier von Gott zu reden, ohne da dies
jedoch der Einheit ihres Gottesgedankens Eintrag thte. Wenn sie die
Gottheit zu definieren suchen, ihre Attribute unterscheiden und uns eine
przise Anschauung ihrer Natur geben wollen, so ist ihre Sprache eine
metaphysische und sie besitzt so viel Klarheit, als die Natur der Sache und
Sprache mit sich bringt. Manchmal aber begngen sie sich, die Gottheit als
ein unbegreifliches Wesen darzustellen, welches weit ber alle Formen
erhaben ist, mit denen es die menschliche Imagination zu bekleiden liebt.
In diesem Falle ist ihre Ausdrucksweise poetisch und bildlich, wobei
gewissermaen ihre Imagination gegen die erwhnte profane zu Feld zieht.
Alle ihre Anstrengungen sind auf die Zerstrung des Anthropomorphismus
gerichtet, dem sie gigantische schreckenerregende Proportionen verleihen,
um fr die Idee des Unendlichen passende Vergleiche aufzustellen.

Das Buch des Geheimnisses ist durchaus in diesem Styl geschrieben, wobei
zu bemerken ist, da die Allegorien oft gleichzeitig Rtsel bilden, wie wir
aus folgender Stelle des Idra Rabba darthun wollen: Simon ben Jochai
versammelt seine Schler und sagt ihnen, da die Zeit gekommen sei, fr den
Herrn zu arbeiten, d.h. den wahren Sinn des Gesetzes kennen zu lernen; die
Tage der Menschen seien gezhlt, der Arbeiter nur eine kleine Zahl, und die
Stimme des Herrn und Schpfers treibe zur Eile. Er ermahnt sie, die
Geheimnisse, welche er ihnen anvertrauen wolle, nicht zu profanieren, setzt
sich mitten unter sie auf das Feld unter den Schatten eines Baumes und
beginnt unter tiefem Schweigen:

Und siehe, eine Stimme ertnte, und ihre Kniee erbebten vor Schrecken. Was
war diese Stimme? Es waren die Stimmen der himmlischen Versammlung, welche
sich vereinigten, um gehrt zu werden. Rabbi Simon aber rief voll Freude
aus: Herr, ich sage nicht wie einer deiner Propheten[409], da ich erbebte,
als ich deine Stimme hrte, denn es ist nicht mehr die Zeit der Furcht,
sondern die der Liebe, wie da geschrieben steht: du wirst den Ewigen,
deinen Gott lieben.[410]

Nach dieser Einleitung, welche weder eines gewissen Pompes noch Interesses
ermangelt, folgt eine lange durchaus allegorische Beschreibung der
gttlichen Gre. Es mgen hier einige Stellen aus derselben folgen:

Er ist der lteste der Alten, das Geheimni der Geheimnisse, der
Unbekannteste der Unbekannten. Er hat die Gestalt, welche ihm gehrt und
erscheint uns besonders als Greis, als der lteste der Alten und der
Unbekannteste unter den Unbekannten. Aber unter der Gestalt, in welcher er
sich uns zu erkennen giebt, bleibt er dennoch der Unbekannte. Sein Kleid
ist wei und sein Anblick glnzend. Er sitzt auf einem Thron von Funken,
welcher seinem Willen unterworfen ist. Das weie Licht seines Hauptes
erhellt viermalhunderttausend Welten. Viermalhunderttausend von diesem
weien Licht geborene Welten werden das Erbtheil der Gerechten in der
knftigen Welt sein. Jeden Tag entsprossen aus seinem Gehirn
dreizehntausend Myriaden Welten, welche ihm ihre Existenz verdanken und
deren Last er allein trgt. Von seinem Haupt truft der Thau, welcher die
Todten erweckt und ihnen ein neues Leben bereitet. Darum steht geschrieben:
Dein Thau ist der Thau des Lichtes. Er ist die Nahrung der Heiligen vom
erhabensten Rang. Er ist das Manna, welches den Gerechten im knftigen
Leben bereitet ist. Er steigt herab auf das Feld der heiligen Frchte.[411]
Der Anblick dieses Thaues ist glnzend wie Diamanten, deren Farbe alle
Farben in sich fat. Die Gre dieses Gesichtes ist dreihundertsiebenzig
mal zehntausend Welten. Darum heit es 'das groe Gesicht', denn also ist
der Name des ltesten der Alten.

Es wrde jedoch der Wahrheit nicht entsprechen, wenn wir behaupten wollten,
da alles brige nach diesem Beispiel zu beurteilen sei, obschon die
Bizarrerie, die Affektation und die orientalische Gewohnheit, die Allegorie
auf die Spitze zu treiben, hufig den Adel und die Gre des Ausdrucks
berwuchern. So wird z.B. das blendende Haupt, welches den ewigen Herd des
Seins und Wissens reprsentieren soll, gewissermaen zu einer anatomischen
Studie, bei welcher weder die Stirn, noch das Gesicht, die Augen, das
Gehirn, die Haare und der Bart vergessen sind; alles dies giebt Gelegenheit
mit bis ins Unendliche gehenden Zahlen zu spielen, und dies gab
Veranlassung, da von neueren Schriftstellern gegen die Kabbalisten der
Vorwurf des Anthropomorphismus und selbst des Materialismus erhoben wurde,
obgleich sie denselben in keiner Weise verdienen. Ohne uns dabei weiter
aufzuhalten, wollen wir hier einige fr die Geschichte des menschlichen
Geistes wichtige Stellen des Sohar mitteilen, deren erste -- sehr
umfangreiche -- in Anschlu an die Worte des Jesaias[412]: Wem wollt ihr
denn mich nachbilden, dem ich gleich sei? sich mit den zehn Sephiroth oder
den Attributen der Gottheit beschftigt, so lange dieselbe noch in ihrer
eigenen Wesenheit verborgen ist:

Bevor irgend eine Form, irgend ein Bild in dieser Welt geschaffen wurde,
war er allein, ohne Form und nichts ihm hnlich. Und wer konnte ihn
erfassen, da er vor der Schpfung und noch ohne Form war? Daher ist es auch
verboten, ihn unter irgend welchem Bild, in irgend einer Gestalt
darzustellen, sei sie auch, was sie immer sei, selbst sein heiliger Name
oder ein Buchstabe oder ein Punct. Dies ist der Sinn der Worte[413]: 'So
bewahret nun eure Seelen wohl, denn ihr habt kein Gleichni gesehen des
Tages, da der Herr mit euch redete aus dem Feuer auf dem Berge Horeb.' Das
heit nmlich: ihr habt nichts gesehen, was ihr in einer Gestalt, einem
Bildni darstellen knntet. Aber nachdem er die Gestalt des 'himmlischen
Menschen' ($Adam ila'a$) hervorgebracht hatte, bediente er sich der Merkaba
als eines Wagens, um herabzusteigen.

Er will unter der Form des heiligen Namens Jehovah genannt sein und giebt
sich unter seinen Attributen zu erkennen, deren jedes einen besonderen
Namen besitzt, als: Gott der Gnade, Gott der Gerechtigkeit, allmchtiger
Gott, Herr der Heerscharen und 'der, welcher ist'. Seine Absicht war, seine
Eigenschaften zu offenbaren und kund zu thun, wie sich seine Gnade und
Barmherzigkeit sowohl auf die Welt als auf die Werke der Menschen
erstreckt. Denn wie wrden wir ihn erkennen knnen, wenn er nicht sein
Licht allen Kreaturen geoffenbart htte? Wie knnte man sonst sagen, da
die Welt von seinem Ruhm erfllt sei? Wehe dem, der es wagt, ihn selbst mit
einem seiner Attribute zu vergleichen! Noch weniger aber darf er mit dem
Menschen verglichen werden, der auf die Welt gekommen und dem Tode
verfallen ist. Man mu ihn als ber allen Geschpfen und allen Attributen
stehend erkennen. Wenn man von all diesen Dingen abstrahiert, so bleibt
weder Bild, noch Attribut, noch Figur, und er ist dem Meere vergleichbar,
dessen Gewsser ohne Grenzen und Form sind; wenn sie sich aber ber die
Erde ergieen, so bringen sie ein Bild ($dmut$) hervor, welches sich in
folgender Berechnung ausdrcken lt: Die Quelle der Wsser des Meeres und
der Glanz, welchen der Strahl der Sonne darauf wirft, sind zwei. Aus ihnen
bildet sich ein riesengroes Becken, welches in ungeheurer Tiefe ausgehhlt
ist. Dieses Becken ist mit den aus ihrer Quelle entstrmenden Gewssern
angefllt; es ist das Meer selbst und kann als das Dritte betrachtet
werden. Diese ungeheure Tiefe teilt sich in sieben Kanle, durch welche
sich, wie durch groe Gefe, das Wasser des Meeres ergiet. Die Quelle,
der Strom, das Meer und die sieben Kanle bilden zusammen die Zahl Zehn.
Und wenn der Arbeiter, der diese Gefe gebildet hat, dieselben zerbricht,
so kehrt das Wasser zu seiner Quelle zurck, und es bleibt nichts als die
vertrockneten wasserlosen Scherben. Die Ursache aller Ursachen hat also die
zehn Sephiroth hervorgebracht. Die erste derselben, 'die Krone', ist die
Quelle, welche ein endloses Licht ausstrahlt, und von ihr kommt der Name
des Unendlichen, En Soph, um die hchste Ursache zu bezeichnen, denn sie
hat in dieser Gestalt weder Form noch Figur, und es giebt noch kein
Mittel, sie zu begreifen, und keine Art und Weise, sie zu erkennen. In
diesem Sinn steht geschrieben: 'Sinnet nicht nach ber etwas, das ber euch
ist.' Darauf bildet sich ein Gef, das fast wie ein Punkt zusammengedrckt
ist, (der Buchstabe $Y$), welches aber dennoch vom gttlichen Licht
durchdrungen ist; es ist die Quelle der Weisheit, ja die Weisheit selbst,
die Tugend, von welcher die hchste Ursache sich Gott nennt. Diese Quelle
bildet alsdann ein Gef, unendlich wie das Meer selbst; man nennt es die
Weisheit, und von ihm kommt der Name: der allweise Gott. Wir mssen nmlich
wissen, da Gott intelligent und weise seinem eigensten Wesen nach ist, und
da die Weisheit ihren Namen nicht durch sich selbst verdient, sondern
durch ihn, der weise ist und das aus ihm emanirende Licht hervorgebracht
hat. Nicht durch sie selbst kann man die Intelligenz begreifen, sondern
durch ihn, welcher intelligent ist und die Intelligenz mit seiner eigenen
Wesenheit erfllt. Wenn er sich aus ihr zurckzge, wrde sie vllig zu
nichte werden. Dies ist der Sinn der Worte[414]: 'Wie ein Wasser ausluft
aus dem See, und wie ein Strom versieget und vertrocknet.' Endlich theilt
sich das Meer in sieben Arme, welche sieben kostbare Gefe bilden, welche
genannt werden: die Barmherzigkeit oder die Gre; die Gerechtigkeit oder
die Strke; die Schnheit; der Triumph; der Ruhm; das Reich; der Grund oder
die Basis. Aus diesem Grund wird Gott der Groe oder der Barmherzige, der
Starke, der Prchtige, der Gott des Siegs, der Schpfer, welchem allein
Ruhm gebhrt, und der Urgrund aller Dinge genannt. Dies ist das letzte
Attribut, welches die Grundlage aller brigen und der Totalitt der Welten
bildet. Endlich ist Gott auch der Knig des Weltalls, denn in seiner Gewalt
steht Alles, sei es, da man die Zahl der Gefe vermindern oder, je nach
der zu treffenden Wahl das Licht, welches er ausstrahlt, vermehren
will.[415]

In diesem Text ist so ziemlich alles enthalten, was die Kabbalisten ber
die gttliche Natur gedacht haben; jedoch leidet derselbe selbst fr die
mit der kabbalistischen Ausdrucksweise Vertrauten an groer Unklarheit,
weshalb es sich empfiehlt, seinen Inhalt in prciserer Ausdrucksweise
wiederzugeben, indem wir das im Sohar an verschiedenen Stellen ber die
gttlichen Attribute Gesagte in einer Anzahl von Fundamentalstzen
zusammenfassen:

1. Gott war, bevor irgend etwas existierte, die unendliche Wesenheit.
Deshalb kann er weder als die Gesamtheit der Dinge, noch als die Summe
seiner Attribute betrachtet werden. Aber ohne diese Attribute und die von
ihnen hervorgebrachten Wirkungen -- so zu sagen ohne eine determinierte
Form -- ist es unmglich, ihn zu begreifen oder zu erkennen. Dieser
Grundsatz ist klar in folgenden Worten ausgesprochen: Vor der Schpfung
war Gott ohne Gestalt, nichts gleichend, und in diesem Stand war er fr die
Intelligenz unbegreiflich. Aber wir beschrnken uns nicht allein auf
dieses Zeugnis, sondern hoffen, da man den gleichen Sinn auch in folgender
Stelle wiederfinde: Bevor sich Gott offenbarte, als alle Dinge noch in ihm
verborgen lagen, war er der Unbekannteste unter den Unbekannten. In diesem
Stand hatte er keinen andern Namen als den der Frage. Er begann einen
unfabaren Punkt zu bilden, welcher sein eigener Gedanke war. Alsdann
bildete er durch seinen Gedanken eine geheimnivolle und heilige Form, die
er endlich mit einem reichen und glnzenden Kleid bedeckte. Dies ist das
Weltall, welches nothwendiger Weise im Namen Gottes enthalten ist.[416]

Weiterhin heit es in der Idra Suta:

Der lteste der Alten ist gleichzeitig der Unbekannteste der Unbekannten;
er ist von allem getrennt und nicht getrennt; er vereinigt in sich Alles,
und nichts ist auer ihm. Er besitzt eine Gestalt, ohne da es mglich ist,
sie zu beschreiben. Er giebt Form und Existenz allem, das ist. Er lt aus
seinem Busen zehn Lichtstrahlen ausgehen, welche in der von ihm verliehenen
Form erglnzen und alles mit Tageshelle erleuchten. Er ist gewissermaen
ein Pharus, welcher nach allen Seiten seine Strahlen spendet. Der lteste
der Alten, der Unbekannteste der Unbekannten ist ein erhabener Pharus, den
man nur an seinem Licht erkennt, welches in berschwenglicher Flle und
Glanz in unsere Augen blitzt; und was man seinen heiligen Namen nennt, ist
nichts anderes als dieses Licht.[417]

2. Die zehn Sephiroth, durch welche sich das unendliche Wesen ursprnglich
zu erkennen gab, sind nichts anderes als die Attribute, welche an sich
selbst keine substantielle Realitt besitzen; jedoch reprsentiert sich in
jedem derselben die gttliche Wesenheit, und in ihrer Gesamtheit besteht
das erste Attribut, die vollkommenste und erhabenste Offenbarung der
Gottheit. Es wird der ursprngliche oder himmlische Mensch ($Adam ila'a,
Adam kadmon$) genannt und es ist die Gestalt, welche den geheimnivollen
Wagen des Hesekiel lenkt, und von der der irdische Mensch nur eine blasse
Kopie ist.[418]

Die Gestalt des Menschen, sagt Simon ben Jochai zu seinen Schlern, fat
alles in sich, was im Himmel und auf Erden ist, die obern Wesen wie die
untern Wesen, und deshalb hat sie auch der lteste der Alten zu der seinen
gemacht. Keine Gestalt, keine Welt kann vor der menschlichen bestehen, denn
sie schliet alle Dinge in sich, und alles besteht nur durch sie. Ohne sie
wrde die Welt nicht bestehen knnen, und in diesem Sinn sind die Worte zu
verstehen: Der Ewige hat die Erde auf die Weisheit gegrndet. Aber man mu
den obern Menschen ($adam dil'eila$) von dem untern Menschen ($adam
diltata$) unterscheiden, von denen keiner ohne den andern bestehen kann.
Unter der menschlichen Gestalt ist die Vollkommenheit des Glaubens
verborgen, und das ist es, was durch die Menschengestalt, die den Wagen
lenkt, ausgedrckt werden soll. Und das ist es, was Daniel mit den Worten
kund thun will: Und ich sah des Menschen Sohn kommen mit den Wettern des
Himmels und vordringen bis zu dem Alten der Tage und sich vor ihm
darstellen.[419]

Was man also den himmlischen Menschen oder die erste Offenbarung der
Gottheit nennt, ist nichts anderes als die absolute Form alles Seienden,
die Quelle aller andern Formen oder vielmehr der Ideen; mit einem Wort: der
hchste Gedanke, welcher der %logos% oder das Wort genannt wird. So heit
es:

Die Gestalt des Alten (sein Name sei geheiligt!) ist die einzige Form,
welche alle Formen in sich einschliet; sie ist die hchste und
geheimnivollste Weisheit, welche alles brige in sich fat.[420]

3. Die zehn Sephiroth sind, wenn wir den Verfassern des Sohar Glauben
schenken drfen, bereits im alten Testament durch eben so viele Gott
geheiligte Namen gekennzeichnet, welche identisch mit denen sind, welche
der heilige Hieronymus in seinem Brief an Marcella erwhnt.[421] Man hat
sie auch in der Mischna finden wollen, weil dort gesagt ist, da Gott die
Welt durch zehn Worte geschaffen habe, welche als eben so viele Befehle aus
seinem allmchtigen Wort ausgingen.[422] Obschon sie alle gleich notwendig
sind, knnen die Attribute und die Distinktionen, welche sie ausdrcken,
uns doch nicht die gttliche Natur in ihrer ganzen Hoheit erkennen lassen,
aber sie stellen dieselbe unter verschiedenen Gesichtspunkten dar, welche
in der Sprache der Kabbalisten Gesichter ($Anpin, Partzufin$) genannt
werden. Simon ben Jochai und seine Schler machten sehr hufig von dieser
metaphorischen Ausdrucksweise Gebrauch, aber sie mibrauchten dieselbe
nicht, wie ihre neueren Nachfolger. Wir sind gentigt, uns lnger bei
diesem wichtigsten Punkt der kabbalistischen Wissenschaft aufzuhalten; aber
bevor wir den besondern Charakter der einzelnen Sephiroth darlegen, mssen
wir einen Blick auf die allgemeine Frage ihrer Wesenheit werfen und mit
wenigen Worten die verschiedenen Meinungen darstellen, welche ber
dieselben bei den Adepten der Kabbala kursieren.

Die Kabbalisten haben zwei Fragen aufgestellt, nmlich: warum giebt es
Sephiroth? und was sind die Sephiroth sowohl in ihrer Gesamtheit, als an
sich selbst, als auch in ihren Beziehungen zu Gott? ber die erste Frage
uert sich der Sohar sehr positiv, ohne den mindesten Zweifel aufkommen zu
lassen. Es giebt so viele Sephiroth als Namen Gottes; beide sind dem Geist
nach eins, und die Sephiroth sind nichts als die durch die Namen
ausgedrckten Ideen und Dinge. Wenn Gott keine Namen htte, oder, wenn die
ihm gegebenen Namen keine Realitten bezeichneten, so wrde er nicht allein
uns unbekannt sein, sondern er wrde auch an sich nicht existieren, denn er
kann sich selbst nicht ohne Intelligenz begreifen, ohne Weisheit nicht
weise sein und ohne Macht nicht handeln. -- Die zweite Frage wird nicht in
gleich bndiger Weise beantwortet. Manche Kabbalisten sttzen sich auf den
Grundsatz, da Gott unvernderlich sei, und sehen in den Sephiroth nur die
Werkzeuge der gttlichen Allmacht, Geschpfe einer hheren Natur, welche
jedoch vom ersten Wesen durchaus verschieden sind. Es sind dies diejenigen,
welche die Sprache der Kabbala mit dem Buchstaben des Gesetzes vereinigen
wollen. -- Das, was der Sohar En-Soph nennt, nmlich das Unendliche an
sich, ist in ihren Augen die Gesamtheit der Sephiroth, nichts mehr und
nichts weniger, und jede der letzteren ist nur das Unendliche von einem
verschiedenen Standpunkt betrachtet. Zwischen diesen extremen Anschauungen
steht ein tieferes und dem Geist der Originale konformeres System, welches
die Sephiroth als Werkzeuge, als Geschpfe und als von der Gottheit
verschiedene Wesen betrachtet, die nicht mit ihr verwechselt werden drfen.
Diese Anschauung beruht auf folgendem Ideengang: Gott ist in den Sephiroth
gegenwrtig, sonst wrde er sich durch dieselben nicht offenbaren knnen;
aber er wohnt nicht ganz in ihnen, und er ist es nicht allein, was man
unter diesen sublimen Ideen- und Existenzformen verhllt. Die Sephiroth an
sich knnen nie den Unendlichen begreiflich machen; das En-Soph, die Quelle
aller Formen, besitzt an sich selbst keine, oder um in der dem Sohar
heiligen Ausdrucksweise zu sprechen: obschon eine jede Sephire einen
bekannten Namen hat, so besitzt er allein doch keinen. Gott bleibt immer
das unaussprechliche, unendliche Wesen, welches ber allen Welten, selbst
ber der Emanationswelt thront, die uns seine Gegenwart offenbaren. Die
zehn Sephiroth knnen mit ebensoviel Gefen von verschiedener Form
verglichen werden oder mit verschieden gefrbten Glsern. Welches nun auch
das Gef sei, womit man die gttliche Wesenheit messen will, so wohnt doch
die absolute Wesenheit der Dinge bestndig in ihm, und das gttliche Licht
verndert nicht wie das Sonnenlicht seine Natur nach dem Mittel, durch
welches es hindurch geht. Diese Gefe und Mittel haben an sich keine
positive Realitt und keine eigene Existenz, sondern sie sind gewissermaen
die Grenzen, in denen die hchste Wesenheit der Dinge eingeschlossen ist,
oder die verschiedenen Grade der Dunkelheit, mit denen das gttliche Licht
seine unendliche Klarheit verschleiert, um sich anschaubar zu machen. Darum
hat man in jeder Sephire zwei Elemente oder vielmehr zwei Gesichtspunkte
erkennen wollen: der eine, rein uerliche und negative, welcher den
Krper reprsentiert, wird recht eigentlich das Gef ($Kli$) genannt,
whrend der andere, innere positive, den Geist und das Licht bildet. Darum
spricht man auch von den zerbrochenen Gefen, welche das gttliche Licht
entweichen lassen. Dieser auch von Isaak Loriah und Moses Corduero
eingenommene Standpunkt wird von letzterem mit viel Logik und Prcision
vertreten und bildet die Basis des ganzen metaphysischen Teils der Kabbala.

Nachdem wir nun die allgemeinen Grundstze festgestellt haben, auf denen
die Autoritt der Texte und der geschtztesten Kommentare beruhen, mssen
wir jetzt die besondere Rolle der einzelnen Sephiroth und ihre Gruppierung
nach Trinitten und Personen betrachten.

Die erste und erhabenste der gttlichen Offenbarungen oder die erste
Sephire ist die Krone ($Keter$), welche so genannt wird, weil sie ber
allen andern Sephiroth steht. Der Text sagt:

Sie ist das Princip aller Principien, die geheimnivolle Weisheit, die
ber alles erhabene Krone, das Diadem der Diademe.

Sie ist nicht die verschwommene Totalitt ohne Namen und Form, der
geheimnivolle Unbekannte, welcher alle Dinge und selbst die Attribute
($Ein Sof$) hervorgebracht hat. Sie reprsentiert das vom Unendlichen
geschiedene Endliche, und sein Name in der Schrift bedeutet ich bin
($Ehye$), weil es das Wesen an sich selbst ist. Dieses Wesen wird unter
einem Gesichtspunkt betrachtet, den keine Untersuchung mehr ergrndet, der
keine Qualifikation mehr zult, und in welchem alles in einem unteilbaren
Punkt zusammenfliet. Aus diesem Grund wird sie auch der primitive Punkt
genannt, und es heit:

Als der Unbekannteste der Unbekannten sich offenbaren wollte, brachte er
einen Punkt hervor; jedoch war dieser Punkt nicht von seinem Busen
ausgegangen; der Unendliche war noch durchaus unbekannt, und es strahlte
kein Licht.[423]

Die neueren Kabbalisten erklren dies durch die absolute Konzentration
Gottes in seine eigene Substanz. Diese Konzentration hat aus sich den
Raum, die primitive Luft ($avir kadmon$) geboren, welche keine reale
Leere, sondern eine gewisse Stufe eines niedern Lichtes der Schpfung ist.
Und durch dasselbe hat die in sich selbst konzentrierte Gottheit alles
Endliche geschieden, begrenzt und bestimmt, und von ihm kann man in
gewisser Beziehung sagen, da es durch das Wort Nichts oder das
Nichtseiende ($ayin$) bezeichnet wird. Die Idra Suta sagt:

Wir nennen es also, weil wir es nicht kennen und weil es unmglich ist,
dasselbe in diesem Stand zu erkennen, denn es steigt nicht zu unserer
Unwissenheit herab, sondern wohnt ber der Weisheit selbst.[424]

Eine ganz hnliche Anschauung vertritt Hegel, wenn er sagt[425]:

Das reine Sein macht den Anfang, weil es sowohl reiner Gedanke, als das
unbestimmte einfache Unmittelbare ist, der erste Anfang aber nichts
Vermitteltes und weiter Bestimmtes sein kann. Dieses reine Sein ist nun die
reine Abstraktion, damit das Absolut-Negative, welches, gleichfalls
unmittelbar genommen, das Nichts ist.

Um nun wieder auf die Kabbalisten zurckzukommen, so bildet der Gedanke des
Seins oder des Absoluten von diesem Standpunkt aus eine vollstndige Form
oder -- um in ihrer Sprache zu reden -- einen Kopf, ein Gesicht. Sie nennen
dasselbe das weie Gesicht ($Reisha Chivra$), weil in ihm gewissermaen
alle Farben, alle Begriffe und alle Bestimmungen zusammenflieen, oder auch
den Alten ($Atika$), weil es die erste der Sephiroth ist. In dem
letzteren Fall darf es aber nicht mit dem ltesten der Alten verwechselt
werden, d.h. mit dem En-Soph selbst, vor welchem das hellste Licht nur
Finsternis ist. Man bezeichnet es im allgemeinen mit dem Ausdruck das
groe Gesicht ($Arich Apayyim$), zweifelsohne deshalb, weil es alle
Eigenschaften, alle intellektuellen und moralischen Qualitten, alle Formen
in sich einschliet; in hnlichem Sinn heit es auch das kleine Gesicht.
Der Text sagt[426]:

Das Erste ist der Alte. Von Angesicht zu Angesicht gesehen ist er das
hchste Haupt, die Quelle alles Lichts, das Princip aller Weisheit, welches
nur durch die Einheit definirt werden kann.

Aus dem Scho dieser absoluten Einheit, unterschieden von der Vielheit und
der relativen Einheit, gehen einander parallel zwei scheinbar verschiedene
Prinzipien aus, welche jedoch in Wirklichkeit eine untrennbare Realitt
bilden; das eine, mnnlich und aktiv, wird die Weisheit ($Chokhma$), das
andere, weiblich und passiv, die Intelligenz ($Bina$) genannt, und der Text
sagt:

Alles, was existiert, ist durch den Alten -- gelobt sei sein Name! --
geschaffen worden und kann nur durch das mnnliche und weibliche Princip
bestehen.[427]

Die Weisheit wird auch der Vater genannt, denn, wie es heit, hat sie alle
Dinge erzeugt. Auf den zweiunddreiig wunderbaren Wegen ergiet sie sich
durch das Weltall und verleiht allen Dingen Form und Ma.[428] Die
Intelligenz ist die Mutter, denn es steht geschrieben: du wirst die
Intelligenz mit dem Namen Mutter nennen.[429] -- Aus ihrer geheimnisvollen
und ewigen Verbindung entsprot ein Sohn, welcher nach dem Ausdruck des
Originals die Zge des Vaters wie der Mutter trgt und so Zeugnis von
beiden giebt. Dieser Sohn der Weisheit und Intelligenz wird wegen seiner
doppelten Erbschaft der lteste Sohn Gottes, das Bewutsein oder die
Weisheit ($Da'at$) genannt. Diese drei Personen umfassen und schlieen in
sich alles, was war, ist und sein wird, und sind in dem weien Haupt, dem
ltesten der Alten vereinigt, denn er ist Alles, und Alles ist er.[430] --
Er wird bald durch drei Hupter dargestellt, welche zusammen nur eines
bilden, bald wird er mit dem Gehirn verglichen, welches, ohne seine Einheit
zu verlieren, in drei Teile zerfllt, und von dem zweiunddreiig
Nervenpaare in den Krper ausgehen, vergleichbar mit den zweiunddreiig
Wegen, auf welchen sich die Gottheit dem Universum mitteilt.

Der Alte, gelobt sei sein Name! besitzt drei Hupter, welche zusammen blos
eines bilden; dieses Haupt ist erhaben ber alle erhabene Dinge. Und weil
der Alte, dessen Name gelobt sei, durch die Zahl drei dargestellt wird, so
sind alle brigen Lichter, welche uns mit ihren Strahlen erleuchten
(nmlich die brigen Sephiroth), in der Zahl Drei inbegriffen.[431]

In der folgenden Stelle werden von der Trinitt etwas andere Ausdrcke
gebraucht; es figuriert in ihr das En-Soph, aber wir begegnen nicht der
Intelligenz, zweifelsohne weil sie nur ein Reflex, eine gewisse Expansion
des Logos ist, die hier die Weisheit genannt wird:

Es giebt drei kunstvoll gebildete Hupter, eines in dem andern und eines
ber dem andern. Zu ihnen wird gezhlt: die geheimnivolle Weisheit, die
verborgene Weisheit, welche nie ohne Schleier erscheint. Diese
geheimnivolle Weisheit ist die Grundlage jeder andern Weisheit. ber dem
ersten Haupt ist der Alte, dessen Namen gelobt sei! und welcher das
Geheimste der Geheimnisse ist. Darauf kommt das Haupt, welches alle andern
Hupter beherrscht, ein Haupt, welches nicht nur eines ist. Was es in sich
schliet, wei Niemand und kann Niemand wissen, denn dies entzieht sich
sowohl unserer Weisheit als unserer Unwissenheit. Deshalb wird auch der
Alte, dessen Namen gelobt sei! das Nichts genannt.[432]

Wir haben also auch hier die Einheit des Wesens und die Dreiheit der
intellektuellen Offenbarung oder des Denkens, was nachzuweisen war.

Manchmal werden die Bezeichnungen oder, wenn man will, die Personen dieser
Trinitt als drei aufeinanderfolgende und absolut notwendige Phasen des
Denkens und Seins dargestellt, als ein logischer Proze, welcher die Welt
hervorbringt. Dies ergiebt sich aus folgender Stelle:

Kommet und sehet: der Gedanke ist die Grundlage alles Seienden; aber der
Gedanke ist Anfangs unbekannt und in sich selbst eingeschlossen. Wenn der
Gedanke sich zu offenbaren beginnt, so gelangt er zu der Wohnung des
Geistes. Er erhlt alsdann den Namen der Intelligenz und ist nicht mehr auf
sich selbst beschrnkt. Der Geist enthllt sich im Schoo der Geheimnisse,
von denen er noch umgeben ist, und geht daraus hervor als eine Stimme,
welche die Vereinigung aller himmlischen Dinge ist; diese offenbart sich
in unterschiedenen und articulirten Worten, denn sie kommt vom Geist. Aber
wenn wir alle diese Abstufungen betrachten, so sehen wir, da Gedanke,
Intelligenz, Stimme und Wort Eins sind, da der Gedanke die Grundlage von
allem ist und keine Unterbrechung in ihm stattfinden will. Der Gedanke
selbst verbindet sich mit dem Nichts und trennt sich nicht von ihm. Dies
ist der Sinn der Worte: Jehovah ist Eins, und sein Name ist Eins.[433]

Es mge noch eine andere Stelle folgen, welche den gleichen Sinn in einer
lteren und originelleren Form enthlt:

Der Name, welcher 'Ich bin' ($Ehye$) bedeutet, zeigt uns die Vereinigung
alles Seienden an; in ihm sind alle Wege der Weisheit noch verborgen und
zusammen untrennbar vereinigt. Man kann ihn mit einer Mutter vergleichen,
welche in ihrem Schoo alle Dinge trgt und im Begriff ist, sie zu gebren,
um den hchsten Namen Gottes zu offenbaren, den der Allmchtige mit den
Worten bezeichnete: 'ich bin, der ich bin' ($Asher Ehye$). Wenn nun endlich
alles wohlgebildet aus dem Mutterschoo hervorgegangen ist, wenn jedes Ding
an seiner Stelle ist, und man das Einzelne oder das Seiende bezeichnen
will, so wird Gott Jehovah genannt oder 'ich bin der, welcher ist' ($Ehye
Asher Ehye$). Dies sind die Geheimnisse des heiligen, Moses geoffenbarten
Namens, von welchem sonst Niemand Kenntni besitzt.[434]

Das kabbalistische System beruht also nicht nur einfach auf dem Prinzip der
Emanation oder der Einheit der Substanz, sondern ist weit ausgedehnter und
gewissermaen mit der Hegelschen Philosophie vergleichbar, auch lt es
sich in mancher Beziehung so zu sagen als eine Verbindung von Ideen Platos
und Spinozas bezeichnen.

Um nun endlich darzuthun, da die neueren Kabbalisten den Traditionen ihrer
Vorgnger treu blieben, wollen wir eine Stelle aus dem Kommentar des Moses
Corduero zum Sohar anfhren:

Die drei ersten Sephiroth, nmlich die Krone, die Weisheit und die
Intelligenz, mssen als ein und dieselbe Sache bezeichnet werden. Die erste
reprsentiert die Erkenntni oder die Wissenschaft, die zweite das
Erkennende und die dritte das Erkennbare. Um diese Identitt zu erklren,
mu man wissen, da die Erkenntni des Schpfers nicht die Erkenntni der
Geschpfe ist, denn bei diesen ist die Erkenntni vom Erkennenden
unterschieden und auf das von diesem getrennte Erkennbare bertragen. Man
bezeichnet es auch mit den Ausdrcken: der Gedanke, der Denker und das
Gedachte. Im Gegentheil ist der Schpfer die Erkenntni selbst und erkennt,
was erkennbar ist. Die Art und Weise seines Erkennens geschieht nicht durch
Anwendung des Gedankens auf die Dinge, welche auer ihm sind, sondern er
erkennt sich selbst und schaut sich in allem Seienden. Es giebt nichts, was
nicht mit ihm vereinigt und in seiner eigenen Wesenheit auffindbar ist. Er
ist der Typus des ganzen Seins, und alle Dinge existieren in ihm in ihrer
reinsten und vollendetsten Form in der Weise, da die Vollkommenheit der
Geschpfe in dieser Existenz selbst besteht, durch welche sie mit der
Quelle ihres Seins vereinigt sind je nach Magabe, wie sie sich von einem
so vollkommenen und erhabenen Zustand entfernen. Alle Wesenheiten der Welt
haben also ihren Ursprung in den Sephiroth, und die Sephiroth sind die
Quelle, von welcher sie ausflieen.

Die sieben Attribute, von welchen wir noch sprechen mssen, und die die
neueren Kabbalisten die Sephiroth der Konstruktion nennen, --
zweifelsohne weil sie bei der Schpfung am meisten in Thtigkeit traten,
offenbaren sich wie die ersten in Trinitten, und bei jeder sind zwei
Extreme durch ein Mittelglied verbunden. Aus dem Schoe des gttlichen
Denkens in ihrer vollendeten Offenbarung geschaffen, gehen zuerst zwei
entgegengesetzte Prinzipien hervor, eines mnnlich und aktiv, das andere
weiblich und passiv; in der Gnade oder Barmherzigkeit ($Chesed$) ist das
erste anzutreffen, das zweite wird durch die Gerechtigkeit ($Din$)
reprsentiert. Es ist leicht, die Rolle zu erkennen, welche diese Sephiroth
im kabbalistischen System spielen, und da weder Gnade noch Gerechtigkeit
in buchstblichem Sinn genommen werden drfen; es handelt sich vielmehr um
das, was wir Extension und Konzentration des Willens nennen. Aus der
ersteren gehen die mnnlichen und aus der zweiten die weiblichen Seelen
hervor. Diese beiden Attribute werden auch die Arme der Gottheit genannt;
der eine giebt das Leben und der andere den Tod. Die Welt wrde nicht
bestehen knnen, wenn sie getrennt wren; es ist unmglich, da sie sich
trennen, denn nach der Ausdrucksweise des Originals kann die Gerechtigkeit
nicht ohne die Gnade bestehen; beide sind zu einem gemeinschaftlichen Wesen
vereinigt, welches die Schnheit ($Tif'eret$) ist, als deren Symbol die
Brust oder das Herz gilt. Es ist eine merkwrdige Thatsache, da die
Schnheit als der Ausdruck und das Resultat aller moralischen Eigenschaften
und die Summe des Guten angesehen wird. Die drei folgenden Attribute sind
durchaus dynamischer Natur und reprsentieren so zu sagen die Gottheit als
Ursache, als allgemeine Kraft und das Urprinzip alles Seins. Die beiden
ersten, welche in dieser neuen Sphre das mnnliche und weibliche Prinzip
reprsentieren, werden bereinstimmend nach einem Schrifttext der Triumph
($Netzach$) und der Ruhm ($Hod$) genannt. Es wrde sehr schwer sein, den
eigentlichen Sinn dieser Worte herauszufinden, wenn sie nicht durch
folgende Definition erklrt wrden:

Unter dem Triumph und dem Ruhm versteht man die Ausdehnung, die
Vervielfltigung und die Strke, denn alle Krfte des Universum gehen aus
deren Schoo hervor, und deshalb werden diese Sephiroth 'die Heerschaaren
des Ewigen' genannt.[435]

Sie vereinigen sich in einem gemeinsamen Prinzip, welches gewhnlich durch
die Zeugungsorgane reprsentiert wird und das auch das zeugende Element,
die Quelle und Wurzel alles Seins darstellt. Man nennt es in dieser
Hinsicht das Fundament oder die Basis ($Yesod$). Der Text sagt:

Alles kehrt zu der Basis zurck, von der es ausgegangen ist. Alles Mark,
aller Saft, alle Macht versammelt sich hier. Alle existierenden Krfte
gehen von hier aus durch die Organe der Zeugung.[436]

Alle diese drei Attribute bilden gewissermaen nur ein Gesicht, das der
gttlichen Natur, welches die Bibel mit dem Namen der Herr der
Heerschaaren bezeichnet.

Was nun die letzte der Sephiroth, das Reich ($Malkhut$), anlangt, so
stimmen alle Kabbalisten darin berein, da dieselbe kein neues Attribut
bezeichnet, sondern nur die zwischen den brigen bestehende Harmonie und
ihre Herrschaft ber die Welt.

Die zehn Sephiroth bilden also in ihrer Gesamtheit den himmlischen oder
idealen Menschen oder das, was die neueren Kabbalisten die Emanationswelt
nennen. Sie teilen dieselbe in drei Abteilungen, deren jede die Gottheit
von einem verschiedenen Standpunkt, aber stets in Gestalt einer unteilbaren
Dreieinigkeit darstellt. Die drei ersten sind durchaus intellektueller oder
metaphysischer Natur und drcken die absolute Identitt der Existenz und
des Gedankens aus; sie bilden das, was die neueren Kabbalisten die
intelligible Welt nennen. Die folgenden tragen einen moralischen Charakter
zur Schau und lassen Gott als die Identitt der Gte und Weisheit
erscheinen; andererseits zeigen sie uns in der Gte oder vielmehr im
hchsten Wesen den Ursprung der Schnheit und Gre oder Erhabenheit. Man
nennt sie auch die Tugenden oder die sensible Welt in der erhabensten
Bedeutung dieses Wortes. Endlich sehen wir in den letzten dieser Attribute
sowohl die allgemeine Vorsehung als den hchsten Knstler, welcher auch die
absolute Kraft, die allmchtige Ursache und das zeugende Element alles
Seienden ist. Dies sind die letzten Sephiroth, welche die natrliche Welt
oder die Natur in ihrer Wesenheit und in ihrem Prinzip, +Natura naturans+,
bildet. Es mge hier eine Stelle folgen, in welcher die verschiedenen
Anschauungsstandpunkte auf eine Einheit oder eine oberste Trinitt
zurckzufhren gesucht werden:

Um die Wissenschaft der gttlichen Einheit zu erhalten, mssen wir die
Flamme betrachten, welche von einem Feuer oder einer angezndeten Lampe
emporflackert; man sieht in ihr zwei Lichter: ein weies und ein dunkles
oder blaues. Das weie schwebt oben und steigt in gerader Linie empor,
whrend sich das blaue darunter befindet und in der Gewalt des weien zu
sein scheint. Beide sind jedoch so vollkommen mit einander vereinigt, da
sie nur eine Flamme bilden. Der Sitz des blauen Lichtes ist am Docht. Das
weie wechselt nicht, sondern bewahrt stets die ihm eigene Natur, aber man
unterscheidet verschiedene Nuancen in dem darunter befindlichen blauen,
welches sich nach oben an das weie Licht und nach unten an die
angezndete Materie anhngt. Alles zusammen bildet jedoch eine
Einheit.[437]

ber den Sinn dieser Allegorie kann kein Zweifel obwalten, und wir fgen
hinzu, da sie in einem andern Teil des Sohar fast buchstblich wird, um
die Natur der menschlichen Seele zu erklren, welche ebenfalls eine
Trinitt bildet, die eine abgefate Kopie der Allerhchsten ist.

Die letzte Gattung der Trinitten, welche alle brigen in sich fat, giebt
uns die ganze Theorie der Sephiroth, und sie ist es auch, welche im Sohar
die grte Rolle spielt. Sie wird wie die vorhergehenden durch drei
Ausdrcke dargestellt, von denen jeder als Centrum, als hchste
Offenbarung, eine der untergeordneten Trinitten reprsentiert: unter den
metaphysischen Attributen ist es die Krone, unter den moralischen die
Schnheit, und unter den untergeordneten das Reich. Was aber ist in der
kabbalistischen Sprache die Krone? Die Substanz, das eine und absolute
Wesen. Was ist die Schnheit? Sie ist, wie die Idra Suta ausdrcklich sagt,
der hchste Ausdruck des Lebens und der moralischen Vollkommenheit. Als
Emanation der Intelligenz und Gnade wird sie im Orient oft mit der Sonne
verglichen, die ihr Licht auf alle Dinge der Welt wirft, und ohne welche
dieselbe in Nacht versinken wrde; mit einem Wort: sie ist das Ideal. Was
ist nun endlich das Reich? Die permanente und immanente Aktion aller
vereinigten Sephiroth, die reelle Gegenwart Gottes in der Mitte der
Schpfung, welche Idee durch das Wort Schechinah bezeichnet wird, durch
einen Beinamen des Reichs. Sie ist also das absolute ideale Wesen, die
immanente Kraft der Dinge oder, wenn man will, die Substanz, der Gedanke
und das Leben, d.h. die Vereinigung des Gedankens mit den Objekten. Dies
ist der wahre Sinn dieser Trinitt. Diese enthlt, was die Kabbala die
Sule der Mitte nennt, weil sie unter allen Bildern, in die man die
Sephiroth gekleidet hat, die Mitte in Gestalt einer geraden Linie oder
Sule einnimmt. Diese drei Bezeichnungen werden, wie man leicht ersehen
kann, von den Gesichtern oder symbolischen Personifikationen entnommen,
und zwar wechselt die Krone nicht einmal den Namen, sondern ist stets das
groe Gesicht, der Alte der Tage, der Alte, dessen Name geheiligt ist. Die
Schnheit ist der heilige Knig oder einfach der Knig und die Schechinah,
die gttliche Gegenwart in den Dingen oder die Matrone und Knigin. Wenn
die eine mit der Sonne, so wird die andere mit dem Mond verglichen, oder
nach anderer Ausdrucksweise: die reelle Existenz ist nichts als der Reflex
oder das Bild der idealen Schnheit. Die Matrone wird auch mit dem Namen
Eva bezeichnet, denn, sagt der Text, sie ist die Mutter aller Dinge, und
alles, was hier unten existiert, geht aus ihrem Scho hervor und wird durch
sie gesegnet.[438] -- Der Knig und die Knigin, welche man auch die
beiden Gesichter nennt[439], bilden zusammen ein Band, dessen Aufgabe es
ist, der Welt immer neue Gnade zu spenden und durch ihre Vereinigung das
Werk der Schpfung fortzusetzen und zu vollenden. Aber die gegenseitige
Liebe, welche sie zu diesem Werk tragen, offenbart sich auf zweierlei Weise
und bringt infolgedessen zweierlei Arten von Frchten hervor. Von oben
kommt der Gatte zu der Gattin, so zu sagen die Existenz und das Leben; sie
gehen aus aus der Tiefe der intelligibeln Welt und suchen sich in den
Naturkrpern zu vermehren. Von unten kommt die Gattin zu dem Gatten, von
der realen Welt zur idealen, von der Erde zum Himmel, und sucht im Schoe
der Gottheit das, was sie zurckfhren kann. Der Sohar selbst giebt uns ein
Beispiel der beiden Zeugungsarten in dem Kreislauf, welchen die heiligen
Seelen durchlaufen. Die Seele, in ihrer reinsten Wesenheit, in ihrer Wurzel
in der Intelligenz betrachtet, unterscheidet sich schon in der universellen
Seele. Ist die Seele nun eine mnnliche, so passiert sie von hier aus das
Prinzip der Gnade oder der Expansion; ist sie aber eine weibliche, das der
Gerechtigkeit oder Konzentration. Endlich wird sie zur Welt geboren, wo wir
durch die Vereinigung des Knigs mit der Knigin leben, welche, wie der
Text sagt, das fr die Erzeugung der Seele sind, was Mann und Frau fr die
Erzeugung des Krpers.[440] Dies ist der Weg, auf welchem die Seele auf die
Erde herabsteigt. Und nun folgt der Weg, auf welchem sich die Seele in den
Schoo der Gottheit zurckbegiebt. Wenn sie ihre Bestimmung vollendet und
sich mit allen Tugenden geschmckt hat, so erhebt sie sich durch ihre
eigene Bewegung, durch die Liebe, welche sie zur Gottheit trgt, zu dem
hchsten Grad der Emanation, wo die reale Existenz sich in Harmonie mit der
idealen Form setzt. Der Knig und die Knigin vereinigen sich von neuem,
aber aus anderer Ursache und zu einem andern Zweck als das erste Mal.[441]
Der Sohar sagt hierber: Auf diese Weise ergiet sich das Leben sowohl von
oben als von unten, die Quelle erneuert sich, und das immer gefllte Meer
vertheilt seine Gewsser aller Orten.[442]

Diese Vereinigung findet auch auf eine accidentielle Weise statt. Aber wir
wrden hierbei die Lehre von der Ekstase, der mystischen Verzckung und der
Rinkarnation berhren, von welcher wir an anderer Stelle sprechen mssen.

Jedoch mten wir glauben, die Theorie der Sephiroth unvollkommen
dargestellt zu haben, wenn wir nicht die Figuren kennzeichneten, unter
welchen die Sephiroth unsern Augen dargestellt werden. Im Sohar kommen zum
mindesten zwei derselben vor. Die eine besteht aus zehn konzentrischen
Kreisen oder -- besser gesagt -- aus neun, welche um einen Punkt aus ihrem
gemeinsamen Mittelpunkt gezogen sind. Die andere ist die Figur des
menschlichen Krpers. Die Krone ist der Kopf, die Weisheit das Hirn, die
Intelligenz das Herz; der Rumpf und die Brust sind das Symbol der
Schnheit, die Arme der Gnade und Gerechtigkeit, und die untern
Krperteile entsprechen den brigen Attributen. Auf diese ganz
willkrlichen Beziehungen wird in den Tikunim, den Supplementen des Sohar,
die praktische Kabbala begrndet, welche durch die verschiedenen Namen
Gottes die Krankheiten, welche die einzelnen Krperteile befallen, zu
vertreiben sucht. Es ist in der Geschichte des menschlichen Geistes nicht
das erste Mal, da zu einer Zeit des Verfalls die Ideen oft durch die
grbsten Symbole erstickt werden, und die Form an die Stelle des Gedankens
tritt. Schlielich kann man die letzte Manier der Darstellung der
Sephiroth in drei Gruppen teilen: rechts in einer senkrechten Linie
stehen die expansiven Attribute, nmlich des Logos oder die Weisheit, die
Gnade und Strke; links in einer Parallellinie befinden sich die des
Widerstands und der Konzentration: die Intelligenz oder das Bewutsein des
Logos, die Gerechtigkeit und der Widerstand. In der Mitte befinden sich
die substantiellen Attribute, welche wir in der hchsten Trinitt gefunden
haben. An der Spitze befindet sich die Krone und an der Basis das
Reich.[443] Der Sohar spielt oft auf diese Figur an, welche er mit einem
Baum vergleicht, dessen Leben und Mark das En-Soph ist; derselbe wird
deshalb auch der kabbalistische Baum genannt. Man hat die verschiedenen
Seiten dieser Figur auch die Sule der Gerechtigkeit, die Sule der Gnade
und die Sule der Mitte genannt. brigens betrachtet man die Figur auch
nach Horizontallinien, wobei die sekundren Trinitten entstehen, von
denen wir oben gesprochen haben. Auer diesen Figuren sprechen die neueren
Kabbalisten auch noch von Kanlen, welche unter einer materiellen Form
alle unter den Sephiroth bestehenden Beziehungen und Kombinationen
darstellen. Moses Corduero spricht sogar von einem Autor, welcher
siebenmalhunderttausend solcher Beziehungen gezhlt hat.[444] Diese
Subtilitten knnen bis zu einem gewissen Grad die Kombinationsgabe
interessieren, fr die metaphysische Spekulation sind sie jedoch
belanglos.

In die Lehre von den Sephiroth mischt der Sohar eine fremdartige Idee,
welche in einer noch fremdartigeren Gestalt dargestellt wird, nmlich in
der eines Verfalls und einer Wiederherstellung in der Sphre der Attribute
selbst, einer gescheiterten Schpfung, in welcher Gott herniederstieg, um
auf der Erde zu wohnen, weil er sich mit dieser Mittelform zwischen ihm und
der Kreatur bekleidet hatte, von welcher die menschliche Gestalt die beste
Darstellung ist.

Die verschiedenen Darstellungen, welche die beiden Idra und das Buch der
Geheimnisse davon geben, sind ohne Interesse, jedoch wollen wir hier
wenigstens die bizarrste derselben mitteilen: Die Genesis spricht von
sieben Knigen von Edom, welche den Knigen Israels vorangingen und einer
nach dem andern starben. In diesem bizarren Bild wollen nun die Autoren des
Sohar eine solche Gedankenordnung sehen, da ihre Glubigkeit daraus eine
Art Revolution in der unsichtbaren Welt der gttlichen Emanation macht.
Unter den Knigen von Israel verstehen sie die beiden Gestalten des
absoluten Seins, welche als Knig und Knigin bezeichnet werden, und fr
unsere schwache Intelligenz die Essenz des Wesens selbst reprsentieren.
Die Knige von Edom oder, wie man sie auch nennt, die alten Knige sind die
Welten, welche bestanden, noch ehe sich die Formen gebildet hatten, um als
Mittelglied zwischen der Schpfung und der gttlichen Wesenheit in ihrer
grten Reinheit zu dienen. Schlielich ist das beste Mittel, uns diese
dunkle Partie des kabbalistischen Systems, ohne es zu verndern, klar zu
machen, wenn wir eine andere in den Fragmenten des Sohar befindliche
citieren, welche dieselbe zu erlutern sucht:

Bevor der lteste der Alten, welcher das verborgenste der verborgenen
Dinge ist, die Gestalten der Knige und der ersten Kronen geschaffen hatte,
besa er weder Grenzen noch Ende. Er bildete also diese Formen nach seiner
eigenen Wesenheit. Er spannte vor sich eine Decke aus und bildete auf
derselben die Umrisse und Gestalten der Knige ab. Aber dieselben konnten
nicht existiren, weil geschrieben steht: Dies sind die Knige, welche im
Lande Edom regierten, ehe denn ein Knig ber Israel herrschte. Es handelt
sich hier um die idealen Knige und um das ideale Israel. Alle die so
geschaffenen Knige hatten ihre Namen, aber sie konnten nicht eher
bestehen, als bis der lteste der Alten herabstieg und sich vor ihren Augen
enthllte.[445]

Da in dieser Stelle von einer der unsern vorausgegangenen Schpfung, von
einer frheren Welt die Rede ist, daran kann kein Zweifel sein, und der
Sohar teilt uns an einem spteren Ort diese einstimmige Anschauung der
neueren Kabbalisten unter den bestimmtesten Ausdrcken mit. Aber warum sind
diese frheren Welten verschwunden? Weil Gott nicht in ihrer Mitte
regelmig und bestndig wohnte, oder -- wie der Text sagt -- weil er nicht
zu ihnen herabgestiegen war, weil er sich nicht in einer Gestalt gezeigt
hatte, die ihm erlaubte, inmitten der Schpfung zu bleiben und seine
Vereinigung mit ihr fortzusetzen. Die Existenzen, welche er damals durch
eine spontane Emanation seiner eigenen Wesenheit schuf, werden mit Funken
verglichen, welche in ungeordneter Weise von einem Herdfeuer aufflackern
und ersterben, wenn sie sich von ihm entfernen.

Unter den zerstrten Urwelten waren formlose, welche man Funken nennt,
weil es sich bei ihnen hnlich verhlt wie bei einem Schmied, der das
glhende Eisen hmmert, wobei die Funken umherspringen. Diese Funken sind
die Urwelten, welche zerstrt wurden und nicht bestehen konnten, weil der
Alte, dessen Name geheiligt sei, sich noch nicht mit einer Gestalt
bekleidet hatte und der Arbeiter noch nicht an seinem Werke war.[446]

Und welches ist die Gestalt, ohne welche alle Dauer und alle Organisation
der endlichen Existenzen unmglich ist, und welche so recht eigentlich den
Arbeiter in den gttlichen Werken darstellt, die Gestalt, unter welcher die
Gottheit sich offenbart und kundgiebt? Es ist die in ihrer hchsten
Allgemeinheit verstandene menschliche Gestalt, welche alle moralischen und
intellektuellen Attribute unserer Natur in ihrer gesamten Entwickelung und
Fortdauer umfat, mit einem Wort den Geschlechtsunterschied, den die
Verfasser des Sohar sowohl auf die Seele wie auf den Krper anwenden.
Dieser so verstandene Geschlechtsunterschied oder vielmehr die Teilung und
Reproduktion der menschlichen Gestalt sind fr sie das Symbol des
universellen Lebens, die regelmige und unendliche Entwickelung des Seins,
eine regelmige und fortgesetzte Schpfung nicht allein hinsichtlich der
Dauer, sondern auch hinsichtlich der aufeinanderfolgenden Realisation aller
mglichen Existenzformen.

Wir sind der Grundlage dieser Idee schon frher begegnet, hier folgt aber
noch etwas mehr, nmlich die graduelle Expansion des Lebens, des Seins und
des gttlichen Gedankens, welche nicht unmittelbar mit der Substanz
begonnen hat, welcher im Gegenteil jene tumultuse, ungeordnete und
unorganische Emanation vorausging, von welcher wir eben gesprochen haben.

Warum wurden jene Urwelten zerstrt? Weil der Mensch noch nicht geschaffen
war. Da nmlich die menschliche Gestalt alle Dinge in sich einschliet, ist
auch Alles in ihr enthalten. Weil nun diese Gestalt noch nicht existirte,
so konnten die frheren Welten weder bestehen noch sich erhalten, sie
zerfielen in Trmmer, ehe die menschliche Gestalt geschaffen wurde, worauf
sie aufs Neue, aber unter anderen Namen wiedergeboren wurden.[447]

Wir wollen nicht abermals die Stellen wiederholen, in welchen von dem
Geschlechtsunterschied des idealen Menschen die Rede ist; es genge, da
von dieser Anschauung an unzhligen Stellen des Sohar die Rede ist, und da
sie auf den charakteristischen Namen die Wage fhrt. Das Buch des
Geheimnisses sagt:

Ehe die Wage geschaffen wurde, beschauten sich der Knig und die Knigin
(die ideale und reale Welt) nicht von Angesicht zu Angesicht, und die alten
Knige starben, weil sie nicht existiren konnten. Diese Wage ist an einem
Ort aufgehangen, der nicht ist, (das primitive Nichtseiende), denn die auf
ihrer Schale existierenden Orte waren noch nicht. Es ist eine ganz innere
unsichtbare Wage ohne Sttze. Sie ist das, was nicht ist, was ist und was
sein wird. Das trgt diese Wage.[448]

Wir haben schon in einem frheren Citat gesehen, da die Knige von Edom,
die Urwelten, nicht durchaus verschwunden sind, denn nach dem
kabbalistischen System wird nichts absolut geschaffen, und geht nichts
absolut unter. Sie haben nur ihren alten Platz verloren, welcher der des
aktuellen Universum war. Wenn aber Gott sich auerhalb seiner selbst in
menschlicher Gestalt offenbart, erwachen sie wieder um unter andern Namen
in das allgemeine System der Schpfung einzutreten.

Wenn man sagt, da die Knige von Edom gestorben sind, so spricht man
nicht von einem wirklichen Tod oder von einer vollkommenen Zerstrung,
sondern jeder Verlust wird mit dem Namen Tod bezeichnet.[449]

In Wirklichkeit stiegen sie wieder herab, oder besser gesagt -- sie erhoben
sich wieder aus dem Nichts, denn sie waren in den uersten Grad des
Universum versetzt worden. Sie reprsentieren die rein passive Existenz,
oder, um uns der eigenen Ausdrucksweise des Sohar zu bedienen, die
Gerechtigkeit ohne irgend welche Beimischung von Gnade, einen Ort der
Strenge und Gerechtigkeit[450], wo alles weiblich ohne irgend ein
mnnliches Prinzip, wo alles Widerstand und Trgheit wie in der Materie
ist.

Deshalb wurden sie auch die Knige von Edom genannt, denn Edom war
diametral Israel entgegengesetzt, welches die Gnade, das Leben, die
spirituelle und aktive Existenz reprsentiert. Wir knnen also, wenn wir
die meisten dieser Ausdrcke wrtlich nehmen, mit den neueren Kabbalisten
sagen, da die Urwelten ein Aufenthaltsort fr die Bestrafung der
Verbrechen geworden sind, und da von ihnen jene bsartigen Wesen ausgehen,
welche der gttlichen Gerechtigkeit zu Werkzeugen dienen. Nichts wird durch
diesen Gedanken verndert, denn wie wir bei weiterer Untersuchung des Sohar
sehen werden, in welchem die Metempsychose eine so groe Rolle spielt,
besteht die Zchtigung schuldiger Seelen hauptschlich in der Wiedergeburt
auf niedriger Stufe der Schpfung und in grerer Sklaverei der Materie.
Was die Dmonen anlangt, so wurden sie bereinstimmend mit dem Namen
Hllen ($Klipot$) bezeichnet und sind weiter nichts als die Materie
selbst und die von ihr abhngigen Leidenschaften. Also ist jede
Existenzform von der Materie bis zur ewigen Weisheit eine Offenbarung oder,
wenn man will, eine Emanation des unendlichen Wesens. Aber es gengt nicht,
da alle Dinge von Gott kommen mssen, um Realitt und Bestand zu haben,
Gott mu auch bestndig inmitten derselben sein, damit er lebe, sich
enthlle und von Ewigkeit zu Ewigkeit in ihnen aufs Neue erzeuge, denn wenn
er sich von ihnen losmachen wollte, wrden sie vergehen wie ein Schatten.
Dieser Schatten ist auch ein Teil des gttlichen Wesens; er ist die
Grenzmarke, wo Geist und Leben vor unsern Augen verschwinden; er ist das
Ende, wie der ideale Mensch der Anfang ist.

Auf diese Grundstze ist die Kosmologie und Psychologie der Kabbala
gegrndet.




Siebentes Kapitel.

Die Weltanschauung der Kabbalisten.


Was wir ber die Anschauungen der Kabbalisten von der gttlichen Natur
wissen, ntigt uns, etwas lnger bei ihrer Betrachtungsweise der Schpfung
und des Ursprungs der Welt zu verweilen, weil nmlich beides in ihrem Geist
ineinander fliet. Wenn sich Gott mit ihr in ihrer unendlichen Totalitt,
im Gedanken und Sein vereinigt, so ist es gewi, da auer ihm nichts
existieren und erkannt werden kann, denn Alles, was wir durch die Vernunft
oder die Erfahrung erkennen, ist eine teilweise Enthllung oder ein
teilweiser Anblick des absoluten Seins. Die ewige Dauer einer trgen und
von ihm getrennten Substanz ist eine Unmglichkeit, eine Chimre, und die
Schpfung ist, wie sie gewhnlich aufgefat wird, unmglich. Diese letzte
Konsequenz ist klar in folgenden Worten ausgesprochen:

Der unteilbare Punkt (das Absolute) hat keine Grenzen und kann nicht
erkannt werden. In Folge seiner Strke und Reinheit hat er sich in sich
selbst zurckgezogen und ein Zelt gebildet, das wie ein Vorhang den
unteilbaren Punkt bedeckt. Dieses Zelt, obgleich von einem weniger reinen
Licht als der Punkt selbst, ist immer noch zu hell, um betrachtet werden zu
knnen. Es hat sich in sich selbst concentriert, und diese Extension dient
ihm als Bekleidung. Alles ist also in einer bestndig herniedersteigenden
Bewegung, welche das Universum geschaffen hat.[451]

Wir mssen uns ins Gedchtnis zurckrufen, da das absolute Sein und die
sichtbare Natur nur einen einzigen Namen Gott haben. Eine andere Stelle
deutet uns an, da die vom Geist ausgehende und mit dem hchsten Gedanken
identische Stimme im Grund nichts anderes ist als das Wasser, die Luft und
das Feuer, der Norden, der Mittag und alle Krfte der Natur.[452] Alle
diese Elemente und Krfte sind in einem Ding verbunden, in der vom Geist
ausgehenden Stimme. Die Materie endlich, unter einem allgemeinen
Gesichtspunkt betrachtet, ist der untere Teil der geheimnisvollen Flamme,
von der wir weiter oben gesprochen haben. Durch diese Lehrmeinung suchten
sich die Kabbalisten mit dem landlufigen Glauben, da die Welt aus nichts
geschaffen sei zu vershnen. Aber das Nichts hat fr sie einen anderen Sinn
als den gewhnlichen. Es mge folgen, was ber diesen Punkt ziemlich
deutlich von einem der Kommentatoren des Sepher Jezirah gesagt wird:

Wenn man zugiebt, da alle Dinge aus dem Nichts geschaffen sind, so
spricht man nicht von dem eigentlichen Nichts, denn niemals kann aus dem
Nichtseienden etwas entstehen. Man versteht aber unter dem Nichtseienden
das, was nicht seiner Ursache und Wesenheit nach erkannt werden kann,
nmlich dasjenige, was wir das primitive Nichtseiende ($Ayyin Kadmon$)
nennen, weil es vor der Welt da war. Unter ihm verstehen wir nicht allein
die materiellen Objekte, sondern auch die Weisheit, auf welche die Welt
gegrndet ist. Wenn man nun fragt, was ist das Wesen der Weisheit, und auf
welche Weise ist sie in der Weisheit oder der hchsten Krone enthalten? so
kann Niemand auf diese Frage antworten, denn in dem Nichtseienden ist kein
Unterschied und keine Existenz. Man wird zunchst nicht begreifen, wie die
Weisheit mit dem Leben verbunden ist.[453]

Alle alten und neueren Kabbalisten erklren auf diese Weise das Dogma von
der Schpfung und sagen in daraus sich ergebender Konsequenz: +Ex nihilo
nihil.+ Sie glauben weder an eine absolute Vernichtung, noch an eine
Schpfung in der landlufigen Auffassung. Der Sohar sagt:

Nichts geht in der Welt verloren, selbst nicht der Hauch unseres Mundes.
Jedes Ding hat seinen Bestimmungsort, und der Heilige, gelobt sei er, lt
dort seine Werke zusammenstrmen. Nichts fllt ins Leere, selbst nicht die
Stimme des Menschen. Alles hat seinen Bestimmungsort.[454]

Ein unbekannter Greis sprach diese Worte zu den Schlern des Jochai, und
sie erkannten darin einen der geheimnisvollsten Artikel ihres Glaubens,
weshalb sie in die Worte ausbrachen:

O Greis, was hast du gethan? Konntest du nicht Stillschweigen bewahren?
Denn jetzt bist du ohne Segel und ohne Mast auf ein uferloses Meer
hinausgetragen. Du wolltest fliegen und konntest es nicht, sondern fielst
in einen bodenlosen Abgrund.[455]

Sie fhren auch das Beispiel ihres Meisters an, welcher immer gemigt in
seinen Ausdrcken, sich nicht ohne Mittel zur Rckkehr auf dieses uferlose
Meer hinauswagte, d.h. seine Gedanken unter einer Allegorie verbarg.
Dieses Mittel wird mit groer Freimtigkeit folgendermaen kundgegeben:

Alle Dinge, aus denen die Welt zusammengesetzt ist, der Geist sowohl als
der Krper, kehren zu dem Ursprung und der Wurzel zurck, woraus sie
entsprossen sind.[456] Sie beginnen aufs Neue am Ende aller Stufen der
Schpfung, welche alle mit ihrem Siegel bezeichnet sind, das man nur mit
dem Namen der Einheit bezeichnen kann. Es ist das einzige Wesen ungeachtet
der unzhligen Formen, mit denen es bekleidet ist.[457]

Wenn Gott die Ursache und Substanz oder, wie Spinoza sagen wrde, die
immanente Ursache des Universum, welches notwendigerweise das Meisterstck
der Vervollkommnung, der Weisheit und hchsten Gte ist. Zur Darstellung
dieses Gedankens bedienen sich die Kabbalisten einer sehr originellen
Ausdrucksweise, wie sie mehrere neuere Mystiker, z.B. Jakob Bhme und St.
Martin in ihren Werken anwenden. Sie nennen die Natur eine Segnung und
betrachten es als eine sehr bezeichnende Thatsache, da der Buchstabe, mit
welchem das erste Wort des mosaischen Schpfungsberichtes beginnt
($Bereshit$), auch der Anfangsbuchstabe des Wortes Segen ($Berakhah$)
ist.[458] -- Nichts ist absolut schlecht, nichts ist fr immer verdammt,
selbst nicht der Erzengel des Bsen, die vergiftete Schlange ($Chivya
Bisha$), wie sie denselben manchmal nennen. Es wird die Zeit kommen, wo er
seinen Namen und seine Engelsnatur wiedererhalten wird.[459] Schlielich
ist die Weisheit hier unten so wenig sichtbar als die Gte, weil das
Universum durch das gttliche Wort geschaffen ist und weil es selbst nichts
anderes ist als dieses Wort, oder nach der mystischen Ausdrucksweise des
Sohar: der artikulierte Ausdruck des gttlichen Gedankens. Es ist, wie wir
schon gesehen haben, die Gesamtheit aller Sonderwesen, die in ihrem Keim in
den ewigen Formen der hchsten Weisheit existieren. Folgende Worte sind die
markanteste Stelle ber diese Lehre:

Der Heilige, gelobt sei er, hatte schon mehrere Welten geschaffen und
zerstrt, bevor ihm der Schpfungsgedanke unserer Welt kam. Als nun dieser
Gedanke auf dem Punkt angelangt war, sich zu verwirklichen, standen alle
Geschpfe des Weltalls, welche geschaffen werden sollten, vor Gott in ihren
wahren Gestalten, wie der Prediger sagt: Was war, wird auch in Zukunft
sein, und was sein wird, ist schon gewesen.[460] Jede untere Welt hat
hnlichkeit mit der obern Welt, und alles, was in der obern Welt existiert,
erscheint uns in der untern Welt wie ein Bild, und Alles ist nur
Eins.[461]

Diesen erhabenen Glauben, welchen man -- allerdings mehr oder weniger
verndert -- in allen groen metaphysischen Systemen wiederfindet, haben
die Kabbalisten auf ihren Mysticismus zurckgefhrt, indem sie annehmen,
da Alles eine symbolische Bedeutung besitze, und da sich alle materiellen
Dinge in dem gttlichen Denken oder der menschlichen Intelligenz
wiederfinden. Alles, was vom Geist kommt, mu sich uerlich manifestieren
und sichtbar werden.[462] Dies ist die Wurzel des Glaubens an ein
himmlisches und ein physiognomisches Alphabet. In folgenden Ausdrcken
sprechen die Kabbalisten ber das Erstere:

In der ganzen Ausdehnung des Himmels, der die Welt umgiebt, sind Figuren
und Zeichen verborgen, mittelst deren wir die tiefsten und verborgensten
Geheimnisse ergrnden knnen. Diese Figuren werden durch die
Constellationen und Sterne gebildet, welche fr den Weisen ein Gegenstand
der Betrachtung und eine Quelle mystischer Freuden sind.[463] Wer sich auf
eine Reise begiebt und frh aufsteht, sieht, wenn er aufmerksam den Osten
betrachtet, wie diese Buchstaben am Himmel erscheinen; die einen steigen
auf, die andern gehen unter. Diese glnzenden Formen sind die Buchstaben,
durch welche Gott Himmel und Erde geschaffen hat; sie bilden seinen
geheimnivollen und heiligen Namen.[464]

Solche Ideen knnen, wenn sie nicht in einem erhabenen Sinn aufgefat
werden, einer ernsten Arbeit unwrdig erscheinen. Bevor wir sie aber
verurteilen, mssen wir das ganze System des Sohar betrachten, welches voll
der glnzendsten und begrndetsten Aphorismen ist und sich wohl htet,
gegen unsere intellektuellen Gewohnheiten zu verstoen, andernfalls wrden
wir der geschichtlichen Wahrheit untreu werden. Endlich ist noch zu
bemerken, da noch eine groe Anzahl hnlicher Trumereien von dem gleichen
Prinzip ausgingen und keineswegs schwachen Kpfen entstammten. Pythagoras
und Plato sind hier zu nennen, und alle groen Reprsentanten des
Mysticismus, welche in der uern Natur nur eine lebende Allegorie sehen,
nehmen je nach Magabe ihrer Intelligenz die Theorie der Zahlen und Ideen
an. Es ist dies nur eine Konsequenz ihres allgemeinen metaphysischen
Systems oder, wenn es hier gestattet ist, in der philosophischen Sprache
unserer Zeit zu reden, ein Urteil +a priori+, welches die Kabbalisten ber
die Physiognomik abgaben, die ihrer Natur nach schon im Zeitalter des
Sokrates bekannt war. Sie sagen:

Die Physiognomik besteht, wenn wir den Meistern der innern Wissenschaft
Glauben schenken drfen, nicht in der Erkenntni der sich uerlich
kundgebenden Zge, sondern in der Erkenntni jener, welche sich auf
geheimnivolle Weise im tiefsten Grund unserer Natur abzeichnen. Die
Gesichtszge verndern oft die Form des innern Gesichts unseres Geistes;
der Geist allein aber bringt die die Weisen kennzeichnenden Gesichtszge
hervor; es ist der Geist, welcher ihnen den Ausdruck giebt. Wenn der Geist
oder die Seelen von Eden (so nennt man die hchste Weisheit) auswandern, so
haben sie alle eine gewisse Gestalt, welche sich spter in der Physiognomie
ausprgt.[465]

Auf diese allgemeinen Betrachtungen folgen eine groe Anzahl detaillierter
Beobachtungen, welche noch heut zu Tage ihre Gltigkeit besitzen. So ist
z.B. eine breite und konvexe Stirn das Zeichen eines lebhaften und tiefen
Geistes, einer auserlesenen Intelligenz. Eine breite, aber platte Stirn ist
ein Zeichen der Dummheit. Eine breite, in eine Spitze auslaufende und an
den Seiten zusammengedrckte Stirn ist ein unfehlbares Zeichen eines sehr
beschrnkten Geistes, welcher jedoch mit einer malosen Eitelkeit verbunden
sein kann.[466] Endlich werden alle menschlichen Physiognomien in vier
Hauptklassen geteilt, welche sich je nach dem Rang, welchen die
menschlichen Seelen in der intellektuellen und moralischen Reihenfolge
einnehmen von einander entfernen oder sich einander nhern. Diese Figuren
werden durch die vier Gestalten des mystischen Wagens des Hesekiel
gekennzeichnet: des Menschen, des Lwen, des Ochsen und des Adlers.[467]

Es will uns scheinen, als ob die kabbalistische Dmonologie nichts anderes
sei als eine von den verschiedenen Graden des Lebens und der Intelligenz in
der uern Natur abgeleitete Personifikation. Der Glaube an Dmonen und
Engel hatte sich seit altersgrauer Zeit als eine dem ernsten Dogma von der
gttlichen Einheit entgegengesetzte lcherliche Mythologie im menschlichen
Glauben festgewurzelt. Warum also htten sich die Kabbalisten ihrer nicht
bedienen sollen, um ihre Ideen ber die Beziehungen der Gottheit zur Welt
zu verschleiern, da sie sich der Schpfungslehre bedienten, um gerade das
Gegenteil auszudrcken, und der Schrifttexte, um sich von der Autoritt der
Schrift und Religion zu befreien? Wir haben zu Gunsten dieser Lehre keinen
einzigen einwandfreien Text gefunden, aber hier mgen wenigstens einige
Wahrscheinlichkeitsgrnde folgen:

Erstens ist in drei Fragmenten des Sohar, in den beiden Idra und im Buche
des Geheimnisses in verschiedenster Weise sehr viel von der himmlischen und
hllischen Hierarchie die Rede, was augenscheinlich eine Erinnerung an die
babylonische Gefangenschaft ist. Weiterhin wird in andern Teilen des Sohar
von unter dem Menschen stehenden Engeln gesprochen, welche als von einem
blinden Impuls angetriebene Krfte betrachtet werden. Hier eine solche
Stelle:

Gott belebte einen jeden Theil des Firmaments mit einem besondern Geist.
Also wurden die himmlischen Heerschaaren gebildet, und sie standen vor ihm.
Dies ist mit den Worten ausgedrckt: Mit dem Hauche seines Mundes schuf er
die himmlischen Heerschaaren. Die heiligen Engel, welche die Boten des
Herrn sind, steigen nur auf einem Weg herab, aber in den Seelen der
Gerechten giebt es zwei Wege, welche sich zu einem verbinden. Deshalb
steigen die Seelen der Gerechten hher, denn ihr Rang ist ein
hherer.[468]

Die Talmudisten selbst, obgleich sie sich an den Buchstaben halten,
bekennen sich zu dem gleichen Grundsatz:

Die Gerechten stehen hher als die Engel.[469]

Wir begreifen das, was man mit diesen Geistern, welche die Himmelskrper
und Elemente beseelen, sagen will, besser, wenn wir auf ihre Namen und die
ihnen zugeschriebenen Verrichtungen Obacht geben.

Vor allen Dingen mu man die rein poetischen Personifikationen, ber deren
Natur kein Zweifel obwalten kann, ausscheiden. Dies sind jene Engel, deren
Namen einer moralischen Eigenschaft oder einer metaphysischen Abstraktion
entnommen sind, wie z.B. das gute und bse Verlangen, welche man unsern
Augen als reale Personen darstellen will, der Engel der Reinheit
(Tahariel), der Barmherzigkeit (Rachmiel), der Gerechtigkeit (Zadkiel), der
Befreiung (Padael) und der berhmte Raziel, welcher mit eiferschtigen
Augen die Geheimnisse der kabbalistischen Weisheit bewacht.[470]

Etwas anderes ist der von allen Kabbalisten anerkannte Grundsatz, nach
welchem das allgemeine System der Wesen, welche die himmlische Hierarchie
bilden, in der dritten Welt, welche die Welt der Gestaltung (Olam
Jezirah) genannt wird, beginnt, und die die Fixsterne und Planeten umfat.
Wie wir schon gesagt haben, ist der Herr dieser unsichtbaren Welt der Engel
Metatron, welcher unter dem Throne Gottes steht, und durch den dieser die
Welt der Schpfung oder der reinen Geister (Olam Briah) schuf. Seine
Aufgabe ist es, die Einheit, Harmonie und Bewegung zu erhalten. Er ist eine
jener blinden unendlichen Krfte, durch welche man Gott unter dem Namen
Natur ersetzen wollte. Unter seinem Befehl stehen Myriaden von Geistern,
welche man -- zweifelsohne zu Ehren der Sephiroth -- in zehn Kategorien
geteilt hat. Diese untergeordneten Engel befinden sich in den verschiedenen
Teilen der Natur, in jeder Sphre und in jedem Element, whrend ihr Herr im
Universum thront.

Also beherrscht der eine die Bewegungen der Erde, der andere die des
Mondes, und das gleiche findet statt bezglich der anderen
Himmelskrper.[471] Der Engel des Feuers heit Nuriel, der des Lichts
Uriel; ein dritter steht den Jahreszeiten vor, ein vierter der Vegetation.
Endlich werden alle Erzeugnisse, alle Krfte und alle Erscheinungen der
Natur auf dieselbe Weise reprsentiert.

Die Absicht dieser Allegorien wird vollkommen klar, wenn es sich um die
bsen Geister handelt. Wir haben schon die Aufmerksamkeit auf den Namen
gelenkt, welchen man im allgemeinen den Mchten dieser Ordnung beilegt.
Die Dmonen sind fr die Kabbalisten die grbsten, unvollkommensten Formen,
die Hllen der Existenz, nmlich alles das, welches die Abwesenheit des
Lebens, der Intelligenz und der Ordnung darstellt. Also bilden diese Engel
wie die zehn Sephiroth, zehn Grade, in denen die Finsternis und die
Unreinheit sich mehr und mehr verdichtet wie in den hllischen Kreisen
Dantes.[472]

Der erste oder vielmehr die beiden ersten sind nichts anderes, als der
Zustand, in welchem uns die Genesis die Erde vor dem Werk der sieben Tage
zeigt, nmlich die Abwesenheit jeder sichtbaren Form und aller
Organisation. Der dritte ist der Aufenthaltsort der Finsternis, der
nmlichen Finsternis, welche im Anfang den Abgrund bedeckte. Alsdann folgt
das, was man die sieben Tabernakel oder die eigentliche Hlle nennt, welche
unsern Augen eine systematische Reihenfolge aller Unordnungen der
moralischen Welt und der daraus folgenden Leiden darbietet. Dort sehen wir
jede Leidenschaft des menschlichen Herzens, jedes Laster und jede Schwche,
in einem Dmon personifiziert, zu einem Henker werden, welcher in die Welt
entsendet wird. Hier ist die Wollust, die Verfhrung, der Zorn, die grobe
Unreinheit, der Dmon der stummen Gruel, der Totschlag, der Neid, der
Gtzendienst und der Stolz. Die sieben hllischen Tabernakel werden bis in
das Unendliche geteilt[473]; fr jede Art der Verkehrtheit giebt es ein
besonderes Reich, und man sieht also den Abgrund sich stufenweise in seiner
ganzen Tiefe und Unendlichkeit aufthun. Der Beherrscher dieser finstern
Welt, welchen die Bibel Satan nennt, trgt in der Kabbala den Namen Samael,
das heit der Engel des Giftes und des Todes, und der Sohar sagt bestimmt,
da der Engel des Todes, die schlechte Begierde, Satan und die Schlange,
welche unsere Mutter Eva verfhrte, ein und dasselbe sind.[474]

Man giebt auch Satan eine Gattin, welche die Personifikation des Lasters
und der Sinnlichkeit ist, denn sie wird in der Kabbala die groe Hure oder
die Meisterin der Ausschweifungen genannt.[475] In der Regel wird sie
durch das einfache Symbol der Schlange dargestellt.

Wenn man diese Theorie der Dmonen und der Engel auf die einfachste und
allgemeinste Form zurckfhren will, so wird man sehen, da die Kabbalisten
in jedem Naturerzeugnis und infolgedessen in der gesamten Natur zwei sehr
verschiedene Elemente anerkennen: Ein innerliches, unverderbliches, welches
sich ausschlielich der Intelligenz enthllt, nmlich der Geist, das Leben
oder die Form; das andere ist rein uerlich und materiell, und dessen
Symbol der Verfall, die Verfluchung und der Tod.

Man kann diese ganze Theorie mit den Worten Spinozas ausdrcken: +Omnia,
quamvis diversis gradibus, animata tamen sunt.+[476]

Auf diese Weise wird die Dmonologie der Kabbalisten eine notwendige
Ergnzung ihrer Metaphysik und erklrt uns vollkommen die Namen, mit
welchen man die beiden unteren Welten bezeichnet.




Achtes Kapitel.

Die Lehrmeinung der Kabbalisten von der menschlichen Seele.


Durch den erhabenen Rang, welchen die Kabbalisten dem Menschen einrumen,
empfehlen sie sich nicht nur unserem Interesse, sondern das Studium ihres
Systems gewinnt auch eine hohe Wichtigkeit sowohl fr die Geschichte der
Philosophie als fr die der Religion. Du bist vom Staub und wirst zu Staub
werden, sagt die Genesis, und auf diese Worte des Fluches folgt kein
Versprechen einer bessern Zukunft, keine Erwhnung der Seele, welche zu
Gott emporsteigt, wenn der Krper zu Erde geworden ist. Nach dem Autor des
Pentateuch hat das Urbild der israelitischen Weisheit, der Prediger
Salomonis, der Nachwelt folgende fremdartige Parallele hinterlassen:

Denn es gehet dem Menschen wie dem Vieh; wie dies stirbt, so stirbt er
auch; und haben alle einerlei Odem; und der Mensch hat nichts mehr denn das
Vieh; denn es ist alles eitel.[477]

Der Talmud drckt sich manchmal in poetischen uerungen ber die
Belohnungen aus, welche die Gerechten erwarten. Er stellt dieselben dar,
sitzend im himmlischen Eden, das Haupt mit Licht umflossen und sich der
gttlichen Herrlichkeit freuend. Aber die menschliche Natur sucht er mehr
zu erniedrigen als zu adeln.[478]

Woher kommst du? Von einem Tropfen faulenden Stoffes. Wohin gehst du? In
die Mitte des Staubes, der Verderbnis und der Wrmer. Und vor wem wirst du
dich eines Tages rechtfertigen und Rechenschaft geben von deinen
Handlungen? Vor demjenigen, welcher herrscht ber die Knige der Knige,
vor dem Heiligen, gelobt sei er.[479]

Dieses sind die Worte, welche man in einer Sammlung von Sentenzen liest,
welche einem der ltesten und geachtetsten Hupter der talmudistischen
Schule zugeschrieben wird. Der Sohar belehrt uns in einer ganz andern
Sprache ber unsern Ursprung, unsere zuknftige Bestimmung und unsere
Beziehungen zum gttlichen Wesen. Er sagt:

Der Mensch ist die Zusammenfassung und der erhabenste Ausdruck der
Schpfung; deshalb wurde er am sechsten Tag geschaffen. Sobald der Mensch
erschien, war alles vollendet, sowohl die obere als die untere Welt, denn
alles ist im Menschen zusammengefat, er vereinigt in sich alle
Formen.[480]

Aber es ist nicht allein das Bild der Welt, der Universalitt der Wesen,
die man unter dem absoluten Sein versteht, er ist auch das Bildnis Gottes,
betrachtet in der Gesamtheit seiner unendlichen Attribute. Er ist die
gttliche Anwesenheit auf der Erde, der himmlische Adam, welcher, von der
tiefsten und ersten Dunkelheit ausgehend, den irdischen Adam geschaffen
hat.[481]

Es mge hier in erster Linie folgen, in welcherlei Hinsicht der Sohar den
Menschen die kleine Welt nennt:

Glaube nicht, da der Mensch allein Fleisch, Haut, Knochen und Adern sei.
Im Gegentheil: Das, was wirklich den Menschen ausmacht, ist seine Seele,
und die Dinge, von denen wir sprachen, die Haut, das Fleisch, die Knochen,
die Adern, sind fr uns nur ein Kleid, ein Schleier, aber sie sind nicht
der Mensch. Wenn der Mensch stirbt, legt er alle Schleier ab, welche ihn
bedecken. Jedoch sind diese verschiedenen Theile unseres Krpers
bereinstimmend mit den Geheimnissen der hchsten Weisheit. Die Haut
entspricht dem Firmament, welches sich allenthalben ausdehnt und alle Dinge
wie ein Kleid bedeckt. Das Fleisch entspricht der blen Seite des
Universum, die wir weiter oben das rein uerliche und sinnliche Element
genannt haben. Die Knochen und Adern bilden den himmlischen Wagen, die
innerlichen Krfte, die Diener Gottes. Alles dies ist jedoch nur ein Kleid.
Denn im Innern ist das Geheimni des himmlischen Menschen verborgen. Also
steigt der irdische Mensch, der himmlische und innere Adam, sowohl hinauf
als herab. Es hat dies denselben Sinn, als wie gesagt ist, da Gott den
Menschen nach seinem Bilde schuf. Aber selbst am Firmament, welches das
Weltall einschliet, sehen wir verschiedene durch die Sterne und Planeten
gebildete Figuren, welche uns verborgene Dinge und tiefe Geheimnisse
ankndigen. Ebenso finden wir auf der Haut, welche unsern Krper umgiebt,
Formen und Zge, welche als die Planeten und Sterne unseres Krpers zu
betrachten sind. Alle diese Formen haben einen verborgenen Sinn und sind
ein Gegenstand der Aufmerksamkeit fr die Weisen, welche im Gesicht des
Menschen lesen knnen.[482]

Allein durch die Gewalt seiner uern Gestalt, durch den Reflex der
Intelligenz und der ber seine Zge ausgegossenen Gre macht der Mensch
die wildesten Tiere erzittern.[483] Der Engel, welchen Gott Daniel zur
Verteidigung gegen die Wut der Lwen sandte, ist nach dem Sohar nichts
anderes, als das Gesicht des Propheten, oder die Herrschaft, welche ein
reiner Mensch ausbt. Aber er fgt hinzu, da dieser Vorzug sogleich
verschwindet, sobald sich der Mensch durch die Snde und das Vergessen
seiner Pflichten herabsetzt.[484] Wir wollen nicht lnger bei diesem Punkt
verweilen, weil derselbe, wie wir schon bemerkt haben, durchaus unter die
Theorie von der Natur gehrt.

An sich selbst betrachtet, das heit, unter dem Gesichtspunkt der Seele und
verglichen mit Gott, bevor derselbe in der Welt sichtbar wurde, ruft uns
das menschliche Wesen durch seine Einheit, seine substantielle und seine
dreifache Natur vollkommen die hchste Trinitt ins Gedchtnis zurck. Er
ist aus folgenden Elementen zusammengesetzt:

1. Aus dem Geist, $Neshama$, welcher den erhabensten Grad seiner Existenz
reprsentiert; 2., aus der Seele, $Ruach$, welche das Behltnis des Guten
und Bsen, des guten und schlechten Verlangens, mit einem Wort: der
moralischen Eigenschaften ist; 3., aus einem grberen Geist, $Nefesh$,
welcher in unmittelbarer Verbindung mit dem Krper steht und direkt das
verursacht, was der Text die untern Bewegungen, d.h. die Handlungen und
Instinkte des tierischen Lebens verursacht.

Um zu begreifen, wie sich diese drei Prinzipien oder vielmehr diese drei
Grade der menschlichen Existenz, ungeachtet des sie trennenden Abstandes,
sich zu einem einzigen Wesen verbinden, wird hier der Vergleich wiederholt,
dessen sich schon das Buch der Schpfung hinsichtlich der gttlichen
Attribute bedient. An einer Unzahl von Stellen wird von diesen drei Seelen
gesprochen; aber ihrer Klarheit wegen bringen wir nur die folgenden zur
Wiedergabe:

In den drei Dingen, dem Geist, der Seele und dem sinnlichen Leben finden
wir ein getreues Bild von dem, was von oben herabsteigt; denn alle drei
bilden nur ein einziges Wesen, in welchem alles zu einer Einheit verbunden
ist. Das sinnliche Leben besitzt an sich selbst kein Licht und ist deshalb
mit dem Krper eng verbunden, welchem es die Freuden und die Nahrung, deren
er bedarf, beschafft. Man kann es mit den Worten des Weisen erklren: 'Es
bereitet seinem Haus die Nahrung und weist den Knechten ihr Tagewerk an.'
Das Haus ist der zu ernhrende Krper, und die Knechte sind die Glieder,
welche ihm gehorchen. ber das sinnliche Leben erhebt sich die Seele,
welche es unterjocht, ihm Gesetze auflegt und erleuchtet, soviel es die
Natur bedarf. Das animalische Prinzip steht also unter der Herrschaft der
Seele. ber die Seele endlich erhebt sich der Geist, welcher alles
beherrscht und auf sie ein Licht des Lebens wirft. Die Seele wird durch
dieses Licht erleuchtet, und alles hngt vollkommen vom Geist ab. Nach dem
Tod hat sie keine Ruhe; die Thore des Eden werden nicht eher geffnet, als
bis der Geist zu seiner Quelle, dem ltesten der Alten, zurckgekehrt ist,
um von ihm von Ewigkeit zu Ewigkeit erfllt zu werden, denn alles kehrt zu
seiner Quelle zurck.[485]

Jede dieser drei Seelen hat, wie leicht einzusehen, ihren Ursprung in
einem verschiedenen Grad der gttlichen Wesenheit. Die hchste Weisheit,
welche auch das himmlische Eden genannt wird, ist der alleinige Ursprung
des Geistes. Die Seele kommt nach den Auslegern des Sohar von dem Attribut,
welches in sich die Gerechtigkeit und Gnade vereinigt, nmlich von der
Schnheit. Das animalische Prinzip endlich, welches sich nie ber diese
Welt erhebt, hat keine andere Basis als die Attribute der Strke, welche im
Reich zusammengefat sind.

Auer diesen drei Elementen kennt der Sohar noch ein anderes von ganz
auerordentlicher Natur, auf dessen alten Ursprung wir im weiteren Verlauf
zurckkommen werden. Es ist die uere Form des Menschen, aufgefat als
eine vom Krper getrennte Existenz, mit einem Wort: die Idee des Krpers
mit den persnlichen Zgen, welche uns von den andern unterscheiden. Diese
Idee steigt vom Himmel herab und wird sichtbar im Augenblick der
Empfngnis.

In dem Augenblick der irdischen Vereinigung sendet der Heilige, dessen
Name gelobt sei, vom Himmel herab eine Form von der hnlichkeit des
Menschen, welche den Abdruck des gttlichen Siegels trgt. Diese Form hilft
bei dem Act, von welchem wir sprechen, und wenn das Auge sehen knnte, was
dabei vorgeht, so wrde man ber seinem Haupt ein dem menschlichen Gesicht
vollkommen hnliches Bild erblicken, welches das Modell ist, nach welchem
wir geschaffen sind. Wenn es von dem Herrn nicht herabgesandt wird und
nicht ber unser Haupt schwebt, so findet keine Zeugung statt, denn es
steht geschrieben: 'Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde.' Dieses
Bild empfing uns bei unserer Ankunft auf der Welt, es entwickelt sich, wenn
wir wachsen, und verlt mit uns die Erde. Sein Ursprung ist im Himmel. Im
Augenblick, wo die Seelen ihren himmlischen Aufenthaltsort verlassen,
erscheint jede Seele vor dem hchsten Knig, bekleidet mit einer erhabenen
Form, in welche die Zge eingegraben sind, welche sie hier unten tragen
soll. Das Bild, von dem wir reden, besteht in dieser erhabenen Form, es
kommt als drittes hinter der Seele, es geht uns auf der Erde voraus und
erwartet unsere Ankunft seit dem Augenblick der Empfngni; es ist
bestndig gegenwrtig bei dem Akt der ehelichen Vereinigung.[486]

Bei den neueren Kabbalisten wird dieses Bild das individuelle Prinzip
genannt.

Endlich haben einige unter dem Namen Lebensgeist in die kabbalistische
Psychologie ein fnftes Prinzip eingefhrt, welches seinen Sitz im Herzen
hat, und das der Kombination und Organisation der materiellen Elemente
vorsteht und sich gnzlich vom Prinzip des tierischen Lebens, vom
sinnlichen Leben unterscheidet, wie bei Aristoteles und den scholastischen
Philosophen die negative Seele sich von der sensitiven unterscheidet. Diese
Meinung grndet sich auf eine allegorische Stelle des Sohar, wo gesagt
wird, da jede Nacht whrend unseres Schlafs unsere Seele zum Himmel
hinaufsteigt, um Rechenschaft von ihrem Tagewerk abzulegen, und da in
diesem Augenblick der Krper nur von einem im Herzen wohnenden Lebenshauch
beseelt wird.[487]

Aber diese beiden letzteren Elemente zhlen nichts in unserer geistigen
Existenz, welche vllig in der innigen Verbindung des Geistes mit der Seele
aufgeht. Was nun die augenblickliche Verbindung dieser beiden oberen
Prinzipien mit dem sinnlichen anlangt, wodurch dieselben an die Erde
gekettet werden, so wird sie nur als ein bel angesehen.

Man will dieselbe nicht nach dem Beispiel des Origenes und der Gnostiker
fr einen Fall oder ein Exil gelten lassen, wohl aber fr ein
Erziehungsmittel und eine heilsame Probe. In den Augen der Kabbalisten ist
es eine Notwendigkeit fr die Seele, eine mit ihrer endlichen Natur
zusammenhngende Notwendigkeit, eine Rolle im Universum zu spielen, das
Schauspiel der Schpfung zu betrachten, und das Bewutsein ihrer selbst und
ihres Ursprungs zu erhalten, und zurckzukehren ohne sich vollkommen mit
der unerschpflichen Quelle des Lichtes und Lebens zu vermischen, welche
man den gttlichen Gedanken nennt. Im andern Fall wrde der Geist nicht
hernieder steigen knnen, ohne gleichzeitig die beiden unteren Prinzipien,
ja sogar die noch niedriger stehende Materie zu erheben. Wenn das
menschliche Leben vollendet ist, ist es gewissermaen eine Art Vershnung
zwischen den beiden uersten Grenzen der Existenz, in ihrer Gesamtheit
betrachtet, zwischen dem Idealen und Realen, zwischen der Form und dem
Stoff, oder wie das Original sagt, zwischen dem Knig und der Knigin. Es
mgen hier diese beiden zwar in poetischer Form, aber unverkennbar
geschilderten Konsequenzen folgen:

Die Seelen der Gerechten sind ber alle Mchte und Diener des Himmels
erhht. Und wenn du fragst, warum sie von einer so erhabenen Stelle auf die
Welt herabsteigen und sich von ihrem Ursprung entfernen, so antworte ich
darauf: Es ist das Beispiel eines Knigs, welchem ein Sohn geboren wird,
welchen er auf das Land schickt, damit er dort ernhrt und erzogen werde,
bis da er gro geworden und vorbereitet ist zu den im Palast seines Vaters
herrschenden Gebruchen. Wenn man nun dem Knig meldet, da die Erziehung
seines Sohnes vollendet sei, was wird er wohl in seiner Liebe zu ihm thun?
Er lt, um seine Rckkehr zu feiern, die Knigin, seine Mutter, holen, er
fhrt ihn in seinen Palast und freut sich mit ihm den ganzen Tag. Der
Heilige, gelobt sei sein Name, hat auch einen Sohn von der Knigin; dieser
Sohn ist die obere und heilige Seele. Er schickt sie auf das Land, das
heit in diese Welt, um hier gro und eingefhrt zu werden in die
Gebruche, welche man im Palast des Knigs befolgt. Wenn es nun zur
Kenntni des Knigs kommt, da sein Sohn erwachsen und die Zeit gekommen
ist, ihn bei sich einzufhren, was wird er dann in seiner Liebe zu ihm
thun? Er lt ihm zu Ehren die Knigin holen und den Sohn in seinen Palast
eintreten. So verlt die Seele die Erde nicht, bevor nicht die Knigin
sich mit ihr verbunden hat, um sie in den Palast des Knigs einzufhren, wo
sie ewig wohnen wird. Und doch haben die Landbewohner die Gewohnheit zu
weinen, wenn der Sohn des Knigs sich von ihnen trennt. Wenn aber ein
hellsehender Mann zugegen wre, so wrde er zu ihnen sagen: Warum weint
ihr? Ist es nicht der Sohn des Knigs? Ist es nicht recht, da er euch
verlt, um im Palast seines Vaters zu wohnen? Deshalb richtete Moses,
welcher die Wahrheit wute und sah, da die Landbewohner, das heit die
Menschen zu klagen pflegen, an sie folgende Worte: Ihr seid Kinder des
Herrn, eures Gottes: Ihr sollt euch nicht Maale stechen, noch kahl scheeren
ber den Augen ber einem Todten.[488] -- Wenn alle Gerechte diese Dinge
wten, so wrden sie mit Freuden den Tag erwarten, an dem sie diese Welt
verlassen mssen. Und ist es nicht der Gipfel des Ruhmes, wenn die Knigin,
die Schechinah oder die gttliche Gegenwart, in ihre Mitte herabsteigt,
damit sie in den Palast des Knigs aufgenommen werden und seine Wonnen
schmecken von Ewigkeit zu Ewigkeit.[489]

Wir finden hier noch in den Beziehungen, welche zwischen Gott, der Natur
und der menschlichen Seele bestehen, die nmliche Form der Trinitt,
welcher wir so oft begegnet sind, und der die Kabbalisten eine viel grere
logische Wichtigkeit beilegen, als man nach dem exklusiven Kreis der
religisen Ideen noch erwarten sollte.

Aber nicht allein unter diesem Gesichtspunkt ist die menschliche Natur das
Bild Gottes; sie schliet auch auf allen Stufen ihrer Existenz die beiden
Prinzipien in sich ein, welche mit Hilfe eines Mittelgliedes aus ihrer
Verbindung hervorgeht, wodurch die Trinitt, welche das Resultat oder der
vollkommenste Ausdruck ist, erzeugt wird. Der himmlische Adam ist das
Resultat eines mnnlichen und weiblichen Prinzips. Dies mute sein, damit
daraus der irdische Mensch entstehen konnte, und diese Unterscheidung
findet sowohl hinsichtlich des Krpers, als auch der Seele, in ihrer
hchsten Reinheit betrachtet, statt. Der Sohar sagt:

Jede Form, in welcher man nicht ein mnnliches und ein weibliches Prinzip
findet, ist keine obere und vollkommene Form. Der Heilige, gelobt sei er,
schlgt seine Wohnung nur an einem Ort auf, wo diese beiden Prinzipien
vollkommen vereinigt sind. Nur von hier und durch diese Vereinigung strmt
der Segen herab, wie wir aus folgenden Worten ersehen: Er segnete sie und
nannte ihren Namen Adam an dem Tag, an welchem er sie schuf, denn selbst
der gegebene Name Mensch kann nur einem Mann und einer Frau werden, welche
zu einem einzigen Wesen vereinigt sind.[490]

Die Seele war ursprnglich so eng mit der hchsten Intelligenz verbunden,
da beide Hlften des menschlichen Wesens, in welchem alle Elemente
unserer geistigen Natur zusammengefat sind, sich unter einander vereinigt
befanden, bevor sie auf diese Welt kamen, wohin sie gesandt wurden, um sich
selbst zu erkennen und sich von neuem im Schoe der Gottheit zu vereinigen.
Dieser Gedanke ist nirgends so rein ausgedrckt als in folgendem Fragment:

Vor ihrer Herabkunft auf die Erde ist jede Seele und jeder Geist aus einem
Mann und einer Frau zusammengesetzt, welche zu einem einzigen Wesen
vereinigt sind. Indem sie zur Erde herabsteigen, trennen sich beide Hlften
und beseelen verschiedene Krper. Wenn aber die Zeit der Ehe gekommen ist,
vereinigt der Heilige, gelobt sei er, welcher alle Seelen und alle Geister
kennt, sie wie zuvor, und alsdann bilden sie wie vorher einen einzigen
Krper und eine einzige Seele. Aber das sie verbindende Band entspricht den
Werken des Menschen und den Wegen, welche er wandelte. Wenn der Mensch rein
war und fromm handelte, so wird er sich einer Vereinigung erfreuen, welche
vollkommen jener gleicht, die seiner Geburt vorausging.[491]

Der Autor scheint hier von den Androgynen Platos zu sprechen, deren Name in
der alten Tradition der Hebrer bekannt genug ist. Aber wie kommt dieser
Punkt der griechischen Philosophie in die Kabbala? Man wird uns die
Bemerkung gestatten, da diese Frage hier prokkupiert erscheint, da aber
der Grundsatz, nach welchem sie gelst wird, nicht unwrdig eines so groen
metaphysischen Systems erscheint: Denn, wenn Mann und Frau ihrer geistigen
Natur nach und hinsichtlich der absoluten moralischen Gesetze gleiche Wesen
sind, so sind sie hinsichtlich der natrlichen Richtung ihrer Fhigkeiten
vollkommen hnlich, und wir haben allen Grund, mit dem Sohar zu sagen, da
die Trennung der Geschlechter nicht weniger fr die Seelen als fr die
Krper Geltung besitzt.

Der Glaube, welchen wir jetzt klarlegen, ist unzertrennlich von dem Dogma
der Prexistenz und bereits mit der Ideenlehre verbunden, indem er genau
mit ihr die Existenz und den Gedanken verbindet. Auch ist dieses Dogma mit
vlliger Klarheit in dem Prinzip klargelegt, worin es seinen Ursprung hat.
Wir brauchen nur unsere bescheidene Rolle des bersetzers beizubehalten:

In der Zeit, in welcher der Heilige, gelobt sei er, das Universum
schaffen wollte, war dasselbe bereits in seinen Gedanken gegenwrtig. Er
schuf deshalb die Seelen, welche in der Folge den Menschen gehren sollten.
Sie standen alle vor ihm vollkommen in der Form, welche sie nachher in den
menschlichen Krpern annehmen sollten. Der Ewige betrachtete eine nach der
andern und sah mehrere, welche ihre Wege auf der Welt verderben wrden.
Wenn ihre Zeit gekommen ist, wird jede dieser Seelen vor den Ewigen
gerufen, welcher zu ihnen sagt: Gehe auf den oder jenen Theil der Erde und
belebe diesen oder jenen Krper. Die Seele antwortet ihm: O Herr des
Weltalls, ich bin glcklich auf der Welt, in welcher ich bin, und ich
wnsche sie nicht um eine andere zu verlassen, wo ich jeder Beschmutzung
ausgesetzt bin. Alsdann wird der Heilige, gelobt sei er, antworten: Am Tag,
an welchem du geschaffen wurdest, hattest du keine andere Bestimmung, als
auf die Welt zu gehen, wohin ich dich sandte. Die Seele schlug mit
Schmerzen den Weg zur Erde ein und stieg in die Mitte von uns herab.[492]

Dieselbe Idee finden wir einfacher ausgedrckt in folgender Stelle:

Insofern vor der Schpfung alle Dinge im gttlichen Gedanken gegenwrtig
waren in den ihnen eigenthmlichen Formen, existirten alle menschlichen
Seelen, bevor sie auf diese Welt herabstiegen, in Gott und dem Himmel in
der Form, welche sie hier unten beibehielten; und alle, welche zur Erde
herabstiegen, wuten dies, bevor sie hier ankamen.[493]

Man wird leicht mit uns einsehen, da ein Prinzip von solcher Wichtigkeit
nicht irgend welchen Offenbarungen entstammt, um seinen Platz in der
Gesamtheit des Systems einzunehmen, im Gegenteil wird es auf eine viel
kategorischere Weise gebildet sein mssen.

Wir mssen uns jedoch hten, die Lehre von der Prexistenz mit derjenigen
der moralischen Prdestination zu verwechseln. Mit dieser wird die
menschliche Freiheit vollkommen unmglich; mit jener ist sie nur ein
Geheimnis, wozu der heidnische Dualismus und das biblische Dogma von der
Schpfung ebensowenig geeignet sind, den Schleier zu lften, als der Glaube
an die absolute Einheit. Dieses Mysterium wird frmlich im Sohar anerkannt:

Simon ben Jochai sagte zu seinen Schlern: Wenn der Herr, gelobt sei er,
in uns nicht das gute und bse Verlangen gelegt htte, welches uns die
heilige Schrift unter dem Bilde des Lichtes und der Finsterni darstellt,
so wrde fr den Menschen weder Verdienst noch Schuld existiren. Aber warum
ist diesem also? fragten seine Schler. Wre es nicht besser, wenn fr ihn
weder Lohn noch Strafe existirten, damit der Mensch nicht sndigen und
Bses thun knnte? Nein, entgegnete der Meister, es ist gerecht, da der
Mensch so geschaffen wurde, wie er ist, denn alles, was der Heilige
geschaffen hat, gelobt sei er, war nothwendig. Wegen des Menschen wurde das
Gesetz der Schpfung geschaffen. Dieses Gesetz ist ein Kleid der Gottheit.
Ohne den Menschen und ohne dieses Gesetz wrde die gttliche Gegenwart
gewesen sein wie ein Armer, der seine Ble nicht bedecken kann.[494]

Mit andern Worten ist die moralische Natur des Menschen die Idee des Guten
und Bsen, welche man ohne den Begriff der Freiheit nicht erfassen kann,
eine derjenigen Formen, unter welchen wir uns das absolute Wesen
vorzustellen gezwungen sind. Wir haben schon oben gesehen, da Gott die
Seelen, welche ihn eines Tages verlassen, schon vor ihrer Ankunft auf der
Welt erkennt. Aber der Begriff der Freiheit ist nicht von dieser Meinung
abhngig; im Gegenteil, sie existiert schon zu dieser Zeit, und hier mge
folgen, wie die freien Geister noch die Ketten der Materie mibrauchen:

Alle diejenigen, welche auf der Welt Bses thun, haben schon im Himmel
angefangen, sich vom Heiligen, dessen Name gelobt sei, zu entfernen; sie
haben sich in den Abgrund gestrzt und sind vor der ihnen bestimmten Zeit
zur Erde herabgestiegen. So waren diese Seelen vor ihrer Ankunft unter uns
beschaffen.[495]

Dies ist hinlnglich, um den Begriff der Freiheit mit der Bestimmung der
Seele zu verbinden und dem Menschen die Mglichkeit der Verbesserung seiner
Fehler zu lassen, ohne ihn fr immer aus dem Schoe der Gottheit zu
verbannen. Deshalb haben die Kabbalisten das pythagorische Dogma der
Metempsychose angenommen, jedoch dasselbe veredelt. Die Seelen mssen, wie
alle Sonderexistenzen dieser Welt, zur absoluten Substanz zurckkehren, von
welcher sie ausgegangen sind. Darum mssen aber alle Fhigkeiten der
Vervollkommnungen, deren unzerstrbarer Keim in ihnen liegt, entwickelt
werden; sie mssen durch eine Menge von Proben das Bewutsein ihrer selbst
und ihres Ursprungs gewinnen. Wenn sie diese Bedingungen nicht in einem
frheren Leben erfllt haben, so beginnen sie ein neues und nach diesem ein
drittes mit immer neuen Proben, denn alles kommt schlielich darauf an, da
die Seelen immer neue Tugenden erwerben, welche ihnen frher gefehlt
traben. Dieses Exil hrt auf, wenn wir wollen; nichts aber hindert uns, da
es ewig dauere. Der Text sagt:

Alle Seelen sind der Probe der Seelenwanderung (Gilgul) unterworfen, und
die Menschen wissen nicht, was sie sind in Bezug auf die Wege, welche der
Allerhchste mit ihnen einschlgt. Sie wissen nicht, da sie fr alle
Zeiten gerichtet sind, bevor sie auf diese Welt herabkommen und wenn sie
dieselbe verlassen. Sie wissen nicht, wieviel Transformationen und
geheimnisvolle Proben sie durchmachen mssen, wieviel Seelen und Geister
auf diese Welt herabkommen, welche niemals in den Palast des himmlischen
Knigs zurckkehren; wieviel sie endlich solche Verwandlungen bis zum
Stein, welchen man mit der Schleuder wirft, durchmachen mssen. Die Zeit
ist endlich gekommen, da diese Geheimnisse enthllt wrden.[496]

Auf diese Worte, welche so vollstndig mit der Metaphysik des Sohar im
Einklang stehen, folgen Details, in denen sich die hchste poetische
Imagination kundgiebt, welche vielleicht das Genie Dantes in seinem
unsterblichen Werk gesammelt htte, die aber keinerlei Interesse fr die
Geschichte der Philosophie besitzen und nichts dem hier kennen zu lernenden
System hinzufgen. Wir bemerken hier nur, da die Seelenwanderung, wenn wir
dem heiligen Hieronymus Glauben schenken drfen, unter den ersten Christen
lange Zeit als eine esoterische und traditionelle Lehre im Umlauf war,
welche nur einer kleinen Anzahl Auserlesener anvertraut wurde: +abscondite
quasi in foveis viperarum versari, et quasi haereditario malo serpere in
paucis.+ Origenes betrachtet die Seelenwanderung als das einzige Mittel
zur Erklrung gewisser biblischer Erzhlungen, wie zum Beispiel des Kampfes
von Jakob und Esau vor ihrer Geburt, von der Auswahl des Jeremias, als er
sich noch im Mutterscho befand, und einer Menge anderer Erzhlungen,
welche den Himmel der Ungerechtigkeit anklagen wrden, wenn sie nicht durch
gute oder bse Handlungen in einem frheren Leben gerechtfertigt wrden. Um
nun schlielich keinerlei Zweifel ber den Ursprung dieses Glaubens
aufkommen zu lassen, trgt der Priester von Alexandria Sorge zu sagen, da
es sich hier nicht um die Metempsychose Platos, sondern um eine davon ganz
verschiedene und weit erhabenere Theorie handelt.

Weiterhin glauben die neueren Kabbalisten, da die gttliche Gnade uns in
der eigentlichen Metempsychose ein Mittel zur Wiedererlangung des Himmels
darbietet. Sie geben an, da, wenn zwei Seelen die Kraft fehlt, -- jede fr
sich die Vorschriften des Gesetzes zu erfllen, Gott sie beide in einem
einzigen Krper und zu einem Leben verbindet, damit eine die andere
ergnze, wie der Blinde den Lahmen. Manchmal hat eine dieser beiden Seelen
die Ergnzung einer Tugend ntig, welche in der andern besser und strker
entwickelt ist. Diese wird alsdann gewissermaen die Mutter der ersteren;
sie trgt dieselbe alsdann in ihrem Scho und ernhrt sie wie die Mutter
ihr Kind. Dies ist der kabbalistische Sinn der Worte Trchtigkeit oder
Schwangerschaft, mit welchen diese merkwrdige Verbindung bezeichnet
wird, deren philosophischer Sinn sehr schwer zu begreifen ist. Aber lassen
wir hier diese Trumereien oder unwichtigen Allegorien und halten wir uns
weiter an den Text des Sohar.

Wir wissen bereits, da die Rckkehr der Seele in den Scho der Gottheit
stets das Ende und die Belohnung aller Proben ist, von denen wir
sprachen.[497] Jedoch haben die Autoren des Sohar dabei nicht Halt machen
wollen: diese Verbindung, aus welcher fr den Schpfer sowohl als fr das
Geschpf unaussprechliche Freuden hervorgehen, schien ihnen eine
natrliche Thatsache, deren Prinzip in der Natur des Geistes selbst
begrndet ist; mit einem Wort, sie wollten es durch ein psychologisches
System erklren, welches man ohne Ausnahme in allen dem Mysticismus
entsprungenen Theorien wiederfindet. Nachdem der Sohar von der menschlichen
Natur die blinde Kraft getrennt hat, welche dem tierischen Leben vorsteht,
das nie die Erde verlt und infolgedessen keine Rolle in der Bestimmung
der Seele spielt, unterscheidet der Sohar noch zwei Arten des Empfindens
und Erkennens. Die beiden ersten sind die Furcht und die Liebe: das direkte
und reflektierte Licht, oder das innere und uere Gesicht; dieses sind die
Ausdrcke, welche gewhnlich zur Bezeichnung der beiden letzteren
angewendet werden. Der Text sagt:

Das innere Gesicht empfngt sein Licht von der hchsten Flamme, welche in
Ewigkeit leuchtet, und deren Geheimni nie entschleiert werden wird, es ist
innerlich, weil es von einer verborgenen Quelle stammt; es ist auch
erhaben, weil es von oben kommt. Das uere Gesicht ist nur ein Reflex
dieses Lichtes, welches direkt von oben emanirt.[498]

Als Gott zu Moses sagte, da er ihn nie von Angesicht, sondern nur von
hinten sehen werde, spielt er auf diese beiden Weisen des Erkennens an,
welche auerdem noch durch den Baum des Lebens dargestellt werden, welcher
die Erkenntnis des Guten und Bsen giebt. Es ist mit einem Wort das, was
wir heute die Intuition und die Reflexion nennen. Die Liebe und die Furcht,
vom religisen Standpunkt aus betrachtet, werden in einer sehr
bemerkenswerten Weise in folgendem Satz definiert:

Durch die Furcht wird der Mensch zur Liebe gefhrt. Ohne Zweifel ist der
Mensch, welcher Gott aus Liebe gehorcht, auf der erhabensten Stufe
angekommen, und ihm gebhrt schon in Folge seiner Heiligkeit das zuknftige
Leben; aber man darf nicht glauben, da Gott aus Furcht dienen, Gott nicht
dienen sei. Es ist im Gegentheil eine sehr wichtige Ehrerbietung gegen
Gott, da die Furcht vor Gott zwischen diesem und einer weniger
fortgeschrittenen Seele ein gewisses Band herstellt. Es giebt nur eine ber
die Furcht erhabene Stufe, nmlich die Liebe. In der Liebe ist das
Geheimni der Einheit verborgen. Sie ist es, welche die Einen zu den obern
Stufen hinauf und die Andern zu den untern hinabzieht. Sie ist es, welche
alles Seiende auf die hchste Stufe erhebt, wo Alles nothwendiger Weise
vereinigt werden mu. Dies ist der geheimnisvolle Sinn der Worte: Hre,
Israel, der Herr, dein Gott, ist ein einiger Gott.[499]

Wir begreifen auf der Stelle, wenn wir einmal auf diesem hchsten Grad der
Vollkommenheit angelangt sind, da der Geist weder Reflexion noch Furcht
mehr kennt, da vielmehr seine in die Intuition und Liebe eingeschlossene
glckliche Existenz ihren individuellen Charakter verloren hat; ohne
Interesse, ohne Handlung, ohne Rckkehr zu sich selbst kann sie sich nicht
mehr von der gttlichen Wesenheit trennen. Hier mge folgen, wie sie sich
zunchst unter dem Gesichtspunkt der Intelligenz darstellt:

Kommet und sehet: wenn die Seelen an den Ort gekommen sind, welche man den
Schatz des Lebens nennt, so erfreuen sie sich jenes glnzenden Lichtes,
dessen Herd im hchsten Himmel ist: und so gro ist der von ihm ausgehende
Glanz, da ihn die Seelen nicht wrden ertragen knnen, wenn sie nicht mit
einer Lichthlle bekleidet wren. Dank dieser Hlle knnen sie Angesichts
dieses blendenden Herdes bestehen, welcher den Aufenthaltsort des Lebens
verklrt. Moses selbst konnte sich ihm nur nhern, um ihn zu betrachten,
nachdem er seine irdische Hlle abgelegt hatte.[500]

Wenn wir nun wissen wollen, wie sich Gott aus Liebe mit der Seele
vereinigt, so mssen wir die Worte jenes Greises hren, welchen der Sohar
nchst Simon ben Jochai die grte Rolle spielen lt:

In einem der geheimsten und erhabensten Orte des Himmels steht ein Palast,
welchen man den Palast der Liebe nennt. Von ihm gehen die tiefsten
Geheimnisse aus; in ihm sind alle vom himmlischen Knig geliebten Seelen
versammelt; in ihm wohnt der himmlische Knig, der Heilige, gelobt sei er,
mit den heiligen Seelen und vereinigt sich mit ihnen durch Ksse der
Liebe.[501]

Kraft dieser Idee wird der Tod des Gerechten ein Ku Gottes genannt. Der
Text sagt ausdrcklich:

Dieser Ku ist die Vereinigung der Seele mit der Substanz, woraus sie
entsprungen ist.[502]

Das gleiche Prinzip macht uns begreiflich, warum die Interpreten des
Mysticismus den zrtlichen, aber oft sehr profanen Ausdrcken des
Hohenliedes eine so groe Verehrung entgegen bringen.

Mein Geliebter gehrt mir, und ich gehre meinem Geliebten, sagte Simon
ben Jochai vor seinem Tod, und es verdient als wichtig bemerkt zu werden,
da dieser Ausdruck auch die Abhandlung Gersons ber die mystische
Theologie schliet. Ungeachtet der berraschung, welche der eben genannte
berhmte Name und der groe Name Fenelons in Verbindung mit dem Sohar
hervorrufen knnte, wrden wir keine Mhe haben, darzulegen, da in den
Betrachtungen ber die mystische Theologie und in der Auseinandersetzung
der Grundstze der Heiligen es unmglich ist, etwas anderes zu finden, als
diese Theorie der Liebe und Betrachtung, deren Grundzge wir darlegten.
Ihre letzte Konsequenz hat endlich niemand mit solchem Freimut dargestellt
wie die Kabbalisten. Unter den verschiedenen Stufen der Existenz, welche
man auch die sieben Tabernakel nennt, giebt es eine, welche der Heiligste
der Heiligen genannt wird, auf welcher alle Seelen sich mit der hchsten
Seele vereinigen und einander ergnzen. Hier kehrt alles zur Einheit und
Vollkommenheit zurck; alles verbindet sich zu einem einzigen Gedanken,
welcher sich ber das Weltall ausdehnt und dasselbe vllig erfllt. Aber
der Grund dieses Gedankens, das Licht, welches sich verbirgt, und das nie
verlscht oder erkannt werden kann, wird nur sichtbar durch den von ihm
ausgehenden Gedanken. In diesem Zustand endlich kann die Kreatur nicht mehr
vom Schpfer unterschieden werden; derselbe Gedanke erleuchtet sie,
derselbe Wille beseelt sie; die Seele sowohl sich selbst als Gott befehlend
und dem Weltall, und was sie befiehlt fhrt Gott aus.[503]

Es bleibt uns noch zum Beschlu dieser Untersuchung brig, mit wenig
Worten die Meinung der Kabbalisten ber ein traditionelles Dogma kennen zu
lernen, welches in ihrem System zwar eine sehr untergeordnete Rolle spielt,
das aber fr die Religionsgeschichte von der hchsten Wichtigkeit ist. Der
Sohar erwhnt fter den Abfall und den Fluch, welchen der Ungehorsam
unserer ersten Eltern in die menschliche Natur brachte. Er lehrt uns, da
Adam, indem er der Schlange nachgab, in Wirklichkeit den Tod auf sich,
seine Nachkommenschaft und die ganze Natur herab beschwor. Vor seinem Fall
war er von grerer Schnheit und Strke als die Engel. Wenn er einen
Krper hatte, so war er nicht von gemeinem Stoff wie der unsere, er hatte
keine Bedrfnisse und sinnliche Wnsche. Er wurde durch die hchste
Weisheit verklrt, durch diejenige der Boten Gottes von der hchsten
Ordnung, welche ihn spter aus dem Paradies vertreiben muten. Man kann
jedoch nicht sagen, da dieses Dogma das nmliche sei, wie das vom
Sndenfall. In Wirklichkeit handelt es sich hier, wenn man nur die
Nachkommenschaft Adams im Auge hat, weder um ein Verbrechen noch um eine
menschliche Tugend, wohl aber um ein erbliches bel, um eine schreckliche
Strafe, welche sich sowohl ber die Zukunft als ber die Gegenwart
erstreckt. Der Text sagt:

Der reine Mensch ist an sich selbst ein wahres Opfer, welches zur Heilung
dienen kann; deshalb werden auch die Gerechten die Reinigungsopfer des
Weltalls genannt.[504]

Die Kabbalisten gehen sogar so weit, den Todesengel als den grten
Wohlthter des Weltalls hinzustellen; denn, sagen sie, er beschtzt uns
gegen das gegebene Gesetz, er ist die Ursache, da die Gerechten die
erhabenen Schtze erben, welche ihnen fr das zuknftige Leben vorbehalten
sind.[505] Schlielich ist dieser alte, in der Genesis so positiv
ausgedrckte Glaube an den Sndenfall des Menschen in der Kabbala mit
groer Geschicklichkeit als eine natrliche Thatsache, als eine Schpfung
der menschlichen Seele dargestellt, welche folgendermaen erklrt wird:

Bevor Adam gesndigt hatte, wute er noch nicht, da die Weisheit des
Lichtes von oben kommt; er war noch nicht vom Baum des Lebens getrennt.
Aber als er dem Verlangen nachgab, die unteren Dinge kennen zu lernen und
in ihre Mitte herabzusteigen, alsdann wurde er verfhrt, er erkannte das
Bse und verga das Gute; er trennte sich vom Baume des Lebens. Bevor er
dieses gethan hatte, hrte er eine Stimme von oben; er besa noch die
hhere Weisheit und bewahrte noch ihre lichtartige Natur. Aber nach seinem
Fall hrte er die Stimme nicht mehr.[506]

Wie knnte man die Meinung nicht erkennen, welche wir eben darstellten,
wenn man uns lehrt, da Adam und Eva, bevor sie durch die Einflsterungen
der Schlange betrogen wurden, nicht allein von den Bedrfnissen des Krpers
befreit waren, sondern sogar nicht einmal einen Krper besaen; da sie
also sozusagen der Erde gar nicht angehrten? Sie waren beide reine
Intelligenzen, glckliche Geister, wie diejenigen, welche den
Aufenthaltsort der Gerechten bewohnen. Dies bedeutet die Nacktheit, unter
welcher sie uns die heilige Schrift im Stande ihrer Unschuld darstellt. Und
wenn der heilige Geschichtsschreiber erzhlt, da ihm der Herr ein Kleid
von Fellen anzog, so will dies sagen, da die Erlaubnis diese Welt zu
bewohnen, eine unvorsichtige Neugierde von ihnen war oder vielmehr der
Wunsch, das Gute und Bse kennen zu lernen. Gott gab ihnen einen Krper und
Sinne. Hier mge eine der zahlreichen Stellen folgen, worin diese auch von
Philo und Origenes angenommene Idee in ziemlich klarer Weise dargestellt
wird:

Als Adam, unser erster Vater, den Garten von Eden bewohnte, war er wie im
Himmel mit einer Hlle aus dem oberen Licht bekleidet. Als er aus dem
Garten von Eden verjagt und gezwungen wurde, sich den Nothwendigkeiten der
Welt zu unterwerfen, was geschah dann mit ihm? Gott, sagt uns die Schrift,
machte fr Adam und seine Frau Kleider von Fellen, denn vorher hatten sie
Kleider von Licht, welches in Eden strahlt. Die guten Handlungen, welche
der Mensch auf Erden vollbringt, lassen auf ihn einen Theil dieses obern
Lichtes herabsteigen, welches im Himmel erglnzt. Es ist dasjenige, welches
ihm als Kleid dient, wenn er diese Welt verlassen und vor dem Heiligen,
dessen Name gelobt sei, erscheinen mu. Dank diesem Kleid kann er die
Wonnen der Auserlesenen schmecken und sich von Angesicht zu Angesicht im
Spiegel des Lichtes betrachten. Also besitzt die Seele, bevor sie die
Vollkommenheit in allen Dingen erlangt, ein verschiedenes Kleid fr jede
der beiden Welten, welche sie bewohnen mu, eines fr die irdische und das
andere fr die obere Welt.

Andererseits wissen wir schon, da der Tod, welcher nichts anderes ist als
die Snde selbst, nicht ein allgemeiner Fluch, sondern nur ein allgemeines
bel ist. Er existiert nicht fr den Gerechten, welcher sich mit Gott durch
einen Ku der Liebe verbindet, sondern er trifft nur den Bsen, welcher in
dieser Welt alle seine Hoffnungen zurcklt. Das Dogma vom Sndenfall wird
auch von den neueren Kabbalisten, namentlich von Isaak Loriah angenommen,
welcher glaubt, da alle Seelen mit Adam geschaffen wurden und zuerst nur
eine und dieselbe Seele bildeten, smtlich gleich strafbar fr den ersten
Akt des Ungehorsams sind. Aber in derselben Zeit, worin er sie uns so
erniedrigt seit dem Beginn der Schpfung darstellt, spricht er ihnen die
Fhigkeit zu, sich wieder durch sich selbst zu erheben, indem sie alle
Gebote Gottes ausfhren kann. ber die Verpflichtung, sich diesem niedern
Zustand zu entreien und, so viel in ihrer Macht steht, die Gebote Gottes
auszufhren, schreibt das Gesetz vor: Glaubt und vermehrt euch. Hieraus
rhrt auch die Notwendigkeit her der Metempsychose, denn ein einziges Leben
reicht nicht hin, um das Werk der Rehabilitation zu vollbringen. Immer ist,
wenn auch stets unter einer andern Form, die Veredelung unserer irdischen
Existenz und Heiligung unseres Lebens das einzige Mittel zur
Vervollkommnung, wozu sie das Bedrfnis und den Keim in sich trgt.

Es liegt nicht in unserem Plan, ein Urteil ber das groe, jetzt von uns
dargestellte System auszusprechen; denn wir knnten dies nicht thun, ohne
da wir eine profane Hand an die erhabensten Lehren der Philosophie und
religisen Dogmen legen mten, deren Geheimnis mit Recht hochgeachtet ist.
Wir sind hier nur zu der bescheidenen Rolle eines Auslegers bestimmt; aber
wir haben wenigstens die berzeugung, da, ungeachtet der zahllosen
Widerwrtigkeiten, mit denen wir zu kmpfen haben, ungeachtet der
kindischen Trumereien, welche jeden Augenblick den erhabensten Ideengang
unterbrechen, die geschichtliche Wahrheit sich nicht ber uns zu beklagen
haben wird.

Wenn wir jetzt auf die einfachste Weise den durchmessenen Raum bersehen
wollen, so finden wir, da sich vom Standpunkt des Sepher Jezirah und des
Sohar aus, die Kabbala aus folgenden Elementen zusammensetzt:

1. Indem sie alle Erzhlungen und Worte der Schrift als Symbole auffat,
will sie den Menschen Vertrauen zu sich selbst einflen; sie setzt die
Vernunft an die Stelle der Autoritt und lt die Philosophie in unserer
eigenen Brust unter der Obhut der Religion geboren werden.

2. An die Stelle des Glaubens an einen von der Natur unterschiedenen
Schpfer, welcher ungeachtet seiner Allmacht eine Ewigkeit in Unthtigkeit
verharren mute, setzte sie den Gedanken einer universellen, durchaus
unendlichen, stets aktiven, immer denkenden Substanz, welche die immanente
Ursache des Weltalls ist, die jedoch durch das Weltall nicht ausgefllt
wird, und fr welche endlich Schaffen nichts anderes ist, als Denken, Sein
und sich selbst Enthllen.

3. An die Stelle einer rein materiellen, von Gott verschiedenen Welt,
welche aus dem Nichts hervorging und bestimmt ist, dahin zurckzukehren,
erkennt sie zahllose Formen an, unter denen sich die gttliche Substanz
nach den unvernderlichen Gesetzen des Denkens enthllt und offenbart. Alle
existierten ursprnglich in der hchsten Intelligenz vereinigt, bevor sie
sich in einer sinnlichen Form realisierten; hierher stammen die beiden
Welten, die intelligible oder obere und die untere oder materielle.

4. Der Mensch besitzt von allen Formen die erhabenste und vollkommenste,
unter welcher es allein erlaubt ist, Gott darzustellen. Der Mensch dient
als Band und Verbindung zwischen Gott und der Natur. Beide reflektieren ihn
in seiner doppelten Natur. Also ist alles Begrnzte anfnglich in der
absoluten Substanz vereinigt, mit welcher es sich dereinst aufs neue
verbinden mu, damit sie fr die noch mglichen Entwickelungen vorbereitet
sei. Aber man mu die absolute und universelle Form des Menschen von der
der einzelnen Menschen unterscheiden, welche nur eine schwache Wiedergabe
der ersteren ist. Die erstere, gewhnlich der himmlische Mensch genannt,
ist durchaus untrennbar von der gttlichen Natur und deren erste
Offenbarung.




Anhang.

Blten vom Baume der Kabbala.[507]


In der Kraft und dem Wesen der Seele liegt die Fhigkeit zu wirken auf den
Grundstoff (Huli) der Welt, da sie eine Form (Zurach) vernichten und eine
andere hervorbringen kann. Schon durch die Einbildungskraft (Machschaba)
vermag der Mensch andern Dingen zu schaden, ja selbst Menschen umzubringen.

                           _Isaak Loriah: Sepher Cch'wanoth_, Fol.46.

Die Lehrer sagen: Wenn einer pltzlich erschrickt, wiewohl er nichts
siehet, so sieht doch sein Massel (Genius, transscendentales Subjekt)
etwas. Denn ein pltzlich den Menschen berfallender Schrecken ohne
bestimmte Ursache giebt einen Beweis, da wiewohl das Krperliche nichts
sieht, dennoch die N'schama, so das Massel ist, welches den Menschen
bewegt, etwas siehet. Oft ahnet das Herz die Todesflle und bsen
Nachrichten, die es in der Zukunft treffen, und das Herz trauert ohne
bestimmte Grnde, denn die N'schama sieht das, was knftig ber den Leib
kommt und trauert darber.

                                         _Nischmath Chajim_, Fol.101.

Wenn sich die Heiligen und Wunderthter in die Einsamkeit begeben und sich
mit hheren Geheimnissen beschftigen, so bilden sie zuerst in der Kraft
ihres geistigen Bildungs- und Vorstellungsvermgens die heiligen Namen so,
als wenn diese Dinge vor ihnen eingegraben wren, und diese furchtbaren
Dinge sind in ihrem Herzen eingegraben. Wenn sie dann verbinden ihr
Nephesch mit dem oberen Nephesch, so werden diese Dinge vermehrt, quellen
auf und offenbaren sich aus sich selbst, weil hier jeder Gedanke aufhrt.
Wer daher seine Machschaba (Imagination) an einen bsen Gedanken hngt,
sndigt mehr als durch die That.

                                   _Mairecheth Aeloluth_, Fol.41, 63.

Die That ist im Nephesch, das Wort im Ruach, das Denken in der N'schama. Da
jedoch in jeden derselben alle drei enthalten sind, so findet sich auch das
Denken im Nephesch,usw.

                                              _Kisri Melech_, Fol.53.

Es ist eine Eigenthmlichkeit in der Kraft des Nephesch und seinem Wesen,
zu wirken in den Grundstoff der Welt, und Formen zu zerstren und andere
hervorzubringen. Es geht die Wirkung von manchem Nephesch in ein anderes
Wesen ber, so da der Ruach schon durch seine Imagination Schaden
hervorbringen, ja sogar einen Menschen durch die Machschaba tten kann, und
um so mehr noch, wenn er zu den Bsaugigten (+mal' occhio+) gehrt. Denn
die Krfte des Menschen sind verschieden, Bses und Gutes hervorzubringen.
Sowie die Kraft der Frommen und Wunderthter gro ist, um Gutes zu thun den
Guten, so ist auch durch die andere Seite den bsen sndigen Menschen
Gewalt gegeben, jeden, dem sie wollen, Bses zuzufgen durch die
Machschaba, durch Wort und That mittelst der Versenkung ihrer inneren und
ueren Sinne.

                                                 _Een Jacob_, Fol.46.

Auch im Mineralreich, der Erde und den Steinen ist notwendig Leben und
Geistiges, und ein Gestirn und Wchter ber ihm oben. Denn wenn es nicht so
wre, knnte die Erde nicht Kruter, Frchte und Samen hervorbringen, in
denen Leben ist. Das Leben des Pflanzenreichs ist ber dem Leben des
Mineralreichs, denn es wchst und wird gro wie der Mensch, und das in ihm
wohnende Leben verursacht das Wachsen. Die Thiere stehen noch hher,
insofern sich in ihnen das Nephesch deutlich zeigt und schon Ruach genannt
wird, wie es heit: Der Ruach der Thiere geht zur Erde. Das Leben des
vernnftigen Menschen aber steht hher als alle.

                                             _Etz Hachajim_, Fol.192.

Das allgemeine Buch, in welches alle Handlungen des Menschen auf der
Stelle eingeschrieben werden, ist der saphirartige, umkreisende ther. In
ihn graben sich alle einzelne Bewegungen des Menschen ein, sowohl die
Blicke des Auges, als auch die ffnung des Mundes zum Guten wie zum Bsen;
selbst die inneren Gedanken des Herzens, die Freude, Traurigkeit u.s.w.
bringen im uern Angesicht nothwendigerweise etwas hervor und wirken auf
den ther ein.

                                          _Esarah Maimeroth_, Fol.49.




Sechstes Buch.

Der Occultismus der alten Griechen.

Erstes Kapitel.

Die jonischen Naturphilosophen.


Auf dem hellenischen Boden beginnt, was auf dem Titel des Gesamtwerkes,
dessen letzten Band ich hiermit beginne, als Occultismus bezeichnet ist,
in die Philosophie einzumnden. Philosophie ist nicht nur dem Namen,
sondern auch der Sache nach erst eine Erfindung des griechischen Geistes.
Der Occultismus der Griechen fllt daher in gewissem Grade mit einer
Geschichte der griechischen Philosophie zusammen, und die folgende
Darstellung der letzteren wird sich nur insofern von den gewhnlichen
Darstellungen der griechischen Philosophie unterscheiden, als sie den
mystischen Elementen derselben eine grere Beachtung schenkt. _Wir treten
zwar aus dem Nebel der orientalisch wsten Phantastik heraus in eine
reinere und freiere Atmosphre._ Allein wir werden finden, da selbst die
rationellsten Denker des begabtesten aller antiken Vlker von mystischen
und transcendentalen Voraussetzungen noch nicht ganz frei waren, und da
mit der Auflsung der griechischen Kraft auch die Philosophie im
Neu-Pythagorerismus und Neu-Platonismus nach dem anfangs so
verheiungsvollen Erwachen einer nchternen, wissenschaftlichen
Naturbetrachtung wieder in die Trume und Superstitionen des Asiatismus und
zu jenem Mysticismus herabsinkt, der dann auch bei dem Wiedererwachen des
wissenschaftlichen Geistes gegen Ausgang des Mittelalters noch einen
strenden Einflu auf den Anfang der neueren Philosophie ausgebt hat. So
z.B. wird Giordano Bruno nur als Neu-Platoniker ganz verstndlich.

Erst die moderne Naturwissenschaft hat, beginnend mit Galilei, in stetigem
Kampfe gegen die metaphysischen Vorurteile unsere _positivistische_ rein
wissenschaftliche Denkweise gereift, fr welche die Philosophie nichts
anderes mehr ist, als Centralisation und denkende Verarbeitung und
Verknpfung aller Erfahrungs-Wissenschaften. Vergl. +Comte, Cours de
philosophie positive+.




I.

Thales von Milet.


Das erste Erwhnen des natur-philosophischen Bewutseins hat auf jonischem
Boden stattgefunden. Hier zum ersten Male wurde in besonnener und
verstandesklarer Gedankenhaltung die Frage gestellt nach dem Grunde oder
Anfange, aus welchem sich das Vorhandene gestaltet habe, oder auch, wenn
man will nach dem Ding an Sich oder dem reinen Sein.

Den Zug der ersten Philosophenschule, der sog. jonischen Physiologen oder
Physiker, erffnet Thales von Milet.

ber das Leben dieses Vaters der griechischen Philosophie sind wir wenig,
aber doch immer noch verhltnismig besser unterrichtet, als ber
dasjenige mancher spterer, durch unkritische Sagenbildung umwlkter
Philosophen, z.B. des Pythagoras. Er entstammt einem thebanischen
Geschlecht und ist wahrscheinlich um 640 v.Chr. geboren; jedenfalls war er
ein Zeitgenosse des Solon und Crsus. Er war ein Brger von Milet, sei es,
da er selbst erst dort eingewandert und unter die Brger aufgenommen war,
oder da bereits sein Vater Examios das Brgerrecht erlangt hatte. Es steht
fest, da er auch an den politischen Angelegenheiten Milets Anteil genommen
hat.

Nach +Herodot I., 170+, riet er den Joniern vor ihrer Unterwerfung durch
die Perser, sich zur Abwehr derselben zu einem Bundesstaat mit
einheitlicher Centralregierung zu vereinigen. Er erlangte frh in ganz
Griechenland den Ruf groer Kenntnisse und wurde unter die sog. sieben
Weisen eingereiht. Eine Anekdote erzhlt, da er anfangs ber seinen
naturphilosophischen Spekulationen sein Vermgen vernachlssigt habe, dann
aber, als ihm dieserhalb Vorwrfe gemacht wurden, um zu beweisen, da einem
Philosophen, wenn er nur wolle, auch die praktische Erwerbsthtigkeit eine
Kleinigkeit sei, binnen kurzer Zeit durch finanzielle Spekulationen mit
lpressen sich gewaltige Reichtmer erworben habe.

Zunchst scheint er sich dem bis dahin bei den Griechen noch sehr
rckstndigen Studium der Mathematik und Astronomie zugewandt zu haben.
Diogenes giebt an, er habe zuerst bewiesen, da die Dreiecke auf dem
Kreisdurchmesser rechtwinklig sind; Plinius, er habe zuerst die Hhe der
Pyramide aus ihrem Schatten berechnet; Proklus, er habe zuerst bewiesen,
da die Scheitelwinkel einander gleich sind, da Dreiecke sich gleich sind,
wenn sie je zwei Winkel und eine Seite gleich haben, und da man mittels
dieses Satzes die Entfernung von Schiffen auf dem Meere messen knne, auch
habe er den in Euklid 440 gegebenen Beweis dafr entdeckt, da der
Durchmesser den Kreis halbiert. Im Altertum kursierte eine Schrift ber
nautische Astronomie unter seinem Namen, die jedoch Diogenes Laertius einem
Samier Phocus zuschreibt. Mglich ist, da er diese geometrischen und
astronomischen Kenntnisse sich bei einer Anwesenheit in Egypten angeeignet
hat.[508]

Am berhmtesten ist seine Vorausbestimmung einer zur Zeit des lydischen
Knigs Alyattes eingetretenen Sonnenfinsternis. Nach Zech's astronomischen
Untersuchungen (vgl. +Ueberweg's Geschichte der Philosophie I, 12+), hat
diese Finsternis am 30. September 161 v.Chr. stattgefunden.

Mglicherweise hat er dabei den Saros, d.h. die von den Chaldern durch
fortgesetzte Beobachtung aufgefundene Periode der Verfinsterungen benutzt,
welche 223 synodische Monate oder 65851/3 Tage umfat.

Aristoteles sagt +Metaph. I, 3+: Von denen, welche zuerst philosophiert
haben, haben die meisten blo _materielle_ Urgrnde angenommen, und zwar
Thales, der Urheber dieser Richtung das _Wasser_. Er schpfte diese Meinung
wahrscheinlich aus der Beobachtung, da die Nahrung von allem feucht sei,
und da das Warme selbst hieraus werde und das lebende Wesen hierdurch sich
erhalte; das, woraus ein anderes wird, ist aber fr dieses das Prinzip; --
ferner aus der Beobachtung, da der Same seiner Natur nach feucht sei; das
Prinzip aber, vermge dessen das Feuchte feucht sei, sei das _Wasser_.

Dazu bemerkt Dhring in seiner +kritischen Geschichte der Philosophie
(S.20 u.22)+: Mit vollem Rechte werden die ursprnglichen flssigen oder
gasfrmigen Zustnde der Natur als Totalitten gedacht, in denen alles der
Anlage nach enthalten war, was in der gegebenen in festen Formen
gestalteten Welt anzutreffen ist. Stand es einmal fr den Verstand fest,
da das Gegebene seine gegenwrtige Gestalt einem Bildungshergang verdanke
und nicht etwa jederzeit ebenso bestanden habe, wie jetzt, so war die
nchste Konsequenz des Vorstellens offenbar die, sich nach einem wirklich
bildsamen Stoff umzusehen, auf welchen gestaltende Krfte mit Leichtigkeit
wirken knnen. Das Feste ist erfahrungsmig wenig bildsam. Es mute daher
eine der Bethtigung des Krftespiels gnstigere Urbeschaffenheit
angenommen werden. Die einzelnen Beobachtungen der natrlichen
Gestaltungshergnge mgen das Flssige als Ausgangspunkt des Festwerdens
sowie auch der Verdunstung besonders empfohlen haben. Das Thaletische
Wasser erscheint auf diese Weise gar nicht als ein willkrliches Prinzip,
sondern als _eine fr den damaligen Stand des Naturwissens verhltnismig
gelungene Idee_.

Ich selbst habe in meiner Einleitung zu Brunos Dialogen Vom Unendlichen
daran erinnert, da Thales zu Milet am Strande des Meeres lebte, da daher
sein Grundprinzip aller Dinge der sinnlichen Anschauung seine Anregung
verdankt. Denn mehr fast, als selbst der als abgeschlossene Wlbung
erscheinende Luftraum vermag das Meer einen gefhlsmigen Antrieb zur
Unendlichkeits-Idee zu erwecken, wie dies Byron in den schnen Versen
seines +Childe Harold+ ausdrckt:

    Glorreicher Spiegel, wo im Wettersausen
    Blickt des Allmcht'gen Bild! Zu allen Zeiten,
    Still und bewegt, im Sturm, im Brausen,
    Am eis'gen Pol, in glutdurchflammten Weiten,
    Nachtdunkel, endlos, hehr, -- der Ewigkeiten
    Erhab'nes Bild, des Unsichtbaren Schrein!
    Des Abgrunds Ungeheuer selbst entgleiten
    Blo deinem Schleim entsprot! Allwrts herrscht dein
    Gesetz! So wogst du fort, hehr, bodenlos, allein!

                  *       *       *       *       *

Wir drfen bei Wasser nur nicht an unser chemisches H2O, sondern an den
flssigen Aggregatzustand denken, um das Grundprinzip des Thales nicht fr
eine so kindische Vorstellung gelten zu lassen, wie es vielleicht manchem
oberflchlichen modernen Beurteiler auf den ersten Blick erscheint.

Ob Thales vom Wasser, als dem Urstoff, die Gottheit oder den Geist
unterschieden habe, oder ob er, wie Zeller[509] meint, der Urheber des sog.
Hylozoismus war, sich alle Dinge lebendig gedacht, alle wirkenden Krfte
nach Analogie der menschlichen Seele personifiziert hat, ist sehr
zweifelhaft. Aristoteles bemerkt zwar, er habe gelehrt, da alles voll von
Gttern sei. Ich mchte dem Urteil Dhrings den Vorzug geben, wonach eine
Unterscheidung des rein Materiellen von affizierenden Krften oder gar
geistigen Potenzen nicht auf dem Wege einer so einfachen Rechenschaft lag,
wie sie von den jonischen Naturdenkern ins Auge gefat worden ist. Man thut
ihnen daher, und insbesondere dem Thales, wohl Unrecht, wenn man ihnen mit
Zeller eine unberechtigte Belebung der Materie unterschiebt. Ebenso ist es
schlecht beglaubigt, da er zuerst die Unsterblichkeit der Seelen gelehrt
habe. Ebenso unverbrgt und unwahrscheinlich sind folgende Aussprche, die
Diogenes Laertius ihm beilegt: Gott ist das lteste aller Wesen; denn er
ist unentstanden. Das Schnste ist das Weltall; denn es ist von Gott
erschaffen. Das Grte ist der Raum; denn er umfat alles. Das Schnellste
ist der Geist; denn er durcheilt das Weltall. Das Strkste ist die
Notwendigkeit; denn sie berwindet alles. Das Weiseste die Zeit; denn sie
entdeckt alles. _Der Tod unterscheidet sich nicht vom Leben._ Als ihn mit
Hinweis auf diesen Ausspruch jemand gefragt haben soll: Warum stirbst du
denn nicht? soll er geantwortet haben: Weil es keinen Unterschied
ausmacht. Auf die Frage, was schwer sei, erwiderte er: Sich selbst zu
kennen; auf die Frage, was leicht: Einem andern gute Ratschlge zu
erteilen; auf die Frage, wie man die harten Schlge des Schicksals am
leichtesten ertragen knne, antwortete er: Wenn man sehe, da es unseren
Feinden noch schlechter gehe; und auf die Frage, wie man sein Leben am
besten und richtigsten einrichte, wenn man die Fehler, die man an anderen
tadelnswert finde, selber vermeide.

Einst sollen Milesische Fischer mit ihrem Netz einen Dreifu von
bewundernswerter Arbeit, ein Werk des Vulkan, aus dem Meere gezogen haben.
Um den unter ihnen ber das Eigentum entbrannten Streit zu schlichten,
sandte man zum Delphischen Orakel. Die Pythia gab zur Antwort:

    ber den Dreifu befragst den Gott du, Milesische Jugend:
    Der gehret dem Mann, de Weisheit unbertroffen.

Man gab daher den Dreifu dem Thales. Thales gab ihn weiter und so gelangte
er schlielich an Solon, der ihn dann mit der Erklrung, da der Gott der
Weiseste sei, nach Delphi geschickt haben soll.




II.

Anaximander.


Anaximander, um 610 v.Chr. geboren, soll ein Schler des Thales gewesen
sein. Jedenfalls stand er, als sein Mitbrger und jngerer Zeitgenosse,
unter der geistigen _Anregung_ der Lehren des Thales. Er hat aber einen
erheblichen Fortschritt in der Richtung der philosophischen Abstraktion von
der sinnlichen Anschauungsweise gemacht. Er nannte zuerst ausdrcklich das
materielle Urwesen Prinzip (%arch%) und bezeichnete es nher als einen
_luft- oder gasfrmigen_, der Masse nach _unendlichen_ Stoff. Andere
meinen, er habe den Urstoff als etwas zwischen Luft und Wasser in der Mitte
Liegendes gedacht. Vielleicht hat er geglaubt, ein recht vollkommenes
Prinzip dadurch zu gewinnen, da er sich die drei in der gegebenen Welt
bestehenden Aggregatzustnde in einem chaotischen Urstoff _gemischt_
vorstellte und so einen Schlu auf die Dichtigkeit in der vorausgesetzten
Aggregation machte; jedenfalls finden wir, da sein Urstoff auch als
_Mischung_ (%migma%) bezeichnet wird[510]; und er lehrte, da die
besonderen Stoffe aus dem unendlichen Urstoff durch Entmischung entstanden
seien, indem das Verwandte sich vereinigte, die Goldteilchen mit
Goldteilchen, Erde mit Erde u.s.w. Dagegen ist die unter den Historikern
der Philosophie bestehende Controverse, ob er sich diese Entwicklung der
besonderen Stoffe und Dinge rein mechanisch durch Trennung und Verbindung
gedacht habe (Ritter), oder dynamisch, so da die Unterschiede nur
potentiell in dem an und fr sich gleichartig gasfrmigen der Qualitt nach
unbestimmten Urstoff vorhanden gewesen wren (Herbart), in Ermangelung
ausreichender Quellenberichte mit keinerlei Sicherheit zu entscheiden.
Aristoteles scheint die Annahme eines _qualittslosen_ Urstoffs dem
Anaximander aufs bestimmteste abzusprechen, wenigstens die Annahme, da die
Dinge aus diesem Urstoff durch bloe Verdnnung oder Verdichtung
entstehen.[511] Vielmehr schreibt er ihm die Lehre zu, da die Entwicklung
der Einzelstoffe und Einzeldinge durch Sonderung der im Unendlichen
enthaltenen Gegenstze sich vollziehe. Zuerst scheiden sich voneinander
Warmes und Kaltes; eine feurige Sphre umgiebt rings die Luft und die Erde;
aus Feuer und Luft bilden sich die Gestirne. Im Mittelpunkt der unendlichen
Welt ruht die Erde, unbeweglich wegen des gleichen Abstandes von allen
Punkten der Himmelskugel. Die Gestirne sind himmlische Gottheiten. Die
Erde hat sich aus einem ursprnglich flssigen Zustande gebildet. Aus dem
Feuchten sind unter dem Einflu der Wrme in stufenweiser Entwickelung die
lebenden Wesen hervorgegangen. Da alle lebenden Wesen ursprnglich im
Wasser entstanden sind, so nahm er an, da auch die Landtiere, mit
Einschlu des Menschen, zuerst fischartig gewesen und erst infolge der
Abtrocknung der Erdoberflche sich allmhlich zu ihrer jetzigen Gestalt
entwickelt haben. Ueberweg findet daher nicht mit Unrecht bei ihm die
ersten Anfnge des heute vorzugsweise sog. Darwinismus. Ja, Anaximander
spricht schon von dem Einflu der _vernderten Lebensbedingungen_ auf die
Entwicklung der Arten.

Die Seele soll er als luftartig bezeichnet haben.

Er lehrte, da es unendlich viele Welten, d.h. Weltkrper gebe, die
zusammen ein Weltsystem bilden, und die er wohl nur deshalb Welten nannte,
weil er sie fr weit grer und unserem Weltkrper hnlicher ansah, als die
gewhnliche Meinung. Die Entstehung dieser einzelnen Weltkrper aus dem
ursprnglich luft- oder modern genauer gesprochen gasfrmigen Zustande
suchte er sich mechanisch zu erklren, wahrscheinlich war er dabei auf eine
hnliche Theorie geraten, wie die sog. Wirbeltheorie des Descartes[512];
wenigstens wird berichtet, er habe die Bewegung der Himmelskrper von
Luftstrmungen hergeleitet, die eine Drehung der Gestirnsphren
herbeifhrten.

Dhring bemerkt, da uns die jonischen Philosophen erst in richtiger
Beleuchtung erscheinen, wenn wir ihre freilich noch roheren Vorstellungen
mit den neueren naturphilosophischen und zugleich naturwissenschaftlichen
Ideen ber einen denkbar frhesten Zustand des Kosmos vergleichen. Kant
legte in seiner Naturgeschichte des Himmels ebenfalls die Hypothese zu
Grunde, alle Weltkrper seien durch Verdichtung aus einem Urnebel
entstanden.[513]

Und jedenfalls hat Bruno so Unrecht nicht, wenn er auf den Rckgang der
kosmologischen und insbesondere der kosmogonischen Vorstellungsweise eines
Aristoteles gegenber diesen ersten von Aristoteles stets mit einer
gewissen verchtlichen Blasiertheit behandelten Physikern hinweist.

Vergl. meine bersetzung der Dialoge Brunos +Vom Unendlichen und den
zahllosen Welten S.74ff.+

Der Weltenentstehung aber entspricht eine Weltenzerstrung. Er lehrt:
Woraus die Dinge entstehen, in eben dasselbe mssen sie auch vergehen, wie
es der Billigkeit gem ist; denn sie mssen Bue und Strafe geben um der
Ungerechtigkeit willen nach der Ordnung der Zeit. Man kann hierin ein
pessimistisches Element in der Philosophie des Anaximander finden und zwar
eben jenes, das bekanntlich Felix Dahn auf modern naturwissenschaftlicher
Grundlage in seinem Odhins Trost poetisch ausgesponnen hat. Auf diese
Annahme eines dereinstigen Vergehens der Welten weist uns auch die
Nachricht, da er eine allmhliche Abnahme und endliche Austrocknung des
Meeres angenommen habe; ich verstehe nicht, wie noch Zeller (+die
Philosophie der Griechen I. S.202+), sagen kann, da eine solche
Vorstellung fr uns _fremdartig_ klinge, fr uns, denen die Notwendigkeit
und Thatschlichkeit einer solchen Entstehung und allmhlichen Vergehung
der einzelnen Welten geradezu naturwissenschaftlich bewiesen ist, fr uns,
die wir insbesondere mit unseren Teleskopen den Mond als Beispiel einer
bereits greisenhaft ausgetrockneten und erstorbenen Welt den Augen
nahebringen knnen.

Vielmehr knnen wir der wissenschaftlich treffenden Intuition des Milesiers
unsere Bewunderung nicht versagen.

Auch im Einzelnen soll Anaximander fr seine Zeit nicht unerhebliche
Kenntnisse auf naturwissenschaftlichem Gebiete besessen haben. Er
beschftigte sich vorwiegend mit Astronomie und Geographie, entwarf nach
Eratosthenes eine metallene Erdtafel und eine Himmelskugel; nach +Diogenes
Laertius II, 1+, soll er die Sonnenuhr (%gnmn%) erfunden haben;
wahrscheinlich hat er jedoch nur, da solche bereits bei den Babyloniern in
Gebrauch waren, die Hellenen nur zuerst damit bekannt gemacht.

Nheres siehe bei +Teichmller, Studien S.1-70+.




III.

Anaximenes.


Anaximenes war nach Diogenes Laertius ein Schler des Anaximander. Von
seinen Lebensumstnden wissen wir fast nichts, als da auch er aus Milet
war, ein Sohn des Euristratus, geboren zwischen 529-525 v.Chr. und um die
Zeit der Eroberung von Sardes durch die Jonier gestorben (499 v.Chr., also
etwa 45 Jahre spter, als Anaximander.)

Er hinterlie eine Schrift ber die Natur, aus der uns Stobus den Satz
erhalten hat: Wie unsere Seele Luft ist und unseren ganzen Leib
durchdringt, so auch durchdringt und umfat eine geistige Luft das
Weltall. Diese (beseelte) Luft also erklrte er fr das Prinzip aller
Dinge. Nach der einstimmigen Angabe aller Berichterstatter hat er sich
diese Luft als _unendlich_ der Ausdehnung nach gedacht und die Dinge aus
derselben durch Verdnnung und Verdichtung abgeleitet, oder wie der ihm
eigentmliche Ausdruck gelautet zu haben scheint, durch Zusammenziehung
und Nachlassung. So lehrte er, das Warmwerden und Kaltwerden der Dinge
bestehe nur in der Verdnnung und Verdichtung der Luft; verdnnt werde die
Luft Feuer, verdichtet Wind und Gewlk, noch mehr verdichtet Wasser, und
daraus wieder durch Verdichtung Erde und Stein; alles brige aber werde aus
diesen. Es ist mglich, da Anaximenes nur durch die Beobachtung des
Athems, als einer Bedingung alles tierischen Daseins, dazu gefhrt ist, in
der Luft zunchst das Lebensprinzip und so schlielich das Prinzip aller
Dinge berhaupt zu suchen. Die Identifizierung von Leben, Seele und Athem
(Odem) ist ja uralt, wie denn sogar die Stammgeschichte der Worte Seele,
Geist, +anima+, +psyche+, darauf zurckweist. Auch deutet darauf hin die
von ihm fr die Gleichstellung der Naturkrfte mit dem Lebensprinzip und
die Erklrung des Lebensprozesses angefhrte naive Bemerkung, wenn wir die
Luft mit den Lippen zusammengedrckt aushauchten, wrde sie kalt, aus
geffnetem Munde dagegen gehe sie warm hervor.

Ein gewisser Fortschritt ber Anaximander ist insofern nicht zu verkennen,
als Anaximenes den Versuch machte, eine bestimmtere Vorstellung von dem
_Proze_ zu gewinnen, durch den sich die Dinge aus dem Urstoff bilden.

_Anaximenes soll auch zuerst die Beleuchtung des Mondes durch die Sonne und
den Grund der Mondfinsternisse entdeckt haben._[514]

brigens dachte er sich die Erde noch als eine runde breite von der Luft
getragene _Platte_, und dieselbe Scheibengestalt schrieb er auch der Sonne
und den Gestirnen zu.




IV.

Hippo, Idaeus und Diogenes von Apollonia.


Die Schule der jonischen Naturphilosophie erstreckte sich bis in das
Zeitalter des Perikles, in dem allmhlich die Sophisten an ihre Stelle
traten.

Als die drei bedeutendsten spteren Vertreter dieser Richtung werden uns
Hippo, Idaeus und Diogenes von Apollonia genannt.

Hippo scheint einer der ersten Naturphilosophen gewesen zu sein, die dem
unverstndigen Spotte der attischen Komiker, der spter fr Sokrates so
bedenklich wurde, verfallen sind. Zu folgenden Versen aus des Aristophanes
Wolken:

    Da haben weise Geister ihr Studiergemach.
    Es wohnen Mnner drinnen, die beweisen Dir,
    Der Himmel sei nichts anderes, als ein Stlpkamin,
    Der rings um uns sich wlbe, wir die Kohlen drin.

bemerkt der Scholiast, da dies zuerst vom Komiker Kratinos mit Bezug auf
den Physiker Hippo gesagt worden sei. Wir knnen darnach vermuten, da
Hippo lngere Zeit in Athen gelebt hat. Seine sonstigen Lebensumstnde,
insbesondere seine Herkunft, sind ungewi, er war vielleicht auf Samos oder
Melos geboren.

Aristoteles (+de anima I. 2+) spricht von ihm noch verchtlicher, als von
den anderen Physikern oder Physiologen und bemerkt, er habe die Seele fr
Wasser, vermutlich als Anhnger des Thales, fr ein feuchtes Prinzip
gehalten. Wahrscheinlich leitete ihn die Beobachtung, da aller tierischer
Same feucht ist. Aus dem flssigen Aggregatzustand lie er das Feuer und
aus der berwindung des Wassers durch das Feuer die Welt entstehen,
weshalb auch geradezu gesagt wird, seine Prinzipien seien Feuer und Wasser
gewesen. Er scheint mehr empirischer Naturforscher, als Naturphilosoph
gewesen zu sein und sich hauptschlich mit der Entwicklungsgeschichte des
Ftus und der Lehre von der Erzeugung beschftigt zu haben.

Wenn der scholastisch denkende Aristoteles ihm den Vorwurf besonderer
Einfalt macht, so ist darauf wenig zu geben.

Idaeus aus Himera scheint sich hauptschlich an Anaximenes angeschlossen zu
haben, und ebenso Diogenes von Apollonia (auf Kreta). Von letzterem ist uns
ein eingehenderes Fragment bei +Simplicius Phys. 32b, 33a+ erhalten. Er
stellte bezglich des Urwesens nicht nur die Forderung auf, da dasselbe
der gemeinsame _Stoff_ aller Dinge, sondern auch, da es zugleich ein
denkendes Wesen sein msse, insofern ein Vorgnger (oder auch Nachfolger)
des Anaxagoras. Dasjenige, woraus alles besteht, war ihm ein ewiger und
unvernderlicher Krper, gro und gewaltig und reich an Wissen, das, was
man gewhnlich die Luft nenne. Aus ihm entsteht durch Verdichtung und
Verdnnung jegliches Einzeldasein. Zuerst sondert sich aus dem unendlichen
Urstoff das Schwere ab, das sich nach unten, und das Leichte, das sich nach
oben bewegt. Den Grund der Bewegung sah er im warmen, den Grund der
krperlichen Konsistenz in dem kalten und dichten Stoff.

Infolge der Wrme soll das Weltganze in eine _Kreisbewegung_ geraten sein,
wodurch auch die Erde ihre runde Gestalt erhielt. Die Erde war in ihrem
Urzustand eine weiche und flssige Masse, die allmhlich durch die
Sonnenwrme ausgetrocknet ist. Der Erdkrper sei von Gngen durchzogen, in
welche die Luft eindringe; werden ihr die Auswege aus denselben verstopft,
so entstehen Erdbeben.

                  *       *       *       *       *

Im Gegensatz zu denjenigen Geschichtsschreibern der Philosophie, welche die
jonischen Naturphilosophen, zumal sie von eigentlichen metaphysischen
Voraussetzungen sich, wie es scheint, ziemlich frei hielten, nach dem
Vorgange des Aristoteles mit Geringschtzung betrachten und sich auch ber
ihre vom Standpunkte des modernen Naturwissens selbstverstndlich rohen
Vorstellungen belustigen, glaube ich die _einzig gerechte Wrdigung ihrer
unbefangenen und ehrlichen_, occultistisch freilich wenig Ausbeute
liefernden, _Positivitt_ in folgenden Worten Dhrings zu finden:

Wichtiger, als die verhltnismige bereinstimmung, welche unser modernes
naturwissenschaftliches Bewutsein den Vorstellungen der jonischen Denker
nahe bringt, ist die Gemeinschaft und Analogie in der Ntigung unserer
Ideen zu einer bestimmten Voraussetzung. Heute ist es bekanntlich die
astronomische Beobachtung, welche uns besonders mit Rcksicht auf die
Abplattung der rotierenden Weltkrper und im Hinblick auf die mechanischen
Wirkungen der Drehung bildsamer Massen zu dem Rckschlu nicht blo
berechtigt, sondern ntigt, da ein weniger fester Aggregatzustand den
gegenwrtigen Verhltnissen vorausgegangen sein msse. Durch derartige
Gedankenbewegung greifen wir stetig und zwar immer _an der Hand der
leitenden Thatsachen_ in eine Vergangenheit des Kosmos zurck, die der uns
brigens bekannten und etwa durch Rechnung rckwrts feststellbaren
Verfassung und Beschaffenheit desselben vorausgegangen sein mu. Wo die
Fingerzeige der aus der gegenwrtigen Gestaltung sprechenden Zge aufhren,
da hat auch die wissenschaftlich begrndete und mit ihr eigentlich alle
gerechtfertigte Vorstellung eine Schranke. Es ist daher kein Mangel, wenn
bei irgend einem Zustande mit den Rckschlssen Halt gemacht werden mu.
Sind wir einmal bei der gasfrmigen Gestalt der Welt angelangt, so ist zu
einer weiteren Voraussetzung innerhalb dieser Gattung, d.h. in der
Geschichte der Natur weder Antrieb noch Anknpfungspunkt vorhanden. Die
Zustnde der Materie sind bis zum Extrem durchlaufen und durch den Urnebel
hindurch drfte keine physische Hypothese mehr sichtbar werden. Etwas
Unvollkommenes liegt aber in dieser Schranke durchaus nicht. Im Gegenteil
lehrt sie uns, _da wir in dieser Richtung in dem, was der engeren
Naturphilosophie wesentlich ist, auch nicht weiter gelangen, als die ersten
antiken Denker, und da wir vor ihnen nichts, als die bessere Begrndung
und Kenntnis des Weges voraus haben_. Hierbei bleibt nur noch fr die
logische Notwendigkeit ein letzter Abschlu offen, und dieser besteht in
der unumgnglichen Voraussetzung eines allem zhlbaren Wechselspiel der
Vorgnge vorangegangenen sich selbst gleichen Zustandes des
Weltmediums.[515]




V.

Heraclit der Dunkle.


Die Lehre dieses Philosophen schliet sich zwar insofern noch an die drei
bisher behandelten sog. Physiker an, als auch sie allem Seienden eines der
sog. vier Elemente als Grundstoff, aus dem alles entstanden sei, zu Grunde
legt, nmlich das Feuer. Sie geht aber in ihrer Entwickelung so erheblich
ber die von den Vorgngern gesteckten Grenzen hinaus und enthlt soviel
keimkrftige, erst in spteren Perioden der Philosophie-Geschichte von
einzelnen Systemen zu einseitiger Entwickelung gefrderte Gedanken, da man
ihrer Universalitt Unrecht thun wrde, wollte man Heraclit noch zu den
sogenannten Physikern rechnen, wie dies Aristoteles +Metaphys. I. 3ff.+
thut. Heraclit wurde nach Hermann (+De philos. Jonic. aetatt S.10. 22+) um
510 v.Chr. zu Ephesus geboren und lebte etwa bis 450 v.Chr.; Zeller
dagegen (+Philosophie der Griechen I. S.524+) setzt seine Geburt in die
Zeit zwischen 530-540 v.Chr. Es steht fest, da er ein Alter von 60 Jahren
erreichte. Er entstammte einer der vornehmsten Familien seiner Vaterstadt,
wie schon daraus hervorgeht, da er das in seiner Familie erbliche Amt
eines Opfer-Knigs seinem jngeren Bruder abtrat. Er trat der
demokratischen Partei seiner Vaterstadt mit entschieden aristokratischen
Grundstzen entgegen und erfreute sich deshalb keiner groen Popularitt.
Seine Verbitterung gegen die Mitbrger steigerte sich in hohem Grade, als
sein Freund Hermodor verbannt wurde, jener Hermodor, von dem uns der Jurist
Pomponius in seiner +Rechtsgeschichte Dig. I. 1, 1. 2 4+ berichtet, da
er den rmischen Dezemvirn bei Abfassung der Zwlf-Tafeln an die Hand ging.

ber Heraclits Tod und sonstige Lebensschicksale haben wir nur wenige und
teilweise widersprechende Nachrichten. Die Fragmente seiner Schriften hat
P. Schuster in den +Acta philos. societ. Lipsiensis Tom. III, Leipzig
1873+, zusammengestellt.

Man darf behaupten, da Heraclit seinem Philosophieren schon eine gewisse
Erkenntnis-Kritik vorausgehen lie. Wenn eine Rede verstndig sein soll,
sagt er, so mu sie sich auf das sttzen, was allen gemeinsam ist, das
Denken.[516] Was unsere _Sinne_ wahrnehmen, ist nur die flchtige
Erscheinung, nicht das Wesen. Alle Sinnesempfindung entsteht aus dem
Zusammentreffen von zwei Bewegungen, sie ist das gemeinsame Erzeugnis aus
der Einwirkung des Gegenstandes auf das Sinnesorgan und der Thtigkeit des
Organs; sie zeigt daher nichts bleibendes und an sich seiendes, sondern nur
eine Einzelerscheinung, so wie diese in dem gegebenen Falle und fr diese
bestimmte Wahrnehmung sich darstellt.[517] Schlechte Zeugen sind der
Menschen Augen und Ohren, wenn sie unverstndige Seelen haben.[518] Gerade
dieses Zeugnis aber ist es, dem die Menge allein folgt. Daher finden wir
bei ihm hnlich geringschtzige uerungen ber die groe Masse der nicht
denkenden Menschen, auch sogar ber frhere und gleichzeitige Dichter und
Denker, wie sie in hnlich aristokratischer Geisteshaltung bei Giordano
Bruno wiederkehren. Besonders verchtlich erscheint ihm die bloe
_Vielwisserei_. +Polymathie noon u didaskei+, die bloe Vielwisserei,
schafft keine Weisheit.[519] Er will sich begngen, mit vieler Arbeit
weniges zu finden, wie die Goldgrber, nicht leichthin ber das Wichtigste
urteilen, nicht andere befragen, sondern sich selbst oder vielmehr die
Gottheit.[520] Nur wer dem gttlichen Gesetz, _der allgemeinen Vernunft_,
lauscht, kann die Wahrheit finden, wer dagegen dem tuschenden Schein der
Sinne und den unsicheren Meinungen der Menschen folgt, dem bleibt sie ewig
verborgen.

Wie das Erkennen der Menschen, so ihr Handeln. Darum leben die meisten
Menschen dahin wie das Vieh, sie wlzen sich im Schmutze und nhren sich
von Erde gleich dem Gewrm, werden geboren, zeugen Kinder und sterben, ohne
ein hheres Lebensziel zu verfolgen.[521]

Die meisten Menschen sind fr die Wahrheit auch dann taub, wenn man sie
ihnen in die Ohren schreit, und wie Hunde bellen sie alles und jedes an,
das sie nicht kennen. Besonders _durch seine Unglaublichkeit entschlpft
das Wahre zumeist dem Erkanntwerden_.[522]

Der Esel frit eben lieber Spreu, als Gold.

Der Grundfehler der bisherigen Philosophie hat nun nach Heraclit darin
bestanden, da man in den Dingen eine Beharrlichkeit des Seins suchte, die
ihnen fremd ist. Vielmehr gibt es nichts festes und bleibendes in der Welt,
alles ist in unablssiger Vernderung begriffen (%to pan rhei%), wie ein
Strom, man kann nicht zweimal in denselben Flu steigen.[523]

Heraclit ist auch der Urheber des zuerst von Cusanus und Bruno wieder so
viel betonten Prinzips der Coincidenz der Gegenstze, das von Hegel als
logische Einheit des Widerspruchs mideutet wurde. Er selbst hat damit nur
das antagonistische Spiel der Naturkrfte bezeichnen wollen, in dem nicht
das Gleichgewicht, sondern das bergewicht und die Strung wesentlich sind
und die stetige Bewegung und das Leben erhalten; dagegen stand er den
Hegelschen Begriffsverwirrungen fern, und die Darstellung seiner Lehre
durch den Junghegelianer Lassalle ist eine arge Verdrehung.[524] Freilich
finden wir bei ihm uerungen wie: Tag und Nacht sind dasselbe (d.h. es
ist Ein Wesen, welches bald licht, bald dunkel ist); Heilsames und
Verderbliches, Oberes und Unteres, Anfang und Ende, Sterbliches und
Unsterbliches ist dasselbe.[525] Hunger und Sttigung, Anstrengung und
Erholung gehren zusammen; aus dem Lebenden wird Totes und aus dem Toten
Lebendiges, aus dem Jungen Altes und aus dem Alten Junges u.s.w., nur in
der Bewegung beruht alles Leben, besteht berhaupt das Dasein der Dinge,
kein Ding _ist_ dieses oder jenes, sondern es _wird_ nur in der bestndigen
Bewegung des Naturlebens.[526] Whrend Parmenides dem Begriff des Werdens,
als einem vereinigten Widerspruch von Sein und Nichtsein, die Realitt
abspricht und ihn, hnlich wie der moderne Philosoph v.Kirchmann in das
Wissen verlegt, behauptet also Heraclit: _Sein ist Werden_.

Wenn nun alles in unaufhrlicher Bewegung und Vernderung begriffen ist, so
folgt, da _alles Feuer ist_. Offenbar will er, da er sein tieferes
philosophisches Bewutsein noch nicht abstrakt ausdrcken kann, seiner
Metaphysik damit nur eine sinnlich symbolische Ausdrucksform leihen.[527]

Diese Welt, sagt er, hat weder der Gtter noch der Menschen einer
gemacht, sondern sie war immer und wird sein, ein ewig lebendiges Feuer,
nach Maen sich entzndend und nach Maen erlschend.[528] Offenbar
verstand Heraclit unter dem Feuer nicht blo das sichtbare Feuer, sondern
berhaupt das Warme, Wrmestoff, oder wie seine Nachfolger sagten,
trockene Dnste, ja geradezu Hauch, die %psych%, also etwa den _ther_.
Nichts aber wre verkehrter, als es mit Lassalle in eine metaphysische
Abstraktion aufzulsen, wie die prozessierende Einheit des Sein und
Nichtsein.[529]

Aus dem Urfeuer, dem an sich gestaltlosen ther, lt er alle
Einzelsubjekte durch _Streit_ (+eris+) (auch %polemos%) hervorgehen,
welcher der Vater aller Dinge ist.[530] Die Welt ist die zerteilte
Gottheit, das %en diapheromenon hauto haut%; aber indem sie sich in sich
selbst unterscheidet, geht sie auch wieder mit sich zusammen, zu einer
Harmonie, die wie die des Bogens und der Leyer auf entgegengesetzter
Spannung beruht.[531] In ihr vollzieht sich ein stetiger Doppelproze der
relativen Materialisierung des Feuergeistes und der Wiedervergeistung der
Erde und des Wassers. Denn auch Erde und Wasser, d.h. der feste und
flssige Aggregatzustand, sind nur Erscheinungsformen des Einen, des
Feuers; dieses geht in sie ber in der %hodos kat%, dem Wege nach der
Tiefe; es kehrt aber auch Erde und Wasser ins Feuer zurck, in der %hodos
an%, dem Weg nach oben. Des Feuers Tod ist, Wasser zu werden, des Wassers,
Erde zu werden, aus Erde aber wird wieder Wasser und aus Wasser Feuer (oder
Seele). Alles wird umgesetzt gegen Feuer und Feuer gegen alles, wie Waaren
gegen Gold und Gold gegen Waaren.[532] Alles Leben bewegt sich also im
Kreise; nachdem es seine elementarische Beschaffenheit im festen
Aggregatzustand am weitesten von der Urform entfernt hat, kehrt es durch
die frheren Zwischenstufen schlielich doch zum Anfang zurck. Somit
strebt auch die aus dem Streit entstandene Vielheit der Dinge immer wieder
zur anfnglichen Einheit zurck; und dies Streben wird von den Dingen
empfunden als Zustand der begehrenden Bedrftigkeit, die wiedergewonnene
Einheit aber als Sttigung, Eintracht und Friede.[533] Der ewige Kampf und
die ewige Vershnung im steten Strome des Stoffwechsels, im Flu des
Geschehens, wird aber von strenger Gesetzmigkeit beherrscht, die er mit
dem Namen der Harmonie, der +Dike+ (Gerechtigkeit), des Schicksals, der
weltregierenden Weisheit bezeichnet. Er nennt sie auch Zeus oder die
Gottheit, unterscheidet aber diese weltbeherrschende Kraft, der er auch
kein besonderes Bewutsein zuschreibt, nicht von der Welt als Ganzem. Seine
Weltanschauung lt sich daher, zumal ihm aller Stoff beseelt ist, als
hylozoistischer Monismus oder Pantheismus bezeichnen.[534]

Interessante Anticipationen bieten seine kosmischen Ansichten. Die Sonne
ist, sagt er, eine brennende Dunstmasse, deren Feuer durch die
aufsteigenden Dnste genhrt wird; es findet ein stetiger Zu- und Abflu an
ihrem Krper statt. Man wird versucht, dabei an Robert Mayers Theorie vom
Wiederersatz der Sonnenwrme durch Meteormassen zu denken.[535]

Die Welt als Ganzes ist zwar ohne Anfang und Ende; allein die einzelnen
Weltsysteme haben ihren Anfang und ihr Ende, aus Feuer entstanden gehen sie
in Feuer wieder unter, und zwar, da alles in der Welt sein festes Ma, auch
Zeitma, hat, nach Ablauf gewisser Perioden. Eine solche Periode nennt
Heraclit _ein groes Jahr_, das er zu 18000 Sonnenjahren angenommen haben
soll.[536]

Man sollte nun glauben, da ein Monist, wie Heraclit, die Selbstndigkeit
und Substantialitt der Menschenseele konsequent habe leugnen mssen. Aber
dem ist nicht so. Sein Pantheismus schliet den Individualismus, wenigstens
als relativen, nicht aus, sondern ein.

Der Leib an sich ist starr und leblos, erst durch die Seele wird er bewegt;
die Seele aber ist ein unendlicher Teil des menschlichen Wesens, in ihr hat
sich das gttliche Feuer in relativ reinster Form erhalten. Je trockener
dieses Feuer ist, um so weiser und besser ist die Seele[537], durch
Feuchtigkeit wird dagegen das Seelenfeuer verunreinigt und geht die
Vernunft verloren, wie die Erscheinungen des Rausches, der angefeuchteten
Seele beweisen. Wie brigens jedes Ding in unablssiger Umwandlung
begriffen ist, so auch die Seele, auch sie mu sich vom Feuer auer ihr
nhren, das sie durch die Sinnesorgane empfngt. Dieses beweist der Schlaf,
der das Licht des Bewutseins verdunkelt. Und dennoch bewahrt die Seele
ihre Identitt im Tode. Die Menschen, sagt er, sind sterbliche Gtter, die
Gtter unsterbliche Menschen; unser Leben der Tod der Gtter, unser Tod ihr
Leben; denn solange der Mensch lebt, ist der gttliche Teil seines Wesens
mit den niederen Stoffen verbunden, von denen er im Tode wieder frei wird;
die Seelen durchwandern ebenfalls den Weg nach unten und den Weg nach
oben, sie treten in Leiber ein, weil sie der Vernderung bedrftig sind,
und ebenso verlassen sie die Leiber wieder.[538]

_Des Menschen wartet nach seinem Tode, was er nicht zu hoffen noch zu
glauben wagt._[539]

_Die besseren Menschen kehren nach dem Tode als Dmonen in ein reineres
Leben zurck_, die gewhnlichen aber sinken weiter zum Hades herab.[540]
_brigens ist alles voll von Seelen und Dmonen._[541]

_Wenn wir leben, sind unsere Seelen tot und in unseren Leibern begraben;
erst wenn wir sterben, erwachen sie zum vollen Bewutsein und Leben._[542]

Der Dmon des Menschen ist sein Gemt. Von diesem hngt es allein ab,
glcklich zu leben und sich in die Weltordnung zu finden.[543] Die Meinung,
da die Gottheit nach Belieben Glck oder Unglck verhnge, vertrug sich
nicht mit Heraclits Einsicht in die Gesetzmigkeit des Naturlaufs. Wohl
aber glaubte er an die Mglichkeit der Weissagung und erkannte z.B. in den
Sprchen der Sibylle eine hhere Eingebung.[544]

In politischer Hinsicht war Heraclit ein Freund der Freiheit, und eben
darum ein schroffer Gegner der Demokratie, die auch den Besten nicht zu
gehorchen und keine hervorragende Gre zu ertragen wei.[545]

Er legte seine Bcher ber die Natur als ein frommes Opfer im Tempel der
groen Diana zu Ephesus nieder.[546]

Creuzer, +Symbolik und Mythologie II. 196+, hat zuerst die Vermutung
ausgesprochen, da Heraclit ein Schler der _Zoroastrischen_ Lehre gewesen.
Was ihm der Orient und Egypten in der Religion seines Vaterlandes
dargeboten, was er aus eigenem dort erleichterten Verkehr mit dem
Morgenlande geschpft hatte, durchdrang er mit griechischem, scharfen
Geiste, begrndete er durch eigenes tiefes Denken, brachte es in
systematischen Zusammenhang, und machte es fruchtbar fr sein Volk.

Aus _sich_ hat er also vieles genommen; aber da er alles aus sich
genommen, da er im strengsten Sinne Erfinder seiner Lehre sei, ist nicht
zu glauben. Heraclit geht sichtbar von der Priesterlehre und von Symbolen
der Lichtreligionen aus.

Auch bei Zoroaster ist die Feindschaft, der Streit, der Grund der endlichen
Dinge. Bedeutet doch des Bogens Namen (%bios%) Leben, sein Geschft aber
ist der Tod.[547] Da diese Stze in die Ephesische Priesterdogmatik
aufgenommen waren, wre schon aus dem nachgewiesenen Zusammenhange der
Artemisischen Religion mit dem Feuerdienste Oberasiens wahrscheinlich. Die
ganze Feuerlehre des Ephesers ist in Prinzip und Folgerungen Magismus,
besonders sein Satz von der Geburt der Gtter aus dem Feuer.[548] Freilich
auch bei den Egyptern finden wir Phtha, das Urfeuer, und selbst die
Sonnentheorie des Heraclit.

Aus den Lichttheorien des Orients hatte er den Inhalt seiner Lehren
genommen, von dort nahm er auch seine Bilder.

Ob nun dieser Heraclitus einen Zoroaster geschrieben, wie sptere Zeugen
wollen, oder nicht, ist gleichgltig. Es ist genug, da er Zoroastrisch
philosophiert hat, da er gelehrt hat, wie der alte groe Lichtlehrer
Zerethoschtro, der Stern des Goldes.

Der Beiname des Dunklen, weil er nicht redet, nicht verbirgt, sondern
andeutet, findet sich zuerst in der pseudo-aristotelischen Schrift +de
mundo (c.5)+. Sokrates soll gesagt haben, es bedrfe zum Verstndnis
seiner Schreibweise eines delischen (tchtigen) Tauchers. Knnte man ihn
aber mit Hinsicht auf den Inhalt seiner Lehre, einer Licht- und
Feuer-Religion, nicht vielmehr auch den _lichten_ nennen? Auch dadurch
wrde sich fr ihn die Coincidenz des Gegensatzes besttigen.




Zweites Kapitel.

Pythagoras und die Alt-Pythagorer.


Pythagoras gehrte einer etwas frheren Zeit an, als Heraclit. Er steht als
_Dorer_ schon dem Stamme nach in einem gewissen Gegensatz zu den Jonischen
Philosophen.

Leider ist die Geschichte seines Lebens in ein solches mystisches Dunkel
gehllt, da in unseren Tagen, wo ja die historische Skepsis auf die
denkbar feinste Spitze getrieben worden ist, einzelne Forscher sogar seine
Existenz bezweifelt und die Mglichkeit bejaht haben, da er ein bloer
Kollektivname, eine Personifikation der ganzen orientalischen und
nordischen Weisheit sei.[549] Wir sind weit entfernt, diese, ja auch auf
vielen anderen Gebieten und besonders durch David Strau an der Geschichte
Jesu bis zur Selbstironie bertriebene Skepsis, welche zum groen Teil der
aprioristischen negativen Voreingenommenheit des Materialismus gegen
mystische Berichte entspringt, unbedingt zu teilen, mssen aber zugeben,
da die zweifellos historische Persnlichkeit dieses dorischen Denkers
dermaen von Mythen umrankt ist, da es schwer fllt, einen thatschlichen
Kern aus dem Sagengewirr herauszuschlen. Fest steht, da er ein Sohn des
Mnesarchus war und zu Samos, etwa um 582 v.Chr. geboren ist, von wo aus er
erst in spteren Jahren, vielleicht 529 v.Chr. nach Kroton in Unteritalien
bersiedelte und hier einen politisch-ethisch-religisen Geheimbund
stiftete. Im brigen wchst die Reichhaltigkeit der Mitteilungen ber ihn
nahezu im quadratischen Verhltnisse der zeitlichen Entfernung und somit im
umgekehrten der Zuverlssigkeit. Am meisten wissen die fast ein
Jahrtausend spter lebenden sog. Neupythagorer und Neuplatoniker von ihm
zu erzhlen, unter denen Jamblichus und Porphyrius sogar eine ausfhrliche
Lebensbeschreibung des Pythagoras liefern.

Von dem ihm zeitlich am nchsten stehenden Heraclit ist uns eine uerung
ber Pythagoras erhalten[550], die eben keine wohlwollende Beurteilung
einschliet. Er sagt: Pythagoras, der Sohn des Mnesarchus, hat Forschung
gebt von allen Menschen zumeist, und eklektisch sich _seine eigene_
Wahrheit gebildet, eine _Vielwisserei_ und _gelehrte Kunst_.

Nicht unwahrscheinlich ist es daher, da er, wie dies ja wibegierige
Hellenen, z.B. Solon und Herodot vielfach thaten, auch groe Reisen
gemacht und insbesondere sich auch in Egypten aufgehalten hat, um sich in
die dortige Priesterweisheit einfhren zu lassen. Dadurch wrde sich sein
mit dem, was als logische Grundlage seiner Philosophie berichtet wird, nur
unorganisch verknpfter Glaube an die Seelenwanderung erklren. Jedenfalls
aber sind seine Reisen von den Spteren, deren einige ihn sogar bis nach
Indien zu den Brahmanen fhren[551], sehr bertrieben, und Zeller bemerkt
wohl mit Recht, da nicht die bestimmte Kenntnis von seinem Verkehr mit
auswrtigen Vlkern zu der Annahme ber den Ursprung seiner Lehre, sondern
vielmehr umgekehrt die Voraussetzung von dem auswrtigen Ursprung seiner
Lehre zu den Erzhlungen ber seinen Verkehr mit Barbaren den Ansto
gegeben haben wird. Einige bringen ihn sogar mit dem mythischen Knig der
im Norden Griechenlands wohnenden Geten Zamolxis in Verbindung.[552]

Jedenfalls hat er keine Schriften hinterlassen, und die Behauptung des
Jamblichus, es seien wohl Schriften vorhanden gewesen, aber bis auf
Philolaos streng als Geheimnis der Schule bewahrt worden, verdient wenig
Glauben.[553]

Fr den von ihm gestifteten Geheimbund wurde dessen politische
(aristokratische) Richtung verhngnisvoll. Derselbe wurde durch eine
blutige demokratische Revolution, den Aufstand der sog. Kyloner
vernichtet; bei einer Beratung im Hause des Milo zu Metapont sollen seine
smtlichen Anhnger mit Ausnahme der Tarentiner Archippus und Lysis
umgekommen sein, da die Gegner das Haus umstellten und anzndeten.
Unwahrscheinlich ist der Bericht, da Pythagoras selbst bei dieser
Veranlassung geendet habe, da diese sog. Kylonischen Unruhen mindestens 100
Jahre nach seiner Geburt datiert werden mssen.

Zuverlssige Mitteilungen ber seine Lehre bieten uns nur Plato und
Aristoteles.

Darnach scheint dieselbe rationelle und mystische Elemente in
wunderlichstem Grade verquickt zu haben. Einerseits mssen wir annehmen,
da die Mathematik und zwar die Geometrie in erster Linie ihm nicht
unbedeutende Fortschritte verdankt. Bekannt ist ja die Erzhlung, da er
den wichtigen nach ihm benannten Satz von der Flchengleichheit des
Hypotenusenquadrats und der Kathetenquadrate entdeckt und zum Dank dafr
den Gttern eine Stierhekatombe geopfert hat, woher das +bon mot+, da
seitdem alle Ochsen zittern, so oft eine neue Wahrheit entdeckt wird.

Auch werden die einfachsten Zahlenbestimmungen der musikalischen Harmonie
auf ihn zurckgefhrt. Die Beobachtung der letzteren hat vermutlich den
Ausgangspunkt seiner Grundlehre gebildet.

Weil die Pythagorer zwischen den Zahlen und den Dingen manche hnlichkeit
entdeckten, sagt Aristoteles[554], so hielten sie die Elemente der Zahlen
fr die Elemente der Dinge selbst; sie sahen in der Zahl sowohl den Stoff
als die Eigenschaften der Dinge. Das Rationelle an dieser Einsicht
beschrnkt sich auf die Erheblichkeit der quantitativen Beziehungen in der
Konstitution der Dinge und in der Beschaffenheit der Phnomene, die ja in
der That eine Grundlage des Verstndnisses alles Daseins ist.

Alles weitere ist nur aus der im Anfange der menschlichen Denkarbeit, wie
es scheint, ganz unvermeidlich gewesenen und auch fr uns Modernen immer
noch eine bedenkliche Klippe des Verstandes bildenden Hypostasierung oder
Verdinglichung abstrakter Begriffe zu erklren. In der Ausfhrung dieser
Zahlenphilosophie treffen wir nur auf zahlenmystische Spielereien und
Deuteleien. So ist die sog. Tetraktys, die Zahlengruppe 1, 2, 3, 4, deren
Summe 10 giebt, Gegenstand besonderer Heilighaltung gewesen, da sie die
Grundzahl der Menschenseele bilde. Diese spielerische Symbolik wurde
besonders auf die moralischen Erscheinungen bertragen; so sollen sie die
Gerechtigkeit bald auf die Zahl 3, bald auf die 4, bald auf die 5, bald auf
die 9 zurckgefhrt haben. Weil alle Zahlen sich in ungerade und gerade
teilen, so fand man darin einen weiteren grundlegenden Wesensunterschied,
indem man das Ungerade dem Begrenzten, das Gerade dem Unbegrenzten
gleichsetzte. Das Begrenzte ist das Bessere und Vollkommene, das
Unbegrenzte und Gerade das Unvollkommene.

In 10 Gegengrundstzen stellten sie die erste, hchst willkrliche Tafel
sogenannter Kategorien auf:

1.Grenze und Unbegrenztes. 2.Ungerades und Gerades. 3.Eins und Vielheit.
4.Rechtes und Linkes. 5.Mnnliches und Weibliches. 6.Ruhendes und
Bewegtes. 7.Gerades und Krummes. 8.Licht und Finsternis. 9.Gutes und
Bses. 10.Quadrat und Rechteck.

ber die _Theologie_ der alten Pythagorer lt sich nichts Sicheres
feststellen. So unleugbar die Pythagorer an Gtter geglaubt haben, und so
wahrscheinlich es ist, da auch sie der monotheistischen Richtung, welche
seit Xenophanes in der griechischen Philosophie so bedeutenden Einflu
gewann, soweit gefolgt sind, um aus der Vielheit der Gtter die Einheit
(%ho theos, to theion%) strker, als die gewhnliche Volksreligion,
herauszuheben, so gering scheint doch die Bedeutung der Gottesidee fr ihr
_philosophisches_ System gewesen zu sein, und in die Untersuchung ber die
letzten Grnde scheinen sie dieselbe nicht tiefer verflochten zu
haben.[555]

Auch die _kosmologischen_ Einsichten des Pythagoras bezw. der ltesten
Pythagorer werden vielfach mit Rcksicht auf sptere Unterschiebungen und
infolge allzu gnstiger Deutung der wenigen unklaren berlieferungen stark
berschtzt.

Das Weltgebude selbst dachten sich die Pythagorer als eine Kugel. Im
Mittelpunkt derselben nahmen sie ein Centralfeuer an. Um dieses sollen
_zehn_ himmlische Krper sich von West nach Ost bewegen, zunchst die 5
Planeten Merkur, Venus, Mars, Saturn und Jupiter, dann die Sonne, der Mond
und die Erde. Als zehnten Himmelskrper, wohl nur, um die heilige Zehnzahl
voll zu machen, setzten sie dann eine sog. Gegenerde, +antichthon+; der
uerste Umkreis aber wird durch eine feurige Region, das Empyreum,
gebildet.[556] Das ganze System erhlt sein Licht und seine Wrme mittelbar
vom Centralfeuer und unmittelbar von der Sonne.

Wenn einzelne Historiker der Astronomie in der sog. Gegenerde die andere
Halbkugel der Erde sehen wollen und dem Pythagoras schon die nachweisbar
erst von Heraclides Ponticus, Ekphant, Plato und Hicetas behauptete
Axendrehung der Erde als bekannt zuschreiben, so ist das, wie gesagt, eine
zu gnstige Auslegung. Nur die Kugelform der Erde ist den alten
Pythagorern bekannt gewesen. Mit dieser Anschauung vom Bau der Welt
verband sich nun die berhmte Lehre von der _Harmonie der Sphren_.

Jedes der Gestirne bringt durch seinen Umschwung um das im Mittelpunkt
stehende Centralfeuer einen eigenartigen Ton hervor, da jeder schnell
bewegte Krper einen Ton erzeugt. Diese Tne der Planeten setzen sich zu
einer Harmonie zusammen; da wir von dieser Sphrenharmonie, die man sich
durch eine Anzahl verschieden abgestimmter Brummkreisel veranschaulichen
knnte, nichts hren, erklrte man durch die Bemerkung, es gehe uns damit
wie den Bewohnern einer Mhle; da wir das gleiche Gerusch von Geburt an
unausgesetzt vernehmen, so kmen wir nie in den Fall, sein Dasein am
Gegensatz der Stille zu bemerken.

Was die _Psychologie_ des Pythagoras betrifft, so ist unstreitig zunchst
seine Lehre von der Seelenwanderung, die man unrichtig gewhnlich als
_Metempsychose_, also wrtlich bersetzt Umbeseelung bezeichnet, whrend
man richtiger von einer _Metensomatose_, d.h. Umkrperung reden sollte.
Pythagoras wurde dieser Lehre wegen schon von Xenophanes verspottet[557];
und in der That scheint die Seelenwanderungslehre der alten Pythagorer
sich von der krassesten Form dieses Aberglaubens, der sogar eine Wanderung
der Menschenseele in Tier- und Pflanzenleiber fr mglich hielt, nicht sehr
weit entfernt zu haben. Andererseits berichtet auch Aristoteles in seiner
Psychologie, einige von den Pythagorern htten die Seelen in den
Sonnenstubchen oder auch in dem, was diese bewege, gesucht.[558]

Gleichzeitig wurde auch der Glaube an unterirdische Wohnsitze der
Abgeschiedenen festgehalten, und nach Aelian +V. H. IV. 17+ soll Pythagoras
sogar die Erdbeben von Wanderungen (%synodoi%) der Toten hergeleitet
haben. Vielleicht lt sich der Seelenwanderungsglauben und der an einen
Aufenthalt im Hades so zusammenreimen, wie dies spter bei Plato und Vergil
geschieht, da nmlich ein Teil der Seelen vor dem Wiedereintritt in einen
Krper sich durch Strafen und Qualen im Hades, der dann also als Fegefeuer
dient, lutern mu.

Ob die Pythagorrer sich die Verbindung der Seele mit ihrem Leibe durch
Wahl, wie spter Plato, oder durch natrliche Verwandtschaft oder durch den
Willen der Gottheit bestimmt dachten, ist nicht klar zu stellen.
Wahrscheinlich war ihre Lehre in dieser Richtung noch nicht fest
ausgebildet. Ebenso wenig wissen wir, ob und wieso sie ihre
Seelenwanderungslehre mit der Grundlehre des Systems, wofern man ihnen
berhaupt ein System zuschreiben darf, von den Zahlen in Verbindung
gebracht haben.

Wenn nmlich einerseits berichtet wird, Pythagoras habe die Seele als
Harmonie des Krpers aufgefat, so knnte man daraus auf eine die
Unvergnglichkeit der Seele leugnende materialistische Psychologie
schlieen.

Denn sofern die Harmonie das Produkt einer Zusammensetzung ist, mu sie ja
zweifellos mit der Auflsung des Zusammenhangs untergehen. Andererseits ist
aber doch der Pythagorische Unsterblichkeitsglaube zu gut beglaubigt. Da
sie die Zahl hypostasierten, wird man bei ihnen vielleicht den Keim jener
spteren neuplatonischen Definition der Seele als einer idealen oder sich
selbst bewegenden Zahl voraussetzen drfen, die eine groe Rolle bei
Plotin und spter noch bei Bruno spielt.[559] Dem modernen Kritizismus
freilich, dem die Zahl ein subjektiver Beziehungsbegriff ist, mu eine
solche Verdinglichung derselben ganz unverstndlich erscheinen. Allein die
Hypostasierung der Gedankenbewegung ist ja eben das eigentliche Element
aller Spekulationsdichtung.

Endlich haben nach Angabe des Aristotelikers Eudemos[560] die Pythagorer
schon jene eigentmliche Lehre von einer Wiederbringung aller Dinge und
Ereignisse aufgestellt, die dann mit besonderer Vorliebe von einigen
Stoikern und Neuplatonikern kultiviert worden ist und die in unserem
Jahrhundert eine der Beachtung meistens infolge der abstrakten Fassung
entgangene merkwrdige Neubegrndung durch einen deutschen Philosophen
erhalten hat, bei dem man eine solche mystische Konzeption am
allerwenigsten vermuten mchte, nmlich durch den Realisten v.Kirchmann.
Vergl. dessen Schrift: +Die Unsterblichkeit, Berlin 1865. IV, 3.+ +Die
Wiederkehr des Wissens. S.130+: Wenn irgend ein Wirksames fortschreitend
das Wissen in dem Sein erweckt, so ist es sehr wohl mglich, da solcher
Ursachen nicht blo _eine_ besteht, sondern da _mehrere_ in gewissen
Abstnden einander folgen. Die Wirkung wrde dann _die_ sein, da das Sein
des Menschen nach seinem Tode nicht fr alle Ewigkeit zur Bewutlosigkeit
verdammt bliebe, sondern da mit dem Eintritt eines zweiten Lichtstreifens,
welcher in gleicher Weise fortschritte, das Sein des Menschen wieder mit
dem Bewutsein sich verbinden wrde. Wre dieser zweite Lichtstreifen dem
ersten durchaus gleich, so wrde das bewute Leben des Menschen ganz in
derselben Weise sich dann wiederholen, wie er es bereits das erste Mal
durchlebt hat; dieselbe Jugend, dasselbe Alter, dieselben Handlungen,
dieselben Freuden und Leiden wrden noch einmal von ihm wiederholt werden.
Dies zweite Leben wre nur eine genaue Wiederholung des ersten. -- Eine
wenig verlockende Aussicht! Man sieht, es kann nichts so Wunderliches
erdacht werden, was nicht irgend ein Philosoph auch einmal alles Ernstes
fr erwiesen oder wenigstens probabel erkennte! Die ausfhrlichste
Darstellung dieser Idee giebt Synesios, die Aegypter oder die Vorsehung.
Vergl. auch Bruno, +de Triplici minimo, c.l.v. 170-174+.

Die gyptische, pythagorische Seelenwanderungslehre, die wir als
Metensomatose (Umkrperung) bezeichnet haben, mute bei den gebildeten
Griechen schon frh Ansto erregen. Man versuchte ihr daher allmhlich eine
blo allegorische Deutung zu geben, unter Anspielung auf die homerische
Wendung von der Zauberin Kirke, welche Menschen in Tierleiber verwandelte.
So erzhlt Xenophon in seinen Memorabilien des Sokrates 3, 7, da letzterer
oft scherzend geuert habe, er glaube Kirke habe dadurch Leute zu
Schweinen gemacht, da sie ihnen vieles vorgesetzt habe, Odysseus aber sei
darum nicht zum Schweine geworden, weil er auf die Warnung des Hermes und
aus eigener Enthaltsamkeit sich vor dem bermigen Genusse der Speisen
gehtet habe.

Plato entwickelte hieraus die feinere und mehr pantheistisch zu denkende
Lehre von der _Palingenesie_, deren Unterschied von der groben Umkrperung
darin besteht, da sie nur annimmt, da die _allgemeine_ oder die Weltseele
in allen wechselnden Erscheinungen der Krperwelt wirksam bleibe.[561]

Als der erste Pythagorer, der die Lehre seines Meisters in einer Schrift
dargestellt hat, gilt Philolaos, ein Zeitgenosse des Sokrates. Die von
dieser Schrift berlieferten Fragmente, denen aber fremdartige Elemente
beigemischt zu sein scheinen, hat Boeckh zusammengestellt. (+Philolaos des
Pythagorers Lehren nebst den Bruchstcken seines Werkes. Berlin 1819.+)
Ein anderer Jnger des Pythagoras, der Arzt und Anatom Alkmon, ein
Krotoniate, wird von Aristoteles und Theophrast erwhnt und soll zuerst den
Sitz der Seele in's Gehirn verlegt haben, zu dem alle Empfindungen von den
Sinnesorganen aus durch Kanle hingeleitet wrden. Der schon erwhnte
Lysis, der sich beim Brande des Milonischen Hauses rettete, begab sich nach
Theben und wurde dort der Lehrer des Epaminondas. Vielleicht war dieser
Lysis Verfasser der sog. goldenen Sprche des Pythagoras. Auerdem werden
als ltere Pythagorer noch genannt der Tarentiner Eurytus, der Architekt
Hippodamus aus Milet, ein Zeitgenosse des Sokrates und Epicharmus von Kos,
endlich jener Tarentiner Archytas, dessen mathematisch-physikalische
Kenntnisse und Tod auf dem Meere Horaz in der +Ode 18, Buch I+, mit den
Versen verewigt hat:

    +Te maris et terrae numeroque carentis arenae
        Mensorem cohibent, Archyta,
    Pulveris exigui prope litus parva Matinum
        Munera, nec quicquam tibi prodest
    Arias temptasse domos animoque rotundum
        Percurrisse polum morituro.+

                  *       *       *       *       *

Die Pythagorer sollen sich durch besondere Migkeit im Genu von
Nahrungsmitteln und einfache Kleidung ausgezeichnet haben. Ob sie, wie
spter behauptet worden ist, ganz vegetarisch lebten und sexuelle
Enthaltsamkeit forderten, ist zweifelhaft.[562] Wenigstens Gellius, +Noctes
Atticae IV, 11+ schreibt: Es ist eine alte, aber falsche Ansicht, der
Philosoph Pythagoras habe keine Fleischspeisen genossen und sich auch jener
Bohne enthalten, welche die Griechen +cyamus+ nennen (sog. groe oder
Saubohne, ein besonders bei den Westfalen mit Schinken oder Speck beliebtes
Gemse). In dieser unrichtigen Meinung hat Cicero im ersten Buch von dem
Ahnungsvermgen folgendes geschrieben:

Plato schreibt daher vor, da man sich in solcher Leibesverfassung schlafen
legen solle, da alles, was die Seele in Irrtum und Unruhe bringen knne,
vermieden sei. Und deshalb soll auch den Pythagorern verboten sein, Bohnen
zu essen, da diese leicht starke Blhungen erzeugen, was fr Leute, die
nach geistiger Ruhe trachten, widerwrtig sein mu. So zwar Cicero. Aber
Aristoxenos, ein in der alten Litteraturgeschichte sehr gelehrter Mann,
der Hrer des Philosophen Aristoteles, behauptet, da Pythagoras gerade
keine andere Hlsenfrucht fter gegessen habe, als die Bohne, da dieselben
langsam abfhrend und erleichternd wirkten. Die eigenen Worte des
Aristoteles lauten: Pythagoras liebte unter den Hlsenfrchten am meisten
die Bohne. Denn sie sei abfhrend und erleichternd. Deshalb a er sie am
meisten.

Derselbe Aristoxenos berichtet auch, da er gern Schweinefleisch und
Lammfleisch gegessen. Er scheint dies von dem Pythagorer Xenophilus,
seinem Freunde, und einigen anderen Zeitgenossen des Pythagoras erfahren zu
haben. Die Ursache des Irrtums hinsichtlich des Bohnenverbots wird in einem
Gedichte des Empedocles, das die Pythagorische Lehre betrifft, gefunden:

    Elende Welt, enthalte dich doch des Genusses der Bohne!

Hier haben die meisten angenommen, sei die Hlsenfrucht der Bohne gemeint.
Die aber, welche die Verse des Empedocles scharfsinniger auslegen, wollen
an dieser Stelle unter Bohnen die Geschlechtsteile verstanden wissen,
welche von den Pythagorern wegen der (im Griechischen) aufflligen
etymologischen Verwandtschaft (%kyamoi%, +quod sint+ %aitioi tou kyein%) so
genannt seien.

Empedocles habe daher die Menschen nicht vor dem Genu der Bohnen, sondern
vor der geschlechtlichen Ausschweifung warnen wollen.

Allgemein bekannt ist, da Pythagoras behauptet haben soll, er sei in einem
frheren Leben Euphorbus gewesen; weniger, was Clearchus berichtet, da er
spter als Pyrrhus, dann als Aethalides und zuletzt als ein schnes Weib,
namens Alco, das sich der Prostitution ergeben habe, sich wieder verkrpert
habe.

Die zuletzt von Gellius erwhnte Fabel zeigt deutlich, bis zu welchem Grade
in spteren Zeiten die Person des Pythagoras zum Gestell abgeschmacktester
Fabeleien mibraucht wurde, gewi kein beneidenswertes posthumes Schicksal
fr einen Philosophen.

Vielleicht aber hat Pythagoras selbst einige Veranlassung zu den ber ihn
berichteten Mythen gegeben. Denn nach einer uerung des Plutarch, der ihn
brigens sogar in ganz unhistorischer Weise mit Numa in Verbindung bringt,
mchte man annehmen, da er es nicht verschmht hat, ungefhr wie die
modernen Theosophen, seinen theoretischen Lehren durch magische Knste
Nachdruck zu verschaffen. Plutarch erzhlt, da er einen Adler abgerichtet
und ihn durch gewisse Worte mitten im Fluge aufgehalten und zu sich
herabgelockt habe, -- wir htten in ihm also das historische Vorbild des
bekannten Mannes mit Speck unterm Hut; -- nach Aelian +IV, 17+ htte
schon Aristoteles erzhlt, da Pythagoras einmal gleichzeitig in Kroton und
Metapont gesehen worden sei (also Doppelgngerei oder sog. Majavi-Rupa nach
Art der berchtigten Blavatzki-Mahatmas +fin de sicle+), aus dem Wasser
eines Brunnens soll er ein Erdbeben drei Tage vor seinem Eintritt
prophezeit haben; mit der Seele eines Freundes soll er nach dessen Tode in
fortwhrendem Verkehr gestanden und +last not least+ eine goldene Hfte
gehabt haben und einmal von einem veritablen Flugott angeredet worden
sein.[563]

Der um das Jahr 270 vor Christi Geburt lebende Epigrammendichter Timon von
Phlius, ein Freund des Knigs Antigonus von Makedonien widmete ihm daher
folgende Denkschrift:

    Pythagoras hascht nur nach dem eitlen Ruhme des Gauklers,
    Menschen wei er geschickt durch blendende Reden zu fangen.




Drittes Kapitel.

Die Eleaten.


Als Eleaten bezeichnet man vornehmlich drei Philosophen, die smmtlich in
Elea, einer Stadt Unteritaliens lebten und lehrten. Der Gedankenkreis
dieser Mnner ist, wie Eugen Dhring[564] mit Recht bemerkt, der subtilste,
dessen die gesammte griechische Philosophie sich rhmen kann.

Wir finden bei ihnen bereits erkenntniskritische und weltschematische
Probleme errtert, wie sie die moderne Philosophie erst mit Kant ernstlich
wieder aufgenommen hat. Im allgemeinen lt sich die Eleatik als der erste
unbeholfene Versuch eines _idealistischen_ Monismus bezeichnen. Ihr
einziges Endziel bildet die Erkenntnis des reinen Sein, welches der
bestimmungslose Grund alles Werdens ist, whrend das empirische Sein, das
rumlich-zeitliche Dasein nur Erscheinung ist. Indem sie damit schlielich
zu dem Satze kommt: Nur das Sein ist und das Nichtsein, das _Werden_, ist
gar nicht, bildet sie die dialektische Antithese zu der geschilderten
objektiv-realistischen Weltanschauung des Joniers Heraclit.

Durch ihre entschieden logische Richtung blieb die Eleatik mehr als der
Pythagorismus und Platonismus vor occultistischen Trbungen bewahrt. In
einer Geschichte des Occultismus in demjenigen Sinne, in welchem
Kiesewetter dieses Werk auffate, knnen sie daher keinen Ehrenplatz
beanspruchen. Wenn ich ihnen gleichwohl eine Stelle in diesem Bande
einrume, so geschieht dies nicht sowohl aus meiner persnlichen, greren
Sympathie mit diesen wirklich rationellen Denkern, welche zugleich in
wohlthuendem Gegensatz zu den Pythagorern von jeder Wichtigthuerei mit
Geheimwissen und jeder Geheimbndelei sich frei hielten, als um darauf
hinzuweisen, da der griechische Geist ursprnglich in der That krftig
genug gewesen ist, die grten Probleme des philosophischen Denkens
wenigstens festzustellen, soda wir nur bedauern mssen, da sein
vorzeitiges Altern und die durch orientalische Einflsse in Verbindung mit
der zersetzenden Sophistik verursachte Entartung die Gedankenkeime der
Eleatik nicht zur Entwickelung gelangen lie.




I.

Xenophanes.


Der Begrnder der eleatischen Schule ist Xenophanes. Als seine Vaterstadt
wird Kolophon genannt. Er wanderte frhzeitig in die phokische Kolonie
Elea, deren Grndung er in einem aus 2000 Hexametern bestehenden Gedicht
besungen haben soll, aus. Der grere Teil seiner langjhrigen Wirksamkeit
ist in die zweite Hlfte des 6. Jahrhunderts vor Chr. zu versetzen. Lucian
giebt seine Lebensdauer auf 91 Jahre an. Seine philosophischen Ansichten
legte er in einem Lehrgedicht ber die Natur nieder, von dem uns
zerstreute Fragmente erhalten sind.[565]

Xenophanes ist zwar von einer allen Forschungswert und die Wahrheitsliebe
selbst vernichtenden Skepsis weit entfernt; allein er meint, da die
Wahrheit nur allmhlich und mhsam entdeckt werden kann; er glaubt, da
eine vollkommene Sicherheit des Wissens selbstverstndlich nur in
philosophischen, besonders metaphysischen Dingen unmglich ist und will
deshalb auch seine eigenen Ansichten nur als wahrscheinlich
bezeichnen.[566]

    Nichts genaues hat jemals ein Mensch gewut noch auch wird je
    Wissen ein Mensch ber Gtter und bernatrliches Wesen,
    Sollt' auch in vielerlei Richtung er Richtiges treffend behaupten,
    Wissen kann er es nicht. Zu meinen ist allen beschieden.

In diesem Sinne behauptet er zunchst die Einheit der Welt und nennt das
Weltganze Gott. Er ist der Urheber des %hen kai pan%, des Eins und Alles.
Er scheint sich aber diese Einheit der Welt nicht in gewhnlicher
pantheistischer (unbewuter), sondern in theistischer Wesenheit gedacht zu
haben; denn der Eine Gott ist ihm ganz Auge, ganz Ohr, ganz Sinn und
Bewutsein.[567] Entschieden tritt sein reiner Monotheismus der
Vielgtterei entgegen und besonders tadelt er, fast wie ein Apostel des
Christentums, da die alten Dichter den Gttern so mancherlei
Unsittlichkeiten angedichtet haben.[568]

Die Menschen scheinen sich ihre Gtter nach ihrem eigenen Bilde geschaffen
zu haben.

Jeder stellt sich die Gtter so vor, wie er selbst ist, der Neger schwarz
und plattnasig, der Thracier blauugig und rothhaarig, und wenn die Pferde
und Ochsen malen knnten, so wrden sie dieselben ohne Zweifel als Pferde
und Ochsen darstellen.

Von seinen physikalischen Ansichten wird mitgeteilt, da er angenommen
habe, da die Erde sich nach unten, wie auch die Luft nach oben hin
unbegrenzt weit hin erstrecke; wahrscheinlich hat er inde die Kugelform
der Erde gelehrt. Das Vorkommen versteinerter Seetiere in den Bergwerken
von Syrakus fhrte ihn zu der Annahme, da das Meer das Land bedeckt haben
msse.




II.

Parmenides.


Parmenides war ein Schler des Xenophanes (geboren etwa 515 v.Chr. zu
Elea). Auch er legte seine philosophischen Gedanken in poetischer Form
nieder, indem er ein Lehrgedicht ber die Natur verfate.

Dasselbe zerfiel in zwei Hauptteile, in die Lehre vom Sein (der Wahrheit)
und vom Schein. Das Nichts kann kein Objekt des Denkens sein. Folglich ist
Denken und Sein identisch. Das Seiende kann ferner nicht anfangen oder
aufhren, zu sein. Denn es kann doch aus dem Nichtseienden nicht entstanden
sein und also auch nicht in Nichtsein bergehen. Es ist ferner unteilbar
und unbeweglich, _und da es nicht unvollendet und mangelhaft sein kann,
mu es begrenzt sein_. Obwohl nun Parmenides fr seiend nur dieses Eine
unteilbare, den Raum ausfllende, unbewegliche Wesen erklrt, geht er doch
im zweiten Teil seines Gedichtes auf die nichtseiende Erscheinungswelt
ber, um seine Ansichten ber dieselbe darzustellen. Er betont dabei
ausdrcklich, da diese Ansichten keine philosophische Wahrheit im engsten
Sinne, sondern nur die Gestalt bieten, in welcher in dem denkenden Geiste
die nicht seiende Erscheinungswelt sich spiegelt.

Seine kosmologische Anschauung scheint sich von der pythagorischen nicht
unterschieden zu haben.

Doch werden uns neben diesen einige nicht uninteressante anthropologische
Bemerkungen berliefert. So soll er sich die erste Entstehung des Menschen
als eine Entwickelung aus dem Erdschlamm durch die Sonnenwrme
herbeigefhrt gedacht haben.

berhaupt aber scheint er, insofern der Vorlufer der Naturphilosophie des
Telesius[569], alle Erscheinungen der Natur aus zwei unvernderlichen
Gegenstzen, die Aristoteles als Warmes und Kaltes, als Feuer und Erde
bezeichnet, abgeleitet zu haben. Von diesen beiden, bemerkt Aristoteles
weiter, stellte er das Warme mit dem Seienden, das Kalte mit dem
Nichtseienden in Parallele. Alle Dinge sind ihm aus diesen Gegenstzen
gemischt; je mehr Feuer, destomehr Sein, Leben und Bewutsein.




III.

Zeno, der Eleat.


Zeno, der Eleat, wohl zu unterscheiden von dem etwa ein Jahrhundert spter
geborenen Begrnder der stoischen Schule Zeno aus Cittium, ist durch seine
bekannten logischen Argumente zur indirekten Beweisfhrung der eleatischen
Hauptlehre von der Einheit des Seins berhmt:

1. Wenn vieles wre, so mte dasselbe zugleich unendlich _klein_ und
unendlich _gro_ sein, jenes wegen der Grelosigkeit der letzten Teile,
dieses wegen der unendlichen Vielheit derselben. Ferner mte ja das Viele
der Zahl nach begrenzt und doch auch unbegrenzt sein.

2. Die Realitt des Raumes leugnet Zeno; denn, wenn alles Seiende in einem
Raume wre, so mte der Raum auch wieder in einem Raume sein, und so fort
ins Unendliche.

3. Die Bewegung ist nichts Wirkliches. Denn:

a) Die Bewegung kann nicht beginnen, weil der Krper nicht an einen anderen
Ort gelangen kann, ohne zuvor eine unbegrenzte Zahl von Zwischenorten
durchlaufen zu haben.

b) Achilleus kann die Schildkrte nicht einholen, weil dieselbe, so oft er
an ihren bisherigen Ort gelangt ist, trotz ihrer langsameren Bewegung auch
diesen immer schon wieder verlassen hat.

c) Der fliegende Pfeil ruht. Denn er ist in jedem Moment nur an _einem_
Orte.

d) Der halbe Zeitabschnitt ist gleich einem ganzen; denn der nmliche Punkt
durchluft mit der nmlichen Geschwindigkeit einen gleichen Weg, das eine
Mal in dem halben, das andere Mal in dem ganzen Zeitabschnitt.[570]

                  *       *       *       *       *

Wir knnen nur bedauern, da uns die eleatische Philosophie nur
bruchstckweise, besonders in den Schriften des Aristoteles, der sich
eingehend mit ihrer Widerlegung beschftigt, erhalten ist. Denn wir sehen,
da in ihr der menschliche Geist zum ersten Male mit echt philosophischer
Besonnenheit die hchsten Probleme des rein logischen und
erkenntniskritischen Denkens, die Frage nach der Einheit des Seins, dem
Wesen von Raum und Zeit, dem Verhltnis von Wirklichkeit und Erscheinung,
dem Begriff der Unendlichkeit sich wenigstens formuliert hat. Die deutliche
Formulierung der Aufgabe ist aber der erste groe Schritt zur Lsung. Es
kann nun hier nicht der Ort sein, auch noch zu untersuchen, wie weit die
ersten Schritte zur Lsung der Aufgabe selbst von den Eleaten in der
Richtung des selbst heute noch keineswegs _erreichten_ Endziels gefhrt
haben; selbstverstndlich knnen diese ersten Schritte nur hchst unsicher
und unbeholfen gewesen sein. Eine vortreffliche Wrdigung der Eleatischen
Gedanken bietet Dhring in seiner +Geschichte der Philosophie I, S.34-50+,
und ich hebe aus den Bemerkungen dieses eminent kritischen Philosophen nur
folgende Stze hervor: Der Begriff des einheitlichen Seins reprsentiert
die hchste zusammenfassende Kraft des Denkens und die grte Energie der
spekulativen Synthese. -- Die Hauptschwierigkeit, auf welche zuerst
aufmerksam gemacht zu haben, ein besonderes Verdienst der Eleaten ist,
liegt in der Idee des Unendlichen. Die zwingende Kraft und die eigentliche
Schlssigkeit der Eleatischen Wendungen ist in der That in jener logischen
Notwendigkeit zu suchen, die nicht gestattet, das Unendliche als vollendet,
die Unzahl als gleichsam abgezhlt und abgeschlossen zu denken. Hier liegt
die Kraft und Schrfe der Eleatischen Dialektik verborgen, nicht aber in
anderen untergeordneten Umstnden und Hilfsmitteln der Darlegung. Es ist
der falsche Unendlichkeitsbegriff, der sich berall und auch da, wo er
zunchst garnicht sichtbar ist, als die wahre Ursache der Unvereinbarkeiten
erweist. Er ist es, der die Idee der Vernderung und Vielheit verdchtig
macht. Er verschuldet die Unzerlegbarkeit der Bewegung. Auf seine Fassung
wird in letzter Instanz bei jeder Wendung zurckgegriffen, und der
Widersinn einer absolvierten Unendlichkeit ist der logische Obersatz und
das leitende Prinzip aller gegen die gemeine Vorstellung gerichteten
Ansprche.

Das nun, was Dhring in seinen philosophischen Systemschriften als Gesetz
der bestimmten Anzahl erwiesen hat und wodurch sich der bisher herrschende
falsche Unendlichkeitsbegriff ausgemerzt findet, ist auch der Schlssel, zu
den Rtseln der Eleaten, berdies aber, was mehr bedeutet, _der Erffner
eines richtigen logischen Seins- und Weltschematismus_.

Hierin liegt auch von dem kritischen Standpunkte aus, den der Herausgeber
zum Occultismus einnimmt, schlielich die Berechtigung, den Eleaten einen
Platz innerhalb einer Geschichte des Occultismus einzurumen. Denn bei
denjenigen feineren Wendungen der occultistischen oder mystischen
Geistesrichtung, die sich ber das wste Ideendelirium der Kabbalisten und
hnlicher Offenbarungen einer intellektuellen Anschauung (+lucus a non
lucendo+) zum Versuche einer logischen Rechtfertigung erheben, ist es ja
allemal der falsche Unendlichkeitsbegriff, der den Ausgangspunkt oder
richtiger Eingangspunkt in ein Labyrinth bildet, aus dem kein Ausweg
mglich ist. Mit vollem Rechte hat daher du Prel selbst Kant, der auf die
eleatischen Fragen auch nur eine traum-idealistische Antwort zu geben
verstand, als Mystiker in Anspruch nehmen knnen.[571] Auch ist ja das
Sinnbild jener falschen Unendlichkeit, _die sich selber in den Schwanz
beiende Schlange_, das Symbol der neubuddhistischen Theosophie. Von der
ernsten Rechenschaft freilich, welche sich die Eleaten ber die
angedeuteten Probleme zu geben versuchten, findet man bei diesen
Neu-Buddhisten europischer Abstammung keine Spur. Vielmehr dient ihnen der
Hinweis auf die blo phnomenale Seite der Wirklichkeit nur zur
Rechtfertigung jeglicher, auch der wstesten _traumhaften_
Lebensauffassung. Die Eleaten aber sind, wie richtig Dhring bemerkt,
ungeachtet ihrer noch nicht gengenden Klrung ber den Begriff des Seins
und seines Verhltnisses zum Denken, doch weit entfernt gewesen, die
gegenstndliche Existenz der Dinge zu leugnen. Sie waren empirisch
Realisten und nur transcendentale Idealisten.

Vergl. Kant, +Kritik der reinen Vernunft (Kehrbach S.55, 56)+. Offenbar
kann es sich in keiner philosophischen Vorstellung um die Leugnung der
Existenz berhaupt, sondern stets nur um die _Rangordnung_ der Realitten
handeln.[572]




Viertes Kapitel.

Empedocles, Pherekydes, Epimenides von Kreta.

I.

Empedocles.


Mit Empedocles tritt uns ein Philosoph, wenn wir ihn so nennen drfen,
entgegen, der zwischen Heraclit und der eleatischen Schule eine
selbstndige Stelle einnimmt und die anscheinend unvershnbaren Gegenstze
dieser beiden Richtungen, sofern ersterer alle Beharrlichkeit der Substanz
aufhob und das Sein als ewiges Werden bezeichnet, letztere aber die
Bewegung und Vernderung leugnete, augenscheinlich zu berbrcken versucht.
Occultistisch ist Empedocles jedenfalls interessant, weil die ber ihn
erhaltenen biographischen Notizen hnlich, wie diejenigen ber Pythagoras,
ganz abnorme Dinge bieten, die in der That, soweit sie nicht, wie bei
Pythagoras, groenteils auf fabuloser bertreibung beruhen, die Vermutung
nahe legen, da Empedocles ein Praktiker auf dem Gebiete der sog.
Geheimwissenschaften gewesen ist, und zwar eine Faust-Natur, die es sich
nicht versagen konnte, sich ein wenig als Wundermann aufzuspielen, was
freilich seine moralische Qualitt in weniger gnstigem Lichte erscheinen
lt.

Empedocles ist um 490 v.Chr. zu Agrigent auf Sizilien geboren. Er
entstammte einem reichen und vornehmen Geschlecht. Dies geht schon daraus
hervor, da sein gleichnamiger Grovater bei den olympischen Festspielen
mit einem Viergespann den Sieg davontrug, bekanntlich bei den alten
Hellenen nicht nur ein Zeichen feinster Aristokratie, sondern auch eine der
unvergelichsten Auszeichnungen, wrdig plastischer und poetischer
Verewigung. Irrtmlich haben sptere diesen Sieg dem Philosophen selber
zugeschrieben.

Ungeachtet seiner aristokratischen Abstammung und entgegen der sonstigen
Haltung griechischer Denker scheint er sich politisch zur demokratischen
Fraktion gehalten zu haben. Er soll die ihm angebotene Tyrannis verschmht
haben[573]; mute aber gleichwohl die Wandelbarkeit der Volksgunst erfahren
und verlie wahrscheinlich infolge eines Verbannungsbeschlusses Agrigent,
um dann im Peloponnes, vielleicht durch einen Sturz vom Wagen, sein Leben
zu enden.

Empedocles scheint stellenweise weniger ein Philosoph als vielmehr ein
richtiger Medizin-Mann im Sinne des Indianer-Jargons gewesen zu sein, und
zwar ein solcher, der eine teilweise vielleicht ganz rationelle hygienische
Technik, um sich ein greres Ansehen bei der glubigen Masse zu
verschaffen, mit dem Humbug eines Paracelsus vereinigte.

Ein historischer Kern steckt gewi in der Erzhlung, da er die Stadt
Selinunt, die infolge von Verjauchung eines sie durchstrmenden Flchens
durch Pestilenz heimgesucht wurde, dadurch von dieser Pestilenz befreite,
da er, und zwar, wie hinzugefgt wird, auf eigene Kosten zwei
Nachbarflsse mit dem verjauchten Flubett durch Kanle vereinigte und so
durch vermehrten Zuflu das verpestete Wasser aus der Stadt ableitete. Die
Selinuntier haben zum Andenken daran Denkmnzen geprgt, deren zwei uns
erhalten sind. Eine Abbildung derselben, welche das Ereignis sinnbildlich
darstellen und den Philosophen neben dem Fernhintreffer Apollo, den Erreger
der Epidemie, auf einem Wagen zeigen, wie er dem unheilstiftenden Gotte in
die Zgel fllt, findet man in Karstens +Empedoclis Carminum reliquiae
S.23+.

Das hchste Interesse glubiger Occultisten fordert aber die Erzhlung
heraus, da er seine Vaterstadt, die von trockenen Winden dermaen
heimgesucht wurde, da alle Frchte verdarben, _von diesen schdlichen
Winden befreite_, eine That, die ihm sogar den Ehrennamen %klysanemas%
oder +ventos arcendi artifex+ eintrug. Nach einer Mitteilung des Thimaeus
soll er dies durch Einfangen der Winde in Eselhuten erreicht haben, was
beinahe an eine bekannte Erzhlung von den Schppenstedtern erinnert. Mir
persnlich erscheint die Erzhlung der angeblich wunderbaren Heilung eines
hysterischen Frauenzimmers namens Panthea von Atemlosigkeit (%apnoia%) und
totenhnlicher Starre glaubhafter, die, wie Heraclides berichtet, ihn in
den Ruf brachte, Tote zum Leben erwecken zu knnen.[574] ber die
hypnotische Technik mu er in hohem Grade verfgt haben. Denn als einst in
seiner Gegenwart ein rasender junger Mann einen seiner Gastfreunde mit
gezcktem Schwerte durchbohren wollte, soll er denselben durch bloes
Anstimmen eines besnftigenden Zaubersangs sofort entwaffnet haben.[575]

Es ist unleugbar, da Empedocles selber sich den Besitz bernatrlicher
Weisheit und magischer Krfte und zwar mit ziemlich charlatanmiger
Grosprecherei zugeschrieben hat, er suchte schon durch seine uerliche
Erscheinung Aufsehen zu erregen, trug, wie auch heute noch gern derartige
Brder, ungeschorenes langes Haupthaar, affektierte in stets
salbungsvoller Rede eine tragische schauspielerische Wrde und kleidete
sich nur in langen Purpurgewndern, die er mit weithin klingenden
Erzschellen besetzt hatte, stets hatte er bei ffentlichem Auftreten einen
Lorbeerzweig in der Hand und das Haupt mit einer Priesterbinde umwunden. Er
schreibt sich in seinen Gedichten selber die Macht zu, Alter und
Krankheit zu heilen, Winde zu beschwichtigen und zu erregen, Regen und
Trockenheit herbeizufhren, ja er sagt:

    %chairet', eg d'hymin theos ambrotos, ouk eti thntos pleumai.%
    Freut Euch, ich bin ein unsterblicher Gott, kein sterblicher
        Mensch mehr!

Er ist wenn nicht gar der Begrnder, so doch einer der bedeutendsten
Vertreter einer noch zu Platos Zeit in Griechenland hufigen Klasse von
Charlatanen, der sog. Goten. Unter Gotie[576] verstand man die Kunst,
mittelst gewisser in _heulendem Tone_ gesungener Beschwrungsformeln
allerhand Zauber zu verben, die Seelen Verstorbener zu citieren, die
Gtter zu bewegen, dem Menschen dienstbar zu sein und eventuell, wie wir
sehen, selbst Wetter zu machen; sie erinnert lebhaft an den +modus
operandi+ der indianischen Medizin-Mnner.

Aus diesem Auftreten wird uns denn auch der Mythus ber seinen Tod
erklrlich, er soll nmlich nach einer Erzhlung pltzlich bei einem
Gastmahl verschwunden sein und durch eine bernatrliche Stimme verkndet
haben, er sei zu den Gttern entrckt, nach einer anderen bekannteren
Anekdote soll er sich in den Krater des tna gestrzt haben.

Die wenig ansprechende, aber nach den Berichten unzweifelhafte
Charlatanerie des Empedocles ist psychologisch um so aufflliger, als wir,
sobald wir seinem Gedankenkreise nher treten, Symptome einer oft genialen,
wenn auch unreinen und wsten Denker-Phantasie nicht verkennen knnen.
Empedocles fordert insofern unwillkrlich zur Vergleichung mit einem viel
spteren Dichter-Philosophen, nmlich mit Giordano Bruno, heraus, dem ja
bei aller intellektuellen und moralischen Gre im brigen ebenfalls ein
kleiner Hang zur Grosprecherei und berschwenglichkeit anhaftet. Wie Bruno
vereinigt Empedocles abgesehen von der poetischen Darstellungsform mit
interessanten allgemeinen Gesichtspunkten einzelne berraschende Treffer
einer wissenschaftlichen Phantasie in Einzelheiten. Zunchst erklrt er die
Entstehung fr einen leeren Namen und weist hierdurch die gemeine
Vorstellung von einer Schpfung aus nichts zurck.

Es ist ein grobsinnlicher Irrtum, meint er, wenn man ein Wesen ins Leben
treten sieht, anzunehmen, es sei etwas, was vorher nicht da war, es sei
entstanden; und umgekehrt, wenn man es untergehen sieht, zu glauben, ein
Seiendes habe aufgehrt zu sein. Denn woher knnte der Gesamtheit des
Wirklichen etwas hinzukommen, und wo sollte das, was ist, hinkommen? Es ist
ja nirgends ein Leeres, in das es sich auflsen knnte, und was es auch
werde, immer wird wieder _etwas_ daraus werden.

Was wir Entstehung nennen, ist in Wahrheit nur Verbindung, Mischung, was
wir Vergehen nennen, in Wahrheit nur Trennung der Stoffe. Immer wird nur
entweder (im Fall des Entstehens) Eines aus Vielem, oder umgekehrt (im Fall
des Vergehens) Vieles aus Einem. Der _Kreislauf des Stoffwechsels_ ist also
vielleicht zum ersten Male von Empedocles deutlich erkannt. Aus 4
Elementen, Erde, Wasser, Luft und Feuer, ist alles zusammengesetzt. Diese 4
Grundstoffe sind gleich ursprnglich, ungeworden und unvergnglich, sie
bestehen aus qualitativ gleichartigen Teilen, ohne sich selbst in ihrer
Beschaffenheit zu ndern, durchlaufen sie die verschiedenen Verbindungen,
in die sie durch den Kreislauf des Stoffes gebracht werden.

    Thrichte sind's, denn sie reichen nicht weit in ihren Gedanken,
    Die da whnen, es knne Zuvor-nicht-Seiendes werden,
    Oder auch etwas ganz hinsterben und vllig verschwinden.
    Aus Nicht-Seiendem ist durchaus ein Entstehen nicht mglich;
    Ganz unmglich auch ist, da Seiendes vllig vergehe;
    Denn stets bleibt es ja da, wohin man es eben verdrnget.

                  *       *       *       *       *

    Aber erforsche mit allem Vermgen, wie Jegliches klar sei;
    Weder vertrau dem, was du erschaust, mehr, als dem Gehre,
    Nach dem Getn des Gehrs mehr, als der Empfindung der Zunge,
    Auch zu den anderen Gliedern, soviel da Wege des Wissens,
    Halte zurck das Vertrauen, doch sieh, wie Jegliches klar ist.

                  *       *       *       *       *

    Vier Urwurzeln zuvrderst vernimm von smtlichen Dingen,
    Feuer und Wasser und Erd' und der Luft unermeliche Hhe;
    Denn aus diesen ist alles, was war und was ist und was sein wird.

                  *       *       *       *       *

    Aber indem sie sich mischen, entsteh'n unzhlige Wesen,
    Mit manchfachen Gestalten geschmckt, ein Wunder dem Anblick.

                  *       *       *       *       *

    Wie da geschieht, wenn Maler ein prchtig Gemld' ausfhren,
    Mnner, die wohl in der Kunst von gttlicher Weisheit belehrt sind;
    Diese, nachdem sie der Farben verschiedene Stoffe genommen
    Und sie passend gemischt, die mehr und weniger jene,
    Bilden daraus sie Gestalten, den smmtlichen Dingen vergleichbar.
    Bringen sie Bum' aus ihnen hervor und Mnner und Frauen,
    Tiere des Feld's und Vgel und wasserbewohnende Fische
    Und langlebende Gtter zumal, an Ehren die Hchsten.
    Also tusche dich nicht, als kmen die sterblichen Wesen,
    Die da entsteh'n unendlich an Zahl, aus anderer Quelle,
    Sondern gewi glaub' dieses, dieweil's eine Gottheit dich lehret.

                  *       *       *       *       *

Er beschreibt das Feuer als warm und glnzend, die Luft als flssig und
durchsichtig, das Wasser als dunkel und kalt, die Erde als schwer und hart;
er legt der Erde eine natrliche Bewegung nach unten, dem Feuer nach oben
bei. Erst Giordano Bruno, der brigens selber bis ber die Ohren in
Empedocleischen Vorstellungen steckte, hat in seiner naturphilosophischen
Hauptschrift vom Unendlichen, dem All und den Welten, diese Lehre von den 4
Elementen, soweit sie gegen die Aristotelisch-Kopernikanische
Weltanschauung verwertet wurde, zu erschttern versucht. (+Vgl. S.192
meiner bersetzung dieser Dialoge.+) Er bemerkt: Die alte Unterscheidung
der Elemente beruht nicht auf natrlichen, sondern logischen
Unterschieden. Ich mchte freilich diese Bemerkung dahin berichtigen, da
sie auch nicht auf logischen Erwgungen, sondern neben einer
oberflchlichen Beobachtung wohl in erster Linie auf mystischen Ideen,
nmlich auf der Pythagorischen Wertschtzung der Vierzahl beruhte. Eine
solche langdauernde Bedeutung konnten zahlensymbolische Spielereien in der
Geschichte des menschlichen Wissens erhalten! Noch heute hat ja der vulgre
Sprachgebrauch die Tradition des griechischen Dichter-Philosophen nicht
verlassen. Empedocles bezeichnet die Elemente mit mythologischen Namen, das
Feuer ist fr ihn Zeus oder Hephstus, die anderen erhalten die Namen Here,
Aidoneus und Nestis.

    Vier Urwurzeln zuvrderst vernimm von smtlichen Dingen
    Zeus im Glanz und Here, die Nhrerin, und Aidoneus,
    Nestis dazu, die in Thrnen den Sterblichen Flieendes ausgiet.

                  *       *       *       *       *

Als treibende Krfte aber fr die stetige Bewegung der Elemente in der
Mischung und Entmischung setzt Empedocles zwei, die wir als
Attraktionskraft einerseits und Repulsionskraft andrerseits bezeichnen
wrden; er aber nennt sie in affektiver Auffassung _Liebe_ und _Ha_.

Wenn man sich nicht mit der rein objektiven Auffassung der Krfte begngen
will, so liegt in der That in dieser Auffassung der Kraftbeziehungen ein
auch heute noch naturphilosophisch zulssiger Gedanke, nmlich die
Voraussetzung, da in den realen Elementen _innere_ Zustnde irgend welcher
nach Analogie der psychischen _Triebe_ zu denkenden Art vorhanden sind,
welche den rumlichen Entfernungen entsprechen und das nchste wirksame
Glied sind, von dem die Gren der bewegenden Krfte, welche die Elemente
ausben, in jedem Augenblicke entspringen. Denn wenn die Entfernung +zy+
zwischen den Atomen +z+ und +y+ zunchst nichts weiter ist, als die
Vorstellung, die ein Beobachter sich bildet, indem er den rumlichen Ort
des +y+ durch Ausgehen von dem Orte des +z+ zu erreichen sucht und sich
dabei der Gre der Vernderung bewut wird, die der Zustand seiner Sinne
dabei erfhrt; -- so mu doch auch +z+ selbst, wenn es sich nach der
Entfernung richten soll, etwas von ihr _merken_, d.h. es selber mu
_innerlich_ anders affiziert sein, wenn ihre Gre +p+ und anders, wenn sie
+q+ betrgt. Was soll es sonst heien, die Entfernung bestehe _fr_ +z+ und
+y+? (+Vgl. Lotze, Grundzge der Naturphilosophie S.25.+)

Die Attraktion oder Liebe personifiziert unser Dichter als Afrodite.

    Wie durch Mischung des Wassers, der Erd' und der Luft und des Feuers
    Hier die Gestalten entsteh'n und Farben der sterblichen Wesen,
    Alle, soviele da sind, hat _Afrodite_ gebildet.

                  *       *       *       *       *

    Sie selbst (die Elemente) bleiben dieselben, doch durcheinander
        verlaufend,
    Werden sie Menschen und all die unzhligen andern Wesen,
    Jetzt durch der Liebe Gewalt sich zu Einem Gebilde versammelnd,
    Jetzo durch Ha und Streit sich als einzelne wieder zerstreuend.

                  *       *       *       *       *

Im Urwesen freilich, dem Sphairos (er denkt es sich kugelfrmig, da die
Kugel das vollkommenste stereometrische Gebilde), oder der Gottheit, sind
die 4 Elemente, die Urwurzeln aller Dinge, noch in vollkommener
Unterschiedslosigkeit und Einheit beisammen, kraft der in ihm waltenden
Liebe, und die Schpfung der Welt ist nichts anderes, als Entwickelung und
Zerrissenwerden der Gottheit aus der Einheit in die Vielheit.

Zunchst geht durch die hereintretende Zwietracht die Einheit des Sphairos
auseinander in die Vierheit der Elemente, aus denen dann Afrodite oder die
Liebe die ganze harmonische Weltbildung und die Einzelwesen hervorbringt.

In der ursprnglichen Einheit:

    Da sind weder des Feuers bewegliche Glieder gesondert

noch die Erde, das Wasser und die Luft;

    Also ist sie durch heimliche Kraft der Verbindung gehalten,
    Eine gerundete Kugel, sich ruhender Kreisung erfreuend.

                  *       *       *       *       *

    Aber nachdem ihr der mchtige Streit in den Gliedern erwachsen,
    Und zu Macht und Ehren gelangt, da die Zeit sich erfllet,
    Die abwechselnd den beiden erscheint nach gewaltigem Eidschwur,
    Smtlich da nacheinander erbebten die Glieder der Gottheit.

Indem sich die Elemente trennen, wird der Leib der Gottheit zerrissen,
oder, wie der Dichter Claudian[577] sagt: Empedocles:

    Streuet umher und erneuert den Gott und knpfet von neuem
    Wieder durch Liebe zusammen, soviel auflste die Zwietracht.

                  *       *       *       *       *

    Bald wchst aus Vielem zu Einem
    Alles heran, bald wieder zergeht's aus Einem in Vieles,
    Feuer und Wasser und Erd' und der Luft unermeliche Hhe,
    Und von diesem gesondert der Streit, jedwedem gewachsen,
    Und in diesen die Liebe, die gleich an Lng' und an Breite.
    Und nie hrte es auf, in Ewigkeit immer zu wechseln,
    Bald durch Liebe sich alles in Eins zusammen verbindend,
    Bald durch Hader und Streit sich in Einzelnes wieder zerstreuend.

                  *       *       *       *       *

Die kosmischen Vorstellungen des Empedocles sind wst und kindisch, obwohl
sie einzelne _fr die damalige Zeit_ auffllige Ahnungen wahrer
Sachverhalte einschlieen.

_So soll er behauptet haben, da das Licht der Sonne eine gewisse Zeit
gebraucht, um zu uns zu gelangen._[578] Im brigen aber hlt er die Sonne
fr einen gasartigen Krper, der, angeblich so gro wie die Erde, die
Strahlen des Feuers aus der ihn umgebenden lichten Hemisphre wie ein
Brennspiegel sammle und zurckstrahle; hnlich sollte der Mond aus
krystallartig gehrteter Luft bestehen; seine Gestalt jedoch sei die einer
Scheibe. Da der Mond sein Licht von der Sonne erhlt, war ihm bekannt;
auch wurden von ihm die Sonnenfinsternisse durch Dazwischentreten des
Mondes erklrt.

Geradezu wie eine antizipatorische Persiflage auf die zur Zeit noch moderne
Darwinistische Theorie aber nimmt sich die Anschauung des Empedocles von
der Entstehung der organischen Wesen und ihrer Gattungen aus. Er ist ein
Anhnger der Urzeugung: Die organischen Wesen sind aus dem Schlamm
entstanden, und Ovid hatte jedenfalls nicht Pythagoras, sondern Empedocles
in der Vorstellung, wenn er +Metam. I, 422ff.+, schreibt:

    So, wenn das triefende Land der sich siebenfach mndende Nilstrom
    Wieder verlt und in's frhere Bett die Gewsser zurckzieht,
    Und von dem hohen Gestirn der entstandene Schlamm sich erwrmet,
    Findet der Bauer, nachdem er die Schollen des Bodens gewendet,
    Vielerlei Tier', und erblickt da die einen soeben begonnen,
    Grad' im Entstehen, und andere noch nicht vllig entwickelt,
    Einiger Glieder beraubt, und oft in demselben Krper
    Lebet ein Teil und der andere Teil ist lauter Erde.

                  *       *       *       *       *

Ferner +XV, 374ff.+:

    Samen besitzet der Schlamm, die grnliche Frsche erzeugen,
    Und er gebiert sie zuerst fulos, d'rauf leihet er ihnen
    Schenkel, zum Schwimmen geschickt, und damit die auch dienen zu langen
    Sprngen, erhebt sich der hinteren Maa weit ber die vorderen;
    Auch ein Junges nicht ist, was eben die Brin gebieret,
    Sondern noch kaum lebendiges Fleisch; durch Lecken erst bringet
    D'raus sie die Glieder hervor und Gestalt, die ihr selber zu
        Teil wird.

                  *       *       *       *       *

Ebenso dichtet Empedocles:

    Rohe, noch formlose Bilder entsprangen zuerst aus dem Boden,
    Beiderlei, Wasser sowohl wie Erde, besitzend als Anteil;
    Diese bewirkte das Feuer, indem es zum Gleichen empordrang,
    Ganz noch an ihnen verhllt die gefllige Bildung der Glieder,
    Weder mit Laut, noch gar mit der blichen Rede der Menschen.

                  *       *       *       *       *

Was wird man aber erst zu folgender Antizipation der Lehre von der
_indirekten Auslese_ oder Selektion des Zweckmigen sagen, die ja, um die
Voraussetzung eines bewuten Schpfers zu umgehen, als Hauptsttze der
modernen Entwickelungslehre gilt?

    Also geschah's, da Hupter, des Nackens beraubt, aufsproten;
    Blo auch irrten da Arme herum, die der Schultern entbehrten;
    Augen auch schweiften vereinzelt noch unteilhaftig der Stirnen,
    Vieles erwuchs mit doppelter Brust und doppeltem Antlitz;
    Rind mit Menschengesicht ward dieses, dagegen ein anderes
    Mensch mit dem Haupte des Stiers, und Gemischtes zum Teil von dem
        Manne,
    Teils in des Weibes Natur aus zarten Gliedern gebildet.

                  *       *       *       *       *

Ueberweg[579] meint wohl mit Recht, der Unterschied dieser Hypothese des
Empedocles von derjenigen Hckels sei nur ein relativer; jedenfalls liegt
die Erinnerung an den Hckelschen Urschleim und dessen Bathybius bei
Lektre dieser grotesken Schpfungspoesie sehr nahe.

Auch einige sonstige physiologische Lehren des Empedocles bieten ein
hnliches Interesse fr eine vergleichende Theorie spekulativer
Naturphilosopheme, wie sie sich zu allen Zeiten, auch heute noch bei
Leuten, denen die Elemente der Physik ein kabbalistisches Geheimnis
geblieben sind, wiederholt finden. So z.B. seine Theorie des Sehens.
Zufolge dieser Theorie mten wir eigentlich im Dunkeln am besten sehen
knnen. Er meint nmlich, da das Sehen durch eine Ausstrmung von Strahlen
aus dem Auge zu den Gegenstnden hin geschehe, feine Netze halten im Auge
die Masse des umherschwimmenden Wassers zurck, die Feuerteilchen aber
springen in langen Strahlen heraus, bis sie den Gegenstand erreichen und
ihn gewissermaen wie weit vorgestreckte Fhlhrner betasten. Er
vergleicht deshalb das Auge mit einer Laterne.

    Wie wenn ein Mann, um ins Freie zu gehen, sich bereitet die Leuchte,
    Da sie die strmische Nacht mit dem Scheine des Feuers erhelle,
    Und die Latern' anzndet, die jeglichem Winde verschlossen;
    Diese bewahret das Feu'r vor dem Hauche der blasenden Winde;
    Aber das Licht dringt durch; denn es ist um Vieles ja feiner,
    Und es beleuchtet den Boden mit nimmer ermdenden Strahlen:
    Also lagert von Hutchen umschlossen das ewige Feuer,
    Von ganz feinen Gewndern umhllt, in der runden Pupille,
    Diese verhegen die Flut ihm des rings ansplenden Wassers,
    Aber das Feu'r dringt durch; denn es ist um Vieles ja feiner.

                  *       *       *       *       *

Auch sptere Naturphilosophen, wie Bruno, sehen wir noch diese seltsame
Optik, die das Sehen auf eine aktive +per radios ab oculo+ statt +per
radios ad oculum+ vermittelte Thtigkeit zurckfhrt, lehren und damit
gleichzeitig allerhand occultistische Annahmen ber die Wirkung des bsen
Blicks u.s.w. als thatschliche Verhltnisse und Naturerscheinungen
erklren. Auch Bruno lehrt, da das Sehen eine Thtigkeit des
Nervengeistes ist, der zuerst mittels der vom Auge ausgehenden Strahlen
sich nach auen hin verbreitet und von den verschiedensten, mit
verschiedenen Empfindungen beseelten Objekten berhrt wird, und sich dann
wieder zusammenzieht (wie wenn z.B. eine Schnecke ihre Fhlhrner nach der
Berhrung wieder einzieht).

Bekanntlich ist diese +ante+-Newtonische Optik auch den modernen
Spiritisten auerordentlich bequem. Denn da die schwierigeren
spiritistischen Experimente, wie z.B. die sog. Materialisationen, der
Apport von Gegenstnden u.s.w. niemals zu stande kommen, wenn ein
kritischer Zuschauer ein Auge auf den +modus operandi+ des sog. Mediums
hat, so sagt die moderne spiritistische Theorie, da der feindselige
Magnetismus des Auges, also jene _vom_ Auge ausgehenden Sehstrahlen + la+
Empedocles-Bruno die Entwickelung der mediumistischen Krfte verhindern;
man mu vielmehr solange die Augen schlieen oder nach einer anderen
Richtung schauen, bis eins, zwei, drei, +hocus pocus fidibus+, die
phnomenale Aktion des Mediums in die dreidimensionale Sphre einzugreifen
Zeit und Gelegenheit gefunden hat.

Ich komme nun endlich auf die Krone der Empedocleischen Philosophie, auf
seine _Seelenwanderungslehre_. Man wird allerdings erstaunt sein, wie so
dem bisher geschilderten Rumpfe ein solches Haupt (einem Pferde das Haupt
der Ziege) entwachsen konnte. Denn gewi hat man alle Veranlassung, nach
den bisherigen Prmissen zu erwarten, da Empedocles so etwas wie eine
unsterbliche Einzelseele nicht kenne und vielmehr nur die Unsterblichkeit
der 4 Elemente annehme. Allein, es giebt eben auch individuelle notwendige
Inkonsequenzen! Fr Empedocles ist das Dogma von der Seele und ihren
Wanderungen eine solche notwendige Inkonsequenz, sei es nun, da ihn das
Bedrfnis seines Herzens oder die bei Leugnung der Seelensubstanz schwer zu
rechtfertigende Gotie oder Nekromantik, d.h. der antike Spiritismus, zur
Annahme derselben fhrte. Schon im Altertum haben Schriftsteller, welche
die Seelenwanderung fr eine so tiefsinnige Idee erachteten, wie
beispielsweise unter den modernen Denkern der Verfasser der 100 Thesen ber
die Erziehung des Menschengeschlechts, Ephraim Lessing, die Frage
aufgeworfen, ob dieselbe bei Empedocles auch eine originale Konzeption war;
ja einige gingen soweit, ihn des _geistigen Diebstahls_ (%logoklopeia%) an
der occultistischen Ideenschatzkammer der Pythagorer zu beschuldigen[580];
und neuerdings hat noch Professor Gladisch gemeint, auch Empedocles knne
diese Lehre, wie manches andere, z.B. seine Kosmogonie und Optik, nur der
Weisheit der Egypter entlehnt haben.[581] Aber warum sollte die
Wahrscheinlichkeit einer solchen Superstition nicht gerade dadurch
gewinnen, da die verschiedensten groen Denker ganz _selbstndig_ zu
derselben Vorstellungsweise gelangt wren?

Empedocles also schreibt:

    Nimmer wohl wird, wer darin belehrt ist, solches verneinen,
    Da nur so lange sie leben, was man nun Leben benennet,
    Nur so lange sie sind und Leiden empfangen und Freuden,
    Doch eh' Menschen sie wurden und wann sie gestorben, sie Nichts sind.

                  *       *       *       *       *

    Also besteht ein Verhngnis, ein alter Beschlu von den Gttern,
    Der fr die Ewigkeit gilt, durch mchtige Eide besiegelt;
    Wer mit Frevel im Sinn, hat seine Gebeine beflecket,
    Von den Dmonen, so vielen verliehen langdauerndes Leben,
    Mu unzhlige Horen entfernt von den Seligen irren,
    Sich umwandeln im Wechsel in allerlei Formen der Wesen.
    So leb' ich jetzo verbannt von Gott und ein Flchtling,
    Dienstbar dem rasenden Zwist.

                  *       *       *       *       *

Dann ruft er aus:

    O! aus was fr Ehr' und aus was fr Hhe des Glckes
    Fiel ich herab, und verkehre nun hier mit sterblichen Wesen!

Und er betrachtet die Welt als eine finstere Hhle, indem er die Mchte,
welche die Seele hierher geleiten, sagen lt:

    Also gelangten wir hier in die dunkele Grotte

und er schreibt von seinem ersten Eintritte in dieselbe, von seiner Geburt:

    Und ich weinet' und schrie, da ich sah den unheimlichen Wohnsitz.

(Shakespeare beging also vielleicht eine %logoklopeia% an Empedocles, als
er schrieb:

    Wenn wir geboren werden, weinen wir,
    Weil wir die Narrenbhne Welt betreten.)

Nachdem aber die Seele in das irdische Dasein verbannt ist, mu sie hier
durch alle Arten der sterblichen Geschpfe wandern, selbst in Pflanzen
eingehen:

    Denn ich selber (+scilicet+ Empedocles) war auch vordem schon Jngling
        und Jungfrau,
    Auch schon Strauch und Vogel und lautloser Fisch in dem Meere.

Aber whrend andere Seelen auf dem Wege nach unten sind und immer
schlimmeren Metamorphosen entgegengehen, z.B.:

    Werden zu Leu'n, die Bewohner die Berg', auf der Erde sich lagern,
    Unter dem Wild und zu Lorbeern unter den laubigen Bumen;

hat Empedocles auf dem Wege nach oben schon die nchsthchste Stufe des
Mahatma erlangt, nmlich:

    Aber zuletzt als Seher und heilige Snger und rzte,
    Und als Lenker der Vlker erstehen sie unter den Menschen.
    Und aus ihnen erblh'n dann Gtter, an Ehren die Hchsten.

                  *       *       *       *       *

Und so ruft er denn schlielich gar, seine Gttlichkeit vorausnehmend
seinen Mitbrgern zu:

    Heil Euch! ich als unsterblicher Gott, kein Sterblicher frder
    Wandle bei Euch!

                  *       *       *       *       *

Aus seinem Seelenwanderungsglauben entsprang -- insofern war er anscheinend
konsequenter als Pythagoras -- auch sein strenger Vegetarismus. Mit
Hinsicht auf das Fleischessen ruft er aus:

    Steht ihr nicht ab vom Morden, dem greulichen? Sehet ihr denn nicht,
    Da ihr Einer den Andern verzehrt gleichgltigen Sinnes?

                  *       *       *       *       *

    Siehe, den eigenen Sohn, den verwandelten, bringet der Vater
    Dar zum Opfer mit Beten, der Thrichte; jener nun schreitet
    Flehend daher, doch er hrt ihn nicht, und treibet ihn scheltend,
    Schlachtet ihn, richtet sodann sich im Haus ein scheuliches Mahl zu;
    Auch so der Vater den Sohn, und die Mtter ergreifen die Kinder,
    Morden sie hin und schlingen herunter die teuren Gebeine.

                  *       *       *       *       *

So soll denn auch Empedocles einmal, als er dem gewhnlichen Gebrauche nach
htte einen Ochsen opfern mssen, einen solchen aus Myrrhen und sonstigen
kostbaren Salben haben herstellen und nach der Opferung unter das Volk
verteilen lassen.

Da nach seiner Seelenwanderungstheorie auch die Pflanzen von Menschenseelen
bewohnt werden knnen, so war freilich auch sein Vegetarismus wiederum nur
eine Halbheit.

Mglicherweise erleben wir es noch, wenn erst einmal die moderne Chemie das
groe Problem der Herstellung von Nahrungsmitteln auf chemischem Wege aus
Mineralien, aus Steinen und Erde gelst haben wird, da dann sogar der
Vegetarier einer fortgeschrittenen Sekte von Mineralophagen oder
Chemikalienessern in demselben grausamen Lichte erscheinen wird, in
welchem jetzt dem theosophisch gebildeten Vegetarier der Fleischesser oder
Tierleichenverzehrer dasteht.




II.

Pherekydes.


Eine Mittelstellung zwischen Philosophie und Theologie (in antikem Sinne)
oder auch Priestertum und einem Sehertum, wie es Empedocles vertrat, nimmt
auch Pherekydes von der Insel Syros ein, welchen Cicero den ersten Lehrer
der Unsterblichkeit nennt.[582] Seine Geburt setzt Suidas in die Zeit
zwischen 600-596 v.Chr. (+Ol.45+). Diogenes nennt ihn einen Schler des
Weisen Pittakus. Derselbe berichtet folgende Geschichten ber seine
Sehergabe: Als er einst am Strande von Samos wandelte und ein Schiff mit
vollen Segeln vorbeifahren sah, weissagte er, dasselbe werde binnen kurzer
Frist zu Grunde gehen; und so geschah es alsbald vor seinen Augen. Ein
anderes Mal soll er aus dem Geschmack des Brunnenwassers ein Erdbeben
vorausgesagt haben. Einem Gastfreunde in Messina riet er, mglichst bald
mit seiner Familie auszuwandern. Dieser befolgte den Rat nicht, und kurze
Zeit darauf wurde Messina von Feinden erobert und jener mit der ganzen
Einwohnerschaft als Kriegsgefangener verkauft.

Er soll ein Alter von 83 Jahren erreicht haben, und fr das Ansehen, das er
geno, brgt der Bericht, da ihm als Grabschrift folgende Worte gesetzt
seien:

    %Ts sophias pass en emoi telos% =
    Aller Weisheit Vollendung war in mir.

Eine Schrift ber den Ursprung der Dinge von ihm scheint noch dem Cicero
bekannt gewesen zu sein. In derselben bezeichnete er als das erste, was
immer war, Zeus, Chronos und Chthon.

Zeus ist der hchste weltschpferische Gott und zugleich der hchste
Himmel, vielleicht der ther.

Unter Chthon, meint Conrad (+De Pherecydis Syrii aetate atque cosmologia,
Koblenz 1857+), ist das Chaos, der Urstoff, zu verstehen, der alle Stoffe,
auer dem ther, in sich enthalten habe; Zeller dagegen nimmt an, es sei
dabei nur an die Erde als solche zu denken. Unter dem Chronos versteht man
gewhnlich die _Zeit_. +Zeller, a.a.O., S.73+ bemerkt jedoch, da es
kaum glaublich sei, da ein so altertmlicher Denker den abstrakten Begriff
der Zeit unter den ersten Urgrnden aufgefhrt hatte; Chronos bringt
nmlich aus seinem Samen Feuer, Wind und Wasser hervor. Schwerlich soll
damit nur gesagt sein, diese seien im Laufe der Zeit entstanden. Daher
meint Zeller, im Widerspruch mit Conrad und Brandis (+Gesch. der Entw. der
griech. Philosophie+), da Chronos richtiger Kronos zu schreiben und als
Gott der heien Jahreszeit und des Sonnenbrandes zu denken sei, jedenfalls
als ein realer Bestandteil der Welt.

Diese drei Urwesen erzeugten zahlreiche weitere Gtter in fnf
Geschlechtern. Preller glaubt (+Rh. Museum382+), es sollen damit fnf
Mischungsverhltnisse der Elementarsubstanzen (ther, Feuer, Luft, Wasser,
Erde) bezeichnet werden, in denen je eine derselben vorherrschend sei. Zeus
verwandelt sich zum Zwecke der Weltbildung in Eros. Die weltbildende Kraft
ist die Liebe. Er machte ein groes Gewand, in das er die Erde und den
Okeanos einwob und spannte dieses ber einen von Flgeln getragenen
Eichbaum, d.h. er bekleidete das im Weltraum schwebende Erdgerst (daher
die Flgel des Eichbaums) mit der mannigfach wechselnden Oberflche des
Landes und der Seeen. Dieser Weltbildung widerstrebte Ophioneus, als
Reprsentant der untergeordneten Naturkrfte, aber das Gtterheer unter
Chronos strzt ihn in die Meerestiefe und behauptet den Himmel.

Pherekydes ist nur um deswillen interessant, weil wir aus den wenigen
abgerissenen Stzen, die uns von seiner Lehre berliefert sind, entnehmen
knnen, da man sich bemhte den mythologischen Vorstellungen, insbesondere
der sog. Theogonie eine esoterische Deutung zu geben. Doch geht +Conrad,
a.a.O.+, wohl zu weit, wenn er dem Pherekydes geradezu eine der
aristotelischen nahestehende Naturansicht beilegt. Inwieweit egyptische
Einflsse auf seine Anschauungen gewirkt haben, ist schwer festzustellen;
Suidas lt ihn die Geheimschriften der Phniker benutzen, Josephus (+e.
Ap. I2+) zhlt ihn zu den Schlern der Egypter und Chalder.




III.

Epimenides von Kreta.


Zu den hervorragendsten _praktischen_ Mystikern der antiken Welt hat
unstreitig jener Epimenides von Kreta gehrt, dessen historische Existenz
ebenso unzweifelhaft ist, wie einzelne ber sein Leben berichtete
Wunderdinge auf bertreibungen beruhen werden. Die Alten nennen ihn einen
Jatromanten, einen Seher-Arzt. Er soll in Knossus auf Kreta geboren sein.
Sein Vater, den einige Phaestios, andere Dosiades, noch andere Agesarkos
nennen, soll ihn einmal fortgeschickt haben, um ein Schaf zu holen; auf
diesem Wege soll er vor der Mittagshitze in einer Hhle Schatten und
Erholung gesucht haben und hier, wo niemand ihn suchte und fand, in einen
_tiefen Schlaf_ gesunken sein, _aus dem er erst nach 57 Jahren erwacht sein
soll_. Als er nach Ablauf dieser Zeit erwachte, berichtet die Sage[583],
suchte er erst, den Zeitverlauf nicht ahnend, das Schaf und kehrte, als er
es nicht fand, nach der Stadt zurck. Sein Erstaunen war nicht gering, als
er alles verndert fand und zu Hause nur noch seinen jngsten Bruder, der
mittlerweile ein Greis geworden war, antraf, der ihn nicht wiedererkannte.

Das etwaige Wahre an dieser Geschichte, die an die Erzhlungen indischer
Reisender von den schlafenden Fakiren erinnert, wird freilich fr immer
der kritischen Forschung entzogen bleiben. Ein Mediziner knnte vielleicht
an einen eklatanten Fall der in unseren Tagen vielfach beobachteten sog.
+Nona+ denken, einer auf noch unerforschten centralen Strungen beruhenden
Schlafsucht, von der man Flle registriert hat, die sich ber viele Jahre
hinaus erstreckt haben.[584]

Die Geschichte oder Fabel hat Goethe zum Stoff eines Festspiels gedient:

    Des Epimenides Erwachen.

Die Entwicklung der Sehergabe wird hier auf den fraglichen Tiefschlaf in
folgenden Versen zurckgefhrt:

    Auf Kretas Hh'n, des Vaters Herde weidend,
    Die Insel unter mir, ringsum das Meer,
    Den Tageshimmel von der einzigen Sonne,
    Von tausenden den nchtigen erleuchtet;
    Da strebt's in meiner Seele, dieses All,
    Das herrliche zu kennen; doch umsonst:
    Der Kindheit Bande fesselten mein Haupt.
    Da nahmen sich die Gtter meiner an,
    Zur Hhle fhrten sie den Sinnenden,
    Versenkten mich in tiefen, langen Schlaf.
    Als ich erwachte, hrt' ich einen Gott:
    Bist vorbereitet, sprach er, whle nun!
    Willst du die Gegenwart und das, was ist,
    Willst du die Zukunft sehn, was sein wird? -- Gleich
    Mit heiterm Sinn verlangt' ich zu verstehn,
    Was mir das Auge, was das Ohr mir beut.
    Und gleich erschien durchsichtig mir die Welt,
    Wie ein Kristallgef mit seinem Inhalt. --
    Den schau ich nun so viele Jahre schon;
    Was aber knftig ist, bleibt mir verborgen.
    Soll ich vielleicht nun schlafen, sagt mir an,
    Da ich zugleich auch Knftiges gewahre.

Historisch beglaubigt ist, da er von Kreta nach Athen berufen wurde, um
hier eine epidemische Geisteskrankheit zu heilen, wie auf dieselbe Art ein
anderer Jatromant, sein Landsmann und Zeitgenosse Phaletas einige Jahre
zuvor nach Sparta berufen war, um durch die Wirkung seiner Musik und
religise Hymnen eine Pestilenz aufhren zu machen. Die Athener
beunruhigten sich nmlich wegen des sog. Kylonischen Frevels, ber den uns
+Thucydides I. 126+ folgendes erzhlt:

Es lebte in Athen ein gewisser Kylon, ein Mann, der in den olympischen
Spielen gesiegt hatte und aus einem der ltesten und mchtigsten Huser war
und die Tochter eines Megarers, namens Theagenes, geheiratet hatte, welcher
damals als Tyrann zu Megara herrschte. Dieser hatte von dem Orakel zu
Delphi auf Befragen die Antwort erhalten, er sollte sich an dem grten
Feste des Zeus der Burg zu Athen bemchtigen. Er lie demzufolge sich von
Theagenes Sldner geben, vermochte seine Freunde, seinen Absichten
beizutreten und wartete sodann nur, bis die in der Peloponnes gefeierten
olympischen Spiele wieder herankamen; da besetzte er die Burg in der
Absicht, die Herrschaft an sich zu reien. Dies hielt er nmlich als das
grte Fest des Zeus, welches ihn gewissermaen noch nher anginge, da er
in den olympischen Spielen den Preis erhalten habe. Ob aber das grte Fest
in Attika oder sonst wo gemeint sein sollte, darber hatte er sich weiter
keine Gedanken gemacht, und das Orakel hatte auch nichts davon gesagt,
indem sonst auch die Athener dem Zeus Meilichios auerhalb der Stadt ein
groes Fest unter dem Namen Diasia feiern, an welchem alles Volk in der
Stadt haufenweise opfert, und zwar viele keine Schlachtopfer, sondern Opfer
von den eigenen Landesfrchten. Kylon griff also, ohne an der Richtigkeit
seiner Gedanken zu zweifeln, das Werk an. Die Athener vom Lande eilten zwar
auf die erste Nachricht davon mit gesamter Hand zur Gegenwehr herbei und
sperrten sie auf der Burg ein; allein nach Verlauf einiger Zeit lieen sie
sich durch Beschwerden bei der Belagerung ermden und zogen grtenteils
ab, bevollmchtigten dagegen die neuen Archonten, die Wachen zur Besetzung
der Zugnge sammt allen brigen Veranstaltungen nach eigenem Belieben und
Gutdnken einzurichten. Diese neun Regenten hatten diese Zeit ber den
grten Teil der Regierungsgeschfte unter Hnden. Kylon und diejenigen,
welche mit ihm eingesperrt waren, befanden sich durch den Abgang von Wasser
und Lebensmitteln gar bald in schlechten Umstnden. Inzwischen fand er
selbst nebst seinem Bruder Mittel zu entkommen. Die brigen, die immer mehr
ins Gedrnge gerieten, so da auch schon einige Hungers starben, setzten
sich als Schutzflehende an den auf der Burg befindlichen Altar. Die
Athener, welche die Wache hatten, hieen sie davon weggehen; und als sie
sahen, da sie in dem Tempel sterben wollten, _fhrten sie dieselben unter
dem Versprechen, ihnen kein Leid anthun zu wollen, hinaus und tteten sie;
andere, welche zu den Altren der ehrwrdigen Gttinnen ihre Zuflucht
genommen hatten, richteten sie im Vorbeigehen ebenfalls hin_.

Die Folge dieses Frevels am Heiligtum des Asylrechts war eine epidemische
Gewissensangst, die besonders bei dem weiblichen Teile der Bevlkerung sehr
bengstigende Formen angenommen haben soll. Die Frauen wurden durch
Hallucinationen, Visionen, Auditionen bengstigt, und es traten alle nur
denkbaren Symptome hysterischer Melancholie und Krmpfe massenhaft auf.

Epimenides kam nun nach Athen, um die Stadt zu reinigen und zu entshnen.
Er grndete zu dem Ende neue Kapellen und richtete verschiedene
Reinigungsceremonien ein, ganz besonders aber regelte er den Dienst der
Frauen so, da er die heftigen Impulse, die diese aufgeregt hatten,
beruhigte. Grote in seiner griechischen Geschichte bemerkt dazu: Wir
wissen kaum etwas Genaueres ber sein Thun; aber die Thatsache seines
Besuchs und die heilsame Wirkung, die er durch Wegschaffung der religisen
Verzweiflung, welche die Athener niederdrckte, hervorgebracht, sind wohl
bezeugt. berdies besa Epimenides die Klugheit, sich mit Solon zu
vereinigen, und whrend er so viele wertvolle Ratschlge erhalten mochte,
untersttzte er indirekt die Erhhung des Rufes des Solon selbst, dessen
konstitutionelle Reform sich jetzt schnell vollendete. Er blieb lange genug
in Athen, um einen gemtlicheren Ton der religisen Gefhle vollstndig
wieder herzustellen, und reiste dann ab, allgemeine Dankbarkeit und
Bewunderung mit sich nehmend, _schlug aber mit Ausnahme eines Zweiges vom
heiligen lbaum auf der Akropolis jede andere Belohnung aus_.

Nach einer Angabe, welche schon whrend der Zeit des Xenophanes von
Kolophon gangbar war, soll er das ungewhnliche Alter von 154 Jahren
erreicht haben; und die Kreter (sprchwrtlich bse Lgner und faule
Buche) wagten sogar zu behaupten, er habe 300 Jahre gelebt. Sie rhmten
ihn nicht nur als Weisen und geistigen Purifikator, sondern auch als
Dichter; sehr lange Dichtungen mystischen Inhalts wurden ihm
zugeschrieben. Sowohl Plato, als auch Cicero betrachten den Epimenides in
demselben Lichte, als einen Seher, der unter _temporren ekstatischen
Zufllen_ die Zukunft habe vorausverknden knnen. Nach Aristoteles dagegen
gab Epimenides selber an, von den Gttern keine hhere Gabe empfangen zu
haben, als die unbekannten Phnomene der Vergangenheit zu erraten.[585]

Plato (+Kratyl. p.905+, +Phaedr. p.244+) glaubte fest an Epimenides als
gottbegeisterten Seher in der vergangenen Zeit, in Bezug auf die jedoch,
welche zu seinen Lebzeiten Ansprche auf bersinnliche Krfte vorbrachten,
war er weniger leichtglubig. Er, wie Euripides und Theophrast, behandelten
die Orpheotelesten der spteren Zeit mit gebhrender Verachtung.[586]

Wre Epimenides selbst in jenen Tagen, in welchen die Aufklrung der Massen
groe Fortschritte gemacht hatte, nach Athen gekommen, so wrde
wahrscheinlich das Wunder suggestiver Massenheilung auch ausgeblieben sein,
und er wrde sich nur vereinzelter Erfolge bei lteren Weibern und in
rckstndigen entlegenen Drfern haben rhmen knnen, wie dieselben
Bauchredner und Medizinleute, welche Plato verspottet.

Nur die Vergangenheit ist es, die solche Erscheinungen idealisiert.

ber die Lehren des Epimenides berichtet Damascius[587] und Eudemus, er
habe zwei erste Grnde angenommen, die Luft und die Nacht[588], von diesen
sei als drittes der Tartarus erzeugt worden. Von ihnen sollen, wie es
scheint, zwei weitere nicht nher bezeichnete Wesen hervorgebracht sein,
aus deren Verbindung das Weltei entstanden sei; eine Bezeichnung der
Himmelskugel, die in vielen Kosmogonieen vorkommt, und die sich sehr
natrlich ergab, wenn die Weltentstehung einmal der tierischen
Lebensentwickelung analog vorgestellt wurde. Aus dem Weltei seien dann
weitere Erzeugungen hervorgegangen.




Fnftes Kapitel.

Die Geheimlehre der Mysterien.


Persnlichkeiten, wie Empedocles, Pherekydes von Syros und Epimenides
bilden ein Mittelglied zwischen der Philosophie und dem Esoterismus der
griechischen Religionslehren, der bekanntlich seinen Sitz in den
verschiedenen Mysterien oder Geheimkulten hatte.

Diese Mysterien bilden immer noch eins der grten kulturhistorischen und
psychologischen Probleme des Altertums.

Die Berufung des Epimenides von Kreta nach Athen hatte vermutlich nebenbei
den Zweck, die brigens uralten, mglicherweise bis in das 15. Jahrhundert
v.Chr. zurckdatierenden cerealischen Mysterien wieder zu reorganisieren.

Man hat nmlich ursprnglich die _bacchischen_ und _cerealischen_ Mysterien
zu unterscheiden.

Die allgemeine religise Idee beider war zwar dieselbe. Beide fhren auch
auf orientalische, sehr weit, vielleicht bis Indien reichende Einflsse
zurck. Der Geheimdienst der Ceres und Proserpina ist aber nach Attika
jedenfalls von Kreta, dem Vaterlande des Epimenides aus importiert worden.
Kreta hat fr die Verbindung mit dem Orient die glcklichste Lage, es war
eine der ersten Niederlassungen phnizischer Kolonisten, es empfing frh
egyptische Lehren, und vermutlich hat die Kultur der Hellenen von hier aus
ihre erste Anregung erhalten. Thucydides berichtet, da _Minos_ der erste
gewesen, der eine Flotte in See hatte, wie er denn das jetzt sog.
griechische Meer grtenteils beherrschte, auch die cykladischen Inseln
unter seiner Botmigkeit standen, von welchen er die meisten zuerst
angebaut hat, indem er die Karier daraus vertrieb und seine Shne als
Hupter der neuen Kolonien einsetzte.[589]

Cadmus, Phnix und Cilix, angeblich Oheime des Minos, schlagen dem
orientalischen Mystizismus die Brcke von Asien nach Europa.

Wolfgang Menzel[590] meint, da die Mysterien mit einer demokratischen
Tendenz verbunden gewesen, da sie einen geheimen Kampf der Humanitt gegen
Priester- und Kriegerkaste, des Liberalismus gegen die Vorrechte, etwa nach
Art unserer modernen Freimaurerei, gefhrt htten. So paradox diese
Behauptung klingt und so bertrieben sie in ihrer modernen Ausdrucksweise
erscheinen mu, so kann ich nicht in Abrede stellen, da wenigstens die
Geschichte Athens und Thebens einen gewissen inneren Zusammenhang zwischen
der (lteren) Demokratie, die man wohl als Liberalismus bezeichnen kann,
und den Geheimkulten aufweist. Ich erinnerte schon an die Beziehungen
Solons, der ja im Sinne einer gemigten Demokratie reformierte, zu
Epimenides. Ferner ist sicher, da die demokratische Verschwrung des
Pelopidas und Epaminondas ihren Ausgangspunkt in _Eleusis_ nahm[591] und
beinahe durch einen Hierophanten vorzeitig verraten wre.

Auch der Buddhismus hatte ja eine soziale Nebentendenz. Uns interessieren
jedoch hier nicht die politisch-sozialen Nebenbeziehungen, sondern die
Lehren.




I. Die bacchischen Mysterien.


In der Schpfungslehre der _bacchischen_ Mysterien erscheint zunchst
Chronos, die niemals alternde Zeit in Schlangengestalt. Dieser _Chronos_
zeugte das unbegrenzte Chaos nebst dem feuchten _ther_ und dem finstern
Erebus, und darin erzeugte er ein Ei, das in eine Wolke oder in ein Gewand
gehllt war, welches nachher zerri. Aus dem Ei ging Phanes hervor, ein
Mannweib, auch Protogonos und _Pan_ genannt. Man stellte ihn dar mit
goldenen Flgeln, auf den Schultern mit Stierkpfen und auf dem Kopfe mit
einer Schlange. Als Aeon wird er auch mit Osiris identifiziert. Er ist
die demiurgische Ursache oder der Anla zur Weltschpfung. Er wird nmlich
vom Zeus, den er erzeugte, verschlungen, die Urbilder aller Dinge, die
Phanes in sich hatte, werden jetzt alle in Zeus sichtbar, d.h. Zeus bringt
alles Lebendige aus sich hervor. In der sog. hieratischen Poesie, in jenen
Versen, die dem sagenhaften Snger Orpheus zugeschrieben wurden, heit es
daher:

    Zeus wurde der erste, Zeus der letzte Herrscher des Blitzes;
    Zeus das Haupt, Zeus die Mitte; aus Zeus ist Alles bereitet;
    Zeus ward Mann und Zeus ward unsterbliche Jungfrau.
    Zeus der Erde Wurzel und des gestirneten Himmels,
    Zeus das Wesen der Winde, Zeus die Kraft des unverlschlichen Feuers,
    Zeus des Meeres Wurzel, und Zeus der Mond und die Sonne,
    Zeus der Knig, Zeus, der selber Alles geboren.

Die Ahnung der gttlichen Einheit wird also in dem Bilde eines krperlichen
Ganzen, eines Riesenkrpers ausgeprgt. brigens werden in fast allen
heidnischen Religionen die ltesten Gottheiten androgyn mannweiblich
gedacht.

Das zweifellos nach Egypten zurckweisende Symbol dieser aus sich selbst
alles Lebendige hervorbringenden Gottheit war seltsamer Weise der
Scarabus, d.h. der Mist-Kfer; weshalb der Dichter Pamphos sogar singt:

    Zeus, hehrester, grter der Gtter, eingewickelt
    In Mist von Schafen, Rossen und Mulern!

Erst spter zeigt die Trennung der Geschlechter, indem dem Zeus ein
weibliches Wesen untergeordnet wird, einen unmerklichen bergang zum
Anthropomorphismus.

Dieses weibliche Urwesen heit Chthonia (von %chthn% = unbegrenzter Grund
und Boden, Materie), das dann durch Zeus' Umarmungen befruchtet, Mutter
Erde (Ga) wird und im Jahreslaufe Alles hervorbringt.

So sangen die Peleiaden, jene Wahrsagerinnen des Orakels zu Dodona, wo
Pelasger und Hellenen unter der heiligen Eiche Belehrungen ber Jupiters
Ratschlu einholten:

    Zeus war, Zeus wird sein, o groer Zeus!
    Die Erde bringt Frchte hervor, drum preiset die Mutter Erde!

Von diesem Zeus und der Ga geht nun Dionysos aus, der brigens seinem
Wesen nach identisch ist mit Zeus selber.

Zeus soll nach einer alten Mythe als Schlange zu der unter einem Felsen
verborgenen und von zwei Drachen bewachten Persephone eingeschlichen sein
und mit ihr den Zagreus gezeugt haben.

Sehr bemerkenswert fr die Herkunft dieser Gtterbegriffe ist der naive
Bericht des +Herodot II. 52+: Es brachten die Pelasger, wie ich zu Dodona
vernommen, anfnglich unter Gebeten den Gttern Opfer aller Art. Jedoch
legten sie keinem von jenen einen _Beinamen_ oder _Namen_ bei, dieweil sie
noch niemals dergleichen gehrt hatten. Gtter benannten sie dieselben und
deshalb, weil sie alle Dinge in Harmonie gesetzt und alle Einteilungen
gemacht. Spter, nach Ablauf geraumer Zeit, erfuhren sie die aus _Egypten_
gekommenen Namen der brigen Gtter, des _Dionysius Namen erfuhren sie aber
viel spter_.

Mglicherweise ist der Dionysische Geheimkult indischen Ursprungs.[592]
Nach +Arrian Ind. Kap. 5+ zieht Dionysios nach Indien. Bei seiner Rckkunft
nach Griechenland weiht er dem Apollo eine Schale mit der Inschrift:
Dionysos, der Sohn der Semele und des Zeus _von Indien_ her weihet sie dem
Apollo, dem Delphier.

Nachdem Zeus den Zagreus erzeugt hat, trachtet die eiferschtige Here, ihn
zu verderben und sendet Titanen aus, ihn umzubringen. Zagreus betrachtete
sich gerade als Stier in einem Spiegel, als die Titanen kamen, und
verwandelte sich dann vergeblich in alle mgliche Gestalten, er wurde von
den _Titanen zerrissen_. (Dieselbe Sage vom Zerreien wiederholt sich bei
dem mythischen Snger Orpheus selbst, den die bacchantischen Weiber, die
Mnaden zerreien.) Nur sein Herz rettet Pallas Athene und bringt es dem
Vater Zeus, der dann aus Zorn mit seinen Blitzen die ganze Erde verbrennt,
so da erst die Sndflut das Feuer wieder lschen kann. Das Herz des
Zagreus wird in einen Becher gelegt, und als Semele daraus trinkt, wird sie
Mutter des Dionysos.

Dieser Dionysos-Zagreus ist die Vielheit d.h. das in vielen Formen sich
darstellende All, in Luft, Wasser, Erde, Pflanzen und Tieren.

Apollo sammelt die Glieder des Dionysos wieder: er ist die Einheit, die der
Natur in ihrer Entwickelung vorsteht, um sie vor Zersplitterung zu bewahren
und wieder an das Eine zu befestigen.

In sieben Teile war Zagreus zerstckelt. Die Siebenzahl ist daher gleicher
Weise dem Dionysos und dem Apoll heilig. Dionysos ist nach Macrob[593] der
Inbegriff aller Seelen. Der Becher, aus dem die Semele trinkt, heit auch
Quelle der Seelen. Man unterschied brigens zwei solcher Becher. Die Alten
haben sie auch als Sternbilder an den Himmel versetzt, den einen nahe am
Zeichen des Krebses, den andern sahen sie in der Urne des Wassermanns. Der
erste heit Dionysoskelch, bei den Platonikern der Leben erzeugende Becher.
Manilius (+astron. V. 116+) nennt ihn den Becher der Geburt. Durch den
Trunk aus ihm vergit die Seele ihre hhere Natur und sinkt in die
Zeitlichkeit hinab, indem sie in einen irdischen Leib eingeschlossen wird.
Aus dem zweiten Becher trinkt man wiederum die Vergessenheit des Irdischen
und findet sich dadurch in der alten Heimat wieder.

Der erste Becher heit auch der Teilungsbecher, die aus ihm geflossenen
Seelen mssen in die _Individualitt_ treten, sie mssen in die Geburt
herab. Einige Seelen kommen herab, weil sie noch nicht hienieden waren, zur
Erhaltung der Weltkonomie; das sind die Neulingsseelen (+mentes
novellae+).[594] Andere mssen zur Strafe herab; andere geben sich
freiwillig der Neigung zur Erde hin. Diese Neigung ist Folge des Blicks in
den Spiegel, in den Dionysos gesehen, ehe er sich zum Schaffen der Dinge
gewendet. Der Becher wird auch mit dem Spiegel selbst identifiziert; und
bei Nonnus ist es die Liebesgttin Afrodite, die dem Dionysos den Becher
reicht. Ob Afrodite oder Persephone genannt wird, ist brigens
gleichgltig. Das Wesentliche ist die Einfhrung eines passiven, die
Erschaffung bedingenden, weiblichen Prinzips. Der Spiegelbecher ist das
Organ dieses Prinzips und wird daher realistischer auch durch das
weibliche Organ dargestellt, wie umgekehrt der Phallus, das mnnliche
Zeugungsorgan, das Symbol des Dionysos ist. Wir treffen hier lediglich die
rohe indische Natursymbolik des Lingam und der Yoni wieder.

Je mehr die Seelen aus dem Becher der (sinnlichen) Liebe trinken, um so
mehr werden sie berauscht, um so mehr erblat das Andenken an ihre hhere
Abkunft. Edlere Seelen nippen nur an dem Kelch der Sinnlichkeit und sinken
daher nicht so tief in tierische Gemeinheit herab, wie die meisten anderen
Menschen. -- Anders die unedlen, die das _Feuchte_, (die Materie) lieben,
die daher auch wohl Najaden genannt werden. Diese feuchten Seelen weilen
gerne in dieser sinnlichen, formenreichen Welt, wie in einer Grotte, die in
tausendfarbigem Gestein das volle Leben zurckspiegelt. Diese Welt der
Sinnlichkeit, die Welt des Scheins, ist die tuschende Maja, indisch
Maya-Bharani; in der Priestersprache wird Proserpina auch Maja genannt. Sie
wird auch als Weberin bezeichnet, welche den materiellen Leib webt. Je mehr
die Seelen am irdischen Dasein hngen, desto mehr Leiber, wie Kleider.
Plato, Gorgias 523. Die Seele hngt sich gleichsam an den zuerst
gesponnenen Lebensfaden; dann spinnt die Gttin weiter und webt das Kleid
fertig. Das unfertige Gespinnst aber ist der bloe Schattenleib als
Gespenst, das eben daher seinen Namen hat. Von Persephone (Maja,
Proserpina) kommt das Leiblichwerden der Seele, von Dionysos die Beseelung
des Leibes.

Als zeugendes Prinzip ist Dionysos in der Mysterienlehre auch Sonnengott.
Und so wird die Vorstellung von der Seelenbahn auch mit der Sonnenbahn
durch den Tierkreis verknpft. Dionysos als Sonnengott wandelt jhrlich die
doppelte Bahn, den Weg des Winters und den des Sommers. Und dieselbe Bahn
ist den Seelen vorgezeichnet. Aus dem Centrum des Himmels treten sie im
Zeichen des Krebses in der Sommersonnenwende in die Erdenwelt ein, nach dem
Tode aber steigen sie im Zeichen des Steinbocks wieder durch dieselbe
Milchstrae zur himmlischen Welt empor.

Hier trinken sie dann aus dem schon erwhnten zweiten Becher, dem Becher
der Reinigung oder Wiedergeburt, der als die Urne des Wassermanns am
Sternenhimmel dargestellt ist. Wenn nmlich die Sonne in dieses Zeichen
tritt, wird die Natur im Frhling wiedergeboren und damit wird die
Wiedergeburt der verstorbenen Menschen im Himmel verglichen.

Dionysos hat also einen _doppelten_ Charakter. Er ist einmal das Prinzip
der Zeugung, der Versinnlichung, der Wille zum Leben, der Gott der
Weltbejahung, sodann aber auch der mystische Vertreter der Weltverneinung,
der Entsinnlichung, der Erlsung, welche letztere ja in allen mystischen
Systemen als Wiedergeburt oder zweite Geburt bezeichnet wird.

Daher finden wir in seinen Mysterien die beiden Gegenstze, auf die _alle
Mystik_ hinausluft, Lust und Unlust, Snde und Entshnung eng aneinander
gerckt. Bacchantische Ausgelassenheit wird von leidenschaftlicher Trauer
und Klage abgelst und umgekehrt.

In Verbindung damit steht seine spezielle Bedeutung als Gott des _Weines_
und der Liebe. Man vergleiche hierber die geistreichen Bemerkungen
Wolfgang Menzels (Vorchristl. Unsterblichkeitslehre, S.90-96.) Auch der
Wein spielt ja eine doppelte Rolle, er begeistert und steigert die Seelen
zu dithyrambischer Ekstase, verwandelt Wasser in Feuer, er berauscht und
lt im Rausche die Welt schner erscheinen, andrerseits wirkt der Rausch
Vergessenheit auch der sittlichen Pflichten. Aus dem Weindunst wird ein
zweiter Schleier der Maja gewebt.

Gleichzeitig hat der Wein selber in der Grung eine Art Wiedergeburt
durchgemacht. Aus dem sich zersetzenden Traubensaft entsteht der edlere
feurige Trank, und wenn der Mensch davon trinkt, erhebt er sich ber seine
gemeine Wirklichkeit:

    Die kummerbelastenden Sorgen
    Fliehen aus der Brust des Menschen,
    Sie schiffen auf dem Meer der goldreichen Flle
    Allhin zum Strande der Tuschung.
    Der Arme wird reich, der Reiche
    Durch neuen Reichtum bereichert,
    Das Herz von den Pfeilen des Weinstocks gebndigt

singt Pindar, und in reizender Weise deutet Apollonius den Zusammenhang
zwischen dem Becher der Lust und dem Schleier der Maja an, wenn er von
letzterem singt:

    Wer ihn betastet
    Oder beschaut, nie stillet sich der die Sehnsucht des Herzens.
    Er auch atmete Duft, ambrosischen, gleich von dem Tag an,
    Da der nysische Gott auf dem zrtlichen Purpur geschlummert,
    Leise von Wein und von Nektar beseligt, als er den schnen
    Busen von Minos Tochter berhrte.

Umgekehrt hatte der Wein in den Dionysos-Mysterien eine sakramentale
Bedeutung, die einer Transsubstantiation aus dem Zeitlichen ins Ewige. Was
die erstere Bedeutung des Weins betrifft, so bietet darber +Nork,
vergleichende Mythologie S.177ff.+ seltsame etymologische Bemerkungen. Er
erinnert an den indischen Gott Shiwa, der den Palmenwein erfand und auch
der Thrnengott (Rutren) hie; er weist auf die Verwandtschaft hin zwischen
Bacchus und dem semitischen +bacca+= weinen, vergit aber
merkwrdigerweise unser deutsches Weinen mit Wein zusammenzubringen.
Dagegen ist ihm Ariadne das semitische +ari edna+= Wollust des Lwen und
er bemerkt +S.178+:

Bacchus, nachdem er mit Ariadne gebuhlt, fllt in die Gewalt der Titanen
-- d.h. die Ichheit, die als Selbstheit, als Besonderheit mit
selbstischem, dem Allwillen entgegenstrebenden Wollen verstanden wird,
weswegen am Ende aller Dinge, in welchem die Wesen wieder in Gott
bergehen, der Zustand ist, wo Niemand 'Ich' sagt.

Ich mchte glauben, da der Mythus von der Ariadne, der in den Mysterien
mit Vorliebe pantomimisch dargestellt wird, jedenfalls auch die umgekehrte
Bedeutung, nmlich das Erwachen der Seele symbolisieren sollte. Gerade auf
Sarkophagen finden wir hufig Scenen dargestellt, wie den der schlafenden
Ariadne nahenden Gott; oder Bacchus umarmt die schne Ariadne, setzt ihr
den Kranz auf und reicht ihr den Becher, daneben steht der schne Knabe
Staphilos, ihr gemeinschaftliches Kind, der Traubengeist.

Creuzer, der die Dionysos-Mysterien aus Indien stammen lt (Dionysos ist
ihm Dewanachi, der Entwilderer Indiens) giebt folgende spekulative Analyse
der fraglichen indischen Ideen (+Symbolik I. S.399+):

a) Das erste Sein vor und ber Allem.

b) Die Liebe, die das erste Sein in sich aufgenommen, der es sich
hingegeben hat. Mithin

c) Gott, geschieden in ein Liebendes und in ein Geliebtes.

d) Diese Spaltung ist der Urbestand der Dinge.

Die Dinge sind und sind nicht, sie sind nur in der Trennung und durch sie,
sie sind nicht auf dem Standpunkte _ber_ der Trennung. Die Liebe ist
Weltmutter, aber was sie geboren hat, ist im bloen Schein geboren, es ist
ein Scheinbild, es sind Zaubergrten, die mit dem Beschwrungsworte in sich
selbst versinken. Das Eine aber bleibt: Parabrahma, der Selbstndige.

Diese spekulative Auflsung nimmt die realen Dinge als Kunstgebilde der
Liebe im Scheine, mithin ist sie a)sthetisch, b)sie hat sich aber ganz
natrlich aus dem ersten _naiven Naturmythus_ entwickelt. Hiernach ist die
schaffende Gottheit Welt-Lingam. Der Grund des Zeugens und Schaffens kann
in nichts anderem liegen, als in der Liebe; und davon giebt sich nun die
gesteigerte Spekulation die angefhrte Rechenschaft.




II. Die cerealischen Mysterien.

1. Die Eleusinien.


Whrend die bacchischen oder dionysischen Mysterien an das mnnliche
Naturprinzip anknpfen, gehen die cerealischen vom weiblichen aus; sie
knpfen an die _Erntefeste_ an, whrend die bacchischen ursprnglich
_Winzerfeste_ waren.

In Attika haben sich freilich allmhlich in den Eleusinien, in denen auch
Jakchos (Bacchos) seine groe Rolle spielt, beide vermischt; jedoch blieb
Demeter (Ceres) die Hauptgottheit der Eleusinien. ber die Eleusinischen
Mysterien sind wir verhltnismig am besten unterrichtet, da sie im
Altertum den grten Ruhm erlangten, und daher vielfache Andeutungen ber
ihre Feier von Dichtern, Philosophen und Historikern gegeben worden sind.
Die Zulassung zu ihnen wurde allen Hellenen gewhrt, von welchem Stamme
oder Staate sie auch sein mochten.

Sie bestanden aus zwei durch einen halbjhrigen Zwischenraum getrennten
Feiern. Die erste derselben, die sog. _kleinen_ Mysterien wurden im Monat
Anthesterion, der etwa unserem Februar entspricht, begangen, also im
Frhling, sie waren vorzugsweise der Kora oder Persephone, der Tochter der
Ceres, und dem Jakchos oder Dionysos, der als Bruder der Kora galt,
gewidmet. Diese Feier wurde zu Agra, einer Vorstadt Athens, am Ilissus
begangen. Ihr ging eine Reinigung vorauf, zu der das Wasser des Ilissus
diente -- Die _groen_ Mysterien fielen in die Mitte des Monats Bodromion,
September, und dauerten nahezu 14 Tage. Der erste Tag hie Tag der
Versammlung. Die Mysten versammelten sich in der Stadt. Am zweiten Tag
begaben sie sich mit dem Ruf %halade mystai%, an das Meer, ihr Mysten, an
den Strand, um im Meerwasser die vorbereitende Reinigung vorzunehmen. Die
folgenden Tage wurden mit mancherlei Umzgen, Opfern und Andachtsbungen in
Heiligtmern der Demeter, Persephone und des Jakchos ausgefllt. Am
20.Bodromion begab man sich dann in feierlicher Prozession von Athen nach
Eleusis. Die Prozession nahm fast einen ganzen Tag in Anspruch, da an einer
groen Anzahl von Stationen, z.B. beim Grabmal des Eumolpos, bei dem
wilden Feigenbaum, wo einst Pluto mit der geraubten Proserpina in die
Unterwelt hinabgefahren sein sollte, beim Tempel des Triptolemos lngerer
Aufenthalt zur Vollziehung gottesdienstlicher Handlungen genommen wurde.
Sie schlo damit, da das Bild des Jakchos in den Weihetempel zu Eleusis,
das Telesterion, gebracht wurde. Am folgenden Tage und in der Nacht wurden
verschiedene Festakte, ber die wir nichts nheres wissen, teils im Freien,
teils im Peribolos des Telesterion begangen. Hierbei wechselte ausgelassene
Lust und gegenseitige Neckerei beider Geschlechter, wobei die Frauen
vielfach jene Handlung der Baubo oder Jambe wiederholten, durch die nach
dem Mythos Ceres zuerst in ihrer Traurigkeit getrstet sein soll, mit
feierlichem Ernst und andchtiger Sammlung. Einige Ahnung von diesem
Treiben verschafft uns die Schilderung +Herodots I. 60+ vom egyptischen
Isisfest. Einige von den Weibern haben Klappern und klappern damit, einige
Mnner aber spielen die Flte, und die brigen Weiber und Mnner singen und
klatschen in die Hnde; etliche verhhnen die Weiber und etliche tanzen,
etliche aber stehen auf und _heben die Kleider in die Hhe_. (Die Baubo
oder Jambe entlockte nmlich durch eine _unanstndige Entblung_ der
Demeter das erste Lcheln.) In den Frschen des Aristophanes wird uns der
Chorgesang der Mysten und ihr ausgelassenes Treiben durch folgende Verse
geschildert:

Chor:

      O Heil, Heil, Jakchos!
      O Heil, Heil, Jakchos!
    Jakchos, der du weilst hier
    In dem stolzprangenden Wohnsitz,
      O Heil, Heil, Jakchos;
    Komm hierher auf die Bachwiese zum Reih'ntanz
    In die Schaar deiner Geweihten,
    Und im Schwunge walle duftig
    Dir der Myrtenkranz voll Beeren
    Um das lockige Haupt!
    Und khn stampfe den Takt uns
    Mit dem Fue zum neckisch
    Sich entfesselnden Lustreih'n,
    Der in holdreizender Anmut,
    Der in Unschuld dich umhpft,
    Der Geweihten heil'gem Chortanz!

    Ermuntere Dich: naht doch
    In der Hand schwingend die Fackeln,
    Er naht schon Jakchos,
    Stern des Lichtes, in Nacht leuchtend zum Feste!
    Von der Flamme glht die Wiese;
    Ja, das Knie der Greise regt sich,
    Und sie schtteln ab die Sorgen
    Und die Brde der Zeit,
    Die Last bleichender Haare,
    In der heiligen Festlust.
    Du, Seliger, fhre
    Die zum Tanz rstige Jugend
    Zu des Quells blumigen Auen
    Mit voranflammender Fackel!

Chorfhrer:

    Voll Andacht schweig' er und halte sich fern von unseren heiligen
        Reigen,
    Wer fremd in solchen Geheimnissen ist und wer unlauteren Herzens,
    Wer Orgien himmlischer Kunst nicht sah noch tanzt in dem Chore der
        Musen,
    Wen nicht einweiht' in bacchantischen Ton Kratinos, der
        Stiereverschlinger,
    Und wer plumpspaender Worte sich freut, die heran sich drngen zur
        Unzeit,
    Wer feindlichen Hader im Volk nicht dmpft, nicht hold und gefllig den
        Brgern,
    Nein, Zwietracht st und die Glut anschrt, nach eigenem Nutzen
        verlangend,
    Wer, Lenker des Staats, wankt dieser im Sturm, ausstreckt nach
        Geschenken die Hnde,
    Wer Vesten verrt, wer Schiffe verrt und verbotene Waren versendet,
    Wer andre beschwatzt, fr der Flotte Bedarf mit Geld zu bedienen die
        Feinde,
    Wer Hekate's Bild mit Gesngen beschmutzt, fr kyklische Chre
        gedichtet,
    Auch wer als Redner im Volke benagt den gebhrenden Lohn der Poeten.
    Sei's diesen gesagt, sei's aber gesagt, sei's zum dritten gesagt und
        geboten:
    Hebt Euch von dem Chor der Geweihten hinweg! Ihr anderen stimmt den
        Gesang an,
    Und beginnt mit der heiligen Feier der Nacht, die dem heutigen Feste
        gem ist!

I. Halbchor:

    Nun auf, zieht herzhaft alle
    Zu dem blumigen Schooe der Wiesen
    In stampfendem Schritte hinab,
    Mit neckendem Spott,
    Mit hhnendem Ruf und Gelchter!
    Denn fromm und ernsthaft wart ihr genug.

II. Halbchor:

    Eilt, eilt nun, da ihr der Gttin,
    Der Beschirmerin, heilige Lieder
    Anstimmt aus frhlichem Mund,
    Ihr, welche das Land
    Auf ewig verhie zu beschirmen,
    Und sei's auch gegen Thorykions Wunsch!

Chorfhrer:

    Wohlauf, hebt Hymnen von anderem Klang jetzt an, und verherrlichet
        preisend
    Der Demeter Gewalt in begeistertem Lied, der Verleiherin frohen
        Gedeihens!

I. Halbchor:

    Du, keuscher Orgien Herrscherin,
    Demeter, steh' uns gndig bei,
    Und schirme selber deinen Chor!
    La ungestrt den ganzen Tag
    In Spiel und Tanz mich freuen!

II. Halbchor:

    La viel im Ernst und viel im Spa
    Sich meine Zunge heut ergehn;
    Und wenn ich wrdig deines Fests
    Gelacht, gespottet, la mich dann
    Als Sieger stehn im Kranze!

Chorfhrer:

    Auf! Eia!
    Nun auch den jugendschnen Gott
    Ruft herbei mit Liedern,
    Auf da er uns Genosse sei
    Dieses Reigentanzes!

Einzelne des Chores:

    Jakchos, vielgefeierter, der des Festes
    Anmutig Lied erfunden, komm, geleit uns
    Zur Gttin hin,
    Und zeige, wie du mhelos
    Die weite Bahn zurcklegst!

Der ganze Chor:

    Jakchos, heit'rer Tnze Freund, geleite mich!

Einzelne:

    Denn du zerrissest, da wir zum Gelchter
    Armselig aussehn, dieses Paar Sandlchen,
    Dies Fetzenkleid,
    Und schafftest, da wir ungestraft
    In Spiel und Tanz uns freuen.

Der ganze Chor:

    Jakchos, heit'rer Tnze Freund, geleite mich!

Einzelne:

    Denn eben, als ich nach dem Dirnchen seitwrts
    Hinberblinzelte nach der allerliebsten Mittnzerin,
    Da sah ich des Hemdchens Schlitz
    Und weie Brstchen gucken.

Chorfhrer:

      So wandelt
    Jetzt nach der Gttin heiligem Rund,
    Nach dem Blumenhaine,
    Froh scherzend, ihr, des heiligen
    Gtterfestes Genossen!
    Ich, sammt den Mdchen und Frau'n,
    Ziehe hin zum Nachtfest
    Der Gttin, um die heilige
    Fackel dort zu tragen.

Chor:

    Ja, wandeln wir zum Rosenhain,
    Zu blumenreichen Auen,
    Und scherzen in alter Art,
    Zum lieblichsten Tanz gesellt,
    Den wieder erwecken hier
    Die seligen Mren.

    Denn uns allein strahlt Sonnenglanz
    Und heitern Lichtes Helle,
    Uns, die die Weihen wir einst
    Empfangen und frommen Brauch
    An Fremdlingen stets gebt
    Und Brgern.

                  *       *       *       *       *

An einzelnen Tagen muten die Mysten fasten, doch nur bis zum Anbruch der
Nacht. Alsdann genossen sie zuerst den Kykeon[595], einen Mischtrank aus
Mehl und Wasser, der mit Polei und anderen Zuthaten gewrzt war, und
darauf, wozu sie Lust hatten mit Ausnahme gewisser verbotener Speisen.[596]
Es wurde auch etwas Speise aus einer Kiste genommen, und nachdem man davon
gekostet, in einen Korb und aus diesem wieder in die Kiste gelegt. Darauf
bezieht sich die Formel, die als Erkennungszeichen fr die Mysten gedient
haben soll: Ich fastete, ich trank den Kykeon, ich nahm aus der Kiste, ich
kostete, ich legte in den Korb und aus dem Korbe in die Kiste. Die Speise,
die man der Kiste entnahm, war wahrscheinlich Sesamkuchen. Solche Kuchen
wurden fr die Feier in einer eigentmlichen Form, worber spter bei den
Thesmophorien nheres, gebacken. Man meint, die Kiste bedeutete die Erde,
aus der der Mensch seine Nahrung entnimmt, von der er einen Teil verzehrt,
einen anderen in der Scheuer (dem Korbe) verwahrt, um ihn dann aus dieser,
als Saatkorn, der Erde zurckzugeben.

Im Telesterion selbst, in Rumen, die nur fr die Mysten selbst zugnglich
waren, -- jeder einzelne wird sich hier haben legitimieren mssen, nachdem
durch den Ruf des Hierokeryx, des heiligen Herolds, allen Profanen geboten
war, sich zu entfernen, -- fanden dann diejenigen liturgischen Akte statt,
die den eigentlichen Hauptteil der Mysterien ausmachten, -- die letzte
Weihe, +epopteia+ genannt. Nach einer Wiederholung des Mysten-Eides, der
Formeln, der sogen. kleinen Weihen, der Reinigung, des Glckwunsches an die
Initiierten (Neueingeweihten) fand im Vortempel die letzte Vorbereitung fr
diese letzte Weihe statt. Darauf: alle Schrecken der Nacht, Blitze, die
durchs Dunkel zuckten (+Saintecroix I. p.348. Dio Chrysost. Op. XII. V.
I, p.387. Reiske+), Stimmen und furchtbare Tne, Schreckgestalten,
Todesangst (+Plutarch, Fragm. de anima p.136+). Einige werden zu Boden
geworfen, bei den Haaren ergriffen, geschlagen, ohne in der Finsternis den
Thter entdecken zu knnen. (+Achill. Tatian, V. 23+). Endlich wird der
Vorhang hinweggezogen, der bisher das Allerheiligste verhllt hat. Dieser
Schluakt heit +autopsie+ Selbstschau. Ein taghelles Licht strahlt aus
dem Allerheiligsten hervor, die Priester stehen da in stattlichem und
bedeutungsvollem Schmuck, Chre von Sngern und Musikern im Hintergrunde:
der Hierophant tritt hervor und zeigt die Heiligtmer, jedes einzeln, und
offenbart, was ber ihre Bedeutung nur den Eingeweihten zu wissen vergnnt
ist: die Chre lassen ihre Lieder zur Verherrlichung der Gtter und ihrer
Macht und Segensgaben erschallen.

Wir mgen begreifen, bemerkt +Schoemann, griech. Altertmer II, 376+,
dessen Darstellung ich im wesentlichen folgte, wie die Glubigen, denen
jene Heiligtmer, jene Gtter wirklich als Gtter gelten, aufs Tiefste
davon ergriffen und von frommen Gefhlen erfllt werden konnten. Dann aber
lassen ausdrckliche Zeugnisse uns nicht daran zweifeln, da dieses Zeigen
der Heiligtmer und die sich daran schlieenden Vortrge und Gesnge
keineswegs alles waren, sondern, da es auch nachahmende Darstellungen
gegeben habe, durch welche, was in den heiligen Sagen von den Thaten und
Leiden der Gtter berliefert war, in lebendiger Vergegenwrtigung der
Schauenden vor die Augen trat. -- Es ist brigens wohl anzunehmen, da
die Enthllungen der mystischen Heiligtmer und die mimischen Darstellungen
der heiligen Geschichten nicht alle in einer und derselben Nacht
stattfanden, und nicht alle Mysten auf einmal zugelassen wurden, um zur
Epoptie zu gelangen, sondern da sie in verschiedenen Abteilungen an die
Reihe kamen.

Vorgestellt wurden wahrscheinlich 1. das Blumenpflcken und die Entfhrung
der Kore (Persephone). Vgl. +Ovid. Metamorph. V, v.340-675+. Kore spielt
mit den Okeaninen. Auf grner Wiese spielen die Gtterkinder, Blumen
pflckend, Krokos, Veilchen, Rosen, und was sonst Griechenlands Fluren beim
ersten Frhlinge Anmutiges darbieten. Da lt Ga den verhngnisvollen
Narci wachsen. Kore greift darnach; alsbald weicht die Erde unter ihren
Fen und sie wird eine Beute des +Hades-Adoneus+.

2. Das Suchen der Demeter: sie hrt den letzten Schrei der Tochter, da
ergreift sie heftigster Schmerz. Es ist der Schmerz einer Mutter, der man
ihr Liebstes geraubt. Zerrissen der Schleier, die Locken gelst, verhllt
in das schwarze Gewand der Trauer, eilt die Gttin in fliegender Hast ber
Land und Meer, immer sphend ohne Auskunft zu finden. Denn niemand wagt es,
ihr die Wahrheit zu sagen, weder ein Gott, noch ein Mensch, noch ein
Vogel.

3. Demeters Ankunft in Eleusis: Sie tilgt das Gttliche an ihrer
Erscheinung und wird eine gemeine Magd, bei hohen Jahren, von adeligem
Aussehen, aber leidend und des Trostes bedrftig. So war sie lange unter
den Menschen umhergeirrt, ungesellig, einsam in ihrem Grame. So kommt sie
nach Eleusis und setzt sich an der Landstrae, neben dem Brunnen der
Jungfrauen. Hier wird sie von der Baubo aufgenommen, die auch Jambe[597]
genannt wird, der Frau des Dysaules. Der Name Dysaules verrt die
Unwirtlichkeit der Lebensart, die Demeter vorfand. Es waren arme Menschen,
die unbekannt mit dem Segen des Ackerbaues von Beeren und Eicheln lebten.
Baubo bedeutet Pflegerin, Amme des Jakchos, des eleusinischen Dionysos oder
Zagreus, den Kore vor ihrer Entfhrung geboren hatte. Baubo ist es, die nun
der Gttin den Kykeon reicht und sie durch eine unzchtige Geberde wieder
zum Lachen bringt. Daher das Kleideraufheben der Frauen und das Trinken des
Mischtrankes in den ausgelassenen Episoden der Feier. Demeter bernimmt nun
die Pflege des Kindes, dem sie, indem sie es ins Feuer hlt, die
Unsterblichkeit zu verschaffen sucht; das Fleischliche als Sitz des
Sterblichen soll weggebrannt werden.

4. Das Wiederfinden der Persephone und die Stiftung des Ackerbaues. Von dem
Schweinehirten Eubulos erfhrt Demeter den Ort, wo Pluton mit der Kore in
den Hades hinabgefahren. Eubulos und Triptolemos hatten ihre Heerden dort
geweidet, darum konnten sie Bericht geben. Demeter geht darauf selbst in
den Hades und fhrt die Kore wieder aus der Unterwelt empor. -- Aus
Dankbarkeit bergiebt sie dem Eubulos und Triptolemos die ersten Cerealien
und unterweist sie im Pflgen und Sen, und zwar in einem doppelten
Sinne.[598]

Zum Schlu Einsetzung der Mysterien, wobei Dysaules, Eumolpos, Triptolemos
die ersten Priester werden. Gegen Ende der Feierlichkeiten wurden zwei
thnerne Gefe mit Wein gefllt und das eine nach Osten, das andere nach
Westen unter Aussprechen mystischer Formeln ausgegossen. Auch bekrnzten
sich die Mysten mit Myrten.

Endlich erfolgte der Beschlu, indem der Hierophant die Entlassungsformel
sprach. Diese Formel, welche %konx ompax% (+conx ompax+) lautete, hat zu
seltsamen Deutungen Veranlassung gegeben. Die griechische Bedeutung und
Herkunft der Worte ist nicht nachweisbar. Nicht geringes Aufsehen machte es
nun, als Mitte dieses Jahrhunderts der Englnder Wilforce in %konx ompax%
die indische Formel wiederzufinden glaubte, womit die _Braminen_ noch jetzt
ihre gottesdienstlichen Versammlungen schlieen. Diese lautet:
+Canscha-Om-Pacsha+. +Canscha+ bezeichnet den Ort des hchsten Sehnens;
+Om+ das heilige Wort, womit die hchste Gottheit, das ewige Wesen,
bezeichnet wird; +Pacsha+ heit Wechselung, Wanderung, Reihe, Ordnung,
Pflicht.

Forscher, wie Muenter, Creuzer (+Symbolik IV. 399+), Schelling, glaubten
hiermit sei das Rtsel gelst und zugleich sei damit die Herkunft der
Mysterien von Indien besttigt. Dagegen machte Lobeck in seinem hchst
gelehrten lateinisch geschriebenen Buche +Aglaophamus sive de theologiae
mysticae graecorum causis+, diese Ableitung lcherlich. Obwohl der Versuch
Lobecks seinerseits eine rein griechische Entstehung der Worte aus
Naturlauten, die das Umkippen der Wasseruhr nachahmen sollen, zu versuchen,
mir auch sehr zweifelhaft erscheint, mchte ich doch die Annahme einer
indischen Herkunft der fraglichen Entlassungsworte fr ebenso gewagt
erachten.

Noch gewagter und meines Erachtens in verschiedenen Richtungen noch
leichter widerlegbar ist freilich der Versuch du Prels (+die Mystik der
alten Griechen S.68-120+), zur Erklrung der Mysterien, wenigstens der
_Eleusinischen_, den _Spiritismus_ heranzuziehen. Er nimmt an, da jene
geheimen Weihen, die wir eben beschrieben, nichts anderes als
spiritistische Sitzungen mit allen dazu gehrigen physikalischen und
dmonischen Phnomenen, Materialisationen, usw. gewesen seien. Schon
die groe Menge der Beteiligten sollte diese Annahme selbst fr einen von
der Mglichkeit derartiger spiritistischer Phnomene berzeugten
Occultisten ausschlieen. Eigentlich spiritistische oder diesen analoge
hypnotische Manipulationen mgen bei einzelnen der spteren besonderen
Geheim-Conventikel syrischen und egyptischen Ursprungs zumal in der Zeit
des Verfalls der hellenischen Kultur blich gewesen sein; im Rahmen der
staatlich offiziellen Eleusinien erscheinen sie undenkbar. Vielmehr sind
die Erscheinungen der eleusinischen Epoptie zweifellos durchweg auf
theatralische Vorstellungen ohne jeden Nebengedanken bewuter Tuschung
zurckzufhren und insofern den mittelalterlichen kirchlichen Mysterien,
deren Reste wir z.B. in den Oberammergauer Passionsspielen vor uns haben,
gleich zu stellen. Was gezeigt wurde, war wesentlich dramatische und
mimische Symbolik. Vielleicht war dieselbe in der nachklassischen Zeit auch
mit belehrenden, die Allegorie direkt erluternden Vortrgen verbunden,
fr die vorchristliche Zeit steht nach den grndlichen Untersuchungen
+Lobecks a.a.O.+ das Gegenteil fest; damals wurde das Verstndnis des
tieferen Sinnes entweder vorausgesetzt oder der privaten Erklrung, etwa
durch den Mystagogen d.h. diejenige Person, welche die Einfhrung des
Einzelnen in den Geheimkult vermittelte, berlassen. Wir drfen uns
freilich keine zu geringschtzige Ansicht ber die Theatertechnik der alten
Griechen machen; dieselben verfgten ber auerordentlich sinnreiche
Theatermaschinen. (Vgl. die Skene der Hellenen, von Gymnasiallehrer +R.
Kuhlenbeck, Gymnasial-Programm, Osnabrck 1875+.) In den Fundamenten des
von Perikles erbauten, 20-30000 Menschen fassenden Weihetempels zu Eleusis
hat man sogar interessante berreste der Maschinenrume, von denen aus die
mystischen Phantasmagorien[599] ins Werk gesetzt worden sind, nachgewiesen.
(+S. Wheler, Chandler Reisen in Griechenland, Leipzig 1777.+) Die gewaltige
Wirkung sthetisch-sinnlicher Symbolik, die wir ja heutzutage noch an der
Eindrucksfhigkeit des katholischen Kultus beobachten knnen, erklrt aber
auch gengend den berzeugenden unvergelichen Eindruck der heiligen
Handlungen auf die einer sthetischen Entzckung mit allem knstlerischen
Raffinement durch eine Reihe von systematisch darauf abzielenden
Festlichkeiten immer nher gefhrten Epopten. Vgl. Schillers Marie Stuart:

Mortimer:

    Wie ward mir, Knigin!
    Als mir der Sulen Pracht und Siegesbogen
    Entgegenstieg, des Kolosseums Herrlichkeit
    Den Staunenden umfing, ein hoher Bildnergeist
    In seine heitre Wunderwelt mich einschlo.

    Wie wurde mir, als ich ins Innre nun
    Der Kirchen trat, und die Musik der Himmel
    Herunterstieg, und der Gestalten Flle
    Verschwenderisch aus Wand und Decke quoll,
    _Das Herrlichste und Hchste gegenwrtig,
    Vor den entzckten Sinnen sich bewegte,
    Als ich sie selbst nun sah, die Gttlichen,
    Den Gru des Engels, die Geburt des Herrn,
    Die heil'ge Mutter, die herabgestieg'ne
    Dreifaltigkeit, die leuchtende Verklrung_, usw.

So wird es uns begreiflich, wenn Pindar[600] singt:

    Glcklich ist, wer der eleusinischen Wahrheiten Kenner
    In die Gruft des Todes hinabsteigt.
    Er kennt den Ausgang des Lebens,
    Kennt den gottverliehenen Anfang.

oder Sophokles:

    Wie hchstbeglckt gelangen die ins Schattenreich,
    Die eingeweiht sind. Sie leben dort allein,
    Den andern ist nur Not und Ungemach bestimmt.

oder wenn Isocrates schreibt, da die, welche in die eleusinischen
Mysterien eingeweiht sind, beseligende Hoffnungen bezglich des Lebensendes
und der ganzen Ewigkeit erlangen; und Cicero: Athen hat zwar manches
Vortreffliche geschaffen, aber gewi nichts Besseres, als jene Mysterien,
durch die wir aus einer rohen und uncivilisierten Lebensweise zur wahren
Bildung gefhrt sind und in die wahren Prinzipien des Lebens eingeweiht,
ber das Rtsel des Lebens aufgeklrt werden, soda wir nicht nur mit
grerer Freude das Leben zu genieen, sondern auch mit besserer Hoffnung
zu sterben gelernt haben.

Was war denn nun der wesentliche Inhalt der Lehre, die der Eingeweihte aus
den Symbolen und dramatischen Handlungen der eleusinischen Mysterien
entnahm? Zunchst allerdings nichts occultistisches, sondern die
civilisatorische Bedeutung des Ackerbaues, wie sie Schiller in seinem
Gedicht: das eleusinische Fest so unbertrefflich schildert.

    Ceres, singt Ovid, Ceres zuerst hat Schollen mit hackigem Pfluge
        gewhlet,
    Ceres zuerst gab Frchte dem Land' und mildere Nahrung;
    Ceres gab die Gesetze; durch Ceres Geschenk sind wir Alles!

                  *       *       *       *       *

Vor allem verehrte man in der Demeter die unerschpfliche ppige ewig
jugendliche Naturkraft, die starke, nhrende Mutter der lebenden Wesen; und
_dementsprechend trug die Feier vorwiegend den Charakter des freudigen
Erntefestes_.

    Deo, du gttliche _Mutter_ des All's, vielnamiges Wesen,
    _Jugendernhrerin_ du, Glckspenderin, hehre Demeter,
    Segenquell', im hrengespro, allgebende Gottheit,
    Welche der Frieden ergtzt und die Mhsal ihres Berufes;
    _Dein ist die Saat, dein Garben und Tenn'_, o Gttin des _Fruchtgrns_,
    Die Du Dir Wohnung erkorst in Eleusis heiligen Hallen!
    _Anmutsvoll, liebreizend, der Menschen Ernhrerin allwrts_;
    Welche zuerst zum Pflgen gebeugt den Nacken des Stieres,
    _Und dem Sterblichen gab den lieblichen Segen der Nahrung_;
    Wuchernder Blte, Genossin des Bromios, glnzender Ehre
    Fackel umstrahlt, urrein, die im Sommer sich freute der Sichel,
    Jetzt in der Tief', aufsteigend anjetzt, jetzt jeglichem milde,
    _Kinderbeglckt, den Jnglingen hold, du Nhrerin, Mnnin_,
    Welche mit Drachengebi den rollenden Wagen bespannt hat,
    Und in kreisendem Lauf um den eigenen Thron froh jauchzet!
    Eingeburt, _an Sprlingen reich_, voll waltender Obmacht,
    In der Gestalten Gedrng' hehrblhender, buntes Geblmes,
    Selige, komm, urreine, _beladen mit Frchten der Ernte_;
    Frieden bringe zurck und des Rechtes gefllige Satzung,
    _berstrmende Fll' und knigliche Gesundheit_.[601]

Soweit geht die Lehre auf vollste Lebensbejahung, auf einen genureichen
Optimismus.

Aber dem Herbste folgt der Winter, dem Leben der Tod. Und so hat das
Erntefest auch seine Kehrseite. Hier nun setzt der Mythus vom Raub der
Persephone ein, und damit zugleich der tiefere occultistische Kern der
Geheimlehre. Die Vegetation der Erde verfllt dem Tode; allein gleichzeitig
ist die Hoffnung auf ihre _Wiederkehr_ im Kreislauf des Jahres, die
Hoffnung auf das neue Erwachen im Frhling begrndet. Die Saat wird in die
Erde gesenkt, aber nur um aus scheinbarer Verwesung aufs Neue zu erblhen.
So entnimmt der Mensch fr sich selber aus der Natur die Hoffnung der
eigenen Unsterblichkeit, der Wiederkehr zum Leben. Aus dem einfachen
Erntefeste wird so eine Feier der Unsterblichkeit. In welcher Weise man
sich diese Unsterblichkeit denken wollte, das wurde in der klassischen Zeit
dem einzelnen berlassen. Vgl. +Preller, Demeter und Persephone, S.233+.
Man zog nach dem uralten Symbol des Saatkorns auch andere Natur-Analogien
z.B. die der Raupe, aus deren Puppe der Schmetterling des nchsten Jahres
entsteht, herbei, und nachweislich ist ja die reizende Sage von Eros und
Psyche ebenfalls ein Zubehr des eleusinischen Dichtungskreises.

Spter nahm man zumeist das irdische Dasein selber fr das niedere, aus dem
der Tod fr die Eingeweihten wenigstens den Aufgang zu einem besseren
himmlischen Dasein erffnet. Was der Mythus Unterwelt nennt, schreibt +W.
Menzel a.a.O. S.29+, ist unsere sichtbare mit Menschen und anderen
Geschpfen erfllte Oberwelt und als untere nur deshalb bezeichnet, weil
die himmlische Welt ber ihr liegt. Das in die Erde begrabene Saatkorn,
welches wieder zum Licht emporgrnt, ist nur ein Sinnbild der aus dem
Himmel ins irdische Dasein gefallenen, aber wieder zu ihm zurckkehrenden
Seele. Persephone wird damit eine Personifikation der Menschheit, die vom
Himmel herabsank. Demeter wird die _himmlische_ Mutter, welche ber ihre
in unsere irdische Natur verbannten Kinder wacht, ganz wie die deutsche
Gttin Bertha ber ihre Heimchen.

Wie sich der dionysische Geheimdienst (durch Jakchos) allmhlich mit der
eleusinischen, ursprnglich rein cerealischen Feier verquickt, so wird auch
Ceres, Demeter eine Gottheit mit doppeltem Charakter, wie Dionys, eine
Gottheit der Erniedrigung und Erhhung. Es giebt einen Aufgang und
Niedergang der Geister, und ber diesem waltet die Allmutter, Demeter und
die Knigin der Geister, die Manenknigin Persephone. Ob man sich nach dem
Tode wieder zu weiterem Niedergang oder zum Aufgang wendet, das hngt von
der Erkenntnis ab, vom Wiedererinnern des gttlichen Ursprungs, aus dem
Neugierde zum Fall und Vergessenheit fhrte (Eros und Psyche). Diese
Erkenntnis verschafft die Weihe. Nur die in den Mysterien Eingeweihten,
die durch Reinigungen und Belehrungen sich der Erreichung hherer
Erkenntnisstufen wrdig gemacht haben, erfreuen sich schon in diesem Leben
aller Vorteile der Gesetzlichkeit und Civilisation, und werden die Einzigen
sein, denen die Unsterblichkeit und die ewigen Freuden im Himmel zu teil
werden; ihnen allein strahlt Sonnenglanz und Lichtes Helle.

                  *       *       *       *       *

+Creuzer, Symbolik IV 21+ giebt folgende _spekulative_ Analyse des
Inhalts der eleusinischen Lehre auf Grund der Theologumenen des Nicomachus:
Die Pythagorer haben die Zweiheit (Dyas) auch Demetra und Eleusinia
genannt. -- Darum ist sie die heilige Zahl der _Ehe_ und heit auch Mutter
und Amme (Maria). Nach Plotinos ist die Seele eine Zahl, hervorgetreten und
abgefallen aus dem Einen. Warum, fragt er, ist das Eins nicht in sich
geblieben, und warum das Viele daraus hervorgeflossen? -- Die Weltseele ist
schon ein Abfall aus der Einheit, die Menschenseele wird gar, durch eine
Trunkenheit schwindelnd gemacht, herabgezogen in den Leib, Ceres (Demeter)
aber ist die Erdseele, und heit bestimmt Dyas. Die Dyas ist die Mutter der
Zahl und heit weiblich, und als solche +alma mater+, Nhrmutter. Insofern
aber das weibliche Prinzip nicht auer, sondern noch in der Einheit ist,
ist es die Kraft in Zeus (%aret%); es ist Hecate (Kore), die das
Jungfruliche nicht lassen will, Artemis die reine Jungfrau, Minerva in
Jupiters Haupt. Das sind die drei Jungfrauen der alten Mysterien. Aber wenn
Kore sich mit Zeus und Pluto begattet, so heit das nach Eleusinischer
Lehre: Die Kore ist _Lebensquell im Weltall_. Sie webt; ihr Gewebe ist die
Schpfung beseelter Wesen. Aber Minerva ist auch ganz in ihr. Minerva ist
in ihr %philosophos philopolemos%, Krieg- und Weisheit liebende, und sie in
der Minerva. Kore ist aber auch die Kraft, die von der Demeter _nach unten_
wirkt, die _zeugende Seele_; als Jungfruliche aber in der Hhe die
Zurckfhrerin der Seelen _nach oben_. Nun werden wir wohl von selbst die
verschiedenen Namen der Dyas bei den Pythagorern (offenbar Orphische Lehre
und zugleich Lehre der Eleusinien) verstehen, welche nichts als mythische
Ausdrcke fr theologische sind: %h mythoplastia theologei%, sagt
Nicomachus.

Diese Namengebung ist aber nicht blindlings ersonnen, sondern sie hat sich
an _Tradition_ und _alte Lehre_ gehalten. Wir wissen jetzt den _Grund_,
warum die Dyas _Demeter_ hie und _Eleusinia_. _Das war die Weltmutter, die
einst den bunten Becher der geteilten Natur ausgeleert hatte; Isis, die
ihrem Sohne Horus den Naturbecher reicht. Es war die Erdseele, die Materie,
die Weberin materieller Leiber; die Nhrmutter, die das Samenkorn und mit
ihm geteilten Besitz und Hader und Tod gebracht. Die Toten sind Demetrier._
Die obere Kore fhrt sie wieder aus dem Vielen durch das Zwei in das Eine
zurck. Das Widerstreben des sich in der bunten Welt gestaltenden
Menschengeistes stellt die Eleusinische Lehre in Bildern dar. Es bedarf
Kmpfe und Reinigungen: Das ist der Kampf und Krieg von Eleusis, und darum
nannte, von der Haderstadt Eleusis, der Pythagorer die Zweiheit und
Zwietracht Demeter und Eleusine.


2. Die Thesmophorien.

Zu den cerealischen Mysterien gehrten auch die Thesmophorien. Die Feier
derselben verdient sowohl ihres eigentmlichen Charakters wegen, der sie
vor den Eleusinien auszeichnet, -- es handelt sich nmlich um ein
_ausschlielich von Frauen begangenes Fest_--, als auch deshalb noch
besonders dargestellt zu werden, weil in ihr eine von den blo agrarischen
und auf das Jenseits bezglichen Symbolen sehr verschiedene, sozusagen
soziale Beziehung des Demeterkultus zu Tage tritt. Sie bietet interessante
kulturgeschichtliche Momente. Der Beiname Thesmophoros, d.h.
_Gesetzgeberin_[602], kennzeichnet die Demeter als Stifterin des Gesetzes.
%Thesmoi%, Satzungen, heien die ltesten Gesetze, z.B. die des Draco. In
den Thesmophorien wird der Ackerbau als das _fruchtbarste Prinzip der
Humanitt_, als Anfang allseitiger Veredelung, als Grenze zwischen dem
unstten Nomadenleben und zwischen dem auf feste Wohnsitze gegrndeten
_geordneten Familien- und Staatsleben_ gefeiert. Die Gedanken, welchen
Schiller in seiner Ballade: _Das Eleusische Fest_ eine so klassische
poetische Einkleidung gegeben hat, bilden eigentlich weniger den
Hintergrund der eigentlichen Eleusinien, als vielmehr der Thesmophorien.

    Da der Mensch zum Menschen werde,
    Stift er einen ew'gen Bund,
    Glubig mit der frommen Erde,
    Seinem mtterlichen Grund,
    Ehre das Gesetz der Zeiten
    Und der Monde heil'gen Gang,
    Welche still gemessen schreiten
    Im melodischen Gesang.

    Freiheit liebt das Tier der Wste,
    Frei im ther herrscht der Gott,
    Ihrer Brust gewalt'ge Lste
    Zhmet das Naturgebot;
    Doch der Mensch in ihrer Mitte
    Soll sich an den Menschen reihn,
    Und allein durch seine Sitte
    Kann er frei und mchtig sein.

Als wichtigste Satzung aber, als Fundament des geordneten Familienlebens
und des Staates galt auch den Griechen die _Ehe_.

Darum ist es vor allem die Ehe und alles, was mit dieser zusammenhngt, was
den Gegenstand der Thesmophorien bildet. Man kann sie als das _Mysterium
der Ehe_ bezeichnen. Die rechtmige, gesetzliche Ehe, schreibt W.
Menzel, a.a.O. S.19, verhielt sich zur wilden Ehe oder zum Concubinat,
wie die geregelt auf dem Acker stehende goldne Saat zum wilden Unkraut der
Steppe und des Waldes. Die edlere Gesittung, die aus der ehelichen Pflicht
erwchst, wurde so hoch angeschlagen, als sie es verdient, und lange, bevor
Schiller sang: Ehret die Frauen! wurden sie in Hellas auf die wrdigste
Weise verehrt.

Dabei vergit freilich W. Menzel zu bemerken, da die
_natrlich-geschlechtliche_ Basis der Ehe in den Thesmophorien in einer so
unzweideutigen Weise hervorgekehrt und in den Vordergrund gestellt wurde,
wie es unserer germanischen _christlich gesitteten_ Anschauung fast
unbegreiflich erscheinen mu.

    Willst du genau erfahren, was sich ziemt,
    So frage nur bei edlen Frauen an!

sagt zwar Goethe.

Einige Einzelheiten der Thesmophorien mssen uns aber bezweifeln lassen,
ob dieses Dichterwort auch schon fr die edlen Frauen des Altertums Geltung
beanspruchen darf; -- jedenfalls werden etwaige Leserinnen, denen brigens
geraten werden darf, diesen Abschnitt ber die Thesmophorien zu
berschlagen, falls sie ihn dennoch lesen, stellenweise Veranlassung haben,
ber den Mangel an Dezenz bei den althellenischen Frauen sich zu entrsten.
Wenn ich selbst keinen Anstand nehme, auch ber diese grobsinnlichen
Natrlichkeiten der Thesmophorien Bericht zu erstatten, so bedarf ich wohl
bei dem vorwiegend kulturgeschichtlichen Standpunkte meiner Arbeit keiner
Entschuldigung. Es ist von nicht geringem Interesse, den gewaltigen
Fortschritt zu konstatieren, den die christliche Religion und daneben vor
allem der _bessere Volkstypus der Germanen_, der fr die christliche
Religion erst den angemessenen Boden bot, fr die Erziehung und Wrde des
Weibes bezeichnet. In unserer dem Christentum leider nicht eben sehr
gnstig gesinnten Zeit kann eine getreue Schilderung der Thesmophorien als
Warnungszeichen gelten dafr, wie weit eine rein _naturalistische_
Weltanschauung, -- eine solche war ja diejenige des heidnischen Altertums
im vollsten Sinne, -- selbst dann, wenn sie die _Heiligkeit_ der Ehe feiern
will, das Weib erniedrigte.

Die Thesmophorien waren eine uralte Feier; ihre Stiftung war in mythisches
Dunkel gehllt, nach Herodot (+II, 171+) ist sie noch vor diejenige der
Eleusinien, mindestens 1568 Jahre vor Christi Geburt zurckzudatieren.
Auch ber die Weihen der Demeter, die bei den Hellenen Thesmophoria oder
Gesetzgebung heien, schreibt Herodot, auch darber halte ich reinen
Mund, ohne was zu sagen davon erlaubt ist. _Die Tchter des Danaos brachten
dieselben aus Egypten mit und lehrten sie den pelasgischen Weibern._

Die Thesmophorien waren ein Saatfest; sie fielen in den Monat Pyanepsion,
nach dem herbstlichen quinoktium, in dem der Acker neugepflgt und das
Winterkorn gest wurde.

Das Pflgen und Sen hatte bei den alten Hellenen von jeher die
Nebenbedeutung der geschlechtlichen Vereinigung. So sagt Kreon in der
Antigone des Sophokles unter Anspielung auf diese Zweideutigkeit zum Hmon:

    Noch andre Fluren giebt es, die du pflgen kannst.

Und Demeter galt daher ganz besonders auch als die Gttin dieses
Schlu-Mysteriums der Liebe, in weit bevorzugterem Sinne, als selbst
Afrodite, die in ihrer hellenischen Idealisierung viel mehr eine Gttin der
Schnheit und des Liebreizes, als der bloen Fortpflanzung ist. Darum
unterweist sie selber nach dem Mythos ihre Schtzlinge, den Celeus, den
Jasion oder Triptolemos nicht nur im Pflgen und Sen in rein
agronomischer, sondern auch in dieser _bertragenen_ Bedeutung, wie es
Goethe in der 12. seiner rmischen Elegieen mit folgenden Versen
beschreibt:

    Ungeduldig und bang harrte der Lehrling auf Licht.
    Erst nach mancherlei Proben und Prfungen ward ihm enthllet,
    Was der geheiligte Kreis seltsam in Bildern verbarg.
    Und was war das Geheimnis? als da Demeter, die Groe,
    Sich gefllig einmal auch einem Helden bequemt,
    Als sie dem Jasion einst, dem rstigen Knig der Kreter,
    Ihres unsterblichen Leibs holdes Verborgne gegnnt.
    Da war Kreta beglckt! Das Hochzeitsbette der Gttin
    Schwoll von hren; und reich drckte den Acker die Saat.

Um dieses Geheimnis nun drehte sich das ganze Thun und Treiben des
Frauenfestes der Herbstsaat, allerdings mit der Einschrnkung, da zugleich
die gesetzlich geheiligte _eheliche_ Form derselben gefeiert, die
ungesetzliche aber verpnt wurde.[603]

So soll nach Clemens (+Alex. Strom. IV. p.619+) die athenische Priesterin
Theano, gefragt: wie viel Tage eine Frau, die ihrem Manne beigewohnt habe,
warten msse, ehe sie dem Fest der Thesmophorien vorstehen drfe,
geantwortet haben: keinen. Als man sie aber frug, an welchem Tage sie dem
Feste beiwohnen drfe, nachdem sie einen andern Mann umarmt htte,
antwortete sie: niemals.

Mit dieser Anekdote ist freilich der sicher beglaubigte Umstand nicht gut
zu vereinigen, da zur Vorbereitung des Festes (+paraskeve+) vorerst
neuntgige Enthaltung von geschlechtlichem Verkehr berhaupt gehrt hat. So
schreibt z.B. +Ovid. Metam. X. 430ff.+:

    Demeters Jahresfest begehen die Matronen,
    Den Leib in weien Kleidern eingehllt,
    Und opfern Erstlingsfrchte von der Ernte,
    Den hrenkranz im wohlgepflegten Haar,
    Neun Nchte lang nun achten sie's fr Snde,
    Dem Manne sich in Liebe zu vereinen.

Creuzer (+Symbolik IV. 374+) findet darin eine Anspielung auf die
neuntgige Ungewiheit und Trauer der Ceres ber das Verschwinden der
Persephone.

Ein eigenartiges Licht auf die natrliche Sinnlichkeit der griechischen
Frau wirft nun dabei die Nachricht, da die Frauen sich diese
Enthaltsamkeit erleichterten, indem sie auf allerlei Krutern saen und
ruhten, denen besondere Krfte zur Abstumpfung des Geschlechtstriebes
zugeschrieben wurden. Unter andern zhlte man dazu das %kneron%, aus der
Gattung +Daphne+, den %lygos%, eine Weidenart (+agnus castus+, Keuschlamm),
%konyza% oder %knyza% (+erigeron graveolens+). In Milet war die Fichte der
Demeter heilig und wurden deren Zweige zu demselben Gebrauche verwandt.
(+Vgl. Preller, Demeter und Persephone S.345 Nr.36.+) Den Genu der
Granate muten die Frauen in dieser Vorbereitungszeit meiden, da derselben
eine entgegengesetzte Wirkung beigelegt wurde, weshalb sie gerade umgekehrt
als Symbol bei der Hochzeit ihre Rolle spielte und gemeinsam von den
Neuverehelichten genossen wurde. Als Persephone in der Unterwelt von der
Granate gekostet hat, verliert sie die Mglichkeit der freiwilligen
Rckkehr:

    Nach dem Apfel greift sie, und es bindet
    Ewig sie des Orkus Pflicht. (Schiller.)

Seltsamerweise aber bucken sie in derselben Zeit Festkuchen aus feinem
Weizenmehl, Sesam und Honig, sog. %mylloi%, die eine sehr _obscne_ Form
hatten, nmlich teils die mnnliche des +Phallus+, teils die des weiblichen
Organs. Vgl. +Athenaeus XIV. 647+. Nach +Delaur, Des divinits generatrices
p.226+ hat diese Sitte sich in einigen Gegenden Frankreichs erhalten:
+Dans plusieurs parties de la France on fabrique des pains, qui ont la
figure du Phallus. On en trouve de cette forme dans le ci-devans
Bas-Limousin et notamment  Brires. Quelque fois ces pains on miches out
les formes du sexe feminin; tels sont ceux que l'on fabrique  Clermont en
Auvergne et ailleurs.+ Nheres bei +Lobeck, Aglaophamus p.1067ff.+
+Bryerinus Campagius (de re cibar. VII. 7. 402. 1560)+ rgt, da sich diese
Unsitte auch in den christlichen Zeiten noch erhalten hat, +adeo
degeneravere boni mores, ut etiam Christianis obscoena et pudenda in cibis
placeant; sunt enim quos _cunnos saccharatos_ appellent+.

Das eigentliche Fest, zu dem man sich so vorbereitete, dauerte fnf[604],
oder nach Wellauer (+De Thesmophor.+) drei Tage. Wie bereits gesagt, nahmen
nur Frauen an der Feier teil, _kein Mann durfte nahen, bei strenger
Strafe_. Am ersten Festtage, dem 9. Pyanepsion (Oktober?) zogen die Frauen
in zwanglosen einzelnen Zgen nach Halimus. Dieser Ort lag am Strande des
Meeres. Vermutlich nahmen sie hier zum Zwecke der Reinigung und Entshnung
Bder und Waschungen im Meere vor.[605]

Der Tag hie %stniai% (Sthenien) angeblich wegen der Neckereien und
Scherze, welche die einzelnen sich begegnenden Zge miteinander ausbten.
Vermutlich sangen sie keineswegs immer sehr anstndige Lieder, die sogar
mit allerlei unanstndigen Geberden illustriert wurden. Man versammelte
sich vor und in dem uralten Tempel der Gttin, wo dann eine nchtliche
Orgie gefeiert wurde. Einiges Licht auf die Art der Feier in Halimus wirft
ein erst im Jahre 1870 entdecktes Scholion zu +Lucian, Dial. meretr. II. 1
(Rohde, Rhein. Museum N. F.25)+. Die Frauen versenkten neben den
Backwerken der vorhin geschilderten Gestalt lebende Ferkel in eine Grube.
Angeblich geschah letzteres zur Erinnerung daran, da Eubulos an der
Stelle, wo Pluto die Proserpina zur Unterwelt entfhrte, gerade eine
Schweineheerde htete und da diese in den sich ffnenden Erdschlund mit
hinabgerissen wurde. Das Ferkel hat aber im Griechischen auch noch eine
andere den bildlichen Darstellungen der genannten Backwerke durchaus
kongruente Nebenbedeutung, wie aus des Aristophanes +Acharnern V. 755-785+
deutlich erhellt. Darum wurde es mit Vorliebe der Demeter geopfert. Es ist
ein Sinnbild der Fruchtbarkeit.

Die Orgie in Halimus zeichnete sich durch groe Ausgelassenheit aus. Man
denke sich die Frauen Athens, in der brigen Zeit des Jahres meist in ihrer
Huslichkeit eingeschlossen, jetzt pltzlich fr einige Tage vllig der
strengen Obhut entledigt und unter sich beim Opfermahl schwelgend, wobei
fast aller Witz sich um den einen, durch eine neuntgige Enthaltsamkeit nur
um so mehr erregten, Gedanken des Festes drehte. Besonders wird allseitig
berichtet, da die Handlung der Baubo, durch welche diese die Ceres zuerst
in ihrer Trauer erheiterte, von den Weibern mit Vorliebe bei dieser
Gelegenheit nachgeahmt wurde. Da dies auch bei dem Jakchoszuge der
Eleusinien vorkam, wurde schon oben erwhnt. Hier, wo nur Frauen unter sich
waren, geschah es in weit rckhaltloserer Weise. Genaueres darber hat der
Philologe Lobeck in seinem klassischen leider lateinisch geschriebenen
Werke +Aglaophamus II. e.6+ zusammengestellt. Das deutlichste Licht darauf
werfen einige Kirchenvter, die gerade diese schamlose Seite altheidnischer
Feste in geschicktester Weise zum Angriffspunkte gegen den Paganismus
benutzt haben. Ich citiere den Arnobius, ohne mich jedoch aus begreiflichen
Grnden zu einer bersetzung der von jeder modernen Prderie allzuweit
entfernten Stelle zu bequemen: +Baubo accipit hospitio Cererem; sitienti ad
ores oggerit potionem cinnum; aversatur et respuit dea. -- Tum vertit Baubo
artes et quam serio non quibat (poterat) allicere, ludibriorum statuit
exhilarare miraculis; _partem illam corporis, per quam sexus femineum
sobolem solet prodere, facit in speciem laevigari (levigari) nondum duri
atque striculi pusionis, redit ad deam tristem et retegit se ipsam_,

    Sic effata sinu vestem contraxit ab imo
    _Objecitque oculis formatas inguinibus res,
    Quas cava succutiens Baubo manu_, nam puerilis
    Ollis vultus erat, plaudit, _contrectat amice_.
    Tum Dea defigens augusti luminis orbes,
    Tristitias animi paulum mollita reponit;
    Inde manu poculum sumit, risuque sequenti
    Producit totum cyceonis laeta liquorem.+

Etwas anders heit es in den angeblichen Versen des Orpheus:

    %hos eipousa peplous anesyrato, deixe te panta
    smatos oude preponta typon. pais d'en Iakchos
    cheiri te min rhiptaske geln Baubous hypo kolpois.
    h d'epei eidse thea, meids' eni thym
    dexato d'aiolon angos, en h kyken enekeito.%

Auch belustigte man sich mit Tnzen, ber deren Charakter schon die
Benennung derselben nicht den mindesten Zweifel gestattet. Einer dieser
Tnze hie %knismos% (Reiz und Lsternheit), ein anderer %oklasma%
(Niederkauern und Spreizen der Beine). Man spielte das %chalkidikon digma%
(Greifspiel). Vor allem wurden auch Scenen aus der heiligen Geschichte der
Demeter, der Raub der Kore, die Scenen mit Eubulos usw. mimisch aufgefhrt.
Am folgenden Tag begab man sich in feierlicher Prozession zur Stadt zurck.
Hierbei trugen ausgewhlte Frauen die Satzungen der Demeter, welche sich
auf das eheliche Mysterium bezogen, Schriftrollen in Kapseln auf den
Kpfen. Unter anderen Bildern und Symbolen, Phallus usw., trug man dabei
ein Kolossalbild der %kteis%[606] (+kteis+) voran, welches nichts anderes
war als eine keineswegs blo symbolische, sondern uerst naturalistische
Abbildung des holden Geheimnisses der Ceres, der weiblichen Scham.

Creuzer bemerkt (+Symbolik IV+) zu diesen Schamlosigkeiten: Man darf die
naive Freiheit dieser Gebruche nicht mit unserem Mastabe des Schicklichen
messen.

Am folgenden Festtage schlug die Ausgelassenheit in hchste Andacht um; man
nannte ihn %Nsteia% von dem strengen Fasten, das an diesem Tage bis zum
Eintritt der Nacht gewahrt wurde. In der Nacht begann dann wieder der
Orgiasmus, Chorgesnge und Reigen unter Fackelbeleuchtung. Der dritte Tag
hie %kalligeneia% (+Calligeneia+) vielleicht wegen der von Demeter
erflehten Geburt schner Kinder. Die ganze Gruppe der von den
Thesmophoriazusen gefeierten Gottheiten nennt Aristophanes in seiner
gleichnamigen Komdie: Demeter und Kore, beide unter dem Epithet
Thesmophoros, Plutos, Kalligeneia, Ge Kurotrophos, Hermes und die Chariten.
Daraus kann man auf den Inhalt der Gebete schlieen, um Segen der Flur und
des Ackers, besonders aber der Kindererzeugung und Geburt. Dahin gehrt
auch die Kalligeneia. Sie wird als Tochter oder Dienerin der Demeter oder
sonst erklrt, ist aber wohl weiter nichts, als die Demeter selbst in einer
besonderen Beziehung, als die Mutter des schnen Kindes nmlich, der
lieblichen Kore, darum vornehmlich von den Frauen gerufen, welche ihren
Geburten gleiche Anmut wnschen.[607]

Von den Chorgesngen der Frauen hat uns mglicherweise Aristophanes in
jenem Stcke einige mehr oder weniger echte Beispiele berliefert. Vor dem
Thesmophorentempel singt die Heroldin (6. Scene):

    Still schweigt in Andacht! Still schweigt in Andacht!
    Der Thesmophoren Gtterpaar
    Fleht an, Demeter und die Tochter,
    Auch Plutos und Kalligeneia,
    Und die Jugendnhrerin Erde,
    Den Hermes und die Chariten,
    Da sie diese Versammlung und die Gemeine dahier
    Schn und herrlich machen,
    Wohlersprielich der Stadt der Athener,
    Und segensreich uns Frauen,
    Und da Jene den Sieg gewinne,
    Die mit Rat und That das Beste schafft
    Fr das Volk der Athener
    Und fr das Volk der Frauen!
    Solches erfleht und was uns selber frommt!
    Heil ber uns! Heil ber uns!

Derselbe Komiker schildert uns in drastischer Weise, wie die Entdeckung
gemacht wird, da Mnesilochus, ein Freund des Weiberfeindes Euripides, ber
den die Frauen bei seiner Thesmophorienfeier zu Gericht sitzen, sich in
Weibertracht eingeschlichen hat, und kennzeichnet diese That als ein
Beispiel trotzatmenden Hohns, unheiligen Thuns, ungttlichen Sinns. -- Das
Schluopfer des Festes hie %zmia%, nach Wellauers Vermutung, weil es zur
Shne etwaiger Vergehungen whrend der Feier dargebracht ward.




III. Die samothrakischen Mysterien.


Auer den eleusinischen waren die samothrakischen Mysterien in Griechenland
am berhmtesten. Sie werden als Orgien der Kabiren zuerst von Herodot
erwhnt; zu besonderem Ansehen gelangten sie erst im dritten und vierten
Jahrhundert, wo PhilippII. von Makedonien und Olympias sich aufnehmen
lieen. Freilich standen sie bei vielen Hellenen als Mysterien
halbbarbarischen Ursprungs nicht im besten Rufe, und Demosthenes macht es
in seiner Rede fr die Krone seinem makedonisch gesinnten Gegner Aeschines
zum Vorwurf, Orpheotelest oder Orphiker, -- so nannte man jene
samothrakischen Mysten, in deren Geheimlehre die sagenhafte Gestalt des
Sngers Orpheus eine Hauptrolle spielt, -- gewesen zu sein. Als du zum
Manne herangewachsen warest, so redet Demosthenes den Aeschines an,
lasest du deiner Mutter bei ihren Weihungen die (orphischen) Bcher vor,
und halfest ihr auch bei den brigen Einrichtungen, indem du zur Nachtzeit
die Nebris (das Hirschfell) umhingst, ihnen aus dem Mischkrug
einschenktest, sie mit Thon und Kleie beschmierend shntest, und ihnen dann
nach der Reinigung gebotest aufzustehen und zu sagen: 'Ich entrann dem
bel und fand das Bessere;' -- bei Tage aber die schnen, mit Krnzen von
Fenchel und Weipappel geschmckten Festzge durch die Straen fhrtest und
die dickbackigen Schlangen drcktest und ber dem Kopfe schwenktest, +Evoe
Saboi!+ rufend und dazu tanzend: +Hyes Attes, Attes Hyes!+; von den alten
Weibern als Vorsteher und Anfhrer und Kistostrger begrt, und mit
Kuchen, Bretzeln und Semmelbrod dafr belohnt.

Im wesentlichen waren diese Mysterien offenbar eine Todesfeier des
Dionysios; seine Zerreiung durch die Titanen, sein Tod und seine
Bestattung, und seine Wiederauferweckung als nunmehrigen Beherrschers der
Unterwelt und Totenrichters wurde mimisch dargestellt. Sie zerfielen daher
hnlich wie die eleusinischen in zwei Teile, in den ernsten und dsteren
Nachtdienst und den lustigen heiteren Tagdienst.

Der erstere endete, da eine Leichenfeier nach orientalischen Begriffen
verunreinigt, mit Shnungen und Reinigungen durch Gebete und Waschungen,
und hierbei wurden jene Worte gesprochen, die Demosthenes erwhnt: Ich
entrann dem bel und fand das Bessere.

Der Tagdienst versinnlichte die Hoffnungen einer knftigen Seligkeit, die
man ausdrcklich als das glckliche Loos der Eingeweihten betrachtete. Als
geheiligte Dionysosdiener (Bacchen) begaben sie sich in Festzgen zu den
Tempeln, um Dankopfer darzubringen; mit Weipappel und Fenchel bekrnzt,
whrend die begleitende Menge Nartheken- und Kistoszweige in den Hnden
trug (der Kistos, +cistus+, war ein Strauch mit rosenfarbigen Blten),
unter den Jubelrufen: +Hyes Attes+ usw.: Er lebt der Vermite, der
Vermite lebt!

Die Orphiker waren, wie alle anderen Mysten zur strengen Geheimhaltung
der mit ihrem mystischen Kultus verknpften Lehre verbunden.

Da nmlich ein bestimmter Ideenkreis mit dem samothrakischen Weihedienst
verbunden war, berichtet schon +Herodot II. 51+. Wer in die
samothrakischen Mysterien eingeweiht ist, wei, was ich meine, ist
freilich alles, was er sagt. Offenbar war er selber in sie eingeweiht und
scheute sich deshalb etwas Nheres mitzuteilen. Aller Wahrscheinlichkeit
nach aber ist diese Lehre in dem als _heilige Sage_ bezeichneten
Gedichte niedergelegt, das man in der alexandrinischen Periode allgemein
dem Pythagoras als Verfasser zuschob; die Pythagorer jener Zeit waren
smtlich Orphiker.

Man wird sich dieses Gedicht bei der feierlichen Aufnahme in den Kreis der
Mysten gesprochen zu denken haben:

    Jnglinge, horcht ehrfrchtig und still auf Alles. Ich will jetzt
    Zu den Geweiheten reden. Profanen schlieet die Thren,
    Allen zumal. Du Sprling des leuchtenden Monds und der Musen
    Sohn, Du hre. Denn _Wahres_ verknd' ich, damit nicht des Busens
    Frher gehegter _Wahn_ Dein liebes Leben verblende.
    Trachte nach gttlicher _Einsicht_ vielmehr, sie fa in das Auge,
    Lenke nach ihr das verstndige Herz, und wandel' auf ihrem
    Pfad recht, einzig den Blick auf den Herrscher des Weltalls gerichtet.
    Einer Er, sein selbst Grund. Von dem Einen stammt alles Geschaffne.
    Darin tritt Er hervor; denn Ihn selbst ist der Sterblichen Keiner
    Anzuschauen im Stande, obgleich sie Smmtliche Er schaut.
    Er ist's, der aus Gutem den Sterblichen bles verhnget:
    Schauder erregenden Krieg und beweinenswrdige Trbsal;
    Auch ist kein Anderer ja noch auer dem groen Beherrscher.
    Aber Ihn kann ich nicht schau'n; denn in Dunkel ist er gehllet,
    Und wir Sterblichen haben nur blde sterbliche Augen,
    Zu schwach ihn zu erblicken, den Gott, der Alles regieret.
    Denn auf das eh'rne Gewlbe des Himmels hat er errichtet
    Seinen goldenen Thron, die Erde liegt ihm zu Fen,
    Und bis fern zu den Grenzen des Oceans hlt er die Rechte
    Allhin ausgestreckt; vor ihr erbeben die hohen
    Berg' und die Strm' und die Tiefen des blulichen dunkelen Meeres.
    O Du Herrscher des Meers und des Landes, des thers und Abgrunds,
    Der Du den festen Olymp mit Deinem Donner erschtterst,
    Du, vor welchem die Geister erschauern, die Gtter erzittern,
    Dem die Geschicke gehorchen, so unerweichlich sie sonst sind,
    Ewiger Vater der Mutter Natur, de Willen sich Alles
    Beugt, der die Winde bewegt, den Himmel mit Wolken verhllet,
    De Blitzstrahlen der ther sich theilt, -- Dein ist der Gestirne
    Ordnung, sie laufen nach Deinen unwandelbaren Geheien,
    Dein ist der junge Lenz, der von purpurnen Blumen erglnzet,
    Dein ist des Winters Sturm, der Schneegestber heranfhrt,
    Dein ist der bacchisch jubelnde Herbst, der Frchte vertheilet.
    Ew'ges unsterbliches Wesen, nennbar Unsterblichen einzig,
    Komm, mit dem mchtigen Schicksal vereint, o erhabenste Gottheit,
    Furchtbar und unbezwinglich und ewig, in ther gehllt, und
    Gnad' uns, gepriesene Zahl, die du Gtter und Menschen erzeuget,
    Heil'ge Vierfaltigkeit Du, die der ewig strmenden Schpfung
    Wrze enthlt und Quell! Denn es gehet die heilige Urzahl[608]
    Aus von der Einheit[609] Tiefen, der unvermischten, bis da sie
    Kommt zu der heiligen Vier[610]; die gebiehrt dann die Mutter des
        Alls[611], die
    Alles aufnehmende, Alles umgrnzende, erstgebor'ne,
    Nie ablenkende, nimmer ermdende, heilige Zehn, die
    Schlsselhalt'rin des Alls, die der Urzahl[612] gleichet in Allem.
    Aber Du, sume nicht zgernd, Du Sterblicher, wechselnd gesinnter,
    Sondern zur Umkehr lenkend mach' huldvoll geneigt Dir die Gottheit.
    Ehre zuerst die unsterblichen Gtter, so wie es die Sitte
    Lehrt; hoch halte den Eid, und dann die erlauchten Heroen.
    Leist' auch die bruchlichen Pflichten den unterird'schen Dmonen!
    Ehre die Eltern sodann, und die Dir am nchsten verwandt sind,
    Und vor den Andern erwhle zum Freund, wer an Tugend hervorragt.
    Werde dem Freund nicht Feind um keine Fehler, so lang Du
    Irgend nur kannst; wohnt Knnen und Mssen doch nah bei einander.
    Dies nun halte Du so. Zu beherrschen gewhne Dich aber
    Dieses: vor allem den Bauch, dann den Schlaf und die Wollust und
        dann den
    Zorn. Unsittliches sollst Du mit Anderen weder verben,
    Noch auch allein; denn es ziemt Dir am meisten Scham vor Dir selber.
    Ferner Gerechtigkeit lern' in Werken und Worten zu ben,
    Und bei Nichts Dich im Leben mit Unvernunft zu betragen!
    Sondern erwge, da blos der Tod uns allen gewi ist,
    Da man den ird'schen Besitz bald aber gewinnt, bald verlieret.
    Drum, was des Himmels Geschick an Schmerzen den Sterblichen bringet,
    Wenn Du Dein Theil empfngst, so trag es und murre nicht, sondern
    Suche zu heilen, so viel Du vermagst, und denke, da dessen
    Doch nicht allzuviel aufbrdet das Schicksal den Guten.
    Vielerlei ist das Gerede, bald gut und bald schlecht, das die Menschen
    Trifft: Drum lasse Du's weder Dich jemals erschrecken, noch jemals
    Gar am Handeln verhindern; und sagt man Lgen, so trags mit
    Gleichmuth. Was ich Dir aber jetzt sage, das thue vor Allem:
    Niemand mit Wort und mit That bewege Dich je, da Du Etwas
    Thust oder sagst, was Du selber nicht als das Bessere billigst!
    Vor der That berlege, da es nichts Thrichtes werde,
    Sondern Du nur vollfhrst, was nicht nachher Dich gereu'n wird.
    Trpfe nur sagen und thun, was Unvernunft fr einen Mann ist.
    Was Du nicht recht verstehst, unternimm nicht, sondern wo's Noth ist,
    La Dich belehren! So wird das Leben Dir heiter und leicht sein.
    Auch die Gesundheit des Krpers ist werth, da Du nicht sie miachtest,
    Sondern in Speis' und in Trank und in leiblichen bungen halte
    Ma; und das richtige Ma hei' ich was nie Dich erschpfet.
    Sauberkeit liebend auch sei, doch fern von ppigkeit Deine
    Lebensweise; vermeide dabei, was Neid Dir erreget.
    Keinen unpassenden Aufwand, wie der, dem feinrer Geschmack fehlt!
    Sei aber auch nicht knickrig! Denn Ma ist in Allem das Beste.
    Handle nur so, da Du selbst nicht Dir schadest, und denke zuvor nach.
    Niemals lasse den Schlaf auf die zarten Augen Dir sinken,
    Eh' von den Werken des Tags dreimal Du jedes gemustert:
    Wo ward gefehlt? Was gethan? Ward keine Pflicht unterlassen?
    So anfangend vom Ersten geh' Alles durch, und wofern Du
    Schlechtes gethan, so erschrick! Wenn aber Gutes, so freu' Dich!
    Dem weih' Mh', dem Sorgfalt und Flei, de pflege mit Liebe!
    Dies ist's, was auf die Fhrte der gttlichen Tugend Dich bringt, bei
    Dem, der unserem Geist die Vielfaltigkeit lehrte, den Quell der
    Ewig strmenden Schpfung. Geh' nur getrost an das Werk, und
    Bitte zu End' es zu fhren die Gtter. Wenn dies Du erlangst, so
    Wird der unsterblichen Gtter und sterblichen Menschen Verbindung
    Klar Dir, wie sie durch Jedes hindurch geht und Jedes beherrscht; doch
    Klar auch, da, nach Gebhr, die Natur in Allem sich gleich bleibt,
    So da Du Nichts Unmgliches hoffst, und von Nichts berrascht wirst;
    Klar, da die Menschen auch leiden an selbst verschuldeten beln.
    O die Unsel'gen! sie hren und sehn Nichts von dem nahegeleg'nen
    Guten, und auch die Erlsung vom bel erkennen nur Wen'ge.
    So verblendet den Sinn die Thorheit ihnen. Vom Wirbel
    Lassen sie unvermerkt sich in Leid fortreien, weil nicht sie
    Ahnen, da schlimmes Gefolge, das schadende Unheil, sich ihnen
    Anhngt, das man nicht locken, nein fliehen mu, indem man ihm
        ausweicht.
    Vater Zeus, o wie vielfachem Weh enthbest Du Alle,
    Wenn Du nur Jeglichem zeigtest, was fr ein Dmon ihm nachfolgt.
    Aber nur Muth, da gttlichen Stammes die Sterblichen sind, und
    Ihre geweihte Natur sie bevorzugt, Jegliches selbst lehrt!
    Ward Dir dies nicht versagt, so erlangst Du auch, wie ich ermahne,
    Da Du die Seele Dir heilend von diesen Leiden errettest.
    Meide die Anfnge nur, von dem was ich sagte, zur Lut'rung
    Und zur Erlsung des Geists streng prfend; erwge nur Jedes
    Und erwhl' die Vernunft zum hchsten und obersten Lenker.
    Wenn Du den Leib dann verlassend zum freien ther emporsteigst,
    Wirst Du unsterblich sein, ein seliger Gott und kein Mensch mehr.

Hiermit endete der moralische Teil der heiligen Sage, den wir wohl auch
nur in seinen Hauptumrissen besitzen, wenn er gleich offenbar weniger
lckenhaft erhalten ist, als der erste metaphysische Teil. Es folgten nun
noch einige Verse, die sogenannten Orphischen Schwre, welche das Ganze
abschlossen. Sie scheinen, -- denn etwas ganz Bestimmtes lt sich aus dem
kurzen, gerade der wesentlichen End-Zeilen entbehrenden Fragmente nicht
festsetzen,-- den Leser beschworen zu haben, entweder nichts an dem Buche
zu ndern, oder seinen Inhalt geheim zu halten. Was uns berliefert wird,
lautet nach Beseitigung einiger spteren Entstellungen:

    Ja beim Himmel beschwr ich, dem weisen Werke des groen
    Gottes Dich, und beim Lichte des Vaters, das er zum ersten
    Mal' ausstrahlte, wie seinen Rathschlssen gem er den Weltbau
    Grndete,

und mu etwa so ergnzt werden:

    Da Du dies Buch vor jeder Entweihung bewahrest!




Sechstes Kapitel.

Anaxagoras.


Aus der etwas narkotischen Atmosphre der Mysterien und ihrer symbolischen
trumerischen Geheimlehre, -- wenn man berhaupt von einer mit ihnen
verknpften _Lehre_ sprechen will--, wenden wir uns gern wieder zur
Entwicklung der griechischen _Philosophie_ zurck, deren klassische Blte
in _Athen_ sich in derselben Zeit entfaltete, in der diese Stadt, das Auge
von Hellas unter der Leitung des Perikles ihr kurzes, aber in der
Weltgeschichte unvergleichlich dastehendes Ideal eines sthetischen
Gemeinwesens erfllt. Hier war es der Philosoph _Anaxagoras_, der, wie
Aristoteles (+Metaphysik I.3+) hervorhebt, als der Erste vor Jedermann
den Satz aussprach, wie in den lebenden Wesen, so wohne auch in der Natur
eine _Vernunft_, und diese sei die Ursache der gesammten Weltordnung, ein
_Satz, welcher gegenber den frheren sinn- und haltlosen Behauptungen
eigentlich erst die Periode des nchternen Denkens erffnete_.

Seine eigenen Zeitgenossen geben diesem Manne, der wie Plutarch, +Leben des
Perikles Kap.4+ berichtet, den meisten Umgang mit Perikles hatte, der ihm
jene Kraft, jenen festen und standhaften Muth, das Volk zu leiten,
beibrachte und berhaupt seinen Charakter zu einer besonderen Wrde und
Vollkommenheit erhob, den Beinamen +Nus+, _Verstand_, entweder aus
Bewunderung ber seine groen und ungemeinen Einsichten in der Naturkunde,
oder weil er zuerst als Prinzip der Einrichtung des Weltalls nicht den
Zufall noch die Notwendigkeit, sondern einen reinen, lauteren _Verstand_
annahm, der aus allen anderen zusammengemischten Dingen die gleichartigen
Theile absonderte.

Anaxagoras war 500 v.Chr. Geburt zu Klazomen in Jonien geboren; sein
Vater, Hegesibulos, besa hier ein nicht unbedeutendes Vermgen und
ansehnliche politische Stellung. Anaxagoras verlie jedoch in frhem
Mannesalter seine Vaterstadt und begab sich nach Athen, wo er, wie gesagt,
ein Vertrauter des Perikles wurde. Die Naturforschung betrachtete er als
seinen eigentlichen Lebensberuf; besonders die Astronomie. Er versuchte die
Sonnenfinsternisse aus natrlichen Ursachen zu erklren und nahm der Sonne
ihre Gttlichkeit, indem er sie fr eine glhende Metallmasse erklrte, die
grer sei als der Peloponnes. Auch soll er versucht haben, eine
Kometentheorie zu liefern, und gewi ist, da er vom Monde behauptet hat,
derselbe habe, hnlich wie die Erde, Berge und Thler und sei
wahrscheinlich bewohnt. Vermuthlich gaben diese naturwissenschaftlichen
weit mehr als seine eigentlich philosophischen Behauptungen den Feinden des
Perikles, die dadurch mehr diesen, als den Philosophen selbst treffen
wollten, den Anla, ihn kurz vor Ausbruch des peloponnesischen Krieges in
eine Anklage wegen Leugnung der Staatsgtter zu verwickeln.

Sein beredter und einflureicher Gnner vermochte ihn nicht vor einer
Verurteilung zu schtzen, er wurde mit einer Geldstrafe von 5 Talenten
belegt und aus der Stadt verwiesen. Er begab sich darauf nach Lampsacus, wo
er in hohem Alter, angeblich infolge freiwilliger Nahrungsenthaltung, sein
Leben beschlo.

Seine Weltanschauung kann, sofern er ausdrcklich den Geist, Verstand oder
die Vernunft, welche den Kosmos gestaltet, nicht fr unbewut erklrt,
sondern sagt, da derselbe aus seinem Wissen und nach seiner
Vorherbestimmung die Welt gebildet habe, als _deistische_ und
_dualistische_ bezeichnet werden. brigens machte er, wie wir aus Platos
Phdon und Aristoteles erfahren, von dem teleologischen Prinzip nur einen
sparsamen Gebrauch; wo er mit einer rein mechanischen Erklrung auskommen
konnte, gab er dieser in echt naturwissenschaftlicher Denkart den Vorzug.
Dem uranfnglichen Geist stand nach seiner Lehre als passives Prinzip die
ewige Materie gegenber; der Geist wirkte auf diese, aus deren Chaos er den
Kosmos gestaltete, seit dieser ersten Schpfungsthat nur, wie Zeller sagt,
noch als Maschinengott ein.

Was die Konstruktion des Begriffs der Materie betrifft, so nahm er
abweichend von den brigens an seine eigene nchterne Naturforschung
anknpfenden Atomistikern, welche die einfachsten Krper fr die
ursprnglichsten hielten, umgekehrt fr jedes besondere Ding gleichnamige
Urelemente an, so da z.B. Erde, Stein, Gold, Blut, Knochen, aus unendlich
kleinen ebenso individuell bestimmten Erd-, Stein-, Gold-, Blut-,
Knochenteilchen bestehe und man in der Teilung der Krper immer auf etwas
_Gleichartiges_ komme. Diese Urstoffe wurden von ihm oder seinen
Nachfolgern _Homomerien_ genannt. In der Wirklichkeit kommen diese
Grundstoffe jedoch niemals ganz rein und abgesondert von allen andern vor;
allen ist fremdartiges beigemischt. _In Allen ist Alles oder jeder
Materienteil ist ein Universum im Kleinen._ Wenn uns ein Gegenstand irgend
eine Eigenschaft mit Ausschlu anderer zu besitzen scheint, so rhrt dies
nur daher, weil von den entsprechenden Homomerien _mehr_ in ihm sind, als
von anderen; in Wahrheit hat aber jedes Ding Stoffe jeder Art in sich. Nur
der Geist ist _nicht_ in allen Dingen; sondern nur in einigen, welche eine
_Seele_ haben. Da der Geist allein das ist, was die _Bewegung_
hervorbringt, so hat jedes sich selbst bewegende Wesen eine _Seele_. Darum
legt er auch schon den Pflanzen, sofern Wachstum Bewegung ist, Leben
(Seele) und sogar eine schwache Empfindung bei. Bezglich der Entstehung
des organischen Lebens und der Entwicklung der Arten traf er ungeachtet
seines grundstzlich teleologischen Ausgangspunkts mit Empedocles zusammen,
von dem er dagegen als Leugner aller bernatrlichen Wunder und
Vorbedeutungen erheblich abwich. Er leugnete, wie es scheint, die
Unsterblichkeit der geistigen Individualitt, da diese krperlich bedingt
sei; nur der unpersnliche Geist als solcher sei ewig.




Siebentes Kapitel.

Die Atomistiker, insbesondere Demokritos.


Die Atomistiker, welche Ritter in seiner +Geschichte der Philosophie+ sehr
belwollend behandelt und kaum noch fr Philosophen gelten lassen mchte,
bezeichnen in Wahrheit die besonnenste und streng wissenschaftlich genommen
hchste Stufe der _Natur_-Philosophie des Altertums. Ihr eigentlicher
Begrnder war Leucippos, von dessen Leben und genaueren Ansichten uns aber
so wenig berliefert ist, da er nur als der Lehrer seines groen Schlers
Demokrit genannt zu werden verdient. Der Zeitpunkt der Geburt des Demokrit
ist ungewi, zwischen 424 bis 460 v.Chr. Sein Geburtsort war Abdera, eine
Stadt, die spter zwar in den Ruf eines antiken Schilda oder Schppenstedt
gekommen ist, damals aber durch Bildung und Wohlstand ausgezeichnet war.
Sein Vater war reich genug, um den Xerxes und dessen Armee auf dem Rckzuge
nach der Schlacht bei Salamis einige Tage zu verpflegen. Demokrit hat
jedenfalls in seiner Jugend mehrere Jahre auf Reisen zu wissenschaftlichen
Zwecken in Asien und Afrika verwendet. Er soll sogar auf diesen Reisen das
ererbte Dritteil des groen vterlichen Vermgens verbraucht haben.
Diogenes Laertius behauptet, da er schon als Knabe Unterricht durch Magier
bekommen habe; dann Jahre lang in Egypten zugebracht, sogar thiopien und
Indien besucht habe. Den Unterricht des Leucippos hatte er bereits vor
diesen Reisen genossen. Nach der Rckkehr von denselben lie er sich wieder
in Abdera nieder, von wo aus er gelegentlich auch Athen besucht hat. Die
Erzhlung von seiner Selbstblendung (+Gellius N.A. X,17+) verdankt
vielleicht einer miverstndlichen Deutung seiner uerungen ber die
Unzuverlssigkeit der Sinneswahrnehmung ihre Entstehung; schon Plutarch
hat sie als Lge bezeichnet.

Demokrit starb hochbetagt in Abdera. Er hinterlie eine groe Anzahl von
Schriften und kann, nach dem Verzeichnis derselben zu schlieen, das
Laertius uns hinterlassen hat, als einer der produktivsten Denker des
griechischen Altertums bezeichnet werden; auch haben wir allen Grund den
Verlust seiner Schriften zu beklagen, weil dieselben nach dem Urteil
kompetenter Zeitgenossen und Nachfolger sich sowohl durch ihre
wissenschaftliche Strenge wie auch durch formelle Schnheit der Sprache
ausgezeichnet haben sollen.

Sein Denken richtete sich nicht, wie das fast aller seiner Vorgnger in der
Philosophie, besonders der Eleaten, von vornherein auf das einheitliche
Sein, vielmehr zunchst auf die Bestandteile der Zusammensetzung der
materiellen Wirklichkeit, welcher er den leeren Raum als Reprsentanten des
Nichtseins gegenberstellt. Allerdings fat er auch dieses Nichtsein,
diesen leeren Raum nicht als vllige Negation des Seins auf; vielmehr
schreibt er ausdrcklich auch dem Leeren eine objektive Realitt zu und in
diesem Sinne behauptet er im Gegensatz zu den Eleaten ausdrcklich, das
Sein sei um nichts realer als das Nichts.

Dasjenige Sein im Sinne materieller Wirklichkeit nun, welches dem leeren
Raum als dessen Erfllung gegenbersteht, ist kein zusammenhngendes,
sondern besteht aus unzhligen _Atomen_: diese letzten Elemente des
Seienden sind ihrer Substanz nach schlechthin einfach, qualitativ
gleichartig und unvernderlich; sie unterscheiden sich aber in
quantitativer Beziehung, hinsichtlich ihrer _Form_, _Gre_ und _Lage_,
auch _Schwere_.

Sie sind daher keineswegs, wie dies in der neueren Gestaltung der
wissenschaftlichen Atomistik vielfach behauptet wird, mathematische Punkte,
sondern Krper von gewisser Gre, nur zu klein, um mit dem Sinne
wahrgenommen zu werden.

Schwere, richtiger Gewicht, kommt ihnen zu, da sie eine +conditio sine qua
non+ der Krperlichkeit berhaupt ist; und das Gewicht der wahrnehmbaren
Krper ist eben nur das Produkt der sie zusammensetzenden Atomgewichte.

_Wenn es scheint, ein grerer Krper sei leichter, als ein kleinerer, so
rhrt dies nur daher, da er zwischen den einzelnen Atomen oder
Atomverbindungen mehr leeren Zwischenraum enthlt, da also seine Masse in
Wahrheit geringer ist, als die der anderen._[613]

Das Leere dachte Demokrit sich unbegrenzt, die Zahl der von ihm umfaten
Atome unendlich.

Alle sinnlich wahrnehmbaren _Eigenschaften_ der Dinge nun sind in letztem
Grunde ausschlielich auf die Menge, die Gre, die Gestalt und das
rumliche Verhltnis der Atome zurckzufhren, und ebenso jede Vernderung
der Einzelkrper als solcher auf eine Vernderung ihrer Atomverbindungen.
So hat bereits Demokrit den unendlich wichtigen Schritt gemacht, alle
qualitativen Eigenschaften und Vernderungen auf _quantitative_ Beziehungen
zurckzufhren, ein Schritt, der, wenn er auch philosophisch zum Irrtum
fhrt, sofern der Materialismus darin die letzte Aufklrung des Weltrtsels
findet, doch die Voraussetzung einer wirklich wissenschaftlichen
Naturforschung bildet, da nur so die Anwendung der Mathematik auf ihre
Objekte mglich wird und positive Ergebnisse immer erst bei Rckfhrung
eines Naturphnomens auf seine bestimmten quantitativen Verhltnisse zu
erwarten sind. Ich erinnere an die enorme Bedeutung der quantitativen
Bestimmung der Schwere durch Galilei, des Wrme-quivalents durch R. Mayer.

Auerdem aber enthlt diese Behauptung Demokrits einen ganz
auerordentlichen Fortschritt in der Erkenntnistheorie, der irrtmlich
hufig erst einem Locke zugeschrieben wird.

Demokrit unterschied nmlich klar zwischen primren und sekundren
Eigenschaften der Dinge; die sekundren Eigenschaften, Farbe, Geruch,
Geschmack, Wrme, Klte usw. erkannte er als blo _subjektive_ Wirkungen
der Atome auf unser Empfindungsorgan. Die Lehre von den vier Elementen
hatte natrlich innerhalb dieser atomistischen Theorie keinen Platz mehr.

Aus den zuflligen Bewegungen der Atome leitete nun Demokrit die
Entstehung der Welten her; fr den Zufall knnten wir auch die
Naturnotwendigkeit setzen; ausgeschlossen sein soll damit nur der Anteil
eines zweckbildenden Geistes, der Verstand des Anaxagoras.

Durch die Bewegung der Atome wird einerseits das gleichartige
zusammengefhrt; denn, was an Schwere und Gestalt gleich ist, wird eben
deshalb an die gleichen Orte sinken oder getrieben werden; andrerseits
werden auch, wenn verschiedengestaltete Krperchen durcheinander
geschttelt werden, viele von ihnen aneinanderhngen und sich ineinander
verwickeln und ihren Lauf gegenseitig hemmen, so da auch manche an einem
Orte festgehalten werden, der ihrer Natur an sich nicht gem ist, und so
kommt es zur Bildung zusammengesetzter Krper, zur Wirbelbewegung und zur
Strung des Gleichgewichts d.h. zu all jenen vielfltigen sich kreuzenden
Bewegungen des Wachstums, der Ernhrung, des Vergehens, welchen ein
wechselndes subjektives Empfinden korrespondiert. Soweit deckt sich seine
rein mechanische Naturerklrung fast durchaus mit den Grundzgen des
modernen Materialismus. Allein ein erheblicher Unterschied zwischen
Demokrit und unseren modernen Materialisten besteht darin, da ersterer
einen _besonderen Seelenstoff_ annahm, der aus den feinsten, rundesten,
glattsten und daher beweglichsten Atomen bestehe. Ja, er glaubt sogar an
eine Unsterblichkeit der Seele, und zwar an eine Auferstehung der Toten und
wird deswegen von Plinius verspottet. (+Plin. H. N. VII, c.56.+)

Man wird diesen scheinbaren Widerspruch in seinem System auf seine
Studienreisen im Orient zurckzufhren haben und auf seine Erfahrungen bei
den Magiern des Ostens. Findet sich doch unter dem Verzeichnis seiner
Schriften von Diogenes Laertius auch eine solche ber die Litteratur der
Babylonier, die, wie +Rth, Geschichte der abendlndischen Philosophie I,
362+, meint, wohl nichts als ein Bericht ber die Lehre der Magier gewesen
ist.

Auch Philostratus versichert in seinem Leben des Apollonius von Tyana, da
Demokrit ein Schler der Magier gewesen, und lt sogar den Apollonius in
seiner Apologie behaupten, da er durch magische Knste Abdera von einer
Pest befreit habe. Vielleicht liegt der letzteren Behauptung ein hnlicher
historischer Kern zu Grunde, wie der gleichen Erzhlung von Empedocles. Es
wird sich weniger um eigentliche Magie, als um Verwertung seiner
physikalischen und medizinischen, vielleicht auch psychologischen
Kenntnisse gehandelt haben.

                  *       *       *       *       *

Ich erwhnte schon oben, da der Professor Ritter den Atomistikern in
seiner +Geschichte der Philosophie+ keine wohlwollende Behandlung zu teil
werden lt; derselbe schreibt in der +Allgem. Encyklopdie von Ersch und
Gruber+ sogar: Er bewegte sich in derselben Richtung, in welcher um die
Zeit des Sokrates viele waren, denen die Wissenschaft fast nur als ein
Spiel der Vorstellungsweise erschien. Wenn er gleich selbst die Knste
dieser Mnner, welche gewhnlich unter dem Namen der Sophisten
zusammengefat werden, in starken Ausdrcken tadelte, so war er doch von
ihrer Denkart nicht fern.

Diesen Vorwurf, den auch Schleiermacher erhebt, hat Zeller in seiner
+Philosophie der Griechen, S.943-959+, grndlich zurckgewiesen.

Ich hebe aus letzterer folgenden Satz hervor:

Im allgemeinen mu ber die Zusammenstellung der Atomistik mit der
Sophistik bemerkt werden, da dieselbe auf einem allzu unbestimmten Begriff
der Sophistik beruht. Sophistik wird jede Denkweise genannt, in der man die
rechte wissenschaftliche Gesinnung vermit. Dies ist aber nicht das
geschichtliche Wesen der Sophistik, dieses besteht vielmehr in der
Zurckziehung des Denkens aus der objektiven Forschung, in seiner
Beschrnkung auf eine _einseitig subjektive_, gegen die _wissenschaftliche
Wahrheit gleichgltige Reflexion_, in der Behauptung, da alle unsere
Vorstellungen blo subjektive Erscheinungen, alle sittlichen Begriffe und
Grundstze willkrliche Satzungen seien. Von allen diesen Zgen findet sich
nichts bei den Atomistikern.

                  *       *       *       *       *

Im brigen verdienen die _Sophisten_ hier nur insofern berhrt zu werden,
als dieselben ihre Hauptaufgabe im _Gelderwerb_ durch Verbreitung einer Art
von rein _negativer_ Aufklrung suchten, _deren Mittelpunkt der
bodenloseste Skepticismus_ war; auerdem durch ihre damit zusammenhngende
frivole Disputiersucht. Die bekanntesten dieser Virtuosen der Deputierkunst
waren Gorgias und Protagoras, letzterer allerdings ein Landsmann des
Demokrit.

Der berhmteste Satz des Protagoras ist der: Der Mensch ist das Ma aller
Dinge, der seienden, da sie sind, der nichtseienden, da sie nicht sind.

Damit wurde der subjektivistische Grundsatz aufgestellt: Jedes Ding ist
fr jedes Individuum so, wie es erscheint, aber es ist so auch nur fr dies
Individuum und genauer fr dessen augenblicklichen Wahrnehmungszustand.

Wenn Hegel irgendwo (+W. W. XIV. 5ff.+) ein berechtigtes Moment in der
Wirksamkeit dieser Leute hervorgehoben haben soll, so wird er dies
hoffentlich nur in dem Sinne gemeint haben, da durch ihre Wirksamkeit der
Hauptansto fr die gewaltige Persnlichkeit des Sokrates gegeben worden
ist, dem eingebildeten Scheinwissen und der sophistischen Halbbildung
berhaupt den Streit zu verknden und diesem Streite ihr Leben zu widmen
und zu opfern.




Achtes Kapitel.

Sokrates und sein Dmonium.


Von Sokrates wurde schon im Altertum gesagt, da er die Philosophie vom
Himmel zur Erde zurckgerufen habe; man wollte damit sagen, da er die
philosophische Forschung nicht auf die Erkenntnis des _Weltrtsels_,
sondern auf diejenige des _Menschenrtsels_ beschrnkt wissen wollte.

Er redete, schreibt sein Schler Xenophon, nicht wie die Meisten, ber
die Natur des Weltalls, indem er darber Betrachtungen angestellt htte,
was es mit dem von den Philosophen so genannten Kosmos fr eine Bewandtnis
habe und nach welchen Naturgesetzen alle Himmelserscheinungen vor sich
gehen, sondern er hielt sogar diejenigen, welche ber solche Dinge
grbelten, fr thricht.

Auch bildete nicht etwa der Mensch im Sinne der psychologischen Forschung
den Gegenstand seines Interesses, sondern dieses war ausschlielich die
_Moral_. Ein hervorragender Platz in der Geschichte der Philosophie gebhrt
ihm daher, abgesehen von seiner Begrndung der dialektischen Methode und
den dadurch jedenfalls gelegten Grundstein der Logik wesentlich nur vom
Standpunkte der _praktischen_ Philosophie aus. Fr bloe Physiker oder gar
bloe Metaphysiker ist deshalb die Weisheit des Sokrates in der That, wie
Schopenhauer schreibt, +Parerg. und Paralipomen. I 13+, ein bloer
_Glaubensartikel_. Schopenhauer aber, der doch mehr sein wollte, als
dieses, der vielmehr zahlreiche geistvolle Beitrge zur Ethik und
Lebensweisheit geschrieben hat, htte einige seiner Bemerkungen ber
Sokrates besser ungeschrieben gelassen. So meint er z.B.: Nach Lukianos
htte Sokrates einen dicken Bauch gehabt, welches eben nicht zu den
Abzeichen des Genies gehrt. -- Ferner gleitet er zu der Bemerkung herab,
es stehe zweifelhaft hinsichtlich seiner hohen Geistesfhigkeiten, weil er
_nichts geschrieben habe_. Ich habe mir an dieser Stelle meiner
Schopenhauer-Ausgabe die Randnote nicht versagen knnen: +O si tacuisses+
usw.! Schopenhauer, der allerdings selber seine eigene Theorie in der
Praxis verleugnete, hatte eben von der Philosophie nur einen halben
Begriff, er verlegte sie ausschlielich in die Sphre der Vorstellung. Er
htte aber von Sokrates lernen knnen und sollen, da die echte Philosophie
auf dem Zusammenwirken beider, berhaupt in der Wirklichkeit untrennbaren
Seiten des Menschenwesens, des _Wollens und Vorstellens_ beruht. Die
philosophische Gesinnung, sagt sehr schn Dhring, leitet zu dem
entsprechenden Wissen, und das errungene Wissen wirkt seinerseits auf die
Willensrichtung magebend und veredelnd zurck.

Richtig ist freilich, da auch Sokrates sich einer Einseitigkeit schuldig
machte, wenn er nach jenem Berichte des Xenophon wirklich die ernste
naturwissenschaftliche und naturphilosophische Forschung verachtete. Allein
diese Einseitigkeit kann uns angesichts der geringen positiven Erfolge des
ihm vorliegenden bloen Spekulierens in hohem Grade entschuldbar
erscheinen.

Wre unsere Aufgabe die, eine Geschichte der griechischen Philosophie zu
schreiben, so wrde Sokrates geradezu den Mittelpunkt unserer Darstellung
bilden, obwohl er nichts Schriftliches hinterlassen hat und seine Lehren
deshalb indirekt aus den Schriften seiner Schler konstruiert werden
mten. Wir wrden uns dann mit der schwierigen Aufgabe befassen mssen,
den wahren Sokrates aus der idealisierenden und subjektiv gefrbten
Darstellung seines begabtesten Schlers, Platos, und aus den _gewi
wahrheitsgetreuen_, aber _unzulnglichen_ Memorabilien des vielfach
beschrnkten und der Gre seines Lehrers nicht gewachsenen Xenophon
herauszuarbeiten.

Glcklicherweise aber gestattet uns die Aufgabe dieses Buches nicht einmal,
dieses Problem zu berhren. Ja, wenn es sich um die _Lehren_ des Sokrates
handelte, so wrde es gerechtfertigt erscheinen, ihn in diesem Buche
berhaupt zu bergehen, da hier eben nur diejenigen Lehren der griechischen
Philosophie in Betracht kommen knnen, welche irgend welche, wenn auch
noch so entfernte Beziehungen zum Occultismus haben. Nun aber stellt uns
gerade Sokrates weniger durch seine Lehren, als vielmehr durch sein _Leben_
und seine _Persnlichkeit_ eines der interessantesten occultistischen
Probleme.

Der Leser, den ich selbstverstndlich als bekannt mit den wichtigsten Daten
des Sokratischen Lebens voraussetze, wird schon wissen, da ich damit auf
das viel errterte Problem des sog. Genius oder Dmon des Sokrates komme.

Am liebsten wrde ich mich freilich auch der Besprechung dieses
Gegenstandes durch den einfachen Hinweis auf die gerade vom occultistischen
Standpunkte aus denselben grndlichst und lichtvoll beleuchtenden
Ausfhrungen du Prels in seiner +Mystik der alten Griechen+ entledigen,
vgl. auch +Sphinx IV, 22 und 24+, wie ich denn berhaupt in diesem Bande
den praktischen Occultismus der Griechen, da derselbe in jener Mystik der
alten Griechen seinen berufensten Bearbeiter gefunden hat, absichtlich bei
Seite lasse und nur die Theorie bercksichtige. Dennoch wrde eine vllige
bergehung gerade des Sokrates im Zusammenhange unserer Darstellung
vielleicht als Lcke empfunden werden; denn immerhin hat sich diese doch
bislang am Leitfaden der Philosophie-Geschichte fortbewegt, und ein
direkter Sprung von Demokrit auf Plato knnte unmotiviert erscheinen.

Wir drfen deshalb die Stellung des Sokrates zum Gegenstand der
occultistischen Forschung nicht unerwhnt lassen. Zunchst ist es nun schon
an sich bemerkenswert, da ein so nchterner und gewi von reinster
Wahrheitsliebe bis zum Mrtyrertum beseelter Denker, mindestens doch einer
der aufgeklrtesten Kpfe seines Zeitalters nachweislich dem Glauben an die
Orakel ernstlich gehuldigt hat. Wir wissen, da er den Xenophon, als
derselbe ihn um seine Meinung fragte, ob es fr ihn ratsam sei, sich der
Expedition des jngeren Cyrus anzuschlieen, ausdrcklich an das Orakel zu
Delphi verwies. Unmglich knnen wir annehmen, da er dies lediglich
gethan, um eine verantwortliche Raterteilung von sich auf einen beliebigen
Dritten abzuwlzen. Auch berichtet Xenophon in seinen Memorabilien ber ihn
folgendes:

Es hat bses Blut gemacht, da Sokrates sagte, das _Dmonium gebe_ ihm
_Andeutungen, weshalb eben ganz besonders sie_, wie ich glaube, _ihn
beschuldigt haben, da er fremde Gottheiten einfhre_. -- Aber er fhrte
damit ebensowenig etwas Neues ein, als all' die anderen, welche an
Weissagungen glauben; -- und vielen seiner Freunde gab er den Rath, dieses
zu thun, jenes aber nicht zu thun, weil ihm das Dmonium eine Andeutung
gbe; und denen, die ihm folgten, gereichte es zum Nutzen, diejenigen aber,
die ihm nicht folgten, bereuten es. -- Die notwendigen Dinge riet er so zu
thun, wie er glaubte, da sie am besten gethan sein wrden; hinsichtlich
alles dessen aber, dessen Ausgang unberechenbar war, verwies er sie an das
Orakel, um zu fragen, ob sie es unternehmen drften. Auch diejenigen,
welche Haus- und Staatsangelegenheiten gut verwalten wollten, knnten,
sagte er, der Weissagekunst nicht entbehren, obwohl er so etwas, wie ein
Zimmermann, ein Schmied, ein Landmann, ein Beherrscher der Menschen oder
einer, der dergleichen Arbeiten zu prfen versteht, oder ein
Rechenknstler, ein Hausverwalter oder ein Heerfhrer zu werden, fr
erlernbar hielt und glaubte, es knne auch schon durch menschliche Einsicht
gewonnen werden. -- Das Wichtigste aber von dem, was dabei in Betracht
kommt, sagte er, haben die Gtter sich selbst vorbehalten und den Menschen
nicht offenbart. Denn weder knne der wissen, welcher seinen Acker gut
bestellt habe, wer die Frchte einernten werde, noch wisse der, welcher
sich ein schnes Haus gebaut habe, wer darin wohnen werde, auch wisse ein
Feldherr nicht, ob seine Kriegsfhrung Heil bringen werde, und der
Staatsmann wisse nicht, ob er mit gutem Erfolge an der Spitze des Staates
stehe; auch wisse der nicht, welcher ein schnes Weib geheiratet hat, um
sich desselben zu erfreuen, ob es ihm dereinst nicht Kummer bereiten werde;
auch knne der nicht, welcher zu Verwandten einflureiche Mnner im Staate
habe, wissen, ob er nicht gerade durch diese des Staates verlustig gehen
knnte. Diejenigen aber, welche glaubten, da nichts von alledem von der
Einwirkung der Gtter abhngig sei, sondern alles Sache der menschlichen
Einsicht sei, hielt er fr verrckt; fr verrckt aber auch diejenigen,
welche Weissagungen in solchen Dingen haben wollten, welche die Gtter den
Menschen zur Erlernung und zur Beurteilung bergeben htten. Wenn z.B.
einer fragte, ob es besser sei, einen des Fahrens Kundigen beim Fuhrwerk
anzunehmen oder einen Unkundigen, oder ob es besser sei, einen, der das
Steuern verstnde, auf sein Schiff zu nehmen oder einen, der es nicht
verstnde, -- ein solcher, wie auch diejenigen, welche Dinge, die durch
Zhlen, durch Abmessen oder durch Abwgen man sich aneignen knne, von den
Gttern erfragten, -- alle diese hielt er fr Frevler. Er behauptete, da
man alles das, was uns die Gtter zur Erlernung und zur Ausfhrung gegeben
htten, erlernen mssen; das aber, was den Menschen unergrndlich sei,
msse _man mit Hilfe der Weissagekunst von den Gttern zu erfragen
versuchen; denn die Gtter gben denjenigen Zeichen, welchen sie gndig
seien_.

Auch aus Platos Schriften knnen wir eine nicht geringe Anzahl von
Selbstzeugnissen des Sokrates ber das Dmonium, das er sich zuschrieb,
entnehmen.

Dem Alkibiades gegenber, dessen Vormund Perikles war, rhmt er sich
(+Plato, Alkibiad.1+), da er in seinem Dmonium einen besseren Vormund
besitze. In seiner Verteidigungsrede, die Plato jedenfalls in mglichst
getreuem Anschlu an seine eigenen Worte uns wiedergiebt, sagt er, um sein
grundstzliches Fernhalten von Politik zu erklren: Der Grund davon liegt
in dem, was Ihr mich oft und bei vielen Gelegenheiten sagen hrtet, da
etwas Gttliches und Dmonisches sich mir vernehmen lasse... Das begann
bei mir schon _von meinen Knabenjahren an; eine Stimme lt sich
vernehmen_, und wenn sie sich vernehmen lt, _warnt sie mich stets vor
dem, was ich zu thun im Begriffe bin, treibt aber mich nie an_; das ist es,
was mich abmahnt, mit ffentlichen Angelegenheiten mich zu befassen. -- So
motiviert er auch sein Verhalten in dem Prozesse selbst: Mir, verehrter
Richter, widerfuhr etwas Wundersames. Die _weissagende Stimme_ nmlich, die
ich zu vernehmen pflege, mahnte mich in der ganzen frheren Zeit sehr
hufig ab, und zwar _bei sehr geringfgigen Veranlassungen_, wenn ich etwas
Verkehrtes zu thun im Begriffe war. Jetzt aber ist mir das begegnet, was
ihr selbst seht, und manche fr das grte Unglck halten mchten, und was
wirklich dafr gilt -- seine Verurteilung nmlich;-- doch mich mahnte
weder, als ich am heutigen Morgen vom Hause wegging, der Wink des Gottes
ab, noch als ich hier heraufstieg zum Gerichtshof, noch bei meiner Rede,
wenn ich irgend etwas zu sagen im Begriffe war, obwohl er frwahr bei
anderen Vortrgen _hufig mitten in der Rede mich zurckhielt_. Jetzt aber,
bei der Verhandlung selbst, hat er mich nirgends von etwas, was ich that
oder sagte, abgemahnt. Wie erklre ich nun diese Erscheinung? Das will ich
Euch sagen: zu meinem Heile scheint mir, was mir widerfuhr, sich begeben zu
haben, und unmglich haben diejenigen von uns die richtige Ansicht, die
annehmen, das Sterben sei ein bel. Dafr wurde mir ein starker Beleg;
notwendig nmlich htte das gewhnliche Zeichen mich abgemahnt, war ich im
Begriffe, etwas Unheilbringendes zu thun.

Als Sokrates einst das Lyceum verlassen wollte und eben aufstand, berichtet
Plato, +Euthydem.2+, wurde ihm das gewhnliche dmonische Zeichen zu teil.
Er setzte sich also wieder nieder, und in der That kamen bald darauf
Euthydemos und dessen Bruder Dionysodor herbei.

+Plutarch de genio Socratis+ erzhlt: Als Sokrates mit verschiedenen
Freunden zum Wahrsager Eutyphron gegangen war, blieb er auf einmal stehen
und kehrte nach einiger Besinnung durch eine andere Gasse um, die
voraufgegangenen Freunde zurckrufend, da sein Genius ihn hindere, weiter
zu gehen. Die meisten kehrten mit ihm um; die andern, um den Genius einmal
Lgen zu strafen, gingen den geraden Weg fort, begegneten aber einer Herde
Schweine und wurden, da nicht ausgewichen werden konnte, zu Boden geworfen
und mit Schmutz bedeckt. Im Theages des Plato berichtet Sokrates selbst:
Mir ist nmlich durch die gttliche Fgung von meinen Knabenjahren an
etwas dmonisches zugesellt: das besteht in einer Stimme, die stets, wenn
sie sich vernehmen lt, von dem, was ich unternehmen will, mir abrt, doch
nie zu etwas mich antreibt. Auch wenn einer meiner Freunde sich ber etwas
mit mir bespricht, und die Stimme sich vernehmen lt, hlt sie ihn davon
ab und gestattet ihm nicht, es zu unternehmen. Und dafr kann ich auch
Zeugen aufstellen.... Wollt ihr ferner den Bruder des Timarchos, den
Kleitomachos, befragen, was Timarchos zu ihm sagte, als er auf dem geraden
Wege sich befand, durch Henkershand zu sterben, er und der Wettrenner
Euathlos, der den Timarchos auf seiner Flucht bei sich aufnahm? Dieser wird
euch nmlich erzhlen, da jener zu ihm sprach: Gewi, lieber Kleitomachos,
sagte er, gehe ich jetzt dem Tod entgegen, weil ich auf den Sokrates nicht
hren wollte. Warum sagte denn das nun wohl Timarchos? Das will ich euch
sagen. Als vom Zechgelage Timarchos und Philemon, der Sohn des
Philemonides, sich erhoben, um den Nikias, den Sohn des Heroskamandros,
umzubringen, -- ein Anschlag, von dem sonst niemand wute, -- sagte
Timarchos im Aufstehen zu mir: Was meinst Du, lieber Sokrates? Zecht ihr
nur; ich aber mu mich irgendwohin aufmachen, doch bin ich, wenn es
gelingt, bald wieder da. Da erhob sich die Stimme in mir und ich sagte zu
ihm: Stehe doch nicht auf, denn ich habe die gewhnliche dmonische
Wahrnehmung empfangen. Und er verweilte noch. Nachdem er eine Weile
gewartet, machte er wieder Anstalt zu gehen, und sagte mir: Ich gehe nun,
lieber Sokrates. Die Stimme wurde wieder laut, daher ntigte ich ihn
wieder, zu verweilen. Das dritte Mal stand er, weil ich es nicht bemerken
sollte, ohne mir etwas zu sagen, auf, sondern pate, um von mir nicht
bemerkt zu werden, den Augenblick ab, wo meine Aufmerksamkeit eine andere
Richtung hatte, entfernte sich schleunigst und fhrte das aus, weshalb er
jetzt dem Tode entgegenging. Darum sagte er das, was ich euch jetzt
erzhle, zu seinem Bruder, er geht jetzt zum Tode weil er mir nicht
glaubte. Demzufolge werdet ihr noch jetzt ber die Ereignisse in Sikelion
von vielen hren, was ich ber den Untergang des Heeres uerte. Doch
Vergangenes wollt ihr von den davon Unterrichteten vernehmen; aber auch
jetzt knnt ihr das Zeichen erproben, ob es von Bedeutung ist. Als nmlich
der schne Samion in das Feld zog, erhielt ich das Zeichen; nun ist er, um
unter Prasyllos zu fechten, auf dem geraden Wege nach Ephesos und Jonien.
Darum glaube ich, da er entweder umkommen oder etwas dem hnliches
erfahren wird, und ich bin auch wegen des brigen Heeres in groer
Besorgnis. Das hab ich dir aber erzhlt, weil die Einwirkung dieses
Dmonischen auch ber den Umgang der mit mir Verkehrenden alles
entscheidet.

Dieses Dmonion nun, offenbar eine der bestbeglaubigten Thatsachen aus der
Geschichte des Occultismus, hat bereits im Altertum zu den verschiedensten
Hypothesen Anla gegeben, Plutarch, Maximus Tyrius, Apulejus haben darber
geschrieben. Bei den Alten berwiegt die Auslegung, da Sokrates von einem
Dmon, einem gttlichen Wesen inspiriert gewesen sei. -- Vllig ratlos
steht die moderne _vulgre_ Psychologie dem Problem gegenber. Die seichte
rein negative Aufklrung ging daher soweit, die gut beglaubigten Thatsachen
zu leugnen und einen Mann von dem sittlichen Ernste eines Sokrates zum
Komdianten zu stempeln.

Barthlemy, (+voyage du jeune Anarchis c.67+) meint, da Sokrates mit
seinem Dmonion nur Spa gemacht habe; Plessing (+Osiris und Socrates 185+)
erklrt es fr eine bewute Erfindung. Der franzsische Arzt Lelut (+Le
dmon de Socrate+) wittert darin ein Symptom des Irrsinns. Ihm folgt
Lombroso (+Genie und Irrsinn+). Die meisten Philologen und Philosophen
finden sich dem Problem gegenber mit unbestimmten vagen Redensarten ab.
Zeller schreibt (+II. 1,65+): Die dmonische Stimme zeigt sich (vielmehr)
im allgemeinen als die Form, welche das lebhafte, aber nicht zur klaren
Erkenntnis seiner Grnde aufgeschlossene Gefhl von der Unangemessenheit
einer Handlung fr das eigene Bewutsein des Sokrates annahm. Der
Philologe Cron (+Einleitung zu Platons Apologie S.17+): Da Sokrates
darunter kein besonderes, fr sich bestehendes Wesen, sondern nur eine
Offenbarung der gttlichen Liebe und Gte verstand, geht aus allen
authentischen Berichten unwiderstehlich hervor.

Etwas weniger seicht, aber noch mehr die Unbegreiflichkeit des Phnomens
konstatierend, drckt sich +Dhring, krit. Geschichte der Philosophie
S.87+, aus: Dieser Dmon oder Genius, der in wichtigen Fllen ihm als
allein zureichender Erklrungsgrund der brigens unmotivierten Entscheidung
galt, ist offenbar nichts anderes, als die instinktive Ergnzung zu den
bewuten und rein nach klaren Verstandesgesichtspunkten bemessenen Grnden
gewesen. Manche haben dieses Prinzip mit dem bloen Takt verwechselt,
welcher fr den einzelnen Fall ber die Unzulnglichkeit allgemeiner Regeln
hinweghilft. Allein der Takt ist nur eine Art Gefhl, dessen Bestandteile
nicht gesondert vorgestellt werden. Er ist nur eine bestimmte Form des
gewhnlichen, meist uerlich und offen daliegenden Urteils, whrend der
dunkle Antrieb, den Sokrates meinte, gar nichts mit der individuellen
Geschicklichkeit des Verhaltens zu thun hat, sondern nur diejenigen
unbewuten Motive betrifft, die sich nicht als gewhnliche verstandesmige
Grnde begreifen lassen. Es ist das Unbegreifliche, -- was in der Form des
Dmonischen sich unwillkrlich auszugleichen sucht.

Allein es ist mir zweifelhaft, ob diese Unbegreiflichkeit sich nicht
vielleicht _nur_ fr den Standpunkt der materialistischen Psychologie
ergiebt. Ich habe zwar die spiritistische Deutung der eleusinischen
Mysterien, welche +du Prel a.a.O.+ zu geben versucht, desavouieren zu
mssen geglaubt. Was dagegen das Dmonion des Sokrates betrifft, so glaube
ich, da du Prel, der hier nicht bis zum Spiritismus ausgreift, sondern
lediglich im Rahmen seiner, die _dramatische Spaltung des Ich_ als
fruchtbaren Erklrungsgrund vieler rtselhafter Erscheinungen des
Seelenlebens verwertenden Philosophie der Mystik bleibt, in dem citierten
Buche die beste Auflsung des Problems liefert. Ich schliee daher dieses
Kapitel mit folgendem Citat aus +du Prels Mystik der alten Griechen,
S.136ff.+:

Demnach ist die dramatische Spaltung des Ich nicht nur die psychologische
Formel zur Erklrung unseres Traumlebens, sondern auch die metaphysische
Formel zur Erklrung des Menschen. Unsere Existenz, ohne ein bloer Traum
zu sein, hat doch die Formel des Traumlebens. Unser irdisches Wesen ist nur
die Hlfte unseres eigentlichen Wesens, dessen andere Hlfte fr uns
transscendental bleibt, hinter dem irdischen Bewutsein liegt. Wir gleichen
also einem Doppelstern, ohne unsern dunkeln Begleiter zu erkennen. Tritt in
unseren Trumen eine zweite Figur neben uns auf, so gehrt diese zwar auch
unserem Wesen an, aber nur einen Teil dieses unseres Wesens haben wir in
diese Traumfigur versenkt und nur im anderen Teile erkennen wir unser
eigenes Ich. Darum reden wir im Traume mit solchen Figuren wie mit fremden
Wesen, wiewohl die beiden Personen durch ein gemeinschaftliches Subjekt
zusammengehalten sind und beim Erwachen in der That wieder zusammenrinnen.
In eine Traumfigur knnen wir schon darum nie ganz versenkt sein, weil
deren meistens mehrere vorhanden sind, deren jede nur einen Teil unseres
Wesens objektiviert. Nicht einmal in die Gesamtheit der Figuren sind wir
ganz ausgegossen, sonst wre es nicht mglich, da wir auch noch selbst auf
der Bhne uns bewegen; es bliebe fr uns nur mehr der Anteil eines
vollstndig objektiven Zuschauers, was in jenen Trumen, darin wir uns auf
der Bhne nicht mit befinden, teilweise allerdings der Fall ist. Diese im
Traume blo psychologische Thatsache der Spaltung wird als eine auerhalb
des Traumes metaphysische erwiesen durch die transscendentalen Fhigkeiten
unserer Seele, die aus dem irdischen Bewutsein nicht abzuleiten sind. Dies
ist der Grund, warum Kant gerade gelegentlich seiner Schrift ber den Seher
Swedenborg dahin gelangte, die hier vorgetragene Formel zur Erklrung des
Menschenrtsels in ganz klaren Stzen auszusprechen. Die Rationalisten
sehen in dieser Schrift Kants -- 'Trume eines Geistersehers' -- nur eine
Verspottung des Geisterglaubens; sie bersehen dabei, da von diesem Spott
mindestens ein Geist ganz unberhrt bleibt, der Geist des Menschen im Sinne
eines transscendentalen Subjekts. Ein solches bezweifelt Kant nicht nur
nicht, sondern er behauptet es mit groer Entschiedenheit: 'Ich gestehe,
da ich sehr geneigt bin, das Dasein immaterieller Naturen in der Welt zu
behaupten und meine Seele selbst in die Klasse dieser Wesen zu
versetzen.'.... 'Die menschliche Seele wrde daher schon in dem
gegenwrtigen Leben als verknpft mit zwei Welten zugleich mssen angesehen
werden, von welchen sie, sofern sie zur persnlichen Einheit mit einem
Krper verbunden ist, die materielle allein klar empfindet, dagegen als ein
Glied der Geisterwelt die reinen Einflsse immaterieller Naturen empfngt
und verteilt, so da, sobald jene Verbindung aufgehrt hat, die
Gemeinschaft, darin sie jederzeit mit geistigen Naturen steht, allein brig
bleibt und sich ihrem Bewutsein zum klaren Anschauen erffnen mte.'....
'Es wird knftig, ich wei nicht, wo oder wann, noch bewiesen werden, da
die menschliche Seele auch in diesem Leben in einer unauflslichen
verknpften Gemeinschaft mit allen immateriellen Naturen der Geisterwelt
stehe, da sie wechselweise in diese wirke und von ihnen Eindrcke
empfange, deren sie sich aber als Mensch nicht bewut, so lange alles wohl
steht.'.... 'Es ist demnach zwar einerlei Subjekt, was der sichtbaren und
unsichtbaren Welt zugleich als ein Glied angehrt, aber nicht eben dieselbe
Person, weil die Vorstellungen der einen, ihrer verschiedenen
Beschaffenheit wegen, keine begleitenden Ideen von denen der anderen Welt
sind, und daher, was ich als Geist denke, von mir als Mensch nicht
erinnert wird.'

Aus diesen so klaren und bestimmten Stzen ergiebt sich, da meine
Behauptung, die dramatische Spaltung des Ich, die im Traum als
psychologische Formel auftritt, sei zugleich die metaphysische Formel des
Menschen, mit den Ansichten Kants bereinstimmt, aber auch mit dem, was
Kant in der Lehre von der dritten Antinomie sagt; er hat demnach diese
seine Ansicht auch noch in seinem Alter aufrecht erhalten. Sogar des von
mir gebrauchten Ausdrucks 'transscendentales Subjekt' bedient er sich, wenn
er sagt, da 'das transscendentale Subjekt uns empirisch unbekannt ist',
d.h. also, da unser Selbstbewutsein nur auf einen Teil unseres Wesens,
auf die irdische Person sich erstreckt, da unser Wesen ber das
Selbstbewutsein hinausragt.

Einen Verkehr mit unserem transscendentalen Subjekt und durch dessen
Vermittlung mit den transscendenten Subjekten, d.h. mit dem Geisterreich,
hlt nun Kant nicht fr mglich 'so lange alles wohl steht'; damit ist aber
gesagt, da er ihn fr mglich hlt in abnormen Zustnden: 'Diese
Ungleichartigkeit der geistigen Vorstellungen und deren, die zum leiblichen
Leben des Menschen gehren, darf indessen nicht als ein so groes Hindernis
angesehen werden, da sie alle Mglichkeit aufhebe, sich bisweilen der
Einflsse von seiten der Geisterwelt sogar in diesem Leben bewut zu
werden. Noch leichter mte daher ein bergang einer Vorstellung unseres
eigenen transscendentalen Subjekts in das sinnliche Bewutsein eintreten;
denn in beiden Fllen der dramatischen Spaltung, in der psychologischen,
wie in der metaphysischen, ist die Empfindungsschwelle die Bruchflche der
Spaltung; diese Empfindungsschwelle ist aber beweglich, schon im
gewhnlichen Traum, mehr noch im Somnambulismus, und da dieses im Wachen
geradezu unmglich sei, lt sich in keiner Weise begrnden; wohl aber ist
vorweg zu erwarten, da transscendentale Vorstellungen, die whrend des
Wachens die Empfindungsschwelle berschreiten, an Bestimmtheit verlieren
und vielleicht nur teilweise zum Bewutsein kommen.'

_Damit ist nun auch das Rtsel des Sokratischen Dmonions erklrt._
Sokrates war ein Mensch von beweglicher Empfindungsschwelle, so da er
sich transscendentaler Einflsse bewut werden konnte, die sich auf die
Folgen seiner Handlungen bezogen. Da nun das transscendentale Subjekt
fernsehend ist, zeigt sich in hufigen Fllen bei Somnambulen. Diese zeigen
sogar eine gesteigerte Form des Sokratischen Dmonions. Bei Sokrates trat
dasselbe in der abgeschwchten Form bloer Ahnungen ins Bewutsein, und es
verhielt sich nur abhaltend, nicht antreibend. Diese beiden Merkmale lassen
sich auf die gemeinschaftliche Ursache zurckfhren, da das Dmonion sich
im Wachen und darum in abgeschwchter Form geltend machte.

Sokrates selbst sagt, da die innere Stimme sich nur geltend machte, wenn
er etwas in den Folgen Unangemessenes und Nachteiliges thun wollte. Nun ist
es ein alter Erfahrungssatz der Mystik, da das Fernsehen, wenn es spontan
eintritt, auf die Schattenseiten der Zukunft sich richtet. Gerade solche
Ferngesichte aber mssen begreiflicherweise mit dem grten Gefhlswert
versehen sein, und weil ihnen ein grerer Reiz zu Grunde liegt, mssen sie
mit grerer Leichtigkeit auch die Empfindungsschwelle berschreiten. Wenn
aber selbst das Ferngesicht als solches nicht ins Bewutsein tritt, so mu
doch die damit verbundene Gefhlserregung bewut werden, die dann aber nur
mehr als von der beabsichtigten Handlung Abhaltendes, als ein innerhalb des
Bewutseins unmotiviertes Gefhl sich geltend machen wird. Dies war eben
bei Sokrates der Fall. Nur die Gefhlswirkung des Ferngesichts war ihm
bewut.

Es unterliegt fr mich keinem Zweifel, da alle Flle von Ahnungen auf
solchen abgeschwchten Ferngesichten beruhen, die nur mit ihrem Gefhlswert
ber die Empfindungsschwelle treten, whrend die Vision unbewut wird. Denn
ein Motiv mu diesen Gefhlserregungen zu Grunde liegen, und es ist wohl
kein anderes denkbar als eine Vision, wir mten denn zur Inspiration
greifen. Den Schein einer fremden Inspiration mssen allerdings Ahnungen
selbst dann haben, wenn sie auf ein bloes Angstgefhl beschrnkt bleiben,
weil eben das transscendentale Bewutsein vom irdischen abgegangen ist.
Eine Steigerung schon ist es, wenn, wie bei Sokrates, zum abhaltenden
Gefhl in dramatischer Spaltung die innere Stimme hinzukommt, die gleich
einer fremden vernommen wird. Bei noch hherer Steigerung nimmt der
Abmahner plastische Gestalt an; dies scheint aber bei Sokrates niemals
eingetreten zu sein, er hrte nur immer die Stimme, sein Dmonion kam aber
nie zur Sichtbarkeit.

Das Dmonion des Sokrates ist also ein dramatisiertes Ahnen, eine
abgeschwchte fernsehende Erkenntnis von der Unangemessenheit einer
beabsichtigten Handlung; dieses transscendentale Fernsehen, ins Bewutsein
nur als Ahnung dringend, scheint aber immer erst dann eingetreten zu sein,
wenn er eben im Begriffe war, die betreffende Handlung zu begehen.




Neuntes Kapitel.

Platon.


Das sokratische Prinzip hatte zwar der naturwissenschaftlichen Metaphysik,
die in Demokrit ihren Hhepunkt erreichte, ein Ende gemacht; nicht aber der
Metaphysik berhaupt. Vielmehr, wie spter unmittelbar an Kant, dessen
Prinzip in vieler Hinsicht an Sokrates erinnert, eine besonders lebhafte
Thtigkeit der metaphysischen Forschung anknpft, so auch schon an
Sokrates.

Zweifellos der begabteste aller Schler des Sokrates ist _Platon, der Vater
des Idealismus_.

Er war als Sohn des Ariston, eines Atheners von vornehmster Geburt, der
seinen Stammbaum auf Knig Kodrus zurckfhren konnte, im Jahre 427 zu
gina geboren. Er soll zuerst nach seinem vterlichen Grovater Aristoteles
genannt sein und den Namen Platon erst als Beinamen (wegen seiner breiten
Brust) im Gymnasium erhalten haben. Von der Natur mit allen krperlichen
und geistigen Vorzgen begabt, empfing er die sorgfltigste Erziehung. Im
Jnglingsalter widmete er sich zuerst der Dichtkunst. Von diesen poetischen
Versuchen aber brachte ihn Sokrates ab, mit dem er angeblich schon in
seinem zwanzigsten Jahre in vertrautesten Umgang trat. Die Sage hat diesen
Moment durch einen Traum des Sokrates ausgeschmckt, _von einem Schwan, der
aus seinem Busen auffliege_.

Als ihm am Tage nach diesem Traum Plato von seinem Vater zum Unterricht
zugefhrt wurde, soll er den Traum sofort erzhlt und Plato als den Schwan
bezeichnet haben.

Der Tod des Sokrates machte auf ihn einen erschtternden Eindruck und
verklrte das Bild seines Meisters zu dem Ideal des vollkommensten Weisen,
welches in fast smtlichen seiner zahlreichen Schriften in der Rolle des
Sokrates auftritt. Er ging nach diesem Ereignis zunchst mit anderen
Schlern seines Meisters zu Euklides nach Megara. Bald darauf trat er eine
groe Reise an, die ihn jedenfalls zuerst nach Kyrene und nach gypten
fhrte. Mit Unrecht wird bezweifelt, da er sich hier lange Zeit
aufgehalten und in die Geheimlehren der Priester habe einweihen lassen; die
Nachrichten der alten Schriftsteller ber diesen Punkt, auch _indirekte_
Zeugnisse unmittelbarer Zeitgenossen, wie z.B. des Isokrates, sind
unanfechtbar. Diogenes Laert. (+III.7+) berichtet, er habe auch die
persischen Magier besuchen wollen, sei aber durch den Krieg daran
verhindert worden. Da er sich im Innern Asiens lngere Zeit aufgehalten
hat, besttigt auch Cicero (+Tusc. IV.19+).

Nach Rckkehr von gypten oder Asien unternahm er seine erste Reise nach
Unteritalien und Sizilien, um mit den dortigen Pythagorern in nheren
Verkehr zu treten. Diese Reise fhrte ihn an den Hof des bekannten Tyrannen
von Syrakus, Dionysios des lteren. Er schlo hier einen engen
Freundschaftsbund mit Dion und wurde durch diesen in die politischen
Gegenstze und Parteiungen, die zu Syrakus herrschten, hineingezogen, was
fr ihn bedenkliche Folgen hatte. Der Tyrann lie ihn festnehmen, lieferte
ihn als Kriegsgefangenen den Spartanern aus und diese lieen den
Philosophen in gina _als Sklaven verkaufen_. Ein Kyrenaiker namens
Annikeris soll ihn dann frei gekauft haben. Im Alter von vierzig Jahren
(387) kehrte er nach Athen zurck und grndete hier in dem akademischen
Gymnasium eine philosophische Schule, in der er teils in der dialogischen
Methode des Sokrates, teils auch durch Vortrge seine Philosophie
verbreitete. Diese Lehrthtigkeit wurde aber durch zweimaligen lngeren
Aufenthalt in Sizilien unterbrochen.

Zunchst kehrte er nach dem Tode des lteren Dionysios auf den Wunsch des
Dion, dem der jngere Dionysios anfnglich sehr gewogen war, nach Syrakus
zurck. Dionysios wurde anfangs leidenschaftlich fr Plato eingenommen und
nahm sich dessen Lehren und Beispiele zu Herzen; wie ein wildes Tier,
sagt Plutarch (+Dion 16+), mit der Zeit das Betasten der Menschen ertragen
lernt, so gewhnte sich auch Dionysios so an Platons Umgang und Lehren,
da er ihn mglichst lange in Sizilien zurckhielt und eine gewisse
tyrannische Liebe gegen ihn hegte, indem er verlangte, Plato solle ihn
allein lieben und bewundern und dem Dion vorziehen. Allein als Dion
schlielich vom Dionys verbannt wurde, auch die Bemhungen Platos, dessen
Rckkehr durchzusetzen und den Tyrannen zur Entsagung auf die
Alleinherrschaft und zur Einfhrung einer platonischen Aristokratie zu
bestimmen, sich als nutzlos erwiesen, verlie Plato Syrakus. Zum dritten
Male freilich kehrte er auf die dringenden Bitten Dions und seiner
pythagorischen Freunde im Jahre 361 v.Chr. an den Hof des Dionysios
zurck; von letzterem anfangs mit groer Freude aufgenommen, geriet er
jedoch, bei seinen unablssigen Bemhungen, denselben wieder mit Dion und
dessen politischen Grundstzen zu vershnen, infolge einer Verstimmung des
Tyrannen wiederum in persnliche Gefahr. Nur das energische Eintreten der
Pythagorer, die, an ihrer Spitze Archytas, die damals nicht geringe Macht
Tarents fr ihn engagierten, scheint ihn gerettet zu haben. Er kehrte nach
Athen zurck, wo er fortan unter Fernhaltung von jeder politischen
Thtigkeit nach dem Vorgange des Sokrates, -- die Demokratie Athens war ihm
seit der Verurteilung des Sokrates in hchstem Mae verhat und selbst ber
die besten Staatsmnner seiner Vaterstadt, wie z.B. Perikles, enthalten
seine Schriften nur bittere Urteile--, sich mit grtem Eifer der
wissenschaftlichen Lehrttigkeit in der Akademie und der Abfassung von
Schriften widmete.

In ungeschwchter Geisteskraft erreichte er das 81. Lebensjahr und starb
348 v.Chr. nach +Diogenes III. 2+, bei einem Gastmahl, nach Cicero
(+Senect.5+), falls dessen Angabe wrtlich zu nehmen ist, schreibend.

Schon das Altertum, das als besondere Merkwrdigkeit auch seine angeblich
unverletzte Virginitt hervorhebt, bewunderte ihn wie einen Heros.

In der That hat er, wie kein anderer, die schne Lebensfhrung des
Hellenentums durch eine Tiefe des geistigen Daseins geadelt, die ihn am
Horizonte der menschlichen Weltanschauung fr alle Zeiten als Stern erster
Gre strahlen lt.

                  *       *       *       *       *

Platos Lehre wird nicht mit Unrecht als die vollkommenste Gestalt der
hellenischen Philosophie, als ihre hchste Blte bezeichnet, wenn man
gleichzeitig zugiebt, da die hchste Blte auch regelmig den Wendepunkt
und bergang zum Verfall in sich birgt.

Schwegler will drei Entwicklungsperioden seiner Lehre unterscheiden; in die
erste verlegt er die kleinen Gesprche, welche lediglich praktisch
sittliche Fragen in sokratischer Weise behandeln, so den Charmides, der die
Migung, den Lysis, der die Freundschaft, den Laches, der die Tapferkeit
behandelt, und schlielich den Gorgias, der gegen die sophistische
Identificierung von Lust und Tugend, Gutem und Angenehmen gerichtet ist.

Hier haben diese rein ethischen Schriften, da sie jeder Beziehung zum
Occultismus ermangeln, kein Interesse. In die zweite verlegt er die als
Vermittlung mit der _Eleatik_ sich vollziehende Aufstellung und
dialektische Begrndung der _Ideenlehre_.

Ihre Hauptschriften sind der Thetet, der Sophist und der Politikos, vor
allem aber der _Parmenides_. Von diesem letzteren Dialog, der ziemlich
einstimmig fr den ontologisch wichtigsten von allen erklrt wird, lt
Plato den Sokrates mit dem Eleaten Dialektik treiben, und der wesentliche
Gedankengang ist nach einem von August Niemann (+Sphinx IV. 22+) gemachten
Auszug folgendes: Wenn ihr sagt, da die Gottheit nur Eins sei, so stimme
ich euch zu. Als Vielheit wrde Gott sich selbst sowohl gleich als ungleich
sein, sich also von sich selbst unterscheiden, was unmglich zu denken ist.
Daran ist aber auch nichts zu verwundern, sondern die Einheit Gottes liegt
auf der Hand. Zu verwundern ist aber, da verschiedene Begriffe, welche
unvershnlich einander gegenberstehen, innerhalb des All-Einen zu finden
sind. Ihr sagt freilich, da ja auch der Mensch diese miteinander
streitenden Begriffe in sich trgt, indem er in einer Hinsicht hnlichkeit,
in anderer Hinsicht Unhnlichkeit besitzt, wie er auch zugleich Einheit und
Vielheit in sich trgt. Einer bin ich unter der Menge, vieles bin ich, weil
ich eine rechte und linke Seite u.s.w. habe. Aber was ich sagen will, ist
noch ein anderes. Alles, was hnlich ist, ist insofern und in dem Grade
hnlich, als es an der hnlichkeit selbst, an der Idee der hnlichkeit
teil hat. Durch die Parusie der hnlichkeit ist das hnliche hnlich. Und
so ist es auch mit dem Gleichen, dem Schnen und allen derartigen. Nun kann
ja der Mensch ganz gewi, so wie jedes Ding, zugleich an allen mglichen
Ideeen teilhaben; die Ideeen aber bleiben immer dieselben und haben nur an
sich selbst teil. _Wir mssen daher die Ideeen von den Dingen absondern_
und jedes fr sich betrachten. Was mich nun, wie gesagt, in Verwunderung
setzt, ist das, da die Ideeen, obwohl fr immer geschieden, doch in der
Gottheit vereinigt sind.

Hierauf antwortet _Parmenides_: Wenn ich dich recht verstehe, so nimmst du
also eine fr sich bestehende Idee des Gerechten, des Schnen, des Guten
u.s.w. an, und ebenso Ideeen von allem anderen, _welche gesondert von dem
sinnlich Wahrnehmbaren sind_. Zum Beispiel eine Idee des Menschen wrdest
du annehmen, welcher etwas anderes ist, als irgend ein wirklich lebender
Mensch, eine Idee des Feuers, des Wassers und aller Dinge. In deinen
Gedanken entsteht eine _Ideeenwelt und diese nennst du Gott_, whrend du
die sinnlich wahrnehmbare Welt nur insofern benennen willst, als sie an der
Ideeenwelt teil hat. Doch habe ich meine Bedenken hinsichtlich deiner
Ansicht. -- Als solche Bedenken fhrt er dann an, da erstens, wenn alles
an den Ideeen teil habe, jedes auch an der ganzen Welt teil haben msse.
Wenn jemand mutig sei, insofern er an der Idee des Mutes teil habe, so
mte die Idee des Mutes, da ja alle Menschen und auch die Tiere in
grerem oder geringerem Mae mutig seien, in allen Erscheinungen ganz
auftreten, also in unzhlige Vielheiten aufgelst werden.

Zweitens wrde beim Vergleich der Dinge mit den Ideeen die Parusie eines
Dritten erforderlich sein, mit welchem die Vergleichung geschhe, und das
Fortschreiten der Untersuchung wrde unermeliche Vielheiten erzeugen.

Drittens mte die grte Schwierigkeit erst aus der Unmglichkeit der
Erkennbarkeit der Ideeen entstehen. Denn es habe den Anschein, als ob die
Ideeen infolge der ihnen zuerteilten Beschaffenheit sich nicht bei uns
befinden knnten, weil dadurch ihr Frsichbestehen aufhren wrde, und als
ob auch diejenigen Ideeen, welche ihre Beschaffenheit nur in
Wechselbeziehung untereinander htten, ihre Natur nur untereinander, aber
nicht in Bezug auf ihre Abbilder, die Dinge geltend machen wrden. So wenig
also die Gottheit vom Menschen erkannt werden knne, so wenig knne der
Mensch von der Gottheit erkannt werden. -- _Trotz aller dieser selbst
gemachten Einwrfe schliet er mit dem Satze, da berhaupt jede ernste
Philosophie unmglich sei, wenn man die Ideeenlehre verwerfe._

                  *       *       *       *       *

Wir sind damit nicht nur bei dem schwierigsten Teile der platonischen
Philosophie, ber deren Sinn noch immer die verschiedensten Auffassungen
streiten, sondern vielleicht bei dem schwierigsten Teile der Philosophie
berhaupt angelangt. Denn um diesen Angelpunkt dreht sich der immer noch
endgiltig nicht entschiedene Streit zwischen Nominalismus und Realismus,
wie man es im Mittelalter, oder Idealismus und Realismus, wie man es in
etwas verschobener Namensbedeutung bezglich des letzteren, in der modernen
Philosophie bezeichnet. +Bruno, de umbris idearum+, und ihm folgend
+Schopenhauer, Welt als Wille und Vorstellung II. S.417ff.+, auch
+Dhring, krit. Geschichte der Philosophie S.101ff.+ wollen in den
Platonischen Ideeen nichts anderes finden, als das, was wir empirisch
redend die Spezies oder Art nennen.

Unrichtig ist dies gerade nicht, aber es deckt nicht die ganze Bedeutung
der platonischen Ideeen; denn wenn dieselben auch keineswegs mit den
Allgemeinbegriffen zu verwechseln sind, und Plato gewi keine Ideeen z.B.
von Artefakten angenommen hat, so gehren doch vor allem auch die Ideeen
der Moral und sthetik zur Ideenwelt, und Kant (+Kritik der reinen Vernunft
II. 1+) hebt mit Recht hervor, da gerade auf _praktischem_ Gebiete Plato
die _vorzglichste_ Bedeutung seiner Ideeenlehre suchte. Die groe Frage
ist nun, einmal wie Plato sich das _Sein_ der Ideeen gedacht habe, ob er
sie _hypostasiert_ und ihnen eine hhere ber den Dingen schwebende, von
der empirischen Wirklichkeit getrennte Existenz zugeschrieben hat oder
nicht; sodann, wie er sich ihr Verhltnis zur Gottheit gedacht habe, welche
letztere Frage zusammenfllt mit der nach der theologischen Grundlage
seiner Weltanschauung.

Den ersten Teil dieser Frage scheint mir am klarsten und zutreffendsten
Lotze in seiner +Metaphysik S.513+ zu beantworten:

So wenig jemand sagen kann, wie es gemacht wird, da Etwas ist oder Etwas
geschieht, ebenso wenig lt sich angeben, wie es gemacht wird, da eine
Wahrheit gelte; man mu auch diesen Begriff als einen durchaus nur auf sich
beruhenden Grundbegriff ansehen, von dem jeder wissen kann, was er mit ihm
meint, den wir aber nicht durch eine Konstruktion aus Bestandteilen
erzeugen knnen, welche ihn selbst nicht bereits enthielten.

Von hier aus scheint mir Licht auf eine befremdliche Angabe zu fallen, die
in der Geschichte der Philosophie berliefert wird: Platon habe den Ideeen,
zu deren Bewutsein er sich erhoben, ein Dasein abgesondert von den Dingen,
und doch, nach der Meinung derer, die ihn so verstanden, hnlich dem Sein
der Dinge, zugeschrieben. Es ist seltsam, wie friedlich die hergebrachte
Bewunderung des Platonischen Tiefsinns sich damit vertrgt, ihm eine so
widersinnige Meinung zuzutrauen; man wrde von jener zurckkommen mssen,
wenn Platon wirklich diese gelehrt und nicht nur einen begreiflichen und
verzeihlichen Anla zu einem so groen Miverstndnis gegeben htte. Der
Ausdruck philosophischer Gedanken ist von der Leistungsfhigkeit der
gegebenen Sprache abhngig, und es ist kaum vermeidlich, zur Bezeichnung
dessen, was man meint, Worte zu benutzen, welche diese eigentlich nur fr
Verwandtes, was man nicht meint, ausgeprgt hat, dann vorzglich, wenn ein
neues Gebiet erffnet wird und die Dringlichkeit der Unterscheidung des
gemeinten von jenem anderen noch wenig empfunden werden kann. Hierin
scheint mir der Grund jenes Miverstndnisses zu liegen. Nichts sonst
wollte Platon lehren, als die Geltung von Wahrheiten, _abgesehen davon, ob
sie_ an irgend einem _Gegenstande der Auenwelt_, als dessen Art zu sein,
sich besttigen; die ewig sich selbst gleiche Bedeutung der Ideeen, die
immer sind, was sie sind, gleichviel ob es Dinge giebt, die durch Teilnahme
an ihnen sie in dieser Auenwelt zur Erscheinung bringen, oder ob es
Geister giebt, welche ihnen, indem sie sie denken, die Wirklichkeit eines
sich ereignenden Seelenzustandes geben. Aber der griechischen Sprache
fehlte damals und noch spter ein Ausdruck fr diesen Begriff des Geltens,
der kein Sein einschliet; eben dieser des Seins trat allenthalben, sehr
hufig unschdlich, hier verhngnisvoll an seine Stelle. Jeder fr das
Denken fabare Inhalt, wenn man ihn als etwas mit sich Einiges von anderem
Verschiedenes und Abgeschlossenes betrachten wollte, alles, wofr die
Sprache der Schule spter den nicht blen Namen des Gedankendinges erfunden
hat, war dem Griechen ein Seiendes, %on% oder %ousia%; und wenn der
Unterschied einer wirklich geltenden Wahrheit von einer angeblichen in
Frage kam, so war auch jene ein %onts on%--; anders als in dieser
bestndigen Vermischung mit der Wirklichkeit des Seins hat die Sprache des
alten Griechenlands jene Wirklichkeit der bloen Geltung niemals zu
bezeichnen gewut; unter dieser Vermischung hat auch der Ausdruck des
Platonischen Gedankens gelitten.

Man berzeugt sich leicht, da alles, was von den Ideeen gesagt wird, unter
der Voraussetzung, die wir machten, sich als natrlich und notwendig
ergiebt, und da die verschiedenen Wendungen, die in der Darstellung ihres
Wesens genommen werden, eben darauf hinauslaufen, den Begriff, zu dessen
Bezeichnung ein einziger Ausdruck fehlte, durch viele einander zu Hilfe
kommende und beschrnkende zu erschpfen. Ewig, weder entstehend noch
vergehend (%aidia, agennta, anlethra%), muten die Ideeen genannt werden
gegenber dem Flu des Heraklit, der auch ihren Sinn schien mit sich
fortreien zu sollen; die Wirklichkeit des Seins allerdings kommt ihnen
bald zu, bald nicht zu, je nachdem vergngliche Dinge sich mit ihnen
schmcken oder nicht; die Wirklichkeit der Geltung aber, welche ihre eigne
Weise der Wirklichkeit ist, bleibt unberhrt von diesem Wechsel; diese
Unabhngigkeit von aller Zeit, in Vergleichung gebracht mit dem, was in der
Zeit entsteht und vergeht, konnte nicht wohl anders als durch das zeitliche
und doch die Macht der Zeit negierende Prdikat der Ewigkeit ausgesprochen
werden, ebenso wie wir das, was an sich nicht gelte und gelten knnte, an
seinem Niemalsvorkommen in aller Zeit am leichtesten erkennen wrden.
Trennbar oder getrennt von den Dingen (%chris tn ontn%), heien die
Ideeen zunchst begreiflich, weil das Bild (%eidos%) ihres Inhalts unserer
Erinnerung vorstellbar bleibt, auch nachdem in der Wirklichkeit des Seins
die Dinge verschwunden sind, durch deren Anregung es in uns entstanden war;
dann aber, weil unter jenem Inhalt nur das verstanden war, was in
allgemeiner Gestalt fabar, in verschiedenen Erscheinungen der uern
Wirklichkeit sich selbst gleich vorkommt, und deshalb unabhngig ist von
jedem einzelnen Beispiele seiner sinnlichen Verwirklichung. Aber es war
nicht die Meinung Platons, da die Ideeen nur von den Dingen unabhngig,
dagegen in ihrer Weise der Wirklichkeit abhngig sein sollten von dem
Geiste, welcher sie denkt; Wirklichkeit des Seins genieen sie freilich nur
in dem Augenblicke, in welchem sie, als Gegenstnde oder Erzeugnisse eines
eben geschehenden Vorstellens, Bestandteile dieser vernderlichen Welt des
Seins und Geschehens werden; aber wir alle sind berzeugt, in diesem
Augenblicke, in welchem wir den Inhalt einer Wahrheit denken, ihn nicht
erst geschaffen, sondern nur ihn anerkannt zu haben; auch als wir ihn nicht
dachten, galt er und wird gelten, abgetrennt von allem Seienden, von den
Dingen sowohl als von uns, und gleichviel, ob er je in der Wirklichkeit des
Seins eine erscheinende Anwendung findet oder in der Wirklichkeit des
Gedachtwerdens zum Gegenstand einer Erkenntnis wird; so denken wir alle von
der Wahrheit, sobald wir sie suchen und suchend vielleicht ihre
Unzugnglichkeit fr jede wenigstens menschliche Erkenntnis beklagen; auch
die niemals vorgestellte gilt nicht minder, als der kleine Teil von ihr,
der in unsere Gedanken eingeht. In etwas anderer Form, und gegen
Protagoras, wird die selbstndige Geltung der Ideeen hervorgehoben, wenn
sie als an sich seiend was sie sind (%auta kath' auta onta%) der
Relativitt entzogen werden, in die sie der berhmte Ausspruch dieses
Sophisten verwickeln wollte. Zugegeben selbst, da die Lehre desselben, auf
sinnliche Empfindungen beschrnkt, ihre gute Gltigkeit hat, und da Platon
sie in dieser Beziehung miverstndlich bekmpft, zugegeben also, da jede
sinnliche Empfindung fr den, der sie hat, so gut eine Wahrheit ist, wie
eine abweichende andere fr den, der diese andere hat, so wrde doch Platon
mit Recht behaupten, weder der eine noch der andere knne diese oder jene
Empfindung haben, ohne da dasjenige, was er in ihr empfindet, Rot oder
Blau, S oder Bitter, ein an sich Etwas und immer dasselbe Etwas
bedeutender Bestandteil einer Welt von Ideeen sei; sie bildet gleichsam den
bestndigen unerschpflichen Vorrat, aus dem jedem Dinge der Auenwelt
alle die noch so verschiedenen Prdikate, mit denen es sich wechselnd
bekleidet, und ebenso jedem Geist die verschiedenen Zustnde zugeteilt
werden, die er soll erfahren knnen; unmglich ist es dagegen, da ein
einzelnes Subjekt etwas empfinde oder vorstelle, dessen Inhalt nicht in
dieser allgemeinen Welt des Denkbaren seine bestimmte Stelle, seine
Verwandtschaften und Unterschiede gegen anderes ein fr allemal bese,
sondern eine zu dieser ganzen Welt beziehungslose, nirgends sonst heimische
Sonderbarkeit dieses einen Subjekts bliebe. Ist nun durch diese Ausdrcke
fr die selbstndige Gltigkeit der Ideen gesorgt, so ist auch hinlnglich
vorgebaut, da diese Gltigkeit nicht mit der Wirklichkeit des Seins
verwechselt werde, die nur einem beharrlichen Dinge zugeschrieben werden
knnte. Wenn die Ideeen in einem intelligiblen berhimmlischen Ort
(%notos, hyperouranios topos%) ihre Heimat haben sollen, wenn sie
anderseits ausdrcklich noch als nirgends wohnend bezeichnet werden, so ist
fr jeden, der die Anschauungsweise des griechischen Altertums versteht,
vollkommen hinlnglich ausgedrckt, da sie zu dem nicht gehren, was wir
reale Welt nennen; was nicht im Raume ist, das ist fr den Griechen nicht,
und wenn Platon die Ideeen in diese unrumliche Heimat verweist, so liegt
darin nicht ein Versuch, ihre bloe Geltung zu irgend einer Art von
seiender Wirklichkeit zu hypostasieren, sondern die deutliche Anstrengung,
jeden solchen Versuch von vornherein abzuwehren. Auch dies steht nicht
entgegen, da die Ideeen als Einheiten (%henades, monades%) aufgefhrt
werden; denn keine Veranlassung liegt vor, diese Bezeichnung in dem Sinne
atomistischer Vorstellungen, sei es auf krperliche Unteilbarkeit, sei es
auf eine der Persnlichkeit hnliche Selbstheit zu deuten; vielmehr dem
Sinne jeder Idee, und nicht jeder einfachen blos, sondern auch jeder
zusammengesetzten, kommt es zu, durch Vereinigung des in ihm
zusammengehrigen und durch Ausschlieung alles Fremden sich als Einheit zu
beweisen. Dennoch aber, obgleich alle diese uerungen darin
bereinstimmen, da Platon _nur_ die ewige _Gltigkeit_ der Ideeen,
_niemals_ aber ihr _Sein_ behauptete, dennoch blieb ihm auf die Frage: was
sie denn seien, zuletzt nichts brig, als sie doch wieder unter den
Allgemeinbegriff der %ousia% zu bringen, und so war dem Miverstndnis eine
Thr geffnet, das seitdem sich fortgepflanzt hat, obschon man nie
anzugeben wute, was denn das eigentlich sei, wozu Platon durch die ihm
schuld gegebene Hypostase seine Ideeen hypostasiert haben sollte.

                  *       *       *       *       *

ber das Verhltnis der Ideeenwelt zur Gottheit und die theologische
Seite des Systems,-- wenn man bei Plato von einem System reden darf--,
geben uns diejenigen Schriften Auskunft, welche in die von Schwegler
angenommene _dritte_ und letzte Periode seiner Entwicklung fallen, nmlich
in die Zeit nach seiner Heimkehr in die Vaterstadt bis zu seinem Tode; es
sind dies in erster Linie der Phdrus, Philebus, die Republik und der
Dialog von den Gesetzen. uerlich kennzeichnet diese Schluperiode seines
geistigen Schaffens sich durch das berhandnehmen der mythischen Form.

Die wichtigsten hier in Betracht kommenden Stze sind folgende: Den
Schpfer und Vater des Weltalls zu finden, ist schwer, und wenn man ihn
gefunden, mit allen darber zu sprechen, unmglich: alte heilige
berlieferungen bezeichnen ihn als den Gott der Gtter, der nach Gesetzen
regiert, als den Anfang, die Mitte und das Ende aller Dinge. In der Natur
dieses Gottes wohnt eine knigliche Seele, und in dieser ein kniglicher
Verstand, welcher die oberste Ursache alles Guten, Wahren und Schnen ist.
Alle Wesen stimmen darin berein, da dieser bewunderungswrdige Verstand
der Knig des Himmels und der Erde sei; da nicht wie die Menge whnt, eine
blind wirkende Natur und Notwendigkeit, sondern der gttliche seiner selbst
bewute Verstand, um eines guten Endzwecks willen, das Weltall geordnet
habe, und da ohne Gott diese Weltordnung ganz unmglich wre.

Wie nun ein Knstler, bevor er sein Kunstwerk sinnlich ausfhrt, sich zuvor
eine Idee desselben bildet, nach welcher er das Werk ausfhrt: so hat auch
Gott, der grte und beste aller Knstler, ehe er diese sichtbare Welt und
in ihr die einzelnen Dinge gebildet, zuvor die Ideeen derselben konzipiert,
und diese gttlichen Ideeen und geistigen Vorbilder sind das der
Erscheinungswelt vorangehende, wahre, ewige, allein reale Wesen der Dinge;
die einzelnen sogenannten wirklichen Dinge, die wir durch die Sinne
wahrnehmen, sind nur Abbilder, vorbergehende vergngliche Erscheinungen
jener gttlichen Ideeen. Es giebt also zwei Welten, eine gttliche
Ideeenwelt, die Welt der ewigen substanziellen Gedanken Gottes, und eine
irdische Erscheinungswelt, die Welt der wandelbaren Formen; die Welt des
ewig Seienden und ewig sich Gleichbleibenden, und die Welt des zeitlichen
Werdens, des Entstehenden und Vergehenden, der Zeugung und des Todes. Die
erscheinenden Dinge in dieser Welt sind nur die Wirkungen der wahren
Existenzen in jener Welt; jedes Ding hat seine Idee in Gott, diese
gttlichen Ideeen sind das Original, die irdischen Phnomene die Kopieen.
In der Ideeenwelt aber ist die oberste nur mit Mhe erkennbare Ursache
alles Wahren und Schnen die Idee des Guten, der Urheber des Guten aber ist
Gott, der sich selbst immerdar gleich und mit sich identisch ist, und der
allein auch vollkommenste Erkenntnis besitzt.

Wre dieser Gott neidisch, so htte er sich an sich selbst gengen lassen
und nichts auer sich ins Leben gerufen; da er aber nicht neidisch, sondern
neidlos gtig ist, so hat er auch das Nichtsein an dem Reichtum seines
Seins teilnehmen, und das Einzelne, Unvollkommene um der Vollkommenheit und
Glckseligkeit des Ganzen willen entstehen lassen: er hat gleichsam wie ein
reicher Mann ein armes Mdchen, das Nichtseiende sich zur Braut erwhlt und
mit ihr, aus Liebe, die Welt erzeugt. Die Unvollkommenheit aller irdischen
Dinge hat daher ihren Grund darin, da in ihnen zwar etwas Gttliches,
Ewiges, Wirkliches, aber auch etwas Ungttliches, Vergngliches, Nichtiges;
da in ihnen Sein und Nichtsein, Freiheit und Notwendigkeit gemischt ist.
Das Nichtsein, aus dem die Dinge hervorgerufen sind, klebt ihnen noch an,
ja es ist ganz unmglich, da sie absolut vollkommen seien; denn nur Gott
ist dieses, nichts geschaffenes. Man mu demnach zwei Arten von Ursachen
unterscheiden, eine naturnotwendige, leibliche, und eine gttliche,
seelische: die gttliche mu man in allen Dingen aufsuchen, um, so viel die
menschliche Natur es zult, ein glckseliges Leben zu erlangen; die
naturnotwendige aber nur um jener willen. Die gttliche ist die eigentliche
Ursache, die naturnotwendige die Hilfsursache zur irdischen Geburt. Die
stofflichen Entstehungsgrnde oder Urelemente der Dinge, des Menschen wie
aller brigen Wesen, lassen eine logische Erklrung nicht zu, es ist
unmglich, diese Urstoffe durch Worte zu definieren, sie sind ihrer Natur
nach unerklrlich, unsere Sprache hat fr sie kein adquates Wort.

Der Mensch nun, das am meisten zur Gottesverehrung befhigte unter allen
Geschpfen, ist ursprnglich nicht eine irdische, sondern eine himmlische
Pflanze; unter allen Besitztmern, die er hat, ist nchst den Gttern seine
Seele sein wertvollstes gttlichstes Eigentum, ja das eigentliche Wesen des
Menschen: ihre Ausbildung ist daher Menschen und Gttern das teuerste: denn
ihr allein kommt, wie die Priester und alte gttliche Dichter lehren,
wahres unsterbliches Sein zu: sie gehrt zu den ersten Existenzen, und ist
lter und frher als alle Krper, und hat vor ihrem gegenwrtigen Leben in
einer hheren Region gelebt und die Wahrheit geschaut: so da, da die ganze
Natur unter sich verwandt ist, was sie in dem irdischen Leben lernt,
eigentlich nur eine Wiedererinnerung dessen ist, was sie in einem
vorirdischen Leben schon einmal gewut hat. In der Seele aber, als die
oberste Seelenkraft wohnt der reine denkende Geist, der, wie er vom Himmel
in den Menschen herabgekommen ist, den Menschen auch wieder von der Erde in
den Himmel emporhebt, als der einem jeden von Gott geschenkte Schutzgeist.
Dieser spezifisch geistige Teil der menschlichen Seele, der gttliche Geist
in uns, lt sich nicht gengen an dem Einzelnen, Vielen, Vernderlichen,
Sinnlichen, sondern fhlt sich erst dann befriedigt und gesttigt, wenn er
vorgedrungen ist bis zu dem Urgrunde, der ewigen Wesenheit der Dinge und
der ewigen Wahrheit, welchen beiden er selbst verwandt und homogen ist.
Liebe zu dem ewig Seienden, zu der ewigen Weisheit, und zu der ewigen
Wahrheit, sind dem Menschen von Natur eingeboren: sein denkender Geist
strebt ebenso natrlich nach Erkenntnis der Wahrheit, wie das sonnenartige
Auge des Menschen nach Licht; und wie diesem die Finsternis, so ist jenem
die Unwissenheit zuwider. Die echt philosophischen Naturen haben darum ihr
Denken nicht auf die Welt des Werdens, sondern auf das ewig und
unvernderlich Seiende gerichtet: sie sind vor allem bestrebt die ewige
Wesenheit der Dinge zu erkennen, die obersten Ursachen in der gttlichen
Ideenwelt; nicht dasjenige, was zwischen Entstehen und Vergehen hin und her
schwankt, die vorbergehende Erscheinungswelt.

Dieses ist das ursprngliche Verhltnis der menschlichen Seele und in
dieser des menschlichen Geistes zu Gott und dem Weltall. Ursprnglich, in
Kraft und Fortwirkung ihres gttlichen Ursprungs, sind die Menschen viel
wahrhaftiger, groherziger, vollkommener gewesen als spter, wo der Anteil
Gottes in ihnen, durch die fortgesetzte Vermischung mit der sterblichen
Natur, immer schwcher geworden, und der menschliche Charakter immer
strker hervorgetreten ist. So kommt es, da jetzt allerdings, wie der
Meerdmon Glaukos von dem Seewasser angefressen und durch das Seetang und
Muschelwerk, was sich ihm angesetzt, fast unkenntlich geworden ist, auch
die menschliche Seele in dem gegenwrtigen Leben, in dem Meer der
Todeswelt, durch vielfache bel ihre ursprngliche Reinheit und Schnheit
fast ganz verloren hat, und wenn sie diese wiedergewinnen will, zuerst aus
dem Meere, in welchem sie versunken ist, sich erheben und alles ihr
fremdartige Anhngsel abwerfen mu. Reinigung der Seele von den
Leidenschaften, Loslsung von den Banden des Leibes und allem Irdischen,
ist darum die notwendige Vorbedingung jedes echten Philosophierens. Denn
nur mit reiner Seele knnen wir das Reine, Wahre, Ewige berhren, nur dann
mit der Seele selbst das wahre ewige Wesen der Dinge schauen und erkennen.
Wer darum wahrhaft philosophisch gesinnt, und wirklich in Freiheit und Mue
auferzogen ist, der trachtet so schnell als mglich aus dem Irdischen in
das berirdische sich zu flchten. Diese Flucht bringt ihn dann zur
mglichst grten Verhnlichung mit Gott, diese Verhnlichung aber besteht
darin, da er mit Wissen und Willen gerecht und fromm ist. Dieses zu
erkennen ist die wahre Weisheit und Tugend; darin unwissend zu sein,
offenbarer Unverstand und Schlechtigkeit.

                  *       *       *       *       *

Hier freilich drfte am meisten die Lehre Platos von der _Unsterblichkeit
der Seele_ interessieren. Als Quellen kommen dafr hauptschlich die
Dialoge _Phaedon_, _der Staat_, _Phaedrus_, _Timaeus_ und das
_Gastmahl_ in Betracht.

Im _Phaedon_ lt er Sokrates in dem unmittelbar vor seinem Tode gefhrten
letzten Gesprch davon ausgehen, da der Tod der Gegensatz des Lebens sei.
Der Tod ist eben die Trennung der Seele vom Krper, und da der Krper nur
die Wahrnehmungen trbt, ein _ersehnenswertes_ Ziel. Der Weise hofft durch
den Tod mit den Gttern und mit den dahingegangenen guten Menschen
vereinigt zu werden. Erst nach der Trennung vom Krper wird die Seele,
losgelst von allem Sinnlichen, die Wahrheit erkennen. In den eleusinischen
Mysterien werde bildlich angedeutet, da, wer uneingeweiht und ungeheiligt
in den Hades kommt, im Schlamm liegen, der Gereinigte und Geheiligte aber,
wenn er dorthin kommt, mit den Gttern wohnen wird.

Nach altem Glauben kommen die Seelen von hier in den Hades, _kehren aber
vom Hades wieder hierher zurck_.

Da alles aus Gegenstzen entsteht, der Gegensatz des Lebens aber der Tod
ist, so mssen die Seelen auch im Tode irgendwo sein, von wo aus sie wieder
zum Leben erwachen.

Wre dem nicht so, so wrde eben entweder das Lebendigsein oder das
Todtsein ausschlielich bestehen.

Ferner, da das Lernen nur Rckerinnerung ist, eine Voraussetzung, die Plato
mehrfach durch Vorfhrung empirischer Beispiele der sokratischen Dialektik
zu beweisen versucht, so mu die Seele, bevor sie in diesen Leib kam,
irgendwo bestanden und das, dessen sie sich jetzt im Lernen wieder
erinnert, gewut haben.

Auf den Einwurf eines Teilnehmers am Gesprch, ob denn die Seele nicht im
Tode sich auflsen knne, erwidert Sokrates, die Seele sei nichts
Zusammengesetztes, sie sei eine der selbstndigen, sich immer
gleichbleibenden Ideeen und sei wegen ihrer angeborenen Herrschaft ber den
Krper dem Gttlichen gleich. Auch gehe ja nicht einmal das Krperliche im
Tode zu Grunde, lse sich vielmehr nur in seine unteilbaren Bestandteile
auf. Warum sollte die an sich unteilbare Seele zu Grunde gehen?

brigens gelangt nur die gereinigte Seele wieder ins Gttliche zurck, die
nicht gereinigte wird auf's neue in das irdische Gebiet des Sichtbaren
herabgezogen und hat zu ihrer Luterung nur Wandlungen zu bestehen; ja sie
kann zu diesem Ende in Tierleiber bergehen und zwar wahrscheinlich
jedesmal in solche, die ihren im Vorleben ausgebildeten Neigungen am
meisten angepat sind, z.B. knnen Schlemmer als Schweine, Ungerechte und
Ruber als Wlfe sich metensomatisieren.

Heftige Begierden und Leidenschaften lenken auch die Seele auf begehrliche
und leidenschaftliche Gedanken, und solche Gedanken nageln die Seele
gleichsam an den als Werkzeug dafr geeigneten Krper an.

Nur der von allen Sinneseindrcken Losgelste kann in die Gattung der
Gtter kommen.

Auch das _sittliche_ Gefhl streite fr die Fortdauer der Seele nach dem
Tode, deren Vernichtung ja nur fr den Schlechten ein Gewinn sein wrde.

In mythischer Einkleidung schildert Sokrates den Hades mit topographischer
Genauigkeit: Die vom Krper getrennten Seelen werden, nachdem sie ihr
Urteil vom Totenrichter empfangen, von Dmonen, die besseren von Gttern
selbst in ihre neuen Wohnsitze geleitet, welche sich je nach ihrem Vorleben
verschieden gestalten; die ganz Schlechten werden sogleich in den Tartarus
geschleudert, die Reuigen irren lange umher und werden in bestimmten
Zeitlufen in die Nhe der von ihnen gekrnkten gefhrt, so da sie
dieselben um Verzeihung anflehen knnen; wird ihnen diese jetzt oder nach
wiederholtem Irrgang zu teil, so kommen sie an bessere Wohnorte. Solche,
die zwar strflich gelebt, aber doch Gutes aufzuweisen haben, wandern,
nachdem sie endlich gereinigt worden sind, zu neuem Lebenslauf auf die
Erde.

Nur, wer philosophisch gedacht und gelebt, kann in die reinen Sphren,
abgeklrt von allem Irdischen, gelangen. Zu solchem reinen philosophischen
Denken und Leben, zum Verzichten auf alles, was auch nur teilweise davon
ablenken knnte, mahnt Sokrates seine Schler und schliet mit den Worten:
schn ist der Kampfpreis und gro die Hoffnung.

                  *       *       *       *       *

In dem Dialog _ber den Staat_ ist der Gedankengang der
Unsterblichkeits-Spekulation folgender: Wenn etwas zu Grunde geht, so kann
dies nur durch das ihm innewohnende Schlechte geschehen; aber das der Seele
innewohnende Schlechte vernichtet ja dieselbe nicht, wie solches beim Leibe
der Fall sein kann. Der Zerstrende und Verderbende ist das Schlechte, der
Bewahrende und Nutzbringende aber das Gute; eines schliet das andere aus.
Finden wir nun etwas, das durch das Schlechte zwar geschdigt, aber nicht
vernichtet werden kann, so mssen wir das wohl fr unzerstrbar halten.
_Ein solches nun ist offenbar die Seele._ Die Seele wird durch
Ungerechtigkeit und andere Schlechtigkeit allerdings gefhrdet, aber zu
einer Auflsung derselben, wie dies beim Krper durch ihre betreffenden
bel geschehe, kommt es darum bei der Seele nicht.(?) berhaupt giebt es
fr jedes Ding nur _ein_ eigentmlich Zerstrendes; so kann das Fieber nur
den Krper schdigen und zerstren, nicht aber die Seele. Nun aber (ein
Beweis wird nicht einmal versucht), meint Plato, kann die Seele weder durch
eigenes noch durch fremdes Schlechte zu Grunde gerichtet werden, ist
demnach ein immerwhrendes, ein Unsterbliches.

Man sieht, wie auch hier die Beweisfhrung ebenso wie im Phdon nur in
einer sich im Kreise drehenden Beteuerung des Dogmas besteht.

Das Unsterbliche ist aber nach Plato dem Gttlichen verwandt und kann in
seiner Reinheit nur dann betrachtet werden, wenn es von allen Schlacken
vollstndig befreit ist, d.h. nach der Loslsung vom Leibe. Doch schon in
diesem Leben wird das Streben nach Gerechtigkeit von den Gttern gesehen,
denen dasselbe ja nur angenehm sein kann; sie sorgen dafr, da denen, die
nach Gerechtigkeit streben, alles, _wenn nicht hier_,-- denn hier
triumphiert oft das Ungerechte,-- so doch _nach dem Tode zum Guten
ausschlagen wird_. Auch diese Deduktion schliet mit einem vom Darsteller
selber als Gesicht eines Scheintoten bezeichneten Bericht ber das
Jenseits.

Ich werde Dir, sagt Sokrates, keine Erzhlung eines Alkinoos mitteilen,
sondern die eines wackeren Mannes, des _Er_, des Sohnes des Armenios, eines
Pamphyliers, der einst im Kriege geblieben war und, als am zehnten Tage die
Toten, die bereits verwest waren, aufgehoben wurden, wohlerhalten
aufgehoben ward, dann nach Hause geschafft, um bestattet zu werden, am
zwlften auf dem Scheiterhaufen wieder auflebte und nach seinem
Wiederaufleben erzhlte, was er dort gesehen.

Er sagte aber, er sei, nachdem seine Seele ihn verlassen, mit vielen
gewandelt und sie seien an einen wunderbaren Ort gekommen, wo in der Erde
zwei aneinander grenzende ffnungen gewesen und ebenso am Himmel oben zwei
andere gegenber; Richter aber htten zwischen diesen gesessen, welche, je
nachdem sie ihren Urteilsspruch gethan, den Gerechten befohlen htten, den
Weg nach rechts und nach oben durch den Himmel einzuschlagen, wobei sie
ihnen vorn Zeichen der beurteilten Thaten angeheftet, den Ungerechten
dagegen den nach links und nach unten, ebenfalls mit Zeichen hinten von
Allem, was sie gethan. Als er aber herangetreten sei, htten sie gesagt, er
msse den Menschen die dortigen Dinge verknden, und sie forderten ihn auf
alles an diesem Orte zu hren und zu beschauen. Er habe nun daselbst
gesehen, wie durch jede von beiden ffnungen im Himmel und der Erde die
Seelen fortgingen, nachdem ihnen das Urteil gesprochen, bei den anderen
aber sie aus der einen hervorkamen aus der Erde voll Schmutz und Staub, aus
der anderen aber andere rein herabstiegen aus dem Himmel. Und die jedesmal
ankommenden htten wie von einer langen Reise herzukommen geschienen, wren
vergngt nach der Wiese abgegangen, htten sich da wie bei einer
Festversammlung gelagert, die sich gekannt einander begrt, die aus der
Erde kommenden sich bei den anderen nach den dortigen Verhltnissen und die
aus dem Himmel kommenden nach denen bei jenen erkundigt. Da htten sie sich
nun einander erzhlt, die einen unter Jammern und Thrnen, indem sie sich
erinnerten, wie Vieles und Welcherlei sie gelitten und gesehen bei ihrer
Wanderung unter der Erde -- die Wanderung sei aber eine tausendjhrige --
die aus dem Himmel dagegen htten von herrlichen Genssen erzhlt und von
Anblicken von unbeschreiblicher Schnheit.

Das Meiste nun davon zu erzhlen, o Glaukon, wrde zuviel Zeit erfordern,
die _Hauptsache aber, sagte er, sei dieses, da jeder fr alles Unrecht,
was er jemals und gegen wen immer verbt, der Reihe nach Strafe erlitten
habe, fr jedes zehnfach_ -- das aber finde statt allemal nach einem
Zeitraum von hundert Jahren, weil dieses die Dauer des menschlichen Lebens
sei, -- damit sie so zehnfach die Bue fr das Unrecht entrichteten, zum
Beispiel, wenn manche am Tode Vieler Schuld waren, indem sie entweder
Stdte oder Kriegsheere verrieten und in Knechtschaft gestrzt hatten, oder
sonst an einem Elend mitschuldig waren, sie von allen diesen zehnfache
Pein fr jedes erduldeten, und wiederum, wenn sie irgend Wohlthaten
erwiesen hatten und gerecht und fromm gewesen waren, nach demselben
Mastabe den verdienten Lohn erhielten. Von denen aber, die gleich nach
ihrer Geburt starben und nur kurze Zeit lebten, erzhlte er anderes, was
nicht der Erwhnung wert ist. Fr Ruchlosigkeit dagegen und Ehrfurcht gegen
Gtter und Eltern und fr eigenhndigen Mord (Selbstmord?) erwhnte er noch
grere Vergeltungen. Er sagte nmlich, er sei zugegen gewesen, wie einer
von einem anderen gefragt wurde, wo Ardios der Groe wre. Dieser Ardios
aber wre in irgend einer Stadt Pamphyliens Gewaltherrscher gewesen,
tausend Jahre vor jener Zeit, und hatte seinen greisen Vater und lteren
Bruder gettet und noch vielen anderen Frevel verbt, wie man sagte. Der
Gefragte nun, erzhlte er, habe gesagt: Er ist nicht gekommen und wird auch
nicht hierher kommen.

Wir sahen nmlich unter den schrecklichen Schauspielen ja auch dieses mit
an: Als wir nahe an der Mndung und im Begriff waren emporzusteigen und das
andere alles berstanden hatten, erblickten wir pltzlich jene und andere,
von denen fast die Meisten Gewaltherrscher waren; es gab aber auch einige
Privatleute darunter aus der Zahl derer, die groe Frevel begangen hatten;
und als diese meinten, da sie eben emporsteigen knnten, nahm sie die
Mndung nicht auf, sondern brllte laut auf, so oft einer von den in Bezug
auf Schlechtigkeit Unverbesserlichen oder, der nicht hinreichend Strafe
erlitten, Anstalt machte emporzusteigen. Da waren nun, fuhr er fort, wilde,
feurig aussehende Mnner bei der Hand, welche, als sie den Ton vernahmen,
die einen ergriffen und wegfhrten, dem Ardios aber und anderen banden sie
Hnde, Fe und Kopf zusammen, warfen sie nieder, schunden sie, schleiften
sie seitwrts vom Wege und zerfleischten sie auf Dornen, wobei sie jedesmal
Vorbergehenden anzeigten, weswegen sie abgefhrt wrden und wohin sie
sollten geworfen werden. Hier nun, erzhlte er weiter, sei unter vielen und
mannigfachen ngsten, die sie gehabt, diese berwiegend gewesen, es mchte
fr jeden, wenn er hinaufsteigen wollte, jener Ton sich vernehmen lassen,
und hchst vergngt sei ein jeder, wenn er nicht vernommen worden,
hinaufgestiegen. Und die Strafen und die Zchtigungen seien irgend
derartige, und diesen wieder entsprechend die Belohnungen.

Nachdem aber denen auf der Wiese jedem sieben Tage verstrichen, mten sie
am achten von dort aufbrechen und weiter wandern, und sie kmen am vierten
Tage dahin, von wo man von oben ein durch den ganzen Himmel und die Erde
gespanntes gerades Licht erblicke, wie eine Sule, am meisten dem
Regenbogen vergleichbar, aber glnzender und reiner; und zu diesem seien
sie gekommen, nachdem sie eine Tagereise weiter gegangen, und htten dort
gesehen, wie nach der Mitte des Lichtes hin vom Himmel her die Enden seiner
(des Himmels) Bnder gespannt seien; denn es sei dieses Licht das Band des
Himmels, welches ebenso, wie die Gurte der Dreirudrer, den ganzen Umkreis
zusammenhalte; an die beiden Enden aber sei die Spindel der Notwendigkeit
gespannt, vermittelst welcher alle Umdrehungen geschehen, und an dieser sei
die Stange und der Hacken von Stahl, der Wirtel[614] aber gemischt aus
dieser und anderen Arten. Die Beschaffenheit aber des Wirtels sei folgende:
an Gestalt dieselbe, wie bei uns hier; nach dem aber, was er sagte, mu man
sich ihn so vorstellen, als wenn in einem groen, hohlen und durch und
durch ausgemeielten Wirtel ein anderer eben solcher kleinerer eingepat
wre, geradeso wie die Gefe, welche ineinander passen, und ebenso ein
anderer dritter, vierter und noch vier andere. Denn acht Wirtel seien es im
ganzen, die ineinander liegen, ihre Rnder von oben als Kreise zeigen uns
einen zusammenhngenden Rcken eines einzigen Wirtels um die Stange
herumbilden; diese aber sei mitten durch den achten hindurchgetrieben. Der
erste und uerste Wirtel nun habe den breitesten Kreis des Randes, der
sechste den zweiten, den dritten der vierte, den vierten der achte, den
fnften der siebente, den sechsten der fnfte, den siebenten der dritte,
den achten der zweite. Und der des grten sei bunt, der des siebenten der
glnzendste, der des achten habe seine Farbe von der Beleuchtung des
siebenten, der des zweiten und fnften seien einander hnlich, gelblicher
als jene, der dritte habe die weieste Farbe, der vierte sei rtlich, der
zweite an Weie der sechste. Es bewege sich aber nun bei ihrer Drehung die
Spindel ganz in ein und derselben Richtung im Kreise, bei dem Umschwunge
des Ganzen aber drehen sich die sieben inneren Kreise in einer dem Ganzen
entgegengesetzten Richtung ruhig herum, und von diesen selbst gehe am
schnellsten der achte, dann folgten und zugleich miteinander der siebente,
sechste und fnfte, als der dritte seinem Schwunge nach kreise, wie ihnen
geschienen, der vierte, als vierter der dritte und als fnfter der zweite.
_Sie selbst (die Spindel) aber drehe sich in dem Schoe der Notwendigkeit._

_Auf den Kreisen derselben ferner stehe oben auf jedem eine Sirene, welche
sich mit herumdrehe, Eine Stimme, Einen Ton von sich gebend, und aus allen,
die acht seien, stimme zusammen eine Harmonie._[615] Drei andere aber sen
da ringsum in gleicher Entfernung voneinander, jede auf einem Throne,
nmlich die Tchter der Notwendigkeit, die Mren, in weien Gewndern und
mit Krnzen auf dem Haupte, Lachesis, Klotho und Atropos, und sngen zur
Harmonie der Sirenen, Lachesis das Vergangene, Klotho das Gegenwrtige,
Atropos das Zuknftige. Klotho nun greife von Zeit zu Zeit mit der rechten
Hand zu und drehe den ueren Umschwung der Spindel mit herum, Atropos aber
wiederum mit der linken in gleicher Weise die inneren Umlufe, und Lachesis
fasse abwechselnd jeden von beiden mit jeder der beiden Hnde.

Nachdem sie nun angekommen, htten sie sogleich zur Lachesis gehen mssen.
Da habe sie ein Dolmetscher zuerst in Ordnung auseinander gestellt, dann
aus der Lachesis Schoe Lose und Muster von Lebensweisen genommen, sei
damit auf eine hohe Bhne gestiegen und habe gesagt: 'Dies ist die Rede der
Tochter der Notwendigkeit, der Jungfrau Lachesis: Ihr Eintagsseelen, es
beginnt ein anderer todtbringender Umlauf des sterblichen Geschlechts.
Nicht euch wird ein Dmon sich erlesen, sondern ihr werdet Euch einen Dmon
whlen. Wen aber zuerst das Los getroffen hat, der whle sich zuerst eine
Lebensweise, mit der er aus Notwendigkeit verbunden sein wird. Die Tugend
aber ist herrenlos, und je nachdem sie ein Jeglicher ehrt oder
geringschtzt, wird er mehr oder weniger von ihr haben. Die Schuld trifft
den Whler, Gott ist schuldlos.' -- Nach diesen Worten habe er nach allen
hin die Lose geworfen und jeder habe das neben ihn gefallene aufgehoben,
nur er nicht; ihm habe es jener nicht gestattet; wer aber es aufgehoben,
dem sei es klar gewesen, die wievielste Stelle er getroffen. Hierauf habe
er wiederum die Muster der Lebensweisen vor ihnen auf die Erde hingelegt,
die an Zahl die Anwesenden berstiegen, und zwar von allen Arten, nmlich
Lebensweisen von allen Tieren, ja auch die menschlichen insgesamt. Denn
Gewaltherrschaften seien darunter gewesen, teils lebenslngliche, teils
auch mitten inne zu Grunde gehende und in Armut, Verbannung und
Bettelhaftigkeit endende; ebenso auch angesehener Mnner Lebensweisen,
teils wegen ihres uern in Bezug auf Schnheit und auerdem auf
Krperkraft und Kampftchtigkeit, teils wegen ihrer Abstammung und ihrer
Vorfahren Tugenden, desgleichen Lebensweisen unangesehener Mnner in
derselben Beziehung, und in gleicher Weise auch von Frauen; eine
Rangordnung der Seele aber habe dabei nicht stattgefunden, weil notwendig
die, welche eine andere Lebensweise whlt, eine andere Beschaffenheit
erhlt; das Andere aber teils miteinander sowohl als mit Reichtum und
Armut, teils mit Krankheit, teils mit Gesundheit gemischt, noch Anderes
aber liege auch in der Mitte zwischen diesen.

Hier nun, wie es scheint, lieber Glaukon, liegt die ganze Gefahr fr einen
Menschen, und deswegen ist zumeist dafr Sorge zu tragen, da jeder von uns
mit Hintansetzung der anderen Kenntnisse diese Kenntnisse sowohl suche als
lerne, ob er nmlich irgendwoher zu lernen und ausfindig zu machen imstande
ist, wer ihn fhig und kundig machen knne, eine gute und schlechte
Lebensweise zu unterscheiden und so nach Mglichkeit stets berall die
bessere zu whlen, indem er erwgt, wie sich alles jetzt eben Gesagte
sowohl miteinander zusammengestellt als getrennt in Bezug auf Trefflichkeit
einer Lebensweise verhlt, und zu wissen, was Schnheit mit Armut oder
Reichtum vermischt und bei welcher Seelenbeschaffenheit sie Bses oder
Gutes bewirkt, und was edle und unedle Abkunft, Zurckgezogenheit und
Staatsmter, krperliche Kraft und Schwche, Gelehrigkeit und
Ungelehrigkeit und alles Derartige von dem, was von Natur der Seele
anhaftet und dazu erworben ist, durch gegenseitige Vermischung bewirkt, so
da er aus diesem Allen einen Schlu ziehend in Hinblick auf die Natur der
Seele imstande ist, die schlechtere und die bessere Lebensweise zu whlen,
schlechter diejenige nennend, welche sie (die Seele) dahin fhren wird, da
sie ungerechter, besser aber diejenige, welche dahin, da sie gerechter
wird; alles brige aber wird er unbeachtet lassen. Denn wir haben gesehen,
da dieses sowohl fr das Leben als nach dem Tode die beste Wahl ist.
Unerschtterlich fest also an dieser Meinung mu er hngen und so in den
Hades gehen, damit er sich auch dort nicht von Reichtum und derartigen
beln aus der Fassung bringen lasse und nicht in Gewaltherrschaften und
andere dergleichen Geschfte geratend viel unheilbares bel anrichte,
selbst aber noch greres erdulde, sondern immer die zwischen solchen in
der Mitte stehende Lebensweise zu whlen verstehe und das berma nach
beiden Seiten hin zu meiden sowohl in diesem Leben hier nach Mglichkeit,
als auch in jenem knftigen; denn so wird der Mensch am glcklichsten.

Und so berichtete er denn auch damals als Bote von dorther, da der
Dolmetscher also gesprochen habe: Auch dem zuletzt Herantretenden, wenn er
mit Verstand gewhlt hat, mit Anstrengung sein Leben fhrt, liegt eine
annehmbare Lebensweise bereit, keine schlechte. Weder der zuerst Whlende
sei sorglos, noch wer zuletzt, mutlos. Als jener dies gesprochen, erzhlte
er weiter, sei der, welcher zuerst gelost, herangetreten und habe sich die
grte Gewaltherrschaft gewhlt, und zwar habe er aus Unverstand und
Gierigkeit nicht alles gehrig erwgend die Wahl getroffen, sondern es sei
ihm entgangen, da das Verzehren seiner eigenen Kinder und anderes Unheil
als Geschick damit verbunden sei; nachdem er es in Mue betrachtet, habe er
sich vor die Brust geschlagen und seine Wahl bejammert, da er dem nicht
treu geblieben, was der Dolmetscher vorher verkndet hatte; denn nicht sich
habe er die Schuld des Unheils beigelegt, sondern dem Schicksal, den
Dmonen und allem eher, als sich selbst. Er sei aber einer von denen
gewesen, die aus dem Himmel gekommen, der in einer geordneten Verfassung
sein frheres Leben zugebracht und nur durch Gewhnung ohne Weisheitsliebe
der Tugend teilhaftig gewesen. Es lieferten aber, knne man sagen, die aus
dem Himmel Gekommenen beinahe nicht die geringere Zahl derer, die von
solchem befangen wren, da sie keine Erfahrung in Mhseligkeiten htten;
die meisten dagegen von den aus der Erde Gekommenen trfen, inwiefern sie
sowohl selbst Mhseligkeiten berstanden, als auch andere darin gesehen,
ihre Wahlen nicht so auf den ersten Anlauf. Daher erfhren denn auch die
meisten Seelen einen Wechsel zwischen Bsem und Gutem, und auch durch den
Zufall des Loses; denn wenn jemand stets, so oft er in das Leben hier
trte, sich auf vernnftige Weise der Weisheitsliebe befleiigte und ihn
das Los zur Wahl nur nicht unter den letzten trfe, so scheint es nach dem,
was von dorther berichtet wurde, da er nicht nur hier glcklich sein,
sondern auch die Wanderung von hier nach dort und wieder zurck nicht auf
unterirdischem und rauhem Pfade, sondern auf glattem und himmlischem
stattfinden wrde. Dieses Schauspiel nmlich, erzhlte er, sei sehenswert
gewesen, wie die einzelnen Seelen sich ihre Lebensweisen gewhlt htten;
denn es sei klglich, lcherlich und wunderlich anzusehen gewesen. Denn sie
htten nach der Gewohnheit ihres frheren Lebens meistenteils die Wahl
getroffen. So habe er gesehen, wie die Seele, welche einst die des Orpheus
gewesen, sich das Leben eines Schwanes whlte, indem sie aus Ha gegen das
weibliche Geschlecht[616] wegen des durch diese erlittenen Todes nicht habe
von einem Weibe erzeugt geboren werden wollen; ferner habe er die Seele des
Thamyras[617] das Leben einer Nachtigall whlen sehen; er habe aber auch
gesehen, wie ein Schwan zur Wahl eines menschlichen Lebens berging, und
andere musikliebende Tiere ebenso. Eine Seele aber, welcher das Los an
zwanzigster Stelle fiel, habe sich das Leben eines Lwen gewhlt, und das
sei die des telamonischen Ajas gewesen, welche eingedenk des Urteilspruches
ber die Waffen vermied, ein Mensch zu werden. Nchst diesem sei die Seele
des Agamemnon gekommen, und auch diese habe aus Feindschaft gegen das
menschliche Geschlecht wegen des Erlittenen das Leben eines Adlers gelost.
Inmitten aber habe die Seele der Atalante gelost, und da sie groe
Ehrenbezeugungen eines Wettkmpfers gesehen, habe sie nicht vorbergehen
knnen, sondern zugegriffen. Nach dieser habe er die des Epiros, des Sohnes
des Panopeus, in die Natur einer kunstreichen Frau sich begeben, weit unter
den letzten aber die des Possenreiers Thersites in einen Affen einkehren
sehen. Aus Zufall aber sei die des Odysseus beim Losen unter allen die
letzte gewesen und so an die Wahl gegangen, in Erinnerung an die frheren
Mhen des Ehrgeizes ledig sei sie lange Zeit herumgegangen, um das Leben
eines Privatmannes, der sich von ffentlichen Geschften zurckgezogen, zu
suchen, habe es mit Mhe irgendwo liegend und von anderen vernachlssigt
gefunden und bei dessen Anblick gesagt, sie wrde ebenso gehandelt haben,
auch wenn sie das erste Los bekommen htte, und es vergngt gewhlt.

Auerdem seien nun auch aus den Tieren in gleicher Weise welche in Menschen
und eine andere Art in die andern bergegangen, die ungerechten in die
wilden und die gerechten in die zahmen, und so seien Mischungen aller Art
vorgekommen.

_Nachdem nun aber alle Seelen ihre Lebensweisen gewhlt, seien sie in der
Ordnung, wie sie gelost, zur Lachesis hinzugetreten; diese aber habe einem
jeden den Dmon, den er sich gewhlt, zum Hter seines Lebens und zum
Vollstrecker des Gewhlten mitgegeben._ Dieser nun habe sie zuerst zur
Klotho unter die Hand derselben und unter die Herumdrehung des Wirbels der
Spindel gefhrt, um das Geschick, welches sie nach dem Lose sich gewhlt,
zu befestigen, und nachdem er diese berhrt, habe er sie wieder zur
Spinnerei der Atropos gefhrt, um das Zugesponnene unabnderlich zu machen.

Von da aber sei er nun ohne sich umzudrehen unter den Thron der
_Notwendigkeit_ gegangen, und als er durch diesen hindurchgegangen und auch
die anderen durch gewesen, _seien sie dann smtlich auf das Feld der
Vergessenheit_ durch furchtbare Hitze und Stickluft gewandert; denn es sei
dasselbe leer von Bumen und Allem, was die Erde erzeugt. Sie htten sich
also, da es schon Abend geworden, am Flusse[618] sorgenlos gelagert,
dessen Wasser kein Gef halten knne. Ein gewisses Ma nun von diesem
Wasser sei fr alle ntig gewesen; die sich aber durch berlegung nicht
bewahrt, htten ber das Ma getrunken; _sobald aber einer davon getrunken,
habe er alles vergessen_.

Nachdem sie sich aber zur Ruhe begeben und es Mitternacht geworden, sei
Donner und Erdbeben entstanden, und pltzlich seien sie von dannen
flimmernd, wie Sterne, der eine dahin, der andere dorthin, hinaufgefahren
zu ihrer Geburt. Er selbst aber sei zwar verhindert worden, von dem Wasser
zu trinken; wie und auf welche Weise jedoch er wieder in seinen Krper
gekommen, wisse er nicht, sondern pltzlich die Augen aufschlagend habe er
sich des morgens auf dem Scheiterhaufen liegen gesehen.

                  *       *       *       *       *

Ich habe mir nicht versagen knnen, diese ganze, in ihrer poetischen
Anschaulichkeit an Dante's gttliche Komdie erinnernde Stelle den Lesern
in wrtlicher bersetzung mitzuteilen, einmal weil sie das beste Beispiel
der mythischen Darstellungsform ist, in die Plato, der grte Dichter unter
den Denkern, seine esoterische Philosophie einzukleiden liebt; sodann weil
dieser Mythos gerade die bedeutendsten Probleme der Transcendental-
Philosophie beantworten will, so insbesondere das Problem der Freiheit des
Willens und seiner Vereinbarkeit mit der empirischen Notwendigkeit alles
Geschehens.

Wir sehen hier Plato als Vorgnger Kants und Schopenhauers, er will die
Antinomie der Notwendigkeit alles empirischen Geschehens einerseits und der
Wahlfreiheit und Verantwortlichkeit andererseits dadurch lsen, da er
letztere in das transcendente Sein verlegte. Bekanntlich leugnen sowohl
Kant wie Schopenhauer auf Grund des Causalittsgesetzes die Freiheit des
menschlichen Willens in empirischer Beziehung; jede Handlung ist durch die
beiden Faktoren, Charakter und Motiv, schlechthin bestimmt. Das Thun folgt
ganz und gar aus dem Sein -- +operari sequitur esse+--, der Charakter
aber ist empirisch, -- denn er wird erst an seinen Frchten, den Thaten,
langsam im Verlauf des Lebens erkannt--, er ist konstant--, denn es
ndert sich wohl mit der Erziehung der Vorrat mglicher Motive, d.h. die
Erkenntnis, nicht aber der Charakter selbst, -- er ist endlich _angeboren_;
denn die Verschiedenheit des Handelns zweier Menschen von gleicher
Erziehung, Bildung u.s.w. ist nur durch einen essentiellen Unterschied
ihres Charakters erklrbar.

Um nun aber das dennoch vorhandene vllig deutliche und sichere Gefhl der
Verantwortlichkeit und Reue zu erklren, meinen sie, das Gefhl der
Verantwortlichkeit gehe auf das _Sein_ des Menschen; dasselbe sei fr
seinen _angeborenen_ Charakter verantwortlich; und dieser kann natrlich
nur wieder unter Voraussetzung einer _vorgeburtlichen_ Wahl des Charakters
bejaht werden. Der intelligible Charakter, der Wille als _Ding an sich_,
welcher aus der Realitt der Erscheinungswelt hinausgerckt ist, hat sich
nach Kant und Schopenhauer absolut frei selbst bestimmt. -- Diese in ihrer
abstrakten modernen Fassung sehr schwer verstndliche Lehre unserer beiden
berhmtesten deutschen Metaphysiker lt sich nur durch obigen Mythos
einigermaen veranschaulichen; man kann darnach wenigstens ahnen, wie sie
sich die Sache gedacht haben, wenngleich damit fr die logische
Zuverlssigkeit jener transcendentalen Lsung des Problems wenig gewonnen
wird. Aber historisch wenigstens wird uns jenes Kantisch-Schopenhauersche
Dogma begreiflich, wenn wir uns erinnern, da beide Philosophen, auch
Schopenhauer, dessen Leugnung der individuellen Unsterblichkeit nur eine
scheinbare, auf die _Erscheinung_ d.h. auf die _empirische_ Individualitt
beschrnkte ist, auf Platos Schultern stehen. Plato aber knpft, wie nach
den frher mitgeteilten Bruchstcken des Heraclit, Empedocles u.s.w. kaum
hervorgehoben zu werden braucht, unmittelbar an die traditionelle,
wahrscheinlich aus Egypten stammende Geheimlehre an.

Im Gesprche _Phaedrus_ wird die Unsterblichkeit der Seele von Plato in
folgender Weise begrndet (+c.24+): Jede Seele ist unsterblich. Denn das
immerwhrend Bewegte ist unsterblich; hingegen, was ein anderes bewegt und
von einem anderen bewegt wird, hat, weil es einen Ruhepunkt der Bewegung
hat, auch einen Ruhepunkt des Lebens; allein das sich selbst Bewegende,
insofern es sich selbst nicht verlt, hrt niemals auf, bewegt zu werden,
sondern auch fr das brige, was bewegt wird, ist dieses die Quelle und der
Anfang der Bewegung; der Anfang aber ist ungeworden; denn aus einem Anfang
mu alles Werdende werden, er selbst aber aus nichts; denn wenn der Anfang
aus etwas wrde, so wrde er auch nicht von Anfang aus werden; da er aber
ein Ungewordenes ist, so ist dies auch ein Unvergngliches; denn wre ja
der Anfang einmal zu Grunde gegangen, so wrde weder er selbst aus etwas
noch ein anderes aus ihm mehr werden, wofern das Gesamte aus einem Anfang
werden soll. So also ist im Anfang der Bewegung das selbst sich Bewegende;
von diesem aber ist es weder mglich, da es zu Grunde gehe, noch da es
werde, oder es mte das ganze Himmelsgebude und jedes Werden berhaupt
zusammenstrzend stillstehen und niemals mehr hernach etwas haben, von wo
aus sie wieder in Bewegung gesetzt und werden knnten. Indem sich aber als
unsterblich dasjenige gezeigt hat, was von sich selbst bewegt wird, so wird
man eben dies als Wesen und Begriff der Seele zu bezeichnen keine Scheu
haben; denn jeder Krper, fr welchen das Bewegtwerden von auen kommt, ist
unbeseelt, derjenige aber, fr welchen es von innen aus ihm selbst sich
ergiebt, ist beseelt, eben als wre dies die Natur der Seele. Wenn aber
dies sich so verhlt, da nichts anderes das selbst sich selbst Bewegende
ist als Seele, so drfte notwendig etwas Ungewordenes und Unsterbliches die
Seele sein.

Man sieht, wie derselbe Plato, der uns, sobald er mythisch schreibt, durch
seine poetische Begabung ergtzt, so oft er dialektisch zu beweisen
versucht, nichts anderes zustande bringt, als ein uerst _unerquickliches_
Drehen im Kreise vorgefater Behauptungen. Die Seele soll nun einmal
unsterblich sein. Darum ist sie ein sich selbst Bewegendes. Ein sich selbst
Bewegendes ist unsterblich. Darum ist die Seele unsterblich!

Im _Timus_ erhebt sich seine Darstellung des Unsterblichkeitsdogmas
stellenweise allerdings in unbewutem Widerspruch mit der Beweisfhrung
im Phdrus wieder zu einer ergreifenden _poetischen_ Form(55): Als der
Vater, welcher das All erzeugt hatte, es ansah, wie es belebt und bewegt
und ein Bild der ewigen Gtter geworden war, da empfand er Wohlgefallen
daran, und in dieser Freude beschlo er dann, es noch mehr seinem Vorbilde
hnlich zu machen. Die Natur der hchsten Lebendigen war aber eine ewige
(ohne Anfang), und diese auf das Entstandene vollstndig zu bertragen, war
eben nicht mglich.

Er schuf die Sterne mit verschiedenen Umlaufszeiten als Werkzeuge der Zeit,
ebenso Sonne und Mond; sie alle sind beseelt, sind Gtter. Was die
Volksgtter betrifft, so hlt er es fr das Beste, an dem bisherigen
Glauben an sie festzuhalten, da die Erzhlungen ber sie von ihren Kindern
herrhren. Nachdem nun Gott so alle Untergtter gebildet hat, spricht er zu
ihnen (67): Gttliche Gttershne, deren Bildner ich bin und Vater von
Werken, welche durch mich entstanden, unauflsbar sind, weil ich es so
will, -- ihr seid, weil ihr entstanden seid, zwar nicht schlechterdings
unsterblich und unauflsbar, aber ihr sollt nicht aufgelst noch des
Todesgeschickes teilhaftig werden! -- Diese Stelle hatte wohl Giordano
Bruno im Auge, als er im Dialog +cena de la ceneri I. 191+ schrieb: +Ma a
costoro (i.e. mondi) come crede Platone me Timeo, _e crediamo ancor noi_+
(im Dialog von den Welten scheint er es, dem Anaximander S.448 oben
folgend, nicht mehr zu glauben) + stato detto del primo principio: voi
siete dissolubili, ma non vi dissolverete!+[619]

Er trgt ihnen nun auf, zur Vervollstndigung und in Nachahmung seiner
Thtigkeit die drei sterblichen Geschlechter zu schaffen, was er ja
selbst nicht knne, da sie sonst nach seinem Urbild Gtter wrden, d.h.
ohne Anfang, und fhrt fort (68): So viel an ihnen dem Unsterblichen
gleichnamig zu sein verdient, nmlich das gttlich zu Nennende und Leitende
in ihnen, soweit sie stets dem Rechte und euch zu folgen geneigt sind, von
dem will ich die Samen und Keime selber bilden und euch dann bergeben; in
ihren brigen Teilen aber sollt ihr, indem ihr mit diesem Unsterblichen
Sterbliches verwebt, die lebendigen Geschpfe vollenden.

Zur Bildung der Seelensubstanz nimmt Gott dann berreste derselben
Bestandteile, aus welchen die Seele des Alls gebildet war, aber von
minderer Reinheit. Sobald die Seelen in die Leiber kamen, entstanden
Wahrnehmung und Empfindung, Erregung und die aus Lust und Schmerz gemischte
Liebe. Wenn die Menschen ihre Erregungen beherrschen, leben sie gerecht,
lassen sie sich aber von ihnen beherrschen, ungerecht.

Wer die ihm zugemessene Zeit hindurch gerecht gelebt hat, der soll in die
Behausung des ihm verwandten Gestirns zurckkehren und ein seliges und
seiner Gewohnheit entsprechendes Leben fhren; wer aber in diesem Leben
gefehlt, kommt fr einen nchsten Lebenslauf in den nchst niederen Grad
des weiblichen Krpers und wenn es ihm dann noch nicht gelingt, sich von
dem ihm anklebenden Schlechten zu befreien, so wird er so lange zu neuen
Existenzen in die durch seine Laster ihm verwandten Tiere verwandelt
werden, bis es ihm endlich gelingt, durch die Vernunft des Schlechten Herr
zu werden und zu seiner frheren, edelsten Beschaffenheit zurckzukehren.

In einem spteren Teile des Timus wiederholt Plato, da Gott sich
vorbehalten habe, das Gttliche im Menschen selbst zu bilden, die
Entstehung des Sterblichen aber seinen eigenen Erzeugten aufgetragen habe.
164: Diese nun, in Nachahmung seiner, umwlbten die berkommene
unsterbliche Grundlage der Seele ringsherum mit einem sterblichen Krper,
und legten im Krper noch eine andere Art von Seele, die sterbliche an,
welche gefhrliche und der blinden Notwendigkeit folgende Eindrcke
aufnimmt, die Lust, die strkste Lockspeise des Bsen, dann den Schmerz,
den Verscheucher des Guten, ferner Mut und Furcht, zwei thrichte Ratgeber,
schwer zu besnftigenden Zorn und leicht verlockende Hoffnung, endlich die
Triebe. Aus Scheu, das Gttliche, das in den Kopf verpflanzt wurde, durch
Berhrung mit dem minder Edlen zu beflecken, wurde zwischen den Kopf und
den brigen Krper der Hals eingeschoben; in die Brust wurde der edlere
Teil der sterblichen Seele verpflanzt, whrend der Teil der Seele, der
Begierde nach Speise und Trank trgt, in die Gegend zwischen Zwergfell und
Nabel versetzt und hier angebunden wird, wie ein wildes Tier, das aber
wegen der Verbindung, in welcher es mit dem Ganzen steht, notwendig ernhrt
werden mute, wenn einmal ein Geschlecht sterblicher Wesen entstehen
sollte. In der Knigsburg des Kopfes aber thront die unsterbliche Seele,
die lenkt und erforscht, was zum gemeinsamen Besten des irdischen Wesens
frommt, wie ein Schutzgeist, der (236) uns ber die Erde zur
Verwandtschaft mit den Gestirnen erhebt, als Geschpfe, die nicht
irdischen, sondern berirdischen Ursprungs sind. Wer sich den Begierden
oder dem Ehrgeize hingiebt, wird nur sterbliche Meinungen in sich
erzeugen, und zieht nur das Sterbliche in sich gro; wer dagegen die Kraft
des Wissens vor allen anderen Krften seiner Seele gebt hat, wird
unsterbliche und gttliche Gedanken in sich tragen, und wird, soweit die
menschliche Natur der Unsterblichkeit fhig ist, solche erreichen und
glckselig sein.

                  *       *       *       *       *

Ohne jede Anspielung auf das Dogma von der Seelenwanderung behandelt Plato
das Unsterblichkeitsproblem im Gastmahl, hier lt er den Sokrates
folgende, diesem durch die weise Diotima aus Mantinea erteilte Offenbarung
in einer Lobrede auf den Eros wiedergeben: Eros sei eigentlich, da er das
_Verlangen_ nach dem Schnen und Guten personifiziere, also noch nicht im
Besitze derselben sei, noch kein Gott, sondern nur ein groer Dmon zu
nennen. Dieser Dmon ist es, der den Gttern die Bitten und Auftrge der
Menschen, den Menschen aber die Auftrge, Vergeltungen und Belohnungen der
Gtter vermittelt. Er ist das Prinzip der Wahrsagung und der priesterlichen
Kunst. Denn Gott verkehrt nicht unmittelbar mit Menschen, Eros vermittelt
den Verkehr mit ihm, ob nun die Menschen schlafen oder wachen. Eros ist der
Sohn der Penia (Armut) und des berflusses Poros. Als der Liebende
ist er nicht an sich schn und gut, sondern er sehnt sich nach dem Schnen
und Guten, weil er es wenigstens _noch nicht dauernd_ besitzt. Um des
Schnen und Guten immerwhrend teilhaft zu werden, mu ein geistiges
Gebren eintreten, das aber nur durch eine bereinstimmung des Gttlichen
mit dem Schnen mglich wird. _Ein Weltschicksal und ein geburtshelfendes
Wesen ist die Schnheit fr alles Entstehen._ Dieser Vorgang ist aber
etwas Gttliches, und dieses wohnt dem lebenden Wesen, welches sterblich
ist, _als etwas unsterbliches inne_. Wenn aber Eros sich nach dem Guten und
Schnen sehnt, so kann er, wie im leiblichen den Wunsch nach Fortdauer der
Gattung, auch den Wunsch nach (individueller) Fortdauer im geistigen Sinne
nicht aufgeben: er _wnscht_, unsterblich zu sein(!) Nun aber verndert
sich der Mensch zwar geistig und krperlich, -- in Neigungen, Streben und
Kenntnissen, sowie im leiblichen Wachsen, -- unaufhrlich und bleibt doch
fortwhrend derselbe. Alles Sterbliche wird so bewahrt, nicht dadurch, da
es ganz und gar identisch bleibt, wie das Gttliche, sondern dadurch, da
es bei seinem Entweichen und Veralten ein anderes, neues, gerade wie es
selbst, zurcklt. Durch diese Veranstaltung hat das Sterbliche an
Unsterblichkeit teil, sowohl in seinem Krper als auch in allem brigen,
das Unsterbliche aber durch eine andere. In dieser Weise z.B. streben die
Ehrgeizigen mit Hintansetzung alles anderen darnach, ein unsterbliches
Andenken zu hinterlassen; so wre nicht Alkeste fr Admetos, Patroklos fr
Achilles, so wre nicht Kodros gestorben, wenn sie nicht nach unsterblichen
Andenken gestrebt htten. Die geistigen Kinder stehen unendlich hher, als
die leiblichen, und wer htte nicht gewnscht, Kinder zu hinterlassen, wie
dies Homer und Hesiod, Solon und Lykurg mit ihren Schpfungen gethan!
Solchen Vtern habe man wohl auch Tempel errichtet, nicht aber Vtern
leiblicher Kinder. Wer geistige Kinder erzeugen wolle, der msse sich frh
bemhen, an Schnem Gefallen zu finden, und aufsteigen vom krperlich
Schnen zu schnen _Gedanken_, Reden, Kenntnissen, und so werde er endlich
bei der Kenntnis des Urschnen anlangen. Wer aber das Urschne lauter,
rein und unvermischt geschaut, wird nur Vortrefflichkeit erzeugen. Hat er
aber wahre Vortrefflichkeit erzeugt und aufgenhrt, so ist es sein Anteil,
da er gottgeliebt, und wenn je irgend ein anderer Mensch, auch er
unsterblich wird.--

Wir haben im Gastmahl den ersten Keim jener _sthetischen_ Mystik, die
spter hauptschlich von Plotin, endlich von Giordano Bruno in seinen
+eroici fuori+ und zuletzt von Schiller (+Ideal und Leben, Briefe ber
sthet. Erziehung+) gepflegt worden ist; offenbar knpft Plato an die zum
Mythenkreise der eleusinischen Mysterien gehrige Fabel von Eros und Psyche
an, deren esoterische Tendenz ich in meinem gleichnamigen Gedichte (Verlag
von Rauert& Rocco) neugestaltet und in folgenden Schluversen zum Ausdruck
gebracht habe:

    Dir, die allmcht'ger als der Tod,
    Dir ew'gen Lebens Morgenrot,
    Dir, Brgin der Unsterblichkeit,
    Dir, _Liebe_, ist mein Sang geweiht.
    Wo Du im Menschenherzen glimmst,
    Auch nur als schwaches Fnkchen flimmst,
    Du luterst Dich zur Flammenglut,
    Die nimmer rastet, nimmer ruht,
    Bis sie am hohen Himmelszelt
    Verwandten Sternen sich gesellt.

Es kann schon nach den wenigen mitgeteilten Auszgen aus seinen
Hauptschriften nicht auffallen, da die Unsterblichkeitsidee Platos zu
vielfachen Kontroversen Anla gegeben hat. Besonders dreht sich der Streit
darum, ob er Seele und Leib, Geist und Materie einander gegenberstellt
habe, also Dualist gewesen oder ob er als Monist zu betrachten sei und
die Einheit des Ganzen gelehrt habe, ferner ob er eine individuelle
(persnliche) Unsterblichkeit oder nur eine Unsterblichkeit der in den
Einzelnen sich offenbarenden Idee, der Gattung niederen oder hheren
Grades, habe lehren wollen.

Uns scheint, da dieser Streit um deswillen niemals mit streng
geschichtlicher Kritik erledigt werden kann, weil nichts wahrscheinlicher
ist, als da Plato in verschiedenen Zeiten und bei Abfassung verschiedener
Schriften in der That verschieden darber gedacht hat. Auf ein streng
gegliedertes Gedankensystem ist es ihm eben niemals angekommen. Am besten
charakterisiert ihn wohl Dhring, +krit. Geschichte der Philosophie,
S.100,101+: Fr die dichtende Phantasie ist Vieles vereinbar, was fr
den weniger losgebundenen Verstand bei nherer Untersuchung als Widerspruch
hervortritt. Die knstlerische Darstellung kann daher eine Flle von Ideen
dialogisch vorfhren, ohne da sie gentigt wre, in jedem Falle selbst
einen markierten Standpunkt einzunehmen. Ihre Strke wird vielmehr in der
lebendigen, dem Wesen der dichterischen Vertiefung entsprechenden
Reproduktion der mannigfaltigsten Gedanken zu suchen sein. Lst sie diese
Aufgabe noch mit jener besonderen Grazie, die dem in Rede stehenden
Philosophen einen groen Teil seines Zaubers verliehen hat, so wird man
fglich hinreichend befriedigt sein, wenn man anstatt der strengeren
Systematik nur einen _leitenden Grundgedanken eigner Konzeption_ antrifft.
Ein solcher Gedanke, der an sich gleichsam den Rohstoff zu dem strengsten
System abgeben knnte, ist bei Plato die Vorstellung von einer den edelsten
Typus der Existenzen enthaltenden, schpferisch wirksamen und fr die
Gestaltung der Dinge vorbildlichen Idee. Die Erfassung der ideellen Muster,
hinter denen das wirkliche Dasein mit seinen Gestaltungen zurckbleibt,
diese metaphysische knstlerische Vertiefung in das, was aus den lebendigen
Gestalten der Natur und besonders aus der Erscheinung der Menschen spricht,
macht nicht nur Platos Eigentmlichkeit aus, sondern stimmt vollkommen mit
dem _dichterisch_ gearteten Wesen seines ganzen Philosophierens, ja sogar
mit einem Grundzuge des griechischen Geistes berein.

                  *       *       *       *       *

Dieser leitende Grundbegriff ist das einzige, was neben dem sthetischen
Genusse, den uns die Lektre seiner Schriften bereitet, einen Plato auch
fr die moderne wissenschaftliche und im edleren Sinne positivistische
Philosophie wertvoll erscheinen lt.

Im brigen mag A. Niemann, (+Die Menschenseele, Platons esoterische Lehre+;
+Sphinx IV, 22+) geschichtsphilosophisch das Richtige getroffen haben, wenn
er die Hauptstze dieses Philosophen kurz dahin resmiert:

1. Ein jeder Mensch will stets das Gute und thut das Bse nur unfreiwillig.

2. Das Gute fr den Menschen ist die Tugend, und die menschliche Tugend ist
die vollkommene Beschaffenheit des Menschen.

3. Die Tugend des Menschen ist Tugend durch die Parusie der gttlichen
Tugend; vollkommen ist nur diese, die menschliche aber nicht.

4. Der Mensch ist Eins, wie Gott Eins ist, sein Leib ist die Erscheinung
seiner Seele, wie die sichtbare Welt die Erscheinung der Gottheit ist. (An
diesem Monismus der Seelenlehre Platons, als seine esoterische Theorie
hlt Niemann im Gegensatz zu dem seiner Ansicht nach mehr exoterisch
geschriebenen Dialog Phdons hauptschlich unter Berufung auf den oben
erwhnten Dialog: Parmenides fest.)

5. Die Seele des Menschen ist ohne Anfang und kehrt, je nach ihrer greren
oder geringeren Vollkommenheit in bestimmten Zwischenrumen in menschlichen
Krpern auf Erden wieder, whrend ihr in den Zwischenrumen der Anblick des
Seienden, der idealen Tugend vergnnt wird.

6. Das menschliche Bewutsein ist ein Zustand der Erinnerung an das Seiende
und wird geweckt durch den Anblick der Erscheinungen im Himmel (Gestirne)
und auf Erden, die ein Spiegelbild des Seienden sind.

7. Die Gottheit vernachlssigt und versumt nichts, sie sorgt fr das
Kleine wie fr das Groe und bringt die Seelen der Menschen immer an den
fr sie geeigneten Platz.

Niemann schliet dieses Resm mit der Bemerkung: Anders, als in solcher
Allgemeinheit ber Platos Philosophie zu reden, ist unmglich fr jeden,
der nicht mit Sehergabe ausgerstet seine Schriften liest. Denn die
wichtigsten und entscheidenden Stellen sind stets nur den 'Bacchen'
verstndlich gewesen; sie bilden offenbar eine _Geheimlehre_.




Zehntes Kapitel.

Aristoteles.


Die Fachphilosophie ist immer noch geneigt, in Aristoteles den
vollendetsten Vertreter des griechischen Denkertums zu erblicken. Diesem
Urteil knnen wir unmglich beipflichten. Aristoteles war lediglich im
vollkommensten Sinne das, was man einen Polyhistor oder Vielwisser nennt;
wenn man will, ein _Universal-Gelehrter_, auf keinen Fall aber ein
Universalgenie. Seine Belesenheit ist eine erstaunliche, und schon Plato
soll ihm den Beinamen der Leser gegeben haben. Fr uns liegt aber darin,
da wir durch Aristoteles indirekt die Lehren der frheren griechischen
Denker kennen lernen knnen, da er nach der Art eines grndlichen Gelehrten
die ihm im weitesten Sinne zugnglich gewesene Litteratur verwertet hat,
seine beste Seite. Seine eigenen Lehren, obwohl wir ihnen ein gewisses Ma
methodischer Schrfe und Grndlichkeit nicht absprechen wollen und knnen,
sind in wichtigen Punkten nichts weniger als klar und originell.
Andererseits hat aber bekanntlich der in ihnen vorwaltende rein formell
logische Charakter nicht wenig zur Begrndung der Scholastik beigetragen,
mit deren letzten Resten erst unsere modernste ra aufgerumt hat;
beispielsweise kleben dem groen Philosophen Kant die scholastischen
Eierschalen noch in einem solchen Grade an, da Schiller bei demselben (in
einem Briefe an Krner) nicht mit Unrecht etwas Mnchisches konstatieren
konnte. Die Morgenrte der modernen Zeit, die Renaissance, begann daher mit
einem heftigen Kampfe gegen die wissenschaftliche Autoritt des
Aristoteles. Das Mittelalter kannte eben von den gesamten Denkarbeiten des
Altertums kaum etwas Anderes als die Schriften des Aristoteles. Ein Plato
wurde erst durch die byzantinischen Gelehrten, welche nach der Eroberung
Konstantinopels ihre Zuflucht in Italien suchten und damit den ersten
Ansto zur Renaissance d.h. zur Wiedergeburt der Wissenschaft und Kunst
gaben, im vollen Umfange bekannt. Besonders war es Georgios Gemistos
(Plethon), der den Neuplatonismus und damit eine erste prinzipielle
Gegnerschaft gegen den Aristotelismus des Mittelalters wiedererweckte. Der
erste bedeutende Platoniker des Abendlandes erstand dann in Marsilius
Ficinus. Bei den Scholastikern ging die Vergtterung des Aristoteles in der
That ins Unglaubliche; jeder Zweifel an seine Allwissenheit galt geradezu
als +crimen laesae majestatis+. Die Werke des Aristoteles und noch dazu in
ihrer unkritischen aus dem Arabischen bersetzten Form bildeten die Bibel,
den papiernen Pabst, der jeden Fortschritt der Wissenschaft hemmte. Man
bedenke, da Ramus, ein Zeitgenosse Brunos, welcher die Autoritt des
Aristoteles auf logischem Gebiete anzufechten wagte, wie Bruno auf
physischem oder naturphilosophischem, blo deshalb als ein Opfer eines
Meuchelmords auf dem Katheder fiel. (1572.) Diese berschtzung bernahm
die europische Scholastik von den Arabern. Der arabische Kommentator des
Aristoteles, Averros, von den Scholastikern auch schlechthin der
Kommentator genannt, schreibt in seiner Vorrede zur Aristotel. Physik:

+Complevit, quia nullus eorum, qui secuti sunt eum usque ad hoc tempus,
quod est mille et quingentorum annorum, quidquam addidit, nec invenies in
ejus verbis errorem alicujus quantitatis, et talem esse virtutem in
individuo uno _miraculosum_ et extraneum extitit, et haec dispositio, cum
in uno homine reperitur, dignus est esse divinus magis quam humanus. --
Aristotelis doctrina _Summa Veritas_, quoniam ejus intellectus fuit finis
humani intellectus. 1. Destruct. disp.3.+

Noch +Malebranche, recherche de la verit II. c. 23+ hlt es fr
erforderlich, gegen die allgemeine Anbetung des Aristoteles, deren
psychologische Wurzel er in der ansteckenden Wirkung der Phantasie findet,
zu polemisieren. Augenscheinlich verwertet er dabei einen Gedanken Giordano
Bruno's, wenn er z.B. schreibt:

+On ne considre pas qu' Aristote, Platon, Epicure taient hommes comme
nous et de mme espce que nous: et de plus qu' au temps, o nous sommes,
le monde est plus g de deux mille ans, qu'il a plus d'exprience, qu'il
doit tre plus clair et que c'est la vieilleisse du monde et
l'exprience, qui font dcouvrir la vrit.+

Dieser geistreiche Gedanke, der hnlich bei Bacon von Verulam, bei Pascal
und Descartes wiederholt wird, findet sich zuerst bei +Bruno, cena de
ceneri (IV. 1.)+ Vergl. +Brunnhofer, Festschrift zur Feier der am 9. Juni
1889 in Rom stattgehabten Enthllung des Bruno-Denkmals (Rauer& Rocco
1890)+.

brigens wird Bruno und vor allem Ramus, Pascal, Malebranche in
begreiflicher Weise oft ungerecht gegen Aristoteles, und Lewes
(+Aristoteles, ein Abschnitt aus der Geschichte der Wissenschaft S.VII+)
drfte den Streit um die richtige Wrdigung dieses immerhin eminenten
philosophischen Vielwissers am besten in dem Boileau'schen Verse erledigt
haben:

    +Certes il ne mritait
    Ni cet excs d'honneur
    Ni cette indignit.+

Aristoteles war im Jahr 384 zu Stagira, einer Stadt Thraciens geboren. Mit
Recht nennt ihn daher Bernays (+Dial. d. Aristot. 2,55+) einen
Halbgriechen. Wer wenigstens die groe naturwchsige Bedeutung der Rasse
nicht verkennt und zugleich einiges Gefhl fr die entscheidendsten
Eigentmlichkeiten des reinhellenischen Typus besitzt, wird in Anbetracht
der Thatsache, da die Bevlkerung Thraciens und Makedoniens nur sehr dnn
mit hellenischem Blute gemischt war, diese auch schon von W. Humboldt
gemachte Bemerkung nicht mibilligen. Auch bei den sog. deutschen Denkern
d.h. bei denen, die innerhalb des geographischen Deutschlands gelebt und
geschrieben haben, ist es oft von Interesse, ihre unzweifelhaft undeutsche
Denkungsart aus dem bedenklichen Mischcharakter groer Teile[620] der
deutschen Bevlkerung zu erklren; so z.B. ist der sorbisch-slawische
Typus der sog. kurschsischen Bevlkerung (Thringen, Knigreich und
Provinz Sachsen) in einem Nietzsche unverkennbar.

Der Vater des Aristoteles war Leibarzt des makedonischen Knigs, und es
scheint der rztliche Beruf ein altes Erbteil seines Geschlechts gewesen zu
sein. Nach dem Tode seiner Eltern soll ein gewisser Proxenos aus Atarneus
seine Erziehung bernommen haben. In seinem achtzehnten Lebensjahr kam
Aristoteles nach Athen, wo er in den Schlerkreis Platos eintrat, dem er
bis zu dessen Tode (347) angehrt hat. Einige Zeit vor Platos Tode soll
jedoch bereits ein Zerwrfnis zwischen ihm und dem Meister ausgebrochen
sein. Nach einem Berichte +Aelians (V. H. III.19)+ soll Aristoteles, als
Plato bereits 80jhrig und deshalb schwachen Gedchtnisses gewesen, whrend
Xenokrates und Speusippos, die Lieblingsschler und Vertreter des bejahrten
Meisters, abwesend waren, von einer durch ihn gebildeten Clique
untersttzt, mit Plato eine Streitunterredung angefangen und den Greis
dabei in bswilliger Weise so in die Enge getrieben haben, da sich dieser
aus den Hallen der Akademie in seinen Garten zurckgezogen habe. Erst nach
drei Monaten, als Xenokrates zurckkam, habe dieser den Aristoteles
gentigt, den streitigen Raum Plato wieder zu berlassen. Die Erzhlung
kennzeichnet wenigstens den Beginn kleinlicher Gelehrten-Konkurrenz, wie
sie seit dem mit Aristoteles gewissermaen beginnenden Zeitalter der
Alexandriner den Verfall der Philosophie zu einer bloen Schulweisheit
begleitet. Da brigens Plato den Aristoteles nicht gerade zu seinen
berufensten Schlern gerechnet hat, ist auch abgesehen von der ziemlich gut
verbrgten Bezeichnung desselben als bloer Leser schon aus einem
Vergleich der grundstzlich verschiedenen Naturen, die auch auf die
philosophische Auffassung zurckwirken muten, mehr als blo
wahrscheinlich. Nach dem Tode Platos begab er sich mit dem Platoniker
Xenokrates nach Mysien zum Frsten Hermias, wo er drei Jahre verblieb. Als
Hermias durch Verrat in die Gewalt der Perser geriet, nahm Aristoteles, der
inzwischen die Pythias, nach einigen eine Nichte, nach anderen eine
Schwester des befreundeten Frsten geheiratet hatte, seine Zuflucht
zunchst nach Mytilene. Von hier aus wurde er 343 oder 342 v.Chr. von
Philipp an den makedonischen Hof berufen, um die Erziehung des jungen,
damals 13jhrigen Alexander zu leiten, welcher er sich bis zu dessen 16.
Lebensjahre widmete. Der Unterricht mute aufhren, weil Alexander schon
in diesem Lebensjahre von seinem Vater zum Reichsverweser bestellt wurde.
Aristoteles scheint sich jetzt zunchst in seine Vaterstadt zurckgezogen
zu haben, von wo er jedoch bald nach dem Ende Philipps, jedenfalls vor
Beginn des groen Eroberungsfeldzugs Alexanders nach Athen bersiedelte.
Hier grndete er im Lyceum seine eigene Schule, deren Mitglieder infolge
der Aristotelischen Gewohnheit, die Unterredungen im Auf- und Abgehen in
den Promenadengngen des Lyceum zu fhren, den Namen _Peripatetiker_
erhielten.

Die Hilfsmittel, deren er zu seinen weitschichtigen, das ganze damalige
Wissensgebiet umfassenden Arbeiten bedurfte, bot ihm Alexanders knigliche
Freigebigkeit im grten Mastabe; Plinius berichtet, Alexander habe ihm
alle Fischer, Jger und Vogelsteller seines Reiches, alle Aufseher
kniglicher Jagden, Fischteiche, Heerden u.s.w., mehrere tausend Menschen
allein zu Zwecken naturgeschichtlicher Forschungen zur Verfgung gestellt.
Auch war Aristoteles, der brigens selber wohlhabend war, durch jene
Hlfsquelle nicht nur in der Lage, sich die kostspieligste Privatbibliothek
anzuschaffen, sondern auch ber die Verfassungen und Gesetze auslndischer
Staaten mhsame Erkundigungen einzuziehen, wofr auch das erst krzlich
wiederentdeckte Buch ber den Staat der Athener einen Beweis liefert.

In den letzten Lebensjahren trbte sich das Verhltnis zu seinem edlen
Zgling und Begnstiger, hauptschlich wohl, weil Kallisthenes, ein
Verwandter des Aristoteles, den dieser selbst dem Knige als Begleiter
empfohlen hatte, mit Recht oder Unrecht in den Verdacht geriet, sich an
einer Verschwrung gegen das Leben Alexanders beteiligt zu haben, und
infolge dieser Anklage das Leben verlor.

Nach dem Tode Alexanders, nach zwlfjhriger Wirksamkeit als Lehrer und
Schriftsteller in Athen, wurde er durch eine Anklage wegen Atheismus, die
von der national-hellenischen Partei (Demosthenes) ausging und die Religion
wohl nur zum Vorwand nahm, veranlat, sich nach Chalcis auf Euba
zurckzuziehen. Hier erlag er schon im folgenden Jahre, im Sommer 322,
einer Krankheit. Die Erzhlung, er habe sich in den Euripus gestrzt, weil
es ihm nicht gelungen sei, die Erscheinungen der Ebbe und Flut zu erklren,
ist, wie Dhring (+Krit. Gesch. der Phil., S.115+) bemerkt, mindestens
gut erfunden. Sie kennzeichnet uns jenen Sinn, der die Theorie als
Attribut der Gtter nahm und in ihr den Schwerpunkt des hchsten Lebens
voraussetzte.

                  *       *       *       *       *

Aristoteles hat auerordentlich[621] viele Schriften hinterlassen; etwa der
sechste Teil seiner Werke mag uns erhalten sein; allerdings auch dieser nur
in einer sehr fragwrdigen Gestalt, die dem Streit ber Echtheit und
Authentizitt sowohl ganzer unter seinem Namen kursierender Schriften, wie
auch einzelner Abschnitte groen Spielraum lt. Die aufflligen
Unordnungen und nicht seltenen Wiederholungen in einer und derselben
Schrift scheinen die Vermutung zu untersttzen, da wir _grtenteils_ nur
mndliche, von Schlern redigierte Vortrge vor uns haben.

Schon das Altertum teilte seine Schriften ihrem Werte nach in zwei Klassen,
in exoterische und esoterische ein, welche letztere auch _akroamatische_
genannt wurden. Aristoteles soll nmlich im Lyceum des Morgens vor einer
greren Anzahl von Zuhrern in populrer Weise seine Lehren, besonders
diejenigen ber Logik, Rhetorik, Politik und Naturgeschichte vorgetragen,
abends aber in vertrauterem Kreise seine eigentlichen metaphysischen, wir
drfen auch geradezu sagen occultistischen Theorien entwickelt haben. Die
letzteren Vortrge nannte man _akroamatische_. Offenbar lag es jedoch dem
Aristoteles nicht sehr an ihrer Geheimhaltung; denn da er sie selber noch
verffentlicht hat, beweist ein schon von Andronikus mitgeteilter Brief
_Alexanders_ an ihn, in dem dieser ihm wegen der Verffentlichung der
akroamatischen Schriften (gewissermaen +collegia privatissima+) Vorwrfe
macht. Aristoteles erwidert darauf, da er sich in seinen akroamatischen
Schriften absichtlich einer Darstellungsform bedient habe, die sie andern,
als seinen Schlern unverstndlich mache. (+Gellius XX,5+).

Da uns nur diejenigen Schriften des Universalgelehrten des Altertums
interessieren, die eine occultistische Beziehung im Sinne der Vorrede
haben, so gehen uns wesentlich nur die Bcher ber Metaphysik, Physik,
sowie die ber Psychologie und ber Schlaf und ber Trume an, whrend wir
gerade die verdienstlichste Seite der aristotelischen Arbeitsleistung,
diejenige ber Logik, Ethik, Politik und sthetik links liegen lassen
mssen.

Um den metaphysischen Standpunkt des Aristoteles zu verstehen, mu man von
seiner Kritik der Platonischen Ideeenlehre ausgehen. Die Annahme von Ideeen
ist nach Aristoteles nicht begrndet. Denn unter den platonischen Beweisen
fr dieselbe ist keiner, der nicht von entscheidenden Einwrfen getroffen
wrde, und was durch die Ideeen erreicht werden soll, das ist auch ohne
dieselben zu erlangen; ihr Inhalt ist ganz derselbe, wie der der
diesseitigen Dinge, im Begriff des Menschen an sich z.B. sind dieselben
Merkmale enthalten, wie im Begriff des Menschen berhaupt, er unterscheidet
sich von diesem nur durch das Wort an sich. Die Ideeen sind eine
unzulssige Hypostasierung, eine berflssige Verdoppelung der Dinge in der
Welt. Dies gilt sogar von ethischen, fr die auch Kant die Gltigkeit der
Ideeenkonzeption in Anspruch nimmt. Auch die ethischen Begriffe lassen sich
nicht schlechthin von ihren Gegenstnden trennen: es kann keine fr sich
bestehende Idee des Guten geben; denn der Begriff des Guten kommt in allen
mglichen Kategorien vor, und bestimmt sich je nach verschiedenen Fllen
verschieden. Auch sind die Bestimmungen der Urbildlichkeit und der
Teilnahme, auf die Plato das Verhltnis der Ideeen zum empirischen Sein
zurckfhrt, leere Bilder. Vor allem fehlt den platonischen Ideeen das
_bewegende_ Prinzip, ohne das doch kein Werden und keine Naturerklrung
mglich ist.

Die Wissenschaft hat es mit dem Wirklichen zu thun. Die _allgemeinen_
Begriffe aber bezeichnen immer nur gewisse Eigenschaften der Dinge, sind
nur Prdikats-, -- nicht Subjektsbegriffe; und auch wenn eine Anzahl
solcher Eigenschaftsbegriffe zum Gattungsbegriff zusammengefat wird, so
erhalten wir nur ein +nomen+, keine Substanz. Substantiell ist nur das
_Einzelwesen_.

Dennoch aber kehrt Aristoteles, indem er nun das _Einzelwesen_ und seine
Entstehung zu begreifen versucht, wieder zu einem unsinnlichen Trger der
Einzelwirklichkeit zurck, der der Platonischen Idee, abgesehen von den
Allgemeinbegriffen, so hnlich ist, wie ein Ei dem andern, nur da er sie
mit Aktualitt d.h. mit schaffender Thtigkeit ausrstet; und diese neue
Aristotelische Idee heit _Form_. So gewi die Wahrnehmung etwas anderes
ist, als das Wissen, sagt er mit Plato, so gewi mu auch der Gegenstand
des Wissens ein anderer sein, als die sinnlichen Dinge. Alles Sinnliche ist
vergnglich und vernderlich, es ist ein Zuflliges, das so oder anders
sein kann; das Wissen dagegen bedarf eines Gegenstandes, der ebenso
unvernderlich und notwendig ist, wie es selbst. Dieser Gegenstand aber ist
die _Form_; und diese ist zugleich die unentbehrliche Bedingung alles
Werdens; alles Werden wird aus etwas zu etwas, das Werden besteht darin,
da ein Stoff eine bestimmte Form annimmt; diese Form mu daher von jedem
Werden als das Ziel desselben gegeben sein, und allem Gewordenen als
_ungewordene_ Form vorausgehen.[622]

Aus demselben Grunde aber mu der Form der Stoff, als etwas ebenfalls ewig
Vorhandenes, Ungewordenes gegenberstehen. Der Stoff oder die Materie ist
das Substrat, die _Mglichkeit_ des Werdens passiv, die Form aktiv.

Die Materie des Aristoteles ist eine vom modernen, besonders vom
materialistischen Materien-Begriff wohl zu unterscheidende metaphysische
Abstraktion. Sie ist das vllig Prdikatlose, Unbestimmte,
Unterschiedslose, Dasjenige, was allem Werden als Bleibendes zu Grunde
liegt und die entgegengesetzten Formen annimmt, das, was alles der
Mglichkeit nach und nichts der Wirklichkeit nach ist, das rein potentielle
Sein ohne alle und jede Aktualitt. Da das Bestimmungslose nicht erkannt
werden kann, so ist die Materie als solche unerkennbar. Alle Eigenschaften
der Dinge, alle Bestimmtheit, Begrenzung und Erkennbarkeit fallen auf die
Seite der _Form_. Jene _vllige_ Bestimmungslosigkeit und Unerkennbarkeit
gilt eben nur von der _ersten_ Materie, dem Stoff _an sich_, welcher
_allen_ Dingen zu Grunde liegt. Es hat aber andererseits auch jedes Ding
seinen _eigentmlichen_ letzten Stoff, und zwischen beiden liegen alle
stofflichen Gestaltungen in der Mitte, welche der Grundstoff durchlaufen
mu, um der bestimmte Stoff zu werden, mit dem sich die Form des Dings
unmittelbar verbindet. Die Elemente z.B., welche den Stoff aller anderen
Krper enthalten, sind _Formen_ des Urstoffs; das Erz, welches der Stoff
einer Bildsule ist, hat als dieses Metall seine eigentmliche Form; die
Seele ist zwar die Form ihres Krpers, in ihrem hchsten und von der
Materie entferntesten Teile sind aber wieder zwei Elemente zu
unterscheiden, die sich untereinander wie Form und Stoff verhalten.

Die Form stellt sich in der Erscheinung unter der Gestalt einer dreifachen
Urschlichkeit dar, im Stoffe liegt der Grund alles Leidens und aller
Unvollkommenheit, der Naturnotwendigkeit und des Zufalls.

Die _reine_ Form bezeichnet Aristoteles auch mit der unbersetzbaren Formel
%to ti n einai%, wrtlich das was war Sein. Gewhnlich legt man dieselbe
aus als das _Sein, was dem Gewesensein entspricht und daher das sich gleich
Bleibende ist_, der Begriff des Wesens, der reine Begriff.

Der Begriff jedes Dings ist von seinem _Zwecke_ nicht verschieden, da alle
Zweckthtigkeit der Verwirklichung eines Begriffes gilt; zugleich ist
derselbe auch die _bewegende_ Ursache, mag er nun das Ding als seine Seele
von innen heraus in Bewegung setzen oder mag ihm seine Bewegung von auen
kommen. Die _reine_ Form, welche, da alles gegebene Sein, alle
Einzelsubstanz, Alles, was ein Dieses ist, aus Form _und_ Stoff besteht, im
gegebenen Reiche des bestimmten Seins nicht existiert, ist also die oberste
Ursache oder die _Gottheit_, die den hchsten Zweck der Welt und den Grund
ihrer Bewegung vereinigt.

Der reine Stoff andrerseits ist das der Form widerstrebende; von ihm rhrt
alle Zuflligkeit und Unvollkommenheit in der Natur her. Zufllig ist
nmlich das, was einem Dinge gleichsehr zukommen und nicht zukommen kann,
%to symbebkos%, was nicht in seinem Wesen enthalten und durch die
Notwendigkeit seines Wesens gesetzt ist, was daher weder notwendig noch in
der Regel stattfindet. Allem Einzelsein haftet daher eine Unvollkommenheit
an. Da aller Stoff Form werde, alles Vermgen Wirklichkeit, alles Sein
Wissen, ist zwar eine Forderung der Vernunft und das Ziel alles Werdens, --
aber unvollziehbar, da die Materie als Beraubung der Form (%stersis%)
niemals ganz zur Wirklichkeit und somit zur Erkenntnis kommen kann.

In dem hier klar werdenden _Dualismus_ zwischen Form und Stoff liegt eine
Schwierigkeit, ja ein Widerspruch, der uns auch die Zweideutigkeit vieler
einzelner Stze des Systems begreiflich macht. Mit Recht bemerkt schon
Locke, da die Gelehrten ber die wahre Meinung des Aristoteles in vielen
der wichtigsten Punkten wohl niemals einig werden wrden.

Einmal soll nach Aristoteles, -- im Gegensatz zu Plato, -- nur das
Einzelwesen fr etwas Substantielles im vollen Sinne gelten. Der Grund des
Einzelwesens, des Bestimmten, aber soll in der Form als dem Bestimmenden
liegen. Volle und ursprngliche Wirklichkeit soll nur der Form zukommen,
der Stoff soll nur die bloe Mglichkeit desjenigen sein, dessen
Wirklichkeit die Form ist. Die Form wird also der Substanz gleich gesetzt.
Dann wird aber doch wieder der Stoff als die Unterlage alles Seins, als das
Beharrliche im Wechsel bezeichnet; und indem die reine Form immer ein
Allgemeines bleibt, das Einzelwesen erst durch Verbindung derselben mit der
Materie entsteht, wird also der eigenschafts- und bedingungslose Stoff als
dasjenige statuiert, was die individuelle Bestimmtheit der Einzelwesen
erzeugt.

Einerseits polemisiert Aristoteles gegen den platonischen Idealismus,
wonach das wahre Wesen der Dinge, die doch erst durch den Stoff _wirklich_
werden, in der Form sucht. Bald erscheint die Form, bald jedoch wieder das
aus Form _und Stoff_ zusammengesetzte Einzelwesen als das Wirkliche.

Diese Doppeldeutigkeit macht sich zunchst fhlbar, wenn es sich darum
handelt, eine klare Vorstellung von dem Gottesbegriff des Aristoteles und
dem Verhltnis Gottes zur Welt zu beschaffen.

Gott ist die reine Form, der erste Beweger, schlechthin unkrperlich,
unteilbar und auer dem Raume, reine Energie. Eine schlechthin
unkrperliche Substanz ist eine blo denkende Substanz. Gott ist absolute
Denkthtigkeit. Er denkt sich selbst; sein Denken ist Denken des Denkens.
Aristoteles gilt insofern als der erste wissenschaftliche Begrnder des
Theismus; denn er will die Gottheit als selbstbewuten (reinen) Geist
gefat wissen.

Wie aber kann dieser blo denkende reine Geist zugleich der erste Beweger
sein? Hierauf antwortet er: Gott bewegt die Welt also: was begehrt und
gedacht wird, bewegt, ohne sich zu bewegen. Dieses beides aber ist auf der
hchsten Stufe dasselbe (der absolute Gegenstand des Denkens ist ebendamit
das absolute Begehrenswerte, das Gute schlechthin); denn Gegenstand des
Verlangens ist das anscheinend Schne, ursprnglicher Gegenstand des
Wollens das wirklich Schne, das Begehren aber hat in der Vorstellung (vom
Wert des Gegenstands) seinen Grund, nicht diese in jenem. Das erste mithin
ist der Gedanke. Das Denken aber wird vom Denkbaren bewegt, an und fr sich
denkbar aber ist nur die eine Reihe, und in dieser ist das erste das Wesen,
und zwar das einfache und schlechthin wirkliche. Die Zweckursache bewegt
nur das Geliebte, und durch das (von ihr) bewegte bewegt sie das brige.
Gott ist also das erste Bewegende nur, sofern er der absolute Zweck der
Welt ist, gleichsam der Regent, dessen Willen alles gehorcht, der aber
nicht selbst Hand anlegt. Dieses ist er aber deshalb, weil er die absolute
Form ist. Wie die Form berhaupt die Materie dadurch bewegt, da sie
dieselbe sollicitiert, sich aus der Mglichkeit zur Wirklichkeit zu
entwickeln, so kann auch die Wirksamkeit Gottes auf die Welt keine andere
sein.

Aber die Vorstellung, da der Bewegte ein natrliches Verlangen nach dem
Bewegenden habe, ist offenbar hchst unklar. Wie soll ferner, wenn doch
nach der eigenen Annahme des Philosophen das Bewegte immer vom Bewegenden
_berhrt_ werden mu, der unrumliche erste Beweger die rumliche Welt
berhren? Wenn ferner Aristoteles unter der Gottheit die hchsten Formen,
insbesondere die Geister, welche die himmlischen Sphren bewegen und
beseelen, fr unentstanden erklrt, ebenso wie den unvergnglichen Teil der
menschlichen Seelen, wie soll das Verhltnis dieser Formen zur reinen Form
einerseits, zu Gott, und zur Materie andrerseits gedacht werden? Mit Recht
bemerkt Schwegler, Geschichte der Philosophie S.95: Man sieht nicht,
warum der letzte Grund der Bewegung, was der absolute Geist zunchst einzig
ist, auch als persnliches Wesen gedacht werden msse, man sieht nicht, wie
Etwas bewegende Ursache und doch selbst unbewegt, Ursache alles Werdens,
d.h. des Vergehens und Entstehens, und doch sich selbst gleichbleibende
Energie, ein Bewegungsprinzip ohne Vermgen (Potenzialitt) sein knne:
denn das Bewegende mu doch in einem Verhltnisse des Leidens und Thuns mit
dem Bewegten stehen. berhaupt hat Aristoteles, was schon aus diesen
widersprechenden Bestimmungen hervorgeht, das Verhltnis zwischen Gott und
Welt nicht vollstndig und folgerichtig durchgebildet. Da er den absoluten
Geist einseitig nur als beschauende theoretische Vernunft bestimmt, und
alles Thun und Handeln, weil dieses einen unvollendeten Zweck voraussetzt,
von ihm als dem vollendeten Zwecke ausschliet, so fehlt das rechte Motiv
seiner Thtigkeit in Beziehung auf die Welt. Bei seinem nur theoretischen
Verhalten ist er nicht wahrhafter erster Beweger; auerweltlich und
unbewegt, was er seinem Wesen nach ist, geht er nicht einmal mit seiner
Thtigkeit ins Weltleben ein; und da auch die Materie ihrerseits nie ganz
zur Form wird, so offenbart sich auch hier der _unvermittelte Dualismus_
zwischen dem gttlichen Geist und dem unerkennbaren Ansich des Stoffs.

Noch mehr tritt diese Unklarheit des Aristotelischen _Dualismus_ hervor in
seiner, hier wohl am meisten interessierenden _Seelenlehre_. Die uns
erhaltene Aristotelische Psychologie gilt zwar mit Recht als das erste
wissenschaftliche Werk ber diesen Gegenstand; zweifelsohne gehrt sie zu
den esoterischen oder akroamatischen Schriften und ist eine seiner
bedeutendsten Leistungen. Sie enthlt auch manche vortreffliche Bemerkung
und dauernd anerkannte Stze. Berhmt ist vor allem der erste Satz: Wenn
das Wissen zu dem Schnen und Ehrenwerten zu rechnen ist, das eine Wissen
aber mehr als das andere dazu gehrt, sei es wegen seiner Genauigkeit oder
weil sein Gegenstand besser und bewundernswert ist, so mchte ich wohl aus
beiden Grnden der Seelenlehre den ersten Rang mit einrumen; denn die
Kenntnis der Seele scheint fr die Wahrheit viel zu ntzen; hauptschlich
in Bezug auf die Natur; denn die Seele ist gleichsam der Anfang der
lebenden Wesen.

In der That steht die Psychologie an einem Punkte, wo die Naturwissenschaft
und die Geisteswissenschaften sich schneiden; sie bildet die natrliche
Grundlage, auf welcher die idealen Geisteswissenschaften, die Logik und die
Ethik, nebst ihren Verzweigungen, auch die Jurisprudenz, aufbauen mssen.
Allein die Psychologie des Aristoteles stellt zumeist bloe Begriffsschalen
als bequeme Auskunftsmittel hin, wo es gilt, den Mangel eines
Gedankeninhalts zu verdecken und dem allgemeinen Gefhl, da ber eine
Frage doch irgend etwas aufgestellt werden msse, Rechnung zu tragen.

Fr eine solche leere Begriffsschale mssen wir vor allem die weltberhmte
Definition erklren: Die Seele ist die erste vollendete Wirklichkeit eines
dem Vermgen nach lebenden Naturkrpers und zwar eines solchen, welcher
Organe hat. (+de anima II,1-4+). Die Seele ist die Form oder _Entelechie_
des Leibes. Wenn +du Prel, monist. Seelenlehre cap. IV.+, in Aristoteles
den Begrnder einer _monistischen_ Seelenlehre sieht, so hat er nur
insoweit Recht, als nach Aristoteles auch die Physiologie nur ein Teil der
Psychologie ist. Sobald wir aber der Aristotelischen Psychologie nher
treten, zeigt sich, da sein dualistischer Standpunkt ihn auch hier in den
Hauptfragen zu keiner klaren Stellungnahme gelangen lt, und wird es
begreiflich, da von jeher die Aristoteles-Gelehrten z.B. darber nicht
einig geworden sind, ob und wieweit die Unsterblichkeit der Menschenseele
von ihm behauptet oder verneint werden sollte.

Anscheinend geht er zunchst aus von der Einheit, nicht Einerleiheit der
Seele nicht etwa mit der Materie, wohl aber mit dem belebten Leibe. Man
kann nicht, insofern protestiert er gegen den Pythagorischen
Seelenwanderungsglauben, jede beliebige Seele in jeden beliebigen Leib
stecken. Die Seele ist die Entelechie ihres Leibes d.h. die _Entfaltung
dessen, was in dem lebendigen Leibe als Potenz angelegt ist_. Dieser Satz
klingt ganz monistisch, und selbst ein Materialist knnte ihn
unterschreiben. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet er die Ernhrung
und Fortpflanzung als das Eigentmliche der Pflanzenseele, die Empfindung
und die Selbstbewegung als das Hinzukommende der Tierseele. Allein bei der
Menschenseele reicht er damit nicht aus. Sie kann nur nach der animalischen
Seite hin als Entelechie des Leibes begriffen werden. Sie ist nicht etwa
die vollkommenste Tierseele, wie der menschliche Leib der vollkommenste
Leib ist. Es ist etwas in ihr, was sich so nicht erklren lt und wodurch
sie die Sphre des Sinnlichen berschreitet. Dies bersinnliche ist die
Vernunft, der Intellekt. Aristoteles meint, da dem Gedanken nicht, wie
jedem animalischen Seelenakt, eine leibliche Funktion entspreche. Die
animalische Seele hat zwar einen rein physischen Ursprung. Indem er als
Naturforscher den Proze der Zeugung verfolgt, sucht er nachzuweisen, da
das Zusammenwirken des mnnlichen und weiblichen Faktors ohne Hinzutritt
irgend eines Dritten hinreichend sein msse, um eine neue animalische
Seele hervorzubringen. Indem das Mnnliche als thtige Ursache zu dem
Weiblichen als der leidenden hinzutritt, entsteht sofort diejenige Wirkung,
welche der Natur beider entspricht, es entwickelt sich aus ihnen das, was
sie an sich sind, nicht weil die Stoffe, die sie enthalten, rumlich nach
dem gleichartigen hinstreben, sondern weil jedes, wenn es einmal in
Bewegung gesetzt ist, sich in der Richtung bewegt, zu der es die Anlage
trgt, _weil schon im Samen die Seele der Mglichkeit und dem Keime nach
gesetzt ist_. Die wirkenden Krfte, deren sich die Natur hierbei bedient,
sind die Wrme und Klte; das Ma und die Richtung dieser Krfte ist aber
durch die Natur des Zeugungsstoffes und der in ihm angelegten Erzeugnisse
bestimmt: aus jedem Keim entwickelt sich ein Wesen derselben Art, wie das,
von welchem er herstammt, weil im Blut, als dem unmittelbaren
Nahrungsstoff, der Trieb zur Bildung eines Leibes von dieser bestimmten Art
liegt, und weil eben dieser Trieb im Samen fortwirkt; und daher kommt es,
da nicht blo der Gattungscharakter, sondern auch der der Einzelnen durch
die Zeugung sich fortpflanzt. Hat hiebei der mnnliche Samen, von welchem
der Ansto zur Entwicklung ausgeht, die Kraft, den ihm gegebenen Stoff
vollstndig zu zeitigen, so folgt das Kind dem Geschlecht des Vaters; fehlt
es ihm hiezu an der ntigen Wrme, so entsteht ein Wesen von klterer
Natur, ein Weib. Dies nmlich ist es, was die beiden Geschlechter in
letzter Beziehung unterscheidet, die grere oder geringere Lebenswrme;
die wrmere Natur vermag das Blut zu Samen zu verkochen, die kltere ist
darauf beschrnkt, in den Katamenien den rohen Stoff zur Fortpflanzung
herzugeben; das Weib ist ein unfertiger, auf einer tieferen
Entwicklungsstufe stehen gebliebener Mann. Nach dieser Fhigkeit richten
sich die Geschlechtsorgane; diese sind mithin nicht die Ursache, sondern
nur die Erscheinung des Geschlechtsunterschieds; sein letzter Grund liegt
vielmehr in der Beschaffenheit des Lebensprinzips und des Centralorgans,
worin dieses seinen Sitz hat, und wenn er auch erst mit dem Hervortreten
der Geschlechtsteile zur Vollendung kommt, so ist er doch schon beim ersten
Anfang der Entwicklung in der Bildung des Herzens begrndet.

Ganz anders als mit der vegetativen Seele aber verhlt es sich nach
Ansicht des Aristoteles mit der _Vernunft_. Sie ist es einzig und allein,
die als ein _Gttliches_ von _auen_ hereinkommt. (%thyrathen epeisietai%.)

Ob er aber jenes von auen hinzutretende Gttliche und allein
Unvergngliche in der Menschenseele als _persnliche Substanz_ dachte oder,
wie Alexander von Aphrodisias und spter besonders der Kommentator Averros
meint, als bloes Hereinspielen und Hereinwirken eines pantheistisch zu
denkenden Weltgeistes in das rein sinnliche, mit dem Tode dem gnzlichen
Untergange geweihte Individuum, darber wird wohl immer Streit bleiben.

_Schlomann_, das Vergngliche und Unvergngliche in der menschlichen Seele
nach Aristoteles, Halle 1873, meint, da Aristoteles hnlich wie Kant (und
neuerdings du Prel) der mystischen Conception von einem intelligiblen
(idealen) und empirischen Ich gehuldigt habe. Er verweist selber zur
Untersttzung dieser Duplicittstheorie auf die Spontaneitt des Genies.
Woher die Macht jenes geistigen Triebes, welchem die Menschheit so viele
bleibende geistige Eroberungen verdankt? Solchen Erscheinungen gegenber
(und wer kann sie alle herzhlen?) wird jede blo empirische und
insbesondere die materialistische Erklrung, die sie smtlich aus einer
mechanischen Bewegung des Stoffes ableiten will, zur puren Ungereimtheit.
Wir stehen hier vor den geheimnisvollen Tiefen der intelligiblen Welt.
Gerade das Bewutsein davon hat den chten Genius immer, mitten in dem
Gefhle seiner Kraft, zugleich demtig gemacht. Gthe, indem er vor der
greren dichterischen Schpfermacht Shakespeares sich beugt, Tieck aber
bei aller Anerkennung, die er ihm zu teil werden lt, unter sich selber
stellt, fgt hinzu: Ich darf das frei sagen, ich habe mich ja nicht selbst
gemacht. -- Ebenso sind Vernunft und Gewissen in unser aller geistigem
Dasein etwas, das wir nicht gemacht haben, geistige Mchte, welche aus der
Tiefe unseres eigenen Bewutseins emporsteigend auf unser freithtiges Ich
bestndig und unmerklich treibend eindringen. Daher geraten wir mit jedem
Denkakt in den Bereich der Denkgesetze, welche unsre Vernunft, ohne da wir
hierber reflektieren, zur Geltung bringt; mit jedem Willensakt in den
Bereich der sittlichen Gesetze, welche unser Gewissen, wie wir alle aus
Erfahrung wissen, auch im Fall unseres Widerstrebens aufrecht erhlt. Dies
fhrt, namentlich auf sittlichem Gebiet, zu dem Begriff eines _idealen_,
eines _inwendigen_ Menschen, nach welchem der uere, empirisch gegebene
Mensch sich gestalten, bezw. sich umgestalten soll. Eben jener inwendige
Mensch ist, wie wir ihn wahrhaft erkennen, nach Gthe schlechthinige
Autoritt fr uns. -- Fr dieses ethische Verhltnis wird ein Analogon aus
der _sthetischen_ Sphre zur Erluterung dienen knnen. Ein feiner und
zartsinniger Beobachter hat mit Recht gesagt, da der chte _lyrische
Dichter_ nicht eine bloe Kopie der Eindrcke seines empirischen Ich giebt,
sondern da in ihm gleichsam ein ideales Ich dies empirische belauscht,
gewisse Elemente desselben mit nicht minder unerbittlicher Strenge
zurckweist und nur den Duft, den Wiederhall, die therischen Nachklnge
der Wirklichkeit in sein Spiegelbild aufnimmt. Erst _diese zweite Seele_,
fgt er hinzu, macht den Dichter.[623] -- Eine solche zweite Seele ist es,
die auch den sittlichen Menschen macht. Auch hier belauscht gleichsam ein
ideales Ich das empirische, weist gewisse Elemente desselben mit nicht
minder unerbittlicher Strenge zurck und entwirft auch seinerseits von ihm
ein ideales Spiegelbild, aber nicht um sich an dem sthetischen
Wohlgefallen daran gengen zu lassen, sondern um dessen Verwirklichung,
wenn es sein mu, im hartnckigen Kampfe, dem empirischen Ich abzuringen.
-- Dem _idealen_ Ich entspricht _bei Aristoteles_ der _thtige Intellekt_
(der %nous poitikos%), den er ja auch als eine zweite Art von Seele
bezeichnet und im Gehorsam gegen welche er die Sittlichkeit bestehen lt.
Dem _empirischen Ich_ entspricht der _leidentliche Intellekt_ (der %nous
pathtikos%). Bei Kant ist analog die Unterscheidung zwischen dem
intellektuellen oder intelligiblen Ich und dem sinnlichen Ich, von welchen
er jenes als das bestimmende, also thtige, dieses als das bestimmte, also
leidentliche denkt. Einmal wirft er die Bemerkung hin, da durch solche
Unterscheidung eines doppelten Ich zwei Subjekte (also gewissermaen zwei
Hypostasen) in einer Persnlichkeit vorausgesetzt zu werden scheinen.[624]

Der leidentliche Intellekt des Aristoteles gehrt der vorbergehenden
Erscheinung an; er ist keine eigene selbstndig geistige Substanz, sondern
nichts als eine Ausstrahlung, die der thtige Intellekt, als die einzige
geistige Substanz im Menschen in der Sphre des Sinnlichen dadurch
hervorbringt, da er sich mit dem beseelten Krper verbindet. Sobald diese
Verbindung sich lst, verschwindet damit zugleich der leidentliche
Intellekt und unser empirisches sinnliches Ich. Nicht aber das intelligible
Ich, der thtige Intellekt, der gleichsam hinter und ber jenem den
unvergnglichen Wesensgrund bildet. Dieser gleicht nach dem Bilde eines
griechischen Kommentators alsdann einem Knstler, der seine Werkzeuge
weggeworfen hat, dessen Wirksamkeit aber fortdauert, nmlich in rein
geistiger, nicht stofflicher und werkzeuglich vermittelter Weise.[625]

                  *       *       *       *       *

Ob hiernach Aristoteles eine _individuelle_ Unsterblichkeit angenommen oder
geleugnet habe, gehrt zu den zahllosen wohl niemals zu Ende kommenden
Streitfragen der Aristoteles-Gelehrten.

Es wiederholt sich hier der bereits hervorgehobene logische Defekt seines
Dualismus zwischen Form und Stoff. Wie es schon in seiner Metaphysik
unentschieden bleibt, ob der Grund des Einzelseins in der Form oder im
Stoff liege, so bleibt es erst recht in seiner Psychologie im Dunkeln, ob
die Persnlichkeit in den hheren oder den niederen Seelenkrften, in dem
unsterblichen oder sterblichen Teile unserer Natur liegt. Einerseits
scheint es, da der thtige Intellekt, die Vernunft als solche, der reine
Geist nicht der Sitz der Persnlichkeit sein kann; denn alle Bestimmtheit,
alle Lebendigkeit des persnlichen Daseins, der ganze auf der
Wechselwirkung zwischen Welt und Mensch, auf Vernderung und Entwicklung
gegrndete _Inhalt_ der Persnlichkeit fllt ja auf die Seite der
Sinnlichkeit, ist _empirisches_ Ich. Selbst das Denken ist ja ohne
Phantasiebilder nicht mglich, von denen nach Untergang der empfindenden
Seele nicht mehr die Rede sein kann. Und selbst wenn man mit Aristoteles an
eine Fortdauer der _reinen Denkthtigkeit_ nach dem Tode glauben wollte,
wie soll man sich die Identitt des Geisteslebens nach dem Tode mit dem
jetzigen vorstellen? +Zeller, Philosophie der Griechen II, S.607+, bemerkt
aber mit Recht: Und doch kann die _Persnlichkeit_ eines vernnftigen
Wesens und seine freie Selbstbestimmung nicht in seiner sinnlichen Natur
liegen. Wo sie aber dann liege, darnach fragen wir (Aristoteles) vergebens:
wie die Vernunft von 'auen her' (%thyrathen%) zu der sinnlichen Seele
hinzutritt und beim Tode sich wieder von ihr abtrennt, so fehlt es beiden
_auch whrend des Lebens an der inneren Einheit_, und was der Philosoph
ber die leidende Vernunft und den Willen sagt, ist in seiner unsicheren
Haltung nicht geeignet, zwischen den ungleichartigen Teilen des
menschlichen Wesens die wissenschaftliche Vermittlung zu bilden.

                  *       *       *       *       *

Anstatt der erste Begrnder einer _monistischen_ Seelenlehre zu sein,
laboriert also Aristoteles, der scheinbar eine Einheit zwischen Leib und
Seele vertritt, auf der anderen Seite selber an einem unvershnlichen
_Dualismus_ zwischen (animalischer) Seele und Geist. Offenbar liegt dies an
einer sein ganzes System kennzeichnenden berschtzung des rein
theoretischen, abstrakten Denkvermgens und Verkennung der hohen geistigen
und sittlichen Bedeutung, die auch das scheinbar Niedrige, die
Sinnlichkeit, im Menschen beansprucht.

Eine andere Anschauung hatten Plato und die Mysterien von dem
unvergnglichen Teile der Seele, und diesen, nicht dem Aristoteles, der
richtiger von Averros vertreten sein drfte, folgten die christlichen
Aristoteliker des Mittelalters, wenn sie, im Anschlu unter anderem auch an
die bekannten Worte des Paulus, den Geist nach dem Tode als Gef der zu
rettenden Persnlichkeit eine _verklrte_ Leiblichkeit nach sich ziehen
lassen. Zu ihnen gehrt Dante, wenn er schildert, wie in den durch Zeugung
und Geburt entstehenden menschlichen Leib, und zwar in das Gehirn, ein
gttlicher Hauch sich einsenkt und sich so ein einheitliches Seelenwesen
gleichsam anbildet, und dabei im dichterischen Gleichnis auf die Sonnenglut
verweist, die mit dem Saft des Weinstocks verbunden den Wein entstehen
lt:

    +Guarda il calor del Sol, che si fa vino
    Giunto all' humor, che dalla vite cola.+

Er lt dann jenes Seelenwesen, wenn die Parze den Lebensfaden
abschneidet, sich vom Leibe lsend Gttliches _und Menschliches_ mit sich
hinwegnehmen:

    +Seco ne porta e l'umano el il divino+,

und hebt hervor, da alsdann _Gedchtnis, Intellekt und Willen sich
steigern_, whrend nur die niederen animalischen Krfte ersterben. So kommt
er sogar zur Annahme eines _Astralleibes_,

    Und hnlich, wie die Flamme stets dem Feuer,
    Wie sehr dies auch den Ort vertausche, nachfolgt,
    So folgt dem Geiste seine neue Form;
    Und weil er nur durch sie Erscheinung hat,
    Wird Schatten sie genannt.
                             (+Purgat. XXV. 97-101.+)

Den Alten war zwar diese Vorstellung bis auf den Vergleich mit dem Weine
die normale, vor allem, wie wir sehen, in den Mysterien vorausgesetzte, wie
denn auch der in die eleusinischen Mysterien eingeweihte Pindar[626] singt:

    Jedweder Leib verfllt des Todes
    bermacht; doch lebend brig bleibt
    _Des Erdenlebens Geistesbild_[627], denn das nur ist von den Gttern.
    Es schlft, wenn die Glieder sich mhen,
    _Aber den Schlafenden zeigt's in vielen Trumen
    Der Freud' und des Leides nahes Verhngnis_.

Aristoteles teilte diese Anschauung nicht, wie denn auch seine Schrift
ber den Schlaf eine durchaus _rationalistische_ Theorie der Trume
entwickelt. Der Schlaf, sagt er, ist Gebundenheit, das Wachen freie
Wirksamkeit des Wahrnehmungsvermgens; beide Wechselzustnde kommen daher
nur bei den Wesen vor, welche der Sinneswahrnehmung fhig sind, bei ihnen
aber auch ganz allgemein; denn das Wahrnehmungsvermgen kann unmglich
immer wirksam sein, ohne da sich seine Kraft zeitweise erschpfte. Der
Zweck des Schlafes ist die Erhaltung des Lebens, die Erholung, welche
ihrerseits wieder dem hheren Zwecke der wachen Thtigkeit dient. Seine
natrliche Ursache liegt in dem Ernhrungsproze. Die Lebenswrme treibt
die aus der Nahrung sich entwickelnden Dmpfe nach oben; indem sie sich
hier ansammeln, beschweren sie den Kopf und erzeugen zunchst die
Schlfrigkeit; am Gehirn sich abkhlend, sinken sie dann wieder nach unten
und bewirken eine Erkltung des Herzens, in deren Folge die Thtigkeit
dieses allgemeinsten Empfindungsorgans ins Stocken gert. Dieser Zustand
dauert so lange, bis die Nahrung verdaut, und das reinere fr die oberen
Teile des Krpers bestimmte Blut von dem dickeren, nach unten zu fhrenden,
ausgeschieden ist. Aus den inneren Bewegungen der Sinneswerkzeuge, welche
nach dem Aufhren der ueren Eindrcke fortdauern, entstehen die Trume:
im wachen Zustand verschwinden diese Bewegungen hinter den Sinnes- und
Denkthtigkeiten, im Schlaf dagegen, und besonders gegen das Ende
desselben, nachdem die anfngliche Unruhe im Blut sich gelegt hat, treten
sie deutlicher hervor. Es kann daher geschehen, da eine innere Bewegung im
Krper, welche man wachend nicht wahrnimmt, sich im Traum ankndigt, oder
da der Traum umgekehrt durch die Bilder, welche er der Seele vorfhrt, zu
einer spteren Handlung den Ansto giebt; es ist auch mglich, da whrend
des Schlafs sinnliche Eindrcke an uns gelangen, die bei Tage, in der
bewegteren Luft, unsere Sinne nicht getroffen htten oder von uns nicht
bemerkt worden wren; und insofern lassen sich gewisse weissagende Trume
auf natrlichem Weg erklren; was aber darber hinausgeht, ist fr ein
zuflliges Zusammentreffen zu halten, wie denn auch deshalb viele Trume
nicht eintreffen.

Allerdings hat Aristoteles nach +Arist. Divin c.2.+ sogar eine Schrift
ber weissagende Trume, %peri ts kath' hypnon mantiks%, verfat, der
zufolge das Ahnungsvermgen, das sich in weissagenden Trumen und
enthusiastischen Zustnden offenbart, nur eine unklare uerung jener Kraft
sein sollte, die als thtiger Verstand das Band zwischen dem menschlichen
und dem gttlichen Geist bilde (vergl. +Cicero, Divin. I. 38,81.+); auch
hat uns Sextus Empiricus (vergl. +Math. IX.20+) ein Fragment aus seinem
Dialog +Eudemos+ aufbewahrt, in dem es heit, im Schlafe gelange erst die
Seele zum rechten Beisichsein (%kath' heautn ginetai%) und werde ihrer
eigenen Natur teilhaftig (%tn idion physin apolambanei%); daher knne sie
alsdann weissagen und das Zuknftige vorherverknden. In einen solchen
Zustand trete sie noch vollkommener ein, wenn sie im Tode sich ganz vom
Krper trenne. Sie kehre alsdann gleichsam in ihre Heimat zurck.

Der klaffende Widerspruch dieser letzteren Stze mit den vorstehenden liegt
auf der Hand und bildet ein weiteres Rtsel fr die Aristoteliker.

+Zeller, Philosophie der Griechen S.552, u.f.+ meint nun, die letzteren
uerungen knnten nicht als der Ausdruck der wissenschaftlichen
berzeugung des Aristoteles betrachtet werden, vielmehr spreche er in
denselben wohl nur eine Meinung aus, die, wie er glaubte, zur Entstehung
des Gtterglaubens Veranlassung gegeben habe. Sollte er aber auch dieser
Meinung zur Zeit der Abfassung jenes Gesprchs einen ernstlichen Wert
beigelegt haben, so wre dies nur einer von den vielen Beweisen fr die
Gewalt, welche die platonischen Anschauungen damals auf ihn ausbten.

Fr mich und vermutlich fr die meisten Leser kann es wenig Interesse
haben, welche Ansicht er ber diesen Gegenstand zuerst oder zuletzt,
scheinbar oder wirklich gehegt hat. Mglicherweise war die eine esoterisch,
die andere exoterisch gemeint; sein Verhalten erinnert in der That etwas an
das berchtigte System der doppelten Buchfhrung in philosophischen
Fragen, das auch in unserem Jahrhundert empfohlen worden ist.

Mglich ist es ja aber auch, da ihm dasselbe, was auch heutzutage noch
vielen _ehrlichen_ Forschern, passiert ist, zu verschiedenen Zeiten
verschieden, bald skeptisch, bald glubig ber diese occultistischen
Thatsachen zu denken, deren allgemeingltige wissenschaftliche
Konstatierung leider immer noch unmglich erscheint.




Siebentes Buch.

Der Occultismus der alten Rmer.

Erstes Kapitel.

Einflu der Etrusker auf die rmische Religion.


Whrend sich unsere Darstellung der occultistischen Lehren der Griechen
geradezu als ein, wenn auch einseitig aufgefater, Abri der Geschichte der
alten Philosophie geben konnte und mute, wird die Form der occultistischen
Anschauungen wieder eine vllig andere, indem wir den italischen Boden
betreten. Wenn man nicht etwa die Jurisprudenz mit den Rmern, die dies
beanspruchten, als einen praktischen Zweig der Philosophie gelten lassen
will, so haben die Rmer in der Philosophie, wie auf wissenschaftlichem
Gebiete berhaupt nichts Ursprngliches aufzuweisen. Smtliche lateinische
Philosophen, von Cicero bis auf Bothius, sind entweder als bloe
Eklektiker oder bestenfalls als Schler der einen oder anderen griechischen
Philosophenschule zu bezeichnen.

Anders verhlt es sich mit der _Religion_ der Rmer. Diese zeigt einen
entschieden selbstndigen, streng national gefrbten Typus, der allerdings
seit der Berhrung mit dem Hellenismus, etwa seit dem zweiten punischen
Kriege, durch knstliche Assimilation mit der griechischen Mythologie etwas
verwischt wurde. Dennoch ist diese, hauptschlich von den Dichtern durch
oft willkrliche Namensvertauschungen und Gleichstellungen ursprnglich
verschiedener Gtterbegriffe versuchte Verhnlichung nie dahin gelangt, die
ursprngliche Selbstndigkeit der rmischen Religion, die sich durch eine
Art juristischer Systematik auszeichnet, verkennen zu lassen. Vor allem
blieb stets bis in die letzten Zeiten hinein ein Unterschied des rituellen
Kultus im eigentlich rmischen Gottesdienste sichtbar. Andrerseits hat
freilich kein Staat in toleranterem Mae fremden Gottesdiensten Aufnahme
gewhrt und durch solche seine eigene National-Religion geradezu
berwuchern lassen, als der rmische seit dem Beginn seiner Weltherrschaft.

In der Urzeit des rmischen Volkes scheint aber der einzige Einflu, den
die Rmer in Sachen der Religion und berhaupt der bersinnlichen
Angelegenheiten von Auen zugelassen haben, auf das rtselhafte Volk der
_Etrusker_ sich zu beschrnken. Doch darf auch dieser Einflu nicht
berschtzt werden. Die Nachricht des +Livius IX, 36+, da in der ltesten
Zeit rmische Jnglinge in der etruskischen Sprache und Litteratur, sowie
spter in der griechischen unterrichtet seien, steht vereinzelt da; jene
Unterweisung in der Sprache des Nachbarvolks beschrnkte sich wohl nur auf
eine geringe Anzahl der vornehmsten, zum Priesterstande berufenen Jnglinge
(vergl. Cicero ber die Weissagung), zu dem einzigen Zwecke, die
nachweisbar allerdings von den Etruskern bernommenen Knste der
Opferschau, fr deren Ausbung man sich in Rom anfangs mit gedungenen
Etruskern behalf, ferner die Theorie der Blitze, worber spter mehr, zu
erlernen.

Gleichwohl fordert das Volk der Etrusker, oder wie sie selber sich nannten,
_Rasen_, schon um der bestimmten Zweige des praktischen Occultismus willen,
die von den Rmern bernommen wurden, unsere Aufmerksamkeit heraus. Es ist
bislang ebensowenig gelungen, ihre Sprache zu entziffern, als ihre
ethnologische Verwandtschaft festzustellen. Die etruskische Inschrift eines
in Caere ausgegrabenen Thongefes lautet:

+minice dumamimadumaramlisiaedipurenaiedecraisiepanamine dunastavhelefu+.

Die verschiedensten Idiome sind auf Stammesverwandtschaft mit den
etruskischen vergeblich geprft worden, wenn auch einige Spuren darauf
hinzudeuten scheinen, da die Etrusker im allgemeinen den Indogermanen
beizuzhlen sind. Vielleicht hngt der Name des etruskischen Zeus +Tina+
oder +Tinia+ mit dem sanskritischen +dina+, Tag zusammen. brigens
schreibt schon Dionysios: die Etrusker stehen keinem Volke gleich an
Sprache und Sitte.

Wahrscheinlich ist es, da die Etrusker ber die rtischen Alpen nach
Italien gekommen sind, da die ltesten in Tirol und Graubndten
nachweisbaren Ansiedler bis in die historische Zeit etruskisch redeten und
auch ihr Name auf den der Rasen anklingt. Nach Herodot sollen sie freilich
aus Asien eingewanderte Lyder sein, allein schon Dionysios erklrt diese
Erzhlung bei der groen Verschiedenheit zwischen Religion, Gesetz, Sitte
und Sprache der Lyder von ihnen fr ein unmgliches Mrchen.

Mit Mommsen drfen wir es brigens fr zuverlssig halten, da das letzte
Knigsgeschlecht, das ber die Rmer herrschte, das der Tarquinier aus
Etrurien entsprossen ist.

Die Anschauungen der Etrusker wurzelten mehr als die irgend eines anderen
bekannten Volkes des Altertums im eigentlich occultistischen
Gedankenkreise. Insofern zeigen sie eine gewisse hnlichkeit mit den
Egyptern, von denen sie sonst nach Sprache, Sitte und Verfassung
entschieden zu trennen sind. Die Nekromantie und schwarze Magie scheint ihr
eigenstes Element gewesen zu sein. Der Totenkultus scheint bei ihnen eine
noch grere Rolle gespielt zu haben, als bei den Egyptern. Es gab eine
Unzahl von Todesgenien, deren furchtbare Bilder an den Mauern der
Totenstdte, auf den Sarkophagen u.s.w. uns entgegenstarren. Sie sind
dargestellt, wie sie die armen Menschenseelen verfolgen, peinigen und trotz
alles Flehens entfhren, archaistische Hllenbreughel; sehr selten sieht
man auch gute Geister die Seelen freundlich einladen, auch gute und bse
sich um dieselben streiten. Die Totenstdte der Egypter bertrafen die
Stdte der Lebenden an Ausdehnung und wurden mit grerem architektonischen
Aufwand, als jene, ausgeschmckt. Aus den Trmmern, die vom etruskischen
Sacralwesen auf uns gekommen sind, schreibt +Mommsen, rm. Gesch. I,
S.180+, redet eine _dstere_ und dennoch langweilige Mystik, Zahlenspiel
und Zeichendeuterei und jene feierliche Inthronisierung des reinen
Aberwitzes, die zu allen Zeiten ihr Publikum findet. Wir kennen zwar den
etruskischen Kult bei weitem nicht in solcher Vollstndigkeit und Reinheit
wie den latinischen; aber mag die sptere Grbelei auch manches erst
hineingetragen haben und mgen auch gerade die dstern und phantastischen,
von dem latinischen Kult am meisten sich entfernenden Stze uns
vorzugsweise berliefert sein, was beides in der That nicht wohl zu
bezweifeln ist, so bleibt immer noch genug brig, um die Mystik und
Barbarei dieses Kultus als im innersten Wesen des etruskischen Volkes
begrndet zu bezeichnen. -- Ein innerlicher Gegensatz des sehr ungengend
bekannten etruskischen Gottheitsbegriffes zu dem italischen lt sich nicht
erfassen; aber bestimmt treten unter den etruskischen Gttern die bsen und
schadenfrohen in den Vordergrund, wie dann auch der Kult grausam ist und
namentlich das Opfern der Gefangenen einschliet, -- so schlachtete man in
Caere die gefangenen Phokaeer, in Tarquinii die gefangenen Rmer. Statt der
stillen in den Rumen der Tiefe friedlich schaltenden Welt der
abgeschiedenen guten Geister, wie die Latiner sie sich dachten, erscheint
hier eine wahre Hlle, in die die armen Seelen zur Peinigung durch Schlge
und Schlangen abgeholt werden von dem Totenfhrer, einer wilden halb
tierischen Greisengestalt mit Flgeln und einem groen Hammer; einer
Gestalt, die man spter in Rom bei den Kampfspielen verwandte, um den Mann
zu kostmieren, der die Leichen der Erschlagenen vom Kampfplatze
wegschaffte. So fest ist mit diesem Zustand der Schatten die Pein
verbunden, da es sogar eine Erlsung daraus giebt, die nach gewissen
geheimnisvollen Opfern die arme Seele versetzt unter die oberen Gtter. Es
ist merkwrdig, da um ihre Unterwelt zu bevlkern, die Etrusker frh von
den Griechen deren finsterste Vorstellung entlehnten, wie denn die
acheruntische Lehre und der Charun eine groe Rolle in der etruskischen
Weisheit spielen. -- Aber vor allen Dingen beschftigt den Etrusker die
Deutung der Zeichen und Wunder. Die Rmer vernahmen wohl auch in der Natur
die Stimme der Gtter; allein ihr Vogelschauer verstand nur die einfachen
Zeichen und erkannte nur im allgemeinen, ob die Handlung Glck oder Unglck
bringen werde. Strungen im Laufe der Natur galten ihm als unglckbringend
und hemmten die Handlung, wie zum Beispiel bei Blitz und Donner die
Volksversammlung auseinanderging, und man suchte auch wohl sie zu
beseitigen, wie zum Beispiel die Migeburt schleunigst gettet ward. Aber
jenseits der Tiber begngte man sich damit nicht. Der tiefsinnige Etrusker
las aus den Blitzen und aus den Eingeweiden der Opfertiere dem glubigen
Mann seine Zukunft bis ins Einzelne heraus und je seltsamer die
Gttersprache, je auffallender das Zeichen und Wunder, desto sicherer gab
er an, was es verknde und wie man das Unheil etwa abwenden knne. So
entstanden die Blitzlehre, die Haruspicin, die Wunderdeutung, alle
ausgesponnen mit der ganzen Haarspalterei des im Absurden lustwandelnden
Verstandes, vor allem die _Blitzwissenschaft. Ein Zwerg von Kindergestalt
mit grauen Haaren, der von einem Ackersmann bei Tarquinii war ausgepflgt
worden, Tages genannt_ -- man sollte meinen, da das zugleich kindische und
altersschwache Treiben in ihm sich selber habe verspotten wollen, -- also
Tages, _hatte sie zuerst den Etruskern verraten und war dann sogleich
gestorben. Seine Schler und Nachfolger lehrten, welche Gtter Blitze zu
schleudern pflegten; wie man am Quartier des Himmels und an der Farbe den
Blitz eines jeden Gottes erkenne; ob der Blitz einen dauernden Zustand
andeute oder ein einzelnes Ereignis und wenn dieses, ob dasselbe ein
unabnderlich datiertes sei oder durch Kunst sich verschieben lasse bis zu
einer gewissen Grenze; wie man den eingeschlagenen Blitz bestatte oder den
drohenden einzuschlagen zwinge_, und dergleichen wundersame Knste mehr,
denen man gelegentlich die Sportulierungsgelste anmerkt. Wie tief dies
Gaukelspiel dem rmischen Wesen widerstand, zeigt, da, selbst als man
spter in Rom es benutzte, doch nie ein Versuch gemacht ward es
einzubrgern; in dieser Epoche gengten den Rmern wohl noch die
einheimischen und die griechischen Orakel. -- _Hher als die rmische
Religion steht die etruskische insofern, als sie von dem_, was den Rmern
vllig mangelt, _einer in religise Formen gehllten Spekulation wenigstens
einen Anfang entwickelt hat_. ber der Welt mit ihren Gttern walten die
verhllten Gtter, die der etruskische Jupiter selber befragt; jene Welt
aber ist endlich und wird, wie sie entstanden ist, so auch wieder vergehen
nach Ablauf eines bestimmten Zeitraums, dessen Abschnitte die Saecula sind.
ber den geistigen Gehalt, den diese etruskische Kosmogonie und Philosophie
einmal gehabt haben mag, ist schwer zu urteilen, doch scheint auch ihnen
ein geistloser Fatalismus und ein plattes Zahlenspiel von Haus aus eigen
gewesen zu sein.

Die obersten Gtter des etruskischen Volkes, die Verhllten durften nicht
mit Namen genannt werden. Nach ihnen kamen zwlf Gottheiten der Oberwelt,
an deren Spitze +Tina+ (Zeus?) stand, dieselben erinnern, ebenso wie die
Blitzwissenschaft, auffllig an die obersten Gtter der Akkader und sind
augenscheinlich nichts anderes, als die zwlf Monate oder zwlf Zeichen des
Tierkreises (Planetengtter), vergl. Teil I dieses Werkes (S.7 und 53),
ferner _Mller_, die Etrusker (2 Bnde); dann die Gottheiten der Unterwelt,
vor allem Mantus und Mania, denen in ltester Zeit sogar Kinderopfer
dargebracht sein sollen, an deren Stelle erst in rmischer Zeit Mohn- und
Kohlkpfe substituiert wurden.




Zweites Kapitel.

Die Religion der Rmer.


In seinen Gttern spiegelt sich der Mensch. Diese nicht erst von Feuerbach,
sondern wie wir sahen, schon von Xenophanes (S.475 oben) erkannte Wahrheit
besttigt sich auch, wenn wir die religisen Vorstellungen der Rmer Revue
passieren lassen. Man erwarte daher von den praktischen, fast ganz auf die
Beherrschung der diesseitigen Welt gerichteten Rmern keine tiefsinnige
Mystik, wie sie uns bei den Orientalen und teilweise auch bei den Griechen,
spter auch wieder bei den Germanen entgegentritt. Von den
trumerisch-phantastischen, ja unheimlichen Etruskern bernahmen zwar die
Rmer einige Praktiken, mit denen sie den aberglubischen Sinn der Menge
unmerklicher unter das Joch der Politik bringen konnten; ihre religise
Weltanschauung selbst trgt einen durchweg klaren, wesentlich nur die
wichtigsten Naturerscheinungen und Interessen ihres, ursprnglich mit
Ackerbau und Hirtenleben einerseits und Krieg andererseits verwachsenen
Lebens symbolisierenden naturalistischen und fast rationalistischen
Charakter. Die Religion steht durchaus im Dienste der irdischen Zwecke, vor
allem des Staates, nicht umgekehrt. Allerdings drngt sie sich, um den
staatlichen Dingen die ntige Weihe zu geben, berall vor, aber wenn durch
diesen Schein verleitet, Hartung, ein Philologe, ber die Religion der
Rmer schreibt, man msse den lteren Rmern nachrhmen, da sie eine so
allgemeine, so durchreichende und so unerschtterliche Religiositt
besessen und gebt haben, wie kein anderes Volk der Erde, so verfehlt ein
besserer Kenner des eigentlich rmischen Geistes, der Jurist +R.
v.Ihering, Geist des rmischen Rechts, 21+, nicht, die Kehrseite der
Medaille aufzuweisen und von frhzeitigem Formalismus und _Jesuitismus_,
man knnte auch sagen Machiavellismus der Rmer in Beziehung auf die
Religion zu sprechen. Die Religion der Rmer ward schon sehr frh mit ihrem
gesamten Apparat von in den Willen der Staatsregierung gegebenen
geistlichen Beamten, Zeichen, Nichtigkeitgrnden u.s.w. ein _politisches_
Institut; und +Mommsen, rmische Geschichte I, S.160+, macht auf das
Schwanken der rmischen Religionsvorstellungen im Laufe der Geschichte
aufmerksam; der Staat und das Geschlecht, das einzelne Naturereignis, wie
die einzelne geistige Thtigkeit, jeder Mensch, jeder Ort und Gegenstand,
ja jede Handlung innerhalb des rmischen Rechtskreises kehren in der
rmischen Gtterwelt wieder; und _wie der Bestand der irdischen Dinge
flutet im ewigen Kommen und Gehen, so schwankt auch mit ihm der
Gtterkreis_.

Den Vorrang unter den mnnlichen Gttern der ltesten Anschauungsform
beanspruchen _Jupiter_, _Mars_ und _Quirinus_. Diese drei wurden am
heiligsten verehrt; sie waren die eigentlichen Schutzgottheiten Roms gegen
auswrtige Feinde. So lautete ein altes Gesetz der Numa, das uns Festus
aufbewahrt hat: Unter wessen Anfhrung in der Schlacht die vornehmste
Beute gewonnen wird, der soll dem _Jupiter_ Feretrius einen Ochsen
schlachten, und dem der sie gewonnen dreihundert Pfund geben; fr die
zweite soll er an dem Altar des _Mars_ auf dem Marsfelde Suovetaurilien
nach Belieben schlachten, fr die dritte dem _Quirinus_ ein mnnliches
Lamm.

Jupiter, aus +Djovis pater+ entstanden, bedeutet zunchst Himmelsvater, als
Quell des Lichtes; ihm sind alle Luftvernderungen, Regen und Gewitter,
Blitz und Donner unterworfen. Darum heit er auch, je nachdem er seine
Macht uert, Pluvius, Fulgurator, Tonans, Imbricitor, Serenator. Der
heiligste Eid lautete, indem der Schwrende einen Kieselstein in die Hand
nahm und auf das Opfertier schleuderte: wenn ich mit Wissen und Willen
einen Meineid schwre, so soll mich Jupiter also schlagen (+ferito+), wie
ich hier dieses Opfertier schlage, und so will ich aus Staat und Heimat
also hinausgeworfen werden, wie dieser Stein da!

Bei langdauernder Drre brachte man ihm ein Opfer dar, das +aquilicium+
oder Wasserentlockung hie; da dasselbe mit gewissen magischen Ceremonien
verbunden war, lie man es durch einen Etrurier (Tusker) verrichten. ber
diese magischen Ceremonien ist uns aus Labeo, der die tuskische Disziplin
des +Tages+ und +Bacis+ in 15 Bchern erlutert hat, nur folgendes
erhalten: Wenn die Leberfasern eine Sondarach-Farbe zeigen, dann mssen
die _rinnenden Steine_ (+manales petrae+) in Bewegung gesetzt werden.

Als hchster Gott heit er Optimus Maximus, und sein Tempel ist als
hchster auf dem Kapitol gegrndet. Ihm gelten die Triumphzge nach jedem
Siege. Zu seinen Ehren wurden auch die berhmten Kapitolinischen Spiele
gefeiert, und auf dem Giebel des Kapitolinischen Tempels prangte ein groes
Viergespann, wie es die Wettfahrer bei diesen Spielen hatten. Etrurien soll
durch ein solches frhzeitig die hohe Bestimmung seines Nachbarstaates
erfahren haben. Als einst zu Veji dem Jupiter hnliche Wettspiele, wie man
sie zu Rom zu feiern pflegte, gehalten wurden, fingen die Rosse des
siegenden Viergespanns pltzlich, wie von einem unsichtbaren Dmon
getrieben, zu laufen an, und eilten unaufhaltsam nach Rom zu. Dort warfen
sie den Tuskerjngling, welcher den Namen Ratumena fhrte, beim
Tarpejischen Thore ab, das sodann nach demselben umgetauft wurde, und
rasteten nicht eher, als bis sie dreimal um den Tempel des Jupiter
Kapitolinus gefahren waren.

Als Herr des Himmels und Lenker der Welt steht er allen irdischen und
menschlichen Angelegenheiten vor und pflegt deshalb bei jedem Beginn einer
wichtigen Handlung begrt zu werden. Ihm sind alle Vollmondstage heilig
(die _Iden_), auerdem die smtlichen Weinfeste.

Zu Zeiten der Not gelobte man ihm bisweilen den ganzen Ertrag eines Zweiges
der Landwirtschaft oder gar die Erstlingsgeburten eines Frhlings, des sog.
+ver sacrum+ als Opfer. Eigentlich gehren dazu auch die in diesem Frhjahr
geborenen Menschen. Weil es aber zu grausam gewesen wre, so viele
unschuldige Kinder abzuschlachten, so lie man sie gro werden, und trieb
sie dann in einem Frhjahr miteinander, verhllten Gesichtes, ber die
Grenze; jene gingen dann aufs Geradewohl, wohin ihr Genius sie fhrte, und
auf diese Weise soll manche Kolonie entstanden sein. Augenscheinlich war
dieser Weihefrhling ein Mittel, der bervlkerung und Nahrungsnot durch
geeignete Kolonisation vorzubeugen und durch solche zugleich den Staat zu
expandieren. Uhland hat ihn zum Vorwurf einer glnzenden Ballade gemacht,
in der der Priester den Ersatz des blutigen Opfers durch die Auswanderung
mit folgenden Worten begrndet:

    Nicht lt der Gott von seinem heil'gen Raub,
    Doch will er nicht den Tod, er will die Kraft;
    Nicht will er einen Frhling welk und taub,
    Nein, einen Frhling, welcher treibt in Saft.

    Aus der Latiner alten Mauern soll
    Dem Kriegsgott eine neue Pflanzung gehn;
    Aus diesem Lenz, urkrft'ger Keime voll,
    Wird eine groe Zukunft ihm erstehn.

    Drum whle jeder Jngling sich die Braut!
    Mit Blumen sind die Locken schon bekrnzt;
    Die Jungfrau folge dem, dem sie vertraut!
    So zieht dahin, wo euer Stern erglnzt!

    Der junge Stier pflg' euer Neubruchland!
    Auf eure Weiden fhrt das muntre Lamm!
    Das rasche Fllen spring' an eurer Hand,
    Fr knft'ge Schlachten ein gesunder Stamm!

    Denn Schlacht und Sturm ist euch vorausgezeigt;
    Das ist ja dieses starken Gottes Recht,
    Der selbst in eure Mitte niedersteigt,
    Zu zeugen eurer Knige Geschlecht.

    In eurem Tempel haften wird sein Speer;
    Da schlagen ihn die Feldherrn schtternd an,
    Wann sie ausfahren ber Land und Meer
    Und um den Erdkreis ziehn die Siegesbahn.

    Ihr habt vernommen, was dem Gott gefllt.
    Geht hin, bereitet euch, gehorchet still!
    Ihr seid das Saatkorn einer neuen Welt;
    Das ist der Weihefrhling, den er will.

Jupiter ist ferner Beschtzer des Rechts und der Tugend, als Gott der
Treue, +Dius Fidius+ auch besonders des Ehebundes; -- da spter die
Schwurformel +me Dius Fidius+ identisch mit dem aus der Fremde
eingedrungenen +me Hercle+ wurde, hat man flschlich diesen Gottesbegriff
spter auf +Hercules+ bertragen. Nach +Augustin (IV,23)+ htten die Rmer
auch einen gewissen rtselhaften (+nescio quem+) Summanus noch hher als
Jupiter selbst geehrt. Inde kann dieser Summanus schwerlich ein anderer,
als Jupiter gewesen sein, zumal die Rmer, wie Augustin berichtet, ihm die
nchtlichen Blitze zuschrieben.

Der rmische _Mars_ ist in vieler Hinsicht eher mit der griechischen Pallas
Athene als mit Ares, dem Kriegsgott zu vergleichen. Den bloen Krieg
personifizierte Bellona, eine weibliche Gottheit. Mars symbolisiert mehr
das stetige Gerstetsein zum Krieg, als den blutigen Kampf; darauf deutet
schon der Wortstamm +Mavors+, +Marmar+, verwandt mit +arma+ und dem
sanskritischen +wrajmi+ d.h. schtzen. Ihm war ein uraltes Heiligtum auf
dem Berg Quirinus geweiht, alle vier Jahre wurde auf dem _Mars_felde eine
(militrische) Schtzung der ganzen Brgerschaft vorgenommen, wobei ein
Stier, ein Widder und ein Bock dreimal um das ganze Heer herumgefhrt und
dann geopfert wurde; dies war das erwhnte +suovetaurilium+. Sein Hauptfest
fand im Frhling statt, das eingeleitet durch das Pferderennen, +equirria+
am 27. Februar, im Mrz selbst an den Tagen des Schildschmiedens
(+mamuralia+), des Waffentanzes (+quinquatrus+) und der Drommetenweihe
(+tubilustrium+) seine Haupttage hatte. Hierbei spielten die _Salier_ eine
Hauptrolle, wrtlich Tnzer, d.h. eine aus zwlf Mann bestehende
geistliche Brderschaft. Dieser anzugehren, rechneten sich die vornehmsten
Mnner, wie P.Scipio zur Ehre; ihr Anzug war eine bunte Tunika, ber
welche um die Brust ein breiter eherner Gurt gelegt wurde, eine verbrmte
Toga, mittelst Hefteln gabinisch aufgeschrzt, eine eherne Spitzhaube
(+apex+) und ein Schwert. In der rechten Hand hielten sie ein ehernes
Stbchen, in der linken den Schild, der an einem Riemen um den Hals hing.
Dieser hatte ungefhr die Gestalt einer arabischen8; daher wohl sein Name
+ancile+ (%ankylos%). Einer von diesen Schilden sollte zu einer Zeit, da
eine Seuche in Rom wtete, vom Himmel gefallen sein, Numa hatte dann auf
Anraten der Nymphe Egeria durch den Waffenschmied Mamurius die elf anderen
diesem so tuschend nachmachen lassen, da niemand mehr den echten vom
unechten unterscheiden konnte. In der Prozession ging auch ein Mann, rings
mit dicken Huten umhangen, der den Mamurius vorstellte und ganz
unbekmmert mit Stangen auf seinen Lederpanzer hauen und stoen lie. Das
Debt der Priesterschaft bestand in einem Waffentanz und Absingung von
uralten Liedern, deren Sprache die Gelehrten zur Zeit Csars bereits nicht
mehr vllig entziffern konnten. Von dem Waffentanze selber sagt Plutarch
(+Numa c.13+): Das Meiste bei diesem Tanze haben die Fe zu thun und man
sieht mit Vergngen den Bewegungen der Tnzer zu, da sie nach einem
geschwinden, lebhaften Takte allerhand Krmmungen und Wendungen machen, die
eine besondere Strke und Leichtigkeit verraten. Noch heute drften uns
die sog. Pyrrhischen Tnze der Arnauten und einiger anderer neugriechischer
Stmme ein analoges Bild dieser uralten kulturhistorisch interessanten
Tanzart gewhren. Die Salier waren von Dienern begleitet, denen sie in den
Pausen die Ancilia bergaben. Dionysios erzhlt, wie sogar ein rmischer
Prtor diesen Dienst seinem Vater ohne Widerrede leistete und dessen Schild
trug, whrend sechs Lictoren ihm voranzogen.

_Quirinus_ war der Genius der gesamten rmischen Brgerschaft (Quiriten).
Vor seinem Heiligtum standen zwei Myrten, als Bundessymbole, die eine die
patrizische, die andere die plebejische genannt. Sein Fest, die Quirinalia,
wurde am 17. Februar gefeiert. Dieses Fest hie auch _das Fest der Dummen_.
Die Ursache dieses Namens gibt Ovid (+Fasten II.475+) folgendermaen an:
Vernimm auch, warum derselbe Tag das Fest der Dummen heit. Die Ursach ist
zwar gering, aber passend doch. Das Land unserer Vorfahren hatte keine
geschickten Bebauer: wilde Kriege ermdeten die thtigen Mnner. Grern
Ruhm erntete man durch Schwerdt, als durch die gekrmmte Pflugschaar; wenig
trug der Acker, von dem Besitzer nicht geachtet. Doch Dinkel sten die
Alten, und ernteten Dinkel: abgemht brachte man Dinkel, als Erstlinge der
Ceres dar. Durch Erfahrung belehrt legten sie ihn zum Drren ans Feuer:
litten aber durch eigne Fehler vielen Schaden. Denn statt des Dinkels
kehrten sie bald schwarze Asche zusammen, bald brannten sie wohl gar mit
Feuer ihre Htten nieder. Daher schuf man sich die Gttin Fornax. Frhlich
aber beten zu ihr die Landbewohner, ihre Frchte nach Ordnung zu bereiten.
Jetzt kndigt die Fornacalien mit feyerlichen Worten der Curie Maximus an:
denn einen bestimmten festlichen Tag macht er nicht. Auf dem Forum wird
jede Curie auf den vielen herumhngenden Tfelchen mit bestimmten Zeichen
angedeutet. Aber der unwissende Teil des Volkes kennt seine Curie nicht und
hlt daher das zu feiernde Fest am Ende des Tages.

Zur Seite Jupiters steht _Juno_, als Lichtgttin auch Lucina genannt, die
Himmelsgttin, der Genius des Weibes. Das Hauptfest derselben, die
Matronalien, wurde am 1. Mrz, welcher Tag deshalb die Kalenden der Frauen
hie, von den _Frauen_ gefeiert, der Sage nach zum Andenken an die Stiftung
der Ehe durch Romulus und an das Verdienst der Frauen bei Vermittelung der
Feindseligkeiten ihrer Sabinischen Vter und Brder nach dem bekannten
Raube. Sein Hauptgegenstand war Feier der Geschlechtsliebe und Gebet um
ehelichen Segen. Ja jetzt weicht endlich der Winter, singt Ovid (+Fasten
III.167ff.+), und von lauer Sonne erwrmt thauet der Schnee. Laub vom
Froste gestreift bekleidet frisch die Bume, und die lebende Knospe blht
aus dem zarten Rebenscho hervor. Jetzt auch sucht sich das dichtsprossende
Kraut, das lange die Erde barg, eine himmlische Bahn, um sich zur Luft zu
erheben. _Fruchttragend_ ist jetzt die Flur; jetzt ist die _Zeit zur
Erzeugung_: jetzt werden auf grnem Gespro die Nester und Huschen von
Vgeln gebaut. Mit Recht feiern Latiums Mtter diese Zeit, ihre Niederkunft
fordert Kampf und Gelbde. -- Gnstig ist meine Mutter den Verlobten; drum
ehret mich die Schaar der Mtter. Bringt der Gttin Blumen! An blhenden
Krutern ergtzt sich die Gttin: umkrnzt euer Haar mit jungen Blumen!
Flehet zu ihr: Du hast uns, Lucina, das Tageslicht gegeben. Sei auch dem
Gelbde der Gebrenden hold! Doch welche Mutter schwanger ist, die bete mit
aufgelstem Haare: die Gttin mge sanft ihre Geburt erleichtern!

Ein anderes Fest zu ihren Ehren wurde an den Nonen des Juli bei dem sog.
Ziegenbaume gefeiert. Es war dies der alte Feigenbaum auf dem Comitium,
+ficus Ruminalis+, unter dem vor Alters die Zwillinge Romulus und Remus
von einer Wlfin gesugt sein sollten. Die Feige (+fica+) hat brigens noch
jetzt in Italien eine Nebenbedeutung allerintimster Natur; der italienische
Dichter Molza hat sie in einem aus wohlgefgten Terzinen bestehenden
Lehrgedicht, der sog. Ficheis, besungen und noch dazu einen sehr deutlichen
Kommentar verfat, in dem ebenfalls an den +ficus Ruminalis+ als +principio
della Citt di Roma+ erinnert wird. Die Feige bedeutet die weibliche
Natur. Neben diesem Feigenbaum stand ein Ziegenbock, als Sinnbild der
mnnlichen Zeugungskraft. Verehelichte, was wartest Du? singt bei
Gelegenheit dieses Festtages Ovid in den Fasten, Du wirst nicht durch
krftige Kruter, nicht durch Gebete, nicht durch Zaubergesnge Mutter
werden. Es war eine Zeit, wo nach hartem Verhngnis die Mtter nur selten
Pfnder der Geburt erzeugten. Was ntzt mir's, rief Romulus, neun
sabinische Mdchen geraubt zu haben. Da sprach die Gttin (Juno) in ihrem
Haine wundersame Worte. In italische Mtter, rief sie, dringe ein haariger
Bock ein! Es staunte der Haufe erschreckt ber die zweideutigen Worte. Ein
Seher war da; sein Name ist vergessen, er war eben als Fremdling aus
etruskischem Lande gekommen. Dieser schlachtet einen Bock; auf seine
Belehrung reichten die Frauen ihren Rcken zum Schlag mit den
ausgeschnittenen Riemen dar. Der Mond nahm bei dem zehnten Umlauf neue
Hrner wieder, und es waren Gatten auf einmal Vter und Verehelichte
Mtter.

Zu diesem Feigenbaum also wallfahrteten die rmischen Matronen, unter
ausgelassenen Scherzen, (ich erinnere an die griechischen Thesmophorien
S.531), allerlei mnnliche, glckbringende Namen rufend, wie Lucius, Gajus
u.s.w. Beim Feigenbaum angelangt verrichtete man ein Opfer, wobei Saft
des Feigenbaums anstatt der Milch gebraucht wurde, und schmauste, von
seinen sten beschattet und mit seinen Zweigen geschmckt.

Weil der Ziegenbock Symbol mnnlicher Zeugungskraft war, so galt die
Berhrung alles dessen, was von ihm kam, als ein Mittel, die Fruchtbarkeit
zu frdern und den Einflssen dieselbe hindernder Dmonen entgegenzuwirken.

Ein hnliches Fest, das zugleich die rmische Religion als eine
ursprngliche _Hirten_religion kennzeichnet, waren die Lupercalien.

In der Nhe jenes sog. Ziegenfeigenbaums war nmlich auch dem Gotte
Lupercus ein Altar errichtet, der im Bildnisse nackt und mit einem
Ziegenfell um die Schultern dargestellt war. Dieser Gott war, wie richtig
Hartung vermutet, ebenso wie der Seher und Augur Picus nur eine gleichsam
zur besonderen Person verdichtete losgetrennte Eigenschaft des Mars.

Seine Gattin Luperca war die Wlfin, die dem Romulus und Remus sich als
Amme bot. Im Jahre 446 wurde zum Andenken an jene mythische Begebenheit ein
Erzbild derselben mit den saugenden Zwillingen bei dem Feigenbaum
aufgestellt. Dieses Erzbild ist bis auf den heutigen Tag erhalten, die
berhmte Wlfin des Kapitols.

Offenbar handelt es sich bei Lupercus und Luperca, also Wortbildungen von
+lupus+ und +lupar+, ebenfalls nur um Symbolisierungen des mnnlichen und
weiblichen Begattungstriebes; +lupa+ bedeutet sowohl Wlfin als Buhlerin;
daher auch die Ableitung +lupanar+, worber jedes Lexikon Auskunft erteilt.
Lupercus fhrte auch den Zunamen Innuus (von +inire+=Bespringen).

Am 15. Februar fanden sich nun beim Feigenbaum zwei Priesterkollegien ein,
die sog. Fabii und Quinctilii, Jnglinge aus patrizischen Geschlechtern,
verrichteten ein Opfer von Ziegen und jungen Hunden, Tieren die sich durch
starken Begattungstrieb auszeichnen, zerschnitten die Ziegenfelle in Lappen
und Riemen, gebrauchten erstere zur oberflchlichen Umhllung ihres sonst
nackten Krpers und nahmen letztere als Geieln zur Hand, mit denen sie
dann die Stadt durchliefen und alle Frauenzimmer, die ihnen begegneten,
schlugen. Besonders solche, die an Unfruchtbarkeit litten, stellten sich
ihnen gerne in den Weg. Vgl. Shakespeare's +Julius Csar I. 2+. Csar:

    Verget, Antonius, nicht in Eurer Eil',
    Kalpurnia zu berhren; denn es ist
    Ein alter Glaube, unfruchtbare Weiber,
    Berhrt bei diesem heil'gen Wettlauf
    Entladen sich des Fluchs.

Von dieser symbolischen Handlung, die man +inire+ oder auch +februare+
nannte, erhielt nicht nur der Monat Februar, in dem sie stattfand, seinen
Namen, sondern auch Juno, der die Ehe heilig war, wurde _Februata_
genannt, und wiederum nannte man das Ziegenfell, weil die Bildnisse der
Gttin gleichfalls mit demselben bekleidet waren, _Rock der Juno_.

Auerdem fhrte Juno, als Ehegattin, den Beinamen Juga, auch Unxia;
letztere Bezeichnung hing mit einer Ceremonie zusammen, von der das Wort
+uxor+= Ehefrau abgeleitet ist.

Wenn nmlich die Jungfrau bei der Hochzeit die Schwelle des Hauses ihres
Gatten berschritt, mute sie zuvor die Pfosten mit Wolle umwinden und mit
l oder Fett salben (+ungere+). Ein weiterer Zuname war Cinxia, weil der
Leib der neuvermhlten Jungfrau mit einem wollenen Grtel gebunden war,
dessen Knoten der Brutigam zu lsen hatte.

Der Juno untergeordnete Hilfsgenien waren _Subigus_ (+id est deus qui
adest, ut nova nupta a viro subigatur+), _Prema_ (+id est dea, quae facit,
ut ne virgo se commoveat, quando a sponso premitur+), _Pertunda_ (+id est
dea, quae in primo concubitu naturam feminae pertundere dicitur+), und
endlich _Perfica_ (welches Wort entweder mit +fica+, siehe oben S.634,
oder mit +perficere+= vollenden zusammenhngt).

Man sieht also, wie die Rmer den Akt der Begattung bis aufs einzelste
analysierten und besondere Genien darfr aufstellten.

Nach der Konzeption war es wieder Juno _Fluonia_, die den +menses+ Einhalt
that, bis endlich Juno Lucina die Geburt ans Tageslicht frderte.

brigens war es nicht blo die Fruchtbarkeit, sondern auch die _Heiligkeit_
der Ehe, die dieser Gttin am Herzen lag. Unkeuschheit und alle ungeordnete
Befriedigung des Geschlechtstriebes war ihr ein Gruel. Ein Gesetz des Numa
lautet also:

Eine Buhlerin soll den Altar der Juno nicht anrhren: thut sie es, so soll
sie der Juno mit herabhngenden Haaren ein weibliches Lamm schlachten.

Ungeachtet all der unverhllten Natrlichkeit, die aus den mitgeteilten
Kultushandlungen hervorleuchtet, galt bekanntlich den alten Rmern die Ehe
in demselben Mae als heilig, in dem sie den spteren Rmern der Kaiserzeit
profan und frivol war; die gestrte Eintracht zwischen den Ehegatten stellt
Juno Conciliatrix oder Viriplaca wieder her, die einen Tempel auf dem
Palatin besa; und da sie die Ehen bestndig erhielt, verdiente sie auch
den Beinamen Manturna; es ist bekannt, da in Rom fnfhundert und zwanzig
Jahre lang keine Ehescheidung vorfiel.

                  *       *       *       *       *

Eine spezifisch rmische Gottheit war sodann der zweikpfige _Janus_. Ihn
charakterisieren wir wohl am besten, mit den Worten Ovids (+Fasten I.
90ff.+): Doch fr welchen Gott soll ich Dich ausgeben, zweigestalteter
Janus? Denn kein dir hnliches Wesen besitzt Griechenland. Sage zugleich
die Ursache, warum du allein von den Himmlischen das was dir von hinten
ist, erblickst, und das, was vorn ist. Ich nahm die Tafeln, und als ich es
bei mir im Sinne berdachte, schien mir heller als vorher meine Wohnung zu
sein. Darauf erschien pltzlich der heilige Janus, wundersam zu schauen,
mit doppeltem Bilde, darstellend meinen Augen sein zwiefaches Antlitz. Ich
staunte, fhlte vor Angst erstarrt meine Haare, und eiskalt mein Herz vom
berraschenden Schauer. Er, ein Scepter in der Rechten, und in der Linken
einen Schlssel, sprach aus dem vorderen Antlitz zu mir diese Worte:
Entferne deine Furcht, o Snger, der du bemht um die Tage bist, hre, was
du bittest, und fasse meine Worte in deine Seele. Mich nannten die Alten
(denn ein uraltes Wesen bin ich) Chaos. Siehe, welche lngst vergangene
Begebenheiten ich verkndige! Diese durchsichtbare Luft und die noch dann
brigen Krper, Feuer, Wasser und Erde, waren einst nur ein Chaos. Sobald
aber diese Masse in einem Streite ihrer Lage sich trennte, und aufgelst in
neue Wohnrter ging, so erhob sich das Feuer in die Hhe, der benachbarte
Raum nahm die Luft ein, und im mittlern Raume lagerten sich das Meer und
die Erde. Damals nahm ich wieder, der ich eine Kugel gewesen war und eine
bildlose Masse, Gestalt an, und gttliche Glieder. Auch noch jetzt ist ein
kleines Merkmal der einst verwirrten Gestalt brig; denn es wird an mir
dieselbe Gestalt vorwrts und rckwrts gesehen. Vernimm nun die andere
Ursache der angenommenen Gestalt, damit du diese und meine Geschfte
kennest. Alles, was du nur siehst, Himmel, Meer, Wolken und Erde, ist alles
von meiner Hand verschlossen oder steht offen durch sie: bei mir allein ist
die Bewachung der weiten Welt, und mein ist das Recht, die Angeln zu
drehen. Wenn es gefllt, aus ruhiger Wohnung den Frieden zu schicken, so
wandelt er frei und ununterbrochen auf der ganzen Erde; aber von
mordbringendem Blute wird der weite Erdkreis erfllt werden, wenn nicht
starrende Schlsser die erregten Kriege verwahren. Ich bewache die Thore
des Himmels mit den gtigen Horen, und selbst Jupiter geht und kehrt zurck
durch meinen Dienst. Darum werde ich Janus genannt; und bringt mir der
Priester auf den Altar cerealische Kuchen und mit Salz vermischten Dinkel:
so wirst du meine Namen belachen, denn bald heie ich dann im Munde des
Priesters Patulcius und bald Clusius. Denn wisse, es wollte jenes rohe
Altertum durch den abwechselnden Namen meine verschiedenen mter andeuten.
Erzhlt hab ich dir meine Gewalt: so vernimm nun den Grund meiner Bildung.
Doch auch du erkennst ihn schon zum Teil. Jede Thr hat von innen und auen
doppelte Seiten, deren eine nach dem Volke, die andere aber nach dem
Hausgotte blickt. Und so wie bei euch der Wchter der Thr, sitzend an der
Schwelle des Eingangs des Hauses, allein Aus- und Eingang bemerkt: so
erblicke auch ich, der Pfrtner des himmlischen Hofes, die Gegenden von
Osten und Westen zugleich. Hekates Antlitz siehst du nach dreien Seiten zu
wenden, um die in drei Wege zerschnittenen Straen zu schtzen; drum kann
auch ich, um durch des Nackens Beugung nicht Zeit zu verlieren, ohne des
Krpers Bewegung nach zwei Seiten blicken. So sprach er, und zeigte durch
Miene, da er, wenn ich wnschte noch mehr zu erforschen, sehr bereitwillig
gegen mich sein wrde. Mut fate ich, und dankte unerschrocken dem Gotte,
und sprach wenige Worte zur Erde hinschauend: Sage mir, wohlauf, warum das
neue Jahr mit Klte beginnt, das wohl besser mit dem Frhling begnne; dann
blht alles, dann ist das Alter der Zeit verjngt; und aus
fruchtschwangerem Rebenscho blht sich der junge Keim: der Baum wird von
neu gesproten Reben bekleidet, und ragend erhebt sich ber den Boden der
Halm der Saat: Vgel bezaubern dann auch die laue Luft mit Konzerten, und
auf den Wiesen spielt und ist frhlich das Vieh. Dann ist lieblich die
Sonne und es naht sich die fremde Schwalbe, und erbaut unter erhabenem
Geblk ihr Huschen aus Koth. Dann lt der Acker Bestellung zu, und wird
durch den Pflugschar verjngt. Dieses mte mit Recht des Jahres
Verjngung heien. Wortreich hatt' ich gefragt: er aber, ohne mich lange zu
verweilen, schrnkte seine Rede auf diese zwei Verse ein:

    Neu erhebt sich die Sonne und endet sich alt im Winter;
    Gleich ist der Anfang, den nimmt Phbus zugleich mit dem Jahr. --

Aber warum bist du im Frieden verborgen, und warum erffnest du deinen
Tempel bei erregten Kriegen? Er weilte nicht; vom Gefragten gab er mir den
Grund an. -- Damit dem Volke, wenn es zum Krieg geeilt ist, die Rckkehr
offen stehe, steht auch meine Thr offen und das Schlo ist hinweg. Im
Frieden verschlie' ich die Thore, damit nirgends der Ausgang vergnnt sei;
und lange werde ich unter Csars gttlichem Schutze verschlossen bleiben.
Sprachs, und erhebend die Augen, die hier und dort hinblickten, sah er
alles, was auf dem weiten Erdkreise lebte. Friede wars, und schon hatte der
Rhein, die Ursache deines Triumphs, Germanikus! dir seinen Strom zur
Knechtschaft bergeben. O Janus, mache ewig den Frieden, und ewig dauernd
die Friedensstifter; und gewhre, da der Dichter sein Werk nicht
unvollendet lasse!

                  *       *       *       *       *

Unmittelbar an Janus reiht sich der Gott _Saturn_.

Nach der euhemeristischen Auffassung waren bekanntlich smmtliche Gtter in
frheren Zeiten als Knige oder Herren auf Erden inkarniert gewesen. So war
auch Janus ein italischer Knig; whrend seiner Regierung kam Saturn nach
Italien, wurde von ihm gastlich aufgenommen und siedelte sich gegenber dem
Kapitolinischen Berge auf dem Janiculum an, der damals der Saturnische Berg
hie. (Hier war der Tempel des Saturn.) Saturn war es, der die Bewohner
Italiens den _Ackerbau lehrte_, sie von der wilden Lebensweise entwhnte
und zur Ordnung und friedlichen Beschftigung anleitete. Er vertritt also
bei den Lateinern die Stelle, welche bei den Griechen eine weibliche
Gottheit, Demeter, behauptet. Das Regiment des Saturn war das _goldene
Zeitalter_. Zur Erinnerung daran feierten die Rmer im Dezember, wo man die
Feldarbeiten des verflossenen Jahres smtlich beendet und die des neuen
noch nicht begonnen hatte, das heiterste aller Feste, die Saturnalien, an
dem das goldene Zeitalter so zu sagen wenigstens fr einen Tag wieder
aufleben sollte. An diesem Feste sollte wieder Freiheit und Gleichheit
herrschen, wie in jenen Tagen. Darum lie man whrend seiner Feier die
Sklaven in Herrenkleidern und Hten gehen, die das Zeichen der Freiheit
waren, forderte keine Dienstleistungen von ihnen, bediente sie vielmehr
selbst bei Tische. Unter Saturns Regierung hatte es noch kein Eigentum
gegeben, alles war gemeinsam. Daher stellte man an den Saturnalien
Schmausereien an, zu denen jedermann willkommen war, und beschenkte sich
reichlich. Vor allem wurden die Kinder nicht vergessen, denen Puppen und
Bilderchen geschenkt wurden.

berall ertnte der jedes bse Omen verscheuchende Ruf: +Io Saturnalia! io
bona Saturnalia!+ Es herrschte eine Art Narrenfreiheit, wie heutzutage im
Karneval.

Da das Fest um die Zeit der Wintersonnenwende fiel, ist die Beziehung
Saturns auf das Sonnenjahr klar, und Saturn wurde daher spter von den
meisten mit dem griechischen Chronos, dem Gott der Zeit identifiziert. Der
alte Saturn ist aber wesentlich nur ein Gott des Ackerbaus.

Als solcher erffnet er einen ganzen Zug, den Feldbau, Weinbau und die
Viehzucht beschtzender Gtter und Gttinnen.

Seine Gattin zunchst heit _Ops_, gleichbedeutend mit Flle, Reichtum und
Wohlstand.

Zu diesen gesellten sich Vertumnus und Pomona, als Obstgttinnen.

Endlich wurden frhzeitig aus Griechenland eingefhrt _Ceres_, _Liber_ und
_Libera_.

Da _Ceres_ sehr frh rezipiert worden, bezeugt Cicero (+p. Balb.24+):
Den Dienst der Ceres, sagt er, haben unsere Altvordern mit groer
Reinheit und Heiligkeit besorgt wissen wollen. Da er aus Griechenland
entlehnt war, so wurde er auch immer durch griechische Priesterinnen
ausgebt, und alles mit griechischen Namen benannt. Wenn aber die Person,
welche den Ritus angab und verrichtete, immerhin aus Griechenland berufen
wurde, so wollten sie dennoch, da dieselbe die Opfer, die zum Heile der
Brger gebracht wurden, auch als Brgerin verrichte, um die unsterblichen
Gtter zwar mit fremder Kenntnis aber doch mit eigener und einheimischer
Frmmigkeit zu verehren. Ich finde, da diese Priesterinnen gewhnlich aus
Neapel oder Velia verschrieben wurden, welche Staaten ohne Zweifel damals
mit Rom im Bndnis standen.

Doch scheint das lateinische Wort Ceres, das an Stelle des griechischen
Demeter trat, -- sein etymologischer Zusammenhang ist freilich unklar--,
anzudeuten, da die fremde Gttin mit einer schon bekannten einheimischen
verschmolzen worden ist.

_Liber_ und _Libera_ sind Bacchus und Ariadne.

Das Wort Liber frei scheint anzudeuten, da die Sendung des Bacchus im
Sinne einer freieren Lebensfhrung aufgefat wurde. An seinem Feste, den
Liberalien wechselten die geschlechtsreif gewordenen jungen Rmer ihr
kindliches Kleid mit der mnnlichen Toga. Auffllig ist auch, da +liberi+
die Kinder und +liberi+ die Freien ein lateinisches Wort sind, wie
+Hartung, Religion der Rmer S.138+, bemerkt, hat um der guten
Vorbedeutung willen das Volk, dem die Freiheit fr das hchste Gut des
Lebens galt, die Kinder mit diesem Namen bezeichnet. Varro freilich deutet
das Wort auf den zgellosen Liebesgenu und die Ausgelassenheit, die bei
der Verehrung dieser Gottheiten blich war, in sehr drastischer
Ausdrucksform (Liber, +qui marem effuso semine liberat+, Augustin
VII.2). Allerdings nahm sein Kultus in Italien, zumal in Sditalien, eine
mindestens so zgellose Wendung, wie der Bacchus- und Dionysos-Kult in
Griechenland.

Auch die Ausomischen Landleute, sagt +Vergil, Georg. II. 380ff.+, feiern
nicht minder als die attischen das Fest mit Knittelversen und ausgelassenen
Scherzen, machen sich Fratzengesichter von ausgehhlter Rinde, rufen dich
Bacchus an in frhlichen Liedern, und hngen dir zu Ehren
Schaukelbilderchen auf hohen Fichten auf. Davon gedeihen alle Weinberge zu
reichem Ertrage, fllen sich Thler und Grnde und Hgel, zu denen der Gott
sein herrliches Antlitz gewendet hat. Darum wollen wir mit Gebhr des
Bacchus Lob feiern mit herkmmlichen Liedern, und ihm gefllte Schsseln
und Kuchen darbringen, und beim Horne gefhrt stehe der Bock vor dem Altar,
und sein fettes Eingeweide brate am Spie. Hierzu mu eine Schilderung
gefgt werden, welche Augustin (+VII.21+) von demselben Feste entwirft:
Welchen Grad von Schndlichkeit die Verehrung des Liber erstiegen hat, ist
schwer zu sagen. Unter Anderem, was zu erzhlen zu umstndlich wre, meldet
Varro, da auf den Straen Italiens gewisse Ceremonien mit so groer
Schndlichkeit begangen wurden, da man zu Ehren des Liber mnnliche
Schamteile verehrte, und die Liederlichkeit nicht wenigstens in der doch
noch etwas verschmteren Heimlichkeit, sondern auf offener Strae ihr Wesen
trieb. Denn dieses scheuliche Glied wurde in den Festtagen des Liber mit
groer Wichtigkeit auf ein Gestell gepflanzt und erst auf dem Lande die
Wege und Straen entlang und hernach bis in die Stadt herumgeschleppt. In
dem Stdtchen Lavinium aber wurde dem Liber allein ein ganzer Monat
gewidmet, wo alle Tage die unzchtigsten Reden zu hren waren, bis das
Glied ber den Marktplatz getragen und wieder an Ort und Stelle gebracht
war: und diesem unehrbaren Gliede mute die ehrbarste Matrone vor den Augen
aller Welt einen Kranz aufsetzen. Freilich, so mute der Gott Liber zum
Gedeihen der Aussaaten gnstig gemacht, so der Einflu bser Dmonen von
den Feldern getrieben werden, da die Matrone auf offener Strae zu thun
gezwungen wurde, was der Lustdirne im Theater nicht zu gestatten war, wenn
Matronen zushen!

                  *       *       *       *       *

Noch gegen Ausgang des Mittelalters herrschte bei der Weinlese in
Unteritalien ein an diese alten Bacchusfeiern stark erinnernder Ton; so
schreibt z.B. in seiner Geschichte Nolas (+Historia Nolana lib. III.
c.14+) Ambrogio Leone: Die Winzer scheinen an dem Tage, wo sie die
Traubenlese besorgen und berhaupt whrend der ganzen Weinernte voller
Bacchustaumel und geradezu toll zu sein. Dreierlei Dinge ben sie gegen
alles gewhnliche Ma aus, Essen, Weinlese und bermtigen Lrm. Ja, auf
dem Felde selbst, wo sie Traube schneiden, rufen sie unaufhrlich schamlose
Worte und sprechen von unzchtigen Dingen, als wenn ihre Gier nur auf
unsittlichste Wollust gerichtet wre. Es ist Landessitte, diese
Ungebundenheit zu dulden. Wenn aber einer darber mit ihnen schelten
sollte, so lachen sie ihn aus und strecken wohl gar die Zunge vor ihm aus;
keine Scham; alle Ehrbarkeit scheint ausgetilgt zu sein, die grte
Zgellosigkeit in Reden und allgemeine Ausgelassenheit wird zur Schau
getragen. Kurz, sie treten nicht mehr wie Menschen, sondern wie Satyre und
Bacchuspriester auf.

Man nannte die unzchtigen Lieder und Verse, die bei diesen Festen
improvisiert wurden, _fescenninisch_; vermutlich hngt das Wort zusammen
mit +fascinum+= Phallus (italienisch +fescina+, zugleich ein phallusartig
geformter Korb zum Traubenpflcken[628]). Jedenfalls ist diese Ableitung
natrlicher, als die bisher bei den Philologen beliebte von der in
Unteritalien belegenen Stadt Fescennium (Georges' Lexikon).

Die geistreichsten Verse der Art hat wohl ein Zeitgenosse Bruno's, der
neapolitanische Dichter _Tansillo_ in seinem aus formvollendeten Ottave
Rime bestehenden Winzer (+vendemmiatore+) gedichtet; er entschuldigt
ihren allerdings bedenklich obscnen Inhalt in der Vorrede, wie folgt: In
jedem anderen Lande, als dem meinen, wohin diese Reime gebracht wrden,
wrden sie ihre Anmut verlieren, wenn sie solche berhaupt besitzen; und
dies zumal, wenn sie Leuten in die Hnde fielen, die den _Brauch meiner
Heimat_ nicht kennen. Dieser Brauch gestattet nmlich zur Zeit der Weinlese
dem niedrigsten Arbeiter, dem vornehmsten Herrn und der vornehmsten Dame
die grbsten Anstigkeiten zu sagen, zumal wenn er (der Winzer) auf der
Leiter an einem Baum[629] steht und die Trauben pflckt und die nun
zufllig Vorberkommenden anredet, und in dieser Situation ist mein Winzer
zu denken, der die Trauben schneidet und den unten stehenden Frauen
zuwirft.

                  *       *       *       *       *

Mit der griechischen Afrodite hat eine hnlichkeit die rmische Gttin der
_Blten_ und Blumen, _Flora_.

Die sptere euhemeristische Mythologie erzhlte, Flora sei ein besonders
schnes Freudenmdchen gewesen, das sich durch Preisgebung seiner Reize ein
sehr groes Vermgen erworben und dieses dann als Erbschaft dem rmischen
Volke hinterlassen habe. brigens gehrte ihr Dienst zu den ltesten in
Rom, und wenn jene Erzhlung von dem patriotischen Testament eines
Freudenmdchens auch historisch begrndet sein mag, so kann sie doch nicht
zur Erklrung des Floralienfestes dienen, das gegen Ende April (vom 28.
April bis 1. Mai) gefeiert wurde. Allerdings spielten an diesem Feste, das
ebenfalls mit besonderer Freiheit des Scherzes, wie Ovid sagt, begangen
wurde, die Freudenmdchen eine hervorragende Rolle in Rom; sie ergtzten
das Volk mit obscnen Tnzen, pflegten sich vor aller Augen ganz zu
entkleiden und jungen Hasen und Rehen nachzujagen oder Ringkmpfe
aufzufhren. Warum aber der Stand der ffentlichen Buhlerinnen die Spiele
der Flora besonders ehrt, sagt Ovid, davon ist der Grund leicht zu
erkennen. Sie ist nicht Gttin vom ernsten und vielversprechenden Haufen,
sie wnscht, ihr Fest stehe dem plebejischen Chore frei. Auch fordert sie
auf, die Blte des Alters, so lange sie dauert, zu genieen: die Dornen
verachtet man, wenn sie abgefallen sind. -- Auch die anderen Frauen und
Mdchen trugen an diesem Feste gegen sonstige Sitte auffallend bunte
Kleider und nahmen einen freieren Scherz nicht bel. Ganz wird die Schlfe
mit festgenhten Krnzen umwunden, singt Ovid, und der kostbare Tisch
wird von darauf gestreuten Rosen verdeckt. Berauscht tanzt der Gast, das
Haar umflochten mit Lindenbast und bt die Kunst des Weintrinkens in
malosem Grade. Trunken tanzt er an des schnen Liebchen harter Schwelle.
Um sein gesalbtes Haupthaar hngen weiche Krnze. Bacchus liebt Blumen; da
Krnze dem Bacchus gefielen, kannst Du aus dem Gestirne der Ariadne
entnehmen. -- Bis tief in die Nacht hinein wurden die Spiele fortgesetzt,
bei Fackelschein, entweder weil von purpurnen Blumen die Fluren leuchten,
sagt Flora bei Ovid, scheint sich der Fackelschein fr meine festlichen
Tage zu schicken, oder weil weder die Blte noch die Flamme von matter
Farbe ist, und beider Glanz die Augen auf sich zieht, oder _weil nchtliche
Freiheit meinen Vergngungen gemer ist. Die dritte Ursache ist nher der
Wahrheit._

Andrerseits ist aber auch wieder die rmische _Venus_ keineswegs kongruent
mit der reizendsten aller antiken Gttergestalten, der griechischen
Afrodite. Erst sptere Dichter, wie besonders Lucretius, dessen
Widmungsverse an die Venus berhmt sind, und Ovid haben berhaupt die Venus
der Rmer zu der Bedeutung erhoben, welche sie jetzt noch in unserem
mythologischen Vorstellungskreise beansprucht. Vielleicht nicht ohne
Einflu darauf war die Tradition der Julier, die ja bekanntlich ihren
Stammbaum auf Aeneas, den Sohn der Afrodite-Venus und des Anchises
zurckfhrten. -- Aber whrend Venus Afrodite eine von hellenischer
sthetik zur Gttin der Schnheit verklrte Naturgottheit war,
symbolisierte oder personifizierte die Venus der alten Rmer, wiewohl auch
sie schon den Begriff des Reizes und der Anmut (+venustas+) mit einschlo,
doch in erster Linie nur den Sinnengenu und stand insofern nicht viel
hher als _Volupia_, die eigentliche Gttin der Wollust. In den Kapellen
der letzteren pflegte man merkwrdigerweise Bildsulen eines geradezu
entgegengesetzten Wesens mit aufzustellen, nmlich der _Angeronia_ oder
Angstgttin, deren Mund verschlossen und versiegelt war; vielleicht glaubte
man sich diesen gefrchteten Dmon dadurch gerade geneigt zu machen und
fernzuhalten, da man ihn im Tempel der Wonne aufstellte.

Das Fest der Venus ward am 1. April begangen, welcher Monat ihr besonders
geweiht war und nach Ovids Meinung auch nach ihr benannt ist (+Aprilis+,
+Aphrilis+, %aphrilis%, +Aphrodite+).

An diesem Tage pflegten die Frauen das Marmorbild der Gttin zu entkleiden
und in Myrtenwasser zu baden und dann mit Rosen und goldenen Ketten zu
schmcken. Die Myrte ist bekanntlich der Strauch der Venus, weshalb
heutzutage noch der Myrtenkranz das Haupt der Brute schmckt. Auch fhrt
Venus von der Myrte den Namen Murtea. Auch pflegten sich die Mtter und
Schwiegertchter Latiums, und die, von denen Binden und lange Gewande fern
sind (die Buhlerinnen) unter grnender Myrte zu baden. Denn, erzhlt
Ovid, am Ufer trocknete einst Venus nackt die triefenden Haare; der Satyrn
schalkhafter Haufen bemerkt die Gttin. Sie sah es und verhllte ihren
Krper mit vorgepflanzten Myrten. Gesichert war sie durch das, was sie that
und gebietet nun Euch, es nachzuahmen.

Andere Beinamen der Venus waren _Placida_, _Genitrix_, _Verticordia_
(Herzenswenderin), _Calva_ und _Cloacina_. Die beiden letzteren Namen haben
zu manchen Deutungen Anla gegeben; wahrscheinlich bedeutet +calva+ nicht
die kahle, geschorene, sondern kommt von +calvere+= foppen, und
bezieht sich auf die Launen der Verliebten. Cloacina aber kommt nicht, wie
boshafter Weise einige Kirchenvter meinen, direkt von Cloake, sondern
hngt mit +cloare+= reinigen, zusammen.

Wenn nmlich der strenggesetzliche Rmer eine Gttin des fleischlichen
Liebesgenusses verehrte, meint Hartung +a.a.O. 250+, so lt sich
denken, da er dabei keine ungeregelte Wollust beabsichtigte und die
Lustgttin nicht um der Lust selbst, sondern um der dabei zu wnschenden
Reinheit willen anrief. Diese Reinhaltung nun wurde dem Charakter der alten
Rmer gem zumeist uerlich und krperlich gebt, so da Absplung und
Abwaschung, vielleicht auch, wie Plinius andeutet, Berucherung mit
Myrtenreis, nach jedesmaligem Genusse die Hauptsache war: und zu diesem
Zwecke wurde die Venus Cloacina verehrt. -- Ein Fragezeichen scheint mir
hinter diese Gelehrten-Hypothese nicht unangebracht.

                  *       *       *       *       *

Unter den weiblichen Gottheiten ist noch zu erwhnen _Minerva_, die ganz
der griechischen Pallas entspricht, der jungfruliche Typus der
berlegenden, erfindenden Geisteskraft; sodann vor allem _Vesta_, die
griechische Hestia, die Gttin des Herdfeuers. In ihrem auf dem Forum
befindlichen runden Tempel, -- nach Plutarch rund, weil er das Weltall
vorstellt, in dessen Mitte die Pythagorer das Feuer setzen, wurde das
unauslschliche Feuer von den sechs vestalischen Jungfrauen gehtet. Die
Jungfrulichkeit der Vestalinnen soll nach Plutarch, der bemerkt, da der
Dienst der Hestia in Griechenland vielmehr Witwen anvertraut wurde, deshalb
gefordert sein, weil man das reine und unvergngliche Wesen des Feuers nur
reinen und unbefleckten Krpern anvertrauen wollte oder zwischen der
Jungfrauschaft und der Unfruchtbarkeit dieses Elements einige hnlichkeit
zu finden glaubte. Die Vestalinnen, welche aus den vornehmsten Mdchen im
jugendlichen Alter von sechs bis zehn Jahren ausgeloost wurden, wurden fr
die ihnen zur strengsten Pflicht gemachte Keuschheit durch zahllose
Vorrechte entschdigt. Plutarch zhlt als solche auf, da sie noch bei
Lebzeiten des Vaters ein Testament machen durften, und -- eine in Ansehung
des Keuschheitsgelbdes sonderbare Fiktion--, +jus trium liberorum+
besaen, d.h. alle erbrechtlichen Vorteile, sowie die Freiheit von
Vormundschaft, die fr andere weibliche Personen mit dem Besitz dreier
Kinder verbunden waren. Wenn sie ffentlich erschienen, ging ein Liktor vor
ihnen her. Begegnete eine Vestalin zufllig einem zum Tode gefhrten
Verbrecher, so wurde diesem das Leben geschenkt. Doch mute die Vestalin
schwren, da die Begegnung nicht absichtlich veranlat war. Der Bruch des
Keuschheitsgelbdes bei den Vestalinnen wurde streng geahndet, der
Verfhrer zu Tode gegeielt, die Priesterin lebendig begraben.

Gleichzeitig mit dem Dienste der Vesta soll derjenige des eigentlichen
Feuergotts _Vulcan_ von Romulus und Tatius gegrndet sein. ber den Kultus
dieses Gottes, der keine groe Rolle spielte, ist nur zu bemerken, da ihm
seltsamer Weise mit Vorliebe _Fische_ geopfert wurden, um durch die
Bewohner des feuchten Elements die Gewalt des Feuergeistes gleichsam auf
magische Weise zu besnftigen.

Die ursprngliche Hirtenreligion kennzeichnet endlich die Verehrung des
_Faunus_, dessen Wesen Dionysius, rm. Gesch. V, 16, mit den Worten
bezeichnet: Die Rmer schreiben diesem Dmon alles Panische und alle
gespenstischen Erscheinungen zu, die in wechselnden Gestalten den Menschen
zu Gesichte kommen, und betrachten alle seltsamen, das Gehr erschreckenden
Rufe als sein Werk. Der Name bezeichnete allmhlich nicht mehr ein
Individuum, sondern eine ganze Gattung, die Faune oder Silvane, lsterne
koboldartige Wesen, von denen es hie, da sie mit Vorliebe die Nymphen,
aber auch Frauen im Schlafe zu berfallen liebten. Wegen dieser Eigenschaft
fhrten sie die Beinamen _Ficarii_[630] und _Incubi_. Hartung meint, da
Alpdrcken und hnliche Traumerscheinungen den psychologischen Ursprung
dieser Dmonengattung gebildet haben.

Die Tochter des Faunus, _Fauna_, auch _Fatua_ oder Oma genannt, wurde als
_gute Gttin_, +bona Dea+, verehrt. Sie bildet einen seltsamen Kontrast zu
ihrem Vater durch ihre Keuschheit, die sie bis zu dem Grade wahrte, da
nicht einmal der Name einer Mannsperson in ihrer Nhe genannt werden
durfte. Der Grund war ihr Prophetentum. Denn bekanntlich ist eine allgemein
geglaubte occultistische Voraussetzung der Sehergabe die unbedingte
sexuelle Enthaltsamkeit. Ihr Fest wurde nur von Frauen begangen, und zwar
im Hause des jedesmaligen +Praetor urbanus+. Das Haus desselben mute dann
von allen Personen mnnlichen Geschlechts gerumt werden, nicht einmal
Bildnisse derselben wurden geduldet. Die Frauen muten sich durch
mehrtgige Enthaltung zum Feste vorbereiten. Die Feier selbst, die von
Vestalinnen geleitet wurde, endete damit, da die Frauen durch Musik und
bermigen Weingenu sich berauschten, um in einen Zustand ekstatischer
Verzckung zu geraten. Das Fest hatte groe hnlichkeit mit den
Thesmophorien oder auch mit orphischen Geheimkulten. Hiernach kann man die
Gre des Skandals ermessen, den der Demagoge und Wstling Clodius, der
bekannte Gegner Ciceros und Freund Csars, dadurch bereitete, da er, als
dieses Fest im Hause Csars gefeiert wurde, der gerade Prtor war,
begnstigt von der Pompeja, Csars Gemahlin, mit der er im ehebrecherischen
Einverstndnis stand, sich als Harfenspielerin verkleidet einschlich.
Vergl. +Plutarch, Leben Csars, Kap. 9 u. 10+. +Ciceros Briefe an Attikus
I,13+.

                  *       *       *       *       *

Der eigentliche Hirtengott aber war _Pales,_ den merkwrdigerweise einige
Dichter, z.B. Ovid, als weibliche Gottheit bezeichnen, soda sptere ihn
sogar fr einen Zwittergott erklrten. Der sptere Gott der Grten,
Priapus, ist jedoch, wie schon sein Beiname als Gott von Lampsacus bezeugt,
eine griechische Erfindung. Dagegen war der Phalluskult, der sich spter
mit dieser Gttergestalt verknpft, schon der ltesten Zeit nicht fremd.
Seine altrmische Bezeichnung war _Fascinum_ und der ihn fhrende Gott hie
Fascinus, auch Mutinus oder Tutinus. Er galt als krftigstes Mittel gegen
jede bse magische Einwirkung und sein Bild wurde aus diesem Grunde im Haus
und Hof, auf dem Herde und bei jeder Einfriedigung (+Hortus+), daher
Gartengott, aufgepflanzt.

Um der Ehe Glck und Segen zu verbrgen, mute sich sogar die Braut vor
der Hochzeitsnacht auf den kolossalen Fascinus am Herde setzen. Da die
sog. fescenninischen Verse ihre Bezeichnung dem Fascinus verdanken, also
nur ein anderes Wort fr Priapejen sind, wurde schon erwhnt.
+Praefiscine+, die Anrufung des Fascinus, war der bliche Ausruf der Rmer,
wenn sie etwas lobten oder fr gut befanden, und hatte etwa die Bedeutung
der deutschen Volksredensart: Unberufen, unbeschrieen, dreimal unter'm
Tisch geklopft!

                  *       *       *       *       *

Wir knnten diese mythologische Gallerie noch durch eine ganze Reihe von
Gttern und Genien zweiten Ranges vervollstndigen, z.B. die _Anna
Perenna_, welche Gesundheit und unversiegliche Lebensdauer symbolisiert,
und die in Mdchengesellschaften mit Rcksicht auf ein verliebtes
Abenteuer, das Mars mit ihr hatte, durch zotige Lieder gefeiert wurde,
ferner die _Acca Laurentia_, bei der es sich ebenso um die Apotheose eines
Freudenmdchens handelt, wie bei der Flora. Vgl. +Plutarch, Romulus
Kap.5+:

Ein Tempelaufseher des Herkules kam einst, vermutlich aus langer Weile auf
den Einfall, mit dem Gotte Wrfel zu spielen und machte dabei aus, wenn er
gewnne, sollte der Gott ihm irgend etwas zu gute thun, verlre er aber, so
wollte er ihm eine gute Mahlzeit bereiten und berdies ein schnes Mdchen
verschaffen, um bei ihr zu schlafen. Auf diese Bedingung warf er zuerst fr
Herkules und dann fr sich selbst, und da fand sichs, da er verloren
hatte. Der Tempelaufseher, der es fr seine Pflicht hielt, das, was
ausgemacht war, genau zu erfllen, veranstaltete fr den Gott ein
Abendessen und mietete die Laurentia, ein im besten Rufe stehendes schnes
Freudenmdchen. Diese bewirtete er im Tempel, wo er ein Bett bereitet
hatte, und nach Tische schlo er sie ein, als wenn nun der Gott zu ihr
kommen sollte. Herkules, sagt man, besuchte sie auch wirklich und befahl
ihr, des Morgens auf den Markt zu gehen und den ersten, der ihr begegnen
wrde, sich durch einen Ku zum Freunde zu machen. Es begegnete ihr ein
Brger, namens Tarrutius, der schon ziemlich bei Jahren war, aber ein
ansehnliches Vermgen besa und bisher ohne Frau und Kinder gelebt hatte.
Dieser Mann machte mit ihr Bekanntschaft und gewann sie so lieb, da er
sie bei seinem Tode zur Erbin seiner bedeutenden und schnen Gter
einsetzte, wovon sie dann spter den grten Teil durch ein Vermchtnis dem
Volke zuwandte. Sie soll, da sie schon in groem Rufe stand und fr eine
besondere Freundin der Gttin gehalten wurde, gerade an dem Orte
verschwunden sein, wo die ltere Larentia begraben lag.-- Diese _ltere_
Larentia aber war die Wlfin (+lupa+), die den Romulus gesugt hatte. Dabei
verfehlt Plutarch nicht zu erinnern, da Lupa bei den Lateinern sowohl eine
Wlfin als ein geiles Frauenzimmer bedeute. An diese Larentia, die auch
Laurentia genannt wird, knpfte sich die Entstehung einer den bereits
erwhnten Luperci hnlichen Priesterbrderschaft, der sog. _Arvalbrder_.
Dieselbe soll nmlich vom Romulus (oder Herkules) zwlf Shne gehabt haben,
mit denen sie alljhrlich einmal einen Umzug um die Felder hielt und fr
die Fruchtbarkeit des Landes betete. Die diesem Vorbilde entsprechend
gestiftete, aus 12 Personen bestehende Arvalbrderschaft trug als Abzeichen
hrenkrnze mit weien Binden und hielt alljhrlich einen Umzug durch die
Felder, worauf sie zur Entsndigung der Felder das +suovetaurilium+
opferte.

Da wir auf die unterirdischen Gtter, zu denen brigens die Acca Laurentia
in einer hnlichen Beziehung stand, wie die griechische Proserpina, im
folgenden Kapitel kommen, drfen wir hiermit unsere Skizze des rmischen
Gtterwesens abschlieen.

                  *       *       *       *       *

Kaum ein anderes Wort ist mit verschiedeneren Ideeen und Gefhlen je nach
Zeit, Ort, Rasse, Kulturentwickelung und endlich Individualitt
vergesellschaftet, als das kaum noch eine bestimmte Definition zulassende
Wort Religion. Ein feinfhliger Christ wird mit vollem Rechte dieses Wort
als mibruchlich angewandt bezeichnen auf ein Gttersystem, wie das in
diesem Kapitel skizzierte rmische, das sich bis zur Vergttlichung von
Freudenmdchen verstiegen habe. Er mag eben durch den Kontrast die geistige
Hhe des Christentums um so angemessener schtzen lernen.

Allein er darf sich dadurch nicht zu einem ungerechten Urteil ber die
sittliche Bedeutung der heidnischen Religionen und der rmischen
insbesondere hinreien lassen.

Alle heidnischen Religionen und so auch die rmische, sind eben reine
Naturreligionen. Die Natur und ihre Krfte werden in anthropomorpher Weise
personifiziert, und wie diese Phantasiethtigkeit ausfllt, das hngt eben
von dem mehr oder weniger edlen Typus des Menschen ab. Nun lt sich
keineswegs behaupten, da die rmische Naturreligion auf einem besonders
niedrigen sittlichen Niveau gestanden hat; wenngleich die orientalischen
Religionen stellenweise den Anschein grerer spekulativer Tiefe an sich
tragen, so sind ihre Gedanken- und Phantasiebildungen darum weder reiner
noch inniger. Selbstverstndlich bildet in jeder reinen Naturreligion die
Fruchtbarkeit und Zeugungskraft und somit das Natrlich-Geschlechtliche den
wichtigsten Gegenstand der Andacht. Der Phallusdienst z.B. erstreckte sich
ber ganz Asien und nahm wohl die wstesten orgiastischen Formen bei den
von Natur wollstig und zerfahren veranlagten semitischen Stmmen an
(Mylitta- und Kybele-Dienst). Bei den Rmern hielt er sich stets in relativ
sehr anstndigen Schranken. Die geschlechtliche _Sinnlichkeit des Rmers
war stark, aber_, so lange sie nicht durch schlechte internationale
Einflsse corrumpiert ward, naturwchsig _gesund_ und forderte gesetzliches
Ma und Ordnung. Erwhnt wurde bereits die lange Jahrhunderte hindurch
streng gewahrte _Heiligkeit der Ehe_. Nicht die unbefangene Natrlichkeit
in sexuellen Angelegenheiten, sondern das naturwidrig Raffinierte, was sich
ja oft gerade mit asketischen Enthaltsamkeits-Tendenzen als anderem Extrem
vereint, ist das allgemein Unsittliche. Die fescenninischen Verse und
krassen Priapejen der Rmer sind nicht so unsittlich, wie manche mit
uerlicher Eleganz geschriebene hochmoderne Litteraturerzeugnisse. Oder
war etwa das germanische Mittelalter, das an vielen Dingen keinen Ansto
nahm, die heute auszusprechen, ein arger Versto ist, darum _sittenloser_,
als die Neuzeit, in der ernstliche Schriftsteller die Frage diskutieren
knnen, ob nicht z.B. die Ehe vielfach zu einer konventionellen Lge
geworden sei? Man kann sogar behaupten, da das gesetzliche und im engeren
Sinne moralische Gefhl die Rmer weit lnger vor der Ansteckung mit den
wsten Formen des orientalischen, mystisch angehauchten Wollustkultus
bewahrt hat, als das mehr blo sthetische Ma die Hellenen. Wenn die
Griechen es als die erste und hchste Pflicht betrachteten, da alles, was
zur Verehrung der Gtter geschehe, schn sei, glaubten die Rmer mit
konservativer Zhigkeit und peinlichster Sorgfalt darauf achten zu mssen,
da alles exakt und pnktlich sei. Allerdings wurde die subjektive Religion
bei ihnen von der positiven, dem Kultus, vllig absorbiert, wie dies in
gewissem Grade ja auch im Gegensatz zu den vielen anderen Abzweigungen des
Christenthums sich noch im rmischen Katholizismus wiederholt. Noch in den
Zeiten des schon begonnenen Verfalls der rmischen Religion schrieb der
Geschichtsschreiber Dionysius (+II.18+), indem er die rmische Religion
der griechischen gegenberstellt:

Der Stifter des rmischen Staates hat die von den Gttern berlieferten
Sagen, welche Verunglimpfungen und Lsterungen derselben enthalten, als
nichtswrdig, unntz und ungebhrlich, und nicht einmal rechtschaffener
Menschen, geschweige Gtter wrdig, samt und sonders verbannt, und es so
eingerichtet, da die Menschen von den Gttern nur das Edelste und Beste
erzhlen und sich einbilden, und ihnen keine solchen Eigenschaften
andichten, welche seliger Wesen unwrdig sind. Denn man wei bei den Rmern
nichts von Entmannung des Uranus durch seine eigenen Shne, nichts von der
Kinderverschlingung des Kronos aus Furcht vor deren Nachstellungen, nichts
von Entthronung und Einkerkerung im Tartarus, die Zeus an seinem eigenen
Vater verbt habe, nichts von der Gtter Kmpfen, Verwundungen, Fesselungen
und Knechtsdiensten bei den Menschen, und es wird bei ihnen kein Fest in
Trauerkleidern und mit Wehklagen begangen, wo sich die Weiber unter Weinen
und Schreien die Brste zerschlagen ber das Verschwinden einer Gottheit,
wie die Griechen bei dem Raube der Persephone und den Leiden des Dionysos
und anderen dergleichen Gelegenheiten thun; auch erblickt man bei ihnen,
trotzdem, da die Sitten bereits verdorben sind, kein Auersichgeraten und
Verrcktthun, kein Bettelpriestertum, kein Begeistertsein noch geheime
Weihen, kein Durchnachten der Mnner mit den Frauen in Heiligtmern, kurz
nichts von allen diesen Gaukeleien und Schwrmereien, sondern statt dessen
blo Andacht und Achtsamkeit auf Worte und Handlungen in allen religisen
Verrichtungen, wie bei keinem anderen Volke der Griechen oder Barbaren.

                  *       *       *       *       *

Allerdings ist nicht zu verkennen, da eben diese uerlich gesetzliche
Auffassung der Religion ein wirklich religis fhlendes Gemt abstoend
berhrt, wenn dabei die Einsicht hervortritt, da die _gebildeten_ Rmer in
Ermangelung jeder _spekulativen_ Vertiefung des Religionsinhalts, wie sie
den gebildeten Griechen sich in den Mysterien frhzeitig darbot, dieselbe
als eine blo _politische_ Staatseinrichtung betrachtet haben. Der
Geschichtsschreiber Polybius freilich, der dieses Verhltnis klar
durchschaute, findet gerade deshalb die rmische Staatskunst ebenso wie
nach ihm Machiavelli besonders bewundernswert: Den grten Vorzug,
schreibt er (+VI,56+), scheint mir die rmische Politik hinsichtlich
ihrer Religionsmaximen zu haben: und zwar giebt, wie mich dnkt, gerade die
Sache, welche man anderwrts tadelnswert findet, dem rmischen Staat seine
Festigkeit, ich meine den Aberglauben. Denn dieser Punkt ist mit einer
solchen Wichtigkeit behandelt und dergestalt mit dem ffentlichen und
Privatleben verwebt, da nichts darber geht. Hierber mgen sich nun
manche wundern: mir aber scheint dies um der Menge willen geschehen zu
sein. Wenn freilich der Staat ein Zusammentritt lauter Weiser wre, so
htte man dergleichen Mittel nicht ntig: nun aber die Menge immer
wetterwendisch ist und regellosen Begierden, unvernnftigen Leidenschaften
und strmischen Aufregungen gehorcht, so bleibt nichts brig, als sie durch
blinde Furcht und solches _Gaukelspiel_ im Zaum zu halten. Darum scheinen
mir die Alten den Glauben an die Gtter und die Vorstellungen von der Hlle
keineswegs aus Unverstand und Unberlegtheit der Menge eingeprgt zu haben,
vielmehr die Jetzigen ihn unverstndig und unbesonnen zu verbannen.

                  *       *       *       *       *

Diese politische Weisheit drfte erstens fehlgreifen in ihrer
geschichtlichen Ansicht, sofern sie eine Religion, die naturwchsig aus dem
Volke hervorgegangen, als ein Machwerk politischer Kunst erklrt. Sie
drfte aber auch pragmatisch nur fr Staatswesen zutreffen, die von
vornherein auf eine unnatrliche demokratische Grundlage gestellt sind und
deshalb unsichtbarer, trgerischer, im schlechtesten Sinne politischer
Mittel bedrfen, um die Menge zu leiten. Richtig ist zwar, da kein Staat
und kein Volk ohne irgend welche Volksmetaphysik auskommen kann, und da
daher jeder vernnftige Politiker alle Art rein _negativer_ sog.
Volksaufklrung verurteilen wird. Aber andrerseits ist auch eine _rein
negative_ Aufklrung der _herrschenden_ Gruppen im Staate auf die Dauer
unhaltbar und dem Staate verderblich; denn unmglich lt sich durch
_Heuchelei_ der Staat erhalten. Ohne Metaphysik keine Ethik, und ohne
irgend welchen Glauben an bersinnliches keine Moral. Der Moral bedrfen
auch die regierenden Elemente, ja diese erst recht. Gerechtfertigt ist nur
die Forderung, da die gebildeten Elemente eines Volkes nicht dem
voreiligen Bedrfnis nachgeben sollen, der nur fr grbere Vorstellungen
reifen Masse ihre wissenschaftlich geluterte Weltanschauung einzuflen.
Denn Einreien ist leichter als Aufbauen.

Das lehrt auch die Gegenwart, in der wesentlich die immermehr zunehmende
Religionslosigkeit der Massen eine soziale Gefahr heraufzubeschwren
scheint.




Drittes Kapitel.

Unsterblichkeitsglaube und Jenseitsvorstellung.


Dafr, da wenigstens der _Glaube_ an die persnliche Unsterblichkeit aus
einer _allgemein menschlichen_ Prdisposition hervorgeht, scheint mir kaum
eine kulturhistorische Thatsache eindringlicher zu sprechen, als die
hervorragende Rolle, die dieser Glaube in sehr ausgeprgter Form bei den
nchternen, so ganz auf das _Diesseits_ gerichteten Rmern gespielt hat,
deren fast metaphysikfreie, rein naturalistische, nur die Interessen des
natrlichen und brgerlichen Lebens hypostasierende Religion uns das
vorstehende Kapitel im Umri zeichnete. Offenbar mu dieser Glaube, wenn
ihn sogar ein so sehr vom Zwecktriebe beherrschtes und durch ihn zur
Weltherrschaft berufenes Volk in ganz besonderem Grade kultivierte, eine
_sozial sehr zweckmige Eigenschaft_ sein, eine Eigenschaft, die sich im
Kampf der Vlker ums Dasein bewhrt. -- Hngt nicht aber das Wort Wahrheit
sprachgeschichtlich mit _bewhren_ zusammen, und sollte nicht der Schlu
gerechtfertigt sein, da ein Glaube, der sich praktisch fr Vlker und
Individuen als zweckmig bewhrt, unmglich eitel sein kann? Oder giebt es
auch _zweckmige_ Irrtmer und Wahnideeen? Vielleicht ist dieser mein
Gedanke nur eine modernere Fassung dessen, was Kant mit seinem Beweise aus
den Postulaten der _praktischen_ Vernunft sagen wollte.

_Genien_, _Laren_ oder _Manen_ und _Lemuren_ bezeichnen in der
lateinischen Sprache drei Klassen oder Zustnde des unsterblichen Teils der
menschlichen Individualitt.

_Genius_ kommt von +gignere+= zeugen. Genius ist der schon _vor_ der
Geburt existierende transcendentale Keim und Kern des Menschenwesens und
damit zugleich das Gttliche und Unvergngliche im Individuum. Hren wir
darber den nicht aus griechischer Philosophie, sondern aus altrmischer
Religionskunde schpfenden _Varro_: Der Mensch, sagt er, besteht aus drei
Teilen, erstlich dem vegetabilischen ohne Sinn und Empfindung, zweitens dem
animalischen mit Sinn und Empfindung aber ohne Selbstbewutsein, drittens
dem geistigen mit Vernunft und Selbstbewutsein. Alle drei zeigen sich in
der menschlichen Natur vereinigt, nmlich die erste in den Ngeln, Haaren
und Gebeinen, die zweite in den Sinnesorganen, Gesicht, Gehr, Geruch,
Geschmack und Gefhl, die dritte im Geiste. Die dritte ist es, die im
Menschen +genius+, der das Leben _zeugende_, im Universum +deus+, Gott
heit. Denn auch im Universum sind die analogen Teile wiederzufinden,
insofern z.B. die Erde mit dem Steinreiche den Gebeinen, Sonne, Mond und
Sterne den Sinnesorganen, dem Geist oder Genius aber der alles
durchdringende ther, welcher auch den Gestirnen, der Erde und dem Meere
emanierte Teile seines Wesens als besondere Gottheiten mitteilt,
entsprechen.

Da dies nicht pythagorisch-platonische Philosopheme, sondern
echtrmische, wahrscheinlich aus uralt arischen Traditionen und von jenen
Philosophen selber nur bernommene Stze sind, ist leicht zu beweisen.

Der Genius, der sich, wie das transcendentale Ich du Prels nur teilweise in
die irdische Erscheinung versenkt, ist der Fhrer des persnlichen
Schicksals, das Instinktartige, Unbewute im Menschen, daher +genius
fatalis+ oder auch direkt +fatum+ genannt. Vergl. +Horatius, epistol. II.
2, 178. Genius est deus, cujus in tutela ut quisque natus est vivit; hic
sive quod ut genamur curat sive quod una gignitur nobiscum sive etiam quod
nos genitos suscipit ac tuetur certe a gignendo genius appellatur
(Censorinus de die natali c. 3).+

Da er als transcendentaler gttlicher Teil ber die irdische Erscheinung
hinausragt, geniet er auch seit urltester Zeit gttliche Verehrung. Bei
keiner festlichen Gelegenheit verga man, seinem Genius zu opfern. Beim
Erntefest, bezeugt Horaz (+Epist. II. 1,40+) opfert man dem mit den
Lebensjahren geizenden Genius und treibt fescenninische Spe; letzteres,
da Genius zugleich die Bedeutung zeugungskrftig hat, weshalb auch bei
Hochzeiten dieselbe Sitte. Sein alljhrlich wiederkehrendes Fest ist der
_Geburtstag_. An diesem brachte man ihm Opferschrot, Kuchen, Honig, Wein,
Weihrauch und Krnze, aber kein blutiges Opfer dar. Vor allem gedachte man
seiner, wie bemerkt, auch bei Hochzeiten, da als Zweck der Ehe die
Erzielung kongenialer Nachkommen galt; daher weihte man ihm das Brautbett,
das nach altherkmmlicher Sitte mit Togen im Atrium gebreitet und +lectus
_genialis_+ genannt wurde. Einer der heiligsten Schwre war der beim
eigenen oder beim Genius einer geliebten Person. Der Jurist Ulpian bezeugt
ein kaiserliches Gesetz, das den, der in Geldsachen beim Genius des Kaisers
schwrt und eidbrchig wird, mit Stockschlgen bedroht.

Das Sinnbild des Genius war die Schlange, die, weil sie sich mit jedem
Jahre verjngt, das sich immer erneuernde Leben verdeutlicht. Hierdurch
wird uns eine mehrfach verbrgte Erzhlung vom Tode des Vaters der
Gracchen, als Muster rmischer Gattenliebe verstndlich. Jener erblickte
einst in seinem Ehebette ein Schlangenpaar und befragte die Weissager wegen
der Bedeutung des Zeichens. Diese rieten ihm, eine davon zu tten, mit dem
Bemerken, wenn er die mnnliche tte, wrde _er_, wenn er die weibliche
tte, seine Gattin, die berhmte Cornelia, binnen kurzem sterben. Er ttete
die mnnliche und starb bald darnach an einer pltzlichen Krankheit.
Cicero, der (+de divinatione+) diese Erzhlung erwhnt, wirft allerdings
die nicht unmotivierte Frage auf, warum er nicht _beide_ entgegen dem Rate
der Seher am Leben gelassen. brigens wurde der Genius auch als angehender
Jngling, geflgelt, nackt oder mit einem gestirnten Gewande, mit Blumen
oder einem Wachholderzweige dargestellt.

_Manen_, wohl nicht von +manere+= bleiben, sondern von +manis+= milde,
sind die frommen _guten Seelen_ der _Abgeschiedenen_, also die wieder mit
dem Genius vereinten, um den Inhalt des Erdenlebens bereicherten Geister.
Sie sind dasselbe, was die Genien, aber vom postmortalen Standpunkt aus.
Darum wird auch ihnen gttliche Verehrung zu teil. Wenn ich einst tot
bin, schreibt Cornelia, die Tochter des groen Scipio, des eben erwhnten
Vaters der Gracchen Gattin, an ihren Sohn Cajus, so wirst du mir opfern
(+parentabis+) und die Gottheit deiner Mutter anrufen. Wird es dich dann
nicht beschmen, die Bitten eines Geistes anzuflehen, den du, als er noch
lebte und gegenwrtig war, nicht beachtet und verschmht hast? (+Cornelius
Nepos fragm.+) Der berhmte Rechtsgelehrte Labeo, der zur Zeit des Augustus
lebte, Begrnder der bedeutenden Rechtsschule der sog. Prokulejaner, hat
eine besondere, leider nicht erhaltene Schrift ber die Manen und ihre
Verehrung verfat (+de diis, quibus origo animalis est+) d.h. ber die in
gttliche Geister verwandelten Menschenseelen.

Die gttliche Verehrung der Abgeschiedenen begann am achten Tage nach dem
Tode, wenigstens erst _nach_ der Bestattungsfeierlichkeit. Denn bis zur
Bestattung, die eben den Zweck hatte, den letzten noch vorhandenen
magischen oder magnetischen Zusammenhang der Seele mit der unreinen
Leiche zu lsen, konnte sich der Geist noch nicht in die himmlischen Hhen
begeben. Die Leiche pflegte man sieben Tage lang in einem nur diesem Zwecke
bestimmten Nebenraume des Vestibls im rmischen Hause aufgebahrt zu
halten. Whrend dieser Zeit galt das Haus als unrein, ein Cypressenbaum vor
der Thr warnte diejenigen, die Befleckung zu scheuen hatten, vor dem
Eintritt. Am achten Tage wurde die Leiche in feierlichem Zuge zur
Brandsttte, -- Feuerbestattung bildete die, jedoch nicht ausnahmslose,
Regel, -- getragen, wo der Scheiterhaufen in Form eines Altars errichtet
war. Die Verbrennung hatte denselben Sinn, wie diejenige des Herkules auf
dem Oeta, damit sich das Ewige zum Himmel erheben mge,

    Wenn der Gott, des Irdischen entkleidet,
    Flammend sich vom Menschen scheidet
    Und des thers leichte Lfte trinkt.

Darum sprach man, sobald die Verbrennung beendet war: unser Vater, Bruder,
Gatte usw. ist allbereits ein Gott. Die Reste wurden dann unter Thrnen und
Klagen und Anrufung der Hingeschiedenen mit Wein gelscht, in den Schoo
gesammelt, mit Milch abgesplt, in einem reinen Leinentuche gelftet, in
die Urne gelegt und nebst Thrnenflschchen, Weihrauch und Spezereien in
der Grabsttte beigesetzt. -- Nunmehr kehrte man nach Haus zurck, welches
inzwischen grndlich gefegt und gescheuert war, schritt ber ein Feuer und
lie sich durch Lorbeerwedel mit Wasser besprengen und war gereinigt. Der
groe Wert, den die Rmer, wie die Griechen, auf eine angemessene
Bestattung legten (+justa facere+), wird verstndlich durch den Glauben,
da die Seele vorher keine endgltige Ruhe finde; die Erde beherbergte
keinen, der ihr nicht durch feierliche Ceremonien von symbolischer Kraft
bergeben war. Nach Ablauf einer Woche wurde dann das erste Totenfest der
Hinterbliebenen gefeiert, die sog. +feriae denicales+, zu dem selbst einem
Soldaten der Urlaub nicht verweigert werden konnte. Man ehrte die
Verstorbenen durch einen Leichenschmaus, durch Absingung von Lobliedern,
durch Anzndung von Rucherkerzen und Weinspenden auf ihrem Grabe und
Bekrnzung desselben mit Blumengewinden.

Dieses Fest, sagt Cicero (+de legibus II, 22+) darf nur auf solche Tage
verlegt werden, an welchen nicht bereits ein anderes Fest stattfindet, und
die ganze priesterliche Einrichtung des Kultus zeugt von seiner groen
_Wichtigkeit und Heiligkeit_.

Aber neben diesem besonderen Totenfest fand am 19. Februar jeden Jahres ein
allgemeines Totenfest statt, die sog. Feralia oder Parentalia, ein Vorbild
unserer Aller-Seelenfeier. Allgemein brachte man an diesem Tage den
lieben Toten Opfer dar. Doch waren die Manen gengsam. Leicht vershnt
sind die Seelen der Vter, sagt Ovid (+Fast. II, 535+), nur kleines
begehren die Manen. Hinreichend ist die Platte des Altars bedeckt mit
hingestreuten Krnzen, und gestreute Frchte und wenige Krner von Salz,
auch in Wein getrnktes Getreide und ungebundene Veilchen. Doch grere
Geschenke verbiete ich nicht: aber auch schon hierdurch ist der Schatten
vershnbar. Fge, wenn der Altar erbaut ist, noch Gebete und die blichen
Formeln hinzu. -- So lange dieses Fest whrt (sechs Tage), so lange
weilt, ehelose Mdchen: es erwarte die fichtene Fackel heilige Tage,
verbirg, Gott Hymen deine Fackeln und entferne sie von jenen traurigen
Flammen: denn andere Fackeln haben die traurigen Grber. Auch verschliee
man die Tempel und verberge die Gtter: von Weihrauch sollen deren Altre
nicht rauchen und die Herde vom Feuer nicht lodern. Denn jetzt irren umher
die luftigen Seelen: jetzt nhren sich die Schatten von dargebrachten
Speisen. Man ging eben von der berzeugung aus, _da der Zusammenhang und
die Sympathie der Verwandtschaft und Liebe keineswegs durch das Band des
Todes zerrissen sei, einerseits bedurfte die Seele, um zu dem hheren
Zustande empor zu steigen, der magischen Beihlfe ihrer hinterbliebenen
Angehrigen, die durch Opfer, Ceremonien und vor allem durch Gebete ihre
Gewissen beruhigten in dem Bewutsein dadurch noch etwas fr die
verstorbenen Lieben zu thun; andererseits aber glaubte man, da die Seelen
der Hingeschiedenen selber noch den vollsten Anteil am Heile ihrer
Hinterbliebenen nhmen, und wenn man sie um Schutz und Beistand anflehe,
hilfreich mit ihrer geistigen Kraft in der Nhe weilten_. Aus diesem Grunde
und da man zugleich annahm, da die Reliquien und berreste der Toten ein
magisches Band seien, um ihre Gegenwart zu sichern, liebte man es, die
Toten, wenn nicht gar im eigenen Hause, so doch in mglichster Nhe, auf
der eigenen Besitzung zu bestatten. Wo immer ein Toter bestattet war, war
der Ort heilig und schied aus dem Rechtsverkehr aus, durfte weder verkauft
noch vertauscht werden; er stand im _Eigentum der Toten_. Der Verehrung der
Ahnen (+lares domestici+) war im Atrium der Altar und das kleine Oratorium
gewidmet, das wir fast in jedem pompejanischen Hause finden.

An allen Festtagen, die Kalenden, Nonen und Iden jedes Monats nicht
ausgenommen, wurde den Toten geopfert und ein frischer Kranz um ihren Herd
gelegt. Nichts liebten die Toten mehr als Blumen. Lieblich schildert ein
solches Larenopfer und die davon gehoffte Wirkung fr das Glck des Hauses
die Ode von Horaz:

    Wenn du die Arme flehend zum Himmel hebst
    Bei jungem Mondlicht, lndliche Phidyle,
    Und fromm die Laren shnst durch Weihrauch,
    Heurige Frucht und ein rundes Ferklein,

    Dann sprt des Sdwinds giftigen Odem nicht
    Der schwang're Rebstock, noch den verderblichen
    Mehlthau die Saatflur; nicht das junge
    Saugende Lamm die Beschwer der Obstzeit.

    Der Opferstier, der krftige Weide fand
    Im Eichenforst am schneeigen Algidus,
    Den Albas Grasflur ppig nhrte,
    Rthe mit blutig getroff'nem Nacken

    Das Beil des Priesters. Aber fr _Dich bedarfs
    Nicht vielen Bluts unschuldiger Lmmer erst;
    Nur Rosmarin und zarte Myrten
    Winde den Gttern des Herds zum Kranze_!

    Denn _deine_ Hand, die fromm den Altar berhrt,
    Vershnt, auch arm an Gaben, wie kstlicher
    Brandopfer Duft den Zorn der Gtter,
    Spendet sie knisterndes Salz und Mehl nur.

                  *       *       *       *       *

Nichts ist abgeschmackter und unrichtiger, als wenn man hin und wieder
einen besser in der Geschichte der Juden, deren Piettlosigkeit gegen Tote
so gro war, da die Gelehrten noch nicht eins sind, ob das alte Testament
berall die Unsterblichkeit der Seele gelehrt habe, als in der des
klassischen Altertums bewanderten christlichen Geistlichen predigen hrt,
wie z.B. Luther, von den unseligen Heiden, die keinen Trost fr des Todes
Bitterkeit wuten. Umgekehrt ist es eine kulturgeschichtliche Thatsache,
da die Piett gegen die Hingeschiedenen zuerst durch die Christen, welche,
so uneinig sie auch ber den Zustand der Seelen nach dem Tode
augenscheinlich gewesen sind, meistens dem aus persisch-pharisischen
Vorstellungskreisen entnommenen Glauben an _fleischliche_ Auferstehung
anhingen und bis dahin einen sog. Seelenschlaf (+pannychie+) voraussetzten,
aus der Mode kam; den ersten Christen erschien der Manen- und Penatenkult
als _Abgtterei_. Der Tote wurde begraben und bald vergessen; vor allem
aber gab man den Zusammenhang mit den nicht christlich gewesenen und somit
ewiger Verdammnis verfallenen Ahnen auf, soweit nicht etwa stellenweise
griechische und rmische Piett, die auch das Dogma der sog. Hllenfahrt
Christi motiviert haben wird, den brigens sehr zweifelhaften Ausweg
ergriffen haben mag, sich ber, wie Luther schlecht bersetzt, richtiger
wohl fr oder im Namen der Toten taufen zu lassen. (+Corinth. I. 15,
V.29.+) Erst _spter_ gab die rmische Kirche dem im Volke nachhaltig
wurzelnden Glauben an einen unzerreibaren Zusammenhang der Liebe zwischen
den Verstorbenen und Hinterbliebenen insoweit nach, als sie das
Aller-Seelenfest und die Totenmessen einfhrte. Es blieb aber jetzt die
_dstere_ Vorstellung von einem _qualvollen_ Zustande der abgeschiedenen
Seelen im Fegefeuer magebend, der durch diese kirchlichen Gnadenmittel
gemildert werden knnte. Immerhin hat die katholische Kirche durch diese,
kulturgeschichtlich an den alten Rmerglauben anzuknpfende Institution
einen das Gemt sehr ansprechenden Vorzug vor dem Protestantismus, der den
Glauben an die Unsterblichkeit zu einer kalten Abstraktion verflchtigt und
ebenfalls erst lange nach Luther, dessen grobsinnliche und wenig logische
Natur niemals zu einer ganz klaren Lehre ber das Jenseits gelangte, wieder
in der Feier des sog. Totensonntags ein schwchliches Surrogat fr die
Allerseelenfeier gesucht hat.

Die jetzt im Katholizismus vorherrschende dstere Auffassung des
jenseitigen Seelenzustandes war brigens auch den Rmern nicht fremd. Ihr
entspricht die dritte Klasse der Abgeschiedenen, der sog. _Lemuren_, d.h.
der friedlosen _Gespenster_, zu deren Beruhigung das Fest der Lemuralien
(vom 9. bis 13. Mai) gefeiert ward.

Wenn schon Mitternacht ist und dem Schlafe Stille darbeut, sagt Ovid
(+Fasten V. 430ff.+), und der Hund und ihr mancherlei Vgel stille
schweigt, so erhebt sich, wer eingedenk des alten Brauchs und
gottesfrchtig ist: seine beiden Fe fesseln keine Bande. Er giebt Zeichen
mit den Fingern dicht angefgt, den Daumen in der Mitte, damit nicht ein
leichter Schatten, wenn er ruhig wre, ihm entgegen kme. Dreimal bespritzt
er mit dem Wasser eines Gottes die reinen Hnde, dreht sich um, und nimmt
in den Mund schwarze Bohnen. Er wirft sie umgedreht; aber whrend er wirft,
spricht er: das hier bringe ich: mit diesen Bohnen lse ich mich und die
Meinen. Das spricht er neunmal, nicht zurckschauend. Der Schatten, glaubt
man, lese sie auf und folge, wenn keiner zurckblickt. Darauf wieder
besprengt er sich mit Wasser, und schlgt klirrend temesische Erze
zusammen, und fleht, da der Schatten aus seiner Wohnung gehen mchte. Hat
er neunmal gesprochen: Geht heraus, ihr Mnner der Vter! so blickt er
zurck, und hlt die Opfer fr heilig geendigt. Woher der Tag benannt ist,
und woher der Ursprung des Namens, wei ich nicht. Von einem Gotte mssen
wir's erfahren. Du der Pleiade Erzeugter, belehre uns, ehrwrdig durch
deinen mchtigen Stab! Oft hast du den Knigspalast des stygischen Zeus
gesehen. Erfleht erschien der Trger des Stabs: Vernimm die Ursach des
Namens! Von ihm selbst, dem Gotte, hab' ich die Ursache erfahren. Wie
Romulus die Schatten seines Bruders im Leichenhgel verborgen, und dem
unglcklichen Springer Remus das Todtenopfer vollendet, so besprengte der
unglckliche Faustulus und Acca mit fliegenden Haaren die verbrannten
Gebeine mit ihren Thrnen. Drauf kehrten sie traurig beim Anfang der
Dmmerung nach Hause zurck, und legten sich in diesem Zustande nieder aufs
harte Lager. Remus blutiger Schatten schien vor dem Lager zu stehen, und
mit leisem Gemurmel diese Worte zu reden: Auf dann, sehet, was ich nun sei,
ich die Hlfte von euch und der andere Teil des Gelbdes; wie und wer ich
soeben war, whrend ich, htte ich nur Vgel gesehen, die mir Herrschaft
verhieen, der grte in meinem Volke sein konnte. Jetzt bin ich entflohen
den Flammen des Scheiterhaufens, bin ein leeres Schattenbild. Das ist die
Gestalt von jenem Remus zurckgelassen. Ach! wo ist Vater Mars? wenn ihr
anders die Wahrheit geredet habt, und jener den Ausgesetzten die Euter
einer Wlfin vergnnte? Den eine Wlfin erhielt, den hat eine frevelnde
Hand eines Mitbrgers gemordet. O wie viel sanfter war _sie_? Wthrich
Celer, unter Wunden gieb deinen grausamen Geist auf, und betritt, wie ich,
das Unterreich mit Blut befleckt! Das war der Wille meines Bruders nicht:
auch er besa, wie ich, gleiche Liebe. Thrnen, nur das vermocht er, vergo
er um meinen Tod. Ihn fleht bei seinen Thrnen, ihn bei eurer Erhaltung,
da er feierlich mit festlicher Ehre den Tag auszeichne! Wie er den Auftrag
gab, wnschten sie ihn zu umfassen, und streckten aus die Arme. Den
greifenden Hnden entfloh der flchtige Schatten. Sobald das fliehende Bild
den Schlaf mit sich entfhrte, so berichten beide dem Knig den Befehl
seines Bruders. Romulus gehorchte und nannte den Tag Remuria, an dem den
begrabenen Ahnen Todtenopfer gebracht werden. Der harte Buchstabe, der
erste im ganzen Namen, ist in der langen Zeit in einen gelinden verndert
worden. Bald auch nannte man der Schweigenden Seelen Lemuren, das ist des
Wortes Sinn, das seine Bedeutung. Doch die Tempel verschlossen die Alten an
jenen Tagen, so wie man sie noch jetzt zur Leichenzeit verschlossen sieht.
Auch war dies nicht die Zeit schicklich zu fackeln einer Verwittweten noch
einem Mdchen. Lange lebte die nicht, die hier sich verhllte. Darum sagt
auch der groe Haufe: (wenn dir Sprichwrter gefallen): Schlechter Mdchen
Ehe fllt in den Monat Mai.

                  *       *       *       *       *

Whrend Jupiter Herr der Genien ist, ist Saturn Herr der brigen guten
Geister. Im brigen steht die gesamte Unterwelt unter dem Szepter des
_Orcus_, der auch Dis, Jupiter Stygius heit, identisch mit dem Pluton der
Griechen. Dessen Gattin, von den spteren Dichtern mit Proserpina
identifiziert und gewhnlich auch so genannt, hie mit ihrem
altlateinischen Namen Libitina, Lubentia oder Lubia. Ihr Tempel diente zur
Aufbewahrung aller zu Leichenbegngnissen erforderlichen Gertschaften;
ihre Priester, die +libitinarii+ fungierten als Leichenfhrer, fhrten auch
das Totenregister. Sonderbarerweise wird diese Libitina vielfach mit der
Lustgttin Venus identifiziert, so da man von einer _Venus_ Libitina
liest, was an die gleichzeitige Beziehung der griechischen Demeter zum Tode
und zur Zeugung erinnert.




Viertes Kapitel.

Der Glaube an Magie und symbolische Handlungen.


Noch heutzutage mu dem Nordlnder, der Italien zum ersten Male bereist,
die groe Verbreitung des Glaubens an schwarze Magie, insbesondere den
bsen Blick (+mal occhio+), ferner an die Bedeutsamkeit gewisser Tage,
Stunden, Zahlen u.s.w., und an bedeutsame symbolische Handlungen
auffallen. Es ist ein Erbteil der alten Latiner und Etrusker. Nirgends
werden, selbst von Angehrigen der sog. gebildeten Stnde, besonders
freilich von Frauen mehr Amulette gegen Zauber, Behexung u.s.w. getragen,
als in Italien. Man kann sich denken, wie viel verbreiteter dieser, durch
das Christentum einigermaen gedmpfte Aberglauben in der heidnischen Zeit
gewesen ist. Hatte doch selbst der allgemeine Brauch der _Bulla_ bei den
rmischen Jnglingen nur in diesem Glauben seinen Grund. Die Bulla war eine
hohle, runde, inwendig mit magischen Prservativmitteln gegen Behexung und
Neid gefllte goldene Kugel. Eine solche trugen auch die Triumphatoren, die
ja ganz besonders dem Neid und bsen Blick ausgesetzt zu sein besorgen
muten.

Beim Anfange eines jeden wichtigeren Geschftes achtete man auf alle nur
erdenklichen Zeichen (+omina+), die man teils fr gnstig, teils fr
ungnstig hielt. Da ein ungnstiges Zeichen, das von dem Handelnden nicht
beobachtet wurde, auch keine Bedeutung fr ihn hatte, so pflegte der Rmer
beim Opfer sich das Gesicht zu verhllen, um kein Zeichen wahrzunehmen und
beim Aussprechen feierlicher Gebete, Eidesformeln u.s.w. einen
Fltenblser spielen zu lassen, um auch die Ohren zu sichern.

So gingen dem Opferknig und den Priestern Herolde (+praeclamitatores+)
vorauf, welche mit dem Rufe: +hoc age!+ Habt Acht! die Leute, bis der
Priester vorber wre, von der Arbeit abzulassen mahnten; denn abgesehen
davon, da die Arbeit an sich nicht zur Feier pate, war die Einstellung
derselben ntig, weil bei vielen Beschftigungen, z.B. beim Schlagen,
Hmmern und Sgen Mitne erzeugt werden konnten, die unheilkndend waren
und ein Fest entheiligten, ebenso wie Klage und Wehrufe, Hader, Zank,
Scheltworte und Flche. Darum ertnte auch vor jedem Opfer der Ruf des
Herolds: Habet Acht auf Gedanken und Worte!

Doch war glcklicher Weise die Zahl glckverheiender Omina nicht geringer,
als die der ungnstigen; und das Beste war, da nach rmischer Auffassung
die Geistesgegenwart des Beobachtenden es durchaus in ihrer Gewalt hatte,
ein Zeichen anzunehmen (+accipio omen+) oder zurckzuweisen (+ad me non
pertinet+). So war z.B. das Niesen ein gttliches Zeichen. Der Rmer
pflegte es sofort mit einem +accipio omen+ aufzunehmen. Ich bin berzeugt,
da die Rmer, htten sie den Schnupftaback schon gekannt, reichlich von
ihm bei wichtigen Angelegenheiten, im Senat oder in der Volksversammlung,
selbst bei Opfern und religisen Handlungen Gebrauch gemacht haben wrden.
Gewi wrde jeder Senator seine Schnupftabacksdose bei sich gefhrt haben.
Auch konnte man der sich zunchst aufdrngenden ungnstigen Bedeutung eine
passende gnstige substituieren, die Kraft des bsen Zeichens brechen und
seine anscheinende Drohung in eine Verheiung verwandeln. Durch solche
Geistesgegenwart haben groe Mnner sich nicht selten zu Herren der
Situation gemacht, indem sie es verstanden, den schlechten Eindruck, den
irgend ein anscheinend ungnstiges Omen auf ihre Umgebung machte, in sein
Gegenteil umzukehren. Bekannt ist z.B., da Csar, als er an der
afrikanischen Kste aus dem Schiff springend zu Boden strzte, die Worte
sprach: Ich fasse Dich, Afrika! Der Legat Marcellus rief, als beim Beginn
einer von ihm geleiteten Attacke gegen Viridomarus sein Pferd, vom
Waffenblitz geblendet und vom Getse scheu geworden auf die Seite sprang,
frohlockend aus: sein Pferd habe gegen die Sonne zu die Schwenkung des
Betens gemacht.

Durch Schlauheit und Betrug konnte man sich sogar ein Zeichen aneignen,
das einem Anderen zu teil geworden war. Ein Beispiel der Art erzhlt
+Livius I, 45+ und Plinius (siehe folgende Seite!).

Kein Rmer hat diesen Aberglauben witziger verspottet, als Cicero in seiner
Schrift ber die Weissagung.

O, unglaublicher Unsinn! ruft er aus, Wie kannst Du, wenn du darauf
achtest, freien Mutes sein, um zu einer Unternehmung nicht den Aberglauben,
sondern die Vernunft zum Fhrer zu haben? -- Sollen wir bei unseren
Handlungen auf das Anstoen des Fues, auf das Zerreien eines Furiemens
und auf das Niesen Acht geben? -- Wie tief dieser Aberglaube gleichwohl
auch in den gebildeten Rmern der spteren Zeit wurzelte, beweist nichts
mehr als die folgende Ausfhrung des Naturforschers Plinius, desselben, der
den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele mehrfach verspottet, der aber
in seiner Naturgeschichte (+H. N. XXVIII,3+) _ber die Kraft symbolischer
Sprche und Handlungen_ folgendes bemerkt:

Es ist eine groe und noch immer unentschiedene Frage, ob Worte und
Zaubersprche eine Wirkung haben. Zwar die persnliche berzeugung aller
Vernnftigen verwirft sie, allein im Allgemeinen beharrt die Praxis jeder
Zeit fest auf dem Glauben, ohne sich daran zu kehren. Hlt man doch die
Schlachtung der Opfer, sowie auch die Befragung der Gtter ohne Gebet fr
ungltig. Man hat obendrein besondere Formeln fr Erforschungsopfer,
besondere fr Abwendungsopfer, besondere fr Erflehungsopfer, und wir
sahen, wie die hchsten Obrigkeiten bestimmte Gebete sprachen, so da einer
die Worte aus dem Buch vorsagte, damit nichts ausgelassen oder verstellt
wrde, ein zweiter als Hter aufgestellt war, welcher aufmerkte, ein
dritter den Anwesenden gebieten mute, da sie auf ihre Worte Acht geben
sollten: zugleich spielte der Pfeifer, damit man ja keinen unrechten Laut
vernehmen mchte; und man wei von beiderlei Fllen merkwrdige Beispiele,
da nmlich, so oft ein widerwrtiger Laut strend dazwischentnte oder der
Betende irr wurde, pltzlich von den Eingeweiden der Kopf (der Leber) oder
das Herz verschwand, oder sich verdoppelte in der Zeit, wo das Opfertier
dastand. Erhalten ist als ein ungeheures Beispiel, der Spruch der Decier,
des Vaters und des Sohnes, mit dem sie sich weihten; vorhanden ist das
Gebet der der Unzucht beschuldigten Vestalin Tuccia, mittelst dessen sie im
Jahr der Stadt 609 (140 vor Chr.) _Wasser im Sieb trug_; ja selbst unsere
Zeit hat es noch erlebt, da auf dem Rindermarkt ein Grieche und eine
Griechin, oder Mitglieder anderer Nationen, mit denen man damals zu thun
hatte, lebendig eingegraben wurden, und wer die Gebetsformel solcher Opfer
liest, welche der Vorsteher des Kollegiums der fnfzehn dabei vorzusprechen
pflegt, der wird wahrlich die Wirksamkeit der Sprche, die durch eine
achthundertunddreiig-jhrige Erfahrung besttigt ist, nicht leugnen mgen.
Wir glauben noch heutzutage, da unsere Vestalinnen entlaufene Sklaven,
wenn sie die Stadt noch nicht verlassen haben, durch Gebete zu bannen
vermgen: und giebt man nur einmal dem Grundsatze Raum, da die Gtter
Gebete erhren und sich durch sie bewegen lassen, so kann man dasselbe
nicht mehr in Abrede stellen. Rcksichtlich dieser ganzen Streitfrage haben
unsere Vorfahren stets nur diese berzeugung gehegt, und sogar das
Schwerste nicht fr unmglich gehalten, nmlich Blitze zu entlocken, wie
seines Orts von uns gezeigt worden ist. Lucius Piso meldet im ersten Buch
seiner Annalen, der Knig Tullus Hostilius habe nach Numa's Vorschrift den
Jupiter durch dieselben Ceremonien, wie dieser vom Himmel herabzuziehen
versucht: weil er aber im Ritus etwas versah, so sei er vom Blitze
erschlagen worden; viele andere melden, da durch Worte das Schicksal
mchtiger Staaten und die Bedeutung der sie betreffenden Anzeichen
verndert zu werden vermgen. Als man z.B. den Grund zum Tarpeischen
Tempel grabend, einen Menschenkopf gefunden hatte, so versuchte der
berhmte Etrurische Seher Olenus Calenus, an den man darum Gesandte
geschickt hatte, dieses vortreffliche und glckliche Anzeichen durch die
zweideutige Einrichtung seiner Fragen auf sein Volk hinberzuspielen. Er
beschrieb nmlich erst den Umri des Tempels vor sich im Sande, und sprach
dann: 'Also hier, sagt ihr, Rmer, hier soll der Tempel des besten und
hchsten Jupiters stehen? Hier hat man den Kopf gefunden': und die Annalen
behaupten einstimmig, da das Anzeichen auf Etrurien bergegangen wre,
htten nicht die rmischen Gesandten, durch des Sehers einen Sohn im Voraus
gewarnt, geantwortet: 'Nicht eben hier, sondern zu Rom, sagen wir, ist der
Kopf gefunden worden.' Dasselbe geschah noch ein anderes Mal, als das
thnerne Viergespann, welches fr das Giebelfeld desselben Heiligtums
bestimmt war, im Ofen so anschwoll, und auch damals wurde das Anzeichen auf
gleiche Weise fr Rom gerettet. Dies mge genug sein, um durch Beispiele
darzuthun, da die Bedeutung der Anzeichen erstlich in unserer Gewalt ist,
und zweitens nur in der Art stattfindet, als man sie angenommen hat. Denn
in der Disciplin der Auguren wenigstens gilt es fr ausgemacht, da weder
ein widerwrtiges noch auch irgend ein anderes Anzeichen Wirkung fr den
habe, welcher bei dem Beginn irgend eines Geschftes sagt, da er es nicht
bemerkt habe: und dies ist eine der grten Wohlthaten der gttlichen
Gnade. Stehen nicht ferner schon in den zwlf Tafelgesetzen die Worte: wer
Frchte behext, und wieder an einer anderen Stelle: wer einen bsen
Zauberspruch spricht? Verrius Flaccus fhrt glaubwrdige Gewhrsmnner
dafr an, da man bei der Bestrmung von Stdten vor allem die
Schutzgottheiten durch die rmischen Priester herauszubeschwren pflegte,
und ihnen einen gleichen oder noch ansehnlicheren Dienst als zu Rom
versprach. Und diese Ceremonie ist in der Disciplin der Auguren noch
erhalten, auch ist bekannt, da eben darum die Schutzgottheit Roms
verheimlicht wurde, damit von den Feinden nicht ein gleiches vorgenommen
werden mchte. Der Furcht, durch Verwnschungen behext werden zu knnen,
entschlgt sich niemand: Beweis dafr ist, da jedermann die Schalen der
Eier und Austern, die er ausgeschlrft hat, sogleich zerbricht oder mit dem
Lffel durchstt. Darum haben Theocrit im Griechischen, Catull und zuletzt
Vergil im Lateinischen Nachahmungen von Liebeszauberliedern gegeben. Viele
glauben, da man auf diese Weise Tpferwaren bersten machen kann, etliche
sogar, da die Schlangen ihrerseits einen Gegenzauber anzuwenden
verstnden, welches die einzige Verstandesuerung dieser Tiere sei, und
da sich dieselben bei dem Liede der Marsen zusammenziehen, selbst whrend
der Nachtruhe. Auch Wnde werden _durch Besprechung des Feuers demselben
zur Grenze gesetzt_. Dabei ist es schwer zu sagen, ob die
schwerauszusprechenden fremden Wrter oder die seltsamen lateinischen dem
Glauben mehr Eintrag thun, die der Geschmack nicht umhin kann lcherlich
zu finden, whrend man etwas Groartiges erwartet, das da wrdig wre,
einen Gott zu rhren, ja zu ntigen. Homer erzhlt, wie Odysseus das
rinnende Blut an einer Schenkelwunde durch einen Spruch gestillt habe;
Theophrast lehrt, da sich das Hftweh damit heilen lasse; Cato hat einen
Spruch hinterlassen, der gegen Verrenkung helfen soll, Marcus Varro einen
gegen das Podagra; der Diktator Csar soll, nachdem er einmal mit dem Wagen
gefhrlich umgeworfen worden war, jedesmal nach dem Einsteigen durch
dreimaliges Hersagen eines Spruches Gefahrlosigkeit seiner Reise
eingeleitet haben, was jetzt bekanntlich von den meisten geschieht. Wir
wollen diesen Punkt noch durch Berufung auf das persnliche Bewutsein
eines jeden zu erweisen suchen. Warum weihen wir nmlich den ersten Tag des
Jahres durch gegenseitige Glckwnschungen ein? warum whlen wir bei
ffentlichen Shnopfern sogar zu Fhrern der Schlachtopfer nur solche,
welche glckbedeutende Namen tragen? warum begegnet man zum Teil den
Behexungen durch einen ganz eigentmlichen Gottesdienst, indem man die
griechische Nemesis anruft, deren Bildnis zu dem Behuf in Rom auf dem
Kapitolium aufgestellt ist, ohngeachtet der Name nicht einmal lateinisch
ist? warum beteuert man, wenn man von Verstorbenen spricht, da man ihr
Andenken nicht verunglimpfen wolle? warum glaubt man, da die ungeraden
Zahlen zu allen Dingen wirksamer seien, und erkennt dies beim Fieber in dem
Einhalten der Tage? warum sprechen wir bei den Erstlingen des Obstes: dies
sei altes, wir mchten neues? warum wnschen wir beim Niesen Wohlsein? was
auch Csar Tiberius, der doch bekanntlich ein sehr unfreundlicher Mann war,
im Wagen beobachtet wissen wollte; und manche halten es fr besser, wenn
man beim Gren den Namen dazu sage. Es wird angenommen, da sogar die
Abwesenden es durch das Klingen der Ohren spren, wenn von ihnen gesprochen
wird. Attalus behauptet, wenn man beim Erblicken eines Skorpions die Zahl
zwei spreche, so sei er gebannt und knne nicht stechen.----

Es ist ferner offenbar, da auch viele ceremonise Handlungen von
Wirksamkeit sind. Einer besnftigt die Herzensangst, indem er Speichel
hinter das Ohr streicht: das Sprichwort heit uns, wenn wir jemand
wohlwollen, den Daumen drcken: beim Beten legen wir die Rechte an den
Mund und drehen uns mit dem ganzen Krper herum: das Wetterleuchten durch
den Ton zu verehren, welcher durch das Einziehen der Luft bei
zusammengedrckten Lippen entsteht, ist bereinstimmende Sitte der Vlker.
Wenn beim Essen eine Feuersbrunst genannt wird, so giet man, um die
Vorbedeutung abzuwenden, Wasser unter den Tisch: den Boden zu kehren,
whrend ein Gast auf dem Heimwege begriffen ist, den Tisch oder das Gestell
wegzutragen, whrend er trinkt, wird fr eine sehr schlimme Vorbedeutung
gehalten. Es ist von einem sehr vornehmen Manne, Servius Sulpicius, eine
Abhandlung darber vorhanden, warum man den Tisch nicht stehen lassen soll:
denn noch zhlte man nicht mehr Tische als Gste. Sodann gilt es fr ein
widerwrtiges Anzeichen, ein Gercht oder den Tisch durch Niesen
zurckzurufen, im Fall man nachher nicht noch etwas kostet, oder berhaupt
gar nichts it. Diese Gebruche schreiben sich aus einer Zeit her, welche
die Gtter bei jedem Geschft und zu jeder Stunde gegenwrtig glaubte, und
deren Verdienst sie auch unserem verderbten Geschlechte noch gndig erhlt.
Wenn die Tafel pltzlich schwieg, so fiel dies nicht auf, auer bei
gleicher Zahl der Gste, und der Schaden ging an dem Rufe dessen aus, der
daran schuld war: eine aus der Hand gefallene Speise wurde jedenfalls
wieder ber die Tafel gereicht, und man durfte nicht, um sie zu reinigen,
daran blasen; ja es sind eigens dafr Augurien eingerichtet, bei welchen
Worten oder Gedanken einem dies begegnet ist. Zu dem Verwnschtesten gehrt
es z.B., wenn es einem Pontifex beim Festmahle des Dis widerfhrt. Etwa
das Gefallene wieder auf den Tisch zu legen oder den Lar zu verbrennen,
fordert Shne. -- -- Ein lndliches Gesetz verbietet auf den meisten
italienischen Landgtern, da die Weiber, wenn sie ber die Strae gehen,
die Spindel nicht drehen und berhaupt nicht aufgedeckt tragen sollen, weil
dies den allgemeinen Erwartungen, besonders von den Feldfrchten, zuwider
ist. Der Konsul M. Servilius Nonianus pflegte vor nicht langer Zeit, wenn
er eine Augenkrankheit besorgte, ehe er noch davon sprach oder jemand
anderes sie ihm ankndigte, die zwei griechischen Buchstaben %P% und %A%
auf ein Papier zu schreiben, und dieses, mit einem Faden umwickelt, um den
Hals zu hngen; der dreimalige Konsul Mucianus nahm das nmliche mit einer
lebendigen Mcke in einem weien Stckchen Leinwand vor, und sie rhmten
beide, da dies sie von der Krankheit bewahre. Man hat Sprche gegen den
Hagel, gegen alle Gattungen von Krankheiten und gegen Brandschden, deren
manche bewhrt sind: aber sie mitzuteilen hlt uns eine starke Scheu ab
wegen der groen Verschiedenheit der Ansichten. _Darum halte es mit diesen
Dingen ein jeder nach seinem Gutdnken!_




Fnftes Kapitel.

Weissagung und Zeichendeuterei. Orakel. Sibyllinische Bcher.


Wie in Griechenland, so sah sich also auch in Rom der Staat selber
gentigt, dem allgemeinen Volksglauben an Vorzeichen, Weissagungen und
Prophetenknste Rechnung zu tragen. Whrend aber in Griechenland vielfach
ein unabhngiges Priestertum durch die Orakel einen oft recht bedenklichen
Einflu auf die Politik erlangte, so da gerade die hervorragendsten
Staatsmnner, ich erinnere an Themistokles und Demosthenes nur in offener
Opposition gegen den religisen Glauben der Menge und durch Verdchtigung
des Orakels, dem z.B. Demosthenes Bestechlichkeit vorwirft, ihre Zwecke
behaupten konnten, hat es die rmische Staatskunst verstanden, das gesamte
Orakel- und Zeichenwesen schlielich zu einem gefgigen Werkzeug ihrer
eigenen Zwecke herabzudrcken. Alle mit der berwachung desselben betrauten
Personen, die Pontifices, die Auguren, die Fetialen und die Bewahrer der
sibyllinischen Bcher standen unter ihrer Aufsicht; alle diese Personen
hatten groen Einflu auf das Volk, aber derselbe war bedingt durch eine
von der Staatsbehrde an sie gerichtete Aufforderung, in Funktion zu
treten; sie antworteten nur, wenn sie gefragt wurden; ihnen selbst fehlte
jede Initiative. Der Beamte konnte, wenn er wollte, die Auspicien allein
vornehmen oder einen Zeichendeuter zuziehen, der nicht zum Kollegium der
Auguren gehrte; eine ohne seine Aufforderung von einem Augur vorgenommene
Beobachtung band ihn nicht.

Alles in Allem, die rmische Staatskunst hat es verstanden, die Lehre und
das Recht der Vorzeichen, -- dem Rmer gestaltet sich alles zum _Recht_,
-- so einzurichten, da nicht die Menschen den Zeichen, sondern die Zeichen
den Menschen untergeben waren.

Diese Bemerkung mu den Occultismus der Rmer in den Augen des modernen,
glubigen Occultisten degradieren, in demselben Grade, in dem sie die
Staatsklugheit der Rmer in den Augen des Politikers erhht. Allein ich
darf ihre Schrfe dadurch abstumpfen, da ich zugebe, in der lteren Zeit,
in der das Staats- und Rechtsprinzip, das wesentlichste Charakteristikum
des Rmers, das bei ihm schlielich geradezu, wie v.Ihering sagt, an
Stelle der Religion trat, noch nicht zum vlligen Durchbruch gelangt war,
mu selbstverstndlich die Sache anders gelegen haben. Jene Augurenkunst
des Romulus, dies giebt sogar der feine Sptter Cicero zu, war lndlich,
nicht politisch und nicht erdichtet fr den Glauben des Pbels, sondern von
Kundigen empfangen und den Nachkommen berliefert. Darum bleibt dies ganze
Gebiet nicht nur fr den eigentlichen Occultisten, sondern auch fr den
Kulturhistoriker und Psychologen interessant. Denn so leicht es auch ist,
die Divination berhaupt aus dem naiven Wunsche des Menschen abzuleiten,
den Schleier der Zukunft zu lichten und in der Umgebung berall bedeutsame
Zeichen der Gtter zu wittern, so rtselhaft bleiben doch die besonderen
Formen, die einzelnen, oft so bizarren Wege und Methoden, durch welche
dieser allgemeine Trieb sich zu befriedigen versucht.

Das eigentliche _Orakelwesen_, meint +Mommsen, rm. Geschichte I, 177+, sei
nach Latium erst durch die Griechen eingefhrt. Die Sprache der rmischen
Gtter beschrnkte sich im Ganzen auf Ja und Nein und hchstens auf die
Darlegung ihres Willens durch das -- wie es scheint, ursprnglich italische
-- _Werfen der Loose_[631]; whrend seit sehr alter Zeit, wenngleich
dennoch wohl erst infolge der aus dem Osten empfangenen Anregung die
redseligeren Griechengtter wirkliche Wahlsprche erteilten.

Ein solches uraltes Loosorakel, Orakel der Fortuna, befand sich in
Prneste, whrend sich in Antium ein anderes Orakel der Fortuna befand, wo
das Bildnis dieser Gttin -- +o diva, gratum quae regis Antium+, singt
Horaz, -- auf Fragen nickend antwortete.

Doch erscheint es mir zweifelhaft, ob Mommsen mit der Herleitung der
brigen italischen Orakel von den Griechen Recht hat, und zwar deshalb,
weil nicht der Gott Apoll, wie bei den Griechen, sondern der zweifellos
echt latinische Hirtengott Faunus und seine Gemahlin, die aus diesem Grunde
die Beinamen +fatuus+ und +fatua+[632] trugen, nach rmischer Auffassung
die vorzugsweise weissagenden Gottheiten waren. Darum fanden sich die
Standpunkte der altitalischen Orakel in Wldern. Eines der ltesten und
berhmtesten dieser Orakel war dasjenige zu _Tibur_, dem heutigen Tivoli.
+Vergil, Aeneis VII, 85ff.+ beschreibt die hier bliche Methode der
Wahrsagung in folgenden Versen:

    Aber der Knig erschrak, ob der Schau, _und zu Faunus Orakel_
    Geht er und forscht in den Hainen _des schicksalredenden Vaters_,
    An der Albunea Schlund, die gro vor den Nymphen der Wlder,
    _Rauscht_ mit _heiligem Quell_ und _dumpf mephitischen Dunst haucht_,
    Wo der Italer Stmm' und rings die notrischen Lande,
    Wankend in Not, Antworten ersphn. Wenn Gaben der Priester
    Dartrug und _in der Stille der Nacht_ auf geopferter Schafe
    Ausgebreitete Vlie hinsank und pflegte des _Schlummers_,
    Siehet er schweben umher viel seltsame Wundererscheinung,
    Und er vernimmt vielfaches Getn und hlt mit den Gttern
    Hehres Gesprch und redet zum Acheron tief im Avernus.

Da es sich hier um _somnambule_ Zustnde handelte, ist unzweifelhaft; der
Befragende, wie der Priester, mute sich vorher des Fleischgenusses und des
Beischlafs enthalten, die Finger von Ringen befreit haben und in ein
schlichtes Gewand kleiden. Der Priester brachte dann ein Schaf und andere
Gaben zum Opfer, der Befragende legte sich, nachdem zuvor sein Haupt
dreimal mit reinem Quellwasser besprengt war, auf das Vlie des Schafes zur
Nachtzeit in der Nhe des rauschenden Wasserfalls und im Bereich der
betubenden (mephitischen) Bodenausdnstung nieder, um somnambule Trume zu
erlangen.

Ein anderes seit der Urzeit berhmtes Orakel war zu _Cumae_, wo der Gott
sich durch eine alte aber jungfruliche Frau, die Sibylle, offenbarte,
welche brigens ihre Verkndungen der Regel nach nicht, wie die Priesterin
in Delfi mndlich, sondern schriftlich berlieferte. Dieses beschreibt
ebenfalls Vergil (+Aeneis III, 441ff.+):

    Wenn hierher du gelangt der kumischen Stadt dich genhert,
    Und dem begeisternden See und dem waldumrauschten Avernus,
    Wirst du die Seherin schaun, die rasende, die in der Felskluft
    Schicksal singt und dem Laube die redenden Zeichen vertrauet.
    Welche Verkndungen nun in das Laub einritzte die Jungfrau,
    Ordnet sie alle nach Zahl und lt sie verschlossen im Felsen.
    Jene ruhn unbewegt an dem Ort und behaupten die Ordnung.
    Doch wenn heran nur leise bei umgedreheter Angel
    Hauchte der Wind, und die Pforte die luftigen Bltter verwirrte,
    Nimmer die flatternden dann im gehhleten Felsen zu haschen,
    Noch zu erneuern die Lag' und die Sprche zu einigen, sorgt sie.
    Ratlos fliegen sie weg und hassen das Haus der Sibylle.

                  *       *       *       *       *

Vorzugsweise auf eine Cumische Sibylle Amalthea fhrte man die Orakel
zurck, die der rmische Senat als _sibyllinische Weissagungen_
aufbewahrte und von Zeit zu Zeit zu konsultieren pflegte. Schon einem der
Tarquinier soll einst ein geheimnisvolles Weib genaht sein und ihm neun
Bcher Weissagungen zum Ankauf angeboten haben, und als er nicht sogleich
auf ihre Forderung einging, erst drei und dann wieder drei jener Bcher
verbrannt haben, bis schlielich der Knig die drei brig gebliebenen aus
ihren Hnden nahm, worauf sie auf unerklrliche Weise vor seinen Augen
verschwand. -- Einzelne der in den sibyllinischen Bchern berlieferten
Orakel wurden aber auch von Albunea, einer ehemaligen Sibylle zu Tibur
hergeleitet, die ihre Aufzeichnungen in das Wasser des gleichnamigen
Bergstroms warf, wo sie von Fragenden aufgefischt wurden.

Die sog. _sibyllinischen Bcher_ verwahrte man bis zum Jahre 670 im
Erdgescho des Jupitertempels in einem steinernen Kasten. Zur Lesung und
Ausdeutung derselben wurde in frhester Zeit ein eigenes nur den Augurn und
Pontifices im Range nachstehendes Kollegium von zwei Sachverstndigen
(+duoviri sacris faciundis+) bestellt. Leider wurden sie in diesem Jahre
mit dem Tempel selbst ein Raub der Flammen. Man stellte aber jetzt alsbald
aus den allenthalben verbreiteten angeblichen Abschriften eine neue,
gesichtete und gereinigte Sammlung zusammen. Um dem Mibrauch, der mit den
brigen im Volke kursierenden unechten sibyllinischen Bchern getrieben
wurde, zu steuern, befahl noch Kaiser Augustus an einem Tage dieselben
smtlich dem stdtischen Prtor auszuliefern, er lie dann 2000 fr unecht
erkannte verbrennen, die echten aber in zwei vergoldeten Schrnken im
Apollotempel niederlegen, und er setzte statt der frhern +duoviri s.f.+
eine neue Kommission von fnfzehn Mnnern ein, um sie zu beaufsichtigen.

Die zwei Priester, die frher, und die Fnfzehner, die seit Augustus die
Obhut ber die sibyllinischen Bcher hatten, durften nur auf Befehl des
Senats und im Beisein obrigkeitlicher Personen in denselben nachschlagen
und dem Volke keine Orakel eigenmchtig mitteilen. Nur in Zeiten der Gefahr
und Not, zumal wenn ungewhnliche Zeichen die Gemter aufregten, nahm man
zu ihnen die Zuflucht. Vermutlich fand dabei kein Durchlesen und keine
Auswahl des passend erscheinenden statt, sondern lie man, indem man nach
einiger ceremoniser Vorbereitung die Schriftrolle aufs Geradewohl ffnete,
den Zufall walten, wobei es natrlich immer mglich blieb, das zufllig
entgegenkommende als ungeeignet abzulehnen. Die Orakel waren ja, wie alle
Orakel, unbestimmt genug abgefat, um so ziemlich auf alle Flle zu passen.
brigens sollen sie sogar Prophezeiungen von den Weltaltern und einer
schlielichen Rckkehr zum Anfangszustande (+apocatastasis+), die sich
ebensowohl in den Bewegungen der Weltkrper wie in dem Zustande der
Menschheit vollziehen werde, enthalten haben. Nach Tacitus soll in ihnen
die Prophezeiung sich gefunden haben, da einem aus Juda Kommenden die
Weltherrschaft beschieden sei, was allgemein schon von den Kirchenvtern
auf Christus bezogen worden ist. Wahrscheinlich zitiert auch Vergil nur
eine sibyllinische Weissagung in den Versen:

    Siehe von Neuem beginnt der Zeiten gewaltiger Kreislauf,
    Goldenes Alter kehret zurck, es kehret die Jungfrau,
    Und schon steiget ein neues Geschlecht vom erhabenen Himmel,

Verse, die ja ebenfalls frhzeitig auf Christus und die mit ihm begonnene
neue Weltperiode gedeutet worden sind.

brigens wandte man sich auch frhzeitig an den _delfischen_ Apollo;
italische Stdte wie Spina und Cre hatten im delfischen Heiligtum wie
viele andere mit demselben in regelmigem Verkehr stehende Gemeinden ihre
eigenen Schatzhuser. Auerdem zeugt dafr die frhe Aufnahme des mit dem
delfischen Orakel eng zusammenhngenden griechischen Wortes +thesaurus+ in
die lateinische Sprache und die lteste rmische Form des Namens Apollon
Aperta, der Erffner, eine etymologisierende Entstellung des dorischen
Apollon, deren Barbarei eben ihr hohes Alter verrt.




Sechstes Kapitel.

Beobachtung der Himmelszeichen, Vgel, Blitze u.s.w., und Opferschau.


Da nach der Anschauung der Alten Zeus-Jupiter, der _Himmelsvater_, der
Beherrscher der Atmosphre, der hchste Gott und Lenker aller irdischen
Geschicke war, so wird es begreiflich, da sie den Erscheinungen des
Luftraums die grte Aufmerksamkeit zuwenden zu mssen glaubten, weil sie
nun einmal von dem Glauben beseelt waren, da der Gott ihnen seinen Willen
durch Zeichen kundgeben wolle. Erklrlich wird es daher auch, da die
Segler der Lfte, die Vgel, in ihren Augen als bevorzugte Boten dieses
hchsten Gottes erschienen und neben anderen eigentlich meteorologischen
Phnomenen zwar nicht immer als die vornehmsten, so doch als die hufigsten
Trger der gttlichen Zeichensprache betrachtet wurden. +Denominatio fit a
potiori.+ Man nannte jedes Himmelszeichen +auspicium+, wenn es sich
ungesucht darbot, +augurium+, wenn es absichtlich eingeholt und erbeten
war. Beide Worte aber sind Zusammensetzungen mit +avis+= der Vogel. +Avis+
wurde geradezu mit +omen+ gleichbedeutend gebracht. -- Diesen Brauch, der
offenbar in die dunkle arische Vorzeit zurckreicht, in der Italiker und
Griechen sich noch nicht auf ihrer Wanderung getrennt hatten, finden wir
bereits bei den Homerischen Griechen; und da es schon damals im edelsten
Sinne _starke Geister_ gab, die diese Superstition verachteten, beweisen
die unsterblichen Worte Hektors (+Ilias XII, 236-243+):

    Du hingegen ermahnst, den weitgeflgelten Vgeln
    Mehr zu vertraun. Ich achte sie nicht, noch kmmert mich solches,
    Ob sie rechts hinfliegen zum Tageslicht und zu der Sonne,
    Oder auch links dorthin zum nchtlichen Dunkel gewendet.
    Wir vertrauen auf Zeus, des Hocherhabenen, Ratschlu,
    Der die Sterblichen all' und die ewigen Gtter beherrschet!
    _Ein Wahrzeichen nur gilt: das Vaterland zu erretten!_

Wrtlich heit hier der letzte berhmte Vers im Griechischen:

    %heis oinos aristos machein peri patridos ais%.

d.h. ein Vogel (weissagender Vogel) ist der beste, zu kmpfen fr den
vaterlndischen Boden! Vo, dessen bersetzung ich citiere, hat eben von
der schon im Griechischen blichen Verallgemeinerung der Wortbedeutung
Gebrauch gemacht.

Bei den Rmern scheint dieser starke Geist Hektors anfnglich nicht
geherrscht zu haben und erst allmhlich und zwar, wie wir bereits im
vierten Kapitel zu Anfang hervorhoben, auf Umwegen zur Geltung gebracht zu
sein. Der rmische Staat hatte im Priesterkollegium der _Auguren_
ffentliche Diener angestellt, die bei jeder wichtigen Staatsangelegenheit,
als Ausleger und Verkndiger des hchsten Jupiters alle Arten von
Himmelszeichen, insbesondere aber den Flug der Vgel zu beobachten hatten.
Auf den ersten Blick mu die Macht dieser Priester sehr gro erscheinen, da
weder in inneren noch in ueren Angelegenheiten irgend etwas ohne die
Besttigung ihrer Zeichen vollfhrt werden durfte, und sie jedem Beginnen
die Weihe gaben, weshalb der Ausdruck unter den _Auspicien_ jemandes
fungieren, der ja noch heutzutage nicht ungewhnlich ist, geradezu
gleichbedeutend wurde mit in jemandes Diensten stehen. Cicero (+de leg.
II, 8 und 12+) sagt von ihnen: Es mssen zwei Arten von Priestern
vorhanden sein, die eine fr den Gottesdienst, die andere zur Auslegung der
vom Staat anerkannten Weissagungen. Aber die Ausleger des hchsten und
besten Jupiters, die ffentlichen _Auguren_, sollen in Zeichen und
Vorbedeutungen das Zuknftige sehen, die Disziplin festhalten, Priester,
Felder und Wlder und das Heil des Volkes weihen, allen Volksvertretern im
Krieg und Frieden die beobachteten Zeichen ankndigen, und diese ihnen
gehorchen, vorhersehen, was die Gtter erzrnt, und demselben begegnen, des
Himmels Blitze nach abgemessenen Rumen bestimmen, Stadt und Land in Tempel
ausgeschieden und geweiht haben, und was ein Augur fr unrecht, sndhaft,
fehlerhaft und greuelhaft bezeichnet hat, das soll ungltig und nichtig
sein, und wer dawider handelt des Todes schuldig. -- Gro und herrlich
ist im Staate das Recht der Auguren, wo es mit Ansehen und Einflu begabt
ist. Denn was ist hher, als Versammlungen, die von den hchsten Gewalten
im Heere und den hchsten Mchten im Staate angeordnet sind, whrend ihrer
Dauer auflsen oder nach ihrer Schlieung verwerfen? Was ist wrdevoller
als die Vereitlung eines Unternehmens durch das Wort eines einzigen Augurs
'Ein ander Mal!' Was ist erhabener als die Macht zu bestimmen, da Konsuln
ihr Amt niederlegen? Was ist heiliger als das Recht, die Erlaubnis zu
Verhandlungen mit dem Volke geben und nehmen, und ein nicht nach Gebhr
beantragtes Gesetz ungltig machen zu knnen?

                  *       *       *       *       *

Der Glaube der _alten_ Rmer an die Unfehlbarkeit der Auspicien war so
unerschtterlich, da sie, wenn ein Unternehmen trotz guter Zeichen nicht
glcklich von Statten ging, lieber eine fehlerhafte Beobachtung
voraussetzten. Oft muten daher die Feldherrn, wenn ihnen ein Unfall
begegnet war, um neue Zeichen einzuholen (+nova auspicia captare+), nach
Rom zurckkehren.

Die Kunst der Auguren galt als Geheimwissenschaft.

ber ihr Verfahren ist uns folgendes bekannt: Man unterschied stdtische
und lndliche Auspicien. Die ersteren wurden innerhalb des +pomoeriums+
vorgenommen, d.h. innerhalb des Umkreises, den Romulus und Remus in der
uralten Form der Stdtegrndung mittelst eines Pfluges gezogen hatten. Die
stdtischen Auspicien wurden in der Regel auf einem bestimmten Platze des
Kapitols, der ein fr allemal diesem Zwecke geweiht war, dem sog.
+auguraculum+, vorgenommen. -- Nur Feldherrn durften auerhalb des
Stadtkreises sog. lndliche Auspicien anstellen lassen. Auch dann mute der
Augur erst einen bestimmten Platz einweihen, den man +templum+ nannte.
Innerhalb dieses Raumes schied er wieder einen kleineren zur Aufschlagung
seines Zeltes aus. Auf letzteren bezieht sich die uerung des Servius:
Andere verstehen unter +templum+ nicht blo einen verschliebaren, sondern
auch einen mit Pfhlen oder Spieen und dergleichen abgesteckten und mit
Fellen oder etwas hnlichem verhngten Raum, der durch Spruchformeln
geweiht ist (+ecfatus+). Mehr als _einen_ Ausgang darf derselbe nicht
haben, weil dort der Auspicierende sich lagern mu. Man whlte dafr am
liebsten hohe, selten von Menschen besuchte Berggipfel, die man wegen der
weiten Aussicht +tesca+ (von +tueri+) nannte.

Sodann wurde der ganze von hieraus sichtbare Himmelsraum mittels des
_Krummstabes_ (+lituus+)[633], dem Vorbilde des noch jetzt von den
katholischen Bischfen gefhrten Bischofsstabes, in zwei Teile gedanklich
zerlegt. Den Krummstab in der Hand, das Haupt verhllt, wendete der Augur
zuerst sein Gesicht nach Osten und grenzte unter Gebeten die Gegend von
Westen nach Osten ab, indem er von sich aus zu einem am Horizonte
hervorragenden Punkte eine Linie gezogen dachte. Was nrdlich dieser Linie
lag, nannte er die linke, was sdlich, die rechte Seite. In den meisten
Fllen galten die Vgel, die von rechts kamen, fr gnstige (+dextra
auspicia prospera+). Doch kam es auch auf die Gattung an; z.B. gewhrte
die Krhe, wenn sie von links kam, der Rabe, wenn er von rechts kam,
Zustimmung. Der beste Vogel war der Vogel Jupiters, der Adler, wenn er von
rechts kam.

brigens beobachtete man nicht nur den _Flug_ der Vgel, sondern auch das
Fressen der eigens zum Zwecke der Auspicien gehaltenen _heiligen Hhner_.
Von letzteren bemerkt daher mit feiner Ironie Plinius (+H. N. X.21+): Sie
sind es, welche unsere Beamten alltglich regieren, und ihnen ihre
Behausungen verschlieen oder aufriegeln, die die rmischen Fasces
antreiben oder zurckhalten, Schlachten gebieten oder verhindern, die
Einleiter aller errungenen Siege auf dem ganzen Erdkreise: sie zumal sind
es, die den Gebietern dieser Welt gebieten. -- Wir haben freilich schon
angedeutet, wie diese Bedeutung des Vogelflugs und der heiligen Hhner
wenigstens in der historischen Zeit nur eine sehr scheinbare gewesen ist.
Wenn auch das Beispiel jenes Claudiers, der, als ihm vor Beginn einer
Schlacht gemeldet wurde, die heiligen Hhner wollten nicht fressen, diese
mit der Bemerkung, nun so mgen sie saufen, ins Meer werfen lie, keine
Billigung fand, so pflegte man doch kein Auspicium mehr als dieses in
seiner Hand zu haben. Dasselbe war gnstig, wenn die Hhner recht hurtig
aus dem Kfig sprangen, sich munter geberdeten und so gierig ber das
Fressen herfielen, da ihnen ganze Brocken des vorgesetzten zhen Breies
(+puls+) aus den Schnbeln fielen.

Cicero, _der selber Augur war_, schreibt ber die Auspicien in seinem Buche
ber die Weissagung (+de divinatione II,33+): Doch sehen wir zuerst die
Auspicien. Ein schwer zu bekmpfender Punkt fr einen Augur. Fr einen
Marsischen vielleicht; aber fr einen Rmischen uerst leicht. Denn wir
sind nicht Auguren der Art, da wir aus der Beobachtung der Vgel und
sonstigen Zeichen die Zukunft verkndigten. Wiewohl ich dennoch glaube,
Romulus, der die Stadt mit Auspicien erbaute, habe die Meinung gehabt, da
es fr das Vorhersehen der Dinge eine Augurenwissenschaft gebe, -- denn das
Altertum hat in vielen Punkten geirrt, -- die wir jetzt teils durch
Gebrauch, teils durch die Lehre, teils durch die Zeit verndert sehen. Es
wird aber wegen des Volksglaubens und zum groen Vorteil des Staats Brauch,
Religion, Wissenschaft, Recht der Auguren und die Wrde des Kollegiums
beibehalten. Allerdings sind die Konsuln P. Claudius und L. Junius hchst
strafwrdig, indem sie gegen die Auspicien ausschifften. Sie htten der
Regierung gehorchen sollen und die vterliche Sitte nicht so hartnckig
verschmhen. Mit Recht hat also den einen das Weltgericht verurteilt, und
der andere sich selbst entleibt. Flaminius gehorchte den Auspicien nicht;
er ging daher mit dem Heer zu Grunde. Aber ein Jahr spter gehorchte
Paulus: ist er darum weniger im Treffen bei Cannae samt dem Heere gefallen?
Und, gebe es Auspicien, wie es keine giebt: so sind wenigstens die, deren
wir uns bedienen, Tripudium oder Wetterzeichen, Schatten von Auspicien,
Auspicien auf keine Weise.

'O, Fabius, ich begehre, da du mir auspicieren helfest.' Er antwortet:
'Ich hab's gehrt.' Hierzu wurde bei unsern Vtern ein Sachverstndiger
genommen, jetzt ein jeder. Notwendig mu aber der ein Sachverstndiger
sein, der wissen will, was +Silentium+ ist. Denn +Silentium+ nennen wir bei
den Auspicien dasjenige, was frei von allem Mangel ist. Die zu verstehen
ist Eigenschaft eines vollkommenen Augurs. Wenn aber der Auspicierende dem,
der zum Auspicium genommen wird, also geboten hat: 'Sage, ob dir
+Silentium+ vorhanden zu sein scheint?' so sieht dieser weder rechts noch
links, und antwortet sogleich: Es scheine +Silentium+ vorhanden zu sein.
Darauf spricht jener: 'Sage, ob die Vgel fressen?' 'Sie fressen?' Welche
Vgel? oder wo? Es hat, heit es, in einem Kfig Hhner gebracht der Mann,
der davon der Hhnermann (+pullarius+) heit. Diese Vgel sind also die
Boten Jupiters. Ob sie fressen oder nicht? was kommt darauf an? Fr die
Auspicien nichts. Weil aber, wenn sie fressen, es notwendig ist, da ihnen
etwas aus dem Maul fllt und auf die Erde schlgt, +terram pavire+, so hat
man dies zuerst +Terripavium+, hierauf +Terripudium+ genannt, und das heit
jetzo +Tripudium+. Wenn also der Brocken dem Huhn aus dem Maul fllt, so
verkndigen sie dem Auspicierenden das +Tripudium faustissimum+.

Kann nun ein solches Auspicium etwas gttliches haben, das so erzwungen
und abgepret ist? Da die ltesten Auguren sich dessen nicht bedient,
dafr ist Beweis ein alter Spruch des Kollegiums, den wir haben, da jeder
Vogel ein Tripudium machen knne. Dann wre es also wohl ein Auspicium,
wenn es ihm frei stnde, sich anzuzeichen: dann knnte jener Vogel
Dolmetscher und Trabant Jupiters scheinen. Jetzt aber, wenn er in einen
Kfig eingeschlossen und vor Hunger ohnmchtig, auf die Mubrocken strzt,
und wenn ihm etwas aus dem Schnabel fllt, hltst du das fr ein Auspicium,
oder glaubst du, da Romulus auf diese Art zu auspicieren gepflegt habe?
Glaubst du nicht, da diejenigen, welche auspicierten, auch die
Wetterzeichen zu beobachten pflegten? Nun befehlen sie dem Hhnermann. Der
sagt ihnen Antwort.

                  *       *       *       *       *

Eine andere in Rom minder geachtete, nichtsdestoweniger aber eben so oft in
Funktion tretende Gattung von offiziellen Weissagern waren die
_Opferschauer_ oder +haruspices+.

Es scheint, da das +haruspicium+ nach Rom von den Etruskern eingefhrt
worden ist, wenngleich daneben dieselbe Praxis der Eingeweideschau beim
Opfern auch bei vielen asiatischen Vlkern und bei den Griechen bestanden
hat. Jedenfalls beweist der Umstand, da die Haruspices gedungene Auslnder
waren, da es sich um eine nicht ursprnglich nationale bung handelte.
Die Rmer wollten eben nichts entbehren, was in Fllen der Not von
Bedeutung sein konnte. brigens soll schon der ltere Cato, ein Mann von
sonst streng religiser Gesinnung geuert haben, er wundere sich, wie ein
Haruspex den andern ohne Lachen ansehen knne. Erwhnung verdient auch ein
von Cicero berliefertes Wort Hannibals; als der Knig Prusias, bei dem
Hannibal in der Verbannung lebte, sich weigerte, ein nach Hannibals Rat
gnstiges Terrain zu einem Treffen zu benutzen, weil die Eingeweide es
verbten, sagte er: Willst du einem Stckchen Kalbfleisch lieber als
einem ergrauten Feldherrn glauben? -- Ungeachtet aller Aufklrung und
alles Gespttes hielt sich der Brauch gleichwohl noch lange im rmischen
Heere; Csar zwar gab wenig darauf und setzte, obwohl von dem vornehmsten
Haruspex gewarnt, im Brgerkriege gegen Pompejus nach Afrika ber. Whrend
desselben stand bekanntlich Cicero auf des Pompejus Seite, und er schreibt
seinem Bruder: In diesem Brgerkrieg, o ihr Unsterblichen! wie vieles
trog! welche Antworten der Haruspices wurden uns von Rom geschickt! was hat
man nicht dem Pompejus gesagt! Denn dieser glaubte stark an Eingeweide und
Wunderzeichen. Ich habe nicht Lust zu erzhlen und es ist auch nicht ntig,
am wenigsten dir, der du dabei warst. Du siehst inzwischen, da alles den
entgegengesetzten Ausgang von den Prophezeiungen genommen.

                  *       *       *       *       *

Interessant ist es schlielich noch, auf die Beobachtung der _Blitze_ zu
kommen. Denn aus einer Stelle in den naturwissenschaftlichen Untersuchungen
des Seneca (+quaest. nat. 49+) mssen wir folgern, da bereits die alten
_Etrusker_, die Lehrmeister der Rmer in dieser Art von Auspicien, es
verstanden haben, _durch gewisse uns genauer nicht bekannte elektrische
Experimente Blitze herabzuziehen oder gar zu erzeugen_. Sonderbarerweise
taucht hier der Jahrtausende spter in der Geschichte der
Elektrizittslehre so berhmt gewordene Name _Volta_ -- die Geschichte
macht manchmal derartige Witze, -- zum erstenmale auf. Plinius berichtet
nmlich ber diese Sache folgende (+H. N. II,54+): In den Annalen wird
berichtet, da man durch gewisse Ceremonien und Sprche den Blitz
erzwingen oder entlocken knne. Es ist eine alte Sage Etruriens, da man
ihn entlockt habe, als ein Zauberer, namens _Volta_, nach Verheerung des
Landes endlich sogar die Stadt Volsinii damit bedrohte: auch sei er vom
Knig Porsenna herabgezogen worden und vor diesem fters durch Numa, wie L.
Piso im ersten Buche seiner Annalen meldet, und Tullus Hostilius sei, als
er dies nachmachen wollte und in der Ceremonie fehlte, vom Blitz erschlagen
worden. Wir haben ferner Haine, Altre und Ceremonien, in denen man neben
einem Jupiter Stator, Tonans und Feretrius auch einen _Elicius_ genannt
hrt. Feretrius ist der _einschlagende_ Jupiter, Elicius der
herabgelockte, also etwa der mittels Blitzleiters aufgefangene Blitz.

Die Operation des Numa beschreibt uns Ovid (+Fast. III, 325ff.+) in
folgender Weise: Dich Jupiter locken sie vom Himmel herab. Daher verehren
dich auch die Nachkommen unter dem Namen Elicius (der Herabzulockende). Die
Wipfel des aventinischen Waldes, so erzhlt man allgemein, zitterten, und
niedersank die Erde von Jupiters Last gebeugt. Des Knigs Herz klopft,
blutlos wird seine ganze Brust, und strubend starren die Haare. Sobald
sein Mut wiederkehrte, sprach er: '_Knig und Vater der erhabenen Gtter,
entdecke sichere Vershnungsmittel deines Blitzes_, wenn wir immer mit
heiligen Hnden die dir geweihten Altre berhrt haben, und wenn auch das,
was ich wnsche, geheiligt meine Zunge fleht!' Durch Wink versprach er's
dem Flehenden, doch mit entferntem Umschweife verbarg er die Wahrheit, und
schreckte durch schwankenden Ausspruch den Knig. 'Einen Kopf haue ab',
sprach er. Und ihm erwiderte der Knig: 'Ich will gehorchen: Ein
Zwiebelkopf aus meinen Grten gegraben, soll abgehauen werden.' Jener
setzte hinzu: 'Von einem Menschen!' Und er erwiderte ihm: 'das oberste
Haupthaar.' Er forderte eine Seele und ihm antwortete Numa: 'die eines
Fisches.' Er lachte und sprach: 'Damit vershne, o Mann, wrdig der
Teilnahme an meiner Unterredung, meine Geschosse. Doch, wenn morgen der
Gott von Cynthos seine ganze Scheibe dargestellt hat, so will ich dir
sichere Pfnder eurer Herrschaft senden.' _Sprachs, und oben der ther
wurde, sagt man, von gewaltigem Donner erschttert_; und nun verlie er den
betenden Numa. Seelenfroh kehrt dieser wieder und erzhlt den Quiriten den
Vorfall. Zaudernd und schwer war ihr Glaube an diese Erzhlung. 'Wahrlich
glauben wird man nur, sprach er, wenn meine Rede Erfllung begleitet.'
Siehe, hre wer da ist, was morgen geschieht. _Wenn der Gott von Cynthos
ganz seine Scheibe dem Erdball dargestellt hat, will uns Jupiter sichere
Pfnder unserer Herrschaft senden._ Voller Zweifel gehen sie heim, und
zgernd dnkt ihnen die Versprechung: vom kommenden Tage hngt die
Gewiheit der Rede ab. Noch weich und vom Frhthau bereift war die Erde,
als vor seines Knigs Schwelle das Volk erschien. Er trat hervor und setzte
sich mitten im Kreise auf einen ehernen Thron. Unzhlbar standen die Mnner
um ihn stillschweigend. Soeben erschien am uersten Rande Phbus, und
schon zagten von Hoffnung und Furcht gengstigt ihre Seelen. _Er erhub
sich, und das Haupt umhllt mit schneeweier Hlle, reckte er empor seine
Hnde, die die Gtter schon kannten_, und rief nun also: '_Es ist gekommen
die Zeit des verheienen Geschenkes: gewhre Jupiter deiner Rede die
versprochene Wahrheit!_' Inde er so spricht, hatte die Sonne ihre ganze
Scheibe aufgetaucht, und es _ertnte von der Axe des thers ein furchtbares
Krachen. Dreimal donnerte der Gott vom hohen Gewlbe, dreimal loderten
Blitze. Glaubet meiner Erzhlung: Wunder berichte ich, aber doch geschehene
Wunder._

                  *       *       *       *       *

Wenn man also nicht entweder an thatschliche Wettermagie (Wetterhexen
usw.) glauben, oder annehmen kann, da jene Berichte der Annalen auf leeren
Fabeln beruhen, so liegt die Vermutung nahe, da den alten Etruskern und
den in deren Geheimlehre eingeweihten rmischen Priestern auf Grund
zuflliger empirischer Beobachtung einige elektrische Phnomene bekannt
gewesen sind, wie sie spter einen Franklin zur Erfindung des
Blitzableiters fhrten. Diese geringen Keime wirklicher
naturwissenschaftlicher Kenntnis knnen sich sehr wohl mit einem System des
rohsten Aberglaubens verquickt haben, so da die Praktiker jener einfachen
Manipulationen selber ihre Wirksamkeit fr eine magische ansahen und den
dabei gebrauchten Formeln und Ceremonien ebenso groe Bedeutung beilegten,
wie den wirklich kausal wirksamen Operationen. Auch heutzutage wiederholt
sich ja noch auf dem Gebiete des Hypnotismus dieselbe Erscheinung, und was
war die Alchemie und Astrologie des Mittelalters anderes, als ein
sonderbares Gemisch wster Vorstellungen und Phantasien aus einigen wenigen
zufllig erlangten Kenntnissen von chemischer und astronomischer Bedeutung.

Wenn man nun auch aus geschichts-wissenschaftlichem Interesse bedauern mag,
da uns nichts Genaueres ber die Methode des Blitzableitens der Alten
berliefert ist, so wrde man doch jedenfalls sehr fehlgreifen, wollte man
im brigen all zu tiefe Geheimnisse in der etruskischen Lehre von den
Blitzen wittern. Nach Plinius sollen die Etrusker _zwlferlei_ verschiedene
Blitze unterschieden haben; Seneca dagegen schreibt (+naturales quaestiones
II,41+): Die Etrusker legen dem Jupiter _dreierlei_ Blitze bei; die erste
Gattung warne und sei gndig, und Jupiter werfe sie auf eigenen Rat; die
zweite werfe er gleichfalls, doch nur nach Beschlu seines Staatsrats (+ex
consilii sententia+), indem er die zwlf Gtter berufe, und dieselbe fromme
zwar, doch nicht ohne Ahndung; die dritte vollends werfe er nur nach
Befragung der sog. _hheren_ oder _verhllten_ Mchte, und dieselbe
verheere und hemme und verwandle unbarmherzig den jedesmaligen Zustand der
Einzelnen wie des Ganzen; denn das Feuer lasse nichts bestehen.

                  *       *       *       *       *

Es geht brigens aus sonstigen Angaben der alten Schriftsteller (Plinius,
Festus, Ammianus) hervor, da die Blitze, welche die Etrusker in ihrer
Blitztheorie behandelten, durchaus nicht blos eigentliche Blitze waren, da
sie vielmehr auch Sternschnuppen, Irrlichter, pltzliche Lhmungen oder
Schlagflsse als verschiedene Gattungen von Blitzen betrachtet haben.

Die Rmer hatten von den zwlferlei Blitzen der etruskischen Lehre nur zwei
oder drei angenommen, deren Unterschied lediglich durch die Zeiten --
Nacht, Tag und Zwielicht -- bestimmt wurde.

Alle Gegenstnde, die vom Blitze berhrt waren, galten als heilig. Vom
Blitze getroffenes Erdreich fate der Pontifex zusammen (+ignes
colligere+), verbarg es unter Flstern gewisser Gebetsformeln unter dem
Boden und grub einen Stein, in den sich der Blitz verwandelt haben sollte,
ohne Zweifel einen Kiesel, mit hinein (+fulgur condere+). Man umgab dann
den Ort zum Schutze mit einer Mauer und versah ihn mit einem Altar, um zu
opfern; der Ort, der +puteal+ genannt wurde, durfte nicht berdacht werden.
Man glaubte, wer ein so geheiligtes Erdreich aufwhle, werde von den
Gttern mit Wahnsinn gestraft werden.

Wenn Bume vom Blitz getroffen waren, ohne zu verbrennen, so trug man
Sorge, da sie nicht ausstarben. Ein solcher Baum war der schon erwhnte
Feigenbaum, +ficus ruminalis+, auf dem Forum. Wenn dieser Baum verdorrt,
sagt Plinius, so tragen die Priester immer wieder Sorge, da er erneuert
wird.[634]

Ein anderer derartiger Baum, eine Kornelkirsche, stand am Palatinischen
Hgel. Wenn jemand bemerkte, da derselbe der Feuchtigkeit entbehre, so
brauchte er nur Wasser zu rufen, und auf der Stelle kamen diejenigen, die
es vernommen hatten, mit Gefen herbei, um ihn zu begieen.[635]

War gar ein Mensch vom Blitze berhrt worden ohne gettet zu werden, so
galt er als ganz besonderer Liebling der Gtter; wurde er aber gettet, so
durfte seine Leiche weder verbrannt noch anderswo bestattet werden; sie
wurde auf der Stelle, wo man sie fand, beerdigt.




Achtes Buch.

Der Occultismus der Alexandriner, Neupythagorer und Neuplatoniker.

Von

Karl Kiesewetter.

Vorbemerkung.


Wie bereits im Vorwort bemerkt, ist das folgende achte Buch das einzige,
das der leider so pltzlich aus seiner Arbeit abgerufene Herausgeber des
Gesamtwerkes ber die Geschichte des Occultismus fr diesen zweiten Band
bereits im Manuskript fertiggestellt hatte. Meine Arbeit an diesem achten
Buch beschrnkt sich auf die Ordnung der mir allerdings in sehr
ungeordnetem Zustande bersandten Manuskripte in die im folgenden gewahrte
Reihenfolge, die der vom Verfasser beabsichtigten Disposition entsprechen
drfte; stellenweise habe ich einige Lcken aus frheren Einzelaufstzen
Kiesewetters (+Sphinx+) ergnzt. Dagegen ist sonst der ganze Inhalt des
achten Buchs geistiger Nachla Kiesewetters; ich mu daher auch die
_wissenschaftliche_ Verantwortung fr den Inhalt ablehnen. Wenn hierdurch
der einheitliche Charakter dieses Bandes des Occultismus des Altertums
unterbrochen wird, da selbstverstndlich die Auffassung Kiesewetters mit
der meinigen nicht immer kongruiert, so wird dies der Leser gern in den
Kauf nehmen in Anbetracht der unzweifelhaften Grndlichkeit und Belesenheit
des verstorbenen Gelehrten, dessen posthume Arbeit hier eingeschaltet wird.
Die Wertschtzung, welche Kiesewetter den offenbar von ihm mit besonderer
Vorliebe und daher antizipatorisch behandelten Alexandrinern,
Neupythagorern und Neuplatonikern angedeihen lie, kann ich persnlich
nicht teilen; ich wrde mich daher zu einer so eingehenden Bercksichtigung
dieser Mystiker niemals haben entschlieen knnen. Umsomehr freue ich mich,
anstatt einer eigenen Bearbeitung derselben die uerst grndliche
Berichterstattung Kiesewetters ber diese Periode der Philosophie den
Lesern bieten zu knnen. Denn wenn ich auch diese Periode als diejenige des
uersten Verfalls des ursprnglich hoffnungsreicheren philosophischen
Geistes des griechischen Altertums betrachte, so verdient sie vielleicht
doch trotzdem eine gewisse Beachtung. Und je unerquicklicher das Studium
der konfusen und geschmacklosen Originalwerke, besonders der wsten
Exsudate eines Philo, ist, um so dankbarer drfen wir einer bei aller
subjektiven Vorliebe doch so objektiv gehaltenen auszugsweisen Darstellung
sein, wie sie der leider so frh dahingeschiedene fleiige Gelehrte uns im
folgenden bietet.

                                                                 L. K.




Erste Abteilung.

Die Alexandriner.

I.

Philo von Alexandria.

Erstes Kapitel.

Philos Leben und Lehrweise.


Alexandria ist die wissenschaftliche Metropole des klassischen Altertums.
Bald nach seiner Grndung durch den groen Makedonier entstanden daselbst
eine Anzahl wissenschaftlicher Anstalten, in welchen Gelehrte aller Art
durch die Freigebigkeit des Frstengeschlechts der Ptolemer als
Staatspensionre sorgenlos und ungestrt ihren Studien lebten. Die
wichtigste dieser Anstalten war das Museion mit einer 250 v.Chr. schon
400000 Rollen zhlenden Bibliothek, welche zwar bei der Belagerung
Alexandrias durch Julius Csar in Flammen aufging, aber durch Marc Anton,
der Kleopatra die 200000 Rollen starke Bibliothek der Knige von Pergamon
schenkte, zum Teil wieder ersetzt wurde. In zweiter Linie ist das Serapeion
zu nennen, dessen Bibliothek zu oben genannter Zeit etwa 45000 Rollen stark
war.

An diesen Quellen holten sich 700 Jahre lang die berhmtesten Philosophen,
Theologen, Philologen, Astronomen, Mathematiker und rzte ihre Bildung, bis
Caracalla das Museion schlo und die Pensionen der Gelehrten einzog, bis im
Jahre 389 der fanatische christliche Patriarch Theophilos das Serapeion
verbrannte und der arabische Feldherr Amru im Jahre 642 mit den noch
brigen 300000 Rollen der ptolemischen Bibliothek viertausend Bder sechs
Monate lang heizte.

In Alexandria, der den Verkehr des Morgen- und Abendlandes vermittelnden
Weltstadt, fand zuerst die Verschmelzung griechischer Philosophie und
uralt-orientalischer Weltanschauung statt, welche als alexandrinische
Philosophie bezeichnet wird. Im letzten vorchristlichen und ersten
christlichen Jahrhundert erscheint uns dieselbe als eine Verbindung
altjdischer Glaubensstze, platonischer Ideeen und buddhistischer
Elemente. Dieser groe Einflu des Judentums kann uns nicht Wunder nehmen,
wenn wir bedenken, da sich zur Zeit des Augustus eine Million Juden in
gypten aufhielten und sich namentlich in Alexandria mit griechischer
Kultur und Wissenschaft befreundet hatten. In Alexandria entstand die
griechische bersetzung des alten Testaments durch die siebenzig
Dolmetscher (die Septuaginta), und hier bildete der Jude Philo, die
griechische Philosophie mit den heiligen Bchern des Judentums durch
allegorische Auslegungen in bereinstimmung bringend, die oben genannte
alexandrinische Philosophie oder -- besser gesagt -- Theosophie aus.

Von Philos Leben wissen wir sehr wenig. Nach seinen eigenen Angaben und
denen des Kirchenvaters Hieronymus stammte Philo aus einer sehr angesehenen
und reichen Priesterfamilie und wurde um 20 v.Chr. zu Alexandria geboren.
In seiner Jugend lebte er ausschlielich den Wissenschaften und stiller
Beschaulichkeit; spter jedoch sah er sich gentigt, im Interesse seiner
Glaubensgenossen in den Gang der ffentlichen Geschfte einzugreifen. Die
Veranlassung war folgende: Die etwa siebenzigtausend Kpfe starke
Judengemeinde zu Alexandria lebte -- _wie berall, wo starke Judengemeinden
mit Andersglubigen zusammenlebten_, -- wegen ihres _Wuchers_ und
_sonstigen blen Eigenschaften_ -- mit den griechisch-gyptischen
Einwohnern in solchem Unfrieden, da im ersten Regierungsjahre Caligulas
unter dem Prfekten Flaccus eine blutige Judenverfolgung ausbrach. Sie
wurde zwar gedmpft, aber der Ha glomm unter der Asche fort. Als nun
spter Caligula gttliche Verehrung verlangte, welche die hellenischen
Alexandriner willig leisteten, die Juden aber auf Grund ihrer religisen
Vorschriften verweigerten, kam eine noch grimmigere Verfolgung zum
Ausbruch. Der Pbel fiel unter dem Schein, des Kaisers Sache zu verfechten,
ber die Juden her, und der Prfekt Flaccus that dem Wten desselben keinen
Einhalt. In ihrer Not entschlo sich die alexandrinische Judengemeinde, an
den Urheber ihrer Leiden, an Caligula selbst, eine Gesandtschaft zu
schicken, die dessen Wohlwollen und Schutz erflehen sollte. Philo nebst
vier anderen bildete diese Gesandtschaft, welche jedoch nicht nur nichts
ausrichtete, sondern sogar lngere Zeit in groer Lebensgefahr schwebte.
Ja, sie mute sogar erleben, da Caligula dem Statthalter von Syrien,
Petronius, befahl, die kaiserliche Bildsule im Tempel zu Jerusalem
aufzustellen. -- Diese Umstnde berichtet Philo selbst in seinem Buch +De
legatione ad Cajum+. -- Wie Josephus erzhlt[636], fhrte jedoch Petronius
den kaiserlichen Befehl nicht aus und wurde zum Tode verurteilt, sein Leben
verdankt er nur der schnellen Ermordung Caligulas. -- Wie Eusebius in
seiner Kirchengeschichte berichtet, soll Philo nach Caligulas Tod seine
Schrift +De legatione ad Cajum+ im Senat vorgelesen haben; allein es ist im
hchsten Grad unwahrscheinlich, da ein Jude der hchsten rmischen Behrde
eine von grimmigstem Rmerha strotzende Schmhschrift htte zur Kenntnis
bringen drfen. Unwahrscheinlich ist auch die Angabe, da Philo in Rom
Petrus kennen gelernt habe und Christ geworden sei. Hingegen ist gewi, da
Philo Palstina besuchte, um der Esser willen, deren Kopfzahl er in seinem
Buch +Quod omnis probus liber+ auf viertausend angiebt. An dieser Stelle
will ich wenigstens der _talmudistischen_ Tradition Erwhnung thun, da der
jugendliche Jesus whrend des Aufenthaltes seiner vor den Nachstellungen
des Panthera -- nicht des Herodes -- geflohenen Eltern in gypten, Schler
Philos gewesen sei.[637] -- Philo starb um 45 n.Chr.

Philo hat sehr viel geschrieben, jedoch liegt eine spezielle Anfhrung
seiner Schriften um so weniger in unserer Absicht, als die wichtigsten
derselben doch im Laufe unserer Darstellung genannt werden mssen. Die
philonischen Schriften zerfallen in historische, philosophische, politische
und allegorische, und wenn auch seit etwa zweihundert Jahren von
alexandrinischen Juden Versuche gemacht worden waren, das alte Testament
esoterisch zu deuten, so ist doch Philo als der eigentliche Vater der
theosophischen Allegorie zu betrachten. Er sagt ber dieselbe[638]:

Damit wir die Zeugung und Geburt der Tugend beschreiben knnen, sollen die
Aberglubischen ihre Ohren verschlieen oder sich entfernen, denn wir
lehren gttliche Mysterien, aber nur solchen Seelen, welche ihrer wrdig
sind. Dies sind diejenigen, welche ungeschminkte Frmmigkeit ohne Prunk
ben. Jenen andern aber, welche von einer unheilbaren Krankheit, nmlich
dem Pochen auf den _Klang_ der Worte, dem Kleben an Namen, der Gaukelei mit
Gebruchen befallen sind und sonst nichts hheres ahnen, wollen wir die
heiligen Geheimnisse nicht mittheilen.

Alles wird Philo zum Symbol: so ist ihm Adam der niedere sinnliche Mensch
berhaupt, Kain die Selbstsucht, Abel die Gottergebenheit, Enoch die
Hoffnung, Jenoch die Bue und Noah die Gerechtigkeit. Abraham wird zum
Symbol der durch Erziehung weise gewordenen Seele, Isaak der von Natur aus
weisen und Jakob der durch mystische bung weise gewordenen. Sarah ist das
Sinnbild der eingeborenen Tugend, Joseph das des politischen Treibens und
Moses die hchste Darstellung des prophetischen Geistes. -- gypten ist das
Symbol des Leibes, Kanaan der Frmmigkeit; die wilde Taube ist Sinnbild der
gttlichen Weisheit, die zahme der menschlichen; das Lamm ist das Bild der
reinen Seele, weil es unter allen Tieren das reinste ist[639], usw.usw.

Die in der Genesis erzhlten Schicksale der Urvter und Patriarchen werden
als die verschiedenartigen Vernderungen, Gestaltungen und Entwickelungen
der im Menschen vorhandenen seelisch-geistigen Krfte in einer Weise
dargestellt, die sowohl an Jakob Bhme als an die lteste indische
Geheimlehre erinnert. Folgende Beispiele mgen dies erlutern. ber die
Geburt Kains sagt Philo[640]:

Man mu sich oft ber das Ungewhnliche in der Darstellung unseres
Gesetzgebers wundern, denn wenn er vom ersten Menschen reden will, der von
Menschen und nicht von Gott -- wie die zwei Urmenschen -- abstammt, und den
er zuvor garnicht genannt hat: so setzt er dessen Namen geradezu her, als
wre er lngst bekannt und wrde jetzt nicht zum erstenmal genannt. 'Sie
gebar den Kain.' Man mchte fragen, was fr ein Kain ist dies? Hast du
vorher das Geringste ber ihn gesagt? Und doch kennst du die richtige
Stellung der Namen so gut, denn nur einige Verse weiter unten kann man es
dir an einem Beispiel von derselben Person nachweisen: Adam erkannte Eva,
sein Weib, und sie gebar ihm einen Sohn, und er nannte seinen Namen Seth!
Httest du nicht viel eher bei dem Erstgeborenen der Shne Adams und aller
Menschen sein Geschlecht angeben sollen, ob es weiblich oder mnnlich, und
dann erst den Namen hinten ansetzen? Da es nun am Tage liegt, da der
Gesetzgeber nicht aus Unkenntni von der gewhnlichen Sprechweise abwich,
so ist es billig, da wir nach der Ursache dieser Eigenheit fragen. Sie
scheint mir folgende zu sein: Die brigen Menschen gebrauchen Namen, die
dem nicht entsprechen, was bezeichnet werden soll. Bei Moses hingegen sind
die Namen klare Spiegel der Sachen, so da beide eins sind. Unter anderem
ist unsere Stelle ein deutlicher Beleg fr diese Behauptung. Wenn nmlich
unser Geist, der hier Adam genannt wird, mit der sinnlichen Kraft zusammen
trifft, durch welche alles Belebte lebt (die hier Eva heit), und nach
Vereinigung strebend, sich ihr naht, so empfngt die Seele die sinnlichen
Gegenstnde wie in einem Netze und macht auf sie Jagd, mit den Augen auf
die Farben, mit den Ohren auf die Tne, mit der Nase auf die Dfte, mit dem
Gaumen auf die Gegenstnde des Geschmacks, mit dem Tastsinn auf die Krper.
Von allen dem wird sie schwanger und gebiert alsdann das schwerste der
seelischen bel: den Wahn. Denn sie whnt Alles, was sie sinnlich empfindet
mit den Augen, den Ohren, dem Geruch, dem Geschmack, dem Gefhl sei ihr
Eigentum, und der Geist Erfinder und knstlicher Darsteller aller Dinge.
Dies widerfhrt jedoch der Seele nicht ohne Grund, denn es war einst eine
Zeit, wo der Geist mit der sinnlichen Kraft noch nicht verkehrte, noch mit
ihr vereinigt war, sondern den einsamen Tieren gleich fr sich lebte.
Damals nur blos mit sich beschftigt, hatte er keine Berhrung mit dem
Krper, noch besa er in ihm ein Werkzeug, durch das er auf die Auenwelt
Jagd machen konnte; so war er blind und unvermgend, und zwar nicht etwa
blos in der Art, in der man einen Blinden der Sinne beraubt nennt, --
sondern alle und jede sinnliche Kraft war ihm genommen, so da er als
wahrhaft unvermgend, als die Hlfte einer vollkommenen Seele, ohne die
Fhigkeit, die Auenwelt zu erkennen, als das unselige Bruchstck eines
Ganzen ohne Untersttzung der Sinnesorgane dastand. Deswegen befand er sich
auch in dichter Unwissenheit ber die Krperwelt, weil ihm nichts
uerliches erscheinen konnte. Da ihm nun Gott nicht nur das bersinnliche,
sondern auch die sinnliche Welt offenbaren wollte, machte er ihn erst zu
einem Ganzen, indem er seine zweite Hlfte, die sinnliche Kraft, ihm
zufhrte, welche in der Schrift mit dem Gattungsnamen Weib und mit dem
speciellen Namen Eva bezeichnet wird. Diese go gleich bei ihrer
Vereinigung mit ihm durch alle ihre Teile -- wie durch Oeffnungen -- Licht
in vollem Maae in den Geist, zerstreute die lange Nacht und gab ihrem
Herrn auf diese Weise die Mglichkeit, die uere Welt genau und klar
anzuschauen. Der Geist seinerseits, wie von hellem Tageslicht erleuchtet,
das pltzlich durch die Nacht bricht, oder wie ein Mensch, der urpltzlich
vom Schlafe erwacht, oder wie ein Blinder, der mit einem Mal das Gesicht
erhlt, eilte schnell auf alle Wunder zu, die sich ihm darboten, beschaute
den Himmel, die Erde, die Pflanzen, die Thiere, ihre Gestalt,
Eigenschaften, Krfte, Lage, Bewegung, Wirkung, ihr Thun, ihre
Vernderungen, ihr Entstehen und Vergehen; das eine sah er, das andere
hrte er, wieder anderes noch kostete, betastete er, und was Lust in ihm
erregte, suchte er auf, was Schmerz, verabscheute er.

Nachdem er auf diese Weise hier und dort hingeschaut und sich und seine
Krfte wahrgenommen hatte, gerieth er in denselben Irrthum wie Alexander
von Makedonien. Von diesem erzhlt man, er habe sich in dem Wahn, Asien und
Europa schon zu besitzen, auf einen erhabenen Ort gestellt, wo er beide
Ufer sehen konnte, um sich geschaut und dann ausgerufen: Was da ist und
was dort ist, gehrt mein! ein Ausspruch, der kaum eines Knaben wrdig war,
aber einem Knig bel anstand. Lange schon vor ihm widerfuhr dasselbe dem
Menschengeiste, denn als die sinnliche Kraft mit ihm vereint wurde, und die
ganze Krperwelt durch diese Vermhlung offenbar geworden war, meinte er
nun, da Alles ihm gehre und nichts einem Anderen. Dies ist eine falsche
Geistesrichtung, welche Moses mit dem Namen Kain oder Besitz bezeichnet,
und welche voll Thorheit -- oder besser -- voll Gottlosigkeit ist. Denn
anstatt Gott die Ehre zu geben und von ihm Alles abhngig zu machen, hlt
sie Alles fr eigenen Besitz der Menschenseele, die nicht einmal sich
selbst besitzt, ja nicht einmal sich selbst nach ihrem wahren Wesen kennt.

Ein weiteres hchst charakteristisches Beispiel seiner allegorischen
Methode giebt Philo in seiner Schrift +De vita Abrahami+.[641] Hier erzhlt
er die Reisen Abrahams von Chalda nach Haran und von Haran nach Palstina
zuerst dem biblischen Text gem und fhrt dann folgendermaen fort:

Jene Reisen sind nach den Gesetzen der Allegorie Symbole einer die Tugend
liebenden und den wahren Gott suchenden Seele. Die Chalder trieben von
jeher Gestirndienst und hielten die Welt -- namentlich die Sterne -- fr
Gott und verehrten so das Geschpf anstatt des Schpfers. In diesem Irrtum
war jene Seele auch befangen, weil sie Gott nicht kannte. Daher heit es:
Abraham wohnte zu Ur in Chalda. Nachdem sie nun lange diesen Wahn gehegt
hatte, begann ihr das Licht aufzudmmern, und sie sah -- obschon noch
dunkel -- ein, da ein Wagenlenker[642] ber dieser Welt walten msse.
Damit diese Ahnung klarer in ihr werde, ruft ihr nun das Wort Gottes also
zu: Groes wird oft durch Kleines erkannt. Darum la die chaldische
Grbelei, la das ewige Sternschauen; _wende deinen Blick weg von der
groen Stadt, nmlich von der Welt, auf eine kleine, dich selbst, dann
wirst du den Lenker aller Dinge erkennen_. Deshalb heit es, Abraham sei
zuerst von Chalda nach Haran gewandert. Denn Haran bedeutet Hhlen, und
diese sind ein Symbol der fnf Sinne. Der Sinn des Aufrufs zur Wanderung
ist aber folgender: _Wenn du deine Sinne betrachtest, so wirst du erkennen,
da sie nichts wirken und nichts thun, es sei denn, da der Geist -- einem
Wunderthter gleich -- ihre Kraft erregt, richtet und befruchtet. An diesem
Beispiel kannst du lernen, da ber der Welt und den sichtbaren Gliedern
des Ganzen ein Geist walten mu, da ja auch deine Glieder, die fnf Sinne,
ohne den Geist im Innern nichts vermgen. Da jener Weltgeist unsichtbar
ist, darf dich nicht stren, denn dein eigener Geist ist es ja auch._ Die
Richtigkeit dieser Erklrung wird gleich durch folgende Worte des Textes
bewiesen, wo es heit: Gott erschien dem Abraham. Vorher, als der Geist
noch im chaldischen Irrtum befangen war, konnte ihm Gott nicht erscheinen,
wohl aber jetzt, da er die Wahrheit zu erkennen begann. Es heit aber:
'Gott erschien dem Weisen und nicht, der Weise sah Gott', _denn Niemand
kann Gott begreifen, als sofern sich dieser selbst zu erkennen giebt_. Fr
diese Erklrung spricht auch die nderung des Namens; zwar wird nur ein +A+
dem vorigen hinzugefgt, aber es ist ein groes Geheimni in diesem kleinen
Buchstaben verborgen: Vorher heit jene Seele Abram, d.h. der in die Hhe
strebende Vater; jetzt aber heit er Abraham, d.h. der auserlesene Vater
des Schalls. Mit diesem Namen wird der Weise bezeichnet; denn Schall ist
gleich Rede, Vater des Schalls gleich Geist, weil dieser es ist, der die
Rede aussendet. Das Beiwort 'auserlesen' bezeichnet die Vortrefflichkeit
jenes Geistes. Die zweite Wanderung endlich, nmlich die von Haran nach
Palstina, ist von der vollstndigen Erkenntni des hchsten Wesens zu
verstehen, die jene Seele zuletzt errang.

An einem andern Ort[643] spricht sich Philo ber die mystische Reise nach
Haran folgendermaen aus:

So lange der Asket in den Sinnen lebt, d.h., wenn er nach Haran kommt,
denn dieser Name bedeutet die Hhlung der fnf Sinne, begegnet er dem
gttlichen Logos nicht. Es heit aber weiter, er sei dem Logos begegnet,
als die Sonne unterging; Sonne bedeutet nmlich in diesem Fall den obersten
Gott, und der Sinn ist dieser: Wenn das gttliche Licht, die reine
Erkenntni Gottes, untergegangen, so sehen wir den Logos; wenn jenes aber
leuchtet, so schauen wir die reine intelligible Welt. Andere fassen diese
Stelle so auf: Die Sonne ist der menschliche Verstand mitsammt den Sinnen,
der Logos das Ebenbild der hchsten Gottheit, welches erst dann erkannt
wird, wenn das menschliche Licht der Sinne untergegangen ist.

Halten wir diese Stelle fest und den Umstand, da Philo die Welt die groe,
den Menschen aber die kleine Stadt nennt, so sehen wir ganz einwandfrei,
da diese Spekulationen indischen Ursprungs sind. So heit es in
_Windischmanns_ bekanntem Werk[644] ber die Ekstase der indischen Sonnen-
und Mondkinder:

Wenn die Sinne in den Manas (Allsinn) zusammengehen, sieht der Seher
nichts mit den Augen, hrt nichts mit den Ohren, fhlt nichts, schmeckt
nichts; aber innerhalb der _Stadt des Brahma_ sind die fnf Pranas
leuchtend und schwach, und der Seher erreicht sich selbst im Licht bei den
verschlossenen Pforten des Leibes. Da sieht er dann, was er im Wachen sah
und that, er sieht Geschehenes und nicht Geschehenes, Gewutes und nicht
Gewutes, und weil Atma (der Geist, Philos Logos,) Urheber aller Handlungen
selbst ist, so verrichtet er im Schlafe gleichfalls alle Handlungen und
nimmt auch die ursprngliche Gestalt des Lichtes wieder an und er wird wie
Brahma selbst leuchtend.

In den _Upanischads_ heit es:

Manas (der Menschengeist) wandelt in der Zeit des Wachens an Orten, wohin
das Auge, das Ohr und die anderen Sinne nicht gelangen, und gewhrt schon
so ein groes Licht. Ebenso wandelt er auch im Traume an entlegene Orte und
zndet den anderen Sinnen ein groes Licht an. Im tiefen Schlafe ist er
eins und ungeteilt und hat nicht seines Gleichen im Leibe; er ist das
Prinzip aller Sinne. Der Fhige vollbringt seine Werke mittelst des Manas,
und der Erkennende erkennt durch dasselbe. -- Es ist die Leuchte des
Leibes und die Mitte desselben und aller Sinne Mittelpunkt. In seinen
Banden ist der vergangene, gegenwrtige und zuknftige Zustand der Welt,
alles Vergngliche; Manas selbst aber vergeht nicht im Tode. In der
Herzhhle wohnt die unsterbliche Person -- in der Mitte des Geistes--,
diese Person, das innere Licht ist klar wie eine rauchlose Flamme. In
dieser Hhle ist Brahmas Wohnung, eine kleine Lotosblume, ein kleiner Raum,
der mit Akasa erfllt ist. Derselbe Akasa, wie er auen ist, ist auch
innerhalb jenes kleinen Raumes im Herzen, und in ihm sind der Himmel und
die Erde enthalten, und das Feuer und der Wind, und Sonne und Mond, und der
Blitz und die Gestirne. -- Er ist wahrhaftig und Brahmas Wohnung, in
welcher Alles enthalten ist. -- Wer diesen Atma nicht erkennt, geht aus der
Welt und in alle Welten, seiner nicht mchtig, und zieht aus, den Lohn der
Werke zu empfangen, der ihm gebhrt. Die aber, den Geist erkennend, von
hier hinweggehen, die gehen ihrer und ihrer Wnsche mchtig und empfangen
ewigen Lohn. Wenn der Schleier des Irrthums und der Mierkenntni vom
Herzen genommen wird, wer die Gestalt des zarten Akasa angenommen hat, dem
ist alles Wnschenswerthe gegenwrtig. Ihm wird die Nacht zum Tag, das
Dunkel zum Licht, er ist sich offenbar, und diese offenbare Gegenwart ist
die Welt des Brahma selbst.

Die Praxis der mystischen Reise nach Haran, um des Logos oder Atma
teilhaftig zu werden, wird bekanntlich in den Upanischaden am aller
ausfhrlichsten geschildert.

Soviel ber Philos Allegorie, die zur indischen Mystik hinberfhrt. -- Wir
wenden uns nun zu Philos Spekulationen ber die Gottheit, den Logos und die
intelligible Welt.

Gott ist das absolute Wesen, rein in sich abgeschlossen, und ohne Beziehung
auf etwas Endliches. Er ist die Seele des Weltalls, er bleibt uns ein
Geheimnis, und man darf sich nicht erkhnen, etwas von ihm oder ber ihn zu
sagen, als da er sei.[645] Das einzig wrdige Symbol Gottes unter den
endlichen Dingen ist das intellektuelle Licht und die menschliche
Seele.[646]

Gott und die Materie sind die beiden von Ewigkeit bestehenden Prinzipien;
Gott ist die unendliche Intelligenz, welche die Formen -- resp. Ideeen --
von allen mglichen Dingen in sich enthlt, die Materie ist der formlose
Stoff, der ungeachtet seiner Subsistenz durch den Mangel an aller Form ein
Unding fr den Verstand ist. Form und Leben erhielt die Materie durch
Gott.[647]

Gott ist das reale Wesen, welches wegen seiner Unendlichkeit von keinem
endlichen Wesen erkannt werden kann, er ist nicht im Raum, nicht in der
Zeit, auerhalb der Sinnenwelt und durch kein Prdikat eines endlichen
Wesens denkbar. Er kann nur gedacht werden als das Reale ohne bestimmte
Realitt. Man wei nur, da Gott ist, nicht was er ist.[648]

Gott ist die hypostasierte Ewigkeit, denn in ihm ist nichts vergangen,
gegenwrtig und knftig, er ist ohne Anfang und Ende, in seinem ganzen
Wesen unvernderlich. Er ist das Urlicht, aus dessen Strahlen alle
endlichen denkenden Wesen ausgegangen sind.[649]

Als unendliche Intelligenz umfat Gott alle Ideeen von allen mglichen
Dingen; aber eine Idee Gottes ist nichts anderes als das Ding selbst. Was
er denkt, erhlt durch sein bloes Denken Realitt.

Gott kann in seinem Verhltnis zur Welt hauptschlich nach vier Begriffen
dargestellt werden, nmlich in Hinsicht der Macht, der Weisheit, der
Heiligkeit und der Liebe.

Philo hebt die Allmacht oft hervor, besonders in Verbindung mit der
%sophia%, der Weisheit; die Heiligkeit Gottes berhrt er weniger, weil er
sie fr selbstverstndlich hlt. Hingegen setzt er etwas Hheres an ihre
Stelle, nmlich die Reinheit. Am meisten aber verbreitet er sich ber die
Gte und Liebe Gottes, weshalb man in gewisser Beziehung Philos Theosophie
die Morgenrte des Christentums nennen kann.[650]

Aus Gte und Liebe hat Gott die Welt geschaffen, er erfllt alles mit
seiner liebenden Macht; seine Gte hlt die Welt zusammen und ist selbst
die Harmonie der Welt. Alles Gute in dieser Welt, geistiges und leibliches,
ist sein Geschenk und seine Gnade. Besonders aber erstreckt sich die Flle
der gttlichen Gnade auf die Menschen, und wenn seine Liebe nicht wre,
wrden sie alle dem Verderben anheim fallen. Alle Gter, welche die
Menschen besitzen, jede Tugend, Frmmigkeit, Wohlwollen, Gerechtigkeit,
Glauben usw., sind Gottes Geschenk, weshalb es Philo auch an unzhligen
Orten fr die grte Snde erklrt, wenn der Mensch sich selbst etwas Gutes
zuschreibt und dasselbe nicht von Gott ableitet.

Philo erklrt an einer Menge Stellen seiner Schriften Gott seinem Wesen
nach fr vllig unbegreiflich, dennoch aber giebt er zu, da eine gewisse
Erkenntnis Gottes jedem Menschen mglich ist und von jedem gefordert werden
kann, obschon Viele derselben durch eigene Schuld entbehren, nmlich: die
Erkenntnis, da Gott sei und die Gewiheit seiner Existenz. Diese
Erkenntnis kann auf zweierlei Weise stattfinden, nmlich durch ein
mystisches Schauen, bei welcher hchsten Stufe der Erkenntnis die
Selbstthtigkeit des Menschen zwar nicht ausgeschlossen ist, bei der aber
Gott dem Menschen entgegengekommen und das Meiste thun mu. -- Die zweite
-- niedrigere -- Stufe der Gotteserkenntnis beruht auf Schlssen aus den
Werken auf den Urheber.

Der Verstand Gottes, der Logos, welcher alle Ideeen in sich begreift, ist
die ideale Welt. Diese ist das Ebenbild Gottes, sein erstgeborener Sohn,
denn sie geht unmittelbar aus dem Wesen Gottes hervor und mu daher ebenso
vollkommen sein wie die hchste Intelligenz selbst. Philo nennt diese
personifizierte Verstandeswelt auch noch den Erzengel, (die Engel berhaupt
nennt er vielfach %logoi%), weil sie die erste aller ausgeschlossenen
Intelligenzen ist, oder den himmlischen Menschen, den Aufgang der
Sonne.[651]

Der Logos ist das Muster, nach welchem Gott die sichtbare Welt schuf. Die
gttliche Kraft, durch welche diese gebildet wurde, ist der nach auen
wirkende Logos, welcher mit der Sprache verglichen werden kann.

An anderer Stelle[652] sagt Philo vom Logos:

Zwischen Gott und dem gttlichen Logos ist kein Zwischenraum, Beide sind
unendlich nahe. Der Logos ist der Wagenlenker der gttlichen Krfte, der
Herr des Wagens aber ist der Sprechende, der dem Lenker des Wagens seine
Bahn vorschreibt.

Der Logos ist die Nahrung der Seelen und wird von Philo mit dem Manna der
Wste verglichen:

Siehst du nun, was die Nahrung der Seele ist, nmlich das allerfllende
Wort Gottes, das dem Thaue gleich die ganze Erde bedeckt und Alles erfllt.
Aber nicht berall zeigt sich dieser Logos, sondern nur da, wo Leidenschaft
und Bosheit ferne sind; er ist so fein zu erfassen und zu ergreifen, klar
und rein anzuschauen; er ist wie Coriander. Die Landleute sagen nmlich von
dieser Frucht, wenn man sie auch in zahllose Theile zerschneide, so gehe
doch ein jeder derselben so gut auf wie ein ganzes Korn. So ist es auch mit
dem gttlichen Wort. Es ist im Ganzen fruchtbringend, aber auch jedem
einzelnen Theile nach, und wre es auch der kleinste. Darum gleicht es auch
dem Augapfel, denn wie dieser als ein so gar kleines Ding alle Zonen der
Erde, das unermeliche Meer und den unbegrenzten Luftraum berschaut, so
ist auch der gttliche Logos ber alles scharfblickend und im Stande Alles
zu schauen; ja er ist es, durch den wir allein Wahrheit sehen knnen.
Deshalb lt sich auch das Beiwort 'wei', welches im Texte dem Manna
gegeben wird, auf ihn bertragen. Denn was ist lichter und klarer als der
gttliche Logos, durch dessen Besitz es jeder Seele, die sich nach dem
geistigen Lichte sehnt, erst mglich wird, die innere Finsterni zu
zerstreuen.

Etwas Eigenes geschieht aber mit diesem Logos; wenn er nmlich eine Seele
zu sich ruft, so bewirkt er, da alles Irdische, Sinnliche und Leibliche in
ihr zusammenfriert. Deswegen heit es auch im Text, es war wie Eis auf dem
Felde. Die Seelen fragen sich, was der Logos sei, nachdem sie seine
Wirkung bereits erfahren haben. Oft geht es auch in andern Dingen so, oft
wissen wir nicht, woher der Geschmack kommt, der unsere Zunge mit Sigkeit
erfllt, oft kennen wir den Geruch nicht, der uns ergtzt. Dasselbe
widerfhrt nun auch der Seele; eine hohe Freude wird ihr zu Teil, aber sie
wei nicht, woher sie kommt. Diesen Aufschlu giebt ihr der heilige Prophet
Moses: 'Dies ist das Brot', sagt er, 'die Nahrung, die Gott der Seele
gegeben hat, sein Wort, sein Logos, denn in Wahrheit ist dies das Brot, das
er uns gegeben hat; dies ist sein Wort.' Auch im Deuteronomion sagt er: 'Er
hat dich geplagt und hungern lassen, aber dann mit Manna gespeiset, das
deine Vter nicht kannten, auf da dir offenbar wrde, da der Mensch nicht
vom Brode allein lebt, sondern von einem jeglichen Wort, das aus des Herrn
Munde geht.' Diese Plage ist ein Werk der Gnade, denn durch die Strafe
reinigt er unsere Seelen, wenn er uns nmlich die Sinnenlust entzieht,
vermeinen wir geplagt zu werden; aber eben damit erweist er sich uns
gndig. Er schickt auch Hunger ber uns, nicht nur einen Hunger nach
Tugend, sondern den, welcher die Bosheit und die Leidenschaft zchtigt;
denn zum Beweise, da er es gut mit uns meint, heit es ja, er sttigt uns
mit Manna, d.h. mit seinem Wort, das Alles in sich fat, und reines Sein
ist. Manna heit eigentlich 'Etwas', das ist das reine Sein, das
allgemeinste Wesen; denn der gttliche Logos ist ber der ganzen Welt und
allgemeiner als alle Kreaturen. Diesen Logos kannten die Vter nicht, d.h.
nicht die wahren Vter, sondern nur die Alten an Jahren, nicht an Weisheit;
diejenigen, die zu den Propheten sprachen: Gieb uns einen Fhrer, da wir
zurckkehren zur Leidenschaft, d.h. nach gypten. So werde es dann der
Seele kund, da der Mensch nach dem Ebenbilde nicht vom Brode allein lebt,
sondern von jeglichem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt, d.h., da er
sowohl durch den ganzen Logos genhrt wird, als auch durch einen Teil von
ihm. Denn Mund ist ein Sinnbild der Rede, Wort aber ein Teil derselben. Die
Seele der Vollkommenheit wird durch den ganzen Logos genhrt, wir aber
wollen zufrieden sein, wenn uns nur ein Teil des gttlichen Wortes
zukommt.

An anderer Stelle nennt Philo den Logos das Vaterland weiser Seelen und
sagt zur Erklrung der Aufforderung Jakobs, Laban zu verlassen (+Genes.
XXXI, 3+), da der Befehl, Jakob solle sich von Laban kehren, heie, der
Geist des Asketen solle sich nicht mehr mit den sinnlichen Dingen und den
Eigenschaften der Krperwelt (Laban) abgeben; sondern sich in das
Vaterhaus, d.h. zum heiligen Logos, dem Wohnort weiser Seelen wenden.[653]

In einem andern Gleichnis nennt Philo den Logos noch den Regentau und
Steuermann der Weisen, ja das Triebrad im innern Wesen der Gottheit und der
Geisterwelt, welchem Gott bei der Schpfung der Welt sein allmchtiges
Werde anvertraute.[654]

Aus Gott emanieren unzhlige Krfte und Geister, welche die intelligible
Welt als Urbild und Ideal der sichtbaren Krperwelt hervorbrachten. Unter
diesen hheren himmlischen Geistern steht eine unermeliche Menge niederer,
welche Engel genannt werden.

Diese Geister haben verschiedene Geschfte; sie dienen dem Allmchtigen und
haben so tiefe Einsichten, da ihnen nichts verborgen bleibt. Sie sind
Verknder der gttlichen Befehle und berbringer der Gebete vor den Thron
Gottes. Ihre Existenz ist geboten, denn es ist notwendig, da die ganze
Schpfung belebt sei, und da jeder Teil der Welt die ihm angemessenen
Bewohner habe.

Von den Geistern, welche die Luft bewohnen, sind einige den Menschen
gefhrlich durch Einflung sndlicher Begierden und Leidenschaften, andere
jedoch dienen dazu, in der Seele des Menschen den Trieb zur Unsterblichkeit
und Verachtung alles Irdischen zu erwecken. Und diesem mu man durch ihre
unmittelbare Einwirkung auch die menschliche Seele das Geschft der
Inspiration zueignen.[655]

Die Geister aller Klassen und Ordnungen sind Mittelwesen und
Mittelspersonen zwischen Gott und den Menschen, Verkndiger der ber sie
ergangenen gttlichen Ratschlsse u.s.w. Mit einem Wort, die Geisterwelt
ist nach Philo ein intelligibler Staat, worin die Angelegenheiten des
sichtbaren Universums und namentlich des Menschen betrieben werden.

Der Mensch ist eines unmittelbaren vertrauten Umganges mit der Geisterwelt
und dem Logos durch eigene Kraft fhig, wozu ihm die durch die Askese
vermittelte hchste Erkenntnis des Wahren und Guten verhilft. Ist dann die
menschliche Seele in Verbindung mit der Geisterwelt -- und namentlich durch
den Einflu des Logos -- zur Erkenntnis der eigentlichen Grundideeen
gelangt, wovon wir durch die Sinne nur eine oberflchliche Kenntnis
erhalten, so erhebt sie sich ber sich selbst, tritt mit dem Logos in
Gemeinschaft; sie hat den hchsten Gipfel der reinsten Erkenntnis
erstiegen, und ihr Flug ist hinfort himmelwrts gerichtet.




Zweites Kapitel.

Philos Mystik.


Die Art und Weise wie Philo den Menschen in verschiedene Grundteile teilt,
hat eine gewisse hnlichkeit mit der sog. esoterischen Lehre. Diese
hnlichkeit mag wohl daher rhren, da, wie spter nachzuweisen, Philo der
Sekte der Esser angehrte, welche bekanntlich unter den Juden durch
buddhistische Missionre gestiftet worden war.[656]

Der Mensch besteht nach Philo aus Krper und Seele.

Der Krper %sma% (+rupa+ der Inder, +chat+ der gypter, +guf+ der Hebrer,
elementarische Leib des Paracelsus) ist aus den vier Elementen
zusammengesetzt und darum sterblich.[657]

Die Seele (%psych%) des Menschen zerfllt in einen unvernnftigen und
einen vernnftigen Teil. Zu den ersteren gehrt der Sitz der Leidenschaft
(%to thymikon%) und der Sitz der physischen Begierden (%to epithymtikon%).
Dieser Teil der Seele ist sterblich und hat seinen Sitz im Blut[658]; er
kann also sehr wohl mit dem +Kama rupa+ der Inder, +Ab+ der gypter,
+Ruach+ der Hebrer und dem +Evestrum+ oder siderischen Menschen des
Paracelsus verglichen werden.

Insofern dieser Teil der Seele und der Krper sterblich sind, nennt Philo
den Menschen ein vernnftiges sterbliches Tier.

Der niederste Grundteil der vernnftigen Seele ist nach Philo das
Sprachvermgen[659], eine Unterscheidung, die sonst nirgends gemacht wird.
Da aber die Sprache den Menschen vom Tiere zunchst unterscheidet, so
knnte man das Sprachvermgen Philos vielleicht mit der Menschenseele der
Inders (+manas+, +ba+, +Neschamah+, +spiritusetc.+) identifizieren.

Der zweite Teil der vernnftigen Seele ist das Vermgen der Sinne
(%psych aisthtik%), die wir mit +Chaibi+ der gypter, +chaijah+ der
Hebrer und der Vernunft (+Intellectus+) der mittelalterlichen Mystiker
vergleichen knnen.

Der hchste Grundteil des Menschen endlich ist der Verstand, %nous,
logos%, +cha+ der gypter, +jeschida+ der Hebrer, der gttliche Gedanke
Agrippas und der Mensch des +Olympi novi+ des Paracelsus, welcher ein
unzertrennlicher Teil der stetigen Natur der Gottheit ist.[660]

Unter den bisher aufgezhlten sechs Grundteilen haben wir den Astralkrper
vermit; aber auch von diesem findet sich eine Spur bei Philo, insofern er
sagt, die Seele sei in therstoff, d.h. ein fnftes Element, aus dem
Himmel und Gestirne geschaffen worden, in ein heiliges, unverlschliches
Feuer gehllt.[661]

Da Philo auch die Lebenskraft kannte, ergiebt sich aus folgender
Stelle[662]:

Oft in seinen Schriften erklrt Moses das Blut fr das Wesen der Seele;
sagt er doch geradezu: die Seele alles Fleisches ist Blut. Hingegen heit
es bei der Schpfung des ersten Menschen: Gott blies ihm den Hauch des
Lebens ein, und der Mensch ward zur lebendigen Seele. Diese Worte beweisen,
da die Substanz der Seele Geist ist. Da nun Moses immer mit sich
bereinstimmt, so mu er einen guten Grund zu diesem scheinbaren
Widerspruch gehabt haben. Dieser ist auch vorhanden, denn jeder von uns ist
eine Zweiheit, ein Tier und ein Mensch. Jedem von diesen beiden
Bestandteilen kommt eine besondere Kraft zu. Dem einen die Lebenskraft,
durch welche wir leben, dem andern die Kraft der Vernunft, durch welche wir
vernnftig sind. An der Lebenskraft haben auch die unvernnftigen Tiere
Anteil. Vorsteher und nicht Teilhaber der anderen ist Gott. Jene Kraft nun,
welche wir mit den Tieren teilen, hat das Blut zum Sitz erwhlt. Die andere
dagegen ist eins mit dem Geiste. Deshalb sagt Moses (+Deuteron. XII,23+):
'die Seele des Fleisches ist Blut', indem er wohl wei, da die Natur des
Fleisches keinen Teil am Geiste, sondern nur am Leben hat.

Philo unterscheidet also hier eine %psych logik% und %psych sarkik%,
welch' Letztere mit der Lebenskraft identisch ist.

Den menschlichen Verstand (%nous%) bildete Gott sich selbst oder seinem
Logos vollkommen hnlich und macht ihn somit zu seinem Ebenbild (%eikn%),
und insofern kann man sagen, da der Mensch dem Geist nach Gott und dem
Logos verwandt sei, ebenso wie sein Krper der ueren Natur gleicht.[663]
Wir finden also hier zum erstenmal die spter von Paracelsus ausgefhrte
Parallele zwischen dem Mikrokosmus und Makrokosmus aufgestellt.

Da dieser unsterbliche Teil des Menschen schon vor der Schpfung des
sterblichen Teils in der Gottheit existierte, so bedeutet das Wort Mosis,
da Gott dem Menschen einen lebendigen Odem in seine Nase blies, nichts
anderes als die Absendung des %nous% von seinem seligen Sitz in der
Gottheit in den menschlichen Krper, um diesen wie eine Kolonie zu
bewohnen.[664]

Das Bse lie Gott entstehen, um das Gute desto mehr hervorzuheben, und
verband beide im Menschen, der das Gute nicht erkennen kann, ohne das Bse
zu wissen.[665] Der Mensch ist also ein Wesen von gemischter Natur. Sein
Verstand ist nmlich vor seiner Verbindung mit dem Krper gut und
rein[666]; seine Sinne sind ihrer Natur nach weder gut noch bse, sondern
von einer mittleren Art, die bei den Guten gut, bei den Bsen bse ist. Die
Begierden und Leidenschaften jedoch, der unvernnftige Teil der Seele, und
vorzglich die Wollust sind wie der Krper bse und Gott verhat.[667] Die
Seele befindet sich daher gewissermaen in einem Gefngnisse, dessen
Wchter die Leidenschaften und Begierden sind, oder in einem Sarge oder
Grabe, aus dem sie sich nur durch Entuerung der Sinnlichkeit befreien
kann.[668]

Der Krper hindert die Tugend, weshalb die Seele diesen, die Lste,
Begierden, Sinne und Rede fliehen und verlassen mu, weil bei ihnen das
Bse sich aufhlt. Sie mu sich zu der Gottheit erheben, d.h. sie mu ihre
Gedanken allein auf bersinnliche Gegenstnde richten und sich nicht mehr
mit irdischen Dingen beschftigen, als die uerste Notwendigkeit
erfordert.[669] -- Wenn wir den Krper fliehen, so leben wir der Natur
gem, wir verhnlichen uns der Gottheit, soweit uns dies mglich ist, und
gelangen dadurch zum hchsten Gipfel der Glckseligkeit.[670]

In sehr prgnanter Weise spricht sich Philo ber die Punkte an einer Stelle
aus[671], wo er die Prophezeiung (+Genes. XV,13+) erklrt: Das sollst du
wissen, da dein Same wird fremd sein in einem Lande, das nicht sein ist;
und da wird man sie zu dienen zwingen und plagen vierhundert Jahre. Er
sagt:

Das Erste, was uns in diesen Worten vorgehalten wird, ist die Lehre, da
der Fromme im Leibe nicht wie in seiner Heimat wohnen, sondern ihn als ein
fremdes Land ansehen soll. Zweitens liegt darin, da die Knechtschaft,
Unterdrckung und arge Demtigung der Seele in der irdischen Wohnung des
Leibes ihren Grund hat, denn die Leidenschaften sind der Seele vllig
fremd, sie erwachsen aus dem Fleische, in welchem sie wurzeln. -- Nun
fhrt Philo, die Sklaverei in den Banden des Leibes beschreibend, weiter
fort: Vierhundert Jahre dauert die Knechtschaft. Diese Worte sind auf die
Zahl der hauptschlichsten Leidenschaften zu deuten, deren es vier giebt.
Wenn die Wollust ber uns herrscht, so wird der Geist von leerem Winde
aufgeblasen und bermtig; gebietet aber die Begierde in uns, so zieht die
Sehnsucht nach abwesenden Genssen in die Seele ein und wrgt und plagt sie
durch trgerische Hoffnungen. Denn sie drstet dann immerwhrend und kann
doch ihren Durst nicht lschen, so da sie Qualen des Tantalus erdulden
mu. Sind wir aber in der Knechtschaft der Traurigkeit, so wird die Seele
zusammengeschnrt und eingeengt, und sie ist einem Baume zu vergleichen,
von welchem die Blten und die Bltter abfallen. Sind wir endlich im Banne
der Furcht, so vermag Niemand zu bleiben, sondern darf nur in schleuniger
Flucht Rettung erhoffen. Die Begierde hat nmlich eine anziehende Kraft und
zwingt uns, das Ersehnte zu verfolgen, auch wenn es vor uns flieht. Die
Furcht dagegen trennt uns von ihrem Gegenstand. Die Herrschaft der
genannten Leidenschaften bt schweren Druck auf ihren Sklaven aus, bis
Gott, der groe Richter, den Bedrckten von seinem Bedrcker trennt, um
jenem seine Freiheit zu geben und ber diesen die wohlverdiente Strafe zu
verhngen. Denn es heit ja (+Genes. XV,14+): 'Das Volk, das sie
bedrckte, will ich richten, und dann sollen sie ausziehen mit groem
Gute.' Es ist notwendig, da der Sterbliche dem Volk der Leidenschaft
unterworfen werde und das vom Geborenwerden unzertrennliche Los erdulde.
Aber es ist auch der Wille Gottes, die Not unseres Geschlechtes zu
erleichtern. Wenn wir daher auch in der Knechtschaft des Leibes das
Unvermeidliche erdulden, so thut Gott seinerseits, was ihm zu thun obliegt:
er bereitet Freiheit den Seelen, welche sich flehend an ihn wenden; ja, er
lst sie nicht allein aus dem Gefngnis, sondern giebt ihnen auch Zehrung
auf die Reise mit, was im Texte %aposkeu% (Gut) heit. Was ist dies nun?
Wenn der vom Himmel stammende Geist in die Not des Leibes gebannt wird und
sich von keiner Lust und -- wie ein Weichling -- unterjochen lt, sondern
wie ein Mann nicht zum Leiden, sondern zur That bereit, krftig nach
Freiheit strebt und alle Wissenschaften rstig betreibt, so nimmt er beim
Abschied und Hingang in sein Vaterland all' jenes Wesen mit, welches hier
%aposkeu% genannt wird.

Jedem der drei Hauptteile der Seele setzte Gott eine Tugend zur Seite, um
ihn zu regieren: dem Verstand die Klugheit, den Leidenschaften die
Tapferkeit und den Begierden die Migung, wozu dann, wenn jene die
Oberhand haben, noch die Gerechtigkeit kommt, welche insgesamt in der Gte
des Charakters ihren gemeinsamen Ursprung haben.[672]

Die Seele ist von Gott nicht den Gesetzen der Notwendigkeit unterworfen
worden. Als Himmelsgeborener ist der Mensch frei und in nichts zeigt sich
sein gttlicher Ursprung so schn, als in der gttlichen Freiheit, die ihm
vor allen anderen Kreaturen zu teil wurde. In dieser Hinsicht sagt
Philo[673]:

Der Mensch besteht aus dem nmlichen Stoff, aus welchem die Naturen des
Himmels geschaffen wurden, und er ist deshalb unvergnglich. Denn ihn
allein hat Gott der Freiheit gewrdigt und fr ihn die Bande der
Notwendigkeit, die alle Geschpfe fesseln, aufgehoben; er hat ihn an dem
herrlichsten eigenen Vorzug, soviel der Mensch davon fassen kann,
teilnehmen lassen. Deswegen ist er aber auch zurechnungsfhig. Den Tieren
und Pflanzen kann man weder Fruchtbarkeit als Verdienst, noch
Unfruchtbarkeit als Schuld annehmen, aber er allein verdient Tadel, wenn er
Bses thut, und wird auch dafr bestraft. -- hnlich lautet eine andere
Stelle[674]: Um seiner Gerechtigkeit willen hat Gott der menschlichen
Seele den Geist eingehaucht, denn wre dem Menschen das wahre Leben nicht
eingegeben worden, und wre er somit zur Tugend unfhig gewesen, so htte
er, wenn er fr seine Snden bestraft wurde, sagen knnen, da er ungerecht
bestraft werde, und Gott selbst sei an seinen Vergehungen schuld, weil er
ihm die Mglichkeit Gutes zu thun nicht verliehen, denn Fehler ohne
Freiheit seien keine Fehler.

Wegen ihrer gttlichen Eigenschaften wird die Seele der Tempel Gottes
genannt. So heit es[675]:

Das wahrhaft Gute hat in nichts uerem seinen Sitz, weder im Krper noch
in der Seele, sondern allein in dem kniglichen Geiste. Denn da Gott wegen
seiner Milde und Liebe das Gute in die Welt einfhren wollte, so hat er
keinen wrdigeren Tempel gefunden als den menschlichen Geist.

Philo hlt den Zustand des jetzigen Menschen fr sehr verschieden von dem
des idealen, wie er aus der Hand des Schpfers kam. Diese Spekulation ber
den Zustand des idealen Menschen vor dem Fall (Adam), ber den Sndenfall,
seine Folgen&c. durchziehen die ganze christliche Mystik und finden
namentlich auch bei Jakob Bhme ihren Niederschlag. Da sie somit jedermann
bekannt sein werden, bedrfen sie hier einer flchtigen Erwhnung.[676]

Adam war vollkommen an Leib und Seele: Die Schnheit seines Leibes folgt
aus drei Grnden: Erstens waren in der jugendfrischen Schpfung alle Stoffe
weit vollkommener und reiner als spter; zweitens whlte Gott aus den
besten Teilen des Stoffes das Vorzglichste aus, um das Gef einer
unsterblichen Seele zu bilden, drittens war der Schpfer selbst der
vorzglichste Werkmeister. Der hohe Adel der Seele Adams folgt daraus, da
sie Gott nach nichts Sichtbarem, sondern nach seinem Ebenbilde schuf. Darum
mute sie als Abbild des Vollkommensten notwendig selbst vollkommen sein.
Die jetzigen Menschen sind nur von Menschen erzeugt und nicht -- wie Adam
-- von Gott selbst geschaffen. Soweit aber Gott den Menschen bertrifft, um
so hher mu auch ein gttliches Geschpf ber ein menschliches erhaben
sein.[677]

Adam war fernerhin gleich bei seinem Eintritt in die Welt Knig der
sichtbaren Natur, ber die er eine unbeschrnkte Herrschaft ausbte[678],
und er bewies diese Herrschaft gleich anfangs dadurch, da er allen Dingen
Namen gab.[679] -- Auch lebte er im Umgang mit den Brgern der Geisterwelt
und bestrebte sich, alle Befehle der Gottheit zu vollziehen, auf dem Wege
der Tugend sich zur Verhnlichung mit ihr emporzuschwingen, da Gottes Geist
reichlich auf ihn herabstrmte.[680]

Mit dem Sndenfall trat ein vlliger Umschwung ein. Dennoch wird derselbe
nicht als eine unermeliche Schuld Adams, sondern als eine Folge seiner
schwachen und sterblichen Natur dargestellt.[681]

Anla zum Sndenfall gab das Weib. Solange Adam allein lebte, war er
schuldlos, als aber das Weib geschaffen wurde, eilte er auf dasselbe zu,
voll Freude ber die befreundete Gestalt, und umarmte sie. Aus dieser
Umarmung entstand die Liebe, und aus der Liebe die Wollust. Diese ist der
Keim aller Laster, und sie bewirkte, da Adam ein unsterbliches und seliges
Leben mit einem unglcklichen und sterblichen vertauschen mute.[682]

Auer dieser sich an den Bibeltext anschlieenden Darstellung des
Sndenfalls hat Philo noch eine allegorische Erklrung: Nach der Genesis
ist der Ort des Sndenfalls das Paradies, der Garten Gottes; Verfhrerin
ist die Schlange, und der Anla des Falls das Verbot, vom Baume der
Erkenntnis zu essen. Dies alles erklrt Philo fr ein Bild: das Paradies
ist die Seele, die in demselben wachsenden Pflanzen sind die Tugenden, der
Baum des Lebens ist die erste der Tugenden, nmlich die Ehrfurcht gegen
Gott, und der Baum der Erkenntnis endlich ist die Klugheit. Die Schlange
ist die Wollust, welche den Menschen zur Snde verfhrt. Unter dem Mann
versteht Philo den Verstand des Menschen, unter dem Weib die Sinne, bei
denen sich die Wollust einschmeichelt, um dadurch den Verstand zu betrgen
und zum Bsen zu verfhren.[683]

Mit dem Fall begann eine Reihe von beln ber die Menschen hereinzubrechen.
Das Weib fand seine Strafe in den Schmerzen der Geburt, in den Beschwerden
der Kindererziehung und in der Unterwrfigkeit unter den Willen des Mannes;
der Mann in der Arbeit und Sorge um den ntigsten Lebensunterhalt.[684]

Selbst die Erde wurde wegen des Sndenfalls bestraft, und sie bringt ihre
Frchte nicht mehr so dar, wie sie dieselben ohne die Snden der Menschen
getragen htte. Denn die Erde wrde auch ohne Ackerbau alles im berflusse
erzeugt haben, wenn nicht die Laster ber die Tugend die Oberhand gewonnen
und die Gottheit gentigt htten, der unaufhrlichen Mitteilung ihrer Gter
eine Grenze zu setzen, um sie nicht an Unwrdige zu verschwenden und den
Menschen durch einen von Miggang und berflu erzeugten Mutwillen in noch
greres Sndenelend zu strzen.[685] -- Wrden die Menschen aufhren, den
gttlichen Gesetzen entgegen zu handeln, und ein gttliches Leben fhren,
so wrde auch die erste Fruchtbarkeit wieder eintreten.

Seit Adam artet das Menschengeschlecht von Generation zu Generation immer
mehr aus[686], wie das erste Bild, das nach dem Urbild gemacht wurde, noch
am meisten demselben hnlich sieht, whrend die spteren, nach Abbildern
gemachten Kopien immer schwcher und unkenntlicher werden, oder wie in
einer Reihe von Eisenstben, die an einem Magnetstein aufgehngt sind,
derjenige die meiste magnetische Kraft bewahrt, welcher den Stein
unmittelbar berhrt, die tiefer hngenden aber immer weniger. -- Doch haben
die spteren Menschen das Ebenbild Gottes nicht ganz verloren, sondern es
ist nur verdunkelt worden. Diese Verwandtschaft besteht in der vernnftigen
Seele; dem Krper nach sind wir mit der Welt verwandt; er ist aus allen
Elementen zusammengesetzt und fat alle Eigenschaften derselben in sich.
Deshalb macht er den Menschen zu einem Proteus, welcher gleich gut auf dem
Lande, im Wasser, in der Luft und im Feuer leben kann.[687] -- Auerdem
aber haben die spteren Menschen von der Herrschaft, welche Adam in vollem
Mae ber die Natur besa, wenigstens die Gewalt ber die Tiere
behalten.[688]

Unzhlig sind die den Sterblichen angeborenen bel, unter denen Philo die
Leidenschaften und Begierden, nicht die spezifische Erbsnde versteht,
obschon er einen gewissen Einflu des Sndenfalls auf die Nachkommenschaft
zugiebt. Von diesen beln knnen wir uns nie gnzlich losreien; wir knnen
sie nicht vertilgen, sondern mssen sie nur zu mildern suchen. Bei Jedem,
sei er auch noch so gut, ist durch die Geburt selbst das Sndigen mit
seiner Natur verwebt, und Niemand kann daher ohne zu sndigen, sein Leben
beenden.[689] In den ersten sieben Lebensjahren freilich[690] haben wir
noch eine unverdorbene Natur, weil die Seele noch unausgebildet ist, und
weder die Begriffe des Guten noch des Bsen in ihr haften. Im darauf
folgenden Knabenalter jedoch fangen wir gleich an, ein sndiges Leben zu
fhren, indem wir teils das Bse aus uns selbst heraus erzeugen, teils von
andern begierig aufnehmen. Auch ohne Lehrer lernt die Seele das Bse von
selbst und richtet sich durch ihre stete Fruchtbarkeit an Lastern zu Grund,
denn die Seele des Menschen strebt, wie Moses sagt, von Jugend auf den
Bsen nach.[691]

Auf diese Weise mten wir von den Leidenschaften hingerissen und notwendig
von den uns anhngenden beln besiegt werden. Allein, der Mensch ist nach
dem Ebenbilde Gottes geschaffen und deshalb dazu bestimmt, Gott nachzuahmen
oder ihm immer hnlicher zu werden.[692] Damit der Mensch nun, welcher von
Natur verdorben ist, zu diesem Ziele gelangen knne, mu Gott sich seiner
annehmen.[693] -- Dies thut Gott auf zweierlei Art: Erstens dadurch, da er
dem Menschen die Tugenden, die gttlichen Krfte, in die Seele pflanzte,
welche ganz besonders noch durch die Beschftigung mit den Wissenschaften
angezogen werden. In diesem Sinne sagt Philo[694]:

Die Menschenseele ist ein Tempel des unsichtbaren Gottes; wenn sie nmlich
durch die vorbereitenden Wissenschaften[695] gehrig vorbereitet ist, so
drfen wir frohe Hoffnung schpfen und die Ankunft der gttlichen Krfte
erwarten. Diese steigen herab, um uns zu heiligen und zu reinigen nach dem
Befehle ihres himmlischen Vaters. Wenn sie dann in die tugendliebende Seele
eingezogen sind, sen sie in ihr die Saat der Seligkeit.

Zweitens aber thut sich Gott von oben und auen auf verschiedene Weise
kund, indem er dem hlfsbedrftigen Menschen entweder seine Engel, den
Logos (%logos%), den gttlichen Geist (%pneuma hagion%) oder die gttliche
Weisheit (%sophia%) schickt; ja er sagt sogar, da Gott selbst in die
Seelen herabsteigt.[696] Da Gott sich Allen durch seinen Geist kundgebe,
sagt Philo mit folgenden Worten[697]:

Der Herr sprach: mein Geist soll in den Menschen nicht bleiben ewiglich,
weil sie Fleisch sind. Wohl kehrt er ein, aber nicht immer bleibt er auf
ihnen; denn wer ist so vernnftig oder seelenlos, da er nie, freiwillig
oder unfreiwillig, einen Begriff des hchsten Gutes erhalten habe? Auch zu
den Verruchtesten schwebt oft pltzlich das Schne in flchtiger
Erscheinung herab, aber sie sind nicht imstande, dasselbe festzuhalten, und
bald entflieht es wieder. Es wre auch gar nicht zu ihnen gekommen, wenn
nicht in der Absicht, jene Menschen, welche das Laster anstatt der Tugend
erwhlen, zu berfhren. Nur bei denen allein, die sich vom Krper
loszureien streben, bleibt der heilige Geist bestndig.

Durch den Logos erleuchtet und belehrt Gott die Menschen ins besondere ber
sich selbst; er sendet ihnen in die tugendhaften Seelen wie einen
erquickenden Strom, heilt durch ihn die Krankheiten der Seele, flt ihr
seine heiligen Gesetze ein, muntert sie auf und strkt sie zur Beobachtung
derselben. Er wohnt und lebt in tugendhaften Seelen; er selbst ist
vollkommen rein und keiner Snde fhig. _Er ist der Mittler zwischen Gott
und den Menschen._[698] Er ist weder ungeschaffen wie Gott, noch auf
dieselbe Art wie die Menschen geschaffen. Sehr charakteristisch fr die
Auffassung des Logos im Christentum sind Philos eigene Worte[699]:

Gott lt seine Weisheit sanft in tugendhafte Seelen herniederstrmen, sie
sichert dieselben vor allen unangenehmen Empfindungen, lt aber in rohe
unwissende Seelen die Strafe gleich einem reienden Strom herniederstrzen.
Aber dem uralten _Logos, dem vornehmsten Gesandten Gottes, hat der Vater_,
welcher Alles zeugte, den ausgezeichneten Auftrag gegeben, da er auf einer
Grenze zwischen dem Schpfer und den Geschpfen stehen sollte. _Er fleht
den Unsterblichen fr den stets fehlenden Sterblichen um Gnade an und ist
der Abgesandte des hchsten Knigs an seine Unterthanen._ Er freut sich
seines Auftrags, er rhmt sich desselben und spricht: Ich stehe mitten
zwischen euch und dem Herrn (+Numeri 4816+). Er ist weder ungezeugt wie
Gott, noch gezeugt wie wir; er steht in der Mitte zwischen zwei Extremen
und ist bei beiden _ein Brge_; bei dem Schpfer steht er dafr, da
niemals das ganze Geschlecht von ihm abfallen und in Unordnung
zurckstrzen werde; dem Geschpf hingegen verbrgt er, _da es die gewisse
Hoffnung haben soll, der gndige Gott werde immer fr sein eigenes Werk
Sorge tragen_.

Philo betrachtet den Ornat des Hohepriesters als Symbol des Weltalls, und
den aus zwlf Steinen bestehenden Brustschild (Urim und Thummim), das
heilige Orakel, als das Symbol des Logos, welcher das ganze Weltall
zusammenhlt und regiert; denn, setzt er hinzu, es war notwendig, da
derjenige, welcher vor den Vater der Welt treten wollte, (der Hohepriester
im Allerheiligsten) _sich dessen mit vollkommener Tugend begabten Sohnes
als Frsprecher bediene zur Vergebung der Snden und zur Mitteilung
reichlicher Gter_.[700]------

So viel ber die direkten gttlichen Hlfen.

Die Menschen dagegen mssen ihrerseits, falls sie Krfte genug dazu
besitzen, im dritten Menschenalter (vgl. oben) durch den Unterricht
(%mathsis%) in den Vorbereitungswissenschaften zur Philosophie ihren
Verstand zu schrfen und an Betrachtungen zu gewhnen suchen. Darauf msse
eine angestrengte bung folgen (%asksis%), die in einem anhaltenden Kampf
zwischen Sinnlichkeit und Vernunft besteht, bis die Gottheit, wenn wir eine
Zeit lang Stand gehalten haben, dem Guten das bergewicht verleiht.[701]

In diesem Sinne sagt Philo[702]:

Zur Tugend gelangt man entweder durch Natur, durch Askese oder durch
Unterricht. Deswegen schreibt Moses von drei weisen Stammeshuptern unseres
Geschlechts, die zwar nicht denselben Weg einschlugen, aber zu demselben
Ziele gelangten. Der lteste derselben, Abraham, strebte auf dem Wege des
Unterrichts zur Tugend; der zweite, Isaak, erreichte sie durch die
angeborene Kraft oder durch die Natur; der dritte, Jakob, durch asketische
bungen. Es gibt also drei Arten, um zur Weisheit zu gelangen, und von
diesen berhren sich die beiden uersten am nchsten. Die Askese ist
nmlich eine Tochter des Unterrichts; die Natur dagegen ist zwar als ihre
gemeinschaftliche Wurzel beiden verwandt, aber sie hat den entschiedensten
Vorzug vor ihnen. Daher konnte nun Isaak, nachdem er durch die Natur eines
Bessern belehrt war, der Vater Jakobs werden, der sich durch die Askese
emporarbeitete. _Nur ist weder Abraham noch Jakob als Mensch, sondern beide
sind als Seelenkrfte zu nehmen_, jener fr diejenige Kraft des Geistes,
die sich zum Unterricht hindrngt, dieser fr die Willigkeit zur Askese.
Wenn aber der Asket krftig nach dem Ziele luft und hell zu schauen
beginnt, was er vorher nur im Dunkeln und wie im Traume sah, so wird sein
Name Jacob, 'der Fersenstoer', in den hhern Israel, 'Beschauer Gottes',
umgewandelt, und dann ist nicht mehr der lernende Abraham, sondern Isaak,
der selbstgelehrte Natursohn, sein Vater.

Das Verhltni zwischen Askese und Unterricht bestimmt Philo folgendermaen
genauer[703]:

Wer auf dem Wege des Unterrichts reif wird, bleibt, vom Gedchtnis und
einer glcklichen Natur untersttzt, fest bei dem Erlernten. Der Asket lt
manchmal nach, wenn er sich mit Anstrengung gebt hat, um die erschpften
Krfte wieder zu ersetzen, wie es die Athleten zu thun gewohnt sind.
Auerdem erreicht der, welcher auf dem Wege des Unterrichts nach Tugend
strebt, auch dadurch Unvernderlichkeit, da er einen unsterblichen Lehrer,
den Logos, hat und unsterblichen Unterricht von ihm empfngt. Der Asket
dagegen hat nur seinen eigenen freien Willen fr sich, welchen er
anstrengt, um das den Kreaturen angeborene Verderben auszutreiben. Aber
wenn er auch das Ziel bis zur Vollendung erreicht, so fllt er doch
zuweilen, von den Anstrengungen ermattet, in das frhere bel zurck. Der
Asket ist mehr im Kampf gebt, jener aber glcklicher, denn er hat einen
Andern zum Lehrer, whrend der Asket aus sich herausarbeitet und mit Eifer
und fortgesetzter Anstrengung in das Wesen der Dingen einzudringen sucht.

Das Verhltnis des Unterrichts und der Askese zur Natur (%physis%) bestimmt
Philo folgendermaen[704]:

Die erlernte und durch bung errungene Tugend ist der Vervollkommnung
fhig, denn der, welcher Unterricht nimmt, strebt nach Kenntnissen, die er
noch nicht besitzt, der Asket dagegen nach den Krnzen und Preisen des
Kampfes; doch das selbstgelehrte Geschlecht der Naturshne ist von
vornherein vollendet.

Nach diesen Stellen nimmt der Asket die unterste Stufe der nach Vollendung
Strebenden ein, und seine Eigentmlichkeit besteht darin, da er sich
unaufhrlich bemht, durch eigene Kraft sein Ziel zu erreichen. In diesem
Sinne sagt Philo[705]:

In der Himmelsleiter, welche Jacob im Traume sah, schaute er ein Bild
seines eigenen Lebens: denn die Askese ist ihrer Natur nach ungleich; bald
steigt sie in die Hhe, bald sinkt sie wieder herab, bald fhrt sie mit
gutem Winde, bald kmpft sie mit schlechtem, bald ist der Asket voll Leben,
bald ist er tot und begraben, so da sich die Worte Homers auf ihn anwenden
lassen:

'Da die Beid' abwechselnd den einen Tag um den andern leben und wieder
sterben.'[706]

In der That ist ihr Leben von dieser Art. Die Weisen haben nmlich den
Himmel zur Wohnung erhalten, da sie unausgesetzt in die Hhe streben, die
Schlechten aber die Hhlen des Hades, weil sie vom Anfang bis zum Ende auf
den Tod hinarbeiten und sich an der Verwesung erfreuen. Der in die Mitte
zwischen beide gestellte Asket dagegen steigt wie auf einer Leiter auf und
ab, bald von seiner besseren Natur emporgehoben, bald wieder durch die
schlechtere herabgedrckt, bis der Schiedsrichter und Herr aller Kmpfe dem
bessern Teil den Sieg verleiht und den schlechtern auf immer zerstrt.

Der Gegenstand der Askese ist also, wie aus den angefhrten Stellen
ersichtlich ist, die Wissenschaft und praktische bung der Tugend, welche
hauptschlich in der Unterdrckung des Fleisches und seiner Lste besteht.
So sagt Philo[707]:

Die Worte (+Genesis XXVIII, 11+) 'und er nahm einen Stein des Orts und
legte ihn zu seinen Hupten' haben auch nach der wrtlichen Erklrung einen
guten Sinn: sie bezeichnen das harte und rauhe Leben des Asketen. Diese
betrachten Migung, die Kunst mit wenigem zu leben, als die Grundpfeiler
des Lebens, sie verachten Geld und Ruhm, selbst die Speise und Trank,
insofern sie der Hunger nicht zwingt, davon zu kosten; sie sind im Dienste
der Tugend gleichgltig gegen Klte und Hitze und von kostbaren Kleidern
wissen sie nichts.

Die drei genannten Wege sind darin gleich, da der Tugendhafte, mag er nun
durch Askese oder Unterricht nach oben streben, oder von Natur aus schon
das Hchste besitzen, sich dem Leibe, als Quelle alles Bsen, soviel als
mglich entzieht.

Philo spricht sich folgendermaen sehr prgnant ber dieses Thema aus:

Nur die guten und weisen Menschen sind wahrhaft Gottes Geschpfe. Der
heilige Chor solcher Mnner giebt aber nicht nur den Besitz uerer Gter
auf, sondern auch das Fleisch verachten sie. Die Athleten freilich, welche
den Krper gegen die Seele auftrmen, strotzen von Kraft und Gesundheit;
aber die Tugendkmpfer sind mager, bleich und abgezehrt; sie suchen die
Krpermasse in Seelenkraft umzubilden, um ganz Geist zu werden. Das
Irdische wird mit Recht vernichtet, wenn man Gott gefallen will; aber
selten, doch nicht unmglich, ist dies Geschlecht auf Erden zu
finden.[708]

Ein jeder mu den Bruder des Geistes, den Leib, den nchsten des
vernnftigen Teils der Seele, den unvernnftigen, tten. Denn nur dann kann
der Geist in uns Diener Gottes werden, wenn erstens der Mensch ganz in
Seele aufgelst wird, dadurch, da der verbrderte Leib samt seinen
Begierden weichen mu; zweitens, wenn die Seele ihr Nchstes, nmlich den
unvernnftigen Teil (%to alogo ts psychs meros%), aufgiebt. Dieser teilt
sich wie ein Strom in fnf Arme, die Sinne, und rhrt diese durch die Macht
der Leidenschaften auf. Endlich mu noch die Vernunft ihren angrenzenden
Nachbar, die Rede, entfernen, soda nur das innere -- geistige -- Sprechen
brig bleibt, erlst von den Sinnen, erlst vom Leibe, erlst von der Rede
des Mundes. Denn nur, wenn der Geist auf diese Weise fr sich allein lebt,
kann er das Wesen rein und ungestrt verehren.[709] Damit nun
Auenstehende nicht meinen knnten, Philo verlange eine gnzliche Trennung
vom Leibe und somit eine Art Selbstmord, sagt derselbe an anderer
Stelle[710]:

Verla den Leib, die Sinne und die Erde, soll nicht heien: trenne dich
wesentlich von ihnen, sondern es heit blo: entferne dich geistig von
diesen Dingen, la dich nicht von ihnen beherrschen, denn es sind deine
Unterthanen!

Es ist aber nicht genug, da sich die Seele vom Leib, den Sinnen und der
Rede los sagt, sie mu, wenn es ihr mglich ist, aus sich selbst
herausgehen.

Philo sagt deshalb in Beziehung auf den Spruch (+Genesis XV,4.+): Und
siehe, der Herr sprach zu ihm: Er soll nicht dein Erbe sein, sondern der
von deinem Leibe kommen wird, soll dein Erbe sein[711]:

Wer wird deine Erbe sein? Nicht der Geist, der freiwillig im Gefngnis des
Leibes verharrt, sondern der sich von diesen Banden befreit, der auerhalb
der Mauern heraustritt und womglich sich selbst verlt. Denn es heit ja:
der aus dir herausgeht, wird dich beerben. Wenn du also die gttlichen
Gter zu erben wnschest, o Seele, so verlasse nicht allein die Erde, d.h.
den Leib, die Verwandtschaft, d.h. die Sinne, das Vaterhaus oder die Rede,
sondern fliehe dich selbst, gehe aus dir heraus wie die Korybanten, die von
gttlicher Begeisterung trunken sind. Denn nur da ist die Erbschaft
himmlischer Gter, wo die begeisterungsvolle Seele nicht mehr bei sich
selbst ist, sondern in gttlicher Liebe schwelgt und, von der Weisheit
geleitet, hinauf zum Vater gezogen wird.

Anderswo heit es[712]:

Der Geist, der nach Freiheit strebt, mu alles Sinnliche, wie die Organe,
die Tuschungen eines sophistischen Verstandes verlassen, ja sich selber
mu er aufgeben. Deshalb ruft auch die Schrift, das Los eines solchen
Geistes preisend, aus: 'Der Herr, der Gott des Himmels, der mich von meines
Vaters Hause genommen hat!'[713] Wer noch im Leibe und unter dem
sterblichen Geschlecht wohnt, darf Gott nicht nahen, sondern nur derjenige
vermag es, den Gott aus diesen Banden befreit. Deshalb geht auch die
Seelenfreude, Isaak mit Namen, hinaus, wenn sie allein mit Gott sein will,
sich und den eigenen Geist fliehend, denn es heit[714]: 'Isaak ging
hinaus aufs Feld gegen Abend um zu beten.' Und auch Moses, die prophetische
Rede spricht[715]: 'Wenn ich aus der Stadt, d.h. der Seele hinausgehe,
will ich meine Hnde ausbreiten'; d.h. ich will alle meine Handlungen dem
Herrn, vor dem keine Bosheit verborgen bleibt, vorlegen und ihn zum Zeugen
und Richter derselben machen. Wenn nmlich die Seele sich ihrer selbst ganz
entuert und Gott hingegeben hat, so hrt das Getmmel der Sinne auf,
welches durch die ueren Gegenstnde angeregt wird, und es herrscht
vollkommene Ruhe. Aber dies geschieht nur dann, wenn die Seele aus sich
selbst heraustritt und Gott ihre Handlungen und Gedanken weiht.

Zur Erklrung dieser Stelle fhre ich einen Ausspruch Philos an, in welchem
er sagt[716], der Geist knne in dem nmlichen Augenblick dem Wesen nach im
Krper zu Alexandria sein, der Kraft nach aber in Sizilien oder in Italien
oder gar im Himmel, sobald er nmlich ber diese Gegenstnde nachdenke.

Der Zweck des Heraustretens aus dem eigenen Ich ist das Verlangen, in Gott
zu versinken, was Philo in einem schnen Bilde in Bezug auf die Worte
Hanna's (+I. Sam. 1,15+) Ich bin ein betrbtes Weib, Wein und starke
Getrnke habe ich nicht getrunken, sondern ich habe mein Herz vor dem Herrn
ausgeschttet, sagt[717]:

Anna behauptet, da sie keinen Wein, noch anderes starkes Getrnke zu sich
nehme, und rhmt sich der Nchternheit ihres Lebens. In der That ist es
auch viel, einen freien, reinen, von keiner Leidenschaft trunkenen Sinn zu
bewahren. Wem dieses gelingt, der mag sich selbst als reines Trankopfer dem
Herrn ausgieen. Denn was bedeuten die Worte: ich will meine Seele dem
Herrn ausgieen, anders als: ich will mich heiligen; dadurch nmlich, da
die Bande, welche die eiteln Sorgen des Lebens um uns schlingen, gesprengt
werden, damit der Geist aus sich selbst heraustrete, die Grenzen des
Weltalls erreiche und selbst den himmlischen Anblick des Ungezeugten
geniee.

Diese auerordentliche Hhe der Vollendung kann nur nach langen Kmpfen
erreicht werden[718], und Philo unterscheidet daher drei Stufen des
Fortschritts: nmlich den Anfnger (%ho archomenos%), den Fortschreitenden
(%ho prokoptos%) und den Vollendeten (%ho teleios%).

Der Vollendete ist der wahre Gottmensch (%anthrpos theou%), weil er sich
Gott zum Eigentum hingegeben. Er ist mehr als ein Mensch und bildet das
Mittelglied zwischen Gott und dem sterblichen Geschlecht.[719]

Ihm kommen wegen dieser innigen Verbindung mit Gott auch wahrhaft gttliche
Eigenschaften zu, so die Unvernderlichkeit und die Freude, deren Wesen
Philo sehr schn beschreibt[720]:

Demjenigen, der Tugend durch Natur, ohne Anstrengung und Kampf zum
Eigentum erhielt, ward als Preis die Freude zu Teil, denn er wurde, wie die
Griechen sagen, %gelos%, wie die Chalder, Isaak genannt. Das Lachen ist
nmlich das sichtbare Zeichen unsichtbarer innerer Freude. Freude aber ist
die beste und edelste der menschlichen Empfindungen, durch welche die Seele
ganz und gar mit Wohlgefallen erfllt wird, indem sie sich ihres
himmlischen Vaters erfreut, ja selbst ber das, was nicht zu unserer Lust
ausfllt, wenn es nur nicht aus Bosheit, sondern zum Wohl des Ganzen
geschieht. Denn wie ein Arzt bei groen und gefhrlichen Krankheiten oft
Teile des Krpers ablst, um das Ganze zu retten, oder wie ein Steuermann
einen Teil seiner Ladung zur Rettung des brigen ins Meer wirft, ohne da
Jemand einen solchen Steuermann tadelt, so mu man auf hnliche Weise
berall das Urwesen bewundern und alles, was in der Welt geschieht,
lobpreisen und sich daran erfreuen, nur das ausgenommen, wobei Bosheit im
Spiel ist, ohne daran zu denken, ob etwas uns Vorteil bringe, sondern ob
die Welt gleich einem wohlgeordneten Staat zum Heile des Ganzen regiert
werde.

Auer der Freude wird noch der Friede das Eigentum des Weisen genannt, und
neben diesen Gtern des Herzens und Gemts sind noch die hchsten Schtze
des Geistes Eigentum des Vollendeten. Vollendung der Weisheit aber besteht
im Schauen Gottes, welches nur den Vollkommenen zu Teil wird. ber die Art
dieses Schauens drckt Philo sich nicht bestimmt aus, sondern nennt es
gewhnlich eine unvollkommene und nur annhernde Erkenntnis.[721]

Nur einige wenige Menschen bedrfen der Anstrengung des Unterrichts und der
Askese nicht, da sie Gott schon vor Geburt, noch ehe sie etwas Gutes gethan
haben konnten, vortrefflich ausbildete und zu einem bessern Schicksal
bestimmte.[722] Es sind dies die vollkommenen gttlichen Menschen. ber
diese sagt Philo[723]:

Die Stelle (+Genesis VI. 4+): 'Es waren auch zu den Zeiten Riesen auf
Erden' sei nicht wrtlich zu nehmen, als wren damals wirklich Riesen auf
Erden gewesen; sondern die Schrift will uns mit diesen Worten andeuten, da
es dreierlei Menschen gibt: irdische, himmlische und gttliche. Die
irdischen sind die, welche in das Fleisch versunken sind und nur das
treiben, was Lust erregt. Himmlische Menschen sind alle Freunde der Kunst,
der Wissenschaft und Weisheit, denn das Himmlische in uns ist der Geist.
Der Geist aber beschftigt sich mit himmlischen Dingen, mit den
Wissenschaften und Knsten, um sich durch Betrachtung der bersinnlichen
Dinge zu ben und zu strken. _Gttliche Menschen endlich sind die Priester
und Propheten, welche es verschmhten, Brger der Erde zu werden, sondern,
alles Sichtbare und Sinnliche berfliegend, in die geistige Welt
einwanderten und sich in den Staat unvergnglicher Ideen einschreiben
lieen._ -- Ein solcher Mann Gottes hngt an seinem Gott allein, folgt ihm
und richtet nach ihm die Pfade seines Lebens. Die Shne der Erde aber haben
seinen Geist aus seinem Besitz, nmlich der Denkkraft, ausgetrieben und
graben aus den finstern Schachten des unbeseelten Fleisches. Auf sie lt
sich der Ausspruch des Gesetzgebers anwenden: 'Beide werden zu einem
Fleische' (vgl. +Genesis, II. 24+); 'sie haben das herrlichste Geprge
verflscht, die bessere Stellung verlassen und sind berlufer geworden zum
Schlechten und Entgegengesetzten.'

Den Shnen der Erde, welche nicht Kraft genug besitzen, sich aus eigener
Kraft in die Hhe zu schwingen, knnen fnf Hilfsmittel dienen, nmlich:
die schaffende, herrschende, gebietende und verbietende Kraft sowie die der
gttlichen Gnade, denn wer einsieht, da Gott die Welt geschaffen hat, wird
von Liebe zu ihm hingerissen; wer wei, da Gott der Herr des Geschaffenen
ist, wird wie der Unterthan durch die Furcht vor dem Knig und wie ein
Kind, wenn nicht durch Liebe, doch durch die Furcht vor den zgelnden
Zwangsmitteln des Vaters -- von der Snde zurckgehalten, wer berzeugt
ist, da Gott gndig ist, wird aus Hoffnung auf Vergebung sich bessern; und
wer endlich glaubt, da Gott Gesetzgeber ist, wird entweder seinen Geboten
gehorchen, oder doch wenigstens seine Verbote nicht bertreten.[724]

Die in den Snden Verharrenden straft Gott nicht gleich nach seiner Gte,
sondern lt ihnen Zeit zur Bekehrung und Verbesserung ihrer Fehler oder
schiebt doch die Strafe wegen der unter ihnen wohnenden Rechtschaffenen
auf, da diese ein Lsegeld fr die Bsen sind, die sie durch Unterricht auf
bessere Wege zu bringen suchen und teils durch ihre guten Erfolge, teils
durch ihre Person, um welche herum die Gottheit lauter Wohlthaten
verbreitet, die Strafe abwenden. Sobald die Sndigen sich zu bessern
beginnen, vergiebt ihnen die gttliche Gnade nach ihrer Gerechtigkeit, ohne
sich darum bitten zu lassen.[725]

Wer aber an der Snde wie an einer unheilbaren Krankheit darnieder liegt,
der mu bestndig sein nie aufhrendes Unglck tragen, verstoen in die
Gegend der Gottlosen, um hartes unaufhrliches Unglck zu leiden.[726]
Diese Gegend ist jedoch nicht der fabelhafte Hades, sondern der Sitz der
Lste, Begierden und alles Bsen.[727] Die Menschen glauben zwar, der Tod
sei das Ende aller Strafen, da er doch vor dem Tribunal der Gottheit kaum
der Anfang davon ist; denn es giebt eine doppelte Art des Todes: die
Trennung der Seele vom Krper, eine, wo nicht gute, so doch gleichgltige
Sache, und _das Ersterben in Snden_, welches durchaus bel und je lnger
desto bler wird. Dieser ewige Tod besteht in einer bestndigen
hoffnungslosen Traurigkeit und Furcht.[728]

Die Tugendhaften dagegen, welche ein gutes praktisches Leben fhrten,
belohnt Gott im Alter mit einem einsamen der Betrachtung geweihten Leben,
wodurch sie zum endlichen Ziele ihres Strebens, zur wahren Weisheit und
Erkenntnis Gottes gelangen durch wahre Freude und Glckseligkeit und
Heimsuchung ihrer Seelen durch die Gottheit, deren Tempel sie sind.[729]

Diejenigen Seelen, welche nach der Vollendung ihrer irdischen Laufbahn noch
starke Reize zum Bewohnen der von Natur aus bsen Krper empfinden, kehren
nach dem Tode wieder in andere zurck. Die aber des eiteln Lebens vllig
berdrssig sind, betrachten den Krper als ein Gefngnis oder Grabmal, in
welches sie sich nur aus Wibegierde einschlieen lieen[730]; sie erheben
sich schnell zum ther und wohnen dort von Ewigkeit zu Ewigkeit.[731]




Drittes Kapitel.

Die Elemente der Gnosis bei Philo.


Die fr die Geschichte der Gnosis wichtigen Grundprinzipien der Hermeneutik
Philos sind die folgenden:

Der hchste Zweck der gttlichen Offenbarungen ist der, dem Menschen die
ewigen Wahrheiten mitzuteilen, die sich auf den Geist als den wahren
Menschen (%nota%) beziehen und diesen dadurch mit Gott und der Geisterwelt
(%kosmos notos%) in Verbindung zu setzen. Um nun den Menschen, der doch
ohne die Erweckung seines geistigen inneren Sinnes von dem Gttlichen
nichts vernehmen kann, nach und nach aus sich selbst zu erwecken und auch
zum Nutzen derer, die zu dieser hchsten Stufe des religisen Lebens noch
nicht gelangt sind, zu wirken, sind diese hheren Wahrheiten in die Hlle
einer zur sittlichen Belehrung und Besserung dienlichen Geschichte und
praktischen Religionseinrichtungen eingekleidet worden.

Jene hhern Wahrheiten sind die eigentliche Seele des Ganzen, das Reale,
welches nichts weiter suchen lt (%to sma%); die Geschichte ist im
Verhltnis dazu nur ein Schatten (%skia%). Fr diejenigen, welche nur das
in die Augen Fallende betrachten, hat das Ganze auch historischen Sinn;
hher aber stehen Diejenigen, welche in die innere Natur, die verborgene
Kraft, das wahrhaft Reale einzudringen fhig sind. Das scheinbar Bse oder
Unmoralische in den somatischen oder notischen Offenbarungen fgt sich
hherer Harmonie als gut oder ist allegorisch zu deuten.

In der Theosophie Philos findet sich die allen orientalischen Systemen
gemeinsame Unterscheidung zwischen einem verborgenen, in sich
verschlossenen, unbegreiflichen, ber jede Bezeichnung und Abbildung
erhabenen Wesen der Gottheit und dessen Offenbarungen, als dem ersten
bergangspunkt zur Schpfung, dem Grund aller Lebensentwicklung (%ho n, to
on%).

Jehovah und seine Offenbarung oder der Inbegriff aller im Wesen Gottes
verborgenen Krfte (%dynameis tou ontos, logos tou ontos%), wobei Philo
immer den Gegensatz vor Augen hat zwischen einem %heinai%, in sich selbst
sein, und %legesthai%, ausgesprochen, geoffenbart werden: Die unmittelbare
Wirkung des verborgenen und insofern noch nicht schaffenden Gottes, nicht
die Welt, sondern der %logos%, durch den er alles hervorgebracht.

Alles Dasein und alles Erkennen ist eine Offenbarung desjenigen, der in
sich selbst unsichtbar, alles ans Licht frdert. Die Gottheit ist der
Urquell alles Lichts, von welchem Strahlen nach allen Seiten hin ausgehen.
Vermge dieser Strahlen hat Gott Leben aus sich hervorgebracht, wirkt durch
dieselbe immerfort im Weltall und teilt sich dem Empfnglichen mit, diese
Strahlen sind %dynameis tou ontos%. Vermge derselben ist Gott berall
gegenwrtig, denn kein Platz der Schpfung ist von seinen Krften
unerfllt; durch diese verknpft er alles mit unsichtbaren Banden; daher
ist er berall und nirgends, berall nmlich durch die Allerfllung seiner
Krfte, und doch nirgends, weil das Wesen Gottes als solches nirgends
erscheinen kann.

Wo also von Theophanien die Rede ist, da ist es nicht das %on% oder der
%n%, sondern eine %dynamis%, die in Erscheinung trat. Nicht der %ousids
theos%, sondern seine %do xa%, Schechinah, die ihn reprsentierenden Krfte
oder hchsten Geister kamen herab.

Als %n% ist Gott der %onomastos% oder %akatonomastos%, ber jede
Bezeichnung erhaben und nur in seinen einzelnen Krften bezeichnet, diese
Krfte sind daher eben so viele Namen des an und fr sich Unnennbaren.
Diese Krfte sind teils die verschiedenen Relationen, in denen der
unbegreifliche %n%, der endlichen Vernunft aktiv erscheint, teils die
einzelnen Vollkommenheiten hchst potenziert als Individualitten.

Insofern das %on% an und fr sich ber jede Bezeichnung erhaben ist und
nur nach den von denselben ausstrahlenden Krften bezeichnet werden kann,
welche alle der %logos% in sich schliet, nennt er ihn vorzugsweise %onoma
ton theou% und zugleich %polynymos%, als %archangelos%, weil er nicht blos
eine einzelne gttliche Kraft darstellt, sondern alle in sich fat, die
%arch%, das erste Glied und das erste Prinzip in der Kette der
Lebensentwickelung, in dem das %on% an und fr sich mit derselben in keine
Berhrung kommt, wie die Gnostiker sich deutlich ausdrckten, nicht %arch%
sondern %proarch% ist der hchste Gottesbetrachter, das Ideal der hchsten
Kontemplation. Dasselbe, was er von %ouranios sophia% als %horasis theou%
sagt, diese personifizierte himmlische Weisheit als Inbegriff der
himmlischen Tugenden, welche Gott aus seinem himmlischen Licht auf ewig
unauslschlich hervorgehen lie.

Wie der %logos%, die allgemeine Offenbarung des %on% das allgemeine %eikn
tou ontos%, so ist im Besondern jeder Engel eine Offenbarung Gottes, jeder
Geist eine Offenbarung des verborgenen Gottes. Philo definiert daher einen
Engel als %eikn tou ontos%, und so definierten die Valentinianer einen
Engel als %logon epangelian echonta tou ontos%. Der %logos% als der
allgemeine Gottesoffenbarer heit eben in dieser Beziehung im Verhltnis zu
den einzelnen %logois archangelois%.

Auch der Geist, der eigentliche Mensch im Menschen, hat dieselbe
Bestimmung, Gott zu offenbaren und gttliches Leben in sich aufzunehmen und
aus sich zu verbreiten. Die Seelen sind nicht verschieden von den
himmlischen Geistern, sondern himmlische Wesen, in die zeitliche ihrer
Natur fremdartige Welt herabgesunken. Der menschliche Geist ist also auch
ein Bild des %on%, aber nicht unmittelbar, denn der unmittelbare Abdruck
des Bildes des verborgenen Gottes ist nur sein %logos%, jede endliche
Vernunft nur ein Abbild und Offenbarung jener hchsten Gottesvernunft. Nach
dem Bilde des hchsten Allvaters kann nichts Sterbliches geschaffen werden,
sondern nur nach dem Bilde des zweiten Gottes, welches der %logos% ist. Der
Charakter der Vernunft in den menschlichen Seelen mute von dem hchsten
%logos% eingeprgt werden, weil %hoprtos logos theos% hher ist als jede
vernnftige Natur, so konnte dem ber den %logos% Erhabenen, der den
hchsten und vor allen anderen ausgezeichneten Platz einnimmt, nicht
Geschaffenes hnlich gebildet werden.

Der Mensch ist also das Bild und der Abdruck eines himmlischen und ewigen
Offenbarers der verborgenen Gottheit; das Menschliche soll vergttlicht
werden, Offenbarung gttlichen Lebens in menschlicher Form, wie das Leben
des verborgenen Gottes dem Menschen nur nahe gebracht werden konnte in
menschlicher Form. Der %logos% wurde daher angesehen als das Urbild der
Menschen, der Mittelpunkt aller Offenbarung des gttlichen Lebens, das
weiter entwickelt und individualisiert erscheint in der Menschheit; der
%logos% ist also der Urmensch, der himmlische Mensch, %ho theias adiaphorn
eikonos%.

Es giebt zweierlei Erkenntnis der Gottheit.

1. Das Erkennen des %on% nicht als solches, nicht in seinem verborgenen
Wesen, sondern in seiner Offenbarung, in seinem ewigen Wort, welches
Ursache und beseelendes Prinzip der ganzen Schpfung ist, durch die
Schpfung selbst, die Offenbarung darstellend, durch einzelne Geister als
gttliche Gesandte, durch einzelne von Gott erregte Gedanken und Lehren.

2. Das Erkennen des %on% in sich selbst. Trotzdem das %on% an und fr sich
ein Gegenstand wissenschaftlich-logischer Erkenntnis sein kann, trotzdem
sich von demselben kein Verstandesbegriff geben und berhaupt nichts
prdizieren lt, so giebt es doch eine unmittelbare Offenbarung, erhaben
ber alle Verstandeserkenntnis, ber alle mittelbare Offenbarung desselben,
ber alle analogische von der Schpfung auf den Schpfer schlieende
Erkenntnis, wodurch der Geist eine ber allen %logos% und alles %logikon%
erhabene Gewiheit und Klarheit erhlt.

Philo drckt diesen Gegenstand aus durch: Erkennen Gottes, des %on%, in
sich selbst und in seinem Schatten (+Leg. Alleg. p.79+): Diejenigen,
welche so denken, erkennen Gott aus seinem Schatten (der Schpfung); es
giebt aber einen vollkommeneren und gereinigteren Geist, der, eingeweiht in
die groen Mysterien, nicht aus den Werken die Ursache erkennt, wie aus dem
Schatten des Wahrhaften, sondern ber alles Erstandene sich erhebend, die
klare Offenbarung des Ewigen erhlt, da er ihn selbst in sich selbst
erkenne, und zugleich dessen Schatten, den %logos% und diese Welt. Das
%on% wird vielmehr in seiner klaren Selbstoffenbarung erkannt, als durch
Argumente bewiesen.

In Rcksicht auf die doppelte Erkenntnis des %on% in sich selbst und das
durch den %logos% offenbarten, giebt es zwei Standpunkte der religisen
Betrachtung: den Standpunkt der %hyioi theou% in eigentlichem Sinn, welchen
die unmittelbare Anschauung des %on% zu Teil geworden und der %tou logou
hyioi%. Diesen zwei Standpunkten der Religionserkenntnis entsprechen zwei
verschiedene Standpunkte der praktischen Gottesverehrung. Die %theou dia%,
welche die hchste Gotteserkenntnis erlangt haben, finden allein in der
Gemeinschaft mit ihm Beseligung und dienen ihm nur um seiner selbst willen,
von der Liebe zu ihm beseelt. Die %logou hyioi%, welche Gott noch nicht
nach seinem Wesen, sondern nur nach seinen Werken oder seiner Thtigkeit
erkannt haben, sind noch nicht fhig, das Beseligende der Gemeinschaft mit
Gott zu erfahren, noch nicht empfnglich fr die hchsten Triebfedern der
Religion. Sie mssen noch durch Hoffnung und Furcht angetrieben und erzogen
werden, und Gott lt sich zu diesen ihren Bedrfnissen herab. Aber von ihm
selbst unmittelbar kann keine Strafe herrhren; er ist nur die Quelle des
Segens und der Beseligung fr alle Empfnglichen, und vollzieht die
Strafgerichte ber die, welche dadurch erzogen werden knnen, durch
dienende Geister.

Es giebt also eine Religion der %pneumatika% und eine Religion der
%psychikoi%; die %pneumatikoi% erkennen das %on% und die %psychikoi% einen
dieses reprsentierenden Geist, welchem deren Erziehung und Regierung
bertragen wurde.

Dieser die Gottheit reprsentierende Engel, der Erzieher und Zuchtmeister
der Welt, ist der Demiurgos.

Als Eins erscheint das %on%, wenn die Seele vollkommen gereinigt, nicht nur
ber die Vielheit, sondern auch ber die der Einheit am nchsten verwandte
Zweiheit sich erhebt, zu der reinen und selbstgenugsamen Idee.

Als Drei erscheint der Seele das %on% nicht unmittelbar wie es in sich
selbst ist, sondern nur mittelbar als schaffend und herrschend.

Die Juden sind das dem %on% geweihte Volk[732], welches dieser selbst
regiert, whrend die andern Vlker andere Krfte Gottes zu ihren Vorstehern
haben; aber auch Israel zerfllt in einen %isral ais thtos% und einen
%isral notos%. Der ersten Klasse offenbart sich Gott durch seine Engel,
weil sie der reinen geistigen Gottesverehrung nicht fhig sind. Den rein
geistigen und seiner Verehrung geweihten Seelen kann sich Gott offenbaren,
wie er in sich selbst ist; er geht mit ihnen um, wie der Freund mit dem
Freunde; denen aber, die noch im Krper sind, offenbart sich Gott unter der
Gestalt der Engel, nicht als ob er seine Natur verwandle, sondern indem er
die Vorstellung bei ihnen erregt, da das Bild das Urbild selbst sei. So
wie diejenigen, welche die Sonne nicht selbst betrachten knnen, ihr Bild
im Widerschein fr sie selbst halten, so sehen diese Gottes Bild, seinen
Engel, fr ihn selbst an.

Gott und seine Krfte knnen sich in scheinbar sinnlichen Formen der
Menschheit offenbaren, die jedoch kein reales Dasein haben; die hheren
Naturen nehmen mannigfach wandelbare Formen an je nach den Bedrfnissen
derer, denen sie erscheinen.

Es ist notwendig, da die ganze Schpfung belebt sei, denn Gott, die
Urquelle alles Lebens und die Summe aller Krfte, ist berall gegenwrtig;
darum wird auch jeder Teil der Schpfung ihm angemessene Bewohner haben.

Diese Geisterwelt ist ein intelligibler Staat, worin die Angelegenheiten
des %kosmos aisthtos% und besonders der Menschheit erledigt werden.

Die Mitte dieses intellektuellen Staates hat den %logos% inne, der
erhabenste aller Geister der aktive %on%. Er ist das Triebrad im innern
Wesen der Gottheit wie der gesamten Geisterwelt. Gott vertraute ihm bei der
Schpfung das allmchtige Werde! an, und also entstand die Welt durch ihn.
Er schuf die Formen der Dinge durch seine Weisheit, denn er ist der Sohn
der Weisheit, vom Vater gezeugt, ehe die Welt erschaffen worden. Er
vereinigte Macht und Gte bei der Schpfung und machte dadurch Gott zum
hchsten Guten. Er fhrte zur Bezeichnung seiner Eigenschaften und Krfte
dem Namen %polynymos%.

Der Mensch ist fhig, in eine unmittelbare Gemeinschaft und einen
vertrauten Umgang mit den Krften des %n% zu kommen, wozu die moralische
Gte und die Askese die Haupterfordernisse sind. Durch diesen Umgang wird
die Seele hoher Macht und Kenntnisse teilhaftig. Denn, wenn der
Menschengeist auch durch eigene Kraft vieler Knste und Wissenschaften
fhig ist, so vermag er doch nur durch bersinnliche Hlfe wahrhaft
begeistert zu werden, und nur vermittelst dieses Umgangs gelangt er zur
wahren Erkenntnis des Guten und Wahren. Ist die Seele durch ihre Verbindung
mit der Geisterwelt und namentlich durch den Einflu des Logos zur
Erkenntnis der eigentlichen Grundideeen der Dinge gelangt, dann erhebt sie
sich ber sich selbst, tritt mit dem Logos in Gemeinschaft und ersteigt den
Gipfel der reinsten Erkenntnis; ihr Flug ist fortan nur himmelwrts
gerichtet.




II.

Die Therapeuten und Esser.


Die Sittenlehre der alexandrinischen Propheten ist das Gesamtprodukt des
vterlichen Glaubens, der platonischen Philosophie und der
Zeitverhltnisse, insofern der politische Druck, welcher auf den Juden
lastete, einige ihrer Leute zwang, im eigenen Innern den Trost und die
Befriedigung zu suchen, die ihnen die Auenwelt versagt, daher ihre Mystik.

Als Anhnger Platos flchteten sich so die Mystiker unter den
alexandrinischen Juden in die innere Geisteswelt, und die Entfremdung von
der Welt, die Abttung des Leibes wurden zur hchsten Tugend. Doch als
Juden, die im unerschtterlichen Glauben an ihr Gesetz aufgewachsen waren,
gaben sie nur die irdischen Hoffnungen der _nchsten_ Zeit auf und
erwarteten nach den alten Verheiungen eine herrliche Zukunft voll Glck,
in welcher ihr Glaube die ganze Welt beherrschen werde. So wurde die
Hoffnung, da einst bessere Zeiten kommen wrden, der Glaube, da der Gott
der Vter sein Volk nicht verlassen werde, das Merkmal der echten Juden,
und wenn ihr in der Fremde von allen irdischen Genssen abgekehrtes Gemt
nicht ersterben sollte, mute jene tiefe, in allen Systemen der Mystik
wiederkehrende Liebe die Leere des von der Auenwelt unbefriedigten
Judengemts ausfllen.

Nur aus diesen allgemeinen Verhltnissen lt es sich erklren, warum wir
in beinahe allen briggebliebenen Denkmlern der alexandrinischen
Theosophie neben den platonischen Tugenden den Glauben, die Liebe, die
Hoffnung und die Befreiung von den Fesseln des Fleisches als die hchsten
Gter genannt finden. -- So viel ber die jdischen Mystiker in Alexandria.

Es ist nun der Nachweis zu fhren, da die alexandrinische Theosophie, die
Lehre Philos, nach Palstina verpflanzt wurde. Dieser Beweis ergiebt sich
daraus, da die Sekte der Therapeuten der alexandrinischen Mystik zugethan
war und da die Esser, wenn sie nicht von ihnen abstammen, doch auf das
Engste mit ihnen zusammenhngen.

Da die Therapeuten die theosophischen Anschauungen Philos teilten, geht
aus dem groen Lob hervor, welches dieser ihnen spendet; denn in einer
religis so bewegten Zeit, wie die Philos war, wird nicht leicht ein
Mystiker von so ausgeprgten Anschauungen wie Philo eine religise Partei
loben, deren Lehren nicht mit den seinen harmonieren. Philo sagt von den
Therapeuten[733]:

Das an das Schauen gewhnte Geschlecht der Therapeuten mge fortwhrend
nach der Erkenntnis des Hchsten streben, es mge die sichtbare Sonne
berfliegen und nie seinem Berufe untreu werden, welcher zur vollkommenen
Glckseligkeit fhrt. Denn diejenigen, welche sich der Beschauung weihen,
-- nicht aus Gewohnheit oder durch uere Anforderungen bewogen, sondern
von himmlischer Liebe ergriffen, -- sind wie Korybanten hherer
Begeisterung voll, bis sie das Ersehnte erschauen. Und weil sie aus
heiliger Sehnsucht nach dem seligen und ewigen Leben schon hier der
sterblichen Hlle abgestorben zu sein glauben, berlassen sie freiwillig
alle Habe ihren Shnen, Tchtern, sonstigen Verwandten und Freunden.

Zeugt nun schon dieser und mancher andere Ausspruch Philos fr die
Wahrscheinlichkeit der Gleichheit seiner religisen Anschauungen mit denen
der Therapeuten, so lt sich dieselbe auch thatschlich nachweisen. Dazu
ist jedoch notwendig, da wir Philos Nachrichten von den Therapeuten
vollstndig wiedergeben. Er sagt[734]:

Wenn sie ihr Vermgen abgetreten haben, fliehen sie -- von keinem Reize
mehr zurckgehalten -- unaufhaltsam weg von Brdern, Kindern, Weibern,
Eltern, von ihren Verwandten und Freunden, von dem Orte, wo sie geboren und
erzogen wurden. Denn sie kennen den verderblichen Einflu, welchen die
Gewohnheit auf bessere Entschlsse ausbt. Sie wandern auch nicht nur in
eine andere Stadt wie unglckliche oder schlechte Sklaven, die ihren
seitherigen Herrn um Verkauf bitten und damit keine Freiheit, sondern nur
einen Wechsel der Knechtschaft erreichen: vielmehr eilen sie hinweg von
allen Stdten (denn jede -- auch die besser eingerichtete -- ist voll Lrm,
voll Unheil und Unruhen aller Art, welche ein Mann nicht mehr ertragen
kann, der einmal die Weisheit gekostet hat), in Grten und entlegene
Landhuser, um die Einsamkeit zu genieen, nicht als ob sie die Menschen
haten, sondern weil sie wissen, da der Umgang mit Andersgesinnten, der in
der Welt nicht vermieden werden kann, Verderben bringt.

Das Geschlecht der Therapeuten ist ber die ganze Erde verbreitet, denn
Hellas und die Lnder der Barbaren sollten einer so edeln Anstalt nicht
entbehren. In grter Anzahl aber finden sie sich in gypten, in jedem der
sogenannten %noma% und endlich in der Nhe von Alexandria. Die besten unter
allen Therapeuten eilen -- als in die gemeinsame Heimat -- an einen schnen
Ort, der ber dem See Mris auf einer sanften Anhhe liegt und hinsichtlich
der Sicherheit wie der gesunden Luft alle Vorzge vereinigt. Fr die
Sicherheit sorgen nmlich die umherliegenden Hfe und Drfer, und seine
gesunde Luft verdankt der Ort den Winden, die sowohl vom See her, welcher
ins Meer ausmndet, als auch von dem nahen Ozean wehn. Die Lfte vom See
her sind fein, die vom Meer her dichter, die Mischung beider ist der
Gesundheit sehr zutrglich. Die Huser dieses Ortes sind sehr einfach und
nur auf die notwendigsten Bedrfnisse berechnet, nmlich zum Schutz gegen
die Klte, sowie gegen die Glut und Sonne. Sie stehen nicht so nahe
aneinander wie in den Stdten, denn Nachbarschaft ist beschwerlich fr die,
welche die Einsamkeit suchen; aber sie sind auch nicht sehr weit
voneinander entfernt, teils weil ihre Bewohner Gemeinschaft mit einander
haben wollen, teils zur Sicherheit und gegenseitigen Untersttzung bei
Angriffen von Rubern. In jedem Hause ist ein Heiligtum, das sie Semneion
oder Monasterion nennen, in welchem Jeder in tiefer Einsamkeit die
Geheimnisse des geweihten Lebens bt. Sie bringen nichts in dieselben, was
zur Notdurft des Lebens gehrt, keine Speise, keinen Trank; sie
beschftigen sich dort allein mit Gesetzen und Orakeln, von Propheten
erteilt, mit Lobgesngen auf Gott und solchen Dingen, durch welche
Wissenschaft und Frmmigkeit gefrdert werden. Das Denken an Gott weicht
nie aus ihren Seelen, so da sie auch im Traume nichts anderes als die hohe
Schnheit der gttlichen Tugenden und Krfte schauen. Viele reden selbst im
Schlafe von den herrlichen Lehren heiliger Philosophie.[735] Zweimal beten
sie tglich mit der Morgenrte und gegen den Abend. Wenn die Sonne
emporsteigt, flehen sie um einen wahrhaft guten Tag, da nmlich das
himmlische Licht in ihren Seelen aufgehe. Wenn sie untergeht, bitten sie,
da ihre Seelen gnzlich befreit von der Last der Sinnesorgane und der
ueren Welt, in ihr innerstes Heiligtum versenkt, die Wahrheit erschauen
mgen. Die Zeit zwischen Morgenrte und Abend wird von ihnen religiser
bung geweiht. Mit den heiligen Schriften beschftigt, suchen sie Weisheit,
indem sie den heiligen Urkunden einen tieferen Sinn unterlegen, denn sie
glauben, da die Worte Sinnbilder einer tiefer liegenden Wahrheit seien,
die nur angedeutet, nicht ausgesprochen ist. Sie besitzen auch Schriften
alter Weisen, der Stifter ihrer Sekte, welche viele allegorische Denkmale
hinterlassen haben. Nach Anleitung dieser suchen sie die verborgene
Weisheit auf. Auerdem aber dichten sie selbst auch Gesnge, auch Loblieder
auf Gott in mannigfachem Metrum, je nach dem es der Gegenstand erfordert.
Sechs Tage lang sind sie, jeder fr sich, in der Einsamkeit, in den oben
beschriebenen Monasterien beschftigt, ohne je die Schwelle des Hauses zu
berschreiten, ja selbst ohne hinauszugehen. Am siebenten kommen sie
zusammen und setzen sich nieder nach ihrem Alter in anstndiger Stellung,
die Hnde einwrts gekehrt, die Rechte zwischen Brust und Kinn, die Linke
an die Hfte geschmiegt. Der lteste und Erfahrenste tritt auf und spricht
mit ruhigem Blick und gelassener Stimme, nicht wie die heutigen Rhetoren
und Sophisten auf knstliches Gerede bedacht; sondern grndlich den hheren
Sinn der heiligen Schriften entwickelnd, in einem Vortrag, der nicht blos
am Ohr vorbereilt, sondern in die Seele eindringt und bleibend wirkt. Die
Andern hren ruhig zu und geben ihren Beifall nur im Winken der Augenlider
und des Hauptes zu erkennen. Das gemeinschaftliche Semneion, in welchem sie
sich am siebenten Tage versammeln, besteht aus zwei getrennten Flgeln,
deren einer fr die Mnner, der andere fr die Weiber bestimmt ist. Denn
auch Weiber, die von demselben Eifer beseelt sind und die gleiche Lebensart
erwhlt haben, hren zu. Die Mauer zwischen beiden Betslen erstreckt sich
drei oder vier Ellen hoch nach Art einer Schutzwehr. Der obere Raum bis zum
Dach ist freigelassen. Diese Einrichtung hat zwei Grnde: Erstlich, da der
Anstand, der sich fr Weiber ziemt, gewahrt werde; und zweitens, damit
letztere doch die Stimme des Sprechenden leichter vernehmen knnen.

Die Enthaltsamkeit erachten sie fr den Grund aller Tugenden, auf welchen
die andern gebaut werden mssen. Vor Sonnenuntergang nimmt keiner von ihnen
Speise oder Trank zu sich, denn sie betrachten die Beschftigung mit
Weisheit als das einzige wrdige Werk des Lichts, die krperliche Notdurft
dagegen als eine Sache der Finsternis, weshalb sie jener die Tage, dieser
einen kurzen Teil der Nacht widmen. Einige von ihnen, die inbrnstiger nach
Weisheit streben, denken erst nach drei Tagen an Nahrung; andere sind so
ganz den Tiefen des Wissens hingegeben, welches reichlich ihre Seelen
nhrt, da sie doppelt so lange ausharren und kaum am sechsten Tage
notdrftige Kost zu sich nehmen. Sie gleichen hierin den Cicaden, die, wie
man sagt, sich von Luft nhren, weil -- wie ich glaube -- der Gesang ihre
Bedrfnisse stillt. Den siebenten Tag betrachten sie als das heiligste Fest
und feiern ihn hoch. Nchst der Seele gnnen sie an demselben auch dem
Leibe bessere Pflege, als wollten sie selbst dem tierischen Teile unseres
Wesens Ruhe von der anhaltenden Anstrengung gewhren. Ihre Kost ist
einfach: Brot und als Zusatz etwas Salz; wer sich recht gtlich thun will,
nimmt ein wenig Ysop dazu. Ihr Trank ist Quellwasser. Sie begngen sich,
die zwei Gebieter, welche die Natur ber uns verhngt, den Hunger und
Durst, zu befriedigen, ohne ihnen zu schmeicheln. Nur das Ntigste, ohne
welches man nicht leben knnte, gewhren sie ihnen. Deshalb essen sie, um
nicht zu hungern und trinken, um nicht zu drsten. berfllung betrachten
sie als gleich schdlich fr Leib und Seele.

Zur Bedeckung gehren Kleider und Wohnung; von letzterer haben wir schon
gesagt, da sie schmucklos, ohne besondere Zurstung und nur auf das
Bedrfnis berechnet sei. Ebenso verhlt es sich auch mit ihrer Kleidung.
Sie dient ihnen blos zum Schirm gegen Hitze und Klte; im Winter ein
dichtes Oberkleid aus zottigem Fell, im Sommer ein Gewand mit rmeln oder
ein Stck Leinwand. Denn auf alle Weise sind sie dem Prunke feind, wohl
wissend, da Lge Quell des Prunkes, Wahrheit Quell der Prunklosigkeit ist.
Aus der Lge strmen die vielfachen Arten des Bsen, aus der Wahrheit
dagegen der Reichtum himmlischer und irdischer Gter.

Der ppigkeit der anderen Nationen will ich die gemeinsamen Mahle der
Therapeuten entgegenstellen, welche sich und ihr ganzes Leben der Weisheit
und Frischung nach den heiligen Vorschriften des Propheten Moses geweiht
haben. Am siebenten Sabbath kommen sie zusammen, indem sie nicht nur die
einfache Siebenzahl, sondern auch deren Kraft (Quadrat) ehren; denn sie
wissen, da sie ewig rein und jungfrulich ist. Dieser Tag wird begangen
als Vorfeier des hocherhabenen Festes der Fnfzig (Tage -- Pfingsten),
dieser heiligsten und mit der Natur der Dinge innigst verbundenen Zahl, die
aus der Kraft des rechtwinkeligen Dreiecks entstanden, Urquell der
Schpfung aller Wesen ist. Wenn sie in weien Gewndern, heiter, doch mit
Ernst, versammelt sind, so stellen sie sich auf ein Zeichen des
Ephemereuten (so heien diejenigen, denen dieses Geschft obliegt) in
grter Ordnung lngs der Wand hin auf, heben die Augen und Hnde zum
Himmel empor; jene, weil sie gelehrt wurden, das wahrhaft Sehenswerte zu
schauen, diese, weil sie rein von Frevel und durch keinen ungerechten
Erwerb befleckt sind, und flehen zu Gott, da ihr Mahl ihm angenehm sein
mge. Nach dem Gebet legen sie sich nieder in einer Reihenfolge, welche die
Zeit des Eintritts in die Gesellschaft bestimmt; denn nicht das natrliche
Alter halten sie in Ehren -- vielmehr gilt ihnen der Greis, der erst spt
die geweihte Lebensart ergriff, fr ein Kind--, sondern Diejenigen haben
den Vorzug, welche sich von Jugend auf der theoretischen Weise, dem
schnsten und gttlichsten Leben geweiht haben und darin erstarkt sind.
Auch Frauen feiern das Mahl mit, meist alte Jungfrauen, die nicht -- wie
gewisse Priesterinnen unter den Griechen -- blos aus uerem Zwang ihre
Jungfrulichkeit bewahrten, sondern aus heiligem Eifer die Weisheit sich
zur Gefhrtin auserkoren und die Lste des Krpers bei Seite setzten,
nicht nach sterblichen Sprlingen begierig, sondern nach unsterblichen,
welche nur eine gottliebende Seele gebren kann, wenn der Vater der Welt
seine geistigen Strahlen und mit ihnen die Erkenntnis hherer Weisheit ber
sie ergiet.

Die Teilnehmer des Mahles sind in zwei abgesonderte Reihen geordnet:
rechts die Mnner und links die Weiber. Zum Lager dienen ihnen weder
prchtige noch weiche Teppiche, sondern ganz gewhnliche Decken mit einer
Unterlage von Papyrus, welche auf der Seite, wo die Ellenbogen zu liegen
kommen, etwas erhht ist, damit man sich leichter aufsttzen kann. Denn
eben so weit von spartanischer Strenge entfernt als von Schwelgerei und
Nachgiebigkeit gegen die Lste, bewahren sie die Mittelstrae, wie es sich
fr freie Menschen geziemt. Sie werden nicht von Sklaven bedient, denn sie
glauben, die Knechtschaft sei der Natur zuwider. Diese hat alle Menschen
zur Freiheit bestimmt, und erst die Ungerechtigkeit und Habsucht und der
wilde Trieb, mehr zu sein als Andere, aus welchem alles Bse entstanden
ist, hat die Herrschaft ber diese Schwachen den Gewaltigen in die Hnde
gespielt. Bei diesen heiligen Mahlen dagegen ist keiner Knecht, sondern
Freie dienen, nicht aus Zwang, noch auf Befehle harrend, sondern mit
bereitwilligem Eifer den Wnschen zuvorkommend. Denn auch nicht der erste
beste wird zu diesem Dienst auserkoren, sondern die vorzglichsten
Jnglinge aus der Gesellschaft warten den ltern Mitgliedern wie Shne
ihren Vtern und Mttern mit der grten Freudigkeit auf. Dieselben treten
auch nicht aufgeschrzt, sondern mit hngendem Gewande in den Saal, um jede
Spur zu vertilgen, die an Sklavendienste erinnern knnte. Ich wei, da
Manche hierber lachen werden, aber freilich nur solche, die selbst der
Thrnen wert sind. Wein wird an diesen festlichen Tagen nicht aufgetragen,
sondern nur klares Wasser, kalt fr die Mehrzahl, warm fr diejenigen unter
den lteren, die sich gtlich thun wollen. Auch keine blutige Speise kommt
auf den Tisch, sondern Brot als Hauptgericht, Salz als Zugemse, und
bisweilen essen die ppigsten etwas Ysop dazu. Denn wie die Priester nur
nchtern opfern drfen, so hat diese die Vernunft gelehrt, nchtern zu
leben. Der Wein verleitet zu Unverstand, und ppige Speisen reizen die
Begierden, diese unersttlichen Tiere.

Im Originaltext befindet sich hier eine Lcke, dann heit es weiter:

Die tiefste Stille herrscht; Keiner wagt einen Laut von sich zu geben oder
stark zu atmen. Sofort wirft einer die Frage auf ber Stellen aus den
heiligen Schriften oder lst eine solche von andern gegebene, ohne sich im
geringsten brsten zu wollen. Denn er strebt nicht nach dem Ruhm der
Beredtsamkeit, sondern er will tiefe Belehrung von anderen oder, wenn er
diese schon besitzt, so beabsichtigt er, dieselbe denjenigen mitzuteilen,
die zwar nicht so scharf sehen wie er, aber doch dieselbe Wibegierde
haben. Deshalb verweilt der Redende auch lnger bei seinen Stzen, um seine
Gedanken den Zuhrern einzuprgen. Denn wenn die Erklrung zu schnell
forteilt, so kann der Zuhrer nicht gleichen Schritt halten und mu
zurckbleiben, wodurch ihm der Sinn des Vortrags entgeht. Die brigen
hngen am Munde des Redners und hren ihm in ruhiger Haltung zu. Wenn sie
seine Worte verstehen, so geben sie dies mit einem Blick oder einem Wink zu
verstehen; den Beifall drcken sie durch heitere Mienen oder durch eine
sanfte Wendung des Gesichts, den Zweifel durch ruhiges Schtteln des
Hauptes oder durch ein Zeichen mit den Fingerspitzen der rechten Hand aus.
Die zum Dienst herumstehenden Jnglinge geben brigens so gut acht, wie die
zum Mahl gelagerten Alten. Bei Erklrung der heiligen Schriften bedienen
sie sich immer der allegorischen Weise, denn sie betrachten die ganze
Gesetzgebung als ein organisches Wesen, indem sie mit den Worten den Leib,
mit der Seele aber den tiefern unter den Worten verhllten Sinn
vergleichen; in diesen schaue die vernnftige Seele, durch die Worte, wie
durch einen Spiegel hindurchblickend, hohe verborgene Gedanken.

Wenn der Wortfhrer genug gesprochen und seinen Zweck erreicht hat, so
klatschen alle mit den Hnden zum Zeichen ihrer Zufriedenheit. Sofort steht
ein anderer auf und singt einen Lobgesang auf Gott, der entweder von ihm
selbst gedichtet oder von alten Dichtern der Gesellschaft verfat wurde.
Denn dieselben haben viele Hymnen in allen Versmaen und Weisen
hinterlassen. Wenn der erste geendet hat, singt ein anderer der Reihe nach,
whrend die brigen in grter Stille zu hren; nur die Endsilben der Verse
und den Chor singen sie mit. Wenn alle fertig sind, so bringen die
Jnglinge den oben genannten Tisch herein, auf welchem die hochheilige
Speise liegt, nmlich gesuertes Brot mit Salz und Ysop, zur Unterscheidung
von dem geweihten Tisch im heiligen Vorhof zu Jerusalem. Auf diesem nmlich
liegt ungesuertes Brot mit Salz ohne Beimischung von Ysop. Denn es ist
billig, da die reinsten und einfachsten Speisen ausschlieliches Eigentum
des auserlesenen Priestertums seien zur Belohnung der heiligen Dienste; die
anderen dagegen mgen immerhin nach hnlichem streben, aber ohne jenes
ungesuerte Brot zu genieen, welches nur den Besten, den Priestern zu
Jerusalem, zum Zeichen des Vorrangs gebhrt.

Nach dem Mahle begehen sie die heilige Nachfeier und zwar auf folgende
Weise: Alle erheben sich gleichzeitig und bilden mitten im Saale zwei
Chre, deren einer aus Mnnern, der andere aus Frauen besteht. Zu Fhrern
und Vorsngern werden fr beide die Tchtigsten und Melodienreichsten
gewhlt. Sofort stimmen sie Hymnen an in allen Versmaen und Weisen, bald
zusammensingend, bald im Wechselgesang sich ablsend. Nachdem jeder der
beiden Chre fr sich zur Genge gesungen hat, so mischen sich Mnner und
Weiber, wie bei den bacchischen Festen, trunken von gttlicher Liebe,
durcheinander und werden aus zweien _ein_ Chor, ebenso wie dies einst am
roten Meere geschah wegen des dort geschehenen Wunders. Damals nmlich
vereinigten sich die israelitischen Mnner und Frauen zu einem Chorus,
Danklieder auf Gott den Erretter singend, wobei Moses die Mnner und die
Prophetin Mirjam die Frauen anfhrte. Diesen alten Chorus haben die
Therapeuten zum Vorbild genommen bei dieser Feier, in deren Wechselgesngen
die tiefen Tne der Mnner mit den hohen weiblichen Stimmen zur schnen
Harmonie verschmelzen. Schn sind die Gedanken, schn sind die Ausdrcke,
ehrwrdig die Teilnehmenden. Denn das gemeinschaftliche Ziel der Worte, der
Gedanken und der Snger ist Frmmigkeit. So bringen sie die ganze Nacht hin
in heiliger Trunkenheit, auf welche keine Beschwerde des Leibes noch
Schlafsucht folgt; sondern lebhafter als sie waren, da sie die heilige
Feier begannen, wenden sie sich morgens mit dem Gesicht und dem ganzen
Krper gen Aufgang, und sobald die Sonne emporsteigt, heben sie die Hnde
gen Himmel empor und flehen um hellen Schein der inneren Sinne, um
Wahrheit und Schrfe des geistigen Auges. Nach diesem Gebet zieht sich
jeder in seine stille Zelle zurck, um sich wiederum mit der gewohnten
Philosophie zu beschftigen.

Das ist, was Philo ber die Lebensweise der Therapeuten mitteilt. ber ihre
Dogmen erfahren wir sehr wenig. Gott ist ihnen das Urlicht; Ebenbild
desselben und intelligibler, die menschlichen Seelen erleuchtender Abglanz
ist die Sophia oder der Logos, dessen sichtbares Abbild wiederum die Sonne
ist.[736] Wie Gott Licht ist, so ist die Materie der Quell aller Finsternis
und alles Bsen. Die Seelen sind prexistierend und kehren nach dem Tode in
ihre himmlische Heimat zurck. Die hchste Tugend ist %enkrateia%, die
Entfernung vom Fleische. Deshalb enthalten sich die Therapeuten so sehr als
mglich der Speisen und genieen nur die einfachsten. Fleisch verabscheuen
sie und nur Pflanzenkost ist ihnen erlaubt; darum fliehen sie auch die Ehe
und alle Lust. Neben der Enthaltsamkeit preisen sie die gttliche Liebe.
Das Ersehnte ist die wahre innere Erkenntnis Gottes und des Himmels.[737]

Wie offen am Tage liegt, huldigen die Therapeuten den gleichen Grundstzen
wie Philo, nur da sie dieselben auch bis zu ihren uersten Konsequenzen
praktisch durchfhren, hnlich wie die mit ihnen eng verwandten oder
identischen Esser in Palstina.

Die Esser entuern sich des persnlichen Eigentums wie die Therapeuten
und leben in Gtergemeinschaft.[738] Josephus uert sich darber
u.a.[739]:

Sie haben sich nicht nur in _einer_ Stadt gesammelt, sondern in jeder
Stadt wohnen viele. Den Ordensmitgliedern, die von auswrts kommen, steht
das Haus eines jeden Mitgliedes offen, und er kann darin schalten wie in
seinem Eigentum; sie gehen deshalb bei solchen Ordensgenossen, die sie nie
sahen, so ein, als wren es ihre nchsten Verwandten. Darum nahmen auch die
Esser keine Bedrfnisse irgend welcher Art mit sich, sondern tragen nur
Waffen wegen der Ruber. Auerdem ist in jeder Stadt vom Orden ein
Verwalter ausdrcklich wegen der Fremden angestellt, welcher ihnen Kleider
und Lebensbedrfnisse reicht.

Die Esser enthielten sich der Ehe, ebenso wie die Therapeuten und duldeten
wie diese keine Sklaven.[740] -- Beide Genossenschaften haben eine
Rangordnung ihrer Mitglieder nach der Zeit ihres Eintritts in die
Gesellschaft und machen einen Unterschied zwischen Novizen und lteren
Mitgliedern. Josephus unterscheidet vier Stufen oder Grade![741] %Ho
zln%, der Neuling, der sich zur Aufnahme meldet und zwei Jahre lang ohne
Verbindung mit den Ordensmitgliedern leben mu; %ho prosin%, der Novize,
der noch zwei Jahre lang Prfungen bestehen mu; endlich %ho symbits%,
welcher an den heiligen Mahlen Anteil nimmt. Dieser Grad zerfiel nach
Josephus in zwei nicht namhaft gemachte Unterabteilungen.

Beide Sekten stehen mit strengen Regeln unter Vorgesetzten, die bei
Josephus[742] %epimeltai% und bei Philo -- wie schon gesagt --
%ephmereutai% heien. Beide Sekten tragen dieselbe Kleidung; beide beten
zu gleicher Zeit und auf dieselbe Weise, nmlich bei Sonnenaufgang mit
gegen die Sonne gewandtem Gesichte. Beide feiern geheimnisvolle heilige
Mahle; Josephus beschreibt die Esser folgendermaen[743]:

Wenn sie von ihren Geschften zurckkommen, waschen sie den Leib
sorgfltig ab; erst nach diesen Weihungen betreten sie den Speisesaal; von
welchem alle Nichtesser sorgfltig ausgeschlossen sind. Denn rein mssen
sie sein, ehe sie in dieses Heiligtum eingehen drfen. Vor dem Mahle
spricht der Priester ein Gebet; vorher darf Niemand eine Speise berhren.
Dasselbe geschieht auch nachher; denn am Anfang und am Ende verehren sie
Gott als Geber der Speisen. Nach dem Mahle ziehen sie die Kleider, die sie
whrend desselben als heilige Gewnder getragen haben, wieder aus. Ebenso
halten sie es mit dem Abendessen. Kein Gerusch noch Lrm herrscht bei
diesen Mahlen, ein jeglicher tritt dem Andern das Wort ab, soda niemals
zwei zu gleicher Zeit reden; darum erscheint den Auenstehenden das im
Saale herrschende Schweigen als ein schauerliches Geheimnis.

Da die Mahle der Esser im hchsten Ansehen standen, beweist folgende
Stelle Philos[744]:

Die blutigsten Tyrannen Judas, welche ihre Unterthanen mit unsglicher
Grausamkeit wie wilde Tiere zerfleischten, konnten den Essern nichts
anhaben. Sie muten ihre Mahle und ihre ber alles Lob erhabene
Gemeinschaft ehren.

Die auffallende Gleichheit der Gebruche beider Sekten beweist ihre innige
Verwandtschaft, die sich auch in ihren Dogmen nachweisen lt: Sie verehren
beide Gott als das hchste Licht und nehmen ein Mittelwesen, den Logos, bei
den Essern +Memra di Jaweh+ an.[745]

Die Esser halten wie die Therapeuten den Leib fr die grte Unreinigkeit
und nehmen eine Prexistenz der Seelen an. In diesem Sinne heit es bei
Josephus[746]:

Der Glaube steht bei ihnen fest, da die Leiber vergnglich seien, die
Seelen dagegen ewig und unsterblich fortdauern. Dieselben steigen nmlich,
von einem natrlichen Reize herniedergezogen, aus dem reinsten ther herab
und werden in die Leiber wie in ein Gefngnis eingeschlossen. Sie (die
Esser) lehren, da die Seelen, wenn sie aus den Leibesbanden erlst sind,
voll Wonne in die Hhe empor schweben gleich Gefangenen, die aus langer
Knechtschaft erlst werden. Dabei denken sie sich das Schicksal der
hinbergegangenen Seelen als verschieden: den Guten weisen sie ihren
Aufenthalt an einem Ort an, der nicht durch Regen, Klte oder Hitze
belstigt wird und fortwhrend von einem vom Meer her suselnden Zephyr
Khlung empfngt; den Bsen dagegen eine finstere unfreundliche Behausung
unter der Erde, wo sie unablssige Strafe erdulden.

(Diese Vorstellung involviert die Annahme eines Astralleibes, weil sonst
die Seele keine Ortsempfindung haben knnte.)

Es bleibt noch brig, die Identitt der Moral bei den Therapeuten und
Essern nachzuweisen. Philo sagt ber erstere[747]:

Richtschnur bei allem, was sie lehren und ausben, sind ihnen folgende
drei Dinge: Liebe zu Gott, zur Tugend und zu den Menschen. Beweis fr die
Liebe zu Gott ist die makellose Heiligkeit ihres ganzen Lebens, ihre Scheu
vor Eiden und der Lge, sowie die berzeugung, da Gott nur Urheber des
Guten und nicht des Bsen sei. Ihre Liebe zur Tugend bekunden sie durch
Gleichgiltigkeit gegen Gewinn, Ruhm, Vergngen, durch Migkeit und
Ausdauer, auerdem noch durch Gengsamkeit, Bedrfnislosigkeit, Demut,
Biedersinn und Geradheit. Ihre Liebe zu den Nebenmenschen beweisen sie
durch Wohlwollen, durch Anspruchslosigkeit und endlich durch ihre
Gtergemeinschaft.

hnlich sagt Josephus von den Essern[748]:

Sie drfen nichts ohne die Einwilligung ihres Vorstehers thun. Nur zwei
Dinge sind ihrem eigenen Gutdnken berlassen, nmlich Untersttzung des
Nchsten und Erbarmen. Den Gutgesinnten beizuspringen, wenn sie in Not sind
und den Hungerigen Brot zu reichen, steht Jedem frei. Dagegen drfen sie
ihren Verwandten nichts geben ohne Erlaubnis ihres Vorgesetzten. Sie sind
gerechte Verwalter des Hasses; sie bezhmen den Jhzorn, ben Glauben und
sind Diener des Friedens. Ihr gegebenes Wort halten sie gewissenhaft. Auch
sie feiern die Liebe ber Alles; sie ist der wahre Quell des gottgeflligen
Handelns. Das Ziel ihres Strebens aber ist die Heiligkeit, zu welcher sie
durch Entfernung vom Fleische, durch Herrschaft der Vernunft und echten
Gottesdienst im Geist und in der Wahrheit gelangen.[749]

Aber selbst bis auf den Namen erstreckt sich die bereinstimmung beider
Genossenschaften, denn das Wort %essaios% stammt von dem syrochaldischen
Verbum $Assa$ heilen, verpflegen, ab und ist also nichts als die wrtliche
bersetzung von %therapeuts%.

Ohne die innigste Verwandtschaft, ja ohne gleichen Ursprung wre die
nachgewiesene bereinstimmung zwischen Therapeuten und Essern nicht
mglich, wie schon Philo sich uerte[750], indem er beide Orden als Zweige
eines Stammes erklrt, nur mit dem Unterschiede, da die einen mehr
Theoretiker und die andern mehr Praktiker seien.




Zweite Abteilung.

Die Neupythagorer.

Apollonius von Tyana.


Im ersten Jahrhundert vor Christus suchte die Philosophensekte der
Neupythagorer die Lehren des Pythagoras zu erneuern, wobei sie jedoch sich
vielfach an Plato, Aristoteles und die Stoiker anlehnten und andererseits
bei den orientalischen Religionssystemen Anleihen machten. Diese
eklektischen Lehren suchten sie alsdann auf Pythagoras zurckzufhren,
wodurch die Nachrichten ber die eigentliche Philosophie des groen Weisen
vielfach entstellt wurden. Diese Bestrebungen brachten eine reichhaltige,
jedoch meist nur fragmentarisch erhaltene Litteratur hervor, als deren
erster Vertreter der rmische Prtor zu Alexandria Publius Nigidius Figulus
(gest. 45 v.Chr.) gilt.

Der wichtigste Neupythagorer ist Apollonius von Tyana, mit welchem wir uns
jetzt eingehend zu beschftigen haben.

Wenn berhaupt bei einer historischen Persnlichkeit, so hat bei Apollonius
von Tyana das allbekannte Schillersche Wort seine Berechtigung:

    Von der Parteien Gunst und Ha verwirrt,
    Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte.

Was hat man nicht alles aus der uns berlieferten Biographie dieses
neupythagorischen Philosophen machen wollen! Die eine Partei sagt: das
Buch ist ein Mrchenbuch, und meint, Apollonius habe gar nicht existiert;
die andere Partei ist hingegen der Ansicht, da Apollonius wohl existiert
habe, da aber der geringe geschichtliche Kern seiner Biographie zu einem
historischen Roman ausgesponnen worden sei. Wieder andere meinen, die
Persnlichkeit des Apollonius sei von Philostratus nur benutzt worden, um
dem Christenheiland einen Heidenheiland feindlich gegenber zu stellen,
whrend ihn eine letzte Partei im Geiste des Synkretismus als eine
freundliche Parallele Christi betrachtet.

In diesem Parallelismus liegt die Ursache, weshalb die Gestalt des Tyaners
bis auf die Neuzeit nicht in der rechten Beleuchtung stand. Allerdings ist
zwischen beiden Persnlichkeiten, Jesus von Nazareth und Apollonius von
Tyana, auf dem Gebiet des bersinnlichen eine hnlichkeit vorhanden, die
mithin jedoch nicht in der Sphre des Religis-Dogmatischen, sondern in der
des Anthropologisch-Magischen wurzelt. Bei beiden Personen kamen zahlreiche
Wunder vor, zu deren richtiger Auffassung und Erklrung auf lange Zeit
der Schlssel fehlte; man sah ihre bersinnlichen Fhigkeiten nicht als
etwas Menschliches, durch geeignetes Leben und geistige bung Erworbenes
an, sondern betrachtete dieselben nur vom Standpunkte der gttlichen
Sendung eines jeden von ihnen. Die Anhnger beider suchten durch diese
Erscheinungen ihren gttlichen Ursprung darzuthun; keine Partei zweifelte
an den von ihrem Gegner vorgebrachten Berichten, sondern suchte sich
dieselben von ihrem dogmatischen Standpunkte aus zurecht zu legen.

So stellt schon der unter Diokletian lebende Statthalter von Bithynien
_Hierokles_ in seinem Wort der Wahrheitsliebe[751] Apollonius und
Christus einander gegenber, weist dazu ferner auf den Prokonnesier
Aristeas und Pythagoras hin und sagt: Wir halten einen solchen
Wunderthter nicht fr einen Gott, sondern fr einen von den Gttern
geliebten Menschen.

Gegen diese Auffassung argumentierte _Eusebius von Csarea_, der die erste
Kirchengeschichte -- nach _Hases_ Worten -- im Gefhl des groen
Umschwungs seines Zeitalters mit allen Vorurteilen, aber auch mit allen
Hilfsmitteln desselben verfate, in der unten genannten Schrift von seinem
Standpunkt aus in derselben Weise wie Hierokles. Er setzt die
Thatschlichkeit der Apollonischen Wunder voraus, welcher er jedoch, weil
die heidnischen Gtter zu bsen Dmonen geworden waren, als durch Zauber
bewirkt ansieht, und sagt: Ich war bisher der Meinung, da der Tyaner ein
in menschlichen Dingen weiser Mann war, und halte diesen Ausspruch auch
jetzt noch gern fest; ich lasse es gern geschehen, wenn man ihn jedem
Philosophen zur Seite stellt, wofern man nur mit allen mythisch lautenden
Erzhlungen fern bleibt. Wenn aber ein Damis aus Assyrien oder ein
Philostratus oder irgend ein Geschichtsschreiber oder Logograph es sich
herausnimmt, diese Grenzen zu berschreiten und eine Ansicht aufzustellen,
welche ber das Gebiet der Philosophie weit hinausgeht, indem er zwar den
Worten nach den Vorwurf der Magie abwehrt, der Sache selbst nach aber dem
Manne noch mehr zur Last legt, als mit Worten und die pythagorische
Lebensweise als Maske ber ihn wirft, so kommt dann kein Philosoph zum
Vorschein, wohl aber ein mit der Lwenhaut verhllter Esel, und man sieht
nichts anderes, als einen Zauberer anstatt eines Philosophen.

Und so blieb es. Seit der Galiler gesiegt hatte, galt der Tyaner als
Zauberer, bis die Aufklrungsperiode ihn so gut wie Jesus von Nazareth zum
Betrger zu stempeln versuchte und schlielich sogar die geschichtliche
Existenz beider bezweifelte.

Doch auch heidnische Philosophen huldigten dem Glauben an die Zauberei des
Apollonius, wie _Mragenes_, welcher eine (verloren gegangene) Biographie
des Tyaners schrieb, in der er nach _Origenes_[752] sagte, da selbst
einige nicht unbedeutende Philosophen derselben zum Opfer gefallen wren.
Dieser Ansicht stellt Philostratus seine Biographie des Apollonius
entgegen, worin er diesen als einen Weisen schildert, welcher seine
auerordentliche magische Kraft nur einer ihn auf eine hhere,
bermenschliche Stufe erhebenden Philosophie zu verdanken hat.

Die Zweifel an der Existenz des Apollonius sind seit _Neander_ und _Baur_
geschwunden, die Auffassung seiner Persnlichkeit und Lehre aber ist bei
Philosophen und Theologen noch heute so unklar wie vor siebzehnhundert
Jahren, wofr wir den Grund in den von Philostratus geschilderten
bersinnlichen Erscheinungen zu suchen haben, welche die Orthodoxie als
teuflisch ansieht, whrend die neuere Wissenschaft gar nichts mit derselben
anzufangen wei und deshalb an dem Tyaner mit einem abwehrenden
Seitenblick vorbergeht.

Nur ein Schriftsteller hat einen richtigen Fingerzeig gegeben, nmlich
_Eduard Baltzer_[753], welcher sagt: Eine _Gruppe_ nur vermisse ich noch
unter allen denen, die in der Apolloniusfrage Stellung genommen haben: das
sind die jngsten Kinder unserer Zeit, -- die _Spiritisten_. Gerade ihnen
aber kann ich einen groen Genu und Triumph versprechen. Ist doch
Apollonius -- wer htte es gedacht, -- ein entschiedener Spiritist, -- ja,
knnen sie doch hier die Entdeckung machen, da ihr Spiritismus nichts
anderes ist, als die alte Magie in allerneuester Auflage.

Abgesehen von der Schlubemerkung hat Baltzer in gewissem Sinne Recht: die
bei Apollonius zu Tage tretenden bersinnlichen Erscheinungen sind von
hnlicher Natur wie die modernen auch; ob sie aber alle spiritistische oder
selbst mediumistische genannt werden drfen, ist eine andere Frage. Bevor
wir jedoch auf diese und eine Besprechung der Phnomene berhaupt eingehen,
mssen wir noch einige Worte ber Philostratus selbst und die Entstehung
seines Buches sagen.

Kaiser _Septimius Severus_ (193-211) war ein eifriger Liebhaber der Magie
und Mantik, ein erfahrener Augur und Traumdeuter und endlich ein
tiefgelehrter Astrolog. Er hatte als Statthalter des lionesischen Galliens
seine erste Gemahlin verloren und ging bei der Wahl seiner zweiten von dem
astrologischen Grundsatz aus, da deren Nativitt eine glckliche und mit
der seinigen harmonierende sein msse. Als er nun erfuhr, da ein junges
Mdchen zu Emesa in Syrien eine derartige Nativitt, welche ihr auerdem
noch den Thron verheie, besitze, warb er um deren Hand und erhielt sie.
Dieses Mdchen, _Julia Domna_, vereinigte in der That alle von den Sternen
verheienen Gter in ihrer Person. Sie erfreute sich selbst im vorgerckten
Alter noch groer krperlicher Schnheit und verknpfte mit scharfem
Verstand und festem Charakter lebhaften Wissensdrang und hinreiende
Liebenswrdigkeit. Julia Domna interessierte sich als Beschtzerin der
Wissenschaften besonders fr Kunst und Philosophie und war die Freundin
eines jeden auftauchenden Genius.

Julia Domna umgab sich mit einer aus Philosophen, Gelehrten und Knstlern
aller Art bestehenden Tafelrunde, zu welcher auch der neupythagorische, in
Athen gebildete Philosoph _Philostratus_ von Lemnos gehrte. Philostratus
war einer der vielgelesensten Schriftsteller, was durch seinen klassischen
Styl und Geist, seine Belesenheit und Vielseitigkeit, sowie endlich durch
sein Bestreben, altrmische Sitte und Charaktertchtigkeit wieder
herzustellen, gerechtfertigt wird. Dieser Philosoph erhielt von der
Kaiserin den Auftrag, das Leben des Apollonius zu beschreiben, und benutzte
bei seiner Arbeit die Memoiren eines Schlers des Apollonius mit Namen
Damis. ber dessen Persnlichkeit wie ber die ihm vorliegende Apollonische
Litteratur sagt Philostratus selbst[754]: In der alten Stadt Ninive lebte
einst ein Mann von ziemlicher Weisheit mit Namen Damis. Er war ein Schler
des Apollonius, beschrieb dessen Reisen, an denen er, wie er selbst
versichert, teilgenommen, und verzeichnet dessen Reden, Ansichten und
Weissagungen. Ein Verwandter dieses Damis brachte die Memoiren, welche bis
dahin ganz unbekannt geblieben waren, zur Kenntnis der Kaiserin Julia.
Diese Frstin, zu deren Umgebung ich gehrte, denn sie liebte und pflegte
litterarische Unterhaltungen sehr, befahl mir, diese Denkschriften
umzuarbeiten und zum Vortrag zu bringen, denn der Ninivit sprach wohl
sachlich, aber sein Stil war schlecht. Dazu kam noch eine Schrift des
Maximus von Aeg, welche alles umfat, was des Apollonius Aufenthalt in
Aeg betrifft; auch giebt es noch ein Testament des Apollonius, aus welchem
zu ersehen ist, da die Philosophie sein Abgott war. Dagegen darf man dem
Mragenes nicht folgen, der zwar auch vier Bcher ber Apollonius schrieb,
aber mit groer Unkunde. Somit habe ich gesagt, wie ich den zerstreuten
Stoff zusammengefgt und um seine Einordnung bemht war. Mge diese Schrift
nun dem Manne, dem sie gilt, zur Ehre gereichen, _den wibegierigen Lesern
aber zur Frderung: wenigstens sollen sie lernen knnen, wovon sie noch nie
gehrt_. Mit diesen Worten ist die Tendenz der Schrift des Philostratus
bezeichnet. Was aber seine Glaubwrdigkeit anlangt, so sind auch hier
natrlich die Meinungen sehr geteilt. Das rein Geschichtliche betreffend,
sind die Zweifel fast allseitig gehoben, und Baur hat einige vorhandene
Anachronismen befriedigend erklrt. Ja dieser berhmte Theologe nimmt sogar
fr den Kern des Werkes, die philostratischen Berichte ber Indien, die
volle Glaubwrdigkeit in Anspruch und sagt[755]:

Wenn uns aber auch die Betrachtung des philostratischen Werkes an und fr
sich ber die Beantwortung der Frage in Zweifel lassen mag, wie weit wir in
demjenigen, was Philostratus ber Indien meldet, entweder nur romanhafte
Dichtung oder historische Wahrheit voraus zu setzen haben, so mu uns doch,
wie es scheint, unsere jetzige Kunde Indiens eine ziemlich sichere Antwort
auf diese Frage geben. Die bereinstimmung des Werkes mit dem anders woher
Beurkundeten kann als die beste Widerlegung des Vorwurfs angesehen werden,
welchen selbst noch einer der neuesten Schriftsteller ber Indien (Bohlen:
das alte Indien) wiederholt, Philostratus habe alles, was er in seinem
Leben des Apollonius ber Indien vorbringt, aus hnlichen Romanen
kompiliert, nach Art der Schriften ausgeschmckt und mit Angereimtheiten
erstickt.

Im hnlichen Sinne uert sich _Baltzer im Nachwort seines Werkes_[756]
folgendermaen: Ein Mann wie Philostratus, der an den Musenhof einer edlen
Kaiserin berufen wird, der letztere als besonderer Vertrauter auf ihren
Reisen begleitet, der als ein vortrefflicher Schriftsteller und gelehrter
Kenner seiner Zeit damals wie heute anerkannt ist und der den Auftrag von
seiner hohen Herrin erhlt, ber den Apollonius eine kritische Denkschrift
zu verfassen -- von einem solchen Mann mu man annehmen, da er in seinem
Werke, 'Apollonius von Tyana', _das uns in unbestrittener Echtheit
vorliegt, so viel an ihm war, die Wahrheit in geeigneter Form hat sagen
wollen_. Demgem verfhrt er. Er legt seine Absicht und Plan vor; er
nennt und kritisiert seine Quellen; er berarbeitet das reichlich
vorliegende Material; er komponiert und redigiert seinem Auftrag gem; er
ist mit Liebe und Flei bei der Sache; unterscheidet seine Absicht von der
berlieferten; er lt seine Quellen in verbessertem Style reden und
kritisiert Dunkles mit hellem Blick, natrlich im Geiste seiner Zeit,
dessen Kind auch er ist, wie wir Kinder des Geistes unserer Zeit sind.

Philostratus vollendete seine Biographie etwa um das Jahr 217.

Wir wenden uns nun, dem Gange der Lebensgeschichte unseres Helden folgend,
zur Besprechung der sehr lehrreichen bersinnlichen Erscheinungen, um
dieselben unter die Thatsachen der magischen Thtigkeit des Menschengeistes
einzureichen.

Geboren wurde Apollonius als der Sohn eines gleichnamigen Vaters aus alter
und reicher Familie um die Mitte des ersten Jahrhunderts n.Chr. zu Tyana,
einer durch die Intelligenz und den Wohlstand ihrer Brger hervorragenden
Stadt Kappadoziens, und seine Geburt umgaukeln Wundermren, wie diejenige
Gautama Buddhas und Jesu Christi: Als seine Mutter mit ihm schwanger ging,
erschien ihr der gyptische Gott Proteus, den auch Homer besingt. Sie aber
frug ihn ohne Furcht, was sie gebren wrde. Er sprach: Mich. Sie frug:
Wer bist du denn? Und er sagte: Proteus, der gyptische Gott.[757] --
Wir haben in dieser Erzhlung eine Parallele zur Verkndigung Mari, und
eben deshalb wurde dieselbe als eine plumpe Nachahmung angesehen, was sie
indessen nicht zu sein braucht. In jener religis erregten Zeit des ersten
Jahrhunderts konnten sehrwohl beide schon durch ihren Zustand besonders zu
Visionen geneigten Mtter Jesu Christi und des Apollonius starke
Vorahnungen von der knftigen Bedeutung ihrer Kinder haben, welche sich
ihnen in geschaute Bilder umsetzten. Jeder religise Seher aber erhlt
naturgem seine Offenbarung von daher, woher sie nach seinem Glauben
kommen mu. Der fernstehende Teil des gespaltenen Ichs tritt dem Visionr
als redende Persnlichkeit gegenber und so empfngt die Israelitin Maria
die Botschaft des persisch-jdischen Gabriel, die kappadozische Mutter des
Apollonius die des gyptisch-griechischen Proteus. Ebenso erhalten die
romanischen Spiritisten ihre Offenbarungen von Geistern, welche
kardekistische Reincarnationstheorie predigen, wie Proteus die
altklassische lehrt.

Der hochbegabte Knabe wurde mit 14 Jahren von seinem Vater nach Tarsus zu
dem Rhetor Euthydemus gebracht, mit welchem er nach dem durch seinen
Aeskulaptempel berhmten Aeg verzog, um sich dort mit mehr Mue der
Philosophie widmen zu knnen, als dies in dem lebenslustigen bewegten
Tarsus mglich war. Hier hrte er die Vortrge des epikurischen
Philosophen Euxenus ber die Lehren des Pythagoras, welche ihn dermaen
begeisterten, da er wie Pythagoras zu leben beschlo. Er verschmhte alle
tierischen Nahrungsmittel als unrein und geistttend und geno nur
Vegetabilien, die er fr rein hielt, weil sie die Erde unmittelbar
hervorbringt. Den Wein erklrte er zwar fr ein reines Getrnk, da es von
so edlem Gewchse stamme, aber er sei der menschlichen Geistesklarheit
feind, da er den Aether der Seele trbe. Nchst dieser Frsorge fr
Krperreinheit ging er mit nackten Fen und trug, da er tierische
Kleidungsstcke verwarf, nur linnenes Gewand und lebte im Tempel. Die
Diener des Tempels aber bewunderten ihn, und als Aeskulap einst zum
Priester sagte, er freue sich, da Apollonius Zeuge seiner Heilungen sei,
da ging diese Kunde aus, und die Cilicier und andere Umwohner kamen nach
Aeg.[758]

Apollonius huldigte also einer streng vegetarischen Lebensweise und wurde
in die Mysterien des Aeskulapdienstes eingeweiht, bei welchen, wie bei
allen Mysterien, die schauenden und heilenden Fhigkeiten des Menschen
gepflegt wurden. Auch einige hierauf bezgliche Flle erzhlt Philostratus:
Ein wasserschtiger Schlemmer erhielt nach langem vergeblichen Harren im
Aeskulaptempel das Traumorakel: Wenn du mit Apollonius sprechen wolltest,
so wrde dir wohler werden, und wurde von diesem geheilt, indem er an ein
streng vegetarisches Leben gewhnt wurde. -- Einen einugigen cilicischen
Ehebrecher wies Apollonius von der Schwelle des Tempels zurck, wo derselbe
die Wiedererlangung seiner Sehkraft erhoffte: In der Nacht hatte der
Priester einen Traum, worin Aeskulap die Aussage des Apollonius besttigte
und hinzufgte, da die Gattin dem ertappten Snder mit einer Spange ein
Auge ausgeschlagen habe. -- Diese Erzhlung findet Parallelen in dem
Durchschauen anderer von seiten neuerer Seher, wie Zschokke, Duncan,
Campbell u.a.m. Als eine weitere Probe des Fernsehens berichtet
Philostratus[759], da Apollonius den Statthalter von Cilicien, einem der
in Griechenland so zahlreichen widernatrlichen Wstlinge, seine nahe
Hinrichtung weissagte, welche auch nach drei Tagen erfolgte, weil sich
derselbe mit dem Knig Archelaus von Kappadozien in eine Verschwrung gegen
die Rmer eingelassen hatte.

Nach dieser Zeit widmete sich Apollonius fnf Jahre lang dem
pythagorischen Stillschweigen und gestand von dieser Zeit, da sie der
mhevollste Teil seines Lebens gewesen sei; denn er htte viel zu sagen
gehabt und habe nicht gesprochen, auch viel hren mssen, was ihn htte in
Zorn setzen mgen, und er habe es berhrt; oft gereizt die Leute zu
geieln, habe er zu sich selbst gesagt: Dulde nur, Herz und Zunge! und habe
die verletzendsten Reden unwiderlegt gelassen. Gleichzeitig entsagte er
aller Liebe und dem Geschlechtsgenu.[760] Durch diese asketische
Lebensweise gelangte er zu solchem Ansehen, da er selbst in dem
leichtlebigen Cilicien und Pamphilien Aufstnde durch sein persnliches
Auftreten schlichtete.

Nach der Beendigung seiner Schweigezeit ging Apollonius nach Antiochien und
nahm seinen Aufenthalt im Tempel des daphnischen Apollo, wo er bei
Sonnenaufgang fr sich allein war, und was er da that, erfuhr nur, wer ein
vierjhriges Schweigen vollendet hatte. Dabei suchte er auf das Volk
veredelnd einzuwirken, aber nicht in der zudringlich berredenden Weise des
Sokrates, sondern wie ein Gesetzgeber, welcher das, was seine berzeugung
ist, fr die Menge zum Gesetz erhebt. Danach ging er mit sich selbst zu
Rate wegen einer greren Reise und sein Sinn stand nach den Brahmanen
Indiens; doch auch die Magier Babylons zu besuchen, galt ihm fr einen
Gewinn. Er teilte seinen Plan seinen sieben Jngern mit, zu denen er, als
sie ihn von der Reise abhalten wollten, sagte: Zu Beratern habe ich mir
die Gtter erkoren. Euch wollte ich nur prfen, ob ihr zu dem, was ich
vorhabe, auch Mut beset. Da ihr den nun nicht habt, so lebt wohl! Bleibt
aber dem Studium ergeben! Ich mu hingehen, wohin mich die Weisheit und
mein Genius ziehen![761]

Apollonius verlie Antiochien und begab sich mit zwei Sklaven, Schreibern
seines Vaters, auf den Weg nach Babylon. In Ninive schlo sich ihm Damis
an, welcher sagte: La mich, Apollonius, mit dir ziehen. Folge du deinem
Gotte, ich folge dir! und sich ihm wegen seiner Sprachkenntnisse als
ntzlicher Reisegefhrte empfahl. Apollonius entgegnete: Ich, Freund,
verstehe diese Sprachen alle, ohne sie erlernt zu haben. Als der Ninivit
darber erstaunte, fgte er hinzu: Wundere dich nicht, da ich die
Sprachen der Menschen kenne, ich verstehe ja auch all ihr Schweigen. Er
wollte damit seine Fhigkeit des Gedankenlesens kennzeichnen. ber seine
Reise fhrte Apollonius ein Brosamen (%ekphatnismata%) genanntes
Tagebuch[762], welches leider verloren gegangen ist.

Als Apollonius in der Nhe Babylons in die kissische Gegend kam, offenbarte
sich ihm die Gottheit in einem Traum, dessen Auslegung ein interessantes
Beispiel griechischer Traumsymbolik ist: Vom Meere ausgeworfene Fische
schnellten auf dem Lande umher, lieen ein menschliches Jammern hren und
wehklagten, da sie aus ihrer Wohnung gegangen. Einen Delphin aber, der
nach dem Ufer schwamm, flehten sie an, dies Elend von ihnen abzuwenden, und
weinten dabei wie Menschen, die in der Fremde sind. Nicht im geringsten
betroffen ber diesen Traum, berlegte er doch bei sich, was das sei. Um
aber Damis zu erschrecken, dessen ngstlichkeit er kannte, erzhlte er ihm
den Traum, indem er sich stellte, wie wenn er selbst von dem zu erwartenden
Unglck erschrocken sei. Damis schrie auf, als ob er schon alles vor Augen
habe, und riet dem Apollonius, nicht weiter zu gehen, da wir, sagte er,
nicht etwa auch wie die Fische aus unserm Elemente herausgeraten, umkommen
und in der Fremde jammern, in der Not einen Knig oder sonstigen
Machthaber anflehen mssen, und dieser uns miachtet, wie der Delphin die
Fische. Apollonius aber lachte und sprach: Du bist noch kein Philosoph,
wenn du dergleichen frchtest. Ich will dir sagen, was der Traum bedeutet:
Eretrier aus Euba sind es, die dies kissische Land hier bewohnen, vor 500
Jahren von Darius aus Euba hinweggefhrt. Diese sollen bei ihrer
Wegfhrung, wie der Traum anzeigt, das Schicksal der Fische gehabt haben,
indem sie frmlich umgarnt und alle eingefangen wurden. Es scheint also,
die Gtter befehlen mir, zu ihnen zu gehen und mich ihrer anzunehmen;
vielleicht auch sind es die Seelen der Hellenen, die dieses Los hier traf,
welche mich zum Frommen des Landes herbei rufen.[763]

Infolge seines Traumes begab sich Apollonius nach Kissia, wo er den
Gottesdienst verbesserte und viel zur Erleichterung des Loses der
griechischen Kolonisten beitrug.

Endlich gelangte er nach Babylon und trat mit den Magiern in Verbindung,
von denen er sagt, da sie -- jedoch nicht alle -- Weise seien; er
verkehrte mit ihnen insgeheim in den Mittags- und Mitternachtsstunden. Vom
Knig Bardanes, der seine Ankunft im Traum vorausgesehen hatte, wurde
Apollonius sehr gut aufgenommen und sagte demselben kraft seiner Sehergabe
ein Verbrechen voraus, bei welchem einer seiner Eunuchen am nchsten Tage
werde in flagranti ergriffen werden. Der Erfolg besttigte diese
Wahrsagung. Auf die Frage nach seiner Lehre entgegnete Apollonius dem
Knige: Meine Weisheit ist die des Pythagoras, des Mannes von Samos, der
mich so die Gtter ehren, sie, die sichtbaren und unsichtbaren, verstehen,
mit ihnen reden und mich in diese Pflanzenstoffe zu kleiden lehrte. Denn
dies Gewand ist nicht vom Schaf geschoren, sondern rein vom Reinen wuchs
dieses Linnen, ein Geschenk des Wassers und der Erde. Dazu auch trage ich
dieses lange Haar nach des Pythagoras Art; und der tierischen Speise mich
zu enthalten, lehrt mich seine Weisheit. Trinkgeno und Gesellschafter bei
Spiel und Festgelage werde ich weder Dir noch irgend jemand sein. Dunkle
und schwere Lebensrtsel aber kann ich lsen, denn ich wei nicht nur, was
zu thun ist, sondern ich sehe es auch voraus.[764]

Von Bardanes mit Kameelen und Reisevorrten ausgerstet, machte sich
Apollonius auf den Weg nach Indien.

Nachdem Apollonius den Kenln berschritten, stieg er in das Flubett des
Indus zurck und gelangte mit seinen Begleitern nach Taxila, wo er von dem
durch die Brahmanen gebildeten philosophischen Knig PhraotesII. auf das
beste aufgenommen wurde. Mit diesem hielt unser Philosoph whrend seines
vom Gesetz gestatteten dreitgigen Aufenthaltes in Taxila lange
philosophische Gesprche, die sich im wesentlichen um die Vorzge der
naturgemen Lebensweise drehten. Von Interesse fr uns ist nur die
uerung des Apollonius ber die Enthaltsamkeit vom Wein, welche das
Wahrtrumen der Seele begnstigen solle. Apollonius sagt: Aber auch die
Prophetien der Trume, die in der menschlichen Natur das Gttlichste zu
sein scheinen, durchschaut die Seele leichter, die nicht vom Wein umnebelt
ist und sie rein und in klarer Betrachtung aufnimmt. Die Erklrer solcher
Traumgesichte, von den Dichtern Traumdeuter genannt, legen daher kein
Traumbild aus, ohne vorher zu fragen, um welche Stunde man es gehabt. War's
in der Frhe, im Morgenschlummer, so deuten sie es, weil dann die Seele
ganz frei vom Geiste des Weins, gesunde Trume schaut; war's aber im ersten
Schlafe oder um Mitternacht, wo die Seele noch vom Wein schwer und dunkel
ist, so lehnen sie das Deuten ab und thun wohl daran. Von Phraotes mit
Lebensmitteln, frischen Kameelen und einem Empfehlungsschreiben an den
Obersten der Brahminen und Lehrer des Phraotes, Jarchas, versehen, machte
sich Apollonius mit seinen Begleitern auf, um diese priesterlichen
Gelehrten auf dem Berge der Weisen jenseits des Hyphasis aufzusuchen.

Der Berg der Weisen wird als mit Wolken umgeben und so hoch wie die
Akropolis geschildert; von den Brahmanen sagt Apollonius[765]: Die
indischen Brahmanen sah ich, wie sie auf Erden wohnen und doch nicht auf
Erden, in der Festung und doch ohne Befestigung, ohne Eigentum und doch
alles besitzend. Damis dagegen erzhlt von ihnen, da sie auf einem Lager
auserlesener Pflanzen auf der Erde schliefen, um den Kopf eine weie Binde
und auf dem Leibe ein der Exomis der Cyniker hnliches Gewand von weier
Baumwolle trgen, das Haar lang wachsen lieen und Ringe und Stbe als
Abzeichen fhrten; auch habe er, Damis, sie fter zwei Ellen hoch in der
Luft wandeln sehen. -- Dieses Schweben erinnert an das bekannte sich in die
Luft erheben der Fakire, sowie an die Levitation bei Hexen und Medien und
bedarf keiner weiteren Errterung. Ring und Stab ist schon im Gesetz des
Manu das Abzeichen der Brahmanen. Dieselben waren eifrige Vegetarier,
gestatteten aber ihren Besuchern, wenn dieselben es wnschten, den Fleisch-
und Weingenu.

Als Apollonius zu den Brahmanen kam, wurde er von dem auf ehernem Throne
sitzenden Jarchas, welcher den Brief des Knigs forderte, griechisch
angeredet. Als Apollonius ber sein Vorauswissen erstaunte, sagte jener,
es fehle in dem Brief ein Buchstabe, ein Delta, das der Briefschreiber
ausgelassen habe; und es fand sich, da dem so war.[766]

Als weiteres Beispiel seiner Sehergabe soll dann Jarchas dem Apollonius
seine Abstammung vterlicher- und mtterlicherseits, ferner wie er Damis
gefunden, und alles was sie unterwegs gethan und erfahren, in richtigem
Zusammenhang dargestellt haben, als ob er dabei gewesen wre. Als aber
Apollonius nun erstaunt frug, woher er das alles wisse, entgegnete jener:
Auch du kommst mit solchem Wissen, aber keinem vollkommenen. -- Und
wirst du mich dieses vollkommene Wissen lehren? -- Gern und neidlos,
erwiderte Jarchas, denn dies ist weiser als Wissenswertes zu verbergen
oder darber zu tuschen. brigens bist du Apollonius, von Mnemosyne
gesegnet, der Gttin, die wir unter allem am meisten lieben. Als spter
die Brahmanen zum Opfer gingen, badeten, salbten und bekrnzten sie sich
und zogen begeistert zum Heiligtum, wo sie sich -- Jarchas an der Spitze --
in Chorordnung aufstellten und mit ihren Stben auf den Boden stieen,
welcher wie eine Woge zwei Ellen hoch anschwoll. -- Dieses
wahrscheinlich auf subjektiven ekstatischen Empfindungen beruhende
Phnomen des Anschwellens und Erbebens der Erde kommt in der Magie und
Theurgie sehr oft vor, so besonders in den Jamblichus zugeschriebenen
Bchern ber die gyptischen Mysterien[767], dann in zahlreichen
mittelalterlichen Zauberbchern, welche von der Geisterbeschwrung handeln,
wie die +Clavicula Salomonis+, ferner in dem mit ihr in engem Zusammenhange
stehenden Buche Arbatel, in dem Paracelsus zugeschriebenen Bchlein von
olympischer Geisterbeschwrung, in dem sog. 4. Buch der +Occulta
Philosophia+, in der +Pseudomonarchia Dmonum+; auch in einigen Ausgaben
des sog. Hllenzwangsu.s.w.

In einer folgenden Unterhaltung bezeichnet Jarchas als den Grundpfeiler
aller Weisheit die Selbsterkenntnis des Pythagoras und bekennt sich zur
Reincarnationstheorie dieser Philosophen und der gypter. Sich selbst soll
Jarchas als den reincarnierten Achilles und einen seiner Gefhrten fr
Palamedes gehalten haben. Bei einem Gastmahl, dem auch Damis beiwohnte, gab
Jarchas eine interessante Zusammenfassung seiner Lebensanschauung und
erwhnte dem Apollonius gegenber u.a. den Akasa: Den ther, aus welchem
die Gtter geboren sein mssen, denn alles, was Luft atmet, ist sterblich,
aber das therische ist unsterblich und gttlich. So soll ich das All als
Lebendiges betrachten? frug Apollonius. Allerdings, sagte Jarchas,
wenigstens, wenn du gesunde Einsicht hast, denn alles Leben kommt von
ihm. -- Sollen wir nun das All weiblicher oder mnnlicher Natur
erachten? Beides, erwiderte Jarchas, denn indem es sich selbst
befruchtet, ist es Vater und Mutter zugleich und liebt sich selbst heier,
als eines das andre jemals. Dies ist aber durchaus nicht widersinnig. Denn
wie Hnde und Fe zur Bewegung des Lebendigen mitwirken, und zu der Seele,
die es bewegt, so glauben wir, da auch alle Teile des Alls durch die
Weltseele zu allem mitwirken, was einen Anfang nimmt und geboren wird. Denn
auch die Leiden einer Drre werden durch diese Weltseele bewirkt, wenn die
sinkende Tugend der Menschen ehrlos handelt. Aber das lebendige All
behandelt nicht mit _einer_ Hand, sondern mit vielen, unsagbar vielen, und
-- unbeweglich durch seine Gre -- ist es doch leicht zu zgeln und zu
lenken.[768]

In folgendem Vorfall haben wir die erste, rein mediumistische Thatsache,
welche uns in der Geschichte des Apollonius berichtet wird: Zu den
Brahmanen kam eine Frau und bat dieselben, da sie ihrem sechzehnjhrigen
Sohne helfen mchten, welcher seit zwei Jahren besessen sei. Der Dmon
treibe den Knaben hinaus in die Einde, wo derselbe seine Mutter nicht mehr
erkenne, mit rauher Mannesstimme spreche und mit fremden Augen
dareinschaue.[769] Alles bekannte charakteristische Erscheinungen.

Auf die Frage der Brahmanen, ob die Mutter versucht habe, den Knaben
mitzubringen, entgegnete dieselbe, da sie es nicht gewagt habe, weil der
Dmon den Knaben diesfalls zu tten drohe. -- Auch hier haben wir einen
Zug, welcher sich bei den Besessenen und Somnambulen aller Zeiten
wiederholt. Jarchas giebt der Mutter einen Brief mit Drohungen an den Geist
mit, durch welchen der Knabe von seiner Besessenheit befreit wird.

In den folgenden Zeilen haben wir unzweifelhaft einen der ltesten Flle
der Ausbung des Heilmesmerismus, welcher nur selten citiert wird: Auch
ein Lahmer kam, dreiig Jahre alt, ein eifriger Lwenjger. Als ihn ein
Lwe anfiel, hatte er sich einen Schenkel ausgerenkt, und das Bein war
krank; aber durch Streichen mit der Hand wurde er wieder in den Stand
gesetzt ordentlich zu gehen.[770]

Dem Jarchas werden u.a. auch mancherlei Auslassungen ber die Sehergabe in
den Mund gelegt, sie habe fr den Menschen viel Gutes, ihre grte Leistung
aber sei die Heilkunde. Die weisen Asklepiaden wrden zu ihrer Kenntnis
nie gelangt sein, wre Asklepios nicht ein Sohn Apollos gewesen, nach
dessen Offenbarungen er die in Krankheiten dienlichen Mittel bereitet
(Heilinstinkt der Somnambulen), seine Kinder belehrt und seinen Genossen
gezeigt htte, was bei eiternden Wunden und was bei trockenen angewendet
werden mu, durch welche trinkbare Arznei Wassersucht abgewendet, wie
Blutflu gestillt, Auszehrung und andere innere Leiden geheilt werden
knnen. Auch die Heilungen durch Gifte, und deren bewute Anwendung in
Krankheitsfllen sind nur der Sehergabe zu danken. Ohne die Gabe des
Voraussehens, meine ich, wrden die Menschen nie gewagt haben, den
heilsamen Mitteln die allergiftigsten beizumischen.[771]

Nach viermonatlichem Aufenthalt verlie Apollonius die Brahmanen und begab
sich lngs des Indus an die Kste des erythrischen Meeres.

Er fuhr sodann ber dieses und das persische Meer, sowie den Euphrat hinauf
nach Babylon zu Bardanes, begab sich ber Ninive nach Antiochien und
Seleucia und segelte von dort nach Cypern und Jonien, vielbewundert und
hochgeehrt von denen, welche Weisheit zu schtzen wissen.[772]

ber die nchstfolgenden Ereignisse im Leben des Apollonius ist wenig zu
sagen, denn die bekannte Erzhlung, laut welcher unser Seher aus der
Sprache der Sperlinge ersehen haben soll, da in einer Gasse zu Ephesus
ein Sack Weizen aufgegangen war, lt eine so einfache Erklrung zu, da
wir nicht ntig haben, zum Hellsehen behufs Aufstellung dieser Begebenheit
zu greifen. Ist dieses nun wahrscheinlich ein ganz natrliches Ereignis, so
ist offenbar der Bericht von der Vertreibung der Pest zu Ephesus, wo
Apollonius den in Gestalt eines Bettlers erscheinenden Pestdmon steinigen
lie, worauf unter den Steinhaufen anstatt des Leichnams des Bettlers der
eines Molosserhundes zum Vorschein kam, entweder nur ein Mythus oder die
Entstellung irgend eines nicht mehr erkennbaren Vorfalls. Ebenso haben wir
es wohl im Nachstehenden nur mit einem, vielleicht etwas bertriebenen
Traumbild zu thun.

Apollonius hatte sich nach Pergamon begeben, wo er die Beter im
Aeskulaptempel belehrte, was sie zu thun htten, um gnstige Trume zu
erhalten, und wo er auf dem Grabhgel des Achilles nchtigte, um sich mit
dessen Geist zu unterreden. Derselbe erschien ihm in berirdischer
Schnheit achtunggebietend und von heiterem Angesicht, glnzend, in einer
bermenschlichen Gre usw.[773] Wenn die Wesenheit des Achilles in
Jarchas reincarniert gewesen sein soll, so knnte sie fglich dem
Apollonius nur als eine rein subjektive Vision erscheinen.

In Athen traf Apollonius einen besessenen Jngling, zu dem er sagte: Nicht
du frevelst hier, sondern der bse Geist, von dem du besessen bist, ohne
da du es weit. -- Als nun Apollonius ihn scharf und zornig anblickte,
schrie der Dmon auf wie ein Gebrannter oder Gefolterter und schwur, den
Jngling loszulassen und nie wieder einen Menschen zu berfallen. Als aber
Apollonius zu ihm sprach wie ein zorniger Herr zu einem schamlos bsen
Knecht und ihm befahl, sichtbar auszufahren, da rief er aus: Das Standbild
will ich umwerfen! und wies auf eine Statue bei der Knigshalle. Wirklich
geriet diese in Bewegung und strzte um.[774] Welches Schrecken und welches
Staunen! Wer mags beschreiben! Der Jngling aber rieb sich die Augen wie
ein Erwachender, sah nach der Sonne und war verlegen, weil aller Augen auf
ihn sahen. Von da an aber erschien er nicht mehr so wild und malos wie
vorher, sondern seine gesunde Natur kam wieder hervor, wie nach dem
Gebrauch eines Heilmittels.[775]

Diese Erzhlung gleicht so vollkommen den Mitteilungen aller Zeiten ber
vorgenommene Exorcismen, da man kein Wort zu ihrer Erluterung ntig hat.
Nur zu dem Umwerfen der Statue wollen wir eine Parallele aus der
Autobiographie des Brgermeisters Barth. Sastrow zu Stralsund beibringen,
welche Gustav Freitag im 5. Bande seiner Bilder aus der deutschen
Vergangenheit mitteilt. Der Vorfall trug sich im Jahre 1529 zu und
betrifft eine besessene Magd Sastrows: Mit dem Exorcismo trieb er (der
Teufel) sein lautes Gesptt; denn als der Priester ihn beschwor, da er
ausfahren sollte, sagte er: ja er wolle weichen, er msse ja wohl das Feld
rumen, aber er forderte allerlei, was man ihm mitzunehmen erlauben sollte;
wenn ihm das Geforderte abgeschlagen wrde, stnde ihm das Bleiben frei. Es
stand einer unter den Anwesenden, welcher den Hut aufbehielt, als diese
beteten, da begehrte er von den Predigern, ihm zu erlauben, da er den Hut
vom Kopfe nehmen drfte, den Hut wollte er mit sich nehmen und weichen. Ich
trage Sorge, wre es ihm von Gott gestattet worden, Haut und Haar htten
mit dem Hut gehen mssen. Zuletzt, als er wute, da seine Zeit, die Magd
zu plagen, verflossen war, und vermerkte, da unser Herrgott das demtige
Gebet der gegenwrtigen Leute gndiglich erhrte, forderte er gar spttlich
eine Tafel Glas aus dem Fenster ber der Turmuhr, und als ihm eine Raute
aus demselben erlaubt wurde, _hat sich dieselbe zusehends mit einem Klange
abgelst und ist davon geflogen_. Nach der Zeit hat man nichts Bses bei
der Magd vermerkt. Sie hat auf dem Dorfe einen Mann bekommen und von ihm
Kinder erhalten.[776]

Auf Kreta gab Apollonius abermals eine Probe seines Fernsehens, denn als
ein Erdbeben entstand, rief er den Leuten zu: Frchtet euch nicht, denn
das Meer hat ein Land geboren. Nach einigen Tagen kamen Leute aus Kydonia,
welche berichteten, da whrend des Erdbebens sich in der Meerenge zwischen
Thera und Kreta eine neue Insel gebildet habe.[777]

Ein weiterer hierher gehriger Fall ereignete sich in Rom, wohin sich
Apollonius von Kreta aus begeben hatte. Als es nmlich bei einer
Sonnenfinsternis donnerte, was bei Finsternissen selten zu geschehen
scheint, hatte er zum Himmel aufblickend gesagt: 'Etwas Groes wird
geschehen.' Niemand verstand das Wort, aber drei Tage spter verstanden es
alle. Als nmlich Nero gerade bei Tische sa, fuhr ein Blitz auf die Tafel
und schlug ihm den Becher aus der Hand, den er gerade zum Munde fhrte. Da
der Kaiser so mit dem Tode bedroht und doch nicht getroffen wurde, hatte
Apollonius mit dem 'geschehen und nicht geschehen' gemeint.[778]

Durch diese Prophezeiung hatte Apollonius den Verdacht des Tigellinus
erweckt, welcher ihn einkerkern lie. Als dieser Prfekt jedoch die
Anklageschrift verlesen wollte, fand er zu seinem Erstaunen das von ihm
selbst geschriebene Blatt leer. Nach Philostratus hat sich ein gleicher
Fall in dem sptern Proze des Apollonius unter Domitian zugetragen.[779]
Dieser mythisch erscheinende Zug findet Parallelen in zahlreichen
Heiligenlegenden und Sagen.

Wir knnen hier Apollonius nicht auf allen seinen Kreuz- und Querzgen
begleiten, sondern mssen uns darauf beschrnken, die in das Gebiet des
bersinnlichen gehrenden Berichte aus seinem Leben mitzuteilen, soweit wir
dazu Parallelen in der Kulturgeschichte oder in der gegenwrtigen Erfahrung
nachweisen knnen. Deshalb wenden wir uns zu folgender Voraussage des
Philosophen: Als Nero geflohen und Vindex tot war, fragten seine Gefhrten:
Wem wird nun die Herrschaft zufallen? Vielen Thebanern, antwortete
Apollonius, denn er verglich Vitellius, Galba und Otho, welche die Macht
nur kurze Zeit an sich rissen, mit jenen Thebanern, welche auch nur sehr
kurze Zeit an der Spitze Griechenlands gestanden hatten.[780] Apollonius
sagte dann zu seinen Freunden: Sehet Roms drei Herrscher, die ich neulich
Thebaner nannte! Keiner wird Alleinherrscher werden, sondern in und um Rom
werden sie herrschen und umkommen und schneller ihre Rollen wechseln als
die Tyrannen auf der Bhne. -- Das Wort erfllte sich bald: Galba kam in
Rom um, kaum zur Herrschaft gelangt, Vitellius starb nach einem
Herrschaftstraume; Otho starb im westlichen Gallien, und nicht einmal ein
glnzendes Begrbnis ward ihm zu teil, denn er liegt bestattet wie ein
gewhnlicher Mensch; so wandte sich das Geschick dieser drei innerhalb
eines einzigen Jahres.[781]

Apollonius begab sich ber gypten, wo er durch seine Sehergabe einen wegen
Straenraubes unschuldig Verurteilten befreite[782], nach thiopien, um die
Weisheit der dortigen Gymnosophisten kennen zu lernen, von welchen er
jedoch sehr enttuscht wurde. In dem ganzen Abschnitte ist nur die Rede des
Apollonius an seinen Schler Thespesion merkwrdig, in welcher er die
geistige Entwickelung an der Hand der Askese lehrt[783], und in deren
Verlauf er seinem Schler bezglich der Wundersucht seiner Zeit das auch
heute noch geltende Mahnwort zuruft: _Mit dem Glauben an Unglaubliches
entsagt man der Vernunft!_[784]

Beilufige Erwhnung verdient noch die Erzhlung von dem durch Apollonius
gebannten Satyrgespenst, welches in einem Dorf an den oberen Nilkatarakten
die Frauen unsichtbarerweise mit seiner Liebe verfolgte und dann ttete.
Apollonius befahl, um das Gespenst zu bannen, einen Trog mit Wein zu
fllen, den der Satyr trinken und sich darauf entfernen wrde. Als der
Satyr zur Stelle beschworen worden war, blieb er zwar unsichtbar, aber der
Wein verschwand, als ob er getrunken wrde.[785] Dieser Bericht ist
offenbar wieder fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt, erinnert aber
auffallend an den slavischen Vampyrglauben und die sogenannten
Incubusvorgnge, sowie besonders an die von Horst im ersten Band seiner
Zauberbibliothek mitgeteilte Geschichte des Arnod Paole. Das
eigentmliche Verschwinden von Flssigkeiten kommt auch im modernen
Mediumismus vor.

Von gypten nach Griechenland zurckgekehrt, sagte er dem Titus voraus, da
ihm der Tod aus dem Meere kommen werde, wie dem Odysseus, was seine
Schler so deuteten, als ob der Kaiser wie Odysseus durch den Stachel eines
Rochens tdlich verletzt werde.[786] Angeblich aber wurde Titus durch
Domitian mit einem Seehasen vergiftet.

In Smyrna hatte Apollonius geweissagt, da Nerva der Nachfolger Domitians
sein werde, was durch einen Schler des Philosophen, Euphrates, nach Rom
verraten worden war, worauf der Kaiser die Verhaftung und Transportation
des Apollonius nach Rom befahl. Der Weise aber sah dies auf bersinnliche
Weise wie gewhnlich voraus, ging unter Segel und fuhr nach Rom.[787]

Von dem Aufenthalt des Apollonius in Rom und seinen Schicksalen im
Gefngnis und vor Gericht ist hier nur zu erwhnen, da Philostratus
beilufig erzhlt, Apollonius habe sich einmal im Gefngnisse seiner
Fesseln auf bersinnliche Weise[788] entledigt. Dies gehrt bekanntlich zu
den am hufigsten vorkommenden mediumistischen Erscheinungen.

Der Proze endigte damit, da Apollonius vom Kaiser freigesprochen und
aufgefordert wurde, an seinem Hofe zu bleiben. Der Philosoph aber bat um
seine Unabhngigkeit, forderte vom Kaiser eine bessere Fhrung der
Regierung und verschwand aus dem Gerichtssaal.[789] -- Als gegen Abend
desselben Tages seine Schler im Nymphum zu Dikarchia um ihren Lehrer
wehklagten und verzweifelten, ihn wiederzusehen, erschien er pltzlich
unter ihnen und berzeugte sie, die ihn fr einen Geist hielten, von seiner
leiblichen Existenz.[790]

Man hat in dieser gewi sehr ausgeschmckten Begebenheit eine Parallele zum
Wiedererscheinen Christi unter den Jngern sehen wollen, aber offenbar --
weil ja Apollonius nicht gestorben war -- mit Unrecht. Eher drfte sie eine
Parallele zur Befreiung des Petrus und der andern Apostel aus dem Gefngnis
sein, wie sie die Apostelgeschichte mehrfach erzhlt.[791] -- Mythisch ist
ebenfalls der Zug, da Apollonius sieben Tage in der Hhle des Trophonius
geweilt und als Kern aller Weisheit ein die Lehren des Pythagoras
enthaltendes Buch herausgebracht habe.[792] Auf geschichtlicher Grundlage
beruht aber wahrscheinlich die Aufgabe, da Apollonius zu Ephesus die
Ermordung des Domitian in dem Augenblick verkndete, als sie zu Rom vor
sich ging. Diese Voraussage erregte Zweifel der Ungewiheit, aber bald
belehrten Eilboten die Epheser ber die Wahrheit des Gesichtes.[793]

Mit dieser Erzhlung schliet Philostratus die Biographie des Philosophen.
ber dessen Tod teilt er keine nheren Umstnde mit. Apollonius wird
einerseits als Gott und Wundermann berschtzt, andererseits als Betrger
oder Narr unterschtzt. Wir aber sehen in ihm nur einen nach
pythagorischer Weise lebenden Philosophen. Er entwickelte offenbar in sich
die in jedem Menschen vorhandenen bersinnlichen Krfte und Fhigkeiten.




Dritte Abteilung.

Die Neuplatoniker.

Erstes Kapitel.

Plotinos.


Schon die Schler des Sokrates sprachen gern von einem schneren Leben in
der Vergangenheit fremder Vlker und sahen in demselben ihr Ideal, welches
sie mit der jnglingsfrischen Kraft des Hellenentums in die Wirklichkeit zu
bertragen suchten. Als nun die Griechen unter Alexander einen groen Teil
Asiens unterjocht hatten und mit der wunderbaren Kultur des Orients bekannt
geworden waren, da begann die Philosophie Indiens allmhlich Einflu auf
die Lehren des Abendlandes zu gewinnen, und die bildungsstolzen Griechen
sahen mit Staunen, da ihre hochgerhmte Kultur nur der schwache Abglanz
einer frheren viel hher entwickelten war, an welche alte halbverklungene
Sagen noch erinnerten. Diesen konnte aber auch vor allem Plato eine innere
Wahrheit nicht absprechen.

So entstand und verbreitete sich die hohe Meinung von dem heiligen Leben
und der tiefen Weisheit der Inder; auch dachte man sich diese mit den
phnicischen, gyptischen und jdischen Priestern in einem gewissen
Zusammenhang stehend, der vielleicht durch eine besondere Geheimlehre
vermittelt wrde. Jener uere Ansto, welcher durch die Feldzge
Alexanders gegeben wurde, hat wohl am meisten zum Kulturaustausch des
Orients und Occidents mitgewirkt, wobei wir freilich nicht bersehen
drfen, da auch die Mysterien und sonstige von Osten herberkommende
Geheimkulte als wichtige Faktoren zur Vermittelung des religisen und
philosophischen Lebens beider Weltteile beitrugen; jedoch wei man noch
immer zu wenig ber die Geheimnisse, als da man ihren Einflu auf das
geistige Streben jener Zeiten mit Sicherheit bestimmen knnte.

Endlich aber wirkt noch ein drittes sehr zu beachtendes Moment mit an
dieser so merkwrdigen Verschmelzung entgegengesetzter Anschauungen,
nmlich der Zerfall der religisen Vorstellungen und wissenschaftlichen
Begriffe, die Trennung der Philosophie und der Religion bei den Griechen.
Die griechische Religion hatte durch ihre dem Knstlerischen sich
zuneigende Ausbildung das Bedeutsame ihrer alten Formen verloren, und eine
willkrliche Deutung der alten Bilder konnte ihren wirklichen Sinn nicht
ersetzen. Es war also das Bedrfnis nach religisen Neuerungen, welche dem
Herzen wie dem Verstande gengten, das Bedrfnis nach einer Vershnung der
Wissenschaft mit der Religion gegeben, und in der Erkenntnis der tiefen
orientalischen Weisheit glaubte man die Befriedigung desselben finden zu
knnen. Daher rhrt es denn auch, da je lnger, desto hufiger Griechen
von gelehrter Bildung Zugang zu den ffentlichen und geheimen Kulten der
Orientalen suchten und fanden, wobei sie die alt-orientalischen Lehren mit
den eigenen berlieferungen verglichen, sie vertieften und zu verschmelzen
suchten. Es war die Zeit der Ausbildung der Kabbala und des Keimes der
grundlegenden Anschauungen der spteren neupythagorischen, gnostischen und
neuplatonischen Schulen. Kleinasien und Alexandria waren der
Hauptschauplatz dieses Ringens und endlichen Verschmelzens der
entgegengesetzten Weltanschauungen.

Solange jedoch das Rmerreich noch innerlich gesund war und das Griechentum
sich einer verhltnismigen Blte erfreute, kamen diese eklektischen
Systeme zu keiner greren Bedeutung. Erst als der Kaiserzeit die Kultur
der alten Welt verfaulte und einem bertnchten Grabe glich, als eine
Sttze der alten Gesellschaft nach der andern brach und alle Welt Rettung
aus dem Chaos suchte, erst dann gelangten die genannten in den innersten
Bedrfnissen der Menschennatur wurzelnden philosophischen Richtungen durch
die gleichen Umstnde zur Geltung, welche auch dem Christentum seine
welthistorische Stellung erobern halfen.

Unter den bedeutendern Schriftstellern lterer Zeit, die dem
Neoplatonismus die Bahn brachen und bei welchen die diesem angehrige und
eigentmliche Geistesrichtung offen zu Tage trat, sind in erster Linie
_Plutarch_ (ca. 50-120 n.Chr.) und der zur Zeit der Antonine lebende _L.
Apulejus_ zu nennen. Von diesem Zeitalter an gelangte die mystische
eklektische Philosophie zu immer grerer Bedeutung und verkndete sich
besonders in der Sehnsucht nach einer mystischen Vereinigung mit dem
Gttlichen, die teils durch Askese, teils durch Theurgie gewonnen werden
sollte und gegen welche das uere Leben als ein leeres Schattenbild
zurcktrat.

Die Aufgabe der mystisch-eklektischen Philosophie war die Erschlieung
jener dunkeln Gebiete, an deren Grenzen die Logik der Schulen eben noch
heranreicht, welche uns aber verlt, sobald wir die Schwelle des Avernus
berschritten haben. ber diese Gebiete fand man bei den Philosophen teils
nur Andeutungen in Bildern oder Mythen, teils auch bestimmte geuerte
Meinungen, welche, wie jene Andeutungen nicht verkennen lieen, nicht in
ihrem buchstblichen Sinne aufgefat sein wollten. Je mehr man nun bei der
Betrachtung der letzten Dinge -- um hier vergleichungsweise diesen
christlich-dogmatischen Ausdruck zu gebrauchen -- sich gentigt sah, die
Aussprche der Philosophen allegorisch aufzufassen, um so mehr kam man zu
der berzeugung, da im Grunde alle oder doch die tiefsten Philosophen
miteinander einig seien und nur denselben Sinn in verschiedenen Formeln
ausgedrckt htten. Und in der That finden wir bei den alten Philosophen an
den uersten Grenzen der Forschung mehr Einigkeit als bei Untersuchungen,
welche sich der Mannigfaltigkeit weltlicher Erscheinungen zuwenden. In dem
Drang, das Geheimnis des Absoluten und seines Verhltnisses zum Relativen,
des Gttlichen zum Weltlichen anschaulich zu machen, nherte sich der
griechische Philosoph den Quellen orientalischer Mystik, und der
orientalische Priester bediente sich zur Verbreitung seines
transscendentalen Wissens der Waffen, welche griechische Rhetorik und
Dialektik geschliffen hatten. Es bildete sich eine rhetorische Lehre aus,
welche den Kern der lteren Systeme eklektisch umfate und ihre Weisheit
zum Teil unter symbolischer Hlle offenbarte.

Da ferner nun das Abendland und der Orient ganz verschiedene
Forschungsmethoden befolgen, indem nmlich der europische Philosoph und
besonders der auf alle Knste der Dialektik eingehetzte Altgrieche an der
Hand des logischen Beweises Schritt vor Schritt vorwrts geht und das als
nicht existierend betrachtet, was nicht logisch bewiesen werden kann, indem
er vom Besondern auf das Allgemeine schliet, sucht der Mystiker des
Orients durch Autopsie zur Vereinigung mit dem Allgemeinen und zur
Erkenntnis und Beherrschung des Besondern zu gelangen; durch das Anschauen
des Absoluten ist der Mystiker individuell berzeugt, und der logische
Beweis wird fr ihn berflssig. Der Weg und das Mittel zur Autopsie ist
die Askese, die mglichste Vermeidung aller Verunreinigung durch die
Materie. Die mglichste Steigerung in der Enthaltsamkeit vor sinnlichen
Genssen, die gnzliche Abttung der sinnlichen Triebe, die Kasteiung des
Fleisches wird zum Mittel, durch Anschauung des Heils wie des Wissens
teilhaftig zu werden, denn jemehr der Mensch dem Sinnlichen erstirbt, desto
mehr lebt er im Geistigen. Damit ist zugleich die innere Notwendigkeit der
fr den Neoplatonismus so charakteristischen Verachtung aller Auendinge,
welche wir -- allerdings aus ganz anderen Grnden -- auch bei den Cynikern
und Stoikern finden, gegeben, die in ihrer extremen Auffassung die
neoplatonische Lehre nicht lebensfhig werden lie.

Es erhellt, da bei dem vorwiegend mystisch-kontemplativen Charakter der
neuplatonischen Philosophie die Fhigkeiten und Krfte des
transscendentalen Bewutseins in hohem Grade ausgebildet und die auf diese
Ausbildung hinzielenden Mittel sowie die davon abhngigen Beobachtungen
sehr zahlreich werden muten. Auf diese bisher meist als Aberglaube und
Schwrmerei verlachten Dinge, welche durch die Thatsachen des Occultismus
und Mediumismus erklrt werden, wollen wir hier besonders die
Aufmerksamkeit unserer Leser richten, indem wir kurz das schildern, was vom
Leben der wichtigsten Neuplatoniker bekannt ist, und dabei ihre Lehre
bercksichtigen, soweit sie unserem hier verfolgten Zwecke dient.

Der eigentliche Begrnder des Neuplatonismus ist der etwa 190 n.Chr. von
christlichen Eltern geborene _Ammonios Sakkas_, welcher nach Eusebius[794]
sich dem Heidentume zuwandte, als er selbstndig zu denken begonnen hatte.
Von seinem Leben wissen wir sehr wenig, weil er selbst keine schriftlichen
Aufzeichnungen machte und er sowohl als seine Schler auf Auendinge nicht
den mindesten Wert legte. Wie Hierokles und Porphyrius erzhlen, erwarb
Ammonios in Alexandria sich seinen Unterhalt durch Sacktragen, woher er den
Namen Sakkas erhielt, und lehrte dabei eine Philosophie, welche die
bereinstimmung des Plato und Aristoteles in allen Punkten nachzuweisen
suchte. Diese Lehre scheint eine esoterische gewesen zu sein, denn
Porphyrius berichtet im Leben des Plotinus, da sich die drei Schler des
Ammonios Erennios, Origenes (welcher nicht mit dem bekannten Kirchenvater
zu verwechseln ist) und Plotinos verbunden htten, die Lehren ihres
Meisters nicht zu verffentlichen. Erennios und Origenes brachen jedoch
dieses Versprechen durch die Herausgabe jetzt verloren gegangener
Schriften, worauf sich auch Plotinos seines Versprechens fr entbunden
hielt und nun die Schriften verfate, welche wir noch jetzt von ihm
besitzen. Als ein vierter Schler des Ammonios wird ein Grammatiker
Longinos genannt.

Der Bedeutendste von allen ist _Plotinos_, welcher im Jahre 205 zu
Lykopolis in gypten geboren ward.

Er erhielt seine wissenschaftliche Bildung zu Alexandria, wo er im 28.
Jahre seines Lebens Philosophie zu studieren begann. In Ammonios Sakkas
fand Plotin den gesuchten Mann, der ihm Ehrfurcht vor orientalischer
Weisheit und heies Verlangen nach derselben einflte. Deshalb nahm auch
Plotin, nachdem er elf Jahre den Unterricht des Ammonios genossen hatte,
teil an dem Feldzuge, welchen Kaiser Gordianus (der Enkel) gegen die Perser
erffnete, um bei dieser Gelegenheit die persische und indische Philosophie
an der Quelle studieren zu knnen. Als jedoch Gordian im Jahre 244 ermordet
worden war, ging Plotin nach Antiochia und spter nach Rom, wo er als
Lehrer der Philosophie auftrat.

Im Anfang scheint die neue Schule nicht besonders prosperiert zu haben,
denn Amelios, ein Zgling unseres Philosophen, berichtet, da dieselbe voll
Unruhe, Geschwtz und Lrmen, dabei aber schlecht besucht gewesen sei. Im
Laufe der Zeit kam jedoch Plotin zu hohem Ansehen, wie die Namen
zahlreicher Schler beiderlei Geschlechts bezeugen. Ihm hrten nicht nur
rmische Ritter und Senatoren, sondern auch eine groe Menge der
vornehmsten Damen zu, von denen eine, namens Gemina, Plotin zeitweilig in
ihr Haus aufnahm.

Unser Philosoph erfreute sich des allgemeinsten Vertrauens, so da er als
ein heiliger, gttlicher Frsorger von den edelsten Mnnern als
Testamentsvollstrecker und Vormund ihrer Kinder eingesetzt wurde. Sein Haus
war daher mit vornehmen jungen Leuten beiderlei Geschlechts berfllt,
deren Erziehung er leitete und deren Gter er auf das gewissenhafteste
verwaltete, um -- wie er sagte -- ihnen wenigstens ihre zeitlichen Schtze
ungeschmlert bergeben zu knnen, wenn sie keinen Geschmack an der
Philosophie und den himmlischen Dingen finden sollten. Sehr hufig wurde
Plotin als Schiedsrichter angerufen, welchem Amte er mit so groer Klugheit
vorstand, da er sich dabei nach der Versicherung seines Schlers
Porphyrius (in +vita Plotini+), whrend seiner sechsundzwanzig in Rom
verlebten Jahre auch nicht einen einzigen Menschen zum Feind machte.

Selbst Kaiser Gallienus (259-268), eines der nichtswrdigsten Ungeheuer,
welche den rmischen Kaiserthron schndeten, und dessen Gemahlin Salonina
waren fr die Ideeen Plotins derart begeistert, da sie eine verfallene
Stadt in Kampanien wieder aufbauen und Plotin nebst seinen Schlern
schenken wollten. Diese Stadt sollte Platonopolis genannt und nach den von
Plato entwickelten politischen und ethischen Prinzipien regiert werden.
Porphyrius berichtet in seinem Leben Plotins mit nicht geringem Unwillen,
da dieser schne Plan durch einige Hofleute vereitelt worden sei, welche
den Plotin beneidet und Plato nicht den Ruhm eines Gesetzgebers gegnnt
htten.

Plotin lebte bis zum Jahre 270 in Rom, zog sich dann, von einer Krankheit
befallen, nach Kampanien zurck und starb, indem er dem ihn besuchenden
Arzt Eustochius die Worte zurief: Ich fhre jetzt den in mir wohnenden
Gott der im Weltall lebenden Gottheit zu! -- In demselben Augenblick kam,
so erzhlt die allegorische Legende, unter dem Bett eine drachenartige
Schlange, welche fr den Genius Plotins gehalten wurde, hervor und
verschwand durch eine in der Wand befindliche ffnung.

Nach Porphyrius hatte Plotin sein gttliches Auge bestndig auf den ihn
begleitenden Genius gerichtet und lebte recht eigentlich in einer
wesentlichen und realen Gemeinschaft mit der Geisterwelt. Von dem hohen
Werte und der Wichtigkeit dieses geistigen Lebens und Verkehrs im Gegensatz
zu seiner ueren Persnlichkeit war denn auch Plotin so durchdrungen, da
er seinen Freunden und Schlern weder den Tag noch den Ort seiner Geburt
nannte, weil es schon zu viel sei, ber solche irdische Dinge auch nur ein
Wort zu verlieren. Alles phnomenale Sein ist ihm ein Elend, ein Irrtum und
ein niedriger Zustand, von welchem sich der Mensch losmachen mu, damit er
durch die Tugend zu Gott zurckkehre. Dieser Gipfel der Tugend, auf
welchem sich die Seele mit Gott vereinigt, wird nur erreicht durch die
Askese. Deshalb enthielt sich auch Plotin aller Fleischspeisen, nicht
selten auch des Brotes, und fastete oft so lange, da er sich andauernde
Schlaflosigkeit zuzog. Er gnnte sich nicht das regelmige Bad, wie es
doch bei seinen Landsleuten Sitte war, und unterlie zuletzt selbst die
blichen Abreibungen seinem Krpers, die einzige Pflege, welche er
demselben noch hatte zu teil werden lassen. Es schien ihm eine
unertrgliche Eitelkeit, von dem Schattenbilde seines Krpers eine
Abbildung machen zu lassen, welche eine lngere Dauer als das Original
habe. Als nachahmungswrdiges Muster eines Weisen empfahl Plotinus seinen
Schlern den rmischen Senator Rogatianus, welcher durch ihn so bekehrt
worden war, da er seine Sklaven freilie, sein Vermgen verschenkte, sein
Prtorenamt aufgab und nicht einmal in seinem eigenen Hause wohnte, sondern
bei seinen Freunden schlief und speiste. -- Alle spteren Neuplatoniker
eiferten ihrem Meister in dieser bertriebenen Selbstentsagung, bei welcher
indischer Einflu unverkennbar ist, nach und genossen weder Fleisch noch
Wein, noch die Freuden der Liebe, welche sie als die grten Hindernisse
eines heiligen Lebens und der innigen Vereinigung mit Gott ansahen.

Porphyrius berichtet denn auch, da whrend seiner sechsjhrigen Lehrzeit
bei Plotin dieser, sein Meister, viermal der Vereinigung mit Gott
gewrdigt worden sei, whrend ihm -- Porphyrius -- dieses Glck im ganzen
Leben nur einmal zu teil ward. Wie sein Biograph ferner berichtet, war
Plotin hellsehend und hatte die Fhigkeit, die Gedanken anderer zu lesen,
er wute Diebsthle zu verknden so gut wie die Zukunft und sagte seinen
Schlern ihre Gedanken.

Bei folgendem von Porphyrius berichteten merkwrdigen Beispiel von der
hohen Entwickelung der magischen Seelenkrfte Plotins mssen wir etwas
lnger verweilen: Olympius aus Alexandria, ein auf unsern Philosophen
neidischer Schler des Ammonios, suchte denselben durch magische Knste an
seiner Gesundheit zu schdigen, berzeugte sich jedoch sehr bald, da sein
Beginnen vergeblich sei, und sagte zu seinen Bekannten: Welch eine
machtvolle Seele besitzt nicht dieser Plotin, denn alle gegen sie
gerichteten Knste prallen von ihr ab und auf den Angreifenden zurck!
Plotin empfand jedoch die magische Einwirkung durch ein Gefhl, als ob ihm
Glied um Glied wie ein lederner Beutel zusammengeschnrt werde.

Man hat diese Erzhlung sehr hufig als ein Beispiel des bei den
Neuplatonikern herrschenden Aberglaubens angefhrt, damit aber, wie mir
scheint, den ehrlichen, wenn auch schwrmerischen, doch immerhin sehr hoch
entwickelten Mnnern Unrecht gethan. Gehen wir von der Thatsache der nicht
durch uere Sinne vermittelten Gedankenbertragung aus, um jenen Bericht
zu erklren, so kommen wir zu folgenden Schlssen: Wenn die Seele auf die
Seele wirkt, so kann dieser Eindruck entweder die Bewutseinsschwelle des
Beeinfluten berschreiten, dann bildet er sich zum Gedanken aus; oder aber
er bleibt an der Schwelle des Bewutseins stehen, dann ruft er nur ein
dumpfes, unklares Empfinden hervor.[795] Das eigentmliche Gefhl der
Zusammenschnrung, welches Plotin empfand, ist daher sehr wohl zu
begreifen und findet berdies seine Analogie in den krampfartigen
Erscheinungen, wie sie bei allen magischen Zustnden vom Somnambulismus
bis zur Besessenheit vorkommen.

Die Schriften des Plotin sind uns ziemlich vollstndig erhalten geblieben,
und zwar in der Bearbeitung des Porphyrius, welche dieser im Auftrag seines
Lehrers bernahm, weil derselbe durch Augenschwche von der Revision seiner
Werke abgehalten wurde. Porphyrius fand einzelne wenig zusammenhngende
Bcher vor, welche er in sechs Enneaden zusammenstellte, je nach der
Verschiedenheit des Inhalts, wobei er die uere Form verbesserte und noch
einiges, jetzt nicht mehr nher Bestimmbare hinzufgte. Dies ist hchst
wahrscheinlich die Bearbeitung der Plotinischen Schriften, welche wir noch
besitzen. Andere von den schon genannten Schlern des Plotin Amelios und
Eustochios veranstaltete Bearbeitungen sind verloren gegangen.

Da nun Plotin der eigentliche Philosoph der neuplatonischen Schule ist,
whrend alle Spteren mit Ausnahme des Proklos mehr Theurgen oder
Magier[796] zu nennen sind, so wird es geeignet sein, hier eine kurze
Darstellung des plotinischen Lehrgebudes zu geben, wobei wir uns mglichst
an die Worte des Philosophen selbst zu halten vorziehen.

Gott ist der Realgrund aller Dinge, und es giebt nur eine Art von
Substanzen, nmlich vorstellende; Raum und Materie ist nichts als Schein
des Realen, der Schatten der Geister. Die Welt ist ewig wie Gott. Gott ist
keinem Menschen und berhaupt keinem Wesen fern. Er ist das reine
urwesentliche Licht und macht die Basis alles Seins und Denkens aus; er ist
die Einheit, welche jedem Denken vorausgeht und demselben das Objekt
giebt.[797]

Der Intellekt (%nous%) ist ein Bild des (All)-Einen, denn als Erzeugtes mu
es hnlichkeit von dem Erzeugenden empfangen und behalten; der Intellekt
ist nur dadurch geworden, da er das Eine schaute. Daher ist auch im
Intellekt Einheit, und die Einheit ist die Mglichkeit aller Dinge. Der
Intellekt schaut auf das Eine, wodurch ihm ein Objekt des Erkennens gegeben
ist; es ist die zum Erkennen erforderliche Doppelheit, Objekt und Subjekt,
vorhanden. Ebenso wie der Intellekt das Anschauungsvermgen von dem Einen
erhalten hat, so ergiet sich diese Kraft wieder von dem Intellekt aus und
erzeugt andere, ihr hnliche, nur minder vollkommene Intellekte.[798]

Da indessen der Intellekt das Erkennen nicht von sich, sondern von dem
Einen hat, so mu auch in dem Einen als in der Quelle alles Erkennens zwar
nicht Erkenntnis, wodurch die Einfachheit aufgehoben wrde, aber doch etwas
hnliches sein, gleichsam ein Schauen und Wissen ohne Doppelheit. Das Eine
sieht nicht nach auen auf andere Dinge, sondern nur auf sich selbst. Es
liebt in sich den reinen Glanz, das reine Licht, welches es selbst ist. Der
Intellekt ist das Produkt des Einen, und das Eine ist sein eigenes
Produkt.[799]

_Das Licht ist die ursprngliche, ruhige, sttige, unvernderliche
Thtigkeit des Urwesens_, das aus ihm unmittelbar und unaufhrlich
Ausstrmende, ein Lichtkreis, durch welchen alles erleuchtet wird und seine
Form erhlt. Dieser das Eine umgebende Lichtkreis ist der Intellekt.[800]

Der Intellekt umfat alle mglichen Objekte, d.h. die ganze
Verstandeswelt, oder ist vielmehr die Verstandeswelt selbst. Intellekt und
Realitt umfassen alles Sein und Leben.[801]

Die Verstandeswelt ist das Muster und Vorbild der Sinnenwelt. Alles, was
in dieser wirklich ist, mu daher auch in der Verstandeswelt enthalten
sein, jedoch nur der Form nach. In der Verstandeswelt ist daher auch ein
mit Sternen beseter Himmel, eine Erde mit allen mglichen Pflanzen und
Tieren, Wasser und Meer in bleibendem Flusse und Leben mit allen
Wassertieren und die Luft mit den ihr lebenden Wesen. Denn was aus dem
Intellekt kommt, ist Leben; die Verstandeswelt ist daher auch ein lebendes
Wesen, ein Welttier.[802]

Alle die Verstandeswelt ausmachenden Verstandeswesen mssen etwas
Gemeinschaftliches und etwas Individuelles haben, denn weil sie im
Intellekt existieren, ohne durch den Raum getrennt zu sein, so knnen sie
allein durch das ihnen Eigentmliche unterschieden sein, wodurch sie zu
besondern Dingen werden. Dieses Individuelle ist die Form, die Gestalt. Wo
nun Gestalt ist, da giebt es auch etwas Gestaltetes, d.h. durch die Form
Bestimmbares und Bestimmtes. Dies ist die Materie, d.h. nicht die
sinnliche, sondern die bersinnliche. Denn auch das hat die Verstandeswelt
mit der Sinnenwelt berein, da sie aus Form und Materie besteht.
Abstrahiert man in Gedanken von den Formen, durch welche die Verstandeswelt
ein mannigfaltig gestaltetes Ganze geworden ist, so bleibt nichts brig als
das Gestaltlose und Unbestimmte, welches die Gestalt annimmt und gleichsam
trgt.[803]

Durch die Thtigkeit und schpferische Kraft des Intellekts entsteht die
Verstandeswelt, welche nur in ihm existiert. Die Thtigkeit, durch welche
die Verstandeswelt wirklich geworden ist, ist eine innere und auf das
Innere gerichtete. Soll nun auch eine uere Welt entstehen, welche sich
auf die Verstandeswelt als auf ihr Muster bezieht, so mu auer dem Einen
und dem Intellekt noch ein drittes vorhanden sein, dessen Thtigkeit nicht
nach innen, sondern nach auen gerichtet ist. Dies ist die Seele.[804]

Die Seele ist Produkt des Intellekts, sowie der Intellekt Produkt des Einen
ist. Nach dem Grundsatz, da alles Reale aus sich selbst ein anderes Reale
erzeugt, was dem Grade der Vollkommenheit nach dem Erzeugenden am nchsten,
aber doch nicht ganz gleich kommt, bringt auch der Intellekt etwas hervor,
was ihm am nchsten kommt. Die Seele ist ein Gedanke, eine Thtigkeit des
Intellekt.[805]

Die Seele steht im dritten Grad von dem Einen ab und ist daher
unvollkommener als der Intellekt. Sie ist auch ein Leben, Denken und
Thtigsein wie der Intellekt, aber in einem niedern Grade. Erstens geht die
Seele nicht ohne Vernderung hervor. Zweitens ist ihr Denken und Schauen
dunkler, denn sie erblickt die Objekte nicht in sich, sondern in dem
Intellekte. Drittens ist ihr Wirken nicht eine innere, sondern eine nach
auen gerichtete Thtigkeit; sie bringt etwas auer sich hervor, was nun
nicht mehr ein reines, sondern ein schon vermischtes und getrbtes Sein
hat.[806]

_Auch die Seele ist wie die Intellekte eine Art Licht_, aber nicht ein
selbstleuchtendes, sondern von einem andern erleuchtetes. Das Eine ist das
einfache, reine Licht selbst, welches sich in den Intellekt ergiet. Die
Seele empfngt das Licht vom Intellekt.[807]

Nach den ewigen Gesetzen der Ordnung und Harmonie des Ganzen lsten sich
alle Seelen, eine jede zu der bestimmten Zeit, vermge eines natrlichen
Dranges und wie durch den Ruf eines Herolds oder Beschwrers erweckt, von
dem Intellekt ab und traten zum erstenmal in das System unserer Welt, in
die Gemeinschaft mit den Krpern ein. Indem sie aus ihrer gttlichen
Urquelle ausflossen, kamen sie in den Himmel oder den Aufenthaltsort der
sichtbaren Gtter, _wo sie ein Gewand aus therischem Stoff gewebt
erhielten oder annahmen_. Hier am Saume des unsichtbaren Universum, wo die
Seelen gleichsam zwei Welten berhrten und das niedrigste Glied der
intelligibeln wie das hchste der materiellen ausmachten, verweilten sie
nicht immer, sondern senkten sich nach eben den Gesetzen, nach welchen sie
aus der Mutter aller Seelen hervorgegangen waren, auf unsere Erde herab.
Auf einer jeden neuen Stufe des Herabsteigens empfingen sie einen neuen
Krper und wurden also in dem groen zwischen Himmel und Erde ausgespannten
Raume mit einem luftigen, auf dem Wohnplatz sterblichen Geschpfe mit einem
_dichten irdischen Gewand_ bekleidet.[808]

Durch die Thtigkeit der Seele entstehen andere Seelen als Arten der einen.
Die Krfte derselben sind von doppelter Art. Einige sind auf das obere
gerichtet wie die Vernunft, andere auf das Niedere wie die
verstandesmigen Krfte; die unterste ist die auf die Materie gerichtete
und sie bildende Kraft, die Empfindung nmlich und vegetative Kraft.[809]

Alles Wirken der Natur hat die Erkenntnis zum Endzweck. Denn was in der
Natur hervorgebracht wird, hat eine bersinnliche Form, wodurch die Materie
eine Gestalt erhlt, damit sie ein Objekt der Erkenntnis werde.[810] _Die
Natur ist also nichts anderes als eine Seele_, welche wiederum das Produkt
einer hheren und mchtigeren Seele ist.[811] In der ganzen Natur ist nur
_eine der Qualitt nach identische Kraft wirksam: die Seele, die
Vorstellungskraft; nur eine und dieselbe Wirkungsart: die Bildung, das
Anschauen_. Es herrscht also derselbe Proze im innern Menschen wie in der
ueren Natur.[812]

Alle Materie wird von der Seele innerlich gestaltet; alle Elemente sind von
ihrem Leben erfllt, welches innerlich vorhanden ist, auch wenn es nicht in
die Erscheinung tritt. Die Erde gleicht dem Holze eines Baumes, welche eine
belebende Natur in sich trgt, die Steine sind wie abgeschnittene Zweige.
In den Gestirnen wie in der Erde als Weltkrper findet sich gttliches
Leben und Vernunft. Die sinnliche Welt ist sowohl im einzelnen als im
ganzen beseelt, und eben diese Seele ist das Wesentliche an ihr.[813]

Die Verstandeswelt ist ein unvernderliches, absolutes, lebendes Ganze, in
welchem keine Trennung durch den Raum, kein Wechsel in der Zeit
stattfindet. Sie enthlt alles, was ist, aber kein Werden noch
Vergangensein. Sie ist in keinem Raum und bedarf keines Raumes, denn sie
ist in sich vollstndig, sich durchaus gleich und sich selbst erfllend.
Wenn man sagt, die Verstandeswelt ist allenthalben, so heit das nichts
anderes als, sie ist in dem Sein und daher in sich selbst.[814]

_Die Verstandeswelt ist nichts anderes als das Geisterreich._ Es giebt
erstens einen hchsten Intellekt, welcher in sich alle mglichen Intellekte
und Objekte +in potentia+ enthlt; der Wirklichkeit nach giebt es aber
ebenso viele einzelne Intellekte, als im hchsten Intellekt der Mglichkeit
nach enthalten sind. So wie es einen hchsten Intellekt giebt, so giebt es
auch eine hchste Weltseele und viele einzelne Seelen, und jene verhlt
sich zu den vielen wie die Gattung zu den Arten. Die Arten unterscheiden
sich untereinander, ob sie gleich alle aus der Gattung entspringen; es mu
also zum Gattungsbegriff noch etwas hinzukommen, damit die Arten nher
bestimmt werden. Ebenso mu auch zum Intellekt etwas hinzukommen, da
daraus die Weltseele entspringe, und die einzelnen Seelen mssen
vollkommener oder unvollkommener in Rcksicht auf das Denkvermgen sein,
sonst wrden es eben nicht verschiedene Arten von Seelen sein.[815]

_Es giebt nichts durchaus Vernunftloses in der Natur._ Auch die Tiere,
welche wir fr unvernnftig halten, scheinen nur vernunftlos zu sein. Denn
Vernunft ist dasjenige, in welchem und aus welchem alles ist; wie sollte
also etwas der Vernunft Entgegengesetztes existieren knnen? Wir stoen uns
daran, da die Tiere ihre Vernunft auf eine ganz andere Art uern, als die
Menschen, und wollen ihnen daher gar keine Vernunft einrumen, weil sie
nicht die unsere ist. Es giebt unzhlige Arten des Lebens, der Thtigkeit
und der Vernunft, welche untereinander verschieden sind. Und dann darf man
auch nicht vergessen, da auch der sichtbare Mensch nicht so lebt und auf
dieselbe Art vernnftig ist als der Mensch in der Verstandeswelt. Wir
rechnen zum Wesen der Vernunft das Schlieen und Beurteilen; dort ist aber
die Vernunft ein anderer und ber das Schlieen weit erhabener Vorgang,
_nmlich ein unmittelbares Anschauen in vollkommenster Deutlichkeit_.[816]

Der Endpunkt der Vernunftthtigkeit ist der uere Gegenstand, z.B. ein
einzelnes Tier. Denn wenn sich die Krfte entfalten und in ihrer Entfaltung
fortschreiten, so verlieren sie immer etwas und werden niedriger; es
entstehen unvollkommene Produkte; aber selbst aus dem, was diesen fehlt,
wissen sie noch etwas hinzuzusetzen, um das Fehlende zu ergnzen. Weil
z.B. das bloe Sein zum Leben nicht hinlnglich ist, so kamen Krallen,
Schnbel, Hrner und Zhne zum Vorschein.[817] Auf diese Art hebt sich die
im Herabsteigen unvollkommener gewordene Vernunft wieder durch
Zulnglichkeit empor.[818]

Ist die Verstandeswelt, in welcher alles bestimmt und notwendig ist, ein
Ausflu des Urwesens; ist die Sinnenwelt wieder ein Ausflu der
Verstandeswelt; ist die Zuflligkeit und Vernderlichkeit der Dinge in
derselben eine unvermeidliche Folge ihres Abstandes vom Urwesen und dieser
Abstand im Grade der Vollkommenheit ein Naturgesetz; ist das durch die
Thtigkeit der drei Prinzipien alles Seins nicht in der Zeit entstandene
Weltganze ein groes lebendiges Wesen, in welchem Einheit und Zusammenhang
ist, wo auch das Entfernteste einander nahe ist und kein Teil wirken kann,
ohne da auch die entfernteren Teile in Mitleidenschaft kommen, weil im
Ganzen _eine_ Seele ist, welche ihre Thtigkeit auf alle einzelnen, das
groe Ganze ausmachenden Teile erstreckt, so wird es eine natrliche Magie
und Mantik geben, weil alles in einem natrlichen Zusammenhang steht und
das Ganze eine Mannigfaltigkeit von Krften ist, die einander auf die
vielfachste Weise anziehen und abstoen und durch eine Kraft zu einem Leben
vereinigt werden.[819]

Alle Seelen samt der Weltseele sind Amphibien, welche sich bald dem
Sinnlichen zuwenden und mit ihm verflochten an seinen Schicksalen
teilnehmen, bald ihrem Ursprunge, der Vernunft, anhngen und mit ihr
vereinigt werden. Die Seele spaltet sich, indem ihre niederen Teile immer
weiter abwrts steigen, whrend die besseren bis ber den Himmel
hinausragen.[820]

Die Einkrperung der Seele wird dadurch bewirkt, da sie dem Krper etwas
abgiebt, ohne deswegen ihm anzugehren. Deshalb nimmt auch nur der mit dem
Krper vermischte Teil der Seele an ihrem Leiden teil. Die bsen Regungen
entspringen nur diesem Teil, weshalb auch die Strafen nur dies
zusammengesetzte Wesen, das belebte Tier oder das Scheinbild der Seele,
nicht aber den eigentlichen Menschen treffen und berhren. Da nun die Seele
um so grbere Hllen anzieht, je mehr sie sich dem Niedern zuwendet, und da
die Strafen nur die uern Hllen treffen, so mu der eigentliche Mensch
durch ein wiederholtes Leben gereinigt werden, in dessen Zwischenrumen die
Hllen an besonderen Orten der Qual vernichtet und gereinigt werden,
whrenddem die reine Seele zum Vater hinaufsteigt, und wieder zur Erde
herabkommt, wenn der geeignete Zeitpunkt einer neuen leiblichen Existenz
naht.[821]

Unser Verstandesdenken lehnt sich an Begriffe und Begriffserklrungen an,
welche durchaus nicht die wahre Grundlage der vollkommenen Einsicht sind,
weil sie zu viel Gemeinschaft mit dem verstndigen Denken und dem
Sinnlichen haben. Darum mu sich die Seele in das Begrifflose flchten und
sich entschlieen, jeden Begriff und jede Erkenntnis aufzugeben, wenn sie
zum Urersten gelangen will, denn das Eine ist eine unbegreifliche Kraft.
Wir mssen uns frei machen von der Mannigfaltigkeit der Gedanken, welche
uns zum Sinnlichen fhren, sowie von jeder Rede; denn das, was ber das All
erhaben ist, geht auch ber die Rede und die ehrwrdigste Vernunft hinaus;
wir widersprechen uns, wenn wir von ihm etwas aussagen. Nur durch ein
unmittelbares Schauen, nur durch Gegenwart kann das Eine gewonnen werden.
Das Schauen ist besser als Wissenschaft, denn alle Wissenschaft ist eine
Vielheit und nicht die wahre Einheit, welcher allein das Gute zukommt.[822]

Es giebt zwei Wege, um die Menschen zum Schauen des Einen, Ersten und
Hchsten hinzufhren. Man mu erstens die Ursache zeigen, warum die Seele
jetzt solche Dinge schtzt und man mu sie zweitens ber ihren Ursprung und
ihre Wrde belehren. Mit dem letzteren mu man anfangen, denn es geht
daraus auch die erste Belehrung hervor. Es bringt uns auch dem Ziele aller
Nachforschung nahe und fhrt uns auf dieser Laufbahn eine betrchtliche
Strecke weiter. Denn das Forschende ist die Seele, welcher das Anschauen
nicht gelehrt und gegeben werden kann, was vielmehr durch ihre eigene
Anstrengung zu Stande gebracht werden mu. Gelangt der Mensch nicht zu
dieser Anschauung, so empfngt er auch nicht das wahre Licht, welches die
ganze Welt erleuchtet, er wird nicht davon affiziert und hat gleichsam
nicht das Gefhl der Liebe, durch welches der Liebende sich im Anblick
seiner Geliebten verliert. Zwar ist das Eine von keinem entfernt, wohl aber
jedem gegenwrtig oder nicht. Gegenwrtig ist es nur denen, welche fhig
und vorbereitet sind, dasselbe zu empfangen, zu berhren und zu umfassen
durch die hnlichkeit und Verwandtschaft des von ihm empfangenen Vermgens.
Ist mit einem Wort, die Seele so beschaffen wie damals, als sie von dem
Einen entsprossen war, dann kann sie das Eine in der Art anschauen, wie es
seiner Natur nach angeschaut zu werden vermag. Ist Einer wegen der ihm
anklebenden, die Seele belastenden Hindernisse, oder weil die Vernunft
nicht gehrig den Weg zeigt und die berzeugung von jenem Wesen
hervorbringt, noch nicht dahin gelangt, der messe sich selbst die Schuld
bei und suche sich von allem loszureien und vllig Eins zu sein.[823]

Willst du dies Eine aber durch dein Denken finden, so mut du dein Denken
von allen andern auer dir abstrahieren, weil es kein Merkmal mit irgend
einem Gegenstand gemein hat. Soll die Seele es ganz und rein umfassen, so
mu sie sich von allen Eindrcken, Figuren, Gestalten und Formen gereinigt
haben; sie mu nichts, auch sich selbst nicht denken. Gott ist allen
zugegen, auch denen, die ihn nicht erkennen. Aber sie fliehen ihn, sie
treten aus Gott oder vielmehr aus sich selbst heraus. Sie knnen also den
nicht erfassen, den sie fliehen, sie suchen nach einem anderen, nachdem sie
sich selbst verloren haben.[824]

Schreitet die Seele auf dem Wege fort, da sie der Vereinigung mit Gott
teilhaftig wird, und erkennet sie, da sie die wahre Urquelle des Lebens
hat und keines Dinges mehr bedrfe, sondern vielmehr alles andere von sich
legen und nur allein in ihm sein und leben und selbst das sein msse, was
das Eine ist; strebt sie, aus diesem irdischen Sein zu entfliehen, um Gott
ganz und mit jedem Teil zu umfassen: dann kann sie sich und ihn schauen, so
weit nmlich dieses Schauen berhaupt mglich ist. Sie sieht sich nmlich
als verklrt, erfllt mit dem bersinnlichen Lichte, oder vielmehr als das
reine, schwerelose leichte Licht selbst, als einen gewordenen oder vielmehr
seienden Gott, der jetzt hervorstrahle, aber dann verdunkelt werde, wenn
das Licht wieder seine Schwere erhlt.[825]

Warum bleibt aber die Seele nicht auf dieser hohen Stufe stehen? Weil sie
noch nicht ganz aus dem Irdischen heraus gegangen ist. Doch ist auch ihr
zuweilen ein ununterbrochenes Anschauen vergnnt, wenn sie gar keine
Strungen mehr von dem Krper erhlt. Nicht das Subjekt der Anschauung,
sondern das andere ist es, was strt; denn das Anschauende ist bei dem
Anschauen ganz unthtig, Denken und Schlieen ruhen. Das Anschauen und das
Anschauende sind nicht mehr Vernunft, sondern stehen vor und ber der
Vernunft wie das Angeschaute selbst. Schaut sich die Seele so an, so wird
sie inne werden, da sie mit dem Angeschauten eins und vllig einfach
geworden ist. Denn das Objekt und Subjekt sind jetzt nicht mehr zwei, auch
unterscheidet sich die Seele nicht; die Seele ist auch nicht mehr sie
selbst, sondern sie wird das, was sie angeschaut; sie geht in das Objekt
ber, sowie ein Punkt in Berhrung mit einem Punkte ein Punkt ist und
nicht zwei, sondern nur in der Getrenntheit als zweiter existiert. Darum
ist auch dieser Zustand etwas Unbegreifliches. Denn wie soll man dem Andern
das Angeschaute als etwas Verschiedenes verstndlich machen, da es, als man
es anschaute, nicht verschieden, sondern mit dem Subjekt identisch
war.[826] -- Insofern nun die Seele in inniger Vereinigung das Eine
angeschaut hat, trgt sie selbst das Bild des Einen in sich, wenn sie
wieder zu sich selbst kommt. Sie war aber auch selbst das Eine und fand
nicht die geringste Differenz in Beziehung auf sich und andere Dinge. Denn
in ihr war keine Bewegung, kein Gefhl, keine Begierde nach etwas anderem,
indem sie in diesem Zustand der Erhhung war, auch kein Denken und kein
Begreifen. Sie war nicht mehr sie selbst, wenn man so sagen darf, sondern
aus sich gerissen, entzckt, in einem bewegungslosen Zustande, in ihrem
eigenen Wesen ruhend, zu nichts sich hinneigend, sondern vllig ruhend und
gleichsam die Ruhe selbst; nicht mehr selbst etwas von dem Schnen, sondern
das Schne schon bersteigend, auch schon ber die Flle der Tugenden
hinaus, sowie einer, der in das Allerheiligste eingegangen und die Statuen
des Tempels hinter sich gelassen hat, welche dann, wenn er wieder
herauskommt, die ersten Anschauungen sind, die sich in ihm wiederum
darstellen. Dieses sind der Ordnung nach die zweiten Anschauungen nach der
ersten innigen Anschauung und Vereinigung, deren Gegenstand kein Bild ist.
Doch vielleicht ist dieses nicht einmal Anschauung, sondern eine andere Art
des Sehens, ein Heraustreten aus sich selbst, eine Vereinfachung und
Erhhung seiner selbst, ein Ringen nach Berhrung und Ruhe. Indem aber die
Seele aus sich selbst herausgeht, geht sie nicht etwa in das Nichtreale;
aber in der entgegengesetzten Richtung kommt sie nicht in etwas anderes,
sondern in sich selbst, und ist nur in sich selbst; sie ist gewissermaen
nicht mehr Wesenheit, sondern noch ber die Wesenheit erhaben.[827]

Dies sind -- soweit sie sich aus den ziemlich zusammenhanglosen Enneaden
zusammenstellen lassen -- die Grundzge von Plotins Philosophie. Im
nchsten Kapitel werden wir uns zu den spteren Neuplatonikern wenden,
deren Leben sowie deren Lehren und Beobachtungen vom hchsten Interesse
sind angesichts der neuerdings wiederum begonnenen Erforschung des
bersinnlichen Seelenlebens.




Zweites Kapitel.

Porphyrius, Jamblichus, Proklus, Sosipatra.


Der bedeutendste unter den Schlern des Plotin war der im Jahre 233 n.Chr.
zu Batanea in Syrien geborene _Malchus Porphyrius_, welcher bis zu seinem
dreiigsten Lebensjahre in der Rhetorik, Grammatik und neuplatonischen
Philosophie von Longinus unterrichtet wurde. Als er 263 nach Rom kam,
begann er mit Plotin einen Streit ber die Ideeenlehre des Plato, wurde
aber von Plotins Schler Amelios widerlegt und zu einem der eifrigsten
Anhnger seines frheren Gegners gemacht. Nachdem Porphyrius sechs Jahre
als Schler Plotins zu Rom gelebt hatte, ging er, weil ein Anfall tiefer
Melancholie einen Ortswechsel fr ihn wnschenswert machte, nach Sizilien,
wo er bis zu dem 270 erfolgten Tode des Plotins blieb. Hierauf kehrte er
nach Rom zurck und verweilte daselbst bis zu seinem Ende im Jahre 304
n.Chr.

Das uere Leben Porphyrius verlief noch ereignisloser als das des Plotin;
er rhmt sich auch, nur ein einziges Mal im 68. Lebensjahre der Vereinigung
mit Gott gewrdigt worden zu sein, whrend seinem Lehrer diese glckliche
Ekstase (welche wir uns hnlich wie die der Yogis und Fakire zu denken
haben) viermal widerfahren sei.[828]

Schriftstellerisch wirkte Porphyrius durch die Herausgabe der plotinischen
Enneaden; durch eine kurze Aufstellung der Hauptlehrstze der
neuplatonischen Schule, seine Sentenzen; durch seine bekannte Schrift ber
die Enthaltung vom Tierfleisch; endlich durch seine Biographie des Plotin
und den berhmten Brief an den Priester Anebo.

Das Hauptbestreben des Porphyrius ist der sittlichen bung zugekehrt,
welche uns von den leidenden Stimmungen der Seele befreien soll; diese
betrachtet er als die schrecklichsten und gottlosesten Tyrannen, von
welchen wir uns selbst mit Verlust unseres ganzen Krpers losmachen sollen.
Mithin ist auch bei Porphyrius die Askese der Weg zur Vollendung der
hchsten menschlichen Aufgabe. Er sagt darber[829]: Die eingekrperte
Seele ist einem Reisenden hnlich, der sich lange unter fremden Vlkern
aufgehalten und nicht nur seine vaterlndischen Sitten verlernt, sondern
auch auslndische angenommen hat. Wenn dieser in seine Heimat zurckkehren
und von seinen Freunden und Verwandten gtig aufgenommen werden will, so
bemht er sich, alles Fremde, welches sich ihm whrend seiner Entfernung
angehngt hat, abzulegen, um seine ehemalige Art zu denken und zu leben
wieder zu erhalten. Auf eben diese Weise mu die in den Krper verbannte
Seele, wenn sie sich zu ihrem himmlischen Vaterland erheben will, alles
ausziehen, was sie von sterblicher Natur an sich genommen hat und was die
Ursache ihrer Verweisung oder ihres Herabsinkens in die Materie geworden
ist. Sie mu sich bemhen, nicht nur die uere grbere Decke, _sondern
auch die innern Hllen, in welche sie gekleidet ist_[830], allmhlich
auszutrocknen und abzuwerfen, damit sie leicht und gleichsam nackt in die
ewige Wohnung der Seligkeit eingehen kann.

Es giebt zwei giftige Zauberquellen, aus welchen der Mensch eine gnzliche
Vergessenheit seines ehemaligen und gegenwrtigen Zustandes und seiner
wahren Bestimmung trinkt, nmlich sinnlicher Schmerz und sinnliche Lust.
Durch beide, vorzglich aber durch letztere und die aus ihnen
entspringenden Begierden und Leidenschaften, wird die Seele gleichsam
verkrpert und wie durch eben so viele Hefte oder Ngel an den Leib
geschmiedet; auch das _aus der Luft gewebte Vehikel der Seele_ wird durch
sie gemstet und schwerer gemacht. Man mu daher alles vermeiden, wodurch
Sinnlichkeit gereizt wird, weil da, wo Sinnlichkeit herrscht, die lautere
Vernunft und der reine Verstand absterben. Man mu also nie zum bloen
Vergngen, sondern nur zur uersten Notdurft essen und trinken, weil
berflssige und besonders tierische Nahrung die Seele fester an die
Materie bindet und von der Gottheit wie den gttlichen Dingen abzieht. --
Als ein Priester der Gottheit suche sich der Weise in ihrem groen Tempel,
der Welt, vor aller Befleckung zu bewahren und vergehe sich nie so weit,
da er, der sich so oft dem Vater des Lebens naht, selbst ein Grab toter
Krper werde. Er friste daher sein leibliches Leben allein durch den Genu
der reinen Geschenke, welche ihm die mtterliche Erde darbietet. Noch
hnlicher wrden wir Gott werden, wenn wir auch die Pflanzen schonen
knnten und ihrer Nahrung nicht bedrften.

Ebenso wie vor dem Fleisch scheuten sich die Neuplatoniker vor dem Wein und
vor dem Geschlechtsgenu, weshalb auch die meisten unvermhlt blieben. Nur
Porphyrius hatte zu Rom eine gewisse Marcella, die Witwe eines seiner
Freunde geheiratet, aber wie sein Biograph Eunapius bemerkt, nicht um
seines eigenen Vergngens willen, oder um Kinder zu zeugen, sondern um den
Kindern seines verstorbenen Freundes eine anstndige Erziehung zu geben.
Da derartige, wenn auch ursprnglich edeln Motiven entstammende, so doch
alle Lebensverhltnisse auf den Kopf stellende Bestrebungen im
lebenslustigen klassischen Altertum nicht viel Freunde fanden, liegt auf
der Hand; da aber eine solche Hyperaskese ebenso wie das der gleichen Zeit
entstammende christliche Mnchswesen berhaupt Boden fassen konnte, ist
psychologisch nur als Reaktion gegen den wsten Taumel der Kaiserzeit zu
erklren.

In den _Sentenzen_, worin Porphyrius die Lehre seiner Schule zusammenfat,
hebt er ganz besonders den Unterschied zwischen dem Unkrperlichen und
Krperlichen hervor. Das Unkrperliche beherrscht das Krperliche und ist
daher, obgleich nicht im Raum, so doch seiner Kraft nach berall
gegenwrtig; das krperliche Sein kann dasselbe nicht hindern, den Krpern
gegenwrtig zu sein, welchen es will. Daher hat auch die Seele das
Vermgen, berallhin ihre Kraft auszustrecken; sie ist von unendlicher
Kraft, und ein jeder Teil derselben, wenn er von Vermischung mit der
Materie rein ist, vermag alles und ist berall gegenwrtig. -- Die Dinge
wirken nicht nur durch Berhrung in der Nhe, sondern auch in der
Entfernung, sofern sie eine Seele haben, welche als Unkrperliches vom
Krper nicht eingeschlossen sein kann wie das Wild vom Tiergarten oder eine
Flssigkeit von einem Schlauche. -- Wegen der wesentlichen Einheit und
Identitt mit dem hchsten kann die Seele durch ihre ins Unendliche gehende
Thtigkeit alles bewirken, alles erfinden. Daher vermag selbst eine
individuelle Seele alles, wenn sie vom Krper gereinigt wird.[831]

Porphyrius blieb wie Plotin noch bei der Entgegensetzung des Krpers und
der Seele stehen, und kam daher auch nicht dazu, ber die Mglichkeit eines
Astralleibes eingehendere Spekulationen anzustellen. Bercksichtigen wir
aber die beiden obigen Stellen und bedenken wir auch, da Porphyrius von
einem %pneuma% oder Luftkrper spricht, an welchen die Seele der Dmonen
gebunden ist, so wird es wahrscheinlich, da auch ihm schon die Idee eines
Astralleibes dunkel vorschwebte, die dann von den sptern Neuplatonikern
weiter ausgebildet wurde.

Seine Dmonologie entwickelt Porphyrius in seiner Schrift +De
Abstinentia+.[832] Er teilt die Dmonen in menschenfreundliche, gute, und
menschenfeindliche, bse. Beide sind mit einem feinen geistigen aber
vernderlichen und vergnglichen Krper bekleidet und unterscheiden sich
noch dadurch, da die guten Dmonen stets Meister ihres Krpers bleiben,
whrend die bsen von ihm beherrscht werden. Erstere sind als die
Beschtzer von Menschen, Tieren und Gewchsen, als Regierer der
Jahreszeiten, die Lehrer ntzlicher Knste und Beschftigungen, als
Verknder der Zukunft und Geber aller irdischen Gter zu verehren; die
letzteren hingegen sind die Ursache aller Unflle, welche den Menschen und
Tieren begegnen. Sie verursachen Erdbeben, berschwemmungen, Seuchen,
Hungersnot und suchen die Menschen zu berreden, da alle diese bel von
den guten aber erzrnten Gttern herrhren. Sie entznden im Menschen alle
unmigen gehssigen Begierden und Leidenschaften, reizen ihn zu
Ausschweifungen, Aufruhr und Krieg und verfhren ihn zu Tieropfern, von
deren fetten Dmpfen sie sich msten. Darum mu sich auch ein weiser Mann
vor dem Schlachten und Opfern empfindender Geschpfe hten, damit er nicht
bse Dmonen herbeilocke und an sich ziehe.

Bei der Betrachtung dieser in kurzen Zgen dargestellten Dmonologie wrde
man versucht sein zu glauben, da Porphyrius ein jedes ins Gebiet des
Transscendentalen gehrende Phnomen fr eine uerung der Thtigkeit guter
oder bser Dmonen anshe; und doch regt er mit einer schon von Jamblichus
gergten Inkonsequenz in seinem Brief an Anebo Spekulationen ganz
entgegengesetzter Art an und sucht -- wovon wir schon oben einen Beweis
hatten -- die Ursache aller mystischen Erscheinungen in einer
fernwirkenden und fernsehenden Kraft der Seele. Der Brief an Anebo kann als
erster schchterner Versuch einer Psychophysik gelten.[833]

Porphyrius richtet diesen Brief an den Phthapriester Anebo, und verlangt
von diesem Auskunft ber eine groe Menge zweifelhafter, die griechische
Theologie betreffender Fragen, welche in der Mehrzahl nur noch historisches
Interesse besitzen und Teilnahme fr die khne Skepsis des Verfassers
erregen. Vor allen Dingen erregt dem Porphyrius die Behauptung Bedenken,
da sich die mchtigen Gtter und Dmonen durch Magie zwingen lassen
sollten, den Menschen zu manchmal recht nichtigen und sndigen Diensten zu
stehen. Er sagt: Mich bringt vorzglich das in Verlegenheit, wie die
Gtter und Geister, welche als mchtigere Wesen herbeigerufen werden, sich
doch wie schwchere befehlen lassen. -- Sind die Gtter von allen Leiden
frei, so sind ihre Anrufungen, Beschwrungen&c. eitel und vergebens; noch
mehr aber die theurgischen Mittel, durch die man sie zwingt. Was keinem
Leiden (Affiziertwerden) unterworfen ist, kann auch nicht gezwungen werden.
Wie vieles geschieht nun nicht in den theurgischen Zeremonien, was die
Gtter und Dmonen als leidend darstellt?

Am wichtigsten sind die Auslassungen des Porphyrius ber die Divination,
welche ihm -- ganz im Gegensatz zu seinem Zeitalter -- durchaus keine
Thtigkeitsuerung der Gtter und Dmonen, sondern des Menschengeistes zu
sein scheint. Das rumliche und zeitliche Fernsehen, Mantik, kann aus
ganz natrlichen Ursachen geschehen, denn weil die ganze Natur in
Wechselwirkung steht, so braucht nur der innere Funke geweckt zu werden, um
die Teile den Ganzen zu berschauen. Dies ist eine natrliche Eigenschaft
des Menschen, welche sich unter gewissen Umstnden entwickelt.

Was geschieht in der Mantik? Oft stellen wir uns im Schlafe durch Trume
das Knftige vor, ohne da wir in einer Ekstase sind, denn der Krper liegt
ruhig; aber gleichwohl begreifen wir das Knftige nicht so wie im wachen
Zustande.

Viele sehen das Knftige durch Begeisterung und gttliche Eingebung
voraus; sie wachen zwar, und ihre Sinne sind thtig, aber sie begreifen
sich selbst nicht oder wenigstens nicht so wie in einem wachen Zustande.
(Ekstase.)

Von denen, welche auer sich sind, werden einige begeistert, wenn sie
Zymbeln, Pauken oder gewisse Lieder hren, wie die Korybanten, die in die
Mysterien des Bacchus Sabazius und der Gttermutter Eingeweihten; andere,
wenn sie ein gewisses Wasser trinken, wie die Priester des Apollo Klarius
zu Kolophon; andere, wenn sie ber den ffnungen gewisser Hhlen sitzen,
wie die delphischen Priesterinnen; andere durch die Dnste, welche aus dem
Wasser aufsteigen, wie die Priesterinnen des Branchidischen Orakels;
andere, wenn sie auf Charakteren stehen, wie diejenigen, welche Eingebungen
erhalten. Andere sind ihrer selbst im brigen bewut, aber ihre Phantasie
ist begeistert, wobei bald die Finsternis, bald gewisse Getrnke, bald
gewisse Wortformeln und Umstnde mitwirken. Einige werden an einem
verschlossenen, andere an einem freien oder von der Sonne beschienenen Ort
begeistert. Einige verschaffen sich durch die Eingeweide der Opfertiere,
andere durch Vgel, andere durch die Kenntnis des Himmels den Blick in die
Zukunft.

Ich frage also: wie und wodurch wird die Mantik bewirkt? Alle
Wahrsager[834] behaupten, ein Vorherwissen des Knftigen sei uns durch
Gtter oder Dmonen mglich, und es knne kein Wesen das Knftige wissen,
wenn es nicht Urheber desselben sei. Dann wundert mich aber, wie sich die
gttliche Natur zum Dienst der Menschen herablassen kann, da es auch
Wahrsager durch das Mehl giebt?

In Rcksicht auf die Ursachen der Mantik ist es ein Problem, ob Gott oder
ein Engel[835] oder Dmon oder wer sonst bei den Erscheinungen,
Wahrsagungen und allen religisen Handlungen gegenwrtig ist, durch uns
selbst, durch die zwingende Kraft der Anrufungen oder des Citierens
herbeigezogen wird.

Ist es nicht vielleicht die Seele, welche dieses voraussagt und sich
vorstellt, wie einige sagen, so da es Vernderungen der Seele sind, welche
durch kleine Funken erweckt werden?

Vielleicht ist die Wahrsagung ein gemischter Vorgang, welcher zum Teil
durch unsere Seele, zum Teil von auen durch Eingebung bestimmt ist.

Ob nicht die Seele durch solche Bewegungen und Funken das Vermgen, das
Knftige sich vorzustellen, in sich erzeugt? Ob nicht das aus der Materie,
vorzglich der Tierwelt, in uns Aufgenommene durch seine inneren Krfte
Dmonengebilde darstellt und konstituiert?

Da ein gewisser Zustand der Seele Ursache der Mantik ist, erhellt daraus,
da die Sinne gebunden und unterdrckt sind, da gewisse Dnste und Dmpfe
und die Citationsformeln gebraucht werden, da nicht alle Menschen, sondern
nur zartere und jngere zur Mantik am tauglichsten sind.

Da eine gewisse Verrckung des Verstandes die Ursache der Mantik ist,
beweist der Wahnsinn und die Verrcktheit in Krankheiten, das Fasten, die
durch Ergieung gewisser Sfte im Krper oder durch krankhafte Bewegungen
des Krpers entstandenen Einbildungen. Der Mittelzustand beweist es, wo man
nicht recht bei sich und auch nicht recht auer sich ist, endlich die durch
Magie knstlich hervorgebrachten Vorstellungen.[836]

Die Natur, die Kunst, die natrliche Verbindung der Teile des Universum,
da sie gleichsam ein groes Tier ausmachen, bietet gewisse Vorhersagungen
knftiger Begebenheiten und ihrer Folge dar. Es giebt Krper, welche so
beschaffen sind, da der eine die Vorstellung einer knftigen auf einen
andern Krper sich beziehenden Begebenheit erweckt.

Dies ist der Inhalt des Briefes an Anebo, soweit er fr uns von Wichtigkeit
ist. Im folgenden verbreitet sich der Verfasser ber jetzt unwesentliche
mythologisch-theurgische Spitzfindigkeiten, deren Wiederholung zwecklos
wre; jedoch wollen wir nicht unterlassen zu erwhnen, da die
Neuplatoniker, wie die Spiritisten von der strikten Observanz, +Esprits
menteurs+ kannten, wie folgende Stelle des anebontischen Briefes beweist:
Einige behaupten, auer uns sei eine Gattung von Wesen, welche unsere
Wnsche erhren und von betrglicher Natur sind, alle Gestalten und Formen
annehmen, die Rolle der Gtter, Dmonen und abgeschiedener Seelen spielen
und dadurch alle scheinbaren Gter und bel hervorbringen knnen.

Diese Lehre griff auch _Jamblichus_ auf und bildete sie in seinem berhmten
Werk +De mysteriis Aegyptiorum+ weiter aus.

Vom ueren Leben des _Jamblichus_ wissen wir trotz der ziemlich
ausfhrlichen Biographie des Eunapius sehr wenig und zwar nur, da er aus
Chalkis in Clesyrien gebrtig war, im Orient viele Schler um sich
versammelte und im Jahre 333 starb. Er stand bei seinen Zeitgenossen,
welche ihn nur den gttlichen nennen, wegen seiner Wunder in hohen Ehren.
So soll er beim Beten nach der Erzhlung des Eunapius sich ber zehn Ellen
hoch in die Luft erhoben haben, wobei er in einem goldfarbenen Lichte
erglnzte. In den heien Bdern zu Gadara soll er vor den Augen seiner
Schler aus Wasserdampf die Knabengestalten des Eros und Anteros haben
entstehen lassen, welche sich dann an ihn, wie an ihren Vater schmiegten
und wieder zerflossen. (Wenn diese Erzhlung einen historischen Hintergrund
hat, was sich wegen Mangels genauerer Nachrichten nicht entscheiden lt,
so htten wir in ihr vielleicht Materialisation zu sehen.)[837] Endlich
aber soll Jamblichus fernsehend gewesen sein und seinen Schlern, als er an
einem Sommerabend mit ihnen nach der Stadt zurckkehrte, (nach welcher sagt
Eunapius nicht) gesagt haben, da der Weg durch eine auf demselben zu Grabe
getragene Leiche verunreinigt worden sei, was sich nachher besttigte. --
Das ist alles, was man vom Leben Jamblichus wei.[838]

In seiner Schrift +De mysteriis Aegyptiorum+ sucht derselbe alle von
Porphyrius im Briefe an Anebo gestellten Fragen im Namen des Priesters
Abammon zu beantworten. Er verteidigt alle Gebruche der Magie im
allgemeinen wie der Theurgie im besonderen als Mittel zu der ber allen
Verstand gehenden Anschauung des Hchsten, und lt die ganze
gyptisch-griechisch-rmisch-hebrische Gtter-, Dmonen- und Engelwelt vor
unsern erstaunten Augen Revue passieren.

Wenn Porphyrius behauptete, die Gtter wrden durch den Gehorsam gegen die
magische Einwirkung des Theurgen in einen leidenden Zustand versetzt, so
macht ihm Jamblichus den Vorwurf, da er dabei einen Unterschied zwischen
dem Leidenden und dem Leidenlosen mache, welcher auf die hhern Wesen nicht
passe. Die Lehre von der mystisch-theurgischen Vereinigung mit dem absolut
Guten dehnt er so aus, da daraus auch die Henosis mit allen hhern Wesen
folgt, fr deren Dasein kein Beweis erbracht zu werden brauche, weil wir
dasselbe eben unmittelbar durch die Vereinigung erfahren.[839] Die Gtter
sind nicht nur im Himmel, sondern berall, teilen sich also auch dem
Theurgen mit und belehren ihn ber ihr Wesen und ihre Verehrung. Auf diese
gttliche Mitteilung, welche Hermes den Priestern machte, werden alle
Mysterien mit ihrer geheimen Bedeutung zurckgefhrt.[840] Darauf beruht
auch der heilige Enthusiasmus, in welchem der Mensch nicht mehr das
tierische, nicht mehr das menschliche, sondern ein hheres Dasein lebt, wie
Jamblichus an Beispielen zeigt, welche beweisen, da er die Abnderung der
organischen Gesetze sehr gut kennt, welche magisch-mediumistische Zustnde
im Gefolge haben. Er spricht[841] von den vom gttlichen Hauch Berhrten,
welche vom Feuer weder Brandwunden noch Schmerzempfindung erleiden; welche
es nicht fhlen, wenn sie durch Schwerter, Beile, Lanzen und Messer
verwundet werden; die ohne Schaden zu nehmen ins Feuer fallen oder -- wie
der Priester bei den castabalischen Festen -- auf wunderbare Weise ber
Flsse schwimmen. Im (folgenden) 5. Kapitel schildert Jamblichus noch
einige fein beobachtete Merkmale der Ekstase: Einige von den Begeisterten
werden am ganzen Leibe bewegt, einige an gewissen Gliedern, andere hingegen
bleiben vllig in Ruhe, zuweilen vernahmen sie eine wohlgeordnete Musik,
einen Tanz oder harmonischen Gesang, zuweilen das Gegenteil; zuweilen
scheint ihr Krper in die Hhe zu wachsen, zuweilen in die Breite, zuweilen
scheint er in der Luft zu schweben. Zuweilen vernehmen sie eine
wohlklingende Stimme und wiederum durch Zwischenrume oder Stillschweigen
getrennte Tne und vieles andere.[842]

Die Vereinigung mit dem Gttlichen beruht wesentlich darauf, da die vom
Krper abgetrennte Seele leidenfrei ist. Selbst wenn sie in den Krper
hinabsteigt, leidet sie nicht, noch auch ihre Gedanken, welche Ideeen,
d.h. geistige Wesenheiten sind. In ihnen sind wir mit den Gttern
vereinigt. Die innige Vereinigung aber zwischen der menschlichen Seele und
Gott vermag kein Gedanke auszudrcken. Der, welcher dieses gttliche Werk
vollzieht, ist nicht verschieden von dem, auf welchen er es richtet, von
der Gottheit, es ist kein Unterschied vorhanden von dem Rufenden und dem
Gerufenen, dem Befehlenden und dem Ausfhrer der Befehle, zwischen dem
Hheren und Geringeren.[843]

In dieser Weise spricht sich Jamblichus ganz bereinstimmend mit den
indischen Mystikern aus. Es heben sich auf diese Art alle Zweifel des
Porphyrius ber die Macht, welche die Theurgen ber die Gtter ausben
wrden. Die Gtter werden nicht zu uns herabgerufen, sondern wir heben uns
durch Askese, Gebet, Betrachtung und Anrufung zu ihnen empor. Die alles
zusammenhaltende Liebe verbindet uns mit ihnen.[844]

Wenn die Seele sich mit den Gttern zu vereinigen strebt, so erhlt sie
die Macht und Fhigkeit alles zu erkennen, was war und was sein wird, sie
durchschaut alle Zeiten, betrachtet alles in ihnen Geschehende und ordnet
es in gebhrender Weise; sie empfngt die Macht zu heilen und zu
verbessern. Kranke Krper heilt sie und richtet es zum Guten, wenn die
Menschen Unordnungen und Fehler begehen. Sie erfindet Knste, spricht Recht
und erfindet Gesetze. So werden im Tempel des Aeskulap durch gttliche
Trume Heilmittel offenbart. -- Das ganze Heer Alexanders wre zu Grunde
gegangen, wenn nicht nchtlicherweile Dionysius erschienen wre und
Heilmittel gegen das schwere bel gezeigt htte.[845]

Wie man sieht, kannte Jamblichus den Somnambulismus in seinem ganzen Umfang
und legte besonders Wert auf dessen heilend wirkende uerungen, auf den
Traum als Arzt, wie sie du Prel kurz und treffend bezeichnet.

Alle Mantik ist eine Gabe der Gottheit, und die menschliche Seele besitzt
an sich keine intuitiven Fhigkeiten, sondern nur die Gabe, sich mit der
Gottheit vereinigen zu knnen und dann in und mit ihr das Geschehende zu
erschauen. Es giebt aber auch eine trgerische Pseudomantik, bei welcher
die Idole trgerische Bilder in Spiegeln hervorrufen. Diese Idole sind
Schattenbilder, welche auf wunderbare Weise (+fabrica prodigiosa+) durch
den Lauf des Himmels und nicht durch die menschliche Seele, welche
tierische Materie in sich aufgenommen hat, geschaffen werden. Jamblichus
bestreitet hierin die obige Annahme des Porphyrius, die menschliche Seele
sei gttlicher Natur und knne nur Wahres und Gutes schaffen; auch nhren
sich die Idole nicht vom Dampf der Materie, sondern werden durch
Rucherungen vertrieben.[846]

Jamblichus war der erste Neuplatoniker, bei welchem sich die sichere Spur
von der Annahme eines Astralleibes findet. Er schreibt diesem auch die
Vermittelung des divinatorischen Vermgens zu, indem er von der knstlich
bewirkten Mantik spricht. Er sagt[847]: Diese ganze so vielgestaltige
Gattung der Mantik kann man -- wie irgendwo gethan -- mit dem Begriff
Erleuchtung bezeichnen, denn sie erfllt mit gttlichem Licht das
therische und glnzende Vehikel (%augoeides ochma%), welches die Seele
umgiebt. Hier finden wir auch zum erstenmale den Krper der Seele als eine
Art Licht bezeichnet, ein Gedanke, welcher, wie wir bald sehen werden, von
den spteren Neuplatonikern weiter ausgebildet wurde.

Die bis in den modernen Spiritismus hinein spukende Lehre der Truggeister
wurde zuerst von Jamblichus (gest.333), aufgenommen, welcher die
Einmischung der Truggeister von theurgischen Kunstfehlern abhngig macht,
indem er in seiner den Brief an Anebo beantwortenden Schrift +De mysteriis
Aegyptiorum+ sagt[848]:

Gtter, Engel und gute Dmonen erscheinen nur unter angenommenen wahren
Bildern; denn so wesentlich das Licht mit der Sonne vereinigt ist, so
wesentlich ist mit ihnen Wahrheit, Gte und Vollkommenheit verbunden. Die
bsen Dmonen bedienen sich aber fter falscher Bilder, um in hherem Rang
zu erscheinen und die Theurgen zu tuschen. -- Wenn etwas in der
theurgischen Kunst versehen worden und anstatt der verlangten wahren
Erscheinungen falsche zum Vorschein kommen, so nehmen in diesem Fall die
untern und unvollkommenen Geister leicht die Gestalt der hhern an. So
entstehen oft eine Menge groer und gefhrlicher Irrtmer beim Citieren der
Geister. Wer solchen falschen Erscheinungen traut, wird in Irrtmer und
Tuschungen gestrzt und von der wahren Erkenntnis Gottes abgefhrt. Denn
warum erscheinen sie? Etwa um denen, die sie citieren, einen Vorteil zu
gewhren? Nein, sondern um sie zu hintergehen und ihnen zu schaden, denn
aus einer Lge kann kein Nutzen erwartet werden. Die gttliche Natur, als
die ewige Quelle des Seins und der Wahrheit, lt in kein anderes Objekt
ein tuschendes Bild von sich bergehen.[849]

Im brigen ist die Schrift des Jamblichus +De mysteriis Aegyptiorum+ nur
eine Beantwortung der von Porphyrius in seinem Brief an Anebo aufgeworfenen
Zweifelsfragen, worin die Theurgie nicht als Ausflu philosophischer
Spekulation, sondern als Erfahrungswissenschaft, welche die drastische
Vereinigung mit Gott und der Geisterwelt hervorbringt und direktes
Erkennen im Gefolge hat, dargestellt wird:

Es giebt eine reale, innige, wirksame Vereinigung mit Gott und der
gesamten ihm unterworfenen oder von ihm ausflieenden Geisterwelt der
Untergottheiten, Dmonen, Engel, Heroen und Seelen, welche durch keine
Vernunfterkenntnis erlangt werden kann, sondern allein durch gewisse
geheimnisvolle theurgische Handlungen, Ceremonien und Worte, die eben
deshalb, weil diese Wirkungen auf keiner Vernunfterkenntnis beruhen,
Symbole und Synthemata (also magische Charaktere&c.) genannt werden, deren
Kenntnis und Anwendung durch die Theurgie den Priestern allein als Vorrecht
zukommt, ein gttliches Geschenk und Offenbarung ist und deshalb den
Menschen weiter aufwrts fhrt als alle Erkenntnis durch Vernunft und
Philosophie.[850]

Die Gtter bilden die hchste und die menschlichen Seelen die niedrigste
Stufe in der Geisterhierarchie des Jamblichus; die Mittelstufe nehmen die
Dmonen ein.

Die Dmonen sind von den Gttern abhngig und ihrer Natur nach viel
geringer und unvollkommener; sie sind Diener der Gtter und Vollstrecker
ihres Willens. Sie haben einen weiten Wirkungskreis und stellen das
Unsichtbare und Unaussprechliche der Gtter in Worten und Werken dar,
gestalten das Formlose in Formen und offenbaren in Begriffen das alle
Begriffe bersteigende. Sie empfangen alles Gute, dessen sie teilhaftig
oder ihrer Natur nach fhig sind, von den Gttern und teilen es wieder den
unter ihnen stehenden Geschlechtern der Dinge mit. Somit erfllen die
Dmonen samt den Heroen den Zwischenraum zwischen den Gttern und Menschen
und verbinden sie miteinander.[851]

Die verschiedenen Geisterwelten offenbaren sich dem Menschen, welcher im
Besitz der wahren Praxis der rechten Theurgie ist, und ihre Erscheinungen
sind ihrem Rang nach verschieden.[852] -- Sie entsprechen dem Wesen, den
Krften und Wirkungen der verschiedenen Gtter- und Geisterarten, wonach
sich die Art und Weise richtet, wie sie durch Beschwrungen sichtbar
werden, Wirkungen uern und die ihnen angemessenen Gestalten, sowie die
ihnen eigentmlichen Unterscheidungsmerkmale erblicken lassen.

Die Mitteilung dieser charakteristischen Kennzeichen der verschiedenen
Geisterklassen ist nun das Prachtstck der theurgischen Weisheit des
Jamblichus.

Die Erscheinungen der Gtter sind in ihrer Art homogen, die der Dmonen
mannigfaltig, die der Engel einartiger als die der Dmonen, jedoch
unvollkommener als die der Gtter. Die Erscheinungen der Erzengel kommen
denen der Gtter am nchsten. Die Erscheinungen der Frsten der Elemente
unter dem Mond sind zwar mannigfaltig, aber doch einer gewissen
Bestimmtheit und Ordnung nicht entbehrend; die Erscheinungen der Frsten
der Materie jedoch sind mannigfaltiger als jene; die der Seelen sind die
mannigfaltigsten.

Die Erscheinungen der Gtter bestrahlen das Gesicht mit einem wohlthtigen
Licht; die der Erzengel sind zugleich kraftvoll und mild, lieblich die der
Engel, furchtbar die der Dmonen, milder die der Heroen. Die Erscheinungen
der Frsten der Elemente betuben, die der Frsten der Materie sind widrig
und fter den sie Schauenden gefhrlich[853]; die Erscheinungen der Seelen
sind denen der Heroen hnlich, aber schwcher.

Die Gtter zeigen in ihren Erscheinungen eine gewisse Stetigkeit und
Ordnung, die Erzengel dabei noch eine gewisse Kraft, die Engel Anmut und
Ruhe mit einiger Beweglichkeit vereinigt; die Dmonen zeigen strmische
Bewegung und Unordnung, die Weltfrsten (Frsten der Elemente) eine in sich
ruhende Sttigkeit, die Frsten der Materie Tumult, die der Heroen
Nachgiebigkeit gegen die Bewegung, whrend die der Seelen noch beweglicher
sind.

Die Erscheinungen der Gtter sind zuweilen so gro, da sie Sonne und Mond
verhllen, und bei ihrem Herabsteigen ruht die Erde nicht mehr fest. Wenn
die Erzengel erscheinen, so werden einige Teile der Welt bewegt, und ein
Licht geht als Vorlufer vor ihnen her. Kleiner und beschrnkter ist die
die Engel begleitende Lichterscheinung, noch kleiner stufenweise die der
Frsten der Welt und der Materie, der Heroen, der Seelen.

Die Bilder der Weltfrsten sind unermelich gro, die der Frsten der
Materie prahlerisch und aufgeblasen; die Bilder der Seelen sind ungleich
gro, jedoch kleiner als die der Heroen. berhaupt richtet sich die Gre
und Beschaffenheit der Erscheinungen stets nach der Gre der Krfte oder
Gewalten, welche sie reprsentieren. An den Erscheinungen der Gtter zeigen
sich die Bilder der Wahrheit deutlich, glnzend und bestimmt ausgeprgt.
Die Bilder der Erzengel sind wahr und erhaben. Die Engel behalten zwar
immer die bestimmte Gestalt, welcher jedoch vollstndige Bestimmtheit
mangelt. Die Bilder der Dmonen sind undeutlich und noch unbestimmter die
der Heroen. Die Bilder der Weltfrsten sind deutlich, die der Frsten der
Materie dunkel und verworren, beide aber gebieterisch. Die Bilder der
Seelen sind schattenartig.[854]

In den Gttererscheinungen liegt die Kraft, die Seele vollkommen zu
reinigen. Die Erzengel erheben die Seelen, die Engel lsen sie von den
Banden der Materie, die Dmonen ziehen sie in das Naturgetriebe herab, die
Heroen verwickeln sie in Sorgen und zeitliche Dinge, die Weltfrsten
verhelfen ihr zur Herrschaft ber die weltlichen und die Elementarfrsten
zu der ber die materiellen Dinge.[855] Die erscheinenden Seelen streben
zur Erzeugung und Fortbildung (also Reincarnation).

Die Gtter besitzen die Kraft, die Materie auf einmal zu verzehren; die
Erzengel, solche nach und nach aufzuzehren; die Engel, von derselben
loszumachen und die Menschen davon abzuziehen; die Dmonen, sie tuschend
auszuschmcken; die Heroen, ihr das rechte Ma anzupassen; die Weltfrsten
zeigen sie in ihrer Erhabenheit; die Frsten der Materie sind ganz mit
Materie erfllt. Die reinen Seelen kommen von aller Materie rein und die
unreinen als von Materie erfllt zur Anschauung.[856]

Die Gegenwart der Gtter schenkt unserm Krper Gesundheit, der Seele
Tugend, der Vernunft Reinheit, hhere Krfte, gttliche Liebe,
berschwngliche Freude; sie stellt das, was nicht Krper ist, den Augen
der Seele durch die Augen des Krpers dar, als wre es Krper. Die
Erscheinungen der Erzengel gewhren dasselbe, jedoch nicht jedesmal und
nicht Allen, ebenso nicht Allen in gleichem Grade. Weiter geben sie
intellektuelle Betrachtung und ausdauernde Kraft. -- Die Erscheinung der
Engel ist von beschrnkter Wirkung, denn die Kraft, womit sie erscheinen,
steht noch weiter von dem vollkommenen Licht ab, welches alle Kraft in sich
erhlt. Jedoch gewhrt sie uns Weisheit, Forschungstrieb, Tugend, Ordnung
und Ebenma. Die Erscheinung der Dmonen beschwert den Krper, plagt ihn
mit Krankheiten, zieht die Seele in die Natur herab, reit sie nicht vom
Krper und der ihm anhngenden Sinnlichkeit los und befreit nicht von den
Banden des Fatum. -- Die Erscheinung der Heroen erweckt zu einzelnen groen
und edlen Thaten. Die Weltfrsten geben bei ihrem Erscheinen die Gter der
Welt[857] und die glnzenden Auszeichnungen dieses Lebens; die Frsten der
Materie dagegen materielle und irdische Gter, Schtze, Geld usw.[858] --
Das Anschauen der reinen und in die Ordnung der Engel aufgenommenen Seelen
ist fr den Geist erhebend und heilsam, es erweckt die heilige Hoffnung und
schenkt Alles, wonach diese strebt. Die Erscheinung der unreinen Seele
dagegen zieht zum Vergnglichen herab, verdirbt die Krfte der Hoffnung und
erfllt mit Leidenschaften, welche an den Krper fesseln.[859]

Das Gefolge der Geisterhierarchie richtet sich bei den Erscheinungen nach
dem Rang und der Wrde der erscheinenden Geister. Die Gtter erscheinen in
der Umgebung der Gtter und Erzengel; die Erzengel in der Begleitung von
Engeln, welche ihnen als Vorlufer, Diener und Trabanten beigegeben sind.
Die guten Dmonen stellen uns die weltlichen Gter dar, mit denen sie uns
begaben; die bsen und rchenden Dmonen jedoch die verschiedenen Arten der
bel und Strafen. Auerdem werden sie noch von einem Gewimmel wilder,
grauenerregender, schdlicher und blutsaugender Tiere umgeben.[860]

Das Licht, welches die Gtter bei ihren Erscheinungen umfliet, ist so
fein, da die Theurgen bei der Anschauung dieses gttlichen Feuers
gewhnlich in Ohnmacht fallen. Auch die Erzengel strahlen ein so feines
Licht aus, da es dem dasselbe Einatmenden beschwerlich fllt. Die Engel
dagegen teilen der Luft keine beschwerlichen Eigenschaften mehr mit. Bei
der Erscheinung der Dmonen wird die Luft nicht verndert, auch begleitet
sie nur so viel Licht, als ntig ist, ihr Bild zur Darstellung zu bringen.
Bei der Erscheinung der Heroen werden zuweilen einzelne Landstriche
erschttert, jedoch wird die Luft nicht dnner und fr den Theurgen nicht
atembar. Die Erscheinung der Weltfrsten umschwrmt auf eine dem Theurgen
fast unertrgliche Weise ein Gewhl von weltlichen und irdischen Bildern,
ohne da jedoch die Luft eine merkliche Vernderung erlitte. Bei der
Erscheinung der Seelen ist die sie umflieende sichtbare Luft mit ihnen
verwandt und nimmt, indem sie sich an sie schmiegt, gleichsam ihre Umrisse
an, weshalb sie denn auch luft- und schattenartig erscheinen.[861]

Dies ist der Kern des theurgisch-dmonologischen Systems von Jamblichus, in
welchem alle spteren Systeme bis auf Allan Kardecs +Echelle spirite+
vorhanden sind. Ist bei den lteren Theurgen das Streben nach der
mystischen Henosis vorherrschend, so tritt bei Jamblichus der eigentliche
Geisterverkehr lebhaft hervor, und auch der Verkehr mit den bsen Dmonen
wird eingehend besprochen, welcher von jetzt an in aller spteren Theurgie
der vorherrschende bleibt.

Der bedeutendste Neuplatoniker der sptern Zeit ist der von lykischen
Eltern zu Byzanz 412 geborene _Proklus_, welcher zu Alexandria und spter
zu Athen durch den jngern _Plutarch_ und _Syrianos_ eine grndliche
Erziehung geno. Sein Leben war ganz der neuplatonischen Lehre gewidmet,
und nach dem Tode des Syrianos war er dessen Nachfolger und die Hauptsttze
seiner Schule. Er zeichnete sich durch groe schriftstellerische Thtigkeit
auf dem Gebiete der heidnischen Theologie und durch strenge Askese aus. Er
nahm bis zu seinem 485 erfolgten Tode monatlich mehrmals reinigende Bder
im Meer, fastete am letzten Tage der Monate und feierte die Zeit des
Neumondes aufs prchtigste. Auch beobachtete Proklus genau die heiligen
Tage der gypter, sang orphische und chaldische Hymnen und diente den
Gttern aller Vlker, denn er pflegte zu sagen, der Philosoph solle nicht
allein ein Verehrer der Gtter seiner Stadt oder einiger Vlker, sondern
ein Priester der ganzen Welt sein.

Infolge seiner Frmmigkeit gelangte Proklus zur Anschauung allerdings nicht
des Einen Hchsten, aber doch der Athene, des Apollo, des Asklepios, der
Hekate und der platonischen Ideeen. Er hatte zahlreiche vorbedeutende, oft
in Gedichten sich kundgebende Trume, in deren einem ihm offenbart wurde,
da er zur hermetischen Kette der Philosophen gehre und in frherer
Incarnation der Pythagorer Nikomachos gewesen sei. Sein Gebet war
heilkrftig und soll sowohl einen wohlthtigen Regen haben herbeiziehen,
wie auch schdliche Erdbeben abwenden knnen.

Darum geno auch Proklus bei seinen Anhngern hohe Verehrung. Ein hoher
Staatsbeamter mit Namen _Rufinus_ wohnte einstmals einer Vorlesung des
Philosophen bei und sah dessen Haupt von gttlichem Lichte umstrahlt.
Sobald der Meister aufhrte zu reden, fiel Rufinus vor ihm wie vor einem
Gotte nieder und beteuerte mit heiligem Eide sein gehabtes Gesicht.

Da jedoch die Gesetze der christlichen Kaiser gegen die Ausbung der
heidnischen Religionen sehr streng waren, so war Proklus gentigt, seine
Lehren in geheimer abendlicher Versammlung vorzutragen und mute sogar
einmal eine Zeit lang aus Athen flchten. -- So berichtet sein Schler
_Marinos_ in der +Vita Procli+.

Von der Philosophie des Proklus knnen uns nur einige psychologische
Spekulationen interessieren. Er denkt sich hnlich den indischen
Philosophen der Vedantalehre, die Seele mit feinern und grbern Hllen
umgeben, welche gttliche, von der ersten unvernderlichen Ursache
herrhrende, unvernderliche Krper sind, die immer dieselbe Gestalt und
Gre haben, obgleich sie durch Zusatz oder Ausscheidung von anderen
Krpern vernderlich erscheinen. -- Er fhrt keinen Grund an, weshalb die
Seele mit solchen Hllen umgeben sei, und macht auch weiter keinen
praktischen Gebrauch von dieser Annahme auer um gewisse sichtbare
Erscheinungen der Seele (die Doppelgnger?) und die Notwendigkeit der
Reincarnation zu erklren.

Proklus spricht nur an einigen Stellen seines Alcibiades von der
Reincarnation auf eine beilufige Weise; wahrscheinlich gehrte die Lehre
von der Reincarnation zu den esoterisch vorgetragenen. Er sagt: Wie wrde
die Seele fehlen und sndigen und sich wieder zum Gttlichen erheben
knnen, wenn nicht sie und ihre Vernunft und die Freiheit ihres Willens an
der Vermischung mit den Leiden teil htten, wenn sie nicht im Zeitlichen
wre und die materiellen Kleider umnhme und wieder ablegte nach gewissen
Perioden der Zeit.[862] Je mehr sich die Seele von den ueren Hllen
befreit hat, desto hher steigt sie.[863]

Beilufig verdient noch erwhnt zu werden, da Proklus die Dmonen in fnf
Klassen teilte, welche der schon genannte Psellus noch um eine vermehrte;
auerdem machte Proklus einen Geschlechtsunterschied bei den Dmonen, wobei
sich wieder orientalischer Einflu geltend macht.

Kurze Erwhnung mssen wir noch der allsehenden _Sosipatra_, der Gattin
des sonst unbedeutenden Neuplatonikers _Eustathius_ schenken, welche in der
zweiten Hlfte des vierten Jahrhunderts lebte.

Eustathius whlte _Sosipatra_ zu seiner Gattin, ward aber, wie Eunap sich
ausdrckt, durch deren unbeschreibliche Weisheit so sehr in Schatten
gestellt, da er an ihrer Seite nicht als ein Denker und Philosoph, sondern
als ein uerst unbedeutender Mann erschien. Ihr Vaterland war Asien, die
Gegend um Ephesus, welche den Flu Kayfar bewsserte. Als kleines Kind
schon veredelte sie gleichsam alles um sich her durch ihre ausnehmende
Schnheit und Schamhaftigkeit, und ihr Vater, der sehr reich war, that
alles, was er vermochte, ihr die beste Erziehung zu geben.[864]

Da kamen, heit es nun am eben angefhrten Orte wrtlich weiter, in
ihrem fnften Jahre zwei in Pelz gekleidete und groe Taschen tragende
Greise auf eines der Landgter ihres Vaters, und berredeten den Verwalter
desselben, ihnen die Besorgung des Weinbergs allein zu berlassen. Der
beraus reichliche Ertrag erweckte den Gedanken bei ihm, es msse ein
Wunder und eine Gottheit dabei im Spiele sein. Der Vater der Sosipatra
ehrte die beiden Fremden durch eine treffliche Mahlzeit, und bezeigte seine
Unzufriedenheit ber die brigen Arbeiter, da sie nicht eben so viel Flei
auf die ihnen obliegenden Zweige der Landwirtschaft gewendet htten.
Hierauf nahmen die Fremdlinge, welche durch die Gestalt und das
liebenswrdige Benehmen der beim Mahle anwesenden _Sosipatra_ bezaubert
waren, das Wort. Die brigen Geheimnisse und Schtze verborgener
Weisheit, sagten sie, behalten wir fr uns. Das alles, was du soeben von
uns als eine empfangene Wohlthat, oder als Probe von unserer
Geschicklichkeit so sehr rhmtest, ist nur eine Kleinigkeit und ein
geringes Kinderspiel im Vergleich mit dem, was wir sonst noch vermgen.
Willst du, da wir dir fr die Ehre, welche du uns erzeigest, und fr die
Geschenke, welche wir von dir empfangen haben, ein Gegengeschenk machen,
nicht mit vergnglichen Gtern, sondern mit etwas Hherem, das ber dich
und dein Leben hinausgeht, und bis an den Himmel und die Sterne reichet, so
bergieb uns, als den wahren Eltern und Erziehern, fnf Jahre lang diese
Sosipatra. Du sollst und darfst dich aber diese ganze Zeit hindurch nicht
um sie bekmmern, noch jenes Landgut auch nur mit einem Fue betreten.
Alsdann wird nach Verlauf dieser Zeit deine Tochter nicht allein ein
hochgebildetes weibliches und menschliches Wesen sein, sondern du wirst
unfehlbar in ihr auch noch etwas Anderes und Hheres ahnen. Hast du nun
guten Mut und Vertrauen zu uns, so nimm unseren Vorschlag willig an, bist
du aber mitrauisch, so wollen wir -- _nichts gesagt haben_.

Stillschweigend und bestrzt bergab ihnen der Vater hierauf seine
Tochter. Dann rief er seinen Verwalter und befahl ihm, den Fremdlingen
alles zu reichen, was sie nur immer verlangen wrden, und sich um nichts
weiter zu bekmmern, machte sich als ein Flchtiger noch vor Anbruch des
Tages auf, und verlie die Tochter und das Landgut. Die Mnner, _es mgen
nun Heroen oder Dmonen, oder noch hhere Geister gewesen sein_, nahmen das
Mdchen und weiheten es ein -- in welche _Mysterien_? und _Wozu_? das
vermochte niemand, auch der Allerneugierigste nicht, jemals zu erforschen.

Als nun die festgesetzte Zeit herum war, kam der Vater auf das Landgut. Er
kannte seine Tochter nicht mehr, so auerordentlich hatte sie sich in
Absicht auf Gre, Wuchs und uerliche Schnheit verndert. Auch sie
erkannte ihren Vater kaum mehr. Er fiel vor ihr nieder auf seine Kniee, so
sehr glaubte er ein anderes Wesen vor sich zu sehen. Jetzt erschienen auch
die beiden Lehrer. Du kannst, sagten sie, deine Tochter alles fragen, was
du immer willst. Ach! Vater, fiel Sosipatra ihnen in die Rede, frage mich
doch etwas, frage mich doch, wie dir's auf dem Wege gegangen ist. Sie
erzhlte ihm darauf alle Vorflle, Reden, Besorgnisse, Drohungen u.s.f.,
kurz alles, was auf der Reise vorgekommen war, so genau, als wenn sie
selbst mit in dem Wagen gesessen htte.

Der Vater war ganz auer sich vor Erstaunen, und glaubte fest, _seine
Tochter sei -- eine Gttin_. Er fiel vor den Mnnern nieder und bat, sie
mchten doch sagen, wer sie wren (damit er sie auf gehrige Weise verehren
knne). Nach langem Zgern, denn so gefiel es vielleicht der Gottheit,
sagten sie endlich, aber nur durch dunkle Andeutungen und mit
niedergeschlagenem Gesicht, sie wren nicht ganz uneingeweiht in die
chaldische Weisheit. Hierauf fiel er abermals auf seine Kniee und bat, sie
mchten doch geruhen, die Herren von dem Gute zu sein, und seine Tochter
bei sich zu behalten, um derselben ihre Bildung noch lnger angedeihen zu
lassen, und sie noch vollkommener einzuweihen. Sie nickten mit dem Kopfe,
sagten es aber nicht mit Worten zu. Der Vater glaubte indessen, ihr
Versprechen erhalten zu haben, und war darber so froh und vergngt, als
wre ihm ein Orakelspruch zu teil geworden. Was er aber aus der ganzen
Sache machen sollte, das wute er durchaus nicht. Mit Begeisterung pries er
den Homer, da er ein groes und herrliches Geheimnis ausgesprochen habe in
den Worten:

    _Die Gtter wandern in mancherlei Gestalten,
    Reisenden aus fremden Lndern hnlich, umher._

Denn auch er glaubte von Gttern in Gestalt von Fremdlingen einen Besuch
erhalten zu haben. Voll von diesen Gedanken schlief er vergngt ein. Die
Greise aber fhrten nach der Mahlzeit das Mdchen auf ihr Zimmer, bergaben
ihr sorgfltig das Gewand, in welchem sie eingeweiht worden war, nebst noch
einigen andern Sachen, lieen ihr ein Kstchen versiegeln und thaten noch
einige Bcher hinzu. Sosipatra freute sich ungemein darber, und liebte
berhaupt die fremden Mnner wie ihren eigenen Vater.

Am folgenden Tage morgens frhe, als die Thren geffnet wurden, und
jedermann an seine Arbeit ging, gingen auch die zwei Greise, wie gewhnlich
aus, das Mdchen aber lief zu dem Vater mit der frhlichen Nachricht, und
lie das Kstchen und die Bcher zu ihm tragen. Der Vater erstaunte ber
die kostbaren Schtze, welche er fand, und lie die Mnner rufen. Aber sie
waren nirgends zu finden. Was ist das? sagte er zur Tochter. Nachsinnend
eine Weile, erwiderte diese: Ach, jetzt verstehe ich, was sie mir sagten,
als sie mir dies Alles mit Thrnen in den Augen bergaben. Betrachte dieses
fters, sagten sie, wir werden bald eine Reise auf das westliche Meer
machen, und alsdann sofort wieder zurckkehren.

Alles dieses beweist offenbar, da die Fremdlinge Geister oder hhere
Wesen waren. Der Vater nahm diese eingeweihte und divinatorische Tochter zu
sich, lie sie ganz nach ihrem Willen leben, und bekmmerte sich um ihr
Thun und Lassen weiter nicht im Geringsten; nur war er mit ihrem stillen
Wesen nicht ganz zufrieden. Als sie das reifere Alter erreicht hatte, wute
sie, ohne andere Lehrer gehabt zu haben, die Schriften der Dichter,
Philosophen und Redner alle auswendig, und was andere mit groer
Anstrengung und vielem Schweie kaum mittelmig erlernen und begreifen,
darber wute sie sich so leicht und gewandt auszudrcken, als ob es nur
ganz unbedeutende Aufgaben wren. Die Fremdlinge aber kehrten niemals
wieder zurckusw.[865]




Drittes Kapitel.

Hierokles und sein Kommentar zu den goldenen Sprchen des Pythagoras. --
Die letzten Neuplatoniker.


Durch die Litteratur des Occultismus zieht sich eine Reihe von Schriften,
in welchen die mystische Entwickelung des Menschengeistes esoterisch
dargestellt und systematisch gelehrt wird. Da es nun unsere Aufgabe ist,
das Feld der Mystik in seinem ganzen Umfang zu durchstreifen, so drfte es
vielleicht am Platze sein, diese heute meist vergessenen Schriften aus dem
Staube der Jahrhunderte und Jahrtausende hervorzuziehen und der
theoretischen wie der praktischen Forschung zugnglich zu machen;
vielleicht erregt dieses Unternehmen um so mehr das Interesse der
Beteiligten, als die neuere hierher gehrige Litteratur, wie sie z.B. von
Kerening vertreten wird, kaum etwas Besseres aufzuweisen hat.

In erster Reihe sind die sogenannten goldenen Sprche des Pythagoras
hierher zu rechnen, welche, wenn auch vielleicht nicht in ihrer Gesamtheit
von Pythagoras selbst herstammend, doch ganz zweifelsohne geistiges
Eigentum der alten und neuen pythagorischen Schule waren. Sie lehren die
mystische Entwickelung des Geistes und hier treffen alle Kennzeichen
zusammen, mit denen Cornelius Agrippa die letztere charakterisiert, indem
er sagt[866]: Dieser (hhere) Einflu wird uns aber nur dann zu teil, wenn
wir uns von den die Seele niederdrckenden Hindernissen, von den
fleischlichen und irdischen Beschftigungen und von jeder von auen
kommenden Aufregung frei machen. Wie ein triefendes und unreines Auge die
allzustark leuchtenden Gegenstnde nicht anschauen kann, so wird auch der
das Gttliche nicht fassen knnen, der die Reinigung der Seele
vernachlssigt. Man mu aber schritt- und gleichsam stufenweise zu dieser
Reinheit des Herzens gelangen, denn nicht jeder Neueingeweihte wird
sogleich den vollen Glanz dieser Mysterien fassen, sondern die Seele ist
allmhlich daran zu gewhnen, bis in uns die Kraft des Verstandes sich
entfaltet, und dieser, dem gttlichen Lichte zugekehrt, sich mit ihm
vereinigt. Wenn nun die menschliche Seele gehrig gereinigt und geheiligt
ist, so tritt sie von allen strenden Einflssen ungehindert in freier
Bewegung hervor, erhebt sich nach oben, erkennt das Gttliche und
unterrichtet sich sogar selbst, wenn sie gleich den Unterricht anderswoher
zu erhalten scheint. Sie bedarf alsdann weder einer Erinnerung noch
Belehrung, sondern durch ihren Geist, welcher das Haupt und der Lenker der
Seele ist, ahmt sie von selbst die Engel nach und erreicht nicht erst
allmhlich, nicht in einer bestimmten Zeit, sondern in einem Augenblicke
das, was sie wnscht.

In den ersten vierundfnfzig Strophen der goldenen Sprche wird nun diese
stufenweise Reinigung des Herzens gelehrt, whrend in den letzten
zweiunddreiig die durch Selbstzucht erreichte geistige Macht und Freiheit
des Adepten geschildert wird. -- Unser moralisch-mystisches Lehrgedicht hat
nach den etwas modernisierten bersetzungen von Schulthe[867] folgenden
Wortlaut:

    Die unsterblichen Gtter, wie das Gesetz ihren Rang zeigt,
    Ehre zuvorderst, und heilig sei dir der Eid. Den erhab'nen
    Helden des thers zunchst, dann auch der Erde Dmonen
    Gieb nach Gesetz und heiligem Brauch ihre Ehre. Die Eltern
    Halte in Ehren zumeist, dann auch Verwandte des Blutes.    5.
    Unter den andern erwirb durch Tugend jeden Rechtschaff'nen
    Dir zum Freunde, und sei empfnglich fr gtige Reden,
    Ntzliche Thaten zumal; um kleiner Vergehungen willen
    Zrne nicht mit dem Freund; so lange du kannst, be Nachsicht;
    Ist ja das Knnen so oft Nachbar des Mssens. Behalte    10.
    Dieses nun wohl und gewhne durch fleiige bung dich dazu,
    Da du die Lste des Gaumens, Neigung und Trieb zu dem Schlafe,
    Da du die Wollust und Zorn beherrschen mnniglich knnest.
    Thu' nichts Schndlich's allein, noch auch im Beisein von andern;
    Scham vor dir selbst soll dich strenger als alles bewahren.    15.
    Sei du gerecht gegen alle in Worten sowohl als in Thaten,
    Und erlaube dir nie der Vernunft dich blde zu entuern,
    Sondern halte im Aug', da gemeinsam den Menschen der Tod ist.
    La' nicht nur den Gewinn, la auch Verlust dir gefallen.
    Was fr Leiden die Menschen nach gttlicher Schickung bedrcken,    20.
    Trage du sanft deine Last und hadere nicht mit dem Himmel.
    Hilf dir so gut als du kannst, das fordert die Pflicht; und bedenke,
    Da das Schicksal dem Guten nicht allzuviel Leiden verhnge,
    Wirst du Reden verschiedene, gute und schlimme vernehmen,
    Ha' und bewundere von ihnen keine, und mut du zuweilen    25.
    Thorheit, Unvernunft hren, so be Geduld. Eine Regel
    Geb' ich dir jetzt, und die sollst du zu allen Zeiten befolgen:
    Niemand msse dich weder durch Worte noch Thaten bewegen,
    Etwas zu reden, zu thun, das deinem Besten zuwider;
    Handle nicht ohne Bedacht, um thricht nimmer zu handeln,    30.
    Elend ein Mann, der redet und handelt ohn' berlegung.
    Setze nur das in das Werk, was nun und nimmer dich reu'n kann.
    Schreite zu keiner That, wo Kenntnis gnzlich dir mangelt.
    La dich von deinen Pflichten erst grndlich belehren, dann wirst du
    Freudig, zufriedengestellt, in Ruhe dein Leben vollbringen.    35.
    Auch die Gesundheit des Leibes sollst unbesorgt du nicht lassen.
    Halte nur Ma in Trunk, in Speise und bung des Leibes.
    Meide, was Schaden gebiert, das wird dir das richtige Ma sein.
    Reinlich, jedoch ohne Pracht, gewhn' dich zu leben. Vermeide
    Alles was Neid weckt, mit Flei, und la unntigen Aufwand    40.
    Denen, die wirkliches Gut nicht kennen, doch fern auch sei von dir
    Kargheit. Das Beste in allen ist rechtes Ma stets gewesen.
    Thu' nichts, was Schaden dir bringt, und denke, noch ehe du handelst.
    Eher darfst du auch nicht dem Auge zu schlafen gestatten,
    Bis du der Thaten des Tages dreifach dir Rechnung gegeben:    45.
    Wo bertrat ich das Ma? Was ward gebhrend verrichtet?
    Was unterlassen, was Pflicht von mir erheischen htt' mssen?
    La' dieser Musterung nichts vom Ersten bis Letzten entgehen;
    Straf dich begangenen Fehl's und freu' dich bewiesener Tugend.
    Siehe, hierin sollst du ben, und dieses sollst du studieren,    50.
    Das ist, was von Herzen zu lieben dir ist geboten,
    Diese Dinge, sie fhren zum Pfad' der gttlichen Tugend,
    Bei dem gttlichen Mann schwr ich's, der unserer Seele
    In der Tetrade den Quell der ew'gen Natur hat gewiesen!
    Aber du schreite zum Werk mit flehender Bitt' an die Gtter,    55.
    Da du vollenden es magst. Bist du jetzt mchtig geworden
    Jener menschlichen Tugend, so soll dir die Kenntnis dann werden
    Von der Geister System und auch der unsterblichen Gtter,
    Sterblichen Menschengeschlechts auch; wie weit sich erstrecken die
        Krfte
    Jedes Geschlechtes und was zu Einem sie alle verbinde.    60.
    Weiter die Kenntnis, wie die Natur nach ewigen Rechten
    Bleibt stets selber ihr gleich. Dann hoffest du niemals,
    Was zu hoffen nicht ist; dann bleibt dir nichts mehr verborgen.
    Kenntnis erlangst du, erkorenes bel plage die Menschen,
    Plage die Thoren, die wahr es nicht nehmen, die hren nicht
        wollen,    65.
    Wie sie das Gut in der Nhe htten. Nur wenige wissen,
    Sich von den beln zu lsen: Ein trauriges Schicksal,
    Da sie gedankenlos sind; sie rollen wie wirbelnde Walzen
    Dahin, dorthin, bedrngt von Kummer und Plagen ohn' Ende.
    Denn das merken sie nicht, da der Streit, der schlimme
        Gefhrte,    70.
    Anvertraut ihnen von Kind an, ihr Schaden ist, da sie
    Ihn nicht reizen, dagegen durch Nachsicht entgehen ihm sollten.
    Vater Zeus, o du wrdest vom bel sie alle erlsen,
    Wenn du allen zeigtest den Dmon, der sie bewohnet.
    Sei nur getrost, denn die Sterblichen sind auch von Gottes
        Geschlechte;    75.
    Alles wird die Natur, die heilige Mutter sie lehren.
    Bist du nun auch der getreuen Lehrerin fleiiger Schler,
    Wird es dir meine Gebote zu halten an Krften nicht fehlen,
    Heilen wirst du alsdann die Seel' und von Elend erretten.
    Aber enthalte dich auch verbotener Speisen, entscheide    80.
    Nach den Gesetzen der Lut'rung wie auch der Befreiung der Seele,
    Was ihr schadet und ntzt, und lasse das nie unerwogen.
    La der Vernunft als dem besten Fuhrmann die Zgel in Hnden.
    Scheidest du frh oder spt aus diesem, dem sterblichen Leibe,
    Dann wirst du froh in den reinen ther dich singend erheben,    85.
    Vom Tod auf ewig befreit bist du unsterblicher Gott dann!

Diese pythagorischen Verse wurden von dem Neuplatoniker _Hierokles_
ausfhrlich kommentiert. Derselbe wurde 410 geboren, war ein Schler des
Plutarch von Athen, lehrte zu Alexandria und starb um das Jahr 476. Von
seinem Leben ist so gut wie nichts bekannt, und nur Suidas berliefert uns
einen einzigen Zug aus seinem Leben, welcher jedoch unsern Philosophen in
stoischer Gre erscheinen lt: Auf einer Reise nach Byzanz wurde er in
dieser Stadt von der Regierung (vermutlich wegen Streitigkeiten mit
christlichen Priestern) zur Geielung verurteilt, welche auf das strengste
an ihm vollzogen wurde. Als nun ein Gerichtsbeamter voll Wohlgefallen der
Exekution zusah, fing Hierokles eine Hand voll seines den Riemen der
Peitschenhiebe entstrmenden Blutes auf und warf es demselben mit
homerischen Worten ins Gesicht: Nimm, Cyklop, und trink eins; auf
Menschenfleisch ist der Wein gut.

Der Erfolg dieser That war, da Hierokles sofort aus Byzanz verbannt wurde
und nach Alexandria zurckkehrte, wo er unter dem Beifall seiner Schler
ungehindert wie frher Philosophie weiter lehrte.

Wenden wir uns zu dem Kommentar des Hierokles. Nach ihm besteht die
Philosophie in der Reinigung und der Vervollkommnung des menschlichen
Lebens; in der Reinigung von der Sinnlichkeit und dem materiellen Leibe, in
der Vervollkommnung des unsterblichen Menschen zur Gottheit, wodurch der
Mensch der wahren Glckseligkeit teilhaftig wird. Auf den Weg zur
Vergttlichung fhren den Philosophen gewisse kurzgefate Grundstze oder
Kunstregeln, unter denen die pythagorischen Verse den ersten Rang
einnahmen, weil sie sowohl die Grundbegriffe der thtigen als der
beschaulichen Philosophie enthalten und den Menschen -- nach den Worten des
Timus -- in seinen ursprnglichen Zustand zurckversetzen.

Die Gebote der thtigen Tugend werden zuerst genannt, weil Trgheit und
Sinnlichkeit berwunden sein mssen, bevor sich der Mensch mit den hheren
gttlichen Tugenden bekannt machen kann; denn ebensowenig als ein unreines
Auge den Glanz der Sonne ertrgt, ebensowenig vermag eine Seele ohne Besitz
praktischer Tugend ihren Blick auf den Glanz der Wahrheit zu richten.

Die thtige (politische) Tugend wird die menschliche genannt, die Befolgung
ihrer Gebote fhrt uns auf den Weg der beschaulichen gttlichen Tugend und
Philosophie (V.50-54). Man mu also zunchst Mensch werden, um sich zum
Gott entwickeln zu knnen; zu dem ersten machen uns die thtigen, und zum
letzteren -- vom Leichteren zum Schwereren emporsteigend -- die
beschaulichen Tugenden.

Die Vorschriften der thtigen Tugend sind so vielfach und reden in so hohem
Grade fr sich selbst, da wir den zu ihnen gehrigen langen Kommentar bis
zu den Versen 36-38 bergehen knnen, worin Pflege der Gesundheit und
Migkeit empfohlen wird, um den Krper zu einem brauchbaren Instrument der
Weisheit zu machen. Hierokles sagt: Damit dann sein (des Philosophen) Leib
ein Instrument der Weisheit abgeben mge, wird er denselben durchaus also
nhren und gewhnen, da dabei vorzglich fr die Seele, zunchst aber und
um ihretwillen fr den Leib gesorgt sei. Denn er wird niemals den Leib, die
Maschine, in greren Ehren halten als die Seele, welche dieselbe braucht.
Er wird aber eben darum die Maschine durchaus nicht vernachlssigen, weil
die Seele sie braucht, sondern er wird in der rechten Ordnung fr die
Gesundheit des Leibes, mit Rcksicht auf die Seele, deren Werkzeug er ist,
Sorge tragen. Er wird sich deshalb nicht aller Speisen ohne Unterschied
bedienen, sondern nur solcher, die erlaubt sind zu essen[868]; denn es
giebt Speisen, die nicht erlaubt sind zu essen, weil sie den Leib
beschweren und _den Geist der Seele, mit dem sie in engerem Bande steht,
in grbere Leidenschaften hinschleppen_.

Unter diesem Geist der Seele verstehen die Neuplatoniker einen inneren, mit
der vernnftigen Seele in engerem Zusammenhang als der uere Zellenleib
stehenden geistigen oder therischen Leib, welcher Glanzleib oder der
geistige Wagen der Seele genannt wird. Nach neuplatonischer Ansicht
verliert der Astralleib seinen Glanz und seine Leichtigkeit, wenn er zu
salzige oder zu fette Speisen geniet; durch diesen Genu wird der
Glanzleib getrbt, und der Wagen, auf welchem die Seele zur Gottheit
emporfahren soll, versagt seinen Dienst. -- Zum Verstndnis der durch
gesperrten Druck hervorgehobenen Stelle des Hierokles diene die Anmerkung,
da Pythagoras und Plato nach Diogenes Lartius die Seele in zwei Teile
teilten, in einen vernnftigen -- %logon% -- und einen unvernnftigen Teil
-- %alogon% -- welch letzterer wieder in den zornigen -- %thymikon% -- und
begierigen -- %epithymikon% -- zerfiel und sich also mit obigem Geist der
Seele deckt.

Derartige Speisen wird also der Philosoph meiden und hinsichtlich der
erlaubten Jahreszeit, Land, Alter und Gesundheit bercksichtigen, sowie
auch bedenken, ob er ein Anfnger im philosophischen Leben sei, oder schon
die Hhe desselben erstiegen habe; er wird also durch Mahalten allen
Schaden vermeiden und alle Vorteile fr die nach Vollkommenheit strebende
Seele zu erringen suchen. Denn wenn sie (auf ihrem glnzenden Wagen) zur
Vernunft hinauffhrt, mu es um sie her von Leidenschaften ganz windstille
sein, ihre untern Triebe mssen sich in der besten Ordnung und tiefsten
Unterthnigkeit befinden, damit die hheren Seelenkrfte in ihren
Betrachtungen ungestrt bleiben.

Die Verse 50-55 stellen den Jnger auf die Grenze zwischen der praktischen
und theoretischen Tugend, zwischen den niedern Zustand eines Menschen und
den hheren eines Gottes. Da aber die theoretische Wahrheit zu diesem
hohen Ziele fhre, bezeugen die Verse ausdrcklich, mit welchen unser
Dichter dieses Lehrgedicht beschliet:

    Scheidest du frh oder spt aus diesem sterblichen Leibe,
    Dann wirst du froh in den reinen ther dich singend erheben,
    Vom Tod auf ewig befreit, bist du unsterblicher Gott dann!


Diese Dinge fhren auf den Weg zur gttlichen Tugend, sie werden dich
Gott hnlich machen vermittelst der wissenschaftlichen Erkenntnis der
Dinge, den die Erforschung der Ursachen der wirklichen Dinge fhrt, weil
die ersten Ursachen in der Weisheit und Kraft des Schpfergottes liegen,
zum hchsten Gipfel der Gotteserkenntnis, welche die hnlichkeit mit Gott
mit sich bringt.

Der Verfasser verheit den in praktischer und theoretischer Tugend Gebten
nicht nur die Kenntnis aller von der Tetrade geschaffenen Wesen, sondern
auch ihrer unterscheidenden und gemeinsamen Merkmale und sagt: Eine
wissenschaftliche Kenntnis aber von diesen Wesen gelingt denen, welche die
praktische Tugend mit theoretischer Wahrheit ausschmcken und ihre
menschliche Rechtschaffenheit zu gttlicher Tugend erhhen; denn dadurch
erlangt man hnlichkeit mit Gott, wenn man die Dinge kennt, wie sie ihr
Dasein und ihren Rang von Gott selbst erhalten haben. Weil aber die
krperliche Natur diese sichtbare Welt ausmacht und der Herrschaft der
vernnftigen Wesen untergeordnet ist, so kndigt unser Lehrer in den
folgenden Versen (61-64) an, da man in der gehrigen Ordnung nun auch zu
dem Gut der physiologischen Wissenschaft gelangen werde.

Die hheren Regionen der Welt sind mit Gestirnen geziert und mit reinen
Intelligenzen bevlkert, die Erde aber ist mit Leben und Empfindung
besitzenden Tieren und Pflanzen besetzt. Zwischen jene Intelligenzen und
diese bloen Lebewesen ist der Mensch als Amphibium, als das letzte Wesen
der obern und das erste Wesen der untern Klassen gesetzt. Bald pflegt er
Umgang mit den Unsterblichen und tritt durch die Rckkehr zur Vernunft
(%nous%) wieder in seinen ursprnglichen Stand ein; bald gesellt er sich zu
den sterblichen Wesen, lt die gttlichen Gesetze auer acht und sinkt von
der ihm zukommenden Wrde herab. Weil er der untersten Klasse der denkenden
Wesen angehrt, so besitzt er von Natur aus das Vermgen nicht, zu jeder
Zeit und stets gleich vernnftig zu denken, und steht deshalb an Rang unter
hheren Intelligenzen, denen er sich jedoch zu assimilieren vermag, obschon
er von Natur ist und bleibt ein niedrigeres Wesen als die unsterblichen
Gtter und Helden des thers.

Gerade infolge seiner Doppelstellung aber vermag der Mensch die Stufenfolge
der Klassen der denkenden Wesen zu erkennen und wahrzunehmen, da die
Natur berall sich selber gleich bleibt, da dem so sei nach ewigen
Rechten, nach dem gttlichen Ideal, weil ihnen (allen Geschpfen) Gott
diese und keine andere Wirklichkeit gegeben hat, weil er alles, seien es
krperliche oder unkrperliche Wesen, nach den Maregeln seines Planes
angeordnet hat.

Aus der Kenntnis der krperlichen und unkrperlichen Schpfung erwchst dem
Weisen der Gewinn, da er nichts Eitles hofft und da ihm nichts verborgen
bleibt.

Wer nun aber zur Erkenntnis der Doppelnatur des Menschen, die ihn hinauf
und hinab zieht, gelangt ist, der versteht, wie selbst erwhltes bel die
Menschen plage, da sie aus eigenem Entschlu elend und mhselig sind;
denn sie lassen sich sowohl durch einen jhen Trieb in das krperliche
Leben herabziehen, als auch im krperlichen Leben in Leidenschaften
verstricken, die sie an die Erde binden, whrend sie sich doch zeitig von
ihr loslsen knnten; sie nehmen das Gute nicht wahr und wollen sich auch
nicht belehren lassen. Diejenigen aber, denen es ernst ist, Gutes zu lernen
oder zu entdecken, die sich von dem bel frei zu machen wissen, diese
werden der Plagen des irdischen Lebens los und ledig und wandern hinber
in den reinen ther.

Die Thoren gleichen Walzen, die bergab rollen und berall auf Hindernisse
stoen; sie geraten durch ihre erdwrts treibenden Handlungen in tausend
bel und wissen sich weder zu raten noch zu helfen, weil sie stets
grundsatzlos handeln. Es giebt keinen Zufall des menschlichen Lebens, der
dem Thoren nicht Anla zum Bsen werde, weil das Laster sein
selbstgewhltes Teil ist, und er weder auf das gttliche Licht schauen,
noch auch von den wahren Gtern hren will. Unsere Erlsung wird aber
sicher erfolgen, wenn wir zur Selbsterkenntnis gelangen und einsehen
lernen, da ein gttliches Wesen in uns wohne. Diese Befreiung von allen
beln ist jedoch denen mglich, welche sich mit der Betrachtung der wahren
Gter befassen und von der Philosophie, der heiligen Mutter, in der
Befolgung ihrer Pflichten unterweisen lassen.

Das vernnftige Geisteswesen ist -- nach neuplatonischer Anschauung --
ursprnglich mit einem (Astral-) Leib vereinigt geschaffen worden und zwar
derart, da es weder der Leib selbst, noch ohne Leib ist, sondern an sich
zwar etwas Unkrperliches ist, da er aber doch ein Krper mit seinem
ganzen Wesen und zu seiner Beschaffenheit gehrt. Hhere Intelligenzen und
Menschen, beide sind Wesen, die aus einer vernnftigen Seele und einem
anerschaffenen Lichtleibe bestehen.

Zur Vervollkommnung der Seele dienen Wahrheit und Tugend, zur Reinigung
unseres Glanzleibes hingegen die Fortschaffung jeder Befleckung, welche wir
uns durch die Gemeinschaft mit der Materie zugezogen haben; ferner der
Gebrauch heiliger Reinigungsmittel und endlich die von Gott uns
eingepflanzte Strke, die uns zum Rckflug von hinnen den Schwung giebt.
Darber belehren uns die Verse 80-83, welche uns alle berflssige
Verunreinigung durch die Materie untersagen und uns den Gebrauch der
mystischen Reinigung und der uns eingepflanzten Strke zur Befreiung der
Seele empfehlen. Diese Reinigung erstreckt sich auf Speise und Trank, ja
auf die ganze Pflege unseres sterblichen Leibes, innerhalb dessen unser
Glanzleib wohnt, dem uern seelenlosen Krper Leben einhaucht und ihn zur
bereinstimmung mit ihm selbst heranbildet: Der immaterielle Leib ist ein
lebendiges Wesen und die wirkende Ursache des Lebens, welches der
materielle Leib besitzt und wodurch unser sterbliches Tier seine
Vollstndigkeit erreicht, das aus dem sinnlichen Leben und dem materiellen
Leib zusammengesetzt ist, ein Schattenbild des Menschen, der aus einem
vernnftigen Wesen und einem immateriellen Leibe besteht.

Die mystische Reinigung bedient sich krperlicher Mittel, um den sein
eigenes Leben besitzenden Glanzleib zu heilen und anzutreiben, da er
sich von der Materie scheide und seinen Rckflug in den Himmelsther,
dorthin nehme, wo er frher glcklich war. Alle Ceremonien dieser
Reinigung, wenn mit Ernst ausgebt wird, sind in den Gesetzen der Tugend
und Wahrheit gegrndet. Dabei ist die Hauptsache, da der Mensch sich
allmhlich gewhnt, irdische Dinge zu missen und sich mit immateriellen zu
beschftigen, wenn er sich von den Befleckungen reinigt, die er sich durch
sein Leben im materiellen Krper so zahlreich zuzog. Durch diese Bemhungen
lebt er gewissermaen wieder auf und kommt wieder zu sich.




Viertes Kapitel.

Synesios, der letzte Neuplatoniker, sein Leben und seine Lehren.

Von

L. Kuhlenbeck.


Den Kiesewetterschen Darstellungen der neuplatonischen Philosophie schliee
ich hier eine Studie ber den einzigen und letzten Neuplatoniker an, der
als Reprsentant des vlligen Verfalls der griechischen Philosophie dennoch
seiner _Persnlichkeit_ wegen meine Teilnahme in Anspruch nimmt. Diese
Teilnahme gilt freilich in erster Linie einer Frauengestalt, die das
tragische Ende des Hellenismus berhaupt, in einer die Poesie und Kunst
mehr als die Wissenschaft herausfordernden Weise gewissermaen symbolisch
abschlo, der _Hypatia_. Nicht nur die platonische Philosophie, das ganze
geistig sinnliche Hellas hatte sich in dieser Frauengestalt von gleich
vollendeter Schnheit des Leibes und der Seele individualisiert, wie um
sich der Welt noch einmal vor dem Scheiden in sichtbarer Verkrperung zu
zeigen.

    Bewundernd blick' ich auf zu dir und deinem Wort,
    Wie zu der Jungfrau Sternbild, das am Himmel prangt;
    Denn all dein Thun und Denken strebet himmelwrts,
    Hypatia, du edle, ser Rede Born,
    Gelehrter Bildung unbefleckter Stern!

So besingt sie der Epigrammatist Palladas, und dem Grade nach bleibt kaum
einer ihrer gelehrten Zeitgenossen hinter solchem Lobe zurck. Dieser
Abendstern hellenischer Geisteskultur aber, diese jungfruliche
Philosophin, wurde auf Anstiften des christlichen Patriarchen Cyrillus zu
Alexandria von christlichen Mnchen im Mrz des Jahres 415 in eine
christliche Kirche geschleift und daselbst zerfleischt und zerrissen, wie
eine Hindin von einer Meute ausgehungerter Steppenwlfe, -- und selbst von
ihrem geistigen Wesen, von ihren Schriften ist kein Jota vor dem Sprsinn
kirchlicher Gedankenpolizei auf die Nachwelt gerettet.

Wenn man inde die Meisterin nach einem ihrer begeistertsten Schler
beurteilen darf, so verdient schon um deswillen das Leben und das in seinen
der Nachwelt erhaltenen Schriften sich mitteilende Denken eines Mannes
unser wrmstes Interesse, der auch als Bischof derselben Kirche und in
demselben Patriarchat, dessen Oberhirt der Anstifter ihrer Ermordung war,
nicht mde wurde, sich zu rhmen, ihres Geistes einen Hauch versprt zu
haben. Wir drfen uns glcklich schtzen, wenn wenigstens durch einen
solchen Planeten einige reflektierte Strahlen ihrer sonst in ewige Nacht
versunkenen Geistessonne noch zu uns gelangen. Dieser Schler ist Synesios.

                  *       *       *       *       *

Zwischen der groen Syrte und der an der Westgrenze gyptens beginnenden
lybischen Wste erhebt sich das Plateau von Barka, landschaftlich der
schnste Teil des nrdlichen Afrika. Im Altertum hie es Cyrenaica oder
Pentapolis, Cyrenaica nach der Hauptstadt Cyrene, Pentapolis, weil
einschlielich Cyrene fnf groe Stdte, nmlich auer der genannten
Berenice, Ptolemais, Arsinoe, und Apollonia, smtlich Kolonieen dorischer
Griechen, hier eine bundesstaatliche Gemeinschaft darstellten. Die hchste
Blte geistigen Lebens und materiellen Wohlstandes scheint die Pentapolis
um die Mitte des 5. Jahrhunderts v.Chr. erreicht zu haben, als die
ursprngliche Knigsherrschaft durch eine demokratische Republik beseitigt
ward; doch besingt noch Pindar ihre zahlreichen Sieger bei den olympischen
Spielen, und der Geograph Eratosthenes, der Dichter Kallimachus, die
Philosophen Aristipp, Karneades und Antipater verbrgten durch ihre Werke
eine nicht nur blutsverwandtschaftliche, sondern auch geistige
Ebenbrtigkeit ihres lybischen Vaterlandes mit dem brigen Hellas. Seine
politische Unabhngigkeit wahrte der Fnf-Stdtebund, wenn auch allmhlich
seine konomische Bedeutung von der alles berwuchernden Handelsmacht
Karthagos berflgelt und selbst erdrckt wurde, bis zum Tode des groen
Alexander, in dessen Universal-Monarchie er aus panhellenistischer
Begeisterung freiwillig eintrat. Darnach aber geriet er unter die Gewalt
des Ptolemus von gypten, und dieser brachte mit Ansiedlung einer Menge
Juden, denen er leider noch dazu volle brgerliche Gleichberechtigung mit
den Hellenen verlieh, so zu sagen, den Schwamm ins Holz. Jeder Historiker
und _auch die Gegenwart_ wei, was solche Gleichberechtigung der Juden
innerhalb eines nationalen Organismus bedeutet; auf dem knstlich
geschaffenen Nhrboden vermehrten sich die Juden in kurzer Zeit unglaublich
und nutzten die brgerliche Gleichberechtigung zur Aussaugung der
Volkskrfte noch weit grndlicher aus, als das rmische Reich, dem
Cyrenaica etwa von 66 v.Chr. als Provinz einverleibt war, seine
Herrschaft. Dazu kam ihr gerade in jenen Zeiten besonders hochflutender
Religionsfanatismus, der in der Pentapolis unter der Regierung Trajans
ihren angeborenen Menschenha zu einem Messias-Putsch fortri, welcher in
der Scheulichkeit gipfelte, in einer einzigen Verschwrungsnacht mehr als
200000 Griechen meuchlerisch abzuschlachten. Freilich suchte der Kaiser
diese Greuelthaten gebhrend zu strafen; die dadurch nur noch mehr
geschrten Rassenkmpfe beschleunigten aber wiederum die vllige Verarmung
und Entvlkerung des Landes.

Bei der Teilung des rmischen Reichs durch Theodosius ward die Cyrenaica
der ostrmischen Hlfte, also dem Arcadius, zugewiesen. Fnfzehn Jahre vor
diesem Ereignis, etwa um 370, war Synesios in Cyrene als Sohn eines Decurio
von hocharistokratisch-dorischer Herkunft, -- sein Stammbaum fhrte bis auf
Herakles zurck, -- geboren. Die Geburts- und Bildungs-Aristokratie der
Griechen und Rmer widerstand am lngsten dem schlielich gewaltsam
aufdringlichen Bekehrungseifer des Christentums, und so bekannte sich auch
die Familie des Synesios, den grausamen, aber gerade ihrer Grausamkeit
wegen zur Zeit noch undurchfhrbaren Intoleranzerlassen eines Constantin
und Theodosius trotzend, noch zum Glauben an die Gtter ihrer Ahnen. Bei
der Nhe Alexandrias ist nichts begreiflicher, als da Synesios wie auch
sein Bruder Euoptius, sobald sie das Jnglingsalter erreicht hatten, von
ihrem Vater nach dem dortigen Musensitz gesandt wurden, um von den schnen
Lippen einer Hypatia, zu deren Fen sich die Elite der heidnischen Jugend
aus allen Provinzen des Weltreichs versammelte, die letzte und glnzendste
Vertheidigung ihrer zum Tode verurteilten hellenischen Weltanschauung zu
vernehmen. Vermutlich erst der Tod seines Vaters hat ihn in die Heimat
zurckberufen. Den kaum 30jhrigen betrauten nun seine Mitbrger mit der
ebenso ehrenvollen wie schwierigen Aufgabe, als Wortfhrer einer
Landesabordnung dem Kaiser in Konstantinopel einen goldenen Huldigungskranz
zu berreichen und dabei, die Hauptsache, eine Erleichterung der nachgerade
dem verarmten Vaterlande unerschwinglich gewordenen Abgaben zu erbitten.

Drei Jahre hat Synesios in Konstantinopel geweilt, bevor es ihm gelang,
berhaupt erst eine Audienz beim Kaiser zu erwirken und endlich seine
Aufgabe zu erfllen. In diesem Zeitraum hatte er allzu reichliche
Gelegenheit gehabt, aus unmittelbarer Nhe jene Mumie des Csarismus zu
studieren, zu vernehmen, wie der vermorschte Bau des nunmehr halbierten
Weltreichs bereits in allen Fugen seinem Ruin entgegen sthnte, und ein
naiver Ideologe, glaubt sich der Schler einer Hypatia berufen, den Versuch
zu wagen, nochmals einen Funken antiker Heldengesinnung und Staatsweisheit,
und wr's auch eine Feuerflocke Wahrheit nur, in des Despoten Seele khn
zu werfen, welcher, wie er whnte, den Kaiser bestimmen mchte, den Staat
zu reorganisieren und das lngst besiegelte Schicksal abzuwenden.

So hielt er dann bei der berreichung des goldenen Kranzes seine
denkwrdige Rede ber die Herrscherpflichten, mit Bezug auf welche er
sich mit Recht rhmt, da auch in den Zeiten des freien Griechenlands vor
einem Knigsthron kaum jemals eine freimtigere Rede gesprochen sei. Die
Philosophie verlangt durch ihn Gehr und will ntzen mit ihren ernsten,
alle Schmeichelei verschmhenden Worten, die sogar das Recht des Tadels fr
sich in Anspruch nehmen. -- Wie weit der Redner das Recht des Tadels zu
ben wagt, mag aus seiner Schilderung des byzantinischen Hoflebens
entnommen werden: Die Knige ergeben sich einem schlaffen, unwrdigen
Genuleben, ihre gewhnliche Umgebung besteht aus Spamachern, Zwergen und
Verschnittenen, die allein freien Zutritt haben, deren fades Geschwtz
ihren Geist wie in einem Nebel gefangen hlt, ihn der ernsteren Rede
entfremdet und gegen die Verstndigen im Volke mit Mitrauen erfllt. Dazu
kommt die bertriebene Pracht in der ueren Kleidung der Knige. Sie gehen
einher in Purpur und Gold, mit kostbaren Steinen und Perlen ber und ber
beset, so da sie einem buntschimmernden Pfau gleichen, ja sie verschmhen
es sogar, ihren Fu auf den bloen Boden zu setzen, und lassen ihn mit
Goldsand bestreuen, den ganze Schiffsladungen aus fernen Landen
herbeifhren mssen. Sie fhren in ihren Gemchern ein Leben wie die
Eidechsen, die mit Mhe einmal an die Sonne hervorkommen, um nur nicht von
den Menschen als Mensch erkannt zu werden. Und doch sind sie jetzt viel
schlechter daran, als damals, wo sie an der Spitze der Heere sich im
staubigen Felde bewegten, verbrannt von der Sonne, in schmuckloser
Kleidung. Er fordert den Kaiser auf, sowohl sich selbst als auch das Volk
wiederum an die Waffen sich zu gewhnen: Ehe man duldet, da die Scythen
hier in Waffen gehen, mte man Mnner vom lieben Ackerbau entbieten, um
fr denselben zu kmpfen, und so viele ausheben, da man auch den
Philosophen aus seiner Studirstube, den Handwerker aus seiner Werkstatt
aufstehen heit, den Kaufmann aus seinem Laden; und die Drohnenschar des
Volkes, das in allzulanger Mue sein Leben im Theater hinbringt, wollen wir
berreden, auch einmal ernst zu werden, bevor sie vom Lachen zum Weinen
gelangen; denn weder die Rcksicht auf schlechte noch bessere Leute darf
uns ein Hindernis sein, da die Kraft (%rham%) den Rmern (%rhmaiois%)
wieder zu eigen werde.

Bei all ihrer inhaltlichen und formellen Vortrefflichkeit kann diese
Marquis-Posa-Rede des Synesios uns nur komisch berhren; -- wenn schon ein
Plato einen Herrscher von Syrakus Jahre lang vergeblich unterrichtete, wie
mochte dieser neuplatonische Epigone sich vermessen, durch eine Predigt
einen Arcadius zu Grerem aufzufordern, als Julian vermocht hatte, ihn
bestimmen zu wollen, diesen Staats-Kadaver in eine platonische Republik
umzuschaffen! Es ist in der That schon bewundernswert, da diese Rede dem
Kaiser so zu sagen zum einen Ohr hinein und zum andern hinausging, ohne den
verwegenen Sprecher zu gefhrden, ja sogar ohne auch nur sein
diplomatisches Anliegen zu vereiteln. Der geforderte Steuererla wurde
nmlich bewilligt. brigens hat Synesios auch gar bald an seinem Beruf,
staatsphilosophische Ideale am byzantinischen Hofe zu verwirklichen,
verzweifelt. Als nicht nur der Einflu des Konsul Aurelian, seines Gnners,
durch gegnerische Kabalen, bei denen sogar ein leiblicher Bruder eben
dieses Aurelian und die Kaiserin Eudoxia die Haupt-Intriguanten waren, und
durch die damit in geheimen Einverstndnissen stehende Militr-Revolution
des Gothen Gainas erschttert wurde, sondern als auch, gleichsam
mitempfindend mit den politischen Ereignissen, in Konstantinopel ein
Erdbeben den Boden unter den Fen wanken machte, da schttelte er den
Goldsandstaub von seinen Schuhen und verlie zu Schiff das Babylon am
goldenen Horne.

In sein Vaterland zurckgekehrt, verffentlichte er zunchst eine Schrift,
welche nur als geistige Frucht seiner byzantinischen Erlebnisse zu
verstehen ist. Sie betitelt sich: Die gypter, oder ber die Vorsehung
und vereint die Errterung schwieriger philosophischer Probleme wie
Vorsehung und Weltregierung, Dasein und Ursprung des bsen mit einer
allegorischen Darstellung der Zeitbegebenheiten. Das Skelett bildet die in
euhemeristischer Auffassung dargestellte Mythe von Osiris und Typhon. Beide
Brder sind Shne eines gyptischen Knigs. Ihre Seelen aber entstammen
entgegengesetzten Quellen. Osiris entstammt dem Lichtreich und hat sich nur
incarnirt, um anderen im Erdenthal ringenden Seelen behilflich zu sein, den
Aufgang zum Reiche des Lichts zu finden. Aber Typhons Seele entstammt jenen
niederen Regionen des Seins, wo Neid und Zorn und die Scharen der anderen
Keren auf dem Unheilgefild in Dunkel und Finsternis schweifen. (Verse des
Empedocles.)

Der Knig erkannte bald die verschiedene Gemtsart seiner Shne und lie
deshalb noch vor seinem Tode, um etwaigen Ansprchen des Typhon
vorzubeugen, den Osiris durch freie Volkswahl als seinen Nachfolger
bettigen. Bei dieser Wahl waren alle Gtter zugegen und von den Gttern
selbst und seinem eigenen Vater empfing jetzt Osiris den Rat, seinen
verderbliche Anschlge brtenden Bruder unschdlich zu machen, da er sonst
eine unzeitige Bruderliebe werde schwer zu bedauern haben. Osiris jedoch
wies solchen Ratschlag mit Entrstung von sich und meinte, die Vorsehung
der Gtter werde ihm auch gegen etwaige bse Plne seines Bruders in
Zukunft zur Seite stehen.

Hierin irrst du, entgegnete sein Vater, denn der gttliche Teil der
Welt ist mit anderem beschftigt, indem er grtenteils der ersten ihm
einwohnenden Kraft gem wirkt und im reinen Anschauen der intelligiblen
Schnheit lebt; -- nur zu bestimmten Zeiten senden sie einige der Ihrigen
herab, um den Ansto zu einer guten Bewegung im Staatsleben zu geben. --
-- -- Und deshalb knnen gute Seelen nur sprlich hier sichtbar werden,
denn ihre Seligkeit besteht in etwas anderem. Das Genieen im Anblick der
ersten Welt ist seliger, als das Ordnen der Schlechteren; denn dies ist
Abwendung, jenes ist Hinwendung. Du bist ja wohl eingeweiht in das heilige
Geheimnis, wonach die Seele ber zwei Augenpaare verfgt, von denen das
untere sich schlieen mu, wenn das obere sieht, und wenn dieses sich
schliet, die Reihe des Sichffnens an jenes kmmt.[869] Dies, glaube mir,
ist eigentlich ein Sinnbild der beschaulichen und praktischen Thtigkeit,
indem die mittleren Wesen abwechselnd beides verrichten, die vollkommenen
aber mehr dem besseren zugewandt bleiben und mit dem schlechteren nur in
Berhrung kommen, soweit es ntig ist. -- -- -- Und du, eine gttliche
Seele unter Dmonen, die als erdgeborene natrlich feindlich gesinnt sind,
wenn einer fremde Gesetze in ihrem Gebiet beobachtet, du mut bedenken, von
wannen du bist und da du hier in der Welt einen Dienst erfllst. Du mut
selber kmpfen, nicht nur gegen andere, sondern der schwerste Kampf ist mit
dem unvernnftigen Teil der Seele; denn die Dmonen suchen vor allem die
Begierden und Regungen des Zorns mit den zugehrigen Lastern zu entflammen,
indem sie den Seelen durch die ihnen verwandten Teile sich nahen, welche
auf natrliche Weise ihre Anwesenheit empfinden, sich regen und von ihnen
Krfte empfangen, durch die sie sich der Vernunft entziehen, bis sie die
ganze Seele beherrschen. Dies ist der grte Kampf. -- -- -- Und von oben
herab schauen die Gtter diesem schnen Kampfe zu, in welchem du siegen
wirst. Mchte es auch in dem zweiten Kampfe der Fall sein. Doch ich
frchte, du hast diese besiegt und wirst in jenem berwltigt werden. Denn
wenn die Dmonen an dem ersten Kampfe verzweifeln, dann rsten sie sich mit
aller Macht zum zweiten Kampf, um das himmlische Reis auf Erden, das die
Gtter fremden Zweigen aufgepfropft haben, umzuhauen und als nicht zu ihnen
gehrig von der Erde zu vertilgen. Denn sie schmen sich der ersten
Niederlage und wenn sie im Innern nicht zum Ziele kommen, versuchen sie nun
von auen heranzukommen mit Krieg und Aufruhr und was sonst den Krper
beschdigt. -- -- -- Du aber darfst den Gttern nicht weiter lstig
werden, da du dich mit deinen eigenen Mitteln erhalten kannst. Fr sie
geziemt es sich nicht immer aus ihrer eigentlichen Sphre herauszutreten,
und deine Gebote wrden sndhaft sein, wolltest du sie dadurch ntigen, vor
der bestimmten Zeit wieder herabzukommen, um fr das irdische zu sorgen. --
Deshalb drfen die Menschen ber ihre selbstgewhlten Leiden nicht unwillig
werden, sie drfen den Gttern keinen Vorwurf machen, da sich ihre
Vorsehung nicht um sie kmmert. Denn die Vorsehung verlangt, da sie auch
ihre eigenen Krfte anwenden. Die Vorsehung gleicht nicht der Mutter eines
neugeborenen Kindes, die sich bemhen mu, das abzuwehren, was ihm zustoen
und schdlich sein knnte, weil es noch unvollkommen und hilflos ist,
sondern sie gleicht einer Mutter, die ihr Kind aufgezogen und ausgerstet
hat und es nun auffordert, seine Krfte zu gebrauchen und das bel von sich
abzuhalten. Nach solchen Worten verschwand der Vater mit den Gttern.
Osiris begann nun seine Regierung, mute aber schlielich einer offenen
Emprung Typhons weichen, kaum, da er noch das nackte Leben in die
Verbannung rettete.

Es wrde mich hier zu weit fhren, wollte ich nun noch die Herrschaft
Typhons und den weiteren Verlauf dieses philosophischen Romanes auch nur in
gedrngtem Auszuge wiedergeben, zumal dies keinen Sinn haben knnte ohne
gleichzeitiges Eingehen auf die mannigfaltigen, fr uns natrlich oft sehr
schwer zu deutenden zeitgeschichtlichen Anspielungen. Nur soviel mag hier
bemerkt werden, da unter Osiris vermutlich auf den vorhin genannten
Aurelian, unter Typhon aber auf dessen leiblichen, ihm feindlich gesinnten
Bruder angespielt wird. Durch eine die Schrift abschlieende Betrachtung
ber die Wiederkehr derselben oder analoger Ereignisse im Kreislauf der
Zeiten wird die allegorische zeitgeschichtliche Tendenz der Erzhlung noch
deutlich gekennzeichnet.

Nach seiner Rckkehr fand Synesios zunchst fr das von ihm selber ber
jede praktische Thtigkeit geschtzte rein beschauliche Leben wenig Zeit
und Ruhe; der Steuererla allein konnte einem Lande wenig ntzen, das durch
die elende Militr-Verwaltung des verfallenden Reichs den Raubzgen der
afrikanischen Nomadenstmme vllig preisgegeben war. Vor allem beunruhigte
der kriegerische Stamm der Maceten das von regulren Streitkrften vllig
entblte Land. Unser Philosoph widmete sich nun mit allem Heroismus seiner
angestammten Heraklidennatur der Verteidigung und selbstndigen
Reorganisation seines Vaterlandes, er bildete aus Bauern und selbst Sklaven
eine Art Landsturm und bestand, ein wackerer Reiter, manches blutige
Treffen mit den streifenden Beduinenscharen. Aus diesen kriegerischen Tagen
datiert sein folgender Brief an Hypatia:

Wenn der Verstorbenen man auch vergit in des Hades Behausung, so werde
ich dagegen auch dort meiner lieben Hypatia gedenken, ich, der ich jetzt
von den Leiden meines Vaterlandes umringt seiner berdrssig bin, weil ich
tglich feindliche Waffen sehe, Menschen hingeschlachtet wie Opfervieh, und
eine von der Verwesung der Leichen verpestete Luft einatme, und selbst
erwarten mu, da es mir ebenso geht; denn wer kann noch froher Hoffnung
sein, wenn sogar die uns umgebende Luft so schaudervoll ist, verdunkelt vom
Schatten der leichenfressenden Vgel; -- und dennoch hnge ich mit Liebe an
meiner Heimat. Was soll ich auch machen, als geborener Lybier, wenn ich die
nicht unrhmlichen Grber meiner Vorfahren vor Augen habe? doch
deinetwegen, glaube ich fest, knnte ich mein Vaterland verlassen, und
sobald ich dazu Zeit gewinne, auswandern. -- Allmhlich verzogen sich die
Kriegsstrme etwas vor der mannhaften Fhrung der neugebildeten Landwehr,
und Synesios kaufte sich sogar ein Landgut in unmittelbarer Nhe der
feindlichen Grenze. Er fhrte ein Weib heim und lebte Jahre lang einer
zwischen Jagd, Ackerbau und Philosophie geteilten, nur von vereinzelten
Fehden mit jenem Wstenvolk gestrten Mue. Jetzt schrieb er auch sein
verloren gegangenes Werk ber die _Jagd_. Den in dieser lndlichen
Zurckgezogenheit freilich zu entbehrenden persnlichen Verkehr mit
gebildeten Freunden ersetzte er durch einen ausgebreiteten regen
Briefwechsel. Die 154 uns erhaltenen Briefe des Synesios sind ein
wertvoller Schatz der hellenistischen Litteratur und ihr Verfasser mu fr
einen der geistvollsten Briefsteller aller Zeiten gelten; jeder seiner
Briefe, so natrlich und naiv er der Feder entflossen zu sein scheint, ist
doch ein kleines Kunstwerk, dessen Lesen auch heute noch einen inhaltlich
und formell begrndeten Reiz gewhrt. Sieben dieser Briefe sind an Hypatia
gerichtet, die meisten brigen an seinen Freund Herculian oder seinen
Bruder Euoptius, mit welchen beiden ihn das Bewutsein verbindet, den Trank
der Weisheit aus der lautersten Quelle geschpft zu haben. Aus einem an
Euoptius, der in Phykus, der Hafenstadt von Cyrene, wohnte, gerichteten
Briefe, in welchem er denselben einladet zur Erholung nach seinem Landgut
zu kommen, entnehme ich folgende idyllische Schilderung dieses Tuskulums:
Was ist es auch besonderes, sich im Ufersand auszustrecken, der einzige
Zeitvertreib, den Ihr habt! Denn wohin wollt Ihr Euch sonst wenden? Wie
schn ist es hier dagegen, sich unter den Schatten eines Baumes zu begeben!
Und wenn es einem nicht mehr behagt, dann kann man Baum mit Baum, ja einen
ganzen Hain mit einem anderen vertauschen. Wie schn ist es hier, das
vorbeiflieende Flchen zu durchschreiten! Wie lieblich, wenn der Zephyr
sanft die Zweige bewegt! Welche Mannigfaltigkeit im Gesange der Vgel, in
der Frbung der Blumen, in dem Strauch- und Buschwerk der Wiese, alles
duftet in Wohlgerchen, es sind die Sfte eines gesunden Bodens. Und die
Grotte der Nymphen vermag ich nicht zu preisen, dazu bedarf es eines
Theokrit. Weiter schildert er seinen Umgang mit dem naiv biederen
Landvolk, das sich von den groen Seeschiffen keine Vorstellung machen
kann, das einen Kaiser nur vom Steuerzahlen kennt, von denen einige noch
glauben, es herrsche der Atride Agamemnon, der einst nach Troja zog, und
das sich am abendlichen Herdfeuer mit Vorliebe vom schlauen Odysseus
erzhlt, als habe er den Cyklopen erst krzlich geblendet und sich vom
Widder aus der Hhle schleppen lassen. In dieser Mue fand er auch Zeit
und Stimmung, eine sophistische Abhandlung _Das Lob der Kahlheit_ zu
schreiben, eine von attischem Witz sprhende Trostschrift fr alle, denen
eigener Mondschein vom Haupte zu leuchten beginnt. Seine Sophistik
gipfelt darin, die Kahlkpfigkeit ein gttliches Prdikat zu nennen:
Kahlkpfige knnen als gotthnlich bezeichnet werden, und wenn man von
einem Mondchen spricht bei beginnender Glatze, so knnte man einen
vollkommenen Kahlkopf ebenso gut eine Sonne nennen, denn er strahlt in
vollkommenem Kreise fortwhrend dem Himmel entgegen, und dieser Glanz ist
entschieden etwas den Gttern verwandtes. Warum auch sonst trge der
katholische Priester seine Rasur?

Die wichtigsten seiner damals verfaten Schriften sind der Dion und die
Abhandlung ber die _Trume_. Beide Schriften hat er vor der
Verffentlichung der Hypatia zur Prfung vorgelegt. Das Begleitschreiben,
mit welchem er sie der geliebten Lehrerin einsandte, giebt eine persnliche
Begrndung ihrer Abfassung, und da ich dieses zur Einleitung einer
besonderen Besprechung der Abhandlung ber die Trume voraussenden werde,
darf hier auch bezglich des Dion einstweilen die Bemerkung gengen, da
diese Schrift einem Sohne gewidmet ist, dessen Geburt Synesios damals auf
Grund eines Traumes erst erwartete. Da wir wissen, da ihm im Jahre 404 bei
Belagerung seines Landhauses durch die Maceten ein Sohn geboren wurde,
drfen wir ihre Abfassung vielleicht in das Jahr 403 zurckverlegen. Sie
enthlt in der Einkleidung eines Essay's ber den Stoiker Dio Chrysostomus,
(lebte zur Zeit Trajans,) einem Lieblings-Autor des Synesios, welcher
seiner allgemeinen Bildung und schnen Darstellung wegen von vielen nicht
unter die Philosophen, sondern unter die Sophisten gerechnet wurde, eine
mavolle Polemik gegen das Christentum vom sthetisch-kulturfreundlichen
Standpunkt aus und eine Verteidigungsrede fr die Musen gegen ihre
Verchter.

Doch bald ri den Philosophen wieder der Strom des praktischen Lebens in
seine Fluten und Wirbel. Zunchst verstrkten sich aufs neue die
kriegerischen Einflle der Maceten, denen sich nun gar der weit
gefhrlichere Stamm der Isaurier anschlo, und Synesios ward gentigt, die
Feder und den Bogen mit schwereren Waffen zu vertauschen, ja er mute
seinen Landsitz an der Grenze dauernd preisgeben, ohne da wir mit
Sicherheit wten, ob er jetzt seinen Wohnsitz nach der Stadt Cyrene oder
nach Ptolemais verlegt habe.

Aber eine vollstndige Wendung seines Lebenslaufes trat alsbald mit einem
Ereignis ein, welches, wie wir aus seinen Briefen ersehen, sein Lebensglck
dauernd vernichtete. Auf das Jahr 409 hatte ihm sein Traum-Orakel den Tod
prophezeit. Dieses Orakel verwirklichte sich in anderer Weise, als er
gedacht.

Es geschah in diesem Jahre, da man ihn, den kriegstchtigen Herakliden,
den Liebhaber der Jagd, den freimtigen Philosophen, den begeisterten
Anhnger der Hypatia und Anwalt des klassischen Heidentums, trotz allen
Widerstrebens zum katholischen Bischof prete, fast wie der ihm auch sonst
nicht ganz unhnliche Ritter Gtz von Berlichingen von aufstndischen
Bauern zu ihrem Anfhrer gepret sein soll.

Um die Mglichkeit dieser Wendung nur einigermaen verstndlich zu machen,
ist daran zu erinnern, da in jenen Zeiten des staatlichen Verfalles, wenn
irgendwo, so besonders in einer solchen, vor dem Beginn der rings
anflutenden Vlkerwanderung militrisch entblten Provinz des rmischen
Reiches, wie Cyrenaica, die Bischofswrde von grerer politischer als
kirchlicher Bedeutung war. Jene Prfekten, die der ohnmchtige kaiserliche
Absolutismus ber die Provinzen stellte, waren in der Regel eben mchtig
genug, das ihnen verliehene Amt zu schamloser Selbstbereicherung und
Erpressung zu mibrauchen, und standen nicht selten gar in
hochverrterischen Beziehungen zu feindlichen Barbarenhuptlingen. Die
berwiegend bereits christliche Bevlkerung suchte und fand ihren einzigen
Schutz und Zusammenhang innerhalb der so gewaltig erstarkten kirchlichen
Gemeinschaft; die Kirche war ihr +forum+ und +comitium+; noch lag die Wahl
des Bischofs, wenn auch oberpriesterlicher Besttigung bedrfend, bei den
Gemeinden.

Die Pentapolis aber bedurfte in jenen Zeiten dringend eines Mannes, der
einerseits einem gewaltthtigen Ungeheuer, dem Prfekten Andronicus, und
andererseits den ruberischen Grenznachbarn streitbar entgegentrte; auch
fand man ja noch im Mittelalter keinen Ansto daran, da ein Bischof nicht
nur den Krummstab und die Monstranz zu halten, sondern auch unter Umstnden
Schwert und Schild zu fhren verstehe. Der wackerste Mann, ein wahrer %anr
kalos kagathos%, in der ganzen Provinz war Synesios, und Synesios war ein
Patriot. So hatten ihn dann seine Mitbrger, welche, sehend, wie viel
Unrecht geschieht, indem sie Recht suchen, und wie viel Unheil durch
wtende Menschen angerichtet wird, einen Hauptmann suchten, der das Volk
in Ordnung halte, aufgefat.

Dies und eine diplomatische Connivenz des Patriarchen zu Alexandria mag das
Rtsel lsen. Es ist sicher, da Synesios an einem und demselben Tage die
Taufe und Ordination erhalten hat. Eine Conjectural-Biographie, wie sie der
Theologe Neander und Dr.Volkmann in ihren Schriften ber die allmhliche
innerliche Bekehrung des Philosophen auf hundert Druckseiten entwickeln,
drfte sich ganz einfach durch einen ausfhrlichen Brief des Neugetauften
an seinen Bruder Euoptius erledigen, aus welchem ich nur folgende allgemein
interessante Stelle hervorhebe. Nachdem er zuvor seine wesentlichsten
Abweichungen von der christlichen Dogmatik, den Glauben an die Ewigkeit der
Welt und die Unerschaffenheit, Prexistenz der Seele, betont hat, schreibt
er: Die priesterliche Stellung also kann ich nur bernehmen, indem ich zu
Hause philosophiere, uerlich aber mich den Mythen anbequeme, so da ich
zwar nicht ausdrcklich lehre, aber auch nichts an der Lehre ndere und es
bei der vorhandenen Lehre bewenden lasse. Denn was haben Volk und
Philosophie mit einander zu schaffen? -- Wie das Auge nur zu seinem
Nachteile der vollen Einwirkung des Lichts ausgesetzt wird, und wie fr
Leute mit kranken Augen die Dunkelheit ntzlicher ist, so mag auch der
Irrtum fr das Volk von Nutzen sein.(?) Verlangen sie aber, da ich mich
selbst in diesem Sinne ndern soll, da der Priester die Vorstellungen des
Volks teilen msse, so erklre ich, da ich in Betreff der Dogmen keinen
falschen Schein auf mich laden mag. Die Wahrheit ist Gott verwandt, dem
gegenber ich in allen Stcken ohne Schuld sein will. In diesem einen
Punkte will ich keine falsche Rolle spielen. Denn, da ich ein Freund des
Sports bin, von Kindheit an hat man mir meine leidenschaftliche Vorliebe
fr Waffen und Pferde vorgeworfen, so wird es mich betrben, -- ja, wie
wird mir zu Mute sein, wenn ich meine liebsten Hunde ohne Jagd sehe, meinen
Bogen von Wrmern zerfressen, -- aber ich werde es ertragen, wenn Gott es
mir auferlegt, -- meine berzeugungen aber werde ich nicht verleugnen und
zwischen meiner Zunge und meinem Denken soll kein Widerspruch sein. Zum
Schlu heit es dann: Sorge dafr, da mein Brief in die Kanzlei kommt und
jenem mitgeteilt wird! Mit der Kanzlei kann nur die Kanzlei des
Patriarchen gemeint sein.

Der Patriarch also scheint diesen esoterischen Vorbehalt zugelassen zu
haben: Synesios wurde als Bischof und zwar als Metropolit, der erste von 15
Bischfen in der Pentapolis besttigt.

Unmglich konnte jedoch dieser unvermittelte bergang vom heidnischen
Philosophen zum christlich-katholischen Bischof ohne schwerere uerliche
und innerliche Konflikte und tragischere Folgen bleiben, als den in jenem
Briefe so schmerzlich betonten Verzicht auf die Freuden der Jagd. Zwar den
rein politischen Erwartungen seiner Mitbrger suchte er in
uneigenntzigster Pflichttreue genug zu thun. Jenem Prfekten Andronicus,
der, wie das Exkommunikationsdekret sagt, zur hrtesten Plage der
Pentapolis geworden war, hrter als Erdbeben, Heuschrecken, Pest, Feuer und
Krieg, indem er sich begierig auf das strzte, was sie brig gelassen
hatten, und zuerst ganz unerhrte Arten von Marterwerkzeugen in das Land
eingefhrt hatte, Werkzeuge zum Zerfleischen der Finger und Fe, ja des
ganzen Leibes, mit denen er alle Glieder seiner Schlachtopfer auf das
grausamste verrenkte und verstmmelte, diesem Tyrannen konnte er jetzt mit
der ganzen Machtflle seines hohen Kirchenamts entgegentreten. Er belegte
ihn mit dem Interdict. Als der Bsewicht hierdurch gebrochen und gedemtigt
nun seinerseits bei Synesios um Schutz gegen allzu harte Verfolger bat,
verga er jedoch nicht, in wahrhaft christlicher Feindesliebe, sein Unglck
zu erleichtern, und legte sogar eine Frbitte beim Patriarchen ein. Ward es
ihm somit auch leicht, die christliche Moral in vorbildlicher Reinheit zu
ben, so fiel es ihm doch um so schwerer, sich in die christlichen Dogmen
und priesterlichen Formen zu schicken, vor allem sich in seinen amtlichen
uerungen die geforderte priesterliche Salbung zu geben und sich des
Kanzeltons zu bedienen.

Wenn ich euch nichts von allem zu sagen habe, was ihr sonst zu hren
gewohnt seid, so mt ihr es mir zu gute halten und vielmehr euch selbst
anklagen, da ihr einem in der heiligen Schrift unbewanderten Manne vor
solchen, die derselben kundig sind, den Vorzug gegeben habt, schreibt er
an seine Amtsgenossen. Auch trug er, als einst ein Priester durch
Errichtung einer Kapelle und Mibrauch der Kirchenweihe einen strategisch
zur Landesverteidigung unentbehrlichen Punkt in seinen Besitz gebracht
hatte, kein Bedenken, gegen die aberglubische Scheu seiner Amtsbrder,
welche glaubten diese Weihe trotz ihrer gemeinschdlichen und
rechtswidrigen Entstehung respektieren zu mssen, mit folgenden Worten zu
eifern: Man mu den Aberglauben von der Frmmigkeit unterscheiden. Er ist
ein Laster, das mit der Maske einer Tugend auftritt, aber von der
Philosophie als die dritte Form der Gottlosigkeit lngst erkannt ist.
Heilig ist, was gerecht und gut ist. Vor der bloen Einweihung kann ich
keine ehrfurchtsvolle Scheu empfinden.

Ernstere innere Konflikte mit seiner berzeugung scheinen doch nicht
ausgeblieben zu sein; die Taufe hatte, wie denn auch Luther sagt: Wasser
thut's freilich nicht, den alten Heiden nicht ertrnkt. Nur so wird der
Wunsch erklrlich, den er in einem seiner Briefe ausdrckt, da er doch in
jenem Jahre lieber wirklich gestorben wre, wie sein Traum es verheien,
als Bischof geworden.

Ein begeisterter Verehrer Hypatias blieb er bis zuletzt. Dagegen scheint
allerdings das Interesse der letzteren fr ihn seit seinem bertritt zum
Christentum erkaltet zu sein, wie er sich dann als Bischof in seinen
Briefen berhaupt beklagt, da seine alten Freunde ihn verlassen haben,
obgleich er derselbe geblieben sei. Dies und harte Familienschicksale -- er
verlor seine Gattin und smtliche Kinder -- brachen ihn geistig und
krperlich. Recht deutlich spiegelt sein letzter Brief an Hypatia diesen
Zustand. Vom Krankenlager aus datiere ich diesen Brief an dich und
wnsche, da du ihn gesund empfangen mgest, du meine Mutter, meine
Schwester und Lehrerin, und durch dies alles meine Wohlthterin, der
Inbegriff alles dessen, was es fr mich ehrwrdiges giebt. Meine
krperliche Schwche rhrt von meinem Seelenleiden her. Die Erinnerung an
den Verlust meiner Kinder reibt mich allmhlich auf. Nur so lange htte
Synesios am Leben bleiben sollen, wie er frei war von den Leiden des
Lebens. Die sind nun auf einmal wie ein aufgehaltener Strom ber mich
hereingebrochen, und die Annehmlichkeit meines Lebens ist umgeschlagen. O,
da doch mein Leben oder die Erinnerung an das Grab meiner Kinder ein Ende
nhme! Bleib du nur gesund und empfiehl mich deinen glcklichen Freunden,
vom Vater Theon und dem Bruder Anastasios ab der Reihe nach, und wenn einer
dazu getreten ist, der dir lieb ist. Ich mu es ihm Dank wissen, da er dir
lieb ist. Gre auch ihn, wie meinen liebsten Freund. Wenn du dir noch
etwas aus meinen Angelegenheiten machst, so thust du wohl daran! Wo nicht,
-- so mache auch ich mir nichts daraus.

Wir kennen nicht das genaue Datum seines Todes und wissen daher auch nicht,
ob das grauenvolle Ende seiner geliebten Hypatia noch zu seinen Ohren
gekommen. Wenn, -- so wird es nach dem so schmerzlich beklagten Verlust
seiner Shne gewi der hrteste Schlag gewesen sein, der sein Herz
getroffen.

                  *       *       *       *       *

Welche Kontraste vereinigt doch diese Periode der Geschichte! Dieselbe
Zeit, welche diesen mnnlichen, kriegsgebten Philosophen, der neben dem
Schwert von Eisen doch auch das Schwert des Geistes zu fhren verstanden,
zum Bischof machte, ja dasselbe Patriarchat, das diese Bischofswahl trotz
des offenen esoterischen Vorbehaltes gegen wesentliche Glaubensstze
bettigte, lie dessen Lehrerin, Hypatia, ein Weib, in Stcke zerreien!
Oder welch' ein Weib mu jene gewesen sein, die nicht nur einen solchen
Schler gebildet hat, sondern auch solchen Hasses und solchen Martyriums
gewrdigt worden ist!

In seiner bischflichen Lebensperiode hat Synesios, wenn wir von den
Briefen absehen, prosaische Schriften nicht mehr verfat. Wohl aber stammen
aus dieser Zeit seine Hymnen, die ihn zwar keineswegs als bedeutenden
Dichter, doch als einen gefhlsinnigen Mystiker kennzeichnen.

In den sog. Geschichten der Philosophie wird Synesios meistens nicht mit
gezhlt. Auch bieten seine Schriften nach denjenigen eines Plotinos und
Jamblichos, deren Werke uns grtenteils erhalten sind, kein erhebliches
wissenschaftliches Interesse, da sie der philosophischen Originalitt und
Tiefe entbehren. Litterarisch jedoch mssen sie als einige der besten
Erzeugnisse des sptesten Hellenismus gelten. Derjenige aber, der nicht
nur in den Systemen der Schulen, sondern auch in Thaten und Gesinnungen
Philosophie zu wrdigen wei, wird in seiner Geschichte der Philosophie
auch einem Synesios einen Platz vergnnen. In ihm lebte eine schne Seele
im Sinne platonischer Philosophie, und sein vorwiegendster Charakterzug ist
ein durchaus liebenswrdiger Heroismus.

                  *       *       *       *       *

Insbesondere die Schrift ber die Trume.

    Denn es sind zwo Pforten der nichtigen Traumgebilde:
    Diese von Elfenbeine gebaut und jene von Horne.
    Die nun gehn aus der Pforte geschnittenen Elfenbeines,
    Solche tuschen den Geist durch wahrheitlose Verkndigung;
    Aber die aus des Hornes gegltteter Pforte herausgehn,
    Wirklichkeit deuten sie an, wenn der Sterblichen einer sie schaut.

Unter den uns erhaltenen Schriften des Synesios verdient neben dem
philosophischen Roman Dion seine Abhandlung ber die Trume am meisten
Beachtung.

Aus der letzteren ersehen wir, da merkwrdigerweise Synesios, diese
entschieden auf praktische Unternehmungen angelegte Natur, der seinem
eigenen Gestndnis nach den Harnisch dem Bischofsmantel, das Ro dem
Schreibstuhl und die Lanze der Feder vorzog, ein Trumer gewesen ist, der
das Trumen systematisch betrieb und darber Buch fhrte. Und es ist nur
zu bedauern, da das Traumtagebuch dieses interessanten Mannes sich nicht
als Supplement seiner Abhandlung ber die Trume auf die Nachwelt gerettet
hat.

Synesios widmet seine Schrift ber die Trume zugleich mit dem ungefhr
gleichzeitig vollendeten Essay ber Dio seiner geliebten und verehrten
Lehrerin Hypatia. Vor der Verffentlichung bersandte er sie derselben zur
Begutachtung mit einem ausfhrlichen Briefe, aus dem ich, er ist uns ganz
erhalten, -- folgendes hier der Wiedergabe fr wert achten mchte: Ich
habe in diesem Jahre zwei Bcher fertig bekommen, zu dem einen durch Gott,
zu dem andern durch die Schmhung der Menschen veranlat. Denn sowohl unter
den Leuten, die den weien Mantel tragen, als unter denen, welche in der
schwarzen Kutte einhergehen, haben mich einige eines Vergehens gegen die
Philosophie beschuldigt, weil ich auf Schnheit im Ausdruck und auf
Rhythmus achte, auf die rhetorischen Figuren, und etwas ber Homer sagen
will. Als ob ein Freund der Weisheit ein Feind der Rede sein mte, und
sich nur mit den gttlichen Dingen befassen drfte. Sie selbst befassen
sich freilich nur mit der beschaulichen Betrachtung des Intelligiblen. --
Sie erklren, ich sei nur zu litterarischen Spielereien befhigt, und sind
zu diesem ungnstigen Urteil veranlat worden, seitdem meine Schrift ber
die Jagd, ich wei nicht wie, in die ffentlichkeit gelangt ist und bei
einigen jungen Leuten, die auf korrekte, geschmackvolle Darstellung etwas
geben, groen Beifall gefunden hat, ebenso wie einige sorgfltig
gearbeitete Gedichte. -- Unter diesen Gegnern sind die einen, deren
Frechheit in ihrer Unwissenheit ihren Grund hat, sofort bei der Hand, ber
Gott zu reden. Kommt man mit ihnen zusammen, so bekommt man von ihnen
allerlei verkehrte Syllogismen zu hren, und auch, wenn man kein Verlangen
darnach hat, so berschtten sie einen doch mit ihren Reden, wobei sie, wie
ich glaube, ihre ganz besonderen Interessen verfolgen; aus ihrer Zahl
werden nmlich in den Stdten die Schulmeister und Priester genommen. Du
kennst wohl diesen oberflchlichen Menschenschlag, der ein wirkliches
wissenschaftliches Streben scheel ansieht. Sie mchten mich gern zu ihrem
Schler haben und versichern, sie wrden mich dann in kurzer Zeit zu einem
ausgezeichneten Theologen machen, der Tag und Nacht in einem fort zu reden
vermchte.

Die anderen haben zwar mehr Einsicht, sind aber noch viel erbrmlichere
Sophisten, als diese. Du weit, da manche Leute, die sich in den Schulen
vllig ausgegeben haben, oder durch irgend sonst einen Einfall dazu
veranlat wurden, im Mittag ihres Lebens als Philosophen aufzutreten, --
sich einen gewaltigen Anstrich zu geben wissen. Wie ist doch ihre
Augenbraue hoch emporgezogen. Die Hand sttzt das brtige Kinn, und der
ehrwrdige Ausdruck ihres Gesichts bertrifft die Bildnisse des Xenocrates.
-- Diese Leute betrachten es als einen gegen sie gerichteten Angriff, wenn
einer, der fr einen Philosophen gilt, auch zu reden versteht. Denn nur so
lange knnen sie ihre angenommene Rolle behaupten, solange man glaubt, da
sie innerlich voller Weisheit stecken.

Beide Klassen von Leuten haben mir also vorgeworfen, da ich mich mit
wertlosen Dingen beschftige, die einen, weil ich nicht dasselbe schwatze,
wie sie, die andern, weil ich meinen Mund nicht verschlossen halte und mir
keinen Ochsen auf die Zunge gelegt habe, wie es im Sprichwort heit. Gegen
sie habe ich den Dion verfat und bin dem Reden der einen und dem Schweigen
der andern entgegengetreten. Die andere Schrift (ber die Trume) habe ich
auf Gottes Veranlassung geschrieben und Gott hat sie gut geheien. Sie ist
ein Denkmal meiner Dankbarkeit gegen das Vermgen der Phantasie? Ich habe
in ihr Untersuchungen ber den ganzen vorstellenden Teil der Seele
angestellt und einige andere Punkte behandelt, mit denen sich bis jetzt die
Philosophie der Hellenen noch nicht befat hat. Doch wozu bedarf es
weiterer Worte ber dieselbe? Die ganze Schrift ist in einer Nacht
ausgearbeitet oder vielmehr in dem brigen Teile einer Nacht, die mir ein
Traumbild gebracht hatte, da ich sie eben schreiben sollte. An einigen
Stellen, etwa zwei oder dreimal, bin ich gleichsam ein anderer gewesen,
zugleich mit dem Anwesenden mein eigener Zuhrer. Und jetzt, so oft ich an
die Schrift herantrete, wird mir ganz wunderbar zu Mute, und es umtnt
mich, wie der Dichter sagt, eine Art gttlicher Stimme. Ob dies nun eine
Empfindung ist, die ich allein dabei habe, oder ob sie auch bei einem
anderen Leser sich einstellt, das sollst du mir gleichfalls mitteilen; denn
du sollst sie zuerst unter den Hellenen nach mir lesen. Ich schicke dir
also diese beiden bis jetzt unverffentlichten Schriften.

                  *       *       *       *       *

Da beide Schriften verffentlicht wurden, drfen wir vielleicht annehmen,
da Hypatia sie als in ihrem Geiste geschrieben genehmigt und gut geheien
hat. Die Abhandlung ber die Trume geht aus von einer Betrachtung des
Wesens und der Arten magischer Divination berhaupt (1). Die
verschiedensten Mittel lassen sich benutzen, um die Zukunft zu erschlieen.
Der Astrologe glaubt sie aus den Sternen, der Opferpriester aus den
Eingeweiden der Tiere, der Augur aus dem Fluge der Vgel, der Chiromantiker
aus den Linien der Handflche, und mancher andere aus allerlei zuflligen
Vorfllen (+omina+) entziffern zu knnen (2). Die Divination oder
wenigstens der Wunsch, eine solche Kunst zu ben, ist ein unvertilgbares
Merkmal der Menschennatur, gerade dadurch unterscheiden sich die Menschen
von den in dumpfem Genu des Augenblicks aufgehenden Tieren, indem sie sich
so der reinen, Zeit und Ewigkeit berschauenden Intelligenz der Gtter zu
nhern suchen (3). An und fr sich mu die Mglichkeit der Divination und
jeder einzelnen ihrer gedachten Arten aus dem Monismus des Weltalls
erhellen. Die Welt ist ein Organismus, in dem alles mit allem, rumlich und
zeitlich in urschlichem und sympathischen Zusammenhang steht. Nun
empfindet ja auch innerhalb des menschlichen Sonder-Organismus, wenn irgend
eines seiner Glieder erkrankt, z.B. ein Finger, oftmals ein von diesem
sehr entfernter Krperteil, z.B. die Hfte einen sympathischen Schmerz
(4). Das berhmte Wort des Archimedes: Gieb mir einen Punkt auerhalb der
Welt, wenn ich auf sie wirken soll, gilt nicht fr die Magie und
Divination. Die Seele mu passiv mitleiden, mu innerhalb des Ganzen
stehen, um magische Einflsse zu wirken oder zu empfinden. Dagegen von den
reinen Gttern, den erhabensten Intelligenzen, die sich berhalb dieser
Erscheinungswelt befinden, gilt eher das homerische Wort vom Zeus:

    Fern weilt er, ihn kmmert durchaus nichts,
    Und er achtet nicht d'rauf--

Ein kaiserliches Gesetz verbietet freilich, die auf uerlichen Mitteln
beruhende Magie und Divination auch nur zu besprechen. Doch ist die
vollkommenste Art der Divination eine innerliche, subjektive, nmlich die
Divination des Traumes (6). Die Fhigkeit dieser Prophetie schlummert in
jedermanns Seele. Whrend nmlich der vernnftige Geist (%nous%) die Formen
des Seins enthlt, schliet die Seele (%psych%) die Formen des Werdens
ein. Der Geist ist ein ewig seiendes, die Seele ein ewig werdendes Wesen.
Die Seele nun enthlt zwar smtliche Formen des Werdens, die meisten jedoch
in zeitlich latenter Weise; nur die jedesmal zutrglichen lt sie dem
Bewutsein erscheinen. Der Spiegel aber, in dem sich die Bilder, welche
ihren Sitz in der Seele haben, zeigen, heit Phantasie. Ebenso wie wir von
der organisierenden Thtigkeit der unbewuten Vernunft in uns nur soweit
ein Bewutsein haben, als letztere uns freiwillig davon mitzuteilen fr gut
befindet, erhalten wir auch von den Vorstellungen, Bildern, die in der
ersten Seele vorhanden sind, Kenntnis nur, soviel und soweit die
Phantasie, welche ihre Bilder von dort empfngt, solche uns widerspiegelt.
Die Phantasie ist eine das Gebiet der Natur berhrende, niedere,
vermittelnde Form des Seelenwesens. Die Phantasie ist eigentlich die
Sinnlichkeit selber. Wir knnen Farben sehen, Tne hren, berhaupt alle
sinnlichen Empfindungen haben, auch wenn die dafr geschaffenen
krperlichen Organe unthtig sind. Das wenigstens beweist der Traum. Die
Phantasie also ist sowohl das Organ, das fr den wachenden Organismus
dessen Verkehr mit der Auenwelt vermittelt, als auch das eigentliche
Traumorgan, und sofern letzteres der Krperorgane nicht bedarf, knnen wir
durch sie in direkten Verkehr mit der krperlosen Geisterwelt treten. So
ist denn auch schon manch' einer unwissend eingeschlafen und hat, im Traume
von den Musen belehrt, wissenschaftliche Probleme gelst oder poetische
Leistungen zu Tage gebracht, deren er vorhin nicht fhig erschien, weshalb
auch schon ein sibyllinischer Spruch behauptet:

    Lehrbares Wissen zu finden im Lichte des Tagesbewutseins
    Ward dem einen verliehen, doch mancher findet auch schlafend
    Mhelos kstliche Frchte, beschenkt von der Gnade des Traumgotts.

Wie alle einzelnen Sinne, so mu auch die seelische Grundlage der
Sinnlichkeit berhaupt, die Phantasie in verschiedenen Graden der
Gesundheit und Strke vorhanden sein. Sie kann zu grberer Stofflichkeit
und Dunkelheit herabsinken, sie kann aber auch gereinigt und gelutert
werden. Im ersteren Fall wird sie nur trbe und ungewisse, im letzteren
klare und bestimmte Abbilder zeigen. Die Phantasie ist eigentlich der
Seelenleib, der Wagen, welcher die Seele aufwrts oder abwrts fhrt, oder
auch das Fittichpaar, welches die Seele trgt. Die tugendhafte Seele wird
leicht und schwebt mit den Schwingen ihrer geluterten Phantasie aufwrts,
indes die sndhafte, deren Phantasie von unreinen stofflichen Bildern
beschwert ist, tiefer sinkt (9). Schlimmer ist es fr sie, wenn sie dieses
Sinken gar nicht einmal mehr empfindet. Glcklich sind noch diejenigen
Seelen zu schtzen, denen der dumpfe Schmerz der Reue und Gewissensqual
einen Stachel zur Umkehr nach oben, eine Erinnerung an die verlassene
Heimat und Heimweh schafft. Denn nicht im Sterben, beim Austritt aus
diesem Erdenleben, trinkt nach des Synesios Ansicht die Seele aus dem
Lethestrom die Vergessenheit ihres Vorlebens, sondern umgekehrt bei der
Geburt, bei dem Eintritt in dieses niedere Dasein, trinkt sie das Vergessen
ihrer gttlichen Herkunft und ihrer Bestimmung aus dem Becher der
Sinnlichkeit. Freigeboren verkauft sie sich auf bestimmte Zeit in die
Sklaverei, wehe ihr, wenn sie nun, vielleicht gefesselt von der Schnheit
eines Mitsklaven, ihrer angeborenen Freiheit ganz vergit, und um bei jener
zu bleiben, auch nach Ablauf der gesetzten Frist es vorzieht, als Sklavin
bei dem gemeinschaftlichen Herrn zu bleiben. Dagegen haben die Arbeiten des
Herakles und hnliche Heroensagen keine andere esoterische Bedeutung, als
das Bemhen der edleren, ihres Ursprungs instinktiv eingedenken Seele, die
Knechtschaft durch ehrliche Arbeit abzuverdienen.

Die Seele dagegen, welche zum reineren Ursprung zurckkehrt, fhrt auch die
Phantasie, die sich Synesios zugleich als Astralleib oder therleib zu
denken scheint, mit aufwrts. Da die seelische Leiblichkeit, die
Phantasie-Gestalt der Seele selber bestimmt sei, des gttlichen Daseins
teilhaftig zu werden, findet seinen Ausdruck auch in den Versen der
Sibylle:

    La nicht den Mchten der Tiefe zur Beute die Blume des Stoffes,
    Hoch in den Strahlen des Lichts soll die therische blhn!

Die Blume des Stoffes ist eben nichts anderes, als die Gestalt der Seele,
ihr Phantasie- oder therleib, welcher unsterblich ist, wie die Seele
selbst (11).

Mit den Schwingen der Phantasie vermag die Seele den ganzen unendlichen
Raum zu durchschweben, indem sie mit den rtern die Zustnde und
Lebensbedingungen und Lebensgewohnheiten wechselt und umgekehrt. Wenn sie
aber ihren ursprnglichen Adel und ihre vllige Unschuld wieder
zurckerlangt, wird sie das Gef der reinen Wahrheit, die auch die
vollendete Schnheit ist, rein, licht und unvergnglich. Gttlich, wie sie
alsdann wieder ist, braucht sie nur zu wollen, um die Zukunft zu erkennen.
Sinkt sie dagegen in die tieferen Regionen, so wird sie umhllt mit
Finsternis, Unwissenheit, Irrtum und Lge, und wird immer unfhiger, die
Dinge zu unterscheiden (12).

Das beste Mittel nun, die Phantasie zu lutern und ihre Schwingen zu
krftigen, ist ein spekulatives Leben. Wahre Philosophie verfeinert die
Seele und nhert sie Gott nach dem Gesetze fortschreitender Entwicklung und
zunehmender Anziehungskraft und Wahlverwandtschaft; eine solche Seele tritt
in immer unmittelbareren Verkehr mit Gott. Wessen Einbildungskraft rein und
gut geregelt ist, der erhlt sowohl wachend wie trumend nur getreue
Abbilder der Dinge, und wessen Phantasie nur getreue Abbilder der Dinge
zumal im Traume erhlt, der kann zugleich ruhig sein ber den Zustand und
das Los seiner Seele, er ist der Gottheit nher (13).

Im Vorstehenden ist die philosophische Bedeutung der Trume gegeben. Die
Trume sind aber auch fr das praktische Leben vom grten Wert. Denn wer
wahre Trume haben will, mu ein nchternes und keusches Leben fhren, wer
sein Bett zu einem delphischen Dreifu machen will, mu sich hten, es zum
Zeugen nchtlicher Ausschweifungen zu machen, er bereite seinen Schlaf
durch Gebete vor (14).

Auch macht der Verkehr der Seele mit Gott im Traum die Seele mit nichten
ungeschickter fr das irdische praktische Leben, umgekehrt wird die Seele
von der Hhe aus weit besser alles berschauen, was darunten ist, als wenn
sie selber stets nur am Boden klebt. Darum wnscht Synesios die Kunst der
Traumdivination vor allem seinen Kindern zu hinterlassen, sie werden dann
niemals ntig haben, die weite und beschwerliche Reise nach Delphi zu
machen, sie brauchen nur den Schlaf so aufzusuchen, wie die keusche
Penelope, von der Homer (+Odyssee XVII, 48+) sagt:

    Und nachdem sie die Waschung vollbracht und ein reines Gewand auch
    Angezogen zur Nacht, rief zuvor im Gebet sie Athena.

Whrend Hierophanten und Magier sich unter dem Vorwande uerlicher Mittel,
deren sie dazu bedrfen, fr ihre Weissagungen oft schwere Summen bezahlen
lassen, bedarf man zur Traum-Divination keines gyptischen Vogels, keines
Knochens aus Iberien, keiner Pflanze aus Kreta noch auch irgend einer
Raritt vom tiefsten Meeresgrunde, man bedarf berhaupt keines Talismans,
man legt sich schlafen, -- das ist alles; im brigen ist man sein eigenes
Werkzeug. Auch kennt die Gottheit, die sich im Traum der reinen Seele
offenbart, keine Unterschiede des Standes und Reichtums. Und, was das beste
ist, kein Tyrann hat je daran gedacht, das Trumen innerhalb seines Staates
zu verbieten und mit Strafe zu belegen (15).

Der Unglckliche wird durch Trume getrstet und erquickt, und fat neue
Hoffnungen, selbst der Gefesselte im Kerker, im Traume fhlt er sich seiner
Bande entledigt und geniet eine unbeschrnkte Freiheit (16). Die Trume
sind entweder unmittelbare Wahrtrume, -- solche haben schon manchem Denker
ein Problem gelst, das er wachend zu denken sich vergeblich bemht hatte.
Auch Synesios selbst hat solchen Trumen vieles zu verdanken gehabt;
besonders whrend seines dreijhrigen Aufenthalts in Konstantinopel haben
sie ihm viel gentzt, indem sie ihm die Rnke und Intriguen der Gegner
seiner diplomatischen Mission enthllten; aber selbst in seiner
Lieblingsbeschftigung, der Jagd, haben sie sich ihm hufig dienstbar
erwiesen, indem sie ihm die Fhrten und Schlupfwinkel des Wildes
entdeckten, ihm auch besondere Mittel und Wege zeigten, dasselbe zu finden
und zu stellen.

Die meisten Trume sind jedoch symbolischer Natur und erfordern eine
besondere Kunst, die Kunst der Traumdeutung. Diese Kunst ist nur durch
eigene Erfahrung und Beobachtung zu finden (19). Wie wir einen
bevorstehenden Wechsel der Witterung aus gewissen Anzeichen folgern knnen,
so knnen wir aus bestimmten Symbolen des Traumlebens bevorstehende
Ereignisse entnehmen. Wir brauchen einen Feldherrn oder Knig nicht selber
zu sehen, um seine Ankunft zu erfahren; Vorreiter eilen ihm voraus und
kndigen sie an; ebenso werfen bedeutende Ereignisse ihre Schatten voraus.
Auch der Schiffer entnimmt ja aus bestimmten Anzeichen, knstlichen oder
natrlichen Merkzeichen des Fahrwassers die Nhe eines Hafens oder einer
gefhrlichen Stelle (20,21).

Diese Traumsymbolik ist aber durchaus _individueller_ Natur, auf allgemeine
Traumregeln ist kein Verla. Es giebt Menschen, die sich kleine
Bibliotheken ber Traumdeutung anschaffen. Ich fr mein Teil lache ber
alle diese Abhandlungen und halte sie fr vllig wertlos. Die Phantasie der
Menschen ist nicht einmal so gleichartig wie der Bau und die Physiognomie
ihrer Leiber, welche immerhin noch den Gegenstand einer allgemein
wissenschaftlichen Beobachtung bilden kann. Wenn eine Phemonoe oder ein
Melampus oder sonst ein Wahrsager allgemeine Regeln der Traumdeutung
aufzustellen wagt, mchte ich fragen, ob denn etwa auf konvexe oder konkave
Linsen, oder Spiegel aus verschiedenem Stoffe die Gegenstnde auf gleiche
Weise widerspiegeln. Da jeder von uns seine ganz besondere Sinnesart hat,
ist es unmglich, da dieselbe Traumvision fr alle dieselbe Bedeutung
habe. (22,23).

Um sich nun eine individuell gltige Traumsymbolik zu verschaffen, soll man
ein Tagebuch fhren, in das man alle Erlebnisse verzeichnet, die nach
irgend einem Traumbilde sich ereignen. Ein solches Tagebuch wird nicht nur
ein unmittelbares und psychologisches Interesse erhalten, es wird auch
sonst von praktischem Nutzen sein, uns in der Selbsterkenntnis frdern und
selbst zur stilistischen Bildung und zur Untersttzung unseres
Gedchtnisses dienlich sein knnen (24). Synesios berichtet nun, da er ein
solches Traumtagebuch seit langen Jahren mit grter Genauigkeit und nicht
ohne hufigen praktischen Nutzen gefhrt habe.

                  *       *       *       *       *

Dies der wesentliche Inhalt der Abhandlung des Synesios ber die Trume.
Wenn ich dieselben hier fr mitteilungswert halte, so liegt der Grund nicht
nur in dem rein geschichtlichen Interesse, da wir in ihr die einzige auf
uns gekommene Schrift der neuplatonischen Philosophie besitzen, welche sich
+ex professo+ mit diesem Gegenstande, wenigstens mit seiner psychologischen
Deduktion befat. Denn das gelehrte Werk des Artemidorus, +Oneirocriticon+,
enthlt zwar eine umfassende Sammlung der antiken Ansichten ber die
Traumsymbolik, vertieft sich aber nicht in die psychologische Ursache der
Traumbildung und vertritt keine besondere philosophische Lehrmeinung. Es
ist nicht ohne Interesse zu bemerken, da Synesios in seiner Auffassung der
Phantasie als des Traumorgans und als eines zugleich gestaltenden
Grundvermgens der Seele dieselbe Ansicht vertritt, welche erst krzlich
der jngere Fichte in seiner heutzutage viel zu wenig gewrdigten
Anthropologie und Psychologie mit groem Aufwande deutscher
Gelehrtengrndlichkeit und empirischer Beobachtung zu begrnden versucht
hat. Auch Fichte (vergl. dessen Psychologie, Kap. IIIff., ferner dessen
Seelenfrage, +pag.+ 108ff.) kennzeichnet die Phantasie als die eigentliche
zugleich vorstellende und gestaltende Triebkraft der Seele, _sie_ ist ihm,
ebenso wie dem Synesios, der eigentliche Urleib oder therleib des
Menschen. Als solche bethtigt sie sich (1) in der vorbewuten
Leibesgestaltung und Mimik.

Da sie zugleich in hohem Grade der Sympathie unterliegt, erklrt sich
durch die Ansteckung der Phantasiethtigkeit, durch den seelischen Rapport
zwischen Mutter und Kind, auch der unleugbare Einflu, den das
Phantasieleben der Mutter auf die Leibesgestaltung des Kindes ausbt
(Versehen, hnlichkeit und Vererbung). Andererseits aber rechtfertigt sich
durch ihren individuellen Charakter auch wiederum die aller Vererbung zum
Trotz so oft auffallende besondere Individualitt der Gestaltung.

2) Sodann bethtigt sie sich als unwillkrliche, aber doch die
Bewutseinsschwelle hufig berschreitende traumbildende Triebkraft.

Ihre Darstellungsform ist, abgesehen von den hellsehenden Wahrtrumen, die
der Symbolik; die Leibesform ist nichts als ein Symbol der Seele.

3) Ihre hchste Leistungsfhigkeit erreicht sie in der bewuten
sthetischen Bildungskraft des Dichters und Knstlers.

Man vergleiche ferner die Symbolik des Traumes von Fr. G. H. v.Schubert.
Leipzig (Brockhaus), 1840.




Fnftes Kapitel.

Die Gnostiker und Manicher.


Die Persnlichkeit des Synesios bildete in gewissem Sinne ein Bindeglied
zwischen heidnischer Philosophie und dem Christentum. Es wre aber irrig,
anzunehmen, da Synesios eine Ausnahme mit seiner eigentmlichen Mischung
antik-heidnischer Philosophie und christlicher Theologie gebildet habe. Im
Gegenteil ist diese Spezies von Heiden-Christen so alt wie die Geschichte
der christlichen Kirche, welche in den ersten Jahrhunderten geradezu eine
ihrer bedenklichsten Gefahren in dieser Verwirrung gesehen hat. Allgemein
pflegt man die philosophisch-heidnische Verunstaltung christlicher Gedanken
als _Gnosticismus_ zu bezeichnen. Man bezeichnete Christen, welche
%gnsis%= Erkenntnis, nicht blo %pistis%= Glauben wollten, als
Gnostiker. Wahrscheinlich wird schon im neuen Testament davor gewarnt; das
Evangelium Johannis wird nur unter diesem Gesichtspunkt ganz verstndlich.
In den Pastoralbriefen finden sich zahlreiche Stellen, die darauf
hinweisen. Die Hauptquellen des Gnosticismus sind: +Irenaeus+, Widerlegung
des flschlich sich so nennenden Gnosticismus; ferner die sog.
+philosophumena Originis+. Letztere Schrift ist wahrscheinlich verfat von
einem Schler des Irenus, namens Hyppolitus.

Die occultistisch-philosophischen Gedanken des Gnosticismus sind folgende:
Er nimmt den Begriff vom Menschen, wie ihn das Christentum voraussetzt, an;
der Mensch als moralisch-religises Wesen stammt von Gott und ist Gottes
Ebenbild. Gott ist Gte und Geist. Wenn aber Gott Gte und Geist ist, woher
kommt die Materie und das Bse? Haben sie irgendwelchen Zusammenhang mit
Gott? Nein; sie knnen nicht von Gott sein. Denn die Wirkung mu der
Ursache hnlich sein. Das Bse und die Materie sind aber Gott
entgegengesetzt, das Bse dem Guten, die Materie dem Geist. Woher sind sie
denn? Nach der _einen_ Richtung ist die Materie von Ewigkeit her, und die
Materie ist zugleich der Grund der Unvollkommenheit.

Andere Gnostiker geben eine andere Antwort; sie knpfen an die
Emanationsvorstellung an: nach ihr gehen von Gott Geister hervor und aus
den Geistern wieder andere u.s.w. Jede folgende Emanation ist aber
geringer, als die vorhergehende, wie ja auch das Licht, je mehr es sich vom
Mittelpunkte entfernt, desto schwcher wird. Die Grenze der Emanation ist
die Materie. Durch diese Lehre vermied man die Schpfung aus Nichts. Diese
ist der denkenden Menschheit von jeher ein harter Gedanke gewesen, da er
keine Analogie hat. -- Eine andere Frage war: Wie kommt der Geist in die
Materie? Denn diese ist ja nicht von Gott oder doch unendlich entfernt von
Gott. -- Antwort: Er kommt auf die Erde durch eine sittliche That, er kommt
darauf durch einen Abfall, er ist ein Fremdling auf der Erde. Zur Erlsung
der gefallenen Geister erscheint dann _Christus_, er, ein reiner Geist,
kommt aus Erbarmen hernieder, er bringt die wahre Gotteserkenntnis; diese
macht selig, und diese allein.

Die Moral der Gnostiker war meist sehr streng, strenger, als die Kirche
verlangte. Sie war Askese, unbedingte Entfernung von der Materie und allen
sinnlichen Genssen. Denn die Verstrickung in der Materie war es ja, die
den edlen Geist des Menschen hemmt und fern hlt von Gott. Nach den
Gnostikern ist der Gott der Juden nicht der hchste. Er hat ja die Welt
erschaffen, diese Materie. Ferner ist der Gott der Juden ja der Gott des
Zornes. Der wahre Gott ist der Gott der Liebe. -- Damit verbunden war der
Doketismus, die Lehre, da Christus nur einen Scheinleib gehabt und nur zum
Scheine gelitten habe und gekreuzigt sei. Denn als reiner Geist drfte er
sich mit der Materie nicht beflecken.

Die Darstellung der Gnostiker war mythologischer Art, wst und fr uns
ungeniebar, hnlich der des Juden Philo. Aber fr die damalige
Geschmacklosigkeit der philosophastrischen Schriftstellerei fiel das nicht
auf; auch der Neuplatonismus kleidet sich ja mit Vorliebe in ein
mythologisches Gewand.

Die Namen der Gnostiker aufzuzhlen, lohnt sich nicht der Mhe. Einer der
berhmtesten war Valentin, der um 140 n.Chr. in Rom lehrte.

Nchst diesem war der bedeutendste _Mani_, der Stifter der
_Manichersekte_. Mani stammte aus Persien, er lebte und lehrte gegen Ende
des 3. Jahrhunderts. Sein Dualismus beruht auf demselben Gedanken, wie der
Zarathustras, dessen Lehre er mit dem Christentum zu verschmelzen suchte.

Der Kirchenvater Augustin ist zehn Jahre lang Manicher gewesen.




Neuntes Buch.

Der Occultismus der Kelten und Germanen.

Erste Abteilung.

Die Kelten.

Erstes Kapitel.

Die Druiden.


Wir bringen Kelten und Germanen unter einem Buche zusammen, weil beide
Rassen innerhalb der arischen Gesammtrasse sich nicht nur rumlich, sondern
auch verwandtschaftlich _besonders nahe_ gestanden haben. Die _Kelten_
werden uns von den alten Schriftstellern als hochgewachsene Menschen mit
blauen Augen und blondem oder rtlichem Haar geschildert. Menschen von
kampflustiger, ritterlicher Gesinnung, aber deren unbndige
Leidenschaftlichkeit und Rivalittssucht, wie besonders Csars Kommentarien
beweisen, zum Untergang ihrer staatlichen Bildungen und somit zuletzt zum
Untergang der Art und Sprache fhrte, so da das Keltenblut jetzt nur noch
als allerdings erheblicher Mischbestandteil im Franzosen und Briten von
Bedeutung ist.

Abgesehen von einzelnen seltsamen Absplitterungen, z.B. den Galatern in
Kleinasien, nahmen die Kelten oder Galler, wie sie selbst sich nannten, --
jetzt hat sich das Stammwort nur noch in den Gler erhalten, -- zur Zeit,
wo die erste historische Kunde von ihnen auftritt, etwa das Gebiet des
heutigen Frankreich, Nordspanien, Nord-Italien und Britannien und Irland
ein.

Offenbar standen sie, ebenso wie die vielfach auch gar zu barbarisch
aufgefaten Germanen, deren hhere Gesittung schon Justus Mser
nachgewiesen hat, auf einer nicht unverchtlichen Zivilisationsstufe. Das
beweist schon ihr ueres. Ihre Kleidung bestand aus bunten wollenen
Leibrcken, ber die sie einen Grtel von Gold oder Silber trugen, aus
langen Hosen und kurzem Flausmantel; goldene Bnder zierten die Handwurzeln
und den Arm, goldene Ringe die Finger und Ketten von gleichem Metall den
Hals. Mannshohe Lederschilde mit bunten Malereien, eherne Helme mit
wappenmigen Zierraten, eiserne Panzer, oft aus Draht geflochten, lange
starke Schwerter, an eisernen Ketten an der Seite getragen, und Stolanzen
ihre Waffen. Sie waren berhmt wegen ihrer Geschicklichkeit in der
Herstellung von Glaswaren, auch als Goldschmiede und Mnzmeister.

Das _Religionssystem_ der Kelten wrde gewi, da es eine besonders
hochentwickelte _Geheimlehre_ dieser hocharistokratisch angelegten Rasse
war, vom occultistischen Gesichtspunkte aus unser Interesse ganz besonders
in Anspruch nehmen, wenn wir nur mehr glaubwrdige Berichte ber seine
Einzelheiten besen. So aber liegt die Gefahr nahe, den sog.
_Neo_-Druidismus, der von einigen modernen wlischen Schriftstellern
erfunden ist, kritiklos mit der _alten_ Geheimlehre der Kelten zu
verwechseln.

Wir werden uns daher zunchst lieber mit einer zwar allgemeinen, aber
zuverlssig getreuen Skizzierung ihres Systems begngen.

Die echten Kelten zerfielen in die beiden Stnde der Druiden und Krieger.
Das gemeine Volk, auch seinem ueren nach teilweise als von anderem
Aussehen geschildert, -- schwarzhaarig, kleiner gebaut, -- bestand wohl
grtenteils aus der autochthonen unterworfenen Rasse.

Whrend der Krieger-Adel sich ausschlielich der Waffenbung und der Jagd
widmete, waren die _Druiden_ im Besitz aller religisen und profanen
Wissenschaften, Priester, Rechtsgelehrte, Naturforscher und Philosophen in
einer Person. Dies erinnert auffllig an das indische Verhltnis der
Braminenkaste zur Kriegerkaste der Kschatriyas.

Der Name _Druiden_ wird meistens, aber mit Unwahrscheinlichkeit, von dem
griechischen %drys%= Eiche hergeleitet, da die keltischen Heiligtmer mit
Vorliebe in Eichenhainen angelegt seien; wahrscheinlicher stammt er vom
keltischen Dryw, wlisch Derwydd, in Wallis heute noch das Wort fr einen
weisen Mann.

Die Druiden scheinen zwar meistens verheiratet gewesen zu sein und einzeln
unter ihren Mitbrgern gewohnt zu haben, obwohl andererseits auch
klsterliche Vereinigungen erwhnt werden[870], jedenfalls aber standen sie
in strenger Ordenszucht. Sie trugen eine besondere Ordenstracht; kurzes
Haupthaar, den Bart aber lang. Die hheren Grade trugen golddurchwirkte
Kleider, goldene Halsketten, Armspangen. Ihre Insignien waren ein weier
Stab, +Slatan drui eachd+ oder Zauberstab genannt; ferner die
Druidenknpfe, deren Verschiedenheit vielleicht mit der Hhe des Grades
zusammenhing, und das in Gold gefate Schlangenei, vermutlich die
Auszeichnung des hchsten Grades.

In einzelnen uns bewahrten Darstellungen trgt der Druide auch das Bild des
gehrnten Mondes, wie er sechs Tage nach dem Neumonde erscheint, in der
Hand, oder ein Fllhorn mit darberschwebendem Monde. In allen Abbildungen
erblickt man aber auf den Schuhen des Druiden das sog. _Pentalpha_, nmlich
zwei sich durchkreuzende Dreiecke:

[Illustration: Pentalpha]

Jeder freie und edle Jngling konnte in den Druidenorden aufgenommen
werden. Der Unterricht wurde durchweg nur mndlich erteilt, weil man den
Gebrauch der Schrift, den man selbstverstndlich sehr wohl kannte, bei dem
Charakter der _Geheimlehre_, der durch die Schrift bedroht ward, fr
unerlaubt und schdlich hielt. Auch meinte man, da nur durch das lebendige
Wort, nicht durch den toten Buchstaben sich das Heilige tief und
unvertilgbar dem Geiste einprge. Durch den Gebrauch der Schrift wrde auch
das Gedchtnis geschwcht und eine oberflchliche Buchgelehrsamkeit
gezchtet. Sofern die Druiden sich der Schrift bedienten, benutzten sie
die griechischen Schriftzeichen, die ja auch auf dem Pentalpha erscheinen.
Auerdem bedienten sie sich der Runen- oder Stabschrift. -- Die
Unterrichtspltze waren abgelegene Wlder und Hhlen, und der Unterricht
selbst dauert zwanzig Jahre. Ihr Wissen mu in manchen Richtungen von
groer Tiefe gewesen sein; so spricht sich z.B. Quintus Cicero, der
bekannte Unterfeldherr Csars und Bruder des Redners, indem er sich seines
vertrauten Umgangs mit dem Druiden Divitiacus rhmt, voll Bewunderung
darber aus. Da inde ihre Wissenschaft Geheimlehre war, ist uns wenig
Zuverlssiges darber erhalten. Aus +Macrob. Sat. I, 21+ lt sich
schlieen, da sie die Kugelgestalt der Erde gelehrt haben.

Astronomie war eine ihrer Hauptwissenschaften; Csar sagt, da sie ber die
Gre und Gestalt der Erde Untersuchungen anstellten. Sie zhlten die Zeit
nicht nach Tagen, sondern nach Nchten, was sich in der englischen Sprache
(+fortnight+) noch erhalten hat. Nach Diodor, der uns mitteilt, da sie in
bereinstimmung mit dem Jahre des Meton, den Mondcyklus auf 19 Jahre
berechnet haben und sich eingehend mit den Erhhungen der Mondkugel
beschftigen, mchte man annehmen, da ihnen schon der Gebrauch
vergrernder Linsen zur Fernsicht bekannt gewesen. Richter bei +Ersch und
Gruber S.490+ mchte die sog. Druidenknpfe, aus Krystall oder Glas
geschliffene Linsen, die man bis zu 11/2 Zoll Durchmesser findet, damit in
Zusammenhang bringen.

Nach Strabon (+IV, 4+) nahmen sie an, die Welt sei aus Nichts entstanden,
sie sei unvergnglich, aber Feuer und Wasser werde dereinst alles
berwltigen.

Dies sowie das symbolische Schlangenei, ein Sinnbild der Welt, erinnert
sowohl an den indischen wie an den gyptischen Occultismus.

Besondere Achtung geno ihre rztliche Kenntnis.

Unter den mannigfachen Heilkrutern, deren Entdeckung ihnen Plinius (+H.N.
VIII, 41. XXV. XXV. XXX. XXXII.+) zuschreibt, nahm die _Mistel_[871] die
erste Stelle ein.

Unbekannt mit der Natur der Schmarotzerpflanzen, meint Richter a.a.O.,
mute es ihnen als ein Wunder erscheinen, da dieselbe nicht auf dem
Boden, wie alle anderen Pflanzen, sondern auf Bumen wuchs und hier ohne
Samen erzeugt zu sein schien. Vorzglich gesucht war die auf _Eichen_
wachsende Mistel. Denn die Eiche war im gallischen Glauben der heiligste
Baum, Eichenlaub ward bei jedem Gottesdienste gebraucht; in Eichenwldern
wohnten die Druiden, unter Eichen hielten sie ihre Gerichtssttte. Was aus
ihr hervorkam, war ein Zeichen gttlicher Gnade, und da berdies die Mistel
selten auf Eichen gefunden wird, so galt eine solche umsomehr als
gttliches Geschenk. Sie wurde mit groer Feierlichkeit abgenommen und zwar
am sechsten Tage nach dem Neumonde; unter dem Baume wurde zuerst ein Opfer
und ein Mahl bereitet und nach dem Schmause ein zum ersten Male unter das
Joch gekommenes Rinderpaar herbeigefhrt. Dann stieg der Druide im weien
Gewande auf den Baum, schnitt die Mistel mit einer goldenen Sichel ab und
lie sie in einem weien Manteltuche auffangen. Nun wurden die Rinder
geschlachtet und die Gtter angerufen, da sie denen, welchen sie diese
Gabe erteilt, dieselbe zum Heile gedeihen lassen mchten. Die Mistel wurde
teils allein, teils mit anderen Stoffen gemischt gebraucht, so wohl
uerlich als innerlich. Man wandte sie gegen Geschwulst, Verhrtung,
Krpfe, Geschwre, und Klauenfule an; sie reinigte das Rindvieh und machte
es fett, sie war ein Mittel gegen alle Gifte, und war sie im Neumonde
gesammelt und zwar ohne Gebrauch des Messers und ohne da sie die Erde
berhrte, so half sie gegen die fallende Sucht. Sie machte sogar alle Tiere
und die Weiber fruchtbar, wenn sie dieselbe bei sich trugen. Daher hie sie
in der Sprache der Druiden die _Alles Heilende_.

                  *       *       *       *       *

Die Druiden sollen ihre Lehrstze immer in _Triaden_, d.h. in drei
miteinander verbundenen Stzen geordnet haben.

Bezglich der _Seele_ soll die druidische Triade in folgenden drei Stzen
bestanden haben: 1.die Seele ist unsterblich; 2.sie wandert nach dem Tode
in andere Krper; 3.nach einem bestimmten Zeitraum von Jahren wird sie
wieder leben und wiedergeboren werden.

Richter meint, da dieser bestimmte Zeitraum dem Ortschilong oder
Geburtswechsel im Buddhismus entspreche, nach dessen Vollendung die
gereinigte Seele wieder in den gttlichen Schoo zurckkehrt. Jedenfalls
fiel den Rmern die auerordentliche Festigkeit des Glaubens der Gallier an
Fortdauer nach dem Tode auf; die Druiden lehrten vor allem, so berichten
sie, da man den Tod nicht zu scheuen habe, da die Seele nicht sterben
knne. Daher msse der Mensch im Kampfe mit den Feinden nicht feig sich
zurckziehen, sondern mutig und tapfer streiten. Mit den Toten verbrannte
oder begrub man alles, was ihm im Leben lieb gewesen war, Tiere, Sklaven,
Klienten. Auch Angehrige folgten ihm freiwillig auf den Scheiterhaufen, um
in der anderen Welt wieder mit ihm zu leben. Vergl. +Caesar de bello
Gallico, VI, 18.+ +Pomp. Mel. III, 2.+ Man gab den Toten sogar Briefe mit
an verstorbene Freunde, und wenn geborgtes Geld vom Schuldner bei seinem
Leben nicht wieder bezahlt werden konnte, so nahm man gar eine Anweisung
auf das Jenseits an, in der berzeugung, da ihr der Schuldner dort
wenigstens gerecht werden werde. +Diod. Sic. V, 28.+ +Valer. Maximus
II,6.+

Die Druiden im weiteren Sinn zerfielen in drei Abteilungen: 1. die Druiden
im engeren Sinn, die eigentlichen Priester, 2.die Barden, heilige Snger,
3.die Vates oder Seher.

An der Spitze des ganzen Ordens stand ein _Oberdruide_, Hoherpriester,
+Coibhi+ oder +Coibhi Druidh+. Dieser regierte unumschrnkt und
lebenslnglich, wurde aber gewhlt, wie es scheint, gewhnlich durch
allgemeinen Zuruf, Akklamation, eine Wahlart, die ja auch jetzt noch bei
der Papstwahl zulssig ist und hier als besonders heilig erscheint, da man
annimmt, da sie auf Veranlassung des heiligen Geistes stattfindet. --
Waren die Stimmen geteilt, so entschied die Mehrzahl oder das Los, oder
auch gar der bei den Kelten beliebte Zweikampf.

Der Oberdruide whlte zur Besorgung der weltlichen Angelegenheiten den
Vergobret. Dieses keltische Wort= +feargobreith+ ist nach Mbius
zusammengesetzt aus +fear+= +vir+, +go+= +ad+, +breith, bread, brawd+=
+judicium+, so da es nach dieser Ableitung einen Richter bedeutet. Noch
bis zur franzsischen Revolution fhrte der Maire von Autun den Titel
+Verg+ oder +Vierg+. Um sich ein wrdigeres Aussehen zu geben, sollen die
Vergobreten ihren Bart mit Goldstaub gepudert haben.

Die gallischen Druiden wurden unter der spteren Zeit der rmischen
Herrschaft Professoren, wodurch ein hauptschlicher Teil ihres frheren
Amtes, der Unterricht ihnen blieb. Sie bildeten in denselben Stdten, die
frher ihre heiligen rter waren, Lehrerkollegien, die an Stelle der
frheren Druidenklster traten. Noch zu Ausonius Zeiten hatten manche
gallische Professoren ihre Abstammung nicht vergessen; darum nannten sie
sich romanisiert nach jenen Gottheiten, deren Tempel ihre Vorfahren zu
besorgen gehabt, z.B. +Apollinaris+, +Delphidius+, +Phoebicius+, Namen,
die anzeigen, da solche Mnner aus Priestergeschlechtern stammen, die dem
gallischen +Apollo-Belen+ ergeben waren. Vergl. +Ausonius, professores IV,
v.7.+




Zweites Kapitel.

Gottesdienst und Geheimlehre der Druiden.


Ein hlicher Makel, der an dem Gottesdienst der sonst anscheinend geistig
so hoch stehenden Druiden klebt, ist die Vorliebe fr _Menschenopfer_.

Das ganze gallische Volk, schreibt Csar, ist auerordentlich dem
Opferdienst ergeben. Darum schlachten oder geloben diejenigen, die in
schweren Krankheiten liegen oder in Schlachten und Gefahren sich befinden,
Menschen zu Opfern, welche die Druiden verrichten. Denn sie glauben, da
der Geist der unsterblichen Gtter nicht anders befriedigt und vershnt
werden knne, als wenn fr das Leben des einen Menschen das des andern
hingegeben wrde. Sie haben daher auch Staatsopfer dieser Art. Bei einigen
gallischen Vlkern giebt es Bilder von ungeheurer Gre, deren Gliedmaen
mit Weiden geflochten sind und mit lebendigen Menschen angefllt werden,
die dann durch Verbrennung des hlzernen Bildes gettet werden. Sie
glauben, da die Todesstrafe der auf der That ergriffenen Diebe, Ruber und
Verbrecher berhaupt den Gttern angenehm sei, aber, wenn sie dergleichen
Leute nicht haben, so geht es auch an die Unschuldigen. +Caesar, de bello
Gallico VI, c.16.+

Die Staatsopfer wurden nach +Diodor Sic. V, 31. 32.+ zum Zweck der
Erforschung der Zukunft dargebracht; man hieb dem Opfer mit einem Schwert
in die Herzgrube und lie ihn fallen, aus dem Fall, den krampfhaften
Zuckungen der Glieder und der Blutung glaubte man die Zukunft erschlieen
zu knnen.

Die Hauptgottheit, die in der _exoterischen_ Druidenreligion verehrt wurde,
nennt Csar _Merkur_. Der gallische Name scheint +Teutates+ gewesen zu
sein.

Die rmische Bezeichnung desselben als Merkur wird begreiflich, wenn wir
erfahren, da +Teutates+ _Seelenfhrer_ war.

Die Seelenlehre aber, insbesondere die Lehre von der Seelenwanderung
bildete die Hauptsache im keltischen Volksglauben.

Nach dem Vordersatz der ber Teutates berichteten druidischen Triade war
er der allgemeine oder Weltgeist, nach dem Mittelsatz Seelenfhrer und nach
dem Schlusatze das Getriebe der lebendigen Welt.

Die zweite Gottheit war +Esus+ oder +Hesus+, romanisiert Mars. Die Triade
ber ihn lautet: 1.Vor der Schlacht wird ihm meistens die Kriegsbeute
gelobt; 2.nach derselben die gefangenen Tiere geopfert; 3.das brige
(Waffen und Gerte) auf Einen Ort zusammengetragen.

Die dritte allgemeine Gottheit hie +Taranis+ (vom keltischen +Taran+, der
Donner), von den Rmern als Jupiter gedeutet.

Nchst dieser Trias, die meistens auf die Ober-, Mittel- und Unterwelt
bezogen wird, war der von Csar als Apollo bezeichnete _Belin_, Belen oder
_Abelio_ der wichtigste. Orakelwesen und Heilkunst war seine Hauptfunktion.
Eine Mondgttin, Belisana, scheint der egyptischen Isis oder der Minerva
hnlich gedacht zu sein.

Eine groe Rolle im keltischen Volksglauben spielten die Geister und
Gespenster, besonders eine Art von Incubi, gallisch +Dusii+ genannt, ein
Wort, das noch im englischen +Duce+ oder +Dewce+, Teufel, nachklingt. Die
Gallier gaben ihnen eine Gestalt wie den Frauen und glaubten, sie
beschliefen die Frauen unter der Gestalt ihrer Liebhaber.

Schon zu Csars Zeit war der Hauptsitz des Druidentums England; ganz
besonders heilig war ihm die Insel Mona.[872] Hier, und abgesehen von Man,
in Wales haben sich auch die meisten Denkmler des keltischen Glaubens
erhalten; und zwar nicht nur die berhmten Steindenkmler; auch das
_Bardentum_ hat sich wenigstens in Wales unter oberflchlicher christlicher
Gewandung bis weit in die christliche ra hinein erhalten und es soll nach
den Nachrichten von W. Owen und Williams (vergl. +Mona, S.468+) das
Druidentum in dieser Form sogar bis auf unsere Zeit fortgesetzt worden sein
(Neo-Druidism). Es soll nmlich gegen Ende des 13. Jahrhunderts von alten
Anhngern der druidischen Geheimlehren des sog. bardischen Kollegium in
Glamorgan gestiftet sein. Owen freilich bemerkt dazu, es sei zwar
Thatsache, da die wlischen Barden nicht ausgerottet worden und
insbesondere, da sich neue Gesellschaften, die an das alte Bardentum der
Druiden anknpften, im dreizehnten Jahrhundert gebildet haben, da jedoch
der Stuhl von Glamorgan sich weit berschtzt und kein alt-druidisches
Bardentum mehr bewahrt habe.[873]

Doch mag dem sein, wie ihm wolle, so verdanken wir wenigstens dem wlischen
Bardentum die Rettung uralter keltischer Litteraturstcke, unter denen eine
Art keltischer Edda, +The Myvyrian, archaeology of Wales, collected out _of
ancient manuscripts_, London 1801-1807+, an der Spitze steht.

Und aus dieser Litteratur lassen sich Rckschlsse auf einige Teile
druidischer Geheimlehren machen. Fast alle der uns erhaltenen Bardenlieder
sind Triaden, d.h. ihr Inhalt ist in drei Teilen geordnet. Eine der
interessantesten mythologischen Triaden ist die von +Hu gadarn+, dem
mchtigen Hu.

Hu (sprich Hy) war ein Fhrer, der der Tyrannei widerstrebte und daher das
Volk von Defrobani, aus dem Lande ewiger Feindschaft, nach Wales brachte.
Er lehrte das Volk den Ackerbau und war einer von den drei groen
Werkmeistern, weil er sein Volk in gesellschaftliche Ordnung brachte. Er
bestimmte als einer von den drei Meistern des Gesanges die Dichtkunst zur
Bewahrerin der Wissenschaft. Mit seinen Buckelochsen (+Yehain Banaweg+)
verrichtete Hu eine der drei groen Heldenthaten, er lie nmlich den Avanc
(Biber) aus dem Llyn Llion (der Wasserflut) herausziehen, wodurch die
berschwemmung der Erde aufhrte.

Nach Owen heit Defrobani Sommerland und soll darunter, weil die Triaden
den Zusatz haben wo nun Konstantinopel steht, die heutige Krim(?)
verstanden werden. Andere wollen Hu, da von einer berschwemmung die Rede
ist, mit der Sintflut in Verbindung bringen. Mone legt dem Mythus eine
tiefere Bedeutung zu Grunde: Nicht eine Flut-, sondern eine
_Schpfungssage_ ist im Hu gadarn aufbewahrt. Wasser ist der Anfang aller
Dinge, der Biber (Avanc) ein heimatliches Wassertier Bild fr die Ursache
des Wassers; so lange er in demselben lebt, nimmt er nicht ab, nur der
starke Hu war imstande, ihn mit seinen drei Ochsen herauszuziehen, wodurch
die Flut sank und die Welt erschaffen ward. Er hat also die Natur der
Schpfungsstoffe geteilt in Festes und Flssiges, wofr der Biber, der mit
dem Leibe dem Lande, mit dem Schwanze dem Wasser angehrt, ein zutreffendes
Bild bietet. Die Welt erhebt sich auch bei den Kelten, wie bei den Germanen
im Frhjahr; denn der Stier (Buckelochse) ist das Sternbild des Frhlings;
er trieb den Biber heraus, d.h. er brachte den Kern der Welt zur
Krystallisation. Nach Erschaffung der Welt, d.h. nach der Teilung der
Weltkrfte ordnet sie der weise Hu; der Stier, der die Welt erschaffen
half, wird nun von seinem Herrn zur Jahresordnung bestimmt; er bringt das
Jahr, zieht den Pflug wie der Biber und ruft dadurch Heil und Segen aus der
Erde, wie einst aus dem Wasser hervor. Die Ordnung der Welt ist die
Harmonie der Sphren, das himmlische Saitenspiel, darum Hu auch der
Erfinder des Gesanges, und dieser soll ein Sinnbild des Einklangs der Welt
sein. Auch Staat und Gesellschaft sind Anstalten des mchtigen Hu; denn sie
sind Folgen der Weltordnung, und seine Feindschaft gegen die Tyrannei,
d.h. gegen die ber ihre Grenzen getretenen Krfte, hngt damit zusammen.
Darum ist er auch der Eroberung feind, denn sie schreitet ber Ma und
Ordnung, und sein Volk soll in Gerechtigkeit und Frieden leben.

Hu, singt der Barde Jolo Goch, ist der Herr, der bereitwillige
Beschtzer, der Knig und Geber des Weines und Ruhmes, Kaiser ber Land und
Meere und des Leben alles dessen, was in der Welt ist. Er ist der grte,
der Herr ber uns, wie wir redlich glauben, und der Gott des Geheimnisses.
Licht ist sein Weg und Rad, ein Teil desselben Sonnenscheins sein Wagen,
gro ist er in Land und Meeren, der grte, den ich sehen werde, grer als
die Welten.

Darnach war Hu die Gotteinheit der britischen Kelten. Im Tode heit er
Aeddon; dieser Name erinnert an Adonai und Adonis; sein Tod ist eine bloe
Verwandlung, keine Zerstrung. Es gab Mysterien vom Tode des Hu, hnlich
den griechisch-thrakischen Mysterien vom Tode des Zagreus-Dionys.

In Verbindung mit diesem Mysterium stand die Geschichte des _Taliesin_.
Taliesin bezeichnet eine ganze druidische Priesterschaft, deren Orden sich
vom Kessel der Ceridwen nannte.

_Ceridwen_ war nach dieser Geschichte ein zauberkrftiges Weib, das um
seinen Sohn, einen ungestalten Menschen, schner zu machen, einen
Zauberkessel bereitete. Aber Gwion, der Sohn der Gevreang, strte sie in
diesem Beginnen. Eines Tages, whrend Ceridwen Kruter suchte und mit sich
selber murmelte, begab es sich, da drei Tropfen des krftigen Wassers (aus
dem Kessel) flogen und auf den Finger Gwions niederfielen, sie brannten ihn
und er steckte den Finger in den Mund. Wie diese kstlichen Tropfen seine
Lippen berhrten, so waren seinem Blick alle Ereignisse der Zukunft
geffnet und er sah klar ein, da seine grte Sorge sein mute, sich vor
der List Ceridwens zu bewahren, deren Kenntnis so gro war. Er floh
heimwrts mit der grten Furcht. Der Kessel teilte sich in zwei Hlften;
denn alles Wasser darin, auer den drei krftigen Tropfen, war giftig, so
da es die Rosse des Gwyddno Garanhir vergiftete, die aus der Rinne
tranken, worein sich der Kessel von selbst entleert hatte. (Darum hie
nachher dieser Ablauf das Gift der Rosse des Gwyddno.) In dem Augenblicke
kam Ceridwen herein und sah, da ihre ganze Jahresarbeit verloren sei, sie
nahm einen Rhrstock und schlug dem blinden Morda so aufs Haupt, da eines
seiner Augen auf seine Wange fiel. Du hast mich ungerecht verunstaltet,
rief Morda, du siehst ja, da ich unschuldig bin, dein Verlust ist nicht
durch meinen Fehler verursacht. Wahrlich, sprach Ceridwen, Gwion der
Kleine war es, der mich beraubte. Sogleich verfolgte sie ihn, aber Gwion
sah sie aus der Ferne, verwandelte sich in einen Hasen und verdoppelte
seine Schnelligkeit; allein Ceridwen wurde sogleich eine Jagdhndin, zwang
ihn umzuwenden und jagte ihn gegen einen Flu. Er lief hinein und wurde ein
Fisch, aber seine schlaue Feindin ein Otterweibchen und verfolgte ihn im
Wasser, so da er gentigt ward, Vogelgestalt anzunehmen und sich in die
Luft zu erheben. Aber dies Element gab ihm keinen Zufluchtsort, denn das
Weib ward ein flinker Falk, kam ihm nach und wollte ihn erfassen. Zitternd
vor Todesfurcht sah er grad einen Haufen glatten Weizen auf einer Tenne, er
lie sich mitten hineinfallen und ward ein Weizenkorn. Ceridwen aber nahm
die Gestalt einer schwarzen Henne mit hohem Kamm, flog zum Weizen herab,
scharrte ihn auseinander, erkannte das Korn und verschlang es. Und, wie
die Geschichte weiter sagt, sie ward schwanger von ihm neun Monate, und als
sie von ihm entbunden wurde, so fand sie ein so liebliches Kind an ihm, da
sie keinen Gedanken mehr hatte, es umzubringen. Sie setzte ihn daher in ein
Boot, bedeckt mit einem Fell, und auf Anstiften ihres Mannes warf sie das
Schifflein ins Meer am 29. April. Um diese Zeit stand das Fischwehr des
Gwyddno zwischen Dyve und Aberystwyth bei seinem eigenen Schlosse. Es war
herkmmlich, in diesem Wehre jedes Jahr am ersten Mai Fische von hundert
Pfund Wert zu fangen. Gwyddno hatte einen einzigen Sohn, Elphin, den
unglcklichsten und rmsten Jngling. Dies war ein groes Herzeleid fr
seinen Vater, welcher nach und nach glaubte, da er zur Unglcksstunde
geboren sei. Die Ratgeber berredeten inde den Vater, seinen Sohn diesmal
die Reuse ziehen zu lassen, gleichsam zur Probe, ob denn irgend einmal ein
gutes Schicksal seiner warte, und er doch etwas bekme, um in der Welt
aufzutreten. Am nchsten Tage, es war der erste Mai, untersuchte Elphin die
Reuse und fand nichts, doch als er wegging, sah er das Boot bedeckt mit dem
Fell auf dem Pfade des Dammes ruhen. Einer der Fischer sagte zu ihm: So
ganz und gar unglcklich bist du noch nicht gewesen, als du diese Nacht
geworden, aber nun hast du die Kraft der Reuse zerstrt, worin man am
ersten Mai jedesmal hundert Pfund Wert fing. Wie so? sprach Elphin, das
Boot mag leicht den Wert von hundert Pfund enthalten. Das Fell ward
aufgehoben, und der ffner erblickte den Vorderkopf eines Kindes, und sagte
zu Elphin: sieh die strahlende Stirne! Strahlenstirne (Taliesin) sei
denn sein Namen! erwiderte der Frst, der das Kind in seine Arme nahm und
es seines eigenen Unglcks wegen bemitleidete. Er setzte es hinter sich auf
sein Ro, als wenn es im bequemsten Stuhl se. Gleich darauf dichtete das
Kind ein Lied zum Trost und Lobe des Elphin, und zu gleicher Zeit weissagte
es ihm seinen knftigen Ruhm. (Die Trstung war das erste Lied, das
Taliesin sang, um den Elphin zu erheitern, der ber sein Migeschick beim
Reusenzug sich grmte, noch mehr, weil er dachte, da die Welt das
Milingen und Unglck ihm allein zuschieben wrde.)

Elphin brachte das Kind in die Burg und zeigte es seinem Vater, der es
fragte: ob es ein menschliches Wesen oder ein Geist sei? Hierauf
antwortete es in folgendem Liede. Ich bin Elphin's erster Hausbarde und
meine Urheimat ist das Land der Cherubim; der himmlische Johannes nannte
mich Herddin, zuletzt jeder Knig Taliesin. Ich war neun volle Monate im
Leibe der Mutter Ceridwen, vorher war ich der kleine Gwion, jetzt bin ich
Taliesin. Mit meinem Herren war ich in der hheren Welt, als Lucifer fiel
in die hllische Tiefe. Ich trug vor Alexander ein Banner; ich kenne die
Namen der Sterne von Nord nach Sd; ich war im Kreise des Gwdion (Gwydion),
im Tetragrammaton; ich begleitete den Hean in die Tiefe des Thales Ebron;
ich war in Canaan, als Absalon erschlagen ward; ich war im Hofe von Don,
ehe Gwdion geboren wurde, ein Geselle des Heli und Henoch; ich war beim
Kreuzverdammungsurteil des gnadenreichen Gottessohnes; ich war Oberaufseher
beim Werke vom Nimrods Thurm; ich war die dreifache Umwlzung im Kreise des
Arianod; ich war in der Arche mit Noah und Alpha; ich sah die Zerstrung
von Sodoma und Gomorra. Ich war in Afrika, ehe Rom erbauet ward, ich kam
hierher zu den berresten von Troja (d.h. nach Britannien). Ich war mit
meinem Herrn in der Eselskrippe; ich strkte den Moses durch des Jordans
Flu; ich war am Firmament mit Maria Magdalena. Ich wurde mit Geist begabt
vom Kessel der Ceridwen; ich war ein Harfenbarde zu Teon (oder Lleon) in
Lochlyn. Ich litt Hunger fr den Sohn der Jungfrau. Ich war im weien Berge
(dem Tower in London) im Hofe des Cynvelyn in Ketten und Banden Jahr und
Tag. Ich wohnte im Knigreich der Dreieinigkeit. Es ist unbekannt, ob mein
Leib Fleisch oder Fisch. Ich war ein Lehrer der ganzen Welt und bleibe bis
zum jngsten Tag im Angesicht der Erde. Ich sa auf dem erschtterten Stuhl
zu Caer Sidin, der bestndig sich umdrehte zwischen drei Elementen; ist es
nicht ein Weltwunder, da er nicht einen Glanz zurckstrahlt? Gwyddno,
erstaunt ber des Knaben Entwickelung, begehrte einen anderen Gesang und
bekam zur Antwort: Wasser hat die Eigenschaft, da es Segen bringt; es ist
ntzlich, recht an Gott zu denken; es ist gut, inbrnstig zu Gott zu beten,
weil die Gnaden, die von ihm ausgehen, nicht gehindert werden knnen.
Dreimal bin ich geboren; ich wei, wie man nachzudenken hat; es ist
traurig, da die Menschen nicht kommen, all die Wissenschaften der Welt zu
suchen, die in meiner Brust gesammelt sind, denn ich kenne alles, das
gewesen, und alles, das sein wird.

                  *       *       *       *       *

Diese Geschichte des Taliesin ist einmal der Stufengang des Lehrlings bis
zur hchsten Weihe, sodann die Geschichte des geheimen Ordens vom Kessel
der Ceridwen und endlich die Naturgeschichte selbst. Gwyddno ist offenbar
der hchste Einweiher in das Mysterium der Ceridwen.

Die Wasserfahrt war demnach ein Abbild der Fahrt des Hu und des Taliesin,
die dritte Geburt, die jeder Eingeweihte erfahren mute, wie der Meister
des Ordens Taliesin. Der zweiten Geburt gingen manche schwere Prfungen
voraus, und von der ersten oder natrlichen Geburt bis zur zweiten war der
Mensch als ungestaltet und schwarz angesehen, nach seinem Vorbilde, dem
Avayddu, bis ihm nach jahrelangem Unterricht die drei Lebenstropfen zu Teil
wurden, bis der Durst nach Wissenschaft bei ihm eintrat. Dagegen Ceridwen
ist Wrach, oder Hexe, eine Furie, sie ist die Materie, die gewaltsam ihr
Teil vom erwachten Geiste zurckfordert, sie ist der Tod, und ihr Kessel
oder Schiff die Erde, worin der Mensch begraben wird. Sie ist die Mutter
Natur, die das hilflose und ungeistige Kind (Avayddu) zur Schnheit, d.h.
zur Geistigkeit entwickelt, dieser Entwickelung Bild ist der jahrelang
kochende Kessel, aber der erwachte Geist entflieht der Materie, er kennt
ihre Nachstellungen und entkommt ihr. Gwion ist dieser erwachte Geist, und
heit nicht mit Unrecht der kleine, nmlich der Jngling, der in die Schule
der Druiden geht. Seine Verwandlungen sind eben so viele Luterungen, bis
er als reines Weizenkorn von der schwarzen Henne, von der Mutter Erde
aufgenommen wird. Nun ist er leiblich tot, bei seiner ersten Wiedergeburt
tritt er in einen hheren Grad geistiger Wirksamkeit ein. Die erste
Wiedergeburt geschah durch feierliches Hervortreten aus dem Cromlech, der
etwa bildlich der Kamm der schwarzen Henne war. Die dritte Geburt des
Lehrlings war an das Wiederaufleben der Erde, an den ersten Mai geknpft,
also durch die Frhlingsnachtgleiche bedingt. Wie tief diese Mysterien
gegrndet und wie viel umfassend ihre Lehren gewesen, zeigt nicht nur die
Menge der dabei beteiligten Wesen, sondern auch deren weitgreifende
Verwandtschaft durch die ganze Sage, und mu jeden zu dem Gestndnis
ntigen, da von dem groen Lehrgebude des Kesselordens uns nur wenig
erklrlich und verstndlich geblieben.

                  *       *       *       *       *

Diese Beispiele aus dem reichhaltigen Inhalt der keltischen
Bardendichtungen mgen gengen, um das Urteil Mones zu verstehen, der seine
Mitteilungen daraus mit den Stzen schliet:

Es ist eine weite Aussicht, die sich uns erffnet, eine vielgestaltige
Welt, an deren Thoren wir stehen, ein heiliger Tempelkreis, in den wir
treten. Wir mssen mit reinem Herzen, das nicht auf Schlechtigkeit ausgeht,
mit gelehrigem Geiste, dem nicht Hochmut und Vorurteil das hhere Licht
verschlossen, kommen, wie Arthur und Cri, die in das Heiligtum aufgenommen
wurden. Unglauben, wie er auch durch Unverstndigkeit beschnigt wird,
zerstrt ebenso die Einsicht in das geistige Leben der Vorwelt, als der
Glauben ohne Grndlichkeit, der, wenn er in der Nacht des Altertums einige
Lichter erblickt, nun frohlockend meint, es bedrfe nur seiner Ansicht und
Einbildung, um aus den zerstreuten und von ferne gesehenen Lichtern der
Mitwelt einen Tag hinzuzaubern, wie er im Altertum gewesen. Bewahre sich
vor beidem, wem es um die Sache ernst ist! Man braucht in sie weder Liebe
noch Ha hineinzutragen, _da Ein Ergebnis, das nicht mehr bestritten und
bezweifelt werden kann, mehr als hinreichend ist, uns gerecht im Urteil zu
machen, dieses nmlich, da mit dem nordeuropischen Heidentum, vorzglich
mit dem deutschen und keltischen, eine groe Menge und Tiefe der
Wissenschaften der Vorwelt verloren gegangen ist_.




Zweite Abteilung.

Der Occultismus der Germanen.


Unsere Aufgabe, den Occultismus der Germanen darzustellen, wrde eine sehr
komplizierte sein, wenn wir uns dabei genau an die _Entwicklungsgeschichte_
der germanischen Mythologie halten und die Vorstellungen und Bezeichnungen
der einzelnen germanischen Stmme getrennt halten wollten.

Die kritische Forschung ist in dieser Richtung noch keineswegs zu allgemein
anerkannten Ergebnissen gelangt.

Unsere Quellen ber die vorchristliche Zeit sind uerst drftig. Erst die
_nordische_ Forschung, insbesondere die durch die Edda angeregte, hat uns
reichhaltigeren Stoff gebracht. ber diese aber uert sich wohl mit Recht
_Golther_, Gtterglaube und Gttersagen der Germanen, S.1, dahin: Gerade
diejenige Gtterlehre, welche im Aufbau abgerundet und vollkommen, von
erhabenen Gedanken erfllt, von sittlicher Anschauung getragen erscheint,
die norwegisch-islndische, die auch den Deutschen und berhaupt einmal
allen Germanen angehrt haben sollte, gilt jetzt vielmehr als eine
eigentmliche Neuschpfung der Nordleute, als der letzte krnende _Abschlu
einer Entwicklung_, an deren Anfang eine irrige Ansicht sie gestellt
hatte. Dennoch ziehen wir es vor, unseren Lesern diesen Abschlu der
Entwicklung zu bieten, anstatt ihn mit zweifelhaften Hypothesen darber zu
behelligen, wie viel von dem hier Gebotenen zur Zeit Csars, oder zur Zeit
der Vlkerwanderung bei dem oder jenem Zweige der germanischen
Vlkerfamilie schon ausgebildet gewesen sein mag. Denn jedenfalls ist im
_Keime_ mehr oder weniger Alles, was uns die Edda in vollendeter poetischer
Ausgestaltung bietet, bei den Germanen gemeinsames Stammgut gewesen.




Erstes Kapitel.

Die Weltschpfung der Edda. Yggdrasil.


Die germanische Mythologie verleugnet ihren uralten arischen Ursprung
nirgends, es finden sich sogar Anklnge an die altindische Weltanschauung,
die grte Verwandtschaft aber bezeugt sie zu den Glaubenslehren der
Perser. Denn der Dualismus eines bsen und guten Weltprinzips, ewiger Kampf
zwischen Licht und Finsternis kennzeichnet die germanische Weltauffassung
nicht minder wie die persische; nur da sich in der Ausprgung derselben im
Einzelnen berall ein _besserer_, heroischer und poetischer _Typus_
bewhrt, dem man auch anmerkt, da frhzeitige Auswanderung in die
nordischen Breiten Europas ihn vor der unreinen Infektion mit dem
schlechten Asiatismus bewahrte, der die Perser als Magismus entnervt hat.

Als einheitliches Weltprinzip waltet auch _ber_ dem Dualismus _Allvater_,
der fr die Ewigkeit den Sieg des Guten verbrgt, wenngleich er, hnlich
dem persischen Urgeist +Zaruana akarana+ sich aus der zeitlichen Schpfung
zurckzieht und diese Welt dem Kampf der unteren, selber vergnglichen
Gtter berlt.

Lassen wir den Skalden (der Edda) die Schpfung schildern: Abgrund
(Ginnungagap) war, und war nicht Tag und war nicht Nacht, und der Abgrund
war ghnende Kluft, ohne Anfang und ohne Ende. _Allvater_, der
Ungeschaffene, Unangeschaute, wohnte in der Tiefe und sann, und was er
sann, das ward.

Da entstand nordwrts im Unermelichen, wo Finsternis ist und Eisesklte,
_Niflheim_ (Nebelheim) und sdwrts _Muspelheim_ (Glutheim), feurig glhend
von unendlichen Gluten. In Niflheim that sich auf der Brunnen Hwergelmir,
der brausende Kessel, und daraus ergossen zwlf Hllenflsse (Eliwagar)
ihre eiskalten Wogen. -- _Das flssige Element ist der Urstoff der Welt._
-- Aber die wilden Wasser erstarrten bald in der grimmigen Klte zu Eis,
und die Schollen rollten bereinander und hinunter in die unermeliche
Kluft und weiter sdwrts gen Muspelheim. ber ihnen brausten, die Eisberge
aufwhlend Sturmwetter von Niflheim her; doch strahlte wohlthtige Wrme
von Glutheim herber in Ginnungagap, und wie die wallenden Schollen davon
erweicht wurden, da belebte sich, was vorher ohne Leben war, und es
entstand ein Ungeheuer, ein roher und ungeschlachter Riese; Ymir nannten
ihn die Alten, d.h. den Tosenden; er war zweigeschlechtig, entsetzlich dem
Anblick. Er schuf aus eigener Kraft andere Ungetme, die ihm glichen, die
Hrimthursen oder Frostriesen (Eisriesen, Reifriesen).

    Unter des Reifriesen Arm,
    Rhmt die Sage,
    Wuchsen Mann und Magd;
    Des Joten Fu mit dem Fu erzeugte
    Den sechshuptigen Sohn.

_Ungeheure und ungefge Naturgewalten herrschten in der Urzeit der Welt._

Zugleich mit Ymir war aus dem schmelzenden Eise eine groe Kuh entstanden,
_Audhumla_ (die Milchreiche). Aus ihren Eutern rannen vier Milchstrme,
Nahrung spendend dem schrecklichen Ymir und den Hrimthursen. (Er ist die
_allnhrende Natur_.) Sie fand nicht andere Weide als an dem Salze der
Eisfelsen, die sie leckte. Darauf erschienen von ihrem Lecken am ersten
Tage Haupthaar, am zweiten das Haupt, am dritten das ganze Menschengebild.
Es war Buri oder Br (der Geborene), die erste _geschaffene, geistige,
vollkommene Gestalt_, welche sich nun mit der rohen Naturkraft vermhlt und
den Geist ordnend und regierend hervortreten lt. Er erzeugt nmlich mit
der Hrimthursentochter _Bestla_ drei Shne: Odin (Geist, beseelende
Lebenskraft), Wile (Verstand und Willen), We (Empfindung und Gefhl).

Sofort entbrennt zwischen diesen Shnen des Br und dem Ymir ein Kampf;
Ymir wird erschlagen und in seinem Blute ertrinken alle anderen
Hrimthursen, bis auf einen, _Bergelmir_, der sich mit seiner Familie (wie
Noah) auf einem Boote rettet und Stammvater der Jtunen wird, eines
Riesengeschlechts, das im fernen Osten haust.

Die neuen Alleinherrscher, Brs Shne, die sich _Asen_ nannten, d.h.
Sttzen und Pfeiler der Welt, schufen nun nach _Allvaters Willen_, aus
Ymirs Fleische die Erde, aus dem Blute die See, aus den Gebeinen die Berge,
aus dem krausen Haare die Bume. Die Hirnschale wlbten sie hoch empor zum
Himmelsgewlbe, unter dem als Gehirn das Gewlke schwimmt. Dann bauten die
Asen aus des Riesen Brauen Midgard (das Reich der Mitte) zur Wohnung den
Menschenkindern, die noch ungeboren im Schoe der Zeit schliefen, wie es im
Grimnismal der lteren Edda heit.

Denn noch herrschte die Allmutter Nacht, eines Riesen Tochter und dunkel
wie das Riesengeschlecht. Flammende Funken von Muspelheim sprhten irr und
wirr durcheinander; denn die Sonne wute nicht ihren Sitz, noch der Mond
seinen Malweg, noch die Sterne ihre Sttte. Die Asen wandelten die
Lichtfunken in Sterne und festigten sie am Himmelsbogen, die dunkle Nacht
aber hob Allvater zum Himmel empor und gab ihr das Ro Hrimfaxi
(Reifmhne), von dessen Gebi reichlich Tau in die Thler rinnt, damit es
ihren dunklen Wagen ziehe, wenn sie ber das Weltall fahrend den duldenden
Wesen Schlummer bringt. Ihrem dritten Gatten Dallinger (Dmmerung), der von
Asen stammte, gebar sie den glnzenden Tag.

Zu dieser Zeit wuchsen auf in der Halle des Vaters, der Mundilfri
(Achsenschwinger) zwei liebliche Kinder, Sol (Sonne) und Mani (Mond). Als
sie zur Jugendblte heranreiften wunderte sich alle Welt ber ihre
Schnheit, und der Vater in seinem Stolze verglich sie mit den seligen
Gttern. Aber die Asen, dem bermute zrnend, nahmen die blhenden
Geschwister von der Erde weg, damit sie am Himmel in schnerem Glanze
leuchten mchten. Also fhrt Sol im Sonnenwagen, den die Asen von Muspels
sprhenden Funken erbauten. Zwei edle Hengste, Armaker (Frhwach) und
Alswider (Allgeschwind), ziehen ihren feurigen Wagen, dessen Gluten der
Schild Swalin (Khlung) dmpft, damit nicht vor der Zeit Himmel und Erde in
Flammen vergehen, denn

    Berge und Brandung verbrannten gewi
    Vor der glhenden Gottheit der Sonne,
    Fiel er davor herunter.
                   (Grimnismal der Edda.)

So folgt die schne Sol dem lichten Tage, wenn er, Liebesworte mit ihr
tauschend, durch die Wogen des Himmels eilt. Skinfaxi (Lichtmhne), das
edle Ro, zieht des Gebieters goldenen Wagen in raschem Fluge dahin und
seine Mhne erleuchtet Luft und Erde.

Der dunklen Nacht folgt Mani mit dem Mondwagen. Als er nun einstmals ber
ein des Waldland hinfuhr, sah er zwei Kinder, Bil (die Schwindende, der
abnehmende Mond) und Hyuki (der Belebte, der zunehmende Mond). Sie trugen
schwere Wassereimer und schienen ganz erschpft. Doch schleppten sie die
Last mhsam fort, weil ihr harter Vater sie noch in spter Nacht zur Arbeit
zwang. Mitleidig umfing sie Mani mit seinen Strahlen und nahm sie zu sich
in seinen himmlischen Wagen, wo man sie noch von der Erde aus sehen kann.

Sol und Mani drfen in ihrem Fluge nicht weilen; denn der grimmige Wolf
Skll verfolgt sie durch die Himmelsrume, bis sie sich am Abend in die
Fluten des Meeres birgt, und der entsetzliche Hati jagt dem Meere nach.
Wenn die Wlfe der ersehnten Beute nahe kommen, so erblassen die
leuchtenden Himmelsbewohner und verlieren ihren Schein, das nennen
unkundige Menschen Sonnen- oder Mondfinsternis. Den schrecklichen Hati
gebar und mstet mit andern Wlfen seiner Art ein Riesenweib, das weit
stlich in Jarwider sitzt und Gttern und Menschen ein Grauen ist. Von
ihrer Brut ist Managarm (Mondhund) der furchtbarste, der einst am Ende der
Tage den Mond wrgt und die Sle der Himmlischen mit Blut bespritzt, wie es
in der dunklen Orakelsprache der Vlnspa heit:

    stlich sa die Alte im Eibengebsch
    Und fttert dort Fenrirs Geschlecht,
    Von ihnen allen wird eins das schlimmste:
    Des Mondes Mrder bermenschlicher Gestalt.

    Ihn mstet das Mark gefllter Mnner,
    Der Seligen Saal besudelt das Blut.
    Der Sonne Schein dunkelt im kommenden Sommer,
    Alle Wetter wten: wit ihr, was das bedeutet?

Linde Lfte bringt suselnd Swasuder (Sanft-Sd) holdselig von Angesicht;
sein Sohn ist der blumenbekrnzte Sommer. Doch folgt ihm bald der grimmige
Riese Windswaler, mit dem Winter, seinem Erzeugten. Die ziehen fort und
fort nacheinander durch alle Zeiten, bis die Gtter vergehen. Auch sitzt am
Ende des Himmels der ungeheure Riese Hrswelger (Leichenschwelger) im
Adlerkleid und schlgt die Schwingen, davon der Sturmwind ber die Vlker
der Erde tost.

    Hrswelg' nennt sich, der an Himmels Ende sitzt
    Im Adlerkleid ein Jtun.
    Mit seinen Fittichen facht er den Wind,
    ber alle Vlker.
                             (Edda, Vasthrudnismal.)

Wir sehen, da die Sonne frher auch bei den Germanen als mnnliches Wesen
personifiziert wurde; inde erscheint an Stelle Sols schon frhzeitig die
weibliche _Sunna_.

                  *       *       *       *       *

Allvater, fhrt die Sage fort, wohnte in der Tiefe und sann, und was er
sann, das ward. Da erstand, unberhrt von der Faust dieser Gewalt, die
Esche Yggdrasil, der Baum der Welten, der Zeiten und des Lebens. Ihre
Zweige breitet sie aus bis in den Himmel, ihr Wipfel berschattet Walhalla,
die Halle der seligen Helden. Drei mchtige Wurzeln nhren und tragen den
Stamm; die eine reicht gen Niflheim; unter ihr herrscht ber das Reich der
Schatten die bleiche finstere Hel, und da sprudelt der urweltliche Brunnen
_Hwergelmir_, in dessen Tiefen die Geheimnisse der vorweltlichen Dinge
verborgen ruhen, die weder Menschen noch Gtter noch Riesen zu ergrnden
vermgen. Die andere Wurzel zieht gen _Jtenheim_, wo Mimirs Born quillt,
in dem die Kunde von der Urwelt, von der Entstehung, dem Werden der Dinge
sich birgt. Da sitzt _Mimir_ (Erinnerung), der weise Jote, und trinkt alle
Tage von der Flut, die er mit Walhallas Pfande schpft. Denn er selbst,
Odin, der sinnende Ase, kam einstmals zu dem Wchter des Brunnens, einen
Trunk begehrend, und Mimir verlangte und erhielt dafr ein Auge des nach
urweltlicher Weisheit sphenden Gottes zum Pfand. Die dritte Wurzel breitet
sich gen _Midgard_ aus, der Sttte der sterblichen Menschen.

Daselbst quillt und wallt das Wasser des _Urd-Borns_, der die Geheimnisse
des Entstehens und Vergehens der _irdischen_ Dinge umschliet. Wenn die
Vlker und ihre Herrscher die Tiefen ergrnden und den plaudernden Fluten
lauschen wollten, wrden sie mit verjngter Kraft zu neuen Thaten
schreiten. Auch ziehen in dem Brunnen zwei silberne Schwne ihre Kreise;
die sind still und stumm, wie die Vergangenheit, die nicht gehrt, wie die
Zukunft, die nicht beachtet wird.

Dem Urd-Born entstiegen, sitzen am Ufer ernst und schweigend die drei
Nornen: _Urd_ (Vergangenheit), _Werdandi_ (Gegenwart) und _Skuld_
(Zukunft). Sie spinnen und weben der Neugeborenen Fden, hrene und
seidene und etliche von Gold, einen aber gen Norden, der unzerreibar,
unentrinnbar des Lebens Leid bedeutet und den Niedergang zur Hel.

                  *       *       *       *       *

Der Mythus vom Weltbaum ist unverkennbar uralten arischen Ursprungs. Er
erinnert an Platons Weltachse, +Republik X. 619+. Vgl. S.582 oben.
Offenbar haben wir hier den indischen Lingam, dessen sinnbildliche
Darstellung sich noch in der berhmten Irminsule, dem Heiligtum der
Sachsen, das Karl der Groe zerstrte, wiederfindet.

Der Todesgttin sind die Schicksalsschwestern verwandt. In grauer Urzeit
geboren, wurden sie von Joten aufgepflegt, bis sie ans Licht des Tages
traten und nun, am Urd-Born sitzend, den Wechsel der Zeit verkndigen. Sie
begieen den Lebensbaum mit dem heiligen Wasser der Quelle, da er nicht
der Fulnis erliege; aber sie wissen und verkndigen es auch, wie alles
Leben dem Untergang sich zuneigt, dem auch die seligen Gtter nicht
entrinnen knnen. -- An den Blttern der Weltesche zehrt der Hirsch
Eikthyrner, gleichwie das umrollende Jahr an der Dauer der Welt und der
endlosen Zeit; vier andere Hirsche, Dain und Dwalin, Dumaier und Durnthor,
nhren sich von den Knospen und Sprossen, wie die Jahreszeiten Stunden und
Tage verzehren und sie doch nicht mindern. Von Helheim herab aber bumt
sich der Drache _Nidhggr_ und unzhliges Gewrm, die Wurzel benagend.

                  *       *       *       *       *

Knnen wir nichts thun, um den Lebensbaum zu schtzen? fragten einst
Odin die anderen Asen.

Gegen den groen Hirsch und die brigen gengt die Arbeit der Nornen,
antwortete Jener, denn was die Schwche der Weltlenker und das bestndige
Schwinden der erschaffenen Wesen dem Werke des Geistes schadet, das wird
durch das Walten der Weltgeschichte ersetzt. Aber das Grundbel ist
unheilbar; dem Werke klebt der vergngliche Stoff an. Zwar nur _eine_
Wurzel des Baumes steht in Niflheim, allein, wenn es Nidhggr erst gelungen
ist, diese zu untergraben, so werden andere, geistige Feinde den Stamm
leicht zum Wanken bringen. Gegen sie, welche bald hereinbrechen werden,
habe ich einen treuen Wchter auf die Spitze des Baumes gestellt. Ihr seht
dort meinen Adler horsten und zwischen seinen Augen sitzt ein Falke. So
schaut er ohne Unterla mit doppelter Sehkraft aus. Damit er nie
einschlummere, luft jenes Eichhrnchen bestndig am Stamme auf und ab.

Sonderbarer Weise findet man auch im deutschen Aberglauben eine hohe
Bedeutung des Tannenwipfels und eine Beziehung des Eichbaumes auf
denselben. In dem sympathetischen Mischmasch (1715, S.82) und in den 138
Geheimnissen (Frankfurt und Leipzig 1726) heit es, der hchste
Tannenzapfen am Baum mache schufrei und, wenn ein Eichhrnchen davon es
esse, knne es auf keine Weise getroffen werden. Daher trage man auch
solche Zapfen im Kriege bei sich, um schufest zu werden. (+W. Menzel,
vorchristl. Unsterblichkeitslehre S.71.+)

Nidhggr, fhrt Odin fort, lt dem Wchter keine Ruhe: denn der
Lindwurm ist grimmig, da durch die Wachsamkeit des Adlers seinem
dereinstigen Verbndeten und dadurch auch ihm das Werk erschwert wird.
Wilde Lsterungen stt er deswegen unaufhrlich gegen die Asen aus; das
Eichhrnchen hinterbringt sie dem Adler, der ihm krftige Drohungen
zurckschickt. Der _Zorn_ ber die frevle Zerstrungswut hlt das Auge des
Geistes wach gegen die nahende Versuchung; dieser Zorn wird aber nur
unterhalten, wenn schnelle Gedanken bestndig zwischen Himmel und Erde hin
und her eilen und Himmlisches und Irdisches gegen einander halten. Was der
Adler nicht erschaut, das werden mir meine beiden Raben knden. Sie heien
_Hugin_, d.h. der Gedanke und _Mimir_, d.h. Erinnerung. Tglich sollen
sie _um_ die Welt fliegen und mir alles melden, was vorgeht. Gegen unsere
zuknftigen Feinde bin ich gerstet; bisher beherrschte Liebe die Welt; von
nun an mu Furcht hinzukommen. _Yggr_, d.h. Schrecken, wird bald mein Name
sein, und der Baum, der mich getragen, heie Baum des Schreckens: Yggr
drasil.




Zweites Kapitel.

Der Gtterhimmel der Germanen.


Die Edda (Wluspa) schildert uns 12 Weltteile oder Himmelsfesten, die
vermutlich den 12 Sternbildern des Tierkreises entsprechen. 1) _Midgard_,
die Erde, ist schon genannt. Auf und ber der Erde ist 2) _Wanaheim_, der
Wohnplatz eines jngeren Gttergeschlechts, in denen sich die Natur der
Asen vermischte mit der Natur der Jtunen. Wahn war ihr Wesen, d.h.
unbewutes Schauen und Sinnen. Man erklrt sie vielfach fr die Gtter des
Gemts, der sinnlichen Triebe, einzelne halten sie auch fr die Gtter der
Wasserwelt, unter deren Herrschaft das Meer und die Flsse standen. Unter
der Erde ist 3) _Schwarzelfenheim_, der Aufenthalt der von Loki
geschaffenen Zwerge. Durch dieses gelangt man zum Totenreich, 4) _Helheim_,
welches von 5) _Niflheim_ begrenzt wird. Sdwrts liegt das erwhnte 6)
_Muspelheim_, wo Surtur mit dem Flammenschwert herrscht und Muspels Shne
wohnen. ber Midgard im sonnenhellen Raum liegt 7) _Lichtelfenheim_, der
Aufenthalt der Lichtelfen, Zwerge, die sich von den Erdzwergen durch ihre
lichte Hautfarbe unterscheiden und die Gefilde Asgards schmcken und fr
die Asen arbeiten, wie die Erdzwerge fr Widar und Hdur. ber diesem aber
wlbt sich 8) _Asgard_, die Burg der Asen, von Gold und glnzendem Gestein
erglnzend und in ewigem Frhling grnend. Dieses trennt ein breiter Strom
von 9) _Jtunheim_, dem Aufenthalt der zauberkundigen Joten. Daneben werden
noch genannt 10) _Glidskialf_, der Hochsitz Odins, 11) _Gladsheim_
(Glanzheim), der Hof Odins, der auch Walhall umschliet, und 12)
_Himmelsburg_, wo Heimdal wohnt, der Wchter der Gtter.

Der hchste der Asen, der Gttervater, der nchst dem ungeschaffenen
Allvater die von ihm geschaffene Welt whrend ihrer ganzen Dauer regiert,
ist _Odin_, von Wolfgang Menzel treffend als eine Personifikation der Zeit
und zugleich des absoluten freien Willens charakterisiert, ein Gott, der an
sich weder gut noch bse, doch im Verlaufe der Zeitlichkeit mancherlei
Unrecht verbt und schlielich nicht ohne Schuld den Untergang dieser Welt
herbeifhren mu. Odin ist der deutsche _Wodan_, der Himmelsgott,
gewhnlich _einugig_ gedacht; denn der Himmel hat nur _ein_ Auge, die
Sonne; ein breiter Hut beschattet seine Stirn, die Wolke, sein Mantel ist
blau mit goldenen Sternen bestickt.

Die Rmer (Csar und Tacitus) identifizierten ihn mit Merkur; denn sie
berichten, Merkur sei der hchste Gott der Germanen. Dies wird nur
erklrlich, wenn man bedenkt, da bei den Rmern Merkur als Totenfhrer
gilt. Ein _Fhrer der Seelen_ war aber auch Odin-Wodan; denn die Seele
dachte man sich als ein luftartiges Wesen. Nach dem Tode fhrt Odin sie in
sein luftiges Reich. -- In dieser Eigenschaft als Luftgeist und Fhrer
abgeschiedener Seelen hat Wodan sich am lngsten in der deutschen Volkssage
erhalten. Es ist der im Sturm jagende Wode, der wilde Jger, der in lokalen
Sagen noch jetzt als Hackelbaraud, Rodensteiner erscheint und das
Gespensterheer ber die Wlder dahin fhrt.

Whrend aber in den spteren vom Christentum beeinfluten Sagen die
Seelenfhrung Odins einen unheimlichen Charakter angenommen hat, war sie im
Heidentum vor allem eine Fhrung der heldenhaften Seelen. Odin ist der
groe Heerfhrer. Gieb uns den Sieg, Heervater, flehten betend und
opfernd die Frsten der Vandalen zu Wodan.

In Odins Himmelsburg war ja auch Walhalla, eine ungeheuere groe
Totenhalle, in die alle Knige, Helden und zur Waffenehre berechtigten
freien Mnner nach ihrem Tode aufgenommen wurden, als die sog. Einherier
(Genossen des Heeres, Waffenbrder). Sie werden an der Tafel, an der Odin
allein Wein trinkt, sie aber Bier, von den schnen Walkyren
(Totenwhlerinnen, Wunschmdchen) bedient, ziehen dann auch abwechselnd
hinaus auf die Ebene Ida, um mnnliche Spiele zu treiben und miteinander zu
kmpfen, weil ihnen schon im Leben Kampf immer das liebste gewesen. --
Auer der Walhalla gab es nach der Edda noch andere Himmel, einen der
Frauen, der Jungfrauen und einen sehr groen fr das gemeine Volk. Nach
Walhall gelangten nur Helden und diese auch nur, wenn sie im Kampfe
gefallen waren oder sich auf dem Sterbebette wenigstens noch mit einer
Lanze verwundet hatten.

Derselbe Odin, der Fhrer der Helden, ist nur bezeichnend fr die
germanische Schtzung der Dichtkunst -- es soll der Dichter mit dem Knig
(Helden) gehen, -- noch der _Gott der Dichtkunst_, und wieder bezeichnend
fr das Volk der Dichter und _Denker_, der Gott der Weisheit. Eigentmlich
ist die Erzhlung der Edda vom _Dichtertrank_, in dessen Besitz Odin sich
mit Unrecht und Arglist zu setzen wute. Die Asen und Vanen, d.h.
vielleicht die sittlichen und physischen Mchte, hatten sich zu Anfang
bekmpft. Es wurde aber zuletzt Frieden geschlossen, und dies geschah,
indem beide Teile in ein Gef spuckten. Dieses Friedenszeichen schufen die
Asen nachher in einen Mann um, namens Quasir, der so weise war, da er auf
alle Fragen, die man an ihn richtete, Antwort zu geben wute. Quasir fuhr
nun weit im Lande umher, die Menschen zu unterrichten und berall rhmte
man seine Weisheit und seinen Verstand, so da sein Ruhm sich weithin
verbreitete. Einstmals kam er zu zwei Zwergen, namens Fialar und Galar;
diese waren neidisch auf seinen Ruhm, und tteten ihn deshalb. Sein Blut
lieen sie in zwei Fsser rinnen, die Son und Boden hieen, und in einem
Kessel, den sie Odrrer nannten. In dieses Blut mischten sie Honig, und
daraus entstand ein herrlicher Met, welcher die Eigenschaft hatte, da er
die, welche davon tranken, zu Dichtern und weisen Mnnern machte.

Dieser Zaubertrank kam schlielich in den Besitz des Riesen Suttang, der
ihn in einem Felsen, namens Huitberg verbarg. Er selbst kostete nicht
einmal davon, denn er war zu geizig dazu. Seine Tochter, die schne
Gunldi, stellte er als Wchterin bei dem Met und verbot ihr streng, davon
etwas zu genieen. Davon hat die Dichtkunst auch die Namen: Quasirs Blut,
Zwergtrank, Odreers oder Bodens oder Sons Na, Huitbergs Met oder Na.

Odin hatte von diesem wunderbaren Getrnk gehrt, und obschon er selbst
die Gabe der Dichtkunst und die Weisheit in einem hohen Grade besa, wollte
er doch von diesem Met kosten, um noch weiser zu werden.

Er machte sich daher auf den Weg nach dem Riesenlande, und zwar ohne alle
Begleitung, und kam an einen Ort, an dem neun Riesen das Heu abmheten.
Obgleich der mchtigste Gott, getrauete er sich doch nicht, die neun Riesen
zu bekmpfen, und suchte daher durch List ihrer Herr zu werden.

Er fragte sie nmlich, ob er ihnen mit seinem kostbaren Wetzsteine die
Sensen wetzen solle, und die Riesen willigten ein. Odin nahm darauf einen
Wetzstein aus der Tasche, und machte die Sensen darauf so scharf, da die
Riesen darber sehr erfreut waren; aber nun wollten sie auch den Wetzstein
haben. Odin sagte, wer ihn kaufen wolle, solle geben, was billig sei. Jeder
sagte darauf, da er ihn kaufen wolle, und sie gerieten darber in Streit.
Da warf Odin den Stein in die Luft, und nun griffen alle darnach, und sie
kamen derart ins Handgemenge, da sie sich mit ihrem Eisen tteten.

Odin setzte nun seinen Weg fort und kam des Abends zu einem Riesen, namens
Bangi, einem Bruder Suttangs; er hatte hier wieder eine andere Gestalt
angenommen und nannte sich Blwerk.

Bangi, der den Gtterfrsten nicht erkannte, nahm ihn sehr gut auf, und
erzhlte ihm, auf welche Weise er neun seiner Knechte verloren habe, und
wie er nun nicht wisse, woher er Arbeiter nehmen solle. Da erbot sich
Blwerk, bei ihm zu bleiben whrend des ganzen Sommers, und ebensoviel zu
arbeiten, als die neun Knechte gearbeitet hatten; doch sollte ihm Bangi zum
Lohne dafr am Ende des Sommers einen Trunk aus Suttangs Met verschaffen.
Bangi antwortete, da er nicht Herr ber den Met sei, versprach ihm jedoch,
mit ihm zu seinem Bruder zu gehen und diesen darum zu bitten, denn einen so
tchtigen Arbeiter wollte er nicht so leicht wieder ziehen lassen.

Whrend des Sommers arbeitete Blwerk fr neun; als aber der Winter
herankam, verlangte er seinen Lohn. Beide begaben sich nun zu Suttang;
Bangi erzhlte seinem Bruder, was Blwerk fr ihn gethan und was er ihm
versprochen hatte, und bat ihn nun um einen Trunk von dem Dichtermet, aber
Suttang schlug die Bitte geradezu ab, und sagte, da niemand von seinem Met
kosten solle.

Darauf sagte dann Blwerk zu Bangi, da sie es nun durch List versuchen
mten, um den Met zu bekommen, und Bangi war damit zufrieden.

Beide machten sich nun auf den Weg zu dem Felsen, in welchem der
Dichtertrank eingeschlossen war. Als sie dort angekommen waren, zog Blwerk
einen Bohrer hervor, der Rati genannt war, und gebot Bangi, mit diesem
scharfen Bohrer den Felsen zu durchbohren. Bangi that es, und nach einiger
Zeit sagte er, der Fels sei nun durchbohrt. Aber Blwerk blies in das
gebohrte Loch, und da ihm die Sphne ins Gesicht flogen, merkte er, da ihn
Bangi betrgen wolle. Er verlangte daher, da Bangi den Felsen vollstndig
durchbohren solle, und er mute es thun. Als Blwerk nun wieder
hineinblies, flogen die Sphne ins Innere des Felsens. Schnell verwandelte
sich nun Blwerk in eine Schlange, und kroch durch das Loch. Bangi stie
ihm den Bohrer nach, aber ohne ihn zu treffen.

Als Blwerk nun in dem Felsen angekommen war, nahm er eine Gestalt an, in
welcher er der Gunldi so auerordentlich gefiel, da sie ihm nichts
verweigern konnte. Whrend dreier Tage und dreier Nchte blieb er in dem
Felsen. Beim ersten Trank leerte er den Kessel Odrrer, beim zweiten das
Fa Boden und beim dritten das Fa Son. Hierauf verwandelte er sich in
einen Adler, flog eiligst davon, und lie die betrogene Gunldi in
Verzweiflung zurck.

Unterde hatte Suttang Kunde erhalten von dem, was geschehen war. Schnell
verwandelte er sich ebenfalls in einen Adler, und flog ihm nach. Die Asen
sahen Odin schon in weiter Ferne; sie bemerkten aber auch, da Suttang ihn
verfolgte, und da Odin durch den in reichlichem Mae genossenen Met
schwerfllig geworden. Sie setzten deshalb schnell Gefe in den Hof, in
welche Odin, als er den Asgard erreichte, den Met ausspie. So gelangte Odin
zu dem Dichtermet. Odin gab davon den Asen und allen guten Dichtern. Dies
ist der Ursprung von dem, was wir Dichtkunst, Odins Fang oder Fund, oder
der Asen Gabe und Trank nennen.

So weit die Erzhlung in der jngeren Edda. In der Havamal wird dieselbe
Mythe wenn auch nicht so vollstndig erzhlt, aber weit schner
ausgeschmckt:

    Sobald es tagte,
    Gingen die Riesen
    In die erhabene
    Halle hinein,
    Und jeder fragte
    Und forschte den Blwerk,
    Ob die Mher mit ihm
    Gekommen seien.

    Lange hielt ich,
    Was ich versprach,
    Und vollendet die Arbeit
    So gut als einer,
    Da nichts gebrach.
    Darauf sucht er Suttang
    Zu berlisten
    Beim frhlichen Mahl,
    Allein er mute noch
    Gunldens Thrnen kosten.

    Gunlde reichte
    Im goldenen Keller
    Mir einen Trunk
    Des kostbaren Mets dar,
    Aber mit Schmerzen
    Vergalt ich ihn
    Ihrem heiligen Herzen
    Ihrem zchtigen Sinn.

    ber Flsse mut' ich schwimmen,
    ber Felsen mut' ich gehen;
    Oben und unten
    Hab' ich der Riesen
    Wege gefunden,
    Und setzte da meinen
    Kopf auf's Spiel.

    Nun hab' ich zum Dank
    Den teuren Trank.
    Ihn werden die Weisen
    Ein Kleinod heien.
    Aus ihm entsprang
    Lied und Gesang
    Im Himmel und auf Erden.

    Niemals wrd' ich
    Den Riesenhhlen
    Entkommen sein,
    Htt' ich nicht Gunlde,
    Das gute Mdchen,
    Umarmt und geliebkost.

                  *       *       *       *       *

hnlich raubt nach _indischen_ Mythen der Gott Indra den im Wolkenberge
gefesselten Met und bringt ihn in Falkengestalt zu den Sterblichen.

Ich wei߫, so spricht in einer der _rtselhaftesten_ und tiefsinnigsten
Dichtungen der Edda Odin, da ich hing am Baume der Welt neun lange
Nchte, vom Speer verwundet, den Odin geweiht, ich selber mir selbst. Am
Baume hing ich, des Wurzel keiner kennt. Man bot mir nicht Brot noch Trank.
Da, in die Tiefe sphend, empfing ich Runen und sank vom Baume nieder. Vom
Ahn, dem Urriesen, lernt' ich der Lieder neun, und trinkend den Mut aus
Odrrers Born, gewann ich Gestalt und Bildung und begann zu denken. Wort
aus dem Wort verlieh mir das Wort; Werk aus dem Werk verlieh mir das Werk.
-- Runen sollst Du finden, o Menschenkind, Ratstbe, mchtige Stbe, die
Gtter schufen, und die der allwaltende Herrscher eingeschnitten hat. Er
schnitt sie ein zur Richtschnur den Vlkern, dann entwich er von wannen er
wiederkehrt. -- Dieser Mythus wird von Mannhardt folgendermaen gedeutet:
Der sinnende Gottesgeist, -- Odin, -- schwebt am Weltbaum auerweltlich
ber der zeitlich-materiellen Welt. Er blickt nieder in die Tiefen der
Schpfung und sucht Runen, d.h. die Eigenart, die Wesenheit der Dinge zu
erforschen. Er leidet Pein: vom Speer verwundet, ohne Brot und Trank neun
lange Nchte. Denn jede Geburt bringt Schmerz und bedarf der Zeit, um zu
reifen. Wie er die Runen erkennt und erfat, sinkt er herab, er sich selbst
zum Opfer bringend. Der Geist taucht in die unbeseelte Materie, wird
innerweltlich, wchst und gedeiht im endlosen Leben durch das Leben, Wort
aus dem Wort und Werk aus dem Werk. Er durchdringt und beherrscht die Welt,
da er aller Dinge eigenste Art erkannt hat. Er beherrscht sie durch Lieder,
welche die Runen lebendig, zauberkrftig machen; denn neun Hauptlieder hat
er von dem urweltlichen Riesen erlernt und hat von Gunlds Wundermet
getrunken. Es ist die Sprache des Gesanges, die, wie in der hellenischen
_Orpheussage_ nicht blo das menschliche Gemt, sondern sogar leblose,
unbeseelte Dinge belebt. -- Der _runen_kundige Gott ist zugleich der
_Zauberkundige_. Eins der ltesten altdeutschen Sprachdenkmale ist jener
Zauberspruch:

    +phol unde uudan+ -- Phol (Balder) und Wodan
    +uuorum zi holza;+ -- fuhren ins Holz.
    +d uuart demo balders uolon+ -- da ward des Balders Fohlen
    +zin uuoz birenkit:+ -- sein Fu verrenket;
    +thu biguolen sinthgunt+ -- da besprach ihn Sintgunt
    +Sunn, er suister+ -- und Sonne, ihre Schwester;
    +thu biguolen uudan+ -- Da besprach ihn Wodan,
    +s he uuola conda:+ -- Wie er wohl konnte;
    +sse bnrenki+ -- So die Beinrenkung,
    +sse bluotrenki+ -- So die Blutrenkung.
    +sse lidirenki.+ -- So die Gliederrenkung.
    +bn zi bna+ -- Bein zu Beine,
    +bluot zi bluoda+ -- Blut zu Blute,
    +lid zi geliden+ -- Glied zu Gliedern,
    +sse gelmida sn.+ -- Als ob sie geleimet seien!

                  *       *       *       *       *

Sogar zu Mimirs Born war Odin hinabgestiegen, um den Grund aller Dinge zu
erfahren. Heimlich fuhr er dahin und begehrte einen Trunk aus Mimirs Born.
Aber der Riese verlangte dafr ein Auge des Gottes. So gro war dessen
Durst nach Erkenntnis, da er das eine Auge dafr gab. Mimir hatte vordem
wohl Kunde von den _ltesten_ Zeiten gehabt; allein die Einsicht in das
Geschehende hatte ihm gefehlt; von nun ab benutzte er das Auge Odins als
Trinkhorn, und aus des _Geistes Auge trank er Einsicht vom Quell des
Gedchtnisses_. -- Odin aber kehrte grbelnd und sinnend zurck. Vieles war
ihm klar geworden; doch sah er ein, da niemand Allvaters Ratschlsse aus
der Natur endlicher Wesen erschlieen kann, und wenn er die Schpfung bis
zum ersten Keimpunkt zurckverfolgt. Als die Asen ihn fragten, wodurch er
sein Auge verloren, zeigte er auf die groen Lichter, welche Tag und Nacht
erhellen, und Wit ihr, fragte er sie, warum nur _eine_ Sonne und _ein_
Mond an meinem Himmel steht? Seht, ihr Ebenbild schaut euch aus dem
Gewsser entgegen. _Ein Auge des Himmels wacht ber der Welt; das andere
ist versenkt in das Meer der Zeiten, in den Urstoff der Dinge._

Ein tieferer Sinn dieses Mythus vom _einen_ Auge Odins, dessen _anderes_ er
bei Mimir zum Pfande lie, scheint mir durch die spekulative Hypothese vom
transscendentalen Ich gegeben zu sein, die wir bereits bei Plato und
Aristoteles berhrten, die Kant und endlich du Prel in der Lehre vom
Doppel-Ich, dessen eine Hlfte im Transscendenten liegt, modernisiert hat.
(Vergl. S.832 und 613 oben.)

Nchst Odin-Wodan nehmen _Thor_ und _Loki_ die bedeutendste Stelle im
germanischen Gtterhimmel ein.

Thor, Thunaras, ahd. Donar, ist ebenfalls Himmelsherrscher, aber eine von
dem hheren umfassenden Begriffe Odins abgespaltene Rolle, nmlich als Herr
des Gewitters. Nach ihm trgt der Donnerstag noch heute seinen Namen. Auf
einem von Bcken gezogenen Wagen fuhr er durch die Wolken dahin, der
einschlagende Blitz war sein Gescho, gedacht als steinerner Wurfhammer.
Sein Charakter vereint Kampflust und Gutmtigkeit; letztere lt ihn
oftmals das Opfer von Trug und Lug werden. Ihm galt vor allem das Gebet und
der Kriegsgesang der Germanen beim Auszug in die Schlacht.

Nach Mone (S.404) ist Thor das bergewicht der allgemeinen organischen
Lebenskraft ber die unorganische Materie oder mit anderen Worten der
kmpfende Sonnenheld. Letzteres wrde uns begreiflich machen, warum die
Rmer in ihm nicht nur ihren +Jupiter tonans+, sondern mehrfach auch ihren
Herkules wiederzuerkennen glaubten.

Er war ein Sohn Odins und der Erde, was ganz physikalisch durch die aus der
Erde aufsteigenden Gewitterwolken gedeutet werden knnte. Er
versinnbildlicht auch die Fruchtbarkeit, als zeugendes Prinzip; denn die
blonde Sif, die Ernte ist sein Weib, nmlich im Sommer; im Winter heit
sein Weib Jarasaxa (Eisenschwert oder Pflugschar). Kraft ist seine
hervorstechendste Eigenschaft. Thrudheimr (Kraftwald) ist der Name seines
Wohnsitzes, er wandert gern mit einem Tragkorb auf dem Rcken zu Fu
einher, it und trinkt unmig, ist leidenschaftlich, und wenn er zrnt,
schnaubt er in seinen roten Bart, da es wie Donner durch die Wolken
schallt.

Er ist der Hauptfeind des Riesengeschlechts. Als er einst schlief, -- im
Winter ist seine Kraft abwesend--, stahl ihm der Riese Thrymr, der Starke,
seinen Hammer (Mjllnir) und verbarg ihn tief in der Erde. Er wollte durch
Vorenthaltung des Hammers sich die Gttin Freyja zur Frau erpressen. Auf
Heimdallrs Rat legte nun Thor Freyjas Gewand an und nahm den listigen Loki,
der sich als Magd verkleidet hatte, mit ins Thursenland, das Thrymr
beherrschte. Von Thrymr sehnsuchtsvoll empfangen, fiel er diesem auf durch
unmiges Trinken und Essen, einen ganzen Ochsen a er und acht Lachse und
alle Kuchen, die den Weibern bestimmt waren. Da hob Thrymr seinen Schleier
und prallte entsetzt zurck, da er Thors furchtbar funkelnde Augen
erblickte. Doch gebot er, den Hammer zu bringen um die Braut zu weihen.

Da lacht dem verkleideten Thor das Herz, als er seinen Hammer wiedersieht;
er ergreift ihn, erschlgt den Riesenfrsten und zerschmettert das ganze
Geschlecht.

Mone findet in dieser Sage eine Anspielung auf die Idee der Wiedergeburt:
da Heimdallr die Seelen zur Wiedergeburt der Frau (Freyja) berliefert, so
mu Thor selbst eine Frau werden, wenn er (der Winterschlaf ist der Tod)
wiedergeboren sein, d.h. zu seinem Hammer gelangen will. Einfacher und
natrlicher scheint es mir, darin nichts anderes als das Erwachen des
Frhlings zu finden.

    Noch schlft die Mutter Erde,
    Trumend vom Auferstehn;
    Da ruft ein mchtig Werde
    Der Gott; es mu gescheh'n.
    Er spaltet mit dem Hammer
    Des Eises starres Thor.
    Da tritt sie aus der Kammer,
    Brutlich geschmckt hervor.

                  *       *       *       *       *

_Loki_, der Endiger, von riesischer Abkunft, ist der Anstifter jeglichen
Unheils bei Gttern und Menschen, scheinbar zunchst ein treuer Gefhrte
der anderen Asen, schn wie Lucifer, hat er im Anfang der Zeiten mit Odin
Blutsbrderschaft getrunken. Doch weil er vom Herzen eines bsen Weibes
getrunken, ist er schwanger geworden und hat die Ungeheuer, den Fenriswolf,
die Midgardschlange und die Totengttin Hel geboren. Er selbst pflegt sich
unter den verschiedensten Verwandlungen zu zeigen, ein Geist, der stets dem
Widerspruch und der Verneinung dient. Er heit auch Loptr (Luft) und Lodorr
(Hitze); Funkenspiel und zitternde Luftbewegung bringt heute noch
nordischer Volksglaube mit Lokis Namen in Verbindung. Loki ist das Feuer,
das der Sturm aus dem Holze entfacht. Denn seine Eltern heien Farbauti,
der gefhrlich Schlagende und Nal, Nadel am Nadelbaum.

Loki ist es, der bekanntlich den _Balder_, diese reinste Lichtgestalt unter
den Asen, den _guten_ Gott durch den blinden _Hdur_ tten lt, wie es die
jngere Edda 49 schildert: Balder, der Gute, hatte schwere Trume, sein
Leben sei in Gefahr. Da hielten die Asen Rat, um ihn zu schtzen, und
Frigg, seine Mutter, nahm Eide von allen Elementen, Steinen, Pflanzen,
Tieren, Krankheiten und Giften, da sie Balder verschonen sollten. Die Asen
stellten darauf den Balder in die Mitte, warfen und schlugen nach ihm mit
allen mglichen Werkzeugen und konnten ihn nicht verletzen. Loki aber, der
die Gestalt eines alten Weibes angenommen hatte, lockte der Frigg das
Geheimnis ab, ob ihrem Sohn doch vielleicht etwas schaden knne.
Unvorsichtig vertraute ihm Frigg, von einer Mistel allein, die auf einem
gewissen Baum wachse, habe sie keinen Eid genommen, da dieselbe ihr zu
jung vorgekommen sei. Da pflckte Loki die Mistel ab und gab sie dem Hdur,
der ein Bruder des Balder und von groer Strke, aber blind war. Als nun
alle Asen schon versucht hatten, den Balder zu verletzen, sollte es auch
der blinde Hdur versuchen; kaum aber berhrte er ihn mit der Mistel, so
fiel der schne Bruder tot zu Boden. Seine Leiche wurde von den Asen in ein
groes Schiff gebracht und verbrannt. -- Die Gtter entsandten Hermordr,
einen anderen Bruder Balders, nach Hel, der Totengttin, um den Gestorbenen
aus ihrer Macht zurckzulsen. Hel knpfte die Auslsung an die Bedingung,
da alle Wesen, lebende und tote, um Balder weinen. Das thaten sie auch mit
Ausnahme des Riesenweibes Tk, einer Vermummung Lokis, und somit konnte
Balder nicht wieder zur Welt kommen.

                  *       *       *       *       *

Die Deutung dieses Mythus bietet viele Schwierigkeiten. Im allgemeinen kann
Uhlands Erklrung, +Sagenforschungen I, 144ff.+ als die natrlichste
gelten, der Balder als das Licht und den Sommer, den blinden Hdur als die
Nacht und den Winter, Balders Tod als die Schwchung der Sonne in der
Sonnenmitte, Nanna als die Pflanzenwelt, die mit dem Sommer stirbt, deutet.
Aber unerklrlich steht die in der Druidenlehre so wichtige Mistel da. --
Nach Professor Kauffmann und Professor Golther haben wir es nur mit einer
erst spt zur Gttersage umgewandelten Heldensage zu thun, die
ursprnglicher und echter bei Grammaticus berliefert ist, wo Balder, ein
Held, mit Kriegsmacht in das Land des Gevarus eindringt, um sich Nanna,
seine Geliebte zu erkmpfen. Er fllt hier durch das Schwert Hothers,
welches Mistilteinn heit. Dies Wort sei spter als Mistelzweig
miverstanden.

Inde erscheint mir diese Hypothese schon anticipatorisch bei W. Menzel,
vorchristl. Unsterblichkeitslehre widerlegt zu sein. Wahrscheinlich ist
doch, da der esoterische Kern der Mythe hnlich wie derjenige des Osiris-
und Zagreus-Dionysios-Mysteriums die Wiedergeburt und die Wiederbringung
aller Dinge betrifft. -- Die Asen wollten den Loki fr seine Frevel sofort
tten. Aber Odin, der schon vorher den Tod Balders bei seinem Ritt nach
Niflheim erkundet hatte, hindert die Ermordung Lokis. Er wei, da alles
sich nach dem Schicksal erfllen mu, da Loki dereinst diese Welt
zerstren wird, da aber in der darnach erstehenden neuen Welt Balder
herrschen soll. Loki ward nun, wie sein Sohn, der Fenriswolf, gebunden mit
einem Geisterbande. So lange diese Bande nicht reien, so lange besteht die
Welt. Nach dem nordischen Glauben sind wir aber schon im sechsten Alter der
Welt, eine Idee, die im ganzen Mittelalter Volksglaube war, wonach sieben
Weltalter einander folgen sollen. Wenn Loki oder der Teufel wieder los
wird, dann kommt das Ende der Welt.

Erwhnung verdient unter den mnnlichen Asen neben _Hoenir_, _Uller_,
_Bragi, dem Skaldengott_, _Aegir_, der die Ruhe des Meeres personificiert.
In Aegirs durch Frieden geheiligter Halle sind die Gtter gern zu Gast und
zechen; statt des erleuchtenden Feuers dient hier strahlendes Gold. Im
Leuchten des windstillen Meeres mochte man, meint Uhland, den Glanz des
versunkenen Goldes spielen sehen. Erwhnung verdient sodann noch _Freyr_,
welcher die Sehnsucht des Mannes nach dem Weibe darstellt. Er wirbt lange
vergeblich um _Gerdur_, deren Wesen am besten als weibliche Schamhaftigkeit
bezeichnet wird, bis er schlielich mit Hilfe magischer Mittel, die sein
Diener Skirnir anwendet, sie berwindet. Endlich ist noch _Heimdallr_ zu
erwhnen, eine nordische Form des deutschen _Ziu_, der ber die Welt
leuchtende. Auf den Himmelsbergen am Regenbogen, der als Brcke Himmel und
Erde verbindet, ist sein Wohnsitz. Er htet diese Brcke, da diese bsen
Riesen von der Erde nicht hinaufsteigen, um den Himmel zu strmen. Wie Loki
das zerstrende, ist Heimdallr das erhaltende Prinzip. Nach W. Menzel
vertritt er innerhalb der Zeitlichkeit die Beziehung zur Ewigkeit, die
Fortdauer, das Leben der Menschheit berhaupt. Deshalb wird er auch unter
dem Namen Rigr als Vater des Menschengeschlechts gedacht.

                  *       *       *       *       *

Unter den _weiblichen_ Gottheiten steht als Urgttin, als die groe
Lebensmutter, an der Spitze _Frigg_, das Weib Odin-Wodans, von der der
Freitag (+dies Veneris+) seinen Namen hat. Sie ist die Gttin der _Liebe_
und des _Kindersegens_. Als jngere Schpfung der islndischen Dichtung
(nach Golther) steht ihr _Freyja_ zur Seite, die vielfach mit ihr
verwechselt wird. Freyja ist das weibliche Seitenstck zu Freyr. Ihr Mann
war Odr, ihr Saal heit Sarymnir, sie fhrt aus mit zwei Katzen, nimmt
huldvoll die Bitten der Menschen auf und ist eine Freundin der
Liebeslieder. Odr ist die strmische und feurige Begierde (dem Wort nach
die Wut, der Sache nach die Geilheit), Freyja aber die Wollust, +Venus
libitina+. Der gemeinsame Kinder, eine Tochter, heit Hno (Genu). Um den
kostbaren Halsschmuck Brisingamen zu erwerben, gab sie sich dem Volk der
Zwerge preis (+Venus pandemos+). Dagegen hat sie die Riesen, die eben so
sehr nach ihr begehren, aber von Loki durch ein Wolkenbild getuscht
werden. Wie Venus (+libitina+) ist sie auch eine Todesgttin, welche die
Gestorbenen mit Odin teilt, und weil sehr viele den Tod der Wollust
sterben, d.h. die Lust genieen, so heit ihre Wohnung Flkwngar
(Volksaufnahme). Freyja selbst dagegen kann gar nicht sterben; es heit
vielmehr, sie wird alle Gtter berleben.

W. Menzel erklrt sie daher als die _Sonne_, welche nach dem Weltende
wieder scheinen soll, also in Ewigkeit fortdauert, wenn Odin mit allen Asen
lngst todt sind. Sie heit auch Mardll, Gefen (Hingebung), Hrn (Hure).
Durch den durch ihre Buhlerei mit den Zwergen erworbenen Halsschmuck
fesselte sie ihren Gatten ganz an sich, bis er einmal erfuhr, um welchen
Preis sie denselben erlangt hatte, worauf er sie entrstet verlie. Als sie
erwachte, fand sie ihn nicht mehr, aber auch ihr Halsschmuck war
verschwunden und im tiefsten Jammer suchte sie nun den entflohenen Gatten
alle Lnder durchirrend. Die Thrnen, die sie weinte, wurden Perlen und
Gold. Endlich nach langen Jahren fand sie den Gatten wieder, er gab ihr den
Schmuck zurck und nahm sie wieder zu sich, weil er in der ganzen Welt
keine Schnere gefunden. Als umherirrende Bertha erkennt man sie in den
deutschen Sagen wieder.

Als Frhlingssonne wird Freyja zur _Ostara_, die wir am besten durch F.
Dahns schne Verse charakterisieren:

    Es kam der Hirt vom Anger und sprach: Der Lenz ist da;
    Ich sah sie in den Wolken, die Gttin Ostara;
    Ich sah das Reh, das falbe, der Gttin rasch Gespann,
    Ich hrte, wie die Schwalbe den Botenruf begann.
    Es brach das Eis im Strome, es knosp't der Schlehdornstrauch;
    So grt die hohe Gttin, grt sie nach altem Brauch!

    Da zieh'n sie mit den Gaben zum Hain und zum Altar,
    Die Mdchen und die Knaben, der Lenz von diesem Jahr;
    Das Mdchen, das noch niemals im Reigentanz sich schwang
    Und doch vom Knabenspiele schon fernt ein scheuer Drang.
    Der Knabe, der noch niemals den Speer im Kampfe schwang
    Und dem der Glanz der Schnheit doch schon zum Herzen drang.
    Sie spenden gold'nen Honig und Milch im Weihegu
    Und fassen und umfangen sich in dem ersten Ku;
    Und durch den Wald, den stillen, frohlockt es: Sie ist da!
    Wir gren Dich mit Freuden, o Gttin Ostara!

                  *       *       *       *       *

Prof. Kaufmann freilich (deutsche Mythologie S.106) behauptet, da von
einer Gttin Ostara in der berlieferung des Altertums eine Spur nicht zu
finden sei.

Dagegen berichtet uns die Edda von _Iduna_, der vorwissenden Gttin, da
sie von der Esche Yggdrasil, die sie mit ihrem heiligen Wasser zu bethauen
pflegte, herabgesunken sei.

    Schwer vertrgt sie
    Dies Niedersinken,
    Unter des Laubbaums
    Stamm gebannt,
    Nicht behagt es ihr
    Bei Nrvis Tochter (der Nacht)
    So lange gewhnt
    An heitere Wohnung.

Auch Iduna ist nichts anderes, als die immer wiederkehrende (+id+= wieder)
Sonne. Nachdem die Asen vergebens alle Mhe erschpft haben, Iduna zum
Himmel zurckzurufen, sagt die Edda (im Rabenzauber) weiter, will Odin die
Asen nicht schlafen lassen, sondern versammelt sie noch in der Nacht zu
neuer Beratung. Aber Nrvi, der Vater der Nacht, schlgt mit dorniger Rute
(dem Schlafdorn) die Vlker ringsumher, und auch die Asen nicken
unwillkrlich ein, selbst der Wchter Heimdallr wird schlaftrunken. Am
Morgen aber geht die Sonne prchtig am Himmel auf, die Nacht entflieht und
froh und erfrischt steigt Heimdallr wieder zu den Himmelsbergen.

Iduna verwahrt wunderbare pfel, von denen die Gtter essen, um sich ewig
jung zu erhalten. Einst hatte mit Lokis Hilfe der mchtige Riese Thiassi
Iduna nebst ihren pfeln geraubt. Da fingen die Gtter smtlich zu altern
an und zwangen Loki, um jeden Preis die Iduna mit ihren pfeln
zurckzubringen. Er unternahm es, indem er als Falke in Thiassis Wohnung
flog, Iduna in eine Nu verwandelte und sie in seinen Klauen forttrug. Zwar
verfolgte ihn der Riese Thiassi, als Adler, die Gtter aber hielten ihn
durch ein Feuer auf, worin er verbrannte. Uhland deutet diesen Mythus,
indem er unter Thiassi, der alles kleben d.h. gefrieren macht, den Winter,
unter Iduna und ihren pfeln die Vegetationskraft, das Naturleben versteht,
welches im Winter verschwindet, und unter dem Falken den heiteren
Frhlingshimmel, unter der Nu den Keim der wiederverjngten Pflanzenwelt.
Darum liebt man es noch heute, den Tannenbaum am Weihnachtsfest, der
winterlichen Sonnenwende, mit vergoldeten Nssen zu schmcken.

Die pfel erinnern an die von Herakles den Hesperiden geraubten pfel, die
Athene wieder in den Garten derselben zurckversetzt. Auch Athene ist das
ewige, jungfruliche Licht der Sonne, und W. Menzel (vorchristl.
Unsterblichkeitslehre S.99) glaubt sogar auf den Gleichklang der Namen
Iduna, Athene aufmerksam machen zu sollen.




Drittes Kapitel.

Gtterdmmerung und Wiedergeburt.


Die eigenartigste Idee der altgermanischen Glaubenslehre ist die
Gtterdmmerung oder _Ragnark_ (der letzte Weltbrand).

Gemeinsame berzeugung aller deutschen Vlker war, da Welt, Vlker und
Menschen dereinst im Feuer untergehen werden, um einer neuen besseren
Weltschpfung Platz zu machen.

Dieser Glaube an einen Weltuntergang findet sich freilich auch bei andern
Rassen, aber der germanische Weltuntergangsglaube hat einen _heroischen_
Charakter. Unsere Vorfahren meinten nmlich nicht, sie wrden wie Schafe im
Stalle verbrennen, sondern mitten im Brande wollten sie noch kmpfen.

Nun lese mit Bedacht der Nibelungen Not, schreibt Mone, a.a.O. S.447,
wenn man schaudert ber einen nicht durch Zufall, sondern durch Freiheit
herbeigefhrten Untergang, so mu man erstaunen ber die
Unerschtterlichkeit der Heldenseelen, die der Edelmut ihres Feindes bis zu
Thrnen rhrt, die aber vor keinem Tode, vor keiner Qual zittern, die durch
Not wohl bis zur Grlichkeit getrieben werden, da sie das Blut der
gefallenen Feinde trinken; die aber, weit entfernt sich der Feigheit und
Verzweiflung zu berlassen, lachend den Tod verhhnen, und bis auf den
letzten Hauch ihren Mut bewahren. _Ist je eine Religion geeignet, allem
Schicksal Trotz zu bieten, ist je der Satz der Freiheit zu einer
durchdringenden und groartigen berzeugung geworden, so ist es im
deutschen Glauben geschehen, wo die Welt aus Gottes Freiheit hervorgegangen
und darum durch ihre eigene Freiheit zertrmmert wird. Kein europisches
Volk, selbst die Griechen und Rmer nicht, haben einen Volksglauben von
dieser Gre aufzuweisen._

Der Anfang des Endes wird der Fimbulwinter sein, da fllt Schnee von allen
Seiten, groe Klte, scharfe Winde, kein Blick der Sonne, so folgen drei
Winter nacheinander. Dann folgen drei Jahre voll Krieg, die Menschen
bringen sich untereinander um, der Bruder schont des Bruders, der Vater des
Sohnes nicht.

    Brder werden streiten
    Und einander morden;
    Verwandte werden durch
    Das Blutbad sich trennen.
    Es wird hart in der Welt!
    Der Ehebruch waltet
    Im Zeitalter der Beile,
    Der Schwerter,
    Wo Schilde krachen.
    Es kommt die Windzeit,
    Die Wolfszeit,
    Ehe die Welt vergeht.
    Kein Mann wird sein,
    Der das andere schaut.

Dann verbrennt die Weltesche Yggdrasil, die groe Achse, die Erde und
Himmel zusammenhlt.

Doch lassen wir die Edda selber reden:

Hrymr fhrt von Osten, vor sich hlt er den Schild, Hormungandr wlzet
sich mit Riesenzorn, die Wogen schlgt die Schlange, der Adler schreit und
zerreit die Leichen, Naglfar wird los. Dies Schiff fhrt von Osten, kommen
werden Muspells Leute auf das Meer, und Loki steuert. Der Thorheit Kinder
fahren alle mit Fenrir und ihn begleitet auf der Fahrt Bifrosts Bruder.
Surtur fhrt von Sden mit schweifender Flamme, die Sonne scheint vom
Schwerte der Schlachtgtter; die Erde bebt und alle Gebirge, ausgerissen
werden die Bume, die Felsenberge zerklpften, alle Fesseln und Bande
brechen und reien, das Meer strmt auf das Land, die Riesenweiber strzen
zusammen, Menschen betreten den Hllenweg und der Himmel zerspaltet. Wie
dann mit den Asen, wie dann mit den Alfen? Die ganze Riesenwelt erschallt,
die Asen sitzen im Gericht, die wegweisen Zwerge sthnen vor den
Steinthren. Wisset ihr etwas mehr? Mit gaffendem Rachen kommt Fenrir, der
Oberkiefer steht am Himmel an, der untere auf der Erde, Feuer brennen ihm
aus Augen und Nase, die Midgardschlange blst so viel Gift aus, da alle
Luft und See verpestet wird, sie ist ein grausenhafter Anblick und steht
dem Wolfe zur Seite. Muspells Shne reiten ber Bifrst, Surtur voran, um
ihn brennendes Feuer, worauf die Brcke zerbricht. Sie kommen auf das Feld
Vigride, da erscheinen auch Fenrir, Midgardzormr, Loki mit allem Gesinde
der Held und Hrymr mit allen Hrimthursen.

Die Asen ziehen ihr Kriegskleid an und alle Einherier und reiten hinaus auf
das Schlachtfeld, Odin voran mit dem goldenen Helm, der schnen Brnne und
dem Zauberspie Gungmirs. Ihm zur Seite ziehen Thor und Freyr, keiner kann
aber dem andern helfen, weil jeder die letzte Kraft gegen seinen eigenen
Feind anstrengen mu. Odin kmpft mit Fenrir lang und hart, Thor mit der
Erdschlange, die er mit seinem Hammer erschlgt; aber neun Fu davon fllt
er selbst todt nieder vom Gifte, das sie gegen ihn ausgeblasen. Freyr steht
gegen den Surtur, aber da er sein gutes Schwert weggegeben, so fllt er
nach furchtbarem Streite, Tyr gegen den Hund Garmr und der Kampf mit diesem
Ungeheuer endet mit dem Tode beider. Fenrir verschlingt den Odin lebendig,
aber der gewaltige Sohn Sigfders, Widar tritt mit seinem Schuh dem Ungetm
in den Unterkiefer, zerreit ihm den Rachen, stt ihm sein Schwert ins
Herz und rchet so seinen Vater Odin. Zuletzt fallen Heimdallr und Loki im
Zweikampf, Surtur verbrennt dann die ganze Welt, die Sonne wird schwarz,
die Erde sinkt ins Meer, vom Himmel fallen die heiteren Sterne, Rauch wallt
auf vom Feuer, die hohe Flamme fliegt bis zum Himmel.

                  *       *       *       *       *

Nach diesem Weltuntergang _wird Allvater einen neuen Himmel und eine neue
Erde schaffen_.

Die tiefe esoterische Idee, welche auch der Mythe vom Weltbrande zu Grunde
liegt, ist die der _Wiedergeburt_.

Wenn Himmel und Erde, fhrt die Edda fort, und alle Welt verbrannt ist,
wenn alle Gtter, alle Einherier und alles Menschengeschlecht tot, so wird
jeder Mensch in einer der (neuen) Welten leben alle Zeiten hindurch. Denn
es giebt manche guten und manche bsen Sttten; da sind drei Sle, der des
Sindri-Geschlechtes steht nordwrts von rotem Golde gemacht, der andere ist
ein Biersaal der Riesen, steht auf Okolnir und heit Brimir; in diesen
Slen werden die guten und gerechten Menschen wohnen. Fern von der Sonne
steht der dritte Saal am Leichenstrand (Nastrnd), die Thre gen Norden
gekehrt. Gifttropfen fallen zum Fenster hinein, geflochten ist der Saal von
Schlangenrcken, die Kpfe aber stehen einwrts und blasen Gift aus, soda
Giftstrme durch den Saal flieen, Mrder und solche, die eines anderen
Braut ins Ohr raunen. Da saugt der Nidhggr hingegangene Leichen aus und
zerreit der Wolf die Menschen.

                  *       *       *       *       *

Sindri entspricht dem Urdaborn und ist mit Gold gedeckt zur Anspielung auf
das leuchtende Muspelheim; Brimir ist ein Trinksaal der Riesen zur
Erinnerung an Ymirs Entstehung und entspricht dem Mimirs Born und
Ginnungagap; der Schlangensaal weist auf die Schlangen im Hvergelmir und
Niflheim zurck. Zur Erklrung schreibt Mone (a.a.O. S.468): In der
Schpfung ist Bewutlosigkeit der erschaffenen Wesen, im Leben entwickelt
sich das Bewutsein, darum ist es ein bestndiger Streit zwischen Wahrheit
und Wahn, der Weltbrand ist die Vollendung des Bewutseins. Da die
Lebenspflicht Kampf, und dieser, wie oben gezeigt, sowohl leiblich als
geistig ist, so tritt mit dem Bewutsein die berzeugung von Verdienst und
Schuld und die Notwendigkeit von Lohn und Strafe ein, die drei Sle der
Wiedergeburt sind also die Orte des Lohnes, des Zwischenzustandes oder der
Vorbereitung zum Lohne, und der Strafe (im Christentum Himmel, Fegfeuer,
Hlle), Gedanken, die natrlich bei den drei Brunnen des Lebens noch nicht
vorkommen konnten. Aus den obigen Worten der Edda erhellt, da die guten
Menschen in den Sindri, die gerechten in den Brimir, die sndhaften in den
Schlangensaal kommen. Umsonst wird dieser Unterschied nicht sein, in ihm
liegen folgende Gedanken. Die Gte ist die wahre Tugend, die allein belohnt
wird, die ihr Vorbild am Balder hat, der darum ausdrcklich der Gute
genannt ist. Sie besteht in dem durch sittlichen Kampf errungenen thtigen
Willen zur Tugend, die Gerechtigkeit aber erwirbt durch den Kampf mit dem
Bsen kein greres sittliches Eigentum, sondern bewahret nur ihren Besitz,
wer sich aber feig vom Bsen berwinden lt, der ist ein Snder und
verspielt sein sittliches Vermgen an den Teufel. Derselbe Gedanke ist im
Evangelium durch die Knechte und ihre Talente bezeichnet. Auf drei Snden
wird der Nachdruck gelegt, auf Meineid, Mord, Ehebruch, dieser ist zwar ein
Zusatz, aber so gltig wie die Quelle. Die drei Snden heben die Grundlagen
des Lebens, Wahrheit, Persnlichkeit und Fortpflanzung auf; da die Strafe
im Aussaugen und Zerreien der Leichen besteht, so heit dies mit anderen
Worten, die Snder verlieren in der anderen Welt ihre Selbstndigkeit oder
Persnlichkeit, ihr Krperliches wird aufgelst und in die allgemeine
Materie zurckgeworfen, ihre Seele ist dadurch in der Wanderung gehemmt,
weil ihr Leib, statt vollkommen zu werden, wieder in seine Urstoffe
aufgelst wird. Solche Seelen irren deswegen als Gespenster umher, bis ihre
Strafzeit vorber und sie wieder einen Leib finden. Die Gespenster sind
also eine mikrokosmische Folgerung aus dem Weltbrande und der Wiedergeburt.
Von den Guten heit es nie, da ihr Krper in jener Welt zerstrt wrde, im
Gegenteil haben schon die Einherier einen so vollkommenen Leib, da er
durch Wunden nicht gettet wird, und die Gerechten trinken in voller
Gesundheit Bier im Saale Brimir, whrend Nidhggr Leichen aussaugt, denen
die Seele entflohen (+nair framgeingnir+, Vol.45). Man kann hieraus die
Stufen der Seelenwanderung erkennen: wer nach seinem Tode Einherier wird,
kommt nach dem Weltbrand in den Sindri, wen die Hel verwahrte, der gelangt
in den Brimir, wo Bier getrunken wird wie in Walhall. Also kommen die
Gerechten erst nach dem Weltbrand auf jene Stufe, auf der die Einherier
schon vor demselben standen; die Verbrecher aber, die nach dem Tode an den
Leichenstrand gelangen, gehen nach dem Weltbrand in den Schlangensaal und
mssen die irdische Laufbahn und Prfung von vorn wieder anfangen. Hieraus
folgt, da die Guten nicht mehr auf die Erde zurckkommen, wohl aber die
Gerechten und Bsen, da also die Welt notwendig immer schlechter wird und
die Vorzeit besser war, was beides noch jetzt vielfach deutscher
Volksglauben ist. Es scheint ein altgermanischer Glaubenssatz gewesen zu
sein, da jeder Gerechte und Verbrecher wiedergeboren werde, bis die Welt
untergehe, welcher Snder sich bis dahin nicht gebessert htte, der wrde
in den Schlangensaal kommen. Dies bestrkt auch eine Stelle im Havamal, wo
nur zwei Dinge, der gute Ruf (die Tugend) und der Urteilsspruch ber den
Toten als unsterblich angefhrt werden:

    Mige Weisheit wahre der Mann,
    Er werde nicht allzu weise:
    Wer, was er wei, auch grndlich wei,
    Hat's immer leicht im Leben.
    Mangelt dem Manne Gemt und Verstand,
    Bespat und verspottet er alles.
    Wissen soll er und wei es nicht,
    Da selber nicht frei er von Fehlern.
    Ein Thor nur whnt, man ward ihm Freund,
    Wenn ein Mensch nach dem Munde ihm redet.
    Doch fehlen ihm Frsprecher vor Gericht,
    Dann merkt er, da Mancher ihn tuschte.
    Zum Thoren verschwatz sich, wer Schweigen verlernt
    In lautem losen Gerede.
    Die Zunge, die ohne Zgel rennt,
    Redet sich oft ins Unglck.
    Frh wache, wer wenig Werkleute hat,
    Um selbst nach dem Rechten zu sehen,
    Manches versumt, wer den Morgen verschlft;
    Hurtig ist halb gewonnen.
    Fettling hatte volle Hrden,
    Und die Kinder kaun an den Fingern,
    Reichtum, der falsche Freund verschwand
    So schnell, wie ein Wink der Wimpern.
    Gtig Gemt und munterer Geist
    Hat leichtes, sorgloses Leben.
    Der ngstliche kommt zu keinem Genu
    Und kargt auch scheu mit Geschenken.
    Die Gabe braucht nicht gro zu sein,
    Oft kauft man Dank mit der kleinsten;
    Ein Stckchen Brot und Becher der Rest,
    Gewann mir schon manchen Gesellen.

    Trau nicht zu viel der Frhsaat im Feld,
    Trau nicht zu viel dem Frhwitz beim Kind,
    Die Saat braucht Zeit, Erziehung das Kind,
    Unsichere Dinge dnken sie sonst.
    Trau nicht des Mdchens traulichem Wort,
    Trau nicht des Weibes traulichem Wort,
    Ihr Herz ward geschaffen auf schwingendem Rad,
    Wankelmuts Wohnung ist weibliche Brust.

    Es stirbt das Vieh, es stirbt der Freund,
    Dann soll man selber sterben.
    _Doch nimmer stirbt der Nachruhm dem,
    Der schnen sich geschaffen._
    Es stirbt das Vieh, es stirbt der Freund,
    Dann soll man selber sterben;
    _Eines nur wei ich, das nimmer stirbt;
    Das Urteil ber den Toten_.

Den ferneren Verlauf der Wiedergeburt erzhlen die Urkunden mit vieler
Bedeutsamkeit: Auf steigt die Erde zum zweitenmal, herrlich grn aus dem
Meere, Wasserflle strzen, Adler fliegt darber, fngt Fische an Felsen.
Sich versammeln die Asen auf dem Idafelde, urteilen ber den mchtigen
Staub, erinnern sich an die Machtbeschlsse und an Fimbultyrs alte Runen.
Da werden die Asen die wunderbaren goldenen Tafeln im Grase finden, die in
den Urtagen die Geschlechter hatten, der Volksheer der Gtter und Fjlnirs
Kind. Ungeset werden die Ackerfrchte wachsen, alles bel vergehen, Balder
kommen und bewohnen mit Hdur Hropters Siegessaal und das Heiligtum der
Seelengtter. Da kann Hnir sein Loos whlen und es bewohnen die Shne
zweier Brder das weite Windheim. Schner als die Sonne ist ein Saal mit
Gold gedeckt am hohen Gimli, darin werden gute Seelen wohnen und durch die
Tage der Zeiten Seligkeit genieen. Da kommt der Reiche zum Gttergerichte,
der Starke von oben, der alles regiert, vershnet die Gerichte, schlichtet
die Streite, setzet Wehrgelt, wie es sein soll. Fliegend kommt der dunkle
Drache, die glnzende Natter der Tiefe von den Nithafelsen, Nidhggr trgt
in den Flgeln die Leichen und fliegt ber den Grund.

Nach der jngeren Edda treten Vidar und Vali zuerst nach dem Weltbrand auf,
unversehrt und unbeschdigt von Surturs Flamme bewohnen sie den Idawall, wo
vordem Asgard gewesen. Darauf kommen Thors Shne Mthi und Magni mit dem
Mjllnir, sodann Balder und Hdur von der Hel, alle setzen sich zusammen,
erzhlen einander, erinnern sich an ihre Runen und reden von den
Geschichten, die vorher waren, vom Midgardzorne und Fenriswolf. Da finden
sie im Grase die Goldtafeln, welche die Asen gehabt. Zwei Menschen, Lif und
Lifthrasir, bleiben verborgen im Hgel des Hoddmimir und nhren sich vom
Morgenthau, von ihnen kommt das knftige Menschengeschlecht. Auch die Sonne
gebiert eine Tochter vor ihrem Untergang, welche die Laufbahn der Mutter
einnimmt. Drei Gesellschaften der Jungfrauen des Mavgthrasir schweifen ber
das Land, sie sind allein Schutzgeister derer, die in der Welt sind,
obschon sie bei den Joten erzogen werden. Von den alten Gttern bleibt nur
Njrdr brig, er kommt aber nicht zu den Gttershnen auf das Idafeld,
sondern kehrt nach Wanaheim zurck. Auch der zweite Himmel Andlngr und der
dritte Vidblainn, den die Lichtelfen bewohnen, bleibt von Surturs Flamme
unversehrt. Da die guten Menschen in den Saal Gimli kommen und dieser am
sdlichen Ende des untersten oder ersten Himmels steht, so mu man ihn wohl
als das Thor und den Eingang zu den hheren Himmeln ansehen.

Bei der ersten Geburt der Planetenwelt waren alle Krfte vereinigt, daher
keine Erinnerung, so wird jeder auf diese Welt geboren, er wei nicht, wie
und wo er vorher gewesen. Aber die Einheit der Krfte bleibt in jedem
Menschen ungetrennt (als das Weltganze Ymir gettet wurde), darum blieb die
Selbstndigkeit und Persnlichkeit. Die Stoffe, die zur Wiedergeburt
kommen, sind also nicht eine Masse von Krften, sondern Persnlichkeiten.
Bei der _Wiedergeburt_ bleibt daher die Erinnerung des vorigen Zustandes,
darum heit es, die Asen, die brig bleiben, htten Urteil und Erinnerung
ber die Vergangenheit, jenes bezieht sich auf den mchtigen Weltbaum, die
Materie, welche verurteilt, d.h. aufs neue einer hheren Schpferkraft in
der verjngten Erde gebeugt wird, dieses geht auf die Krafturstoffe, die
Schpfung selbst, welche durch die Zauberei, die Runen Fimbultyrs (Odins)
hervorgebracht wurde (+moldthinur, megin dmar, rnar+ Vol.60). Die
wundersamen Spieltafeln, welche sie finden, sind das Gegenstck zu dem
Spiel der Asen am Anfang der Welt, aber jetzt kommen keine Riesenmgde
mehr, welche die Asen verderben, denn die Tafeln sind schon selbst von
Gold, und die Asen bekommen dadurch keinen Mangel mehr. Darum werden auch
nicht mehr Zwerge geschaffen, die der Fruchtbarkeit des Bodens vorstehen
und die Saat herauftreiben, sondern es heit sogleich weiter, da die
Frchte ungeset wachsen, darum verschwindet auch alles Bse, denn Mh' und
Sorge und Kampf haben aufgehrt. Darum kommt auch Balder und Hdur wieder,
die den irdischen Tod ausgehalten, der Erde sich zum Opfer gebracht, darum
jetzt auch das Heiligtum der Seelengtter bewohnen, wo kein Tod mehr ist.
Von den alten Gttern bleibt niemand brig als Odins Shne und Enkel, in
ihnen ist er wiedergeboren, darum ist ihr berleben im Grunde auch das
seinige. Weil er durch seinen Schpferdrang ganz in die Materie versunken,
so ist er auch dem Untergang ausgesetzt und nur seine reinen Emanationen
Balder die Gte, Vidar die Ewigkeit, Vali die Seele, Havdr die Besserung
berleben ihn.

Der Welttod ist ein Zurckgehen in einen dem ersten Chaos hnlichen
Zustand, die Wiedergeburt eine hhere Schpfung.




Zehntes Buch.

Der Occultismus der barbarischen Vlker.


Nach der von Kiesewetter zu Grunde gelegten Disposition sollte das X. Buch
seines Occultismus des _Altertums_ ber den Occultismus der barbarischen
Vlker handeln. Dem Wunsche des Herrn Verlegers, die Disposition des
verstorbenen Gelehrten zu respektieren und auch dieses X. Buch mit einem
der im Prospekt angekndigten berschrift entsprechenden Inhalt zu
versehen, stemmte sich bei mir zunchst das Bedenken entgegen, da ja doch
als barbarische Vlker im _Sinne des Altertums_ die Mehrzahl der bereits
von Kiesewetter im I. Bande und von mir im II. Bande behandelten Nationen
zu gelten haben. Zweifellos galt dem Griechen und Rmer der Babylonier,
Chalder, Assyrer, Meder, Perser, Inder, gypter und Hebrer (I. Band) und
mehr noch der im II. Bande von mir behandelte Kelte und Germane als Barbar.
Ursprnglich bedeutete Barbar ja wohl nichts anderes als Fremdling. Dieser
Begriff hat sich dann allmhlich mit dem der Unkultur verknpft. Will man
nun den eben genannten Nationen des Altertums einen gewissen Grad von
Kultur nicht absprechen und sie als primitive Kulturvlker gelten lassen,
so kann man allerdings von ihnen noch eine zweite Klasse von Vlkern
selbstverstndlich auch im Altertum unterscheiden, die dann als
barbarische im prgnanten Sinne bezeichnet werden knnten; allein es ist
dabei zu beachten, da dann dieser Begriff doch ein recht relativer und
unsicherer ist. Es scheint noch das Beste, ihn mit demjenigen der
Naturvlker zu identifizieren. Will man dies, so hat es aber eigentlich
keinen Sinn, die Naturvlker des Altertums, von denen wir fast gar nichts
wissen, besonders zu behandeln.

Der Occultismus der Naturvlker berhaupt wrde nun eine
kulturwissenschaftlich gewi dankbare und interessante Aufgabe darstellen,
aber eine solche, die im Rahmen einer Unterabteilung eines Werkes, wie es
im Occultismus des Altertums vorliegt, unmglich ihren entsprechenden
Raum finden kann.

Aus diesem Grunde darf und mu ich mich wohl begngen, hier mit _einigen
Notizen_, wie sie uns in der wenig reichhaltigen und unsicheren alten
Litteratur ber die den Griechen und Rmern bekannten Naturvlker des
Altertums, abgesehen von den schon behandelten, offenbar bereits einen
gewissen Kulturgrad aufweisenden, geboten werden, _aufzuwarten_.

Auf dem Niveau des Naturvolkes haben wir uns augenscheinlich vor allem die
_Skythen_ zu denken, von denen uns Herodot wohl die ltesten fabelhaften
Berichte bringt.

Nach +Mllenhoff, deutsche Altertumskunde III, S.30ff.+ waren die Skythen
Slawen: Da die Slawen erst nach dem Anfang unserer Zeitrechnung als
Ostnachbarn der Germanen genannt werden, so scheint es mglich, da die
Skythen oder Sarmaten, oder wenn beide Vlker eines Stammes, da beide ihre
Ahnen und Vorfahren die West- und Ostslawen waren.

Nach Ansicht anderer Forscher waren es Mongolen. Dies erscheint mir
wahrscheinlicher, obwohl die Frage wissenschaftlich genau schwer zu
entscheiden ist. Sie werden uns nmlich, Mnner wie Weiber, die im ueren
kaum zu unterscheiden waren, als dicke, schlaffe, aufgedunsene Gestalten
geschildert, von braungelber Farbe. Ihre Kleidung, Winter und Sommer
dieselbe, bestand aus weiten Hosen, Grteln oder Wehrgehenken und spitzigen
oft bis auf die Schultern herabhngenden Mtzen. Offenbar ist die von
Herodot geschilderte Kopfbedeckung dieselbe, die jetzt noch bei den
Baschkiren und Kirgisen blich ist. Ihre Nahrung war hchst einfach und
bestand aus den Fleisch ihres Herdenviehs, auch der Pferde, das noch jetzt
bei Kalmcken und Baschkiren als Leckerbissen gilt, und vor allem aus
Stutenmilch, aus der sie auch Butter und Kse bereiteten, wie noch jetzt
jene Steppenvlker. Wenn Herodot erzhlt, da sie dem Weingenu sehr
ergeben waren, so kann dies nur das aus Stutenmilch bereitete berauschende
Getrnk gewesen sein, jener Milchbranntwein, der noch jetzt bei den
Kalmcken beliebt ist. -- Sie bauten unter anderem mit Vorliebe Hanf,
dessen sie sich zu den bei ihnen blichen Schwitzbdern bedienten.

Stdte und Festungen haben die Skythen nicht, ihre wandernden Wohnungen
befinden sich vielmehr auf kleinen vier- oder sechsrdrigen mit zwei oder
drei Paar Ochsen bespannten und mit Filz bezogenen Wagen (+Herodot
IV,46+), also eine treue Schilderung der heutigen Kibitken der nomadischen
Steppenvlker, in welchen Weiber und Kinder den ganzen Tag ber hocken,
whrend die Mnner zu Pferde umherschweifen.

Nach +Herodot I, 215+ lebten sie monogamisch, und nur die Knige hatten
noch Nebenweiber; nach +Hippokrates, I, 1, p.560+ aber lebten sie
polygamisch, sofern sie sich der Sklavinnen als Nebenweiber bedienten,
brigens war nach Hippokrates teils wegen des bestndigen Reitens der
Mnner und der sitzenden Lebensweise der Frauen, teils wegen der ganzen
Krperkonstitution berhaupt, ihr Fortpflanzungstrieb sowohl als ihre
Zeugungskraft sehr gering.

Ihre Verfassung war monarchisch; und zwar herrschte ber smtliche Skythen
_ein_ Knig; doch scheinen unter demselben auch Unter-Knige ber die
einzelnen Stmme geherrscht zu haben.

Die _Religion_ der Skythen war ein primitiver Polytheismus. Herodot nennt
uns folgende Gtternamen: %Papaios% (Papa= Zeus), %Thamimasadas%
(=Poseidon), dem blo die kniglichen Mythen opfern, %Oitosyros%
(=Apollo), %Artimpasa% (=Afrodite), %Tabiti% (=Hestia), und %Apia%
(=Gla) und bemerkt, da sie auerdem noch den Ares und Herakles, am
meisten aber unter allen die Vesta und nchst ihr den Zeus und die Erde
verehrt htten, whrend nach anderen Angaben der Kultus des Ares (dessen
skythischen Namen er nicht nennt) der verbreitetste war. Diesem brachten
sie unter dem Symbol eines auf einem ungeheuer groen Gerste von Reisig
aufgestellten eisernen Schwertes feierliche Opfer, und zwar mit Vorliebe
_Menschenopfer_. Von besonderen Priestern ist nirgends die Rede. Dagegen
spielen _Wahrsager_ eine wichtige Rolle. Diese, die augenscheinlich den
heutigen _Schamanen_ entsprechen, beschreibt +Herodot IV, 6. 7. 68+ wie
folgt: Wahrsager haben die Skythen viele, die wahrsagen aus einer Menge
Weidenruten auf folgende Art: sie bringen groe Bndel Ruten herbei, die
legen sie auf die Erde und machen sie auseinander und legen jede Rute
besonders und nun weissagen sie. Und indem sie also sprechen, wickeln sie
die Ruten wieder zusammen und legen sie wieder auf einen Haufen, eine nach
der anderen. Das ist ihre Weissagung von ihren Vtern her; die Enareer
aber, die Mannweiber, wollen ihre Wahrsagung von der Aphrodite haben. Sie
wahrsagen aber aus Lindenrinde. Die Rinde nmlich schneidet er in drei
Stcke und flicht sie sich durch die Finger und wickelt sie wieder ab, und
dann sagt er seinen Spruch. Wenn aber der Knig der Skythen krank wird, so
lt er drei der angesehensten von allen Wahrsagern zu sich rufen, die ihm
auf die beschriebene Art wahrsagen. Und sie sagen gewhnlich immer, der und
der, und dabei nennen sie dann einen Brger, der bei des Knigs Hausgttern
einen falschen Schwur gethan htte. Es ist aber allgemeiner Brauch bei den
Skythen, bei des Knigs Hausgttern zu schwren, wenn sie einen recht hohen
Schwur thun wollen. Alsobald wird der, den sie des Meineides geziehen,
ergriffen und vorgefhrt, und wenn er ankommt, sagen ihm die Wahrsager auf
den Kopf, es wre offenbar aus der Wahrsagung, da er einen falschen Schwur
gethan bei des Knigs Hausgttern, und deswegen wre der Knig krank und
beklagte sich bitterlich. Der aber leugnet und sagt, er habe nicht falsch
geschworen. Und wenn dieser leugnet, so lt der Knig ein Paar andere
Weissager holen, und wenn nun auch diese, nachdem sie in die Wahrsagung
gesehen, ihn des Meineides verurteilen, so schneiden sie jenem gleich den
Kopf ab, und seine Gter teilen die ersten Wahrsager unter sich. Wenn aber
die dazu berufenen Wahrsager ihn freisprechen, so mssen andere Wahrsager
kommen, und immer wieder andere. Wenn nun die meisten Stimmen den Menschen
freisprechen, so trifft jene ersten Wahrsager selber das Todesurteil. Man
bringt dieselben nun auf folgende Art zu Tode: Sie packen einen Wagen voll
Reisig und spannen Ochsen davor und binden den Wahrsagern die Fe und
binden ihnen die Hnde auf den Rcken und knebeln ihnen den Mund zu und
stecken sie mitten in das Reisig. Dann znden sie dasselbe an und machen
die Ochsen wild und jagen sie von dannen. Viele von den Ochsen nun
verbrennen mit den Wahrsagern, viele aber kommen mit einer Versengung
davon, wenn die Deichsel verbrannt ist. Auf diese Art verbrennen sie auch
aus anderen Grnden die Wahrsager und nennen sie Lgenwahrsager. Die aber
der Knig umbringen lt, deren Shne werden auch nicht verschont, sondern
das, was mnnlich ist, ttet er; den Weibern aber thut er nichts zu Leide.

                  *       *       *       *       *

Offenbar haben wir hier dieselbe Rolle, welche noch heute bei den
afrikanischen Negern der Fetischpriester spielt. Diejenigen, die neuerdings
den Gebrauch sog. Medien, hypnotisierter oder somnambuler angeblicher
hellsehender Individuen oder auch nur des Hypnotismus zur Erzwingung von
Gestndnissen im Dienste der Polizei und Kriminalrechtspflege vorgeschlagen
haben, ahnen schwerlich, zu welchen primitiven Brutalitten des sog.
Gottesurteils sie damit die Rechtspflege zurckfhren wrden.

Aus dem Volke der Skythen hat die griechische Litteratur zwei Namen die
Unsterblichkeit gesichert, weil ihre Trger nach Griechenland kamen und
dort durch den Kontrast ihrer Naturwchsigkeit mit der griechischen Kultur
Aufsehen erregten, _Toxaris_ und _Anacharsis_. Beide sollen zur Zeit Solons
nach Athen gekommen sein. Toxaris ist durch ein Gesprch Lukians, das
jedoch wohl mehr den bloen Namen zur Etikette eigener witziger Einflle
gebraucht, verewigt. Geschichtlicher erscheint die Persnlichkeit des
Anacharsis, der sogar zu der Ehre gelangte, den sog. sieben Weisen
beigezhlt zu werden.

Anacharsis war der Sohn des Skythenknigs Gaurus und einer griechischen
Mutter, von letzterer mit der griechischen Sprache bekannt gemacht, verlie
er sein Vaterland, das am schwarzen Meere lag, und begab sich (589 v.Chr.)
nach Athen. Hier soll ihn sein Landsmann Toxaris mit Solon bekannt gemacht
haben, und die Reinheit seiner Sitten, sein Scharfsinn, seine Wibegierde
soll ihn so beliebt gemacht haben, da er das athenische Brgerrecht
erlangte. Ja, er soll sogar in die eleusinischen Mysterien eingeweiht
worden sein. Nach Herodots Erzhlung kam er nach seiner Rckkehr ins
Vaterland durch die Hand seines eigenen Bruders Saulius, der inzwischen
Knig geworden war, ums Leben, weil er durch seine Neigung zu den Mysterien
Mifallen erregte.

Unter den naiven Aussprchen, durch die er in Athen Aufsehen erregte, sind
folgende bemerkenswert: Solons Gesetze nannte er Spinnweben, worin die
Schwachen sich fingen, die aber die Starken leicht zerrissen. ber die
Einrichtung, wichtige Angelegenheiten von den Prytanen untersuchen zu
lassen, ehe sie an die Volksversammlung gebracht wrden, bemerkte er, da
demnach die Klugen beratschlagten und die Dummen entschieden. Der
Weinstock, sagte er, trgt dreierlei Trauben, die Trunkenheit, die
Wollust und die Reue. Als ihm jemand seine Herkunft aus Skythien vorwarf,
erwiderte er: Du hast Recht, mir gereicht mein Vaterland, Du aber
gereichst Deinem Vaterlande zur Schande. Die Abbildungen, die sich von ihm
auf alten Kunstdenkmlern finden, tragen die Inschrift: +Linguam, ventrem,
veretrum, contine.+[874]

                  *       *       *       *       *

Bekanntlich bildet seine Figur den Gegenstand der geistvollen +voyage
d'Anacharsis+ von J. J. Barthlmy, welche 1788 erschien und zu den
beliebtesten Schriften gegen Ende des vorigen Jahrhunderts zhlte.

                  *       *       *       *       *

Ausdrcklich unterscheidet Herodot von den Skythen, welche der Perserknig
Darius bekriegte, die ebenfalls nomadischen _Massageten_, im Kampf gegen
welche Kyros fiel.

Wahrscheinlich waren dies die Vorfahren der Turkomannen; ihr Gebiet lag
zwischen dem Aralsee und dem Kaspischen Meere.

ber die Religion derselben berichtet er nur, da sie die Sonne anbeteten,
der sie mit Vorliebe Pferde opferten, weil man dem schnellsten Gott das
schnellste Geschpf darbringen msse.

Anscheinend lebte dieses Volk noch zur Zeit des Herodot im Zustande des
sog. Mutterrechts. Denn es herrschte bei ihnen als Knigin ein Weib, zur
Zeit des Kyros die Tomyris, die des gefallenen Kyros Kopf in einen Schlauch
mit Menschenblut tauchen lie mit den Worten: Nun sttige dich endlich in
Menschenblut.

Ein jeglicher, schreibt Herodot, freit ein Weib, aber doch sind die
Weiber Gemeingut. Denn was die Hellenen von den Skythen erzhlen, das thun
nicht die Skythen, sondern die Massageten. Nmlich, wenn ein Massaget Lust
hat zu einer Frau, so hngt er seinen Kcher an den Wagen und beschlft
sie ohne alle Scham.

Sehr zweifelhaft ist die Rassenqualitt der _Geten_.

Man hat diese vielfach mit dem germanischen Volke der _Gothen_
identifiziert; allein Mllenhoff (+a.a.O. S.125ff.+) hat wohl
ausreichend nachgewiesen, da die Grnde dafr nicht stichhaltig sind, da
vielmehr ihre Verwandtschaft mit den Slawen, wenn auch allenfalls nicht
streng erweislich, doch wahrscheinlicher ist. Die Geten waren eine
thrakische Vlkerschaft auf der Nordseite des Haemus bis zur Donau und
werden zuerst von Herodot (+IV, 93-96+) erwhnt. Herodot kennzeichnet sie
als die sich fr unsterblich haltenden -- %tous athanatizontas% -- und
dieses Epitheton wurde spter fast zu einem Beinamen fr sie. Sie meinen,
sagt Herodot, da sie nicht sterben, sondern mit dem Tode zum Gott
(%daimn%) _Zamolxis_ kommen; einige von ihnen halten diesen fr
Gebeleizis. Alle fnf Jahre senden sie einen Boten, den sie durch das Los
erwhlen, an den Zamolxis ab und tragen ihm ihr jedesmaliges Anliegen auf.
Dies machen sie so: Einige stellen sich mit drei Speeren hin, andere fassen
den Abzusendenden, nachdem er seinen Auftrag erhalten, an Hnden und Fen
und werfen ihn in die Hhe auf die Lanzen; stirbt er, so scheint der Gott
gndig zu sein; stirbt er nicht, so schelten sie den Boten einen schlechten
Mann und senden einen Andern ab. Dieselben Thraker, setzt Herodot noch
hinzu, schieen mit Pfeilen gegen Donner und Blitz, hierauf gegen den
Himmel und drohen dem Gott (Zeus), indem sie glauben, es gebe keinen
andern, als den ihrigen. -- Die Griechen am Hellespont und Pontus hatten
von Zamolxis schon ein halbes Mrchen ausgebildet: er sei in Wahrheit ein
Sklave des Pythagoras auf Samos gewesen, habe nach seiner Freilassung viele
Schtze erworben und zurckgekehrt in sein Vaterland seine rohen Landsleute
mit den Annehmlichkeiten des griechischen Lebens bekannt gemacht. Aber
indem er einen Saal gebaut und die vornehmsten des Landes darin bewirtete,
habe er sie zugleich belehrt, da sie und ihre Nachkommen nicht strben,
sondern dereinst an einen Ort kmen, wo sie in Ewigkeit sein und alles Gute
haben wrden. Um sie davon zu berzeugen, htte er sich drei Jahre lang in
einem unterirdischen Gemache verborgen gehalten, whrend welcher Zeit die
Thraker ihn wie einen Verstorbenen vermit und betrauert, dann aber sei er
im vierten Jahre wieder zum Vorschein gekommen. Ich will, sagt Herodot 4,
96, dagegen gerade nicht unglubig sein, aber auch nicht zu sehr daran
glauben; ich meine, da Zalmoxis um viele Jahre frher war als Pythagoras.
Ich lasse es aber gut sein, ob er ein Mensch war oder ob er ein bei den
Geten einheimischer Gott ist. Da diese Erzhlung abgesehen von den
Elementen des getischen Volksglaubens, die sie aufnahm, im wesentlichen
eine Erfindung der Griechen ist, liegt auf der Hand, es mte denn Zamolxis
die Fremden in das Geheimnis eingeweiht haben, das seine Landsleute
berfhren und tuschen sollte. War der Kern der getischen Religion ein
eigentmlicher Unsterblichkeitsglaube, so lag fr die Griechen der Gedanke
an Pythagoras, den Unsterblichkeits- und Metempsychosenlehrer, nahe, und
die Vermittelung konnte dann nicht natrlicher als durch einen thrakischen
Sklaven geschehen sein. Den Gott aber mochte man um so eher als Menschen
auffassen, weil offenbar ihre Glaubensstze bei den Geten selbst fr seine
Lehren und Satzungen galten. Platon im +Charmides p.157+ lt den aus dem
Heerlager vor Potidaea zu Anfang des peloponnesischen Krieges heimkehrenden
Sokrates sagen, er habe dort im Heere von einem der thrakischen rzte des
Zamolxis -- so lautet der Name bei allen sptern -- die ja, wie man sage,
sogar unsterblich machen knnten, einen Krankheitssegen kennen gelernt. Es
sagte dieser Thraker, da die hellenischen rzte Recht htten, wenn sie
behaupteten, _ein Glied knne, ohne da man zugleich den ganzen Krper in
Behandlung nehme, nicht geheilt werden_. Aber Zamolxis, unser Knig, der
ein Gott ist, sprach er, sagt, da wie man die Augen nicht ohne den Kopf
und den Kopf nicht ohne den Leib zu heilen anfangen mu, so auch nicht den
Leib ohne die Seele; denn alles gehe von der Seele aus, Gutes und Bses;
die Segen aber und Lieder, mit denen man die Seele behandeln msse, das
seien gute Lehren. Und weiterhin +p.158+ heit es noch wenn Du nchtern
und mig bist, so bedarf es weder der Segen des Zamolxis noch der des
hyperboreischen Abaris. Mag die Anekdote wahr oder erst von Plato erfunden
sein, so setzt sie die Vorstellung von einem Lehrmeister Zamolxis voraus.
Bei Diodor 1, 94, dessen Quelle hier aller Wahrscheinlichkeit nach die
Aegyptiaca des Hecataeus von Abdera (um 320) waren, stehen daher auch
Zamolxis und die %koin Hestia%, die gemeine Herdgttin, bei den
sogenannten Geten, die unsterblich machen, neben Zoroaster, Moses und
hnlichen Nomotheten. Mnaseas von Patrae (um 200) sagte, da die Geten den
Kronos, d.h. den Herrscher im goldenen Zeitalter und ber die Inseln der
Seligen (+D.A. 1, 63f.+) verehrten und ihn Zamolxis nannten, +Mller
T.H.G. 3, p.153+, vgl. +Diog. Laert. 8, 1+; +Hesych. s. v. Zamolxis+,
ferner +Strabo p.297f.+ Endlich finden wir aus einer unbekannten Quelle
eine Relation, die zwar in Betreff des Pythagoras mit der Erzhlung der
pontischen Griechen bei Herodot bereinstimmt, ja sogar die Reisen des
Zamolxis bis gypten ausdehnt, im brigen aber selbstndig und offenbar aus
unmittelbarer Kunde den Bericht Herodots ergnzt. Es wird erzhlt, ein Gete
namens Zamolxis habe dem Pythagoras als Knecht gedient und von ihm einiges
von der Himmelskunde erlernt, anderes von den gyptern, bis zu welchen er
streifte. Nach Hause zurckgekehrt, sei er von den Frsten und dem Volke
hoch geehrt, da er ihnen die Vorzeichen vorhersagte; zuletzt habe er den
Knig beredet, ihn zum Genossen seiner Herrschaft anzunehmen als einen, der
den Willen der Gtter zu verkndigen im Stande sei. Anfangs sei er nur zum
Priester des am meisten bei ihnen geehrten Gottes bestellt, darnach selbst
Gott genannt worden. Er habe sich in einer allen andern unzugnglichen
Hhlenfeste angesiedelt und dort gelebt, wenig in Verkehr mit der
Auenwelt, nur mit dem Knige und seinen Dienern. Der Knig aber habe mit
ihm zusammengehalten, weil er gesehen, da die Leute ihm viel besser als
frher gehorchten, seit er seine Befehle nach dem Rate der Gtter erteilte.
(Diese Sitte dauerte fort sogar bis auf unsere Zeit, indem sich immer
einer fand, der dem Knige als Rat zur Seite stand und bei den Geten Gott
hie.) Auch der Berg wurde heilig gehalten und so benannt; er heit aber
%kgaionon%, wie der vorbeiflieende Flu. Es ist schon von Mannert (+alte
Geogr. 2. 203+) und Uckert (+Skythien S.602+) bemerkt, da diese Stelle --
etwa bis auf den eingeklammerten Satz, der mindestens eine Modifikation von
Strabos Hand erfahren hat -- auf die alten Geten am Haemus, nicht aber wie
Strabo meint auf Daken zu beziehen ist. Sieht man von der
pragmatisierenden, euhemeristischen Auffassung ab, -- denn diese bleibt,
auch wenn man mit Herodot die Frage, ob Zamolxis ein Gott oder ein Mensch
gewesen, unentschieden lt, was bei dem Stande der berlieferung in der
That das Rtlichste scheint, sie sieht so aus als wenn Zamolxis dem hhern
Gott Gebeleizis nur substituiert, nicht eine Hypostase in mythologischem
Sinne von ihm ist, -- so ergiebt sich die Thatsache, da wie fr die
Thraker sdlich von Haemus bei den Bessern oder freien Thrakern ein
Heiligtum und Orakel des Dionisos (+Herod. 7, 111+, vgl. +Thuc. 2, 96+,
+Plin. 4. 40+, +Strabo p.318, 331 fr.48+, +Sueton Aug. 94+, +Dio 51,
25+), so bei den Geten auf der Nordseite des Gebirges und fr die zu ihnen
gehrenden Vlkerschaften ein hnliches des Zamolxis bestand. Antonius
Diogenes (bei +Phot. cod. 166 p.110 Bekk.+) erzhlte, da Astraeus, ein
Genosse des Zamolxis, zu diesem, als er schon bei den Geten fr einen Gott
galt, mit zwei andern gereist sei und da diese Orakel ber ihr Geschick
erhalten htten, da Astraeus aber beim Zamolxis zurckgeblieben und von
den Geten hochgeehrt sei. Der Name Astraeus soll wohl die Stern- und
Himmelskunde des Gottes andeuten, die bei Strabo ihm zugeschrieben wird.
hnlich bezieht sich auf eine andere Seite seines Wesens wohl die Hestia,
die wie wir sahen bei Diodor neben ihm steht; +Suidas s.v.+ nennt sogar
eine Gttin Zamolxis.

Da ihm ein vollstndiger Kultus zu teil wurde, erhellt nicht nur aus dem,
was Herodot mitteilt, sondern auch aus einer Stelle in der +vit. Pythagor.+
des Porphyrius 14, 15, die sich offenbar noch auf echte alte
berlieferungen sttzt, es wird hier nmlich ganz der herrschenden
Auffassung des Zamolxis als eines Nomotheten gem die ganze Einrichtung
des Kultus auf ihn selbst zurckgefhrt. Pythagoras hatte einen Sklaven,
den er aus Thrake gekauft, Zamolxis mit Namen; denn ihm war bei seiner
Geburt ein Brenfell bergeworfen, die Thraker aber nennen ein Fell
%zalmos%. Pythagoras hatte ihn lieb und unterwies ihn in der Lehre von den
himmlischen Dingen -- %tn meteron therian%--, auch in allem was das
Opferwesen und sonst den Gtterdienst angeht. Einige aber sagen, da er
auch Thales geheien habe. Als Herakles verehren ihn die Barbaren.
Dionysiphanes (ein unbekannter Schriftsteller) gibt an, er sei zwar des
Pythagoras Knecht gewesen, aber Rubern in die Hnde gefallen und
stigmatisiert habe er sein Angesicht verbunden wegen der Male; einige
sagen, da der Name Zamolxis bedeute fremder Mann. Wie es sich auch mit
diesen Deutungen verhalten mag -- die durch %zalmos% -- (sanskr.
+tscharma+, griech. %derma%?) rechtfertigt jedesfalls die herodoteische
Namenform %Zalmoxis%--, so giebt Hesychius +s.v.+ noch an, da nicht nur
ein Name fr Kronos, sondern auch fr einen Tanz und fr ein Lied oder
einen Gesang gewesen, was ebenfalls auf den Kultus hinweist und sich nur
aus den Anrufungen des Gottes bei den ihm zu Ehren angestellten Tnzen und
Gesngen erklrt. Was sonst noch bei Lucian, Julian, den Kirchenvtern und
andern ber Zamolxis vorkommt, ist ohne Wert, da es kaum etwas Neues und
Eigentmliches bietet, was nicht auf eine miverstndliche oder ungenaue
Auffassung der Angaben Herodots sich zurckfhren liee. Man findet die
Stellen sowie die Ansichten und Meinungen der neueren sehr vollstndig
nachgewiesen in der Dissertation +de Zamolxide von Athan. Serg.
Rhonsopoulus (Gottingae 1852)+.

Nchst dem Zamolxisdienste soll den Griechen an den Geten besonders ihre
Vielweiberei und Unmigkeit in der Geschlechtsliebe aufgefallen sein.
Hecataeus von Milet soll dafr der erste Zeuge sein, indem er (+fr.144+)
das homerische Kabesos (+II, 13,363+) auf die gleichnamige Stadt jenseits
des thrakischen Haemus deutete, doch S. Meineke zu Steph. Byz. 344. 15.
Herodot 5, 5. 6 und Heraklides Ponticus (Polit. 28), beides vollgltige
Zeugen (vgl. +Xenoph. Anab. 7, 2,38+), schildern aber die Vielweiberei und
was damit zusammenhngt als allgemein thrakische Sitte und der Komiker
Menander bei +Strab. p.297+ lt seinen getischen Sklaven auch nur als
Thraker sprechen:

    Die Thraker alle, doch wir Geten zu allermeist,
    (Denn ich selbst berhme mich von dort entstammt zu sein),
    Wir sind nicht sehr enthaltsam!
    Denn unter uns heiratet keiner unter zehn,
    Elf Frauen, auch zwlf und noch mehr. Wer erst vier
    Oder fnf genommen hat und stirbt, der heit bei uns
    Zu Land ein ehelos armer, unbeweibter Mann.

                  *       *       *       *       *

Noch viel zweifelhafter und dunkler ist alles, was die Alten von noch
hher nach Norden belegenen Erdstrichen und den dort wohnhaften Vlkern,
den Kimmeriern und vor allem von den _Hyperborern_ zu berichten wissen.
Vielleicht kann man als Hyperborer die Bewohner Skandinaviens gelten
lassen. Ein Hyperborer soll der mythische _Abaris_ gewesen sein, der
angeblich etwa um das Jahr 570 v.Chr. (Lobeck) nach Griechenland kam, wie
erzhlt wird, durch eine ihm von Apollo gegebene Offenbarung veranlat. Er
soll mit Pythagoras bekannt geworden sein. Als Abaris von den
Hyperborern, unerfahren in der hellenischen Bildung und Sprache schon in
Jahren vorgerckt ankam, so fhrte ihn Pythagoras nicht durch mannigfache
Betrachtungen in seine Geheimwissenschaft ein, sondern statt des
Stillschweigens und des so lange Zeit ntigen Zuhrens und der brigen
Prfungen machte er ihn schnell durch ein abgekrztes Verfahren zum Anhren
seiner Lehrstze geschickt und lehrte ihn die Schrift ber die Natur und
die andere ber die Gtter in aller Krze verstehen. (+Jamblichus, de vita
Pythagor. 136.+) Abaris erregte nicht nur durch seine fremde Kleidung,
sondern mehr noch durch seine occultistischen Gaben groes Aufsehen in
Griechenland. Er zog, wie Epimenides, wahrsagend und Orakel sprechend
umher, trat als Shner auf, befreite Sparta von einer Pest und heilte viele
Krankheiten durch seine Zaubergesnge. Ja, es wird berichtet, da er auf
einem von Apollo empfangenen Pfeile die Luft durchflog, berhaupt ein
Luftwandler (%aithrobats%) war.

Toland vermutet daher, er sei ein Druide gewesen, und die Hyperborer seien
auf den Hebriden zu suchen. Dagegen mchte Creuzer (+SymbolikII, Anhang+)
ihn zu einer bloen Personifikation der aus den Kaukasuslndern
hergekommenen Schrift verflchtigen. Der Pfeil soll die Rune sein, der
Pfeilfahrer Abaris= Runa, Seher, Schreiber. Dazu bemerkt mit Recht
Guigniaut in seiner franzsischen bersetzung des Creuzerschen Buchs: +Nous
ne nous dissimulons pas que cette interpretation du mythe d'Abaris est
singulirement hasarde.+

                  *       *       *       *       *

Mehr ethnographisch und kulturhistorisch als occultistisch interessant sind
die Mitteilungen der Alten, insbesondere Herodots ber andere jenseits des
den Griechen bekannten +orbis terrarum+ wohnhaften Naturvlker, so z.B.
die _Taurer_, die wegen ihrer Menschenopfer gefrchtet waren, die
Agathyrsen, die ppigsten Menschen; mit ihren Weibern begatten sie sich
alle gemeinschaftlich, damit sie aller Brder sind und als Blutsverwandte
weder Neid noch Feindschaft wider einander hegen. (+Herodot I,104.+) Auch
die Neurer werden als gefrchtete Zauberer genannt; denn die Skythen
erzhlten von ihnen, da in jedem Jahre ein Neurer ein Wolf wird auf wenige
Tage und dann nimmt er wiederum seine alte Gestalt an. Ich glaube dies zwar
nicht, aber sie sagen es nichts destoweniger und schwren darauf.
(+Herodot I,105.+)




FUSSNOTEN:


[1] +F. Lenormant: Die Geheimwissenschaften Asiens. Jena 1878. S.23.+

[2] +II. 30.+

[3] +Western Asia Inscriptions. IV. 33. Z. 36-48.+

[4] Speziellen Nachweis gab ich in meinem +Faustbuch, S.153ff.+

[5] Der Hllengttin.

[6] Diese Vorstellung kommt bekanntlich auch im Hexenwesen vor.

[7] dito.

[8] +Vgl. Jesaias 13, 21.+

[9] Die Krankheit wurde von den A. zuweilen als persnliches Wesen gedacht.

[10] Punkte bedeuten Verstmmelungen des Urtextes.

[11] Eas Gemahlin.

[12] Vgl. den die gypter behandelnden Abschnitt.

[13] +Western Asia Inscriptions. IV. 16. 2.+

[14] Beiname Eas.

[15] +Western Asia Inscriptions. IV. 6. Col. 5.+

[16] +I. 181.+

[17] +Western Asia Inscriptions. IV. 3. Col. 2. Z. 3-26.+

[18] Demnach wurde die magische Heilkunde auch von Frauen ausgebt.

[19] D.h. man magnetisierte die Kameelshaut wie heute zu Tage Papier oder
Watte.

[20] Auch hier begegnen wir einer Transplantation der Krankheit in die
Elemente.

[21] +Jes. 34. 13, 14.+

[22] Nergal.

[23] dito.

[24] +um-uruk.+

[25] Tiamat.

[26] +Essai de commentaire des fragments cosmogoniques de Brose.+

[27] +II. 30.+

[28] +Western Asia Inscriptions. IV. 56. Col. 1.+

[29] +Western Asia Inscriptions. IV. 56. Col. 2.+

[30] Also die Zauberei mit den ausgeschnittenen Fustapfen wie im
Mittelalter.

[31] Nestelknpfen.

[32] +Slane: Prolegomnes d'Ibn Chaldn. T. I. p.177.+

[33] Vgl. in meinen +Geheimwissenschaften S.636ff.+ die von Paracelsus und
Carrichter geschilderten Hexenknste.

[34] +Western Asia Inscriptions. IV. 7.+

[35] Vgl. Dantes: +Lasciate ogni speranza voich'entrate+.

[36] D.h. die Sonne whrend ihrer nchtlichen Wanderung.

[37] Der Feruer entspricht also ungefhr dem transscendentalen Subjekt du
Prels.

[38] +II. 30.+

[39] +Sanch. 42. Ed. Orelli.+

[40] Saturn entsprach schwarz, Jupiter blau, Mars roth, der Sonne gelb,
Venus grn, Mercur grau oder bunt und dem Mond wei.

[41] +Origenes contra Celsum. VI. S.646.+

[42] +Western Asia Inscriptions. III. 52. 3.+

[43] +II. 29.+

[44] +De Divinatione. I. 41.+

[45] +Prediger Salomonis. X. 20.+

[46] +Hesekiel. XXI. 26.+

[47] +Deuteron. 18. 11.+

[48] +Cicero: De Divinatione. I. 43. II. 35.+

[49] +Loc. cit. 41.+

[50] +Loc. cit. I. 33.+

[51] +Loc. cit. II. 23.+

[52] +Levit. XIX. 26.+

[53] +Jerem. X. 2.+

[54] +Hist. nat. II. 70. 81. II. 20. 18. 43. 52. 17.+

[55] +Johannes Lydus: De ostentis. 21. S.86. Ed. Kase.+

[56] +Lenormant: Choix de textes cuniformes. Bd. IV.+

[57] +Plinius: Hist. nat. 52. 53.+

[58] +Mller: Die Etrusker. Bd. II. S.162-178.+

[59] +Plinius: Loc. cit.+

[60] +II. 30.+

[61] +De operatione Daemonum.+

[62] Also hnlich wie die spiritistischen Klopflaute.

[63] +Psellus: De operatione Daemonum.+

[64] +Richt. IX. 37.+

[65] +II. Sam. V. 25.+

[66] +Richt. IV. 5.+

[67] +Macrob. Saturn. II. 16.+

[68] +Apud. Phot. Bibl. cod. 94. Ed. Becker.+

[69] +De re rustica. III. 17. 4.+

[70] +Cicero: De Divinatione. II. 46.+

[71] +Western Asia Inscriptions. III. 562.+

[72] In meinem +Faustbuch+ und den +Geheimwissenschaften+.

[73] +Ant. Jud. IV. 14. 2.+

[74] +Herodot I. 132.+

[75] +Inschrift von Behistan. Taf. I. 10-14.+

[76] +I. 131. III. 16.+

[77] +Damascius: De principiis. 125.+

[78] +De Is. et Osir. Ed. Reiske. S.369.+

[79] +VII. 114.+

[80] +I. 103. 120. VII. 19.+

[81] +De vit. philos. prooem. 6.+

[82] +Plinius: Hist. nat. XXX. 2.+

[83] +Loc. cit. XXX. 5.+

[84] +Nach Kleukers Zendavesta. Th. III.+

[85] Vgl. die biblische Wurzel Jesse, ferner +4Mos. 24. 17+ und
zahlreiche Parallelen aus der Geburtsgeschichte Christi.

[86] Symbol der Mondsichel. Auch in der jdischen Geheimlehre ist Michael
der Erzengel des Mondes.

[87] +Vgl. Jes. 7, 14.; Ev. Matth. 1, 20-23.; Luc. 1, 31ff.+

[88] +Vgl. die Offenbarung Johannis.+

[89] Duzakh ist der Aufenthaltsort der Verdammten und Dews. Doch wird am
Ende der Welt Ahuramazd den Duzakh vernichten. +Vendid. Farg. XIX. II.
No.XVIII.+

[90] Vgl. das oben ber die Wahrsagung aus Neugeborenen Mitgeteilte.

[91] +Izeschn, Ha. 42.+

[92] +Vendid. Farg. 19.+

[93] Kurzweg Teufel.

[94] Also in Wirklichkeit vielleicht der Oberste der medischen Magier.

[95] Man bemerke die Parallele zu Herodes.

[96] Jupiter.

[97] Venus.

[98] Der zweite Amschaspand.

[99] Wahrscheinlich Darius Sohn des Hystaspes.

[100] +Zerduscht-nameh. Kap. 14.+

[101] Nach der Tradition wurde Zoroaster 77 Jahre alt. Kleuker setzt seine
Geburt in das Jahr 589.

[102] Ich krze hier Kleukers weitlufige Darstellung der Tradition ab.
Beim bergang ber den Araxes verrichtete Zoroaster ein hnliches Wunder
wie Moses, indem er nmlich seine Anhnger trockenen Fues durch den Flu
fhrte.

[103] Dieses Fest wurde whrend der fnf letzten Tage des Jahres gefeiert.

[104] Zoroasters Vetter.

[105] Der zweite Monat des Jahres.

[106] Der fnfzehnte Tag.

[107] Das kaspische Meer.

[108] +Zerduscht-nameh. Kap. 21.+

[109] +Vendid. Farg. 19.+

[110] +Zerduscht-nameh. Kap. 22.+ Die Amschaspands entsprechen den
Planetengttern und Erzengeln.

[111] +A.a.O., Kap. 25.+

[112] +A.a.O., Kap. 59.+

[113] Nach Bahman-Jescht bat Zoroaster Ahuramazd zweimal um
Unsterblichkeit.

[114] +Zerduscht-nameh. Kap. 60 u. 61.+

[115] Nach der Tradition Djemschid, der sich am Schlu seiner Regierung
wollte anbeten lassen.

[116] +Zerduscht-nameh. Kap. 25.+ Vgl. die Versuchungsgeschichte Christi.

[117] +Zerduscht-nameh. Kap. 25.+

[118] Berhmter Destur-Mobed (gelehrter Priester). Gewissermaen eine
Reincarnation Zoroasters; eine Art neuer Buddha.

[119] +Zerduscht-nameh. Kap. 28.+

[120] Vgl. die spter zu erwhnende kabbalistische Lehre von der Schachi
nach.

[121] Diese Engelmter gingen in die jdische Geheimlehre ber. Nach der
Kabbala herrscht Hariel ber die ntzlichen Tiere. Vgl. +Berith Menucha.
Fol.37a.+

[122] Ized des Feuers; bei den Juden Jehuel. +Ber. Men. loc. cit.+

[123] Destur=Gelehrter, Mobed=Priester, Herbed=Initiierter.

[124] Feuertempel.

[125] Ized der Metalle; bei den Juden Azazel. +Vgl. Buch Henoch.+

[126] Ized der Reinheit; den Juden unbekannt.

[127] Ized des Wassers; bei den Juden Michael. +Ber. Men. l.c.+

[128] Ized der Gewchse; bei den Juden Alpiel. +Ber. Men. l.c.+

[129] +Vgl. Ev. Matth. 28, 19.+

[130] Der heilige aus 72 kameelhaarenen Fden bestehende Grtel der Parsen.

[131] Oberster der Ized, mit Silik-mulu-khi, dem Demiurgos, Logos usw. usw.
vergleichbar. Herr des Lichtes und der Sonne, Geber alles Guten usw.

[132] +Contra Celsum. Lib. VI.+

[133] Die betr. Stelle steht: +Vendidad, I. Fargard+, und lautet: Der
elfte Ort und die Stadt des berflusses, die ich, der ich Ahuramazd bin,
schuf, war Heetomeante, die Stadt der Verstndigen und Glcklichen. Aber
der totschwangere Angrmainyus brachte daselbst Magie in Gang, die hliche
Kunst. Sie macht allerlei Blendschein und giebt alles. Sie scheint gro,
aber wenn sie sich auch mit der hchsten Gewalt aufstellt, so kommt sie
doch vom Urgrunde des Bsen, vom Vater alles Unglcks. Weit ist sie von dem
Groen, von dem der Gutes thut.

[134] Nach Kleuker im Jahre 549 v.Chr.

[135] +Zerduscht-nameh. Kap. 37. Vgl. Lucas 2, 46 usw.+

[136] Ahuramazd heit auch der 1., 8., 15. und 23. Tag jeden Monats.

[137] Aufenthaltsort der Dews und Verdammten; Hlle.

[138] Nach Abu Djafar soll Gustaspes ursprnglich dem Sabismus gehuldigt
haben.

[139] Fnfzig Pfund.

[140] Also die mediumistischen Erscheinungen der Feuerfestigkeit und des
forcirten Pflanzenwachstums.

[141] Die persischen Zauberer bedienten sich also derselben Stoffe wie die
Hexen des Mittelalters.

[142] dito.

[143] Zoroaster verlangt also wie Christus als Vorbedingung Glauben.

[144] Wir begegnen hier also Spuren der Physiognomik.

[145] Vermutlich um der Seelenwanderung zu entgehen.

[146] Ized der Krieger.

[147] Keim der guten Werke.

[148] An dieser Stelle ist vermutlich unter den verschiedenen Arten des
Feuers auch das Feuer Burzin verstanden, welches im Bun-Dehesch (siehe
nchsten Abschnitt) als ganz besonders heilig bezeichnet wird. Es wird vom
Blitz entzndet und das Feuer der Feldarbeiter genannt, weil es von
diesen ganz besonders verehrt wird. Gustaspes errichtete ihm ein Dadgah
(Heiligtum) auf dem Berge Revan in Khorasan.

[149] D.h. der Anhnger der protomedischen Religion.

[150] Im Zoroastrismus ist das Himmlische das Vorbild des Irdischen.

[151] Die ebene Oberflche des Wassers ist Sinnbild des Eben- und
Gleichmaes, des Mahaltens.

[152] Verschiedene Arten von Feuer, welche durch Sonnenbrand, den Blitz und
das Aneinanderreiben von Hlzern entzndet und besonders verehrt wurden.

[153] dito.

[154] dito.

[155] Nicht mit Kaschmir zu verwechseln.

[156] Zoroaster stand der Annahme nach in den dreiiger Jahren.

[157] Abteilung, Kapitel, des Zendavesta.

[158] Vermutlich eine Art Yogis.

[159] +Aban Jescht, Kap. 26 u. 27.+

[160] +Kl. Ravaets, Fol.63.+

[161] ber den Ursprung der Lehre von Zrvna-akarana s. oben S.70.

[162] Man vergleiche damit du Prels Abhandlung ber den Genius des
Sokrates.

[163] Der Sirius, welcher als Stier mit goldenen Hrnern gedacht wird.

[164] Niedere Hllengeister, Dmonen.

[165] %a%-+Orionis+.

[166] Wie die sieben Amschaspands mit den Planeten zusammenhngen, so die
28 Izeds vermutlich mit den 28 Mondstationen. S.meine Geheimwissenschaften
S.288.

[167] Erhabener mythischer Berg. -- Das Gebirge Elburs.

[168] Der Adam Kadmon der Kabbalisten.

[169] Auch nach der Kabbala ist Adam anfangs Androgyn.

[170] Den Wechsel der Jahreszeiten feiernde Feste.

[171] Vgl. das oben ber die Maskim Gesagte.

[172] Hier ist also das Prinzip des Karma bereits ausgesprochen.

[173] Also Scheol, Hades&c.

[174] Hier haben wir den Ursprung der Auferstehung des Fleisches.

[175] Honover.

[176] +Geogr. L. I. 15.+

[177] Die Parsen sagen: Wenn der Mensch geboren wird, so stellt sich
Angrmainyus seiner Seele dar wie Meschia, dem Stammvater des
Menschengeschlechts und spricht wie zu diesem: Ich bin Herr und Schpfer
der Natur! Das glaubt die Seele und wird verunreinigt.

[178] Ein Mund und Kinn verhllender Schleier.

[179] In seiner Anlage uralt und mutmalich von Zoroaster herrhrend.

[180] Dieser Gedanke ging bekanntlich in das Christentum ber.

[181] In der Kabbala wohnt Jehovah in der Lichtwelt Aziluth auf dem
Funkenthron.

[182] Mondstationen.

[183] Beiname des Angrmainyus.

[184] Tageszeit von Mittag bis drei Uhr Nachmittag.

[185] Gebete.

[186] Der erste Monat des Jahres.

[187] Der ideale Urmensch. Nach dem Bun-Dehesch befand sich bei dessen
Schpfung die Sonne im Lamm, Mercur und Venus in den Fischen, der Mond im
Stier, Saturn in der Wage, Jupiter im Krebs und Mars im Steinbock.

[188] Zwei Dews.

[189] Wasser des Lebens.

[190] Dew des Todes.

[191] Der Widder

[192] Es sind die sechs aufsteigenden und sechs absteigenden Zeichen des
Tierkreises gemeint.

[193] Der Umkreis der Erde wird in sieben Keschwars geteilt. Der Satz heit
also, da jeder Stern einen halben Tag ber der Erde ist.

[194] Schalttage.

[195] Die neunte Mondstation (1251' bis 2543' [Symbol: Krebs]).

[196] Es handelt sich vermutlich um das Rcklufigwerden eines Planeten.

[197] Der Leben und Segen spendende Ized der Bume.

[198] Der Ized des Wassers.

[199] Vielleicht Venus zur Zeit des grten Glanzes, wo sie zuweilen bei
Tag sichtbar ist.

[200] Also die Sintflut.

[201] Der Okeanos.

[202] Der den Regen hemmende Dew.

[203] Dew, Helfer des Apevesch.

[204] Ized, Helfer Taschters.

[205] Beiname von Apevesch.

[206] Entsprechend dem biblischen Baum des Lebens.

[207] Ich bergehe die sich hier anschlieende mystische Geographie des
Bun-Dehesch.

[208] Rhabarber.

[209] Ein Flchenraum von etwa 55000 Quadratfu. Das Paradies.

[210] Vermutlich Antilope.

[211] Auch die Neuplatoniker suchten sich bei ihren theurgischen
Operationen durch den mystischen Einflu gewisser Tiere gegen bse Geister
zu schtzen.

[212] Es sind die Geschlechtsteile gemeint.

[213] Der isolierte Ort, wohin sich Frauen und Mdchen whrend der
Menstruation begeben.

[214] Ein toter Krper, ein Stck davon.

[215] Der Glaube, da der Blick menstruierender Frauen Flssigkeiten
verunreinige, Wein umschlagen, Spiegel erblinden und Rasiermesser
abstumpfen lasse, war noch sehr lange verbreitet. +Vgl. Agrippa von
Nettesheim: Occulta Philosophia, Lib.I, cap.42.+

[216] Unreinheiten, Auswurfstoffe.

[217] Gebet.

[218] Gurzscher, Comet. Ich brauche wohl kaum auf die Merkwrdigkeit dieser
Stelle hinzuweisen.

[219] Opfer.

[220] Niederer Diener des Kultus.

[221] dito.

[222] Das Band, mit welchem das heilige Barema zusammengebunden ist.

[223] Ich bemerke, da man bis in die neueste Zeit Magismus&c. und
Mazdeismus ineinander warf.

[224] +Proklos: Theologia Platonis II. cap. 29.+

[225] Ich brauche wohl kaum zu sagen, da von diesen Anschauungen der ganze
Gebrauch der Formeln, Beschwrungen und Charaktere in der Theurgie abhngt.

[226] Man sieht also, da die Karmalehre keineswegs buddhistisch ist.

[227] Die Orakel sind bei Psellos meist in gebundener Rede abgefat.

[228] Man denke an die zehn Sephiroth der Kabbala.

[229] Also der Astralkrper.

[230] Diese angeblich spiritistisch-theosophische Lehre ist also in
Wahrheit uralt.

[231] Gewhnlich in folgender lateinischer Fassung: +Ergo ex finibus terrae
prosiliunt canes terrestres, nunquam verum corpus mortali homini
monstrantes.+

[232] Die Aphorismen scheinen demnach, wie auch nach dem Kommentar zum
vorigen Aphorismus zu schlieen, zum Gebrauch bei den Mysterien bestimmt
gewesen zu sein.

[233] Zrvna-akarana.

[234] Die Feruer.

[235] Wir haben also wieder den Gegensatz zwischen Feruer und Seelen.

[236] Ahuramazd wurde bei den Gnostikern und Neuplatonikern zum Demiurgos.

[237] Die Henosis, die mystische Vereinigung mit Gott.

[238] Es ist wohl der Feruer gemeint.

[239] Der Satz bezieht sich wohl auf gewisse Gefahren, welche die Ekstase
im Gefolge hat.

[240] D.h. der zu erkennende Gegenstand ist auerhalb des Geistes.

[241] Nmlich Gott selbst.

[242] +III. 11.+

[243] +Eusebius: Praep. Ev. 6. 10.+

[244] +Asiatic Researches. VII. 279. VIII. 396. 494.+

[245] +Upanishad, bei Carey Sansc. Gramm. p.903.+

[246] +Colebrooke: As. Res. VIII. 431.+

[247] +A.a.O. S.405.+

[248] +Lacroce: Indisches Christentum. S.613.+

[249] +A.a.O. S.603.+

[250] +Parabodh. Chandrod in Rhodes' Hindus II. S.350.+

[251] +Bhartrihari in Roger Offene Thr S.492.+

[252] +A.a.O.+

[253] +As. Res. VIII. 421.+

[254] +A.a.O. 402.+

[255] +Philosophum. Tom. I. p.904.+

[256] +Pag. 94.+

[257] +As. Res. VIII. p.404. 440.+

[258] +Upnekh. I. 25. 213. II. 172. 251.+

[259] +II. 77. 2.+

[260] +I. 8-13.+

[261] +Markandeya puran, cap. 43.+

[262] +II. 75. 13ff.+

[263] +Manus Gesetz 12, 25.+

[264] +Goldene Sprche des Pythagoras, V. 85 u. 86.+

[265] +2. 22.+

[266] +Diodorus Siculus I. 22.+

[267] +Jahrgang 1891.+

[268] +M. Huc: Souvenir d'un voyage dans la Tartaric, le Thibet et la
Chine. Paris 1853, p.321-325.+

[269] Dies mchte ich stark bezweifeln. Carl Kiesewetter.

[270] Ausfhrlich steht der Bericht in meinen +Geheimwissenschaften,
S.567ff.+

[271] +Voyage en Asie. Paris 1867.+

[272] +Geographische und ethnographische Bilder. Jena 1875. S.406.+

[273] S. spter den Abschnitt ber Apollonius von Tyana.

[274] +Vgl. Psychische Studien, Jahrgang 1875, S.300ff.+

[275] +De myster. Aegypt. ed. Gale. pag. 173.+

[276] +Geschichte der Medizin. Bd. I. S.72.+

[277] +De vita Pythagorae.+

[278] +Odyssee, IV. 218-232.+

[279] +Lib. I.+

[280] +XVI. 801.+

[281] +Hist. Lib. IV, cap. 8.+

[282] Nach Sueton war keine Hoffnung, da die Sehkraft wieder hergestellt
werden knnte.

[283] +Hist. nat. III. 46.+

[284] Nach Herodot (+Lib. III+) war der Apis schwarz, hatte auf der Stirne
einen viereckigen weien Flecken, auf dem Rcken das Bild eines Adlers,
eine knopfartige Drse am Hals und zweifarbige Haare am Schweif.

[285] Man pflegte den Apis auch ber den Ausgang von Krankheiten zu
befragen.

[286] Nach den Arbeiten des Herrn Franz Lambert in der +Sphinx. Bd. V. u.
IV.+

[287] +Sitzungsbericht der Knigl. Bayr. Akademie der Wissenschaften d. d.
6. Februar 1875.+

[288] Payni ist der zehnte Monat des gyptischen Jahres und beginnt mit dem
26. Mai des julianischen Kalenders. Die Jahreszahl bezieht sich auf die
Regierung des Pharao.

[289] Chonsu, ursprnglich Mondgott, ist ebenfalls ein Heilgott der
gypter.

[290] Der mit dem 26. April des julianischen Kalenders beginnende neunte
Monat des gyptischen Jahres.

[291] Vermutlich ein oberer Grad der Chonsupriester.

[292] dito.

[293] Der Priester wird euphemistisch Gott genannt.

[294] Wir haben hier also das bekannte dmonische Sprechen der Besessenen.

[295] Der sechste mit dem 26. Januar jul. Kal. beginnende gyptische Monat.

[296] +Sphinx, Bd. V. S.6.+

[297] ber Hermes Trismegistos und die hermetische Litteratur s. den betr.
Abschnitt. ber die Astrologie der gypter vgl. meine Geheimwissenschaften.

[298] +Jamblichus: De mysteriis Aegypt.+

[299] Vgl. dessen +Characterismi plantarum graduum XII signorum Zodiaci
Characterismos et membra hominis comparati+. -- Der Leibarzt Kaiser
MaximiliansII., B. Carrichter, gab dieses Buch als von ihm verfat unter
dem Titel +Botanica astralis+ heraus.

[300] Nach unserm Kalender.

[301] Man betrachtete diese als pflanzliche Gebilde. Ich erinnere an die
Entenmuschel, welche bekanntlich auf Bumen wachsen sollte.

[302] Ich zitiere nach +Ath. Kirchers Oedipus Aegyptiacus. Tom. III.
Syntagma de Medicina Hieroglyphica+.

[303] +Vgl. Sphinx. Bd. IV. Heft 23.+

[304] Nach den in der +Kabbala denudata+ gesammelten Werken,
Frank-Jellineks +Kabbala+ usw.

[305] +Vgl. Paracelsus: Das Buch von den Nymphen usw. Kap. 1.+

[306] +Etz Chajim. Fol.248.+

[307] +Emek ha Melech. Fol.85.+

[308] Die Schedim wohnen in der Luft, in den oberen, inneren Kreisen der
Elemente. Sie wissen das Zuknftige durch die Vorsteher der Gestirne,
wissen aber nur um die nahe Zukunft. Weil sie einen feinen geistigen Leib
haben, so ist ihre Nahrung ebenso fein. Ihre Speisen und Getrnke bestehen
in dem Geruch des Feuers und der Feuchtigkeit des Wassers. Dies ist das
Wesen des Rauchwerkes, welches man ihnen ruchert, denn dieses ist ihre
Speise. Sie genieen davon, verbinden sich dann mit den Menschen und machen
ihnen die Zukunft bekannt. Die Stufe dieser Ruchim ist: Manche bestehen aus
Feuer allein, andere aus Feuer und Luft, andere aus Feuer, Luft und Wasser,
und andere, welche auer den drei Elementen noch aus feiner Erde
zusammengesetzt sind. Nach der Feinheit ihres Leibes richtet sich der Grad
ihres Geistigen. (+Nischmath Chajim, Fol.118.+) -- Die Engel oder Seelen
der Verstorbenen, wenn sie sich herunterlassen wollen in die Welt, dann
nehmen sie an etwas aus den vier Elementen, etwas nach Art des Krpers, so
da sie den Anwesenden erscheinen als Mensch oder als ein anderes Geschpf
und in solchen Gestalten zeigen sie sich den Propheten sowie anderen
Menschen und selbst den Bsen, wie die Mnner von Sodom die Engel gesehen.
Dies ist das Geheimnis des Gewandes. -- Daher haben die Zauberer und die
Totenbefrager ntig Rauchwerk und Dnste, damit sie die Luft bereiten, da
sich in ihr ausfunkeln die Dinge, die sich in der Luft herablassen. Deshalb
erscheinen die Toten oft in ihrer Gestalt dem Menschen selbst im Wachen.
(+Raibad zum Sepher Jezirah, Fol.7.+) -- So ist die Ordnung der bsen
Seite. Man ordnet fr sie einen Tisch mit Speisen und Getrnken und
Zauberwerken, und macht Rauch vor dem Tisch. Dann versammeln sich alle
unreinen Ruchim und machen bekannt, was die Zauberer wnschen. (+Sohar
Balak, Fol.192.+) -- Ein Hauptmaterialisationsmittel war das Blut, weshalb
auch der zauberische Gebrauch des Essens beim Blut gebt wurde.

[309] Die obersten hngen in der Luft, die untersten sind diejenigen,
welche die Menschen verspotten und ihnen Bedrngnisse im Traum machen. Sie
sind so frech wie der Hund. (Dieser Ausdruck findet sich bei Paracelsus,
+de occulta philosophia+ wrtlich wieder.) Es giebt eine hhere Stufe ber
ihnen, welche den Menschen Dinge bekannt machen, die teils wahr, teils
unwahr sind; und alles, was wahr ist, geht doch nur auf die nchste Zeit.
(+Sohar Waiikra, Fol.25.+)

[310] Also Hauskobolde, Heimchen, Wichtel usw.

[311] Es sind die S'hirim der Bibel, welche Luther mit Feldteufel
bersetzt. +Vgl. 3. Mos. 17, 7 und Jes. 15, 21.+

[312] +Vgl. Sohar Chaja Sarah. Fol.125.+

[313] +Bchai. Fol.95.+

[314] +Von den unsichtbaren Werken. Lib. III.+ und +Scenen aus dem
Geisterreiche. II. 1.+

[315] +Sohar Bereschith. Fol.35.+

[316] +Sepher ha Chajim. Fol.230.+

[317] +Sanhedrin. Fol.68.+

[318] +Nischmath Chajim. Fol.122.+

[319] +Maireheth Elahuth. Fol.42.+

[320] +Tractat Aboth. Abschn. 5.+

[321] +Sohar Tithro. Fol.78.+

[322] +Sohar Emor. Fol.76.+

[323] +Sohar Balak. Fol.193.+

[324] +2 Timoth. 3, 8.+

[325] +4 Mos. 22.+

[326] Dieses Affiziertwerden des Menschen ist zwar ein immerwhrendes, das
jedoch nicht stets zum Bewutsein kommt.

[327] +Vgl. Jes. 46, 10 und Daniel 2, 27-30.+

[328] +Nischmath Chajim. Fol.122 u. 132.+

[329] +Tract. Pesachim. Fol.91.+

[330] +Nischmath Chajim. Fol.132. Etz Chajim. Fol.248.+

[331] +5 Moses 18, 10. More Nebuchim 3. Hosea 4, 12.+

[332] +Hesekiel 21, 26. Nischm. Chaj. Fol.126.+

[333] +Nischmath Chajim a.a.O.+

[334] +Sohar Ci Thise. Fol.191.+

[335] +Tract. Sanhedrin. Fol.66. Hilch. Abodah sarah 6, 14.+

[336] +A.a.O. 6, 10.+

[337] +More Nebuchim. Th. 3, Abschn. 29.+

[338] +P'kudai. Fol.237.+

[339] +Hilch. Abodah sarah 6, 10.+

[340] +Midrasch Tanchumah. Fol.29.+

[341] +Hilch. Abodah sarah 6, 1.+

[342] +Ben Dior. Anm. z. Sepher Jezirah. Fol.5. Nischm. Chaj. Fol.1.+

[343] +K'bod Melech. Fol.230.+ Der Habal de Garmin ist fr die
Auferstehung dasselbe organisierende Prinzip, welches der Elementarnephesch
fr den lebenden ist.

[344] Vgl. Jung-Stillings +Theorie der Geisterkunde 209+ und
Eckartshausens bekanntes Rauchwerk.

[345] +1. Sam. 28, 15.+

[346] Es sind die Teravhim gemeint.

[347] +Hilch. Abodah sarah 6, 1.+

[348] +Nischm. Chaj. Fol.133.+

[349] Vorher wrde eigentlich die Bibel zu behandeln sein. Wegen berflle
des Stoffes werde ich dies in einem besonderen Buch: +Der Occultismus in
der heiligen Schrift+ thun.

[350] +Tractat Hagiga.+

[351] +Tractat Hagiga 12a.+

[352] Dieselben erlauben vor dem vierzigsten Jahr weder die Lektre des
Sohar, noch eines anderen kabbalistischen Buches.

[353] +Psalm 116, 15.+

[354] +Sprche 25, 16.+

[355] +Tract. Hagiga 14b.+

[356] Das Wort Acher heit wrtlich: ein Anderer, ein anderer Mensch.

[357] Frank leitet Metatron von %meta thronon% ab, allein Metatron ist
offenbar der parsische Mithra.

[358] +Bab. Talmud. Tract. Berachoth.+

[359] S. den Philo behandelnden Abschnitt.

[360] +Daniel 12, 3.+

[361] Nmlich Nephesch.

[362] Es ist die die Ekliptik im Drachenkopf und Drachenschwanz
schneidende Mondbahn gemeint.

[363] +Mantuae, 1562. Fol.+

[364] Also ein Buch von ziemlich neuem Ursprung.

[365] Es ist Maimonides gemeint.

[366] Die beiden ersten Drucke des Sohar erschienen 1559 zu Cremona und
Mantua.

[367] +Talmud Babyl. tract. sabbat. M. und Fol.34.+

[368] +Mant. Ausgabe. Tl. III. Fol.26 u. 29.+

[369] +A.a.O. Fol.153.+

[370] +Sohar. Tl. I. Fol.113.+

[371] +A.a.O. Tl. III. Fol.10.+

[372] +Morin: Exercitationes biblicae. Lib. II. Ex. 9. cap. 5.+

[373] +Glaube und Meinung. Tl. I. Kap. 4.+

[374] +Sohar. Tl. II. Fol.42 u. 43.+

[375] +Hiob. 28. V. 20 u. 23.+

[376] +Glauben und Wissen. Tl. III. Kap. 2.+

[377] +A.a.O. Kap. 7.+

[378] +Hieron. ad Marcell. Ep. 136. Tom. III. Opp. omn.+

[379] +Tl. II. Fol.99.+

[380] +Commentatio devi, quam graeca philosophia in theologiam tam
Muhammedanorum, tam Iudaeorum exercuerit. Part. I. Hamburg 1835. 4.+

[381] +De ortu Cabbalae. Part. II. Hamburg 1837.+

[382] Es ist schwer, bei folgender Stelle des h. Paulus nicht an die
Kabbala zu denken: Auch nicht Acht htten auf die Fabeln und der
Geschlechte Register, die kein Ende haben, und bringen Fragen auf, mehr
denn Besserung zu Gott im Glauben (+1. Thim. 1.4.+)

[383] +Mant. Ausg. Tl. III. Fol.296.+

[384] +Tl. III. Fol.153.+

[385] +Kap. 3. V. 19.+

[386] +De coelo. Lib. II. cap. 13.+

[387] +Opp. Lib. III. cap. 24.+

[388] +De civitate Dei. Lib. XVI. cap. 9.+

[389] +Aboda Zarah. cap. 3.+

[390] Eine sehr gewagte Behauptung Franks. +C.K.+

[391] +Talm. Babyl. Tract. Chulin. cap. III.+

[392] +Schalscheleth hakabbalah. Fol.24.+

[393] +Cuzary. Discors. 4. 25.+

[394] +Jezirah, Kap. 1. Prop. 4.+

[395] +Jezirah, Kap. 1. Prop. 3.+

[396] +Propos. 5.+

[397] +Kap. 1, Propos. 6.+

[398] +Kap. III. Propos. 3.+

[399] +Kap. 4. Propos. 1. 2. 3.+

[400] +Kap. 5. Propos. 1 u. 2.+

[401] +Kap. 6. Propos. 3.+

[402] +Kap. 6. Propos. 2.+

[403] +Kap. 6. Propos. 2.+

[404] +Sohar, Tl. III. Fol.152.+

[405] +A.a.O. Fol.149.+

[406] +Homil. 7 in Levit.+

[407] %peri archn%. +Lib. IV.+

[408] +Homil. 5 in Levit.+

[409] +Habak. III. 1.+

[410] +Sohar. Tl. III. Fol.128.+

[411] So heien die Adepten der Kabbala.

[412] +Jesaias 40. 25.+

[413] +Deuteron. 4. 15.+

[414] +Hiob 14, 11.+

[415] +Sohar, Tl. II. Fol.42 u. 43.+

[416] +Sohar, Tl. I. Fol.105.+

[417] +Sohar, Tl. III. Fol.288.+

[418] +Idra Rabba. Fol.114.+

[419] +Idra Rabba. Fol.144.+

[420] +Idra Suta. Fol.288.+

[421] +Sohar, Tl. III, Fol.11.+

[422] +Pirke, Aboth. V. 1.+

[423] +Sohar, Tl. I, Fol.2.+

[424] +Sohar, Tl. III, Fol.288.+

[425] +Encyklopdie der philosophischen Wissenschaften. 86 u.87.+

[426] +Sohar, Tl. III, Fol.292.+

[427] +Sohar, Tl. III, Fol.291.+

[428] +A.a.O.+

[429] +A.a.O.+

[430] +Sohar, Tl. III, Fol.291.+

[431] +Sohar, Tl. III, Fol.288.+

[432] +Sohar. A.a.O.+

[433] +Sohar, Tl. I, Fol.246.+

[434] +Sohar, Tl. III, Fol.65.+

[435] +Sohar, Tl. III, Fol.296.+

[436] +A.a.O.+

[437] +Sohar, Tl. I, Fol.51.+

[438] +Idra Suta, am Schlu.+

[439] +Sohar, Tl. III, Fol.10.+

[440] +Sohar, Tl. III, Fol.7.+

[441] +Pardes Rimonim. Fol.60-64.+

[442] +Sohar, Tl. I, Fol.60-70.+

[443] +Vgl. Pardes Rimonim. Fol.34-39.+

[444] +Pardes Rimonim. Fol.42. u. 43.+

[445] +Idra Rabba. Tl. III, Fol.148.+

[446] +Idra Suta. Fol.292.+

[447] +Idra Rabba. Fol.135.+

[448] +Buch des Geheimnisses. Kap. 1.+

[449] +Idra Rabba. Fol.135.+

[450] +Idra Rabba. Fol.142.+

[451] +Sohar, Tl. I, Fol.20.+

[452] +Sohar. Fol.246.+

[453] +Kommentar des Abraham ben Daud zum Sepher Jezirah. Pag.65.+

[454] +Sohar, Tl. II, Fol.100.+

[455] +Sohar. A.a.O.+

[456] +Sohar, Tl. II, Fol.218.+

[457] +Sohar, Tl. I, Fol.21.+

[458] +Sohar, Tl. I, Fol.205.+

[459] Sein mystischer Name ist Samael. Von ihm wird in der Zukunft die
erste Hlfte, welche Gift bedeutet, wegfallen; die zweite Hlfte hingegen
ist allen Engelnaturen gemein. Dieselbe Idee wird auch noch in einer andern
Weise ausgedrckt: Nachdem durch kabbalistische Berechnung dargethan worden
ist, da der Name Gottes alle Himmelsgegenden mit Ausnahme des Nordens
umfat, welcher den Dmonen als Strafort berwiesen ist, wird gesagt, da
man am Ende der Tage auch diese Gegend im gttlichen Namen finden wird. Die
Hlle wird verschwinden und es wird weder Strafe, noch Leiden, noch
Schuldige mehr geben. Das Leben wird ein endloser Sabbath sein. +Vgl.
Pardes Rimonim, Fol.10, Emek Hamelech, Kap.1.+

[460] +Sohar, Tl. III, Fol.61.+

[461] +Sohar, Tl. II, Fol.20.+

[462] +Sohar, Tl. II, Fol.20.+

[463] +Sohar, Tl. II, Fol.74.+

[464] +Sohar, Tl. II, Fol.76.+

[465] +Sohar, Tl. II, Fol.75.+

[466] +A.a.O. Fol.73-75.+

[467] +A.a.O. Fol.73.+

[468] +Sohar, Tl. III, Fol.68.+

[469] +Talmud. babyl. Tract. Sanhedrin. cap. 11.+

[470] +Sohar, Tl. I, Fol.42.+

[471] +Sohar, Tl. I, Fol.42ff.+

[472] +Tikunim-Tikun. 15. Fol.36.+

[473] +Vgl. Sohar, Tl. II, Fol.255-259.+

[474] +Sohar, Tl. I, Fol.35.+

[475] Sie wird im Talmud Lilith genannt.

[476] +Ethica.+

[477] +Prediger Sal., Kap. III, V. 19.+

[478] +Talm. Bab. Tract. Berachoth 17.+

[479] +Talm. Bab. Tract. der Vter. Kap. 3.+

[480] +Sohar, Tl. III, Fol.48.+

[481] +Sohar, Tl. II, Fol.70.+

[482] +Sohar, Tl. II, Fol.76a.+

[483] +Sohar, Tl. I, Fol.191.+

[484] +A.a.O.+

[485] +Sohar, Tl. II, Fol.142.+

[486] +Sohar, Tl. III, Fol.107.+

[487] +Sohar, Tl. I, Sect. $LRLR$.+

[488] +Deuteron. 14. 1.+

[489] +Sohar, Tl. I, Fol.245.+

[490] +Sohar, Tl. I, Fol.55.+

[491] +Sohar, Tl. I, Fol.98.+

[492] +Sohar, Tl. II, Fol.96.+

[493] +Sohar, Tl. III, Fol.61.+

[494] +Sohar, Tl. I, Fol.23.+

[495] +Sohar, Tl. III, Fol.61.+

[496] +Sohar, Tl. II, Fol.99.+

[497] +Sohar, Tl. II, Fol.99.+

[498] +Sohar, Tl. II, Fol.208.+

[499] +Sohar, Tl. II, Fol.216.+

[500] +Sohar, Tl. I, Fol.66.+

[501] +Sohar, Tl. II, Fol.94.+

[502] +Sohar, Tl. I, Fol.168.+

[503] +Sohar, Tl. I, Fol.48.+

[504] +Sohar, Tl. I, Fol.145.+

[505] +Sohar, Tl. III, Fol.85.+

[506] +Sohar, Tl. I, Fol.52.+

[507] Ich gebe diese kleine Sammlung von Aphorismen als Wurzel so manches
modernen Glaubens.

[508] +Zeller, Philosophie der Griechen I. 169.+

[509] +Philosophie der Griechen I. 175.+

[510] +Aristoteles, Metaphys. XII. 2.+

[511] +Geschichte der Philosophie I. 41.+

[512] +Vergl. Curtesius, principi III, cap. 55-89.+

[513] +Dhring, Geschichte der Philosophie S.23.+

[514] +Eudemus bei Theo (bezw. Dercyllides) Astronom. S.324.+

[515] +Dhring, Geschichte der Philosophie S.24.+

[516] +Fr. 18. b. Stob. Floril. 3, 84.+

[517] +Theophrast, De sensu 1.+

[518] +Fr. 22.+

[519] +Diog. IX. I.+ %polymathi noon ou phyei%. +Procl. in Tim. p.31.+

[520] +Fr. 73, 66, 67.+

[521] +Fr. 55. Lucian V. auct. 14.+ Die hnlichkeit einzelner dieser Stze
mit oft wiederholten Ausfhrungen Giordano Brunos ist auffallend. Man
vergl. meine Lichtstrahlen aus Bruno's Werken. S.1-3, S.77, blo zu
leben, ihr Lebenszweck, Des Weges Ziel der Wegu.s.w.

[522] +Fr. 12. Clemens Strom. V. 591.+ %apisti gar diaphynganei m
gignskesdai%.

[523] +Plato Thet. 160.+ Kratylus, ein Lehrer Platos berbot diesen Satz
seines Lehrers Heraclit durch die Behauptung, man knne nicht einmal
_einmal_ in denselben Flu steigen, ein Extrem, dessen Konsequenz
Aristoteles verspottet, wenn er sagt, Kratylus habe zuletzt nichts mehr
sagen zu drfen geglaubt, sondern nur den Finger bewegt.

[524] +Vgl. Dhring, Geschichte der Philosophie. S.28.+

[525] +Fr. 39.+

[526] +Plato, Thet. 152.+

[527] +Vergl. Zeller, Philosophie der Griechen I. S.536.+

[528] +Fr. 25.+

[529] +Lassalle, Die Philosophie Heracleitos des Dunklen I. 361.+

[530] +Plut. Is. et Os. 48.+

[531] +Plut. Is. et Os. C. 45.+

    %palintonos gar harmoni kosmou
    hoksper lyrs kai toxou kath' Hrakleiton.%

[532] +Fr. 41.+

[533] +Diogenes L. IX. 18.+

[534] +Vgl. Zeller, Philos. der Griechen I. 555. Ueberweg, Geschichte der
Philosophie I. S.48.+

[535] +Vgl. J. R. Mayer Beitrge zur Dynamik des Himmels. (Mechanik der
Wrme 159.)+ Auch +Giordano Bruno, Vom Unendlichen, dem All und zahllosen
Welten, bers. von Kuhlenbeck+ und meine Anmerkung dazu S.91.

[536] +Stob. Ekl. I. 264.+

[537] +Stob. Florileg. 5, 120.+

[538] +Stob. Ekl. I. 906.+

[539] +Fr. 52b.+

[540] +Plat. facies lunae 1. 28.+

[541] +Diog. IX. 7.+

[542] +Sext. Emp. Pyrrh. Hypotyp. III, 230.+

[543] +Fr. 57. Stob. Floril. 104, 23.+ %thos anthrp daimn%.

[544] +Fr. 70. Fr. 9. Zeller, a.a.O. S.592.+

[545] +Cic. Tusc. V. 36, 105.+

[546] +Diog. Laert. IX. 6.+

[547] +Etymolog. m in+ %bios% +u. Eustath. ad Iliad. I. p.31+. Deutsch ist
das Wortspiel nicht wiederzugeben.

[548] +Augustin de civit. Dei VI, 5.+

[549] +W. Menzel, die vorchristliche Unsterblichkeitslehre II. 40.+

[550] +Diogenes Laert. VIII. 6.+

[551] +Apulejus, Florid. II. 15.+

[552] +Zeller, Philosophie der Griechen I. S.26.+

[553] +W. Menzel, die vorchristliche Unsterblichkeitslehre I. 94.+

[554] +Metaphysik. I. 5.+

[555] +Zeller, Philosophie der Griechen I. 322.+

[556] +Aristoteles, De coelo II. 13. Vgl. auch meine Vorrede zu Giordano
Brunos Dialoge vom Unendlichen, dem All und den Welten. S. III. Berlin
1893. (Lstender.)+

[557] +Diogenes Laert. VIII. 36.+

[558] +Aristoteles de anima. I. 2.+

[559] +Bruno, degli eroici furori. I. 16.+

[560] +Simplicius, zur Physik des Aristoteles 173a.+

[561] +Vergl. Creuzer, Symbolik I. 144.+ Wenn angenommen wird, Plato und
die lteren Platoniker, Plotinus inbegriffen, htten eine willkrliche
Seelenwanderung (Metensomatose) gelehrt, so hat Plotinus jedenfalls in
seinen spteren Jahren sich sehr skeptisch und mit groer Zurckhaltung
darber geuert, d.h. zu einer Zeit, wo er in den Geist von Platos Werken
am tiefsten eingedrungen war. Eben deswegen und wegen der Incongruenz einer
solchen Lehre mit einem Geiste, wie Plato war, mchte ich auch bezweifeln,
da er wenigstens als gereifter Philosoph im Ernste so etwas behauptet
habe.

[562] +Diogenes L. VIII. 19 u. 20.+

[563] Die Quellen siehe bei +Zeller, Philosophie der Griechen I. 265
not.3.+

[564] +Krit. Geschichte der Philosophie, S.19.+

[565] +Flleborn, Fragmente aus den Gedichten des Xenophanes und
Parmenides, Beitrge zur Geschichte der Philosophie. Jena 1795.+

[566] +Fr. 14.+

[567] +Fr. 1.+

    %oulos hora, oulos de noei, oulos de t'akouei.%

[568] +Fr. 7.+

    %panta theois anethken Homros th' Hsiodiste
    hossa par anthrpoisin oneidea kai psogos esti.%

[569] +Vgl. Fiorentino, Bernardino Telesio ossia studi storici su l'idea
della natura.+

[570] +Vgl. Ueberweg, Geschichte der Philosophie I. 20.+

[571] +Sphinx, VI. 33 (1888).+

[572] +Dhring, a.a.O. S.37.+

[573] +Diogenes L. VIII. 63-67.+

[574] +Diog. Laert. VIII. 60.+

[575] +Boethius de music. cap. 1.+

[576] Diese Gotie wurde, wie Kiesewetter bereits im +I. Bande S.73+
bemerkt hatte, zur Zeit der Perserkriege durch die Magie des Persers
Osthanes abgelst.

[577] +Aristotel. de anima II. 6.+

[578] +Aristotel. de anima II. 6.+

[579] +Geschichte der Philosophie a.a.O.+

[580] +Vgl. Zeller, Philosophie der Griechen I, S.667.+

[581] +Noacks Jahrbcher fr spekulative Philosophie II, 2.+

[582] +Cicero, Tusc. I. 16. 38.+ Diese Annahme grndete sich wohl nur
darauf, da man keine ltern Schriften, als die des Pherekydes kannte, die
diese Lehre enthielten. +Vergl. Zeller, a.a.O. I. 56.+

[583] +Diogenes Laert. I. 10.+

[584] +Vgl. Ebstein, Einige Bemerkungen ber die sog. Nona. (Berliner
Medizinische Wochenschrift 1891, Nr. 41.) Charcot, Leons de mardi  la
Salpetrire. Paris 1889. p.63ff. Lwenfeld, ber hysterische
Schlafzustnde (Archiv fr Psychiatrie XXII.)+

[585] +Plato de Legibus I. 642. Cicero, de Dio. I. 18. Aristoteles, Rhetor.
III. 17.+

[586] +Plato de republ. II. p.364.+

[587] +De principiis 383.+

[588] Die hier, nach der Weise der hesiodischen Theogonie eine
geschlechtliche Syzygie bilden, die Luft (griechisch %Ho ar%) ist der
mnnliche, die Nacht das weibliche Urwesen.

[589] +Thucydid. I. c. 4.+

[590] +Die vorchristliche Unsterblichkeitslehre. S.62.+

[591] +Vgl. Plutarch, Pelopidas, cap. 10.+

[592] +Creuzer, Symbolik. S.497.+

[593] +Somnium Scipionis I, 12.+

[594] +Lucretius.+

[595] Von %kykan% d.h. eine Mischung, die durch Schtteln entstanden. Er
ist teils Medizin, teils Zaubermittel, %kyphi% bei den egyptischen
Mysterien. Bildlich nennen die Philosophen das kosmische Ineinander der
Elemente bisweilen Kykeon, so Heraclit b. +Lucian, vit. auct. 15. Vgl.
Preller, Demeter und Persephone. S.98.+

[596] Man enthielt sich von Geflgel, Fischen und Bohnen, der Granaten und
pfel. +Vgl. du Prel, Mystik der alten Griechen, S.104+, der hier einen
Zusammenhang mit Mediumitt vermuten mchte.

[597] Nach Preller ist Jambe nichts als eine Personifikation des Jambus in
der Bedeutung des Spottgedichts.

[598] +Preller, a.a.O. S.138. not. 22.+ Nheres siehe spter!

[599] Besonders verstand man es auch, energische Lichteffekte durch Wechsel
von Licht und Finsternis zu erzielen.

[600] +Fragm. 116.+

[601] +Orphica No. 40.+

[602] Ganz richtig ist diese Worterklrung nicht; Gesetz_geberin_ wrde
eigentlich Thesmo_thetes_ heien. %phoros% bezieht sich auf das _Tragen_
der Satzungen im krperlichen Sinne; die Weiber trugen nmlich die
Gesetze der Ceres und ihre Symbole in Prozession herum.

[603] Nicht Liebe berhaupt erregte und frderte Ceres, gleich der
Afrodite nur die treue Turteltaube war ihr angenehm; nur die Liebe des
ehelichen Paares erfreute sich ihrer Segnungen. Diese beziehen sich dann
auf dieselben Stufen weiblicher Passivitt, welche Demeter selbst, freilich
nur gleichsam, doch alljhrlich zu ertragen hat. Denn Sen und Pflgen
schien den Griechen ein Schwngern der Erde zu sein; die Gttin Erde selbst
schien um die Saatzeit den Keim neuer Pflanzung in brnstiger Liebe
aufzunehmen (+ad conceptum impetus terrae Plin. N. H. 18.+) +Preller,
Demeter S.354.+

[604] +Preller, a.a.O. S.339.+

[605] Nach Mommsens Heortologie sollen heute noch Badegewohnheiten der
Mohammedanerinnen an die Gebruche der Thesmophorien erinnern; unter
allerhand Neckereien und Scherzen fahren die Trkinnen ans Meer, nehmen
Speisen und Getrnke mit und ergtzen sich nach dem Bade in ausgelassenster
Weise.

[606] %kteis% bedeutet wrtlich zunchst Kamm, dann eine Muschelart
(Kamm-Muschel). Diese letztere Bedeutung fhrt dann weiter: Vgl. Hofmann v.
Hofmannswaldau, die Schoo der Geliebten:

    Man sagt, die Venus sei ihr Wesen zu verstellen
    Nicht nach gemeiner Art, vielmehr aus Meereswellen
    In einer _Muschel_ Helm empfangen und gezeugt,
    Wo sie des Meeres Schaum gewieget und gesugt.
    Wer glaubet dieses nicht, der Venus' Thun erwget?
    Weil aber eine Schoo der Muschel Bildni trget,
    Glaub ich, da Venus zwar, was sie ans Licht gebracht,
    Hernach zu einer Schoo der ganzen Welt gemacht;
    Da, als die Herrscherin ihr Muschelschiff verlassen,
    Sie, aller Menschen Herz in diesen Schrein zu fassen,
    Die Muschel in den Schoo der Weiber eingeschrnkt
    Und sich durchgehends selbst zur Wohnung nachgesenkt!

[607] +Preller, a.a.O. 346.+

[608] Die Vierfaltigkeit, die Urgottheit.

[609] Des Urgeistes.

[610] Des unendlichen Raumes.

[611] Die Weltkugel.

[612] Der Urgottheit.

[613] +Aristoteles de coelo IV, 203. 8b. 35.+

[614] Ring oder Rolle, wodurch Spindel oder Spule umschwingen.

[615] Die berhmte Harmonie der Sphren.

[616] Der Snger Orpheus wurde von Mnaden zerrissen, angeblich weil er
nicht stark genug gewesen, den Tod fr Eurydike zu ertragen; Plato, Symp.
7, oder weil er die erotische Liebe bei den Thrakern eingefhrt. In
Wahrheit ist dieser Tod eine Nachbildung der Sage von der Zerreiung des
Zagreus (siehe S.492ff. 535 oben!), dessen Priester Orpheus ist.

[617] Thamyras, wie Orpheus, ein thrakischer (mystischer) Dichter, der nach
der Sage sich in einen Wettstreit mit den Musen einlie und besiegt seiner
Laute und des Augenlichts beraubt wurde. +Vgl. Ovid. amores III. VII.62.+

[618] Der bekannte _Lethe_-Strom.

[619] M. E. zeigt sich hier schlagend, wie der Unsterblichkeitsglaube
lediglich aus dem Gefhl der _Wertschtzung_ hervorgeht. Ein zwingender
Beweis der Unsterblichkeit lt sich nicht fhren; ebensowenig freilich
auch ein Gegenbeweis. Gewhnlich wird letzterer in dem mephistophelischen
Satze gefunden: Alles, was entsteht, ist wert, da es zu Grunde geht; und
daher das Bestreben so vieler Metaphysiker, die Seele zu den unentstandenen
Urelementen des Seins zu rechnen. Jener Satz von der Vergnglichkeit alles
Entstandenen kann sich auch nur auf eine empirische Induktion berufen,
deren Beweiskraft keineswegs zwingend ist. Vgl. meine Anmerkung zu +Brunos
Dialog vom Unendlichen. Nr. 35. S.9 u.97+.

[620] Rein germanisch sind nur die Niedersachsen, Westfalen und Friesen im
Nordwesten, und die Tyroler bezw. Oberbaiern im Sden.

[621] Ptolemus schtzte den Gesamtumfang der aristotelischen Werke auf
1000 Bnde.

[622] +Metaph. III. 4.+

[623] +A. Vinet, sur le Jocelyn de M. de Lamartine in Essais de philosophie
morale, Paris 1837, p.271,275.+

[624] +Vergl. Schlomann, a.a.O. S.13.+

[625] +Alex. Aphrodis. de anima.+

[626] +Pindar, bei Bergk fragm. 108.+

[627] %ainos eidlon%.

[628]

    +E fescina il canestro, che adopriamo
    A'raccor queste gemme dolci e fine,
    Fescinaia  la ninfa, ch'io tant 'amo,
    Et le rime, ch'io canto Fescennine.
              (Tansillo, vendemmiatore.)+

[629] In Sditalien werden bekanntlich die Reben nicht an kleinen Pfhlen,
sondern hoch von Baum zu Baum auf den Feldern gezogen.

[630] +Vgl. S.634 oben.+

[631] +Sors+ von +serere+ reihen. Es waren wahrscheinlich an einer Schnur
gereihte Holztfelchen, die geworfen verschiedenartige Figuren bildeten;
was an die Runen erinnert.

[632] von +fatum+ = schicksalredend = +fari+.

[633] +lituus+ bedeutete zunchst die gekrmmte Kriegstrompete.

[634] +Plinius, H. N. XVI, 20.+

[635] +Plutarch, Romulus c. 20.+

[636] +Antiq. jud. Lib. XVIII. cap. VIII.+

[637] Da daran nichts Wahres ist, bedarf wohl kaum einer Bemerkung,
wenngleich der Halbtheologe B. Bauer sich zu dem Versuch verstiegen hat,
das Christentum als Ableger des Alexandrinertums erklren zu wollen. Die
beste Abfertigung dieser Gelehrtenhypothese findet man bei +Dhring, Ersatz
der Religion, S.18+. --L.K.

[638] +De Cherubim II. 24.+

[639] Vgl. +De sacrificiis Abelis et Cain. II. 73+. +Vita Abrahami. V.
234-240+. +De nominum mutatione IV. 426etc.+

[640] +De Cherubim II. 30-36.+

[641] +V. 260-270.+

[642] Also das bekannte platonische Bild.

[643] +De somniis. V. 34.+

[644] +Die Philosophie im Fortgang der Weltgeschichte.+

[645] +De nominum mutatione. IV. 332.+

[646] +De somniis. Lib. I. V. 34-36.+

[647] +De opificio mundi. 4.+

[648] +De confusione linguarum 340.+

[649] +De somniis 576.+

[650] Nach meiner Ansicht hat das Christentum, als eine wesentlich
_praktische_ Geistesrevolution nicht nur gegen eine bestimmte Richtung,
sondern gegen das Schriftgelehrtentum berhaupt, _nichts_ mit einer rein
theoretischen Aneignung griechischer Philosopheme durch einen jdischen
saft- und kraftlosen Gelehrten zu thun; erst die Gnostiker und Manicher
traten in Beziehung zu diesen alexandrinischen Exsudaten. --L.K.

[651] +Leg. alleg. I. 46. II. 93.+ +De sacrificio Abel et Kain.+

[652] +De profugis. IV. 268.+

[653] +De migratione Abrahami III, 424.+

[654] +Ebendas. III, 440.+

[655] Vergl. +De confus. ling. 271+. +De profugis 359+. +De Abraham 287+.
+De somniis 455+. +De Gigant. 222-224+.

[656] Hinter dem bekanntlich sowie berhaupt hinter diesem Satze darf
nchterne Geschichtsforschung getrost ein Fragezeichen setzen. --L.K.

[657] +De opificio mundi 33.+

[658] +De eo quod detur 170.+ +De somniis I, 170.+

[659] +De eo quod detur 170, 172.+ +De somniis 578.+

[660] +De eo quod detur 170, 172.+ +De somniis 578.+

[661] +De confus. ling. 342.+ +De somniis I, 16.+ sagt Philo noch: Von den
vier Theilen, (Philo rechnet die von ihm gemachten Unterabtheilungen nicht
als selbstndige Theile) aus welchen der Mensch besteht, sind drei, nmlich
der Leib, die Sinne und die Rede, begreiflich; der vierte aber, der Geist,
ist nicht begreiflich. Was ist er seinem Wesen nach? Geist, Blut oder gar
Leib? Leib ist er nicht, sondern unkrperlich, ist er aber Grenze, Gestalt,
Zahl, Thtigkeit, Harmonie oder etwas hnliches? Und kommt er bei der
Geburt schon ausgebildet in uns hinein, oder wird die Feuernatur in uns,
wie Eisen in der Schmiede durch kaltes Wasser -- zur festen Masse? weshalb
auch %psych% von %psychos% abgeleitet sein drfte. Und weiter: erlischt
er, wenn wir sterben und geht mit dem Leib zu Grunde, oder berlebt er ihn,
oder ist er gar unvergnglich? -- So schwankend sich auch Philo in diesen
Worten ausspricht, so leuchtet doch die Meinung durch, da der Geist ein
Theil des gttlichen thers oder in diesen gekleidet sei.

[662] +Quod deterior. potior. incid. soleat II, 196, 198.+

[663] +De opificio mundi 33.+

[664] +Loco cit. 31.+

[665] Vgl. Paracelsus +De natura rerum+: Denn wer kann wissen, was gut
ist, ohne zu wissen, was bse ist.

[666] +De allegor. III, 80.+

[667] +De allegor. III, 71.+

[668] +De allegor. 68.+

[669] +De allegor. I, 59.+ +De profugis 459.+

[670] +De Decalogo 754.+

[671] +Quis rerum divin. heres sit IV, 118.+

[672] +De allegor. 52-54.+

[673] +Quod Deus sit immutabilis II, 408.+

[674] +Leg. allegor. 142.+

[675] +De nobilitate II, 437.+ Vgl. auch den freimaurerischen Mythus vom
salomonischen Tempelbau.

[676] +De opificio mundi I, 92.+

[677] +De opificio mundi I, 92.+

[678] +Loco cit. I, 100.+ Vgl. auch folgende Stelle aus Poiret +Gttliche
Haushaltung, Frankfurt und Leipzig, 1714. 8. III, 314+: Uranfnglich
vermochte der Mensch durch Geberde und Wort in der Kraft seiner Imagination
und seines Willens die gesammte Krperwelt zu beherrschen. Sowie wir jetzt
unsere Glieder bewegen knnen, wenn wir wollen, indem aus uns verborgene
Krfte in sie flieen, welche dieselben in Bewegung setzen, ebenso konnte
der Mensch durch verborgene geistige Ausflsse der Krperwelt befehlen,
nmlich denjenigen Gegenstnden, welche in seiner Nhe oder ihm gegenwrtig
waren. -- Ebenso konnte der Mensch die sichtbare Welt auch durch seine
Stimme allein beherrschen. Es war blos eine Erneuerung dieser
ursprnglichen Natur des Menschen, wenn die Heiligen der alten Zeiten in
bereinstimmung mit ihrer Willens- und Imaginationskraft so groe Dinge
durch die Macht der Stimme oder des Wortes verrichteten, wenn z.B. Noah
die Thiere zu sich in die Arche rief, Josua der Sonne und Moses dem rothen
Meer befahl. Der Mensch hat die Sprache ursprnglich nicht zu dem Zweck
allein erhalten, um seines Gleichen durch sie seine Gedanken mitzutheilen,
denn das konnte er ursprnglich durch eine verborgene Wirkung oder durch
das alleinige Verlangen bewerkstelligen, einem andern seine Gedanken kund
zu thun.

[679] +Loco cit. I, 100.+

[680] +Loco cit. I, 98.+

[681] +De opificio mundi I, 102.+

[682] +Loco cit. 108.+

[683] +De opificio mundi 104, 108.+

[684] +Loco cit. I, 114.+

[685] +Loco cit. I, 116.+

[686] Dieser Satz ist natrlich nicht im darwinistischen, sondern im
ethischen Sinn zu verstehen.

[687] +De opificia mundi I, 98.+ %Synkekrita gar ek tn autn, gs, kai
datos, kai aeros, kai pyros.% Das Feuer zielt wohl auf den therischen
Astralkrper, da im Altertum der ther als Feuer gedacht wurde.

[688] +Loco cit. I, 100.+

[689] +De sacrif. Abel 149.+

[690] Philo legt hier die klimatischen Jahre der Astrologie zu Grund,
nmlich das 7., 14., 21., 28., 35.,&c.

[691] +Quis rerum divin. heres sit 522, 523.+

[692] +De migrat. Abrah. III, 470.+

[693] +Quis rerum divin. heres sit 522, 523.+

[694] +De Cherubim II, 56.+

[695] Philo nennt hier nach Pythagoras nur Grammatik, Rhetorik und Musik.
Er htte statt dessen sagen sollen: occulte Schulung.

[696] Man vergleiche mit diesen Personifikationen der Gottheit die
christliche Dreieinigkeit. Die Sophia ist die weibliche Potenz der
Gottheit, Maria vergleichbar. -- ber obige Stelle s. +De somniis 587+.

[697] +De gigantibus 364.+

[698] +De profugis 562.+

[699] +Quis rerum divin. heres sit I, 501.+

[700] +De Mose III, 155.+

[701] +Quis rer. divin. heres sit 522.+ +De somniis 588, 590.+

[702] +De somniis I, 74.+

[703] +De nominum mutatione 356.+

[704] +De nominum mutatione 358.+

[705] +De somniis V, 68.+

[706] +Odyssee XI, 303.+

[707] +De somniis V, 56.+

[708] +De nominum mutatione IV, 334.+

[709] +De profugis IV, 264.+

[710] +De migrat. Abrah. III, 410.+

[711] +Quis rerum divin. heres sit IV, 30.+

[712] +Leg. alleg. I, 268.+

[713] +Genes. XXIV, 7.+

[714] +Genes. XXIV, 63.+

[715] +Exod. IX, 29.+

[716] +Leg. allegor. I, 154.+

[717] +De ebrietate III, 238.+

[718] Porphyrius berichtet z.B. von Plotinos, da dieser whrend sechs
Jahren nur viermal zur Anschauung gelangte.

[719] +De nominum mutatione IV, 332.+

[720] +De praemiis et poenis II, 413.+

[721] +De Dekalogo II. 198.+

[722] +De allegor. III, 76.+ Die Stelle scheint sich auf Prexistenz zu
beziehen.

[723] +De gigantibus II, 382.+

[724] +De profugis 466.+

[725] +De sacrific. Abel.+

[726] +De Cherubim 108.+

[727] +De congr. pagan. 432.+

[728] +De praemiis et poenis 921.+

[729] +De Cherubim 124.+

[730] +De confusione linguarum 331.+

[731] +De somniis 586.+

[732] Hier kennzeichnet sich Philos Hebrerhochmut. --L.K.

[733] +De vita contemplativa II, 473. Ed. Mangey.+

[734] +De vita contemplativa II, 474.+

[735] Also als somnambule Seher.

[736] Also ein zoroastrischer Gedanke.

[737] +De vita contemplativa II, 475ff.+ %gnsis tn thein kai ouranin%.

[738] +Josephus: De bello Jud. II, cap. 8.+ +Philo: Quod omnis probus liber
sit II, 458.+

[739] +Loco cit.+

[740] +Josephus: Antiq. Jud. Lib. XVIII, 1.+ +Philo: Loco cit.457.+

[741] +Josephus: Antiq. Jud. Lib. II, cap. 8, 7.+

[742] +Loco cit. 8.+

[743] +Philo: Quod omnis probus liber 459.+

[744] +Philo: Quod omnis probus liber 459.+

[745] +Josephus: Antiq. Jud. Lib. II, cap. 8, 7.+

[746] +Loco cit. 11.+

[747] +Quod omnis probus liber II, 458.+

[748] +Loco cit. 6.+

[749] +De vita contemplativa II, 471.+

[750] +Loco cit.+

[751] %Philalths logos%. Vgl. +Opp. Philostr. ed Gotofr. Olear. Lips.
1709. Vol. I., p.428sq.+

[752] +Contra Celsum VI, 48.+

[753] +Apollonius von Tyana. Nach dem Griechischen des Philostratus.
Rudolst. 1885. S.5.+

[754] +Vita Apollonii. Lib. I, 1. 3.+

[755] +Ap. v. T. und Christus. Tb. 1832. S.215.+

[756] +A.a.O. S.386.+

[757] +Vita Apoll. Lib. I, 2, 4-6.+

[758] +Vita Apollon. Lib. I, 3, 8.+

[759] +Lib. I, 3, 9, 10, 12.+

[760] +Lib. I, 3, 14, 15.+

[761] +Lib. I, 4, 16-18.+

[762] +Lib. I, 5, 19.+

[763] +Lib. I, 5, 23+. Vgl. auch +Herodot VI, 13, 119+.

[764] +Lib. I, 6, 23-37.+

[765] +Lib. III, 10, 15.+

[766] +Lib. III, 10, 16, 17.+

[767] +De myster. Aeg. II, cap.7.+

[768] +Lib. III, 10, 34.+

[769] +A.a.O. 38.+

[770] +Lib. III, 10, 39.+

[771] +A.a.O. 44.+

[772] +Lib. III, 11, 58.+

[773] +Lib. IV, 12, 16.+

[774] +Lib. IV, 12, 20.+

[775] +A.a.O. 21.+

[776] hnliche Vorflle teilt auch +Frommann: De Fascinatione. Norimb.
1675. 4.+ mit.

[777] +Lib. IV, 12, 34.+

[778] +A.a.O. 13, 43.+

[779] A.a.O. 44.

[780] +Lib. IV, 15, 11.+

[781] +A.a.O. 13.+

[782] +Lib. V, 16, 24.+

[783] +Lib. VI, 17, 11.+

[784] A.a.O. 13.

[785] +A.a.O. 27.+

[786] +Lib. VI, 18, 32.+

[787] +Lib. VII, 19, 9, 10.+

[788] +A.a.O. 20, 38.+

[789] +Lib. VIII, 21, 5.+

[790] +Lib. VIII, 23, 12.+

[791] +Ap. Gesch. 5, 19. 12, 7.+

[792] +Lib. VIII, 23, 19.+

[793] +A.a.O. 23, 26, 27.+

[794] +Hist. eccl. VI, 19.+

[795] Die Gedankenbertragung ist in solchem Falle stets von der
Willensthtigkeit des bertragenden abhngig. Ist also der Wille des
bertragenden ein bser, bleibt der bertragene Gedanke an der Schwelle des
Bewutseins stehen und setzt er sich nur in krperliche Empfindung um, so
wird eine derartige psychische Operation stets irgendwelche
Krankheitserscheinungen im Gefolge haben, die um so greller sich geltend
machen, je schwcher die Seelenkrfte des Objekts und je strker die des
Operierenden sind. Dies zugegeben, kann der Fall gedacht werden, da +A+
auf +B+ in dieser Weise nachteilig einwirkt, so lange die Empfindung bei
+B+ nicht zum Bewutsein gekommen ist; wenn dies aber geschehen ist und +B+
eine strkere psychische Kraft besitzt als +A+, so wird +B+ auf gleiche
Weise reziprok wirken knnen, denn wie Paracelsus schon eben so naiv als
richtig sagt: der strkere Geist berwindet den schwcheren, der strkere
wehrt sich besser und macht sich den schwchern unterthan. Auf diese
einfache Formel lt sich die ganze heilende wie schadende Magie, das
Maleficium, der bse Blick, das Beschreien und endlich der Heilmagnetismus
zurckfhren. Darin begrndet sich auch die alte Erfahrung, da Frauen,
Kinder, Tiere&c., bei denen der Wille und berhaupt die psychischen Krfte
wenig oder gar nicht zur Entwickelung gelangten, als der Bezauberung ganz
besonders unterworfen gelten.

[796] Vielleicht auch nur Experimentalpsychologen.

[797] +Enn. V. Lib. V. cap. 7.+

[798] +Enn. V. Lib. I, cap. 7. Lib. II, cap. 1.+

[799] +Enn. IV. Lib. III, cap. 17.+

[800] +Enn. V. Lib. I, cap. 4.+

[801] +Enn. III. Lib. II, cap. 1.+

[802] +Enn. V. Lib. IX, cap. 9. VI. Lib. VII, cap. 12.+

[803] +Enn. II. Lib. IV, cap. 4.+

[804] +Enn. III. Lib. V, cap. 3. V. Lib. I. cap. 6 u. 10. Lib. II, cap.1.+

[805] +Enn. V. Lib. I, cap. 6.+

[806] +Enn. V. Lib. I, cap. 7.+

[807] +Enn. V. Lib. VI, cap. 4.+

[808] +Plotinos opusc. Stob. Eclog. Phys. pag.113.+

[809] +Enn. VI. Lib. II, cap. 22.+

[810] +Loc. cit., cap. 3.+

[811] +Enn. VI. Lib. VII, cap. 14.+

[812] +Enn. III. Lib. VIII, cap. 2.+

[813] +Loc. cit., cap. 2.+

[814] +Enn. VI. Lib. IV, cap. 2.+

[815] +Enn. IV. Lib. VIII, cap. 3.+

[816] +Enn. VI. Lib. VII, cap. 9.+

[817] Sollte man nicht meinen, Plotin habe in seiner mystischen
Ausdrucksweise den Kampf ums Dasein und die Vererbungstheorie antizipiert?

[818] +Loco cit.+

[819] +Enn. IV. Lib. IV, cap. 60.+

[820] +Enn. IV. Lib. VIII, cap. 8.+ +Lib. VIII. cap. 4.+

[821] +Enn. I. Lib. I, cap. 12.+

[822] +Enn. V. Lib. III, cap. 13 u. 14.+

[823] +Loco cit.+

[824] +Enn. VI. Lib. IX. cap. 7.+

[825] +Loco cit.+

[826] +Enn. VI. Lib. IX, cap. 10.+

[827] +Enn. V. Lib. II, cap. 1.+

[828] +Porphyrius: Vita Plotini 18.+

[829] +De abstinentia I, 30.+ +I, 59.+ +II, 45, 53.+

[830] Diese und die im Folgenden hervorgehobene Stelle sind die einzigen
Spuren von der Lehre eines Seelenkrpers bei Porphyrius.

[831] +Sentenz 2, 3, 38, 39.+ +Stobaeus: Eclog. phys. Th. II, pag.822.+

[832] +II, cap. 57 bis zum Schlu.+

[833] Dieser Satz Kiesewetters lt auf einen sonderbaren Begriff desselben
von Psychophysik schlieen. --L.K.

[834] +Vates.+

[835] Die Neuplatoniker haben auch die persisch-jdische Vorstellung guter
Dmonen als Engel und Erzengel in ihre Pneumatologie aufgenommen.

[836] Offenbar kannte Porphyrius die Erscheinungen des Hypnotismus und
Mesmerismus.

[837] Wohl eher mit einer _Hallucination_. --L.K.

[838] Wie mir scheint mehr als genug. --L.K.

[839] +De myst. Aegypt. Sect. I, cap. 5.+

[840] +De myst. Aegypt. Sect. I, cap. 3.+

[841] +Loco cit. S. I, c. I, 21.+

[842] +Sect. III, cap. 4.+ Nichts seltenes in Irrenhusern. --L.K.

[843] +De myst. Aegypt. I, 10. III, 3.+

[844] +Loc. cit. I, 12, 13, 15. V, 23.+

[845] +Loco cit. III, 3.+

[846] +Loco cit. III, 22, 28, 29.+

[847] +Sect. III, cap. 14.+

[848] +Sect. II, cap. 10.+

[849] Die Theorie der Truggeister finden wir bereits bei _Paulus_ vor,
welcher (+2. Cor. 11, 14+) vom Satan spricht, der sich in einen Engel des
Lichts verstellt. _Augustin_ sagt in der +Civitas Dei, B. XIX, cap. 9+: Es
ist gewi, da jene Philosophen, welche die Gtter zu ihren Vertrauten zu
haben glaubten, unter bse Geister geraten waren, von denen sie betrogen
wurden. -- _Psellus_ sagt in seiner Schrift +De operatione Daemonum+:
+Ante adventum boni spiritus frequens Daemonum coetus affluet et varii
generis variaeque formae spectra daemonica praecurrant et appareant, ab
omnibus partibus elementorum excitata, partim ac omnibus lunaris cursus
portionibus composita etc. imo cum laetitia et gratia quadam blanditiae
saepius occurentia, speciem bonitatis Initiato praebent.+ _Reuchlin_ (+De
verbo mirificio. Lib. II, cap. 1.+) frchtet nichts mehr als diesen Betrug
der Geister, und _Luther_ sagt in seinen Tischreden, er wisse nicht, ob er
dem lieben Gott dafr danken solle, wenn er ihm einen Engel ins Haus
schickte, denn er wrde sich kaum des Gedankens enthalten knnen, ob es
nicht vielleicht der Teufel sei, und so erzhlte er denn auch bei dieser
Gelegenheit einige diesbezgliche erbauliche Anekdoten.

[850] +De myst. Aegypt. Sect. I, cap. 21.+

[851] +Loco cit., Sect. I, cap. 21.+

[852] +L. c. Sect. I, cap. 9.+

[853] Die Frsten der Materie bei Jamblichus gleichen vllig den 7
hllischen Grofrsten des Hllenzwangs.

[854] Aus vorstehendem Kaff wird es, wenn Leute wie Jamblichus auch mit
zu den Philosophen gezhlt werden, wohl verstndlich, wie verchtlich
auch dieses Wort werden konnte. Tiefer konnte die griechische Philosophie
wohl nicht sinken. --L.K.

[855] Ganz wie im Hllenzwang.

[856] +De myst. Aegypt. Sect. II, cap. 3-5.+

[857] +De myst. Aegypt. Sect. II, cap. 6 u. 9.+

[858] +Sect. II, cap. 7.+ Ganz wie im Hllenzwang.

[859] Die gleiche Idee herrscht noch im modernen Spiritismus.

[860] Wie im Hllenzwang.

[861] +De myst. Aegypt. Sect. II, cap. 8.+

[862] +In Alcib. p.76.+

[863] +L. cit. 89.+

[864] +Edit. Commel. Paris 1596. P. 56, 59.+

[865] Diese Probe der vollstndigen Paralyse des Neuplatonismus drfte
gengen. --L.K.

[866] +Occult. Phil. Lib. III, cap. 53.+

[867] +Zrich, 1776. 8.+

[868] Im pythagorischen Sinn.

[869] Wir haben hier also wieder einen eigenartigen Vergleich fr die
Doppelnatur des Menschen, die Lehre von einem transcendenten und
empirischen Ich, wie sie schon den alten Mysterien nicht unbekannt gewesen
zu sein scheint, dann bei Plato, Aristoteles und neuerdings bei Kant und du
Prel sich vertreten findet. Vergl. S.558ff., S.613ff. oben.

[870] +Ammian XV, 9.+

[871] +Viscum L. album+, spielt noch jetzt als +mistle-toe+ bei der
Weihnachtsfeier in England eine Rolle.

[872] Das heutige +Anglesey+.

[873] Wer sich fr den sog. Neo-Druidismus, der zur Zeit wie eine Abart des
Freimaurerwesens erscheint, des Nheren interessiert, sei auf den Aufsatz
von Paulo _Enthllungen aus den Druiden-Logen_ in der _Kritik_,
Wochenschau des ffentlichen Lebens (Berlin) III. Jahrgang Nr. 65. (25. I.
1896) S.153-160 aufmerksam gemacht.

[874] be Enthaltsamkeit mit Zunge, Magen und--!




Anmerkungen zur Transkription

Die Rechtschreibung des Originaltextes wurde beibehalten, offensichtliche
Druckfehler wurden korrigiert. Sofern unterschiedliche Schreibweisen, wie
gypten und Egypten, smmtlich und smtlich, mehrfach vorkamen,
wurden jeweils beide Schreibweisen beibehalten.

In einigen Fllen wurde die gleiche Funotennummer auf einer Buchseite
mehrfach verwendet, um auf dieselbe Funote zu verweisen. In diesen Fllen
sind die wiederholten Funoten hier mit dito bezeichnet.

Fr die Funoten 98, 497 und 595 gab es auf den betreffenden Buchseiten
keinen Hinweis; in diesen Fllen habe ich die Hinweise an den Stellen
eingefgt, die mir als die wahrscheinlichsten erschienen.

Im Buch war der Inhalt der Seiten 917 und 918 vertauscht, dies wurde
berichtigt.

Auer der Korrektur offensichtlicher Druckfehler wurden folgende nderungen
vorgenommen:

  S. 25: British museum wurde gendert in British Museum
  S. 27: wird der dem reuevollen Bekenntnis wurde gendert in
         wird dem reuevollen Bekenntnis
  S. 30: die bezaubernde Person wurde gendert in
         die zu bezaubernde Person
  S. 34: anhrend betrachtet wurde gendert in angehrend betrachtet
  S. 44: durch seine oberste Emanation der Schpfung der Welt
         wurde gendert in
         durch seine oberste Emanation die Schpfung der Welt
  S. 45: man reichte deshalb wurde gendert in man reihte deshalb
  S. 48: Rohr des Schicksals, der Offenbarung der Enthllung
         wurde gendert in
         Rohr des Schicksals, der Offenbarung, der Enthllung
  S. 51: Der griechischen Tradition zufolge Delphos wurde gendert in
         Der griechischen Tradition zufolge soll Delphos
  S. 58: galt als besonders omins wurde gendert in
         galten als besonders omins
  S. 63: sondern auch daraus entnehmen wurde gendert in
         sondern auch daraus zu entnehmen
  S. 76: das Lichthorn in seiner einen Hand ist es ein Sinnbild
         wurde gendert in
         das Lichthorn in seiner einen Hand ist ein Sinnbild
  S. 82: um die Dews und Magier durch das Lesen des Zendavesta in die
         Flucht getrieben wurden wurde gendert in und die Dews und
         Magier durch das Lesen des Zendavesta in die Flucht getrieben
         wrden
  S. 83: davon bereit sein wurde gendert in davon befreit sein
  S. 84: so frchtet er doch nicht wurde gendert in
         so frchtet er doch nichts
  S. 108: die aus dem Quell der Weisheit Orients wurde gendert in
          die aus dem Quell der Weisheit des Orients
  S. 110: als unter besondere Ized stehend gedacht wurde gendert in
          als unter besonderen Izeds stehend gedacht
  S. 111: von Arduisur kommen alle Wasser unter den Himmel
          wurde gendert in
          von Arduisur kommen alle Wasser unter dem Himmel
  S. 125: jedes Glied der lebendigen wurde gendert in
          jedes Glied der lebendigen Gemeinde
  S. 129: das Reich des Angrmainyus zu zerstren wurde gendert in
          das Reich des Angrmainyus zerstren
  S. 132: umgnglich notwendig wurde gendert in unumgnglich notwendig
  S. 133: Tempel zur Feuerverzehrung wurde gendert in
          Tempel zur Feuerverehrung
  S. 142: und mochte sie im Augenblick verdorren wurde gendert in
          und machte sie im Augenblick verdorren
  S. 143: da er lerne sich vor dem Argen schtzen. wurde gendert in
          da er lerne sich vor dem Argen zu schtzen?
  S. 147: aus und ber der Erde mit allem wurde gendert in
          aus und ber der Erde alle Berge mit allem
  S. 148: welchen Taschter ber aber wurde gendert in
          welchen Taschter ber
  S. 150: wie gesagt, wird in Hinsicht wurde gendert in
          wie gesagt wird in Hinsicht
  S. 156: drei andere drei Jahrtausende wurde gendert in
          drei andere Jahrtausende
  S. 163: dem Titel herausgab wurde gendert in
          unter dem Titel herausgab
  S. 164: woher komme wurde gendert in woher sie komme
  S. 169: Kleides eingefhrt ist wurde gendert in
          Kleides eingefhrt sind
  S. 192: allwissend und einig wurde gendert in allwissend und einzig
  S. 194: Brahma habe ich wurde gendert in Brahma habe sich
  S. 211: da anstatt der menschlichen Zwillinge wurde gendert in
          da sich anstatt der menschlichen Zwillinge
  S. 220: magnetisiert durch wurde gendert in magnetisiert man durch
  S. 239: durch dieselbe Prozedur wie am folgenden Tage wurde gendert in
          durch dieselbe Prozedur wie am vorigen Tage
  S. 242: an diesen gekrmmten Ufern wurde gendert in
          an dessen gekrmmten Ufern
  S. 253: diese Macht der Erhebung verlange wurde gendert in
          diese Macht der Erhebung erlange
  S. 254: Als er nach einer halben Stunde wurde gendert in
          Als nach einer halben Stunde
  S. 257: von diesem unvergnglichen Krper wurde gendert in
          von diesem vergnglichen Krper
  S. 269: sprachen hin und her meinten wurde gendert in
          sprachen hin und her und meinten
  S. 273: Ravesu-masotep en Ra wurde gendert in Vesu-ma-Ra sotep-en-Ra
  S. 297: sorgfltig geheim geheim geheim gehalten wurde gendert in
          sorgfltig geheim gehalten
  S. 316: Die schauernde Naturmagie wurde gendert in
          Die schauende Naturmagie
  S. 335: in der umfangreichsten wurde gendert in
          in der umfangreichsten Weise
  S. 352: da die Schriften des Plotinus wurde gendert in
          da sie die Schriften des Plotinus
  S. 370: der jede etwas Unendliches reprsentiert wurde gendert in
          deren jede etwas Unendliches reprsentiert
  S. 390: nach denen die Autoritt wurde gendert in
          auf denen die Autoritt
  S. 397: sehen wir den letzten dieser Attribute wurde gendert in
          sehen wir in den letzten dieser Attribute
  S. 398: ber den Sinn dieser Allegorien wurde gendert in
          ber den Sinn dieser Allegorie
  S. 409: Dieser erhabene Glaube wurde gendert in
          Diesen erhabenen Glauben
  S. 436: das wiewohl das Krperliche nichts sieht, dennoch die N'schama,
          so da Massel ist wurde gendert in da wiewohl das Krperliche
          nichts sieht, dennoch die N'schama, so das Massel ist
  S. 467: was diese bewege, gesucht? wurde gendert in
          was diese bewege, gesucht.
  S. 476: abgeleitet haben wurde gendert in abgeleitet zu haben
  S. 480: letzteres aber wurde gendert in letztere aber
  S. 550: Parag. und Paralipomen. wurde gendert in
          Parerg. und Paralipomen.
  S. 575: das ewig und vernderlich Seiende wurde gendert in
          das ewig und unvernderlich Seiende
  S. 594: da er bei seinem Entweichen wurde gendert in
          da es bei seinem Entweichen
  S. 602: nicht nur nicht in der Lage wurde gendert in
          nicht nur in der Lage
  S. 660: vor allem durch Gebote wurde gendert in
          vor allem durch Gebete
  S. 661: als wenn hin und wieder wurde gendert in
          als wenn man hin und wieder
  S. 671: beim Festmahle das Dis wurde gendert in
          beim Festmahle des Dis
  S. 697: sein Geschlecht abgeben sollen wurde gendert in
          sein Geschlecht angeben sollen
  S. 700: da er die Wahrheit nicht zu erkennen begann wurde gendert in
          da er die Wahrheit zu erkennen begann
  S. 737: so mag er doch nur wurde gendert in so vermag er doch nur
  S. 739: der sterblichen abgestorben zu sein glauben wurde gendert in
          der sterblichen Hlle abgestorben zu sein glauben
  S. 741: in ihr innerstes Heiligtum versengt wurde gendert in
          in ihr innerstes Heiligtum versenkt
  S. 741: einem tieferen Sinne unterlagen wurde gendert in
          einen tieferen Sinn unterlegen
  S. 805: Herren und Seelen wurde gendert in Heroen und Seelen
  S. 809: Streben nach mystischen Henosis wurde gendert in
          Streben nach der mystischen Henosis
  S. 817: Nachtbar des Mssens wurde gendert in Nachbar des Mssens
  S. 828: gerade ihrer Grausamkeit zur Zeit wurde gendert in
          gerade ihrer Grausamkeit wegen zur Zeit
  S. 853: Woher sind denn? wurde gendert in Woher sind sie denn?
  S. 860: ist uns wenig Zuversichtliches wurde gendert in
          ist uns wenig Zuverlssiges





End of Project Gutenberg's Der Occultismus des Altertums, by Karl Kiesewetter

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER OCCULTISMUS DES ALTERTUMS ***

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