Project Gutenberg's Die Probefahrt nach Amerika, by Leopold Schefer

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Title: Die Probefahrt nach Amerika

Author: Leopold Schefer

Release Date: June 11, 2013 [EBook #42912]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE PROBEFAHRT NACH AMERIKA ***




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                       Die
             Probefahrt nach Amerika.


                      Roman
                       von
                 Leopold Schefer.



                     Bunzlau,
              Appun's Buchhandlung.
                      1837.




                       Die
             Probefahrt nach Amerika.


     Motto: Lasset der Welt nur den Lauf,
            und das Wasser dann findet ihn selbst schon!





Schnen guten Abend, Herr Pastor! Hier bringe ich die sechs Dreier
Reisegeld nach Amerika von meinem Vater.

So sprach eine junge Mdchenstimme in unser abenddunkles Zimmer herein,
darin ich gedankenvoll, ja kummervoll, auf- und abging. Ich hatte wohl
verstanden, was das liebe Kind wie mit Engelsstimme zu mir gesagt. Aber
desto mehr war ich von dem himmlischen Gru berrascht und bewegt, und
stand, gewi ber und ber roth geworden, im Dstern still, und hatte die
Hnde gefaltet. Das arme Mdchen aber mochte glauben, wir htten es nicht
gehrt, und so sprach es mit leiser Stimme noch einmal: Schnen guten
Abend! Ich bringe unsre sechs Dreier zur Probefahrt . . . .

Mache doch Licht an! -- sagte ich zu meiner Frau, die in der Feierstunde am
Fenster sa, zu welchem die wie jung gewordenen ersten Frhlingssterne vom
dunkelblauen Himmel herein glnzten; -- mache doch Licht, liebe Frau! Es
ist Webers Gretchen!

Meine liebe Frau aber regte sich nicht; oder vielmehr, sie legte sich mit
dem Gesicht in ihre weischimmernde Arbeit vor ihr auf ihr Tischchen. Ich
seufzete unhrbar, ging selbst, zndete einen Streifen Papier an meiner
Luftfeuermaschine an -- woraus die Flamme mir blitzschnell dienstfertig
herausfuhr und mich dadurch sehr erquickte; und als das Licht brannte,
sprach das liebe kleine Mdchen, wie nun erst getrost, recht freundlich:
Schnen guten Abend!

Guten Abend, mein Kind! sagte ich ihr mit dem Gefhl, das ihr, ihren armen
ltern, und der ganzen armen gepeinigten Gegend recht gute Tage wnschte.
Sie gab mir die sechs Dreier Reisegeld nach Amerika, lauter Kupferdreier,
mit Grnspan belegt, also aus dem Salzgelde, denn der Weber verkaufte nur
Salz. Du bist die Erste, die mir bringt. Gieb mir Deine Hand und Deinen
Segen, mein Kind! sprach ich halblaut, meiner Frau wegen, und mit nassen
Augen, des bervollen Herzens wegen. Ich trug den Weber in das dazu bereite
Buch, gab ihr eine Quittung . . . . damit man den Amerikanischen Kaufleuten
nicht zur Schande nachsagen mge, da sie ber jede Kleinigkeit in ihrem
wohlgeordneten Lande ein Quittung geben, selbst ber ein bezahltes
Halstuch; und das liebe Kind schied mit einer verlegenen Guten Nacht! an
die Frau Pastorin, und mit einer getrosten guten Nacht an mich.

Die Nacht mchte nicht gut werden! dachte ich. Ich trat zu meiner Frau,
legte meine Hand ihr auf den Kopf, den sie seitwrts wandte. Mein Kind!
Meine liebe Frau! sprach ich so mild als mglich. Sie regte sich nicht. Und
so fuhr ich fort in meinem Styl: La uns betrachten! Wie wre es denn --
wenn ich ein Missionair wre? Mte ich dann nicht? . . . . Oder httest Du
mich dann nicht geheirathet? . . . . Und bin ich nicht wirklich ein
Missionair, ein Abgesandter von dem, der uns sagte, uns, mir also auch, und
in der Noth erst recht laut: Gehet hin in alle Welt! Und unter _aller_ Welt
ist doch gewi die neue Welt, und so Gott will, die bere Welt, auch mit
begriffen! Ihm war Himmel und Erde bekannt, und gewi auch Amerika, das in
der alten Welt ja auch bekannt war, den Tyriern und Sidoniern; und wenn sie
sich auch vor dem Wasser frchten, doch auch den Juden, und dem weisesten
Juden, der so viel und gern am Meere wandelte und lehrte. Und soll ich
zeitlebens, oder um meine zwanzig Amtsjahre nur immer geredet haben? Soll
ein Geistlicher nicht auch _thun?_ Mit gutem Beispiel vorangehn? Mit Muth!
mit Erfahrung! Wer ist denn noch berall der stille Freund und Trster des
Volkes, als die Geistlichen, die Weltgeistlichen? Bin ich's nicht auch?
Habe ich mich nicht um meine schne laute Stimme gepredigt? Habe ich mich
nicht um allen meinen eigenen Trost getrstet, so da ich selbst wie ein
Irrlicht schwebe, nicht wie ein mchtiges Licht, so stark, da es selber
steht! Habe ich mir die gute redliche Brust nicht verdorben, da nur eine
weite Seereise mich herstellen kann, aber grndlich herstellen wird, wie
der Doctor sagt. Gnnst Du mir das nicht? Soll das Volk verkommen,
verzweifeln, da in aller Welt doch Hlfe fr alle Welt ist? Soll ich nicht
reisen und ihnen die Ruhesttte der Lebendigen helfen bereiten? Soll ich
sterben vor Leiden und Qual? Leide ich nicht? -- denn seh' ich nicht
leiden? La mich leben! Komm Du mit!

Das ist mein Tod! sprach meine liebe Frau, sich aufrichtend, und, sahe
von mir weg, hinaus, hinauf unter die Sterne. Aber sie hatte ihre rechte
Hand herabhangen lassen, und das hie von ihr -- wie ich aus Erfahrung
wute: -- sie hatte mir ihre Hand gegeben.

Du gehst als ein Volksspion! sprach sie jetzt, wie fr mich sich
schmend, aus ihrem edlen liebevollen Herzen.

. . . . Volksspion? wiederholte ich ohne es zu wollen. Aber, mein Kind,
sprach ich mit ruhigem Selbstgefhl, haben die Hirten der Heerden nicht
ihre Gesandten, die ihnen alles berichten, was ihnen frommt? Sollen die
Vlker nicht ihre Gesandten haben? Und willst Du den Apostel Paulus, den
Columbus, den Vasco da Gamma, den berhmten Reisenden schlechtweg, und den
Prinzen, einen Volksspion nennen, weil am Ende jede Reise, jede groe
Entdeckung, jede kleinste Erfindung fr das Volk ist! Halte mich lieber fr
eine Taube Noh, oder einen Raben! Und heie ich nicht _Volkmar?_ Was
_Volk_ ist, weit Du; und was _mar_ bedeutet, habe ich unsrem Gustav Adolph
erklrt. Also Volkmar will ich auch seyn!

So oft er den Soldaten, _dem Volke_, wie man, nach Deinem Worte,
mibruchlich und unchristlich sagt, nachluft, dann nennst Du den Jungen:
Volks-Narr! und Du, Du willst ihm vorlaufen! Verstanden? sprach sie; stand
auf und ging hinaus, um das Abendbrot zu besorgen.

Ich aber schmte mich fr Alle, die sich des Volkes anzunehmen schmen,
nach Krften, kniete auf ein Knie nieder, beugte mein Haupt und betete: O
Volk, o deutsches Volk, Dein bin ich, so lange ein Athem in mir weht, der
Athem Gottes. Denn in dir, o Volk, lebt derselbe alte Vater heilig, aber
jetzt hier recht erbarmungswrdig, Gottes unwrdig! Denn Gott soll fr alle
seine Gaben doch nicht hungern und dursten, nicht halbnackend frieren, und
so bekmmert aussehen, wie die theuren Menschengesichter hier alle weit und
breit um mich. Gott soll kein Schlo vor dem Munde haben, Gott soll man
nicht lebendig begraben, in seinem Sohne, seinen Kindern allen, dem Volke!
O Gott, gieb, da Alle erkennen, Wer, welch heiliger Wer in dem Volke lebt.
Darum Dein bin ich, o Volk, so lange ich einen Tropfen Blut in den Adern
habe, eine Zunge im Munde; denn ich wei, wer es ist, der _Es!_ -- _Es_
blitzt! _Es_ donnert! _Es_ regnet ber die Saaten! _Es_ reit mir am
Herzen. _Es_ fhrt mich fort! --

Ich stand auf, ich konnte nicht mehr. Aber ich war ruhig.

Da kam meine Tochter _Marie_, oder _Mirjam_, wie ich sie ihrer Ahnfrau zu
Ehren am liebsten nenne. Sie eilte auf mich zu, sie sank mir an die Brust,
und ich hielt sie umarmt an dem treuen Vaterherzen. Ich wei nicht, eine
Tochter erscheint dem Vater immer so wunderbar eigen, wie seine Mutter und
sein Weib zugleich, und doch wie das zarte schne Herzblatt des eigenen
Wesens selbst. Heut rhrte sie mich doppelt. Sie war in ihren
Sonntagskleidern, wei und sauber und lieblich angezogen; sie kam so
hastig, ihre ganze Gestalt wollte wie eine vollgedrngte Knospe brechen;
ihre Augen, ihre Lippen wollten tausend Dinge, die ganze Welt mir erzhlen,
vertrauen, preisen! Sie schien eine Flamme, die nicht lodern will, eine
Lilie, die nicht gesehen sein will, so kam mir die Jungfrau verndert vor
-- aber wodurch? Wie so schnell? Denn am Nachmittage war sie auf das Schlo
gegangen, das auf einem Hgel mitten in der Stadt liegt, um ihre Freundin,
ihre Jugendgespielin zu besuchen, zu trsten. Denn der jungen _Baronesse
Freysingen_ war erst vor Kurzem die Mutter gestorben, eine musterhaft gute
Wittwe; denn alle Weiber werden als Wittwen gut, besonders aber diese, die
schon als Weib unvergleichlich gewesen. Denn um nur Eins zu sagen: sie
hatte alle Einwohner der zwanzig groen Drfer ihrer Baronie frei gegeben
ohne Entschdigung. Die Mdchen waren beide siebzehn Jahr alt, also wahre
Jungfrauen, ich hatte sie beide zusammen unterrichtet, und aus voller Seele
mich bemht, sie in allem Herrlichen redlich zu confirmiren. Was thut ein
Vater nicht! Auch mein ltester Sohn, mein _Marbod_, hatte Theil an meinen
auslndischen Worten, an dem Unterricht in der englischen und franzsischen
Sprache Theil genommen. Viel Augen knnen Ein Licht sehen, viel Ohren Einen
Mund hren, und Kindern gegenber ist der Vater ein feuriger, reiner,
undurchdringlicher Lehrer. Die Kinder waren wie Geschwister. Meine Mirjam
hatte den Abend auf dem Schlosse bleiben wollen, und sie kam schon nach
Hause? Zu mir? Es war also etwas vorgegangen, geschehen, _ihr_ geschehen,
und ich frug sie, was sie mir bringe?

Mich! antwortete sie. Dir . . . oder, wollte ich sagen, Ihnen, lieber,
lieber Vater! Dabei drckte sie mich heftig.

Hat Dir die Mutter drauen gesagt? -- Ach die Mutter! Du weit, da sie
schon ein Jahr und lnger her nie ein Wort dagegen gesagt, da ich nach
Amerika will, auf Probe; aber um wirklich sagen und fhlen zu knnen, wie
Auswanderern um das Herz ist, wie ihnen also in Wahrheit geschieht, bin ich
mit Gott entschlossen, auf immer auszuwandern. In den zwanzig Drfern
sammeln die Vorsteher . . . . das arme Reisegeld; hier aus der Stadt
brachte jetzt ein Kind an mich die ersten sechs Dreier. Nun also ist Ernst!
Das Reden ist aus, das Thun geht an, und nun spricht die Mutter: das ist
mein Tod! -- nicht meiner, mein Kind, sondern _ihrer_, meint sie -- und das
macht mir den schweren Gang nur schwerer, denn ich gehe -- und sie wird
bleiben! Nun, soll ich allein gehen? Oder -- kommst Du mit? Denn unser
Marbod bleibt hier in der Pfarre als mein Vicar, mein Substitut, cum spe
succedendi -- sag' ich Dir heut. Und bleibst Du auch bei der Mutter, so
reis' ich allein mit meinem Gustav Adolph und Gott! Und euch befehle ich
Gott!

Ich hielt inne. Du weinst? frug ich dann. Ja, Scheiden ist schwer. Scheiden
von Lebendigen schwerer, als von den Todten; denn da hat die Natur
geschieden, das Schicksal. Wer aber von Lebendigen, von Geliebten scheidet,
der kommt ihnen vor wie ein bermthiger, leichtsinniger -- Narr! Denn so
hat mich die Mutter genannt -- Volksnarr!

Ach, mein Vater! sprach sie leise, wie soll ich Ihnen nun gestehen --
sagen, wollte ich sprechen, da ein Amerikaner hier ist! Im Schlosse! Den
zweiten Osterfeiertag reist er schon fort nach Bremen, sich wieder
einzuschiffen. Er will Sie mitnehmen. Sie sollen ihn heut besuchen. Ich
soll Sie holen! Ach! --

Mir war ernst, mir war froh zu Muth. Und doch kam mir meine Tochter noch
rthselhaft vor. Ich war bewegter als sie. Denn Alles in meinem Hause, in
der Meinen Herzen hat mir immer das Wichtigste geschienen. Und scheinbar
gleichgltig frug ich meine Tochter nur: Ist er jung?

Zehn Jahr gewi jnger als Sie, mein Vater!

Also dreiig! -- Ist er verstndig?

O wie es sich ihm zuhrt! Und dann hat man doch nichts verstanden, nichts
gemerkt! Ich knnte kein Wort treu wiedererzhlen!

Also ist er schn? frug ich eben so gleichgltig.

O Vater, fuhr sie fort, meine Frage zur Seite lassend, das Herz klopft
Einem vor Freude, endlich einmal einen Mann sprechen zu hren, mnnlich,
frei, stolz -- als wenn der blaue Himmel ber ihm voll Heldengeister
schwebte, die ihn durch frohe Billigung strkten und zur Feuerflamme
machten. Mein Gott! denk' ich mir selbst den General, den Vormund der
Baronesse, oder den Superintendenten dagegen, die mit eingezogenen Achseln
stehn, und mit schchternen Blicken inne halten und lauschen, ob ja nicht
etwa ein Minister oder Prinz da oben schwebt, der ihre kriechenden Worte
noch nicht kriechend genug findet und sie von oben herab mit dem Finger
warnt, da sie zusammenfahren . . . . . Was habe ich doch gesagt, mein
Vater, ja, ja, so kommt es mir vor, als wenn ich bis heut noch keinen Mann
reden gesehen htte, verzeihen Sie, lieber Vater, als Sie auch. Sie knnen
auch reden! -- Aber Sie sind ja -- mein Vater. --

Schon gut, schon gut! sprach ich, und wute genug und seufzte: o Freiheit,
wie machst du den Menschen schn! Mein armes Mdchen, dachte ich, auch Dir
ist es geschehen! -- Ist er verheirathet? ist er reich? frug ich weiter.

. . . Wrde er so weit reisen, wenn er eine Frau htte . . . .

-- meinst Du! Du Schelm! schaltete ich ein. --

. . . ich meine nur: er kommt aus Petersburg, ber Constantinopel,
Alexandrien und Rom durch sterreich, Baiern. In Nrnberg hat er tausend
Dutzend Schachspiele bestellt und bezahlt. Gehn Sie hinauf auf das Schlo;
ich will noch bei der Mutter bleiben!

Noch? Du gutes Kind! Du willst also mit mir! Das danke Dir Gott! Freilich.
Die neue Zeit ist wunderbar, oder die neuen Menschen, die den alten elenden
Menschen ausgezogen haben, den neuen anziehen wollen, und inde schauernd
stehn wie Bettler. Decke den Tisch.

Die Mutter wollte das Essen noch nicht auftragen. Ich bestand auf Eile: und
sie folgte mir zwar, doch mit einer Miene, als wenn ich mich um eine Freude
brchte. Warum aber heut am Sonntag Abend ein gebratenes Huhn? -- Warum
heut Alles so besser als sonst, das erfuhr ich, als zwei Reiter in den Hof
gesprengt kamen, und bald darauf ein Husar in der Mutter Armen lag, und in
der Schwester Armen. Denn es war mein Sohn, mein Vicar! noch in der bunten
Soldatenraupe. Mein Ersatzmann! Die Ankunft des Sohnes bedeutete der Mutter
ganz sichtbar meine Abreise, meinen Verlust, und so hatte sie ihn ohne
lauten Ausruf, nur mit stillen Thrnen empfangen. Darauf setzten wir uns zu
Tisch. Ihre Augen hingen immer an seinem -- schnen Gesicht; denn warum
soll ich als Vater blind und stumm seyn? Sie a wenig und nichts, er allein
fast alles! Denn mein Gott, wie war berhaupt der junge Mensch verwandelt!
Einen fein gebildeten jungen Mann hatte ich vor Jahr und Tag fortgeschickt,
unter die Soldaten, einen Candidaten der frmmsten Wissenschaft, einen
Nachfolger der Jnger Christi, der nie zu laut sprach, wie ein Mdchen
errthete, sich einfach kleidete, die Kartenknige und Ober nur vom
Amtmannspiel her kannte, der nicht tanzte, nicht Pistolen scho, nicht Wein
nicht Branntwein trank, nicht Tabak rauchte, nur von belebenden Dingen,
wenn auch froh und heiter, sprach -- und ach! was mute ich jetzt von ihm
hren! Nichts wie von Pferden, Jagden und Hunden, von Spielgewinnst, von
vortrefflichem Tabak, und noch edlern Tabaks-Pfeifen; von Bllen, von
schnen Mdchen in den Quartieren bei der Musterung, Geschichten und
Abentheuer von seinen Cameraden, wie sie vielleicht heut an andern Orten
_seine_ Abend- oder Nachttheuer erzhlten! Und seine Sprache -- wie
barauh, cantormig ausgetrunken seine Stimme, sein Auge so zu sagen
frech, sein Ansehn -- dem Ansehn nach gesund . . . . aber ich bin Kenner,
ich sah mit Vateraugen. Da mu ein Vater Freude haben! seufzete ich
herzinniglich. Da mssen tausend Vter jetzt Freude haben, denen ihre Shne
so wiederkommen. Alle redliche Mhe der Mtter, alle Sorgfalt der Vter,
alle Zucht im Hause, aller heiliger Zorn ber die kleinen Keime von Unarten
der Knaben, alle Lehren in den Schulen, alle Predigten in den Kirchen --
Alles umsonst! Von Unkraut erstickt alles chte, rechte Menschenwesen und
Menschensinn. Predigt doch nicht, lehrt doch nicht! Lehrer und Prediger!
Lieben Eltern, lat doch alle Knaben aufwachsen wie Wilde, ja eure Mdchen
auch -- denn auf _der_ Universitt aller Rohheit und Laster bekommt ihr
doch Candidaten der Unreligion nach Hause, die euch Gott und Herz und Athem
und Lunge ersparen; die mit ausgerenktem und ausgerenkt verwachsenem Herzen
verdorben, sie euch doch verderben, euer Leben und ihres. Aber so verlangt
es die in Europa eiserne Zeit. -- Ich ward immer berzeugter von der
Wahrheit meiner innern Worte. Die Mutter hatte die letzte Flasche Wein ihm
zu Ehren herauf holen wollen -- denn er hatte bescheiden seine Schwester
blos um ein Weinglas gebeten -- die Mutter aber kam mit leerer Hand wieder,
denn ich hatte den Wein armen Kranken hingetragen, und ihr Auge gab mir
ihren Dank; der Sohn lchelte und sein Calfactor mute die Feldflasche mit
Arrak bringen -- und ich mute den vortrefflichen kosten! Ich trank den
Tropfen aber auf die Gesundheit der Migkeitsvereine in Amerika, und bat
den Sohn um Verzeihung . . . . da _ich_ den Wein, und heimlich,
fortgetragen in der Tasche, mit der ich im Finstern an das Gelnder der
elenden Treppe der armen Leute angestoen habe, und die guten Kinder
derselben htten mir die Glasscherben aus der Tasche gezogen -- und mit
hohlen untergehaltenen Hndchen den filtrirten Trank der Mutter hingetragen
-- und auch noch vergossen, weil sie auf die Mutter gesehen, und nicht auf
das Hndchen.

Da lachte mein Sohn! Und wie Odysseus berlegte ich, ob ich das lachende
Gesicht aus vterlichem Zorne ganz einschlagen sollte, oder ihn nur so ein
wenig schlagen, da ihm Kinnlade und Zhne ausfielen -- aber er htte ja
vielleicht den Sbel gezogen, und ich htte ihn dann selber todtstechen
mssen, und alles war aus! Meine Fahrt nach Amerika! Selbst meine Hlfe an
alle arme ltern gegen _solche_ Freude an ihren Shnen! Die
himmelschreiende Freude! Ich stand nur vom Tische auf, und meine
feinfhlige Tochter Maria hing sich mir an meinen Arm und flsterte mir
beschwichtigend zu: Vater, liebes Vterchen! Der Bruder wird in drei
Tagen, oder doch in drei Wochen ganz anders seyn, wieder wie zu Hause!
Vergeben Sie ihm!

Habe ich Sie beleidigt? Vater! Womit denn? frug der Sohn, so unschuldig
unbewut -- da es einen Stein htte erbarmen mgen. Das war das rgste: er
wute nicht mehr, wo und wie er fehlte! Und ich sagte zur Antwort die
Wahrheit: _Du_ nicht, mein Sohn! Du hast mich nicht beleidigt, nicht
gekrnkt. Du hast nur Ordre pariert. Du erfllst nur das Gesetz. -- Und so
begriff ich einigermaen die neue, wahrhaft edle Absicht: die Soldaten nun
fromm zu machen, ihnen Gebetbcher in die Hnde und Tornister zu bringen,
und die Commerschlieder mit frommen Morgen- und Abendliedern zu ersetzen.
Nur so ist _ihnen_ zu helfen.

Desto heier brannte ich auf das Schlo zu gehen. Da kamen sie schon! Meine
Augen waren, wie des alten Zacharias Augen, auf den Amerikaner gespannt.
Aber vor ihm trat ein junger schlanker Schwarzer ein, ein Afrikaner, der
frhlich und wohlgemuth seinen Herrn meldete. Den Namen berhrte ich, weil
er selbst schon mit der Baronesse und ihrem Vormund, dem General, eintrat.
Die Weiber beknipten sich, die Mnner -- nmlich ich mit -- krmmten sich
wie lange Haarwrmer, die lange in einem hlzernen Violinbogen gesteckt.
Der Amerikaner aber grte blos durch seine anstndige Erscheinung, das
heitre gesunde Antlitz, den wohlwollenden Blick aus den blauen Augen, zu
welchen das braune Haar ihm so wohl stand. Nach und nach schied sich die
kleine Gesellschaft und vereinigte sich. Die Mutter klagte vermuthlich dem
General-Vormund die Noth, der Husarenoffizier theilte der jungen Baronesse
seine mit Freuden aufgenommene Freude mit, sie wieder zu sehen, wozu Maria
mit einer Hand auf dem leisen Harfenzuge des Pianoforte von Zeit zu Zeit
die Melodie von dem Volksliede hren lie:

   Auf, auf, ihr Brder, und seid stark!
   Der Abschiedstag ist da.
   Schwer liegt er auf der Seele, schwer,
   Wir mssen ber Land und Meer
   In's heie Afrika!

Und so trugen die alten, im Volke unvergenen und jetzt neu lebendig
gewordenen Tne meine Seele in dem nun entsponnenen Gesprch mit dem
willkommenen Gaste, dem Amerikaner.

Ihre Kunde, sprach ich am Caminfeuer mit ihm sitzend, darf ich als
Wegweiser wohl benutzen, denn Wegweiser sollen etwas mehr wissen und eher
als die Weg_wandler_ -- Auswanderer.

Also wirklich! Sie wollen auswandern? -- -- Auswandern? sprach er ernst.
Auswandern, sich selbst verbannen! Sich selbst ermorden! -- um der Kinder
willen. Seinen Leib, sein Herz, seine Seele aus dem Leibe reien -- um der
Freiheit willen. O schwer, o bitter, das Bitterste auf der Welt. Sterben
wir, so ist hoffentlich Land und Erde vergessen. Meine ich. Aber! Wandern
wir aus, so geben wir Vaterland und Leben verloren -- es bleibt Alles,
Alles hinter uns, wie hinter einem Lebendigbegrabenen. Denn so eng, so
dumpf und schweigend und leblos, so jammervoll ist es um den
Ausgewanderten, sagte mein Vater uns Kindern bei jeder Gelegenheit, bis in
das Alter, noch oft; selbst auf dem Sterbebette -- bald leise, bald laut;
und im letzten Traume sprach er erst recht bewegt von der Heimath, hier
drben von dem Berge! von dem Vaterhaus -- dem Schlosse hier drben -- von
den alten Linden -- so da uns in der Fremde geborenen Kindern zu Muthe
ward, als wre ein weltfremder Mann, ein gutmthiger Wilder -- ein Sohn der
Sonne unser Vater! Ich fhre das nur an, so wie er auch sagte: Selber
Bume, einen ganzen Wald wrde man fr desto rasender halten, wenn sich die
Bume alle selber ausrissen, ber Felder und Berge und das Weltmeer liefen,
und drben mit den Wipfeln oder Kpfen sich in die Erde pflanzten, und die
Wurzeln hoch in die Hhe kehrten, da sie grnten und blhten und Frchte
trgen! Doch wenn ich euch ansehe, Kinder, sprach er auch wohl, sehe ich
doch, in der Welt ist Alles mglich! . . . . wenn es nthig ist! Das
Unglck ist das einzig wahre Saamenkorn des Glcks! Die Noth, die uerste
Noth ist dem Menschen die Todtenerweckerin, die unbarmherzige Aufschreierin
seiner tiefsten, gewaltigsten Krfte, die ihn ber bloes Menschenseyn mit
zwei Beinen und Armen erhebt, und ihm Flgel giebt ber das Meer. Es giebt
ein kleines Insekt, der Vater wies es mir oft, das hat zwar Flgel unter
den Flgeldecken, aber es lt sich von den Kindern jagen, martern,
stechen, brennen -- und erst, wenn man ihm die Flgel ansreien will, dann
fliegt es fort, hoch in die Luft, und macht sich unsichtbar seinen
Marterhlzern von Menschenfleisch oder Menschenfleischern. Der Mensch ist
noch lebenszher als ein Polyp, der sich umkehren lt, das Innere heraus,
die Haut hinein, und fortlebt -- das vermag der Mensch bei Herz und Seele
im Leibe -- aber mein Vater kam mir doch vor wie . . . . wie eine nackte
Seele, so immer wund, so immer schauernd, da mir erst wohl ward, als er
mir seinen Segen gab, der gewaltig klang und voll Verheiung triefte wie
Gottes Wort. Aber sein Schlo, seine Kinderstube, seine alten Linden hier
mute ich doch sehen. Wahrlich, mich trieb nicht das Capital, welches noch
von ihm her auf diesen Gtern steht. Es mag stehen bleiben, wenn es sicher
ist. Sonst will ich sehen, was hier zu unternehmen und auszufhren ist --
nach _seinem Testament_.

Ich denke, es steht sicher; sprach ich, nicht ganz berzeugt, meinte aber,
da die Sequestration, die jetzt eingetreten war, das Capital desto
sicherer stellte. Der Amerikaner war also der Sohn des vorigen alten Herren
der Baronie, und der jngere Herr _von_ Steinbach, und Herr von Steinbach
wollte ich ihn nennen, als er nicht unanstndig, aber gnugsam lachte, und
sprach: Ich heie _Winhing_, mein Bruder _Johannes_, meine Schwester
_Sabina_, und auch meine Mutter heit _Susa_, so da alle Vornamen der
Straburger Familie sich in uns einmal wiederholen. Aber dem a und de
Steinbach haben wir Ade gegeben und den Taufnamen _Erwin_ zu unserem
Familiennamen gemacht, da wir einen Mann haben, der den Geschlechtsnamen
erst durch Verstand und Flei und Kunst geadelt. Das ist nicht ganz zum
Lachen, und nicht ganz des Vergessens werth. Er lachte aber. Und doch
freute er sich ber mein Weib, auch eine geborne von Steinbach, also eine
Mitenkelin vom alten _Erwin_ von Steinbach, der den Straburger Mnster
erbaut, und blos als Andenken zeigte er mir das Wappen auf seinem Petschaft
--: das gekrnte Kind, das aus blauem Meer auftauchend eine weie Rose in
der rechten Hand hlt.

Mein Vater! erzhlte er dabei, ging aus dem Wunsch aus Europa: kein
_armer_ Adliger mit unglckseligen Sclaven oder sogenannten Unterthanen,
wie man sie hier nennt, zu seyn, sondern lieber ein reicher, freier, bloer
Mensch; durch Landbesitz, den er fr sein Geld erworben, also adliger, als
jene ersten Adligen in Deutschland, die mit gewaffneter Faust einwandernd
Leute und Land behielten. Mein Vater hat mir in seinem Testamente vermacht
und aufgegeben -- und Geld dazu: -- in meinen mnnlichen Jahren eine
Colonie verarmter Adliger und bauergutsloser Rittergutsbesitzer nach unsrer
Union berzusiedeln, und ich habe schon sechzig Familien, freilich kaum ein
Hunderttheil der ganzen Trauerliste. Aber entschlieen sie sich? Sie hngen
wie Faulthiere am abgefressenen, eingegangenen Brotfruchtbaume, bis sie
verschmachtet herabfallen und dann kaum weiter schleichen knnen auf den
neuen Lebensbaum.

Freilich, kann ich sagen, sprach ich, Frau und Mann mssen Beide gleich
entschlossen seyn, auszuwandern! _Das ist die erste Regel!_ Freilich mu
die neue Europische Noth der alten Asiatischen Noth, gleichsam einer
gyptischen Finsterni gleich kommen, ehe die Deutschen ihr _Ruheland_
Deutschland verlassen, wie einst Asien, aus welchem sie noch verschiedene
Kasten voll und von Noth mitgebracht. Die Deutschen vor allen sind
Erdwanderer, vielleicht Erdumwanderer -- bis ihre Enkel klug und glcklich
durch Californien und das von den herrlichen Menschen volle Sibirien wieder
heimkommen! Aber was ist Noth? Wenigstens bei den Deutschen, also auch
Menschennoth? . . . . Noth heit bei den alten Deutschen: Fessel, Gewalt
und Zwang. Dieses Kleeblatt von der Todes- oder Hllenwiese war ihr
tiefstes Unglck! Ihr einziges! Sonst ertrugen sie Alles! Was nicht Fessel,
Gewalt und Zwang war, war keine Noth -- und Noth bezeichnet, wie ihnen,
auch uns noch das tiefste Unglck; das letzte aber auch. Ein Volk von
Charakter hat Jahrtausende dasselbe Herz, denselben Sinn. Glauben Sie,
Master Erwin, da der klgste Mann von Rom, Csar, ein Esel gewesen ist,
oder da er Luchsaugen gehabt? Und dieser alte Luchs und Fuchs, Csar, sagt
von den Deutschen: Ubi fons, campus, nemusve iis placuerit, ibi domos
figunt, _mox alio transituri_ cum conjugibus et liberis. _Nam diu eodem in
loco morari periculosum arbitrantur libertati._ Und schon haben es sich
die Deutschen ber 2000 Jahre hier zu Lande gefallen lassen.

Wir Amerikaner haben auch die lateinische Sprache abgethan! Was sagen Sie
also, Herr Volkmar?

Und froh verwundert darber sagt ich: Wo ein Quell, Feld oder Hain den
Deutschen gefllt, da befestigen sie ein Haus, mit der Absicht bald vorber
zu ziehen mit Weibern und Kindern. Denn lange an demselben Orte zu sitzen,
halten sie gefhrlich fr die Freiheit. -- Wir Deutschen kennen unser
Vaterland nicht, blos unser Gasthaus und Wirthshaus. Und schndlich wre es
von Einem Deutschen, Einen Deutschen zu beschuldigen, von Einem bles zu
reden, denn es ist nur geschehn, was sie Alle hier gewollt und gesollt,
oder geduldet. Nur vom bel redet ein Redlicher. Aber davon auch frei.
_Wohin_ aber nun unser Zug geht, der unwiderstehliche Zug, aus
unerklrlichem Drang und Zwang, wo nun das Zelt aufschlagen? Das ist die
Frage!

Kleinasien, Ruland fat viele Millionen, bemerkte der Amerikaner.
gypten! --

Da giebt es nur Einen Stoffehndler. Freier Handel wre uns lieb! versetzte
ich.

-- Griechenland ist schn und de. --

Da frchten wir den Religionskrieg, die Pest.

-- Italien ist nah, und Wste genug um Rom. --

Von den Rmischen Pfaffen ist den Deutschen alles Unglck gekommen, Beten
lehrt uns die Noth schon genug. Den Papst hat ein Nebenzweig von unserem
Stamme, die Trojaner und ihre Colonie die Rmer, mit aus der Mongolei
gebracht. Er ist weit genug geschleppt.

-- Also nach Spanien! Das Hesperien selbst der Hesperiden, der Italiner.
Nicht? -- Sdamerika? An der Grenze von Peru kauft man ein Knigreich um
das Geld fr ein englisches Pferd. --

Lieber in die Wste gebaut, als neben unruhige Nachbarn.

-- Also nenne ich Mexico nicht, weil es Neu-Spanien ist. Aber Canada?

Das soll erst werden und thun, was die vereinigten Staaten von Nordamerika
sind und gethan, hrt man von dort. Aber warum wollen Sie uns nicht zu
sich?

-- Wenn die Deutschen ihren Charakter behaupten knnen! Und den Charakter
verdirbt alles Nachmachen, Nachreden, die angenommene Sprache, Nachsitten,
Nacharten, Nachneigen, Nachgehorchen, selbst wenn Gesetze, Verfassung und
Regierung hchst menschlich und wnschenswerth wren.

Wir geben klein zu! Drfen wir bei Ihnen Wir seyn und Wir bleiben, wenn wir
kein Gesetz, keinen Menschen beleidigen?

-- _Ja!_ Ich meine! -- schlo der Amerikaner.

Wir hatten Amerikanisch, also Englisch, und im Grunde dann Altschsisch,
Altdeutsch gesprochen, und dieses uralte I guess ich meine, vergesse ich
nie. Ich stand auf. Wir waren fertig mit dem -- Friedensplan und
Friedenszug. Nur noch das Wort setzte mein neuer Freund hinzu: Raum zu
leben und sich wohl zu befinden, haben noch Vierhundert Millionen Menschen,
so breit sie sich machen, so hoch sie wachsen wollen. Aber auf den
Einmalhunderttausend deutschen Quadratmeilen Land ist unterschiedliches
Klima, mit Seeen, mit Wald, mit Bergen, mit Strmen, mit Meeren nach Morgen
und Abend und Mittag, mit Pflanzen und Blumen und Krutern und Bumen, mit
Fischen und Vgeln, mit zahmen und wilden Thieren der Erde, da Jeder das
Seine sich whlen kann. _Brot und Freiheit_ steht mit Schwei und Thrnen
fr unsere Gste angeschrieben ber dem Thor zu unserem Lande. Aber nicht
mit Blut! Wir haben _keine Schulden_ -- wenn Ihr das Wort versteht. Wir
haben _keine Feinde_, als solche, die wir verachten knnten -- wenn Ihr das
Wort versteht. Wir haben _Frieden_ auf lange Jahrhunderte -- wenn Ihr das
Wort versteht. Wir haben _keine Armen_ -- wenn Ihr das Wort versteht. Ja
wir haben selbst eine miserable Miliz, einen lcherlichen Landsturm, der
aber gradezu eine himmlische Heerschaar ist, weil er lcherlich seyn kann
-- wenn Ihr das Wort begreift. Ich meine.

Ich meine auch; sagte ich. Heut zu Tage braucht man nichts mehr zu sagen.
Die ganze Welt meint blos, und die ganze Welt versteht. So weit haben wir
es durch Cultur gebracht! Wie stehen in Etwas erschrecklich hoch, und was
bei Ihnen fehlt, weil es noch nicht nthig ist, die Humanitt ist unser
Unglck. Denn ein Vernnftiger lt sich am Ende Alles gefallen, selber ans
Kreuz schlagen, weil er meint, es thut Andern wohl, und so thut es ihm
nicht weh. Aber das lange Hngen macht Zappeln.

Der General-Vormund fhlte sich bedrckt, da seine ganze schne Armee in
Amerika mehr als berflssig und ein Unding sein sollte! So viel Festungen
-- Undinge! So viel Kanonen -- Undinge! So viel Plage, Geschrei und mde
Gebeine -- Undinge! Aber er fhlte sich schuldig, verschuldet, und schwieg.
Mein Sohn Marbod sa in seiner Husaren-Uniform wie ein Gespenst da, und das
Gold darauf blitzte umsonst. Meine Tochter hatte endlich ein wenig lauter
auf dem Pianoforte, wenn auch nur mit einem Finger, die Melodie des
neugebornen Liedes: Auf, auf, ihr Brder, und seid stark! gespielt, und
Master Erwin trat nun sehr bescheiden zu ihr und bemerkte blos, da in der
ganzen Union Sonntags kein Laut Musik aus Schonung der vollstndigen Ruhe
der Andern erklingen drfe -- als sie feuerroth ward und das Instrument
verschlo. Der Gehorsam rhrte mich schwer und bewegte mich tief zu
seufzen, denn meine Braut war mir einst auch so gehorsam gewesen. Kaum aber
hatte ich dies sichere Zeichen der Neigung gesehen, als sie erblate, sich
an die Freundin lehnte und bald darauf aus dem Zimmer ging, ja nicht mehr
wieder kam, so lange die Gste dablieben, denn ihr bewunderter Freund hatte
im ferneren Gesprch gesagt: _da er hundert Sclaven habe_. Hundert
Menschensclaven -- Er!

Es war schon spt. Abreden wurden getroffen, sie sagten gute Nacht, und
Erwin lie gute Nacht dem armen Kinde sagen. Als sie fort waren, kam meine
Maria wieder und versicherte mich: da sie nun getrost mit mir gehe. Ich
wnschte ihr gute Nacht. Da hob sich ihre Brust nur, und ihre Augen
blinkten vor dem Licht in ihrer Hand, und sie getraute sich nicht, die
Augen vor ihrem Vater aufzuschlagen.

Vom Morgen an war nun ein neuer Geist ber mich gekommen. Die Zeit zur
Abreise war kurz. Ich verzeichnete mir alle Geschfte, ich theilte sie in
die Tage ein. Durch meinen Entschlu zu reisen war mir die Heimath zur
Fremde geworden, das Volk selbst zu Gsten im Lande. Ich war wie ernstlich
krank geworden. Ich war mir und Andern unntz, zu jeder Arbeit unwillig,
ungeschickt, verdrossen. Da die Sonne zum Frhling hher und wrmer
schien, kam mir berflig vor. Aus jhrlicher Gewohnheit deckte ich die
Weinlaube ab; aber ob die Reben Augen hatten -- die Kirschbume Knospen --
ich sah nicht darnach! Da die Primeln in reichem Flor standen, erregte mir
nur Bedauern; da ich Kinder taufte, junge Paare traute, schien mir ganz
berflig. Jemanden zu begraben, that mir recht leid. Hier war es ja nicht
werth zu leben, nicht werth zu sterben, oder recht werth, und ich segnete
die Todten mit gewaltigen Worten ein -- mit Zornworten von der Erde, nicht
mit Vorbereitungsworten fr ihre neue Welt, ihre bere Welt. Dem Kaiser
Karl V. kann nicht so zu Muth gewesen seyn, als er sich lebendig begraben
lie. Denn um mich sangen ganz andere Stimmen! Prophetenworte riefen mich.
Den kommenden Vgeln sagte ich: bleibt dort, liebe Kinder! Alle Papiere
suchte ich durch, um Jedem jeden Heller zu bezahlen. Ein langes Geschft.
Ich hatte Geld einzufordern. Ein lngeres, undankbareres Geschft. Von
nahen und fernen Freunden hatte ich Abschied zu nehmen, und einen
lithographirten Brief schmte ich mich an Alle zu schicken. Da mute Sohn
und Tochter schreiben, ich unterschrieb nur. Von den Andern hatte ich in
den Zeitungen Abschied genommen. Aber darauf erhielt ich nun Briefe,
dringende Bitten: Zehn, Zwanzig, Hundert, Tausend, Zweitausend Menschen
mitzunehmen oder nur zu fhren! Diese Briefe voll Noth und Klage, schwerer
als sie zu ertragen schien, so lange zu ertragen unmglich schien, lie ich
in Quartbnde heften, binden: die Briefe unglckseliger armer Geistlichen,
die auf Korn gesetzt, bei Korn fast verhungerten, weil es nicht galt; die
Briefe von -- bei ihren Gemeinden verhaten Geistlichen, weil sie in ein
gewisses Horn geblasen; Briefe von examinirten oder gleichsam im Examen
entseelten -- durchgefallenen Candidaten; die Briefe von Rechtsconsulenten,
die nchstens zu verhungern versprachen, weil Bauer und Brger aus Mangel
an Geld zu Prozessen lieber gleich alles Unrecht ber sich ergehen lieen;
Briefe von Hammerwerksbesitzern, die nur noch den groen Hammer besaen,
aber keine eisernen Gnse; Briefe von Gelehrten, Philologen,
Schriftstellern, Professoren, Juris-Doctoren, ja sogar die trbseligsten
Briefe von Censoren, Waschweibern, Kammerjungfern, von Studenten,
Gymnasiasten und Schuljungen sogar! Briefe von armen Bergleuten, die
Tagelhner, Klafterschlger und Stckeroder geworden, von ihren
Frau-Spitzenklpplerinnen, den Nachkommen der Frau Barbara Uttmann, die fr
sie nach Brabant gereiset, und fr welche ich nach Amerika reisen sollte,
als ein Barbarus Uttmann; denn die armen Weiber versicherten, da sie ihre
Mnner und Kinder von dem Kleinhandel nicht ernhren knnten, sondern aus
Noth das Krbchen Obst, Gemse, ja Ngel, Blechgerthe, Schwefel und
Zndhlzchen angreifen und veressen mten. Der Amerikaner, Master Erwin,
besuchte mich tglich, oder ich ihn; er war mein neuer Freund, denn die
Noth macht Freunde, oder zum Glck, sie hat auch noch Freunde. --Ich sollte
nun aller Welt Freund und Erlser seyn, wie die Briefe sagten; ein
abgesetzter Professor der Geschichte titulirte mich den neuen Cadmus oder
Pelops; denn die Noth und der Druck in gypten mge wohl auch entsetzlich
gewesen seyn bis zum Aus-der-Haut-fahren; denn das Vaterland sei die weite
Haut des Menschen oder der Leib des Leibes. Das war auch Erwins Meinung; er
war nicht recht einverstanden mit meiner Reise, und sprach eines Tages:
Denken Sie sich nur, wenn wir Amerikaner auswandern wollten; wenn wir
freien Amerikaner in Deutschland eine Niederlassung grnden wollten, als
saurer Sauerteig in das alte Backfa . . . .

Ich erschrak billig, wie Tausende oder Hundert doch, vor diesem furchtbaren
Gedanken. Aber es schien Ernst dahinter, er verzog keine Miene, gab mir
Plan und Ausfhrung an, und als sie ihm immer schner und heilsamer, mir
immer grausenvoller erschien, frug er mich: Was Wir denn bei Ihnen zu Lande
wollten -- als abgebackenes Obst oder Mehl, nicht Korn!

Da brachte mir meine Frau zwei Briefe zusammen herein. Ich berflog sie.
Ich lie sie ihn lesen. Und so laut vorgetragen rauschten und zndeten sie
ordentlich in der gemeinen Luft, und es kam fast Entsetzen ber mich, da
der heilige ther auch dazu da seyn solle, solch Geistergift und Elend zu
tragen -- wie das heilige Meer Sclavenschiffe mit dumpfem Gesthn. Und so
zitterte in der Luft der

_Brief des Executors_.

Sie gar lieber Herr Pastor, Sie wissen, da ich im Nachbarland
Justizamtmann gewesen, aber untergehen mute, weil ich keine Arbeit mehr
hatte. So habe ich nunmehr hier die allerhchste, wichtigste Stelle der
Justiz erstiegen, als Executor. Nur ein Executor kennt Recht und Unrecht,
von Gerechtigkeit will ich nicht reden. Er kennt Milde und Elend, Milde
derer, die auf alte Gerechtsame halten, wie mit Hnden von Eisen, um nicht
um Schlo und -- Thr zu kommen, und das Elend derer, die alte Schuld der
Zeit und der Menschen, die sie sich im Schlafe der Dummheit und Feigheit
haben aufladen lassen, nun mit erwachten Herzen abzahlen sollen. Kurz, ich
bin mde, den Leuten die letzte Kuh aus dem Stalle zu nehmen, und die
drren Thiere meilenweit an miserablen Stricken fortzuschleppen und fr ein
Hundegeld, kein Kuhgeld, erstehen zu sehen von den abscheulichsten,
hartherzigsten Stcken von armen Teufeln, welche aus Noth ein Auge
zudrcken mssen, und das Herz im Leibe todt. Ich heie zwar kein Sclave,
aber ich bin ein _Seelensclave_, ich lebe in der Seelen- und
Herzens-Sclaverei, und ich bitte mit dem letzten Tropfen guten Blutes im
Herzen, da Sie mich mitnehmen, und mich fr die Kosten der berfahrt
vermiethen, auf tausend Jahre meinetwegen, oder gradezu als _leiblichen_
Sclaven verkaufen, und mir soll wohl seyn. Die alten Deutschen verspielten
sich auch und verkauften sich selbst. Meine Seele verkauft meinen Leib.
Brot habe ich so nicht. Nehmen Sie mich mit, oder, ich versichre Sie,
lieber Herr Pastor, ich habe noch mehr als einen alten Strick, und so
morsch er ist -- schwer bin ich nicht. Ich stehe drauen vor Ihrer Thr und
warte auf Antwort.

Ich sprang gleich hinaus, sahe den Mann mit seinem verwilderten Barte,
Thuiskon und alle alten Gtter standen vor mir; ich fhrte ihn herein. Er
mute sich setzen, und schwieg. Denn der Amerikaner war ins Feuer gekommen
und las nun laut den zweiten:

_Brief des Schulmeisters_.

Ew. Hochwrden verzeihen, Sie als Christ von Ihrem grognstigsten
Vorhaben abreden zu wollen. Ist gegen allen herkmmlichen Respekt. Aber wo
der Respekt in solcher Zeit hingekommen, wei ich sub fide quasi pastorali
nicht anzugeben. Jetzt speculirt man gradezu auf Alles, die Menschheit
sogar zu vermindern, was doch stracks gegen das Einzige Gebot luft,
welches der alte Vater im Paradiese gegeben hat: Seid fruchtbar und mehret
euch! Ein wahrhaft gttliches, ja paradiesisches Gebot! Wie ich denn
selber 9 Kinder habe, zwei Mdchen und sieben Shne, welche fr die Prmie
von 50 Rthlr. -- also 9 Rthlr. 3 Gr. 5 1/7 Pf. pro Sohn -- nun, Gott sei
Dank! alle bei den Soldaten auf Lebenszeit versorgt sein werden und mssen.
So habe ich als Speculant nun gelesen, da in China Hungerschulen in Flor
sind. Erschrecken Sie nicht, Hungerschulen, worin und wodurch man nicht
verdchtig und strafbar die Noth sucht abzuwehren, sondern menschlich und
hochpreislich zu ertragen. Wer hungern kann, kann gradezu Alles auf Erden.
Und Wer hungern will, der will Alles, der ist zufrieden mit Allem, es heie
wie es wolle, ja es sei, was man will. Ich lege Ew. Hochwrden, sub signo
solis, einen ausfhrlichen Plan bei, worin Alles landesmig ausgearbeitet
ist, aus dem chinesischen Reiche und Clima in unser deutsches Reich oder
Clima bersetzt. In China heien diese respectablen Schulen gradezu
Hungerschulen oder Tsing-Long. Ich schlage fr uns und die lieben Unsern
lieber den Titel vor: Friedensschulen, Geduldschulen, oder hchstens:
Magenschulen. Dort existiren sie zu tausenden. Die _Studenten_ darin tragen
eine Ehrenkleidung, die nur sie und auch der Kaiser trgt. Sehr gut und
exemplarisch. Denn da bei uns die Armen wissen, da Frsten und
Frstinnen, nebst Prinzen und Prinzechen, doch zu Zeiten auch Kartoffeln
essen und alle Tage Salz, das giebt den Armen einen gewissen Adelstolz,
auch wenn sie selber nichts andres haben. ber die Kleidung wollten wir uns
nicht streiten, denn das dort Wohlfeile ist hier theuer, und so habe ich
_Nanking_ etwas frei mit roher Leinwand bersetzt. Climatisch! Oder
Schaafpelz? (Der Klte wegen. Denn hungern _und_ frieren ruinirte alle
unsere Schler, Studenten oder _Akademiker_; denn dieser Ehrentitel
Akademiker wrde die deutschen armen Schlucker sehr anlocken.) Beispiele
von Vornehmen, Adligen u. s. w. wrden Wunder wirken, wie der Hof den Dnen
das Pferdefleisch zur Probe gegessen hat. Beilage sub signo lunae aber
enthlt ein vorlufiges Verzeichni der Studenten und -- hier fehlt mir das
Wort -- etwa der geistlichen Schwestern unserer Gegend. Die ganze Kunst der
Chinesen beruht nun auf dem (sonderbar!) deutschen Sprichwort: Der Hunger
ist der beste Koch! Die Chinesen in sothanen Schulen, Gymnasien oder
Akademieen _fasten_ also, geistlich gesprochen, blos so lange, als es nur
ein Araber oder Wilder aushalten kann. Der Schmachtriemen hilft nach;
Wasser thut Wunder und nhrt lange allein, wie man an Pflanzen sieht. Wenn
aber keine Kunst, keine Geduld, kein Zureden der angestellten geistlichen
und weltlichen Beamten mehr hilft, und auf lange Schwche endlich Ohnmacht
schon eingetreten, dann wird das Zimmer mit Gnsebraten geruchert, nmlich
mit ungebratenem, mit den Federn, die ein prchtiges Gastmahl vermuthen
lassen; oder Kinder schreien im Hofe der Anstalt wie ein Kalb und bellen
dazu wie ein Hund, als fhre ein Fleischer eins heim, oder schlachte es
schon; oder es ertnt quickendes und erquickendes Schweinegeschrei, als
werde sogar schon ein Schwein geschlachtet. Andere Knaben klopfen mit zwei
stumpfen Beilen auf ein Bret, als mache man Wurst. Kurz nach allen
Kunststcken der Politik und der Seelenlehre, wenn der Studiosus wirklich
zu sterben drohte vor Appetit -- dann wird ihm ein wenig -- aber was? --
Pferdefleisch gebracht, und die gute ehrliche Seele bleibt wieder in ihrem
Leibe oder in ihrem irdischen Vaterlande, und lt sich wieder tuschen. So
lernt er, so kann er, wird sanft, mildthtig, lehrfhig, und stiftet dann
selbst wieder eine Magenschule in andern ebegierigen Gegenden, und alle
Unzufriedenen, durch Steuern oder Prozesse, oder gar Arbeitslosigkeit zu
Grunde Gerichteten gehen in diese dem Lande rthlichen Schulen. Aber erst
in unsern Kleinkinderschulen diese wahre Koch- und Ekunst einzufhren,
wre eine Verbesserung, welche die Sache an der Wurzel angriffe, und bleibt
wie die Erfindung derselben uns Abendlndern vorbehalten . . . . Ihnen, ich
erspare Ihnen und der seelensguten Frau Pastorin Ihre Auswanderung, und
30,000 unwissenden, armen, deutschen, jhrlich blos darum Auswandernden,
weit sie eine Erfindung der Chinesen nicht ahnen, die ihnen doch Allen so
nahe liegt, sich so aufdrngt Tag fr Tag. Aber vergebens. Denn die Welt
ist blind. . . . .

So weit hatte der Amerikaner gelesen, laut, und wir sahen uns billig an,
und zuckten die Achseln, als der Verfasser, mein braver Schulmeister in
Hammersdorf, hereintrat, weil ihn das Vorlesen wie ein Strom in seine
eigenen Worte gezogen. Er hatte seinen besten Staat an, ein abgeschabtes,
gewandtes, schwarzes Kleid, aber das blasse, redliche, wohlmeinende,
kummervolle lange Gesicht, die mild und treu uns anblickenden Augen
benahmen uns jeden Gedanken, als den des redlichen frommen Willens in
diesem Manne.

Da die Natur so weit herabsinken kann bis in eine solche Gestalt, bis in
solche Gedanken! sprach der Amerikaner leise zu mir. Er scheint seinen --
Schulplan schon selbst erprobt, ja probat gefunden zu haben; so
himmlisch-chinesisch sieht er aus. Aber das nennen wir in Amerika:
Phantasmen! Schlimme Zeichen schlimmer Krankheit! Sogar in unsern
Irrenhusern spuken doch andere Plne. Solche nicht. Der redliche Mann ist
mir wie ein Verwesungszeichen an einem noch Unbegrabenen -- den man nun
begraben kann! Man begrbt sicher nur einen Todten. Jetzt rathe ich Ihnen
mit mir zu reisen! Noch ein anderes Zeichen habe ich unterweges bemerkt.
Die Leute, besonders die Mnner bei Ihnen und weithin, scheinen nmlich
taub. Man mu schreien, ehe sie hren, zweimal es sagen, ehe sie antworten.
Das bedeutet Geistesabwesenheit, Versunkenheit. Kurz, wir reisen! --

Ich sagte ihm, da der Schulmeister Tolera, als Reprsentant aller
mglichen Toleranz, von den armen Schulkindern kein Schulgeld nehme -- und
der Executor besttigte, da er nie Leute fr ihn habe auspfnden sollen --
da derselbe mit Khen handle, Capitale von 3 bis 20 Thalern den Armen
negozire, und der Amerikaner rieth mir, diesen Speculanten mitzunehmen;
Fracht und Spesen wolle er fr ihn tragen. Ich sagte das laut. _Tolera_
nahm es an, und versprach in seinem Eifer die Magenschule in der
vereinigten Republik anzulegen, worauf ihm bemerkt ward, da dort nur die
Faulen hungerten, nicht die Fleiigen und Flei ist die Tugend der freien
Amerikaner. Der Schneider brachte mir eben meine Reisesachen, und so
konnte ich dem armen Tolera sogleich meinen respectablen Rock schenken,
welchen er drauen anzog und sich dann uns prsentirte. Er ging ihm bis auf
die Knchel, aber das gab ihm Wrde. Der Executor htte den Rock gern
gehabt, aber er schlug die Augen nieder und weinte fast, denn fr ihn
schien der Amerikaner nicht Fracht und Spesen tragen zu wollen. -- Das
Glck ist selten doppelt, sprach er, das Unglck aber oft. Ich mute oft
wegen zwei Schuldposten auspfnden -- und ich will es ferner mit Gottes
Hlfe.

Mit _Gottes Hlfe!_ Das verzweifelte Wort entsetzte und rhrte mich. Soll
Gott zu Druck und Rache helfen? Ich getraute mich, beim General-Vormund ihm
die vacante Stelle des glcklichen Meisters Tolera zu verschaffen, damit er
lieber ein Executor des gttlichen Willens werde. Das war er zufrieden und
fhlte sich glcklich. Master Erwin nahm dagegen mit feinem Lcheln den
Schulmeister in Pflicht, zum Heil Amerika's dort die Hungerschulen
einzufhren. Das war er zufrieden und fhlte sich glcklich.

Ich hatte in den Zeitungen von meinen entfernten Freunden Abschied
genommen, aber die Nahen konnte ich nicht besuchen. Mein Gott, so sollte
ich sie denn hier lassen, dahinten auf immer! Sie sollten alt werden, Staub
werden, vergessen seyn! Wahrscheinlich, wie bisher, sahe ich -- wenn ich
blieb -- etwa nur Einen oder den Andern in Jahren, und noch zufllig
irgendwo auf eine Stunde! Aber es war doch mglich, da ich zu ihnen
konnte, sie zu mir! Diese beglckende Mglichkeit schnitt ich mir nun ab.
Ach, die Mglichkeit! Die Menschen wissen gar nicht, was sie an der bloen
Mglichkeit haben. Oder vielmehr, sie wissen es wohl, Alle berschtzen
sogar die Mglichkeit! Weil alles Gute, Freiheit, Friede, Glck, mglich
ist -- darum halten sie aus wie besessen, so lange es mglich ist, ja meist
noch lnger, noch schndlicher. Diese Betrachtung strkte mich recht, wenn
ich mit meinem Sohne durch die zwanzig Dorfschaften ritt, deren Ambassadeur
ich war. Wie sie so still vor den Thren saen, wie sie sich um mich
versammelten, die Greise, die Mnner, die Weiber und Kinder, die Jungfrauen
und Junggesellen! Sie waren Alle ausgewurzelt mit dem Geiste, nur leicht in
Erde geschlagen, wie Bume, die versetzt werden sollen. Aber es war auch
schon ein Geist ber sie gekommen, wie ich ihn diesen Leuten nie zugetraut
htte, sondern berhaupt nur der Welt und dem Gott, von wannen er ihnen
gekommen. Ja die Leute trsteten mich und drngten mich! In Frankreich
hatten die Pfaffen wieder einmal dem Volke den jngsten Tag wei gemacht
und angesetzt. Der Wirrwarr soll aus der Maaen gewesen seyn. So konnte ich
auch an jedem Abend sagen: Ich habe heut seltsame Dinge gesehen. Wie vor
dem jngsten Tage ging es auch hier zu -- und wer wei, wie nahe er ist --
nur alles hier geordneter und zu einem vernnftigen Zwecke, wozu eine
besondere Thtigkeit nthig war, kein Heulen und Zhneklappen und
Lippengeplrr. Fast Alles, was die guten Leute hatten, war auf die
Bedingung verkauft, verschenkt, ja durch Testamente vermacht an Andere,
Bleibende, Herziehende, wenn ich ihnen Nachricht sendete, Freudennachricht:
Ihr Menschen kommt! Ich habe gefunden, was Ihr gesucht, seit Eure Vter
aus Indien gezogen, so viel tausend Jahre sie hier sich versessen, und am
Teich Bethesda gelegen, den kein Engel bewegt, geschweige ein schwarzer
Engel oder mehrere. Sie betrachteten den Amerikaner, wie ohngefhr die
Peruaner einst einen weien Sohn der Sonne, der zaubern knne. Und so
thaten wirklich seine einfachen, graden, wahren Worte, keine
Versprechungen. Selber der kleine Landesherr wrde keinen solchen Eindruck
mehr auf sie gemacht haben, wie Er. Ich seufzte und schwieg. Mein Sohn ging
statt rothweltlich nunmehr wiederum schwarzgeistlich; auch den Schnurr- und
Schnauzbart hatte ich ihm im Schlafe abrasirt, versteht sich in Eil _nur_
ein Wenig davon, nur die Hlfte auf einer Seite, und die andere Hlfte
mute er Schande halber am Morgen dann selbst cassiren. Alles Volk kam mir
auch wie von einem guten Vater jetzt so halb rasirt vor, und die Schande
des Halben wird alles Halbe nun selbst rasiren. Wie lange sa ich selber
nicht eingeseift! Ich ermahnte die guten Leute zu Geduld, und sie frugen
mich fast wehmthig, ob sie nicht Geduld gelernt htten, und nun eben erst
recht beweisen wollten dadurch, da sie wegzgen? Ich hatte mich mit den
Anordnern von Auswanderungen in vielen andern Gegenden in Verbindung,
gesetzt; mit den sehr lblichen Anordnern und Versorgern der Auswanderer
aus der Schweiz, aus Wrtemberg, aus Rheinbaiern, den Rheinprovinzen, aus
Hessen und Sachsen, und manches Gute erfahren, auch Bcher zugesandt
erhalten, viele von den Verfassern selbst; denn welcher Deutsche meint es
nicht selbst mit dem Teufel gut -- wie Klopstock mit dem bsen Engel --
geschweige mit Deutschen. Diese Bcher vertheilte ich nun in alle die
Drfer so, da sie wechselten und Jedes in jedem den Gemeinden an den
Sonntagen vorgelesen wurde. Als: Kromme's Reise durch die vereinigten
Staaten; Klinkhardts Reise nach Nordamerika; das herrliche: Michigan, ein
Wegweiser fr Auswanderer; Illinois, ein Wegweiser fr _Ein_wanderer;
(schn gesagt: _ein_ statt _aus_, denn wer auswandert, thut es eben blos um
einzuwandern) Leben und Sitten in Amerika; -- Missouri, ein Wegweiser
fr Einwanderer; -- Doctor August Neanders Richard Boxter; -- Kurze
Schilderung der Nordamerikanischen Staaten nebst ausfhrlichen
Vorsichtsregeln fr Auswanderer, von Witte; -- Der Nordamerikanische
Rathgeber von Gerke; -- Der vollkommene Nordamerikaner, von Dalp aus
Bern. (Das bis jetzt beste Buch von allen). Und so manche andere Bcher
und Charten. Auch hatte ich mir selbst eine enorme Charte der vereinigten
Staaten zusammengemalt, eine Specialcharte, illuminirt, so gro, wie ein
Scheuntenne, und auf ein Tenne lie ich sie breiten, und mein bester
Schulmeister Tolera erklrte sie mit einem Rechenstiele den Zuschauern im
leeren Bansen. Abends fand ich gewhnlich Handwerker mit ihren Weibern bei
mir; und selbst ein sonst immer betrunkener Schlosser war so
feierlich-nchtern, so wei gewaschen, verstndig, so wohl gekleidet und
artig, voll vom Gefhl, da sie nach Amerika wollten -- als wenn sie wegen
einer edlen That sollten zu einem Knig zur Tafel gehen, und bei mir Probe
en, denn ich behielt die guten Leute zu Tische. Meine Tochter Maria hatte
ihre Kleider, und Alles, was ich von Weiberhand bedurfte, selbst fleiig
gemacht und fertig. Die Mutter hatte keine Hand dabei angelegt. Mein Sohn
Marbod war in meine Stelle eingewiesen. Ihr ward noch kein Auge feucht.
Erst als ich am Auferstehungstage meine letzte Predigt gehalten, als ich
den Leuten das Abendmahl ausgetheilt und es selbst genommen, noch einmal
den lieben Ort, die versammelten Menschen, die Apostel ber mir im Gewlbe
angesehen, und die Altarstufen hinunter gewankt und ber die Grber nach
Hause geeilt war, und meiner Frau um den Hals fiel, da glaubte sie mir --
denn sie war in der Kirche gewesen und, aus Wehmuth, vor mir nach Hause
geeilt. Als sie sich ausgeweint hatte, stand sie, dster zur Erde blickend,
glhend im Gesicht, und sprach zuletzt: Das htte ich nicht von Dir
geglaubt, da Du mich verlassen wrdest . . . .

Und ich nicht von Dir, sprach ich gestrkt, und bat und drngte sie,
mitzukommen.

Siehe, sprach sie aufblickend, soll ich es denn sagen? Wie elend haben
wir Jahre lang uns durchgebracht, wie schwer die Kinder erzogen! Denn was
ltern jetzt auf Kinder wenden wollen, das mssen sie sich abdarben. Ihr
Geistlichen seid zumeist auf Korn und Hafer gesetzt -- auf Geld sitzt Ihr
nicht; hchstens auf den paar Groschen fr Trauen und Taufen; zum Abendmahl
gehen Viele nicht, weil sie es bezahlen mssen -- und Korn und Hafer gilt
nicht, und von Brot lebt man heut zu Tag nicht -- und so haben wir
schndlich genug auf den Tod meiner alten Muhme, der Frau von Gaispitzheim
in Breslau, gewartet; aber heute lebt sie noch und sitzt auf ihren drei
Tonnen Goldes. Gehe ich nun . . . sterbe ich vielleicht, so bekommen unsere
Kinder Nichts! Und die armen drei Kinder mssen sich eben so plagen, so
darben und dulden wie wir. In Breslau liegt Amerika fr mich! Also weil ich
redlich als Mutter denke, darum bleibe ich! -- Sprich nicht, ich bin kein
gutes Weib, oder gar: ich scheide mich von Dir. Du scheidest Dich ja auch
nicht von mir -- das wei ich -- Du gehest nur! Ach, darum gehe, und gehe
getrost, und la mich getrost. Nur Eins wre schlimm, und ein schlimmer
Betrug, wenn ich bliebe und doch vor der Erblasserin strbe. Dann gedenke
mein! Ich habe es gut gemeint.

Darauf gab sie sich mir wieder hin. Ich fhlte ihre Nhe, ihr Glhen, ihre
Liebe, Ihren Besitz. Die helle schne Sonne schien uns Beide an, wir hatten
zwei Schatten, aber Ein Herz fr die Unsern -- _Wen_ wir jedes denn fr die
Unsern hielten! _Wie_ wir es Beide denn gut mit ihnen zu meinen glaubten.
Und von ihren heien Worten schmolz mein Verdacht, als bliebe sie nur weil
sie eine Adlige war, und sie wute, da ein Adliger eben grade viel weniger
in den Freistaaten gilt, als ein verstndiger Bauer, und alle Europische
Thorheit, wie trkische Pantoffeln vor dem Gotteshause, auf dem Strande von
Amerika abgelegt werden mu, wenn Jemand noch so halsstarrig gewesen, sie
nicht zu Hause abzulegen, oder auf der tausend Meilen langen Bureise durch
die Meereswste, und da sie Gott und Menschen, selbst Wallfischen und
Gestirnen abzubitten. Mir war also ein Stein _vom_ Herzen, aber ein anderer
_darauf_ gewlzt -- mit sehenden Augen, mit Liebe im Herzen, bei lebendigem
Leibe und vollem Verstande von meinem Weibe zu scheiden. Denn meine
Trennung war einer Scheidung wenigstens gleich! Aber ich hatte mein Wort
gegeben, ja meine Seele, das heit: meine berzeugung, und so schied ich
mich als Geistlicher mit den gebruchlichen Worten von ihr; aber sie war
dazu vor mir niedergeknieet -- und ich knieete zuletzt auch zu ihr, und wir
hielten uns an den Hnden und sahen uns an einander noch einmal satt. Da
hrten wir den Gustav Adolph gelaufen kommen. Wir standen gefat auf. Und
da der Knabe bei der Mutter bleiben sollte, -- weil er wollte, war mir nun
lieb; denn sie blieb bei unserem Sohne Marbod, und wenn Dieser nun droben
ber ihr in der Studirstube umher ging, konnte sie denken: Ich bin's. Bis
sie weinte und sprach, ach, Er ist es nicht, Der ist geschieden! Aber ich
will ihm alle Jahre schreiben zur Christbescherung und er schreibt mir, und
wenn die Drfer nachwandern, wandre ich mit . . . . oder schiffe nach! --

Drauf saen wir Alle vereint, die Henkersmahlzeit zu essen. Da ereignete
sich noch eine kurze Scene. Nun, da meine Mirjam mit weggehen sollte, jetzt
war es meinem Diakonus Bierey eingefallen sie zu heirathen. Er kam noch vor
Tische und hielt um sie an. Ich berlie die Antwort meiner Tochter, die
ihm Ja sagte -- wenn er mitgehen wollte. In Amerika soll das
vortrefflichste Bier seyn, sprach er, auch Wein schon. Das lockt mich
sehr; aber dort bin ich von der Gemeinde absetzbar, und meine Einknfte
hngen von der Vortrefflichkeit meiner Predigten ab -- und da man sich
auspredigt, und alle Jahre schlechter -- schlecht will ich nicht sagen --
so will ich doch in meinem Europischen schwarzen Talar stecken bleiben --
so leid es mir thut, beste Maria! Nun heirathe ich in meinem Leben nicht,
denn es war nur so ein Einfall, aus Neid gewi nur, denn das Lagerbier ist
noch zu jung und bekommt mir nicht. Also ein Einfall aus Neid, aus was Sie
wollen, nur machen Sie mich nicht lcherlich, da ich derber Vierziger habe
heirathen wollen. Es wrde mir schlecht gegangen seyn!

Mit den letzten Worten meinte er seine bewhrte Antipathie gegen die
Migkeitsvereine, nicht gegen die verschiedenen trinkbaren Stoffe, wogegen
sie errichtet sind. In Amerika htte er nun vielleicht gar an die Spitze
eines solchen Vereines treten sollen. Er mute, als Dank von meiner Seite,
mein Gast seyn. Die Baronesse schickte mir zur Henkersmahlzeit mit den
Meinen sechs Flaschen edlen Wein; und schon bei der zweiten hatte er seine
neue Liebschaft ber die alte vergessen. Was uns aber traurig berraschte
-- sechs sehr artige, liebe, wohlerzogene Jungfrauen, die Tchter des uns
bekannten, verarmten und als Wittwer begrabenen Eisenguwerkdirectors
Horazius kamen reisefertig, und baten mich, da sie blos unter meinem
Schutze mitreisen drften. Sie wollten sich ungekannt _drben_ vermiethen
-- hier schmten sie sich. Sie zeigten mir ihre sechs kleinen Beutelchen
mit dem Gelde zur berfahrt. Es ward ein Taufen angesagt; der Diakonus
empfahl sich uns allen und seinen lieben sechs Muhmen -- und wnschte uns:
glckliche Reise! Es ist kein Zweifel, wer das Sterben erfunden, der hat
auch das Abschiednehmen erdacht, es geschieht alle Tage auf der ganzen Erde
gewi tausendfach, aber ich glaube hauptschlich nur deswegen, da der
Mensch recht empfinden soll, was er besitzt, besessen hat, und in Wahrheit
doch behlt, sonst wrde es bei allen bittern Schmerzen doch nicht zugleich
ja gar so selig seyn! Wir behalten uns! sprach ich schon immer im Voraus,
indem ich in der Stube auf und abging, bald meine -- ach was denn! _meine_
Kupferstiche ja nicht mehr -- an der Wand ansah, bald meine Mirjam, die,
auf dem Sofa sitzend, eine Hand der Mutter gegeben hatte, eine Hand ihrer
Jugendfreundin, der Baronesse. Darum ist mein zweiter Hauptrath zum
Auswandern: _Nehme Jeder alle die Seinen mit!_ Sonst scheidet er nicht,
nein, er schneidet sich entzwei, kommt mit dem verdrossenen Leibe drben
an, und hat die Seele zu Hause gelassen. Wo _alle_ die Unsern sind, da ist
es zuletzt berall schn oder doch gut genug. Kinder aber scheiden noch
leicht und verlieren noch unbekmmert. Denn mein dummer Junge, mein Gustav
Adolph, malte lieber Ostereier, als da er eine Viertelstunde neben mir
gesessen htte, um meine letzten vterlichen Worte anzuhren! Kinder sind
Etwas, sind Viel -- und auch Nichts! Unsere Stube war voll vornehmes
Abschiedsgesindel, Gevattern, Pathen, Anverwandte. Alles Weltneugierige.
Die Menschen knnen Keinen sterben lassen, er mu ihnen wenigstens noch 12
mal 12 multipliciren; sie mssen ihn trsten, bedauern, vergeben, krnken
und zu rechte rcken; sie knnen Keinen scheiden lassen, sie mssen ihm das
Leben schwer und die Zunge leicht machen. Ich ging also inde auch
Abschied, nehmen -- zu meinen Bchern. Hilf Gott! wie berfiel es mich da!
Ich weinte bitterlich! Aber sonderbar, wie ein Sterbender that ich einen
befreiten Blick ber die armen Geister. Viel Freude ist in unsrer Literatur
nicht, das Meiste: Bedrfni, Noth, Hlfe. Es ging mir ein Licht auf; ich
mchte sagen, ein bitteres. Kein Mensch schreibt mehr aufrichtig! Hchstens
ein Mediciner, ein Bohneneinsalzer. Keine Geographie, keine Geschichte ist
aufrichtig, was verdient Aufrichtigkeit genannt zu werden. Und da nun Jeder
anders fhlt und denkt, so seufzte ich schwer: Ach, mit der Aufrichtigkeit
stirbt die Treue, mit der Treue stirbt der Mensch. --

Sind wir Menschen? frug eine hhnische Stimme, wie der Teufel, hinter
mir, und ich sahe mich um. Aber nun auch, wie viel war ich los und warf ich
ab: zuerst alle Landcharten, Ruland, Trkei, Kirchenstaat, Spanien,
Portugal, selber Deutschland! Alle Journale fielen von mir ab, wie
angeklebte Bilder von einem als Bildermann maskirten Apotheker. Alle
Zeitungen, alle Kirchenzeitungen, denn nur noch eine Teufelszeitung fehlt
-- zerfielen in ihren deutschen Staub, Gott sei Dank! Ich war wie
neugeboren. Alle Philosophie, die zuletzt nur dem Papst den Pantoffel
flickte. Selbst alle Dichter. Und wie im Himmelsfeuer stand mir Gthe auf
seinem Tabor verklrt. Denn sonderbar, unser Matador, der manchen Stier
erlegt, unser Dichterfrst, was hat er wiederum in seinem besten, schnsten
Werk, dem Wilhelm Meister, anders angelegt -- und vollstndig in den schwer
verkannten Wanderjahren gelehrt -- als _die Auswanderung! Die
Auswanderung!_ Derselbe, der Herrmann und Dorothee das einzig hlfreiche
Wort zur Zeit sprach: Dchten Alle wie ich, so stnde die Macht gegen die
Macht auf, und wir erfreuten uns Alle des Friedens. Knnte man sich manche
Deutschen so dumm denken, da ein Mann wie Gthe, genhrt mit dem Mark der
alten Welt, und in Leib und Herzen und Geist das Mark der Natur, ein Mann,
der fr sich gar herrlich wute frei zu seyn, und sich aus Allem los zu
ringen, so vernagelt, so neidisch, so niedertrchtig gelebt und gedacht,
nicht Allen Andern das zu gnnen, was ihm allein nichts helfen konnte? In
Amerika will ich ein Bchlein ediren der Volksfreund von Goethe, der
seine ungeheuren Worte frei machen soll. Ja, ich getraute mich, durch
Auszge und Zusammenstellungen seiner schlagenden und erschlagenden Blitze
ihn gradezu auf eine der beliebtesten Vestungen zu bringen, wenn er nicht
sicher in der Frstengruft ruhte. -- Sicher? -- Hat man nicht schon gesagt,
er werde wieder hinaus practicirt werden? Weil auch der Staub verschieden
sei . . . . weil auch noch die Feder der todten Taube sich vor der Feder
des todten Habichts krmme, also krmmen msse. Fahret hin! sprach ich
lachend. Ich fahre auch hin. Aber zur Mitgift auf die Reise stach ich mit
dem Finger blind in ein Buch, dachte dabei an Amerika, blickte dann hin und
las mit Rhrung die schne trstliche Stelle in Iphigenia:

   Denken die Himmlischen
   Einem der Erdgebornen
   Viele Verwirrungen zu,
   Und bereiten sie ihm
   Von der Freude zu Schmerzen
   Tief-erschtternden bergang;
   Dann erziehen sie ihm
   In der Nhe der Stadt,
   _Oder an fernem Gestade_ --
   Da in Stunden der Noth
   Auch die Hlfe bereit sei --
   _Einen ruhigen Freund_.

Ich kte den Band und lie ihn wie Honig in einem absterbenden Baume. Die
grte Aufgabe der Indier whrend ihres Lagers im sogenannten Deutschland
scheint mir die Luterung des durch die herrschschtigen Neu-Rmer
verflschten Christenthums, und so nahm ich als reines Facit nur D. August
Neanders Werke und Reinhards Plan Jesu mit mir. Von weltlichen Bchern
aber ein Buch -- wozu ein Volk von Gelehrten gehrte, also die Deutschen,
und Jahrtausend alte und reiche Kenntni es zu schreiben -- eine Bibliothek
in Einem Werke, mit einem Wort: die unschtzbare Encyclopdie von Gruber
und Ersch. Wenn einmal ein auf Welt-Unkosten reisender himmlischer
Regierungsrath, oder himmlischer geheimer Consistorial-Assessor kme, und
auf der Erde Schulexamen ihrer Kinder vorgehalten haben wollte, oder Adam
frge: wie viel wissen denn nun meine Kinder durch die Frucht vom Baume der
Erkenntni; so thte man fglich am krzesten, dem Vater Adam oder dem
himmlischen Regierungsrath oder himmlischen Ober-Consistorial-Assessor die
Encyclopdie von Gruber und Ersch als Scriptum der geistreichen Kinder zur
Einsicht und Kenntninahme gehorsamst darzureichen. Und der Bericht an die
Weltregierung, das groe Ministerium des wahren Cultus, wrde glnzend
ausfallen.

Jetzt Abends brachten mir arme Brger eine Musik. Ich wei nicht, ich bin
bei allen Dingen standhaft, sie kommen mir alle noch weltlich,
oberflchlich, menschlich vor. Aber, so wie Musik erschallt, wie Klnge aus
der gewhnlichen Menschenluft da drauen sich regen und hervorbrechen wie
rosige Blitze aus Wolken, und wie Donnergemurr und Gottes Rede aus Wolken
-- dann bin ich hin, dann bin ich erweicht, und die Geister machen mit mir
was sie wollen, und das Ereigni erscheint nun geweiht, es geschieht nun im
ewigen schnen geheimen Leben; die Geister des Himmels wissen darum, sie
loben, sie preisen, sie verherrlichen es mit ihren Engelszungen, und nur
mit hchster berwindung bring' ich's dahin, dazu und darein zu singen, und
wenn mir's gelingt, dann lebe ich mit in dem Leben der himmlischen
Heerschaaren! Und nun sangen sie gar: Befiehl du deine Wege! . . . und
mit erhhter gewaltiger Stimme: Und ob gleich alle Teufel hier wollten
widerstehn, so wird doch ohne Zweifel Gott nicht zurcke gehn. Was Er sich
frgenommen, und was Er haben will, das mu doch endlich kommen zu seinem
Zweck und Ziel! . . . und das Kraftwort: Mach' End, o Herr, mach' Ende an
aller unser Noth! -- Da trat der General-Vormund mit meiner lieben
Lehrtochter, der Baronesse, zu mir Einsamen herein. Sie wnschten mir
Glck, sie empfahlen sich meiner Gunst und Vorsorge. Denn er bergab mir
2000 Guineen als Privateigenthum seiner Mndel, das in der englischen Bank
gestanden und den Glubigern nie mit gehrt habe -- nur die Baronie -- und
auf den Fall, da sie den Glubigern ganz gehren werde, sollte ich dem
armen Kinde reicher Ahnen, der jungen Baronesse, drben wieder ein Stck
Amerika kaufen, so gro es fr das Geld seyn werde und knne. Kaufen aber
sollte ich jedenfalls; denn, sprach der General-Vormund, in Zeiten mu
Jeder fr seinen Fall besorgt seyn. Vorsorge ist die wahre Sorge. Alles
Andere ist Kummer und Noth. -- Dagegen versprachen sie mir, fr meinen
Sohn alles Mgliche zu thun, und meiner -- Strohwittwe Freude zu machen,
die eigentlich nur um des geliebten Sohnes willen dableibe -- und die
Freysingen gab mir ihr Hndchen darauf, aber sie zitterte, sie war errthet
und ihre Augen schlug sie schchtern nieder und ein Lcheln schwebte ber
ihr Gesicht und -- ich segnete sie . . . . . wenn mein Vaterherz sie recht
verstanden hatte, und sie weinte.

Ja, es ist ein Elend, sthnte der General-Vormund; die alten Burgen
wscht der Regen herunter, und auch alle die Herren _von_ -- die Herren
von Hab' und Gut -- fhrt der Himmel auch herab unter die
Menschenkinder.

Am schwersten schien mir der Abschied von meiner alten lieben Gromutter,
die in dem Alter von 88 Jahren und staarblind in meinem Hause lebte, still
und ungemerkt. Aber er ward mir am leichtesten. Denn die gute Alte segnete
meinen Gang und sprach: Du hast wohl einmal gehrt, mein Kind, da mein
jngster Sohn August, um mich als Wittwe zu krnken, von mir gegangen ist
nach Amerika. Das hab' ich aus Rotterdam erfahren. Er war kaum Chirurgus.
Meine Augen waren immer schwach; er wollte mich heilen und sein Mittel
machte mich blind. Da stie ich harte Worte im ersten Schrecken gegen ihn
aus. Er solle aus meinen Augen gehn! Ich wolle ihn nicht mehr sehn! -- Ich
will Sie nicht mehr sehen, meine Mutter; ich kann es auch nicht! sprach er
und floh. Mein Gesicht kam wieder. Er blieb fort. Nun bin ich blind! Nun
kann er kommen! So lange habe ich gelebt, ihn wieder zu sehen! Und gieb
Acht, er lebt noch, Du findest ihn! Ja, so lange sterbe ich nicht, bis er
kommt. Und Du kommst auch wieder, mein Sohn!

Nach Allem endlich schliefen wir zum letzten Male im Hause zusammen. O das
letzte Lichtauslschen! Das letzte Gute-Nachtsagen! Und die Glockenschlge
der alten Uhr vom alten Thurme! Und das letzte Tagabrufen des
Nachtwchters! O die Welt ist entsetzlich tief und schauerlich! Und das
Menschenherz ist sehr stark, und unzerreibar von allen Erdbeben und
Strmen, die unter Gewitterwolken es zittern und klingen lassen von
unbegreiflichen, hinreienden Melodieen des Lebens. Und die Trume kamen;
die alten Trume, die weinenden, kamen lachend; und die neuen Trume, die
lachenden, kamen weinend! Und ich schlummerte ein wenig, und die Trume
weinten viel, aber die Thrnen standen am Morgen _mir_ in den Augen. Und
ich dachte, so ist schon Hunderttausenden gewesen, in alten Tagen und
neuen! So wird noch Millionen seyn, so Gott will. Alle Thren im Hause
standen offen, als ginge es auf einen groen Jahrmarkt . . . . ich jagte
noch unser Rothkehlchen hinaus in die Freiheit; ich lies den Zeisig aus dem
Gebauer in die Freiheit -- die Katze blieb und der Hund lief mit! Und
sonderbar -- ich schied von Nichts und von Niemand schwerer, als von
Jemand, den ich doch mit mir nahm -- von meiner Tochter! Wohl weil ich sah,
wie sie Mutter und Bruder und Heimath verlor. Man mu die Augen zumachen
wie ein Todter, den man hinaustrgt, sprach ich zu mir. Mit offenen Augen
schiede er selber schwer! --

_Du kommst wieder!_ sprach mein Weib zum Abschiedswort, und blieb fest in
der Hausthr stehen, Komm' wieder, Vater! sprach mein Knabe, und kroch
mir noch in den Wagen nach, um mich noch einmal zu kssen; -- denn ich
hatte Pfefferkuchen bei mir!

Ein Wagen ist so dumm nicht erdacht; nach hinten und an den Seiten zu --
nur nach vorn, nach der Zukunft offen! Die Tochter sa neben mir, mein
Schulmeister gegenber und mein ltester Sohn, der mich begleitete. Der
Schwager stie in sein Horn . . . . mein Gott! ich hatte die Nacht noch
Abschied nehmen wollen von Vater und Mutter auf dem Kirchhof -- und nun
mute ich denken: wir lassen nur Staub hier; was die Todten uns gewesen und
was sie noch sind, das besitzen wir, das sind wir selbst, das nehmen wir
mit. Sie waren auch berhaupt nicht von hier -- sie sind auch noch weiter
ausgewandert! Sie muten. Wir mssen. Und in den frischen Morgen klang das
Horn in den Wald hinein, in den Gesang der Vgel, den Berg hinan, dann den
Flu entlang -- und die stillen Wellen reiseten ja alle so Tag und Nacht,
so still nach dem Ocean! Die Morgensonne trat auf die Berge und lchelte
uns an, die groe Reisende, die gestern das Land gesehen, wohin wir
wollten, und sie leuchtete uns _dazu_, gewi dazu! Meine Frau hatte mir ein
Blatt Papier beim Scheiden gegeben, ich entfaltete es; es war ein
Notenblatt, das Lied: Dir folgen meine Thrnen! Da that ich einen
Morgenschlaf im Wagen, und die ndern wurden still, und schliefen wohl
auch. O Schlaf! Zwei Augen zu -- und die Welt ist still, und das Herz wird
leicht und rein, als schmlze der Schlaf es ein, luterte das Gold, und
gsse es nun in die Form des neuen Tages, die ihm die Hoffnung gegeben und
reizend geschmckt. Im bestimmten Nachtquartier fanden wir uns mit dem
Amerikaner und seinem Neger Wilberforce zusammen. Als er auch meine Mirjam
aussteigen sah, schien er sehr froh -- er diente ihr hflich-amerikanisch;
er frug lchelnd: ob nicht der Diaconus mitgekommen? Sie sah ihn an, er
sie; und sie errtheten Beide so flchtig, wie eine Schwalbe vorberfliegt.
So kamen wir nach und nach, geschwind genug, durch vieler Herren Staaten,
ber Grenzen und Grenzen, durch mannigfarbig bemalte Schlagbume, erhielten
mancherlei kleines Geld heraus und bekamen nach mancherlei Ellen gemessen.
Wir sahen das Bewegen, das Hinundherregen, das Umherdrehen von Soldaten,
Fuhrleuten, Landleuten. Nur zu einer bung in allerhand Privatkleidern
sagte der Amerikaner: Vergessen Sie das nicht!

Und als wir so viele mimuthige, verdrone Gesichter gesehen, und wenig von
Lust und Freude gehrt, sagte er wieder: Vergessen Sie das nicht! wenn Sie
unsere Gesichter sehen. Kind und Greis sehen einerlei gleichgltig aus, und
innerliche Betrachtungen und berlegungen hemmen Hand und Fu und Auge und
Leben. So tanzen wir auch noch nicht. _Die Seele_ ist zu steif dazu.

Endlich eines Abends berholten wir in einem dnnen Walde, im Sandweg,
Auswanderer! Deutsche Auswanderer nach Amerika. Scheckige Ochsen zogen
langsam einen Wagen fort, darauf Grabscheite, Hacken, ein Gebund Betten und
kleine Kinder saen, whrend die Vter, Mtter, Shne und Tchter von drei
Familien nebenher zu Fue gingen. Ein andrer Wagen mit Pferden fuhr die
letzten oder ersten nthigsten Sachen, Sckchen mit Smereien und allerhand
Zusammengehuftes von mehreren Haushaltungen. Wenn Swift ein Gebet ber den
Besenstiel verfertigt, so wre mir gewi jetzt ein rhrenderes Gebet ber
ein Grabscheit gelungen, deren Eisen mich glnzend anblitzte. Die Leute
gingen anstndig gekleidet, aber stumm, wie der Sprache beraubt. Nur eine
Jungfrau frug uns: Wie weit ist noch Bremen?

Dort liegt es ja! antwortete ich selber berrascht. Die Wagen hielten, die
Mnner nahmen ihre Mtzen ab, Alle falteten die Hnde und beteten ein
stilles Vaterunser, ein Walte-Gott, oder ein: Nun danket alle Gott!
vermuth' ich. Nun standen die Thrme der Stadt uns auf aus der Hoffnung,
der hohe Angariusthurm, die Liebfrauenkirche, das Rathhaus, die Domkirche,
die Sternwarte, alles in dem geschmckten grnen Wall umher wie Spielsachen
in dem Raum eines Geburtstagskuchens. Dann die Masten der Schiffe! Seiler
spannen hier Schifsstaue; dort schmiedeten Mnner in Hemden groe Anker.
Dann umfing uns die enge Strae mit Husern voll Erkern, ber und ber vorn
mit Fenstern, wie eine streifige _glserne_ Weste, die Gott vor Schloen
bewahren mge. Endlich die lange Brcke, die liebe Weser und das groe
Wasserrad. Ein schner junger Mensch begegnete uns, der unwillkrlich sein
englisches Pferd anhielt, wohlwollend, ja fast zrtlich uns . . . ich
glaube, zumeist meine Tochter, ansah, den Kopf senkte und dann erst still
des Weges ritt. Zufall! Schicksal!

Denn mein lieber Master Erwin kehrte bei einem Handelsfreunde ein; ich, bei
meinem redlichen, guten, besten Freunde, dem Doctor Professor Weber. Wir
stiegen hinauf, er kannte mich nicht; ich aber wute, da er es war, ich
brachte ihm Gre von meinem Bruder, den ich gar nicht habe -- und nun fiel
er mir um den Hals. Seine schnen Kinder standen um uns und hielten den
Athem an -- meine Tochter hatte er nicht gesehen, und es ist wohl die
eigenste Befriedigung, die schnste Lsung des heiligen Lebensrthsels:
einem Freunde die erwachsene Tochter zu bringen, zu zeigen. Und das gute
Mdchen stand vor ihm befangen, ja gefangen da, wie eine unbewute
Schuldnerin von unabwehrbarer Neigung und Liebe, die ich dem theuren
Freunde im Herzen bewahrte. Er fhrte sie zu seinem Weibe, der auch ich
gleich wie ein naher Verwandter war; und meine Augen hingen an seinen
Knaben, wie an Ablegern einer kstlichen Nelke, die der Grtner bisher nur
immer allein gesehen hat! Und nun hat sie sich verdoppelt, vervierfacht,
verjngt, verschnt. Er fand mich im Verlieren, ich wollte nach Amerika,
und die Glocke der Freude zersprang. Und so sagte er mir im Vertrauen, da
sein werther Freund und Gnner, der Graf B . . . . . St . . . . . . . ihm
den jungen, incognito hierher gekommenen Prinzen empfohlen, der neben ihm
wohne und den Titel eines Herzogs in seiner ursprnglichen Bedeutung den
Deutschen auffrischen wolle -- und als Fhrer der Auswanderer aus seinem
nicht gar groen Lndchen auftreten, da sein Vater sich noch nicht
entschlieen knne, dem das Amt eigentlich zukomme. Denn, sage er, mit
einem Schwarm junger Bienen, welche den alten Mutterstock verlassen, und in
die neue, von den Spurbienen gesuchte Bute schwrmen, zieht nicht ein
junger Weisel, sondern der alte erfahrene Weisel des Stockes, als rhrendes
Beispiel fr Menschen! Die Herzge der alten Deutschen seien es auch nur
fr die Zeit des Zuges oder der That gewesen, und in dem drben angekauften
freien Lande mchten ihn die Seinen nun ferner zum Haupt whlen, oder einen
Andern, wenn er nur brderlich fr sie gesorgt, bis wo sie sein und des
Vaters nicht mehr bedrften. Er meine eine groe, deutsche, zeitgeme That
dadurch zu thun, indem er mit Willen und Liebe sich an die Spitze der
Bewegung stelle; aber sein Vater wolle ihn davon abhalten, und werde dieser
Tage in Bremen eintreffen, um den so guten, edlen, feurigen, jungen Sohn
auf gute Weise zurckzufhren und wieder einzuspannen in den alten schweren
Wagen von Europa, von dem Niemand wisse, wohin er fahre, nur wie schlecht
der Weg sei -- wie er selbst ihm geschrieben. brigens lagern Tausende von
Auswanderern so eben jenseits der Altstadt, nach Elsfleth zu, die ich
lieber sogleich gesehen und ausgefragt htte. Da kam der junge Prinz
gesprengt, er sprang ab, er kam herauf, und berrascht, uns . . . . ich mu
es sagen . . . . meine Mirjam hier zu finden, sah er noch einmal so
schwrmerisch schn aus, seine Augen leuchteten, aber seine Anrede
verwirrte sich, selbst sein Gru stockte, seine Frage blieb aus, und er
schlug die Augen wie ein Mdchen zur Erde. Im Geiste hatte er schon seinen
Titel abgelegt, und dem gewnschten Incognito gem, lernten wir ihn nur
als Herrn _Leuthold_ kennen! Leuthold -- Publicola -- der Name machte mir
ihn werth; und als er nun hrte, da ich die armen Einwohner von zwanzig
groen Drfern hinbersiedeln wolle, berschttete er mich mit einer Masse
von wohlgegrndeten Nachrichten aus redlicher Mnner Munde, drckte mir die
Hnde, und es ward verabredet, das Lager der Auswanderer gegen Abend zu
besuchen, und auf dem Pianoforte spielte er mir den unvergleichlich
rhrenden _Gesang der Pilger_ aus Hasses Pilgerinnen vor, und sang dazu
mit feuchten Augen und bebender Stimme. Ungern schied ich inde. Denn ich
hatte die eben angekommenen sechs Freundinnen meiner Tochter
unterzubringen, die sich drben vermiethen wollten.

Gegen Abend also gingen wir dann. Ich mit dem Freunde; der Prinz fhrte
meine Tochter und sprach in seinem Feuer mit edlem Anstand zwar, doch wenig
verhalten zu ihr -- als uns der Amerikaner begegnete und als Freund sich
uns anschlo. Er gesellte sich aber zu mir, ging mit mir hinter dem Paare,
und sahe ernst und bla aus und sprach nicht, und sahe bisweilen murmelnd
lange starr zu Boden, als schimmere ihm unter der Erde ein groes Buch,
dessen Schrift er mit Gewalt entziffern wolle. Der immer vorsichtige Mann
stolperte jetzt sogar. Zuletzt trug er, wie ich wohl bemerkte, erst Eine,
dann beide geballte Fuste in der Tasche. Wilberforce, sein Neger, sahe,
wie ein treuer Hund nach dem Jger sieht, gespannt nach den Augen seines
Herrn. Er frug endlich, doch leise, meinen Freund, wer der junge Gentleman
sei, der die Mi vor ihnen fhre. . . . . . Der Prinz . . . sagte ich
ihm, zwar leis, doch etwas unvorsichtig, und er hrte es kaum halb, als ihm
recht wohl schien. Es stand ein Lcheln auf seinem Gesicht, das ganz Europa
weglchelte, ein kostbares Lcheln, das mich hinri. Aber meine Tochter war
noch Gnschen genug und noch von keinem Prinzen und so verbindlich gefhrt
worden, und ich als Herr Vater und Unterthan steckte auch noch so tief in
der Eselshaut, da ich keine Scene, besonders nicht gleich und hier auf der
Strae besorgte. Der schtzbare Master Erwin aber nahm mich unter den Arm,
hielt mich zurck, als wolle er mir etwas zeigen; und als die brigen
voraus genug waren, frug er mich ehrerbietig und lftete den Hut dazu:
Wollen Sie mir Ihre Tochter gnnen?

Wie so? -- frug ich.

Zur Hausfrau! -- meine ich.

Ich wute, wie meine Tochter dachte und fhlte. Ich gestand ihm das; aber
auch, da sie ihm, da sie der je ihr eignen und freien Neigung entsagt --
weil er Sclaven -- hundert -- fnfhundert Sclaven habe.

Der Mensch in dem Amerikaner, in dem Kaufmann und reichen Plantagenbesitzer
ward roth. Er prete die Lippen zusammen, blickte mit starren Augen ein
inneres Bild vor seiner Seele an, und sprach dann: Schon gut! meine ich.
Also Sie meinen sonst Ja?

Ich zuckte, eigentlich wunderbar froh die Achseln und meinte: Ja!

Da verlie er mich, ohne bereilung, ging dem guten Prinzen zur Seite und
sprach: Wollen Sie mir nicht erlauben, meine Braut zu fhren?

Da lieen die Arme der beiden unschuldigen Kinder sich los. Mein Kind war
bla, so viel ich sehen konnte, sie stand ein wenig vorgeneigt, mit
gesenktem Antlitz, und hielt ihre linke Hand leicht ber die Augen, ihre
Lippen standen geffnet, als wre eine Rose pltzlich aufgeblht.

. . . . Das habe ich nicht gewut; -- stammelte der Jngling.

Ich auch nicht! Aber Sie wissen es jetzt; sprach der berraschte und
berraschende Brutigam.

Der Jngling trat zurck. Die Braut lie sanft und langsam ihre Hand von
den Augen sinken, und ihre groen Augen sahen einen wunderbaren Augenblick
nach mir zurck; dann sah sie vorwrts, sah nicht den Brutigam an, der den
gesenkten Arm anstndig an den seinen nahm.

Und nun gingen wir -- schweigend bis ganz in die Nhe des friedlichen
Lagers. Da hrten wir singen, blieben betroffen stehen, und hrten nach
rhrender Weise in Moll ganz deutlich die Worte:

   Nun wandern wir mit Thrnen aus,
   Von Bergen und von Thal!
   Die Erde ist ein groes Haus
   Mit manchem Saal!
   Du Sonne, kommst mit ber's Meer
   In jene bere Welt;
   Du Mond, du schiffst still nebenher
   Am Sternenzelt.

   Der Boden zieht sich unterm Meer
   Dahin, in sichrem Band;
   Und drben hebt er sich so hehr
   Als freier Strand!
   Da drben blht der Frhling auch
   Im alten Himmelreich;
   Die Erde hlt den alten Brauch --
   Bleibt Euch nur gleich!

   Habt Dank, Ihr Brder, nah und fern!
   Ihr halft uns Alle gern;
   Habt groen Dank, Ihr groen Herrn,
   Habt Dank, Ihr Herrn!
   Ihr Flsse habt den schnsten Dank
   Fr eure klare Fluth;
   Doch euer Trank, der macht uns krank,
   Ihr meintet's gut!

   Nun sind wir Furcht und Qualen los,
   Wir werfen Alles ab;
   Und glckt uns Nichts -- im Erdenschoo
   Bleibt uns das Grab!
   Drum angenehme Ruh! Glck zu!
   Nun Alle gute Nacht!
   Haus, Bume, Feld und Pferd und Kuh --
   Es ist vollbracht!

   Viel thaten wir mit unsrem Arm,
   Viel tausend Stdte stehn! --
   Der Korb ist nicht der Bienenschwarm.
   Sie stehn -- wir gehn!
   Wohl hundertmal jed' Beet mit Flei
   Umpflgten wir mit Muth --
   Das Land ist na von unsrem Schwei,
   Von unsrem Blut.

   Manch Schlachtfeld deckt die Vter zu,
   Der Todten morsch Gebein!
   Drum lat uns ziehn in Fried' und Ruh,
   Uns unser seyn!
   Nicht hundert Jahr, so kommen wir
   Zurck zu Euren Gau'n,
   Und wie's Euch geht, geloben wir,
   Mit Ernst zu schau'n!

                   *       *       *       *       *

So etwas hatte ich noch nicht gehrt auf Erden, gedachte aber an das Lied:
An Wasserflssen Babylon. Die Leute, die gesungen, schwiegen kaum, als
wir von einer andern Seite her schon den Ausgang eines andern Liedes
vernahmen, das junge Burschen in lustiger Weise sangen:

   Nun schnrt die letzten Lumpen ein
   Und macht ein gro Gebund!
   Schnrt Sonne, Mond und Sterne drein!
   Und bleibt nur fein gesund!

   Vor allen schnrt die Hnde ein!
   Und Kopf und Herz und Mund!
   Ein Httchen wird schon drben seyn,
   Das glaubt sogar mein Hund!

                   *       *       *       *       *

Einer von ihnen wollte jetzt das bekannte Lied anstimmen: Was ist des
Deutschen Vaterland? -- als Andre ihn unterbrachen und frugen! Ist das
noch nicht aus? -- und Einer wollte in das Lied eingestimmt haben: Wer
wei, wie nahe mir mein Ende? -- Mdchen kamen uns entgegen gesprungen,
welche schon einen Maikfer gehascht und wieder fliegen lassen, und aus der
dreiigjhrigen alten Noth dazu sangen:

   Flieh, Kfer, flieh!
   Dein Vater ist im Krieg,
   Deine Mutter ist in Pommerland --
   Pommerland ist abgebrannt --
   Flieh, Kfer, flieh!

Die Knaben aber sangen ein andres, mir unbekanntes, schwermthiges, treues
Lied, auch aus Moll, was die Schwalbe hie; denn unter diesem Titel
forderten es von den andern Kindern zwei liebe, schne Knaben, beide wie
Brder gleich gekleidet; beide gelbe Strohhtchen auf, beide blaue Jckchen
an, beide weie lange Hosen und beide baarfu. Sie sahen gesund, aber
kummervoll aus. Und die andern Kinder wollten es, manche dem Anselm, manche
dem Wilhelm zu Liebe mitsingen; die Brder selber sangen nun, hell und bang
herauszuhren aus dem lieben Knabengesang:

   Du, meine liebe Schwalbe,
   Ziehst weit nun ber's Meer,
   Siehst meine Heimath wieder --
   Ach, wenn Ich doch -- _Du_ wr'!

   Ich baut' an Mutter's Fenster
   Mein Nest mir einsam, leer;
   Ich sng' ihr meinen Kummer,
   Wenn Stille um uns wr'!

   Da sprch' sie einst zum Vater:
   Das Lied macht mir so schwer!
   Ach, fange doch die Schwalbe,
   Und bringe sie mir her!

   Da la ich mich ihn fangen;
   Die Mutter kt mich sehr!
   Drauf soll ich wieder fliegen --
   Da bin ich schon nicht mehr!

   Da steht sie tief betroffen,
   Denkt bang an mich und schwer,
   Begrbt mich bei dem Weinstock,
   Der sagt ihr: da Ich's wr!

Jetzt hatten wir Stimmung! Das Herz war uns schwer, und wir begriffen, wie
den Abgeschiedenen zu Muth war, die mir so eigen bedrftig, so eigen
heimathlos vorkamen, wie den Schiffern die mden Vgel, die vor Hunger und
Mdigkeit ohne Menschenfurcht sich auf dem Fluge ber das Meer in die
Segelstangen setzen, sich ausruhen, auch wohl schlafen und im Schlafe vom
Morgen trumend singen! -- O Natur, du bist unter allen Masken nur Eine,
voll Leid und Freude und Trost und Hoffnung immer und berall.

Darauf gingen wir hinter in den grnen Raum, wo die deutschen Auswanderer
lagerten, theils in offen stehenden leeren Magazinen, Scheunen, theils auf
dem Platze davor. Es ist unmglich, zu leugnen, da der Anblick ergriff:
diese kraftvollen, rstigen Mnner, diese gesunden, auch schnen Weiber und
rosigen Jungfrauen, diese Knaben und Mdchen, diese kleinen Kinder in
Bettchen hier, dort auf Strohe liegend, und von den kleinen Schwesterchen
gewiegt, herumgetragen, oder im Schlafe bewacht von einem treuen Hunde, der
wie aus dem Schlaf die Augen nach uns richtete, aber die wohlwollende Seele
in den unsern erkannte, nicht anschlug, nicht knurrte, sondern ruhig wieder
die Schnauze hinstreckte. Auch alte Mnner mit weien Haaren saen da,
welche, kaufmnnisch betrachtet, doch kaum die paar Thaler fr die
berfahrt werth waren, und welche doch -- wie die Trken in Constantinopel
sich drben in Scutari begraben lassen -- auch drben wollten begraben
seyn. Sie schnitzten Lffel, auch nur Spielsachen fr die Kinder. Hier und
da hing ein Ochse oder eine Kuh, welche fr ihre Mhe: die Wagen hierher an
das Ufer zu ziehen, geschlachtet und fr die Seereise in Fsser
eingepckelt wurden. Selbst einigen Ziegen war es so gegangen, die ruchern
hingen, und ihre gehrnten Felle nicht weit davon zum Trocknen. Andere
Ziegen mit schwellenden vollen Eutern, von den Jungfern mit Gras gefttert
und eben gemolken, sollten den Kindern auf der See frische Milch geben, und
es drngte mich, den Weibern zu lehren, wie sie auch Milch aufbewahren
knnen. Kessel kochten das Abendessen ber Feuern; im Strom gefangene
Fische zappelten auf dem Rasen noch ungeschlachtet. Wasserkrge und kleine
Trinkkrgchen standen bereit. Alle waren anstndig gekleidet, Manche
vielleicht aus Armuth sonntglich.

Welche Wehmuth geht von dem Raume aus! sprach der Prinz. Hier schaut man
unleugbar: Ganz gewi ist etwas vorgegangen, ganz gewi ist diesen Menschen
etwas Unleidliches geschehen, ganz gewi hoffen sie Erlsung, eine bessere
Zukunft, als sie hier abwarten und mit durchleben wollen, da wir diese
Tausend und schon Legionen und noch Legionen hier am Eingang des Meeres
sehen! Etwas ganz gewi. Das ist unleugbar. Etwas, dem Niemand helfen kann
oder will. Denn menschliche Geduld ist -- bermenschlich, oder deutsch.
Ach, wer in alle die Herzen sehen knnte! Diese Menschen sind nur --
heilige Meerschweine, die auf die Oberflche der See kommen, wenn Sturm
soll kommen! Sie sind Sturmvgel! Oder fliegende Fische, die nicht vor
Vergngen . . . . sondern, dem Tode zu entgehen, vor Angst vor einem oder
vielen kleinen Haien, sich der ihnen von der Natur aus Vorsorge zu Lehn
gegebenen groen Flossen oder Flosse -- der Schiffe -- bedienen. Sie sind
Mnnchen im Mantel, die aus dem Wetterhuschen bei schlechtem Wetter
herauskommen, und von der gekrmmten Darmsaite gezwungen, sich herauswinden
mssen. Denn welche Schnecke bleibt nicht gern in ihrem Hause? Welcher
Fuchs ist so dumm, aus der Haut zu fahren, als wenn sie aufgeschnitten ist
und er gebrannt und geprellt wird. Der Mensch ist nicht dmmer als das
Vieh, aber _am Ende_ auch so klug und so tapfer. Ja der Zahnarzt, der
keinen Zahnarzt findet, nimmt sich in der Angst selbst einen Zahn aus, und
je weher er sich selber thut, je lieber er sich selber zur Thr
hinauswerfen mchte, je gewaltiger ruckt er an seinem Zahne, bis er
hinausfliegt. Kurz, hier schmerzen die Zhne, oder die Herzen. Herzensweh,
grtes Weh! sprach er und schlug die Augen nieder. Meine Tochter auch,
die dem von Wohlwollen leuchtenden Jngling mit feuchten Augen zugesehen,
oder zugehrt -- ich wei nicht.

Mein ehrwrdiger Prinz -- wollte ich sagen -- aber durfte nur sprechen: Sie
einziger, theurer Herr Leuthold, wie ungern gebe ich Ihnen Recht --
verzeihen Sie, es ist hchst unrecht und unanstndig, vornehmen Leuten
Recht zu geben -- Furcht und Hoffnung treibt und jagt die Welt. Inde, was
Jeder, oder was Alle hoffen oder frchten, ist nach der Bildung des Geistes
und Herzens eines Jeden verschieden, und stuft sich ab von Brot bis zur
Freiheit, von Qual bis zu Klberbraten und Salat. Indessen wre es doch
hchst wichtig, selbst den Hchstwichtigen, zu wissen: was diese fliegenden
Fische oder Wettermnnchen frchten oder hoffen, oder hoffen _und_
frchten. Wir wissen es so ziemlich gewi, aber ob auch Diese? Doch das
Volk wei Alles wahr und klar, durch handgreifliche Dinge, und beurtheilt
die Saaten und die Bume nach Garbe und Frucht; die Graf Magnische Wolle,
Electoral- und Kniglich-Spanische Wolle beurtheilt es aber blos nach dem
Rocke -- den es selber tragen kann!

Rem acu tetigisti! Sie haben den Schaden mit der Sonde berhrt, und er
schmerzt mich! versetzte Herr Leuthold. Mein Schulmeister Tolera hatte
schon Bekanntschaft unter der Menschenheerde gemacht, und er zeigte uns
Studenten von verschiedenen Universitten, die, wie er uns erzhlte, statt
Doctoren zu werden, mit dem Gelde von ihren ltern, theils ohne . . .
theils da diese es wuten, und zufrieden waren, nach Amerika auswanderten.
Sie wollen auf einer Nordamerikanischen Universitt studiren, oder drben
Garten-, Vieh- und Menschenzucht betreiben, und haben sich schon die
haltbarsten, schnsten Mdchen hier ausgesucht, die ihnen die ltern nicht
abschlagen wollen. Ich begreife gar nicht, wie aus altem Holze schon neue
Triebe wachsen, wie man auf der Reise an's Heirathen denken kann. Freilich
paaren sich Strche, Amseln, Kraniche und Schwalben, grade ehe sie
fortziehn -- wie die fortgeschickten Polen in Danzig alles von der Strae
wegheiratheten. So wundre ich mich nun nicht mehr so sehr. Vorhin war ein
Herr hier, der frug einen Professor, der auch mit auswandert: Das sind
wohl eigentlich alles Pracken? Gewi, versetzte der Professor; aber es
bleibt dabei die Frage: ob sie geprackt worden, oder ob sie geprackt haben
-- alle Andern, alle Solche wie Sie, und Sie nicht ausgenommen. Dabei
kehrte er ihm den Rcken. Tolera brachte uns aber eigentlich nur die beiden
Knaben, die vorhin das Lied von der Schwalbe gesungen, und winkte sie
nher. Sie kamen, die gelben Strohhtchen in den wie zum Beten gefalteten
Hnden, waren bildhbsch, und der lteste, der Anselm, sprach: Ach, liebe
Herren, Alle oder Einer, unser Vater ist blos ber dem Wasser hier drben,
in einer groen Stadt, die Kentucky heit; unsre Mutter hat sollen
nachkommen, sie ist aber gestorben, und nun lacht uns jeder Schiffscapitain
aus, wenn wir ihn bitten: uns ohne Geld mit hinber zu nehmen. Erbarmen Sie
sich, Einer oder Alle, unsres Vaters, der wird sich doch gar zu sehr
freuen! Ach, und das ist ein rechtes Unglck, man kann drben nicht mehr
die berfahrt abverdienen, wenn Einen der Capitain dafr auf ein paar Jahr
vermiethet, das hat der drbensche Congre verboten! Ach, wenn der Congre
uns she am Ufer stehen, er wre ein barmherziger Amerikanischer Congre!
Aber die Congresse sind so weit von uns, so unbarmherzig und hart und wie
blind, da sie uns arme Kinder freilich nicht hier stehen sehen knnen!
Aber Sie sehen uns stehen, beste Herren! Oder wenn Sie kein Geld haben,
oder an uns nichts wenden wollen, befehlen Sie nur einem Capitain, da er
uns mitnehmen mu! Schreiben Sie es mit ihm nieder, da er mich drben
verkaufen mu, fr mich und meinen Bruder, den armen Schelm! Ich will Gutes
thun. Inde wachs' ich noch grer. Und wenn ich meinen Vater erst in zehn
Jahren sehe, so sehe ich ihn doch einmal und mein Bruder auch. Die Kinder
faten vor Freude sich schon bei den Kpfen.

Master Erwin sagte uns, da alle europische Contracte in der Union gar
nichts gelten, und warnte uns. Meine Tochter schien ihn zu bitten, den
lieben Knaben die berfahrt zu bezahlen, als sie der Prinz schon beide an
den Hnden ergriff, und zu einem Capitain fhrte, der jetzt aus einer
Scheune kam. Ein sonnegebrunter, kerniger, hoher Mann im blauen Frack und
langen, wei und roth gestreiften Hosen und Schuhen, einen dreieckigen
langen niedrigen Hut die Quere auf dem Kopfe, wie ein kleines schwarzes
Boot. Er gab jedem der Knaben darauf eine Karte aus seiner Brieftasche; und
ohne vor Freuden sich nur zu bedanken, sprangen sie fort und rissen vor
Eifer im Laufe andere Kinderchen um. Der Prinz kam still wieder zu uns.
Master Erwin, oder nun mit Gott denn: mein Schwiegersohn, hatte inde ein
Gesprch mit mehreren Auswanderern angeknpft, deren Einer ihn jetzt als
Amerikaner auf sein Gewissen frug:

Also freies Raff- und Leseholz knnen Sie uns gewi versichern?

Auf fnfhundert Jahr vor der Hand, meine ich.

Der Kreis sahe sich froh an. Eine alte Frau rieb sich den Rcken und
seufzte: Da werde ich also nicht krumm und lahm geprgelt. -- Mein Gott!
wie bist Du doch gndig da drben ber dem Wasser! Hier war es wie's war!

Und ein Anderer frug wieder: Herr, ich habe wegen Angeln und Krebsen vier
Jahr gesessen, und bin freilich ein Liebhaber, aber auch ein armer Teufel
-- wie steht es da drben?

-- Freier Fischzug in allen Flssen und Seeen. --

Der Mann machte eine besondere Geberde, die aber uns nicht galt, zog einen
alten Jger herbei, und frug weiter: Der hier hat, als streng angewiesener
Grnspecht, einen oder ein paar Wildschtzen erschossen, die einen Hasen
nicht haben herausgeben wollen -- ist dort Wildpret genug? Denn, lieber
Herr, wo jeder Bauer den Garten voll Pflaumenbume stehen hat, da stiehlt
kein Kind eine Pflaume.

-- Freie Jagd und Wildpret in Unzahl. Geflgel in Unzahl. Maisvgel,
Truthhner, Tauben.

Da mchte man sich das Leben nehmen! seufzte der alte Jger, dessen Augen
und Wesen deutlich verriethen, da er dem Wahnsinn und einer schrecklichen
That an sich selber ganz nahe stand.

Aber Wiesewachs, Futter fr die Khe! Wie viel Stunden weit hat man wohl in
das Gras? und wchset auch welches?

-- Liebe Frau, da wird ihr der Rcken nicht weh thun. Die Khe hinaus! und
wenn Ihr hundert habt; und welche ihr melken wollt, die ruft Ihr bei Namen.
Aber einen Namen mu sie haben. So macht Ihr es auch mit Euren hundert
Schweinen, und Ihr ruft nur: Komm, la dich schlachten! Ich lge nicht, so
mach' ich es, so machen es tausend Nachbarn noch hundert Jahr . . . Ein
Pfaffe hat Europa verdorben, und das Schwein verdirbt Amerika. Haltet keine
Schweine, damit ihr keine Schweine werdet; denn auf dreimal Schinken den
Tag, setzet Ihr auch vielleicht dreimal Whisky und Rum.

Ach Gott! nur zu Weihnachten ein Schweinchen! schmunzelte eine Frau.

-- Schlachtet Ochsen! --

Ach, der liebe Gott ist doch sehr gndig da drben ber dem Wasser! Hier
war es mit den Ochsen nicht recht richtig; sthnte die alte Frau und sahe
ganz jung aus vor Freude.

Aber, aber! sprach ein alter Mann: Ich habe Zeitlebens gearbeitet wie mein
eigener Sclave, und habe Nichts, als diese Jacke auf dem Leibe, weil Arbeit
uns hier nicht mehr nhrt, Alles der bsen Nachbarn wegen, des Krieges
wegen, der Schulden wegen, der Furcht wegen! Was wollte ich noch fragen?
Ja! -- Sind drben gute Nachbarn? Sonst kehre ich heim.

Das Weltmeer ist der schlimmste und beste Nachbar; brigens ist dort kein
Papst, kein Kaiser, kein Knig auf weit und breit. Friede und Brot! sprach
mein Schwiegersohn.

Friede und Brot! wiederholte der alte Mann; und drei alte Weiber sprachen
nun wie die drei Eumeniden wieder im Chor: Mein Gott, wie bist Du doch
gndig da drben ber dem Wasser!

_Meine_ Shne! rief hier eine Mutter zu ihren vier Jnglingen. _Meine_
Shne! sprach eine andere Mutter zu ihren Sechsen. _Mein_ Sohn! rief
eine dritte Mutter.

Ja, Euer seid Ihr dort! sprach mein Schwiegersohn; selber das ganze Land
oder Reich, nmlich die souveraine Republik, ist dort Euer, und selber der
Prsident, der blo Euer Vorsitzer ist. Ohne Erbe ist kein Erbfolgekrieg;
ohne Furcht vor dem Volke ist keine Unterdrckung, ohne Schulden sind keine
Zinsen, ja, es ist die bitterste Wahrheit: in wenigen Jahren mu Jeder bei
uns von der Regierung alle Jahre Etwas heraus bekommen an Gelde!

Und die drei Eumeniden sprachen wieder: Mein Gott, wie bist Du doch gndig
da drben ber dem Wasser!

Ihr habt Recht! sprach er, aber verget nicht: blos Europa hat es
dadrben gut gemacht! Alles, was man hier im Geiste gesehn und gewnscht,
das wird da drben in Wahrheit; was man hier verwnscht hat, das bleibt
hier begraben. Drum tretet dankbar und leise auf das heilige Grab und
segnet es hier und noch drben!

Und es war wunderlich anzusehen, wie Einige leise und schonend auf dem
heiligen Boden des Vaterlandes -- des Mutterlandes der Freiheit -- fort zu
den Ihren schlichen. Mir quollen die Thrnen in den Augen.

Herr Leuthold aber drckte meinem Schwiegersohn die Hand, da er
Deutschland gepriesen als die saure Rebe der sen Traube. Das Lager der
Auswanderer hatte den tiefsten Eindruck auf ihn und uns Alle gemacht. Und
diese ihre erzwungene Mue, dieses groe Migsein voll stiller Geduld und
schnen Zutrauens war allerdings ein eigener Zustand der Menschen auf
Erden, in deren Leben wir einen tiefen, dstern und erfreulichen Blick
thaten. Diese hier sangen, andre wuschen die Kinder, noch andre aen, alles
in herzlicher Eintracht. Einer theilte dem Andern mit, was er hatte, und es
that ihm nur leid, wenn es ihm fehlte, und er sprach wohl freundlich zu
ihm: Bruder, das habe ich nicht! und ein Nachbar hatte es gehrt, rief ihn
und sprach: Bruder, ich habe noch, komm! So wurden die Verschiedenen zu
Einem. Denn gleicher Wille und gleiches Ziel verbinden die Vlker.

Es war noch Zeit, unsre Arche, das Schiff zu besehen, das mein
Schwiegersohn gemiethet. Wir fuhren zu Wasser hin. O so ein Haus! So ein
groer verstndiger Fisch! Wie sauber Alles. Und die goldenen Sterne, 27
Sterne, fr jeden Freistaat ein Stern in himmelblauem Eckfelde der roth,
blau und weien Flagge. Seine Flgel schliefen. Die sauberen Rume standen
noch leer. Es ist nicht gro, darum geht es nicht tief, und kann berall
eher ans Land; sagte mein Schwiegersohn; es ist neu, also wird es der
Capitain nicht mit Willen stranden lassen, um die versicherte Prmie zu
gewinnen. Ich habe es ganz gemiethet, es fat 150 Menschen, und so kostet
Jedem die berfahrt ohne Essen und Trinken nur 30 Thaler. Sie kommen mit
nach New-Orleans, um Florida zu sehen, das man so rhmt, und dann den
Todtenstrom, den Missisippi hinauf, auf einem der Dampfboote, nach
Kentucky, Ohio und wohin Sie wollen.

So hatten wir denn, wie die Kinder, schon in der Kutsche gesessen, die noch
ohne Pferde steht. Abends aber fhrte uns Master Erwin in die Versammlung
der verarmten Rittergutsbesitzer, denn wohl zwanzig Familien hatten seiner,
auf des Vaters Befehl gethanen Einladung, mit Freuden Folge geleistet. Sie
wohnten alle in der Nhe, sie waren versammelt, sie lernten ihn kennen, wir
sie. Unter den merkwrdigen, anstndigen, mitunter schnen Gesichtern und
den unleugbar sich auszeichnenden Gestalten der Mnner, Frauen, jungen
Herren und Frulein, und unter den mannigfachen Reden der Verdrossenen,
Neu-hoffenden, vergesse ich nie die Valet- oder Standrede des Adels, welche
ein launiger alter Herr hielt, welcher sich selbst den Herrn von Habenichts
nannte. Unter andern sprach er: O Don Colibrados, und alle Ihr Colibraden,
kommt mit! Was Ihr einmal waret, begreift Niemand, Ihr selber nicht mehr!
selbst Euren Namen nicht. Wir sind vom Geschlecht der Colibraden! Das
Wort mute uns Spannung geben. Fr den Schein muten wir alle Wahrheit
opfern! Pferde, Spiele, Blle. Wir tanzten wie ein gewisses fettes Thier
vor Angst auf den heien Eisenstben. Denn der Gterhandel, der
Pferdehandel, der Holzhandel, der Wollhandel, der Getreidehandel, kurz alle
Handel und Hndel brachten uns zum Tanzen. Was waren wir noch? Sequester
der Juden! Sclaven unserer Schaafe und Ochsen. Und nun sollten unsere
Junker _lernen!_ Lernen, was andere Menschen, die Krety und Plety, wissen
und knnen; unsere Frulein sollten Brger heirathen -- blos um das einzige
Wrtchen _von_ im Stillen zu behaupten! Das sei Gott geklagt. Wir werfen
das einzige Wrtchen _von_ von uns ab, als den alten schweren Harnisch,
verlassen die hohe Region, erwerben im Thale des Lebens fr unser letztes
Hab und Gut groe Gter, und nennen uns heimlich, bis wir es sind, die
Herren _von_ -- Europa. Und sind wir nicht dennoch die Vorbilder des
Volkes gewesen? Und haben wir es nicht vortrefflich gehabt, so lange wir es
gewesen? Haben wir Edlen nicht alle wilden Schweine, Hirsche, Rehe, alle
Hasen, alle Rebhhner und Lerchen gebraten und gekocht, alle Hechte,
Karpfen, und Krebse gegessen, bis wir dem gemeinen Volke den Mund wrig
gemacht, und alle das liebe Wild ihnen verkauft, um Kutschen und Kleider zu
kaufen. Sind wir nicht Keiler, Zehnender, Hasen, Bretkltzer, Hechte u. s.
w. ber und ber? Ja durch und durch! Und unsere Burgen und Zimmer, haben
sie nicht nun Alle? Was wir tragen, trgt es nicht Jeder? Was wir wissen,
wei es nicht Jeder? Wie wir ohne Steuern und Gaben zu seyn wuten, will es
nicht Jeder? Haben wir uns nicht gegen den hohen Adel gestemmt, und ihm
Alles abgetrotzt? Kurz, durch uns Muster und Modelle sind nun Alle im Lande
Edelleute geworden, ja sie wollen sogar edle Leute seyn! Und so sind wir
die Steinplatte mit der ersten, so so gezeichneten Menschengestalt gewesen,
welche man tausendfach abgedruckt hat, die aber selbst darber abgenutzt
und verwischt worden bis zum Unkenntlichen, hoff' ich. Das war nobel! hoff'
ich. Und unser Lohn ist, der Abschied eines Dieners, oder eines Herrn, der
sich unntz gemacht hat -- eines Stockes, der durch Lehre und Zucht der
Schulknaben zu kurz geworden -- eines Flegels in genere, der durch Dreschen
abgedroschen ist, und in der Scheune verloren dahngt, als sein eignes
Monument. O Welt, wie schn bist du, wie dankbar! so da dein grter Dank
fr die Grten und Edelsten grace, der himmlische Dank ist: da sie darin
berflig, verachtet, verspottet, zum alten Flegel werden, vom seligen
Herrn von Habealles, allmhlig zum Herrn von Habewas, bis endlich zu meines
Gleichen: den seligen Herrn von Habenichts! Und so danke ich allen meinen
Ahnen, die das vollendet, -- allen Schatten der nobelsten Geschlechter
danke ich hier in dem Einen schwarzen Schatten, der von mir an der Wand
schwebt, als letztes concretes und concentrirtes Bild unsrer edlen Kaste,
ich gehe hin und ksse ihn dreimal laut: Dank! Dank! Dank!

Und so that der herrliche frhliche Mann wirklich, ging hin und kte den
Schatten mit dreimal Dank. Und mit sonderbarem Gefhl wischte er sich den
Kalk der Wand von den Lippen, setzte sich und sprach: Nun sage Niemand
mehr, da Einer sich nicht selber kssen kann! Sie meine Herren und Damen,
sind mnniglich Zeuge! Und mnniglich sind Sie, da Sie mich nicht etwa
erzrnt zur Thre hinauswerfen, sondern so edel, so gescheidt, so
politisch, so habschtig, da wir in genere die Landstrae zu Wasser nach
Amerika einschlagen wollen und werden. --

Sie lachen! Alle! Sie lachen heiter! Sie haben berwunden; sagte mir der
liebe Leuthold ins Ohr. Es wre vielleicht doch nicht gut, ein ganzes
Lndchen mit allen Stnden und Stndchen hinber zu setzen! Wer drben
leben und denken, unbillig leben und denken will, der bleibe gleich lieber
hier und leide sich und Andere! Man drfte nur Constantinopel wie es ist
-- Venedig wie es ist -- Wien -- Rom -- wie es ist -- Neapel -- Baiern,
wie es ist -- nach Amerika hinber versetzen, und ganz Amerika wre auf
immer verdorben! Und das verdorbne Europa auch! Ich fange an, Nord-Amerika
fr eine Art wohlgedeckte groe Freimaurerloge anzusehen, wohin man nur mit
Schurzfell und Kelle kommen darf. Diese Erfahrung hier wird meine
bersiedelung stark berichtigen! Aber sehen Sie nur, was Herr von
Habenichts auskramt!

Ich sah. Dieser breitete eine groe Charte von einem kleinen angekauften
Lndchen aus, und zeigte Jedem sein neues Gut, oder doch Habe. Fr den
Rest, den Ihr auf Eure Schulden herausbekommen, fr die 5000 Thaler etwa,
habt Ihr Jeder so viel Erde dort wieder, als Ihr hier niemals besessen --
Teiche, Wlder, Wild! Fr den Werth des Holzes in Wien oder Berlin kauftet
Ihr hier ein Frstenthum; aber thut es ja nicht! Denn dort mtet Ihr
verhungern, wenn Ihr das schne Mahagoniholz nicht verbrennen wolltet zu
Acker, da die Bume keine Brotbume sind. Aber Menschen -- denn mit
Erlaubni, so nenne ich Euch jetzt, pflanzt Pisang! Pisang! Denn ein Stck
Land, das mit Euren vermaledeiten Kartoffeln bepflanzt, nur Adam und Eva
nhrt, das nhrt, mit Pisang bepflanzt, ein halbes Hundert. Ihr seht also,
da Ihr die alte Brenhaut mitnehmen knnt, um dort mit den Hnden so viel
auszuruhen, als Ihr hier mit dem Kopfe habt arbeiten mssen. Jeder findet
sein Haus, und gefllt es Euch nicht, wie vermuthlich nicht -- doch ein
Blockhaus ist kein Stockhaus, sondern nur einstckig -- so baut Euch Ein
Schlo auf der Stelle, wo alle Eure Grenzen zusammenstoen -- einen groen
Boarding, ein Gemeinlogis, schmt Euch des Namens nicht! Denn ein Gut,
wovon nicht Jeder das Gleiche besitzen und brauchen kann, ist ein wahres
bel, wie unsere _Gter_ waren, welchen Namen ein alter Prophet
aufgebracht, um uns einmal -- das heit jetzt -- den Stolz zu benehmen.
Aber was macht denn das Kartenspiel so interessant fr die herrlichsten
Menschen? Also auch fr Euch, denn ich darf Euch nun Menschen nennen, und
herrliche Menschen, denn Ihr habt wieder Etwas, ja viel -- was reit so zum
Kartenspiel? Nun? . . . . da sie Freiherrn werden, Schicksalsgtter, da
sie nach ihrem Kopfe mit Knigen, Kniginnen, Buben, As, Spadille und
Manille verfahren knnen, wo ihnen keine Hausehre, kein Offizier, kein
Knig darein reden darf, denn wenn er kann und will, sticht er -- oder
pat, verpat. Seht, hier habt Ihr eine bere Art Charte, die Euch noch
froher machen wird -- hier ist ein neues Spiel; setzt Euch ein! Da seid Ihr
wieder Herren!

Whrend nun die schne klare Charte und mancher Plan den Auszug oder die
Auszgler und Vorzgler des Adels beschftigte, und sie wnschten, da Alle
als Nachzgler kmen, ward mein Freund Weber abgerufen. Er holte bald den
Prinzen nach, dessen Vater, der Frst, gekommen war, mein gndigster
Landesherr, der, obgleich souverain, doch, so viel er von hhrem Ort
durfte, Jedem Freiheit lie, ja gab. Und doch schien mir seine Ankunft dem
guten menschenfreundlichen Prinzen fatal. Wir zogen uns auch zurck, und
mein Schwiegersohn, Gott bewahre, nicht der neue Landesherr dieser
vornehmen Neuweltsrekruten -- unter welchen Obersten, Generale und groe
Thiere waren -- sondern blos der bescheidene Herr ihres neuen Landes, ward
von ihnen, wie Moses am rothen Meere von den Kindern Israels verehrt, und
Jeder empfahl sich ihm einzeln zu gndigem Schutz. So steckte noch die alte
Lust und Gewohnheit: protegirt zu seyn, in den redlichen Leuten!

Zu Nacht erst war ich allein mit meiner Tochter, und konnte sie, als Braut
eines ihr lieben Mannes, in meine Arme schlieen und segnen. Sie war zu
allem still, und sprach zuletzt nur: O wenn nur die Mutter hier bei uns
wr'! -- Ich deutete das in meinem Sinn, wie ich ihr eigentlich nur Segen
von dem Segen gab, den ich durch ihre reiche Heirath ber mich
ausgeschttet, fhlte. Fand ich drben keine Anstellung als Prediger,
vielleicht wohl gar bei den ausgezognen Adligen, und starb ich nicht, ehe
ich verhungerte -- so verhungerte ich nun nicht, sondern meine gute Tochter
gab mir gewi das Gnadenbrot! und ich konnte umsonst predigen, taufen,
trauen, begraben, was bei uns der nobelste Bischof nicht thut, und wir
theuren Herren kosten mit Kirchen und Schulen den armen Leuten zu viel, und
ich habe immer einen Stich in der Seele gefhlt, wenn ich den Becher
Taufwasser, oder den Leib des Herrn mit den paar Dreiern von den guten
Leuten bezahlt erhielt, welche sie hinter dem Altare wandelnd
hervorgesucht! Und doch schielte ich abscheulicher Mann dennoch manchmal
nach dem Gelde, oder schlauer sogar nur freundlich, nach den Augen der
Opfernden; denn, wer mit zugemachten Augen gab, der schmte sich, so wenig
zu geben, als er in den bedeckenden Fingern mir auf den Altar heraufreichte
-- aber, mein Gott! ich bedurfte das Geld, und seufzte, wenn ich es so
geschwind durchzhlen konnte, und es fr den Herrn Sohn auf der --
Pferdeakademie nicht langte, denn er lernte reiten; oder nicht langte zu
dem bestellten Weihnachtsgeschenk fr die Frau . . . . und morgen ging die
Post! Darum segnete ich die Tochter mit feurigem Dank fr meine Erlsung
und bat: da alle Geistlichen so liebe Tchter htten, auch so liebe
Amerikaner fnden, um Alle, Alle im Geldsinn, nicht im Weltsinn umsonst zu
predigen, umsonst Wein und Oblaten auszutheilen, umsonst kleine Kinder zu
taufen, kurz, Alle von Judas Ischariot's Snde erlst zu werden -- wie ich
nun schien. Ich schlief die Nacht in einem Rosengarten, der in Amerika lag;
denn im Traume sah ich ungeheure Strme, Hhlen, Wlder, Wasserflle,
Blumen und Bume, tausend Wunder, Alles mir neu -- und selbst meine Tochter
wandelte dort, nebst einem Huflein Kinder, aber mit dem Prinzen Hand in
Hand, der sie dort in seiner Provinz, wohin er sein ganzes Vlkchen
bergesiedelt, als redlicher einfacher Herr Leuthold geheirathet hatte --
-- -- und ich kte ihm die Hand, aber er gab mir mit meiner Tochter Hand
eine Ohrfeige, und die Hand war eiskalt! -- So etwas mute am Tage mir
still durch die Seele gefahren seyn, ich meine nicht die Ohrfeige, sondern,
da die lieben Kinder ein schnes Paar wren!

Der Amerikaner sagte mir am Morgen nichts Nheres, Gewisseres ber seine
Verlobung -- blo, da unser Schiff fertig liege, und da der Wind nur nach
Ost umzusetzen brauche. Freund Weber, vom Frsten beschftigt, konnte mir
auch kein Wrtchen sagen, als: der hergeeilte Vater will den armen Leuthold
nach Hause bringen oder zwingen. So kamen wir, ich, meine Tochter, Erwin,
von seinem Wilberforce und nun seinem Tolera begleitet, am Ufer der Weser
zu einer herzzerreienden und doch herzerfreuenden Scene. Der junge
Leuthold kam uns dster und allein entgegen. Er blieb bei uns stehen, wir
lasen in seiner Seele, aber nicht laut, und deuteten lieber auf etwas auf
dem Strome, den Knaben, dem er gestern mit seinem Bruder die berfahrt zu
seinem Vater in Kentucky besorgt hatte. Wir kannten den Anselm an seiner
Kleidung, ja am Gesicht; sein Bruder Wilhelm fischte mit ihm.
Wahrscheinlich hatten sie einen groen Lachs gefangen und der ltere Bruder
beugte sich ber, er konnte die Last nicht erheben, er wollte sie nicht
fahren lassen, whrend der kleinere Bruder im Strome den Kahn nicht zu
halten vermochte. Uns verging der Athem vor Angst. Er machte eine
Anstrengung nach dem Fisch und strzte in die Wogen des tiefen und breiten
Stromes. Den kleinen Knaben fhrte die Strmung im Kahne davon. Der
Verschwundene kam nicht herauf. Endlich, endlich erschien das schwarze
kleine Haupt -- das wieder berspielt ward, dann wieder einmal eine Hand --
wie Geisterzeichen aus einer Mauer -- endlich zwei Hnde. Und indem wir
starr hinblicken, ohne an Hlfe zu denken, erblicken wir eine Gestalt in
der Gegend des Knaben -- meine Tochter ruft gedmpft! es ist der Prinz! und
fllt dem Amerikaner um den Hals und verbirgt ihr Gesicht an seiner Brust,
und so hlt sie ihn auf. Inde seh' ich allein das Traurige. Der
menschenfreundliche Leuthold ist uns entschlichen, ist weiter unterhalb in
den Strom gesprungen -- weil kein Kahn hier steht -- und hat sich gewi
gefhrlich gestoen an einem ungeheuren Pfahl; denn aus seinen
gelegentlichen Worten von gestern wei ich, da er schwimmen kann -- und
jetzt doch dort drauen mitten auf dem Wasser hlt er sich kaum. Er rudert;
vergeblich. Er sucht; vergeblich. Er bedarf selbst der Hlfe. Der
Amerikaner sieht, was vorgeht, ber die Achseln seiner Braut, oder doch
meiner Tochter. Eine seiner Wangen ist glhend roth, die andere wei -- er
hat ein Auge geschlossen, eins hat er mitleidig offen. Ich rede zu ihm an
das linke Ohr und frage: kann Wilberforce nicht schwimmen? -- ich erwarte
keine Antwort, gehe vor Eifer auf die andre Seite. Wilberforce! rufe ich.
Das hat nun auf dem rechten Ohre der sonderbare, halbtodte, halblebendige,
halbfrohe, halbtraurige Erwin gehrt -- er winkt, und der Neger, der sich
schon bereitet hat, theilt sicher und flink, wie ein Reh, die Fluth --
endlich, endlich kommt er auf die gefhrliche Mitte. Ich habe nicht Augen
genug, wie es sich ereignen wird, schon ereignet hat. Ein Kahn ist vom
jenseitigen Ufer herber gekommen zu Hlfe. Der Neger hat den rettenden
Jngling ergriffen, er zieht ihn nach. Aber Leuthold, Kindhold,
Menschenhold hat den Knaben mit seiner Hand an der Hand und zieht ihn nach.
Ich jauchze: sie leben! Er lebt! -- Meine Tochter schlgt die Augen auf und
sieht mich an. Sie lehnt sich nicht mehr an ihres Brutigams Brust. Sie
sieht nun selbst -- der Jngling wird von den Schiffern in den Kahn gehoben
-- aufrecht gesetzt, oder setzt er sich selbst; der Knabe wird zu seinen
Fen gelegt, und ist nicht zu sehn. Der Neger schwingt sich in den Kahn.
Sie rudern schnell. Sie kommen. Sie nahen. Sie landen. Sie springen ans
Land. Selber der Knabe kommt wie betrunken getaumelt. Maria fat ihn in
ihre Arme, so na er ist. Er drckt sich die schwarzen Locken aus. Leuthold
bleibt ruhig in dem Kahn. Ich steige hinein. Der Amerikaner steigt hinein
-- der schne Jngling ist ertrunken, und seine schne Hoffnung ist dahin,
ins Land der Hoffnung, oder war sie zuvor schon dahin. Und die Hoffnung
vieler Tausend. Durch den Vater.

Der Bruder des Knaben kommt am Ufer heraufgelaufen. Er ist weiter unten
glcklich gelandet. Es freut uns nicht. Hlfe kommt; ein Wundarzt; es freut
uns nicht. Das edle purpurne Blut fliet aus dem entblten mdchenweien
Arm des blassen schnen Jnglings; die Hlfe bleibt vergebens -- es betrbt
uns nicht. Der Vater, der Frst kommt. Es betrbt uns nicht. Es ist sein
einziger Sohn; er hat nicht Viele retten sollen -- Einen zu retten, dem er
schon Freude gemacht, dem er Vater und Vaterland wiedergeschenkt, das hat
er nicht unterlassen knnen; die abgeschnittene Rebe hat in der engen
einzelnen That sich ausgeweint. Meine Tochter weint. Sie soll mit dem
Brutigam gehen. Sie hat sein Wort nicht gehrt. Er geht allein. Der Frst
schenkt dem Neger seine goldene Uhr; Wilberforce luft seinem Herren nach,
zeigt sie und frgt: ob er sie behalten drfe? Der wirft sie gelassen in
den Strom und geht. Jetzt eilen wir nach. Wir kommen zusammen nach Hause.
Er hat vorher geschwiegen. Er schweigt auch jetzt. Er steht nur einmal
still, blickt freundlich ernst auf den Boden -- und ist dann der Vorige! So
hing denn auch dieses hin, wie so Vieles in der Welt hinhngt,
unausgemacht, ungewi, selber die Sonne am Himmel.

Tolera berichtete am folgenden Tage, da sich die Auswanderer alle
bereiteten, mit Leuthold zu Grabe zu gehen, der ihnen so manches Gute
gethan, wie sich jetzt erst hervorthat. Der Leichenzug wre merkwrdig
gewesen. Besonders wenn die guten Deutschen, wenn Diese noch so genannt
werden durften, gewut htten, da er ein Prinz sey, der einmal sich an die
Spitze des Volkes zu stellen entschlossen war, um Volkswillen auszufhren,
nmlich das Volk, wie Moses aus gypten. Wir unter uns glaubten, der Vater
werde ihn in dem Bleikeller der hohen Domkirche beisetzen lassen, damit er
dort unverweslich und unverwandelt als die grte Merkwrdigkeit ruhe und
lehre. Der Vater war aber durch des Sohnes Tod, das Andenken an ihn, das
Hineindenken in ihn so zum Sohne geworden, da er ihn wenigstens in den
Freistaaten begraben lassen wollte. Aber Amerika weiset die Todten von
sich; kein Schiffer schifft sie hinber. Das nennt man Aberglauben. Ich
hatte die Ehre mit meiner Tochter, den Vater an demselben Abend bei meinem
Freunde zu sehen, als Leuthold nach der Gruft seiner Ahnen abgefhrt
worden. Da ihm als Incognito Niemand besonders krumme Rcken und
jmmerlich-unterthnige Redensarten zeigte, so sahe man hier, was
Behandlung, die Art des Selbstbenehmens, thut. Er war fast wie wir andern.
Es waren an diesem Tage mehrere reiche Auswanderer angekommen, denen keine
leiblichen Gter fehlten, also nur die geistigen Gter; denn es waren
bekannte hochgebildete Mnner, und Frauen darunter!

Der Frst erzhlte, er habe mit ihnen gesprochen -- und solcher Deutschen
Auswanderung habe ihn frappirt -- an das Herz geschlagen. Und wie schlugen
mir seine Worte an's Herz! Europa, sprach er, Europa ist das Land wo
alle Rechtsinstitutionen zuerst im Groen auf Vlker angewendet worden
sind. Seit einem Jahrtausend hat es sogar versucht, die Religion auf den
Staat anzuwenden, in jedes Haus, an jeden Heerd, bis in das Gewissen jedes
Menschen eindringend. Das sind denn wohl ungeheure, hchst ehrwrdige
Versuche! Da ihr Gelingen aber nicht mglich war, und seyn wird, da
Europa an dem Widerstreit seiner alten, ersten und nun hinzugekommenen
entwickelten Institutionen untergehen wird und mu, deswegen grade sey es
glcklicheren, durch keine alten Fesseln gehemmten Vlkern desto
ehrwrdiger -- weil es rechtlich war! Es hat den Begriff des Rechtes
festgehalten, und heilig das Erworbene, berkommene geehrt; ob es gleich in
spterer Zeit nicht neu ertheilt worden wre, so hat es doch das Bestehende
geschtzt -- um Keinen zu krnken, und lieber den Anschein haben wollen:
als kenne es nicht das Reine, Vollkommene; lieber im Kampf mit Ablsung
alter Asiatischer Gebrechen untergehen, als mit dem Schritt zu einem
Zustande, wie er den Einsichten der _entwickelten Menschheit_ angemessen
wre, die Verbindlichkeiten seiner Erblasser abschtteln, und gro, frei,
herrlich . . . . aber _schuldig_ und verschuldet dastehn. Inde sichern ihm
seine niedergelegten Beweise von Kenntni des Hchsten: die Achtung des
Geistes berall; und sein _Verhalten_: den Adel des Herzens; und sein
Schicksal und seine Verlassenschaft: die ewige Dankbarkeit aller sptern
Vlker. Und seine Grabschrift wird seyn: Es that, was Recht war; darber
ging es zu Grunde, der Welt zum Opfer. Have, anima pia!

Er schwieg. Er dachte gewi an seinen Sohn, denn er sprach noch einmal mit
feuchten Augen auf Deutsch: Ruhe sanft, du gute Seele!

In dieser wehmthigen Pause zogen grade die Studenten nach Elsfleth
vorber, um sich diese Nacht noch einzuschiffen. Wir hrten die ersten und
letzten Verse ihres Liedes nicht, nur diese beiden, die mit Kraft und Jubel
gesungen, nicht ohne Eindruck blieben:

   Dem Menschen ist nichts angeboren,
   Als Maul und Nase, Aug' und Ohren
   Et caetera! Et caetera!
   Und hat er nicht den Kopf verloren,
   So steht der Bursch stets neugeboren
   In Galla da! In Galla da!

   Dem Menschen ist viel _ein_geboren --
   Ein Leben, frei und unbeschoren
   Et caetera! Et caetera!
   Wo guter Wein gut ausgegohren,
   Da singt der Bursch, wie neugeboren:
   Halleluja! Halleluja!

Die guten jungen Menschen! sagte der Frst. Wirklich: junge _Menschen_!
Sie kommen mir so unschuldig vor, wie der Lebensbalsam, der nicht in der
Retorte bleiben kann, in welcher er bereitet worden, sondern bergeht! Auch
keine Blume blht in der Erde, in der sie gekeimt. Dann ist die ganze Natur
treulos, wenn diese jungen Blumen, jungen Menschen treulos sind. Diese alle
fliehen den langweiligen unsichern Proce, das Recht zu gewinnen. Und
. . . . sie wollen des Lebens positive Gter. Und wie kommen mir Alle, alle
die Auswanderer so fromm vor, gar so fromm! Sie murren nicht, sie tadeln
nicht, sie klagen nicht! Sie leiden! Sie meiden! _Sie gehn_! Geht mit Gott!
Ruhe fordert der Mensch mit Recht; Ruhe seit uralten Tagen; Ruhe zu eigenem
thtigem Leben. Und darum Sicherheit -- heitere Aussicht -- Lmmer am
Himmel, nicht Kriegsgestalten. Und htten wir nicht Alle die Ruhe verdient?
Ist es nicht unmenschlich, dem nicht die Ruhe zu gnnen, der sie erlangen
kann, der gern arbeiten will, da ihm das Blut aus den Ngeln dringt, um
nur Ruhe zu haben. Die Ruhe ist ein inneres Gut. Und wre ich so reich, um
Jedem sein halbes Brot da drben zu sichern, und wre der Mantel des Doctor
Faust noch im Gange, da Jeder gleich drben erwachen knnte mit allen den
Seinen, und frh zu dem Fenster hinaus sehn -- wie viele mter wrden frh
ohne Mnner seyn. Pfarrmter, Gerichtsmter, selber mancher Ministerstuhl
wrde leer stehn. Und nur die, welche vom Wirrwarr, vom Kritisiren leben,
die wrden, sich dann doppelt breit und gro machen, wie Kinder, die auf
dem Kirchhofe den Geist spielen, und das Betttuch auf dem Rechen
emporstrecken. Indessen ist das Meer eine Art von Zaubermantel. Die Reichen
ziehen fort, um ihres Wohlstandes sich drben doppelt zu freuen, doppelt
reich zu seyn -- leiblich und geistig. Selber die Besten ziehen fort, die
da glauben, da es in Europa gewi gut werden wird, ja da die deutschen
Vereinigten Staaten die Amerikanischen himmelhoch bertreffen werden.
Aber da hrt' ich ein Lied derselben, das heit:

   Und selber die Leiden
   Und Wehen vom Neuen --
   Die wollen wir meiden;
   Dort Deiner uns freuen
   Wie Hirten vom Feld --
   _Du geborener Held_!

Und sie glauben also: Wir mssen durch den groen Umschwung in Europa uns
viel mehr verwandeln, aus Mangel an Kopf oder Geld von dem in Schwung
gebrachten Rade zur Seite geschleudert, als wir uns dort verwandeln mssen,
nmlich nur die Augen aufmachen! Die Armen aber, sie finden drben die oft
uns genannten zehn Plagen nicht. In Amerika sind nicht: Europische
Politik; stehende Heere; zu kostspielige Hofhaltung;
Aristokratenherrschaft; papistische Umtriebe und Priesterherrschaft;
Staatsschulden; Staatspapiere; Handelssperre durch directe und indirecte
Abgaben; Ungleichheit der Besteuerung; Ungleichheit vor dem Gesetz. --
_Nichts_ ist _Viel_. Viel ist Nichts. -- So gehen sie denn. Und mit
doppeltem Eindruck wiederholte er seine Worte: Sie murren nicht, sie tadeln
nicht, sie klagen nicht. -- Sie leiden! Sie meiden. _Sie gehn_. Geht mit
Gott! Gott ist gewi auch ber dem Wasser!

Zu diesem Worte, das uns an den Alten-Weiber-Spruch erinnerte, muten wir
beinahe lachen. Er schlo aber ernst:

   Denn keusche Reinheit, zarter Gttersinn
   Wohnt in dem armen menschlichen Geschlecht.
   Im stillen sanft, im Ganzen allverbreitet
   La es das Leben allgemach sich schmcken
   Auf reinstem Wege, wie dem Menschen ziemt.
   Die Einzelnen nur mgen Reue fhlen,
   Dem menschlichen Geschlecht ziemt Reue nicht,
   Ziemt alles Groe, Wrdige und Schne;
   Und sicher seines Tags, in mildem Stolz,
   So wandelt's rein zum reinsten Erdenglck.

Ich fhre diese Gesinnungen deswegen an, weil sie darauf einen geheimen
Contract zwischen dem Vater des Leuthold und Herrn Erwin zur Folge hatten,
worunter ich mich nur als Zeuge mit unterschreiben mute, ohne jetzt mehr
zu erfahren, als da beide Theile dabei das Beste ihres resp. Vaterlandes
besonders im Werke fhrten. So viel jedoch konnte ich mir abnehmen, da die
Sache einen Austausch von Einwohnern oder Unterthanen betraf, wie sie fr
jedes Land am zweckmigsten wre! Ich sollte dabei hchlich interessirt
seyn, und vorzglich wirken. Ich! Und somit ward ich in die Welt
verwickelt. Wer lebt, kann in Alles gerathen. Ein Kind kann gro wachsen,
ein Erwachsener kann Soldat werden, ein Soldat kann -- Nelson erschieen!
oder Moreau! die auch einmal Jungen gewesen sind. Denn die ganze
Geschlecht besteht aus grogewachsenen Jungen und Mdchen, und die Kinder
spielen nun Leute. Darum kann ich immer keinen rechten Respect vor allen
den Herren bekommen! Und was ich selber thue, kommt mir immer nur wie ein
groer Kinderstreich vor! Und wenn mich ein alter Bauer Hochwrden
nannte, so mute ich mich recht zusammennehmen, um das Amtsgesicht zu
machen! Wie mag das dem Papst erst schwer werden! Nur nicht, wenn er
bedenkt, da alle seine Vorfahren und Pfaffen ja eigentlich auch nur Kinder
sind. Im Nebenzimmer, unter vier Augen steckte mir der Frst den kostbaren
Ring an den Finger, den sein Leuthold getragen -- als ein Andenken fr
meine schne liebe Tochter an ihn. Die Vornehmen erfahren und vermuthen
doch Alles, weil Jeder sie fr seinen Beichtvater hlt, dem er Alles aus
dem Herzen schtten mu, und der alle Snden vergeben kann. So war auch
meine Tochter verrathen -- oder ihr zur Ehre nur der gute Leuthold. Ich
kehrte aber die groen funkelnden Steine des Ringes in das Inwendige der
Hand -- und mute noch obendrein mich bedanken. Es kam aber nicht besonders
heraus. Mehr Freude machte mir ein Beutelchen Gold zum Abschiedsfest der
Auswanderer im Lager, damit sie Einen guten Tag in Deutschland, htten.
Und wir Andern, die sich selbst hinauspracticirenden Adligen, die
Wohlhabenden, kurz wir Alle feierten das Abschiedsfest mit ihnen, unter
ihnen als alle nun: Neue Landsleute! Amerikaner! Das Fest war sehenswerth,
mehr aber hrenswerth, am meisten jedoch bedenkenswerth.

Ein weier weiter Frhlingsnebel bedeckte das Vaterland am Einschiffmorgen.
Wir sahen die Sonne nicht mehr. Nur einzelne Stimmen lieen sich vernehmen,
und ein gewisser Krppel sang wieder sein unvergessenes Lied: Frisch auf,
Cameraden, aufs Pferd, aufs Pferd! Ins Feld, in die Freiheit gezogen! --
Wir umarmten die bleibenden Freunde am Ufer, empfahlen ihnen die
Abschiedsbriefe in die Heimath, und saen dann wie die alten Helden -- im
Pferdebauch. Kanonenschsse donnerten, so da wir in der Seele recht hell
erwachten und einen Blick in die Welt thaten. Der Lootse, ein Kerl wie ein
Br aus Helgoland, sprang aus dem Nebel auf das Verdeck, der Anker ward
eingeladen und wir schwammen! Das nchste Land, das wir sahen, war Amerika,
und dazwischen lag nur die Meereswste, wie vor den Kindern Israel ihre
Sandwste, um in der einsamen heiligen Zeit unsere Snden abzuben und
neue gute Entschlsse zu fassen. O Weltmeer, mit deinem blauen Gewlbe,
worin des Tages nur Eine groe Lampe vorbergetragen wird, und des Nachts
viel tausend goldene Lampen -- welcher Tempel vergleicht sich dir! Wo man
den Menschen vergit, da erscheint Gott! Und Deutschland lag mit seinem
Gewimmel, seinen Thrmen und Htten hinter uns, wie den Nachhauseziehenden
eine kleine Stadt mit ihrem verlschenden Jahrmarkt, wenn es drinnen
finster werden will. Nur als drauen auf offener See am Abend der Mond aus
der Fluth aufstieg, als ich glaubte zu Hause zu seyn, und nur die Tochter
neben mir stand, da wurden die Augen mir feucht, und ich lehnte mich an
sie. O was ist ein Kind in der Fremde! Wir sehen uns an -- und wir reisen
nicht; wir sind daheim; da wo wir auch zu Hause daheim sind, wenn wir uns
ansehn. Nur die Mutter hatte mir das Herz schwer gemacht; denn das
Postschiff hatte uns drauen bei Wangerooge noch eingeholt, Briefe
nachgebracht -- und meine Frau schrieb mir: Ich komme! Segle vor dem
Zwanzigsten ja nicht ab! Ich bringe unsern Gustav Adolph mit. Es hat sich
hier viel verndert! -- Und das las ich bei vollem Winde den Achten des
Monats! Zwlf Tage zu spt! Ich hatte ihr geschrieben, da Steinbach unsere
Tochter zur Frau von mir begehrt, und da ich sie ihm zugesagt. Das war
gewi Eine von den Vernderungen, die sie bestimmt hatten, mir sogleich
nachzufolgen. Und nun war ich fort! Mit einem schweren Seufzer mute ich
auch Das gut seyn lassen, wie tausend Andere in der Heimath! Ich verschwieg
aber der Tochter die Nachkunft der Mutter, meine Sorge und die Verwirrung,
welche nun entstehen mute. Die Mnner mssen verstehen, das Schwerste
allein zu tragen. Darum sind auch noch die Weiber und Kinder so lustig in
Deutschland. Dafr wute ich Einem Vater drben Freude zu machen, durch die
zwei Knaben, den Anselm und Wilhelm, die mir anvertraut waren. Vom
Schulmeister Tolera untersttzt, hielt ich Vor- und Nachmittags
Schiffsschule mit den Kindern der Auswanderer, und trieb vorzglich nur
Neueweltkunde, Geographie und Naturgeschichte. Die Kinder lernten alle wie
Genie's! Denn das Interesse lag vor uns -- nicht rckwrts! Das ist die
Ursache, da so viele Candidaten, besonders der heiligen Theologie, den
Repuls bekommen! Die ltern hier aber erlebten Freude und saen mit
gefalteten Hnden an den Borden umher. Bisweilen sangen in der Morgen- und
Abendstunde auch die Rothkehlchen dazu, und die Staare schwatzten. Denn ein
Freund der Natur hatte eine kleine Arche voll Singvgel mit eingeschifft:
Leipziger Lerchen, 50, je ein Mnnlein und ein Frulein; Polnische
Sprosser, 50, je ein Mnnlein und ein Frulein. Bayersche Staare! Und
Oberlausitzer Haidelerchen, die Vgel mit dem wehmthigsten Gesange auf
Erden! Und auch den frhlichsten, liebsten Vogel der Kinder -- den Kukuk!
12, je ein Mnnlein und ein Frulein.

War der Mann mehr ein Menschenfreund? Oder ein Freund der Vgel, der diesen
da drben neue unermeliche Wlder schenken wollte? Ich weinte fast, wenn
ich die lieben Snger ansah, und war voll von tausend Frhlingen. Der
Inhaber derselben frug mich lchelnd: Bin ich der Herr von Habenichts? Ich
will durchaus wissen, ob ich drben der Herr von Kannnichts seyn werde; das
will ich wagen und prfen! Die geheime Macht ist die grte; und das
geheime Wissen und Knnen, was Jedem einwohnt, ohne da er es wei -- das
ist das Herrlichste. Was fr ein Esel hat mein Ahn und Ihr Ahn -- Adam
geglaubt zu seyn, als ihn der Engel zur Auswanderung aus dem Paradiese
genthigt; und ward er nicht ein herrlicher Landpfleger in Asia, der
Normalbauer, auch Schaafzchter der Heidenheit! Und o wie schwer mute dem
Herrn von Adam das Leben unter nicht einmal brgerlichen, sondern
thierischen Canaillen werden -- da er das Paradies geschaut hatte und
drinnen gelebt! Wie viel tausendmal besser haben es wir -- die wir bei uns
nichts vom Paradiese gesehen haben, als Schwarzkittel, Regimenter Engel mit
dem Schwerdt, und wenig Freudenhuser -- als die privilegirten! Und ist
jeder Bauer im Schiff hier nicht ein Auserwhlter des Herrn, wie Noah in
seinem Kasten! Damit wir gesegnet wrden, durften Millionen nicht ersaufen,
sie durften _auf trockenem Lande_ bleiben! Und was fand Noah, als er
ausstieg? -- Recta Nichts! Und was finden wir? -- Recta Alles! Bis auf die
Singvgel, und die bringe Ich!

Zur Ergtzlichkeit der Andern wurden fast alle Gesprche ffentlich
gehalten, und ich erstaunte, wie bald sich der Mensch an Redefreiheit
gewhnt. Die alten ertragenen Leiden waren unleugbar berstanden, und wie
man von Todten spricht, so redeten hier die Leute von Europern und
Europischen Dingen: das _waren_ groe Schulden -- das _waren_ schwere
Zeiten -- das _waren_ schlechte Aussichten. Kurz, der liebe Schiller ist
nie zur See gefahren, sonst htte er wahrer gesungen: Auf dem _Meere_ ist
Freiheit! -- Uns war es die Freiheitsschule.

Wir waren schon mehrere Wochen gesegelt, und Anselm wute, wie wir Alle,
da Amerika da sey, wenn die Wache aus dem Mastkorbe riefe: _Land_! Da rief
sie nach einem schweren Gewitter einst: Land! Land! -- Es konnten diesmal,
da uns der Sturm zur Seite gedrckt, jedoch nur erst die azorischen Inseln
seyn. Der Knabe aber stieg in die Strickleitern hinauf -- sahe Land, sah in
seiner Meinung das hei ersehnte Amerika -- er dachte gewi an seinen
Vater, wollte gewi die Hnde ausstrecken, hatte sich also nicht mehr
angehalten, und so war der arme, vor Freude taumelnde Knabe herabgestrzt
auf die harten Bohlen, und wir hatten einen Halbtodten im Schiff, den der
Arzt herzustellen nicht gewi versprach. Ich bekam eine Nothtaufe; darum
schrieb ich zu den andern Regeln fr berfahrer auch die: nur geborene
Menschen mitzunehmen. Der Sturm hatte in der Ferne wo ein Schiff
zerbrochen, und in der darauf folgenden gnzlichen Windstille erkannten wir
endlich einen Menschen, der, mit einem Schwimmgrtel versehen, sein Leben
gerettet hatte. Ich fuhr im Boote mit hinaus ihn aufzufischen. Welch ein
Mensch! Alle die Seinen waren umgekommen. Er hatte in einer Tasche vor der
Brust noch Lebensmittel auf viele Tage. Sein erstes Wort war: Niemand mu
sich allein retten. Das ist schndlich, unausstehlich! Der Mann sah
furchtbar aus. Er trug einen leichten Panzer, ber und ber mit
Stahlstacheln gegen die Angriffe der Seeungeheuer, womit er auch schon zu
Lande, in Wldern und Smpfen, jeder Schlange, jedem Bre getrotzt. Er
erzhlte uns im Schiffe seine Abenteuer. Trotz dem, da er der grte
Wagehals schien, war er doch nur der grte Gottfried Sicher gewesen und
nannte sich selbst den grten Feigling. Auch uns Auswanderern wollte er
seinen Namen wie einen groen Mantel umwerfen, da wir ausgewandert wren.
Seine Worte waren schneidend. Er gab mir eines Abends seine
Lebensbeschreibung in einer Glasbouteille Leben eines Wagehalses, und am
andern Morgen war er, so sehr wir auch berall suchten, doch nirgends auf
dem Schiffe zu finden. Viele hielten ihn fr eine Geistererscheinung, die
einem von uns den Tod bedeute. Andere konnten ber das untergegangene
Schiff nur beruhigt werden, da sie von Seekundigen hrten: Erst das
hundertste Schiff scheitert, und von hundert gescheiterten Schiffen kommt
erst die Mannschaft von Einem um. So steht die Seerechnung!

Ein ander Seegesicht darauf erfreute und bestrzte mich bang! Ein Schiff
segelte unter dem Winde an uns vorber. Nicht fnfhundert Schritt weit. Die
helle Morgensonne schien hinein. Ein Schiff ist auf der See eine
Merkwrdigkeit. Nach meiner Gewohnheit sahe ich mit dem Fernrohr hinber in
die rosig und saffranfarbig glhenden Segel. Auch die Reisenden sahen nach
uns herber; Frauen, Knaben, die Gesichter nach uns gewandt. Endlich
erblicke ich, ein Gesicht -- Gott! es war mein Weib! Ich konnte vor Beben
kaum sehen, wie ihr die Augen leuchteten! Wie sie sehnsuchtbla aussah. Sie
hielt die Hand auf den Kopf meines Sohnes. Aber ach! sie vermuthete uns
nicht, und sahe sofort herber in stillem Trbsinn. Das Meer rauschte; der
Wind sauste. Ich wollte durch das Sprachrohr dennoch versuchen ihr
zuzurufen, mich ihr bemerklich zu machen, sie wenigstens zu gren! Ich
rief meine Tochter, ich sagte ihr: Kniee nieder! siehe hinber, da steht
ein Weib . . . . wie unsere Mutter. Sie sahe hinber -- sie hatte eben das
Mutterantlitz gefunden, da wendete sich das Schiff und zeigte uns das
Steuerruder. Es rauschte mit Flgeln, des Sturmes davon. Maria sah mich an.
Und ich fate mich, ich verrieth ihr nichts; und so wute sie ruhig die
Mutter daheim bei den Brdern. Ich aber besann mich, da die Mutter ja
wute, wir segelten nach Neu-Orleans. Also auf frhliches Wiedersehen in
einer bessern Welt! sprach ich gedankenlos. Und so hatte ich richtig
geahnt. Ich hatte sie zum letztenmale gesehen!

Darauf berfiel uns wieder tagelange Windstille. Unser Schiff schien wie
ein Schwan auf dem Wasser zu schlafen. Die Tage waren schon hei. Anselm
ward krnker; Er lie sich noch von seinem Bruder Wilhelm das Lied von der
Schwalbe vorsingen, und die andern Knaben sangen es mit; Und fr seinen
Vater hrte ich weinend die letzten Verse mit an:

   Da la ich mich ihn fangen;
   Die Mutter kt mich sehr!
   Drauf soll ich wieder fliegen --
   Da bin ich schon nicht mehr!
   Da steht sie tief betroffen,
   Denkt bang an mich und schwer;
   Begrbt mich bei dem Weinstock --
   Der sagt ihr: da Ich's wr'! --

Unter diesem Gesange war er gestorben, ohne auch todt noch zu seinem
ersehnten Vater zu kommen; Denn wir begruben ihn darauf, wie man auf dem
Schiffe begraben kann, in Gottes heilige See! Auf ein Bret gebunden, das
mit Steinen beschwert war, um zu Grunde zu gehen, in ein weies Tuch
geschlagen, das Gesicht unverhllt, versenkten wir ihn in die heilige
Tiefe. Es war nicht zu weit mehr von der sdlichen Spitze von Ostflorida,
dem Eingang in den Meerbusen von Mexiko, oder in das neue mittellndische
Meer von Amerika, in einem Clima wie in gypten. Die See war nicht zu tief
und bei der Klarheit des Himmels und der Klarheit des Wassers glaubten wir
den Grund des Meeres zu sehen; oder wie wir mit Erstaunen und Bewunderung
wahrnahmen: sie trug ihren Grund oben! Und welchen Grund! Welche
Zaubergrten! Gestruche und Wasserpflanzen mit kstlichen groen Blumen,
wie Kindergesichter, blhten und schwankten leis, ob sie gleich alle aus
Edelsteinen gemacht schienen! Bltter, breit und geznkelt, wie aus Rubin!
Zweige, wie aus Gold und Rauchtopas! Blthen und Blumen, wie aus Milch oder
Schnee -- aber Alles, Alles mit einem Anhauch von Smaragdgrn berflossen,
wie die Pflaume von blauem Hauch. Und im lichten goldnen Sonnenstrahl
funkelte der Zaubergarten golden und blau und grn und roth, wie best mit
funkelndem, strahlendem Thau! -- Da hinab -- in dies Paradies, das, hierher
in das heilige Meer, verzaubert, so himmlisch und ruhig fortblht -- da
hinab versenkten wir die weie Gestalt des schnen Knaben; noch einmal so
wohlgemuth durch das trstliche Wunderspiel der Natur. Das Schiff stand in
der Windstille, wie angewachsen, und so sahen wir, wie er losgelassen von
den Seilen sank und sank und sank! Wie das weie Gebild gemach und leise
grnlich ward vom Scheine des Meeres, und grner, und endlich krftig grn,
wie sonnedurchschienener Smaragd. Endlich ruhte er, wie ein groes
funkelndes schnes Gestirn, auf schwankenden Zweigen, wie eingewiegt von
lieblichen Zaubergestalten von guten Geistern, die sich, in groe Blumen
verwandelt, ihm weich und hold, ffneten, sich reizend ber ihn neigten,
und ber ihm schlossen. Alles war so wunderbar, da wir uns nicht gewundert
htten, wenn die Zaubergebilde da drunten nun auch mit heiligen zarten
Stimmen gesungen htten! Selbst nicht, wenn sie den Menschenvers gesungen:
Wer will mir nun den Himmel rauben? Alles schwieg sofort. Er blieb da
drunten sofort und die Augen vergingen uns ber der Pracht. Da kam ein
Lftchen, kruselte das Meer -- und Alles war hin! Ein schnes Grab! Ein
schner Tod, der Tod vor Sehnsucht! Aber ich hatte noch einen Knaben fr
seinen Vater. Und der Knabe war nicht lange begraben, so schrie die Wache
vom Mastkorb: Land! Land! Licht! -- Denn es war Nacht. Und in der Nacht
fuhren wir um die Spitze von Florida, diesem papstlosen Italien der neuen
Welt, dessen Sicilien Cuba heit.

Die leicht anzulegende Durchfahrt quer durch Florida wre sehr zu wnschen!
Denn im Canal von Bahama wurden wir so von Wind und Wogen gepeinigt, da
der wieder seekranke arme Tolera sich mit den Armen an mich anhielt, mir in
die Augen sah und frug: Mein Herr Pastor! was mte wohl Einer an
Hochwrden bezahlen, wenn er Sie zu Hause auf Ihrem Hofe in einen Kasten
sperren und fnf Wochen lang Hochwrden Tag und Nacht dermaen schtteln
und rtteln wollte, da Sie die Welt fr einen Dreier verkauften? Ich
glaube, schweres Geld!

Das heit Krieg, sagte Napoleon, sprach ich, und das heit Seefahren, und
man kommt wohin, und wohin? mein Tolera! Denk' Er doch! -- Am Morgen war
uns die Kste wieder zu dem heraufdmmernden Streifen eines Traumes
geworden. Die Hitze ward unausstehlich, und die dicksten Mnner lieen sich
an Stricken unter dem Arme und an das Schiff gebunden eine Stunde lang
durch die frische Flut nachschwemmen. Unser Schiff ward gewaschen und neu
angestrichen, damit wir, wie Garden geputzt, wie von einem bloen
Spaziergang heiter in das heitre Land einzgen.

Endlich erreichten wir die Mobile-Bay, und den Meerteich vor dem Hafen von
Neu-Orleans. Hben und drben grnende Ksten, flach wie gypten, mit
Tulpenbumen, Akajous, Wachsmyrthen, mit Feigenbumen, Orangenbumen voll
Frchte, ja mit Palmen!

Wir begegneten ein groes Amerikanisches Kriegsschiff. Es war ein Man of
War, ein Seeheld vom ersten Rang. In schweigender Majestt. Und Tolera
sagte: Columbus sahe nur grne Zweige treiben und schlo auf das Land.
Solche Frchte aber lassen auf einen Riesenbaum schlieen. Es leone
unguem! Die Sonne stand uns im Rcken. Ein Frhlingsgewitter zog
segenverstreuend in's Land. Ein breiter, prachtvoller Regenbogen bildete
ein himmlisches Thor zu dem herrlichen Lande, hoch und weit geffnet vor
uns, wie von bunten, hellen, dreifarbigen Blumen bekrnzt! Vor Entzcken
glaubten wir selbst an dem himmlischen Thore die himmlische berschrift mit
Gold geschrieben zu sehen:

FRIEDE. BROT. FREIHEIT.

Die Kanonen hallten. Wir waren da! Wir umarmten uns Alle durcheinander vor
Freuden! Wir weinten wieder einmal recht aus Herzens Grund, wie die Kinder.
So steuerte uns der Lootse in den Hafen, unter die hundert Schiffe, der
Stadt nher, nahe, dicht hinan. Wir hatten nicht Augen genug! Und als der
Anker fiel, als die Segel alle nach und nach eingezogen waren, als das
Schiff stand, -- als Alle aus tiefer Brust dem glcklichen Capitain das
Hurrah! riefen, da erwachte ich wie aus einem Traum. Ich rieb mir die
nassen Augen. Es berfiel mich mit Todesangst: Du bist fort! Ein tausend
Meilen breiter Meerschwall trennt dich . . . . ich wute nicht von wem? von
was? Aber es lag eine Gewalt in dem stillen, unbekannten, verlornen Etwas,
da ich in einen Winkel hinter das groe Steuerrad ging und bitterlich
weinte. Auswandern -- sterben! Doch auch: Auferstehn! sprach ich wieder zu
mir. Steh' also auf aus dem Grabe! Steh' auf in der neuen Welt, mit neuem
Leibe und neuer Kinderseele!

Ein Gesundheitsbeamter kam -- er fand uns Alle gesund, und wir durften an's
Land! -- Aber bald murmelte es in der verworrenen Menge der an's Land zu
steigen Begierigen: Das gelbe Fieber ist in der Stadt! das gelbe Fieber!
Und vor Schrecken legten die Meisten ihre Brden wieder hin und sahen sich
an. Es ward Abend ber uns, und wir hatten uns nicht gerhrt. Nur um den
groen Todtenstrom, den furchtbar angeschwollenen, fnftausend Fu breiten
Missisippi zu sehn, dessen gewaltiges Rauschen und Tosen wir ber den Damm
weg hrten, stiegen wir nach einander in den obersten Mastkorb. Groe
Strme und groe Vlker gelangen schwer in den Ocean der Zeit! Sie fhren
zu viel Ballast mit sich, und verwlzen sich selbst ihr Ende mit Staub der
Erde. Nur hohe Dmme fhrten den gewaltigen Strom noch mhsam durch das
Delta, durch die vielen Bayous in's Meer, und nur weil er in Emprung war!
Sonst versiegt er wie der Ganges, wie der Nil, wie der Rhein, und wie ihre
Vlker, und die Pest herrscht in Calcutta, in gypten und hier. Dies Ende
der Vlker und Strme, diese Lehre der Natur stimmte mich herzhaft! Ich
lie meine Tochter in dem sichern anstndigen Schiffe, selber Erwin bat sie
darum, und sie folgte doppelt gern. Ich mute mein gutes Weib aufsuchen!
Meinen Knaben! Ich fuhr auf einem kleinen Boot mit einem Fhrer an die
Schiffe, welche in diesen Tagen vor uns schon Auswanderer mitgebracht. Ich
fand glcklich den Capitain, der mein Weib und Kind bergefhrt. Er nannte
mir das Haus, wohin sie mit dem Knaben sich gewendet. Ich bat darauf meinen
Freund um seinen Neger Wilberforce; und sauber gekleidet und glhend im
Gesicht ging ich in der Abenddmmerung mit ihm dahin. Er trug meinen Mantel
und mein rothes Saffian-Kstchen. So drngten wir uns durch ein Gewirr von
Menschen, und da ich auch so schndlich unterscheide -- durch unzhlige
Sclaven, von welchen sehr viele nur Einen Arm hatten, der ihnen von ihren
Herren weggehauen worden, wenn sie ihn auch oft nur zufllig gegen
denselben erhoben. Alle wichen mir als einem Weien aus, schon von Weitem.
Aber Alle sahen dster, ja gefhrlich aus, und ihre Augen funkelten und
desto greller in der sinkenden Dmmerung. Das ersehnte war ein ziemlich
einsam stehendes prchtiges Haus mit groem Erker mit Spiegelscheiben, in
denen der Abendschein glhte. Der treue Wilberforce meldete mich unter dem
Namen eines franzsischen Obersten. Das sey der geringste Titel, den ich
mir geben msse, meinte er. Ich dachte an das Wiener Gnaden und lie es
geschehen. Ich ward angenommen. Alles prachtvoll im Hause! Kostbare
Teppiche auf der Treppe. Ein glnzendes Vorzimmer. Ein unbeschreiblich
liebliches Zimmer, worin ein Weib auf der Ottomane lag, sich halb
aufrichtete, als ich hereintrat; und als ich ihr nher trat, und ihr doch
noch zu fern stehen mochte, als da sie in dem abendroth dmmernden Zimmer,
wie sie wnschte, mich sahe -- da stand sie ganz auf, und leise, leise bog
sie ihr Kpfchen vor. Es war mein Weib nicht. Aber da ich mit
unbeschreiblicher Sehnsucht, mit dem Lcheln, Jemand zu berraschen, mit
der Freude: Freude zu machen, mit groen, gewi leuchtenden Augen nach ihr
gesehen, so hatte ich auch gesehen, da es ein Weib war, schn, wie die
Kaiserin Josephine in ihrer blhendsten Jugend gewesen seyn mag; aber
solche Augen voll Seele, gro und mild, solch einen Wuchs, solche Glieder
hatte ich noch nie gesehen. Es war, ihrem nur wie mit einem Hauch vom
lichtesten, fast weien Braun behauchten Gesicht, dem Hals und Nacken und
den Armen nach, eine Quarterone, die, ein Theil Indisch, zu drei Theilen
Wei gemischt, meist zauberisch schn sind. Mit dieser Neugier, dieser
Verwunderung, ich will nicht sagen Bewunderung, sah ich sie an. Sie
lchelte, wie ich sie so ansah. Wir waren allein. Ich schlug die Augen
nieder. Dann glaubte ich Gerusch hinter den Vorhngen ihres Schlafcabinets
zu vernehmen -- und ich blickte mit Sehnsucht dahin! Aber es trat Niemand
heraus! Nur ein buntgefiederter Ara hatte sich in seinem Ringe geschaukelt
und mit der Kette gespielt. Sie hatte sich wieder gesetzt. Und ihr Blick
stieg jetzt langsam von meiner Fuspitze an mir herauf und blieb dann an
meinen fragenden Augen fest geheftet, bis jetzt _sie_ die Augen
niederschlug, und vor sich hinlchelte, wie ich nie gesehen.

Ich ward roth, ich fhlte es, ber ein mgliches, wenn auch noch so
ehrenwerthes oder holdes Miverstndni, und so wollte ich, alle Schleier
zerreiend, nun, leise jedoch, nach meinem Weibe, meinem Knaben fragen --
denn auch er strzte dem Vater noch nicht in die Arme . . . . oder hatte
sie mich in dem Briefe gutmthig getuscht, oder ich mich gutmthig im
Schiff -- aber wie dann doch der Capitain des Schiffes . . . . so berlegte
ich noch . . . . aber eben deswegen wollte ich ja fragen, fiel mir, von dem
jungen Weibe ganz Verworrenen ein -- da sprang sie pltzlich auf und stie
einen Schrei aus; und wie erschrocken darber, da sie so laut geschrieen,
hielt sie sich doch gleich selbst mit der kleinen Hand den kleinen Mund zu
-- ich blickte im Zimmer umher -- es war hell! ich blickte nach dem Fenster
-- ich sah Gluth. Feuer ging auf in der Stadt. Schon schlug eine hohe Lohe
empor. Rauch quoll auf Rauch, und die Feuersule stieg himmelan. --

Die schne Frau zitterte am ganzen Leibe; ihre Zhnchen klapperten vor
Schrecken, und Furcht. -- Sehen Sie dort! Dort auch! -- sprach sie auf
franzsisch, mit gedmpfter, hastiger, ngstlicher Stimme, deren Drang und
Laut mich innig durchscholl und bewegte. Und als sie einige Schritt auf die
Gluth zu gethan, rief sie in hchster Bestrzung: Und dort! Dort auch! --

Sie sank auf ein Knie und verbarg ihr Gesicht in den Hnden, und ihr volles
Haar fiel schwarz und auch wie schrecklich ber sie herab, mit den Spitzen
bis auf den Teppich. -- Ich bin verloren! sthnte sie. Wir sind
verloren!

-- Die Feuer sind weit! trstete ich sie. Sie scheinen freilich angelegt.
Denn drei Gehfte gehen an verschiedenen Orten zu gleicher Zeit mit
demselben Stundenschlage auf. Aber man wird es lschen. Das Feuer ist dem
Menschen oder doch dem Wasser, unterthan.

Ach, die Sclaven! die Sclaven! Sie stiften den Brand nur an, um uns zu
ermorden, um frei zu seyn! sprach sie, in hchster Angst aufspringend,
irrte im Zimmer umher und rang die Hnde. Mein Mann ist todt; schon ein
Jahr. Er war hart. Ich bin gut. Aber sie haben es ihm nicht vergessen.
Sclavenrache ist frchterlich! Die sdlichen Staaten zittern vor ihren
Millionen Sclaven! Wohl hunderttausend sind hier in der Nhe! Und hier,
hier im Gehft sind 63 Neger! Himmel! Sie singen ihr frchterlich Lied!
Quillt nicht dort Rauch aus dem Dach? -- Ach, wie entflieh' ich? Retten Sie
mich! Ach, ich bin noch so jung! Ich lebte so gern, nun wollt' ich erst
leben, und soll nun sterben!

Sie weinte. Und ehe ich nur so was denken konnte, lag das zitternde,
glhende, bebende Weib schon an meiner Brust . . . ihre Augen sahen
himmlisch bittend mit ihren schwarzen, groen Sternen aus dem groen,
reinen, feuchten Milchwei zu mir auf . . . . ihre Lippen zuckten . . . sie
war ein Weib . . . . ich war ein Mensch . . . Lrmen von tausend dumpfen
Stimmen scholl her, die Gluth wuchs, als wenn die Wolken anbrennten, Wagen
eilten und rasselten, Glocken lauteten grell und ngstlich; Alle Sclaven
bei Todesstrafe in die Huser! hrte ich deutlich unten rufen -- --
Schiller trat als Geist vor mich, ich erblickte sein blasses,
menschenfreundliches, keckes Gesicht deutlich, und er sprach deutlich.

   -- Vor dem Sclaven, wenn er die Kette bricht --
   Vor dem freien Menschen erzittert nicht!

So etwas hatte ich mir nicht vorgestellt, nirgends, am wenigsten hier; aber
ich war mitten hinein geworfen, die junge Wittwe kte meine Hnde, sie
gelobte mir ewige Freundschaft, ewige Dankbarkeit, wie ein Weib sich nur
irgend bedanken knne, mit Allem, was sie habe und sei, wenn das zulange,
mir genug oder nicht genug sei . . . . . nur erretten sollt' ich sie,
retten . . . .

-- und ich war bereit.

Aber wie? -- Das war die Frage; und ich that sie mit Trost, aber mit Eifer.
Ich wei nicht wie. Es ist etwas Eigenes um ein gar so schnes Weib! und in
Noth und in Thrnen! Sie wute Rath. Das Opfer war nicht gering. Aber es
gab nur diesen Weg, sonst keinen. Denn an Vertheidigung war nicht zu
denken. -- In meinen Kleidern wollte sie fliehen, mit meinem Mantel und
Hut, mit meinem Bndel. Denn so hatten sie mich gewi hereinkommen gesehn,
so lieen sie mich in dem Eifer gewi wieder hinaus; aber _sie_, statt
mich. Ich sollte mich aber in ihr Bett legen -- als Kranker, vom gelben
Fieber pltzlich Befallener -- wenn mich die Sclaven suchten und fnden und
hervorrissen. Sie wrden sehen, ich sei fremd. Selbst in der Wuth wrden
sie so blind nicht seyn. Am wenigsten knnten sie ahnen, da wir schon ein
Einverstndni htten!

Bei diesem Wort sah sie mich mit Augen an, von welchen ich nicht mehr
geglaubt htte, da sie mich angehen, mich anfechten, ja in mich dringen
knnten. Ich kam aus dem Erstaunen nicht heraus. In der Welt ist Alles
mglich! dacht' ich. Zeit, Ort und Umstnde sind die Herren aller Dinge.
Sollte ich sie in Stcke zerhauen sehn? Doch, wenn ihre Flucht gelang, wenn
sie sicher war, dann war ich erst in der grten Gefahr. Doch das dachte
ich nicht. Denn . . . .

Sie war rasch zum Werk. Sie holte mein Ledertschchen selbst aus dem
Vorzimmer, sie warf meine Sachen heraus, meine besten, theuersten Sachen
und Papiere, sie schlo eine Commode auf, nahm Papiere heraus, und fllte
es dafr damit an; sie band mir das Halstuch ab, nahm die Weste, nahm den
Hut, den Mantel, die Stiefeln, sogar; ich mute mich in ihr weiches zartes
Bett legen, sie deckte mich zu, ja, als ich gehorsam wie ein groes
Windelkind, berrascht und wie gefangen mit dem Kopf in den weichen Pfhlen
lag, neigte sie schnell ihr Gesicht ber mich, ihr rechter Arm schlang sich
unter meinem Nacken durch, ihre Stirn ruhte einen Augenblick auf meiner,
und ihre Lippen kten meine Lippen im Fluge einen Augenblick, whrend ich
nicht aufblickte, sondern die Augen fest zugeschlossen hatte; und schnell
lispelte sie mir noch zu: Das soll Dir nicht unvergolten bleiben! So Gott
will!

Und so verschwand sie -- wie mein zweites Ich, und ich trumte mit
wachenden Augen, und sahe die Gluth des Feuers und hrte das Tosen in der
Stadt.

So lag ich voller Erwartung der Dinge. Ich liege eine Viertelstunde, eine
halbe Stunde, eine -- -- zwei Stunden -- -- ich hre keine Uhr mehr; keine
Glocke; das Tosen lt nach, das Feuer brennt lichter am Himmel als auf der
Erde. Ich bin halb eingeschlafen. Endlich ganz. Ich wei nicht wie lange.
Aber mit Sorgen. Denn nun hre ich leise Tritte, berall im dstern Zimmer
umher! Ich hre rufen! Es kommt zu meinem Bett! Es ruft mich! meinen Namen!
Es greift und tappt auf meiner Decke, es ergreift meinen Kopf, meine Hand.
Ich fasse zu, als wenn ich einen Lwen festhalten wollte.

Ich bin's! spricht die Stimme. Es ist der Neger -- Wilberforce. Sind Sie
hier? Sind Sie es? frgt er.

Ich mu leider Ja sagen.

Haben Sie Muth? frgt er mich. Wissen Sie schon?

Ich habe Muth, wie Du siehst, und wei nichts! antworte ich.

Wissen Sie nicht ihr Schicksal?

Ist sie todt? frag ich, und fahre empor.

Nun Sie es sagen -- ja! Sie ist todt! spricht er und weint.

Ich falle vor Schreck zurck. Ich denke sie mir todt. In der That, mir
stockt das Herz. Ich athme kaum. Weinen kann ich nicht.

Aber Ihr kleiner Sohn lebt; spricht er.

Also _meine Frau_ ist todt! ruf' ich und springe aus dem Bett.

Am gelben Fieber; sagt er. Vor vierzehn Tagen. Die reiche, schne, junge
Wittwe hier hat sie redlich pflegen und begraben lassen, und ihr ein
gemauertes Kstchen in das Wasser machen, denn hier begrbt man in Wasser.

Nun kann ich weinen.

Nach langem Schweigen frag' ich zu meinem Troste: aber mein Sohn lebt,
warum kommt er nicht?

Schon Ihre vormalige Frau hat geglaubt, Sie sind voraus nach Ohio -- und
so hat, natrlich aus einem Irrthum, das gute liebe Weib hier, ich meine
Madame Josephine, ihn in guter Begleitung nach Cincinnati abreisen lassen
mit Briefen an dasselbe Haus, an das Sie empfohlen sind. Das wei ich vom
Hausvoigt. Ja, sie hat ihn schon fortgesandt, ehe er auch erkranke, und ehe
seine Mutter gestorben ist.

Aber warum lebe ich noch? Wo sind die Neger gewesen?

Zufllig eingeschlossen, -- von mir! Sie wren ermordet worden im, Bett.
Vielleicht auch nicht. Denn wir sind nur rachschtig, nicht blutdrstig.
Ich sah Sie forteilen ohne mich -- ich eile nach; da entdeck' ich, es ist
Josephine, die sich mir entreit. Da vermuth' ich mit Recht, da Sie noch
im Hause sind. Da verschlo ich die Sclaven. Im Grunde umsonst; denn der
Aufruhr ward in der Stadt gedmpft. Die Neger hrten nichts mehr, und so
blieben sie ruhig. Aber alle hatten sich schon mit Waffen versehn! sie sind
schuldig. Ach, bitten Sie morgen fr meine Brder, wenn Josephine vom
Landhaus wiederkehrt. Die Gefahr ist vorber. Morgen knnen Sie gewi
hundert Sclaven sehen die rechte Hand abhauen. Denn wer von uns nur eine
Hand gegen seinen Herrn aufhebt, dem wird sie abgehauen. Darum tragen wir
sie gern ganz steif an den Schenkeln hinunter. Ach Gott, wer zu Hause wre,
und htte nur Freiheit im Vaterland! Freiheit und Vaterland, keins ist ohne
das andere was werth -- wie nur Ein Bein, Eine Hand! Ach! Ich bin frei! Fr
treue Begleitung auf seiner Reise hatte mir mein Herr die Freiheit
versprochen. Aber was ist das ohne Vaterland! Was ich Jahre gehofft, ist
mir nun nichts! Doch nein -- die Freiheit ist mir die Erlaubni im
Vaterlande zu wohnen!

So verlie er mich weinend.

Es war natrlich, da mir das Unglck meiner Frau um meiner Tochter willen
am tiefsten leid that. Denn weil die Tochter lebte . . . . so war ich jetzt
am meisten um die Tochter besorgt. Was wrde sie gelitten haben! Und warum?
Warum schon jetzt? Warum berhaupt! Ich beschlo also fest, meiner einzigen
Tochter den Tod ihrer Mutter zu verschweigen. Meiner Gromutter Sohn war
gewi schon lange todt, und in der alten Frau lebte er immer noch
glcklich! Und so schlief ich endlich voll Liebe und Trume ein, mit nassen
Augen. Zu Hause sa meine alte Gromutter blind -- ohne ihren liebsten
Sohn; mein Sohn Marbod vielleicht noch auf dem Schlosse bei der Baronesse
Freysingen Doppelsonaten spielend. Mein Knabe war hier im Land, aber fremd
unter Fremden mich suchend! Aber meine Tochter hatte ich nahe, die arme,
ungewisse Braut, die sich edel scheute vor einem Mann, der Sclaven hat
. . . . und ich lag hier in dem weichen Bett . . . . als Gesandter . . .
und wer hatte gestern in diesem Bett geruht . . . . ein Gebild, das ich nie
gekannt, das mir wie im Traume Verheiungen gethan, die mir hei machten
. . . . die nun in Erfllung gehen konnten . . . . und morgen frh im
Morgenroth kam sie vielleicht schon . . . . oder kam nicht . . . . Und ich
frchtete mich vor ihr! und auch nicht . . . . .

Mein Gott! Was ist der Mensch! Das Meer murmelte, ich dachte an seine Wste
-- aber auch an seine Blumengrten in der Tiefe. Und ich beschlo neu zu
seyn in der neuen Welt. Und ich sah einen mir neuen, hellen, schnen Stern
am Himmel, den ich nie gesehn. Und er war doch, und ich war! Ich -- 40
Jahr! In meinen schnsten Jahren!

Was ist der Mensch! Und auf diesen Grundstein baute ich edle Plne fr
viele Menschen -- fr schwarze und weie! Das Alles versteht sich -- im
Traume!

Ich schlief bis die Sonne schon hoch stand. Ich war todtmde an Leib und
Seele, und die erste Nacht Schlaf auf dem Lande, diese Wonne, dieses Gefhl
der Erde, ist allein eine tausend Meilen weite Seereise werth. Das kann man
mir glauben, mir, der ich gar nichts auf solche Dinge halte, als da sind:
Braten, Wein, gutes Bett und alle die Herrlichkeiten der Herrlichkeiten.
Ich sah mir die Sonne an, das heilige Bild, das treu aussehend wie in der
Heimath, hier wunderhell am Himmel strahlte und mich anlchelte. Ich war
barbarisch hungrig -- in diesem Lande, wo Millionen Fische in den Strmen
und Seeen schwimmen, wo alle Frchte der Erde im berflu wuchsen, war ich
barbarisch hungrig, und im Hause regte sich Niemand, kein Mensch frug nach
mir. Ich htte mir gern ein halbes Dutzend Feigen oder Orangen von den
Bumen am Hause hereingelangt; aber ich wre bald zum Fenster
hinausgestrzt, und schlug mir auf den Magen: Freund, Geduld! -- Ich go
Waschwasser in das Porcellainbecken, ich lie es eine Zeit auf dem offenen
Fenster stehen, whrend ich meine zerstreuten Sachen zusammenlas, und als
ich mich waschen wollte, verbrannte ich mir fast die Hnde darin, so hei
war es von der bloen Sonne geworden, die hier ein ganz anderes Ding war!
Und ich erklrte den im Geiste vor mich tretenden Vorstehern unsrer zwanzig
Drfer laut: Lat uns betrachten! Es ist Unsinn, hierher in die Gluth zu
wandern. Wollt Ihr faul werden? -- faul, wie die Italiner? Zu sinnlichen,
unwissenden Menschen? Oder fleiige Deutsche bleiben, die den Tag fleiig
arbeiten, oder bis in die Nacht noch fleiig studiren? -- Selber Bienen,
die hierher kommen, und den ersten und alle Winter hier Blumen und Nahrung
im berflu finden, werden faul, das heit: sie nhren sich blos. Oder,
liebe Gemeinden, wollt Ihr in Furcht vor den Sclaven leben? Oder noch
schlimmer, wollt Ihr Sclaven halten? Ihr knnt Euch ja denken, wie Sclaven
zu Muth ist; denn das kann Jeder. Wollt Ihr Plantagenbesitzer werden,
Diener der Kaufleute? Wollt Ihr alle Jahre am gelben Fieber sterben? Das
heit: Jeder der Euren nur einmal. Aber das ist genug fr Jeden. Und wenn
der Vater oder die Mutter in einem Hause stirbt, zu frh, zu unnthig,
macht das nicht oft ein ganzes Geschlecht bis auf Kind und Kindeskind
unglcklich? -- Ihr wollt das Alles Alle nicht! Ich hre es. Also Kinder,
vermeidet _die Kste_ von Amerika, von Boston bis Neu-Orleans, wo ich meine
Frau verloren. Zieht nicht in die Staaten, wo die Sclaven die heimlichen
Herren sind, also nur nach Ohio, wo kein Mensch einen Menschen als Sclaven
halten darf, nach Kentucky hchstens, wo sie verlschen. Lieber nach
Indiana, Illinois! Aber nrdlicher nicht! Denn alte Menschen mssen in ein
wrmeres Clima wandern, das thut ihnen wohl! Nicht in ein klteres, wo kein
Wein wchst, die Milch der Alten, der Wein, der des Menschen Herz erfreut
-- und soll sich der Mensch nicht freuen der Erde auf Erden? Bedrft Ihr
nicht Freude? Ach, ein Glas Wein Euren Armen und Alten htte Euch wohl
gethan! -- Ich dachte in dieser Rede an die Flasche, die ich an dem
Treppengelnder zerschlagen, an das Lachen meines Herrn Sohnes -- und
schwieg; Mit diesen Worten, sahe ich, hatte ich mir aber selbst meinen
Reiseplan vorgezeichnet -- und ich war nur auf einige Staaten gewiesen,
freute mich und rieb mir die Hnde. Die Herren Vorsteher mit ihren Hten in
den Hnden verschwanden mir aber pltzlich alle; denn ein prachtvoller
englischer Wagen mit herrlichen Pferden kam donnernd vor das Haus gefahren
und hielt. Ich sah zum Fenster hinab. Und das rckwrts gebeugte Kpfchen,
das herauf strahlende Auge, das freundlich lchelnde Gesicht, die wie
Perlen blitzenden Zhnchen im rothen, schwellenden Munde -- ich kannte das
Alles schon wie aus einem Traume. Ich fuhr in meinen Rock -- ja, um ein
aufrichtiger Mann zu seyn -- ich sah in den Spiegel. Die Seereise hatte
mich wundervoll hergestellt. Ich konnte kaum ffnen, als sie an ihrer
eignen Thr mit schnellem Finger anpochte, und wie eine Erscheinung, rasch
und leuchtend, stand Josephine schon im Zimmer; aber wie sorgfltig
geschmckt, wie lndlich-lieblich im weien Kleide mit blauen Bndern um
Leib und Brust, und doch wie reich! groe Perlen am Ohr; ein unschtzbares
Halsband von sehr groen Diamanten um den Hals, dreimal ihn weit umlagernd.

Nun, sprach sie doppelt zart und unschuldig klingend auf franzsisch, und
reichte mir ein Hndchen und sahe mir in die Augen -- nun, wie schlief es
sich hier . . . in Amerika? und meinte gewi nur ihr Bett. Denn sie
errthete zart und unschuldig. Aber pltzlich brach sie in lautes Gelchter
aus, denn sie sahe auf meine Fe. Ich war in Strmpfen. Aber um ein
aufrichtiger Mann zu seyn, mute ich gestehen und ihr sagen: Als Sie
gerettet waren, sahe ich nicht ein, warum ich hier bleiben, vielleicht den
Tod erleiden und nicht lieber versuchen sollte, desgleichen zu entkommen!
Das vergeben Sie mir gewi auch! Ich malte mir also mit meinem Finger aus
ihrem Dintenfa -- schwarze Schuhe auf die Strmpfe . . . aber da glaubt'
ich heraufkommen zu hren, und, um ein aufrichtiger Mann zu seyn, ich
verbrachte ein angenehmes halbes Stndchen in ihrem Camin, -- -- Ich mute
lachen. Es war unmglich, ich mute. Sie betrachtete ihr Bett und sagte,
lachend bis zu Thrnen: Ja, es ist wahr! Und wie vor Lachen barg sie ihr
Gesicht einen Augenblick in den Kopfkissen.

Ich rusperte mich; ich rieb mir mit der flachen Hand die Brust; ich
machte, rgerlich, ein finstres Gesicht.

Aber sie sprach, jetzt ernstlich besorgt: Sie sind hungrig! Ich lebe jetzt
auf dem Lande und war gestern nur auf ein Huschchen hereingekommen, doch
ist hier Rath. Und schlank und flink, willig und gutmthig, ja fast
gehorsam, als wre sie selbst eine weie Sclavin, eilte sie, rief sie,
besorgte sie; und athemschpfend und rosig und heiter kam sie wieder. Mein
Gott! mute ich sprechen und seufzen! Sie hatte mir, ehe sie wiedergekehrt,
die mir fehlenden Kleidungsstcke mit einer jungen Sclavin, schwarz wie
eine Schnecke, aus dem Wagen geschickt. Dieselbe bediente uns bei Tisch, an
welchem wir uns Beide gegenbersaen, und uns von der berstandenen Angst
und der Nacht erzhlten. Die kalten Speisen, die Frchte, der Wein, Alles
war kstlich, und ein heitres Mahl lt Alles heitrer betrachten. Und doch
kostete sie kaum von Einem oder dem Andern, wie Kinder. Und doch ward ich
immer trauriger mit jedem Glase Wein, ob er gleich Amerikaner war. O wie
hatte ich mich auf den ersten Bissen Amerikanisches Brot gefreut! auf den
ersten Trunk Amerikanisches Wasser! Ich dachte zu Hause an unsre letzte
Mahlzeit, ja mein Diakonus stand wieder vor mir, und hielt um Maria an; ich
lchelte, und Josephine lchelte hold unbewut. Darauf nahm sie ein, vielen
deutschen Brgermeistern und Andern noch wohlbekanntes Russisches
Instrument, eine Knute von der Wand, aber lndlich zierlich mit schner
bunter Schlangenhaut berzogen und aus Schlangenhaut geflochten. Wir gingen
hinab in den Hof, in dessen Mauern vor den Gebuden die Sclaven standen,
die im Glauben, ein Unrecht gestern begangen zu haben, auf ihre Kniee
fielen. Sie hatten das Lied gesungen . . . .! Ich sollte es bezeugen! Da
knieeten nun die Kinder jener ersten Kinder der frhsten anfnglichen Erde,
noch schwarz wie ihre ersten ltern unter der berall heien Sonne. Und
ihre kleinen Kinder hoben neben den Mttern die kleinen schwarzen Hndchen
in die Hhe. So weit hatten sie es also in Jahrtausenden gebracht! So weit
das weie Geschlecht! Ich bat fr die Armen, die nichts verbrochen, als da
sie die Freiheit wnschten. Ich mute lange bitten, whrend ihre Herrin mit
von mir abgewandtem Gesicht langsam umherging. Endlich wandte sie sich
pltzlich um und sprach: Ich habe Allen sogleich verziehen, Glauben Sie
es! Aber es ist gar so hold, wenn Sie bitten; ich wei nicht, es macht mir
recht innerlich Freude. Sie rief sechs Mdchen herbei und sagte ihnen:
Ihr habt Euch verheirathen wollen, so macht denn heut Hochzeit, und Alle
freuen sich mit Euch!

Kein Hund, kein Mensch kann sich so bedanken, wie diese von einem guten
Worte Glcklichen. Josephine konnte sich nicht ihrer wehren, und sie wies
auf mich und sagte: Danket dem Herrn hier! -- Nun umkniete mich der
Schwarm, und ich sagte ihnen: Danket dem Herrn Jesus Christ! Da tiefen
Alle: Ah, Monsieur Jesus Christ! Monsieur Jesus Christ -- quand viendrat
-- il en Amerique?

Mich frug dann ein alter Neger genauer. Er glaubte: Ihr Freund lebe bei
Uns! aber auer seinem Namen wute er kein Wort von ihm. Die Neger hatten
nur jeder einen Namen; von einer Taufe wuten sie nichts, auch nicht, da
ein Pfarrer die jungen Paare trauen werde. Das mute nun wohl einen Pastor
verdrieen, aber nicht grade einen Lehrer und Prediger. Dafr dankte ich
meiner gtigen Wirthin fr ihre Gte . . . und es mute gesagt seyn -- ich
dankte ihr auch, da sie mein Weib so gepflegt, und sie, die Unbekannte, so
dankenswerth habe begraben lassen! Nun war mir der Stein vom Herzen.

Aber mein Gott! . . . rief Josephine, und trat einen Schritt auf mich zu.
Sie war bla, ganz bla geworden, ihre Arme hingen an ihren Schenkeln
herab, und die Hand lie noch eine wundervolle, tellergroe, rothe Blthe
fallen, und ihr Kpfchen neigte sich auf die Brust. Welche Gedanken sie im
Innern berwltigten, wie sollte ich es bedenken, ich, dessen Herz so voll
war, dessen Augen sich fllten. Endlich lispelte sie, wie zu sich selbst,
ohne mich anzusehen: -- also der unvergleichlich schne Knabe, das war
seyn Sohn! Und wie erkannt' ich nicht gleich den Vater! Ist er ihm nicht
hnlich, wie der halbgefllte Mond dem vollen Mond? Und zu mir gewandt
sprach sie mit Thrnen in den Augen: Ich hatte den Knaben so lieb, drum
schickt' ich in Zeiten ihn fort!

Was sollte ich sagen? -- Mein Geschft hier war zu Ende. Mir blieb nichts
als zu scheiden, aber erst Abschied zu nehmen; jedoch bei den ersten Worten
dazu fragte sie mich, whrend ihre groen Gazellenaugen mich treuherzig
ansahen: Und wieder in alle Welt schon wollen Sie hin? Wohin? Habe ich Sie
beleidigt? War ich zu heiter -- war ich zu aufrichtigen Herzens? Ach, viel
im Leben hngt davon ab, in welcher Reihenfolge wir etwas vernehmen, in
welcher Gedankenfolge ein Mensch den andern sieht . . . . o, ich war so
heiter! Und alle die Angst!

Ich bat sie nur Eins: zu verschweigen, da die Fremde hier gestorben sei,
damit es meinem Knaben, damit es meiner Tochter ein ruhiges Geheimni
bleibe . . . .

Ihrer Tochter! sprach sie fast betreten. Sie haben . . . .?

Ja, sie ist hier; hatte ich kaum gesagt, als meine Maria schon vor mir
stand, und hinter ihr Wilberforce. Die Unruhe hatte sie hergetrieben.
Josephine stand lange vor ihr mit niedergesenkten Augen, den Mund fein
geschlossen; sie getraute sich aus reinster Schaam, ja Beschmung nicht sie
anzusehn. Ja, in dieser befangenen Stellung sprach sie zu ihr, begrte
sie, hie sie willkommen, ja reichte sie ihr eine langsame Hand, die sie
gleich wieder zurckzog. Sie erblickte im offenen Thor die sechs
Schwestern, die auch vom Schiffe an's Land gekommen; sie sahe mich fragend
an, sie lie sie einladen; und whrend Wilberforce ging, und nachdem sie
von mir gehrt, welche Absicht sie htten, versprach sie mir schon im
Voraus, sie alle bei sich zu behalten, wenn ich auch das erlaube . . . .
oder vielleicht auch die Tochter . . . wenn ich gehe, damit sie nicht ganz
allein sei. Und den Schwestern entgegen wandelnd, vertraute ich dem
treuherzigsten Geschpf von der Welt, da sie eine sonderbare Braut sei mit
Master Erwin; die Ursache ihrer Scheu vor ihm, als einem so grausamen Mann,
der Sclaven halte, und nun seine Scheu vor ihr. Aber zu meiner Verwunderung
fand sie sein Anhalten sehr natrlich. O der Mensch ist blind ber gute
Menschen; dann wie ich htte Ursache gehabt mich zu freuen.

Nun mute ich bleiben. Ich ging darauf allein zu Erwin, um meine Sachen
alle zu Josephinen tragen zu lassen. Er war das zufrieden; auch da meine
Maria bei ihr bleibe, war er zufrieden, ob er mir gleich mit Achselzucken
vertraute, da Josephine, als Abkmmling von schwarzer Haut, bei keiner
ganz weien Haut in irgend einer menschlichen Achtung stehe; so schn, so
seelengut, so achtungswerth, ja so reich sie sei -- denn sie sei die Wittwe
seines Bruders, und wahrscheinlich, wie er sich einbilde, sei ich nur durch
Namensverwechselung an ihr Haus gewiesen worden. Ohne etwas zu ahnen, hatte
er damit nur mein Weib gemeint.

Also ihr Bruder ist todt? wollte ich fragen, aber ich vermied aus eigener
Trauer die Frage. Er versprach mir zur Reise den Todtenstrom hinauf alles
Erforderliche anzuordnen; er selbst habe Hoffnung zum Senator gewhlt zu
werden, und dann msse er mit, oder nach mir -- denn er habe noch Vieles
und Schweres zuvor zu besorgen -- nach Philadelphia, nach Washington. Dabei
gab er mir wieder die Hand, und schttelte sie dreimal, wie in Bremen auf
der Strae, als er die wohl von Eifersucht ausgeprete Frage an mich that.
Das war mein ganzer Bescheid! Ich mochte verdrossen aussehen, aber er
lchelte kaum bemerklich. Das ergrimmte mich noch mehr. Meine Hoffnungen
waren zu Wasser! Die Auswanderer waren schon lange in's Land, den Strom auf
einem der hundert Dampfschiffe hinauf! Nur den Wilhelm fand ich allein, den
ich mit mir nahm. Ich traf zu Hause, so mute ich schon sagen, aber meine
Tochter nicht mehr, Josephinen nicht mehr, sondern nur einen angespannten,
auf mich wartenden Wagen, der uns im Fluge hinaus nach dem prchtigen
Landsitz brachte.

In den wenigen Tagen, die ich darauf noch hier blieb, hatte sich Josephine
an die dritte der sechs Schwestern, an die schne Clta gewhnt, die
franzsisch verstand, sie lieb gewonnen; und gegen meine Maria war
Josephine verschmt, aber mild, und so war auch meine Tochter verschmt vor
ihr, aber mild. Gegen mich war Josephine gelassen, ernst, dster, so
anstndig und zart, wie ich kaum je ein so junges Weib, ja nur eine
Jungfrau gesehen. Schien ich etwas zu wnschen, so sprang sie in der ersten
Zeit noch behend auf wie ein Reh, aber sie kam wieder und hatte nur fr
sich etwas geholt. Mir war sonderbar zu Muth. Manchmal, wenn wir neben
einander am Abend in den schattigen Gngen ihres Gartens wandelten, und die
groe, hier himmlische Abendsonne durch Lcken der blhenden Akazien und
Magnolien ihr Gesicht und Schulter vergoldete, da, um ein aufrichtiger Mann
zu seyn -- fiel folgendes Gesprch in mir vor:

-- Mein liebes Weib, Du bist ja doch nun todt einmal, also auf immer! Ich
lebe noch -- auf dem Gipfel des Lebens. Der Hinuntergang ist schlimmer als
der Hinaufgang. Wie viel Gutes und Schnes wrde ich fr mich und die
Kinder erlangen, mit dieser Gestalt . . . . . wenn ich Muth htte!

-- -- Unterstehe Dich! und sag' ihr ein Wort! sprach meine Frau, die als
Erscheinung der Seele mir klar, sogar sichtbar vor meinen Augen in dem
Schattengang schwebte, und uns nicht von der Seite wich, -- und nher mir
wiederholte: Unterstehe Dich das! Und jetzt schon! O Du Undankbarer! Denn
war ich nicht eine Adlige, die Dir ihre Hand gab? Und ist diese arme Person
hier nicht eine Namenlose, eine Unehrliche im Lande? Mucke!

Da schwieg ich eine Weile. Dann fing ich doch leise wieder an: Aber wenn
ich sie nach Europa nhme mit alle den Sclaven? Und ehe wir reiseten,
knnte ich Dir lassen ein prachtvolles Mausoleum erbauen mit Deinem Wappen;
und vor meinem Namen wollte ich lassen ein Von einhauen damit ein Jeder
hier lse, da Du keine Miheirath gethan!

Lgen willst Du sogar? sprach das Luftgebild. Ich sehe schon, wie Du
denkst. Ich bin verloren, aber zum Glck bin ich todt!

Nein, sprach ich, Du sollst meine innere, geistige Frau seyn, und diese
hier meine uere, leibliche.

O sie ist schn! sprach meine geistige Frau; um mich in Versuchung zu
fhren.

Soll ich ihr hier ungesehen zu Fen fallen? Ach, ich drfte nur ihre Hand
ergreifen -- und ich denke, sie fllt mir zuvor um den Hals.

Da schrie meine Frau auf, und fuhr zwischen mich und Josephine, die sich
mit dem Arm an eine Cypresse gelehnt, und der sinkenden Sonne nachsah, aber
mit zugeschlossenen Augen. Ich selbst aber hatte den Schrei meiner Frau mit
meinem Munde ausgestoen -- so da die Vgel erschreckt von den Zweigen
flogen -- da Josephine mich ansah, und erstaunt sah, wie ich zitternd und
bebend und ganz bla vor Schrecken dastand, wie aus dem Himmel gefallen;
aber ich war nur aus dem innern Hause des Menschen heraus auf die lebendige
Erde getreten. Und ich schmte mich und schwieg. Und sie frug nicht. Und so
blieb es. So blieb sie. So blieb ich. Ein Wittwer ist eine besondere
Person. Aber ich dachte auch manchmal: auch eine Wittwe ist eine besondere
Person; nicht Jungfrau, nicht Weib, nicht Mutter -- denn Josephinen stand
dereinst erst dies Glck bevor. -- Ach! es sollte nur Wittwen geben von 70
Jahren, und Wittwer von 80! Der Tod, besonders der frhe Tod stiftet
allerhand Unheil.

So ein Gesprch wre mir, in Allem ehrlichem Manne, wahrlich nicht
vorgekommen, wenn ich nicht auf immer aus dieser Gegend nun scheiden mute;
Josephinen auf immer zurcklassen. Und die Trennung ist ein Wurm, der die
Frchte zu frh reift -- da sie abfallen. Es war ein Gedanke gewesen zum
Besten meiner Kinder, zum Besten der armen schwarzen Kinder der Erde. Ich
schrieb einen ausfhrlichen, lehrreichen Brief in die Heimath, an mein Volk
-- dessen Gesandter ich war; an meinen Sohn. Meine Tochter schrieb an die
Baronesse Freysingen, an ihren kleinen Bruder, und -- was ich heimlich mit
Thrnen sah -- sie schrieb einen langen, herzlichen Brief an ihre Mutter,
die aber nicht weit von ihr in der freien Erde lag. Sie versprach ihr,
recht oft zu schreiben. Dann besprachen wir, neben Josephinen sitzend,
unsere Reise. Meine Tochter wollte mich nicht verlassen und fiel mir um den
Hals. Josephine sagte mir am letzten Abend blos gute Nacht wie gewhnlich.
Aber am Morgen war sie schon frh abgereiset . . . . nach der Stadt in ihr
Haus. Dafr fand ich in unserem Dampfschiff unsre Karte fr mich, fr Maria
und unsern Wilhelm _Mosburg_ bezahlt; wir fanden Krbe voll kstlicher
Speisen, voll Wein, voll Frchte. Aber auch meine Tochter fand nach dem
Wirrwarr des Morgens jetzt erst im Schiffe: da das dreifache Halsband mit
den groen Diamanten von Josephinen ihr um den Hals gebunden war. Das
deutete auf ewigen Abschied. Das konnte Niemand gethan haben, als sie --
des Nachts -- und wir sahen uns an und weinten fast Beide. Mein Kind wollte
wieder an's Land, es zurckstellen, Gewiheit haben, doch danken. Aber das
Schiff ging schon sausend den heiligen Todtenstrom hinauf in das heilige
Land, einen Urgarten der Erde, das knftige Paradies der schwarzen Kinder,
denn hier konnten sie allein arbeiten und gedeihen. Ihnen gehrt es also
von Natur. Nicht den Weien, denen es eine Schande geworden, etwas zu thun,
weil sie nicht knnen.

Ich finde in meinem Reisebuche bemerkt: Hier waren also _alle_ Weie
adlig, oder fhlen sich so; und alle Schwarzen -- Canaille, und fhlen sich
nicht so; bei uns sind es doch nur einige berhmte Geschlechter -- gewesen.
In den nrdlichen Staaten darf sich sogar kein freier Neger niederlassen.

Unser Dampfschiff ward, nach der neusten Erfindung, selber mit Wasser
gefeuert. Und so fuhren wir, auf der grten Silberader, der Saugader des
Landes, in welche 40 groe Silberadern sich ergieen, auf dem Missisippi,
nach und nach in immer hheren Ufern hinauf. Meine Tochter ist
niedergeschlagen. Aus Einem Grunde. Ich bin niedergeschlagen. Aus
dreifachem Grunde! Unsere Reisegefhrten waren nicht heiter, und
erheiterten sich und uns wenig. Viele Amerikaner reisen zu ihrem Vergngen;
und da Europa zu unerheblich oder Asien zu weit ist, so reisen sie im
Vaterlande und lernen es kennen und schtzen. Denn wahrlich hier ist ein
Vaterland! Und wer wollte den Menschen den Stolz darauf verargen! Wer sich
darber rgern? Ach, eher kmmern! Aber in dem Gesicht des Amerikaners
liegt etwas Unerklrliches. Nicht Tiefsinn, nicht Muthlosigkeit, nicht
Schchternheit, nicht Verlegenheit; aber die Stille einer groen Zukunft,
und eine bescheidne und doch schmachtende Begierde danach, und eine fast
kindische Befangenheit und ein Bangen, wie eines Brutigams, ruht auf den
Gesichtern. Mir kamen sie vor, als wenn sie selber auswandern sollten -- in
ferne, ungekannte, schne Tage! Daher die heimliche Unruh, der eigene
gedmpfte Blick, ein fast komischer Ernst und eine heitre Trauer! O wie
rhrend und schn ist der Jugend Gesicht! Ich seufzete selbst ber alte
Mnner! Und auch die jungen Stdte des Landes, gro angelegt aus ungeheurer
Hoffnung und doch noch in ihrer Kindheit -- rhrten mich. Baton;
Francesville; Fort Adam; Natchez; Huntson; Warren. Old-Arkansaw gegenber,
kamen Auswanderer den Arkansaw herab, die sich, nicht Alle, aus einem
berfall der noch nicht weit genug vertriebenen Wilden gerettet. Wir muten
sie aufnehmen; es waren Neu-Griechen, die sogar erst seit dem Frieden ihr
knigliches Vaterland verlassen; ein _griechischer_ Bischof fhrte sie. Das
zeigte deutlich, welche Furcht sie hinweg getrieben. Nach und nach wuten
wir um Namen, Vorhaben und Vermgen fast aller Mitreisenden. Und so ward
denn ein junger Mensch von etwa 22 Jahren, so hbsch und anstndig er war,
von den Meisten zuletzt vermieden. Darum grade suchte ich seine
Bekanntschaft. Und nach einigen Tagen konnte er nicht ber das Herz
bringen, mir nicht sein Schicksal zu klagen. -- Man hat mir meinen Vater
erschlagen, sprach er betrbt und zornig, und ich habe als Sohn es so weit
gebracht, da sein Mrder nun hingerichtet wird, ein Ansiedler in Kentucky,
dem er Landeserzeugnisse verkauft, und ihn dabei vielleicht zu sehr
gedrckt hat; denn im Inlande ist kein Geld, und ganz ohne Geld kann
Niemand bestehn, weil doch nicht Jeder Alles erzeugt. Mein Vater war ein
Aufkufer, die freilich berall hier so verhat als unentbehrlich sind.
Auch htte er lngst in seinem Alter von 60 Jahren ausruhen knnen, da er
die schnste Besitzung in Ohio hat. Aber er hoffte noch immer seinen Sohn,
meinen lteren Bruder, zu finden, der ihn verlassen hat, weil der Vater
wirklich fast unertrglich sich gegen ihn benommen. Aber hier ist es
vergebens, einen Menschen zu suchen. Der Zufall allein thut oft Wunder, wie
ich schon gesehen, so jung ich bin. Mein Vater stammte aus Deutschland, und
er selbst scheint auch seinen ltern heimlich davon gegangen zu seyn; denn
alle Weihnachtsabende hat er zwar nach Hause geschrieben, aber nie die
Briefe fortgeschickt, sondern sie alle gesammelt und sorgfltig vor uns
verschlossen. Auch hat er nie einen Brief empfangen, so unerhrt es ist,
da Einer auf unsern 7000 Postmtern verloren geht. Hier ist Jedermann
unbedingter Herr selbst von dem hchst achtbarsten Vermgen; der Vater kann
frei Einem Alles, den andern Kindern Nichts vermachen -- mir hatte mein
Vater Alles vermacht, und so konnte ich unbesorgt meinen Bruder suchen, und
hatte ihn glcklich gefunden. Ich bewege ihn glcklich, mit mir zum Vater
zu reisen; er ist nicht daheim; wir reisen ihm nach; -- er ist nicht auf
der Meierei, von wo er doch nicht fortgereist war. Unser Neufoundlnder
Hund findet seyn Geripp in einem Ameisenhaufen der groen Ameisen. So sah
der Sohn den Vater wieder. Und nun macht man mir Vorwrfe, da ich das
Gesetz angerufen, und sagt: Hier wird Niemand hingerichtet! Man bessert!
Und unsere Anstalten dazu sind die erfolgreichsten auf Erden. Wir haben nur
noch die Todesstrafe auf qualificirten Mord, und sind insofern noch dem
alten Judengott zugethan, dem: Auge um Auge, Zahn um Zahn; wenn die
Europer -- welche hier nur die Verwahrloseten heien -- noch das halbe
Judenthum, und das ganze rmische Heidenthum in ihrem italinischen Glauben
und rmischen Gesetzbuch haben! Statt tausend Straftitel haben wir die
Geschworenen, die es so christlich machen knnen, als sie wollen; auch das
ist nicht verboten, und je weniger diese ehrwrdigen Mnner von
Gesetzgebung und Wesen wissen, je einfacher sie sind, ja wenn sie blos ein
Menschenherz im Leibe haben, desto vollkommner sind sie, desto ehrwrdiger.
Aber sie sprachen den _Mosburg_ nicht frei, weil sie grade glaubten, einem
Mrder msse es eine Wohlthat seyn, Strafe zu leiden; denn auf
Wiedervergeltung beruhe das Weltgericht, und sonst brauche keines zu seyn.
Aber das msse ja seyn, sonst werde die Tugend ja auch nicht belohnt im
Himmel, und ewig, ewig. --

Ich war ber ein Wort in der Erzhlung erschrocken, und bebte ber den
Namen _Mosburg_, denn so hie der Vater des Knaben, seines noch einzigen
Kindes, des armen Wilhelms, der neben mir zuhrte, aber zum Glck nicht
Englisch verstand. Sein Vater wohnte bei Perkins. Und so frug ich in Gottes
Namen, wie der Ort heie, wo der Mosburg wohne, oder gewohnt.

Er nannte mir unbedenklich den Ort. Es war _Perkins_! --

Meine Tochter ging von uns und weinte. Sie fhrte den Wilhelm mit fort, und
zeigte ihm den schnen Abendhimmel und die grnenden Berge, wie ich von
fern an ihrem ausgestreckten Arme bemerkte. Dann setzte sie sich, und hatte
ihn vor sich umarmt, und ich sahe, er trocknete ihr die Augen mit ihrem
Tuche.

Mosburg lebt doch noch? frug ich weiter.

Ich reise zur Hinrichtung. Es werden Tausende bei diesem seltnen, fast
erloschnen Schauspiel zugegen seyn! sprach er.

Ich war froh. Ich konnte dem lebenden Vater doch den lebenden Knaben
bringen! Und wir beschlossen zusammen zu reisen. Ich, wie ich sagte, blos
aus Neugier.

Einige vertheidigten dann auch den braven Sohn mit den Worten: Wenn wir
Amerikaner endlich einmal ein rechtes; Volk, ein Muster- und End-Volk
werden sollen, so mssen Alle fr Alles solidarisch einstehen, so weit es
Menschen mglich ist; fr Mord und Brand, Diebstahl und Schaden in aller
Art; Jeder mu das Recht, ja den Beruf haben, statt eines Andern zu klagen,
der feig oder gefhllos es selbst nicht kann oder will. Dann sind erst die
Staaten ein wahrer Rechtsstaat, bis dahin ist Alles nur Pfuscherei! Der
Freie mu Alles drfen und knnen, was recht und was gut ist.

Man lobte zum Einwandern besonders mir Indiana, das herrliche; Illinois, ja
Einer sagte: Wer redlich an die Zukunft denkt, der thut wohl, sich ganz im
Westen am Meere, am Columbiastrom niederzulassen, auf den Fall, da es mit
Europa aus ist und aus wird, und wir die Krfte nach Asien wenden. Haltet
Ihr die Natur fr so kurzschtig und albern, da sie sonst dort nach Abend
einen solchen allmchtigen Strom hat flieen lassen, und so lange umsonst.
Sie knnte ihr Wasser ja besser brauchen. --

Und so wre ich lieber in Indiana gereiset, statt nach Kentucky mit
Sclaven, aber das Schicksal trieb mich hin; und ich rathe keinem Menschen,
auf Reisen eine Commission anzunehmen -- denn wie bitter war mir die meine!
Aber das reichliche Reisegeld von dem guten Prinzen fr den Knaben reichte
fr mich und Maria. Noch zog mich ein Anderes an den jungen Mann. Nicht,
da er reich und wohlerzogen war, und tglich auf die bescheidenste Weise
meiner Tochter geflliger war, die sie selber rhrte, ob sie gleich
innerlich fest an ihrem sonderbaren Freunde Erwin hing; und ob ich gleich
mit zu jener schlimmsten Art der Vter gehrte, nmlich zu denen, die
Tchter haben, und Luchsaugen haben mchten, um jungen Mnnern in die
Herzen zu sehen, wem sie das Beste, was sie haben, einmal anhngen knnen.
Das ist die abscheulichste Sorge fr einen Tchter-Vater. Ein Sohn- oder
Zehn-Shne-Vater ist glcklich. Denn die versorgen sich selbst, und mssen
und knnen ihr Schicksal machen. Und meine Tochter war mir so gut wie
wiederum auf dem Halse, was mir nur schwer fiel, weil ich mir schon eine
lange glckliche Zeit diese Brde eines Tochter-Vaters erleichtert gefhlt.
Doch, um ein aufrichtiger Mann zu seyn, das Alles war es nicht, was mich an
den jungen Mann zog, sondern es war die Neugier, die Wibegier -- fr meine
alte blinde Gromutter -- es war der _Koffer_ des jungen Mannes, auf dessen
vergoldetem Schilde der Name: Marfolk stand. Das bemerkte ich, als er das
Schild sich zerbrach, die zwei Stcken verschoben neben einander lagen, so,
da sein Name nun Folkmar zu lesen war. Das gab mir einen Stich in meiner
Gromutter Herz. Ihr Sohn, ihr August war also erschlagen -- und kam nie
wieder? Der Name Volkmar konnte  la Norfolk nur Marfolk englisirt seyn.
Denn der Vater war ja ein Deutscher. Der junge Mann bekannte sich zwar zu
dem Koffer und zu dem Namen. Aber so fein und plump ich mehr zu wissen
versuchte -- er wute nicht mehr.

Wir gelangten in den schnen Ohioflu und landeten in Handerson in
Kentucky, wo Washington auf Mount Vernon, wie vom Herrn, begraben liegt.
Hier sah ich mit Freuden das erste Geld, Silber und Gold, und sahe die
ersten Zeitungen, die Literatur der Amerikaner; denn das ganze Land
schreibt fr das ganze Land diese tausend Zeitungen, die in Millionen
Blttern wie Wundertauben ber das Land fliegen -- und wie aufrichtig! Wie
der Geist Gottes! Vox populi, vox Dei! Ich wollte sie bersetzen, Auszge
fr uns. Aber was fr Amerikaner aufrichtig ist, ist noch nicht aufrichtig
fr Deutschland. Eine oder tausend eben so aufrichtige Zeitungen fr
Deutschland mten ganz anders seyn. Und hier schreibt Einer im ganzen
Leben vielleicht nur Einen lehrreichen Aufsatz. Ich sahe die erste Schule
-- aber was wuten die Kinder hier mehr! Wie viel, wie grndlich Alles, was
sie Zeit Lebens brauchen knnen und sollen und werden. Aber wie geschieht
das? Antwort: Die Griechen und Rmer waren so klug und weise und gro in
ihrem Fach -- besonders, weil sie nicht mit Griechisch und Lateinisch die
jungen Seelen verhunzten. O wir Armen! Wir armen Glubigen! Wir glauben an
alle Vlker! Nur an uns nicht. Und deswegen sagte Napoleon: Die Deutschen
sind kein Volk.

Auf dem grnen Flu schifften wir nach der Besitzung von Wilhelms Vater. Er
war nicht da -- in der Stadt im Gefngni. Ich mute dem Knaben doch Alles
zeigen, und mit wie schwerem Herzen sah ich zu, wenn er sich auf des Vaters
Stuhl setzte, seinen im Schrank hngenden blauen Oberrock anzog, und vor
Freuden damit in der Stube umhersprang; wenn er die alte Hausfrau nach ihm
frug, wie er vor Ungeduld weinte, wenn sie ihn nicht verstand, und wie sie
weinte, als ich ihr sagte: es ist der Sohn des Herrn! Selber Marfolk hielt
es hier nicht aus, und ehe wir fortzogen, durchrannte der Knabe noch den
Garten mit angepflanzten Bumen, die Wiesen, bestieg die Hgel und hatte
fast einen Arm voll duftende Blumen, die er dem Vater mit nach der Stadt
nehmen wollte. Selber der Haushund war gerhrt, und leckte ihm die Hand,
als msse Derjenige seines Herren Sohn seyn, der sich hier so freue, ihn
mit so guten Bissen fttere!

In der Stadt erlangte ich gern, ja mit Seufzen des Mitleids die Erlaubni,
den Vater zu sehn. Der Ort, ein hchst saubrer, freundlicher. Der Mann, ein
hchst gutmthiger, wohlwollender. Und ihm mute ich sagen, da ich ihm
seinen Sohn Wilhelm bringe!

Der ruhige Mann schlug sich vor den Kopf. Dann sa er mit aufgestemmten
Hnden, whrend der Sohn an die Thr pochte vor Ungeduld. Wilhelm aber
sollte und wollte dem Vater nicht sagen, da Mutter und Bruder gestorben
seyen.

O Wiedersehn! heiliges Wiedersehn! Wie weinte meine Maria, wie -- um ein
aufrichtiger Mann zu seyn -- wie weinte ich! Wie gedrckt war des Vaters
Herz, denn in wenigen Stunden hatte er zu sterben. Wie strmten ihm Lehren
und Ksse vom Munde! und segnende Blicke und Thrnen von den Augen! --
Endlich und endlich, nachdem ihm der Knabe viel erzhlen mssen von Mutter
und Bruder -- ja als er ihm auch im Eifer, sein kindliches Herz ganz
auszuschtten, erzhlte, wie sie den Anselm in den Meergarten begraben --
weil sie beide zu ihm gewollt -- weil ja die Mutter gestorben sey -- -- --
da fate sich der Mann wunderbar, schwieg eine Zeit, schien viel zu fhlen
und zu bedenken, und gab mir seinen Sohn dann an der Hand mit den Worten:
Ich habe eine weite Reise vor, mein Kind! Lerne indessen fleiig, lebe gut
und fromm und dulde kein Unrecht wie ich! Ich reise gern. Knnte ich nur
Alle mitnehmen, die mich dazu nthigen! Dein Fhrer hier wird ferner Dein
Freund und . . . . Dein Vater seyn. Dann setzte er sich ruhig hin und
sprach nicht mehr. Wie konnte ich anders, als, so schwer sie mir war, eine
so heilige Pflicht von dem Vater bernehmen.

Endlich gingen wir fort. Der Knabe ging rckwrts zum Zimmer, rckwrts zur
Thr hinaus, um den Vater also noch lnger zu sehn -- und als die Thr
schon zu war, wnschte er ihm noch glckliche Reise, frhliches
Wiedersehn! durchs Schlsselloch. Da hrten wir drinn einen dumpfen Fall!
-- Aber wir gingen! Und noch war hier ein Herz geschont, das Herz des armen
Knaben, der nun mein war.

Nach der Hinrichtung des Vaters besuchte ich allein den freien Platz,
worauf viele Tausende versammelt waren. Und wohl zwanzig reisende
Geistliche benutzten die Gelegenheit zu zwanzig getrennten camp meetings,
zu Feldpredigten oder Bergpredigten. Ich urtheile nie ber Mnner von
meinem Fach -- aber die Seele ging mir gro auf, als ich dachte, als ich
sah -- Erde und Himmel sind die schnste, die einzige wahre Kirche! Und das
Leben ist der einzige, reinste, chteste Gottesdienst. -- Auch will ich
nicht verschweigen, da der Anklger Marfolk fast gesteinigt worden wre,
da ihn Furcht befiel, dann Ha und Lust von dannen zu ziehn. In dieser
Noth htte ich ihn beinahe Vetter genannt. Auch Maria zeigt ihm Mitleid.
Nach einigen Tagen stellt er sich gleichfalls beinahe an: mich zu bitten,
da er mich Schwiegervater nennen drfe. Aber nur beinahe. Maria bittet
mich dringend von dannen zu reisen. Und hier mu ich doch sagen, wie meine
Tochter htte gesinnt seyn mgen! Und wie ich htte gesinnt seyn mgen!
Jedes ganz verschieden.

Nmlich Josephine und Erwin wuten, da wir uns lnger in Handerson
aufhalten wrden, um auszuruhen. Wir empfingen also Briefe. Ich einen Brief
von meinem Caplan aus der Heimath, der meldete: da die Baronesse
Freysingen bankrot sey! Da _Erwin_ sie ausgeklagt. (Das bestrzte Marien
vollends.) Da sie im Schlosse zur Miethe wohne, und da sie nunmehr als
armes, geringes, fast verachtetes Mdchen entschlossen sey, ihrem
Jugendfreund Marbod, meinem Sohn, ihre Hand zu geben, wenn er nur von
seiner tdtlichen Krankheit genese, und sie hoffe grade durch diese
Aussicht ihn herzustellen. Da meine alte Gromutter mit Gewalt sich habe
den Staar stechen lassen, weil ihr Sohn kommen wrde; da sie aber von der
Vorbereitungscur ganz schwach, und vor Alter ganz kindisch geworden.

Das war Ein Brief.

Dann schrieb mir meine liebe Clta aus Neu-Orleans nach manchen andern und
vielen Eingngen, da ihre _schne_, ihre _seelengute_, ihre
_reiche_, ihre _junge_, ihre _geliebte und liebenswrdige_ Herrin
Josephine -- seit dem Tage, unserer oder meiner Abreise krank sey, recht
bedauernswrdig krank. Ihre groen Augen seyen noch grer, noch
schmachtender geworden, ihr Mund noch kleiner, ihre Grbchen in den reinen
Wangen noch sichtbarer. Sie rede oft im Schlafe -- und von mir! Sie rufe
mich! Sie springe im Nachtkleid aus dem Bett und ringe mit ihr matt und
flehend, sie hinaus, sie fort zu lassen. Deswegen meine sie (nmlich
Clta), da ihre Herrin seit _meiner_ Abreise krank geworden, und wohl
nicht besser werden mchte, wahrlich nicht _mchte_ -- so gleichgltig sey
ihr das Leben, bis ich wiederkme, oder bis sie mich wiedershe, bis ich
sie wiedershe, aber mit gnstigen Augen. Das lt Clta nur durchblicken.
Clta hat von Josephinen ihr kleines Bildni erhalten -- das schickt Clta
mir. Die kostbare Einfassung habe sie behalten. Als Nachschrift stehen die
Worte: Sie hat ihre Plantagen verkauft.

Das war der zweite Brief.

Diesen las ich allein! Denn eine erwachsene Tochter ist wie ein Engel, vor
welchem der Vater sich selber schmt . . . . geschweige ein schnes und
junges Weib zu nehmen -- so nthig es dem armen Manne ist, so wohl es ihr
selber auch thte, damit sie vermchte ein Engel zu bleiben, und nicht eine
Sclavin zu werden brauchte.

Maria aber beredete mich fortzureisen. Ich war willig und wollte bereit
seyn, wenn ich ein herrliches Grundstck, das ich hier gesehen hatte, fr
die Baronesse . . . . also auch fr meinen Sohn gekauft htte, woran ich
jetzt erinnert worden. O, ein Vater ist ein edler Mann! Aber die Kinder
machen ihn dazu! Ich fuhr mir unwillig und schnell mit der flachen Hand
ber die Stirn bis hinauf in die Haare! Es war aber klug und gut.

Kaufte ich nun fr die Baronesse eine kleine Grafschaft, -- denn hier sind
auch Grafschaften, wie Spinnennetze ohne Spinne, so ohne ihre Hauptzierde:
die Grafen -- so war zu Hause Marbods Stelle leer, wenn er mit ihr herzog;
oder der Diakonus nahm sie an, und bekam vielleicht wieder einmal am Tage
Heirathsgedanken. Das Alles war Vorrath fr jede Hoffnung, fr jedes
pis-aller. Ich hatte mit meinen paar Guineen in der Tasche unermeliche
Lande vom Strom aus gesehen, und die Begier, der Geiz der Ankmmlinge war
ber mich gefallen. Ich wollte das schnste, fruchtbarste Land, den Morgen
fr 27 Kreuzer, nicht gern aus der zweiten Hand fr ein paar Kreuzer mehr.
War es noch ganz mit Wald bewachsen, so schien es nach unseren Preisen wohl
100,000 Thaler mehr werth. Aber leerer Acker gilt hier mehr. So zweifelnd
und whlend trieb ich mich mde umher, bis ich vor Verzweiflung am grnen
Flusse in Kentucky 5000 Morgen -- Alles kaufte, was mir irgendwo reizend
geschienen. Aber als ich das Gold aufgezhlt, von meinen paar Dreiern noch
zugelegt, da sah ich -- da die Bergabhnge die Sonne im Rcken hatten --
da hier kein Wein gedeihen mchte. Gott, kein Wein! Ich war auer mir!
Aber ich mute die Acten zu mir stecken, und empfahl Bume, Quellen,
Wildpret, Truthhner, Vgel, Fische und Schlangen, Alles indessen dem
lieben Gott. Mit dem Gelde war mir ein Stein vom Herzen, und zwei darauf.
Denn ich fand auch, da mein Eldorado unter dem 37sten Grade der Breite
lag; und hchstens erst unter dem 38sten Grade soll sich ein Deutscher
ankaufen, wenn er nicht aqua toffana schwitzen will, wie ich vor Angst
schon schwitzte. Und nun sollte ich meinen Committenten zu Hause ihr
knftiges Paradies aussuchen! War es schlechter als mein gekauftes, dann
schien ich ein Eigenntziger! War es besser, dann war ich ein Narr gewesen
-- Volkmar! In _Ohio_ sollte alles gute Stromuferland schon besessen seyn.
_Indiana_ erst spter bequem; und da es so breit daliegt, wird auch noch
spter wohl in Europa ein Unglck seyn, welches Unglckliche hier glcklich
macht. Ich wei nicht, wie mir ward; aber ich fuhr, ber den Ohio eben nach
Indiana hinber, hinauf nach Clarkesville ganz in dessen Nhe mein Freund
oder Feind Erwin den Adligen auf seines Vaters Befehl im Testament ein
unschtzbares Grundstck eingerumt. Und das erste Wort, das ich von dem
vorigen Herrn von Habenichts hrte, war: Rechts und links von White river,
oder gar erst droben von Recovery bis Weautenan soll es am schnsten seyn!
-- Wir hatten himmlische Freude, uns wiederzusehen. Ihre Wohnungen waren
gut, ihre Grten und Felder und Wlder wie unvergleichlich. berall fhrten
mich wenigstens immer funfzig glckliche Menschen herum. Der Nacken that
mir weh, die thurmhohen, mit Blthen wie dunkele groe Rosenknospen
berschtteten Fichten anzusehn! Die Trompetenbume, welche, wie die Kinder
sagten, Posaunenbume heien sollten. Aber wo fhrte mich der alte Freund
auch hin! -- In einen Saal, nicht weit vom Ohio, den schon Tausende, die
stromauf oder stromab gefahren, besucht hatten, als ein hiesiges
Weltwunder. Ich sahe beim ersten Blick ein Wachsfigurencabinet mit allen
Europischen Potentaten, die hier ganz eigenthmlich in tiefem Schweigen,
wie in tiefer berlegung dasaen. Ich nahm meinen Hut ab, obgleich nichts
gesnder ist, als der Gebrauch der Amerikaner, grade wenn man in's Zimmer
kommt, den Hut, selbst vor Damen, aufzubehalten, die ihre noch
wunderlichern, man mchte oft sagen unhflichern Hte ja auch nicht
abnehmen. Aber ich sahe nach langer Wehmuth endlich, da der Saal ein
Klein-Europa, voll seiner besten Erinnerungen, war, alle blos zum Andenken
mitgebracht an das theure Vaterland -- Deutschland. Da lagen aus dem Cours
der Menschen mit fortgenommene Mnzen, mit dem Bilde der verschiedenen
souverainen Herren. Da hingen Ellen aus jeder Provinz, lnger oder krzer,
keine gleich. Da blecherne Maae, alle verschieden; Meviertel und Metzen,
alle verschieden. Und so tausend verschiedene Dinge. Dort Censuredicte,
Cataloge verbotener Bcher aus jedem Lndchen, die einander meist aufhoben.
Verschiedene Strafgesetzbcher, Stdterechte, Privilegien, Uniformen,
silberne Bischofsmtzen, schwarze evangelische Mtzen. Da hingen an einer
langen Kette von Eisen die abgelegten Orden der Herren, ja der Stifts- und
anderer Damen. Da lagen Armenlisten, Klosterlisten und Abbildungen von
Sonderbarkeiten, eine Reihe Carrikaturen vom ersten Witz, aber
unbeschreiblich. Dort lag schwarzes Bauerbrot nebst einer in Wachs
bossirten Bauerfamilie. Da verkaufte ein Herr Salz; da Tabak; da einer
Wolle, Holz; da hingen Studentenmtzen von allen Farben . . . . da lagen
Zeitungen mit den letzten Nachrichten; ich bckte mich -- ich las den
Bchertitel: Von Authenrieth, Kunst aus Holz Brot zu backen. -- Mein
Gott, ich war daheim! Unbezwingliche Wehmuth befiel mich. Heilige Sehnsucht
nach alle dem Elend! Das Herz bleibt das Herz. Der Mensch bleibt der
Mensch. -- Lat uns betrachten . . . . wollte ich anfangen, aber ich
mute aufhren vor Weinen. Ich ging an den groen Huptern vorber, die
ohne Kronen und Scepter, nur ein Tfelchen mit ihren Namen an den gedeckten
leeren Tischchen, saen -- bestaubt, bla, in hundert Jahren alle todt,
zerfallen, wie diese Wachsbilder bald zerschmolzen, in das uralte schwarze
Element der Erde. Und ich sahe: Sie waren alle Menschen! Ich sahe, sie
waren ja alle aus ihrem Volke! Sie thaten alles Mgliche fr ihr Volk, in
den Ketten und Banden der Zeit, die schleichen mu wie eine Schlange, nicht
fliegen . . . . nicht auswandern kann, sondern daheim gebaut ist, wie
Ulysses Bett auf den im Boden festgewachsenen Stmmen der uralten
Olivenbume gezimmert; unbeweglich wohl, aber theuer und werth ist, einzig
werth; und wie Penelope daran, an diesem Geheimni ihren lang verkannten
Gemahl erkannte, so erkannte ich hier mein Vaterland! Aber ich stand wie
ein Ehebrecher dabei -- wie der erschlagene Sohn meiner Gromutter, der
seiner Mutter um ein herbes Wort willen auf immer entronnen und umgekommen
war, und die arme alte Mutter sa daheim, zwar nicht mehr blind, aber ohne
ihn elend, wie er elend ohne sie gewesen. -- Lat uns betrachten --
wollte ich wieder beginnen, aber ich konnte kaum meine Gedanken alle
fassen! Mir war auf der Reise die Flasche zerbrochen, welche mir der
Wagehals mit dem Schwimmgrtel ausgehndigt. Ich hatte eine Stelle in
seinem Lebenslauf, den ich der Welt einmal mittheilen will, noch vor Kurzem
nicht verstehen knnen; jetzt, jetzt klar und gewaltig berkamen mich die
Worte, wie Feuer vom Himmel: Nichts ist feiger als Flucht! Die armen
Elenden! Sie ihrem Schicksal zu berlassen und sich allein zu retten -- o
Schaam, o Schande! Als wenn eine Mutter oder ein Vater ein krankes Kind,
alle seine Kinder krank und gebeugt und hungrig zu Hause wte -- und an
einer prchtigen Hochzeittafel tafeln wollte, sich allein es wohl seyn
lassen wollte, in dem freien, frhlichen, hellen, sicheren, prachtvollen
Hause -- und nicht heimkehren! O Schaam! O Schande! Nicht heimkehren! Oder
fortgehen! wenn sie ihm auch nur krank _geschienen_! Wenn er ihnen auch
nicht helfen knnte, nur mit ihnen leiden, sie nur trsten, sie nur kssen!
Ja, hier in Amerika ist das freie, das frhliche, helle, das sichere,
prachtvolle Haus. Ja, es ist hier so schn -- da es eine Schande ist, es
sich allein wohlgehen zu lassen, und nicht zu Hause zu sorgen, da das bel
besser werde. Wo der Mensch besser werden kann, wo er am besten, am
hlfreichsten, ja wo er nur am edelsten seyn kann, da ist sein Vaterland!

So sprach ich mir ohngefhr in zitternder Gluth die Worte vor und vergab
dem Manne. Ja, wie ich in Bremen gesehen meinen adligen Freund sich kssen
an der Wand, so wute ich es zu machen, da ich meine Lippen an die Mauer
drcken konnte -- denn ich kte die Welt. _Ich_ war der Schatten hier. Und
ich hatte in mir ein Gelbni gethan, still, aber fest wie der stille Fels.
Nmlich das Gelbni: Als ein Deutscher nach Deutschland zu kehren, in ein
. . . in mein Vaterland! Damit ich ein Vaterland htte, und das Vaterland
mich; damit ich nicht ehrlos, feig, selbstschtig, muthlos, rathlos,
hlflos _scheine_, so sehr ich es _wre_! Oder _war_! O, ich war es nicht
mehr, denn ich fhlte mich froh schon daheim! O wie wollt' ich nun wirken
. . . und weben und ruhig sitzen an meinem, an unserem groen Webstuhl, der
uns Deutschland heit: O, ich htte Heiden bekehrt, geschweige deutsche
Auswanderer! Jetzt war mir ein schwererer Stein vom Herzen, der Fels, der
mich zu Tode gedrckt. Wie der Riese hatte ich wieder die Erde berhrt, und
alle ihre Kraft hatte mich geladen. Ich hatte aber noch Pflichten. Mein
armes Weib war also umsonst gestorben. Die guten, die edlen Weiber haben
immer Recht. In jeder Mutter wohnt die Stimme der Natur. Ich schrieb in
meiner neuen Stimmung an Clta, lie neue Plane durchblicken -- ich legte
ihr eine schwarze Locke von meinem Haupte mit in den Brief. Ich fhlte ein
neues Leben -- gesund am Leibe war ich so schon geworden, ich fhlte das
Leben neu. Sollte ich blind seyn? Herzlos? Undankbar? Denn was ist lter
als alle Welt? Welches Gefhl? Und wie Josephine mich eher gesehen, und ich
sie eher gesehen hatte, ehe wir Beide wuten, da _meine Frau_ das
Schicksal getroffen -- wie ich Josephinen also noch in eine lebendige Welt,
als die letzte, die schnste Gestalt mit aufgenommen, nicht farbenlos,
geisterhaft in die darauf erst mir aufgethane farbenlose, geisterhafte Welt
der Geraubten, so war Josephine ja nun darinnen lebendig, und regte sich --
o sie regte sich wunderbar! Was ist der Mensch? -- Ein immer neues Wesen in
der immer um ihn versinkenden Welt. Oder man sollte im neuen Lenz keine
neue Rose brechen und an die alte Brust stecken, ja nur ansehn.

Darauf zog es mich ins Land hinein, links an den Wabasch. Schon der Name
Harmoniten reizte mich. Ich wanderte mit meiner Tochter, wie in einem
langen Traume, im sesten Sonnenschein. Aber die Flasche konnte ja Unrecht
haben, ich konnte nun erst am gewaltigsten irren, nun ich glaubte Recht zu
haben! Das Gefhl, Unrecht gethan zu haben, verstimmt mit der Welt und
macht blind auch. Und wollte ich billig seyn, ich konnte nicht leugnen:
diese Deutschen in alle den Ansiedlungen, die ich nun antraf, schienen mein
Heimweh berstanden zu haben! Denn sie schienen nicht nur, sie waren
wirklich glcklich. Bei miger, ja nicht der Rede werther Arbeit
glckliche, harmlose Landleute. Sie waren keine Stdter, keine von der
alten Welt gebildete oder verbildete Leute, kurz keine Gelehrte, keine
Vornehme gewesen. Und doch sagte mit ein Doctor, der hier zum Bauer
geworden: Welch Unglck ist grer, als eine groe Stadt? -- Welche Lste
tauchen dort auf wie aus feuerspeienden Bergen und schwelgen sich satt!
Hier im ganzen Lande, den einzelnen Meiereien, ist kaum ein treuloses Weib.
Kein Spieler. Ich sage meine ganze berzeugung: Es ist nichts schner und
menschlicher, als ganz an und mit der Natur zu leben! Versteht sich
menschlich! Menschlich mit Blumen, die man trnkt, menschlich mit alten
Bumen, menschlich mit dem Lamme, dem Hunde, ja mit dem Br im Walde und
mit der Schlange. Denn durch Milde des Menschen sind alle Thiere zhmbar,
dienstbar zu machen, und alle sind seiner vterlichen Stimme, seinem
liebevollen Auge unterthan, denn die Thierseele ist auch noch ein Hauch von
der groen Seele, wenn auch nur wie letzter rosiger Hauch an den Wolken in
wunderlichen Gestalten, noch heiliges Licht der Sonne. Gartenbau, Feldbau,
das ist das erste, mittle und letzte Geschft selbst des einst ganz klaren,
ganz groen Menschen, und im Schooe der Natur wird es am ersten, am
schuldlosesten, wenn einmal die Flamme in ihm entbrannt ist -- und sie ist
entbrannt! Und hier im Lande werden nur lauter Grten seyn, lauter Grtner
und Bauern. Aber ein Bauer ist ein ungeheurer Kerl, gro wie Adam, schlo
er lchelnd. Der Doctor begleitete uns auf der Weiterreise, bis nach dem
kleinen Flecken Fashionout oder Modelos, welchen Englnder angebaut, um der
Mode zu entfliehn.

Mein Gott! wie oft des Tages mute ich hier im Lande mein kaum gesagtes
Wort zurcknehmen! Zu des Doctors Lob des Bauers hatte ich gesagt: In der
freien Natur, in einzelnen Pflanzungen hebt das angeborene richtige Gefhl
die Menschen ber den kleinlichen, schwelgerischen, neidischen,
erbrmlichen Verkehr groer Stdte. Und hier gilt nur das Herz! Kein Rang,
kein adliger Stolz, nicht Schaam einer niedrigen Magd. Man sieht, was in
Europa die Seelen bedrckt, das Gefhl der Stnde, des eigenen, von
Jahrtausenden ausgedrckten Unwerths, das nicht zum Gefhl der _gleichen_
Menschenwrde empor gelassen wird -- nur fort nach Amerika. Ich mute das
Wort sehr bedingen. Denn der Doctor frug mich nun gern: Warum wandern die
so ziemlich freien Englnder aus? -- Um der Sclaverei der Mode zu
entfliehn, der Jeder, der reich geworden, erst recht verfllt! Ein
ruinirter Fashionable, den ich curiren soll, sagte mir erst gestern: die
Mode ist die albernste Gesetzgebung, die kostspieligste; die Mode ist das
Ungeheuer, welches Europa's Flei, der Mnner und Weiber Schtze,
Lebenslust und wahres Leben auffrit. Die Europer, vor allen die
Englnder, sind die wahrsten Sclaven durch die Mode. Die Englnder -- denn
ich bin keiner mehr, sagte er -- sind berall frei -- aber im Hause
Sclaven! Es wre besser, sie wren in der Nachtmtze, in Pantoffeln, bei
der Suppe, bei Messer und Gabel frei, als frei berall auerdem auf Land
und Meer. Alle Knste mssen darber zu Grunde gehn, alle Knstler, kurz
Land und Leute. Die englische Gesellschaft und ein jeder Abdruck derselben
umher ist die erbrmlichste auf dem Erdboden, und wenigstens zehntausendmal
erbrmlicher als die chinesische, wo doch viel zu merken und viel zu lernen
ist; aber Alles auf Zeit Lebens, auf das Leben vom Urgrovater bis zur
Urenkeltochter und immerdar in die selige Ewigkeit. Hier in Fashionout
beobachten wir Menschenanstand, und kleiden uns und leben nach Wetter,
Bedarf, Vermgen, Gesundheit.

Ich aber dachte, da Deutschland 2500 Stdte hat und 40 Millionen deutsche
Zungen, Seelen, oder _Muler_, wie die Chinesen sagen, und Gromuler, wie
die groen Deutschen gern sagen.

Wie von diesem braven Doctor, so ging fr mich nun ein tgliches Scheiden
an, von jeder Gegend, jedem Bach, jedem Baum, jedem guten, freundlichen
Menschen -- aber zuerst beinahe von meiner Tochter! Sie war mir krank
geworden; ich wollte sie in Gottes Namen nach Lawrencebury am Ohio
schicken, in das Haus des jungen, sie ehrenden Marfolk. Aber mit wem? Ach,
war nur mein Schulmeister Tolera hier! Denn auf dem Straenbau hier im
Lande htte er nicht nthig gehabt, die Menschen hungern zu lehren! Im
Gegentheil nicht gar so viel essen; zum Frhstck schon in Butter
gebratenen Schweinebraten, Fische, fetten Kuchen, Eier, Kse; und ihr
Aufseher -- nicht gegen die Unmigkeit im Essen angestellt -- erzhlte mir
mit sonderbarer Freude, da die 6000 Arbeiter hier in 90 Tagen keiner einen
Schnaps getrunken habe! Aber meine Tochter nahm sich zusammen, und ihr
Geist, so jung der liebe Geist war, war stark. Ich fand es fr meine Leute
hier berall gut, sich niederzulassen, so weit wir umherzogen, beschwerlich
genug. Hier begruben die Leute selbst; sie trauten junge Paare, sie tauften
selbst -- und der Papst und die Clerisei fiele auch hier in Ohnmacht! Ja,
wir wurden selber zu einer Taufe in Silverheelstown eingeladen, wo ein
Vater an jedem seiner Kinder einen besondern Glubigen hatte. Der lteste
Sohn war ein Jude; der folgende ein Trke; der dritte ein Quker; die
lteste Tochter eine Katholikin, und so fort, damit doch Eines seiner
Kinder den rechten Glauben erwische. Ich sollte nun Pathe stehen bei einem
kleinen Buddhaisten. Aber wir wuten Alle von den Ceremonieen dabei nichts.
Tolera selbst htte sich zu Tode gewundert oder betrunken. Indessen dieser
Vater wollte auch Vater meiner Kinder werden, und ihnen ein gesegnetes
Stck Wstenei verkaufen. Und ich schlo mit ihm die Bedingungen ab. Und
nun begehrten wir alle nach Cincinnati zum Bruder, vielleicht alle weiter,
nach Hause. Aber das Geld ging mir unterwegs nun endlich aus! Maria will
ihr Halsband von Josephinen verkaufen; -- das will ich nicht! Ich will den
Ring vom Prinzen verkaufen; -- das will sie nicht. Aber das mute geschehn,
denn fr den sptern Erls des Halsbandes bezahlten wir die Heimfahrt nach
Europa. Aber nun war kein baares Geld von den Kauflustigen fr den Ring
aufzutreiben! Hchstens Anweisungen auf eine ferne Bank. Sollten wir nun
hier, was wir an Materialien zum Tausch erhielten, verzehren -- so waren
wir nicht weiter. Wir muten also lebendige Ochsen und Schweine nehmen und
einen Treiber, um sie am Ohio in Geld zu verwandeln. Die Reise war
merkwrdig genug. Schweine verliefen sich -- ich konnte nicht nachlaufen!
Ochsen waren marode, Maria schttete ihnen Gras hin, beklagte sie und lie
sie liegen. Eine Nacht ruhten wir in einer Hhle der Berge, die voll
uralter fremdartiger Menschengerippe war. Wir sahen Postdampfwagen
pfeilschnell vorberfahren, wir konnten keine Stelle darauf bezahlen.
Endlich trieben wir glcklich in Lawrencebury ein. Aber Niemand lachte uns
aus. Alles Nothwendige steht hier in Achtung. Wir frugen nach Marfolk's
Wohnung, fanden sein groes Gehft mit Niederlagen und Speichern, und ob er
gleich mein Schwiegersohn werden wollte, so drckte er mir doch die brigen
Ochsen und Schweine ab. Im Handel keine Freundschaft! sagte er. Dagegen
im Hause war er unser Freund. Er wute um mein Anliegen, er fhrte mich,
noch ehe wir ausgeruht, in seines Vaters Zimmer. Da hing ber seinem Tische
meiner Gromutter Bild.

Schwarz, in groer Haube, und drunten stand der Name des reisenden
Silhouetteurs _Nthe_ aus Grlitz. Er ffnete die Weihnachtsbriefe. Sie
waren nach dem Ort meiner Heimath adressirt. Es gab eine Scene der
Erkennung, welche Maria durch khlen Anstand milderte. Marfolk war in allen
Zeitungen im ganzen Lande durch seine Anklage auf Hinrichtung gleichsam
an's schwarze Bret geschrieben. Er wollte fort aus Amerika. Er fand es
schn, vor die alte Gromutter zu treten, und wenn er nicht in Europa
bliebe, wollte er bei der Rckkehr als ein frischer Einwanderer sich in
einem andern Staate der Union unter seinem wahren Namen Volkmar
niederlassen. Er wollte mit uns reisen! Das setzte voraus, da wir wirklich
reiseten. Auch war ihm die Reise im Testament des Vaters, also nun meines
Oheims, aufgegeben. Wegen des Knaben Wilhelm bestimmten wir, da er ein
Gerber werde, als die jetzt noch vortheilhafteste Profession, weil Hute um
ein Spottgeld und Leder sehr theuer wren. brigens war hier nichts mit
andern Handwerken; denn die Maschinen machen schon alles, oder werden hier
noch alles machen, als seelenlose, blinde Ableger oder Riesenkinder des
Menschen, gleichsam ein eisernes Geschlecht, in welches der Mensch seine
Sclaverei gebannt hat; und worber Europa zu Grunde geht, durch Maschinen,
das bringt Amerika empor, weil hier Alle breit und bequem auf die
fruchtbare Erde sich sttzen, und Alle sich neben und mit Maschinen grade
erst recht hoch emporrichten. Um dem Wilhelm zu der Ansiedlung von seinem
Vater zu verhelfen, mute ich ihn jedoch erst durch einen verschriebenen
Taufschein als Erben legitimiren. brigens lernte ich hier im Hause das
Verhltni und das Verhalten der Dienstboten -- bei uns des Gesindes --
hier der dienenden Herren und Frauen -- kennen, die so behandelt werden und
so sich betrugen, als bei uns adlige Herrn und Frulein im Dienst bei
Brgerlichen sich benehmen und behandelt werden wrden. Mein Gott! so viel
thut schon das bloe Bewutseyn: Wir sind frei! und das groe Verhltni:
Es ist nur Ein Stand im Lande -- der Stand des Menschen! Das war das
Bitterste, was ich erfahren habe, und das Schnste. Ja, wenn wir hier
blieben, wenn ich keine andere Aussicht fr uns wte -- und ich sahe weder
als Pastor, ja nur als Schulmeister ein Ankommen -- wenn wir nicht _Bauer_
wurden, in dem kolossalen, freien, Amerikanischen Sinne, durch Ankauf aus
dem Ertrag des Diamantenhalsbandes -- -- -- so wollten wir uns selbst mit
meiner Tochter vermiethen.

Aber ich hatte recht vermuthet! Mein Vetter Marfolk hielt um meine Tochter
an. Ich konnte ihm nichts darauf sagen, als da schon ein Anderer um sie
angehalten, dem ich es schreiben wolle. Und so that ich. In 14 Tagen
erhielt ich die Antwort von Erwin: Im November komme ich nach
Philadelphia. In vielen Geschften. Erwin. Noch stand das Wort dabei: Ich
bin Senator der vereinigten Staaten.

Auf solche unbestimmte Antwort drngte mich meine arme Tochter, die mir
herzlich leid that, zur Heimreise nach Europa. Ja vorher, gewi vorher --
ehe sie den Erwin wiedershe. Aber leider waren wir schon im Herbst, der
unendlich schn und bunt und mild und heiter sich ber das ganze Land
gesenkt hatte. Meine Reise konnte nicht die Absicht haben, die Natur
abzumalen, und so habe ich alle die tausend Gelegenheiten vorber gehen
lassen, ein Bild von Dinte ihr nachzupfuschen! Denn hier ist mehr wie
Griechenland und Italien. Hier ist Persien, kurz alle schnen Gegenden der
Welt, nur keine Schweiz. Freilich blieb mir brig, auf der Besitzung der
Baronesse Freysingen und ihres mir so nah verwandten jungen Mannes den
Voigt zu machen, oder den Gehlfen auf der Ansiedlung unsrer zwanzig Drfer
-- aber meine Tochter hatte _alle_ Amerikaner satt, durch Einen, und
Amerika mit ihm herzlich satt. Zum nchsten Frhjahr also versprach mir der
gute, bescheidene Vetter Marfolk mit nach Europa berzufahren. Jetzt nahmen
wir von ihm Abschied. Wir reiseten ziemlich armselig. Jeder Vater kann sich
denken, da ich endlich schweres Verlangen trug, meinen Knaben in
Cincinnati zu sehen. Wir schifften die kurze Strecke den Ohio hinauf nach
der Stadt, die einen Hgel hinauf schn und herrlich liegt. Wo er seyn
sollte, wute ich. Ich lie meine Tochter in unserm Boarding, oder hchst
anstndigen Familien- oder Gesellschafts-Gasthof, ging allein und fand das
Haus. Aber mein Sohn war fort! Fort in eine Anstalt nach Philadelphia. Wer
konnte das gethan, ihm so wohlgethan haben? Alles Rathen war aber
vergebens. Inde er lebte, er hatte geschrieben -- auch an mich; ich
empfing seine Briefe. Ich mute sie kssen, ehe ich sie las, und dann
weinen, denn er erinnerte mich an die Mutter, die nun schon lange im Lande
hier schlief. Ich schrieb ihm wieder und ein Diener ging sogleich mit dem
Briefe fort.

Als ich nach Hause gekommen, fand ich eine Einladung zum Mittagessen zu
einem guten Freunde, der sich jedoch nicht genannt hatte. Strae und Haus
war angegeben. Warum sollte ich der Einladung nicht folgen? Meine Aufregung
war heftig. Ich zog wieder einmal die guten Kleider an. Alle meine guten
Freunde schwebten mir vor. Wie angenehm war mir ihre Nhe im Geist. Aber
ach, wie viele waren elend gebannt zu Hause! Doch auch unter den Wenigen,
die hierher gewandert seyn konnten, rieth ich vergebens, und blieb in der
holden Erwartung, wen ich sehen, wen ich an das Herz drcken wrde.

So geh' ich. So trete ich ein. Niemand zu sehn! Nur ein Tischchen mit zwei
Gedecken steht bereit. Aber im Cabinet regt sich es wieder mich sonderbar
erinnernd. Ich sehe. Es lauscht zwischen den zugehaltenen Vorhngen. Ich
sphe. Ich gewahre ein groes braunes Auge in seinem milchweien Himmel.
Mir klopft das Herz. Ich sehe oben darber schwarzes, glnzendes Haar. Nun
erscheint ein kostbares Nasenspitzchen, die schne, edelgebildete Nase.
Jetzt Lippen wie Erdbeeren, wie eine Doppelkirsche. Mir beben die Kniee wie
in meiner grnsten Jugend. Mir vergehen die Sinne. Denn nun sehe ich auch
schne, aber blasse Wangen -- das ganze edle Antlitz ist frei. Aber die
Augen sind jetzt leise geschlossen. Die Augensterne zucken unter den
langbesumten Augenliedern. Ja, an den Wimpern quillt es leis und zart
hervor wie Thau an Blumen. Ich weine selbst.

Josephine! ruf' ich.

Da verhllt sich ihre ganze Gestalt wieder hinter dem Vorhang. Ich bin
betubt. Ich setze mich gleichsam in Ohnmacht auf das Sopha. Meine Hand
bedeckt die Augen. So bleibe ich lange. Ich trume, ich schlafe eine
mannigfach bestrmte, aber schne Zeit. Ich komme zu mir. Die Gestalt sitzt
neben mir. Ihre Hand hlt meine Hand. Ich schlage die Augen auf. Ihre
groen, feuchten Augen sehen mich an. Wenn ich nicht auf dem Sopha sa,
wr' ich ihr zu Fen gefallen.

In dieser herzbeklemmenden Stunde erschien mir wie damals wieder im Zimmer
vor mir stehend die Gestalt meiner Frau. Ich machte die Augen vor ihr zu.
Aber sie sprach heut mild zu mir: Frchte Dich nicht! Ich bin unter den
Todten so klug geworden, wie alle Todten. Weiber und Mnner, die von den
Ihren hinweggerissen, nur wohlthun, ihnen auf Erden noch alles Glck zu
gnnen, ihnen neidlos alles Glck zu verschaffen, oder bei ihrer Ohnmacht
sie doch zu segnen. Also jetzt sprich zu dem armen Weibe. Sie wird kein
Wort Dir sagen. Denn ein Weib ist edel. Und so sehr sie verrufen sind, da
sie schwatzen, so halten sie doch ihre Liebe zu heilig, als sie je auf die
Zunge zu nehmen gegen einen Mann. Rede also Du! Und sie wird Dir antworten
ohne Worte, mit Thrnen, mit ihrem ganzen Dir holden, schnen Wesen. Auch
prophezeihe ich Dir, lieber Volkmar: Noch heut wirst Du mit ihr getraut.
Diese Nacht schon ruhest Du hier. Und wenn Du das Licht auslschest, und es
sich unheimlich im dstern Zimmer regt, so denke: ich bin's, die
hinschwebt, das kalte Lager der Todten zu drcken. --

Jetzt schwieg sie, sahe mich zrtlich an, und verschwand oder verlosch
vielmehr auf derselben Stelle allmhlig, wie ein Regenbogen verschwindet
und hin ist.

Ich aber war noch ganz verworren, und sagte laut und verstndlich vor mich
hin: Das la ich mir eine vernnftige Frau seyn! Sie rth mir nun selbst
zu, den Engel zum Weibe zu bitten. -- Ich fuhr auf. Denn ich erwachte jetzt
ber die Worte erst vllig und war gewi ber und ber roth.

Aber auch Josephine war von Rthe bergossen. Aber sie verbarg sie an mir.

Und das einmal ausgesprochene Wort meines vormaligen Weibes gab mir Muth
und Veranlassung, der schnen jungen Wittwe zu erklren, ja Alles
aufrichtig zu sagen, was ich von der Erscheinung gehrt . . . . und mein
Schluwort dazu zusetzen oder anzubringen.

Und wie mich mein Weib versichert, so geschahe es. Josephine weinte blos,
oder schlang hchstens nur einmal ihre Arme um meinen Nacken -- aber die
Edle kte mich nicht! Doch -- um ein aufrichtiger Mann zu seyn -- ich
kte sie! Zum Erstenmal. Aber nicht zum Letzten. Und als Braut fhrte sie
der Brutigam -- meine Wenigkeit -- zu Tische.

Wie wenig essen Glckliche!

Aber wie viel trinkt ein armer erlster Pastor vortrefflichen Wein! Um ein
aufrichtiger Mann zu seyn, mu ich aber gestehen -- und jeder Eingang mit
dem Worte _gestehen_ taugt gewhnlich nicht viel -- ich schmte mich vor
meiner Tochter, wieder ein Weib zu nehmen, und ein so schnes, so junges,
und da es einmal so war, auch ein so reiches. Wenn meine Tochter
heirathete, so mute sie sich vor mir schmen -- da sie so liebte bis zum
Heirathen. Oder wir waren doch quitt. O, ein Vater hat in jeder Lage gar
viel zu denken, zu bedenken, zu beobachten. Doch meine Tochter sollte ja
gar nicht erfahren, da ich nur wieder heirathen knnte! So war ich heraus.
Aber dabei mut' ich nun bleiben.

So viele Monate, so schwere Zwischentage waren wir uns unter tausend
Zweifeln mit Josephinen doch gut gewesen -- hier zu Lande war kein
langweiliges, meist nur berfliges Aufgebot nthig, da keine Kirche, also
auch keine Kirchenordnung oder Litanei hier ist. Auf einem Spaziergang
gegen Abend lieen wir uns dem Geistlichen melden, denn meine Braut kam mir
garnicht mehr so voll vor, als da ich sie zum letztenmal gesehen. Und so
standen wir vor dem Geistlichen, gelobten uns Treue, gelobten uns: Glck
und Unglck mit einander zu ertragen, und der Mann hielt eine kurze Rede,
wie ich selber niemals eine zu halten im Stande gewesen -- so gerhrt war
er. Und als junger Mann und junge Frau wandelten wir nach Hause. Marien
aber lie ich sagen, ich wre in so liebe Gesellschaft gerathen, da ich
wohl vor Morgen frh nicht nach Hause kommen wrde. Dabei schickte ich aber
der guten Seele ein groes Krbchen mit allerhand vortrefflichen Speisen
und Wein, damit sie unbewut doch von meinem Hochzeitschmause koste.

Bis zum Morgen aber hatte sich meine liebe, kostbare Jungefrau
entschlossen, mit uns nach Europa zu gehn. Ich bat sehr, ob ich gleich
wute, wie gern sie ging, um aus einem Lande zu kommen, wo sie, so schn
und edel sie war, nur mit dem Schleier sich zeigen durfte -- ihrer
schimmernden Farbe wegen.

Als ich nach Hause kam, schlief meine Tochter, und ich kte sie, und bat
ihr unser Glck ab und meine liebende Tuschung. Ich aber konnte ja nun
wieder -- versteht sich ohne den rechten Namen -- von ihrer guten Mutter
reden. Ja, der folgenden Tage Einem fhrte ich Josephinen bei ihr ein --
als eine Gesellschafterin fr sie auf der schnen Herbstreise durch Ohio
nach Philadelphia, ja nach Europa.

Abends ging ich gewhnlich in die oben angefhrte so liebe Gesellschaft.
Und so hatte ich in diesen wieder glcklichen Tagen nur einen, aber hchst
bittern Verdru. Ich wollte doch das Merkwrdige von Cincinnati sehen. So
lasse ich mich in die gelehrte Gesellschaft einfhren, zu der auch, und
besonders die hiesigen Buchhndler gehren. Man mu meinen Namen Volkmar
mit: Volkhard verwechselt haben. Manche kommen und bedauern mich. Manche
drcken mir die Hnde. Einer fragt mich mitrauisch: wie ich aus meinem
19jhrigen Zuchthaus entkommen? Ein Andrer: was ich gedacht oder fr
Entschlsse gefat, als ich das Bildni habe um Vergebung anflehen mssen?
Andere wendeten mir den Rcken, oder sahen mich hhnisch, ja was noch
barbarischer war, sie sahen mich mitleidig an. Kurz, ehe es zu der Collecte
kam, die man fr meine arme, unschuldige Frau und Kinder sammeln und ihnen
schicken wollte, suchte ich zu entkommen. Denn meine nackte Versicherung,
da ich kein Buchhndler, am wenigsten ein Bayer sei, schlug bei den einmal
Verblendeten nicht an, und sie hielten mein Ablehnen fr Schaam, fr
falsche Schaam in Amerika. Durch diesen Vorfall erwachte aber -- in meiner
Weise, der mitleidigen, hlfreichen -- mein Heimweh bis zur Angst. Und ich
wand die Hnde.

Also nach einer schnen, glcklichen Reise durch das, reich angebaute,
unvergleichliche Ohio -- worin aber zwischen Urbana und Bixbie und zwischen
Chillicothe und Marietta noch ungeheurer Platz zu den gesegnetsten
Niederlassungen der Einwanderer harret -- waren wir im November endlich in
Philadelphia, und wohl logirt, denn meine Frau hatte unermeliches
Vermgen, ob ich gleich noch nicht darnach gefragt, und ich war der Herr
wiederum meiner Frau.

Sie ging mit mir voll Freuden zu nunmehr unsrem Sohne Gustav Adolph,
welchen, wie ich jetzt erfuhr, _sie_ in eine vortreffliche
Erziehungs-Anstalt hatte bringen lassen. Sie ging zuerst zu ihm hinein.
Aber das war vergebliche Vorsicht ihn auf den Vater vorzubereiten! Er kam
-- bei ihr vorbei, ber den Saal, auf die Treppe mir entgegen gestrzt, wo
er auf den hheren Stufen stehend, mich wie gleichgewachsen, so recht
umhalsen konnte. Aber er hatte ja mich, den Vater. Und so war sein erstes
Wort: Ist die Mutter drunten?

Vorbereitet auf diese Frage sagte ich ihm, da sie wieder nach Hause
gereiset sei, weil ihr lieber Sohn Marbod krank gelegen.

Das glaubte er. Denn er kannte ihre Vorliebe zu jenem Kinde. Und ach, so
blieb ihm die Mutter leben, lange, lange Jahre. Er frug aber nach der
Schwester Maria. Und so mute ich ihn unter Bitten und Bedrohungen
ermahnen, da er sage: die Mutter habe mir ihn selbst, den Gustav Adolph,
mit einem Freunde hierher nach Philadelphia nachgesandt, weil die Schwester
sonst ber die Mutter und den kranken Bruder sich grmen wrde. Was die
Mutter betraf, hatte ich die Wahrheit gesagt. Unter dieser mir von dem
folgsamen Knaben zugesagten Bedingung konnte ich der armen Tochter doch
eine Freude machen: den Bruder wiederzusehn. Auch mute sie das glauben,
denn auch ihr hatte ich in Vorrath gesagt, da ich meinen kleinen Sohn gern
nachgesandt htte, und deswegen nach Hause an die Mutter geschrieben. Und
so belohnte sich diese fromme List auf der Stelle. Denn Maria kam herauf,
und die Geschwister weinten reine Freudenthrnen.

Eines Abends darauf -- es mochte in Deutschland um die Zeit seyn, wo Tag
und Nacht mit einander ringen, nach Mitternacht -- kam meine heimliche Frau
zu uns in merkbarer Aufregung, und ladete uns zu einem Gang an den Hafen
ein, denn es wren Schiffe gekommen, die auslandeten. Wir gingen also.

Die Delawarabai wimmelte von Schiffen. Unmerklich aber fhrte uns Josephine
an einen Stapelplatz, wo Boot auf Boot voll Neger, Hundert zu Hunderten ans
Land gesetzt wurden. Negermtter saen schon auf der Erde, und hatten die
Kinder an der Brust, auf dem Schoo, oder um sich her. Junge und ltere
Mnner, alle neu gekleidet, gingen ab und zu und halfen den Ihrigen Seil
ziehen, Pcke tragen, alles in brderlicher, frhlicher Gemeinschaft. Auf
einmal trat meine Tochter bestrzt hinter mich. Ich wandte mich um. Sie
verbarg sich an meiner Brust. Sie war bla wie von Schnee; sie bebte wie
geschttertes Rohr. Was? Wer? Warum? frug ich. -- Ach, dort! sprach sie
und deutete unmerklich ber meine Achsel mit dem Zeigefinger. Ich sah
berall umher. So erblickte ich auch unter einigen Gruppen zwei einzeln
stehende Mnner, deren Einem, dem groen, schlanken in blauem berrock ich
nicht ins Gesicht sehen konnte; aber der Andere hatte es uns zugewandt --
es war Erwin. Nun wute ich Alles! Ich drckte ihr herzlich die Hand und
hie sie abwrts sehen. Aber die Mnner kamen beide im Gesprch auf uns zu.
Ich wich unmerklich aus, aber Erwin schien uns vermuthet, erkannt zu haben.
Und whrend wir alle die Augen zur Erde niedergeschlagen hielten, kamen sie
uns so nahe, da ich ihre Fuspitzen sahe. So blieben sie vor uns stehen.
Sie grten leicht und zuversichtlich -- und ich hatte die Ehre und das
Vergngen und die Erfahrung, an Erwin das Compliment eines getuschten
Tochtervaters zu machen oder zu schneiden, und ihm zu danken. Welches
Gesicht ich aber dazu gezogen oder geschnitten, kann ich als ein
aufrichtiger Mann nicht sagen; denn ich habe es nicht gesehen -- als im
Spiegel von Josephinens Antlitz, worauf es ganz roth aussah. Wie mute mir
aber erst werden, als Erwin nun so seine liebe Stimme vernehmen lie:

Ich sollte eigentlich recht bs seyn, und ich will auch nicht leugnen, da
ich im Kern der Seele, im Stolze, recht schwer, ja recht schwer beleidigt
war! Sehen Sie nur, General, sprach er zu seinem Begleiter, da hinter dem
Vater steht verschmt das Kind, das mir das Leben so schwer gemacht -- aber
mich zum freien Manne, und hoffentlich nun auch zum glcklichen . . . .

Er wollte Mariens Hand ergreifen, und wie sie sich ihm entzog, und um mich
herum schlpfen wollte -- ergriff er sie von der andern Seite und hielt sie
fest an der Hand. Und das ganze Mdchen zitterte.

Und mit seelenreiner, seelenfroher Stimme sprach er getrost zu ihr: Ehe
ich nicht frei war -- denn wer nur noch einen Schatten von einem Sclaven
hat, der ist selber ein Sclave -- eher schmte ich mich Dir mit einem Worte
zu nahen -- und Du, Du hast doch das Schweigen verstanden? Meine ich! Aber
jetzt, jetzt! Ich habe keinen Sclaven mehr! Bin ich nun Deiner werth? Nicht
wahr -- ein Amerikaner! . . . . und er sollte Sclaven haben . . . . nicht
wahr, das konnte die liebe Seele ja nicht ertragen! Wer wrde so ein Mann
als Mann gewesen seyn! Nicht wahr? Aber ich habe keinen Sclaven mehr, da
siehst Du sie alle umher! Du, mein edles Kind, Du hast sie frei gemacht --
und hast doch nur Einen Menschen recht geliebt. Und das hab' ich
verstanden! Das hab' ich geehrt.

Wohl, sehr wohl! Senator, sprach der General.

Wir andern alle weinten, und namentlich mir schnrte es heimlich ordentlich
die Kehle zu. Aber o Gott, der Blick, der jetzt aus meines Mdchens Augen
in ihres Freundes Augen strmte, der war wohl werth, da Du Menschen
geschaffen hast, Du allliebender Vater, da Du sie Sclaven werden lssest
und erlsest, durch Deine heilige Macht. Was htten die Menschen denn sonst
auf der Welt zu thun, als etwa alle ewig im Bett zu liegen -- wenn Alles
vollkommen wre! Das verhthe Gott, und hat es verhthet. So haben die
guten Menschen etwas vor, das Gute zu thun, und eine Freude, den Sieg ber
Irrthum und Blindheit der andern armen Menschen. -- Das war mein
innerliches Gebet. O ich war ja nun endlich ein glcklicher Tochtervater!
Und die Unglcklichen knnen nicht beten; denn Beten heit: Gott loben in
allen Dingen. So meine ich.

Die Sache freut mich! sprach der General. Sie geben ein Beispiel, und
ich danke Ihnen fr Viele, Senator.

Es geschieht nach meines Vaters Testament; sprach nach Gottes Willen nun
mein Schwiegersohn. Denn welcher Deutsche verge sein Vaterland! Das ist
uns keine Schande; denn Deutschland ist auch das Vaterhaus von England,
woraus unser Penn stammt. Thue ich was dazu, so geschieht es aus allerhand
Liebe und Ehrfurcht. -- Also mir keinen Dank, Prsident!

Gott's Wetter! htte ich bald laut gesagt, das ist der Prsident der ganzen
27 vereinigten Freistaaten! und ich hielt mir wirklich den Mund bescheiden
zu und sahe meine Tochter bedeutend an, deren Auge aber schon an dem Manne
hing, still, sanft, ehrfurchtsvoll, wie eines Kindes Auge, das zum
erstenmal den Engel, das Christkind sieht, und selber die eigene grere
Schwester in ihm nicht erkennt, ob es sich gleich ohne Maske zu ihm neigt
und mit unverstellter Stimme freundlich zu ihm spricht. Das blaue Band auf
ihrem Busen ging aber auf und nieder . . . so klopfte ihr Herz. Und ich
htte die golden untergehende Sonne fragen mgen, ob sie etwas Greres auf
ihrer weiten Bahn erblicke, als einen freien Vater freier Kinder.

. . . . . Und lieber Vater, sagte Erwin nun zu mir, die Neger gehen nach
Deutschland. --

Ich erschrak billig und unbillig.

Ich meine in die Schule, fuhr er fort, in die mein gewesenen zwanzig
Drfer der Freysingen; denn ich habe sie laut Testament den Menschen zur
Ausstattung mitgegeben. Die Gter der Einzelnen habe ich gekauft. Die
Schiffe bringen die Neger hin, und laden Ihre Gesellschaft her. Knftig
folgen Mehrere! Tausende! Sorgen Sie nur, da Sie dagegen 5000 Mnner
hersenden; denn so viele knnen gleich einen eigenen Staat grnden und sich
eine Verfassung geben, und schon Abgeordnete zum Congresse schicken. Das
Schlo der Freysingen, den Park und die Appendixe von Vorwerken aber
erlaube ich mir Ihnen anzubieten, lieber Vater!

Sie wollen also nicht bei uns bleiben? Wir haben die Deutschen so gern;
sagte mir der gegenwrtige Vater des Volks, Jeder, wie er will. Nur recht
fr sich und nicht unrecht fr Andere. Aber was haben Sie hier gesehen und
bemerkt?

Ich hatte aber das Herz auf einmal zu voll von der Heimath, oder sprach aus
Verwirrung: Was ich alles nicht gesehen? Sub fide pastorali: keinen
Majesttsverbrecher, keinen Censor, keinen Pfennig Steuer oder
Gewerbesteuer im ganzen Lande, keinen Hungrigen, keinen Faulen, keinen
Soldaten, keinen Adligen, keinen Erbitterten, der die Regierung strzen
will, keinen Bettler, keinen Krppel, keinen Executor, keinen sogenannten
Advokaten, keinen Theologen, ja nicht einmal einen Papst; schlo ich.

Es sollte aber noch rger kommen, denn er wiederholte: Nein, ich meine,
Was Sie hier bemerkt haben? -- Und ich sagte nun gar: Keine Kunst, keine
Cultur, keine Religion, -- oder Moral, wollte ich sagen! Aber ich konnte
gar nichts mehr sagen, und blieb rein stecken, roth wie begossen, denn ich
merkte meinen groben Fehler, oder meine fehlerhafte Grobheit -- aber mich
berkam ein furchtbarer, verzweifelter Muth, und ich setzte hinzu . . . um
ein aufrichtiger Mann zu seyn. Hier steh' ich, Gott helfe mir, Amen!

Der Volksvater legte die Hand an's Kinn. Erwin aber entgegnete mir, fein
lchelnd: Sehn Sie umher, lieber Vater! Es giebt ein groes Thier, dem der
Mensch nur Alles nachmachen kann, aber soll! Wo ist in diesem groen Thiere
Religion, als im Menschen? Im freien, im ausgebildeten Herzen des Menschen!
das bedenken Sie wohl. Aber liegt nicht eben darum die Sittlichkeit der
ganzen Natur zum Grunde, schwimmt sie nicht darauf, lebt sie nicht darin,
wie eine Wasserblume mit allen ihren Kelchen? So mu die Sittlichkeit auch
der Menschenschpfung, dem Staate zum Grunde liegen, aus ihr hingebreitet,
wie ein unsichtbares, aber festes Netz -- das Niemand fngt, der es nicht
sieht, nicht sehen will, oder nicht gewahren kann.

Ich hatte mich wieder gesammelt, und fing an zu hren, was ich hrte; und
hrte nun weiter: Da ist die Staatsgestalt die rechte, da ist die
Staatsgewalt die chte, wo sie nicht alle Gewalten selbst ist, sondern alle
ebenbrtigen Gewalten neben sich grade befrdert; alle Gewalten nmlich,
die keine Staatsgewalt weder hervorbringen, noch je vertilgen kann: die
Gewalt der Seele: die sittliche oder religise Gewalt, und die
patriarchalische, die vterliche, die hausvterliche Gewalt. Diese zwei
Gewalten mssen in jedem Menschen, in jedem Hause herrschen. Daran darf
nicht einmal ein Scherge klopfen -- also auch kein Priester. Es giebt also
Millionen Staatsgewalten im Lande, deren Ausdruck und Schutz blos die
sogenannte eingesetzte Staatsgewalt ist. Wo es so steht, da ist das wahre
Recht, die wahre Freiheit zu _Hause_, wahrhaft zu Hause, zu Kopfe, zu
Herzen! -- und somit denn im ganzen Lande, bei uns, meine ich. Und der
erste negative Staat wird wundersam der erste positive, den die Menschheit
aber ausfllen mu und darf und kann! meine ich.

Jetzt fielen Kanonenschsse von einem anlegenden Schiffe, und die Worte
wurden mir ordentlich eingedonnert.

Und was die Kunst betrifft? Ohne Wohlstand, berflu und Reichthum keine
Kunst? Wo wird sie also eher aufblhen oder eher auslschen, hben oder
drben? -- So frug ich mich selbst von Rom bis Bremen. Und glauben Sie,
gegen eingewurzelte, in Jahrhunderten begrndete Armuth sind Flei,
Ordnung, Recht, ja selber die endliche Freiheit vergebliche Mittel. Doch
unsere famose Geldaristokratie ist nur ein offenes, steigendes, sinkendes
Institut, das hier kein einziges Vorrecht gewhrt! Und wenn Viele im Lande
100,000 Dollar haben, was hindert das, da nicht Alle so viel erwerben und
haben? Was schadet das Haben der Andern Jedem, der nicht _vorreich_ seyn
will, sondern nur reich, _mitreich_! Denn das ist der erbrmliche
Unterschied, der den Reichthum dem Vorreichen wieder zu Armuth macht, und
dem Reichen den Reichthum zu Pein. Auch dieser Pein wird hier begegnet,
durch auseinander wohnende Menschen! Das Paradies mit Einer groen Stadt,
voll siebenstckiger Huser, wre auch ganz ohne Adam's und Eva's
Sndenfall dennoch zur Hlle geworden. Ich meine. Nur die Sonne sieht man
mit einem geschwrzten Glase an! Uns aber gar mit russischem Marienglas?
Doch sehen Sie nur dort die neuen Einwanderer, die da eben heraufsteigen --
o es giebt auch Augen fr uns! Indessen Sie sehen, es giebt Patrioten auch
hier, die unaufhrlich aufmerksam und unermdlich thtig das Volk das Gute
finden lassen!

Dabei lchelte er, gab mir eine Rolle Papier und sagte: Das ist die Magna
Charta fr Ihre Neger. Ich meine, sie werden den Frsten achten -- unsern
Freund, den Vater des lieben Leuthold; sie werden alle Gaben gern geben;
gern Soldat werden; nach keiner Prefreiheit fragen und so weiter; kurz,
folgsame, glckliche Deutsche seyn. Ich dchte aber, Sie tauften sie dieser
Morgen einen im noch einsamen Dmmer, gben ihnen Namen, trauten die lange
Verheiratheten und thten dergleichen Europisch Erforderlichen Alles. Bis
zur Abfahrt lernen sie auch noch Etwas -- das mssen sie wissen. Aber meine
Schwgerin Maria hat ihren guten Theil an dem Allen, mssen Sie wissen.
Werde nicht roth! Du aber, Maria, komm auch mit uns! Und der Vater! . . .

Ich aber hatte mit Erschrecken meinen Sohn Marbod mit der Baronesse
Freysingen unter den Gelandeten erkannt, war in einiger Hllenangst und
versprach nachzukommen! Sogleich! Und so ging denn meine Tochter, von Erwin
an der linken Hand gefhrt, und zu ihrer Linken von dem edlen, ernsten,
wohlwollenden Freunde ihres Freundes begleitet von hinnen, meine heimliche
Frau aber zur Rechten Erwins. Mir war wohl, mir war unvergleichlich zu
Muth. Denn meine Tochter sahe sich nach mir um, und ihre leuchtenden Augen
nickten mir unter dem schattigen Hute so glcklich zu! O es ist wohl werth,
edel zu denken und edel zu bleiben -- und dann erst recht werth, wenn man
dadurch _nicht_ glcklich wird -- wie mein armes Kind. Jetzt hatte sie
gewi Respect vor allen Amerikanern. Jetzt blieb sie hier!

Ich flog meinen Kindern entgegen. Wie froh waren sie, einen Vater zu
finden, und hier. O, wer kann das beschreiben! Denn um uns standen
Hunderte, die wie ein sonderbares, ganz eigenthmliches Geschlecht, ohne
Heimath wie die Fische, ohne Knig und Herrn wie die Vgel gleichsam als
Amphibien der Vor- und Nachwelt hier im Abendscheine standen, die noch
wankenden Kleinen an ihrer Hand! Aber auch fr sie war gesorgt. Nach den
ersten Umarmungen aber schon frug auch mein Sohn nach der Mutter. Und so
tuschte ich auch ihn, mit dem Wort, das nun gelten und stehen bleiben
konnte, als Wahrheit fr sie, so bald und so oft sich auch alle, jetzt und
spter, besprachen, da die Mutter von Neu-Orleans nach Hause gereiset sey
-- in unsrer Abwesenheit -- weil ihr Marbod krank gelegen. So sollte und
konnte nun auch Maria wissen.

So haben wir sie also verfehlt! die gute Mutter! sprachen sie bedauernd.
Aber, Vterchen, Du gehst ja heim. Und nun verschlang der Strom des
Lebens die Gedanken, die Todten und Lebenden, die Fernen, die Alten, die
heiligen Alten, die alte Welt -- Alles und Alle. Ich fhrte die
Angekommenen nach, zu Erwin und zu Maria, zu Josephinen -- und heut war
Amerika ein herrliches, heiliges Land.

Meine Lage war nun fr einen Pastor uerst lobenswerth, besonders, wenn
ich wieder in die vorgeschobene angenehme Gesellschaft ging. Ja, ich
bekam Amtsarbeit. Die Neger, wohl untergebracht, wohl unterrichtet im A. B.
C., wohl beaufsichtigt und versorgt durch Wilberforce und meinen ganz dick
gewordenen, fast majesttischen, langen, noblen, gutmthigen Tolera -- die
Neger kamen eines Morgens sehr frh (am 14ten November) zur Taufe. Die
katholischen Priester hatten ganze Schaaren Sdamerikaner mit der
Feuerspritze getauft, und dann mit Karttschen erschossen -- so _viele_
Kpfe zu taufen, so _viele_ Pathen zu stellen, war in der nthigen Krze
unmglich. Die Schwarzen lagen auf den Knieen. Der Morgen, von sonderbaren
Wolken umhangen, graute kaum. In die heilige Stille sprach ich einige Worte
zum Eingang. Da war es auf einmal, als wenn eine allmchtige Hand alle
Wolken vom Himmel weggerissen! Tausend Gestirne glnzten da droben
funkelnd, sprhend, Strahlen versendend, ausstrmend, wie goldnen,
brennenden, leuchtenden, langen Regen. Jetzt, jetzt rhren sich die
Gestirne am Firmament -- oder wanke ich? taumle ich? Aber nein! Was nie
geschah, und nie geschehen wird -- das ganze Firmament voll Gestirne zieht
rasch, wie auf entsetzlicher Eil durch das dunkelblaue Himmelsschwarz.
Alles wird licht auf der Erde! Die Meerbucht glnzt, die Bsche brennen,
die Nachtvgel strzen, wie betrogen von tausend Sonnen, zur Ruhe; ich
unterscheide die Bltter der Blumen zu meinen Fen, denn ich erblicke mit
Erstaunen meinen wie rasend um mich schwirrenden Schatten. Jetzt reit sich
ein Stern los, er strzt mit Gezisch und Gestrahl, mit Gedonner hernieder.
Zehn Sterne reien sich los, wie reife Frchte! Hundert Sterne strzen mit
Gezisch und Gestrahl hernieder! Tausend Gestirne, immer grer, wie
Feuerkugel-Lawinen, strzen und zischen und strahlen, und tausendfltiges
Donnergekrach strzt drber hernieder. Ich war blind, ich war taub, ich war
auer der Welt.

Es war geschehn. Es war ruhig, als wenn nichts geschehen. Es war
todtenstill, es war grabesfinster. Da standen die schwarzen Menschen auf,
beteten mich fast an, und dankten mir bebend vor Furcht, und klappten noch
mit den weien Zhnen, die in dem Nachtgraun schimmerten. Nun sind wir
getauft! riefen sie alle. Und: Ihr seyd getauft! sprach ich und segnete
ihren Ausgang und Eingang -- in Europa. Dann enteilten sie wie Geister.

Das war wieder einmal ein Wunder, sthnte ich. Und nach langem Betrachten
schlich ich nach Hause und verschlief den ganzen Tag. Mir trumte: Ich war
in einem brennenden Hause und fiel in Ohnmacht -- dann sprang ich auf und
lief fort. Der Traum war meine vllige Lehre oder Cur. Wenigstens hast Du
nun Deine Kinder und Kindeskinder beim sicheren Nachbar. So ergtzte ich
mich nun noch mit ihnen Allen.

Zum zeitigen heiteren Frhling kam unser Vetter Marfolk richtig. Da war
neue Freude. Meine Tochter, die ich mit Erwin getraut, in Gesellschaft der
zu trauenden verheiratheten Neger, kam von Washington zu unsrer Abreise.
Ich fuhr meinen anvertrauten Einwanderern voraus auf dem ersten
Dampfschiff. Der Morgen der Abreise kam. Erwin kam noch, und nach dem
Abschied flsterte er mir noch ein Wort in's Ohr: Wir bitten einander zu
Pathen! -- Er wute also, da ich ein Weib hatte -- und Wen! Ich legte als
Antwort den Finger ber die Lippen. Und er sagte leise: O gern! -- Ich
band ihm meine Einwanderer nach Indiana nochmals auf die Seele. -- Was soll
ich nun sagen, wie ich von Tochter und Shnen schied? O es war schwer. Aber
alle sagten hier, wie daheim mir wieder: Vterchen, Du kommst wieder! Oder
-- droheten sie -- wir kommen zu Dir! Und dennoch brach mir der Abschied
von meinem Hunde, dem Pudel Menschenfreund fast das Herz. Meine Tochter
wollte ihn behalten. Sie mute ihn fort-, zurckschleppen, den Strand
hinauf; da blieb er geduckt liegen und winselte. Ich mute noch von ihm
Abschied nehmen. Ich streichelte ihm den Rcken; ich sagte ihm:
Menschenfreund, sey verstndig! Ich lie ihn mir eine Pfote geben, und er
gab mir seine treue, sanfte Hundehand. Aber wie er mich dabei ansah! Was,
ja Wer in seinen dunkeln, bangen Augen so wehmthig heraussah, herausdrang!
O ich schmte mich! Kurz, warum bleibt der Hund im rmsten Hause -- wenn er
auch darin mager und elend wird? O, die Welt ist gut. Nur der Mensch taugt
nicht immer. Du bist ein gutes Thier, ein Menschenfreund! sagte ich ihm,
und er wedelte mit seinem feinwolligen Wedel.

Wir kamen ohne Gefhrde nach Hamburg. Diesmal in 14 Tagen! Ich konnte nun
also langsam fahren, und das that schon fast Noth, doch nicht meinetwegen.
Josephine war wie neugeboren. Und -- um ein aufrichtiger Mann zu seyn --
ich auch. O, es lebt nicht nur ein eigener Geist, meinetwegen ein erst so
gewordner in jedem Menschen. Jedes Haus im Lande, jede Familie, jedes Dorf,
jede Stadt hat einen eigenthmlichen Geist, _eine_ Stimme wie ein
Bienenstock, einen lieblichen Wiederhall, ein Verstndni all unsrer Worte,
unsrer Wnsche, unsrer Freuden und Leiden. Und der Geist in einem Lande --
der wre kein Geist? Der Jahrtausende Eingewohnte, das millionenfache Ich?
O, das ist das Vaterland! Und als ich Deutschland wiedersah, rief ich aus
voller Brust: Ja, es giebt ein Vaterland! Nur wer es noch nicht erkannt,
hchstens die Jugend wandere aus, und mache ihre Stimme wo drben zur neuen
Seele des Landes, der Berge, der Flsse, der Haine. Aber wer je wo geweint
hat, wie Mnner weinen, der bleibe, und hoffe Frucht von seinen Thrnen,
und Segen von seinem Seufzen. Denn Millionen weinen und seufzen mit ihm,
und wnschen und schaffen mit ihm, und sind stark und mild wie er, und
werden sich freuen wie er.

Ich kaufte vier englische Schimmel und einen prchtigen Wagen -- wenigstens
um nicht ausgelacht zu seyn. Denn am Strande in Amerika hatte ich einen
Mller gesehen, der bei schnen Mllerkenntnissen eine knstliche Mhle
dort bauen wollen und Mehl wie Kreide mahlen. Aber er hatte eine Handvoll
Amerikanisches Mehl in die Hand genommen -- wie Schnee und fein -- wie
Amerikanisches Mehl, und war fein still nach Hause gereiset.

In meiner Vaterstadt fuhr ich nun donnernd ber die Schlobrcke, in nun
mein Schlo. Ich sa kaum im Lehnstuhl, als es murmelte und trappelte auf
der Treppe und im Vorsaal. Selbst mein Caplan war darunter, denn ich hrte
ihn krhen. Aber ich bestellte ihn auf Morgen, denn meine Tochter war
verheirathet, und lie ihm nur sagen, seine sechs Muhmen htten sechs
reiche Kaufleute in Neu-Orleans; aber dort handelten auch die Geistlichen
sogar mit Wein, und die Doctoren predigten auch nach Gelegenheit. -- Schon
gut, schon gut, hrte ich ihn sagen.

Eine Freude aber, mute ich sogleich noch machen: Meiner guten, theuren
Gromutter! Ich ging zu ihr selbst hinber auf die Pfarre; denn sie hatte
nur gebeten, sie noch kurze Zeit in der Wohnung zu lassen. Sie wohnte aber
unten. Sie sahe mich, sie erkannte mich. Also Du hast ihn gefunden?
sprach sie. Nach einer langen Erzhlung gestand ich vorsichtig zu: Ja, er
ist gefunden! Er ist auf dem Schlosse. Er wird kommen. Aber mein Gott, sie
freute sich so -- da sie einschlief! -- Seliges Alter! Wer nicht alt wird,
ist kein Mensch gewesen. Es ist fast bermenschlich und hautschauernd, so
bermenschlich gefhllos, jetzt mit der Seele weg, jetzt da zu seyn! Jetzt
jung, jetzt alt! Jetzt schon im Paradies -- jetzt noch in der Kinderstube!
Ein alter Mensch ist wirklich Alles; ein Junger ist nur immer -- sein Tag,
seine Stunde. Ihr Enkel, der ihrem Sohne so hnlich sah, hatte auch sogar
heut wieder die Kleider angezogen, in welchen sein Vater der Mutter
entflohen war. Denn der Vater hatte sie treulich aufgehoben. So, in
altvterscher Tracht, aber jung und wirklich voll Schaam hier
hereinzutreten, trat er herein. Ich winke ihm, ruhig sich ihr gegenber zu
setzen, weil sie schlft. Nachdem er des armen Vaters gute Mutter sich
lange angesehen, schlft er selber noch mde ein. Ich gehe inde auf den
Thurm; ich fttre die Tauben; ich winke Josephinen mit dem Tuche. Mir ist
es wie ein Wunder, sie hier zu sehn. Wohl nach einer Stunde gehe ich wieder
in das Zimmer. Der junge Volkmar schlft noch. Die Gromutter scheint zu
schlafen. Aber ich sehe deutlich, -- sie ist munter gewesen! Sie hat sich
vorgeneigt -- sie hat ihn erblickt -- sie hat ihn erkannt: den Sohn! den
treulosen Sohn. Die kindische Seele hat ihn fr denselben gehalten -- so
ist sie sitzen geblieben -- -- aber gestorben, und ruhig und selig _todt_!
Und ich wiederholte meine Worte, jetzt aber mit fromm gefalteten Hnden:
Jetzt jung; jetzt alt; jetzt noch in der Kinderstube -- jetzt schon im
Paradies! O, es knnen nicht Alle wiederkehren, die hinber wandern! Schon
Ein verlorener Sohn zerreit der Mutter das Herz, da sie nicht sterben
kann. -- -- Und Ihr, Ihr tausend Shne des Vaterlandes! Wie knnt' es
selbst sterben ohne Euch? -- O, es giebt ein Vaterland! O seyd denn seine
Shne!

Ich wrde gar nicht geglaubt haben, weg, fort, so lange, so weit gewesen,
und wieder da zu seyn, wenn nicht meine Amerikanische Frau kam, so still,
so schn, so lieb, und lchelte, als sie die beiden Schlafenden sah. Viele
der neuen Auswanderer umringten jetzt das Haus; sie sahen durch die
Fenster; ich kannte die Gesichter. Ja Manche stimmten ein frhliches
Auswandrerlied an! Ihre Augen funkelten vor Freude! Und ich dachte: -- Was
kein Mensch erklren kann, das kann kein Mensch verhindern! Das ist nicht
menschlicher Sinn; das ist gttliche Macht! So mute ich sagen, um ein
aufrichtiger Mann zu seyn. Denn ich sahe mein Weib vor mir; und welchen
Schatz hatte ich da drben gefunden! Ist nicht die Schnheit der Welt da
drben? Und die Welt der Liebe? --

Die Sonne ging unter. Die Glocke im Thurme lutete ihr zu Grabe. Der
verlorene Sohn sprang auf von dem Hall und stand von dem Glanze geblendet.
Und selber die Kinder drauen nahmen schon vor dem Walten der Welt ihr
Htchen ab, und beteten, unter dem Schwirren der Schwalben, das Vaterunser.

_Breslau_, gedruckt bei _Leopold Freund_.




Anmerkungen zur Transkription


Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.





End of Project Gutenberg's Die Probefahrt nach Amerika, by Leopold Schefer

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE PROBEFAHRT NACH AMERIKA ***

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Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
