The Project Gutenberg EBook of Buddenbrooks, by Thomas Mann

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org


Title: Buddenbrooks
       Verfall einer Familie

Author: Thomas Mann

Release Date: January 1, 2011 [EBook #34811]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BUDDENBROOKS ***




Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net






  [ Anmerkungen zur Transkription:

    Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden bernommen;
    lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Listen der
    vorgenommenen nderungen sowie der beibehaltenen inkonsistenten
    Schreibweisen finden sich am Ende des Textes.

    Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert.
    Im Original in Antiqua gedruckter Text wurde mit _ markiert.
  ]




                       THOMAS MANN + BUDDENBROOKS




                              THOMAS MANN

                              Buddenbrooks

                                Verfall
                                 einer
                                Familie


                       DEUTSCHE BUCH-GEMEINSCHAFT
                                  GMBH

                                 Berlin




             Mit Genehmigung von S. Fischer Verlag, Berlin

              Copyright 1909 by S. Fischer Verlag, Berlin

                        Alle Rechte vorbehalten




                              Buddenbrooks




Erster Teil


Erstes Kapitel

Was ist das. -- Was -- ist das...

Je, den Dwel ook, _c'est la question, ma trs chre demoiselle_!

Die Konsulin Buddenbrook, neben ihrer Schwiegermutter auf dem
geradlinigen, wei lackierten und mit einem goldenen Lwenkopf
verzierten Sofa, dessen Polster hellgelb berzogen waren, warf einen
Blick auf ihren Gatten, der in einem Armsessel bei ihr sa, und kam
ihrer kleinen Tochter zu Hilfe, die der Grovater am Fenster auf den
Knien hielt.

Tony! sagte sie, ich glaube, da mich Gott--

Und die kleine Antonie, achtjhrig und zartgebaut, in einem Kleidchen
aus ganz leichter changierender Seide, den hbschen Blondkopf ein wenig
vom Gesichte des Grovaters abgewandt, blickte aus ihren graublauen
Augen angestrengt nachdenkend und ohne etwas zu sehen ins Zimmer hinein,
wiederholte noch einmal: Was ist das, sprach darauf langsam: Ich
glaube, da mich Gott, fgte, whrend ihr Gesicht sich aufklrte, rasch
hinzu: --geschaffen hat samt allen Kreaturen, war pltzlich auf
glatte Bahn geraten und schnurrte nun, glckstrahlend und unaufhaltsam,
den ganzen Artikel daher, getreu nach dem Katechismus, wie er soeben,
_anno_ 1835, unter Genehmigung eines hohen und wohlweisen Senates, neu
revidiert herausgegeben war. Wenn man im Gange war, dachte sie, war es
ein Gefhl, wie wenn man im Winter auf dem kleinen Handschlitten mit den
Brdern den Jerusalemsberg hinunterfuhr: es vergingen einem geradezu
die Gedanken dabei, und man konnte nicht einhalten, wenn man auch
wollte.

Dazu Kleider und Schuhe, sprach sie, Essen und Trinken, Haus und Hof,
Weib und Kind, Acker und Vieh... Bei diesen Worten aber brach der
alte M. Johann Buddenbrook einfach in Gelchter aus, in sein helles,
verkniffenes Kichern, das er heimlich in Bereitschaft gehalten hatte. Er
lachte vor Vergngen, sich ber den Katechismus mokieren zu knnen, und
hatte wahrscheinlich nur zu diesem Zwecke das kleine Examen vorgenommen.
Er erkundigte sich nach Tonys Acker und Vieh, fragte, wieviel sie fr
den Sack Weizen nhme und erbot sich, Geschfte mit ihr zu machen. Sein
rundes, rosig berhauchtes und wohlmeinendes Gesicht, dem er beim besten
Willen keinen Ausdruck von Bosheit zu geben vermochte, wurde von
schneewei gepudertem Haar eingerahmt, und etwas wie ein ganz leise
angedeutetes Zpflein fiel auf den breiten Kragen seines mausgrauen
Rockes hinab. Er war, mit seinen siebenzig Jahren, der Mode seiner
Jugend nicht untreu geworden; nur auf den Tressenbesatz zwischen den
Knpfen und den groen Taschen hatte er verzichtet, aber niemals im
Leben hatte er lange Beinkleider getragen. Sein Kinn ruhte breit,
doppelt und mit einem Ausdruck von Behaglichkeit auf dem weien
Spitzen-Jabot.

Alle hatten in sein Lachen eingestimmt, hauptschlich aus Ehrerbietung
gegen das Familienoberhaupt. Mme. Antoinette Buddenbrook, geborene
Duchamps, kicherte in genau derselben Weise wie ihr Gatte. Sie war eine
korpulente Dame mit dicken, weien Locken ber den Ohren, einem schwarz
und hellgrau gestreiften Kleide ohne Schmuck, das Einfachheit und
Bescheidenheit verriet, und mit noch immer schnen und weien Hnden, in
denen sie einen kleinen, sammetnen Pompadour auf dem Schoe hielt. Ihre
Gesichtszge waren im Laufe der Jahre auf wunderliche Weise denjenigen
ihres Gatten hnlich geworden. Nur der Schnitt und die lebhafte Dunkelheit
ihrer Augen redeten ein wenig von ihrer halb romanischen Herkunft; sie
stammte grovterlicherseits aus einer franzsisch-schweizerischen
Familie und war eine geborene Hamburgerin.

Ihre Schwiegertochter, die Konsulin Elisabeth Buddenbrook, eine geborene
Krger, lachte das Krgersche Lachen, das mit einem pruschenden
Lippenlaut begann, und bei dem sie das Kinn auf die Brust drckte. Sie
war, wie alle Krgers, eine uerst elegante Erscheinung, und war sie
auch keine Schnheit zu nennen, so gab sie doch mit ihrer hellen und
besonnenen Stimme, ihren ruhigen, sicheren und sanften Bewegungen aller
Welt ein Gefhl von Klarheit und Vertrauen. Ihrem rtlichen Haar, das
auf der Hhe des Kopfes zu einer kleinen Krone gewunden und in breiten
knstlichen Locken ber die Ohren frisiert war, entsprach ein
auerordentlich zartweier Teint mit vereinzelten kleinen
Sommersprossen. Das Charakteristische an ihrem Gesicht mit der etwas zu
langen Nase und dem kleinen Munde war, da zwischen Unterlippe und Kinn
sich durchaus keine Vertiefung befand. Ihr kurzes Mieder mit
hochgepufften rmeln, an das sich ein enger Rock aus duftiger,
hellgeblmter Seide schlo, lie einen Hals von vollendeter Schnheit
frei, geschmckt mit einem Atlasband, an dem eine Komposition von groen
Brillanten flimmerte.

Der Konsul beugte sich mit einer etwas nervsen Bewegung im Sessel
vornber. Er trug einen zimmetfarbenen Rock mit breiten Aufschlgen und
keulenfrmigen rmeln, die sich erst unterhalb des Gelenkes eng um die
Hand schlossen. Seine anschlieenden Beinkleider bestanden aus einem
weien, waschbaren Stoff und waren an den Auenseiten mit schwarzen
Streifen versehen. Um die steifen Vatermrder, in die sich sein Kinn
schmiegte, war die seidene Krawatte geschlungen, die dick und breit den
ganzen Ausschnitt der buntfarbigen Weste ausfllte ... Er hatte die ein
wenig tief liegenden, blauen und aufmerksamen Augen seines Vaters, wenn
ihr Ausdruck auch vielleicht trumerischer war; aber seine Gesichtszge
waren ernster und schrfer, seine Nase sprang stark und gebogen hervor,
und die Wangen, bis zu deren Mitte blonde, lockige Bartstreifen liefen,
waren viel weniger voll als die des Alten.

Madame Buddenbrook wandte sich an ihre Schwiegertochter, drckte mit
einer Hand ihren Arm, sah ihr kichernd in den Scho und sagte:

Immer der nmliche, _mon vieux_, Bethsy...? Immer sprach sie wie
mmer aus.

Die Konsulin drohte nur schweigend mit ihrer zarten Hand, so da ihr
goldenes Armband leise klirrte; und dann vollfhrte sie eine ihr
eigentmliche Handbewegung vom Mundwinkel zur Frisur hinauf, als ob sie
ein loses Haar zurckstriche, das sich dorthin verirrt hatte.

Der Konsul aber sagte mit einem Gemisch von entgegenkommendem Lcheln
und Vorwurf in der Stimme:

Aber Vater, Sie belustigen sich wieder einmal ber das Heiligste!...

Man sa im Landschaftszimmer, im ersten Stockwerk des weitlufigen
alten Hauses in der Mengstrae, das die Firma Johann Buddenbrook vor
einiger Zeit kuflich erworben hatte und das die Familie noch nicht
lange bewohnte. Die starken und elastischen Tapeten, die von den Mauern
durch einen leeren Raum getrennt waren, zeigten umfangreiche
Landschaften, zartfarbig wie der dnne Teppich, der den Fuboden
bedeckte, Idylle im Geschmack des 18. Jahrhunderts, mit frhlichen
Winzern, emsigen Ackersleuten, nett bebnderten Schferinnen, die
reinliche Lmmer am Rande spiegelnden Wassers im Schoe hielten oder
sich mit zrtlichen Schfern kten ... Ein gelblicher Sonnenuntergang
herrschte meistens auf diesen Bildern, mit dem der gelbe berzug der
wei lackierten Mbel und die gelbseidenen Gardinen vor den beiden
Fenstern bereinstimmten.

Im Verhltnis zu der Gre des Zimmers waren die Mbel nicht zahlreich.
Der runde Tisch mit den dnnen, geraden und leicht mit Gold
ornamentierten Beinen stand nicht vor dem Sofa, sondern an der
entgegengesetzten Wand, dem kleinen Harmonium gegenber, auf dessen
Deckel ein Fltenbehlter lag. Auer den regelmig an den Wnden
verteilten, steifen Armsthlen gab es nur noch einen kleinen Nhtisch am
Fenster, und, dem Sofa gegenber, einen zerbrechlichen Luxus-Sekretr,
bedeckt mit Nippes.

Durch eine Glastr, den Fenstern gegenber, blickte man in das
Halbdunkel einer Sulenhalle hinaus, whrend sich linker Hand vom
Eintretenden die hohe, weie Flgeltr zum Speisesaale befand. An der
anderen Wand aber knisterte, in einer halbkreisfrmigen Nische und
hinter einer kunstvoll durchbrochenen Tr aus blankem Schmiedeeisen, der
Ofen.

Denn es war frhzeitig kalt geworden. Drauen, jenseits der Strae, war
schon jetzt, um die Mitte des Oktober, das Laub der kleinen Linden
vergilbt, die den Marienkirchhof umstanden, um die mchtigen gotischen
Ecken und Winkel der Kirche pfiff der Wind, und ein feiner, kalter
Regen ging hernieder. Madame Buddenbrook, der lteren, zuliebe hatte man
die doppelten Fenster schon eingesetzt.

Es war Donnerstag, der Tag, an dem ordnungsmig jede zweite Woche die
Familie zusammenkam; heute aber hatte man, auer den in der Stadt
ansssigen Familiengliedern, auch ein paar gute Hausfreunde auf ein ganz
einfaches Mittagbrot gebeten, und man sa nun, gegen vier Uhr
nachmittags, in der sinkenden Dmmerung und erwartete die Gste...

Die kleine Antonie hatte sich in ihrer Schlittenfahrt durch den
Grovater nicht stren lassen, sondern hatte nur schmollend die immer
ein bichen hervorstehende Oberlippe noch weiter ber die untere
geschoben. Jetzt war sie am Fue des Jerusalemsberges angelangt; aber
unfhig, der glatten Fahrt pltzlich Einhalt zu tun, scho sie noch ein
Stck ber das Ziel hinaus...

Amen, sagte sie, ich wei was, Grovater!

_Tiens!_ Sie wei was! rief der alte Herr und tat, als ob ihn die
Neugier im ganzen Krper plage. Hast du gehrt, Mama? Sie wei was!
Kann mir denn niemand sagen...

Wenn es ein warmer Schlag ist, sprach Tony und nickte bei jedem Wort
mit dem Kopfe, so schlgt der Blitz ein. Wenn es aber ein kalter Schlag
ist, so schlgt der Donner ein!

Hierauf kreuzte sie die Arme und blickte in die lachenden Gesichter wie
jemand, der seines Erfolges sicher ist. Herr Buddenbrook aber war bse
auf diese Weisheit, er verlangte durchaus zu wissen, wer dem Kinde diese
Stupiditt beigebracht habe, und als sich ergab, Ida Jungmann, die
krzlich fr die Kleinen engagierte Mamsell aus Marienwerder, sei es
gewesen, mute der Konsul diese Ida in Schutz nehmen.

Sie sind zu streng, Papa. Warum sollte man in diesem Alter ber
dergleichen Dinge nicht seine eigenen wunderlichen Vorstellungen haben
drfen...

_Excusez, mon cher!... Mais c'est une folie!_ Du weit, da solche
Verdunkelung der Kinderkpfe mir verdrlich ist! Wat, de Dunner sleit
in? Da sall doch gliek de Dunner inslahn! Geht mir mit eurer
Preuin...

Die Sache war die, da der alte Herr auf Ida Jungmann nicht zum besten
zu sprechen war. Er war kein beschrnkter Kopf. Er hatte ein Stck von
der Welt gesehen, war _anno_ 13 vierspnnig nach Sddeutschland
gefahren, um als Heereslieferant fr Preuen Getreide aufzukaufen, war
in Amsterdam und Paris gewesen und hielt, ein aufgeklrter Mann, bei
Gott nicht alles fr verurteilenswrdig, was auerhalb der Tore seiner
giebeligen Vaterstadt lag. Abgesehen vom geschftlichen Verkehr aber, in
gesellschaftlicher Beziehung, war er mehr als sein Sohn, der Konsul,
geneigt, strenge Grenzen zu ziehen und Fremden ablehnend zu begegnen.
Als daher eines Tages seine Kinder von einer Reise nach Westpreuen dies
junge Mdchen -- sie war erst jetzt zwanzig Jahre alt -- als eine Art
Jesuskind mit sich ins Haus gebracht hatten, eine Waise, die Tochter
eines unmittelbar vor Ankunft der Buddenbrooks in Marienwerder
verstorbenen Gasthofsbesitzers, da hatte der Konsul fr diesen frommen
Streich einen Auftritt mit seinem Vater zu bestehen gehabt, bei dem der
alte Herr fast nur Franzsisch und Plattdeutsch sprach ... brigens
hatte Ida Jungmann sich als tchtig im Hausstande und im Verkehr mit den
Kindern erwiesen und eignete sich mit ihrer Loyalitt und ihren
preuischen Rangbegriffen im Grunde aufs beste fr ihre Stellung in
diesem Hause. Sie war eine Person von aristokratischen Grundstzen, die
haarscharf zwischen ersten und zweiten Kreisen, zwischen Mittelstand und
geringerem Mittelstand unterschied, sie war stolz darauf, als ergebene
Dienerin den ersten Kreisen anzugehren und sah es ungern, wenn Tony
sich etwa mit einer Schulkameradin befreundete, die nach Mamsell
Jungmanns Schtzung nur dem guten Mittelstande zuzurechnen war...

In diesem Augenblick ward die Preuin selbst in der Sulenhalle sichtbar
und trat durch die Glastr ein: ein ziemlich groes, knochig gebautes
Mdchen in schwarzem Kleide, mit glattem Haar und einem ehrlichen
Gesicht. Sie fhrte die kleine Klothilde an der Hand, ein
auerordentlich mageres Kind in geblmtem Kattunkleidchen, mit
glanzlosem, aschigem Haar und stiller Altjungfernmiene. Sie stammte aus
einer vllig besitzlosen Nebenlinie, war die Tochter eines bei Rostock
als Gutsinspektor ansssigen Neffen des alten Herrn Buddenbrook und
ward, weil sie gleichaltrig mit Antonie und ein williges Geschpf war,
hier im Hause erzogen.

Es ist alles bereit, sagte Mamsell Jungmann und schnurrte das _r_ in
der Kehle, denn sie hatte es ursprnglich berhaupt nicht aussprechen
knnen. Klothildchen hat tcht'g geholfen in der Kche, Trina hat fast
nichts zu tun brauchen...

M. Buddenbrook schmunzelte spttisch in sein Jabot ber Idas fremdartige
Aussprache; der Konsul aber streichelte seiner kleinen Nichte die Wange
und sagte:

So ist es recht, Thilda. Bete und arbeite, heit es. Unsere Tony sollte
sich ein Beispiel daran nehmen. Sie neigt nur allzuoft zu Miggang und
bermut...

Tony lie den Kopf hngen und blickte von unten herauf den Grovater an,
denn sie wute wohl, da er sie, wie gewhnlich, verteidigen werde.

Nein, nein, sagte er, Kopf hoch, Tony, _courage_! Eines schickt sich
nicht fr alle. Jeder nach seiner Art. Thilda ist brav, aber wir sind
auch nicht zu verachten. Spreche ich _raisonnable_, Bethsy?

Er wandte sich an seine Schwiegertochter, die seinem Geschmacke
beizupflichten pflegte, whrend Mme. Antoinette, mehr aus Klugheit wohl
denn aus berzeugung, meistens die Partei des Konsuls nahm. So reichten
sich die beiden Generationen, im _chassez croisez_ gleichsam, die Hnde.

Sie sind sehr gut, Papa, sagte die Konsulin. Tony wird sich bemhen,
eine kluge und tchtige Frau zu werden ... Sind die Knaben aus der
Schule gekommen? fragte sie Ida.

Aber Tony, die vom Knie des Grovaters aus in den Spion durchs Fenster
sah, rief fast gleichzeitig:

Tom und Christian kommen die Johannisstrae herauf ... und Herr
Hoffstede ... und Onkel Doktor...

Das Glockenspiel von St. Marien setzte mit einem Chorale ein: pang!
ping, ping -- pung! ziemlich taktlos, so da man nicht recht zu erkennen
vermochte, was es eigentlich sein sollte, aber doch voll Feierlichkeit,
und whrend dann die kleine und die groe Glocke frhlich und wrdevoll
erzhlten, da es vier Uhr sei, schallte auch drunten die Glocke der
Windfangtr gellend ber die groe Diele, worauf es in der Tat Tom und
Christian waren, die ankamen, zusammen mit den ersten Gsten, mit Jean
Jacques Hoffstede, dem Dichter, und Doktor Grabow, dem Hausarzt.


Zweites Kapitel

Herr Jean Jacques Hoffstede, der Poet der Stadt, der sicherlich auch fr
den heutigen Tag ein paar Reime in der Tasche hatte, war nicht viel
jnger als Johann Buddenbrook, der ltere, und abgesehen von der grnen
Farbe seines Leibrockes, in demselben Geschmack gekleidet. Aber er war
dnner und beweglicher als sein alter Freund und besa kleine, flinke,
grnliche Augen und eine lange, spitze Nase.

Besten Dank, sagte er, nachdem er den Herren die Hnde geschttelt und
vor den Damen -- im besonderen vor der Konsulin, die er auerordentlich
verehrte -- ein paar seiner ausgesuchtesten _compliments_ vollfhrt
hatte, _compliments_, wie die neue Generation sie schlechterdings nicht
mehr zustande brachte, und die von einem angenehm stillen und
verbindlichen Lcheln begleitet waren. Besten Dank fr die freundliche
Einladung, meine Hochverehrten. Diese beiden jungen Leute, und er wies
auf Tom und Christian, die in blauen Kitteln mit Ledergrteln bei ihm
standen, haben wir in der Knigstrae getroffen, der Doktor und ich,
als sie von ihren Studien kamen. Prchtige Bursche -- Frau Konsulin?
Thomas, das ist ein solider und ernster Kopf; er mu Kaufmann werden,
darber besteht kein Zweifel. Christian dagegen scheint mir ein wenig
Tausendsassa zu sein, wie? ein wenig _Incroyable_ ... Allein ich
verhehle nicht mein _engouement_. Er wird studieren, dnkt mich; er ist
witzig und brillant veranlagt...

Herr Buddenbrook bediente sich seiner goldenen Tabaksdose.

'n Aap is hei! Soll er nicht gleich Dichter werden, Hoffstede?

Mamsell Jungmann steckte die Fenstervorhnge bereinander, und bald lag
das Zimmer in dem etwas unruhigen, aber diskreten und angenehmen Licht
der Kerzen des Kristallkronleuchters und der Armleuchter, die auf dem
Sekretr standen.

Nun, Christian, sagte die Konsulin, deren Haar goldig aufleuchtete,
was hast du heute nachmittag gelernt? Und es ergab sich, da Christian
Schreiben, Rechnen und Singen gehabt hatte.

Er war ein Brschchen von sieben Jahren, das schon jetzt in beinahe
lcherlicher Weise seinem Vater hnlich war. Es waren die gleichen,
ziemlich kleinen, runden und tiefliegenden Augen, die gleiche stark
hervorspringende und gebogene Nase war schon erkenntlich, und unterhalb
der Wangenknochen deuteten bereits ein paar Linien darauf hin, da die
Gesichtsform nicht immer die jetzige kindliche Flle behalten werde.

Wir haben furchtbar gelacht, fing er an zu plappern, whrend seine
Augen im Zimmer von einem zum anderen gingen. Pat mal auf, was Herr
Stengel zu Siegmund Kstermann gesagt hat. Er beugte sich vor,
schttelte den Kopf und redete eindringlich in die Luft hinein:
uerlich, mein gutes Kind, uerlich bist du glatt und geleckt, ja,
aber innerlich, mein gutes Kind, da bist du schwarz... Und dies sagte
er unter Weglassung des r und indem er schwarz wie swrz aussprach
-- mit einem Gesicht, in dem sich der Unwille ber diese ueliche
Gltte und Gelecktheit mit einer so berzeugenden Komik malte, da alles
in Gelchter ausbrach.

'n Aap is hei! wiederholte der alte Buddenbrook kichernd. Herr
Hoffstede aber war auer sich vor Entzcken.

Charmant! rief er. Unbertrefflich! Man mu Marcellus Stengel kennen!
Akkurat so! Nein, das ist gar zu kstlich!

Thomas, dem solche Begabung abging, stand neben seinem jngeren Bruder
und lachte neidlos und herzlich. Seine Zhne waren nicht besonders
schn, sondern klein und gelblich. Aber seine Nase war auffallend fein
geschnitten, und er hnelte in den Augen und in der Gesichtsform stark
seinem Grovater.

Man hatte zum Teil auf den Sthlen und dem Sofa Platz genommen, man
plauderte mit den Kindern, sprach ber die frhe Klte, das Haus ...
Herr Hoffstede bewunderte am Sekretr ein prachtvolles Tintenfa aus
Sevres-Porzellan in Gestalt eines schwarzgefleckten Jagdhundes. Doktor
Grabow aber, ein Mann vom Alter des Konsuls, zwischen dessen sprlichem
Backenbart ein langes, gutes und mildes Gesicht lchelte, betrachtete
die Kuchen, Korinthenbrote und verschiedenartigen gefllten Salzfchen,
die auf dem Tische zur Schau gestellt waren. Es war das Salz und Brot,
das der Familie von Verwandten und Freunden zum Wohnungswechsel
bersandt worden war. Da man aber sehen sollte, da die Gabe nicht aus
geringen Husern komme, bestand das Brot in sem, gewrztem und
schwerem Gebck und war das Salz von massivem Golde umschlossen.

Ich werde wohl zu tun bekommen, sagte der Doktor, indem er auf die
Sigkeiten wies und den Kindern drohte. Dann hob er mit wiegendem Kopf
ein gediegenes Gert fr Salz, Pfeffer und Senf empor.

Von Lebrecht Krger, sagte M. Buddenbrook schmunzelnd. Immer koulant,
mein lieber Herr Verwandter. Ich habe ihm dergleichen nicht spendiert,
als er sich sein Gartenhaus vorm Burgtor gebaut hatte. Aber so war er
immer ... nobel! spendabel! ein _ la mode_-Kavalier...

Mehrmals hatte die Glocke durchs ganze Haus gegellt. Pastor Wunderlich
langte an, ein untersetzter alter Herr in langem, schwarzem Rock, mit
gepudertem Haar und einem weien, behaglich lustigen Gesicht, in dem ein
Paar grauer, munterer Augen blinzelten. Er war seit vielen Jahren Witwer
und rechnete sich zu den Junggesellen aus der alten Zeit, wie der lange
Makler, Herr Grtjens, der mit ihm kam und bestndig eine seiner hageren
Hnde nach Art eines Fernrohrs zusammengerollt vors Auge hielt, als
prfe er ein Gemlde; er war ein allgemein anerkannter Kunstkenner.

Auch Senator Doktor Langhals nebst Frau kamen an, langjhrige Freunde
des Hauses, -- nicht zu vergessen den Weinhndler Kppen mit dem groen,
dunkelroten Gesicht, das zwischen den hochgepolsterten rmeln sa, und
seine gleichfalls so sehr beleibte Gattin...

Es war schon nach halb fnf Uhr, als schlielich die Krgers eintrafen,
die Alten sowohl wie ihre Kinder, Konsul Krgers mit ihren Shnen Jakob
und Jrgen, die im Alter von Tom und Christian standen. Und fast
gleichzeitig mit ihnen kamen auch die Eltern der Konsulin Krger,
Holzgrohndler Oeverdieck nebst Frau, ein altes, zrtliches Ehepaar,
das sich vor aller Ohren mit den brutlichsten Kosenamen zu benennen
pflegte.

Feine Leute kommen spt, sagte Konsul Buddenbrook und kte seiner
Schwiegermutter die Hand.

wer denn ook gliek dchtig! und Johann Buddenbrook machte eine weite
Armbewegung ber die Krgersche Verwandtschaft hin, indem er dem Alten
die Hand schttelte...

Lebrecht Krger, der _ la mode_-Kavalier, eine groe, distinguierte
Erscheinung, trug noch leicht gepudertes Haar, war aber modisch
gekleidet. An seiner Sammetweste blitzten zwei Reihen von
Edelsteinknpfen. Justus, sein Sohn, mit kleinem Backenbart und spitz
emporgedrehtem Schnurrbart, hnelte, was Figur und Benehmen anbetraf,
stark seinem Vater; auch ber die nmlichen runden und eleganten
Handbewegungen verfgte er.

Man setzte sich gar nicht erst, sondern stand, in Erwartung der
Hauptsache, in einem vorlufigen und nachlssigen Gesprch beieinander.
Und Johann Buddenbrook, der ltere, bot auch schon Madame Kppen seinen
Arm, indem er mit vernehmlicher Stimme sagte:

Na, wenn wir alle Appetit haben, _mesdames et messieurs_...

Mamsell Jungmann und das Folgmdchen hatten die weie Flgeltr zum
Speisesaal geffnet, und langsam, in zuversichtlicher Gemchlichkeit,
bewegte sich die Gesellschaft hinber; man konnte eines nahrhaften
Bissens gewrtig sein bei Buddenbrooks...


Drittes Kapitel

Der jngere Hausherr hatte, als der allgemeine Aufbruch begann, mit der
Hand nach der linken Brustseite gegriffen, wo ein Papier knisterte, das
gesellschaftliche Lcheln war pltzlich von seinem Gesicht verschwunden,
um einem gespannten und besorgten Ausdruck Platz zu machen, und an
seinen Schlfen spielten, als ob er die Zhne aufeinander bisse, ein
paar Muskeln. Nur zum Schein machte er einige Schritte dem Speisesaale
zu, dann aber hielt er sich zurck und suchte mit den Augen seine
Mutter, die als eine der letzten, an der Seite Pastor Wunderlichs, die
Schwelle berschreiten wollte.

Pardon, lieber Herr Pastor ... Auf zwei Worte, Mama! Und whrend der
Pastor ihm munter zunickte, ntigte Konsul Buddenbrook die alte Dame ins
Landschaftszimmer zurck und zum Fenster.

Es ist, um kurz zu sein, ein Brief von Gotthold gekommen, sagte er
rasch und leise, indem er in ihre fragenden, dunklen Augen sah und das
gefaltete und versiegelte Papier aus der Tasche zog. Das ist seine
Handschrift ... Es ist das dritte Schreiben, und nur das erste hat Papa
ihm beantwortet ... Was machen? Es ist schon um zwei Uhr angekommen, und
ich htte es dem Vater lngst einhndigen mssen, aber sollte ich ihm
heute die Stimmung verderben? Was sagen Sie? Es ist immer noch Zeit, ihn
herauszubitten...

Nein, du hast recht, Jean, warte damit! sagte Madame Buddenbrook und
erfate nach ihrer Gewohnheit mit einer schnellen Bewegung den Arm ihres
Sohnes. Was soll darin stehen! fgte sie bekmmert hinzu. Er gibt
nicht nach, der Junge. Er kapriziert sich auf diese Entschdigungssumme
fr den Anteil am Hause ... Nein, nein, Jean, noch nicht jetzt ... Heute
abend vielleicht, vorm Zubettegehen...

Was tun? wiederholte der Konsul, indem er den gesenkten Kopf
schttelte. Ich selbst habe Papa oft genug bitten wollen, nachzugeben
... Es soll nicht aussehen, als ob ich, der Stiefbruder, mich bei den
Eltern eingenistet htte und gegen Gotthold intrigierte ... auch dem
Vater gegenber mu ich den Anschein dieser Rolle vermeiden. Aber wenn
ich ehrlich sein soll ... ich bin schlielich Associ. Und dann bezahlen
Bethsy und ich vorlufig eine ganz normale Miete fr den zweiten Stock
... Was meine Schwester in Frankfurt betrifft, nun, so ist die Sache
arrangiert. Ihr Mann bekommt schon jetzt, bei Papas Lebzeiten, eine
Abstandssumme, ein Viertel blo von der Hauskaufsumme ... Das ist ein
vorteilhaftes Geschft, das Papa sehr glatt und gut erledigt hat, und
das im Sinne der Firma hchst erfreulich ist. Und wenn Papa sich
Gotthold gegenber so ganz abweisend verhlt, so ist das...

Nein, Unsinn, Jean, dein Verhltnis zur Sache ist doch wohl klar. Aber
Gotthold glaubt, da ich, seine Stiefmutter, nur fr meine eigenen
Kinder sorge und ihm seinen Vater geflissentlich entfremde. Das ist das
Traurige...

Aber es ist seine Schuld! rief der Konsul beinahe laut und migte
dann seine Stimme mit einem Blick nach dem Speisesaal. Es ist seine
Schuld, dies traurige Verhltnis! Urteilen Sie selbst! Warum konnte er
nicht vernnftig sein! Warum mute er diese Demoiselle Stwing heiraten
und den ... Laden... Der Konsul lachte rgerlich und verlegen bei
diesem Worte. Es ist eine Schwche, Vaters Widerwille gegen den Laden;
aber Gotthold htte diese kleine Eitelkeit respektieren mssen...

Ach, Jean, das beste wre, Papa gbe nach!

Aber kann ich denn dazu raten? flsterte der Konsul mit einer erregten
Handbewegung nach der Stirn. Ich bin persnlich interessiert, und
deshalb mte ich sagen: Vater, bezahle. Aber ich bin auch Associ, ich
habe die Interessen der Firma zu vertreten, und wenn Papa nicht glaubt,
einem ungehorsamen und rebellischen Sohn gegenber die Verpflichtung zu
haben, dem Betriebskapital die Summe zu entziehen ... Es handelt sich um
mehr als elftausend Kuranttaler. Das ist gutes Geld ... Nein, nein, ich
kann nicht zuraten ... aber auch nicht abraten. Ich will nichts davon
wissen. Nur die Szene mit Papa ist mir _dsagrable_...

Abends spt, Jean. Komm nun, man wartet...

Der Konsul barg das Papier in der Brusttasche, bot seiner Mutter den
Arm, und nebeneinander berschritten sie die Schwelle zum
hellerleuchteten Speisesaal, wo die Gesellschaft mit der Placierung um
die lange Tafel soeben fertiggeworden war.

Aus dem himmelblauen Hintergrund der Tapeten traten zwischen schlanken
Sulen weie Gtterbilder fast plastisch hervor. Die schweren roten
Fenstervorhnge waren geschlossen, und in jedem Winkel des Zimmers
brannten auf einem hohen, vergoldeten Kandelaber acht Kerzen, abgesehen
von denen, die in silbernen Armleuchtern auf der Tafel standen. ber
dem massigen Bfett, dem Landschaftszimmer gegenber, hing ein
umfangreiches Gemlde, ein italienischer Golf, dessen blaudunstiger Ton
in dieser Beleuchtung auerordentlich wirksam war. Mchtige,
steiflehnige Sofas in rotem Damast standen an den Wnden.

Es war jede Spur von Besorgnis und Unruhe aus dem Gesicht Madame
Buddenbrooks verschwunden, als sie sich, zwischen dem alten Krger, der
an der Fensterseite prsidierte, und Pastor Wunderlich niederlie.

_Bon apptit!_ sagte sie mit ihrem kurzen, raschen, herzlichen
Kopfnicken, indem sie einen schnellen Blick ber die ganze Tafel bis zu
den Kindern hinuntergleiten lieߠ...


Viertes Kapitel

Wie gesagt, alle Achtung, Buddenbrook! bertnte die wuchtige Stimme
des Herrn Kppen das allgemeine Gesprch, als das Folgmdchen mit den
nackten, roten Armen, dem dicken, gestreiften Rock, unter der kleinen
weien Mtze auf dem Hinterkopf, unter Beihilfe Mamsell Jungmanns und
des Mdchens der Konsulin von oben, die heie Krutersuppe nebst
gerstetem Brot serviert hatte und man anfing, behutsam zu lffeln.

Alle Achtung! Diese Weitlufigkeit, diese Noblesse ... ich mu sagen,
hier lt sich leben, mu ich sagen... Herr Kppen hatte bei den
frheren Besitzern des Hauses nicht verkehrt; er war noch nicht lange
reich, stammte nicht gerade aus einer Patrizierfamilie und konnte sich
einiger Dialektschwchen, wie die Wiederholung von mu ich sagen,
leider noch nicht entwhnen. Auerdem sagte er Achung statt Achtung.

Hat auch gar kein Geld gekostet, bemerkte trocken Herr Grtjens, der
es wissen mute, und betrachtete durch die hohle Hand eingehend den
Golf.

Man hatte so weit wie mglich bunte Reihe gemacht und die Kette der
Verwandten durch Hausfreunde unterbrochen. Streng aber war dies nicht
durchzufhren gewesen, und die alten Oeverdiecks saen einander wie
gewhnlich fast auf dem Schoe, sich innig zunickend. Der alte Krger
aber thronte hoch und gerade zwischen der Senatorin Langhals und Madame
Antoinette und verteilte seine Handbewegungen und seine reservierten
Scherze an die beiden Damen.

Wann ist das Haus noch gebaut worden? fragte Herr Hoffstede schrg
ber den Tisch hinber den alten Buddenbrook, der sich in jovialem und
etwas spttischem Tone mit Madame Kppen unterhielt.

_Anno_ ... warte mal ... Um 1680, wenn ich nicht irre. Mein Sohn wei
brigens besser mit solchen Daten Bescheid...

Zweiundachtzig, besttigte, sich vorbeugend, der Konsul, der weiter
unten, ohne eine Tischdame, neben Senator Langhals seinen Platz hatte.
1682, im Winter, ist es fertig geworden. Mit Ratenkamp & Komp. fing es
damals an, aufs glnzendste bergauf zu gehen ... Traurig, dieses Sinken
der Firma in den letzten zwanzig Jahren...

Ein allgemeiner Stillstand des Gesprches trat ein und dauerte eine
halbe Minute. Man blickte in seinen Teller und gedachte dieser ehemals
so glnzenden Familie, die das Haus erbaut und bewohnt hatte und die
verarmt, heruntergekommen, davongezogen war...

Tja, traurig, sagte der Makler Grtjens; wenn man bedenkt, welcher
Wahnsinn den Ruin herbeifhrte ... Wenn Dietrich Ratenkamp damals nicht
diesen Geelmaack zum Kompagnon genommen htte! Ich habe, wei Gott, die
Hnde ber dem Kopf zusammengeschlagen, als der anfing zu wirtschaften.
Ich wei es aus bester Quelle, meine Herrschaften, wie greulich der
hinter Ratenkamps Rcken spekuliert und Wechsel hier und Akzepte dort
auf Namen der Firma gegeben hat ... Schlielich war es aus ... Da waren
die Banken mitrauisch, da fehlte die Deckung ... Sie haben keine
Vorstellung ... Wer hat auch nur das Lager kontrolliert? Geelmaack
vielleicht? Sie haben da wie die Ratten gehaust, jahraus, jahrein! Aber
Ratenkamp kmmerte sich um nichts...

Er war wie gelhmt, sagte der Konsul. Sein Gesicht hatte einen
dsteren und verschlossenen Ausdruck angenommen. Er bewegte,
vornbergebeugt, den Lffel in seiner Suppe und lie dann und wann
einen kurzen Blick seiner kleinen, runden, tiefliegenden Augen zum
oberen Tischende hinaufschweifen.

Er ging wie unter einem Drucke einher, und ich glaube, man kann diesen
Druck begreifen. Was veranlate ihn, sich mit Geelmaack zu verbinden,
der bitterwenig Kapital hinzubrachte, und dem niemand den besten Leumund
machte? Er mu das Bedrfnis empfunden haben, einen Teil der furchtbaren
Verantwortlichkeit auf irgend jemanden abzuwlzen, weil er fhlte, da
es unaufhaltsam zu Ende ging ... Diese Firma hatte abgewirtschaftet,
diese alte Familie war _passe_. Wilhelm Geelmaack hat sicherlich nur
den letzten Ansto zum Ruin gegeben...

Sie sind also der Ansicht, werter Herr Konsul, sagte Pastor Wunderlich
mit bedchtigem Lcheln und schenkte seiner Dame und sich selbst Rotwein
ins Glas, da auch ohne den Hinzutritt des Geelmaack und seines wilden
Gebarens alles gekommen wre, wie es gekommen ist?

Das wohl nicht, sagte der Konsul gedankenvoll und ohne sich an eine
bestimmte Person zu wenden. Aber ich glaube, da Dietrich Ratenkamp
sich notwendig und unvermeidlich mit Geelmaack verbinden mute, damit
das Schicksal erfllt wrde ... Er mu unter dem Druck einer
unerbittlichen Notwendigkeit gehandelt haben ... Ach, ich bin berzeugt,
da er das Treiben seines Associs halb und halb gekannt hat, da er
auch ber die Zustnde in seinem Lager nicht so vollstndig unwissend
war. Aber er war erstarrt...

Na, _assez_, Jean, sagte der alte Buddenbrook und legte seinen Lffel
aus der Hand. Das ist so eine von deinen _ides_...

Der Konsul hob mit einem zerstreuten Lcheln sein Glas seinem Vater
entgegen. Lebrecht Krger aber sprach:

Nein, halten wir es nun mit der frhlichen Gegenwart!

Er fate dabei vorsichtig und elegant den Hals seiner Weiwein-Bouteille,
auf deren Pfropfen ein kleiner silberner Hirsch stand, legte sie ein
wenig auf die Seite und prfte aufmerksam die Etikette. C.F. Kppen,
las er und nickte dem Weinhndler zu; ach ja, was wren wir ohne Sie!

Die Meiener Teller mit Goldrand wurden gewechselt, wobei Madame
Antoinette die Bewegungen der Mdchen scharf beobachtete, und Mamsell
Jungmann rief Anordnungen in den Schalltrichter des Sprachrohres hinein,
das den Esaal mit der Kche verband. Es wurde der Fisch herumgereicht,
und whrend Pastor Wunderlich sich mit Vorsicht bediente, sagte er:

Diese frhliche Gegenwart ist immerhin nicht so ganz selbstverstndlich.
Die jungen Leute, die sich hier jetzt mit uns Alten freuen, denken wohl
nicht daran, da es jemals anders gewesen sein knnte ... Ich darf
sagen, da ich an den Schicksalen unserer Buddenbrooks nicht selten
persnlichen Anteil genommen habe ... Immer wenn ich diese Dinge vor
Augen habe -- und er wandte sich an Madame Antoinette, indem er einen
der schweren silbernen Lffel vom Tische nahm--, mu ich denken, ob
sie nicht zu den Stcken gehren, die _anno_ sechs unser Freund, der
Philosoph Lenoir, Sergeant Seiner Majestt des Kaisers Napoleon, in
Hnden hatte ... und erinnere mich unserer Begegnung in der Alfstrae,
Madame...

Madame Buddenbrook blickte mit einem halb verlegenen, halb
erinnerungsschweren Lcheln vor sich nieder. Tom und Tony, dort unten,
die keinen Fisch essen mochten und dem Gesprch der groen Leute
aufmerksam gefolgt waren, riefen beinahe einstimmig herauf: Ach ja,
erzhlen Sie, Gromama! Aber der Pastor, der wute, da sie es nicht
liebte, von diesem fr sie ein wenig peinlichen Vorfall selbst zu
berichten, begann statt ihrer noch einmal mit der alten kleinen
Geschichte, auf welche die Kinder gern zum hundertsten Male gehorcht
htten, und die vielleicht einem oder dem anderen noch unbekannt war...

Kurz und gut, man figuriere sich: Es ist ein Novembernachmittag, kalt
und regnicht, da Gott erbarm', ich komme von einem Amtsgeschft die
Alfstrae hinauf und denke der schlimmen Zeiten. Frst Blcher war fort,
die Franzosen waren in der Stadt, aber von der herrschenden Erregung
merkte man wenig. Die Straen lagen still, die Leute saen in ihren
Husern und hteten sich. Schlachtermeister Prahl, der mit den Hnden in
den Hosentaschen vor seiner Tr gestanden und mit seiner drhnendsten
Stimme gesagt hatte: `Dat is je denn doch woll zu arg, is dat je denn
doch woll--! war einfach, bautz, vor den Kopf geknallt worden ...
Nun, ich denke: Du willst einmal zu Buddenbrooks hineinsehen, ein
Zuspruch knnte willkommen sein; der Mann liegt mit der Kopfrose, und
Madame wird mit der Einquartierung zu schaffen haben.

Da, im nmlichen Moment, wen sehe ich mir entgegenkommen? Unsere
allverehrte Madame Buddenbrook. Allein in welcher Verfassung? Sie eilt
ohne Hut durch den Regen, sie hat kaum einen Schal um die Schultern
geworfen, sie strzt mehr als sie geht, und ihre _coiffure_ ist eine
komplette Wirrnis ... Nein, das ist wahr, Madame! es war kaum noch die
Rede von einer _coiffure_.

`Welch angenehme _surprise_! sage ich und erlaube mir, sie, die mich
gar nicht sieht, am rmel zu halten, denn mir schwant nichts Gutes ...
`Wohin doch so schnell, meine Liebe? Sie bemerkt mich, sie blickt mich
an, sie stt hervor: `Sind Sie's ... leben Sie wohl! Alles ist zu Ende!
Ich gehe hinunter in die Trave!

`Behte! sage ich und fhle, wie ich wei werde. `Das ist der Ort
nicht fr Sie, meine Liebe! Was ist aber passiert? Und ich halte sie so
fest, als der Respekt es zult. `Was passiert ist? ruft sie und
zittert. `Sie sind ber dem Silberzeug, Wunderlich! Das ist passiert!
Und Jean liegt mit der Kopfrose und kann mir nicht helfen! Und er knnte
auch nicht helfen, wre er auf den Beinen! Sie stehlen meine Lffel,
meine silbernen Lffel, das ist passiert, Wunderlich, und ich gehe in
die Trave!

Nun, ich halte unsere Freundin, ich sage was man sagt in solchen
Fllen, `Courage, sage ich, `Liebste! und `Alles wird gut werden! und
`Wir wollen reden mit den Leuten, fassen Sie sich, ich beschwre Sie,
und gehen wir! Und ich fhre sie die Strae hinauf in ihr Haus. Im
Ezimmer droben finden wir die Miliz, wie Madame sie verlassen, an die
zwanzig Mann hoch, die sich mit der groen Truhe abgeben, wo das
Silberzeug liegt.

`Mit wem von Ihnen kann ich Rcksprache nehmen, frage ich hflich,
`meine Herren? Nun, man fngt an zu lachen und ruft: `Mit uns allen,
Papa! Dann aber tritt einer vor und prsentiert sich, ein Mensch, der
lang ist wie ein Baum, mit einem schwarz gewichsten Schnauzbart und
groen roten Hnden, die aus den betreten Aufschlgen heraussehen.
`Lenoir, sagt er und salutiert mit der Linken, denn in der Rechten
hlt er ein Bndel von fnf oder sechs silbernen Lffeln, `Lenoir,
Sergeant. Was wnscht der Herr?

`Herr Offizier! sage ich und ziele auf den _point d'honneur_. `Sollte
die Beschftigung mit diesen Dingen sich mit Ihrer glnzenden Charge
vereinbaren?... Die Stadt hat sich dem Kaiser nicht verschlossen... --
`Was wollen Sie? antwortet er. `Das ist der Krieg! Die Leute bentigen
dergleichen Geschirr...

`Sie sollten Rcksicht nehmen, unterbrach ich ihn, denn mir kommt ein
Gedanke. `Diese Dame, sage ich, denn was sagt man nicht in solcher
Lage, `die Herrin des Hauses, sie ist nicht etwa eine Deutsche, sie ist
beinahe Ihre Landsmnnin, sie ist eine Franzsin... -- `Wie, eine
Franzsin? wiederholt er. Und was glauben Sie, da dieser lange
Haudegen hinzufgt? -- `Eine Emigrantin also? sagt er. `Aber dann ist
sie eine Feindin der Philosophie!

Ich bin baff, aber ich verschlucke mein Lachen. `Sie sind, sage ich,
`ein Mann von Kopf, wie ich sehe. Ich wiederhole, da es mir Ihrer nicht
wrdig scheint, sich mit diesen Dingen zu befassen! -- Er schweigt
einen Augenblick; dann aber, pltzlich, wird er rot, er wirft seine
sechs Lffel in die Truhe und ruft: `Aber wer sagt Ihnen denn, da ich
etwas anderes mit diesen Dingen beabsichtigte, als sie ein wenig zu
betrachten?! Hbsche Sachen, das! Wenn einer oder der andere der Leute
ein Stck als Souvenir mit sich nehmen sollte...

Nun, sie haben immerhin noch genug Souvenirs mit sich genommen, da half
keine Berufung auf menschliche oder gttliche Gerechtigkeit ... Sie
kannten wohl keinen anderen Gott, als diesen frchterlichen kleinen
Menschen...


Fnftes Kapitel

Sie haben ihn gesehen, Herr Pastor?--

Die Teller wurden aufs neue gewechselt. Ein kolossaler, ziegelroter,
panierter Schinken erschien, geruchert, gekocht, nebst brauner,
suerlicher Chalottensauce, und solchen Mengen von Gemsen, da alle
aus einer einzigen Schssel sich htten sttigen knnen. Lebrecht Krger
bernahm das Tranchieren. Die Ellenbogen in legerer Weise erhoben, die
langen Zeigefinger gerade auf den Rcken von Messer und Gabel
ausgestreckt, schnitt er mit Bedacht die saftigen Stcke hinunter. Auch
das Meisterwerk der Konsulin Buddenbrook, der Russische Topf, ein
prickelnd und spiritus schmeckendes Gemisch konservierter Frchte,
wurde gereicht.--

Nein, Pastor Wunderlich bedauerte, Bonaparte niemals zu Gesichte
bekommen zu haben. Der alte Buddenbrook aber sowohl wie Jean Jacques
Hoffstede hatten ihn von Angesicht zu Angesicht gesehen; ersterer zu
Paris, unmittelbar vor der russischen Kampagne, gelegentlich einer
Parade im Schlohofe der Tuilerien, letzterer zu Danzig...

Gott, nein, er sah nicht gemtlich aus, sagte er, indem er einen
Bissen von Schinken, Rosenkohl und Kartoffel, den er auf seiner Gabel
komponiert, mit erhobenen Brauen in den Mund schob. brigens soll er
sich ganz heiter benommen haben, in Danzig. Man erzhlte sich damals
einen Scherz ... Er hasardierte den ganzen Tag mit den Deutschen, und
zwar nicht eben harmlos, abends aber spielte er mit seinen Generlen.
`_N'est-ce pas, Rapp_, sagte er, und griff eine Handvoll Gold vom
Tische, `_les Allemands aiment beaucoup ces petits Napolons?_ --
`_Oui, Sire, plus que le Grand!_ antwortete Rapp...

In der allgemeinen Heiterkeit, die laut wurde -- denn Hoffstede hatte
die Anekdote hbsch erzhlt und sogar ein wenig das Mienenspiel des
Kaisers markiert--, sagte der alte Buddenbrook:

Na, ungescherzt, allen Respekt brigens vor seiner persnlichen
Groheit ... Was fr eine Natur!

Der Konsul schttelte ernsthaft den Kopf.

Nein, nein, wir Jngeren verstehen nicht mehr die Verehrungswrdigkeit
des Mannes, der den Herzog von Enghien ermordete, der in gypten die
achthundert Gefangenen niedermetzelte...

Das alles ist mglicherweise bertrieben und geflscht, sagte Pastor
Wunderlich. Der Herzog mag ein leichtsinniger und aufrhrerischer Herr
gewesen sein, und was die Gefangenen betrifft, so war ihre Exekution
wahrscheinlich der wohlerwogene und notwendige Beschlu eines korrekten
Kriegsrates... Und er erzhlte von einem Buche, das vor einigen Jahren
erschienen war, und das er gelesen hatte, das Werk eines Sekretrs des
Kaisers, das volle Aufmerksamkeit verdiene...

Gleichviel, beharrte der Konsul, indem er eine Kerze putzte, die im
Armleuchter vor ihm flackerte. Ich begreife es nicht, ich begreife
nicht die Bewunderung fr diesen Unmenschen! Als christlicher Mann, als
Mensch von religisem Empfinden finde ich in meinem Herzen keinen Raum
fr ein solches Gefhl.

Sein Gesicht hatte einen stillen und schwrmerischen Ausdruck
angenommen, ja, er hatte sogar den Kopf ein wenig auf die Seite gelegt
-- whrend es wahrhaftig aussah, als ob sein Vater und Pastor Wunderlich
einander ganz leise zulchelten.

Ja, ja, schmunzelte Johann Buddenbrook, aber die kleinen Napolons
waren nicht bel, was? Mein Sohn schwrmt mehr fr Louis Philipp, fgte
er hinzu.

Schwrmt? wiederholte Jean Jacques Hoffstede ein bichen mokant ...
Eine kuriose Zusammenstellung! Philipp Egalit und schwrmen...

Nun, mich dnkt, da wir von der Juli-Monarchie bei Gott eine Menge zu
lernen haben... Der Konsul sprach ernst und eifrig. Das freundliche
und hilfreiche Verhltnis des franzsischen Konstitutionalismus zu den
neuen praktischen Idealen und Interessen der Zeit ... ist etwas so
beraus Dankenswertes...

Praktische Ideale ... na, ja... Der alte Buddenbrook spielte whrend
einer Pause, die er seinen Kinnladen gnnte, mit seiner goldenen Dose.
Praktische Ideale ... ne, ich bin da gar nich fr! Er verfiel vor
Verdru in den Dialekt. Da schieen nun die gewerblichen Anstalten und
die technischen Anstalten und die Handelsschulen aus der Erde, und das
Gymnasium und die klassische Bildung sind pltzlich Btisen, und alle
Welt denkt an nichts, als Bergwerke ... und Industrie ... und
Geldverdienen ... Brav, das alles, hchst brav! Aber ein bichen
stpide, von der anderen Seite, so auf die Dauer -- wie? Ich wei nicht,
warum es mir ein Affront ist ... ich habe nichts gesagt, Jean ... die
Juli-Monarchie ist eine gute Sache...

Senator Langhals aber sowohl wie Grtjens und Kppen standen dem Konsul
zur Seite ... Ja, wahrhaftig, vor der franzsischen Regierung und den
gleichartigen Bestrebungen in Deutschland msse man die grte Achtung
haben ... Herr Kppen sagte wieder Achung. -- Er war noch viel rter
geworden whrend des Speisens und schnob vernehmlich; Pastor Wunderlichs
Gesicht aber blieb wei, fein und aufgeweckt, obgleich er in aller
Behaglichkeit ein Glas nach dem anderen trank.

Die Kerzen brannten langsam, langsam hinunter und lieen dann und wann,
wenn ihre Flammen im Luftzuge zur Seite flackerten, einen feinen
Wachsgeruch ber die Tafel hinwehen.

Man sa auf hochlehnigen, schweren Sthlen, speiste mit schwerem
Silbergert schwere, gute Sachen, trank schwere, gute Weine dazu und
sagte seine Meinung. Man war bald bei den Geschften und verfiel
unwillkrlich mehr und mehr dabei in den Dialekt, in diese behaglich
schwerfllige Ausdrucksweise, die kaufmnnische Krze sowohl wie
wohlhabende Nachlssigkeit an sich zu haben schien, und die hie und da
mit gutmtiger Selbstironie bertrieben wurde. Man sagte nicht: an der
Brse, man sagte ganz einfach: an Brse..., wobei man zum berflu
das r wie ein kurzes  aussprach und ein wohlgeflliges Gesicht dazu
machte.

Die Damen waren dem Disput nicht lange gefolgt. Madame Krger fhrte
ihnen das Wort, indem sie in der appetitlichsten Art die beste Manier
auseinandersetzte, Karpfen in Rotwein zu kochen ... Wenn sie in
ordentliche Stcken zerschnitten sind, Liebe, dann mit Zwiebeln und
Nelken und Zwieback in die Kasserolle, und dann kriegen Sie sie mit
etwas Zucker und einem Lffel Butter zu Feuer ... Aber nicht waschen,
Liebste, alles Blut mitnehmen, um Gottes willen...

Der alte Krger lie die angenehmsten Scherze einflieen. Konsul Justus,
sein Sohn, aber, der neben Doktor Grabow weiter unten in der Nhe der
Kinder sa, hatte mit Mamsell Jungmann ein neckisches Gesprch
angeknpft; sie kniff ihre braunen Augen zusammen und hielt nach ihrer
Gewohnheit Messer und Gabel gerade empor, indem sie sie leicht hin und
her bewegte. Selbst Oeverdiecks waren ganz laut und lebendig geworden.
Die alte Konsulin hatte ein neues Kosewort fr ihren Gatten erfunden:
Du gutes Schnuckeltier! sagte sie und schttelte ihre Haube vor
Herzlichkeit.

Das Gesprch flo in einen Gegenstand zusammen, als Jean Jacques
Hoffstede auf sein Lieblingsthema zu sprechen kam, auf die italienische
Reise, die er vor fnfzehn Jahren mit einem reichen Hamburger Verwandten
gemacht hatte. Er erzhlte von Venedig, Rom und dem Vesuv, er sprach von
der Villa Borghese, wo der verstorbene Goethe einen Teil seines Faust
geschrieben habe, er schwrmte von Renaissance-Brunnen, die Khlung
spendeten, von wohlbeschnittenen Alleen, in denen es sich so angenehm
lustwandeln lasse, und jemand erwhnte des groen, verwilderten Gartens,
den Buddenbrooks gleich hinter dem Burgtore besaen...

Ja, meiner Treu! sagte der Alte. Ich rgere mich noch immer, da ich
mich seinerzeit nicht resolvieren konnte, ihn ein bichen menschlich
herrichten zu lassen! Ich bin krzlich mal wieder hindurch gegangen --
es ist eine Schande, dieser Urwald! Welch nett Besitztum, wenn das Gras
gepflegt, die Bume hbsch kegel- und wrfelfrmig beschnitten
wren...

Der Konsul aber protestierte mit Eifer.

Um Gottes willen, Papa--! Ich ergehe mich Sommers dort gern im
Gestrpp; aber alles wre mir verdorben, wenn die schne, freie Natur so
klglich zusammengeschnitten wre...

Aber wenn die freie Natur doch mir gehrt, habe ich da zum Kuckuck
nicht das Recht, sie nach meinem Belieben herzurichten...

Ach Vater, wenn ich dort im hohen Grase unter dem wuchernden Gebsch
liege, ist es mir eher, als gehrte ich der Natur und als htte ich
nicht das mindeste Recht ber sie...

Krischan, freet mi nich tau veel, rief pltzlich der alte Buddenbrook,
Thilda, der schadt es nichts ... packt ein wie sben Drescher, die
Dirn...

Und wahrhaftig, es war zum Erstaunen, welche Fhigkeiten dieses stille,
magere Kind mit dem langen, ltlichen Gesicht beim Essen entwickelte.
Sie hatte auf die Frage, ob sie zum zweiten Male Suppe wnsche, gedehnt
und demtig geantwortet: J--a-- bit--te! Sie hatte sich vom Fisch wie
vom Schinken zweimal je zwei der grten Stcke nebst starken Haufen
von Zutaten gewhlt, sorgsam und kurzsichtig ber den Teller gebeugt,
und sie verzehrte alles, ohne berhastung, still und in groen Bissen.
Auf die Worte des alten Hausherrn antwortete sie nur langgezogen,
freundlich, verwundert und einfltig: Gott -- On--k--el--? Sie lie
sich nicht einschchtern, sie a, ob es auch nicht anschlug und ob man
sie verspottete, mit dem instinktmig ausbeutenden Appetit der armen
Verwandten am reichen Freitische, lchelte unempfindlich und bedeckte
ihren Teller mit guten Dingen, geduldig, zh, hungrig und mager.


Sechstes Kapitel

Nun kam, in zwei groen Kristallschsseln, der Plettenpudding, ein
schichtweises Gemisch aus Makronen, Himbeeren, Biskuits und Eiercreme;
am unteren Tischende aber begann es aufzuflammen, denn die Kinder hatten
ihren Lieblings-Nachtisch, den brennenden Plumpudding bekommen.

Thomas, mein Sohn, sei mal so gut, sprach Johann Buddenbrook und zog
sein groes Schlsselbund aus der Beinkleidtasche. Im zweiten Keller
rechts, das zweite Fach, hinter dem roten Bordeaux, zwei Bouteillen,
du? Und Thomas, der sich auf solche Auftrge verstand, lief fort und
kam wieder mit den ganz verstaubten und umsponnenen Flaschen. Kaum aber
war aus dieser unscheinbaren Hlle der goldgelbe, traubense alte
Malvasier in die kleinen Dessertweinglser geflossen, als der Augenblick
gekommen war, da Pastor Wunderlich sich erhob und, whrend das Gesprch
verstummte, das Glas in der Hand, in angenehmen Wendungen zu toasten
begann. Er sprach, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, ein feines und
spahaftes Lcheln auf seinem weien Gesicht und die freie Hand in
zierlichen kleinen Gesten bewegend, in dem freien und behaglichen
Plauderton, den er auch auf der Kanzel innezuhalten liebte ... Und
wohlan, so lassen Sie sich denn belieben, meine wackeren Freunde, ein
Glas dieses artigen Tropfens mit mir zu leeren auf die Wohlfahrt unserer
vielgeehrten Wirte in ihrem neuen, so prchtigen Heim, -- auf die
Wohlfahrt der Familie Buddenbrook, der anwesenden sowohl wie der
abwesenden Mitglieder ... vivant hoch!

Die abwesenden Mitglieder? dachte der Konsul, whrend er sich vor den
Glsern verbeugte, die man ihm entgegenhob. Sind damit nur die in
Frankfurt und vielleicht die Duchamps in Hamburg gemeint, oder hat der
alte Wunderlich seine Hintergedanken...? Er stand auf, um sein Glas an
das seines Vaters klingen zu lassen, indem er ihm herzlich in die Augen
blickte.

Nun aber kam der Makler Grtjens von seinem Stuhle empor, und das nahm
Zeit in Anspruch; als er aber ein Ende genommen hatte, da widmete er mit
seiner etwas kreischenden Stimme ein Glas der Firma Johann Buddenbrook
und ihrem ferneren Wachsen, Blhen und Gedeihen, zur Ehre der Stadt.

Und Johann Buddenbrook dankte fr alle die freundlichen Worte, als
Oberhaupt der Familie zum ersten und als lterer Chef des Handelshauses
zum zweiten -- und schickte Thomas nach einer dritten Bouteille
Malvasier, denn die Berechnung hatte sich als falsch erwiesen, da zwei
gengen wrden.

Auch Lebrecht Krger sprach. Er erlaubte sich, sitzen zu bleiben dabei,
weil das einen noch kulanteren Eindruck machte, und nur aufs geflligste
mit Kopf und Hnden zu gestikulieren, whrend er seinen Trinkspruch den
beiden Damen des Hauses, Mme. Antoinette und der Konsulin, gelten lie.

Als er aber geendet, als der Plettenpudding schon beinahe verspeist war
und der Malvasier zur Neige ging, da erhob sich langsam, mit einem
Ruspern und unter einem allgemeinen Ah! Herr Jean Jacques Hoffstede
... die Kinder, da unten, applaudierten geradezu vor Freude.

Ja, _excusez_! ich konnte nicht umhin... sprach er, wobei er leicht
seine spitze Nase berhrte und ein Papier aus der Rocktasche zog ... Ein
tiefes Stillschweigen verbreitete sich im Saale.

Das Blatt, das er in Hnden hielt, war allerliebst kunterbunt, und von
einem Oval, das auf der Auenseite von roten Blumen und vielen goldenen
Schnrkeln gebildet ward, verlas er die Worte:

    Gelegentlich der freundschaftlichen Teilnahme an dem frohen
    Einweihungsfeste des neuerworbenen Hauses mit der Familie
    Buddenbrook. Oktober 1835.

Und dann wendete er und begann mit seiner schon etwas zitternden Stimme:

    Hochverehrte! -- Nicht versumen
    Darf es mein bescheiden Lied,
    Euch zu nah'n in diesen Rumen,
    Die der Himmel euch beschied.

    Dir soll's, Freund im Silberhaare,
    Und der wrd'gen Gattin dein,
    Eurer Kinder trautem Paare,
    Freudevoll gewidmet sein!

    Tchtigkeit und zcht'ge Schne
    Sich vor unserem Blick verband,--
    Venus Anadyomene
    Und Vulcani flei'ge Hand.

    Keine trbe Zukunft stre
    Eures Lebens Frhlichkeit,
    Jeder neue Tag gewhre
    Euch stets neue Seligkeit.

    Freuen, ja unendlich freuen
    Wird mich euer knftig Glck.
    Ob ich oft den Wunsch erneuen
    Werde, sagt euch itzt mein Blick.

    Lebet wohl im prcht'gen Hause
    Und behaltet wert und lieb
    Den, der in geringer Klause
    Heute diese Zeilen schrieb!--

Er verbeugte sich, und ein einmtiger, begeisterter Beifall brach los.

Charmant, Hoffstede! rief der alte Buddenbrook. Dein Wohl! Nein, das
war allerliebst!

Als aber die Konsulin mit dem Dichter trank, frbte ein ganz feines Rot
ihren zarten Teint, denn sie hatte wohl die artige Reverenz bemerkt, die
er bei der Venus Anadyomene nach ihrer Seite vollfhrt hatte...


Siebentes Kapitel

Die allgemeine Munterkeit hatte nun ihren Gipfel erreicht, und Herr
Kppen versprte das deutliche Bedrfnis, ein paar Knpfe seiner Weste
zu ffnen; aber das ging wohl leider nicht an, denn nicht einmal die
alten Herren erlaubten sich dergleichen. Lebrecht Krger sa noch genau
so aufrecht an seinem Platze, wie zu Beginn der Mahlzeit, Pastor
Wunderlich blieb wei und formgewandt, der alte Buddenbrook hatte sich
zwar ein bichen zurckgelegt, wahrte aber den feinsten Anstand, und nur
Justus Krger war ersichtlich ein wenig betrunken.

Wo war Doktor Grabow? Die Konsulin erhob sich ganz unauffllig und ging
davon, denn dort unten waren die Pltze von Mamsell Jungmann, Doktor
Grabow und Christian freigeworden, und aus der Sulenhalle klang es
beinahe wie unterdrcktes Jammern. Sie verlie schnell hinter dem
Folgmdchen, das Butter, Kse und Frchte serviert hatte, den Saal --
und wahrhaftig, dort im Halbdunkel, auf der runden Polsterbank, die sich
um die mittlere Sule zog, sa, lag oder kauerte der kleine Christian
und chzte leise und herzbrechend.

Ach Gott, Madamchen! sagte Ida, die mit dem Doktor bei ihm stand,
Christian, dem Jungchen, ist gar so schlecht...

Mir ist bel, Mama, mir ist =verdammt= bel! wimmerte Christian,
whrend seine runden tiefliegenden Augen ber der allzugroen Nase
unruhig hin und her gingen. Er hatte das verdammt nur aus bergroer
Verzweiflung hervorgestoen, die Konsulin aber sagte:

Wenn wir solche Worte gebrauchen, straft uns der liebe Gott mit noch
grerer belkeit!

Doktor Grabow fhlte den Puls; sein gutes Gesicht schien noch lnger und
milder geworden zu sein.

Eine kleine Indigestion ... nichts von Bedeutung, -- Frau Konsulin!
trstete er. Und dann fuhr er in seinem langsamen, pedantischen Amtstone
fort: Es drfte das beste sein, ihn zu Bette zu bringen ... ein bichen
Kinderpulver, vielleicht ein Tchen Kamillentee zum Transpirieren ...
Und strenge Dit, -- Frau Konsulin? Wie gesagt, strenge Dit. Ein wenig
Taube, -- ein wenig Franzbrot...

Ich will keine Taube! rief Christian auer sich. Ich will nie--mals
wieder etwas essen! Mir ist bel, mir ist =verdammt= bel! Das starke
Wort schien ihm geradezu Linderung zu bereiten, mit solcher Inbrunst
stie er es hervor.

Doktor Grabow lchelte vor sich hin, mit einem nachsichtigen und beinahe
etwas schwermtigem Lcheln. Oh, er wrde schon wieder essen, der junge
Mann! Er wrde leben wie alle Welt. Er wrde, wie seine Vter,
Verwandten und Bekannten, seine Tage sitzend verbringen und viermal
inzwischen so ausgesucht schwere und gute Dinge verzehren ... Nun, Gott
befohlen! Er, Friedrich Grabow, war nicht derjenige, welcher die
Lebensgewohnheiten aller dieser braven, wohlhabenden und behaglichen
Kaufmannsfamilien umstrzen wrde. Er wrde kommen, wenn er gerufen
wrde, und fr einen oder zwei Tage strenge Dit empfehlen, -- ein wenig
Taube, ein Scheibchen Franzbrot ... ja, ja -- und mit gutem Gewissen
versichern, da es fr diesmal nichts zu bedeuten habe. Er hatte, so
jung er war, die Hand manches wackeren Brgers in der seinen gehalten,
der seine letzte Keule Rauchfleisch, seinen letzten gefllten Puter
verzehrt hatte und, sei es pltzlich und berrascht in seinem
Kontorsessel oder nach einigem Leiden in seinem soliden alten Bett, sich
Gott befahl. Ein Schlag, hie es dann, eine Lhmung, ein pltzlicher und
unvorhergesehener Tod ... ja, ja, und er, Friedrich Grabow, htte sie
ihnen vorrechnen knnen, alle die vielen Male, wo es nichts auf sich
gehabt hatte, wo er vielleicht nicht einmal gerufen war, wo nur
vielleicht nach Tische, wenn man ins Kontor zurckgekehrt war, ein
kleiner, merkwrdiger Schwindel sich gemeldet hatte ... Nun, Gott
befohlen! Er, Friedrich Grabow, war selbst nicht derjenige, der die
gefllten Puter verschmhte. Dieser panierte Schinken mit
Chalottensauce heute war delikat gewesen, zum Teufel, und dann, als man
schon schwer atmete, der Plettenpudding -- Makronen, Himbeeren und
Eierschaum, ja, ja ... Strenge Dit, wie gesagt, -- Frau Konsulin? Ein
wenig Taube, -- ein wenig Franzbrot...


Achtes Kapitel

Drinnen im Esaale herrschte Aufbruch.

Wohl bekomm's, _mesdames et messieurs_, gesegnete Mahlzeit! Drben
wartet fr Liebhaber eine Zigarre und ein Schluck Kaffee fr uns alle
und, wenn Madame spendabel ist, ein Likr ... Die Billards, hinten, sind
zu jedermanns Verfgung, wie sich versteht; Jean, du bernimmst wohl die
Fhrung ins Hinterhaus ... Madame Kppen, -- die Ehre...

Plaudernd, befriedigt und in bester Laune Wnsche in betreff einer
gesegneten Mahlzeit austauschend, verfgte man sich durch die groe
Flgeltr ins Landschaftszimmer zurck. Aber der Konsul ging nicht erst
hinber, sondern versammelte sofort die billardlustigen Herren um sich.

Sie wollen keine Partie riskieren, Vater?

Nein, Lebrecht Krger blieb bei den Damen, aber Justus knne ja nach
hinten gehen ... Auch Senator Langhals, Kppen, Grtjens und Doktor
Grabow hielten zum Konsul, whrend Jean Jacques Hoffstede nachkommen
wollte: Spter, spter! Johann Buddenbrook will Flte blasen, das mu
ich abwarten ... _Au revoir, messieurs..._

Die sechs Herren hrten noch, als sie durch die Sulenhalle schritten,
im Landschaftszimmer die ersten Fltentne aufklingen, von der Konsulin
auf dem Harmonium begleitet, eine kleine, helle, grazise Melodie, die
sinnig durch die weiten Rume schwebte. Der Konsul lauschte, so lange
etwas zu hren war. Er wre gar zu gern im Landschaftszimmer
zurckgeblieben, um in einem Lehnsessel bei diesen Klngen seinen
Trumen und Gefhlen nachzuhngen; allein die Wirtspflicht...

Bringe ein paar Tassen Kaffee und Zigarren in den Billardsaal, sagte
er zu dem Folgmdchen, das ber den Vorplatz ging.

Ja, Line, Kaffee, du? Kaffee! wiederholte Herr Kppen mit einer
Stimme, die aus vollem Magen kam, und versuchte, das Mdchen in den
roten Arm zu kneifen. Er sprach das K ganz hinten im Halse, als schlucke
und schmecke er bereits.

Ich bin berzeugt, da Madame Kppen durch die Glasscheiben gesehen
hat, bemerkte Konsul Krger.

Senator Langhals fragte: Da oben wohnst du also, Buddenbrook?

Rechts fhrte die Treppe in den zweiten Stock hinauf, wo die
Schlafzimmer des Konsuls und seiner Familie lagen; aber auch an der
linken Seite des Vorplatzes befand sich noch eine Reihe von Rumen. Die
Herren schritten rauchend die breite Treppe mit dem weilackierten,
durchbrochenen Holzgelnder hinunter. Auf dem Absatz blieb der Konsul
stehen.

Dies Zwischengescho ist noch drei Zimmer tief, erklrte er; das
Frhstckszimmer, das Schlafzimmer meiner Eltern und ein wenig benutzter
Raum nach dem Garten hinaus; ein schmaler Gang luft als Korridor
nebenher ... Aber vorwrts! -- Ja, sehen Sie, die Diele wird von den
Transportwagen passiert, sie fahren dann durch das ganze Grundstck bis
zur Bckergrube.

Die weite, hallende Diele drunten war mit groen, viereckigen
Steinfliesen gepflastert. Bei der Windfangtre sowohl wie am anderen
Ende lagen Kontorrumlichkeiten, whrend die Kche, aus der noch immer
der suerliche Geruch der Chalottensauce hervordrang, mit dem Weg zu den
Kellern links von der Treppe lag. Ihr gegenber, in betrchtlicher Hhe,
sprangen seltsame, plumpe aber reinlich lackierte Holzgelasse aus der
Wand hervor: die Mdchenkammern, die nur durch eine Art freiliegender,
gerader Stiege von der Diele aus zu erreichen waren. Ein Paar ungeheurer
alter Schrnke und eine geschnitzte Truhe standen daneben.

Durch eine hohe Glastr trat man ber einige ganz flache, befahrbare
Stufen auf den Hof hinaus, an dem linkerseits sich das kleine Waschhaus
befand. Man blickte von hier aus in den hbsch angelegten, jetzt aber
herbstlich grauen und feuchten Garten hinein, dessen Beete mit
Strohmatten gegen den Frost geschtzt waren, und der dort hinten vom
Portal abgeschlossen ward, der Rokokofassade des Gartenhauses. Die
Herren aber schlugen vom Hofe aus den Weg zur Linken ein, der zwischen
zwei Mauern ber einen zweiten Hof zum Rckgebude fhrte.

Dort fhrten schlpfrige Stufen in ein kelleriges Gewlbe mit Lehmboden
hinab, das als Speicher benutzt wurde, und von dessen hchstem Boden ein
Tau zum Hinaufwinden der Kornscke herabhing. Aber man stieg zur Rechten
die reinlich gehaltene Treppe ins erste Stockwerk hinauf, woselbst der
Konsul seinen Gsten die weie Tre zum Billardsaale ffnete.

Herr Kppen warf sich erschpft auf einen der steifen Sthle, die an den
Wnden des weiten, kahl und streng aussehenden Raumes standen.

Ich sehe frs erste zu! rief er und klopfte die feinen Regentropfen
von seinem Leibrock. Hole mich der Teufel, was ist das fr eine Reise
durch Euer Haus, Buddenbrook!

hnlich wie im Landschaftszimmer brannte hier hinter einem Messinggitter
der Ofen. Durch die drei hohen und schmalen Fenster blickte man ber
feuchtrote Dcher, graue Hfe und Giebel...

Eine Karambolage, Herr Senator? fragte der Konsul, whrend er die
Queues aus den Gestellen nahm. Dann ging er umher und schlo die Lcher
der beiden Billards. Wer will mit uns sein? Grtjens? Der Doktor? _All
right._ Grtjens und Justus, dann nehmen Sie das andere ... Kppen, du
=mut= mitspielen.

Der Weinhndler stand auf und horchte, den Mund voll Zigarrenrauch, auf
einen starken Windsto, der zwischen den Husern pfiff, den Regen
prickelnd gegen die Scheiben trieb und sich heulend im Ofenrohr verfing.

Verflucht! sagte er und stie den Rauch von sich. Glaubst du, da der
`Wullenwewer zu Hafen kann, Buddenbrook? Was fr ein Hundewetter...

Ja, die Nachrichten aus Travemnde waren nicht die besten; dies
besttigte auch Konsul Krger, der das Leder seines Stockes kreidete.
Strme in allen Ksten. _Anno_ 24 war es, wei Gott, nicht viel
schlimmer, als in St. Petersburg die groe Wasserflut war ... Na, da kam
der Kaffee.

Man bediente sich, man trank einen Schluck und begann zu spielen. Dann
aber begann man vom Zollverein zu sprechen ... oh, Konsul Buddenbrook
war begeistert fr den Zollverein!

Welche Schpfung, meine Herren! rief er, sich nach einem gefhrten
Stoe lebhaft umwendend, zum anderen Billard hinber, wo das erste Wort
gefallen war. Bei erster Gelegenheit sollten wir beitreten...

Herr Kppen aber war nicht dieser Meinung, nein, er schnob geradezu vor
Opposition.

Und unsere Selbstndigkeit? Und unsere Unabhngigkeit? fragte er
beleidigt und sich kriegerisch auf sein Queue sttzend. Wie steht es
damit? Wrde Hamburg es sich beifallen lassen, bei dieser
Preuenerfindung mitzutun? Wollen wir uns nicht gleich einverleiben
lassen, Buddenbrook? Gott bewahre uns, nein, was sollen wir mit dem
Zollverein, mchte ich wissen! Geht nicht alles gut?...

Ja, du mit deinem Rotspohn, Kppen! Und dann vielleicht mit den
russischen Produkten, davon sage ich nichts. Aber weiter wird ja nichts
importiert! Und was den Export betrifft, nun ja, so schicken wir ein
bichen Korn nach Holland und England, gewi!... Ach nein, es geht
leider nicht alles gut. Es sind bei Gott hier ehemals andere Geschfte
gemacht worden ... Aber im Zollverein wrden uns die Mecklenburgs und
Schleswig-Holstein geffnet werden ... Und es ist nicht auszurechnen,
wie das Propregeschft sich aufnehmen wrde...

Aber ich bitte Sie, Buddenbrook, fing Grtjens an, indem er sich lang
ber das Billard beugte und den Stock auf seiner knochigen Hand sorgsam
zielend hin und her bewegte, dieser Zollverein ... ich verstehe das
nicht. Unser System ist doch so einfach und praktisch, wie? Die
Einklarierung auf Brgereid...

Eine schne alte Institution. Dies mute der Konsul zugeben.

Nein, wahrhaftig, Herr Konsul, -- wenn Sie etwas `schn finden!
Senator Langhals war ein wenig entrstet: Ich bin ja kein Kaufmann ...
aber wenn ich ehrlich sein soll -- nein, das mit dem Brgereid ist ein
Unfug, allmhlich, das mu ich sagen! Es ist eine Formalitt geworden,
ber die man ziemlich schlank hinweggeht ... und der Staat hat das
Nachsehen. Man erzhlt sich Dinge, die denn doch arg sind. Ich bin
berzeugt, da der Eintritt in den Zollverein von seiten des
Senates...

Dann gibt es einen Konflikt--! Herr Kppen stie zornentbrannt das
Queue auf den Boden. Er sagte Kongflick und stellte jetzt alle
Vorsicht in betreff der Aussprache hintan. Einen Kongflick, da versteh'
ich mich auf. Nee, alle schuldige Achung, Herr Senater, aber Sie sind ja
woll nich zu helfen, Gott bewahre! Und er redete hitzig von
Entscheidungskommissionen und Staatswohl und Brgereid und
Freistaaten...

Gottlob, da Jean Jacques Hoffstede ankam! Arm in Arm mit Pastor
Wunderlich trat er herein, zwei unbefangene und muntere alte Herren aus
sorgloserer Zeit.

Nun, meine braven Freunde, fing er an, ich habe etwas fr Sie; einen
Scherz, etwas Lustiges, ein Verslein nach dem Franzsischen ... passen
Sie auf!

Er lie sich gemchlich auf einen Stuhl nieder, den Spielern gegenber,
die, auf ihre Queues gesttzt, an den Billards lehnten, zog ein
Blttchen aus der Tasche, legte den langen Zeigefinger mit dem
Siegelring an die spitze Nase und verlas mit einer frhlichen und
naiv-epischen Betonung:

    Als Sachsens Marschall einst die stolze Pompadour
    Im goldnen Phaeton -- vergngt spazieren fuhr,
    Sah Frelon dieses Paar --
                              oh, rief er, seht sie beide!
    Des Knigs Schwert -- und seine Scheide!

Herr Kppen stutzte einen Augenblick, lie dann Kongflick und Staatswohl
dahinfahren und stimmte in das Gelchter der brigen ein, da der Saal
widerhallte. Pastor Wunderlich aber war an ein Fenster getreten und
kicherte, der Bewegung seiner Schultern nach zu urteilen, still vor sich
hin.

Man blieb noch eine gute Weile beisammen, hier hinten im Billardsaal,
denn Hoffstede hatte noch mehr Scherze hnlicher Art in Bereitschaft.
Herr Kppen hatte seine ganze Weste geffnet und war bei bester Laune,
denn er befand sich besser hier als im Speisesaal bei Tische. Er machte
drollige plattdeutsche Redensarten bei jedem Sto und rezitierte dann
und wann beglckt vor sich hin:

Als Sachsens Marschall einst...

Das Verslein nahm sich wunderlich genug aus in seinem rauhen Baߠ...


Neuntes Kapitel

Es war ziemlich spt, gegen elf Uhr, als die Gesellschaft, die sich im
Landschaftszimmer noch einmal zusammengefunden hatte, beinahe
gleichzeitig aufzubrechen begann. Die Konsulin begab sich sofort,
nachdem sie die Handksse aller in Empfang genommen, in ihre Zimmer
hinauf, um nach dem leidenden Christian zu sehen, indem sie die Aufsicht
ber die Mgde beim Wegrumen des Geschirres an Mamsell Jungmann abtrat,
und Mme. Antoinette zog sich ins Zwischengescho zurck. Der Konsul aber
geleitete die Gste die Treppe hinunter ber die Diele und bis vor die
Haustr auf die Strae hinaus.

Ein scharfer Wind trieb den Regen seitwrts herunter, und die alten
Krgers krochen, in dicke Pelzmntel gewickelt, eiligst in ihre
majesttische Equipage, die schon lange wartete. Das gelbe Licht der
llampen, die vorm Hause auf Stangen brannten und weiter unten an
dicken, ber die Strae gespannten Ketten hingen, flackerte unruhig. Hie
und da sprangen die Huser mit Vorbauten in die Strae hinein, die
abschssig zur Trave hinunterfhrte, und einige waren mit Beischlgen
oder Bnken versehen. Feuchtes Gras spro zwischen dem schlechten
Pflaster empor. Die Marienkirche dort drben lag ganz in Schatten,
Dunkelheit und Regen gehllt.

_Merci_, sagte Lebrecht Krger und drckte dem Konsul, der am Wagen
stand, die Hand. _Merci_, Jean, es war allerliebst! Dann knallte der
Schlag, und die Equipage polterte davon. Auch Pastor Wunderlich und der
Makler Grtjens gingen mit Dank ihres Weges. Herr Kppen, in einem
Mantel mit fnffacher Pelerine, einen weitschweifigen grauen Zylinder
auf dem Kopf und seine beleibte Gattin am Arm, sagte in seinem
bittersten Ba:

'n Abend, Buddenbrook! Na, geh' 'rein, erklt' dich nicht. Vielen Dank
-- du? Ich habe gegessen wie lange nicht ... und mein Roter zu vier
Kurantmark konveniert dir also? Gut' Nacht nochmal...

Das Paar ging mit Konsul Krger und seiner Familie gegen den Flu
hinunter, whrend Senator Langhals, Doktor Grabow und Jean Jacques
Hoffstede die entgegengesetzte Richtung einschlugen...

Konsul Buddenbrook stand, die Hnde in den Taschen seines hellen
Beinkleides vergraben, in seinem Tuchrock ein wenig frstelnd, ein paar
Schritte vor der Haustr und lauschte den Schritten, die in den
menschenleeren, nassen und matt beleuchteten Straen verhallten. Dann
wandte er sich und blickte an der grauen Giebelfassade des Hauses empor.
Seine Augen verweilten auf dem Spruch, der berm Eingang in
altertmlichen Lettern gemeielt stand: -- _Dominus providebit._
Whrend er den Kopf ein wenig senkte, trat er ein und verschlo
sorgfltig die schwerfllig knarrende Haustr. Dann lie er die
Windfangtre ins Schlo schnappen und schritt langsam ber die hallende
Diele. Die Kchin, die mit einem Teebrett voll Glser klirrend die
Treppe herunterkam, fragte er: Wo ist der Herr, Trina?

Im Esaal, Herr Konsul... Ihr Gesicht wurde so rot wie ihre Arme,
denn sie war vom Lande und geriet leicht in Verwirrung.

Er ging hinauf, und noch in der dunklen Sulenhalle machte seine Hand
eine Bewegung nach der Brusttasche, wo das Papier knisterte. Dann trat
er in den Saal, in dessen einem Winkel noch Kerzenreste auf einem der
Kandelaber brannten und die abgerumte Tafel beleuchteten. Der
suerliche Geruch der Chalottensauce lag beharrlich in der Luft.

Dort hinten bei den Fenstern ging, die Hnde auf dem Rcken, Johann
Buddenbrook gemchlich auf und ab.


Zehntes Kapitel

Na, min Shn Johann! wo geiht di dat! Er blieb stehen und streckte dem
Sohne die Hand entgegen, die weie, ein wenig zu kurze, aber
feingegliederte Hand der Buddenbrooks. Seine rstige Gestalt, an der nur
die gepuderte Percke und das Spitzen-Jabot wei aufleuchtete, hob sich
matt und unruhig beleuchtet von dem Dunkelrot der Fenstervorhnge ab.

Noch nicht mde? Ich gehe hier und horche auf den Wind ... verflixtes
Wetter! Kapitn Kloht ist von Riga unterwegs...

O Vater, mit Gottes Hilfe wird alles gut gehen!

Kann ich mich darauf verlassen? Zugegeben, da du mit dem Herrgott auf
du und du stehst...

Dem Konsul ward wohler zumute angesichts dieser guten Laune.

Ja, um zur Sache zu kommen, fing er an, so wollte ich Ihnen nicht nur
gute Nacht sagen, Papa, sondern ... aber Sie drfen nicht bse werden,
wie? Ich habe Sie mit diesem Briewe -- er ist heute Nachmittag gekommen
-- bis jetzt nicht ennuyieren wollen ... an diesem heiteren Abend...

Monsieur Gotthold -- _voil_! Der Alte tat, als bliebe er ganz ruhig
angesichts des blulichen, versiegelte Papieres, das er entgegennahm.
Herrn Johann Buddenbrook _sen._ Persnlich ... Ein Mann von _conduite_,
dein Herr Stiefbruder, Jean! Habe ich seinen zweiten Brief neulich
berhaupt beantwortet? Allein er schreibt einen dritten... Whrend
sein rosiges Gesicht sich mehr und mehr verdsterte, zerri er mit einem
Finger das Siegel, entfaltete rasch das dnne Papier, wandte sich
schrge, da die Schrift vom Kandelaber aus beleuchtet ward und fhrte
einen energischen Schlag mit dem Handrcken darauf. Selbst in dieser
Handschrift schien Abtrnnigkeit und Rebellion zu liegen, denn whrend
die Zeilen der Buddenbrooks sonst winzig, leicht und schrge ber das
Papier eilten, waren diese Buchstaben hoch, steil und mit pltzlichem
Drucke versehen; viele Wrter waren mit einem raschen, gebogenen
Federzug unterstrichen.

Der Konsul hatte sich ein wenig seitwrts bis zur Wand, wo die Sthle
standen, zurckgezogen; aber er setzte sich nicht, da sein Vater stand,
sondern erfate nur mit einer nervsen Bewegung eine der hohen Lehnen,
whrend er den Alten beobachtete, der, den Kopf zur Seite geneigt, mit
finsteren Brauen und schnell sich bewegenden Lippen las...

Mein Vater!

Wohl zu Unrecht verhoffe ich, da Ihr Rechtssinn gro genug sein wird,
um die =Entrstung= zu stimieren, welche ich empfand, als mein zweiter,
so =dringlicher= Brief in betreff der wohl bewuten Angelegenheit ohne
Antwort verblieb, nachdem nur auf den ersten eine Entgegnung (ich
geschweige welcher Art!) zur Hand gekommen war. Ich mu Ihnen
aussprechen, da die Art, in welcher Sie die Kluft, welche, dem Herrn
sei's geklagt, zwischen uns besteht, durch Ihre Hartnckigkeit
vertiefen, eine =Snde= ist, welche Sie einstmals vor Gottes
Richterstuhl aufs =schwerste= werden verantworten mssen. Es ist traurig
genug, da Sie vor Jahr und Tag, als ich, auch gegen Ihren Willen, dem
Zuge meines Herzens folgend, meine nunmehrige Gattin ehelichte und durch
bernahme eines Laden-Geschftes Ihren =malosen= Stolz beleidigte, sich
so beraus grausam und vllig von mir wandten; allein die Weise, in
welcher Sie mich jetzt traktieren, schreit zum Himmel, und sollten Sie
vermeinen, da ich mich angesichts Ihres Schweigens kontentiert und
still verhalten werde, so irren Sie =grblichst=. -- Der Kaufpreis Ihres
neu erworbenen Hauses in der Mengstrae hat 100000 Kurantmark betragen
und ist mir ferner bekannt, da Ihr Sohn aus zweiter Ehe und Associ,
=Johann=, bei Ihnen mietweise wohnhaft ist und nach Ihrem Tode mit
dem Geschfte auch das Haus als alleiniger Besitzer bernehmen wird.
Mit meiner Stiefschwester in Frankfurt und ihrem Gatten haben Sie
Vereinbarungen getroffen, in die ich mich nicht zu mischen habe.
Was aber mich, Ihren ltesten Sohn, angeht, so treiben Sie Ihren
=unchristlichen= Zorn so weit, es schlanker Hand zu refsieren, mir
irgendeine Entschdigungssumme fr den Anteil am Hause zukommen zu
lassen! Ich habe es mit Stillschweigen bergangen, als Sie mir bei
meiner Verheiratung und Etablierung 100000 Kurantmark auszahlten und mir
testamentarisch ein fr allemal nur ein Erbteil von 100000 zusprachen.
Ich war damals nicht einmal hinlnglich orientiert ber Ihre
Vermgensverhltnisse. Jetzt jedoch sehe ich klarer, und da ich mich
nicht als prinzipiell enterbt zu betrachten brauche, so =beanspruche=
ich in diesem besonderen Falle eine Entschdigungssumme von 33335
Kurantmark, will sagen ein Drittel der Kaufsumme. Ich will keine
Vermutungen darber anstellen, welchen =verdammungswrdigen= Einflssen
ich die Behandlung verdanke, welche ich bislang zu dulden gentigt war;
aber ich =protestiere= gegen dieselbe mit dem ganzen Rechtssinn des
=Christen= und des =Geschftsmannes= und versichere Sie zum letzten
Male, da, sollten Sie sich nicht entschlieen knnen, meine gerechten
Ansprche zu respektieren, ich Sie weder als =Christ= noch als =Vater=
noch als =Geschftsmann= lnger werde achten knnen.

                                        =Gotthold Buddenbrook.=

Verzeih, wenn es mir kein Plsier macht, dir diese Litanei noch einmal
vorzubeten. -- _Voil!_ Und mit einer grimmigen Bewegung warf Joh.
Buddenbrook den Brief seinem Sohne zu.

Der Konsul fing das Papier auf, als es in der Hhe seiner Knie
flatterte, und folgte mit verwirrten und traurigen Augen den Schritten
des Vaters. Der alte Herr ergriff den langen Kerzenlscher, der beim
Fenster lehnte und ging stramm und erzrnt am Tische entlang in den
entgegengesetzten Winkel, zum Kandelaber.

_Assez!_ sage ich. _N'en parlons plus_, Punktum! Ins Bett! _En avant!_
Eine Flamme nach der anderen verschwand ohne Auferstehen unter dem
kleinen Metalltrichter, der oben an der Stange befestigt war. Es
brannten nur noch zwei Kerzen, als der Alte sich wieder nach seinem
Sohne umwandte, den er dort hinten kaum zu erkennen vermochte.

_Eh bien_, was stehst du, was sagst du? Du mut doch irgend etwas
sagen!

Was soll ich sagen, Vater? -- Ich bin ratlos.

Es passiert leicht, da du ratlos bist! warf Johann Buddenbrook mit
bser Betonung hin, obgleich er selbst wute, da diese Bemerkung nicht
viel Wahres enthielt, und da sein Sohn und Associ ihm manches Mal im
entschlossenen Ergreifen des Vorteils berlegen gewesen war.

Schlechte und verdammungswrdige Einflsse... fuhr der Konsul fort.
Das ist die erste Zeile, die ich entziffere! Sie begreifen nicht, wie
mich das qult, Vater? Und er wirft uns Unchristlichkeit vor!

Du wirst dich durch dieses miserable Geschreibsel einschchtern lassen,
-- ja?! Johann Buddenbrook kam zornig herbei, den Kerzenlscher hinter
sich her schleifend. Unchristlichkeit! Ha! Geschmackvoll, mu ich
sagen, -- diese fromme Geldgier! Was seid ihr eigentlich fr eine
Kompanei, ihr jungen Leute, -- wie? Den Kopf voll christlicher und
phantastischer Flausen ... und ... Idealismus! und wir Alten sind die
herzlosen Sptter ... und nebenbei die Juli-Monarchie und die
praktischen Ideale ... und lieber dem alten Vater die grbsten Sottisen
ins Haus schicken, als auf ein paar tausend Taler verzichten!... Und als
Geschftsmann wird er geruhen, mich zu verachten! Nun! als Geschftsmann
wei ich, was _faux-frais_ sind, -- _faux-frais_! wiederholte er mit
grimmigem pariserischen Gurgel-r. Ich mache mir diesen exaltierten
Schlingel von einem Sohn nicht ergebener, wenn ich mich demtigen sollte
und nachgeben...

Lieber Vater, was soll ich antworten! Ich will nicht, da er recht hat
mit dem, was er von `Einflssen sagt! Ich bin als Teilhaber
interessiert und gerade deshalb drfte ich dir nicht raten, auf deinem
Standpunkt zu bestehen, jedoch ... Und ich bin ein so guter Christ als
Gotthold, jedoch...

Jedoch! Ja, du hast meiner Treu recht, `jedoch zu sagen, Jean! Wie
verhalten sich die Dinge denn eigentlich? Damals, als er fr seine
Mamsell Stwing inflammiert war, als er mir Szene fr Szene machte und
am Ende, meinem strengen Verbot zum Trotz, diese Mesalliance einging, da
schrieb ich ihm: _Mon trs cher fils_, du heiratest deinen Laden,
Punktum. Ich enterbe dich nicht, ich mache kein _spectacle_, aber mit
unserer Freundschaft ist es zu Ende. Hier hast du 100000 als Mitgift,
ich vermache dir andere 100000 im Testamente, aber damit basta, damit
bist du abgefertigt, es gibt keinen Schilling mehr. -- Dazu hat er
geschwiegen. Was geht es ihn an, wenn wir Geschfte gemacht haben? Wenn
du und deine Schwester eine tchtige Portion mehr bekommen werden? Wenn
von dem Erbteil, das euer ist, ein Haus gekauft wurde...

Wenn Sie verstnden, Vater, in welchem Dilemma ich mich befinde! Um der
Familieneintracht willen mte ich raten ... aber... Der Konsul
seufzte leise auf, an seinen Stuhl gelehnt. Johann Buddenbrook sphte,
gesttzt auf die Lschstange, aufmerksam in das unruhige Halbdunkel
hinein, um den Gesichtsausdruck des Sohnes zu erforschen. Die vorletzte
Kerze war heruntergebrannt und von selbst erloschen; nur eine flackerte
noch, dort hinten. Dann und wann trat eine hohe, weie Figur ruhig
lchelnd aus der Tapete hervor und verschwand wieder.

Vater, -- dieses Verhltnis mit Gotthold bedrckt mich! sagte der
Konsul leise.

Unsinn, Jean, keine Sentimentalitt! Was bedrckt dich?

Vater, ... wir haben hier heute so heiter beieinander gesessen, wir
haben einen schnen Tag gefeiert, wir waren stolz und glcklich in dem
Bewutsein, etwas geleistet zu haben, etwas erreicht zu haben ... unsere
Firma, unsere Familie auf eine Hhe gebracht zu haben, wo ihr
Anerkennung und Ansehen im reichsten Mae zuteil wird ... Aber, Vater,
diese bse Feindschaft mit meinem Bruder, deinem ltesten Sohne ... Es
sollte kein heimlicher Ri durch das Gebude laufen, das wir mit Gottes
gndiger Hilfe errichtet haben ... Eine Familie mu einig sein, mu
zusammenhalten, Vater, sonst klopft das bel an die Tr...

Flausen, Jean! Possen! Ein obstinater Junge...

Es entstand eine Pause; die letzte Flamme senkte sich tiefer und tiefer.

Was machst du, Jean? fragte Johann Buddenbrook. Ich sehe dich gar
nicht mehr.

Ich rechne, sagte der Konsul trocken. Die Kerze flammte auf, und man
sah, wie er gerade aufgerichtet und mit Augen, so kalt und aufmerksam,
wie sie whrend des ganzen Nachmittags noch nicht darein geschaut
hatten, fest in die tanzende Flamme blickte. -- Einerseits: Sie geben
33335 an Gotthold und 15000 an die in Frankfurt, und das macht 48335 in
Summa. Andererseits: Sie geben nur 25000 an die in Frankfurt, und das
bedeutet fr die Firma einen Gewinn von 23335. Das ist aber nicht alles.
Gesetzt, Sie leisten an Gotthold eine Entschdigungssumme fr den Anteil
am Hause, so ist das Prinzip durchbrochen, so ist er damals =nicht=
endgltig abgefunden worden, so kann er nach Ihrem Tode ein gleich
groes Erbe beanspruchen, wie meine Schwester und ich, und dann handelt
es sich fr die Firma um einen Verlust von Hunderttausenden, mit dem sie
nicht rechnen kann, mit dem ich als knftiger alleiniger Inhaber nicht
rechnen kann ... Nein, Papa! beschlo er mit einer energischen
Handbewegung und richtete sich noch hher auf. Ich mu Ihnen abraten,
nachzugeben!--

Na also! Punktum! _N'en parlons plus! En avant!_ Ins Bett!

Das letzte Flmmchen verlosch unter dem Metallhtchen. In dichter
Finsternis schritten die beiden durch die Sulenhalle, und drauen, beim
Aufgang zum zweiten Stocke, schttelten sie einander die Hand.

Gut' Nacht, Jean ... Courage, du? Das sind so rgerlichkeiten ... Auf
Wiedersehen morgen beim Frhstck!

Der Konsul stieg die Treppe hinauf in seine Wohnung, und der Alte
tastete sich am Gelnder ins Zwischengescho hinunter. Dann lag das
weite, alte Haus wohlverschlossen in Dunkelheit und Schweigen. Stolz,
Hoffnungen und Befrchtungen ruhten, whrend drauen in den stillen
Straen der Regen rieselte und der Herbstwind um Giebel und Ecken
pfiff.




Zweiter Teil


Erstes Kapitel

Zweiundeinhalbes Jahr spter, um die Mitte des April schon, war zeitiger
als jemals der Frhling gekommen, und zu gleicher Zeit war ein Ereignis
eingetreten, das den alten Johann Buddenbrook vor Vergngen trllern
machte und seinen Sohn aufs freudigste bewegte.

Um 9 Uhr, eines Sonntagmorgens, sa der Konsul im Frhstckszimmer vor
dem groen, braunen Sekretr, der am Fenster stand und dessen gewlbter
Deckel vermittelst eines witzigen Mechanismus zurckgeschoben war. Eine
dicke Ledermappe, gefllt mit Papieren, lag vor ihm; aber er hatte ein
Heft mit gepretem Umschlage und Goldschnitt herausgenommen und schrieb,
eifrig darber gebeugt, in seiner dnnen, winzig dahineilenden Schrift,
-- emsig und ohne Aufenthalt, es sei denn, da er die Gnsefeder in das
schwere Metalltintenfa tauchte...

Die beiden Fenster standen offen, und vom Garten her, wo eine milde
Sonne die ersten Knospen beschien, und wo ein paar kleine Vogelstimmen
einander kecke Antworten gaben, wehte voll frischer und zarter Wrze die
Frhlingsluft herein und trieb dann und wann sacht und geruschlos die
Gardinen ein wenig empor. Drben, auf dem Frhstckstische, ruhte die
Sonne blendend auf dem weien, hie und da von Brosamen gesprenkelten
Leinen und spielte in kleinen, blitzenden Drehungen und Sprngen auf der
Vergoldung der mrserfrmigen Tassen...

Beide Flgel der Tr zum Schlafzimmer waren geffnet, und von dorther
vernahm man die Stimme Johann Buddenbrooks, der ganz leise nach einer
alten drolligen Melodie vor sich hin summte:

    Ein guter Mann, ein braver Mann,
    Ein Mann von Complaisancen;
    Er kocht die Supp' und wiegt das Kind
    Und riecht nach Pomeranzen.

Er sa zur Seite der kleinen Wiege mit grnseidenen Vorhngen, die bei
dem hohen Himmelbett der Konsulin stand, und die er mit einer Hand in
gleichmiger Schwingung erhielt. Die Konsulin und ihr Gatte hatten
sich, der leichteren Bedienung halber, fr einige Zeit hier unten
eingerichtet, whrend ihr Vater und Madame Antoinette, die, eine Schrze
ber dem gestreiften Kleide und eine Spitzenhaube auf den dicken weien
Locken, sich dort hinten am Tische mit Flanell und Linnen zu schaffen
machte, das dritte Zimmer des Zwischengeschosses zum Schlafen benutzten.

Konsul Buddenbrook warf kaum einen Blick in das Nebenzimmer, so sehr war
er von seiner Arbeit in Anspruch genommen. Sein Gesicht trug einen
ernsten und vor Andacht beinahe leidenden Ausdruck. Sein Mund war leicht
geffnet, er lie das Kinn ein wenig hngen, und seine Augen
verschleierten sich dann und wann. Er schrieb:

Heute, d. 14. April 1838, morgens um 6 Uhr, ward meine liebe Frau
Elisabeth, geb. Krger, mit Gottes gndiger Hilfe aufs glcklichste von
einem Tchterchen entbunden, welches in der hl. Taufe den Namen Klara
empfangen soll. Ja, so gndig half ihr der Herr, obgleich nach Aussage
des Doktors Grabow die Geburt um etwas zu frh eintrat und sich vordem
nicht alles zum besten verhielt und Bethsy groe Schmerzen gelitten hat.
Ach, wo ist doch ein solcher Gott, wie du bist, du Herr Zebaoth, der du
hilfst in allen Nten und Gefahren und uns lehrst deinen Willen recht zu
erkennen, damit wir dich frchten und in deinem Willen und Geboten treu
mgen erfunden werden! Ach Herr, leite und fhre uns alle, so lange wir
leben auf Erden... -- Die Feder eilte weiter, glatt, behende, und
indem sie hie und da einen kaufmnnischen Schnrkel ausfhrte, und
redete Zeile fr Zeile zu Gott. Zwei Seiten weiter hie es:

Ich habe meiner jngsten Tochter eine Police von 150 Kuranttalern
ausgeschrieben. Fhre du sie, ach Herr! auf deinen Wegen, und schenke
du ihr ein reines Herz, auf da sie einstmals eingehe in die Wohnungen
des ewigen Friedens. Denn wir wissen wohl, wie schwer es sei, von ganzer
Seele zu glauben, da der ganze liebe se Jesus mein sei, weil unser
irdisches kleines schwaches Herz ... Nach drei Seiten schrieb der
Konsul ein Amen, allein die Feder glitt weiter, sie glitt mit feinem
Gerusch noch ber manches Blatt, sie schrieb von der kstlichen Quelle,
die den mden Wandersmann labt, von des Seligmachers heiligen,
bluttriefenden Wunden, vom engen und vom breiten Wege und von Gottes
groer Herrlichkeit. Es kann nicht geleugnet werden, da der Konsul nach
diesem oder jenem Satze die Neigung versprte, es nun genug sein zu
lassen, die Feder fortzulegen, hinein zu seiner Gattin zu gehen oder
sich ins Kontor zu begeben. Wie aber! Wurde er es so bald mde, sich mit
seinem Schpfer und Erhalter zu bereden? Welch ein Raub an Ihm, dem
Herrn, schon jetzt einzuhalten mit Schreiben ... Nein, nein, als
Zchtigung gerade fr sein unfrommes Gelste, zitierte er noch lngere
Abschnitte aus den heiligen Schriften, betete fr seine Eltern, seine
Frau, seine Kinder und sich selbst, betete auch fr seinen Bruder
Gotthold, -- und endlich, nach einem letzten Bibelspruch und einem
letzten, dreimaligen Amen, streute er Goldsand auf die Schrift und
lehnte sich aufatmend zurck.

Ein Bein ber das andere geschlagen, bltterte er langsam in dem Hefte
zurck, um hie und da einen Abschnitt der Daten und Betrachtungen zu
lesen, die sich von seiner Hand dort vorfanden, und sich wieder einmal
dankbar der Erkenntnis zu freuen, wie immer und in aller Gefahr Gottes
Hand ihn sichtbar gesegnet. Er hatte die Pocken gehabt so stark, da
alle Leute ihm das Leben absprachen, aber er war gerettet worden. Einmal
-- er war noch ein Knabe -- hatte er den Vorbereitungen zu einer
Hochzeit beigewohnt, wobei viel Bier gebraut wurde (denn es bestand die
alte Sitte, das Bier im Hause zu brauen), und zu diesem Ende stand ein
groes Braukben vor der Tre aufgerichtet. Nun, dasselbe schlug nieder
und die Bodenseite auf den Knaben, mit solchem Knall und solcher Gewalt,
da die Nachbarn vor die Tre kamen und ihrer sechs genug zu tun hatten,
es wieder aufzurichten. Sein Kopf ward gequetscht, und das Blut rann
heftig ber alle seine Gliedmaen. Er wurde in einen Laden getragen,
und da noch ein wenig Leben in ihm war, ward zum Doktor und zum Wundarzt
geschickt. Dem Vater aber sprach man zu, er mge sich in Gottes Willen
schicken, es sei unmglich, da der Knabe am Leben bliebe ... Und nun
hre: Gott der Allmchtige segnete die Mittel und half ihm wieder zur
vollkommenen Gesundheit! -- Als der Konsul diesen Unglcksfall im Geiste
aufs neue erlebt hatte, ergriff er noch einmal die Feder und schrieb
hinter sein letztes Amen: Ja, Herr, ich will dich loben ewiglich!

Ein anderes Mal, als er, ein ganz junger Mensch noch, nach Bergen
gekommen war, hatte Gott ihn aus groer Wassersgefahr errettet. Indem
wir, stand dort, in der Stromzeit, wenn die Nordfahrer angekommen
sind, sehr viel arbeiten muten, durch die Jagden zu kommen und zu
unserer Brcke zu gelangen, so ging es mir dabei so, da ich auf dem
Rande der Schute stand, die Fe gegen die Dollen und den Rcken gegen
die Jagd gesttzt, um die Schute immer nher zu bringen; zu meinem
Unglck brechen die eichnen Dollen, wogegen ich die Fe gesetzt hatte,
und ich falle ber Kopf ins Wasser. Ich komme zum erstenmal auf, aber
niemand ist so nahe, da er mich fassen kann; ich komme zum zweitenmal
auf, allein die Schute geht mir ber den Kopf. Es waren Leute genug da,
die mich gerne retten wollten, allein sie muten erst schieben, da die
Jagd und Schute nicht ber mich kmen, und all' ihr Schieben htte doch
nichts geholfen, wenn nicht in diesem Augenblick ein Tau auf einer
Nordfahrerjagd von selbst gerissen wre, wodurch die Jagd hinaustrieb,
und ich also durch Gottes Verhngnis Raum erhielt, und obwohl ich zum
drittenmal nicht weiter aufkam, als da nur die Haare zur Sicht kamen,
so gelang es, weil alle die Kpfe, der eine hier, der andere dort, aus
der Schute ber dem Wasser waren, da einer, der nach vorne zu aus der
Schute lag, mich an den Haaren fate, und ich griff ihn am Arm. Allein
da er sich selbst nicht halten konnte, schrie und brllte er so
gewaltig, da die anderen es hrten und ihn so geschwind an den Hften
faten und mit Macht festhielten, da er standhalten konnte. Auch ich
hielt immer fest, wenngleich er mich in den Arm bi, und kam es dadurch
dahin, da er auch mir helfen konnte... Und dann folgte ein sehr
langes Dankgebet, das der Konsul mit feuchten Augen berlas.

Ich knnte gar vieles anfhren, hie es an anderer Stelle, wenn ich
gewilligt wre, meine Leidenschaften zu entdecken, allein... Nun,
hierber ging der Konsul hinweg und begann hie und da ein paar Zeilen
aus der Zeit seiner Verheiratung und seiner ersten Vaterschaft zu lesen.
Diese Verbindung war, sollte er ehrlich sein, nicht gerade das gewesen,
was man eine Liebesheirat nennt. Sein Vater hatte ihm auf die Schulter
geklopft und ihn auf die Tochter des reichen Krger, die der Firma eine
stattliche Mitgift zufhrte, aufmerksam gemacht, er war von Herzen
einverstanden gewesen und hatte fortan seine Gattin verehrt, als die ihm
von Gott vertraute Gefhrtin...

Mit der zweiten Heirat seines Vaters hatte es sich ja nicht anders
verhalten.

    Ein guter Mann, ein braver Mann,
    Ein Mann von Complaisancen...

trllerte er leise im Schlafzimmer. Bedauerlich, wie wenig Sinn er fr
alle diese alten Aufzeichnungen und Papiere besa. Er stand mit beiden
Beinen in der Gegenwart und beschftigte sich nicht viel mit der
Vergangenheit der Familie, wenngleich er ehemals dem dicken
Goldschnittheft immerhin ein paar Notizen in seiner etwas schnrkeligen
Handschrift hinzugefgt hatte, und zwar hauptschlich in betreff seiner
ersten Ehe.

Der Konsul schlug die Bltter auf, die strker und rauher waren als das
Papier, das er selbst hineingeheftet, und die schon zu vergilben
begannen ... Ja, Johann Buddenbrook mute diese erste Gattin, die
Tochter eines Bremer Kaufmannes, in rhrender Weise geliebt haben, und
das eine, kurze Jahr, das er an ihrer Seite hatte verleben drfen,
schien sein schnstes gewesen zu sein. _L'anne la plus heureuse de ma
vie_, stand dort, mit einer krausen Wellenlinie unterstrichen, auf die
Gefahr hin, da Madame Antoinette es las...

Dann aber war Gotthold gekommen, und das Kind hatte Josephinen zugrunde
gerichtet ... Wunderliche Bemerkungen standen, was dies betrifft, auf
dem rauhen Papier. Johann Buddenbrook schien dieses neue Wesen ehrlich
und bitterlich gehat zu haben, von dem Augenblick an, wo seine ersten
kecken Regungen der Mutter grliche Schmerzen bereitet hatten, --
gehat zu haben, bis es gesund und lebhaft zur Welt kam, whrend
Josephine, den blutleeren Kopf in die Kissen gewhlt, verschied, -- und
niemals diesem skrupellosen Eindringling, der krftig und sorglos
heranwuchs, den Mord der Mutter verziehen zu haben ... Der Konsul
verstand das nicht. Sie starb, dachte er, indem sie die hohe Pflicht des
Weibes erfllte, und ich htte die Liebe zu ihr zrtlich auf das Wesen
bertragen, dem sie das Leben schenkte, und das sie mir scheidend
hinterlie ... Er aber, der Vater, hat in seinem ltesten Sohne nie
etwas anderes als den ruchlosen Zerstrer seines Glckes erblickt. Dann,
spter, hatte er sich mit Antoinette Duchamps, dem Kinde einer reichen
und hochangesehenen Hamburger Familie, vermhlt und respektvoll und
aufmerksam hatten die beiden nebeneinander gelebt...

Der Konsul bltterte hin und her im Hefte. Er las, ganz hinten, die
kleinen Geschichten seiner eigenen Kinder, wann Tom die Masern und
Antonie die Gelbsucht gehabt und Christian die Windpocken berstanden
hatte; er las von den verschiedenen Reisen nach Paris, der Schweiz und
Marienbad, die er mit seiner Gattin unternommen, und schlug zurck bis
zu den pergamentartigen, eingerissenen, gelbgesprenkelten Blttern, die
der alte Johann Buddenbrook, der Vater des Vaters, mit blagrauer Tinte
in weitlufigen Schnrkeln beschrieben hatte. Diese Aufzeichnungen
begannen mit einer weitlufigen Genealogie, welche die Hauptlinie
verfolgte. Wie am Ende des 16. Jahrhunderts ein Buddenbrook, der
lteste, der bekannt, in Parchim gelebt, und sein Sohn zu Grabau
Ratsherr geworden sei. Wie ein fernerer Buddenbrook, Gewandschneider
seines Zeichens, zu Rostock geheiratet, sich sehr gut gestanden -- was
unterstrichen war -- und eine ungemeine Menge von Kindern gezeugt habe,
tote und lebendige, wie es gerade kam ... Wie wiederum einer, der schon
Johan geheien, als Kaufmann zu Rostock verblieben, und wie schlielich,
am Ende und nach manchem Jahr, des Konsuls Grovater hierhergekommen sei
und die Getreidefirma gegrndet habe. Von diesem Vorfahren waren schon
alle Daten bekannt: Wann er die Frieseln und wann die echten Blattern
gehabt, war treu verzeichnet; wann er vom dritten Boden auf die Darre
gestrzt und am Leben geblieben, obgleich eine Menge Balken im Wege
gewesen seien, und wann er in ein hitzig Fieber mit Raserei verfallen,
stand reinlich vermerkt. Und er hatte seinen Notizen manche gute
Ermahnung an seine Nachkommen hinzugefgt, von denen, sorgfltig in
hoher gotischer Schrift gemalt und umrahmt, der Satz hervorstach: Mein
Sohn, sey mit Lust bey den Geschften am Tage, aber mache nur solche,
da wir bey Nacht ruhig schlafen knnen. Und dann war umstndlich
nachgewiesen, da ihm die alte, zu Wittenberg gedruckte Bibel zugehre,
und da sie auf seinen Erstgeborenen und wiederum auf dessen ltesten
bergehen solle...

Konsul Buddenbrook zog die Ledermappe zu sich heran, um dies oder jenes
der brigen Papiere herauszugreifen und zu berlesen. Da waren uralte,
gelbe, zerrissene Briefe, welche sorgende Mtter an ihre in der Fremde
arbeitenden Shne geschrieben hatten, und die vom Empfnger mit der
Bemerkung versehen waren: Wohl empfangen und den Inhalt beherzigt. Da
waren Brgerbriefe mit Wappen und Siegel der freien und Hansestadt,
Policen, Gratulationspoeme und Patenbriefe. Da waren diese rhrenden
Geschftsbriefe, die etwa der Sohn an den Vater und Kompagnon aus
Stockholm oder Amsterdam geschrieben, die mit einer Beruhigung in
betreff des ziemlich gesicherten Weizens die dringende Bitte verbanden,
=sogleich= Frau und Kinder zu gren ... Da war ein besonderes Tagebuch
des Konsuls ber seine Reise durch England und Brabant, ein Heft, auf
dessen Umschlag ein Kupfer das Edinburger Schlo mit dem Gramarkte
darstellte. Da waren als traurige Dokumente die bsen Briefe Gottholds
an seinen Vater und schlielich, als heiterer Abschlu, das letzte
Festgedicht Jean Jacques Hoffstedes...

Ein feines, eiliges Klingeln lie sich vernehmen. Der Kirchturm droben,
auf dem mattfarbigen Gemlde, das ber dem Sekretr hing und einen
altertmlichen Marktplatz darstellte, besa eine wirkliche Uhr, die nun
auf ihre Weise zehn schlug. Der Konsul verschlo die Familienmappe und
verwahrte sie sorgfltig in einem hinteren Fache des Sekretrs. Dann
ging er ins Schlafzimmer hinber.

Hier waren die Wnde mit dunklem, grogeblmtem Tuche ausgeschlagen, dem
gleichen Stoffe, aus dem die hohen Gardinen des Wochenbettes bestanden.
Eine Stimmung von Erholung und Frieden nach berstandenen ngsten und
Schmerzen lag in der Luft, die, vom Ofen noch leise erwrmt, mit einem
Mischgeruch von _Eau de Cologne_ und Medikamenten durchsetzt war. Die
geschlossenen Vorhnge lieen das Licht nur dmmernd herein.

ber die Wiege gebeugt standen die beiden Alten nebeneinander und
betrachteten das schlafende Kind. Die Konsulin aber, in einer eleganten
Spitzenjacke, das rtliche Haar aufs beste frisiert, streckte, ein wenig
bleich noch, aber mit einem glcklichen Lcheln ihrem Gatten die schne
Hand entgegen, an deren Gelenk auch jetzt ein goldenes Armband leise
klirrte. Sie wandte dabei, nach ihrer Gewohnheit, die Handflche soweit
als mglich herum, was die Herzlichkeit der Bewegung zu erhhen
schien...

Nun, Bethsy, wie geht es?

Vortrefflich, vortrefflich, mein lieber Jean!

Ihre Hand in der seinen, nherte er, den Eltern gegenber, sein Gesicht
dem Kinde, das rasch und geruschvoll Luft holte, und atmete whrend
einer Minute den warmen, gutmtigen und rhrenden Duft ein, der von ihm
ausging. Gott segne dich, sagte er leise, indem er die Stirn des
kleinen Wesens kte, dessen gelbe, runzlige Fingerchen eine
verzweifelte hnlichkeit mit Hhnerklauen besaen.

Sie hat prchtig getrunken, bemerkte Madame Antoinette. Sieh nur, sie
hat stupende zugenommen...

Wollt ihr mir glauben, da sie Netten hnlich sieht? Johann
Buddenbrooks Gesicht strahlte heute geradezu vor Glck und Stolz.
Blitzschwarze Augen hat sie, hole mich der Teufel...

Die alte Dame wehrte bescheiden ab. Ach, wie kann man schon jetzt von
einer hnlichkeit sprechen ... Du willst zur Kirche, Jean?

Ja, es ist zehn, -- hohe Zeit also, ich warte auf die Kinder...

Und die Kinder lieen sich bereits hren. Sie lrmten ungebhrlich auf
der Treppe, whrend man das beruhigende Zischen Klothildens vernahm;
dann aber traten sie in ihren Pelzmntelchen -- denn in der Marienkirche
war es natrlich noch winterlich -- leise und vorsichtig herein, erstens
wegen der kleinen Schwester und zweitens, weil es ntig war, sich vor
dem Gottesdienste zu sammeln. Ihre Gesichter waren rot und erregt. Welch
ein Festtag heute! Der Storch, ein Storch mit braven Muskeln,
entschieden, hatte auer dem Schwesterchen noch allerlei Prachtvolles
mitgebracht: eine neue Schulmappe mit Seehundsfell fr Thomas, eine
groe Puppe mit wirklichem -- dies war das Auerordentliche -- mit
wirklichem Haar fr Antonie, ein buntes Bilderbuch fr die artige
Klothilde, die sich aber still und dankbar fast ausschlielich mit den
Zuckertten beschftigte, die gleichfalls eingetroffen waren, und fr
Christian ein komplettes Kasperle-Theater mit Sultan, Tod und Teufel...

Sie kten ihre Mutter und durften rasch noch einmal behutsam hinter die
grnseidne Gardine blicken, worauf sie mit dem Vater, der seinen
Pelerinenmantel bergeworfen und das Gesangbuch zur Hand genommen hatte,
schweigend und ruhigen Schrittes zur Kirche zogen, gefolgt von dem
durchdringenden Geschrei des neuen Familiengliedes, das pltzlich
erwacht war...


Zweites Kapitel

Zum Sommer, im Mai vielleicht schon, oder im Juni, zog Tony Buddenbrook
immer zu den Groeltern vors Burgtor hinaus, und zwar mit heller Freude.

Es lebte sich gut dort drauen im Freien, in der luxuris eingerichteten
Villa mit weitlufigen Nebengebuden, Dienerschaftswohnungen und Remisen
und dem ungeheuren Obst-, Gemse- und Blumengarten, der sich schrg
abfallend bis zur Trave hinunterzog. Die Krgers lebten auf groem Fue,
und obgleich ein Unterschied bestand zwischen diesem blitzblanken
Reichtum und dem soliden, wenn auch ein wenig schwerflligen Wohlstand
in Tonys Elternhause, so war es augenfllig, da bei den Groeltern
alles immer noch um zwei Grade prchtiger war, als zu Hause; und das
machte Eindruck auf die junge Demoiselle Buddenbrook.

An eine Ttigkeit im Hause oder gar in der Kche war hier niemals zu
denken, whrend in der Mengstrae der Grovater und die Mama wohl
gleichfalls nicht viel Gewicht darauf legten, der Vater aber und die
Gromama sie oft genug mahnten, den Staub zu wischen und ihr die
ergebene, fromme und fleiige Kusine Thilda als Muster vorhielten. Die
feudalen Neigungen der mtterlichen Familie regten sich in dem kleinen
Frulein, wenn sie vom Schaukelstuhle aus der Zofe oder dem Diener einen
Befehl erteilte ... Zwei Mdchen und ein Kutscher gehrten auer ihnen
zum Personale der alten Herrschaften.

Was man sagen mag, so ist es etwas Angenehmes, wenn beim Erwachen
morgens in dem groen, mit hellem Stoff tapezierten Schlafzimmer die
erste Bewegung der Hand eine schwere Atlassteppdecke trifft; und es ist
nennenswert, wenn zum ersten Frhstck vorn im Terrassenzimmer, whrend
durch die offene Glastr vom Garten die Morgenluft hereinstreicht, statt
des Kaffees oder des Tees eine Tasse Schokolade verabreicht wird, ja,
jeden Tag Geburtstagsschokolade mit einem dicken Stck feuchten
Napfkuchens.

Dieses Frhstck freilich mute Tony, abgesehen von den Sonntagen, ohne
Gesellschaft einnehmen, da die Groeltern lange nach Beginn der
Schulzeit herunterzukommen pflegten. Wenn sie ihren Kuchen zur
Schokolade verzehrt hatte, so ergriff sie die Bchermappe, trippelte die
Terrasse hinunter und schritt durch den wohlgepflegten Vorgarten.

Sie war hchst niedlich, die kleine Tony Buddenbrook. Unter dem Strohhut
quoll ihr starkes Haar, dessen Blond mit den Jahren dunkler wurde,
natrlich gelockt hervor, und die ein wenig hervorstehende Oberlippe gab
dem frischen Gesichtchen mit den graublauen, munteren Augen einen
Ausdruck von Keckheit, der sich auch in ihrer grazisen kleinen Gestalt
wiederfand; sie setzte ihre schmalen Beinchen in den schneeweien
Strmpfen mit einer wiegenden und elastischen Zuversichtlichkeit. Viele
Leute kannten und begrten die kleine Tochter des Konsuls Buddenbrook,
wenn sie durch die Gartenpforte in die Kastanienallee hinaustrat. Eine
Gemsefrau vielleicht, die, ihre groe Strohschute mit hellgrnen
Bndern auf dem Kopf, in ihrem Wgelchen vom Dorfe hereinkutschierte,
rief ihr ein freundliches God'n Morgen ook, Mamselling! zu, und der
groe Korntrger Matthiesen, der in seinem schwarzen Habit mit
Pumphosen, weien Strmpfen und Schnallenschuhen vorberging, nahm vor
Ehrerbietung sogar seinen rauhen Zylinder ab...

Tony blieb ein bichen stehen, um auf ihre Nachbarin Julchen Hagenstrm
zu warten, mit der sie den Schulweg zurckzulegen pflegte. Dies war ein
Kind mit etwas zu hohen Schultern und groen, blanken, schwarzen Augen,
das nebenan in der vllig von Weinlaub bewachsenen Villa wohnte. Ihr
Vater, Herr Hagenstrm, dessen Familie noch nicht lange am Orte ansssig
war, hatte eine junge Frankfurterin geheiratet, eine Dame mit
auerordentlich dickem schwarzen Haar und den grten Brillanten der
Stadt an den Ohren, die brigens Semlinger hie. Herr Hagenstrm,
welcher Teilhaber einer Exportfirma -- Strunck & Hagenstrm -- war,
entwickelte in stdtischen Angelegenheiten viel Eifer und Ehrgeiz, hatte
jedoch bei Leuten mit strengeren Traditionen, den Mllendorpfs,
Langhals' und Buddenbrooks, mit seiner Heirat einiges Befremden erregt
und war, davon abgesehen, trotz seiner Rhrigkeit als Mitglied von
Ausschssen, Kollegien, Verwaltungsrten und dergleichen nicht
sonderlich beliebt. Er schien es darauf abgesehen zu haben, den
Angehrigen der alteingesessenen Familien bei jeder Gelegenheit zu
opponieren, ihre Meinungen auf schlaue Weise zu widerlegen, die seine
dagegen durchzusetzen und sich als weit tchtiger und unentbehrlicher zu
erweisen als sie. Konsul Buddenbrook sagte von ihm: Hinrich Hagenstrm
ist aufdringlich mit seinen Schwierigkeiten ... Er mu es geradezu auf
mich persnlich abgesehen haben; wo er kann, behindert er mich ... Heute
gab es eine Szene in der Sitzung der Zentral-Armen-Deputation, vor ein
paar Tagen im Finanz-Departement... Und Johann Buddenbrook fgte
hinzu: Ein oller Stnker! -- Ein anderes Mal kamen Vater und Sohn
zornig und deprimiert zu Tische ... Was passiert sei? Ach, nichts ...
Eine groe Lieferung Roggen nach Holland sei ihnen verloren gegangen;
Strunck & Hagenstrm htten sie ihnen vor der Nase weggeschnappt; ein
Fuchs, dieser Hinrich Hagenstrm...

Solche uerungen hatte Tony oft genug angehrt, um gar nicht zum besten
gegen Julchen Hagenstrm gestimmt zu sein. Sie gingen gemeinsam, weil
sie einmal Nachbarinnen waren, aber meistens rgerten sie einander.

Mein Vater hat tausend Taler! sagte Julchen und glaubte entsetzlich zu
lgen. Deiner vielleicht--?

Tony schwieg vor Neid und Demtigung. Dann sagte sie ganz ruhig und
beilufig:

Meine Schokolade eben hat furchtbar gut geschmeckt ... Was trinkst du
eigentlich zum Frhstck, Julchen?

Ja, ehe ich es vergesse, antwortete Julchen; mchtest du gern einen
von meinen pfeln haben? -- Ja ph! ich gebe dir aber keinen! Und dabei
kniff sie ihre Lippen zusammen, und ihre schwarzen Augen wurden feucht
vor Vergngen.--

Manchmal ging Julchens Bruder Hermann, ein paar Jahre lter als sie,
gleichzeitig zur Schule. Sie besa noch einen zweiten Bruder namens
Moritz, aber dieser war krnklich und ward zu Hause unterrichtet.
Hermann war blond, aber seine Nase lag ein wenig platt auf der
Oberlippe. Auch schmatzte er bestndig mit den Lippen, denn er atmete
nur durch den Mund.

Unsinn! sagte er, Papa hat viel mehr als tausend Taler. Das
Interessante an ihm aber war, da er als zweites Frhstck zur Schule
nicht Brot mitnahm, sondern Zitronensemmel: ein weiches, ovales
Milchgebck, das Korinthen enthielt, und das er sich zum berflu mit
Zungenwurst oder Gnsebrust belegte ... Dies war so sein Geschmack.

Fr Tony Buddenbrook war das etwas Neues. Zitronensemmel mit Gnsebrust,
-- brigens mute es gut schmecken! Und wenn er sie in seine Blechbchse
blicken lie, so verriet sie den Wunsch, ein Stck zu probieren. Eines
Morgens sagte Hermann:

Ich kann nichts entbehren, Tony, aber morgen werde ich ein Stck mehr
mitbringen, und das soll fr dich sein, wenn du mir etwas dafr
wiedergeben willst.

Nun, am nchsten Morgen trat Tony in die Allee hinaus und wartete fnf
Minuten, ohne da Julchen gekommen wre. Sie wartete noch eine Minute,
und dann kam Hermann allein; er schwenkte seine Frhstcksdose am
Riemen hin und her und schmatzte leise.

Na, sagte er, hier ist eine Zitronensemmel mit Gnsebrust; es ist
nicht einmal Fett daran, -- das pure Fleisch ... Was gibst du mir
dafr?

Ja, -- einen Schilling vielleicht? fragte Tony. Sie standen mitten in
der Allee.

Einen Schilling... wiederholte Hermann; dann schluckte er hinunter
und sagte:

Nein, ich will etwas anderes haben.

Was denn? fragte Tony; sie war bereit, alles Mgliche fr den
Leckerbissen zu geben...

Einen Ku! rief Hermann Hagenstrm, schlang beide Arme um Tony und
kte blindlings darauf los, ohne ihr Gesicht zu berhren, denn sie
hielt mit ungeheurer Gelenkigkeit den Kopf zurck, stemmte die linke
Hand mit der Bchermappe gegen seine Brust und klatschte mit der rechten
drei oder viermal aus allen Krften in sein Gesicht ... Er taumelte
zurck; aber im selben Augenblick fuhr hinter einem Baume Schwester
Julchen wie ein schwarzes Teufelchen hervor, warf sich, zischend vor
Wut, auf Tony, ri ihr den Hut vom Kopf und zerkratzte ihr die Wangen
aufs jmmerlichste ... Seit diesem Ereignis war es beinahe zu Ende mit
der Kameradschaft.

brigens hatte Tony sicherlich nicht aus Schchternheit dem jungen
Hagenstrm den Ku verweigert. Sie war ein ziemlich keckes Geschpf, das
mit seiner Ausgelassenheit seinen Eltern, im besondern dem Konsul,
manche Sorge bereitete, und obgleich sie ein intelligentes Kpfchen
besa, das flink in der Schule erlernte, was man begehrte, so war ihr
Betragen in so hohem Grade mangelhaft, da schlielich sogar die
Schulvorsteherin, welche Frulein Agathe Vermehren hie, ein wenig
schwitzend vor Verlegenheit, in der Mengstrae erschien und der Konsulin
hflichst anheim gab, der jungen Tochter eine ernstliche Ermahnung
zuteil werden zu lassen -- denn dieselbe habe sich, trotz vieler
liebevoller Verwarnungen, auf der Strae aufs neue offenkundigen Unfugs
schuldig gemacht.

Es war kein Schade, da Tony auf ihren Gngen durch die Stadt alle Welt
kannte und mit aller Welt plauderte; der Konsul zumal war hiermit
einverstanden, weil es keinen Hochmut, sondern Gemeinsinn und
Nchstenliebe verriet. Sie kletterte, gemeinsam mit Thomas, in den
Speichern an der Trave zwischen den Mengen von Hafer und Weizen umher,
die auf den Bden ausgebreitet waren, sie schwatzte mit den Arbeitern
und den Schreibern, die dort in den kleinen dunklen Kontoren zu ebener
Erde saen, ja, sie half sogar drauen beim Aufwinden der Scke. Sie
kannte die Schlachter, die mit ihren weien Schrzen und Mulden durch
die Breite Strae wanderten; sie kannte die Milchfrauen, die mit ihren
Blechkannen vom Lande hereinkamen und lie sich manchmal ein Stck von
ihnen kutschieren; sie kannte die graubrtigen Meister in den kleinen,
hlzernen Goldschmiedebuden, die in die Marktarkaden hineingebaut waren,
die Fisch-, Obst- und Gemsefrauen auf dem Markte, sowie die
Dienstmnner, die an den Straenecken ihren Tabak kauten ... Gut und
schn!

Aber ein bleicher, bartloser Mensch, dessen Alter nicht zu bestimmen ist
und der morgens mit einem traurigen Lcheln in der Breiten Strae zu
lustwandeln pflegt, kann nichts dafr, wenn er gezwungen ist, bei jedem
pltzlichen Laut, den man ausstt -- zum Beispiel Ha! oder Ho! --
auf einem Beine zu tanzen; und dennoch lie Tony ihn tanzen, sobald sie
ihn zu Gesichte bekam. Es ist ferner nicht schn, eine ganz winzige
kleine Frau mit groem Kopfe, welche die Gewohnheit hat, bei jeder
Witterung einen ungeheuren, durchlcherten Schirm ber sich aufgespannt
zu halten, bestndig durch Rufe wie Schirmmadame! oder Champignon!
zu betrben; und es ist tadelnswert, wenn man mit zwei oder drei
gleichgesinnten Freundinnen vor dem Huschen der alten Puppenliese
erscheint, die in einer engen Twiete bei der Johannisstrae mit wollenen
Puppen handelt und allerdings ganz merkwrdig rote Augen hat, -- dort
aus Leibeskrften die Glocke zieht und, wenn die Alte herauskommt, mit
falscher Freundlichkeit fragt, ob hier vielleicht Herr und Madame
Spucknapf wohnen, worauf man mit groem Gekreisch davonrennt ... Das
alles aber tat Tony Buddenbrook und zwar, wie es schien, mit vllig
gutem Gewissen. Denn wurde ihr von seiten irgendeines Gequlten eine
Drohung zuteil, so mute man sehen, wie sie einen Schritt zurcktrat,
den hbschen Kopf mit der vorstehenden Oberlippe zurckwarf und ein halb
entrstetes, halb mokantes Pa! hervorstie, als wollte sie sagen:
Wage es nur, mir etwas anhaben zu wollen! Ich bin Konsul Buddenbrooks
Tochter, wenn du es vielleicht nicht weit...

Sie ging in der Stadt wie eine kleine Knigin umher, die sich das gute
Recht vorbehlt, freundlich oder grausam zu sein, je nach Geschmack und
Laune.


Drittes Kapitel

Jean Jacques Hoffstede hatte, was die beiden Shne des Konsuls
Buddenbrook anging, sicherlich ein treffendes Urteil gefllt.

Thomas, der seit seiner Geburt bereits zum Kaufmann und knftigen
Inhaber der Firma bestimmt war und die realwissenschaftliche Abteilung
der alten Schule mit den gotischen Gewlben besuchte, war ein kluger,
regsamer und verstndiger Mensch, der sich brigens aufs kstlichste
amsierte, wenn Christian, welcher Gymnasiast war und nicht weniger
Begabung, aber weniger Ernsthaftigkeit zeigte, mit ungeheurem Geschick
die Lehrer nachahmte -- im besonderen den tchtigen Herrn Marcellus
Stengel, der im Singen, Zeichnen und derartigen lustigen Fchern den
Unterricht erteilte.

Herr Stengel, aus dessen Westentaschen stets ein halbes Dutzend
wundervoll gespitzter Bleistifte hervorstarrten, trug eine fuchsrote
Percke und einen offenen, hellbraunen Rock, der ihm fast bis an die
Knchel reichte, besa Vatermrder, die sogar noch seine Schlfen
bedeckten, und war ein witziger Kopf, der philosophische
Unterscheidungen liebte, wie etwa: Du sollst 'ne Linie machen, mein
gutes Kind, und was machst du? Du machst 'nen Strich! -- Er sagte
Line statt Linie. Oder zu einem Faulen: Du sitzest in Quarta nicht
Jahre, will ich dir sagen, sondern Jahren! -- Wobei er Quta statt
Quarta sagte und nicht Jahre, sondern beinahe Schahre aussprach
... Sein Lieblingsunterricht bestand darin, in der Gesangstunde das
schne Lied Der grne Wald ben zu lassen, wobei einige Schler auf
den Korridor hinausgehen muten, um, wenn der Chorus angestimmt hatte:
Wir ziehen so frhlich durch Feld und Wald... ganz leise und
vorsichtig das letzte Wort als Echo zu wiederholen. Waren jedoch
Christian Buddenbrook, sein Vetter Jrgen Krger oder sein Freund
Andreas Giesecke, Sohn des Branddirektors, hiermit beamtet, so warfen
sie, statt das zarte Echo zu vollfhren, den Kohlenkasten die Treppe
hinunter und muten nachmittags um vier Uhr in der Wohnung des Herrn
Stengel nachsitzen. Hier ging es ziemlich behaglich zu. Herr Stengel
hatte alles vergessen und befahl seiner Haushlterin, den Schlern
Buddenbrook, Krger und Giesecke je eine Tasse Kaffee zu verabreichen,
worauf er die jungen Herren wieder entlieߠ...

In der Tat, die vortrefflichen Gelehrten, die unter der freundlichen
Herrschaft eines humanen, tabakschnupfenden, alten Direktors in den
Gewlben der alten Schule -- einer ehemaligen Klosterschule -- ihres
Amtes walteten, waren harmlose und gutmtige Leute, einig in der
Ansicht, da Wissenschaft und Heiterkeit einander nicht ausschlssen,
und bestrebt, mit Wohlwollen und Behagen zu Werke zu gehen. Es war da in
den mittleren Klassen ein ehemaliger Prediger, der im Lateinischen
unterrichtete, ein gewisser Pastor Hirte, ein langer Herr mit braunem
Backenbart und munteren Augen, dessen Lebensglck geradezu in dieser
bereinstimmung seines Namens mit seinem Titel bestand, und der nicht
oft genug die Vokabel _pastor_ sich bersetzen lassen konnte. Seine
Lieblingsredensart lautete grenzenlos borniert! und es ist niemals
aufgeklrt worden, ob dies ein bewuter Scherz war. Beabsichtigte er
aber, seine Schler vllig zu verblffen, so gebot er ber die Kunst,
die Lippen in den Mund zu klemmen und sie wieder hinauszuschnellen, in
einer Art, da es knallte wie ein springender Champagnerpfropfen. Er
liebte es, mit langen Schritten im Klassenzimmer umherzugehen und
einzelnen Schlern mit ungeheurer Lebhaftigkeit ihr ganzes zuknftiges
Leben zu erzhlen, und zwar zu dem ausgesprochenen Zwecke, ihre
Phantasie ein bichen anzuregen. Dann aber ging er ernstlich zur Arbeit
ber, das heit, er berhrte die Verse, die er ber _genus_-Regeln --
er sagte Genuregeln -- und allerhand schwierige Konstruktionen mit
wirklichem Geschick gedichtet hatte, Verse, die Pastor Hirte mit
unaussprechlich triumphierender Betonung des Rhythmus und der Reime
hervorbrachte...

Toms und Christians Jugendzeit ... es ist nichts Bedeutendes davon zu
melden. In jenen Tagen herrschte Sonnenschein im Hause Buddenbrook, wo
in den Kontoren die Geschfte so ausgezeichnet gingen. Und manchmal gab
es ein Gewitter, ein kleines Unglck wie dieses:

Herr Stuht in der Glockengieerstrae, ein Schneidermeister, dessen
Gattin alte Kleidungsstcke kaufte und darum in den ersten Kreisen
verkehrte, Herr Stuht, dessen Bauch von einem wollenen Hemd bekleidet
war und in erstaunlicher Rundung ber das Beinkleid hinunterfiel ...
Herr Stuht hatte den jungen Herren Buddenbrook zwei Anzge gefertigt,
die zusammen siebenzig Kurantmark kosteten; allein auf den Wunsch der
beiden hatte er sich bereit finden lassen, schlanker Hand achtzig auf
die Rechnung zu setzen und ihnen bar den Rest einzuhndigen. Das war ein
kleines Geschft ... kein ganz suberliches wohl, aber durchaus kein
ungewhnliches. Das Unglck aber bestand darin, da durch das Walten
irgendeines finsteren Schicksales das Ganze an den Tag kam, da Herr
Stuht, einen schwarzen Rock ber dem wollenen Hemd, im Privatkontor des
Konsuls erscheinen mute und Tom und Christian in seiner Gegenwart einem
strengen Verhr unterzogen wurden. Herr Stuht, der breitbeinig, aber mit
seitwrts geneigtem Kopf und in achtungsvoller Haltung neben dem
Armsessel des Konsuls stand, hielt eine wohltnende Rede, des Inhaltes,
da dat nu so'n Saak sei und da er froh sein werde, die siebenzig
Kurantmark wiederzubekommen, indem de Saak ja nu mal scheep gangen
sei. Der Konsul war heftig aufgebracht ber diesen Streich. Nach ernster
berlegung aber auf seiner Seite war das Ergebnis, da er das
Taschengeld seiner Shne erhhte; denn es hie: Fhre uns nicht in
Versuchung.

Augenscheinlich waren auf Thomas Buddenbrook grere Hoffnungen zu
setzen als auf seinen Bruder. Sein Benehmen war gleichmig und von
verstndiger Munterkeit; Christian dagegen erschien launenhaft, neigte
einerseits zu einer albernen Komik und konnte andererseits die gesamte
Familie auf die sonderbarste Weise erschrecken...

Man sitzt bei Tische, man ist beim Obste angelangt und speist unter
behaglichen Gesprchen. Pltzlich jedoch legt Christian einen
angebissenen Pfirsich auf den Teller zurck, sein Gesicht ist bleich,
und seine runden, tiefliegenden Augen ber der allzu groen Nase haben
sich erweitert.

Ich esse nie wieder einen Pfirsich, sagt er.

Warum nicht, Christian ... Was fr ein Unsinn ... Was ist dir?

Denkt euch, wenn ich aus Versehen ... diesen groen Kern verschluckte,
und wenn er mir im Halse steckte ... und ich nicht Luft bekommen knnte
... und ich sprnge auf und wrgte grlich, und ihr alle sprnget auch
auf... Und pltzlich fgt er ein kurzes, sthnendes Oh! hinzu, das
voll ist von Entsetzen, richtet sich unruhig auf seinem Stuhle empor und
wendet sich seitwrts, als wollte er fliehen.

Die Konsulin und Mamsell Jungmann springen tatschlich auf.

Gott im Himmel, -- Christian, du hast ihn doch nicht verschluckt?!
Denn es hat vollkommen den Anschein, als sei es wirklich geschehen.

Nein, nein, sagt Christian und beruhigt sich allmhlich, aber =wenn=
ich ihn verschluckte!

Der Konsul, der gleichfalls bla vor Schrecken ist, beginnt nun zu
schelten, und auch der Grovater pocht indigniert auf den Tisch und
verbittet sich die Narrenspossen ... Allein Christian it wirklich
lngere Zeit keinen Pfirsich mehr.--


Viertes Kapitel

Es war nicht blo Altersschwche, was die alte Madame Antoinette
Buddenbrook, sechs Jahre ungefhr nachdem die Familie das Haus in der
Mengstrae bezogen, an einem kalten Januartag endgltig auf ihr hohes
Himmelbett im Schlafzimmer des Zwischengeschosses darniederwarf. Die
alte Dame war rstig gewesen bis zuletzt und hatte ihre dicken weien
Seitenlocken mit aufrechter Wrde getragen; sie hatte zusammen mit ihrem
Gatten und ihren Kindern die hauptschlichsten Diners besucht, die in
der Stadt gegeben wurden, und bei den Gesellschaften, die Buddenbrooks
selbst veranstalteten, ihrer eleganten Schwiegertochter im
Reprsentieren nicht nachgestanden. Eines Tages aber, ganz pltzlich,
hatte sich ein halb unbestimmbares Leiden eingestellt, ein leichter
Darmkatarrh anfangs nur, gegen den Doktor Grabow ein wenig Taube und
Franzbrot verordnet hatte, eine mit Erbrechen verbundene Kolik, die mit
unbegreiflicher Schnelligkeit Entkrftung herbeifhrte, einen sanften
und hinflligen Zustand, der bengstigend war.

Als dann Doktor Grabow mit dem Konsul eine kurze, ernste Unterredung
drauen auf der Treppe gehabt hatte, als ein zweiter, neu hinzugezogener
Arzt, ein untersetzter, schwarzbrtiger, dsterblickender Mann, neben
Grabow aus und ein zu gehen begann, da nderte sich gleichsam die
Physiognomie des Hauses. Man ging auf den Zehen umher, man flsterte
ernst, und die Wagen durften nicht ber die Diele rollen. Etwas Neues,
Fremdes, Auerordentliches schien eingekehrt, ein Geheimnis, das einer
in des anderen Augen las; der Gedanke an den Tod hatte sich Einla
geschafft und herrschte stumm in den weiten Rumen.

Dabei durfte nicht gefeiert werden, denn es kam Besuch. Die Krankheit
whrte vierzehn oder fnfzehn Tage, und nach einer Woche kam der alte
Senator Duchamps, ein Bruder der Sterbenden, nebst seiner Tochter von
Hamburg an, whrend ein paar Tage spter des Konsuls Schwester mit ihrem
Gatten, dem Bankier aus Frankfurt eintraf. Die Herrschaften wohnten im
Hause, und Ida Jungmann hatte alle Hnde voll zu tun, fr die
verschiedenen Schlafzimmer zu sorgen und gute Frhstcke mit Krabben und
Portwein bereitzuhalten, whrend in der Kche gebraten und gebacken
ward...

Droben sa Johann Buddenbrook am Krankenbette und blickte, die matte
Hand seiner alten Nette in der seinen, mit erhobenen Brauen und ein
wenig hngender Unterlippe stumm vor sich hin. Die Wanduhr tickte dumpf
und mit langen Pausen, viel seltener aber noch atmete die Kranke einmal
kurz und oberflchlich auf ... Eine schwarze Schwester machte sich am
Tisch mit dem Beeftee zu schaffen, den man versuchsweise noch reichen
wollte; dann und wann trat geruschlos ein Familienmitglied ein und
verschwand wieder.

Der Alte mochte sich erinnern, wie er vor 46 Jahren zum erstenmal am
Sterbebette einer Gattin gesessen hatte, und er mochte der wilden
Verzweiflung, die damals in ihm aufbegehrt war, die nachdenkliche Wehmut
vergleichen, mit der er, nun selbst so alt, in das vernderte,
ausdruckslose und entsetzlich gleichgltige Gesicht der alten Frau
blickte, die ihm niemals ein groes Glck, niemals einen groen Schmerz
bereitet, die aber viele lange Jahre mit klugem Anstand bei ihm
ausgehalten und nun ebenfalls langsam davonging.

Er dachte nicht viel, er sah nur unverwandt und mit einem leisen
Kopfschtteln auf sein Leben und das Leben im allgemeinen zurck, das
ihm pltzlich so fern und wunderlich erschien, dieses berflssig
geruschvolle Getmmel, in dessen Mitte er gestanden, das sich
unmerklich von ihm zurckgezogen hatte und nun vor seinem verwundert
aufhorchenden Ohr in der Ferne erhallte ... Manchmal sagte er mit halber
Stimme vor sich hin:

Kurios! Kurios!

Und als dann Madame Buddenbrook ihren letzten, ganz kurzen und
kampflosen Seufzer getan hatte, als im Esaal, woselbst die Einsegnung
stattfand, die Trger den blumenbedeckten Sarg aufgehoben hatten, um ihn
schwerfllig davonzuschaffen, -- da nderte sich seine Stimmung nicht,
da weinte er nicht einmal; aber dies leise, erstaunte Kopfschtteln
blieb ihm, und dies beinahe lchelnde Kurios! wurde sein Lieblingswort
... Kein Zweifel, da es auch mit Johann Buddenbrook zu Ende ging.

Er fing an, stumm und abwesend im Familienkreise zu sitzen, und wenn er
einmal die kleine Klara auf die Knie genommen hatte, um ihr vielleicht
eines seiner alten drolligen Lieder vorzusingen, zum Beispiel:

    Der Omnibus fhrt durch die Stadt...

oder

    Kiek, doa sitt'n Brummer an de Wand...

so konnte er pltzlich stillschweigen, um dann die Enkelin, gleichsam
aus einem langen, halb unbewuten Gedankengange heraus, mit einem
kopfschttelnden Kurios! zu Boden zu setzen und sich abzuwenden ...
Eines Tages sagte er:

Jean, -- _assez_, du?

Und alsbald begannen in der Stadt die reinlich gedruckten und mit zwei
Unterschriften versehenen Formulare zu zirkulieren, auf denen Johann
Buddenbrook _senior_ sich kundzutun erlaubte, da sein zunehmendes Alter
ihn veranlasse, seine bisherige kaufmnnische Wirksamkeit aufzugeben,
und da er infolgedessen die von seinem seligen Vater _Anno_ 1768
gegrndete Handlung =Johann Buddenbrook= mit _Activis_ und _Passivis_
unter gleicher Firma von heute an seinem Sohne und seitherigen Associ
Johann Buddenbrook als alleinigen Inhaber bertrage, mit der Bitte, das
ihm so vielseitig geschenkte Vertrauen seinem Sohne zu erhalten ...
Hochachtungsvoll -- Johann Buddenbrook _senior_, welcher aufhren wird
zu zeichnen.

Als aber diese Kundgebung erfolgt war, als der Alte fortan sich
weigerte, noch einen Fu ins Kontor zu setzen, da nahm seine
nachdenkliche Apathie in erschreckender Weise zu, da gengte, Mitte
Mrz, ein paar Monate nur nach dem Tode seiner Frau, irgendein kleiner
Frhlingsschnupfen, um ihn bettlgerig zu machen, -- und dann, in einer
Nacht, kam die Stunde, wo die Familie auch sein Bett umstand, wo er zum
Konsul sagte:

Alles Glck, -- du? Jean? Und immer _courage_!

Und zu Thomas:

Hilf deinem Vater!

Und zu Christian:

Werde was Ordentliches!

--worauf er schwieg, alle anblickte und sich mit einem letzten
Kurios! nach der Wand kehrte...

Er hatte Gottholds bis zum Schlu nicht Erwhnung getan, und auf die
schriftliche Aufforderung des Konsuls, am Sterbebette des Vaters zu
erscheinen, hatte der lteste Sohn mit Schweigen geantwortet. Am nchsten
Morgen jedoch, ganz frh, als die Todesanzeigen noch nicht versandt waren
und der Konsul auf die Treppe hinaustrat, um im Kontor das Notwendigste
zu erledigen, geschah das Merkwrdige, da Gotthold Buddenbrook, Inhaber
der Leinenhandlung Siegmund Stwing & Komp. in der Breitenstrae, raschen
Schrittes ber die Diele kam. Sechsundvierzigjhrig, klein und beleibt,
besa er starke, aschblonde, mit weien Fden durchsetzte Kotelettes. Er
war kurzbeinig und trug sackartig weite Hosen aus rauhem, kariertem
Stoff. Die Treppe hinauf schritt er dem Konsul entgegen, indem er die
Brauen hoch unter die Krempe seines grauen Hutes erhob und sie dennoch
zusammenzog.

Johann, sagte er, ohne dem Bruder die Hand zu reichen, mit hoher,
angenehmer Stimme, wie steht es?

Heute nacht ist er heimgegangen! sagte der Konsul bewegt und ergriff
die Hand des Bruders, die einen Regenschirm hielt. Er, der beste
Vater!

Gotthold senkte die Brauen so tief, da seine Lider sich schlossen. Nach
einem Schweigen sagte er nachdrcklich:

Es ist nichts gendert worden, bis zum Schlusse, Johann?

Und sofort lie der Konsul seine Hand fahren, ja, er trat sogar eine
Stufe zurck, und whrend seine runden, tiefliegenden Augen klar wurden,
sagte er:

Nichts.

Gottholds Brauen wanderten wieder unter die Hutkrempe hinauf, und seine
Augen richteten sich mit Anstrengung auf den Bruder.

Und was habe ich von =deiner= Gerechtigkeit zu gewrtigen? sagte er
mit gesenkter Stimme.

Der Konsul seinerseits senkte nun den Blick; dann aber, ohne ihn wieder
zu erheben, machte er jene entschiedene Handbewegung von oben nach unten
und antwortete leise und fest:

Ich habe dir in diesem schweren und ernsten Augenblick meine Hand als
Bruder gereicht; was aber geschftliche Dinge betrifft, so kann ich dir
immer nur als Chef der ehrwrdigen Firma gegenberstehen, deren
alleiniger Inhaber ich heute geworden bin. Du kannst nichts von mir
gewrtigen, was den Verpflichtungen widerspricht, die mir =diese=
Eigenschaft auferlegt; meine sonstigen Gefhle mssen schweigen.

Gotthold ging ... Zum Begrbnis jedoch, als die Menge der Verwandten,
Bekannten, Geschftsfreunde, der Deputationen, Korntrger, Kontoristen
und Speicherarbeiter Zimmer, Treppen und Korridore fllte und die
smtlichen Mietkutschen der Stadt die ganze Mengstrae hinunterstanden,
-- zum Begrbnis kam er zur aufrichtigen Freude des Konsuls aufs neue;
ja, er brachte sogar seine Gattin, die geborene Stwing, und seine drei
schon erwachsenen Tchter mit: Friederike und Henriette, die beide sehr
lang und hager waren, und Pfiffi, die achtzehnjhrige Jngste, die allzu
klein und beleibt erschien.

Und als dann am Grabe, am Buddenbrookschen Erbbegrbnis dort drauen
vorm Burgtore, am Rande des Friedhofgehlzes, Pastor Klling von Sankt
Marien, ein robuster Mann mit dickem Kopf und derber Redeweise, das
mavolle, gottgefllige Leben des Verstorbenen gepriesen hatte, im
Gegensatze zu dem der Wollstigen, Fresser und Sufer -- dies war sein
Ausdruck, obgleich manche Leute, die sich der Diskretion des jngst
verstorbenen alten Wunderlich erinnerten, die Kpfe schttelten, -- als
die Feierlichkeiten und Formalitten beendet waren und die 70 oder 80
Mietkutschen in die Stadt zurckzurollen begannen ... da erbot sich
Gotthold Buddenbrook, den Konsul zu begleiten, weil er ihn unter vier
Augen zu sprechen wnsche. Und siehe da: hier, neben dem Stiefbruder auf
dem Rcksitz der hohen, weiten, plumpen Kutsche, eins seiner kurzen
Beine ber das andere gelegt, zeigte er sich vershnlich und sanft. Er
erkenne, sagte er, mehr und mehr, da der Konsul handeln msse, wie er
es tue, und das Andenken des Vaters solle fr ihn kein bses sein. Er
verzichte auf seine Ansprche, und zwar um so lieber, als er gesonnen
sei, sich von allen Geschften zurckzuziehen und sich mit seinem Erbe
und dem, was ihm sonst erbrige, zur Ruhe zu setzen, denn das
Leinengeschft mache ihm wenig Freude und gehe so mig, da er sich
nicht entschlieen werde, noch mehr hineinzustecken ... Der Trotz gegen
den Vater hat ihm keinen Segen gebracht! dachte der Konsul mit einem
inneren frommen Aufblick; und Gotthold dachte wahrscheinlich dasselbe.

In der Mengstrae aber begleitete er den Bruder ins Frhstckszimmer
hinauf, woselbst die beiden Herren, nach dem langen Stehen in der
Frhlingsluft in ihren Frcken frstelnd, einen alten Kognak miteinander
tranken. Und als dann Gotthold ein paar hfliche und ernste Worte mit
seiner Schwgerin gewechselt und den Kindern die Kpfe gestreichelt
hatte, ging er davon, um am nchsten Kindertag bei Krgers drauen im
Gartenhause zu erscheinen ... Er begann schon zu liquidieren.


Fnftes Kapitel

Eines schmerzte den Konsul: da nmlich der Vater nicht mehr den
Eintritt seines ltesten Enkels ins Geschft hatte erleben drfen, der
schon um Ostern desselben Jahres erfolgte.

Thomas war sechzehnjhrig, als er die Schule verlie. Er war stark
gewachsen in letzter Zeit und trug seit seiner Konfirmation, bei der
Pastor Klling ihm mit starken Ausdrcken Migkeit! empfohlen hatte,
ganz herrenmige Kleidung, die ihn noch grer erscheinen lie. Um
seinen Hals hing die lange goldene Uhrkette, die der Grovater ihm
zugesprochen hatte, und an der ein Medaillon mit dem Wappen der Familie
hing, diesem melancholischen Wappenschilde, das eine unregelmig
schraffierte Flche, ein flaches Moorland mit einer einsamen und nackten
Weide am Ufer zeigte. Der noch ltere Siegelring mit grnem Stein, den
wahrscheinlich schon der sehr gut situierte Gewandschneider in Rostock
getragen hatte, war nebst der groen Bibel auf den Konsul bergegangen.

Die hnlichkeit mit dem Grovater hatte sich bei Thomas so stark
entwickelt wie bei Christian diejenige mit dem Vater; besonders sein
rundes und festes Kinn und die feingeschnittene, gerade Nase waren die
des Alten. Sein seitwrts gescheiteltes Haar, das in zwei Einbuchtungen
von den schmalen und auffllig gederten Schlfen zurcktrat, war
dunkelblond, und im Gegensatz dazu erschienen die langen Wimpern und die
Brauen, von denen er gern die eine ein wenig emporzog, ungewhnlich hell
und farblos. Seine Bewegungen, seine Sprache, sowie sein Lachen, das
seine ziemlich mangelhaften Zhne sehen lie, war ruhig und verstndig.
Er blickte seinem Beruf mit Ernst und Eifer entgegen...

Es war ein uerst feierlicher Tag, als der Konsul ihn nach dem ersten
Frhstck mit sich in die Kontore hinunternahm, um ihn Herrn Marcus, dem
Prokuristen, Herrn Havermann, dem Kassierer, sowie dem brigen Personale
zu prsentieren, mit dem er eigentlich lngst gut Freund war; als er zum
ersten Male auf seinem Drehsessel am Pulte sa, emsig mit Stempeln,
Ordnen, Kopieren beschftigt, und als der Vater ihn nachmittags auch an
die Trave hinunter in die Speicher Linde, Eiche, Lwe und
Walfisch fhrte, wo Thomas eigentlich ebenfalls lngst zu Hause war,
wo er aber nun als Mitarbeiter vorgestellt wurde...

Er war mit Hingebung bei der Sache und ahmte den stillen und zhen Flei
des Vaters nach, der mit zusammengebissenen Zhnen arbeitete und manches
Gebet um Beistand in sein Tagebuch schrieb; denn es galt, die
bedeutenden Mittel wieder einzubringen, die beim Tode des Alten der
Firma, diesem vergtterten Begriff, verlorengegangen waren ... Eines
Abends, sehr spt, im Landschaftszimmer, lie er sich gegen die Konsulin
ziemlich eingehend ber die Verhltnisse aus.

Es war halb zwlf Uhr, und die Kinder sowie Mamsell Jungmann schliefen
drauen in den Zimmern am Korridor, denn der zweite Stock stand nun leer
und wurde nur dann und wann fr Fremde gebraucht. Die Konsulin sa auf
dem gelben Sofa neben ihrem Gatten, der, eine Zigarre im Munde, die
Kursnotizen der stdtischen Anzeigen berblickte. Sie beugte sich ber
eine Seidenstickerei und bewegte leichthin die Lippen, whrend sie mit
der Nadel eine Reihe von Stichen zhlte. Neben ihr, auf dem zierlichen
Nhtisch mit Goldornamenten, brannten die sechs Kerzen eines
Armleuchters; der Kronleuchter hing unbenutzt.

Johann Buddenbrook, der sich allgemach der Mitte der Vierziger nherte,
hatte in den letzten Jahren ersichtlich gealtert. Seine kleinen, runden
Augen schienen noch tiefer zu liegen, die groe, gebogene Nase sprang,
wie die Wangenknochen, noch schrfer hervor, und ein Puderquast schien
an den Schlfen ein paarmal ganz leicht sein aschblondes, sorgfltig
gescheiteltes Haar berhrt zu haben. Die Konsulin ihrerseits stand am
Ende der Dreiiger, aber sie konservierte ihre nicht schne und dennoch
glnzende Erscheinung aufs beste, und ihr mattweier Teint mit den
vereinzelten Sommersprossen hatte an Zartheit nichts eingebt. Ihr
rtliches, kunstvoll frisiertes Haar war vom Schein der Kerzen
durchleuchtet. Whrend sie die ganz hellblauen Augen ein wenig beiseite
gleiten lie, sagte sie:

Eines wollte ich dir zur berlegung empfehlen, mein lieber Jean: ob es
nmlich nicht ratsam wre, einen Bedienten zu engagieren ... Ich bin zu
dieser berzeugung gekommen. Wenn ich an meine Eltern denke...

Der Konsul lie die Zeitung auf die Knie sinken, und whrend er die
Zigarre aus dem Munde nahm, wurden seine Augen aufmerksam, denn es
handelte sich um Geldausgeben.

Ja, meine liebe und verehrte Bethsy, fing er an und zog die Anrede in
die Lnge, denn er mute seine Einwnde ordnen. Einen Bedienten? Wir
haben nach dem Tode der seligen Eltern alle drei Mdchen, von Mamsell
Jungmann abgesehen, im Hause behalten, und mich dnkt...

Ach, das Haus ist so gro, Jean, da es beinahe fatal ist. Ich sage:
`Lina, mein Kind, im Hinterhaus ist schrecklich lange nicht abgestubt
worden! aber ich mag die Leute nicht beranstrengen, denn sie mssen
schon pusten, wenn hier vorn alles nett und reinlich ist ... Ein Diener
wre so angenehm fr Kommissionen und dergleichen ... Man bekommt einen
braven und anspruchslosen Mann vom Lande ... Aber ehe ich es vergesse,
Jean: Louise Mllendorpf will ihren Anton gehen lassen; ich habe ihn mit
Sicherheit servieren sehen...

Ich mu gestehen, sagte der Konsul und rckte ein wenig unbehaglich
hin und her, da dieser Gedanke mir fremd ist. Wir besuchen jetzt weder
Gesellschaften, noch geben wir selbst welche...

Nein, nein; aber Besuch haben wir trotzdem hufig genug, und das ist
nicht meine Schuld, lieber Jean, obgleich du weit, da ich mich
herzlich darber freue. Es kommt ein auswrtiger Geschftsfreund von
dir, du bittest ihn zum Essen, er hat noch kein Gasthauszimmer genommen
und bernachtet natrlich bei uns. Dann kommt ein Missionar, der
vielleicht acht Tage bei uns bleibt ... Fr bernchste Woche erwarten
wir Pastor Mathias aus Kannstatt ... Nun, um kurz zu sein, die Salairs
sind so gering...

Aber sie hufen sich, Bethsy! Wir honorieren vier Leute im Hause, und
du vergissest die vielen Mnner, die im Dienste der Firma stehen!

Sollten wir wirklich einen Bedienten nicht erschwingen knnen? fragte
die Konsulin lchelnd, indem sie ihren Gatten mit seitwrts geneigtem
Kopfe anblickte. Wenn ich an das Personal meiner Eltern denke...

Deine Eltern, liebe Bethsy! Nein, nun mu ich dich fragen, ob du dir
eigentlich ber unsere Verhltnisse klar bist?

Nein, das ist wahr, Jean, ich habe wohl nicht die hinlngliche
Einsicht...

Nun, die ist leicht zu beschaffen, sagte der Konsul. Er setzte sich im
Sofa zurecht, schlug ein Bein ber das andere, tat einen Zug aus seiner
Zigarre und begann, whrend er die Augen ein wenig zusammenkniff, mit
auerordentlicher Gelufigkeit seine Zahlen hervorzubringen...

Kurz und gut: Mein seliger Vater hat seinerzeit, vor meiner Schwester
Heirat, rund und nett 900000 Mark Kurant besessen, abgesehen, wie sich
versteht, von dem Grundbesitz und dem Werte der Firma. 80000 sind als
Mitgift nach Frankfurt und 100000 bei Gottholds Etablierung abgegangen:
macht 720000. Dann kam der Kauf dieses Hauses, das trotz der Einnahme
fr das kleine in der Alfstrae mit Verbesserungen und Neuanschaffungen
volle 100000 gekostet hat: macht 620000. Nach Frankfurt wurden als
Entschdigungssumme 25000 gezahlt: macht 595000, und so htten die Dinge
bei Vaters Tode gelegen, wren alle diese Spesen nicht im Laufe der
Jahre durch rund 200000 Kurantmark Verdienst korrigiert worden. Das
Gesamtvermgen betrug also 795000. Dann wurden ferner 100000 an Gotthold
ausgekehrt und noch 267000 nach Frankfurt; das macht, wenn ich noch ein
paar tausend Kurantmark kleinerer Vermchtnisse abrechne, die nach Vaters
Testament an das Heilige-Geist-Hospital, die Kaufleute-Witwenkasse usw.
gingen, etwa 420000, mit deiner Mitgift um 100000 mehr. Das sind, in
runden Summen und abgesehen von allerhand kleineren Schwankungen des
Vermgens, ungefhr die Verhltnisse. Wir sind nicht so ungemein reich,
meine liebe Bethsy, und bei alledem mu man bedenken, da das Geschft
zwar kleiner geworden ist, da aber die Geschftsspesen dieselben
geblieben sind, weil der Zuschnitt des Geschftes es nicht gestattet,
die Unkosten herabzusetzen ... Hast du mir folgen knnen?

Die Konsulin nickte ein wenig zgernd, die Stickerei im Schoe. Recht
gut, mein lieber Jean, sagte sie, obgleich sie nicht alles verstanden
hatte und durchaus nicht begriff, warum alle diese groen Summen sie
hindern sollten, einen Bedienten zu engagieren.

Der Konsul lie seine Zigarre aufglimmen, stie mit zurckgeneigtem
Kopfe den Rauch von sich und fuhr dann fort:

Du denkst, da wir ja, wenn einmal deine lieben Eltern zu Gott gerufen
werden, noch etwas Betrchtliches zu erwarten haben, und das ist
richtig. Jedoch ... wir drfen damit nicht allzu unvorsichtig rechnen.
Ich wei, da dein Vater ziemlich peinliche Verluste gehabt hat, und
zwar, wie bekannt ist, durch Justus. Justus ist ein uerst
liebenswrdiger Mensch, aber er ist nicht eben ein starker Geschftsmann
und hat auch unverschuldetes Unglck gehabt. Er hat bei mehreren Kunden
hchst strende Einbuen erlitten, die Folge seines geschwchten
Betriebskapitals war teures Geld, durch Transaktionen mit Bankiers, und
dein Vater hat mehrere Male mit bedeutenden Summen einspringen mssen,
damit kein Unglck geschah. Dergleichen kann sich wiederholen und wird
sich, frchte ich, wiederholen, denn -- verzeih mir, Bethsy, wenn ich
aufrichtig rede -- die gewisse heitere Leichtlebigkeit, die bei deinem
Vater, der mit Geschften nichts mehr zu tun hat, so angenehm wirkt,
kommt deinem Bruder, als Geschftsmann, schlecht zustatten ... Du
verstehst mich ... er ist nicht sehr behutsam, wie? ein bichen rasch
und obenhinaus ... Im brigen lassen sich deine Eltern, was mich so
aufrichtig freut, nichts abgehen, sie fhren ein herrschaftliches Leben,
wie es ... ihren Verhltnissen entspricht...

Die Konsulin lchelte nachsichtig; sie kannte das Vorurteil ihres Gatten
gegen die eleganten Neigungen ihrer Familie.

Genug, fuhr er fort und legte den Rest seiner Zigarre in den
Aschbecher, ich meinesteils verlasse mich in der Hauptsache darauf, da
der Herr mir meine Arbeitskraft erhalten wird, damit ich mit seiner
gndigen Hilfe das Vermgen der Firma auf die ehemalige Hhe
zurckfhren kann ... Ich hoffe, deine Einsicht ist nun eine klarere,
liebe Bethsy--?

Vollkommen, Jean, vollkommen! beeilte sich die Konsulin zu antworten,
denn sie gab fr heute abend den Bedienten auf. Aber la uns zur Ruhe
gehn, wie? es ist allzu spt geworden...

brigens wurde nach ein paar Tagen, als der Konsul gutgelaunt aus dem
Kontor zu Tische kam, dennoch der Beschlu gefat, Mllendorpfs Anton zu
engagieren.


Sechstes Kapitel

Tony geben wir in Pension, und zwar zu Frulein Weichbrodt, sagte
Konsul Buddenbrook, und er uerte das so bestimmt, da es dabei blieb.

Weniger zufrieden nmlich, wie angedeutet, als mit Thomas, der sich mit
Talent in die Geschfte einlebte, mit Klara, die munter heranwuchs, und
der armen Klothilde, deren Appetit jeden Menschen erfreuen mute, konnte
man mit Tony und Christian sein. Was den letzteren anging, so war es das
wenigste, da er beinahe jeden Nachmittag gentigt war, bei Herrn
Stengel Kaffee zu trinken, -- obgleich die Konsulin, der dies zu viel
wurde, eines Tages den Herrn Lehrer durch ein zierliches Handbillett zum
Zwecke einer Rcksprache zu sich in die Mengstrae entbot. Herr Stengel
erschien in seiner Sonntagspercke, mit seinen hchsten Vatermrdern,
die Weste von lanzenartig gespitzten Bleistiften starrend, und sa mit
der Konsulin im Landschaftszimmer, whrend Christian heimlich im Esaale
der Unterredung zuhrte. Der ausgezeichnete Erzieher legte beredt, wenn
auch ein wenig befangen, seine Ansichten dar, sprach von dem bedeutsamen
Unterschied zwischen Line und Strich, erwhnte des schnen grnen
Waldes sowie des Kohlenkastens und gebrauchte im brigen whrend dieser
Visite bestndig das Wort infolgedessen, das ihm wohl dieser vornehmen
Umgebung am besten zu entsprechen schien. Nach einer Viertelstunde
erschien der Konsul, jagte Christian davon und drckte Herrn Stengel
sein lebhaftes Bedauern darber aus, da sein Sohn ihm Ursache zur
Unzufriedenheit gegeben habe ... Oh, behte, Herr Konsul, ich bitte
ergebenst! Ein geweckter Kopf, ein munterer Patron, der Schler
Buddenbrook. Und infolgedessen ... Allein ein wenig bermtig, wenn ich
mir erlauben darf, hm ... und infolgedessen... Der Konsul fhrte ihn
hflich im Hause umher, worauf Herr Stengel sich verabschiedete ... Das
alles aber war nicht das Schlimme.

Das Schlimme bestand darin, da folgendes bekannt wurde: Der Schler
Christian Buddenbrook durfte eines Abends mit einem guten Freunde das
Stadttheater besuchen, woselbst Wilhelm Tell von Schiller gegeben
wurde; die Rolle von Tells Knaben Walter jedoch spielte eine junge Dame,
eine Demoiselle Meyer-de la Grange, mit der es eine eigne Bewandtnis
hatte. Sie pflegte nmlich, war es ihrer Rolle nun angemessen oder
nicht, auf der Bhne eine Brillantbrosche zu tragen, die notorisch echt
war, denn wie allgemein bekannt, war sie ein Geschenk des jungen Konsuls
Peter Dhlmann, Sohn des verstorbenen Holzgrohndlers Dhlmann in der
Ersten Wallstrae vorm Holstentor. Konsul Peter gehrte zu den Herren,
die in der Stadt Suitiers genannt wurden -- wie zum Beispiel auch
Justus Krger--, das heit seine Lebensfhrung war ein wenig locker. Er
war verheiratet und besa sogar eine kleine Tochter, befand sich aber
seit lngerer Zeit mit seiner Gattin in Zwietracht und lebte ganz wie
ein Junggeselle. Das Vermgen, das sein Vater ihm hinterlassen hatte,
dessen Geschft er sozusagen fortfhrte, war ziemlich bedeutend gewesen;
aber man sagte sich, da er dennoch vom Kapitale zehre. Er hielt sich
meistens im Klub oder im Ratskeller auf, um zu frhstcken, ward jeden
Morgen um 4 Uhr irgendwo in den Straen gesehen und unternahm hufig
Geschftsreisen nach Hamburg. Vor allem jedoch war er ein eifriger
Theaterliebhaber, versumte keine Vorstellung und nahm persnliches
Interesse an dem ausbenden Personal. Demoiselle Meyer-de la Grange war
die letzte der jungen Knstlerinnen, die er in den vergangenen Jahren
mit Brillanten ausgezeichnet hatte...

Um zur Sache zu kommen, so sah die junge Dame als Walter Tell -- sie
trug auch in dieser Rolle ihre Brillantbrosche -- ganz allerliebst aus
und spielte so rhrend, da dem Schler Buddenbrook vor innerer
Begeisterung die Trnen in die Augen traten, ja da er sich zu einer
Handlungsweise hinreien lie, wie sie nur aus einem allzu starken
Empfinden hervorgehen kann. In einer Pause nmlich erstand er im
gegenbergelegenen Blumenladen fr 1 Mark 8 Schilling ein Bukett, mit
welchem dieser vierzehnjhrige Knirps mit seiner groen Nase und seinen
kleinen tiefliegenden Augen den Weg zum Bhnenraum marschierte und, da
niemand ihn aufhielt, vor einer Garderobentr auf Frulein Meyer-de la
Grange stie, die im Gesprche mit Konsul Peter Dhlmann stand. Der
Konsul wre vor Lachen beinahe gegen die Wand gefallen, als er Christian
mit dem Bukett daherkommen sah; der neue Suitier aber machte ernsthaft
sein bestes Kompliment vor Walter Tell, berreichte ihm die Blumen,
schttelte langsam den Kopf und sagte in einem Tone, der vor
Aufrichtigkeit beinahe bekmmert klang:

Frulein, wie schn haben Sie gespielt!

Nun seh' mal einer diesen Krischan Buddenbrook! schrie Konsul Dhlmann
mit seiner breiten Aussprache. Frulein Meyer-de la Grange aber zog die
hbschen Brauen empor und fragte:

Sohn von Konsul Buddenbrook? Dann streichelte sie ihrem neuen Verehrer
mit vielem Wohlwollen die Wange.

Dies war der Tatbestand, den Peter Dhlmann am selben Abend im Klub
zum besten gab, der mit ungeheurer Schnelligkeit in der Stadt bekannt
wurde und sogar dem Schuldirektor zu Ohren kam, der ihn wiederum zum
Gegenstande einer Unterredung mit Konsul Buddenbrook machte. Wie fate
dieser die Sache auf? Er war weniger zornig als geradezu berwltigt und
geschlagen ... Als er der Konsulin Mitteilung machte, sa er beinahe
gebrochen im Landschaftszimmer.

Das ist unser Sohn, so entwickelt er sich...

Jean, mein Gott, dein Vater htte gelacht darber ... Und erzhle es
nur Donnerstag bei meinen Eltern, Papa wird sich kstlich amsieren...

Hier begehrte der Konsul auf. Ha! Ja! ich bin berzeugt, da er sich
amsieren wird, Bethsy! Er wird sich freuen, da sein leichtfertiges
Blut und seine unfrommen Neigungen nicht nur in Justus, dem ... Suitier,
sondern ersichtlich auch in einem seiner Enkel fortleben ... sapperlot,
du zwingst mich zu dieser uerung! Er geht zu dieser Person! Er gibt
sein Taschengeld aus fr diese Lorette--! Er wei es nicht, nein; aber
die Neigung zeigt sich! Die Neigung zeigt sich!...

Ja, das war ein schlimmer Fall; und der Konsul war um so entsetzter, als
auch Tony, wie gesagt, sich nicht zum besten betrug. Zwar verzichtete
sie mit den Jahren darauf, den bleichen Mann tanzen zu lassen und die
Puppenliese zu besuchen; aber sie zeigte eine immer keckere Art, den
Kopf in den Nacken zu werfen und uerte, besonders wenn sie den Sommer
drauen bei den Groeltern verlebt hatte, einen argen Hang zu Hoffart
und Eitelkeit.

Eines Tages berraschte der Konsul sie mit Verdru dabei, da sie
gemeinsam mit Mamsell Jungmann Claurens Mimili las; er bltterte in
dem Bndchen, schwieg und verschlo es auf immer. Kurz darauf kam es an
den Tag, da Tony -- Antonie Buddenbrook -- ganz allein mit einem
Gymnasiasten, einem Freunde ihrer Brder, vorm Tore spazieren gegangen
war. Frau Stuht, dieselbe, die in den ersten Kreisen verkehrte, hatte
die beiden erblickt, hatte sich, gelegentlich eines Kleiderankaufes bei
Mllendorpfs, darber geuert, da nun wahrhaftig auch Mamsell
Buddenbrook schon in die Jahre komme, wo ... und Frau Senatorin
Mllendorpf hatte in heiterem Tone dem Konsul davon erzhlt. Diese
Spaziergnge wurden verhindert. Dann aber erwies es sich, da
Mademoiselle Tony aus jenen alten, hohlen Bumen, gleich hinter dem
Burgtore, die nur lckenhaft mit Mrtelmasse gefllt waren, kleine
Korrespondenzen abholte oder daselbst zurcklie, die von ebendemselben
Gymnasiasten herrhrten oder an ihn gerichtet waren. Als dies am Lichte
war, erschien es geboten, die nun fnfzehnjhrige Tony in strengere
Obhut zu geben, in eine Pension, in diejenige von Frulein Weichbrodt,
am Mhlenbrink Numero7.


Siebentes Kapitel

Therese Weichbrodt war bucklig, sie war so bucklig, da sie nicht viel
hher war als ein Tisch. Sie war 41 Jahre alt, aber da sie niemals
Gewicht auf uere Wohlgeflligkeit gelegt hatte, so ging sie gekleidet
wie eine Dame von 60 bis 70 Jahren. Auf ihren grauen, gepolsterten
Ohrlocken sa eine Haube mit grnen Bndern, die ber die schmalen
Kinderschultern hinabfielen, und nie war an ihrem kmmerlichen schwarzen
Kleidchen etwas wie Putz gesehen worden ... ausgenommen die groe, ovale
Brosche, auf der in Porzellanmalerei das Bild ihrer Mutter prangte.

Das kleine Frulein Weichbrodt besa kluge und scharfe braune Augen,
eine leichtgebogene Nase und schmale Lippen, die sie aufs entschiedenste
zusammenpressen konnte ... berhaupt lag in ihrer geringen Figur und
allen ihren Bewegungen ein Nachdruck, der zwar possierlich, aber
durchaus respektgebietend wirkte. Dazu trug in hohem Grade auch ihre
Sprache bei. Sie sprach mit lebhafter und stoweiser Bewegung des
Unterkiefers und einem schnellen, eindringlichen Kopfschtteln, exakt
und dialektfrei, klar, bestimmt und mit sorgfltiger Betonung jedes
Konsonanten. Den Klang der Vokale aber bertrieb sie sogar in einer
Weise, da sie z.B. nicht Butterkruke, sondern Botter- oder gar
Batterkruke sprach und ihr eigensinnig klffendes Hndchen nicht
Bobby, sondern Babby rief. Wenn sie zu einer Schlerin sagte: Kind,
sei nich--t sa domm! und zweimal dabei ganz kurz mit dem gekrmmten
Zeigefinger auf den Tisch pochte, so machte dies Eindruck, das ist
sicher; und wenn Mademoiselle Popinet, die Franzsin, sich beim Kaffee
mit allzuviel Zucker bediente, so hatte Frulein Weichbrodt eine Art,
die Zimmerdecke zu betrachten, mit einer Hand auf dem Tischtuch Klavier
zu spielen und zu sagen: Ich wrde die =ganze= Zockerbchse nehmen!
da Mademoiselle Popinet heftig errtete...

Als Kind -- mein Gott, wie winzig mute sie als Kind gewesen sein! --
hatte Therese Weichbrodt sich selber Sesemi genannt, und diese
nderung ihres Vornamens hatte sie beibehalten, indem sie den besseren
und tchtigeren Schlerinnen, Internen sowohl wie Externen, gestattete,
sie so zu nennen. Nenne mich `Sesemi, Kind, sagte sie gleich am
ersten Tage zu Tony Buddenbrook, indem sie sie kurz und mit einem leicht
knallenden Gerusch auf die Stirn kte ... Ich hre es gern. Ihre
ltere Schwester Madame Kethelsen aber hie Nelly.

Madame Kethelsen, die ungefhr 48 Jahre zhlte, war von ihrem
verstorbenen Gatten mittellos im Leben zurckgelassen worden, bewohnte
bei ihrer Schwester im oberen Stockwerk eine kleine Stube und beteiligte
sich an der allgemeinen Tafel. Sie kleidete sich hnlich wie Sesemi, war
aber im Gegensatz zu ihr auerordentlich lang; an ihren hageren
Handgelenken trug sie wollene Pulswrmer. Sie war nicht Lehrerin, sie
wute nichts von Strenge, und in Harmlosigkeit und stillem Frohsinn
bestand ihr Wesen. Hatte ein Zgling Frulein Weichbrodts einen Streich
vollfhrt, so stie sie darber ein gutmtiges und vor Herzlichkeit
beinahe klagendes Lachen aus, bis Sesemi auf den Tisch pochte und so
eindringlich Nelly! rief, da es wie Nally klang; dann verstummte
sie eingeschchtert.

Madame Kethelsen gehorchte ihrer jngeren Schwester, sie lie sich von
ihr ausschelten wie ein Kind, und die Sache war die, da Sesemi sie
herzlich verachtete. Therese Weichbrodt war ein belesenes, ja beinahe
gelehrtes Mdchen und hatte sich ihren Kinderglauben, ihre positive
Religiositt und die Zuversicht, dort drben einst fr ihr schwieriges
und glanzloses Leben entschdigt zu werden, in ernstlichen kleinen
Kmpfen bewahren mssen. Madame Kethelsen dagegen war ungelehrt,
unschuldig und einfltigen Gemtes. Die gute Nelly! sagte Sesemi.
Mein Gott, sie ist ein Kind, sie ist niemals auf einen Zweifel
gestoen, sie hat niemals einen Kampf zu bestehen gehabt, sie ist
glcklich... In solchen Worten lag ebensoviel Geringschtzung wie
Neid, und das war ein schwacher, wenn auch verzeihlicher Charakterzug
Sesemis.

Das hochgelegene Erdgescho des ziegelroten Vorstadthuschens, das von
einem nett gehaltenen Garten umgeben war, wurde von den
Unterrichtsrumen und dem Speisezimmer eingenommen, whrend sich im
oberen Stockwerk und auch im Bodenraum die Schlafzimmer befanden. Die
Zglinge Frulein Weichbrodts waren nicht zahlreich, denn die Pension
nahm nur grere Mdchen auf und besa, auch fr externe Schlerinnen,
nur die drei ersten Schulklassen; auch sah Sesemi mit Strenge darauf,
da nur Tchter aus zweifellos vornehmen Familien in ihr Haus kamen ...
Tony Buddenbrook ward, wie angedeutet, mit Zrtlichkeit empfangen; ja,
zum Abendessen hatte Therese Bischof gemacht, einen roten und sen
Punsch, der kalt getrunken ward, und auf den sie sich mit Meisterschaft
verstand ... Noch ein bichen Beschaf? fragte sie mit herzlichem
Kopfschtteln ... und das klang so appetitlich, da niemand widerstand.

Frulein Weichbrodt sa auf zwei Sofakissen am oberen Ende der Tafel und
beherrschte die Mahlzeit mit Tatkraft und Umsicht; sie richtete ihr
verwachsenes Krperchen ganz stramm empor, pochte wachsam auf den Tisch,
rief Nally! und Babby! und demtigte Mlle. Popinet mit einem Blicke,
wenn diese im Begriffe stand, sich alles Gele des kalten Kalbsbratens
anzueignen. Tony hatte ihren Platz inmitten zweier anderer
Pensionrinnen erhalten. Zwischen Armgard von Schilling, einer blonden
und stmmigen Gutsbesitzerstochter aus Mecklenburg, und Gerda Arnoldsen,
die in Amsterdam zu Hause war, einer eleganten und fremdartigen
Erscheinung mit schwerem, dunkelrotem Haar, nahe beieinander liegenden
braunen Augen und einem weien, schnen, ein wenig hochmtigen Gesicht.
Ihr gegenber plapperte die Franzsin, die aussah wie eine Negerin und
ungeheure goldene Ohrringe trug. Am unteren Tischende sa mit
suerlichem Lcheln die hagere Englnderin Mi Brown, die gleichfalls im
Hause wohnte.

Man befreundete sich rasch mit Hilfe von Sesemis Bischof. Mlle. Popinet
hatte in der letzten Nacht wieder Alpdrcken gehabt, erzhlte sie ...
_Ah, quelle horreur!_ Sie pflegte dann lfen, lfen! Dieben, Dieben!
zu rufen, da alles aus dem Bette sprang. Ferner stellte sich heraus,
da Gerda Arnoldsen nicht Klavier spielte, wie die anderen, sondern
Geige, und da Papa -- ihre Mutter war nicht mehr am Leben -- ihr eine
echte Stradivari versprochen habe. Tony war unmusikalisch; die meisten
Buddenbrooks und alle Krgers waren es. Sie konnte nicht einmal die
Chorle erkennen, die in der Marienkirche gespielt wurden ... Oh, die
Orgel in der Nieuwe Kerk zu Amsterdam hatte eine _vox humana_, eine
Menschenstimme, die prachtvoll klang! -- Armgard von Schilling erzhlte
von den Khen zu Hause.

Diese Armgard hatte vom ersten Augenblicke an den grten Eindruck auf
Tony gemacht, und zwar als das erste adelige Mdchen, mit dem sie in
Berhrung kam. Von Schilling zu heien, welch ein Glck! Die Eltern
hatten das schnste alte Haus der Stadt, und die Groeltern waren
vornehme Leute; aber sie hieen doch ganz einfach Buddenbrook und
Krger, und das war auerordentlich schade. Die Enkelin des noblen
Lebrecht Krger erglhte in Bewunderung fr Armgards Adel, und im
geheimen dachte sie manchmal, da fr sie selbst dieses prchtige von
eigentlich viel besser gepat haben wrde, -- denn Armgard, mein Gott,
sie wute ihr Glck nicht einmal zu schtzen, sie ging umher mit ihrem
dicken Zopf, ihren gutmtigen blauen Augen und ihrer breiten
mecklenburgischen Aussprache und dachte gar nicht daran; sie war
durchaus nicht vornehm, sie machte nicht den geringsten Anspruch darauf,
sie hatte keinen Sinn fr Vornehmheit. Dieses Wort vornehm sa
erstaunlich fest in Tonys Kpfchen, und sie wandte es mit anerkennendem
Nachdruck auf Gerda Arnoldsen an.

Gerda war ein wenig apart und hatte etwas Fremdes und Auslndisches an
sich; sie liebte es, ihr prachtvolles rotes Haar trotz Sesemis Einspruch
etwas auffallend zu frisieren, und viele fanden es =albern=, da sie die
Geige spiele -- wobei zu bemerken ist, da albern einen sehr harten
Ausdruck der Verurteilung bedeutete. Darin jedoch mute man mit Tony
bereinstimmen, da Gerda Arnoldsen ein vornehmes Mdchen war. Ihre fr
ihr Alter voll entwickelte Erscheinung, ihre Gewohnheiten, die Dinge,
die sie besa, alles war vornehm: Zum Beispiel die elfenbeinerne
Toiletteneinrichtung aus Paris, die Tony besonders zu schtzen wute, da
sich auch bei ihr zu Hause allerlei Gegenstnde vorfanden, die ihre
Eltern oder Groeltern aus Paris mitgebracht hatten und sehr wert
hielten.

Die drei jungen Mdchen schlossen rasch einen Freundschaftsbund, sie
gehrten der gleichen Unterrichtsklasse an und bewohnten gemeinsam den
grten der Schlafrume im oberen Stockwerke. Welche amsanten und
behaglichen Stunden waren das, wenn man um zehn Uhr zur Ruhe ging und
beim Auskleiden plauderte -- mit halber Stimme nur, denn nebenan begann
Mlle. Popinet von Dieben zu trumen ... Sie schlief zusammen mit der
kleinen Eva Ewers, einer Hamburgerin, deren Vater, ein Kunstschwrmer
und Sammler, sich in Mnchen angesiedelt hatte.

Die braungestreiften Rouleaus waren geschlossen, die niedrige,
rotverhllte Lampe brannte auf dem Tische, ein leiser Duft nach Veilchen
und frischer Wsche erfllte das Zimmer und eine gemchliche, gedmpfte
Stimmung von Mdigkeit, Sorglosigkeit und Trumerei.

Mein Gott, sagte Armgard, die halb ausgekleidet auf dem Rande ihres
Bettes sa, wie gelufig Doktor Neumann spricht! Er kommt in die
Klasse, stellt sich an den Tisch und spricht von Racine...

Er hat eine schne, hohe Stirn, bemerkte Gerda, whrend sie sich vor
dem Spiegel zwischen den beiden Fenstern beim Schein zweier Kerzen die
Haare kmmte.

Ja! sagte Armgard rasch.

Und du hast auch =nur= von ihm angefangen, um das zu hren zu bekommen,
Armgard, denn du blickst ihn bestndig mit deinen blauen Augen an, als
ob...

Liebst du ihn? fragte Tony. Mein Schuhband geht einfach nicht auf,
=bitte= Gerda ... so! nun! Liebst du ihn, Armgard? Heirate ihn doch; es
ist eine sehr gute Partie, er wird Professor am Gymnasium werden.

Gott, ihr seid scheulich. Ich liebe ihn gar nicht. Ich werde
sicherlich keinen Lehrer heiraten, sondern einen Landmann...

Einen Adligen? Tony lie den Strumpf sinken, den sie in der Hand
hielt, und blickte gedankenvoll in Armgards Gesicht.

Das wei ich noch nicht; aber ein groes Gut mu er haben ... Ach, wie
freue ich mich darauf, Kinder! Ich werde um fnf Uhr aufstehen und
wirtschaften... Sie zog die Bettdecke ber sich und sah trumend zum
Plafond empor.

Vor ihrem geistigen Auge stehen fnfhundert Khe, sprach Gerda und
betrachtete ihre Freundin im Spiegel.

Tony war noch nicht fertig; aber sie lie ihren Kopf im voraus aufs
Kissen sinken, verschrnkte die Hnde im Nacken und betrachtete auch
ihrerseits sinnend die Zimmerdecke.

Ich werde natrlich einen Kaufmann heiraten, sagte sie. Er mu recht
viel Geld haben, damit wir uns vornehm einrichten knnen; das bin ich
meiner Familie und der Firma schuldig, fgte sie ernsthaft hinzu. Ja,
ihr sollt sehn, das werde ich schon machen.

Gerda hatte ihre Schlaffrisur beendet und putzte ihre breiten, weien
Zhne, wobei sie sich ihres elfenbeinernen Handspiegels bediente.

Ich werde =wahrscheinlich= gar nicht heiraten, sagte sie ein wenig
mhsam, denn das Pfefferminzpulver behinderte sie. Ich sehe nicht ein,
warum. Ich habe gar keine Lust dazu. Ich gehe nach Amsterdam und spiele
Duos mit Papa und lebe spter bei meiner verheirateten Schwester...

Wie schade! rief Tony lebhaft. Nein, wie schade, Gerda! Du solltest
dich hier verheiraten und immer hier bleiben ... Hre mal, du solltest
zum Beispiel einen von meinen Brdern heiraten...

Den mit der groen Nase? fragte Gerda und ghnte mit einem kleinen
zierlichen und nachlssigen Seufzer, wobei sie den Handspiegel vor den
Mund hielt.

Oder den anderen, das ist ja gleichgltig ... Gott, wie ihr euch
einrichten wrdet! Jakobs mte es machen, Tapezierer Jakobs in der
Fischstrae, er hat einen vornehmen Geschmack. Ich wrde tglich zu
Besuch kommen...

Aber dann lie sich Mlle. Popinets Stimme vernehmen:

_Ah! voyons, mesdames!_ zu Bette, _s'il vous plat_! Sie werden sich
heute abend nicht mehr verheiraten!

Die Sonntage aber und die Ferien verlebte Tony in der Mengstrae oder
drauen bei den Groeltern. Welch Glck, wenn am Ostersonntag gutes
Wetter war und man die Eier und Marzipanhasen in dem ungeheuren
Krgerschen Garten suchen konnte! Welche Sommerferien an der See, wenn
man im Kurhause wohnte, an der Table d'hote speiste, badete und Esel
ritt! Auch wurden in einigen Jahren, wenn der Konsul Geschfte gemacht,
Reisen von grerer Ausdehnung unternommen. Aber welch Weihnachtsfest,
vor allem, mit drei Bescherungen: zu Hause, bei den Groeltern und bei
Sesemi, woselbst an diesem Abend der Bischof in Strmen flo ... Am
herrlichsten aber war dennoch der Weihnachtsabend zu Hause, denn der
Konsul hielt darauf, da das heilige Christfest mit Weihe, Glanz und
Stimmung begangen ward. Wenn man in tiefer Feierlichkeit im
Landschaftszimmer versammelt war, whrend die Dienstboten und allerlei
alte und arme Leute, denen der Konsul die blauroten Hnde drckte, sich
in der Sulenhalle drngten, dann erscholl dort drauen vierstimmiger
Gesang, den die Chorknaben der Marienkirche vollfhrten, und man bekam
Herzklopfen, so festlich war es. Dann, whrend schon durch die Spalten
der hohen, weien Flgeltr der Tannenduft drang, verlas die Konsulin
aus der alten Familienbibel mit den ungeheuerlichen Buchstaben langsam
das Weihnachtskapitel, und war drauen noch ein Gesang verklungen, so
stimmte man O Tannebaum an, whrend man sich in feierlichem Umzuge
durch die Sulenhalle in den Saal begab, den weiten Saal mit den Statuen
in der Tapete, wo der mit weien Lilien geschmckte Baum flimmernd,
leuchtend und duftend zur Decke ragte und die Geschenktafel von den
Fenstern bis zur Tr reichte. Aber drauen, auf dem hartgefrorenen
Schnee der Straen musizierten die italienischen Drehorgelmnner, und
vom Marktplatz scholl der Trubel des Weihnachtsmarktes herber. Auer
der kleinen Klara beteiligten sich auch die Kinder an dem spten
Abendessen in der Sulenhalle, bei dem es Karpfen und gefllten Puter in
bergewaltigen Mengen gab...

Hier ist zu erwhnen, da Tony Buddenbrook in diesen Jahren zwei
mecklenburgische Gter besuchte. Ein paar Sommerwochen verlebte sie mit
ihrer Freundin Armgard auf dem Besitztum des Herrn von Schilling, das
Travemnde gegenber jenseits der Bucht an der Kste lag. Und ein
anderes Mal reiste sie mit Cousine Thilda dorthin, wo Herr Bernhard
Buddenbrook Inspektor war. Dieses Gut hie Ungnade und brachte nicht
einen Heller ein; aber als Ferienaufenthalt war es trotzdem nicht zu
verachten.

So wanderten die Jahre vorbei, und es war, alles in allem, eine
glckliche Jugendzeit, die Tony verlebte.




Dritter Teil


Erstes Kapitel

Kurz nach fnf Uhr, eines Juni-Nachmittages, sa man vor dem Portale
im Garten, woselbst man Kaffee getrunken hatte. Drinnen in dem
weigetnchten Raum des Gartenhauses mit dem hohen Wandspiegel, dessen
Flche mit flatternden Vgeln bemalt war, und den beiden lackierten
Flgeltren im Hintergrunde, die genau betrachtet gar keine Tren waren
und nur gemalte Klinken besaen, war die Luft zu warm und dumpfig, und
man hatte die aus knorrigem, gebeiztem Holze leicht gearbeiteten Mbel
hinausgestellt.

Im Halbkreise saen der Konsul, seine Gattin, Tony, Tom und Klothilde um
den runden gedeckten Tisch, auf dem das benutzte Service schimmerte,
whrend Christian, ein wenig seitwrts, mit einem unglcklichen
Gesichtsausdruck Ciceros zweite Catilinarische Rede prparierte. Der
Konsul war mit seiner Zigarre und den Anzeigen beschftigt. Die
Konsulin hatte ihre Seidenstickerei sinken lassen und sah lchelnd der
kleinen Klara zu, die mit Ida Jungmann auf dem Rasenplatze Veilchen
suchte, denn es gab zuweilen Veilchen dort. Tony hatte den Kopf in beide
Hnde gesttzt und las versunken in Hoffmanns Serapionsbrdern,
whrend Tom sie mit einem Grashalm ganz vorsichtig im Nacken kitzelte,
was sie aus Klugheit aber durchaus nicht bemerkte. Und Klothilde, die
mager und ltlich in ihrem geblmten Kattunkleide dasa, las eine
Erzhlung, welche den Titel trug: Blind, taub, stumm und dennoch
glckselig; zwischendurch schabte sie die Biskuitreste auf dem
Tischtuche zusammen, worauf sie das Hufchen mit allen fnf Fingern
ergriff und behutsam verzehrte.

Der Himmel, an dem unbeweglich ein paar weie Wolken standen, begann
langsam blasser zu werden. Das Stadtgrtchen lag mit symmetrisch
angelegten Wegen und Beeten bunt und reinlich in der Nachmittagssonne.
Der Duft der Reseden, die die Beete umsumten, kam dann und wann durch
die Luft daher.

Na, Tom, sagte der Konsul gutgelaunt und nahm die Zigarre aus dem
Mund; die Roggenangelegenheit mit van Henkdom & Comp., von der ich dir
erzhlte, arrangiert sich.

Was gibt er? fragte Thomas interessiert und hrte auf, Tony zu plagen.

Sechzig Taler fr tausend Kilo ... nicht bel, wie?

Das ist vorzglich! Tom wute, da dies ein sehr gutes Geschft war.

Tony, deine Haltung ist nicht _comme il faut_, bemerkte die Konsulin,
worauf Tony, ohne die Augen von ihrem Buche zu erheben, einen Ellbogen
vom Tische nahm.

Das schadet nichts, sagte Tom. Sie kann sitzen, wie sie will, sie
bleibt immer Tony Buddenbrook. Thilda und sie sind unstreitig die
Schnsten in der Familie.

Klothilde war zum Sterben erstaunt. Gott! Tom--? machte sie, und es
war unbegreiflich, wie lang sie diese kurzen Silben zu ziehen vermochte.
Tony duldete schweigend, denn Tom war ihr berlegen, da half nichts; er
wrde wieder eine Antwort finden und die Lacher auf seiner Seite haben.
Sie zog nur mit geffneten Nasenflgeln heftig die Luft ein und hob die
Schultern empor. Als aber die Konsulin von dem bevorstehenden Ball bei
Konsul Huneus zu sprechen begann und etwas ber neue Lackschuhe fallen
lie, nahm Tony auch den anderen Ellenbogen vom Tisch und zeigte sich
lebhaft bei der Sache.

Ihr redet und redet, rief Christian klglich, und dies ist so
frchterlich schwer! Ich wollte, ich wre auch Kaufmann--!

Ja, du willst jeden Tag etwas anderes, sagte Tom. -- Hierauf kam Anton
ber den Hof; er kam mit einer Karte auf dem Teebrett, und man sah ihm
erwartungsvoll entgegen.

=Grnlich=, Agent, las der Konsul. Aus Hamburg. Ein angenehmer, gut
empfohlener Mann, ein Pastorssohn. Ich habe Geschfte mit ihm. Es ist da
eine Sache ... Sage dem Herrn, Anton -- es ist dir recht Bethsy? -- er
mge sich hierher bemhen...

--Durch den Garten kam, Hut und Stock in derselben Hand, mit ziemlich
kurzen Schritten und etwas vorgestrecktem Kopf, ein mittelgroer Mann
von etwa 32 Jahren in einem grngelben, wolligen und langschigen Anzug
und grauen Zwirnhandschuhen. Sein Gesicht, unter dem hellblonden,
sprlichen Haupthaar war rosig und lchelte; neben dem einen Nasenflgel
aber befand sich eine auffllige Warze. Er trug Kinn und Oberlippe
glattrasiert und lie den Backenbart nach englischer Mode lang
hinunterhngen; diese Favoris waren von ausgesprochen goldgelber Farbe.
-- Schon von weitem vollfhrte er mit seinem groen, hellgrauen Hut eine
Gebrde der Ergebenheit...

Mit einem letzten, sehr langen Schritte trat er heran, indem er mit dem
Oberkrper einen Halbkreis beschrieb und sich auf diese Weise vor allen
verbeugte.

Ich stre, ich trete in einen Familienkreis, sprach er mit weicher
Stimme und feiner Zurckhaltung. Man hat gute Bcher zur Hand genommen,
man plaudert ... Ich mu um Verzeihung bitten!

Sie sind willkommen, mein werter Herr Grnlich! sagte der Konsul, der
sich, wie seine beiden Shne, erhoben hatte und dem Gaste die Hand
drckte. Ich freue mich, Sie auch auerhalb des Kontors und im Kreise
meiner Familie begren zu knnen. Herr Grnlich, Bethsy, mein wackerer
Geschftsfreund ... Meine Tochter Antonie ... Meine Nichte Klothilde ...
Sie kennen Thomas bereits ... Das ist mein zweiter Sohn, Christian, ein
Gymnasiast.

Herr Grnlich hatte wiederum auf jeden Namen mit einer Verbeugung
geantwortet.

Wie gesagt, fuhr er fort, ich habe nicht die Absicht, den
Eindringling zu spielen ... Ich komme in Geschften, und wenn ich den
Herrn Konsul ersuchen drfte, einen Gang mit mir durch den Garten zu
tun...

Die Konsulin antwortete:

Sie erweisen uns eine Liebenswrdigkeit, wenn Sie nicht sofort mit
meinem Manne von Geschften reden, sondern ein Weilchen mit unserer
Gesellschaft frlieb nehmen wollten. Nehmen Sie Platz!

Tausend Dank, sagte Herr Grnlich bewegt. Hierauf lie er sich auf dem
Rande des Stuhles nieder, den Tom herbeigebracht hatte, setzte sich, Hut
und Stock auf den Knien, zurecht, strich mit der Hand ber seinen einen
Backenbart und lie ein Hsteln vernehmen, das ungefhr klang wie:
H--hm! Dies alles machte den Eindruck, als wollte er sagen: Das
wre die Einleitung. Was nun?

Die Konsulin erffnete den Hauptteil der Unterhaltung.

Sie sind in Hamburg zu Hause? fragte sie, indem sie den Kopf zur Seite
neigte und ihre Arbeit im Schoe ruhen lie.

Allerdings, Frau Konsulin, entgegnete Herr Grnlich mit einer neuen
Verbeugung. Ich habe meinen Wohnsitz in Hamburg, allein ich bin viel
unterwegs, ich bin stark beschftigt, mein Geschft ist ein
auerordentlich reges ... h--hm, ja, das darf ich sagen.

Die Konsulin zog die Brauen empor und machte eine Mundbewegung, als
sagte sie mit respektvoller Betonung: So?

Rastlose Ttigkeit ist fr mich Lebensbedingung, setzte Herr Grnlich
halb zum Konsul gewendet hinzu, und er hstelte aufs neue, als er den
Blick bemerkte, den Frulein Antonie auf ihm ruhen lie, diesen kalten
und musternden Blick, mit dem junge Mdchen fremde junge Herren messen,
und dessen Ausdruck jeden Augenblick bereit scheint, in Verachtung
berzugehen.

Wir haben Verwandte in Hamburg, bemerkte Tony, um etwas zu sagen.

Die Duchamps, erklrte der Konsul, die Familie meiner seligen
Mutter.

Oh, ich bin vollkommen orientiert! beeilte sich Herr Grnlich zu
erwidern. Ich habe die Ehre, ein wenig bei den Herrschaften bekannt zu
sein. Es sind ausgezeichnete Menschen insgesamt, Menschen von Herz und
Geist, -- h--hm. In der Tat, wenn in allen Familien ein Geist
herrschte wie in dieser, so stnde es besser um die Welt. Hier findet
man Gottesglaube, Mildherzigkeit, innige Frmmigkeit, kurz die wahre
Christlichkeit, die mein Ideal ist; und damit verbinden diese
Herrschaften eine edle Weltlufigkeit, eine Vornehmheit, eine glnzende
Eleganz, Frau Konsulin, die mich persnlich nun einmal charmiert!

Tony dachte: Woher kennt er meine Eltern? Er sagt ihnen, was sie hren
wollen ... Der Konsul aber sprach beifllig:

Diese doppelte Geschmacksrichtung kleidet jeden Mann aufs beste.

Und die Konsulin konnte nicht umhin, dem Gaste mit einem leisen Klirren
des Armbandes die Hand zu reichen, deren Flche sie in herzlicher Weise
ganz weit herumdrehte.

Sie reden mir aus der Seele, mein werter Herr Grnlich! sagte sie.

Hierauf verbeugte sich Herr Grnlich, setzte sich zurecht, strich ber
seinen Backenbart und hstelte, als wollte er sagen: Fahren wir fort.

Die Konsulin lie ein paar Worte fallen ber die fr Herrn Grnlichs
Vaterstadt so furchtbaren zweiundvierziger Maitage ... In der Tat,
bemerkte Herr Grnlich, ein schweres Unglck, eine betrbende
Heimsuchung, dieser Brand. Ein Schade von 135 Millionen, ja, das ist
ziemlich genau berechnet. brigens bin ich meinerseits der Vorsehung zu
hohem Danke verpflichtet ... ich bin nicht im geringsten getroffen
worden. Das Feuer wtete hauptschlich in den Kirchspielen Sankt Petri
und Nikolai ... Welch reizender Garten, unterbrach er sich, whrend er
sich dankend mit einer Zigarre des Konsuls bediente, --doch, fr einen
Stadtgarten ist er ungewhnlich gro! Und welch farbiger Blumenflor ...
oh, mein Gott, ich gestehe meine Schwche fr Blumen und fr die Natur
im allgemeinen! Diese Klatschrosen dort drben putzen ganz ungemein...

Herr Grnlich lobte die vornehme Anlage des Hauses, er lobte die ganze
Stadt berhaupt, er lobte auch die Zigarre des Konsuls und hatte fr
jeden ein liebenswrdiges Wort.

Darf ich es wagen, mich nach Ihrer Lektre zu erkundigen, Mademoiselle
Antonie? fragte er lchelnd.

Tony zog aus irgendeinem Grunde pltzlich die Brauen zusammen und
antwortete ohne Herrn Grnlich anzublicken:

Hoffmanns Serapionsbrder.

In der Tat! Dieser Schriftsteller hat Hervorragendes geleistet,
bemerkte er. Aber um Vergebung ... ich verga den Namen Ihres zweiten
Herrn Sohnes, Frau Konsulin.

Christian.

Ein schner Name! Ich liebe, wenn ich das aussprechen darf -- und Herr
Grnlich wandte sich wieder an den Hausherrn -- die Namen, welche schon
an und fr sich erkennen lassen, da ihr Trger ein Christ ist. In Ihrer
Familie ist, wie ich wei, der Name Johann erblich ... wer dchte dabei
nicht an den Lieblingsjnger des Herrn. Ich zum Beispiel, wenn ich mir
diese Bemerkung gestatten darf, fuhr er mit Beredsamkeit fort, heie
wie die meisten meiner Vorfahren Bendix, -- ein Name, der ja nur als
eine mundartliche Zusammenziehung von Benedikt zu betrachten ist. Und
Sie lesen, Herr Buddenbrook? Ah, Cicero! Eine schwierige Lektre, die
Werke dieses groen rmischen Redners. _Quousque tandem, Catilina_ ...
h--hm, ja, ich habe mein Latein gleichfalls noch nicht vllig
vergessen!

Der Konsul sagte:

Ich habe, im Gegensatze zu meinem seligen Vater, immer meine Einwnde
gehabt gegen diese fortwhrende Beschftigung der jungen Kpfe mit dem
Griechischen und Lateinischen. Es gibt so viele ernste und wichtige
Dinge, die zur Vorbereitung auf das praktische Leben ntig sind...

Sie sprechen meine Meinung aus, Herr Konsul, beeilte sich Herr
Grnlich zu antworten, bevor ich ihr Worte verleihen konnte! Eine
schwierige und, wie ich hinzuzufgen verga, =nicht unanfechtbare=
Lektre. Von allem abgesehen, erinnere ich mich einiger direkt
anstiger Stellen in diesen Reden...

Als eine Pause entstand, dachte Tony: Jetzt komme ich an die Reihe. Denn
Herrn Grnlichs Blicke ruhten auf ihr. Und richtig, sie kam an die
Reihe. Herr Grnlich nmlich schnellte pltzlich ein wenig auf seinem
Sitze empor, machte eine kurze, krampfhafte und dennoch elegante
Handbewegung nach der Seite der Konsulin und flsterte heftig:

Ich bitte Sie, Frau Konsulin, beachten Sie? -- Ich beschwre Sie, mein
Frulein, unterbrach er sich laut, als ob Tony nur dies verstehen
sollte, bleiben Sie noch einen Moment in dieser Stellung...! --
Beachten Sie, fuhr er wieder flsternd fort, wie die Sonne in dem
Haare Ihres Frulein Tochter spielt? -- Ich habe niemals schneres Haar
gesehen! sprach er pltzlich ernst vor Entzcken in die Luft hinein,
als ob er zu Gott oder seinem Herzen redete.

Die Konsulin lchelte wohlgefllig, der Konsul sagte: Setzen Sie der
Dirn keine Schwachheiten in den Kopf! und Tony zog wiederum stumm die
Brauen zusammen. Einige Minuten darauf erhob sich Herr Grnlich.

Aber ich inkommodiere nicht lnger, nein, bei Gott, Frau Konsulin, ich
inkommodiere nicht lnger! Ich kam in Geschften ... allein wer knnte
widerstehen ... Nun ruft die Ttigkeit! Wenn ich den Herrn Konsul
ersuchen drfte...

Ich brauche Sie nicht zu versichern, sagte die Konsulin, wie sehr es
mich freuen wrde, wenn Sie whrend der Dauer Ihres Aufenthaltes am Orte
in unserem Hause vorlieb nehmen mchten...

Herr Grnlich blieb einen Augenblick stumm vor Dankbarkeit. Ich bin
Ihnen von ganzer Seele verbunden, Frau Konsulin! sagte er mit dem
Ausdruck der Rhrung. Aber ich darf Ihre Liebenswrdigkeit nicht
mibrauchen. Ich bewohne ein paar Zimmer im Gasthause Stadt Hamburg...

Ein =paar= Zimmer, dachte die Konsulin, und dies war es auch, was sie
nach Herrn Grnlichs Absicht denken sollte.

Jedenfalls, beschlo sie, indem sie ihm noch einmal mit herzlicher
Bewegung die Hand bot, hoffe ich, da wir uns nicht zum letzten Male
gesehen haben.

Herr Grnlich kte der Konsulin die Hand, wartete einen Augenblick, da
auch Antonie ihm die ihrige reiche, was aber nicht geschah, beschrieb
einen Halbkreis mit dem Oberkrper, trat einen groen Schritt zurck,
verbeugte sich nochmals, setzte dann mit einem Schwunge und indem er das
Haupt zurckwarf, seinen grauen Hut auf und schritt mit dem Konsul
davon...

Ein angenehmer Mann! wiederholte der letztere, als er zu seiner
Familie zurckkehrte und seinen Platz wieder einnahm.

Ich finde ihn =albern=, erlaubte sich Tony zu bemerken und zwar mit
Nachdruck.

Tony! Mein Gott! Was fr ein Urteil! rief die Konsulin ein wenig
entrstet. Ein so christlicher junger Mann!

Ein so wohlerzogener und weltlufiger Mann! ergnzte der Konsul. Du
weit nicht, was du sagst. -- Es geschah manchmal, da die Eltern in
dieser Weise aus Hflichkeit den Standpunkt wechselten; dann waren sie
desto sicherer, einig zu sein.

Christian zog seine groe Nase in Falten und sagte:

Wie wichtig er immer spricht!... Man plaudert! Wir plauderten gar
nicht. Und Klatschrosen putzen ungemein! Manchmal tut er, als ob er ganz
laut zu sich selbst sprche. Ich stre -- ich mu um Verzeihung
bitten!... Ich habe niemals schneres Haar gesehen!... Und Christian
ahmte Herrn Grnlich so vortrefflich nach, da selbst der Konsul lachen
mute.

Ja, er macht sich allzu wichtig! fing Tony wieder an. Er sprach
bestndig von sich selbst! =Sein= Geschft ist rege, =er= liebt die
Natur, =er= bevorzugt die und die Namen, =er= heit Bendix ... Was geht
uns das an, mchte ich wissen ... Er sagt alles nur, um sich
herauszustreichen! rief sie pltzlich ganz wtend. Er sagte dir, Mama,
und dir, Papa, =nur=, was ihr gern hrt, um sich bei euch
einzuschmeicheln!

Das ist kein Vorwurf, Tony! sagte der Konsul streng. Man befindet
sich in fremder Gesellschaft, zeigt sich von seiner besten Seite, setzt
seine Worte und sucht zu gefallen -- das ist klar...

Ich finde, er ist ein guter Mensch, sagte Klothilde sanft und gedehnt,
obgleich sie die einzige Person war, um die Herr Grnlich sich nicht im
geringsten bekmmert hatte. Thomas enthielt sich des Urteils.

Genug, beschlo der Konsul, er ist ein christlicher, tchtiger,
ttiger und feingebildeter Mann, und du, Tony, ein groes Mdchen von 18
oder nchstens 19 Jahren, gegen das er sich so artig und galant betragen
hat, du solltest deine Tadelsucht bezhmen. Wir alle sind schwache
Menschen, und du bist, verzeih mir, wahrlich die letzte, die einen Stein
aufheben drfte ... Tom, an die Arbeit!

Tony aber murmelte vor sich hin: Ein goldgelber Backenbart! und dabei
zog sie die Brauen zusammen, wie sie es schon mehrere Male getan hatte.


Zweites Kapitel

Wie aufrichtig betrbt war ich, mein Frulein, Sie zu verfehlen!
sprach Herr Grnlich einige Tage spter, als Tony, die von einem Ausgang
zurckkehrte, an der Ecke der Breiten- und Mengstrae mit ihm
zusammentraf. Ich erlaubte mir, Ihrer Frau Mama meine Aufwartung zu
machen, und ich vermite Sie schmerzlich ... Wie entzckt aber bin ich,
Sie nun doch noch zu treffen!

Frulein Buddenbrook war stehengeblieben, da Herr Grnlich zu sprechen
begann; aber ihre Augen, die sie halb geschlossen hatte und die
pltzlich dunkel wurden, richteten sich nicht hher als auf Herrn
Grnlichs Brust, und um ihren Mund lag das spttische und vollkommen
unbarmherzige Lcheln, mit dem ein junges Mdchen einen Mann mit und
verwirft ... Ihre Lippen bewegten sich -- was sollte sie antworten? Ha!
es mute ein Wort sein, das diesen Bendix Grnlich ein fr allemal
zurckschleuderte, vernichtete ... aber es mute ein gewandtes,
witziges, schlagendes Wort sein, das ihn zugleich spitzig verwundete und
ihm imponierte...

Das ist nicht gegenseitig! sagte sie, immer den Blick auf Herrn
Grnlichs Brust geheftet; und nachdem sie diesen fein vergifteten Pfeil
abgeschossen, lie sie ihn stehen, legte den Kopf zurck und ging rot
vor Stolz ber ihre sarkastische Redegewandtheit nach Hause, woselbst
sie erfuhr, da Herr Grnlich zum nchsten Sonntag auf einen Kalbsbraten
gebeten sei...

Und er kam. Er kam in einem nicht ganz neumodischen, aber feinen,
glockenfrmigen und faltigen Gehrock, der ihm einen Anstrich von Ernst
und Soliditt verlieh, -- rosig brigens und lchelnd, das sprliche
Haar sorgfltig gescheitelt und mit duftig frisierten Favoris. Er a
Muschelragout, Juliennesuppe, gebackene Seezungen, Kalbsbraten mit
Rahmkartoffeln und Blumenkohl, Marasquino-Pudding und Pumpernickel mit
Roquefort und fand bei jedem Gerichte einen neuen Lobspruch, den er mit
Delikatesse vorzubringen verstand. Er hob zum Beispiel seinen
Dessertlffel empor, blickte eine Statue der Tapete an und sprach laut
zu sich selbst: Gott verzeihe mir, ich kann nicht anders; ich habe ein
groes Stck genossen, aber dieser Pudding ist gar zu prchtig gelungen;
ich =mu= die gtige Wirtin noch um ein Stckchen ersuchen! Worauf er
der Konsulin schalkhaft zublinzelte. Er sprach mit dem Konsul ber
Geschfte und Politik, wobei er ernste und tchtige Grundstze an den
Tag legte, er plauderte mit der Konsulin ber Theater, Gesellschaften
und Toiletten; er hatte auch fr Tom, Christian und die arme Klothilde,
ja selbst fr die kleine Klara und Mamsell Jungmann liebenswrdige Worte
... Tony verhielt sich schweigsam, und er seinerseits unternahm es
nicht, sich ihr zu nhern, sondern betrachtete sie nur dann und wann mit
seitwrts geneigtem Kopfe und einem Blick, in dem sowohl Betrbnis wie
Ermunterung lag.

Als Herr Grnlich sich an diesem Abend verabschiedete, hatte er den
Eindruck verstrkt, den sein erster Besuch hervorgebracht. Ein
vollkommen erzogener Mann, sagte die Konsulin. Ein christlicher und
achtbarer Mensch, sagte der Konsul. Christian konnte seine Bewegungen
und Sprache nun noch besser nachahmen, und Tony sagte mit finsteren
Brauen gute Nacht, denn sie ahnte undeutlich, da sie diesen Herrn, der
sich mit so ungewhnlicher Schnelligkeit die Herzen ihrer Eltern erobert
hatte, nicht zum letztenmal gesehen habe.

In der Tat, sie fand Herrn Grnlich, wenn sie nachmittags von einem
Besuche, einer Mdchengesellschaft zurckkehrte, eingenistet im
Landschaftszimmer, woselbst er der Konsulin aus Walter Scotts Waverley
vorlas -- und zwar mit mustergltiger Aussprache, denn die Reisen im
Dienste seines regen Geschftes hatten ihn, wie er berichtete, auch nach
England gefhrt. Tony setzte sich seitab mit einem anderen Buche, und
Herr Grnlich fragte mit weicher Stimme: Es entspricht wohl nicht Ihrem
Geschmacke, mein Frulein, was ich lese? Worauf sie mit
zurckgeworfenem Kopf etwas recht spitzig Sarkastisches erwiderte, wie
zum Beispiel: Nicht im geringsten!

Aber er lie sich nicht stren, er begann von seinen zu frh
verstorbenen Eltern zu erzhlen und berichtete von seinem Vater, der ein
Prediger, ein Pastor, ein hchst christlicher und dabei in ebenso hohem
Grade weltlufiger Mann gewesen war ... Dann jedoch, ohne da Tony
seiner Abschiedsvisite beigewohnt htte, war Herr Grnlich nach Hamburg
abgereist. Ida! sagte sie zu Mamsell Jungmann, an der sie eine
vertraute Freundin besa. Der Mensch ist fort! Ida Jungmann aber
antwortete: Kindchen, wirst sehen...

Acht Tage spter ereignete sich jene Szene im Frhstckszimmer ... Tony
kam um neun Uhr herunter und war erstaunt, ihren Vater noch neben der
Konsulin am Kaffeetische zu finden. Nachdem sie sich die Stirn hatte
kssen lassen, setzte sie sich frisch, hungrig und mit schlafroten Augen
an ihren Platz, nahm Zucker und Butter und bediente sich mit grnem
Kruterkse.

Wie hbsch, Papa, da ich dich einmal noch vorfinde! sagte sie,
whrend sie mit der Serviette ihr heies Ei erfate und es mit dem
Teelffel ffnete.

Ich habe heute auf unsere Langschlferin gewartet, sagte der Konsul,
der eine Zigarre rauchte und beharrlich mit dem zusammengefalteten
Zeitungsblatt leicht auf den Tisch schlug. Die Konsulin ihrerseits
beendete langsam und mit grazisen Bewegungen ihr Frhstck und lehnte
sich dann ins Sofa zurck.

Thilda ist schon in der Kche ttig, fuhr der Konsul bedeutsam fort,
und ich wre ebenfalls bei meiner Arbeit, wenn deine Mutter und ich
nicht in einer ernsthaften Angelegenheit mit unserem Tchterchen zu
sprechen htten.

Tony, den Mund voll Butterbrot, blickte ihrem Vater und dann ihrer
Mutter mit einem Gemisch von Neugier und Erschrockenheit ins Gesicht.

I nur zuvor, mein Kind, sagte die Konsulin, und als Tony trotzdem ihr
Messer niederlegte und rief: Nur gleich heraus damit, bitte, Papa!
wiederholte der Konsul, der durchaus nicht aufhrte, mit der Zeitung zu
spielen: I nur.

Whrend Tony unter Stillschweigen und appetitlos ihren Kaffee trank, ihr
Ei und ihren grnen Kse zum Brote verzehrte, fing sie zu ahnen an, um
was es sich handelte. Die Morgenfrische verschwand von ihrem Gesicht,
sie ward ein wenig bleich, sie dankte fr Honig und erklrte bald mit
leiser Stimme, da sie fertig sei...

Mein liebes Kind, sagte der Konsul, nachdem er noch einen Augenblick
geschwiegen hatte, die Frage, ber die wir mit dir zu reden haben, ist
in diesem Briewe enthalten. Und er pochte nun, statt mit der Zeitung,
mit einem groen, blulichen Kuvert auf den Tisch. Um kurz zu sein:
Herr Bendix Grnlich, den wir alle als einen braven und liebenswrdigen
Mann kennengelernt haben, schreibt mir, da er whrend seines hiesigen
Aufenthaltes eine tiefe Neigung zu unserer Tochter gefat habe, und
bittet in aller Form um ihre Hand. Was denkt unser gutes Kind darber?

Tony sa mit gesenktem Kopfe zurckgelehnt, und ihre rechte Hand drehte
den silbernen Serviettenring langsam um sich selbst. Pltzlich aber
schlug sie die Augen auf, Augen, die ganz dunkel geworden waren und voll
von Trnen standen. Und mit bedrngter Stimme stie sie hervor:

Was will dieser Mensch von mir--! Was habe ich ihm getan--?! Worauf
sie in Weinen ausbrach.--

Der Konsul warf seiner Gattin einen Blick zu und betrachtete ein wenig
verlegen seine leere Tasse.

Liebe Tony, sagte die Konsulin sanft, wozu dies Echauffement! Du
kannst sicher sein, nicht wahr, da deine Eltern nur dein Bestes im Auge
haben, und da sie dir nicht raten knnen, die Lebensstellung
auszuschlagen, die man dir anbietet. Siehst du, ich nehme an, da du
noch keine entscheidenden Empfindungen fr Herrn Grnlich hegst, aber
das kommt, ich versichere dich, das kommt mit der Zeit ... Einem so
jungen Dinge, wie du, ist es niemals klar, was es eigentlich will ... Im
Kopfe sieht es so wirr aus wie im Herzen ... Man mu dem Herzen Zeit
lassen und den Kopf offen halten fr die Zusprche erfahrener Leute, die
planvoll fr unser Glck sorgen...

Ich wei gar nichts von ihm-- brachte Tony trostlos hervor und
drckte mit der kleinen weien Batistserviette, in der sich Eiflecke
befanden, ihre Augen. Ich wei nur, da er einen goldgelben Backenbart
hat und ein reges Geschft... Ihre Oberlippe, die beim Weinen
zitterte, machte einen unaussprechlich rhrenden Eindruck.

Der Konsul rckte mit einer Bewegung pltzlicher Zrtlichkeit seinen
Stuhl an sie heran und strich lchelnd ber ihr Haar.

Meine kleine Tony, sagte er, was solltest du auch von ihm wissen? Du
bist ein Kind, siehst du, du wrdest nicht mehr von ihm wissen, wenn er
nicht vier Wochen, sondern deren zweiundfnfzig hier verlebt htte ...
Du bist ein kleines Mdchen, das noch keine Augen hat fr die Welt, und
das sich auf die Augen anderer Leute verlassen mu, die Gutes mit dir im
Sinne haben...

Ich verstehe es nicht ... ich verstehe es nicht... schluchzte Tony
fassungslos und schmiegte ihren Kopf wie ein Ktzchen unter die
streichelnde Hand. Er kommt hierher ... sagt allen etwas Angenehmes ...
reist wieder ab ... und schreibt, da er mich ... ich verstehe es nicht
... wie kommt er dazu ... was habe ich ihm getan?!...

Der Konsul lchelte wieder. Das hast du schon einmal gesagt, Tony, und
es zeigt so recht deine kindliche Ratlosigkeit. Mein Tchterchen mu
durchaus nicht glauben, da ich es drngen und qulen will ... Das alles
kann mit Ruhe erwogen werden, =mu= mit Ruhe erwogen werden, denn es ist
eine ernste Sache. Das werde ich auch Herrn Grnlich vorlufig antworten
und sein Gesuch weder abschlagen noch bewilligen ... Es gibt da viele
Dinge zu berlegen ... So ... sehen wir wohl? abgemacht! Nun geht Papa
an seine Arbeit ... Adieu, Bethsy...

Auf Wiedersehen, mein lieber Jean.

--Du solltest immerhin noch ein wenig Honig nehmen, Tony, sagte die
Konsulin, als sie mit ihrer Tochter allein geblieben war, die
unbeweglich und mit gesenktem Kopfe an ihrem Platze blieb. Essen mu
man hinlnglich...

Tonys Trnen versiegten allmhlich. Ihr Kopf war hei und voll von
Gedanken ... Gott! was fr eine Angelegenheit! Sie hatte es ja gewut,
da sie eines Tages die Frau eines Kaufmannes werden, eine gute und
vorteilhafte Ehe eingehen werde, wie es der Wrde der Familie und der
Firma entsprach ... Aber nun geschah es ihr pltzlich zum ersten Male,
da jemand sie wirklich und allen Ernstes heiraten wollte! Wie sollte
man sich dabei benehmen? Fr sie, Tony Buddenbrook, handelte es sich
pltzlich um alle diese furchtbar gewichtigen Ausdrcke, die sie
bislang nur gelesen hatte: um ihr Jawort, um ihre Hand ... frs
Leben ... Gott! Was fr eine gnzlich neue Lage auf einmal!

Und du, Mama? sagte sie. Du rtst mir also auch, mein ... Jawort zu
geben? Sie zgerte einen Augenblick vor dem Jawort, weil es ihr allzu
hochtrabend und genant erschien; dann aber sprach sie es zum ersten Male
in ihrem Leben mit Wrde aus. Sie begann, sich ihrer anfnglichen
Fassungslosigkeit ein wenig zu schmen. Es erschien ihr nicht weniger
unsinnig, als zehn Minuten frher, Herrn Grnlich zu heiraten, aber die
Wichtigkeit ihrer Stellung fing an, sie mit Wohlgefallen zu erfllen.

Die Konsulin sagte:

Zuraten, mein Kind? Hat Papa dir zugeraten? Er hat dir nicht abgeraten,
das ist alles. Und es wre unverantwortlich, von ihm wie von mir, wenn
wir das tun wollten. Die Verbindung, die sich dir darbietet, ist
vollkommen das, was man eine gute Partie nennt, meine liebe Tony ... Du
kmest nach Hamburg in ausgezeichnete Verhltnisse und wrdest auf
groem Fue leben...

Tony sa bewegungslos. Etwas wie seidene Portiren tauchte pltzlich vor
ihr auf, wie es deren im Salon der Groeltern gab ... Ob sie als Madame
Grnlich morgens Schokolade trinken wrde? Es schickte sich nicht,
danach zu fragen.

Wie dein Vater dir sagte: du hast Zeit zur berlegung, fuhr die
Konsulin fort. Aber wir mssen dir zu bedenken geben, da sich eine
solche Gelegenheit, dein Glck zu machen, nicht alle Tage bietet, und
da diese Heirat genau das ist, was Pflicht und Bestimmung dir
vorschreiben. Ja, mein Kind, auch das mu ich dir vorhalten. Der Weg,
der sich dir heute erffnet, ist der dir vorgeschriebene, das weit du
selbst recht wohl...

Ja, sagte Tony gedankenvoll. Gewi. Sie war sich ihrer
Verpflichtungen gegen die Familie und die Firma wohl bewut, und sie war
stolz auf diese Verpflichtungen. Sie, Antonie Buddenbrook, vor der der
Trger Matthiesen tief seinen rauhen Zylinder abnahm, und die als
Tochter des Konsuls Buddenbrook in der Stadt wie eine kleine Herrscherin
umherging, war von der Geschichte ihrer Familie durchdrungen. Schon der
Gewandschneider zu Rostock hatte sich =sehr= gut gestanden, und seit
seiner Zeit war es immer glnzender bergauf gegangen. Sie hatte den
Beruf, auf ihre Art den Glanz der Familie und der Firma Johann
Buddenbrook zu frdern, indem sie eine reiche und vornehme Heirat
einging ... Tom arbeitete dafr im Kontor ... Ja, die Art dieser Partie
war sicherlich die richtige; aber ausgemacht Herr Grnlich ... Sie sah
ihn vor sich, seine goldgelben Favoris, sein rosiges, lchelndes Gesicht
mit der Warze am Nasenflgel, seine kurzen Schritte, sie glaubte seinen
wolligen Anzug zu fhlen und seine weiche Stimme zu hren...

Ich wute wohl, sagte die Konsulin, da wir ruhigen Vorstellungen
zugnglich sind ... haben wir vielleicht schon einen Entschlu gefat?

O bewahre! rief Tony, und sie betonte das O mit pltzlicher
Entrstung. Was fr ein Unsinn, Grnlich zu heiraten! Ich habe ihn
bestndig mit spitzen Redensarten verhhnt ... Ich begreife berhaupt
nicht, da er mich noch leiden mag! Er mte doch ein bichen Stolz im
Leibe haben...

Und damit fing sie an, sich Honig auf eine Scheibe Landbrot zu trufeln.


Drittes Kapitel

In diesem Jahre unternahmen Buddenbrooks auch whrend der Schulferien
Christians und Klaras keine Erholungsreise. Der Konsul erklrte,
geschftlich zu sehr in Anspruch genommen zu sein, und die schwebende
Frage in betreff Antoniens trug dazu bei, da man abwartend in der
Mengstrae verblieb. An Herrn Grnlich war, von der Hand des Konsuls
geschrieben, ein beraus diplomatischer Brief abgegangen; aber der
Fortgang der Dinge ward durch Tonys in den kindischsten Formen geuerte
Hartnckigkeit behindert. Bewahre, Mama! sagte sie. Ich kann ihn
nicht ausstehen! wobei sie die zweite Silbe des letzten Wortes mit
hchstem Nachdruck betonte und das st ausnahmsweise nicht getrennt
sprach. Oder sie erklrte mit Feierlichkeit: Vater! -- sonst pflegte
Tony Papa zu sagen -- Ich werde ihm mein Jawort niemals erteilen.

Auf diesem Punkte wre die Angelegenheit sicherlich noch lange Zeit
stehengeblieben, wenn sich nicht, zehn Tage vielleicht nach jener
Unterredung im Frhstckszimmer -- man stand in der Mitte des Juli--,
das Folgende ereignet htte...

Es war Nachmittag -- ein blauer, warmer Nachmittag; die Konsulin war
ausgegangen, und Tony sa mit einem Romane allein im Landschaftszimmer
am Fenster, als Anton ihr eine Visitkarte berbrachte. Bevor sie noch
Zeit gehabt, den Namen zu lesen, betrat ein Herr in glockenfrmigem
Gehrock und erbsenfarbenem Beinkleid das Zimmer; es war, wie sich
versteht, Herr Grnlich, und auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck
flehender Zrtlichkeit.

Tony fuhr entsetzt auf ihrem Stuhle empor und machte eine Bewegung, als
wollte sie in den Esaal entfliehen ... Wie war es mglich, noch mit
einem Herrn zu sprechen, der um ihre Hand angehalten hatte? Das Herz
pochte ihr bis in den Hals hinauf, und sie war sehr bleich geworden.
Solange sie Herrn Grnlich weit entfernt wute, hatten die ernsthaften
Verhandlungen mit den Eltern und die pltzliche Wichtigkeit ihrer Person
und Entscheidung ihr geradezu Spa gemacht. Nun aber war er wieder da!
Er stand vor ihr! Was wrde geschehen? Sie fhlte schon wieder, da sie
weinen werde.

Mit raschen Schritten, die Arme ausgebreitet und den Kopf zur Seite
geneigt, in der Haltung eines Mannes, welcher sagen will: Hier bin ich!
Tte mich, wenn du willst! kam Herr Grnlich auf sie zu. Welch eine
Fgung! rief er. Ich finde =Sie=, Antonie! Er sagte Antonie.

Tony, die, ihren Roman in der Rechten, aufgerichtet an ihrem Stuhle
stand, schob die Lippen hervor, und indem sie bei jedem Worte eine
Kopfbewegung von unten nach oben machte und jedes dieser Worte mit einer
tiefen Entrstung betonte, stie sie hervor:

Was -- fllt -- Ihnen -- ein!

Trotzdem standen ihr die Trnen bereits in der Kehle.

Herrn Grnlichs Bewegung war allzu gro, als da er diesen Einwurf htte
beachten knnen.

Konnte ich lnger warten ... Mute ich nicht hierher zurckkehren?
fragte er eindringlich. Ich habe vor einer Woche den Brief Ihres
=lieben= Herrn Vaters erhalten, diesen Brief, der mich mit Hoffnung
erfllt hat! Konnte ich noch lnger in halber Gewiheit verharren,
Frulein Antonie? Ich hielt es nicht lnger aus ... Ich habe mich in
einen Wagen geworfen ... Ich bin hierher geeilt ... Ich habe ein paar
Zimmer im Gasthofe Stadt Hamburg genommen ... und da bin ich, Antonie,
um von Ihren Lippen das letzte, entscheidende Wort in Empfang zu nehmen,
das mich glcklicher machen wird, als ich es zu sagen vermag!

Tony war erstarrt; ihre Trnen traten zurck vor Verblffung. Das also
war die Wirkung des vorsichtigen vterlichen Briefes, der jede
Entscheidung auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben hatte! -- Sie
stammelte drei- oder viermal:

Sie irren sich. -- Sie irren sich...

Herr Grnlich hatte einen Armsessel ganz dicht an ihren Fenstersitz
herangezogen, er setzte sich, er ntigte auch sie selbst, sich wieder
niederzulassen, und whrend er, vornbergebeugt, ihre Hand, die schlaff
war vor Ratlosigkeit, in der seinen hielt, fuhr er mit bewegter Stimme
fort:

Frulein Antonie ... Seit dem ersten Augenblicke, seit jenem
Nachmittage ... Sie erinnern sich jenes Nachmittages?... als ich Sie zum
ersten Male im Kreise der Ihrigen, eine so vornehme, so traumhaft
liebliche Erscheinung, erblickte ... ist Ihr Name mit unauslschlichen
Buchstaben in mein Herz geschrieben... Er verbesserte sich und sagte:
gegraben. Seit jenem Tage, Frulein Antonie, ist es mein einziger,
mein heier Wunsch, Ihre schne Hand frs Leben zu gewinnen, und was der
Brief Ihres =lieben= Herrn Vaters mich nur hoffen lie, das werden Sie
mir nun zur glcklichen Gewiheit machen ... nicht wahr?! ich darf mit
Ihrer Gegenneigung rechnen ... Ihrer Gegenneigung sicher sein! Hierbei
ergriff er auch mit der anderen Hand die ihre und blickte ihr tief in
die ngstlich geffneten Augen. Er trug heute keine Zwirnhandschuhe;
seine Hnde waren lang, wei und von hohen, blauen Adern durchzogen.

Tony starrte in sein rosiges Gesicht, auf die Warze an seiner Nase, und
in seine Augen, die so blau waren wie diejenigen einer Gans.

Nein, nein! brachte sie rasch und angstvoll hervor. Hierauf sagte sie
noch: Ich gebe Ihnen nicht mein Jawort! Sie bemhte sich fest zu
sprechen, aber sie weinte schon.

Womit habe ich dieses Zweifeln und Zgern Ihrerseits verdient? fragte
er mit tief gesenkter und fast vorwurfsvoller Stimme. Sie sind ein von
liebender Sorgfalt behtetes und verwhntes Mdchen ... aber ich schwre
Ihnen, ja, ich verpfnde Ihnen mein Manneswort, da ich Sie auf Hnden
tragen werde, da Sie als meine Gattin nichts entbehren werden, da Sie
in Hamburg ein Ihrer wrdiges Leben fhren werden...

Tony sprang auf, sie befreite ihre Hand, und whrend ihre Trnen
hervorstrzten, rief sie vllig verzweifelt:

Nein ... nein! Ich habe ja =nein= gesagt! Ich gebe Ihnen einen Korb,
verstehen Sie das denn nicht, Gott im Himmel?!...

Allein auch Herr Grnlich erhob sich. Er trat einen Schritt zurck, er
breitete die Arme aus, indem er ihr beide Handflchen entgegenhielt, und
sprach mit dem Ernst eines Mannes von Ehre und Entschlu:

Wissen Sie, Mademoiselle Buddenbrook, da ich mich nicht in dieser
Weise beleidigen lassen darf?

Aber ich beleidige Sie nicht, Herr Grnlich, sagte Tony, denn sie
bereute, so heftig gewesen zu sein. Mein Gott, mute gerade ihr dies
begegnen! Sie hatte sich so eine Werbung nicht vorgestellt. Sie hatte
geglaubt, man brauche nur zu sagen: Ihr Antrag ehrt mich, aber ich kann
ihn nicht annehmen, damit alles erledigt sei...

Ihr Antrag ehrt mich, sagte sie so ruhig sie konnte; aber ich kann
ihn nicht annehmen ... So, und ich mu Sie nun ... verlassen,
entschuldigen Sie, ich habe keine Zeit mehr.

Aber Herr Grnlich stand ihr im Wege.

Sie weisen mich zurck? fragte er tonlos...

Ja, sagte Tony; und aus Vorsicht fgte sie hinzu: Leider...

Da atmete Herr Grnlich heftig auf, er machte zwei groe Schritte
rckwrts, beugte den Oberkrper zur Seite, wies mit dem Zeigefinger auf
den Teppich und rief mit frchterlicher Stimme:

Antonie--!

So standen sie sich whrend eines Augenblicks gegenber; er in
aufrichtig erzrnter und gebietender Haltung, Tony bla, verweint und
zitternd, das feuchte Taschentuch am Munde. Endlich wandte er sich ab
und durchma, die Hnde auf dem Rcken, zweimal das Zimmer, als sei er
hier zu Hause. Dann blieb er am Fenster stehen und blickte durch die
Scheiben in die beginnende Dmmerung.

Tony schritt langsam und mit einer gewissen Behutsamkeit auf die Glastr
zu; aber sie befand sich erst in der Mitte des Zimmers, als Herr
Grnlich aufs neue bei ihr stand.

Tony! sagte er ganz leise, whrend er sanft ihre Hand erfate; und er
sank ... sank langsam bei ihr zu Boden auf die Knie. Seine beiden
goldgelben Favoris lagen auf ihrer Hand.

Tony..., wiederholte er, sehen Sie mich hier ... Dahin haben Sie es
gebracht ... Haben Sie ein Herz, ein fhlendes Herz?... Hren Sie mich
an ... Sie sehen einen Mann vor sich, der vernichtet, zugrunde gerichtet
ist, wenn ... ja, der vor Kummer sterben wird, unterbrach er sich mit
einer gewissen Hast, wenn Sie seine Liebe verschmhen! Hier liege ich
... bringen Sie es ber das Herz, mir zu sagen: Ich verabscheue Sie--?

Nein, nein! sagte Tony pltzlich in trstendem Ton. Ihre Trnen waren
versiegt, Rhrung und Mitleid stiegen in ihr auf. Mein Gott, wie sehr
mute er sie lieben, da er diese Sache, die ihr selbst innerlich ganz
fremd und gleichgltig war, so weit trieb! War es mglich, da =sie=
dies erlebte? In Romanen las man dergleichen, und nun lag im
gewhnlichen Leben ein Herr im Gehrock vor ihr auf den Knien und
flehte!... Ihr war der Gedanke, ihn zu heiraten, einfach unsinnig
erschienen, weil sie Herrn Grnlich albern gefunden hatte. Aber, bei
Gott, in diesem Augenblicke war er durchaus nicht albern! Aus seiner
Stimme und seinem Gesicht sprach eine so ehrliche Angst, eine so
aufrichtige und verzweifelte Bitte...

Nein, nein, wiederholte sie, indem sie sich ganz ergriffen ber ihn
beugte, ich verabscheue Sie nicht, Herr Grnlich, wie knnen Sie
dergleichen sagen!... Aber nun stehen Sie auf ... bitte...

Sie wollen mich nicht tten? fragte er wieder, und sie sagte noch
einmal in einem beinahe mtterlich trstenden Ton:

Nein -- nein...

Das ist ein Wort! rief Herr Grnlich und sprang auf die Fe. Sofort
aber, als er Tonys erschrockene Bewegung sah, lie er sich noch einmal
nieder und sagte ngstlich beschwichtigend:

Gut, gut ... sprechen Sie nun nichts mehr, Antonie! Genug fr diesmal,
ich bitte Sie, von dieser Sache ... Wir reden weiter davon ... Ein
anderes Mal ... Ein anderes Mal ... Leben Sie wohl fr heute ... Leben
Sie wohl ... Ich kehre zurck ... Leben Sie wohl!--

Er hatte sich rasch erhoben, er hatte seinen groen grauen Hut vom
Tische gerissen, hatte ihre Hand gekt und war durch die Glastr
hinausgeeilt.

Tony sah, wie er in der Sulenhalle seinen Stock ergriff und im Korridor
verschwand. Sie stand, vllig verwirrt und erschpft, inmitten des
Zimmers, das feuchte Taschentuch in einer ihrer hinabhngenden Hnde.


Viertes Kapitel

Konsul Buddenbrook sagte zu seiner Gattin:

Wenn ich mir denken knnte, da Tony irgendeinen delikaten Beweggrund
hat, sich fr diese Verbindung nicht entschlieen zu knnen! Aber sie
ist ein Kind, Bethsy, sie ist vergngungslustig, tanzt auf Bllen, lt
sich von den jungen Leuten bekuren, und zwar mit Plsier, denn sie wei,
da sie hbsch und von Familie ist ... sie ist vielleicht im geheimen
und unbewut auf der Suche, aber ich kenne sie, sie hat ihr Herz, wie
man zu sagen pflegt, noch gar nicht entdeckt ... Fragte man sie, so
wrde sie den Kopf hin und her drehen und nachdenken ... aber sie wrde
niemanden finden ... Sie ist ein Kind, ein Spatz, ein Springinsfeld ...
Sagt sie ja, so wird sie ihren Platz gefunden haben, sie wird sich nett
installieren knnen, wonach ihr der Sinn steht, und ihren Mann schon
nach ein paar Tagen lieben ... Er ist kein Beau, nein, mein Gott, nein,
er ist kein Beau ... aber er ist immerhin im hchsten Grade prsentabel,
und man kann am Ende nicht fnf Beine auf ein Schaf verlangen, wenn du
mir die kaufmnnische Phrase zugut halten willst!... Wenn sie warten
will, bis jemand kommt, der eine Schnheit und auerdem eine gute Partie
ist -- nun, Gott befohlen! Tony Buddenbrook findet immer noch etwas.
Indessen andererseits ... es bleibt ein Risiko, und, um wieder
kaufmnnisch zu reden, Fischzug ist alle Tage, aber nicht alle Tage
Fangetag!... Ich habe gestern vormittag in einer lngeren Unterredung
mit Grnlich, der sich ja mit dem andauerndsten Ernste bewirbt, seine
Bcher gesehen ... er hat sie mir vorgelegt ... Bcher, Bethsy, zum
Einrahmen! Ich habe ihm mein hchstes Vergngen ausgesprochen! Seine
Sachen stehen fr ein so junges Geschft recht gut, recht gut. Sein
Vermgen beluft sich auf etwa 120000 Taler, was ersichtlich nur die
vorlufige Grundlage ist, denn er macht jhrlich einen hbschen Schnitt
... Was Duchamps sagen, die ich befragte, klingt auch nicht bel: Seine
Verhltnisse seien ihnen zwar nicht bekannt, aber er lebe _gentleman
like_, verkehre in der besten Gesellschaft, und sein Geschft sei ein
notorisch lebhaftes und weit verzweigtes ... Was ich bei einigen anderen
Hamburger Leuten, wie zum Beispiel bei einem Bankier Kesselmeyer,
erfahren, hat mich gleichfalls vollauf befriedigt. Kurz, wie du weit,
Bethsy, ich kann nicht anders, als diese Heirat, die der Familie und der
Firma nur zum Vorteil gereichen wrde, dringend erwnschen! -- Es tut
mir ja leid, mein Gott, da das Kind sich in einer bedrngten Lage
befindet, da sie von allen Seiten umlagert ist, bedrckt umhergeht und
kaum noch spricht; aber ich kann mich schlechterdings nicht
entschlieen, Grnlich kurzerhand abzuweisen ... denn noch eines,
Bethsy, und das kann ich nicht oft genug wiederholen: Wir haben uns in
den letzten Jahren bei Gott nicht in allzu hocherfreulicher Weise
aufgenommen. Nicht als ob der Segen fehlte, behte, nein, treue Arbeit
wird redlich belohnt. Die Geschfte gehen ruhig ... ach, allzu ruhig,
und auch das nur, weil ich mit uerster Vorsicht zu Werke gehe. Wir
sind nicht vorwrts gekommen, nicht wesentlich, seit Vater abgerufen
wurde. Die Zeiten jetzt sind wahrhaftig nicht gut fr den Kaufmann ...
Kurz, es ist nicht viele Freude dabei. Unsere Tochter ist heiratsfhig
und in der Lage, eine Partie zu machen, die allen Leuten als vorteilhaft
und rhmlich in die Augen springt -- sie soll sie machen! Warten ist
nicht ratsam, nicht ratsam, Bethsy! Sprich noch einmal mit ihr; ich habe
ihr heute Nachmittag nach Krften zugeredet...

--Tony war in bedrngter Lage, darin hatte der Konsul recht. Sie sagte
nicht mehr nein, aber sie vermochte auch das Ja nicht ber die
Lippen zu bringen -- Gott mochte ihr helfen! Sie begriff selbst nicht
recht, warum sie sich die Zusage nicht abgewinnen konnte.

Unterdessen nahm sie hier der Vater beiseite und sprach ein ernstes
Wort, lie dort die Mutter sie bei sich Platz nehmen, um eine endliche
Entschlieung zu fordern ... Onkel Gotthold und seine Familie hatte man
in die Angelegenheit nicht eingeweiht, weil sie immer ein bichen mokant
gegen die in der Mengstrae gestimmt waren. Aber sogar Sesemi Weichbrodt
hatte von der Sache erfahren und riet mit korrekter Aussprache zum
guten, selbst Mamsell Jungmann sagte: Tonychen, mein Kindchen, brauchst
keine Sorge haben, bleibst in den ersten Kreisen... und Tony konnte
nicht den verehrten seidnen Salon drauen vorm Burgtore besuchen, ohne
da die alte Madame Krger anfing: _A propos_, ich hre da von einer
Affre, ich hoffe, du wirst Rson annehmen, Kleine...

Eines Sonntags, als sie mit den Eltern und Geschwistern in der
Marienkirche sa, redete Pastor Klling in starken Worten ber den Text,
der da besagt, da das Weib Vater und Mutter verlassen und dem Manne
nachfolgen soll -- wobei er pltzlich ausfallend wurde. Tony starrte
entsetzt zu ihm empor, ob er sie vielleicht sogar anshe ... Nein, Gott
sei Dank, er hielt seinen dicken Kopf nach einer anderen Seite gewandt
und predigte nur im allgemeinen ber die andchtige Menge hin; und
dennoch war es nur allzu klar, da dies ein neuer Angriff auf sie war
und jedes Wort ihr galt. Ein jugendliches, ein noch kindliches Weib,
verkndete er, das noch keinen eigenen Willen und keine eigene Einsicht
besitze und dennoch den liebevollen Ratschlssen der Eltern sich
widersetze, das sei strafbar, das wolle der Herr ausspeien aus seinem
Munde ... und bei dieser Wendung, welche zu denen gehrte, fr die
Pastor Klling schwrmte und die er mit Begeisterung hervorbrachte, traf
Tony dennoch ein durchdringender Blick aus seinen Augen, der von einer
furchtbaren Armbewegung begleitet war ... Tony sah, wie ihr Vater neben
ihr eine Hand erhob, als wollte er sagen: So! nicht zu heftig... Aber
es war kein Zweifel, da Pastor Klling von ihm oder der Mutter ins
Einverstndnis gezogen war. Rot und gebckt sa sie an ihrem Platze, mit
dem Gefhle, da die Augen aller Welt auf ihr ruhten -- und am nchsten
Sonntage weigerte sie sich aufs bestimmteste, die Kirche zu besuchen.

Sie ging schweigsam umher, sie lachte nicht mehr genug, sie verlor
geradezu den Appetit und seufzte manchmal so herzbrechend, als ringe sie
mit einem Entschlusse, um dann die Ihren klglich anzusehen ... Man
mute Mitleid mit ihr haben. Sie magerte wahrhaftig ab und bte an
Frische ein. Schlielich sagte der Konsul:

Das geht nicht lnger, Bethsy, wir drfen das Kind nicht maltrtieren.
Sie mu mal ein bichen heraus, zur Ruhe kommen und sich besinnen; du
sollst sehen, dann nimmt sie Vernunft an. Ich kann mich nicht losmachen,
und die Ferien sind beinahe vorber ... aber wir knnen auch alle ganz
gut zu Hause bleiben. Gestern war zufllig der alte Schwarzkopf von
Travemnde hier, Diederich Schwarzkopf, der Lotsenkommandeur. Ich lie
ein paar Worte fallen, und er zeigte sich mit Vergngen bereit, die Dirn
fr einige Zeit bei sich aufzunehmen ... Ich gebe ihm eine kleine
Entschdigung ... Da hat sie eine behagliche Huslichkeit, kann baden
und Luft schnappen und mit sich ins reine kommen. Tom fhrt mit ihr, und
alles ist in Ordnung. Das geschieht besser morgen als spter...

Mit diesem Einfalle erklrte Tony sich freudig einverstanden. Sie bekam
Herrn Grnlich zwar kaum zu Gesicht, aber sie wute, da er in der Stadt
war, mit den Eltern verhandelte und wartete ... Mein Gott, er konnte
jeden Tag wieder vor ihr stehen, um zu schreien und zu flehen! In
Travemnde und in einem fremden Hause wrde sie sicherer vor ihm sein
... So packte sie eilig und vergngt ihren Koffer, und dann, an einem
der letzten Julitage, stieg sie mit Tom, der sie begleiten sollte, in
die majesttische Krgersche Equipage, sagte in bester Laune Adieu und
fuhr aufatmend zum Burgtor hinaus.


Fnftes Kapitel

Nach Travemnde geht es immer geradeaus, mit der Fhre bers Wasser und
dann wieder geradeaus; der Weg war beiden wohlbekannt. Die graue
Chaussee glitt flink unter den hohl und taktmig aufschlagenden Hufen
von Lebrecht Krgers dicken Braunen aus Mecklenburg dahin, obgleich die
Sonne brannte und der Staub die sprliche Aussicht verhllte. Man hatte
ausnahmsweise um 1 Uhr zu Mittag gegessen, und die Geschwister waren
punkt 2 Uhr abgefahren, so wrden sie kurz nach 4 Uhr anlangen, denn
wenn eine Droschke drei Stunden gebraucht, so hatte der Krgersche
Jochen Ehrgeiz genug, den Weg in zweien zu machen.

Tony nickte in trumerischem Halbschlaf unter ihrem groen, flachen
Strohhut und ihrem mit cremefarbenen Spitzen besetzten Sonnenschirm, der
bindfadengrau war, wie ihr schlicht gearbeitetes, schlankes Kleid, und
den sie gegen das Rckverdeck gelehnt hatte. Ihre Fe in Schuhen mit
Kreuzbndern und weien Strmpfen hatte sie zierlich bereinander
gestellt; sie sa bequem und elegant zurckgelehnt, wie fr die Equipage
geschaffen.

Tom, schon zwanzigjhrig, mit Akkuratesse in blaugraues Tuch gekleidet,
hatte den Strohhut zurckgeschoben und rauchte russische Zigaretten. Er
war nicht sehr gro geworden; aber sein Schnurrbart, dunkler als Haar
und Wimpern, begann krftig zu wachsen. Indem er nach seiner Gewohnheit
eine Braue ein wenig emporzog, blickte er in die Staubwolken und auf die
vorberziehenden Chausseebume.

Tony sagte:

Ich bin noch niemals so froh gewesen, nach Travemnde zu kommen, wie
diesmal, ... erstens aus allerhand Grnden, Tom, du brauchst dich
durchaus nicht zu mokieren; ich wollte, ich knnte ein gewisses Paar
goldgelber Kotelettes noch einige Meilen weiter zurcklassen ... Dann
aber wird es ein ganz neues Travemnde sein, da in der Vorderreihe bei
Schwarzkopfs ... Ich werde mich gar nicht um die Kurgesellschaft
bekmmern ... Das kenne ich zur Genge ... Und ich bin gar nicht dazu
aufgelegt ... berdies steht dem ... Menschen da drauen alles offen, er
geniert sich nicht, pa auf, er wrde eines Tages hold lchelnd neben
mir auftauchen...

Tom warf die Zigarette fort und nahm sich eine neue aus der Bchse, in
deren Deckel eine von Wlfen berfallene Troika kunstvoll eingelegt war:
das Geschenk irgendeines russischen Kunden an den Konsul. Die
Zigaretten, diese kleinen scharfen Dinger mit gelbem Mundstck waren
Toms Leidenschaft; er rauchte sie massenweise und hatte die schlimme
Gewohnheit, den Rauch tief in die Lunge zu atmen, so da er beim
Sprechen langsam wieder hervorsprudelte.

Ja, sagte er, was das betrifft, im Kurgarten wimmelt es von
Hamburgern. Konsul Fritsche, der das ganze gekauft hat, ist ja selbst
einer ... Er soll augenblicklich glnzende Geschfte machen, sagt Papa
... brigens lt du dir doch manches entgehen, wenn du nicht ein
bichen mittust ... Peter Dhlmann ist natrlich dort; um diese Zeit ist
er nie in der Stadt; sein Geschft geht ja wohl von selbst im Hundetrab
... komisch! Na ... Und Onkel Justus kommt sicher Sonntags ein bichen
hinaus und macht der Roulette einen Besuch ... Dann sind da Mllendorpfs
und Kistenmakers, glaube ich, vollzhlig, und Hagenstrms...

Ha! -- Natrlich! Wie wre Sarah Semlinger wohl entbehrlich...

Sie heit brigens Laura, mein Kind, man mu gerecht sein.

Mit Julchen natrlich ... Julchen =soll= sich diesen Sommer mit August
Mllendorpf verloben, und Julchen =wird= es tun! Dann gehren sie doch
endgltig dazu! Weit du, Tom, es ist emprend! Diese hergelaufene
Familie...

Ja, lieber Gott ... Strunck & Hagenstrm machen sich geschftlich
heraus; das ist die Hauptsache...

Selbstverstndlich! und man wei ja auch, wie sie's machen ... Mit den
Ellenbogen, weit du ... ohne jede Kulanz und Vornehmheit ... Grovater
sagte von Hinrich Hagenstrm: `Dem kalbt der Ochse, das waren seine
Worte...

Ja, ja, ja, das ist nun einerlei. Verdienen wird gro geschrieben. Und
was diese Verlobung betrifft, so ist das ein ganz korrektes Geschft.
Julchen wird eine Mllendorpf, und August bekommt einen hbschen
Posten...

Ach ... du willst mich brigens rgern, Tom, das ist alles ... Ich
verachte diese Menschen...

Tom fing an zu lachen. Mein Gott ... man wird sich mit ihnen einrichten
mssen, weit du. Wie Papa neulich sagte: Sie sind die Heraufkommenden
... Whrend zum Beispiel Mllendorpfs ... Und dann kann man den
Hagenstrms die Tchtigkeit nicht absprechen. Hermann ist schon sehr
ntzlich im Geschft und Moritz hat trotz seiner schwachen Brust die
Schule glnzend absolviert. Er soll sehr gescheut sein und studiert
Jura.

Schn ... aber dann freut es mich wenigstens, Tom, da es auch noch
andere Familien gibt, die sich vor ihnen nicht zu bcken brauchen, und
da zum Beispiel wir Buddenbrooks denn doch...

So, sagte Tom, nun wollen wir nur nicht anfangen zu prahlen. Ihre
wunden Punkte hat jede Familie, fuhr er mit einem Blick auf Jochens
breiten Rcken leiser fort. Wie es zum Beispiel mit Onkel Justus steht,
wei der liebe Gott. Papa schttelt immer den Kopf, wenn er von ihm
spricht, und Grovater Krger hat ein paarmal, glaube ich, mit groen
Summen aushelfen mssen ... Und mit den Vettern ist auch nicht alles in
Ordnung. Jrgen, der ja studieren will, kommt immer noch nicht zum
Abgangsexamen ... Und mit Jakob, bei Dalbeck & Comp. in Hamburg, soll
man gar nicht zufrieden sein. Er kommt niemals mit seinem Gelde aus,
obgleich er wohl versorgt wird; und was Onkel Justus ihm verweigert, das
schickt ihm Tante Rosalie ... Nein, ich finde, man soll keinen Stein
aufheben. Wenn du brigens den Hagenstrms die Waagschale halten willst,
so solltest du doch Grnlich heiraten!

Sind wir in diesen Wagen gestiegen, um davon zu sprechen? Ja! Ja! ich
sollte es vielleicht! Aber ich will jetzt nicht daran denken. Ich will
es einfach vergessen. Nun fahren wir zu Schwarzkopfs. Ich habe sie
wissentlich nie gesehen ... Es sind wohl nette Leute?

Oh! Diederich Swattkopp, dat is'n ganz passablen ollen Kierl ... Das
heit, so spricht er nicht immer, sondern nur, wenn er mehr als fnf
Glser Grog getrunken hat. Einmal, als er im Kontor gewesen war, gingen
wir zusammen in die Schiffergesellschaft ... Er trank wie ein Loch. Sein
Vater ist auf einem Norwegenfahrer geboren und nachher Kapitn auf
dieser Linie gewesen. Diederich hat einen guten Bildungsgang gemacht;
die Lotsenkommandantur ist eine verantwortliche und ziemlich gut
bezahlte Stellung. Er ist ein alter Seebr ... aber immer galant mit den
Damen. Pa auf, er wird dir die Kur machen...

Ha! -- Und die Frau?

Seine Frau kenne ich selbst nicht. Sie wird schon gemtlich sein.
brigens ist da ein Sohn, der zu meiner Zeit in Sekunda oder Prima sa
und jetzt wohl studiert ... Sieh mal, da ist die See! Eine kleine
Viertelstunde noch...

In einer Allee von jungen Buchen fuhren sie eine Strecke ganz dicht am
Meere entlang, das blau und friedlich in der Sonne lag. Der runde gelbe
Leuchtturm tauchte auf, sie bersahen eine Weile Bucht und Bollwerk, die
roten Dcher des Stdtchens und den kleinen Hafen mit dem Segel- und
Tauwerk der Bte. Dann fuhren sie zwischen den ersten Husern hindurch,
lieen die Kirche zurck und rollten die Vorderreihe, die sich am
Flusse hinzog, entlang bis zu einem hbschen kleinen Hause, dessen
Veranda dicht mit Weinlaub bewachsen war.

Lotsenkommandeur Schwarzkopf stand vor seiner Tr und nahm beim
Herannahen der Kalesche die Schiffermtze ab. Es war ein untersetzter,
breiter Mann mit rotem Gesicht, wasserblauen Augen und einem eisgrauen,
stacheligen Bart, der fcherfrmig von einem Ohr zum anderen lief. Sein
abwrts gezogener Mund, in dem er eine Holzpfeife hielt und dessen
rasierte Oberlippe hart, rot und gewlbt war, machte einen Eindruck von
Wrde und Biederkeit. Eine weie Pikeeweste leuchtete unter seinem
offenen mit Goldborten verzierten Rock. Breitbeinig und mit etwas
vorgestrecktem Bauche stand er da.

Ist wahrhaftig eine Ehre fr mich, Mamsell, alles was recht ist, da
Sie eine Zeitlang bei uns frliebnehmen wollen... Er hob Tony mit
Behutsamkeit aus dem Wagen. Kompliment, Herr Buddenbrook! Wohlauf, der
Herr Papa? Und die Frau Konsulin?... Ist mir ein aufrichtiges
Plsier!... Na, treten die Herrschaften nher! Meine Frau hat wohl so
etwas wie einen kleinen Imbi bereit. -- Fahr'n Se man to Gastwirt
Peddersen, sagte er zum Kutscher, der den Koffer ins Haus getragen
hatte; da snd de Pierd ganz gaut unnerbracht ... Sie bernachten doch
bei uns, Herr Buddenbrook?... I, warum nicht gar! Die Pferde mssen doch
verschnaufen, und dann kmen Sie ja nicht vor Dunkelwerden zur
Stadt...

Wissen Sie, hier wohnt man mindestens so gut, wie drauen im Kurhaus,
sagte Tony eine Viertelstunde spter, als man in der Veranda um den
Kaffeetisch sa. Was fr prachtvolle Luft! Man riecht den Tang bis
hierher. Ich bin entsetzlich froh, wieder in Travemnde zu sein!

Zwischen den grnbewachsenen Pfeilern der Veranda hindurch blickte man
auf den breiten, in der Sonne glitzernden Flu mit Khnen und
Landungsbrcken und hinber zum Fhrhaus auf dem Priwal, der
vorgeschobenen Halbinsel Mecklenburgs. Die weiten, kummenartigen Tassen
mit blauem Rande waren ungewohnt plump im Vergleich mit dem zierlichen
alten Porzellan zu Hause; aber der Tisch, auf dem an Tonys Platz ein
Strau von Wiesenblumen stand, war einladend, und die Fahrt hatte Hunger
gemacht.

Ja, Mamsell soll sehen, da sie sich hier herausmacht, sagte die
Hausfrau. Sie sieht ein bichen strap'ziert aus, wenn ich mich so
ausdrcken darf; das macht die Stadtluft, und dann sind da die vielen
Ften...

Frau Schwarzkopf, eine Pastorstochter aus Schlutup, schien ungefhr 50
Jahre zu zhlen, war einen Kopf kleiner als Tony und ziemlich
schmchtig. Ihr noch schwarzes, glatt und reinlich frisiertes Haar stak
in einem gromaschigen Netze. Sie trug ein dunkelbraunes Kleid mit einem
kleinen weigehkelten Kragen und ebensolchen Manschetten. Sie war
sauber, sanft und freundlich und empfahl eifrig ihr selbstgebackenes
Korinthenbrot, das, umgeben von Rahm, Zucker, Butter und Scheibenhonig,
in dem bootfrmigen Brotkorb lag. Diesen Korb schmckte eine Borte von
Perlenstickerei, welche die kleine Meta gearbeitet hatte, ein
achtjhriges, artiges, kleines Mdchen, das in schottischem Kleidchen
und mit einem flachsblonden, steif abstehenden Zpfchen neben seiner
Mutter sa.

Frau Schwarzkopf entschuldigte sich wegen des Zimmers, das fr Tony
bestimmt war, und in dem diese schon ein wenig Toilette gemacht hatte.
Es sei so einfach...

Pah allerliebst! sagte Tony. Es habe Aussicht auf die See, das sei die
Hauptsache. Und dabei tauchte sie die vierte Scheibe Korinthenbrot in
ihren Kaffee. Tom sprach mit dem Alten ber den Wullenwewer, der jetzt
in der Stadt repariert wurde...

Pltzlich kam ein junger Mensch von etwa 20 Jahren mit einem Buch in die
Veranda, der seinen grauen Filzhut abnahm und sich errtend und etwas
linkisch verbeugte.

Na, min Shn, sagte der Lotsenkommandeur, du kmmst spt... Dann
stellte er vor: Das ist mein Sohn--, er nannte einen Vornamen, den
Tony nicht verstand. Studiert auf den Doktor ... bringt seine Ferien
bei uns zu...

Sehr angenehm, sagte Tony, wie sie es gelernt hatte. Tom stand auf und
gab ihm die Hand. Der junge Schwarzkopf verbeugte sich nochmals, legte
sein Buch aus der Hand und nahm, aufs neue errtend, am Tische Platz.

Er war von mittlerer Gre, ziemlich schmal und so blond wie mglich.
Sein beginnender Schnurrbart, so farblos wie das kurzgeschnittene Haar,
das seinen lnglichen Kopf bedeckte, war kaum zu sehen; und dem
entsprach ein auerordentlich heller Teint, eine Haut wie porses
Porzellan, die bei der geringsten Gelegenheit hellrot anlaufen konnte.
Seine Augen waren von etwas dunklerem Blau als die seines Vaters, und
hatten denselben, nicht sehr lebhaften, gutmtig prfenden Ausdruck;
seine Gesichtszge waren ebenmig und ziemlich angenehm. Als er anfing
zu essen, zeigte er ungewhnlich gutgeformte, engstehende Zhne, die
spiegelnd blank waren, wie poliertes Elfenbein. brigens trug er eine
graue, geschlossene Joppe mit Klappen an den Taschen und einem Gummizug
im Rcken.

Ja, ich bitte um Entschuldigung, ich komme zu spt, sagte er. Seine
Sprache war ein wenig schwerfllig und knarrend. Ich habe ein bichen
am Strande gelesen und nicht frh genug nach der Uhr gesehen. Hierauf
kaute er schweigsam und musterte Tom und Tony nur dann und wann prfend
von unten herauf.

Spter, als Tony wieder einmal von der Hausfrau gentigt wurde,
zuzulangen, sagte er:

Dem Scheibenhonig knnen Sie vertrauen, Frulein Buddenbrook ... Das
ist reines Naturprodukt ... Da wei man doch, was man verschluckt ...
Sie mssen ordentlich essen, wissen Sie! Diese Luft hier, die zehrt ...
die beschleunigt den Stoffwechsel. Wenn Sie nicht genug zu sich nehmen,
so fallen Sie ab... Er hatte eine naive und sympathische Art, sich
beim Sprechen vorzubeugen und manchmal eine andere Person dabei
anzublicken als die, an die er sich wandte.

Seine Mutter hrte ihm zrtlich zu und forschte dann in Tonys Gesicht
nach dem Eindruck, den seine Worte hervorbrchten. Der alte Schwarzkopf
aber sagte:

Nu speel di man nich up, Herr Dokter, mit deinem Stoffwechsel ... Da
wollen wir gar nichts von wissen, worauf der junge Mensch lachte und
wieder errtend auf Tonys Teller blickte.

Ein paarmal nannte der Lotsenkommandeur den Vornamen seines Sohnes, aber
Tony konnte ihn durchaus nicht verstehen. Es war etwas wie Moor oder
Mord ... unmglich, es in der breiten und platten Aussprache des Alten
zu erkennen.

Als die Mahlzeit beendet war, als Diederich Schwarzkopf, der, mit weit
von der weien Weste zurckgeschlagenem Rock, behaglich in die Sonne
blinzelte, und sein Sohn ihre kurzen Holzpfeifen zu rauchen begannen und
Tom sich wieder seinen Zigaretten widmete, waren die jungen Leute in ein
lebhaftes Gesprch ber alte Schulgeschichten geraten, an dem Tony sich
munter beteiligte. Herr Stengel wurde zitiert ... Du sollst 'ne Line
machen, und was machst du? Du machst 'n Strich! Schade, da Christian
nicht da war; er konnte das noch viel besser...

Einmal sagte Tom zu seiner Schwester, indem er auf die vor ihr stehenden
Blumen wies:

Herr Grnlich wrde sagen: Das putzt ganz ungemein!

Worauf Tony ihn, rot vor Zorn, in die Seite stie und einen scheuen
Blick zu dem jungen Schwarzkopf hinbergleiten lie.

Man hatte mit dem Kaffeetrinken heute ungewhnlich lange gewartet, und
man sa lange beieinander. Es war schon halb sieben Uhr, und ber den
Priwal drben begann sich die Dmmerung zu senken, als der Kommandeur
sich erhob.

Na, die Herrschaften entschuldigen, sagte er. Ich habe nun noch
drben im Lotsenhause zu tun ... Wir essen um achte, wenn's gefllig ist
... Oder heut' mal ein bichen spter, Meta, wie?... Und du-- hier
nannte er wieder den Vornamen, -- nun sitz hier nur nicht herum ... Nun
geh nur hinaus und gib dich wieder mit deinen Knochen ab ... Mamsell
Buddenbrook wird wohl auspacken ... Oder wenn die Herrschaften an den
Strand gehen wollen ... Stre nur nicht!

Diederich, mein Gott, warum soll er nicht noch sitzen bleiben, sagte
Frau Schwarzkopf sanft und vorwurfsvoll. Und wenn die Herrschaften an
den Strand gehen wollen, warum soll er nicht mitgehen? Er hat doch
Ferien, Diederich!... Und soll er denn gar nichts von unserem Besuche
haben?


Sechstes Kapitel

In ihrem kleinen, reinlichen Zimmer, dessen Mbel mit hellgeblmtem
Kattun berzogen waren, erwachte Tony am nchsten Morgen mit dem
angeregten und freudigen Gefhl, mit dem man in einer neuen Lebenslage
die Augen ffnet.

Sie setzte sich empor, und indem sie die Arme um ihre Knie schlang und
den zerzausten Kopf zurcklegte, blinzelte sie in den schmalen und
blendenden Streifen vom Tageslicht, der zwischen den geschlossenen Lden
hindurch ins Zimmer fiel, und kramte mit Mue die gestrigen Erlebnisse
wieder hervor.

Kaum ein Gedanke streifte Herrn Grnlichs Person. Die Stadt und der
grliche Auftritt im Landschaftszimmer und die Ermahnungen der Familie
und Pastor Kllings lagen weit zurck. Hier wrde sie nun jeden Morgen
ganz sorglos erwachen ... Diese Schwarzkopfs waren prchtige Leute.
Gestern abend hatte es wahrhaftig eine Apfelsinenbowle gegeben, und man
hatte auf ein glckliches Zusammenleben angestoen. Man war sehr
vergngt gewesen. Der alte Schwarzkopf hatte Seegeschichten zum besten
gegeben und der junge von Gttingen berichtet, wo er studierte ... Aber
es war doch sonderbar, da sie noch immer seinen Vornamen nicht wute!
Sie hatte mit Spannung darauf geachtet, aber er war beim Abendessen
nicht mehr genannt worden, und es htte sich wohl nicht geschickt,
danach zu fragen. Sie dachte angestrengt nach ... Mein Gott, wie hie
der junge Mensch! Moor ... Mord...? brigens hatte er ihr gut gefallen,
dieser Moor oder Mord. Er hatte ein so gutmtig verschmitztes Lachen,
wenn er um Wasser bat und statt dessen ein paar Buchstaben mit Zahlen
dahinter nannte, so da der Alte ganz bse wurde. Ja, das sei aber die
wissenschaftliche Formel fr Wasser ... allerdings nicht fr =dieses=
Wasser, denn die Formel fr =diese= Travemnder Flssigkeit sei wohl
viel komplizierter. Jeden Augenblick knne man eine Qualle darin finden
... Die hohe Obrigkeit habe ihre eignen Begriffe von Swasser ...
Worauf ihm wieder ein vterlicher Verweis zuteil geworden war, weil er
in wegwerfendem Tone von der Obrigkeit gesprochen hatte. Frau
Schwarzkopf hatte immer in Tonys Gesicht nach Bewunderung gesucht, und
wahrhaftig, er sprach sehr amsant, zugleich lustig und gelehrt ... Er
hatte sich ziemlich viel um sie gekmmert, der junge Herr. Sie hatte
geklagt, da sie beim Essen einen heien Kopf bekme, sie glaube zu viel
Blut zu haben ... Was hatte er geantwortet? Er hatte sie gemustert und
gesagt: Ja, die Arterien an den Schlfen seien gefllt, aber das
schliee nicht aus, da nicht genug Blut oder genug rote Blutkrperchen
im Kopfe seien ... Sie sei vielleicht ein =bichen= bleichschtig...

Der Kuckuck sprang aus der geschnitzten Wanduhr und gluckste viele Male
hell und hohl. Sieben, acht, neun, zhlte Tony, aufgestanden! Und
damit sprang sie aus dem Bette und stie die Fensterlden auf. Der
Himmel war ein wenig bedeckt, aber die Sonne schien. Man sah ber das
Leuchtenfeld mit dem Turm weit ber die krause See hinaus, die rechts im
Bogen von der mecklenburgischen Kste begrenzt war und sich in
grnlichen und blauen Streifen erstreckte, bis sie mit dem dunstigen
Horizont zusammenflo. Nachher will ich baden, dachte Tony, aber vorher
ordentlich frhstcken, damit der Stoffwechsel nicht an mir zehrt ...
Und damit machte sie sich lchelnd und mit raschen, vergngten
Bewegungen ans Waschen und Ankleiden.

Es war kurz nach halb 10 Uhr, als sie die Stube verlie. Die Tr des
Zimmers, wo Tom geschlafen hatte, stand offen; er war in aller Frhe
wieder zur Stadt gefahren. Schon hier oben in dem ziemlich hoch
gelegenen Stockwerk, in dem nur Schlafzimmer lagen, roch es nach Kaffee.
Das schien der charakteristische Geruch des kleinen Hauses zu sein, und
er nahm zu, als Tony die mit einem schlichten, undurchbrochenen
Holzgelnder versehene Treppe hinunterstieg und drunten ber den
Korridor ging, an dem Wohn- und Ezimmer und das Bro des
Lotsenkommandeurs lagen. Frisch und in bester Laune betrat sie in ihrem
weien Pikeekleide die Veranda.

Frau Schwarzkopf sa mit ihrem Sohne allein am Kaffeetische, der schon
teilweise abgerumt war. Sie trug eine blaukarierte Kchenschrze ber
ihrem braunen Kleid. Ein Schlsselkorb stand vor ihr.

Tausendmal um Vergebung, sagte sie, indem sie aufstand, da wir nicht
gewartet haben, Mamsell Buddenbrook! Wir sind frh auf, wir einfachen
Leute. Da gibt es hunderterlei zu tun ... Schwarzkopf ist in seinem Bro
... Nicht wahr, Mamsell ist nicht bse?

Tony ihrerseits entschuldigte sich. Sie mssen nicht glauben, da ich
immer so lange schlafe. Ich habe ein sehr bses Gewissen. Aber die Bowle
von gestern abend...

Hier fing der junge Sohn des Hauses an zu lachen. Er stand, seine kurze
Holzpfeife in der Hand, hinter dem Tische. Die Zeitung lag vor ihm.

Ja, Sie sind schuld, sagte Tony; guten Morgen!... Sie haben bestndig
mit mir angestoen ... Jetzt verdiene ich nur noch kalten Kaffee. Ich
mte schon gefrhstckt und gebadet haben...

Nein, das wre zu frh fr eine junge Dame! Um sieben war das Wasser
noch ziemlich kalt, wissen Sie; 11 Grad ... das schneidet ein bichen
nach der Bettwrme...

Woher wissen Sie denn, da ich lauwarm baden will, _monsieur_? Und
Tony nahm am Tische Platz. Sie haben mir den Kaffee warm gehalten, Frau
Schwarzkopf!... Aber einschenken tue ich mir selbst ... vielen Dank!

Die Hausfrau sah zu, wie ihr Gast die ersten Bissen a.

Und Mamsell hat gut geschlafen die erste Nacht? Ja, mein Gott, die
Matratze ist mit Seegras gefllt ... wir sind einfache Leute ... Aber
nun wnsche ich guten Appetit und einen vergngten Vormittag. Mamsell
wird sicher mancherlei Bekannte am Strande treffen ... Wenn es angenehm
ist, begleitet mein Sohn Sie hin. Um Verzeihung, da ich nicht lnger
Gesellschaft leiste, aber ich =mu= nach dem Essen sehen. Ich habe eine
Bratwurst ... Wir geben es so gut, wie wir knnen.

Ich halte mich an den Scheibenhonig, sagte Tony, als die beiden allein
waren. Sehen Sie, da wei man doch, was man verschluckt!

Der junge Schwarzkopf stand auf und legte seine Pfeife auf die Brstung
der Veranda.

Aber rauchen Sie doch! Nein, das strt mich ganz und gar nicht. Wenn
ich zu Hause zum Frhstck komme, ist immer schon Papas Zigarrenrauch in
der Stube ... Sagen Sie mal, fragte sie pltzlich, ist es wahr, da
ein Ei soviel wert ist wie ein Viertelpfund Fleisch?

Er wurde ber und ber rot. Wollen Sie mich eigentlich zum besten
haben, Frulein Buddenbrook? fragte er zwischen Lachen und rger. Ich
habe gestern abend noch einen Rffel von Vater bekommen wegen meiner
Fachsimpelei und Wichtigtuerei, wie er sagte...

Aber ich habe ganz harmlos gefragt?! Tony hrte vor Bestrzung einen
Augenblick auf zu essen. Wichtigtuerei! Wie kann man dergleichen
sagen!... Ich mchte gern etwas erfahren ... Mein Gott, ich bin eine
Gans, sehen Sie! Bei Sesemi Weichbrodt war ich immer unter den
Faulsten. Und Sie wissen, glaube ich, so viel... Innerlich dachte sie:
Wichtigtuerei? Man befindet sich in fremder Gesellschaft, zeigt sich von
seiner besten Seite, setzt seine Worte und sucht zu gefallen -- das ist
doch klar...

Nun ja, es deckt sich in gewisser Weise, sagte er geschmeichelt. Was
gewisse Nhrstoffe betrifft...

Hierauf, whrend Tony frhstckte und der junge Schwarzkopf fortfuhr,
seine Pfeife zu rauchen, fing man an, von Sesemi Weichbrodt zu
schwatzen, von Tonys Pensionszeit, von ihren Freundinnen, Gerda
Arnoldsen, die nun wieder in Amsterdam war, und Armgard von Schilling,
deren weies Haus man vom Strande aus sehen konnte, wenigstens bei
klarem Wetter...

Spter, als sie schon mit essen fertig war und sich den Mund wischte,
fragte Tony, indem sie auf die Zeitung deutete:

Steht etwas Neues darin?

Der junge Schwarzkopf lachte und schttelte mit spttischem Mitleid den
Kopf.

Ach nein ... Was soll wohl darin stehen?... Wissen Sie, diese
Stdtischen Anzeigen sind ein klgliches Blttchen!

Oh?... Aber Papa und Mama haben sie immer gehalten?

Ja, nun! sagte er und wurde rot ... Ich lese sie ja auch, wie Sie
sehen, weil eben nichts anderes zur Hand ist. Aber da der Grohndler
Konsul So und So seine silberne Hochzeit zu feiern gedenkt, ist nicht
allzu erschtternd ... Ja -- ja! Sie lachen ... Aber Sie sollten mal
andere Bltter lesen, die Knigsberger Hartungsche Zeitung ... oder die
Rheinische Zeitung ... da wrden Sie etwas anderes finden! Was der Knig
von Preuen auch sagen mag...

Was sagt er denn?

Ja ... nein, das kann ich leider vor einer Dame nicht zitieren... Und
er wurde abermals rot. Er hat sich ziemlich ungndig ber diese Presse
geuert, fuhr er mit einem etwas gewaltsam ironischen Lcheln fort,
das Tony einen Augenblick peinlich berhrte. Sie geht nicht sehr
glimpflich mit der Regierung um, wissen Sie, mit den Adligen, mit
Pfaffen und Junkern ... sie wei allzu geschickt die Zensur an der Nase
zu fhren...

Nun und Sie, gehen Sie auch nicht glimpflich mit den Adligen um?

Ich? fragte er und geriet in Verlegenheit ... Tony stand auf.

Na, darber mssen wir ein anderes Mal reden. Wie wre es, wenn ich nun
zum Strande ginge? Sehen Sie, es ist beinahe ganz blau geworden. Heute
wird es nicht mehr regnen. Ich habe die grte Lust, wieder einmal in
die See zu springen. Wollen Sie mich hinunter begleiten?...


Siebentes Kapitel

Sie hatte ihren groen Strohhut aufgesetzt und ihren Sonnenschirm
aufgespannt, denn es herrschte, obgleich ein kleiner Seewind ging,
heftige Hitze. Der junge Schwarzkopf schritt, in seinem grauen Filzhut,
sein Buch in der Hand, neben ihr her und betrachtete sie manchmal von
der Seite. Sie gingen die Vorderreihe entlang und spazierten durch den
Kurgarten, der stumm und schattenlos mit seinen Kieswegen und
Rosenanlagen dalag. Der Musiktempel, zwischen Nadelbumen versteckt,
stand schweigend dem Kurhaus, der Konditorei und den beiden, durch ein
langes Zwischengebude miteinander verbundenen Schweizerhusern
gegenber. Es war gegen halb 12 Uhr; die Badegste muten sich noch am
Strande befinden.

Die beiden gingen ber den Kinderspielplatz mit den Bnken und der
groen Schaukel; sie gingen nahe am Warmbadehause vorbei und wanderten
langsam ber das Leuchtenfeld. Die Sonne brtete auf dem Grase und lie
diesen heien, wrzigen Geruch von Klee und Kraut daraus aufsteigen, in
dem blaue Fliegen surrend standen und umherschossen. Ein monotones,
gedmpftes Rauschen kam vom Meere her, in dessen Ferne dann und wann
kleine Schaumkpfe aufblitzten.

Was lesen Sie da eigentlich? fragte Tony.

Der junge Mann nahm das Buch in beide Hnde und bltterte es schnell von
hinten nach vorne durch.

Ach, das ist nichts fr Sie, Frulein Buddenbrook! Lauter Blut und
Gedrme und Elend ... Sehen Sie, hier ist gerade von Lungendem die
Rede, auf deutsch: Stickflu. Dabei sind nmlich die Lungenblschen mit
einer so wsserigen Flssigkeit angefllt ... das ist hochgradig
gefhrlich und kommt bei Lungenentzndung vor. Wenn es schlimm ist, kann
man nicht mehr atmen und stirbt ganz einfach. Und das alles ist ganz
khl von oben herab behandelt...

Ja, pfui!... Aber wenn man Doktor werden will ... Ich werde dafr
sorgen, da Sie bei uns Hausarzt werden, wenn Grabow sich spter einmal
zur Ruhe setzt, passen Sie auf!

Ha!... Und was lesen Sie denn, wenn ich fragen darf, Frulein
Buddenbrook?

Kennen Sie Hoffmann? fragte Tony.

Den mit dem Kapellmeister und dem goldenen Topf? Ja, das ist sehr
hbsch ... Aber, wissen Sie, es ist doch wohl mehr fr Damen. Mnner
mssen heute etwas anderes lesen.

Jetzt mu ich Sie =eines= fragen, sagte Tony nach ein paar Schritten
und fate einen Entschlu. Nmlich, =wie= heien Sie eigentlich mit
Vornamen! Ich habe ihn noch kein einziges Mal verstanden ... das macht
mich frmlich nervs! Ich habe geradezu darber gegrbelt...

Sie haben darber gegrbelt?

Ach ja -- nun erschweren Sie mir die Sache nicht! Es schickt sich wohl
nicht, da ich frage; aber ich bin natrlich neugierig ... brigens
brauche ich es ja, solange ich lebe, nicht zu erfahren.

Na, ich heie Morten, sagte er und wurde so rot wie noch niemals.

Morten? Das ist hbsch!

Nun! hbsch...

Ja, mein Gott ... es ist doch hbscher, als wenn Sie Hinz oder Kunz
hieen. Es ist etwas Besonderes, etwas Auslndisches...

Sie sind eine Romantikerin, Mademoiselle Buddenbrook; Sie haben zuviel
Hoffmann gelesen ... Ja, die Sache ist ganz einfach die: Mein Grovater
war ein halber Norweger und hie Morten. Nach ihm bin ich getauft
worden. Das ist alles...

Tony stieg behutsam durch das hohe, scharfe Schilfgras, das am Rande des
nackten Strandes stand. Die Reihe der hlzernen Strandpavillons mit
ihren kegelfrmigen Dchern lag vor ihnen und lie den Durchblick auf
die Strandkrbe frei, die nher am Wasser standen, und um die Familien
im warmen Sande lagerten: Damen mit blauen Schutzpincenez und
Leihbibliotheksbnden, Herren in hellen Anzgen, die mig mit ihren
Spazierstcken Figuren in den Sand zeichneten, gebrunte Kinder mit
groen Strohhten auf den Kpfen, die schaufelten, sich wlzten, nach
Wasser gruben, mit Holzformen Kuchen buken, Tunnels bohrten, mit bloen
Beinen in die niedrigen Wellen hineinwateten und Schiffe schwimmen
lieen ... Rechts ragte das Holzgebude der Badeanstalt in die See
hinaus.

Nun marschieren wir geradeswegs auf den Mllendorpfschen Pavillon zu,
sagte Tony. Lassen Sie uns doch etwas abbiegen!

Gern ... aber Sie werden sich nun ja wohl den Herrschaften anschlieen
... Ich setze mich da hinten auf die Steine.

Anschlieen ... ja, ja, ich werde wohl guten Tag sagen mssen. Aber es
ist mir recht zuwider, mssen Sie wissen. Ich bin hierher gekommen, um
meinen Frieden zu haben...

Frieden? Vor wem?

Nun! Vor wem...

Hren Sie, Frulein Buddenbrook, ich mu Sie auch noch =eines= fragen
... aber bei Gelegenheit, spter, wenn Zeit dazu ist. Nun erlauben Sie,
da ich Ihnen Adieu sage. Ich setze mich dahinten auf die Steine...

Soll ich Sie nicht vorstellen, Herr Schwarzkopf? fragte Tony mit
Wichtigkeit.

Nein, ach nein ... sagte Morten eilig, ich danke sehr. Ich gehre
doch wohl kaum dazu, wissen Sie. Ich setze mich dahinten auf die
Steine...

Es war eine grere Gesellschaft, auf die Tony zuschritt, whrend Morten
Schwarzkopf sich rechter Hand zu den groen Steinblcken begab, die
neben der Badeanstalt vom Wasser besplt wurden, -- eine Gruppe, die vor
dem Mllendorpfschen Pavillon lagerte und von den Familien Mllendorpf,
Hagenstrm, Kistenmaker und Fritsche gebildet ward. Abgesehen von Konsul
Fritsche aus Hamburg, dem Besitzer des Ganzen, und Peter Dhlmann, dem
Suitier, bestand sie ausschlielich aus Damen und Kindern, denn es war
Alltag, und die meisten Herren befanden sich in der Stadt bei ihren
Geschften. Konsul Fritsche, ein lterer Herr mit glattrasiertem,
distinguiertem Gesicht, beschftigte sich droben im offenen Pavillon mit
einem Fernrohr, das er auf einen in der Ferne sichtbaren Segler
richtete. Peter Dhlmann, mit einem breitkrempigen Strohhut und
rundgeschnittenem Schifferbart, stand plaudernd bei den Damen, die auf
Plaids im Sande lagen oder auf kleinen Sesseln aus Segeltuch saen: Frau
Senatorin Mllendorpf, geborene Langhals, die mit einer langgestielten
Lorgnette hantierte, und deren Haupt von grauem Haar unordentlich
umstanden war; Frau Hagenstrm nebst Julchen, die ziemlich klein
geblieben war, aber, wie ihre Mutter, bereits Brillanten in den Ohren
trug; Frau Konsul Kistenmaker nebst Tchtern und die Konsulin Fritsche,
eine runzelige kleine Dame, die eine Haube trug und im Bade
Wirtspflichten versah. Rot und ermattet sann sie auf nichts als
Reunions, Kinderblle, Verlosungen und Segelpartien ... Ihre Vorleserin
sa in einiger Entfernung. Die Kinder spielten am Wasser.

Kistenmaker & Sohn war die aufblhende Weinhandlung, die in den letzten
Jahren C.F. Kppen aus der Mode zu bringen begann. Die beiden Shne,
Eduard und Stephan, arbeiteten bereits in dem vterlichen Geschft. --
Dem Konsul Dhlmann fehlten gnzlich die ausgesuchten Manieren, ber die
etwa Justus Krger verfgte; er war ein biederer Suitier, ein Suitier,
dessen Spezialitt die gutmtige Grobheit war und der sich in der
Gesellschaft auerordentlich viel herausnehmen durfte, weil er wute,
da er besonders bei den Damen mit seinem behbigen, dreisten und lauten
Gebaren als ein Original beliebt war. Als auf einem Diner bei
Buddenbrooks sich das Erscheinen eines Gerichtes lange Zeit verzgerte,
die Hausfrau in Verlegenheit und die beschftigungslose Gesellschaft in
Mistimmung geriet, stellte er die gute Laune wieder her, indem er mit
seiner breiten und lrmenden Stimme ber die ganze Tafel brllte: Ick
bn so wied, Fru Konsulin!

Mit eben dieser schallenden und groben Stimme erzhlte er augenblicklich
fragwrdige Anekdoten, die er mit plattdeutschen Wendungen wrzte ...
Die Senatorin Mllendorpf rief, erschpft und auer sich vor Lachen,
einmal ber das andere: Mein Gott, Herr Konsul, hren Sie einen
Augenblick auf!

--Tony Buddenbrook ward von den Hagenstrms kalt, von der brigen
Gesellschaft mit groer Herzlichkeit empfangen. Selbst Konsul Fritsche
kam eilfertig die Stufen des Pavillons herunter, denn er hoffte, da
wenigstens im nchsten Jahre wieder die Buddenbrooks helfen wrden, das
Bad zu bevlkern.

Der Ihrige, Mamsell! sagte Konsul Dhlmann, mit mglichst feiner
Aussprache, denn er wute, da Frulein Buddenbrook seine Manieren nicht
besonders bevorzugte.

Mademoiselle Buddenbrook!

Sie hier?

Wie reizend!

Und seit wann?

Und welch inzckende Toilette! -- Man sagte inzckend.--

Und Sie wohnen?

Bei Schwarzkopfs?

Beim Lotsenkommandeur?

Wie originell!

Wie =finde= ich das =forchtbar= originell! -- Man sagte
forchtbar.--

Sie wohnen in der Stadt? wiederholte Konsul Fritsche, der Besitzer des
Kurhauses, ohne ahnen zu lassen, da ihn dies peinlich berhrte...

Werden Sie uns nicht das Vergngen machen bei der nchsten Reunion?
fragte seine Gattin...

Oh, nur fr kurze Zeit in Travemnde? antwortete eine andere Dame...

Finden Sie nicht, Liebe, da die Buddenbrooks ein bichen allzu
exklusiv sind? wandte sich Frau Hagenstrm ganz leise an die Senatorin
Mllendorpf...

Und Sie haben noch nicht gebadet? fragte jemand. Wer von den jungen
Damen hat sonst heute noch nicht gebadet? Mariechen, Julchen, Luischen?
Selbstredend begleiten Ihre Freundinnen Sie, Frulein Antonie...

Einige junge Mdchen trennten sich von der Gesellschaft, um mit Tony zu
baden, und Peter Dhlmann lie es sich nicht nehmen, die Damen den
Strand entlang zu geleiten.

Gott! erinnerst du dich noch unserer Schulgnge von damals? fragte
Tony Julchen Hagenstrm.

J--ja! Sie spielten immer die Boshafte, sagte Julchen mit mitleidigem
Lcheln.

Man ging oberhalb des Strandes auf dem Steg von paarweise gelegten
Brettern der Badeanstalt zu; und als man an den Steinen vorberkam, wo
Morten Schwarzkopf mit seinem Buche sa, nickte Tony ihm aus der Ferne
mehrmals mit rascher Kopfbewegung zu. Jemand erkundigte sich: Wen
grtest du, Tony?

Oh, das war der junge Schwarzkopf, sagte Tony; er hat mich
herunterbegleitet...

Der Sohn des Lotsenkommandeurs? fragte Julchen Hagenstrm und blickte
mit ihren blanken schwarzen Augen scharf zu Morten hinber, der
seinerseits mit einer gewissen Melancholie die elegante Gesellschaft
musterte. Tony aber sagte mit lauter Stimme: Eines bedaure ich:
nmlich, da zum Beispiel August Mllendorpf nicht hier ist ... Es mu
doch alltags recht langweilig am Strande sein!


Achtes Kapitel

Hiermit begannen schne Sommerwochen fr Tony Buddenbrook, kurzweiligere
und angenehmere, als sie jemals in Travemnde erlebt hatte. Sie blhte
auf, nichts lastete mehr auf ihr; in ihre Worte und Bewegungen kehrten
Keckheit und Sorglosigkeit zurck. Der Konsul betrachtete sie mit
Wohlgefallen, wenn er Sonntags mit Tom und Christian nach Travemnde
kam. Dann speiste man an der Table d'hote, trank bei der Kurmusik den
Kaffee unter dem Zeltdach der Konditorei und sah drinnen im Saale der
Roulette zu, um die lustige Leute, wie Justus Krger und Peter Dhlmann,
sich drngten: Der Konsul spielte niemals.--

Tony sonnte sich, sie badete, a Bratwurst mit Pfeffernusauce und
machte weite Spaziergnge mit Morten: den Chausseeweg zum Nachbarort,
den Strand entlang zu dem hoch gelegenen Seetempel, der eine weite
Aussicht ber See und Land beherrschte, oder in das Wldchen hinauf, das
hinterm Kurhause lag und auf dessen Hhe die groe Table d'hote-Glocke
hing ... Oder sie ruderten ber die Trave zum Priwal, wo es Bernstein
zu finden gab...

Morten war ein unterhaltender Begleiter, wiewohl seine Meinungen ein
wenig hitzig und absprechend waren. Er fhrte ber alle Dinge ein
strenges und gerechtes Urteil mit sich, das er mit Entschiedenheit
hervorbrachte, obgleich er rot dabei wurde. Tony ward betrbt und sie
schalt ihn, wenn er mit etwas ungeschickter aber zorniger Geste alle
Adeligen fr Idioten und Elende erklrte; aber sie war sehr stolz
darauf, da er ihr gegenber offen und zutraulich seine Anschauungen
aussprach, die er den Eltern verschwieg ... Einmal sagte er: Dies mu
ich Ihnen noch erzhlen: Auf meiner Bude in Gttingen habe ich ein
vollkommenes Gerippe ... wissen Sie, so ein Knochengerippe, notdrftig
mit etwas Draht zusammengehalten. Na, diesem Gerippe habe ich eine alte
Polizistenuniform angezogen ... ha! Finden Sie das nicht ausgezeichnet?
Aber sagen Sie es um Gottes willen nicht meinem Vater!--

Es konnte nicht fehlen, da Tony oftmals mit ihrer stdtischen
Bekanntschaft am Strande oder im Kurgarten verkehrte, da sie zu dieser
oder jener Reunion und Segelpartie hinzugezogen wurde. Dann sa Morten
auf den Steinen. Diese Steine waren seit dem ersten Tage zwischen den
beiden zur stehenden Redewendung geworden. Auf den Steinen sitzen, das
bedeutete: Vereinsamt sein und sich langweilen. Kam ein Regentag, der
die See weit und breit in einen grauen Schleier hllte, da sie vllig
mit dem tiefen Himmel zusammenflo, der den Strand durchweichte und die
Wege berschwemmte, dann sagte Tony: Heute mssen wir beide auf den
Steinen sitzen ... das heit in der Veranda oder im Wohnzimmer. Es
bleibt nichts brig, als da Sie mir Ihre Studentenlieder vorspielen,
Morten, obgleich es mich greulich langweilt.

Ja, sagte Morten, setzen wir uns ... Aber wissen Sie, wenn Sie dabei
sind, so sind es keine Steine mehr! ... brigens sagte er dergleichen
nicht, wenn sein Vater zugegen war; seine Mutter durfte es hren.

Was nun? fragte der Lotsenkommandeur, wenn nach dem Mittagessen Tony
und Morten gleichzeitig aufstanden und sich anschickten, auf und davon
zu gehen ... Wohin mit den jungen Herrschaften!

Ja, ich darf Frulein Antonie ein bichen zum Seetempel begleiten.

So, darfst du das? -- Sage mal, mein Sohn Filius, wre es nicht am Ende
angebrachter, du setztest dich auf deine Stube und repetiertest deine
Nervenstrnge? Du hast alles vergessen, bis du wieder nach Gttingen
kommst...

Frau Schwarzkopf aber sprach sanft: Diederich, mein Gott! warum soll er
nicht mitgehen? La ihn doch mitgehen! Er hat doch Ferien! Und soll er
denn gar nichts von unserem Besuche haben? -- So gingen sie.

Sie gingen den Strand entlang, ganz unten am Wasser, dort wo der Sand
von der Flut benetzt, geglttet und gehrtet ist, so da man mhelos
gehen kann; wo kleine, gewhnliche, weie Muscheln verstreut liegen und
andere, lngliche, groe, opalisierende; dazwischen gelbgrnes, nasses
Seegras mit runden, hohlen Frchten, welche knallen, wenn man sie
zerdrckt; und Quallen, einfache, wasserfarbene sowohl wie rotgelbe,
giftige, welche das Bein verbrennen, wenn man sie beim Baden berhrt...

Wollen Sie wissen, wie dumm ich frher war? sagte Tony. Ich wollte
die bunten Sterne aus den Quallen heraus haben. Ich trug eine ganze
Menge Quallen im Taschentuche nach Hause und legte sie suberlich auf
den Balkon in die Sonne, damit sie verdunsteten ... dann muten die
Sterne doch brigbleiben! Ja, schn ... Als ich nachsah, war da ein
ziemlich groer nasser Fleck. Es roch nur ein bichen nach faulem
Seetang...

Sie gingen, das rhythmische Rauschen der langgestreckten Wellen neben
sich, den frischen Salzwind im Gesicht, der frei und ohne Hindernis
daherkommt, die Ohren umhllt und einen angenehmen Schwindel, eine
gedmpfte Betubung hervorruft ... Sie gingen in diesem weiten, still
sausenden Frieden am Meere, der jedes kleine Gerusch, ob fern oder nah,
zu geheimnisvoller Bedeutung erhebt...

Links befanden sich zerklftete Abhnge aus gelbem Lehm und Gerll,
gleichfrmig, mit immer neu hervorspringenden Ecken, welche die
Biegungen der Kste verdeckten. Hier irgendwo, weil der Strand zu
steinig wurde, kletterten sie hinauf, um droben durch das Gehlz den
ansteigenden Weg zum Seetempel fortzusetzen. Der Seetempel, ein runder
Pavillon, war aus rohen Borkenstmmen und Brettern erbaut, deren
Innenseiten mit Inschriften, Initialen, Herzen, Gedichten bedeckt war
... Tony und Morten setzten sich in eine der kleinen abgeteilten
Kammern, die der See zugewandt waren, und in denen es nach Holz roch wie
in den Kabinen der Badeanstalt, auf die schmale, roh gezimmerte Bank im
Hintergrunde.

Es war sehr still und feierlich hier oben um diese Nachmittagsstunde.
Ein paar Vgel schwatzten, und das leise Rauschen der Bume vermischte
sich mit dem des Meeres, das sich dort tief unten ausbreitete und in
dessen Ferne das Takelwerk eines Schiffes zu sehen war. Geschtzt vor
dem Winde, der bislang um ihre Ohren gespielt hatte, empfanden sie
pltzlich eine nachdenklich stimmende Stille.

Tony erkundigte sich: Kommt der oder geht er?

Wie? fragte Morten mit seiner schwerflligen Stimme ... und als ob er
aus irgendeiner tiefen Abwesenheit erwachte, sagte er rasch: Geht! Das
ist der `Brgermeister Steenbock, der nach Ruland fhrt. -- Ich mchte
nicht mit, setzte er nach einer Pause hinzu. Dort mu es noch
emprender zugehen als bei uns!

So! sagte Tony. Nun gedenken Sie wieder mit den Adligen anzufangen,
Morten, ich sehe es Ihrem Gesichte an. Es ist nicht schn von Ihnen ...
Haben Sie jemals einen gekannt?

Nein! rief Morten beinahe entrstet. Gott sei Dank!

Ja! ja, sehen Sie wohl? Ich aber. Ein Mdchen allerdings, Armgard von
Schilling dort drben, von der ich Ihnen schon erzhlte. Nun, sie war
gutmtiger als Sie und ich, sie wute kaum, da sie `von hie, sie a
Mettwurst und sprach von ihren Khen...

Sicherlich gibt es Ausnahmen, Frulein Tony! sagte er eifrig. Aber
hren Sie ... Sie sind eine junge Dame, Sie sehen alles persnlich an.
Sie kennen einen Adligen und sagen: Aber er ist doch ein braver Mensch!
Gewi ... aber man braucht gar keinen zu kennen, um sie alle zu
verurteilen! Denn es handelt sich um das Prinzip, wissen Sie, um die
Einrichtung! Ja, darauf mssen Sie schweigen ... Wie? Jemand braucht nur
geboren zu werden, um ein Auserlesener und Edler zu sein ... der
verchtlich auf uns anderen herabblicken darf, ... die wir mit allen
Verdiensten nicht auf seine Hhe gelangen knnen?... Morten sprach mit
einer naiven und gutherzigen Entrstung; er versuchte, Handbewegungen zu
machen, sah selbst, da sie ungeschickt waren, und unterlie sie wieder.
Aber er redete fort. Er war in Stimmung. Er sa vorgebeugt, einen Daumen
zwischen den Knpfen seiner Joppe, und gab seinen gutmtigen Augen einen
trotzigen Ausdruck ... Wir, die Bourgeoisie, der dritte Stand, wie wir
bis jetzt genannt worden sind, wir wollen, da nur noch ein Adel des
Verdienstes bestehe, wir erkennen den faulen Adel nicht mehr an, wir
leugnen die jetzige Rangordnung der Stnde ... wir wollen, da alle
Menschen frei und gleich sind, da niemand einer Person unterworfen ist,
sondern alle nur den Gesetzen untertnig sind!... Es soll keine
Privilegien und keine Willkr mehr geben!... Alle sollen
gleichberechtigte Kinder des Staates sein, und wie keine Mittlerschaft
mehr existiert zwischen dem Laien und dem lieben Gott, so soll auch der
Brger zum Staate in unmittelbarem Verhltnis stehen!... Wir wollen
Freiheit der Presse, der Gewerbe, des Handels ... Wir wollen, da alle
Menschen ohne Vorrechte miteinander konkurrieren knnen und da dem
Verdienste seine Krone wird!... Aber wir sind geknechtet, geknebelt ...
was wollte ich eben sagen? Ja, passen Sie auf: Vor vier Jahren sind die
Bundesgesetze ber die Universitten und die Presse erneuert worden --
schne Gesetze! Es darf keine Wahrheit niedergeschrieben oder gelehrt
werden, die vielleicht nicht mit der bestehenden Ordnung der Dinge
bereinstimmt ... Verstehen Sie? Die Wahrheit wird unterdrckt, sie
kommt nicht zum Worte ... und warum? einem idiotischen, veralteten,
hinflligen Zustande zuliebe, der, wie jedermann wei, frher oder
spter ja dennoch abgeschafft werden wird ... Ich glaube, Sie begreifen
diese Gemeinheit gar nicht! Die Gewalt, die dumme, rohe,
augenblickliche Polizistengewalt, ganz ohne Verstndnis fr das Geistige
und Neue ... Nein, von allem abgesehen will ich nur noch eines sagen ...
Der Knig von Preuen hat ein groes Unrecht begangen! Damals, _anno_
dreizehn, als die Franzosen im Lande waren, hat er uns gerufen und uns
die Konstitution versprochen ... wir sind gekommen, wir haben
Deutschland befreit...

Tony, die ihn, das Kinn in die Hand gesttzt, von der Seite betrachtete,
berlegte einen Augenblick ernstlich, ob er selbst wohl wirklich
geholfen haben knne, Napoleon zu vertreiben.

...aber meinen Sie, da das Versprechen eingelst worden ist? Ach
nein! -- Der jetzige Knig ist ein Schnredner, ein Trumer, ein
Romantiker, wie Sie, Frulein Tony ... Denn eines mssen Sie beachten:
Wenn die Philosophen und Dichter eine Wahrheit, eine Anschauung, ein
Prinzip soeben wieder berwunden und abgetan haben, dann kommt
allmhlich ein Knig, der nun gerade =da=bei angelangt ist, der nun
gerade =dies= fr das Neueste und Beste hlt und sich danach benehmen zu
mssen glaubt ... Ja, so ist es mit dem Knigtum bestellt! Die Knige
sind nicht nur Menschen, sie sind sogar hchst mittelmige Menschen,
sie sind immer um mehrere Postmeilen zurck ... Ach, mit Deutschland ist
es gegangen, wie mit einem Burschenschafts-Studenten, der zur Zeit der
Freiheitskriege seine mutige und begeisterte Jugend hatte und nun zum
klglichen Philister geworden ist...

Jaja, sagte Tony. Alles gut. Aber lassen Sie mich das eine fragen ...
Was geht Sie das eigentlich an? Sie sind ja gar kein Preue...

Ach, das ist alles eins, Frulein Buddenbrook! Ja, ich nenne Ihren
Familiennamen, und zwar mit Absicht ... und ich mte eigentlich noch
`Demoiselle Buddenbrook sagen, damit Ihnen Ihr ganzes Recht wird! Sind
bei uns etwa die Menschen freier, gleicher, brderlicher als in Preuen?
Schranken, Abstand, Aristokratie -- hier wie dort!... Sie haben
Sympathie fr die Adligen ... soll ich Ihnen sagen warum? Weil Sie
selbst eine Adlige sind! Ja--ha, haben Sie das noch nicht gewut?... Ihr
Vater ist ein groer Herr, und Sie sind eine Prinze. Ein Abgrund trennt
Sie von uns anderen, die wir nicht zu Ihrem Kreise von herrschenden
Familien gehren. Sie knnen wohl einmal mit einem von uns zur Erholung
ein bichen an der See spazieren gehen, aber wenn Sie wieder in Ihren
Kreis der Bevorzugten und Auserwhlten treten, dann kann man auf den
Steinen sitzen... Seine Stimme war ganz fremdartig erregt geworden.

Morten, sagte Tony traurig. Nun haben Sie sich =doch= gergert, wenn
Sie auf den Steinen saen! Ich habe Sie doch gebeten, sich vorstellen zu
lassen...

Oh, Sie nehmen die Sache wieder als junge Dame, zu persnlich, Frulein
Tony! Ich spreche doch im Prinzip ... Ich sage, da bei uns nicht mehr
brderliche Menschlichkeit herrscht als in Preuen ... Und wenn ich
persnlich sprche, fuhr er nach einer kleinen Pause mit leiserer
Stimme fort, aus der aber die eigentmliche Erregung nicht verschwunden
war, so wrde ich nicht die Gegenwart meinen, sondern eher vielleicht
die Zukunft, ... wenn Sie als eine Madame So und So einmal endgltig in
Ihrem vornehmen Bereich verschwinden werden und ... man Zeit seines
Lebens auf den Steinen sitzen kann...

Er schwieg, und auch Tony schwieg. Sie blickte ihn nicht mehr an,
sondern nach der anderen Seite, auf die Bretterwand neben ihr. Es
herrschte ziemlich lange eine beklommene Stille.

Erinnern Sie sich, fing Morten wieder an, da ich Ihnen einmal sagte,
ich htte eine Frage an Sie zu richten? Ja, die beschftigt mich seit
dem ersten Nachmittage, als Sie hier ankamen, mssen Sie wissen ...
Raten Sie nur nicht! Sie knnen unmglich wissen, was ich meine. Ich
frage ein anderes Mal, bei Gelegenheit; es hat keine Eile, es geht mich
im Grunde gar nichts an, es ist blo Neugierde ... Nein, heute will ich
Ihnen nur das eine verraten ... etwas anderes ... Sehen Sie mal.

Hierbei zog Morten aus einer Tasche seiner Joppe das Ende eines
schmalen, buntgestreiften Bandes hervor und sah mit einem Gemisch von
Erwartung und Triumph in Tonys Augen.

Wie hbsch, sagte sie verstndnislos. Was bedeutet das?

Morten aber sprach feierlich: Das bedeutet, da ich in Gttingen einer
Burschenschaftsverbindung angehre -- nun wissen Sie es! Ich habe auch
eine Mtze in diesen Farben, aber die habe ich fr die Ferienzeit dem
Gerippe in der Polizistenuniform aufgesetzt ... denn hier drfte ich
mich nicht damit sehen lassen, verstehen Sie ... Ich kann doch darauf
rechnen, da Sie reinen Mund halten? Wenn mein Vater von der Sache
erfhre, so gbe es ein Unglck...

Kein Wort, Morten! Nein, auf mich knnen Sie zhlen!... Aber ich wei
gar nichts davon ... Sind Sie alle gegen die Adligen verschworen?... Was
wollen Sie?

Wir wollen die Freiheit! sagte Morten.

Die Freiheit? fragte sie.

Nun ja, die Freiheit, wissen Sie, die Freiheit...! wiederholte er,
indem er eine vage, ein wenig linkische, aber begeisterte Armbewegung
hinaus, hinunter, ber die See hin vollfhrte, und zwar nicht nach jener
Seite, wo die mecklenburgische Kste die Bucht beschrnkte, sondern
dorthin, wo das Meer offen war, wo es sich in immer schmaler werdenden
grnen, blauen, gelben und grauen Streifen leicht gekruselt, groartig
und unabsehbar dem verwischten Horizont entgegendehnte...

Tony folgte mit den Augen der Richtung seiner Hand; und whrend nicht
viel fehlte, da beider Hnde, die nebeneinander auf der rauhen Holzbank
lagen, sich vereinigten, blickten sie gemeinsam in dieselbe Ferne. Sie
schwiegen lange, indes das Meer ruhig und schwerfllig zu ihnen
heraufrauschte ... und Tony glaubte pltzlich einig zu sein mit Morten
in einem groen, unbestimmten, ahnungsvollen und sehnschtigen
Verstndnis dessen, was Freiheit bedeutete.


Neuntes Kapitel

Es ist merkwrdig, da man sich an der See nicht langweilen kann,
Morten. Liegen Sie einmal an einem anderen Orte drei oder vier Stunden
lang auf dem Rcken, ohne etwas zu tun, ohne auch nur einem Gedanken
nachzuhngen...

Ja, ja ... brigens mu ich gestehen, da ich mich frher manchmal
gelangweilt habe, Frulein Tony; aber das ist einige Wochen her...

Der Herbst kam, der erste starke Wind hatte sich aufgemacht. Graue,
dnne und zerrissene Wolken flatterten eilig ber den Himmel. Die trbe,
zerwhlte See war weit und breit mit Schaum bedeckt. Groe, starke Wogen
wlzten sich mit einer unerbittlichen und furchteinflenden Ruhe heran,
neigten sich majesttisch, indem sie eine dunkelgrne, metallblanke
Rundung bildeten, und strzten lrmend ber den Sand.

Die Saison war vllig zu Ende. Der Teil des Strandes, den sonst die
Menge der Badegste bevlkerte und wo jetzt die Pavillons zum Teile
schon abgebrochen waren, lag mit wenigen Sitzkrben fast ausgestorben
da. Aber Tony und Morten lagerten nachmittags in einer entfernten
Gegend: dort, wo die gelben Lehmwnde begannen, und wo die Wellen am
Mwenstein ihren Gischt hoch emporschleuderten. Morten hatte ihr einen
festgeklopften Sandberg getrmt: daran lehnte sie mit dem Rcken, die
Fe in Kreuzbandschuhen und weien Strmpfen bereinandergelegt, in
ihrer weichen grauen Herbstjacke mit groen Knpfen; Morten, ihr
zugewandt, lag, das Kinn in die Hand gesttzt, auf der Seite. Eine Mwe
scho dann und wann ber die See und lie ihren Raubvogelschrei
vernehmen. Sie sahen die grnen, mit Seegras durchwachsenen Wnde der
Wellen an, die drohend daherkamen und an dem Steinblock zerbarsten, der
sich ihnen entgegenstellte ... in diesem irren, ewigen Getse, das
betubt, stumm macht und das Gefhl der Zeit erttet.

Endlich machte Morten eine Bewegung, als ob er sich selbst erweckte, und
fragte: Nun werden Sie wohl bald abreisen, Frulein Tony?

Nein ... wieso? sagte Tony abwesend und ohne Verstndnis.

Ja, mein Gott, wir haben den zehnten September, ... meine Ferien sind
ohnehin bald zu Ende ... wie lange kann das noch dauern! Freuen Sie sich
auf die Gesellschaften in der Stadt...? Sagen Sie mal: Es sind wohl
liebenswrdige Herren, mit denen Sie tanzen ... Nein, das wollte ich
auch nicht fragen! Jetzt mssen Sie mir eines beantworten, sagte er,
indem er mit pltzlichem Entschlusse sein Kinn in der Hand zurechtrckte
und sie anblickte. Es ist die Frage, die ich so lange aufgespart habe,
... wissen Sie? Nun! Wer ist Herr Grnlich?

Tony fuhr zusammen, sah ihm rasch ins Gesicht und lie dann ihre Augen
umherschweifen wie jemand, der an einen fernen Traum erinnert wird.
Dabei wurde das Gefhl in ihr lebendig, das sie in der Zeit nach Herrn
Grnlichs Werbung erprobt hatte: Das Gefhl persnlicher Wichtigkeit.

=Das= wollen Sie wissen, Morten? fragte sie ernst. Nun, dann will ich
es Ihnen sagen. Es war mir zwar hchst peinlich, verstehen Sie, da
Thomas den Namen am ersten Nachmittage erwhnte; aber da Sie ihn einmal
gehrt haben ... genug: Herr Grnlich, Bendix Grnlich, das ist ein
Geschftsfreund meines Vaters, ein wohlsituierter Kaufmann aus Hamburg,
der in der Stadt um meine Hand angehalten hat ... aber nein! antwortete
sie rasch auf eine Bewegung Mortens, ich habe ihn zurckgewiesen, ich
habe mich nicht entschlieen knnen, ihm mein Jawort frs Leben zu
erteilen.

Und warum nicht ... wenn ich fragen darf? sagte Morten ungeschickt.

Warum? O Gott, weil ich ihn nicht =ausstehen= konnte! rief sie beinahe
entrstet ... Sie htten ihn kennen sollen, wie er aussah und wie er
sich benahm! Unter anderem hatte er goldgelbe Favoris ... vllig
unnatrlich! Ich bin berzeugt, da er sich mit dem Pulver frisierte,
mit dem man die Weihnachtsnsse vergoldet ... Auerdem war er falsch. Er
schwnzelte um meine Eltern herum und sprach ihnen in schamloser Weise
nach dem Munde...

Morten unterbrach sie.

Aber was heit ... Sie mssen mir noch eines sagen ... was heit: Das
putzt ganz ungemein?

Tony geriet in ein nervses und kicherndes Lachen.

Ja ... so sprach er, Morten! Er sagte nicht: `Das nimmt sich gut aus,
oder: `Das schmckt das Zimmer, sondern: `Das putzt ganz ungemein ...
so albern war er, ich versichere Sie!... Dabei war er im hchsten Grade
aufdringlich; er lie nicht von mir ab, obgleich ich ihn niemals anders
als mit Ironie behandelte. Einmal machte er mir eine Szene, bei der er
beinahe weinte ... ich bitte Sie: ein Mann, der weint...

Er mu Sie sehr verehrt haben, sagte Morten leise.

Aber was ging das =mich= an! rief sie erstaunt, indem sie sich an
ihrem Sandberg zur Seite wandte...

Sie sind grausam, Frulein Tony ... Sind Sie immer grausam? Sagen Sie
mir ... Sie haben diesen Herrn Grnlich nicht leiden knnen, aber sind
Sie jemals einem anderen zugetan gewesen?... Manchmal denke ich: Haben
Sie vielleicht ein kaltes Herz? Eines will ich Ihnen sagen ... es ist so
wahr, da ich es Ihnen beschwren kann: Ein Mann ist nicht albern, weil
er darber weint, da Sie nichts von ihm wissen wollen ... das ist es.
Ich bin nicht sicher, durchaus nicht sicher, da ich nicht ebenfalls ...
Sehen Sie, Sie sind ein verwhntes, vornehmes Geschpf ... Mokieren Sie
sich immer nur ber die Leute, die zu Ihren Fen liegen? Haben Sie
wirklich ein kaltes Herz?

Nach der kurzen Heiterkeit begann nun pltzlich Tonys Oberlippe zu
zittern. Sie richtete ein Paar groer und betrbter Augen auf ihn, die
langsam blank von Trnen wurden, und sagte leise: Nein, Morten, glauben
Sie das von mir?... Das mssen Sie nicht von mir glauben.

Ich glaube es ja auch nicht! rief Morten mit einem Lachen, in dem
Ergriffenheit und mhsam unterdrckter Jubel zu hren war ... Er wlzte
sich vllig herum, so da er nun auf dem Bauche neben ihr lag, ergriff,
indem er die Ellenbogen aufsttzte, mit beiden Hnden die ihre und sah
mit seinen stahlblauen, gutmtigen Augen entzckt und begeistert in ihr
Gesicht.

Und Sie ... Sie mokieren sich nicht ber mich, wenn ich Ihnen sage,
daߠ...

Ich wei, Morten, unterbrach sie ihn leise, whrend sie seitwrts auf
ihre freie Hand blickte, die langsam den weichen, weien Sand durch die
Finger gleiten lie.

Sie wissen...! Und Sie ... =Sie=, Frulein Tony...

Ja, Morten. Ich halte groe Stcke auf Sie. Ich habe Sie sehr gern. Ich
habe Sie lieber als alle, die ich kenne.

Er fuhr auf, er machte ein paar Armbewegungen und wute nicht, was er
tun sollte. Er sprang auf die Fe, warf sich sofort wieder bei ihr
nieder und rief mit einer Stimme, die stockte, wankte, sich berschlug
und wieder tnend wurde vor Glck: Ach, ich danke Ihnen, ich danke
Ihnen! Sehen Sie, nun bin ich so glcklich, wie noch niemals in meinem
Leben!... Dann fing er an, ihre Hnde zu kssen.

Pltzlich sagte er leiser: Sie werden nun bald nach der Stadt abreisen,
Tony, und meine Ferien sind in vierzehn Tagen zu Ende ... dann mu ich
wieder nach Gttingen. Aber wollen Sie mir versprechen, da Sie diesen
Nachmittag hier am Strande nicht vergessen werden, bis ich zurckkomme
... und Doktor bin ... und bei Ihrem Vater fr uns bitten kann, so
schwer es sein wird? Und da Sie unterdessen keinen Herrn Grnlich
erhren werden?... Oh, es wird nicht lange dauern, passen Sie auf! Ich
werde arbeiten, wie ein ... und es ist gar nicht schwer...

Ja, Morten, sagte sie glcklich und abwesend, indem sie seine Augen,
seinen Mund und seine Hnde betrachtete, die die ihren hielten...

Er zog ihre Hand noch nher an seine Brust und fragte gedmpft und
bittend: Wollen Sie mir daraufhin nicht ... Darf ich das nicht ...
bekrftigen...?

Sie antwortete nicht, sie sah ihn nicht einmal an, sie schob nur ganz
leise ihren Oberkrper am Sandberg ein wenig nher zu ihm hin, und
Morten kte sie langsam und umstndlich auf den Mund. Dann sahen sie
nach verschiedenen Richtungen in den Sand und schmten sich ber die
Maen.


Zehntes Kapitel

Teuerste Demoiselle Buddenbrook!

Wie lange ist es her, da Unterzeichneter das Angesicht des reizendsten
Mdchens nicht mehr erblicken durfte? Diese so wenigen Zeilen sollen
Ihnen sagen, da dieses Angesicht nicht aufgehrt hat, vor seinem
geistigen Auge zu schweben, da er whrend dieser hangenden und
bangenden Wochen unablssig eingedenk gewesen ist des kstlichen
Nachmittags in Ihrem elterlichen Salon, an dem Sie sich ein Versprechen,
ein halbes und verschmtes zwar noch, und doch so beseligendes
entschlpfen lieen. Seitdem sind lange Wochen verflossen, whrend derer
Sie sich behufs Sammlung und Selbsterkenntnis von der Welt zurckgezogen
haben, so da ich nun wohl hoffen darf, da die Zeit der Prfung vorber
ist. Endesunterfertigter erlaubt sich, Ihnen, teuerste Demoiselle,
mitfolgendes Ringlein als Unterpfand seiner unsterblichen Zrtlichkeit
hochachtungsvollst zu bersenden. Mit den devotesten Komplimenten und
liebevollsten Handkssen zeichne als

                   Dero Hochwohlgeboren ergebenster
                                                    =Grnlich=.

Lieber Papa!

O Gott, wie habe ich mich gergert! Beifolgenden Brief und Ring erhielt
ich soeben von Gr., so da ich Kopfweh vor Aufregung habe, und wei ich
nichts Besseres zu tun, als beides an =Dich= zurckgehen zu lassen. Gr.
=will= mich nicht verstehen, und ist das, was er so poetisch von dem
`Versprechen schreibt, einfach nicht der Fall, und bitte ich Dich so
dringend, ihm nun doch kurzerhand plausibel zu machen, da =ich jetzt
noch tausendmal weniger= als vor sechs Wochen in der Lage bin, ihm mein
Jawort frs Leben zu erteilen und da er mich endlich in Frieden lassen
soll, er =macht= sich ja =lcherlich=. Dir, dem besten Vater, kann ich
es ja sagen, da ich anderweitig gebunden bin an jemanden, der mich
liebt, und den ich liebe, da es sich gar nicht sagen lt. O Papa!
Darber knnte ich viele Bogen vollschreiben, ich spreche von Herrn
Morten Schwarzkopf, der Arzt werden will, und, sowie er Doktor ist, um
meine Hand anhalten will. Ich wei ja, da es Sitte ist, einen Kaufmann
zu heiraten, aber Morten gehrt eben zu dem anderen Teil von angesehenen
Herren, den Gelehrten. Er ist nicht reich, was wohl fr Dich und Mama
gewichtig ist, aber das mu ich Dir sagen, lieber Papa, so jung ich bin,
aber das wird das Leben manchen gelehrt haben, da Reichtum allein nicht
immer jeden glcklich macht. Mit tausend Kssen verbleibe ich

                              Deine gehorsame Tochter
                                                      =Antonie=.

_PS._ Der Ring ist niedriges Gold und ziemlich schmal, wie ich sehe.

Meine liebe Tony!

Dein Schreiben ist mir richtig geworden. Auf seinen Gehalt eingehend,
teile ich Dir mit, da ich pflichtgem nicht ermangelt habe, Herrn Gr.
ber Deine Anschauung der Dinge in geziemender Form zu unterrichten; das
Resultat jedoch war derartig, da es mich aufrichtig erschttert hat. Du
bist ein erwachsenes Mdchen und befindest Dich in einer so ernsten
Lebenslage, da ich nicht anstehen darf, Dir die Folgen namhaft zu
machen, die ein leichtfertiger Schritt Deinerseits nach sich ziehen
kann. Herr Gr. nmlich brach bei meinen Worten in Verzweiflung aus,
indem er rief, so sehr liebe er Dich und so wenig knne er Deinen
Verlust verschmerzen, da er willens sei, sich das Leben zu nehmen, wenn
Du auf Deinem Entschlusse bestndest. Da ich das, was Du mir von einer
anderweitigen Neigung schreibst, nicht ernst nehmen kann, so bitte ich
Dich, Deine Erregung ber den zugesandten Ring zu bemeistern und alles
noch einmal bei Dir selbst mit Ernst zu erwgen. Meiner christlichen
berzeugung nach, liebe Tochter, ist es des Menschen Pflicht, die
Gefhle eines anderen zu achten, und wir wissen nicht, ob Du nicht einst
wrdest von einem hchsten Richter dafr haftbar gemacht werden, da der
Mann, dessen Gefhle Du hartnckig und kalt verschmhtest, sich gegen
sein eigenes Leben versndigte. Das eine aber, welches ich Dir mndlich
schon oft zu verstehen gegeben, mchte ich Dir ins Gedchtnis
zurckrufen und freue ich mich, Gelegenheit zu haben, es Dir schriftlich
zu wiederholen. Denn obgleich die mndliche Rede lebendiger und
unmittelbarer wirken mag, so hat doch das geschriebene Wort den Vorzug,
da es mit Mue gewhlt und gesetzt werden konnte, da es feststeht und
in dieser vom Schreibenden wohl erwogenen und berechneten Form und
Stellung wieder und wieder gelesen werden und gleichmig wirken kann.
-- Wir sind, meine liebe Tochter, nicht =dafr= geboren, was wir mit
kurzsichtigen Augen fr unser eigenes, kleines, persnliches Glck
halten, denn wir sind nicht lose, unabhngige und fr sich bestehende
Einzelwesen, sondern wie Glieder in einer Kette, und wir wren, so wie
wir sind, nicht denkbar ohne die Reihe derjenigen, die uns vorangingen
und uns die Wege wiesen, indem sie ihrerseits mit Strenge und ohne nach
rechts oder links zu blicken, einer erprobten und ehrwrdigen
berlieferung folgten. Dein Weg, wie mich dnkt, liegt seit lngeren
Wochen klar und scharf abgegrenzt vor Dir, und du mtest nicht meine
Tochter sein, nicht die Enkelin Deines in Gott ruhenden Grovaters und
berhaupt nicht ein wrdig Glied unserer Familie, wenn Du ernstlich im
Sinne httest, Du allein, mit Trotz und Flattersinn Deine eigenen,
unordentlichen Pfade zu gehen. Dies, meine liebe Antonie, bitte ich
Dich, in Deinem Herzen zu bewegen.--

Deine Mutter, Thomas, Christian, Klara und Klothilde (welch letztere
mehrere Wochen bei ihrem Vater auf Ungnade verlebt hat), auch Mamsell
Jungmann gren Dich von ganzem Herzen; wir freuen uns alle, Dich bald
wieder in unsere Arme schlieen zu knnen.

                                  In treuer Liebe
                                                  =Dein Vater=.


Elftes Kapitel

Es regnete in Strmen. Himmel, Erde und Wasser verschwammen ineinander,
whrend der Stowind in den Regen fuhr und ihn gegen die Fensterscheiben
trieb, da nicht Tropfen, sondern Bche daran hinunterflossen und sie
undurchsichtig machten. Klagende und verzweifelnde Stimmen redeten in
den Ofenrhren...

Als Morten Schwarzkopf bald nach dem Mittagessen mit seiner Pfeife vor
die Veranda trat, um nachzusehen, wie es mit dem Himmel bestellt sei,
stand ein Herr in langem, engem, gelbkariertem lster und grauem Hute
vor ihm; eine geschlossene Droschke, deren Verdeck vor Nsse glnzte und
deren Rder so mit Kot besprengt waren, hielt vorm Hause. Morten starrte
fassungslos in das rosige Gesicht des Herrn. Er hatte Bartkotelettes,
die aussahen, als seien sie mit dem Pulver frisiert, mit dem man die
Weihnachtsnsse vergoldet.

Der Herr im lster sah Morten an, wie man einen Bedienten ansieht,
leicht blinzelnd, ohne ihn zu sehen, und fragte mit weicher Stimme: Ist
der Herr Lotsenkommandeur zu sprechen?

Allerdings... stammelte Morten, ich glaube, da mein Vater...

Hier fate ihn der Herr ins Auge; seine Augen waren so blau wie
diejenigen einer Gans.

Sind Sie Herr Morten Schwarzkopf? fragte er...

Ja, mein Herr, antwortete Morten, indem er sich anstrengte, einen
festen Gesichtsausdruck zu gewinnen.

Sieh da! In der Tat... bemerkte der Herr im lster, und dann fuhr er
fort: Haben Sie die Gte, mich Ihrem Herrn Vater zu melden, junger
Mann. Mein Name ist Grnlich.

Morten fhrte den Herrn durch die Veranda, ffnete ihm im Korridor
rechterhand die Tr zum Bureau, und kehrte ins Wohnzimmer zurck, um
seinen Vater zu benachrichtigen. Whrend Herr Schwarzkopf hinausging,
lie der junge Mensch sich an dem runden Tische nieder, sttzte die
Ellenbogen darauf und schien sich, ohne seine Mutter anzusehen, die am
trben Fenster mit dem Stopfen von Strmpfen beschftigt war, in das
klgliche Blttchen zu vertiefen, das von nichts anderem als der
silbernen Hochzeit des Konsuls So und So zu berichten wute. -- Tony
befand sich droben in ihrem Zimmer, um auszuruhen.

Der Lotsenkommandeur betrat sein Bro mit der Miene eines Mannes, der
mit dem Mittagessen zufrieden ist, das er zu sich genommen. Sein
Uniformrock, ber der gewlbten weien Weste, stand offen. Von seinem
roten Gesicht hob sich scharf der eisgraue Schifferbart ab. Seine Zunge
fuhr behaglich zwischen den Zhnen umher, wobei sein biederer Mund in
die abenteuerlichsten Stellungen geriet. Er verbeugte sich kurz,
ruckartig und mit einem Ausdruck, als wollte er sagen: So macht man es
ja wohl!

Gesegnete Mahlzeit, sagte er; dem Herrn zu Diensten!

Herr Grnlich, von seiner Seite, verneigte sich mit Bedacht, indem seine
Mundwinkel sich ein wenig abwrts zogen. Hierbei sagte er leise:
H--hm.

Das Bureau war eine ziemlich kleine Stube, deren Wnde einige Fu hoch
mit Holz bekleidet waren und im brigen den untapezierten Kalk zeigten.
Vor dem Fenster, an welches unablssig der Regen trommelte, hingen
gelbgerauchte Gardinen. Rechterhand von der Tr befand sich ein langer,
roher, mit Papieren bedeckter Tisch, ber welchem eine groe Karte von
Europa und eine kleinere der Ostsee an der Wand befestigt war. Von der
Mitte der Zimmerdecke hing das sauber gearbeitete Modell eines Schiffes
unter vollen Segeln herab.

Der Lotsenkommandeur ntigte seinen Gast auf das geschweifte, mit
schwarzem, zersprungenem Wachstuch bezogene Sofa, das der Tr
gegenberstand, und machte es sich selbst mit ber dem Bauch gefalteten
Hnden in einem hlzernen Armstuhl bequem, whrend Herr Grnlich in fest
geschlossenem lster, den Hut auf den Knien, ohne die Rckenlehne zu
berhren, genau auf der Kante des Sofas sa.

Mein Name, sagte er, ist, wie ich wiederhole, =Grnlich=, Grnlich
von Hamburg. Um mich Ihnen zu empfehlen, erwhne ich, da ich mich einen
nahen Geschftsfreund des Grohndlers Konsul Buddenbrook nennen darf.

Allabonhr! Ist mir eine Ehre, Herr Grnlich! Aber wollen der Herr
sich's nicht ein bichen bequemer machen? Einen Grog nach der Fahrt? Ich
rufe sofort in die Kche...

Ich erlaube mir, Ihnen zu bemerken, sprach Herr Grnlich mit Ruhe,
da meine Zeit gemessen ist, da mein Wagen mich erwartet, und da ich
lediglich gentigt bin, Sie um eine Unterredung von zwei Worten zu
ersuchen.

Dem Herrn zu Diensten, wiederholte Herr Schwarzkopf ein wenig
eingeschchtert. Es entstand eine Pause.

Herr Kommandeur! begann Herr Grnlich, indem er den Kopf mit
Entschlossenheit schttelte und ihn dabei ein wenig zurckwarf. Dann
schwieg er aufs neue, um die Wirkung dieser Anrede zu verstrken; er
schlo seinen Mund dabei so fest wie einen Geldbeutel, den man mit
Schnren zusammenzieht.

Herr Kommandeur, wiederholte er und sagte dann rasch: Die
Angelegenheit, in der ich zu Ihnen komme, betrifft unmittelbar die
junge Dame, die seit einigen Wochen in Ihrem Hause wohnt.

Mamsell Buddenbrook? fragte Herr Schwarzkopf...

Allerdings, versetzte Herr Grnlich tonlos und mit gesenktem Kopfe; an
seinen Mundwinkeln bildeten sich straffe Fltchen.

Ich ... sehe mich veranlat, Ihnen zu erffnen, fuhr er mit leichthin
trllernder Betonung fort, indem seine Augen mit ungeheurer
Aufmerksamkeit von einem Punkt des Zimmers auf einen anderen und dann
zum Fenster sprangen, da ich vor einiger Zeit um die Hand eben dieser
Demoiselle Buddenbrook angehalten habe, da ich mich im vollen Besitz
der beiderseitigen elterlichen Zustimmung befinde, und da das Frulein
selbst mir, ohne da zwar die Verlobung bereits in aller Form
stattgefunden htte, mit unzweideutigen Worten Anrechte auf ihre Hand
gegeben hat.

Wahrhaftigen Gott? fragte Herr Schwarzkopf lebhaft ... Davon hab' ich
noch gar nichts gewut! Gratuliere, Herr ... Grnlich! Gratuliere Ihnen
aufrichtig! Da haben Sie was Gutes, was Reelles...

Sehr obligiert, sagte Herr Grnlich mit kaltem Nachdruck. Was mich
jedoch, fuhr er mit singend erhobener Stimme fort, in dieser
Angelegenheit zu Ihnen fhrt, mein werter Herr Kommandeur, ist der
Umstand, da sich dieser Verbindung ganz neuerdings =Schwierigkeiten= in
den Weg stellen, und da diese Schwierigkeiten ... von Ihrem Hause
ausgehen--? Die letzten Worte sprach er mit fragender Betonung, als
wollte er sagen: Kann es mglich sein, was mir zu Ohren gekommen ist?

Herr Schwarzkopf antwortete ausschlielich dadurch, da er seine
ergrauten Augenbrauen hoch in die Stirne zog und mit beiden Hnden,
braunen, blondbehaarten Schifferhnden, die Armlehnen seines Stuhles
ergriff.

Ja. In der Tat. So hre ich, sprach Herr Grnlich mit trauriger
Bestimmtheit. Ich =hre=, da Ihr Sohn, der Herr Studiosus Medicin es
sich ... unwissentlich zwar ... gestattet hat, in meine Rechte
einzugreifen, ich =hre=, da er die hiesige Anwesenheit des Fruleins
dazu benutzt hat, ihr gewisse Versprechungen abzugewinnen...

Was? rief der Lotsenkommandeur, indem er sich heftig auf die Armlehnen
sttzte und emporsprang ... Da soll doch gleich ... I, dat wier je denn
doch woll... Und mit zwei Schritten war er an der Tr, ri sie auf und
rief mit einer Stimme ber den Korridor, welche die rgste Brandung
bertnt htte: Meta! Morten! Tretet mal an! Tretet mal alle beide an!

Ich wrde lebhaft bedauern, sprach Herr Grnlich mit einem feinen
Lcheln, wenn ich durch die Geltendmachung meiner lteren Rechte Ihre
eigenen vterlichen Plne durchkreuzen sollte, Herr Kommandeur...

Diederich Schwarzkopf wandte sich um und starrte ihm mit seinen
scharfen, von kleinen Fltchen umgebenen blauen Augen ins Gesicht, als
bemhte er sich vergebens, seine Worte zu verstehen.

Herr! sagte er dann mit einer Stimme, die klang, als htte soeben ein
scharfer Schluck Grog seine Kehle verbrannt ... Ich bin man'n einfachen
Mann und versteh mich schlecht auf Medisangsen und Finessen ... aber
wenn Sie vielleicht meinen sollten, da ... na! denn lassen Sie sich
gesagt sein, da Sie auf dem Holzwege sind, Herr, und da Sie sich ber
meine Grundstze tuschen! Ich wei, wer mein Sohn ist, und wei, wer
Mamsell Buddenbrook ist, und ich habe zuviel Respekt und auch zuviel
Stolz im Leibe, Herr, um solche vterlichen Plne zu machen! Und nun
redet mal, nun antwortet mir mal! Was ist das eigentlich, wie? Was hre
ich da eigentlich, was?...

Frau Schwarzkopf und ihr Sohn standen in der Tr; die erstere
ahnungslos, mit dem Ordnen ihrer Schrze beschftigt, Morten mit der
Miene eines verstockten Snders ... Herr Grnlich hatte sich bei ihrem
Eintritt keineswegs erhoben; er verharrte in gerader und ruhevoller
Haltung fest in seinen lster geknpft auf der Sofakante.

Du hast dich also wie ein dummer Junge betragen? fuhr der
Lotsenkommandeur Morten an.

Der junge Mensch hielt einen Daumen zwischen den Knpfen seiner Joppe;
er machte finstere Augen und hatte vor Trotz sogar seine Wangen
aufgeblasen.

Ja, Vater, sagte er, Frulein Buddenbrook und ich...

So, na, denn will 'k di man vertellen, da du 'n Dskopp bs', 'n
Hanswurst, 'n groten Dummerjahn! Und da du morgen nach Gttingen
abkutschierst, hrst du wohl? morgenden Tages! Und da das Ganze 'n
Kinderkram ist, ein nichtsnutziger Kinderkram und damit Punktum!

Diederich, mein Gott, sagte Frau Schwarzkopf, indem sie die Hnde
faltete; das kann man doch nicht so ohne weiteres sagen! Wer weiߠ...
Sie schwieg und man sah, wie eine schne Hoffnung vor ihren Augen
zusammenstrzte.

Wnschen der Herr das Frulein zu sprechen? wandte sich der
Lotsenkommandeur mit rauher Stimme an Herrn Grnlich...

Sie ist in ihrem Zimmer! Sie schlft! erklrte Frau Schwarzkopf
mitleidig und gerhrt.

Das bedaure ich, sagte Herr Grnlich, obgleich er ein wenig aufatmete,
und erhob sich. brigens wiederhole ich, da meine Zeit gemessen ist
und da mein Wagen mich erwartet. Ich gestatte mir, fuhr er fort, indem
er vor Herrn Schwarzkopf mit dem Hute eine Bewegung von oben nach unten
beschrieb, Ihnen, Herr Kommandeur, meine vollste Genugtuung und
Anerkennung angesichts Ihres mnnlichen und charaktervollen Benehmens
auszusprechen. Ich empfehle mich Ihnen. Ich habe die Ehre. Adieu.

Diederich Schwarzkopf reichte ihm keineswegs die Hand: Er lie nur kurz
und ruckartig seinen schweren Oberkrper ein wenig nach vorne fallen,
als wollte er sagen: So macht man es ja wohl!

Zwischen Morten und seiner Mutter hindurch ging Herr Grnlich gemessenen
Schrittes zur Tr hinaus.


Zwlftes Kapitel

Thomas erschien mit der Krgerschen Kalesche. Der Tag war da.

Der junge Herr kam um zehn Uhr des Vormittags und nahm einen kleinen
Imbi mit der Familie in der Wohnstube. Man sa beieinander wie am
ersten Tage; nur da der Sommer dahin war, da es zu kalt und windig
war, in der Veranda zu sitzen und da Morten fehlte ... Er war in
Gttingen. Tony und er hatten nicht einmal ordentlich Abschied
voneinander genommen. Der Lotsenkommandeur hatte dabeigestanden und
gesagt: So, Punktum. H.

Um elf Uhr stiegen die Geschwister in den Wagen, an dessen hinterem
Teile Tonys groer Koffer festgeschnallt worden war. Sie war bla und
frstelte in ihrer weichen Herbstjacke vor Klte, Mdigkeit, Reisefieber
und einer Wehmut, die dann und wann pltzlich in ihr aufstieg und ihre
Brust mit einem drngenden Schmerzgefhl erfllte. Sie kte die kleine
Meta, drckte der Hausfrau die Hand und nickte Herrn Schwarzkopf zu, als
er sagte: Na, vergessen Sie uns nicht, Mamselling. Und nichts fr
ungut, was?

So, und glckliche Reise und beste Empfehlungen an den Herrn Papa und
die Frau Konsulin... Dann schnappte der Schlag ins Schlo, die dicken
Braunen zogen an, und die drei Schwarzkopfs schwenkten ihre Tcher...

Tony drckte den Kopf in die Wagenecke und sah zum Fenster hinaus. Der
Himmel war weilich bedeckt, die Trave warf kleine Wellen, die schnell
vor dem Winde dahineilten. Dann und wann prickelten kleine Tropfen gegen
die Scheiben. Am Ausgang der Vorderreihe saen die Leute vor ihren
Haustren und flickten Netze; barfige Kinder kamen herbeigelaufen und
betrachteten neugierig den Wagen. =Die= blieben hier...

Als der Wagen die letzten Huser zurcklie, beugte Tony sich vor, um
noch einmal den Leuchtturm zu sehen; dann lehnte sie sich zurck und
schlo die Augen, die mde und empfindlich waren. Sie hatte in der Nacht
fast nicht geschlafen vor Erregung, war frh aufgestanden, um ihren
Koffer in Ordnung zu bringen, und hatte nicht frhstcken mgen. In
ihrem ausgetrockneten Munde hatte sie einen faden Geschmack. Sie fhlte
sich so hinfllig, da sie es nicht einmal versuchte, die Trnen
zurckzudrngen, die jeden Augenblick langsam und hei in ihre Augen
emporstiegen.

Kaum hatte sie ihre Lider geschlossen, als sie sich wieder in Travemnde
in der Veranda befand. Sie sah Morten Schwarzkopf leibhaftig vor sich,
wie er zu ihr sprach, sich nach seiner Art dabei vorbeugte und hie und
da einen anderen gutmtig forschend ansah; wie er lachend seine schnen
Zhne zeigte, von denen er ersichtlich gar nichts wute ... und es wurde
ihr ganz ruhig und heiter dabei zu Sinn. Sie rief sich alles ins
Gedchtnis zurck, was sie in vielen Gesprchen von ihm gehrt und
erfahren hatte, und es bereitete ihr eine beglckende Genugtuung, sich
feierlich zu versprechen, da sie dies alles als etwas Heiliges und
Unantastbares in sich bewahren wollte. Da der Knig von Preuen ein
groes Unrecht begangen, da die Stdtischen Anzeigen ein klgliches
Blttchen seien, ja selbst, da vor vier Jahren die Bundesgesetze ber
die Universitten erneuert worden, das wrden ihr fortan ehrwrdige und
trstliche Wahrheiten sein, ein geheimer Schatz, den sie wrde
betrachten knnen, wann sie wollte. Mitten auf der Strae, im
Familienkreise, beim Essen wrde sie daran denken ... Wer wei?
vielleicht wrde sie ihren vorgezeichneten Weg gehen und Herrn Grnlich
heiraten, das war ganz gleichgltig; aber wenn er zu ihr sprach, wrde
sie pltzlich denken: Ich wei etwas, was du nicht weit ... Die
Adeligen sind -- im =Prinzip= gesprochen -- verchtlich!

Sie lchelte zufrieden vor sich hin ... Aber da, pltzlich, vernahm sie
in dem Gerusch der Rder mit vollkommener, mit unglaublich lebendiger
Deutlichkeit Mortens Sprache; sie unterschied jeden Laut seiner
gutmtigen, ein wenig schwerfllig knarrenden Stimme, sie hrte mit
leiblichem Ohr, wie er sagte: Heute mssen wir beide auf den Steinen
sitzen, Frulein Tony..., und diese kleine Erinnerung berwltigte
sie. Ihre Brust zog sich zusammen vor Wehmut und Schmerz, ohne Gegenwehr
lie sie die Trnen hervorstrzen ... In ihren Winkel gedrckt, hielt
sie das Taschentuch mit beiden Hnden vors Gesicht und weinte
bitterlich.

Thomas, seine Zigarette im Munde, blickte ein wenig ratlos auf die
Chaussee hinaus.

Arme Tony! sagte er schlielich, indem er ihre Jacke streichelte. Du
tust mir herzlich leid ... ich verstehe dich so gut, siehst du! Aber was
ist da zu tun? Dergleichen mu durchgemacht werden. Glaube mir nur ...
ich kenne das auch...

Ach, du kennst gar nichts, Tom! schluchzte Tony.

Na, sage das nicht. Jetzt steht es zum Beispiel fest, da ich Anfang
nchsten Jahres nach Amsterdam gehe. Papa hat eine Stelle fr mich ...
bei van der Kellen & Comp. ... Da werde ich Abschied nehmen mssen fr
lange, lange Zeit...

Ach, Tom! Ein Abschied von Eltern und Geschwistern! Das ist gar
nichts!

Ja--! sagte er ziemlich langgedehnt. Er atmete auf, als ob er noch
mehr sagen wollte und schwieg dann. Indem er die Zigarette von einem
Mundwinkel in den anderen wandern lie, zog er eine Braue empor und
wandte den Kopf zur Seite.

Und es dauert ja nicht lange, fing er nach einer Weile wieder an. Das
gibt sich. Man vergit...

Aber ich will ja gerade nicht vergessen! rief Tony ganz verzweifelt.
Vergessen ... ist das denn ein Trost?!--


Dreizehntes Kapitel

Dann kam die Fhre, es kam die Israelsdorfer Allee, der Jerusalemsberg,
das Burgfeld. Der Wagen passierte das Burgtor, neben dem zur Rechten die
Mauern des Gefngnisses aufragten, er rollte die Burgstrae entlang und
ber den Koberg ... Tony betrachtete die grauen Giebelhuser, die ber
die Strae gespannten llampen, das Heilige-Geist-Hospital mit den schon
fast entbltterten Linden davor ... Mein Gott, alles das war geblieben,
wie es gewesen war! Es hatte hier gestanden, unabnderlich und
ehrwrdig, whrend sie sich daran als an einen alten, vergessenswerten
Traum erinnert hatte! Diese grauen Giebel waren das Alte, Gewohnte und
berlieferte, das sie wieder aufgenommen und in dem sie nun wieder leben
sollte. Sie weinte nicht mehr; sie sah sich neugierig um. Das
Abschiedsleid war beinahe betubt, angesichts dieser Straen und dieser
altbekannten Gesichter darin. In diesem Augenblick -- der Wagen rasselte
durch die Breite Strae -- ging der Trger Matthiesen vorber und nahm
tief seinen rauhen Zylinder ab mit einem so brbeiigen Pflichtgesicht,
als dchte er: Ich wre ja wohl ein Hundsfott...!

Die Equipage bog in die Mengstrae ein und die dicken Braunen standen
schnaubend und stampfend vorm Buddenbrookschen Hause. Tom war seiner
Schwester aufmerksam beim Aussteigen behilflich, whrend Anton und Line
herbeieilten, um den Koffer herunterzuschnallen. Aber man mute warten,
bevor man ins Haus gelangte. Drei mchtige Transportwagen schoben sich
soeben dicht hintereinander durch die Haustr, hochbepackt mit vollen
Kornscken, auf denen in breiten schwarzen Buchstaben die Firma Johann
Buddenbrook zu lesen war. Mit schwerfllig widerhallendem Gepolter
schwankten sie ber die groe Diele und die flachen Stufen zum Hofe
hinunter. Ein Teil des Kornes sollte wohl im Hinterhause verladen werden
und der Rest in den Walfisch, den Lwen oder die Eiche wandern...

Der Konsul kam, die Feder hinterm Ohr, aus dem Kontor heraus, als die
Geschwister die Diele betraten, und streckte seiner Tochter die Arme
entgegen.

Willkommen zu Hause, meine liebe Tony!

Sie kte ihn und sah ihn mit Augen an, die noch verweint waren und in
denen etwas wie Scham zu lesen war. Aber er war nicht bse, er erwhnte
kein Wort. Er sagte nur: Es ist spt, aber wir haben mit dem zweiten
Frhstck gewartet.

Die Konsulin, Christian, Klothilde, Klara und Ida Jungmann standen zur
Begrung droben auf dem Treppenabsatz versammelt...

                   *       *       *       *       *

Tony schlief fest und gut die erste Nacht in der Mengstrae, und sie
stieg am nchsten Morgen, den 22. September, erfrischt und ruhigen
Sinnes ins Frhstckszimmer hinunter. Es war noch ganz frh, kaum sieben
Uhr. Nur Mamsell Jungmann war schon anwesend und bereitete den
Morgenkaffee.

Ei, ei, Tonychen, mein Kindchen, sagte sie und sah sich mit kleinen,
verschlafenen braunen Augen um; schon so zeitig?

Tony setzte sich an den Sekretr, dessen Deckel zurckgeschoben war,
faltete die Hnde hinter dem Kopf und blickte eine Weile auf das vor
Nsse schwarz glnzende Pflaster des Hofes und den vergilbten und
feuchten Garten hinaus. Dann fing sie an, neugierig unter den
Visitkarten und Briefschaften auf dem Sekretr zu kramen...

Dicht beim Tintenfa lag das wohlbekannte groe Schreibheft mit
gepretem Umschlag, goldenem Schnitt und verschiedenartigem Papier. Es
mute noch gestern abend gebraucht worden sein, und ein Wunder nur, da
Papa es nicht wie gewhnlich in der Ledermappe und in der besonderen
Schublade dort hinten verschlossen hatte.

Sie nahm es, bltterte darin, geriet ins Lesen und vertiefte sich. Was
sie las, waren meistens einfache und ihr vertraute Dinge; aber jeder der
Schreibenden hatte von seinem Vorgnger eine ohne bertreibung
feierliche Vortragsweise bernommen, einen instinktiv und ungewollt
angedeuteten Chronikenstil, aus dem der diskrete und darum desto
wrdevollere Respekt einer Familie vor sich selbst, vor berlieferung
und Historie sprach. Fr Tony war das nichts Neues; sie hatte sich
manchesmal mit diesen Blttern beschftigen drfen. Aber noch niemals
hatte ihr Inhalt einen Eindruck auf sie gemacht, wie diesen Morgen. Die
ehrerbietige Bedeutsamkeit, mit der hier auch die bescheidensten
Tatsachen behandelt waren, die der Familiengeschichte angehrten, stieg
ihr zu Kopf ... Sie sttzte die Ellenbogen auf und las mit wachsender
Hingebung, mit Stolz und Ernst.

Auch in ihrer eigenen kleinen Vergangenheit fehlte kein Punkt. Ihre
Geburt, ihre Kinderkrankheiten, ihr erster Schulgang, ihr Eintritt in
Mlle. Weichbrodts Pensionat, ihre Konfirmation ... Alles war in der
kleinen, flieenden Kaufmannsschrift des Konsuls sorgfltig und mit
einer fast religisen Achtung vor Tatsachen berhaupt verzeichnet: Denn
war nicht der geringsten eine Gottes Wille und Werk, der die Geschicke
der Familie wunderbar gelenkt?... Was wrde hier hinter ihrem Namen, den
sie von ihrer Gromutter Antoinette empfangen hatte, in Zukunft noch zu
berichten sein? Und alles wrde von spteren Familiengliedern mit der
nmlichen Piett gelesen werden, mit der jetzt sie die frheren
Begebnisse verfolgte.

Sie lehnte sich aufatmend zurck, und ihr Herz pochte feierlich.
Ehrfurcht vor sich selbst erfllte sie, und das Gefhl persnlicher
Wichtigkeit, das ihr vertraut war, durchrieselte sie, verstrkt durch
den Geist, den sie soeben hatte auf sich wirken lassen, wie ein
Schauer. Wie ein Glied in einer Kette, hatte Papa geschrieben ... ja,
ja! Gerade als Glied dieser Kette war sie von hoher und
verantwortungsvoller Bedeutung, -- berufen, mit Tat und Entschlu an der
Geschichte ihrer Familie mitzuarbeiten!

Sie bltterte zurck bis ans Ende des groen Heftes, wo auf einem rauhen
Foliobogen die ganze Genealogie der Buddenbrooks mit Klammern und
Rubriken in bersichtlichen Daten von des Konsuls Hand resmiert worden
war: Von der Eheschlieung des frhesten Stammhalters mit der
Predigerstochter Brigitta Schuren bis zu der Heirat des Konsuls Johann
Buddenbrook mit Elisabeth Krger im Jahre 1825. Aus dieser Ehe, so hie
es, entsprossen vier Kinder ... worauf mit den Geburtsjahren und -tagen
die Taufnamen untereinander aufgefhrt waren; hinter demjenigen des
lteren Sohnes aber war bereits verzeichnet, da er Ostern 1842 in das
vterliche Geschft als Lehrling eingetreten sei.

Tony blickte lange Zeit auf ihren Namen und auf den freien Raum
dahinter. Und dann, pltzlich, mit einem Ruck, mit einem nervsen und
eifrigen Mienenspiel -- sie schluckte hinunter, und ihre Lippen bewegten
sich einen Augenblick ganz schnell aneinander -- ergriff sie die Feder,
tauchte sie nicht, sondern stie sie in das Tintenfa und schrieb mit
gekrmmtem Zeigefinger und tief auf die Schulter geneigtem, hitzigem
Kopf, in ihrer ungelenken und schrg von links nach rechts
emporfliegenden Schrift: ...Verlobte sich am 22. September 1845 mit
Herrn Bendix Grnlich, Kaufmann zu Hamburg.


Vierzehntes Kapitel

Ich bin vollkommen Ihrer Meinung, mein werter Freund. Diese Frage ist
von Wichtigkeit und mu erledigt werden. Kurz und gut: Die traditionelle
Barmitgift fr ein junges Mdchen aus unserer Familie betrgt 70000
Mark.

Herr Grnlich warf seinem zuknftigen Schwiegervater den kurzen und
prfenden Seitenblick eines Geschftsmannes zu.

In der Tat..., sagte er, und dieses In der Tat war genau so lang wie
sein linker goldgelber Backenbart, den er bedchtig durch die Finger
gleiten lie ... Er lie die Spitze los, als das In der Tat vollendet
war.

Sie kennen, fuhr er fort, verehrter Vater, die tiefe Hochachtung, die
ich ehrwrdigen berlieferungen und Prinzipien entgegenbringe! Allein
... sollte im gegenwrtigen Falle diese schne Rcksicht nicht eine
bertreibung bedeuten?... Ein Geschft vergrert sich ... eine Familie
blht empor ... kurzum die Bedingungen werden andere und bessere...

Mein werter Freund, sprach der Konsul ... Sie sehen in mir einen
Geschftsmann von Kulanz! Mein Gott ... Sie haben mich nicht einmal
ausreden lassen, sonst wten Sie bereits, da ich willig und bereit
bin, Ihnen den Umstnden entsprechend entgegenzukommen, und da ich den
70000 schlankerhand 10000 hinzufge.

80000 also..., sagte Herr Grnlich; und dann machte er eine
Mundbewegung, als wollte er sagen: Nicht zu viel; aber es gengt.

Man einigte sich in der liebenswrdigsten Weise, und der Konsul
klapperte, als er sich erhob, zufrieden mit dem groen Schlsselbund in
seiner Beinkleidtasche. Erst mit den 80000 hatte er die traditionelle
Hhe der Barmitgift erreicht.--

Hierauf empfahl sich Herr Grnlich und reiste nach Hamburg ab. Tony
versprte wenig von ihrer neuen Lebenslage. Niemand hinderte sie, bei
Mllendorpfs, Langhals', Kistenmakers und im eignen Hause zu tanzen, auf
dem Burgfelde und den Travenwiesen Schlittschuh zu laufen und die
Huldigungen der jungen Herren entgegenzunehmen ... Mitte Oktober hatte
sie Gelegenheit, der Verlobungsgesellschaft beizuwohnen, die man bei
Mllendorpfs zu Ehren des ltesten Sohnes und Julchen Hagenstrms
veranstaltete. Tom! sagte sie. Ich gehe nicht hin. Es ist emprend!
Aber sie ging dennoch hin und unterhielt sich aufs beste.

Im brigen hatte sie sich mit den Federstrichen, die sie der
Familiengeschichte hinzugefgt, die Erlaubnis erworben, mit der Konsulin
oder allein in allen Lden der Stadt Kommissionen greren Stiles zu
machen und fr ihre Aussteuer, eine =vornehme= Aussteuer, Sorge zu
tragen. Tagelang saen im Frhstckszimmer am Fenster zwei Nhterinnen,
welche sumten, Monogramme stickten und eine Menge Landbrot mit grnem
Kse aen...

Ist das Leinenzeug von Lentfhr gekommen, Mama?

Nein, mein Kind, aber hier sind zwei Dutzend Teeservietten.

Schn. -- Und er hatte versprochen, es bis heute nachmittag zu
schicken. Mein Gott, die Laken mssen gesumt werden!

Mamsell Bitterlich fragt nach den Spitzen fr die Kissenbhren, Ida.

Im Leinenschrank auf der Diele rechts, Tonychen, mein Kindchen.

Line----!

Knntest auch gern mal selbst springen, mein Herzchen...

O Gott, wenn ich darum heirate, um selber die Treppen zu laufen...

Hast du an die Trauungstoilette gedacht, Tony?

_Moire antique_, Mama!... Ich lasse mich nicht trauen ohne _moire
antique_!

So verging der Oktober, der November. Zur Weihnachtszeit erschien Herr
Grnlich, um den heiligen Abend im Kreise der Buddenbrookschen Familie
zu verleben, und auch die Einladung zur Feier bei den alten Krgers
schlug er nicht aus. Sein Benehmen gegenber seiner Braut war erfllt
von dem Zartgefhl, das man von ihm zu gewrtigen berechtigt war. Keine
unntige Feierlichkeit! Keine gesellschaftliche Behinderung! Keine
taktlosen Zrtlichkeiten! Ein hingehaucht diskreter Ku auf die Stirn in
Gegenwart der Eltern hatte das Verlbnis besiegelt ... Zuweilen
verwunderte Tony sich ein wenig, da sein Glck jetzt der Verzweiflung,
die er bei ihren Weigerungen an den Tag gelegt hatte, kaum zu
entsprechen schien. Er betrachtete sie lediglich mit einer heiteren
Besitzermiene ... Hie und da freilich, wenn er zufllig mit ihr allein
geblieben war, konnte eine scherzhafte, eine neckische Stimmung ihn
berkommen, konnte er den Versuch machen, sie auf seine Knie zu ziehen,
um seine Favoris ihrem Gesichte zu nhern, und sie mit vor Heiterkeit
zitternder Stimme zu fragen: Habe ich dich doch erwischt? Habe ich dich
doch noch ergattert?... Worauf Tony antwortete: O Gott, Sie vergessen
sich! und sich mit Geschicklichkeit befreite.

Herr Grnlich kehrte bald nach dem Weihnachtsfeste nach Hamburg zurck,
denn sein reges Geschft forderte unerbittlich seine persnliche
Gegenwart, und Buddenbrooks stimmten mit ihm stillschweigend darin
berein, da Tony vor der Verlobung Zeit genug gehabt habe, seine
Bekanntschaft zu machen.

Die Wohnungsfrage ward brieflich geordnet. Tony, die sich ganz
auerordentlich auf das Leben in einer Grostadt freute, gab dem Wunsche
Ausdruck, sich im Innern Hamburgs niederzulassen, wo ja auch -- und zwar
in der Spitalerstrae -- sich Herrn Grnlichs Kontore befanden. Allein
der Brutigam erlangte mit mnnlicher Beharrlichkeit die Ermchtigung
zum Ankaufe einer Villa vor der Stadt, bei Eimsbttel ... in
romantischer und weltentrckter Lage, als idyllisches Nestchen so recht
geeignet fr ein junges Ehepaar -- _procul negotiis_ -- nein, er hatte
sein Latein gleichfalls noch nicht vllig vergessen!

Es verging der Dezember, und zu Beginn des Jahres sechsundvierzig ward
Hochzeit gemacht. Es gab einen prchtigen Polterabend, bei dem die halbe
Stadt anwesend war. Tonys Freundinnen -- darunter auch Armgard von
Schilling, die in einer turmhohen Kutsche zur Stadt gekommen war --
tanzten mit Toms und Christians Freunden--, darunter auch Andreas
Gieseke, Sohn des Branddirektors und _studiosus iuris_, sowie Stephan
und Eduard Kistenmaker, von Kistenmaker & Sohn--, im Esaale und auf
dem Korridor, der zu diesem Behufe mit Talkum bestreut worden war ...
Fr das Poltern sorgte in erster Linie Konsul Peter Dhlmann, der auf
den Steinfliesen der groen Diele alle irdenen Tpfe zerschlug, deren er
habhaft werden konnte.

Frau Stuht aus der Glockengieerstrae hatte wieder einmal Gelegenheit,
in den ersten Kreisen zu verkehren, indem sie Mamsell Jungmann und die
Schneiderin am Hochzeitstage bei Tonys Toilette untersttzte. Sie hatte,
strafe sie Gott, niemals eine schnere Braut gesehen, lag, so dick sie
war, auf den Knien und befestigte mit bewundernd erhobenen Augen die
kleinen Myrtenzweiglein auf der weien _moire antique_ ... Dies geschah
im Frhstckszimmer. Herr Grnlich wartete in langschigem Frack und
seidener Weste vor der Tr. Sein rosiges Gesicht zeigte einen ernsten
und korrekten Ausdruck; auf der Warze an seinem linken Nasenflgel
bemerkte man ein wenig Puder, und seine goldgelben Favoris waren mit
Sorgfalt frisiert.

Droben in der Sulenhalle, denn dort sollte die Trauung stattfinden,
hatte sich die Familie versammelt -- eine stattliche Gesellschaft! Da
saen die alten Krgers, ein wenig kmmerlich beide schon, aber wie
stets die distinguiertesten Erscheinungen. Da waren Konsul Krgers mit
ihren Shnen Jrgen und Jakob, welch letzterer, wie die Verwandten
Duchamps, von Hamburg gekommen war. Da war Gotthold Buddenbrook und
seine Frau, die geborene Stwing, mit Friederike, Henriette und Pfiffi,
die sich leider alle drei wohl nicht mehr verheiraten wrden ... Da war
die mecklenburgische Nebenlinie durch Klothildens Vater, Herrn Bernhardt
Buddenbrook vertreten, der von Ungnade hereingekommen war und mit
groen Augen das unerhrt herrschaftliche Haus seines reichen Verwandten
betrachtete. Die in Frankfurt hatten nur Geschenke geschickt, denn die
Reise war doch zu umstndlich ... An ihrer Stelle aber waren, als
einzige, die nicht der Familie zugehrten, Doktor Grabow, der Hausarzt,
und Mamsell Weichbrodt, Tonys mtterliche Freundin, zugegen -- Sesemi
Weichbrodt mit ganz neuen grnen Haubenbndern ber den Seitenlocken und
einem schwarzen Kleidchen. Sei glcklich, du =gutes= Kind! sagte sie,
als Tony an Herrn Grnlichs Seite in der Sulenhalle erschien, reckte
sich empor und kte sie mit leise knallendem Gerusch auf die Stirn. --
Die Familie war zufrieden mit der Braut; Tony sah hbsch, unbefangen und
heiter aus, wenn auch ein wenig bla vor Neugier und Reisefieber.

Die Halle war mit Blumen geschmckt und ein Altar an ihrer rechten Seite
errichtet worden. Pastor Klling von St. Marien hielt die Trauung, wobei
er mit starken Worten im besonderen zur =Migkeit= ermahnte. Alles
verlief nach Ordnung und Brauch. Tony brachte ein naives und gutmtiges
Ja heraus, whrend Herr Grnlich zuvor H--hm! sagte, um seine
Kehle zu reinigen. Dann ward ganz auerordentlich gut und viel
gegessen.

...Whrend droben im Saale die Gste, mit dem Pastor in ihrer Mitte, zu
speisen fortfuhren, geleiteten der Konsul und seine Gattin das junge
Paar, das sich reisefertig gemacht hatte, in die weinebelige Schneeluft
hinaus. Der groe Reisewagen hielt, mit Koffern und Taschen bepackt, vor
der Haustr.

Nachdem Tony mehrere Male die berzeugung ausgesprochen hatte, da sie
sehr bald zu Besuch nach Hause kommen und da auch der Besuch der Eltern
in Hamburg nicht lange auf sich warten lassen werde, stieg sie guten
Mutes in die Kutsche und lie sich von der Konsulin sorgfltig in die
warme Pelzdecke hllen. Auch ihr Gatte nahm Platz.

Und ... Grnlich, sagte der Konsul, die neuen Spitzen liegen in der
kleineren Handtasche zu oberst. Sie nehmen sie vor Hamburg ein bichen
unter den Paletot, wie? Diese Akzise ... man mu das nach Mglichkeit
umgehen. Leben Sie wohl! Leb' wohl, noch einmal, meine liebe Tony! Gott
sei mit dir!

Sie werden doch in Arensburg gute Unterkunft finden? fragte die
Konsulin...

Bestellt, teuerste Mama, alles bestellt! antwortete Herr Grnlich.

Anton, Line, Trine, Sophie verabschiedeten sich von Ma'm Grnlich...

Man war im Begriffe, den Schlag zu schlieen, als Tony von einer
pltzlichen Bewegung berkommen ward. Trotz der Umstnde, die es
verursachte, wickelte sie sich noch einmal aus der Reisedecke heraus,
stieg rcksichtslos ber Herrn Grnlichs Knie hinweg, der zu murren
begann, und umarmte mit Leidenschaft ihren Vater.

Adieu, Papa ... Mein guter Papa! Und dann flsterte sie ganz leise:
Bist du zufrieden mit mir?

Der Konsul prete sie einen Augenblick wortlos an sich; dann schob er
sie ein wenig von sich und schttelte mit innigem Nachdruck ihre beiden
Hnde...

Hierauf war alles bereit. Der Schlag knallte, der Kutscher schnalzte,
die Pferde zogen an, da die Scheiben klirrten, und die Konsulin lie
ihr Batisttchlein im Winde spielen, bis der Wagen, der rasselnd die
Strae hinunterfuhr, im Schneenebel zu verschwinden begann.

Der Konsul stand gedankenvoll neben seiner Gattin, die ihre Pelzpelerine
mit graziser Bewegung fester um die Schultern zog.

Da fhrt sie hin, Bethsy.

Ja, Jean, das Erste, das davongeht. -- Glaubst du, da sie glcklich
ist mit ihm?

Ach, Bethsy, sie ist zufrieden mit sich selbst; das ist das solideste
Glck, das wir auf Erden erlangen knnen.

Sie kehrten zu ihren Gsten zurck.


Fnfzehntes Kapitel

Thomas Buddenbrook ging die Mengstrae hinunter bis zum Fnfhausen. Er
vermied es, oben herum durch die Breitestrae zu gehen, um nicht der
vielen Bekannten wegen den Hut bestndig in der Hand tragen zu mssen.
Beide Hnde in den weiten Taschen seines warmen, dunkelgrauen
Kragenmantels schritt er ziemlich in sich gekehrt ber den
hartgefrorenen, kristallisch aufblitzenden Schnee, der unter seinen
Stiefeln knarrte. Er ging seinen eigenen Weg, von dem niemand wute ...
Der Himmel leuchtete hell, blau und kalt; es war eine frische, herbe,
wrzige Luft, ein windstilles, hartes, klares und reinliches Wetter von
fnf Grad Frost, ein Februartag sondergleichen.

Thomas schritt den Fnfhausen hinunter, er durchquerte die Bckergrube
und gelangte durch eine schmale Querstrae in die Fischergrube. Diese
Strae, die in gleicher Richtung mit der Mengstrae steil zur Trave hin
abfiel, verfolgte er ein paar Schritte weit abwrts, bis er vor einem
kleinen Hause stand, einem ganz bescheidenen Blumenladen mit schmaler
Tr und drftigem Schaufensterchen, in dem ein paar Tpfe mit
Zwiebelgewchsen nebeneinander auf einer grnen Glasscheibe standen.

Er trat ein, wobei die Blechglocke oben an der Tr zu kleffen begann wie
ein wachsames Hndchen. Drinnen vorm Ladentisch stand im Gesprch mit
der jungen Verkuferin eine kleine, dicke, ltliche Dame in trkischem
Umhang. Sie whlte unter einigen Blumentpfen, prfte, roch, mkelte und
schwatzte, da sie bestndig gentigt war, sich mit dem Schnupftuch den
Mund zu wischen. Thomas Buddenbrook grte sie hflich und trat zur
Seite ... Sie war eine unbegterte Verwandte der Langhals', eine
gutmtige und schwatzhafte alte Jungfer, die den Namen einer Familie aus
der ersten Gesellschaft trug, ohne dieser Gesellschaft doch zuzugehren,
die nicht zu groen Diners und Bllen, sondern nur zu kleinen
Kaffeezirkeln gebeten ward und mit wenigen Ausnahmen von aller Welt
Tante Lottchen genannt wurde. Einen in Seidenpapier gewickelten
Blumentopf unter dem Arme, wandte sie sich zur Tr, und Thomas sagte,
nachdem er aufs neue gegrt hatte, mit lauter Stimme zum Ladenmdchen:
Geben Sie mir ... ein paar Rosen, bitte ... Ja, gleichgltig. _La
France_...

Dann als Tante Lottchen die Tr hinter sich geschlossen hatte und
verschwunden war, sagte er leiser: So, leg' nur wieder weg, Anna ...
Guten Tag, kleine Anna! Ja, heute bin ich recht schweren Herzens
gekommen.

Anna trug eine weie Schrze ber ihrem schwarzen, schlichten Kleide.
Sie war wunderbar hbsch. Sie war zart wie eine Gazelle und besa einen
beinahe malaiischen Gesichtstypus: ein wenig hervorstehende
Wangenknochen, schmale, schwarze Augen voll eines weichen Schimmers und
einen mattgelblichen Teint, wie er weit und breit nicht hnlich zu
finden war. Ihre Hnde, von derselben Farbe, waren schmal und fr ein
Ladenmdchen von auerordentlicher Schnheit.

Sie ging hinter dem Verkaufstisch an das rechte Ende des kleinen Ladens,
wo man durchs Schaufenster nicht gesehen werden konnte. Thomas folgte
ihr diesseits des Tisches, beugte sich hinber und kte sie auf die
Lippen und die Augen.

Du bist ganz verfroren, du rmster! sagte sie.

Fnf Grad! sagte Tom ... Ich habe nichts gemerkt, ich ging ziemlich
traurig hierher.

Er setzte sich auf den Ladentisch, behielt ihre Hand in der seinen und
fuhr fort: Ja, hrst du, Anna?... heute mssen wir nun vernnftig sein.
Es ist so weit.

Ach Gott...! sagte sie klglich und erhob voll Furcht und Kummer ihre
Schrze...

Einmal mute es doch herankommen, Anna ... So! nicht weinen! Wir
wollten doch vernnftig sein, wie? -- Was ist da zu tun? Dergleichen mu
durchgemacht werden.

Wann...? fragte Anna schluchzend.

bermorgen.

Ach Gott ... warum bermorgen? Eine Woche noch ... Bitte!... Fnf
Tage!...

Das geht nicht, liebe kleine Anna. Alles ist bestimmt und in Ordnung
... Sie erwarten mich in Amsterdam ... Ich knnte auch nicht einen Tag
zulegen, wenn ich es noch so gerne wollte!

Und das ist so frchterlich weit fort...!

Amsterdam? Pah! gar nicht! Und =denken= kann man doch immer aneinander,
wie? Und ich schreibe! Pa auf, ich schreibe, sowie ich dort bin...

Weit du noch..., sagte sie, vor einundeinhalb Jahren? Beim
Schtzenfest?...

Er unterbrach sie entzckt...

Gott, ja, einundeinhalb Jahre!... Ich hielt dich fr eine Italienerin
... Ich kaufte eine Nelke und steckte sie ins Knopfloch ... Ich habe sie
noch ... Ich nehme sie mit nach Amsterdam ... Was fr ein Staub und eine
Hitze war auf der Wiese!...

Ja, du holtest mir ein Glas Limonade aus der Bude nebenan ... Ich
erinnere das wie heute! Alles roch nach Schmalzgebck und Menschen...

Aber schn war es doch! Sahen wir uns nicht gleich an den Augen an, was
fr eine Bewandtnis es mit uns hatte?

Und du wolltest mit mir Karussell fahren ... aber das ging nicht; ich
mute doch verkaufen! Die Frau htte gescholten...

Nein, es ging nicht, Anna, das sehe ich vollkommen ein.

Sie sagte leise: Und es ist auch das Einzige geblieben, was ich dir
abgeschlagen habe.

Er kte sie aufs neue, auf die Lippen und die Augen.

Adieu, meine liebe, gute, kleine Anna!... Ja, man mu anfangen, Adieu
zu sagen!

Ach, du kommst doch morgen noch einmal wieder?

Ja, sicher, um diese Zeit. Und auch bermorgen frh noch, wenn ich mich
irgend losmachen kann ... Aber jetzt will ich dir eines sagen, Anna ...
Ich gehe nun ziemlich weit fort, ja, es ist immerhin recht weit,
Amsterdam ... und du bleibst hier zurck. Aber wirf dich nicht weg,
hrst du, Anna?... Denn bis jetzt hast du dich =nicht= weggeworfen, das
sage ich dir!

Sie weinte in ihre Schrze, die sie mit ihrer freien Hand vors Gesicht
hielt.

Und du?... Und du?...

Das wei Gott, Anna, wie die Dinge gehen werden! Man bleibt nicht immer
jung ... du bist ein kluges Mdchen, du hast niemals etwas von heiraten
gesagt und dergleichen...

Nein, behte!... da ich das von dir verlange...

Man wird getragen, siehst du ... Wenn ich am Leben bin, werde ich das
Geschft bernehmen, werde eine Partie machen ... ja, ich bin offen
gegen dich, beim Abschied ... Und auch du ... das wird so gehen ... Ich
wnsche dir alles Glck, meine liebe, gute, kleine Anna! Aber wirf dich
nicht weg, hrst du?... Denn bis jetzt hast du dich =nicht= weggeworfen,
das sage ich dir...!

Hier drinnen war es warm. Ein feuchter Duft von Erde und Blumen lag in
dem kleinen Laden. Drauen schickte schon die Wintersonne sich an,
unterzugehen. Ein zartes, reines und wie auf Porzellan gemalt blasses
Abendrot schmckte jenseits des Flusses den Himmel. Das Kinn in die
aufgeschlagenen Kragen ihrer berzieher versteckt, eilten die Leute am
Schaufenster vorber und sahen nichts von den beiden, die in dem Winkel
des kleinen Blumenladens voneinander Abschied nahmen.




Vierter Teil


Erstes Kapitel

                                             Den 30. April 1846.

Meine liebe Mama,

tausend Dank fr Deinen Brief, in welchem Du mir Armgard von Schillings
Verlobung mit Herrn von Maiboom auf Pppenrade mitteiltest. Armgard
selbst hat mir ebenfalls eine Anzeige geschickt (sehr vornehm, Goldrand)
und dazu einen Brief geschrieben, in dem sie sich uerst entzckt ber
den Brutigam auslt. Es soll ein bildschner Mann sein und von
vornehmem Wesen. Wie glcklich sie sein mu! Alles heiratet; auch aus
Mnchen habe ich eine Anzeige von Eva Ewers. Sie bekmmt einen
Brauereidirektor.

Aber nun mu ich Dich eines fragen, liebe Mama: warum nmlich noch immer
nichts ber einen Besuch von Konsul Buddenbrooks hierselbst verlautet!
Wartet Ihr vielleicht auf eine offizielle Einladung Grnlichs? Das wre
nicht ntig, denn er denkt, glaube ich, gar nicht daran, und wenn ich
ihn erinnere, so sagt er: Ja, ja, Kind, Dein Vater hat anderes zu tun.
Oder glaubt Ihr vielleicht, Ihr strt mich? Ach nein, nicht im
allergeringsten! Oder glaubt Ihr vielleicht, Ihr macht mir nur wieder
Heimweh? Du lieber Gott, ich bin doch eine verstndige Frau, ich stehe
mitten im Leben und bin gereift.

Soeben war ich zum Kaffee bei Madame Kselau, in der Nhe; es sind
angenehme Leute, und auch unsere Nachbarn linkerhand, namens Gumann
(aber die Huser liegen ziemlich weit voneinander), sind umgngliche
Menschen. Wir haben ein paar gute Hausfreunde, die beide ebenfalls hier
drauen wohnen: den Doktor Klaaen (von welchem ich Dir nachher noch
werde erzhlen mssen) und den Bankier Kesselmeyer, Grnlichs intimen
Freund. Du glaubst nicht, was fr ein komischer alter Herr das ist! Er
hat einen weien, geschorenen Backenbart und schwarz-weie dnne Haare
auf dem Kopf, die aussehen wie Flaumfedern und in jedem Luftzuge
flattern. Da er auch so drollige Kopfbewegungen hat wie ein Vogel und
ziemlich geschwtzig ist, nenne ich ihn immer die Elster; aber
Grnlich verbietet mir dies, denn er sagt, die Elster stehle, Herr
Kesselmeyer aber sei ein Ehrenmann. Beim Gehen bckt er sich und rudert
mit den Armen. Seine Flaumfedern reichen nur bis zur Hlfte des
Hinterkopfes, und von da an ist sein Nacken ganz rot und rissig. Er hat
etwas so uerst Frhliches an sich! Manchmal klopft er mir auf die
Wange und sagt: Sie gute kleine Frau, welch Gottessegen fr Grnlich,
da er Sie bekommen hat! Dann sucht er einen Zwicker hervor (er hat
stets drei davon bei sich, an langen Schnren, die sich bestndig auf
seiner weien Weste verwickeln), schlgt ihn sich auf die Nase, die er
ganz kraus dabei macht, und sieht mich mit offenem Munde so vergnglich
an, da ich ihm laut ins Gesicht lache. Aber das nimmt er gar nicht
bel.

Grnlich selbst ist viel beschftigt, fhrt morgens mit unserem kleinen
gelben Wagen zur Stadt und kommt oft erst spt nach Hause. Manchmal
sitzt er bei mir und liest die Zeitung.

Wenn wir in Gesellschaft fahren, zum Beispiel zu Kesselmeyer oder Konsul
Goudstikker am Alsterdamm oder Senator Bock in der Rathausstrae, so
mssen wir eine Mietkutsche nehmen. Ich habe Grnlich schon oft um
Anschaffung eines Coups gebeten, denn das ist ntig hier drauen. Er
hat es mir auch halb und halb versprochen, aber er begibt sich
merkwrdigerweise berhaupt nicht gern mit mir in Gesellschaft und sieht
es augenscheinlich nicht gern, wenn ich mich mit den Leuten in der Stadt
unterhalte. Sollte er eiferschtig sein?

Unsere Villa, die ich Dir schon eingehend beschrieb, liebe Mama, ist
wirklich sehr hbsch und hat sich durch neuerliche Mbelanschaffungen
noch verschnert. Gegen den Salon im Hochparterre httest Du nichts
einzuwenden: ganz in brauner Seide. Das Ezimmer nebenan ist sehr hbsch
getfelt; die Sthle haben 25 Kurant-Mark das Stck gekostet. Ich sitze
im Penseezimmer, das als Wohnstube dient. Dann ist da noch ein Rauch-
und Spielkabinett. Der Saal, der jenseits des Korridors die andere
Hlfte des Parterres einnimmt, hat jetzt noch gelbe Stores bekommen und
nimmt sich vornehm aus. Oben sind Schlaf-, Bade-, Ankleide- und
Dienerschaftszimmer. Fr den gelben Wagen haben wir einen kleinen Groom.
Mit den beiden Mdchen bin ich ziemlich zufrieden. Ich wei nicht, ob
sie ganz ehrlich sind; aber Gott sei Dank brauche ich ja nicht auf jeden
Dreier zu sehen! Kurz, es ist alles, wie es unserem Namen zukommt.

Nun aber kommt etwas, liebe Mama, das Wichtigste, welches ich mir bis
zum Schlusse aufgehoben. Vor einiger Zeit nmlich fhlte ich mich ein
bichen sonderbar, weit Du, nicht ganz gesund und doch wieder noch
anders; bei Gelegenheit sagte ich es dem Doktor Klaaen. Das ist ein
ganz kleiner Mensch mit einem groen Kopf und einem noch greren
geschweiften Hut darauf. Immer drckt er sein spanisches Rohr, das als
Griff eine runde Knochenplatte hat, an seinen langen Kinnbart, der
beinahe hellgrn ist, weil er ihn lange Jahre schwarz gefrbt hat. Nun,
Du httest ihn sehen sollen! Er antwortete gar nicht, rckte an seiner
Brille, zwinkerte mit seinen roten uglein, nickte mir mit seiner
Kartoffelnase zu, kicherte und musterte mich so impertinent, da ich
nicht wute, wo ich bleiben sollte. Dann untersuchte er mich und sagte,
alles lasse sich aufs prchtigste an, nur msse ich Mineralwasser
trinken, denn ich sei vielleicht ein =bichen= bleichschtig. -- O Mama,
vertraue es dem guten Papa ganz vorsichtig an, damit er es in die
Familienpapiere schreibt. Sobald als mglich hrst Du Weiteres!

Gre Papa, Christian, Klara, Thilda und Ida Jungmann innig von mir. An
Thomas, nach Amsterdam, habe ich krzlich geschrieben.

                          Deine treugehorsame Tochter
                                                      =Antonie=.

                                             Den 2. August 1846.

Mein lieber Thomas,

mit Vergngen habe ich Deine Mitteilungen ber Dein Zusammensein mit
Christian in Amsterdam empfangen; es mgen einige frhliche Tage gewesen
sein. Ich habe ber Deines Bruders Weiterreise ber Ostende nach England
noch keine Nachrichten, hoffe jedoch zu Gott, da sie glcklich
vonstatten gegangen sein wird. Mchte es doch, nachdem Christian sich
entschlossen, den wissenschaftlichen Beruf fahren zu lassen, noch nicht
zu spt fr ihn sein, bei seinem Prinzipale Mr. Richardson etwas
Tchtiges zu lernen, und mchte seine merkantile Laufbahn von Erfolg und
Segen begleitet sein! Mr. Richardson (Threedneedle Street) ist, wie Du
weit, ein naher Geschftsfreund meines Hauses. Ich schtze mich
glcklich, meine beiden Shne in Firmen untergebracht zu haben, die mir
freundschaftlichst verbunden sind. Den Segen davon darfst Du jetzt schon
verspren: Ich empfinde vollkommene Genugtuung, da Herr van der Kellen
Dein Salair bereits in diesem Vierteljahr erhht hat und Dir weiterhin
Nebenverdienste einrumen wird; ich bin berzeugt, da Du durch ein
tchtig Fhren Dich dieses Entgegenkommens wrdig gezeigt hast und
zeigen wirst.

Bei alledem schmerzt es mich, da Deine Gesundheit sich nicht vllig auf
der Hhe befindet. Was Du mir von Nervositt geschrieben, gemahnte mich
an meine eigene Jugend, als ich in Antwerpen arbeitete und von dort nach
Ems gehen mute, um die Kur zu gebrauchen. Wenn etwas hnliches sich fr
Dich als ntig erweisen sollte, mein Sohn, so bin ich, versteht sich,
bereit, Dir mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, wiewohl ich fr uns
andere derartige Ausgaben in diesen politisch unruhigen Zeiten scheue.

Immerhin haben Deine Mutter und ich um die Mitte des Junius eine Fahrt
nach Hamburg unternommen, um Deine Schwester Tony zu besuchen. Ihr Gatte
hatte uns nicht aufgefordert, empfing uns jedoch mit groer Herzlichkeit
und widmete sich uns whrend der zwei Tage, die wir bei ihm verbrachten,
so vollstndig, da er sein Geschft vernachlssigte und mir kaum Zeit
zu einer Visite in der Stadt bei Duchamps' lie. Antonie befand sich im
fnften Monat; ihr Arzt versicherte, da alles in normaler und
erfreulicher Weise verlaufen werde.--

Noch mchte ich eines Briefes des Herrn van der Kellen erwhnen, dem ich
mit Freude entnahm, da Du auch privatim in seinem Familienkreise ein
gern gesehener Gast bist. Du bist nun, mein Sohn, in dem Alter, wo Du
die Frchte der Erziehung zu ernten beginnst, die Deine Eltern Dir
zuteil werden lieen. Es mge Dir als Ratschlag dienen, da ich in
Deinem Alter, sowohl in Bergen als in Antwerpen, es mir immer angelegen
sein lie, mich meinen =Prinzipalinnen= dienstlich und angenehm zu
machen, was mir zum hchsten Vorteil gereicht hat. Abgesehen selbst von
der ehrenden Annehmlichkeit eines nheren Verkehrs mit der
Vorstandsfamilie, schafft man sich in der Prinzipalin eine frdernde
Frsprecherin, wenn der allerdings mglichst zu vermeidende,
nichtsdestoweniger mgliche Fall eintreten sollte, da ein Versehen im
Geschft sich ereignete oder die Zufriedenheit des Prinzipals hie oder
da zu wnschen brigliee.--

Was Deine geschftlichen Zukunftsplne angeht, mein Sohn, so erfreuen
sie mich durch das lebhafte Interesse, das sich in ihnen ausspricht,
ohne zwar, da ich ihnen vollkommen beizustimmen vermchte. Du gehst von
der Ansicht aus, da der Absatz derjenigen Produkte, welche die Umgegend
unserer Vaterstadt hervorbringe, als: Getreide, Rappsaat, Hute und
Felle, Wolle, l, lkuchen, Knochen usw. das natrlichste, nachhaltigste
Geschft Deiner Vaterstadt sei und denkst Dich neben dem
Kommissionshandel vorzugsweise jener Branche zuzuwenden. Ich habe mich
zu einer Zeit, als die Konkurrenz in diesem Geschftszweige noch sehr
gering war (whrend sie jetzt erheblich gewachsen), gleichfalls mit
diesem Gedanken beschftigt und, soweit Raum und Gelegenheit dazu
vorlagen, auch einige Experimente gemacht. Meine Reise nach England
hatte hauptschlich den Zweck, auch in diesem Lande Verbindungen fr
meine Unternehmungen nachzusuchen. Ich ging zu diesem Ende bis
Schottland hinauf und machte manche nutzbringende Bekanntschaften,
erkannte aber alsbald auch den gefhrlichen Charakter, welchen die
Exportgeschfte dorthin an sich trugen, weshalb eine weitere
Kultivierung derselben in der Folge auch unterblieb, zumal ich immer des
Mahnwortes eingedenk gewesen bin, welches unser Vorfahr, der Grnder der
Firma, uns hinterlassen: Mein Sohn, sey mit Lust bey den Geschften am
Tage, aber mache nur solche, da wir bey Nacht ruhig schlafen knnen!

Diesen Grundsatz gedenke ich heilig zu halten bis an mein Lebensende,
obgleich man ja hie und da in Zweifel geraten kann angesichts von
Leuten, die ohne solche Prinzipien scheinbar besser fahren. Ich denke an
Strunck & Hagenstrm, die eminent im Wachsen begriffen sind, whrend
unsere Angelegenheiten einen allzu ruhigen Gang gehen. Du weit, da das
Haus nach der Verkleinerung infolge des Todes Deines Grovaters nicht
mehr gewachsen ist, und ich bete zu Gott, da ich Dir die Geschfte
wenigstens in dem jetzigen Zustande werde hinterlassen knnen. An dem
Prokuristen Herrn Marcus habe ich ja einen erfahrenen und bedchtigen
Helfer. Wenn nur die Familie Deiner Mutter ihre Groschen ein wenig
besser beieinander halten wollte; die Erbschaft wird fr uns von so
groer Wichtigkeit sein!

Ich bin mit geschftlichen und stdtischen Arbeiten auerordentlich
berhuft. Ich bin ltermann des Bergenfahrer-Kollegiums, und hat man
mich sukzessive zum brgerlichen Deputierten frs Finanzdepartement, das
Kommerzkollegium, die Rechnungsrevisionsdeputation und das St.
Annen-Armenhaus gewhlt.

Deine Mutter, Klara und Klothilde gren Dich herzlich. Auch haben mir
mehrere Herren: die Senatoren Mllendorpf und Doktor verdieck, Konsul
Kistenmaker, der Makler Gosch, C.F. Kppen sowie im Kontor Herr Marcus
und die Kapitne Kloot und Kltermann Gre an Dich aufgetragen. Gottes
Segen mit Dir, mein Sohn! Arbeite, bete und spare!

                                In sorgender Liebe
                                                   Dein =Vater=.

                                            Den 8. Oktober 1846.

Liebe und hochverehrte Eltern!

Unterfertigter sieht sich in der angenehmen Lage, Sie von der vor einer
halben Stunde erfolgten, glcklichen Niederkunft Ihrer Tochter, meiner
innig geliebten Gattin Antonie zu benachrichtigen. Es ist nach Gottes
Willen ein Mdchen, und finde ich keine Worte, zu sagen, wie freudig
bewegt ich bin. Das Befinden der teuren Wchnerin sowie des Kindes ist
ein ausgezeichnetes, und zeigte sich Doktor Klaaen vlligst vom
Verlaufe der Sache befriedigt. Auch Frau Grogeorgis, die Hebamme, sagt,
es wre gar nichts gewesen. -- Die Erregung zwingt mich, die Feder
niederzulegen. Ich empfehle mich den wrdigsten Eltern in
hochachtungsvoller Zrtlichkeit.

                                                  =B. Grnlich.=

Wenn es ein Junge wre, so wte ich einen sehr hbschen Namen. Jetzt
mchte ich sie Meta nennen, aber Gr. ist fr Erika.

                                                              T.


Zweites Kapitel

Was fehlt dir, Bethsy? sagte der Konsul, als er zu Tische kam und den
Teller erhob, mit dem man seine Suppe bedeckt hatte. Fhlst du dich
unwohl? Was hast du? Mir scheint du siehst leidend aus?

Der runde Tisch in dem weitlufigen Speisesaal war sehr klein geworden.
Auer den Eltern saen alltglich nur Mamsell Jungmann, die zehnjhrige
Klara und die hagere, demtige und still essende Klothilde daran. Der
Konsul blickte umher ... alle Gesichter waren lang und bekmmert. Was
war geschehen? Er selbst war nervs und sorgenvoll, denn die Brse ward
in Unruhe gehalten von dieser verzwickten schleswig-holsteinischen
Angelegenheit ... Und noch eine andere Unruhe lag in der Luft: Spter,
als Anton hinausgegangen war, um das Fleischgericht zu holen, erfuhr der
Konsul, was im Hause vorgefallen war. Trina, die Kchin Trina, ein
Mdchen, das bislang nur Treue und Biedersinn an den Tag gelegt hatte,
war pltzlich zu unverhllter Emprung bergegangen. Zum groen Verdrusse
der Konsulin unterhielt sie seit einiger Zeit eine Freundschaft, eine
Art von geistigem Bndnis mit einem Schlachtergesellen, und dieser ewig
blutige Mensch mute die Entwicklung ihrer politischen Ansichten in der
nachteiligsten Weise beeinflut haben. Als die Konsulin ihr wegen einer
miratenen Chalottensauce einen Verweis hatte zuteil werden lassen,
hatte sie die nackten Arme in die Hften gestemmt und sich wie folgt
geuert: Warten Sie man blo, Fru Konsulin, dat duert nu nich mehr
lang, denn kommt ne annere Ordnung in de Saak; denn sitt =ick= doar
up'm Sofa in' sieden Kleed, un =Sei= bedeinen mich denn...
Selbstverstndlich war ihr sofort gekndigt worden.

Der Konsul schttelte den Kopf. Er selbst hatte in letzter Zeit
allerhand Besorgniserregendes verspren mssen. Freilich, die lteren
Trger und Speicherarbeiter waren bieder genug, sich nichts in den Kopf
setzen zu lassen; aber unter den jungen Leuten hatte dieser und jener
durch sein Benehmen Zeugnis davon gegeben, da der neue Geist der
Emprung sich tckisch Einla zu verschaffen gewut hatte ... Im
Frhjahr hatte ein Straenkrawall stattgefunden, obgleich eine neue
Verfassung, die den Anforderungen der neuen Zeit entsprach, bereits im
Entwurf vorhanden war, welcher ein wenig spter, trotz des Widerspruches
Lebrecht Krgers und einiger anderer strrischer alter Herren, durch
Senatsdekret zum Staatsgrundgesetz erhoben wurde. Volksvertreter wurden
gewhlt, eine Brgerschaft trat zusammen. Aber es gab keine Ruhe. Die
Welt war ganz in Unordnung. Jeder wollte die Verfassung und das
Wahlrecht revidieren, und die Brger zankten sich. Stndisches
Prinzip! sagten die einen; auch Johann Buddenbrook, der Konsul, sagte
es. Allgemeines Wahlrecht! sagten die anderen; auch Hinrich Hagenstrm
sagte es. Noch andere schrien: Allgemeine Stndewahl! und vielleicht
wuten sie sogar, was darunter zu verstehen war. Dann schwirrten noch
solche Ideen in der Luft umher wie Aufhebung des Unterschiedes zwischen
Brgern und Einwohnern, Ausdehnung der Mglichkeit, das Brgerrecht zu
erlangen, auch auf Nichtchristen ... Kein Wunder, da Buddenbrooks Trina
auf Gedanken verfiel, wie der mit dem Sofa und dem seidenen Kleid! Ach,
es sollte noch rger kommen. Die Dinge drohten eine frchterliche
Wendung zu nehmen...

Es war ein erster Oktobertag des Jahres achtundvierzig, ein blauer
Himmel mit einigen leichten, schwebenden Wolken daran, silberwei
durchleuchtet von einer Sonne, deren Kraft freilich nicht mehr so gro
war, da nicht hinter dem hohen, blanken Gitter im Landschaftszimmer
schon der Ofen geknistert htte.

Die kleine Klara, ein dunkelblondes Kind mit ziemlich strengen Augen,
sa mit einer Strickerei vorm Nhtische am Fenster, whrend Klothilde,
auf gleiche Weise beschftigt, den Sofaplatz neben der Konsulin
innehatte. Obgleich Klothilde Buddenbrook nicht viel lter war als ihre
verheiratete Kusine, also erst einundzwanzig Jahre zhlte, begann ihr
langes Gesicht bereits scharfe Linien zu zeigen, und ihr
glattgescheiteltes Haar, das niemals blond, sondern von jeher mattgrau
gewesen, trug dazu bei, da das Bild der alten Jungfer schon fertig war.
Sie war zufrieden damit, sie tat nichts, um dem abzuhelfen. Vielleicht
war es ihr Bedrfnis, schnell alt zu werden, um schnell ber alle
Zweifel und Hoffnungen hinauszugelangen. Da sie keinen Silbergroschen
besa, so wute sie, da niemand in der weiten Welt sich finden wrde,
sie zu heiraten, und mit Demut sah sie ihrer Zukunft entgegen, die darin
bestand, in irgendeiner kleinen Stube eine kleine Rente zu verzehren,
die ihr mchtiger Onkel ihr aus der Kasse irgendeiner wohlttigen
Anstalt fr arme Mdchen aus angesehener Familie verschaffen wrde.

Die Konsulin ihrerseits war mit der Lektre zweier Briefe beschftigt.
Tony erzhlte von dem glcklichen Gedeihen der kleinen Erika, und
Christian berichtete eifrig von dem Londoner Leben und Treiben, ohne
freilich seiner Ttigkeit bei Mr. Richardson eingehend zu erwhnen ...
Die Konsulin, die sich der Mitte der Vierziger nherte, beklagte sich
bitterlich ber das Schicksal der blonden Frauen, so rasch zu altern.
Der zarte Teint, der einem rtlichen Haar entspricht, wird in diesen
Jahren trotz aller Erfrischungsmittel matt, und das Haar selbst wrde
unerbittlich zu ergrauen beginnen, wenn man nicht Gott sei Dank das
Rezept einer Pariser Tinktur bese, die das frs erste verhtete. Die
Konsulin war entschlossen, niemals wei zu werden. Wenn das Frbemittel
sich nicht mehr als tauglich erwiese, so wrde sie eine Percke von der
Farbe ihres jugendlichen Haares tragen ... Auf der Hhe ihrer noch immer
kunstvollen Coiffure war eine kleine, von weien Spitzen umgebene
seidene Schleife angebracht: der Beginn, die erste Andeutung einer
Haube. Ihr seidener Kleiderrock umgab sie weit und bauschig; ihre
glockenfrmigen rmel waren mit steifem Mull unterlegt. Wie stets
klirrten ein paar goldene Reifen leise an ihrem Handgelenk. -- Es war
drei Uhr nachmittags.

Pltzlich wurde Rufen und Schreien, eine Art von bermtigem Johlen,
Pfeifen und das Gestampf vieler Schritte auf der Strae vernehmbar, ein
Lrm, der sich nherte und anwuchs...

Mama, was ist das? sagte Klara, die durchs Fenster und in den Spion
blickte. All die Leute ... Was haben sie? Worber freuen sie sich so?

Mein Gott! rief die Konsulin, indem sie die Briefe von sich warf,
angstvoll aufsprang und zum Fenster eilte. Sollte es ... O mein Gott,
ja, die Revolution ... Es ist das Volk...

Die Sache war die, da whrend des ganzen Tages bereits Unruhen in der
Stadt geherrscht hatten. In der Breiten Strae war am Morgen die
Schaufensterscheibe des Tuchhndlers Benthien vermittels Steinwurfes
zertrmmert worden, wobei Gott allein wute, was das Fenster des Herrn
Benthien mit der hohen Politik zu schaffen hatte.

Anton?! rief die Konsulin mit bebender Stimme in den Esaal hinber,
wo der Bediente mit dem Silberzeug hantierte ... Anton, geh hinunter!
Schliee die Haustr! Mach' alles zu! Es ist das Volk...

Ja, Frau Konsulin! sagte Anton. Kann ich das auch wagen? Ich bin ein
Herrschaftsknecht ... Wenn sie meine Livree zu sehen kriegen...

Die bsen Menschen, sagte Klothilde traurig und gedehnt, ohne ihrer
Handarbeit Einhalt zu tun. -- In diesem Augenblick kam der Konsul durch
die Sulenhalle und trat durch die Glastr ein. Er trug seinen Paletot
ber dem Arm und den Hut in der Hand.

Du willst ausgehen, Jean? fragte die Konsulin entsetzt...

Ja, Liebe, ich mu in die Brgerschaft...

Aber das Volk, Jean, die Revolution...

Ach, lieber Gott, das ist nicht so ernst, Bethsy ... Wir stehen in
Gottes Hand. Sie sind schon am Hause vorber. Ich gehe durch das
Hinterhaus...

Jean, wenn du mich lieb hast ... Du willst dich dieser Gefahr
aussetzen, willst uns hier allein lassen ... Oh, ich ngstige mich, ich
ngstige mich!

Liebste, ich bitte dich, du echauffierst dich auf eine Weise ... die
Leute werden vorm Rathaus oder auf dem Markt ein bichen spektakeln ...
Vielleicht wird es dem Staat noch ein paar Fensterscheiben kosten, das
ist alles.

=Wohin= willst du, Jean?

In die Brgerschaft ... Ich komme schon fast zu spt, die Geschfte
haben mich aufgehalten. Es wre eine Schande, da heute zu fehlen. Meinst
du, da dein Vater sich abhalten lt? So alt er ist...

Ja, dann geh mit Gott, Jean ... Aber sei vorsichtig, ich bitte dich,
nimm dich in acht! Und habe ein Auge auf meinen Vater! Wenn ihm etwas
zustiee...

Unbesorgt, meine Liebe...

Wann kommst du zurck? rief die Konsulin ihm nach...

Je nun, um halb fnf, um fnf Uhr ... je nachdem. Es steht Wichtiges
auf der Tagesordnung, es kommt darauf an...

Ach, ich ngstige mich, ich ngstige mich! wiederholte die Konsulin,
indem sie mit ratlosen Seitenblicken sich im Zimmer auf und nieder
bewegte.


Drittes Kapitel

Konsul Buddenbrook durchschritt eilig sein weitlufiges Grundstck. Als
er in die Bckergrube hinaustrat, vernahm er hinter sich Schritte und
erblickte den Makler Gosch, welcher, malerisch in seinen langen Mantel
gehllt, gleichfalls die schrge Strae hinauf zur Sitzung strebte.
Whrend er mit der einen seiner langen und mageren Hnde den Jesuitenhut
lftete und mit der anderen eine glatte Gebrde der Demut vollfhrte,
sprach er mit gepreter und verbissener Stimme: Herr Konsul ... ich
gre Sie!

Dieser Makler Siegismund Gosch, ein Junggeselle von etwa vierzig Jahren,
war trotz seines Gebarens der ehrlichste und gutmtigste Mensch von der
Welt; nur war er ein Schngeist, ein origineller Kopf. Sein
glattrasiertes Gesicht zeichnete sich aus durch eine gebogene Nase, ein
spitz hervorspringendes Kinn, scharfe Zge und einen breiten, abwrts
gezogenen Mund, dessen schmale Lippen er in verschlossener und
bsartiger Weise zusammenprete. Es war sein Bestreben - und es gelang
ihm nicht bel -- ein wildes, schnes und teuflisches Intrigantenhaupt
zur Schau zu stellen, eine bse, hmische, interessante und
furchtgebietende Charakterfigur zwischen Mephistopheles und Napoleon ...
Sein ergrautes Haar war tief und dster in die Stirn gestrichen. Er
bedauerte aufrichtig, nicht bucklig zu sein. -- Er war eine fremdartige
und liebenswrdige Erscheinung unter den Bewohnern der alten
Handelsstadt. Er gehrte zu ihnen, weil er in aller Brgerlichkeit ein
kleines, solides und in seiner Bescheidenheit geachtetes
Vermittlungsgeschft betrieb; in seinem engen, dunklen Kontor aber stand
ein groer Bcherschrank, der mit Dichtwerken in allen Sprachen gefllt
war, und es ging das Gercht, da er seit seinem zwanzigsten Jahre an
einer bersetzung von Lope de Vegas smtlichen Dramen arbeite ... Einmal
jedoch hatte er bei einer Liebhaberauffhrung von Schillers Don Carlos
den Domingo gespielt. Dies war der Hhepunkt seines Lebens. -- Niemals
war ein unedles Wort ber seine Lippen gekommen, und selbst in
geschftlichen Gesprchen brachte er die blichen Redewendungen nur
zwischen den Zhnen und mit einem Mienenspiele hervor, als wollte er
sagen: Schurke, ha! Im Grab verfluch' ich deine Ahnen! Er war, in
mancher Beziehung, der Erbe und Nachfolger des seligen Jean Jacques
Hoffstede; nur da sein Wesen dsterer und pathetischer war und da ihm
nichts von der scherzhaften Heiterkeit eignete, die der Freund des
lteren Johann Buddenbrook aus dem vorigen Jahrhundert herbergerettet
hatte. -- Eines Tages verlor er an der Brse mit einem Schlage sechs und
einen halben Kuranttaler an zwei oder drei Papieren, die er
spekulativerweise gekauft hatte. Da ri sein dramatisches Empfinden ihn
mit sich fort, und er gab eine Vorstellung. Er lie sich auf einer Bank
nieder in einer Haltung, als habe er die Schlacht bei Waterloo verloren,
prete eine geballte Faust gegen die Stirn und wiederholte mehrere Male
mit einem gotteslsterlichen Augenaufschlag: Ha, verflucht! Da die
kleinen, ruhigen, sicheren Gewinste, die er beim Verkaufe dieses oder
jenes Grundstckes einstrich, ihn im Grunde langweilten, so war dieser
Verlust, dieser tragische Schlag, mit dem der Himmel ihn, den
Intriganten, getroffen, ein Genu, ein Glck fr ihn, an dem er
wochenlang zehrte. Auf die Anrede: Ich hre, Sie haben Unglck gehabt,
Herr Gosch? Das tut mir leid..., pflegte er zu antworten: Oh, mein
werter Freund! _Uomo non educato dal dolore riman sempre bambino!_
Begreiflicherweise verstand das niemand. War es von Lope de Vega? Fest
stand, da dieser Siegismund Gosch ein gelehrter und merkwrdiger Mensch
war.

Welche Zeiten, in denen wir leben! sagte er zu Konsul Buddenbrook,
whrend er, in gebckter Haltung auf seinen Stock gesttzt, neben ihm
die Strae hinaufschritt. Zeiten des Sturmes und der Bewegung!

Da haben Sie recht, erwiderte der Konsul. Die Zeiten seien bewegt. Man
drfe auf die heutige Sitzung gespannt sein. Das stndische Prinzip...

Nein, hren Sie! fuhr Herr Gosch zu sprechen fort. Ich bin den ganzen
Tag unterwegs gewesen, ich habe den Pbel beobachtet. Es waren herrliche
Bursche darunter, das Auge flammend von Ha und Begeisterung...

Johann Buddenbrook fing an zu lachen. Sie sind mir der Rechte, mein
Freund! Sie scheinen Gefallen daran zu finden? Nein, erlauben Sie mir
... eine Kinderei, das alles! Was wollen diese Menschen? Eine Anzahl
ungezogener junger Leute, die die Gelegenheit bentzen, ein bichen
Spektakel zu machen...

Gewi! Allein man kann nicht leugnen ... Ich war dabei, als
Schlachtergeselle Berkemeyer Herrn Benthiens Fensterscheibe zerwarf ...
Er war wie ein Panther! Das letzte Wort sprach Herr Gosch mit besonders
fest zusammengebissenen Zhnen und fuhr dann fort: Oh, man kann nicht
leugnen, da die Sache ihre erhabene Seite besitzt! Es ist endlich
einmal etwas anderes, wissen Sie, etwas Unalltgliches, Gewaltttiges,
Sturm, Wildheit ... ein Gewitter ... Ach, das Volk ist unwissend, ich
wei es! Jedoch mein Herz, dieses mein Herz, es ist mit ihm... Sie
waren schon vor das einfache, mit gelber lfarbe gestrichene Haus
gelangt, in dessen Erdgescho sich der Sitzungssaal der Brgerschaft
befand.

Dieser Saal gehrte zu der Bier- und Tanzwirtschaft einer Witwe namens
Suerkringel, stand aber an gewissen Tagen den Herren von der
Brgerschaft zur Verfgung. Von einem schmalen, gepflasterten Korridor
aus, an dessen rechter Seite sich Restaurationslokalitten befanden, und
auf dem es nach Bier und Speisen roch, betrat man ihn linkerhand durch
eine aus grngestrichenen Brettern gefertigte Tr, die weder Griff noch
Schlo besa und so schmal und niedrig war, da niemand hinter ihr einen
so groen Raum vermutet htte. Der Saal war kalt, kahl, scheunenartig,
mit geweiter Decke, an der die Balken hervortraten, und geweiten
Wnden; seine drei ziemlich hohen Fenster hatten grngemalte Kreuze und
waren ohne Gardinen. Ihnen gegenber erhoben sich amphitheatralisch
aufsteigend die Sitzreihen, an deren Fu ein grn gedeckter, mit einer
groen Glocke, Aktenstcken und Schreibutensilien geschmckter Tisch fr
den Wortfhrer, den Protokollfhrer und die anwesenden Senatskommissare
bestimmt war. An der Wand, die den Tren gegenberlag, waren mehrere
hohe Garderobehalter mit Mnteln und Hten bedeckt.

Stimmengewirr schlug dem Konsul und seinem Begleiter entgegen, als sie
hintereinander durch die schmale Tr den Saal betraten. Sie waren
ersichtlich die Letzten, die ankamen. Der Raum war gefllt mit Brgern,
welche, die Hnde in den Hosentaschen, auf dem Rcken, in der Luft, in
Gruppen beieinander standen und disputierten. Von den 120 Mitgliedern
der Krperschaft waren sicherlich 100 versammelt. Eine Anzahl von
Abgeordneten der Landbezirke hatte es unter den obwaltenden Umstnden
vorgezogen, zu Hause zu bleiben.

Dem Eingang zunchst stand eine Gruppe, die aus kleineren Leuten, aus
zwei oder drei unbedeutenden Geschftsinhabern, einem Gymnasiallehrer,
dem Waisenvater Herrn Mindermann und Herrn Wenzel, dem beliebten
Barbier, bestand. Herr Wenzel, ein kleiner, krftiger Mann mit schwarzem
Schnurrbart, intelligentem Gesicht und roten Hnden, hatte den Konsul
noch heute morgen rasiert; hier jedoch war er ihm gleichgestellt. Er
rasierte nur in den ersten Kreisen, er rasierte fast ausschlielich die
Mllendorpfs, Langhals', Buddenbrooks und verdiecks, und seiner
Allwissenheit in stdtischen Dingen, seiner Umgnglichkeit und
Gewandtheit, seinem bei aller Unterordnung merklichen Selbstbewutsein
verdankte er seine Wahl in die Brgerschaft.

Wissen Herr Konsul das Neueste? rief er eifrig und mit ernsten Augen
seinem Gnner entgegen...

Was soll ich wissen, mein lieber Wenzel?

Man konnte es heute morgen noch nicht erfahren haben ... Herr Konsul
entschuldigen, es ist das Neueste! Das Volk zieht nicht vor das Rathaus
oder auf den Markt! Es kommt hierher und will die Brgerschaft bedrohen!
Redakteur Rbsam hat es aufgewiegelt...

Ei, nicht mglich! sagte der Konsul. Er drngte sich zwischen den
vorderen Gruppen hindurch nach der Mitte des Saales, wo er seinen
Schwiegervater zusammen mit den anwesenden Senatoren Doktor Langhals und
James Mllendorpf erblickte. Ist es denn wahr, meine Herren? fragte
er, indem er ihnen die Hnde schttelte...

In der Tat, die ganze Versammlung war voll davon; die Tumultuanten zogen
hierher, sie waren schon zu hren...

Die Canaille! sagte Lebrecht Krger kalt und verchtlich. Er war in
seiner Equipage hierhergekommen. Die hohe, distinguierte Gestalt des
ehemaligen _ la mode_-Kavaliers begann, unter gewhnlichen Umstnden
von der Last seiner achtzig Jahre gebeugt zu werden; heute aber stand er
ganz aufrecht, mit halb geschlossenen Augen, die Mundwinkel, ber denen
die kurzen Spitzen seines weien Schnurrbartes senkrecht emporstarrten,
vornehm und geringschtzig gesenkt. An seiner schwarzen Sammetweste
blitzten zwei Reihen von Edelsteinknpfen...

Unweit dieser Gruppe gewahrte man Hinrich Hagenstrm, einen
untersetzten, beleibten Herrn mit rtlichem, ergrautem Backenbart, einer
dicken Uhrkette auf der blau karierten Weste und offenem Leibrock. Er
stand zusammen mit seinem Kompagnon, Herrn Strunck, und grte den
Konsul durchaus nicht.

Weiterhin hatte der Tuchhndler Benthien, ein wohlhabend aussehender
Mann, eine groe Anzahl anderer Herren um sich versammelt, denen er
haarklein erzhlte, wie es sich mit seiner Fensterscheibe begeben habe
... Ein Ziegelstein, ein halber Ziegelstein, meine Herren! Krach ...
hindurch und dann auf eine Rolle grnen Rips ... Das Pack!... Nun, es
ist Sache des Staates...

In irgendeinem Winkel vernahm man unaufhrlich die Stimme des Herrn
Stuht aus der Glockengieerstrae, welcher, einen schwarzen Rock ber
dem wollenen Hemd, sich an der Auseinandersetzung beteiligte, indem er
mit entrsteter Betonung bestndig wiederholte: Unerhrte Infamie! --
brigens sagte er Infamje.

Johann Buddenbrook ging umher, um hier seinen alten Freund C.F. Kppen,
dort den Konkurrenten desselben, Konsul Kistenmaker, zu begren. Er
drckte dem Doktor Grabow die Hand und wechselte ein paar Worte mit dem
Branddirektor Gieseke, dem Baumeister Voigt, dem Wortfhrer Doktor
Langhals, einem Bruder des Senators, mit Kaufleuten, Lehrern und
Advokaten...

Die Sitzung war nicht erffnet, aber die Debatte war uerst rege. Alle
Herren verfluchten diesen Skribifax, diesen Redakteur, diesen Rbsam,
von dem man wute, da er die Menge aufgewiegelt habe ... und zwar wozu?
Man war hier, um festzustellen, ob das stndische Prinzip in der
Volksvertretung beizubehalten oder das allgemeine und gleiche Wahlrecht
einzufhren sei. Der Senat hatte bereits das letztere beantragt. Was
aber wollte das Volk? Es wollte den Herren an den Kragen, das war alles.
Es war, zum Teufel, die faulste Lage, in der sich die Herren jemals
befunden hatten! Man umringte die Senatskommissare, um ihre Meinung zu
erfahren. Man umringte auch Konsul Buddenbrook, der wissen mute, wie
Brgermeister verdieck sich zu der Sache verhielt; denn seitdem im
vorigen Jahre Senator Doktor verdieck, ein Schwager Konsul Justus
Krgers, Senatsprsident geworden war, waren Buddenbrooks mit dem
Brgermeister verwandt, was sie in der ffentlichen Achtung betrchtlich
hatte steigen lassen...

Pltzlich schwoll drauen das Getse an ... Die Revolution war unter den
Fenstern des Sitzungssaales angelangt! Mit einem Schlage verstummten die
erregten Meinungsuerungen hier drinnen. Man faltete, stumm vor
Entsetzen, die Hnde auf dem Bauch und sah einander ins Gesicht oder auf
die Fenster, hinter denen sich Fuste erhoben und ein ausgelassenes,
unsinniges und betubendes Hoh- und Hhgeheul die Luft erfllte. Dann
jedoch, ganz berraschend, als ob die Aufstndischen selbst ber ihr
Betragen erschrocken gewesen wren, ward es drauen ebenso still wie im
Saale, und in der tiefen Lautlosigkeit, die sich ber das Ganze legte,
ward lediglich in der Gegend der untersten Sitzreihen, wo Lebrecht
Krger sich niedergelassen hatte, ein Wort vernehmbar, das kalt, langsam
und nachdrcklich sich dem Schweigen entrang: =Die Canaille!=

Gleich darauf tat in irgendeinem Winkel ein dumpfes und entrstetes
Organ den Ausspruch: Unerhrte Infamje!

Und dann flatterte pltzlich die eilige, zitternde und geheimnisvolle
Stimme des Tuchhndlers Benthien ber die Versammlung hin...

Meine Herren ... meine Herren ... hren Sie auf mich ... Ich kenne das
Haus ... Wenn man auf den Boden steigt, so gibt es da eine Dachluke ...
Ich habe schon als Junge Katzen dadurch geschossen ... Man kann ganz gut
aufs Nachbardach klettern und sich in Sicherheit bringen...

Nichtswrdige Feigheit! zischte der Makler Gosch zwischen den Zhnen.
Er lehnte mit verschrnkten Armen am Wortfhrertische und starrte,
gesenkten Hauptes, mit einem grauenerregenden Blick zu den Fenstern
hinber.

Feigheit, Herr? Wieso? Gottesdunner ... Die Leute werfen mit
Ziegelsteinen! Ick heww da nu 'naug von...

In diesem Augenblick wuchs drauen der Lrm von neuem an, aber ohne sich
wieder zu der anfnglichen strmischen Hhe zu erheben, tnte er nun
ruhig und ununterbrochen fort, ein geduldiges, singendes und beinahe
vergngt klingendes Gesumme, in welchem man hie und da Pfiffe sowie
einzelne Ausrufe wie Prinzip! und Brgerrecht! unterschied ... Die
Brgerschaft lauschte mit Andacht.

Meine Herren, sprach nach einer Weile der Wortfhrer Herr Doktor
Langhals mit gedmpfter Stimme ber die Versammlung hin. Ich hoffe,
mich mit Ihnen im Einverstndnis zu befinden, wenn ich nunmehr die
Sitzung erffne...

Das war ein unmageblicher Vorschlag, dem aber weit und breit nicht die
geringste Untersttzung zuteil wurde.

Da bn ick nich fr tau haben, sagte jemand mit einer biederen
Entschlossenheit, die keinen Einwand gestattete. Es war ein buerlicher
Mann namens Pfahl, aus dem Ritzerauer Landbezirk, der Deputierte fr das
Dorf Klein-Schretstaken. Niemand erinnerte sich, seine Stimme schon
einmal in den Verhandlungen vernommen zu haben; allein in der
gegenwrtigen Lage fiel die Meinung auch des schlichtesten Kopfes schwer
ins Gewicht ... Unerschrocken und mit sicherem politischen Instinkt
hatte Herr Pfahl der Anschauung der gesamten Brgerschaft Ausdruck
verliehen.

Gott soll uns bewahren! sagte Herr Benthien entrstet. Da oben auf
den Sitzen kann man von der Strae aus gesehen werden! Die Leute werfen
mit Ziegelsteinen! Nee, Gottesdunner, ick heww da nu 'naug von...

Da auch die verfluchte Tr so eng ist! stie der Weinhndler Kppen
verzweifelt hervor. Wenn wir hinaus wollen, drcken wir ja wol dot ...
drcken wir uns ja wol!

Unerhrte Infamje, sprach dumpf Herr Stuht.

Meine Herren! begann der Wortfhrer eindringlich aufs neue. Ich bitte
Sie, doch zu erwgen ... Ich habe binnen drei Tagen eine Ausfertigung
des heute zu fhrenden Protokolles dem regierenden Brgermeister
zuzustellen ... berdies erwartet die Stadt die Verffentlichung durch
den Druck ... Ich mchte jedenfalls zur Abstimmung darber schreiten, ob
die Sitzung erffnet werden soll...

Aber abgesehen von einigen wenigen Brgern, die den Wortfhrer
untersttzten, fand sich niemand, der bereit gewesen wre, zur
Tagesordnung berzugehen. Eine Abstimmung htte sich als zwecklos
erwiesen. Man durfte das Volk nicht reizen. Niemand wute, was es
wollte. Man durfte es nicht durch einen Beschlu nach irgendeiner
Richtung hin vor den Kopf stoen. Man mute abwarten und sich nicht
regen. Von der Marienkirche schlug es halb fnf...

Man bestrkte einander in dem Entschlusse, geduldig auszuharren. Man
begann, sich an das Gerusch zu gewhnen, das dort drauen anschwoll,
abnahm, pausierte und wieder einsetzte. Man fing an, ruhiger zu werden,
sich's bequemer zu machen, sich auf den unteren Sitzreihen und den
Sthlen niederzulassen ... Die Betriebsamkeit all dieser tchtigen
Brger begann sich zu regen ... Man wagte hie und da, ber Geschfte zu
sprechen, hie und da sogar ein Geschft zu machen ... Die Makler
nherten sich den Grokaufleuten ... Die eingeschlossenen Herren
plauderten miteinander wie Leute, die whrend eines heftigen Gewitters
beisammen sitzen, von anderen Dingen reden und manchmal mit ernsten und
respektvollen Gesichtern auf den Donner horchen. Es wurde fnf Uhr, halb
sechs Uhr, und die Dmmerung sank. Dann und wann seufzte jemand darber,
da seine Frau mit dem Kaffee warte, worauf Herr Benthien sich erlaubte,
die Dachluke in Erinnerung zu bringen. Aber die meisten dachten darber
wie Herr Stuht, der mit einem fatalistischen Kopfschtteln erklrte:
Ich bin ja doch zu dick dazu!

Johann Buddenbrook hatte sich, eingedenk der Mahnung der Konsulin, neben
seinem Schwiegervater gehalten, und er betrachtete ihn etwas besorgt,
als er ihn fragte: Dies kleine Abenteuer geht Ihnen hoffentlich nicht
nahe, Vater?

Unter dem schneeweien Toupet waren auf Lebrecht Krgers Stirn zwei
bluliche Adern in besorgniserregender Weise geschwollen, und whrend
die eine seiner aristokratischen Greisenhnde mit den opalisierenden
Knpfen an seiner Weste spielte, zitterte die andere, mit einem groen
Brillanten geschmckt, auf seinen Knien.

Papperlapapp, Buddenbrook! sagte er mit sonderbarer Mdigkeit. Ich
bin ennuyiert, das ist das Ganze. Aber er strafte sich selber Lgen,
indem er pltzlich hervorzischte: _Parbleu_, Jean! man mte diesen
infamen Schmierfinken den Respekt mit Pulver und Blei in den Leib
knallen ... Das Pack...! Die Canaille...!

Der Konsul summte begtigend. So ... so ... Sie haben ja recht, es ist
eine ziemlich unwrdige Komdie ... Aber was soll man tun? Man mu gute
Miene machen. Es wird Abend. Die Leute werden schon abziehen...

Wo ist mein Wagen?... Ich befehle meinen Wagen! kommandierte Lebrecht
Krger gnzlich auer sich. Seine Wut explodierte, er bebte am ganzen
Leibe. Ich habe ihn auf fnf Uhr bestellt!... Wo ist er?... Die Sitzung
wird nicht abgehalten ... Was soll ich hier?... Ich bin nicht gesonnen,
mich narren zu lassen!... Ich will meinen Wagen!... Insultiert man
meinen Kutscher? Sehen Sie nach, Buddenbrook!

Lieber Schwiegervater, um Gottes willen, beruhigen Sie sich! Sie
alterieren sich ... das bekommt Ihnen nicht! Selbstverstndlich ... ich
gehe nun, mich nach Ihrem Wagen umzusehen. Ich selbst bin dieser Lage
berdrssig. Ich werde mit den Leuten sprechen, sie auffordern, nach
Hause zu gehen...

Und obgleich Lebrecht Krger protestierte, obgleich er mit pltzlich
ganz kalter und verchtlicher Betonung befahl: Halt, hiergeblieben! Sie
vergeben sich nichts, Buddenbrook! schritt der Konsul schnell durch den
Saal.

Dicht bei der kleinen grnen Tr wurde er von Siegismund Gosch
eingeholt, der ihn mit knochiger Hand am Arm ergriff und mit grlicher
Flsterstimme fragte: Wohin, Herr Konsul?...

Das Gesicht des Maklers war in tausend tiefe Falten gelegt. Mit dem
Ausdruck wilder Entschlossenheit schob sich sein spitzes Kinn fast bis
zur Nase empor, sein graues Haar fiel dster in Schlfen und Stirn, und
er hielt seinen Kopf so tief zwischen den Schultern, da es ihm
wahrhaftig gelang, das Aussehen eines Verwachsenen zu bieten, als er
hervorstie: Sie sehen mich gewillt, zum Volke zu reden!

Der Konsul sagte: Nein, lassen Sie mich das lieber tun, Gosch ... Ich
habe wahrscheinlich mehr Bekannte unter den Leuten...

Es sei! antwortete der Makler tonlos. Sie sind ein grerer Mensch
als ich. Und indem er seine Stimme erhob, fuhr er fort: Aber ich werde
Sie begleiten, ich werde an Ihrer Seite stehen, Konsul Buddenbrook! Mag
die Wut der entfesselten Sklaven mich zerreien...

Ach, welch ein Tag! Welch ein Abend! sagte er, als sie hinausgingen
... Sicherlich hatte er sich noch niemals so glcklich gefhlt. Ha,
Herr Konsul! Da ist das Volk!

Die beiden hatten den Korridor berschritten und traten vor die Haustr
hinaus, indem sie auf der oberen der drei schmalen Stufen stehen
blieben, die auf das Trottoir fhrten. Die Strae bot einen
befremdenden Anblick. Sie war ausgestorben, und an den offenen, schon
erleuchteten Fenstern der umliegenden Huser gewahrte man Neugierige,
die auf die schwrzliche, sich vorm Brgerschaftshause drngende Menge
der Aufrhrer hinabblickten. Diese Menge war an Zahl nicht viel strker
als die Versammlung im Saale und bestand aus jugendlichen Hafen- und
Lagerarbeitern, Dienstmnnern, Volksschlern, einigen Matrosen von
Kauffahrteischiffen und anderen Leuten, die in den geringen
Stadtgegenden, in den Twieten, Gngen, Wischen und Hfen zu
Hause waren. Auch drei oder vier Frauen waren dabei, die sich von diesem
Unternehmen wohl hnliche Erfolge versprachen, wie die Buddenbrooksche
Kchin. Einige Emprer, des Stehens mde, hatten sich, die Fe im
Rinnstein, auf den Brgersteig gesetzt und aen Butterbrot.

Es war bald sechs Uhr, und obgleich die Dmmerung weit vorgeschritten
war, hingen die llampen unangezndet an ihren Ketten ber der Strae.
Diese Tatsache, diese offenbare und unerhrte Unterbrechung der Ordnung,
war das erste, was den Konsul Buddenbrook aufrichtig erzrnte, und sie
war schuld daran, da er in ziemlich kurzem und rgerlichem Tone zu
sprechen begann: Ld, wat is dat nu blo fr dumm Tg, wat Ji da
anstellt!

Die Vespernden waren vom Trottoir emporgesprungen. Die Hinteren,
jenseits des Fahrdammes, stellten sich auf die Zehenspitzen. Einige
Hafenarbeiter, die im Dienste des Konsuls standen, nahmen ihre Mtzen
ab. Man machte sich aufmerksam, stie sich in die Seiten und sagte
gedmpft: Dat's Kunsel Buddenbrook! Kunsel Buddenbrook will 'ne Red'
hollen! Holl din Mul, Krischan, hei kann hllschen fuchtig warn!...
Dat's Makler Gosch ... kiek! Dat's son Aap!... Is hei 'n beeten
werspnig?

Corl Smolt! fing der Konsul wieder an, indem er seine kleinen,
tiefliegenden Augen auf einen etwa 22jhrigen Lagerarbeiter mit krummen
Beinen richtete, der, die Mtze in der Hand und den Mund voll Brot,
unmittelbar vor den Stufen stand. Nu red' mal, Corl Smolt! Nu is' Tiet!
Ji heww hier den leewen langen Namiddag brllt...

Je, Herr Kunsel..., brachte Corl Smolt kauend hervor. Dat's nu so 'n
Saak ... wer ... Dat is nu so wied ... Wi maaken nu Revolutschon.

Wat's dat fr Undg, Smolt!

Je, Herr Kunsel, dat seggen Sei woll, wer dat is nu so wied ... wi
snd nu nich mihr taufreeden mit de Saak ... Wie verlangen nu ne anner
Ordnung, un dat is ja ook gor nich mihr, da dat =wat= is...

Hr mal, Smolt, un ihr annern Ld! Wer nu 'n verstnnigen Kierl is, der
geht naa Hus un scheert sich nich mihr um Revolution und strt hier nich
de Ordnung...

Die heilige Ordnung! unterbrach Herr Gosch ihn zischend...

De Ordnung, seg ick! beschlo Konsul Buddenbrook. Nicht mal die
Lampen sind angezndet ... Dat geiht denn doch tau wied mit de
Revolution!

Corl Smolt aber hatte nun seinen Bissen verschluckt und, die Menge im
Rcken, stand er breitbeinig da und hatte seine Einwnde...

Je, Herr Kunsel, dat seggen Sei woll! wer dat is man blo wegen das
allgemeine Prinzip von dat Wahlrecht...

Groer Gott, du Tropf! rief der Konsul und verga, platt zu sprechen
vor Indignation ... Du redest ja lauter Unsinn...

Je, Herr Kunsel, sagte Corl Smolt ein bichen eingeschchtert; dat is
nu allens so as dat is. wer Revolutschon mtt sien, dat is tau gewi.
Revolutschon is werall, in Berlin und in Poris...

Smolt, wat wull Ji nu eentlich! Nu seggen Sei dat mal!

Je, Herr Kunsel, ick seg man blo: wi wull nu 'ne Republike, seg ick
man bloߠ...

wer du Dskopp ... Ji =heww= ja schon een!

Je, Herr Kunsel, denn wull wi noch een.

Einige der Umstehenden, die es besser wuten, begannen schwerfllig und
herzlich zu lachen, und obgleich die wenigsten die Antwort Corl Smolts
verstanden hatten, pflanzte diese Heiterkeit sich fort, bis die ganze
Menge der Republikaner in breitem und gutmtigem Gelchter stand. An den
Fenstern des Brgerschaftssaales erschienen mit neugierigen Gesichtern
einige Herren mit Bierseideln in den Hnden ... Der einzige, den diese
Wendung der Dinge enttuschte und schmerzte, war Siegismund Gosch.

Na Ld, sagte schlielich Konsul Buddenbrook, ick glw, dat is nu dat
beste, wenn ihr alle naa Hus gaht!

Corl Smolt, gnzlich verdutzt ber die Wirkung, die er hervorgebracht,
antwortete: Je, Herr Kunsel, dat is nu so, un denn mht man de Saak je
woll up sick beruhn laten, un ick bn je ook man froh, dat Herr Kunsel
mi dat nich welnehmen daut, un adjs denn ook, Herr Kunsel...

Die Menge fing an, sich in der allerbesten Laune zu zerstreuen.

Smolt, tf mal 'n Oogenblick! rief der Konsul. Seg mal, hast du den
Krgerschen Wagen nich seihn, de Kalesch' vorm Burgtor?

Jewoll, Herr Kunsel! De is kamen. De is doar unnerwarts upp Herr Kunsel
sin Hoff ruppfoahrn...

Schn; denn loop mal fixing hin, Smolt, un seg tau Jochen, hei sall mal
'n beeten rannerkommen; sin Herr will naa Hus.

Jewoll, Herr Kunsel! ... Und indem er seine Mtze auf den Kopf warf
und den Lederschirm ganz tief in die Augen zog, lief Corl Smolt mit
breitspurigen, wiegenden Schritten die Strae hinunter.


Viertes Kapitel

Als Konsul Buddenbrook mit Siegismund Gosch in die Versammlung
zurckkehrte, bot der Saal ein behaglicheres Bild als vor einer
Viertelstunde. Er war von zwei groen Paraffinlampen erleuchtet, die auf
dem Wortfhrertisch standen, und in ihrem gelben Licht saen und standen
die Herren beieinander, gossen sich Flaschenbier in blanke Seidel,
stieen an und plauderten geruschvoll in frhlichster Stimmung. Frau
Suerkringel, die Witwe Suerkringel war dagewesen, sie hatte sich
treuherzig ihrer eingeschlossenen Gste angenommen, mit beredten Worten,
da die Belagerung ja noch lange dauern knne, eine kleine Strkung in
Vorschlag gebracht und sich die erregten Zeiten zunutze gemacht, um eine
bedeutende Quantitt ihres hellen und ziemlich spiritusen Bieres
abzusetzen. Soeben, beim Wiedereintritt der beiden Unterhndler,
schleppte der Hausknecht in Hemdrmeln und mit wohlmeinendem Lcheln
einen neuen Vorrat von Flaschen herbei, und obgleich der Abend
vorgeschritten, obgleich es zu spt war, der Verfassungsrevision noch
Aufmerksamkeit zu schenken, war niemand geneigt, schon jetzt dies
Beisammensein zu unterbrechen und nach Hause zu gehen. Mit dem Kaffee
war es in jedem Fall fr heute vorbei...

Nachdem der Konsul mehrere Hndedrcke entgegengenommen, die ihn zu
seinem Erfolge beglckwnschten, begab er sich ohne Verzug zu seinem
Schwiegervater. Lebrecht Krger schien der einzige zu sein, dessen
Stimmung sich nicht verbessert hatte. Hoch, kalt und abweisend sa er an
seinem Platze und antwortete auf den Bericht, in diesem Augenblick fahre
der Wagen vor, mit hhnischer Stimme, die vor Erbitterung mehr als vor
Greisenalter zitterte: Beliebt der Pbel, mich in mein Haus
zurckkehren zu lassen?

Mit steifen Bewegungen, die nicht im entferntesten an die scharmanten
Gesten gemahnten, die man sonst an ihm kannte, lie er sich den
Pelzmantel um die Schultern legen und schob, da der Konsul sich erbot,
ihn zu begleiten, mit einem nachlssigen _merci_ seinen Arm unter den
seines Schwiegersohnes.

Die majesttische Kalesche, mit zwei groen Laternen am Bock, hielt vor
der Tr, woselbst man nun zur herzlichen Genugtuung des Konsuls begann,
die Lampen in Brand zu setzen, und die beiden stiegen ein. Steil, stumm,
ohne sich zurckzulehnen, mit halb geschlossenen Augen sa Lebrecht
Krger, die Wagendecke ber den Knien, zur Rechten des Konsuls, whrend
der Wagen durch die Straen rollte, und unter den kurzen Spitzen seines
weien Schnurrbartes liefen seine abwrts gezogenen Mundwinkel in zwei
senkrechte Falten aus, die sich bis zum Kinn hinunterzogen. Der Grimm
ber die erlittene Demtigung zehrte und nagte in ihm. Matt und kalt
blickte er auf das leere Polster ihm gegenber.

In den Straen ging es lebhafter zu als an einem Sonntagabend.
Augenscheinlich herrschte Feststimmung. Das Volk, entzckt ber den
glcklichen Verlauf der Revolution, zog wohlgelaunt umher. Es wurde
sogar gesungen. Hie und da schrien Jungen Hurra! wenn der Wagen
vorberfuhr, und warfen ihre Mtzen in die Luft.

Ich glaube wahrhaftig, Sie lassen sich die Sache zu nahegehn, Vater,
sagte der Konsul. Wenn man bedenkt, was fr eine Narrensposse das Ganze
war ... Eine Farce... Und um irgendeine Antwort und uerung des Alten
zu erlangen, fing er an, lebhaft ber die Revolution im allgemeinen zu
sprechen ... Wenn die besitzlose Menge zu der Erkenntnis gelangte, wie
wenig sie in diesen Zeiten ihrer eigenen Sache dient ... Ach, mein Gott,
es ist berall das nmliche! Ich hatte heute nachmittag ein kurzes
Gesprch mit dem Makler Gosch, diesem wunderlichen Manne, der alles mit
den Augen eines Poeten und Stckeschreibers betrachtet ... Sehen Sie,
Schwiegervater, die Revolution ist in Berlin an sthetischen Teetischen
vorbereitet worden ... Dann hat das Volk die Sache ausgefochten und
seine Haut zu Markte getragen ... Wird es auf seine Kosten kommen?

Sie tten gut, das Fenster an Ihrer Seite zu ffnen, sagte Herr
Krger.

Johann Buddenbrook warf ihm einen raschen Blick zu und lie eilig die
Glasscheibe nieder.

Fhlen Sie sich nicht ganz wohl, lieber Vater? fragte er besorgt...

Nein. Durchaus nicht, antwortete Lebrecht Krger streng.

Sie haben einen Imbi und Ruhe ntig, sagte der Konsul, indem er, um
irgend etwas zu tun, die Felldecke fester um die Knie seines
Schwiegervaters zog.

Pltzlich -- die Equipage rasselte durch die Burgstrae -- geschah etwas
Erschreckendes. Als nmlich der Wagen, fnfzehn Schritte etwa von dem in
Halbdunkel getauchten Gemuer des Tores, eine Ansammlung lrmender und
vergngter Gassenjungen passierte, flog durch das offene Fenster ein
Stein herein. Es war ein ganz harmloser Feldstein, kaum von der Gre
eines Hhnereies, der, zur Feier der Revolution von der Hand irgendeines
Krischan Snut oder Heine Vo geschleudert, sicherlich nicht bse gemeint
und wahrscheinlich gar nicht nach dem Wagen gezielt worden war. Lautlos
kam er durchs Fenster herein, prallte lautlos gegen Lebrecht Krgers von
dickem Pelze bedeckte Brust, rollte ebenso lautlos an der Felldecke
hinab und blieb am Boden liegen.

Tppische Flegelei! sagte der Konsul rgerlich. Ist man denn heute
abend aus Rand und Band?... Aber er hat Sie nicht verletzt, wie,
Schwiegervater?

Der alte Krger schwieg, er schwieg bengstigend. Es war zu dunkel im
Wagen, um den Ausdruck seines Gesichtes zu unterscheiden. Gerader,
hher, steifer noch, denn zuvor, sa er, ohne das Rckenpolster zu
berhren. Dann aber kam es ganz tief aus ihm heraus ... langsam, kalt
und schwer, ein einziges Wort: =Die Canaille.=

Aus Besorgnis, ihn noch mehr zu reizen, antwortete der Konsul nicht. Der
Wagen rollte mit hallendem Gerusch durch das Tor und befand sich drei
Minuten spter in der breiten Allee vor dem mit vergoldeten Spitzen
versehenen Gatter, welches das Krgersche Besitztum begrenzte. Zu beiden
Seiten der breiten Gartenpforte, die den Eingang zu einer mit Kastanien
besetzten Anfahrt zur Terrasse bildete, brannten hell zwei Laternen mit
vergoldeten Knpfen auf ihren Deckeln. Der Konsul entsetzte sich, als er
hier in das Gesicht seines Schwiegervaters sah. Es war gelb und von
schlaffen Furchen zerrissen. Der kalte, feste und verchtliche Ausdruck,
den der Mund bis dahin bewahrt, hatte sich zu einer schwachen, schiefen,
hngenden und blden Greisengrimasse verzerrt ... Der Wagen hielt an der
Terrasse.

Helfen Sie mir, sagte Lebrecht Krger, obgleich der Konsul, der zuerst
ausgestiegen war, schon die Felldecke zurckwarf und ihm Arm und
Schulter als Sttze darbot. Er fhrte ihn auf dem Kiesboden langsam die
wenigen Schritte bis zu der weiglnzenden Freitreppe, die zum
Speisezimmer emporfhrte. Am Fue der Stufen knickte der Greis in die
Knie. Der Kopf fiel so schwer auf die Brust, da der hngende
Unterkiefer mit klapperndem Gerusch gegen den oberen schlug. Die Augen
verdrehten sich und brachen...

Lebrecht Krger, der _ la mode_-Kavalier, war bei seinen Vtern.


Fnftes Kapitel

Ein Jahr und zwei Monate spter, an einem schneedunstigen Januarmorgen
des Jahres 1850, saen Herr und Madame Grnlich nebst ihrem kleinen
dreijhrigen Tchterchen in dem mit hellbraunfarbigem Holze getfelten
Speisezimmer auf Sthlen, von denen ein jeder 25 Kurantmark gekostet
hatte, beim ersten Frhstck.

Die Scheiben der Fenster waren vor Nebel beinahe undurchsichtig;
verschwommen gewahrte man nackte Bume und Strucher dahinter. In dem
grnglasierten niedrigen Ofen, der in einem Winkel stand -- neben der
offenen Tr, die ins Penseezimmer fhrte, woselbst man Blattgewchse
erblickte -- knisterte die rote Glut und erfllte den Raum mit einer
sanften, ein wenig riechenden Wrme. An der entgegengesetzten Seite
gestatteten halb zurckgeschlagene grne Tuchportieren den Durchblick in
den braunseidenen Salon und auf eine hohe Glastr, deren Ritzen mit
wattierten Rollen verstopft waren und hinter der eine kleine Terrasse
sich in dem weigrauen, undurchsichtigen Nebel verlor. Seitwrts fhrte
ein dritter Ausgang auf den Korridor.

Der schneeweie gewirkte Damast auf dem runden Tische war von einem
grngestickten Tischlufer durchzogen und bedeckt mit goldgerndertem
und so durchsichtigem Porzellan, da es hie und da wie Perlmutter
schimmerte. Eine Teemaschine summte. In einem dnnsilbernen, flachen
Brotkorb, der die Gestalt eines groen, gezackten, leicht gerollten
Blattes hatte, lagen Rundstcke und Schnitten von Milchgebck. Unter
einer Kristallglocke trmten sich kleine, geriefelte Butterkugeln, unter
einer anderen waren verschiedene Arten von Kse, gelber,
grnmarmorierter und weier sichtbar. Es fehlte nicht an einer Flasche
Rotwein, welche vor dem Hausherrn stand, denn Herr Grnlich frhstckte
warm.

Mit frisch frisierten Favoris und einem Gesicht, das um diese
Morgenstunde besonders rosig erschien, sa er, den Rcken dem Salon
zugewandt, fertig angekleidet, in schwarzem Rock und hellen,
grokarierten Beinkleidern, und verspeiste nach englischer Sitte ein
leicht gebratenes Kotelett. Seine Gattin fand dies zwar vornehm,
auerdem aber auch in so hohem Grade widerlich, da sie sich niemals
hatte entschlieen knnen, ihr gewohntes Brot- und Eifrhstck dagegen
einzutauschen.

Tony war im Schlafrock; sie schwrmte fr Schlafrcke. Nichts erschien
ihr vornehmer als ein elegantes Neglig, und da sie sich im Elternhause
dieser Leidenschaft nicht hatte berlassen drfen, frnte sie ihr nun
als verheiratete Frau desto eifriger. Sie besa drei dieser schmiegsamen
und zarten Kleidungsstcke, bei deren Herstellung mehr Geschmack,
Raffinement und Phantasie entfaltet werden kann, als bei einer
Balltoilette. Heute aber trug sie das dunkelrote Morgenkleid, dessen
Farbe genau mit dem Tone der Tapete ber der Holztfelung bereinstimmte
und dessen grogeblmter Stoff, weicher als Watte, berall mit einem
Sprhregen ganz winziger Glasperlchen von derselben Frbung durchwirkt
war ... Eine gerade und dichte Reihe von roten Sammetschleifen lief vom
Halsverschlu bis zum Saume hinunter.

Ihr starkes aschblondes Haar, mit einer dunkelroten Sammetschleife
geschmckt, war ber der Stirn gelockt. Obgleich, wie sie selbst wohl
wute, ihr ueres seinen Hhepunkt bereits erreicht hatte, war der
kindliche, naive und kecke Ausdruck ihrer etwas hervorstehenden
Oberlippe derselbe geblieben wie ehemals. Die Lider ihrer graublauen
Augen waren vom kalten Wasser gertet. Ihre Hnde, die weien, ein wenig
kurzen, aber feingegliederten Hnde der Buddenbrooks, deren zarte
Gelenke von den Sammetrevers der rmel weich umschlossen wurden,
handhabten Messer, Lffel und Tasse mit Bewegungen, die heute aus
irgendeinem Grunde ein wenig abrupt und hastig waren.

Neben ihr, in einem turmartigen Kinderstuhl und bekleidet mit einem aus
dicker hellblauer Wolle gestrickten, formlosen und drolligen Rckchen,
sa die kleine Erika, ein wohlgenhrtes Kind mit kurzen hellblonden
Locken. Sie hielt mit beiden Hndchen eine groe Tasse umklammert, in
der ihr Gesichtchen vllig verschwand, und schluckte ihre Milch, indem
sie hie und da kleine, hingebende Seufzer vernehmen lie.

Hierauf klingelte Frau Grnlich, und Thinka, das Folgmdchen, trat vom
Korridor ein, um das Kind aus dem Turm zu heben und es hinauf in die
Spielstube zu tragen.

Du kannst sie eine halbe Stunde drauen spazierenfahren, Thinka, sagte
Tony. Aber nicht lnger, und in der dickeren Jacke, hrst du?... Es
nebelt. -- Sie blieb mit ihrem Gatten allein.

Du machst dich ja lcherlich, sagte sie nach einigem Stillschweigen,
indem sie ersichtlich ein unterbrochenes Gesprch wieder aufnahm ...
Hast du Gegengrnde? Gib doch Gegengrnde an!... Ich =kann= mich nicht
immer um das Kind bekmmern...

Du bist nicht kinderlieb, Antonie.

Kinderlieb ... kinderlieb ... Es fehlt mir an Zeit! Der Haushalt nimmt
mich in Anspruch! Ich wache mit zwanzig Gedanken auf, die tagsber
auszufhren sind, und gehe mit vierzig zu Bett, die noch nicht
ausgefhrt sind...

Es sind zwei Mdchen da. Eine so junge Frau...

Zwei Mdchen, gut. Thinka hat abzuwaschen, zu putzen, reinzumachen, zu
bedienen. Die Kchin ist ber und ber beschftigt. Du it schon am
frhen Morgen Koteletts ... Denke doch nach, Grnlich! Erika mu ber
kurz oder lang jedenfalls eine Bonne, eine Erzieherin haben...

Es entspricht nicht unseren Verhltnissen, ihr schon jetzt ein eigenes
Kindermdchen zu halten.

Unseren Verhltnissen!... O Gott, du =machst= dich lcherlich! Sind wir
denn Bettler? Sind wir gezwungen, uns das Notwendigste abgehen zu
lassen? Meines Wissens habe ich dir achtzigtausend Mark in die Ehe
gebracht...

Ach, mit deinen achtzigtausend!

Gewi!... Du sprichst geringschtzig davon ... Es kam dir nicht darauf
an ... Du hast mich aus Liebe geheiratet ... Gut. Aber liebst du mich
berhaupt noch? Du gehst ber meine berechtigten Wnsche hinweg. Das
Kind soll kein Mdchen haben ... Von dem Coup, das uns ntig ist, wie
das tgliche Brot, ist berhaupt keine Rede mehr ... Warum lt du uns
dann bestndig auf dem Lande wohnen, wenn es unseren =Verhltnissen=
nicht =entspricht=, einen Wagen zu halten, in dem wir anstndigerweise
in Gesellschaft fahren knnen? Warum siehst du es niemals gern, da ich
in die Stadt komme?... Am liebsten mchtest du, da wir uns hier ein fr
alle Male vergrben und da ich keinen Menschen mehr zu Gesichte bekme.
Du bist sauertpfig!

Herr Grnlich go sich Rotwein ins Glas, erhob die Kristallglocke und
ging zum Kse ber. Er antwortete durchaus nicht.

Liebst du mich berhaupt noch? wiederholte Tony ... Dein Schweigen
ist so ungezogen, da ich mir sehr wohl erlauben darf, dich an einen
gewissen Auftritt in unserem Landschaftszimmer zu erinnern ... Damals
machtest du eine andere Figur!... Vom ersten Tage an hast du nur abends
bei mir gesessen, und das nur, um die Zeitung zu lesen. Anfangs nahmst
du wenigstens einige Rcksicht auf meine Wnsche. Aber seit langer Zeit
ist es auch damit zu Ende. Du vernachlssigst mich!

Und du? Du ruinierst mich.

Ich?... Ich ruiniere dich...

Ja. Du ruinierst mich mit deiner Trgheit, deiner Sucht nach Bedienung
und Aufwand...

Oh! wirf mir nicht meine gute Erziehung vor! Ich habe bei meinen Eltern
nicht ntig gehabt, einen Finger zu rhren. Jetzt habe ich mich mhsam
in den Haushalt einleben mssen, aber ich kann verlangen, da du mir
nicht die einfachsten Hilfsmittel verweigerst. Vater ist ein reicher
Mann; er konnte nicht erwarten, da es mir jemals an Personal fehlen
wrde...

Dann warte mit dem dritten Mdchen, bis dieser Reichtum uns etwas
ntzt.

Willst du etwa Vaters Tod wnschen?!... Ich sage, da wir vermgende
Leute sind, da ich nicht mit leeren Hnden zu dir gekommen bin...

Obgleich Herr Grnlich im Kauen begriffen war, lchelte er; er lchelte
berlegen, wehmtig und schweigend. Dies verwirrte Tony.

Grnlich, sagte sie ruhiger ... Du lchelst, du sprichst von unseren
Verhltnissen ... Tusche ich mich ber die Lage? Hast du schlechte
Geschfte gemacht? Hast du...

In diesem Augenblicke geschah ein Klopfen, ein kurzer Trommelwirbel
gegen die Korridortr, und Herr Kesselmeyer trat ein.


Sechstes Kapitel

Herr Kesselmeyer kam als Hausfreund unangemeldet, ohne Hut und Paletot
in die Stube und blieb an der Tre stehen. Sein ueres entsprach
durchaus der Beschreibung, die Tony in einem Briefe an ihre Mutter davon
gemacht hatte. Er war von leicht untersetzter Gestalt und weder dick
noch dnn. Er trug einen schwarzen und schon etwas blanken Rock,
ebensolche Beinkleider, die eng und kurz waren und eine weie Weste, auf
der sich eine lange dnne Uhrkette mit zwei oder drei Kneiferschnren
kreuzte. Von seinem roten Gesicht hob sich scharf der geschorene weie
Backenbart ab, der die Wangen bedeckte und Kinn und Lippen frei lie.
Sein Mund war klein, beweglich, drollig und enthielt lediglich im
Unterkiefer zwei Zhne. Whrend Herr Kesselmeyer, die Hnde in seinen
senkrechten Hosentaschen vergraben, konfus, abwesend und nachdenklich
stehenblieb, setzte er diese beiden gelben, kegelfrmigen Eckzhne auf
die Oberlippe. Die weien und schwarzen Flaumfedern auf seinem Kopfe
flatterten leise, obgleich nicht der geringste Lufthauch fhlbar war.

Endlich zog er die Hnde hervor, bckte sich, lie die Unterlippe hngen
und befreite mhselig ein Kneiferband aus der allgemeinen Verwicklung
auf seiner Brust. Dann hieb er sich das Pincenez mit einem Schlag auf
die Nase, wobei er die abenteuerlichste Grimasse schnitt, musterte das
Ehepaar und bemerkte: Ahah.

Es ist, da er diese Redewendung auerordentlich oft gebrauchte, sofort
zu bemerken, da er sie in sehr verschiedener und sehr eigenartiger
Weise hervorzubringen pflegte. Er konnte sie mit zurckgelegtem Kopf,
krausgezogener Nase, weit offenem Munde und in der Luft umherfuchtelnden
Hnden mit einem langgezogenen, nasalen und metallischen Klange ertnen
lassen, der an den Gesang eines chinesischen Gongs erinnerte ... und er
konnte sie, andererseits und abgesehen von vielen Nuancen, ganz kurz,
beilufig und sanft beiseite werfen, was sich vielleicht noch drolliger
ausnahm; denn er sprach ein sehr getrbtes und nselndes A. Heute lie
er ein flchtiges, heiteres und von einem kleinen krampfhaften
Kopfschtteln begleitetes Ahah verlauten, das aus einer ungeheuer
frhlichen Gemtsstimmung hervorzugehen schien ... und doch durfte dem
nicht getraut werden, denn es bestand die Tatsache, da der Bankier
Kesselmeyer sich desto lustiger benahm, in je gefhrlicherer Laune er
sich befand. Wenn er mit tausend Ahahs umhersprang, den Kneifer auf die
Nase hieb und wieder fallen lie, mit den Armen flatterte, schwatzte und
sich vor bermiger Albernheit ersichtlich nicht zu lassen wute, so
konnte man sicher sein, da die Bosheit an seinem Inneren zehrte ...
Herr Grnlich sah ihn blinzelnd und mit unverhohlenem Mitrauen an.

Schon so frh? fragte er...

Jaha... antwortete Herr Kesselmeyer und schttelte eine seiner
kleinen, roten, runzligen Hnde in der Luft, als wollte er sagen:
Gedulde dich nur, es gibt eine berraschung!... Ich habe mit Ihnen zu
reden! Unverzglich zu reden mit Ihnen, mein Lieber! Er sprach hchst
lcherlich. Er wlzte jedes Wort im Munde umher und gab es mit
unsinnigem Kraftaufwand seines kleinen, zahnarmen, beweglichen Mundes
von sich. Das R rollte er in einer Weise, als sei sein Gaumen gefettet.
Herrn Grnlichs Blinzeln wurde noch mitrauischer.

Kommen Sie her, Herr Kesselmeyer, sagte Tony. Setzen Sie sich hin. Es
ist hbsch, da Sie kommen ... Passen Sie mal auf. Sie sollen
Schiedsrichter sein. Ich habe eben einen Streit mit Grnlich gehabt ...
Nun sagen Sie mal: Mu ein dreijhriges Kind ein Kindermdchen haben
oder nicht! Nun?...

Allein Herr Kesselmeyer schien gar nicht auf sie zu achten. Er hatte
Platz genommen, kraute, indem er seinen winzigen Mund so weit wie nur
immer mglich ffnete und die Nase in Falten legte, mit einem
Zeigefinger seinen geschorenen Backenbart, was ein nervs machendes
Gerusch ergab, und musterte ber das Pincenez hinweg mit unsglich
frhlicher Miene den eleganten Frhstckstisch, den silbernen Brotkorb,
die Etikette der Rotweinflasche...

Nmlich, fuhr Tony fort, Grnlich behauptet, ich ruiniere ihn!

Hier blickte Herr Kesselmeyer sie an ... und dann blickte er Herrn
Grnlich an ... und dann brach er in ein unerhrtes Gelchter aus! Sie
ruinieren ihn...? rief er. Sie ... ruin ... Sie ... Sie ruinieren ihn
also?... O Gott! Ach Gott! Du liebe Zeit!... Das ist spahaft!... Das
ist hchst, hchst, =hchst= spahaft! Worauf er sich einer Flut von
unterschiedlichen Ahahs berlie.

Herr Grnlich rckte sichtlich nervs auf seinem Stuhl hin und her.
Abwechselnd fuhr er mit seinem langen Zeigefinger zwischen Kragen und
Hals und lie hastig seine goldgelben Favoris durch die Hnde
gleiten...

Kesselmeyer! sagte er. Fassen Sie sich doch! Sind Sie von Sinnen?
Hren Sie doch auf zu lachen! Wollen Sie Wein haben? Wollen Sie eine
Zigarre haben? Worber lachen Sie eigentlich?

Worber ich lache?... Ja, geben Sie mir ein Glas Wein, geben Sie mir
eine Zigarre ... Worber ich lache? Sie finden also, da Ihre Frau
Gemahlin Sie ruiniert?

Sie ist allzu luxuris veranlagt, sagte Herr Grnlich rgerlich.

Tony bestritt dies durchaus nicht. Ganz ruhig zurckgelehnt, die Hnde
im Schoe, auf den Sammetschleifen ihres Schlafrockes, sagte sie mit
keck hervorgeschobener Oberlippe: Ja ... So bin ich einmal. Das ist
klar. Ich habe es von Mama. Alle Krgers haben immer Hang zum Luxus
gehabt.

Sie wrde mit der gleichen Ruhe erklrt haben, da sie leichtsinnig,
jhzornig, rachschtig sei. Ihr ausgeprgter Familiensinn entfremdete
sie nahezu den Begriffen des freien Willens und der Selbstbestimmung und
machte, da sie mit einem beinahe fatalistischen Gleichmut ihre
Eigenschaften feststellte und anerkannte ... ohne Unterschied und ohne
den Versuch, sie zu korrigieren. Sie war, ohne es selbst zu wissen, der
Meinung, da jede Eigenschaft, gleichviel welcher Art, ein Erbstck,
eine Familientradition bedeute und folglich etwas Ehrwrdiges sei, wovor
man in jedem Falle Respekt haben msse.

Herr Grnlich hatte fertig gefrhstckt, und der Duft der beiden
Zigarren vermischte sich mit dem warmen Ofendunst.

Haben Sie Luft, Kesselmeyer? fragte der Hausherr ... Nehmen Sie eine
andere. Ich schenke Ihnen noch ein Glas Rotwein ein ... Sie wollen also
mit mir reden? Ist es eilig? Von Belang?... Finden Sie es vielleicht zu
warm hier?... Wir fahren nachher zusammen zur Stadt ... Im Rauchzimmer
ist es brigens khler... Aber zu allen diesen Bemhungen schttelte
Herr Kesselmeyer lediglich eine Hand in der Luft, als wollte er sagen:
Das fhrt zu nichts, mein Lieber!

Endlich erhob man sich, und whrend Tony im Speisezimmer verblieb, um
das Folgmdchen beim Abdecken zu berwachen, fhrte Herr Grnlich
seinen Geschftsfreund durch das Penseezimmer. Indem er die Spitze
seines linken Backenbartes nachdenklich zwischen den Fingern drehte,
schritt er geneigten Hauptes voran; mit den Armen rudernd, verschwand
Herr Kesselmeyer hinter ihm im Rauchzimmer.

Zehn Minuten verstrichen. Tony hatte sich auf einen Augenblick in den
Salon begeben, um persnlich mit einem bunten Federbschel ber die
glnzende Nuholzplatte des winzigen Sekretrs und die geschweiften
Beine des Tisches zu fahren, und ging nun langsam durch das Ezimmer ins
Wohngemach hinber. Sie schritt ruhig und mit unverkennbarer Wrde.
Demoiselle Buddenbrook hatte als Madame Grnlich ersichtlich an
Selbstbewutsein nichts eingebt. Sie hielt sich beraus aufrecht,
drckte das Kinn ein wenig auf die Brust und betrachtete die Dinge von
oben herab. In der einen Hand den zierlichen lackierten Schlsselkorb,
die andere leichthin in die Seitentasche ihres dunkelroten Schlafrockes
geschoben, lie sie sich ernsthaft von den langen, weichen Falten
umspielen, whrend doch der naive und unwissende Ausdruck ihres Mundes
verriet, da diese ganze Wrde etwas unendlich Kindliches, Harmloses und
Spielerisches war.

Im Penseezimmer bewegte sie sich mit der kleinen messingnen Brause
umher, um die schwarze Erde der Blattgewchse zu trnken. Sie liebte
ihre Palmen sehr, die so prachtvoll zur Vornehmheit der Wohnung
beitrugen. Sie betastete behutsam einen jungen Trieb an einem der
dicken, runden Schfte, prfte zrtlich die majesttisch entfalteten
Fcher und entfernte hie und da eine gelbe Spitze mit der Schere ...
Pltzlich horchte sie auf. Die Unterredung im Rauchzimmer, die schon
seit mehreren Minuten einen lebhaften Klang angenommen hatte, ward jetzt
so laut, da man hier drinnen jedes Wort verstand, obgleich die Tre
stark und die Portiere schwer war.

Schreien Sie doch nicht! Migen Sie sich doch, Gott im Himmel! hrte
man Herrn Grnlich rufen, dessen weiche Stimme die beranstrengung nicht
vertragen konnte und sich daher quiekend berschlug ... Nehmen Sie doch
noch eine Zigarre! setzte er dann mit verzweifelter Milde hinzu.

Ja, mit dem gresten Vergngen, danke sehr, antwortete der Bankier,
worauf eine Pause eintrat, whrend derer Herr Kesselmeyer sich wohl
bediente. Hierauf sagte er: Kurz und gut, wollen Sie nun oder wollen
Sie nicht, eins von beidem!

Kesselmeyer, prolongieren Sie!

Ahah? Na...hein, =nein=, mein Lieber, keineswegs, davon ist berhaupt
nicht die Rede...

Warum nicht? Was ficht Sie an? Seien Sie doch verstndig um des Himmels
willen! Haben Sie so lange gewartet...

Keinen Tag lnger, mein Lieber! Ja, sagen wir acht Tage, aber keine
Stunde lnger! Verlt sich denn noch irgend jemand auf...

Keinen Namen, Kesselmeyer!

Keinen Namen ... schn. Verlt sich noch irgend jemand auf Ihren
wohllblichen Herrn Schw...

Keine Bezeichnung...! Allmchtiger Gott, seien Sie doch nicht albern!

Schn, keine Bezeichnung! Verlt sich noch irgend jemand auf die
bewute Firma, mit der Ihr Kredit steht und fllt, mein Lieber? Wieviel
hat sie verloren bei dem Bankerott in Bremen? Fnfzigtausend?
Siebzigtausend? Hunderttausend? Noch mehr? Da sie engagiert war, ganz
ungeheuer engagiert war, das wissen die Spatzen auf den Dchern ...
Dergleichen ist Stimmungssache. Gestern war ... schn, keinen Namen!
Gestern war die bewute Firma gut und schtzte Sie unbewut vollkommen
vor Bedrngnis ... Heute ist sie flau, und B. Grnlich ist
fluer-am-fluesten ... das ist doch klar? Merken Sie es denn nicht? Sie
sind doch der erste, der solche Schwankungen zu fhlen hat ... Wie
begegnet man Ihnen denn? Wie sieht man Sie denn an? Bock und Goudstikker
sind wohl ungeheuer zuvorkommend und vertrauensvoll? Wie benimmt sich
denn die Kreditbank?

Sie prolongiert.

Ahah? Sie lgen ja? Ich wei ja, da sie Ihnen schon gestern einen
Tritt versetzt hat? Einen hchst, hchst aufmunternden Tritt?... Nun
sehen Sie mal!... Aber schmen Sie sich nur nicht. Es liegt natrlich in
Ihrem Interesse, mir weiszumachen, da die anderen nach wie vor ruhig
und sicher sind ... Na -- hein, mein Lieber! Schreiben Sie dem Konsul.
Ich warte eine Woche.

Eine Abschlagssumme, Kesselmeyer!

Abschlagssumme her und hin! Abschlagssummen lt man sich erlegen, um
sich vorderhand von jemandes Zahlungsfhigkeit zu berzeugen! Habe ich
das Bedrfnis, =darber= Experimente anzustellen? Ich wei doch
wundervoll Bescheid, wie es mit =Ihrer= Zahlungsfhigkeit bestellt ist!
Ha-ahah ... Abschlagssumme finde ich hchst, hchst spahaft...

Migen Sie doch Ihre Stimme, Kesselmeyer! Lachen Sie doch nicht
fortwhrend so gottverflucht! Meine Lage ist so ernst ... ja, ich
gestehe, sie ist ernst; aber ich habe soundso viele Geschfte in der
Schwebe ... Alles kann sich zum Guten wenden. Hren Sie, passen Sie auf:
Prolongieren Sie, und ich unterschreibe Ihnen 20 Prozent...

Nichtsda, nichtsda ... hchst lcherlich, mein Lieber! Na-hein, ich bin
ein Freund des Verkaufs zur rechten Zeit! Sie haben mir 8 Prozent
geboten, und ich habe prolongiert. Sie haben mir 12 und 16 Prozent
geboten, und ich habe jedesmal prolongiert. Jetzt knnten Sie mir 40
bieten, und ich wrde nicht denken an Prolongation, nicht einmal daran
denken, mein Lieber!... Seit Gebrder Westfahl in Bremen auf die Nase
fielen, sucht fr den Augenblick jeder seine Interessen von der bewuten
Firma abzuwickeln und sich sicherzustellen ... Wie gesagt, ich bin fr
rechtzeitigen Verkauf. Ich habe Ihre Unterschriften behalten, solange
Johann Buddenbrook zweifellos gut war ... mittlerweile konnte ich ja die
rckstndigen Zinsen zum Kapitale schlagen und Ihnen die Prozente
steigern! Aber man behlt eine Sache doch nur so lange, als sie steigt
oder wenigstens solide feststeht ... wenn sie anfngt zu fallen, so
verkauft man ... will sagen, ich verlange mein Kapital.

Kesselmeyer, Sie sind schamlos!

A-aha, schamlos finde ich hchst spahaft!... Was wollen Sie berhaupt?
Sie mssen sich ja sowieso an Ihren Schwiegervater wenden! Die
Kreditbank tobt, und im brigen sind Sie doch auch nicht grade
fleckenlos...

Nein, Kesselmeyer ... ich beschwre Sie, hren Sie jetzt mal ruhig
zu!... Ja, ich bin offen, ich gestehe Ihnen unumwunden, meine Lage ist
ernst. Sie und die Kreditbank sind ja nicht die einzigen ... Es sind mir
Wechsel vorgelegt worden ... Alles scheint sich verabredet zu haben...

Selbstverstndlich. Unter diesen Umstnden ... Aber da ist es doch ein
Aufwaschen...

Nein, Kesselmeyer, hren Sie mich an!... Tun Sie mir doch die Liebe,
noch eine Zigarre zu nehmen...

Ich bin ja mit dieser noch nicht zur Hlfte fertig?! Lassen Sie mich
mit Ihren Zigarren in Ruhe! Bezahlen Sie...

Kesselmeyer, lassen Sie mich jetzt nicht fallen ... Sie sind mein
Freund, Sie haben an meinem Tische gesessen...

Sie vielleicht nicht an meinem, mein Lieber?

Jaja ... aber kndigen Sie mir jetzt Ihren Kredit nicht,
Kesselmeyer...!

Kredit? =Kredit= auch noch? Sind Sie eigentlich bei Troste? Eine neue
Anleihe...?

Ja, Kesselmeyer, ich beschwre Sie ... wenig, eine Kleinigkeit!... Ich
brauche nur nach rechts und links ein paar Aus- und Abschlagszahlungen
zu machen, um mir wieder Respekt und Geduld zu verschaffen ... Halten
Sie mich, und Sie werden ein groes Geschft machen! Wie gesagt, eine
Menge Angelegenheiten befinden sich in der Schwebe ... Alles wird sich
zum Guten wenden ... Sie wissen, ich bin rege und findig...

Ja, ein Geck, ein Tapps sind Sie, mein Lieber! Wollen Sie nicht die
bergroe Gte haben, mir zu sagen, was Sie jetzt noch ausfindig machen
wollen?... Vielleicht irgendwo in der weiten Welt eine Bank, die Ihnen
auch nur einen Silbergroschen auf den Tisch legt? Oder noch einen
Schwiegervater?... Ach nein ... Ihren Hauptcoup haben Sie doch wohl
hinter sich! Dergleichen machen Sie nicht noch einmal! Alle Achtung!
Na-hein, meine hchste Anerkennung...

Sprechen Sie doch leiser in Teufels Namen...

Ein Geck sind Sie! Rege und findig ... ja, aber immer nur zugunsten
anderer Leute! Sie sind gar nicht skrupuls, und doch haben Sie noch
niemals Vorteile davon gehabt. Sie haben Spitzbbereien begangen, Sie
haben sich Kapital ergaunert, nur um mir statt 12 Prozent 16 zu zahlen.
Sie haben Ihre ganze Ehrlichkeit ber Bord geworfen, ohne den geringsten
Nutzen davon zu haben. Sie haben ein Gewissen wie ein Schlachterhund und
sind doch ein Pechvogel, ein Tropf, ein armer Narr! Es gibt solche
Leute; sie sind hchst, hchst spahaft!... Warum haben Sie eigentlich
solche Angst, sich endgltig mit der ganzen Geschichte an den Bewuten
zu wenden? Weil Sie sich nicht ganz wohl dabei fhlen? Weil es damals
vor vier Jahren nicht alles in Ordnung war? nicht alles ganz suberlich
zugegangen ist, wie? Frchten Sie, da gewisse Dinge...

Gut, Kesselmeyer, ich werde schreiben. Aber wenn er sich weigert? Wenn
er mich fallen lt?...

Oh ... aha! Dann machen wir einen kleinen Bankerott, ein hchst
spahaftes Bankerttchen, mein Lieber! Das ficht mich gar nicht an,
nicht im allermindesten! Ich persnlich bin durch die Zinsen, die Sie
hie und da zusammengekratzt haben, schon ungefhr auf meine Kosten
gekommen ... und bei der Konkursmasse habe ich die Vorhand, mein Teurer
... Und passen Sie auf, ich werde nicht zu kurz kommen. Ich wei hier
Bescheid bei Ihnen, mein Verehrter! Ich habe die Inventaraufnahme schon
zum voraus in der Tasche ... aha! ich werde schon dafr sorgen, da auch
kein silbernes Brotkrbchen und kein Schlafrock beiseite geschafft
wird...

Kesselmeyer, Sie haben an meinem Tische gesessen...

Lassen Sie mich mit Ihrem Tische in Ruhe!... In acht Tagen hole ich mir
Antwort. Ich =gehe= zur Stadt; ein bichen Bewegung wird mir ungeheuer
gut tun. Guten Morgen, mein Lieber! Frhlichen guten Morgen...

Und Herr Kesselmeyer schien aufzubrechen; ja, er ging. Man vernahm seine
sonderbaren, schlrfenden Schritte auf dem Korridor und sah ihn im
Geiste mit den Armen rudern...

Als Herr Grnlich ins Penseezimmer trat, stand Tony dort, die messingne
Brause in der Hand, und blickte ihm in die Augen.

Was stehst du ... was starrst du..., sagte er, indem er die Zhne
zeigte, mit den Hnden vage Bewegungen in der Luft beschrieb und den
Oberkrper hin und her wiegte. Sein rosiges Gesicht besa nicht die
Fhigkeit, vllig bleich zu werden. Es war rot gefleckt, wie das eines
Scharlachkranken.


Siebentes Kapitel

Der Konsul Johann Buddenbrook traf nachmittags um 2 Uhr in der Villa
ein; im grauen Reisemantel betrat er den Salon der Grnlichs und umarmte
mit einer gewissen schmerzlichen Innigkeit seine Tochter. Er war bleich
und schien gealtert. Seine kleinen Augen lagen tief in den Hhlen, seine
Nase sprang scharf und gro zwischen den eingefallenen Wangen hervor,
seine Lippen schienen schmaler geworden zu sein, und sein Bart, den er
neuerdings nicht mehr als zwei gelockte Streifen trug, die von den
Schlfen bis zur Mitte der Wangen liefen, sondern der, halb verdeckt von
den steifen Vatermrdern und der hohen Halsbinde, unterhalb des Kinnes
und der Kinnladen an seinem Halse wuchs, war so stark ergraut wie sein
Haupthaar.

Der Konsul hatte schwere und aufreibende Tage hinter sich. Thomas war an
einer Lungenblutung erkrankt; durch einen Brief des Herrn van der Kellen
war der Vater von dem Unglcksfalle benachrichtigt worden. Er hatte die
Geschfte in den bedchtigen Hnden seines Prokuristen zurckgelassen
und war auf dem krzesten Wege nach Amsterdam geeilt. Es hatte sich
erwiesen, da die Erkrankung seines Sohnes keine unmittelbare Gefahr in
sich schliee, da aber eine Luftkur im Sden, in Sdfrankreich,
dringend ratsam sei, und da es sich gnstig getroffen hatte, da auch
fr den jungen Sohn des Prinzipals eine Erholungsreise geplant worden
war, so hatte er die beiden jungen Leute, sobald Thomas reisefhig war,
gemeinsam nach Pau abreisen lassen.

Kaum nach Hause zurckgekehrt, war er von diesem Schlage getroffen
worden, der sein Haus fr einen Augenblick in seinen Grundfesten
erschttert hatte: diesem Bankerotte in Bremen, bei welchem er auf
einem Brett achtzigtausend Mark verloren hatte ... wodurch? Die auf
Gebr. Westfahl gezogenen, diskontierten Wechsel waren, da die Kufer
ihre Zahlungen eingestellt hatten, auf die Firma zurckgekommen. Nicht
als ob Deckung gefehlt htte; die Firma hatte gezeigt, was sie
vermochte, sofort, ohne Zgern und Verlegenheit vermochte. Dies aber war
kein Hindernis dafr gewesen, da der Konsul all die pltzliche Klte,
die Zurckhaltung, das Mitrauen auszukosten bekommen hatte, welches ein
solcher Unglcksfall, eine solche Schwchung des Betriebskapitals bei
Banken, bei Freunden, bei Firmen im Auslande hervorzurufen pflegt...

Nun, er hatte sich aufgerichtet, hatte alles ins Auge gefat, beruhigt,
geregelt, die Stirne geboten ... Da aber, mitten im Kampf, mitten unter
Depeschen, Briefen, Berechnungen, war noch dies ber ihn
hereingebrochen: Grnlich, B.Grnlich, der Mann seiner Tochter, war
zahlungsunfhig, und in einem langen, verwirrten und unendlich
klglichen Brief erbat, erflehte, erjammerte er eine Aushilfe von
hundert- bis hundertzwanzigtausend Mark! Der Konsul hatte kurz,
oberflchlich und schonend seiner Gattin Mitteilung gemacht, hatte kalt
und unverbindlich geantwortet, er ersuche Herrn Grnlich in Gemeinschaft
mit dem erwhnten Bankier Kesselmeyer um eine Unterredung im Hause des
ersteren, und war abgereist.

Tony empfing ihn im Salon. Sie schwrmte dafr, in dem braunseidenen
Salon Besuch zu empfangen, und da sie, ohne klar zu sehen, eine
durchdringende und feierliche Empfindung von der Wichtigkeit der
gegenwrtigen Lage hatte, so machte sie heute auch mit dem Vater keine
Ausnahme. Sie sah wohl, hbsch und ernsthaft aus und trug ein
hellgraues, auf der Brust und an den Handgelenken mit Spitzen besetztes
Kleid mit Glockenrmeln, stark geschweiftem Reifrock nach neuester Mode
und einer kleinen Brillantspange am Halsverschlu.

Guten Tag, Papa, =endlich= sieht man dich einmal wieder! Wie geht es
Mama?... Hast du gute Nachrichten von Tom?... Lege doch ab, setz' dich
doch, bitte, lieber Papa!... Willst du nicht ein bichen Toilette
machen? Ich habe das Fremdenzimmer oben fr dich herrichten lassen ...
Grnlich macht auch gerade Toilette...

La ihn nur, mein Kind; ich will ihn hier unten erwarten. Du weit, ich
bin zu einer Unterredung mit deinem Mann gekommen ... zu einer sehr,
sehr ernsten Unterredung, meine liebe Tony. Ist Herr Kesselmeyer hier?

Jawohl, Papa, er sitzt im Penseezimmer und besieht das Album...

Wo ist Erika?

Oben, mit Thinka, im Kinderzimmer, es geht ihr gut. Sie badet ihre
Puppe ... natrlich nicht im Wasser ... eine Wachspuppe ... kurzum, sie
tut nur so...

Versteht sich. Der Konsul atmete auf und fuhr fort: Ich kann nicht
annehmen, liebes Kind, da du ber die Lage ... die Lage deines Mannes
unterrichtet bist?

Er hatte sich auf einem der Fauteuils niedergelassen, die den groen
Tisch umgaben, whrend Tony auf einem kleinen Sessel, der drei schrg
bereinander getrmte seidene Kissen darstellte, zu seinen Fen sa.
Die Finger seiner Rechten spielten behutsam mit den Diamanten an ihrem
Halse.

Nein, Papa, antwortete Tony; das mu ich dir gestehen, ich wei gar
nichts. Mein Gott, ich bin eine Gans, weit du, ich habe gar keine
Einsicht! Neulich habe ich ein bichen zugehrt, als Kesselmeyer mit
Grnlich sprach ... Zum Schlusse schien es mir, als ob Herr Kesselmeyer
wieder nur Spa machte ... er redet immer so lcherlich. Ein- oder
zweimal verstand ich deinen Namen...

Du verstandest meinen Namen? In welcher Beziehung?

Nein, von der Beziehung wei ich gar nichts, Papa!... Grnlich war seit
diesem Tage mrrisch ... ja, unausstehlich, das mu ich sagen!... Bis
gestern ... gestern war er sanft gestimmt und fragte zehn- oder
zwlfmal, ob ich ihn liebe, ob ich ein gutes Wort bei dir fr ihn
einlegen wrde, wenn er dich etwas zu bitten htte...

Ah...

Ja ... er teilte mir mit, er habe dir geschrieben, du wrdest kommen
... Gut, da du da bist! Es ist ein bichen unheimlich ... Grnlich hat
den grnen Spieltisch hergerichtet ... es liegen eine Menge Papiere und
Bleistifte darauf ... daran sollst du nachher mit ihm und Kesselmeyer
eine Beratung abhalten...

Hre, mein liebes Kind, sagte der Konsul, indem er mit der Hand ber
ihr Haar strich ... Ich mu dich nun etwas fragen, etwas Ernstes! Sage
mir einmal ... du liebst doch deinen Mann von ganzem Herzen?

Gewi, Papa, sagte Tony mit einem so kindisch heuchlerischen Gesicht,
wie sie es ehemals zustande gebracht, wenn man sie gefragt hatte: Du
wirst nun doch niemals wieder die Puppenliese rgern, Tony?... Der
Konsul schwieg einen Augenblick.

Du liebst ihn doch so, fragte er dann, da du nicht ohne ihn leben
knntest ... unter keinen Umstnden, wie? auch wenn durch Gottes Willen
seine Lage sich ndern sollte, wenn er in Verhltnisse versetzt werden
wrde, die es ihm nicht mehr erlaubten, dich fernerhin mit allen diesen
Dingen zu umgeben...? Und seine Hand beschrieb eine flchtige Bewegung
ber die Mbel und Portieren des Zimmers hin, ber die vergoldete
Stutzuhr auf der Spiegeletagere und endlich ber ihr Kleid hinunter.

Gewi, Papa, wiederholte Tony in dem trstenden Ton, den sie beinahe
immer annahm, wenn jemand ernst zu ihr sprach. Sie blickte an ihres
Vaters Gesicht vorbei aufs Fenster, hinter dem lautlos ein zarter und
dichter Schleierregen sich hernieder bewegte. Ihre Augen waren voll von
einem Ausdruck, wie Kinder ihn annehmen, wenn man beim Mrchenvorlesen
so taktlos ist, eine allgemeine Betrachtung ber Moral und Pflichten
einflieen zu lassen ... einem Mischausdruck von Verlegenheit und
Ungeduld, Frmmigkeit und Verdrossenheit.

Der Konsul betrachtete sie whrend einer Minute stumm und mit
nachdenklichem Blinzeln. War er mit ihrer Antwort zufrieden? Er hatte
daheim und unterwegs alles reiflich erwogen...

Jeder Mensch begreift, da Johann Buddenbrooks erster und aufrichtigster
Beschlu dahin ging, eine Auszahlung irgendwelcher Hhe an seinen
Schwiegersohn nach Krften zu vermeiden. Als er sich aber erinnerte, wie
dringend er, um ein gelindes Wort zu gebrauchen, diese Ehe befrwortet
hatte, als er sich den Blick ins Gedchtnis zurckrief, mit dem das
Kind nach der Hochzeitsfeier von ihm Abschied genommen und ihn gefragt
hatte: Bist du mit mir zufrieden?, da mute er einem ziemlich
niederdrckenden Schuldbewutsein seiner Tochter gegenber Raum geben
und sich sagen, da diese Sache ganz und gar durch ihren Willen
entschieden werden msse. Er wute wohl, da sie in diese Verbindung
nicht aus Grnden der Liebe gewilligt hatte, aber er rechnete mit der
Mglichkeit, da diese vier Jahre, die Gewhnung und die Geburt des
Kindes vieles verndert haben konnten, da Tony sich jetzt ihrem Manne
mit Leib und Seele verbunden fhlen und aus guten christlichen und
weltlichen Grnden jeden Gedanken an eine Trennung zurckweisen konnte.
In diesem Falle, berlegte der Konsul, msse er sich zur Hergabe jeder
Geldsumme bequemen. Zwar verlangten Christenpflicht und Frauenwrde, da
Tony ihrem angetrauten Gatten bedingungslos auch ins Unglck folgte;
wenn sie aber tatschlich diesen Entschlu an den Tag legen wrde, so
fhlte er sich nicht berechtigt, sie fortan alle die Verschnerungen und
Bequemlichkeiten des Lebens, an die sie von Kindesbeinen an gewhnt war,
unverschuldet entbehren zu lassen ... so fhlte er sich verpflichtet,
eine Katastrophe zu verhten und B.Grnlich um jeden Preis zu halten.
Kurz, das Ergebnis seiner Erwgungen war der Wunsch gewesen, seine
Tochter mitsamt ihrem Kinde zu sich zu nehmen und Herrn Grnlich seiner
Wege gehen zu lassen. Mochte Gott dies uerste verhten! Fr jeden Fall
bewegte er den Rechtsparagraphen bei sich, der bei bestehender
Unfhigkeit des Gatten, Frau und Kinder zu ernhren, zur Scheidung
berechtigte. Vor allem aber mute er die Ansichten seiner Tochter
erforschen...

Ich sehe, sagte er, indem er fortfuhr, zrtlich ihr Haar zu
streicheln, ich sehe, mein liebes Kind, da du von guten und
lobenswerten Grundstzen beseelt bist. Allein ... ich kann nicht
annehmen, da du die Dinge betrachtest, wie sie, Gott sei's geklagt,
betrachtet werden mssen: nmlich als Tatsachen. Ich habe dich nicht
gefragt, was du in diesem oder jenem Falle vielleicht tun =wrdest=,
sondern was du jetzt, heute, sogleich tun =wirst=. Ich wei nicht,
inwiefern du die Verhltnisse kennst oder ahnst ... ich habe also die
traurige Pflicht, dir zu sagen, da dein Mann sich gentigt sieht,
seine Zahlungen einzustellen, da er sich geschftlich nicht mehr halten
kann ... ich glaube, du verstehst mich...

Grnlich macht Bankerott...? fragte Tony leise, indem sie sich halb
von ihren Kissen erhob und rasch des Konsuls Hand ergriff...

Ja, mein Kind, sagte er ernst. Du vermutetest das nicht?

Ich habe nichts Bestimmtes vermutet..., stammelte sie. Dann hat
Kesselmeyer also nicht Spa gemacht...? fuhr sie fort, indem sie
schrg vor sich hin auf den braunen Teppich starrte ... =O Gott!=
stie sie pltzlich hervor und sank auf ihren Sitz zurck. Erst in
diesem Augenblick ging alles vor ihr auf, was in dem Worte Bankerott
verschlossen lag, alles, was sie schon als kleines Kind dabei an Vagem
und Frchterlichem empfunden hatte ... Bankerott ... das war etwas
Grlicheres als der Tod, das war Tumult, Zusammenbruch, Ruin, Schmach,
Schande, Verzweiflung und Elend ... Er macht Bankerott! wiederholte
sie. Sie war dermaen geschlagen und niedergeschmettert von diesem
Schicksalswort, da sie an keine Hilfe dachte, auch nicht an eine, die
von ihrem Vater kommen knnte.

Er betrachtete sie mit emporgezogenen Brauen, mit seinen kleinen,
tiefliegenden Augen, die traurig und mde aussahen und dennoch eine ganz
auerordentliche Spannung verrieten.

Ich fragte dich also, sagte er sanft, meine liebe Tony, ob du dich
bereit hltst, deinem Manne auch in die Armut hinein zu folgen?...
Gleich darauf gestand er sich, da er das harte Wort Armut instinktiv
als Abschreckungsmittel gewhlt habe, und fgte hinzu: Er kann sich
wieder emporarbeiten...

Gewi, Papa, antwortete Tony. Aber das hinderte nicht, da sie in
Trnen ausbrach. Sie schluchzte in ihr Batisttchlein, das mit Spitzen
besetzt war und das Monogramm _AG_ trug. Sie hatte noch vllig ihr
Kinderweinen: ganz ungeniert und ohne Ziererei. Ihre Oberlippe machte
einen unaussprechlich rhrenden Eindruck dabei.

Ihr Vater fuhr fort, sie mit den Augen zu prfen. Das ist dein Ernst,
mein Kind? fragte er. Er war genau so ratlos wie sie.

Mu ich nicht..., schluchzte sie. Ich mu doch...

Durchaus nicht! sagte er lebhaft; aber schuldbewut verbesserte er
sich sofort: Ich wrde dich nicht unbedingt dazu zwingen, meine liebe
Tony. Gesetzt den Fall, da deine Gefhle dich nicht unverbrchlich an
deinen Mann fesselten...

Sie sah ihn mit in Trnen schwimmenden und verstndnislosen Augen an.

Wieso, Papa...?

Der Konsul wand sich ein wenig hin und her und fand ein Auskunftsmittel.

Mein gutes Kind, du kannst glauben, da ich es sehr schmerzhaft
empfinden wrde, dich all den Unbilden und Peinlichkeiten aussetzen zu
mssen, die durch das Unglck deines Mannes, durch die Auflsung des
Geschftes und deines Hausstandes unmittelbar werden herbeigefhrt
werden ... Ich habe den Wunsch, dich diesen ersten Unannehmlichkeiten zu
entziehen und dich sowie unsere kleine Erika vorderhand zu uns nach
Hause zu nehmen. Ich glaube, da du mir das danken wirst...?

Tony schwieg einen Augenblick, whrend dessen sie ihre Trnen trocknete.
Sie hauchte umstndlich auf ihr Taschentuch und drckte es gegen die
Augen, um die Entzndung zu verhten. Hierauf fragte sie in
entschiedenem Tone, ohne die Stimme zu erheben: Papa, =ist= Grnlich
schuldig! =kommt= er aus Leichtsinn und Unredlichkeit ins Unglck!

Hchst wahrscheinlich!... sagte der Konsul. Das heit ... nein, ich
wei es nicht, mein Kind. Ich sagte dir, da die Auseinandersetzung mit
ihm und seinem Bankier noch aussteht...

Tony schien auf diese Antwort gar nicht geachtet zu haben. Gebckt auf
ihren drei seidenen Kissen sttzte sie den Ellenbogen auf das Knie und
das Kinn in die Hand und blickte mit tiefgesenktem Kopfe versunken und
trumerisch von unten herauf ins Zimmer hinein.

Ach, Papa, sagte sie leise und beinahe ohne die Lippen zu bewegen,
wre es damals nicht besser gewesen...

Der Konsul konnte ihr Gesicht nicht sehen; aber es trug den Ausdruck,
der an manchem Sommerabend, wenn sie zu Travemnde an dem Fenster ihres
kleinen Zimmers lehnte, darauf gelegen hatte ... Ihr einer Arm ruhte
auf den Knien ihres Vaters, whrend die Hand schlaff und ohne Sttze
nach unten hing. Selbst diese Hand drckte eine unendlich wehmtige und
zrtliche Hingebung aus, eine erinnerungsvolle und se Sehnsucht, die
in die Ferne schweifte.

Besser...? fragte Konsul Buddenbrook. Wenn was nicht geschehen wre,
mein Kind?

Er war von Herzen zu dem Gestndnis bereit, da es besser gewesen wre,
diese Ehe nicht zu schlieen; aber Tony sagte nur mit einem Seufzer:
Ach, nichts!

Es schien, da ihre Gedanken sie fesselten, da sie weit abseits weilte
und den Bankerott beinahe vergessen hatte. Der Konsul sah sich
gentigt, selbst auszusprechen, was er lieber nur besttigt htte.

Ich glaube deine Gedanken zu erraten, liebe Tony, sagte er, und auch
ich meinerseits, ich zgere nicht, dir zu bekennen, da ich den Schritt,
der mir vor vier Jahren als klug und heilsam erschien, in dieser Stunde
bereue ... aufrichtig bereue. Ich glaube, vor Gott nicht schuldig zu
sein. Ich glaube, meine Pflicht getan zu haben, indem ich mich bemhte,
dir eine deiner Herkunft angemessene Existenz zu schaffen ... Der Himmel
hat es anders gewollt ... du wirst von deinem Vater nicht glauben, da
er damals, leichtfertig und unberlegt, dein Glck aufs Spiel gesetzt
hat! Grnlich trat mit mir in Verbindung, versehen mit den besten
Empfehlungen, ein Pastorssohn, ein christlicher und weltlufiger Mann
... Spter habe ich geschftliche Erkundigungen ber ihn eingezogen, die
so gnstig lauteten als mglich. Ich habe die Verhltnisse geprft ...
Das alles ist dunkel, dunkel und harrt noch der Aufklrung. Aber nicht
wahr, du klagst mich nicht an...

Nein, Papa! wie kannst du dergleichen sagen! Komm, la es dir nicht zu
Herzen gehen, armer Papa ... Du siehst bla aus, soll ich nicht ein paar
Magentropfen herunterholen? Sie hatte ihre Arme um seinen Hals gelegt
und kte ihn auf die Wangen.

Ich danke dir, sagte er; so, so ... la nur, ich danke dir. Ja, ich
habe angreifende Tage hinter mir ... Was soll man tun? Ich habe viel
rgernis gehabt. Das sind Prfungen von Gott. Aber das hindert nicht,
da ich mich dir gegenber nicht ganz ohne Schuld fhlen kann, mein
Kind. Alles kommt jetzt auf die Frage an, die ich dir schon vorgelegt
habe, die du mir aber noch nicht hinlnglich beantwortet hast. Sprich
offen zu mir, Tony ... hast du in diesen Jahren der Ehe deinen Mann
lieben gelernt?

Tony weinte aufs neue, und indem sie mit beiden Hnden, in denen sie das
Batisttchlein hielt, ihre Augen bedeckte, brachte sie unter Schluchzen
hervor: Ach ... was fragst du, Papa!... Ich habe ihn niemals geliebt
... er war mir immer widerlich ... weit du das denn nicht...?

Es wre schwer zu sagen, was auf dem Gesichte Johann Buddenbrooks sich
abspielte. Seine Augen blickten erschrocken und traurig, und dennoch
kniff er die Lippen zusammen, so da Mundwinkel und Wangen sich
falteten, wie es zu geschehen pflegte, wenn er ein vorteilhaftes
Geschft zum Abschlu gebracht hatte. Er sagte leise: Vier Jahre...

Tonys Trnen versiegten pltzlich. Das feuchte Taschentuch in der Hand,
richtete sie sich auf ihrem Sitze empor und sagte zornig: Vier Jahre
... ha! manchmal hat er abends bei mir gesessen und die Zeitung gelesen
in diesen vier Jahren...!

Gott hat euch beiden ein Kind geschenkt..., sagte der Konsul bewegt.

Ja, Papa ... und ich habe Erika sehr lieb ... obgleich Grnlich
behauptet, ich sei nicht kinderlieb ... Ich wrde mich nie von ihr
trennen, das sage ich dir ... aber Grnlich -- nein!... Grnlich --
nein!... Nun macht er auch noch Bankerott!... Ach Papa, wenn du mich und
Erika nach Hause nehmen willst ... mit Freuden! Nun weit du es!

Der Konsul kniff wiederum die Lippen zusammen; er war uerst zufrieden.
Immerhin mute der Hauptpunkt noch berhrt werden, aber bei der
Entschlossenheit, die Tony an den Tag legte, riskierte man wenig damit.

Bei alledem, sagte er, scheinst du vllig zu vergessen, mein Kind,
da ja Hilfe denkbar wre ... und zwar durch mich. Dein Vater hat dir
bereits bekannt, da er sich dir gegenber nicht unbedingt schuldlos
fhlen kann, und in dem Falle ... nun, in dem Falle, da du es von ihm
erhoffst ... erwartest ... wrde er einspringen, wrde er das Falliment
verhten, wrde er die Schulden deines Mannes wohl oder bel decken und
sein Geschft flott erhalten...

Er prfte sie gespannt, und ihr Mienenspiel erfllte ihn mit Genugtuung.
Es drckte Enttuschung aus.

Um wieviel handelt es sich eigentlich? fragte sie.

Was tut das zur Sache, mein Kind ... um eine groe, groe Summe! Und
Konsul Buddenbrook nickte einigemal mit dem Kopfe, als ob die Wucht des
Gedankens an diese Summe ihn langsam hin und her schttelte. Dabei,
fuhr er fort, darf ich dir nicht verhehlen, da die Firma, ganz
abgesehen von dieser Sache, Verluste erlitten hat, und da die Hergabe
dieser Summe eine Schwchung fr sie bedeuten wrde, von der sie sich
schwer ... schwer wieder erholen knnte. Ich sage das keineswegs,
um...

Er vollendete nicht. Tony war aufgesprungen, sie war sogar ein paar
Schritte zurckgetreten und, noch immer das nasse Spitzentchlein in der
Hand, rief sie: Gut! Genug! Nie!

Sie sah beinahe heroisch aus. Das Wort Firma hatte eingeschlagen.
Hchst wahrscheinlich wirkte es entscheidender als selbst ihre Abneigung
gegen Herrn Grnlich.

Das tust du =nicht=, Papa! redete sie ganz auer sich fort. Willst
auch du noch Bankerott machen? Genug! Niemals!

In diesem Augenblick ffnete sich die Korridortr ein wenig zgernd, und
Herr Grnlich trat ein.

Johann Buddenbrook erhob sich mit einer Bewegung, welche ausdrckte:
Erledigt.


Achtes Kapitel

Herrn Grnlichs Gesicht war rot gefleckt, aber er war aufs sorgfltigste
gekleidet. Er trug einen hnlichen schwarzen, faltigen, soliden
Leibrock, hnliche erbsenfarbene Beinkleider, wie diejenigen, in denen
er einstmals in der Mengstrae seine ersten Visiten gemacht. In einer
schlaffen Haltung blieb er stehen und sprach, den Blick zu Boden
gerichtet, mit weicher und matter Stimme: Vater...

Der Konsul verbeugte sich kalt und ordnete dann mit einigen energischen
Griffen seine Halsbinde.

Ich danke Ihnen, da Sie gekommen sind, setzte Herr Grnlich hinzu.

Das war meine Pflicht, mein Freund, erwiderte der Konsul; nur frchte
ich, da es das einzige bleiben wird, was ich in Ihrer Sache zu tun
vermag.

Sein Schwiegersohn warf ihm einen hastigen Blick zu und nahm dann eine
noch schlaffere Haltung an.

Ich hre, fuhr der Konsul fort, da Ihr Bankier, Herr Kesselmeyer,
uns erwartet ... welchen Ort haben Sie fr die Unterredung bestimmt? Ich
stehe zu Ihrer Verfgung...

Ich bitte Sie um die Gte, mir zu folgen, murmelte Herr Grnlich.

Konsul Buddenbrook kte seine Tochter auf die Stirn und sagte: Geh
hinauf zu deinem Kinde, Antonie!

Dann schritt er mit Herrn Grnlich, der sich bald vor ihm, bald hinter
ihm bewegte und die Portieren ffnete, durch das Speisezimmer ins
Wohngemach.

Als Herr Kesselmeyer, der am Fenster stand, sich umwandte, richteten die
weien und schwarzen Flaumfedern auf seinem Kopfe sich auf und sanken
dann sanft auf den Schdel zurck.

Herr Bankier Kesselmeyer ... Grohndler Konsul Buddenbrook, mein
Schwiegervater..., sagte Herr Grnlich ernst und bescheiden. Des
Konsuls Gesicht war bewegungslos. Herr Kesselmeyer bckte sich mit
hngenden Armen, indem er seine beiden gelben Eckzhne auf die Oberlippe
setzte und sagte: Ihr Diener, Herr Konsul! Meine lebhafte Satisfaktion,
das Vergngen zu haben!

Verzeihen Sie gtigst, da Sie haben warten mssen, Kesselmeyer, sagte
Herr Grnlich. Er war voll Hflichkeit fr den einen wie fr den
anderen.

Kommen wir zur Sache? bemerkte der Konsul, indem er sich suchend hin
und her wandte ... Der Hausherr beeilte sich zu antworten: Ich bitte
die Herren...

Whrend man ins Rauchkabinett hinberging, sagte Herr Kesselmeyer
aufgerumt: Eine angenehme Reise gehabt, Herr Konsul?... Aha, Regen?
Ja, eine schlechte Jahreszeit, eine hliche, schmutzige Jahreszeit!
Gbe es ein bichen Frost, ein bichen Schnee...! Aber nichts da!
Regen! Kot! Hchst, hchst widerwrtig...

Was fr ein sonderbarer Mensch, dachte der Konsul.

In der Mitte des kleinen Zimmers, dessen Tapeten dunkel geblmt waren,
stand ein ziemlich umfangreicher, viereckiger, grnbezogener Tisch. Der
Regen drauen hatte zugenommen. Es war so finster, da Herr Grnlich die
drei Kerzen, die in silbernen Leuchtern auf der Tafel standen, alsbald
entzndete. Bluliche, mit Firmenstempeln versehene Geschftsbriefe und
abgegriffene, hie und da eingerissene, mit Daten und Namenszgen
bedeckte Papiere lagen auf dem grnen Tuch. Auerdem bemerkte man ein
dickleibiges Hauptbuch und ein von wohlgeschrften Gnsefedern und
Bleistiften starrendes Tinten- und Streusandfa aus Metall.

Herr Grnlich machte die Honneurs mit den stillen, taktvollen und
zurckhaltenden Mienen und Bewegungen, mit denen man die Gste bei einem
Begrbnis komplimentiert.

Lieber Vater, bitte, nehmen Sie den Armstuhl, sagte er sanft. Herr
Kesselmeyer, haben Sie die Freundlichkeit, sich =hier= zu setzen?...

Endlich war die Ordnung hergestellt. Der Bankier sa dem Hausherrn
gegenber, whrend der Konsul im Armsessel an der Breitseite des Tisches
prsidierte. Die Rckenlehne seines Stuhles berhrte die Korridortr.

Herr Kesselmeyer bckte sich, lie die Unterlippe hngen, entwirrte auf
seiner Weste einen Kneifer und hieb ihn sich auf die Nase, indem er
dieselbe krauste und den Mund aufri. Dann kraute er sich mit einem
nervs machenden Gerusch den geschorenen Backenbart, stemmte die Hnde
auf die Knie, nickte den Papieren zu und bemerkte kurz und frhlich:
Aha! Da haben wir die ganze Bescherung!

Sie erlauben nun, da ich mir einen genaueren Einblick in die Lage der
Dinge verschaffe, sagte der Konsul und griff nach dem Hauptbuch.
Pltzlich jedoch streckte Herr Grnlich schirmend beide Hnde ber den
Tisch hin, lange, von hohen blauen Adern durchzogene Hnde, die
ersichtlich zitterten, und rief mit bewegter Stimme: Einen Augenblick!
Noch einen Augenblick, Vater! Oh, lassen Sie mich noch eine einleitende
Bemerkung vorausschicken!... Ja, Sie werden Einblick gewinnen, Ihrem
Blick wird nichts entgehen ... Aber glauben Sie mir: Sie werden Einblick
in die Lage eines Unglcklichen gewinnen, nicht eines Schuldigen! Sehen
Sie in mir einen Mann, Vater, der sich ohn' Ermatten gegen das Schicksal
gewehrt hat, der aber von ihm zu Boden geschlagen ist! In diesem
Sinne...

Ich werde sehen, mein Freund, ich werde sehen! sagte der Konsul mit
sichtlicher Ungeduld; und Herr Grnlich zog seine Hnde zurck, um dem
Geschicke seinen Lauf zu lassen.

Es vergingen lange, furchtbare Minuten des Schweigens. In dem unruhigen
Kerzenlicht saen die drei Herren, eingeschlossen von vier dunklen
Wnden, dicht beieinander. Man vernahm keine Bewegung als das Rascheln
des Papieres, mit dem der Konsul hantierte. Sonst war drauen der
fallende Regen das einzige Gerusch.

Herr Kesselmeyer hatte seine Daumen in die Armlcher der Weste
geschoben, spielte mit den brigen Fingern an den Schultern Klavier und
sah mit unsglicher Heiterkeit von einem zum anderen. Herr Grnlich sa
ohne sich zurckzulehnen, die Hnde auf dem Tisch, starrte trb vor sich
hin und lie dann und wann einen ngstlichen Blick seitwrts zu seinem
Schwiegervater gleiten. Der Konsul bltterte im Hauptbuch, verfolgte mit
dem Fingernagel Kolonnen von Zahlen, verglich Daten und warf mit dem
Bleistift seine kleinen, unleserlichen Ziffern aufs Papier. Sein
abgespanntes Gesicht drckte Entsetzen vor den Verhltnissen aus, in die
er nun Einblick gewann ... Endlich legte er seine Linke auf Herrn
Grnlichs Arm und sagte erschttert: Sie armer Mann!

Vater... brachte Herr Grnlich hervor. Dem bedauernswerten Menschen
liefen zwei groe Trnen die Wangen hinab und in die goldgelben Favoris
hinein. Herr Kesselmeyer verfolgte den Weg dieser beiden Tropfen mit dem
grten Interesse; er stand sogar ein wenig auf, beugte sich vor und
starrte seinem Gegenber mit offenem Munde ins Gesicht. Konsul
Buddenbrook war heftig bewegt. Weich gemacht durch das Unglck, das ihn
selbst betroffen, fhlte er, wie das Erbarmen ihn mit sich fortri; aber
rasch wurde er wieder Herr seiner Gefhle.

Wie ist es mglich! sagte er mit einem trostlosen Kopfschtteln ...
In diesen wenigen Jahren!

Kinderspiel! antwortete Herr Kesselmeyer gut gelaunt. In vier Jahren
kann man allerliebst vor die Hunde kommen! Wenn man bedenkt, wie munter
Gebrder Westfahl in Bremen vor kurzer Zeit noch umhersprangen...

Der Konsul sah ihn blinzelnd an, indem er ihn weder sah noch hrte. Er
hatte keineswegs seinem wirklichen Gedanken Ausdruck gegeben, ber den
er grbelte ... Warum, fragte er sich argwhnisch und dennoch
verstndnislos, warum dies alles gerade jetzt? B. Grnlich htte schon
vor zwei, vor drei Jahren stehen knnen, wo er jetzt stand; das bersah
man mit einem Blick. Aber sein Kredit war unerschpflich gewesen, er
hatte von den Banken Kapital erhalten, er hatte die Unterschriften von
soliden Husern wie Senator Bock und Konsul Goudstikker immer wieder fr
seine Unternehmungen in Empfang genommen, und seine Wechsel hatten
kursiert wie Bargeld. Warum gerade jetzt, jetzt, jetzt -- und der Chef
der Firma Johann Buddenbrook wute wohl, was er unter diesem Jetzt
verstand -- dieser Zusammenbruch auf allen Seiten, dieses totale
Zurckziehen alles Vertrauens wie auf Verabredung, dieses einmtige
Herfallen ber B. Grnlich unter Hintansetzung jeder Rcksicht, ja jeder
Hflichkeitsform? Der Konsul wre allzu naiv gewesen, htte er nicht
gewut, da das Ansehen seines eignen Hauses nach der Verlobung
Grnlichs mit seiner Tochter auch seinem Schwiegersohne hatte zugute
kommen mssen. Aber hatte der Kredit des Letzteren so vollkommen, so
eklatant, so ausschlielich von dem seinen abgehangen? War Grnlich
selbst denn nichts gewesen? Und die Erkundigungen, die der Konsul
eingezogen, die Bcher, die er geprft hatte?... Mochte es sich damit
verhalten, wie es wollte, so stand sein Entschlu, in dieser Sache auch
nicht das Glied eines Fingers zu regen, fester als jemals. Man sollte
sich verrechnet haben! Augenscheinlich hatte B. Grnlich die Anschauung
zu erwecken gewut, als sei er mit Johann Buddenbrook solidarisch?
Diesem, wie es schien, entsetzlich weit verbreiteten Irrtum mute ein
fr alle Male vorgebeugt werden! Und auch dieser Kesselmeyer sollte sich
wundern! Besa dieser Bajazz ein Gewissen? Es sprang in die Augen, wie
schamlos er ganz allein darauf spekuliert hatte, da er, Johann
Buddenbrook, den Mann seiner Tochter nicht wrde fallen lassen, wie er
dem lngst vernichteten Grnlich zwar fort und fort Kredit gewhrt, ihn
aber immer blutigere Wucherzinsen hatte unterschreiben lassen...

Gleichviel, sagte er kurz. Kommen wir zur Sache. Wenn ich hier als
Kaufmann mein Gutachten abgeben soll, so bedauere ich, aussprechen zu
mssen, da dies die Lage eines zwar unglcklichen, aber auch eines in
hohem Grade schuldigen Mannes ist.

Vater... stammelte Herr Grnlich.

Diese Anrede klingt mir =schlecht= in die Ohren! sagte der Konsul
rasch und hart. Ihre Forderungen, mein Herr, fuhr er fort, indem er
sich flchtig dem Bankier zuwandte, an Herrn Grnlich betragen
sechzigtausend Mark...

Mit den rckstndigen und den zum Kapital geschlagenen Zinsen
achtundsechzigtausendsiebenhundertundfnfundfnfzig Mark und fnfzehn
Schillinge, antwortete Herr Kesselmeyer behaglich.

Sehr wohl ... Und Sie wren unter keinen Umstnden geneigt, Ihre Geduld
zu verlngern?

Herr Kesselmeyer begann einfach zu lachen. Er lachte mit offenem Munde,
stoweise, ohne eine Spur von Hohn und sogar gutmtig, indem er dem
Konsul ins Gesicht sah, als wollte er ihn auffordern, gleichfalls
einzustimmen.

Johann Buddenbrooks kleine, tiefliegende Augen trbten sich und umgaben
sich pltzlich mit roten Rndern, die sich bis zu den Wangenknochen
hinzogen. Er hatte nur der Form wegen gefragt und wute sehr wohl, da
ein Aufschub von seiten dieses einen Glubigers die Sachlage ganz
unwesentlich verndert haben wrde. Aber die Art, in der dieser Mensch
ihn zurckwies, beschmte und erbitterte ihn aufs uerste. Mit einer
einzigen Handbewegung schob er alles weit von sich, was vor ihm lag,
legte mit einem Ruck den Bleistift auf den Tisch und sagte: So erklre
ich, da ich nicht willens bin, mich lnger in irgendeiner Weise mit
dieser Angelegenheit zu beschftigen.

Aha! rief Herr Kesselmeyer, indem er seine Hnde in der Luft
schttelte ... Das nenne ich ein Wort, das nenne ich wrdig gesprochen.
Der Herr Konsul wird die Sache ganz einfach regeln! Ohne langes
Parlamentieren! Schlanker Hand!

Johann Buddenbrook sah ihn nicht einmal an.

Ich kann Ihnen nicht helfen, mein Freund, wandte er sich ruhig an
Herrn Grnlich. Die Dinge mssen den Weg nehmen, den sie eingeschlagen
haben ... Ich sehe mich nicht in der Lage, sie aufzuhalten. Fassen Sie
sich und suchen Sie Trost und Kraft bei Gott. Ich mu diese Unterredung
als geschlossen betrachten.

berraschenderweise nahm Herrn Kesselmeyers Gesicht einen ernsten
Ausdruck an, was sich ganz wunderlich ausnahm; dann aber nickte er Herrn
Grnlich aufmunternd zu. Dieser sa bewegungslos und rang nur seine
langen Hnde auf dem Tische so heftig, da die Finger leise krachten.

Vater ... Herr Konsul... sagte er mit wankender Stimme, Sie werden
... Sie knnen meinen Ruin, mein Elend nicht wollen! Hren Sie mich an!
Es handelt sich in Summa um ein Manko von hundertzwanzigtausend ... Sie
knnen mich retten! Sie sind ein reicher Mann! Betrachten Sie die Summe
wie Sie wollen ... als eine endgltige Abfindung, als das Erbteil Ihrer
Tochter, als ein verzinsbares Darlehen ... Ich werde arbeiten ... Sie
wissen, da ich rege und findig bin...

Ich habe mein letztes Wort gesprochen, sagte der Konsul.

Erlauben Sie nur ... =knnen= Sie nicht? fragte Herr Kesselmeyer und
sah ihn durch seinen Kneifer mit krauser Nase an ... Wenn ich dem Herrn
Konsul zu bedenken geben drfte ... dies wre eigentlich gerade jetzt
eine allerliebste Okkasion, die Strke der Firma Johann Buddenbrook zu
beweisen...

Sie tten gut daran, mein Herr, die Sorge fr das Ansehen meines Hauses
mir selbst zu berlassen. Um meine Zahlungsfhigkeit klarzustellen,
habe ich nicht ntig, mein Geld in die nchste Pftze zu werfen...

Nicht doch, nicht doch! A-aha, `Pftze ist hchst spahaft! Aber
meinen Herr Konsul nicht, da der Konkurs Ihres Herrn Schwiegersohnes
auch Ihre Lage in eine falsche und schiefe Beleuchtung ... wie?...
bringen wrde ... wie?... rcken wrde?...

Ich kann Ihnen nur noch einmal empfehlen, meinen Ruf in der
Geschftswelt meine eigene Sache sein zu lassen, sagte der Konsul.

Herr Grnlich sah ratlos seinem Bankier ins Gesicht und begann von
neuem: Vater ... ich flehe Sie an, bedenken Sie, was Sie tun!... Ist
denn von mir allein die Rede? Oh, ich ... mag ich immerhin zugrunde
gehen! Aber Ihre Tochter, mein Weib, sie, die ich so liebe, die ich mir
in so heiem Kampfe erworben ... und unser Kind, unser beider
unschuldiges Kind ... auch sie im Elend! Nein, Vater, ich wrde es nicht
tragen! Ich wrde mich tten! Ja, mit dieser meiner eigenen Hand wrde
ich mich tten ... glauben Sie mir! Und mge der Himmel Sie dann von
jeder Schuld freisprechen!

Johann Buddenbrook lehnte bleich und mit pochendem Herzen in seinem
Armsessel. Zum zweiten Male strmten die Empfindungen dieses Mannes auf
ihn ein, deren uerung durchaus das Geprge der Echtheit trug, wieder
mute er, wie damals, als er Herrn Grnlich den Travemnder Brief seiner
Tochter mitgeteilt hatte, dieselbe grliche Drohung vernehmen, und
wieder durchschauerte ihn die schwrmerische Ehrfurcht seiner Generation
vor menschlichen Gefhlen, die stets mit seinem nchternen und
praktischen Geschftssinn in Hader gelegen hatte. Dieser Anfall aber
whrte nicht lnger als eine Sekunde. Hundertundzwanzigtausend Mark ...
wiederholte er innerlich, und dann sagte er ruhig und fest: Antonie ist
meine Tochter. Ich werde zu verhindern wissen, da sie unschuldig
leidet.

Was wollen Sie damit sagen...? fragte Herr Grnlich, indem er langsam
erstarrte...

Das werden Sie erfahren, antwortete der Konsul. Fr jetzt habe ich
meinen Worten nichts hinzuzufgen. Und damit erhob er sich, stellte
seinen Stuhl fest auf den Boden und wandte sich zur Tr.

Herr Grnlich sa stumm, steif, fassungslos, und sein Mund bewegte sich
ruckweise nach beiden Seiten, ohne da sich ihm ein Wort zu entringen
vermochte. Herrn Kesselmeyers Munterkeit aber kehrte bei dieser
abschlieenden und endgltigen Bewegung des Konsuls zurck ... ja, sie
nahm berhand, sie berschritt alle Grenzen und wurde frchterlich! Das
Binokel fiel von seiner Nase, die sich zwischen die Augen hinaufzog,
whrend sein winziger Mund, in dem die beiden Eckzhne gelb und einsam
ragten, zu zerreien drohte. Seine kleinen, roten Hnde ruderten in der
Luft, seine Flaumfedern flatterten, sein gnzlich verschobenes und vor
bermiger Frhlichkeit verzerrtes Gesicht mit dem weien, geschorenen
Backenbart war zinnoberfarben...

A-aha! schrie er, da seine Stimme sich berschlug ... Das finde ich
hchst ... hchst spahaft! Aber Sie sollten es sich berlegen, Herr
Konsul Buddenbrook, ein solch allerliebstes, ein solch kstliches
Exemplar von einem Schwiegershnchen in den Graben zu werfen!... So
etwas von Regsamkeit und Findigkeit gibt es auf Gottes weiter, lieber
Erdenwelt nicht zum zweiten Male! Aha! schon vor vier Jahren, als uns
schon einmal das Messer an der Kehle stand ... der Strick um den Hals
lag ... wie wir da pltzlich die Verlobung mit Mademoiselle Buddenbrook
an der Brse ausschreien lieen, noch bevor sie wirklich stattgefunden
hatte ... jederlei Achtung! Na-hein, meine hchste Anerkennung...!

Kesselmeyer! kreischte Herr Grnlich, machte krampfhafte Bewegungen
mit den Hnden, als ob er ein Gespenst von sich abwehrte, und lief in
einen Winkel des Zimmers, woselbst er sich auf einen Stuhl setzte, das
Gesicht in den Hnden verbarg und sich so tief bckte, da die Enden
seiner Favoris auf seinen Schenkeln lagen. Einige Male zog er sogar die
Knie empor.

Wie haben wir das eigentlich gemacht? fuhr Herr Kesselmeyer fort. Wie
haben wir es eigentlich angefangen, das Tchterchen und die
achtzigtausend Mark zu ergattern? O-ho! das arrangiert sich! Wenn man
auch nur fr einen Sechsling Regsamkeit und Findigkeit besitzt, so
arrangiert sich das! Man legt dem rettenden Herrn Papa recht hbsche
Bcher vor, allerliebste, reinliche Bcher, in denen alles aufs beste
bestellt ist ... nur da sie mit der rauhen Wirklichkeit nicht vllig
bereinstimmen ... Denn in der rauhen Wirklichkeit sind drei Viertel der
Mitgift schon Wechselschulden!

Der Konsul stand totenbla an der Tr, den Griff in der Hand. Das Grauen
rann ihm den Rcken hinunter. Befand er sich in dieser kleinen, unruhig
beleuchteten Stube allein mit einem Gauner und einem vor Bosheit tollen
Affen?

Herr, ich verachte Ihre Worte, brachte er mit geringer Sicherheit
hervor. Ich verachte Ihre wahnsinnigen Verleumdungen um so mehr, als
sie auch mich treffen ... mich, der ich meine Tochter nicht
leichtfertigerweise ins Unglck gebracht habe. Ich habe sichere
Erkundigungen ber meinen Schwiegersohn eingezogen ... das brige war
Gottes Wille!

Er wandte sich, er =wollte= nichts mehr hren, er ffnete die Tr. Aber
Herr Kesselmeyer schrie ihm nach: Aha? Erkundigungen? Bei wem? Bei
Bock? Bei Goudstikker? Bei Petersen? Bei Mamann & Timm? Die waren ja
alle engagiert! Die waren ja alle ganz ungeheuer engagiert! Die waren ja
alle ungemein froh, da sie durch die Heirat sichergestellt wurden...

Der Konsul schlug die Tr hinter sich zu.


Neuntes Kapitel

Im Speisezimmer hantierte Dora, die nicht ganz ehrliche Kchin.

Bitte Madame Grnlich herunterzukommen, befahl der Konsul.

Mach' dich fertig, mein Kind, sagte er, als Tony erschien. Er ging mit
ihr in den Salon hinber. Mach' dich in aller Eile bereit und trage
Sorge, da auch Erika bald reisefertig ist ... Wir fahren zur Stadt ...
Wir werden im Gasthof bernachten und morgen nach Hause fahren.

Ja, Papa, sagte Tony. Ihr Gesicht war rot, verstrt und ratlos. Sie
machte unntze und eilfertige Handbewegungen an ihrer Taille, ohne zu
wissen, womit sie ihre Vorbereitungen beginnen sollte, und ohne noch
recht an die Wirklichkeit dieses Erlebnisses glauben zu knnen.

Was soll ich mitnehmen, Papa? fragte sie ngstlich und erregt ...
Alles? Alle Kleider? Einen oder zwei Koffer?... Macht Grnlich wirklich
Bankerott?... O Gott!... Aber kann ich dann meine Schmucksachen
mitnehmen?... Papa, die Mdchen mssen doch gehen ... ich kann sie nicht
mehr ablohnen ... Grnlich htte mir heute oder morgen Wirtschaftsgeld
geben mssen...

La das, mein Kind; diese Dinge werden hier geordnet werden. Nimm nur
das Notwendigste ... einen Koffer ... einen kleinen. Man wird dir dein
Eigentum nachschicken. Spute dich, hrst du? Wir haben...

In diesem Augenblicke wurden die Portieren auseinandergeschlagen und in
den Salon kam Herr Grnlich. Mit raschen Schritten, die Arme
ausgebreitet und den Kopf zur Seite geneigt, in der Haltung eines
Mannes, welcher sagen will: Hier bin ich! Tte mich, wenn du willst!
eilte er auf seine Gattin zu und sank dicht vor ihr auf beide Knie
nieder. Sein Anblick war mitleiderregend. Seine goldgelben Favoris waren
zerzaust, sein Leibrock war zerknittert, seine Halsbinde verschoben,
sein Kragen stand offen, und auf seiner Stirn waren kleine Tropfen zu
bemerken.

Antonie...! sagte er. Sieh mich hier ... Hast du ein Herz, ein
fhlendes Herz?... Hre mich an ... du siehst einen Mann vor dir, der
vernichtet, zugrunde gerichtet ist, wenn ... ja, der vor Kummer sterben
wird, wenn du seine Liebe verschmhst! Hier liege ich ... bringst du es
ber das Herz, mir zu sagen: Ich verabscheue dich--? Ich verlasse
dich--?

Tony weinte. Es war genau wie damals im Landschaftszimmer. Wieder sah
sie dies angstverzerrte Gesicht, diese flehenden Augen auf sich
gerichtet, und wieder sah sie mit Erstaunen und Rhrung, da diese Angst
und dieses Flehen ehrlich und ungeheuchelt waren.

Steh' auf, Grnlich, sagte sie schluchzend. Bitte, steh' doch auf!
Und sie versuchte, ihn an den Schultern emporzuheben. Ich verabscheue
dich nicht! Wie kannst du dergleichen sagen!... Ohne zu wissen, was sie
sonst noch sprechen sollte, wandte sie sich vollkommen hilflos ihrem
Vater zu. Der Konsul ergriff ihre Hand, verneigte sich vor seinem
Schwiegersohn und ging mit ihr der Korridortre zu.

Du gehst? rief Herr Grnlich und sprang auf die Fe...

Ich habe Ihnen schon ausgesprochen, sagte der Konsul, da ich es
nicht verantworten kann, mein Kind so ganz unverschuldet dem Unglck zu
berlassen, und ich fge hinzu, da auch Sie das nicht knnen. Nein,
mein Herr, Sie haben den Besitz meiner Tochter verscherzt. Und danken
Sie Ihrem Schpfer dafr, da er das Herz dieses Kindes so rein und
ahnungslos erhalten hat, da sie sich =ohne= Abscheu von Ihnen trennt!
Leben Sie wohl.

Hier aber verlor Herr Grnlich den Kopf. Er htte von kurzer Trennung,
von Rckkehr und neuem Leben sprechen und vielleicht die Erbschaft
retten knnen; aber es war zu Ende mit seiner berlegung, seiner
Regsamkeit und Findigkeit. Er htte den groen, unzerbrechlichen,
bronzenen Teller nehmen knnen, der auf der Spiegeletagere stand, aber
er nahm die dnne, mit Blumen bemalte Vase, die sich dicht daneben
befand, und warf sie zu Boden, da sie in tausend Stcke zersprang...

Ha! Schn! Gut! schrie er. Geh' nur! Meinst du, da ich dir
nachheule, du Gans? Ach nein, Sie irren sich, meine Teuerste! Ich habe
dich =nur= deines Geldes wegen geheiratet, aber da es noch lange nicht
genug war, so mach' nur, da du wieder nach Hause kommst! Ich bin deiner
berdrssig ... berdrssig ... berdrssig...!

Johann Buddenbrook fhrte seine Tochter schweigend hinaus. Er selbst
aber kehrte noch einmal zurck, schritt auf Herrn Grnlich zu, der, die
Hnde auf dem Rcken, am Fenster stand und in den Regen hinausstarrte,
berhrte sanft seine Schulter und sprach leise und mahnend: Fassen Sie
sich. =Beten= Sie.


Zehntes Kapitel

Das groe Haus in der Mengstrae blieb lange Zeit von einer gedmpften
Stimmung erfllt, als Madame Grnlich, zusammen mit ihrer kleinen
Tochter, dort wieder eingezogen war. Man ging behutsam umher und sprach
nicht gerne davon ... ausgenommen die Hauptperson der ganzen
Angelegenheit selbst, die im Gegenteile mit Leidenschaft davon sprach
und sich dabei wahrhaft in ihrem Elemente fhlte.

Tony bezog mit Erika im zweiten Stockwerk die Zimmer, die ehemals, zur
Zeit der alten Buddenbrooks, ihre Eltern innegehabt hatten. Sie war ein
wenig enttuscht, als ihr Papa es sich keineswegs in den Sinn kommen
lie, ein eignes Dienstmdchen fr sie zu engagieren, und sie durchlebte
eine nachdenkliche halbe Stunde, als er ihr mit sanften Worten
auseinandersetzte, es zieme sich vorderhand nichts anderes fr sie, als
in Zurckgezogenheit zu leben und auf die Geselligkeit in der Stadt zu
verzichten, denn wenn sie auch an dem Geschick, das Gott als Prfung
ber sie verhngt, nach menschlichen Begriffen unschuldig sei, so lege
doch ihre Stellung als geschiedene Frau ihr frs erste die uerste
Zurckhaltung auf. Aber Tony besa die schne Gabe, sich jeder
Lebenslage mit Talent, Gewandtheit und lebhafter Freude am Neuen
anzupassen. Sie gefiel sich bald in ihrer Rolle als eine von
unverschuldetem Unglck heimgesuchte Frau, kleidete sich dunkel, trug
ihr hbsches aschblondes Haar glatt gescheitelt wie als junges Mdchen
und hielt sich fr die mangelnde Geselligkeit schadlos, indem sie zu
Hause mit ungeheurer Wichtigkeit und unermdlicher Freude an dem Ernst
und der Bedeutsamkeit ihrer Lage Betrachtungen ber ihre Ehe, ber Herrn
Grnlich und ber Leben und Schicksal im allgemeinen anstellte.

Nicht jedermann bot ihr Gelegenheit dazu. Die Konsulin war zwar
berzeugt, da ihr Gatte korrekt und pflichtgem gehandelt habe; aber
sie erhob, wenn Tony zu sprechen begann, nur leicht ihre schne weie
Hand und sagte: _Assez_, mein Kind. Ich hre nicht gern von dieser
Affre.

Klara, erst zwlfjhrig, verstand nichts von der Sache, und Cousine
Thilda war gleichfalls zu dumm. O Tony, wie traurig! war alles, was
sie langgedehnt und erstaunt hervorzubringen wute. Dagegen fand die
junge Frau eine aufmerksame Zuhrerin in Mamsell Jungmann, die nun schon
35 Jahre zhlte und sich rhmen durfte, im Dienste der ersten Kreise
ergraut zu sein. Brauchst nicht Furcht haben, Tonychen, mein
Kindchen, sagte sie; bist noch jung, wirst dich wieder verheiraten.
brigens widmete sie sich mit Liebe und Treue der Erziehung der kleinen
Erika und erzhlte ihr dieselben Erinnerungen und Geschichten, denen vor
fnfzehn Jahren die Kinder des Konsuls gelauscht hatten: von einem Onkel
im besonderen, der zu Marienwerder am Schluckauf gestorben war, weil er
sich das Herz abgestoen hatte.

Am liebsten und lngsten aber plauderte Tony, nach dem Mittagessen oder
morgens beim ersten Frhstck, mit ihrem Vater. Ihr Verhltnis zu ihm
war mit einem Schlage weit inniger geworden als frher. Sie hatte
bislang, bei seiner Machtstellung in der Stadt, bei seiner emsigen,
soliden, strengen und frommen Tchtigkeit, mehr ngstliche Ehrfurcht als
Zrtlichkeit fr ihn empfunden; whrend jener Auseinandersetzung aber in
ihrem Salon war er ihr menschlich nahegetreten, und es hatte sie mit
Stolz und Rhrung erfllt, da er sie eines vertrauten und ernsten
Gesprches ber diese Sache gewrdigt, da er die Entscheidung ihr
selbst anheim gestellt und da er der Unantastbare, ihr fast mit Demut
gestanden, er fhle sich nicht schuldlos ihr gegenber. Es ist sicher,
da Tony selbst niemals auf diesen Gedanken gekommen wre; da er es aber
sagte, so glaubte sie es, und ihre Gefhle fr ihn wurden weicher und
zarter dadurch. Was den Konsul selbst anging, so nderte er seine
Anschauungsweise nicht und glaubte seiner Tochter mit verdoppelter Liebe
ihr schweres Geschick entgelten zu mssen.

Johann Buddenbrook war in keiner Weise persnlich gegen seinen
betrgerischen Schwiegersohn vorgegangen. Zwar hatten Tony und ihre
Mutter aus dem Verlaufe einiger Gesprche erfahren, zu welch unredlichen
Mitteln Herr Grnlich gegriffen hatte, um 80000 Mark zu erlangen; aber
der Konsul htete sich wohl, die Sache der ffentlichkeit oder gar der
Justiz zu bergeben. Er fhlte in seinem Stolz als Geschftsmann sich
bitter gekrnkt und verwand schweigend die Schmach, so plump bers Ohr
gehauen worden zu sein.

Jedenfalls strengte er, sobald der Konkurs des Hauses B. Grnlich
erfolgt -- der brigens in Hamburg verschiedenen Firmen nicht
unerhebliche Verluste bereitete--, mit Entschlossenheit den
Scheidungsproze an ... und dieser Proze war es hauptschlich, der
Gedanke, da sie, sie selbst den Mittelpunkt eines wirklichen Prozesses
bildete, der Tony mit einem unbeschreiblichen Wrdegefhl erfllte.

Vater, sagte sie; denn in solchen Gesprchen nannte sie den Konsul
niemals Papa. Vater, wie geht unsere Sache vorwrts? Du meinst doch,
da alles gut gehen wird? Der Paragraph ist vollkommen klar; ich habe
ihn genau studiert! `Unfhigkeit des Mannes, seine Familie zu
ernhren... Die Herren mssen das einsehen. Wenn ein Sohn da wre,
wrde Grnlich ihn behalten...

Ein anderes Mal sagte sie: Ich habe noch viel ber die Jahre meiner Ehe
nachgedacht, Vater. Ha! also =deshalb= wollte der Mensch durchaus nicht,
da wir in der Stadt wohnten, was ich doch so sehr wnschte. Also
=deshalb= sah er es niemals gern, da ich berhaupt in der Stadt
verkehrte und Gesellschaften besuchte! Die Gefahr war dort wohl grer
als in Eimsbttel, da ich auf irgendeine Weise erfuhr, wie es
eigentlich um ihn bestellt war!... Was fr ein Filou!

Wir sollen nicht richten, mein Kind, erwiderte der Konsul.

Oder sie begann, als die Ehescheidung ausgesprochen war, mit wichtiger
Miene: Du hast es doch schon in die Familienpapiere eingetragen, Vater?
Nein? Oh, dann darf ich es wohl tun ... Bitte, gib mir den Schlssel zum
Sekretr.

Und emsig und stolz schrieb sie unter die Zeilen, die sie vor vier
Jahren hinter ihren Namen gesetzt: Diese Ehe ward _anno_ 1850 im
Februar rechtskrftig wieder aufgelst.

Dann legte sie die Feder fort und dachte einen Augenblick nach.

Vater, sagte sie, ich wei wohl, da dies Ereignis einen Flecken in
unserer Familiengeschichte bildet. Ja, ich habe schon viel darber
nachgedacht. Es ist genau, als wre hier ein Tintenklecks in diesem
Buche. Aber sei ruhig ... es ist meine Sache, ihn wieder fortzuradieren!
Ich bin noch jung ... findest du nicht, da ich noch ziemlich hbsch
bin? Obgleich Madame Stuht, als sie mich wiedersah, zu mir sagte: `O
Gott, Madame Grnlich, wie sind Sie alt geworden! Nun, man kann
unmglich sein Lebtag eine solche Gans bleiben, wie ich vor vier Jahren
war ... das Leben nimmt einen natrlich mit ... Kurz, nein, ich werde
mich wieder verheiraten! Du sollst sehen, alles wird durch eine neue
vorteilhafte Partie wieder gut gemacht werden! Meinst du nicht?

Das steht in Gottes Hand, mein Kind. Aber es schickt sich durchaus
nicht, jetzt ber solche Dinge zu sprechen.

Im brigen begann Tony um diese Zeit sich sehr oft der Redewendung Wie
es im Leben so geht... zu bedienen, und bei dem Worte Leben hatte
sie einen hbschen und ernsten Augenaufschlag, welcher zu ahnen gab,
welch tiefe Blicke sie in Menschenleben und -schicksal getan...

Der Tisch im Esaale vergrerte sich noch mehr, und Tony erhielt neue
Gelegenheit, sich auszusprechen, als Thomas im August dieses Jahres von
Pau nach Hause zurckkehrte. Sie liebte und verehrte diesen Bruder, der
ja auch damals bei der Abreise von Travemnde ihren Schmerz gekannt und
gewrdigt hatte und in dem sie den zuknftigen Firmenchef, das
einstmalige Familienhaupt erblickte, von ganzem Herzen.

Ja, ja, sagte er, wir beide haben schon allerhand durchgemacht,
Tony... Dann zog er eine Braue empor, lie die russische Zigarette in
den anderen Mundwinkel wandern und dachte wahrscheinlich an das kleine
Blumenmdchen mit dem malaiischen Gesichtstypus, das vor kurzer Zeit den
Sohn ihrer Brotgeberin geheiratet hatte und nun auf eigene Hand das
Blumengeschft in der Fischergrube fortfhrte.

Thomas Buddenbrook, noch ein wenig bla, war eine auffallend elegante
Erscheinung. Es schien, da diese letzten Jahre seine Erziehung durchaus
vollendet hatten. Mit seiner ber den Ohren zu kleinen Hgeln
zusammengebrsteten Frisur, mit seinen nach franzsischer Mode sehr
spitz gedrehten und mit der Brennzange waagerecht ausgezogenen
Schnurrbart und seiner untersetzten, ziemlich breitschulterigen Gestalt
machte seine Figur einen beinahe militrischen Eindruck. Aber das
bluliche, allzu sichtbare Geder an seinen schmalen Schlfen, von denen
das Haar in zwei Einbuchtungen zurcktrat, sowie eine leichte Neigung
zum Schttelfrost, die der gute Doktor Grabow vergebens bekmpfte,
deutete an, da seine Konstitution nicht besonders krftig war. Was
Einzelheiten der Krperbildung, wie das Kinn, die Nase und besonders die
Hnde ... wunderbar echt Buddenbrooksche Hnde! betraf, so war seine
hnlichkeit mit dem Grovater noch grer geworden.

Er sprach ein mit spanischen Lauten untermischtes Franzsisch und setzte
jedermann durch seine Liebhaberei fr gewisse moderne Schriftsteller
satirischen und polemischen Charakters in Erstaunen ... Nur bei dem
finsteren Makler, Herrn Gosch, fand er in der Stadt fr diese Neigung
Verstndnis; sein Vater verurteilte sie aufs strengste.

Das hinderte nicht, da der Stolz und das Glck, das der Konsul ber
seinen ltesten Sohn empfand, ihm in den Augen zu lesen war. Mit Rhrung
und Freude begrte er ihn alsbald nach seiner Ankunft aufs neue als
Mitarbeiter in seinen Kontors, in denen er selbst jetzt wieder mit
grerer Genugtuung zu wirken begann: und zwar nach dem Tode der alten
Madame Krger, der am Ende des Jahres erfolgte.

Man mute den Verlust der alten Dame mit Fassung ertragen. Sie war
steinalt geworden und hatte zuletzt ganz einsam gelebt. Sie ging zu
Gott, und Buddenbrooks bekamen eine Menge Geld, volle runde 100000 Taler
Kurant, die das Betriebskapital der Firma in wnschenswertester Weise
verstrkten.

Eine weitere Folge dieses Sterbefalles war diejenige, da des Konsuls
Schwager Justus, sobald er den Rest seines Erbteiles in Hnden hatte,
mde seiner bestndigen geschftlichen Mierfolge, liquidierte und sich
zur Ruhe setzte. Justus Krger, der Suitier, des _ la mode_-Kavaliers
lebensfroher Sohn, war kein sehr glcklicher Mensch. Er hatte, mit
seiner Kulanz und seiner heiteren Leichtlebigkeit, es niemals zu einer
sicheren, soliden und zweifellosen Position in der Kaufmannswelt bringen
knnen, er hatte einen bedeutenden Teil seines elterlichen Erbes im
voraus eingebt, und neuerdings kam hinzu, da Jakob, sein ltester
Sohn, ihm schwere Kmmernisse bereitete.

Der junge Mann, der in dem groen Hamburg sich sittenlose Gesellschaft
gewhlt zu haben schien, hatte seinem Vater mit den Jahren eine
ungebhrliche Menge Kurantmark gekostet, und da, wenn Konsul Krger
sich weigerte, noch mehr zu leisten, seine Gattin, eine schwache und
zrtliche Frau, dem lockeren Sohne heimlich weitere Geldsummen zukommen
lie, so waren zwischen dem Ehepaar traurige Mihelligkeiten entstanden.
Um allem die Krone aufzusetzen, war fast zur selben Zeit, als B.
Grnlich seine Zahlungen einstellte, in Hamburg, wo Jakob Krger bei den
Herren Dalbeck & Comp. arbeitete, noch etwas anderes, Unheimliches
vorgefallen ... Ein bergriff, eine Unredlichkeit hatte stattgefunden
... Man sprach nicht davon und richtete keine Fragen an Justus Krger;
aber es hie, da Jakob in Neuyork eine Stellung als Reisender gefunden
habe und demnchst zu Schiff gehen werde. Einmal, vor seiner Fahrt,
wurde er in der Stadt gesehen, wohin er wahrscheinlich gekommen war, um
auer dem Reisegelde, das sein Vater ihm zugeschickt, von seiner Mutter
noch mehr zu erlangen: ein geckenhaft gekleideter Jngling von
ungesundem Aussehen.

Kurz, es war dahin gekommen, da Konsul Justus, als ob er nur einen
Leibeserben bese, ausschlielich von meinem Sohne sprach ... womit
er Jrgen meinte, der sich zwar niemals eines Vergehens schuldig
gemacht, aber geistig allzu beschrnkt erschien. Er hatte das Gymnasium
mit groer Mhe absolviert und befand sich seit einiger Zeit in Jena, wo
er sich, ohne viel Freude und Erfolg, wie es den Anschein hatte, der
Jurisprudenz widmete.

Johann Buddenbrook empfand aufs schmerzlichste die wenig ehrenvolle
Entwicklung der Familie seiner Frau und blickte mit desto ngstlicherer
Erwartung auf seine eigenen Kinder. Er war berechtigt, die vollste
Zuversicht in die Tchtigkeit und den Ernst seines ltesten Sohnes zu
setzen; was aber Christian betraf, so hatte Mr. Richardson geschrieben,
der junge Mann habe sich zwar mit entschiedener Begabung die englische
Sprache zu eigen gemacht, zeige aber im Geschft nicht immer
hinreichendes Interesse und lege eine allzu groe Schwche fr die
Zerstreuungen der Weltstadt, zum Beispiel fr das Theater, an den Tag.
Christian selbst bewies in seinen Briefen ein lebhaftes Wanderbedrfnis
und bat eifrig um die Erlaubnis, drben, das heit in Sdamerika,
vielleicht in Chile, eine Stellung annehmen zu drfen. Aber das ist
Abenteuerlust, sagte der Konsul und befahl ihm, vorerst whrend eines
vierten Jahres seine merkantilen Kenntnisse bei Mr. Richardson zu
vervollstndigen. Es wurden dann noch einige Briefe ber seine Plne
gewechselt, und im Sommer 1851 segelte Christian Buddenbrook in der Tat
nach Valparaiso, wo er sich eine Position verschafft hatte. Er reiste
direkt von England, ohne vorher in die Heimat zurckzukehren.

Abgesehen aber von den beiden Shnen, bemerkte der Konsul zu seiner
Genugtuung, mit welcher Entschiedenheit und welchem Selbstgefhle Tony
ihre Stellung als eine geborene Buddenbrook in der Stadt verteidigte ...
obgleich man hatte vorhersehen mssen, da sie in ihrer Eigenschaft als
geschiedene Frau allerlei Schadenfreude und Voreingenommenheiten auf
seiten der anderen Familien werde zu berwinden haben.

Ha! sagte sie, als sie mit gertetem Gesicht von einem Spaziergang
zurckkam, und warf ihren Hut auf das Sofa im Landschaftszimmer ...
Diese Mllendorpf, diese geborene Hagenstrm, diese Semmlinger, dieses
Julchen, dieses Geschpf ... was meinst du wohl, Mama! Sie grt mich
nicht ... nein, sie grt mich nicht! Sie wartet, da ich sie zuerst
gre! Was sagst du dazu! Ich bin in der Breiten Strae mit erhobenem
Kopfe an ihr vorbergegangen und habe ihr gerade ins Gesicht
gesehen...

Du gehst zu weit, Tony ... Nein, alles hat seine Grenzen. Warum
konntest du Madame Mllendorpf nicht zuerst gren? Ihr seid
gleichaltrig, und sie ist eine verheiratete Frau so gut wie du es
warst...

Niemals, Mama! O Gott, das Geschmei!

_Assez_, meine Liebe! So undelikate Worte...

Oh, man kann sich hinreien lassen!

Ihr Ha gegen diese hergelaufene Familie wurde durch die bloe
Vorstellung genhrt, da die Hagenstrms sich nun vielleicht berechtigt
fhlen knnten, auf sie herabzusehen, und nicht minder durch das Glck,
mit dem dies Geschlecht emporblhte. Der alte Hinrich starb zu Anfang
des Jahres 51, und sein Sohn Hermann ... Hermann mit den Zitronensemmeln
und der Ohrfeige, fhrte nun an der Seite des Herrn Strunck das glnzend
gehende Exportgeschft fort und heiratete ein kurzes Jahr spter die
Tochter des Konsuls Huneus, des reichsten Mannes der Stadt, der es mit
seinem Holzhandel dahin gebracht hatte, jedem seiner drei Kinder zwei
Millionen hinterlassen zu knnen. Sein Bruder Moritz hatte trotz seiner
Brustschwchlichkeit ein ungewhnlich erfolgreiches Studium hinter sich
und lie sich in der Stadt als Rechtsgelehrter nieder. Er galt fr einen
hellen, schlauen, witzigen, ja sogar schngeistigen Kopf und zog rasch
eine betrchtliche Praxis an sich. Er hatte nichts Semlingersches in
seinem uern, besa aber ein gelbes Gesicht und spitzige, lckenhafte
Zhne.

Sogar in der Familie selbst galt es den Kopf hochzuhalten. Seit Onkel
Gotthold fern den Geschften lebte, mit seinen kurzen Beinen und weiten
Hosen sorglos in seiner bescheidenen Wohnung umherging und aus einer
Blechbchse Brustbonbons a, denn er liebte sehr die Sigkeiten ... war
seine Stimmung gegen den bevorzugten Stiefbruder mit den Jahren immer
milder und resignierter geworden, was freilich nicht ausschlo, da er
angesichts seiner drei unverheirateten Tchter einige stille Genugtuung
ber Tonys miglckte Ehe empfand. Um aber vor seiner Frau, der
geborenen Stwing, und besonders von den drei nun schon sechs-, sieben-
und achtundzwanzig Jahre alten Mdchen zu reden, so bewiesen sie fr das
Unglck ihrer Cousine und den Scheidungsproze ein beinahe
bertriebenes, ein weitaus lebhafteres Interesse, als sie damals fr die
Verlobung und Hochzeit selbst offenbart hatten. An den Kindertagen,
die seit dem Tode der alten Madame Krger Donnerstags wieder in der
Mengstrae abgehalten wurden, hatte Tony keinen leichten Stand ihnen
gegenber...

O Gott, du rmste! sagte Pfiffi, die Jngste, die klein und beleibt
war und eine drollige Art hatte, sich bei jedem Worte zu schtteln und
Feuchtigkeit in die Mundwinkel zu bekommen. Nun ist es also
ausgesprochen? Nun bist du also gerade so weit wie vorher?

Ach, im Gegenteile! sagte Henriette, die wie ihre ltere Schwester von
auerordentlich langer und drrer Gestalt war. Du bist sehr viel
trauriger daran, als wenn du dich berhaupt nicht verheiratet httest.

Das mu ich sagen, besttigte Friederike. =Dann= ist es ja
unvergleichlich viel besser, =niemals= zu heiraten.

O nein, liebe Friederike! sagte Tony, indem sie den Kopf zurcklegte
und sich eine recht schlagkrftige und formgewandte Erwiderung
ausdachte. Da drftest du denn doch wohl in einem Irrtum befangen sein,
nicht wahr?! Man hat doch immerhin das Leben kennengelernt, weit du!
Man ist doch keine Gans mehr! Und dann habe ich ja immer noch mehr
Aussicht, mich wieder zu verheiraten, als so manche andere, es zum
ersten Male zu tun.

Zo? sagten die Kusinen einstimmig ... Sie sagten Zo mit einem Z, was
sich desto spitziger und unglubiger ausnahm.

Sesemi Weichbrodt aber war viel zu gut und taktvoll, um die Sache auch
nur zu erwhnen. Tony besuchte ihre ehemalige Pflegerin zuweilen in dem
roten Huschen, am Mhlenbrink Nr. 7, das noch immer von einer Anzahl
junger Mdchen belebt wurde, obgleich die Pension anfing, langsam aus
der Mode zu kommen; und auch das tchtige alte Mdchen ward hie und da
in die Mengstrae auf einen Rehrcken oder eine gefllte Gans gebeten.
Dann erhob sie sich auf die Zehenspitzen und kte Tony gerhrt,
ausdrucksvoll und mit leise knallendem Gerusch auf die Stirn. Was ihre
ungelehrte Schwester, Madame Kethelsen anging, so begann sie neuerdings
mit groer Schnelligkeit taub zu werden und hatte fast nichts von Tonys
Geschichte verstanden. Sie stie bei immer unpassenderen Gelegenheiten
ihr unwissendes und vor unbefangener Herzlichkeit fast klagendes Lachen
aus, so da Sesemi sich bestndig gentigt sah, auf den Tisch zu pochen
und Nally! zu rufen...

Die Jahre schwanden dahin. Der Eindruck, den das Erlebnis von Konsul
Buddenbrooks Tochter in der Stadt und in der Familie hervorgerufen
hatte, verwischte sich mehr und mehr. Tony selbst wurde an ihre Ehe nur
dann und wann erinnert, wenn sie im Gesicht der gesund heranwachsenden
kleinen Erika diese oder jene hnlichkeit mit Bendix Grnlich bemerkte.
Aber sie kleidete sich wieder hell, trug ihr Haar wieder ber die Stirn
gekraust und besuchte wie ehemals Gesellschaften in ihrem
Bekanntenkreise.

Immerhin war sie recht froh, da ihr Gelegenheit geboten wurde, jhrlich
im Sommer die Stadt auf lngere Zeit zu verlassen ... denn leider machte
das Befinden des Konsuls jetzt weitere Kurreisen notwendig.

Man wei nicht, was es heit, alt zu werden! sagte er. Ich bekomme
einen Kaffeefleck in mein Beinkleid und kann nicht kaltes Wasser
daraufbringen, ohne sofort den heftigsten Rheumatismus davonzutragen ...
Was konnte man sich frher erlauben? Auch litt er manchmal an
Schwindelanfllen.

Man ging nach Obersalzbrunn, nach Ems und Baden-Baden, nach Kissingen,
man machte von dort aus sogar eine so bildende wie unterhaltende Reise
ber Nrnberg nach Mnchen, durchs Salzburgische ber Ischl nach Wien,
ber Prag, Dresden, Berlin nach Hause ... und obgleich Madame Grnlich
wegen einer nervsen Magenschwche, die sich neuerdings bei ihr
bemerkbar zu machen begann, in den Bdern gezwungen war, sich einer
strengen Kur zu unterwerfen, empfand sie diese Reisen als eine hchst
erwnschte Abwechselung, denn sie verhehlte durchaus nicht, da sie sich
zu Hause ein wenig langweilte.

Oh, mein Gott, weit du, wie es im Leben so geht, Vater! sagte sie,
indem sie gedankenvoll die Zimmerdecke betrachtete ... Gewi, ich habe
das Leben kennengelernt ... aber gerade darum ist es eine etwas trbe
Aussicht fr mich, hier nun immer zu Hause sitzen zu mssen wie ein
dummes Ding. Du glaubst hoffentlich nicht, da ich nicht gern bei euch
bin, Papa ... ich mte ja Schlge haben, es wre die hchste
Undankbarkeit! Aber wie es im Leben so ist, weit du...

Hauptschlich aber rgerte sie sich ber den immer religiseren Geist,
der ihr weitlufiges Vaterhaus erfllte, denn des Konsuls fromme
Neigungen traten in dem Grade, in welchem er betagt und krnklich wurde,
immer strker hervor, und seitdem die Konsulin alterte, begann auch sie
an dieser Geistesrichtung Geschmack zu finden. Die Tischgebete waren
stets im Buddenbrookschen Hause blich gewesen; jetzt aber bestand seit
lngerer Zeit das Gesetz, da sich morgens und abends die Familie
gemeinsam mit den Dienstboten im Frhstckszimmer versammelte, um aus
dem Munde des Hausherrn einen Bibelabschnitt zu vernehmen. Auerdem
mehrten die Besuche von Pastoren und Missionaren sich von Jahr zu Jahr,
denn das wrdige Patrizierhaus in der Mengstrae, wo man, nebenbei
bemerkt, so vorzglich speiste, war in der Welt der lutherischen und
reformierten Geistlichkeit, der inneren und ueren Mission lngst als
ein gastlicher Hafen bekannt, und aus allen Teilen des Vaterlandes kamen
gelegentlich schwarzgekleidete und langhaarige Herren herbei, um ein
paar Tage hier zu verweilen ... gottgeflliger Gesprche, einiger
nahrhafter Mahlzeiten und klingender Untersttzung zu heiligen Zwecken
gewi. Auch die Prediger der Stadt gingen als Hausfreunde aus und
ein...

Tom war viel zu diskret und verstndig, um auch nur ein Lcheln sichtbar
werden zu lassen, aber Tony mokierte sich ganz einfach, ja, sie lie es
sich leider angelegen sein, die geistlichen Herren lcherlich zu machen,
sobald sich ihr Gelegenheit dazu bot.

Zuweilen, wenn die Konsulin an Migrne litt, war es Madame Grnlichs
Sache, die Wirtschaft zu besorgen und das Men zu bestimmen. Eines
Tages, als eben ein fremder Prediger, dessen Appetit die allgemeine
Freude erregte, im Hause zu Gast war, ordnete sie heimtckisch
Specksuppe an, das stdtische Spezialgericht, eine mit suerlichem
Kraute bereitete Bouillon, in die man das ganze Mittagsmahl: Schinken,
Kartoffeln, saure Pflaumen, Backbirnen, Blumenkohl, Erbsen, Bohnen,
Rben und andere Dinge mitsamt der Fruchtsauce hineinrhrte, und die
niemand auf der Welt genieen konnte, der nicht von Kindesbeinen daran
gewhnt war.

Schmeckt es? Schmeckt es, Herr Pastor? fragte Tony bestndig ...
Nein? O Gott, wer htte das gedacht! Und dabei machte sie ein wahrhaft
spitzbbisches Gesicht und lie ihre Zungenspitze, wie sie es zu tun
pflegte, wenn sie einen Streich erdachte oder ausfhrte, ganz leicht an
der Oberlippe spielen.

Der dicke Herr legte mit Ergebung den Lffel nieder und sagte arglos:
Ich werde mich an das nchste Gericht halten.

Ja, es gibt noch ein kleines Apres, sagte die Konsulin hastig ... denn
ein nchstes Gericht war nach dieser Suppe undenkbar, und trotz
einiger Armeritter mit Apfelgelee, welche nachfolgten, mute der
betrogene Geistliche, whrend Tony vor sich hin kicherte und Tom mit
Selbstberwindung eine Braue emporzog, sich ungesttigt vom Tische
erheben...

Ein anderes Mal stand Tony mit der Kchin Stina in huslichem Gesprche
auf der Diele, als Pastor Mathias aus Kannstatt, der wieder einmal
whrend einiger Tage im Hause weilte, von einem Ausgang zurckkehrte und
an der Windfangtr klingelte. Mit lndlich watschelnden Schritten ging
Trina zu ffnen, und der Pastor, in der Absicht, ein leutseliges Wort an
sie zu richten und sie ein wenig zu prfen, fragte freundlich: Liebscht
den Herrn? ... Vielleicht war er willens, ihr etwas zu schenken, wenn
sie sich treu zu ihrem Heiland bekannte.

Je, Herr Paster ... sagte Trine zgernd, errtend und mit groen
Augen. Wekken meenen's denn? den Ollen oder den Jungen?

Madame Grnlich verfehlte nicht, diese Geschichte bei Tische mit lauter
Stimme zu erzhlen, so da selbst die Konsulin in ihr pruschendes
Krgersches Lachen ausbrach.

Der Konsul freilich sah ernst und indigniert auf seinen Teller nieder.

Ein Miverstndnis... sagte Pastor Mathias verwirrt.


Elftes Kapitel

Was folgt, geschah im Sptsommer des Jahres fnfundfnfzig, an einem
Sonntagnachmittage. Buddenbrooks saen im Landschaftszimmer und warteten
auf den Konsul, der sich unten noch ankleidete. Man hatte mit der
Familie Kistenmaker ein Festtagsunternehmen, einen Spaziergang zu einem
Vergngungsgarten vorm Tore, verabredet. Ausgenommen Klara und
Klothilde, die jeden Sonntagabend im Hause einer Freundin fr kleine
Negerkinder Strmpfe strickten, wollte man dort Kaffee trinken und
vielleicht, wenn das Wetter es erlaubte, eine Ruderpartie auf dem Flusse
unternehmen...

Mit Papa ist es zum Heulen, sagte Tony, indem sie nach ihrer
Gewohnheit starke Worte whlte. Kann er jemals zur festgesetzten Zeit
fertig sein? Er sitzt an seinem Pult und sitzt ... und sitzt ... dies
und das =mu= noch fertig werden ... groer Gott, vielleicht ist es
wirklich notwendig, ich will nichts gesagt haben ... obgleich ich nicht
glaube, da wir geradezu Bankerott ansagen mten, wenn er die Feder
eine Viertelstunde frher weggelegt htte. Gut ... wenn es schon zehn
Minuten zu spt ist, fllt ihm sein Versprechen ein, und er kommt die
Treppen herauf, indem er immer zwei Stufen berspringt, obgleich er
wei, da er oben Kongestionen und Herzklopfen bekommt ... So ist es vor
jeder Gesellschaft, vor jedem Ausgang! Kann er sich nicht Zeit lassen?
Kann er nicht rechtzeitig aufbrechen und langsam gehen? Es ist
unverantwortlich. Ich wrde meinem Manne einmal ernstlich ins Gewissen
reden, Mama...

Sie sa, nach der Mode in changierende Seide gekleidet, auf dem Sofa bei
der Konsulin, die ihrerseits eine schwerere Robe aus grauer, gerippter,
mit schwarzen Spitzen besetzter Seide trug. Die Enden ihrer aus Spitzen
und steifem Tll gefertigten Haube, die unterm Kinn mit einer
Atlasschleife zusammengefat waren, fielen auf die Brust hinab. Ihr
glattgescheiteltes Haar war unvernderlich rotblond. Sie hielt einen
Pompadour in ihren beiden weien und zartblau gederten Hnden. Neben
ihr im Fauteuil lehnte Tom und rauchte seine Zigarette, whrend am
Fenster Klara und Thilda einander gegenbersaen. Es war unfalich, wie
vllig erfolglos die arme Klothilde tglich so gute und reichliche
Nahrung zu sich nahm. Sie wurde bestndig magerer, und ihr schwarzes
Kleid, welches berhaupt gar keinen Schnitt hatte, beschnigte diese
Tatsache nicht. In ihrem langen, stillen, grauen Gesicht unter dem
glatten, aschfarbenen Scheitel stand eine gerade und porse Nase, die
sich vorn verdickte...

Meint ihr, da es =nicht= regnen wird! sagte Klara. Das junge Mdchen
hatte die Gewohnheit, bei einer Frage niemals die Stimme zu erheben, und
sah mit einem bestimmten und ziemlich strengen Blick jedem einzelnen ins
Gesicht. Ihr braunes Kleid war lediglich mit einem kleinen, weien,
gestrkten Fallkragen und ebensolchen Manschetten geschmckt. Sie sa
aufrecht, die Hnde im Schoe zusammengelegt. Die Dienstboten frchteten
sie am meisten, und sie hielt morgens und abends die Andacht ab, denn
der Konsul konnte nicht mehr vorlesen, ohne sich Beschwerden im Kopf zu
verursachen.

Nimmst du fr heute abend deinen =Baschlik= mit, Tony! fragte sie
wieder. Er wird verregnen. Schade um den neuen Baschlik. Ich halte es
fr richtiger, da ihr euren Spaziergang verschiebt...

Nein, erwiderte Tom; Kistenmakers kommen. Es macht nichts ... das
Barometer ist zu pltzlich gefallen ... Es gibt irgendeine kleine
Katastrophe, einen Gu ... nichts Dauerndes. Papa ist noch nicht fertig,
schn. Wir knnen ruhig warten, bis es vorber ist.

Die Konsulin erhob abwehrend eine Hand. Du glaubst, da ein Gewitter
kommt, Tom? Ach, du weit, ich ngstige mich.

Nein, sagte Tom. Ich habe heute morgen am Hafen mit Kapitn Kloot
gesprochen. Er ist unfehlbar. Es gibt blo einen Platzregen ... nicht
einmal strkeren Wind.

Versptete Hundstage hatte diese zweite Septemberwoche gebracht. Bei
Sd-Sd-Ostwind hatte der Sommer schwerer als im Juli auf der Stadt
gelastet. Ein fremdartig dunkelblauer Himmel hatte ber den Giebeln
geleuchtet, fahl am Horizonte, wie in der Wste; und nach
Sonnenuntergang hatten in den schmalen Straen Huser und Brgersteige
wie fen eine dumpfe Wrme ausgestrahlt. Heute war der Wind ganz nach
Westen hin umgeschlagen, und gleichzeitig hatte dieser pltzliche
Barometersturz stattgefunden ... Noch war ein groer Teil des Himmels
blau, aber langsam zog ein Komplex von graublauen Wolken daran herauf,
dick und weich wie Kissen.

Tom fgte hinzu: Ich finde auch, der Regen kme hchst erwnscht. Wir
wrden verschmachten, wenn wir in dieser Luft marschieren mten. Es ist
eine unnatrliche Wrme. Ich habe dergleichen in Pau nicht gehabt...

In diesem Augenblick trat Ida Jungmann, die kleine Erika an der Hand,
ins Zimmer. Das Kind stak in einem frisch gesteiften Kattunkleidchen,
verbreitete einen Geruch von Strke und Seife und sah sehr drollig aus.
Es hatte ganz die rosige Gesichtsfarbe und die Augen des Herrn Grnlich;
aber die Oberlippe war diejenige Tonys.

Die gute Ida war schon ganz grau, beinahe wei, obgleich sie kaum die
Vierzig berschritten hatte. Aber das lag in ihrer Familie; auch der
Onkel, welcher am Schluckauf zugrunde gegangen war, hatte mit dreiig
Jahren schon weies Haar gehabt; brigens blickten ihre kleinen braunen
Augen treu, frisch und aufmerksam. Sie war nun zwanzig Jahre bei
Buddenbrooks und empfand mit Stolz ihre Unentbehrlichkeit. Sie fhrte
die Aufsicht ber Kche, Speisekammer, Wscheschrnke und Porzellan, sie
machte die wichtigeren Einkufe, sie las der kleinen Erika vor, machte
ihr Puppenkleider, arbeitete mit ihr und holte sie, bewaffnet mit einem
Paket von belegtem Franzbrot, mittags von der Schule ab, um mit ihr auf
dem Mhlenwall spazieren zu gehen. Jede Dame sagte zur Konsulin
Buddenbrook oder ihrer Tochter: Was fr eine Mamsell haben Sie, Liebe!
Gott, die Person ist goldeswert, was ich Ihnen sage! Zwanzig Jahre!...
und sie wird mit sechzig und lnger noch rstig sein! Diese knochigen
Leute ... und dann die treuen Augen! Ich beneide Sie, -- Liebe! Aber
Ida Jungmann hielt auch auf sich. Sie wute, wer sie war, und wenn auf
dem Mhlenwall sich ein gewhnliches Dienstmdchen mit ihrem Zgling auf
derselben Bank niederlie und von gleich zu gleich ein Gesprch beginnen
wollte, so sagte Mamsell Jungmann: Erikachen, hier zieht's, und ging
von dannen.

Tony zog ihre kleine Tochter zu sich heran und kte sie auf eine der
rosigen Bckchen, worauf die Konsulin ihr mit etwas zerstreutem Lcheln
die Handflche entgegenstreckte ... denn sie beobachtete ngstlich den
Himmel, der dunkler und dunkler wurde. Ihre linke Hand fingerte nervs
auf dem Sofapolster, und ihre hellen Augen wanderten unruhig seitwrts
zum Fenster.

Erika durfte sich neben die Gromutter setzen, und Ida nahm, ohne die
Rckenlehne zu bentzen, auf einem Sessel Platz und begann zu hkeln. So
saen alle eine Weile schweigend und warteten auf den Konsul. Die Luft
war dumpf. Drauen war das letzte Stck Blau verschwunden, und tief,
schwer und trchtig hing der dunkelgraue Himmel hernieder. Die Farben
des Zimmers, die Tinten der Landschaften auf den Tapeten, das Gelb der
Mbel und der Vorhnge, waren erloschen, die Nuancen in Tonys Kleide
spielten nicht mehr, und die Augen der Menschen waren ohne Glanz. Und
der Wind, der Westwind, der eben noch drben in den Bumen auf dem
Marienkirchhof gespielt hatte und den Staub auf der dunklen Strae in
kleinen Wirbeln umhergetrieben hatte, regte sich nicht mehr. Es war
einen Augenblick vollkommen still.

Da, pltzlich, trat dieser Moment ein ... ereignete sich etwas
Lautloses, Erschreckendes. Die Schwle schien verdoppelt, die Atmosphre
schien einen, sich binnen einer Sekunde rapide steigernden Druck
auszuben, der das Gehirn bengstigte, das Herz bedrngte, die Atmung
verwehrte ... drunten flatterte eine Schwalbe so dicht ber der Strae,
da ihre Flgel das Pflaster schlugen ... Und dieser unentwirrbare
Druck, diese Spannung, diese wachsende Beklemmung des Organismus wre
unertrglich geworden, wenn sie den geringsten Teil eines Augenblicks
lnger gedauert htte, wenn nicht auf ihrem sofort erreichten Hhepunkt
eine Abspannung, ein berspringen stattgefunden htte ... ein kleiner,
erlsender Bruch, der sich unhrbar irgendwo ereignete und den man
gleichwohl zu hren glaubte ... wenn nicht in demselben Moment, fast
ohne da ein Tropfenfall vorhergegangen wre, der Regen
herniedergebrochen wre, da das Wasser im Rinnstein schumte und auf
dem Brgersteig hoch emporsprang...

Thomas, durch Krankheit daran gewhnt, die Kundgebungen seiner Nerven zu
beobachten, hatte sich in dieser seltsamen Sekunde vorgebeugt, eine
Handbewegung nach dem Kopfe gemacht und die Zigarette fortgeworfen. Er
sah im Kreise umher, ob auch die anderen es gefhlt und beachtet htten.
Er glaubte etwas bei seiner Mutter bemerkt zu haben; den brigen schien
nichts bewut geworden zu sein. Jetzt blickte die Konsulin in den dicken
Regen hinaus, der die Marienkirche vllig verhllte, und seufzte: Gott
sei Dank.

So, sagte Tom. Das khlt in zwei Minuten. Nun werden drauen die
Tropfen an den Bumen hngen, und wir werden in der Veranda Kaffee
trinken. Thilda, mach' mal das Fenster auf.

Das Gerusch des Regens drang strker herein. Er lrmte frmlich. Alles
rauschte, pltscherte, rieselte und schumte. Der Wind war wieder
aufgekommen und fuhr lustig in den dichten Wasserschleier, zerri ihn
und trieb ihn umher. Jede Minute brachte neue Khlung.

Da kam Line, das Folgmdchen Line im Laufschritt durch die Sulenhalle
und fuhr so heftig ins Zimmer herein, da Ida Jungmann beschwichtigend
und vorwurfsvoll ausrief: Gott, ich sage!...

Lines ausdruckslose blaue Augen waren weit aufgerissen, und ihre
Kinnbacken arbeiteten eine Weile vergebens...

Ach, Fru Konsulin, ach nee, nu kamen's man flink ... ach Gottes nee,
wat heww ick mi verfiert...!

Gut, sagte Tony, nun hat sie wieder Stcke gemacht! Wahrscheinlich
aus gutem Porzellan! Nein, Mama, dein Personal...!

Aber das Mdchen stie gengstigt hervor: Ach nee, Ma'm' Grnlich ...
un wenn es dat man wier ... wer dat is mit den Herrn, und ick wollt
man die Stiefel bringen, un doar sitt Herr Kunsel doar upp'm Lehnstaul
und kann nich reden und kiemt man immer blo so, un ick glw, dat geht
nich gaut, denn Herr Kunsel is ook goar tau geel...

Zu Grabow! schrie Thomas und drngte sie zur Tr hinaus.

Mein Gott! O mein Gott! rief die Konsulin, indem sie die Hnde neben
ihrem Gesichte faltete und hinauseilte...

Zu Grabow ... mit einem Wagen ... sofort! wiederholte Tony atemlos.

Man flog die Treppe hinunter, durchs Frhstckszimmer, ins Schlafzimmer.

Aber Johann Buddenbrook war schon tot.




Fnfter Teil


Erstes Kapitel

Guten Abend, Justus, sagte die Konsulin. Geht es dir gut? Nimm
Platz.

Konsul Krger umarmte sie zart und flchtig und schttelte seiner
ltesten Nichte die Hand, die gleichfalls im Esaale zugegen war. Er
zhlte nun ungefhr fnfundfnfzig Jahre und hatte sich zu seinem
kleinen Schnurrbart einen starken runden Backenbart wachsen lassen, der
das Kinn frei lie und ganz grau war. ber seine breite und rosige
Glatze waren sorgfltig ein paar sprliche Haarstreifen frisiert. Ein
breiter Trauerflor sa an dem rmel seines eleganten Leibrockes.

Weit du das Neueste, Bethsy? fragte er. Ja, Tony, dich wird es
besonders interessieren. Kurz, unser Grundstck vorm Burgtor ist nun
verkauft ... an wen? Nicht etwa an =einen= Mann, sondern an zwei, denn
es wird geteilt, das Haus wird abgebrochen, ein Zaun quer
hindurchgezogen, und dann baut sich rechts Kaufmann Benthien und links
Kaufmann Srenson eine Hundehtte ... nun, Gott befohlen.

Unerhrt, sagte Frau Grnlich, indem sie die Hnde im Schoe faltete
und zum Plafond emporblickte ... Grovaters Grundstck! Gut, damit ist
das Besitztum verpfuscht. Der Reiz bestand gerade in der Weitlufigkeit
... die eigentlich berflssig war ... aber das war das Vornehme. Der
groe Garten ... bis zur Trave hinunter ... und das zurckliegende Haus
mit der Auffahrt, der Kastanienallee ... Nun wird es also geteilt.
Benthien wird vor der einen Tr stehen und seine Pfeife rauchen, und
Srenson vor der anderen. Ja, ich sage auch `Gott befohlen, Onkel
Justus. Es ist wohl niemand mehr vornehm genug, um das Ganze zu
bewohnen. Gut, da Gropapa es nicht mehr zu sehen bekommt...

Die Trauerstimmung lag noch zu schwer und ernst in der Luft, als da
Tony ihrer Entrstung in lauteren und strkeren Worten htte Ausdruck
geben mgen. Es war am Tage der Testamentserffnung, zwei Wochen nach
des Konsuls Ableben, nachmittags halb sechs Uhr. Die Konsulin
Buddenbrook hatte ihren Bruder in die Mengstrae gebeten, damit er sich
mit Thomas und Herrn Marcus, dem Prokuristen, an einer Unterredung ber
die Verfgungen des Verstorbenen und die Vermgensverhltnisse
beteilige, und Tony hatte den Entschlu kundgetan, gleichfalls an den
Auseinandersetzungen teilzunehmen. Dieses Interesse, hatte sie gesagt,
sei sie der Firma sowohl wie der Familie schuldig, und sie trug Sorge,
dieser Zusammenkunft den Charakter einer Sitzung, eines Familienrates zu
verleihen. Sie hatte die Fenstervorhnge geschlossen und trotz der
beiden Paraffinlampen, die auf dem ausgezogenen, grngedeckten
Speisetisch brannten, zum berflu smtliche Kerzen auf den groen
vergoldeten Kandelabern entzndet. Auerdem hatte sie auf der Tafel eine
Menge Schreibpapiers und gespitzter Bleistifte verteilt, von denen
niemand wute, wozu sie eigentlich gebraucht werden sollten.

Das schwarze Kleid gab ihrer Gestalt eine mdchenhafte Schlankheit, und
obgleich sie den Tod des Konsuls, dem sie whrend der letzten Zeit so
herzlich nahegestanden, vielleicht von allen am schmerzlichsten empfand,
obgleich sie noch heute bei dem Gedanken an ihn zweimal in bittere
Trnen ausgebrochen war, vermochte die Aussicht auf diesen kleinen
Familienrat, diese kleine ernsthafte Unterredung, an der sie mit Wrde
teilzunehmen gedachte, ihre hbschen Wangen zu rten, ihren Blick zu
beleben, ihren Bewegungen Freude und Wichtigkeit zu geben ... Die
Konsulin dagegen, ermattet vom Schrecken, vom Schmerz, von tausend
Trauerformalitten und den Begrbnisfeierlichkeiten, sah leidend aus.
Ihr Gesicht, von den schwarzen Spitzen der Haubenbnder umrahmt,
erschien noch bleicher dadurch, und ihre hellblauen Augen blickten matt.
In ihrem glattgescheitelten, rotblonden Haar aber war noch immer kein
einziges weies Fdchen zu sehen ... War auch dies noch die Pariser
Tinktur oder schon die Percke? Das wute Mamsell Jungmann allein, und
sie wrde es nicht einmal den Damen des Hauses verraten haben.

Man sa am Ende des Speisetisches und wartete, da Thomas und Herr
Marcus aus dem Kontor kmen. Wei und stolz hoben sich die gemalten
Gtterbilder auf ihren Sockeln von dem himmelblauen Hintergrunde ab.

Die Konsulin sagte: Die Sache ist diese, mein lieber Justus ... ich
habe dich bitten lassen ... kurz zu sein, es handelt sich um Klara, das
Kind. Mein lieber seliger Jean hat die Wahl eines Vormundes, dessen die
Dirn noch whrend dreier Jahre bedarf, mir berlassen ... Ich wei, du
liebst es nicht, mit Verpflichtungen berhuft zu werden; du hast
Pflichten gegen deine Frau, gegen deine Shne...

Gegen meinen Sohn, Bethsy.

Gut, gut, wir sollen christlich und barmherzig sein, Justus. Wie wir
vergeben unseren Schuldigern, heit es. Gedenke unseres gndigen Vaters
im Himmel.

Ihr Bruder sah sie ein wenig verwundert an. Man hatte bisher nur aus des
verstorbenen Konsuls Munde solche Redewendungen vernommen...

Genug! fuhr sie fort, es sind so gut wie keine Mhseligkeiten mit
diesem Liebesamte verbunden ... Ich mchte dich bitten, die
Vormundschaft zu bernehmen.

Gern, Bethsy, wahrhaftig, das tu ich gern. Darf ich mein Mndel nicht
sehen? Ein bichen zu ernst das gute Kind...

Klara ward gerufen. Schwarz und bleich erschien sie langsam, mit traurig
zurckhaltenden Bewegungen. Sie hatte die Zeit nach ihres Vaters Tode
fast unaufhrlich mit Beten auf ihrem Zimmer verbracht. Ihre dunklen
Augen waren unbeweglich; sie schien erstarrt in Schmerz und
Gottesfurcht.

Onkel Justus, galant wie er war, schritt ihr entgegen und verbeugte sich
beinahe, als er ihr die Hand drckte; dann richtete er einige
wohlgesetzte Worte an sie, und sie ging wieder, nachdem sie von der
Konsulin einen Ku auf ihre unbeweglichen Lippen entgegengenommen hatte.

Wie geht es dem guten Jrgen? begann die Konsulin aufs neue. Wie
fhlt er sich in Wismar?

Gut, antwortete Justus Krger, indem er sich mit einem Achselzucken
wieder niedersetzte ... Ich glaube, er hat nun seinen Platz gefunden.
Er ist ein braver Junge, Bethsy, ein Junge von Ehre; aber ... nachdem
ihm das Examen zweimal miglckt, war es das beste ... Die Jurisprudenz
machte ihm selbst keinen Spa, und die Position an der Post in Wismar
ist ganz akzeptabel ... Sage mal, ich hre, dein Christian kommt?

Ja, Justus, er wird kommen, und Gott behte ihn auf der See! Ach, es
dauert so frchterlich lange! Obgleich ich ihm am nchsten Tage nach
Jeans Tode geschrieben habe, hat er den Brief noch lange nicht, und dann
braucht er mit dem Segelschiff noch ungefhr zwei Monate. Aber er mu
kommen, ich habe so sehr das Bedrfnis, Justus! Tom sagte zwar, Jean
wrde es niemals zugegeben haben, da er seine Stelle in Valparaiso
fahren lt ... aber ich bitte dich: acht Jahre beinahe, da ich ihn
nicht gesehen habe! Und dann unter diesen Umstnden! Nein, ich will sie
alle um mich haben in dieser schweren Zeit ... das ist natrlich fr
eine Mutter...

Sicherlich, sicherlich! sagte Konsul Krger, denn ihr kamen die
Trnen.

Jetzt ist auch Thomas einverstanden, fuhr sie fort, denn wo ist
Christian besser aufgehoben als in dem Geschft seines seligen Vaters,
in Toms Geschft? Er kann hierbleiben, hier arbeiten ... ach, ich bin
auch bestndig in Angst, da ihm dort drben das Klima ein bel tut...

Nun kam, begleitet von Herrn Marcus, Thomas Buddenbrook in den Saal.
Friedrich Wilhelm Marcus, des verstorbenen Konsuls langjhriger
Prokurist, war ein hochgewachsener Mann in braunem Schorock mit
Trauerflor. Er sprach sehr leise, zgernd, ein wenig stotternd, jedes
Wort eine Sekunde lang berlegend, und pflegte mit dem gerade
ausgestreckten Zeige- und Mittelfinger seiner Linken langsam und
vorsichtig ber seinen rotbraunen, ungepflegt den Mund bedeckenden
Schnurrbart zu streichen oder sich mit Sorgfalt die Hnde zu reiben,
wobei er seine runden, braunen Augen so bedchtig zur Seite wandern
lie, da er den Eindruck vlliger Konfusion und Abwesenheit machte,
obgleich er stets aufmerksam prfend bei der Sache war.

Thomas Buddenbrook, in so jungen Jahren bereits der Chef des groen
Handelshauses, legte in Miene und Haltung ein ernstes Wrdegefhl an
den Tag; aber er war bleich, und seine Hnde im besonderen, an deren
einer nun der groe Erbsiegelring mit grnem Steine glnzte, waren wei
wie die Manschetten, die aus den schwarzen Tuchrmeln hervorsahen, von
einer frostigen Blsse, die erkennen lie, da sie vollkommen trocken
und kalt waren. Diese Hnde, deren schn gepflegte ovale Fingerngel
dazu neigten, eine bluliche Frbung zu zeigen, konnten in gewissen
Augenblicken, in gewissen, ein wenig krampfhaften und unbewuten
Stellungen einen unbeschreiblichen Ausdruck von abweisender
Empfindsamkeit und einer beinahe ngstlichen Zurckhaltung annehmen,
einen Ausdruck, der den ziemlich breiten und brgerlichen, wenn auch
fein gegliederten Hnden der Buddenbrooks bis dahin fremd gewesen war
und wenig zu ihnen pate ... Toms erste Sorge war, die Flgeltr zum
Landschaftszimmer zu ffnen, um die Wrme des Ofens, der dort hinter dem
schmiedeeisernen Gitter brannte, dem Saale zugute kommen zu lassen.

Dann wechselte er einen Hndedruck mit Konsul Krger und nahm, Herrn
Marcus gegenber, Platz an der Tafel, wobei er seine Schwester Tony mit
erhobener Augenbraue ziemlich verwundert ansah. Aber sie legte in einer
Weise den Kopf zurck und das Kinn auf die Brust, da er jede Bemerkung
ber ihre Gegenwart unterdrckte.

Also man darf noch nicht `Herr Konsul sagen? fragte Justus Krger ...
Die Niederlande hoffen vergebens auf deine Vertretung, alter Tom?

Ja, Onkel Justus; ich habe es fr besser gehalten ... sieh mal, ich
htte das Konsulat sofort bernehmen knnen, mit so manch anderer
Verpflichtung; aber erstens bin ich noch ein bichen jung ... und dann
habe ich mit Onkel Gotthold gesprochen; er freute sich und akzeptierte.

Sehr vernnftig, mein Junge. Sehr politisch ... Vollkommen
_gentlemanlike_.

Herr Marcus, sagte die Konsulin, mein lieber Herr Marcus! Und sie
reichte ihm die Hand, deren Flche sie ganz weit herumdrehte, und die er
langsam, mit einem bedchtigen und verbindlichen Seitenblick
entgegennahm. Ich habe Sie heraufgebeten ... Sie wissen, um was es
sich handelt, und ich wei, da Sie einig mit uns sind. Mein seliger
Mann hat in seinen letztwilligen Verfgungen den Wunsch ausgesprochen,
Sie mchten nach seinem Heimgang Ihre treue, bewhrte Kraft nicht lnger
als fremder Mitarbeiter, sondern als Teilhaber in den Dienst der Firma
stellen...

Gewi, allerdings Frau Konsulin, sprach Herr Marcus. Ich bitte
ergebenst, berzeugt zu sein, da ich die Ehrung meiner Person, welche
in diesem Anerbieten liegt, mit Dankbarkeit zu schtzen wei, denn die
Mittel, welche ich der Firma entgegenzubringen vermag, sind nur allzu
geringe. Ich wei vor Gott und den Menschen nichts Besseres zu tun, als
Ihre und Ihres Herrn Sohnes Offerte dankbarst zu akzeptieren.

Ja, Marcus, dann danke ich Ihnen herzlich fr Ihre Bereitwilligkeit,
einen Teil der groen Verantwortlichkeit zu bernehmen, die fr mich
vielleicht zu schwer wre. Dies sprach Thomas schnell und leichthin,
indem er seinem Associ ber den Tisch hinber die Hand reichte, denn
die beiden waren lngst einig, und dies alles war Formalitt.

Kumpanie is Lumperie ... na, Sie beide werden den Schnack ja wohl
zuschanden machen! sagte Konsul Krger. Und nun wollen wir die
Verhltnisse mal durchgehen, Kinder. Ich habe hier blo auf die Mitgift
meines Mndels zu achten; das brige ist mir egal. Hast du eine Kopie
des Testamentes da, Bethsy? Und du, Tom, einen kleinen berschlag?

Den habe ich im Kopf, sagte Thomas und begann, whrend er sein goldnes
Crayon auf der Tischplatte hin und her bewegte und, zurckgelehnt,
ins Landschaftszimmer hinberblickte, den Stand der Dinge
auseinanderzusetzen...

Die Sache war die, da des Konsuls hinterlassenes Vermgen
betrchtlicher war, als irgendein Mensch geglaubt hatte. Die Mitgift
seiner ltesten Tochter freilich war verlorengegangen, die Einbue, die
die Firma gelegentlich des Bremer Konkurses im Jahre51 erlitten, war
ein schwerer Schlag gewesen. Und auch das Jahr48 sowie das gegenwrtige
Jahr55 mit ihren Unruhen und Kriegsluften hatten Verluste gebracht.
Aber der Buddenbrooksche Anteil an der Krgerschen Hinterlassenschaft
von 400000 Kurantmark hatte, da Justus eine Menge im voraus verbraucht,
volle 300000 betragen, und obgleich Johann Buddenbrook nach Kaufmannsart
bestndig geklagt hatte, war den Verlusten doch durch einen etwa
fnfzehnjhrigen Verdienst von 30000 Talern Kurant die Waage gehalten
worden. Das Vermgen also betrug, abgesehen von jedem Grundbesitz, in
runder Zahl 750000 Mark Kurant.

Selbst Thomas war, bei aller Einsicht in den Geschftsgang, von seinem
Vater ber diese Hhe im unklaren gelassen worden, und whrend die
Konsulin mit ruhiger Diskretion die Zahl entgegennahm, whrend Tony mit
einer allerliebsten und verstndnislosen Wrde geradeaus blickte und
dennoch einen ngstlichen Zweifel aus ihrer Miene nicht verbannen
konnte, welcher ausdrckte: Ist das auch viel? Sehr viel? Sind wir auch
reiche Leute?... whrend Herr Marcus sich langsam und anscheinend
zerstreut die Hnde rieb und Konsul Krger sich ersichtlich langweilte,
erfllte ihn selbst diese Zahl, die er aussprach, mit einem nervsen und
treibenden Stolz, der sich beinahe wie Unmut ausnahm.

Wir mten lngst die Million erreicht haben! sagte er mit vor
Erregung gepreter Stimme, indes seine Hnde zitterten ... Grovater
hat in seiner besten Zeit schon 900000 zur Verfgung gehabt ... Und
welche Anstrengungen seitdem, welch hbscher Erfolg, welche guten Coups
hie und da! Und Mamas Mitgift! Mamas Erbe! Ach, aber die bestndige
Zersplitterung ... Mein Gott, sie liegt in der Natur der Dinge;
verzeiht, wenn ich in diesem Augenblick allzu ausschlielich im Sinne
der Firma rede und wenig familir ... Diese Mitgiften, diese
Auszahlungen an Onkel Gotthold und nach Frankfurt, diese
Hunderttausende, die dem Betrieb entzogen werden muten ... Und das
waren damals nur =zwei= Geschwister des Firmenchefs ... Genug, wir
werden zu tun bekommen, Marcus!

Die Sehnsucht nach Tat, Sieg und Macht, die Begier, das Glck auf die
Knie zu zwingen, flammte kurz und heftig in seinen Augen auf. Er fhlte
die Blicke aller Welt auf sich gerichtet, erwartungsvoll, ob er das
Prestige der Firma, der alten Familie zu frdern und auch nur zu wahren
wissen werde. An der Brse begegnete er diesen musternden Seitenblicken
aus alten jovialen, skeptischen und ein bichen mokanten
Geschftsmannsaugen, welche zu fragen schienen: Wirst de Saak ook
unnerkregen, min Shn? Ich werde es, dachte er...

Friedrich Wilhelm Marcus rieb sich bedchtig die Hnde, und Justus
Krger sagte:

Na, ruhig Blut, alter Tom! Die Zeiten sind nicht mehr wie damals, als
dein Gropapa preuischer Heereslieferant war.--

Und nun begann ein ausfhrliches Gesprch ber die groen und kleinen
Anordnungen des Testamentes, ein Gesprch, an dem sich alle beteiligten,
und in welchem Konsul Krger die gute Laune vertrat, indem er von Thomas
bestndig als von Seiner Hoheit dem nunmehr regierenden Frsten
sprach. Der Speicher-Grundbesitz bleibt der Tradition gem ohne
weiteres bei der Krone, sagte er.

Im brigen gingen, wie sich versteht, die Bestimmungen dahin, da alles
nach Mglichkeit beisammengelassen werden sollte, da Frau Elisabeth
Buddenbrook im Prinzip Universalerbin sei und das ganze Vermgen im
Geschfte verbleibe, wobei Herr Marcus konstatierte, da er das
Betriebskapital als Teilhaber um 120000 Kurant verstrke. Fr Thomas
waren als vorlufiges Privatvermgen 50000 ausgesetzt und die gleiche
Summe fr Christian, in dem Falle, da er sich selbstndig etabliere.
Justus Krger war eifrig bei der Sache, als der Passus verlesen ward:
Die Fixierung der Mitgiftsumme fr meine inniggeliebte jngere Tochter
Klara im Falle ihrer Verehelichung berlasse ich dem Ermessen meiner
inniggeliebten Frau ... Sagen wir 100000! schlug er vor, indem er
sich zurcklehnte, ein Bein ber das andere schlug und mit beiden Hnden
seinen kurzen grauen Schnurrbart empordrehte. Er war die Kulanz selbst.
Aber man setzte die hergebrachte Summe von 80000 Kurantmark fest.

Im Falle einer abermaligen Verheiratung meiner inniggeliebten ltesten
Tochter Antonie, hie es weiter, darf, angesichts der Tatsache, da
bereits an ihre erste Ehe 80000 Kurantmark gewendet worden, als
Aussteuer die Summe von 17000 Talern Kurant nicht berschritten
werden... Frau Antonie bewegte mit ebenso graziser wie erregter Geste
die Arme nach vorn, um die rmel der Taille zurckzuschieben, und sie
blickte zur Decke empor, indem sie ausrief: =Grnlich -- ha!= Es klang
wie ein Kriegsruf, wie ein kleiner Trompetensto. Wissen Sie
eigentlich, wie es sich mit dem Manne verhlt, Herr Marcus? fragte sie.
Wir sitzen eines harmlosen Nachmittags im Garten ... vorm Portal ...
Sie wissen, Herr Marcus: unser Portal. -- Gut! Wer erscheint? Eine
Person mit einem goldfarbenen Backenbart ... Was fr ein Filou!...

So, sagte Thomas. Wir reden nachher von Herrn Grnlich, nicht wahr?

Gut, gut; aber das wirst du mir zugeben, Tom, du bist ein kluger
Mensch, und die Erfahrung habe ich gemacht, weit du, obgleich ich vor
kurzer Zeit noch so sehr einfltig war, nmlich da im Leben nicht alles
immer mit ehrlichen und gerechten Dingen zugeht...

Ja..., sagte Tom. Und man fuhr fort, man ging ins Detail, man nahm
Kenntnis von den Bestimmungen ber die groe Familienbibel, ber des
Konsuls Diamantknpfe, ber viele einzelne Dinge ... Justus Krger und
Herr Marcus blieben zum Abendbrot.


Zweites Kapitel

Zu Beginn des Februar 1856, nach achtjhriger Abwesenheit, kehrte
Christian Buddenbrook in die Vaterstadt zurck. Er kam, in einem gelben
und grokarierten Anzug, der durchaus etwas Tropisches an sich hatte,
mit der Postkutsche von Hamburg, brachte den Schnabel eines
Schwertfisches und ein groes Zuckerrohr mit und nahm in halb
zerstreuter, halb verlegener Haltung die Umarmungen der Konsulin
entgegen.

Diese Haltung bewahrte er auch, als gleich am nchsten Vormittag nach
seiner Ankunft die Familie vors Burgtor hinaus zum Friedhofe ging, um
auf dem Grabe einen Kranz niederzulegen. Sie standen alle beieinander
auf dem verschneiten Wege vor der umfangreichen Platte, auf welcher die
Namen der hier Ruhenden das in Stein gearbeitete Wappen der Familie
umgaben ... vor dem aufrechten Marmorkreuz, das sich an den Rand des
kleinen, winterlich kahlen Friedhofgehlzes lehnte: Alle, ausgenommen
Klothilde, die auf Ungnade weilte, um ihren kranken Vater zu pflegen.

Tony legte den Kranz auf den in goldenen Buchstaben frisch in die Platte
eingelassenen Namen des Vaters und kniete dann trotz des Schnees am
Grabe nieder, um leise zu beten; der schwarze Schleier umspielte sie,
und ihr weiter Kleiderrock lag ein wenig malerisch schwungvoll neben ihr
ausgebreitet. Gott allein wute, wieviel Schmerz und Religiositt, und
andererseits wieviel Selbstgeflligkeit einer hbschen Frau in dieser
hingegossenen Stellung lag. Thomas war nicht in der Stimmung, darber
nachzudenken. Christian aber blickte seine Schwester mit einem
Mischausdruck von Moquerie und ngstlichkeit von der Seite an, als
wollte er sagen: Wirst du das auch verantworten knnen? Wirst du auch
nicht verlegen werden, wenn du aufstehst? Wie unangenehm! Tony fing
diesen Blick auf, als sie sich erhob; aber sie geriet durchaus nicht in
Verlegenheit. Sie legte den Kopf zurck, ordnete Schleier und Rock und
wandte sich mit wrdevoller Sicherheit zum Gehen, was Christian
sichtlich erleichterte.

War der verstorbene Konsul, mit seiner schwrmerischen Liebe zu Gott und
dem Gekreuzigten, der erste seines Geschlechtes gewesen, der
unalltgliche, unbrgerliche und differenzierte Gefhle gekannt und
gepflegt hatte, so schienen seine beiden Shne die ersten Buddenbrooks
zu sein, die vor dem freien und naiven Hervortreten solcher Gefhle
empfindlich zurckschreckten. Sicherlich hatte Thomas mit reizbarerer
Schmerzfhigkeit den Tod seines Vaters erlebt, als etwa sein Grovater
den Verlust des seinen. Dennoch pflegte er nicht am Grabe in die Knie zu
sinken, hatte er sich niemals, wie seine Schwester Tony, ber den Tisch
geworfen, um zu schluchzen wie ein Kind, empfand er als im hchsten
Grade peinlich, die groen, mit Trnen gemischten Worte, mit denen
Madame Grnlich zwischen Braten und Nachtisch die Charaktereigenschaften
und die Person des toten Vaters zu feiern liebte. Solchen Ausbrchen
gegenber hatte er einen taktvollen Ernst, ein gefates Schweigen, ein
zurckhaltendes Kopfnicken ... und gerade dann, wenn niemand des
Verstorbenen erwhnt oder gedacht hatte, fllten sich, ohne da sein
Gesichtsausdruck sich verndert htte, langsam seine Augen mit Trnen.

Es war anders mit Christian. Er vermochte bei den naiven und kindlichen
Ergssen seiner Schwester schlechterdings nicht, seine Haltung zu
bewahren; er bckte sich ber seinen Teller, wandte sich ab, zeigte das
Bedrfnis, sich zu verkriechen und unterbrach sie mehrere Male sogar mit
einem leisen und gequlten: Gott ... Tony..., wobei seine groe Nase
in unzhlige Fltchen gezogen war.

Ja, er legte Unruhe und Verlegenheit an den Tag, sobald das Gesprch
sich dem Verstorbenen zuwandte, und es schien, als ob er nicht nur die
undelikaten uerungen tiefer und feierlicher Gefhle, sondern auch die
Gefhle selbst frchtete und mied.

Man hatte ihn noch keine Trne ber den Tod des Vaters vergieen sehen.
Die lange Entwhnung allein erklrte dies nicht. Das Merkwrdige aber
war, da er, im Gegensatze zu seinem sonstigen Widerwillen gegen
derartige Gesprche, immer wieder seine Schwester Tony ganz allein
beiseite nahm, um sich von ihr die Vorgnge jenes frchterlichen
Sterbenachmittages so recht anschaulich und im einzelnen erzhlen zu
lassen: denn Madame Grnlich erzhlte am lebhaftesten.

Also gelb sah er aus? fragte er zum fnften Male ... Was schrie das
Mdchen, als es zu euch hereinstrzte?... Er sah also ganz gelb aus?...
Und hat nichts mehr sagen knnen, bevor er starb?... Was sagte das
Mdchen? Wie hat er nur noch machen knnen? `Ua ... ua?... Er schwieg,
schwieg lange Zeit, indes seine kleinen, runden, tiefliegenden Augen
schnell und gedankenvoll im Zimmer umherirrten. =Grlich=, sagte er
pltzlich, und man sah, da ein Schauer ihn berlief, whrend er
aufstand. Und immer mit unruhigen und grbelnden Augen ging er auf und
nieder, whrend Tony sich wunderte, da ihr Bruder, der sich aus
unbegreiflichen Grnden zu schmen schien, wenn sie laut den Vater
betrauerte, mit einer Art schauerlicher Nachdenklichkeit ganz laut die
Todeslaute desselben wiederholen mochte, die er mit vieler Mhe von
Line, dem Mdchen, erfragt hatte...

Christian hatte sich durchaus nicht verschnt. Er war hager und bleich.
Die Haut umspannte berall straff seinen Schdel, zwischen den
Wangenknochen sprang die groe, mit einem Hcker versehene Nase scharf
und fleischlos hervor, und das Haupthaar war schon merklich gelichtet.
Sein Hals war dnn und zu lang, und seine mageren Beine zeigten eine
starke Krmmung nach auen ... brigens schien sein Londoner Aufenthalt
ihn am nachhaltigsten beeinflut zu haben, und da er auch in Valparaiso
am meisten mit Englndern verkehrt hatte, so hatte seine ganze
Erscheinung etwas Englisches angenommen, was nicht bel zu ihr pate. Es
lag etwas davon in dem bequemen Schnitt und dem wolligen, durablen Stoff
seines Anzuges, in der breiten und soliden Eleganz seiner Stiefel und in
der Art, wie sein rotblonder, starker Schnurrbart mit etwas suerlichem
Ausdruck ihm ber den Mund hing. Ja selbst seine Hnde, die von jenem
matten und porsen Wei waren, wie die Hitze es hervorbringt, machten
mit ihren rund und kurz geschnittenen sauberen Ngeln aus irgendwelchen
Grnden einen englischen Eindruck.

Sage mal... fragte er unvermittelt, kennst du das Gefhl ... es ist
schwer zu beschreiben ... wenn man einen harten Bissen verschluckt und
es tut hinten den ganzen Rcken hinunter weh? Dabei war wieder seine
ganze Nase in straffe kleine Fltchen gezogen.

Ja, sagte Tony, das ist etwas ganz Gewhnliches. Man trinkt einen
Schluck Wasser...

So? erwiderte er unbefriedigt. Nein, ich glaube nicht, da wir
dasselbe meinen. Und ein unruhiger Ernst bewegte sich auf seinem
Gesichte hin und her...

Dabei war er der erste, der im Hause eine freie und der Trauer
abgewandte Stimmung vertrat. Er hatte von der Kunst, den verstorbenen
Marcellus Stengel nachzuahmen, nichts verlernt und redete oft
stundenlang in seiner Sprache. Bei Tische erkundigte er sich nach dem
Stadttheater ... ob eine gute Truppe dort sei, was gespielt werde...

Ich wei nicht, sagte Tom mit einer Betonung, die bertrieben
gleichgltig war, um nicht ungeduldig zu sein. Ich kmmere mich jetzt
nicht darum.

Christian aber berhrte dies vllig und fing an, vom Theater zu
sprechen ... Ich kann gar nicht sagen, wie gern ich im Theater bin!
Schon das Wort `Theater macht mich geradezu glcklich ... Ich wei
nicht, ob jemand von euch dies Gefhl kennt? Ich knnte stundenlang
stillsitzen und den geschlossenen Vorhang ansehen ... Dabei freue ich
mich wie als Kind, wenn wir hier herein zur Weihnachtsbescherung gingen
... Schon das Stimmen der Orchesterinstrumente! Ich wrde ins Theater
gehen, nur um =das= zu hren!... Besonders gern habe ich die
Liebesszenen ... Einige Liebhaberinnen verstehen es, den Kopf des
Liebhabers so zwischen beide Hnde zu nehmen ... berhaupt die
Schauspieler ... ich habe in London und auch in Valparaiso viel mit
Schauspielern verkehrt. Zu Anfang war ich wahrhaftig stolz, mit ihnen so
im ganz gewhnlichen Leben sprechen zu knnen. Im Theater achte ich auf
jede ihrer Bewegungen ... das ist sehr interessant! Einer sagt sein
letztes Wort, dreht sich in aller Ruhe um und geht ganz langsam und
sicher und ohne Verlegenheit zur Tr, obgleich er wei, da die Augen
des ganzen Theaters auf seinem Rcken liegen ... wie man das kann!...
Frher habe ich mich fortwhrend gesehnt, einmal hinter die Kulissen zu
kommen -- ja, jetzt bin ich da ziemlich zu Hause, das kann ich sagen.
Stellt euch vor ... in einem Operettentheater -- es war in London --
ging eines Abends der Vorhang auf, als ich noch auf der Bhne stand ...
Ich unterhielt mich mit Mi Watercloose ... einem Frulein Watercloose
... ein sehr hbsches Mdchen! Genug! pltzlich ffnet sich der
Zuschauerraum ... mein Gott, ich wei nicht, wie ich von der Bhne
heruntergekommen bin!

Madame Grnlich lachte so ziemlich allein in der kleinen Tafelrunde;
aber Christian fuhr mit umherwandernden Augen zu sprechen fort. Er
sprach von englischen Kaffee-Konzertsngerinnen, er erzhlte von einer
Dame, die mit einer gepuderten Percke aufgetreten sei, mit einem langen
Stock auf die Erde gestoen und ein Lied namens _That's Maria_!
gesungen habe ... _Maria_, wit ihr, _Maria_ ist die Schndlichste von
allen ... Wenn eine das Sndhafteste begangen hat: _that's Maria!_
_Maria_ ist die =Allerschlimmste=, wit ihr ... das Laster... Und das
letzte Wort sprach er mit abscheulichem Ausdruck, indem er die Nase
krauste und die rechte Hand mit gekrmmten Fingern erhob.

_Assez_, Christian! sagte die Konsulin. Dies interessiert uns
durchaus nicht.

Allein Christians Blick schweifte abwesend ber sie hin, und er htte
auch wohl ohne ihren Einwurf zu sprechen aufgehrt, denn, whrend seine
kleinen, runden, tiefliegenden Augen rastlos wanderten, schien er in ein
tiefes, unruhiges Nachdenken ber _Maria_ und das Laster versunken.

Pltzlich sagte er: Sonderbar ... manchmal kann ich nicht schlucken!
Nein, da ist nichts zu lachen; ich finde es furchtbar ernst. Mir fllt
ein, da ich vielleicht nicht schlucken kann, und dann kann ich es
wirklich nicht. Der Bissen sitzt schon ganz hinten, aber dies hier, der
Hals, die Muskeln ... es versagt ganz einfach ... Es gehorcht dem Willen
nicht, wit ihr. Ja, die Sache ist: ich wage nicht einmal, es ordentlich
zu wollen.

Tony rief ganz auer sich: Christian! mein Gott, was fr dummes Zeug!
Du wagst nicht, schlucken zu wollen ... Nein, du machst dich ja
lcherlich! Was erzhlst du uns eigentlich alles...!

Thomas schwieg. Die Konsulin aber sagte: Das sind die Nerven,
Christian, ja, es war hchste Zeit, da du nach Hause kamst; das Klima
drben htte dich noch krank gemacht.--

Nach Tische setzte er sich an das kleine Harmonium, das im Esaale
stand, und machte einen Klaviervirtuosen. Er tat, als ob er sein Haar
zurckwrfe, rieb sich die Hnde und blickte von unten herauf ins
Zimmer; dann, lautlos, ohne die Blge zu treten, denn er konnte durchaus
nicht spielen und war berhaupt unmusikalisch wie die meisten
Buddenbrooks, begann er, emsig vornbergebeugt, den Ba zu bearbeiten,
vollfhrte wahnsinnige Passagen, warf sich zurck, blickte entzckt nach
oben und griff mit beiden Hnden machtvoll und sieghaft in die Tasten
... Selbst Klara geriet ins Lachen. Sein Spiel war tuschend, voll von
Leidenschaft und Charlatanerie, voll von unwiderstehlicher Komik, die
den burlesken und exzentrischen englisch-amerikanischen Charakter trug
und weit entfernt war, einen Augenblick unangenehm zu berhren, denn er
selbst fhlte sich allzu wohl und sicher darin.

Ich bin immer sehr hufig in Konzerte gegangen, sagte er; ich sehe es
gar zu gern, wie die Leute sich mit ihren Instrumenten benehmen!... Ja,
es ist wahrhaftig wunderschn, ein Knstler zu sein!

Dann begann er von neuem. Pltzlich jedoch brach er ab. Ganz
unvermittelt wurde er ernst: so berraschend, da es aussah, als ob eine
Maske von seinem Gesicht hinunterfiel; er stand auf, strich mit der Hand
durch sein sprliches Haar, begab sich an einen anderen Platz und blieb
dort, schweigsam, bellaunig, mit unruhigen Augen und einem
Gesichtsausdruck, als horche er auf irgendein unheimliches Gerusch.

...Manchmal finde ich Christian ein bichen sonderbar, sagte Madame
Grnlich eines Abends zu ihrem Bruder Thomas, als sie allein waren ...
Wie spricht er eigentlich? Er geht so merkwrdig ins Detail, dnkt mich
... oder wie soll ich sagen! Er sieht die Dinge von einer so
fremdartigen Seite an, wie?...

Ja, sagte Tom, ich verstehe recht wohl, was du meinst, Tony.
Christian ist herzlich indiskret ... es ist schwer, es auszudrcken. Ihm
fehlt etwas, was man das Gleichgewicht, das persnliche Gleichgewicht
nennen kann. Einerseits ist er nicht imstande, taktlosen Naivitten
anderer Leute gegenber die Fassung zu bewahren ... Er ist dem nicht
gewachsen, er versteht nicht, es zu vertuschen, er verliert ganz und gar
die Contenance ... Aber andererseits kann er auch in =der= Weise die
Contenance verlieren, da er selbst in das unangenehmste Ausplaudern
gert und sein Intimstes nach auen kehrt. Das mutet manchmal geradezu
unheimlich an. Ist es nicht, wie wenn einer im Fieber spricht? Dem
Phantasierenden fehlt in ganz derselben Weise die Haltung und die
Rcksicht ... Ach, die Sache ist ganz einfach die, da Christian sich zu
viel mit sich selbst beschftigt, mit den Vorgngen in seinem eignen
Inneren. Manchmal ergreift ihn eine wahre Manie, die kleinsten und
tiefsten dieser Vorgnge ans Licht zu ziehen und auszusprechen ...
Vorgnge, um die ein verstndiger Mensch sich gar nicht bekmmert, von
denen er gar nichts wissen will, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil
er sich genieren wrde, sie mitzuteilen. Es liegt so viel Schamlosigkeit
in solcher Mitteilerei, Tony!... Siehst du: auch ein anderer Mensch als
Christian mag sagen, da er das Theater liebt; aber er wird es mit einem
anderen Akzent, beilufiger, kurz: bescheidener sagen. Christian aber
sagt es mit einer Betonung, die bedeutet: Ist meine Schwrmerei fr die
Bhne nicht etwas ungeheuer Merkwrdiges und Interessantes? Er kmpft
mit den Worten dabei, er tut, als ringe er danach, etwas ausbndig
Feines, Verborgenes und Seltsames zum Ausdruck zu bringen...

Ich will dir eines sagen, fuhr er nach einer Pause fort, indem er
seine Zigarette durch die schmiedeeiserne Gittertr in den Ofen warf ...
Ich selbst habe manchmal ber diese ngstliche, eitle und neugierige
Beschftigung mit sich selbst nachgedacht, denn ich habe frher
ebenfalls dazu geneigt. Aber ich habe gemerkt, da sie zerfahren,
untchtig und haltlos macht ... und die Haltung, das Gleichgewicht ist
fr mich meinerseits die Hauptsache. Es wird immer Menschen geben, die
zu diesem Interesse an sich selbst, diesem eingehenden Beobachten ihrer
Empfindungen berechtigt sind, Dichter, die ihr bevorzugtes Innenleben
mit Sicherheit und Schnheit auszusprechen vermgen und damit die
Gefhlswelt der anderen Leute bereichern. Aber wir sind blo einfache
Kaufleute, mein Kind; unsere Selbstbeobachtungen sind verzweifelt
unbetrchtlich. Wir knnen zur Not hervorbringen, da das Stimmen von
Orchesterinstrumenten uns ein merkwrdiges Vergngen macht, und da wir
manchmal nicht wagen, schlucken zu wollen ... Ach, wir sollen uns
hinsetzen, zum Teufel, und etwas leisten, wie unsere Vorfahren etwas
geleistet haben...

Ja, Tom, du sprichst meine Ansicht aus. Wenn ich bedenke, da diese
Hagenstrms sich immer mehr aufnehmen ... O Gott, das =Geschmei=, weit
du ... Mutter will das Wort nicht hren, aber es ist das einzig
richtige. Glauben sie vielleicht, da es auer ihnen keine vornehmen
Familien mehr gibt in der Stadt? Ha! ich mu lachen, weit du, ich mu
laut lachen...!


Drittes Kapitel

Der Chef der Firma Johann Buddenbrook hatte seinen Bruder bei dessen
Ankunft mit einem lngeren, prfenden Blick gemessen, er hatte ihm
whrend der ersten Tage eine ganz unauffllige und beilufige
Beobachtung zugewandt, und dann, ohne da ein Urteil auf seinem ruhigen
und diskreten Gesicht zu lesen gewesen wre, schien seine Neugier
befriedigt, seine Meinung abgeschlossen zu sein. Er sprach mit ihm im
Familienkreise mit gleichgltigem Tone ber gleichgltige Dinge und
amsierte sich wie die brigen, wenn Christian irgendeine Vorstellung
gab...

Nach acht Tagen etwa sagte er zu ihm: Wir werden also zusammen
arbeiten, mein Junge?... Soviel ich wei, bist du mit Mamas Wunsch im
Einverstndnis, nicht wahr?... Na, wie du weit, ist Marcus mein
Kompagnon geworden, gegen die Quote, die seinem eingezahlten Vermgen
entspricht. Ich denke mir, da du uerlich, als mein Bruder, ungefhr
seinen frheren Platz einnehmen wirst, eine Prokuristenstellung ...
wenigstens reprsentativ ... Was deine Beschftigung betrifft, so wei
ich ja nicht, wie weit deine kaufmnnischen Kenntnisse vorgeschritten
sind. Ich denke mir, da du bislang ein bichen gebummelt hast, wie?...
Jedenfalls wird dir in der Hauptsache die englische Korrespondenz am
meisten zusagen ... Dann aber mu ich dich um eines bitten, mein Lieber!
In deiner Eigenschaft als Bruder des Chefs nimmst du natrlich
tatschlich unter den brigen Angestellten eine bevorzugte Stellung ein
... aber ich brauche dir nicht zu sagen, nicht wahr, da du ihnen viel
mehr durch Gleichstellung und energische Pflichterfllung imponierst,
als indem du von Vorrechten Gebrauch machst und dir Freiheiten nimmst.
Also die Kontorstunden innehalten und immer die _dehors_ wahren,
wie?...

Und dann machte er ihm einen Vorschlag in betreff der Prokura, den
Christian ohne Besinnen und Handeln akzeptierte: mit einem verlegenen
und zerstreuten Gesicht, das von sehr wenig Habsucht und einem eifrigen
Bestreben zeugte, die Sache rasch zu erledigen.

Am folgenden Tage fhrte Thomas ihn in die Kontors ein, und Christians
Ttigkeit im Dienste der alten Firma begann...

Die Geschfte hatten nach dem Tode des Konsuls ihren ununterbrochenen
und soliden Gang genommen. Aber bald wurde bemerkbar, da, seitdem
Thomas Buddenbrook die Zgel in Hnden hielt, ein genialerer, ein
frischerer und unternehmenderer Geist den Betrieb beherrschte. Hie und
da ward etwas gewagt, hie und da ward der Kredit des Hauses, der unter
dem frheren _rgime_ eigentlich blo ein Begriff, eine Theorie, ein
Luxus gewesen war, mit Selbstbewutsein angespannt und ausgentzt ...
Die Herren an der Brse nickten einander zu. Buddenbrook will mit
_avec_ Geld verdienen, sagten sie. Aber sie fanden es doch ganz gut,
da Thomas den ehrenfesten Herrn Friedrich Wilhelm Marcus wie eine
Bleikugel am Fue hinter sich drein zu ziehen hatte. Herrn Marcus'
Einflu bildete das retardierende Moment im Gang der Geschfte. Er
strich mit zwei Fingern sorgsam ber seinen Schnurrbart, rckte mit
peinlicher Ordnungsliebe seine Schreibutensilien und das Glas Wasser
zurecht, das stets auf seinem Pulte stand, prfte eine Sache mit
abwesendem Gesichtsausdruck von mehreren Seiten und hatte brigens die
Gewohnheit, fnf- oder sechsmal whrend der Kontorzeit hinaus auf den
Hof und in die Waschkche zu gehen, um seinen ganzen Kopf unter den
Strahl der Wasserleitung zu halten und sich so zu erfrischen.

Die beiden ergnzen sich, sagten die Chefs der greren Huser
zueinander: Konsul Huneus vielleicht zu Konsul Kistenmaker; und unter
Schiffsleuten und Speichereiarbeitern wie in den kleinen Brgersfamilien
wiederholte man sich dieses Urteil, denn die Stadt nahm Anteil daran,
wie der junge Buddenbrook de Saak woll befingern werde ... Auch Herr
Stuht in der Glockengieerstrae sagte zu seiner Frau, welche in den
ersten Kreisen verkehrte: Die beiden ergnzen sich ganz gaut, will 'k
di man vertellen!

Die Persnlichkeit im Geschfte aber, darber bestand kein Zweifel,
war dennoch der jngere der beiden Kompagnons. Das zeigte sich schon
darin, da er es war, der mit den Bediensteten des Hauses, mit den
Kapitnen, den Geschftsfhrern in den Speicherkontors, den Fuhrleuten
und den Lagerarbeitern zu verkehren wute. Er verstand es, mit
Ungezwungenheit ihre Sprache zu reden und sich dennoch in unnahbarer
Entfernung zu halten ... Wenn aber Herr Marcus zu einem biederen
Arbeitsmann: Verstahn Sie mich? sagte, so klang dies so vllig
unmglich, da sein Sozius, ihm gegenber am Pulte, einfach anfing zu
lachen, auf welches Zeichen das ganze Kontor sich der Heiterkeit
berlie.

Thomas Buddenbrook, ganz voll von dem Wunsche, der Firma den Glanz zu
wahren und zu mehren, der ihrem alten Namen entsprach, liebte es
berhaupt, im tglichen Kampf um den Erfolg seine Person einzusetzen,
denn er wute wohl, da er seinem sicheren und eleganten Auftreten,
seiner gewinnenden Liebenswrdigkeit, seinem gewandten Takt im Gesprche
manch gutes Geschft verdankte.

Ein Geschftsmann darf kein Brokrat sein! sagte er zu Stephan
Kistenmaker -- von Kistenmaker & Shne -- seinem ehemaligen
Schulkameraden, dessen geistig berlegener Freund er geblieben war, und
der auf jedes seiner Worte horchte, um es dann als seine eigene Meinung
weiterzugeben ... Es gehrt Persnlichkeit dazu, das ist =mein=
Geschmack. Ich glaube nicht, da ein groer Erfolg vom Kontorbock aus zu
erkmpfen ist ... wenigstens wrde er mir nicht viel Freude machen. Der
Erfolg will nicht blo am Pulte berechnet sein ... Ich habe stets das
Bedrfnis, den Gang der Dinge ganz gegenwrtig mit Blick, Mund und Geste
zu dirigieren ... ihn mit dem unmittelbaren Einflu meines Willens,
meines Talentes, meines Glckes, wie du es nennen willst, zu
beherrschen. Aber das kommt leider allmhlich aus der Mode, dies
persnliche Eingreifen des Kaufmannes ... Die Zeit schreitet fort, aber
sie lt, wie mich dnkt, das Beste zurck ... Der Verkehr erleichtert
sich immer mehr, die Kurse sind immer schneller bekannt ... Das Risiko
verringert sich und mit ihm auch der Profit ... Ja, die alten Leute
hatten es anders. Mein Grovater zum Beispiel ... er kutschierte
vierspnnig nach Sddeutschland, der alte Herr mit seinem Puderkopf und
seinen Eskarpins, als preuischer Heereslieferant. Und dann scharmierte
er umher und lie seine Knste spielen und machte ein unglaubliches
Geld, Kistenmaker! -- Ach, ich frchte beinahe, da der Kaufmann eine
immer banalere Existenz wird, mit der Zeit...

So klagte er manchmal, und darum waren es im Grunde seine liebsten
Geschfte, wenn er ganz gelegentlich, auf einem Familienspaziergange
vielleicht, in eine Mhle eintrat, mit dem Besitzer, der sich geehrt
fhlte, plauderte und leichthin, _en passant_, in guter Laune, einen
guten Kontrakt mit ihm abschlo ... Dergleichen lag seinem Sozius fern.

...Was Christian betraf, so schien er sich zunchst mit wirklichem
Eifer und Vergngen seiner Ttigkeit zu widmen; ja, er schien sich
ausnehmend wohl und zufrieden darin zu befinden und hatte whrend
mehrerer Tage eine Art, mit Appetit zu essen, seine kurze Pfeife zu
rauchen und seine Schultern in dem englischen Jackett zurechtzuschieben,
die seiner behaglichen Genugtuung Ausdruck gab. Er ging morgens ungefhr
gleichzeitig mit Thomas ins Kontor hinunter und nahm neben Herrn Marcus
und seinem Bruder schrg gegenber in seinem verstellbaren Armsessel
Platz, denn er hatte wie die beiden Chefs einen Armsessel. Zunchst las
er die Anzeigen, wobei er in Gemtlichkeit seine Morgenzigarette zu
Ende rauchte. Dann holte er sich aus dem unteren Pultschranke einen
alten Kognak, streckte die Arme aus, um sich Bewegungsfreiheit zu
verschaffen, sagte Na! und ging, whrend er die Zunge zwischen den
Zhnen umherwandern lie, guten Mutes zur Arbeit ber. Seine englischen
Briefe waren ganz auerordentlich gewandt und wirksam, denn wie er das
Englische sprach, schlechthin, ungewhlt, gleichgltig und mhelos
dahinpltschernd, so schrieb er es auch.

Seiner Art gem verlieh er im Familienkreise der Stimmung Worte, die
ihn erfllte.

Der Kaufmannsstand ist doch ein schner, wirklich beglckender Beruf!
sagte er. Solide, gengsam, emsig, behaglich ... ich bin wahrhaftig
ganz dafr geboren! Und so als Angehriger des Hauses, wit ihr ...
kurz, ich fhle mich so wohl wie nie. Man kommt morgens frisch ins
Kontor, man sieht die Zeitung durch, raucht, denkt an dies und jenes und
wie gut man es hat, nimmt seinen Kognak und arbeitet mal eben ein
bichen. Es kommt die Mittagszeit, man it mit seiner Familie, ruht sich
aus, und dann geht's wieder an die Arbeit ... Man schreibt, man hat
gutes, glattes, reinliches Firmenpapier, eine gute Feder ... Lineal,
Papiermesser, Stempel, alles ist prima Sorte, ordentlich ... und damit
erledigt man alles, emsig, nach der Reihe, eins nach dem anderen, bis
man schlielich zusammenpackt. Morgen ist wieder ein Tag. Und wenn man
zum Abendbrot hinaufgeht, fhlt man sich so durchdringend zufrieden ...
jedes Glied fhlt sich zufrieden ... die Hnde fhlen sich
zufrieden...!

Gott, Christian! rief Tony. Du machst dich ja lcherlich! Die Hnde
fhlen sich zufrieden...

Doch! Ja! Das kennst du also nicht? Ich meine... Und ereiferte sich
in dem Bestreben, dies auszudrcken, dies zu erklren ... Man schliet
die Faust, weit du ... sie ist nicht besonders krftig, denn man ist
mde von der Arbeit. Aber sie ist nicht feucht ... sie rgert einen
nicht ... Sie fhlt sich selbst gut und behaglich an ... Es ist ein
Gefhl von Selbstgengsamkeit ... Man kann ganz stillsitzen, ohne sich
zu langweilen...

Alle schwiegen. Dann sagte Thomas ganz gleichgltig, um seinen
Widerwillen zu verbergen: Mir scheint, da man nicht arbeitet,
damit... Aber er brach ab, er wiederholte nichts. Ich wenigstens habe
andere Ziele dabei vor Augen, fgte er hinzu.

Christian jedoch, dessen Augen wanderten, berhrte dies, denn er befand
sich in Gedanken, und alsbald begann er eine Geschichte aus Valparaiso
zu erzhlen, eine Mord- und Totschlagaffre, bei der er persnlich
zugegen gewesen war ... Aber da reit der Kerl das Messer heraus----
Aus irgendwelchen Grnden wurden solche Erzhlungen, an denen Christian
reich war, und ber die Madame Grnlich sich kstlich amsierte, whrend
die Konsulin, Klara und Klothilde sich entsetzten und Mamsell Jungmann
nebst Erika mit offenem Munde zuhrten, von Thomas stets ohne Beifall
aufgenommen. Er pflegte sie mit khlen und spttischen Bemerkungen zu
begleiten und sich den deutlichen Anschein zu geben, als glaube er, da
Christian bertreibe und blagiere ... was sicherlich nicht der Fall war;
aber er erzhlte mit Verve und Farbe. Erfuhr Thomas es nicht gern, da
sein jngerer Bruder weiter herumgekommen sei und mehr gesehen habe als
er? Oder empfand er mit Widerwillen ein Lob der Unordnung und der
exotischen Gewaltttigkeit in diesen Messer- und Revolvergeschichten?...
Feststeht, da Christian sich durchaus nicht um die Ablehnung seiner
Erzhlungen von seiten seines Bruders bekmmerte; er selbst war
allzusehr in Anspruch genommen von seinen Schilderungen, als da er auf
Erfolg oder Mierfolg bei anderen geachtet htte, und wenn er geendet
hatte, so blickte er nachdenklich und abwesend im Zimmer um.

Wenn berhaupt das Verhltnis der beiden Buddenbrooks zueinander mit der
Zeit sich nicht zum Guten gestaltete, so war Christian dabei nicht
derjenige, der es sich beifallen lie, irgendwelche Gehssigkeit gegen
seinen Bruder zu zeigen oder zu hegen, sich irgendeine Meinung, ein
Urteil, eine Abschtzung desselben anzumaen. Er lie mit
stillschweigender Selbstverstndlichkeit keinen Zweifel darber, da er
die berlegenheit, den greren Ernst, die grere Fhigkeit,
Tchtigkeit und Respektabilitt des lteren anerkannte. Aber gerade
diese unbegrenzte, gleichgltige und kampflose Unterordnung reizte
Thomas, denn Christian ging bei jeder Gelegenheit leichten Herzens so
weit darin, da es den Anschein gewann, als lege er berhaupt gar keinen
Wert auf berlegenheit, Tchtigkeit, Respektabilitt und Ernst.

Er schien es durchaus nicht zu bemerken, da der Firmenchef ihm mehr und
mehr mit stillem Unwillen entgegenkam ... wozu derselbe Grnde hatte, denn
leider begann Christians geschftlicher Eifer bereits nach der ersten
Woche, mehr noch jedoch nach der zweiten, sich erheblich zu verringern.
Dies uerte sich zuerst darin, da die Vorbereitungen zur Arbeit,
die anfangs wie eine knstlich und raffiniert verlngerte Vorfreude
ausgesehen hatten: das Zeitunglesen, Frhstckszigarettenrauchen und
Kognaktrinken immer mehr Zeit in Anspruch nahmen und sich schlielich
ber den ganzen Vormittag erstreckten. Dann aber machte es sich ganz
von selbst, da Christian sich ber den Zwang der Kontorstunden
hinwegzusetzen begann, da er des Morgens immer spter mit seiner
Frhstckszigarette erschien, um Vorbereitungen zur Arbeit zu treffen,
da er mittags zum Essen in den Klub ging und zu spt, zuweilen erst
abends, zuweilen auch gar nicht zurckkehrte...

Dieser Klub, dem vorwiegend unverheiratete Kaufleute angehrten, besa
im ersten Stock eines Weinrestaurants ein paar komfortable Lokalitten,
woselbst man seine Mahlzeiten nahm und sich zu zwanglosen und oft nicht
ganz harmlosen Unterhaltungen zusammenfand: denn es gab eine Roulette.
Auch einige ein wenig flatterhafte Familienvter, wie Konsul Krger und
selbstverstndlicherweise Peter Dhlmann, waren Mitglieder, und der
Polizeisenator Cremer war hier der erste Mann an der Spritze. So
drckte Doktor Gieseke, Andreas Gieseke, Sohn des Branddirektors,
sich aus, Christians alter Schulkamerad, der in der Stadt sich als
Rechtsanwalt niedergelassen hatte, und dem sich, trotzdem er fr
einen ziemlich wsten Suitier galt, der junge Buddenbrook alsbald in
erneuerter Freundschaft anschlo.

Christian oder, wie er schlecht und recht meistens genannt wurde,
Krischan, der aus frherer Zeit mit allen mehr oder weniger bekannt oder
befreundet war -- denn die meisten waren Schler des seligen Marcellus
Stengel--, ward hier mit offenen Armen empfangen, denn wenn auch weder
Kaufleute noch Gelehrte seine Geistesfhigkeiten fr gro hielten, so
kannte man doch seine amsante, gesellschaftliche Begabung. In der Tat
gab er hier seine besten Vorstellungen, erzhlte er hier seine besten
Geschichten. Er machte am Klubklavier einen Virtuosen, er ahmte
englische und transatlantische Schauspieler und Opernsnger nach, er gab
in der harmlosesten und unterhaltendsten Art Weiberaffren aus
verschiedenen Gegenden zum besten -- denn kein Zweifel: Christian
Buddenbrook war ein Suitier--, er berichtete Abenteuer, die er auf
Schiffen, auf Eisenbahnen, in St. Pauli, in Whitechapel, im Urwald
erlebt hatte ... Er erzhlte bezwingend, hinreiend, in mhelosem Flu,
mit leicht klagender und schleppender Aussprache, burlesk und harmlos
wie ein englischer Humorist. Er erzhlte die Geschichte eines Hundes,
der in einer Schachtel von Valparaiso nach San Franzisko geschickt
worden und obendrein rudig war. Gott wei, worin eigentlich die Pointe
der Anekdote bestand; aber in seinem Munde war sie von ungeheurer Komik.
Und wenn dann ringsumher sich niemand vor Lachen zu lassen wute, so sa
er selbst, mit seiner groen, gebogenen Nase, seinem dnnen, zu langen
Halse und seinem rtlichblonden, schon sprlichen Haar und lie, einen
unruhigen und unerklrlichen Ernst auf dem Gesichte, eins seiner
mageren, nach auen gekrmmten Beine ber das andere geschlagen, seine
kleinen, runden, tiefliegenden Augen nachdenklich umherschweifen ...
Beinahe schien es, als lache man auf seine Kosten, als lache man ber
ihn ... Aber daran dachte er nicht.

Zu Hause erzhlte er mit besonderer Vorliebe von seinem Kontor in
Valparaiso, von der unmigen Temperatur, die dort geherrscht, und von
einem jungen Londoner namens Johnny Thunderstorm, einem Bummelanten,
einem unglaublichen Kerl, den er, Gott verdamm' mich, niemals hatte
arbeiten sehen, und der doch ein sehr gewandter Kaufmann gewesen sei
... Du lieber Gott! sagte er. Bei der Hitze! Na, der Chef kommt ins
Kontor ... wir liegen, acht Mann, wie die Fliegen umher und rauchen
Zigaretten, um wenigstens die Moskitos wegzujagen. Du lieber Gott!
`Nun, sagt der Chef, `Sie arbeiten nicht, meine Herren?! ... `_No,
Sir!_ sagt Johnny Thunderstorm. `Wie Sie sehen, Sir! Und dabei blasen
wir ihm alle unseren Zigarettenrauch ins Gesicht. Du lieber Gott!

Warum sagst du eigentlich fortwhrend `Du lieber Gott? fragte Thomas
gereizt. Aber das war es nicht, was ihn rgerte. Sondern er fhlte, da
Christian diese Geschichte nur deshalb mit soviel Freude erzhlte, weil
sie ihm eine Gelegenheit bot, mit Spott und Verachtung von der Arbeit zu
sprechen.

Dann ging ihre Mutter diskret zu etwas anderem ber.

Es gibt viele hliche Dinge auf Erden, dachte die Konsulin Buddenbrook,
geborene Krger. Auch Brder knnen sich hassen und verachten; das kommt
vor, so schauerlich es klingt. Aber man spricht nicht davon. Man
vertuscht es. Man braucht nichts davon zu wissen.


Viertes Kapitel

Im Mai geschah es, da Onkel Gotthold, Konsul Gotthold Buddenbrook, nun
sechzigjhrig, in einer traurigen Nacht von Herzkrmpfen befallen ward
und in den Armen seiner Gattin, der geborenen Stwing, eines schweren
Todes starb.

Der Sohn der armen Madame Josephine, der, gegenber seiner nachgeborenen
und mchtigeren Geschwisterschaft von seiten Madame Antoinettens, im
Leben zu kurz gekommen war, hatte sich lngst mit seinem Geschicke
beschieden und in den letzten Jahren, besonders nachdem ihm sein Neffe
das niederlndische Konsulat berlassen, ganz ohne Rankne aus seiner
Blechdose Brustbonbons gegessen. Wer den alten Familienzwist in Form
einer allgemeinen und unbestimmten Animositt hegte und bewahrte, das
waren vielmehr seine Damen: seine gutmtige und beschrnkte Gattin nicht
sowohl, wie die drei ltlichen Mdchen, die weder die Konsulin, noch
Antonie, noch Thomas ohne ein kleines giftiges Flmmchen in den Augen
anzublicken vermochten...

Donnerstags, an den berlieferungsgemen Kindertagen, um vier Uhr,
fand man sich in dem groen Hause in der Mengstrae zusammen, um dort zu
Mittag zu speisen und den Abend zuzubringen -- manchmal erschienen auch
Konsul Krgers oder Sesemi Weichbrodt mit ihrer ungelehrten Schwester --
und hier war es, wo die Damen Buddenbrook aus der Breiten Strae mit
ungezwungener Vorliebe die Rede auf Tonys verflossene Ehe brachten, um
Madame Grnlich zu einigen groen Worten zu veranlassen und sich dabei
kurze, spitzige Blicke zuzusenden ... oder wo sie allgemeine
Betrachtungen darber anstellten, welche unwrdige Eitelkeit es doch
sei, sich das Haar zu frben, und allzu anteilnehmende Erkundigungen
ber Jakob Krger, den Neffen der Konsulin, einzogen. Sie gaben der
armen, unschuldigen und geduldigen Klothilde, der einzigen, die sich in
der Tat auch ihnen noch unterlegen fhlen mute, einen Spott zu kosten,
der durchaus nicht so harmlos war wie der, den das mittellose und
hungrige Mdchen alltglich von Tom oder Tony mit gedehnter und
erstaunter Freundlichkeit entgegennahm. Sie mokierten sich ber Klaras
Strenge und Bigotterie, sie fanden schnell heraus, da Christian mit
Thomas sich nicht zum besten stand, und da sie ihn berhaupt, Gott sei
Dank, nicht zu achten brauchten, denn er war ein Hans Quast, ein
lcherlicher Mensch. Was Thomas selbst betraf, an dem durchaus keine
Schwche erfindlich war, und der ihnen seinerseits mit einem
nachsichtigen Gleichmut entgegenkam, welcher andeutete: Ich verstehe
euch, und ihr tut mir leid ... so behandelten sie ihn mit leicht
vergifteter Hochachtung. Von der kleinen Erika aber, rosig und
wohlgepflegt, wie sie war, mute denn doch gesagt werden, da sie in
beunruhigender Weise im Wachstum zurckgeblieben sei. Worauf Pfiffi,
indem sie sich schttelte und Feuchtigkeit in die Mundwinkel bekam, zum
berflu auf die erschreckende hnlichkeit des Kindes mit dem Betrger
Grnlich aufmerksam machte...

Nun umstanden sie weinend mit ihrer Mutter das Sterbebett des Vaters,
und trotzdem es ihnen schien, als ob selbst dieser Tod noch von der
Verwandtschaft in der Mengstrae verschuldet sei, ward doch ein Bote
dorthin entsandt.

Mitten in der Nacht hallte die Haustrglocke ber die groe Diele, und
da Christian spt nach Hause gekommen war und sich leidend fhlte,
machte Thomas sich allein auf den Weg, in den Frhlingsregen hinaus.

Er kam nur zur rechten Zeit, um die letzten konvulsivischen Zuckungen
des alten Herrn zu sehen, und dann stand er lange mit gefalteten Hnden
im Sterbezimmer und blickte auf diese kurze Gestalt, die sich unter den
Umhllungen abzeichnete, in dieses tote Gesicht mit den etwas
weichlichen Zgen und den weien Koteletts...

Du hast es nicht sehr gut gehabt, Onkel Gotthold, dachte er. Du hast
es zu spt gelernt, Zugestndnisse zu machen, Rcksicht zu nehmen ...
Aber das ist ntig ... Wenn ich wre wie du, htte ich vor Jahr und Tag
bereits einen Laden geheiratet ... Die _dehors_ wahren!... Wolltest du
es berhaupt anders, als du es gehabt hast? Obgleich du trotzig warst
und wohl glaubtest, dieser Trotz sei etwas Idealistisches, besa dein
Geist wenig Schwungkraft, wenig Phantasie, wenig von dem Idealismus, der
jemanden befhigt, mit einem stillen Enthusiasmus, ser, beglckender,
befriedigender als eine heimliche Liebe, irgendein abstraktes Gut, einen
alten Namen, ein Firmenschild zu hegen, zu pflegen, zu verteidigen, zu
Ehren und Macht und Glanz zu bringen. Der Sinn fr Poesie ging dir ab,
obgleich du so tapfer warst, trotz dem Befehl deines Vaters zu lieben
und zu heiraten. Du besaest auch keinen Ehrgeiz, Onkel Gotthold.
Freilich, der alte Name ist blo ein Brgername, und man pflegt ihn,
indem man einer Getreidehandlung zum Flor verhilft, indem man seine
eigene Person in einem kleinen Stck Welt geehrt, beliebt und mchtig
macht ... Dachtest du: Ich heirate die Stwing, die ich liebe, und
schere mich um keine praktischen Rcksichten, denn sie sind Kleinkram
und Pfahlbrgertum?... Oh, auch wir sind gerade gereist und gebildet
genug, um recht gut zu erkennen, da die Grenzen, die unserem Ehrgeize
gesteckt sind, von auen und oben gesehen nur eng und klglich sind.
Aber alles ist blo ein Gleichnis auf Erden, Onkel Gotthold! Wutest du
nicht, da man auch in einer kleinen Stadt ein groer Mann sein kann?
Da man ein Csar sein kann an einem migen Handelsplatz an der Ostsee?
Freilich, dazu gehrt ein wenig Phantasie, ein wenig Idealismus ... und
den besaest du nicht, was du auch von dir selbst gedacht haben magst.

Und Thomas Buddenbrook wandte sich ab. Er trat ans Fenster und blickte,
die Hnde auf dem Rcken, ein Lcheln auf seinem intelligenten Gesicht,
zu der schwachbeleuchteten und in Regen gehllten gotischen Fassade des
Rathauses hinber.

                   *       *       *       *       *

Wie es in der Natur der Dinge lag, gingen Amt und Titel des kniglich
niederlndischen Konsulats, das Thomas sofort nach dem Tode seines
Vaters htte fr sich in Anspruch nehmen knnen, zu Tony Grnlichs
malosem Stolze jetzt an ihn ber, und das gewlbte Schild mit Lwen,
Wappen und Krone war nunmehr wieder an der Giebelfront in der Mengstrae
unter dem _Dominus providebit_ zu sehen.

Gleich nach Erledigung dieser Angelegenheit, im Juni bereits desselben
Jahres, trat der junge Konsul eine Reise an, eine Geschftsreise nach
Amsterdam, von der er nicht wute, wieviel Zeit sie in Anspruch nehmen
werde.


Fnftes Kapitel

Todesflle pflegen eine dem Himmlischen zugewandte Stimmung
hervorzubringen, und niemand wunderte sich, aus dem Munde der Konsulin
Buddenbrook nach dem Dahinscheiden ihres Gatten diese oder jene
hochreligise Wendung zu vernehmen, die man frher nicht an ihr gewohnt
gewesen war.

Bald jedoch zeigte es sich, da dies nichts Vorbergehendes war, und
rasch war in der Stadt die Tatsache bekannt, da die Konsulin gewillt
war, das Andenken des Verewigten in erster Linie dadurch zu ehren, da
sie, die schon in den letzten Jahren seines Lebens, und zwar seit sie
alterte, mit seinen geistlichen Neigungen sympathisiert hatte, nun seine
fromme Weltanschauung vollends zu der ihren machte.

Sie strebte danach, das weitlufige Haus mit dem Geiste des
Heimgegangenen zu erfllen, mit dem milden und christlichen Ernst, der
eine vornehme Herzensheiterkeit nicht ausschlo. Die Morgen- und
Abendandachten wurden in ausgedehnterem Umfange fortgesetzt. Die Familie
versammelte sich im Esaale, whrend das Dienstpersonal in der
Sulenhalle stand, und die Konsulin oder Klara verlasen aus der groen
Familienbibel mit den ungeheuren Lettern einen Abschnitt, worauf man aus
dem Gesangbuch ein paar Verse zum Harmonium sang, das die Konsulin
spielte. Auch trat oft an die Stelle der Bibel eines der Predigt- und
Erbauungsbcher mit schwarzem Einband und Goldschnitt, dieser
Schatzkstchen, Psalter, Weihestunden, Morgenklnge und Pilgerstbe,
deren bestndige Zrtlichkeit fr das se, wonnesame Jesulein ein wenig
widerlich anmutete und von denen allzu viele im Hause vorhanden waren.

Christian erschien nicht oft zu den Andachten. Ein Einwand, den Thomas
bei Gelegenheit ganz vorsichtig und halb im Scherze gegen die bungen
erhoben hatte, war mit Milde und Wrde zurckgewiesen worden. Was Madame
Grnlich anging, so benahm sie sich leider nicht immer vllig korrekt
dabei. Eines Morgens -- es war gerade ein fremder Prediger bei
Buddenbrooks zu Gast -- war man gentigt, zu einer feierlichen,
glaubensfesten und innigen Melodie die Worte zu singen:

    Ich bin ein rechtes Rabenaas,
    Ein wahrer Sndenkrppel,
    Der seine Snden in sich fra,
    Als wie der Rost den Zwippel.
    Ach Herr, so nimm mich Hund beim Ohr,
    Wirf mir den Gnadenknochen vor
    Und nimm mich Sndenlmmel
    In deinen Gnadenhimmel!

... worauf Frau Grnlich vor innerlicher Zerknirschung das Buch von sich
warf und den Saal verlie.

Die Konsulin selbst aber verlangte weit mehr noch von sich, als von
ihren Kindern. Sie richtete zum Beispiel eine Sonntagsschule ein. Am
Sonntagvormittag klingelten lauter kleine Volksschulmdchen in der
Mengstrae, und Stine Vo, die an der Mauer, und Mike Stuht, die in der
Glockengieerstrae, und Fike Snut, die an der Trave oder in der Kleinen
Grpelgrube oder im Engelswisch zu Hause waren, wanderten mit ihrem
semmelblonden, mit Wasser gekmmtem Haar ber die groe Diele in das
helle Gartenzimmer, dort hinten, das als Kontor seit lngerer Zeit nicht
mehr benutzt wurde, wo Sitzbnke aufgeschlagen waren und wo die Konsulin
Buddenbrook, geborene Krger, mit ihrem Kleid aus schwerem schwarzem
Atlas, ihrem weien, vornehmen Gesicht und ihrer noch weieren
Spitzenhaube, ihnen an einem Tischchen, auf welchem ein Glas
Zuckerwasser stand, gegenbersa und sie eine Stunde lang katechisierte.

Auch begrndete sie den Jerusalemsabend, und an diesem mute auer
Klara und Klothilde auch Tony sich wohl oder bel beteiligen. Einmal
wchentlich saen an der langausgezogenen Tafel im Esaale beim Scheine
von Lampen und Kerzen etwa zwanzig Damen, die in dem Alter standen, wo
es an der Zeit ist, sich nach einem guten Platze im Himmel umzusehen,
tranken Tee oder Bischof, aen fein belegtes Butterbrot und Pudding,
lasen sich geistliche Lieder und Abhandlungen vor und fertigten
Handarbeiten an, die am Ende des Jahres in einem Basar verkauft wurden
und deren Erls zu Missionszwecken nach Jerusalem geschickt ward.

Der fromme Verein ward in der Hauptsache von Damen aus der
Gesellschaftssphre der Konsulin gebildet, und die Senatorin Langhals,
die Konsulin Mllendorpf und die alte Konsulin Kistenmaker gehrten ihm
an, whrend andere alte Damen, die weltlicher und profaner angelegt
waren, wie Madame Kppen, sich ber ihre Freundin Bethsy mokierten. Auch
die Predigersgattinnen der Stadt sowie die verwitwete Konsulin
Buddenbrook, geborene Stwing, und Sesemi Weichbrodt nebst ihrer
ungelehrten Schwester waren Mitglieder. Vor Jesu jedoch ist kein Rang
und kein Unterschied, und so nahmen am Jerusalemsabend auch armseligere
und seltsamere Gestalten teil, wie zum Beispiel ein kleines, runzeliges
Geschpf, reich an Gottgeflligkeit und Hkelmustern, das im
Heiligen-Geist-Hospitale wohnte, Himmelsbrger hie und die Letzte ihres
Geschlechtes war ... Die letzte Himmelsbrgern nannte sie sich
wehmtig, und dabei fuhr sie mit der Stricknadel unter ihre Haube, um
sich zu krauen.

Weit bemerkenswerter aber waren zwei andere Mitglieder, ein
Zwillingspaar, zwei sonderbare alte Mdchen, die mit Schferhten aus
dem achtzehnten Jahrhundert und seit manchem Jahr schon verblichenen
Kleidern Hand in Hand in der Stadt umhergingen und Gutes taten. Sie
hieen Gerhardt und beteuerten, in gerader Linie von Paul Gerhardt
abzustammen. Man sagte, da sie durchaus nicht mittellos seien; aber sie
lebten aufs jmmerlichste und gaben alles den Armen ... Liebe!
bemerkte die Konsulin Buddenbrook, die sich ihrer zuweilen ein bichen
schmte, Gott sieht ins Herze, aber Ihre Kleider sind wenig adrett ...
Man mu auf sich halten... Aber dann kten sie ihre elegante
Freundin, welche die Weltdame nicht verleugnen konnte, nur auf die Stirn
... mit der ganzen nachsichtigen, liebevollen und mitleidigen
berlegenheit des Geringen ber den Vornehmen, der das Heil sucht. Es
waren keineswegs dumme Geschpfe, und in ihren kleinen, hlichen,
verschrumpften Papageikpfen saen blanke, sanft verschleierte braune
Augen, die mit einem seltsamen Ausdruck von Milde und Wissen in die Welt
schauten ... Ihre Herzen waren voll von wunderbaren und geheimnisvollen
Kenntnissen. Sie wuten, da in unserer letzten Stunde all unsere zu
Gott vorangegangenen Lieben in Sang und Seligkeit kommen, uns abzuholen.
Sie sprachen das Wort der Herr mit der Leichtigkeit und
Ursprnglichkeit von ersten Christen, die aus des Meisters eigenem Munde
noch das ber ein Kleines, so werdet ihr mich sehen vernommen haben.
Sie besaen die merkwrdigsten Theorien ber innere Lichter und
Ahnungen, ber Gedankenbertragung und -wanderungen ... denn Lea, die
eine von ihnen, war taub und wute gleichwohl fast immer, wovon die Rede
war.

Da Lea Gerhardt taub war, war sie es gewhnlich, die an den
Jerusalemsabenden vorlas; auch fanden die Damen, da sie schn und
ergreifend lse. Sie nahm aus ihrem Beutel ein uraltes Buch, welches
lcherlich und unverhltnismig viel hher als breit war und vorn, in
Kupfer gestochen, das bermenschlich pausbckige Bildnis ihres Ahnherrn
enthielt, nahm es in beide Hnde und las, damit sie selbst sich ein
wenig hren konnte, mit frchterlicher Stimme, die klang, wie wenn der
Wind sich im Ofenrohre verfngt:

    Will Satan mich verschlingen...

Nun! dachte Tony Grnlich. Welcher Satan mchte die wohl verschlingen!
Aber sie sagte nichts, hielt sich ihrerseits an den Pudding und dachte
darber nach, ob sie wohl auch dermaleinst so hlich sein werde wie die
beiden Frulein Gerhardt.

Sie war nicht glcklich, sie empfand Langeweile und rgerte sich ber
die Pastoren und Missionare, deren Besuche nach dem Tode des Konsuls
sich vielleicht noch vermehrt hatten und die nach Tonys Meinung im Hause
allzusehr das Regiment fhrten und allzuviel Geld bekamen. Der letztere
Punkt ging Thomas an; aber er schwieg darber, whrend seine Schwester
hie und da etwas von Leuten vor sich hin murmelte, die der Witwen Huser
fressen und lange Gebete vorwenden.

Sie hate diese schwarzen Herren aufs bitterlichste. Als gereifte Frau,
die das Leben kennengelernt hatte und kein dummes Ding mehr war, sah sie
sich nicht in der Lage, an ihre unbedingte Heiligkeit zu glauben.
Mutter! sagte sie; o Gott, man soll seinem Nchsten nichts bles
nachsagen ... gut, ich wei es! Aber das eine mu ich denn doch
aussprechen, und ich wrde mich wundern, wenn das Leben dich das nicht
gelehrt htte, nmlich, da nicht alle, die einen langen Rock tragen und
`Herr, Herr! sagen, immer ganz makellos sind!

Es blieb unaufgeklrt, wie Thomas sich zu solchen Wahrheiten verhielt,
die seine Schwester mit ungeheurem Nachdruck vertrat. Christian aber
hatte gar keine Meinung; er beschrnkte sich darauf, die Herren mit
krauser Nase zu beobachten, um hernach im Klub oder in der Familie ihre
Kopie zu liefern...

Aber es ist wahr, da Tony am meisten von den geistlichen Gsten zu
leiden hatte. Eines Tages geschah es wahr und wahrhaftig, da ein
Missionar namens Jonathan, der sowohl in Syrien als auch in Arabien
gewesen war, ein Mann mit groen, vorwurfsvollen Augen und betrbt
herniederhngenden Wangen, vor sie hintrat und sie mit trauriger Strenge
zur Entscheidung der Frage aufforderte, ob ihre gebrannten Stirnlocken
sich eigentlich mit der wahren christlichen Demut vereinbaren lieen ...
Ach! er hatte nicht mit Tony Grnlichs spitzig sarkastischer
Redegewandtheit gerechnet. Sie schwieg whrend einiger Augenblicke, und
man sah, wie ihr Hirn arbeitete. Dann aber kam es: =Darf ich Sie
bitten, mein Herr Pastor, sich um Ihre eigenen Locken zu bekmmern?!=
... Und hinaus rauschte sie, indem sie die Schultern ein wenig emporzog,
den Kopf zurckwarf und trotzdem das Kinn auf die Brust zu drcken
suchte. -- Und Pastor Jonathan besa uerst wenig Haupthaar, ja, sein
Schdel war nackt zu nennen!

Einst aber wurde ihr ein noch grerer Triumph zuteil. Pastor Trieschke
nmlich, Trnen-Trieschke aus Berlin, der diesen Beinamen fhrte, weil
er allsonntglich einmal inmitten seiner Predigt an geeigneter Stelle zu
weinen begann ... Trnen-Trieschke, der sich durch ein bleiches Gesicht,
rote Augen und wahre Pferdekinnbacken auszeichnete und acht oder zehn
Tage lang bei Buddenbrooks wechselweise mit der armen Klothilde um die
Wette a und Andachten abhielt, verliebte sich bei dieser Gelegenheit in
Tony ... nicht etwa in ihre unsterbliche Seele, o nein, sondern in ihre
Oberlippe, ihr starkes Haar, ihre hbschen Augen und ihre blhende
Gestalt! Und dieser Gottesmann, der zu Berlin ein Weib und viele Kinder
besa, entbldete sich nicht, durch den Bedienten Anton in Madame
Grnlichs Schlafzimmer im zweiten Stock einen Brief niederlegen zu
lassen, der aus Bibelextrakten und einer sonderbar anschmiegsamen
Zrtlichkeit wirksam gemischt war ... Sie fand ihn beim Zubettegehen,
sie las ihn und ging festen Schrittes die Treppen hinunter ins
Zwischengescho und ins Schlafzimmer der Konsulin, woselbst sie ihrer
Mutter beim Kerzenscheine das Schreiben des Seelsorgers vllig ungeniert
und mit lauter Stimme vortrug, so da Trnen-Trieschke fortan in der
Mengstrae unmglich war.

So sind sie alle! sagte Madame Grnlich ... Ha! so sind sie alle! O
Gott, ich war eine Gans frher, ein dummes Ding, Mama, aber das Leben
hat mir das Vertrauen zu den Menschen genommen. Die meisten sind Filous
... ja, das ist leider wahr. =Grnlich----!= Und der Name klang wie
eine Fanfare, wie ein kleiner Trompetensto, den sie mit etwas erhobenen
Schultern und emporgerichteten Augen in die Luft hinein ertnen lie.


Sechstes Kapitel

Sievert Tiburtius war ein kleiner schmaler Mann mit groem Kopfe und
trug einen dnnen, aber langen blonden Backenbart, der geteilt war und
dessen Enden er manchmal, der Bequemlichkeit halber, nach beiden Seiten
hin ber die Schultern legte. Seinen runden Schdel bedeckte eine Unzahl
ganz kleiner wolliger Ringellckchen. Seine Ohrmuscheln waren gro,
uerst abstehend, an den Rndern weit nach innen zusammengerollt und
oben so spitz, wie die eines Fuchses. Seine Nase sa wie ein kleiner
platter Knopf in seinem Gesicht, seine Wangenknochen standen hervor, und
seine grauen Augen, die gemeinhin eng zusammengekniffen ein wenig blde
umherblinzelten, konnten in gewissen Momenten sich in ungeahnter Weise
erweitern, grer und grer werden, hervorquellen, beinahe
herausspringen...

Dies war der Pastor Tiburtius, welcher aus Riga stammte, einige Jahre in
Mitteldeutschland amtiert hatte und nun, auf der Reise nach seiner
Heimat, wo eine Predigersstelle ihm zugefallen war, die Stadt berhrte.
Versehen mit der Empfehlung eines Amtsbruders, der ebenfalls einst in
der Mengstrae Mockturtlesuppe und Schinken mit Schalottensauce gegessen
hatte, machte er der Konsulin seine Aufwartung, ward fr die Dauer
seines Aufenthaltes, der einige wenige Tage in Anspruch nehmen sollte,
zu Gaste geladen und bewohnte das gerumige Fremdenzimmer im ersten
Stockwerk am Korridor.

Aber er verweilte lnger, als er erwartet hatte. Es vergingen acht Tage,
und noch immer hatte er diese oder jene Sehenswrdigkeit, den Totentanz
und das Aposteluhrwerk in der Marienkirche, das Rathaus, die
Schiffergesellschaft oder die Sonne mit den beweglichen Augen im Dom
nicht besucht. Es vergingen zehn Tage, und er sprach wiederholt von
seiner Abreise; infolge des ersten Wrtchens jedoch, das ihn zum Bleiben
aufforderte, verzog er aufs neue.

Er war ein besserer Mensch als die Herren Jonathan und Trnen-Trieschke.
Er bekmmerte sich durchaus nicht um Frau Antoniens gebrannte
Stirnlckchen und schrieb ihr keinerlei Briefe. Desto aufmerksamer aber
beschftigte er sich mit Klara, ihrer jngeren und ernsthafteren
Schwester. In =ihrer= Gegenwart, wenn =sie= sprach, ging oder kam,
konnte es geschehen, da seine Augen sich in ungeahnter Weise
erweiterten, grer und grer wurden, hervorquollen, fast
heraussprangen ... und beinahe den ganzen Tag hielt er sich bei ihr auf,
indem er geistliche und weltliche Gesprche mit ihr pflog oder ihr
vorlas ... mit seiner hohen, sich berschlagenden Stimme und in der
drollig hpfenden Aussprache seiner baltischen Heimat.

Gleich am ersten Tage hatte er gesagt: Erbarmen Sie sich, Frau
Konsulin! Welch einen Schatz und Gottessegen besitzen Sie an Ihrer
Tochter Klara. Das ist wohl ein herrliches Kind!

Sie haben recht, erwiderte die Konsulin. Aber er wiederholte es so
oft, da sie ihre hellen blauen Augen in diskreter Prfung zu ihm
hinschweifen lie und ihn veranlate, ein wenig eingehender von seiner
Herkunft, seinen Verhltnissen, seinen Aussichten zu erzhlen. Es ergab
sich, da er aus einer Kaufmannsfamilie stammte, da seine Mutter bei
Gott sei, da er Geschwister nicht besitze und da sein alter Vater zu
Riga als Privatier mit einem auskmmlichen Vermgen lebe, welches
einstmals ihm selbst, dem Pastor Tiburtius, gehren werde; brigens
sichere sein Amt ihm ein hinreichendes Einkommen.

Was Klara Buddenbrook betraf, so stand sie nun im neunzehnten Jahre und
war, mit ihrem dunklen, glattgescheitelten Haar, ihren strenge und
dennoch trumerisch blickenden braunen Augen, ihrer leicht gebogenen
Nase, ihrem ein wenig zu fest geschlossenen Munde und ihrer hohen,
schlanken Gestalt, zu einer jungen Dame von herber und eigentmlicher
Schnheit erwachsen. Im Hause hielt sie am festesten mit ihrer armen und
ebenfalls frommen Cousine Klothilde zusammen, deren Vater krzlich
gestorben war und die mit dem Gedanken umging, sich demnchst einmal zu
etablieren, das heit, mit einigen Groschen und Mbeln, die sie
ererbt, sich irgendwo in Pension zu begeben ... Von Thildas gedehnter,
geduldiger und hungriger Demut freilich kannte Klara nichts. Im
Gegenteil eignete ihr im Verkehr mit den Dienstboten, ja, auch mit ihren
Geschwistern und ihrer Mutter ein etwas herrischer Ton, und ihre
Altstimme schon, die sich nur mit Bestimmtheit zu senken, nie aber
fragend zu heben verstand, trug einen befehlshaberischen Charakter und
konnte oft eine kurze, harte, unduldsame und hochfahrende Klangfarbe
annehmen: an Tagen nmlich, wo Klara an Kopfschmerzen litt.

Sie hatte, bevor der Tod des Konsuls die Familie in Trauer hllte, mit
unnahbarer Wrde die Gesellschaften im Elternhause und den Husern von
gleicher Rangstufe mitgemacht ... Die Konsulin betrachtete sie, und sie
konnte sich nicht verhehlen, da es trotz der stattlichen Mitgift und
Klaras huslicher Tchtigkeit schwer halten werde, dies Kind zu
verehelichen. Keinen der skeptischen, rotspontrinkenden und jovialen
Kaufherren ihrer Umgebung, wohl aber einen Geistlichen konnte sie sich
an der Seite des ernsten und gottesfrchtigen Mdchens vorstellen, und
da dieser Gedanke die Konsulin freudig bewegte, so fanden des Pastors
Tiburtius zarte Einleitungen von ihrer Seite ein mavolles und
freundliches Entgegenkommen.

Und wahrhaftig entwickelte sich die Angelegenheit mit groer Przision.
An einem warmen und wolkenlosen Julinachmittag machte die Familie einen
Spaziergang. Die Konsulin, Antonie, Christian, Klara, Thilda, Erika
Grnlich mit Mamsell Jungmann und in ihrer Mitte Pastor Tiburtius zogen
weit vors Burgtor hinaus, um bei einem lndlichen Wirte im Freien an
Holztischen Erdbeeren, Sattenmilch oder Rote Grtze zu essen, und nach
der Vespermahlzeit erging man sich in dem groen Nutzgarten, der bis zum
Flusse sich hinzog, im Schatten von allerlei Obstbumen zwischen
Johannis- und Stachelbeerbschen, Spargel- und Kartoffelfeldern.

Sievert Tiburtius und Klara Buddenbrook blieben ein wenig zurck. Er,
sehr viel kleiner als sie, den geteilten Backenbart ber beiden
Schultern, hatte den geschweiften schwarzen Strohhut von seinem groen
Kopfe genommen und fhrte, indem er sich hie und da mit dem Tuche die
Stirn trocknete, mit groen Augen ein langes und sanftes Gesprch mit
ihr, in dessen Verlaufe sie beide einmal stehenblieben und Klara mit
ernster und ruhiger Stimme ein Ja sprach.

Dann, nach der Rckkehr, als die Konsulin, ein wenig ermdet und
erhitzt, allein im Landschaftszimmer sa, setzte sich Pastor Tiburtius
-- drauen lag die nachdenkliche Stille des Sonntagnachmittags -- zu ihr
in den sommerlichen Abendglanz und begann auch mit ihr ein langes und
sanftes Gesprch, an dessen Ende die Konsulin sagte: Genug, mein lieber
Herr Pastor ... Ihr Antrag entspricht meinen mtterlichen Wnschen, und
Sie Ihrerseits haben nicht schlecht gewhlt, dessen kann ich Sie
versichern. Wer htte gedacht, da Ihr Eingang und Aufenthalt in unserem
Hause so wunderbar gesegnet sein werde!... Ich will heute mein letztes
Wort noch nicht sprechen, denn es gehrt sich, da ich zuvor meinem
Sohne, dem Konsul, schreibe, der sich augenblicklich, wie Sie wissen, im
Auslande befindet. Sie reisen bei Leben und Gesundheit morgen nach Riga
ab, um Ihr Amt anzutreten, und wir gedenken, uns fr einige Wochen an
die See zu begeben ... Sie werden in Blde Nachricht von mir empfangen,
und der Herr gebe, da wir uns glcklich wiedersehen.


Siebentes Kapitel

                                     Amsterdam, den 20. Juli 56.
                                         Hotel Het Haasje

Meine liebe Mutter!

Soeben in den Besitz Deines inhaltreichen Schreibens gelangt, beeile ich
mich, Dir auf das herzlichste fr die Aufmerksamkeit zu danken, die
darin liegt, da Du in der bewuten Angelegenheit meine Zustimmung
einziehst; ich erteile selbstverstndlicherweise nicht nur sie, sondern
fge auch meine freudigsten Glckwnsche hinzu, vollauf berzeugt, da
Ihr, Du und Klara, eine gute Wahl werdet getroffen haben. Der schne
Name Tiburtius ist mir bekannt, und ich glaube bestimmt, da Papa mit
dem Alten in geschftlicher Verbindung stand. Klara kommt jedenfalls in
angenehme Verhltnisse, und die Position als Pastorin wird ihrem
Temperamente zusagen.

Tiburtius ist also nach Riga abgereist und wird seine Braut im August
noch einmal besuchen? Nun, es wird wahrhaftig munter zugehen alsdann bei
uns in der Mengstrae -- munterer noch, als Ihr alle vorausseht, denn
Ihr wit nicht, aus welchen absonderlichen Grnden ich so beraus froh
erstaunt ber Mademoiselle Klaras Verlobung bin und um welches
allerliebste Zusammentreffen es sich dabei handelt. Ja, meine
ausgezeichnete Frau Mama, wenn ich mich heute bequeme, meinen
gravittischen Konsens zu Klaras irdischem Glcke von der Amstel zur
Ostsee zu senden, so geschieht es ganz einfach unter der Bedingung, da
ich mit wendender Post aus Deiner Feder einen ebensolchen Konsens in
betreff einer ebensolchen Angelegenheit zurckempfange! Drei harte
Gulden wrde ich dafr geben, knnte ich Dein Gesicht, besonders aber
dasjenige unserer wackeren Tony sehen, wenn Ihr diese Zeilen lest ...
Aber ich will zur Sache reden.

Mein kleines, reinliches Hotel ist mit hbscher Aussicht auf den Kanal,
inmitten der Stadt, unweit der Brse gelegen, und die Geschfte, denen
zuliebe ich hierher gekommen (es handelte sich um die Anknpfung einer
neuen, wertvollen Verbindung: Du weit, ich besorge dergleichen mit
Vorliebe persnlich), entwickelten sich vom ersten Tage an in
erwnschter Weise. Von meiner Lehrzeit her aber wohlbekannt in der
Stadt, war ich, obgleich viele Familien sich in den Seebdern befinden,
auch gesellschaftlich sofort sehr lebhaft in Anspruch genommen. Ich habe
kleinere Abendgesellschaften bei Van Henkdoms und Moelens mitgemacht,
und schon am dritten Tage meines Hierseins mute ich mich in Gala
werfen, um einem Diner bei meinem ehemaligen Prinzipale Herrn van der
Kellen beizuwohnen, das er so auerhalb der Saison, ersichtlich mir zu
Ehren, arrangierte. Zu Tische aber fhrte ich ... habt Ihr Lust zu
raten? Frulein Arnoldsen, Gerda Arnoldsen, Tonys ehemalige
Pensionsgenossin, deren Vater, der groe Kaufmann, und beinahe noch
grere Geigenvirtuos, sowie seine verheiratete Tochter und ihr Gatte
ebenfalls zugegen waren.

Ich erinnere mich sehr wohl, da Gerda -- gestattet, da ich mich
bereits ausschlielich des Vornamens bediene -- schon als ganz junges
Mdchen, als sie noch bei Mademoiselle Weichbrodt am Mhlenbrink zur
Schule ging, einen starken und nie ganz verlschten Eindruck auf mich
gemacht hat. Jetzt aber sah ich sie wieder: grer, entwickelter,
schner, geistreicher ... Erlat mir, da sie leicht ein wenig ungestm
ausfallen knnte, die Beschreibung ihrer Persnlichkeit, die Ihr bald
von Angesicht zu Angesicht werdet schauen knnen!

Ihr knnt Euch denken, da sich eine Menge von Ausgangspunkten zu einem
guten Tischgesprche darboten; aber wir verlieen schon nach der Suppe
das Gebiet der alten Anekdoten und gingen zu ernsteren und fesselnderen
Dingen ber. In der Musik konnte ich ihr nicht Widerpart halten, denn
wir bedauernswerten Buddenbrooks wissen allzuwenig davon; aber in der
niederlndischen Malerei war ich schon besser zu Hause, und in der
Literatur verstanden wir uns durchaus.

Wahrlich, die Zeit verging im Fluge. Nach Tische lie ich mich dem alten
Arnoldsen prsentieren, der mir mit ausgesuchter Verbindlichkeit
entgegenkam. Spter, im Salon, trug er mehrere Konzertpiecen vor, und
auch Gerda produzierte sich. Sie sah prachtvoll dabei aus, und obgleich
ich keine Ahnung vom Violinspiel habe, so wei ich, da sie auf ihrem
Instrument (einer echten Stradivari) zu singen verstand, da einem
beinahe die Trnen in die Augen traten.

Am folgenden Tage machte ich Besuch bei Arnoldsens, Buitenkant. Ich
wurde zunchst von einer alten Gesellschaftsdame empfangen, mit der ich
mich franzsisch unterhalten mute; dann aber kam Gerda hinzu, und wir
plauderten wie tagszuvor wohl eine Stunde lang: nur da wir uns diesmal
noch mehr einander nherten, uns noch mehr bestrebten, einander zu
verstehen und kennenzulernen. Es war wieder von Dir, Mama, von Tony, von
unserer guten, alten Stadt und meiner Ttigkeit daselbst die Rede...

Schon an diesem Tage stand mein Entschlu fest, welcher lautete: Diese
oder keine, jetzt oder niemals! Ich traf mit ihr noch gelegentlich eines
Gartenfestes bei meinem Freunde van Svindren zusammen, ich ward zu einer
kleinen musikalischen Soiree bei Arnoldsens selbst gebeten, in deren
Verlauf ich der jungen Dame gegenber das Experiment einer halben und
sondierenden Erklrung machte, die ermutigend beantwortet wurde ... und
nun ist es fnf Tage her, da ich mich vormittags zu Herrn Arnoldsen
begab, um mir die Erlaubnis zu erbitten, um die Hand seiner Tochter zu
werben. Er empfing mich in seinem Privatkontor. Mein lieber Konsul,
sagte er, Sie sind mir aufs hchste willkommen, so schwer es mir altem
Witwer fallen wrde, mich von meiner Tochter zu trennen! Aber sie? Sie
hat bislang ihren Entschlu, niemals zu heiraten, mit Festigkeit
aufrechterhalten. Haben Sie denn Chancen? Und er war uerst erstaunt,
als ich ihm erwiderte, da Frulein Gerda mir in der Tat Veranlassung zu
einiger Hoffnung gegeben habe.

Er hat ihr einige Tage Zeit zum Besinnen gelassen, und ich glaube, er
hat ihr aus argem Egoismus sogar abgeraten. Aber es hilft nichts: ich
bin der Auserwhlte, und seit gestern Nachmittag ist die Verlobung
perfekt.

Nein, meine liebe Mama, ich bitte Dich jetzt nicht um Deinen
schriftlichen Segen zu dieser Verbindung, denn schon bermorgen reise
ich ab; aber ich nehme das Versprechen der Arnoldsens mit, da sie uns,
der Vater, Gerda und auch ihre verheiratete Schwester, im August
besuchen werden, und dann wirst Du nicht umhin knnen zuzugestehen, da
dies die Rechte fr mich ist. Denn es liegt fr Dich doch kein Einwand
darin, da Gerda nur drei Jahr jnger ist als ich? Du wirst wohl niemals
angenommen haben, hoffe ich, da ich irgendeinen Backfisch aus dem
Kreise Mllendorpf-Langhals-Kistenmaker-Hagenstrm heimfhren wrde.

Und was die Partie betrifft?... Ach, ich ngstige mich beinahe davor,
da Stephan Kistenmaker und Hermann Hagenstrm und Peter Dhlmann und
Onkel Justus und die ganze Stadt mich pfiffig anblinzeln wird, wenn man
von der Partie erfhrt; denn mein zuknftiger Schwiegervater ist
Millionr ... Mein Gott, was lt sich darber sagen? Es gibt so viel
Halbes in uns, das so oder so gedeutet werden kann. Ich verehre Gerda
Arnoldsen mit Enthusiasmus, aber ich bin durchaus nicht gesonnen, tief
genug in mich selbst hinabzusteigen, um zu ergrnden, ob und inwiefern
die hohe Mitgift, die man mir gleich bei der ersten Vorstellung in
ziemlich zynischer Weise ins Ohr flsterte, zu diesem Enthusiasmus
beigetragen hat. Ich liebe sie, aber es macht mein Glck und meinen
Stolz desto grer, da ich, indem sie mein eigen wird, gleichzeitig
unserer Firma einen bedeutenden Kapitalzuflu erobere.

Ich schliee, liebe Mutter, diesen Brief, der in Anbetracht des
Umstandes, da wir uns in wenigen Tagen schon mndlich ber mein Glck
werden bereden knnen, schon allzulang geworden ist. Ich wnsche dir
einen angenehmen und erholsamen Badeaufenthalt und bitte Dich, alle die
Unsrigen auf das Herzlichste von mir zu gren.

                            In treuer Liebe
                                            Dein gehorsamer Sohn
                                                     T.


Achtes Kapitel

In der Tat, es gab dieses Jahr einen lebhaften und festlichen Hochsommer
im Buddenbrookschen Hause.

Am Ende des Juli traf Thomas wieder in der Mengstrae ein und besuchte,
gleich den brigen Herren, die in der Stadt geschftlich in Anspruch
genommen waren, seine Familie einige Male am Meere, whrend Christian
sich daselbst vollkommene Ferien gemacht hatte, denn er klagte ber
einen unbestimmten Schmerz im linken Bein, mit dem Doktor Grabow
durchaus nichts anzufangen wute, und ber den Christian daher desto
eingehender nachdachte...

Es ist kein Schmerz ... so kann man es nicht nennen, erklrte er
mhsam, indem er mit der Hand an dem Beine auf und nieder fuhr, seine
groe Nase krauste und die Augen wandern lie. Es ist eine Qual, eine
fortwhrende, leise, beunruhigende Qual im ganzen Bein ... und an der
linken Seite, an der Seite, wo das Herz sitzt ... Sonderbar ... ich
finde es sonderbar! Was denkst du eigentlich darber, Tom...

Ja, ja... sagte Tom. Du hast nun Ruhe und Seebder...

Und dann ging Christian an die See hinunter, um der Badegesellschaft
Geschichten zu erzhlen, da der Strand von Lachen widerhallte, oder in
den Kursaal, um mit Peter Dhlmann, Onkel Justus, Doktor Gieseke und
einigen Hamburger Suitiers Roulette zu spielen.

Und Konsul Buddenbrook besuchte mit Tony, wie immer, wenn man in
Travemnde war, die alten Schwarzkopfs in der Vorderreihe ... Good'n
Dag ook, Ma'm' Grnlich! sagte der Lotsenkommandeur und redete vor
Freude platt. Na, weetens woll noch? Dat's nu all bangig lang her,
wer dat wier ne verdammt nette Tied ... Un uns Morten, de is nu all
lang Dokter in Breslau, un hei hett ook all ne ganz staatsche Praxis,
der Bengel... Dann lief Frau Schwarzkopf umher und machte Kaffee, und
sie vesperten in der grnen Veranda wie ehemals ... nur da alle um
volle zehn Jahre lter waren nunmehr, da Morten und die kleine Meta,
die den Ortsvorsteher von Haffkrug geheiratet hatte, fern waren, da der
Kommandeur, schon ganz wei und ziemlich taub, im Ruhestand lebte, da
seine Frau in ihrem Netze ebenfalls sehr graues Haar trug und Madame
Grnlich keine Gans mehr war, sondern das Leben kennengelernt hatte, was
sie aber nicht hinderte, eine Menge Scheibenhonig zu essen, denn sie
sagte: Das ist reines Naturprodukt; da wei man doch, was man
verschluckt!

Zu Anfang des August jedoch kehrten Buddenbrooks wie die meisten anderen
Familien in die Stadt zurck, und dann kam der groe Augenblick, wo,
fast gleichzeitig, Pastor Tiburtius von Ruland und die Arnoldsens von
Holland her zu lngerem Besuche in der Mengstrae eintrafen.

Es war eine sehr schne Szene, als der Konsul zum ersten Male seine
Braut ins Landschaftszimmer und zu seiner Mutter fhrte, die ihr mit
ausgebreiteten Armen, den Kopf zur Seite geneigt, entgegenkam. Gerda,
die mit freier und stolzer Anmut auf dem hellen Teppich dahinschritt,
war hoch und ppig gewachsen. Mit ihrem schweren dunkelroten Haar, ihren
nahe beieinander liegenden, braunen, von feinen blulichen Schatten
umlagerten Augen, ihren breiten, schimmernden Zhnen, die sie lchelnd
zeigte, ihrer geraden, starken Nase und ihrem wundervoll edel geformten
Munde war dieses siebenundzwanzigjhrige Mdchen von einer eleganten,
fremdartigen, fesselnden und rtselhaften Schnheit. Ihr Gesicht war
mattwei und ein wenig hochmtig; aber sie neigte es dennoch, als die
Konsulin ihr Haupt mit sanfter Innigkeit zwischen beide Hnde nahm und
ihr die schneeige, makellose Stirne kte ... Ja, nun heie ich dich
willkommen in unserem Hause und unserer Familie, du liebe, schne,
gesegnete Tochter, sagte sie. Du wirst ihn glcklich machen ... sehe
ich es nicht schon, wie glcklich du ihn machst? Und sie zog mit dem
rechten Arme Thomas herbei, um ihn ebenfalls zu kssen.

Niemals, hchstens vielleicht zu Grovaters Zeiten, war es heiterer und
geselliger zugegangen in dem groen Hause, das mit Leichtigkeit die
Gste aufnahm. Nur Pastor Tiburtius hatte aus Bescheidenheit sich im
Rckgebude beim Billardsaale ein Zimmer erwhlt; die brigen, Herr
Arnoldsen, ein beweglicher, witziger Mann am Ende der Fnfziger mit
grauem Spitzbart und einem liebenswrdigen Elan in jeder Bewegung, seine
ltere Tochter, eine leidend aussehende Dame, sein Schwiegersohn, ein
eleganter Lebemann, der sich von Christian in der Stadt umher und in den
Klub fhren lie, und Gerda verteilten sich in den berflssigen Rumen
zu ebener Erde, bei der Sulenhalle, im ersten Stock...

Antonie Grnlich war froh, da Sievert Tiburtius zur Zeit der einzige
Geistliche im elterlichen Hause war ... sie war mehr als froh! Die
Verlobung ihres verehrten Bruders, die Tatsache, da ausgemacht ihre
Freundin Gerda die Erwhlte war, das Glnzende dieser Partie, die den
Familiennamen und die Firma mit neuem Schimmer bestrahlte, die 300000
Kurantmark Mitgift, von der sie hatte munkeln hren, der Gedanke, was
die Stadt, was die anderen Familien, was im besonderen Hagenstrms dazu
sagen wrden ... das alles trug dazu bei, sie in einen Zustand
bestndiger Entzckung zu versetzen. Dreimal stndlich zum wenigsten
umarmte sie ihre zuknftige Schwgerin mit Leidenschaft...

Oh, Gerda! rief sie. Ich liebe dich, weit du, ich habe dich immer
geliebt! Ich wei ja, du kannst mich nicht leiden, du hast mich immer
gehat, aber...

Aber ich bitte dich, Tony! sagte Frulein Arnoldsen. Wie sollte ich
wohl dazu gekommen sein, dich zu hassen? Darf ich fragen, was du mir
eigentlich Greuliches angetan hast?

Aus irgendwelchen Grnden jedoch, wahrscheinlich ganz allein aus
bermiger Freude und bloer Lust am Reden, beharrte Tony strrisch
dabei, da Gerda sie immer gehat habe, da sie aber ihrerseits -- und
ihre Augen fllten sich mit Trnen -- diesen Ha stets mit Liebe
vergolten habe. Hierauf nahm sie Thomas beiseite und sagte zu ihm: Das
hast du gut gemacht, Tom, o Gott, wie hast du das gut gemacht! Nein, da
=Vater= dies nicht mehr erlebt ... es ist zum Heulen, weit du! Ja,
hiermit wird manches ausgewetzt ... nicht zuletzt die Sache mit jener
Persnlichkeit, deren Namen ich nicht gern in den Mund nehme... Worauf
es ihr einfiel, Gerda in ein leeres Zimmer zu ziehen und ihr ihre ganze
Ehe mit Bendix Grnlich in frchterlicher Ausfhrlichkeit zu erzhlen.
Auch plauderte sie lange Stunden mit ihr von der Pensionszeit, von ihren
abendlichen Gesprchen damals, von Armgard von Schilling in Mecklenburg
und Eva Ewers in Mnchen ... Um Sievert Tiburtius und seine Verlobung
mit Klara bekmmerte sie sich beinahe gar nicht; aber die beiden
trachteten auch nicht danach. Sie saen meist stille Hand in Hand und
sprachen sanft und ernst von einer schnen Zukunft.

Da das Trauerjahr der Buddenbrooks noch nicht abgelaufen war, so wurden
die beiden Verlobungen nur in der Familie gefeiert; Gerda Arnoldsen aber
war dennoch rasch genug berhmt in der Stadt, ja, ihre Person bildete
den hauptschlichen Gesprchsstoff an der Brse, im Klub, im
Stadttheater, in Gesellschaft ... Tipptopp, sagten die Suitiers und
schnalzten mit der Zunge, denn das war der neueste hamburgische Ausdruck
fr etwas auserlesen Feines, handelte es sich nun um eine Rotweinmarke,
um eine Zigarre, um ein Diner oder um geschftliche Bonitt. Aber unter
den soliden, biederen und ehrenfesten Brgern waren viele, die den Kopf
schttelten ... Sonderbar ... diese Toiletten, dieses Haar, diese
Haltung, dieses Gesicht ... ein bichen reichlich sonderbar. Kaufmann
Srensen drckte es aus: Sie hat ein bichen was Gewisses..., und
dabei wand er sich und machte ein krauses Gesicht, wie wenn ihm an der
Brse eine faule Offerte gemacht wurde. Aber es war Konsul Buddenbrook
... es sah ihm hnlich. Ein bichen prtentis, dieser Thomas
Buddenbrook, ein bichen ... anders: anders auch als seine Vorfahren.
Man wute, besonders der Tuchhndler Benthien wute es, da er nicht nur
seine smtlichen feinen und neumodischen Kleidungsstcke -- und er besa
deren ungewhnlich viele: Pardessus, Rcke, Hte, Westen, Beinkleider
und Krawatten -- ja auch seine Wsche aus Hamburg bezog. Man wute
sogar, da er tagtglich, manchmal sogar zweimal am Tage, das Hemd
wechselte und sich das Taschentuch und den _ la_ Napoleon_III._
ausgezogenen Schnurrbart parfmierte. Und das alles tat er nicht der
Firma und der Reprsentation zuliebe -- das Haus Johann Buddenbrook
hatte das nicht ntig--, sondern aus einer persnlichen Neigung zum
Superfeinen und Aristokratischen ... wie sollte man das ausdrcken,
Teufel noch mal! Und dann diese Zitate aus Heine und anderen Dichtern,
die er manchmal bei den praktischsten Gelegenheiten, bei geschftlichen
oder stdtischen Fragen in seine Rede einflieen lie ... Und nun diese
Frau ... Nein, auch an ihm selbst, an Konsul Buddenbrook war ein
bichen was Gewisses ---- was selbstverstndlich mit jederlei Respekt
bemerkt werden sollte, denn die Familie war hoch achtbar, und die Firma
war von hchster Bonitt, und der Chef war ein gescheuter,
liebenswrdiger Mann, der die Stadt liebte und ihr sicher noch
erfolgreich dienen wrde ... Und es war ja auch eine hllisch feine
Partie, man sprach von runden 100000 Talern Kurant ... Indessen ... Und
unter den Damen befanden sich manche, die Gerda Arnoldsen ganz einfach
=albern= fanden; wobei daran zu erinnern ist, da albern einen sehr
harten Ausdruck der Verurteilung bedeutete.

Wer aber, seitdem er sie zum ersten Male auf der Strae erschaut,
Thomas Buddenbrooks Braut mit einer ingrimmigen Begeisterung verehrte,
das war der Makler Gosch. Ha! sagte er im Klub oder in der
Schiffergesellschaft, indem er sein Punschglas emporhielt und sein
Intrigantengesicht in greulicher Mimik verzerrte ... Welch ein Weib,
meine Herren! Here und Aphrodite, Brnhilde und Melusine in einer Person
... Ha, das Leben ist doch schn! fgte er unvermittelt hinzu; und
keiner der Brger, die um ihn her auf den schweren geschnitzten
Holzbnken des alten Schifferhauses unter den Seglermodellen und groen
Fischen, die von der Decke herabhingen, saen und ihren Schoppen
tranken, keiner verstand, welches Ereignis das Erscheinen Gerda
Arnoldsens in dem bescheidenen und nach Auerordentlichem sehnschtigen
Leben des Maklers Gosch bedeutete...

Nicht verpflichtet, wie gesagt, zu greren Festlichkeiten, hatte die
kleine Gesellschaft in der Mengstrae desto bessere Mue, vertraut
miteinander zu werden. Sievert Tiburtius erzhlte, Klaras Hand in der
seinen, von seinen Eltern, seiner Jugend und seinen Zukunftsplnen; die
Arnoldsens erzhlten von ihrem Stammbaum, der in Dresden zu Hause war,
und von dem nur dieser eine Zweig in die Niederlande verpflanzt worden
sei; und dann verlangte Madame Grnlich nach dem Schlssel zum Sekretr
im Landschaftszimmer und schleppte ernsthaft die Mappe mit den
Familienpapieren herbei, in denen Thomas auch die neuesten Daten bereits
vermerkt hatte. Sie kndete mit Wichtigkeit von der Geschichte der
Buddenbrooks, von dem Gewandschneider zu Rostock an, der sich bereits so
sehr gut gestanden, sie las alte Festgedichte vor:

    Tchtigkeit und zcht'ge Schne
    Sich vor unsrem Blick verband:
    Venus Anadyomene
    Und Vulcani flei'ge Hand...

wobei sie Tom und Gerda anblinzelte und die Zunge an der Oberlippe
spielen lie; und aus Achtung vor der Historie berging sie keineswegs
das Eingreifen in die Familiengeschichte von seiten einer
Persnlichkeit, deren Namen sie eigentlich nicht gern in den Mund
nahm...

Donnerstags um vier Uhr aber kamen die gewohnten Gste: Justus Krger kam
mit seiner schwachen Gattin, mit der er sehr in Unfrieden lebte, weil sie
selbst nach Amerika noch dem ungeratenen und enterbten Jakob Geld ber
Geld sandte ... sie ersparte es ganz einfach vom Wirtschaftsgelde und a
mit ihrem Manne beinahe nichts als Buchweizengrtze, da war nichts zu
machen. Es kamen die Damen Buddenbrook aus der Breiten Strae, die denn
doch der Wahrheit die Ehre geben und feststellen muten, da Erika
Grnlich wieder nicht zugenommen habe, da sie ihrem Vater, dem
Betrger, noch hnlicher geworden sei, und da des Konsuls Braut eine
=ziemlich= auffllige Frisur trage ... Und auch Sesemi Weichbrodt kam,
stellte sich auf die Zehenspitzen, kte Gerda mit leise knallendem
Gerusch auf die Stirn und sagte bewegt: Sei glcklich, du gutes Kend!

Dann sprach bei Tische Herr Arnoldsen einen seiner witzigen und
phantasievollen Toaste zu Ehren der Brautpaare, und hernach, whrend man
den Kaffee nahm, spielte er die Geige wie ein Zigeuner, mit einer
Wildheit, einer Leidenschaft, einer Fertigkeit ... aber auch Gerda holte
ihre Stradivari herbei, von der sie sich niemals trennte, und griff mit
ihrer sen Cantilene in seine Passagen ein, und sie spielten pompse
Duos, im Landschaftszimmer, beim Harmonium, an derselben Stelle, wo
einstmals des Konsuls Grovater seine kleinen, sinnigen Melodien auf der
Flte geblasen hatte.

Erhaben! sagte Tony, die weit zurckgebeugt in ihrem Lehnsessel sa
... O Gott, wie finde ich es erhaben! Und ernst, langsam und
gewichtig, mit aufwrts gerichteten Augen fuhr sie fort, ihre lebhaften
und aufrichtigen Empfindungen auszudrcken ... Nein, wit ihr, wie es
im Leben so geht ... nicht jedem wird ja immer eine solche Gabe zuteil!
Mir hat der Himmel dergleichen versagt, wit ihr, obgleich ich ihn in
mancher Nacht darum angefleht ... Ich bin eine Gans, ein dummes Ding ...
Ja, Gerda, la dir sagen ... ich bin die ltere und habe das Leben
kennengelernt .... Du solltest tglich deinem Schpfer auf den Knien
dafr danken, ein solch gottbegnadigtes Geschpf zu sein...!

...Begnadetes, sagte Gerda und zeigte lachend ihre schnen, weien,
breiten Zhne.

Spter aber rckten alle zusammen, um gemeinsam ber die nchste Zukunft
das Ntige zu beratschlagen und Weingelee dazu zu essen. Am Ende des
Monats oder Anfang September, so ward beschlossen, wrden Sievert
Tiburtius sowohl wie Arnoldsens in die Heimat zurckkehren. Gleich nach
der Weihnacht sollte Klaras Trauung in der Sulenhalle mit allem Aufwand
gefeiert werden, whrend die Hochzeit in Amsterdam, der bei Leben und
Gesundheit auch die Konsulin beizuwohnen gedachte, bis zum Beginn des
nchsten Jahres verschoben werden mute: damit eine Ruhepause
vorherginge. Es half nichts, da Thomas sich widersetzte. Bitte! sagte
die Konsulin und legte die Hand auf seinen Arm ... Sievert hat das
_prvenir_!

Der Pastor und seine Braut verzichteten auf eine Hochzeitsreise. Gerda
und Thomas aber wurden sich einig ber eine Route durch Oberitalien nach
Florenz. Sie wrden etwa zwei Monate abwesend sein; unterdessen aber
sollte Antonie, zusammen mit dem Tapezierer Jacobs aus der Fischstrae,
das hbsche kleine Haus in der Breiten Strae bereitmachen, das einem
nach Hamburg verzogenen Junggesellen gehrte, und dessen Ankauf der
Konsul bereits betrieb. Oh, Tony wrde das schon zur Zufriedenheit
ausfhren! Ihr sollt es =vornehm= haben! sagte sie; und davon waren
alle berzeugt.

Christian aber ging mit seinen dnnen, gebogenen Beinen und seiner
groen Nase in diesem Zimmer umher, in dem zwei Brautpaare sich an den
Hnden hielten, und in dem von nichts anderem als von Trauung, Aussteuer
und Hochzeitsreisen die Rede war. Er empfand eine Qual, eine unbestimmte
Qual in seinem linken Bein und sah alle aus seinen kleinen, runden,
tiefliegenden Augen ernst, unruhig und nachdenklich an. Schlielich
sagte er in der Aussprache Marcellus Stengels zu seiner armen Kusine,
die ltlich, still, drr und selbst nach Tische noch hungrig inmitten
der Glcklichen sa: Na, Thilda, nun heiraten wir auch bald; das heit
... jeder fr sich!


Neuntes Kapitel

Ungefhr sieben Monate spter kehrte Konsul Buddenbrook mit seiner
Gattin aus Italien zurck. Mrzschnee lag in der Breiten Strae, als
fnf Uhr nachmittags die Droschke an der schlichten, mit lfarbe
gestrichenen Fassade ihres Hauses vorfuhr. Ein paar Kinder und
erwachsene Brger blieben stehen, um die Ankmmlinge aussteigen zu
sehen. Frau Antonie Grnlich stand, stolz auf die Vorbereitungen, die
sie getroffen, in der Haustr, und hinter ihr hielten sich, gleichfalls
zum Empfange bereit, mit weien Mtzen, nackten Armen und dicken,
gestreiften Rcken, die beiden Dienstmdchen, die sie ihrer Schwgerin
kundig erwhlt hatte.

Eilfertig und erhitzt von Arbeit und Freude lief sie die flachen Stufen
hinunter und zog Gerda und Thomas, die in ihren Pelzen den mit Koffern
bepackten Wagen verlieen, unter Umarmungen in den Hausflur hinein...

Da seid ihr! Da seid ihr, ihr Glcklichen, die ihr so weit
herumgekommen seid! Habt ihr das Haus gesehen: auf Sulen ruht sein
Dach?... Gerda, du bist noch schner geworden, komm, la mich dich
kssen ... nein, auch auf den Mund ... so! Guten Tag, alter Tom, ja, du
bekmmst auch einen Ku. Marcus hat gesagt, es sei hier alles sehr gut
gegangen unterdessen. Mutter erwartet euch in der Mengstrae; aber zuvor
macht ihr es euch bequem ... Wollt ihr Tee haben? Ein Bad nehmen? Es ist
alles bereit. Ihr werdet euch nicht zu beklagen haben. Jacobs hat sich
angestrengt, und ich habe auch getan, was ich konnte...

Sie gingen zusammen auf den Vorplatz, whrend die Mdchen mit dem
Kutscher das Gepck hereinschleppten. Tony sagte: Die Zimmer hier im
Parterre werdet ihr vorlufig nicht viel gebrauchen ... vorlufig,
wiederholte sie und lie die Zungenspitze an der Oberlippe spielen.
Dies hier ist hbsch -- und sie ffnete gleich rechts beim Windfang
eine Tr. -- Da ist Efeu vor den Fenstern ... einfache Holzmbel ...
Eiche ... Dort hinten, jenseits des Korridors, liegt ein anderes,
greres. Hier rechts sind Kche und Speisekammer ... Aber wir wollen
hinaufgehen; oh, ich will euch alles zeigen!

Sie stiegen auf dem breiten, dunkelroten Lufer die bequeme Treppe
empor. Droben, hinter einer glsernen Etagentr, war ein schmaler
Korridor. Es lag das Speisezimmer daran, mit einem schweren runden
Tisch, auf dem der Samowar kochte, und dunkelroten, damastartigen
Tapeten, an denen geschnitzte Nuholzsthle mit Rohrsitzen und ein
massives Bfett standen. Ein behagliches Wohnzimmer in grauem Tuche war
da, nur durch Portieren getrennt von einem schmalen Salon mit
grngestreiften Ripsfauteuils und einem Erker. Ein Viertel des ganzen
Stockwerkes aber nahm ein Saal von drei Fenstern ein. Dann gingen sie
ins Schlafzimmer hinber.

Es lag zur rechten Hand am Korridor, mit geblmten Gardinen und
mchtigen Mahagonibetten. Tony aber ging zu der kleinen, durchbrochenen
Pforte dort hinten, drckte die Klinke und legte den Zugang zu einer
Wendeltreppe frei, deren Windungen ins Souterrain hinabfhrten: ins
Badezimmer und die Mdchenkammern.

Hier ist es hbsch. Hier will ich bleiben, sagte Gerda und sank
aufatmend in den Lehnsessel an einem der Betten.

Der Konsul beugte sich zu ihr und kte ihr die Stirne. Mde? Aber es
ist wahr, ich habe auch Lust, mich ein bichen zu subern...

Und ich werde nach dem Teewasser sehen, sagte Frau Grnlich; ich
erwarte euch im Ezimmer... Und sie ging dorthin.

Der Tee stand dampfend in Meiener Tassen bereit, als Thomas herberkam.
Da bin ich, sagte er, Gerda mchte noch eine halbe Stunde ruhen. Sie
hat Kopfschmerzen. Wir wollen nachher in die Mengstrae ... Alles
wohlauf, meine liebe Tony? Mutter, Erika, Christian?... Aber nun, fuhr
er mit seiner liebenswrdigsten Bewegung fort, unseren herzlichsten
Dank, auch Gerdas, fr all deine Mhen, du Gute! Wie hbsch du das alles
gemacht hast! Es fehlt nichts, als da meine Frau ein paar Palmen fr
ihren Erker bekommt, und da ich mich nach einigen brauchbaren
lgemlden umsehe ... Aber nun erzhle mal! Wie geht es dir, was hast du
getrieben unterdessen!

Er hatte seiner Schwester einen Stuhl zu sich herangezogen, trank
langsam seinen Tee und a ein Biskuit, whrend sie sprachen.

Ach, Tom, antwortete sie. Was soll ich treiben? Mein Leben liegt
hinter mir...

Unsinn, Tony! Du mit deinem Leben ... Aber wir langweilen uns wohl
ziemlich stark?

Ja, Tom, ich langweile mich ganz ungemein. Manchmal heule ich vor
Langerweile. Die Beschftigung mit diesem Hause hat mir Freude gemacht,
und du glaubst nicht, wie glcklich ich ber eure Rckkehr bin ... Aber
ich bin nicht gern zu Hause, weit du; Gott strafe mich, wenn das eine
Snde ist. Ich bin nun im Dreiigsten, aber das ist noch nicht das
Alter, um mit der letzten Himmelsbrgern oder den Damen Gerhardt oder
einem von Mutters Dunkelmnnern, die der Witwen Huser fressen,
Busenfreundschaft zu schlieen ... Ich glaube nicht an sie, Tom, es sind
Wlfe in Schafspelzen ... Otterngezcht ... Wir sind alle schwache
Menschen mit sndigen Herzen, und wenn sie mitleidig auf mich armes
Weltkind herabsehen wollen, so lache ich sie aus. Ich bin immer der
Meinung gewesen, da alle Menschen gleich sind, und da es keiner
Mittlerschaft bedarf zwischen uns und dem lieben Gott. Du kennst auch
meine politischen Grundstze. Ich will, da der Brger zum Staate...

Also du fhlst dich ein wenig vereinsamt, wie? fragte Thomas, um sie
wieder auf den Weg zu bringen. Aber hre, du hast doch Erika?

Ja, Tom, und ich liebe das Kind von ganzem Herzen, obgleich eine
gewisse Persnlichkeit behauptete, ich sei nicht kinderlieb ... Aber,
siehst du ... ich bin offen zu dir, ich bin ein ehrliches Weib, ich
rede, wie's mir ums Herz ist und halte nichts vom Wortemachen...

Was sehr hbsch von dir ist, Tony.

Kurz, das traurige ist, da das Kind mich allzusehr an Grnlich
erinnert ... auch Buddenbrooks in der Breiten Strae sagen, da es ihm
so sehr hnlich ist ... Und dann, wenn ich es vor mir habe, mu ich
bestndig denken: Du bist eine alte Frau mit einer groen Tochter und
das Leben liegt hinter dir. Du hast einmal whrend einiger Jahre
daringestanden, aber nun kannst du siebzig und achtzig Jahre alt werden
und wirst hier sitzen bleiben und Lea Gerhardt vorlesen hren. Der
Gedanke ist mir so traurig, Tom, da er mir hier in der Kehle sitzt und
drckt. Denn ich empfinde noch so jugendlich, weit du, und sehne mich
danach, noch einmal ins Leben hinauszukommen ... Und schlielich: nicht
blo im Hause, auch in der ganzen Stadt fhle ich mich nicht ganz wohl,
denn du mut nicht glauben, da ich mit Blindheit geschlagen bin fr die
Verhltnisse, ich bin keine Gans mehr und habe meine Augen im Kopfe. Ich
bin eine geschiedene Frau und bekomme es zu fhlen, das ist sehr klar.
Du kannst mir glauben, Tom, da es mir immer schwer auf dem Herzen
liegt, unseren Namen, wenn auch ohne eigene Schuld, so befleckt zu
haben. Du kannst tun, was du willst, du kannst Geld verdienen und der
erste Mann in der Stadt werden, -- die Leute werden immer noch sagen:
`Ja ... seine Schwester ist brigens eine geschiedene Frau. Julchen
Mllendorpf, geborene Hagenstrm, grt mich nicht ... nun, sie ist eine
Gans! Aber so geht es bei allen Familien ... Und doch, ich =kann= die
Hoffnung nicht aufgeben, Tom, da alles noch wieder gutzumachen ist! Ich
bin noch jung ... Bin ich nicht noch ziemlich hbsch? Mama kann mir
nicht mehr viel mitgeben, aber es ist immerhin ein annehmbares Stck
Geld. Wenn ich mich wieder verheiratete? Offen gestanden, Tom, es ist
mein lebhaftester Wunsch! Damit wre alles in Ordnung, der Fleck wre
ausgelscht ... O Gott, wenn ich eine unseres Namens wrdige Partie
machen, mich wieder einrichten knnte--! Glaubst du, da es so vllig
ausgeschlossen ist?

Bewahre, Tony! Oh, keineswegs! Ich habe niemals aufgehrt, damit zu
rechnen. Aber vor allem scheint es mir ntig, da du mal ein bichen
hinauskommst, dich ein wenig aufmunterst, Abwechselung hast...

Das ist es eben! sagte sie eifrig. Nun mu ich dir mal eine
Geschichte erzhlen.

Sehr befriedigt von diesem Vorschlage lehnte sich Thomas zurck. Er war
schon bei der zweiten Zigarette. Die Dmmerung begann vorzuschreiten.

Also whrend euerer Abwesenheit htte ich beinahe eine Stelle
angenommen, eine Stelle als Gesellschafterin in Liverpool! Httest du
es emprend gefunden?... Aber immerhin etwas fragwrdig?... Ja, ja, es
wre wahrscheinlich unwrdig gewesen. Aber es war mein so dringender
Wunsch, fortzukommen ... Kurz, es hat sich zerschlagen. Ich schickte der
Missis meine Photographie, und sie mute auf meine Dienste verzichten,
weil ich zu hbsch sei; es sei ein erwachsener Sohn im Hause. `Sie sind
zu hbsch, schrieb sie ... ha, ich habe mich niemals so amsiert!

Die beiden lachten sehr herzlich.

Aber nun habe ich etwas anderes in Aussicht genommen, fuhr Tony fort.
Ich bin eingeladen worden; eingeladen nach Mnchen von Eva Ewers
... ja, sie heit brigens nun Eva Niederpaur, und ihr Mann ist
Brauereidirektor. Genug, sie hat mich gebeten, sie zu besuchen, und ich
denke demnchst von der Aufforderung Gebrauch zu machen. Freilich, Erika
knnte nicht mitgehen. Ich wrde sie zu Sesemi Weichbrodt in Pension
geben. Dort wre sie ausgezeichnet aufgehoben. Httest du etwas dagegen
einzuwenden?

Gar nichts. Jedenfalls ist es ntig, da du einmal wieder in neue
Verhltnisse kommst.

Ja, das ist es! sagte sie dankbar. Aber nun du, Tom! Ich spreche
bestndig von mir, ich bin ein eigenntziges Weib! Nun erzhle du. O
Gott, wie glcklich du sein mut!

Ja, Tony! sagte er nachdrcklich. Es entstand eine Pause. Er atmete
den Rauch ber den Tisch hinber und fuhr fort: Zunchst bin ich sehr
froh, verheiratet zu sein und einen eigenen Hausstand begrndet zu
haben. Du kennst mich: ich htte schlecht zum Garon getaugt. Alles
Junggesellentum hat einen Beigeschmack von Isoliertheit und Bummelei,
und ich besitze einigen Ehrgeiz, wie du weit. Ich halte meine Karriere
weder geschftlich, noch, sagen wir scherzeshalber: politisch fr
beendigt ... aber das rechte Vertrauen der Welt gewinnt man erst, wenn
man Hausherr und Familienvater ist. Dennoch hat es an einem Haar
gehangen, Tony ... Ich bin ein bichen whlerisch. Ich habe es lange
Zeit nicht fr mglich gehalten, auf der Welt eine Passende zu finden.
Aber Gerdas Anblick gab den Ausschlag. Ich sah sofort, da sie die
einzige sei, ausgemacht sie ... obgleich ich wei, da viele Leute in
der Stadt mir bse sind ob meines Geschmackes. Sie ist ein wundervolles
Wesen, wie es deren sicher wenige gibt auf Erden. Freilich ist sie
sehr anders als du, Tony. Du bist einfacher von Gemt, du bist auch
natrlicher ... Meine Frau Schwester ist ganz einfach temperamentvoller,
fuhr er fort, indem er pltzlich zu einem leichteren Tone berging. Da
brigens auch Gerda Temperament besitzt, das beweist wahrhaftig ihr
Geigenspiel; aber sie kann manchmal ein bichen kalt sein ... Kurz, es
ist nicht der gewhnliche Mastab an sie zu legen. Sie ist eine
Knstlernatur, ein eigenartiges, rtselhaftes, entzckendes Geschpf.

Ja, ja, sagte Tony. Sie hatte ihrem Bruder ernst und aufmerksam
zugehrt. Ohne an die Lampe zu denken, hatten sie den Abend
hereinbrechen lassen.

Da ffnete sich die Korridortr, und von der Dmmerung umgeben stand vor
den beiden, in einem faltig hinabwallenden Hauskleide aus schneeweiem
Pikee, eine aufrechte Gestalt. Das schwere, dunkelrote Haar umrahmte das
weie Gesicht, und in den Winkeln der nahe beieinander liegenden braunen
Augen lagerten bluliche Schatten.

Es war Gerda, die Mutter zuknftiger Buddenbrooks.




Sechster Teil


Erstes Kapitel

Thomas Buddenbrook nahm das erste Frhstck in seinem hbschen
Speisezimmer fast immer allein, denn seine Gattin pflegte sehr spt das
Schlafzimmer zu verlassen, da sie whrend des Vormittags oft einer
Migrne und allgemeiner Mistimmung unterworfen war. Der Konsul begab
sich dann sofort in die Mengstrae, wo die Kontors der Firma verblieben
waren, nahm das zweite Frhstck im Zwischengescho gemeinsam mit seiner
Mutter, Christian und Ida Jungmann und traf mit Gerda erst wieder um
vier Uhr beim Mittagessen zusammen.

Das geschftliche Treiben bewahrte dem Erdgescho Leben und Bewegung;
die Stockwerke aber des groen Mengstraenhauses lagen nun recht leer
und vereinsamt da. Die kleine Erika war von Mademoiselle Weichbrodt als
interner Zgling aufgenommen worden, die arme Klothilde hatte sich mit
ihren vier oder fnf Mbeln bei der Witwe eines Gymnasiallehrers, einer
Doktorin Krauseminz, in wohlfeile Pension begeben, selbst der Bediente
Anton hatte das Haus verlassen, um zu den jungen Herrschaften
berzugehen, wo er ntiger war, und wenn Christian im Klub weilte, so
saen um vier Uhr die Konsulin und Mamsell Jungmann an dem runden Tisch,
in den kein einziges Brett mehr eingelassen war, und der sich in dem
weiten Speisetempel mit seinen Gtterbildern verlor, nun ganz allein
beieinander.

Mit dem Tode des Konsuls Johann Buddenbrook war das gesellschaftliche
Leben in der Mengstrae erloschen, und die Konsulin sah, abgesehen von
dem Besuche dieses oder jenes Geistlichen, keine anderen Gste mehr um
sich als am Donnerstag die Glieder ihrer Familie. Ihr Sohn aber und
seine Gattin hatten bereits ihr erstes Diner hinter sich, ein Diner, bei
dem im Speise- und Wohnzimmer gedeckt worden war, ein Diner mit
Kochfrau, Lohndienern und Kistenmakerschen Weinen, eine
Mittagsgesellschaft, die um fnf Uhr begonnen, und deren Gerche und
Gerusche um elf Uhr noch fortgeherrscht hatten, bei der alle Langhals',
Hagenstrms, Huneus', Kistenmakers, verdiecks und Mllendorpfs zugegen
gewesen waren, Kaufleute und Gelehrte, Ehepaare und Suitiers, die mit
Whist und ein paar Ohren voll Musik geschlossen hatte, und von der man
an der Brse noch acht Tage lang in den lobendsten Ausdrcken sprach.
Wahrhaftig, es hatte sich gezeigt, da die junge Frau Konsulin zu
reprsentieren verstand ... Der Konsul hatte an jenem Abend, allein
geblieben mit ihr in den von hinabgebrannten Kerzen erleuchteten Rumen,
zwischen den durcheinandergerckten Mbeln, in dem dichten, sen und
schweren Dunst von feinen Speisen, Parfms, Weinen, Kaffee, Zigarren und
den Blumen der Toiletten und Tafelaufstze, ihre Hnde gedrckt und
gesagt: Sehr brav, Gerda! Wir haben uns nicht zu schmen brauchen.
Dergleichen ist sehr wichtig ... Ich habe gar keine Lust, mich viel mit
Bllen abzugeben und die jungen Leute hier umherspringen zu lassen; dazu
reicht auch der Raum nicht. Aber den gesetzten Leuten mu es schmecken
bei uns. So ein Diner kostet ein wenig mehr ... aber das ist nicht bel
angelegt.

Du hast recht, hatte sie geantwortet und die Spitzen geordnet, durch
die ihre Brust wie Marmor hindurchschimmerte. Auch ich ziehe durchaus
die Diners den Bllen vor. Ein Diner wirkt so auerordentlich beruhigend
... Ich hatte heute nachmittag musiziert und fhlte mich ein wenig
merkwrdig ... Jetzt ist mein Gehirn so tot, da hier der Blitz
einschlagen knnte, ohne da ich bleich oder rot wrde.

                   *       *       *       *       *

Als um halb zwlf Uhr heute der Konsul sich neben seiner Mutter am
Frhstckstische niederlie, las sie ihm folgenden Brief vor:

                                     Mnchen, den 2. April 1857.
                                        Am Marienplatz Nr. 5.

Meine liebe Mama,

ich bitte um Verzeihung, denn es ist eine Schande, da ich noch nicht
geschrieben habe, whrend ich doch schon acht Tage hier bin; ich bin zu
sehr in Anspruch genommen worden von allem, was es hier zu sehen gibt --
aber davon spter. Nun frage ich erst einmal, ob es Euch Lieben, Dir und
Tom und Gerda und Erika und Christian und Thilda und Ida und allen gut
geht; das ist das Wichtigste.

Ach, was habe ich in diesen Tagen nicht zu sehen bekommen! Da ist die
Pinakothek und die Glyptothek und das Hofbruhaus und das Hoftheater und
die Kirchen und viele andere Dinge. Ich mu davon mndlich erzhlen,
sonst schreibe ich mich tot. Auch eine Wagenfahrt im Isartal haben wir
schon gemacht, und fr morgen ist ein Ausflug an den Wrmsee in Aussicht
genommen. Das geht immer so weiter; Eva ist sehr lieb zu mir, und Herr
Niederpaur, der Brauereidirektor, ist ein gemtlicher Mann. Wir wohnen
an einem sehr hbschen Platz inmitten der Stadt, mit einem Brunnen in
der Mitte, wie bei uns auf dem Markt, und unser Haus steht ganz in der
Nhe des Rathauses. Ich habe niemals ein solches Haus gesehen! Es ist
von oben bis unten ganz kunterbunt bemalt, mit heiligen Georgs, die den
Drachen tten, und alten bayerischen Frsten in vollem Ornat und Wappen.
Stellt Euch vor!

Ja, Mnchen gefllt mir ganz ausnehmend. Die Luft soll sehr
nervenstrkend sein, und mit meinem Magen ist es im Augenblick ganz in
Ordnung. Ich trinke mit groem Vergngen sehr viel Bier, um so mehr, als
das Wasser nicht ganz gesund ist; aber an das Essen kann ich mich noch
nicht recht gewhnen. Es gibt zuwenig Gemse und zuviel Mehl, zum
Beispiel in den Soen, deren sich Gott erbarmen mge. Was ein
ordentlicher Kalbsrcken ist, das ahnt man hier gar nicht, denn die
Schlachter zerschneiden alles aufs jmmerlichste. Und mir fehlen sehr
die Fische. Und dann ist es doch ein Wahnsinn, bestndig Gurken- und
Kartoffelsalat mit Bier durcheinander zu schlucken! Mein Magen gibt Tne
von sich dabei.

berhaupt mu man ja an mancherlei sich erst gewhnen, knnt Ihr Euch
denken, man befindet sich eben in einem fremden Lande. Da ist die
ungewohnte Mnze, da ist die Schwierigkeit, sich mit den einfachen
Leuten, dem Dienstpersonal zu verstndigen, denn ich spreche ihnen zu
rasch und sie mir zu kauderwelsch -- und dann ist da der Katholizismus;
ich hasse ihn, wie Ihr wit, ich halte gar nichts davon...

Hier fing der Konsul an zu lachen, indem er, ein Stck Butterbrot mit
geriebenem Kruterkse in der Hand, sich in das Sofa zurcklehnte.

Ja, Tom, du lachst..., sagte seine Mutter, und lie ein paarmal den
Mittelfinger ihrer Hand auf das Tischtuch fallen. Aber mir gefllt es
vllig an ihr, da sie an dem Glauben ihrer Vter festhlt und die
unevangelischen Schnurrpfeifereien verabscheut. Ich wei, da du in
Frankreich und Italien eine gewisse Sympathie fr die ppstliche Kirche
gefat hast, aber das ist nicht Religiositt bei dir, Tom, sondern etwas
anderes, und ich verstehe auch, was; aber obgleich wir duldsam sein
sollen, ist Spielerei und Liebhaberei in diesen Dingen in hohem Grade
strafbar, und ich mu Gott bitten, da er dir und deiner Gerda -- denn
ich wei, sie gehrt ebenfalls nicht gerade zu den Gefesteten, mit den
Jahren den ntigen Ernst darin gibt. Diese Bemerkung wirst du deiner
Mutter verzeihen.

Oben auf dem Brunnen, las sie weiter, den ich von meinem Fenster aus
sehen kann, steht eine Maria, und manchmal wird er bekrnzt, und dann
knien dort Leute aus dem Volke mit Rosenkrnzen und beten, was ja recht
hbsch aussieht, aber es steht geschrieben: Gehe in dein Kmmerlein. Oft
sieht man hier Mnche auf der Strae, und sie sehen recht ehrwrdig aus.
Aber stelle Dir vor, Mama, gestern fuhr in der Theatinerstrae irgendein
hherer Kirchenmann in seiner Kutsche an mir vorber, vielleicht war es
der Erzbischof, ein lterer Herr -- genug, und dieser Herr wirft mir aus
dem Fenster ein paar Augen zu wie ein Gardeleutnant! Du weit, Mutter,
ich halte nicht so sehr groe Stcke auf Deine Freunde, die Missionare
und Pastoren, aber Trnen-Trieschke ist sicherlich nichts gegen diesen
Suitier von einem Kirchenfrsten...

Pfui! schaltete die Konsulin bekmmert ein.

Echt Tony! sagte der Konsul.

Wieso, Tom?

Na, sollte sie ihn nicht ein bichen provoziert haben ... zur Prfung?
Ich kenne doch Tony! Und jedenfalls hat dieses `Paar Augen sie kstlich
amsiert ... was wohl die Absicht des alten Herrn gewesen ist.

Hierauf ging die Konsulin nicht ein, sondern fuhr zu lesen fort:
Vorgestern hatten Niederpaurs Abendgesellschaft, was wunderhbsch war,
obgleich ich der Unterhaltung nicht immer folgen konnte und den Ton
manchmal ziemlich _quivoque_ fand. Sogar ein Hofopernsnger war da,
welcher Lieder sang, und ein junger Kunstmaler, der mich bat, mich von
ihm portrtieren zu lassen, was ich aber ablehnte, weil ich es nicht fr
passend halte. Am besten habe ich mich mit einem Herrn =Permaneder=
unterhalten -- httest Du jemals gedacht, da jemand so heien
knnte?--, Hopfenhndler, ein netter, spahafter Mann in gesetzten
Jahren und Junggeselle. Ich hatte ihn zu Tische und hielt mich an ihn,
weil er der einzige Protestant in der Gesellschaft war, denn obgleich er
ein guter Mnchener Brger ist, stammt seine Familie aus Nrnberg. Er
versicherte, da er unsere Firma dem Namen nach sehr wohl kenne, und Du
kannst Dir denken, Tom, welche Freude mir der respektvolle Ton machte,
in welchem er das sagte. Auch erkundigte er sich genau nach uns, wie
viele Geschwister wir seien und dergleichen mehr. Auch nach Erika und
sogar nach Grnlich fragte er. Er kommt manchmal zu Niederpaurs und wird
wohl morgen mit uns zum Wrmsee fahren.

Nun adieu, liebe Mama, ich kann nicht mehr schreiben. Bei Leben und
Gesundheit, wie Du immer sagst, bleibe ich noch drei oder vier Wochen
hier, und dann kann ich Euch mndlich von Mnchen erzhlen, denn
brieflich wei ich nicht, womit ich anfangen soll. Aber es gefllt mir
sehr gut, das kann ich sagen, nur mte man sich eine Kchin auf
anstndige Saucen dressieren. Siehst Du, ich bin eine alte Frau, die das
Leben hinter sich hat, und habe nichts mehr zu erwarten auf Erden, aber
wenn zum Beispiel Erika spter bei Leben und Gesundheit sich hierher
verheiratete, so wrde ich nichts dagegen haben, das mu ich sagen...

Hier mute der Konsul wieder aufhren, zu essen, und sich lachend in das
Sofa zurcklegen.

Sie ist unbezahlbar, Mutter! Wenn sie heucheln will, ist sie
unvergleichlich! Ich schwrme fr sie, weil sie einfach nicht imstande
ist, sich zu verstellen, nicht ber tausend Meilen weg...

Ja, Tom, sagte die Konsulin; sie ist ein gutes Kind, das alles Glck
verdient.

Dann las sie den Brief zu Ende...


Zweites Kapitel

Am Ende des April zog Frau Grnlich wieder im Elternhause ein, und
obgleich nun abermals ein Stck Leben hinter ihr lag, obgleich das alte
Dasein wieder begann, sie wieder den Andachten beiwohnen und am
Jerusalemsabend Lea Gerhardt vorlesen hren mute, befand sie sich ganz
augenscheinlich in froher und hoffnungsvoller Stimmung.

Gleich als ihr Bruder, der Konsul, sie vom Bahnhofe abgeholt hatte --
sie war von Bchen gekommen -- und mit ihr durch das Holstentor in die
Stadt gefahren war, hatte er nicht umhin gekonnt, ihr das Kompliment zu
machen, da -- nchst Klothilden -- sie doch noch immer die Schnste in
der Familie sei, worauf sie geantwortet hatte: O Gott, Tom, ich hasse
dich! Eine alte Frau in dieser Weise zu verhhnen...

Aber es hatte trotzdem seine Richtigkeit: Madame Grnlich konservierte
sich aufs vorteilhafteste, und angesichts ihres starken, aschblonden
Haares, das zu beiden Seiten des Scheitels gepolstert, ber den kleinen
Ohren zurckgestrichen und auf der Hhe des Kopfes mit einem breiten
Schildkrotkamm zusammengefat war -- angesichts des weichen Ausdrucks,
der ihren graublauen Augen blieb, ihrer hbschen Oberlippe, des feinen
Ovals und der zarten Farben ihres Gesichtes htte man nicht auf dreiig,
sondern auf dreiundzwanzig Jahre geraten. Sie trug hchst elegante
herabhngende Ohrringe von Gold, die in etwas anderer Form schon ihre
Gromutter getragen hatte. Eine lose sitzende Taille aus leichtem,
dunklem Seidenstoff mit Atlasrevers und flachen Epaulettes von Spitzen
gab ihrer Bste einen entzckenden Ausdruck von Weichheit...

Sie befand sich in bester Laune, wie gesagt, und erzhlte Donnerstags,
wenn Konsul Buddenbrooks und die Damen Buddenbrook aus der
Breitenstrae, Konsul Krgers, Klothilde und Sesemi Weichbrodt mit Erika
zu Tische kamen, aufs anschaulichste von Mnchen, von dem Biere, den
Dampfnudeln, dem Kunstmaler, der sie hatte portrtieren wollen, und den
Hofequipagen, die ihr den grten Eindruck gemacht hatten. Sie erwhnte
im Vorbergehen auch des Herrn Permaneder, und gesetzt den Fall, da
Pfiffi Buddenbrook eine oder die andere Bemerkung darber fallen lie,
da so eine Reise ja recht angenehm sei, da jedoch irgendein
praktischer Erfolg sich nicht scheine eingestellt zu haben, so berhrte
Frau Grnlich das mit einer unsglichen Wrde, indem sie den Kopf
zurcklegte und trotzdem das Kinn auf die Brust zu drcken suchte...

brigens eignete sie sich die Gewohnheit an, immer, wenn die Glocke der
Windfangtr ber die groe Diele schallte, auf den Treppenabsatz zu
eilen, um zu sehen, wer kme ... Was mochte dies zu bedeuten haben? Das
wute wohl nur Ida Jungmann, Tonys Erzieherin und langjhrige Vertraute,
die hier und da etwas zu ihr sagte, wie: Tonychen, mein Kindchen,
sollst sehen, er wird kommen! Er wird doch kein Dujak sein wollen...

Die einzelnen Familienglieder wuten der heimgekehrten Antonie Dank fr
ihre Heiterkeit; die Stimmung im Hause bedurfte dringend der
Aufmunterung, und zwar aus dem Grunde, weil das Verhltnis zwischen dem
Firmenchef und seinem jngeren Bruder sich im Verlaufe der Zeit nicht
gebessert, sondern in trauriger Weise verschlimmert hatte. Ihre Mutter,
die Konsulin, die diesen Gang der Dinge mit Kummer verfolgte, hatte
genug zu tun, zwischen den beiden notdrftig zu vermitteln ... Ihren
Ermahnungen, das Kontor mit grerer Regelmigkeit zu besuchen, war
Christian mit zerstreutem Schweigen begegnet, und diejenigen seines
Bruders selbst hatte er mit einer ernsten, unruhigen und nachdenklichen
Beschmung ohne Widerspruch ber sich ergehen lassen, um dann whrend
weniger Tage der englischen Korrespondenz mit etwas mehr Eifer
obzuliegen. Mehr und mehr aber entwickelte sich in dem lteren eine
gereizte Verachtung gegen den Jngeren, die dadurch nicht beeintrchtigt
wurde, da Christian ihre gelegentlichen uerungen ohne Gegenwehr und
mit nachdenklich umherwandernden Augen entgegennahm.

Thomas' angestrengte Ttigkeit, der Zustand seiner Nerven gestattete ihm
nicht, mit Teilnahme oder Gelassenheit Christians eingehende
Mitteilungen ber seine wechselnden Krankheitserscheinungen anzuhren,
und seiner Mutter oder Schwester gegenber nannte er sie mit Unwillen
die albernen Ergebnisse einer widerwrtigen Selbstbeobachtung.

Die Qual, die unbestimmte Qual in Christians linkem Beine, war seit
einiger Zeit mehreren uerlichen Mitteln gewichen; die
Schluckbeschwerden aber kehrten noch oft bei Tische wieder, und
neuerdings war eine zeitweilige Atemnot, ein asthmatisches bel
hinzugetreten, das Christian whrend lngerer Wochen fr
Lungenschwindsucht hielt und dessen Wesen und Wirkungen er seiner
Familie mit gekrauster Nase in ausfhrlichen Beschreibungen mitzuteilen
bemht war. Doktor Grabow wurde zu Rate gezogen. Er stellte fest, da
Herz und Lunge recht krftig arbeiteten, da aber der gelegentliche
Atemmangel auf eine gewisse Trgheit gewisser Muskeln zurckzufhren
sei, und verordnete zur Erleichterung der Respiration erstens den
Gebrauch eines Fchers, zweitens ein grnliches Pulver, das man
entznden und dessen Rauch man einatmen mute. Des Fchers bediente
Christian sich auch im Kontor, und auf einen Vorhalt des Chefs
antwortete er, da in Valparaiso jeder Kontorist schon der Hitze wegen
einen Fcher besessen habe: Johnny Thunderstorm ... du lieber Gott!
Als er aber eines Tages, nachdem er lngere Zeit ernst und unruhig auf
seinem Sessel hin und her gerckt, auch sein Pulver im Kontor aus der
Tasche zog und einen so starken und belriechenden Qualm entwickelte,
da mehrere Leute heftig zu husten begannen und Herr Marcus sogar ganz
bla wurde ... da gab es einen ffentlichen Eklat, einen Skandal, eine
frchterliche Auseinandersetzung, die zum sofortigen Bruch gefhrt haben
wrde, htte nicht die Konsulin noch einmal alles vertuscht, mit
Vernunft besprochen und zum Guten gewandt...

Es war nicht dies allein. Auch das Leben, das Christian auerhalb des
Hauses, und zwar meistens gemeinsam mit dem Rechtsanwalt Doktor Gieseke,
seinem Schulkameraden, fhrte, verfolgte der Konsul mit Widerwillen. Er
war kein Mucker und Spielverderber. Er erinnerte sich wohl seiner
eigenen Jugendsnden. Er wute wohl, da seine Vaterstadt, diese Hafen-
und Handelsstadt, in der die geschftlich hochachtbaren Brger mit so
unvergleichlich ehrenfester Miene das Trottoir mit ihren Spazierstcken
stieen, keineswegs die Heimsttte makelloser Moralitt sei. Man
entschdigte sich hier fr seine auf dem Kontorbock sehaft verbrachten
Tage nicht nur mit schweren Weinen und schweren Gerichten ... Aber ein
dicker Mantel von biederer Soliditt bedeckte diese Entschdigungen, und
wenn es Konsul Buddenbrooks erstes Gesetz war, die Dehors zu wahren,
so zeigte er sich in dieser Beziehung durchdrungen von der
Weltanschauung seiner Mitbrger. Der Rechtsanwalt Gieseke gehrte zu den
Gelehrten, die sich der Daseinsform der Kaufleute behaglich
anpaten, und zu den notorischen Suitiers, was ihm brigens jedermann
ansehen konnte. Aber wie die brigen behbigen Lebemnner verstand er
es, die richtige Miene dazu zu machen, rgernis zu vermeiden und seinen
politischen und beruflichen Grundstzen den Ruf unanfechtbarer Soliditt
zu wahren. Seine Verlobung mit einem Frulein Huneus war soeben publik
geworden. Er erheiratete also einen Platz in der ersten Gesellschaft und
eine bedeutende Mitgift. Er war mit stark unterstrichenem Interesse in
stdtischen Angelegenheiten ttig, und man sagte sich, da er sein
Augenmerk auf einen Sitz im Rathause und zuletzt wohl auf den Sessel des
alten Brgermeisters Doktor verdieck gerichtet halte.

Christian Buddenbrook aber, sein Freund, derselbe, der einst
entschlossenen Schrittes zu Mademoiselle Meyer-de la Grange gegangen
war, ihr sein Blumenbukett gegeben und zu ihr gesagt hatte: O Frulein,
wie schn haben Sie gespielt! -- Christian hatte sich infolge seines
Charakters und seiner langen Wanderjahre zu einem Suitier von viel zu
naiver und unbekmmerter Art entwickelt und war in Herzenssachen so
wenig wie im brigen geneigt, seinen Empfindungen Zwang anzutun,
Diskretion zu ben, die Wrde zu wahren. ber sein Verhltnis zu einer
Statistin vom Sommertheater zum Beispiel amsierte sich die ganze Stadt,
und Frau Stuht aus der Glockengieerstrae, dieselbe, die in den ersten
Kreisen verkehrte, erzhlte es jeder Dame, die es hren wollte, da
Krischan wieder einmal mit der vom Tivoli auf offener, hellichter
Strae gesehen worden sei.

Auch das nahm man nicht bel ... Man war von einer zu biderben Skepsis,
um ernstlich moralische Entrstung an den Tag zu legen. Christian
Buddenbrook und etwa Konsul Peter Dhlmann, den sein gnzlich
darniederliegendes Geschft veranlate, in hnlich harmloser Weise zu
Werke zu gehen, waren als Amseurs beliebt und in Herrengesellschaft
geradezu unentbehrlich. Aber sie waren eben nicht ernst zu nehmen; sie
zhlten in ernsthaften Angelegenheiten nicht mit; es war bezeichnend,
da in der ganzen Stadt, im Klub, an der Brse, am Hafen, nur ihre
Vornamen genannt wurden: Krischan und Peter, und belwollenden, wie
den Hagenstrms, stand es frei, nicht ber Krischans Geschichten und
Spe, sondern ber Krischan selbst zu lachen.

Er dachte daran nicht oder ging, seiner Art gem, nach einem Augenblick
seltsam unruhigen Nachdenkens darber hinweg. Sein Bruder, der Konsul,
aber wute es; er wute, da Christian den Widersachern der Familie
einen Angriffspunkt bot, und ... es waren der Angriffspunkte bereits zu
viele. Die Verwandtschaft mit den verdiecks war weitlufig und wrde
nach dem Tode des Brgermeisters ganz wertlos sein. Die Krgers spielten
gar keine Rolle mehr, lebten zurckgezogen und hatten arge Geschichten
mit ihrem Sohne ... Des seligen Onkel Gotthold Miheirat blieb etwas
Unangenehmes ... Des Konsuls Schwester war eine geschiedene Frau, wenn
man auch die Hoffnung auf ihre Wiedervermhlung nicht fahren zu lassen
brauchte -- und sein Bruder sollte ein lcherlicher Mensch sein, durch
dessen Clownerien sich ttige Herren mit wohlwollendem oder hhnischem
Lachen die Muestunden ausfllen lieen, der zu alledem Schulden machte
und am Ende des Quartals, wenn er kein Geld mehr hatte, sich ganz
offenkundig von Doktor Gieseke freihalten lie ... eine unmittelbare
Blamage der Firma.

Die gehssige Verachtung, die Thomas auf seinem Bruder ruhen lie und
die dieser mit einer nachdenklichen Indifferenz ertrug, uerte sich in
all den feinen Kleinlichkeiten, wie sie nur zwischen Familiengliedern,
die aufeinander angewiesen sind, zutage treten. Kam zum Beispiel das
Gesprch auf die Geschichte der Buddenbrooks, so konnte Christian in die
Stimmung geraten, die ihm allerdings nicht sehr gut zu Gesichte stand,
mit Ernst, Liebe und Bewunderung von seiner Vaterstadt und seinen
Vorfahren zu reden. Alsbald beendete der Konsul mit einer kalten
Bemerkung das Gesprch. Er ertrug das nicht. Er verachtete seinen Bruder
so sehr, da er ihm nicht gestattete, dort zu lieben, wo er selbst
liebte. Er htte es viel lieber gehrt, wenn Christian im Dialekte
Marcellus Stengels davon gesprochen htte. Er hatte ein Buch gelesen,
irgendein historisches Werk, das starken Eindruck auf ihn gemacht und
das er mit bewegten Worten rhmte. Christian, ein unselbstndiger Kopf,
der das Buch allein gar nicht ausfindig gemacht haben wrde, aber
eindrucksfhig und jeder Beeinflussung zugnglich, las es, in dieser
Weise vorbereitet und empfnglich gemacht, nun gleichfalls, fand es ganz
herrlich, gab seinen Empfindungen mglichst genauen Ausdruck ... und
fortan war das Buch fr Thomas erledigt. Er sprach mit Gleichgltigkeit
und Klte davon. Er tat, als habe er es kaum gelesen. Er berlie seinem
Bruder, es allein zu bewundern...


Drittes Kapitel

Konsul Buddenbrook kehrte aus der Harmonie, dem Lesezirkel fr Herren,
in dem er nach dem zweiten Frhstck eine Stunde verbracht hatte, in die
Mengstrae zurck. Er durchschritt das Grundstck von hinten, kam rasch
zur Seite des Gartens ber den gepflasterten Gang, der, zwischen
bewachsenen Mauern hinlaufend, den hinteren Hof mit dem vorderen
verband, ging ber die Diele und rief in die Kche hinein, ob sein
Bruder zu Hause sei; man solle ihn benachrichtigen, wenn er kme. Dann
schritt er durch das Kontor, wo die Leute an den Pulten bei seinem
Erscheinen sich tiefer ber die Rechnungen beugten, in sein
Privatbureau, legte Hut und Stock beiseite, zog den Arbeitsrock an und
begab sich an seinen Fensterplatz, Herrn Marcus gegenber. Zwei Falten
standen zwischen seinen auffallend hellen Brauen. Das gelbe Mundstck
einer aufgerauchten russischen Zigarette wanderte unruhig von einem
Mundwinkel in den anderen. Die Bewegungen, mit denen er Papier und
Schreibzeug zur Hand nahm, waren so kurz und schroff, da Herr Marcus
sich mit zwei Fingern bedchtig den Schnurrbart strich und einen ganz
langsamen, prfenden Blick zu seinem Sozius gleiten lie, whrend die
jungen Leute sich mit erhobenen Augenbrauen ansahen. Der Chef war im
Zorn.

Nach Verlauf einer halben Stunde, whrend der man nichts als das Kratzen
der Federn und das bedchtige Ruspern des Herrn Marcus vernommen hatte,
blickte der Konsul ber den grnen Fenstervorsatz hinweg und sah
Christian die Strae daherkommen. Er rauchte. Er kam aus dem Klub, wo er
gefrhstckt und ein kleines Jeu gemacht hatte. Er trug den Hut ein
wenig schief in der Stirn und schwenkte seinen gelben Stock, der von
drben stammte und dessen Knopf die in Ebenholz geschnitzte Bste einer
Nonne darstellte. Ersichtlich war er bei guter Gesundheit und bester
Laune. Irgendeinen _song_ vor sich hinsummend, kam er ins Kontor, sagte
Morgen, meine Herren!, wiewohl es ein heller Frhlingsnachmittag war,
und schritt auf seinen Platz zu, um mal eben ein bichen zu arbeiten.
Aber der Konsul erhob sich, und im Vorbergehen sagte er, ohne ihn
anzublicken: Ach ... auf zwei Worte, mein Lieber.

Christian folgte ihm. Sie gingen ziemlich rasch ber die Diele. Thomas
hatte die Hnde auf den Rcken gelegt, und unwillkrlich tat Christian
dasselbe, wobei er dem Bruder seine groe Nase zuwandte, die oberhalb
des englisch ber den Mund hngenden rotblonden Schnurrbartes scharf,
knochig und gebogen zwischen den hohlen Wangen hervortrat. Whrend sie
ber den Hof gingen, sagte Thomas: Du mut mich mal ein paar Schritte
durch den Garten begleiten, mein Freund.

Schn, antwortete Christian. Und dann folgte wieder ein lngeres
Schweigen, whrend sie, links herum, auf dem ueren Wege, an der
Rokokofassade des Portals vorbei, den Garten umschritten, der die
ersten Knospen trieb. Schlielich sagte der Konsul nach einem schnellen
Aufatmen mit lauter Stimme: Ich habe eben schweren rger gehabt, und
zwar infolge deines Betragens.

Meines...

Ja. -- Man hat mir in der `Harmonie von einer Bemerkung erzhlt, die
du gestern abend im Klub hast fallen lassen, und die so deplaziert, so
ber alle Begriffe taktlos war, da ich keine Worte finde ... Die
Blamage hat nicht auf sich warten lassen. Es ist dir eine klgliche
Abfertigung zuteil geworden. Hast du Lust, dich zu erinnern?

Ach ... nun wei ich, was du meinst. -- Wer hat dir denn das erzhlt?

Was tut das zur Sache. -- Dhlmann. -- Mit einer Stimme
selbstverstndlich, da die Leute, die die Geschichte etwa noch nicht
kannten, sich nun ebenfalls darber freuen knnen...

Ja, Tom, ich mu dir sagen ... Ich habe mich fr Hagenstrm geschmt!

Du hast dich fr ... Aber das ist denn doch ... Hre mal! rief der
Konsul, indem er beide Hnde, die Innenflchen nach oben, vor sich
ausstreckte und sie, mit seitwrts geneigtem Kopfe, erregt
demonstrierend schttelte. Du sagst in einer Gesellschaft, die sowohl
aus Kaufleuten als aus Gelehrten besteht, da alle es hren knnen:
Eigentlich und bei Lichte besehen sei doch jeder Geschftsmann ein
Gauner ... du, selbst ein Kaufmann, Angehriger einer Firma, die aus
allen Krften nach absoluter Integritt, nach makelloser Soliditt
strebt...

Lieber Himmel, Thomas, ich machte Spa!... Obgleich ... eigentlich...
fgte Christian hinzu, indem er die Nase krauste und den Kopf ein wenig
schrge nach vorne schob ... In dieser Haltung machte er mehrere
Schritte.

Spa! Spa! rief der Konsul. Ich bilde mir ein, einen Spa zu
verstehen, aber du hast ja gesehen, wie der Spa verstanden worden ist!
`Ich meinerseits halte meinen Beruf =sehr= hoch, hat Hermann Hagenstrm
dir geantwortet ... Und da saest du nun, ein verbummelter Mensch, der
von seinem eignen Beruf nichts hlt...

Ja, Tom, ich bitte dich, was sagst du dazu! Ich versichere dich, die
ganze Gemtlichkeit war pltzlich zum Teufel. Die Leute lachten, als ob
sie mir recht gaben. Und da sitzt dieser Hagenstrm und sagt
frchterlich ernst: `Ich meinerseits... Der dumme Kerl. Ich habe mich
wahrhaftig fr ihn geschmt. Noch gestern abend im Bett habe ich lange
darber nachgedacht und hatte ein ganz sonderbares Gefhl dabei ... Ich
wei nicht, ob du das kennst...

Schwatze nicht, ich bitte dich, schwatze nicht! unterbrach ihn der
Konsul. Er zitterte am ganzen Krper vor Unwillen. Ich gebe ja zu ...
ich gebe dir ja zu, da die Antwort vielleicht nicht der Stimmung
entsprach, da sie geschmacklos war. Aber man sucht sich eben die Leute
aus, zu denen man dergleichen sagt ... wenn es schon einmal durchaus
gesagt werden mu ... und setzt sich nicht in seiner Albernheit einer so
schnden Abfertigung aus! Hagenstrm hat die Gelegenheit benutzt, uns
... ja, nicht nur dir, sondern =uns= eins zu versetzen, denn weit du,
was sein `Ich meinerseits bedeutete? `Solche Erkenntnisse verschaffen
Sie sich wohl im Kontor Ihres Bruders, Herr Buddenbrook? =Das=
bedeutete es, du Esel!

Na ... Esel..., sagte Christian und machte ein verlegenes und
unruhiges Gesicht...

Schlielich gehrst du nicht dir allein an, fuhr der Konsul fort,
aber trotzdem soll es mir gleichgltig sein, wenn du dich persnlich
lcherlich machst ... und womit machst du dich =nicht= lcherlich! rief
er. Er war bla, und die blauen derchen an seinen schmalen Schlfen,
von denen das Haar in zwei Einbuchtungen zurcktrat, waren deutlich zu
sehen. Eine seiner hellen Brauen hielt er emporgezogen, und selbst die
steifen, lang ausgezogenen Spitzen seines Schnurrbartes hatten etwas
Zorniges, whrend er mit hinwerfenden Handbewegungen seine Worte
seitwrts vor Christians Fe hin auf den Kiesweg niedersprach ... Du
machst dich lcherlich mit deinen Liebschaften, mit deinen
Harlekiniaden, mit deinen Krankheiten, mit deinen Mitteln dagegen...

Oh, Thomas, sagte Christian, schttelte ganz ernsthaft den Kopf und
hob in etwas ungeschickter Weise einen Zeigefinger empor ... Was das
betrifft, das kannst du nicht so ganz verstehen, siehst du ... Die Sache
ist die ... Man mu sozusagen sein Gewissen in Ordnung halten ... Ich
wei nicht, ob du das kennst ... Grabow hat mir eine Salbe fr die
Halsmuskeln verordnet ... gut! Gebrauche ich sie nicht, unterlasse ich
es, sie zu gebrauchen, so komme ich mir ganz verloren und hilflos vor,
bin unruhig und unsicher und ngstlich und in Unordnung und kann nicht
schlucken. Habe ich sie aber gebraucht, so fhle ich, da ich meine
Pflicht getan habe und in Ordnung bin; dann habe ich ein gutes Gewissen,
bin still und zufrieden, und das Schlucken geht herrlich. Die Salbe tut
es, glaube ich, nicht, weit du ... aber die Sache ist, da so eine
Vorstellung, versteh mich recht, nur durch eine andere Vorstellung, eine
Gegenvorstellung aufgehoben werden kann ... Ich wei nicht, ob du das
kennst...

Ach ja--! Ach ja--! rief der Konsul und hielt einen Augenblick
seinen Kopf mit beiden Hnden fest ... Tue es doch! Handele doch
danach! Aber rede nicht darber! Schwatze nicht darber! La andere
Leute mit deinen widerlichen Finessen in Ruhe! Auch mit dieser
unanstndigen Geschwtzigkeit machst du dich lcherlich vom Morgen bis
zum Abend! Aber das sage ich dir, das wiederhole ich dir: Es soll mich
kalt lassen, wie sehr du dich persnlich zum Narren machst; aber ich
verbiete dir, hrst du mich wohl? ich =verbiete= es dir, die Firma in
einer Weise zu kompromittieren, wie du es gestern abend getan hast!

Hierauf antwortete Christian nicht, sondern fuhr langsam mit der Hand
ber sein schon sprliches rtlichblondes Haar und lie, einen unruhigen
Ernst auf dem Gesichte, seine Augen haltlos und abwesend umherschweifen.
Ohne Zweifel beschftigte er sich noch mit dem, was er zuletzt gesagt
hatte. Es herrschte eine Pause. Thomas schritt in stiller Verzweiflung
daher.

Alle Kaufleute sind Schwindler, sagst du, begann er von neuem ...
Gut! bist du deines Berufes berdrssig? Bereust du es, Kaufmann
geworden zu sein? Du hast damals die Erlaubnis von Vater erwirkt...

Ja, Tom, sagte Christian nachdenklich; ich wrde wahrhaftig lieber
studieren! Auf der Universitt, weit du, das mu sehr nett sein ... Man
geht hin, wenn man Lust hat, ganz freiwillig, setzt sich und hrt zu,
wie im Theater...

Wie im Theater ... Ach, ins _Caf chantant_ gehrst du als Possenreier
... Ich scherze nicht! Es ist meine vollkommen ernsthafte berzeugung,
da das dein heimliches Ideal ist! beteuerte der Konsul, und Christian
widersprach dem durchaus nicht; er blickte gedankenvoll in der Luft
umher.

Und du erfrechst dich, eine solche Bemerkung von dir zu geben, du, der
du keine Ahnung ... nicht einmal eine Ahnung davon hast, was Arbeit ist,
der du dein Leben ausfllst, indem du dir mit Theater und Bummelei und
Narreteien eine Reihe von Gefhlen und Empfindungen und Zustnden
verschaffst, mit denen du dich beschftigen, die du beobachten und
pflegen, ber die du in schamloser Weise schwatzen kannst...

Ja, Tom, sagte Christian ein wenig betrbt und strich wieder mit der
Hand ber seinen Schdel. Das ist wahr; das hast du ganz richtig
ausgedrckt. Das ist der Unterschied zwischen uns, siehst du. Du siehst
auch gern ein Theaterstck an und hast frher, unter uns gesagt, auch
deine Techtelmechtel gehabt und lasest eine Zeitlang mal mit Vorliebe
Romane und Gedichte und dergleichen ... Aber du hast es immer so gut
verstanden, das alles mit der ordentlichen Arbeit und dem Ernst des
Lebens zu verbinden ... Das geht mir ab, siehst du. Ich werde von dem
anderen, von dem Kram, ganz und gar aufgebraucht, weit du, und behalte
fr das Ordentliche gar nichts brig ... Ich wei nicht, ob du mich
verstehst...

Also, das siehst du ein! rief Thomas, indem er stehenblieb und die
Arme auf der Brust kreuzte. Das gibst du kleinlaut zu, und dennoch lt
du alles beim alten! Bist du denn ein Hund, Christian?! Man hat doch
seinen Stolz, Herrgott im Himmel! Man fhrt doch nicht ein Leben fort,
das man selbst nicht einmal zu verteidigen wagt! Aber so bist du! =Das=
ist dein Wesen! Wenn du eine Sache nur einsiehst und verstehst und sie
beschreiben kannst ... Nein, meine Geduld ist zu Ende, Christian! Und
der Konsul tat einen raschen Schritt rckwrts, wobei er mit dem Arme
waagrecht eine heftige Bewegung machte ... Sie ist zu Ende, sage ich
dir! Du beziehst deine Prokura, aber du kommst niemals ins Kontor ...
das ist es nicht, was mich aufbringt. Gehe hin und verjkele dein Leben,
wie du es bisher getan! Aber du kompromittierst uns, uns alle, wo du
gehst und stehst! Du bist ein Auswuchs, eine ungesunde Stelle am Krper
unserer Familie! Du bist vom bel hier in dieser Stadt, und wenn dies
Haus mein eigen wre, so wrde ich dich hinausweisen, da hinaus, zur
Tre hinaus! schrie er, indem er eine wilde und weite Bewegung ber den
Garten, den Hof, die groe Diele hin vollfhrte ... Er hielt nicht mehr
an sich. Eine lange aufgespeicherte Menge von Wut entlud sich...

Was fllt dir ein, Thomas! sagte Christian. Er hatte einen Anfall von
Entrstung, was sich ziemlich sonderbar ausnahm. Er stand da in der
Haltung, die oft Krummbeinigen eigen ist, ein wenig geknickt, ein wenig
fragezeichenartig, Kopf, Bauch und Knie nach vorn geschoben, und seine
runden, tiefliegenden Augen, die er so gro wie mglich machte, hatten
sich, wie bei seinem Vater, wenn er zornig war, mit roten Rndern
umgeben, die bis zu den Wangenknochen liefen. Wie sprichst du zu mir!
sagte er. Was habe ich dir getan! Ich gehe schon von selbst, du
brauchst mich nicht hinauszuwerfen. -- =Pfui!= fgte er mit
aufrichtigem Vorwurf hinzu, und dieses Wort begleitete er mit einer
kurzen, schnappenden Handbewegung nach vorn, als finge er eine Fliege.

Merkwrdigerweise entgegnete Thomas hierauf durchaus nicht noch
heftiger, sondern senkte schweigend den Kopf und nahm dann langsam den
Weg um den Garten wieder auf. Es schien ihn zu befriedigen, ihm geradezu
wohlzutun, seinen Bruder endlich in Zorn gebracht ... ihn endlich zu
einer energischen Erwiderung, einem Protest vermocht zu haben.

Du kannst mir glauben, sagte er ruhig, indem er die Hnde wieder auf
dem Rcken zusammenlegte, da diese Unterredung mir aufrichtig leid
tut, Christian, aber sie mute einmal stattfinden. Solche Szenen
innerhalb der Familie sind etwas Frchterliches, aber aussprechen muten
wir uns einmal ... und wir knnen ganz gelassen ber die Dinge reden,
mein Junge. Du gefllst dir nicht in deiner jetzigen Position, wie ich
sehe, nicht wahr...?

Nein, Tom, das hast du richtig erkannt. Siehst du: zu Anfang war ich ja
auerordentlich zufrieden ... und ich habe es hier ja auch besser, als
in einem fremden Geschft. Aber was mir fehlt, ist die Selbstndigkeit,
glaube ich ... Ich habe dich immer beneidet, wenn ich dich sitzen sah
und arbeiten, denn es ist eigentlich gar keine Arbeit fr dich; du
arbeitest nicht, weil du mut, sondern als Herr und Chef, und lt
andere fr dich arbeiten und machst deine Berechnungen und regierst und
bist frei ... Das ist ganz etwas anderes...

Gut, Christian; httest du das nicht schon frher sagen knnen? Es
steht dir doch frei, dich selbstndig oder selbstndiger zu machen. Du
weit, da Vater dir so gut wie mir ein vorlufiges Erbteil von 50000
Kurantmark ausgesetzt hat und da ich selbstverstndlicherweise in jeder
Sekunde bereit bin, dir diese Summe zu einer vernnftigen und soliden
Verwertung auszuzahlen. Es gibt, in Hamburg oder wo auch immer, sichere,
aber beschrnkte Geschfte genug, die einen Kapitalzuflu gebrauchen
knnen und in denen du als Teilhaber eintreten knntest ... La uns,
jeder fr sich, die Sache mal berlegen und gelegentlich auch mit Mutter
darber sprechen. Ich habe jetzt zu tun, und du knntest in diesen Tagen
die englische Korrespondenz noch erledigen, bitte...

Wie denkst du zum Beispiel ber H.C.F. Burmeester & Comp. in
Hamburg? fragte er noch auf der Diele ... Import und Export ... Ich
kenne den Mann. Ich bin berzeugt, da er zugreifen wrde...

                   *       *       *       *       *

Das war Ende Mai des Jahres siebenundfnfzig. Zu Beginn des Juni bereits
reiste Christian ber Bchen nach Hamburg ab ... ein schwerer Verlust
fr den Klub, das Stadttheater, das Tivoli und die ganze freiere
Geselligkeit der Stadt. Smtliche Suitiers, darunter Doktor Gieseke
und Peter Dhlmann, verabschiedeten ihn am Bahnhofe und berbrachten ihm
Blumen und sogar Zigarren, wobei sie aus Leibeskrften lachten ... in
der Erinnerung ohne Zweifel an all die Geschichten, die Christian ihnen
erzhlt hatte. Zum Schlusse befestigte Rechtsanwalt Doktor Gieseke unter
allgemeinem Hallo einen groen Kotillonorden aus Goldpapier an
Christians Paletot. Dieser Orden stammte aus einem Hause in der Nhe des
Hafens, einem Gasthause, das abends eine rote Laterne ber der Haustr
fhrte, einem Orte zwangloser Zusammenkunft, an dem es stets heiter
herging ... und war dem scheidenden Krischan Buddenbrook fr
hervorragende Verdienste verliehen worden.


Viertes Kapitel

Es klingelte am Windfang, und ihrer neuen Gewohnheit gem erschien Frau
Grnlich auf dem Treppenabsatz, um ber das weilackierte Gelnder
hinweg auf die Diele hinabzulugen. Kaum aber war drunten geffnet
worden, als sie sich mit einem jhen Ruck noch weiter hinabbeugte, dann
zurckprallte, dann mit der einen Hand ihr Taschentuch vor den Mund
drckte, mit der anderen ihre Rcke zusammenfate und in etwas gebckter
Haltung nach oben eilte ... Auf der Treppe zur zweiten Etage begegnete
ihr Mamsell Jungmann, der sie mit ersterbender Stimme etwas zuflsterte,
worauf Ida vor freudigem Schreck etwas Polnisches antwortete, das klang
wie: Meiboschekochhanne!--

Zur selben Zeit sa die Konsulin Buddenbrook im Landschaftszimmer und
hkelte mit zwei groen hlzernen Nadeln einen Schal, eine Decke oder
etwas hnliches. Es war elf Uhr vormittags.

Pltzlich kam das Folgmdchen durch die Sulenhalle, pochte an die
Glastr und berbrachte der Konsulin watschelnden Schrittes eine
Visitenkarte. Die Konsulin nahm die Karte, rckte ihre Brille zurecht,
denn sie trug bei der Handarbeit eine Brille, und las. Dann blickte sie
wieder zu dem roten Gesichte des Mdchens empor, las abermals und sah
aufs neue das Mdchen an. Schlielich sagte sie freundlich, aber
bestimmt: Was soll dies, Liebe? Was bedeutet dies, du?

Auf der Karte stand gedruckt: X. Noppe & Comp. X. Noppe aber sowohl
wie das &-Zeichen waren mit einem Blaustift stark durchstrichen, so da
nur das Comp. brigblieb.

Je, Fru Kunsel, sagte das Mdchen, doar wier'n Herr, wer hei red'
nich dtsch un is ook goar tau snaksch...

Bitte den Herrn, sagte die Konsulin, denn sie begriff nun, da es die
Comp. sei, die Einla begehrte. Das Mdchen ging. Gleich darauf
ffnete es die Glastr aufs neue und lie eine untersetzte Gestalt
eintreten, die im schattigen Hintergrunde des Zimmers einen Augenblick
stehenblieb und etwas Langgezogenes verlauten lie, das klang wie: Hab'
die hre...

Guten Morgen! sagte die Konsulin. Wollen Sie nicht nhertreten?
Dabei sttzte sie sich leicht mit der Hand auf das Sofapolster und erhob
sich ein wenig, denn sie wute noch nicht, ob es angezeigt sei, sich
ganz zu erheben...

I bin so frei..., antwortete der Herr wiederum mit einer gemtlich
singenden und gedehnten Betonung, indem er, hflich gebckt, zwei
Schritte vorwrts tat, worauf er abermals stehenblieb und sich suchend
umblickte: sei es nun nach einer Sitzgelegenheit oder nach einem
Aufbewahrungsort fr Hut und Stock, denn beides, auch den Stock, dessen
klauenartig gebogene Hornkrcke gut und gern anderthalb Fu ma, hatte
er mit ins Zimmer gebracht.

Es war ein Mann von vierzig Jahren. Kurzgliedrig und beleibt, trug er
einen weit offenstehenden Rock aus braunem Loden, eine helle und
geblmte Weste, die in weicher Wlbung seinen Bauch bedeckte und auf der
eine goldene Uhrkette mit einem wahren Bukett, einer ganzen Sammlung von
Anhngseln aus Horn, Knochen, Silber und Korallen prangte -- ein
Beinkleid ferner von unbestimmter graugrner Farbe, welches zu kurz war
und aus ungewhnlich steifem Stoff gearbeitet schien, denn seine Rnder
umstanden unten kreisfrmig und faltenlos die Schfte der kurzen und
breiten Stiefel. -- Der hellblonde, sprliche, fransenartig den Mund
berhngende Schnurrbart gab dem kugelrunden Kopfe mit seiner
gedrungenen Nase und seinem ziemlich dnnen und unfrisierten Haar etwas
Seehundartiges. Die Fliege, die der fremde Herr zwischen Kinn und
Unterlippe trug, stand im Gegensatze zum Schnurrbart ein wenig borstig
empor. Die Wangen waren auerordentlich dick, fett, aufgetrieben und
gleichsam hinaufgeschoben zu den Augen, die sie zu zwei ganz schmalen,
hellblauen Ritzen zusammenpreten und in deren Winkeln sie Fltchen
bildeten. Dies gab dem solcherart verquollenen Gesicht einen
Mischausdruck von Ergrimmtheit und biederer, unbeholfener, rhrender
Gutmtigkeit. Unterhalb des kleinen Kinnes lief eine steile Linie in die
schmale weie Halsbinde hinein ... die Linie eines kropfartigen Halses,
der keine Vatermrder geduldet haben wrde. Untergesicht und Hals,
Hinterkopf und Nacken, Wangen und Nase, alles ging ein wenig formlos und
gepolstert ineinander ber ... Die ganze Gesichtshaut war infolge aller
dieser Schwellungen ber die Gebhr straff gespannt und zeigte an
einzelnen Stellen, wie am Ansatz der Ohrlppchen und zu beiden Seiten
der Nase, eine sprde Rtung ... In der einen seiner kurzen, weien und
fetten Hnde hielt der Herr seinen Stock, in der anderen ein grnes
Tirolerhtchen, geschmckt mit einem Gemsbart.

Die Konsulin hatte die Brille abgenommen und sttzte sich noch immer in
halb stehender Haltung auf das Sofapolster.

Wie kann ich Ihnen dienen, sagte sie hflich, aber bestimmt.

Da legte der Herr mit einer entschlossenen Bewegung Hut und Stock auf
den Deckel des Harmoniums, rieb sich dann befriedigt die freigewordenen
Hnde, blickte die Konsulin treuherzig aus seinen hellen, verquollenen
uglein an und sagte: I bitt' die gndige Frau um Verzeihung von wegen
dem Kartl; i hob kei onderes zur Hond k'habt. Mei Name ist Permaneder;
Alois Permaneder aus Mnchen. Vielleicht hat die gndige Frau schon von
der Frau Tochter meinen Namen k'hert--

Dies alles sagte er laut und mit ziemlich grober Betonung, in seinem
knorrigen Dialekt voller pltzlicher Zusammenziehungen, aber mit einem
vertraulichen Blinzeln seiner Augenritzen, welches andeutete: Wir
verstehen uns schon...

Die Konsulin hatte sich nun vllig erhoben und trat mit seitwrts
geneigtem Kopfe und ausgestreckten Hnden auf ihn zu...

Herr Permaneder! Sie sind es? Gewi hat meine Tochter uns von Ihnen
erzhlt. Ich wei, wie sehr Sie dazu beigetragen haben, ihr den
Aufenthalt in Mnchen angenehm und unterhaltend zu machen ... Und Sie
sind in unsere Stadt verschlagen worden?

Geltn's, da schaun's! sagte Herr Permaneder, indem er sich bei der
Konsulin in einem Lehnsessel niederlie, auf den sie mit vornehmer
Bewegung gedeutet hatte, und begann, mit beiden Hnden behaglich seine
kurzen und runden Oberschenkel zu reiben...

Wie beliebt? fragte die Konsulin...

Geltn's, da spitzen's! antwortete Herr Permaneder, indem er aufhrte,
seine Knie zu reiben.

Nett! sagte die Konsulin verstndnislos und lehnte sich, die Hnde im
Scho, mit erheuchelter Befriedigung zurck. Aber Herr Permaneder merkte
das; er beugte sich vor, beschrieb, Gott wei warum, mit der Hand Kreise
in der Luft und sagte mit groer Kraftanstrengung: Da tun sich die
gndige Frau halt ... wundern!

Ja, ja, mein lieber Herr Permaneder, das ist wahr! erwiderte die
Konsulin freudig, und nachdem dies erledigt war, trat eine Pause ein. Um
aber diese Pause auszufllen, sagte Herr Permaneder mit einem chzenden
Seufzer: Es is halt a Kreiz!

Hm ... wie beliebt? fragte die Konsulin, indem sie ihre hellen Augen
ein wenig beiseite gleiten lieߠ...

A Kreiz is'! wiederholte Herr Permaneder auerordentlich laut und
grob.

Nett, sagte die Konsulin begtigend; und somit war auch dieser Punkt
abgetan.

Darf man fragen, fuhr sie fort, was Sie so weit hergefhrt hat,
lieber Herr? Es ist eine tchtige Reise von Mnchen...

A G'schfterl, sagte Herr Permaneder, indem er seine kurze Hand in der
Luft hin und her drehte, a kloans G'schfterl, gndige Frau, mit der
Brauerei zur Walkmhle!

Oh, richtig, Sie sind Hopfenhndler, mein lieber Herr Permaneder! Noppe
& Comp., nicht wahr? Seien Sie berzeugt, ich habe von meinem Sohne, dem
Konsul, hie und da viel Vorteilhaftes ber Ihre Firma gehrt, sagte die
Konsulin hflich. Aber Herr Permaneder wehrte ab: Is scho recht. Davon
is koa Red'. Ah, naa, die Hauptsach' is halt, da i allweil den Wunsch
k'habt hob, der gndigen Frau amol mei Aufwartung z' mochn und die Frau
Grnlich wiederzusehn! Ds is Sach' gnua, um die Reis' net z' scheun!

Ich danke Ihnen, sagte die Konsulin herzlich, indem sie ihm nochmals
die Hand reichte, deren Flche sie ganz weit herumwandte. Aber nun soll
man meine Tochter benachrichtigen! fgte sie hinzu, stand auf und
schritt auf den gestickten Klingelzug zu, der neben der Glastr hing.

Ja, Himmi Sakrament, werd' i a Freid' ha'm! rief Herr Permaneder und
drehte sich mitsamt seinem Lehnsessel der Tr zu.

Die Konsulin befahl dem Mdchen: Bitte Madame Grnlich herunter,
Liebe.

Dann kehrte sie zum Sofa zurck, worauf auch Herr Permaneder seinen
Sessel wieder herumdrehte.

Werd' i a Freid' ha'm... wiederholte er abwesend, indem er die
Tapeten, das groe Sevrestintenfa auf dem Sekretr und die Mbel
betrachtete. Dann sagte er mehrere Male: Is ds a Kreiz!... Es is halt
a Kreiz!... wobei er sich die Knie rieb und ohne ersichtlichen Grund
schwer seufzte. Dies fllte ungefhr die Zeit bis zu Frau Grnlichs
Erscheinen aus.

Sie hatte entschieden ein wenig Toilette gemacht, eine helle Taille
angelegt, ihre Frisur geordnet. Ihr Gesicht war frischer und hbscher
denn je. Ihre Zungenspitze spielte verschmitzt in einem Mundwinkel...

Kaum war sie eingetreten, als Herr Permaneder emporsprang und ihr mit
einer ungeheuren Begeisterung entgegenkam. Alles an ihm geriet in
Bewegung. Er ergriff ihre beiden Hnde, schttelte sie und rief: Ja,
die Frau Grnlich! Ja, gr Eana Gott! Ja, wie hat's denn derweil
gegangen? was haben's denn allweil g'macht, da heroben? Jessas, hab' i a
narrische Freid'! Denken's denn noch amol an d' Mnchnerstadt und an
unsre Berg'? O mei, ham wir a Gaudi k'habt, geltn's ja?! Kruzi Trken
nei! und da san mer wieder! Jetzt wer htt' denn des glaubt...

Auch Tony ihrerseits begrte ihn mit groer Lebhaftigkeit, zog einen
Stuhl herbei und begann, mit ihm von ihren Mnchener Wochen zu plaudern
... Die Unterhaltung flo nun ohne Hindernis dahin, und die Konsulin
folgte ihr, indem sie Herrn Permaneder nachsichtig und ermunternd
zunickte, diese oder jene seiner Redewendungen ins Schriftdeutsche
bersetzte und sich dann jedesmal, zufrieden, da sie es verstanden, ins
Sofa zurcklehnte.

Herr Permaneder mute auch Frau Antonien nochmals den Grund seines
Hierseins erklren, aber er legte diesem G'schfterl mit der Brauerei
ersichtlich so wenig Bedeutung bei, da es den Anschein gewann, als habe
er eigentlich gar nichts in der Stadt zu suchen. Dagegen erkundigte er
sich mit Interesse nach der zweiten Tochter sowie nach den Shnen der
Konsulin und bedauerte laut die Abwesenheit Klaras und Christians, da er
allweil den Wunsch k'habt habe, die gonze Famili kennenzulernen...

ber die Dauer seines Aufenthaltes in der Stadt uerte er sich beraus
unbestimmt; als aber die Konsulin bemerkte: Ich erwarte in jedem
Augenblick meinen Sohn zum Frhstck, Herr Permaneder; machen Sie uns
das Vergngen, ein Butterbrot mit uns zu essen...? -- da nahm er diese
Einladung, noch ehe sie ausgesprochen war, mit einer Bereitwilligkeit
an, als habe er darauf gewartet.

Der Konsul kam. Er hatte das Frhstckszimmer leer gefunden und erschien
im Kontorrock, eilig, ein wenig abgespannt und berhuft, um zu einem
flchtigen Imbi zu mahnen ... Aber kaum war er der fremden Erscheinung
des Gastes mit seinen ungeheuren Uhrgehngen und seiner Lodenjacke sowie
des Gemsbartes auf dem Harmonium gewahr geworden, als er aufmerksam den
Kopf erhob, und kaum war der Name genannt worden, den er aus Frau
Antoniens Munde oft genug gehrt hatte, als er einen raschen Blick zu
seiner Schwester hinberwarf und Herrn Permaneder mit seiner
gewinnendsten Liebenswrdigkeit begrte ... Er nahm nicht erst Platz.
Man ging sofort ins Zwischengescho hinunter, wo Mamsell Jungmann den
Tisch gedeckt hatte und den Samowar summen lie -- einen echten Samowar,
ein Geschenk des Pastors Tiburtius und seiner Gattin.

s tuats enk leicht! sagte Herr Permaneder, als er sich niederlie und
die Auswahl an kalter Kche auf dem Tische berblickte ... Hie und da,
in der Mehrzahl wenigstens, bediente er sich mit dem harmlosesten
Gesichtsausdruck der zweiten Person bei der Anrede.

Es ist nicht gerade Hofbru, Herr Permaneder, aber immerhin
geniebarer, als unser einheimisches Gebru. Und der Konsul schenkte
ihm von dem braun schumenden Porter ein, den er selbst um diese Zeit zu
trinken pflegte.

I donk scheen, Herr Nachbohr! sagte Herr Permaneder kauend und merkte
nichts von dem entsetzten Blick, den Mamsell Jungmann ihm zuwarf. Von
dem Porter aber geno er mit solcher Zurckhaltung, da die Konsulin
eine Bouteille Rotwein heraufkommen lie, worauf er merklich munterer
wurde und wieder mit Frau Grnlich zu plaudern begann. Er sa, des
Bauches wegen, ziemlich weit vom Tische entfernt, hielt seine Beine weit
voneinander entfernt und lie meistens den einen seiner kurzen Arme mit
der feisten, weien Hand senkrecht an der Stuhllehne hinunterhngen,
whrend er, den dicken Kopf mit dem Seehundsschnurrbart ein wenig zur
Seite gelegt, mit dem Ausdruck einer verdrielichen Behaglichkeit und
einem treuherzigen Blinzeln seiner Augenritzen, Tonys Reden und
Antworten anhrte.

Mit zierlichen Bewegungen zerlegte sie ihm Brtlinge, worin er gar keine
bung besa, und hielt nicht mit dieser oder jener Betrachtung ber das
Leben zurck...

O Gott, wie traurig ist es doch, Herr Permaneder, da alles Gute und
Schne im Leben so schnell vorbergeht! sagte sie mit Bezug auf ihren
Mnchener Aufenthalt, legte fr einen Augenblick Messer und Gabel fort
und sah ernst zur Decke empor. brigens machte sie dann und wann ebenso
drollige wie talentlose Versuche, in bayerischer Mundart zu sprechen...

Whrend der Mahlzeit pochte es, und der Kontorlehrling berbrachte ein
Telegramm. Der Konsul las es, indem er die lange Spitze seines
Schnurrbartes langsam durch die Finger gleiten lie, und obgleich man
sah, da er angestrengt mit dem Inhalt der Depesche beschftigt war,
fragte er dabei im leichtesten Tone: Wie gehen die Geschfte, Herr
Permaneder?...

Es ist gut, sagte er gleich darauf zu dem Lehrling, und der junge
Mensch verschwand.

O mei, Herr Nachbohr! antwortete Herr Permaneder und wandte sich mit
der Unbeholfenheit eines Mannes, der einen dicken und steifen Hals hat,
nach des Konsuls Seite, um nun den anderen Arm an der Stuhllehne
hinunterhngen zu lassen. Do is nix'n z'red'n, ds is halt a Plog!
Schaun's, Mnchen -- er sprach den Namen seiner Vaterstadt stets in
einer Weise aus, da man nur erraten konnte, was gemeint war -- Mnchen
is koane G'schftsstadt ... Da will an jeder sei' Ruh' und sei' Ma ...
Und a Depeschen tuat ma fei nt lesen beim Essen, ds fei net. Jetzt da
haben's daheroben an onderen Schneid, Sakrament!... I donk scheen, i
nehm' scho noch a Glaserl ... Es is a Kreiz! Mei' Kompagnon, der Noppe,
hat allweil nach Nrnberg g'wollt, weil's da die Brs' ham und an
Unternehmungsgeist ... aber i verlo mei Mnchen nt ... Ds fei nt! --
Es is halt a Kreiz!... Schaun's, da hamer d damische Konkurrenz, d
damische ... und der Export, ds is scho z'm Lochen ... Sogar in Ruland
werden's nchstens anfangen, selber a Pflanzen z' bauen...

Pltzlich aber warf er dem Konsul einen ungewhnlich hurtigen Blick zu
und sagte: brigens ... i will nixen g'sagt ham, Herr Nachbohr! Ds is
fei a nett's G'schfterl! Mer machen a Geld mit der Aktien-Brauerei,
wovon der Niederpaur Direktor is, wissen's. Ds is a ganz a kloane
G'sellschaft g'wesen, aber mer ham eahna an Kredit geben und a bares
Gld ... zu 4 Prozent, auf Hypothek ... damit's eahnere Gebud' ham
vergreern knnen ... Und jatzt mochen's an G'schft, und mer ham an
Umsatz und a Jahreseinnahm' -- ds haut scho! schlo Herr Permaneder,
lehnte dankend Zigarette und Zigarre ab, zog, mit Verlaub, seine Pfeife
mit langem Hornkopf aus der Tasche und lie sich, von Qualm umhllt, mit
dem Konsul in ein geschftliches Gesprch ein, welches sodann auf das
politische Gebiet hinberglitt und von Bayerns Verhltnis zu Preuen,
vom Knige Max und dem Kaiser Napoleon handelte ... ein Gesprch, das
Herr Permaneder hie und da mit vollkommen unverstndlichen Redewendungen
wrzte, und dessen Pausen er ohne erkennbare Beziehung mit Stoseufzern
ausfllte, wie: Is ds a Hetz! oder: Des san G'schichten!...

Mamsell Jungmann verga vor Erstaunen, auch wenn sie einen Bissen im
Munde hatte, bestndig zu kauen und blickte den Gast sprachlos aus ihren
blanken, braunen Augen an, wobei sie, ihrer Gewohnheit nach, Messer und
Gabel senkrecht auf dem Tische hielt, und beides leicht hin und her
bewegte. Solche Laute hatten diese Rume noch nicht vernommen, solcher
Pfeifenrauch hatte sie noch nicht erfllt, solche verdrossen behagliche
Formlosigkeit des Benehmens war ihnen fremd ... Die Konsulin verharrte,
nachdem sie eine besorgte Erkundigung ber die Anfechtungen eingezogen,
denen eine so kleine evangelische Gemeinde unter lauter Papisten
ausgesetzt sein mute, in freundlicher Verstndnislosigkeit, und Tony
schien im Verlauf der Mahlzeit ein wenig nachdenklich und unruhig
geworden zu sein. Der Konsul aber amsierte sich ganz vortrefflich,
bewog sogar seine Mutter, eine zweite Flasche Rotwein heraufkommen zu
lassen und lud Herrn Permaneder lebhaft zu einem Besuche in der
Breitenstrae ein; seine Frau werde auerordentlich erfreut sein...

Volle drei Stunden nach seiner Ankunft begann der Hopfenhndler
Anstalten zum Aufbruch zu treffen, klopfte seine Pfeife aus, leerte sein
Glas, erklrte irgend etwas fr ein Kreiz und erhob sich.

I hob die hre, gndige Frau ... Pfaht Ihna Gott, Frau Grnlich ...
Pfaht Gott, Herr Buddenbrook... Bei dieser Anrede zuckte Ida Jungmann
sogar zusammen und verfrbte sich ... Guten Tag, Freilein... Er sagte
beim Fortgehen Guten Tag!...

Die Konsulin und ihr Sohn wechselten einen Blick ... Herr Permaneder
hatte die Absicht kundgegeben, nun in den bescheidenen Gasthof an der
Trave zurckzukehren, woselbst er abgestiegen war...

Die Mnchener Freundin meiner Tochter und ihr Gatte, sagte die alte
Dame, indem sie noch einmal auf Herrn Permaneder zutrat, sind fern, und
wir werden wohl nicht so bald Gelegenheit haben, uns fr ihre
Gastfreundschaft erkenntlich zu erweisen. Aber wenn Sie, lieber Herr,
uns die Freude machen wrden, solange Sie in unserer Stadt sind, bei uns
vorlieb zu nehmen ... Sie wrden uns herzlich willkommen sein...

Sie hielt ihm die Hand hin, und siehe da: Herr Permaneder schlug ohne
Bedenken ein; ebenso rasch und bereitwillig wie diejenige zum Frhstck
nahm er auch diese Einladung an, kte den beiden Damen die Hand, was
ihm ziemlich merkwrdig zu Gesichte stand, holte Hut und Stock aus dem
Landschaftszimmer, versprach nochmals, sogleich seinen Koffer
herbeischaffen zu lassen und um vier Uhr, nach Erledigung seiner
Geschfte, wieder zur Stelle zu sein und lie sich vom Konsul die Treppe
hinunterbegleiten. Am Windfang aber wendete er sich noch einmal um und
sprach mit einem stillbegeisterten Kopfschtteln: Nix fr ungut, Herr
Nachbohr, Ihre Frau Schwester, ds is scho a liaber Kerl! Pfaht Ihna
Gott! ... Und immer noch kopfschttelnd verschwand er.

Der Konsul empfand das dringendste Bedrfnis, sich nochmals hinauf zu
begeben und nach den Damen umzusehen. Ida Jungmann lief bereits mit
Bettwsche im Hause umher, um eine Stube am Korridor herzurichten.

Die Konsulin sa noch am Frhstckstisch, hielt ihre hellen Augen auf
einen Fleck der Zimmerdecke gerichtet und trommelte mit ihren weien
Fingern leicht auf das Tischtuch. Tony sa am Fenster, hielt die Arme
verschrnkt und blickte weder rechts noch links, sondern mit wrdiger
und sogar strenger Miene geradeaus. Es herrschte Schweigen.

Nun? fragte Thomas, indem er in der Tr stehenblieb und der Dose mit
der Troika eine Zigarette entnahm ... Seine Schultern bewegten sich auf
und ab vor Lachen.

Ein angenehmer Mann, erwiderte die Konsulin harmlos.

Ganz meine Ansicht! Dann machte der Konsul eine schnelle und beraus
galante humoristische Wendung nach Tonys Seite, als befragte er
ehrerbietigst auch sie um ihre Meinung. Sie schwieg. Sie blickte streng
geradeaus.

Aber mich dnkt, Tom, er sollte das Fluchen lassen, fuhr die Konsulin
ein wenig bekmmert fort. Verstand ich ihn recht, so sprach er in einer
Weise vom Sakramente und vom Kreuze...

Oh, das macht nichts, Mutter, dabei denkt er nichts Bses...

Und vielleicht ein wenig zu viel Nonchalance im Benehmen, Tom, wie?

Ja, lieber Gott, das ist sddeutsch! sagte der Konsul, atmete langsam
den Rauch in die Stube hinein, lchelte seiner Mutter zu und lie
verstohlen seine Augen auf Tony ruhen. Die Konsulin bemerkte das
durchaus nicht.

Du kommst heute mit Gerda zu Tische, nicht wahr, Tom? Tut mir die
Liebe.

Gern, Mutter; mit dem grten Vergngen. Ehrlich gesagt, ich verspreche
mir viel Vergngen von diesem Hausbesuch. Du nicht auch? Das ist doch
einmal etwas anderes, als deine Geistlichen...

Jeder nach seiner Art, Tom.

Einverstanden! Ich gehe ... Apropos! sagte er, den Trgriff in der
Hand. Du hast entschiedenen Eindruck auf ihn gemacht, Tony! Nein, ganz
ohne Zweifel! Weit du, wie er dich eben da unten genannt hat? `Ein
lieber Kerl -- das sind seine Worte...

Hier aber wandte Frau Grnlich sich um und sagte mit lauter Stimme:
Gut, Tom, du erzhlst mir dies ... er wird es dir wohl nicht verboten
haben, aber trotzdem wei ich nicht, ob es passend ist, da du es mir
hinterbringst. Das aber wei ich, und das mchte ich denn doch
aussprechen, da es in diesem Leben nicht darauf ankommt, wie etwas
ausgesprochen und ausgedrckt wird, sondern wie es im Herzen gemeint und
empfunden ist, und wenn du dich ber Herrn Permaneders Ausdrucksweise
mokierst ... wenn du ihn etwa lcherlich findest...

Wen?! Aber Tony, ich denke gar nicht daran! Worber ereiferst du
dich...

_Assez!_ sagte die Konsulin und warf ihrem Sohne einen ernsten und
bittenden Blick zu, welcher bedeutete: Schone sie!

Na, nicht bse sein, Tony! sagte er. Ich habe dich nicht rgern
wollen. So, und nun gehe ich und gebe Order, da jemand von den
Speicherleuten den Koffer hierherbesorgt ... Auf Wiedersehn!


Fnftes Kapitel

Herr Permaneder zog in der Mengstrae ein, er speiste am folgenden Tage
bei Thomas Buddenbrook und seiner Gattin und machte am dritten, einem
Donnerstag, die Bekanntschaft Justus Krgers und seiner Frau, der Damen
Buddenbrook aus der Breitenstrae, die ihn forchtbar komisch fanden --
sie sagten forchtbar ... Sesemi Weichbrodts, die ihn ziemlich streng
behandelte, sowie diejenige der armen Klothilde und der kleinen Erika,
welcher er eine Tte mit Gutzeln, das heit: Bonbons, berreichte...

Er war von unverwstlich gemtlicher Laune mit seinen verdrielichen
Stoseufzern, die nichts bedeuteten und aus einem berflu mit
Behaglichkeit hervorzugehen schienen, seiner Pfeife, seiner kuriosen
Sprache, der unverdrossenen Sehaftigkeit, mit der er lange nach den
Mahlzeiten in bequemster Haltung an seinem Platze verharrte, rauchte,
trank und plauschte, und obgleich er dem stillen Leben in dem alten
Hause einen ganz neuen und fremden Ton hinzufgte, obgleich sein ganzes
Wesen gleichsam etwas Stilwidriges in diese Rume brachte, strte er
doch keine der herrschenden Gewohnheiten. Er wohnte treu den Morgen- und
Abendandachten bei, erbat sich die Erlaubnis, einmal der Sonntagsschule
der Konsulin zuzuhren und erschien sogar am Jerusalemsabend auf einen
Augenblick im Saale, um sich den Damen vorstellen zu lassen, worauf er
sich freilich, als Lea Gerhardt vorzulesen begann, verstrt zurckzog.

Seine Erscheinung war rasch bekannt in der Stadt, und in den groen
Husern sprach man mit Neugier von dem Buddenbrookschen Gaste aus
Bayern; aber weder in den Familien noch an der Brse besa er
Verbindungen, und da die Jahreszeit vorgeschritten war, da man zum
groen Teile sich anschickte, an die See zu gehen, nahm der Konsul
Abstand von einer Einfhrung Herrn Permaneders in die Gesellschaft. Er
selbst widmete sich dem Gaste lebhaft und angelegentlich. Trotz allen
geschftlichen und stdtischen Pflichten nahm er sich Zeit, ihn in der
Stadt umherzufhren, ihm alle mittelalterlichen Sehenswrdigkeiten, die
Kirchen, die Tore, die Brunnen, den Markt, das Rathaus, die
Schiffergesellschaft, zu zeigen, ihn in all und jeder Weise zu
unterhalten, ihn immerhin auch an der Brse mit seinen nchsten Freunden
bekannt zu machen ... und als die Konsulin, seine Mutter, Gelegenheit
nahm, ihm fr seine Opferwilligkeit Dank zu sagen, bemerkte er trocken:
Tja, Mutter, was tut man nicht alles...

Dieses Wort lie die Konsulin so unbeantwortet, da sie nicht einmal
lchelte, nicht einmal die Lider bewegte, sondern ihre hellen Augen
still beiseitegleiten lie und irgendeine Frage in anderer Beziehung
tat...

Sie war von gleichmig herzlicher Freundlichkeit gegen Herrn
Permaneder, was so unbedingt von ihrer Tochter nicht gesagt werden
konnte. Zwei Kindertagen hatte der Hopfenhndler schon angewohnt --
denn, obgleich er bereits am dritten oder vierten Tage nach seiner
Ankunft beilufig zu erkennen gegeben hatte, da sein Geschft mit der
hiesigen Brauerei erledigt sei, waren allgemach anderthalb Wochen
seitdem verflossen -- und an jedem dieser Donnerstagabende hatte Frau
Grnlich mehrmals, wenn Herr Permaneder sprach und agierte, hurtige und
scheue Blicke auf den Familienkreis, auf Onkel Justus, die Cousinen
Buddenbrook oder Thomas geworfen, war errtet, hatte sich whrend
lngerer Minuten steif und stumm verhalten oder sogar das Zimmer
verlassen...

                   *       *       *       *       *

Die grnen Stores in Frau Grnlichs Schlafzimmer im zweiten Stockwerk
wurden sacht von dem lauen Atem einer klaren Juninacht bewegt, denn die
beiden Fenster standen offen. Auf dem Nachttischchen zur Seite des
Himmelbettes brannten in einem Glase auf einer lschicht, die ihrerseits
auf dem Wasser schwamm, mit dem das Glas zur Hlfte gefllt war, mehrere
kleine Dochte und gaben dem groen Zimmer mit seinen gradlinigen
Armsthlen, deren Polster zum Schutze mit grauer Leinwand bezogen waren,
ein stilles, ebenmiges und schwaches Licht. Frau Grnlich ruhte im
Bette. Ihr hbscher Kopf war weich in die von breiten Spitzenborten
umgebenen Kissen gesunken, und ihre Hnde lagen gefaltet auf der
Steppdecke. Aber ihre Augen, zu nachdenklich, um sich zu schlieen,
folgten langsam den Bewegungen eines groen Insektes mit langem Leibe,
das standhaft mit Millionen lautloser Flgelschwingungen das helle Glas
umkreiste ... Neben dem Bett an der Wand, zwischen zwei alten
Kupferstichen, Ansichten der Stadt aus dem Mittelalter, war eingerahmt
der Spruch zu lesen: Befiehl dem Herrn deine Wege... aber ist das ein
Trost, wenn man um Mitternacht mit offenen Augen liegt und sich
entschlieen, sich entscheiden, ganz allein und ohne Rat mit Ja oder
Nein ber sein Leben und nicht nur darber entscheiden soll?

Es war sehr still. Nur die Wanduhr tickte, und dann und wann erklang im
Nebenzimmer, das von Tonys Schlafzimmer nur durch Portieren getrennt
war, das Ruspern Mamsell Jungmanns. Dort war noch helles Licht. Die
treue Preuin sa noch aufrecht am Ausziehtische unter der Hngelampe
und stopfte Strmpfe fr die kleine Erika, deren tiefe und friedliche
Atemzge man vernehmen konnte, denn Sesemi Weichbrodts Zglinge hatten
nun Sommerferien, und das Kind wohnte in der Mengstrae.

Frau Grnlich richtete sich mit einem Seufzer ein wenig empor und
sttzte den Kopf in die Hand.

Ida? fragte sie mit verhaltener Stimme, sitzest du noch da und
stopfst?

Ja, ja, Tonychen, mein Kindchen, lie sich Idas Stimme hren ...
Schlaf nur, wirst morgen frh aufstehen mssen, wirst nicht
ausgeschlafen haben.

Schon gut, Ida ... Du weckst mich also morgen um sechs?

Halb sieben ist frh genug, mein Kindchen. Der Wagen ist auf acht
bestellt. Schlaf nun weiter, da du wirst hbsch frisch sein...

Ach, ich habe noch gar nicht geschlafen!

Ei, ei, Tonychen, das ist nicht recht; wirst doch in Schwartau nicht
marode sein wollen? Trink sieben Schluck Wasser, leg' dich rechts und
zhl' bis tausend...

Ach, Ida, bitte, komm doch noch ein bichen herber! Ich kann nicht
schlafen, will ich dir sagen, ich mu so viel denken, da der Kopf mir
weh tut ... sieh mal, ich glaube, ich habe Fieber, und dann ist es
wieder der Magen; oder es ist Bleichsucht, denn die Adern an meinen
Schlfen sind ganz geschwollen und pulsieren, da es weh tut, so voll
sind sie, was ja nicht ausschliet, da trotzdem zu wenig Blut im Kopfe
ist...

Ein Stuhl ward gerckt, und Ida Jungmanns knochige, rstige Gestalt in
ihrem schlichten und unmodernen braunen Kleid erschien zwischen den
Portieren.

Ei, ei, Tonychen, Fieber? La mal fhlen, mein Kindchen ... Woll'n mal
ein Komprechen machen...

Und mit ihren ein wenig mnnlich langen und festen Schritten ging sie
zur Kommode und holte ein Taschentuch, tauchte es in die Waschschssel,
trat wieder ans Bett und legte es behutsam auf Tonys Stirn, worauf sie
es noch ein paarmal mit beiden Hnden glatt strich.

Danke, Ida, das tut gut ... Ach, setz' dich noch ein bichen zu mir,
gute alte Ida, hier, auf den Bettrand. Sieh mal, ich mu bestndig an
morgen denken ... Was soll ich blo tun? Bei mir dreht sich alles im
Kopfe herum.

Ida hatte sich zu ihr gesetzt, hatte ihre Nadel und den ber die
Stopfkugel gezogenen Strumpf wieder zur Hand genommen, und whrend sie
den glatten grauen Scheitel neigte und mit ihren unermdlich blanken
braunen Augen die Stiche verfolgte, sagte sie: Meinst du, da er wird
fragen, morgen?

Sicher, Ida! Da ist gar kein Zweifel. Die Gelegenheit wird er nicht
verpassen. Wie war's mit Klara? Auch auf solcher Partie ... Ich knnte
es ja vermeiden, siehst du. Ich knnte mich ja zu den anderen halten und
ihn nicht herankommen lassen ... Aber damit ist es dann auch vorbei! Er
reist bermorgen, das hat er gesagt, und er kann auch unmglich lnger
bleiben, wenn morgen nichts daraus wird ... Es =mu= sich morgen
entscheiden ... Aber was soll ich nur sagen, Ida, wenn er fragt?! Du
bist noch nie verheiratet gewesen und kennst daher das Leben eigentlich
nicht, aber du bist ein ehrliches Weib und hast deinen Verstand und bist
zweiundvierzig Jahre alt. Kannst du mir nicht raten? Ich hab' es so
ntig...

Ida Jungmann lie den Strumpf in den Scho sinken.

Ja, ja, Tonychen, hab' auch schon viel drber nachjedacht. Aber was ich
finde, das ist, da da gar nichts mehr zu raten ist, mein Kindchen. Er
kann gar nicht mehr weg -- Ida sagte, weck -- ohne mit dir und
deiner Mama zu sprechen, und wenn du nicht wirst wollen, ja, da htt'st
ihn mssen frher weckschicken...

Da hast du recht, Ida; aber das konnte ich doch nicht, denn es soll ja
schlielich doch sein! Ich mu nur immer denken: Noch kann ich zurck,
noch ist es nicht zu spt! Und da liege ich nun und qule mich...

Magst ihn leiden, Tonychen? Sag' mal ehrlich!

Ja, Ida. Da mte ich lgen, wenn ich das leugnen wollte. Er ist nicht
schn, aber darauf kommt es nicht an in diesem Leben, und er ist ein
grundguter Mann und keiner Bosheit fhig, das glaube mir. Wenn ich an
Grnlich denke ... o Gott! er sagte bestndig, da er rege und findig
sei, und bemntelte in tckischer Weise seine Filouhaftigkeit ... So ist
Permaneder nicht, siehst du. Er ist, mchte ich sagen, zu bequem dazu,
und nimmt das Leben zu gemtlich dazu, was brigens andererseits auch
wieder ein Vorwurf ist, denn Millionr wird er sicher nicht werden und
neigt, glaube ich, ein bichen dazu, sich gehen zu lassen und so
weiterzuwursteln, wie sie da unten sagen ... Denn sie sind alle so dort
unten, und das ist es, was ich sagen wollte, Ida, das ist die Sache.
Nmlich in Mnchen, wo er unter seinesgleichen war, unter Leuten, die so
sprachen und so waren wie er, da liebte ich ihn geradezu, so nett fand
ich ihn, so treuherzig und behaglich. Und ich merkte auch gleich, da es
gegenseitig war, -- wozu vielleicht beitrug, da er mich fr eine reiche
Frau hlt, fr reicher, frchte ich, als ich bin, denn Mutter kann mir
nicht mehr viel mitgeben, wie du weit ... Aber das wird ihm nichts
ausmachen, bin ich berzeugt. So sehr viel Geld, das ist gar nicht nach
seinem Sinn ... Genug ... was wollte ich sagen, Ida?

In Mnchen, Tonychen; aber hier?

Aber hier, Ida! Du merkst schon, was ich sagen will. Hier, wo er so
ganz aus seiner eigentlichen Umgebung herausgerissen ist, wo alle anders
sind, strenger und ehrgeiziger und wrdiger, sozusagen ... hier mu ich
mich oft fr ihn genieren, ja, ich gestehe es dir offen, Ida, ich bin
ein ehrliches Weib, ich geniere mich fr ihn, obgleich es vielleicht
eine Schlechtigkeit von mir ist! Siehst du ... mehrere Male ist es ganz
einfach vorgekommen, da er im Gesprche mir statt mich gesagt hat.
Das tut man da unten, Ida, das kommt vor, das passiert den gebildetsten
Menschen, wenn sie guter Laune sind, und tut keinem weh und kostet
nichts und luft so mit unter, und niemand wundert sich. Aber hier sieht
Mutter ihn von der Seite an, und Tom zieht die Augenbraue hoch, und
Onkel Justus gibt sich einen Ruck und pruscht beinahe, wie die Krgers
immer tun, und Pfiffi Buddenbrook wirft ihrer Mutter oder Friederike
oder Henriette einen Blick zu, und dann schme ich mich so sehr, da ich
am liebsten aus der Stube laufen mchte, und kann mir nicht denken, da
ich ihn heiraten knnte...

Ach wo, Tonychen! Sollst ja auch in Mnchen mit ihm leben.

Da hast du recht, Ida. Aber nun kommt die Verlobung, und die wird
gefeiert, und nun bitte ich dich, wenn ich mich vor der Familie und vor
Kistenmakers und Mllendorpfs und den anderen bestndig schmen mu,
weil er so wenig vornehm ist ... ach, Grnlich war vornehmer, wofr er
allerdings innerlich schwarz war, wie Herr Stengel seinerzeit immer
gesagt haben soll ... Ida, der Kopf dreht sich mir, bitte, tauch' die
Kompresse ein.

Schlielich soll es ja doch sein, sagte sie wieder, indem sie
aufatmend den kalten Umschlag entgegennahm, denn die Hauptsache ist und
bleibt, da ich wieder unter die Haube komme und hier nicht lnger als
geschiedene Frau herumliege ... Ach, Ida, ich mu soviel zurckdenken in
diesen Tagen, an damals, als Grnlich zuerst erschien, und an die
Auftritte, die er mir machte -- skandals, Ida! -- und dann Travemnde,
Schwarzkopfs..., sagte sie langsam, und ihre Augen ruhten eine Weile
trumerisch auf der gestopften Stelle von Erikas Strumpf ... und dann
die Verlobung und Eimsbttel, und unser Haus -- es war vornehm, Ida;
wenn ich an meine Schlafrcke denke ... So werde ich es nicht wieder
haben, mit Permaneder; das Leben macht einen immer bescheidener, weit
du -- und Doktor Klaaen, und das Kind, und Bankier Kesselmeyer ... und
dann das Ende -- es war entsetzlich, du machst dir keinen Begriff, und
wenn man so grauenhafte Erfahrungen gemacht hat im Leben ... Aber
Permaneder wird sich nicht auf schmutzige Sachen einlassen; -- das ist
das letzte, was ich ihm zutraue, und geschftlich knnen wir uns gut auf
ihn verlassen, denn ich glaube wirklich, da er mit Noppe bei der
Niederpaurschen Brauerei ziemlich viel verdient. Und wenn ich seine Frau
bin, Ida, das sollst du sehen, dann will ich schon dafr sorgen, da er
ehrgeiziger wird und uns weiterbringt und sich anstrengt und mir und
uns allen Ehre macht, denn =die= Verpflichtung bernimmt er schlielich,
wenn er eine Buddenbrook heiratet!

Sie faltete die Hnde unterm Kopf und sah zur Decke hinauf.

Ja, das ist nun gut und gern seine zehn Jahre her, seit ich Grnlich
nahm ... Zehn Jahre! Und nun bin ich wieder so weit und soll wieder
jemandem mein Jawort erteilen. Weit du, Ida, das Leben ist furchtbar
ernst!... Aber der Unterschied ist, da damals ein groes Wesen gemacht
wurde und alle mich drngten und qulten, und da sich jetzt alle ganz
still verhalten und es als selbstverstndlich nehmen, da ich Ja sage;
denn du mut wissen, Ida, diese Verlobung mit Alois -- ich sage schon
Alois, denn es soll ja schlielich doch sein -- ist gar nichts
Festliches und Freudiges, und um mein Glck handelt es sich eigentlich
gar nicht dabei, sondern, indem ich diese zweite Ehe eingehe, mache ich
nur in aller Ruhe und Selbstverstndlichkeit meine erste Ehe wieder gut,
denn das ist meine Pflicht unserem Namen gegenber. So denkt Mutter, und
so denkt Tom...

Ach wo, Tonychen! wenn ihn nicht wirst wollen, und wenn er dich nicht
wird glcklich machen...

Ida, ich kenne das Leben und bin keine Gans mehr und habe meine Augen
im Kopf. Mutter ... das mag sein, die wrde nicht geradezu darauf
dringen, denn ber fragwrdige Dinge geht sie hinweg und sagt _Assez_.
Aber Tom, der will es. Lehre du mich Tom kennen! Weit du, wie Tom
denkt? Er denkt: `Jeder! Jeder, der nicht absolut unwrdig ist. Denn es
handelt sich diesmal nicht um eine glnzende Partie, sondern nur darum,
da die Scharte von damals durch eine zweite Ehe so ungefhr wieder
ausgewetzt wird. So denkt er. Und sobald Permaneder angekommen war, hat
Tom in aller Stille geschftliche Erkundigungen ber ihn eingezogen, da
sei berzeugt, und als die ziemlich gnstig und sicher lauteten, da war
es beschlossene Sache bei ihm ... Tom ist ein Politiker und wei, was er
will. Wer hat Christian an die Luft gesetzt?... Obgleich das ein hartes
Wort ist, Ida, aber es verhlt sich so. Und warum? Weil er die Firma und
die Familie kompromittierte, und das tue ich in seinen Augen auch, Ida,
nicht mit Taten und Worten, sondern mit meiner bloen Existenz als
geschiedene Frau. Das, will er, soll aufhren, und damit hat er recht,
und ich liebe ihn darum bei Gott nicht weniger und hoffe auch, da das
auf Gegenseitigkeit beruht. Schlielich habe ich mich in all diesen
Jahren immer danach gesehnt, wieder ins Leben hinauszutreten, denn ich
langweile mich bei Mutter, Gott strafe mich, wenn das eine Snde ist,
aber ich bin kaum dreiig und fhle mich jung. Das ist verschieden
verteilt im Leben, Ida; du hattest mit dreiig schon graues Haar, das
liegt in eurer Familie, und dein Onkel Prahl, der am Schluckauf
starb...

Sie stellte noch mehrere Betrachtungen an in dieser Nacht, sagte hie und
da noch einmal: Schlielich soll es ja doch so sein, und schlummerte
dann fnf Stunden lang sanft und tief.


Sechstes Kapitel

Dunst lag ber der Stadt, aber Herr Longuet, Mietkutschenbesitzer in der
Johannisstrae, der um acht Uhr in eigener Person einen gedeckten, aber
an allen Seiten offenen Gesellschaftswagen in der Mengstrae vorfuhr,
sagte: In 'ner ltten Stund' is de Snn durch, und somit konnte man
beruhigt sein.

Die Konsulin, Antonie, Herr Permaneder, Erika und Ida Jungmann hatten
miteinander gefrhstckt und fanden sich nun einer nach dem anderen
reisefertig auf der groen Diele ein, um Gerda und Tom zu erwarten. Frau
Grnlich, in cremefarbenem Kleide mit einer Atlaskrawatte unterm Kinn,
sah trotz der verkrzten Nachtruhe ganz vortrefflich aus; Zagen und
Fragen schienen in ihr ein Ende gefunden zu haben, denn ihre Miene,
whrend sie im Gesprch mit dem Gaste langsam die Knpfe ihrer leichten
Handschuhe schlo, war ruhig, sicher, fast feierlich ... Sie hatte die
Stimmung wiedergefunden, die ihr aus frheren Zeiten her wohlbekannt
war. Das Gefhl ihrer Wichtigkeit, der Bedeutsamkeit der Entscheidung,
die ihr anheimgestellt war, das Bewutsein, da abermals ein Tag
gekommen sei, der es ihr zur Pflicht mache, mit ernstem Entschlu in die
Geschichte ihrer Familie einzugreifen, erfllte sie und machte ihr Herz
hher schlagen. Diese Nacht hatte sie im Traume die Stelle in den
Familienpapieren vor Augen gesehen, an der sie die Tatsache ihrer
zweiten Verlobung zu vermerken gedachte ... diese Tatsache, die jenen
schwarzen Flecken, den die Bltter enthielten, tilgte und bedeutungslos
machte, und nun freute sie sich mit Spannung auf den Augenblick, wo Tom
erscheinen und sie ihn mit ernsthaftem Nicken begren wrde...

Etwas versptet, denn die junge Konsulin Buddenbrook war nicht gewohnt,
so frh ihre Toilette zu beenden, traf der Konsul mit seiner Gattin ein.
Er sah gut und munter aus in seinem hellbraunen, kleinkarierten Anzug,
dessen breite Reverse den Rand der Sommerweste sehen lieen, und seine
Augen lchelten, als er Tonys unvergleichlich wrdevolle Miene gewahrte.
Aber Gerda, deren ein wenig morbide und rtselhafte Schnheit einen
seltsamen Gegensatz zu der hbschen Gesundheit ihrer Schwgerin bildete,
zeigte durchaus keine Sonntags- und Ausflugsstimmung. Wahrscheinlich
hatte sie nicht ausgeschlafen. Das satte Lila, das die Grundfarbe ihrer
Robe ausmachte und in hchst eigenartiger Weise mit dem Dunkelrot ihres
schweren Haares zusammenklang, lie ihren Teint noch weier, noch matter
erscheinen; tiefer und dunkler als sonst lagerten in den Winkeln ihrer
nahe beieinander liegenden braunen Augen bluliche Schatten ... Kalt bot
sie ihrer Schwiegermutter die Stirn zum Kusse, reichte Herrn Permaneder
mit ziemlich ironischem Ausdruck die Hand, und als Frau Grnlich bei
ihrem Anblick die Hnde zusammenschlug und mit lauter Stimme ausrief:
Gerda, o Gott, wie =schn= bist du wieder--! antwortete sie lediglich
mit einem ablehnenden Lcheln.

Sie hegte eine tiefe Abneigung gegen Unternehmungen wie die heutige:
zumal im Sommer, und nun gar am Sonntag. Sie, deren Wohnrume meistens
verhngt, im Dmmerlicht lagen, und die selten ausging, frchtete die
Sonne, den Staub, die festtglich gekleideten Kleinbrger, den Geruch
von Kaffee, Bier, Tabak ... und ber alles in der Welt verabscheute sie
die Erhitzung, das Derangement. Mein lieber Freund, hatte sie
beilufig zu Thomas gesagt, als die Ausfahrt nach Schwartau und dem
Riesebusch verabredet worden war, damit der Mnchener Gast auch ein
wenig von der Umgebung der alten Stadt kennenlerne -- du weit: wie
Gott mich gemacht hat, bin ich auf Ruhe und Alltag angewiesen ... In
diesem Falle ist man fr Anregung und Abwechselung nicht geschaffen.
Nicht wahr, ihr dispensiert mich...

Sie wrde ihn nicht geheiratet haben, wenn sie nicht bei solchen Dingen
im wesentlichen seiner Zustimmung sicher gewesen wre.

Ja, lieber Gott, du hast natrlich recht, Gerda. Da man sich bei
derartigen Sachen amsiert, ist meistens blo Einbildung ... Aber man
macht sie eben mit, weil man vor den anderen und sich selbst nicht gern
als Sonderling erscheinen mchte. Diese Eitelkeit hegt jeder, du
nicht?... Man gert sonst leicht in einen Schein von Vereinsamung und
Unglck und bt an Achtung ein. Und dann noch eins, liebe Gerda ... Wir
alle haben Ursache, dem Herrn Permaneder ein bichen den Hof zu machen.
Ich zweifle nicht, da du die Situation bersiehst. Es entwickelt sich
da etwas, und es wre schade, ganz einfach schade, kme es nicht
zustande...

Ich sehe nicht ein, lieber Freund, inwiefern meine Gegenwart ... aber
gleichviel. Da du es wnschest, so sei es. Lassen wir dies Vergngen
ber uns ergehen.

Ich werde dir aufrichtig verbunden sein.--

Man trat auf die Strae hinaus ... Wahrhaftig, schon jetzt begann die
Sonne durch den Morgendunst zu dringen; sonntglich luteten die Glocken
von Sankt Marien, und Vogelgezwitscher erfllte die Luft. Der Kutscher
zog den Hut, und mit dem patriarchalischen Wohlwollen, das Thomas
manchmal ein bichen in Verlegenheit brachte, nickte die Konsulin ein
beraus herzliches Guten Morgen, lieber Mann! zu ihm hinauf. Also
eingestiegen denn nun, ihr Lieben! Es wre Zeit zur Frhpredigt, aber
heut' wollen wir Gott in seiner freien Natur mit unseren Herzen loben,
nicht wahr, Herr Permaneder?

Is scho recht, Frau Konsul.

Und man kletterte nacheinander ber die beiden Blechstufen durch das
schmale Hintertrchen in den Wagen hinein, der zehn Personen gefat
haben wrde, und machte es sich auf den Polstern bequem, die -- ohne
Zweifel zu Ehren Herrn Permaneders -- blau und wei gestreift waren.
Dann klinkte das Trchen ins Schlo, Herr Longuet schnalzte mit der
Zunge und stie unterschiedliche Ho- und Hrufe aus, seine muskulsen
Braunen zogen an, und das Gefhrt rollte die Mengstrae hinunter,
entlang der Trave, am Holstentore vorbei, und spter nach rechts auf der
Schwartauer Landstrae dahin...

Felder, Wiesen, Baumgruppen, Gehfte ... und man suchte in dem immer
hheren, dnneren, blaueren Dunst nach den Lerchen, deren Stimmen man
vernahm. Thomas, der Zigaretten rauchte, sah aufmerksam um sich, wenn
man an Getreide vorberkam, und zeigte Herrn Permaneder, wie es stand.
Der Hopfenhndler war in einer wahrhaft jugendlichen Laune, hatte seinen
grnen Hut mit dem Gemsbart ein wenig schief gesetzt, balancierte seinen
Stock mit dem ungeheuren Horngriff auf seiner weien und breiten
Handflche und sogar auf der Unterlippe, ein Kunststck, welchem,
obgleich es bestndig milang, besonders von seiten der kleinen Erika
lauter Beifall zuteil ward, und wiederholte mehrere Male: Die Zugspitz'
wird's halt net sein, aber a weng kraxeln wermer doch, und a Hetz wermer
ham, a Gaudi a sakrisches, gelten's, Frau Grnlich?!

Dann begann er mit vielem Temperament von Bergpartien mit Rucksack und
Eispickel zu erzhlen, wofr ihn die Konsulin mit mehreren bewundernden
Dausend! belohnte, und bedauerte dann aus irgendeinem Gedankengange
heraus mit bewegten Worten die Abwesenheit Christians, von dem er gehrt
habe, da er gar so ein lustiger Herr sei.

Unterschiedlich, sagte der Konsul. Aber bei solchen Gelegenheiten ist
er unvergleichlich, das ist wahr. -- Wir werden Krebse essen, Herr
Permaneder! rief er aufgerumt. Krebse und Ostseekrabben! Sie haben
schon bei meiner Mutter ein paarmal davon gekostet, aber mein Freund
Dieckmann, der Besitzer der Restauration `Zum Riesebusch, fhrt sie
stets in hervorragender Qualitt. Und Pfeffernsse, die berhmten
Pfeffernsse dieser Gegend! Oder ist ihr Ruf bis an die Isar noch nicht
gedrungen? Nun, Sie werden sehen.

Frau Grnlich lie zwei- oder dreimal den Wagen halten, um am
Chausseerande Mohn- und Kornblumen zu pflcken, und jedesmal beteuerte
Herr Permaneder mit wahrer Wildheit, ihr dabei behilflich sein zu
wollen; da er sich aber vor dem Ein- und Aussteigen ein wenig frchtete,
so unterlie er es dennoch.

Erika jubelte ber jede Krhe, die aufflog, und Ida Jungmann, die wie
immer beim sichersten Wetter einen langen, offenen Regenmantel nebst
Regenschirm trug, stimmte als eine richtige Kinderpflegerin, die auf die
kindlichen Stimmungen nicht nur uerlich eingeht, sondern sie ebenso
kindlich mitempfindet, mit ihrem ungenierten und etwas wiehernden Lachen
ein, so da Gerda, die sie nicht hatte in der Familie grau werden sehen,
sie wiederholt einigermaen kalt und erstaunt betrachtete...

Man war im Oldenburgischen. Buchenwaldungen kamen in Sicht, der Wagen
fuhr durch den Ort, ber das Marktpltzchen mit seinem Ziehbrunnen,
gelangte wieder ins Freie, rollte ber die Brcke, die ber das Flchen
Au fhrt und hielt endlich vor dem einstckigen Wirtshaus Zum
Riesebusch. Dies war an der einen Seite eines flachen Platzes mit
Grasflchen, sandigen Wegen und lndlichen Beeten gelegen, und jenseits
dieses Platzes erhob sich amphitheatralisch aufsteigend der Wald. Die
einzelnen Stufen waren durch rauh angelegte Treppen verbunden, zu denen
man hochliegende Baumwurzeln und vorspringendes Gestein benutzt hatte,
und auf den Etagen, zwischen den Bumen, waren wei gestrichene Tische,
Bnke und Sthle aufgeschlagen.

Buddenbrooks waren keineswegs die ersten Gste. Ein paar wohlgenhrte
Mgde und sogar ein Kellner in fettigem Frack marschierten eilfertig
ber den Platz und trugen kalte Kche, Limonaden, Milch und Bier zu den
Tischen hinauf, an denen, wenn auch in weiteren Abstnden, schon mehrere
Familien mit Kindern Platz genommen hatten.

Herr Dieckmann, der Wirt, in gelbgesticktem Kppchen und Hemdrmeln,
trat persnlich an den Schlag, um den Herrschaften beim Aussteigen
behilflich zu sein, und whrend Longuet beiseite fuhr, um auszuspannen,
sagte die Konsulin: Wir machen nun also zunchst einen Spaziergang,
guter Mann, und mchten dann, nach einer Stunde oder anderthalb, ein
Frhstck haben. Bitte, lassen Sie uns drben servieren ... aber nicht
zu hoch; auf dem zweiten Absatz dnkt mich...

Strengen Sie sich an, Dieckmann, fgte der Konsul hinzu. Wir haben
einen verwhnten Gast...

Herr Permaneder protestierte. I ka Spur! A Bier und a Kaas...

Allein das verstand Herr Dieckmann nicht, sondern er begann mit groer
Gelufigkeit: Allens, was da is, Herr Kunsel ... Krebse, Krabben,
diverse Wurst, diverse Kse, gerucherten Aal, gerucherten Lachs,
gerucherten Str...

Schn, Dieckmann, Sie werden das schon machen. Und dann geben Sie uns
-- sechs Glser Milch und ein Seidel Bier, wenn ich nicht irre, Herr
Permaneder, wie?...

Einmal Bier, sechsmal Milch ... Se Milch, Buttermilch, dicke Milch,
Sattenmilch, Herr Kunsel...

Halb und halb, Dieckmann; se Milch und Buttermilch. In einer Stunde
also.

Und sie gingen ber den Platz.

Zunchst liegt es uns nun ob, die Quelle zu besuchen, Herr Permaneder,
sagte Thomas. Die Quelle: das heit die Quelle der Au, und die Au ist
das kleine Flchen, daran Schwartau liegt und daran im grauen
Mittelalter ursprnglich unsere Stadt gelegen war, bis sie niederbrannte
-- sie wird wohl nicht sehr durabel gewesen sein, wissen Sie -- und an
der Trave wieder aufgebaut wurde. brigens knpfen sich schmerzliche
Erinnerungen an den Namen des Flchens. Als Jungen fanden wir es
witzig, uns einander in den Arm zu kneifen und zu fragen: Wie heit der
Flu bei Schwartau? Worauf man natrlich, weil's wehtat, wider Willen
den Namen rief ... Da! unterbrach er sich pltzlich, zehn Schritte von
dem Anstieg entfernt; wir sind berholt worden. Mllendorpfs und
Hagenstrms.

In der Tat, dort oben auf der dritten Etage der waldigen Terrasse saen
die hauptschlichsten Mitglieder dieser beiden vorteilhaft liierten
Familien an zwei zusammengerckten Tischen und speisten unter angeregten
Gesprchen. Der alte Senator Mllendorpf prsidierte, ein blasser Herr
mit weien, dnnen, spitzen Kotelettes; er war zuckerkrank. Seine
Gattin, geborene Langhals, hantierte mit ihrer langgestielten Lorgnette,
und nach wie vor umstand das graue Haar unordentlich ihren Kopf. Ihr
Sohn war da, August, ein blonder junger Mann von wohlsituiertem ueren
und Gatte Julchens, der geborenen Hagenstrm, welche, klein, lebhaft,
mit groen, blanken, schwarzen Augen und beinahe ebenso groen
Brillanten an den Ohrlppchen, zwischen ihren Brdern Hermann und Moritz
sa. Konsul Hermann Hagenstrm begann sehr stark zu werden, denn er
lebte vortrefflich und man sagte sich, da er gleich morgens mit
Gnseleberpastete beginne. Er trug einen rtlich blonden kurzgehaltenen
Vollbart, und seine Nase -- die Nase seiner Mutter -- lag auffallend
platt auf der Oberlippe. Doktor Moritz, mit flacher Brust und gelblichem
Teint, zeigte in lebhaftem Gesprch seine spitzigen, lckenhaften Zhne.
Beide Brder hatten ihre Damen bei sich, denn auch der Rechtsgelehrte
war seit mehreren Jahren verheiratet, und zwar mit einem Frulein
Puttfarken aus Hamburg, einer Dame mit butterfarbenem Haar und bermig
leidenschaftslosen, augenscheinlich anglisierenden, aber auerordentlich
schnen und regelmigen Gesichtszgen, denn Doktor Hagenstrm htte es
mit seinem Rufe als Schngeist nicht vereinbaren knnen, ein hliches
Mdchen zu ehelichen. Schlielich waren noch die kleine Tochter von
Hermann Hagenstrm und der kleine Sohn von Moritz Hagenstrm zugegen,
zwei weigekleidete Kinder, die schon jetzt sogut wie miteinander
verlobt waren, denn das Huneus-Hagenstrmsche Vermgen sollte nicht
verzettelt werden. -- Alle aen Rhrei mit Schinken.

Man grte sich erst, als Buddenbrooks in geringer Entfernung an der
Gesellschaft vorberstiegen. Die Konsulin neigte ein wenig zerstreut und
gleichsam verwundert den Kopf, Thomas lftete den Hut, indem er die
Lippen bewegte, als sagte er irgend etwas Verbindliches und Khles, und
Gerda verbeugte sich fremd und formell. Herr Permaneder aber, angeregt
durch das Steigen, schwenkte unbefangen seinen grnen Hut und rief mit
lauter und frhlicher Stimme: Wnsch' recht an guat'n Morg'n! --
Worauf die Senatorin Mllendorpf ihr Lorgnon zur Hand nahm ... Tony
ihrerseits zog ein wenig die Schultern empor, legte den Kopf zurck,
suchte trotzdem das Kinn auf die Brust zu drcken und grte gleichsam
von einer unabsehbaren Hhe herab, wobei sie genau ber Julchen
Mllendorpfs breitrandigen und eleganten Hut hinwegblickte ... In dieser
Minute setzte sich ihr Entschlu endgltig und unerschtterlich in ihr
fest...

Gott sei Lob und tausend Dank, Tom, da wir erst in einer Stunde
frhstcken! Ich mchte mir von diesem Julchen nicht gern auf den Bissen
sehen lassen, weit du ... Hast du beachtet, wie sie grte? Beinahe gar
nicht. Dabei war meiner unmageblichen Ansicht nach ihr Hut ganz unmig
geschmacklos...

Na, was den Hut betrifft ... Und mit dem Gren warst du wohl auch
nicht viel entgegenkommender, meine Liebe. brigens rgere dich nicht;
das macht Falten.

rgern, Tom? Ach nein! Wenn diese Leute meinen, sie seien die ersten an
der Spritze, so ist das zum Lachen und weiter nichts. Was ist fr ein
Unterschied zwischen diesem Julchen und mir, wenn ich fragen darf? Da
sie keinen Filou, sondern blo einen `Duschack zum Manne bekommen hat,
wie Ida sagen wrde, und wenn sie einmal in meiner Lage wre im Leben,
so wrde es sich ja erweisen, ob sie einen zweiten finden wrde...

Was besagt, da du deinerseits einen finden wirst?

Einen Duschack, Thomas?

Sehr viel besser als ein Filou.

Es braucht weder das eine noch das andere zu sein. Aber darber spricht
man nicht.

Richtig. Wir bleiben auch zurck. Herr Permaneder steigt mit Elan...

Der schattige Waldweg wurde eben, und es dauerte gar nicht lange, bis
sie die Quelle erreicht hatten, einen hbschen, romantischen Punkt mit
einer hlzernen Brcke ber einem kleinen Abgrund, zerklfteten Abhngen
und berhngenden Bumen, deren Wurzeln blolagen. Sie schpften mit
einem silbernen, zusammenschiebbaren Becher, den die Konsulin
mitgebracht hatte, aus dem kleinen, steinernen Bassin gleich unterhalb
der Austrittsstelle und erquickten sich mit dem frischen, eisenhaltigen
Wasser, wobei Herr Permaneder einen kleinen Anfall von Galanterie hatte,
indem er darauf bestand, da Frau Grnlich ihm den Trunk kredenzte. Er
war voll Dankbarkeit, wiederholte mehrmals: A, des is fei nett! und
plauderte umsichtig und aufmerksam sowohl mit der Konsulin und Thomas
als mit Gerda und Tony und sogar mit der kleinen Erika ... Selbst Gerda,
die bislang unter fliegender Hitze gelitten und in einer Art von
stummer und starrer Nervositt einhergegangen war, begann nun
aufzuleben, und als man nach einem beschleunigten Rckwege wieder vor
dem Wirtshause anlangte und sich auf der zweiten Stufe der Waldterrasse
an einem berreichlich besetzten Tische niederlie, war sie es, die es
in liebenswrdigen Wendungen bedauerte, da Herrn Permaneders Abreise so
nahe bevorstehe: jetzt, wo man einander ein wenig kennengelernt, wo es
zum Beispiel ganz leicht zu beobachten sei, da auf beiden Seiten immer
seltener Mi- und Nichtverstndnisse des Dialektes wegen unterliefen ...
Sie knne die Behauptung vertreten, da ihre Freundin und Schwgerin
Tony zwei- oder dreimal mit Virtuositt Pfaht Gott! gesagt habe...

Herr Permaneder unterlie es, auf das Wort Abreise irgendeine
besttigende Antwort zu geben, sondern widmete sich vorderhand den
Leckerbissen, von denen die Tafel strotzte, und die er jenseits der
Donau nicht alle Tage bekam.

Sie verzehrten die guten Sachen mit Mue, wobei die kleine Erika sich
beinahe am meisten ber die Servietten aus Seidenpapier freute, die ihr
unvergleichlich schner schienen als die groen leinenen zu Hause, und
von denen sie mit Erlaubnis des Kellners sogar einige zum Andenken in
die Tasche steckte; und dann sa, whrend Herr Permaneder mehrere
tiefschwarze Zigarren zum Biere und der Konsul seine Zigaretten rauchte,
die Familie mit ihrem Gaste noch lngere Zeit beisammen und plauderte;
-- bemerkenswert aber war, da niemand mehr der Abreise des Herrn
Permaneder gedachte und da berhaupt die Zukunft vllig unberhrt
gelassen ward. Vielmehr tauschte man Erinnerungen aus, besprach die
politischen Ereignisse der letzten Jahre, und Herr Permaneder
berichtete, nachdem er ber einige achtundvierziger Anekdoten, die die
Konsulin ihrem verstorbenen Gatten nacherzhlte, sich vor Lachen
geschttelt hatte, von der Revolution in Mnchen und von Lola Montez,
fr welche Frau Grnlich sich unbndig interessierte. Dann aber, als
allgemach die erste Stunde nach Mittag vorber war, als Erika, ganz
erhitzt und bepackt mit Gnseblumen, Wiesenschaumkraut und Grsern, von
einem Streifzug mit Ida zurckkehrte und die Pfeffernsse in Erinnerung
brachte, die noch einzukaufen seien, brach man zu einem Gang in den Ort
hinunter auf ... nicht bevor die Konsulin, deren Gste heut alle waren,
mit einem gar nicht kleinen Goldstck die Rechnung beglichen hatte.

Vorm Gasthaus ward Order gegeben, da in einer Stunde der Wagen
bereitstehen solle, denn man wollte in der Stadt vor Tisch noch ein
wenig ruhen knnen; und dann wanderten sie langsam, denn die Sonne
brannte auf den Staub, den niedrigen Husern des Fleckens zu.

Gleich nach der Au-Brcke ordnete sich ungezwungen und von selbst die
Reihenfolge, die dann whrend des Weges innegehalten ward: Voran nmlich
war Mamsell Jungmann, vermge ihrer langen Schritte, neben der
unermdlich springenden und nach Kohlweilingen jagenden Erika, dann
folgten miteinander die Konsulin, Thomas und Gerda und zuletzt, in
einigem Abstande sogar, Frau Grnlich mit Herrn Permaneder. Vorn war es
laut, denn das kleine Mdchen jubelte, und Ida stimmte mit ihrem
eigentmlich tiefen, gutmtigen Wiehern ein. In der Mitte schwiegen alle
drei, denn Gerda war wegen des Staubes aufs neue in eine nervse
Verzagtheit verfallen, und die alte Konsulin sowohl wie ihr Sohn waren
in Gedanken. Auch hinten war es still ... aber nur scheinbar, denn Tony
und der Gast aus Bayern unterhielten sich gedmpft und intim. -- Wovon
sprachen sie? Von Herrn Grnlich...

Herr Permaneder hatte die treffende Bemerkung gemacht, da Erika fei
ein gar zu liebes und hbsches Kind sei, da sie aber trotzdem der Frau
Mama fast gar nicht hnlich sehe; worauf Tony geantwortet hatte: Sie
ist ganz der Vater, und man kann sagen: nicht zu ihrem Schaden, denn
uerlich war Grnlich ein Gentleman -- alles, was wahr ist! So hatte er
goldfarbene Favoris; vllig originell; ich habe nie wieder dergleichen
gesehen...

Und dann erkundigte er sich, obgleich Tony ihm schon bei Niederpaurs in
Mnchen die Geschichte ihrer Ehe ziemlich genau erzhlt hatte, noch
einmal genau nach allem und erfragte eingehend und mit einem ngstlich
teilnehmenden Blinzeln alle Einzelheiten bei dem Bankerott...

Er war ein bser Mensch, Herr Permaneder, sonst htte Vater mich ihm
nicht wieder weggenommen, das knnen Sie mir glauben. Nicht alle
Menschen haben auf Erden immer ein gutes Herz, das hat das Leben mich
gelehrt, wissen Sie, so jung wie ich fr eine Person, die seit zehn
Jahren Witwe oder etwas hnliches ist, noch bin. Er war bse, und
Kesselmeyer, sein Bankier, der obendrein so albern war wie ein junger
Hund, war noch bser. Aber das soll nicht heien, da ich mich selbst
fr einen Engel halte und aller Schuld bar erachte ... miverstehen Sie
mich nicht! Grnlich vernachlssigte mich, und wenn er einmal bei mir
sa, so las er die Zeitung, und er hinterging mich und lie mich
bestndig in Eimsbttel sitzen, weil ich in der Stadt von dem Morast
htte erfahren knnen, darin er steckte ... Aber ich bin auch nur eine
schwache Frau und habe meine Fehler und bin ganz sicher nicht immer
richtig zu Werke gegangen. Zum Beispiel gab ich meinem Mann durch
Leichtsinn und Verschwendungssucht und neue Schlafrcke Grund zu Sorge
und Klage ... Aber eins darf ich hinzufgen: ich habe eine
Entschuldigung, und die besteht darin, da ich ein Kind war, als ich
heiratete, eine Gans war ich, ein dummes Ding. Glauben Sie zum Beispiel,
da ich ganz kurze Zeit vor meiner Verlobung auch nur gewut htte, da
vier Jahre frher die Bundesgesetze ber die Universitten und die
Presse erneuert worden seien? Schne Gesetze brigens!... Ach, ja, es
ist wahrhaftig so sehr traurig, da man nur einmal lebt, Herr
Permaneder, da man das Leben nicht noch einmal anfangen kann; man wrde
so manches geschickter anfassen...

Sie schwieg und blickte gespannt auf den Weg nieder; sie hatte ihm,
nicht ohne Geschick, einen Anhaltspunkt gegeben, denn die Erwgung lag
gar nicht fern, da ein ganz neues Leben zu beginnen zwar unmglich, der
Wiederbeginn einer neuen, besseren Ehe aber doch nicht ausgeschlossen
sei. Allein Herr Permaneder lie die Gelegenheit vorbergehen und
beschrnkte sich darauf, mit heftigen Worten auf Herrn Grnlich zu
schelten, wobei die Fliege ber seinem kleinen, runden Kinn sich
strubte...

Der fade Kerl, der z'widre! Den wann i dahier htt', den Hund, den
ausg'schamten, der wann net a Watschen dawischen tt'...

Pfui, Herr Permaneder! Nein, damit mssen Sie aufhren. Wir sollen
vergeben und vergessen, und die Rache ist mein, spricht der Herr ...
fragen Sie nur Mutter. Bewahre ... ich wei nicht, wo Grnlich sich
aufhlt, und wie es ihm ergangen ist im Leben; aber ich wnsche ihm
alles Gute, wenn er es auch vielleicht nicht verdient hat...

Sie waren im Ort und standen vor dem kleinen Huschen, in dem der
Bckerladen sich befand. Beinahe, ohne es zu wissen, waren sie
stehengeblieben, und ohne sich Rechenschaft davon zu geben, hatten sie
mit ernsten und abwesenden Augen Erika, Ida, die Konsulin, Thomas und
Gerda gebckt durch die lcherlich niedrige Ladentr verschwinden sehen:
so vertieft waren sie in ihr Gesprch, obgleich sie bis jetzt nichts als
berflssige und alberne Dinge geredet hatten.

Neben ihnen war ein Zaun, und daran lief ein langes, schmales Beet
entlang, auf dem ein paar Reseden wuchsen und dessen lockere, schwarze
Erde Frau Grnlich, geneigten und etwas erhitzten Hauptes, ungeheuer
eifrig mit der Spitze ihres Sonnenschirms pflgte. Herr Permaneder,
dessen grnes Htchen mit dem Gemsbart in die Stirn geglitten war, stand
dicht bei ihr und beteiligte sich hie und da vermittels seines
Spazierstockes an dem Umgraben des Beetes. Auch er lie den Kopf hngen;
aber seine kleinen, hellblauen, verquollenen Augen, die ganz blank
geworden und sogar ein wenig gertet waren, blickten von unten herauf
mit einem Gemisch von Ergebenheit, Betrbtheit und Spannung zu ihr
empor, und mit ebendemselben Ausdruck berhing der ausgefranste
Schnauzbart seinen Mund...

Und da haben's jetzt wohl, sagte er, a damische Furcht vor der Eh'
und wollen's nimmer noch amal versuchen, gelten's nei, Frau
Grnlich...?

Wie ungeschickt! dachte sie. Das mu ich ja besttigen?... Sie
antwortete: Ja, lieber Herr Permaneder, ich bekenne Ihnen offen, da es
mir schwer fallen wrde, noch einmal jemandem mein Jawort frs Leben zu
erteilen, denn ich bin belehrt worden, wissen Sie, was fr ein furchtbar
ernster Entschlu das ist ... und dazu bedrfte es der festen
berzeugung, da es sich um einen wirklich braven, einen edlen, einen
herzensguten Mann handelt...

Hierauf erlaubte er sich die Frage, ob sie ihn fr einen solchen Mann
halte, worauf sie antwortete: Ja, Herr Permaneder, dafr halte ich
Sie.

Und dann folgten noch ganz wenige leise und kurze Worte, in denen das
Verlbnis enthalten war, und fr Herrn Permaneder die Erlaubnis, sich zu
Hause an die Konsulin und Thomas zu wenden...

Als die brigen Mitglieder der Gesellschaft, bepackt mit mehreren groen
Dten voll Pfeffernssen, wieder im Freien erschienen, lie der Konsul
seine Augen diskret ber die Kpfe der beiden hinwegschweifen, denn sie
waren in starker Verlegenheit: Herr Permaneder ohne Versuch, das zu
verbergen, Tony unter der Maske einer fast majesttischen Wrde.

Man beeilte sich, den Wagen zu gewinnen, denn der Himmel hatte sich
bedeckt und Tropfen fielen.

                   *       *       *       *       *

Wie Tony angenommen, hatte ihr Bruder bald nach Herrn Permaneders
Erscheinen genaue Erkundigungen ber seine Lebensstellung eingezogen,
die als Resultat ergeben hatten, da X. Noppe & Comp. eine etwas
beschrnkte aber durchaus solide Firma sei, die im gemeinsamen Wirken
mit der Aktienbrauerei, der Herr Niederpaur als Direktor vorstand, einen
hbschen Gewinn erzielte, und da, im Verein mit Tonys 17000
Kuranttalern, Herrn Permaneders Anteil fr ein gutbrgerliches
Zusammenleben ohne Luxus ausreichen wrde. Die Konsulin war unterrichtet
darber, und in einem ausfhrlichen Gesprche zwischen ihr, Herrn
Permaneder, Antonie und Thomas, welches gleich am Abend des
Verlobungstages im Landschaftszimmer stattfand, wurden ohne Hindernis
alle Fragen geregelt: auch in betreff der kleinen Erika, welche auf
Tonys Wunsch und mit dem gerhrten Einverstndnis ihres Verlobten
ebenfalls nach Mnchen bersiedeln sollte.

Zwei Tage spter reiste der Hopfenhndler ab -- weil der Noppe sonst
schimpfen tt'--, aber schon im Monat Juli traf Frau Grnlich
wiederum in seiner Vaterstadt mit ihm zusammen: gemeinsam mit Tom und
Gerda, die sie fr vier oder fnf Wochen nach Bad Kreuth begleitete,
whrend die Konsulin mit Erika und der Jungmann an der Ostsee verblieb.
brigens hatten die beiden Paare in Mnchen bereits Gelegenheit, das
Haus zu besichtigen, das Herr Permaneder in der Kaufinger Strae -- ganz
in der Nhe also der Niederpaurs -- anzukaufen im Begriffe war, und
dessen grten Teil er zu vermieten gedachte; ein ganz merkwrdiges,
altes Haus, mit einer schmalen Treppe, die gleich hinter der Haustr
schnurgerade und ohne Absatz und Biegung wie eine Himmelsleiter in den
ersten Stock hinanfhrte, woselbst man erst nach beiden Seiten ber den
Korridor zurckschreitend zu den nach vorn gelegenen Zimmern
gelangte...

Mitte August kehrte Tony nach Hause zurck, um sich whrend der nchsten
Wochen der Sorge fr ihre Aussteuer zu widmen. Vieles zwar war noch aus
der Zeit ihrer ersten Ehe vorhanden, aber es mute durch Neuankufe
ergnzt werden, und eines Tages langte aus Hamburg, woher manches
bezogen ward, sogar ein Schlafrock an ... nicht mit Sammet freilich,
sondern diesmal nur mit Tuchschleifen garniert.

Zu vorgeschrittener Herbstzeit traf Herr Permaneder wieder in der
Mengstrae ein; man wollte die Sache nicht lnger verzgern...

Was die Hochzeitsfeierlichkeiten anging, so verliefen sie genau, wie
Tony es erwartet und nicht anders gewnscht hatte: Es wurde nicht viel
Aufhebens davon gemacht. Lassen wir den Pomp, sagte der Konsul; du
bist wieder verheiratet, und es ist ganz einfach, als httest du niemals
aufgehrt, es zu sein. Nur wenige Verlobungskarten waren versandt
worden -- da aber Julchen Mllendorpf, geborene Hagenstrm, eine
erhalten hatte, dafr hatte Madame Grnlich gesorgt--, von einer
Hochzeitsreise ward abgesehen, weil Herr Permaneder so a Hetz'
verabscheute und Tony, vor kurzem vom Sommeraufenthalt zurckgekehrt,
schon die Reise nach Mnchen zu weit fand, und die Trauung, die diesmal
nicht die Sulenhalle, sondern die Marienkirche zum Schauplatze hatte,
fand in engem Familienkreise statt. Tony trug mit Wrde die
Orangeblten statt der Myrten, und Hauptpastor Klling predigte mit
etwas schwcherer Stimme als ehemals, aber noch immer in starken
Ausdrcken ber =Migkeit=.

Christian kam von Hamburg, sehr elegant gekleidet und ein wenig
angegriffen, aber lustig aussehend, erzhlte, da sein Geschft mit
Burmeester tip-top sei, erklrte, da Klothilde und er sich wohl erst
da oben verheiraten wrden -- das heit: Jeder fr sich!... und kam
viel zu spt zur Kirche, weil er dem Klub einen Besuch abgestattet
hatte. Onkel Justus war sehr gerhrt und zeigte sich so kulant wie
stets, indem er den Neuvermhlten einen auerordentlich schnen,
schwersilbernen Tafelaufsatz verehrte ... Er und seine Frau hungerten zu
Hause beinahe, denn die schwache Mutter bezahlte dem lngst enterbten
und verstoenen Jakob, der sich, wie verlautete, augenblicklich in Paris
aufhielt, nach wie vor von ihrem Wirtschaftsgelde die Schulden. -- Die
Damen Buddenbrook aus der Breitenstrae bemerkten: Nun, hoffentlich
hlt es diesmal. Wobei das Unangenehme der allgemeine Zweifel war, ob
sie dies wirklich hofften ... Sesemi Weichbrodt jedoch erhob sich auf
die Zehenspitzen, kte ihren Zgling, die nunmehrige Frau Permaneder,
mit leicht knallendem Gerusch auf die Stirn und sagte mit ihren
herzlichsten Vokalen: Sei glcklich, du =gutes= Kend!


Siebentes Kapitel

Gleich morgens um acht Uhr, sobald er das Bett verlassen hatte, ber die
Wendeltreppe hinter der kleinen Pforte ins Souterrain hinabgestiegen
war, ein Bad genommen und seinen Schlafrock wieder angelegt hatte,
begann Konsul Buddenbrook sich mit ffentlichen Dingen zu beschftigen.
Dann nmlich erschien, mit seinen roten Hnden und seinem intelligenten
Gesicht, mit einem Topfe warmen Wassers, den er sich aus der Kche
geholt, und den brigen Utensilien, Herr Wenzel, Barbier und Mitglied
der Brgerschaft, in der Badestube, und whrend der Konsul sich,
zurckgebeugten Hauptes, in einem groen Lehnstuhle niederlie und Herr
Wenzel Schaum zu schlagen begann, entspann sich fast immer ein
Gesprch, das, mit Nachtruhe und Witterung beginnend, alsbald zu
Ereignissen in der groen Welt berging, sich hierauf mit intim
stdtischen Angelegenheiten beschftigte und mit ganz eng geschftlichen
und familiren Gegenstnden zu schlieen pflegte ... Dies alles zog die
Prozedur sehr in die Lnge, denn immer, wenn der Konsul sprach, mute
Herr Wenzel das Messer von seinem Gesicht entfernen.

Wohl geruht, Herr Konsul?

Danke, Wenzel. Gutes Wetter heute?

Frost und ein bichen Schneenebel, Herr Konsul. Vor der Jacobikirche
haben die Jungens schon wieder 'ne Schleisterbahn, zehn Meter lang, da
ich beinah' hingeschlagen wr', als ich vom Brgermeister kam. Hol' sie
der Dwel...

Schon Zeitungen gesehen?

Die Anzeigen und die Hamburger Nachrichten, ja. Nichts als Orsinibomben
... Schauderhaft. Auf dem Weg in die Oper ... Eine nette Gesellschaft da
drben...

Na, es hat nichts zu bedeuten, denke ich. Mit dem Volke hat das nichts
zu tun, und der Effekt ist nun blo, da die Polizei und der Druck auf
die Presse und all das verdoppelt wird. Er ist auf seiner Hut ... Ja, es
ist eine ewige Unruhe, das mu wahr sein, denn er ist immer auf
Unternehmungen angewiesen, um sich zu halten. Aber meinen Respekt hat er
-- ganz einerlei. Mit =den= Traditionen kann man wenigstens kein Dujack
sein, wie Mamsell Jungmann sagt, und das mit der Bckereikasse und den
billigen Brotpreisen zum Beispiel hat mir wahrhaftig imponiert. Er tut
ohne Zweifel eine Menge frs Volk...

Ja, das sagte Herr Kistenmaker vorhin auch schon.

Stephan? Wir sprachen gestern darber.

Und mit Friedrich Wilhelm von Preuen, das steht schlimm, Herr Konsul,
das wird nichts mehr. Man sagt schon, da der Prinz endgltig Regent
werden soll...

Oh, darauf mu man gespannt sein. Er hat sich schon jetzt als ein
liberaler Kopf gezeigt, dieser Wilhelm, und steht sicher der
Konstitution nicht mit dem geheimen Ekel seines Bruders gegenber ... Es
ist doch am Ende nur der Gram, der ihn aufreibt, den armen Mann ... Was
Neues aus Kopenhagen?

Gar nichts, Herr Konsul. Sie wollen nicht. Da hat der Bund gut
erklren, da die Gesamtverfassung fr Holstein und Lauenburg
rechtswidrig ist ... Sie sind da oben ganz einfach nicht dafr zu haben,
sie aufzuheben...

Ja, es ist ganz unerhrt, Wenzel. Sie fordern den Bundestag ja zur
Exekution heraus, und wenn er ein bichen alerter wre ... Ach ja, diese
Dnen! Ich erinnere mich lebhaft, wie ich mich schon als ganz kleiner
Junge bestndig ber einen Gesangvers rgerte, der anfing: `Gib mir, gib
allen denen, die sich von Herzen sehnen... wobei ich `denen im Geiste
immer mit ` schrieb und nicht begriff, da der Herrgott auch den Dnen
irgend etwas geben sollte...

Sehen Sie sich mit der sprden Stelle vor, Wenzel, Sie lachen ... Nun,
und jetzt wieder mit unserer direkten Hamburger Eisenbahn! Das hat schon
diplomatische Kmpfe gekostet und wird noch welche kosten, bis sie in
Kopenhagen die Konzession geben...

Ja, Herr Konsul, und das Dumme ist, da die Altona-Kieler
Eisenbahngesellschaft und genau besehen ganz Holstein dagegen ist; das
sagte Brgermeister Doktor verdieck vorhin auch schon. Sie haben eine
verfluchte Angst fr den Aufschwung von Kiel...

Versteht sich, Wenzel. Solche neue Verbindung zwischen Ost- und Nordsee
... Und Sie sollen sehn, die Altona-Kieler wird nicht aufhren, zu
intriguieren. Sie sind imstande, eine Konkurrenzbahn zu bauen:
Ostholsteinisch, Neumnster-Neustadt, ja, das ist nicht ausgeschlossen.
Aber wir drfen uns nicht einschchtern lassen, und direkte Fahrt nach
Hamburg mssen wir haben.

Herr Konsul nehmen sich der Sache warm an.

Tja ... soweit das in meinen Krften steht, und soweit mein bichen
Einflu reicht ... Ich interessiere mich fr unsere Eisenbahnpolitik,
und das ist Tradition bei uns, denn mein Vater hat schon seit 51 dem
Vorstand der Bchener Bahn angehrt, und daran liegt es denn auch wohl,
da ich mit meinen zweiunddreiig Jahren hineingewhlt bin; meine
Verdienste sind ja noch nicht betrchtlich...

Oh, Herr Konsul; nach Herrn Konsuls Rede damals in der
Brgerschaft...

Ja, damit habe ich wohl etwas Eindruck gemacht, und der gute Wille ist
jedenfalls vorhanden. Ich kann nur dankbar sein, wissen Sie, da mein
Vater, Grovater und Urgrovater mir die Wege geebnet haben, und da
viel von dem Vertrauen und dem Ansehen, das sie sich in der Stadt
erworben haben, ohne weiteres auf mich bertragen wird, denn sonst
knnte ich mich gar nicht so regen ... Was hat zum Beispiel nach 48 und
zu Anfang dieses Jahrzehnts mein Vater nicht alles fr die Reformation
unseres Postwesens getan! Denken Sie mal, Wenzel, wie er in der
Brgerschaft gemahnt hat, die Hamburger Diligencen mit der Post zu
vereinigen, und wie er _anno_ 50 beim Senate, der damals ganz
unverantwortlich langsam war, mit immer neuen Antrgen zum Anschlu an
den deutsch-sterreichischen Postverein getrieben hat ... Wenn wir jetzt
einen niedrigen Portosatz fr Briefe haben und die Kreuzbandsendungen
und die Freimarken und Briefkasten und die telegraphischen Verbindungen
mit Berlin und Travemnde, er ist nicht der Letzte, dem wir dafr zu
danken haben, und wenn er und ein paar andere Leute den Senat nicht
immer wieder gedrngt htten, so wren wir wohl ewig hinter der
dnischen und der Thurn- und Taxischen Post zurckgeblieben. Nun, und
wenn ich jetzt in solchen Sachen meine Meinung sage, so hrt man
darauf...

Das wei Gott, Herr Konsul, da sagen Herr Konsul ein wahres Wort. Und
was die Hamburger Bahn betrifft: Das ist keine drei Tage her, da
Brgermeister Doktor verdieck zu mir gesagt hat: `Wenn wir erst so weit
sind, da wir in Hamburg ein geeignetes Terrain fr den Bahnhof ankaufen
knnen, dann schicken wir Konsul Buddenbrook mit; Konsul Buddenbrook ist
bei solchen Verhandlungen besser zu gebrauchen als mancher Jurist ...
Das waren seine Worte...

Na, das ist mir sehr schmeichelhaft, Wenzel. Aber geben Sie da berm
Kinn noch ein bichen Schaum; das mu da noch sauberer werden.

Ja, kurz und gut, wir mssen uns regen! Nichts gegen verdieck, aber er
ist eben bei Jahren, und wenn ich Brgermeister wre, so ginge alles ein
wenig schneller, meine ich. Ich kann nicht sagen, welche Genugtuung ich
empfinde, da nun die Arbeiten fr die Gasbeleuchtung begonnen haben
und endlich die fatalen llampen mit ihren Ketten verschwinden; ich darf
mir gestehen, da ich auch nicht ganz unbeteiligt an diesem Erfolge bin
... Ach, was gibt es nicht noch alles zu tun! Denn, Wenzel, die Zeiten
ndern sich, und wir haben eine Menge von Verpflichtungen gegen die neue
Zeit. Wenn ich an meine erste Jugend denke ... Sie wissen besser, als
ich, wie es damals bei uns aussah. Die Straen ohne Trottoirs und
zwischen den Pflastersteinen fuhoher Graswuchs und die Huser mit
Vorbauten und Beischlgen und Bnken ... Und unsere Bauten aus dem
Mittelalter waren durch Anbauten verhlicht und brckelten nur so
herunter, denn die einzelnen Leute hatten wohl Geld, und niemand
hungerte; aber der Staat hatte gar nichts, und alles wurstelte so
weiter, wie mein Schwager Permaneder sagt, und an Reparaturen war nicht
zu denken. Das waren ganz behbige und glckliche Generationen damals,
und der Intimus meines Grovaters, wissen Sie, der gute Jean Jacques
Hoffstede, spazierte umher und bersetzte kleine unanstndige Gedichte
aus dem Franzsischen ... aber bestndig so weiter konnte es nicht
gehen; es hat sich vieles gendert und wird sich noch immer mehr ndern
mssen ... Wir haben nicht mehr 37000 Einwohner, sondern schon ber 50,
wie Sie wissen, und der Charakter der Stadt ndert sich. Da haben wir
Neubauten, und die Vorstdte, die sich ausdehnen, und gute Straen und
knnen die Denkmler aus unserer groen Zeit restaurieren. Aber das ist
am Ende blo uerlich. Das meiste vom Wichtigsten steht noch aus, mein
lieber Wenzel; und nun bin ich wieder bei dem _ceterum censeo_ meines
seligen Vaters angelangt: der Zollverein, Wenzel, wir mssen in den
Zollverein, das sollte gar keine Frage mehr sein, und Sie mssen mir
alle helfen, wenn ich dafr kmpfe ... Als Kaufmann, glauben Sie mir,
wei ich da besser Bescheid als unsere Diplomaten, und die Angst, an
Selbstndigkeit und Freiheit einzuben, ist lcherlich in diesem Falle.
Das Inland, die Mecklenburg und Schleswig-Holstein, wrde sich uns
erschlieen, und das ist um so wnschenswerter, als wir den Verkehr mit
dem Norden nicht mehr so vollstndig beherrschen wie frher ... genug
... bitte, das Handtuch, Wenzel, schlo der Konsul, und wenn dann noch
ber den augenblicklichen Kurs des Roggens ein Wort gesagt worden war,
der auf 55 Taler stehe und noch immer verflucht zum Fallen inkliniere,
wenn vielleicht noch eine Bemerkung ber irgendein Familienereignis in
der Stadt gefallen war, so verschwand Herr Wenzel durch das Souterrain,
um auf der Strae sein blankes Schaumgef aufs Pflaster zu entleeren,
und der Konsul stieg ber die Wendeltreppe ins Schlafzimmer hinauf, wo
er Gerda, die unterdessen erwacht war, auf die Stirn kte und sich
ankleidete.

Diese kleinen Morgengesprche mit dem aufgeweckten Barbier bildeten die
Einleitung zu den lebhaftesten und ttigsten Tagen, ber und ber
ausgefllt mit Denken, Reden, Handeln, Schreiben, Berechnen, Hin- und
Widergehen ... Dank seinen Reisen, seinen Kenntnissen, seinen Interessen
war Thomas Buddenbrook in seiner Umgebung der am wenigsten brgerlich
beschrnkte Kopf, und sicherlich war er der erste, die Enge und
Kleinheit der Verhltnisse zu empfinden, in denen er sich bewegte. Aber
drauen in seinem weiteren Vaterlande war auf den Aufschwung des
ffentlichen Lebens, den die Revolutionsjahre gebracht hatten, eine
Periode der Erschlaffung, des Stillstandes und der Umkehr gefolgt, zu
de, um einen lebendigen Sinn zu beschftigen, und so besa er denn
Geist genug, um den Spruch von der blo symbolischen Bedeutung alles
menschlichen Tuns zu seiner Lieblingswahrheit zu machen und alles, was
an Wollen, Knnen, Enthusiasmus und aktivem Schwung sein eigen war, in
den Dienst des kleinen Gemeinwesens zu stellen, in dessen Bezirk sein
Name zu den ersten gehrte -- sowie in den Dienst dieses Namens und des
Firmenschildes, das er ererbt ... Geist genug, seinen Ehrgeiz, es im
kleinen zu Gre und Macht zu bringen, gleichzeitig zu belcheln und
ernst zu nehmen.

Kaum hatte er, von Anton bedient, im Speisezimmer das Frhstck
genommen, so machte er Straentoilette und begab sich in sein Kontor an
der Mengstrae. Er verweilte dort nicht viel lnger als eine Stunde. Er
schrieb zwei oder drei dringende Briefe und Telegramme, erteilte diese
oder jene Weisung, gab gleichsam dem groen Triebrade des Geschftes
einen kleinen Sto und berlie dann die berwachung des Fortganges dem
bedchtigen Seitenblick des Herrn Marcus.

Er zeigte sich und sprach in Sitzungen und Versammlungen, verweilte an
der Brse unter den gotischen Arkaden am Marktplatz, tat
Inspektionsgnge an den Hafen, in die Speicher, verhandelte als Reeder
mit Kapitnen ... und es folgten, unterbrochen nur durch ein flchtiges
Frhstck mit der alten Konsulin und das Mittagessen mit Gerda, nach
welchem er eine halbe Stunde auf dem Diwan mit einer Zigarre und der
Zeitung verbrachte, bis in den Abend hinein eine Menge von Arbeiten:
handelte es sich nun um sein eigenes Geschft oder um Zoll, Steuer, Bau,
Eisenbahn, Post, Armenpflege; auch in Gebiete, die ihm eigentlich
fernlagen und in der Regel den Gelehrten zustanden, verschaffte er
sich Einsicht, und besonders in Finanzangelegenheiten bewies er rasch
eine glnzende Begabung...

Er htete sich, das gesellige Leben zu vernachlssigen. Zwar lie in
dieser Beziehung seine Pnktlichkeit zu wnschen brig, und bestndig
erst in der letzten Sekunde, wenn seine Gattin, in groer Toilette, und
der Wagen unten schon eine halbe Stunde gewartet hatten, erschien er mit
einem Pardon, Gerda; Geschfte... um sich hastig in den Frack zu
werfen. Aber an Ort und Stelle, bei Diners, Bllen und Abendgesellschaften
verstand er es doch, ein lebhaftes Interesse an den Tag zu legen, sich
als liebenswrdigen Causeur zu zeigen ... und er und seine Gattin
standen den anderen reichen Husern an Reprsentation nicht nach; seine
Kche, sein Keller galten fr tip-top, er war als verbindlicher,
aufmerksamer und umsichtiger Gastgeber geschtzt, und der Witz seiner
Toaste erhob sich ber das Durchschnittsniveau. Stille Abende aber
verbrachte er in Gerdas Gesellschaft, indem er rauchend ihrem
Geigenspiel lauschte oder ein Buch mit ihr las, deutsche, franzsische
und russische Erzhlungen, die sie auswhlte...

So arbeitete er und zwang den Erfolg, denn sein Ansehen wuchs in der
Stadt, und trotz der Kapitalsentziehungen durch Christians Etablierung
und Tonys zweite Heirat hatte die Firma vortreffliche Jahre. Bei alledem
aber gab es manches, was fr Stunden seinen Mut lhmte, die Elastizitt
seines Geistes beeintrchtigte, seine Stimmung trbte.

Da war Christian in Hamburg, dessen Sozius, Herr Burmeester, im Frhling
dieses Jahres 58 ganz pltzlich einem Schlaganfalle erlag. Seine Erben
entzogen der Firma das Kapital des Verstorbenen, und der Konsul
widerriet es seinem Bruder dringend, sie mit seinen eigenen Mitteln
fortzufhren, denn er wisse wohl, wie schwer es sei, ein grer
zugeschnittenes Geschft mit pltzlich stark vermindertem Kapital zu
halten. Aber Christian drang auf die Fortdauer seiner Selbstndigkeit,
er bernahm Aktiva und Passiva von H.C.F. Burmeester & Comp. ... und
Unannehmlichkeiten standen zu befrchten.

Da war ferner des Konsuls Schwester Klara in Riga ... Da ihre Ehe mit
dem Pastor Tiburtius ohne Kindersegen geblieben war, mochte hingehen,
denn Klara Buddenbrook hatte sich niemals Kinder gewnscht und besa
ohne Zweifel hchst wenig mtterliches Talent. Aber ihre Gesundheit
lie, ihren und ihres Mannes Briefen zufolge, allzuviel zu wnschen
brig, und die Gehirnschmerzen, an denen sie schon als junges Mdchen
gelitten, traten, so hie es, neuerdings periodisch in fast
unertrglichem Grade auf.

Das war beunruhigend. Eine dritte Sorge aber bestand darin, da auch
hier, an Ort und Stelle selbst, fr das Fortleben des Familiennamens
noch immer keine Sicherheit gegeben war. Gerda behandelte diese Frage
mit einem souvernen Gleichmut, der einer degoutierten Ablehnung uerst
nahe kam. Thomas verschwieg seinen Kummer. Die alte Konsulin aber nahm
die Sache in die Hand und zog Grabow beiseite. Doktor, unter uns, da
mu endlich etwas geschehen, nicht wahr? Ein bichen Bergluft in Kreuth
und ein bichen Seeluft in Glcksburg oder Travemnde scheint da nicht
anzuschlagen. Was meinen Sie... Und Grabow, weil sein angenehmes
Rezept: Strenge Dit; ein wenig Taube, ein wenig Franzbrot in diesem
Falle doch wohl wieder einmal nicht energisch genug eingegriffen haben
wrde, verordnete Pyrmont und Schlangenbad...

Das waren drei Bedenken. Und Tony? -- Arme Tony!


Achtes Kapitel

Sie schrieb: Und wenn ich `Frikadellen sage, so begreift sie es nicht,
denn es heit hier `Pflanzerln; und wenn sie `Karfiol sagt, so findet
sich wohl nicht so leicht ein Christenmensch, der darauf verfllt, da
sie Blumenkohl meint; und wenn ich sage: `Bratkartoffeln, so schreit
sie so lange `Wahs!, bis ich `Gerhste Kartoffeln sage, denn so heit
es hier, und mit `Wahs meint sie `Wie beliebt. Und das ist nun schon
die zweite, denn die erste Person, welche Kathi hie, habe ich mir
erlaubt, aus dem Hause zu schicken, weil sie immer gleich grob wurde;
oder wenigstens schien es mir so, denn ich kann mich auch geirrt haben,
wie ich nachtrglich einsehe, denn man wei hier nicht recht, ob die
Leute eigentlich grob oder freundlich reden. Diese jetzige, welche
Babette heit, was Babett auszusprechen ist, hat brigens ein recht
angenehmes Exterieur und schon etwas ganz Sdliches, wie es hier manche
gibt, mit schwarzem Haar und schwarzen Augen und Zhnen, um die man sie
beneiden knnte. Auch sie ist willig und bereitet unter meiner Anleitung
manches von unseren heimatlichen Gerichten, so gestern zum Beispiel
Sauerampfer mit Korinthen, aber davon habe ich groen Kummer gehabt,
denn Permaneder nahm mir dies Gemse so bel (obgleich er die Korinthen
mit der Gabel herauspickte), da er den ganzen Nachmittag nicht mit mir
sprach, sondern nur murrte, und kann ich sagen, Mutter, da das Leben
nicht immer leicht ist.

Allein, es waren nicht nur die Pflanzerln und der Sauerampfer, die ihr
das Leben verbitterten ... Gleich in den Flitterwochen hatte ein Schlag
sie getroffen, ein Unvorhergesehenes, Ungeahntes, Unfaliches war ber
sie hereingebrochen, ein Ereignis, das ihr alle Freudigkeit genommen
hatte und das sie nicht zu verwinden vermochte. Dieses Ereignis war
folgendes.

Erst als das Ehepaar Permaneder bereits einige Wochen in Mnchen lebte,
hatte Konsul Buddenbrook die testamentarisch fixierte Mitgift seiner
Schwester, das heit 51000 Mark Kurant, flssig machen knnen, und diese
Summe war hierauf, in Gulden umgesetzt vollkommen richtig in Herrn
Permaneders Hnde gelangt. Herr Permaneder hatte sie sicher und nicht
ungnstig deponiert. Was er aber dann, ohne Zgern und Errten, seiner
Gattin gesagt hatte, war dies: Tonerl -- er nannte sie Tonerl --
Tonerl, mir war's gnua. Mehr brauchen mer nimmer. I hab' mi allweil
g'schunden, und jetzt will i mei Ruh, Himmi Sakrament. Mer vermieten's
Parterre und die zwoate Etasch, und dahier hamer a guate Wohnung und
knnen a Schweinshaxen essen und brauchen uns net allweil gar so nobi
z'sammrichten und aufdrahn ... und am Abend hab' i 's Hofbruhaus. I bin
ka Prozen net und mag net allweil a Gld z'ammscharrn; i mag mei
G'matlichkeit! Von morgen ab mach' i Schlu und werd' Privatier!

Permaneder! hatte sie ausgerufen, und zwar zum ersten Male mit dem
ganz besonderen Kehllaut, mit dem sie Herrn Grnlichs Namen zu nennen
pflegte. Er aber hatte nur geantwortet: A geh, sei stad! und dann
hatte ein Streit sich entsponnen, wie er, so frh, so ernst und heftig,
das Glck einer Ehe fr alle Zeit erschttern mu ... Er war Sieger
geblieben. Ihr leidenschaftlicher Widerstand war an seinem Drang nach
G'matlichkeit gescheitert, das Ende war gewesen, da Herr Permaneder
sein in dem Hopfengeschft steckendes Kapital liquidiert hatte, so da
nun Herr Noppe seinerseits das Komp. auf seiner Karte blau
durchstreichen konnte ... und wie die Mehrzahl seiner Freunde, mit denen
er abends am Stammtische im Hofbruhause Karten spielte und seine
regelmigen drei Liter trank, beschrnkte Tonys Gatte nun seine
Ttigkeit auf Mietesteigern als Hausbesitzer und ein bescheidenes und
friedliches Kuponschneiden.

Der Konsulin war dies ganz einfach mitgeteilt worden. In den Briefen
aber, die Frau Permaneder darber an ihren Bruder geschrieben hatte, war
der Schmerz zu erkennen gewesen, den sie empfand ... arme Tony! ihre
schlimmsten Befrchtungen waren weitaus bertroffen worden. Sie hatte
zuvor gewut, da Herr Permaneder nichts von der Regsamkeit besa, von
der ihr erster Gatte zu viel an den Tag gelegt hatte; da er aber so
gnzlich die Erwartungen zuschanden machen werde, die sie noch am
Vorabend ihrer Verlobung gegen Mamsell Jungmann ausgesprochen hatte, da
er so vllig die Verpflichtungen verkennen werde, die er bernahm,
indem er eine Buddenbrook ehelichte, das hatte sie nicht geahnt...

Es mute verwunden werden, und ihre Familie zu Hause ersah aus ihren
Briefen, wie sie resignierte. Ziemlich einfrmig lebte sie mit ihrem
Manne und Erika, welche die Schule besuchte, dahin, besorgte ihren
Hausstand, verkehrte freundschaftlich mit den Leuten, die fr das
Parterre und den ersten Stock sich als Mieter gefunden hatten, sowie mit
der Familie Niederpaur am Marienplatz und berichtete dann und wann von
Hoftheaterbesuchen, die sie mit ihrer Freundin Eva vornahm, denn Herr
Permaneder liebte dergleichen nicht, und es erwies sich, da er, der in
seinem liaben Mnchen mehr als vierzig Jahre alt geworden war, noch
niemals das Innere der Pinakothek erblickt hatte.

Die Tage gingen ... Die rechte Freude aber an ihrem neuen Leben war fr
Tony dahin, seit Herr Permaneder sich sofort nach dem Empfang ihrer
Mitgift zur Ruhe gesetzt hatte. Die Hoffnung fehlte. Niemals wrde sie
einen Erfolg, einen Aufschwung nach Hause berichten knnen. So wie es
jetzt war, sorglos aber beschrnkt und so herzlich wenig vornehm, so
sollte es unabnderlich bleiben bis an ihr Lebensende. Das lastete auf
ihr. Und aus ihren Briefen ging ganz deutlich hervor, da gerade diese
nicht sehr gehobene Stimmung ihr die Eingewhnung in die sddeutschen
Verhltnisse erschwerte. Es ging ja im einzelnen. Sie lernte es, sich
mit den Dienstmdchen und Lieferanten zu verstndigen, Pflanzerln
statt Frikadellen zu sagen und ihrem Manne keine Fruchtsuppe mehr
vorzusetzen, nachdem er dergleichen als a G'schlamp, a z'widres
bezeichnet hatte. Aber im groen ganzen blieb sie stets eine Fremde in
ihrer neuen Heimat, denn die Empfindung, da eine geborene Buddenbrook
zu sein hier unten durchaus nichts Bemerkenswertes war, bedeutete eine
bestndige, eine unaufhrliche Demtigung fr sie, und wenn sie
brieflich erzhlte, irgendein Maurersmann habe sie, in der einen Hand
einen Makrug und in der anderen einen Radi am Schwanze, auf der Strae
angeredet und gesagt: I bitt', wiea spt is', Frau Nachborin?, so war
trotz aller Scherzhaftigkeit ein sehr starker Unterton von Entrstung
fhlbar, und man konnte berzeugt sein, da sie den Kopf zurckgelegt
und den Mann weder einer Antwort noch eines Blickes gewrdigt hatte ...
brigens war es nicht diese Formlosigkeit und dieser geringe Sinn fr
Distanz allein, was ihr fremd und unsympathisch blieb: Sie drang nicht
tief in das Mnchener Leben und Treiben ein, aber es umgab sie doch die
Mnchener Luft, die Luft einer groen Stadt, voller Knstler und Brger,
die nichts taten, eine ein wenig demoralisierte Luft, die mit Humor
einzuatmen ihre Stimmung ihr oft verwehrte.

Die Tage gingen ... Dann aber schien doch ein Glck kommen zu wollen,
und zwar dasjenige, welches man in der Breiten Strae und der
Mengstrae vergeblich ersehnte, denn nicht lange nach dem Neujahrstage
1859 ward die Hoffnung zur Gewiheit, da Tony zum zweiten Male Mutter
werden sollte.

Die Freude zitterte nun gleichsam in ihren Briefen, die so voll von
bermtigen, kindlichen und gewichtigen Redewendungen waren, wie lange
nicht mehr. Die Konsulin, welche, abgesehen von ihren Sommerfahrten, die
sich brigens mehr und mehr auf den Ostseestrand beschrnkten, das
Reisen nicht mehr liebte, bedauerte, ihrer Tochter in dieser Zeit
fernbleiben zu mssen und versicherte sie nur schriftlich des gttlichen
Beistandes; Tom aber sowohl wie Gerda meldeten sich zur Taufe an, und
Tonys Kopf war erfllt von Plnen in betreff eines =vornehmen= Empfanges
... Arme Tony! Dieser Empfang sollte sich unendlich traurig gestalten,
und diese Taufe, die ihr als ein entzckendes kleines Fest mit Blumen,
Konfekt und Schokolade vor Augen geschwebt hatte, sollte berhaupt nicht
stattfinden, -- denn das Kind, ein kleines Mdchen, sollte nur ins Leben
treten, um nach einer armen Viertelstunde, whrend welcher der Arzt sich
vergeblich bemhte, den unfhigen kleinen Organismus in Gang zu halten,
dem Dasein schon nicht mehr anzugehren...

Konsul Buddenbrook und seine Gattin fanden, als sie in Mnchen
eintrafen, Tony selbst nicht auer Gefahr. Weit schwerer als das
erstemal lag sie danieder, und whrend mehrerer Tage verweigerte ihr
Magen, an dessen nervser Schwche sie schon vorher hie und da gelitten
hatte, die Annahme fast jeder Nahrung. Indessen, sie genas, und die
Buddenbrooks konnten in dieser Beziehung beruhigt abreisen, -- wenn auch
andererseits nicht ohne Nachdenklichkeit, denn es hatte sich ihnen
allzu deutlich gezeigt und besonders der Beobachtung des Konsuls war es
nicht entgangen, da nicht einmal das gemeinsame Leid imstande gewesen
war, die beiden Gatten einander erheblich zu nhern.

Nichts gegen Herrn Permaneders gutes Herz ... Er war aufrichtig
erschttert gewesen, dicke Trnen waren angesichts seines leblosen
Kindes aus den verquollenen uglein ber die zu aufgetriebenen Wangen in
den ausgefransten Schnauzbart geflossen, und er hatte mehrere Male mit
schwerem Seufzen hervorgebracht: Es is halt a Kreiz! A Kreiz is'! O
mei! Aber seine G'matlichkeit hatte nach Tonys Begriffen nicht lange
genug darunter gelitten, seine Abendstunden im Hofbruhaus hatten ihn
bald darber hinweggebracht, und mit dem bequemen, gutmtigen, ein
bichen mrrischen und ein bichen stumpfsinnigen Fatalismus, der in
seinem Es is halt a Kreiz! enthalten war, wurstelte er fort.

Tonys Briefe aber verloren von nun an nicht mehr den Ton von
Hoffnungslosigkeit und selbst von Anklage ... Ach, Mutter, schrieb
sie, was kommt auch alles auf mich herab! Erst Grnlich und der
Bankerott und dann Permaneder als Privatier und dann das tote Kind.
Womit habe ich soviel Unglck verdient!

Der Konsul, zu Hause, wenn er solche uerungen las, konnte sich eines
Lchelns nicht erwehren, denn trotz alles Schmerzes, der in den Zeilen
steckte, versprte er einen Unterton von beinahe drolligem Stolz, und er
wute, da Tony Buddenbrook als Madame Grnlich sowohl wie als Madame
Permaneder immer ein Kind blieb, da sie alle ihre sehr erwachsenen
Erlebnisse fast unglubig, dann aber mit kindlichem Ernst, kindlicher
Wichtigkeit und -- vor allem -- kindlicher Widerstandsfhigkeit erlebte.

Sie begriff nicht, womit sie Leid verdient habe; denn, obgleich sie sich
ber die groe Frmmigkeit ihrer Mutter mokierte, war sie selbst so voll
davon, da sie an Verdienst und Gerechtigkeit auf Erden inbrnstig
glaubte ... arme Tony! Der Tod ihres zweiten Kindes war weder der letzte
noch der hrteste Schlag, der sie treffen sollte...

Als das Jahr 1859 sich zu Ende neigte, geschah etwas Frchterliches...


Neuntes Kapitel

Es war ein Tag gegen Ende des Novembers, ein kalter Herbsttag mit
dunstigem Himmel, der beinahe schon Schnee versprach, und wallendem
Nebel, den hie und da die Sonne durchdrang, einer von den Tagen, an
denen in der Hafenstadt der scharfe Nordost mit einem tckischen Pfeifen
um die massigen Ecken der Kirchen sauste und eine Lungenentzndung
wohlfeil zu haben war.

Als gegen Mittag Konsul Thomas Buddenbrook ins Frhstckszimmer trat,
fand er seine Mutter, die Brille auf der Nase, am Tische ber ein Papier
gebeugt.

Tom, sagte sie, indem sie ihn anblickte und das Papier mit beiden
Hnden beiseitehielt, als zgere sie, es ihm zu zeigen ... Erschrick
nicht ... Etwas Unangenehmes ... Ich begreife nicht ... Es ist aus
Berlin ... Es mu etwas geschehen sein...

Bitte! sagte er kurz. Er verfrbte sich, und einen Augenblick traten
die Muskeln an seinen Schlfen hervor, denn er bi die Zhne zusammen.
Er streckte mit einer uerst entschiedenen Bewegung die Hand aus, als
wollte er sagen: Nur schnell, bitte, das Unangenehme, nur keine
Vorbereitungen!

Stehend las er die Zeilen auf dem Papier, indem er eine seiner hellen
Brauen emporzog und langsam die lange Spitze seines Schnurrbartes durch
die Finger zog. Es war ein Telegramm und lautete: Erschreckt nicht.
Komme umgehend mit Erika. Alles ist zu Ende. Eure unglckliche Antonie.

Umgehend ... umgehend, sagte er gereizt und sah die Konsulin mit
schnellem Kopfschtteln an. Was heit umgehend...

Das ist nur so eine Redensart, Tom, das hat nichts zu bedeuten. Sie
meint: `Sogleich oder etwas hnliches...

Und aus Berlin? Was tut sie in Berlin? Wie kommt sie nach Berlin?

Ich wei es nicht, Tom, ich begreife es noch nicht; die Depesche ist
vor zehn Minuten gekommen. Aber es mu etwas geschehen sein, und wir
mssen abwarten, was es ist. Gott wird geben, da alles sich zum Guten
wendet. Setze dich, mein Sohn, und i.

Er nahm Platz und schenkte sich mechanisch Porter in das dicke, hohe
Glas.

Alles ist zu Ende, wiederholte er. Und dann `Antonie. --
Kindereien...

Dann a und trank er schweigend.

Nach einer Weile wagte die Konsulin zu bemerken: Sollte es etwas mit
Permaneder sein, Tom?

Er zuckte nur die Achseln, ohne aufzusehen.

Beim Weggehen, den Trgriff in der Hand, sagte er: Ja, Mutter, wir
mssen sie erwarten. Da sie dir vermutlich nicht spt in der Nacht ins
Haus fallen will, wird es wohl morgen im Laufe des Tages sein. Da man
mich benachrichtigt, bitte...

                   *       *       *       *       *

Die Konsulin wartete von Stunde zu Stunde. Sie ruhte hchst ungengend
in der Nacht, klingelte nach Ida Jungmann, die jetzt neben ihr im
hintersten Zimmer des Zwischengeschosses schlief, lie sich Zuckerwasser
bereiten und sa sogar whrend lngerer Zeit mit einer Handarbeit
aufrecht im Bett. Auch der nchste Vormittag verstrich in ngstlicher
Spannung. Beim zweiten Frhstck erklrte der Konsul, da Tony, wenn sie
kme, nur drei Uhr dreiunddreiig Minuten nachmittags von Bchen
eintreffen knne. Um diese Zeit sa die Konsulin im Landschaftszimmer
am Fenster und versuchte, in einem Buche zu lesen, auf dessen schwarzem
Lederdeckel ein in Gold gepreter Palmzweig zu sehen war.

Es war ein Tag wie gestern: Klte, Dunst und Wind; hinter dem blanken
Schmiedeeisengitter knisterte der Ofen. Die alte Dame erbebte und
blickte hinaus, sobald Wagenrder vernehmbar wurden. Und dann, um vier
Uhr, als sie eben nicht achtgegeben und beinahe ihrer Tochter vergessen
hatte, entstand eine Bewegung unten im Hause ... Sie wandte hastig den
Oberkrper zum Fenster, sie wischte mit dem Spitzentuch den tropfenden
Beschlag von der Scheibe: in der Tat, eine Droschke hielt drunten, und
schon kam man die Treppe herauf!

Sie erfate mit den Hnden die Armlehnen des Stuhles, um aufzustehen;
aber sie besann sich eines Besseren, lie sich wieder zurcksinken und
drehte nur mit beinahe abwehrendem Ausdruck den Kopf ihrer Tochter
entgegen, die, whrend Erika Grnlich an Ida Jungmanns Hand bei der
Glastr stehenblieb, mit schnellen und fast strzenden Schritten durch
das Zimmer kam.

Frau Permaneder trug einen pelzbesetzten berwurf und einen lnglichen
Filzhut mit Schleier. Sie sah sehr bleich und angegriffen aus, ihre
Augen waren gertet, und ihre Oberlippe bebte wie frher, wenn Tony als
Kind geweint hatte. Sie erhob die Arme, lie sie wieder sinken und glitt
alsdann bei ihrer Mutter auf die Knie nieder, indem sie das Gesicht in
den Kleiderfalten der alten Dame verbarg und bitterlich aufschluchzte.
Dies alles machte den Eindruck, als sei sie in dieser Weise geraden
Weges von Mnchen in einem Atem dahergestrmt -- und da lag sie nun, am
Ziele ihrer Flucht, erschpft und gerettet. Die Konsulin schwieg einen
Augenblick.

Tony! sagte sie dann mit zrtlichem Vorwurf, zog vorsichtig die groe
Nadel hervor, die Frau Permaneders Hut an ihrer Frisur befestigte, legte
den Hut auf die Fensterbank und streichelte liebevoll und beruhigend mit
beiden Hnden das starke, aschblonde Haar ihrer Tochter...

Was ist, mein Kind ... Was ist geschehen?

Aber man mute sich mit Geduld waffnen, denn es dauerte noch ziemlich
lange, bis dieser Frage eine Antwort zuteil wurde.

Mutter, brachte Frau Permaneder hervor ... Mama! Allein dabei blieb
es.

Die Konsulin erhob den Kopf nach der Glastr, und whrend sie mit einem
Arm ihre Tochter umfing, streckte sie die freie Hand ihrer Enkelin
entgegen, die dort, einen Zeigefinger am Munde, verlegen stand.

Komm, Kind; komm her und sage guten Tag. Du bist gro geworden und
siehst frisch und wohl aus, wofr wir Gott danken wollen. Wie alt bist
du nun, Erika?

Dreizehn, Gromama...

Tausend! Eine Dame...

Und ber Tonys Kopf hinweg kte sie das kleine Mdchen, worauf sie
fortfuhr: Geh' nun mit Ida hinauf, mein Kind, wir werden bald essen.
Aber jetzt hat Mama mit mir zu reden, weit du.

Sie blieben allein.

Nun, meine liebe Tony? Willst du nicht aufhren zu weinen? Wenn Gott
uns eine Prfung schickt, so sollen wir sie mit Fassung ertragen. Nimm
dein Kreuz auf dich, heit es ... Aber hast du vielleicht den Wunsch,
ebenfalls erst hinaufzugehen, ein wenig zu ruhen und dich zu erfrischen
und dann zu mir herunterzukommen? Unsere gute Jungmann hat dein Zimmer
vorbereitet ... Ich danke dir fr dein Telegramm. Es hat uns recht sehr
erschreckt... Sie unterbrach sich, denn Laute drangen bebend und
gedmpft aus ihren Kleiderfalten hervor: Er ist ein verworfener Mensch
... ein verworfener Mensch ist er ... ein verworfener...

ber dieses starke Wort kam Frau Permaneder nicht hinweg. Es schien sie
vllig zu beherrschen. Sie prete ihr Gesicht dabei fester in den Scho
der Konsulin und machte neben dem Stuhle sogar eine Faust.

Solltest du etwa deinen Mann damit meinen, mein Kind? fragte die alte
Dame nach einer Pause. Ich sollte nicht auf diesen Gedanken kommen, ich
wei es; aber es bleibt mir nichts anderes zu denken brig, Tony. Hat
Permaneder dir Leid zugefgt? Hast du dich ber ihn zu beklagen?

Babett...! stie Frau Permaneder hervor ... Babett...!

Babette? wiederholte die Konsulin fragend ... Dann lehnte sie sich
zurck und lie ihre hellen Augen durchs Fenster schweifen. Sie wute
nun, um was es sich handelte. Eine Pause trat ein, die dann und wann von
Tonys allmhlich seltener werdendem Schluchzen unterbrochen ward.

Tony, sagte die Konsulin nach einer Weile, ich sehe nun, da dir in
der Tat ein Kummer zugefgt worden ist ... da dir Grund zur Klage
gegeben wurde ... Aber war es ntig, diese Klage so strmisch zu uern?
War diese Reise von Mnchen hierher notwendig, zusammen mit Erika, so
da es fr weniger verstndige Leute als ich und du beinahe den Anschein
haben knnte, als wolltest du niemals zu deinem Manne zurckkehren...?

Das will ich auch nicht!... Nie...! rief Frau Permaneder, indem sie
mit einem Ruck den Kopf erhob, ihrer Mutter aus weinenden Augen ganz
wild ins Gesicht blickte und dann ebenso pltzlich ihr Antlitz wieder
in den Kleiderfalten verbarg. Die Konsulin berhrte diesen Ausruf.

--Nun aber, setzte sie mit erhhter Stimme ein und wandte langsam
ihren Kopf von einer Seite zur anderen ... nun aber, da du hier bist,
ist es gut so. Denn nun wirst du dein Herz erleichtern knnen und wirst
mir alles erzhlen, und dann wollen wir sehen, wie mit Liebe, Nachsicht
und Bedacht der Schaden zu korrigieren ist.

Nie! sagte Tony noch einmal. Nie! Aber dann erzhlte sie, und
obgleich man nicht jedes Wort verstand, denn sie sprach in den faltigen
Tuchrock der Konsulin hinein, und ihr Bericht war explosiv und von
Ausrufen der uersten Entrstung zerrissen, so ward doch klar, da ganz
einfach folgender Sachverhalt bestand.

Um die Mitternacht zwischen dem 24. und 25. des laufenden Monats war
Madame Permaneder, die whrend des Tages an Strungen der Magennerven
gelitten und sehr spt Ruhe gefunden hatte, aus einem leichten Schlummer
geweckt worden. Ein anhaltendes Gerusch dort vorn an der Treppe war
schuld daran gewesen, ein schlecht unterdrckter, geheimnisvoller Lrm,
in dem man das Knarren der Stufen, ein hustendes Gekicher, geprete
Worte der Abwehr und ganz sonderbare knurrende und chzende Laute
unterschied ... Nicht einen Augenblick konnte man ber das Wesen dieses
Gerusches im Zweifel sein. Frau Permaneder hatte nicht sobald, mit noch
schlaftrunkenen Sinnen, etwas davon aufgefangen, als sie es auch schon
begriffen, als sie auch schon das Blut hatte aus ihren Wangen weichen
fhlen und zum Herzen strmen, das sich zusammengezogen und mit
schweren, beklemmenden Schlgen fortgearbeitet hatte. Whrend einer
langen, grausamen Minute hatte sie wie betubt, wie gelhmt in den
Kissen gelegen; dann aber, als dieses schamlose Gerusch nicht
verstummte, hatte sie mit bebenden Hnden Licht gemacht, hatte voll
Verzweiflung, Grimm und Abscheu das Bett verlassen, hatte die Tr
aufgerissen und war in Pantoffeln, das Licht in der Hand, nach vorn bis
in die Nhe der Treppe geeilt: jener schnurgeraden Himmelsleiter, die
von der Haustr direkt in das erste Stockwerk herauffhrte. Und dort,
auf den oberen Stufen eben dieser Himmelsleiter, hatte sich ihr das
Bild in voller Krperlichkeit dargeboten, das sie drinnen im
Schlafzimmer, beim Lauschen auf das unzweideutige Gerusch, mit Augen,
die das Entsetzen erweiterte, schon im Geiste hatte erblicken mssen ...
Es war eine Balgerei gewesen, ein unerlaubter und unsittlicher Ringkampf
zwischen der Kchin Babette und Herrn Permaneder. Das Mdchen, ein
Schlsselbund und ebenfalls eine Kerze in der Hand, denn sie mute so
spt noch irgendwo im Hause beschftigt gewesen sein, hatte sich hin und
her gewunden und den Hausherrn abzuwehren gestrebt, der seinerseits, den
Hut auf dem Hinterkopfe, sie umschlungen gehalten und bestndig versucht
hatte, seinen Seehundsschnauzbart in ihr Gesicht zu drcken, was ihm hie
und da auch gelungen war ... Bei Antoniens Erscheinen hatte Babette
etwas wie Jessas, Maria und Joseph! hervorgestoen, Jessas, Maria und
Joseph! hatte Herr Permaneder wiederholt, hatte sie fahren lassen --
und whrend das Mdchen im selben Augenblick auf geschickte Weise
spurlos verschwunden gewesen war, hatte er mit hngenden Armen,
hngendem Kopfe und hngendem Schnauzbart vor seiner Gattin gestanden
und irgend etwas ausgemacht Unsinniges wie: Is ds a Hetz!... Es is
halt a Kreiz! gestammelt ... Sie war nicht mehr dagewesen, als er die
Augen aufzuschlagen gewagt hatte; drinnen im Schlafzimmer hatte er sie
gefunden: in halb sitzender, halb liegender Haltung, auf dem Bette, wie
sie unter verzweifeltem Schluchzen immer wieder das Wort Schande
wiederholt hatte. Er war, in schlaffer Haltung an die Tr gelehnt,
stehengeblieben, hatte eine ruckartige Schulterbewegung nach vorn
gemacht, als erteilte er ihr einen aufmunternden Rippensto, und hatte
gesagt: Sei stad! A, geh, sei stad, Tonerl! Schau, der Ramsauer Franzl
hat halt sei Namenstag g'feiert heit abend ... Wir san alle a weng
schwar... Aber der stark alkoholische Geruch, den er im Zimmer
verbreitet, hatte ihre Exaltation zum Gipfel gebracht. Sie hatte nicht
mehr geschluchzt, sie war nicht lnger hinfllig und schwach gewesen,
ihr Temperament hatte sie emporgerissen, und mit der Malosigkeit der
Verzweiflung hatte sie ihm laut ihren ganzen Ekel, ihren ganzen Abscheu,
ihre fundamentale Verachtung seines ganzen Seins und Wesens ins Gesicht
geschleudert ... Herr Permaneder war nicht stillgeblieben. Sein Kopf
war hei gewesen, denn er hatte seinem Freunde Ramsauer zu Ehren nicht
nur viele Ma߫, sondern auch Schampaninger getrunken; er hatte
geantwortet, wild geantwortet, ein Streit hatte sich entsponnen, weit
schrecklicher als derjenige bei Herrn Permaneders Rckzug in den
Ruhestand, Frau Antonie hatte ihre Kleider zusammengerafft, um sich ins
Wohnzimmer zurckzuziehen ... Da aber war, zum Schlusse, ein Wort ihr
nachgeklungen, ein Wort seinerseits, ein Wort, das sie nicht wiederholen
wrde, das ber ihre Lippen niemals kommen wrde, ein Wort ... ein
Wort...

Dies alles war der hauptschlichste Inhalt der Gestndnisse, die Madame
Permaneder in die Kleiderfalten ihrer Mutter hinein verlauten lie. ber
das Wort aber, dieses Wort, das sie in jener frchterlichen Nacht
bis in ihr Innerstes hinein hatte erstarren lassen, kam sie nicht
hinweg, sie wiederholte es nicht, oh, bei Gott, sie wiederholte es
nicht, beteuerte sie, obgleich die Konsulin durchaus nicht in sie drang,
sondern nur, kaum merklich, langsam und nachdenklich mit dem Kopfe
nickte, whrend sie auf Tonys schnes, aschblondes Haar herniedersah.

Ja, ja, sagte sie, da habe ich traurige Dinge hren mssen, Tony. Und
ich verstehe alles ganz gut, meine arme kleine Dirn, denn ich bin nicht
blo deine Mama, sondern auch eine Frau wie du ... Ich sehe nun, wie
sehr berechtigt dein Schmerz ist, wie vllig dein Mann whrend eines
Augenblickes der Schwche vergessen hat, was er dir schuldet...

Whrend eines Augenblickes?! rief Tony. Sie sprang auf. Sie trat zwei
Schritte zurck und trocknete fieberhaft ihre Augen. Whrend eines
Augenblickes, Mama?!... Was er mir und unserem Namen schuldig ist, das
hat er vergessen ... das hat er nicht gewut von Anfang an! Ein Mann,
der sich mit der Mitgift seiner Frau ganz einfach zur Ruhe setzt! Ein
Mann ohne Ehrgeiz, ohne Streben, ohne Ziele! Ein Mann, der statt des
Blutes einen dickflssigen Malz- und Hopfenbrei in den Adern hat ... ja,
davon bin ich berzeugt!... der sich dann noch zu solchen Niedrigkeiten
herbeilt, wie dies mit der Babett, und, wenn man ihm seine
Nichtswrdigkeit vorhlt, mit einem Worte antwortet ... einem
Worte...

Sie war wieder bei dem Worte angelangt, diesem Worte, das sie nicht
wiederholte. Pltzlich aber tat sie einen Schritt vorwrts und sagte mit
unvermittelt ruhiger und sanft interessierter Stimme: Wie allerliebst.
Woher ist das, Mama?

Sie wies mit dem Kinn auf einen kleinen Behlter, einen rohrgeflochtenen
Korb, einen zierlichen kleinen Stnder, mit Atlasschleifen geschmckt,
in dem die Konsulin seit einiger Zeit ihre Handarbeit zu bewahren
pflegte.

Ich habe ihn mir zugelegt, antwortete die alte Dame; ich hatte ihn
ntig.

Vornehm! ... sagte Tony, indem sie das Gestell mit seitwrts geneigtem
Kopfe betrachtete. Auch die Konsulin lie ihre Augen auf dem Gegenstande
ruhen, aber ohne ihn zu sehen, in tiefen Gedanken.

Nun, meine liebe Tony, sagte sie endlich, indem sie ihrer Tochter noch
einmal die Hnde entgegenstreckte, wie die Dinge auch liegen mgen: du
bist da, und so sei mir denn aufs herzlichste willkommen, mein Kind. Mit
ruhigerem Gemte wird sich alles besprechen lassen ... Lege ab, in
deinem Zimmer, mach' es dir bequem ... Ida!? rief sie mit erhobener
Stimme in den Esaal hinein. Da Kuverts aufgelegt werden fr Madame
Permaneder und Erika, Liebe!


Zehntes Kapitel

Tony hatte sich gleich nach Tische in ihr Schlafzimmer zurckgezogen,
denn whrend des Essens war ihr durch die Konsulin die Vermutung
besttigt worden, da Thomas um ihre Ankunft wisse ... und sie schien
auf das Zusammentreffen mit ihm nicht sonderlich begierig zu sein.

Um sechs Uhr nachmittags kam der Konsul herauf. Er begab sich ins
Landschaftszimmer, woselbst er eine lange Unterredung mit seiner Mutter
hatte.

Und wie ist sie? fragte er. Wie benimmt sie sich?

Ach, Tom, ich frchte, sie ist unvershnlich ... Mein Gott, sie ist so
sehr gereizt ... Und dann dieses Wort ... wenn ich nur das Wort wte,
das er gesagt hat...

Ich gehe zu ihr.

Tu' das, Tom. Aber klopfe leise, da sie nicht erschrickt, und bleibe
ruhig, hrst du? Ihre Nerven sind in Unordnung ... Sie hat fast nichts
gegessen ... Es ist ihr Magen, weit du ... Sprich mit Ruhe zu ihr.

Rasch, mit gewohnheitsmiger Eile immer eine Stufe berspringend, stieg
er die Treppe zur zweiten Etage empor, indem er sinnend an seinem
Schnurrbart drehte. Aber schon whrend er pochte, hellte sein Gesicht
sich auf, denn er war entschlossen, die Angelegenheit so lange wie nur
mglich mit Humor zu behandeln.

Er ffnete auf ein leidend klingendes Herein und fand Frau Permaneder
vollstndig angekleidet auf dem Bette liegend, dessen Vorhnge
zurckgeschlagen waren, das Plumeau hinter dem Rcken, ein Flschchen
mit Magentropfen neben sich auf dem Nachttischchen. Sie wandte sich ein
wenig, sttzte den Kopf auf die Hand und sah ihm mit einem schmollenden
Lcheln entgegen. Er verbeugte sich sehr tief, indem er mit
ausgebreiteten Hnden eine feierliche Geste beschrieb.

Gndige Frau...! Was verschafft uns die Ehre, diese Haupt- und
Residenzstdterin...

Gib mir einen Ku, Tom, sagte sie und richtete sich auf, um ihm ihre
Wange darzubieten und sich dann wieder zurcksinken zu lassen. Guten
Tag, mein guter Junge! Du bist ganz unverndert, wie ich sehe, seit
euren Mnchener Tagen!

Na, darber kannst du hier bei geschlossenen Rouleaus wohl kein Urteil
haben, meine Teure. Und jedenfalls httest du mir das Kompliment nicht
vor der Nase wegnehmen drfen, denn es gebhrt natrlich dir...

Er hatte, whrend er ihre Hand in der seinen hielt, einen Stuhl
herbeigezogen und sich zu ihr gesetzt.

Wie schon so oft ausgesprochen: du und Klothilde...

Pfui, Tom!... Wie geht es Thilda?

Gut, versteht sich! Madame Krauseminz sorgt fr sie und da sie nicht
hungert. Was aber nicht hindert, da Thilda hier Donnerstags ganz
ausnehmend schlingt, als wre es fr die nchste Woche im voraus...

Sie lachte so herzlich wie seit langer Zeit nicht mehr, brach dann aber
mit einem Seufzer ab und fragte: Und was machen die Geschfte?

Tja ... man schlgt sich durch. Man mu zufrieden sein...

Oh, Gott sei Dank, da =hier= wenigstens alles steht, wie es stehen
soll! Ach, ich bin gar nicht aufgelegt, vergngt zu schwatzen...

Schade. Den Humor soll man sich, _quand mme_, bewahren.

Nein, damit ist es aus, Tom. -- Du weit alles?

Du weit alles...! wiederholte er, lie ihre Hand fahren und setzte
mit einem Ruck seinen Stuhl ein Stck rckwrts. Heiliger Gott, wie das
klingt! `Alles! Was liegt alles in diesem `alles begraben! `Ich senkt'
auch meine Liebe und meinen Schmerz hinein, wie? Nein, hre mal...

Sie schwieg. Sie streifte ihn mit einem tief erstaunten und tief
gekrnkten Blick.

Ja, dies Gesicht habe ich erwartet, sagte er, denn ohne dieses
Gesicht wrest du ja nicht hier. Aber erlaube mir, meine gute Tony, da
ich die Sache um ebensoviel zu leicht nehme, als du sie zu schwer
nimmst, und du wirst sehen, da wir uns vorteilhaft ergnzen...

Zu schwer, Thomas, zu schwer...?

Ja; Herrgott, spielen wir doch nicht Tragdie! Reden wir ein bichen
bescheiden und nicht mit `Alles ist zu Ende und `Eure unglckliche
Antonie! Versteh' mich recht, Tony; du weit gut, da ich der erste
bin, der sich so herzlich ber dein Kommen freut. Ich habe schon lange
gewnscht, du mchtest einmal zu Besuch kommen, ohne deinen Mann, da
wir wieder einmal so ganz _en famille_ beieinander sitzen knnten. Aber,
da du =jetzt= kommst und =so= kommst, pardon, das ist eine Dummheit,
mein Kind!... Ja ... la mich zu Ende sprechen! -- Permaneder hat sich
reichlich mangelhaft betragen, das mu wahr sein, und das werde auch ich
ihm zu verstehen geben, sei berzeugt...

=Wie= er sich betragen hat, Thomas, unterbrach sie ihn, indem sie sich
aufrichtete und eine Hand auf ihre Brust legte, das habe ich ihm schon
zu verstehen gegeben und nicht nur `zu verstehen gegeben, will ich dir
sagen. Weitere Auseinandersetzungen mit dem Manne halte ich, meinem
Taktgefhle nach, fr vollkommen unangebracht! Damit lie sie sich
wieder zurckfallen und blickte streng und unbewegt zur Decke empor.

Er neigte sich, wie unter dem Gewichte ihrer Worte, und dabei blickte er
lchelnd auf seine Knie nieder.

Na, so werde ich ihm denn also =keinen= groben Brief schreiben: ganz
wie du befiehlst. Zuletzt ist es ja deine Angelegenheit, und es gengt
durchaus, da du selbst ihm den Kopf zurechtsetzest; als seine Frau bist
du berufen dazu. Bei Lichte besehen, sind ihm ja brigens die mildernden
Umstnde nicht abzusprechen. Ein Freund hat Namenstag gefeiert, er kommt
in festlicher Stimmung, in etwas zu guter Laune nach Hause und lt sich
einen kleinen bergriff, einen kleinen unziemlichen Seitensprung
zuschulden kommen...

Thomas, sagte sie, ich verstehe dich nicht. Ich verstehe nicht den
Ton, in dem du redest! Du ... Ein Mann von deinen Grundstzen ... Aber
du hast ihn nicht gesehen! Wie er sie anfate in seiner Betrunkenheit,
wie er aussah...

Komisch genug, wie ich mir denken kann. Aber das ist es ja, Tony: du
nimmst die Sache nicht komisch genug, und daran ist natrlich dein Magen
schuld. Du hast deinen Mann auf einer Schwche ertappt, du hast ihn ein
wenig lcherlich gesehen ... aber das sollte dich nicht so frchterlich
empren, sondern dich eher ein bichen amsieren und ihn dir menschlich
noch nher bringen ... Ich will dir eines sagen: du konntest sein
Betragen natrlich nicht ohne weiteres mit Lcheln und Stillschweigen
billigen, bewahre. Du bist abgereist: das war eine Demonstration, etwas
lebhaft vielleicht, vielleicht eine zu strenge Strafe -- denn wie
betrbt er in diesem Augenblick dasitzt, das mchte ich nicht sehen --
aber immerhin gerecht. Meine Bitte geht nur dahin, du mchtest die Dinge
etwas weniger entrstet und wenig mehr vom politischen Standpunkte aus
betrachten ... wir reden ja unter uns. Ich mu dir einmal andeuten, da
es doch in einer Ehe keineswegs gleichgltig ist, auf welcher Seite sich
das ... moralische bergewicht befindet ... versteh' mich, Tony! Dein
Mann hat sich eine Ble gegeben, darber besteht kein Zweifel. Er hat
sich kompromittiert, sich ein bichen lcherlich gemacht ... lcherlich
gerade darum, weil sein Vergehen so harmlos, so wenig ernsthaft zu
nehmen ist ... Kurz, seine Wrde ist nicht mehr unantastbar, eine
gewisse berlegenheit ist jetzt entschieden auf deiner Seite, und
gesetzt, da du sie geschickt zu nutzen verstehst, so ist dein Glck
gewi. Wenn du nun in ... sagen wir vierzehn Tagen -- ja, bitte, so
lange mu ich dich =mindestens= fr uns in Anspruch nehmen! -- in
vierzehn Tagen nach Mnchen zurckkehrst, so wirst du sehen...

Ich werde nicht nach Mnchen zurckkehren, Thomas.

Wie beliebt? fragte er, indem er sein Gesicht verzog, eine Hand ans
Ohr legte und sich vorwrts beugte...

Sie lag auf dem Rcken, den Hinterkopf fest in die Kissen gedrckt, so
da das Kinn mit einer gewissen Strenge vorgeschoben schien.
=Niemals=, sagte sie; worauf sie lang und geruschvoll ausatmete und
sich rusperte: langsam und ausdrcklich -- ein trockenes Ruspern, das
anfing, bei ihr zur nervsen Gewohnheit zu werden und wahrscheinlich mit
ihrem Magenleiden zusammenhing. -- Eine Pause trat ein.

Tony, sagte er pltzlich, indem er aufstand und seine Hand fest auf
die Lehne des Empirestuhles niedersinken lie, du machst mir keinen
Skandal!...

Ein Seitenblick belehrte sie, da er bleich war, und da die Muskeln an
seinen Schlfen arbeiteten. Ihre Lage war nicht lnger haltbar. Auch sie
geriet in Bewegung, und, um die Furcht zu verbergen, die sie vor ihm
empfand, ward sie laut und zornig. Sie schnellte empor, sie lie die
Fe vom Bette hinuntergleiten, und mit hitzigen Wangen,
zusammengezogenen Brauen und raschen Kopf- und Handbewegungen fing sie
an: Skandal, Thomas...?! Du magst mir befehlen, keinen Skandal zu
machen, wenn man mich mit Schande bedeckt, mir ganz einfach ins Gesicht
speit?! Ist das eines Bruders wrdig?... Ja, diese Frage mut du mir
geflligst erlauben! Rcksicht und Takt sind gute Sachen, bewahre! Aber
es gibt eine Grenze im Leben, Tom -- und ich kenne das Leben, so gut wie
du -- wo die Angst vor dem Skandale anfngt, Feigheit zu heien, ja! Und
ich wundere mich, da ich dir das sagen mu, die ich blo eine Gans und
ein dummes Ding bin ... Ja, das bin ich und verstehe es gut, wenn
Permaneder mich nie geliebt hat, denn ich bin alt und ein hliches
Weib, das mag sein, und Babett ist sicherlich hbscher. Aber das enthob
ihn nicht der Rcksicht, die er meiner Herkunft und meiner Erziehung und
meinem Empfinden schuldete! Du hast nicht gesehen, Tom, in welcher Weise
er diese Rcksicht verga, und wer es nicht gesehen hat, der wei gar
nichts, denn erzhlen lt es sich nicht, wie widerlich er war in seinem
Zustande ... Und du hast das Wort nicht gehrt, das er mir, mir, deiner
Schwester, nachgerufen hat, als ich meine Sachen nahm und das Zimmer
verlie, um im Wohnzimmer auf dem Sofa zu schlafen ... Ja! da habe ich
hinter mir aus seinem Munde ein Wort anhren mssen ... ein Wort ... ein
Wort...! ... Kurz, Thomas, dies Wort war es ganz eigentlich, da du es
weit, was mich veranlat, =gezwungen= hat, whrend der ganzen Nacht zu
packen und in aller Frhe Erika zu wecken und davonzugehen, denn bei
einem Manne, in dessen Nhe ich solcher Worte gewrtig sein mu, konnte
ich nicht bleiben, und zu einem solchen Manne werde ich, wie gesagt,
niemals zurckkehren ... oder ich mte verkommen und knnte mich nicht
mehr achten und htte keinen Halt mehr im Leben!

Willst du nun die Gte haben, mir dieses gottverdammte Wort
mitzuteilen, ja oder nein?

Niemals, Thomas! Niemals werde ich es mit meinen Lippen wiederholen!
Ich wei, was ich mir und dir in diesen Rumen schuldig bin...

Dann ist nicht mit dir zu reden!

Das mag sein; und ich wollte, wir redeten auch gar nicht mehr
darber...

Was willst du tun? Willst du dich scheiden lassen?

Das will ich, Tom. Das ist mein fester Entschlu. Das ist die
Handlungsweise, die ich mir selbst und meinem Kinde und euch allen
schuldig bin.

Na, das ist also Unsinn, sagte er gelassen, drehte sich auf dem
Absatze um und ging von ihr fort, als ob damit berhaupt das Ganze
erledigt sei. Zum Scheidenlassen gehren zwei, mein Kind; und da
Permaneder sich so ohne weiteres mit Vergngen dazu bereit finden wird,
der Gedanke ist doch wohl blo belustigend...

Oh, das la meine Sorge sein, sagte sie, ohne sich einschchtern zu
lassen. Du meinst, da er sich widersetzen wird, und zwar wegen meiner
17000 Taler Kurant; aber Grnlich hat auch nicht gewollt, und man hat
ihn gezwungen, da gibt es Mittel, und ich gehe zu Doktor Gieseke; das
ist Christians Freund, und der wird mir beistehen ... Gewi, es war
etwas anderes damals, ich wei, was du sagen willst. Damals war es
`Unfhigkeit des Mannes, seine Familie zu ernhren ja! Du siehst
brigens, da ich sehr wohl Bescheid wei in diesen Dingen, whrend du
wahrhaftig tust, als wre es das erstemal im Leben, da ich mich
scheiden lasse!... Aber das ist ganz gleich, Tom. Vielleicht geht es
nicht an und ist unmglich -- das mag sein; du kannst gern recht haben.
Aber das ndert nichts. Das ndert nichts an meinen Entschlssen. Dann
mag er die Groschen behalten -- es gibt hhere Dinge im Leben! Aber mich
sieht er niemals wieder.

Und darauf rusperte sie sich. Sie hatte das Bett verlassen, hatte sich
in dem Armsessel niedergelassen, einen Ellenbogen auf die Seitenlehne
gestemmt und das Kinn so fest in die Hand vergraben, da vier gekrmmte
Finger die Unterlippe gepackt hielten. So, den Oberkrper seitwrts
gewandt, blickte sie mit erregten und gerteten Augen starr durchs
Fenster hinaus.

Der Konsul schritt im Zimmer auf und ab, seufzte, schttelte den Kopf
und zuckte die Achseln. Schlielich blieb er mit gerungenen Hnden vor
ihr stehen.

Du bist ja ein Kindskopf, Tony! sagte er verzagt und flehend. Jedes
Wort, das du sprichst, ist ja eine Kinderei! Willst du dich nun nicht,
wenn ich dich bitte, dazu bequemen, die Dinge whrend eines einzigen
Augenblicks wie ein Erwachsener anzusehen?! Merkst du denn nicht, da du
dich benimmst, als httest du etwas Ernstes und Schweres erlebt, als
htte dein Mann dich grausam betrogen, dich vor aller Welt mit Schmach
berhuft!? Aber so bedenke doch nur, da ja nichts geschehen ist! Da
von diesem albernen Vorkommnis auf eurer Himmelsleiter in der
Kaufingerstrae ja keines Menschen Seele etwas wei! Da du deiner und
unserer Wrde durchaus keinen Abbruch tust, wenn du in aller Ruhe und
hchstens mit einer etwas mokanten Miene zu Permaneder zurckkehrst ...
im Gegenteil! da du unserer Wrde erst schadest, indem du das =nicht=
tust, denn erst dadurch machst du etwas aus dieser Bagatelle, erst
dadurch erregst du Skandal...

Sie lie rasch ihr Kinn los und sah ihm ins Gesicht.

Jetzt sei still, Thomas! Jetzt bin ich an der Reihe! Jetzt hre zu!
Wie? ist nur das Schande und Skandal im Leben, was laut wird und unter
die Leute kommt? Ach nein! Der heimliche Skandal, der im stillen an
einem zehrt und die Selbstachtung wegfrit, der ist viel schlimmer! Sind
wir Buddenbrooks Leute, die nach auen hin `tip-top sein wollen, wie
ihr hier immer sagt, und zwischen unseren vier Wnden dafr Demtigungen
hinunterwrgen? Tom, ich mu mich wundern ber dich! Stelle dir Vater
vor, wie er sich heute verhalten wrde, und dann urteile in seinem
Sinne! Nein, Sauberkeit und Offenheit mu herrschen ... Du kannst
tglich aller Welt deine Bcher zeigen und sagen: Da ... Anders darf es
mit keinem von uns sein. Ich wei, wie Gott mich gemacht hat. Ich
frchte mich gar nicht! La Julchen Mllendorpf nur an mir vorbergehen
und mich nicht gren! Und la Pfiffi Buddenbrook nur Donnerstags hier
sitzen und sich vor Schadenfreude schtteln und sagen: `Nun, das ist ja
leider schon das zweitemal, aber es hat =natrlich= beide Male an den
Mnnern gelegen! Ich bin so unsglich erhaben darber, Thomas! Ich
wei, da ich getan habe, was ich fr gut hielt. Aber aus Angst vor
Julchen Mllendorpf und Pfiffi Buddenbrook Beleidigungen
hinunterzuschlucken und mich in einem ungebildeten Bierdialekt
beschimpfen zu lassen ... aus Angst vor ihnen bei einem Manne, in einer
Stadt auszuhalten, wo ich mich an solche Worte, an solche Szenen, wie
die auf der Himmelsleiter, gewhnen mte, wo ich mich und meine
Herkunft und meine Erziehung und alles in mir ganz und gar verleugnen
lernen mte, nur um glcklich und zufrieden zu erscheinen, -- das nenne
=ich= unwrdig, das nenne =ich= skandals, will ich dir sagen...!

Sie brach ab, warf das Kinn wieder in die Hand und starrte erregt auf
die Fensterscheiben. Er stand vor ihr, auf ein Bein gesttzt, die Hnde
in den Hosentaschen, und lie seine Augen auf ihr ruhen, ohne sie zu
sehen, in Gedanken, und indem er langsam den Kopf hin und her bewegte.

Tony, sagte er, du machst mir nichts weis. Ich habe es schon vorher
gewut, aber in deinen letzten Worten hast du dich verraten. Es ist gar
nicht der Mann. Es ist die Stadt. Es ist gar nicht diese Albernheit auf
der Himmelsleiter. Es ist das Ganze berhaupt. Du hast dich nicht
akklimatisieren knnen. Sei aufrichtig.

Da hast du recht, Thomas! rief sie. Sie sprang sogar empor dabei und
wies ihm mit ausgestreckter Hand gerade ins Gesicht hinein. Ihr Gesicht
war rot. Sie blieb in einer kriegerischen Haltung stehen, mit der einen
Hand den Stuhl erfat, gestikulierte mit der anderen und hielt eine
Rede, eine leidenschaftlich bewegte Rede, die unaufhaltsam
hervorsprudelte. Der Konsul betrachtete sie tief erstaunt. Kaum, da sie
sich Zeit lie, Atem zu schpfen, so brausten und brodelten schon wieder
neue Worte hervor. Ja, sie fand Worte, sie drckte alles aus, was sich
whrend dieser Jahre an Widerwillen in ihr gesammelt hatte: ein bichen
ungeordnet und verworren, aber sie drckte es aus. Es war eine
Explosion, ein Ausbruch voll verzweifelter Ehrlichkeit ... Hier entlud
sich etwas, gegen das es keine Widerrede gab, etwas Elementares, worber
nicht mehr zu streiten war...

Da hast du recht, Thomas! Das sage du nur noch einmal! Ha, ich bemerke
dir ausdrcklich, da ich kein dummes Ding mehr bin und wei, was ich
vom Leben zu halten habe. Ich erstarre nicht mehr, wenn ich erfahre, da
es nicht immer ganz suberlich zugeht darin. Ich habe Leute wie
Trnen-Trieschke gekannt und bin mit Grnlich verheiratet gewesen und
kenne unsere Suitiers hier in der Stadt. Ich bin keine Unschuld vom
Lande, will ich dir sagen, und die Sache mit Babett an und fr sich und
aus dem Zusammenhang genommen, htte mich nicht auf und davon gejagt,
das glaube mir! Sondern die Sache ist die, Thomas, da es das Ma voll
gemacht hat ... und dazu gehrte nicht viel, denn es war eigentlich
schon voll ... schon lange voll ... schon lange voll! Ein Nichts htte
es berflieen lassen und nun gar dies! Nun gar die Erkenntnis, da ich
mich nicht einmal in diesem Punkte auf Permaneder verlassen konnte! Das
hat allem die Krone aufgesetzt! Das hat dem Fa den Boden ausgeschlagen!
Das hat meinen Entschlu, von Mnchen auf und davon zu gehen, mit einem
Schlage zur Reife gebracht, und der war lange, lange im Reifen begriffen
gewesen, Tom, denn ich kann dort unten nicht leben, bei Gott und seinen
heiligen Heerscharen, ich kann es nicht! =Wie= unglcklich ich gewesen
bin, du weit es nicht, Thomas, denn auch, als du zu Besuch kamst, habe
ich nichts merken lassen, nein, denn ich bin eine Frau von Takt, die
andere nicht mit Klagen belstigt und ihr Herz nicht an jedem Wochentage
auf der Zunge trgt, und habe immer zur Verschlossenheit geneigt. Aber
ich habe gelitten, Tom, gelitten mit allem, was in mir ist, und
sozusagen mit meiner ganzen Persnlichkeit. Wie eine Pflanze, um mich
dieses Bildes zu bedienen, wie eine Blume, die in fremdes Erdreich
verpflanzt worden ... obgleich du den Vergleich wohl unpassend findest,
denn ich bin ein hliches Weib ... aber in fremderes Erdreich konnte
ich nicht kommen, und lieber ginge ich in die Trkei! Oh, wir sollten
niemals fortgehen, wir hier oben! Wir sollten an unserer Seebucht
bleiben und uns redlich nhren ... Ihr habt euch zuweilen ber meine
Vorliebe fr den Adel mokiert ... ja, ich habe in diesen Jahren oft an
einige Worte gedacht, die mir vor lngerer Zeit einmal jemand gesagt
hat, ein gescheuter Mensch. `Sie haben Sympathie fr die Adligen...
sagte er, `soll ich Ihnen sagen, warum? Weil Sie selbst eine Adlige
sind! Ihr Vater ist ein groer Herr und Sie sind eine Prinze. Ein
Abgrund trennt Sie von uns anderen, die wir nicht zu Ihrem Kreise von
herrschenden Familien gehren... Ja, Tom, wir fhlen uns als Adel und
fhlen einen Abstand und wir sollten nirgend zu leben versuchen, wo man
nichts von uns wei und uns nicht einzuschtzen versteht, denn wir
werden nichts als Demtigungen davon haben, und man wird uns lcherlich
hochmtig finden. Ja, -- alle haben mich lcherlich hochmtig gefunden.
Man hat es mir nicht gesagt, aber gefhlt habe ich es zu jeder Stunde
und auch darunter habe ich gelitten. Ha! In einem Lande, wo man Torte
mit dem Messer it, und wo die Prinzen falsches Deutsch reden, und wo es
als eine verliebte Handlungsweise auffllt, wenn ein Herr einer Dame
den Fcher aufhebt, in einem solchen Lande ist es leicht, hochmtig zu
scheinen, Tom! Akklimatisieren? Nein, bei Leuten ohne Wrde, Moral,
Ehrgeiz, Vornehmheit und Strenge, bei unsoignierten, unhflichen und
saloppen Leuten, bei Leuten, die zu gleicher Zeit trge und
leichtsinnig, dickbltig und oberflchlich sind ... bei solchen Leuten
kann ich mich nicht akklimatisieren und wrde es niemals knnen, so wahr
ich deine Schwester bin! Eva Ewers hat es gekonnt ... gut! Aber eine
Ewers ist noch keine Buddenbrook, und dann hat sie ihren Mann, der zu
etwas ntze ist im Leben. Wie aber habe ich es gehabt? Denke nach,
Thomas, fang' von vorne an und erinnere dich! Ich bin von hier, aus
diesem Hause, wo es etwas gilt, wo man sich regt und Ziele hat, dorthin
gekommen, zu Permaneder, der sich mit meiner Mitgift zur Ruhe gesetzt
hat ... ha, es war echt, es war wahrhaftig kennzeichnend, aber das war
auch das einzig Erfreuliche daran. Was weiter? Ein Kind soll kommen! Wie
habe ich mich gefreut! Es htte mir alles entgolten! Was geschieht? Es
stirbt. Es ist tot. Das war nicht Permaneders Schuld, behte, nein. Er
hatte getan, was er konnte, und ist sogar zwei bis drei Tage nicht ins
Wirtshaus gegangen, bewahre! Aber es gehrte doch dazu, Thomas. Es
machte mich nicht glcklicher, kannst du dir denken. Ich habe
ausgehalten und nicht gemurrt. Ich bin allein und unverstanden und als
hochmtig verschrien umhergegangen und habe mir gesagt: Du hast ihm dein
Jawort frs Leben erteilt. Er ist ein bichen plump und trge und hat
deine Hoffnungen getuscht; aber er meint es gut, und sein Herz ist
rein. Und dann habe ich dies erleben mssen und ihn in diesem
widerlichen Augenblick gesehen. Dann habe ich erfahren: so gut versteht
er mich und um so viel besser wei er mich zu respektieren als die
anderen, da er mir ein Wort nachruft, ein Wort, das keiner deiner
Speicherarbeiter einem Hunde zuwerfen wrde! Und da habe ich gesehen,
da nichts mich hielt, und da es eine Schande gewesen wre, zu bleiben.
Und als ich hier vom Bahnhof die Holstenstrae herauffuhr, ging der
Trger Nielsen vorber und nahm tief seinen Zylinder ab, und ich habe
wiedergegrt: durchaus nicht hochmtig, sondern wie Vater die Leute
grte ... so ... mit der Hand. Und jetzt bin ich hier. Und du kannst
zwei Dutzend Arbeitspferde anspannen, Tom: nach Mnchen bekmmst du
mich nicht wieder. Und morgen gehe ich zu Gieseke!--

Dies war die Rede, die Tony hielt, worauf sie sich ziemlich erschpft in
den Stuhl zurcksinken lie, das Kinn in die Hand vergrub und auf die
Fensterscheiben starrte.

Ganz erschrocken, benommen, beinahe erschttert stand der Konsul vor ihr
und schwieg. Dann atmete er auf, erhob die Arme bis zur Hhe der
Schultern und lie sie auf die Oberschenkel hinabfallen.

Ja, da ist nichts zu machen! sagte er leise, drehte sich still auf dem
Absatz um und ging zur Tr.

Sie sah ihm mit demselben Ausdruck nach, mit dem sie ihn empfangen
hatte: leidend und schmollend.

Tom? fragte sie. Bist du mir bse?

Er hielt den ovalen Trgriff in der einen und machte eine mde Bewegung
der Abwehr mit der anderen Hand. Ach nein. Keineswegs.

Sie streckte die Hand nach ihm aus und legte den Kopf auf die Schulter.

Komm her, Tom ... Deine Schwester hat es nicht sehr gut im Leben. Alles
kommt auf sie herab ... Und sie hat in diesem Augenblick wohl niemanden,
der zu ihr steht...

Er kehrte zurck und nahm ihre Hand: von der Seite, einigermaen
gleichgltig und matt, ohne sie anzusehen.

Pltzlich begann ihre Oberlippe zu zittern...

Du mut nun allein arbeiten, sagte sie. Mit Christian, das ist wohl
nichts Rechtes, und ich bin nun fertig ... ich habe abgewirtschaftet ...
ich kann nichts mehr ausrichten ... ja, ihr mt mir nun schon das
Gnadenbrot geben, mir unntzem Weibe. Ich htte nicht gedacht, da es
mir so gnzlich milingen wrde, dir ein wenig zur Seite zu stehen, Tom!
Nun mut du ganz allein zusehen, da wir Buddenbrooks den Platz
behaupten ... Und Gott sei mit dir.

Es rollten zwei Trnen, groe, helle Kindertrnen ber ihre Wangen
hinunter, deren Haut anfing, kleine Unebenheiten zu zeigen.


Elftes Kapitel

Tony ging nicht mig, sie nahm ihre Sache in die Hand. In der Hoffnung,
sie mchte sich beruhigen, besnftigen, anderen Sinnes werden, hatte der
Konsul vorlufig nur eines von ihr verlangt: sich still zu verhalten
und, sowie auch Erika, das Haus nicht zu verlassen. Alles konnte sich
zum besten wenden ... Frs erste sollte nichts in der Stadt bekannt
werden. Der Familientag, am Donnerstag, ward abgesagt.

Aber schon am ersten Tage nach Frau Permaneders Ankunft ward
Rechtsanwalt Doktor Gieseke durch ein Schreiben von ihrer Hand in die
Mengstrae entboten. Sie empfing ihn allein, in dem Mittelzimmer am
Korridor der ersten Etage, wo geheizt worden war und wo sie zu
irgendeinem Behufe auf einem schweren Tische ein Tintenfa, Schreibzeug
und eine Menge weien Papiers in Folioformat, das von unten aus dem
Kontor stammte, geordnet hatte. Man nahm in zwei Lehnsthlen Platz...

Herr Doktor! sagte sie, indem sie die Arme kreuzte, den Kopf
zurcklegte und zur Decke emporblickte. Sie sind ein Mann, der das
Leben kennt, sowohl als Mensch wie von Berufs wegen; ich darf offen zu
Ihnen sprechen! Und dann erffnete sie ihm, wie sich mit Babett und im
Schlafzimmer alles begeben habe, worauf Doktor Gieseke bedauerte, ihr
erklren zu mssen, da weder der betrbende Vorfall auf der Treppe,
noch die gewisse, ihr zuteil gewordene Beschimpfung, ber die des Nhern
sich zu uern sie sich weigere, einen hinlnglichen Scheidungsgrund
darstelle.

Gut, sagte sie. Ich danke Ihnen.

Dann lie sie sich eine bersicht der zu Recht bestehenden
Scheidungsgrnde liefern und nahm daranschlieend mit offenem Kopf und
eindringlichem Interesse einen lngeren dotalrechtlichen Vortrag
entgegen, worauf sie den Doktor Gieseke vorlufig mit ernster
Freundlichkeit entlie.

Sie begab sich ins Erdgescho hinab und ntigte den Konsul in sein
Privatkontor.

Thomas, sagte sie, ich bitte dich, dem Manne nun unverzglich zu
schreiben ... ich nenne nicht gern seinen Namen. Was mein Geld
betrifft, so bin ich aufs genaueste unterrichtet. Er soll sich erklren.
So oder so, mich sieht er nicht wieder. Willigt er in die rechtskrftige
Scheidung, gut, so betreiben wir Rechnungslegung sowie Erstattung meiner
_dos_. Weigert er sich, so brauchen wir ebenfalls nicht zu verzagen,
denn du mut wissen, Tom, da Permaneders Recht an meiner _dos_ nach
seiner juristischen Gestalt allerdings Eigentum ist, -- gewi, das ist
zuzugeben! -- da ich aber materiell immerhin auch meine Befugnisse
habe, Gottseidank...

Der Konsul ging, die Hnde auf dem Rcken, umher und bewegte nervs die
Schultern, denn das Gesicht, mit dem sie das Wort _dos_ hervorbrachte,
war gar zu unsglich stolz.

Er hatte keine Zeit. Er war bei Gott berhuft. Sie sollte sich gedulden
und sich geflligst noch fnfzigmal besinnen! Ihm stand jetzt zunchst,
und zwar morgenden Tages, eine Fahrt nach Hamburg bevor: zu einer
Konferenz, einer leidigen Unterredung mit Christian. Christian hatte
geschrieben, um Untersttzung, um Aushilfe geschrieben, welche die
Konsulin seinem dereinstigen Erbe entnehmen mute. Um seine Geschfte
stand es jammervoll, und obgleich er bestndig einer Reihe von
Beschwerden unterlag, schien er sich im Restaurant, im Zirkus, im
Theater doch kniglich zu amsieren, und, den Schulden nach zu urteilen,
die jetzt zutage kamen und die er auf seinen gut klingenden Namen hin
hatte machen knnen, weit ber seine Verhltnisse zu leben. Man wute in
der Mengstrae, wute es im Klub und in der ganzen Stadt, wer vor
allem schuld daran war. Es war eine weibliche Person, eine
alleinstehende Dame, die Aline Puvogel hie und zwei hbsche Kinder
besa. Von den Hamburger Kaufherren stand nicht Christian Buddenbrook
allein zu ihr in engen und kostspieligen Beziehungen...

Kurz, es gab auer Tonys Scheidungswnschen der widerwrtigen Dinge
noch mehr, und die Fahrt nach Hamburg war dringlich. brigens war es
wahrscheinlich, da Permaneder seinerseits zunchst selbst von sich
hren lassen wrde...

Der Konsul reiste, und er kehrte in zorniger und trber Stimmung zurck.
Da aber aus Mnchen noch immer keine Nachricht gekommen war, so sah er
sich gentigt, den ersten Schritt zu tun. Er schrieb; schrieb khl,
sachlich und ein wenig von oben herab: Unleugbar sei Antonie im
Zusammenleben mit Permaneder schweren Enttuschungen ausgesetzt gewesen
... auch abgesehen von Einzelheiten habe sie im groen und ganzen das
erhoffte Glck in dieser Ehe nicht finden knnen ... ihr Wunsch, das
Bndnis gelst zu sehen, msse dem billig Denkenden berechtigt
erscheinen ... leider scheine ihr Entschlu, nicht nach Mnchen
zurckzukehren, unerschtterlich festzustehen ... Und es folgte die
Frage, wie Permaneder sich diesen Tatsachen gegenber verhalte...

Tage der Spannung!... Dann antwortete Herr Permaneder.

Er antwortete, wie niemand, wie weder Doktor Gieseke, noch die Konsulin,
noch Thomas, noch selbst Antonie es erwartet hatte. Er willigte mit
schlichten Worten in die Scheidung.

Er schrieb, da er das Vorgefallene herzlich bedaure, da er aber
Antoniens Wnsche respektiere, denn er she ein: sie und er paten doch
halt nimmer so recht zueinand'. Wenn er ihr schwere Jahre bereitet
habe, so mge sie versuchen, sie zu vergessen und ihm zu verzeihen ...
Da er sie und Erika wohl nicht wiedersehen werde, so wnsche er ihr und
dem Kinde fr immer alles erdenkliche Glck ... Alois Permaneder. --
Ausdrcklich erbot er sich in einer Nachschrift zur sofortigen
Restituierung der Mitgift. Er fr sein Teil knne mit dem Seinen sorglos
leben. Er brauche keine Frist, denn Geschfte seien nicht abzuwickeln,
das Haus sei seine Sache, und die Summe sei sofort liquid.--

Tony war fast ein wenig beschmt und fhlte sich zum ersten Male
geneigt, Herrn Permaneders geringe Leidenschaft in Geldangelegenheiten
lobenswert zu finden.

Nun trat Doktor Gieseke aufs neue in Funktion, er setzte sich mit dem
Gatten in betreff des Scheidungsgrundes in Verbindung, beiderseitige
unberwindliche Abneigung ward festgesetzt, und der Proze begann --
Tonys zweiter Scheidungsproze, dessen Phasen sie mit Ernst,
Sachkenntnis und ungeheurem Eifer verfolgte. Sie sprach davon, wo sie
ging und stand, so da der Konsul mehrere Male rgerlich wurde. Sie war
frs erste nicht imstande, seinen Kummer zu teilen. Sie war in Anspruch
genommen von Wrtern wie Frchte, Ertrgnisse, Akzessionen,
Dotalsachen, Tangibilien, die sie, den Kopf zurckgelegt und die
Schultern ein wenig emporgezogen, mit wrdevoller Gelufigkeit bestndig
hervorbrachte. Den tiefsten Eindruck von Doktor Giesekes
Auseinandersetzungen hatte ihr ein Paragraph gemacht, der von einem
etwaigen im Dotalgrundstck gefundenen Schatze handelte, welcher als
Bestandteil des Dotalvermgens anzusehen und nach Beendigung der Ehe
herauszugeben sei. Von diesem Schatze, der gar nicht vorhanden war,
erzhlte sie aller Welt: Ida Jungmann, Onkel Justus, der armen
Klothilde, den Damen Buddenbrook in der Breiten Strae, die brigens,
als ihnen die Ereignisse bekanntgeworden waren, die Hnde im Schoe
zusammengeschlagen und sich angeblickt hatten: starr vor Erstaunen, da
ihnen auch diese Genugtuung noch zuteil wurde ... Therese Weichbrodt,
deren Unterricht Erika Grnlich nun wieder geno, und sogar der guten
Madame Kethelsen, die aus mehr als einem Grunde nicht das geringste
davon begriff...

Dann kam der Tag, an dem die Scheidung rechtskrftig und endgltig
ausgesprochen wurde, an dem Tony die letzte notwendige Formalitt
erledigte, indem sie sich von Thomas die Familienpapiere erbat und
eigenhndig das neue Faktum verzeichnete ... und nun galt es, sich an
die Sachlage zu gewhnen.

Sie tat es mit Tapferkeit. Sie berhrte mit unberhrbarer Wrde die
wunderbar hmischen kleinen Pointen der Damen Buddenbrook, sie bersah
auf der Strae mit unaussprechlicher Klte die Kpfe der Hagenstrms und
Mllendorpfs, die ihr begegneten, und sie verzichtete gnzlich auf das
gesellschaftliche Leben, das ja brigens seit Jahren nicht mehr in ihrem
elterlichen Hause, sondern in dem ihres Bruders sich abspielte. Sie
hatte ihre nchsten Angehrigen: die Konsulin, Thomas, Gerda; sie hatte
Ida Jungmann, Sesemi Weichbrodt, ihre mtterliche Freundin, Erika, auf
deren =vornehme= Erziehung sie Sorgfalt verwandte und in deren Zukunft
sie vielleicht letzte heimliche Hoffnungen setzte ... So lebte sie, und
so entschwand die Zeit.

Spter, auf irgendeine niemals aufgeklrte Weise, ist einzelnen
Familiengliedern das Wort bekanntgeworden, dieses desperate Wort, das
in jener Nacht Herr Permaneder sich hatte entschlpfen lassen. Was hatte
er gesagt? -- Geh zum Deifi, =Saulud'r dreckats=!

So schlo Tony Buddenbrooks zweite Ehe.




Siebenter Teil


Erstes Kapitel

Taufe!... Taufe in der Breiten Strae!

Alles ist vorhanden, was Mme. Permaneder in Tagen der Hoffnung trumend
vor Augen sah, alles: Denn im Ezimmer am Tische -- behutsam und ohne
Geklapper, das drben im Saale die Feier stren wrde -- fllt das
Folgmdchen Schlagsahne in viele Tassen mit kochend heier Schokolade,
die dicht gedrngt auf einem ungeheuren runden Teebrett mit vergoldeten,
muschelfrmigen Griffen beieinander stehen ... whrend der Diener Anton
einen ragenden Baumkuchen in Stcke schneidet und Mamsell Jungmann
Konfekt und frische Blumen in silbernen Dessertschsseln ordnet, wobei
sie prfend den Kopf auf die Schulter legt und die beiden kleinen Finger
weit von den brigen entfernt hlt...

Nicht lange, und alle diese Herrlichkeiten werden, wenn die Herrschaften
sich's im Wohnzimmer und Salon bequem gemacht haben, umhergereicht
werden, und hoffentlich werden sie ausreichen, denn es ist die Familie
im weiteren Sinne versammelt, wenn auch nicht geradezu im weitesten,
denn durch die verdiecks ist man auch mit den Kistenmakers ein wenig
verwandt, durch diese mit den Mllendorpfs und so fort. Es wre
unmglich, eine Grenze zu ziehen!... Die verdiecks aber sind vertreten,
und zwar durch das Haupt, den mehr als achtzigjhrigen Doktor Kaspar
verdieck, regierender Brgermeister.

Er ist zu Wagen gekommen und, gesttzt auf seinen Krckstock und den Arm
Thomas Buddenbrooks, die Treppe heraufgestiegen. Seine Anwesenheit
erhht die Wrde der Feier ... und ohne Zweifel: Diese Feier ist aller
Wrde wrdig!

Denn dort im Saale, vor einem als Altar verkleideten, mit Blumen
geschmckten Tischchen, hinter dem in schwarzem Ornat und schneeweier,
gestrkter, mhlsteinartiger Halskrause ein junger Geistlicher spricht,
hlt eine reich in Rot und Gold gekleidete, groe, stmmige, sorgfltig
genhrte Person ein kleines, unter Spitzen und Atlasschleifen
verschwindendes Etwas auf ihren schwellenden Armen ... ein Erbe! Ein
Stammhalter! Ein Buddenbrook! Begreift man, was das bedeutet?

Begreift man das stille Entzcken, mit dem die Kunde, als das erste,
leise, ahnende Wort gefallen, von der Breiten in die Mengstrae getragen
worden? Den stummen Enthusiasmus, mit dem Frau Permaneder bei dieser
Nachricht ihre Mutter, ihren Bruder und -- behutsamer -- ihre Schwgerin
umarmt hat? Und nun, da der Frhling gekommen, der Frhling des Jahres
einundsechzig, nun ist er da und empfngt das Sakrament der heiligen
Taufe, er, auf dem lngst so viele Hoffnungen ruhen, von dem lngst so
viel gesprochen, der seit langen Jahren erwartet, ersehnt worden, den
man von Gott erbeten und um den man Doktor Grabow geqult hat ... er ist
da und sieht ganz unscheinbar aus.

Die kleinen Hnde spielen mit den Goldlitzen an der Taille der Amme, und
der Kopf, der mit einem hellblau garnierten Spitzenhubchen bedeckt ist,
liegt ein wenig seitwrts und unachtsam vom Pastor abgewandt, auf dem
Kissen, so da die Augen mit einem beinahe altklug prfenden Blinzeln in
den Saal hinein und auf die Verwandten blicken. In diesen Augen, deren
obere Lider sehr lange Wimpern haben, ist das Hellblau der vterlichen
und das Braun der mtterlichen Iris zu einem lichten, unbestimmten, nach
der Beleuchtung wechselnden Goldbraun geworden; die Winkel aber zu
beiden Seiten der Nasenwurzel sind tief und liegen in blulichem
Schatten. Das gibt diesem Gesichtchen, das noch kaum eines ist, etwas
vorzeitig Charakteristisches und kleidet ein vier Wochen altes nicht zum
besten; aber Gott wird geben, da es nichts Ungnstiges bedeutet, denn
auch bei der Mutter, die doch wohlauf ist, verhlt es sich so ... und
gleichviel: er lebt, und da es ein Knabe ist, das war vor vier Wochen
die eigentliche Freude.

Er lebt, und es knnte anders sein. Der Konsul wird niemals den
Hndedruck vergessen, mit dem der gute Doktor Grabow, als er vor vier
Wochen Mutter und Kind verlassen konnte, zu ihm gesagt hat: Seien Sie
dankbar, lieber Freund, es htte nicht viel gefehlt... Der Konsul hat
nicht zu fragen gewagt, woran nicht viel gefehlt htte. Er weist den
Gedanken, da es mit diesem lange vergebens ersehnten, winzigen
Geschpfe, das so sonderbar lautlos zur Welt kam, beinahe gegangen wre
wie mit Antoniens zweitem Tchterchen, mit Entsetzen von sich ... Aber
er wei, da es fr Mutter und Kind eine verzweifelte Stunde gewesen
ist, vor vier Wochen, und er beugt sich glcklich und zrtlich zu Gerda
nieder, welche, die Lackschuhe auf einem Sammetkissen gekreuzt, vor ihm
und neben der alten Konsulin in einem Armsessel lehnt.

Wie bleich sie noch ist! Und wie fremdartig schn in ihrer Blsse, mit
ihrem schweren, dunkelroten Haar und ihren rtselhaften Augen, die mit
einer gewissen verschleierten Moquerie auf dem Prediger ruhen. Es ist
Herr Andreas Pringsheim, _pastor marianus_, der nach des alten Klling
pltzlichem Tode in jungen Jahren schon zum Hauptpastor aufgerckt ist.
Er hlt die Hnde inbrnstig, dicht unter dem erhobenen Kinn gefaltet.
Er hat blondes, kurzgelocktes Haar und ein knochiges, glattrasiertes
Gesicht, dessen Mimik zwischen fanatischem Ernst und heller Verklrung
wechselt und ein wenig theatralisch erscheint. Er stammt aus Franken,
woselbst er whrend einiger Jahre inmitten von lauter Katholiken eine
kleine lutherische Gemeinde gehtet hat, und sein Dialekt ist unter dem
Streben nach reiner und pathetischer Aussprache zu einer vllig
eigenartigen Redeweise, mit langen und dunklen oder jh akzentuierten
Vokalen und einem an den Zhnen rollenden r geworden...

Er lobt Gott mit leiser, schwellender oder starker Stimme, und die
Familie hrt ihm zu: Frau Permaneder, gehllt in wrdevollen Ernst, der
ihr Entzcken und ihren Stolz verbirgt; Erika Grnlich, nun schon fast
fnfzehnjhrig, ein krftiges, junges Mdchen mit aufgestecktem Zopf und
dem rosigen Teint ihres Vaters, und Christian, der heute morgen von
Hamburg eingetroffen ist und seine tiefliegenden Augen von einer zur
anderen Seite schweifen lt ... Pastor Tiburtius und seine Gattin haben
die Reise von Riga nicht gescheut, um bei der Feier zugegen sein zu
knnen: Sievert Tiburtius, der die Enden seines langen, dnnen
Backenbartes ber beide Schultern gelegt hat, und dessen kleine, graue
Augen sich hie und da in ungeahnter Weise erweitern, grer und grer
werden, hervorquellen, beinahe herausspringen ... und Klara, die dunkel,
ernst und streng dareinblickt und manchmal eine Hand zum Kopfe fhrt,
denn dort schmerzt es ... brigens haben sie den Buddenbrooks ein
prachtvolles Geschenk mitgebracht: einen mchtigen, aufrechten,
ausgestopften, braunen Bren mit offenem Rachen, den ein Verwandter des
Pastors irgendwo im inneren Ruland geschossen, und der jetzt, eine
Visitenkartenschale zwischen den Tatzen, drunten auf dem Vorplatz steht.

Krgers haben ihren Jrgen zu Besuch, den Postbeamten aus Rostock: ein
einfach gekleideter, stiller Mensch. Wo Jakob sich aufhlt, wei niemand
auer seiner Mutter, der geborenen verdieck, der schwachen Frau, die
heimlich Silberzeug verkauft, um dem Enterbten Geld zu senden ... Auch
die Damen Buddenbrook sind anwesend, und sie sind tief erfreut ber das
glckliche Familienereignis, was aber Pfiffi nicht gehindert hat, zu
bemerken, das Kind sehe ziemlich ungesund aus; und das haben die
Konsulin, geborene Stwing, sowohl wie Friederike und Henriette leider
besttigen mssen. Die arme Klothilde jedoch, grau, hager, geduldig und
hungrig, ist bewegt von Pastor Pringsheims Worten und der Hoffnung auf
Baumkuchen mit Schokolade ... Von nicht zur Familie gehrigen Personen
sind Herr Friedrich Wilhelm Marcus und Sesemi Weichbrodt zugegen.

Nun wendet der Pastor sich an die Paten und spricht ihnen von ihrer
Pflicht. Justus Krger ist der eine ... Konsul Buddenbrook hat sich
anfangs geweigert, ihn zu bitten. Fordern wir den alten Mann nicht zu
Torheiten heraus! sagte er. Tglich hat er die furchtbarsten Szenen
mit seiner Frau wegen des Sohnes, und sein bichen Vermgen verfllt,
und er fngt wahrhaftig vor Kummer schon an, ein bichen salopp in
seinem uern zu werden! Aber was meint ihr? Bitten wir ihn zu Gevatter,
so schenkt er dem Kinde ein ganzes Service aus schwerem Golde und nimmt
keinen Dank dafr! Onkel Justus indessen ist, als er von einem anderen
Paten hrte -- Stephan Kistenmaker, des Konsuls Freund, wurde genannt
-- in so hohem Grade pikiert gewesen, da man ihn dennoch herangezogen
hat; und der goldene Becher, den er gespendet, ist zu Thomas
Buddenbrooks Befriedigung nicht bertrieben schwer.

Und der zweite Pate? Es ist dieser schneeweie, wrdige, alte Herr, der
hier mit seiner hohen Halsbinde und seinem weichen, schwarzen Tuchrock,
aus dessen hinterer Tasche stets der Zipfel eines roten Schnupftuches
hervorhngt, sich in dem bequemsten Lehnstuhl ber seinen Krckstock
beugt: Brgermeister Doktor verdieck. Es ist ein Ereignis, ein Sieg!
Manche Leute begreifen nicht, wie es zugegangen ist. Guter Gott, es ist
doch kaum eine Verwandtschaft! Die Buddenbrooks haben den Alten an den
Haaren herbeigezogen ... Und in der Tat: es ist ein Streich, eine kleine
Intrige, die der Konsul zusammen mit Mme. Permaneder eingefdelt hat.
Eigentlich, in der ersten Freude, als Mutter und Kind in Sicherheit
waren, ist es blo ein Scherz gewesen. Ein Junge, Tony! -- Der soll den
Brgermeister zum Gevatter haben! hat der Konsul gerufen; aber sie hat
es aufgegriffen und ist mit Ernst darauf eingegangen, worauf auch er
sich die Sache wohl berlegt und dann in einen Versuch gewilligt hat. So
haben sie sich hinter Onkel Justus gesteckt, der seine Frau zu ihrer
Schwgerin, der Gattin des Holzhndlers verdieck, geschickt hat, die
ihrerseits ihren greisen Schwiegervater ein wenig hat prparieren
mssen. Dann hat ein ehrerbietiger Besuch Thomas Buddenbrooks bei dem
Staatsoberhaupte das Seine getan...

Und nun sprengt, whrend die Amme die Haube des Kindes lftet, der
Pastor vorsichtig zwei oder drei Tropfen aus der silbernen, innen
vergoldeten Schale, die vor ihm steht, auf das sprliche Haar des
kleinen Buddenbrook und nennt langsam und nachdrcklich die Namen, auf
die er ihn tauft: -- =Justus=, =Johann=, =Kaspar=. Dann folgt ein kurzes
Gebet, und die Verwandten gehen vorbei, um dem stillen und gleichmtigen
Wesen einen glckwnschenden Ku auf die Stirn zu drcken ... Therese
Weichbrodt kommt zuletzt, und die Amme mu ihr das Kind ein wenig
hinunterreichen; dafr aber gibt Sesemi ihm =zwei= Ksse, die leise
knallen und zwischen denen sie sagt: Du gutes Kend!

Drei Minuten spter hat man sich im Salon und im Wohnzimmer gruppiert,
und die Sigkeiten machen die Runde. Auch Pastor Pringsheim in seinem
langen Ornat, unter dem die breiten, blankgewichsten Stiefel
hervorsehen, und seiner Halskrause sitzt da, nippt die khle Schlagsahne
von seiner heien Schokolade und plaudert mit verklrtem Gesicht in
einer ganz leichten Art, die im Gegensatze zu seiner Rede von besonderer
Wirksamkeit ist. In jeder seiner Bewegungen liegt ausgedrckt: Seht, ich
kann auch den Priester ablegen und ein ganz harmlos frhliches Weltkind
sein! Er ist ein gewandter, anschmiegsamer Mann. Er spricht mit der
alten Konsulin ein wenig salbungsvoll, mit Thomas und Gerda weltmnnisch
und mit glatten Gebrden, mit Frau Permaneder im Tone einer herzlichen,
schalkhaften Heiterkeit ... Hie und da, wenn er sich besinnt, kreuzt er
die Hnde im Scho, legt den Kopf zurck, verfinstert die Brauen und
macht ein langes Gesicht. Beim Lachen zieht er die Luft stoweise und
zischend durch die geschlossenen Zhne ein.

Pltzlich entsteht drauen auf dem Korridor Bewegung, man hrt die
Dienstboten lachen, und in der Tr erscheint ein sonderbarer Gratulant.
Es ist Grobleben: Grobleben, an dessen magerer Nase zu jeder Jahreszeit
bestndig ein lnglicher Tropfen hngt, ohne jemals hinunterzufallen.
Grobleben ist ein Speicherarbeiter des Konsuls, und sein Brotherr hat
ihm einen Nebenverdienst als Stiefelwichser angewiesen. Frhmorgens
erscheint er in der Breiten Strae, nimmt das vor die Tr gestellte
Schuhwerk und reinigt es unten auf der Diele. Bei Familienfestlichkeiten
aber stellt er sich feiertglich gekleidet ein, bringt Blumen und hlt,
whrend der Tropfen an seiner Nase balanciert, mit weinerlicher und
salbungsvoller Stimme eine Ansprache, worauf er ein Geldgeschenk
entgegennimmt. Aber er tut es nicht =darum=!

Er hat einen schwarzen Rock angezogen -- es ist ein abgelegter des
Konsuls -- trgt aber Schmierstiefel mit Schften und einen blauwollenen
Schal um den Hals. In der Hand, einer drren, roten Hand, hlt er ein
groes Bukett von blassen, ein wenig zu weit erblhten Rosen, die sich
zum Teil langsam auf den Teppich entblttern. Seine kleinen, entzndeten
Augen blinzeln umher, scheinbar ohne etwas zu sehen ... Er bleibt in
der Tr stehen, hlt den Strau vor sich hin und beginnt sofort zu
reden, whrend die alte Konsulin ihm nach jedem Worte ermunternd zunickt
und kleine, erleichternde Einwrfe macht, der Konsul ihn betrachtet,
indem er eine seiner hellen Brauen emporzieht, und einige
Familienmitglieder, wie zum Beispiel Frau Permaneder, den Mund mit dem
Taschentuch bedecken.

Ick bn man 'n armen Mann, mine Herrschaften, wer ick hew 'n
empfindend Hart, un dat Glck und de Freud von min Herrn, Kunsel
Buddenbrook, welcher mmer gaut tau mi west is, dat geiht mi nah, und so
bn ick kamen, um den Hern Kunsel un die Fru Kunsulin un die ganze
hochverehrte Fomili ut vollem Harten tau gratuleern, un dat dat Kind
gedeihen mg', denn dat verdeinen sei vor Gott un den Minschen, un so'n
Herr, as Kunsel Buddenbrook, giwt dat nich veele, dat is 'n edeln Herrn,
un uns Herrgott wird ihn das allens lohnen...

So, Grobleben! Dat hewn Sei schn segt! Veelen Dank ook, Grobleben! Wat
wolln Sei denn mit de Rosen?

Aber Grobleben ist noch nicht zu Ende, er strengt seine weinerliche
Stimme an und bertnt die des Konsuls.

...uns Herrgott wird ihn das allens lohnen, segg ick, ihn un die ganze
hochverehrte Fomili, wenn dat so wid is, un wenn wi vor sinen Staul
stahn, denn eenmal mssen all in de Gruw fahrn, arm un riek, dat is sin
heiliger Will' un Ratschlu, un eener krigt 'nen finen polierten Sarg ut
dern Holz, un de andere krigt 'ne oll Kist', wer tau Moder mssen wi
alle warn, wi mssen all tau Moder warn, tau Moder ... tau Moder...!

Nee, Grobleben! Wi hebb'm 'ne Tauf' ht, un Sei mit eern Moder!...

Un ds wrn einige Blumens, schliet Grobleben.

Dank Ihnen, Grobleben! Dat is wer tau veel! Wat hebb'm Sei sik dat
kosten laten, Minsch! Un so 'ne Red' hew ick all lang nich hrt!... Na,
hier! Maken Sei sik 'nen vergneugten Dag! Und der Konsul legt ihm die
Hand auf die Schulter, indem er ihm einen Taler gibt.

Da, guter Mann! sagt die alte Konsulin. Haben Sie auch Ihren Heiland
lieb?

Den hew ick von Harten leiw, Fru Kunselin, dat is so woahr...! Und
Grobleben nimmt auch von ihr einen Taler in Empfang, und dann einen
dritten von Madame Permaneder, worauf er sich unter Kratzfen
zurckzieht und die Rosen, soweit sie noch nicht auf dem Teppich liegen,
in Gedanken wieder mitnimmt...

...Nun ist der Brgermeister aufgebrochen -- der Konsul hat ihn
hinunter zum Wagen geleitet -- und das ist das Zeichen zum Abschiede
auch fr die brigen Gste, denn Gerda Buddenbrook bedarf der Schonung.
Es wird still in den Zimmern. Die alte Konsulin mit Tony, Erika und
Mamsell Jungmann sind die letzten.

Ja, Ida, sagt der Konsul, ich habe mir gedacht -- und meine Mutter
ist einverstanden -- Sie haben uns alle einmal gepflegt, und wenn der
kleine Johann ein bichen grer ist ... jetzt hat er noch die Amme, und
nach ihr wird wohl eine Kinderfrau ntig sein, aber haben Sie Lust, dann
zu uns berzusiedeln?

Ja, ja, Herr Konsul, und wenn's Ihrer Frau Gemahlin wird recht
sein...

Auch Gerda ist zufrieden mit diesem Plan, und so wird der Vorschlag
schon jetzt zum Beschlu.

Beim Weggehen aber, schon in der Tr, wendet Frau Permaneder sich noch
einmal um. Sie kehrt zu ihrem Bruder zurck, kt ihn auf beide Wangen
und sagt: Das ist ein schner Tag, Tom, ich bin so glcklich, wie seit
manchem Jahr nicht mehr! Wir Buddenbrooks pfeifen noch nicht aus dem
letzten Loch, Gott sei Dank, wer das glaubt, der irrt im hchsten Grade!
Jetzt, wo der kleine Johann da ist -- es ist so schn, da wir ihn
wieder Johann genannt haben -- jetzt ist mir, als ob noch einmal eine
ganz neue Zeit kommen mu!


Zweites Kapitel

Christian Buddenbrook, Inhaber der Firma H.C.F. Burmeester & Comp. zu
Hamburg, seinen modischen grauen Hut und seinen gelben Stock mit der
Nonnenbste in der Hand, kam in das Wohnzimmer seines Bruders, der mit
Gerda lesend beisammen sa. Es war halb zehn Uhr am Abend des
Tauftages.

Guten Abend, sagte Christian. Ach, Thomas, ich mu dich mal dringend
sprechen ... Entschuldige, Gerda ... Es eilt, Thomas.

Sie gingen in das dunkle Speisezimmer hinber, woselbst der Konsul eine
der Gaslampen an der Wand entzndete und seinen Bruder betrachtete. Ihm
ahnte nichts Gutes. Er hatte, abgesehen von der ersten Begrung, noch
nicht Gelegenheit gehabt, mit Christian zu sprechen; aber er hatte ihn
heute whrend der Feierlichkeit aufmerksam beobachtet und gesehen, da
er ungewhnlich ernst und unruhig gewesen war, ja, da er im Verlaufe
von Pastor Pringsheims Rede einmal sogar aus irgendwelchen Grnden den
Saal fr mehrere Minuten verlassen hatte ... Thomas hatte ihm keine
Zeile mehr geschrieben seit jenem Tage in Hamburg, an dem Christian
zehntausend Mark Kurant von seinem Erbe im voraus aus seinen Hnden zur
Deckung von Schulden empfangen. Fahre nur so fort! hatte der Konsul
gesagt. Dann werden deine Groschen rasch vertan sein. Was mich
betrifft, ich hoffe, da du knftig recht wenig meine Wege kreuzen
wirst. Du hast meine Freundschaft whrend all der Jahre auf zu harte
Proben gestellt ... Warum kam er jetzt? Etwas Dringendes mute ihn
treiben...

Nun? fragte der Konsul.

Ich kann es nun nicht mehr, antwortete Christian, indem er sich, Hut
und Stock zwischen den mageren Knien, seitwrts auf einen der
hochlehnigen Sthle niederlie, die den Etisch umstanden.

Darf ich fragen, was du nun nicht mehr kannst, und was dich zu mir
fhrt? sagte der Konsul, der stehenblieb.

Ich kann es nun nicht mehr, wiederholte Christian, drehte mit
frchterlich unruhigem Ernst seinen Kopf hin und her und lie seine
kleinen, runden, tiefliegenden Augen schweifen. Er zhlte jetzt 33
Jahre, aber er sah weit lter aus. Sein rtlichblondes Haar war so stark
gelichtet, da fast schon die ganze Schdeldecke freilag. ber den tief
eingefallenen Wangen traten die Knochen scharf hervor; dazwischen aber
buckelte sich, nackt, fleischlos, hager, in ungeheurer Wlbung seine
groe Nase...

Wenn es nur dies wre, fuhr er fort, indem er mit der Hand an seiner
linken Seite hinunterstrich, ohne seinen Krper zu berhren ... Es ist
kein Schmerz, es ist eine Qual, weit du, eine bestndige, unbestimmte
Qual. Doktor Drgemller in Hamburg hat mir gesagt, da an dieser Seite
alle Nerven zu kurz sind ... Stelle dir vor, an der ganzen linken Seite
sind alle Nerven zu kurz bei mir! Es ist so sonderbar ... manchmal ist
mir, als ob hier an der Seite irgendein Krampf oder eine Lhmung
stattfinden mte, eine Lhmung fr immer ... Du hast keine Vorstellung
... Keinen Abend schlafe ich ordentlich ein. Ich fahre auf, weil
pltzlich mein Herz nicht mehr klopft und ich einen ganz entsetzlichen
Schreck bekomme ... Das geschieht nicht einmal, sondern zehnmal, bevor
ich einschlafe. Ich wei nicht, ob du es kennst ... ich will es dir ganz
genau beschreiben ... Es ist...

La nur, sagte der Konsul kalt. Ich nehme nicht an, da du
hierhergekommen bist, um mir dies zu erzhlen?

Nein, Thomas, wenn es nur =das= wre; aber =das= ist es nicht allein!
Es ist mit dem Geschft ... Ich kann es nun nicht mehr.

Du bist wieder in Unordnung? Der Konsul fuhr nicht einmal auf, er
wurde nicht mehr laut. Er fragte es ganz ruhig, whrend er seinen Bruder
von der Seite mit einer mden Klte ansah.

Nein, Thomas. Und um die Wahrheit zu sagen -- es ist ja nun doch gleich
-- ich bin niemals recht in Ordnung gekommen, auch durch die
Zehntausende damals nicht, wie du selbst weit ... Die waren eigentlich
nur, damit ich nicht gleich zuzumachen brauchte. Die Sache ist die ...
Ich habe gleich darauf noch Verluste gehabt, in Kaffee ... und bei dem
Bankerott in Antwerpen ... Das ist wahr. Aber dann habe ich eigentlich
gar nichts mehr getan und mich still verhalten. Aber man mu doch leben
... und nun sind da Wechsel und andere Schulden ... fnftausend Taler
... Ach, du weit nicht, wie sehr ich herunter bin! Und zu allem diese
Qual...

Also, du hast dich still verhalten! schrie der Konsul auer sich. In
diesem Augenblick verlor er dennoch die Fassung. Du hast die Karre im
Dreck gelassen und dich anderweitig unterhalten! Meinst du, da ich
nicht vor Augen sehe, wie du gelebt hast, im Theater und im Zirkus und
in Klubs und mit minderwertigen Frauenzimmern.

Du meinst Aline ... Ja, fr diese Dinge hast du wenig Sinn, Thomas, und
es ist vielleicht mein Unglck, da ich zuviel Sinn dafr habe; denn
darin hast du recht, da es mich zuviel gekostet hat und noch immer
ziemlich viel kosten wird, denn ich will dir eines sagen ... wir sind
hier unter uns Brdern ... Das dritte Kind, das kleine Mdchen, das seit
einem halben Jahre da ist ... es ist von mir.

Esel.

Sage das nicht, Thomas. Du mut gerecht sein, auch im Zorne, gegen sie
und gegen ... warum sollte es nicht von mir sein. Was aber Aline
betrifft, so ist sie durchaus nicht minderwertig; so etwas darfst du
nicht sagen. Es ist ihr keineswegs gleichgltig, mit wem sie lebt, und
sie hat meinetwegen mit Konsul Holm gebrochen, der viel mehr Geld hat
als ich, so gut ist sie gesinnt ... Nein, du hast keinen Begriff,
Thomas, was fr ein prachtvolles Geschpf das ist! Sie ist so gesund ...
so =gesund=...! wiederholte Christian, indem er eine Hand, ihren
Rcken nach auen, mit gekrmmten Fingern vors Gesicht hielt, hnlich
wie er zu tun pflegte, wenn er von _That's Maria_ und dem Laster in
London erzhlte. Du solltest nur ihre Zhne sehen, wenn sie lacht! Ich
habe solche Zhne auf der ganzen Welt noch nicht gefunden, in Valparaiso
nicht und in London nicht ... Ich werde nie den Abend vergessen, als ich
sie kennenlernte ... bei Uhlich in der Austernstube ... Sie hielt es
damals mit Konsul Holm; aber ich erzhlte ein bichen und war ein
bichen nett mit ihr ... Und als ich sie dann nachher bekam ... tja,
Thomas! Das ist ein ganz anderes Gefhl, als wenn man ein gutes Geschft
macht ... Aber du hrst nicht gern von solchen Dingen, ich sehe es dir
auch jetzt wieder an, und es ist nun ja auch zu Ende. Ich werde ihr nun
Adieu sagen, obgleich ich ja, wegen des Kindes, mit ihr in Verbindung
bleiben werde ... Ich will in Hamburg alles bezahlen, was ich schuldig
bin, verstehst du, und dann zumachen. Ich kann es nun nicht mehr. Mit
Mutter habe ich gesprochen, und sie will mir auch die fnftausend Taler
im voraus geben, damit ich Ordnung machen kann, und damit wirst du
einverstanden sein, denn es ist doch besser, man sagt ganz einfach:
Christian Buddenbrook liquidiert und geht ins Ausland ... als wenn
ich Bankerott mache, darin wirst du mir recht geben. Ich will nmlich
wieder nach London gehen, Thomas, in London eine Stelle annehmen. Die
Selbstndigkeit ist so gar nichts fr mich, das merke ich mehr und mehr.
Diese Verantwortlichkeit ... Als Angestellter geht man abends sorglos
nach Hause ... Und in London bin ich gern gewesen ... Hast du etwas
dagegen?

Der Konsul hatte whrend dieser ganzen Auseinandersetzung seinem Bruder
den Rcken zugewandt und, die Hnde in den Hosentaschen, mit einem Fue
Figuren auf dem Boden beschrieben.

Schn, gehe also nach London, sagte er ganz einfach. Und ohne sich
auch nur halbwegs noch einmal nach Christian umzuwenden, lie er ihn
hinter sich und schritt zum Wohnzimmer zurck.

Aber Christian folgte ihm. Er ging auf Gerda zu, die dort allein bei der
Lektre sa, und gab ihr die Hand.

Gute Nacht, Gerda. Ja, Gerda, ich gehe nun also demnchst wieder nach
London. Merkwrdig, wie man umhergeworfen wird. Nun wieder so ins
Ungewisse, weit du, in solche groe Stadt, wo es bei jedem dritten
Schritt ein Abenteuer gibt und man soviel erleben kann. Sonderbar ...
kennst du das Gefhl? Es sitzt hier, ungefhr im Magen ... ganz
sonderbar...


Drittes Kapitel

James Mllendorpf, der lteste kaufmnnische Senator, starb auf groteske
und schauerliche Weise. Diesem diabetischen Greise waren die
Selbsterhaltungsinstinkte so sehr abhanden gekommen, da er in den
letzten Jahren seines Lebens mehr und mehr einer Leidenschaft fr Kuchen
und Torten unterlegen war. Doktor Grabow, der auch bei Mllendorpfs
Hausarzt war, hatte mit aller Energie, deren er fhig war, protestiert,
und die besorgte Familie hatte ihrem Oberhaupte das se Gebck mit
sanfter Gewalt entzogen. Was aber hatte der Senator getan? Geistig
gebrochen, wie er war, hatte er sich irgendwo in einer unstandesgemen
Strae, in der Kleinen Grpelgrube, An der Mauer oder im Engelswisch ein
Zimmer gemietet, eine Kammer, ein wahres Loch, wohin er sich heimlich
geschlichen hatte, um Torte zu essen ... und dort fand man auch den
Entseelten, den Mund noch voll halb zerkauten Kuchens, dessen Reste
seinen Rock befleckten und auf dem rmlichen Tische umherlagen. Ein
tdlicher Schlaganfall war der langsamen Auszehrung zuvorgekommen.

Die widerlichen Einzelheiten dieses Todesfalles wurden von der Familie
nach Mglichkeit geheimgehalten; aber sie verbreiteten sich rasch in der
Stadt und bildeten den Gesprchsstoff an der Brse, im Klub, in der
Harmonie, in den Kontors, in der Brgerschaft und auf den Bllen,
Diners und Abendgesellschaften, denn das Ereignis fiel in den Februar --
den Februar des Jahres 62 -- und das gesellschaftliche Leben war noch in
vollem Gange. Selbst die Freundinnen der Konsulin Buddenbrook erzhlten
sich am Jerusalemsabend von Senator Mllendorpfs Tode, wenn Lea
Gerhardt im Vorlesen eine Pause machte, selbst die kleinen
Sonntagsschlerinnen flsterten davon, wenn sie ehrfrchtig ber die
groe Buddenbrooksche Diele gingen, und Herr Stuht in der
Glockengieerstrae hatte mit seiner Frau, die in den ersten Kreisen
verkehrte, eine ausfhrliche Unterredung darber.

Allein das Interesse konnte nicht lange auf das Zurckliegende gerichtet
bleiben. Gleich mit dem ersten Gercht von dem Ableben dieses alten
Ratsherrn war die eine groe Frage aufgetaucht ... als aber die Erde ihn
deckte, war es diese Frage allein, die alle Gemter beherrschte: Wer ist
der Nachfolger?

Welche Spannung und welche unterirdische Geschftigkeit! Der Fremde, der
gekommen ist, die mittelalterlichen Sehenswrdigkeiten und die anmutige
Umgebung der Stadt in Augenschein zu nehmen, merkt nichts davon; aber
welch Treiben unter der Oberflche! Welche Agitation! Ehrenfeste,
gesunde, von keiner Skepsis angekrnkelte Meinungen platzen aufeinander,
poltern vor berzeugung, prfen einander und verstndigen sich langsam,
langsam. Die Leidenschaften sind aufgeregt. Ehrgeiz und Eitelkeit whlen
im stillen. Eingesargte Hoffnungen regen sich, stehen auf und werden
enttuscht. Der alte Kaufmann Kurz in der Bckergrube, der bei jeder
Wahl drei oder vier Stimmen erhlt, wird wiederum am Wahltage bebend in
seiner Wohnung sitzen und des Rufes harren; aber er wird auch diesmal
nicht gewhlt werden, er wird fortfahren, mit einer Miene voll
Biedersinn und Selbstzufriedenheit, das Trottoir mit seinem Spazierstock
zu stoen, und er wird sich mit diesem heimlichen Grame ins Grab legen,
nicht Senator geworden zu sein...

Als James Mllendorpfs Tod am Donnerstage beim Buddenbrookschen
Familienmittagessen besprochen worden war, hatte Frau Permaneder nach
einigen Ausdrcken des Bedauerns begonnen, ihre Zungenspitze an der
Oberlippe spielen zu lassen und verschlagen zu ihrem Bruder
hinberzublicken, was die Damen Buddenbrook veranlat hatte,
unbeschreiblich spitzige Blicke zu tauschen und dann smtlich, wie auf
Kommando, whrend einer Sekunde Augen und Lippen ganz fest zu schlieen.
Der Konsul hatte einen Moment das listige Lcheln seiner Schwester
erwidert und dann dem Gesprche eine andere Richtung gegeben. Er wute,
da man in der Stadt den Gedanken aussprach, den Tony glckselig in sich
bewegte...

Namen wurden genannt und verworfen. Andere tauchten auf und wurden
gesichtet. Henning Kurz in der Bckergrube war zu alt. Eine frische
Kraft war endlich vonnten. Konsul Huneus, der Holzhndler, dessen
Millionen brigens nicht leicht ins Gewicht gefallen wren, war
verfassungsmig ausgeschlossen, weil sein Bruder dem Senate angehrte.
Konsul Eduard Kistenmaker, der Weinhndler, und Konsul Hermann
Hagenstrm behaupteten sich auf der Liste. Von Anfang an aber klang
bestndig dieser Name mit: Thomas Buddenbrook. Und je mehr der Wahltag
sich nherte, desto klarer ward es, da er zusammen mit Hermann
Hagenstrm die meisten Chancen besa.

Kein Zweifel, Hermann Hagenstrm hatte Anhnger und Bewunderer. Sein
Eifer in ffentlichen Angelegenheiten, die frappierende Schnelligkeit,
mit der die Firma Strunck & Hagenstrm emporgeblht war und sich
entfaltet hatte, des Konsuls luxurise Lebensfhrung, das Haus, das er
fhrte, und die Gnseleberpastete, die er frhstckte, verfehlten nicht,
ihren Eindruck zu machen. Dieser groe, ein wenig zu fette Mann mit
seinem rtlichen, kurzgehaltenen Vollbart und seiner ein wenig zu platt
auf der Oberlippe liegenden Nase, dieser Mann, dessen Grovater noch
niemand und er selbst nicht gekannt hatte, dessen Vater infolge seiner
reichen, aber zweifelhaften Heirat gesellschaftlich noch beinahe
unmglich gewesen war und der dennoch, verschwgert sowohl mit den
Huneus als mit den Mllendorpfs, seinen Namen denjenigen der fnf oder
sechs herrschenden Familien angereiht und gleichgestellt hatte, war
unleugbar eine merkwrdige und respektable Erscheinung in der Stadt. Das
Neuartige und damit Reizvolle seiner Persnlichkeit, das, was ihn
auszeichnete und ihm in den Augen vieler eine fhrende Stellung gab, war
der liberale und tolerante Grundzug seines Wesens. Die legere und
grozgige Art, mit der er Geld verdiente und verausgabte, war etwas
anderes als die zhe, geduldige und von streng berlieferten Prinzipien
geleitete Arbeit seiner kaufmnnischen Mitbrger. Dieser Mann stand frei
von den hemmenden Fesseln der Tradition und der Piett auf seinen
eigenen Fen, und alles Altmodische war ihm fremd. Er bewohnte keines
der alten, mit unsinniger Raumverschwendung gebauten Patrizierhuser, um
deren ungeheure Steindielen sich weilackierte Galerien zogen. Sein Haus
in der Sandstrae -- der sdlichen Verlngerung der Breiten Strae--,
mit schlichter lfassade, praktisch ausgebeuteten Raumverhltnissen und
reicher, eleganter, bequemer Einrichtung, war neu und jedes steifen
Stiles bar. brigens hatte er in dieses sein Haus noch vor kurzem,
gelegentlich einer seiner greren Abendgesellschaften, eine ans
Stadttheater engagierte Sngerin geladen, hatte sie nach Tische vor
seinen Gsten, unter denen sich auch sein kunstliebender und
schngeistiger Bruder, der Rechtsgelehrte, befand, singen lassen und die
Dame aufs glnzendste honoriert. Er war nicht der Mann, in der
Brgerschaft die Bewilligung grerer Geldsummen zur Restaurierung und
Erhaltung der mittelalterlichen Denkmler zu befrworten. Da er aber
der erste, absolut in der ganzen Stadt der erste gewesen war, der seine
Wohnrume und seine Kontors mit Gas beleuchtet hatte, war Tatsache.
Gewi, wenn Konsul Hagenstrm irgendeiner Tradition lebte, so war es die
von seinem Vater, dem alten Hinrich Hagenstrm, bernommene
unbeschrnkte, fortgeschrittene, duldsame und vorurteilsfreie
Denkungsart, und hierauf grndete sich die Bewunderung, die er geno.

Das Prestige Thomas Buddenbrooks war anderer Art. Er war nicht nur er
selbst; man ehrte in ihm noch die unvergessenen Persnlichkeiten seines
Vaters, Grovaters und Urgrovaters, und abgesehen von seinen eigenen
geschftlichen und ffentlichen Erfolgen war er der Trger eines
hundertjhrigen Brgerruhmes. Die leichte, geschmackvolle und bezwingend
liebenswrdige Art freilich, in der er ihn reprsentierte und
verwertete, war wohl das Wichtigste; und was ihn auszeichnete, war ein
selbst unter seinen gelehrten Mitbrgern ganz ungewhnlicher Grad
formaler Bildung, der, wo er sich uerte, ebensoviel Befremdung wie
Respekt erregte...

Donnerstags, bei Buddenbrooks, war von der bevorstehenden Wahl in
Gegenwart des Konsuls meist nur in Form von kurzen und fast
gleichgltigen Bemerkungen die Rede, bei denen die alte Konsulin diskret
ihre hellen Augen beiseiteschweifen lie. Hie und da aber konnte Frau
Permaneder sich trotzdem nicht entbrechen, ein wenig mit ihrer
erstaunlichen Kenntnis der Staatsverfassung zu prunken, deren Satzungen
sie, soweit sie die Wahl eines Senatsmitgliedes betrafen, ebenso
eingehend studiert hatte wie vor Jahr und Tag die Scheidungsparagraphen.
Sie sprach dann von Wahlkammern, Wahlbrgern und Stimmzetteln, erwog
alle denkbaren Eventualitten, zitierte wrtlich und ohne Ansto den
feierlichen Eid, der von den Whlern zu leisten ist, erzhlte von der
freimtigen Besprechung, die verfassungsmig von den einzelnen
Wahlkammern ber alle diejenigen vorgenommen wird, deren Namen auf der
Kandidatenliste stehen, und gab dem lebhaften Wunsche Ausdruck, an der
freimtigen Besprechung der Persnlichkeit Hermann Hagenstrms
teilnehmen zu drfen. Einen Augenblick spter beugte sie sich vor und
begann, die Pflaumenkerne auf dem Kompotteller ihres Bruders zu zhlen:
Edelmann -- Bedelmann -- Doktor -- Pastor ---- Ratsherr! sagte sie
und schnellte mit ihrer Messerspitze den fehlenden Kern auf den kleinen
Teller hinber ... Nach Tische aber, unfhig, an sich zu halten, zog sie
den Konsul am Arme beiseite, in eine Fensternische.

O Gott, Tom! wenn du es wirst ... wenn unser Wappen in die Kriegsstube
im Rathause kommt ... ich sterbe vor Freude! ich falle um und bin tot,
du sollst sehen!

So, liebe Tony! Nun etwas mehr Haltung und Wrde, wenn ich dich bitten
darf! Das pflegt dir doch sonst nicht abzugehen? Gehe ich umher wie
Henning Kurz? Wir sind auch ohne `Senator was ... Und du wirst
hoffentlich am Leben bleiben, im einen wie im anderen Falle.

Und die Agitation, die Beratungen, die Kmpfe der Meinungen nahmen ihren
Fortgang. Konsul Peter Dhlmann, der Suitier, mit seinem gnzlich
verkommenen Geschft, das nur noch dem Namen nach existierte, und seiner
27jhrigen Tochter, deren Erbe er verfrhstckte, beteiligte sich daran,
indem er bei einem Diner, das Thomas Buddenbrook gab, und bei einem
ebensolchen, das Hermann Hagenstrm veranstaltete, jedesmal den
betreffenden Wirt mit schallender und lrmender Stimme Herr Senator
nannte. Siegismund Gosch aber, der alte Makler Gosch, ging umher wie ein
brllender Lwe und machte sich anheischig, ohne Umschweife jeden zu
erdrosseln, der nicht gewillt sei, fr Konsul Buddenbrook zu stimmen.

Konsul Buddenbrook, meine Herren ... ha! welch ein Mann! Ich habe an
der Seite seines Vaters gestanden, als er _anno_ 48 mit einem Worte die
Wut des entfesselten Pbels zhmte ... Gbe es eine Gerechtigkeit auf
Erden, so htte schon sein Vater, schon der Vater seines Vaters dem
Senate angehren mssen...

Im Grunde jedoch war es nicht sowohl Konsul Buddenbrook selbst, dessen
Persnlichkeit das Innere des Herrn Gosch in Flammen setzte, als
vielmehr die junge Frau Konsulin, geborene Arnoldsen. Nicht als ob der
Makler jemals ein Wort mit ihr gewechselt htte. Er gehrte nicht zu dem
Kreise der reichen Kaufleute, speiste nicht an ihren Tafeln und tauschte
nicht Visiten mit ihnen. Aber, wie schon erwhnt, Gerda Buddenbrook war
nicht sobald in der Stadt erschienen, als der immer sehnschtig nach
Auerordentlichem schweifende Blick des finsteren Maklers sie auch schon
erspht hatte. Mit sicherem Instinkte hatte er alsbald erkannt, da
diese Erscheinung geeignet sei, seinem unbefriedigten Dasein ein wenig
mehr Inhalt zu verleihen, und mit Leib und Seele hatte er sich ihr, die
ihn kaum dem Namen nach kannte, als Sklave ergeben. Seitdem umkreiste er
in Gedanken diese nervse und aufs uerste reservierte Dame, der
niemand ihn vorstellte, wie der Tiger den Bndiger: mit demselben
verbissenen Mienenspiel, derselben tckisch-demtigen Haltung, in der er
auf der Strae, ohne da sie das erwartet htte, seinen Jesuitenhut vor
ihr zog ... Diese Welt der Mittelmigkeit bot ihm keine Mglichkeit,
fr diese Frau eine Tat von grlicher Ruchlosigkeit zu begehen, welche
er, bucklig, dster und kalt in seinen Mantel gehllt, mit teuflischem
Gleichmut verantwortet haben wrde! Ihre langweiligen Gewohnheiten
gestatteten ihm nicht, diese Frau durch Mord, Verbrechen und blutige
Listen auf einen Kaiserthron zu erhhen. Nichts lie sie ihm brig, als
im Rathause fr die Wahl ihres ingrimmig verehrten Gatten zu stimmen und
ihr, vielleicht, dereinst, die bersetzung von Lope de Vegas smtlichen
Dramen zu widmen.


Viertes Kapitel

Jede im Senate erledigte Stelle mu binnen vier Wochen wieder besetzt
werden; so will es die Verfassung. Drei Wochen sind seit James
Mllendorpfs Hintritt verflossen, und nun ist der Wahltag herangekommen,
ein Tauwettertag am Ende des Februar.

In der Breiten Strae, vor dem Rathause mit seiner durchbrochenen
Glasurziegelfassade, seinen spitzen Trmen und Trmchen, die gegen den
grauweilichen Himmel stehen, seinem auf vorgeschobenen Sulen ruhenden
gedeckten Treppenaufgang, seinen spitzen Arkaden, die den Durchblick auf
den Marktplatz und seinen Brunnen gewhren ... vorm Rathause drngen
sich mittags um 1 Uhr die Leute. Sie stehen unentwegt in dem
schmutzig-wsserigen Schnee der Strae, der unter ihren Fen vollends
zergeht, sehen sich an, sehen wieder geradeaus und recken die Hlse.
Denn dort, hinter jenem Portale, im Ratssaale, mit seinen vierzehn im
Halbkreise stehenden Armsesseln, erwartet noch zu dieser Stunde die aus
Mitgliedern des Senates und der Brgerschaft bestehende Wahlversammlung
die Vorschlge der Wahlkammern...

Die Sache hat sich in die Lnge gezogen. Es scheint, da die Debatten in
den Kammern sich nicht beruhigen wollen, da der Kampf hart ist, und
da, bis jetzt, der Versammlung im Ratssaale keineswegs ein und dieselbe
Person vorgeschlagen wurde, denn sie wrde vom Brgermeister sofort als
gewhlt erklrt werden ... Sonderbar! Niemand begreift, woher sie
kommen, wo und wie sie entstehen, aber Gerchte dringen aus dem Portale
auf die Strae heraus und verbreiten sich. Steht dort drinnen Herr
Kaspersen, der ltere der beiden Ratsdiener, der sich selbst nie anders
als Staatsbeamter nennt, und dirigiert, was er erfhrt, mit
geschlossenen Zhnen und abgewandten Augen durch einen Mundwinkel nach
drauen? Jetzt heit es, da die Vorschlge im Sitzungssaale eingelaufen
sind, und da von jeder der drei Kammern ein anderer vorgeschlagen
wurde: Hagenstrm, Buddenbrook, Kistenmaker! Gott gebe, da nun
wenigstens die allgemeine Wahl durch geheime Abstimmung mittels
Stimmzettel eine unbedingte Stimmenmehrheit ergibt! Wer nicht warme
berschuhe trgt, fngt an, die Beine zu heben und zu stampfen, denn die
Fe schmerzen vor Klte.

Es sind Leute aus allen Volksklassen, die hier stehen und warten. Man
sieht Seeleute mit bloem, ttowiertem Halse, die Hnde in den weiten,
niedrigen Hosentaschen, Korntrger mit ihren Blusen und Kniehosen aus
schwarzem Glanzleinen und ihrem unvergleichlich biederen
Gesichtsausdruck; Fuhrleute, die von ihren zu Hauf geschichteten
Getreidescken geklettert sind, um, die Peitsche in der Hand, des
Wahlergebnisses zu harren; Dienstmdchen mit Halstuch, Schrze und
dickem, gestreiftem Rock, die kleine, weie Mtze auf dem Hinterkopf und
den groen Henkelkorb am nackten Arme; Fisch- und Gemsefrauen mit ihren
Strohschuten; sogar ein paar hbsche Grtnermdchen mit hollndischen
Hauben, kurzen Rcken und langen, faltigen, weien rmeln, die aus dem
buntgestickten Mieder hervorquellen ... Dazwischen Brger, Ladenbesitzer
aus der Nhe, die ohne Hut herausgetreten sind und ihre Meinungen
tauschen, junge, gutgekleidete Kaufleute, Shne, die im Kontor ihres
Vaters oder eines seiner Freunde ihre drei- oder vierjhrige Lehrzeit
erledigen, Schuljungen mit Rnzeln und Bcherpaketen...

Hinter zwei tabakkauenden Arbeitsleuten mit harten Schifferbrten steht
eine Dame, die in groer Erregung den Kopf hin und her wendet, um
zwischen den Schultern der beiden vierschrtigen Kerle hindurch auf das
Rathaus sehen zu knnen. Sie trgt eine Art von langem, mit braunem Pelz
besetzten Abendmantel, den sie von innen mit beiden Hnden zusammenhlt,
und ihr Gesicht ist gnzlich von einem dichten, braunen Schleier
verhllt. Ihre Gummischuhe trippeln rastlos in dem Schneewasser
umher...

Bi Gott, hei ward dat wedder nich, din Herr Kurz, sagt der eine
Arbeitsmann zum andern.

Nee, du Dhsbartel, dat brukst mi nich mehr tau vertellen. Sei stimmen
nu je all wer Hagenstrm, Kistenmaker un Buddenbrook af.

Je, un nu is dat de Frag', wekker von de dre die annern wer is.

Je, dat seg du man noch mal.

Weitst wat? Ick glw, sei whlen Hagenstrm.

Je, du Klaukscheeter ... Red' du un de Dwel.

Dann speit er seinen Tabak vor sich nieder, denn das Gedrnge erlaubt
ihm nicht, ihn im Bogen von sich zu geben, zieht mit beiden Hnden die
Hosen hher unter den Leibriemen hinauf und fhrt fort: Hagenstrm,
dat's so'n Fresack, un krigt nich mal Luft durch die Ns, so fett is
hei all ... Nee, wo min Herr Kurz dat nu wedder nich warden daut, nu bn
ick vr Buddenbrook. Dat's 'n fixen Kierl...

Je, dat segst du wull; wer Hagenstrm is all veel rieker...

Doar kmmp es nich auf an. Dat steiht nich in Frag'.

Un denn is Buddenbrook ook mmer so hllschen fien mit sin Manschetten
un sin sieden Krawatt un sin pielen Snurrboart ... Hest em gehen seihn?
Hei huppt mmer so'n beeten as 'n Vagel...

Je, du Dmelklaas, doarvon is nich de Red'.

Hei het je woll 'ne Swester, die von twe Mnnern wedder aff kamen is?

...Die Dame im Abendmantel erbebt...

Je, dat's so'n' Saak. wer doar weiten wi nix von, un denn kann der
Kunsel doar ook nix fr.

Nein, nicht wahr?! denkt die Dame im Schleier, indem sie ihre Hnde
unterm Mantel zusammenpret ... Nicht wahr? Oh, Gott sei Dank!

Un denn, fgt der Mann hinzu, der zu Buddenbrook hlt, un denn hat
ook Brgermeester verdieck Gevadder bi sinen Shn standen; dat will wat
bedden, will 'k di man vertellen...

Nicht wahr? denkt die Dame. Ja, Gott sei Dank, es hat gewirkt!... Sie
zuckt zusammen. Ein neues Gercht ist herausgedrungen, luft im
Zick-Zack nach hinten und gelangt zu ihr. Die allgemeine Wahl hat keine
Entscheidung gebracht. Eduard Kistenmaker, der die wenigsten Stimmen
erhalten, ist ausrangiert worden. Der Kampf zwischen Hagenstrm und
Buddenbrook dauert fort. Ein Brger bemerkt mit gewichtiger Miene, da,
wenn sich Stimmengleichheit ergibt, es ntig sein wird, fnf Obmnner
zu erwhlen, die nach Stimmenmehrheit zu entscheiden haben...

Pltzlich ruft ganz vorn am Portal eine Stimme: Heine Seehas is whlt!

Und dabei ist Seehase ein immer und ewig betrunkener Mensch, der
Dampfbrot auf einem Handwagen herumfhrt! Alles lacht und stellt sich
auf die Zehenspitzen, um sich den Witzbold anzusehen. Auch die Dame im
Schleier wird von einem nervsen Lachen ergriffen, das einen Augenblick
ihre Schultern erschttert. Dann jedoch, mit einer Bewegung, die
ausdrckt: Ist dies die Stunde, Spe zu machen?... nimmt sie sich
ungeduldig zusammen und lugt wieder leidenschaftlich zwischen den beiden
Arbeitsmnnern hindurch zum Rathaus hinber. Aber in demselben
Augenblick lt sie die Hnde sinken, da ihr Abendmantel sich vorne
ffnet, und steht da, mit hinabgefallenen Schultern, erschlafft,
vernichtet...

=Hagenstrm!= -- Die Nachricht ist da, niemand wei woher. Sie ist da,
wie aus dem Erdboden hervorgekommen oder vom Himmel gefallen und ist
berall zugleich. Es gibt keinen Widerspruch. Es ist entschieden.
Hagenstrm! -- Ja, ja, er ist es nun also. Da ist nichts mehr zu
erwarten. Die Dame im Schleier htte es vorher wissen knnen. So geht es
immer im Leben. Man kann nun ganz einfach nach Hause gehen. Sie fhlt,
wie das Weinen in ihr aufsteigt...

Und kaum hat dieser Zustand eine Sekunde lang gedauert, als ein
pltzlicher Sto, eine ruckartige Bewegung durch die ganze
Menschenansammlung geht, ein Schub, der sich von vorn nach hinten
fortsetzt und die Vorderen gegen ihre Hintermnner lehnt, whrend zu
gleicher Zeit dort hinten im Portale etwas Hellrotes aufblitzt ... Die
roten Rcke der beiden Ratsdiener, Kaspersen und Uhlefeldt, welche in
Gala, mit Dreispitz, weien Reithosen, gelben Stulpen und
Galanteriedegen, Seite an Seite erscheinen und durch die zurckweichende
Menge hindurch ihren Weg gehen.

Sie gehen wie das Schicksal: ernst, stumm, verschlossen, ohne nach
rechts oder links zu sehen, mit gesenkten Augen ... und schlagen mit
unerbittlicher Entschiedenheit die Richtung ein, die ihnen das Ergebnis
der Wahl, von dem sie unterrichtet sind, gewiesen hat. Und es ist
=nicht= die Richtung der Sandstrae, sondern sie gehen nach rechts die
Breite Strae hinunter!

Die Dame im Schleier traut ihren Augen nicht. Aber rings um sie her
sieht man es gleich ihr. Die Leute schieben sich in eben derselben
Richtung den Ratsdienern nach, sie sagen einander: Nee, nee,
Buddenbrook! nich Hagenstrm! ... und schon kommen in angeregten
Gesprchen allerlei Herren aus dem Portale, biegen um und gehen
geschwinden Schrittes die Breite Strae hinunter, um die ersten bei der
Gratulation zu sein.

Da nimmt die Dame ihren Abendmantel zusammen und luft davon. Sie luft,
wie eine Dame sonst eigentlich nicht luft. Ihr Schleier verschiebt sich
und lt ihr erhitztes Gesicht sehen; aber das ist gleichgltig. Und
obgleich einer ihrer pelzbesetzten berschuhe in dem wsserigen Schnee
bestndig ausschlappt und sie in der boshaftesten Weise behindert,
berholt sie alle Welt. Sie erreicht zuerst das Eckhaus an der
Bckergrube, sie schellt am Windfang Feuer und Mordio, sie ruft dem
ffnenden Mdchen zu: Sie kommen, Kathrin, sie kommen! sie nimmt die
Treppe, strmt droben ins Wohnzimmer, woselbst ihr Bruder, der
wahrhaftig ein bichen bleich ist, die Zeitung beiseite legt und ihr
eine etwas abwehrende Handbewegung entgegen macht ... sie umarmt ihn
und wiederholt: Sie kommen, Tom, sie kommen! Du bist es, und Hermann
Hagenstrm ist durchgefallen!

                   *       *       *       *       *

Das war ein Freitag. Schon am folgenden Tage stand Senator Buddenbrook
im Ratssaale vor dem Stuhle des verstorbenen James Mllendorpf, und in
Gegenwart der versammelten Vter sowie des Brgerausschusses leistete er
diesen Eid: Ich will meinem Amte gewissenhaft vorstehen, das Wohl des
Staates nach allen meinen Krften erstreben, die Verfassung desselben
getreu befolgen, das ffentliche Gut redlich verwalten und bei meiner
Amtsfhrung, namentlich auch bei allen Wahlen, weder auf eigenen Vorteil
noch auf Verwandtschaft oder Freundschaft Rcksicht nehmen. Ich will die
Gesetze des Staates handhaben und Gerechtigkeit ben gegen jeden, er sei
reich oder arm. Ich will auch verschwiegen sein in allem, was
Verschwiegenheit erfordert, besonders aber will ich geheimhalten, was
geheimzuhalten mir geboten wird. So wahr mir Gott helfe!


Fnftes Kapitel

Unsere Wnsche und Unternehmungen gehen aus gewissen Bedrfnissen
unserer Nerven hervor, die mit Worten schwer zu bestimmen sind. Das, was
man Thomas Buddenbrooks Eitelkeit nannte, die Sorgfalt, die er seinem
ueren zuwandte, der Luxus, den er mit seiner Toilette trieb, war in
Wirklichkeit etwas grndlich anderes. Es war ursprnglich um nichts
mehr, als das Bestreben eines Menschen der Aktion, sich vom Kopf bis zur
Zehe stets jener Korrektheit und Intaktheit bewut zu sein, die Haltung
gibt. Die Anforderungen aber wuchsen, die er selbst und die Leute an
seine Begabung und seine Krfte stellten. Er war mit privaten und
ffentlichen Pflichten berhuft. Bei der Ratssetzung, der Verteilung
der mter an die Mitglieder des Senates, war ihm als Hauptressort das
Steuerwesen zugefallen. Aber auch Eisenbahn-, Zoll- und andere
staatliche Geschfte nahmen ihn in Anspruch, und in tausend Sitzungen
von Verwaltungs- und Aufsichtsrten, in denen ihm seit seiner Wahl das
Prsidium zufiel, bedurfte es seiner ganzen Umsicht, Liebenswrdigkeit
und Elastizitt, um bestndig die Empfindlichkeit weit bejahrterer Leute
zu bercksichtigen, sich scheinbar ihrer lteren Erfahrung unterzuordnen
und dennoch die Macht in Hnden zu behalten. Wenn das Merkwrdige zu
beobachten war, da gleichzeitig seine Eitelkeit, das heit dieses
Bedrfnis, sich krperlich zu erquicken, zu erneuern, mehrere Male am
Tage die Kleidung zu wechseln, sich wiederherzustellen und morgenfrisch
zu machen, in aufflliger Weise zunahm, so bedeutete das, obgleich
Thomas Buddenbrook kaum 37 Jahre zhlte, ganz einfach ein Nachlassen
seiner Spannkraft, eine raschere Abntzbarkeit...

Bat der gute Doktor Grabow ihn, sich ein wenig mehr Ruhe zu gnnen, so
antwortete er: Oh, mein lieber Doktor! Soweit bin ich noch nicht. Er
wollte damit sagen, da er noch unabsehbar viel an sich zu arbeiten
habe, bevor er, dermaleinst vielleicht, sich einen Zustand erobert haben
wrde, den er, fertig und am Ziele, nun in Behagen wrde genieen
knnen. In Wahrheit glaubte er kaum an diesen Zustand. Es trieb ihn
vorwrts und lie ihm keinen Frieden. Auch wenn er scheinbar ruhte, nach
Tisch vielleicht, mit den Zeitungen, arbeiteten, whrend er mit einer
gewissen langsamen Leidenschaftlichkeit die ausgezogene Spitze seines
Schnurrbartes drehte und an seinen blassen Schlfen die Adern sichtbar
wurden, tausend Plne in seinem Kopf durcheinander. Und sein Ernst war
gleich heftig beim Ersinnen eines geschftlichen Manvers oder einer
ffentlichen Rede, wie bei dem Vorhaben, nun endlich einmal kurzerhand
seinen gesamten Vorrat an Leibwsche zu erneuern, um wenigstens in
dieser Beziehung fr einige Zeit fertig und in Ordnung zu sein!

Wenn solche Anschaffungen und Restaurierungen ihm vorbergehend eine
gewisse Befriedigung und Beruhigung gewhrten, so mochte er die Ausgaben
dafr sich skrupellos gestatten, denn seine Geschfte gingen in diesen
Jahren so ausgezeichnet wie ehemals nur zur Zeit seines Grovaters. Der
Name der Firma gewann nicht nur in der Stadt, sondern auch drauen an
Klang, und innerhalb des Gemeinwesens wuchs noch immer sein Ansehen.
Jedermann anerkannte mit Neid oder freudiger Teilnahme seine Tchtigkeit
und Geschicklichkeit, whrend er selbst vergeblich danach rang, mit
Behagen in Reihe und Ordnung zu schaffen, weil er hinter seiner
planenden Phantasie sich bestndig zum Verzweifeln im Rckstande fhlte.

So war es nicht bermut, da Senator Buddenbrook im Sommer dieses Jahres
63 umherging und ber dem Plane sann, sich ein groes, neues Haus zu
bauen. Wer glcklich ist, bleibt am Platze. Seine Rastlosigkeit trieb
ihn dazu, und seine Mitbrger htten dies Unternehmen seiner Eitelkeit
zurechnen knnen, denn es gehrte dazu. Ein neues Haus, eine radikale
Vernderung des ueren Lebens, Aufrumen, Umzug, Neuinstallierung mit
Ausscheidung alles Alten und berflssigen, des ganzen Niederschlages
vergangener Jahre: diese Vorstellungen gaben ihm ein Gefhl von
Sauberkeit, Neuheit, Erfrischung, Unberhrtheit, Strkung ... und er
mute alles dessen wohl bedrftig sein, denn er griff mit Eifer danach
und hatte sein Augenmerk schon auf eine bestimmte Stelle gerichtet.

Es war ein ziemlich umfangreiches Grundstck in der unteren
Fischergrube. Ein altersgraues, schlecht unterhaltenes Haus stand dort
zum Verkaufe, dessen Besitzerin, eine steinalte Jungfer, die es als ein
berbleibsel einer vergessenen Familie ganz allein bewohnt hatte,
krzlich gestorben war. An diesem Platze wollte der Senator sein Haus
erstehen lassen, und auf seinen Gngen zum Hafen passierte er ihn oft
mit prfenden Blicken. Die Nachbarschaft war sympathisch: gute
Brgerhuser mit Giebeln; am bescheidensten unter ihnen erschien das
_vis--vis_: ein schmales Ding mit einem kleinen Blumenladen im
Erdgescho.

Er beschftigte sich angestrengt mit diesem Unternehmen. Er machte einen
ungefhren berschlag der Kosten, und obgleich die Summe, die er
vorlufig festsetzte, nicht gering war, fand er, da er sie ohne
beranstrengung zu leisten vermochte. Dennoch erblate er bei dem
Gedanken, da das Ganze vielleicht ein unntzer Streich sein knne, und
gestand sich, da sein jetziges Haus fr ihn, seine Frau, sein Kind und
die Dienerschaft ja eigentlich Raum in Flle hatte. Aber seine
halbbewuten Bedrfnisse waren strker, und in dem Wunsche, von auen
her in seinem Vorhaben bekrftigt und berechtigt zu werden, erffnete er
sich zunchst seiner Schwester.

Kurz, Tony, was hltst du von der Sache! Die Wendeltreppe zum
Badezimmer ist ja ganz spahaft, aber im Grunde ist das Ganze doch blo
eine Schachtel. Es ist so wenig reprsentabel, wie? Und jetzt, wo du es
richtig dahin gebracht hast, da ich Senator geworden bin ... Mit einem
Worte: Bin ich's mir schuldig...?

Ach, mein Gott, was war er sich in Madame Permaneders Augen nicht
schuldig! Sie war voll ernster Begeisterung. Sie kreuzte die Arme auf
der Brust und ging mit etwas erhobenen Schultern und zurckgelegtem
Kopfe im Zimmer umher.

Da hast du recht, Tom! O Gott, wie recht du hast! Da gibt es gar keinen
Einwand, denn wer zum berflu eine Arnoldsen mit 100000 Talern hat ...
brigens bin ich stolz, da du mich zuerst ins Vertrauen ziehst, das ist
schn von dir!... Und =wenn= schon, Tom, dann auch =vornehm=, das sage
ich dir...!

Nun ja, der Meinung bin ich auch. Ich will etwas daranwenden. Voigt
soll es machen, und ich freue mich schon darauf, den Ri mit dir zu
besehen. Voigt hat viel Geschmack...

Die zweite Zustimmung, die Thomas sich einholte, war diejenige Gerdas.
Sie lobte den Plan durchaus. Das Getmmel des Umzuges wrde nichts
Angenehmes sein, aber die Aussicht auf ein groes Musikzimmer mit guter
Akustik stimmte sie glcklich. Und was die alte Konsulin betraf, so war
sie sofort bereit, den Bau als logische Folge der brigen Glcksflle zu
betrachten, die sie mit Genugtuung und Dank gegen Gott erlebte. Seit der
Geburt des Erben und des Konsuls Wahl in den Rat uerte sich ihr
Mutterstolz noch unverhohlener als frher; sie hatte eine Art, mein
Sohn, der Senator zu sagen, die die Damen Buddenbrook aus der Breiten
Strae aufs hchste irritierte.

Die alternden Mdchen fanden wahrhaftig allzu wenig Ablenkung von dem
Anblick des eklatanten Aufschwunges, den Thomas' ueres Leben nahm. Am
Donnerstag die arme Klothilde zu verhhnen, bereitete wenig Genugtuung,
und ber Christian, der durch Vermittlung Mr. Richardsons, seines
ehemaligen Prinzipals, in London eine Stellung gefunden und von dort aus
ganz krzlich den aberwitzigen Wunsch herbertelegraphiert hatte,
Frulein Puvogel als Gattin sich zu nehmen, worauf er allerdings von der
Konsulin aufs strengste zurckgewiesen war ... ber Christian, der ganz
einfach zur Rangordnung Jakob Krgers gehrte, waren die Akten
geschlossen. So entschdigte man sich ein wenig an den kleinen Schwchen
der Konsulin und Frau Permaneders, indem man zum Beispiel das Gesprch
auf Haartrachten brachte; denn die Konsulin war imstande, mit der
sanftesten Miene zu sagen, sie trage ihr Haar schlicht ... whrend
doch alle von Gott mit Verstand begabten Menschen, vor allen aber die
Damen Buddenbrook sich sagen muten, da der unvernderlich
rtlichblonde Scheitel unter der Haube der alten Dame lngst nicht mehr
ihr Haar genannt werden knne. Noch lohnender aber war es, Kusine Tony
zu veranlassen, sich ein wenig ber die Personen zu uern, die ihr
bisheriges Leben in hassenswerter Weise beeinflut hatten.
Trnen-Trieschke! Grnlich! Permaneder! Hagenstrms!... Diese Namen, die
Tony, wenn sie gereizt ward, wie ebenso viele kleine Trompetenste des
Abscheus mit etwas emporgezogenen Schultern in die Luft hinein verlauten
lie, klangen den Tchtern Onkel Gottholds recht angenehm in die Ohren.

brigens verhehlten sie sich nicht -- und bernahmen keineswegs die
Verantwortung, es zu verschweigen--, da der kleine Johann zum
Erschrecken langsam gehen und sprechen lerne ... Sie waren im Rechte
damit, und es ist zuzugeben, da Hanno -- dies war der Rufname, den Frau
Senator Buddenbrook fr ihren Sohn eingefhrt hatte -- zu einer Zeit,
als er alle Mitglieder seiner Familie mit ziemlicher Korrektheit zu
nennen vermochte, noch immer auerstande war, die Namen Friederike,
Henriette und Pfiffi in verstndlicher Weise zu bilden. Was das Gehen
betraf, so war ihm jetzt, im Alter von fnf Vierteljahren, noch kein
selbstndiger Schritt gelungen, und es war um diese Zeit, da die Damen
Buddenbrook mit hoffnungslosem Kopfschtteln erklrten, dieses Kind
werde stumm und lahm bleiben fr sein ganzes Leben.

Sie durften spter diese traurige Prophezeiung als Irrtum erkennen; aber
niemand leugnete, da Hanno in seiner Entwicklung ein wenig zurckstand.
Er hatte gleich in der frhesten Zeit seines Lebens schwere Kmpfe zu
bestehen gehabt und seine Umgebung in bestndiger Furcht gehalten. Als
ein stilles und wenig krftiges Kind war er zur Welt gekommen, und bald
nach der Taufe hatte ein nur drei Tage dauernder Anfall von
Brechdurchfall beinahe gengt, sein mit Mhe in Gang gebrachtes kleines
Herz endgltig stillstehen zu lassen. Er blieb am Leben, und der gute
Doktor Grabow traf nun, mit der sorgfltigsten Ernhrung und Pflege,
Vorkehrungen gegen die drohenden Krisen des Zahnens. Kaum aber wollte
die erste weie Spitze den Kiefer durchbrechen, als auch schon die
Krmpfe sich einstellten, um sich dann strker und einige Male in
Entsetzen erregender Weise zu wiederholen. Wieder kam es dahin, da der
alte Arzt den Eltern nur noch wortlos die Hnde drckte ... Das Kind lag
in tiefster Erschpfung, und der stiere Seitenblick der tief
umschatteten Augen deutete auf eine Gehirnaffektion. Das Ende schien
fast wnschenswert.

Dennoch gelangte Hanno wieder zu einigen Krften, sein Blick begann die
Dinge zu fassen, und wenn auch die berstandenen Strapazen seine
Fortschritte im Sprechen und Gehen verlangsamten, so gab es nun doch
keine unmittelbare Gefahr mehr zu frchten.

Hanno war schlankgliedrig und ziemlich lang fr sein Alter. Sein
hellbraunes, sehr weiches Haar begann in dieser Zeit ungemein schnell zu
wachsen und fiel bald, kaum merklich gewellt, auf die Schultern seines
faltigen, schrzenartigen Kleidchens nieder. Schon begannen die
Familienhnlichkeiten sich vollkommen erkennbar bei ihm auszuprgen. Von
Anbeginn besa er ganz ausgesprochen die Hnde der Buddenbrooks: breit,
ein wenig zu kurz, aber fein gegliedert; und seine Nase war genau die
seines Vaters und Urgrovaters, wenn auch die Flgel noch zarter bleiben
zu wollen schienen. Das ganze lngliche und schmale Untergesicht jedoch
gehrte weder den Buddenbrooks noch den Krgers, sondern der
mtterlichen Familie -- wie auch vor allem sein Mund, der frhzeitig --
schon jetzt -- dazu neigte, sich in zugleich wehmtiger und ngstlicher
Weise verschlossen zu halten ... mit diesem Ausdruck, dem spter der
Blick seiner eigenartig goldbraunen Augen mit den blulichen Schatten
sich immer mehr anpate...

Unter den Blicken voll verhaltener Zrtlichkeit, die sein Vater ihm
schenkte, unter der Sorgfalt, mit der seine Mutter seine Kleidung und
Pflege berwachte, angebetet von seiner Tante Antonie, mit Reitern und
Kreiseln beschenkt von der Konsulin und Onkel Justus -- begann er zu
leben, und wenn sein hbscher kleiner Wagen auf der Strae erschien,
blickten die Leute ihm mit Interesse und Erwartung nach. Was aber die
wrdige Kinderfrau Madame Decho betraf, die zunchst noch den Dienst
versah, so war es beschlossene Sache, da in das neue Haus nicht mehr
sie, sondern an ihrer Statt Ida Jungmann einziehen sollte, whrend die
Konsulin sich nach anderer Hilfe umsehen wrde...

Senator Buddenbrook verwirklichte seine Plne. Der Ankauf des
Grundstckes in der Fischergrube machte keinerlei Schwierigkeiten, und
das Haus in der Breiten Strae, zu dessen bernahme der Makler Gosch
sich sofort mit Ingrimm bereit erklrt hatte, brachte Herr Stephan
Kistenmaker, dessen Familie wuchs und der mit seinem Bruder in Rotspohn
gutes Geld verdiente, unmittelbar kuflich an sich. Herr Voigt bernahm
den Bau, und bald schon konnte man Donnerstags im Familienkreise seinen
sauberen Ri entrollen und die Fassade im voraus schauen: ein prchtiger
Rohbau mit Sandstein-Karyatiden, die den Erker trugen, und einem flachen
Dache, ber welches Klothilde gedehnt und freundlich bemerkte, da man
nachmittags Kaffee darauf trinken knne ... Selbst in betreff der
Parterrerumlichkeiten des Mengstraenhauses, die nun leer stehen
wrden, denn auch seine Kontors gedachte der Senator in die Fischergrube
zu verlegen, ordnete sich rasch alles zum besten, denn es erwies sich,
da die stdtische Feuer-Versicherungsgesellschaft gewillt war, die
Stuben mietweise als Bros zu bernehmen.

Der Herbst kam, graues Gemuer strzte zu Schutt zusammen, und ber
gerumigen Kellern erwuchs, whrend der Winter hereinbrach und wieder an
Kraft verlor, Thomas Buddenbrooks neues Haus. Kein Gesprchsstoff in der
Stadt, der anziehender gewesen wre! Es wurde tipptopp, es wurde das
schnste Wohnhaus weit und breit! Gab es etwa in Hamburg schnere?...
Mute aber auch verzweifelt teuer sein, und der alte Konsul htte solche
Sprnge sicherlich nicht gemacht ... Die Nachbarn, die Brgersleute in
den Giebelhusern, lagen in den Fenstern, sahen den Arbeiten der Mnner
auf den Gersten zu, freuten sich, wie der Bau emporstieg, und suchten
den Zeitpunkt des Richtfestes zu bestimmen.

Es kam heran und ward mit allen Umstndlichkeiten begangen. Droben auf
dem flachen Dache hielt ein alter Maurerpolier eine Rede, an deren Ende
er eine Champagnerflasche ber seine Schulter schleuderte, whrend
zwischen den Fahnen die gromchtige Richtkrone aus Rosen, grnem Laub
und bunten Blttern schwerfllig im Winde schwankte. Dann aber ward in
einem nahen Wirtshause den smtlichen Arbeitern an langen Tischen ein
Festmahl mit Bier, belegtem Butterbrot und Zigarren gegeben, und mit
seiner Gattin und seinem kleinen Sohne, den Madame Decho auf dem Arme
trug, schritt Senator Buddenbrook in dem niedrigen Raume zwischen den
Reihen der Tafelnden hindurch und nahm dankend die Hochrufe entgegen,
die man ihm darbrachte.

Drauen ward Hanno wieder in seinen Wagen gesetzt, und Thomas
berschritt mit Gerda den Fahrdamm, um noch einen Blick an der roten
Fassade mit den weien Karyatiden hinaufgleiten zu lassen. Drben, vor
dem kleinen Blumenladen mit der schmalen Tr und dem drftigen
Schaufensterchen, in welchem ein paar Tpfe mit Zwiebelgewchsen
nebeneinander auf einer grnen Glasscheibe paradierten, stand Iwersen,
der Besitzer des Geschftes, ein blonder, riesenstarker Mann, in
wollener Jacke, neben seiner Frau, die weit schmchtiger war und einen
dunklen, sdlichen Gesichtstypus zeigte. Sie hielt einen vier- oder
fnfjhrigen Jungen an der einen Hand, schob mit der andern ein
Wgelchen, in dem ein kleineres Kind schlummerte, langsam hin und her
und befand sich ersichtlich in guter Hoffnung.

Iwersen verbeugte sich ebenso tief wie ungeschickt, whrend seine Frau,
die nicht aufhrte, das Kinderwgelchen hin und her zu rollen, aus ihren
schwarzen, lnglich geschnittenen Augen ruhig und aufmerksam die
Senatorin betrachtete, die am Arme ihres Gatten auf sie zukam.

Thomas blieb stehen und wies mit dem Stock nach der Richtkrone hinauf.

Das haben Sie schn gemacht, Iwersen!

Kmmt nich mir zu, Herr Senator. Dat's min Fru eer Saak.

Ah! sagte der Senator kurz, wobei er mit einem kleinen Ruck den Kopf
erhob und eine Sekunde lang hell, fest und freundlich in das Gesicht
Frau Iwersens blickte. Und ohne ein Wort hinzuzufgen, verabschiedete er
sich mit einer verbindlichen Handbewegung.


Sechstes Kapitel

Eines Sonntags, zu Beginn des Juli -- Senator Buddenbrook hatte seit
etwa vier Wochen sein neues Haus bezogen -- erschien Frau Permaneder
noch gegen Abend bei ihrem Bruder. Sie berschritt den khlen,
steinernen Flur, der mit Reliefs nach Thorwaldsen geschmckt war und von
dem zur Rechten eine Tr in die Kontors fhrte, schellte an der
Windfangtr, die von der Kche aus durch den Druck auf einen Gummiball
geffnet werden konnte, und erfuhr auf dem gerumigen Vorplatz, wo, am
Fue der Haupttreppe, der Br, das Geschenk der Tiburtius', stand, von
Anton, dem Bedienten, da der Senator noch bei der Arbeit sei.

Schn, sagte sie, danke, Anton; ich gehe zu ihm.

Aber sie schritt zuvor noch am Kontoreingang vorbei, ein wenig nach
rechts, dorthin, wo ber ihr das kolossale Treppenhaus sich auftat,
dieses Treppenhaus, das im ersten Stockwerk von der Fortsetzung des
gueisernen Treppengelnders gebildet ward, in der Hhe der zweiten
Etage aber zu einer weiten Sulengalerie in Wei und Gold wurde, whrend
von der schwindelnden Hhe des einfallenden Lichtes ein mchtiger,
goldblanker Lustre herniederschwebte ... Vornehm! sagte Frau
Permaneder leise und befriedigt, indem sie in diese offene und helle
Pracht hineinblickte, die ihr ganz einfach die Macht, den Glanz und
Triumph der Buddenbrooks bedeutete. Dann aber fiel ihr ein, da sie in
einer betrbenden Angelegenheit hierhergekommen sei, und sie wandte sich
langsam dem Kontoreingang zu.

Thomas war ganz allein dort drinnen; er sa an seinem Fensterplatz und
schrieb einen Brief. Er blickte auf, indem er eine seiner hellen Brauen
emporzog, und streckte seiner Schwester die Hand entgegen.

'n Abend, Tony. Was bringst du Gutes.

Ach, nicht viel Gutes, Tom!... Nein, das Treppenhaus ist gar zu
herrlich!... brigens sitzest du hier im Halbdunkeln und schreibst.

Ja ... ein eiliger Brief. -- Also nichts Gutes? Jedenfalls wollen wir
ein bichen im Garten herumgehen dabei; das ist angenehmer. Komm.

Ein Geigenadagio tnte tremolierend aus der ersten Etage herab, whrend
sie ber die Diele gingen.

Horch! sagte Frau Permaneder und blieb einen Augenblick stehen ...
Gerda spielt. Wie himmlisch! O Gott, dieses Weib ... sie ist eine Fee!
Wie geht es Hanno, Tom?

Er wird gerade mit der Jungmann zu Abend essen. Schlimm, da es mit
seinem Gehen noch immer nicht so recht vorwrts will...

Das wird schon kommen, Tom, wird schon kommen! Wie seid ihr mit Ida
zufrieden?

Oh, wie sollten wir nicht zufrieden sein...

Sie passierten den rckwrts gelegenen steinernen Flur, indem sie die
Kche zur Rechten lieen, und traten durch eine Glastr ber zwei Stufen
in den zierlichen und duftenden Blumengarten hinaus.

Nun? fragte der Senator.

Es war warm und still. Die Dfte der reinlich abgezirkelten Beete lagen
in der Abendluft, und der von hohen lilafarbenen Iris umstandene
Springbrunnen sandte seinen Strahl mit friedlichem Pltschern dem
dunklen Himmel entgegen, an dem die ersten Sterne zu erglimmen begannen.
Im Hintergrunde fhrte eine kleine, von zwei niedrigen Obelisken
flankierte Freitreppe zu einem erhhten Kiesplatze empor, auf welchem
ein offener, hlzerner Pavillon stand, der mit seiner herabgelassenen
Markise einige Gartensthle beschirmte. Zur Linken ward das Grundstck
durch eine Mauer vom Nachbargarten abgegrenzt; rechts aber war die
Seitenwand des Nebenhauses in ihrer ganzen Hhe mit einem hlzernen
Gerst verkleidet, das bestimmt war, mit der Zeit von Schlinggewchsen
bedeckt zu werden. Es gab zu den Seiten der Freitreppe und des
Pavillonplatzes ein paar Johannis- und Stachelbeerstrucher; aber nur
=ein= groer Baum war da, ein knorriger Walnubaum, der links an der
Mauer stand.

Die Sache ist die, antwortete Frau Permaneder zgernd, whrend die
Geschwister auf dem Kieswege langsam den vorderen Platz zu umschreiten
begannen ... Tiburtius schreibt...

Klara?! fragte Thomas ... Bitte, kurz und ohne Umstnde!

Ja, Tom, sie liegt, es steht schlimm mit ihr, und der Doktor frchtet,
da es Tuberkeln sind ... Gehirntuberkulose ... so schwer es mir fllt,
es auszusprechen. Sieh her: dies ist der Brief, den ihr Mann mir
schreibt. Diese Einlage, die an Mutter adressiert ist und in der, sagt
er, dasselbe steht, sollen wir ihr geben, nachdem wir sie ein bichen
vorbereitet haben. Und dann ist hier noch diese zweite Einlage: auch an
Mutter und von Klara selbst sehr unsicher mit Bleistift geschrieben. Und
Tiburtius erzhlt, da sie selbst dabei gesagt hat, es seien ihre
letzten Zeilen, denn es sei das Traurige, da sie sich gar keine Mhe
gbe, zu leben. Sie hat sich ja immer nach dem Himmel gesehnt...
schlo Frau Permaneder und trocknete ihre Augen.

Der Senator ging schweigend, die Hnde auf dem Rcken und mit tief
gesenktem Kopfe neben ihr.

Du bist so still, Tom ... Und du hast recht; was soll man sagen? Und
dies grade jetzt, wo auch Christian krank in Hamburg liegt...

Denn so verhielt es sich. Christians Qual in der linken Seite war in
letzter Zeit zu London so stark geworden, hatte sich in so reelle
Schmerzen verwandelt, da er alle seine kleineren Beschwerden darber
vergessen hatte. Er hatte sich nicht mehr zu helfen gewut, hatte seiner
Mutter geschrieben, er msse nach Hause kommen, um sich von ihr pflegen
zu lassen, hatte seinen Platz in London fahren lassen und war abgereist.
Kaum aber in Hamburg angelangt, hatte er zu Bette gehen mssen, der
Arzt hatte Gelenkrheumatismus festgestellt und Christian aus dem Hotel
ins Krankenhaus schaffen lassen, da eine Weiterreise frs erste
unmglich sei. Da lag er nun und diktierte seinem Wrter hchst
trbselige Briefe...

Ja, antwortete der Senator leise; es scheint, da eins zum andern
kommen soll.

Sie legte einen Augenblick den Arm um seine Schultern.

Aber du mut nicht verzagt sein, Tom! Dazu hast du noch lange kein
Recht! Du hast guten Mut ntig...

Ja, bei Gott, den htte ich ntig!

Wieso, Tom?... Sage mal: Warum warst du eigentlich vorgestern,
Donnerstag, den ganzen Nachmittag so schweigsam, wenn ich das wissen
darf?

Ach ... Geschfte, mein Kind. Ich habe eine nicht ganz kleine Partie
Roggen nicht sehr vorteilhaft ... na, kurz und gut: eine groe Partie
sehr unvorteilhaft verkaufen mssen...

Oh, das kommt vor, Tom! Das passiert heute, und morgen bringst du's
wieder ein. Sich dadurch gleich die Stimmung verderben zu lassen...

Falsch, Tony, sagte er und schttelte den Kopf. Meine Stimmung ist
nicht unter Null, weil ich Mierfolg habe. =Umgekehrt.= Das ist mein
Glaube, und darum trifft es auch zu.

Aber, was ist denn mit deiner Stimmung?! fragte sie erschreckt und
erstaunt. Man sollte annehmen ... du solltest frhlich sein, Tom! Klara
ist am Leben ... alles wird gut gehen mit Gottes Hilfe! Und im brigen?
Hier gehen wir in deinem Garten umher, und alles duftet nur so. Dort
liegt dein Haus, ein Traum von einem Haus; Hermann Hagenstrm bewohnt
eine Kate im Vergleiche damit! Das alles hast du zuwege gebracht...

Ja, es ist fast zu schn, Tony. Ich will sagen: es ist noch zu neu. Es
verstrt mich noch ein wenig, und daher mag die ble Stimmung kommen,
die mir zusetzt und mir in allen Dingen schadet. Ich habe mich sehr auf
dies alles gefreut, aber diese Vorfreude war, wie ja immer, das Beste,
denn das Gute kommt immer zu spt, immer wird es zu spt fertig, wenn
man sich nicht mehr recht darber freuen kann...

Nicht mehr freuen, Tom! Jung wie du bist!

Man ist so jung oder alt wie man sich fhlt. -- Und =wenn= es kommt,
das Gute und Erwnschte, schwerfllig und versptet, so kommt es,
behaftet mit allem kleinlichen, strenden, rgerlichen Beiwerk, allem
Staube der Wirklichkeit, mit dem man in der Phantasie nicht gerechnet
hat, und der einen reizt ... reizt...

Ja, ja ... Aber so jung oder alt wie man sich =fhlt=, Tom--?

Ja, Tony. Es mag vorbergehen ... eine Verstimmung -- gewi. Aber ich
fhle mich in dieser Zeit lter, als ich bin. Ich habe geschftliche
Sorgen, und im Aufsichtsrat der Bchener Eisenbahn hat mich Konsul
Hagenstrm gestern ganz einfach zu Boden geredet, widerlegt, beinahe dem
allgemeinen Lcheln ausgesetzt ... Mir ist, als ob mir dergleichen
frher nicht htte geschehen knnen. Mir ist, als ob mir etwas zu
entschlpfen begnne, als ob ich dieses Unbestimmte nicht mehr so fest
in Hnden hielte, wie ehemals ... Was ist der Erfolg? Eine geheime,
unbeschreibliche Kraft, Umsichtigkeit, Bereitschaft ... das Bewutsein,
einen Druck auf die Bewegungen des Lebens um mich her durch mein bloes
Vorhandensein auszuben ... Der Glaube an die Gefgigkeit des Lebens zu
meinen Gunsten ... Glck und Erfolg sind in uns. Wir mssen sie halten:
fest, tief. Sowie hier drinnen etwas nachzulassen beginnt, sich
abzuspannen, mde zu werden, alsbald wird alles frei um uns her,
widerstrebt, rebelliert, entzieht sich unserem Einflu ... Dann kommt
eines zum andern, Schlappe folgt auf Schlappe, und man ist fertig. Ich
habe in den letzten Tagen oft an ein trkisches Sprichwort gedacht, das
ich irgendwo las: `Wenn das Haus fertig ist, so kommt der Tod. Nun, es
braucht noch nicht grade der Tod zu sein. Aber der Rckgang ... der
Abstieg ... der Anfang vom Ende ... Siehst du, Tony, fuhr er fort,
indem er den Arm unter den seiner Schwester schob, und seine Stimme
wurde noch leiser: Als wir Hanno tauften, erinnerst du dich? Da sagtest
du zu mir: `Mir ist, als ob jetzt noch eine ganz neue Zeit beginnen
msse! Ich hre es noch ganz deutlich, und es schien dann, als solltest
du recht bekommen, denn es kam die Senatswahl, und ich hatte Glck, und
hier wuchs das Haus aus dem Erdboden. Aber `Senator und Haus sind
uerlichkeiten, und ich wei etwas, woran du noch nicht gedacht hast,
ich wei es aus Leben und Geschichte. Ich wei, da oft die ueren,
sichtbarlichen und greifbaren Zeichen und Symbole des Glckes und
Aufstieges erst erscheinen, wenn in Wahrheit alles schon wieder abwrts
geht. Diese ueren Zeichen brauchen Zeit, anzukommen, wie das Licht
eines solchen Sternes dort oben, von dem wir nicht wissen, ob er nicht
schon im Erlschen begriffen, nicht schon erloschen ist, wenn er am
hellsten strahlt...

Er verstummte, und sie gingen eine Weile schweigend, whrend der
Springbrunnen in der Stille pltscherte und es in der Krone des
Walnubaumes flsterte. Dann atmete Frau Permaneder so mhsam auf, da
es wie Schluchzen klang.

Wie traurig du sprichst, Tom! So traurig wie noch nie! Aber es ist gut,
da du dich ausgesprochen hast, und nun wird es dir leichter werden, dir
alles das aus dem Sinn zu schlagen.

Ja, Tony, das mu ich, so gut es geht, versuchen. Und nun gib mir die
beiden Einlagen von Klara und dem Pastor. Es wird dir recht sein, wenn
ich dir die Sache abnehme und morgen vormittag selbst mit Mutter
spreche. Die gute Mutter! Aber wenn es Tuberkeln sind, so mu man sich
ergeben.


Siebentes Kapitel

Und du fragst mich nicht?! Du gehst ber mich hinweg?!

Ich habe gehandelt, wie ich handeln mute!

Du hast ber alle Grenzen verwirrt und vernunftlos gehandelt!

Vernunft ist nicht das Hchste auf Erden!

Oh, keine Phrasen!... Es handelt sich um die einfachste Gerechtigkeit,
die du in emprender Weise auer acht gelassen hast!

Ich bemerke dir, mein Sohn, da du deinerseits in deinem Tone die
Ehrfurcht auer acht lt, die du mir schuldest!

Und ich entgegne dir, meine liebe Mutter, da ich diese Ehrfurcht noch
niemals vergessen habe, da aber meine Eigenschaft als Sohn zu Null
wird, sobald ich dir in Sachen der Firma und der Familie als mnnliches
Oberhaupt und an der Stelle meines Vaters gegenberstehe!...

Ich will nun, da du schweigst, Thomas!

O nein! ich werde nicht schweigen, bis du deine malose Torheit und
Schwche erkennst!

Ich disponiere ber mein Vermgen wie es mir beliebt!

Billigkeit und Vernunft setzen deinem Belieben Schranken!

Nie htte ich gedacht, da du mich so zu krnken vermchtest!

Nie htte ich gedacht, da du mir so rcksichtslos ins Gesicht zu
schlagen vermchtest...!

Tom!... Aber Tom! lie sich Frau Permaneders verngstigte Stimme
vernehmen. Sie sa, die Hnde ringend, am Fenster des Landschaftszimmers,
whrend ihr Bruder mit furchtbar erregten Schritten den Raum durchma
und die Konsulin, aufgelst in Zorn und Schmerz, auf dem Sofa sa, indem
sie sich mit einer Hand auf das Polster sttzte und die andere bei einem
heftigen Wort auf die Tischplatte niederfallen lie. Alle drei trugen
Trauer um Klara, die nicht mehr auf Erden weilte, und alle drei waren
bleich und auer sich...

Was ging vor? Etwas Entsetzliches, Grauenerregendes, etwas, was den
Beteiligten selbst als monstrs und unglaublich erschien! Ein Streit,
eine erbitterte Auseinandersetzung zwischen Mutter und Sohn!

Es war im August, an einem schwlen Nachmittage. Zehn Tage schon,
nachdem der Senator seiner Mutter mit aller Vorsicht die beiden Briefe
von Sievert und Klara Tiburtius berreicht hatte, war ihm die schwere
Aufgabe geworden, die alte Dame mit der Todesnachricht zu treffen. Dann
war er zum Begrbnis nach Riga gereist, war zusammen mit seinem Schwager
Tiburtius zurckgekehrt, der einige Tage bei der Familie seiner
entschlafenen Gattin verbracht, und auch Christian im Hamburger
Krankenhause besucht hatte ... und jetzt, da der Pastor seit zwei Tagen
sich wieder in seiner Heimat befand, hatte die Konsulin ihrem Sohne mit
ersichtlichem Zgern diese Erffnung gemacht...

Hundertsiebenundzwanzigtausendfnfhundert Kurantmark! rief er und
schttelte die gefalteten Hnde vor seinem Gesicht. Sei's um die
Mitgift! Htte er doch die Achtzigtausend behalten mgen, obgleich kein
Kind vorhanden ist! Aber das Erbe! Klaras Erbe ihm zuzusprechen! Und du
fragst mich nicht! Du gehst ber mich hinweg!...

Thomas, um Christi willen, la mir Gerechtigkeit widerfahren! Konnte
ich denn anders? Konnte ich es denn?!... Sie, die nun bei Gott, und all
dem entrckt ist, sie schreibt mir von ihrem Sterbebette aus ... mit
Bleistift ... mit zitternder Hand ... `Mutter, schreibt sie, `wir
werden uns hier unten niemals wiedersehen, und dies sind, das fhle ich
so deutlich, meine letzten Zeilen ... Mit meinem letzten Bewutsein
schreibe ich sie, das meinem Manne gilt ... Gott hat uns nicht mit
Kindern gesegnet; aber was =mein= gewesen wre, wenn ich Dich berlebt
htte, la es, wenn Du mir dereinst =dorthin= nachfolgst -- la es =ihm=
zufallen, damit er es zu seinen Lebzeiten geniee! Mutter, es ist meine
letzte Bitte ... die Bitte einer Sterbenden ... Du wirst sie mir nicht
abschlagen... Nein, Thomas! ich habe sie ihr nicht abgeschlagen; ich
konnte es nicht! Ich habe ihr depeschiert, und sie ist in Frieden
hinbergegangen... Die Konsulin weinte heftig.

Und man gnnt mir nicht eine Silbe! Man verheimlicht mir alles! Man
geht ber mich hinweg! wiederholte der Senator.

Ja, ich =habe= geschwiegen, Thomas; denn ich fhlte, da ich die letzte
Bitte meines sterbenden Kindes erfllen =mute= ... und ich wei, da du
versucht httest, es mir zu verbieten!

Ja! bei Gott! Das htte ich!

Und du httest das Recht nicht dazu gehabt, denn drei meiner Kinder
sind einig mit mir!

Oh, mich dnkt, meine Meinung wiegt die zweier Damen und eines maroden
Narren auf...

Du sprichst so lieblos von deinen Geschwistern, wie hart zu mir!

Klara war eine fromme aber unwissende Frau, Mutter! Und Tony ist ein
Kind, -- das brigens bis zur Stunde ebenfalls nichts gewut hat, denn
es htte ja zur Unzeit geplaudert, nicht wahr? Und Christian?... Ja, er
hat sich Christians Einwilligung verschafft, dieser Tiburtius ... Wer
htte dergleichen von ihm erwartet?!... Weit du noch nicht, begreifst
du noch nicht, was er ist, dieser ingenise Pastor? Ein Wicht ist er!
Ein Erbschleicher...!

Schwiegershne sind immer Filous, sagte Frau Permaneder mit dumpfer
Stimme.

Ein Erbschleicher! Was tut er? Er fhrt nach Hamburg, er setzt sich an
Christians Bett und redet auf ihn ein. `Ja! sagt Christian. `Ja,
Tiburtius. Gott befohlen. Haben Sie einen Begriff von der Qual in meiner
linken Seite?... Oh, Dummheit und Schlechtigkeit sind gegen mich
verschworen--! Und der Senator -- auer sich, an das Schmiedeeisengitter
der Ofennische gelehnt -- drckte seine beiden verschlungenen Hnde
gegen die Stirn.

Dieser Paroxysmus von Entrstung entsprach nicht den Umstnden! Nein, es
waren nicht diese 127500 Kurantmark, die ihn in einen Zustand
versetzten, wie ihn noch niemals irgend jemand an ihm beobachtet hatte!
Es war vielmehr dies, da in seinem vorher schon gereizten Empfinden
sich auch dieser Fall noch der Kette von Niederlagen und Demtigungen
anreihte, die er whrend der letzten Monate im Geschft und in der Stadt
hatte erfahren mssen ... Nichts fgte sich mehr! Nichts ging mehr nach
seinem Willen! War es so weit gekommen, da man im Hause seiner Vter in
den wichtigsten Angelegenheiten ber ihn hinwegging...? Da ein
Rigaer Pastor ihn rcklings bertlpelte?... Er htte es verhindern
knnen, aber sein Einflu war gar nicht erprobt worden! Die Ereignisse
waren ohne ihn ihren Gang gegangen! Aber ihm schien, da das frher
nicht htte geschehen knnen, da es frher nicht =gewagt= haben wrde,
zu geschehen! Es war eine neue Erschtterung des eigenen Glaubens an
sein Glck, seine Macht, seine Zukunft ... Und es war nichts als seine
innere Schwche und Verzweiflung, die vor Mutter und Schwester whrend
dieses Auftrittes hervorbrach.

Frau Permaneder stand auf und umarmte ihn.

Tom, sagte sie, beruhige dich doch! Komm doch zu dir! Ist es so
schlimm? Du machst dich ja krank! Tiburtius braucht ja nicht gar so
lange zu leben ... und nach seinem Tode fllt ja das Erbteil an uns
zurck! Und es soll ja auch gendert werden, wenn du willst! Kann es
nicht gendert werden, Mama?

Die Konsulin antwortete nur mit Schluchzen.

Nein ... ach nein! sagte der Senator, indem er sich zusammenraffte und
mit der Hand eine schwach ablehnende Geste beschrieb. Es ist, wie es
ist. Meint ihr, ich werde in die Gerichte laufen und gegen meine Mutter
prozessieren, um dem internen Skandal einen ffentlichen hinzuzufgen?
Es gehe wie es will... schlo er und ging mit erschlafften Bewegungen
zur Glastr, wo er noch einmal stehenblieb.

Nur glaubt nicht, da es zum besten mit uns steht, sagte er gedmpft.
Tony hat 80000 Kurantmark verloren ... und Christian hat auer seiner
Mitgift von 50000, die er vertan, schon an die 30000 Vorschu verbraucht
... die sich vermehren werden, da er ohne Verdienst ist und eine Kur in
ynhausen gebrauchen wird ... Nun fllt nicht nur Klaras Mitgift fr
immer, sondern dereinst auch ihr ganzer Vermgensanteil fr
unbestimmbare Zeit aus der Familie hinaus ... Und die Geschfte gehen
schlecht, sie gehen zum Verzweifeln, genau seit der Zeit, da ich mehr
als Hunderttausend an mein Haus gewandt habe ... Nein, es steht nicht
gut um eine Familie, in der Veranlassung gegeben wird zu Auftritten wie
dieser hier. Glaubt mir -- glaubt mir das eine: Wre Vater am Leben,
wre er hier bei uns zugegen: er wrde die Hnde falten und uns alle der
Gnade Gottes empfehlen.


Achtes Kapitel

Krieg und Kriegsgeschrei, Einquartierung und Geschftigkeit: Preuische
Offiziere bewegen sich in der parkettierten Zimmerflucht der Bel-Etage
von Senator Buddenbrooks neuem Hause, kssen der Hausdame die Hnde und
werden von Christian, der von ynhausen zurckgekehrt ist, in den Klub
eingefhrt, whrend im Mengstraenhause Mamsell Severin, Riekchen
Severin, der Konsulin neue Jungfer, zusammen mit den Mdchen eine Menge
Matratzen in das Portal, das alte Gartenhaus, schleppt, das voll von
Soldaten ist.

Gewimmel, Verstrung und Spannung berall! Die Mannschaften ziehen zum
Tore hinaus, neue rcken ein, berfluten die Stadt, essen, schlafen,
erfllen die Ohren der Brger mit Trommelwirbeln, Trompetensignalen und
Kommandorufen und marschieren wieder ab. Knigliche Prinzen werden
begrt; Durchmarsch folgt auf Durchmarsch. Dann Stille und Erwartung.

Im Sptherbst und Winter kehren die Truppen siegreich zurck, werden
wiederum einquartiert und ziehen unter den Hochrufen der aufatmenden
Brger nach Hause. -- Friede. Der kurze, ereignisschwangere Friede von
fnfundsechzig.

Und zwischen zwei Kriegen, unberhrt und ruhevoll in den Falten seines
Schrzenkleidchens und dem Gelock seines weichen Haares, spielt der
kleine Johann im Garten am Springbrunnen oder auf dem Altan, der
eigens fr ihn durch eine kleine Sulenestrade vom Vorplatz der zweiten
Etage abgetrennt ist, die Spiele seiner 4 Jahre ... Diese Spiele, deren
Tiefsinn und Reiz kein Erwachsener mehr zu verstehen vermag, und zu
denen nichts weiter ntig ist als drei Kieselsteine oder ein Stck Holz,
das vielleicht eine Lwenzahnblte als Helm trgt: vor allem aber die
reine, starke, inbrnstige, keusche, noch unverstrte und
uneingeschchterte Phantasie jenes glckseligen Alters, wo das Leben
sich noch scheut, uns anzutasten, wo noch weder Pflicht noch Schuld Hand
an uns zu legen wagt, wo wir sehen, hren, lachen, staunen und trumen
drfen, ohne da noch die Welt Dienste von uns verlangt ... wo die
Ungeduld derer, die wir doch lieben mchten, uns noch nicht nach
Anzeichen und ersten Beweisen qult, da wir diese Dienste mit
Tchtigkeit werden leisten knnen ... Ach, nicht lange mehr, und mit
plumper bermacht wird alles ber uns herfallen, um uns zu
vergewaltigen, zu exerzieren, zu strecken, zu krzen, zu verderben...

Groe Dinge geschahen, whrend Hanno spielte. Der Krieg entbrannte, der
Sieg schwankte und entschied sich, und Hanno Buddenbrooks Vaterstadt,
die klug zu Preuen gestanden hatte, blickte nicht ohne Genugtuung auf
das reiche Frankfurt, das seinen Glauben an sterreich bezahlen mute,
indem es aufhrte, eine freie Stadt zu sein.

Bei dem Fallissement einer Frankfurter Grofirma aber, im Juli,
unmittelbar vor Eintritt des Waffenstillstandes, verlor das Haus Johann
Buddenbrook mit einem Schlage die runde Summe von zwanzigtausend Talern
Kurant.




Achter Teil


Erstes Kapitel

Wenn Herr Hugo Weinschenk, seit einiger Zeit Direktor im Dienste der
stdtischen Feuerversicherungsgesellschaft, mit seinem geschlossenen
Leibrock, seinem schmalen, schwarzen, auf mnnliche und ernste Art in
die Mundwinkel hineingewachsenen Schnurrbart und seiner etwas hngenden
Unterlippe, wiegenden und selbstbewuten Schrittes ber die groe Diele
schritt, um sich von den vorderen Bros in die hinteren zu begeben,
wobei er seine beiden Fuste vor sich hertrug und die Ellenbogen in
legerer Weise an den Seiten bewegte, bot er das Bild eines ttigen,
wohlsituierten und imponierenden Mannes.

Andererseits war Erika Grnlich, nun zwanzigjhrig: ein groes,
erblhtes Mdchen, frischfarbig und hbsch vor Gesundheit und Kraft.
Fhrte der Zufall sie die Treppe hinab oder an das obere Gelnder, wenn
eben Herr Weinschenk des Weges kam -- und der Zufall tat dies nicht
selten -- so nahm der Direktor den Zylinder von seinem kurzen, schwarzen
Haupthaar, das an den Schlfen schon zu ergrauen begann, wiegte sich
strker in der Taille seines Gehrockes und begrte das junge Mdchen
mit einem erstaunten und bewundernden Blick seiner khn
umherschweifenden, braunen Augen ... worauf Erika davonlief, sich
irgendwo auf eine Fensterbank setzte und vor Ratlosigkeit und Verwirrung
eine Stunde lang weinte.

Frulein Grnlich war unter Therese Weichbrodts Obhut in Zchten
herangewachsen, und ihre Gedanken gingen nicht weit. Sie weinte ber
Herrn Weinschenks Zylinder, die Art, mit der er bei ihrem Anblick seine
Brauen emporzucken und wieder fallen lie, seine hchst knigliche
Haltung und seine balancierenden Fuste. Ihre Mutter inzwischen, Frau
Permaneder, sah weiter.

Die Zukunft ihrer Tochter bekmmerte sie seit Jahren, denn Erika war,
verglichen mit anderen heiratsfhigen Mdchen, ja im Nachteile. Frau
Permaneder verkehrte nicht nur nicht in der Gesellschaft, sie lebte in
Feindschaft mit ihr. Die Annahme, da man sie in den ersten Kreisen auf
Grund ihrer zweimaligen Scheidung als minderwertig betrachte, war ihr
ein wenig zur fixen Idee geworden, und sie sah Verachtung und
Gehssigkeit da, wo wahrscheinlich oft nichts als Gleichgltigkeit
vorhanden war. Wahrscheinlich zum Beispiel wrde Konsul Hermann
Hagenstrm, dieser freisinnige und loyale Kopf, den der Reichtum heiter
und wohlwollend machte, sie auf der Strae gegrt haben, wenn der
Blick, mit dem sie zurckgeworfenen Hauptes an seinem Gesichte
vorbeisah, diesem Gnseleberpastetengesicht, das sie, mit einem ihrer
starken Worte, hate wie die Pest, es ihm nicht aufs strengste
verboten htte. So kam es, da auch Erika der Sphre ihres Onkels, des
Senators, durchaus fern stand, da sie keine Blle besuchte und,
Herrenbekanntschaften zu machen, sich ihr wenig Gelegenheit bot.

Dennoch war es, besonders seit sie selbst, wie sie sagte,
abgewirtschaftet hatte, Frau Antonies heiester Wunsch, da ihre
Tochter die Hoffnungen erfllen mge, die ihr, der Mutter,
fehlgeschlagen, und eine Heirat machen, welche, vorteilhaft und
glcklich, der Familie zur Ehre gereichen, und die Schicksale der Mutter
vergessen lassen wrde. In erster Linie ihrem lteren Bruder gegenber,
der in letzter Zeit so geringe Hoffnungsfreudigkeit an den Tag legte,
sehnte Tony sich nach einem Beweise, da das Glck der Familie noch
nicht erschpft, da sie keineswegs schon am Ende angelangt sei ... Ihre
zweite Mitgift, die 17000 Taler, die Herr Permaneder mit so viel Kulanz
wieder herausgegeben hatte, lagen fr Erika bereit, und kaum hatte Frau
Antonie, scharfugig und erfahren, die zarte Verbindung bemerkt, die
sich zwischen ihrer Tochter und dem Direktor angesponnen hatte, als sie
schon den Himmel mit Gebeten anzugehen begann, Herr Weinschenk mge
Visite machen.

Er tat es. Er erschien in der ersten Etage, ward von den drei Damen,
Gromutter, Tochter und Enkelin, empfangen, plauderte zehn Minuten lang
und versprach, nachmittags um die Kaffeezeit einmal zu zwangloser
Unterhaltung wiederzukommen.

Auch das geschah, und man lernte einander kennen. Der Direktor war aus
Schlesien gebrtig, woselbst sein alter Vater noch lebte; seine Familie
indes schien nicht in Betracht zu kommen, und Hugo Weinschenk vielmehr
ein _self-made man_ zu sein. Er besa das nicht angeborene, nicht ganz
sichere, etwas bertriebene und etwas mitrauische Selbstbewutsein
eines solchen, seine Formen waren nicht eben vollkommen, und seine
Konversation von Herzen ungewandt. brigens zeigte sein etwas
kleinbrgerlich geschnittener Gehrock einige blanke Stellen, seine
Manschetten mit den groen Jettknpfen waren nicht ganz frisch und
sauber, und am Mittelfinger der linken Hand war infolge irgendeines
Unglcksfalles der Nagel vllig verdorrt und kohlschwarz ... ein
ziemlich unerfreulicher Anblick, der aber nicht hinderte, da Hugo
Weinschenk ein hochachtungswerter, fleiiger, energischer Mensch mit
12000 Kurantmark jhrlicher Einknfte und in Erika Grnlichs Augen sogar
ein schner Mann war.

Frau Permaneder hatte rasch die Lage berblickt und abgeschtzt. Sie
sprach sich gegen die Konsulin und den Senator offen darber aus. Es war
klar, da die Interessen sich entgegenkamen und sich ergnzten. Direktor
Weinschenk war, wie Erika, ohne jegliche gesellschaftliche Verbindung;
die beiden waren geradezu aufeinander angewiesen und von Gott
ersichtlich freinander bestimmt. Wollte der Direktor, der sich den
Vierzig nherte, und dessen Haupthaar sich zu melieren begann, einen
Hausstand grnden, was seiner Stellung zukam und seinen Verhltnissen
entsprach, so erffnete ihm die Verbindung mit Erika Grnlich den
Eintritt in eine der ersten Familien der Stadt und war geeignet, ihn in
seinem Berufe zu frdern, in seiner Position zu befestigen. Was aber
Erikas Wohlfahrt betraf, so durfte Frau Permaneder sich sagen, da
wenigstens ihre eigenen Schicksale in diesem Falle ausgeschlossen seien.
Mit Herrn Permaneder wies Hugo Weinschenk nicht die geringste
hnlichkeit auf, und von Bendix Grnlich unterschied er sich durch seine
Eigenschaft als solid situierter Beamter mit festem Gehalt, die eine
weitere Karriere nicht ausschlo.

Mit einem Worte: es war auf beiden Seiten viel guter Wille vorhanden,
die Nachmittagsbesuche Direktor Weinschenks wiederholten sich in rascher
Folge, und im Januar -- dem Januar des Jahres 1867 -- gestattete er
sich, mit einigen kurzen, mnnlichen und geraden Worten um Erika
Grnlichs Hand zu bitten.

Von nun an gehrte er zur Familie, begann an den Kindertagen
teilzunehmen und ward von den Angehrigen seiner Braut mit
Zuvorkommenheit aufgenommen. Ohne Zweifel empfand er sofort, da er
unter ihnen nicht recht am Platze war; aber er verkleidete dies Gefhl
mit einer desto khneren Haltung, und die Konsulin, Onkel Justus,
Senator Buddenbrook -- wenn auch nicht gerade die Damen Buddenbrook aus
der Breiten Strae -- waren gegenber diesem tchtigen Bromenschen,
diesem gesellschaftlich unerfahrenen Manne der harten Arbeit zu
taktvoller Nachsicht bereit.

Sie war vonnten; denn immer wieder galt es, mit einem belebenden und
ablenkenden Worte eine Stille zu verscheuchen, die sich an der
Familientafel im Esaale ausbreitete, wenn etwa der Direktor sich in
allzu neckischer Art mit Erikas Wangen und Armen beschftigte, wenn er
sich gesprchsweise erkundigte, ob Orangemarmelade eine Mehlspeise sei,
-- Mehlschpeis' sagte er mit kecker Betonung -- oder wenn er der
Meinung Ausdruck gab, Romeo und Julia sei ein Stck von Schiller ...
Dinge, die er unter sorglosem Hndereiben, den Oberkrper schrg gegen
die Stuhllehne zurckgeworfen, mit vieler Frische und Festigkeit
hervorbrachte.

Am besten verstndigte er sich mit dem Senator, der ber Politik und
Geschftliches hin eine Unterhaltung mit ihm sicher zu steuern wute,
ohne da ein Unglck geschah. Vollkommen verzweifelt aber gestaltete
sich sein Verhltnis zu Gerda Buddenbrook. Die Persnlichkeit dieser
Dame befremdete ihn in solchem Grade, da er auerstande war, einen auch
nur fr zwei Minuten ausreichenden Gesprchsstoff fr sie zu finden. Da
er wute, da sie die Violine spielte, und diese Tatsache starken
Eindruck auf ihn gemacht hatte, so beschrnkte er sich darauf, bei jedem
Zusammentreffen am Donnerstag aufs neue die scherzhafte Frage an sie zu
richten: Wie geht's der Geige? -- Nach dem dritten Male aber bereits
enthielt die Senatorin sich jeder Antwort hierauf.

Christian seinerseits pflegte seinen neuen Verwandten mit gekrauster
Nase zu beobachten und am nchsten Tage sein Benehmen und seine
Sprechweise eingehend nachzuahmen. Der zweite Sohn des seligen Konsul
Johann Buddenbrook war in ynhausen von seinem Gelenkrheumatismus
genesen; aber eine gewisse Steifheit der Glieder dauerte noch fort, und
die periodische Qual in seiner linken Seite -- dort, wo alle Nerven
zu kurz waren -- sowie die sonstigen Strungen, denen er sich
ausgesetzt fhlte: Atmungs- und Schluckbeschwerden, Unregelmigkeiten
des Herzens und Neigung zu Lhmungserscheinungen oder Furcht davor --
waren keineswegs aus der Welt geschafft. Auch war sein ueres kaum
dasjenige eines Mannes, der erst am Ende der Dreiiger steht. Sein
Schdel war vollstndig entblt; nur am Hinterkopf und an den Schlfen
stand noch ein wenig seines dnnen, rtlichen Haares, und seine kleinen,
runden Augen, die mit unruhigem Ernste umherschweiften, lagen tiefer als
jemals in ihren Hhlen. Gewaltiger aber auch und knochiger, als jemals,
sprang seine groe, gehckerte Nase zwischen den hageren und fahlen
Wangen hervor, ber dem dichten, rotblonden Schnurrbart, der den Mund
berhing ... Und die Hose aus durablem und elegantem englischen Stoff
umschlotterte seine drren, gekrmmten Beine.

Seit seiner Heimkehr bewohnte er wie ehemals ein Zimmer am Korridor der
ersten Etage im Hause seiner Mutter, hielt sich jedoch mehr im Klub
als in der Mengstrae auf, denn dort wurde ihm das Leben nicht sehr
angenehm gemacht. Riekchen Severin nmlich, Ida Jungmanns Nachfolgerin,
die nun die Dienstboten der Konsulin regierte und den Hausstand fhrte,
ein untersetztes, 27jhriges Geschpf vom Lande, mit roten, gesprungenen
Wangen und aufgeworfenen Lippen, hatte mit buerlichem Sinn fr Tatsachen
erkannt, da auf diesen beschftigungslosen Geschichtenerzhler, der
abwechselnd albern und elend war, und ber den die Respektsperson, der
Senator, mit erhobener Augenbraue hinwegsah, nicht viel Rcksicht zu
nehmen sei, und sie vernachlssigte ganz einfach seine Bedrfnisse. Je,
Herr Buddenbrook! sagte sie. Ich hab' nu keine Zeit fr Ihnen! Worauf
Christian sie mit krauser Nase anblickte, als wollte er sagen: Schmst
du dich gar nicht?... und mit steifen Gelenken seines Weges ging.

Meinst du, ich habe immer eine Kerze? sagte er zu Tony ... Selten!
Meistens mu ich mit einem Streichholz zu Bette gehen... Oder er
erklrte auch -- denn das Taschengeld, das seine Mutter ihm noch
bewilligen konnte, war gering--: Schlechte Zeiten!... Ja, das war
frher alles anders! Was meinst du wohl?... ich mu mir jetzt oft fnf
Schillinge fr Zahnpulver leihen!

Christian! rief Frau Permaneder. Wie unwrdig! Mit einem Streichholz!
Fnf Schillinge! Sprich doch wenigstens nicht davon! Sie war entrstet,
emprt, in ihren heiligsten Gefhlen beleidigt; allein das nderte
nichts...

Die fnf Schillinge fr Zahnpulver entlieh Christian von seinem alten
Freunde Andreas Gieseke, Doktor beider Rechte. Er hatte Glck mit dieser
Freundschaft, und sie ehrte ihn; denn der Rechtsanwalt Gieseke, dieser
Suitier, der die Wrde zu wahren wute, war im vergangenen Winter, als
der alte Kaspar verdieck sanft entschlummert und Doktor Langhals an
seine Stelle gerckt war, zum Senator erwhlt worden. Seinen
Lebenswandel aber beeinflute das nicht. Man wute, da ihm, der seit
seiner Verheiratung mit einem Frulein Huneus inmitten der Stadt ein
gerumiges Haus besa, auch in der Vorstadt St. Gertrud jene kleine,
grnbewachsene und behaglich ausgestattete Villa gehrte, die von einer
noch jungen und auerordentlich hbschen Dame unbestimmter Herkunft ganz
allein bewohnt ward. ber der Haustr prangte in zierlich vergoldeten
Buchstaben das Wort _=Quisisana=_, und in der ganzen Stadt war das
friedliche Huschen bekannt unter diesem Namen, den man brigens mit
sehr weichen S- und sehr getrbten A-Lauten sprach. Christian
Buddenbrook aber, als bester Freund des Senators Gieseke, hatte sich
Zutritt verschafft in Quisisana, und er hatte dort auf die nmliche Art
ressiert wie zu Hamburg bei Aline Puvogel und bei hnlichen
Gelegenheiten in London, in Valparaiso und an so vielen anderen Punkten
der Erde. Er hatte ein bichen erzhlt, er war ein bichen nett
gewesen, und er verkehrte nun in dem grnen Huschen mit der gleichen
Regelmigkeit wie Senator Gieseke selbst. Ob dies mit dem Wissen und
Einverstndnis des letzteren geschah, das steht dahin; sicher aber ist,
da Christian Buddenbrook in Quisisana ganz kostenlos dieselbe
freundliche Zerstreuung fand, die Senator Gieseke mit dem schweren Gelde
seiner Gattin bezahlen mute.

Kurze Zeit nach der Verlobung Hugo Weinschenks mit Erika Grnlich machte
der Direktor seinem Schwager den Vorschlag, in das Versicherungsbro
einzutreten, und in der Tat arbeitete Christian vierzehn Tage lang im
Dienste der Brandkasse. Leider jedoch zeigte sich dann, da nicht allein
die Qual in seiner linken Seite, sondern auch seine brigen, schwer
bestimmbaren bel sich hierdurch verstrkten, da brigens der Direktor
ein beraus heftiger Vorgesetzter war, der gelegentlich eines Migriffes
keinen Anstand genommen hatte, seinen Schwager einen Seehund zu nennen
... und Christian war gentigt, diesen Posten wieder zu verlassen.

Was aber Madame Permaneder anging, so war sie glcklich, so uerte ihre
lichte Gemtsstimmung sich in Aperus wie dieses, da das irdische Leben
doch hin und wieder auch seine guten Seiten habe. Wahrhaftig, sie
erblhte aufs neue in diesen Wochen, die, mit ihrer belebenden
Geschftigkeit, ihren vielfltigen Plnen, ihren Wohnungssorgen und
ihrem Ausstattungsfieber, sie allzu deutlich an die Zeit ihres eignen
ersten Verlbnisses gemahnten, als da sie sie nicht verjngt und mit
grenzenloser Hoffnungsfreudigkeit erfllt htten. Viel von dem grazisen
bermut ihrer Mdchentage kehrte in ihre Mienen und ihre Bewegungen
zurck, ja, die Stimmung eines ganzen Jerusalemsabends entweihte sie
durch eine so ausgelassene Frhlichkeit, da selbst Lea Gerhardt das
Buch ihres Vorfahren sinken lie und mit den groen, unwissenden und
mitrauischen Augen der Tauben im Saale umherblickte...

Erika sollte sich von ihrer Mutter nicht trennen. Mit dem Einverstndnis
des Direktors, ja, auf seinen Wunsch hin, war beschlossen worden, da
Frau Antonie -- wenigstens vorderhand -- bei den Weinschenks wohnen, da
sie der unerfahrenen Erika im Haushalte zur Seite stehen sollte ... und
dies grade war es, was in ihr die kstliche Empfindung hervorrief, als
htte niemals ein Bendix Grnlich, niemals ein Alois Permaneder gelebt,
als zergingen alle Mierfolge, Enttuschungen und Leiden ihres Lebens zu
nichts, und als drfe sie mit frischen Hoffnungen nun noch einmal von
vorne beginnen. Zwar ermahnte sie Erika zur Dankbarkeit gegen Gott, der
ihr den einzig geliebten Mann beschere, whrend sie selbst, die Mutter,
ihre erste und herzliche Neigung mit Pflicht und Vernunft habe ertten
mssen; zwar war es Erikas Name, den sie zusammen mit dem des Direktors
mit vor Freude unsicherer Hand in die Familienpapiere schrieb ... aber
sie, sie selbst, Tony Buddenbrook, war die eigentliche Braut. Sie war
es, die noch einmal mit kundiger Hand Portieren und Teppiche prfen,
noch einmal Mbel- und Ausstattungsmagazine durchstbern, noch einmal
eine =vornehme= Wohnung besichtigen und mieten durfte! Sie war es, die
noch einmal das fromme und weitlufige Elternhaus verlassen und aufhren
sollte, blo eine geschiedene Frau zu sein; der noch einmal die
Mglichkeit sich auftat, ihr Haupt zu erheben und ein neues Leben zu
beginnen, geeignet, die allgemeine Aufmerksamkeit zu erwecken und das
Ansehen der Familie zu frdern ... Ja, war es ein Traum? Schlafrcke
erschienen auf der Bildflche! Zwei Schlafrcke fr sie und Erika, aus
weichem, gewirktem Stoff, mit breiten Schleppen und dichten Reihen von
Sammetschleifen, vom Halsverschlu bis zum Saume hinunter!

Die Wochen aber verstrichen, und Erika Grnlichs Brautzeit neigte sich
ihrem Ende entgegen. Das junge Paar hatte in einigen wenigen Husern
Besuche gemacht, denn der Direktor, ernster und in geselligen Dingen
unerfahrener Arbeitsmensch, wie er war, gedachte seine Muestunden der
intimen Huslichkeit zu widmen ... ein Verlobungsdiner hatte Thomas,
Gerda, das Brautpaar, Friederike, Henriette und Pfiffi Buddenbrook mit
der nchsten Freundschaft des Senators in dem groen Saale des
Fischergrubenhauses vereint, wobei es wiederum befremdete, da der
Direktor nicht aufhrte, Erikas dekolletierten Hals zu klopfen ... und
die Hochzeit nahte heran.

Die Sulenhalle war, wie einst, als Frau Grnlich die Myrten trug, der
Schauplatz der Trauung. Frau Stuht aus der Glockengieerstrae,
dieselbe, die in den ersten Kreisen verkehrte, war der Braut beim
Faltenarrangement ihres weien Atlaskleides und beim Anlegen des grnen
Schmuckes behilflich gewesen, Senator Buddenbrook war erster, und
Christians Freund, Senator Gieseke, zweiter Brautfhrer, zwei ehemalige
Pensionsfreundinnen Erikas fungierten als Brautjungfern, Direktor Hugo
Weinschenk sah stattlich und mnnlich aus und trat, auf dem Wege zum
improvisierten Altar, nur =ein=mal auf Erikas herabwallenden Schleier,
Pastor Pringsheim, die Hnde unterm Kinn gefaltet, zelebrierte mit aller
verklrten Feierlichkeit, die ihm eigen, und alles verlief nach Brauch
und Wrde. Als die Ringe gewechselt wurden, und das tiefe und das helle
Ja -- beide ein wenig heiser -- in der Stille erklangen, brach Frau
Permaneder, berwltigt von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, in
lautes Weinen aus -- es war noch immer ihr unbedenkliches und
unverhohlenes Kinderweinen -- whrend die Damen Buddenbrook, von denen
Pfiffi zur Feier des Tages eine goldene Kette an ihrem Pincenez trug,
wie immer bei solchen Gelegenheiten ein wenig suerlich dareinlchelten
... Mlle. Weichbrodt jedoch, Therese Weichbrodt, die in den letzten
Jahren noch sehr viel kleiner geworden war, als frher, Sesemi, die
ovale Brosche mit dem Portrt ihrer Mutter an ihrem dnnen Hlschen,
sprach mit jener bergroen Festigkeit, welche eine tiefe innere Rhrung
verbergen soll: Sei glcklich, du =gutes= Kend!

Dann folgte, im Kreise der weien Gtterfiguren, welche in
unvernderlich gelassenen Stellungen aus der blauen Tapete hervortraten,
ein ebenso solennes, wie solides Festmahl, gegen dessen Ende die
Neuvermhlten verschwanden, um ihre Reise durch einige Grostdte
anzutreten ... Das war um die Mitte des April; und whrend der folgenden
vierzehn Tage vollbrachte Frau Permaneder, untersttzt vom Tapezierer
Jacobs, eines ihrer Meisterstcke: die vornehme Herrichtung jener
gerumigen ersten Etage, die in einem Hause der mittleren Bckergrube
gemietet worden war, und deren mit Blumen reichlich geputzte Rume dann
das heimkehrende Paar umfingen.

Und es begann Tony Buddenbrooks dritte Ehe.

Ja, diese Bezeichnung war zutreffend, und der Senator selbst hatte eines
Donnerstags, als Weinschenks nicht zugegen waren, die Sache bei diesem
Namen genannt, was Frau Permaneder sich mit Behagen hatte gefallen
lassen. In der Tat, alle Sorgen des Hausstandes fielen auf sie, aber
auch Freude und Stolz nahm sie fr sich in Anspruch, und eines Tages,
als sie unversehens mit der Konsulin Julchen Mllendorpf geb. Hagenstrm
auf der Strae zusammentraf, blickte sie ihr mit einem so
triumphierenden und herausfordernden Ausdruck ins Gesicht, da Frau
Mllendorpf sich dazu verstand, zuerst zu gren ... Stolz und Freude
wurden in ihrer Miene und Haltung zur ernsten Feierlichkeit, wenn sie
die Verwandten, die kamen, das neue Heim zu besichtigen, darin
umherfhrte, whrend Erika Weinschenk selbst fast ebenfalls wie ein
bewundernder Gast dabei erschien.

Die Schleppe ihres Schlafrockes hinter sich herziehend, die Schultern
ein wenig emporgezogen, den Kopf zurckgelehnt und am Arme den mit
Atlasschleifen besetzten Schlsselkorb -- sie schwrmte fr
Atlasschleifen -- zeigte Frau Antonie den Besuchern die Mbel, die
Portieren, das durchsichtige Porzellan, das blitzende Silberzeug, die
groen lgemlde, die der Direktor angeschafft hatte: lauter Stilleben
von Ewaren und unbekleidete Frauengestalten, denn dies war Hugo
Weinschenks Geschmack -- und ihre Bewegungen schienen zu sagen: Seht,
dahin habe ich es noch einmal gebracht im Leben. Es ist fast so vornehm
wie bei Grnlich und sicherlich vornehmer als bei Permaneder!

Die alte Konsulin kam, in grau und schwarz gestreifter Seide, einen
diskreten Patschuliduft um sich verbreitend, lie ihre hellen Augen
geruhig ber alles hingleiten und legte, ohne laute Bewunderung zu
uern, eine anerkennende Befriedigung an den Tag. Der Senator kam mit
Frau und Kind, amsierte sich mit Gerda ber Tonys glckselige
berheblichkeit und verhinderte mit Mhe, da sie ihren angebeteten
kleinen Hanno mit Korinthenbrot und Portwein erstickte ... Es kamen die
Damen Buddenbrook, welche einstimmig bemerkten, alles sei so schn, da
sie ihrerseits, bescheidene Mdchen wie sie seien, nicht darin wohnen
mchten ... Die arme Klothilde kam, grau, geduldig und hager, lie sich
auslachen und trank vier Tassen Kaffee, worauf sie auch alles brige in
gedehnten und freundlichen Worten belobte ... Dann und wann, wenn im
Klub niemand anwesend gewesen war, erschien auch Christian, nahm ein
Glschen Benediktiner, erzhlte, da er jetzt willens sei, die Agentur
fr eine Champagner- und Kognakfirma zu bernehmen -- darauf verstehe er
sich, und es sei eine leichte, angenehme Arbeit, man sei sein eigner
Herr, schreibe sich hie und da ein bichen in sein Notizbuch und habe im
Handumdrehen dreiig Taler verdient -- lieh sich hierauf vierzig
Schilling von Frau Permaneder, um der ersten Liebhaberin vom
Stadttheater ein Bukett berreichen zu knnen, kam, Gott wei, infolge
welcher Ideenverbindung, auf Maria und das Laster in London zu
sprechen, verfiel in die Geschichte des rudigen Hundes, der in einer
Schachtel von Valparaiso nach San Franzisko gereist war, und erzhlte
nun, da er im Zuge war, mit einer solchen Flle, Schwunghaftigkeit und
Komik, da er einen Saal voll Menschen htte unterhalten knnen.

Er geriet in Begeisterung, er redete in Zungen. Er sprach Englisch,
Spanisch, Plattdeutsch und Hamburgisch, er schilderte chilenische
Messerabenteurer und Diebsaffren aus Whitechapel, verfiel darauf, einen
Blick in seinen Vorrat von Couplets tun zu lassen und sang oder sprach
mit mustergltigem Mienenspiel und einem pittoresken Talent in den
Handbewegungen:

    Ick gng so ganz pomad'
    So up de Esplanad',
    Da gng so'n lttje Deern
    So vor mir up;
    Die hatt' so'n feinen Pli
    Mi so'n franzs'schen _cu_
    Und 'n groten Deller achter up'm Kopp
    Ick seg: `Mein liebes Kind,
    Wei Sie so ndlich sind,
    Erlauben Sie mir Ihren Arm vielleicht?
    Sie dreit sik um so recht
    Und -- kiekt -- mi an -- und segt----:
    `Ga man na Hus, mi Jung, und si vergneugt!

Und kaum war er hiermit fertig, als er zu Berichten aus dem Zirkus Renz
berging und die ganze Entree eines englischen Sprechclowns in einer Art
wiederzugeben begann, da man sich einbilden konnte, vor der Manege zu
sitzen. Man vernahm das bliche Geschrei schon hinter der Gardine, das
Machen Sie mich die Tre auf!, die Streitigkeiten mit dem Stallmeister
und dann, in breitem und jammerndem Englisch-Deutsch, eine Reihe von
Erzhlungen. Es war die Geschichte von dem Manne, der im Schlafe eine
Maus verschluckt und sich deshalb zum Tierarzt begibt, welcher ihm
seinerseits rt, nunmehr auch eine Katze zu verschlucken ... Die
Geschichte von Meiner Gromutter, frisch und gesund wie die Frau war,
in welcher ebendieser Gromutter auf dem Wege zum Bahnhofe tausend
Abenteuer begegnen und ihr schlielich, frisch und gesund wie die Frau
war, der Zug vor der Nase davonfhrt ... worauf Christian die Pointe mit
einem triumphierenden Musik, Herr Kapellmeister! abbrach und selbst,
wie erwachend, ganz erstaunt schien, da die Musik nicht einsetzte...

Und dann, ganz pltzlich, verstummte er, vernderte sich sein Gesicht,
erschlafften seine Bewegungen. Seine kleinen, runden, tiefliegenden
Augen begannen mit unruhigem Ernst nach allen Richtungen zu wandern, er
strich mit der Hand an seiner linken Seite hinunter, es war, als horche
er in sein Inneres hinein, woselbst Seltsames geschah ... Er trank noch
ein Glschen Likr, ward noch einmal ein wenig aufgerumter, versuchte
noch eine Geschichte zu erzhlen und brach dann in ziemlich deprimierter
Stimmung auf.

Frau Permaneder, die in dieser Zeit ausnehmend lachlustig war und sich
kstlich amsiert hatte, begleitete ihren Bruder in ausgelassener Laune
zur Treppe. Adieu, Herr Agent! sagte sie. Minnesnger! Mdchenfnger!
Altes Schaf! Komm bald mal wieder! Und sie lachte aus vollem Halse
hinter ihm drein und kehrte in ihre Wohnung zurck.

Aber Christian Buddenbrook focht das nicht an; er berhrte es, denn er
war in Gedanken. Na, dachte er, nun will ich mal ein bichen nach
Quisisana gehen. Und den Hut etwas schief auf dem Kopf, gesttzt auf
seinen Stock mit der Nonnenbste, langsam, steif und ein wenig lahmend
ging er die Treppe hinab.


Zweites Kapitel

Es war im Frhling des Jahres achtundsechzig, als Frau Permaneder eines
Abends gegen zehn Uhr sich in der ersten Etage des Fischergrubenhauses
einstellte. Senator Buddenbrook sa allein im Wohnzimmer, das mit
olivenfarbenen Ripsmbeln ausgestattet war, an dem runden Mitteltisch im
Lichte der groen Gaslampe, die vom Plafond herabhing. Er hatte die
Berliner Brsenzeitung vor sich ausgebreitet und las, leicht ber den
Tisch gebeugt, seine Zigarette zwischen Zeige- und Mittelfinger der
Linken und auf der Nase ein goldenes Pincenez, dessen er sich seit
einiger Zeit bei der Arbeit bedienen mute. Er hrte die Schritte seiner
Schwester durch das Ezimmer kommen, nahm das Glas von den Augen und
blickte gespannt in das Dunkel hinein, bis Tony zwischen den Portieren
und im Lichtbereich auftauchte.

Oh, du bist es. Guten Abend. Schon zurck von Pppenrade? Wie geht es
deinen Freunden?

Guten Abend, Tom! Danke, Armgard ist wohlauf ... Du bist hier ganz
einsam?

Ja, du kommst mir sehr erwnscht. Ich habe heute abend so allein essen
mssen, wie der Papst; denn Frulein Jungmann kommt als Gesellschaft
nicht recht in Betracht, weil sie jeden Augenblick aufspringt und
hinaufluft, um nach Hanno zu sehen ... Gerda ist im Kasino. Tamayo
geigt dort. Christian hat sie abgeholt...

Dausend! um wie Mutter zu reden. -- Ja, ich habe in letzter Zeit
bemerkt, Tom, da Gerda und Christian sich gut vertragen.

Ich auch. Seit er dauernd hier ist, fngt sie an, Geschmack an ihm zu
gewinnen. Sie hrt auch ganz aufmerksam zu, wenn er seine Leiden
beschreibt ... Mein Gott, er amsiert sie. Neulich sagte sie zu mir: `Er
ist kein Brger, Thomas! Er ist noch weniger ein Brger, als du!...

Brger ... Brger, Tom?! Ha, mir scheint, da es auf Gottes weiter Welt
keinen besseren Brger als du...

Nun ja; nicht gerade so zu verstehen!... Leg' ein bichen ab, mein
Kind. Dein Aussehen ist sperb. Die Landluft hat dir gut getan?

Vortrefflich! sagte sie, indem sie ihre Mantille und den Kapotthut mit
lilaseidenen Bndern beiseitelegte und sich in majesttischer Haltung
auf einem der Fauteuils am Tische niederlie ... Magen und Nachtruhe,
alles hat sich gebessert in dieser kurzen Zeit. Diese kuhwarme Milch und
diese Wrste und Schinken ... man gedeiht, wie das Vieh und das Korn.
Und dieser frische Honig, Tom, ich habe ihn immer fr eines der besten
Nahrungsmittel gehalten. Das ist reines Naturprodukt! Da wei man doch,
was man verschluckt! Ja, es war wahrhaftig liebenswrdig von Armgard,
da sie sich unserer alten Pensionsfreundschaft erinnerte und mich
einlud. Und Herr von Maiboom war gleichfalls von einer Zuvorkommenheit
... Sie baten mich so instndig, doch noch ein paar Wochen zu bleiben,
aber du weit: Erika behilft sich nur schwer ohne mich, und besonders
jetzt, da die kleine Elisabeth auf der Welt ist...

_A propos_, wie geht es dem Kinde?

Danke, Tom, es macht sich; es ist gottlob recht gut bei Schick fr
seine vier Monate, obgleich Friederike, Henriette und Pfiffi es nicht
fr lebensfhig hielten...

Und Weinschenk? Wie fhlt er sich als Vater? Ich sehe ihn ja eigentlich
nur Donnerstags...

Oh, der ist unverndert! Siehst du: er ist ein so braver und fleiiger
Mann, und in gewisser Weise ja auch das Muster eines Ehegatten, denn er
verachtet die Wirtshuser, kommt vom Bro geraden Weges nach Hause und
verbringt seine Freistunden bei uns. Aber nun ist die Sache die, Tom --
unter uns knnen wir ja offen darber reden--: Er verlangt von Erika,
da sie bestndig heiter ist, bestndig spricht und scherzt, denn wenn
er abgearbeitet und verstimmt nach Hause kommt, sagt er, dann will er,
da seine Frau ihn in leichter und frhlicher Weise unterhlt, ihn
amsiert und aufheitert; dazu, sagt er, sei die Frau auf der Welt...

Dummkopf! murmelte der Senator.

Wie?... Nun, das Schlimme ist, da Erika ein wenig zur Melancholie
neigt, Tom, sie mu es von mir haben. Sie ist hier und da ernst und
schweigsam und gedankenvoll, und dann schilt er sie und braust auf, in
Worten, die, ehrlich gesagt, nicht immer ganz zartfhlend sind. Man
merkt es eben allzu hufig, da er eigentlich kein Mann von Familie ist
und das, was man eine vornehme Erziehung nennt, leider nicht genossen
hat. Ja, ich gestehe dir offen: noch ein paar Tage vor meiner Abreise
nach Pppenrade ist es vorgekommen, da er den Deckel der Suppenterrine
am Boden zerschlagen hat, weil die Suppe versalzen war...

Allerliebst!

Nein, im Gegenteil. Aber wir wollen ihn deshalb nicht verurteilen. Mein
Gott, wir sind alle mit Mngeln behaftet, und ein so tchtiger,
gediegener und arbeitsamer Mann ... behte ... Nein, Tom, eine rauhe
Auenseite und ein guter Kern, das ist noch nicht das Schlimmste im
irdischen Leben. Ich komme soeben aus Verhltnissen, will ich dir sagen,
die trauriger sind. Armgard hat, wenn sie mit mir allein war, bitterlich
geweint...

Was du sagst! -- Herr von Maiboom?...

Ja, Tom; und darauf wollte ich hinaus. Wir sitzen hier und plaudern,
aber in Wirklichkeit bin ich heute abend in einer sehr ernsten und
wichtigen Angelegenheit gekommen.

Nun? Was ist denn mit Herrn von Maiboom?

Ralf von Maiboom ist ein liebenswrdiger Mann, Thomas, aber er ist ein
Junker Leichtfu, ein Daus. Er spielt in Rostock, er spielt in
Warnemnde, und seine Schulden sind wie Sand am Meer. Man sollte es
nicht glauben, wenn man ein paar Wochen auf Pppenrade lebt! Das
Herrenhaus ist vornehm, und alles ringsumher gedeiht, und an Milch und
Wurst und Schinken ist kein Mangel. Man hat auf so einem Gute manchmal
keinen Mastab fr die tatschlichen Verhltnisse ... Kurz, sie sind in
Wahrheit aufs jmmerlichste zerrttet, Tom, was Armgard mir unter
herzbrechendem Schluchzen gestanden hat.

Traurig, traurig.

Das sage du nur noch einmal. Aber die Sache ist nun diese, da, wie
sich mir herausgestellt hat, die Leute mich nicht aus ganz
uneigenntzigem Antriebe zu sich eingeladen haben.

Wieso?

Das will ich dir sagen, Tom. Herr von Maiboom braucht Geld, er braucht
sofort eine grere Summe, und da er die alte Freundschaft kannte, die
zwischen seiner Frau und mir besteht, und wute, da ich deine Schwester
bin, so hat er in seiner Bedrngnis sich hinter seine Frau gesteckt, die
ihrerseits sich hinter mich gesteckt hat ... verstehst du?

Der Senator bewegte die Fingerspitzen seiner Rechten auf seinem Scheitel
hin und her und verzog ein wenig das Gesicht.

Ich glaube, ja, sagte er. Deine ernste und wichtige Angelegenheit
scheint mir auf einen Vorschu auf die Pppenrader Ernte hinauszulaufen,
wenn ich nicht irre? Aber da habt ihr euch, du und deine Freunde, nicht
an den richtigen Mann gewandt, wie mich dnkt. Erstens nmlich habe ich
noch niemals ein Geschft mit Herrn von Maiboom gemacht, und dies wre
denn doch wohl eine ziemlich sonderbare Anknpfung von Beziehungen.
Zweitens haben wir, Urgrovater, Grovater, Vater und ich, wohl hie und
da den Landleuten Vorschsse gezahlt, wenn anders sie durch ihre
Persnlichkeit und sonstigen Verhltnisse eine gewisse Sicherheit boten
... Wie du selbst mir aber vor zwei Minuten Herrn von Maibooms
Persnlichkeit und Verhltnisse charakterisiert hast, kann doch von
solcher Sicherheit hier kaum die Rede sein...

Du bist im Irrtum, Tom. Ich habe dich ausreden lassen, aber du bist im
Irrtum. Es kann sich hier nicht um irgendeinen Vorschu handeln. Maiboom
braucht fnfunddreiigtausend Kurantmark...

Donnerwetter!

Fnfunddreiigtausend Kurantmark, die binnen knapper zwei Wochen fllig
sind. Das Messer steht ihm an der Kehle, und, um deutlich zu sein: er
mu zusehen, schon jetzt, sofort, zu verkaufen.

Auf dem Halm? Oh, o der arme Kerl! Und der Senator, der mit dem
Pincenez auf der Tischdecke spielte, schttelte den Kopf. Aber das
scheint mir fr unsere Verhltnisse ein ziemlich ungewhnlicher Fall zu
sein, sagte er. Ich habe von solchen Geschften hauptschlich aus
Hessen gehrt, wo ein nicht kleiner Teil der Landleute in den Hnden von
Juden ist ... Wer wei, in das Netz welches Halsabschneiders der arme
Herr von Maiboom gert...

Juden? Halsabschneider? rief Frau Permaneder beraus verwundert ...
Aber es ist von dir die Rede, Tom, von =dir=!

Pltzlich warf Thomas Buddenbrook das Pincenez vor sich hin auf den
Tisch, so da es ein Stck auf der Zeitung entlang glitt, und wandte mit
einem Ruck den ganzen Oberkrper seiner Schwester zu.

Von -- mir? fragte er mit den Lippen, ohne einen Ton von sich zu
geben; und dann setzte er laut hinzu: Geh schlafen, Tony! Du bist ja
bermde.

Ja, Tom, so sagte Ida Jungmann abends zu uns, wenn wir gerade anfingen,
vergngt zu werden. Aber ich versichere dich, da ich niemals wacher und
munterer gewesen bin als jetzt, wo ich bei Nacht und Nebel zu dir komme,
um dir Armgards -- also, indirekt, Ralf von Maibooms Vorschlag zu
machen...

Nun, ich halte diesen Vorschlag deiner Naivitt und der Ratlosigkeit
der Maibooms zugute.

Ratlosigkeit? Naivitt? Ich verstehe dich nicht, Thomas, ich bin leider
weit entfernt davon! Dir wird Gelegenheit geboten, eine gute Tat zu tun
und gleichzeitig das beste Geschft deines Lebens zu machen...

Ach was, meine Liebe, du redest lauter Unsinn! rief der Senator und
warf sich sehr ungeduldig zurck. Verzeih, aber du kannst einen mit
deiner Unschuld in Harnisch jagen! Du begreifst also nicht, da du mir
zu etwas hchst Unwrdigem, zu unreinlichen Manipulationen rtst? Ich
soll im Trben fischen? Einen Menschen brutal ausbeuten? Die Bedrngnis
dieses Gutsbesitzers bentzen, um den Wehrlosen bers Ohr zu hauen? Ihn
zwingen, mir die Ernte eines Jahres gegen den halben Preis abzutreten,
damit ich einen Wucherprofit einstreichen kann?

Ach, so siehst du die Sache an, sagte Frau Permaneder eingeschchtert
und nachdenklich. Und wieder lebhaft fuhr sie fort: Aber es ist nicht
ntig, durchaus nicht ntig, Tom, es von dieser Seite zu nehmen! Ihn
zwingen? Aber er kommt ja zu dir. Er bentigt das Geld, und er mchte
die Sache auf dem Wege der Freundschaft erledigen; unter der Hand, in
aller Stille. Darum hat er die Verbindung mit uns aufgesprt, und darum
bin ich eingeladen worden!

Kurz, er tuscht sich ber mich und den Charakter meiner Firma. Ich
habe meine berlieferungen. Ein solches Geschft ist von uns in hundert
Jahren nicht gemacht worden, und ich bin nicht gesonnen, mit derartigen
Manvern den Anfang zu machen.

Gewi, du hast deine berlieferungen, Tom, und jederlei Achtung davor!
Sicherlich, Vater htte sich hierauf nicht eingelassen; bewahre; wer
behauptet das?... Aber, so dumm ich bin, das wei ich, da du ein ganz
anderer Mensch bist als Vater, und da, als du die Geschfte bernahmst,
du einen ganz anderen Wind wehen lieest als er, und da du unterdessen
manches getan hast, was er nicht getan haben wrde. Dafr bist du jung
und ein unternehmender Kopf. Aber ich frchte immer, du hast dich in
letzter Zeit durch ein und das andere Migeschick einschchtern lassen
... und wenn du jetzt nicht mehr mit so gutem Erfolge arbeitest wie
frher, so liegt das daran, da du dir aus lauter Vorsicht und
ngstlicher Gewissenhaftigkeit die Gelegenheit zu guten Coups
entschlpfen lt...

Ach, ich bitte dich, liebes Kind, du reizest mich! sagte der Senator
mit scharfer Stimme und wandte sich hin und her. Sprechen wir doch von
etwas anderem!

Ja, du bist gereizt, Thomas, ich sehe es wohl. Du warst es von Anfang
an, und gerade darum habe ich weitergeredet, um dir zu beweisen, da du
dich zu Unrecht beleidigt fhlst. Wenn ich mich aber frage, warum du
gereizt bist, so kann ich mir nur sagen, da du im Grunde doch nicht so
ganz abgeneigt bist, dich mit der Sache zu beschftigen. Denn ein so
dummes Weib ich bin, das wei ich aus mir selbst und von anderen Leuten,
da man im Leben ber einen Vorschlag nur dann erregt und bse wird,
wenn man sich in seinem Widerstande nicht ganz sicher fhlt und
innerlich sehr versucht ist, darauf einzugehen.

Sehr fein, sagte der Senator, zerbi das Mundstck seiner Zigarette
und schwieg.

Fein? Ha, nein, das ist die einfachste Erfahrung, die das Leben mich
gelehrt hat. Aber la es gut sein, Tom. Ich will nicht in dich dringen.
Kann ich dich zu einer solchen Sache berreden? Nein, dazu fehlen mir
die Kenntnisse. Ich bin blo ein dummes Ding ... Schade ... Nun,
gleichviel. Es hat mich sehr interessiert. Ich war einerseits
erschrocken und betrbt fr Maibooms, andererseits aber froh fr dich.
Ich habe mir gedacht: Tom geht seit einiger Zeit ein bichen freudelos
umher. Frher klagte er, und jetzt klagt er schon nicht einmal mehr. Er
hat hie und da Geld verloren, die Zeiten sind schlecht, und das grade
jetzt, da =meine= Lage sich eben wieder durch Gottes Gte verbessert hat
und ich mich glcklich fhle. Und dann habe ich mir gedacht: Dies ist
etwas fr ihn, ein Coup, ein guter Fang. Damit kann er manche Scharte
auswetzen und den Leuten zeigen, da bis heute die Firma Johann
Buddenbrook noch nicht gnzlich vom Glcke verlassen ist. Und wenn du
darauf eingegangen wrest, so wre ich sehr stolz gewesen, die Sache
vermittelt zu haben, denn du weit, da es immer mein Traum und meine
Sehnsucht gewesen ist, unserem Namen dienstlich zu sein ... Genug ...
nun ist also die Frage wohl erledigt. -- Was mich aber rgert, das ist
der Gedanke, da Maiboom ja dennoch und in jedem Falle auf dem Halm
verkaufen mu, Tom, und wenn er hier in der Stadt sich umsieht, so wird
er schon Kufer finden ... er wird schon einen finden ... und das wird
Hermann Hagenstrm sein, ha, der Filou...

Oh, ja, man darf zweifeln, ob er die Sache von der Hand weisen wrde,
sagte der Senator mit Bitterkeit; und Frau Permaneder antwortete dreimal
hintereinander: Siehst du wohl, siehst du wohl, siehst du wohl?!

Pltzlich begann Thomas Buddenbrook den Kopf zu schtteln und rgerlich
zu lachen.

Es ist albern ... Wir sprechen hier, mit einem groen Aufwand von
Ernst, -- wenigstens deinerseits -- ber etwas ganz Unbestimmtes,
vollstndig in der Luft Stehendes! Meines Wissens habe ich dich noch
nicht einmal gefragt, um was es sich eigentlich handelt, was Herr von
Maiboom eigentlich zu verkaufen hat ... Ich kenne ja Pppenrade gar
nicht...

Oh, du httest natrlich hinfahren mssen! sagte sie eifrig. Es ist
ein Katzensprung bis Rostock, und von dort aus ist es gar nichts mehr!
Was er zu verkaufen hat? Pppenrade ist ein groes Gut. Ich wei
positiv, da es mehr als tausend Sack Weizen bringt ... Aber mir ist
nichts Genaueres bekannt. Wie es mit Roggen, Hafer und Gerste bestellt?
Sind es 500 Sack von jedem? Mehr oder weniger? Ich wei es nicht. Es
steht alles herrlich, das kann ich sagen. Aber ich kann dir nicht mit
Zahlen dienen, Tom, ich bin eine Gans. Du mtest natrlich
hinfahren...

Eine Pause entstand.

Nun, es ist nicht der Mhe wert, zwei Worte darber zu verlieren,
sagte der Senator kurz und fest, ergriff sein Pincenez, schob es in die
Westentasche, knpfte seinen Rock zu, erhob sich und fing an, mit
raschen, starken und freien Bewegungen, die jedes Zeichen von
Nachdenklichkeit geflissentlich ausschlossen, im Zimmer hin und her zu
gehen.

Dann blieb er am Tische stehen, und whrend er sich ein wenig darber
hin seiner Schwester entgegenbeugte und mit der Spitze des gekrmmten
Zeigefingers leicht auf die Platte schlug, sagte er: Ich werde dir mal
eine Geschichte erzhlen, meine liebe Tony, die dir zeigen soll, wie ich
mich zu dieser Sache verhalte. Ich kenne dein _faible_ fr den Adel im
allgemeinen und die mecklenburgische Noblesse im besonderen, und darum
bitte ich dich um Geduld, wenn in meiner Geschichte einer dieser Herren
einen Denkzettel erhlt ... Du weit, unter ihnen ist dieser und jener,
der den Kaufleuten, obgleich sie ihm doch so ntig sind wie er ihnen,
nicht allzuviel Hochachtung entgegenbringt, die -- bis zu einem gewissen
Grade anzuerkennende -- berlegenheit des Produzenten ber den
Zwischenhndler im geschftlichen Verkehre allzusehr betont und, kurz,
den Kaufmann mit nicht sehr anderen Augen ansieht als den hausierenden
Juden, dem man, mit dem Bewutsein, bervorteilt zu werden, getragene
Kleider berlt. Ich schmeichle mir, im allgemeinen den Eindruck eines
moralisch minderwertigen Ausbeuters auf die Herren nicht gemacht zu
haben, und habe unter ihnen weit zhere Hndler angetroffen, als ich
bin. Bei einem aber bedurfte es erst des folgenden kleinen
Gewaltstreichs, um mich ihm gesellschaftlich ein wenig nher zu bringen
... Es war der Herr von Gro-Poggendorf, von dem du gewi gehrt hast,
und mit dem ich vor Jahr und Tag vielfach zu tun hatte: Graf Strelitz,
ein hchst feudaler Mann mit einem viereckigen Glas im Auge ... ich
begriff niemals, da er sich nicht schnitt ... lackierten Stulpstiefeln
und einer Reitpeitsche mit goldenem Griff. Er hatte die Gewohnheit, mit
halb geffnetem Munde und halb geschlossenen Augen von einer
unbegreiflichen Hhe auf mich herabzublicken ... Mein erster Besuch bei
ihm war bedeutsam. Nach einer einleitenden Korrespondenz fuhr ich zu ihm
und trat, vom Bedienten gemeldet, ins Arbeitszimmer. Graf Strelitz sa
am Schreibtisch. Er erwidert meine Verbeugung, indem er sich halbwegs
vom Sessel erhebt, schreibt die letzte Zeile eines Briefes, wendet sich
dann zu mir, indem er ber mich hinwegsieht, und beginnt die
Unterhandlungen ber seine Ware. Ich lehne am Sofatische, kreuze Arme
und Beine und bin amsiert. Ich stehe fnf Minuten lang im Gesprche.
Nach weiteren fnf Minuten setze ich mich auf den Tisch und lasse ein
Bein in der Luft schaukeln. Unsere Verhandlungen nehmen ihren Fortgang,
und nach Verlauf einer Viertelstunde sagt er mit einer wirklich gndigen
Handbewegung leichthin: Wollen Sie nicht brigens einen Stuhl nehmen?
-- Wie? sagte ich ... Oh, nicht ntig! Ich sitze lngst.

Sagtest du? Sagtest du es? rief Frau Permaneder entzckt ... Sofort
hatte sie alles Vorhergehende beinahe vergessen und lebte vollstndig in
dieser Anekdote. Du saest lngst! Es ist ausgezeichnet!...

Nun ja; und ich versichere dich, da der Graf von diesem Augenblick an
sein Benehmen durchaus nderte, da er mir die Hand reichte, wenn ich
kam, mich zum Sitzen ntigte ... und da wir in der Folge geradezu
befreundet geworden sind. Warum aber erzhle ich dir das? Um dich zu
fragen: Wrde ich wohl das Herz, das Recht, die innere Sicherheit haben,
auch Herrn von Maiboom in dieser Weise zu belehren, wenn er, mit mir
ber den Pauschalpreis fr seine Ernte verhandelnd, vergessen sollte,
mir -- einen Stuhl anzubieten...?

Frau Permaneder schwieg. Gut, sagte sie dann und stand auf. Du sollst
recht haben, Tom, und wie ich schon sagte, ich will nicht in dich
dringen. Du mut wissen, was du zu tun und zu lassen hast, und damit
Punktum. Wenn du mir nur glaubst, da ich in guter Absicht gesprochen
habe ... Abgemacht! Gute Nacht, Tom!... Oder nein, warte. Ich mu zuvor
deinem Hanno einen Ku geben und die gute Ida begren ... Ich gucke
dann hier noch einmal herein...

Und damit ging sie.


Drittes Kapitel

Sie stieg die Treppe zur zweiten Etage hinan, lie den Altan zur
Rechten liegen, ging an dem weigoldenen Gelnder der Galerie entlang
und durchschritt ein Vorzimmer, dessen Tr zum Korridor offenstand und
von dem ein zweiter Ausgang linkerseits in das Ankleidezimmer des
Senators fhrte. Dann drckte sie vorsichtig auf den Griff der geradeaus
gelegenen Tr und trat ein.

Es war eine auerordentlich gerumige Stube, deren Fenster mit faltigen,
grogeblmten Vorhngen verhllt waren. Die Wnde waren ein wenig kahl.
Abgesehen von einem sehr groen schwarzgerahmten Stich, der ber
Frulein Jungmanns Bett hing und Giacomo Meyerbeer, umgeben von den
Gestalten seiner Opern, darstellte, gab es nur noch eine Anzahl von
englischen Buntdrucken, die Kinder mit gelbem Haar und roten
Babykleidern darstellten und mit Stecknadeln an der hellen Tapete
befestigt waren. Ida Jungmann sa in der Mitte des Zimmers an dem groen
Ausziehtisch und stopfte Hannos Strmpfchen. Die treue Preuin stand nun
am Anfang der Fnfziger, aber obgleich sie sehr frh begonnen hatte, zu
ergrauen, war ihr glatter Scheitel doch noch immer nicht wei geworden,
sondern in einem bestimmten Zustande der Melierung verblieben, und ihre
aufrechte Gestalt war so starkknochig und rstig, ihre braunen Augen
waren so frisch, klar und unermdlich wie vor zwanzig Jahren.

Guten Abend, Ida, du gute Seele! sagte Frau Permaneder gedmpft aber
frhlich, denn die kleine Erzhlung ihres Bruders hatte sie in die beste
Stimmung versetzt. Wie geht es dir, du altes Mbel?

Ei, ei, Tonychen; Mbel, mein Kindchen? So spt noch hier?

Ja, ich war bei meinem Bruder ... in Geschften, die keinen Aufschub
duldeten ... Leider hat sich die Sache zerschlagen ... Schlft er?
fragte sie und wies mit dem Kinn nach dem kleinen Bette, welches an der
linken Seitenwand stand, das grnverhllte Kopfende hart an der hohen
Tr, die zum Schlafzimmer Senator Buddenbrooks und seiner Gattin
fhrte...

Pst, sagte Ida; ja, er schlft. Und Frau Permaneder trat auf den
Zehenspitzen an das Bettchen, lftete vorsichtig die Gardinen und lugte
gebckt in das Gesicht ihres schlafenden Neffen.

Der kleine Johann Buddenbrook lag auf dem Rcken, hatte aber sein von
dem langen, hellbraunen Haar umrahmtes Gesichtchen dem Zimmer zugewandt
und atmete mit einem leichten Gerusch in das Kopfkissen hinein. Von
seinen Hnden, deren Finger kaum aus den viel zu langen und weiten
rmeln seines Nachthemdes hervorsahen, lag die eine auf seiner Brust,
die andere neben ihm auf der Steppdecke, und dann und wann zuckten die
gekrmmten Finger leise. Auch an den halb geffneten Lippen war eine
schwache Bewegung bemerkbar, als versuchten sie, Worte zu bilden. Von
Zeit zu Zeit ging, von unten nach oben, etwas Schmerzliches ber dieses
ganze Gesichtchen, das, mit einem Erzittern des Kinnes beginnend, sich
ber die Mundpartie fortpflanzte, die zarten Nstern vibrieren lie und
die Muskeln der schmalen Stirn in Bewegung versetzte ... Die langen
Wimpern vermochten nicht die blulichen Schatten zu verdecken, die in
den Augenwinkeln lagerten.

Er trumt, sagte Frau Permaneder gerhrt. Dann beugte sie sich ber
das Kind, kte behutsam seine schlafwarme Wange, ordnete mit Sorgfalt
die Gardine und trat wieder an den Tisch, wo Ida, im gelben Schein der
Lampe, einen neuen Strumpf ber die Stopfkugel zog, das Loch prfte und
es zu schlieen begann.

Du stopfst, Ida. Merkwrdig, ich kenne dich eigentlich gar nicht
anders!

Ja, ja, Tonychen ... Was das Jungchen alles zerreit, seit er zur
Schule geht!

Aber er ist doch ein so stilles und sanftes Kind?

Ja, ja ... Aber doch.

Geht er denn gern zur Schule?

Nein, nein, Tonychen! Htt' lieber noch bei mir weiterlernen wollen.
Und ich htt's auch gewnscht, mein Kindchen, denn die Herren kennen ihn
ja nicht so von klein auf wie ich und wissen es nicht so, wie man ihn
nehmen mu beim Lernen ... Das Aufmerken wird ihm oft schwer, und er
wird rasch mde...

Der Arme! Hat er schon Schlge bekommen?

Aber nein! Mei boje kochhanne ... sie werden doch nicht so hartherz'g
sein wollen! Wenn das Jungchen sie ansieht...

Wie war's denn eigentlich, als er zum ersten Male hinging? Hat er
geweint?

Ja, das hat er. Er weint so leicht ... Nicht laut, aber so in sich
hinein ... Und dann hat er deinen Herrn Bruder am Rock festhalten wollen
und immer wieder gebeten, er mchte dableiben...

So, hat mein Bruder ihn hingebracht?... Ja, das ist ein schwerer
Moment, Ida, glaube mir. Ha, ich wei es wie gestern! Ich heulte ... ich
versichere dich, ich heulte wie ein Kettenhund, es wurde mir entsetzlich
schwer. Und warum? Weil ich es zu Hause so gut gehabt hatte, gerade wie
Hanno. Die Kinder aus vornehmen Husern weinten alle, das ist mir sofort
aufgefallen, whrend die anderen sich gar nichts daraus machten und uns
anglotzten und grinsten ... Gott! was ist ihm, Ida--?!

Sie vollendete ihre Handbewegung nicht und wandte sich erschrocken nach
dem Bettchen um, von wo ein Schrei ihr Plaudern unterbrochen hatte, ein
Angstschrei, der sich im nchsten Augenblick mit noch gequlterem, noch
entsetzterem Ausdruck wiederholte und dann drei-, vier-, fnfmal rasch
nacheinander erklang ... Oh! oh! oh! ein vor Grauen berlauter,
entrsteter und verzweifelter Protest, der sich gegen etwas
Abscheuliches richten mute, was sich zeigte oder geschah ... Im
nchsten Augenblick stand der kleine Johann aufrecht im Bette, und
whrend er unverstndliche Worte stammelte, blickten seine
weitgeffneten, so eigenartig goldbraunen Augen, ohne etwas von der
Wirklichkeit wahrzunehmen, starr in eine gnzlich andere Welt hinein...

Nichts, sagte Ida. Der _pavor_. Ach, das ist manchmal noch viel
rger. Und in aller Ruhe legte sie die Arbeit beiseite, ging mit ihren
langen, schweren Schritten auf Hanno zu und legte ihn, whrend sie mit
tiefer, beruhigender Stimme zu ihm sprach, wieder unter die Decke.

Ja, so, der _pavor_... wiederholte Frau Permaneder. Wacht er nun?

Aber Hanno wachte keineswegs, obgleich seine Augen weit und starr
blieben und seine Lippen fortfuhren, sich zu bewegen...

Wie? So ... so ... Nun hren wir auf zu plappern ... =Was= sagst du?
fragte Ida; und auch Frau Permaneder trat nher, um auf dies unruhige
Murmeln und Stammeln zu horchen.

Will ich ... in mein ... Grtlein gehn..., sagte Hanno mit schwerer
Zunge, will mein' Zwiebeln gieen...

Er sagt seine Gedichte her, erklrte Ida Jungmann mit Kopfschtteln.
So, so! Genug, schlaf nun, mein Jungchen!...

Steht ein ... bucklicht Mnnlein da, ... fngt als an zu niesen...,
sagte Hanno und seufzte dann. Pltzlich aber vernderte sich sein
Gesichtsausdruck, seine Augen schlossen sich halb, er bewegte den Kopf
auf dem Kissen hin und her, und mit leiser, schmerzlicher Stimme fuhr er
fort:

    Der Mond der scheint,
    Das Kindlein weint,
    Die Glock schlgt zwlf,
    Da Gott doch allen Kranken helf!...

Bei diesen Worten aber schluchzte er tief auf, Trnen traten hinter
seinen Wimpern hervor, liefen langsam ber seine Wangen ... und hiervon
erwachte er. Er umarmte Ida, sah sich mit nassen Augen um, murmelte
befriedigt etwas von Tante Tony, schob sich ein wenig zurecht und
schlief dann ruhig weiter.

Sonderbar! sagte Frau Permaneder, als Ida sich wieder an den Tisch
setzte. Was fr Gedichte waren das, Ida?

Sie stehen in seinem Lesebuch, antwortete Frulein Jungmann, und
darunter ist gedruckt: `Des Knaben Wunderhorn. Sie sind kurios ... Er
hat sie in diesen Tagen lernen mssen, und ber das mit dem Mnnlein hat
er viel gesprochen. Kennst du es?... Recht graulich ist es. Dies
bucklige Mnnlein steht berall, zerbricht den Kochtopf, it das Mus,
stiehlt das Holz, lt das Spinnrad nicht gehen, lacht einen aus ... und
dann, zum Schlusse, bittet es auch noch, man mge es in sein Gebet
einschlieen! Ja, das hat es dem Jungchen nun angetan. Er hat tagein --
tagaus darber nachgedacht. Weit du, was er sagte? Zwei-, dreimal hat
er gesagt: `Nicht wahr, Ida, es tut es nicht aus Schlechtigkeit, nicht
aus Schlechtigkeit!... Es tut es aus Traurigkeit und ist dann noch
trauriger darber ... Wenn man betet, so braucht es das alles nicht mehr
zu tun. Und heute abend noch, als seine Mama ihm Gute Nacht sagte,
bevor sie ins Konzert ging, hat er sie gefragt, ob er auch fr das
bucklige Mnnlein beten solle...

Und hat es auch getan?

Nicht laut, aber wahrscheinlich im stillen ... Aber ber das andere
Gedicht, das `Ammenuhr heit, hat er gar nicht gesprochen, sondern nur
geweint. Er gert so leicht ins Weinen, das Jungchen, und kann dann
lange nicht aufhren...

Aber was ist denn so traurig darin?

Wei =ich= ... ber den Anfang, die Stelle, bei der er sogar eben im
Schlafe schluchzte, kam er beim Aufsagen nie hinweg ... und auch nachher
ber den Fuhrmann, der sich schon um drei von der Streu erhebt, hat er
geweint...

Frau Permaneder lachte gerhrt und machte dann ein ernstes Gesicht.

Aber ich will dir sagen, Ida, es ist nicht gut, ich halte es nicht fr
gut, da ihm alles so nahe geht. Der Fuhrmann steht um drei Uhr auf --
nun, mein lieber Gott, dafr ist er ein Fuhrmann! Das Kind -- soviel
wei ich schon -- neigt dazu, alle Dinge mit zu eindringlichen Augen
anzusehen und sich alles zu sehr zu Herzen zu nehmen ... Das mu an ihm
zehren, glaube mir. Man sollte einmal ernstlich mit Grabow sprechen ...
Aber das ist es eben, fuhr sie fort, indem sie die Arme verschrnkte,
den Kopf zur Seite neigte und mimutig mit der Fuspitze auf dem Boden
trommelte; Grabow wird alt, und, abgesehen davon: so herzensgut er ist,
ein Biedermann, ein wirklich braver Mensch ... was seine Eigenschaften
als Arzt betrifft, so halte ich nicht gerade groe Stcke auf ihn, Ida,
Gott verzeihe mir, wenn ich mich in ihm tusche. So zum Beispiel mit
Hannos Unruhe, seinem Auffahren bei Nacht, seinen Angstanfllen im
Traume ... Grabow wei es, und alles, was er tut, ist, da er uns sagt,
was es ist, uns einen lateinischen Namen nennt: _pavor nocturnus_ ...
ja, lieber Gott, das ist sehr belehrend ... Nein, er ist ein lieber
Mann, ein guter Hausfreund, alles; aber ein Licht ist er nicht. Ein
bedeutender Mensch sieht anders aus und zeigt schon in der Jugend, da
etwas an ihm ist. Grabow hat die Zeit von Achtundvierzig mit erlebt; er
war ein junger Mann damals. Aber meinst du, da er sich jemals erregt
hat -- ber die Freiheit und die Gerechtigkeit und den Umsturz von
Privilegien und Willkr? Er ist ein Gelehrter, aber ich bin berzeugt,
da die unerhrten Bundesgesetze von damals ber die Universitten und
die Presse ihn vollstndig kalt gelassen haben. Er hat sich niemals ein
wenig wild gebrdet, niemals ein wenig ber die Schnur gehauen ... Er
hat immer sein langes, mildes Gesicht gehabt, und nun verordnet er Taube
und Franzbrot und, wenn der Fall ernst ist, einen Elffel Altheesaft
... Gute Nacht, Ida ... Ach nein, ich glaube, da gibt es ganz andere
rzte!... Schade, da ich Gerda nicht mehr sehe ... Ja, danke, es ist
noch Licht auf dem Korridor ... Gute Nacht.

Als Frau Permaneder im Vorbergehen die Tr zum Ezimmer ffnete, um,
ins Wohnzimmer hinein, auch ihrem Bruder gute Nacht zuzurufen, sah sie,
da in der ganzen Flucht Licht war und da Thomas, die Hnde auf dem
Rcken, darin hin und wider ging.


Viertes Kapitel

Allein geblieben, hatte der Senator seinen Platz am Tische wieder
eingenommen, sein Pincenez hervorgezogen und in der Lektre seiner
Zeitung fortfahren wollen. Aber nach zwei Minuten schon hatten seine
Augen sich von dem bedruckten Papier erhoben, und ohne die Haltung
seines Krpers zu verndern, hatte er lange Zeit geradeaus, zwischen den
Portieren hindurch, unverwandt in das Dunkel des Salons geblickt.

Wie bis zur Unkenntlichkeit verndert sein Gesicht sich ausnahm, wenn er
sich allein befand! Die Muskeln des Mundes und der Wangen, sonst
diszipliniert und zum Gehorsam gezwungen, im Dienste einer
unaufhrlichen Willensanstrengung, spannten sich ab, erschlafften; wie
eine Maske fiel die lngst nur noch knstlich festgehaltene Miene der
Wachheit, Umsicht, Liebenswrdigkeit und Energie von diesem Gesichte ab,
um es in dem Zustande einer gequlten Mdigkeit zurckzulassen; die
Augen, mit trbem und stumpfem Ausdruck auf einen Gegenstand gerichtet,
ohne ihn zu umfassen, rteten sich, begannen zu trnen -- und ohne Mut
zu dem Versuche, auch sich selbst noch zu tuschen, vermochte er von
allen Gedanken, die schwer, wirr und ruhelos seinen Kopf erfllten, nur
den einen, verzweifelten festzuhalten, da Thomas Buddenbrook mit
zweiundvierzig Jahren ein ermatteter Mann war.

Er strich langsam und tief aufatmend mit der Hand ber Stirn und Augen,
entzndete mechanisch eine neue Zigarette, obgleich er wute, da es ihm
schadete, und fuhr fort, durch den Rauch ins Dunkel zu blicken ... Welch
ein Gegensatz zwischen der leidenden Schlaffheit seiner Zge und der
eleganten, beinahe martialischen Toilette, die diesem Kopfe gewidmet war
-- dem parfmierten, lang ausgezogenen Schnurrbart, der peinlich
rasierten Gltte von Kinn und Wangen, der sorgfltigen Frisur des
Haupthaares, dessen beginnende Lichtung am Wirbel nach Mglichkeit
verdeckt war, das, in zwei lnglichen Einbuchtungen von den zarten
Schlfen zurcktretend, einen schmalen Scheitel bildete und ber den
Ohren nicht mehr lang und gekraust, wie einst, sondern sehr kurz
gehalten war, damit man nicht sehe, da es an dieser Stelle ergraute ...
Er selbst empfand ihn, diesen Gegensatz, und er wute wohl, da
niemandem drauen in der Stadt der Widerstreit entgehen konnte, der
zwischen seiner beweglichen, elastischen Aktivitt und der matten Blsse
seines Gesichtes bestand.

Nicht, da er in geringerem Mae als ehemals dort drauen eine wichtige
und unentbehrliche Persnlichkeit gewesen wre. Die Freunde wiederholten
es, und die Neider konnten es nicht leugnen, da Brgermeister Doktor
Langhals mit weit vernehmbarer Stimme den Ausspruch seines Vorgngers
Oeverdieck besttigt hatte: Senator Buddenbrook sei des Brgermeisters
rechte Hand. Da aber die Firma Johann Buddenbrook nicht mehr das war,
was sie vorzeiten gewesen, das schien eine so gassenlufige Wahrheit,
da Herr Stuht in der Glockengieerstrae es seiner Frau erzhlen
konnte, wenn sie mittags zusammen ihre Specksuppe verzehrten ... und
Thomas Buddenbrook sthnte darber.

Gleichwohl war er selbst es, der zur Entstehung dieser Anschauungsweise
am meisten beigetragen hatte. Er war ein reicher Mann, und keiner der
Verluste, die er erlitten, auch den schweren des Jahres sechsundsechzig
nicht ausgenommen, hatte die Existenz der Firma ernstlich in Frage
stellen knnen. Aber obgleich er, wie selbstverstndlich, fortfuhr, in
angemessener Weise zu reprsentieren und seinen Diners die Anzahl von
Gngen zu geben, die seine Gste von ihnen erwarteten, hatte doch die
Vorstellung, sein Glck und Erfolg sei dahin, diese Vorstellung, die
mehr eine innere Wahrheit war, als da sie auf uere Tatsachen
gegrndet gewesen wre, ihn in einen Zustand so argwhnischer
Verzagtheit versetzt, da er, wie niemals zuvor, das Geld an sich zu
halten und in seinem Privatleben in fast kleinlicher Weise zu sparen
begann. Hundertmal hatte er den kostspieligen Bau seines neuen Hauses
verwnscht, das ihm, so empfand er, nichts als Unheil gebracht hatte.
Die Sommerreisen wurden eingestellt, und der kleine Stadtgarten mute
den Aufenthalt am Strande oder im Gebirge ersetzen. Die Mahlzeiten, die
er gemeinsam mit seiner Gattin und dem kleinen Hanno einnahm, waren auf
sein wiederholtes und strenges Gehei von einer Einfachheit, die im
Gegensatze zu dem weiten, parkettierten Speisezimmer mit seinem hohen
und luxurisen Plafond und seinen prachtvollen Eichenmbeln komisch
wirkte. Whrend lngerer Zeit war Dessert nur fr den Sonntag gestattet
... Die Eleganz seines ueren blieb dieselbe; aber Anton, der
langjhrige Bediente, wute doch in der Kche zu erzhlen, da der
Senator jetzt nur noch jeden zweiten Tag das weie Hemd wechsele, da die
Wsche das feine Linnen allzusehr ruiniere ... Er wute noch mehr. Er
wute auch, da er entlassen werden sollte. Gerda protestierte. Drei
Dienstboten seien zur Instandhaltung eines so groen Hauses kaum genug.
Es half nichts: mit einem angemessenen Geldgeschenk ward Anton, der so
lange den Bock eingenommen hatte, wenn Thomas Buddenbrook in den Senat
fuhr, verabschiedet.

Solchen Maregeln entsprach das freudlose Tempo, das der Geschftsgang
angenommen hatte. Nichts war mehr zu verspren von dem neuen und
frischen Geiste, mit dem der junge Thomas Buddenbrook einst den Betrieb
belebt hatte -- und sein Sozius, Herr Friedrich Wilhelm Marcus, welcher,
nur mit geringem Kapitale beteiligt, in keinem Falle bedeutenden Einflu
besessen htte, war von Natur und Temperament jeder Initiative bar.

Im Laufe der Jahre hatte seine Pedanterie zugenommen und war zur
vollstndigen Wunderlichkeit geworden. Er brauchte eine Viertelstunde,
um sich, unter Schnurrbartstreichen, Ruspern und bedchtigen
Seitenblicken, eine Zigarre anzuschneiden und die Spitze in seinen
Geldbeutel zu versenken. Des Abends, wenn die Gaslampen jeden Winkel des
Kontors taghell erleuchteten, unterlie er es niemals, noch eine
brennende Stearinkerze auf sein Pult zu stellen. Nach jeder halben
Stunde erhob er sich, um sich zur Wasserleitung zu begeben und seinen
Kopf zu begieen. Eines Vormittags lag unordentlicherweise ein leerer
Getreidesack unter seinem Pult, den er fr eine Katze hielt und zum
Gaudium des gesamten Personals unter lauten Verwnschungen zu verjagen
suchte ... Nein, er war nicht der Mann, der jetzigen Mattigkeit seines
Kompagnons zum Trotz, frdernd in die Geschfte einzugreifen, und oft
erfate den Senator, wie jetzt, whrend er matten Blickes in die
Finsternis des Salons hinberstarrte, die Scham und eine verzweifelte
Ungeduld, wenn er sich den unbetrchtlichen Kleinbetrieb, das
pfennigweise Geschftemachen vergegenwrtigte, zu dem sich in letzter
Zeit die Firma Johann Buddenbrook erniedrigt hatte.

Aber, war es nicht gut so? Auch das Unglck, dachte er, hat seine Zeit.
War es nicht weise, sich still zu verhalten, whrend es in uns herrscht,
sich nicht zu rhren, abzuwarten und in Ruhe innere Krfte zu sammeln?
Warum mute man jetzt mit diesem Vorschlag an ihn herantreten, ihn aus
seiner klugen Resignation vor der Zeit aufstren und ihn mit Zweifeln
und Bedenken erfllen! War die Zeit gekommen? War dies ein Fingerzeig?
Sollte er ermuntert werden, aufzustehen und einen Schlag zu fhren? Mit
aller Entschiedenheit, die er seiner Stimme zu geben vermocht, hatte er
das Ansinnen zurckgewiesen; aber war, seit Tony aufgebrochen, wirklich
das Ganze erledigt? Es schien nicht, denn er sa hier und grbelte. Man
begegnet einem Vorschlage nur dann mit Erregtheit, wenn man sich in
seinem Widerstande nicht sicher fhlt... Eine verteufelt schlaue
Person, diese kleine Tony!

Was hatte er ihr entgegengehalten? Er hatte es sehr gut und eindringlich
gesagt, wie er sich erinnerte. Unreinliche Manipulation ... Im Trben
fischen ... Brutale Ausbeutung ... Einen Wehrlosen bers Ohr hauen ...
Wucherprofit... ausgezeichnet! Allein es fragte sich, ob dies die
Gelegenheit war, so laute Worte ins Gefecht zu fhren. Konsul Hermann
Hagenstrm wrde sie nicht gesucht und wrde sie nicht gefunden haben.
War Thomas Buddenbrook ein Geschftsmann, ein Mann der unbefangenen Tat
oder ein skrupulser Nachdenker?

O ja, das war die Frage; das war von jeher, so lange er denken konnte,
seine Frage gewesen! Das Leben war hart, und das Geschftsleben war in
seinem rcksichtslosen und unsentimentalen Verlaufe ein Abbild des
groen und ganzen Lebens. Stand Thomas Buddenbrook mit beiden Beinen
fest wie seine Vter in diesem harten und praktischen Leben? Oft genug,
von jeher, hatte er Ursache gehabt, daran zu zweifeln! Oft genug, von
Jugend an, hatte er diesem Leben gegenber sein Fhlen korrigieren
mssen ... Hrte zufgen, Hrte erleiden und es nicht als Hrte, sondern
als etwas Selbstverstndliches =empfinden= -- wrde er das niemals
vollstndig erlernen?

Er erinnerte sich des Eindruckes, den die Katastrophe des Jahres 66 auf
ihn hervorgebracht hatte, und er rief sich die unaussprechlich
schmerzlichen Empfindungen zurck, die ihn damals berwltigt hatten. Er
hatte eine groe Summe Geldes verloren ... ach, nicht das war das
Unertrglichste gewesen! Aber er hatte zum ersten Male in vollem Umfange
und am eigenen Leibe die grausame Brutalitt des Geschftslebens
verspren mssen, in dem alle guten, sanften und liebenswrdigen
Empfindungen sich vor dem einen rohen, nackten und herrischen Instinkt
der Selbsterhaltung verkriechen und in dem ein erlittenes Unglck bei
den Freunden, den besten Freunden, nicht Teilnahme, nicht Mitgefhl,
sondern -- Mitrauen, kaltes, ablehnendes Mitrauen hervorruft. Hatte
er das nicht gewut? War er berufen, sich darber zu verwundern? Wie
sehr hatte er sich spter in besseren und strkeren Stunden darber
geschmt, da er in den schlaflosen Nchten von damals sich emprt, voll
Ekel und unheilbar verletzt gegen die hliche und schamlose Hrte des
Lebens aufgelehnt hatte!

Wie albern das gewesen war! Wie lcherlich jedesmal diese Regungen
gewesen waren, wenn er sie empfunden hatte! Wie war es berhaupt
mglich, da sie in ihm entstanden? Denn nochmals gefragt: War er ein
praktischer Mensch oder ein zrtlicher Trumer?

Ach, diese Frage hatte er sich schon tausendmal gestellt, und er hatte
sie, in starken und zuversichtlichen Stunden, bald so und -- in mden --
bald so beantwortet. Aber er war zu scharfsinnig und ehrlich, als da er
sich nicht schlielich die Wahrheit htte gestehen mssen, da er ein
Gemisch von beidem sei.

Zeit seines Lebens hatte er sich den Leuten als ttiger Mann
prsentiert; aber soweit er mit Recht dafr galt -- war er es nicht, mit
seinem gern zitierten Goetheschen Wahl- und Wahrspruch -- aus bewuter
berlegung gewesen? Er hatte ehemals Erfolge zu verzeichnen gehabt ...
aber waren sie nicht nur aus dem Enthusiasmus, der Schwungkraft
hervorgegangen, die er der Reflexion verdankte? Und da er nun
daniederlag, da seine Krfte -- wenn auch, Gott gebe es, nicht fr immer
-- erschpft schienen: war es nicht die notwendige Folge dieses
unhaltbaren Zustandes, dieses unnatrlichen und aufreibenden
Widerstreites in seinem Innern?... Ob sein Vater, sein Grovater, sein
Urgrovater die Pppenrader Ernte auf dem Halme gekauft haben wrden?
Gleichviel!... Gleichviel!... Aber da sie praktische Menschen gewesen,
da sie es voller, ganzer, strker, unbefangener, natrlicher gewesen
waren, als er, das war es, was feststand!...

Eine groe Unruhe ergriff ihn, ein Bedrfnis nach Bewegung, Raum und
Licht. Er schob seinen Stuhl zurck, ging hinber in den Salon und
entzndete mehrere Gasflammen des Lsters ber dem Mitteltische. Er
blieb stehen, drehte langsam und krampfhaft an der langen Spitze seines
Schnurrbartes und blickte, ohne etwas zu sehen, in diesem luxurisen
Gemache umher. Es nahm zusammen mit dem Wohnzimmer die ganze
Frontbreite des Hauses ein, war mit hellen, geschweiften Mbeln
ausgestattet und trug, mit seinem groen Konzertflgel, auf dem Gerdas
Geigenkasten stand, seiner mit Notenbchern beladenen Etagere daneben,
dem geschnitzten Stehpult und den Basreliefs von musizierenden Amoretten
ber den Tren, den Charakter eines Musikzimmers. Der Erker war mit
Palmen angefllt.

Senator Buddenbrook stand zwei oder drei Minuten, ohne sich zu bewegen.
Dann raffte er sich auf, ging ins Wohnzimmer zurck, trat ins
Speisezimmer und erleuchtete auch dies. Er machte sich am Bffett zu
schaffen, trank, um sein Herz zu beruhigen, oder um berhaupt etwas zu
tun, ein Glas Wasser und ging dann rasch, die Hnde auf dem Rcken,
weiter in die Tiefe des Hauses hinein. Das Rauchzimmer war dunkel
mbliert und mit Holz getfelt. Er ffnete mechanisch den
Zigarrenschrank, verschlo ihn sofort wieder und erhob, am Spieltische,
den Deckel einer kleinen eichenen Truhe, die Kartenspiele, Notizblocks
und hnliche Dinge enthielt. Er lie eine Anzahl kncherner Anlegemarken
klappernd durch seine Hand gleiten, warf den Deckel zu und wandte sich
abermals zum Gehen.

Ein kleines Kabinett mit einem buntfarbigen Fensterchen grenzte an das
Rauchzimmer. Es war leer bis auf einige ganz leichte Servanten, die
ineinander geschoben waren und auf denen ein Likrkasten stand. Von hier
aus aber betrat man den Saal, welcher, mit seiner ungeheuren
Parkettflche und seinen vier hohen, weinrot verhangenen Fenstern, die
auf den Garten hinausblickten, wiederum die ganze Breite des Hauses in
Anspruch nahm. Er war ausgestattet mit einem Paar schwerer, niedriger
Sofas von dem Rot der Portieren und einer Anzahl von Sthlen, die
hochlehnig und ernst an den Wnden standen. Ein Kamin war dort, hinter
dessen Gitter falsche Kohlen lagen und mit ihren Streifen von
rotgoldenem Glanzpapier zu glhen schienen. Auf der Marmorplatte, vor
dem Spiegel, ragten zwei mchtige chinesische Vasen...

Nun lag die ganze Zimmerflucht im Lichte einzelner Gasflammen, wie nach
einem Feste, wenn der letzte Gast soeben davongefahren. Der Senator
durchma den Saal einmal der Lnge nach, blieb dann an dem Fenster
stehen, das dem Kabinett gegenber lag, und blickte in den Garten
hinaus.

Der Mond stand hoch und klein zwischen flockigen Wolken, und der
Springbrunnen lie seinen Strahl in der Stille unter den berhngenden
Zweigen des Walnubaumes pltschern. Thomas sah hinber auf den
Pavillon, der das Ganze abschlo, auf die kleine, wei glnzende
Terrasse mit den beiden Obelisken, auf die regelmigen Kieswege, die
frisch umgegrabenen, abgezirkelten Beete und Rasenpltze ... aber diese
ganze zierliche und ungestrte Symmetrie, weit entfernt, ihn zu
beruhigen, verletzte und reizte ihn. Er erfate mit der Hand die Klinke
des Fensters, legte seine Stirn darauf und lie seine Gedanken ihren
qualvollen Gang wieder antreten.

Wo wollte es mit ihm hinaus? Er erinnerte sich einer Bemerkung, die er
vorhin seiner Schwester gegenber hatte fallen lassen und ber die er
selbst sich, sobald sie ausgesprochen, als ber etwas hchst
berflssiges gergert hatte. Er hatte vom Grafen Strelitz gesprochen,
vom Landadel, und hatte bei dieser Gelegenheit klar und deutlich die
Meinung ausgedrckt, da eine soziale berlegenheit des Produzenten ber
den Zwischenhndler anzuerkennen sei. War das zutreffend? Ach, mein
Gott, es war so unsglich gleichgltig, ob es zutreffend war! Aber war
=er= berufen, diesen Gedanken auszusprechen, ihn in Erwgung zu ziehen,
berhaupt darauf zu verfallen? War er imstande, sich seinen Vater,
seinen Grovater, irgendeinen seiner Mitbrger vorzustellen, wie er
diesem Gedanken nachhing und ihm Ausdruck verlieh? Ein Mann, der fest
und zweifellos in seinem Berufe steht, kennt nur diesen, wei nur von
diesem, schtzt nur diesen...

Pltzlich fhlte er, wie das Blut ihm hei zum Kopfe stieg, wie er
errtete bei einer zweiten Erinnerung, die weiter zurcklag. Er sah sich
mit seinem Bruder Christian im Garten des Mengstraen-Hauses umhergehen,
begriffen in einem Streite, einer dieser so tief bedauernswerten
erregten Auseinandersetzungen ... Christian hatte, in seiner indiskreten
und kompromittierenden Art, vor vielen Ohren eine liederliche uerung
getan, ber welche er ihn, wtend, emprt, aufs uerste gereizt, zur
Rede gestellt hatte. Eigentlich, hatte Christian gesagt, eigentlich und
im Grunde sei doch jeder Geschftsmann ein Betrger ... Wie? war diese
insipide und nichtswrdige Redensart ihrem Wesen nach so weit entfernt
von derjenigen, die er selbst sich soeben noch seiner Schwester
gegenber gestattet hatte? Er hatte sich darber entrstet, hatte
wutentbrannt dagegen protestiert ... Aber wie hatte diese schlaue,
kleine Tony, gesagt? Wer sich ereifert...

Nein! sagte der Senator pltzlich mit lauter Stimme, erhob mit einem
Ruck den Kopf, lie den Fenstergriff fahren, stie sich frmlich davon
zurck und sagte ebenso laut: Dies ist zu Ende! Dann rusperte er
sich, um ber die unangenehme Empfindung hinwegzukommen, die seine
eigene, einsame Stimme ihm verursachte, wandte sich und begann, schnell
gesenkten Kopfes, die Hnde auf dem Rcken, hin und her durch alle
Zimmer zu gehen.

Dies ist zu Ende! wiederholte er. Es mu ein Ende gemacht werden! Ich
verbummele, ich versumpfe, ich werde alberner als Christian! Oh, es war
unendlich dankenswert, da er sich nicht in Unwissenheit darber befand,
wie es mit ihm stand! Nun war es in seine Hand gegeben, sich zu
korrigieren! Mit Gewalt!... La sehen ... la sehen ... was war es fr
ein Angebot, das ihm da gemacht worden war? Die Ernte ... Die
Pppenrader Ernte auf dem Halm? Ich werde es tun! sagte er mit
leidenschaftlichem Flstern und schttelte sogar eine Hand mit
ausgestrecktem Zeigefinger. Ich werde es tun!

Es war ja wohl das, was man einen Coup nennt? Eine Gelegenheit, ein
Kapital von, sagen wir einmal, vierzigtausend Kurantmark ganz einfach --
und ein wenig bertrieben ausgedrckt -- zu verdoppeln?... Ja, es war
ein Fingerzeig, ein Wink, sich zu erheben! Es handelte sich um einen
Anfang, einen ersten Streich, und das Risiko, das damit verbunden war,
ergab nur eine Widerlegung mehr aller moralischen Skrupeln. Gelang es,
dann war er wieder hergestellt, dann wrde er wieder wagen, dann wrde
er das Glck und die Macht wieder mit diesen inneren elastischen
Klammern halten...

Nein, den Herren Strunck & Hagenstrm wrde dieser Fang leider entgehen!
Es gab am Orte eine Firma, die in diesem Falle infolge von persnlichen
Verbindungen denn doch die Vorhand hatte!... In der Tat, das Persnliche
war hier das Entscheidende. Es war kein gewhnliches Geschft, das man
khl und in den blichen Formen erledigt. Es trug vielmehr, wie es durch
Tonys Vermittlung eingeleitet worden, halbwegs den Charakter einer
Privatangelegenheit, die mit Diskretion und Verbindlichkeit zu behandeln
war. Ach nein, Hermann Hagenstrm wre wohl kaum der Mann dafr
gewesen!... Thomas benutzte als Kaufmann die Konjunktur und auch beim
Verkaufe, nachher, wrde er sie bei Gott zu benutzen wissen! Andererseits
aber erwies er dem bedrngten Gutsherrn einen Dienst, zu dem er, durch
die Freundschaft Tonys mit Frau von Maiboom, ganz allein berufen
war. Schreiben also ... heute abend noch schreiben -- nicht auf dem
Geschftspapier mit Firmendruck, sondern auf einem Privatbriefbogen, auf
dem nur Senator Buddenbrook gedruckt stand -- in rcksichtsvollster
Weise schreiben und fragen, ob ein Besuch in den nchsten Tagen genehm
sei. Eine heikle Sache immerhin. Ein etwas glatter Grund und Boden, auf
dem man sich mit einiger Grazie bewegen mute ... Desto mehr etwas fr
ihn!

Und seine Schritte wurden noch geschwinder, sein Atem tiefer. Er setzte
sich einen Augenblick, sprang auf und wanderte aufs neue durch alle
Zimmer. Er durchdachte das Ganze noch einmal, er dachte an Herrn Marcus,
an Hermann Hagenstrm, Christian und Tony, sah die gelbreife Ernte von
Pppenrade im Winde schwanken, phantasierte von dem allgemeinen
Aufschwung der Firma, der diesem Coup folgen wrde, verwarf zornig alle
Bedenken, schttelte seine Hand und sagte: Ich werde es tun!

Frau Permaneder ffnete die Tr zum Speisezimmer und rief: Gute Nacht!
Er antwortete, ohne es zu wissen. Gerda, von der sich Christian an der
Haustr verabschiedet hatte, trat ein, und in ihren seltsamen, nahe
beieinanderliegenden braunen Augen lag der rtselhafte Schimmer, den die
Musik ihnen zu geben pflegt. Der Senator blieb mechanisch vor ihr
stehen, fragte mechanisch nach dem spanischen Virtuosen und dem Verlaufe
seines Konzertes und versicherte dann, sogleich sich ebenfalls zur Ruhe
begeben zu wollen.

Aber er ging nicht zur Ruhe, sondern nahm seine Wanderung wieder auf. Er
dachte an die Scke mit Weizen, Roggen, Hafer und Gerste, welche die
Bden des Lwen, des Walfisches, der Eiche und der Linde fllen
sollten, sann ber dem Preise, dem -- oh, durchaus nicht unanstndigen
Preise, den er zu bieten beabsichtigte, stieg um Mitternacht leise ins
Kontor hinunter und schrieb bei Herrn Marcus' Stearinkerze in einem Zuge
einen Brief an Herrn von Maiboom auf Pppenrade, einen Brief, der, als
er ihn mit fieberheiem und schwerem Kopfe durchlas, ihm als der beste
und taktvollste seines Lebens erschien.

Das war in der Nacht vor dem 27. Mai. Am nchsten Tage erffnete er
seiner Schwester in leichter und humoristischer Weise, da er die Sache
nun von allen Seiten betrachtet habe und da er Herrn von Maiboom nicht
einfach einen Korb geben und an den nchsten Beutelschneider verweisen
knne. Am 30. des Monats unternahm er eine Reise nach Rostock und fuhr
von dort mit einem Mietswagen ber Land.

Seine Laune war vortrefflich in den nchsten Tagen, sein Gang elastisch
und frei, sein Mienenspiel verbindlich. Er neckte Klothilde, lachte
herzlich ber Christian, scherzte mit Tony, spielte am Sonntag eine
ganze Stunde lang mit Hanno auf dem Altan in der zweiten Etage, indem
er seinem Sohne half, winzige Getreidescke an einem kleinen,
ziegelroten Speicher hinaufzuwinden und dabei die hohlen und gedehnten
Rufe der Arbeiter nachahmte ... und hielt in der Brgerschaftssitzung
vom 3. Juni ber den langweiligsten Gegenstand von der Welt, ber
irgendeine Steuerfrage, eine so ausgezeichnete und witzige Rede, da er
in allen Stcken Recht bekam und Konsul Hagenstrm, der ihm opponiert
hatte, der allgemeinen Heiterkeit anheimfiel.


Fnftes Kapitel

War es Unachtsamkeit oder Absicht von des Senators Seite -- es fehlte
nicht viel, so wre er ber eine Tatsache hinweggegangen, die nun durch
Frau Permaneder, welche sich am treuesten und hingebendsten mit den
Familienpapieren beschftigte, aller Welt verkndet ward: die Tatsache,
da in den Dokumenten der 7. Juli des Jahres 1768 als Grndungstag der
Firma angenommen war, und da die hundertste Wiederkehr dieses Tages
bevorstand.

Fast schien es, da Thomas sich unangenehm berhrt fhlte, als Tony ihn
mit bewegter Stimme darauf aufmerksam machte. Der Aufschwung seiner
Laune war nicht von Dauer gewesen. Allzubald war er wieder still
geworden, stiller vielleicht als vorher. Mitten in der Arbeit konnte er
das Kontor verlassen, um, von Unruhe erfat, einsam im Garten
umherzugehen, dann und wann wie gehemmt und aufgehalten stehenzubleiben
und seufzend die Augen mit der Hand zu bedecken. Er sagte nichts, er
sprach sich nicht aus ... Gegen wen auch? Herr Marcus war -- ein
erstaunlicher Anblick -- zum ersten Male in seinem Leben heftig
geworden, als sein Kompagnon ihm kurzerhand von dem Geschfte mit
Pppenrade Mitteilung gemacht hatte, und hatte jede Verantwortung und
jede Beteiligung abgelehnt. Seiner Schwester, Frau Permaneder, aber
verriet sich Thomas an einem Donnerstagabend auf der Strae, als sie
sich mit einer Anspielung auf die Ernte von ihm verabschiedete, durch
einen einzigen kurzen Hndedruck, dem er hastig und leise die Worte
hinzufgte: Ach, Tony, ich wollte, ich htte schon wieder verkauft!
Dann wandte er sich, jh abbrechend, zum Gehen und lie Frau Antonie
verdutzt und ergriffen zurck ... Dieser pltzliche Hndedruck hatte
etwas von ausbrechender Verzweiflung, dieses geflsterte Wort so viel
von lange verhaltener Angst gehabt ... Als aber Tony bei der nchsten
Gelegenheit versucht hatte, auf die Sache zurckzukommen, hatte er sich
in desto ablehnenderes Schweigen gehllt, voll Scham ber die Schwche,
mit der er sich einen Augenblick hatte gehen lassen, voll Erbitterung
ber seine Untauglichkeit, dies Unternehmen vor sich selbst zu
verantworten...

Nun sagte er schwerfllig und verdrielich: Ach, meine Liebe, ich
wollte, wir knnten das ganz einfach ignorieren!

Ignorieren, Tom? Unmglich! Undenkbar! Meinst du, du knntest diese
Tatsache unterschlagen? Meinst du, die ganze Stadt knnte die Bedeutung
dieses Tages vergessen?

Ich sage nicht, da es mglich ist; ich sage, da es mir lieber wre,
wir knnten den Tag mit Stillschweigen begehen. Die Vergangenheit zu
feiern, ist hbsch, wenn man, was Gegenwart und Zukunft betrifft, guter
Dinge ist ... Sich seiner Vter zu erinnern ist angenehm, wenn man sich
einig mit ihnen wei und sich bewut ist, immer in ihrem Sinne gehandelt
zu haben ... Kme das Jubilum zu gelegenerer Zeit ... Kurz, ich bin
wenig aufgelegt, Feste zu feiern.

Du mut so nicht reden, Tom. Du meinst es auch nicht so und weit wohl,
da es eine Schande, eine Schande wre, das hundertjhrige Jubilum der
Firma Johann Buddenbrook sang- und klanglos vorbergehen zu lassen! Du
bist jetzt nur ein bichen nervs, und ich wei auch warum ... obgleich
eigentlich gar keine Ursache dafr vorhanden ist ... Aber wenn der Tag
da ist, dann wirst du so freudig bewegt sein, wie wir alle...

Sie hatte recht, der Tag war nicht mit Stillschweigen zu bergehen.
Nicht lange, so tauchte in den Anzeigen eine vorbereitende Notiz auf,
die eine ausfhrliche Rekapitulation der Geschichte des altangesehenen
Handelshauses fr den Festtag selbst in Aussicht stellte -- und es htte
ihrer kaum bedurft, um die wohllbliche Kaufmannschaft aufmerksam zu
machen. Was aber die Familie betraf, so war Justus Krger der erste, der
am Donnerstag das Bevorstehende zur Sprache brachte, und Frau Permaneder
sorgte dafr, da, war das Dessert abgetragen, die ehrwrdige Ledermappe
mit den Familiendokumenten feierlich aufgelegt ward, und da man als
Vorfeier sich mit den Daten, die aus dem Leben des seligen Johan
Buddenbrook, Hannos Ur-Ur-Grovater, des Grnders der Firma, bekannt
waren, eingehend beschftigte. Wann er die Frieseln und wann die echten
Blattern gehabt, wann er vom dritten Boden auf die Darre gestrzt und
wann in ein hitzig Fieber mit Raserei verfallen, verlas sie mit einem
religisen Ernste. Sie konnte sich nicht genug tun, sie griff zurck
bis ins 16. Jahrhundert zu dem ltesten Buddenbrook, der bekannt, zu
dem, der zu Grabau Ratsherr gewesen und zu dem Gewandschneider in
Rostock, der sich sehr gut gestanden -- was unterstrichen war -- und
so auerordentlich viele lebendige und tote Kinder gehabt ... Was fr
ein prchtiger Mensch! rief sie aus und machte sich daran, alte
vergilbte und eingerissene Briefe und Festpoeme vorzutragen...

                   *       *       *       *       *

Herr Wenzel war, wie sich versteht, am Morgen des siebenten Juli der
erste Gratulant.

Ja, Herr Senater, hundert Jahr! sagte er und lie Messer und
Streichriemen behende in seinen roten Hnden spielen ... Und ungefhr
die Hlfte davon, das darf ich woll sagen, hab' ich in der werten
Familie rasiert, und da erlebt man manches mit, wenn man immer der erste
ist, der den Chef zu sprechen kriegt ... Der selige Herr Konsul war auch
immer des Morgens am gesprchigsten, und dann fragte er mich woll:
Wenzel, fragt' er, was halten Sie von dem Roggen? Soll ich verkaufen
oder meinen Sie, da er noch steigt?...

Ja, Wenzel, ich kann mir das Ganze auch ohne Sie nicht denken. Ihr
Beruf, wie ich Ihnen schon manchmal sagte, hat wirklich sehr viel
Reizvolles. Wenn Sie morgens mit Ihrer Tour fertig sind, dann sind Sie
klger als alle, denn dann haben Sie die Chefs von ungefhr allen groen
Husern unter dem Messer gehabt und kennen die Laune von jedem
einzelnen, und darum kann Sie jeder einzelne beneiden, denn das ist sehr
interessant.

Da is was Wahres dran, Herr Senater. Was aber Herrn Senater seine eigne
Laune betrifft, wenn ich so sagen darf ... Herr Senater sind heut'
morgen wieder ein bichen bla?

So? Ja, ich habe Kopfschmerzen, und die werden nach menschlicher
Voraussicht nicht so schnell vorbergehen, denn ich glaube, man wird
mich heute etwas in Anspruch nehmen.

Glaub' ich auch, Herr Senater. Die Teilnahme ist gro, die Teilnahme
ist sehr gro. Sehen Herr Senater nachher man gleich mal aus dem
Fenster. Eine Menge Fahnen! Und unten vor der Fischergrube liegen der
`Wullenwewer und die `Friederike Oeverdieck mit allen Wimpeln...

Na, machen Sie also schnell, Wenzel, ich habe keine Zeit zu
verlieren.--

Der Senator nahm heute nicht erst die Kontorjacke, sondern zog zu seinem
hellen Beinkleid sofort einen schwarzen, offenen Rock an, der die weie
Pikeeweste sehen lie. Besuche waren fr den Vormittag zu erwarten. Er
warf einen letzten Blick in den Toilettespiegel, lie noch einmal die
langen Spitzen des Schnurrbartes durch die Brennschere gleiten und
wandte sich mit einem kurzen Seufzer zum Gehen. Der Tanz begann ... Wre
erst dieser Tag vorber! Wrde er einen Augenblick allein sein, einen
Augenblick seine Gesichtsmuskeln abspannen knnen? Empfnge whrend des
ganzen Tages, bei denen es galt, den Gratulationen von hundert Menschen
mit Takt und Wrde zu begegnen, nach allen Seiten mit Umsicht und
sicherer Nuancierung passende Worte zu finden, ehrerbietige, ernste,
freundliche, ironische, scherzhafte, nachsichtige, herzliche ... und vom
Nachmittag bis in die Nacht hinein ein Herrendiner im Ratsweinkeller...

Es war nicht wahr, da er Kopfschmerzen hatte. Er war nur mde und
fhlte wieder, kaum da der erste Morgenfriede der Nerven vorbei, diesen
unbestimmten Gram auf sich lasten ... Warum hatte er gelogen? War es
nicht bestndig, als htte er seinem belbefinden gegenber ein
schlechtes Gewissen? Warum? Warum?... Aber es war jetzt keine Zeit,
darber nachzudenken.

Als er ins Ezimmer trat, kam Gerda ihm lebhaft entgegen. Auch sie war
schon in Empfangstoilette. Sie trug einen glatten Rock aus schottischem
Stoff, eine weie Bluse und ein dnnes, seidenes Zuavenjckchen darber,
von der dunkelroten Farbe ihres schweren Haares. Sie zeigte lchelnd
ihre breiten, ebenmigen Zhne, die noch weier waren als ihr schnes
Gesicht, und auch ihre Augen, diese nahe beisammen liegenden,
rtselhaften, braunen Augen mit den blulichen Schatten, lchelten
heute.

Ich bin schon stundenlang auf den Fen; woraus du schlieen kannst,
wie enthusiastisch meine Glckwnsche sind.

Sieh da! Die hundert Jahre machen Eindruck auf dich?

Den allertiefsten!... Aber es ist auch mglich, da es nur das
Festliche berhaupt ist ... Was fr ein Tag! Dies da, zum Beispiel, und
sie wies auf den Frhstckstisch, der mit Blumen aus dem Garten bekrnzt
war, ist Frulein Jungmanns Werk ... brigens irrst du, wenn du denkst,
du knntest jetzt Tee trinken. Im Salon erwarten dich schon die
wichtigsten Mitglieder der Familie, und zwar mit einer Festgabe, an der
ich ebenfalls nicht ganz unbeteiligt bin ... Hre, Thomas, dies ist
natrlich nur der Anfang des Reigens von Visiten, der sich entwickeln
wird. Zu Anfang will ich aushalten, aber gegen Mittag ziehe ich mich
zurck, das sage ich dir. Der Himmel ist, obgleich das Barometer ein
wenig gefallen ist, noch immer von einem unverschmten Blau -- was zwar
zu den Flaggen ... denn die ganze Stadt ist beflaggt ... sehr gut
aussieht -- aber es wird eine frchterliche Hitze geben ... Komm jetzt
hinber. Dein Frhstck mu warten. Du httest frher aufstehen sollen.
Nun mut du die erste Rhrung auf deinen leeren Magen wirken lassen...

Die Konsulin, Christian, Klothilde, Ida Jungmann, Frau Permaneder und
Hanno befanden sich im Salon, und die beiden letzteren hielten, nicht
ohne Anstrengung, die Festgabe der Familie, eine groe Gedenktafel,
aufrecht ... Die Konsulin umarmte ihren ltesten in tiefer Bewegung.

Mein lieber Sohn, das ist ein schner Tag ... ein schner Tag...
wiederholte sie. Wir drfen niemals aufhren, Gott in unseren Herzen zu
preisen fr alle Gnade ... fr alle Gnade... Sie weinte.

Den Senator befiel eine Schwche in dieser Umarmung. Es war, als ob in
seinem Inneren sich etwas lste und ihn verlie. Seine Lippen bebten.
Ein hinflliges Bedrfnis erfllte ihn, in den Armen seiner Mutter, an
ihrer Brust, in dem zarten Parfm, das von der weichen Seide ihres
Kleides ausging, mit geschlossenen Augen zu verharren, nichts mehr sehen
und nichts mehr sagen zu mssen ... Er kte sie und richtete sich auf,
um seinem Bruder die Hand zu reichen, der sie mit der halb zerstreuten
und halb verlegenen Miene drckte, die ihm bei Feierlichkeiten eigen
war. Klothilde sagte etwas Gedehntes und Freundliches. Was Frulein
Jungmann betraf, so beschrnkte sie sich darauf, sich sehr tief zu
verbeugen, wobei ihre Hand mit der silbernen Uhrkette spielte, die an
ihrem flachen Busen hing...

Komm her, Tom, sagte Frau Permaneder mit wankender Stimme; wir knnen
es nun nicht mehr halten, Hanno und ich. Sie trug die Tafel beinahe
allein, da Hannos Arme nicht viel vermochten, und bot in ihrer
begeisterten beranstrengung das Bild einer verzckten Mrtyrerin. Ihre
Augen waren feucht, ihre Wangen hoch gertet, und ihre Zungenspitze
spielte mit einem halb verzweifelten, halb spitzbbischen Ausdruck an
der Oberlippe...

Ja, nun zu euch! sagte der Senator. Was ist denn das? Kommt, lat
los, wir wollen sie anlehnen. Er stellte die Tafel neben dem Flgel
aufrecht gegen die Wand und blieb, umgeben von den Seinen, davor stehen.

Der schwere, geschnitzte Nuholzrahmen umspannte einen Karton, welcher
unter Glas die Portrts der vier Inhaber der Firma Johann Buddenbrook
zeigte; Name und Jahreszahl standen in Golddruck unter jedem. Da war,
nach einem alten lgemlde angefertigt, das Bild Johan Buddenbrooks, des
Grnders, ein langer und ernster alter Herr, der mit festgeschlossenen
Lippen streng und willensfest ber sein Jabot hinwegblickte; da war das
breite und joviale Angesicht Johann Buddenbrooks, Jean Jacques
Hoffstedes Freund; da hielt, mit seinem in die Vatermrder geschobenen
Kinn, seinem breiten und faltigen Munde und seiner groen, stark
gebogenen Nase, der Konsul Johann Buddenbrook die geistvollen, von
religiser Schwrmerei sprechenden Augen auf den Beschauer gerichtet;
und endlich war da Thomas Buddenbrook selbst, in etwas jngeren Jahren
... Eine stilisierte, goldene Kornhre zog sich zwischen den Bildern
hin, unter denen, ebenfalls in Golddruck, die Zahlen 1768 und 1868
bedeutsam nebeneinander prangten. Zu Hupten des Ganzen aber war in
hohen gotischen Lettern und in der Schreibart dessen, der ihn seinen
Nachfahren berliefert, der Spruch zu lesen: Mein Sohn, sey mit Lust
bey den Geschften am Tage, aber mache nur solche, da wir bey Nacht
ruhig schlafen knnen.

Die Hnde auf dem Rcken betrachtete der Senator die Tafel lngere Zeit.

Ja, ja, sagte er pltzlich mit ziemlich spttischem Akzent, eine
ungestrte Nachtruhe ist eine gute Sache... Dann, ernst, wenn auch ein
wenig flchtig, sagte er an alle Anwesenden gewandt: Ich dank' euch
herzlich, meine Lieben! Das ist ein sehr schnes und sinniges
Geschenk!... Was meint ihr -- wohin hngen wir es? Ins Privatkontor?

Ja, Tom, ber deinen Schreibtisch im Privatkontor! antwortete Frau
Permaneder und umarmte ihren Bruder; dann zog sie ihn in den Erker und
wies hinaus.

Unter dem tiefblauen Sommerhimmel flatterten die zweifarbigen Flaggen
von allen Husern -- die ganze Fischergrube hinunter, von der
Breitenstrae bis zum Hafen, woselbst der Wullenwewer und die
Friederike Oeverdieck ihrem Reeder zu Ehren unter vollem Wimpelschmuck
lagen.

So ist die ganze Stadt! sagte Frau Permaneder, und ihre Stimme bebte
... Ich bin schon spazieren gegangen, Tom. Auch Hagenstrms haben
geflaggt! Ha, sie knnen nicht anders ... Ich wrde ihnen die Fenster
einwerfen...

Er lchelte, und sie zog ihn ins Zimmer zurck an den Tisch.

Und hier sind Telegramme, Tom ... nur die ersten, persnlichen
natrlich, von der auswrtigen Familie. Die von den Geschftsfreunden
gehen ans Kontor...

Sie ffneten ein paar Depeschen: von den Hamburgern, von den
Frankfurtern, von Herrn Arnoldsen und seinen Angehrigen in Amsterdam,
von Jrgen Krger in Wismar ... Pltzlich errtete Frau Permaneder tief.

Er ist in seiner Art ein guter Mensch, sagte sie und schob ihrem
Bruder ein Telegramm zu, das sie erbrochen. Es war gezeichnet:
=Permaneder=.

Aber die Zeit vergeht, sagte der Senator und lie den Deckel seiner
Taschenuhr springen. Ich mchte Tee trinken. Wollt ihr mir Gesellschaft
leisten? Das Haus wird nachher wie ein Taubenschlag...

Seine Gattin, der Ida Jungmann ein Zeichen gegeben hatte, hielt ihn
zurck.

Einen Augenblick, Thomas ... Du weit, Hanno mu gleich in die
Privatstunde ... Er mchte dir ein Gedicht hersagen ... Komm her, Hanno.
Und nun als ob niemand da wre. Keine Aufregung!

Der kleine Johann mute auch whrend der Ferien -- denn im Juli waren
Sommerferien -- Privatunterricht im Rechnen nehmen, um in diesem Fache
mit seiner Klasse Schritt halten zu knnen. Irgendwo in der Vorstadt
Sankt Gertrud, in einer heien Stube, in der es nicht zum besten roch,
erwartete ihn ein Mann mit rotem Bart und unreinlichen Fingerngeln, um
mit ihm dies verzweifelte Einmaleins zu exerzieren. Zuvor aber galt es,
dem Papa das Gedicht aufzusagen, das Gedicht, das er mit Ida auf dem
Altan in der zweiten Etage sorgfltig erlernt...

Er lehnte am Flgel, in seinem Kopenhagener Matrosenanzug mit dem
breiten Leinwandkragen, dem weien Halseinsatz und dem dicken
Schifferknoten, der unter dem Kragen hervorquoll, die zarten Beine
gekreuzt, Kopf und Oberkrper ein wenig abgewandt, in einer Haltung voll
scheuer und unbewuter Grazie. Vor zwei oder drei Wochen war sein langes
Haar ihm abgeschnitten worden, weil in der Schule nicht nur seine
Kameraden, sondern auch seine Lehrer sich darber lustig gemacht hatten.
Aber auf dem Kopfe war es noch stark und weich gelockt und wuchs tief in
die Schlfen und in die zarte Stirn hinein. Er hielt seine Lider
gesenkt, da die langen, braunen Wimpern auf die bluliche Umschattung
seiner Augen fielen, und seine geschlossenen Lippen waren ein wenig
verzerrt.

Er wute wohl, was geschehen wrde. Er wrde weinen mssen, vor Weinen
dies Gedicht nicht beenden knnen, bei dem sich einem das Herz
zusammenzog, wie wenn am Sonntag in der Marienkirche Herr Pfhl, der
Organist, die Orgel auf eine gewisse, durchdringend feierliche Weise
spielte ... weinen, wie es immer geschah, wenn man von ihm verlangte,
da er sich produziere, ihn examinierte, ihn auf seine Fhigkeit und
Geistesgegenwart prfte, wie Papa das liebte. Htte nur Mama lieber
nichts von Aufregung gesagt! Es sollte eine Ermutigung sein, aber sie
war verfehlt, das fhlte er. Da standen sie und sahen ihn an. Sie
frchteten und erwarteten, da er weinen werde ... war es da mglich,
=nicht= zu weinen? Er hob die Wimpern und suchte die Augen Idas, die mit
ihrer Uhrkette spielte und ihm in ihrer suerlich-biderben Art mit dem
Kopfe zunickte. Ein bergroes Bedrfnis befiel ihn, sich an sie zu
schmiegen, sich von ihr fortbringen zu lassen und nichts zu hren, als
ihre tiefe, beruhigende Stimme, die da sagte: Sei still, Hannochen, mein
Jungchen, brauchst nichts hersagen...

Nun, mein Sohn, la hren, sagte der Senator kurz. Er hatte sich in
einen Lehnsessel am Tische niedergelassen und wartete. Er lchelte
durchaus nicht -- heute so wenig wie sonst bei hnlichen Gelegenheiten.
Ernst, die eine Braue emporgezogen, ma er die Gestalt des kleinen
Johann mit prfendem, ja sogar kaltem Blick.

Hanno richtete sich auf. Er strich mit der Hand ber das glattpolierte
Holz des Flgels, lie einen scheuen Rundblick ber die Anwesenden
hingleiten, und ein wenig ermutigt durch die Milde, die ihm aus den
Augen Gromamas und Tante Tonys entgegenleuchtete, sagte er mit leiser,
ein wenig harter Stimme: Schfers Sonntagslied ... Von Uhland.

Oh, mein Lieber, das ist nichts! rief der Senator. Man hngt dort
nicht am Klavier und faltet die Hnde auf dem Bauche ... Frei stehen!
Frei sprechen! Das ist das Erste. Hier stelle dich mal zwischen die
Portieren! Und nun den Kopf hoch ... und die Arme ruhig hngen
lassen...

Hanno stellte sich auf die Schwelle zum Wohnzimmer und lie die Arme
hngen. Gehorsam erhob er den Kopf, aber die Wimpern hielt er so tief
gesenkt, da nichts von seinen Augen zu sehen war. Wahrscheinlich
schwammen schon Trnen darin.

Das ist der Tag des Herrn, sagte er ganz leise, und desto strker
klang die Stimme seines Vaters, der ihn unterbrach: Einen Vortrag
beginnt man mit einer Verbeugung, mein Sohn! Und dann viel lauter. Noch
einmal, bitte! `Schfers Sonntagslied...

Das war grausam, und der Senator wute wohl, da er dem Kinde damit den
letzten Rest von Haltung und Widerstandskraft raubte. Aber der Junge
sollte ihn sich nicht rauben lassen! Er sollte sich nicht beirren
lassen! Er sollte Festigkeit und Mnnlichkeit gewinnen ... Schfers
Sonntagslied...! wiederholte er unerbittlich und aufmunternd...

Aber mit Hanno war es zu Ende. Sein Kopf hing tief auf der Brust, und
seine kleine Rechte, die bla und mit blulichen Pulsadern aus dem unten
ganz engen, dunkelblauen, mit einem Anker bestickten Matrosenrmel
hervorsah, zerrte krampfhaft an dem Brokatstoff der Portiere. Ich bin
allein auf weiter Flur, sagte er noch, und dann war es endgltig aus.
Die Stimmung des Verses ging mit ihm durch. Ein bergewaltiges Mitleid
mit sich selbst machte, da die Stimme ihm ganz und gar versagte, und
da die Trnen unwiderstehlich unter den Lidern hervorquollen. Eine
Sehnsucht nach gewissen Nchten berkam ihn pltzlich, in denen er, ein
wenig krank, mit Halsschmerzen und leichtem Fieber im Bette lag und Ida
kam, um ihm zu trinken zu geben und liebevoll eine frische Kompresse auf
seine Stirn zu legen ... Er beugte sich seitwrts, legte den Kopf auf
die Hand, mit der er sich an der Portiere hielt, und schluchzte.

Nun, das ist kein Vergngen! sagte der Senator hart und gereizt und
stand auf. Worber weinst du? Weinen knnte man darber, da du selbst
an einem Tage, wie heute, nicht genug Energie aufbringen kannst, um mir
eine Freude zu machen. Bist du denn ein kleines Mdchen? Was soll aus
dir werden, wenn du so fortfhrst? Gedenkst du dich spter immer in
Trnen zu baden, wenn du zu den Leuten sprechen sollst?...

Nie, dachte Hanno verzweifelt, nie werde ich zu den Leuten sprechen!

berlege dir die Sache bis heute nachmittag, schlo der Senator; und
whrend Ida Jungmann bei ihrem Pflegling kniete, ihm die Augen trocknete
und halb vorwurfsvoll, halb zrtlich trstend auf ihn einsprach, ging er
ins Ezimmer hinber.

Whrend er eilig frhstckte, verabschiedeten sich die Konsulin, Tony,
Klothilde und Christian von ihm. Sie sollten heute zusammen mit den
Krgers, den Weinschenks und den Damen Buddenbrook hier bei Gerda zu
Mittag speisen, indes der Senator wohl oder bel bei dem Diner im
Ratskeller zugegen sein mute, aber nicht so lange dort zu bleiben
gedachte, als da er nicht hoffte, die Familie abends noch in seinem
Hause vorzufinden.

Er trank an dem bekrnzten Tische den heien Tee aus der Untertasse, a
hastig ein Ei und tat auf der Treppe ein paar Zge aus der Zigarette.
Grobleben, seinen wollenen Schal auch zu dieser Sommerszeit um den Hals,
einen Stiefel ber den linken Unterarm gezogen, die Wichsbrste in der
Rechten und einen lnglichen Tropfen an der Nase, kam vom Gartenflur auf
die vordere Diele und trat seinem Herrn am Fue der Haupttreppe
entgegen, wo jetzt der aufrechte Braunbr mit seiner Visitkartenschale
seinen Platz hatte...

Je, Herr Senater, hunnert Jahr' ... un de Ein is arm, und de Anner is
riek...

Schn, Grobleben, is all gaut! Und der Senator lie ein Geldstck in
die Hand mit der Wichsbrste gleiten, worauf er ber die Diele und durch
das Empfangskontor schritt, das ihr zunchst lag. Im Hauptkontor kam der
Kassierer, ein langer Mann mit treuen Augen, ihm entgegen, um ihm in
sorgfltigen Redewendungen die Glckwnsche des gesamten Personals zu
bermitteln. Der Senator dankte in zwei Worten und ging an seinen Platz
am Fenster. Aber kaum hatte er begonnen, einen Blick in die
bereitliegenden Zeitungen zu tun und die Post zu ffnen, als an die Tr
gepocht wurde, die zum vorderen Flur fhrte, und Gratulanten erschienen.

Es war eine Abordnung der Speicher-Arbeiterschaft, sechs Mnner, die
breitbeinig und schwer wie Bren hereinkamen, mit ungeheurer Biederkeit
ihre Mundwinkel nach unten zogen und ihre Mtzen in den Hnden drehten.
Ihr Wortfhrer spie den braunen Saft seines Kautabaks in die Stube, zog
seine Hose empor und redete mit wildbewegter Stimme von hunnert Jahren
und noch veelen hunnert Jahren ... Der Senator stellte ihnen eine
betrchtliche Lohnerhhung fr diese Woche in Aussicht und entlie sie.

Steuerbeamte kamen, um im Namen des Ressorts ihren Chef zu
beglckwnschen. Als sie gingen, trafen sie in der Tr mit einer Anzahl
Matrosen zusammen, welche, unter der Fhrung zweier Steuermnner, von
den beiden zur Reederei gehrigen Schiffen Wullenwewer und Friederike
Oeverdieck gesandt waren, die augenblicklich im Hafen lagen. Und es kam
eine Deputation der Korntrger in schwarzen Blusen, Kniehosen und
Zylindern. Dazwischen meldeten sich einzelne Brger. Schneidermeister
Stuht aus der Glockengieerstrae erschien, einen schwarzen Rock ber
dem wollenen Hemd. Dieser oder jener Nachbar, Blumenhndler Iwersen
gratulierte. Ein alter Brieftrger, mit weiem Bart, Ringen in den Ohren
und Triefaugen, ein origineller Kauz, den der Senator an guten Tagen auf
der Strae anzureden und Herr Oberpostmeister zu nennen pflegte, rief
schon in der Tr: Es is nich =da=rum, Herr Senator, ick komm nich
=da=rum! Ick weet wull, de Ld vertellen sick dat all, dat hier ht
jeder wat schenkt kriegt ... wer dat is nicht darum...! Dennoch nahm
er dankbar sein Geldstck entgegen ... Das fand kein Ende. Als es halb
elf Uhr war, meldete das Folgmdchen, da die Senatorin im Salon die
ersten Gste empfange.

Thomas Buddenbrook verlie das Kontor und eilte die Haupttreppe hinan.
Droben am Eingang zum Salon verweilte er eine halbe Minute vorm Spiegel,
ordnete seine Krawatte und sog einen Augenblick den Eau-de-Cologne-Duft
seines Taschentuches ein. Er war bleich, obgleich sein Krper sich in
Transpiration befand; seine Hnde und Fe aber waren kalt. Die Empfnge
im Kontor hatten ihn beinahe schon abgenutzt ... Er atmete auf und trat
ein, um in dem von Sonnenlicht erfllten Gemach den Konsul Huneus,
Holzgrohndler und fnffacher Millionr, seine Gemahlin, ihre Tochter
und deren Gatten, Herrn Senator Doktor Gieseke, zu begren. Die
Herrschaften waren zusammen von Travemnde hereingekommen, woselbst sie,
wie mehrere der ersten Familien, die nur dem Buddenbrookschen
Geschftsjubilum zu Ehren ihre Badekur unterbrachen, den Juli
verbrachten.

Man sa nicht drei Minuten auf den hellen, geschweiften Fauteuils
beieinander, als Konsul Oeverdieck, Sohn des verstorbenen
Brgermeisters, mit seiner Gattin, der geborenen Kistenmaker, eintraf;
und als Konsul Huneus sich verabschiedete, begegnete er seinem Bruder,
der eine Million weniger besa, aber dafr Senator war.

Nun war der Reigen erffnet. Die groe, weie Tr mit dem Relief von
musizierenden Amoretten darber blieb kaum einen Augenblick geschlossen
und gewhrte bestndig den Ausblick auf das vom einfallenden Licht
durchflutete Treppenhaus, sowie auf die Haupttreppe selbst, auf der sich
unaufhrlich die Gste herauf- und hinunterbewegten. Da aber der Salon
gerumig war und die Gruppen, die sich bildeten, von Gesprchen
zusammengehalten wurden, so waren die Kommenden weit zahlreicher als die
Gehenden, und bald beschrnkte man sich nicht mehr auf das Zimmer,
sondern berhob das Dienstmdchen des ffnens und Schlieens der Tr,
lie sie offen und stand auch auf dem parkettierten Korridor beisammen.
Schwirrendes und drhnendes Gesprch von Damen- und Mnnerstimmen,
Hndeschtteln, Verbeugungen, Scherzworte und lautes, behagliches
Lachen, das sich zwischen den Sulen des Treppenhauses emporschwingt und
von der Decke, der groen Glasscheibe des Einfallenden Lichtes,
widerhallt. Senator Buddenbrook nimmt bald zu Hupten der Treppe, bald
drinnen an der Schwelle des Erkers ernst und formell gemurmelte oder
kordial hervorgestoene Glckwnsche entgegen. Brgermeister Doktor
Langhals, ein vornehm untersetzter Herr, der sein rasiertes Kinn in der
weien Binde birgt, mit kurzen, grauen Koteletts und mdem
Diplomatenblick, wird mit allgemeiner Ehrerbietung empfangen. Der
Weinhndler Konsul Eduard Kistenmaker nebst seiner Gattin, der geborenen
Mllendorpf, sowie sein Bruder und Teilhaber Stephan, Senator
Buddenbrooks treuester Anhnger und Freund, mit seiner Frau, einer
auerordentlich gesunden Gutsbesitzerstochter, sind eingetroffen. Die
verwitwete Senatorin Mllendorpf thront im Salon inmitten des Sofas,
whrend ihre Kinder, Herr Konsul August Mllendorpf mit seiner Gemahlin
Julchen, geborene Hagenstrm, soeben anlangen, ihre Gratulation
erledigen und sich grend durch die Versammlung bewegen. Konsul Hermann
Hagenstrm hat fr seinen schweren Krper eine Sttze am Treppengelnder
gefunden und plaudert, whrend seine platt auf der Oberlippe liegende
Nase ein wenig mhsam in den rtlichen Bart hineinatmet, mit Herrn
Senator Doktor Cremer, dem Polizeichef, dessen braungrau melierter
Backenbart sein mit einer gewissen milden Schlauheit lchelndes Gesicht
umrahmt. Staatsanwalt Doktor Moritz Hagenstrm, dessen schne Gattin,
die geborene Puttfarken aus Hamburg, ebenfalls anwesend ist, zeigt
irgendwo lchelnd seine spitzigen, lckenhaften Zhne. Einen Augenblick
sieht man, wie der alte Doktor Grabow Senator Buddenbrooks Rechte
zwischen seinen beiden Hnden hlt, um gleich darauf vom Baumeister
Voigt verdrngt zu werden. Pastor Pringsheim, in brgerlicher Kleidung
und nur durch die Lnge seines Gehrockes seine Wrde andeutend, kommt
mit ausgebreiteten Armen und gnzlich verklrtem Angesicht die Treppe
herauf. Auch Friedrich Wilhelm Marcus ist zugegen. Diejenigen Herren,
die irgendeine Krperschaft, den Senat, die Brgerschaft, die
Handelskammer reprsentieren, sind im Frack erschienen. -- Halb zwlf
Uhr. Die Hitze ist sehr stark geworden. Die Dame des Hauses hat sich vor
einer Viertelstunde zurckgezogen...

Pltzlich wird drunten am Windfang ein stampfendes und schlrfendes
Gerusch laut, wie wenn viele Leute auf einmal die Diele betrten, und
gleichzeitig klingt eine lrmende und schallende Stimme auf, die das
ganze Haus erfllt ... Alles drngt zum Gelnder; man staut sich auf dem
ganzen Korridor, vor den Tren zum Salon, zum Ezimmer und Rauchzimmer,
und lugt hinunter. Dort unten ordnet sich eine Schar von fnfzehn oder
zwanzig Mnnern mit Musikinstrumenten, kommandiert von einem Herrn mit
brauner Percke, grauem Schifferbart und einem knstlichen Gebi von
breiten gelben Zhnen, das er lautredend zeigt ... Was geschieht? Konsul
Peter Dhlmann hlt mit der Kapelle vom Stadttheater seinen Einzug!
Schon steigt er selbst im Triumphe die Treppe herauf, ein Paket mit
Programmen in der Hand schwingend!

Und nun beginnt in dieser unmglichen und malosen Akustik, in der die
Tne zusammenflieen, die Akkorde einander verschlingen und sinnlos
machen, und in der das berlaut knarrende Grunzen der groen Batrompete,
in welche ein dicker Mann mit verzweifeltem Gesichtsausdruck stt,
alles brige dominiert, das Stndchen, das man dem Hause Buddenbrook zu
seinem Jubilum bringt -- es beginnt mit dem Chorale Nun danket alle
Gott, dem alsbald eine Paraphrase ber Offenbachs Schne Helena
folgt, worauf zunchst ein Potpourri von Volksliedern erklingen wird
... Es ist ein ziemlich umfangreiches Programm.

Ein hbscher Einfall von Dhlmann! Man beglckwnscht den Konsul, und
niemand ist nun geneigt, aufzubrechen, bevor das Konzert zu Ende. Man
steht und sitzt im Salon und auf dem Korridor, hrt zu und plaudert...

Thomas Buddenbrook hielt sich, zusammen mit Stephan Kistenmaker, Senator
Doktor Gieseke und Baumeister Voigt jenseits der Haupttreppe auf, bei
der ueren Tr zum Rauchzimmer und unweit des Aufganges zur zweiten
Etage. Er stand an die Wand gelehnt, warf hier und da ein Wort in das
Gesprch seiner Gruppe und blickte im brigen schweigsam ber das
Gelnder hinweg ins Leere. Die Hitze hatte noch zugenommen, sie war noch
drckender geworden; aber Regen war nun nicht mehr ausgeschlossen, denn
den Schatten nach zu urteilen, die ber das Einfallende Licht
hinwegzogen, waren Wolken am Himmel. Ja, diese Schatten waren so hufig
und folgten einander so schnell, da die bestndig wechselnde, zuckende
Beleuchtung des Treppenhauses schlielich die Augen schmerzen machte.
Jeden Augenblick erlosch der Glanz des vergoldeten Stucks, des
Messingkronleuchters und der Blechinstrumente dort unten, um gleich
darauf wieder aufzublitzen ... Nur einmal verweilte der Schatten ein
wenig lnger als gewhnlich, und unterdessen hrte man mit leicht
prasselndem Gerusch und in lngeren Pausen fnf-, sechs- oder siebenmal
etwas Hartes auf die Scheibe des Einfallenden Lichtes niederprallen:
ein paar Hagelkrner ohne Zweifel. Dann erfllte wieder Sonnenlicht das
Haus von oben bis unten.

Es gibt einen Zustand der Depression, in dem alles, was uns unter
normalen Umstnden rgert und eine gesunde Reaktion unseres Unwillens
hervorruft, uns mit einem matten, dumpfen und schweigsamen Grame
niederdrckt ... So grmte Thomas sich ber das Benehmen des kleinen
Johann, so grmte er sich ber die Empfindungen, die diese ganze
Feierlichkeit in ihm bewirkte, und noch mehr ber diejenigen, deren er
sich beim besten Willen unfhig fhlte. Mehrere Male versuchte er sich
aufzuraffen, seinen Blick zu erhellen und sich zu sagen, da dies ein
schner Tag sei, der ihn notwendig mit gehobener und freudiger Stimmung
erfllen msse. Aber, obgleich der Lrm der Instrumente, das
Stimmengewirr und der Anblick der vielen Menschen seine Nerven
erschtterten und zusammen mit der Erinnerung an die Vergangenheit, an
seinen Vater, oftmals eine schwache Rhrung in ihm aufsteigen lieen, so
berwog doch der Eindruck des Lcherlichen und Peinlichen, das fr ihn
dem Ganzen anhaftete, dieser minderwertigen, akustisch verzerrten Musik,
dieser banalen, von Kursen und Diners schwatzenden Versammlung ... und
dieses Gemisch von Rhrung und Widerwillen gerade versetzte ihn in eine
matte Verzweiflung...

Um 12 Uhr, als das Programm des Stadttheater-Orchesters anfing, seinem
Ende entgegenzugehen, trat ein Zwischenfall ein, der die herrschende
Festlichkeit in keiner Weise berhrte oder unterbrach, der aber, seinem
geschftlichen Charakter zufolge, den Hausherrn ntigte, seine Gste fr
kurze Minuten zu verlassen. Die Haupttreppe herauf nmlich kam, als die
Musik eben pausierte, in vlliger Verwirrung ob der vielen Herrschaften,
der jngste Lehrling des Kontors, ein kleiner, stark verwachsener
Mensch, der seinen schamroten Kopf noch tiefer als ntig zwischen den
Schultern trug, den einen seiner unnatrlich langen, dnnen Arme in
bertriebener Weise hin und her schlenkerte, um sich das Ansehen
zuversichtlicher Lssigkeit zu geben, und mit dem anderen ein gefaltetes
Papier vor sich her trug, ein Telegramm. Im Heraufsteigen suchte er mit
scheu umherspringenden Blicken nach seinem Chef, und als er ihn dort
drben entdeckt hatte, wand er sich mit hastig gemurmelten
Entschuldigungen durch die Menge der Gste, die ihm den Weg versperrte.

Seine Verschmtheit war ganz berflssig, denn niemand achtete seiner.
Ohne ihn anzusehen, und indem man fortfuhr, zu plaudern, machte man ihm
mit einer kleinen Bewegung Platz und bemerkte kaum mit einem flchtigen
Blick, da er dem Senator Buddenbrook das Telegramm mit einem Bckling
berreichte, und da dieser hierauf von Kistenmaker, Gieseke und Voigt
weg mit ihm beiseite trat, um zu lesen. Auch heute, da doch die weitaus
meisten Drahtnachrichten in bloen Glckwnschen bestanden, mute
whrend der Geschftszeit jede Depesche sofort und unter allen Umstnden
berbracht werden.

Beim Aufgang zur zweiten Etage bildete der Korridor ein Knie, um sich
nun in der Richtung der Saallnge bis zur Gesindetreppe hinzuziehen, bei
der sich ein Nebeneingang zum Saale befand. Der Treppe zum zweiten
Stockwerk gegenber war die ffnung zum Schacht der Winde, mit der die
Speisen aus der Kche heraufbefrdert wurden, und dabei stand an der
Wand ein grerer Tisch, an welchem das Folgmdchen Silberzeug zu putzen
pflegte. Hier blieb der Senator stehen, indem er dem buckligen Lehrling
den Rcken zuwandte, und erbrach die Depesche.

Pltzlich erweiterten sich seine Augen so sehr, da jeder, der es
gesehen htte, entsetzt zurckgefahren wre, und mit einem einzigen,
kurzen, krampfhaften Ruck zog er die Luft so heftig ein, da sie im Nu
seine Kehle austrocknete und ihn husten machte.

Er vermochte zu sagen: Es ist gut. Aber das Stimmengerusch hinter ihm
machte ihn unverstndlich. Es ist gut, wiederholte er; aber nur die
beiden ersten Wrter hatten Ton; das letzte war ein Flstern.

Da der Senator sich nicht bewegte, sich nicht umwandte, nicht einmal
andeutungsweise eine Bewegung rckwrts machte, so wiegte der bucklige
Lehrling sich noch einen Augenblick unsicher und zgernd von einem Fu
auf den andern. Dann vollfhrte er abermals seinen bizarren Bckling und
begab sich die Gesindetreppe hinunter.

Senator Buddenbrook blieb an dem Tische stehen. Seine Hnde, in denen er
die entfaltete Depesche hielt, hingen schlaff vor ihm nieder, und
whrend er noch immer mit halb offenem Munde kurz, mhsam und schnell
atmete, wobei sein Oberkrper sich arbeitend vor- und rckwrts bewegte,
schttelte er, verstndnislos und wie vom Schlage gerhrt, unaufhrlich
seinen Kopf hin und her. Das bichen Hagel ... das bichen Hagel...
wiederholte er sinnlos. Dann aber ward sein Atem tiefer und ruhiger, die
Bewegung seines Krpers langsamer; seine halbgeschlossenen Augen
verschleierten sich mit einem mden und fast gebrochenen Ausdruck, und
mit schwerem Kopfnicken wandte er sich zur Seite.

Er ffnete die Tr zum Saale und trat ein. Langsam, gesenkten Hauptes,
schritt er ber die spiegelnde Fubodenflche des weiten Raumes und
lie sich ganz hinten am Fenster auf einem der dunkelroten Ecksofas
nieder. Es war still und khl hier. Man vernahm das Pltschern des
Springbrunnens im Garten, eine Fliege stie summend gegen die
Fensterscheibe, und nur ein gedmpftes Gerusch drang vom Vorplatze zu
ihm.

Er legte ermattet den Kopf auf das Polster und schlo die Augen. Es ist
gut so, es ist gut so, murmelte er halblaut; und dann, ausatmend,
befriedigt, befreit, wiederholte er noch einmal: Es ist ganz gut so!

Mit gelsten Gliedern und friedevollem Gesichtsausdruck ruhte er fnf
Minuten lang. Dann richtete er sich auf, faltete das Telegramm zusammen,
schob es in die Brusttasche seines Rockes und stand auf, um zu seinen
Gsten zu gehen.

Aber in demselben Augenblick sank er mit einem chzen des Ekels auf das
Polster zurck. Die Musik ... die Musik setzte wieder ein, mit einem
albernen Lrm, der einen Galopp bedeuten sollte und in welchem Pauke und
Becken einen Rhythmus markierten, den die brigen voreilig und versptet
ineinander hallenden Schallmassen nicht innehielten, einem
aufdringlichen und in seiner naiven Unbefangenheit unertrglich
aufreizenden Tohuwabohu von Knarren, Schmettern und Quinquilieren,
zerrissen von den aberwitzigen Pfiffen der Pikkoloflte.--


Sechstes Kapitel

O Bach! Sebastian Bach, verehrteste Frau! rief Herr Edmund Pfhl,
Organist von Sankt Marien, der in groer Bewegung den Salon
durchschritt, whrend Gerda lchelnd, den Kopf in die Hand gesttzt, am
Flgel sa, und Hanno, lauschend in einem Sessel, eins seiner Knie mit
beiden Hnden umspannte ... Gewi ... wie Sie sagen ... er ist es,
durch den das Harmonische ber das Kontrapunktische den Sieg
davongetragen hat ... er hat die moderne Harmonik erzeugt, gewi! Aber
wodurch? Mu ich Ihnen sagen, wodurch? Durch die vorwrtsschreitende
Entwicklung des kontrapunktischen Stiles -- Sie wissen es so gut wie
ich! Was also ist das treibende Prinzip dieser Entwicklung gewesen? Die
Harmonik? O nein! Keineswegs! Sondern die Kontrapunktik, verehrteste
Frau! Die Kontrapunktik!... Wozu, frage ich Sie, htten wohl die
absoluten Experimente der Harmonik gefhrt? Ich warne ... solange meine
Zunge mir gehorcht, warne ich vor den bloen Experimenten der Harmonik!

Sein Eifer war gro bei solchen Gesprchen, und er lie ihm freien Lauf,
denn er fhlte sich zu Hause in diesem Salon. Jeden Mittwoch, am
Nachmittage, erschien seine groe, vierschrtige und ein wenig
hochschultrige Gestalt, in einem kaffeebraunen Leibrock, dessen Sche
die Kniekehlen bedeckten, auf der Schwelle, und in Erwartung seiner
Partnerin ffnete er liebevoll den Bechstein-Flgel, ordnete die
Violinstimmen auf dem geschnitzten Stehpult und prludierte dann einen
Augenblick leicht und kunstvoll, indem er seinen Kopf wohlgefllig von
einer Schulter auf die andere sinken lie.

Ein erstaunlicher Haarwuchs, eine verwirrende Menge von kleinen, festen,
fuchsbraun und graumelierten Lckchen lie diesen Kopf ungewhnlich dick
und schwer erscheinen, obgleich er frei auf dem langen, mit einem sehr
groen Kehlkopfknoten versehenen Halse thronte, der aus dem Klappkragen
hervorragte. Der unfrisierte, gebauschte Schnurrbart, von der Farbe des
Haupthaares, trat weiter aus dem Gesichte hervor, als die kleine,
gedrungene Nase ... Unter seinen runden Augen, die braun und blank
waren, und deren Blick beim Musizieren die Dinge trumerisch zu
durchschauen und jenseits ihrer Erscheinung zu ruhen schien, war die
Haut ein wenig beutelartig geschwollen ... Dies Gesicht war nicht
bedeutend, es trug zum mindesten nicht den Stempel einer starken und
wachen Intelligenz. Seine Lider waren meist halb gesenkt, und oft hing
sein rasiertes Kinn, ohne da sich doch die Unterlippe von der oberen
trennte, schlaff und willenlos abwrts, was dem Munde einen weichen,
innig verschlossenen, stupiden und hingebenden Ausdruck verlieh, wie ihn
derjenige eines s Schlummernden zeigt...

brigens kontrastierte mit dieser Weichheit seines ueren Wesens ganz
seltsam die Strenge und Wrde seines Charakters. Edmund Pfhl war ein
weithin hochgeschtzter Organist, und der Ruf seiner kontrapunktischen
Gelehrsamkeit hatte sich nicht innerhalb der Mauern seiner Vaterstadt
gehalten. Das kleine Buch ber die Kirchentonarten, das er hatte drucken
lassen, wurde an zwei oder drei Konservatorien zum Privatstudium
empfohlen, und seine Fugen und Choralbearbeitungen wurden hie und da
gespielt, wo zu Gottes Ehre eine Orgel erklang. Diese Kompositionen,
sowie auch die Phantasien, die er Sonntags in der Marienkirche zum
besten gab, waren unangreifbar, makellos, erfllt von der
unerbittlichen, imposanten, moralisch-logischen Wrde des Strengen
Satzes. Ihr Wesen war fremd aller irdischen Schnheit, und was sie
ausdrckten, berhrte keines Laien rein menschliches Empfinden. Es
sprach aus ihnen, es triumphierte sieghaft in ihnen die zur asketischen
Religion gewordene Technik, das zum Selbstzweck, zur absoluten
Heiligkeit erhobene Knnen. Edmund Pfhl dachte gering von aller
Wohlgeflligkeit und sprach ohne Liebe von der schnen Melodie, das ist
wahr. Aber so rtselhaft es sein mag: dennoch war er kein trockener
Mensch und kein verkncherter Gesell. Palestrina! sagte er mit einer
kategorischen und furchteinflenden Miene. Aber gleich darauf, whrend
er am Instrumente eine Reihe von archaistischen Kunststcken ertnen
lie, war sein Gesicht eitel Weichheit, Entrcktheit und Schwrmerei,
und als she er die letzte Notwendigkeit alles Geschehens unmittelbar an
der Arbeit, ruhte sein Blick in einer heiligen Ferne ... Dieser
Musikantenblick, der vag und leer erscheint, weil er in dem Reiche einer
tieferen, reineren, schlackenloseren und unbedingteren Logik weilt, als
dem unserer sprachlichen Begriffe und Gedanken.

Seine Hnde waren gro, weich, scheinbar knochenlos und mit
Sommersprossen bedeckt -- und weich und hohl, gleichsam als stke ein
Bissen in seiner Speiserhre, war die Stimme, mit welcher er Gerda
Buddenbrook begrte, wenn sie die Portieren zurckschlug und vom
Wohnzimmer aus eintrat: Ihr Diener, gndige Frau!

Whrend er sich ein wenig von dem Sessel erhob und mit gesenktem Kopfe
ehrerbietig die Hand entgegennahm, die sie ihm reichte, lie er mit der
Linken schon fest und klar die Quinten erklingen, worauf Gerda die
Stradivari ergriff und rasch, mit sicherem Gehr die Saiten stimmte.

Das _G_-Moll-Konzert von Bach, Herr Pfhl. Mich dnkt, das ganze Adagio
ging noch ziemlich mangelhaft...

Und der Organist intonierte. Kaum aber waren die ersten Akkorde einander
gefolgt, so pflegte es zu geschehen, da langsam, ganz vorsichtig die
Tr zum Korridor geffnet ward und mit lautloser Behutsamkeit der kleine
Johann ber den Teppich zu einem Lehnsessel schlich. Dort lie er sich
nieder, umfate seine Knie mit beiden Hnden, verhielt sich still und
lauschte: auf die Klnge sowohl, wie auf das, was gesprochen wurde.

Nun, Hanno, ein bichen Musik naschen? fragte Gerda in einer Pause und
lie ihre nahe beieinander liegenden, umschatteten Augen, in denen das
Spiel einen feuchten Glanz entzndet hatte, zu ihm hinbergleiten...

Dann stand er auf und reichte mit einer stummen Verbeugung Herrn Pfhl
die Hand, der sacht und liebevoll ber Hannos hellbraunes Haar strich,
das sich so weich und grazis um Stirn und Schlfen schmiegte.

Horche du nur, mein Sohn! sagte er mit mildem Nachdruck, und das Kind
betrachtete ein wenig scheu des Organisten groen, beim Sprechen in die
Hhe wandernden Kehlkopfapfel, worauf es sich leise und schnell an
seinen Platz zurckbegab, als knne es die Fortsetzung des Spieles und
der Gesprche kaum erwarten.

Ein Satz Haydn, einige Seiten Mozart, eine Sonate von Beethoven wurden
durchgefhrt. Dann jedoch, whrend Gerda, die Geige unterm Arm, neue
Noten herbeisuchte, geschah das berraschende, da Herr Pfhl, Edmund
Pfhl, Organist an Sankt Marien, mit seinem freien Zwischenspiel
allgemach in einen sehr seltsamen Stil hinberglitt, wobei in seinem
fernen Blick eine Art verschmten Glckes erglnzte ... Unter seinen
Fingern hub ein Schwellen und Blhen, ein Weben und Singen an, aus
welchem sich, leise zuerst und wieder verwehend, dann immer klarer und
markiger, in kunstvoller Kontrapunktik ein altvterisch grandioses,
wunderlich pomphaftes Marschmotiv hervorhob ... Eine Steigerung, eine
Verschlingung, ein bergang ... und mit der Auflsung setzte im
_fortissimo_ die Violine ein. Das Meistersinger-Vorspiel zog vorber.

Gerda Buddenbrook war eine leidenschaftliche Verehrerin der neuen Musik.
Was aber Herrn Pfhl betraf, so war sie bei ihm auf einen so wild
emprten Widerstand gestoen, da sie anfangs daran verzweifelt hatte,
ihn fr sich zu gewinnen.

Am Tage, da sie ihm zum ersten Male Klavierauszge aus Tristan und
Isolde aufs Pult gelegt und ihn gebeten hatte, ihr vorzuspielen, war er
nach fnfundzwanzig Takten aufgesprungen und mit allen Anzeichen des
uersten Ekels zwischen Erker und Flgel hin und wider geeilt.

Ich spiele dies nicht, gndige Frau, ich bin Ihr ergebenster Diener,
aber ich spiele dies nicht! Das ist keine Musik ... glauben Sie mir doch
... ich habe mir immer eingebildet, ein wenig von Musik zu verstehen!
Dies ist das Chaos! Dies ist Demagogie, Blasphemie und Wahnwitz! Dies
ist ein parfmierter Qualm, in dem es blitzt! Dies ist das Ende aller
Moral in der Kunst! Ich spiele es nicht! Und mit diesen Worten hatte er
sich wieder auf den Sessel geworfen und, whrend sein Kehlkopf auf und
nieder wanderte, unter Schlucken und hohlem Husten weitere
fnfundzwanzig Takte hervorgebracht, um dann das Klavier zu schlieen
und zu rufen:

Pfui! Nein, Herr du mein Gott, dies geht zu weit! Verzeihen Sie mir,
verehrteste Frau, ich rede offen ... Sie honorieren mich, Sie bezahlen
mich seit Jahr und Tag fr meine Dienste ... und ich bin ein Mann in
bescheidener Lebenslage. Aber ich lege mein Amt nieder, ich verzichte
darauf, wenn Sie mich zu diesen Ruchlosigkeiten zwingen...! Und das
Kind, dort sitzt das Kind auf seinem Stuhle! Es ist leise
hereingekommen, um Musik zu hren! Wollen Sie seinen Geist denn ganz und
gar vergiften?...

Aber so frchterlich er sich gebrdete, -- langsam und Schritt fr
Schritt, durch Gewhnung und Zureden, zog sie ihn zu sich herber.

Pfhl, sagte sie, seien Sie billig und nehmen Sie die Sache mit Ruhe.
Seine ungewohnte Art im Gebrauch der Harmonien verwirrt Sie ... Sie
finden, im Vergleich damit, Beethoven rein, klar und natrlich. Aber
bedenken Sie, wie Beethoven seine nach alter Weise gebildeten
Zeitgenossen aus der Fassung gebracht hat ... und Bach selbst, mein
Gott, man warf ihm Mangel an Wohlklang und Klarheit vor!... Sie sprechen
von Moral ... aber was verstehen Sie unter Moral in der Kunst? Wenn ich
nicht irre, ist sie der Gegensatz zu allem Hedonismus? Nun gut, den
haben Sie hier. So gut wie bei Bach. Groartiger, bewuter, vertiefter
als bei Bach. Glauben Sie mir, Pfhl, diese Musik ist Ihrem innersten
Wesen weniger fremd, als Sie annehmen!

Gaukelei und Sophismen -- um Vergebung, murrte Herr Pfhl. Aber sie
behielt recht: diese Musik war ihm im Grunde weniger fremd, als er
anfangs glaubte. Zwar mit dem Tristan shnte er sich niemals vollstndig
aus, obgleich er Gerdas Bitte, den Liebestod fr Violine und
Pianoforte zu setzen, schlielich mit vielem Geschick erfllte. Gewisse
Partien der Meistersinger waren es, fr die er zuerst ein oder das
andere Wort der Anerkennung fand ... und nun begann unwiderstehlich
erstarkend die Liebe zu dieser Kunst sich in ihm zu regen. Er gestand
sie nicht, er erschrak fast darber und verleugnete sie mit Murren. Aber
seine Partnerin brauchte nun nicht mehr in ihn zu dringen, damit er,
hatten die alten Meister ihr Recht erhalten, seine Griffe kompliziere
und, mit jenem Ausdrucke eines verschmten und fast rgerlichen Glckes
im Blick, in das Leben und Weben der Leitmotive hinberfhre. Nach dem
Spiele aber entspann sich vielleicht eine Auseinandersetzung ber die
Beziehungen dieses Kunststiles zu dem des Strengen Satzes, und eines
Tages erklrte Herr Pfhl, er she sich, obgleich das Thema ihn
persnlich ja nicht berhre, nun doch verpflichtet, seinem Buche ber
den Kirchenstil einen Anhang ber die Anwendung der alten Tonarten in
Richard Wagners Kirchen- und Volksmusik hinzuzufgen.

Hanno sa ganz still, die kleinen Hnde um sein Knie gefaltet und, wie
er zu tun pflegte, die Zunge an einem Backenzahn scheuernd, wodurch sein
Mund ein wenig verzogen wurde. Mit groen, unverwandten Augen
beobachtete er seine Mutter und Herrn Pfhl. Er lauschte auf ihr Spiel
und auf ihre Gesprche, und so geschah es, da, nach den ersten
Schritten, die er auf seinem Lebenswege getan, er der Musik als einer
auerordentlich ernsten, wichtigen und tiefsinnigen Sache gewahr wurde.
Kaum hie und da verstand er ein Wort von dem, was gesprochen wurde, und
was erklang, ging meist weit ber sein kindliches Verstndnis hinaus.
Wenn er dennoch immer wiederkam und ohne sich zu langweilen Stunde fr
Stunde reglos an seinem Platze ausharrte, so waren es Glaube, Liebe und
Ehrfurcht, die ihn dazu vermochten.

Er war erst sieben Jahre alt, als er mit Versuchen begann, gewisse
Klangverbindungen, die Eindruck auf ihn gemacht, auf eigene Hand am
Flgel zu wiederholen. Seine Mutter sah ihm lchelnd zu, verbesserte
seine mit stummem Eifer zusammengesuchten Griffe und unterwies ihn
darin, warum gerade dieser Ton nicht fehlen drfe, damit sich aus diesem
Akkord der andere ergbe. Und sein Gehr besttigte ihm, was sie ihm
sagte.

Nachdem Gerda Buddenbrook ihn ein wenig hatte gewhren lassen, beschlo
sie, da er Klavierunterricht bekommen sollte.

Ich glaube, er inkliniert nicht zum Solistentum, sagte sie zu Herrn
Pfhl, und ich bin eigentlich froh darber, denn es hat seine
Schattenseiten. Ich rede nicht ber die Abhngigkeit des Solisten von
der Begleitung, obgleich sie unter Umstnden sehr empfindlich werden
kann, und wenn ich Sie nicht htte ... Aber dann besteht immer die
Gefahr, da man in mehr oder minder vollendetes Virtuosentum gert ...
Sehen Sie, ich wei ein Lied davon zu singen. Ich bekenne Ihnen offen,
ich bin der Ansicht, da fr den Solisten eigentlich die Musik erst mit
einem sehr hohen Grade von Knnen beginnt. Die angestrengte
Konzentration auf die Oberstimme, ihre Phrasierung und Tonbildung, wobei
die Polyphonie nur als etwas sehr Vages und Allgemeines zum Bewutsein
kommt, kann bei mittelmig Begabten ganz leicht eine Verkmmerung des
harmonischen Sinnes und des Gedchtnisses fr Harmonien zur Folge haben,
die spter schwer zu korrigieren ist. Ich liebe meine Geige und habe es
ziemlich weit mit ihr gebracht, aber eigentlich steht das Klavier mir
hher ... Ich sage nur dies: die Vertrautheit mit dem Klavier, als mit
einem Mittel, die vielfltigsten und reichsten Tongebilde zu resmieren,
einem unbertrefflichen Mittel zur musikalischen Reproduktion, bedeutet
fr mich ein intimeres, klareres und umfassenderes Verhltnis zur Musik
... Hren Sie, Pfhl, ich mchte Sie gleich selbst fr ihn in Anspruch
nehmen, seien Sie so gut! Ich wei wohl, es gibt hier in der Stadt noch
zwei oder drei Leute -- ich glaube, weiblichen Geschlechts--, die
Unterricht geben; aber das sind eben Klavierlehrerinnen ... Sie
verstehen mich ... Es kommt so wenig darauf an, auf ein Instrument
dressiert zu werden, sondern vielmehr darauf, ein wenig von Musik zu
verstehen, nicht wahr?... Auf Sie verlasse ich mich. Sie nehmen die
Sache ernster. Und Sie sollen sehen, Sie werden ganz guten Erfolg mit
ihm haben. Er hat die Buddenbrookschen Hnde ... Die Buddenbrooks knnen
alle Nonen und Dezimen greifen. -- Aber sie haben noch niemals Gewicht
darauf gelegt, schlo sie lachend, und Herr Pfhl erklrte sich bereit,
den Unterricht zu bernehmen.

Von nun an kam er auch am Montagnachmittag, um sich, whrend Gerda im
Wohnzimmer sa, mit dem kleinen Johann zu beschftigen. Er ging in nicht
gewhnlicher Art dabei vor, denn er fhlte, da er dem stummen und
leidenschaftlichen Eifer des Kindes mehr schuldig war, als es ein
bichen auf dem Klavier spielen zu lehren. Kaum war das Erste und
Elementarste berwunden, als er schon anfing, in leicht falicher Form
zu theoretisieren und seinen Schler die Grundlagen der Harmonielehre
sehen zu lassen. Und Hanno verstand; denn man besttigte ihm nur, was er
eigentlich von jeher schon gewut hatte.

Soweit wie nur immer mglich, trug Herr Pfhl dem sehnschtigen
Vorwrtsdrngen des Kindes Rechnung. Mit liebevoller Sorgfalt war er
darauf bedacht, die Bleigewichte zu erleichtern, mit denen die Materie
die Fe der Phantasie und des eifernden Talentes beschwert. Er
verlangte nicht allzu streng eine groe Fingerfertigkeit beim ben der
Tonleitern, oder sie war ihm doch nicht der Zweck dieser bungen. Was er
bezweckte und schnell erreichte, war vielmehr eine klare, umfassende und
eindringliche bersicht ber alle Tonarten, eine innere und
berblickende Vertrautheit mit ihren Verwandtschaften und Verbindungen,
aus welcher nach gar nicht langer Zeit sich jener rasche Blick fr viele
Kombinationsmglichkeiten, jenes intuitive Herrschaftsgefhl ber die
Klaviatur ergab, das zur Phantasie und Improvisation verfhrt ... Mit
einer rhrenden Feinfhligkeit wrdigte er die geistigen Bedrfnisse
dieses kleinen, vom Hren verwhnten Schlers, die auf einen ernsten
Stil gerichtet waren. Er ernchterte die Tiefe und Feierlichkeit seiner
Stimmung nicht mit dem ben banaler Liedchen. Er lie ihn Chorle
spielen und lie keinen Akkord sich aus dem anderen ergeben, ohne auf
die Gesetzmigkeit dieses Ergebnisses hinzuweisen.

Bei ihrer Stickerei oder ihrem Buche verfolgte Gerda jenseits der
Portieren den Gang des Unterrichtes.

Sie bertreffen alle meine Erwartungen, sagte sie gelegentlich zu
Herrn Pfhl. Aber gehen Sie nicht zu weit? Gehen Sie nicht zu
auerordentlich vor? Ihre Methode ist, wie mir scheint, eminent
schpferisch ... Manchmal fngt er wahrhaftig schon mit Versuchen an, zu
phantasieren. Aber wenn er Ihre Methode nicht verdient, wenn er nicht
begabt genug dafr ist, so lernt er gar nichts...

Er verdient sie, sagte Herr Pfhl und nickte. Manchmal betrachte ich
seine Augen ... es liegt so vieles darin, aber seinen Mund hlt er
verschlossen. Spter einmal im Leben, das vielleicht seinen Mund immer
fester verschlieen wird, mu er eine Mglichkeit haben, zu reden...

Sie sah ihn an, diesen vierschrtigen Musikanten mit seiner
Fuchspercke, seinen Beuteln unter den Augen, seinem gebauschten
Schnurrbart und seinem groen Kehlkopf -- und dann reichte sie ihm die
Hand und sagte: Haben Sie Dank, Pfhl. Sie meinen es gut, und wir
knnen noch gar nicht wissen, wieviel Sie an ihm tun.--

Und Hannos Dankbarkeit fr diesen Lehrer, seine Hingabe an seine
Fhrerschaft war ohnegleichen. Er, der trotz aller Nachhilfestunden in
der Schule dumpf und ohne Hoffnung auf Verstndnis ber seiner
Rechentafel brtete, er begriff am Flgel alles, was Herr Pfhl ihm
sagte, er begriff es und eignete es sich an, wie man nur das sich
aneignen kann, was einem schon von jeher gehrt hat. Edmund Pfhl aber,
in seinem braunen Schorock, erschien ihm wie ein groer Engel, der ihn
jeden Montag Nachmittag in die Arme nahm, um ihn aus aller alltglichen
Misere in das klingende Reich eines milden, sen und trostreichen
Ernstes zu entfhren...

Manchmal fand der Unterricht in Herrn Pfhls Hause statt, einem
gerumigen alten Giebelhause mit vielen khlen Gngen und Winkeln, das
der Organist ganz allein mit einer alten Wirtschafterin bewohnte.
Manchmal auch, am Sonntag, durfte der kleine Buddenbrook dem
Gottesdienst in der Marienkirche droben an der Orgel beiwohnen, und das
war etwas anderes als unten mit den anderen Leuten im Schiff zu sitzen.
Hoch ber der Gemeinde, hoch noch ber Pastor Pringsheim auf seiner
Kanzel saen die beiden inmitten des Brausens der gewaltigen
Klangmassen, die sie gemeinsam entfesselten und beherrschten, denn mit
glckseligem Eifer und Stolz durfte Hanno seinem Lehrer manchmal beim
Handhaben der Register behilflich sein. Wenn aber das Nachspiel zum
Chorgesang zu Ende war, wenn Herr Pfhl langsam alle Finger von den
Tasten gelst hatte und nur den Grund- und Baton noch leise und
feierlich hatte verhallen lassen -- wenn dann nach einer stimmungsvollen
Kunstpause unter dem Schalldeckel der Kanzel Pastor Pringsheims
modulierende Stimme hervorzudringen begann, so geschah es gar nicht
selten, da Herr Pfhl ganz einfach sich ber die Predigt zu mokieren,
ber Pastor Pringsheims stilisiertes Frnkisch, seine langen, dunklen
oder scharf akzentuierten Vokale, seine Seufzer und den jhen Wechsel
zwischen Finsternis und Verklrung auf seinem Angesicht zu lachen
anfing. Dann lachte auch Hanno, leise und tiefbelustigt, denn ohne sich
anzusehen und ohne es sich zu sagen, waren die beiden dort oben der
Ansicht, da diese Predigt ein ziemlich albernes Geschwtz und der
eigentliche Gottesdienst vielmehr das sei, was der Pastor und seine
Gemeinde wohl nur fr eine Beigabe zur Erhhung der Andacht hielten:
nmlich die Musik.

Ja, das geringe Verstndnis, das er unten im Schiff, unter diesen
Senatoren, Konsuln und Brgern und ihren Familien, fr seine Leistungen
vorhanden wute, war Herrn Pfhls bestndige Kmmernis, und eben darum
hatte er gern seinen kleinen Schler bei sich, den er wenigstens leise
darauf aufmerksam machen konnte, da das, was er soeben gespielt, etwas
auerordentlich Schwieriges gewesen sei. Er erging sich in den
sonderbarsten technischen Unternehmungen. Er hatte eine rckgngige
Imitation angefertigt, eine Melodie komponiert, welche vorwrts und
rckwrts gelesen gleich war, und hierauf eine ganze krebsgngig zu
spielende Fuge gegrndet. Als er fertig war, legte er mit trbem
Gesichtsausdruck die Hnde in den Scho. Es merkt es niemand, sagte er
mit hoffnungslosem Kopfschtteln. Und dann flsterte er, whrend Pastor
Pringsheim predigte: Das war eine krebsgngige Imitation, Johann. Du
weit noch nicht, was das ist ... es ist die Nachahmung eines Themas von
hinten nach vorn, von der letzten Note zur ersten ... etwas ziemlich
Schwieriges. Spter wirst du erfahren, was die Nachahmung im strengen
Satze bedeutet ... Mit dem Krebsgang werde ich dich niemals qulen, dich
nicht dazu zwingen ... Man braucht ihn nicht zu knnen. Aber glaube nie
denen, die dergleichen als Spielerei ohne musikalischen Wert bezeichnen.
Du findest den Krebsgang bei den groen Komponisten aller Zeiten. Nur
die Lauen und Mittelmigen verwerfen solche bungen aus Hochmut.
=Demut= ziemt sich; das merke dir, Johann.--

--Am 15. April 1869, seinem achten Geburtstage, spielte Hanno der
versammelten Familie zusammen mit seiner Mutter eine kleine, eigene
Phantasie vor, ein einfaches Motiv, das er ausfindig gemacht, merkwrdig
gefunden und ein wenig ausgebaut hatte. Natrlich hatte Herr Pfhl, dem
er es anvertraut, mancherlei daran auszusetzen gehabt.

Was ist das fr ein theatralischer Schlu, Johann! Das pat ja gar
nicht zum brigen? Zu Anfang ist alles ganz ordentlich, aber wie
verfllst du hier pltzlich aus _H_-Dur in den Quart-Sext-Akkord der
vierten Stufe mit erniedrigter Terz, mchte ich wissen? Das sind Possen.
Und du tremolierst ihn auch noch. Das hast du irgendwo aufgeschnappt ...
Woher stammt es? ich wei es schon. Du hast zu gut zugehrt, wenn ich
deiner Frau Mama gewisse Sachen vorspielen mute ... ndere den Schlu,
Kind, dann ist es ein ganz sauberes kleines Ding.

Aber gerade auf diesen Mollakkord und diesen Schlu legte Hanno das
allergrte Gewicht, und seine Mutter amsierte sich so sehr darber,
da es dabei blieb. Sie nahm die Geige, spielte die Oberstimme mit und
variierte dann, whrend Hanno den Satz ganz einfach wiederholte, den
Diskant bis zum Schlu in Lufen von Zweiunddreiigsteln. Das klang ganz
groartig, Hanno kte sie vor Glck, und so trugen sie es am 15. April
der Familie vor.

Die Konsulin, Frau Permaneder, Christian, Klothilde, Herr und Frau
Konsul Krger, Herr und Frau Direktor Weinschenk, sowie die Damen
Buddenbrook aus der Breiten Strae und Frulein Weichbrodt hatten zur
Feier von Hannos Geburtstag um vier Uhr beim Senator und seiner Frau zu
Mittag gegessen; nun saen sie im Salon und blickten lauschend auf das
Kind, das in seinem Matrosenanzug am Flgel sa, und auf die fremdartige
und elegante Erscheinung Gerdas, die zuerst auf der _g_-Saite eine
prachtvolle Kantilene entwickelte und dann, mit unfehlbarer Virtuositt,
eine Flut von perlenden und schumenden Kadenzen entfesselte. Der
Silberdraht am Griff ihres Bogens blitzte im Licht der Gasflammen.

Hanno, bleich vor Erregung, hatte bei Tische fast nichts essen knnen;
aber jetzt war die Hingebung an sein Werk, das, ach, nach zwei Minuten
schon wieder zu Ende sein sollte, so gro in ihm, da er in
vollstndiger Entrcktheit alles um sich her vergessen hatte. Dies
kleine melodische Gebilde war mehr harmonischer als rhythmischer Natur,
und ganz seltsam mutete der Gegensatz an, der zwischen den primitiven,
fundamentalen und kindlichen musikalischen Mitteln und der gewichtigen,
leidenschaftlichen und fast raffinierten Art bestand, in welcher diese
Mittel betont und zur Geltung gebracht wurden. Mit einer schrgen und
ziehenden Bewegung des Kopfes nach vorn hob Hanno bedeutsam jeden
bergangston hervor, und, ganz vorn auf dem Sessel sitzend, suchte er
durch Pedal und Verschiebung jedem neuen Akkord einen empfindlichen Wert
zu verleihen. In der Tat, wenn der kleine Hanno einen Effekt erzielte --
und beschrnkte sich derselbe auch ganz allein auf ihn selbst--, so war
der Effekt weniger empfindsamer als empfindlicher Natur. Irgendein ganz
einfacher harmonischer Kunstgriff ward durch gewichtige und verzgernde
Akzentuierung zu einer geheimnisvollen und prezisen Bedeutung erhoben.
Irgendeinem Akkord, einer neuen Harmonie, einem Einsatz wurde, whrend
Hanno die Augenbrauen emporzog und mit dem Oberkrper eine hebende,
schwebende Bewegung vollfhrte, durch eine pltzlich eintretende, matt
hallende Klanggebung eine nervs berraschende Wirkungsfhigkeit zuteil
... Und nun kam der Schlu, Hannos geliebter Schlu, der an primitiver
Gehobenheit dem Ganzen die Krone aufsetzte. Leise und glockenrein
umperlt und umflossen von den Lufen der Violine, tremolierte
_pianissimo_ der _E_-Mollakkord ... Er wuchs, er nahm zu, er schwoll
langsam, langsam an, im _forte_ zog Hanno das dissonierende, zur
Grundtonart leitende _Cis_ herzu, und whrend die Stradivari wogend und
klingend auch dieses _Cis_ umrauschte, steigerte er die Dissonanz mit
aller seiner Kraft bis zum _fortissimo_. Er verweigerte sich die
Auflsung, er enthielt sie sich und den Hrern vor. Was wrde sie sein,
diese Auflsung, dieses entzckende und befreite Hineinsinken in
_H_-Dur? Ein Glck ohnegleichen, eine Genugtuung von berschwnglicher
Sigkeit. Der Friede! Die Seligkeit! Das Himmelreich!... Noch nicht ...
noch nicht! Noch einen Augenblick des Aufschubs, der Verzgerung, der
Spannung, die unertrglich werden mute, damit die Befriedigung desto
kstlicher sei ... Noch ein letztes, allerletztes Auskosten dieser
drngenden und treibenden Sehnsucht, dieser Begierde des ganzen Wesens,
dieser uersten und krampfhaften Anspannung des Willens, der sich
dennoch die Erfllung und Erlsung noch verweigerte, weil er wute: Das
Glck ist nur ein Augenblick ... Hannos Oberkrper reckte sich langsam
empor, seine Augen wurden ganz gro, seine geschlossenen Lippen
zitterten, mit einem stoweisen Beben zog er die Luft durch die Nase ein
... und dann war die Wonne nicht mehr zurckzuhalten. Sie kam, kam ber
ihn, und er wehrte ihr nicht lnger. Seine Muskeln spannten sich ab,
ermattet und berwltigt sank sein Kopf auf die Schulter nieder, seine
Augen schlossen sich, und ein wehmtiges, fast schmerzliches Lcheln
unaussprechlicher Beseligung umspielte seinen Mund, whrend mit
Verschiebung und Pedal, umflstert, umwoben, umrauscht und umwogt von
den Lufen der Violine, sein Tremolo, dem er nun Balufe gesellte, nach
_H_-Dur hinberglitt, sich ganz rasch zum _fortissimo_ steigerte und
dann mit einem kurzen, nachhallosen Aufbrausen abbrach.--

Es war unmglich, da die Wirkung, die dieses Spiel auf Hanno selbst
ausbte, sich auch auf die Zuhrer erstreckte. Frau Permaneder zum
Beispiel hatte von dem ganzen Aufwand nicht das allermindeste
verstanden. Wohl aber hatte sie des Kindes Lcheln gesehen, die Bewegung
seines Oberkrpers, das selige Zur-Seite-Sinken seines kleinen, zrtlich
geliebten Kopfes ... und dieser Anblick hatte sie in den Tiefen ihrer
leicht gerhrten Gutmtigkeit ergriffen.

Wie spielt der Junge! Wie spielt das Kind! rief sie aus, indem sie
beinahe weinend auf ihn zueilte und ihn in die Arme schlo ... Gerda,
Tom, er wird ein Mozart, ein Meyerbeer, ein... und in Ermangelung
eines dritten Namens von hnlicher Bedeutung, der ihr nicht sogleich
einfiel, beschrnkte sie sich darauf, ihren Neffen, der, die Hnde im
Schoe, noch ganz ermattet und mit abwesenden Augen dasa, mit Kssen zu
bedecken.

Genug, Tony, genug! sagte der Senator leise. Ich bitte dich, was
setzest du ihm in den Kopf...


Siebentes Kapitel

Thomas Buddenbrook war in seinem Herzen nicht einverstanden mit dem
Wesen und der Entwicklung des kleinen Johann.

Er hatte einst, allem Kopfschtteln schnell verblffter Philister zum
Trotz, Gerda Arnoldsen heimgefhrt, weil er sich stark und frei genug
gefhlt hatte, unbeschadet seiner brgerlichen Tchtigkeit einen
distinguierteren Geschmack an den Tag zu legen als den allgemein
blichen. Aber sollte nun das Kind, dieser lange vergebens ersehnte
Erbe, der doch uerlich und krperlich manche Abzeichen seiner
vterlichen Familie trug, so ganz und gar dieser Mutter gehren? Sollte
er, von dem er erhofft hatte, da er einst mit glcklicherer und
unbefangenerer Hand die Arbeit seines Lebens fortfhren werde, der
ganzen Umgebung, in der er zu leben und zu wirken berufen, ja seinem
Vater selbst, innerlich und von Natur aus fremd und befremdend
gegenberstehen?

Gerdas Geigenspiel hatte fr Thomas bislang, bereinstimmend mit ihren
seltsamen Augen, die er liebte, zu ihrem schweren dunkelroten Haar und
ihrer ganzen auerordentlichen Erscheinung, eine reizvolle Beigabe mehr
zu ihrem eigenartigen Wesen bedeutet; jetzt aber, da er sehen mute, wie
die Leidenschaft der Musik, die ihm fremd war, so frh schon, so von
Anbeginn und von Grund aus sich auch seines Sohnes bemchtigte, wurde
sie ihm zu einer feindlichen Macht, die sich zwischen ihn und das Kind
stellte, aus dem seine Hoffnungen doch einen echten Buddenbrook, einen
starken und praktisch gesinnten Mann mit krftigen Trieben nach auen,
nach Macht und Eroberung machen wollten. Und in der reizbaren
Verfassung, in der er sich befand, schien es ihm, als drohe diese
feindselige Macht ihn zu einem Fremden in seinem eigenen Hause zu
machen.

Er war nicht imstande, sich der Musik, wie Gerda und ihr Freund, dieser
Herr Pfhl, sie betrieben, zu nhern, und Gerda, exklusiv und unduldsam
in Dingen der Kunst, erschwerte ihm noch diese Annherung in wirklich
grausamer Weise.

Nie hatte er geglaubt, da das Wesen der Musik seiner Familie so
gnzlich fremd sei, wie es jetzt den Anschein gewann. Sein Grovater
hatte gern ein wenig die Flte geblasen, und er selbst hatte immer mit
Wohlgefallen auf hbsche Melodien, die entweder eine leichte Grazie oder
einige beschauliche Wehmut oder eine munterstimmende Schwunghaftigkeit
an den Tag legten, gelauscht. Gab er aber seinem Geschmack an
irgendeinem derartigen Gebilde Ausdruck, so konnte er gewrtig sein, da
Gerda die Achseln zuckte und mit einem mitleidigen Lcheln sagte: Wie
ist es mglich, mein Freund! Ein Ding so ganz ohne musikalischen
Wert...

Er hate diesen musikalischen Wert, dieses Wort, mit dem sich fr ihn
kein anderer Begriff verband als der eines kalten Hochmutes. Es trieb
ihn, sich, whrend Hanno dabeisa, dagegen zu erheben. Mehr als einmal
geschah es, da er bei solchen Gelegenheiten aufbegehrte und ausrief:
Ach, Liebste, das Trumpfen auf diesen `musikalischen Wert scheint mir
eine ziemlich dnkelhafte und geschmacklose Sache zu sein!

Und sie erwiderte ihm: Thomas, ein fr allemal, von der Musik als Kunst
wirst du niemals etwas verstehen, und so intelligent du bist, wirst du
niemals einsehen, da sie mehr ist als ein kleiner Nachtischspa und
Ohrenschmaus. In der Musik geht dir der Sinn fr das Banale ab, der dir
doch sonst nicht fehlt ... und er ist das Kriterium des Verstndnisses
in der Kunst. Wie fremd dir die Musik ist, kannst du schon daraus
ersehen, da dein musikalischer Geschmack deinen brigen Bedrfnissen
und Anschauungen ja eigentlich gar nicht entspricht. Was freut dich in
der Musik? Der Geist eines gewissen faden Optimismus, den du, wre er in
einem Buche eingeschlossen, emprt oder rgerlich belustigt in die Ecke
werfen wrdest. Schnelle Erfllung jedes kaum erregten Wunsches ...
Prompte, freundliche Befriedigung des kaum ein wenig aufgestachelten
Willens ... Geht es in der Welt etwa zu wie in einer hbschen
Melodie?... Das ist lppischer Idealismus...

Er verstand sie, er verstand, was sie sagte. Aber er vermochte ihr mit
dem Gefhl nicht zu folgen und nicht zu begreifen, warum Melodien, die
ihn ermunterten oder rhrten, null und nichtig sein -- und Musikstcke,
die ihn herb und verworren anmuteten, den hchsten musikalischen Wert
besitzen sollten. Er stand vor einem Tempel, von dessen Schwelle Gerda
ihn mit unnachsichtiger Gebrde verwies ... und kummervoll sah er, wie
sie mit dem Kinde darin verschwand.

Er lie nichts merken von der Sorge, mit der er die Entfremdung
beobachtete, die zwischen ihm und seinem kleinen Sohne zuzunehmen
schien, und der Anschein, als bewrbe er sich um des Kindes Gunst, wre
ihm furchtbar gewesen. Er hatte ja whrend des Tages nur wenig Mue, mit
dem Kleinen zusammenzutreffen; gelegentlich der Mahlzeiten aber
behandelte er ihn mit einer freundschaftlichen Kordialitt, die einen
Anflug von ermunternder Hrte besa. Nun, Kamerad, sagte er, indem er
ihn ein paarmal auf den Hinterkopf klopfte und sich, seiner Frau
gegenber, neben ihn an den Speisetisch setzte ... Wie geht's! Was
haben wir getrieben! Gelernt?... Und Klavier gespielt? Das ist recht!
Aber nicht zu viel, sonst haben wir keine Lust mehr zum brigen und
bleiben Ostern sitzen! Keine Muskel in seinem Gesicht verriet dabei die
besorgte Spannung, mit der er erwartete, wie Hanno seine Begrung
aufnehmen, wie sie erwidern werde; nichts verriet etwas von dem
schmerzlichen Sichzusammenziehen seines Inneren, wenn das Kind einfach
einen scheuen Blick aus seinen goldbraunen, umschatteten Augen zu ihm
hingleiten lie, der nicht einmal sein Gesicht erreichte, -- und sich
stumm ber seinen Teller beugte.

Ungeheuerlich wre es gewesen, sich ber diese kindische Unbeholfenheit
zu bekmmern. Whrend des Beisammenseins, in den Pausen etwa, beim
Wechseln des Geschirrs, war es seine Pflicht, sich ein wenig mit dem
Jungen zu beschftigen, ihn ein bichen zu prfen, seinen praktischen
Sinn fr Tatsachen herauszufordern ... Wieviel Einwohner besa die
Stadt? Welche Straen fhrten von der Trave zur oberen Stadt hinauf? Wie
hieen die zum Geschft gehrigen Speicher? Frisch und schlagfertig
hergesagt! -- Aber Hanno schwieg. Nicht aus Trotz gegen seinen Vater,
nicht um ihm wehe zu tun. Aber die Einwohner, die Straen und selbst die
Speicher, die ihm unter gewhnlichen Umstnden unendlich gleichgltig
waren, flten ihm, zum Gegenstand eines Examens erhoben, einen
verzweifelten Widerwillen ein. Er mochte vorher ganz munter gewesen
sein, mochte sogar mit seinem Vater geplaudert haben -- sowie das
Gesprch auch nur annhernd den Charakter einer kleinen Prfung annahm,
sank seine Stimmung unter Null, brach seine Widerstandskraft vollstndig
zusammen. Seine Augen verschleierten sich, sein Mund nahm einen
verzagten Ausdruck an, und was ihn beherrschte, war ein groes
schmerzliches Bedauern ber die Unvorsichtigkeit, mit welcher Papa, der
doch wissen mute, da solche Versuche zu nichts Gutem fhrten, nun sich
selbst und allen die Mahlzeit verdorben habe. Mit Augen, die in Trnen
schwammen, sah er auf seinen Teller nieder. Ida stie ihn an und
flsterte ihm zu ... die Straen, die Speicher. Aber ach, das war ja
unntz, ganz unntz! Sie miverstand ihn. Er wute ja die Namen, zum
Teile wenigstens, ganz gut, und so leicht wre es gewesen, Papas
Wnschen bis zu einem gewissen Grade wenigstens entgegenzukommen, wenn
es eben mglich gewesen wre, wenn ihn nicht eben etwas unberwindlich
Trauriges daran gehindert htte ... Ein strenges Wort, ein Klopfen mit
der Gabel auf den Messerblock von seiten seines Vaters schreckte ihn
auf. Er warf einen Blick auf seine Mutter und Ida und versuchte zu
sprechen; aber schon die ersten Silben wurden von Schluchzen erstickt;
es ging nicht. Genug! rief der Senator zornig. Schweig! Ich will gar
nichts mehr hren! Du brauchst nichts herzusagen! Du darfst stumm und
dumm vor dich hinbrten dein Lebtag! Und in schweigsamer Mistimmung
ward die Mahlzeit zu Ende gefhrt.

Diese trumerische Schwche aber, dieses Weinen, dieser vollstndige
Mangel an Frische und Energie war der Punkt, an dem der Senator
einsetzte, wenn er gegen Hannos leidenschaftliche Beschftigung mit der
Musik Bedenken erhob.

Hannos Gesundheit war immer zart gewesen. Besonders seine Zhne hatten
von jeher die Ursache von mancherlei schmerzhaften Strungen und
Beschwerden ausgemacht. Das Hervorbrechen der Milchzhne mit seiner
Gefolgschaft von Fieber und Krmpfen hatte ihm beinah das Leben
gekostet, und dann hatte sein Zahnfleisch stets zur Entzndung und zur
Bildung von Geschwren geneigt, die Mamsell Jungmann, wenn sie reif
waren, mit einer Stecknadel zu ffnen pflegte. Jetzt, zur Zeit des
Zahnwechsels, waren die Leiden noch grer. Schmerzen kamen, die fast
ber Hannos Krfte gingen, und schlaflos, unter leisem Sthnen und
Weinen in einem matten Fieber, das keine andere Ursache als eben den
Schmerz hatte, verbrachte er ganze Nchte. Die Zhne, die uerlich so
schn und wei wie die seiner Mutter, dabei aber auerordentlich weich
und verletzlich waren, wuchsen falsch, sie bedrngten einander, und
damit allen diesen belstnden gesteuert wrde, mute der kleine Johann
einen furchtbaren Menschen in sein junges Leben eintreten sehen: Herrn
Brecht, den Zahnarzt Brecht in der Mhlenstrae...

Schon der Name dieses Mannes gemahnte grlich an jenes Gerusch, das im
Kiefer entsteht, wenn mit Ziehen, Drehen und Heben die Wurzeln eines
Zahnes herausgebrochen werden, und lie Hannos Herz sich in der Angst
zusammenziehen, die er erlitt, wenn er, gegenber der treuen Ida
Jungmann, im Wartezimmer des Herrn Brecht in einem Lehnstuhl kauerte
und, whrend er die scharf riechende Luft dieser Rumlichkeiten atmete,
illustrierte Journale besah, bis der Zahnarzt mit seinem ebenso
hflichen wie grauenerregenden Bitte in der Tr des Operationszimmers
erschien...

Eine Anziehungskraft, einen seltsamen Reiz besa dieses Wartezimmer, und
das war ein stattlicher bunter Papagei mit giftigen kleinen Augen, der
in einem Winkel inmitten eines Messingbauers sa und aus unbekannten
Grnden Josephus hie. Mit der Stimme eines wtenden alten Weibes
pflegte er zu sagen: Nehmen Sie Platz ... Einen Momang... und
obgleich dies unter den obwaltenden Umstnden wie ein abscheulicher Hohn
klang, war Hanno Buddenbrook ihm mit einem Gemisch von Liebe und Grauen
zugetan. Ein Papagei ... ein groer, bunter Vogel, welcher Josephus hie
und reden konnte! War er nicht wie entwischt aus einem Zauberwalde, aus
einem der Grimmschen Mrchen, die Ida zu Hause vorlas?... Auch das
Bitte, mit dem Herr Brecht die Tr ffnete, wiederholte Josephus aufs
eindringlichste, und so geschah es, da man seltsamerweise lachend das
Operationszimmer betrat und sich auf den groen, unheimlich
konstruierten Stuhl am Fenster setzte, neben dem die Tretmaschine stand.

Was Herrn Brecht persnlich betraf, so sah er ganz hnlich aus wie
Josephus, denn ebenso hart und krumm bog seine Nase sich auf den schwarz
und grau melierten Schnurrbart hinab, wie der Schnabel des Papageis. Das
Schlimme aber, das eigentlich Entsetzliche an ihm bestand darin, da er
nervs und selbst den Qualen nicht gewachsen war, die zuzufgen sein Amt
ihn zwang. Wir mssen zur Extraktion schreiten, Frulein, sagte er zu
Ida Jungmann und erblich. Dann, wenn Hanno in einem matten, kalten
Schweie und mit bergroen Augen, unfhig, zu protestieren, unfhig,
davonzulaufen, in einem Seelenzustand, der sich absolut durch nichts von
dem eines hinzurichtenden Delinquenten unterschied, Herrn Brecht, die
Zange im rmel, auf sich zukommen sah, so konnte er bemerken, da auf
der kahlen Stirn des Zahnarztes kleine Schweitropfen perlten, und da
sein Mund ebenfalls von Angst verzogen war ... Und wenn der abscheuliche
Vorgang vorber, wenn Hanno, bleich, zitternd, mit trnenden Augen und
entstelltem Gesicht, sein Blut in die blaue Schale zu seiner Seite
spie, so mute Herr Brecht einen Augenblick irgendwo Platz nehmen, sich
die Stirn trocknen und ein wenig Wasser trinken...

Man versicherte den kleinen Johann, da dieser Mann ihm viel Gutes tue
und ihn vor vielen noch greren Schmerzen bewahre; aber wenn Hanno die
Pein, die Herr Brecht ihm zugefgt, mit dem positiven und fhlbaren
Vorteil verglich, den er ihm verdankte, so berwog die erstere zu sehr,
als da er nicht alle diese Besuche in der Mhlenstrae zu den
schlimmsten aller unntzen Qualen htte rechnen mssen. Im Hinblick auf
die Weisheitszhne, die dermaleinst kommen wrden, muten vier
Backzhne, die soeben, wei, schn und noch vollkommen gesund
herangewachsen waren, entfernt werden, und das nahm, da man das Kind
nicht beranstrengen wollte, vier Wochen in Anspruch. Was fr eine Zeit!
Diese langgezogene Marter, in der schon die Angst vor dem Bevorstehenden
wieder einsetzte, wenn noch die Erschpfung nach dem berstandenen
herrschte, ging zu weit. Als der letzte Zahn gezogen war, lag Hanno acht
Tage lang krank, und zwar aus reiner Ermattung.

brigens beeinfluten diese Zahnbeschwerden nicht nur seine
Gemtsstimmung, sondern auch die Funktionen einzelner Organe. Die
Behinderungen beim Kauen hatten immer wieder Verdauungsstrungen, ja
auch Anflle von gastrischem Fieber zur Folge, und diese
Magenverstimmungen standen im Zusammenhange mit vorbergehenden Anfllen
von verstrktem oder geschwchtem unregelmigen Herzschlag und
Schwindelgefhlen. Bei all dem bestand unvermindert, ja verstrkt, das
seltsame Leiden fort, das Doktor Grabow _pavor nocturnus_ nannte. Kaum
eine Nacht verging, ohne da der kleine Johann ein- oder zweimal
emporfuhr und hnderingend, mit allen Anzeichen der unertrglichsten
Angst nach Hilfe oder Erbarmen rief, als stnde er in Flammen, als
wollte man ihn erwrgen, als geschhe etwas unsglich Grauenhaftes ...
Am Morgen wute er nichts mehr von allem. -- Doktor Grabow suchte dieses
Leiden mit einem abendlichen Trunk von Heidelbeersaft zu behandeln;
allein das half ganz und gar nichts.

Die Hemmungen, denen Hannos Krper unterworfen war, die Schmerzen, die
er erlitt, verfehlten nicht, in ihm jenes ernsthafte Gefhl vorzeitiger
Erfahrenheit hervorzurufen, das man Altklugheit nennt, und wenn es
auch, gleichsam als wrde es von einer berwiegenden Begabung mit gutem
Geschmacke niedergehalten, nicht oft und durchaus nicht aufdringlich
zutage trat, so uerte es sich doch hie und da in Form einer wehmtigen
berlegenheit ... Wie geht es dir, Hanno? fragte jemand von seinen
Verwandten, seine Gromutter, die Damen Buddenbrook aus der Breiten
Strae ... und ein kleines, resigniertes Emporziehen des Mundes, ein
Zucken seiner vom blauen Matrosenkragen bedeckten Achseln war die ganze
Antwort.

Gehst du gern zur Schule?

Nein, antwortete Hanno ruhig und mit einer Offenheit, welche
angesichts ernsterer Dinge es nicht der Mhe wert erachtet, in solchen
Angelegenheiten zu lgen.

Nicht? Oh! Man mu aber doch lernen: Schreiben, Rechnen, Lesen...

Und so weiter, sagte der kleine Johann.

Nein, er ging nicht gern in die alte Schule, diese ehemalige
Klosterschule mit Kreuzgngen und gotisch gewlbten Klassenzimmern.
Fehlen wegen Unwohlseins und gnzliche Unaufmerksamkeit, wenn seine
Gedanken bei irgendeiner harmonischen Verbindung oder den noch
unentrtselten Wundern eines Musikstckes weilten, das er von seiner
Mutter und Herrn Pfhl gehrt, frderten ihn nicht eben in den
Wissenschaften, und die Hilfslehrer und Seminaristen, die ihn in diesen
unteren Klassen unterrichteten, und deren gesellschaftliche
Unterlegenheit, geistige Gedrcktheit und krperliche Ungepflegtheit er
empfand, flten ihm neben der Furcht vor Strafe eine heimliche
Miachtung ein. Herr Tietge, der Rechenlehrer, ein kleiner Greis in
fettigem schwarzen Rock, der schon zur Zeit des verstorbenen Marcellus
Stengel im Dienste der Anstalt gewirkt hatte, und der auf eine
unmgliche Weise in sich hineinschielte, was er durch Brillenglser,
rund und dick wie Schiffsluken, zu korrigieren suchte, -- Herr Tietge
gemahnte den kleinen Johann in jeder Stunde, wie fleiig und
scharfsinnig sein Vater stets beim Rechnen gewesen sei ... Bestndig
ntigten Herrn Tietge starke Hustenanflle, den Boden des Katheders mit
seinem Auswurf zu bedecken.

Hannos Verhltnis zu seinen kleinen Kameraden war im allgemeinen ganz
fremder und uerlicher Natur; nur mit einem von ihnen verknpfte ihn,
und zwar seit den ersten Schultagen, ein festes Band, und das war ein
Kind von vornehmer Herkunft, aber gnzlich verwahrlostem ueren, ein
Graf Mlln mit dem Vornamen Kai.

Es war ein Junge von Hannos Statur, aber nicht wie dieser mit einem
dnischen Matrosenhabit, sondern mit einem rmlichen Anzug von
unbestimmter Farbe bekleidet, an dem hie und da ein Knopf fehlte, und
der am Ges einen groen Flicken zeigte. Seine Hnde, die aus den zu
kurzen rmeln hervorsahen, erschienen imprgniert mit Staub und Erde und
von unvernderlich hellgrauer Farbe, aber sie waren schmal und
auerordentlich fein gebildet, mit langen Fingern und langen, spitz
zulaufenden Ngeln. Und diesen Hnden entsprach der Kopf, welcher,
vernachlssigt, ungekmmt und nicht sehr reinlich, von Natur mit allen
Merkmalen einer reinen und edlen Rasse ausgestattet war. Das flchtig in
der Mitte gescheitelte, rtlichgelbe Haar war von einer alabasterweien
Stirn zurckgestrichen, unter welcher, tief und scharf zugleich,
hellblaue Augen blitzten. Die Wangenknochen traten ein wenig hervor, und
die Nase, mit zarten Nstern und schmalem, ganz leicht gebogenem Rcken,
war, wie der Mund mit etwas geschrzter Oberlippe, schon jetzt von
charakteristischem Geprge.

Hanno Buddenbrook hatte den kleinen Grafen schon vor Beginn der
Schulzeit zwei- oder dreimal ganz flchtig zu sehen bekommen, und zwar
auf Spaziergngen, die er mit Ida gen Norden durchs Burgtor hinaus
gemacht. Dort nmlich, weit drauen, unfern des ersten Dorfes, war
irgendwo ein kleines Gehft, ein winziges, fast wertloses Anwesen, das
berhaupt keinen Namen hatte. Man gewann, blickte man hin, den Eindruck
eines Misthaufens, einer Anzahl Hhner, einer Hundehtte und eines
armseligen, katenartigen Gebudes, mit tief hinunterreichendem, rotem
Dache. Dies war das Herrenhaus, und dort wohnte Kais Vater, Eberhard
Graf Mlln.

Er war ein Sonderling, den selten jemand zu sehen bekam, und der,
beschftigt mit Hhner-, Hunde- und Gemsezucht, abgeschieden von aller
Welt auf seinem kleinen Gehfte hauste: ein groer Mann mit
Stulpenstiefeln, einer grnen Friesjoppe, kahlem Kopfe, einem ungeheuren
ergrauten Rbezahlbarte, einer Reitpeitsche in der Hand, obgleich er
durchaus kein Pferd besa, und einem unter der buschigen Braue ins Auge
geklemmten Monokel. Es gab, auer ihm und seinem Sohne, weit und breit
keinen Grafen Mlln mehr im Lande. Die einzelnen Zweige der ehemals
reichen, mchtigen und stolzen Familie waren nach und nach verdorrt,
abgestorben und vermodert, und nur eine Tante des kleinen Kai, mit der
sein Vater aber nicht in Korrespondenz stand, war noch am Leben. Sie
verffentlichte unter einem abenteuerlichen Pseudonym Romane in
Familienblttern. -- Was den Grafen Eberhard betraf, so erinnerte man
sich, da er, um sich vor allen Strungen durch Anfragen, Angebote und
Bettelei zu schtzen, whrend lngerer Zeit, nachdem er das Anwesen vorm
Burgtor bezogen, ein Schild an seiner niedrigen Haustr gefhrt hatte,
auf dem zu lesen gewesen: Hier wohnt Graf Mlln ganz allein, braucht
nichts, kauft nichts und hat nichts zu verschenken. Als das Schild
seine Wirkung getan und niemand ihn mehr belstigte, hatte er es wieder
entfernt.

Mutterlos -- denn die Grfin war an seiner Geburt gestorben, und
irgendein ltliches Frauenzimmer fhrte das Hauswesen -- war der kleine
Kai hier wild wie ein Tier unter den Hhnern und Hunden herangewachsen,
und hier hatte -- von fern und mit groer Scheu -- Hanno Buddenbrook ihn
gesehen, wie er gleich einem Kaninchen im Kohle umhersprang, sich mit
jungen Hunden balgte und mit seinen Purzelbumen die Hhner erschreckte.

In der Schulstube hatte er ihn wiedergefunden, und seine Scheu vor dem
verwilderten ueren des kleinen Grafen hatte wohl anfangs
fortbestanden. Aber nicht lange, so hatte ein sicherer Instinkt ihn die
unsoignierte Hlle durchschauen lassen, hatte ihn auf diese weie Stirn,
diesen schmalen Mund, diese lnglich geschnittenen, hellblauen Augen
achten lassen, die mit einer Art zorniger Befremdung dareingeblickt
hatten, und eine groe Sympathie fr diesen Kameraden unter allen
brigen hatte ihn ganz erfllt. Dennoch war er viel zu zurckhaltend,
als da er den Mut gefunden htte, die Freundschaft einzuleiten, und
ohne die rcksichtslose Initiative des kleinen Kai wren die beiden
einander wohl fremd geblieben. Ja, das leidenschaftliche Tempo, mit dem
Kai sich ihm genhert, hatte den kleinen Johann anfangs sogar
erschreckt. Dieser kleine, verwahrloste Gesell hatte mit einem Feuer,
einer strmisch aggressiven Mnnlichkeit um die Gunst des stillen,
elegant gekleideten Hanno geworben, der gar nicht zu widerstehen gewesen
war. Zwar konnte er ihm beim Unterricht nicht behilflich sein, denn
seinem ungezhmten und frei umherschweifenden Sinn war das Einmaleins
etwas ebenso Abscheuliches wie dem trumerisch abwesenden des kleinen
Buddenbrook; aber er hatte ihn mit allem beschenkt, was sein gewesen
war, mit Glaskugeln, Holzkreiseln und sogar mit einer kleinen,
verbogenen Blechpistole, obgleich sie das Beste war, was er besa ...
Hand in Hand mit ihm, in den Pausen, hatte er ihm von seinem Heim, von
den jungen Hunden und Hhnern erzhlt, und hatte ihn mittags, obgleich
stets Ida Jungmann, ein Pckchen belegten Butterbrotes in der Hand,
ihren Pflegling vor der Schultr zum Spazierengehen erwartete, so weit
wie mglich begleitet. Bei dieser Gelegenheit hatte er erfahren, da der
kleine Buddenbrook zu Hause Hanno genannt wurde, und sofort hatte er
sich dieses Kosenamens bemchtigt, um seinen Freund nun nie mehr anders
zu nennen.

Eines Tages hatte er verlangt, da Hanno, statt nach dem Mhlenwall, mit
ihm nach seines Vaters Besitz spazierengehe, um neugeborene
Meerschweinchen zu besehen, und Frulein Jungmann hatte endlich den
Bitten der beiden nachgegeben. Sie waren nach dem grflichen Anwesen
hinausgewandert, hatten den Misthaufen, das Gemse, die Hunde, Hhner
und Meerschweinchen in Augenschein genommen und waren schlielich auch
in das Haus eingetreten, woselbst in einem niedrigen, langgestreckten
Raume zu ebener Erde Graf Eberhard, ein Bild trotziger Vereinsamung,
lesend an einem schweren Bauerntisch gesessen und unwirsch nach dem
Begehren gefragt hatte...

Ida Jungmann war nicht zu bewegen gewesen, diesen Besuch zu wiederholen;
vielmehr hatte sie darauf bestanden, da, wollten die beiden beieinander
sein, Kai lieber Hanno besuchen sollte, und so hatte der kleine Graf
denn zum ersten Male mit aufrichtiger Bewunderung, aber doch ohne Scheu
das prachtvolle Vaterhaus seines Freundes betreten. Von da an hatte er
oft und fter sich eingestellt, und nun konnte nur im Winter hoch
liegender Schnee ihn hindern, den weiten Weg am Nachmittage noch einmal
zurckzulegen, um ein paar Stunden bei Hanno Buddenbrook zu verbringen.

Man sa in dem groen Kinderzimmer im zweiten Stockwerk zusammen und
erledigte seine Schularbeiten. Es gab da lange Rechenaufgaben zu lsen,
die, nachdem man beide Seiten der Schiefertafel mit Additionen,
Subtraktionen, Multiplikationen und Divisionen bedeckt hatte, am Ende
und als Resultat ganz einfach Null ergeben muten -- wo nicht, so
steckte irgendwo ein Fehler, der gesucht, gesucht werden mute, bis man
das kleine bsartige Tier gefunden hatte und vertilgen konnte: und
hoffentlich steckte er nicht zu hoch, weil sonst beinahe das Ganze noch
einmal geschrieben werden mute. Ferner galt es, sich mit deutscher
Grammatik zu beschftigen, die Kunst der Komparation zu erlernen und
ganz reinlich und gradlinig Betrachtungen untereinander zu schreiben,
wie zum Beispiel: Horn ist durchsichtig, Glas ist durchsichtiger, Luft
ist am durchsichtigsten. Worauf man sein Diktatheft zur Hand nahm, um
Stze zu studieren wie diesen: Unsere Hedwig ist zwar sehr willig, aber
den Kehricht auf dem Estrich fegt sie niemals ordentlich zusammen. Bei
dieser bung voller Versuchungen und Fuangeln hatte die Absicht
bestanden, da man Hedwig, willig und fegt mit einem ch, Estrich mit g
und Kehricht womglich ebenfalls mit einem g schreiben sollte, und das
hatte man denn auch grndlich besorgt, weshalb nun die Korrektur
vorgenommen werden mute. War aber alles fertig, so packte man ein und
setzte sich auf das Fensterbrett, um Ida vorlesen zu hren.

Die gute Seele las vom Katerlieschen, von dem, der auszog, das Frchten
zu lernen, von Rumpelstilzchen, Rapunzel und Froschknig -- mit tiefer,
geduldiger Stimme und halb geschlossenen Augen, denn sie sagte die
Mrchen, die sie in ihrem Leben schon allzuoft gelesen, beinahe ganz aus
dem Kopfe her, und dabei schlug sie mechanisch die Bltter mit dem
benetzten Zeigefinger um.

Bei dieser Unterhaltung aber geschah das Merkwrdige, da in dem kleinen
Kai sich das Bedrfnis zu regen und auszubilden begann, es dem Buche
gleichzutun und selbst etwas zu erzhlen, und das war um so erwnschter,
als man die gedruckten Mrchen allmhlich alle kannte, und auch Ida sich
dann und wann ein wenig ausruhen mute. Kais Geschichten waren anfangs
kurz und einfach, wurden dann aber khner und komplizierter und gewannen
an Interesse dadurch, da sie nicht gnzlich in der Luft standen,
sondern von der Wirklichkeit ausgingen und diese in ein seltsames und
geheimnisvolles Licht rckten ... Besonders gern vernahm Hanno die
Erzhlung von einem bsen, aber auerordentlich mchtigen Zauberer, der
einen schnen und hochbegabten Prinzen mit Namen Josephus in der Gestalt
eines bunten Vogels bei sich gefangen halte und alle Menschen mit seinen
tckischen Knsten qule. Schon aber wachse in der Ferne der Auserwhlte
heran, welcher dereinst an der Spitze einer unwiderstehlichen Armee von
Hunden, Hhnern und Meerschweinchen gegen den Zauberer furchtlos zu
Felde ziehen und den Prinzen, sowie die ganze Welt, besonders aber Hanno
Buddenbrook vermittels eines Schwertstreiches von ihm erlsen werde.
Dann werde, befreit und entzaubert, Josephus in sein Reich zurckkehren,
Knig werden und Hanno sowohl wie Kai zu sehr hohen Wrden emporsteigen
lassen...

Senator Buddenbrook, der hie und da, wenn er das Kinderzimmer passierte,
die Freunde beisammen sah, hatte gegen diesen Verkehr nichts
einzuwenden, denn es war leicht zu beobachten, da die beiden einander
vorteilhaft beeinfluten. Hanno wirkte besnftigend, zhmend und
geradezu veredelnd auf Kai, der ihn zrtlich liebte, die Weie seiner
Hnde bewunderte und sich ihm zuliebe die seinen von Frulein Jungmann
mit Brste und Seife behandeln lie. Und wenn Hanno seinerseits ein
wenig Frische und Wildheit von dem kleinen Grafen empfing, so war das
mit Freude zu begren, denn Senator Buddenbrook verhehlte sich nicht,
da die bestndige weibliche Obhut, unter welcher der Junge stand, nicht
eben geeignet war, die Eigenschaften der Mnnlichkeit in ihm anzureizen
und zu entwickeln.

Die Treue und Hingebung der guten Ida Jungmann, die nun schon lnger als
drei Jahrzehnte den Buddenbrooks diente, war ja mit Gold nicht zu
bezahlen. Sie hatte die vorhergehende Generation mit Aufopferung gehegt
und gepflegt: Hanno aber trug sie auf Hnden, sie hllte ihn gnzlich in
Zrtlichkeit und Sorgfalt ein, sie liebte ihn abgttisch und ging in
ihrem naiven und unerschtterlichen Glauben an seine absolut bevorzugte
und bevorrechtigte Stellung in der Welt oftmals bis zum Absurden. Sie
war, galt es, fr ihn zu handeln, von erstaunlicher und manchmal
peinlicher Unverfrorenheit. Gelegentlich eines Einkaufs beim Konditor
zum Beispiel unterlie sie es niemals, sehr ungeniert in die
ausgestellten Schalen hineinzugreifen, um ihm diese oder jene Sigkeit
zuzustecken, ohne dafr zu bezahlen -- denn konnte der Mann sich nicht
nur geehrt fhlen? Und vor einem umlagerten Schaufenster war sie sofort
bei der Hand, die Leute in ihrem westpreuischen Dialekt freundlich,
aber entschieden um Platz fr ihren Schtzling zu ersuchen. Ja, er war
in ihren Augen etwas so ganz Besonderes, da sie kaum je ein anderes
Kind wrdig gehalten hatte, mit ihm in Berhrung zu kommen. Was den
kleinen Kai betraf, so war die beiderseitige Zuneigung strker gewesen
als ihr Mitrauen; auch hatte der Name sie ein wenig bestochen.
Gesellten sich aber auf dem Mhlenwall, wenn sie sich mit Hanno auf
einer Bank niedergelassen hatte, andere Kinder mit ihrer Begleitung zu
ihnen, so erhob Frulein Jungmann sich beinahe sogleich und ging unter
irgendeinem Vorwande von Versptung oder Zugwind von dannen. Die
Erklrungen, die sie dem kleinen Johann dafr zuteil werden lie, waren
geeignet, in ihm die Vorstellung zu erwecken, als seien alle seine
Altersgenossen mit Skrofeln und Bsen Sften schwer behaftet, -- nur
er nicht. Und das trug nicht gerade dazu bei, seine sowieso schon
mangelnde Zutraulichkeit und Unbefangenheit zu strken.

Senator Buddenbrook wute von solchen Einzelheiten nicht; aber er sah,
da die Entwicklung seines Sohnes von Natur und infolge uerer
Einflsse vorlufig keineswegs die Richtung einschlug, die er ihr zu
geben wnschte. Htte er seine Erziehung in die Hand nehmen, tglich und
stndlich auf seinen Geist wirken knnen! Aber die Zeit fehlte ihm
dazu, und mit Schmerz mute er sehen, wie gelegentliche Versuche dazu
klglich milangen und das Verhltnis zwischen Vater und Kind nur klter
und fremder machten. Ein Bild schwebte ihm vor, nach dem er seinen Sohn
zu modeln sich sehnte: das Bild von Hannos Urgrovater, wie er selbst
ihn als Knabe gekannt -- ein heller Kopf, jovial, einfach, humoristisch
und stark ... Konnte er so nicht werden? War das unmglich? Und
warum?... Htte er wenigstens die Musik unterdrcken und verbannen
knnen, die den Jungen dem praktischen Leben entfremdete, seiner
krperlichen Gesundheit sicherlich nicht ntzlich war und seine
Geisteskrfte absorbierte! Grenzte sein trumerisches Wesen nicht
manchmal geradezu an Unzurechnungsfhigkeit?

Eines Nachmittags war Hanno drei Viertelstunden vorm Essen, das um vier
Uhr stattfand, allein in die erste Etage hinabgestiegen. Er hatte eine
Zeitlang am Flgel gebt und hielt sich nun mig im Wohnzimmer auf.
Halb liegend sa er auf der Chaiselongue, nestelte an dem Schifferknoten
auf seiner Brust, und indem seine Augen, ohne etwas zu suchen, seitwrts
glitten, gewahrte er auf dem zierlichen Nuholzschreibtisch seiner
Mutter eine offene Ledermappe -- die Mappe mit den Familienpapieren. Er
sttzte den Ellbogen auf das Rckenpolster und das Kinn in die Hand und
betrachtete die Sachen ein Weilchen aus der Ferne. Ohne Zweifel hatte
Papa sich heute nach dem zweiten Frhstck damit beschftigt und sie zu
weiterem Gebrauche liegenlassen. Eines stak in der Mappe, lose Bltter,
die drauen lagen, waren vorlufig mit einem metallenen Lineal
beschwert, das groe Schreibheft mit goldnem Schnitt und
verschiedenartigem Papier lag offen da.

Hanno glitt nachlssig von der Ottomane hinunter und ging zum
Schreibtisch. Das Buch war an jener Stelle aufgeschlagen, wo in den
Handschriften mehrerer seiner Vorfahren und zuletzt in der seines Vaters
der ganze Stammbaum der Buddenbrooks mit Klammern und Rubriken in
bersichtlichen Daten geordnet war. Mit einem Bein auf dem Schreibsessel
kniend, das weichgewellte hellbraune Haar in die flache Hand gesttzt,
musterte Hanno das Manuskript ein wenig von der Seite, mit dem
mattkritischen und ein bichen verchtlichen Ernste einer vollkommenen
Gleichgltigkeit und lie seine freie Hand mit Mamas Federhalter
spielen, der halb aus Gold und halb aus Ebenholz bestand. Seine Augen
wanderten ber all diese mnnlichen und weiblichen Namen hin, die hier
unter- und nebeneinander standen, zum Teile in altmodisch
verschnrkelter Schrift mit weit ausladenden Schleifen, in gelblich
verblater oder stark aufgetragener schwarzer Tinte, an der Reste von
Goldstreusand klebten ... Er las auch, ganz zuletzt, in Papas winziger,
geschwind ber das Papier eilender Schrift, unter denen seiner Eltern
seinen eigenen Namen -- Justus, =Johann=, Kaspar, geb. d. 15. April
1861--, was ihm einigen Spa machte, richtete sich dann ein wenig auf,
nahm mit nachlssigen Bewegungen Lineal und Feder zur Hand, legte das
Lineal unter seinen Namen, lie seine Augen noch einmal ber das ganze
genealogische Gewimmel hingleiten: und hierauf, mit stiller Miene und
gedankenloser Sorgfalt, mechanisch und vertrumt, zog er mit der
Goldfeder einen schnen, sauberen Doppelstrich quer ber das ganze Blatt
hinber, die obere Linie ein wenig strker als die untere, so, wie er
jede Seite seines Rechenheftes verzieren mute ... Dann legte er einen
Augenblick prfend den Kopf auf die Seite und wandte sich ab.

Nach Tische rief der Senator ihn zu sich und herrschte ihn mit
zusammengezogenen Brauen an.

Was ist das. Woher kommt das. Hast du das getan?

Er mute sich einen Augenblick besinnen, ob er es getan habe, und dann
sagte er schchtern und ngstlich: Ja. Was heit das! Was ficht dich
an! Antworte! Wie kommst du zu dem Unfug! rief der Senator, indem er
mit dem leicht zusammengerollten Heft auf Hannos Wange schlug.

Und der kleine Johann, zurckweichend, stammelte, indem er mit der Hand
nach seiner Wange fuhr: Ich glaubte ... ich glaubte ... es kme nichts
mehr...


Achtes Kapitel

Donnerstags, wenn die Familie, umgeben von den ruhevoll lchelnden
Gtterstatuen der Tapete, beim Essen sa, gab es seit kurzem einen
neuen, sehr ernsten Gesprchsgegenstand, der auf den Gesichtern der
Damen Buddenbrook aus der Breiten Strae den Ausdruck kalter
Zurckhaltung, in den Mienen und Gesten Frau Permaneders aber eine
auerordentliche Erregung hervorrief. Sie sprach zurckgelegten Hauptes
und indem sie beide Arme zugleich vorwrts oder nach oben streckte, mit
Zorn, mit Entrstung, mit aufrichtiger, tiefgefhlter Emprung. Sie ging
von dem besonderen Falle, um den es sich handelte, zum allgemeinen ber,
sprach ber schlechte Menschen berhaupt und lie, unterbrochen von dem
trockenen nervsen Ruspern, das mit ihrer Magenschwche zusammenhing,
mit einer gewissen Kehlkopfstimme, die ihr eigen war, wenn sie zrnte,
kleine Trompetenste des Abscheus ertnen, die etwa klangen wie
Trnen-Trieschke--! Grnlich--! Permaneder--! ... Das
Sonderbare aber war der neue Ruf, der hinzugekommen war, und den sie mit
unbeschreiblicher Verachtung und Gehssigkeit hervorbrachte. Er lautete:
=Der Staatsanwalt--!=

Wenn dann Direktor Hugo Weinschenk, versptet wie immer, denn er war mit
Geschften berhuft, den Saal betrat und, mit balancierenden Fusten
sich ungewhnlich lebhaft in der Taille seines Gehrockes wiegend, zu
seinem Platze schritt, wobei seine Unterlippe unter dem schmalen
Schnurrbart mit keckem Ausdruck hinabhing, so verstummte das Gesprch,
so lagerte sich eine peinliche, schwle Stille ber der Tafel, bis der
Senator allen aus der Verlegenheit half, indem er ganz leichthin und als
handle es sich um irgendein Geschft, sich bei dem Direktor nach dem
Stande der Angelegenheit erkundigte. Und Hugo Weinschenk antwortete, die
Sachen stnden sehr gut, sie stnden, wie das nicht anders mglich sei,
vortrefflich ... worauf er leicht und frhlich von etwas anderem sprach.
Er war viel aufgerumter als frher, lie seine Augen mit einer gewissen
wilden Unbefangenheit umherschweifen und fragte viele Male, ohne Antwort
zu erhalten, nach dem Befinden von Gerda Buddenbrooks Geige. berhaupt
plauderte er viel und munter, und unangenehm war nur der Umstand, da
er in seinem Freimut nicht immer gengend nach seinen Worten sah und vor
bermig guter Laune hie und da Geschichten vorbrachte, die nicht ganz
am Platze waren. Eine Anekdote zum Beispiel, die er erzhlte, handelte
von einer Amme, welche die Gesundheit des ihr anvertrauten Kindes
dadurch beeintrchtigt hatte, da sie an Blhungen litt; in einer Weise,
die er ohne Zweifel fr humoristisch hielt, ahmte er den Hausarzt nach,
der gerufen hatte: Wer stinkt hier so! Wer ist es, der hier so stinkt!
und spt oder nie bemerkte er, da seine Gattin heftig errtet war, da
die Konsulin, Thomas und Gerda unbewegt dasaen, die Damen Buddenbrook
durchbohrende Blicke tauschten, selbst Riekchen Severin am unteren
Tischende beleidigt dareinblickte und hchstens der alte Konsul Krger
leise pruschte...

Was war es mit dem Direktor Weinschenk? Dieser ernste, ttige und
kernhafte Mann, dieser Mann, der, abhold aller Geselligkeit und von
rauher Auenseite, mit zher Pflichttreue nur seiner Arbeit zugetan war,
-- dieser Mann sollte nicht =ein=mal, nein, wiederholt sich eines
schweren Fehltrittes schuldig gemacht haben, ja, er war angeklagt,
gerichtlich angeklagt, mehrere Male ein geschftliches Manver
ausgefhrt zu haben, das nicht fragwrdig, sondern unreinlich und
verbrecherisch zu nennen war, und ein Proze, dessen Ausgang nicht
abzusehen, war gegen ihn im Gange! -- Was wurde ihm zur Last gelegt? --
Brnde hatten an verschiedenen Orten stattgefunden, grere
Feuersbrnste, die der Gesellschaft, welche den damit Betroffenen
kontraktlich verbunden gewesen, groe Summen gekostet haben wrden.
Direktor Weinschenk aber sollte, erst nachdem er durch seine Agenten
rasche vertrauliche Mitteilung von den Unglcksfllen empfangen, also
bewut betrgerischerweise, die Rckversicherungen bei einer anderen
Gesellschaft vorgenommen und dieser so den Schaden zugeschoben haben.
Nun lag die Sache in den Hnden des Staatsanwaltes, des Staatsanwaltes
Doktor Moritz Hagenstrm...

Thomas, sagte die Konsulin unter vier Augen zu ihrem Sohne, ich bitte
dich ... ich verstehe nichts. Was soll ich von der Sache halten!

Und er antwortete: Ja, meine liebe Mutter ... Was lt sich da sagen!
Da alles ganz in Ordnung ist, mu man leider bezweifeln. Aber da
Weinschenk in dem Umfange schuldig ist, wie gewisse Leute es wollen,
halte ich ebenfalls fr unwahrscheinlich. Es gibt im Geschftsleben
moderneren Stiles etwas, was man Usance nennt ... Eine Usance, verstehst
du, das ist ein Manver, das nicht ganz einwandfrei ist, sich nicht ganz
mit dem geschriebenen Gesetze vertrgt und fr den Laienverstand schon
unredlich aussieht, das aber dennoch nach stillschweigender bereinkunft
in der Geschftswelt gang und gbe ist. Die Grenzlinie zwischen Usance
und Schlimmerem ist sehr schwer zu ziehen ... Einerlei ... Wenn
Weinschenk sich vergangen hat, so hat er es hchstwahrscheinlich nicht
rger getrieben als viele seiner Kollegen, die ungestraft davongekommen
sind. Aber ... fr einen gnstigen Ausgang des Prozesses stehe ich
deshalb durchaus nicht. Vielleicht wrde er in einer groen Stadt
freigesprochen werden; aber hier, wo alles auf Cliquenwesen und
persnliche Motive hinausluft ... Das htte er bei der Wahl seines
Verteidigers besser bedenken sollen. Wir haben hier in der Stadt keinen
hervorragenden Anwalt, keinen eminenten Kopf mit berlegenem und
berzeugendem Rednertalent, der mit allen Hunden gehetzt und in den
bedenklichsten Sachen versiert wre. Dafr aber hngen unsere Herren
Juristen untereinander zusammen, sie sind einander verbunden durch
gemeinsame Interessen, durch Mittagessen, womglich durch
Verwandtschaft, und haben aufeinander Rcksicht zu nehmen. Meiner
Ansicht nach wre es klug gewesen, wenn Weinschenk einen hier ansssigen
Advokaten genommen htte. Aber was hat er getan? Er hat es fr ntig
befunden -- ich sage fr ntig befunden, und das gibt zuletzt ber sein
gutes Gewissen zu denken--, sich einen Verteidiger aus Berlin zu
verschreiben, den Doktor Breslauer, einen rechten Teufelsbraten, einen
geriebenen Redner, einen raffinierten Rechtsvirtuosen, dem der Ruhm
vorangeht, soundso vielen betrgerischen Bankerottiers am Zuchthause
vorbeigeholfen zu haben. Der wird nun ohne Zweifel die Sache gegen ein
sehr groes Honorar mit ebenso groer Schlauheit fhren ... Aber ob das
von Nutzen sein wird? Ich sehe es kommen, da unsere wackeren
Rechtsgelehrten sich mit Hnden und Fen dagegen struben werden, sich
von dem fremden Herrn imponieren zu lassen, und da der Gerichtshof fr
Doktor Hagenstrms Plaidoyer ein sehr viel willigeres Ohr haben wird ...
Und die Zeugen? Was sein eigenes Geschftspersonal betrifft, so glaube
ich nicht, da es ihm besonders liebevoll zur Seite stehen wird. Das,
was wir Wohlwollenden -- und, ich glaube, auch er selbst -- seine rauhe
Auenseite nennen, hat ihm nicht viel Freunde gemacht ... Kurz, Mutter,
mir ahnt Arges. Es wre ja schlimm fr Erika, wenn es ein Unglck gbe,
aber am wehesten sollte es mir um Tony tun. Siehst du, sie hat ja recht,
wenn sie sagt, da Hagenstrm die Sache mit Genugtuung in die Hand
genommen hat. Sie geht uns alle an, und ein schmhlicher Ausgang wrde
uns insgesamt betreffen, denn Weinschenk gehrt einmal zur Familie und
sitzt an unserem Tische. Was mich angeht, ich komme darber hinweg. Ich
wei, wie ich mich zu benehmen habe. Ich mu in der ffentlichkeit der
Sache ganz fremd gegenberstehen, darf nicht die Verhandlungen besuchen
-- obgleich Breslauer mich interessieren wrde -- und darf mich, schon
um mich vor dem Vorwurf irgendwelcher Beeinflussungsgelste zu wahren,
berhaupt um nichts bekmmern. Aber Tony? Ich mag nicht ausdenken, wie
traurig eine Verurteilung fr sie wre. Man mu hren, wie aus ihren
lauten Protesten gegen Verleumdung und neidische Intrigen die Angst
herausklingt ... die Angst, nach allem Malheur, das sie erduldet, auch
dieser letzten, ehrenvollen Position, des wrdigen Hausstandes ihrer
Tochter noch verlustig zu gehen. Ach, pa auf, sie wird immer lauter
Weinschenks Unschuld beteuern, je mehr sie zu Zweifeln daran gedrngt
werden wird ... Aber er kann ja auch unschuldig sein, gewi, ganz
unschuldig sein ... Wir mssen es abwarten, Mutter, und ihn und Tony und
Erika taktvoll behandeln. Aber mir ahnt nichts Gutes...

                   *       *       *       *       *

Unter solchen Umstnden kam diesmal das Weihnachtsfest heran, und der
kleine Johann verfolgte mit Hilfe des Abreikalenders, den Ida ihm
angefertigt, und auf dessen letztem Blatte ein Tannenbaum gezeichnet
war, pochenden Herzens das Nahen der unvergleichlichen Zeit.

Die Vorzeichen mehrten sich ... Schon seit dem ersten Advent hing in
Gromamas Esaal ein lebensgroes, buntes Bild des Knecht Ruprecht an
der Wand. Eines Morgens fand Hanno seine Bettdecke, die Bettvorlage und
seine Kleider mit knisterndem Flittergold bestreut. Dann, wenige Tage
spter, nachmittags im Wohnzimmer, als Papa mit der Zeitung auf der
Chaiselongue lag und Hanno gerade in Geroks Palmblttern das Gedicht
von der Hexe zu Endor las, wurde wie alljhrlich und doch auch diesmal
ganz berraschenderweise ein alter Mann gemeldet, welcher nach dem
Kleinen frage. Er wurde hereingebeten, dieser alte Mann, und kam
schlrfenden Schrittes, in einem langen Pelze, dessen rauhe Seiten nach
auen gekehrt, und der mit Flittergold und Schneeflocken besetzt war,
ebensolcher Mtze, schwarzen Zgen im Gesicht und einem ungeheuren
weien Barte, der wie die bernatrlich dicken Augenbrauen mit
glitzernder Lametta durchsetzt war. Er erklrte, wie jedes Jahr, mit
eherner Stimme, da =dieser= Sack -- auf seiner linken Schulter -- fr
gute Kinder, welche beten knnten, pfel und goldene Nsse enthalte, da
aber andererseits =diese= Rute -- auf seiner rechten Schulter -- fr die
bsen Kinder bestimmt sei ... Es war Knecht Ruprecht. Das heit,
natrlich nicht so ganz und vollkommen der echte und im Grunde
vielleicht blo Barbier Wenzel in Papas gewendetem Pelz; aber soweit ein
Knecht Ruprecht berhaupt mglich, war er dies, und Hanno sagte auch
dieses Jahr wieder, aufrichtig erschttert und nur ein- oder zweimal von
einem nervsen und halb unbewuten Aufschluchzen unterbrochen, sein
Vaterunser her, worauf er einen Griff in den Sack fr die guten Kinder
tun durfte, den der alte Mann dann berhaupt wieder mit sich zu nehmen
vergaߠ...

Es setzten die Ferien ein, und der Augenblick ging ziemlich glcklich
vorber, da Papa das Zeugnis las, das auch in der Weihnachtszeit
notwendig ausgestellt werden mute ... Schon war der groe Saal
geheimnisvoll verschlossen, schon waren Marzipan und braune Kuchen auf
den Tisch gekommen, schon war es Weihnacht drauen in der Stadt. Schnee
fiel, es kam Frost, und in der scharfen, klaren Luft erklangen durch
die Straen die gelufigen oder wehmtigen Melodien der italienischen
Drehorgelmnner, die mit ihren Sammetjacken und schwarzen Schnurrbrten
zum Feste herbeigekommen waren. In den Schaufenstern prangten die
Weihnachtsausstellungen. Um den hohen gotischen Brunnen auf dem
Marktplatze waren die bunten Belustigungen des Weihnachtsmarktes
aufgeschlagen. Und wo man ging, atmete man mit dem Duft der zum Kauf
gebotenen Tannenbume das Aroma des Festes ein.

Dann endlich kam der Abend des dreiundzwanzigsten Dezembers heran und
mit ihm die Bescherung im Saale zu Haus, in der Fischergrube, eine
Bescherung im engsten Kreise, die nur ein Anfang, eine Erffnung, ein
Vorspiel war, denn den Heiligen Abend hielt die Konsulin fest in Besitz,
und zwar fr die ganze Familie, so da am Sptnachmittage des
Vierundzwanzigsten die gesamte Donnerstagstafelrunde, und dazu noch
Jrgen Krger aus Wismar, sowie Therese Weichbrodt mit Madame Kethelsen,
im Landschaftszimmer zusammentrat.

In schwerer, grau und schwarz gestreifter Seide, mit gerteten Wangen
und erhitzten Augen, in einem zarten Duft von Patschuli, empfing die
alte Dame die nach und nach eintretenden Gste, und bei den wortlosen
Umarmungen klirrten ihre goldenen Armbnder leise. Sie war in
unaussprechlicher stummer und zitternder Erregung an diesem Abend. Mein
Gott, du fieberst ja, Mutter! sagte der Senator, als er mit Gerda und
Hanno eintraf ... Alles kann doch ganz gemtlich vonstatten gehen.
Aber sie flsterte, indem sie alle drei kte: Zu Jesu Ehren ... Und
dann mein lieber seliger Jean...

In der Tat, das weihevolle Programm, das der verstorbene Konsul fr die
Feierlichkeit festgesetzt hatte, mute aufrechterhalten werden, und das
Gefhl ihrer Verantwortung fr den wrdigen Verlauf des Abends, der von
der Stimmung einer tiefen, ernsten und inbrnstigen Frhlichkeit erfllt
sein mute, trieb sie rastlos hin und her -- von der Sulenhalle, wo
schon die Marien-Chorknaben sich versammelten, in den Esaal, wo
Riekchen Severin letzte Hand an den Baum und die Geschenktafel legte,
hinaus auf den Korridor, wo scheu und verlegen einige fremde alte
Leutchen umherstanden, Hausarme, die ebenfalls an der Bescherung
teilnehmen sollten, und wieder ins Landschaftszimmer, wo sie mit einem
stummen Seitenblick jedes berflssige Wort und Gerusch strafte. Es war
so still, da man die Klnge einer entfernten Drehorgel vernahm, die
zart und klar wie die einer Spieluhr aus irgendeiner beschneiten Strae
den Weg hierher fanden. Denn obgleich nun an zwanzig Menschen im Zimmer
saen und standen, war die Ruhe grer als in einer Kirche, und die
Stimmung gemahnte, wie der Senator ganz vorsichtig seinem Onkel Justus
zuflsterte, ein wenig an die eines Leichenbegngnisses.

brigens war kaum Gefahr vorhanden, diese Stimmung mchte durch einen
Laut jugendlichen bermutes zerrissen werden. Ein Blick htte gengt, zu
bemerken, da fast alle Glieder der hier versammelten Familie in einem
Alter standen, in welchem die Lebensuerungen lngst gesetzte Formen
angenommen haben. Senator Thomas Buddenbrook, dessen Blsse den wachen,
energischen und sogar humoristischen Ausdruck seines Gesichtes Lgen
strafte; Gerda, seine Gattin, welche, unbeweglich in einem Sessel
zurckgelehnt und das schne, weie Gesicht nach oben gewandt, ihre nahe
beieinanderliegenden, blulich umschatteten, seltsam schimmernden Augen
von den flimmernden Glasprismen des Kronleuchters bannen lie; seine
Schwester, Frau Permaneder; Jrgen Krger, sein Kousin, der stille,
schlicht gekleidete Beamte; seine Kusinen Friederike, Henriette und
Pfiffi, von denen die beiden ersteren noch magerer und lnger geworden
waren und die letztere noch kleiner und beleibter erschien als frher,
denen aber ein stereotyper Gesichtsausdruck durchaus gemeinsam war, ein
spitziges und belwollendes Lcheln, das gegen alle Personen und Dinge
mit einer allgemeinen medisanten Skepsis gerichtet war, als sagten sie
bestndig: Wirklich? Das mchten wir denn doch frs erste noch
bezweifeln...; schlielich die arme, aschgraue Klothilde, deren
Gedanken wohl direkt auf das Abendessen gerichtet waren: -- sie alle
hatten die Vierzig berschritten, whrend die Hausherrin mit ihrem
Bruder Justus und seiner Frau gleich der kleinen Therese Weichbrodt
schon ziemlich weit ber die Sechzig hinaus war, und die alte Konsulin
Buddenbrook, geborene Stwing, sowie die gnzlich taube Madame
Kethelsen, sich schon in den Siebzigern befanden.

In der Blte ihrer Jugend stand eigentlich nur Erika Weinschenk; aber
wenn ihre hellblauen Augen -- die Augen Herrn Grnlichs -- zu ihrem
Manne, dem Direktor, hinberglitten, dessen geschorener, an den Schlfen
ergrauter Kopf mit dem schmalen, in die Mundwinkel hineingewachsenen
Schnurrbart sich dort neben dem Sofa von der idyllischen
Tapetenlandschaft abhob, so konnte man bemerken, da ihr voller Busen
sich in lautlosem aber schwerem Atemzuge hob ... ngstliche und wirre
Gedanken an Usancen, Buchfhrung, Zeugen, Staatsanwalt, Verteidiger und
Richter mochten sie bedrngen, ja, es war wohl keiner im Zimmer, dem
diese unweihnachtlichen Gedanken nicht im Sinne gelegen htten. Der
angeklagte Zustand von Frau Permaneders Schwiegersohn, das Bewutsein
der gesamten Familie von der Gegenwart eines Mitgliedes, das eines
Verbrechens gegen die Gesetze, die brgerliche Ordnung und die
geschftliche Ehrenhaftigkeit geziehen und vielleicht der Schande und
dem Gefngnis verfallen war, gab der Versammlung ein vollstndig
fremdes, ungeheuerliches Geprge. Ein Weihnachtsabend der Familie
Buddenbrook mit einem Angeklagten in ihrer Mitte! Frau Permaneder lehnte
sich mit strengerer Majestt in ihren Sessel zurck, das Lcheln der
Damen Buddenbrook aus der Breiten Strae ward um noch eine Nance
spitziger...

Und die Kinder? Der ein wenig sprliche Nachwuchs? War auch er fr das
leis Schauerliche dieses so ganz neuen und ungekannten Umstandes
empfnglich? Was die kleine Elisabeth betraf, so war es unmglich, ber
ihren Gemtszustand zu urteilen. In einem Kleidchen, an dessen
reichlicher Garnitur mit Atlasschleifen man Frau Permaneders Geschmack
erkannte, sa das Kind auf dem Arm seiner Bonne, hielt seine Daumen in
die winzigen Fuste geklemmt, sog an seiner Zunge, blickte mit etwas
hervortretenden Augen starr vor sich hin und lie dann und wann einen
kurzen, knarrenden Laut vernehmen, worauf das Mdchen es ein wenig
schaukeln lie. Hanno aber sa still auf seinem Schemel zu den Fen
seiner Mutter und blickte gerade wie sie zu einem Prisma des
Kronleuchters empor...

Christian fehlte! Wo war Christian? Erst jetzt im letzten Augenblick
bemerkte man, da er noch nicht anwesend sei. Die Bewegungen der
Konsulin, die eigentmliche Manipulation, mit der sie vom Mundwinkel zur
Frisur hinaufzustreichen pflegte, als brchte sie ein hinabgefallenes
Haar an seine Stelle zurck, wurden noch fieberhafter ... Sie
instruierte eilig Mamsell Severin, und die Jungfer begab sich an den
Chorknaben vorbei durch die Sulenhalle, zwischen den Hausarmen hin ber
den Korridor und pochte an Herrn Buddenbrooks Tr.

Gleich darauf erschien Christian. Er kam mit seinen mageren, krummen
Beinen, die seit dem Gelenkrheumatismus etwas lahmten, ganz gemchlich
ins Landschaftszimmer, indem er sich mit der Hand die kahle Stirne rieb.

Donnerwetter, Kinder, sagte er, das htte ich beinahe vergessen!

Du httest es... wiederholte seine Mutter und erstarrte...

Ja, beinah vergessen, da heut Weihnacht ist ... Ich sa und las ... in
einem Buch, einem Reisebuch ber Sdamerika ... Du lieber Gott, ich habe
schon andere Weihnachten gehabt... fgte er hinzu und war soeben im
Begriff, mit der Erzhlung von einem Heiligen Abend anzufangen, den er
zu London in einem Tingeltangel fnfter Ordnung verlebt, als pltzlich
die im Zimmer herrschende Kirchenstille auf ihn zu wirken begann, so da
er mit krausgezogener Nase und auf den Zehenspitzen zu seinem Platze
ging.

Tochter Zion, freue dich! sangen die Chorknaben, und sie, die eben
noch da drauen so hrbare Allotria getrieben, da der Senator sich
einen Augenblick an die Tr hatte stellen mssen, um ihnen Respekt
einzuflen, -- sie sangen nun ganz wunderschn. Diese hellen Stimmen,
die sich, getragen von den tieferen Organen, rein, jubelnd und
lobpreisend aufschwangen, zogen aller Herzen mit sich empor, lieen das
Lcheln der alten Jungfern milder werden und machten, da die alten
Leute in sich hineinsahen und ihr Leben berdachten, whrend die, welche
mitten im Leben standen, ein Weilchen ihrer Sorgen vergaen.

Hanno lie sein Knie los, das er bislang umschlungen gehalten hatte. Er
sah ganz bla aus, spielte mit den Fransen seines Schemels und scheuerte
seine Zunge an einem Zahn, mit halbgeffnetem Munde und einem
Gesichtsausdruck, als frre ihn. Dann und wann empfand er das Bedrfnis,
tief aufzuatmen, denn jetzt, da der Gesang, dieser glockenreine
_a-cappella_-Gesang die Luft erfllte, zog sein Herz sich in einem fast
schmerzhaften Glck zusammen. Weihnachten ... Durch die Spalten der
hohen, weilackierten, noch fest geschlossenen Flgeltr drang der
Tannenduft und erweckte mit seiner sen Wrze die Vorstellung der
Wunder dort drinnen im Saale, die man jedes Jahr aufs neue mit pochenden
Pulsen als eine unfabare, unirdische Pracht erharrte ... Was wrde dort
drinnen fr ihn sein? Das, was er sich gewnscht hatte, natrlich, denn
das bekam man ohne Frage, gesetzt, da es einem nicht als eine
Unmglichkeit zuvor schon ausgeredet worden war. Das Theater wrde ihm
gleich in die Augen springen und ihm den Weg zu seinem Platze weisen
mssen, das ersehnte Puppentheater, das dem Wunschzettel fr Gromama
stark unterstrichen zu Hupten gestanden hatte, und das seit dem
Fidelio beinahe sein einziger Gedanke gewesen war.

Ja, als Entschdigung und Belohnung fr einen Besuch bei Herrn Brecht
hatte Hanno krzlich zum ersten Male das Theater besucht, das
Stadttheater, wo er im ersten Range an der Seite seiner Mutter atemlos
den Klngen und Vorgngen des Fidelio hatte folgen drfen. Seitdem
trumte er nichts als Opernszenen, und eine Leidenschaft fr die Bhne
erfllte ihn, die ihn kaum schlafen lie. Mit unaussprechlichem Neide
betrachtete er auf der Strae die Leute, die, wie ja auch sein Onkel
Christian, als Theaterhabitus bekannt waren, Konsul Dhlmann, Makler
Gosch ... War das Glck ertragbar, wie sie fast jeden Abend dort
anwesend sein zu drfen? Knnte er nur einmal in der Woche vor Beginn
der Auffhrung einen Blick in den Saal tun, das Stimmen der Instrumente
hren und ein wenig den geschlossenen Vorhang ansehen! Denn er liebte
alles im Theater: den Gasgeruch, die Sitze, die Musiker, den Vorhang...

Wird sein Puppentheater gro sein? Gro und breit? Wie wird der Vorhang
aussehen? Man mu baldmglichst ein kleines Loch hineinschneiden, denn
auch im Vorhang des Stadttheaters war ein Guckloch ... Ob Gromama oder
Mamsell Severin -- denn Gromama konnte nicht alles besorgen -- die
ntigen Dekorationen zum Fidelio gefunden hatte? Gleich morgen wird er
sich irgendwo einschlieen und ganz allein eine Vorstellung geben ...
Und schon lie er seine Figuren im Geiste singen; denn die Musik hatte
sich ihm mit dem Theater sofort aufs engste verbunden...

Jauchze laut, Jerusalem! schlossen die Chorknaben, und die Stimmen,
die fugenartig nebeneinander hergegangen waren, fanden sich in der
letzten Silbe friedlich und freudig zusammen. Der klare Akkord
verhallte, und tiefe Stille legte sich ber Sulenhalle und
Landschaftszimmer. Die Mitglieder der Familie blickten unter dem Drucke
der Pause vor sich nieder; nur Direktor Weinschenks Augen schweiften
keck und unbefangen umher, und Frau Permaneder lie ihr trocknes
Ruspern vernehmen, das ununterdrckbar war. Die Konsulin aber schritt
langsam zum Tische und setzte sich inmitten ihrer Angehrigen auf das
Sofa, das nun nicht mehr wie in alter Zeit unabhngig und abgesondert
vom Tische dastand. Sie rckte die Lampe zurecht und zog die groe Bibel
heran, deren altersbleiche Goldschnittflche ungeheuerlich breit war.
Dann schob sie die Brille auf die Nase, ffnete die beiden ledernen
Spangen, mit denen das kolossale Buch geschlossen war, schlug dort auf,
wo das Zeichen lag, da das dicke, rauhe, gelbliche Papier mit dem
bergroen Druck zum Vorschein kam, nahm einen Schluck Zuckerwasser und
begann, das Weihnachtskapitel zu lesen.

Sie las die altvertrauten Worte langsam und mit einfacher, zu Herzen
gehender Betonung, mit einer Stimme, die sich klar, bewegt und heiter
von der andchtigen Stille abhob. Und den Menschen ein Wohlgefallen!
sagte sie. Kaum aber schwieg sie, so erklang in der Sulenhalle
dreistimmig das Stille Nacht, heilige Nacht, in das die Familie im
Landschaftszimmer einstimmte. Man ging ein wenig vorsichtig zu Werke
dabei, denn die meisten der Anwesenden waren unmusikalisch, und hie und
da vernahm man in dem Ensemble einen tiefen und ganz ungehrigen Ton ...
Aber das beeintrchtigte nicht die Wirkung dieses Liedes ... Frau
Permaneder sang es mit bebenden Lippen, denn am sesten und
schmerzlichsten rhrt es an dessen Herz, der ein bewegtes Leben hinter
sich hat und im kurzen Frieden der Feierstunde Rckblick hlt ... Madame
Kethelsen weinte still und bitterlich, obgleich sie von allem fast
nichts vernahm.

Und dann erhob sich die Konsulin. Sie ergriff die Hand ihres Enkels
Johann und die ihrer Urenkelin Elisabeth und schritt durch das Zimmer.
Die alten Herrschaften schlossen sich an, die jngeren folgten, in der
Sulenhalle gesellten sich die Dienstboten und die Hausarmen hinzu, und
whrend alles einmtig O Tannebaum anstimmte und Onkel Christian vorn
die Kinder zum Lachen brachte, indem er beim Marschieren die Beine hob
wie ein Hampelmann und albernerweise O Tantebaum sang, zog man mit
geblendeten Augen und ein Lcheln auf dem Gesicht durch die
weitgeffnete hohe Flgeltr direkt in den Himmel hinein.

Der ganze Saal, erfllt von dem Dufte angesengter Tannenzweige,
leuchtete und glitzerte von unzhligen kleinen Flammen, und das
Himmelblau der Tapete mit ihren weien Gtterstatuen lie den groen
Raum noch heller erscheinen. Die Flmmchen der Kerzen, die dort hinten
zwischen den dunkelrot verhngten Fenstern den gewaltigen Tannenbaum
bedeckten, welcher, geschmckt mit Silberflittern und groen, weien
Lilien, einen schimmernden Engel an seiner Spitze und ein plastisches
Krippenarrangement zu seinen Fen, fast bis zur Decke emporragte,
flimmerten in der allgemeinen Lichtflut wie ferne Sterne. Denn auf der
weigedeckten Tafel, die sich lang und breit, mit den Geschenken
beladen, von den Fenstern fast bis zur Tre zog, setzte sich eine Reihe
kleinerer, mit Konfekt behngter Bume fort, die ebenfalls von
brennenden Wachslichtchen erstrahlten. Und es brannten die Gasarme, die
aus den Wnden hervorkamen, und es brannten die dicken Kerzen auf den
vergoldeten Kandelabern in allen vier Winkeln. Groe Gegenstnde,
Geschenke, die auf der Tafel nicht Platz hatten, standen nebeneinander
auf dem Fuboden. Kleinere Tische, ebenfalls wei gedeckt, mit Gaben
belegt und mit brennenden Bumchen geschmckt, befanden sich zu den
Seiten der beiden Tren: Das waren die Bescherungen der Dienstboten und
der Hausarmen.

Singend, geblendet und dem altvertrauten Raume ganz entfremdet umschritt
man einmal den Saal, defilierte an der Krippe vorbei, in der ein
wchsernes Jesuskind das Kreuzeszeichen zu machen schien, und blieb
dann, nachdem man Blick fr die einzelnen Gegenstnde bekommen hatte,
verstummend an seinem Platze stehen.

Hanno war vollstndig verwirrt. Bald nach dem Eintritt hatten seine
fieberhaft suchenden Augen das Theater erblickt ... ein Theater, das,
wie es dort oben auf dem Tische prangte, von so extremer Gre und
Breite erschien, wie er es sich vorzustellen niemals erkhnt hatte. Aber
sein Platz hatte gewechselt, er befand sich an einer der vorjhrigen
entgegengesetzten Stelle, und dies bewirkte, da Hanno in seiner
Verblffung ernstlich daran zweifelte, ob dies fabelhafte Theater fr
ihn bestimmt sei. Hinzu kam, da zu den Fen der Bhne, auf dem Boden,
etwas Groes, Fremdes aufgestellt war, etwas, was nicht auf seinem
Wunschzettel gestanden hatte, ein Mbel, ein kommodenartiger Gegenstand
... war er fr ihn?

Komm her, Kind, und sieh dir dies an, sagte die Konsulin und ffnete
den Deckel. Ich wei, du spielst gern Chorle ... Herr Pfhl wird dir
die ntigen Anweisungen geben ... Man mu immer treten ... manchmal
schwcher und manchmal strker ... und dann die Hnde nicht aufheben,
sondern immer nur so _peu  peu_ die Finger wechseln...

Es war ein Harmonium, ein kleines, hbsches Harmonium, braun poliert,
mit Metallgriffen an beiden Seiten, bunten Tretblgen und einem
zierlichen Drehsessel. Hanno griff einen Akkord ... ein sanfter
Orgelklang lste sich los und lie die Umstehenden von ihren Geschenken
aufblicken ... Hanno umarmte seine Gromutter, die ihn zrtlich an sich
prete und ihn dann verlie, um die Danksagungen der anderen
entgegenzunehmen.

Er wandte sich dem Theater zu. Das Harmonium war ein berwltigender
Traum, aber er hatte doch frs erste noch keine Zeit, sich nher damit
zu beschftigen. Es war der berflu des Glckes, in dem man, undankbar
gegen das Einzelne, alles nur flchtig berhrt, um erst einmal das Ganze
bersehen zu lernen ... Oh, ein Souffleurkasten war da, ein
muschelfrmiger Souffleurkasten, hinter dem breit und majesttisch in
Rot und Gold der Vorhang emporrollte. Auf der Bhne war die Dekoration
des letzten Fidelio-Aktes aufgestellt. Die armen Gefangenen falteten die
Hnde. Don Pizarro, mit gewaltig gepufften rmeln, verharrte irgendwo in
frchterlicher Attitde. Und von hinten nahte im Geschwindschritt und
ganz in schwarzem Sammet der Minister, um alles zum Besten zu kehren. Es
war wie im Stadttheater und beinahe noch schner. In Hannos Ohren
widerhallte der Jubelchor, das Finale, und er setzte sich vor das
Harmonium, um ein Stckchen daraus, das er behalten, zum Erklingen zu
bringen ... Aber er stand wieder auf, um das Buch zur Hand zu nehmen,
das erwnschte Buch der griechischen Mythologie, das ganz rot gebunden
war und eine goldene Pallas Athene auf dem Deckel trug. Er a von seinem
Teller mit Konfekt, Marzipan und Braunen Kuchen, musterte die kleineren
Dinge, die Schreibutensilien und Schulhefte und verga einen Augenblick
alles brige ber einem Federhalter, an dem sich irgendwo ein winziges
Glaskrnchen befand, das man nur vors Auge zu halten brauchte, um wie
durch Zauberspiel eine weite Schweizerlandschaft vor sich zu sehen...

Jetzt gingen Mamsell Severin und das Folgmdchen mit Tee und Biskuits
umher, und whrend Hanno eintauchte, fand er ein wenig Mue, von seinem
Platze aufzusehen. Man stand an der Tafel oder ging daran hin und her,
plauderte und lachte, indem man einander die Geschenke zeigte und die
des anderen bewunderte. Es gab da Gegenstnde aus allen Stoffen: aus
Porzellan, aus Nickel, aus Silber, aus Gold, aus Holz, Seide und Tuch.
Groe mit Mandeln und Suckade symmetrisch besetzte Braune Kuchen lagen
abwechselnd mit massiven Marzipanbroten, die innen na waren vor
Frische, in langer Reihe auf dem Tische. Diejenigen Geschenke, die Frau
Permaneder angefertigt oder dekoriert hatte, ein Arbeitsbeutel, ein
Untersatz fr Blattpflanzen, ein Fukissen, waren mit groen
Atlasschleifen geziert.

Dann und wann besuchte man den kleinen Johann, legte den Arm um seinen
Matrosenkragen und nahm seine Geschenke mit der ironisch bertriebenen
Bewunderung in Augenschein, mit der man die Herrlichkeiten der Kinder zu
bestaunen pflegt. Nur Onkel Christian wute nichts von diesem
Erwachsenenhochmut, und seine Freude an dem Puppentheater, als er,
einen Brillantring am Finger, den er von seiner Mutter beschert bekommen
hatte, an Hannos Platz vorberschlenderte, unterschied sich gar nicht
von der seines Neffen.

Donnerwetter, das ist drollig! sagte er, indem er den Vorhang auf- und
niederzog und einen Schritt zurcktrat, um das szenische Bild zu
betrachten. Hast du dir das gewnscht? -- So, das hast du dir also
gewnscht, sagte er pltzlich, nachdem er eine Weile mit sonderbarem
Ernst und voll unruhiger Gedanken seine Augen hatte wandern lassen.
Warum? Wie kommst du auf den Gedanken? Bist du schon mal im Theater
gewesen?... Im Fidelio? Ja, das wird gut gegeben ... Und nun willst du
das nachmachen, wie? nachahmen, selbst Opern auffhren?... Hat es
solchen Eindruck auf dich gemacht?... Hr' mal, Kind, la dir raten,
hnge deine Gedanken nur nicht zu sehr an solche Sachen ... Theater ...
und sowas ... Das taugt nichts, glaube deinem Onkel. Ich habe mich auch
immer viel zu sehr fr diese Dinge interessiert, und darum ist auch
nicht viel aus mir geworden. Ich habe groe Fehler begangen, mut du
wissen...

Er hielt das seinem Neffen ernst und eindringlich vor, whrend Hanno
neugierig zu ihm aufsah. Dann jedoch, nach einer Pause, whrend welcher
in Betrachtung des Theaters sein knochiges und verfallenes Gesicht sich
aufhellte, lie er pltzlich eine Figur sich auf der Bhne vorwrts
bewegen und sang mit hohl krchzender und tremolierender Stimme: Ha,
welch grliches Verbrechen! worauf er den Sessel des Harmoniums vor
das Theater schob, sich setzte und eine Oper aufzufhren begann, indem
er, singend und gestikulierend, abwechselnd die Bewegungen des
Kapellmeisters und der agierenden Personen vollfhrte. Hinter seinem
Rcken versammelten sich mehrere Familienglieder, lachten, schttelten
den Kopf und amsierten sich. Hanno sah ihm mit aufrichtigem Vergngen
zu. Nach einer Weile aber, ganz berraschend, brach Christian ab. Er
verstummte, ein unruhiger Ernst berflog sein Gesicht, er strich mit der
Hand ber seinen Schdel und an seiner linken Seite hinab und wandte
sich dann mit krauser Nase und sorgenvoller Miene zum Publikum.

Ja, seht ihr, nun ist es wieder aus, sagte er; nun kommt wieder die
Strafe. Es rcht sich immer gleich, wenn ich mir mal einen Spa erlaube.
Es ist kein Schmerz, wit ihr, es ist eine Qual ... eine unbestimmte
Qual, weil hier alle Nerven zu kurz sind. Sie sind ganz einfach alle zu
kurz...

Aber die Verwandten nahmen diese Klagen ebensowenig ernst wie seine
Spe und antworteten kaum. Sie zerstreuten sich gleichgltig, und so
sa denn Christian noch eine Zeitlang stumm vor dem Theater, betrachtete
es mit schnellem und gedankenvollem Blinzeln und erhob sich dann.

Na, Kind, amsiere dich damit, sagte er, indem er ber Hannos Haar
strich. Aber nicht zu viel ... und vergi deine ernsten Arbeiten nicht
darber, hrst du? Ich habe viele Fehler gemacht ... Jetzt will ich aber
in den Klub ... Ich gehe ein bichen in den Klub! rief er den
Erwachsenen zu. Da feiern sie auch Weihnachten heut. Auf Wiedersehn.
Und mit steifen, krummen Beinen ging er durch die Sulenhalle von
dannen.

Alle hatten heute frher als sonst zu Mittag gegessen und sich daher mit
Tee und Biskuits ausgiebig bedient. Aber man war kaum damit fertig, als
groe Kristallschsseln mit einem gelben, krnigen Brei zum Imbi
herumgereicht wurden. Es war Mandelcreme, ein Gemisch aus Eiern,
geriebenen Mandeln und Rosenwasser, das ganz wundervoll schmeckte, das
aber, nahm man ein Lffelchen zuviel, die furchtbarsten Magenbeschwerden
verursachte. Dennoch, und obgleich die Konsulin bat, fr das Abendbrot
ein kleines Loch offen zu lassen, tat man sich keinen Zwang an. Was
Klothilde betraf, so vollfhrte sie Wunderdinge. Still und dankbar
lffelte sie die Mandelcreme, als wre es Buchweizengrtze. Zur
Erfrischung gab es auch Weingelee in Glsern, wozu englischer Plumkake
gegessen wurde. Nach und nach zog man sich ins Landschaftszimmer hinber
und gruppierte sich mit den Tellern um den Tisch.

Hanno blieb allein im Saale zurck, denn die kleine Elisabeth Weinschenk
war nach Hause gebracht worden, whrend er dieses Jahr zum ersten Male
zum Abendessen in der Mengstrae bleiben durfte, die Dienstmdchen und
die Hausarmen hatten sich mit ihren Geschenken zurckgezogen, und Ida
Jungmann plauderte in der Sulenhalle mit Riekchen Severin, obgleich
sie, als Erzieherin, der Jungfer gegenber gewhnlich eine strenge
gesellschaftliche Distanz innehielt. Die Lichte des groen Baumes waren
herabgebrannt und ausgelscht, so da die Krippe nun im Dunkel lag; aber
einzelne Kerzen an den kleinen Bumen auf der Tafel brannten noch, und
hie und da geriet ein Zweig in den Bereich eines Flmmchens, sengte
knisternd an und verstrkte den Duft, der im Saale herrschte. Jeder
Lufthauch, der die Bume berhrte, lie die Stcke Flittergoldes, die
daran befestigt waren, mit einem zart metallischen Gerusch erschauern.
Es war nun wieder still genug, die leisen Drehorgelklnge zu vernehmen,
die von einer fernen Strae durch den kalten Abend daherkamen.

Hanno geno die weihnachtlichen Dfte und Laute mit Hingebung. Er las,
den Kopf in die Hand gesttzt, in seinem Mythologiebuch, a mechanisch
und weil es zur Sache gehrte, Konfekt, Marzipan, Mandelcreme und
Plumkake, und die ngstliche Beklommenheit, die ein berfllter Magen
verursacht, vermischte sich mit der sen Erregung des Abends zu einer
wehmtigen Glckseligkeit. Er las von den Kmpfen, die Zeus zu bestehen
hatte, um zur Herrschaft zu gelangen, und horchte dann und wann einen
Augenblick ins Wohnzimmer hinber, wo man Tante Klothildens Zukunft
eingehend besprach.

Klothilde war weitaus die Glcklichste von allen an diesem Abend und
nahm die Gratulationen und Neckereien, die ihr von allen Seiten zuteil
wurden, mit einem Lcheln entgegen, das ihr aschgraues Gesicht
verklrte; ihre Stimme brach sich beim Sprechen vor freudiger Bewegung.
-- Sie war in das Johanniskloster aufgenommen worden. Der Senator
hatte ihr die Aufnahme unter der Hand im Verwaltungsrat erwirkt,
obgleich gewisse Herren heimlich ber Nepotismus gemurrt hatten. Man
unterhielt sich ber diese dankenswerte Institution, die den adeligen
Damenklstern in Mecklenburg, Dobberthien und Ribnitz entsprach und die
wrdige Altersversorgung mittelloser Mdchen aus verdienter und
alteingesessener Familie bezweckte. Der armen Klothilde war nun zu einer
kleinen, aber sicheren Rente verholfen, die sich mit den Jahren
steigern wrde, und fr ihr Alter, wenn sie in die hchste Klasse
aufgerckt sein wrde, sogar zu einer friedlichen und reinlichen Wohnung
im Kloster selbst...

Der kleine Johann verweilte ein wenig bei den Erwachsenen, aber er
kehrte bald in den Saal zurck, der nun, da er weniger licht erstrahlte
und mit seiner Herrlichkeit keine so verblffte Scheu mehr hervorrief
wie anfangs, einen Reiz von neuer Art ausbte. Es war ein ganz seltsames
Vergngen, wie auf einer halbdunklen Bhne nach Schlu der Vorstellung
darin umherzustreifen und ein wenig hinter die Kulissen zu sehen: die
Lilien des groen Tannenbaumes mit ihren goldnen Staubfden aus der Nhe
zu betrachten, die Tier- und Menschenfiguren des Krippenaufbaus in die
Hand zu nehmen, die Kerze ausfindig zu machen, die den transparenten
Stern ber Bethlehems Stall hatte leuchten lassen, und das lang
herabhngende Tafeltuch zu lften, um der Menge von Kartons und
Packpapieren gewahr zu werden, die unter dem Tisch aufgestapelt waren.

Auch gestaltete sich die Unterhaltung im Landschaftszimmer immer weniger
anziehend. Mit unentrinnbarer Notwendigkeit war allmhlich die eine,
unheimliche Angelegenheit Gegenstand des Gesprches geworden, ber die
man bislang dem festlichen Abend zu Ehren geschwiegen, die aber fast
keinen Augenblick aufgehrt hatte, alle Gemter zu beschftigen:
Direktor Weinschenks Proze. Hugo Weinschenk selbst hielt Vortrag
darber, mit einer gewissen wilden Munterkeit in Miene und Bewegungen.
Er berichtete ber Einzelheiten der nun durch das Fest unterbrochenen
Zeugenvernehmung, tadelte lebhaft die allzu bemerkbare Voreingenommenheit
des Prsidenten Doktor Philander und kritisierte mit souvernem Spott
den hhnischen Ton, den der Staatsanwalt Doktor Hagenstrm gegen ihn und
die Entlastungszeugen anzuwenden fr passend erachte. brigens habe
Breslauer verschiedene belastende Aussagen sehr witzig entkrftet und
ihn aufs bestimmteste versichert, da an eine Verurteilung vorlufig gar
nicht zu denken sei. -- Der Senator warf hie und da aus Hflichkeit eine
Frage ein, und Frau Permaneder, die mit emporgezogenen Schultern auf dem
Sofa sa, murmelte manchmal einen furchtbaren Fluch gegen Moritz
Hagenstrm. Die brigen aber schwiegen. Sie schwiegen so tief, da auch
der Direktor allmhlich verstummte; und whrend drben im Saale dem
kleinen Hanno die Zeit schnell wie im Himmelreiche verging, lagerte im
Landschaftszimmer eine schwere, beklommene, ngstliche Stille, die noch
fortherrschte, als um halb 9 Uhr Christian aus dem Klub, von der
Weihnachtsfeier der Junggesellen und Suitiers zurckkehrte.

Ein erkalteter Zigarrenstummel stak zwischen seinen Lippen, und seine
hageren Wangen waren gertet. Er kam durch den Saal und sagte, als er
ins Landschaftszimmer trat: Kinder, der Saal ist doch wunderhbsch!
Weinschenk, wir htten heute eigentlich Breslauer mitbringen sollen; so
was hat er sicher noch gar nicht gesehen.

Ein stiller, strafender Seitenblick traf ihn aus den Augen der Konsulin.
Er erwiderte ihn mit unbefangener und verstndnislos fragender Miene. --
Um neun Uhr ging man zu Tische.

Wie alljhrlich an diesem Abend war in der Sulenhalle gedeckt worden.
Die Konsulin sprach mit herzlichem Ausdruck das hergebrachte Tischgebet:

    Komm, Herr Jesus, sei unser Gast
    Und segne, was du uns bescheret hast.

woran sie, wie an diesem Abend ebenfalls blich, eine kleine, mahnende
Ansprache schlo, die hauptschlich aufforderte, aller derer zu
gedenken, die es an diesem heiligen Abend nicht so gut htten, wie die
Familie Buddenbrook ... Und als dies erledigt war, setzte man sich mit
gutem Gewissen zu einer nachhaltigen Mahlzeit nieder, die alsbald mit
Karpfen in aufgelster Butter und mit altem Rheinwein ihren Anfang nahm.

Der Senator schob ein paar Schuppen des Fisches in sein Portemonnaie,
damit whrend des ganzen Jahres das Geld nicht darin ausgehe; Christian
aber bemerkte trbe, das helfe ja doch nichts, und Konsul Krger
entschlug sich solcher Vorsichtsmaregeln, da er ja keine
Kursschwankungen mehr zu frchten habe und mit seinen anderthalb
Schillingen lngst im Hafen sei. Der alte Herr sa mglichst weit
entfernt von seiner Frau, mit der er seit Jahr und Tag beinahe kein Wort
mehr sprach, weil sie nicht aufhrte, dem enterbten Jakob, der in
London, Paris oder Amerika -- nur sie wute das bestimmt -- sein
entwurzeltes Abenteurerleben fhrte, heimlich Geld zuflieen zu lassen.
Er runzelte finster die Stirn, als beim zweiten Gange sich das Gesprch
den abwesenden Familienmitgliedern zuwandte und als er sah, wie die
schwache Mutter sich die Augen trocknete. Man erwhnte die in Frankfurt
und die in Hamburg, man gedachte auch ohne belwollen des Pastors
Tiburtius in Riga, und der Senator stie in aller Stille mit seiner
Schwester Tony auf die Gesundheit der Herren Grnlich und Permaneder an,
die in gewissem Sinne doch auch dazu gehrten...

Der Puter, gefllt mit einem Brei von Maronen, Rosinen und pfeln fand
das allgemeine Lob. Vergleiche mit denen frherer Jahre wurden
angestellt, und es ergab sich, da dieser seit langer Zeit der grte
war. Es gab gebratene Kartoffeln, zweierlei Gemse und zweierlei Kompott
dazu, und die kreisenden Schsseln enthielten Portionen, als ob es sich
bei jeder einzelnen von ihnen nicht um eine Beigabe und Zutat, sondern
um das Hauptgericht handelte, an dem alle sich sttigen sollten. Es
wurde alter Rotwein von der Firma Mllendorpf getrunken.

Der kleine Johann sa zwischen seinen Eltern und verstaute mit Mhe ein
weies Stck Brustfleisch nebst Farce in seinem Magen. Er konnte nicht
mehr soviel essen wie Tante Thilda, sondern fhlte sich mde und nicht
sehr wohl; er war nur stolz darauf, da er mit den Erwachsenen tafeln
durfte, da auch auf =seiner= kunstvoll gefalteten Serviette eins von
diesen kstlichen, mit Mohn bestreuten Milchbrtchen gelegen hatte, da
auch vor =ihm= drei Weinglser standen, whrend er sonst aus dem kleinen
goldenen Becher, dem Patengeschenk Onkel Krgers, zu trinken pflegte ...
Aber als dann, whrend Onkel Justus einen lgelben, griechischen Wein in
die kleinsten Glser zu schenken begann, die Eisbaisers erschienen --
rote, weie und braune -- wurde auch sein Appetit wieder rege. Er
verzehrte, obgleich es ihm fast unertrglich weh an den Zhnen tat, ein
rotes, dann die Hlfte eines weien, mute schlielich doch auch von den
braunen, mit Schokoladeeis gefllten, ein Stck probieren, knusperte
Waffeln dazu, nippte an dem sen Wein und hrte auf Onkel Christian,
der ins Reden gekommen war.

Er erzhlte von der Weihnachtsfeier im Klub, die sehr fidel gewesen sei.
Du lieber Gott! sagte er in jenem Tone, in dem er von Johnny
Thunderstorm zu sprechen pflegte. Die Kerls tranken Schwedischen Punsch
wie Wasser!

Pfui, bemerkte die Konsulin kurz und schlug die Augen nieder.

Aber er beachtete das nicht. Seine Augen begannen zu wandern, und
Gedanken und Erinnerungen waren so lebendig in ihm, da sie wie Schatten
ber sein hageres Gesicht huschten.

Wei jemand von euch, fragte er, wie es ist, wenn man zu viel
Schwedenpunsch getrunken hat? Ich meine nicht die Betrunkenheit, sondern
das, was am nchsten Tage kommt, die Folgen ... sie sind sonderbar und
widerlich ... ja, sonderbar und widerlich zu gleicher Zeit.

Grund genug, sie genau zu beschreiben, sagte der Senator.

_Assez_, Christian, dies interessiert uns durchaus nicht, sagte die
Konsulin.

Aber er berhrte es. Es war seine Eigentmlichkeit, da in solchen
Augenblicken keine Einrede zu ihm drang. Er schwieg eine Weile, und dann
pltzlich schien das, was ihn bewegte, zur Mitteilung reif zu sein.

Du gehst umher und fhlst dich bel, sagte er und wandte sich mit
krauser Nase an seinen Bruder. Kopfschmerzen und unordentliche
Eingeweide ... nun ja, das gibt es auch bei anderen Gelegenheiten. Aber
du fhlst dich =schmutzig=-- und Christian rieb mit gnzlich
verzerrtem Gesicht seine Hnde -- du fhlst dich schmutzig und
ungewaschen am ganzen Krper. Du wschst deine Hnde, aber es ntzt
nichts, sie fhlen sich feucht und unsauber an, und deine Ngel haben
etwas Fettiges ... Du badest dich, aber es hilft nichts, dein ganzer
Krper scheint dir klebrig und unrein. Dein ganzer Krper rgert dich,
reizt dich, du bist dir selbst zum Ekel ... Kennst du es, Thomas, kennst
du es?

Ja, ja! sagte der Senator mit abwehrender Handbewegung. Aber mit der
seltsamen Taktlosigkeit, die mit den Jahren immer mehr an Christian
hervortrat und ihn nicht daran denken lie, da diese Auseinandersetzung
von der ganzen Tafelrunde peinlich empfunden wurde, da sie in dieser
Umgebung und an diesem Abend nicht am Platze war, fuhr er fort, den
blen Zustand nach bermigem Genu von Schwedischem Punsch zu
schildern, bis er glaubte, ihn erschpfend charakterisiert zu haben und
allmhlich verstummte.

Bevor man zu Butter und Kse berging, ergriff die Konsulin noch einmal
das Wort zu einer kleinen Ansprache an die Ihrigen. Wenn auch nicht
alles, sagte sie, im Laufe der Jahre sich so gestaltet habe, wie man es
kurzsichtig und unweise erwnscht habe, so bleibe doch immer noch
bergenug des sichtbarlichen Segens brig, um die Herzen mit Dank zu
erfllen. Gerade der Wechsel von Glck und strenger Heimsuchung zeige,
da Gott seine Hand niemals von der Familie gezogen, sondern da er ihre
Geschicke nach tiefen und weisen Absichten gelenkt habe und lenke, die
ungeduldig ergrnden zu wollen man sich nicht erkhnen drfe. Und nun
wolle man, mit hoffenden Herzen, eintrchtig anstoen auf das Wohl der
Familie, auf ihre Zukunft, jene Zukunft, die da sein werde, wenn die
Alten und lteren unter den Anwesenden lngst in khler Erde ruhen
wrden ... auf die Kinder, denen das heutige Fest ja recht eigentlich
gehre...

Und da Direktor Weinschenks Tchterchen nicht mehr anwesend war, mute
der kleine Johann, whrend die Groen auch untereinander sich zutranken,
allein einen Umzug um die Tafel halten, um mit allen, von der Gromutter
bis zu Mamsell Severin hinab, anzustoen. Als er zu seinem Vater kam,
hob der Senator, indem er sein Glas dem des Kindes nherte, sanft Hannos
Kinn empor, um ihm in die Augen zu sehen ... Er fand nicht seinen Blick;
denn Hannos lange, goldbraune Wimpern hatten sich tief, tief, bis auf
die zart bluliche Umschattung seiner Augen gesenkt.

Therese Weichbrodt aber ergriff seinen Kopf mit beiden Hnden, kte ihn
mit leise knallendem Gerusch auf jede Wange und sagte mit einer
Betonung, so herzlich, da Gott ihr nicht widerstehen konnte: Sei
glcklich, du gutes Kend!

--Eine Stunde spter lag Hanno in seinem Bett, das jetzt in dem
Vorzimmer stand, welches man vom Korridor der zweiten Etage aus betrat,
und an das zur Linken das Ankleidekabinett des Senators stie. Er lag
auf dem Rcken, aus Rcksicht auf seinen Magen, der sich mit all dem,
was er im Laufe des Abends hatte in Empfang nehmen mssen, noch
keineswegs ausgeshnt hatte, und sah mit erregten Augen der guten Ida
entgegen, die, schon in der Nachtjacke, aus ihrem Zimmer kam und mit
einem Wasserglase vor sich in der Luft umrhrende Kreisbewegungen
beschrieb. Er trank das kohlensaure Natron rasch aus, schnitt eine
Grimasse und lie sich wieder zurckfallen.

Ich glaube, nun mu ich mich erst recht bergeben, Ida.

Ach wo, Hannochen. Nur still auf dem Rcken liegen ... Aber siehst du
wohl? Wer hat dir mehrmals zugewinkt? Und wer nicht folgen wollt', war
das Jungchen...

Ja, ja, vielleicht geht es auch gut ... Wann kommen die Sachen, Ida?

Morgen frh, mein Jungchen.

Da sie hier hereingesetzt werden! Da ich sie gleich habe!

Schon gut, Hannochen, aber erst mal ausschlafen. Und sie kte ihn,
lschte das Licht und ging.

Er war allein, und whrend er still liegend sich der segenvollen Wirkung
des Natrons berlie, entzndete sich vor seinen geschlossenen Augen der
Glanz des Bescherungssaales aufs neue. Er sah sein Theater, sein
Harmonium, sein Mythologiebuch und hrte irgendwo in der Ferne das
Jauchze laut, Jerusalem der Chorknaben. Alles flimmerte. Ein mattes
Fieber summte in seinem Kopfe, und sein Herz, das von dem revoltierenden
Magen ein wenig beengt und bengstigt wurde, schlug langsam, stark und
unregelmig. In einem Zustand von Unwohlsein, Erregtheit,
Beklommenheit, Mdigkeit und Glck lag er lange und konnte nicht
schlafen.

Morgen kam der dritte Weihnachtsabend an die Reihe, die Bescherung bei
Therese Weichbrodt, und er freute sich darauf als auf ein kleines
burleskes Spiel. Therese Weichbrodt hatte im vorigen Jahre ihr Pensionat
gnzlich aufgegeben, so da nun Madame Kethelsen das Stockwerk und sie
selbst das Erdgescho des kleinen Hauses am Mhlenbrink allein bewohnte.
Die Beschwerden nmlich, die ihr miglckter und gebrechlicher kleiner
Krper ihr verursachte, hatten mit den Jahren zugenommen, und in aller
Sanftmut und christlichen Bereitwilligkeit nahm Sesemi Weichbrodt an,
da ihre Abberufung nahe bevorstehe. Daher hielt sie auch seit mehreren
Jahren schon jedes Weihnachtsfest fr ihr letztes und suchte der Feier,
die sie in ihren kleinen, frchterlich berheizten Stuben veranstaltete,
so viel Glanz zu verleihen, wie in ihren schwachen Krften stand. Da sie
nicht viel zu kaufen vermochte, so verschenkte sie jedes Jahr einen
neuen Teil ihrer bescheidenen Habseligkeiten und baute unter dem Baume
auf, was sie nur entbehren konnte: Nippsachen, Briefbeschwerer,
Nadelkissen, Glasvasen und Bruchstcke ihrer Bibliothek, alte Bcher in
drolligen Formaten und Einbnden, das Geheime Tagebuch von einem
Beobachter Seiner Selbst, Hebels Alemannische Gedichte, Krummachers
Parabeln ... Hanno besa schon von ihr eine Ausgabe der _Penses de
Blaise Pascal_, die so winzig war, da man nicht ohne Vergrerungsglas
darin lesen konnte.

Bischof gab es in unberwindlichen Mengen und die mit Ingwer
bereiteten braunen Kuchen Sesemis waren ungeheuer schmackhaft. Niemals
aber, dank der bebenden Hingabe, mit der Frulein Weichbrodt jedesmal
ihr letztes Weihnachtsfest beging, niemals verflo dieser Abend, ohne
da eine berraschung, ein Malheur, irgendeine kleine Katastrophe sich
ereignet htte, die die Gste zum Lachen brachte und die stumme
Leidenschaftlichkeit der Wirtin noch erhhte. Eine Kanne mit Bischof
strzte und berschwemmte alles mit der roten, sen, wrzigen
Flssigkeit ... Oder es fiel der geputzte Baum von seinen hlzernen
Fen, genau in dem Augenblick, wenn man feierlich das Bescherungszimmer
betrat ... Im Einschlafen sah Hanno den Unglcksfall des vorigen Jahres
vor Augen: Es war unmittelbar vor der Bescherung. Therese Weichbrodt
hatte mit soviel Nachdruck, da alle Vokale ihre Pltze gewechselt
hatten, das Weihnachtskapitel verlesen und trat nun von ihren Gsten
zurck zur Tr, um von hier aus eine kleine Ansprache zu halten. Sie
stand auf der Schwelle, bucklig, winzig, die alten Hnde vor ihrer
Kinderbrust zusammengelegt; die grnseidnen Bnder ihrer Haube fielen
auf ihre zerbrechlichen Schultern, und zu ihren Hupten, ber der Tr,
lie ein mit Tannenzweigen umkrnztes Transparent die Worte leuchten.
Ehre sei Gott in der Hhe! Und Sesemi sprach von Gottes Gte, sie
erwhnte, da dies ihr letztes Weihnachtsfest sei und schlo damit, da
sie alle mit des Apostels Worten zur Frhlichkeit aufforderte, wobei sie
von oben bis unten erzitterte, so sehr nahm ihr ganzer kleiner Krper
Anteil an dieser Mahnung. Freuet euch! sagte sie, indem sie den Kopf
auf die Seite legte und ihn heftig schttelte. Und abermals sage ich:
Freuet euch! In diesem Augenblick aber ging ber ihr mit einem
puffenden, fauchenden und knisternden Gerusch das ganze Transparent
in Flammen auf, so da Mademoiselle Weichbrodt mit einem kleinen
Schreckenslaut und einem Sprunge von ungeahnter und pittoresker
Behendigkeit sich dem Funkenregen entziehen mute, der auf sie
herniederging...

Hanno erinnerte sich dieses Sprunges, den das alte Mdchen vollfhrt
hatte, und whrend mehrerer Minuten lachte er ganz ergriffen, irritiert
und nervs belustigt, leise und unterdrckt in sein Kissen hinein.


Neuntes Kapitel

Frau Permaneder ging die Breite Strae entlang, sie ging in groer Eile.
Etwas Aufgelstes lag in ihrer Haltung, und nur flchtig war mit
Schultern und Haupt die majesttische Wrde angedeutet, die sonst auf
der Strae ihre Gestalt umgab. Bedrngt, gehetzt und in hchster Eile,
hatte sie gleichsam nur ein wenig davon zusammengerafft, wie ein
geschlagener Knig den Rest seiner Truppen an sich zieht, um sich mit
ihm in die Arme der Flucht zu werfen...

Ach, sie sah nicht gut aus! Ihre Oberlippe, diese etwas hervorstehende
und gewlbte Oberlippe, die ehemals dazu beigetragen hatte, ihr Gesicht
so hbsch zu machen, bebte jetzt, ihre Augen waren angstvoll vergrert
und blickten mit einem exaltierten Zwinkern, gleichsam vorwrts hastend,
geradeaus ... ihre Frisur kam sichtlich zerzaust unter dem Kapotthut
hervor, und ihr Antlitz zeigte jene mattgelbliche Frbung, die es
annahm, wenn der Zustand ihres Magens sich verschlechterte.

Ja, es stand schlecht um ihren Magen in dieser Zeit; an den Donnerstagen
konnte die gesamte Familie die Verschlimmerung beobachten. Wie man die
Klippe zu vermeiden suchte -- das Gesprch strandete an dem Proze Hugo
Weinschenks, Frau Permaneder selbst fhrte es unwiderstehlich darauf zu;
und dann begann sie zu fragen, Gott und alle Welt furchtbar erregt um
Antwort anzugehen, wie es mglich sei, da Staatsanwalt Moritz
Hagenstrm nachts ruhig schlafen knne! Sie begriff es nicht, sie wrde
es niemals fassen ... und dabei wuchs ihre Aufregung bei jedem Worte.
Ich danke, ich esse nichts, sagte sie und schob alles von sich, indem
sie die Schultern erhob, den Kopf zurcklegte und sich einsam auf die
Hhe ihrer Entrstung zurckzog, um nichts als Bier zu sich zu nehmen,
kaltes, bayerisches Bier, das sie seit der Zeit ihrer Mnchener Ehe zu
trinken gewhnt war, in ihren leeren Magen hinabzugieen, dessen Nerven
in Aufruhr waren, und der sich bitter rchte. Denn gegen Ende der
Mahlzeit mute sie sich erheben, in den Garten oder den Hof hinuntergehen
und dort, gesttzt auf Ida Jungmann oder Riekchen Severin, die
frchterlichsten belkeiten erdulden. Ihr Magen entledigte sich seines
Inhaltes und fuhr dann fort, sich qualvoll zusammenzuziehen, um in
diesem Krampfzustande minutenlang zu verharren; unfhig, noch etwas von
sich zu geben, wrgte und litt sie so lange Zeit...

Es war etwa 3 Uhr nachmittags, ein windiger, regnerischer Januartag. Als
Frau Permaneder zur Ecke der Fischergrube gelangt war, bog sie ein und
eilte die abschssige Strae hinunter und in das Haus ihres Bruders.
Nach hastigem Klopfen trat sie vom Flur aus in das Kontor, lie ihren
Blick ber die Pulte hin zu dem Fensterplatz des Senators fliegen und
machte eine so bittende Kopfbewegung, da Thomas Buddenbrook
unverzglich die Feder beiseite legte und ihr entgegenging.

Nun? fragte er, indem er eine Braue emporzog...

Einen Augenblick, Thomas ... etwas Dringendes ... es duldet keinen
Aufschub...

Er ffnete ihr die gepolsterte Tr zu seinem Privatbro, zog sie hinter
sich zu, als sie beide eingetreten waren, und sah seine Schwester
fragend an.

Tom, sagte sie mit wankender Stimme und rang die Hnde in ihrer
Pelzmuff, du mut es hergeben ... vorlufig auslegen ... du mut sie,
bitte, stellen, die Kaution ... Wir haben sie nicht ... Woher sollten
wir jetzt fnfundzwanzigtausend Kurantmark nehmen?... Du wirst sie voll
und ganz zurckbekommen ... ach, wohl nur zu bald ... du verstehst
... es ist eingetreten, da ... kurz, der Proze ist auf dem
Punkte, da Hagenstrm sofortige Verhaftung oder eine Kaution von
fnfundzwanzigtausend Kurantmark beantragt hat. Und Weinschenk gibt dir
sein Ehrenwort, an Ort und Stelle zu bleiben...

Ist es wirklich so weit gekommen, sagte der Senator kopfschttelnd.

Ja, dahin haben sie es gebracht, die Schurken, die Elenden...! Und
mit einem Aufschluchzen ohnmchtigen Zornes sank Frau Permaneder in den
mit Wachstuch berzogenen Sessel, der neben ihr stand. Und sie werden
es noch weiterbringen, Tom, sie werden es bis ans Ende fhren...

Tony, sagte er und setzte sich schrg vor den Mahagonischreibtisch,
schlug ein Bein ber das andere und sttzte den Kopf in die Hand ...
Sprich aufrichtig, glaubst du noch an seine Unschuld?

Sie schluchzte ein paarmal und antwortete dann leise und verzweifelt:
Ach, nein, Tom ... Wie knnte ich das wohl? Gerade ich, die soviel
Bses erleben mute? Ich habe es von Anfang an nicht recht gekonnt,
obgleich ich mich so ehrlich bemht habe. Das Leben, weit du, macht es
einem so furchtbar schwer, an die Unschuld irgendeines Menschen zu
glauben ... Ach nein, mich haben schon seit langem Zweifel an seinem
guten Gewissen geqult, und Erika selbst ... sie ist irre an ihm
geworden ... sie hat es mir mit Weinen gestanden ... irre an ihm
geworden durch sein Betragen zu Hause. Wir haben natrlich geschwiegen
... Seine Auenseite wurde immer rauher ... und dabei verlangte er immer
strenger, da Erika heiter sein und seine Sorgen zerstreuen sollte und
zerschlug Geschirr, wenn sie ernst war. Du weit nicht, wie es war, wenn
er sich spt abends noch stundenlang mit seinen Akten einschlo ... und
wenn man klopfte, so hrte man, wie er aufsprang und rief: `Wer ist da!
Was ist da!...

Sie schwiegen.

Aber mge er doch schuldig sein! Mge er sich doch vergangen haben!
begann Frau Permaneder aufs neue, und hierbei schwoll ihre Stimme an.
Er hat nicht fr seine Tasche gearbeitet, sondern fr die der
Gesellschaft; und dann ... Herr du mein Gott, es gibt doch Rcksichten
zu beobachten in diesem Leben, Tom! Er hat nun einmal in unsere Familie
hineingeheiratet ... er gehrt nun einmal zu uns ... Man kann einen von
uns doch nicht ins Gefngnis sperren, grundgtiger Himmel!...

Er zuckte die Achseln.

Du zuckst die Achseln, Tom ... Du bist also willens, es zu dulden, es
hinzunehmen, da dieses Geschmei sich erfrecht, der Sache die Krone
aufzusetzen? Man mu doch irgend etwas tun! Er darf doch nicht
verurteilt werden!... Du bist doch des Brgermeisters rechte Hand ...
mein Gott, kann der Senat ihn denn nicht sofort begnadigen?... Ich will
dir sagen ... eben, bevor ich zu dir kam, war ich im Begriffe, zu Cremer
zu gehen und ihn auf alle Weise anzuflehen, er mge intervenieren, mge
in die Sache eingreifen ... Er ist Polizeichef...

Oh, Kind, was fr Torheiten.

Torheiten, Tom? -- Und Erika? Und das Kind? sagte sie und hob ihm
flehend die Muff entgegen, in der ihre beiden Hnde steckten. Dann
schwieg sie einen Augenblick und lie die Arme sinken; ihr Mund
verbreiterte sich, ihr Kinn, das sich kraus zusammenzog, geriet in
zitternde Bewegung, und whrend unter ihren gesenkten Lidern zwei groe
Trnen hervorquollen, fgte sie ganz leise hinzu: Und ich...?

Oh, Tony, Courage! sagte der Senator, und gerhrt und ergriffen von
ihrer Hilflosigkeit rckte er ihr nahe, um ihr trstend das Haar
zurckzustreichen. Noch ist nicht aller Tage Abend. Noch ist er ja
nicht verurteilt. Es kann ja alles gut gehen. Jetzt stelle ich erst
einmal die Kaution, ich sage natrlich nicht nein dazu. Und dann ist
Breslauer ja ein schlauer Mensch...

Sie schttelte weinend den Kopf.

Nein, Tom, es wird nicht gut gehen, ich glaube nicht daran. Sie werden
ihn verurteilen und einstecken, und dann kommt eine schwere Zeit fr
Erika und das Kind und mich. Ihre Mitgift ist nicht mehr da, sie steckt
in der Ausstattung, in den Mbeln und den Bildern ... und beim Verkaufe
bekommt man kaum ein Viertel heraus ... Und das Gehalt haben wir immer
verbraucht ... Weinschenk hat nichts zurckgelegt. Wir werden wieder zu
Mutter ziehen, wenn sie es erlaubt, bis er wieder auf freiem Fue ist
... und dann wird es beinahe noch schlimmer, denn wohin dann mit ihm und
uns?... Wir knnen einfach auf den Steinen sitzen, sagte sie
schluchzend.

Auf den Steinen?

Nun ja, das ist eine Redewendung ... eine bildliche ... Ach nein, es
wird nicht gut gehen. Auf mich ist zu vieles herabgekommen ... ich wei
nicht, womit ich es verdient habe ... aber ich kann nicht mehr hoffen.
Nun wird es Erika ergehen, wie es mir mit Grnlich und Permaneder
ergangen ist ... Aber jetzt kannst du es sehen, jetzt kannst du es aus
nchster Nhe beurteilen, wie es ist, wie es kommt, wie es ber einen
hereinbricht! Kann man nun etwas dafr? Tom, ich bitte dich, kann man
nun etwas dafr! wiederholte sie und nickte ihm trostlos fragend, mit
groen, trnenvollen Augen zu. Alles ist fehlgeschlagen und hat sich
zum Unglck gewandt, was ich unternommen habe ... Und ich habe so gute
Absichten gehabt, Gott wei es!... Ich habe immer so innig gewnscht, es
zu etwas zu bringen im Leben und ein bichen Ehre einzulegen ... Nun
bricht auch dies zusammen. So mu es enden ... Das Letzte...

Und an seinen Arm gelehnt, den er besnftigend um sie gelegt hatte,
weinte sie ber ihr verfehltes Leben, in dem nun die letzten Hoffnungen
erloschen waren.

                   *       *       *       *       *

Eine Woche spter ward Direktor Hugo Weinschenk zu einer Gefngnisstrafe
von drei Jahren und einem halben verurteilt und sofort in Haft genommen.

Der Andrang zu der Sitzung, welche die Plaidoyers gebracht hatte, war
sehr gro gewesen, und Rechtsanwalt Doktor Breslauer aus Berlin hatte
geredet, wie man niemals einen Menschen hatte reden hren. Der Makler
Sigismund Gosch ging wochenlang zischend vor Begeisterung ber diese
Ironie, dieses Pathos, diese Rhrung umher, und Christian Buddenbrook,
der ebenfalls zugegen gewesen war, stellte sich im Klub hinter einen
Tisch, legte ein Paket Zeitungen als Akten vor sich hin und lieferte
eine vollendete Kopie des Verteidigers. brigens erklrte er zu Hause,
die Jurisprudenz sei der schnste Beruf, ja, das wre ein Beruf fr ihn
gewesen ... Selbst Staatsanwalt Doktor Hagenstrm, der ja ein Schngeist
war, tat private uerungen, die dahin gingen, da Breslauers Rede ihm
einen wirklichen Genu bereitet habe. Aber das Talent des berhmten
Advokaten hatte nicht gehindert, da die Juristen der Stadt ihm auf die
Schulter geklopft und ihm in aller Bonhomie mitgeteilt hatten, sie
lieen sich nichts weis machen...

Dann, nachdem die Verkufe, die nach des Direktors Verschwinden
notwendig wurden, beendet waren, begann man in der Stadt Hugo Weinschenk
zu vergessen. Aber die Damen Buddenbrook aus der Breiten Strae
bekannten nun Donnerstags an der Familientafel: sofort, beim ersten
Anblicke dieses Mannes htten sie es ihm an den Augen angesehen, da mit
ihm nicht alles in Ordnung sei, da sein Charakter voller Makel sein
msse, und da es kein gutes Ende mit ihm nehmen werde. Rcksichten, die
nicht lieber auer acht gelassen zu haben sie jetzt bedauerten, htten
sie veranlat, ber diese traurige Erkenntnis Stillschweigen zu
beobachten.




Neunter Teil


Erstes Kapitel

Hinter den beiden Herren, dem alten Doktor Grabow und dem jungen Doktor
Langhals, einem Angehrigen der Familie Langhals, der etwa seit einem
Jahre in der Stadt praktizierte, trat Senator Buddenbrook aus dem
Schlafzimmer der Konsulin in das Frhstckszimmer und schlo die Tr.

Darf ich Sie bitten, meine Herren ... auf einen Augenblick, sagte er
und fhrte sie die Treppe hinauf, ber den Korridor und durch die
Sulenhalle ins Landschaftszimmer, wo des feuchten und kalten
Herbstwetters wegen schon geheizt war. Meine Spannung wird Ihnen
begreiflich sein ... nehmen Sie Platz! Beruhigen Sie mich, wenn es
irgend mglich ist!

Potztausend, mein lieber Senator! antwortete Doktor Grabow, der sich,
das Kinn in der Halsbinde, bequem zurckgelehnt hatte und die Hutkrempe
mit beiden Hnden gegen seinen Magen gestemmt hielt, whrend Doktor
Langhals, ein untersetzter, brnetter Herr mit spitzgeschnittenem Bart,
aufrecht stehendem Haar, schnen Augen und einem eitlen
Gesichtsausdruck, seinen Zylinder neben sich auf den Teppich gestellt
hatte und seine auerordentlich kleinen, schwarzbehaarten Hnde
betrachtete ... Fr irgendwelche ernstliche Beunruhigung ist natrlich
frs erste platterdings keine Ursache vorhanden; ich bitte Sie ... eine
Patientin von der verhltnismigen Widerstandskraft unserer verehrten
Frau Konsulin ... Meiner Treu, als gedienter Ratgeber kenne ich diese
Widerstandskraft. Fr ihre Jahre wirklich erstaunlich ... was ich Ihnen
sage...

Ja, eben, in ihren Jahren..., sagte der Senator unruhig und drehte an
der langen Spitze seines Schnurrbartes.

Ich sage natrlich nicht, da Ihre liebe Frau Mutter wird morgen wieder
spazierengehen knnen, fuhr Doktor Grabow sanftmtig fort. Diesen
Eindruck wird die Patientin nicht auf Sie gemacht haben, lieber Senator.
Es ist ja nicht zu leugnen, da der Katarrh seit vierundzwanzig Stunden
eine rgerliche Wendung genommen hat. Der Schttelfrost gestern abend
gefiel mir nicht recht, und heute gibt es da nun wahrhaftig ein bichen
Seitenstechen und Kurzluftigkeit. Etwas Fieber ist auch vorhanden -- oh,
unbedeutend, aber es ist Fieber. Kurz, lieber Senator, man mu sich wohl
mit der vertrakten Tatsache abfinden, da die Lunge ein bichen
affiziert ist...

Lungenentzndung also? fragte der Senator und blickte von einem Arzte
zum andern...

Ja, -- _Pneumonia_, sagte Doktor Langhals mit ernster und korrekter
Verbeugung.

Allerdings, eine kleine, rechtsseitige Lungenentzndung, antwortete
der Hausarzt, die wir sehr sorgfltig zu lokalisieren trachten
mssen...

Danach ist immerhin Grund zu ernster Besorgnis vorhanden? Der Senator
sa ganz still und sah dem Sprechenden unverwandt ins Gesicht.

Besorgnis? O ... wir mssen, wie gesagt, darum besorgt sein, die
Erkrankung einzuschrnken, den Husten zu mildern, dem Fieber zu Leibe zu
gehen ... nun, das Chinin wird seine Schuldigkeit tun ... Und dann noch
eins, lieber Senator ... Keine Schreckhaftigkeit den einzelnen Symptomen
gegenber, nicht wahr? Sollte sich die Atemnot ein wenig verstrken,
sollte in der Nacht vielleicht etwas Delirium stattfinden, oder morgen
ein bichen Auswurf sich einstellen ... wissen Sie, so ein
rotbrunlicher Auswurf, wenn auch Blut dabei ist ... Das ist alles
durchaus logisch, durchaus zur Sache gehrig, durchaus normal. Bereiten
Sie, bitte, auch unsere liebe, verehrte Madame Permaneder darauf vor,
die ja die Pflege mit soviel Hingebung leitet ... _A propos_, wie geht
es ihr? Ich habe ganz und gar zu fragen vergessen, wie es in den letzten
Tagen mit ihrem Magen gewesen ist...

Wie gewhnlich. Ich wei nichts Neues. Die Sorge um ihr Befinden tritt
ja jetzt naturgem etwas zurck...

Versteht sich. brigens ... mir kommt dabei ein Gedanke. Ihre Frau
Schwester hat Ruhe ntig, besonders in der Nacht, und Mamsell Severin
allein drfte doch wohl nicht ausreichen ... wie wre es mit einer
Pflegerin, lieber Senator? Wir haben da unsere guten katholischen Grauen
Schwestern, fr die Sie immer so wohlwollend eintreten ... Die Schwester
Oberin wird sich freuen, Ihnen dienen zu knnen.

Sie halten das also fr ntig?

Ich bringe es in Vorschlag. Es ist so angenehm ... Die Schwestern sind
unschtzbar. Sie wirken mit ihrer Erfahrenheit und Besonnenheit so
beruhigend auf die Kranken ... gerade bei diesen Krankheiten, die, wie
gesagt, mit einer Reihe von etwas unheimlichen Symptomen verbunden sind
... Also, um es zu wiederholen: ruhig Blut, nicht wahr, mein lieber
Senator? brigens werden wir ja sehen ... wir werden ja sehen ... Wir
sprechen ja heute abend noch einmal vor...

Zuversichtlich, sagte Doktor Langhals, nahm seinen Zylinder und erhob
sich gleichzeitig mit seinem lteren Kollegen. Aber der Senator blieb
noch sitzen, er war noch nicht fertig, hatte noch eine Frage im Sinne,
wollte noch eine Probe machen...

Meine Herren, sagte er, ein Wort noch ... Mein Bruder Christian ist
nervs, kurz, vertrgt nicht viel ... Raten Sie mir, ihm von der
Erkrankung Mitteilung zu machen? Ihm vielleicht ... die Rckkehr
nahezulegen--?

Ihr Bruder Christian ist nicht in der Stadt?

Nein, in Hamburg. Vorbergehend. In Geschften, soviel ich weiߠ...

Doktor Grabow warf seinem Kollegen einen Blick zu; dann schttelte er
dem Senator lachend die Hand und sagte: Also lassen wir ihn ruhig bei
seinen Geschften! Warum ihn unntz erschrecken? Sollte irgendeine
Wendung in dem Befinden eintreten, die seine Anwesenheit wnschenswert
macht, sagen wir: um die Patientin zu beruhigen, ihre Stimmung zu heben
... nun, so wird ja immer noch Zeit sein ... immer noch Zeit...

Whrend die Herren ber Sulenhalle und Korridor zurckgingen und auf
dem Treppenabsatz ein Weilchen stehenblieben, sprachen sie ber andere
Dinge, ber Politik, ber die Erschtterungen und Umwlzungen des kaum
beendeten Krieges...

Nun, jetzt kommen gute Zeiten, wie, Herr Senator? Geld im Lande ... Und
frische Stimmung weit und breit...

Und der Senator stimmte dem halb und halb bei. Er besttigte, da der
Ausbruch des Krieges den Verkehr in Getreide von Ruland zu groem
Aufschwung gebracht habe und erwhnte der groen Dimensionen, die damals
der Haferimport, zum Zwecke der Armeelieferung angenommen habe. Aber der
Profit habe sich sehr ungleich verteilt...

Die rzte gingen, und Senator Buddenbrook wandte sich, um noch einmal in
das Krankenzimmer zurckzukehren. Er berlegte, was Grabow gesagt hatte
... Es hatte soviel Hinterhltiges darin gelegen ... Man hatte gefhlt,
wie er sich vor einer entschiedenen uerung htete. Das einzige klare
Wort war Lungenentzndung gewesen, und dieses Wort wurde nicht
trstlicher dadurch, da Doktor Langhals es in die Sprache der
Wissenschaft bersetzt hatte. Lungenentzndung in den Jahren der
Konsulin ... Schon, da es zwei rzte waren, die kamen und gingen, gab
der Sache einen beunruhigenden Aspekt. Grabow hatte das ganz leichthin
und fast unmerklich arrangiert. Er gedenke, sich ber kurz oder lang zur
Ruhe zu setzen, hatte er gesagt, und da der junge Langhals berufen sei,
seine Praxis zu bernehmen, so mache er -- Grabow -- sich ein Vergngen
daraus, ihn hie und da schon jetzt heranzuziehen und einzufhren...

Als der Senator in das halbdunkle Schlafzimmer trat, war seine Miene
munter und seine Haltung energisch. Er war so gewhnt daran, Sorge und
Mdigkeit unter einem Ausdruck von berlegener Sicherheit zu verbergen,
da beim ffnen der Tr diese Maske beinahe von selbst infolge eines
ganz kurzen Willensaktes ber sein Gesicht geglitten war.

Frau Permaneder sa an dem Himmelbett, dessen Vorhnge zurckgeschlagen
waren, und hielt die Hand ihrer Mutter, die, von Kissen gesttzt, den
Kopf dem Eintretenden zuwandte und ihm mit ihren hellblauen Augen
forschend ins Gesicht sah. Es war ein Blick voll beherrschter Ruhe und
von angespannter, unausweichlicher Eindringlichkeit, der, da er ein
wenig von der Seite kam, beinahe etwas Lauerndes hatte. Abgesehen von
der Blsse der Haut, die auf den Wangen ein paar Flecke von fieberiger
Rte hervortreten lie, zeigte dies Gesicht durchaus keine Mattigkeit
und Schwche. Die alte Dame war sehr aufmerksam bei der Sache,
aufmerksamer noch als ihre Umgebung, denn am Ende war sie die zunchst
Beteiligte. Sie mitraute dieser Krankheit und war ganz und gar nicht
gewillt, sich aufs Ohr zu legen und den Dingen nachgiebig ihren Lauf zu
lassen...

Was haben sie gesagt, Thomas? fragte sie mit so bestimmter und
lebhafter Stimme, da sich sofort ein heftiger Husten einstellte, den
sie mit geschlossenen Lippen zurckzuhalten suchte, der aber hervorbrach
und sie zwang, die Hand gegen ihre rechte Seite zu pressen.

Sie haben gesagt, antwortete der Senator, als der Anfall vorber war,
und streichelte ihre Hand ... Sie haben gesagt, da unsere gute Mutter
in ein paar Tagen wieder auf den Fen sein wird. Da du das noch nicht
kannst, weit du, das liegt daran, da dieser dumme Husten natrlich die
Lunge ein bichen angegriffen hat ... es ist nicht gerade
Lungenentzndung, sagte er, da er sah, da ihr Blick noch
eindringlicher wurde ... obgleich ja auch das noch nicht das Ende aller
Dinge wre, ach, da gibt es Schlimmeres! Kurz, die Lunge ist etwas
gereizt, sagen die beiden, und damit mgen sie wohl recht haben ... Wo
ist denn die Severin?

Zur Apotheke, sagte Frau Permaneder.

Seht ihr, die ist schon wieder in der Apotheke, und du, Tony, siehst
aus, als wolltest du jeden Augenblick einschlafen. Nein, das geht nicht
lnger. Wenn es auch nur fr ein paar Tage ist ... wir mssen eine
Pflegerin hier haben, meint ihr nicht auch? Wartet, ich lasse jetzt
gleich bei meiner Grauen-Schwester-Oberin anfragen, ob eine disponibel
ist...

Thomas, sagte die Konsulin jetzt mit behutsamer Stimme, um den
Hustenreiz nicht wieder zu entfesseln, glaube mir, du erregst Ansto
mit deiner bestndigen Protektion der Katholischen gegenber den
Schwarzen Protestantischen. Du hast den einen direkte Vorteile
verschafft und tust nichts fr die anderen. Ich versichere dich, Pastor
Pringsheim hat sich neulich mit deutlichen Worten bei mir darber
beklagt...

Ja, das ntzt ihm gar nichts. Ich bin berzeugt, da die Grauen
Schwestern treuer, hingebender, aufopferungsfhiger sind als die
Schwarzen. Diese Protestantinnen, das ist nicht das Wahre. Das will sich
alles bei erster Gelegenheit verheiraten ... Kurzum, sie sind irdisch,
egoistisch, ordinr ... Die Grauen sind degagierter, ja, ganz sicher,
sie stehen dem Himmel nher. Und gerade, weil sie mir Dank schulden,
sind sie vorzuziehen. Was ist Schwester Leandra uns nicht gewesen, als
Hanno Zahnkrmpfe hatte! Ich will nur hoffen, da sie frei ist...

Und Schwester Leandra kam. Sie legte still ihre kleine Handtasche, ihren
Umhang und die graue Haube ab, die sie ber der weien trug, und ging,
whrend der Rosenkranz, der an ihrem Grtel hing, leise klapperte, mit
sanften und freundlichen Worten und Bewegungen an ihre Arbeit. Sie
pflegte die verwhnte und nicht immer geduldige Kranke Tag und Nacht und
zog sich dann stumm und fast beschmt ber die menschliche Schwche, der
sie unterlag, zurck, um sich von einer anderen Schwester ablsen zu
lassen, zu Hause ein wenig zu schlafen und dann zurckzukehren.

Denn die Konsulin verlangte bestndigen Dienst an ihrem Bette. Je mehr
sich ihr Zustand verschlimmerte, desto mehr wandte sich ihr ganzes
Denken, ihr ganzes Interesse ihrer Krankheit zu, die sie mit Furcht und
einem offenkundigen, naiven Ha beobachtete. Sie, die ehemalige
Weltdame, mit ihrer stillen, natrlichen und dauerhaften Liebe zum
Wohlleben und zum Leben berhaupt, hatte ihre letzten Jahre mit
Frmmigkeit und Wohlttigkeit erfllt ... warum? Vielleicht nicht nur
aus Piett gegen ihren verstorbenen Gatten, sondern auch aus dem
unbewuten Triebe, den Himmel mit ihrer starken Vitalitt zu vershnen
und ihn zu veranlassen, ihr dereinst trotz ihrer zhen Anhnglichkeit an
das Leben einen sanften Tod zu vergnnen? Aber sie konnte nicht sanft
sterben. Manches schmerzlichen Erlebnisses ungeachtet war ihre Gestalt
vollstndig ungebeugt und ihr Auge klar geblieben. Sie liebte es, gute
Mahlzeiten zu halten, sich vornehm und reich zu kleiden, das
Unerfreuliche, was um sie her bestand oder geschah, zu bersehen, zu
vertuschen und wohlgefllig an dem hohen Ansehen teilzunehmen, das ihr
ltester Sohn sich weit und breit verschafft hatte. Diese Krankheit,
diese Lungenentzndung war in ihren aufrechten Krper eingebrochen, ohne
da irgendwelche seelische Vorarbeit ihr das Zerstrungswerk erleichtert
htte ... jene Minierarbeit des Leidens, die uns langsam und unter
Schmerzen dem Leben selbst oder doch den Bedingungen entfremdet, unter
denen wir es empfangen haben, und in uns die se Sehnsucht nach einem
Ende, nach anderen Bedingungen oder nach dem Frieden erweckt ... Nein,
die alte Konsulin fhlte wohl, da sie trotz der christlichen
Lebensfhrung ihrer letzten Jahre nicht eigentlich bereit war, zu
sterben, und der unbestimmte Gedanke, da, sollte dies ihre letzte
Krankheit sein, diese Krankheit ganz selbstndig, in letzter Stunde und
in grlicher Eile, mit Krperqualen ihren Widerstand zerbrechen und die
Selbstaufgabe herbeifhren msse, erfllte sie mit Angst.

Sie betete viel; aber fast noch mehr berwachte sie, sooft sie bei
Besinnung war, ihren Zustand, fhlte selbst ihren Puls, ma ihr Fieber,
bekmpfte ihren Husten ... Der Puls aber ging schlecht, das Fieber stieg
desto hher, nachdem es ein wenig gefallen war und warf sie aus
Schttelfrsten in hitzige Delirien, der Husten, der mit inneren
Schmerzen verbunden war und blutigen Auswurf zutage frderte, nahm zu,
und Atemnot ngstigte sie. Das alles aber kam daher, da jetzt nicht
mehr nur ein Lappen der rechten Lunge, sondern die ganze rechte Lunge in
Mitleidenschaft gezogen war, ja, da, wenn nicht alles tuschte, auch
schon an der linken Seite Spuren des Vorganges bemerkbar waren, den
Doktor Langhals, indem er seine Fingerngel besah, Hepatisation nannte
und ber den Doktor Grabow sich lieber gar nicht weiter auslie ... Das
Fieber zehrte unablssig. Der Magen begann zu versagen. Unaufhaltsam,
mit zher Langsamkeit, schritt der Krfteverfall vorwrts.

Sie verfolgte ihn, nahm, wenn sie irgend dazu imstande war, eifrig die
konzentrierte Nahrung, die man ihr bot, hielt sorglicher noch als ihre
Pflegerinnen die Stunden des Medizinierens inne und war von all dem so
in Anspruch genommen, da sie beinahe nur noch mit den rzten sprach und
wenigstens nur im Gesprche mit ihnen aufrichtiges Interesse an den Tag
legte. Besuche, die anfnglich vorgelassen wurden, Freundinnen,
Mitglieder des Jerusalemsabend, alte Damen aus der Gesellschaft und
Pastorsgattinnen, empfing sie apathisch oder mit zerstreuter
Herzlichkeit und entlie sie rasch. Ihre Angehrigen empfanden peinlich
die Gleichgltigkeit, mit der die alte Dame ihnen begegnete; sie nahm
sich wie eine Art Geringschtzung aus, die besagte: Ihr knnt mir ja
doch nicht helfen. Selbst dem kleinen Hanno, der in einer ertrglichen
Stunde eingelassen wurde, strich sie nur flchtig ber die Wange und
wandte sich dann ab. Es war, als wollte sie sagen: Kinder, ihr seid
alle liebe Leute, aber ich -- ich mu vielleicht sterben! Die beiden
rzte dagegen empfing sie mit lebhafter und interessierter Wrme, um
eingehend mit ihnen zu konferieren...

Eines Tages erschienen die alten Damen Gerhardt, die Nachkommen Paul
Gerhardts. Sie kamen mit ihren Mantillen, ihren tellerartigen Hten und
ihren Provianttaschen von Armenbesuchen, und man konnte ihnen nicht
verwehren, ihre kranke Freundin zu sehen. Man lie sie allein mit ihr,
und Gott allein wei, was sie zu ihr sprachen, whrend sie an ihrem
Bette saen. Als sie aber gingen, waren ihre Augen und Gesichtszge noch
klarer, noch milder und selig verschlossener als vorher, und drinnen lag
die Konsulin mit ebensolchen Augen und ebensolchem Gesichtsausdruck, lag
ganz still, ganz friedlich, friedlicher als jemals, ihr Atem ging selten
und sanft, und sie fiel ersichtlich von Schwche zu Schwche. Frau
Permaneder, die den Damen Gerhardt ein starkes Wort nachmurmelte,
schickte sofort zu den rzten, und kaum erschienen die beiden Herren im
Rahmen der Tr, als eine vollstndige, eine verblffende Vernderung mit
der Konsulin vor sich ging. Sie erwachte, sie geriet in Bewegung, sie
richtete sich beinahe auf. Der Anblick dieser Mnner, dieser beiden
notdrftig unterrichteten Mediziner gab sie mit einem Schlage der Erde
wieder. Sie streckte ihnen die Hnde entgegen, beide Hnde, und fing an:
Seien Sie mir willkommen, meine Herren! Die Sachen stehen nun so, da
heute im Lauf des Tages...

Aber es war lngst der Tag gekommen, da die doppelseitige
Lungenentzndung nicht mehr wegzuleugnen gewesen war.

Ja, mein lieber Herr Senator, hatte Doktor Grabow gesagt und Thomas
Buddenbrooks Hnde genommen ... Wir haben es nicht verhindern knnen,
es ist nun doppelseitig, und das ist immer bedenklich, wie Sie so gut
wissen wie ich, ich mache Ihnen kein X fr ein U ... Es ist, ob der
Patient nun zwanzig oder siebenzig Jahre alt ist, in jedem Falle eine
Sache, die man ernst nehmen mu, und wenn Sie mich daher heute noch
einmal fragten, ob Sie Ihrem Herrn Bruder Christian schreiben, ihm
vielleicht ein kleines Telegramm schicken sollten, so wrde ich nicht
abraten, ich wrde mich besinnen, Sie davon abzuhalten ... Wie geht es
ihm brigens? Ein spahafter Mann; ich habe ihn immer herzlich gern
gehabt ... Um Gottes willen, ziehen Sie keine bertriebenen Folgerungen
aus meinen Worten, lieber Senator! Nicht als ob nun eine unmittelbare
Gefahr vorlge ... ach was, ich bin tricht, das Wort in den Mund zu
nehmen! Aber unter diesen Verhltnissen, wissen Sie, mu man immer aus
der Ferne mit unvorhersehbaren Zuflligkeiten rechnen ... Mit Ihrer
verehrten Frau Mutter als Patientin sind wir ja ganz auerordentlich
zufrieden. Sie hilft uns wacker, sie lt uns nicht im Stich ... nein,
ohne Kompliment, als Patientin ist sie unbertrefflich! Und darum
hoffen, mein lieber Herr Senator, hoffen! Lassen Sie uns immer das Beste
hoffen!

Aber es kommt ein Augenblick, von dem an die Hoffnung der Angehrigen
etwas Knstliches und Unaufrichtiges ist. Schon hat sich eine
Vernderung mit dem Kranken vollzogen, und etwas der Person Fremdes, die
er im Leben darstellte, ist in seinem Benehmen. Gewisse, seltsame Worte
kommen aus seinem Munde, auf die wir nicht zu antworten verstehen und
die ihm gleichsam den Rckweg abschneiden und ihn dem Tode verpflichten.
Und wre er uns der Liebste, wir knnen nach all dem nicht mehr wollen,
da er aufstehe und wandle. Wrde er es dennoch tun, so wrde er Grauen
um sich verbreiten wie einer, der dem Sarge entstiegen...

Grliche Merkmale der beginnenden Auflsung zeigten sich, whrend die
Organe, von einem zhen Willen in Gang gehalten, noch arbeiteten. Da,
seit die Konsulin sich mit einem Katarrh hatte zu Bette legen mssen,
Wochen vergangen waren, so hatten sich durch das Liegen an ihrem Krper
mehrere Wunden gebildet, die sich nicht mehr schlossen und in einen
frchterlichen Zustand bergingen. Sie schlief nicht mehr; erstens, weil
Schmerz, Husten und Atemnot sie daran hinderten, dann aber, weil sie
selbst sich gegen den Schlaf auflehnte und sich an das Wachsein
klammerte. Nur fr Minuten ging ihr Bewutsein im Fieber unter; aber
auch bei bewuten Sinnen sprach sie laut mit Personen, die lngst
gestorben waren. Eines Nachmittags in der Dmmerung sagte sie pltzlich
mit lauter, etwas ngstlicher, aber inbrnstiger Stimme: Ja, mein
lieber Jean, ich komme! Und die Unmittelbarkeit dieser Antwort war so
tuschend, da man nachtrglich die Stimme des verstorbenen Konsuls zu
hren glaubte, der sie gerufen hatte.

Christian traf ein; er kam von Hamburg, woselbst er, wie er sagte,
Geschfte gehabt hatte, und verweilte brigens nur kurze Zeit im
Krankenzimmer; dann verlie er es, indem er sich ber die Stirn strich,
die Augen wandern lie und sagte: Das ist ja furchtbar ... Das ist ja
furchtbar ... Ich kann es nun nicht mehr.

Auch Pastor Pringsheim erschien, streifte Schwester Leandra mit einem
kalten Blick und betete mit modulierender Stimme am Bette der Konsulin.

Und dann kam die kurze Besserung, das Aufflackern, ein Nachlassen des
Fiebers, eine tuschende Rckkehr der Krfte, ein Stillewerden der
Schmerzen, ein paar klare und hoffnungsvolle uerungen, die den
Umstehenden Trnen der Freude in die Augen treiben...

Kinder, wir behalten sie, ihr sollt sehen, wir behalten sie trotz
alledem! sagte Thomas Buddenbrook. Wir haben sie Weihnachten bei uns
und erlauben nicht, da sie sich dabei aufregt wie sonst...

Aber schon in der nchstfolgenden Nacht, kurze Zeit nachdem Gerda und
ihr Gatte zu Bette gegangen waren, wurden sie von seiten Frau
Permaneders in die Mengstrae berufen, da die Kranke mit dem Tode
kmpfe. Der Wind fuhr in den kalten Regen, der herniederging, und trieb
ihn prasselnd gegen die Fensterscheiben.

Als der Senator und seine Frau das Zimmer betraten, das von den Kerzen
zweier Armleuchter erhellt war, die auf dem Tische brannten, waren die
beiden rzte schon zugegen. Auch Christian war aus seinem Zimmer
heruntergeholt worden und sa irgendwo, indem er dem Himmelbette den
Rcken zuwandte und die Stirn, tief gebckt, in beide Hnde sttzte.
Man erwartete den Bruder der Kranken, Konsul Justus Krger, nach dem
ebenfalls geschickt worden war. Frau Permaneder und Erika Weinschenk
hielten sich leise schluchzend am Fuende des Bettes. Schwester Leandra
und Mamsell Severin hatten nichts mehr zu tun und blickten betrbt in
das Gesicht der Sterbenden.

Die Konsulin lag, von mehreren Kissen gesttzt, auf dem Rcken, und ihre
beiden Hnde, diese schnen, mattblau gederten Hnde, die nun so mager,
so ganz abgezehrt waren, streichelten hastig und unaufhrlich, mit
zitternder Eilfertigkeit die Steppdecke. Ihr Kopf, mit einer weien
Nachthaube bedeckt, wandte sich ohne Unterla, mit entsetzenerregender
Taktmigkeit, von einer Seite zur anderen. Ihr Mund, dessen Lippen
einwrts gezogen zu sein schienen, ffnete und schlo sich schnappend
bei jedem qualvollen Atmungsversuch, und ihre eingesunkenen Augen irrten
hilfesuchend umher, um hie und da mit einem erschtternden Ausdruck von
Neid auf einer der anwesenden Personen haften zu bleiben, die
angekleidet waren und atmen konnten, denen das Leben gehrte und die
nichts weiter zu tun vermochten, als das Liebesopfer zu bringen, das
darin bestand, den Blick auf dieses Bild gerichtet zu halten. Und die
Nacht rckte vor, ohne da eine Vernderung eingetreten wre.

Wie lange kann es noch dauern? fragte Thomas Buddenbrook leise und zog
den alten Doktor Grabow in den Hintergrund des Zimmers, whrend Doktor
Langhals gerade irgendeine Injektion an der Kranken vornahm. Auch Frau
Permaneder, das Taschentuch am Munde, trat herzu.

Ganz unbestimmt, lieber Senator, antwortete Doktor Grabow. Ihre Frau
Mutter kann in fnf Minuten erlst sein, und sie kann noch stundenlang
leben ... ich kann Ihnen nichts sagen. Es handelt sich um das, was man
Stickflu nennt ... ein dem...

Ich wei es, sagte Frau Permaneder und nickte in ihr Taschentuch,
whrend die Trnen ber ihre Wangen rannen. Es kommt bei
Lungenentzndungen oft vor ... Es hat sich dann so eine wsserige
Flssigkeit in den Lungenblschen angesammelt, und wenn es schlimm wird,
so kann man nicht mehr atmen ... Ja, ich wei es...

Die Hnde vor sich gefaltet, blickte der Senator zum Himmelbette
hinber.

Wie furchtbar sie leiden mu! flsterte er.

Nein! sagte Doktor Grabow ebenso leise, aber mit ungeheurer Autoritt
und legte sein langes, mildes Gesicht in entschiedene Falten ... Das
tuscht, glauben Sie mir, liebster Freund, das tuscht! Das Bewutsein
ist sehr getrbt ... Es sind allergrten Teiles Reflexbewegungen, was
Sie da sehen ... Glauben Sie mir...

Und Thomas antwortete: Gott gebe es! -- Aber jedes Kind htte es an
den Augen der Konsulin sehen knnen, da sie ganz und gar bei Bewutsein
war und alles empfand...

Man nahm seine Pltze wieder ein ... Auch Konsul Krger war eingetroffen
und sa, ber die Krcke seines Stockes gebeugt, mit gerteten Augen am
Bette.

Die Bewegungen der Kranken hatten zugenommen. Eine schreckliche Unruhe,
eine unsgliche Angst und Not, ein unentrinnbares Verlassenheits- und
Hilflosigkeitsgefhl ohne Grenzen mute diesen, dem Tode ausgelieferten
Krper vom Scheitel bis zur Sohle erfllen. Ihre Augen, diese armen,
flehenden, wehklagenden und suchenden Augen schlossen sich bei den
rchelnden Drehungen des Kopfes manchmal mit brechendem Ausdruck oder
erweiterten sich so sehr, da die kleinen Adern des Augapfels blutrot
hervortraten. Und keine Ohnmacht kam!

Kurz nach drei Uhr sah man, wie Christian aufstand. Ich kann es nun
nicht mehr, sagte er und ging, indem er sich auf die Mbelstcke
sttzte, die an seinem Wege standen, lahmend zur Tr hinaus. -- brigens
waren Erika Weinschenk sowohl wie Mamsell Severin, eingelullt
wahrscheinlich von den einfrmigen Schmerzenslauten, auf ihren Sthlen
eingeschlafen und blhten rosig im Schlummer.

Um vier Uhr ward es schlimmer und schlimmer. Man sttzte die Kranke und
trocknete ihr den Schwei von der Stirn. Die Atmung drohte gnzlich zu
versagen, und die ngste nahmen zu. Etwas zu schlafen...! brachte sie
hervor. Ein Mittel...! Aber man war weit entfernt davon, ihr etwas zu
schlafen zu geben.

Pltzlich begann sie wieder zu antworten, auf etwas, was die anderen
nicht hrten, wie sie es schon einmal getan hatte. Ja, Jean, nicht
lange mehr! ... Und gleich darauf: Ja, liebe Klara, ich komme!...

Und dann begann der Kampf aufs neue ... War es noch ein Kampf mit dem
Tode? Nein, sie rang jetzt mit dem Leben um den Tod. Ich will
gerne..., keuchte sie ... ich kann nicht ... Was zu schlafen!...
Meine Herren, aus Barmherzigkeit! was zu schlafen...!

Dieses aus Barmherzigkeit machte, da Frau Permaneder laut aufweinte
und Thomas leise sthnte, indem er einen Augenblick seinen Kopf mit den
Hnden erfate. Aber die rzte kannten ihre Pflicht. Es galt unter allen
Umstnden, dieses Leben den Angehrigen so lange wie nur irgend mglich
zu erhalten, whrend ein Betubungsmittel sofort ein widerstandsloses
Aufgeben des Geistes bewirkt haben wrde. rzte waren nicht auf der
Welt, den Tod herbeizufhren, sondern das Leben um jeden Preis zu
konservieren. Dafr sprachen auerdem gewisse religise und moralische
Grnde, von denen sie auf der Universitt sehr wohl gehrt hatten, wenn
sie ihnen im Augenblick auch nicht gegenwrtig waren ... Sie strkten im
Gegenteil mit verschiedenen Mitteln das Herz und brachten durch
Brechreiz mehrere Male eine momentane Erleichterung hervor.

Um fnf Uhr konnte der Kampf nicht mehr furchtbarer werden. Die
Konsulin, im Krampfe aufgerichtet und mit weit geffneten Augen, stie
mit den Armen um sich, als griffe sie nach einem Haltepunkt oder nach
Hnden, die sich ihr entgegenstreckten, und antwortete nun unaufhrlich
in die Luft hinein nach allen Seiten auf Rufe, die nur sie vernahm, und
die immer zahlreicher und dringlicher zu werden schienen. Es war, als ob
nicht nur ihr verstorbener Gatte und ihre Tochter, sondern auch ihre
Eltern, Schwiegereltern und mehrere andere, ihr im Tode vorangegangene
Anverwandte irgendwo anwesend waren, und sie nannte Vornamen, von denen
niemand im Zimmer sofort htte sagen knnen, welche Verstorbenen damit
gemeint seien. Ja! rief sie und wandte sich nach verschiedenen
Richtungen ... Jetzt komme ich ... Sofort ... Diesen Augenblick noch
... So ... Ich kann nicht ... Ein Mittel, meine Herren...

Um halb sechs Uhr trat ein Augenblick der Ruhe ein. Und dann, ganz
pltzlich, ging ber ihre gealterten und vom Leiden zerrissenen Zge ein
Zucken, eine jhe, entsetzte Freude, eine tiefe, schauernde, furchtsame
Zrtlichkeit, blitzschnell breitete sie die Arme aus, und mit einer so
stoartigen und unvermittelten Schnelligkeit, da man fhlte: zwischen
dem, was sie gehrt, und ihrer Antwort lag nicht ein Augenblick -- rief
sie laut mit dem Ausdruck des unbedingtesten Gehorsams und einer
grenzenlosen angst- und liebevollen Gefgigkeit und Hingebung: Hier bin
ich! ... und verschied.

Alle waren zusammengeschrocken. Was war das gewesen? Wer hatte gerufen,
da sie sofort gefolgt war?

Jemand zog den Fenstervorhang zurck und lschte die Kerzen, whrend
Doktor Grabow mit mildem Gesicht der Toten die Augen schlo.

Alle frstelten in dem fahlen Herbstmorgen, der nun das Zimmer erfllte.
Schwester Leandra verkleidete den Toilettenspiegel mit einem Tuche.


Zweites Kapitel

Durch die offene Tr sah man im Sterbezimmer Frau Permaneder im Gebete
liegen. Sie befand sich allein und kniete, ihre Trauergewnder um sich
her auf dem Boden ausgebreitet, in der Nhe des Bettes, an einem Stuhle,
indem sie die fest gefalteten Hnde auf dem Sitze ruhen lie und
gebeugten Hauptes murmelte ... Sie hrte sehr wohl, da ihr Bruder und
ihre Schwgerin das Frhstckszimmer betraten, in dessen Mitte sie
unwillkrlich stehen blieben, um das Ende der Andacht zu erwarten; aber
sie beeilte sich deswegen nicht sonderlich, lie zum Schlusse ihr
trockenes Ruspern ertnen, nahm mit langsamer Feierlichkeit ihr Kleid
zusammen, erhob sich und ging ihren Verwandten ohne eine Spur von
Verwirrung in vollkommen wrdiger Haltung entgegen.

Thomas, sagte sie nicht ohne Hrte, was die Severin betrifft, so
scheint es mir, da die selige Mutter eine Natter an ihrem Busen genhrt
hat.

Wieso?

Ich bin voll rger ber sie. Man knnte die Fassung verlieren und sich
vergessen ... Hat dies Weib ein Recht, einem den Schmerz dieser Tage in
so ordinrer Weise zu vergllen?

Aber was ist es denn?

Erstens einmal ist sie von einer emprenden Habsucht. Sie geht an den
Schrank, nimmt Mutters seidene Kleider heraus, packt sie ber den Arm
und will sich zurckziehen. `Riekchen, sage ich, `wohin damit? -- `Das
hat Frau Konsul mir versprochen! -- `Liebe Severin! sage ich und gebe
ihr in aller Zurckhaltung das Voreilige ihrer Handlungsweise zu
bedenken. Meinst du, da es etwas ntzt? Sie nimmt nicht nur die
seidenen Kleider, sie nimmt auch noch ein Paket Wsche und geht. Ich
kann mich doch nicht mit ihr prgeln, nicht wahr?... Und nicht sie
allein ... auch die Mdchen ... Waschkrbe voll Kleider und Leinenzeug
werden aus dem Hause geschafft ... Das Personal teilt sich unter meinen
Augen in die Sachen, denn die Severin hat die Schlssel zu den
Schrnken. `Frulein Severin! sage ich, `ich wnsche die Schlssel.
Was antwortet sie mir? Sie erklrt mir mit deutlichen und gewhnlichen
Worten, ich htte ihr nichts zu sagen, sie stnde nicht bei mir in
Dienst, ich htte sie nicht engagiert, sie werde die Schlssel behalten,
bis sie gehe!

Hast du die Schlssel zum Silberzeug? -- Gut. La dem brigen seinen
Lauf. Dergleichen ist unvermeidlich, wenn ein Haushalt aufgelst wird,
in dem zuletzt sowieso schon ein bichen lax regiert wurde. Ich will
jetzt keinen Lrm machen. Das Weizeug ist alt und defekt ... brigens
werden wir ja sehen, was noch da ist. Hast du die Verzeichnisse? Auf dem
Tische? Gut. Wir werden ja gleich sehen.

Und sie traten in das Schlafzimmer, um ein Weilchen still nebeneinander
an dem Bette stehenzubleiben, nachdem Frau Antonie das weie Tuch vom
Gesicht der Toten genommen hatte. Die Konsulin war schon in dem seidenen
Gewand, in welchem sie heute nachmittag im Saale droben aufgebahrt
werden sollte; es war achtundzwanzig Stunden nach ihrem letzten
Atemzuge. Mund und Wangen waren, da die knstlichen Zhne fehlten,
greisenhaft eingefallen, und das Kinn schob sich schroff und eckig
aufwrts. Alle drei bemhten sich schmerzlich, whrend sie auf diese
unerbittlich tief und fest geschlossenen Augenlider blickten, in diesem
Antlitz das ihrer Mutter wiederzuerkennen. Aber unter der Haube, die die
alte Dame Sonntags getragen, sa wie im Leben das rtlichbraune,
glattgescheitelte Toupet, ber das die Damen Buddenbrook aus der Breiten
Strae sich sooft lustig gemacht hatten ... Blumen lagen verstreut auf
der Steppdecke.

Es sind schon die prachtvollsten Krnze gekommen, sagte Frau
Permaneder leise. Von allen Familien ... ach, einfach von aller Welt!
Ich habe alles auf den Korridor hinaufschaffen lassen; ihr mt es euch
spter ansehen, Gerda und Tom. Es ist traurigschn. Atlasschleifen von
dieser Gre...

Wie weit ist es mit dem Saal? fragte der Senator.

Bald fertig, Tom. Fast bereit. Tapezierer Jacobs hat sich alle Mhe
gegeben. Auch der..., und sie schluckte einen Augenblick ... auch der
Sarg ist vorhin gekommen. Aber ihr mt nun ablegen, ihr Lieben, fuhr
sie fort und zog behutsam das weie Tuch an seinen Platz zurck. Hier
ist es kalt, aber im Frhstckszimmer ist ein bichen geheizt ... La
dir helfen, Gerda; mit einem so prachtvollen Umhang mu man vorsichtig
umgehen ... Darf ich dir einen Ku geben? Du weit, ich liebe dich, wenn
du mich auch immer verabscheut hast ... Nein, ich verderbe dir nicht die
Frisur, wenn ich dir den Hut abnehme ... Dein schnes Haar! Solches Haar
hat Mutter auch in ihrer Jugend gehabt. Sie war ja niemals so herrlich
wie du, aber es hat doch eine Zeit gegeben, und ich war schon auf der
Welt, wo sie eine wirklich schne Erscheinung gewesen ist. Und nun ...
Ist es nicht wahr, was euer Grobleben immer sagt: Wir mssen alle zu
Moder werden--? Ein so einfacher Mann er ist ... Ja, Tom, das sind die
hauptschlichsten Verzeichnisse.

Sie waren ins Nebenzimmer zurckgekehrt und setzten sich an den runden
Tisch, whrend der Senator die Papiere zur Hand nahm, auf welchen die
Gegenstnde verzeichnet standen, die unter die nchsten Erben verteilt
werden sollten ... Frau Permaneder lie das Gesicht ihres Bruders nicht
aus den Augen, sie beobachtete es mit erregtem und gespanntem Ausdruck.
Es gab etwas, eine schwere unabwendbare Frage, auf die ihr ganzes
Denken ngstlich gerichtet war, und die in der nchsten Stunde zur
Sprache kommen mute...

Ich denke, fing der Senator an, wir halten den blichen Grundsatz
fest, da Geschenke zurckgehen, so da also...

Seine Frau unterbrach ihn.

Verzeih, Thomas, mir scheint ... Christian ... wo ist er denn?

Ja, mein Gott, Christian! rief Frau Permaneder. Wir vergessen ihn
ja!

Richtig, sagte der Senator und lie die Papiere sinken. Wird er denn
nicht gerufen?

Und Frau Permaneder ging zum Glockenzug. Aber in demselben Augenblick
ffnete schon Christian selbst die Tr und trat ein. Er kam ziemlich
rasch ins Zimmer, schlo die Tr nicht ganz geruschlos und blieb mit
zusammengezogenen Brauen stehen, indem er seine kleinen, runden,
tiefliegenden Augen ohne jemanden anzublicken von einer Seite zur
anderen wandern lie und seinen Mund unter dem buschigen, rtlichen
Schnurrbart in unruhiger Bewegung ffnete und schlo ... Er schien sich
in einer Art trotziger und gereizter Stimmung zu befinden.

Ich hre, da ihr da seid, sagte er kurz. Wenn ber die Sachen
gesprochen werden soll, so mu ich doch benachrichtigt werden.

Wir waren im Begriffe, antwortete der Senator gleichgltig. Nimm nur
Platz.

Dabei aber blieben seine Augen auf den weien Knpfen haften, mit denen
Christians Hemd geschlossen war. Er selbst war in tadelloser
Trauerkleidung, und auf seinem Hemdeinsatz, welcher, am Kragen von der
breiten, schwarzen Schleife abgeschlossen, blendend wei aus der
Umrahmung des schwarzen Tuchrockes hervortrat, saen statt der goldenen,
die er zu tragen pflegte, schwarze Knpfe. Christian bemerkte den Blick,
denn whrend er einen Stuhl herbeizog und sich setzte, berhrte er mit
der Hand seine Brust und sagte: Ich wei, da ich weie Knpfe trage.
Ich bin noch nicht dazu gekommen, mir schwarze zu kaufen, oder vielmehr,
ich habe es unterlassen. Ich habe mir in den letzten Jahren oft fnf
Schillinge fr Zahnpulver leihen und mit einem Streichholz zu Bette
gehen mssen ... ich wei nicht, ob ich so ausschlielich schuld daran
bin. brigens sind schwarze Knpfe in der Welt ja nicht die Hauptsache.
Ich liebe die uerlichkeiten nicht. Ich habe nie Wert darauf gelegt.

Gerda betrachtete ihn, whrend er sprach, und lachte nun leise. Der
Senator bemerkte: Die letzte Behauptung kannst du wohl auf die Dauer
nicht vertreten, mein Lieber.

So? Vielleicht weit du es besser, Thomas. Ich sage nur dies, da ich
auf solche Sachen kein Gewicht lege. Ich habe zuviel von der Welt
gesehen, habe unter zu verschiedenen Menschen mit zu verschiedenen
Sitten gelebt, als da ich ... brigens bin ich ein erwachsener Mensch,
sagte er pltzlich laut, ich bin dreiundvierzig Jahre alt, ich bin mein
eigener Herr und darf jedem verwehren, sich in meine Angelegenheiten zu
mischen.

Mir scheint, du hast etwas auf dem Herzen, mein Freund, sagte der
Senator erstaunt. Was die Knpfe betrifft, so habe ich ja, wenn mich
nicht alles tuscht, noch kein Wort darber verloren. Regle deine
Trauertoilette ganz nach Geschmack; nur glaube nicht, da du mit deiner
billigen Vorurteilslosigkeit Eindruck auf mich machst...

Ich will gar keinen Eindruck auf dich machen...

Tom ... Christian..., sagte Frau Permaneder. Wir wollen doch keinen
gereizten Ton anschlagen ... heute ... und hier, wo nebenan ... Fahr'
fort, Thomas. Geschenke gehen also zurck? Das ist nicht mehr als
billig.

Und Thomas fuhr fort. Er fing mit den greren Gegenstnden an und
schrieb sich diejenigen zu, die er fr sein Haus gebrauchen konnte: die
Kandelaber des Esaales, die groe geschnitzte Truhe, die auf der Diele
stand. Frau Permaneder war mit auerordentlichem Eifer bei der Sache und
hatte, sobald der knftige Besitzer irgendeines Dinges nur ein wenig
zweifelhaft war, eine unvergleichliche Art zu sagen: Nun, ich bin
bereit, es zu bernehmen ... mit einer Miene, als verpflichte sie sich
mit ihrer Opferwilligkeit die ganze Welt zu Danke. Sie erhielt fr sich,
ihre Tochter und ihre Enkelin weitaus den grten Teil des
Ameublements.

Christian hatte einige Mbelstcke, eine Empire-Stutzuhr und sogar das
Harmonium bekommen, und er zeigte sich zufrieden damit. Als aber die
Verteilung sich dem Silber- und Weizeug, sowie dem verschiedenen
Speiseservice zuwandte, begann er zu dem Erstaunen aller einen Eifer
merken zu lassen, der sich fast wie Habsucht ausnahm.

Und ich? Und ich? fragte er ... Ich bitte doch, mich nicht ganz und
gar zu vergessen...

Wer vergit dich denn? Ich habe dir ja ... sieh doch her, ich habe dir
ja schon ein ganzes Teeservice mit silbernem Tablett zugeschrieben. Fr
das Sonntagsservice mit der Vergoldung haben doch wohl nur wir
Verwendung, und...

Das alltgliche mit Zwiebelmuster bin ich bereit zu bernehmen, sagte
Frau Permaneder.

Und ich?! rief Christian mit jener Entrstung, die ihn zuweilen
befallen konnte, seine Wangen noch hagerer erscheinen lie und ihm so
seltsam zu Gesichte stand ... Ich mchte doch an dem Egeschirr
beteiligt werden! Wie viele Lffeln und Gabeln bekomme ich denn? Ich
sehe, ich bekomme beinahe nichts!...

Aber Bester, was willst du denn mit den Sachen anfangen! Du wirst ja
gar keine Verwendung dafr haben! Ich begreife nicht ... Es ist doch
besser, solche Dinge bleiben im Familiengebrauch...

Und wenn es auch nur als Andenken an Mutter wre, sagte Christian
trotzig.

Lieber Freund, erwiderte der Senator ziemlich ungeduldig ... ich bin
nicht aufgelegt, zu scherzen ... aber deinen Worten nach zu urteilen,
scheint es, als wolltest du dir als Andenken an Mutter eine
Suppenterrine auf die Kommode stellen? Ich bitte, doch nicht anzunehmen,
da wir dich bervorteilen wollen. Was du an Effekten weniger erhltst,
wird dir natrlich demnchst in anderer Form ersetzt werden. Es ist mit
dem Weizeug ebenso...

Ich wnsche kein Geld, ich wnsche Wsche und Egeschirr.

Aber wozu denn, um alles in der Welt?

Jetzt aber gab Christian eine Antwort, die bewirkte, da Gerda
Buddenbrook sich ihm eilig zuwandte und ihn mit einem rtselhaften
Ausdruck in ihren Augen musterte, der Senator sehr rasch das Pincenez
von der Nase nahm und ihm starr ins Gesicht blickte, und Frau Permaneder
sogar die Hnde faltete. Er sagte nmlich: Na, mit einem Worte, ich
denke, mich ber kurz oder lang zu verheiraten.

Er tat diesen Ausspruch ziemlich leise und schnell, mit einer kurzen
Handbewegung, als wrfe er seinem Bruder ber den Tisch hin etwas zu,
worauf er sich zurcklehnte und mit einer mrrischen, gleichsam
beleidigten und merkwrdig zerstreuten Miene seine Augen haltlos
umherschweifen lie. Eine lngere Pause trat ein. Endlich sagte der
Senator: Man mu gestehen, Christian, diese Plne kommen etwas spt ...
gesetzt natrlich, da es reelle und ausfhrbare Plne sind, nicht von
der Art derer, die du aus Unberlegtheit frher schon einmal der seligen
Mutter vorgelegt hast...

Meine Absichten sind dieselben geblieben, sagte Christian, immer ohne
jemanden anzusehen und immer mit dem gleichen Gesichtsausdruck.

Das ist doch wohl unmglich. Du httest Mutters Tod abgewartet, um...

Ich habe diese Rcksicht genommen, ja. Du scheinst der Ansicht
zuzuneigen, Thomas, da du allein alles Takt- und Feingefhl der Welt in
Pacht hast...

Ich wei nicht, was dich zu dieser Redensart berechtigt. brigens mu
ich den Umfang deiner Rcksichtnahme bewundern. Am Tage nach Mutters
Tode machst du Miene, den Ungehorsam gegen sie zu proklamieren...

Weil das Gesprch darauf kam. Und dann ist die Hauptsache die, da
Mutter sich ber meinen Schritt nicht mehr alterieren kann. Das kann sie
heute so wenig wie in einem Jahre ... Herr Gott, Thomas, Mutter hatte
doch nicht unbedingt recht, sondern nur von ihrem Standpunkt aus, auf
den ich Rcksicht genommen habe, solange sie lebte. Sie war eine alte
Frau, eine Frau aus einer anderen Zeit, mit einer anderen
Anschauungsweise...

Nun, so bemerke ich dir, da diese Anschauungsweise in dem Punkte, der
hier in Frage kommt, durchaus auch die meine ist.

Darum kann ich mich nicht kmmern.

Du =wirst= dich darum kmmern, mein Freund.

Christian sah ihn an.

Nein--! rief er. Ich kann es nicht! Wenn ich dir sage, da ich es
nicht kann?!... Ich mu wissen, was ich zu tun habe. Ich bin ein
erwachsener Mensch...

Ach, das mit dem `erwachsenen Menschen ist etwas sehr uerliches bei
dir! Du weit durchaus nicht, was du zu tun hast...

Doch!... Ich handle erstens als Ehrenmann ... Du bedenkst ja nicht, wie
die Sache liegt, Thomas! Hier sitzen Tony und Gerda ... wir knnen nicht
ausfhrlich darber reden. Aber ich habe dir doch gesagt, da ich
Verpflichtungen habe! Das letzte Kind, die kleine Gisela...

Ich wei von keiner kleinen Gisela und will von keiner wissen! Ich bin
berzeugt, da man dich belgt. Jedenfalls aber hast du einer Person
gegenber, wie der, die du im Sinne hast, keine andere Verpflichtung als
die gesetzliche, die du wie bisher weitererfllen magst...

Person, Thomas? Person? Du tuschst dich ber sie! Aline...

Schweig! rief Senator Buddenbrook mit Donnerstimme. Die beiden Brder
starrten einander jetzt ber den Tisch hinweg ins Gesicht, Thomas bla
und zitternd vor Zorn, Christian, indem er seine kleinen, runden,
tiefliegenden Augen, deren Lider sich pltzlich entzndet hatten,
gewaltsam aufri und auch seinen Mund in Entrstung geffnet hielt, so
da seine hageren Wangen ganz ausgehhlt erschienen. Ein Stckchen unter
den Augen zeigten sich ein paar rote Flecken ... Gerda blickte mit
ziemlich spttischer Miene von einem zum anderen, und Tony rang die
Hnde und sagte flehend: Aber Tom ... Aber Christian ... Und Mutter
liegt nebenan!

Du bist so sehr jeden Schamgefhles bar, fuhr der Senator fort, da
du es ber dich gewinnst ... nein, da es dich gar keine berwindung
kostet, an dieser Stelle und unter diesen Umstnden diesen Namen zu
nennen! Dein Mangel an Takt ist abnorm, er ist krankhaft...

Ich begreife nicht, warum ich Alines Namen nicht nennen soll!
Christian war so auerordentlich erregt, da Gerda ihn mit wachsender
Aufmerksamkeit betrachtete. Ich nenne ihn gerade, wie du hrst, Thomas,
ich gedenke, sie zu heiraten -- denn ich sehne mich nach einem Heim,
nach Ruhe und Frieden -- und ich verbitte mir, hrst du, das ist das
Wort, das ich gebrauche, ich =verbitte= mir jede Einmischung von deiner
Seite! Ich bin frei, ich bin mein eigener Herr...

Ein Narr bist du! Der Tag der Testamentserffnung wird dich lehren, wie
weit du dein eigener Herr bist! Es ist dafr gesorgt, verstehst du mich,
da du nicht Mutters Erbe verlotterst, wie du bereits dreiigtausend
Kurantmark im voraus verlottert hast. Ich werde den Rest deines
Vermgens verwalten, und du wirst nie mehr als ein Monatsgeld in die
Hnde bekommen, das schwre ich dir...

Nun, du selbst wirst wohl am besten wissen, wer Mutter zu dieser
Maregel veranlat hat. Aber wundern mu ich mich doch, da Mutter mit
dem Amte nicht jemanden betraut hat, der mir nhersteht und mir
brderlicher zugetan ist als du... Christian war nun ganz und gar
auer sich; er fing an, Dinge zu sagen, wie er sie noch niemals hatte
laut werden lassen. Er hatte sich ber den Tisch gebeugt, pochte
unaufhrlich mit der Spitze des gekrmmten Zeigefingers auf die Platte
und starrte mit gestrubtem Schnurrbart und gerteten Augen zu seinem
Bruder empor, der seinerseits aufrecht, bleich und mit halb gesenkten
Lidern auf ihn hinabblickte.

Dein Herz ist so voll von Klte und belwollen und Miachtung gegen
mich, fuhr Christian fort, und seine Stimme war zugleich hohl und
krchzend ... Solange ich denken kann, hast du eine solche Klte auf
mich ausstrmen lassen, da mich in deiner Gegenwart bestndig gefroren
hat ... ja, das mag ein sonderbarer Ausdruck sein, aber wenn ich es doch
so empfinde?... Du weisest mich ab ... Du weisest mich ab, wenn du mich
nur ansiehst, und auch das tust du beinahe nie. Und was gibt dir das
Recht dazu? Du bist doch auch ein Mensch und hast deine Schwchen! Du
bist unseren Eltern immer der bessere Sohn gewesen, aber wenn du ihnen
wirklich so viel nherstehst als ich, so solltest du dir doch auch ein
wenig von ihrer christlichen Denkungsart aneignen, und wenn dir schon
alle geschwisterliche Liebe fremd ist, so sollte man doch eine Spur von
christlicher Liebe von dir erwarten drfen. Aber du bist so lieblos, da
du mich nicht einmal besucht ... nicht ein einziges Mal im Krankenhause
besucht hast, als ich in Hamburg mit Gelenkrheumatismus daniederlag...

Ich habe Ernsteres zu bedenken als deine Krankheiten. brigens ist
meine eigene Gesundheit...

Nein, Thomas, deine Gesundheit ist prchtig! Du sest hier nicht als
der, der du bist, wenn sie nicht im Verhltnis zu meiner ganz
ausgezeichnet wre...

Ich bin vielleicht krnker als du.

Du wrest ... Nein, das ist stark! Tony! Gerda! Er sagt, er sei krnker
als ich! Was! Hast =du= vielleicht in Hamburg mit Gelenkrheumatismus auf
dem Tode gelegen?! Hast =du= nach jeder kleinsten Unregelmigkeit eine
Qual in deinem Krper auszuhalten, die ganz unbeschreiblich ist?! Sind
vielleicht an =deiner= linken Seite alle Nerven zu kurz?! Autoritten
haben mich versichert, da es bei mir der Fall ist! Passieren =dir=
vielleicht solche Dinge, da, wenn du in der Dmmerung in dein Zimmer
kommst, du auf deinem Sofa einen Mann sitzen siehst, der dir zunickt und
dabei berhaupt gar nicht vorhanden ist?!...

Christian! stie Frau Permaneder entsetzt hervor. Was sprichst du!...
Mein Gott, worber streitet ihr euch eigentlich? Ihr tut, als sei es
eine Ehre, der Krnkere zu sein! Wenn es =da=rauf ankme, so htten
leider Gerda und ich auch noch ein Wrtchen mitzureden!... Und Mutter
liegt nebenan...!

Und du begreifst nicht, Mensch, rief Thomas Buddenbrook
leidenschaftlich, da alle diese Widrigkeiten Folgen und Ausgeburten
deiner Laster sind, deines Nichtstuns, deiner Selbstbeobachtung?!
Arbeite! Hre auf, deine Zustnde zu hegen und zu pflegen und darber zu
reden!... Wenn du verrckt wirst -- und ich sage dir ausdrcklich, da
das nicht unmglich ist -- ich werde nicht imstande sein, eine Trne
darber zu vergieen, denn es wird deine Schuld sein, deine allein...

Nein, du wirst auch keine Trne vergieen, wenn ich sterbe.

Du stirbst ja nicht, sagte der Senator verchtlich.

Ich sterbe nicht? Gut, ich sterbe also nicht! Wir werden ja sehen, wer
von uns beiden frher stirbt!... Arbeite! Wenn ich aber nicht kann? Wenn
ich es nun aber auf die Dauer nicht kann, Herr Gott im Himmel?! Ich kann
nicht lange Zeit dasselbe tun, ich werde elend davon! Wenn du es gekonnt
hast und kannst, so freue dich doch, aber sitze nicht zu Gericht, denn
ein Verdienst ist nicht dabei ... Gott gibt dem einen Kraft und dem
anderen nicht ... Aber so bist du, Thomas, fuhr er fort, indem er sich
mit immer verzerrterem Gesicht ber den Tisch beugte und immer heftiger
auf die Platte pochte ... Du bist selbstgerecht ... ach, warte nur, das
ist es nicht, was ich sagen wollte und was ich gegen dich vorzubringen
habe ... Aber ich wei nicht, wo ich anfangen soll, und das, was ich
werde sagen knnen, ist nur der tausendste ... ach, es ist nur der
millionste Teil von dem, was ich gegen dich auf dem Herzen habe! Du hast
dir einen Platz im Leben erobert, eine geehrte Stellung, und da stehst
du nun und weisest kalt und mit Bewutsein alles zurck, was dich einen
Augenblick beirren und dein Gleichgewicht stren knnte, denn das
Gleichgewicht, das ist dir das Wichtigste. Aber es ist nicht das
Wichtigste, Thomas, es ist vor Gott nicht die Hauptsache! Du bist ein
Egoist, ja, das bist du! Ich liebe dich noch, wenn du schiltst und
auftrittst und einen niederdonnerst. Aber am schlimmsten ist dein
Schweigen, am schlimmsten ist es, wenn du auf etwas, was man gesagt hat,
pltzlich verstummst und dich zurckziehst und jede Verantwortung
ablehnst, vornehm und intakt, und den anderen hilflos seiner Beschmung
berlt ... Du bist so ohne Mitleid und Liebe und Demut ... Ach! rief
er pltzlich, indem er beide Hnde hinter seinen Kopf bewegte und sie
dann weit vorwrts stie, als wehrte er die ganze Welt von sich ab ...
Wie satt ich das alles habe, dies Taktgefhl und Feingefhl und
Gleichgewicht, diese Haltung und Wrde ... wie sterbenssatt!... Und
dieser letzte Ruf war in einem solchen Grade echt, er kam so sehr von
Herzen und brach mit einem solchen Nachdruck von Widerwillen und
berdru hervor, da er tatschlich etwas Niederschmetterndes hatte, ja,
da Thomas ein wenig zusammensank und eine Weile wortlos und mit mder
Miene vor sich niederblickte.

Ich bin geworden wie ich bin, sagte er endlich, und seine Stimme klang
bewegt, weil ich nicht werden wollte wie du. Wenn ich dich innerlich
gemieden habe, so geschah es, weil ich mich vor dir hten mu, weil dein
Sein und Wesen eine Gefahr fr mich ist ... ich spreche die Wahrheit.

Er schwieg einen Augenblick und fuhr dann in krzerem und befestigtem
Tone fort: brigens haben wir uns weit von unserem Gegenstande
entfernt. Du hast mir eine Rede ber meinen Charakter gehalten ... eine
etwas verworrene Rede, die vielleicht einen Kern von Wahrheit enthielt.
Aber es handelt sich jetzt nicht um mich, sondern um dich. Du trgst
dich mit Heiratsgedanken, und ich mchte dich mglichst grndlich davon
berzeugen, da die Ausfhrung in der Weise, wie du sie planst,
unmglich ist. Erstens werden die Zinsen, die ich dir werde auszahlen
knnen, von keiner sehr ermutigenden Hhe sein...

Aline hat manches zurckgelegt.

Der Senator schluckte hinunter und bezwang sich.

Hm ... zurckgelegt. Du gedenkst also Mutters Erbe mit den Ersparnissen
dieser Dame zu vermischen...

Ja. Ich sehne mich nach einem Heim und nach jemandem, der Mitleid mit
mir hat, wenn ich krank bin. brigens passen wir ganz gut zusammen. Wir
sind beide ein bichen verfahren...

Du gedenkst ferner, die vorhandenen Kinder zu adoptieren,
beziehungsweise zu ... legitimieren?

Jawohl.

So da also dein Vermgen nach deinem Tode an jene Leute berginge? --
Als der Senator dies sagte, legte Frau Permaneder ihre Hand auf seinen
Arm und flsterte beschwrend: Thomas!... Mutter liegt nebenan!...

Ja, antwortete Christian, das gehrt sich doch so.

Nun, du wirst das alles =nicht= tun! rief der Senator und sprang auf.
Auch Christian erhob sich, trat hinter seinen Stuhl, erfate ihn mit
einer Hand, drckte das Kinn auf die Brust und sah seinen Bruder halb
scheu und halb entrstet an.

Du wirst es nicht tun..., wiederholte Thomas Buddenbrook beinahe
sinnlos vor Zorn, bla, bebend und mit zuckenden Bewegungen. Solange
ich ber der Erde bin, geschieht dies nicht ... ich schwre es dir!...
Hte dich ... nimm dich in acht...! Es ist genug Geld durch Unglck,
Torheit und Niedertracht verloren gegangen, als da du dich unterstehen
drftest, ein Viertel von Mutters Vermgen diesem Frauenzimmer und ihren
Bastarden in den Scho zu werfen!... Und das, nachdem schon ein anderes
Viertel von Tiburtius erschlichen worden!... Du hast der Familie genug
der Blamage zugefgt, Mensch, als da es noch ntig wre, uns mit einer
Kurtisane zu verschwgern und ihren Kindern unseren Namen zu geben. Ich
verbiete es dir, hrst du? ich verbiete es dir! rief er mit einer
Stimme, da das Zimmer erdrhnte und Frau Permaneder sich weinend in
einen Winkel des Sofas drckte. Und wage es nicht, gegen dies Verbot zu
handeln, das rate ich dir! Ich habe dich bis jetzt blo verachtet, ich
habe ber dich hinweggesehen ... aber forderst du mich heraus, lt du
es zum uersten kommen, so werden wir sehen, wer den krzeren zieht!
Ich sage dir, hte dich! Ich kenne keine Rcksicht mehr! Ich lasse dich
fr kindisch erklren, ich lasse dich einsperren, ich mache dich
zunichte! Zunichte! Verstehst du mich?!...

Und ich sage dir..., fing Christian an ... Und nun ging das Ganze in
einen Wortstreit ber, einen abgerissenen, nichtigen, beklagenswerten
Wortstreit ohne ein eigentliches Thema, ohne einen anderen Zweck als
den, zu beleidigen, einander mit Worten bis aufs Blut zu verwunden.
Christian kam auf den Charakter seines Bruders zurck und suchte aus
alter Vergangenheit einzelne Zge, peinliche Anekdoten hervor, die
Thomas' Egoismus belegen sollten und die Christian nicht hatte vergessen
knnen, sondern mit sich umhergetragen und mit Bitterkeit durchtrnkt
hatte. Und der Senator antwortete ihm in bertriebenen Worten der
Verachtung und der Drohung, die er zehn Minuten spter bereute. Gerda
hatte das Haupt leicht in die Hand gesttzt und beobachtete die beiden
mit verschleierten Augen und einem nicht bestimmbaren Gesichtsausdruck.
Frau Permaneder wiederholte bestndig in Verzweiflung: Und Mutter liegt
nebenan ... Und Mutter liegt nebenan...

Christian, der sich schon whrend der letzten Repliken im Zimmer hin und
her bewegt hatte, rumte endlich den Kampfplatz.

Es ist gut! Wir werden ja sehen! rief er, und mit verwildertem
Schnurrbart und roten Augen, den Rock offen, das Taschentuch in der
herabhngenden Hand, hitzig und exaltiert, ging er zur Tr und lie sie
hinter sich ins Schlo fallen.

In der pltzlichen Stille stand der Senator noch einen Augenblick
aufrecht und sah dorthin, wo sein Bruder verschwunden war. Dann setzte
er sich schweigend, nahm mit kurzen Bewegungen die Papiere wieder zur
Hand und erledigte mit trockenen Worten, was noch zu erledigen war,
worauf er sich zurcklehnte, die Spitzen seines Bartes durch die Finger
gleiten lie und in Gedanken versank.

Frau Permaneders Herz pochte so voller Angst! Die Frage, die groe Frage
war nun nicht lnger hinauszuschieben; sie mute zur Sprache kommen, er
mute sie beantworten ... aber ach, war er jetzt in der Stimmung, Piett
und Milde walten zu lassen?

Und ... Tom--, fing sie an, indem sie zuerst in ihren Scho blickte
und dann einen zagen Versuch machte, in seiner Miene zu lesen ... Die
Mbel ... Du hast natrlich schon alles in Erwgung gezogen ... Die
Sachen, die uns gehren, ich meine Erika, der Kleinen und mir ... sie
bleiben hier ... mit uns ... kurz ... das Haus, wie ist es damit?
fragte sie und rang heimlich die Hnde.

Der Senator antwortete nicht sogleich, sondern fuhr eine Weile fort, den
Schnurrbart zu drehen und mit trber Nachdenklichkeit in sich
hineinzublicken. Dann atmete er auf und richtete sich empor.

Das Haus? sagte er ... Es gehrt natrlich uns allen, dir, Christian
und mir ... und komischerweise auch dem Pastor Tiburtius, denn der
Anteil gehrt zu Klaras Erbe. Ich allein habe nichts darber zu
entscheiden, sondern bedarf eurer Zustimmung. Aber das Gegebene ist
selbstverstndlich, so bald als mglich zu verkaufen, schlo er
achselzuckend. Dennoch ging etwas dabei ber sein Gesicht, als erschrke
er ber seine eigenen Worte.

Frau Permaneders Kopf sank tief herab; ihre Hnde hrten auf, einander
zu pressen und erschlafften pltzlich in allen Gliedern.

Unserer Zustimmung! wiederholte sie nach einer Pause, traurig und
sogar mit einiger Bitterkeit. Lieber Gott, du weit gut, Tom, da du
tun wirst, was du fr richtig hltst, und da wir anderen dir unsere
Zustimmung nicht lange versagen knnen!... Aber wenn wir ein Wort
einlegen ... dich bitten drfen, fuhr sie beinahe tonlos fort, und ihre
Oberlippe begann zu beben ... Das Haus! Mutters Haus! Unser Elternhaus!
In dem wir so glcklich gewesen sind! Wir sollen es verkaufen...!

Der Senator zuckte wieder die Achseln.

Du wirst mir glauben, Kind, da alles, was du mir vorhalten kannst,
mich ohnehin so sehr bewegt wie dich ... Aber Gegengrnde sind das
nicht, sondern Sentiments. Was zu tun ist, steht fest. Da haben wir dies
groe Grundstck ... was sollen wir jetzt damit beginnen? Seit langen
Jahren, schon seit Vaters Tode, verfllt das ganze Rckgebude. Im
Billardsaal lebt eine freie Katzenfamilie, und tritt man nher, so luft
man Gefahr, durch den Fuboden zu brechen ... Ja, htte ich nicht mein
Haus in der Fischergrube! Aber ich habe es, und wohin damit? Soll ich
vielleicht lieber =das= verkaufen? Urteile doch selbst ... an wen? Ich
wrde ungefhr die Hlfte des Geldes verlieren, das ich hineingesteckt.
Ach Tony, wir haben Grundstcke genug, wir haben viel zuviel davon! Die
Speicher und zwei groe Huser! Der Wert der Grundstcke steht ja kaum
noch in einem Verhltnis zu dem beweglichen Kapital! Nein, verkaufen,
verkaufen!...

Aber Frau Permaneder hrte nicht. Niedergebeugt und in sich gekehrt sa
sie da und blickte mit feuchten Augen ins Leere.

Unser Haus! murmelte sie ... Ich wei noch, wie wir es einweihten ...
Wir waren nicht grer als =so= damals. Die ganze Familie war da. Und
Onkel Hoffstede trug ein Gedicht vor ... Es liegt in der Mappe ... Ich
wei es auswendig ... Venus Anadyomene ... Das Landschaftszimmer! Der
Esaal! Fremde Leute...!

Ja, Tony, so werden damals die auch gedacht haben, die das Haus
verlassen muten, als Grovater es kaufte. Sie hatten ihr Geld verloren
und muten davonziehen und sind gestorben und verdorben. Alles hat seine
Zeit. Freuen wir uns und danken wir Gott, da es mit uns noch nicht so
weit ist, wie es damals mit Ratenkamps war, und da wir noch unter
gnstigeren Umstnden von hier Abschied nehmen als sie...

Schluchzen, ein langsames, schmerzliches Aufschluchzen unterbrach ihn.
Frau Permaneders Hingebung an ihren Kummer war so gro, da sie nicht
einmal daran dachte, die Trnen zu trocknen, die ber ihre Wangen
rannen. Sie sa vornber gebeugt und zusammengesunken, und ein warmer
Tropfen fiel auf ihre matt im Schoe ruhenden Hnde hinab, ohne da sie
dessen achtete.

Tom, sagte sie und gewann ihrer Stimme, die die Trnen zu ersticken
drohten, eine leise, rhrende Festigkeit ab. Du weit nicht, wie mir
zumute ist in dieser Stunde, du weit es nicht. Es ist deiner Schwester
nicht gut ergangen im Leben, es hat ihr bel mitgespielt. Alles ist auf
mich herabgekommen, was sich nur ausdenken lie ... ich wei nicht,
womit ich es verdient habe. Aber ich habe alles hingenommen, ohne zu
verzagen, Tom, das mit Grnlich und das mit Permaneder und das mit
Weinschenk. Denn immer, wenn Gott mein Leben wieder in Stcke gehen
lie, so war ich doch nicht ganz verloren. Ich wute einen Ort, einen
sicheren Hafen, sozusagen, wo ich zu Hause und geborgen war, wohin ich
mich flchten konnte, vor allem Ungemach des Lebens ... Auch jetzt noch,
als doch alles zu Ende war, und als sie Weinschenk ins Gefngnis fuhren
... `Mutter, sagte ich, `drfen wir zu dir ziehen? `Ja, Kinder, kommt
... Als wir klein waren und `Kriegen spielten, Tom, da gab es immer ein
`Mal, ein abgegrenztes Fleckchen, wohin man laufen konnte, wenn man in
Not und Bedrngnis war, und wo man nicht abgeschlagen werden durfte,
sondern in Frieden ausruhen konnte. Mutters Haus, dies Haus hier war
mein `Mal im Leben, Tom ... Und nun ... und nun ... verkaufen...

Sie lehnte sich zurck, verbarg ihr Gesicht im Schnupftuch und weinte
bitterlich.

Er zog eine ihrer Hnde herunter und nahm sie in die seinen.

Ich wei es ja, liebe Tony, ich wei es ja alles! Aber wollen wir nun
nicht ein wenig vernnftig sein? Die gute Mutter ist dahin ... wir rufen
sie nicht zurck. Was nun? Es ist unsinnig geworden, dies Haus als totes
Kapital zu behalten ... ich mu das wissen, nicht wahr. Sollen wir eine
Mietskaserne daraus machen?... Der Gedanke ist dir schwer, da fremde
Leute hier wohnen sollen; aber da ist es doch besser, du siehst es
nicht mit an, sondern nimmst dir und den Deinen ein kleines, hbsches
Haus oder eine Etage irgendwo vorm Tore zum Beispiel ... Oder wre es
dir lieber, hier mit einer Anzahl von Mietsparteien zusammen zu
hausen?... Und deine Familie hast du doch immer noch, Gerda und mich und
Buddenbrooks in der Breiten Strae und Krgers und auch Mademoiselle
Weichbrodt ... ohne von Klothilde zu reden, von der ich nicht wei, ob
ihr der Umgang mit uns genehm ist; seit sie Klosterdame geworden, ist
sie ein wenig exklusiv...

Sie stie einen Seufzer aus, der halb ein Lachen war, wandte sich ab und
drckte das Taschentuch fester gegen die Augen, schmollend wie ein Kind,
das man mit einem Spa seinem Leide abwendig zu machen sucht. Dann aber
enthllte sie mit Entschlossenheit ihr Gesicht und setzte sich zurecht,
indem sie, wie immer, wenn es galt, Charakter und Wrde zu zeigen, den
Kopf zurcklegte und dennoch versuchte, das Kinn auf die Brust zu
drcken.

Ja, Tom, sagte sie, und ihre verweinten Augen zwinkerten mit ernstem
und gefatem Ausdruck zum Fenster hinber, ich will auch verstndig
sein ... ich bin es schon. Du mut verzeihen ... und du auch, Gerda ...
da ich geweint habe. Das kann einem ankommen ... es ist eine Schwche.
Aber es ist nur uerlich, glaubt mir. Ihr wit sehr wohl, da ich im
Grunde eine vom Leben gesthlte Frau bin ... Ja, Tom, das mit dem toten
Kapital leuchtet mir ein, so viel Verstand habe ich. Ich kann nur
wiederholen, da du tun mut, was du fr richtig hltst. Du mut fr uns
denken und handeln, denn Gerda und ich sind Weiber, und Christian ...
nun, Gott sei mit ihm!... Wir knnen dir nicht Widerpart halten, denn
was wir vorbringen knnen, sind keine Gegengrnde, sondern Sentiments,
das liegt auf der Hand. An wen wirst du es wohl verkaufen, Tom? Meinst
du, da es bald vonstatten gehen wird?

Ja, Kind, wenn ich das wte ... Immerhin ... ich habe schon heute
morgen ein paar Worte mit Gosch, dem alten Makler Gosch, gewechselt; er
schien nicht abgeneigt, die Sache in die Hand zu nehmen...

Das wre gut, ja, das wre sehr gut. Sigismund Gosch hat natrlich
seine Schwchen ... Das mit seinen bersetzungen aus dem Spanischen,
wovon man erzhlt -- ich kann nicht wissen, wie der Dichter heit -- ist
etwas sonderbar, das mut du zugeben, Tom. Aber er war schon ein Freund
vom Vater und ist ein grundehrlicher Mann. Und dann hat er Herz, dafr
ist er bekannt. Er wird begreifen, da es sich hier nicht um irgendeinen
Kauf handelt, um irgendein beliebiges Haus ... Was denkst du, Tom, was
wirst du verlangen? Hunderttausend Kurantmark sind doch das wenigste,
wie?...

Hunderttausend Kurantmark sind doch das wenigste, Tom! sagte sie noch,
die Tr in der Hand, als ihr Bruder und seine Frau schon die Treppe
hinunterstiegen. Dann, allein geblieben, stand sie inmitten des Zimmers
still, und die hinabhngenden Hnde vor sich gefaltet, derart, da die
Flchen nach unten gewandt waren, blickte sie mit groen, ratlosen Augen
rund um sich her. Ihr mit einem Hubchen aus schwarzen Spitzen
geschmckter Kopf, den sie unaufhrlich leise schttelte, sank, von
Gedanken beschwert, langsam tiefer und tiefer auf eine Schulter hinab.


Drittes Kapitel

Der kleine Johann war gehalten, sich von der sterblichen Hlle seiner
Gromutter zu verabschieden; sein Vater ordnete dies an, und er lie
keinen Laut des Widerspruches vernehmen, obgleich er sich frchtete. Am
Tage nach dem schweren Todeskampfe der Konsulin hatte der Senator, bei
Tische und, wie es schien, geflissentlich in Gegenwart seines Sohnes,
gegen seine Gattin mit ein paar harten Worten das Betragen Onkel
Christians verurteilt, der, als es der Kranken am schlimmsten ging,
davongeschlichen und zu Bette gegangen war. Das sind die Nerven,
Thomas, hatte Gerda geantwortet; aber mit einem Blick auf Hanno, der
dem Kinde keineswegs entgangen war, hatte er ihr in fast strengem Tone
zurckgegeben, da hier kein Wort der Entschuldigung am Platze sei. Die
selige Mutter habe so sehr gelitten, da man sich htte schmen mssen,
allzu schmerzlos dabei zu sitzen, und sich nicht feige dem bichen
Leiden entziehen, das der Anblick ihrer Kmpfe in einem hervorgerufen
htte. Hieraus hatte Hanno geschlossen, da er es nicht wagen drfe,
gegen den Besuch am offenen Sarge etwas einzuwenden.

Wie beim weihnachtlichen Einzuge war ihm der groe Raum entfremdet, als
er ihn am Tage vorm Begrbnisse zwischen Vater und Mutter von der
Sulenhalle aus betrat. Geradeaus, wei leuchtend gegen das dunkle Grn
groer Topfgewchse, die, mit hohen, silbernen Armleuchtern abwechselnd,
einen Halbkreis bildeten, stand auf schwarzem Postamente die Kopie von
Thorwaldsens Segnendem Christus, die drauen auf dem Korridor ihren
Platz gehabt hatte. berall an den Wnden bewegte sich im Luftzuge
schwarzer Flor und verhllte das Himmelblau der Tapete sowohl wie das
Lcheln der weien Gtterstatuen, die zugeschaut hatten, wenn man in
diesem Saale wohlgemut tafelte. Und umgeben von seinen ganz in Schwarz
gekleideten Anverwandten, den breiten Trauerflor um den rmel seines
Matrosenanzuges, den Sinn umnebelt von den Dften, welche den Mengen von
Blumengebinden und Krnzen entstrmten, und mit denen sich, ganz leise
und nur bei diesem oder jenem Atemzug bemerkbar, ein anderer fremder und
doch auf seltsame Art vertrauter Duft vermengte, stand der kleine Johann
zur Seite der Bahre und blickte auf die regungslose Gestalt, die vor ihm
zwischen weiem Atlas streng und feierlich ausgestreckt lag...

Dies war nicht Gromama. Es war ihre Gesellschaftshaube mit den
weiseidenen Bndern und ihr rotbrauner Scheitel darunter. Aber diese
spitze Nase, diese nach innen gezogenen Lippen, dieses hervorgeschobene
Kinn, diese gelben, durchsichtigen, gefalteten Hnde, denen man Klte
und Steifheit ansah, gehrten nicht ihr. Dies war eine fremde, wchserne
Puppe, die in dieser Weise aufzubauen und zu feiern, etwas Grauenhaftes
hatte. Und er blickte zum Landschaftszimmer hinber, als mte dort im
nchsten Augenblick die wirkliche Gromama erscheinen ... Aber sie kam
nicht. Sie war tot. Der Tod hatte sie fr immer mit dieser wchsernen
Figur vertauscht, die ihre Lider und Lippen so unerbittlich, so unnahbar
fest geschlossen hielt...

Er stand, auf dem linken Beine ruhend, das rechte Knie so gebogen, da
der Fu leicht auf der Spitze balancierte, und hielt mit einer Hand den
Schifferknoten auf seiner Brust umfat, whrend die andere schlaff
hinabhing. Sein Kopf mit dem lockig in die Schlfen fallenden
hellbraunen Haar war zur Seite geneigt, und unter zusammengezogenen
Brauen blickten seine goldbraunen, von blulichen Schatten umlagerten
Augen blinzelnd, mit einem abgestoenen und grblerischen Ausdruck in
das Antlitz der Leiche. Er atmete langsam und zgernd, denn bei jedem
Atemzuge erwartete er den Duft, jenen fremden und doch so seltsam
vertrauten Duft, den die Wolken von Blumengerchen nicht immer zu
bertuben vermochten. Und wenn er kam, wenn er ihn versprte, so zogen
sich seine Brauen fester zusammen, und seine Lippen gerieten einen
Augenblick in zitternde Bewegung ... Schlielich seufzte er; aber es
klang so sehr wie ein trnenloses Schluchzen, da Frau Permaneder sich
zu ihm niederbeugte, ihn kte und ihn fortfhrte.

Und nachdem der Senator und seine Frau, zusammen mit Frau Permaneder und
Erika Weinschenk, whrend langer Stunden im Landschaftszimmer die
Kondolationen der Stadt entgegengenommen hatten, ward Elisabeth
Buddenbrook, geborene Krger, zur Erde bestattet. Auswrtige Verwandte
waren aus Frankfurt und Hamburg dazu eingetroffen und hatten zum letzten
Male gastliche Aufnahme im Mengstraenhause gefunden. Und die Menge der
Leidtragenden fllte Saal und Landschaftszimmer, Sulenhalle und
Korridor, als bei brennenden Kerzen, in aufrechter Majestt zu Hupten
des Sarges, das rasierte Antlitz, dessen Ausdruck zwischen dsterem
Fanatismus und milder Verklrung wechselte, ber der breiten, gefalteten
Halskrause gegen Himmel gewandt und die Hnde dicht unterm Kinn
gefaltet, Pastor Pringsheim von St. Marien die Trauerrede hielt.

Er lobpries in schwellenden und verhallenden Lauten die Eigenschaften
der Dahingeschiedenen, ihre Vornehmheit und Demut, ihre Heiterkeit und
Frmmigkeit, ihre Wohlttigkeit und Milde. Er erwhnte des
Jerusalemsabends und der Sonntagsschule, er lie das ganze lange,
reiche und glckselige Erdenleben der Verewigten noch einmal im Glanz
seiner Dialektik erstrahlen ... und da das Wort Ende ein Beiwort haben
mu, so sprach er zuletzt von ihrem sanften Ende.

Frau Permaneder wute wohl, was sie in dieser Stunde sich selbst und der
ganzen Versammlung an Wrde und reprsentativer Haltung schuldete. Sie
hatte, zusammen mit ihrer Tochter Erika und ihrer Enkelin Elisabeth, die
sichtbarsten Ehrenpltze dicht beim Pastor, neben dem Kopfende des mit
Krnzen bedeckten Sarges, in Besitz genommen, whrend Thomas, Gerda,
Christian, Klothilde und der kleine Johann, sowie der alte Konsul
Krger, der auf einem Stuhle sa, gleich den Verwandten zweiten Grades
es sich gefallen lieen, der Feier an minder ausgezeichneten Pltzen
beizuwohnen. Hochaufgerichtet, mit ein wenig emporgezogenen Schultern,
das schwarzgernderte Batisttuch zwischen den zusammengelegten Hnden,
stand sie da, und ihr Stolz ber die erste Rolle, die ihr bei dieser
Feierlichkeit zufiel, war so gro, da er manchmal den Schmerz
vollstndig zurckdrngte und in Vergessenheit geraten lie. Ihre Augen,
die sie in dem Bewutsein, den beobachtenden Blicken der ganzen Stadt
ausgesetzt zu sein, meistens gesenkt hielt, konnten es sich hie und da
nicht versagen, ber die Menge hinzuschweifen, in der sie auch Julchen
Mllendorpf, geborene Hagenstrm, und ihren Gatten gewahrte ... Ja, sie
hatten alle kommen mssen, die Mllendorpfs, Kistenmakers, Langhals und
Oeverdiecks! Bevor Tony Buddenbrook ihr Elternhaus rumte, hatten sie
sich noch einmal hier zusammenscharen mssen, um ihr, trotz Grnlich,
trotz Permaneder und trotz Hugo Weinschenk, ihre mittrauernde
Ehrerbietung zu erweisen...!

Und Pastor Pringsheim bohrte mit seiner Trauerrede in der Wunde herum,
die der Tod geschlagen hatte, er fhrte mit Berechnung einem jeden vor
Augen, was er verloren, er verstand es, Trnen auch dort
hervorzupressen, wo von selbst keine geflossen wren, und dafr waren
die Gerhrten ihm dankbar. Als er den Jerusalemsabend zur Sprache
brachte, begannen alle alten Freundinnen der Verstorbenen zu schluchzen,
mit Ausnahme von Madame Kethelsen, die nichts vernahm und mit der
verschlossenen Miene der Tauben geradeaus blickte, und der Schwestern
Gerhardt, der Nachkommen Paul Gerhardts, die Hand in Hand mit klaren
Augen in einem Winkel standen; denn sie waren frhlich ber den Tod
ihrer Freundin, und beneideten sie nur deshalb nicht, weil Neid und
Migunst ihren Herzen fremd war.

Was Mademoiselle Weichbrodt betraf, so putzte sie unaufhrlich ihre Nase
mit einem kurzen und energischen Akzent. Aber die Damen Buddenbrook aus
der Breiten Strae weinten nicht; dies war nicht ihre Gewohnheit. Ihre
Mienen, weniger spitz immerhin als gewhnlich, drckten eine milde
Genugtuung ber die unparteiische Gerechtigkeit des Todes aus...

Dann, als Pastor Pringsheims letztes Amen verklungen, kamen mit ihren
schwarzen Dreispitzen, leise und dennoch so schnell, da die schwarzen
Mntel hinter ihnen sich bauschten, die vier Trger herein und legten
Hand an den Sarg. Es waren vier Lakaiengesichter, die jedermann kannte,
Lohndiener, die bei jedem Diner in den ersten Kreisen die schweren
Schsseln reichten und auf den Korridoren Mllendorpfschen Rotwein aus
den Karaffen tranken. Aber auch bei jedem Begrbnis erster und zweiter
Klasse waren sie unentbehrlich, und ihre Gewandtheit bei dieser Arbeit
war gro. Sie wuten wohl, da dieser Augenblick, da der Sarg, aus der
Mitte der Verbliebenen heraus, von Fremden ergriffen und fr immer
davongeschleppt wird, durch Takt und Behendigkeit berwunden werden mu.
Mit zwei oder drei hurtigen, geruschlosen und krftigen Bewegungen
hatten sie die Last von der Bahre auf ihre Schultern gehoben, und kaum,
da jemand Zeit hatte, sich das Schreckliche des Augenblicks klar zu
machen, so schwankte der blumenbedeckte Schrein schon ohne Verzgerung
und dennoch gemessenen Tempos davon und verschwand durch die
Sulenhalle.

Die Damen drngten sich behutsam zum Hndedruck um Frau Permaneder und
ihre Tochter, wobei sie mit niedergeschlagenen Augen nicht mehr und
nicht weniger murmelten, als was bei dieser Gelegenheit gemurmelt werden
mute, whrend die Herren sich anschickten, zu den Wagen
hinunterzusteigen...

Und es kam, in langem, schwarzem Zuge, die lange, langsame Fahrt durch
die grauen und feuchten Straen, durchs Burgtor hinaus, die
entbltterte, im kalten Sprhregen schauernde Allee entlang bis zum
Friedhof, woselbst man, whrend hinter einem halbkahlen Gestruch ein
Trauermarsch erklang, zu Fu dem Sarge ber die aufgeweichten Wege
folgte, bis dorthin, wo am Rande des Gehlzes das Buddenbrooksche
Erbbegrbnis seine von dem groen Sandsteinkreuz gekrnte gotische
Namensplatte emporragen lie ... Der steinerne Deckel des Grabes, mit
dem plastisch gearbeiteten Familienwappen geziert, lag neben der
schwarzen, von feuchtem Grn umrahmten Gruft.

Der Platz war dort unten dem neuen Ankmmling bereitet. Unter der
Aufsicht des Senators war dort in den letzten Tagen ein wenig gerumt
und berreste alter Buddenbrooks waren beiseite geschafft worden. Nun
schwebte, whrend die Musik verklang, der Sarg an den Stricken der
Trger ber der ausgemauerten Tiefe; mit einem leisen Gepolter glitt er
hinab, und Pastor Pringsheim, welcher Pulswrmer angezogen hatte, begann
aufs neue zu sprechen. Seine geschulte Stimme klang klar, beweglich und
fromm ber das offene Grab und die gebeugten oder wehmtig zur Seite
gelegten Kpfe der anwesenden Herren hin in die khle und stille
Herbstluft hinein. Schlielich beugte er sich ber die Gruft, redete die
Tote mit ihrem vollstndigen Namen an und segnete sie mit dem Zeichen
des Kreuzes. Als er verstummte und alle Herren mit ihren schwarz
bekleideten Hnden den Zylinder vor das Gesicht hielten, um still zu
beten, kam ein wenig Sonne hervor. Es regnete nicht mehr, und in das
Gerusch der Tropfen, die vereinzelt von Bumen und Struchern fielen,
klang hie und da ein kurzes, feines und fragendes Vogelzwitschern
hinein.

Und dann machte sich ein jeder daran, den Shnen und dem Bruder der
Toten noch einmal die Hand zu drcken.

Thomas Buddenbrook, den dicken und dunklen Stoff seines berziehers mit
feinen, silbernen Regentropfen betaut, stand zwischen seinem Bruder
Christian und seinem Onkel Justus bei diesem Defilee. Er begann in
letzter Zeit ein wenig stark zu werden -- das einzige Anzeichen des
Alterns an seinem sorgfltig gepflegten ueren. Seine Wangen, ber die
der spitz ausgezogene Schnurrbart hinausragte, rundeten sich; aber sie
waren weilich, bleich, ohne Blut und Leben. Seine leicht gerteten
Augen blickten jedem Herrn, dessen Hand er whrend eines Augenblicks in
der seinen hielt, mit einer matten Hflichkeit ins Gesicht.


Viertes Kapitel

Acht Tage spter sa in Senator Buddenbrooks Privatkontor, auf dem
Ledersessel zur Seite des Schreibtisches, ein kleiner, glattrasierter
Greis mit tief in Stirn und Schlfen gestrichenem, schlohweiem Haar. In
gebckter Haltung sttzte er sich mit beiden Hnden auf die weie Krcke
seines Stockes, lie das spitz hervorspringende Kinn auf den Hnden
ruhen und hielt mit bsartig zusammengepreten Lippen und abwrts
gezogenen Mundwinkeln von unten herauf einen so abscheulichen und
durchdringend tckischen Blick auf den Senator gerichtet, da es
unbegreiflich erschien, warum dieser die Gemeinschaft mit einem solchen
Menschen nicht lieber mied. Aber Thomas Buddenbrook sa ohne merkliche
Unruhe zurckgelehnt und sprach zu dieser hmischen und dmonischen
Erscheinung wie zu einem harmlosen Brger ... Zwischen dem Chef der
Firma Johann Buddenbrook und dem Makler Sigismund Gosch ward ber die
Kaufsumme fr das alte Haus in der Mengstrae beratschlagt.

Das nahm eine lange Zeit in Anspruch, denn das Angebot von 28000 Talern
Kurant, das Herr Gosch gemacht hatte, schien dem Senator zu niedrig,
whrend der Makler sich zur Hlle verschwur, wenn dieser Summe auch nur
einen Silbergroschen hinzuzufgen nicht eine Tat des Wahnwitzes wre.
Thomas Buddenbrook sprach von der zentralen Lage und dem ungewhnlichen
Umfange des Grundstckes, aber Herr Gosch hielt mit zischender,
gepreter und verbissener Stimme, verzerrten Lippen und grauenerregenden
Gesten einen Vortrag ber das erdrckende Risiko, das er bernhme, eine
Explikation, die in ihrer lebensvollen Eindringlichkeit beinahe ein
Gedicht zu nennen war ... Ha! Wann, an wen, fr wieviel er dieses Haus
wohl wieder wrde absetzen knnen? Wie oft im Rollen der Jahrhunderte
denn eine Nachfrage nach einem solchen Grundstck laut wrde? Ob sein
hochverehrter Freund und Gnner ihm etwa versprechen knne, da morgen
mit dem Zuge von Bchen ein Nabob aus Indien eintreffen werde, um sich
im Buddenbrookschen Hause einzurichten? Er -- Sigismund Gosch -- werde
damit sitzenbleiben ... damit sitzenbleiben werde er, und dann sei er
ein geschlagener, ein endgltig vernichteter Mensch, der nicht mehr die
Zeit haben werde, sich zu erheben, denn seine Uhr sei abgelaufen, sein
Grab sei geschaufelt, geschaufelt sei es ... Und da diese Wendung ihn
fesselte, so fgte er noch etwas von schlotternden Lemuren und dumpf auf
den Sargdeckel fallenden Erdschollen hinzu.

Dennoch gab der Senator sich nicht zufrieden. Er sprach ber die
vortreffliche Teilbarkeit des Grundstckes, betonte die Verantwortung,
die er seinen Geschwistern gegenber trage, und beharrte bei dem Preise
von 30000 Talern Kurant, um dann aufs neue mit einem Gemisch von
Nervositt und Wohlgefallen eine wohlpointierte Entgegnung des Herrn
Gosch anzuhren. Das dauerte wohl zwei Stunden lang, in deren Verlaufe
Herr Gosch Gelegenheit hatte, alle Register seiner Charakterkunst zu
ziehen. Er spielte gleichsam ein doppeltes Spiel, er spielte einen
heuchelnden Bsewicht. Schlagen Sie ein, Herr Senator, mein
jugendlicher Gnner ... 84000 Kurantmark ... es ist das Angebot eines
alten, ehrlichen Mannes! sagte er mit ser Stimme, indem er den Kopf
auf die Seite legte, sein von Grimassen verwstetes Gesicht zu einem
Lcheln der treuherzigen Einfalt verzog und seine Hand, eine groe,
weie Hand, mit langen und zitternden Fingern, von sich streckte. Aber
das war Lge und Verrterei! Ein Kind htte diese heuchlerische Maske
durchschauen mssen, unter welcher die tiefinnere Schurkenhaftigkeit
dieses Menschen grlich hervorgrinste...

Endlich erklrte Thomas Buddenbrook, da er sich eine Bedenkzeit
erbitten und jedenfalls mit seinen Geschwistern Rcksprache nehmen
msse, bevor er die 28000 Taler akzeptiere, was wohl kaum jemals
geschehen knne. Er brachte vorderhand das Gesprch auf ein neutrales
Gebiet, erkundigte sich nach den geschftlichen Erfolgen des Herrn
Gosch, nach seinem persnlichen Wohlergehen...

Herrn Gosch ging es schlecht; mit einer schnen und groen Armbewegung
wies er die Annahme zurck, er knne zu den Glcklichen gehren. Das
beschwerliche Greisenalter nahte heran, es war da, wie gesagt, seine
Grube war geschaufelt. Er konnte abends kaum noch sein Glas Grog zum
Munde fhren, ohne die Hlfte zu verschtten, so machte der Teufel
seinen Arm zittern. Da ntzte kein Fluchen ... Der Wille triumphierte
nicht mehr ... Immerhin! Er hatte ein Leben hinter sich, ein nicht ganz
armes Leben. Mit wachen Augen hatte er in die Welt gesehen. Revolutionen
und Kriege waren vorbergebraust, und ihre Wogen waren auch durch sein
Herz gegangen ... sozusagen. Ha, verdammt, das waren andere Zeiten
gewesen, als er whrend jener historischen Brgerschaftssitzung an der
Seite von des Senators Vater, neben Konsul Johann Buddenbrook dem
Ansturm des wtenden Pbels getrotzt hatte! Der schrecklichste der
Schrecken ... Nein, sein Leben war nicht arm gewesen, auch innerlich
nicht so ganz. Verdammt, er hatte Krfte versprt, und wie die Kraft, so
das Ideal -- sagt Feuerbach. Und auch jetzt noch, auch jetzt ... seine
Seele war nicht verarmt, sein Herz war jung geblieben, es hatte nie
aufgehrt, wrde nie aufhren, grandioser Erlebnisse fhig zu sein,
seine Ideale warm und treu zu umschlieen ... Er wrde sie mit ins Grab
nehmen, gewi! Aber waren Ideale dazu da, erreicht und verwirklicht zu
werden? Keineswegs! Die Sterne, die begehrt man nicht, aber die Hoffnung
... oh, die Hoffnung, nicht die Erfllung, die Hoffnung war das beste im
Leben. _L'esprance toute trompeuse qu'elle est, sert au moins  nous
mener  la fin de la vie par un chemin agrable._ Das hatte
Larochefoucauld gesagt, und es war schn, nicht wahr?... Ja, sein
hochverehrter Freund und Gnner brauchte dergleichen nicht zu wissen!
Wen die Wogen des realen Lebens hoch auf ihre Schultern genommen hatten,
da das Glck seine Stirn umspielte, der brauchte solche Dinge nicht im
Kopfe zu haben. Aber wer einsam tief unten im Dunkel trumte, der hatte
dergleichen ntig!...

Sie sind glcklich, sagte er pltzlich, indem er eine Hand auf des
Senators Knie legte und mit schwimmendem Blick zu ihm emporsah. ...O
doch! Versndigen Sie sich nicht, indem Sie das leugnen! Sie sind
glcklich! Sie halten das Glck in den Armen! Sie sind ausgezogen und
haben es sich mit starkem Arm erobert ... mit starker Hand! verbesserte
er sich, weil er die zu schnelle Wiederholung des Wortes Arm nicht
ertragen konnte. Dann verstummte er, und ohne ein Wort von des Senators
abwehrender und resignierter Antwort zu vernehmen, fuhr er fort, ihm mit
einer dunklen Trumerei ins Gesicht zu blicken. Pltzlich richtete er
sich auf.

Aber wir plaudern, sagte er, und doch sind wir in Geschften
zusammengekommen. Die Zeit ist kostbar -- verlieren wir sie nicht mit
Bedenken! Hren Sie mich an ... Weil =Sie= es sind ... verstehen Sie
mich? Weil... Es sah aus, als wollte Herr Gosch aufs neue in ein
schnes Sinnen versinken, aber er raffte sich auf und rief mit einer
weiten, schwungvollen und enthusiastischen Geste: Neunundzwanzigtausend
Taler ... Siebenundachtzigtausend Mark Kurant fr das Haus Ihrer Mutter!
Top?...

Und Senator Buddenbrook schlug ein.

Frau Permaneder fand, wie zu erwarten stand, den Kaufpreis zum Lachen
gering. Wrde jemand, in Anbetracht der Erinnerungen, die sich fr sie
daran knpften, eine Million fr das Haus auf den Tisch gezhlt haben,
sie htte dies als eine anstndige Handlungsweise empfunden -- weiter
nichts. Indessen gewhnte sie sich rasch an die Zahl, die ihr Bruder ihr
genannt hatte, besonders, da ihr Denken und Trachten von Zukunftsplnen
in Anspruch genommen war.

Sie freute sich von Herzen ber die vielen guten Mbel, die ihr
zugefallen waren, und obgleich frs erste niemand daran dachte, sie aus
ihrem Elternhause zu verjagen, betrieb sie das Auffinden und Mieten
einer neuen Wohnung fr sich und die Ihren mit vielem Eifer. Der
Abschied wrde schwer sein ... gewi, der Gedanke daran trieb ihr die
Trnen in die Augen. Aber andererseits hatte die Aussicht auf Neuerung
und Vernderung doch ihren Reiz ... War es nicht fast wie eine neue,
eine vierte Etablierung? Wieder besichtigte sie Wohnrume, wieder nahm
sie Rcksprache mit dem Tapezierer Jacobs, wieder unterhandelte sie in
den Lden ber Portieren und Luferstoffe ... Ihr Herz pochte,
wahrhaftig, das Herz dieser alten, vom Leben gesthlten Frau schlug
hher!

So vergingen Wochen, vier, fnf und sechs Wochen. Der erste Schnee kam,
der Winter war da, die fen prasselten, und Buddenbrooks berlegten
traurig, wie diesmal das Weihnachtsfest vergehen werde ... Da pltzlich
geschah etwas, etwas Dramatisches, etwas ber alle Maen berraschendes;
der Lauf der Dinge nahm eine Wendung, die das allgemeinste Interesse
verdiente und auch erhielt; ein Ereignis trat ein ... es =schlug= ein,
es machte, da Frau Permaneder inmitten ihrer Geschfte stille stand und
erstarrte!

Thomas, sagte sie, bin ich verrckt? Phantasiert vielleicht Gosch? Es
kann nicht mglich sein! Es ist zu absurd, zu undenkbar, zu... Sie
verstummte und hielt ihre Schlfen mit beiden Hnden erfat. Aber der
Senator zuckte die Achseln.

Liebes Kind, noch ist nichts entschieden; aber der Gedanke, die
Mglichkeit ist aufgetaucht, und bei einiger ruhigen berlegung wirst du
finden, da an der Sache gar nichts Undenkbares ist. Ein bichen
frappierend ist es, gewi. Ich trat auch einen Schritt zurck, als Gosch
es mir sagte. Aber undenkbar? Was steht denn im Wege?...

Ich berlebe es nicht, sagte sie, setzte sich in einen Stuhl und blieb
regungslos.

Was ging vor? -- Schon hatte sich ein Kufer fr das Haus gefunden oder
doch eine Person, die Interesse fr den Fall an den Tag legte und
bereits dem Wunsche Ausdruck gegeben hatte, das feilstehende Besitztum
behufs weiterer Unterhandlungen einmal grndlich in Augenschein zu
nehmen. Und diese Person war Herr Hermann Hagenstrm, Grohndler und
Kniglich Portugiesischer Konsul.

Als das erste Gercht Frau Permaneder erreicht hatte, war sie gelhmt
gewesen, verblfft, vor den Kopf geschlagen, unglubig, unfhig, den
Gedanken in seiner Tiefe zu erfassen. Nun aber, da die Frage mehr und
mehr an Form und Gestalt gewann, da der Besuch Konsul Hagenstrms in der
Mengstrae ganz einfach schon vor der Tre stand, nun raffte sie sich
zusammen, und es kam Leben in sie. Sie protestierte nicht, sie bumte
sich auf. Sie fand Worte, glhende und scharfschneidige Worte, und sie
schwang sie wie Brandfackeln und Kriegsbeile.

Dies geschieht nicht, Thomas! So lange ich lebe, geschieht dies nicht!
Wenn man seinen Hund verkauft, so sieht man danach, was fr einen Herrn
er bekommt. Und Mutters Haus! Unser Haus! Das Landschaftszimmer!...

Aber ich frage dich ja, was denn eigentlich im Wege steht?

Was im Wege steht? Grundgtiger Gott, was im Wege steht! Berge sollten
ihm im Wege stehen, diesem dicken Menschen, Thomas! Berge! Aber er sieht
sie nicht! Er kmmert sich nicht darum! Er hat kein Gefhl dafr! Ist er
denn ein Vieh?... Seit Urzeiten sind Hagenstrms unsere Widersacher ...
Der alte Hinrich hat Grovater und Vater schikaniert, und wenn Hermann
dir noch nichts Ernstliches hat antun knnen, wenn er dir noch keinen
Knppel zwischen die Beine geworfen hat, so geschah es, weil sich ihm
noch keine Gelegenheit dazu bot ... Als wir Kinder waren, habe ich ihn
auf offener Strae geohrfeigt, wozu ich meine Grnde hatte, und seine
holdselige Schwester Julchen hat mich dafr beinahe zuschanden gekratzt.
Das sind Kindereien ... gut! Aber sie haben voll Hohn und Freude
zugesehen, wenn wir Unglck hatten, und meistens war ich diejenige, die
ihnen dies Vergngen verschaffte ... Gott hat es so gewollt ... Aber
inwiefern der Konsul dir geschftlich geschadet, und mit welcher
Unverschmtheit er dich berflgelt hat, das mut du selbst am besten
wissen, Tom, darber kann ich dich nicht belehren. Und als zu guter
Letzt noch Erika eine gute Heirat machte, da hat es sie gewurmt, so
lange, bis sie es fertig gebracht hatten, den Direktor aus der Welt zu
schaffen und einzusperren, durch die Hand ihres Bruders, dieses Katers,
dieses Satans von Staatsanwalt ... Und nun wollen sie sich erfrechen ...
sie entblden sich nicht...

Hre, Tony, erstens haben wir in der Sache ja ernstlich gar nicht mehr
mitzureden, denn wir haben mit Gosch abgeschlossen, und es ist nun an
ihm, das Geschft zu machen mit wem er will. Ich gebe dir ja zu, da
eine gewisse Ironie des Schicksals darin lge...

Ironie des Schicksals? Ja, Tom, das ist nun =deine= Art, dich
auszudrcken! Ich aber nenne es eine Schmach, einen Faustschlag mitten
ins Gesicht, und das wre es!... Bedenkst du denn nicht, was es
bedeutet? So bedenke doch, was es bedeuten wrde, Thomas! Es wrde
bedeuten: Buddenbrooks sind fertig, sie sind endgltig abgetan, sie
ziehen ab, und Hagenstrms rcken mit Kling und Klang an ihre Stelle ...
Nie, Thomas, niemals wirke ich mit bei diesem Schauspiele! Niemals biete
ich die Hand zu dieser Niedertrchtigkeit! Mag er nur kommen, la ihn
nur sich unterstehen, hierher zu kommen, um das Haus zu besichtigen. Ich
empfange ihn nicht, das glaube mir! Ich setze mich mit meiner Tochter
und meiner Enkelin in ein Zimmer und drehe den Schlssel um und verwehre
ihm den Eintritt, das tue ich...

Du wirst das machen, wie du es fr klug hltst, meine Liebe, und vorher
berlegen, ob es nicht ratsam sein wird, den gesellschaftlichen Anstand
aufmerksam zu wahren. Vermutlich glaubst du, da Konsul Hagenstrm sich
durch dein Benehmen tief getroffen fhlen wrde? Nein, weit gefehlt,
mein Kind. Er wrde sich weder erfreuen noch erbosen darber, sondern er
wrde erstaunt sein, khl und gleichgltig erstaunt ... Die Sache ist
die, da du bei ihm dieselben Gefhle gegen dich und uns voraussetzest,
die du gegen ihn hegst. Irrtum, Tony! Er hat dich ja gar nicht. Warum
sollte er dich hassen? Er hat keinen Menschen. Er sitzt in Erfolg und
Glck und ist voll Heiterkeit und Wohlwollen, glaube mir das eine. Ich
habe dir schon mehr als zehnmal versichert, da er dich auf der Strae
in der liebenswrdigsten Weise gren wrde, wenn du dich berwinden
knntest, einmal nicht gar zu kriegerisch und hochmtig in die Luft zu
blicken. Er wundert sich darber, zwei Minuten lang empfindet er ein
ruhevolles und etwas mokantes Erstaunen, unfhig, einen Mann, dem
niemand etwas anhaben kann, aus dem Gleichgewicht zu bringen ... Was
wirfst du ihm vor? Wenn er mich geschftlich weit berflgelt hat und
mir hie und da mit Erfolg in ffentlichen Angelegenheiten entgegentritt
-- schn und gut, so mu er denn wohl ein tchtigerer Kaufmann und ein
besserer Politiker sein als ich ... Durchaus kein Grund, so sonderbar
wtend zu lachen, wie du da tust! Um aber auf das Haus zurckzukommen,
so hat ja das alte lngst kaum noch eine tatschliche Bedeutung fr die
Familie, sondern die ist allmhlich ganz auf das meine bergegangen ...
ich sage das, um dich fr jeden Fall zu trsten. Andererseits ist es ja
klar, wodurch Konsul Hagenstrm auf Kaufgedanken gebracht worden ist.
Die Leute sind emporgekommen, ihre Familie wchst, sie sind mit
Mllendorpfs verschwgert und an Geld und Ansehen den Ersten gleich.
Aber es fehlt ihnen etwas, etwas uerliches, worauf sie bislang mit
berlegenheit und Vorurteilslosigkeit verzichtet haben ... Die
historische Weihe, sozusagen das Legitime ... Sie scheinen jetzt Appetit
danach bekommen zu haben, und sie verschaffen sich etwas davon, indem
sie ein Haus beziehen wie dieses hier ... Pa auf, der Konsul wird hier
alles mglichst konservieren, er wird nichts umbauen, er wird auch das
`_Dominus providebit_ ber der Haustr stehen lassen, obgleich man
billig sein und ihm zugestehen mu, da nicht der Herr, sondern er ganz
allein der Firma Strunck & Hagenstrm zu einem so erfreulichen
Aufschwung verholfen hat...

Bravo, Tom! Ach, wie das wohltut, einmal von dir eine Bosheit ber ihn
zu hren! Das ist ja eigentlich alles, was ich will! Mein Gott, htte
ich deinen Kopf, wie wollte ich ihm zusetzen! Aber da stehst du nun...

Du siehst ja, da mein Kopf mir tatschlich wenig ntzt.

Aber da stehst du nun, sage ich, und sprichst ber die Sache mit dieser
unfalichen Gelassenheit und erklrst mir Hagenstrms Handlungsweise ...
Ach, rede wie du willst, du hast ein Herz im Leibe so gut wie ich, und
ich glaube einfach nicht, da es dich innerlich so ruhig lt, wie du
tust! Du antwortest mir auf meine Klagen ... vielleicht willst du dich
selbst nur trsten...

Jetzt wirst du vorlaut, Tony. Wie ich `tue, das gilt -- bitte ich mir
aus! Alles brige geht niemanden etwas an.

Sage nur das eine, Tom, ich flehe dich an: Wre es nicht ein
Fiebertraum?

Vollkommen.

Ein Alpdrcken?

Warum nicht.

Eine Katzenkomdie zum Heulen?

Genug! Genug!--

--Und Konsul Hagenstrm erschien in der Mengstrae, er erschien
zusammen mit Herrn Gosch, der, seinen Jesuitenhut in der Hand, gebckt
und verrterisch um sich blickend, an dem Folgmdchen vorbei, das die
Karten berbracht hatte und die Glastr offen hielt, hinter dem Konsul
ins Landschaftszimmer trat...

Hermann Hagenstrm, in einem fulangen, dicken und schweren Pelze, der
vorne offen stand und einen grngelben, faserigen und durablen
englischen Winteranzug sehen lie, war eine grostdtische Figur, ein
imposanter Brsentypus. Er war so auerordentlich fett, da nicht nur
sein Kinn, sondern sein ganzes Untergesicht doppelt war, was der
kurzgehaltene, blonde Vollbart nicht verhllte, ja, da die geschorene
Haut seiner Schdeldecke bei gewissen Bewegungen der Stirn und der
Augenbrauen dicke Falten warf. Seine Nase lag platter als jemals auf der
Oberlippe und atmete mhsam in den Schnurrbart hinein; dann und wann
aber mute der Mund ihr zu Hilfe kommen, indem er sich zu einem
ergiebigen Atemzuge ffnete. Und das war noch immer mit einem gelinde
schmatzenden Gerusch verbunden, hervorgerufen durch ein allmhliches
Loslsen der Zunge vom Oberkiefer und vom Schlunde.

Frau Permaneder verfrbte sich, als sie dieses altbekannte Gerusch
vernahm. Eine Vision von Zitronensemmeln mit Trffelwurst und von
Straburger Gnseleberpastete suchte sie heim dabei und htte beinahe
fr einen Augenblick die steinerne Wrde ihrer Haltung erschttert ...
Das Trauerhubchen auf dem glattgescheitelten Haar, in einem
vortrefflich sitzenden schwarzen Kleid, dessen Rock mit Volants bis oben
hinauf besetzt war, sa sie mit gekreuzten Armen und etwas
emporgezogenen Schultern auf dem Sofa und richtete noch beim Eintritt
der beiden Herren eine gleichgltige und ruhevolle Bemerkung an ihren
Bruder, den Senator, der es nicht htte verantworten knnen, sie in
dieser Stunde im Stiche zu lassen ... Sie blieb auch noch sitzen,
whrend der Senator, der den Gsten bis zur Mitte des Zimmers
entgegengeschritten war, eine herzliche Begrung mit dem Makler Gosch
und eine korrekt hfliche mit dem Konsul tauschte, erhob sich dann auch
ihrerseits, vollfhrte eine gemessene Verbeugung vor beiden zugleich und
beteiligte sich dann ohne jedweden bereifer mit Wort und Hand an den
Aufforderungen ihres Bruders, geflligst Platz zu nehmen. brigens hielt
sie hierbei vor unberhrter Gleichgltigkeit ihre Augen beinahe ganz
geschlossen.

Whrend man sich setzte und im Verlaufe der ersten darauf folgenden
Minuten sprachen abwechselnd der Konsul und der Makler. Herr Gosch bat
mit abstoend falscher Demut, hinter der allen sichtbar die Tcke
lauerte, gtigst die Strung zu entschuldigen, doch hege Herr Konsul
Hagenstrm den Wunsch, einen Rundgang durch die Rumlichkeiten des
Hauses zu tun, da er eventuell als Kufer darauf reflektiere ... Und
dann wiederholte der Konsul mit einer Stimme, die Frau Permaneder
wiederum an belegte Zitronensemmeln gemahnte, dasselbe noch einmal in
anderen Worten. Ja, in der Tat, der Gedanke sei ihm gekommen, und er sei
schnell zum Wunsche geworden, den er sich und den Seinen erfllen zu
knnen hoffe, gesetzt, da nicht Herr Gosch ein gar zu gutes Geschft
dabei zu machen beabsichtige, ha, ha!... nun, er zweifle nicht, da sich
die Angelegenheit zur allseitigen Zufriedenheit werde ordnen lassen.

Sein Gehaben war frei, sorglos, behaglich und weltmnnisch, was seinen
Eindruck auf Frau Permaneder nicht verfehlte, besonders da er aus
Courtoisie sich mit seinen Worten fast immer an sie wandte. Er lie sich
sogar darauf ein, seinen Wunsch in beinahe entschuldigendem Ton
ausfhrlich zu begrnden. Raum! Mehr Raum! sagte er. Mein Haus in der
Sandstrae ... Sie glauben es nicht, gndige Frau, und Sie, Herr Senator
... es wird uns effektiv zu eng, wir knnen uns manchmal nicht mehr
darin rhren. Ich rede nicht einmal von Gesellschaft ... bewahre. Es ist
effektiv nur die Familie ntig, Huneus', Mllendorpfs, die Angehrigen
meines Bruders Moritz ... und wir befinden uns effektiv wie die Heringe.
Also warum -- nicht wahr?

Er sprach in dem Tone einer leichten Entrstung, mit einem Ausdruck und
mit Handbewegungen, welche besagten: Sie werden das einsehen ... ich
brauche mir das nicht gefallen zu lassen ... ich wre ja dumm ... da es
doch, Gott sei Dank, am Ntigsten nicht fehlt, der Sache abzuhelfen...

Nun habe ich warten wollen, fuhr er fort, ich habe warten wollen, bis
Zerline und Bob ein Haus gebrauchen wrden, um ihnen erst dann das meine
abzutreten und mich nach etwas Grerem umzutun; aber ... Sie wissen,
unterbrach er sich, da meine Tochter Zerline und Bob, der lteste
meines Bruders, des Staatsanwaltes, seit langen Jahren verlobt sind ...
Die Hochzeit soll nun nicht allzu lange mehr hinausgeschoben werden.
Zwei Jahre hchstens noch ... Sie sind jung -- desto besser! Aber kurz
und gut, warum soll ich auf sie warten und mir die gnstige Gelegenheit
entgehen lassen, die sich mir augenblicklich bietet? Es lge effektiv
kein vernnftiger Sinn darin...

Zustimmung herrschte im Zimmer, und die Unterhaltung blieb ein wenig bei
dieser Familienangelegenheit, dieser bevorstehenden Verehelichung
stehen; denn da vorteilhafte Heiraten zwischen Geschwisterkindern in der
Stadt nichts Ungewhnliches waren, so nahm niemand Ansto daran. Man
erkundigte sich nach den Plnen der jungen Herrschaften, Plne, die
sogar schon die Hochzeitsreise betrafen ... Sie gedachten an die Riviera
zu gehen, nach Nizza usw. Sie hatten Lust dazu -- und warum also nicht,
nicht wahr?... Auch der jngeren Kinder wurde erwhnt, und der Konsul
sprach mit Behagen und Wohlgefallen von ihnen, leichthin und mit
Achselzucken. Er selbst besa fnf Kinder und sein Bruder Moritz deren
vier: Shne und Tchter ... ja, danke sehr, sie waren alle wohlauf.
Warum sollten sie brigens nicht wohlauf sein -- nicht wahr? Kurzum, es
ging ihnen gut. Und dann kam er wieder auf das Anwachsen der Familie und
die Enge in seinem Hause zu sprechen ... Ja, dies hier ist etwas
anderes! sagte er. Das habe ich schon auf dem Wege hier herauf sehen
knnen -- das Haus ist eine Perle, eine Perle ohne Frage, gesetzt, da
der Vergleich bei diesen Dimensionen haltbar ist, ha! ha!... Schon die
Tapeten hier ... ich gestehe Ihnen, gndige Frau, ich bewundere, whrend
ich spreche, bestndig die Tapeten. Ein scharmantes Zimmer effektiv!
Wenn ich denke ... hier haben Sie bislang Ihr Leben verbringen
drfen...

Mit einigen Unterbrechungen -- ja, sprach Frau Permaneder mit jener
besonderen Kehlkopfstimme, die ihr manchmal zu Gebote stand.

Unterbrechungen -- ja, wiederholte der Konsul mit zuvorkommendem
Lcheln. Dann warf er einen Blick auf Senator Buddenbrook und Herrn
Gosch, und da die beiden Herren im Gesprche begriffen waren, rckte er
seinen Sessel nher zu Frau Permaneders Sofasitz heran und beugte sich
zu ihr, so da nun das schwere Pusten seiner Nase dicht unter der ihren
ertnte. Zu hflich, sich abzuwenden und sich seinem Atem zu entziehen,
sa sie steif und mglichst hoch aufgerichtet und blickte mit gesenkten
Lidern auf ihn nieder. Aber er bemerkte durchaus nicht das Gezwungene
und Unangenehme ihrer Lage.

Wie ist es, gndige Frau, sagte er ... Mir scheint, wir haben frher
schon einmal Geschfte miteinander gemacht? Damals handelte es sich
freilich nur ... um was noch gleich? Leckereien, Zuckerwerk, wie?... Und
jetzt um ein ganzes Haus...

Ich erinnere mich nicht, sagte Frau Permaneder und steifte ihren Hals
noch mehr, denn sein Gesicht war ihr unanstndig und unertrglich
nahe...

Sie erinnern sich nicht?

Nein, ich wei, ehrlich gesagt, nichts von Zuckerwerk. Mir schwebt
etwas vor von Zitronensemmeln mit fetter Wurst belegt ... einem recht
widerlichen Frhstcksbrot ... Ich wei nicht, ob es mir oder Ihnen
gehrte ... Wir waren Kinder damals ... Aber das mit dem Hause heute ist
ja ganz und gar Sache des Herrn Gosch...

Sie warf ihrem Bruder einen raschen, dankbaren Blick zu, denn er hatte
ihre Not gesehen und kam ihr zu Hilfe, indem er sich die Frage erlaubte,
ob es den Herren genehm sei, vorerst einmal den Gang durchs Haus zu
unternehmen. Man war bereit dazu, man verabschiedete sich vorlufig von
Frau Permaneder, denn man hoffte, spter noch einmal das Vergngen zu
haben ... und dann fhrte der Senator die beiden Gste durch den Esaal
hinaus.

Er fhrte sie treppauf, treppab und zeigte ihnen die Zimmer der zweiten
Etage sowie diejenigen, die am Korridor des ersten Stockwerks gelegen
waren, und die Parterrerumlichkeiten, ja selbst Kche und Keller. Was
die Bros betraf, so nahm man Abstand davon, einzutreten, da der
Rundgang in die Arbeitszeit der Versicherungsbeamtenschaft fiel. Ein
paar Bemerkungen ber den neuen Direktor wurden gewechselt, den Konsul
Hagenstrm zweimal hintereinander fr einen grundehrlichen Mann
erklrte, worauf der Senator verstummte.

Sie gingen dann durch den kahlen, in halbgeschmolzenem Schnee liegenden
Garten, taten einen Blick in das Portal und kehrten auf den vorderen
Hof zurck, dorthin, wo die Waschkche lag, um sich von hier aus den
schmalen gepflasterten Gang zwischen den Mauern entlang ber den
hinteren Hof, wo der Eichbaum stand, nach dem Rckgebude zu begeben.
Hier gab es nichts als vernachlssigte Altersschwche. Zwischen den
Pflastersteinen des Hofes wucherte Gras und Moos, die Treppen des Hauses
waren in vollem Verfall, und die freie Katzenfamilie im Billardsaale
konnte man nur flchtig beunruhigen, indem man die Tr ffnete, ohne
einzutreten, denn der Fuboden war hier nicht sicher.

Konsul Hagenstrm war schweigsam und ersichtlich mit Erwgungen und
Plnen beschftigt. Nun ja--, sagte er bestndig, gleichgltig
abwehrend, und deutete damit an, da, sollte er hier Herr werden, dies
alles natrlich nicht so bleiben knne. Mit der gleichen Miene stand er
auch ein Weilchen auf dem harten Lehmboden zu ebener Erde und blickte zu
den den Speicherbden empor. Nun ja--, wiederholte er, setzte das
dicke und schadhafte Windetau, das hier, mit seinem verrosteten
Eisenhaken am Ende, whrend langer Jahre regungslos inmitten des Raumes
gehangen hatte, ein wenig in Pendelbewegung und wandte sich dann auf dem
Absatze um.

Ja, nehmen Sie besten Dank fr Ihre Bemhungen, Herr Senator; wir sind
wohl zu Ende, sagte er, und dann blieb er beinahe stumm, auf dem rasch
zurckgelegten Wege zum Vordergebude sowie auch spter, als die beiden
Gste sich im Landschaftszimmer, ohne noch einmal Platz zu nehmen, bei
Frau Permaneder empfohlen hatten und Thomas Buddenbrook sie die Treppe
hinunter und ber die Diele geleitete. Kaum aber war die Verabschiedung
erledigt, und kaum wandte sich Konsul Hagenstrm, auf die Strae
hinaustretend, seinem Begleiter, dem Makler, zu, als zu bemerken war,
da ein beraus lebhaftes Gesprch zwischen den beiden begann...

Der Senator kehrte ins Landschaftszimmer zurck, woselbst Frau
Permaneder, ohne sich anzulehnen und mit strenger Miene, an ihrem
Fensterplatze sa, mit zwei groen Holznadeln an einem schwarzwollenen
Rckchen fr ihre Enkelin, die kleine Elisabeth, strickte und hie und da
einen Blick seitwrts in den Spion warf. Thomas ging eine Weile, die
Hnde in den Hosentaschen, schweigend auf und nieder.

Ja, ich habe ihn nun dem Makler berlassen, sagte er dann; man mu
abwarten, was daraus wird. Ich denke, er wird das Ganze kaufen, hier
vorne wohnen und das hintere Terrain anderweitig verwerten...

Sie sah ihn nicht an, sie vernderte auch nicht die aufrechte Haltung
ihres Oberkrpers und hrte nicht auf, zu stricken; im Gegenteile, die
Schnelligkeit, mit der die Nadeln sich in ihren Hnden umeinander
bewegten, nahm merklich zu.

O gewi, er wird es kaufen, er wird das Ganze kaufen, sagte sie, und
es war die Kehlkopfstimme, deren sie sich bediente. Warum sollte er es
nicht kaufen, nicht wahr? Es lge effektiv kein vernnftiger Sinn
darin.

Und mit emporgezogenen Brauen blickte sie durch das Pincenez, das sie
jetzt bei Handarbeiten gebrauchen mute, aber durchaus nicht richtig
aufzusetzen verstand, steif und fest auf ihre Nadeln, die mit
verwirrender Geschwindigkeit und leisem Geklapper umeinanderwirbelten.

                   *       *       *       *       *

Weihnachten kam, das erste Weihnachtsfest ohne die Konsulin. Der Abend
des vierundzwanzigsten Dezembers wurde im Hause des Senators begangen,
ohne die Damen Buddenbrook aus der Breiten Strae und ohne die alten
Krgers; denn wie es nun mit den regelmigen Kindertagen ein Ende
hatte, so war Thomas Buddenbrook auch nicht geneigt, alle Teilnehmer an
den Weihnachtsabenden der Konsulin nun seinerseits zu versammeln und zu
beschenken. Nur Frau Permaneder mit Erika Weinschenk und der kleinen
Elisabeth, Christian, Klothilde, die Klosterdame und Mademoiselle
Weichbrodt waren gebeten, welch letztere ja nicht ablie, am
fnfundzwanzigsten in ihren heien Stbchen die bliche, mit
Unglcksfllen verbundene Bescherung abzuhalten.

Es fehlte der Chor der Hausarmen, die in der Mengstrae Schuhzeug und
wollene Sachen in Empfang genommen hatten, und es gab keinen
Knabengesang. Man stimmte im Salon ganz einfach das Stille Nacht,
heilige Nacht an, worauf Therese Weichbrodt aufs exakteste das
Weihnachtskapitel verlas, an Stelle der Senatorin, die das nicht
sonderlich liebte; und dann ging man, indem man mit halber Stimme die
erste Strophe des O Tannebaum sang, durch die Zimmerflucht in den
groen Saal hinber.

Es lag kein besonderer Grund vor zu freudigen Veranstaltungen. Die
Gesichter waren nicht eben glckstrahlend und die Unterhaltung nicht
eben heiter bewegt. Worber sollte man plaudern? Es gab nicht viel
Erfreuliches in der Welt. Man gedachte der seligen Mutter, sprach ber
den Hausverkauf, ber die helle Etage, die Frau Permaneder vorm
Holstentore in einem freundlichen Hause angesichts der Anlagen des
Lindenplatzes gemietet hatte, und ber das, was geschehen werde, wenn
Hugo Weinschenk wieder auf freiem Fue wre ... Inzwischen spielte der
kleine Johann auf dem Flgel einiges, was er mit Herrn Pfhl gebt
hatte, und begleitete seiner Mutter, etwas fehlerhaft, aber mit schnem
Klange, eine Sonate von Mozart. Er wurde belobt und gekt, mute dann
aber von Ida Jungmann zur Ruhe gebracht werden, da er heute abend, noch
infolge einer kaum berstandenen Darmaffektion, sehr bla und matt
aussah.

Selbst Christian, welcher, da er nach jenem Zusammenstoe im
Frhstckszimmer von Heiratsgedanken nichts mehr hatte verlautbaren
lassen, mit seinem Bruder in dem alten, fr ihn nicht sehr ehrenvollen
Verhltnis fortlebte, war gnzlich ungesprchig und zu keinem Spae
aufgelegt. Er machte mit wandernden Augen einen kurzen Versuch, bei den
Anwesenden ein wenig Verstndnis fr die Qual in seiner linken Seite
zu erwecken und ging frh in den Klub, um erst zum Abendessen
zurckzukehren, das in der hergebrachten Weise zusammengesetzt war ...
Dann hatten Buddenbrooks diesen Weihnachtsabend hinter sich, und sie
waren beinahe froh darber.

Zu Beginn des Jahres 72 ward der Hausstand der verstorbenen Konsulin
aufgelst. Die Dienstmdchen zogen davon, und Frau Permaneder lobte
Gott, als auch Mamsell Severin, die ihr bislang im Wirtschaftswesen aufs
unertrglichste die Autoritt streitig gemacht hatte, sich mit den
bernommenen Seidenkleidern und Wschestcken verabschiedete. Dann
standen Mbelwagen in der Mengstrae, und die Rumung des alten Hauses
begann. Die groe geschnitzte Truhe, die vergoldeten Kandelaber und die
brigen Dinge, die dem Senator und seiner Gattin zugefallen waren,
wurden nun in die Fischergrube geschafft, Christian bezog mit den Seinen
eine Garonwohnung von drei Zimmern in der Nhe des Klubs, und die
kleine Familie Permaneder-Weinschenk hielt ihren Einzug in dem hellen
und nicht ohne Anspruch auf Vornehmheit eingerichteten Stockwerk am
Lindenplatze. Es war eine hbsche kleine Wohnung, und an der Etagentr
stand auf einem blanken Kupferschilde in zierlicher Schrift zu lesen:
=A. Permaneder-Buddenbrook, Witwe=.

Kaum aber stand das Haus in der Mengstrae leer, als auch schon eine
Schar von Arbeitern am Platze erschien, die das Rckgebude abzubrechen
begannen, da der alte Mrtelstaub die Luft verfinsterte ... Das
Grundstck war nun endgltig in den Besitz Konsul Hagenstrms
bergegangen. Er hatte es gekauft, er schien seinen Ehrgeiz darein
gesetzt zu haben, es zu kaufen, denn ein Angebot, das Herrn Sigismund
Gosch von Bremen aus zugegangen war, hatte er unverzglich berboten,
und er begann nun, sein Eigentum in der ingenisen Art zu verwerten, die
man seit langer Zeit an ihm bewunderte. Schon im Frhjahr bezog er mit
seiner Familie das Vorderhaus, indem er dort nach Mglichkeit alles beim
alten belie, vorbehaltlich kleiner gelegentlicher Renovierungen und
abgesehen von einigen sofortigen, der Neuzeit entsprechenden nderungen;
zum Beispiel wurden alle Glockenzge abgeschafft und das Haus durchaus
mit elektrischen Klingeln versehen ... Schon aber war das Rckgebude
vom Boden verschwunden, und an seiner Statt stieg ein neues empor, ein
schmucker und luftiger Bau, dessen Front der Bckergrube zugekehrt war
und der fr Magazine und Lden hohe und weite Rume bot.

Frau Permaneder hatte ihrem Bruder Thomas gegenber wiederholt eidlich
beteuert, da fortan keine Macht der Erde sie werde bewegen knnen, ihr
Elternhaus auch nur mit einem Blicke wiederzusehen. Allein es war
unmglich, dies innezuhalten, und hie und da fhrte ihr Weg sie
notwendig an den rasch aufs vorteilhafteste vermieteten Lden und
Schaufenstern des Rckgebudes oder der ehrwrdigen Giebelfassade
andererseits vorber, wo nun unter dem _Dominus providebit_ der Name
Konsul Hermann Hagenstrms zu lesen war. Dann aber begann Frau
Permaneder-Buddenbrook auf offener Strae und angesichts noch so vieler
Menschen einfach laut zu weinen. Sie legte den Kopf zurck, hnlich
einem Vogel, der zu singen anhebt, drckte das Schnupftuch gegen die
Augen und stie wiederholt einen Wehelaut hervor, dessen Ausdruck aus
Protest und Klage gemischt war, worauf sie, ohne sich um irgendeinen
Vorbergehenden noch um die Mahnungen ihrer Tochter zu bekmmern, sich
ihren Trnen berlie.

Es war noch ganz ihr unbedenkliches, erquickendes Kinderweinen, das ihr
in allen Strmen und Schiffbrchen des Lebens treugeblieben war.




Zehnter Teil


Erstes Kapitel

Oftmals, wenn die trben Stunden kamen, fragte sich Thomas Buddenbrook,
was er eigentlich noch sei, was ihn eigentlich noch berechtige, sich
auch nur ein wenig hher einzuschtzen als irgendeiner seiner einfach
veranlagten, biderben und kleinbrgerlich beschrnkten Mitbrger. Die
phantasievolle Schwungkraft, der muntere Idealismus seiner Jugend war
dahin. Im Spiele zu arbeiten und mit der Arbeit zu spielen, mit einem
halb ernst, halb spahaft gemeinten Ehrgeiz nach Zielen zu streben,
denen man nur einen Gleichniswert zuerkennt -- zu solchen
heiter-skeptischen Kompromissen und geistreichen Halbheiten gehrt viel
Frische, Humor und guter Mut; aber Thomas Buddenbrook fhlte sich
unaussprechlich mde und verdrossen.

Was fr ihn zu erreichen gewesen war, hatte er erreicht, und er wute
wohl, da er den Hhepunkt seines Lebens, wenn berhaupt, wie er bei
sich hinzufgte, bei einem so mittelmigen und niedrigen Leben von
einem Hhepunkte die Rede sein konnte, lngst berschritten hatte.

Was das rein Geschftliche betraf, so galt im allgemeinen sein Vermgen
fr stark reduziert und die Firma fr im Rckgange begriffen. Dennoch
war er, sein mtterliches Erbe, den Anteil am Mengstraenhause und den
Grundbesitz eingerechnet, ein Mann von mehr als sechsmalhunderttausend
Mark Kurant. Das Betriebskapital aber lag brach seit langen Jahren, mit
dem pfennigweisen Geschftemachen, dessen sich der Senator zur Zeit der
Pppenrader Ernteangelegenheit angeklagt hatte, war es seit dem Schlage,
den er damals empfangen, nicht besser, sondern schlimmer geworden, und
jetzt, in einer Zeit, da alles sich frisch und siegesfroh regte, da seit
dem Eintritt der Stadt in den Zollverband kleine Krmergeschfte
imstande waren, sich binnen weniger Jahre zu angesehenen Grohandlungen
zu entwickeln, jetzt ruhte die Firma Johann Buddenbrook, ohne
irgendeinen Vorteil aus den Errungenschaften der Zeit zu ziehen, und
ber den Gang der Geschfte befragt, antwortete der Chef mit matt
abwehrender Handbewegung: Ach, dabei ist nicht viel Freude... Ein
lebhafterer Konkurrent, der ein naher Freund der Hagenstrms war, tat
die uerung, da Thomas Buddenbrook an der Brse eigentlich nur noch
dekorativ wirke, und dieser Scherz, der auf das sorgfltig gepflegte
uere des Senators anspielte, wurde von den Brgern als eine unerhrte
Leistung gewandter Dialektik bewundert und belacht.

War aber der Senator im Fortwirken fr das alte Firmenschild, dem er
ehemals mit soviel Enthusiasmus gedient hatte, durch erlittenes
Migeschick und innere Mattigkeit gelhmt, so waren seinem Emporstreben
im stdtischen Gemeinwesen uere Grenzen gezogen, die unberschreitbar
waren. Seit Jahren, schon seit seiner Berufung in den Senat, hatte er
auch hier erlangt, was fr ihn zu erlangen war. Es gab nur noch
Stellungen innezuhalten und mter zu bekleiden, aber nichts mehr zu
erobern; es gab nur noch Gegenwart und kleinliche Wirklichkeit, aber
keine Zukunft und keine ehrgeizigen Plne mehr. Zwar hatte er seine
Macht in der Stadt umfnglicher zu gestalten gewut, als ein anderer an
seiner Stelle das vermocht htte, und seinen Feinden wurde es schwer, zu
leugnen, da er des Brgermeisters rechte Hand sei. Brgermeister aber
konnte Thomas Buddenbrook nicht werden, denn er war Kaufmann und nicht
Gelehrter, er hatte kein Gymnasium absolviert, war nicht Jurist und
berhaupt nicht akademisch ausgebildet. Er aber, der von jeher seine
Muestunden mit historischer und literarischer Lektre ausgefllt hatte,
der sich seiner gesamten Umgebung an Geist, Verstand und innerer wie
uerer Bildung berlegen fhlte, er verwand nicht den rger darber,
da das Fehlen der ordnungsmigen Qualifikationen es ihm unmglich
machte, in dem kleinen Reich, in das er hineingeboren, die erste Stelle
einzunehmen. Wie dumm sind wir gewesen, sagte er zu seinem Freunde und
Bewunderer Stephan Kistenmaker -- aber mit dem wir meinte er nur sich
allein--, da wir so frh ins Kontor gelaufen sind und nicht lieber
die Schule beendigt haben! Und Stephan Kistenmaker antwortete: Ja, da
hast du wahrhaftig recht!... Warum brigens?

Der Senator arbeitete jetzt meistens allein an dem groen
Mahagonischreibtisch in seinem Privatbro; erstens, weil dort niemand es
sah, wenn er den Kopf in die Hand sttzte und mit geschlossenen Augen
grbelte, hauptschlich aber, weil die haarstrubende Pedanterie, mit
der sein Sozius, Herr Friedrich Wilhelm Marcus, ihm gegenber immer aufs
neue seine Utensilien ordnete und seinen Schnurrbart strich, ihn von
seinem Fensterplatz im Hauptkontor verjagt hatte.

Die bedchtige Umstndlichkeit des alten Herrn Marcus war im Laufe der
Jahre zur vollstndigen Manie und Wunderlichkeit geworden; was sie aber
in letzter Zeit fr Thomas Buddenbrook zu etwas unertrglich
Aufreizendem und Beleidigendem machte, war der Umstand, da er selbst zu
seinem Entsetzen oftmals etwas hnliches an sich beobachten mute. Ja,
auch in ihm, der ehemals aller Kleinlichkeit so abhold gewesen war,
hatte sich eine Art von Pedanterie entwickelt, wenn auch aus einer
anderen Konstitution und einer anderen Gemtsverfassung heraus.

In ihm war es leer, und er sah keinen anregenden Plan und keine
fesselnde Arbeit, der er sich mit Freude und Befriedigung htte hingeben
knnen. Sein Ttigkeitstrieb aber, die Unfhigkeit seines Kopfes, zu
ruhen, seine Aktivitt, die stets etwas grndlich anderes gewesen war
als die natrliche und durable Arbeitslust seiner Vter: etwas
Knstliches nmlich, ein Drang seiner Nerven, ein Betubungsmittel im
Grunde, so gut wie die kleinen, scharfen russischen Zigaretten, die er
bestndig dazu rauchte ... sie hatte ihn nicht verlassen, er war ihrer
weniger Herr als jemals, sie hatte berhandgenommen und wurde zur
Marter, indem sie sich an eine Menge von Nichtigkeiten verzettelte. Er
war gehetzt von fnfhundert nichtswrdigen Bagatellen, die zum groen
Teil nur die Instandhaltung seines Hauses und seiner Toilette betrafen,
die er aus berdru verschob, die sein Kopf nicht beieinander zu halten
vermochte und mit denen er nicht in Ordnung kam, weil er
unverhltnismig viel Nachdenken und Zeit daran verschwendete.

Das, was man in der Stadt seine Eitelkeit nannte, hatte in einer Weise
zugenommen, deren er selbst lngst begonnen hatte sich zu schmen, ohne
da er imstande gewesen wre, sich der Gewohnheiten zu entschlagen, die
sich in dieser Beziehung entwickelt hatten. Von dem Augenblicke an, da
er nach einer nicht unruhig aber in dumpfem und unerquicklichem Schlafe
verbrachten Nacht im Schlafrock zu Herrn Wenzel, dem alten Barbier, ins
Ankleidezimmer trat -- es war 9 Uhr, und er hatte sich frher viel
zeitiger erhoben -- verbrauchte er volle anderthalb Stunden bei seinem
Anzuge, bis er sich fertig und entschlossen fhlte, den Tag zu beginnen,
indem er sich zum Tee ins erste Stockwerk hinunterbegab. Seine Toilette
war so umstndlich und dabei in der Reihenfolge ihrer Einzelheiten, von
der kalten Dusche im Badezimmer bis zum Schlu, wenn das letzte
Stubchen vom Rocke entfernt war und die Bartenden zum letzten Male
durch die Brennschere glitten, so fest und unabnderlich geregelt, da
die bestndig wiederholte Abhaspelung dieser zahllosen kleinen
Handgriffe und Arbeiten ihn jeden Augenblick zur Verzweiflung brachte.
Dennoch htte er es nicht vermocht, das Kabinett mit dem Bewutsein zu
verlassen, irgend etwas davon unterlassen oder nur flchtig erledigt zu
haben, aus Furcht, dieses Gefhls von Frische, Ruhe und Intaktheit
verlustig zu gehen, das doch nach einer einzigen Stunde wieder verloren
war und notdrftig erneuert werden mute.

Er sparte in allen Dingen, soweit das, ohne sich dem Gerede auszusetzen,
tunlich war, -- nur nicht in betreff seiner Garderobe, die er durchaus
bei dem elegantesten Schneider von Hamburg anfertigen lie und fr deren
Erhaltung und Ergnzung er keine Kosten scheute. Eine Tr, die in ein
anderes Zimmer zu fhren schien, verschlo die gerumige Nische, die in
eine Wand des Ankleidekabinetts eingemauert war, und in der an langen
Reihen von Haken, ber gebogene Holzleisten ausgespannt, die Jacketts,
Smokings, Gehrcke, Frcke fr alle Jahreszeiten und in allen
Gradabstufungen der gesellschaftlichen Feierlichkeit hingen, whrend auf
mehreren Sthlen die Beinkleider, sorgfltig in die Falten gelegt,
aufgestapelt waren. In der Kommode aber, mit dem gewaltigen
Spiegelaufsatz, dessen Platte mit Kmmen, Brsten und Prparaten fr
die Pflege des Haupthaares und Bartes bedeckt war, lagerte der Vorrat
von verschiedenartiger Leibwsche, die bestndig gewechselt, gewaschen,
verbraucht und ergnzt wurde...

In diesem Kabinett verbrachte er nicht nur am Morgen eine lange Zeit,
sondern auch vor jedem Diner, jeder Senatssitzung, jeder ffentlichen
Versammlung, kurz, immer, bevor es galt, sich unter Menschen zu zeigen
und zu bewegen, ja selbst vor den alltglichen Mahlzeiten zu Hause, bei
denen auer ihm selbst nur seine Frau, der kleine Johann und Ida
Jungmann zugegen waren. Und wenn er hinaustrat, so verschaffte die
frische Wsche an seinem Krper, die tadellose und diskrete Eleganz
seines Anzuges, sein sorgfltig gewaschenes Gesicht, der Geruch der
Brillantine in seinem Schnurrbart und der herb-khle Geschmack des
gebrauchten Mundwassers ihm das Befriedigungs- und Bereitschaftsgefhl,
mit dem ein Schauspieler, der seine Maske in allen Einzelheiten
vollendet hergestellt hat, sich zur Bhne begibt ... Wirklich! Thomas
Buddenbrooks Dasein war kein anderes mehr als das eines Schauspielers,
eines solchen aber, dessen ganzes Leben bis auf die geringste und
alltglichste Kleinigkeit zu einer einzigen Produktion geworden ist,
einer Produktion, die mit Ausnahme einiger weniger und kurzer Stunden
des Alleinseins und der Abspannung bestndig alle Krfte in Anspruch
nimmt und verzehrt ... Der gnzliche Mangel eines aufrichtig feurigen
Interesses, das ihn in Anspruch genommen htte, die Verarmung und
Verdung seines Inneren -- eine Verdung, so stark, da sie sich fast
unablssig als ein unbestimmt lastender Gram fhlbar machte -- verbunden
mit einer unerbittlichen inneren Verpflichtung und zhen
Entschlossenheit, um jeden Preis wrdig zu reprsentieren, seine
Hinflligkeit mit allen Mitteln zu verstecken und die Dehors zu
wahren, hatte dies aus seinem Dasein gemacht, hatte es knstlich,
bewut, gezwungen gemacht und bewirkt, da jedes Wort, jede Bewegung,
jede geringste Aktion unter Menschen zu einer anstrengenden und
aufreibenden Schauspielerei geworden war.

Seltsame Einzelheiten traten dabei zutage, eigenartige Bedrfnisse, die
er selbst mit Erstaunen und Widerwillen an sich wahrnahm. Im Gegensatze
zu Leuten, die selbst keine Rolle spielen, sondern nur unbeachtet und
den Blicken unzugnglich in aller Stille ihre Beobachtungen anstellen
wollen, liebte er es nicht, das Tageslicht im Rcken zu haben, sich
selbst im Schatten zu wissen und die Leute in heller Beleuchtung vor
sich zu sehen; halb geblendet vielmehr das Licht in den Augen zu fhlen
und die Leute, sein Publikum, die, auf die er als liebenswrdiger
Gesellschafter oder als lebhafter Geschftsmann und reprsentierender
Firmenchef oder als ffentlicher Redner zu wirken hatte, als eine bloe
Masse im Schatten vor sich zu sehen ... nur dies gab ihm das Gefhl der
Separation und Sicherheit, jenen blinden Rausch des Sich-Produzierens,
in dem er seine Erfolge erzielte. Ja, eben dieser rauschartige Zustand
der Aktion war es, der ihm allgemach zu dem weitaus ertrglichsten
geworden war. Wenn er, das Weinglas zur Hand, am Tische stand und mit
liebenswrdigem Mienenspiele, geflligen Gesten und geschickt
vorgebrachten Redewendungen, welche einschlugen und beifllige
Heiterkeit entfesselten, einen Toast ausbrachte, so konnte er trotz
seiner Blsse als der Thomas Buddenbrook von ehedem erscheinen; viel
schwerer war es ihm, in unttigem Stillesitzen die Herrschaft ber sich
selbst zu bewahren. Dann stiegen Mdigkeit und berdru in ihm empor,
trbten seine Augen und nahmen ihm die Gewalt ber seine Gesichtsmuskeln
und die Haltung seines Krpers. Nur =ein= Wunsch erfllte ihn dann:
dieser matten Verzweiflung nachzugeben, sich davonzustehlen und zu Hause
seinen Kopf auf ein khles Kissen zu legen.

                   *       *       *       *       *

Frau Permaneder hatte in der Fischergrube zu Abend gegessen und zwar
allein; denn ihre Tochter, die gleichfalls gebeten worden war, hatte
nachmittags ihrem Gatten im Gefngnis einen Besuch gemacht und fhlte
sich, wie stets in diesem Falle, ermdet und unwohl, weshalb sie zu
Hause geblieben war.

Frau Antonie hatte bei Tische ber Hugo Weinschenk gesprochen, dessen
Gemtszustand uerst traurig sein sollte, und dann war die Frage
errtert worden, wann man wohl, mit einiger Aussicht auf Erfolg, dem
Senate ein Gnadengesuch werde einreichen knnen. Nun hatten sich die
drei Verwandten im Wohnzimmer um den runden Mitteltisch unter der
groen Gaslampe niedergelassen. Gerda Buddenbrook und ihre Schwgerin
saen, mit Handarbeiten beschftigt, einander gegenber. Die Senatorin
hielt ihr schnes weies Gesicht ber eine Seidenstickerei gebeugt, da
ihr schweres Haar, vom Lichte beschienen, dunkel zu erglhen schien, und
Frau Permaneder, den Klemmer gnzlich schief und zweckwidrig auf der
Nase, befestigte mit sorglichen Fingern eine groe, wunderbar rote
Atlasschleife an einem winzigen gelben Krbchen. Das wurde ein
Geburtstagsgeschenk fr irgendeine Bekannte. Der Senator aber sa
seitwrts vom Tische in einem breiten Polsterfauteuil mit schrger
Rckenlehne und las mit gekreuzten Beinen die Zeitung, whrend er dann
und wann den Rauch seiner russischen Zigarette einzog und ihn als einen
hellgrauen Strom durch den Schnurrbart wieder ausatmete...

Es war ein warmer Sommer-Sonntagabend. Das hohe Fenster stand offen und
lie die laue, ein wenig feuchte Luft das Zimmer erfllen. Vom Tische
aus konnte man, ber den grauen Giebeln der gegenberliegenden Huser,
zwischen ganz langsam ziehenden Wolken die Sterne sehen. Drben, in dem
kleinen Blumenladen von Iwersen, war noch Licht. Weiter oben in der
stillen Strae ward unter allerhand Migriffen eine Handharmonika
gespielt, wahrscheinlich von einem Knechte des Fuhrmannes Dankwart. Dann
und wann wurde es laut dort drauen. Ein Trupp von Matrosen zog vorber,
die singend, rauchend und Arm in Arm aus einer zweifelhaften
Hafenwirtschaft kamen und sich in Feierstimmung nach einer noch
zweifelhafteren umtaten. Ihre rauhen Stimmen und wiegenden Schritte
verhallten in einer Querstrae.

Der Senator legte die Zeitung neben sich auf den Tisch, schob sein
Pincenez in die Westentasche und strich mit der Hand ber Stirn und
Augen.

Schwach, sehr schwach, diese `Anzeigen! sagte er. Mir fllt jedesmal
dabei ein, was Grovater von faden und konsistenzlosen Gerichten sagte:
Es schmeckt, als ob man die Zunge zum Fenster hinaushngt ... In drei
langweiligen Minuten ist man mit dem Ganzen fertig. Es steht einfach gar
nichts darin...

Ja, Gott wei es, das darfst du getrost wiederholen, Tom! sagte Frau
Permaneder, indem sie ihre Arbeit sinken lie und an dem Klemmer vorbei
auf ihren Bruder sah ... Was soll auch wohl darin stehen? Ich habe es
von jeher gesagt, schon als ganz junges, dummes Ding: Diese Stdtischen
Anzeigen sind ein klgliches Blttchen! Ich lese sie ja auch, gewi,
weil eben meistens nichts anderes zur Hand ist ... Aber da der
Grohndler Konsul so und so seine silberne Hochzeit zu feiern gedenkt,
finde ich meinesteils nicht allzu erschtternd. Man sollte andere
Bltter lesen, die Knigsberger Hartungsche Zeitung oder die Rheinische
Zeitung. Da wrde man...

Sie unterbrach sich. Sie hatte die Zeitung zur Hand genommen, hatte sie
noch einmal entfaltet und, whrend sie sprach, ihre Augen geringschtzig
ber die Spalten gleiten lassen. Nun aber blieb ihr Blick an einer
Stelle haften, einer kurzen Notiz von vier oder fnf Zeilen ... Sie
verstummte, sie griff mit einer Hand nach ihrem Augenglas, las, whrend
ihr Mund sich langsam ffnete, die Notiz zu Ende und stie dann zwei
Schreckensrufe aus, wobei sie beide Handflchen gegen die Wangen prete
und die Ellenbogen weit vom Krper entfernt hielt.

Unmglich!... Es ist nicht mglich!... Nein, Gerda ... Tom ... Das
konntest du bersehen!... Es ist entsetzlich ... Die arme Armgard! So
mute es fr sie kommen...

Gerda hatte den Kopf von ihrer Arbeit erhoben und Thomas sich erschreckt
seiner Schwester zugewandt. Und heftig ergriffen, mit bebender
Kehlstimme jedes Wort schicksalsschwer betonend, las Frau Permaneder
laut diese Nachricht, die aus Rostock kam und dahinging, da gestern
nacht der Rittergutsbesitzer Ralf von Maiboom im Arbeitszimmer des
Herrenhauses von Pppenrade sich vermittels eines Revolverschusses
entleibt habe. Pekunire Bedrngnis scheint der Beweggrund zur Tat
gewesen zu sein. Herr von Maiboom hinterlt eine Frau mit drei
Kindern. So schlo sie, und dann lie sie die Zeitung in den Scho
sinken, lehnte sich zurck und sah Bruder und Schwgerin schweigend und
fassungslos mit klagenden Augen an.

Thomas Buddenbrook hatte sich, schon whrend sie las, wieder von ihr
abgekehrt und blickte an ihr vorbei, zwischen den Portieren hindurch, in
das Dunkel des Salons hinber.

Mit einem Revolver? fragte er, nachdem wohl zwei Minuten lang Stille
geherrscht hatte. -- Und wiederum nach einer Pause sprach er leise,
langsam und spttisch: Ja, ja, so ein Rittersmann!...

Dann versank er aufs neue in Sinnen. Die Schnelligkeit, mit der er die
eine Spitze seines Schnurrbartes zwischen den Fingern drehte, stand in
sonderbarem Gegensatz zu der verschwommenen, starren und ziellosen
Unbeweglichkeit seines Blickes.

Er achtete nicht auf die Klagereden seiner Schwester und auf die
Mutmaungen, die sie in betreff des ferneren Lebens ihrer Freundin
Armgard anstellte, noch bemerkte er, da Gerda, ohne den Kopf ihm
zuzuwenden, ihre nahe beieinanderliegenden braunen Augen, in deren
Winkeln bluliche Schatten lagerten, fest und sphend auf ihn gerichtet
hielt.


Zweites Kapitel

Niemals vermochte Thomas Buddenbrook mit dem Blicke matten Mimutes, mit
dem er den Rest seines eigenen Lebens erwartete, auch in die Zukunft des
kleinen Johann zu sehen. Sein Familiensinn, dieses ererbte und
anerzogene, rckwrts sowohl wie vorwrts gewandte, piettvolle
Interesse fr die intime Historie seines Hauses hinderte ihn daran, und
die liebevolle oder neugierige Erwartung, mit der seine Freundschaft und
Bekanntschaft in der Stadt, seine Schwester und selbst die Damen
Buddenbrook in der Breiten Strae seinen Sohn betrachteten, beeinflute
seine Gedanken. Er sagte sich mit Genugtuung, da, wie aufgerieben und
hoffnungslos auch immer er selbst fr seine Person sich fhlte, er
angesichts seines kleinen Erbfolgers stets belebender Zukunftstrume von
Tchtigkeit, praktischer und unbefangener Arbeit, Erfolg, Erwerb, Macht,
Reichtum und Ehren fhig war ... ja, da an dieser einen Stelle sein
erkaltetes und knstliches Leben zu warmem und aufrichtigem Sorgen,
Frchten und Hoffen wurde.

Wie, wenn er selbst noch dereinst auf seine alten Tage, von einem
Ruhewinkel aus, den Wiederbeginn der alten Zeit, der Zeit von Hannos
Urgrovater, erblicken drfte? War diese Hoffnung denn so gnzlich
unmglich? Er hatte die Musik als seine Feindin empfunden; aber hatte es
denn in Wirklichkeit eine so ernste Bewandtnis damit? Zugegeben, da die
Liebe des Jungen zum freien Spiele ohne Noten von einer nicht ganz
gewhnlichen Veranlagung Zeugnis gab, -- im regelrechten Unterrichte bei
Herrn Pfhl war er keineswegs auerordentlich weit vorgeschritten. Die
Musik, das war keine Frage, war der Einflu seiner Mutter, und kein
Wunder, da whrend der ersten Kinderjahre dieser Einflu berwogen
hatte. Aber die Zeit begann, da einem Vater Gelegenheit gegeben wird,
auch seinerseits auf seinen Sohn zu wirken, ihn ein wenig auf seine
Seite zu ziehen und mit mnnlichen Gegeneindrcken die bisherigen
weiblichen Einflsse zu neutralisieren. Und der Senator war
entschlossen, keine solche Gelegenheit unbenutzt zu lassen.

Hanno, nun elfjhrig, war zu Ostern ebenso wie sein Freund, der kleine
Graf Mlln, mit genauer Not und zwei Nachprfungen, im Rechnen und in
der Geographie, nach Quarta versetzt worden. Es stand fest, da er die
Realklassen besuchen sollte, denn da er Kaufmann werden und dereinst
die Firma bernehmen mute, war selbstverstndlich, und Fragen seines
Vaters, ob er Lust zu seinem knftigen Berufe in sich verspre,
beantwortete er mit Ja ... einem einfachen, etwas scheuen Ja ohne
Zusatz, das der Senator durch weitere drngende Fragen ein wenig
lebhafter und ausfhrlicher zu machen suchte -- und zwar meistens
vergebens.

Htte Senator Buddenbrook zwei Shne besessen, so htte er den Jngeren
ohne Frage das Gymnasium absolvieren und studieren lassen. Aber die
Firma verlangte einen Erben, und abgesehen hiervon glaubte er dem
Kleinen eine Wohltat zu erweisen, wenn er ihn der unntigen Mhen mit
dem Griechischen berhob. Er war der Meinung, da das Realpensum
leichter zu bewltigen sei, und da Hanno, mit seiner oft schwerflligen
Auffassung, seiner trumerischen Unaufmerksamkeit und seiner
krperlichen Zartheit, die ihn allzuoft ntigte, die Schule zu
versumen, in den Realklassen ohne beranstrengung schneller und
ehrenvoller vorwrts kommen werde. Sollte der kleine Johann Buddenbrook
einstmals das leisten, wozu er berufen war und was die Seinen von ihm
erhofften, so mute man vor allem darauf bedacht sein, seine nicht eben
krftige Konstitution durch Rcksichtnahme einerseits und durch
rationelle Pflege und Abhrtung andererseits zu festigen und zu heben...

Mit seinem braunen Haar, das er jetzt seitwrts gescheitelt und schrg
von seiner weien Stirn zurckgebrstet trug, das aber dennoch danach
strebte, sich in weichen Locken tief ber die Schlfen zu schmiegen, mit
seinen langen, braunen Wimpern und seinen goldbraunen Augen stach Johann
Buddenbrook auf dem Schulhof und auf der Strae trotz seines
Kopenhagener Matrosenanzuges stets ein wenig fremdartig unter den
hellblonden und stahlblauugigen, skandinavischen Typen seiner Kameraden
hervor. Er war in letzter Zeit ziemlich stark gewachsen, aber seine
Beine in den schwarzen Strmpfen und seine Arme in den dunkelblauen,
bauschigen und gesteppten rmeln waren schmal und weich wie die eines
Mdchens, und noch immer lagen, wie bei seiner Mutter, die blulichen
Schatten in den Winkeln seiner Augen, -- dieser Augen, die, besonders
wenn sie seitwrts gerichtet waren, mit einem so zagen und ablehnenden
Ausdruck dareinblickten, whrend sein Mund sich noch immer auf jene
wehmtige Art geschlossen hielt, oder whrend Hanno nachdenklich die
Zungenspitze an einem Zahne scheuerte, dem er mitraute, mit
leichtverzerrten Lippen und einer Miene, als frre ihn...

Wie man von Doktor Langhals erfuhr, der jetzt die Praxis des alten
Doktor Grabow gnzlich bernommen hatte und Hausarzt bei Buddenbrooks
war, hatte Hannos unzulnglicher Krftezustand sowie die Blsse seiner
Haut ihren triftigen Grund, und dieser bestand darin, da der Organismus
des Kleinen leider die so wichtigen roten Blutkrperchen in nicht
gengender Anzahl produzierte. Dieser Unzutrglichkeit zu steuern aber
gab es ein Mittel, ein ganz vortreffliches Mittel, das Doktor Langhals
in groen Mengen verordnete: Lebertran, guter, gelber, fetter,
dickflssiger Dorschlebertran, der aus einem Porzellanlffel zweimal
tglich zu nehmen war; und auf entschiedenen Befehl des Senators sorgte
Ida Jungmann mit liebevoller Strenge dafr, da dies pnktlich geschah.
Anfangs zwar erbrach sich Hanno nach jedem Lffel, und sein Magen schien
den guten Dorschlebertran nicht beherbergen zu knnen; aber er gewhnte
sich daran, und wenn man gleich nach dem Niederschlucken ein Stck
Roggenbrot mit angehaltenem Atem im Munde zerkaute, so ward der Ekel ein
wenig beruhigt.

Alle brigen Beschwerden waren ja nur Folgeerscheinungen dieses Mangels
an roten Blutkrperchen, sekundre Erscheinungen, wie Doktor Langhals
sagte, indem er seine Fingerngel besah. Allein auch diesen sekundren
Erscheinungen mute unnachsichtig zu Leibe gegangen werden. Um die Zhne
zu behandeln, zu fllen und gegebenen Falles zu extrahieren, dazu wohnte
Herr Brecht mit seinem Josephus in der Mhlenstrae; und um die
Verdauung zu regulieren, gab es Rizinusl auf der Welt, gutes, dickes,
silberblankes Rizinusl, welches, aus einem Elffel genommen, wie ein
schlpfriger Molch durch die Kehle glitschte und das man drei Tage lang
roch, schmeckte, im Schlunde sprte, wo man ging und stand ... Ach,
warum war das alles doch so unberwindlich widerlich? Ein einziges Mal
-- Hanno hatte recht krank zu Bette gelegen, und sein Herz hatte sich
besondere Unregelmigkeiten zuschulden kommen lassen -- war Doktor
Langhals mit einer gewissen Nervositt zur Verschreibung eines Mittels
geschritten, das dem kleinen Johann Freude gemacht und ihm so
unvergleichlich wohlgetan hatte: und das waren Arsenikpillen gewesen.
Hanno fragte in der Folge oftmals danach, von einem beinahe zrtlichen
Bedrfnis nach diesen kleinen, sen, beglckenden Pillen getrieben.
Aber er erhielt sie nicht mehr.

Lebertran und Rizinusl waren gute Dinge, aber darin war Doktor Langhals
vollstndig mit dem Senator einig, da sie allein nicht hinreichten, den
kleinen Johann zu einem tchtigen und wetterfesten Manne zu machen, wenn
er selbst nicht das Seine dazu tte. Da waren zum Beispiel, geleitet von
dem Turnlehrer Herrn Fritsche, die Turnspiele, die zur Sommerszeit
allwchentlich drauen auf dem Burgfelde veranstaltet wurden und der
mnnlichen Jugend der Stadt Gelegenheit gaben, Mut, Kraft, Gewandtheit
und Geistesgegenwart zu zeigen und zu pflegen. Aber zum Zorne seines
Vaters legte Hanno nichts als Widerwillen, einen stummen, reservierten,
beinahe hochmtigen Widerwillen gegen solche gesunde Unterhaltungen an
den Tag ... Warum hatte er so gar keine Fhlung mit seinen Klassen- und
Altersgenossen, mit denen er spter zu leben und zu wirken haben wrde?
Warum hockte er bestndig nur mit diesem kleinen, halb gewaschenen Kai
zusammen, der ja ein gutes Kind, aber immerhin eine etwas zweifelhafte
Existenz und kaum eine Freundschaft fr die Zukunft war? Auf irgendeine
Weise mu ein Knabe sich das Vertrauen und den Respekt seiner Umgebung,
die mit ihm aufwchst und auf deren Schtzung er fr sein ganzes Leben
angewiesen ist, von Anfang an zu gewinnen wissen. Da waren die beiden
Shne des Konsuls Hagenstrm: vierzehn- und zwlfjhrig, zwei
Prachtkerle, dick, stark und bermtig, die in den Gehlzen der Umgegend
regelrechte Faustduelle veranstalteten, die besten Turner der Schule
waren, schwammen wie Seehunde, Zigarren rauchten und zu jeder Schandtat
bereit waren. Sie waren gefrchtet, beliebt und respektiert. Ihre
Cousins, die beiden Shne des Staatsanwaltes Doktor Moritz Hagenstrm
andererseits, von zarterer Konstitution und sanfteren Sitten, zeichneten
sich auf geistigem Gebiete aus und waren Musterschler, ehrgeizig,
devot, still und bienenfleiig, bebend aufmerksam und beinahe verzehrt
von der Begier, stets Primus zu sein und das Zeugnis Numero Eins zu
erhalten. Sie erhielten es und genossen die Achtung ihrer dmmeren und
fauleren Genossen. Was aber mochten, ganz abgesehen von seinen Lehrern,
seine Mitschler von Hanno halten, der ein hchst mittelmiger Schler
war und obendrein ein Weichling, welcher allem, wozu ein wenig Mut,
Kraft, Gewandtheit und Munterkeit gehrte, scheu aus dem Wege zu gehen
suchte? Und wenn Senator Buddenbrook, auf dem Wege zu seinem
Ankleidezimmer, an dem Altan in der zweiten Etage vorberging, so
hrte er aus dem mittleren der drei dort oben gelegenen Zimmer, das
Hannos war, seitdem er zu gro geworden, bei Ida Jungmann zu schlafen,
die Tne des Harmoniums oder Kais halblaute und geheimnisvolle Stimme,
die eine Geschichte erzhlte...

Was Kai betraf, so mied er die Turnspiele, weil er die Disziplin und
gesetzmige Ordnung verabscheute, die dabei beobachtet werden mute.
Nein, Hanno, sagte er, ich gehe nicht hin. Du vielleicht? Hol's der
Geier ... Alles, was einem Spa dabei machen wrde, das gilt nicht.
Solche Redewendungen wie Hol's der Geier hatte er von seinem Vater;
Hanno aber antwortete: Wenn Herr Fritsche =einen= Tag nach etwas
anderem rche als nach Schwei und Bier, so liee sich ber die Sache
reden ... Ja, nun la das nur, Kai, und erzhle weiter. Das mit dem
Ringe, den du aus dem Sumpfe holtest, war noch lange nicht fertig...
Gut, sagte Kai; aber wenn ich winke, so mut du spielen. Und Kai
fuhr fort zu erzhlen.

Durfte man ihm glauben, so war er vor einiger Zeit bei schwler Nacht
und in fremder, unkenntlicher Gegend einen schlpfrigen und unermelich
tiefen Abhang hinabgeglitten, an dessen Fue er im fahlen und
flackernden Schein von Irrlichtern ein schwarzes Sumpfgewsser gefunden
hatte, aus dem mit hohl glucksendem Gerusch unaufhrlich silberblanke
Blasen aufgestiegen waren. Eine aber davon, die, nahe dem Ufer,
bestndig wiedergekehrt war, sooft sie zersprungen, hatte die Form eines
Ringes gehabt, und diese hatte er nach langen, gefahrvollen Bemhungen
mit der Hand zu erhaschen verstanden, worauf sie nicht mehr zerplatzt
war, sondern sich als glatter und fester Reif hatte an den Finger
stecken lassen. Er aber, der mit Recht diesem Ringe ungewhnliche
Eigenschaften zugetraut hatte, war mit seiner Hilfe den steilen und
schlpfrigen Abhang wieder emporgelangt und hatte unweit davon in
rtlichem Nebel ein schwarzes, totenstilles und ungeheuerlich bewachtes
Schlo gefunden, in das er eingedrungen war und in dem er, immer mit
Hilfe des Ringes, die dankenswertesten Entzauberungen und Erlsungen
vorgenommen hatte ... In den seltsamsten Augenblicken aber griff Hanno
auf seinem Harmonium se Akkordfolgen ... Auch wurden, standen nicht
unberwindliche szenische Schwierigkeiten im Wege, diese Erzhlungen mit
Musikbegleitung auf dem Puppentheater dargestellt ... Zu den
Turnspielen aber ging Hanno nur auf ausdrcklichen und strengen Befehl
seines Vaters, und dann begleitete ihn der kleine Kai.

Es war nicht anders mit dem Schlittschuhlaufen zur Winterszeit und mit
dem Baden in der hlzernen Anstalt des Herrn Asmussen, unten am Flu, im
Sommer ... Baden! Schwimmen! hatte Doktor Langhals gesagt. Der Junge
mu baden und schwimmen! Und der Senator war vollstndig damit
einverstanden gewesen. Was aber hauptschlich Hanno veranlate, sich vom
Baden sowohl wie vom Schlittschuhlaufen und von den Turnspielen,
sobald es nur immer anging, fernzuhalten, war der Umstand, da die
beiden Shne des Konsuls Hagenstrm, die sich an allen diesen Dingen
ehrenvoll beteiligten, es auf ihn abgesehen hatten und, obgleich sie
doch in dem Hause seiner Gromutter wohnten, keine Gelegenheit
versumten, ihn mit ihrer Strke zu demtigen und zu qulen. Sie kniffen
und verhhnten ihn bei den Turnspielen, sie stieen ihn in den
Schneekehricht auf der Eisbahn, sie kamen im Schwimmbassin mit
bedrohlichen Lauten durch das Wasser auf ihn zu ... Hanno versuchte
nicht zu entfliehen, was brigens wenig ntzlich gewesen wre. Er stand
da, mit seinen Mdchenarmen, bis zum Bauche in dem ziemlich trben
Wasser, auf dessen Oberflche hie und da grne Gebilde von Pflanzen,
sogenanntes Gnsefutter, umhertrieben, und sah mit zusammengezogenen
Brauen, einem finsteren Senkblick und leicht verzerrten Lippen den
beiden entgegen, die, sicher ihrer Beute, mit langen, schumenden
Sprungschritten daherkamen. Sie hatten Muskeln an den Armen, die beiden
Hagenstrms, und damit umklammerten sie ihn und tauchten ihn, tauchten
ihn recht lange, so da er ziemlich viel von dem unreinlichen Wasser
schluckte und lange nachher, sich hin und her wendend, nach Atem rang
... Ein einziges Mal ward er ein wenig gercht. Gerade als ihn nmlich
eines Nachmittags die beiden Hagenstrms unter die Wasserflche hielten,
stie der eine von ihnen pltzlich einen Wut- und Schmerzensschrei aus
und hob sein eines fleischiges Bein empor, von dem das Blut in groen
Tropfen rann. Neben ihm aber kam Kai Graf Mlln zum Vorschein, welcher
sich auf irgendeine Weise das Eintrittsgeld verschafft hatte,
unversehens unter Wasser herbeigeschwommen war und den jungen Hagenstrm
gebissen -- mit allen Zhnen ins Bein gebissen hatte, wie ein kleiner
wtender Hund. Seine blauen Augen blitzten durch das rtlich-blonde
Haar, das na darber hing ... Ach, es erging ihm schlecht fr seine
Tat, dem kleinen Grafen, und bel zugerichtet stieg er aus dem Bassin.
Allein Konsul Hagenstrms starker Sohn hinkte doch betrchtlich, als er
nach Hause ging...

Nhrende Mittel und krperliche bungen aller Art -- das war die
Grundlage von Senator Buddenbrooks sorgenden Bemhungen um seinen Sohn.
Nicht minder aufmerksam aber trachtete er danach, ihn geistig zu
beeinflussen und ihn mit lebendigen Eindrcken aus der praktischen Welt
zu versehen, fr die er bestimmt war.

Er fing an, ihn ein wenig in das Bereich seiner zuknftigen Ttigkeit
einzufhren, er nahm ihn mit sich auf Geschftsgnge, zum Hafen hinunter
und lie ihn dabeistehen, wenn er am Kai mit den Lscharbeitern in einem
Gemisch von Dnisch und Plattdeutsch plauderte, in den kleinen,
finsteren Speicherkontoren mit den Geschftsfhrern konferierte oder
drauen den Mnnern einen Befehl erteilte, die mit hohlen und
langgezogenen Rufen die Kornscke zu den Bden hinaufwanden ... Fr
Thomas Buddenbrook selbst war dieses Stck Welt am Hafen, zwischen
Schiffen, Schuppen und Speichern, wo es nach Butter, Fischen, Wasser,
Teer und geltem Eisen roch, von klein auf der liebste und
interessanteste Aufenthalt gewesen; und da Freude und Teilnahme daran
sich bei seinem Sohne von selbst nicht uerten, so mute er darauf
bedacht sein, sie zu wecken ... Wie hieen nun die Dampfer, die mit
Kopenhagen verkehrten? Najaden ... Halmstadt ... Friederike Oeverdieck
... Nun, da du wenigstens diese weit, mein Junge, das ist schon
=etwas=. Auch die anderen wirst du dir noch merken ... Ja, von den
Leuten, die da die Scke hinaufwinden, heien manche wie du, mein
Lieber, weil sie nach deinem Grovater getauft sind. Und unter ihren
Kindern kommt hufig mein Name vor ... und auch der von Mama ... Man
schenkt ihnen dann jhrlich eine Kleinigkeit ... So, an diesem Speicher
gehen wir vorber und reden nicht mit den Mnnern; da haben wir nichts
zu sagen; das ist ein Konkurrent...

Willst du mitkommen, Hanno? sagte er ein andermal ... Ein neues
Schiff, das zu unserer Reederei gehrt, luft heute nachmittag vom
Stapel. Ich taufe es ... Hast du Lust?

Und Hanno gab an, da er Lust habe. Er ging mit und hrte die Taufrede
seines Vaters, sah zu, wie er eine Champagnerflasche am Bug zerschellte
und blickte mit fremden Augen dem Schiffe nach, welches die gnzlich mit
grner Seife beschmierte schiefe Ebene hinab und in das hoch
aufschumende Wasser glitt...

An gewissen Tagen des Jahres, am Palmsonntag, wenn die Konfirmationen
stattfanden, oder am Neujahrstage, unternahm Senator Buddenbrook zu
Wagen eine Tournee von Visiten in einer Reihe von Husern, denen er
gesellschaftlich verpflichtet war, und da seine Gattin es vorzog, sich
bei solchen Gelegenheiten mit Nervositt und Migrne zu entschuldigen,
so forderte er Hanno auf, ihn zu begleiten. Und Hanno hatte auch hierzu
Lust. Er stieg zu seinem Vater in die Droschke und sa stumm an seiner
Seite in den Empfangszimmern, indem er mit stillen Augen sein leichtes,
taktsicheres und so verschiedenartiges, so sorgfltig abgetntes
Benehmen gegen die Leute beobachtete. Er sah zu, wie er dem
Oberstleutnant und Bezirkskommandanten Herrn von Rinnlingen, welcher
beim Abschied betonte, er wisse die Ehre dieses Besuches sehr wohl zu
schtzen, mit liebenswrdiger Erschrockenheit einen Augenblick den Arm
um die Schulter legte; wie er an anderer Stelle eine hnliche Bemerkung
ruhig und ernst entgegennahm und sie an einer dritten mit einem ironisch
bertriebenen Gegenkompliment abwehrte ... Alles mit einer formalen
Versiertheit des Wortes und der Gebrde, die er ersichtlich gern der
Bewunderung seines Sohnes produzierte und von der er sich unterrichtende
Wirkung versprach.

Aber der kleine Johann sah mehr, als er sehen sollte, und seine
Augen, diese schchternen, goldbraunen, blulich umschatteten Augen
beobachteten zu gut. Er sah nicht nur die sichere Liebenswrdigkeit,
die sein Vater auf alle wirken lie, er sah auch -- sah es mit einem
seltsamen, qulenden Scharfblick--, wie furchtbar schwer sie zu
=machen= war, wie sein Vater nach jeder Visite wortkarger und bleicher,
mit geschlossenen Augen, deren Lider sich gertet hatten, in der
Wagenecke lehnte, und mit Entsetzen im Herzen erlebte er es, da auf der
Schwelle des nchsten Hauses eine Maske ber ebendieses Gesicht glitt,
immer aufs neue eine pltzliche Elastizitt in die Bewegungen ebendieses
ermdeten Krpers kam ... Das Auftreten, Reden, Sichbenehmen, Wirken und
Handeln unter Menschen stellte sich dem kleinen Johann nicht als ein
naives, natrliches und halb unbewutes Vertreten praktischer Interessen
dar, die man mit anderen gemein hat und gegen andere durchsetzen will,
sondern als eine Art von Selbstzweck, eine bewute und knstliche
Anstrengung, bei welcher, anstatt der aufrichtigen und einfachen inneren
Beteiligung, eine furchtbar schwierige und aufreibende Virtuositt fr
Haltung und Rckgrat aufkommen mute. Und bei dem Gedanken, man erwarte,
da auch er dereinst in ffentlichen Versammlungen auftreten und unter
dem Druck aller Blicke mit Wort und Gebrde ttig sein sollte, schlo
Hanno mit einem Schauder angstvollen Widerstrebens seine Augen...

Ach, das war die Wirkung nicht, die Thomas Buddenbrook von dem Einflu
seiner Persnlichkeit auf seinen Sohn erhoffte! Unbefangenheit vielmehr,
Rcksichtslosigkeit und einen einfachen Sinn fr das praktische Leben in
ihm zu erwecken, auf nichts anderes waren all seine Gedanken gerichtet.

Du scheinst gern gut zu leben, mein Lieber, sagte er, wenn Hanno eine
zweite Portion Dessert oder eine halbe Tasse Kaffee nach dem Essen erbat
... Da mut du ein tchtiger Kaufmann werden und viel Geld verdienen!
Willst du das? Und der kleine Johann antwortete: Ja.

Dann und wann, wenn die Familie beim Senator zu Tische gebeten war und
Tante Antonie oder Onkel Christian nach alter Gewohnheit sich ber die
arme Tante Klothilde lustig zu machen und in der ihr eigenen
langgedehnten und demtig-freundlichen Sprache mit ihr zu reden
begannen, so konnte es geschehen, da Hanno, unter der Einwirkung des
unalltglich schweren Rotweines, einen Augenblick auch seinerseits in
diesen Ton geriet und sich mit irgendeiner Mokerie an Tante Klothilde
wandte. Dann lachte Thomas Buddenbrook -- ein lautes, herzliches,
ermunterndes, fast dankbares Lachen, wie ein Mensch, dem eine
hocherfreuliche, heitere Genugtuung zuteil geworden ist, ja, er fing an,
seinen Sohn zu untersttzen und selbst in die Neckerei einzustimmen: und
doch hatte er sich eigentlich seit Jahr und Tag dieses Tones gegen die
arme Verwandte begeben. Es war so billig, so gnzlich gefahrlos, seine
berlegenheit ber die beschrnkte, demtige, magere und immer hungrige
Klothilde geltend zu machen, da er es trotz aller Harmlosigkeit, die
dabei herrschte, als gemein empfand. Mit Widerstreben empfand er es so,
mit jenem verzweifelten Widerstreben, das er alltglich im praktischen
Leben seiner skrupulsen Natur entgegensetzen mute, wenn er es wieder
einmal nicht fassen, nicht darber hinwegkommen konnte, wie es mglich
sei, eine Situation zu erkennen, zu durchschauen und sie dennoch ohne
Schamempfindung auszunutzen ... Aber die Situation ohne Schamgefhl
auszunutzen, sagte er sich, das ist Lebenstchtigkeit!

Ach, wie froh, wie glcklich, wie hoffnungsvoll entzckt er ber jedes
geringste Anzeichen dieser Lebenstchtigkeit war, das der kleine Johann
an den Tag legte!


Drittes Kapitel

Seit manchem Jahr hatten Buddenbrooks sich der weiteren sommerlichen
Reisen entwhnt, die ehemals blich gewesen waren, und selbst als im
vorigen Frhling die Senatorin dem Wunsche gefolgt war, ihren alten
Vater in Amsterdam zu besuchen und nach so langer Zeit einmal wieder ein
paar Duos mit ihm zu geigen, hatte ihr Gatte nur in ziemlich wortkarger
Weise seine Einwilligung gegeben. Da aber Gerda, der kleine Johann und
Frulein Jungmann alljhrlich fr die Dauer der Sommerferien ins Kurhaus
von Travemnde bersiedelten, war hauptschlich Hannos Gesundheit wegen
die Regel geblieben...

Sommerferien an der See! Begriff wohl irgend jemand weit und breit, was
fr ein Glck das bedeutete? Nach dem schwerflssigen und sorgenvollen
Einerlei unzhliger Schultage vier Wochen lang eine friedliche und
kummerlose Abgeschiedenheit, erfllt von Tanggeruch und dem Rauschen der
sanften Brandung ... Vier Wochen, eine Zeit, die an ihrem Beginne nicht
zu bersehen und ermessen war, an deren Ende zu glauben unmglich und
von deren Ende zu sprechen eine lsterliche Roheit war. Niemals verstand
es der kleine Johann, wie dieser oder jener Lehrer es ber sich gewann,
am Schlusse des Unterrichts Redewendungen laut werden zu lassen wie
etwa: Hier werden wir nach den Ferien fortfahren und zu dem und dem
bergehen... Nach den Ferien! Er schien sich noch darauf zu freuen,
dieser unbegreifliche Mann im blanken Kammgarnrock! Nach den Ferien! War
das berhaupt ein Gedanke! So wundervoll weit in graue Ferne entrckt
war alles, was jenseits dieser vier Wochen lag!

In einem der beiden Schweizerhuser, welche, durch einen schmalen
Mittelbau verbunden, mit der Konditorei und dem Hauptgebude des
Kurhauses eine gerade Linie bildeten: welch ein Erwachen, am ersten
Morgen, nachdem tags zuvor ein Vorzeigen des Zeugnisses wohl oder bel
berstanden und die Fahrt in der bepackten Droschke zurckgelegt war!
Ein unbestimmtes Glcksgefhl, das in seinem Krper emporstieg und sein
Herz sich zusammenziehen lie, schreckte ihn auf ... er ffnete die
Augen und umfate mit einem gierigen und seligen Blick die
altfrnkischen Mbel des reinlichen kleinen Zimmers ... Eine Sekunde
schlaftrunkener, wonniger Verwirrung -- und dann begriff er, da er in
Travemnde war, fr vier unermeliche Wochen in Travemnde! Er regte
sich nicht; er lag still auf dem Rcken in dem schmalen gelbhlzernen
Bette, dessen Linnen vor Alter auerordentlich dnn und weich waren,
schlo hie und da aufs neue seine Augen und fhlte, wie seine Brust in
tiefen, langsamen Atemzgen vor Glck und Unruhe erzitterte.

Das Zimmer lag in dem gelblichen Tageslicht, das schon durch das
gestreifte Rouleau hereinfiel, whrend doch ringsum noch alles still war
und Ida Jungmann sowohl wie Mama noch schliefen. Nichts war zu vernehmen
als das gleichmige und friedliche Gerusch, mit dem drunten der
Hausknecht den Kies des Kurgartens harkte, und das Summen einer Fliege,
die zwischen Rouleau und Fenster beharrlich gegen die Scheibe strmte
und deren Schatten man auf der gestreiften Leinwand in langen
Zickzacklinien umherschieen sah ... Stille! Das einsame Gerusch der
Harke und monotones Summen! Und dieser sanft belebte Friede erfllte den
kleinen Johann alsbald mit der kstlichen Empfindung jener ruhigen,
wohlgepflegten und distinguierten Abgeschiedenheit des Bades, die er so
ber alles liebte. Nein, Gott sei gepriesen, hierher kam keiner der
blanken Kammgarnrcke, die auf Erden Regeldetrie und Grammatik
vertraten, hierher nicht, denn es war ziemlich kostspielig hier
drauen...

Ein Anfall von Freude machte, da er aus dem Bette sprang und auf
nackten Fen zum Fenster lief. Er zog das Rouleau empor, ffnete den
einen Flgel, indem er den weilackierten Haken lste, und blickte der
Fliege nach, die ber die Kieswege und Rosenbeete des Kurgartens hin
davonflog. Der Musiktempel, im Halbkreise von Buchsbaum umwachsen, stand
noch leer und still den Hotelgebuden gegenber. Das Leuchtenfeld, das
seinen Namen nach dem Leuchtturm trug, der irgendwo zur Rechten
aufragte, dehnte sich unter dem weilich bezogenen Himmel aus, bis sein
kurzes, von kahlen Erdflecken unterbrochenes Gras in hohe und harte
Strandgewchse und dann in Sand berging, dort, wo man die Reihen der
kleinen hlzernen Privatpavillons und der Sitzkrbe unterschied, die auf
die See hinausblickten. Sie lag da, die See, in Frieden und Morgenlicht,
in flaschengrnen und blauen, glatten und gekrausten Streifen, und ein
Dampfer kam zwischen den rotgemalten Tonnen, die ihm das Fahrwasser
bezeichneten, von Kopenhagen daher, ohne da man zu wissen brauchte, ob
er Najaden oder Friederike Oeverdieck hie. Und Hanno Buddenbrook
zog wieder tief und mit stiller Seligkeit den wrzigen Atem ein, den die
See zu ihm herbersandte, und grte sie zrtlich mit den Augen, mit
einem stummen, dankbaren und liebevollen Grue.

Und dann begann der Tag, der erste dieser armseligen achtundzwanzig
Tage, die anfangs wie eine ewige Seligkeit erschienen und, waren die
ersten vorber, so verzweifelt schnell zerrannen ... Es wurde auf dem
Balkon oder unter dem groen Kastanienbaum gefrhstckt, der drunten vor
dem Kinderspielplatze stand, dort, wo die groe Schaukel hing -- und
alles, der Geruch, den das eilig gewaschene Tischtuch ausstrmte, wenn
der Kellner es ausbreitete, die Servietten aus Seidenpapier, das
fremdartige Brot, der Umstand, da man die Eier nicht wie zu Hause mit
knchernen, sondern mit gewhnlichen Teelffeln und aus metallenen
Bechern a -- alles entzckte den kleinen Johann.

Und was folgte, war alles frei und leicht geordnet, ein wunderbar
miges und pflegsames Wohlleben, das ungestrt und kummerlos verging:
der Vormittag am Strande, whrend droben die Kurkapelle ihr
Morgenprogramm erledigte, dieses Liegen und Ruhen zu Fen des
Sitzkorbes, dieses zrtliche und trumerische Spielen mit dem weichen
Sande, der nicht beschmutzt, dieses mhe- und schmerzlose Schweifen und
Sichverlieren der Augen ber die grne und blaue Unendlichkeit hin, von
welcher, frei und ohne Hindernis, mit sanftem Sausen ein starker,
frisch, wild und herrlich duftender Hauch daherkam, der die Ohren
umhllte und einen angenehmen Schwindel hervorrief, eine gedmpfte
Betubung, in der das Bewutsein von Zeit und Raum und allem Begrenzten
still selig unterging ... Das Baden dann, das hier eine erfreulichere
Sache war als in Herrn Asmussens Anstalt, denn es gab hier kein
Gnsefutter, das hellgrne, kristallklare Wasser schumte weithin,
wenn man es aufrhrte, statt eines schleimigen Bretterbodens
schmeichelte der weich gewellte Sandboden den Sohlen, und Konsul
Hagenstrms Shne waren weit, sehr weit, in Norwegen oder Tirol. Der
Konsul liebte es, im Sommer eine ausgedehntere Erholungsreise zu
unternehmen -- und warum also nicht, nicht wahr ... Ein Spaziergang, zur
Erwrmung, den Strand entlang, bis zum Mvenstein oder zum
Seetempel, ein Imbi, am Sitzkorbe eingenommen -- und die Stunde
nherte sich, da man hinauf in die Zimmer ging, um vor der Toilette zur
Table d'hote eine kleine Stunde zu ruhen. Die Table d'hote war lustig,
das Bad stand in Flor, viele Leute, Familien, die den Buddenbrooks
befreundet waren, sowohl wie Hamburger und sogar englische und russische
Herrschaften fllten den groen Saal des Kurhauses, an einem feierlichen
Tischchen kredenzte ein schwarz gekleideter Herr die Suppe aus einer
silberblanken Terrine, es gab vier Gnge, die schmackhafter, wrziger
und jedenfalls auf irgendeine festlichere Weise zubereitet waren als zu
Hause, und an vielen Stellen der langen Tafeln ward Champagner
getrunken. Oftmals kamen einzelne Herren aus der Stadt, die sich von
ihren Geschften nicht whrend der ganzen Woche fesseln lieen, die sich
amsieren und nach dem Essen die Roulette ein wenig in Bewegung setzen
wollten: Konsul Peter Dhlmann, der seine Tochter zu Hause gelassen
hatte und mit schallender Stimme auf Plattdeutsch so ungenierte
Geschichten erzhlte, da die Hamburger Damen vor Lachen husteten und um
einen Augenblick Pause baten; Senator Doktor Cremer, der alte
Polizeichef; Onkel Christian und sein Schulfreund, Senator Gieseke, der
ebenfalls ohne Familie war und alles fr Christian Buddenbrook bezahlte
... Spter, wenn die Erwachsenen zu den Klngen der Musik unter dem
Zeltdache der Konditorei den Kaffee tranken, sa Hanno auf einem Stuhle
unermdlich vor den Stufen des Tempels und lauschte ... Es war gesorgt
fr den Nachmittag. Es gab eine Schiebude im Kurgarten, und zur Rechten
der Schweizerhuser standen die Stallgebude mit Pferden, Eseln und den
Khen, deren Milch man warm, schaumig und duftend zur Vesperstunde
trank. Man konnte einen Spaziergang machen, in das Stdtchen, die
Vorderreihe entlang; man konnte von dort aus mit einem Boote zum
Priwal bersetzen, an dessen Strande es Bernstein zu finden gab,
konnte sich auf dem Kinderspielplatze an einer Krocketpartie beteiligen
oder sich auf einer Bank des bewaldeten Hgels, der hinter den Hotels
gelegen war und auf dem die groe Table-d'hote-Glocke hing, von Ida
Jungmann vorlesen lassen ... Und doch war das Klgste stets, zur See
zurckzukehren und noch im Zwielicht, das Gesicht dem offenen Horizonte
zugewandt, auf der Spitze des Bollwerks zu sitzen, den groen Schiffen,
die vorberglitten, mit dem Taschentuch zuzuwinken und zu horchen, wie
die kleinen Wellen mit leisem Plaudern wider die Steinblcke klatschten
und die ganze Weite ringsum von diesem gelinden und groartigen Sausen
erfllt war, das dem kleinen Johann gtevoll zusprach und ihn beredete,
in ungeheurer Zufriedenheit seine Augen zu schlieen. Dann aber sagte
Ida Jungmann: Komm, Hannochen; mssen gehen; Abendbrotzeit; wirst dir
den Tod holen, wenn du hier wirst schlafen wollen... Welch ein
beruhigtes, befriedigtes und in wohlttiger Ordnung arbeitendes Herz er
immer mitnahm vom Meere! Und wenn er sein Abendbrot mit Milch oder stark
gemalztem Braunbier im Zimmer gegessen hatte, whrend seine Mutter
spter in der Glasveranda des Kurhauses in grerer Gesellschaft
speiste, so senkte sich, kaum da er wieder zwischen dem altersdnnen
Linnen seines Bettes lag, zu den sanften und vollen Schlgen eben
dieses befriedigten Herzens und den gedmpften Rhythmen des
Abendkonzertes ganz ohne Schrecken und Fieber der Schlaf ber ihn...

Am Sonntag erschien, gleich einigen anderen Herren, die whrend der
Woche von ihren Geschften in der Stadt zurckgehalten wurden, der
Senator bei den Seinen und blieb bis zum Montagmorgen. Aber obgleich
dann Eis und Champagner an der Table d'hote serviert ward, obgleich
Eselritte und Segelpartien in die offene See hinaus veranstaltet wurden,
liebte der kleine Johann diese Sonntage nicht sehr. Die Ruhe und
Abgeschlossenheit des Bades war gestrt. Eine Menge von Leuten aus der
Stadt, die gar nicht hierher gehrten, Eintagsfliegen aus dem guten
Mittelstande, wie Ida Jungmann sie mit wohlwollender Geringschtzung
nannte, bevlkerte am Nachmittage Kurgarten und Strand, um Kaffee zu
trinken, Musik zu hren, zu baden, und Hanno htte am liebsten im
geschlossenen Zimmer den Abflu dieser festlich geputzten Strenfriede
erwartet ... Nein, er war froh, wenn am Montag alles wieder ins
alltgliche Geleise kam, wenn auch die Augen seines Vaters, diese Augen,
denen er sechs Tage lang fern gewesen war und die, er hatte es wohl
gefhlt, whrend des ganzen Sonntages wieder kritisch und forschend auf
ihm geruht hatten, nicht mehr da waren...

Und vierzehn Tage waren vorbei, und Hanno sagte sich und beteuerte es
jedem, der es hren wollte, da jetzt noch eine Zeit komme, so lang wie
die Michaelisferien. Allein das war ein trgerischer Trost, denn war die
Hhe der Ferien erreicht, so ging es abwrts und gegen Ende, schnell, so
frchterlich schnell, da er sich an jede Stunde htte klammern mgen,
um sie nicht vorberzulassen, und jeden Seeluftatemzug verlangsamen, um
das Glck nicht achtlos zu vergeuden.

Aber die Zeit verging unaufhaltsam im Wechsel von Regen und
Sonnenschein, See- und Landwind, stiller, brtender Wrme und lrmenden
Gewittern, die nicht ber das Wasser konnten und kein Ende nehmen zu
wollen schienen. Es gab Tage, an denen der Nordostwind die Bucht mit
schwarzgrner Flut berfllte, welche den Strand mit Tang, Muscheln und
Quallen bedeckte und die Pavillons bedrohte. Dann war die trbe,
zerwhlte See weit und breit mit Schaum bedeckt. Groe, starke Wogen
wlzten sich mit einer unerbittlichen und furchteinflenden Ruhe heran,
neigten sich majesttisch, indem sie eine dunkelgrne, metallblanke
Rundung bildeten, und strzten tosend, krachend, zischend, donnernd ber
den Sand ... Es gab andere Tage, an denen der Westwind die See
zurcktrieb, da der zierlich gewellte Grund weit hinaus freilag und
berall nackte Sandbnke sichtbar waren, whrend der Regen in Strmen
herniederging, Himmel, Erde und Wasser ineinander verschwammen und der
Stowind in den Regen fuhr und ihn gegen die Fensterscheiben trieb, da
nicht Tropfen, sondern Bche daran hinunterflossen und sie
undurchsichtig machten. Dann hielt Hanno sich meistens im Kursaale auf,
am Pianino, das zwar bei den Reunions von Walzern und Schottischen ein
wenig zerhmmert war und auf dem sich nicht so wohllautend phantasieren
lie wie zu Haus auf dem Flgel, aber mit dessen gedeckter und
glucksender Klangart doch recht unterhaltende Wirkungen zu erzielen
waren ... Und wieder kamen andere Tage, trumerische, blaue, ganz
windstille und brtend warme, an denen die blauen Fliegen summend in der
Sonne ber dem Leuchtenfeld standen und die See stumm und spiegelnd,
ohne Hauch und Regung lag. Und waren noch drei Tage brig, so sagte sich
Hanno und machte es jedem klar, da jetzt noch eine Zeit komme, so lang
wie die ganzen Pfingstferien. Aber so unanfechtbar diese Rechnung war,
glaubte er doch selbst nicht daran, und seines Herzens hatte sich lngst
die Erkenntnis bemchtigt, da der Mann im blanken Kammgarnrock dennoch
recht gehabt, da die vier Wochen dennoch ein Ende nahmen und da man
nun dennoch da fortfahren, wo man aufgehrt, und zu dem und dem
bergehen werde...

Die bepackte Droschke hielt vorm Kurhause, der Tag war da. Hanno hatte
frhmorgens der See und dem Strande sein Adieu gesagt; er sagte es nun
den Kellnern, die ihre Trinkgelder entgegennahmen, dem Musiktempel, den
Rosenbeeten und dieser ganzen Sommerszeit. Und dann, unter den
Verbeugungen des Hotelpersonals, setzte sich der Wagen in Bewegung.

Er passierte die Allee, die zum Stdtchen fhrte, und fuhr die
Vorderreihe entlang ... Hanno drckte den Kopf in die Wagenecke und
sah, an Ida Jungmann vorbei, die frischugig, weihaarig und knochig ihm
gegenber auf dem Rckplatze sa, zum Fenster hinaus. Der Morgenhimmel
war weilich bedeckt, und die Trave warf kleine Wellen, die schnell vor
dem Winde dahereilten. Dann und wann prickelten Regentropfen gegen die
Scheiben. Am Ausgange der Vorderreihe saen Leute vor ihren Haustren
und flickten Netze; barfige Kinder kamen herbeigelaufen und
betrachteten neugierig den Wagen. =Die= blieben hier...

Als der Wagen die letzten Huser zurcklie, beugte Hanno sich vor, um
noch einmal den Leuchtturm zu sehen; dann lehnte er sich zurck und
schlo die Augen. Nchst's Jahr wieder, Hannochen, sagte Ida Jungmann
mit tiefer, trstender Stimme; aber dieser Zuspruch hatte nur gefehlt,
um sein Kinn in zitternde Bewegung zu setzen und die Trnen unter seinen
langen Wimpern hervorquellen zu lassen.

Sein Gesicht und seine Hnde waren von der Seeluft gebrunt; aber wenn
man mit diesem Badeaufenthalt den Zweck verfolgt hatte, ihn hrter,
energischer, frischer und widerstandsfhiger zu machen, so war man
jmmerlich fehlgegangen; von dieser hoffnungslosen Wahrheit war er ganz
erfllt. Sein Herz war durch diese vier Wochen voll Meeresandacht und
eingehegtem Frieden nur noch viel weicher, verwhnter, trumerischer,
empfindlicher geworden und nur noch viel unfhiger, bei dem Ausblick auf
Herrn Tiedges Regeldetri tapfer zu bleiben und bei dem Gedanken an das
Auswendiglernen der Geschichtszahlen und grammatischen Regeln, an das
verzweifelt leichtsinnige Wegwerfen der Bcher und den tiefen Schlaf, um
allem zu entgehen, an die Angst am Morgen und vor den Stunden, die
Katastrophen, die feindlichen Hagenstrms und die Anforderungen, die
sein Vater an ihn stellte, nicht vollstndig zu verzagen.

Dann aber ermunterte die morgendliche Fahrt ihn ein wenig, die, zwischen
dem Gezwitscher der Vgel, durch die wassererfllten Geleise der
Landstrae dahinging. Er dachte an Kai und das Wiedersehen mit ihm, an
Herrn Pfhl, die Klavierstunden, den Flgel und sein Harmonium. brigens
war morgen Sonntag, und der erste Schultag, bermorgen, war noch
gefahrlos. Ach, er fhlte noch ein wenig Sand vom Strande in seinen
Knpfstiefeln ... er wollte den alten Grobleben bitten, ihn immer darin
zu lassen ... Mochte es nur alles wieder beginnen, das mit den
Kammgarnrcken und das mit Hagenstrms und das andere. Er hatte, was er
hatte. Er wollte sich der See und des Kurgartens erinnern, wenn alles
wieder auf ihn einstrmte, und ein ganz kurzer Gedanke an das Gerusch,
mit dem abends in der Stille die kleinen Wellen, weither, aus der in
geheimnisvollem Schlummer liegenden Ferne kommend, gegen das Bollwerk
geplanscht hatten, sollte ihn so getrost, so unberhrbar gegen alle
Widrigkeiten machen...

Dann kam die Fhre, es kam die Israelsdorfer Allee, der Jerusalemsberg,
das Burgfeld, der Wagen erreichte das Burgtor, neben dem zur Rechten die
Mauern des Gefngnisses aufragten, wo Onkel Weinschenk sa, er rollte
die Burgstrae entlang und ber den Koberg, lie die Breite Strae
zurck und fuhr bremsend die stark abfallende Fischergrube hinunter ...
Da war die rote Fassade mit dem Erker und den weien Karyatiden, und als
sie von der mittagwarmen Strae in die Khle des steinernen Flures
traten, kam der Senator, die Feder in der Hand, aus dem Kontor heraus,
um sie zu begren...

Und langsam, langsam, mit heimlichen Trnen, lernte der kleine Johann
wieder, die See zu missen, sich zu ngstigen und ungeheuerlich zu
langweilen, stets der Hagenstrms gewrtig zu sein und sich mit Kai,
Herrn Pfhl und der Musik zu trsten.

Die Damen Buddenbrook aus der Breiten Strae und Tante Klothilde
richteten, sobald sie seiner ansichtig wurden, die Frage an ihn, wie
nach den Ferien die Schule schmecke -- mit einem neckischen Blinzeln,
das ein berlegenes Verstndnis fr seine Lage vorgab, und jenem
sonderbaren Erwachsenen-Hochmut, der alles, was Kinder angeht, mglichst
spahaft und oberflchlich behandelt; und Hanno hielt diesen Fragen
stand.

Drei oder vier Tage nach der Rckkehr in die Stadt erschien der Hausarzt
Doktor Langhals in der Fischergrube, um die Wirkungen des Bades
festzustellen. Nachdem er eine lngere Konferenz mit der Senatorin
gehabt, ward Hanno vorgefhrt, um sich, halb entkleidet, einer
eingehenden Prfung zu unterziehen -- seines _status praesens_, wie
Doktor Langhals sagte, indem er seine Fingerngel besah. Er untersuchte
Hannos sprliche Muskulatur, die Breite seiner Brust und die Funktion
seines Herzens, lie sich ber alle seine Lebensuerungen Bericht
erstatten, nahm schlielich vermittels einer Nadelspritze einen
Blutstropfen aus Hannos schmalem Arm, um zu Hause eine Analyse
vorzunehmen, und schien im allgemeinen wieder nicht recht befriedigt.

Wir sind ziemlich braun geworden, sagte er, indem er Hanno, der vor
ihm stand, umarmte, die kleine schwarzbehaarte Hand auf seiner Schulter
gruppierte und zur Senatorin und Frulein Jungmann emporsah, aber ein
allzu betrbtes Gesicht machen wir immer noch.

Er hat Heimweh nach der See, bemerkte Gerda Buddenbrook.

So, so ... also dort bist du so gern! fragte Doktor Langhals, indem er
dem kleinen Johann mit seinen eitlen Augen ins Gesicht blickte ... Hanno
verfrbte sich. Was bedeutete diese Frage, auf die Doktor Langhals
ersichtlich eine Antwort erwartete? Eine wahnwitzige und phantastische
Hoffnung, mglich gemacht durch die schwrmerische berzeugung, da
allen Kammgarnmnnern der Welt zum Trotz vor Gott nichts unmglich sei,
stieg in ihm auf.

Ja..., brachte er hervor, seine erweiterten Augen starr auf den
Doktor gerichtet. Aber Doktor Langhals hatte gar nichts Besonderes bei
seiner Frage im Sinne gehabt.

Nun, der Effekt der Bder und der guten Luft wird schon noch nachkommen
... schon noch nachkommen! sagte er, indem er dem kleinen Johann auf
die Schulter klopfte, ihn von sich schob und mit einem Kopfnicken gegen
die Senatorin und Ida Jungmann -- dem berlegenen, wohlwollenden und
ermunternden Kopfnicken des wissenden Arztes, an dessen Augen und Lippen
man hngt -- sich erhob und die Konsultation beendete...

Das bereitwilligste Verstndnis noch fr seinen Schmerz um die See,
diese Wunde, die so langsam vernarbte und, von der geringsten Hrte des
Alltages berhrt, wieder zu brennen und zu bluten begann, fand Hanno bei
Tante Antonie, die ihn mit ersichtlichem Vergngen vom Travemnder Leben
erzhlen hrte und auf seine sehnschtigen Lobpreisungen lebhaften
Herzens einging.

Ja, Hanno, sagte sie, was wahr ist, bleibt ewig wahr, und Travemnde
ist ein schner Aufenthalt! Bis ich den Fu ins Grab setze, weit du,
werde ich mich mit Freuden an die Sommerwochen erinnern, die ich dort
als junges, dummes Ding einmal erlebte. Ich wohnte bei Leuten, die ich
gern hatte und die mich auch wohl leiden konnten, wie es schien, denn
ich war ein hbscher Springinsfeld damals -- jetzt kann ich altes Weib
es ja aussprechen -- und fast immer guter Dinge. Es waren brave Leute,
will ich dir sagen, bieder, gutherzig und gradsinnig und auerdem so
gescheit, gelehrt und begeistert, wie ich spter im Leben berhaupt
keine mehr gefunden habe. Ja, es war ein auerordentlich anregender
Verkehr mit ihnen. Ich habe da, was Anschauungen und Kenntnisse
betrifft, weit du, fr mein ganzes Leben viel gelernt, und wenn nicht
anderes dazwischen gekommen wre, allerhand Ereignisse ... kurz, wie es
im Leben so geht ... so htte ich dummes Ding wohl noch manches
profitiert. Willst du wissen, wie dumm ich damals war? Ich wollte die
bunten Sterne aus den Quallen heraushaben. Ich trug eine ganze Menge
Quallen im Taschentuche nach Hause und legte sie suberlich auf den
Balkon in die Sonne, damit sie verdunsteten ... Dann muten die Sterne
doch brigbleiben! Ja, gut ... als ich nachsah, war da ein ziemlich
groer nasser Fleck. Es roch nur ein bichen nach faulem Seetang...


Viertes Kapitel

Zu Beginn des Jahres 1873 ward dem Gnadengesuch Hugo Weinschenks vom
Senate stattgegeben und der ehemalige Direktor ein halbes Jahr vor
Ablauf der ihm zugemessenen Strafzeit auf freien Fu gesetzt.

Wrde Frau Permaneder ehrlich gesprochen haben, so htte sie zugeben
mssen, da dieses Ereignis sie gar nicht sehr freudig berhrte und da
sie es lieber gesehen htte, wenn alles nun auch bis ans Ende geblieben
wre, wie es einmal war. Sie lebte mit ihrer Tochter und ihrer Enkelin
friedlich am Lindenplatze, im Verkehr mit dem Hause in der Fischergrube
und mit ihrer Pensionsfreundin Armgard von Maiboom, geb. von Schilling,
die seit dem Ableben ihres Gatten in der Stadt wohnte. Sie wute lngst,
da sie auerhalb der Mauern ihrer Vaterstadt eigentlich nirgends am
richtigen und wrdigen Platze war und versprte mit ihren Mnchener
Erinnerungen, ihrem bestndig schwcher und reizbarer werdenden Magen
und ihrem wachsenden Ruhebedrfnis durchaus keine Neigung, auf ihre
alten Tage noch einmal in eine groe Stadt des geeinten Vaterlandes oder
gar ins Ausland berzusiedeln.

Liebes Kind, sagte sie zu ihrer Tochter, ich mu dich nun etwas
fragen, etwas Ernstes!... Du liebst deinen Mann doch noch immer von
ganzem Herzen? Du liebst ihn doch so, da du ihm, wohin er sich jetzt
auch wenden mge, mit eurem Kinde folgen willst, da seines Bleibens hier
ja leider nicht ist?

Und da Frau Erika Weinschenk, geb. Grnlich, hierauf unter Trnen, die
alles mgliche bedeuten konnten, genau so pflichtgem antwortete, wie
Tony selbst einstmals unter hnlichen Umstnden in ihrer Villa bei
Hamburg ihrem Vater geantwortet hatte, so fing man an, mit einer nahen
Trennung zu rechnen...

Es war ein Tag, beinahe so schauerlich wie der, an dem Direktor
Weinschenk in Haft genommen war, als Frau Permaneder ihren Schwiegersohn
in einer geschlossenen Droschke vom Gefngnisse abholte. Sie brachte ihn
in ihre Wohnung am Lindenplatze, und dort blieb er, nachdem er verwirrt
und ratlos Frau und Kind begrt, in dem Zimmer, das man ihm eingerumt,
und rauchte von frh bis spt Zigarren, ohne es zu wagen, auf die Strae
zu gehen, ja meistens ohne die Mahlzeiten mit den Seinen gemeinsam zu
nehmen, ein ergrauter und vollstndig kopfscheuer Mensch.

Das Gefngnisleben hatte seiner krperlichen Gesundheit nichts anhaben
knnen, denn Hugo Weinschenk war stets von durabler Konstitution
gewesen; aber es stand doch uerst traurig um ihn. Es war entsetzlich,
zu sehen, wie dieser Mann -- der hchstwahrscheinlich nichts anderes
begangen hatte, als was die meisten seiner Kollegen ringsum mit gutem
Mut alle Tage begingen, und der, wre er nicht ertappt worden, ohne
Zweifel erhobenen Hauptes und unberhrt heiteren Gewissens seinen Pfad
gewandert wre -- durch seinen brgerlichen Fall, durch die Tatsache der
gerichtlichen Verurteilung und diese drei Gefngnisjahre nun moralisch
so vollkommen gebrochen war. Er hatte vor Gericht aus tiefster
berzeugung beteuert, und von Sachverstndigen war es ihm besttigt
worden, da das kecke Manver, welches er seiner Gesellschaft und sich
selbst zu Ehr' und Vorteil unternommen, in der Geschftswelt als Usance
gelte. Die Juristen aber, Herren, die nach seiner eigenen Meinung von
diesen Dingen gar nichts verstanden, die unter ganz anderen Begriffen
und in einer ganz anderen Weltanschauung lebten, hatten ihn wegen
Betruges verurteilt, und dieser Spruch, dem die staatliche Macht zur
Seite stand, hatte seine Selbstschtzung dermaen zu erschttern
vermocht, da er niemandem mehr ins Angesicht zu blicken wagte. Sein
federnder Gang, die unternehmende Art, mit der er sich in der Taille
seines Gehrockes gewiegt, mit den Fusten balanciert und die Augen
gerollt hatte, die ungemeine Frische, mit der er von der Hhe seiner
Unwissenheit und Unbildung herab seine Fragen und Erzhlungen zum besten
gegeben hatte -- alles war dahin! Es war so sehr dahin, da den Seinen
vor so viel Gedrcktheit, Feigheit und dumpfer Wrdelosigkeit graute.

Nachdem Herr Hugo Weinschenk acht oder zehn Tage lang sich lediglich mit
Rauchen beschftigt hatte, fing er an, Zeitungen zu lesen und Briefe zu
schreiben. Und dies hatte nach dem Verlaufe weiterer acht oder zehn Tage
zur Folge, da er in unbestimmten Wendungen erklrte, in London scheine
sich ihm eine neue Position zu bieten, doch wolle er zunchst allein
dorthin reisen, um die Sache persnlich zu regeln und erst, wenn alles
in Richtigkeit sei, Frau und Kind zu sich rufen.

Er fuhr, von Erika begleitet, in geschlossenem Wagen zum Bahnhof und
reiste ab, ohne irgendeinen seiner brigen Verwandten noch einmal
gesehen zu haben.

Einige Tage spter traf, noch aus Hamburg, ein an seine Gattin
gerichtetes Schreiben ein, in welchem er zu wissen tat, er sei
entschlossen, sich keinesfalls eher mit Frau und Kind zu vereinigen
oder auch nur von sich hren zu lassen, als bis er ihnen eine
angemessene Existenz werde bieten knnen. Und dies war Hugo Weinschenks
letztes Lebenszeichen. Niemand vernahm seitdem das geringste von ihm.
Obgleich spter Frau Permaneder, versiert in solchen Dingen und voll
umsichtiger Tatkraft wie sie war, mehrere Aufrufe nach ihrem
Schwiegersohn ergehen lie, um, wie sie mit wichtiger Miene erklrte,
der Scheidungsklage wegen bswilligen Verlassens eine volle Begrndung
zu geben, war und blieb er verschollen, und so kam es, da Erika
Weinschenk mit der kleinen Elisabeth nach wie vor bei ihrer Mutter in
der hellen Etage am Lindenplatze verblieb.


Fnftes Kapitel

Die Ehe, aus welcher der kleine Johann hervorgegangen war, hatte, als
Gesprchsgegenstand genommen, in der Stadt niemals an Reiz verloren. So
gewi wie jedem der beiden Gatten etwas Extravagantes und Rtselhaftes
eigen war, so gewi trug diese Ehe selbst den Charakter des
Ungewhnlichen und Fragwrdigen. Hier ein wenig hinters Licht zu kommen
und, abgesehen von den drftigen, ueren Tatsachen, dem Verhltnis ein
wenig auf den Grund zu gehen, schien eine schwierige, aber lohnende
Aufgabe ... Und in Wohn- und Schlafstuben, in Klubs und Kasinos, ja
selbst an der Brse sprachen die Leute ber Gerda und Thomas Buddenbrook
desto mehr, je weniger sie von ihnen wuten.

Wie hatten diese beiden sich gefunden, und wie standen sie zueinander?
Man erinnerte sich der jhen Entschlossenheit, mit der vor achtzehn
Jahren der damals dreiigjhrige Thomas Buddenbrook zu Werke gegangen
war. Diese oder keine, das war sein Wort gewesen, und es mute sich
mit Gerda wohl hnlich verhalten haben, denn sie hatte in Amsterdam bis
zu ihrem siebenundzwanzigsten Jahre Krbe ausgeteilt und diesen Bewerber
alsbald erhrt. Eine Liebesheirat also, dachten die Leute in ihrem
Sinne; denn so schwer es ihnen wurde, muten sie einrumen, da Gerdas
Dreihunderttausend doch wohl nur eine Rolle zweiten Ranges bei der
Sache gespielt hatten. Allein von Liebe wiederum, von dem, was man unter
Liebe verstand, war zwischen den beiden von Anbeginn hchst wenig zu
spren gewesen. Von Anbeginn vielmehr hatte man nichts als Hflichkeit
in ihrem Umgang konstatiert, eine zwischen Gatten ganz auerordentliche,
korrekte und respektvolle Hflichkeit, die aber unverstndlicherweise
nicht aus innerer Fernheit und Fremdheit, sondern aus einer sehr
eigenartigen, stummen und tiefen gegenseitigen Vertrautheit und
Kenntnis, einer bestndigen gegenseitigen Rcksicht und Nachsicht
hervorzugehen schien. Daran hatten die Jahre nicht das geringste
gendert. Die nderung, die sie hervorgebracht hatten, bestand nur
darin, da jetzt der Altersunterschied der beiden, so selten geringfgig
er den Jahren nach war, anfing, in aufflliger Weise hervorzutreten...

Man sah die beiden an und fand, da dies ein stark alternder, schon ein
bichen beleibter Mann, mit einer jungen Frau zur Seite, war. Man fand,
da Thomas Buddenbrook verfallen aussah -- ja, dies war trotz der
nachgerade ein wenig komisch wirkenden Eitelkeit, mit der er sich
zurechtstutzte, das einzig richtige Wort fr ihn -- whrend Gerda sich
in diesen achtzehn Jahren fast gar nicht verndert hatte. Sie erschien
gleichsam konserviert in der nervsen Klte, in der sie lebte und die
sie ausstrmte. Ihr dunkelrotes Haar hatte genau seine Farbe behalten,
ihr schnes, weies Gesicht genau sein Ebenma und die Gestalt ihre
schlanke und hohe Vornehmheit. In den Winkeln ihrer etwas zu kleinen und
etwas zu nahe beieinander liegenden braunen Augen lagerten immer noch
die blulichen Schatten ... Man traute diesen Augen nicht. Sie blickten
seltsam, und was etwa in ihnen geschrieben stand, vermochten die Leute
nicht zu entziffern. Diese Frau, deren Wesen so khl, so eingezogen,
verschlossen, reserviert und ablehnend war und die nur an ihre Musik ein
wenig Lebenswrme zu verausgaben schien, erregte unbestimmte Verdchte.
Die Leute holten ihr bichen verstaubte Menschenkenntnis hervor, um sie
gegen Senator Buddenbrooks Gattin anzuwenden. Stille Wasser waren oft
tief. Mancher hatte es faustdick hinter den Ohren. Und da sie doch
wnschten, sich die ganze Sache ein Stckchen nher zu bringen und
berhaupt irgend etwas davon zu wissen und zu verstehen, so fhrte ihre
bescheidene Phantasie sie zu der Annahme, es knne wohl nicht anders
sein, als da die schne Gerda ihren alternden Mann nun ein wenig
betrge.

Sie gaben wohl acht, und es dauerte nicht lange, bis sie einig darber
waren, da Gerda Buddenbrook in ihrem Verhltnis zu Herrn Leutnant von
Throta gelinde gesagt die Grenzen des Sittsamen berschritt.

Renee Maria von Throta, aus den Rheinlanden gebrtig, stand als
Sekondeleutnant bei einem der Infanteriebataillone, die in der Stadt
garnisonierten. Der rote Kragen nahm sich gut aus zu seinem schwarzen
Haar, das seitwrts gescheitelt und rechts in einem hohen, dichten und
gelockten Kamm von der weien Stirn zurckgestrichen war. Aber obwohl er
gro und stark von Gestalt erschien, rief seine ganze Erscheinung, seine
Bewegungen sowohl wie seine Art zu sprechen und zu schweigen, einen
uerst unmilitrischen Eindruck hervor. Er liebte es, eine Hand
zwischen die Knpfe seines halb offenen Interimsrockes zu schieben oder
dazusitzen, indem er die Wange gegen den Handrcken lehnte; seine
Verbeugungen entbehrten jeglicher Strammheit, man hrte nicht einmal
seine Abstze dabei zusammenschlagen, und er behandelte die Uniform an
seinem muskulsen Krper genau so nachlssig und launisch wie einen
Zivilanzug. Selbst sein schmales, schrg zu den Mundwinkeln
hinablaufendes Jnglings-Schnurrbrtchen, dem nicht Spitze noch Schwung
htte gegeben werden knnen, trug dazu bei, diesen unmartialischen
Gesamteindruck zu verstrken. Das merkwrdigste an ihm aber waren die
Augen: groe, auerordentlich glnzende und so schwarze Augen, da sie
wie unergrndliche, glhende Tiefen erschienen, Augen, welche
schwrmerisch, ernst und schimmernd auf Dingen und Gesichtern ruhten...

Ohne Zweifel war er wider Willen oder doch ohne Liebe zur Sache in die
Armee eingetreten, denn trotz seiner Krperstrke war er untchtig im
Dienste und unbeliebt bei seinen Kameraden, deren Interessen und
Vergngungen -- die Interessen und Vergngungen junger Offiziere, die
vor kurzem von einem siegreichen Feldzuge zurckgekehrt waren -- er zu
wenig teilte. Er galt fr einen unangenehmen und extravaganten
Sonderling unter ihnen, der einsame Spaziergnge machte, der weder
Pferde noch Jagd, noch Spiel, noch Frauen liebte, und dessen ganzer Sinn
der Musik zugewandt war, denn er spielte mehrere Instrumente und war,
mit seinen glhenden Augen und seiner unmilitrischen, zugleich saloppen
und schauspielerhaften Haltung, in allen Opern und Konzerten zu sehen,
whrend er Klub und Kasino miachtete.

Wohl oder bel erledigte er die notwendigsten Visiten in den
hervorragenden Familien; aber er lehnte beinahe alle Einladungen ab und
verkehrte eigentlich nur im Hause Buddenbrook ... zuviel, wie die Leute
meinten, zuviel, wie auch der Senator selber meinte...

Niemand ahnte, was in Thomas Buddenbrook vorging, niemand durfte es
ahnen, und gerade dies: alle Welt ber seinen Gram, seinen Ha, seine
Ohnmacht in Unwissenheit zu erhalten, war so frchterlich schwer! Die
Leute fingen an, ihn ein wenig lcherlich zu finden, aber vielleicht
htten sie Mitleid versprt und solche Gefhle unterdrckt, wenn sie im
entferntesten vermutet htten, mit welcher angstvollen Reizbarkeit er
vor dem Lcherlichen auf der Hut war, wie er es lngst von weitem hatte
nahen sehen und es vorausempfunden hatte, bevor noch ihnen irgend etwas
davon in den Sinn gekommen war. Auch seine Eitelkeit, diese vielfach
bespttelte Eitelkeit, war ja zum guten Teile aus dieser Sorge
hervorgegangen. Er war der erste gewesen, der das bestndig
hervortretende Miverhltnis zwischen seiner eigenen Erscheinung und
Gerdas sonderbarer Unberhrtheit, der die Jahre nichts anhatten, mit
Argwohn ins Auge gefat hatte, und jetzt, seit Herr von Throta in sein
Haus gekommen war, mute er seine Besorgnis mit dem Rest seiner Krfte
bekmpfen und verstecken, mute es, um nicht durch das Kundwerden dieser
Besorgnis schon seinen Namen dem allgemeinen Lcheln preiszugeben.

Gerda Buddenbrook und der junge, eigenartige Offizier hatten einander,
wie sich versteht, auf dem Gebiete der Musik gefunden. Herr von Throta
spielte Klavier, Geige, Bratsche, Violoncell und Flte -- alles
vortrefflich -- und oft ward dem Senator der kommende Besuch im voraus
angekndigt, dadurch, da Herr von Throtas Bursche, den Cellokasten auf
dem Rcken schleppend, an den grnen Fenstervorstzen des Privatkontors
vorberging und im Hause verschwand ... Dann sa Thomas Buddenbrook an
seinem Schreibtisch und wartete, bis er auch ihn selbst, den Freund
seiner Frau, in sein Haus eintreten sah, bis ber ihm im Salon die
Harmonien aufwogten, die unter Singen, Klagen und bermenschlichem
Jubeln gleichsam mit krampfhaft ausgestreckten, gefalteten Hnden
emporrangen und nach allen irren und vagen Ekstasen in Schwche und
Schluchzen hinsanken in Nacht und Schweigen. Mochten sie doch rollen und
brausen, weinen und jauchzen, einander aufschumend umschlingen und sich
so bernatrlich gebrden wie sie nur wollten! Das Schlimme, das
eigentlich Qualvolle war die Lautlosigkeit, die ihnen folgte, die dann
dort oben im Salon =so= lange, lange herrschte, und die zu tief und
unbelebt war, um nicht Grauen zu erregen. Kein Schritt erschtterte die
Decke, kein Stuhl ward gerckt; es war eine unlautere, hinterhltige,
schweigende, =ver=schweigende Stille ... Dann sa Thomas Buddenbrook und
ngstigte sich so sehr, da er manchmal leise chzte.

Was frchtete er? Wieder hatten die Leute Herrn von Throta in das Haus
eintreten sehen, und mit ihren Augen gleichsam, so, wie es sich ihnen
darstellte, sah er dies Bild: sich selbst, den alternden, abgenutzten
und bellaunigen Mann unten im Kontor am Fenster sitzen, whrend droben
seine schne Frau mit ihrem Galan musizierte und nicht nur musizierte
... Ja, so erschienen ihnen die Dinge, er wute es. Und dennoch wute er
auch, da das Wort Galan fr Herrn von Throta eigentlich sehr wenig
bezeichnend war. Ach, er wre beinahe glcklich gewesen, wenn er ihn so
htte nennen und auffassen drfen, ihn als einen windigen, unwissenden
und ordinren Jungen htte verstehen und verachten knnen, der seine
normale Portion von bermut in ein wenig Kunst ausstrmen lt und damit
Frauenherzen gewinnt. Er lie nichts unversucht, ihn zu einer solchen
Figur zu stempeln. Er rief einzig und allein zu diesem Behufe die
Instinkte seiner Vter in sich wach: das ablehnende Mitrauen des
sehaften und sparsamen Kaufmannes gegenber der abenteuerlustigen,
leichtfertigen und geschftlich unsicheren Kriegerkaste. In Gedanken
sowohl wie in Gesprchen nannte er Herrn von Throta bestndig mit
geringschtziger Betonung der Leutnant; und dabei fhlte er allzu gut,
da dieser Titel nach allen am schlechtesten geeignet war, das Wesen
dieses jungen Mannes auszudrcken...

Was frchtete Thomas Buddenbrook? Nichts ... Nichts Nennbares. Ach,
htte er sich gegen etwas Handgreifliches, Einfaches und Brutales zur
Wehr setzen drfen! Er neidete den Leuten dort drauen die Schlichtheit
des Bildes, das sie sich von der Sache machten; aber whrend er hier sa
und, den Kopf in den Hnden, qualvoll horchte, wute er allzu wohl, da
Betrug und Ehebruch nicht Laute waren, um die singenden und
abgrndig stillen Dinge bei Namen zu nennen, die sich dort oben begaben.

Manchmal, wenn er hinaus auf die grauen Giebel und die vorbergehenden
Brger blickte, wenn er seine Augen auf der vor ihm hngenden
Gedenktafel, dem Jubilumsgeschenk, den Portrts seiner Vter ruhen lie
und der Geschichte seines Hauses gedachte, so sagte er sich, da all
dies das Ende von allem sei, und da nur dies, was jetzt vorgehe, noch
gefehlt habe. Ja, es hatte nur gefehlt, da seine Person zum Gesptt
werde und sein Name, sein Familienleben in das Geschrei der Leute komme,
damit allem die Krone aufgesetzt wrde ... Aber dieser Gedanke tat ihm
fast wohl, weil er ihm einfach, falich und gesund, ausdenkbar und
aussprechbar erschien im Vergleich mit dem Brten ber diesem
schimpflichen Rtsel, diesem mysterisen Skandal zu seinen Hupten...

Er ertrug es nicht lnger, er schob den Sessel zurck, verlie das
Kontor und stieg in das Haus hinauf. Wohin sollte er sich wenden? In den
Salon, um Herrn von Throta unbefangen und ein wenig von oben herab zu
begren, ihn zum Abendessen zu bitten und, wie schon mehrere Male, eine
abschlgige Antwort entgegenzunehmen? Denn es war das eigentlich
Unertrgliche, da der Leutnant ihn vollstndig mied, fast alle
offiziellen Einladungen ablehnte und nur an dem privaten und freien
Verkehr mit der Senatorin festzuhalten beliebte...

Warten? Irgendwo, vielleicht im Rauchzimmer, warten, bis er fortginge,
und dann vor Gerda treten und sich mit ihr aussprechen, sie zur Rede
stellen? -- Man stellte Gerda nicht zur Rede, man sprach sich mit ihr
nicht aus. Worber? Das Bndnis mit ihr war auf Verstndnis, Rcksicht
und Schweigen gegrndet. Es war nicht ntig, sich auch vor ihr noch
lcherlich zu machen. Den Eiferschtigen spielen, hiee den Leuten dort
drauen recht geben, den Skandal proklamieren, ihn laut werden lassen
... Empfand er Eifersucht? Auf wen? Auf was? Ach, weit entfernt! Etwas
so Starkes wei Handlungen hervorzubringen, falsche, trichte
vielleicht, aber eingreifende und befreiende. Ach nein, nur ein wenig
Angst empfand er, ein wenig qulende und jagende Angst vor dem
Ganzen...

Er ging in sein Ankleidekabinett hinauf, um sich die Stirn mit Eau de
Cologne zu waschen, und stieg dann wieder zum ersten Stockwerk hinunter,
entschlossen, das Schweigen im Salon um jeden Preis zu brechen. Aber als
er den schwarzgoldenen Griff der weien Tr schon erfat hielt, setzte
mit einem strmischen Aufbrausen die Musik wieder ein, und er wich
zurck.

Er ging ber die Gesindetreppe ins Erdgescho hinab, ber die Diele und
den kalten Flur bis zum Garten, kehrte wieder zurck und machte sich auf
der Diele mit dem ausgestopften Bren und auf dem Absatz der Haupttreppe
mit dem Goldfischbassin zu schaffen, unfhig, irgendwo zur Ruhe zu
kommen, horchend und lauernd, voll Scham und Gram, niedergedrckt und
umhergetrieben von dieser Furcht vor dem heimlichen und vor dem
ffentlichen Skandal...

Einstmals, in solcher Stunde, als er im zweiten Stockwerk an der Galerie
lehnte und durch das lichte Treppenhaus hinunterblickte, wo alles
schwieg, kam der kleine Johann aus seinem Zimmer, die Stufen des
Altans herab und ber den Korridor, um sich in irgendeiner
Angelegenheit zu Ida Jungmann zu begeben. Er wollte, indem er mit dem
Buche, das er trug, die Wand entlangstrich, mit gesenkten Augen und
einem leisen Grue an seinem Vater vorbergehen; aber der Senator redete
ihn an.

Nun, Hanno, was treibst du?

Ich arbeite, Papa; ich will zu Ida, um ihr vorzubersetzen...

Wie geht es? Was hast du auf?

Und immer mit gesenkten Wimpern, aber rasch und sichtlich angestrengt,
mit einer korrekten, klaren und geistesgegenwrtigen Antwort
aufzuwarten, erwiderte Hanno, nachdem er eilig hinuntergeschluckt hatte:
Wir haben eine Nepos-Prparation, eine kaufmnnische Rechnung ins reine
zu schreiben, franzsische Grammatik, die Flsse von Nordamerika ...
deutsche Aufsatzkorrektur...

Er schwieg, unglcklich darber, da er zuletzt nicht und gesagt und
die Stimme mit Entschiedenheit gesenkt hatte; denn nun wute er nicht
mehr zu nennen, und die ganze Antwort war wieder abrupt und
ungeschlossen hervorgebracht. -- Mehr nicht, sagte er, so bestimmt er
konnte, wenn auch ohne aufzublicken. Aber sein Vater schien nicht darauf
zu achten. Er hielt Hannos freie Hand in seinen Hnden und spielte
damit, zerstreut und augenscheinlich ohne etwas von dem Gesagten
aufgefangen zu haben, fingerte unbewut und langsam an den zarten
Gelenken und schwieg.

Und dann, pltzlich, vernahm Hanno ber sich etwas, was in gar keinem
Zusammenhange mit dem eigentlichen Gesprche stand, eine leise,
angstvoll bewegte und beinahe beschwrende Stimme, die er noch nie
gehrt, die Stimme seines Vaters dennoch, welche sagte: Nun ist der
Leutnant schon zwei Stunden bei Mama ... Hanno...

Und siehe da, bei diesem Klange schlug der kleine Johann seine
goldbraunen Augen auf und richtete sie so gro, klar und liebevoll wie
noch niemals auf seines Vaters Gesicht, dieses Gesicht mit den gerteten
Lidern unter den hellen Brauen und den weien, ein wenig gedunsenen
Wangen, die von den lang ausgezogenen Spitzen des Schnurrbartes starr
berragt wurden. Gott wei, wieviel er begriff. Das eine aber war
sicher, und sie fhlten es beide, da in diesen Sekunden, whrend ihre
Blicke ineinander ruhten, jede Fremdheit und Klte, jeder Zwang und
jedes Miverstndnis zwischen ihnen dahinsank, da Thomas Buddenbrook,
wie hier, so berall, wo es sich nicht um Energie, Tchtigkeit und
hellugige Frische, sondern um Furcht und Leiden handelte, des
Vertrauens und der Hingabe seines Sohnes gewi sein konnte.

Er achtete dessen nicht, er strubte sich, dessen zu achten. Strenger
als jemals zog er Hanno in dieser Zeit zu praktischen Vorbungen fr
sein knftiges, ttiges Leben heran, examinierte er seine
Geisteskrfte, drang er in ihn nach entschlossenen uerungen der Lust
zu dem Beruf, der seiner harrte, und brach in Zorn aus bei jedem Zeichen
des Widerstrebens und der Mattigkeit ... Denn es war an dem, da Thomas
Buddenbrook, achtundvierzig Jahre alt, seine Tage mehr und mehr als
gezhlt betrachtete und mit seinem nahen Tode zu rechnen begann.

Sein krperliches Befinden hatte sich verschlechtert. Appetit- und
Schlaflosigkeit, Schwindel und jene Schttelfrste, zu denen er immer
geneigt hatte, zwangen ihn mehrere Male, Doktor Langhals zu Rate zu
ziehen. Aber er gelangte nicht dazu, des Arztes Verordnungen zu
befolgen. Seine Willenskraft, in Jahren voll geschftiger und gehetzter
Tatenlosigkeit angegriffen, reichte nicht aus dazu. Er hatte begonnen,
am Morgen sehr lange zu schlafen, obgleich er jeden Abend den zornigen
Entschlu fate, sich frh zu erheben, um den anbefohlenen Spaziergang
vorm Tee zu machen. In Wirklichkeit fhrte er dies zwei- oder dreimal
aus ... und so ging es in all und jeder Sache. Die bestndige Anspannung
des Willens ohne Erfolg und Genugtuung zehrte an seiner Selbstachtung
und stimmte ihn verzweifelt. Er war weit entfernt, sich den betubenden
Genu der kleinen, scharfen, russischen Zigaretten zu versagen, die er,
seit seiner Jugend schon, tglich in Massen rauchte. Er sagte dem Doktor
Langhals ohne Umschweife in sein eitles Gesicht hinein: Sehen Sie,
Doktor, mir die Zigaretten zu verbieten, ist Ihre Pflicht ... eine sehr
leichte und sehr angenehme Pflicht, wahrhaftig! Das Verbot innezuhalten,
ist meine Sache! dabei drfen Sie zusehen ... Nein, wir wollen zusammen
an meiner Gesundheit arbeiten, aber die Rollen sind zu ungerecht
verteilt, mir fllt ein zu groer Anteil an dieser Arbeit zu! Lachen Sie
nicht ... Das ist kein Witz ... Man ist so frchterlich allein ... Ich
rauche. Darf ich bitten?

Und er prsentierte ihm sein Tula-Etui...

Alle seine Krfte nahmen ab; was sich in ihm verstrkte, war allein die
berzeugung, da dies alles nicht lange whren knne, und da sein
Hintritt nahe bevorstehe. Es kamen ihm seltsame und ahnungsvolle
Vorstellungen. Einige Male befiel ihn bei Tische die Empfindung, da er
schon nicht mehr eigentlich mit den Seinen zusammensitze, sondern, in
eine gewisse, verschwommene Ferne entrckt, zu ihnen hinberblicke ...
Ich werde sterben, sagte er sich, und er rief abermals Hanno zu sich und
sprach auf ihn ein: Ich kann frher dahingehen, als wir denken, mein
Sohn. Du mut dann am Platze sein! Auch ich bin frh berufen worden ...
Begreife doch, da deine Indifferenz mich qult! Bist du nun
entschlossen?... Ja -- ja -- das ist keine Antwort, das ist wieder keine
Antwort! Ob du mit Mut und Freudigkeit entschlossen bist, frage ich ...
Glaubst du, da du Geld genug hast und nichts wirst zu tun brauchen? Du
hast nichts, du hast bitterwenig, du wirst gnzlich auf dich selbst
gestellt sein! Wenn du leben willst, und sogar gut leben, so wirst du
arbeiten mssen, schwer, hart, hrter noch als ich...

Aber es war nicht nur dies; es war nicht mehr allein die Sorge um die
Zukunft seines Sohnes und seines Hauses, unter der er litt. Etwas
anderes, Neues kam ber ihn, bemchtigte sich seiner und trieb seine
mden Gedanken vor sich her ... Sobald er nmlich sein zeitliches Ende
nicht mehr als eine ferne, theoretische und unbetrchtliche
Notwendigkeit, sondern als etwas ganz Nahes und Greifbares betrachtete,
fr das es unmittelbare Vorbereitungen zu treffen galt, begann er zu
grbeln, in sich zu forschen, sein Verhltnis zum Tode und den
unirdischen Fragen zu prfen ... und bereits bei den ersten derartigen
Versuchen ergab sich ihm als Resultat eine heillose Unreife und
Unbereitschaft seines Geistes, zu sterben.

Der Buchstabenglaube, das schwrmerische Bibelchristentum, das sein
Vater mit einem sehr praktischen Geschftssinn zu verbinden gewut, und
das spter auch seine Mutter bernommen hatte, war ihm immer fremd
gewesen. Seit Lebtag vielmehr hatte er den ersten und letzten Dingen die
weltmnnische Skepsis seines Grovaters entgegengebracht; zu tief aber,
zu geistreich und zu metaphysisch bedrftig, um in der behaglichen
Oberflchlichkeit des alten Johann Buddenbrook Genge zu finden, hatte
er sich die Fragen der Ewigkeit und Unsterblichkeit historisch
beantwortet und sich gesagt, da er in seinen Vorfahren gelebt habe und
in seinen Nachfahren leben werde. Dies hatte nicht allein mit seinem
Familiensinn, seinem Patrizierselbstbewutsein, seiner geschichtlichen
Piett bereingestimmt, es hatte ihn auch in seiner Ttigkeit, seinem
Ehrgeiz, seiner ganzen Lebensfhrung untersttzt und bekrftigt. Nun
aber zeigte sich, da es vor dem nahen und durchdringenden Auge des
Todes dahinsank und zunichte ward, unfhig, auch nur eine Stunde der
Beruhigung und Bereitschaft hervorzubringen.

Obgleich Thomas Buddenbrook in seinem Leben hie und da mit einer kleinen
Neigung zum Katholizismus gespielt hatte, war er doch ganz erfllt von
dem ernsten, tiefen, bis zur Selbstpeinigung strengen und unerbittlichen
Verantwortlichkeitsgefhl des echten und leidenschaftlichen
Protestanten. Nein, dem Hchsten und Letzten gegenber gab es keinen
Beistand von auen, keine Vermittlung, Absolution, Betubung und
Trstung! Ganz einsam, selbstndig und aus eigener Kraft mute man in
heier und emsiger Arbeit, ehe es zu spt war, das Rtsel entwirren und
sich klare Bereitschaft erringen, oder in Verzweiflung dahinfahren ...
Und Thomas Buddenbrook wandte sich enttuscht und hoffnungslos von
seinem einzigen Sohne ab, in dem er stark und verjngt fortzuleben
gehofft hatte, und fing an, in Hast und Furcht nach der Wahrheit zu
suchen, die es irgendwo fr ihn geben mute...

Es war der Hochsommer des Jahres vierundsiebenzig. Silberweie,
rundliche Wolken zogen am tiefblauen Himmel ber die zierliche Symmetrie
des Stadtgartens hin, in den Zweigen des Walnubaumes zwitscherten die
Vgel mit fragender Betonung, der Springbrunnen pltscherte inmitten des
Kranzes von hohen, lilafarbenen Schwertlilien, der ihn umgab, und der
Duft des Flieders vermischte sich leider mit dem Sirupgeruch, den ein
warmer Luftzug von der nahen Zuckerbrennerei herbertrug. Zum Erstaunen
des Personals verlie der Senator jetzt oftmals in voller Arbeitszeit
das Kontor, um sich, die Hnde auf dem Rcken, in seinem Garten zu
ergehen, den Kies zu harken, den Schlamm vom Springbrunnen zu fischen
oder einen Rosenzweig zu sttzen ... Sein Gesicht, mit den hellen
Brauen, von denen eine ein wenig emporgezogen war, schien ernst und
aufmerksam bei diesen Beschftigungen; aber seine Gedanken gingen weit
fort im Dunklen, ihre eigenen, mhseligen Pfade.

Manchmal setzte er sich, auf der Hhe der kleinen Terrasse, in den von
Weinlaub gnzlich eingehllten Pavillon und blickte, ohne etwas zu
sehen, ber den Garten hin auf die rote Rckwand seines Hauses. Die Luft
war warm und s, und es war, als ob die friedlichen Gerusche rings
umher ihm besnftigend zusprchen und ihn einzulullen trachteten. Mde
vom Ins-Leere-Starren, von Einsamkeit und Schweigen, schlo er dann und
wann die Augen, um sich alsbald wieder aufzuraffen und hastig den
Frieden von sich zu scheuchen. Ich mu denken, sagte er beinahe laut ...
Ich mu alles ordnen, ehe es zu spt ist...

Hier aber war es, in diesem Pavillon, in dem kleinen Schaukelstuhl aus
gelbem Rohr, wo er eines Tages vier volle Stunden lang mit wachsender
Ergriffenheit in einem Buche las, das halb gesucht, halb zufllig in
seine Hnde geraten war ... Nach dem zweiten Frhstck, die Zigarette im
Munde, hatte er es im Rauchzimmer, in einem tiefen Winkel des
Bcherschrankes, hinter stattlichen Bnden versteckt, gefunden und sich
erinnert, da er es einst vor Jahr und Tag beim Buchhndler zu einem
Gelegenheitspreise achtlos erstanden hatte: ein ziemlich umfangreiches,
auf dnnem und gelblichem Papier schlecht gedrucktes und schlecht
geheftetes Werk, der zweite Teil nur eines berhmten metaphysischen
Systems ... Er hatte es mit sich in den Garten genommen und wandte nun,
in tiefer Versunkenheit, Blatt um Blatt...

Eine ungekannte, groe und dankbare Zufriedenheit erfllte ihn. Er
empfand die unvergleichliche Genugtuung, zu sehen, wie ein gewaltig
berlegenes Gehirn sich des Lebens, dieses so starken, grausamen und
hhnischen Lebens, bemchtigt, um es zu bezwingen und zu verurteilen ...
die Genugtuung des Leidenden, der vor der Klte und Hrte des Lebens
sein Leiden bestndig schamvoll und bsen Gewissens versteckt hielt und
pltzlich aus der Hand eines Groen und Weisen die grundstzliche und
feierliche Berechtigung erhlt, an der Welt zu leiden -- dieser besten
aller denkbaren Welten, von der mit spielendem Hohne bewiesen ward, da
sie die schlechteste aller denkbaren sei.

Er begriff nicht alles; Prinzipien und Voraussetzungen blieben ihm
unklar, und sein Sinn, in solcher Lektre ungebt, vermochte gewissen
Gedankengngen nicht zu folgen. Aber gerade der Wechsel von Licht und
Finsternis, von dumpfer Verstndnislosigkeit, vagem Ahnen und
pltzlicher Hellsicht hielt ihn in Atem, und die Stunden schwanden, ohne
da er vom Buche aufgeblickt oder auch nur seine Stellung im Stuhle
verndert htte.

Er hatte anfnglich manche Seite ungelesen gelassen und rasch
vorwrtsschreitend, unbewut und eilig nach der Hauptsache, nach dem
eigentlich Wichtigen verlangend, sich nur diesen oder jenen Abschnitt zu
eigen gemacht, der ihn fesselte. Dann aber stie er auf ein umfngliches
Kapitel, das er vom ersten bis zum letzten Buchstaben durchlas, mit
festgeschlossenen Lippen und zusammengezogenen Brauen, ernst, mit einem
vollkommenen, beinahe erstorbenen, von keiner Regung des Lebens um ihn
her beeinflubaren Ernst in der Miene. Es trug aber dieses Kapitel den
Titel: ber den Tod und sein Verhltnis zur Unzerstrbarkeit unseres
Wesens an sich.--

Ihm fehlten wenige Zeilen, als um vier Uhr das Folgmdchen durch den
Garten kam und ihn zu Tische bat. Er nickte, las die brigen Stze,
schlo das Buch und blickte um sich ... Er fhlte sein ganzes Wesen auf
ungeheuerliche Art geweitet und von einer schweren, dunklen Trunkenheit
erfllt; seinen Sinn umnebelt und vollstndig berauscht von irgend etwas
unsglich Neuem, Lockendem und Verheiungsvollem, das an erste, hoffende
Liebessehnsucht gemahnte. Aber als er mit kalten und unsicheren Hnden
das Buch in der Schublade des Gartentisches verwahrte, war sein
glhender Kopf, in dem ein seltsamer Druck, eine bengstigende Spannung
herrschte, als knnte irgend etwas darin zerspringen, nicht eines
vollkommenen Gedankens fhig.

Was war dies? fragte er sich, whrend er ins Haus ging, die Haupttreppe
erstieg und sich im Ezimmer zu den Seinen setzte ... Was ist mir
geschehen? Was habe ich vernommen? Was ist zu mir gesprochen worden, zu
mir, Thomas Buddenbrook, Ratsherr dieser Stadt, Chef der Getreidefirma
Johann Buddenbrook...? War dies fr mich bestimmt? Kann ich es
ertragen? Ich wei nicht, was es war ... ich wei nur, da es zu viel,
zu viel ist fr mein Brgerhirn...

In diesem Zustande eines schweren, dunklen, trunkenen und gedankenlosen
berwltigtseins verblieb er den ganzen Tag. Dann aber kam der Abend,
und unfhig, seinen Kopf lnger auf den Schultern zu halten, ging er
frhzeitig zu Bette. Er schlief drei Stunden lang, tief, unerreichbar
tief, wie noch niemals in seinem Leben. Dann erwachte er, so jh, so
kstlich erschrocken, wie man einsam erwacht, mit einer keimenden Liebe
im Herzen.

Er wute sich allein in dem groen Schlafgemach, denn Gerda schlief
jetzt in Ida Jungmanns Zimmer, die krzlich, um nher beim kleinen
Johann zu sein, eines der drei Altan-Zimmer bezogen hatte. Es herrschte
dichte Nacht um ihn her, da die Vorhnge der beiden hohen Fenster fest
geschlossen waren. In tiefer Stille und sacht lastender Schwle lag er
auf dem Rcken und blickte in das Dunkel empor.

Und siehe da: pltzlich war es, wie wenn die Finsternis vor seinen Augen
zerrisse, wie wenn die samtne Wand der Nacht sich klaffend teilte und
eine unermelich tiefe, eine ewige Fernsicht von Licht enthllte ...
=Ich werde leben!= sagte Thomas Buddenbrook beinahe laut und fhlte, wie
seine Brust dabei vor innerlichem Schluchzen erzitterte. Dies ist es,
da ich leben werde! Es wird leben ... und da dieses Es nicht ich bin,
das ist nur eine Tuschung, das war nur ein Irrtum, den der Tod
berichtigen wird. So ist es, so ist es!... Warum? -- Und bei dieser
Frage schlug die Nacht wieder vor seinen Augen zusammen. Er sah, er
wute und verstand wieder nicht das geringste mehr und lie sich tiefer
in die Kissen zurcksinken, gnzlich geblendet und ermattet von dem
bichen Wahrheit, das er soeben hatte erschauen drfen.

Und er lag stille und wartete inbrnstig, fhlte sich versucht, zu
beten, da es noch einmal kommen und ihn erhellen mge. Und es kam. Mit
gefalteten Hnden, ohne eine Regung zu wagen, lag er und durfte
schauen...

Was war der Tod? Die Antwort darauf erschien ihm nicht in armen und
wichtigtuerischen Worten: er fhlte sie, er besa sie zuinnerst. Der Tod
war ein Glck, so tief, da es nur in begnadeten Augenblicken, wie
dieser, ganz zu ermessen war. Er war die Rckkunft von einem unsglich
peinlichen Irrgang, die Korrektur eines schweren Fehlers, die Befreiung
von den widrigsten Banden und Schranken -- einen beklagenswerten
Unglcksfall machte er wieder gut.

Ende und Auflsung? Dreimal erbarmungswrdig jeder, der diese nichtigen
Begriffe als Schrecknisse empfand! Was wrde enden und was sich
auflsen? Dieser sein Leib ... Diese seine Persnlichkeit und
Individualitt, dieses schwerfllige, strrische, fehlerhafte und
hassenswerte =Hindernis, etwas anderes und Besseres zu sein=!

War nicht jeder Mensch ein Migriff und Fehltritt? Geriet er nicht in
eine peinvolle Haft, sowie er geboren ward? Gefngnis! Gefngnis!
Schranken und Bande berall! Durch die Gitterfenster seiner
Individualitt starrt der Mensch hoffnungslos auf die Ringmauern der
ueren Umstnde, bis der Tod kommt und ihn zu Heimkehr und Freiheit
ruft...

Individualitt!... Ach, was man ist, kann und hat, scheint arm, grau,
unzulnglich und langweilig; was man aber nicht ist, nicht kann und
nicht hat, das eben ist es, worauf man mit jenem sehnschtigen Neide
blickt, der zur Liebe wird, weil er sich frchtet, zum Ha zu werden.

Ich trage den Keim, den Ansatz, die Mglichkeit zu allen Befhigungen
und Bettigungen der Welt in mir ... Wo knnte ich sein, wenn ich nicht
hier wre! Wer, was, wie knnte ich sein, wenn ich nicht ich wre, wenn
diese meine persnliche Erscheinung mich nicht abschlsse und mein
Bewutsein von dem aller derer trennte, die nicht ich sind! Organismus!
Blinde, unbedachte, bedauerliche Eruption des drngenden Willens!
Besser, wahrhaftig, dieser Wille webt frei in raum- und zeitloser Nacht,
als da er in einem Kerker schmachtet, der von dem zitternden und
wankenden Flmmchen des Intellektes notdrftig erhellt wird!

In meinem Sohne habe ich fortzuleben gehofft? In einer noch
ngstlicheren, schwcheren, schwankenderen Persnlichkeit? Kindische,
irregefhrte Torheit! Was soll mir ein Sohn? Ich brauche keinen Sohn!...
Wo ich sein werde, wenn ich tot bin? Aber es ist so leuchtend klar, so
berwltigend einfach! In allen denen werde ich sein, die je und je Ich
gesagt haben, sagen und sagen werden: =besonders aber in denen, die es
voller, krftiger, frhlicher sagen=...

Irgendwo in der Welt wchst ein Knabe auf, gut ausgerstet und
wohlgelungen, begabt, seine Fhigkeiten zu entwickeln, gerade gewachsen
und ungetrbt, rein, grausam und munter, einer von diesen Menschen,
deren Anblick das Glck der Glcklichen erhht und die Unglcklichen zur
Verzweiflung treibt: -- Das ist mein Sohn. =Das bin ich=, bald ... bald
... sobald der Tod mich von dem armseligen Wahne befreit, ich sei nicht
sowohl er wie ich...

Habe ich je das Leben gehat, dies reine, grausame und starke Leben?
Torheit und Miverstndnis! Nur mich habe ich gehat, dafr, da ich es
nicht ertragen konnte. Aber ich liebe euch ... ich liebe euch alle, ihr
Glcklichen, und bald werde ich aufhren, durch eine enge Haft von euch
ausgeschlossen zu sein; bald wird das in mir, was euch liebt, wird meine
Liebe zu euch frei werden und bei und in euch sein ... bei und in euch
allen!----

Er weinte; prete das Gesicht in die Kissen und weinte, durchbebt und
wie im Rausche emporgehoben von einem Glck, dem keins in der Welt an
schmerzlicher Sigkeit zu vergleichen. Dies war es, dies alles, was ihn
seit gestern nachmittag trunken und dunkel erfllt, was sich inmitten
der Nacht in seinem Herzen geregt und ihn geweckt hatte wie eine
keimende Liebe. Und whrend er es nun begreifen und erkennen durfte --
nicht in Worten und aufeinanderfolgenden Gedanken, sondern in
pltzlichen, beseligenden Erhellungen seines Inneren--, war er schon
frei, war er ganz eigentlich schon erlst und aller natrlichen wie
knstlichen Schranken und Bande entledigt. Die Mauern seiner Vaterstadt,
in denen er sich mit Willen und Bewutsein eingeschlossen, taten sich
auf und erschlossen seinem Blicke die Welt, die ganze Welt, von der er
in jungen Jahren dies und jenes Stckchen gesehen, und die der Tod ihm
ganz und gar zu schenken versprach. Die trgerischen Erkenntnisformen
des Raumes, der Zeit und also der Geschichte, die Sorge um ein
rhmliches, historisches Fortbestehen in der Person von Nachkommen, die
Furcht vor irgendeiner endlichen historischen Auflsung und Zersetzung,
-- dies alles gab seinen Geist frei und hinderte ihn nicht mehr, die
stete Ewigkeit zu begreifen. Nichts begann und nichts hrte auf. Es gab
nur eine unendliche Gegenwart, und diejenige Kraft in ihm, die mit einer
so schmerzlich sen, drngenden und sehnschtigen Liebe das Leben
liebte, und von der seine Person nur ein verfehlter Ausdruck war -- sie
wrde die Zugnge zu dieser Gegenwart immer zu finden wissen.

Ich werde leben! flsterte er in das Kissen, weinte und ... wute im
nchsten Augenblick nicht mehr, worber. Sein Gehirn stand still, sein
Wissen erlosch, und in ihm gab es pltzlich wieder nichts mehr als
verstummende Finsternis. Aber es wird wiederkehren! versicherte er sich.
Habe ich es nicht besessen?... Und whrend er fhlte, wie Betubung und
Schlaf ihn unwiderstehlich berschatteten, schwor er sich einen teuren
Eid, dies ungeheure Glck niemals fahren zu lassen, sondern seine Krfte
zu sammeln und zu lernen, zu lesen und zu studieren, bis er sich fest
und unveruerlich die ganze Weltanschauung zu eigen gemacht haben
wrde, aus der dies alles hervorgegangen war.

Allein das konnte nicht sein, und schon am nchsten Morgen, als er mit
einem ganz kleinen Gefhl von Geniertheit ber die geistigen
Extravaganzen von gestern erwachte, ahnte er etwas von der
Unausfhrbarkeit dieser schnen Vorstze.

Er stand spt auf und hatte sich sogleich an den Debatten einer
Brgerschaftssitzung zu beteiligen. Das ffentliche, geschftliche,
brgerliche Leben in den giebeligen und winkeligen Straen dieser
mittelgroen Handelsstadt nahm seinen Geist und seine Krfte wieder in
Besitz. Immer noch mit dem Vorsatz beschftigt, die wunderbare Lektre
wieder aufzunehmen, fing er doch an, sich zu fragen, ob die Erlebnisse
jener Nacht in Wahrheit und auf die Dauer etwas fr ihn seien und ob
sie, trte der Tod ihn an, praktisch standhalten wrden. Seine
brgerlichen Instinkte regten sich dagegen. Auch seine Eitelkeit regte
sich: die Furcht vor einer wunderlichen und lcherlichen Rolle. Standen
ihm diese Dinge zu Gesicht? Ziemten sie ihm, ihm, Senator Thomas
Buddenbrook, Chef der Firma Johann Buddenbrook?...

Er gelangte niemals wieder dazu, einen Blick in das seltsame Buch zu
werfen, das so viele Schtze barg, geschweige denn sich die brigen
Bnde des groen Werkes zu verschaffen. Die nervse Pedanterie, die sich
mit den Jahren seiner bemchtigt, verzehrte seine Tage. Gehetzt von
fnfhundert nichtswrdigen und alltglichen Bagatellen, die in Ordnung
zu halten und zu erledigen sein Kopf sich plagte, war er zu
willensschwach, um eine vernnftige und ergiebige Einteilung seiner Zeit
zu erreichen. Und zwei Wochen ungefhr nach jenem denkwrdigen
Nachmittage war er so weit, da er alles aufgab und dem Dienstmdchen
befahl, ein Buch, das unordentlicherweise in der Schublade des
Gartentisches umherliege, sofort hinaufzutragen und in den Bcherschrank
zu stellen.

So aber geschah es, da Thomas Buddenbrook, der die Hnde verlangend
nach hohen und letzten Wahrheiten ausgestreckt hatte, matt zurcksank zu
den Begriffen und Bildern, in deren glubigem Gebrauch man seine
Kindheit gebt hatte. Er ging umher und erinnerte sich des einigen und
persnlichen Gottes, des Vaters der Menschenkinder, der einen
persnlichen Teil seines Selbst auf die Erde entsandt hatte, damit er
fr uns leide und blute, der am Jngsten Tage Gericht halten wrde, und
zu dessen Fen die Gerechten im Laufe der dann ihren Anfang nehmenden
Ewigkeit fr die Kmmernisse dieses Jammertales entschdigt werden
wrden ... Dieser ganzen, ein wenig unklaren und ein wenig absurden
Geschichte, die aber kein Verstndnis, sondern nur gehorsamen Glauben
beanspruchte, und die in feststehenden und kindlichen Worten zur Hand
sein wrde, wenn die letzten ngste kamen ... Wirklich?

Ach, auch hierin gelangte er nicht zum Frieden. Dieser Mann mit seiner
nagenden Sorge um die Ehre seines Hauses, um seine Frau, seinen Sohn,
seinen Namen, seine Familie, dieser abgenutzte Mann, der seinen Krper
mit Mhe und Kunst elegant, korrekt und aufrecht erhielt, er plagte sich
mehrere Tage mit der Frage, wie es nun eigentlich bestellt sei: ob nun
eigentlich die Seele unmittelbar nach dem Tode in den Himmel gelange,
oder ob die Seligkeit erst mit der Auferstehung des Fleisches beginne
... Und wo blieb die Seele bis dahin? Hatte ihn jemals jemand in der
Schule oder der Kirche darber belehrt? Wie war es verantwortbar, den
Menschen in einer solchen Unwissenheit zu lassen? -- Und er war darauf
und daran, Pastor Pringsheim zu besuchen und ihn um Rat und Trost
anzugehen, bis er es im letzten Augenblick aus Furcht vor der
Lcherlichkeit unterlie.

Endlich gab er alles auf und stellte alles Gott anheim. Da er aber mit
der Ordnung seiner ewigen Angelegenheiten zu einem so unbefriedigenden
Schlu gekommen war, so beschlo er, zum wenigsten einmal seine
irdischen gewissenhaft zu bestellen, womit er einen lange gehegten
Vorsatz zur Ausfhrung bringen wrde.

Eines Tages vernahm der kleine Johann nach dem Mittagessen, im
Wohnzimmer, wo die Eltern ihren Kaffee tranken, wie sein Vater der Mama
die Mitteilung machte, er erwarte heute den Rechtsanwalt Doktor Soundso,
um mit ihm sein Testament zu machen, dessen Fixierung er nicht bestndig
ins Ungewisse hinausschieben drfe. Spter bte Hanno im Salon eine
Stunde lang auf dem Flgel. Als er aber dann ber den Korridor gehen
wollte, traf er mit seinem Vater und einem Herrn in langem, schwarzem
berrock zusammen, welche die Haupttreppe heraufkamen.

Hanno! sagte der Senator kurz. Und der kleine Johann blieb stehen,
schluckte hinunter und antwortete leise und eilig: Ja, Papa...

Ich habe mit diesem Herrn Wichtiges zu arbeiten, fuhr sein Vater fort.
Du stellst dich, wenn ich bitten darf, vor diese Tr -- er wies auf
den Eingang zum Rauchzimmer -- und gibst acht, da niemand, hrst du?
absolut niemand uns strt.

Ja, Papa, sagte der kleine Johann und stellte sich vor die Tr, die
sich hinter den beiden Herren schlo.

Er stand dort, hielt mit einer Hand den Schifferknoten auf seiner Brust
erfat, scheuerte seine Zunge an einem Zahne, dem er mitraute, und
horchte auf die ernsten und gedmpften Stimmen, die aus dem Inneren des
Zimmers zu ihm drangen. Sein Kopf mit dem lockig in die Schlfen
fallenden hellbraunen Haar war zur Seite geneigt, und unter
zusammengezogenen Brauen blickten seine goldbraunen, von blulichen
Schatten umlagerten Augen blinzelnd, mit einem abgestoenen und
grblerischen Ausdruck zur Seite, einem Ausdruck, ganz hnlich
demjenigen, mit dem er an der Bahre seiner Gromutter den Blumengeruch
und jenen anderen, fremden und doch so seltsam vertrauten Duft
eingeatmet hatte.

Ida Jungmann kam und sagte: Hannochen, mein Jungchen, wo bleibst du,
was wirst du hier herumzustehen haben!

Der bucklige Lehrling kam aus dem Kontor, eine Depesche in der Hand und
fragte nach dem Senator.

Und jedesmal streckte der kleine Johann seinen Arm in dem blauen mit
einem Anker bestickten Matrosenrmel waagerecht vor der Tr aus,
schttelte den Kopf und sagte nach einem Augenblicke des Schweigens
leise und fest: Niemand darf hinein. -- Papa macht sein Testament.


Sechstes Kapitel

Im Herbst sagte Doktor Langhals, indem er seine schnen Augen spielen
lie wie eine Frau: Die Nerven, Herr Senator ... an allem sind blo die
Nerven schuld. Und hie und da lt auch die Blutzirkulation ein wenig zu
wnschen brig. Darf ich mir einen Ratschlag erlauben? Sie sollten sich
dieses Jahr noch ein bichen ausspannen! Diese paar Seeluft-Sonntage im
Sommer haben natrlich nicht viel vermocht ... Wir haben Ende September,
Travemnde ist noch in Betrieb, es ist noch nicht vollstndig
entvlkert. Fahren Sie hin, Herr Senator, und setzen Sie sich noch ein
wenig an den Strand. Vierzehn Tage oder drei Wochen reparieren schon
manches...

Und Thomas Buddenbrook sagte Ja und Amen hierzu. Als aber die Seinen von
dem Entschlusse erfuhren, erbot sich Christian, ihn zu begleiten.

Ich gehe mit, Thomas, sagte er einfach. Du hast wohl nichts dagegen.
Und obgleich der Senator eigentlich eine Menge dagegen hatte, sagte er
abermals Ja und Amen.

Die Sache war die, da Christian jetzt mehr als jemals Herr seiner Zeit
war, denn wegen schwankender Gesundheit hatte er sich gentigt gesehen,
auch seine letzte kaufmnnische Ttigkeit, die Champagner- und
Kognakagentur, fahren zu lassen. Das Trugbild eines Mannes, der in der
Dmmerung auf seinem Sofa sa und ihm zunickte, hatte sich
erfreulicherweise nicht wiederholt. Aber mit der periodischen Qual in
seiner linken Seite war es womglich noch schlimmer geworden, und Hand
in Hand mit ihr ging eine groe Anzahl anderer Unzutrglichkeiten, die
Christian sorgfltig beobachtete und mit krauser Nase schilderte, wo er
ging und stand. Oftmals, wie schon frher, versagten beim Essen seine
Schluckmuskeln, so da er, den Bissen im Halse, dasa und seine kleinen,
runden, tiefliegenden Augen wandern lie. Oftmals, wie schon frher,
litt er an dem unbestimmten aber unbesiegbaren Furchtgefhl vor einer
pltzlichen Lhmung seiner Zunge, seines Schlundes, seiner Extremitten,
ja sogar seines Denkvermgens. Zwar wurde nichts an ihm gelhmt; aber
war nicht die Furcht davor beinahe noch schlimmer? Er erzhlte
ausfhrlich, wie er eines Tages, als er sich Tee bereitete, das
brennende Zndholz statt ber den Kochapparat ber die offene
Spiritusflasche gehalten habe, so da beinahe nicht nur er selbst,
sondern auch die brigen Hausbewohner, ja, vielleicht auch die der
Nachbarhuser auf frchterliche Weise umgekommen wren ... Dies ging zu
weit. Was er aber mit besonderer Ausfhrlichkeit, Eindringlichkeit und
Anstrengung, sich ganz verstndlich zu machen, beschrieb, war eine
scheuliche Anomalie, die er in letzter Zeit an sich wahrgenommen hatte
und die darin bestand, da er an gewissen Tagen, das heit bei gewisser
Witterung und Gemtsverfassung, kein offenes Fenster sehen konnte, ohne
von dem grlichen und durch nichts gerechtfertigten Drange befallen zu
werden, hinauszuspringen ... einem wilden und kaum unterdrckbaren
Triebe, einer Art von unsinnigem und verzweifeltem bermut! Eines
Sonntages, als die Familie in der Fischergrube speiste, beschrieb er,
wie er unter Aufbietung aller moralischen Krfte auf Hnden und Fen
habe zum offenen Fenster kriechen mssen, um es zu schlieen ... Hier
aber schrie alles auf, und niemand wollte ihm weiter zuhren.

Diese und hnliche Dinge konstatierte er mit einer gewissen
schauerlichen Genugtuung. Was er aber nicht beobachtete und nicht
feststellte, was ihm unbewut blieb und sich darum bestndig
verschlimmerte, war der sonderbare Mangel an Taktgefhl, der ihm mit
den Jahren immer mehr zu eigen geworden war. Es war schlimm, da er im
Familienkreise Anekdoten erzhlte, so geartet, da er sie hchstens im
Klub htte vorbringen drfen. Aber es gab auch direkte Anzeichen dafr,
da sein Sinn fr krperliche Schamhaftigkeit im Erlahmen begriffen war.
In der Absicht, seiner Schwgerin Gerda, mit der er auf
freundschaftlichem Fue stand, zu zeigen, wie durabel gearbeitet seine
englischen Socken seien, und wie mager er brigens geworden sei, gewann
er es ber sich, vor ihren Augen sein weites, kariertes Beinkleid bis
hoch ber das Knie zurckzuziehen ... Da sieh, wie mager ich werde ...
Ist es nicht auffllig und sonderbar? sagte er bekmmert, indem er mit
krauser Nase auf sein knochiges und stark nach auen gekrmmtes Bein in
der weiwollenen Unterhose zeigte, unter der sich das hagere Knie
trbselig abzeichnete...

Er hatte, wie gesagt, jetzt jede kaufmnnische Ttigkeit fahren lassen;
aber diejenigen Stunden am Tage, die er nicht im Klub verbrachte,
suchte er doch auf verschiedene Weise auszufllen, und er liebte es,
ausdrcklich hervorzuheben, da er trotz aller Behinderungen niemals
vollstndig aufgehrt habe zu arbeiten. Er erweiterte seine
Sprachkenntnisse und hatte, der Wissenschaft halber und ohne praktischen
Endzweck, krzlich begonnen, Chinesisch zu lernen, worauf er vierzehn
Tage lang viel Flei verwendet hatte. Zur Zeit war er damit beschftigt,
ein englisch-deutsches Lexikon, das ihm unzulnglich schien, zu
ergnzen; aber, da eine kleine Luftvernderung ihm sowieso einmal
wieder not tat und da es schlielich ja wnschenswert war, da der
Senator irgendwelche Begleitung hatte, so vermochte dies Geschft jetzt
nicht, ihn in der Stadt festzuhalten...

Die beiden Brder fuhren an die See; sie fuhren, indes der Regen auf das
Verdeck des Wagens trommelte, auf der Landstrae dahin, die nur eine
Pftze war, und sprachen beinahe kein Wort. Christian lie seine Augen
wandern, als horche er auf irgend etwas Verdchtiges; Thomas sa
frstelnd in seinen Mantel gehllt, mit mde blickenden, gerteten
Augen, und die langausgezogenen Spitzen seines Schnurrbartes berragten
starr seine weilichen Wangen. So fuhren sie nachmittags in den
Kurgarten ein, in dessen verschwemmtem Kies die Rder knirschten. Der
alte Makler Sigismund Gosch sa in der Glasveranda des Hauptgebudes und
trank Grog von Rum. Er stand auf, indem er durch die Zhne zischte, und
dann setzten sie sich zu ihm, um, whrend die Koffer hinaufgetragen
wurden, auch ihrerseits etwas Warmes zu genieen.

Herr Gosch war ebenfalls noch Kurgast, gleich einigen wenigen Leuten,
einer englischen Familie, einer ledigen Hollnderin und einem ledigen
Hamburger, die jetzt mutmalich ihr Schlfchen vor der Table d'hote
hielten, denn es war berall totenstill, und nur der Regen planschte.
Mochten sie schlafen. Herr Gosch schlief am Tage nicht. Er war froh,
wenn er sich zur Nacht ein paar Stunden Bewutlosigkeit erobern konnte.
Es ging ihm nicht gut, er gebrauchte diese spte Luftkur gegen das
Zittern, das Zittern in seinen Gliedmaen ... verflucht! er konnte kaum
noch das Grogglas halten, und -- teuflischer! -- er konnte nur selten
noch schreiben, so da es mit der bersetzung von Lope de Vegas
smtlichen Dramen jmmerlich langsam vorwrts ging. Er war in sehr
gedrckter Stimmung, und seine Gotteslsterungen waren ohne die rechte
Freudigkeit. La fahren dahin! sagte er, und dies schien seine
Lieblingsredensart geworden zu sein, denn er wiederholte sie bestndig
und oftmals ganz auer dem Zusammenhange.

Und der Senator? Was war es mit ihm? Wie lange gedachten die Herren zu
bleiben?

Ach, Doktor Langhals habe ihn der Nerven wegen hergeschickt, antwortete
Thomas Buddenbrook. Er habe natrlich gehorcht, trotz dieses
Hundewetters, denn was tue man nicht aus Furcht vor seinem Arzte! Er
fhlte sich ja wirklich ein wenig miserabel. Sie wrden eben bleiben,
bis es ihm besser gehe...

Ja, brigens geht es auch mir sehr schlecht, sagte Christian voll Neid
und Erbitterung, da Thomas nur von sich sprach; und er war im Begriffe,
von dem nickenden Manne, der Spiritusflasche und dem offenen Fenster zu
berichten, als sein Bruder aufbrach, um die Zimmer in Besitz zu nehmen.

Der Regen lie nicht nach. Er zerwhlte den Boden und tanzte in
springenden Tropfen auf der See, die, vom Sdwest berschauert, vom
Strande zurckwich. Alles war in Grau gehllt. Die Dampfer zogen wie
Schatten und Geisterschiffe vorber und verschwanden am verwischten
Horizont.

Mit den fremden Gsten traf man nur beim Essen zusammen. Der Senator
ging mit dem Makler Gosch in Gummimantel und Galoschen spazieren, indes
Christian droben in der Konditorei mit der Bfettdame schwedischen
Punsch trank.

Zwei- oder dreimal, an Nachmittagen, da es aussah, als ob die Sonne
hervorkommen wollte, erschienen zur Table d'hote ein paar Bekannte aus
der Stadt, die sich gern ein wenig unabhngig von ihren Angehrigen
unterhielten: Senator Doktor Gieseke, Christians Schulkamerad, und
Konsul Peter Dhlmann, der brigens schlecht aussah, weil er sich durch
malosen Gebrauch von Hunyadi-Janos-Wasser verdarb. Dann setzten sich
die Herren in ihren Paletots unter das Zeltdach der Konditorei,
gegenber dem Musiktempel, in dem nicht mehr musiziert wurde, tranken
ihren Kaffee und verdauten ihre fnf Gnge, indem sie in den
herbstlichen Kurgarten hinausblickten und plauderten...

Die Ereignisse der Stadt, das letzte Hochwasser, das in viele Keller
gedrungen, und bei dem man in den unteren Gruben mit Booten gefahren
war, eine Feuersbrunst, ein Schuppenbrand am Hafen, eine Senatswahl
wurden besprochen ... Alfred Lauritzen, in Firma Strmann & Lauritzen,
Kolonialwaren _en gros & en dtail_, war vorige Woche gewhlt worden,
und Senator Buddenbrook war nicht einverstanden damit. Er sa in seinen
Kragenmantel gehllt, rauchte Zigaretten und warf nur an diesem Punkte
des Gesprches ein paar Bemerkungen ein. Er habe Herrn Lauritzen seine
Stimme nicht gegeben, sagte er, soviel sei sicher. Lauritzen sei ein
ehrenfester Mensch und ein vortrefflicher Kaufmann, ohne Frage; aber er
sei Mittelstand, guter Mittelstand, sein Vater habe noch eigenhndig den
Dienstmdchen die sauren Heringe aus der Tonne geholt und eingewickelt
... und jetzt habe man den Inhaber eines Detailgeschftes im Senate.
Sein, Thomas Buddenbrooks, Grovater habe sich mit seinem ltesten Sohne
berworfen, weil dieser einen Laden erheiratet habe; so seien die Dinge
damals gewesen. Aber das Niveau sinkt, ja, das gesellschaftliche
Niveau des Senates ist im Sinken begriffen, der Senat wird
demokratisiert, lieber Gieseke, und das ist nicht gut. Kaufmnnische
Tchtigkeit tut es doch nicht so ganz, meiner Meinung nach sollte man
nicht aufhren, ein wenig mehr zu verlangen. Alfred Lauritzen mit seinen
groen Fen und seinem Bootsmannsgesicht im Ratssaal zu denken,
beleidigt mich ... ich wei nicht, was in mir. Es ist gegen alles
Stilgefhl, kurzum, eine Geschmacklosigkeit.

Aber Senator Gieseke war etwas pikiert. Schlielich war er auch nur der
Sohn eines Branddirektors ... Nein, dem Verdienste seine Krone. Dafr
sei man Republikaner. brigens sollten Sie nicht so viele Zigaretten
rauchen, Buddenbrook, Sie haben ja gar nichts von der Seeluft.

Ja, nun hre ich auf, sagte Thomas Buddenbrook, warf das Mundstck
fort und schlo die Augen.

Trge, whrend der Regen, der unausbleiblich wieder einsetzte, die
Aussicht verschleierte, glitt das Gesprch dahin. Man kam auf den
letzten Skandal der Stadt, eine Wechselflschung, auf Grokaufmann
Kabaum, P.Philipp Kabaum & Co., der nun hinter Schlo und Riegel sa.
Man ereiferte sich durchaus nicht; man nannte Herrn Kabaums Tat eine
Dummheit, lachte kurz und zuckte die Achseln. Senator Doktor Gieseke
erzhlte, da der Grokaufmann brigens bei gutem Humor geblieben sei.
An seinem neuen Aufenthaltsort habe er sogleich einen Toilette-Spiegel
verlangt, der in seiner Zelle gefehlt habe. Ich sitze hier ja nicht
Jahre, sondern Jahren, hatte er gesagt; da mu ich doch einen Spiegel
haben! -- Er war, wie Christian Buddenbrook und Andreas Gieseke, ein
Schler des seligen Marcellus Stengel gewesen.

Ohne die Miene zu verziehen, lachten die Herren wieder kurz durch die
Nase. Sigismund Gosch bestellte Grog von Rum, mit einer Betonung, als
wollte er ausdrcken: Was soll das schlechte Leben ntzen?... Konsul
Dhlmann sprach einer Flasche Aquavit zu, und Christian war wieder beim
schwedischen Punsch angelangt, den Senator Gieseke fr sich und ihn
hatte kommen lassen. Es dauerte nicht lange, bis Thomas Buddenbrook
wieder zu rauchen begann.

Und immer in einem trgen, wegwerfenden und skeptisch fahrlssigen Ton,
gleichgltig und schwer gesinnt vom Essen, vom Trinken und vom Regen,
sprach man von Geschften, den Geschften jedes einzelnen; aber auch
dies Thema belebte niemanden.

Ach, dabei ist nicht viel Freude, sagte Thomas Buddenbrook mit
schwerer Brust und legte angewidert den Kopf ber die Stuhllehne zurck.

Nun, und Sie, Dhlmann? erkundigte sich Senator Gieseke und ghnte ...
Sie haben sich gnzlich dem Aquavit ergeben, wie?

Wovon soll der Schornstein rauchen, sagte der Konsul. Ich gucke alle
paar Tage mal ins Kontor. Kurze Haare sind bald gekmmt.

Und alles Wichtige haben ja doch Strunck & Hagenstrm in Hnden,
bemerkte trbe der Makler Gosch, der seinen Ellenbogen weit vor sich hin
auf den Tisch gesttzt hatte und den bsartigen Greisenkopf in der Hand
ruhen lie.

Gegen einen Haufen Mist kann man nicht anstinken, sagte Konsul
Dhlmann mit einer so geflissentlich ordinren Aussprache, da jedermann
wie durch einen hoffnungslosen Zynismus trbe gestimmt werden mute.
Na, und Sie, Buddenbrook, tun Sie noch was?

Nein, antwortete Christian; ich kann es nun nicht mehr. Und ohne
bergang, lediglich aus seinem Verstndnis der herrschenden Stimmung
heraus, und aus dem Bedrfnis, sie zu vertiefen, begann er pltzlich,
den Hut schrg in die Stirn geschoben, von seinem Kontor in Valparaiso
und von Johnny Thunderstorm zu sprechen ... Ha, bei =der= Hitze. Du
lieber Gott!... Arbeiten? _No, Sir_, wie Sie sehen, _Sir_! Und dabei
hatten sie dem Chef ihren Zigarettenrauch ins Gesicht geblasen. Du
lieber Gott!... Seine Mienen und Bewegungen drckten unbertrefflich
eine zugleich frech herausfordernde und gutmtig verbummelte Trgheit
aus. Sein Bruder rhrte sich nicht.

Herr Gosch versuchte, seinen Grog zum Munde zu fhren, stellte ihn
zischend auf den Tisch zurck und hieb sich selbst mit der Faust auf
den widerspenstigen Arm, worauf er das Glas aufs neue an seine schmalen
Lippen ri, mehreres verschttete und den Rest in Wut auf einmal
hinuntergo.

Ach, Sie mit Ihrem Zittern, Gosch! sagte Dhlmann. Sie sollten sich's
mal gehen lassen wie mir. Dies verfluchte Hunyadi-Jnos ... Ich
krepiere, wenn ich nicht tglich meinen Liter trinke, soweit bin ich,
und wenn ich ihn trinke, so krepiere ich erst recht. Wissen Sie, wie es
tut, wenn man niemals, nicht einen Tag, mit seinem Mittagessen fertig
werden kann ... ich meine, wenn man es im Magen hat?... Und er gab
einige widerliche Einzelheiten seines Befindens zum besten, die
Christian Buddenbrook mit schauerlichem Interesse und kraus gezogener
Nase anhrte und mit einer kleinen eindringlichen Beschreibung seiner
Qual beantwortete.

Der Regen hatte sich wieder verstrkt. Dicht und senkrecht ging er
hernieder, und sein Rauschen erfllte unabnderlich, de und
hoffnungslos die Stille des Kurgartens.

Ja, das Leben ist faul, sagte Senator Gieseke, der sehr viel getrunken
hatte.

Ich mag gar nicht mehr auf der Welt sein, sagte Christian.

La fahren dahin! sagte Herr Gosch.

Da kommt Fiken Dahlbeck, sagte Senator Gieseke.

Dies war die Besitzerin des Kuhstalles, die mit einem Milcheimer
vorberging und den Herren zulchelte. Sie war an die vierzig, korpulent
und frech.

Senator Gieseke sah sie mit verwilderten Augen an.

Was fr ein Busen! sagte er; und hieran knpfte Konsul Dhlmann einen
bermig unfltigen Witz, der nur bewirkte, da die Herren wieder kurz
und wegwerfend durch die Nase lachten.

Dann ward der aufwartende Kellner herangerufen.

Ich bin mit der Flasche fertig geworden, Schrder, sagte Dhlmann.
Wir knnen auch ebensogut mal bezahlen. Einmal mu es ja sein ... Und
Sie, Christian? Na, fr Sie zahlt wohl Gieseke.

Hier aber belebte sich Senator Buddenbrook. Er hatte, in seinen
Kragenmantel gehllt, die Hnde im Schoe und die Zigarette im
Mundwinkel, fast ohne Teilnahme dagesessen; pltzlich aber richtete er
sich auf und sagte scharf: Hast du kein Geld bei dir, Christian? Dann
erlaubst du, da =ich= die Kleinigkeit auslege.

Man spannte die Regenschirme auf und trat unter dem Zeltdach hervor, um
ein bichen zu promenieren...

--Hie und da besuchte Frau Permaneder ihren Bruder. Dann gingen die
beiden zum Mvenstein oder zum Seetempel spazieren, wobei Tony
Buddenbrook aus unbekannten Grnden jedesmal in eine begeisterte und
unbestimmt aufrhrerische Stimmung geriet. Sie betonte wiederholt die
Freiheit und Gleichheit aller Menschen, verwarf kurzerhand jede
Rangordnung der Stnde, lie harte Worte gegen Privilegien und Willkr
fallen und verlangte ausdrcklich, da dem Verdienste seine Krone werde.
Und dann kam sie auf ihr Leben zu sprechen. Sie sprach gut, sie
unterhielt ihren Bruder aufs beste. Dieses glckliche Geschpf hatte,
solange sie auf Erden wandelte, nichts, nicht das geringste
hinunterzuschlucken und stumm zu verwinden gebraucht. Auf keine
Schmeichelei und keine Beleidigung, die ihr das Leben gesagt, hatte sie
geschwiegen. Alles, jedes Glck und jeden Kummer, hatte sie in einer
Flut von banalen und kindisch wichtigen Worten, die ihrem
Mitteilungsbedrfnis vollkommen gengten, wieder von sich gegeben. Ihr
Magen war nicht ganz gesund, aber ihr Herz war leicht und frei -- sie
wute selbst nicht, wie sehr. Nichts Unausgesprochenes zehrte an ihr;
kein stummes Erlebnis belastete sie. Und darum hatte sie auch gar nichts
an ihrer Vergangenheit zu tragen. Sie wute, da sie bewegte und arge
Schicksale gehabt, aber all das hatte ihr keinerlei Schwere und
Mdigkeit hinterlassen, und im Grunde glaubte sie gar nicht daran.
Allein, da es allseitig anerkannte Tatsache schien, so nutzte sie es
aus, indem sie damit prahlte und mit gewaltig ernsthafter Miene darber
redete ... Sie geriet ins Schelten, sie rief voll ehrlicher Entrstung
die Personen bei Namen, die ihr Leben -- und folglich das der Familie
Buddenbrook -- schdlich beeinflut hatten und deren Zahl mit der Zeit
recht stattlich geworden war. Trnen-Trieschke! rief sie. Grnlich!
Permaneder! Tiburtius! Weinschenk! Hagenstrms! Der Staatsanwalt! Die
Severin! Was fr Filous, Thomas, Gott wird sie strafen dereinst, =den=
Glauben bewahre ich mir!

Als sie hinauf zum Seetempel kamen, brach schon die Dmmerung herein;
der Herbst war vorgeschritten. Sie standen in einer der nach der Bucht
zu sich ffnenden Kammern, in denen es nach Holz roch, wie in den
Kabinen der Badeanstalt, und deren roh gezimmerte Wnde mit Inschriften,
Initialen, Herzen, Versen bedeckt waren. Nebeneinander blickten sie ber
den feuchtgrnen Abhang und den schmalen, steinigen Strandstreifen
hinweg auf die trbbewegte See hinaus.

Breite Wellen..., sagte Thomas Buddenbrook. Wie sie daherkommen und
zerschellen, daherkommen und zerschellen, eine nach der anderen, endlos,
zwecklos, de und irr. Und doch wirkt es beruhigend und trstlich, wie
das Einfache und Notwendige. Mehr und mehr habe ich die See lieben
gelernt ... vielleicht zog ich ehemals das Gebirge nur vor, weil es in
weiterer Ferne lag. Jetzt mchte ich nicht mehr dorthin. Ich glaube, da
ich mich frchten und schmen wrde. Es ist zu willkrlich, zu
unregelmig, zu vielfach ... sicher, ich wrde mich allzu unterlegen
fhlen. Was fr Menschen es wohl sind, die der Monotonie des Meeres den
Vorzug geben? Mir scheint, es sind solche, die zu lange und tief in die
Verwicklungen der innerlichen Dinge hineingesehen haben, um nicht
wenigstens von den ueren vor allem eins verlangen zu mssen:
Einfachheit ... Es ist das wenigste, da man tapfer umhersteigt im
Gebirge, whrend man am Meere still im Sande ruht. Aber ich kenne den
Blick, mit dem man dem einen, und jenen, mit dem man dem andern huldigt.
Sichere, trotzige, glckliche Augen, die voll sind von Unternehmungslust,
Festigkeit und Lebensmut, schweifen von Gipfel zu Gipfel; aber auf der
Weite des Meeres, das mit diesem mystischen und lhmenden Fatalismus
seine Wogen heranwlzt, trumt ein verschleierter, hoffnungsloser und
wissender Blick, der irgendwo einstmals tief in traurige Wirrnisse sah
... Gesundheit und Krankheit, das ist der Unterschied. Man klettert keck
in die wundervolle Vielfachheit der zackigen, ragenden, zerklfteten
Erscheinungen hinein, um seine Lebenskraft zu erproben, von der noch
nichts verausgabt wurde. Aber man ruht an der weiten Einfachheit der
ueren Dinge, mde wie man ist von der Wirrnis der inneren.

Frau Permaneder verstummte so eingeschchtert und unangenehm berhrt,
wie harmlose Leute verstummen, wenn in Gesellschaft pltzlich etwas
Gutes und Ernstes ausgesprochen wird. Dergleichen sagt man doch nicht!
dachte sie, indem sie fest ins Weite sah, um seinen Augen nicht zu
begegnen. Und um ihm in der Stille abzubitten, da sie sich fr ihn
schmte, zog sie seinen Arm in den ihrigen.


Siebentes Kapitel

Es war Winter geworden, Weihnacht war vorber, man schrieb Januar,
Januar 1875. Der Schnee, der die Brgersteige als eine festgetretene,
mit Sand und Asche untermischte Masse bedeckte, lagerte zu beiden Seiten
der Fahrdmme in hohen Haufen, die bestndig grauer, zerklfteter und
porser wurden, denn es waren Wrmegrade in der Luft. Das Pflaster war
na und schmutzig, und von den grauen Giebeln troff es. Aber darber
spannte sich der Himmel zartblau und makellos, und Milliarden von
Lichtatomen schienen wie Kristalle in dem Azur zu flimmern und zu
tanzen...

Im Zentrum der Stadt war es lebendig, denn es war Sonnabend und
Markttag. Unter den Spitzbogen der Rathaus-Arkaden hatten die Fleischer
ihre Stnde und wogen mit blutigen Hnden ihre Ware ab. Auf dem
Marktplatze selbst aber, um den Brunnen herum, war Fischmarkt. Dort
saen, die Hnde in halb enthaarten Pelzmffen und die Fe an
Kohlenbecken wrmend, beleibte Weiber, die ihre nakalten Gefangenen
hteten und die umherwandernden Kchinnen und Hausfrauen mit breiten
Worten zum Kaufe einluden. Es war keine Gefahr, betrogen zu werden. Man
konnte sicher sein, etwas Frisches zu erhandeln, denn die Fische lebten
fast alle noch, die fetten, muskulsen Fische ... Einige hatten es gut.
Sie schwammen, in einiger Enge zwar, aber doch guten Mutes, in
Wassereimern umher und hatten nichts auszustehen. Andere aber lagen mit
frchterlich glotzenden Augen und arbeitenden Kiemen, zhlebig und
qualvoll auf ihrem Brett und schlugen hart und verzweifelt mit dem
Schwanze, bis man sie endlich packte und ein spitzes, blutiges Messer
ihnen mit Knirschen die Kehle zerschnitt. Lange und dicke Aale wanden
und schlngelten sich zu abenteuerlichen Figuren. In tiefen Btten
wimmelte es schwrzlich von Ostseekrabben. Manchmal zog ein starker Butt
sich krampfhaft zusammen und schnellte sich in seiner tollen Angst weit
vom Brette fort auf das schlpfrige, von Abfllen verunreinigte
Pflaster, so da seine Besitzerin ihm nachlaufen und ihn unter harten
Worten der Mibilligung seiner Pflicht wieder zufhren mute...

In der Breiten Strae herrschte um Mittag reger Verkehr. Schulkinder,
die Rnzel auf dem Rcken, kamen daher, erfllten die Luft mit Lachen
und Geplapper und warfen einander mit dem halb zertauten Schnee. Junge
Kaufmannslehrlinge aus guter Familie, mit dnischen Schiffermtzen oder
elegant nach englischer Mode gekleidet, Portefeuilles in den Hnden,
gingen nicht ohne Wrde vorber, stolz, dem Realgymnasium entronnen zu
sein. Gesetzte, graubrtige und hchlichst verdiente Brger stieen mit
dem Gesichtsausdruck unerschtterlich nationalliberaler Gesinnung ihre
Spazierstcke vor sich her und blickten aufmerksam zu der
Glasurziegelfassade des Rathauses hinber, an dessen Portal die
Doppelwache aufgezogen war. Denn der Senat war versammelt. Die beiden
Infanteristen schritten in ihren Mnteln, das Gewehr auf der Schulter,
die ihnen zugemessene Strecke ab, indem sie kaltbltig durch die kotige
und halbflssige Schneemasse am Boden stampften. Sie begegneten sich in
der Mitte vorm Eingang, sahen sich an, wechselten ein Wort und gingen
nach beiden Seiten wieder auseinander. Manchmal, wenn mit
emporgeklapptem Paletotkragen und beide Hnde in den Taschen, ein
Offizier sich nherte, der den Spuren irgendeines Mamsellchens folgte
und sich gleichzeitig von den jungen Damen aus groem Hause bewundern
lie, stellte sich jeder vor sein Schilderhaus, besah sich selbst von
oben bis unten und prsentierte ... Es hatte noch gute Weile, bis sie
den Senatoren beim Herauskommen zu salutieren haben wrden. Die Sitzung
dauerte erst drei Viertelstunden. Sie wrden wohl vorher noch abgelst
werden...

Da aber, pltzlich, vernahm der eine der beiden Soldaten ein kurzes,
diskretes Zischen im Innern des Gebudes, und im selben Augenblick
leuchtete im Portal der rote Frack des Ratsdieners Uhlefeldt auf,
welcher mit Dreispitz und Galanteriedegen, in uerster Geschftigkeit
zum Vorschein kam, ein leises Achtung! hervorstie und sich eilfertig
wieder zurckzog, whrend drinnen auf den hallenden Fliesen schon
nahende Schritte sich hren lieen...

Die Infanteristen machten Front, sie zogen die Abstze zusammen,
steiften das Genick, blhten die Brust, setzten das Gewehr bei Fu und
prsentierten es mit ein paar prompt zusammenklappenden Griffen.
Zwischen ihnen hindurch schritt ziemlich geschwind, mit gelftetem
Zylinder, ein kaum mittelgroer Herr, der eine seiner hellen Brauen ein
wenig emporgezogen hielt, und dessen weiliche Wangen von den lang
ausgezogenen Schnurrbartspitzen berragt wurden. Senator Thomas
Buddenbrook verlie heute lange vor Schlu der Sitzung das Rathaus.

Er bog rechts ab und schlug also nicht den Weg zu seinem Hause ein.
Korrekt, tadellos sauber und elegant ging er mit dem etwas hpfenden
Schritte, der ihm eigen war, die Breite Strae entlang, indem er
bestndig nach allen Seiten zu gren hatte. Er trug weie
Glachandschuhe und hielt seinen Stock mit silberner Krcke unter dem
linken Arm. Hinter den dicken Revers seines Pelzes sah man die weie
Frackkrawatte. Aber sein sorgfltig hergerichteter Kopf sah bernchtig
aus. Verschiedene Leute bemerkten im Vorbergehen, da ihm pltzlich die
Trnen in die gerteten Augen stiegen, und da er die Lippen auf eine
ganz sonderbare, behutsame und verzerrte Weise geschlossen hielt.
Manchmal schluckte er hinunter, als habe sein Mund sich mit Flssigkeit
gefllt; und dann konnte man an den Bewegungen der Muskeln an Wangen und
Schlfen beobachten, da er die Kiefer zusammenbi.

Was nun, Buddenbrook, du schwnzst die Sitzung? Das ist mal was Neues!
sagte am Anfang der Mhlenstrae jemand zu ihm, den er nicht hatte
kommen sehen. Es war Stephan Kistenmaker, der pltzlich vor ihm stand,
sein Freund und Bewunderer, der sich in ffentlichen Fragen jede seiner
Meinungen zu eigen machte. Er besa einen rundgeschnittenen,
ergrauenden Vollbart, furchtbar dicke Augenbrauen und eine lange, porse
Nase. Vor ein paar Jahren hatte er sich, nachdem er ein gutes Stck Geld
verdient, von dem Weingeschft zurckgezogen, das nun sein Bruder Eduard
auf eigene Hand weiterfhrte. Seitdem lebte er als Privatier; da er sich
dieses Standes im Grunde aber ein wenig schmte, so tat er bestndig,
als habe er unberwindlich viel zu tun. Ich reibe mich auf! sagte er
und strich mit der Hand ber seinen grauen, mit der Brennschere
gewellten Scheitel. Aber wozu ist der Mensch auf der Welt, als um sich
aufzureiben? Stundenlang stand er mit wichtigen Gebrden an der Brse,
ohne dort das geringste zu suchen zu haben. Er bekleidete eine Menge von
gleichgltigen mtern. Krzlich hatte er sich zum Direktor der
Stdtischen Badeanstalt gemacht. Er fungierte emsig als Geschworener,
als Makler, als Testamentsvollstrecker und wischte sich den Schwei von
der Stirn...

Es ist doch Sitzung, Buddenbrook, wiederholte er, und du gehst
spazieren?

Ach, du bist es, sagte der Senator leise und mit widerwillig sich
bewegenden Lippen ... Ich kann minutenlang nichts sehen. Ich habe
wahnsinnige Schmerzen.

Schmerzen? Wo?

Zahnschmerzen. Seit gestern schon. Ich habe in der Nacht kein Auge
zugetan ... Ich war noch nicht beim Arzt, weil ich heute vormittag im
Geschft zu tun hatte und dann die Sitzung nicht versumen wollte. Nun
konnte ich es doch nicht aushalten und bin auf dem Wege zu Brecht...

Wo sitzt es denn?

Hier unten links ... Ein Backenzahn ... Er ist natrlich hohl ... Es
ist unertrglich ... Adieu, Kistenmaker! Du begreifst, da ich Eile
habe...

Ja, meinst du, da ich =keine= habe? Frchterlich viel zu tun ...
Adieu! Gute Besserung brigens! La ihn ausziehen! Immer gleich raus
damit, das ist das beste...

Thomas Buddenbrook ging weiter und bi die Kiefer zusammen, obgleich
dies die Sache nur verschlimmerte. Es war ein wilder, brennender und
bohrender Schmerz, eine boshafte Pein, die sich von einem kranken
Backenzahn aus der ganzen linken Seite des Unterkiefers bemchtigt
hatte. Die Entzndung pochte darin mit glhenden Hmmerchen und machte,
da ihm die Fieberhitze ins Gesicht und die Trnen in die Augen
schossen. Die schlaflose Nacht hatte seine Nerven schrecklich
angegriffen. Er hatte sich eben beim Sprechen zusammennehmen mssen,
damit seine Stimme sich nicht breche.

In der Mhlenstrae betrat er ein mit gelbbrauner lfarbe gestrichenes
Haus und stieg zum ersten Stockwerk empor, woselbst an der Tr auf einem
Messingschild Zahnarzt Brecht zu lesen war. Er sah das Dienstmdchen
nicht, das ihm ffnete. Auf dem Korridor roch es warm nach Beefsteak und
Blumenkohl. Dann pltzlich atmete er die scharfriechende Luft des
Wartezimmers, in das man ihn ntigte. Nehmen Sie Platz ... einen
Momang! schrie die Stimme eines alten Weibes. Es war Josephus, der im
Hintergrunde des Raumes in seinem blanken Bauer sa und ihm mit kleinen,
giftigen Augen schief und tckisch entgegenstarrte.

Der Senator setzte sich an den runden Tisch und versuchte, die Witze in
einem Band Fliegender Bltter auf sich wirken zu lassen, schlug dann
aber das Buch mit Ekel zu, drckte das khle Silber seiner Stockkrcke
gegen die Wange, schlo seine brennenden Augen und sthnte. Rings war
alles still, und nur Josephus bi mit Knacken und Knirschen in das ihn
umgebende Gitter. Herr Brecht war es sich schuldig, auch wenn er
unbeschftigt war, eine Weile warten zu lassen.

Thomas Buddenbrook stand hastig auf und trank an einem Tischchen aus
einer dort aufgestellten Karaffe ein Glas Wasser, das nach Chloroform
roch und schmeckte. Dann ffnete er die Tr zum Korridor und rief mit
gereizter Betonung hinaus, wenn nicht dringende Abhaltung vorhanden sei,
mge Herr Brecht die Gte haben, sich ein wenig zu beeilen. Er habe
Schmerzen.

Gleich darauf erschien der graumelierte Schnurrbart, die Hakennase und
die kahle Stirn des Zahnarztes in der Tr zum Operationszimmer. Bitte,
sagte er. Bitte! schrie auch Josephus. Der Senator folgte der
Einladung ohne zu lachen. Ein schwerer Fall! dachte Herr Brecht und
verfrbte sich...

Sie gingen beide rasch durch das helle Zimmer zu dem groen,
verstellbaren Stuhl mit Kopfpolster und grnplschenen Armlehnen, der
vor einem der beiden Fenster stand. Whrend er sich niederlie, erklrte
Thomas Buddenbrook kurz, um was es sich handele, legte den Kopf zurck
und schlo die Augen.

Herr Brecht schrob ein wenig an dem Stuhle und machte sich dann mit
einem Spiegelchen und einem Stahlstbchen an dem Zahne zu schaffen.
Seine Hand roch nach Mandelseife, sein Atem nach Beefsteak und
Blumenkohl.

Wir mssen zur Extraktion schreiten, sagte er nach einer Weile und
erblich noch mehr.

Schreiten Sie nur, sagte der Senator und schlo die Lider noch fester.

Nun trat eine Pause ein. Herr Brecht prparierte an einem Schranke
irgend etwas und suchte Instrumente hervor. Dann nherte er sich dem
Patienten aufs neue.

Ich werde ein bichen pinseln, sagte er. Und sogleich begann er,
diesen Entschlu zur Tat zu machen, indem er das Zahnfleisch ausgiebig
mit einer scharf riechenden Flssigkeit bestrich. Hierauf bat er leise
und herzlich, stille zu halten und den Mund sehr weit zu ffnen, und
begann sein Werk.

Thomas Buddenbrook hielt mit beiden Hnden die Sammetarmpolster fest
erfat. Er empfand kaum das Ansetzen und Zugreifen der Zange, bemerkte
dann aber an dem Knirschen in seinem Munde sowie an dem wachsenden,
immer schmerzhafter und wtender werdenden Druck, dem sein ganzer Kopf
ausgesetzt war, da alles auf dem besten Wege sei. Gott befohlen! dachte
er. Nun mu es seinen Gang gehen. Dies wchst und wchst bis ins Malose
und Unertrgliche, bis zur eigentlichen Katastrophe, bis zu einem
wahnsinnigen, kreischenden, unmenschlichen Schmerz, der das ganze Gehirn
zerreit ... Dann ist es berstanden; ich mu es nun abwarten.

Es dauerte drei oder vier Sekunden. Herrn Brechts bebende
Kraftanstrengung teilte sich Thomas Buddenbrooks ganzem Krper mit, er
wurde ein wenig auf seinem Sitze emporgezogen und hrte ein leise
piependes Gerusch in der Kehle des Zahnarztes ... Pltzlich gab es
einen furchtbaren Sto, eine Erschtterung, als wrde ihm das Genick
gebrochen, begleitet von einem kurzen Knacken und Krachen. Er ffnete
hastig die Augen ... Der Druck war fort, aber sein Kopf drhnte, der
Schmerz tobte hei in dem entzndeten und mihandelten Kiefer, und er
fhlte deutlich, da dies nicht das Bezweckte, nicht die wahre Lsung
der Frage, sondern eine verfrhte Katastrophe sei, die die Sachlage nur
verschlimmerte ... Herr Brecht war zurckgetreten. Er lehnte am
Instrumentenschrank, sah aus wie der Tod und sagte: Die Krone ... Ich
dachte mir's.

Thomas Buddenbrook spie ein wenig Blut in die blaue Schale zu seiner
Seite, denn das Zahnfleisch war verletzt. Dann fragte er halb bewutlos:
Was dachten Sie sich? Was ist mit der Krone?

Die Krone ist abgebrochen, Herr Senator ... Ich frchtete es ... Der
Zahn ist auerordentlich defekt ... Aber es war meine Pflicht, das
Experiment zu wagen...

Was nun?

berlassen Sie alles mir, Herr Senator...

Was mu geschehen?

Die Wurzeln mssen entfernt werden. Vermittels des Hebels ... Es sind
vier an der Zahl...

Vier? Also ist viermaliges Ansetzen und Ziehen ntig?

Leider.

Nun, fr heute ist es genug! sagte der Senator und wollte sich rasch
erheben, blieb aber trotzdem sitzen und legte den Kopf zurck.

Lieber Herr, Sie drfen nur Menschliches verlangen, sagte er. Ich
stehe nicht auf den festesten Fen ... Fr diesmal bin ich jedenfalls
fertig ... Wollen Sie die Gte haben, das Fenster da einen Augenblick zu
ffnen.

Dies tat Herr Brecht und dann erwiderte er: Es wre mir vollkommen
lieb, Herr Senator, wenn Sie morgen oder bermorgen zu einer beliebigen
Stunde wieder vorsprechen mchten und wir die Operation bis dahin
verschben. Ich mu gestehen, ich selbst ... Ich werde mir jetzt
erlauben, noch eine Splung und eine Pinselung vorzunehmen, um den
Schmerz vorlufig zu lindern...

Er nahm die Splung und die Pinselung vor, und dann ging der Senator,
begleitet von dem bedauernden Achselzucken, an das der schneebleiche
Herr Brecht seine letzten Krfte verausgabte.

Einen Momang ... bitte! schrie Josephus, als sie das Wartezimmer
passierten, und er schrie es noch, als Thomas Buddenbrook schon die
Treppe hinunterstieg.

Vermittels des Hebels ... ja, ja, das war morgen. Was nun? Nach Hause
und ruhen, zu schlafen versuchen. Der eigentliche Nervenschmerz schien
betubt; es war nur ein dunkles, schweres Brennen in seinem Munde. Nach
Hause also ... Und er ging langsam durch die Straen, mechanisch Gre
erwidernd, die ihm dargebracht wurden, mit sinnenden und ungewissen
Augen, als dchte er darber nach, wie ihm eigentlich zumute sei.

Er gelangte zur Fischergrube und begann das linke Trottoir
hinunterzugehen. Nach zwanzig Schritten befiel ihn eine belkeit. Ich
werde dort drben in die Schnke treten und einen Kognak trinken mssen,
dachte er, und beschritt den Fahrdamm. Als er etwa die Mitte desselben
erreicht hatte, geschah ihm folgendes. Es war genau, als wrde sein
Gehirn ergriffen und von einer unwiderstehlichen Kraft mit wachsender,
frchterlich wachsender Geschwindigkeit in groen, kleineren und immer
kleineren konzentrischen Kreisen herumgeschwungen und schlielich mit
einer unmigen, brutalen und erbarmungslosen Wucht gegen den
steinharten Mittelpunkt dieser Kreise geschmettert ... Er vollfhrte
eine halbe Drehung und schlug mit ausgestreckten Armen vornber auf das
nasse Pflaster.

Da die Strae stark abfiel, befand sich sein Oberkrper ziemlich viel
tiefer als seine Fe. Er war aufs Gesicht gefallen, unter dem sofort
eine Blutlache sich auszubreiten begann. Sein Hut rollte ein Stck des
Fahrdammes hinunter. Sein Pelz war mit Kot und Schneewasser bespritzt.
Seine Hnde, in den weien Glachandschuhen, lagen ausgestreckt in einer
Pftze.

So lag er und so blieb er liegen, bis ein paar Leute herangekommen waren
und ihn umwandten.


Achtes Kapitel

Frau Permaneder kam die Haupttreppe herauf, indem sie vorn mit der Hand
ihr Kleid emporraffte und mit der anderen die groe, braune Muff gegen
ihre Wange drckte. Sie strzte und stolperte mehr als da sie ging, ihr
Kapotthut war unordentlich aufgesetzt, ihre Wangen waren hitzig, und auf
ihrer ein wenig vorgeschobenen Oberlippe standen kleine Schweitropfen.
Obgleich ihr niemand begegnete, sprach sie unaufhrlich im
Vorwrtshasten, und aus ihrem Flstern lste sich dann und wann mit
pltzlichem Vorstoe ein Wort los, dem die Angst lauten Ton verlieh ...
Es ist nichts... sagte sie. Es hat gar nichts zu bedeuten ... Der
liebe Gott wird das nicht wollen ... Er wei, was er tut; =den= Glauben
bewahre ich mir ... Es hat ganz sicherlich nichts zu sagen ... Ach, du
Herr, tagtglich will ich beten... Sie plapperte einfach Unsinn vor
Angst, strzte die Treppe zur zweiten Etage hinauf und ber den
Korridor...

Die Tr zum Vorzimmer stand offen, und dort kam ihre Schwgerin ihr
entgegen.

Gerda Buddenbrooks schnes, weies Gesicht war in Grauen und Ekel ganz
und gar verzogen, und ihre nahe beieinanderliegenden, braunen, von
blulichen Schatten umlagerten Augen blickten blinzelnd, zornig,
verstrt und angewidert. Als sie Frau Permaneder erkannte, winkte sie
ihr rasch mit ausgestrecktem Arme und umarmte sie, indem sie den Kopf an
ihrer Schulter verbarg.

Gerda, Gerda, was ist! rief Frau Permaneder. Was ist geschehen!...
Was bedeutet dies!... Gestrzt, sagen sie? Bewutlos?... Wie ist es mit
ihm?... Der liebe Gott wird das Schlimmste nicht wollen ... Sage mir
doch um aller Barmherzigkeit willen...

Aber sie erhielt nicht sogleich eine Antwort, sondern fhlte nur, wie
Gerdas ganze Gestalt sich in einem Schauer dehnte. Und dann vernahm sie
an ihrer Schulter ein Flstern...

Wie er aussah, verstand sie, als sie ihn brachten! Sein ganzes Leben
lang hat man nicht ein Staubfserchen an ihm sehen drfen ... Es ist ein
Hohn und eine Niedertracht, da das Letzte =so= kommen muߠ...!

Gedmpftes Gerusch drang zu ihnen. Die Tr zum Ankleidekabinett hatte
sich geffnet, und Ida Jungmann stand in ihrem Rahmen, in weier
Schrze, eine Schssel in den Hnden. Ihre Augen waren gertet. Sie
erblickte Frau Permaneder und trat mit gesenktem Kopfe zurck, um den
Weg freizugeben. Ihr Kinn zitterte in Falten.

Die hohen, geblmten Fenstervorhnge bewegten sich im Luftzuge, als
Tony, gefolgt von ihrer Schwgerin, ins Schlafzimmer trat. Der Geruch
von Karbol, ther und anderen Medikamenten wehte ihnen entgegen. In dem
breiten Mahagonibett, unter der roten Steppdecke lag Thomas Buddenbrook
ausgekleidet und im gestickten Nachthemd auf dem Rcken. Seine halb
offenen Augen waren gebrochen und verdreht, unter dem zerzausten
Schnurrbart bewegten seine Lippen sich lallend, und gurgelnde Laute
drangen dann und wann aus seiner Kehle. Der junge Doktor Langhals beugte
sich ber ihn, nahm einen blutigen Verband von seinem Gesicht und
tauchte einen neuen in ein Schlchen, das auf dem Nachttische stand.
Dann horchte er an der Brust des Kranken und fhlte den Puls ... Auf dem
Wschepuff, zu Fen des Bettes, sa der kleine Johann, drehte an seinem
Schifferknoten und horchte mit grblerischem Gesichtsausdruck hinter
sich auf die Laute, die sein Vater ausstie. Die besudelten
Kleidungsstcke hingen irgendwo ber einem Stuhle.

Frau Permaneder kauerte sich zur Seite des Bettes nieder, ergriff die
Hand ihres Bruders, die kalt und schwer war, und starrte in sein Gesicht
... Sie begann zu begreifen, da, wute der liebe Gott nun, was er tat,
oder nicht, er jedenfalls dennoch das Schlimmste wollte.

Tom! jammerte sie. Erkennst du mich nicht? Wie ist dir? Willst du von
uns gehen? Du willst doch nicht von uns gehen?! Ach, es =darf= nicht
sein...!

Nichts erfolgte, was einer Antwort hnlich gewesen wre. Sie blickte
hilfesuchend zu Doktor Langhals auf. Er stand da, hielt seine schnen
Augen gesenkt und drckte in seiner Miene, nicht ohne einige
Selbstgeflligkeit, den Willen des lieben Gottes aus...

Ida Jungmann kam wieder herein, um zu helfen, wo es zu helfen gab. Der
alte Doktor Grabow erschien persnlich, drckte mit langem und mildem
Gesichte allen die Hand, betrachtete kopfschttelnd den Kranken und tat
genau, was auch Doktor Langhals schon getan hatte ... Die Kunde hatte
sich mit Windeseile in der ganzen Stadt verbreitet. Bestndig schellte
es drunten am Windfang, und Fragen nach dem Befinden des Senators
drangen ins Schlafzimmer. Es war unverndert, unverndert ... jeder
bekam die gleiche Antwort.

Die beiden rzte hielten dafr, da auf jeden Fall fr die Nacht eine
barmherzige Schwester herbeigeschafft werden msse. Es wurde nach
Schwester Leandra geschickt, und sie kam. Es war keine Spur von
berraschung und Schrecken in ihrem Gesicht, als sie eintrat. Sie legte
auch diesmal still ihr Ledertschchen, ihre Haube und ihren Umhang
beiseite und ging mit sanften und freundlichen Bewegungen an ihre
Arbeit.

Der kleine Johann sa Stunde fr Stunde auf seinem Puff, sah alles an
und horchte auf die gurgelnden Laute. Er htte sich eigentlich zum
Privatunterricht im Rechnen begeben mssen, aber er begriff, da dies
Ereignisse waren, vor denen die Kammgarnrcke verstummen muten. Auch
seiner Schulaufgaben gedachte er nur kurz und mit Spott ... Manchmal,
wenn Frau Permaneder zu ihm trat und ihn an sich prete, vergo er
Trnen; aber meistens blinzelte er trockenen Auges mit einem
abgestoenen und grblerischen Gesichtsausdruck darein, unregelmig und
vorsichtig atmend, als erwarte er den Duft, den fremden und doch so
seltsam vertrauten Duft...

Gegen vier Uhr fate Frau Permaneder einen Entschlu. Sie veranlate den
Doktor Langhals, ihr ins Nebenzimmer zu folgen, verschrnkte die Arme
und legte den Kopf zurck, wobei sie trotzdem versuchte, das Kinn auf
die Brust zu drcken.

Herr Doktor, sagte sie, eines steht in Ihrer Macht, und darum bitte
ich Sie! Schenken Sie mir reinen Wein ein, tun Sie es! Ich bin eine vom
Leben gesthlte Frau ... Ich habe gelernt, die Wahrheit zu ertragen,
glauben Sie mir!... Wird mein Bruder morgen am Leben sein? Reden Sie
offen!

Und Doktor Langhals wandte seine schnen Augen ab, besah seine
Fingerngel und sprach von menschlicher Ohnmacht, sowie von der
Unmglichkeit, die Frage zu entscheiden, ob Frau Permaneders Herr Bruder
die Nacht berleben werde oder in der nchsten Minute abberufen werden
wrde...

Dann wei ich, was ich zu tun habe, sagte sie, ging hinaus und
schickte zu Pastor Pringsheim.

In halbem Ornat, ohne Halskrause, aber in langem Talar, erschien er,
streifte Schwester Leandra mit einem kalten Blick und lie sich am Bette
auf den Stuhl nieder, den man ihm zuschob. Er bat den Kranken, ihn zu
erkennen und ihm ein wenig Gehr zu schenken; da dieser Versuch aber
fruchtlos blieb, so wandte er sich direkt an Gott, redete ihn in
stilisiertem Frnkisch an und sprach zu ihm mit modulierender Stimme in
bald dunklen, bald jh akzentuierten Lauten, indes finsterer Fanatismus
und milde Verklrung auf seinem Gesichte wechselten ... Whrend er das R
auf eine eigenartig fette und gewandte Art am Gaumen rollte, gewann der
kleine Johann die deutliche Vorstellung, da er soeben Kaffee und
Buttersemmeln zu sich genommen haben msse.

Er sagte, da er und die hier Anwesenden nicht mehr um das Leben dieses
Lieben und Teuren bten, denn sie shen, da es des Herrn heiliger Wille
sei, ihn zu sich zu nehmen. Nur um die Gnade einer sanften Erlsung
flehten sie noch ... Und dann sprach er mit wirksamer Pointierung noch
zwei in solchen Fllen bliche Gebete und erhob sich. Er drckte Gerda
Buddenbrooks und Frau Permaneders Hand, nahm den Kopf des kleinen Johann
zwischen beide Hnde und blickte ihm eine Minute lang zitternd vor
Wehmut und Innigkeit auf die gesenkten Wimpern, grte Frulein
Jungmann, streifte Schwester Leandra nochmals mit einem kalten Blick und
hielt seinen Abgang.

Als Doktor Langhals zurckkehrte, der ein wenig nach Hause gegangen war,
fand er alles beim alten. Er nahm nur eine kurze Rcksprache mit der
Pflegerin und empfahl sich wieder. Auch Doktor Grabow sprach noch einmal
vor, sah mit mildem Gesicht nach dem Rechten und ging. Thomas
Buddenbrook fuhr fort, gebrochenen Auges die Lippen zu bewegen und
gurgelnde Laute auszustoen. Die Dmmerung fiel ein. Drauen gab es ein
wenig winterliches Abendrot, und es beschien durchs Fenster sanft die
besudelten Kleidungsstcke, die irgendwo ber einem Stuhle hingen.

Um fnf Uhr lie Frau Permaneder sich zu einer Unbedachtsamkeit
hinreien. Ihrer Schwgerin gegenber am Bette sitzend, begann sie
pltzlich, unter Anwendung ihrer Kehlkopfstimme sehr laut und mit
gefalteten Hnden, einen Gesang zu sprechen ... Mach' End', o Herr,
sagte sie, und alles hrte ihr regungslos zu -- mach' Ende mit aller
seiner Not; strk' seine F' und Hnde und la bis in den Tod... Aber
sie betete so sehr aus Herzensgrund, da sie sich immer nur mit dem
Worte beschftigte, welches sie gerade aussprach, und nicht erwog, da
sie die Strophe gar nicht zu Ende wisse und nach dem dritten Verse
jmmerlich stecken bleiben msse. Das tat sie, brach mit erhobener
Stimme ab und ersetzte den Schlu durch die erhhte Wrde ihrer Haltung.
Jedermann im Zimmer wartete und zog sich zusammen vor Geniertheit. Der
kleine Johann rusperte sich so schwer, da es wie chzen klang. Und
dann war in der Stille nichts als das agonierende Gurgeln Thomas
Buddenbrooks zu vernehmen.

Es war eine Erlsung, als das Folgmdchen meldete, nebenan sei etwas
Essen aufgetragen. Als man aber in Gerdas Schlafzimmer anfing, ein wenig
Suppe zu genieen, erschien Schwester Leandra in der Tr und winkte
freundlich.

Der Senator starb. Er schluchzte zwei- oder dreimal leise, verstummte
und hrte auf, die Lippen zu bewegen. Das war die ganze Vernderung, die
mit ihm vor sich ging; seine Augen waren schon vorher tot gewesen.

Doktor Langhals, der wenige Minuten spter zur Stelle war, setzte sein
schwarzes Hrrohr auf die Brust der Leiche, horchte lngere Zeit und
sprach nach gewissenhafter Prfung: Ja, es ist zu Ende.

Und mit dem Ringfinger ihrer blassen, sanftmtigen Hand schlo Schwester
Leandra behutsam dem Toten die Augenlider.

Da warf sich Frau Permaneder an dem Bett in die Knie, drckte das
Gesicht in die Steppdecke und weinte laut, gab sich rckhaltlos und ohne
irgend etwas in sich zu dmpfen und zu unterdrcken, einem dieser
erfrischenden Gefhlsausbrche hin, die ihrer glcklichen Natur zu
Gebote standen ... Mit gnzlich nassem Gesicht, aber gestrkt,
erleichtert und vollkommen im seelischen Gleichgewicht, erhob sie sich
und war sofort imstande, der Todesanzeigen zu gedenken, die unverzglich
und in hchster Eile hergestellt werden muten, -- ein ungeheurer Posten
vornehm gedruckter Todesanzeigen...

Christian betrat die Bildflche. Es verhielt sich so mit ihm, da er die
Nachricht von dem Sturz des Senators im Klub erhalten hatte und auch
sogleich aufgebrochen war. Aus Furcht jedoch vor irgendeinem grlichen
Anblick hatte er einen weiten Spaziergang vors Tor unternommen, so da
niemand ihn hatte finden knnen. Nun stellte er sich dennoch ein und
erfuhr schon auf der Diele, da sein Bruder verschieden sei.

Ist doch wohl nicht mglich! sagte er und ging lahmend und mit
wandernden Augen die Treppen hinauf.

Dann stand er, zwischen Schwester und Schwgerin, am Sterbebette. Er
stand dort, mit seinem kahlen Schdel, seinen eingefallenen Wangen,
seinem hngenden Schnurrbart und seiner ungeheuren, gehckerten Nase,
auf krummen und mageren Beinen, ein wenig geknickt, ein wenig
fragezeichenartig, und seine kleinen, tiefliegenden Augen blickten in
des Bruders Gesicht, das so schweigsam, kalt, ablehnend und einwandfrei,
so sehr jedem menschlichen Urteil unzugnglich erschien ... Thomas'
Mundwinkel waren mit beinahe verchtlichem Ausdruck nach unten gezogen.
Er, dem Christian vorgeworfen hatte, da er bei seinem Tode nicht weinen
werde, er war seinerseits tot, er war ohne ein Wort zu sagen ganz
einfach gestorben, hatte sich vornehm und intakt ins Schweigen
zurckgezogen und berlie den andern mitleidlos der Beschmung, wie so
oft im Leben! Hatte er nun gut oder schnde gehandelt, indem er den
Leiden Christians, seiner Qual, dem nickenden Manne, der
Spiritusflasche, dem offenen Fenster, stets nur kalte Verachtung
entgegengesetzt hatte? Diese Frage fiel dahin, sie war sinnlos geworden,
da der Tod in eigensinniger und unberechenbarer Parteilichkeit ihn, ihn
ausgezeichnet und gerechtfertigt, ihn angenommen und aufgenommen, ihn
ehrwrdig gemacht und ihm befehlshaberisch das allgemeine, scheue
Interesse verschafft hatte, whrend er Christian verschmhte und nur
fortfahren wrde, ihn mit fnfzig Mtzchen und Schikanen zu hnseln, vor
denen niemand Respekt hatte. Nie hatte Thomas Buddenbrook seinem Bruder
mehr imponiert, als zu dieser Stunde. Der Erfolg ist ausschlaggebend.
Der anderen Achtung vor unseren Leiden verschafft uns nur der Tod, und
auch die klglichsten Leiden werden ehrwrdig durch ihn. Du hast recht
bekommen, ich beuge mich, dachte Christian, und mit einer raschen,
unbeholfenen Bewegung lie er sich auf ein Knie nieder und kte die
kalte Hand auf der Steppdecke. Dann trat er zurck und begann mit
schweifenden Augen im Zimmer umherzugehen.

Andere Besucher, die alten Krgers, die Damen Buddenbrook aus der
Breiten Strae, der alte Herr Marcus, stellten sich ein. Auch die arme
Klothilde kam, stand mager und aschgrau am Bette und faltete apathischen
Angesichts ihre mit Zwirnhandschuhen bekleideten Hnde. Ihr mt nicht
glauben, Tony und Gerda, sagte sie unendlich gedehnt und klagend, da
ich kalten Herzens bin, weil ich nicht weine. Ich habe keine Trnen
mehr... Und jedermann glaubte ihr das aufs Wort, so hoffnungslos
verstaubt und ausgedrrt wie sie dastand...

Schlielich rumten alle das Feld vor einer Frauensperson, einem
unsympathischen alten Geschpf mit kauendem, zahnlosem Munde, die
angekommen war, um zusammen mit Schwester Leandra die Leiche zu waschen
und umzukleiden.

                   *       *       *       *       *

Zu vorgerckter Abendstunde noch saen im Wohnzimmer Gerda Buddenbrook,
Frau Permaneder, Christian und der kleine Johann unter der groen
Gaslampe um den runden Mitteltisch und arbeiteten emsig. Es galt die
Liste derjenigen Leute zusammenzustellen, die Todesanzeigen bekommen
muten, und die Adressen auf die Briefumschlge zu schreiben. Alle
Federn knirschten. Dann und wann hatte jemand einen Einfall und setzte
einen neuen Namen auf die Liste ... Auch Hanno mute helfen, denn er
schrieb reinlich, und die Zeit drngte.

Es war still im Hause und auf der Strae. Selten wurden Schritte laut
und verhallten. Die Gaslampe puffte leise, ein Name ward gemurmelt, das
Papier knisterte. Zuweilen blickten alle einander an und erinnerten sich
dessen, was geschehen war.

Frau Permaneder kritzelte in hchster Geschftigkeit. Aber wie
ausgerechnet in jeder fnften Minute legte sie die Feder fort, erhob die
zusammengelegten Hnde bis zur Hhe des Mundes und brach in Klagerufe
aus. Ich fasse es nicht! rief sie und deutete damit an, da sie
allmhlich zu fassen beginne, was eigentlich vor sich gegangen war.
Aber es ist ja nun alles aus! rief sie ganz unerwartet in heller
Verzweiflung und schlang laut weinend die Arme um den Hals ihrer
Schwgerin, worauf sie gestrkt ihre Ttigkeit wieder aufnahm.

Mit Christian stand es hnlich wie mit der armen Klothilde. Er hatte
noch nicht eine Trne vergossen und schmte sich dessen ein wenig. Das
Gefhl der Blamiertheit berwog in ihm jegliche andere Empfindung. Auch
hatte die bestndige Beschftigung mit den eigenen Zustnden und
Sonderbarkeiten ihn abgenutzt und stumpf gemacht. Hie und da richtete er
sich auf, strich mit der Hand ber seine kahle Stirn und sagte mit
gepreter Stimme: Ja, es ist furchtbar traurig! Er sagte dies zu sich
selbst, hielt es sich gewaltsam vor und ntigte seine Augen, ein wenig
feucht zu werden...

Pltzlich geschah etwas, was alle verstrte. Der kleine Johann geriet
ins Lachen. Er war beim Schreiben auf einen Namen gestoen, irgendeinen
kuriosen Klang, dem er nicht widerstehen konnte. Er wiederholte ihn,
schnob durch die Nase, beugte sich vornber, zitterte, schluchzte und
konnte nicht an sich halten. Anfangs konnte man glauben, da er weine;
aber es war nicht an dem. Die Erwachsenen sahen ihn unglubig und
fassungslos an. Dann schickte seine Mutter ihn schlafen...


Neuntes Kapitel

An einem Zahne ... Senator Buddenbrook war an einem Zahne gestorben,
hie es in der Stadt. Aber, zum Donnerwetter, daran starb man doch
nicht! Er hatte Schmerzen gehabt, Herr Brecht hatte ihm die Krone
abgebrochen, und daraufhin war er auf der Strae einfach umgefallen. War
dergleichen erhrt?...

Aber das war nun gleich, es war seine Angelegenheit. Was man zunchst in
der Sache zu tun hatte, war dies, da man Krnze schickte, groe Krnze,
teure Krnze, Krnze, mit denen man Ehre einlegen konnte, die in den
Zeitungsartikeln erwhnt werden wrden, und denen man ansah, da sie von
loyalen und zahlungsfhigen Leuten kamen. Sie wurden geschickt, sie
strmten von allen Seiten herbei, von den Krperschaften sowohl wie von
den Familien und Privatpersonen; Krnze aus Lorbeer, aus starkriechenden
Blumen, aus Silber, mit schwarzen Schleifen und solchen in den Farben
der Stadt, mit schwarzgedruckten Widmungen und solchen in goldenen
Buchstaben. Und Palmenwedel, ungeheure Palmenwedel...

Alle Blumenhandlungen machten Geschfte groen Stils, nicht zum
wenigsten diejenige von Iwersen, gegenber dem Buddenbrookschen Hause.
Frau Iwersen schellte mehrmals des Tages am Windfang und brachte
Arrangements in verschiedenen Gestalten, von Senator Soundso, von Konsul
Soundso, von der und der Beamtenschaft ... Einmal fragte sie, ob sie
nicht vielleicht ein wenig hinauf drfe und den Senator sehen? Ja, das
drfe sie, wurde ihr geantwortet, und sie folgte dem Frulein Jungmann
ber die Haupttreppe, indem sie stumme Blicke in das glnzende
Treppenhaus hinaufgleiten lie.

Sie ging schwer, denn sie war guter Hoffnung wie gewhnlich. Ihre
Erscheinung im allgemeinen war mit den Jahren ein bichen gemein
geworden, aber die schmalgeschnittenen schwarzen Augen sowie die
malaiischen Wangenknochen waren reizvoll, und man sah wohl, da sie
einstmals auerordentlich hbsch gewesen sein mute. -- Sie wurde in den
Salon eingelassen, denn dort lag Thomas Buddenbrook aufgebahrt.

Er lag inmitten des weiten und lichten Gemaches, dessen Mbel
fortgeschafft waren, in den weiseidenen Polstern des Sarges, in weie
Seide gekleidet und mit weier Seide bedeckt, in einem strengen und
betubenden Duftgemisch von Tuberosen, Veilchen und hundert anderen
Gewchsen. Zu seinen Hupten, in einem Halbkreise von silbernen
Armleuchtern, auf umflorten Postamenten, stand Thorwaldsens Segnender
Christus. Die Blumengebinde, die Krnze, Krbe und Strue, standen und
lagen an den Wnden entlang, auf dem Fuboden und auf der Steppdecke;
Palmenwedel lehnten an der Bahre und neigten sich ber des Toten Fe.
-- Sein Gesicht war stellenweise zerschunden, und besonders die Nase
zeigte Quetschungen. Aber sein Haupthaar war wie im Leben frisiert, und
der Schnurrbart, von dem alten Herrn Wenzel noch einmal mit der
Brennschere ausgezogen, berragte lang und starr seine weien Wangen.
Sein Kopf war ein wenig zur Seite gewandt, und zwischen seinen
zusammengefalteten Hnden stak ein Elfenbeinkreuz.

Frau Iwersen blieb beinahe an der Tr stehen und blickte von dort aus
blinzelnd zur Bahre hinber; erst als Frau Permaneder, ganz in Schwarz
gehllt und verschnupft vom Weinen, vom Wohnzimmer aus, zwischen den
Portieren erschien und sie mit sanften Worten zum Nhertreten einlud,
wagte sie sich ein Stckchen weiter auf der parkettierten Fubodenflche
vorwrts. Sie stand, die Hnde auf ihrem hervortretenden Leibe gefaltet,
und blickte mit ihren schmalen, schwarzen Augen auf die Pflanzen, die
Armleuchter, die Schleifen, all die weie Seide und in Thomas
Buddenbrooks Angesicht. Es wre schwer gewesen, den Ausdruck ihrer
bleichen und verwischten Wchnerinnenzge bei Namen zu nennen.
Schlielich sagte sie Ja..., schluchzte einmal -- ein einziges Mal --
ganz kurz und undeutlich auf und wandte sich zum Gehen.

Frau Permaneder liebte solche Besuche. Sie wich nicht aus dem Hause und
berwachte mit unermdlichem Eifer die Huldigungen, die man der
sterblichen Hlle ihres Bruders darzubringen sich drngte. Unter
Anwendung ihrer Kehlkopfstimme verlas sie viele Male die
Zeitungsartikel, in denen, wie zur Zeit des Geschftsjubilums, seine
Verdienste gefeiert, der unersetzliche Verlust seiner Persnlichkeit
beklagt wurde. Sie war im Wohnzimmer zugegen bei allen Kondolenzvisiten,
die Gerda im Salon entgegennahm; und die fanden kein Ende, ihre Zahl war
Legion. Sie hielt mit verschiedenen Personen Konferenzen ab in betreff
des Begrbnisses, das sich unsglich vornehm gestalten mute. Sie
arrangierte Abschiedsszenen. Sie lie das Kontorpersonal heraufkommen,
damit es seinem Chef ein letztes Lebewohl sage. Und dann muten die
Speicherarbeiter kommen. Sie schoben sich auf ihren kolossalen Fen
ber das Parkett, zogen mit ungeheurer Biederkeit ihre Mundwinkel
abwrts und verbreiteten einen Geruch von Branntwein, Kautabak und
krperlicher Arbeit. Sie sahen sich die prunkhafte Aufbahrung an, indem
sie ihre Mtzen drehten, wunderten sich zuerst und langweilten sich
dann, bis einer den Mut hatte, wieder aufzubrechen, worauf ihm
schlrfend die ganze Schar auf den Fersen folgte ... Frau Permaneder war
entzckt. Sie behauptete, mehreren seien die Trnen in die harten Brte
geronnen. Das war einfach nicht wahr. Dergleichen war nicht vorgekommen.
Aber wenn sie es doch so gesehen hatte und wenn es sie glcklich machte?

Und der Tag der Beisetzung kam heran. Der Metallsarg war luftdicht
verschlossen und mit Blumen bedeckt, die Kerzen auf den Armleuchtern
brannten, das Haus fllte sich mit Menschen, und umgeben von den
Leidtragenden, den einheimischen und auswrtigen, stand in aufrechter
Majestt Pastor Pringsheim zu Hupten des Sarges, indem er seinen
ausdrucksvollen Kopf auf der breiten Halskrause ruhen lie, wie auf
einem Teller.

Ein hochgeschulter Lohndiener, ein behendes Mittelding zwischen
Aufwrter und Festordner, hatte die uere Leitung der Feierlichkeit
bernommen. Er lief, den Zylinder in der Hand, auf leisen Sohlen die
Haupttreppe hinunter und rief mit durchdringender Flsterstimme ber die
Diele hin, die soeben von Steuerbeamten in Uniform und Korntrgern in
Blusen, Kniehosen und Zylindern berflutet wurde: Die Zimmer sind voll,
aber auf dem Korridor ist noch ein wenig Platz...

Dann verstummte alles; Pastor Pringsheim begann zu reden, und sein
kunstvolles Organ erfllte tnend und modulierend das ganze Haus.
Whrend er aber dort oben neben der Christusfigur die Hnde vorm Gesicht
rang und sie segnend spreizte, hielt drunten vorm Hause unter dem weien
Winterhimmel die vierspnnige Leichenkutsche, an die sich die brigen
Wagen in langer Folge die Strae hinab bis zum Flusse reihten. Der
Haustr gegenber aber stand, Gewehr bei Fu, in zwei Reihen
aufgestellt, eine Kompanie Soldaten, mit Leutnant von Throta an ihrer
Front, welcher, den gezogenen Degen im Arm, mit seinen glhenden Augen
zum Erker hinaufblickte ... Viele Leute reckten in den Fenstern ringsum
und auf dem Pflaster die Hlse.

Schlielich entstand Bewegung im Vestibl, des Leutnants leise
hervorgestoenes Kommandowort klang auf, die Soldaten prsentierten
klappend, Herr von Throta senkte seinen Degen, der Sarg erschien. Von
den vier Mnnern in schwarzen Mnteln und Dreispitzen getragen,
schwankte er behutsam zur Haustr heraus, und der Wind fhrte den
Blumenduft ber die Kpfe der Neugierigen hin, indes er zugleich den
schwarzen Federbusch auf dem Dache des Leichenwagens zerzauste, in den
Mhnen aller Pferde spielte, die bis zum Flusse hinunter standen, und an
den schwarzen Hutschleiern des Trauerkutschers und der Stallknechte
zerrte. Einzelne, ganz seltene Schneeflocken kamen in groen, langsamen
Bogenlinien vom Himmel herab.

Die Pferde des Leichenwagens, ganz in Schwarz gehllt, da nur die
unruhigen Augen sichtbar waren, setzten sich, von den vier schwarzen
Knechten gefhrt, langsam in Bewegung, das Militr schlo sich an, und
eine nach der anderen fuhren die brigen Kutschen vor. Christian
Buddenbrook stieg mit dem Pastor in die erste. Der kleine Johann folgte
zusammen mit einem wohlgenhrt aussehenden Verwandten aus Hamburg. Und
langsam, langsam, lang ausgedehnt, betrbt und feierlich, wand sich
Thomas Buddenbrooks Leichenzug dahin, whrend an allen Husern der Wind
mit den auf Halbmast gezogenen Fahnen klatschte ... Die Beamtenschaft
und die Korntrger schritten zu Fu.

Als drauen, ber die Wege des Friedhofes hin, der Sarg, gefolgt von der
Schar der Leidtragenden, vorbei an Kreuzen, Statuen, Kapellen und
nackten Trauerweiden, dem Buddenbrookschen Erbbegrbnis sich nherte,
stand schon die Ehrenkompanie bereit und prsentierte aufs neue. Hinter
einem Gebsch erklang in gedmpften und schweren Rhythmen ein
Trauermarsch.

Und wieder war die groe Grabplatte mit dem plastisch gearbeiteten
Familienwappen beiseitegeschafft worden, und wieder umstanden am Saume
des kahlen Gehlzes die Herren der Stadt den ausgemauerten Schlund, in
den nun Thomas Buddenbrook zu seinen Eltern hinabgelassen ward. Sie
standen da, die Herren von Verdienst und Vermgen, mit gesenkten oder
wehmtig zur Seite geneigten Kpfen, und unter ihnen waren die
Ratsherren an ihren weien Handschuhen und Krawatten erkenntlich.
Weithin aber drngten sich die Beamten, die Korntrger, die Kontoristen,
die Speicherarbeiter.

Die Musik verstummte, Pastor Pringsheim sprach. Und als seine
Segenssprche in der khlen Luft verhallten, schickte sich alles an, dem
Bruder und dem Sohne des Verblichenen noch einmal die Hand zu drcken.

Es gab ein langwieriges Defilee. Christian Buddenbrook nahm alle
Beileidsbezeugungen mit dem halb zerstreuten, halb verlegenen
Gesichtsausdruck entgegen, der ihm bei Feierlichkeiten eigen war. Der
kleine Johann stand in seiner dicken Seemannsjacke mit goldenen Knpfen
neben ihm, hielt seine blulich umschatteten Augen zu Boden gesenkt,
ohne irgend jemanden anzublicken, und neigte den Kopf mit einer
empfindlichen Grimasse schrg rckwrts gegen den Wind.




Elfter Teil


Erstes Kapitel

Man erinnert sich dieser oder jener Person, man denkt nach, wie es ihr
gehen mag, und pltzlich fllt einem ein, da sie nicht mehr auf den
Trottoirs umherspaziert, da ihre Stimme nicht mehr in dem allgemeinen
Stimmenkonzert mitklingt, sondern da sie einfach auf immer vom
Schauplatz verschwunden ist und irgendwo drauen vorm Tore unter der
Erde liegt.

Die Konsulin Buddenbrook, geborene Stwing, die Witwe Onkel Gottholds,
war tot. Auch ihr, die ehemals die Ursache so heftigen Zwists in der
Familie gewesen war, hatte der Tod seine shnende und verklrende Krone
aufgesetzt, und ihre drei Tchter, Friederike, Henriette und Pfiffi,
fhlten nun das Recht, den Kondolationen ihrer Verwandten eine
beleidigte Miene entgegenzusetzen, als wollten sie sagen: Da seht, eure
Verfolgungen haben sie in die Grube gebracht! ... Obgleich die Konsulin
steinalt geworden war...

Auch Madame Kethelsen hatte den Frieden. Nachdem sie sich whrend der
letzten Jahre mit der Gicht hatte plagen mssen, war sie sanft,
einfltig und kinderglubig dahingegangen, beneidet von ihrer gelehrten
Schwester, die immer noch hie und da gegen kleine rationalistische
Anfechtungen zu kmpfen hatte und, obgleich sie bestndig buckliger und
winziger wurde, durch eine zhere Konstitution an diese schlechte Erde
gebannt war.

Konsul Peter Dhlmann war abgerufen worden. Er hatte sein ganzes
Vermgen verfrhstckt, war schlielich dem Hunyadi-Janos erlegen und
hinterlie seiner Tochter eine Rente von zweihundert Mark jhrlich,
indem er es der ffentlichen Piett gegen den Namen Dhlmann anheimgab,
sie durch Aufnahme in das Johanniskloster zu versorgen.

Justus Krger war ebenfalls abgeschieden, und das war schlimm; denn nun
hinderte niemand mehr seine schwache Gattin, das letzte Silberzeug zu
verkaufen, um dem entarteten Jakob Geld schicken zu knnen, der irgendwo
drauen in der Welt sein Lotterleben fhrte...

Was Christian Buddenbrook betrifft, so htte man ihn vergebens in der
Stadt gesucht; er weilte nicht mehr in ihren Mauern. Ein knappes Jahr
nach dem Tode seines Bruders, des Senators, war er nach Hamburg
bergesiedelt, woselbst er sich mit einer Dame, der er lngst schon
nahegestanden, mit Frulein Aline Puvogel, vor Gott und den Menschen
vermhlt hatte. Niemand hatte ihm wehren knnen. Sein mtterliches Erbe
zwar, dessen Zinsen brigens schon immer zur Hlfte nach Hamburg
gewandert waren, wurde, soweit es noch nicht im voraus verbraucht war,
von Herrn Stephan Kistenmaker verwaltet, der dazu durch seines toten
Freundes Testament bestellt worden war; aber Christian war im brigen
Herr seines Willens ... Sobald seine Verehelichung ruchbar wurde,
richtete Frau Permaneder an Frau Aline Buddenbrook zu Hamburg einen
langen und auerordentlich feindseligen Brief, der mit der Anrede
Madame! begann und in sorgfltig vergifteten Worten die Erklrung
enthielt, da Frau Permaneder weder die Adressatin noch ihre Kinder
jemals als Verwandte anzuerkennen gesonnen sei.

Herr Kistenmaker war Testamentsvollstrecker, Verwalter des
Buddenbrookschen Vermgens und Vormund des kleinen Johann, und er hielt
diese mter in Ehren. Sie verschafften ihm eine hchst wichtige
Ttigkeit, sie berechtigten ihn, an der Brse mit allen Anzeichen der
berarbeitung sein Haupthaar zu streichen und zu versichern, da er sich
aufreibe ... nicht zu vergessen, da er fr seine Mhewaltung mit groer
Pnktlichkeit zwei Prozent der Revenen bezog. Im brigen aber hatte er
nicht viel Glck bei den Geschften und zog sich sehr bald die
Unzufriedenheit Gerda Buddenbrooks zu.

Die Dinge lagen so, da liquidiert werden, da die Firma verschwinden
sollte, und zwar binnen eines Jahres; dies war des Senators letztwillige
Bestimmung. Frau Permaneder zeigte sich heftig bewegt hierber. Und
Johann, und der kleine Johann, und Hanno?! fragte sie ... Die Tatsache,
da ihr Bruder ber seinen Sohn und einzigen Erben hinweggegangen war,
da er fr ihn nicht hatte die Firma am Leben erhalten wollen,
enttuschte und schmerzte sie sehr. Manche Stunde weinte sie darber,
da man sich des ehrwrdigen Firmenschildes, dieses durch vier
Generationen berlieferten Kleinods, entuern, da man seine Geschichte
abschlieen sollte, whrend doch ein natrlicher Erbfolger vorhanden
war. Aber dann trstete sie sich damit, da das Ende der Firma ja nicht
geradezu dasjenige der Familie sei, und da ihr Neffe eben ein junges
und neues Werk werde beginnen mssen, um seinem hohen Berufe
nachzukommen, der ja darin bestand, dem Namen seiner Vter Glanz und
Klang zu erhalten und die Familie zu neuer Blte zu bringen. Nicht
umsonst besa er soviel hnlichkeit mit seinem Urgrovater...

Die Abwicklung der Geschfte also begann unter der Leitung Herrn
Kistenmakers und des alten Herrn Marcus und sie nahm einen
auerordentlich klglichen Verlauf. Die gegebene Frist war kurz, sie
sollte mit buchstblicher Genauigkeit innegehalten werden, die Zeit
drngte. Die schwebenden Angelegenheiten wurden in bereilter und
ungnstiger Weise erledigt. Ein berstrzter und unvorteilhafter Verkauf
folgte dem anderen. Das Lager, die Speicher wurden mit groem Schaden zu
Gelde gemacht. Und was Herrn Kistenmakers bereifer nicht verdarb, das
vollbrachte die Saumseligkeit des alten Herrn Marcus, von dem man sich
in der Stadt erzhlte, da er zur Winterszeit, bevor er ausgehe, nicht
nur seinen Paletot und Hut, sondern auch seinen Spazierstock sorgfltig
am Ofen wrme, und der, bot sich einmal eine gnstige Konjunktur,
sicherlich die Gelegenheit vorbergehen lie ... Kurzum, die Verluste
huften sich. Thomas Buddenbrook hatte auf dem Papiere ein Vermgen von
sechsmalhundertundfnfzigtausend Mark hinterlassen; ein Jahr nach der
Testamentserffnung stellte sich heraus, da mit dieser Summe im
entferntesten nicht zu rechnen war...

Unbestimmte und bertriebene Gerchte ber die ungnstige Liquidation
gingen um, und sie wurden genhrt durch die Nachricht, da Gerda
Buddenbrook das groe Haus zu verkaufen gedenke. Man erzhlte sich
Wunderdinge ber das, was sie dazu ntigte, ber das bedenkliche
Zusammenschmelzen des Buddenbrookschen Vermgens, und so konnte es
geschehen, da allgemach in der Stadt eine Stimmung Platz zu greifen
begann, die die verwitwete Senatorin anfangs mit Erstaunen und
Befremdung, dann mit wachsendem Unwillen in ihrem Haushalt empfinden
mute ... Als sie eines Tages ihrer Schwgerin berichtete, da mehrere
Handwerker und Lieferanten in unanstndiger Weise auf die Berichtigung
grerer Rechnungen gedrungen hatten, blieb Frau Permaneder lange Zeit
erstarrt und brach dann in ein frchterliches Gelchter aus ... Gerda
Buddenbrook war so indigniert, da sie sogar etwas wie einen halben
Entschlu laut werden lie, mit dem kleinen Johann die Stadt zu
verlassen, zu ihrem alten Vater nach Amsterdam zu ziehen und wieder Duos
mit ihm zu geigen. Aber dies rief einen solchen Sturm des Entsetzens von
seiten Frau Permaneders hervor, da sie den Plan frs erste fahren
lassen mute.

Wie zu erwarten stand, erstreckten sich Frau Permaneders Proteste auch
auf den Verkauf des von ihrem Bruder erbauten Hauses. Sie jammerte laut
ber den blen Eindruck, den dies hervorrufen knne, und klagte, da es
fr den Namen der Familie eine neue Einbue an Prestige bedeuten werde.
Aber sie mute doch einrumen, da es unpraktisch gewesen wre, das
weitlufige und prchtige Haus, das Thomas Buddenbrooks kostspielige
Liebhaberei gewesen war, fernerhin zu bewohnen und instand zu halten,
und da Gerdas Wunsch nach einer bequemen kleinen Villa, vorm Tore, im
Grnen, seine Berechtigung hatte...

Herrn Gosch, dem Makler Sigismund Gosch, dmmerte ein erhabener Tag. Ein
Erlebnis verklrte sein Greisenalter, das seinen Gliedern sogar fr
mehrere Stunden das Zittern nahm. Es geschah, da er sich in Gerda
Buddenbrooks Salon erblicken durfte, ihr gegenber in einem Fauteuil,
Aug' in Auge mit ihr ber den Preis ihres Hauses verhandelnd. Das
schlohweie Haar von allen Seiten ins Gesicht gestrichen, starrte er ihr
mit grlich vorgeschobenem Kinn von unten herauf ins Angesicht und
erreichte es, vollkommen bucklig auszusehen. Seine Stimme zischte, aber
er sprach kalt und geschftlich, und nichts verriet die Erschtterung
seiner Seele. Er machte sich anheischig, das Haus zu bernehmen, streckte
die Hand aus und bot mit tckischem Lcheln fnfundachtzigtausend
Mark. Das war annehmbar, denn ein Verlust war bei diesem Verkaufe
unvermeidlich. Allein Herrn Kistenmakers Meinung mute gehrt werden,
Gerda Buddenbrook mute Herrn Gosch entlassen, ohne mit ihm abgeschlossen
zu haben, und es zeigte sich, da Herr Kistenmaker nicht gesonnen war,
irgendwelche Eingriffe in seine Ttigkeit zu gestatten. Er miachtete
das Angebot des Herrn Gosch, er lachte darber und schwor, da man weit
mehr bekommen werde. Und er beschwor dies so lange, bis er sich, um
berhaupt einmal ein Ende zu machen, gentigt sah, das Haus fr
fnfundsiebenzigtausend Mark an einen alternden Junggesellen abzugeben,
der, von weiten Reisen zurckkehrend, sich in der Stadt niederzulassen
gedachte...

Herr Kistenmaker besorgte auch den Ankauf des neuen Hauses, einer
angenehmen kleinen Villa, die vielleicht ein wenig zu teuer erstanden
wurde, die aber, vorm Burgtore an einer alten Kastanienallee gelegen und
von einem hbschen Zier- und Nutzgarten umgeben, den Wnschen Gerda
Buddenbrooks entsprach ... Dorthin zog die Senatorin, im Herbst des
Jahres sechsundsiebenzig, mit ihrem Sohne, ihren Dienstboten und einem
Teile ihres Hausrates, whrend ein anderer Teil davon unter dem
Wehklagen Frau Permaneders zurckgelassen werden und in den Besitz des
alternden Junggesellen bergehen mute.

Nicht genug der Vernderungen! Mamsell Jungmann, Ida Jungmann, seit
vierzig Jahren im Buddenbrookschen Hause, trat aus den Diensten der
Familie und kehrte in ihre westpreuische Heimat zurck, um bei
Verwandten den Feierabend ihres Lebens zu verbringen. Die Wahrheit zu
sagen, so wurde sie von der Senatorin entlassen. Die gute Seele hatte,
als die vorige Generation ihr entwachsen war, alsbald den kleinen Johann
vorgefunden, den sie hegen und pflegen, dem sie Grimmsche Mrchen
vorlesen und die Geschichte des Onkels erzhlen konnte, welcher am
Schluckauf gestorben war. Nun aber war der kleine Johann eigentlich gar
nicht mehr klein, er war ein fnfzehnjhriger Junge, dem sie trotz
seiner Zartheit nicht mehr betrchtlich ntzen konnte ... und zu seiner
Mutter stand sie, lange schon, in einem ziemlich unangenehmen
Verhltnis. Sie hatte diese Frau, die weit spter in die Familie
eingetreten war als sie, eigentlich niemals recht als zugehrig und
vollwertig angesehen und begann andererseits in vorgerckten Jahren mit
dem Dnkel einer alten Dienerin sich selbst bertriebene Befugnisse
anzumaen. Sie erregte Ansto, indem sie ihre Person als allzu wichtig
betrachtete, indem sie sich im Haushalte dieses oder jenes bergriffes
schuldig machte ... Die Lage ward unhaltbar, erregte Auftritte fanden
statt, und obgleich Frau Permaneder mit der nmlichen Beredsamkeit fr
sie bat, mit der sie fr die groen Wohnhuser und die Mbel gebeten
hatte, erhielt die alte Ida den Abschied.

Sie weinte bitterlich, als die Stunde herankam, da sie dem kleinen
Johann Lebewohl zu sagen hatte. Er umarmte sie, legte dann die Hnde auf
den Rcken, sttzte sich auf sein eines Bein, indem er den anderen
Fu auf die Zehenspitzen stellte, und sah zu, wie sie davonging, mit
demselben grblerischen und nach innen gekehrten Blick, den seine
goldbraunen, blulich umschatteten Augen an der Leiche seiner
Gromutter, beim Tode seines Vaters, bei der Auflsung der groen
Haushalte und so manchem weniger uerlichen Erlebnis hnlicher Art
angenommen hatten ... Der alten Ida Verabschiedung schlo sich in seiner
Anschauung folgerichtig den anderen Vorgngen des Abbrckelns, des
Endens, des Abschlieens, der Zersetzung an, denen er beigewohnt hatte.
Dergleichen befremdete ihn nicht mehr; es hatte ihn seltsamerweise
niemals befremdet. Manchmal, wenn er seinen Kopf mit dem gelockten
hellbraunen Haar und den immer ein wenig verzerrten Lippen erhob und die
feinen Flgel seiner Nase sich empfindlich ffneten, war es, als
schnuppere er behutsam in die Atmosphre und Lebensluft, die ihn umgab,
gewrtig, den Duft, den seltsam vertrauten Duft zu verspren, den an der
Bahre seiner Gromutter alle Blumengerche nicht zu bertuben vermocht
hatten...

Immer, wenn Frau Permaneder bei ihrer Schwgerin vorsprach, zog sie
ihren Neffen an sich, um ihm von der Vergangenheit und jener Zukunft zu
erzhlen, welche Buddenbrooks, nchst der Gnade Gottes, ihm, dem kleinen
Johann, zu verdanken haben sollten. Je unerquicklicher die Gegenwart
sich darstellte, desto weniger konnte sie sich genug tun in
Schilderungen, wie vornehm das Leben in den Husern ihrer Eltern und
Groeltern gewesen und wie Hannos Urgrovater vierspnnig ber Land
gefahren sei ... Eines Tages erlitt sie einen heftigen Anfall von
Magenkrampf, infolge davon, da Friederike, Henriette und Pfiffi
Buddenbrook einstimmig behauptet hatten, Hagenstrms seien die Creme der
Gesellschaft...

ber Christian lagen betrbende Nachrichten vor. Die Ehe schien sein
Befinden nicht gnstig beeinflut zu haben. Unheimliche Wahnideen und
Zwangsvorstellungen hatten sich bei ihm in verstrktem Mae wiederholt,
und auf Veranlassung seiner Gattin und eines Arztes hatte er sich
nunmehr in eine Anstalt begeben. Er war nicht gern dort, schrieb
lamentierende Briefe an die Seinen und gab dem heftigen Wunsche
Ausdruck, aus dieser Anstalt, in der man ihn sehr streng zu behandeln
schien, wieder befreit zu werden. Aber man hielt ihn fest, und das war
wohl das beste fr ihn. Jedenfalls setzte es seine Gemahlin in den
Stand, unbeschadet der praktischen und ideellen Vorteile, die sie der
Heirat verdankte, ihr frheres unabhngiges Leben ohne Rcksicht und
Behinderung fortzufhren.


Zweites Kapitel

Das Werk der Weckuhr schnappte ein und rasselte pflichttreu und grausam.
Es war ein heiseres und geborstenes Gerusch, ein Klappern mehr als ein
Klingeln, denn sie war altgedient und abgenutzt; aber es dauerte lange,
hoffnungslos lange, denn sie war grndlich aufgezogen.

Hanno Buddenbrook erschrak zuinnerst. Wie jeden Morgen zogen sich bei
dem jhen Einsetzen dieses zugleich boshaften und treuherzigen Lrmes,
auf dem Nachttische, dicht neben seinem Ohre, vor Grimm, Klage und
Verzweiflung seine Eingeweide zusammen. uerlich aber blieb er ganz
ruhig, vernderte seine Lage im Bette nicht und ri nur rasch, aus
irgendeinem verwischten Morgentraume gejagt, die Augen auf.

Es war vollkommen finster in der winterkalten Stube; er unterschied
keinen Gegenstand und konnte die Zeiger der Uhr nicht sehen. Aber er
wute, da es sechs Uhr war, denn er hatte gestern abend den Wecker auf
diese Stunde gestellt ... Gestern ... gestern ... Whrend er mit
angespannten Nerven, um den Entschlu kmpfend, Licht zu machen und das
Bett zu verlassen, regungslos auf dem Rcken lag, kehrte ihm nach und
nach alles ins Bewutsein zurck, was ihn gestern erfllt hatte...

Es war Sonntag gewesen, und nachdem er sich mehrere Tage hintereinander
von Herrn Brecht hatte maltrtieren lassen mssen, hatte er zur
Belohnung seine Mutter ins Stadttheater begleiten drfen, um den
Lohengrin zu hren. Die Freude auf diesen Abend hatte seit einer Woche
schon sein Leben ausgemacht. Beklagenswert war nur, da stets vor
solcherlei Festen soviel des Widerwrtigen lagerte und bis zum letzten
Augenblick die freie und freudige Aussicht darauf verdarb. Aber endlich
war doch am Sonnabend die Schulzeit berstanden gewesen, und die
Tretmaschine hatte zum letzten Male in seinem Munde mit schmerzhaftem
Summen gebohrt ... Nun war alles beiseite geschafft und berwunden
gewesen, denn die Schulaufgaben hatte er kurz entschlossen jenseits des
Sonntagabends geschoben. Was hatte der Montag bedeutet? War es
wahrscheinlich gewesen, da er jemals anbrechen wrde? Man glaubt an
keinen Montag, wenn man am Sonntag abend den Lohengrin hren soll ...
Er hatte am Montag frhzeitig aufstehen wollen und diese albernen Sachen
erledigen -- damit genug! Nun war er frei umhergegangen, hatte die
Freude seines Herzens gepflegt, am Flgel getrumt und alle Widrigkeiten
vergessen.

Und dann war das Glck zur Wirklichkeit geworden. Es war ber ihn
gekommen mit seinen Weihen und Entzckungen, seinem heimlichen
Erschauern und Erbeben, seinem pltzlichen innerlichen Schluchzen,
seinem ganzen berschwnglichen und unersttlichen Rausche ... Freilich,
die billigen Geigen des Orchesters hatten beim Vorspiel ein wenig
versagt, und ein dicker, eingebildeter Mensch mit brotblondem Vollbarte
war im Nachen ein wenig ruckweise herangeschwommen. Auch war in der
Nachbarloge sein Vormund Herr Stephan Kistenmaker zugegen gewesen und
hatte gemurrt, da man den Jungen auf solche Weise zerstreue und von
seinen Pflichten ablenke. Aber darber hatte ihn die se und verklrte
Herrlichkeit, auf die er lauschte, hinweggehoben...

Und endlich war doch das Ende gekommen. Das singende, schimmernde Glck
war verstummt und erloschen, mit fiebrigem Kopfe hatte er sich daheim in
seinem Zimmer wiedergefunden und war gewahr worden, da nur ein paar
Stunden des Schlafes dort in seinem Bett ihn von grauem Alltag trennten.
Da hatte ihn ein Anfall jener gnzlichen Verzagtheit berwltigt, die er
so wohl kannte. Er hatte wieder empfunden, wie wehe die Schnheit tut,
wie tief sie in Scham und sehnschtige Verzweiflung strzt und doch auch
den Mut und die Tauglichkeit zum gemeinen Leben verzehrt. So
frchterlich hoffnungslos und bergeschwer hatte es ihn niedergedrckt,
da er sich wieder einmal gesagt hatte, es msse mehr sein als seine
persnlichen Kmmernisse, was auf ihm laste, eine Brde, die von
Anbeginn seine Seele beschwert habe und sie irgendwann einmal ersticken
msse...

Dann hatte er den Wecker gerichtet und geschlafen, so tief und tot, wie
man schlft, wenn man niemals wieder erwachen mchte. Und nun war der
Montag da, und es war sechs Uhr, und er hatte fr keine Stunde
gearbeitet!

Er richtete sich auf und entzndete die Kerze auf dem Nachttische. Da
aber in der eiskalten Luft seine Arme und Schultern sofort heftig zu
frieren begannen, lie er sich rasch wieder zurcksinken und zog die
Decke ber sich.

Die Zeiger wiesen auf zehn Minuten nach sechs Uhr ... Ach, es war
sinnlos, nun aufzustehen und zu arbeiten, es war zuviel, es gab beinahe
fr jede Stunde etwas zu lernen, es lohnte nicht, damit anzufangen, und
der Zeitpunkt, den er sich festgesetzt, war sowieso berschritten ...
War es denn so sicher, wie es ihm gestern erschienen war, da er heute
sowohl im Lateinischen wie in der Chemie an die Reihe kommen wrde? Es
war anzunehmen, ja, nach menschlicher Voraussicht war es wahrscheinlich.
Was den Ovid betraf, so waren neulich die Namen ausgerufen worden, die
mit den letzten Buchstaben des Alphabetes begannen, und mutmalich wrde
es heute mit A und B von vorn anfangen. Aber es war doch nicht unbedingt
sicher, nicht ganz und gar zweifellos! Es kamen doch Abweichungen von
der Regel vor! Was bewirkte nicht manchmal der Zufall, du lieber
Gott!... Und whrend er sich mit diesen trgerischen und gewaltsamen
Erwgungen beschftigte, verschwammen seine Gedanken ineinander, und er
entschlief aufs neue.

Das kleine Schlerzimmer, kalt und kahl, mit seiner Sixtinischen Madonna
als Kupferstich ber dem Bette, seinem Ausziehtisch in der Mitte, seinem
unordentlich vollgepfropften Bcherbord, einem steifbeinigen
Mahagonipult, dem Harmonium und dem schmalen Waschtisch, lag stumm in
dem wankenden Schein der Kerze. Eisblumen blhten am Fenster, dessen
Rouleau nicht hinabgelassen war, damit das Tageslicht frher
hereindringe. Und Hanno Buddenbrook schlief, die Wange in das Kissen
geschmiegt. Er schlief mit getrennten Lippen und tief und fest gesenkten
Wimpern, mit dem Ausdruck einer inbrnstigen und schmerzlichen Hingabe
an den Schlaf, und sein weiches, hellbraunes Haar bedeckte gelockt seine
Schlfen. Und langsam verlor das Flmmchen auf dem Nachttische seinen
rotgelben Schein, da durch die Eiskruste der Fensterscheibe der matte
Morgen starr und fahl ins Zimmer blickte.

Als es sieben Uhr war, erwachte er wieder mit Schrecken. Nun war auch
diese Frist abgelaufen. Aufstehen und den Tag auf sich nehmen -- es gab
nichts, um das abzuwenden. Eine kurze Stunde nur noch bis zum
Schulanfang ... Die Zeit drngte, von den Arbeiten nun ganz zu
schweigen. Trotzdem blieb er noch liegen, voll von Erbitterung, Trauer
und Anklage dieses brutalen Zwanges wegen, in frostigem Halbdunkel das
warme Bett zu verlassen und sich hinaus unter strenge und belwollende
Menschen in Not und Gefahr zu begeben. Ach, noch zwei armselige Minuten,
nicht wahr? fragte er sein Kopfkissen mit berquellender Zrtlichkeit.
Und dann, in einem Anfall von Trotz, schenkte er sich fnf volle
Minuten, um noch ein wenig die Augen zu schlieen, von Zeit zu Zeit das
eine zu ffnen und verzweiflungsvoll auf den Zeiger zu starren, der
stumpfsinnig, unwissend und korrekt seines Weges vorwrts ging...

Zehn Minuten nach sieben Uhr ri er sich los und fing an, sich in
hchster Hast im Zimmer hin und her zu bewegen. Die Kerze brannte fort,
denn das Tageslicht allein gengte noch nicht. Als er eine Eisblume
zerhauchte, sah er, da drauen dichter Nebel herrschte.

Ihn fror ber alle Maen. Der Frost schttelte manchmal mit
schmerzhaftem Schauder seinen ganzen Krper. Seine Fingerspitzen
brannten und waren so geschwollen, da mit der Nagelbrste nichts
anzufangen war. Als er sich den Oberkrper wusch, lie seine beinah
erstorbene Hand den Schwamm zu Boden fallen, und er stand einen
Augenblick starr und hilflos da, qualmend wie ein schwitzendes Pferd.

Und endlich, mit gehetztem Atem und trben Augen, stand er dennoch
fertig am Ausziehtische, ergriff die Ledermappe und raffte die
Geisteskrfte zusammen, welche die Verzweiflung ihm brig lie, um fr
die Stunden von heute die ntigen Bcher hineinzupacken. Er stand, sah
angestrengt in die Luft, murmelte angstvoll: Religion ... Lateinisch
... Chemie... und stopfte die defekten und mit Tinte befleckten
Pappbnde zueinander...

Ja, er war nun schon ziemlich lang, der kleine Johann. Er war mehr als
fnfzehnjhrig und trug kein Kopenhagener Matrosenhabit mehr, sondern
einen hellbraunen Jackettanzug mit blauer, weigesprenkelter Krawatte.
Auf seiner Weste war die lange und dnne goldene Uhrkette zu sehen, die
von seinem Urgrovater auf ihn gekommen war, und an dem vierten Finger
seiner ein wenig zu breiten, aber zartgegliederten Rechten stak der alte
Erbsiegelring mit grnem Stein, der nun ebenfalls ihm gehrte ... Er zog
die dicke, wollige Winterjacke an, setzte den Hut auf, ri die Mappe an
sich, lschte die Kerze und strzte die Treppe hinunter ins Erdgescho,
an dem ausgestopften Bren vorbei, zur Rechten ins Speisezimmer.

Frulein Clementine, die neue Jungfer seiner Mutter, ein mageres Mdchen
mit Stirnlocken, spitzer Nase und kurzsichtigen Augen, war bereits zur
Stelle und machte sich am Frhstckstische zu schaffen.

Wie spt ist es eigentlich? fragte er zwischen den Zhnen, obgleich er
es sehr genau wute.

Viertel vor acht, antwortete sie und wies mit ihrer dnnen, roten
Hand, die aussah wie gichtisch, auf die Wanduhr. Sie mssen wohl
zusehen, da Sie fortkommen, Hanno... Damit setzte sie die dampfende
Tasse an seinen Platz und schob ihm Brotkorb und Butter, Salz und
Eierbecher zu.

Er sagte nichts mehr, griff nach einer Semmel und begann im Stehen, den
Hut auf dem Kopfe und die Mappe unterm Arm, den Kakao zu schlucken. Das
heie Getrnk tat entsetzlich weh an einem Backenzahn, den gerade Herr
Brecht in Behandlung gehabt hatte ... Er lie die Hlfte stehen,
verschmhte auch das Ei, lie mit verzerrtem Munde einen leisen Laut
vernehmen, den man als Adieu deuten mochte, und lief aus dem Hause.

Es war zehn Minuten vor acht Uhr, als er den Vorgarten passierte, die
kleine rote Villa zurcklie und nach rechts die winterliche Allee
entlang zu hasten begann ... Zehn, neun, acht Minuten nur noch. Und der
Weg war weit. Und man konnte vor Nebel kaum sehen, wie weit man gekommen
war! Er zog ihn ein und stie ihn wieder aus, diesen dicken, eiskalten
Nebel, mit der ganzen Kraft seiner schmalen Brust, stemmte die Zunge
gegen den Zahn, der vom Kakao noch brannte, und tat den Muskeln seiner
Beine eine unsinnige Gewalt an. Er war in Schwei gebadet und fhlte
sich dennoch erfroren in jedem Gliede. In seinen Seiten fing es an zu
stechen. Das bichen Frhstck revoltierte in seinem Magen bei diesem
Morgenspaziergang, ihm ward bel, und sein Herz war nur noch ein
bebendes und haltlos flatterndes Ding, das ihm den Atem nahm.

Das Burgtor, das Burgtor erst, und dabei war es vier Minuten vor acht!
Whrend er sich in kalter Transpiration, in Schmerz, belkeit und Not
durch die Straen kmpfte, sphte er nach allen Seiten, ob nicht
vielleicht noch andre Schler zu sehen seien ... Nein, nein, es kam
niemand mehr. Alle waren an Ort und Stelle, und da begann es auch schon
acht Uhr zu schlagen! Die Glocken klangen durch den Nebel von allen
Trmen, und diejenigen von Sankt Marien spielten zur Feier des
Augenblicks sogar Nun danket alle Gott ... Sie spielten es
grundfalsch, wie Hanno rasend vor Verzweiflung konstatierte, sie hatten
keine Ahnung von Rhythmus und waren hchst mangelhaft gestimmt ... Aber
das war nun das wenigste, das wenigste! Ja, er kam zu spt, es war wohl
keine Frage mehr. Die Schuluhr war ein wenig im Rckstande, aber er kam
dennoch zu spt, es war sicher. Er starrte den Leuten ins Gesicht, die
an ihm vorbergingen. Sie begaben sich in ihre Kontore und an ihre
Geschfte, sie eilten gar nicht sehr, und nichts drohte ihnen. Manche
erwiderten seinen neidischen und klagenden Blick, musterten seine
aufgelste Erscheinung und lchelten. Er war auer sich ber dieses
Lcheln. Was dachten sie sich und wie beurteilten diese Ungengstigten
die Sachlage? Es beruht auf Roheit, htte er ihnen zuschreien mgen, Ihr
Lcheln, meine Herrschaften! Sie knnten bedenken, da es innig
wnschenswert wre, vor dem geschlossenen Hoftore tot umzufallen...

Das anhaltend gellende Klingeln, das Zeichen zum Beginne der
Montagsandacht, schlug an sein Ohr, als er noch zwanzig Schritte von der
langen, roten, von zwei gueisernen Pforten unterbrochenen Mauer
entfernt war, die den vorderen Schulhof von der Strae trennte. Ohne
ber irgendwelche Krfte zum Ausschreiten und Laufen mehr zu verfgen,
lie er seinen Oberkrper einfach nach vorne fallen, wobei die Beine
wohl oder bel das Hinstrzen verhindern muten, indem sie sich
stolpernd und schlotternd ebenfalls vorwrts bewegten, und gelangte so
vor die erste Pforte, als das Klingeln schon verstummt war.

Herr Schlemiel, der Kustos, ein untersetzter Mann mit rauhbrtigem
Arbeitergesicht, war eben im Begriff, sie zu verschlieen. Na...
sagte er und lie den Schler Buddenbrook hindurchschlpfen ...
Vielleicht, vielleicht war er gerettet. Es galt, sich ungesehen ins
Klassenzimmer zu stehlen, dort heimlich das Ende der Andacht abzuwarten,
die in der Turnhalle abgehalten wurde, und zu tun, als ob alles in
Ordnung sei. Und mit Keuchen nach Luft ringend, aufgerieben und in
kaltem Schweie erstarrt, schleppte er sich ber den mit roten Klinkern
gepflasterten Hof und durch eine der hbschen, mit bunten Glasscheiben
versehenen Klapptren ins Innere...

Es war alles neu, reinlich und schn hier in der Anstalt. Der Zeit war
ihr Recht geworden, und die grauen und altersmorschen Teile der
ehemaligen Klosterschule, in denen noch die Vter der jetzigen
Generation der Wissenschaft gepflogen hatten, waren der Erde
gleichgemacht, um neue, luftige, prchtige Baulichkeiten an ihrer Stelle
erstehen zu lassen. Der Stil des Ganzen war gewahrt worden, und ber
Korridoren und Kreuzgngen spannten sich feierlich die gotischen
Gewlbe. Was aber die Beleuchtung und Heizung, was die Gerumigkeit und
Helligkeit der Klassen, die Behaglichkeit der Lehrerzimmer, die
praktische Einrichtung der Sle fr Chemie-, Physik- und
Zeichenunterricht betraf, so herrschte der vollste Komfort der
Neuzeit...

Der erschpfte Hanno Buddenbrook drckte sich an der Wand entlang und
blickte um sich ... Nein, gepriesen sei Gott, es sah ihn niemand. Von
fernen Korridoren hallte das Gewhl der Schler- und Lehrermasse zu ihm
her, die sich zur Turnhalle wlzte, um dort fr die Arbeit der Woche
eine kleine religise Strkung zu sich zu nehmen. Hier vorn lag alles
tot und still, und auch der Weg ber die breite, mit Linoleum gedeckte
Treppe war frei. Behutsam, auf den Zehenspitzen, verhaltenen Atems und
angespannt lauschend, schlich er hinauf. Sein Klassenzimmer, die
Realuntersekunda, war im ersten Stockwerk, der Treppe gegenber gelegen;
die Tr stand offen. Auf der obersten Stufe sphte er, vorgebeugt, den
langen Wandelgang entlang, an dessen beiden Seiten sich die mit
Porzellanschildern versehenen Eingnge zu den verschiedenen Klassen
reihten, tat drei rasche, geruschlose Schritte vorwrts und befand sich
im Zimmer.

Es war leer. Die drei breiten Fenster waren noch verhangen, und die
brennenden Gaslampen, die von der Decke niederhingen, kochten leise in
der Stille. Grne Schirme breiteten das Licht ber die drei Kolonnen
zweisitziger Pultbnke aus hellem Holze hin, denen dunkel, lehrhaft und
reserviert, mit einer Wandtafel zu seinen Hupten, das Katheder
gegenber stand. Eine gelbe Holztfelung bekleidete den unteren Teil der
Wnde, und darber waren die nackten Kalkflchen mit ein paar Landkarten
geschmckt. Eine zweite Tafel lehnte auf einer Staffelei zur Seite des
Katheders.

Hanno ging zu seinem Platz, der sich ungefhr inmitten des Zimmers
befand, schob die Mappe ins Fach, sank auf den harten Sitz, legte die
Arme auf die schrge Platte und bettete seinen Kopf darauf. Ein
unsgliches Wohlgefhl durchrieselte ihn. Diese kahle und harte Stube
war hlich und hassenswert, und auf seinem Herzen lastete der ganze
drohende Vormittag mit tausend Gefahren. Aber er war doch frs erste in
Sicherheit, war krperlich geborgen und konnte die Dinge an sich
herankommen lassen. Auch war die erste, die Religionsstunde bei Herrn
Ballerstedt ziemlich harmloser Natur ... An dem Vibrieren des
Papierzngleins dort oben vor der kreisrunden ffnung in der Wand sah
man, wie die warme Luft hereinstrmte, und auch die Gasflammen heizten
den Raum. Ach, man konnte sich strecken und die starr-feuchten Glieder
langsam sich lsen und auftauen lassen. Eine wohlige und ungesunde Hitze
stieg in seinen Kopf hinauf, summte in seinen Ohren und verschleierte
seine Augen...

Pltzlich vernahm er hinter sich ein Gerusch, das ihn zusammenzucken
und sich jh herumwenden lie ... Und siehe da, hinter der hintersten
Bank kam der Oberkrper Kais, des Grafen Mlln, zum Vorschein. Er kroch
hervor, der junge Herr, er arbeitete sich heraus, stellte sich auf die
Fe, schlug leicht und schnell die Hnde gegeneinander, um den Staub
davon abzustreifen, und schritt strahlenden Angesichts auf Hanno
Buddenbrook zu.

Ach, du bist es, Hanno! sagte er. Und ich zog mich =dort=hin zurck,
weil ich dich fr ein Stck Lehrkrper hielt, als du kamst!

Seine Stimme brach sich beim Sprechen, merklich im Wechseln begriffen,
was bei seinem Freunde noch nicht der Fall war. Er war in gleichem Mae
gewachsen wie dieser, aber sonst war er ganz und gar derselbe geblieben.
Immer noch trug er einen Anzug von unbestimmter Farbe, an dem hie und da
ein Knopf fehlte, und dessen Ges von einem groen Flicken gebildet
ward. Immer noch waren seine Hnde nicht ganz reinlich, aber schmal und
auerordentlich edel gebildet, mit langen, schlanken Fingern und spitz
zulaufenden Ngeln. Und immer noch fiel sein flchtig in der Mitte
gescheiteltes, rtlich gelbes Haar in eine alabasterweie und makellose
Stirn, unter welcher, tief und scharf zugleich, die hellblauen Augen
blitzten ... Der Gegensatz zwischen seiner arg vernachlssigten Toilette
und der Rassereinheit dieses zartknochigen Gesichts mit der ganz leicht
gebogenen Nase und der ein wenig geschrzten Oberlippe sprang jetzt noch
mehr in die Augen als ehemals.

Nein, Kai, sagte Hanno mit verzogenem Munde und indem er eine Hand in
der Gegend des Herzens umherbewegte, wie kannst du mich dermaen
erschrecken! Warum bist du hier oben? Warum hast du dich versteckt? Bist
du auch zu spt gekommen?

Bewahre, antwortete Kai. Ich bin schon lange hier ... Am Montagmorgen
kann man es ja nicht erwarten, endlich wieder in die Anstalt zu
gelangen, wie du selbst am besten weit, mein Lieber ... Nein, ich bin
nur zum Spa hier oben geblieben. Der tiefe Oberlehrer hatte die
Aufsicht und achtete es nicht fr Raub, das Volk zur Andacht
hinunterzutreiben. Da machte ich es so, da ich mich immer dicht hinter
seinem Rcken hielt ... Wie er sich auch drehte und um sich lugte, der
Mystiker, ich war immer dicht hinter seinem Rcken, bis er wegging, und
so konnte ich oben bleiben ... Aber du, sagte er mitleidig und setzte
sich mit einer zrtlichen Bewegung neben Hanno auf die Bank ... Du hast
rennen mssen, wie? Armer! Du siehst ganz verhetzt aus. Das Haar klebt
dir ja an den Schlfen... Und er nahm ein Lineal vom Tische und
lockerte damit, ernst und sorgsam, das Haar des kleinen Johann. Du hast
also die Zeit verschlafen?... brigens sitze ich hier auf Adolf
Todtenhaupts Platz, unterbrach er sich und blickte um sich, auf des
Primus geweihtem Platze! Nun, fr diesmal macht es wohl nichts ... Du
hast also die Zeit verschlafen?

Hanno hatte sein Gesicht wieder auf die gekreuzten Arme gebettet. Ich
war ja im Theater gestern Abend, sagte er nach einem schweren Seufzer.

Oh, richtig, das hatte ich vergessen!... War es so schn?

Kai bekam keine Antwort.

Du hast es doch gut, fuhr er berredend fort, das solltest du
bedenken, Hanno. Sieh, ich bin noch nie im Theater gewesen, und es
besteht auf lange Jahre hinaus nicht die geringste Aussicht, da ich
jemals hineinkomme...

Wenn nur der Katzenjammer nicht wre, sagte Hanno gepret.

Ja, den Zustand kenne ich ohnehin. Und Kai bckte sich nach dem Hut
und dem berzieher seines Freundes, die neben der Bank auf dem Boden
lagen, nahm die Sachen und trug sie leise auf den Korridor hinaus.

Dann hast du die Metamorphosenverse wohl nicht sehr genau im Kopfe?
fragte er, als er wieder hereinkam.

Nein, sagte Hanno.

Oder bist du vielleicht auf das Geographie-Extemporale prpariert?

Ich bin gar nichts und kann gar nichts, sagte Hanno.

Also auch nicht Chemie und Englisch! _All right!_ Wir sind
Herzensfreunde und Waffenbrder! Kai war sichtlich erleichtert. Ich
bin in genau derselben Lage, erklrte er munter. Ich habe am Sonnabend
nicht gearbeitet, weil morgen Sonntag war, und am Sonntag nicht, aus
Piett ... Nein, Unsinn ... hauptschlich, weil ich etwas Besseres zu
arbeiten hatte, natrlich, sagte er mit pltzlichem Ernst, indem eine
leichte Rte sein Gesicht berflog. Ja, heute kann es vergnglich
werden, Hanno.

Wenn ich noch einen Tadel bekomme, sagte der kleine Johann, so bleibe
ich sitzen; und den bekomme ich sicher, wenn er mich im Lateinischen
darannimmt. Der Buchstabe B ist an der Reihe, Kai, das ist nicht aus der
Welt zu schaffen...

Warten wir's ab! Ha, Csar geht aus. Mir haben stets Gefahren im Rcken
nur gedroht; wenn sie die Stirn des Csar werden sehen... Aber Kai kam
mit seiner Deklamation nicht zu Ende. Es war ihm ebenfalls sehr schlecht
zumute. Er ging zum Katheder, setzte sich darauf und fing an, sich mit
finsterer Miene in dem Armstuhl zu schaukeln. Hanno Buddenbrook lie
seine Stirn noch immer auf den gekreuzten Armen ruhen. So saen sie sich
eine Weile schweigend gegenber.

Pltzlich klang irgendwo in weiter Ferne ein dumpfes Summen auf, das
schnell zum Brausen ward und sich binnen einer halben Minute bedrohlich
heranwlzte...

Das Volk, sagte Kai erbittert. Herr, mein Gott, wie rasch sie fertig
sind! Nicht einmal um zehn Minuten ist die Stunde krzer geworden...

Er stieg vom Katheder hinab und begab sich zur Tr, um sich unter die
Hereinkommenden zu mischen. Was Hanno betraf, so erhob er nur einen
Augenblick den Kopf, verzog den Mund und blieb einfach sitzen.

Es kam heran, mit Schlrfen, Stampfen und einem Gewirr von mnnlichen
Stimmen, Diskanten und sich berschlagenden Wechselorganen, flutete ber
die Treppen herauf, ergo sich ber den Korridor und strmte auch in
dieses Zimmer, das pltzlich von Leben, Bewegung und Gerusch erfllt
ward. Sie kamen herein, die jungen Leute, die Kameraden Hannos und Kais,
die Realuntersekundaner, etwa fnfundzwanzig an der Zahl, schlenderten,
die Hnde in den Hosentaschen oder mit den Armen schlenkernd an ihre
Pltze und schlugen ihre Bibeln auf. Es waren da angenehme und
konfiszierte Physiognomien, solche, die wohl und gesund, und andere, die
bedenklich aussahen, lange, starke Schlingel, die demnchst Kaufleute
werden oder gar zur See gehen wollten und sich um gar nichts mehr
kmmerten, und kleine, ber ihr Alter hinaus vorgeschrittene Streber,
die in den Fchern brillierten, in denen es auswendig zu lernen galt.
Adolf Todtenhaupt aber, der Primus, wute alles; er war seiner Lebtage
noch nicht eine Antwort schuldig geblieben. Das lag zum Teil an seinem
stillen, leidenschaftlichen Fleie, zum Teil daran, da die Lehrer sich
hteten, ihn etwas zu fragen, was er vielleicht nicht htte wissen
knnen. Es htte sie schmerzlich berhrt und beschmt, es htte sie in
ihrem Glauben an menschliche Vollkommenheit erschttert, ein Verstummen
Adolf Todtenhaupts zu erleben ... Er besa einen merkwrdig gebuckelten
Schdel, dem das blonde Haar spiegelglatt angeklebt war, graue, schwarz
umringte Augen und lange, braune Hnde, die aus den zu kurzen rmeln
seiner sauber gebrsteten Jacke hervorsahen. Er setzte sich neben Hanno
Buddenbrook, lchelte sanft und ein wenig tckisch und bot dem Nachbar
einen Guten Morgen, wobei er sich dem herrschenden Jargon anbequemte,
der das Wort zu einem kecken und nachlssigen Laute verzerrte. Dann
begann er, whrend um ihn her alles halblaut plauderte, sich
prparierte, ghnte und lachte, stillschweigend in dem Klassenbuch zu
arbeiten, indem er die Feder auf unvergleichlich korrekte Art mit
schlank und gerade ausgestreckten Fingern handhabte.

Nach Verlauf von zwei Minuten wurden drauen Schritte laut, die Inhaber
der vorderen Bnke erhoben sich ohne Eile von ihren Pltzen, und weiter
hinten folgte dieser und jener ihrem Beispiel, whrend andere sich in
ihren Beschftigungen nicht stren lieen und kaum Notiz davon nahmen,
da Herr Oberlehrer Ballerstedt ins Zimmer kam, seinen Hut an die Tr
hngte und sich zum Katheder begab.

Er war ein Vierziger von sympathischem Embonpoint, mit groer Glatze,
rtlichgelbem, kurz gehaltenem Vollbart, rosigem Teint und einem
Mischausdruck von Salbung und behaglicher Sinnlichkeit um die feuchten
Lippen. Er nahm sein Notizbuch zur Hand und bltterte schweigend darin;
da aber die Ruhe in der Klasse vieles zu wnschen brig lie, erhob er
den Kopf, streckte den Arm auf der Pultplatte aus und bewegte, whrend
sein Gesicht langsam so dunkelrot anschwoll, da sein Bart hellgelb
erschien, seine schwache und weie Faust ein paarmal kraftlos auf und
nieder, wobei seine Lippen eine halbe Minute lang krampfhaft und
fruchtlos arbeiteten, um schlielich nichts hervorzubringen als ein
kurzes, gepretes und chzendes Nun... Dann rang er noch eine Weile
nach ferneren Ausdrcken des Tadels, wandte sich schlielich wieder
seinem Notizbuch zu, schwoll ab und gab sich zufrieden. Dies war so
Oberlehrer Ballerstedts Art und Weise.

Er hatte ehemals Prediger werden wollen, war dann jedoch durch seine
Neigung zum Stottern wie durch seinen Hang zu weltlichem Wohlleben
bestimmt worden, sich lieber der Pdagogik zuzuwenden. Er war
Junggeselle, besa einiges Vermgen, trug einen kleinen Brillanten am
Finger und war dem Essen und Trinken herzlich zugetan. Er war derjenige
Oberlehrer, der nur dienstlich mit seinen Standesgenossen, im brigen
aber vorwiegend mit der unverheirateten kaufmnnischen Lebewelt der
Stadt, ja auch mit den Offizieren der Garnison verkehrte, tglich
zweimal im ersten Gasthause speiste und Mitglied des Klubs war.
Begegnete er greren Schlern nachts um zwei oder drei Uhr irgendwo in
der Stadt, so schwoll er an, brachte einen Guten Morgen zustande und
lie die Sache fr beide Teile auf sich beruhen ... Hanno Buddenbrook
hatte nichts von ihm zu befrchten und wurde fast nie von ihm gefragt.
Der Oberlehrer hatte sich mit seinem Onkel Christian allzuoft in
allzurein menschlicher Weise zusammengefunden, als da es ihn htte
freuen knnen, mit dem Neffen in dienstliche Konflikte zu geraten...

Nun... sagte er abermals, sah in der Klasse umher, bewegte wieder
seine schwach geballte Faust mit dem kleinen Brillanten und blickte in
sein Notizbuch. Perlemann. Die bersicht.

Irgendwo in der Klasse erhob sich Perlemann. Man merkte es kaum, da er
emporstieg. Es war einer von den Kleinen, Vorgeschrittenen. Die
bersicht, sagte er leise und artig, indem er mit ngstlichem Lcheln
den Kopf vorstreckte. Das Buch Hiob zerfllt in drei Teile. Erstens der
Zustand Hiobs, ehe er in das Kreuz oder Zchtigung des Herrn geraten;
Kapitel _I_, Vers eins bis sechs. Zweitens das Kreuz selbst und was sich
dabei zugetragen; Kapitel...

Es war richtig, Perlemann, unterbrach ihn Herr Ballerstedt, gerhrt
von soviel zager Willfhrigkeit, und schrieb eine gute Note in sein
Taschenbuch. Heinricy, fahren Sie fort.

Heinricy war einer von den langen Schlingeln, die sich um gar nichts
mehr kmmerten. Er schob das griffeste Messer, mit dem er sich
beschftigt hatte, in die Hosentasche, stand geruschvoll auf, lie die
Unterlippe hngen und rusperte sich mit rauher und roher Mnnerstimme.
Alle waren unzufrieden, da nun er statt des sanften Perlemann an die
Reihe kam. Die Schler trumten und brteten in der warmen Stube unter
den leise sausenden Gasflammen im Halbschlafe vor sich hin. Alle waren
mde vom Sonntag, und alle waren an dem kalten Nebelmorgen seufzend und
mit klappernden Zhnen aus den warmen Betten gekrochen. Jedem wre es
lieb gewesen, wenn der kleine Perlemann die ganze Stunde lang
weitergesuselt htte, whrend Heinricy nun sicherlich Streit machen
wrde...

Ich habe gefehlt, als dies durchgenommen wurde, sagte er mit grober
Betonung.

Herr Ballerstedt schwoll an, er bewegte seine schwache Faust, arbeitete
mit den Lippen und starrte dem jungen Heinricy mit emporgezogenen
Augenbrauen ins Gesicht. Sein dunkelroter Kopf zitterte vor ringender
Anstrengung, bis er schlielich ein Nun... hervorzustoen vermochte,
womit der Bann gebrochen und das Spiel gewonnen war. Von Ihnen ist nie
eine Leistung zu erlangen, fuhr er mit Leichtigkeit und Redegewandtheit
fort, und immer haben Sie eine Entschuldigung bei der Hand, Heinricy.
Wenn Sie vorige Stunde krank waren, so htten Sie sich doch in diesen
Tagen sehr wohl ber das durchgenommene Pensum unterrichten knnen, und
wenn der erste Teil vom Zustande vor dem Kreuze und der zweite vom
Kreuze selbst handelt, so knnten Sie sich am Ende an den Fingern
abzhlen, da der dritte Teil den Zustand =nach= vorbesagtem Jammer
betrifft. Aber es fehlt Ihnen an der rechten Hingebung, und Sie sind
nicht allein ein schwacher Mensch, Sie sind auch immer bereit, ihre
Schwche zu beschnigen und zu verteidigen. Merken Sie sich aber, da,
solange dies der Fall, an eine Erhebung und Besserung nicht zu denken
ist, Heinricy. Setzen Sie sich. Wasservogel, fahren Sie fort.

Heinricy, dickfellig und trotzig, setzte sich mit Scharren und Knarren,
raunte seinem Nachbar eine Frechheit zu und zog sein griffestes Messer
wieder hervor. Der Schler Wasservogel stand auf, ein Junge mit
entzndeten Augen, aufgestlpter Nase, abstehenden Ohren und zerkauten
Fingerngeln. Er vollendete mit weichlicher Quetschstimme die
bersicht und fing an, von Hiob, dem Manne im Lande Uz, zu erzhlen,
und was sich mit ihm begeben. Er hatte das Alte Testament hinter dem
Rcken seines Vordermannes aufgeschlagen, las darin mit dem Ausdruck
vollendeter Unschuld und hingebender Nachdenklichkeit, starrte dann auf
einen Punkt der Wand und sprach, indem er das Erschaute unter Stocken
und qukendem Husten in ein hilfloses, modernes Deutsch bersetzte ...
Er hatte etwas uerst Widerliches an sich, aber Herr Ballerstedt lobte
ihn sehr fr alle seine Bemhungen. Der Schler Wasservogel hatte es
insofern gut im Leben, als die meisten Lehrer ihn gern und ber seine
Verdienste lobten, um ihm, sich selbst und den anderen zu zeigen, da
sie sich durch seine Hlichkeit keineswegs zur Ungerechtigkeit
verfhren lieen...

Und die Religionstunde nahm ihren Fortgang. Verschiedene junge Leute
wurden noch aufgerufen, um sich ber ihr Wissen um Hiob, den Mann im
Lande Uz, auszuweisen, und Gottlieb Kabaum, Sohn des verunglckten
Grokaufmanns Kabaum, erhielt trotz seiner zerrtteten
Familienverhltnisse eine vorzgliche Note, weil er mit Genauigkeit
feststellen konnte, da Hiob an Vieh siebentausend Schafe, dreitausend
Kamele, fnfhundert Joch Rinder, fnfhundert Esel und sehr viel Gesindes
besessen habe.

Dann durften die Bibeln aufgeschlagen werden, die meistens schon
aufgeschlagen waren, und man fuhr mit Lesen fort. Kam eine Stelle, die
Herrn Ballerstedt der Erluterung bedrftig erschien, so schwoll er an,
sagte Nun... und hielt nach den blichen Vorbereitungen einen kleinen
mit allgemeinen moralischen Betrachtungen untermischten Vortrag ber den
fraglichen Punkt. Kein Mensch hrte ihm zu. Friede und Schlfrigkeit
herrschten im Zimmer. Die Hitze war durch die bestndig arbeitende
Heizung und die Gaslampen schon ziemlich stark geworden und die Luft
durch diese fnfundzwanzig atmenden und dnstenden Krper schon ziemlich
verdorben. Die Wrme, das gelinde Sausen der Flammen und die monotone
Stimme des Vorlesenden legten sich um die gelangweilten Gehirne und
lullten sie in dumpfe Traumseligkeit. Kai Graf Mlln hatte auer seiner
Bibel auch die Unbegreiflichen Ereignisse und geheimnisvollen Taten
von Edgar Allan Poe vor sich aufgeschlagen und las darin, den Kopf in
die aristokratische und nicht ganz saubere Hand gesttzt. Hanno
Buddenbrook sa zurckgelehnt und zusammengesunken und blickte mit
schlaffem Munde und schwimmenden, heien Augen auf das Buch Hiob, dessen
Zeilen und Buchstaben zu einem schwrzlichen Gewimmel verschwammen.
Manchmal, wenn er sich des Gralmotives oder des Ganges zum Mnster
erinnerte, senkte er langsam die Lider und fhlte ein innerliches
Schluchzen. Und sein Herz betete, es mchte mglich sein, da diese
gefahrlose und friedevolle Morgenstunde niemals ein Ende nhme.

Und dennoch kam es, wie es in der Ordnung der Dinge lag, und der schrill
heulende Klang der Kustosglocke, der durch die Korridore gellte und
hallte, ri die fnfundzwanzig Gehirne aus ihrem warmen Dmmern.

So weit! sagte Herr Ballerstedt und lie sich das Klassenbuch reichen,
um darin mit seinem Namenszeichen zu bescheinigen, da er diese Stunde
seines Amtes gewaltet.

Hanno Buddenbrook schlo seine Bibel und reckte sich zitternd und mit
nervsem Ghnen; als er aber die Arme senkte und die Glieder abspannte,
mute er eilig und mhsam aufatmen, um sein Herz, das einen Augenblick
schwach und wankend den Dienst versagte, ein wenig in Takt zu bringen.
Jetzt kam das Lateinische ... Er warf einen hilfesuchenden Seitenblick
zu Kai hinber, der das Ende der Stunde gar nicht bemerkt zu haben
schien und immer noch in Versunkenheit seiner Privatlektre oblag, zog
den in marmorierte Pappe gebundenen Ovid aus seiner Mappe und schlug die
Verse auf, die fr heute auswendig zu lernen waren ... Nein, es gab
keine Hoffnung, diese schwarzen Zeilen, die sich, mit Bleistiftzeichen
versehen, schnurgerade und zu fnfen numeriert aneinanderreihten und ihn
so hoffnungslos dunkel und unbekannt anstarrten, sich jetzt noch ein
wenig vertraut zu machen. Er verstand kaum ihren Sinn, geschweige denn
htte er eine einzige davon aus dem Kopfe hersagen knnen. Und von
denjenigen, die sich daran schlossen und die fr heute zu prparieren
waren, entrtselte er nicht ein Stzchen.

Was heit denn `_deciderant, patula Jovis arbore, glandes_? wandte er
sich mit verzweifelter Stimme an Adolf Todtenhaupt, der neben ihm im
Klassenbuch arbeitete. Das ist ja alles Unsinn! Nur um einen zu
schikanieren...

Wie? sagte Todtenhaupt und fuhr fort, zu schreiben ... Die Eicheln
vom Baum des Jupiter ... Das ist die Eiche ... Ja, ich wei selbst nicht
recht...

Sage mir nur ein bichen zu, Todtenhaupt, wenn ich darankomme! bat
Hanno und schob das Buch von sich. Dann, nachdem er mit dsterem Blick
des Primus unachtsames und unverbindliches Nicken betrachtet hatte,
schob er sich seitwrts aus der Bank hinaus und stand auf.

Die Situation hatte sich verndert. Herr Ballerstedt hatte das Zimmer
verlassen, und statt seiner stand jetzt am Katheder, ganz gerade und
stramm, ein kleines, schwaches und ausgemergeltes Mnnchen mit dnnem
weien Bart, dessen rotes Hlschen aus einem engen Klappkragen
hervorragte, und das mit dem einen seiner weibehaarten Hndchen seinen
Zylinder, die ffnung nach oben, vor sich hinhielt. Es fhrte bei den
Schlern den Namen die Spinne und hie in Wirklichkeit Professor
Hckopp. Da ihm whrend dieser Pause auf dem Korridor die Aufsicht
zuerteilt war, hatte es auch in den Klassenzimmern nach dem Rechten zu
sehen ... Die Lampen aus! Die Vorhnge auf! Die Fenster auf! sagte es,
indem es seinem Stimmchen soviel Kommandokraft wie mglich gab und mit
unbeholfen energischer Geste seinen Arm in der Luft bewegte, als drehe
es eine Kurbel ... Und alles hinunter, hinaus in die frische Luft,
potztausendnochmal dazu!

Die Lampen verloschen, die Vorhnge flogen empor, das fahle Tageslicht
erfllte das Zimmer, und die kalte Nebelluft strzte durch die breiten
Fenster herein, whrend die Untersekundaner sich an Professor Hckopp
vorbei zum Ausgange schoben; nur der Primus durfte hier oben bleiben.

Hanno und Kai trafen an der Tr zusammen und gingen nebeneinander die
komfortable Treppe hinunter und drunten ber die stilvollen Vorpltze.
Sie schwiegen beide. Hanno sah jmmerlich elend aus und Kai war in
Gedanken. Auf dem groen Hofe angelangt, begannen sie auf und nieder zu
wandern, inmitten der Menge von Kameraden verschiedenen Alters, die sich
auf den feuchtroten Fliesen geruschvoll durcheinander bewegten.

Ein noch jugendlicher Herr mit blondem Spitzbart fhrte hier unten die
Aufsicht. Dies war der feine Oberlehrer. Er hie Doktor Goldener und
unterhielt ein Knabenpensionat, das von reichen und adeligen
Gutsbesitzersshnen aus Holstein und Mecklenburg besucht war. Beeinflut
von den feudalen jungen Leuten, die seiner Hut empfohlen waren, pflegte
er sein ueres in einer Weise, wie sie unter seinen Kollegen gnzlich
ungebruchlich war. Er trug buntseidene Krawatten, ein stutzerhaftes
Rckchen, zartfarbene Beinkleider, die mit Strippen unter den Sohlen
befestigt waren, und parfmierte Taschentcher mit farbigen Borten.
Bescheidener Leute Kind wie er war, stand ihm solcher Prunk eigentlich
gar nicht zu Gesicht, und seine gromchtigen Fe zum Beispiel nahmen
sich in den spitz zulaufenden Knpfstiefeln ziemlich lcherlich aus.
Unbegreiflicherweise war er eitel auf seine plumpen und roten Hnde, die
er unaufhrlich aneinanderrieb, ineinanderschlang und liebevoll prfend
betrachtete. Er pflegte seinen Kopf schrg zurckgelehnt zu tragen und
mit blinzelnden Augen, gekrauster Nase und halboffenem Munde bestndig
ein Gesicht zu schneiden, als sei er im Begriffe, zu sagen: Was ist
denn nun schon wieder los? ... Dennoch war er zu vornehm, um nicht alle
kleinen Unerlaubtheiten auf distinguierte Art zu bersehen, die sich
etwa auf dem Hofe ereigneten. Er bersah, da dieser oder jener Schler
ein Buch mit sich heruntergebracht hatte, um sich im letzten Augenblick
ein wenig zu prparieren, bersah, da seine Pensionre Herrn Schlemiel,
dem Kustos, Geld einhndigten, um sich Bckereien holen zu lassen, da
hier eine kleine Kraftprobe zwischen zwei Tertianern in eine Prgelei
ausartete, um die sich sofort ein Ring von Sachverstndigen bildete,
und da dort hinten jemand, der auf irgendeine Weise eine
unkameradschaftliche, feige oder unehrenhafte Gesinnung an den Tag
gelegt hatte, von seinen Klassengenossen zwangsweise zur Pumpe befrdert
wurde, um zu seiner Schande mit Wasser begossen zu werden...

Es war ein wackeres und ein bichen ungehobeltes Geschlecht, die laute
Menge, in der Kai und Hanno hin und wider wanderten. Herangewachsen in
der Luft eines kriegerisch siegreichen und verjngten Vaterlandes,
huldigte man Sitten von rauher Mnnlichkeit. Man redete in einem Jargon,
der zugleich salopp und schneidig war und von technischen Ausdrcken
wimmelte. Trink- und Rauchtchtigkeit, Krperstrke und Turnertugend
standen sehr hoch in der Schtzung, und die verchtlichsten Laster waren
Weichlichkeit und Geckenhaftigkeit. Wer mit emporgeklapptem Rockkragen
getroffen wurde, durfte der Pumpe gewrtig sein. Wer sich aber gar auf
der Strae mit einem Spazierstock hatte sehen lassen, an dem wurde in
der Turnhalle auf ebenso schimpfliche wie schmerzhafte Art eine
ffentliche Zchtigung vollzogen...

Das, was Hanno und Kai miteinander sprachen, ging fremd und sonderbar in
dem Stimmengewirr unter, das die kalte und feuchte Luft erfllte. Diese
Freundschaft war seit langem in der ganzen Schule bekannt. Die Lehrer
duldeten sie mit belwollen, weil sie Unrat und Opposition dahinter
vermuteten, und die Kameraden, auerstande, ihr Wesen zu entrtseln,
hatten sich gewhnt, sie mit einem gewissen scheuen Widerwillen gelten
zu lassen und diese beiden Genossen als _outlaws_ und fremdartige
Sonderlinge zu betrachten, die man sich selbst berlassen mute ...
brigens geno Kai Graf Mlln eines gewissen Respekts wegen der Wildheit
und zgellosen Unbotmigkeit, die man an ihm kannte. Was aber Hanno
Buddenbrook betraf, so konnte selbst der groe Heinricy, der doch alle
Welt prgelte, sich nicht entschlieen, wegen Geckenhaftigkeit und
Feigheit Hand an ihn zu legen, aus unbestimmter Furcht vor der Weichheit
seines Haares, vor der Zartheit seiner Glieder, vor seinem trben,
scheuen und kalten Blick...

Ich habe Angst, sagte Hanno zu Kai, indem er an der einen Seitenwand
des Hofes stehenblieb, sich gegen die Mauer lehnte und mit frstelndem
Ghnen seine Jacke fester zusammenzog ... Ich habe eine unsinnige
Angst, Kai, sie tut mir berall weh im Krper. Ist nun Herr Mantelsack
der Mann, vor dem man sich derartig frchten drfte? Sage selbst! Wenn
diese widerliche Ovidstunde erst vorber wre! Wenn ich meinen Tadel im
Klassenbuch htte und sitzenbliebe und alles in Ordnung wre! Ich
frchte mich nicht =davor=, ich frchte mich vor dem Eklat, der damit
verbunden ist...

Kai verfiel in Gedanken. Dieser Roderich Usher ist die wundervollste
Figur, die je erfunden worden ist! sagte er schnell und unvermittelt.
Ich habe eben die ganze Stunde gelesen ... Wenn ich jemals eine so gute
Geschichte schreiben knnte!

Die Sache war die, da Kai sich mit Schreiben abgab. Dies war es auch,
was er heute morgen gemeint hatte, als er sagte, er habe besseres zu
tun, als Schularbeiten zu machen, und Hanno hatte ihn wohl verstanden.
Aus der Neigung zum Geschichtenerzhlen, die er als kleiner Junge an den
Tag gelegt hatte, hatten sich schriftstellerische Versuche entwickelt,
und krzlich hatte er eine Dichtung vollendet, ein Mrchen, ein
rcksichtslos phantastisches Abenteuer, in dem alles in einem dunklen
Schein erglhte, das unter Metallen und geheimnisvollen Gluten in den
tiefsten und heiligsten Werksttten der Erde und zugleich in denen der
menschlichen Seele spielte, und in dem die Urgewalten der Natur und der
Seele auf eine sonderbare Art vermischt, gewandt, gewandelt und
gelutert wurden, -- geschrieben in einer innerlichen, deutsamen, ein
wenig berschwenglichen und sehnschtigen Sprache von zarter
Leidenschaftlichkeit...

Hanno kannte diese Geschichte wohl und liebte sie sehr; aber er war
jetzt nicht aufgelegt, von Kais Arbeiten oder von Edgar Poe zu sprechen.
Er ghnte wieder und seufzte dann, indem er gleichzeitig ein Motiv vor
sich hinsang, das er krzlich am Flgel erfunden hatte. Dies war so
seine Gewohnheit. Er pflegte oft zu seufzen, tief aufzuatmen aus dem
dringenden Bedrfnis, sein unzulnglich arbeitendes Herz in einen etwas
munteren Gang zu bringen, und er hatte sich gewhnt, das Ausatmen nach
einem musikalischen Thema, irgendeinem Stck Melodie eigener oder
fremder Erfindung, geschehen zu lassen...

Siehe, da kommt der liebe Gott! sagte Kai. Er lustwandelt in seinem
Garten.

Ein netter Garten, sagte Hanno und geriet ins Lachen. Er lachte nervs
und konnte nicht aufhren, hielt sein Taschentuch vor den Mund und
blickte darber hinweg auf den, welchen Kai als den lieben Gott
bezeichnet hatte.

Es war Direktor Doktor Wulicke, der Leiter der Schule, der auf dem Hofe
erschienen war: ein auerordentlich langer Mann mit schwarzem
Schlapphut, kurzem Vollbart, einem spitzen Bauche, viel zu kurzen
Beinkleidern und trichterfrmigen Manschetten, die stets sehr unsauber
waren. Er ging mit einem Gesicht, das vor Zorn beinahe leidend aussah,
schnell ber die Steinfliesen, indem er mit ausgestrecktem Arme auf die
Pumpe wies ... Das Wasser flo! Eine Anzahl Schler liefen vor ihm her
und berstrzten sich, dem Schaden dadurch abzuhelfen, da sie die
Leitung schlossen. Aber auch dann standen sie noch lange und
betrachteten mit verstrten Gesichtern abwechselnd die Pumpe und den
Direktor, der sich an den mit rotem Antlitz herbeigeeilten Doktor
Goldener gewandt hatte und mit tiefer, dumpfer und bewegter Stimme auf
ihn einsprach. Seine Rede war mit brummenden und unartikulierten
Lippenlauten durchsetzt...

Dieser Direktor Wulicke war ein furchtbarer Mann. Er war der Nachfolger
des jovialen und menschenfreundlichen alten Herrn, unter dessen
Regierung Hannos Vater und Onkel studiert hatten, und der bald nach dem
Jahre einundsiebzig gestorben war. Damals war Doktor Wulicke, bislang
Professor an einem preuischen Gymnasium, berufen worden, und mit ihm
war ein anderer, ein neuer Geist in die alte Schule eingezogen. Wo
ehemals die klassische Bildung als ein heiterer Selbstzweck gegolten
hatte, den man mit Ruhe, Mue und frhlichem Idealismus verfolgte, da
waren nun die Begriffe Autoritt, Pflicht, Macht, Dienst, Karriere zu
hchster Wrde gelangt, und der kategorische Imperativ unseres
Philosophen Kant war das Banner, das Direktor Wulicke in jeder Festrede
bedrohlich entfaltete. Die Schule war ein Staat im Staate geworden, in
dem preuische Dienststrammheit so gewaltig herrschte, da nicht allein
die Lehrer, sondern auch die Schler sich als Beamte empfanden, die um
nichts als ihr Avancement und darum besorgt waren, bei den Machthabern
gut angeschrieben zu stehen ... Bald nach dem Einzug des neuen Direktors
war auch unter den vortrefflichsten hygienischen und sthetischen
Gesichtspunkten mit dem Umbau und der Neueinrichtung der Anstalt
begonnen und alles aufs glcklichste fertiggestellt worden. Allein es
blieb die Frage, ob nicht frher, als weniger Komfort der Neuzeit und
ein bichen mehr Gutmtigkeit, Gemt, Heiterkeit, Wohlwollen und Behagen
in diesen Rumen geherrscht hatte, die Schule ein sympathischeres und
segenvolleres Institut gewesen war...

Was Direktor Wulicke persnlich betraf, so war er von der rtselhaften,
zweideutigen, eigensinnigen und eiferschtigen Schrecklichkeit des
alttestamentlichen Gottes. Er war entsetzlich im Lcheln wie im Zorne.
Die ungeheure Autoritt, die in seinen Hnden lag, machte ihn
schauerlich launenhaft und unberechenbar. Er war imstande, etwas
Scherzhaftes zu sagen und frchterlich zu werden, wenn man lachte. Keine
seiner zitternden Kreaturen wute Rat, wie man sich ihm gegenber zu
benehmen habe. Es blieb nichts brig, als ihn im Staub zu verehren und
durch eine wahnsinnige Demut vielleicht zu verhten, da er einen nicht
dahinraffe in seinem Grimm und nicht zermalme in seiner groen
Gerechtigkeit...

Der Name, den Kai ihm gegeben hatte, wurde nur von ihm selbst und Hanno
Buddenbrook gebraucht, und sie hteten sich, ihn vor den Kameraden laut
werden zu lassen, aus Scheu vor dem starren und kalten Blick des
Unverstndnisses, den sie so wohl kannten ... Nein, es gab nicht einen
Punkt, in dem diese beiden sich mit ihren Genossen verstanden. Es war
ihnen sogar die Art von Opposition und Rache fremd, an der die anderen
sich gengen lieen, und sie miachteten die blichen Spottnamen, weil
ein Humor daraus sprach, der sie nicht berhrte und sie nicht einmal zum
Lcheln brachte. Es war so billig, so nchtern und unwitzig, den dnnen
Professor Hckopp die Spinne und Oberlehrer Ballerstedt Kakadu zu
nennen, eine so armselige Schadloshaltung fr den Zwang des
Staatsdienstes! Nein, Kai Graf Mlln war ein wenig bissiger! Fr seine
und Hannos Person hatte er den Brauch eingefhrt, von den Lehrern nur
vermittels ihres richtigen brgerlichen Namens unter Hinzufgung des
Wortes Herr zu sprechen: Herr Ballerstedt, Herr Mantelsack, Herr
Hckopp ... Das ergab gleichsam eine ablehnende und ironische Klte,
eine spttische Distanz und Fremdheit ... Sie sprachen von dem
Lehrkrper und amsierten sich whrend ganzer Pausen damit, sich ein
wirklich vorhandenes Geschpf, eine Art Ungeheuer von widerlicher und
phantastischer Gestaltung darunter vorzustellen. Und sie sprachen im
allgemeinen von der Anstalt mit einer Betonung, als handele es sich um
eine solche wie die, in der Hannos Onkel Christian sich aufhielt...

Durch den Anblick des lieben Gottes, der noch eine Weile alles in
bleichen Schrecken versetzte, indem er mit frchterlichem Brummen nach
verschiedenen Richtungen auf das Butterbrotpapier zeigte, das hie und da
auf den Fliesen lag, war Kai in vorzgliche Laune geraten. Er zog Hanno
mit sich fort, zu einem der Tore, durch das die Lehrer, die zur zweiten
Stunde eintrafen, den Hof beschritten, und fing an, sich ungeheuer tief
vor den rotugigen, blassen und drftigen Seminaristen zu verbeugen, die
vorbergingen, um sich zu ihren Sextanern und Septimanern auf die
hinteren Hfe zu begeben. Er bckte sich bermig, lie die Arme hngen
und blickte von unten herauf hingebungsvoll zu den armen Gesellen
empor. Als jedoch der greise Rechenlehrer, Herr Tietge, erschien,
einige Bcher mit zitternder Hand auf dem Rcken haltend, auf unmgliche
Art in sich hineinschielend, krumm, gelb und speiend, da sagte er mit
klangvoller Stimme: Guten Tag, du Leiche. Worauf er klaren und
scharfen Blickes irgendwo hin in die Luft sah.....

Es schellte gellend in diesem Augenblick, und sofort begannen die
Schler von allen Seiten zu den Eingngen zusammenzustrmen. Aber Hanno
hrte nicht auf zu lachen; er lachte noch auf der Treppe so sehr, da
seine Klassengenossen, die ihn und Kai umgaben, ihm kalt, befremdet und
sogar ein wenig angewidert von soviel Albernheit ins Gesicht
blickten...

Es ward still in der Klasse, und alles stand einmtig auf, als
Oberlehrer Doktor Mantelsack eintrat. Er war der Ordinarius, und es war
Sitte, vor dem Ordinarius Respekt zu haben. Er zog die Tr hinter sich
zu, indem er sich bckte, reckte den Hals, um zu sehen, ob alle standen,
hing seinen Hut an den Nagel und ging dann rasch zum Katheder, wobei er
seinen Kopf in schnellem Wechsel hob und senkte. Hier nahm er
Aufstellung und sah ein wenig zum Fenster hinaus, indem er seinen
ausgestreckten Zeigefinger, an dem ein groer Siegelring sa, zwischen
Kragen und Hals hin und her bewegte. Er war ein mittelgroer Mann mit
dnnem, ergrautem Haar, einem krausen Jupiterbart und kurzsichtig
hervortretenden saphirblauen Augen, die hinter den scharfen
Brillenglsern glnzten. Er war gekleidet in einen offenen Gehrock aus
grauem, weichem Stoff, den er in der Taillengegend mit seiner
kurzfingerigen und runzeligen Hand sanft zu betasten liebte. Seine
Beinkleider waren, wie bei allen Lehrern, bis auf den feinen Doktor
Goldener, zu kurz und lieen die Schfte von einem Paar auerordentlich
breiter und marmorblank gewichster Stiefel sehen.

Pltzlich wandte er den Kopf vom Fenster weg, stie einen kleinen
freundlichen Seufzer aus, indem er in die lautlose Klasse hineinblickte,
sagte Ja, ja! und lchelte mehrere Schler zutraulich an. Er war guter
Laune, es war offenbar. Eine Bewegung der Erleichterung ging durch den
Raum. Es kam so viel, es kam alles darauf an, ob Doktor Mantelsack guter
Laune war oder nicht, denn man wute, da er sich seinen Stimmungen
unbewut und ohne die geringste Selbstkritik berlie. Er war von einer
ganz ausnehmenden, grenzenlos naiven Ungerechtigkeit, und seine Gunst
war hold und flatterhaft wie das Glck. Stets hatte er ein paar
Lieblinge, zwei oder drei, die er Du und mit Vornamen nannte, und die
es gut hatten wie im Paradiese. Sie konnten beinahe sagen, was sie
wollten, und es war dennoch richtig; und nach der Stunde plauderte
Doktor Mantelsack aufs menschlichste mit ihnen. Eines Tages jedoch,
vielleicht nach den Ferien, Gott allein wute, warum, war man gestrzt,
vernichtet, abgeschafft, verworfen, und ein anderer wurde mit Vornamen
genannt ... Diesen Glckseligen pflegte er die Fehler in den
Extemporalien ganz leicht und zierlich anzustreichen, so da ihre
Arbeiten auch bei groer Mangelhaftigkeit einen reinlichen Aspekt
behielten. In anderen Heften aber fuhr er mit breiter und zorniger Feder
umher und berschwemmte sie mit Rot, so da sie einen abschreckenden und
verwahrlosten Eindruck machten. Und da er die Fehler nicht zhlte,
sondern die Zensuren je nach der Menge von roter Tinte erteilte, so
gingen seine Gnstlinge mit groem Vorteil aus der Sache hervor. Bei
diesem Verfahren dachte er sich nicht das geringste, sondern fand es
vollstndig in der Ordnung und ahnte nichts von Parteilichkeit. Htte
jemand den traurigen Mut besessen, dagegen zu protestieren, so wre er
der Aussicht verlustig gegangen, jemals geduzt und mit Vornamen genannt
zu werden. Und diese Hoffnung lie niemand fahren...

Nun kreuzte Doktor Mantelsack im Stehen die Beine und bltterte in
seinem Notizbuch. Hanno Buddenbrook sa vornber gebeugt und rang unter
dem Tische die Hnde. Das B, der Buchstabe B war an der Reihe! Gleich
wrde sein Name ertnen, und er wrde aufstehen und nicht eine Zeile
wissen, und es wrde einen Skandal geben, eine laute, schreckliche
Katastrophe, so guter Laune der Ordinarius auch sein mochte ... Die
Sekunden dehnten sich martervoll. Buddenbrook ... jetzt sagte er
Buddenbrook...

Edgar! sagte Doktor Mantelsack, schlo sein Notizbuch, indem er seinen
Zeigefinger darin stecken lie, und setzte sich aufs Katheder, als ob
nun alles in bester Ordnung sei.

Was? Wie war das? Edgar ... Das war Lders, der dicke Lders dort, am
Fenster, der Buchstabe L, der nicht im entferntesten an der Reihe war!
Nein, war es mglich? Doktor Mantelsack war so guter Laune, da er
einfach einen Liebling herausgriff und sich gar nicht darum kmmerte,
wer heute ordnungsmig vorgenommen werden mute...

Der dicke Lders stand auf. Er hatte ein Mopsgesicht und braune
apathische Augen. Obgleich er einen vorzglichen Platz innehatte und mit
Bequemlichkeit htte ablesen knnen, war er auch hierzu zu trge. Er
fhlte sich zu sicher im Paradiese und antwortete einfach: Ich habe
gestern wegen Kopfschmerzen nicht lernen knnen.

Oh, du lssest mich im Stich, Edgar? sagte Doktor Mantelsack betrbt
... Du willst mir die Verse vom goldenen Zeitalter nicht sprechen? Wie
jammerschade, mein Freund! Hattest du Kopfschmerzen? Aber mich dnkt, du
httest mir das zu Beginn der Stunde sagen sollen, bevor ich dich
aufrief ... Hattest du nicht schon neulich Kopfschmerzen gehabt? Du
solltest etwas dagegen tun, Edgar, denn sonst ist die Gefahr nicht
ausgeschlossen, da du Rckschritte machst ... Timm, wollen Sie ihn
vertreten.

Lders setzte sich. In diesem Augenblick war er allgemein verhat. Man
sah deutlich, da des Ordinarius Laune betrchtlich gesunken war, und
da Lders vielleicht schon in der nchsten Stunde wrde mit Nachnamen
genannt werden ... Timm stand auf, in einer der hintersten Bnke. Es war
ein blonder Junge von lndlichem ueren, mit einer hellbraunen Jacke
und kurzen, breiten Fingern. Er hielt seinen Mund mit eifrigem und
trichtem Ausdruck trichterfrmig geffnet und rckte hastig sein
offenes Buch zurecht, indem er angestrengt geradeaus blickte. Dann
senkte er den Kopf und begann vorzulesen, langgezogen, stockend und
monoton, wie ein Kind aus der Fibel: _Aurea prima sata est aetas..._

Es war klar, da Doktor Mantelsack heute auerhalb jeder Ordnung fragte
und sich gar nicht darum kmmerte, wer am lngsten nicht examiniert
worden war. Es war jetzt nicht mehr so drohend wahrscheinlich, da Hanno
aufgerufen wurde, es konnte nur noch durch einen unseligen Zufall
geschehen. Er wechselte einen glcklichen Blick mit Kai und fing an,
seine Glieder ein wenig abzuspannen und auszuruhen...

Pltzlich ward Timm in seiner Lektre unterbrochen. Sei es nun, da
Doktor Mantelsack den Rezitierenden nicht recht verstand, oder da er
sich Bewegung zu machen wnschte: er verlie das Katheder, lustwandelte
gemchlich durch die Klasse und stellte sich, seinen Ovid in der Hand,
dicht neben Timm, der mit kurzen unsichtbaren Bewegungen sein Buch
beiseitegerumt hatte und nun vollkommen hilflos war. Er schnappte mit
seinem trichterfrmigen Munde, blickte den Ordinarius mit blauen,
ehrlichen, verstrten Augen an und brachte nicht eine Silbe mehr
zustande.

Nun, Timm, sagte Doktor Mantelsack ... Jetzt geht es auf einmal nicht
mehr?

Und Timm griff sich nach dem Kopf, rollte die Augen, atmete heftig und
sagte schlielich mit einem irren Lcheln: Ich bin so verwirrt, wenn
Sie bei mir stehen, Herr Doktor.

Auch Doktor Mantelsack lchelte; er lchelte geschmeichelt und sagte:
Nun, sammeln Sie sich und fahren Sie fort. Damit wandelte er zum
Katheder zurck.

Und Timm sammelte sich. Er zog sein Buch wieder vor sich hin, ffnete
es, indem er, sichtlich nach Fassung ringend, im Zimmer umherblickte,
senkte dann den Kopf und hatte sich wiedergefunden.

Ich bin befriedigt, sagte der Ordinarius, als Timm geendet hatte. Sie
haben gut gelernt, das steht auer Zweifel. Nur entbehren Sie zu sehr
des rhythmischen Gefhles, Timm. ber die Bindungen sind Sie sich klar,
und dennoch haben Sie nicht eigentlich Hexameter gesprochen. Ich habe
den Eindruck, als ob Sie das Ganze wie Prosa auswendig gelernt htten
... Aber wie gesagt, Sie sind fleiig gewesen, Sie haben Ihr Bestes
getan, und wer immer strebend sich bemht ... Sie knnen sich setzen.

Timm setzte sich stolz und strahlend, und Doktor Mantelsack schrieb eine
wohl befriedigende Note hinter seinen Namen. Das Merkwrdige aber war,
da in diesem Augenblick nicht allein der Lehrer, sondern auch Timm
selbst und seine smtlichen Kameraden der aufrichtigen Ansicht waren,
da Timm wirklich und wahrhaftig ein guter und fleiiger Schler sei,
der seine gute Note vollauf verdient hatte. Auch Hanno Buddenbrook war
auerstande, sich diesem Eindruck zu entziehen, obgleich er fhlte, wie
etwas in ihm sich mit Widerwillen dagegen wehrte ... Wieder horchte er
angespannt auf den Namen, der nun ertnen wrde...

Mumme! sagte Doktor Mantelsack. Noch einmal! _Aurea prima...?_

Also Mumme! Gott sei gelobt, nun war Hanno wohl in Sicherheit! Zum
drittenmal wrden die Verse kaum rezitiert werden mssen, und bei der
Neuprparation war der Buchstabe B erst krzlich an der Reihe
gewesen...

Mumme erhob sich. Er war ein langer, bleicher Mensch mit zitternden
Hnden und auerordentlich groen, runden Brillenglsern. Er war
augenleidend und so kurzsichtig, da es ihm unmglich war, im Stehen aus
einem vor ihm liegenden Buche zu lesen. Er mute lernen, und er hatte
gelernt. Da er aber herzlich unbegabt war und auerdem nicht geglaubt
hatte, heute aufgerufen zu werden, so wute er dennoch nur wenig und
verstummte schon nach den ersten Worten. Doktor Mantelsack half ihm ein,
er half ihm zum zweiten Male mit schrferer Stimme und zum dritten Male
mit uerst gereiztem Tone ein; als aber Mumme dann ganz und gar
festsa, wurde der Ordinarius von heftigem Zorne ergriffen.

Das ist vollstndig ungengend, Mumme! Setzen Sie sich hin! Sie sind
eine traurige Figur, dessen knnen Sie versichert sein, Sie Kretin! Dumm
=und= faul ist zuviel des Guten...

Mumme versank. Er sah aus wie das Unglck, und es gab in diesem
Augenblicke niemanden im Zimmer, der ihn nicht verachtet htte. Abermals
stieg ein Widerwille, eine Art von Brechreiz in Hanno Buddenbrook auf
und schnrte ihm die Kehle zusammen. Gleichzeitig aber beobachtete er
mit entsetzlicher Klarheit, was vor sich ging. Doktor Mantelsack malte
heftig ein Zeichen von bser Bedeutung hinter Mummes Namen und sah sich
dann mit finsteren Brauen in seinem Notizbuch um. Aus Zorn ging er zur
Tagesordnung ber, sah nach, wer eigentlich an der Reihe war, es war
klar! Und als Hanno von dieser Erkenntnis gerade gnzlich berwltigt
war, hrte er auch schon seinen Namen, hrte ihn wie in einem bsen
Traum.

Buddenbrook! -- Doktor Mantelsack hatte Buddenbrook gesagt, der
Schall war noch in der Luft, und dennoch glaubte Hanno nicht daran. Ein
Sausen war in seinen Ohren entstanden. Er blieb sitzen.

=Herr= Buddenbrook! sagte Doktor Mantelsack und starrte ihn mit seinen
saphirblauen, hervorquellenden Augen an, die hinter den scharfen
Brillenglsern glnzten .... Wollen Sie die Gte haben?

Gut, also es sollte so sein. So hatte es kommen mssen. Ganz anders, als
er es sich gedacht hatte, aber nun war dennoch alles verloren. Er war
nun gefat. Ob es wohl ein sehr groes Gebrll geben wrde? Er stand auf
und war im Begriffe, eine unsinnige und lcherliche Entschuldigung
vorzubringen, zu sagen, da er vergessen habe, die Verse zu lernen,
als er pltzlich gewahrte, da sein Vordermann ihm das offene Buch
hinhielt.

Sein Vordermann, Hans Hermann Kilian, war ein Kleiner, Brauner, mit
fettem Haar und breiten Schultern. Er wollte Offizier werden und war so
beseelt von Kameradschaftlichkeit, da er selbst Johann Buddenbrook, den
er doch nicht leiden mochte, nicht im Stiche lie. Er wies sogar mit dem
Zeigefinger auf die Stelle, wo anzufangen war...

Und Hanno starrte dorthin und fing an zu lesen. Mit wankender Stimme und
verzogenen Brauen und Lippen las er von dem goldenen Zeitalter, das
zuerst entsprossen war und ohne Rcher, aus freiem Willen, ohne
Gesetzesvorschrift, Treue und Recht gepflegt hatte. Strafe und Furcht
waren nicht vorhanden, sagte er auf Lateinisch. Es wurden weder
drohende Worte auf angehefteter eherner Tafel gelesen, noch scheute die
bittende Schar das Antlitz ihres Richters... Er las mit gequltem und
angeekeltem Gesichtsausdruck, las mit Willen schlecht und
unzusammenhngend, vernachlssigte absichtlich einzelne Bindungen, die
in Kilians Buch mit Bleistift angegeben waren, sprach fehlerhafte Verse,
stockte und arbeitete sich scheinbar nur mhsam vorwrts, immer
gewrtig, da der Ordinarius alles entdecken und sich auf ihn strzen
werde ... Der diebische Genu, das offene Buch vor sich zu sehen,
verursachte ein Prickeln in seiner Haut; aber er war voll Widerwillen
und betrog mit Absicht so schlecht wie mglich, nur um den Betrug
dadurch weniger gemein zu machen. Dann schwieg er, und es entstand eine
Stille, in der er nicht aufzublicken wagte. Diese Stille war
entsetzlich; er war berzeugt, da Doktor Mantelsack alles gesehen habe,
und seine Lippen waren ganz wei. Schlielich aber seufzte der
Ordinarius und sagte:

O Buddenbrook, _si tacuisses_! Sie entschuldigen wohl ausnahmsweise das
klassische Du!... Wissen Sie, was Sie getan haben? Sie haben die
Schnheit in den Staub gezogen, Sie haben sich benommen wie ein Vandale,
wie ein Barbar, Sie sind ein amusisches Geschpf, Buddenbrook, man sieht
es Ihnen an der Nase an! Wenn ich mich frage, ob Sie die ganze Zeit
gehustet oder erhabene Verse gesprochen haben, so neige ich mehr der
ersteren Ansicht zu. Timm hat wenig rhythmisches Gefhl entwickelt, aber
gegen Sie ist er ein Genie, ein Rhapsode ... Setzen Sie sich, Unseliger.
Sie haben gelernt, gewi, Sie haben gelernt. Ich kann Ihnen kein
schlechtes Zeugnis geben. Sie haben sich wohl nach Krften bemht ...
Hren Sie, erzhlt man sich nicht, da Sie musikalisch sind, da Sie
Klavier spielen? Wie ist das mglich?... Nun, es ist gut, setzen Sie
sich, Sie mgen fleiig gewesen sein, es ist gut.

Er schrieb eine befriedigende Note in sein Taschenbuch, und Hanno
Buddenbrook setzte sich. Wie es vorhin bei dem Rhapsoden Timm gewesen
war, so war es auch jetzt. Er konnte nicht umhin, sich durch das Lob,
das in Doktor Mantelsacks Worten enthalten gewesen war, aufrichtig
getroffen zu fhlen. Er war in diesem Augenblick ernstlich der Meinung,
da er ein etwas unbegabter, aber fleiiger Schler sei, der
verhltnismig mit Ehren aus der Sache hervorgegangen war, und er
empfand deutlich, da seine smtlichen Klassengenossen, Hans Hermann
Kilian nicht ausgeschlossen, ebenderselben Anschauung huldigten. Wieder
regte sich etwas wie belkeit in ihm; aber er war zu ermattet, um ber
die Vorgnge nachzudenken. Bleich und zitternd schlo er die Augen und
versank in Lethargie...

Doktor Mantelsack aber setzte den Unterricht fort. Er ging zu den Versen
ber, die fr heute neu zu prparieren waren, und rief Petersen auf.
Petersen erhob sich, frisch, munter und zuversichtlich, in tapferer
Attitde, streitbar und bereit, den Strau zu wagen. Und dennoch war ihm
heute der Untergang bestimmt! Ja, die Stunde sollte nicht vorbergehen,
ohne da eine Katastrophe eintrat, weit schrecklicher als diejenige mit
dem armen, kurzsichtigen Mumme...

Petersen bersetzte, indem er dann und wann einen Blick auf die andere
Seite seines Buches warf, dorthin, wo er eigentlich gar nichts zu suchen
hatte. Er trieb dies mit Geschick. Er tat, als stre ihn dort etwas,
fuhr mit der Hand darber hin und blies darauf, als gelte es, ein
Staubfserchen oder dergleichen zu entfernen, das ihn inkommodierte. Und
doch erfolgte nun das Entsetzliche.

Doktor Mantelsack nmlich vollfhrte pltzlich eine heftige Bewegung,
die Petersen mit einer ebensolchen Bewegung beantwortete. Und in
demselben Augenblick verlie der Ordinarius das Katheder, er strzte
sich frmlich kopfber hinab und ging mit langen, unaufhaltsamen
Schritten auf Petersen zu.

Sie haben einen Schlssel im Buche, eine bersetzung, sagte er, als er
bei ihm stand.

Einen Schlssel ... ich ... nein..., stammelte Petersen. Es war ein
hbscher Junge, mit einem blonden Haarwulst ber der Stirn und
auerordentlich schnen blauen Augen, die jetzt angstvoll flackerten.

Sie haben keinen Schlssel im Buche?

Nein ... Herr Oberlehrer ... Herr Doktor ... Einen Schlssel?... Ich
habe wahrhaftig keinen Schlssel ... Sie befinden sich im Irrtum ... Sie
haben mich in einem falschen Verdacht... Petersen redete, wie man
eigentlich nicht zu reden pflegte. Die Angst bewirkte, da er ordentlich
gewhlt sprach, in der Absicht, dadurch den Ordinarius zu erschttern.
Ich betrge nicht, sagte er aus bergroer Not. Ich bin immer ehrlich
gewesen ... mein Lebtag!

Aber Doktor Mantelsack war seiner traurigen Sache allzu sicher.

Geben Sie mir Ihr Buch, sagte er kalt.

Petersen klammerte sich an sein Buch, er hob es beschwrend mit beiden
Hnden empor und fuhr fort, mit halb gelhmter Zunge zu deklamieren:
Glauben Sie mir doch ... Herr Oberlehrer ... Herr Doktor ... Es ist
nichts im Buche ... Ich habe keinen Schlssel .... Ich habe nicht
betrogen ... Ich bin immer ehrlich gewesen...

Geben Sie mir das Buch, wiederholte der Ordinarius und stampfte mit
dem Fue.

Da erschlaffte Petersen, und sein Gesicht wurde ganz grau.

Gut, sagte er und lieferte das Buch aus, hier ist es. Ja, es ist ein
Schlssel darin! Sehen Sie selbst, da steckt er!... Aber ich habe ihn
nicht gebraucht! schrie er pltzlich in die Luft hinein.

Allein Doktor Mantelsack berhrte diese unsinnige Lge, die der
Verzweiflung entsprang. Er zog den Schlssel hervor, betrachtete ihn
mit einem Gesicht, als htte er stinkenden Unrat in der Hand, schob ihn
in die Tasche und warf den Ovid verchtlich auf Petersens Platz zurck.
Das Klassenbuch, sagte er dumpf.

Adolf Todtenhaupt brachte dienstbeflissen das Klassenbuch herbei, und
Petersen erhielt einen Tadel wegen versuchten Betruges, was ihn auf
lange Zeit hinaus vernichtete und die Unmglichkeit seiner Versetzung zu
Ostern besiegelte. Sie sind der Schandfleck der Klasse, sagte Doktor
Mantelsack noch und kehrte dann zum Katheder zurck.

Petersen setzte sich und war gerichtet. Man sah deutlich, wie sein
Nebenmann ein Stck von ihm wegrckte. Alle betrachteten ihn mit einem
Gemisch von Ekel, Mitleid und Grauen. Er war gestrzt, einsam und
vollkommen verlassen, darum, da er ertappt worden war. Es gab nur
=eine= Meinung ber Petersen, und das war die, da er wirklich der
Schandfleck der Klasse sei. Man anerkannte und akzeptierte seinen Fall
ebenso widerstandslos, wie man Timms und Buddenbrooks Erfolge und das
Unglck des armen Mumme anerkannt und akzeptiert hatte ... Und er selbst
tat desgleichen.

Wer unter diesen fnfundzwanzig jungen Leuten von rechtschaffener
Konstitution, stark und tchtig fr das Leben war, wie es ist, der nahm
in diesem Augenblicke die Dinge vllig wie sie lagen, fhlte sich nicht
durch sie beleidigt und fand, da alles selbstverstndlich und in der
Ordnung sei. Aber es gab auch Augen, die sich in finsterer
Nachdenklichkeit auf einen Punkt richteten ... Der kleine Johann starrte
auf Hans Hermann Kilians breiten Rcken, und seine goldbraunen,
blulich umschatteten Augen waren ganz voll von Abscheu, Widerstand und
Furcht ... Doktor Mantelsack aber fuhr fort zu unterrichten. Er rief
einen anderen Schler auf, irgendeinen, Adolf Todtenhaupt, weil er fr
heute ganz und gar die Lust verloren hatte, die Zweifelhaften zu prfen.
Und dann kam noch einer daran, der mig vorbereitet war und nicht
einmal wute, was _patula Jovis arbore, glandes_ hie, weshalb
Buddenbrook es sagen mute ... Er sagte es leise und ohne aufzublicken,
weil Doktor Mantelsack ihn fragte, und erhielt ein Kopfnicken dafr.

Und als es mit den Produktionen der Schler zu Ende war, hatte die
Stunde auch jedes Interesse verloren. Doktor Mantelsack lie einen
Hochbegabten auf eigene Faust weiter bersetzen und hrte ebensowenig zu
wie die anderen vierundzwanzig, die anfingen, sich fr die nchste
Stunde zu prparieren. Dies war nun gleichgltig. Man konnte niemandem
ein Zeugnis dafr geben, noch berhaupt den dienstlichen Eifer darnach
beurteilen ... Auch war die Stunde nun gleich zu Ende. Sie war zu Ende;
es schellte. So hatte es kommen sollen fr Hanno. Sogar ein Kopfnicken
hatte er bekommen.

Nun, sagte Kai, als sie inmitten der Kameraden ber die gotischen
Korridore ins Chemiezimmer gingen ... Was sagst du jetzt, Hanno! Wenn
sie die Stirn des Csar werden sehen ... Du hast ein unerhrtes Glck
gehabt!

Mir ist bel, Kai, sagte der kleine Johann. Ich will es gar nicht,
das Glck, es macht mir bel...

Und Kai wute, da er in Hannos Lage genau so empfunden haben wrde.

Das Chemiezimmer war ein Gewlbe mit amphitheatralisch aufsteigenden
Bnken, einem langen Experimentiertisch und zwei Glasschrnken voller
Phiolen. Die Luft war in der Klasse zuletzt wieder sehr hei und
schlecht gewesen, aber hier war sie gesttigt mit Schwefelwasserstoff,
mit dem soeben experimentiert worden war, und stank ber alle Maen. Kai
ri das Fenster auf, stahl dann Adolf Todtenhaupts Reinschriftheft und
begann in groer Eile das Pensum abzuschreiben, das heute vorzuweisen
war. Hanno und mehrere andere Schler taten dasselbe. Das nahm die
ganze Pause in Anspruch, bis es schellte und Doktor Marotzke erschien.

Dies war der tiefe Oberlehrer, wie Kai und Hanno ihn nannten. Es war ein
mittelgroer, brnetter Mann, mit auerordentlich gelbem Teint, zwei
Wulsten an der Stirn, einem harten und schmierigen Bart und ebensolchem
Haupthaar. Er sah bestndig bernchtig und ungewaschen aus, was aber
wohl auf Tuschung beruhte. Er unterrichtete in den Naturwissenschaften,
aber sein Hauptgebiet war die Mathematik, und er galt fr einen
bedeutenden Denker in diesem Fache. Er liebte es, von den
philosophischen Stellen der Bibel zu sprechen, und zuweilen, in guter
und trumerischer Stimmung, lie er sich vor Sekundanern und Primanern
herab, seltsame Auslegungen geheimnisvoller Schriftstellen zu liefern
... Auerdem aber war er Reserveoffizier, und zwar mit Begeisterung. Als
Beamter, der zugleich Militr war, stand er bei Direktor Wulicke aufs
beste angeschrieben. Er hielt von allen Lehrern am meisten auf
Disziplin, musterte die Front der strammstehenden Schler mit kritischem
Blick und verlangte kurze und scharfe Antworten. Diese Mischung von
Mystizismus und Schneidigkeit war ein wenig abstoend...

Die Reinschriften wurden vorgezeigt, und Doktor Marotzke ging umher und
tippte auf jedes Heft mit dem Finger, wobei gewisse Schler, die nichts
geschrieben hatten, ihm ganz andere Bcher oder alte Arbeiten vorlegten,
ohne da er dies bemerkte.

Dann begann er den Unterricht; und wie soeben gelegentlich des Ovid, so
hatten die fnfundzwanzig jungen Leute sich jetzt mit Rcksicht auf Bor,
Chlor oder Strontium ber ihren Diensteifer auszuweisen. Hans Hermann
Kilian ward belobigt, weil er wute, da _BaSO4_ oder Schwerspat das
gebruchlichste Flschungsmittel sei. berhaupt war er der Beste, darum,
weil er Offizier werden wollte. Hanno und Kai wuten gar nichts, und in
Doktor Marotzkes Notizbuch erging es ihnen bel.

Und als es mit dem Prfen, Verhren und Zeugnisgeben zu Ende war, war
auch das Interesse an der Chemiestunde allerseits so gut wie erschpft.
Doktor Marotzke fing an, ein paar Experimente zu machen, ein wenig zu
knallen und farbige Dmpfe zu entwickeln, aber das war gleichsam nur,
um den Rest der Stunde auszufllen. Schlielich diktierte er das Pensum,
das frs nchste Mal zu lernen war. Dann klingelte es, und auch die
dritte Stunde war vorber.

Alle waren vergngt, bis auf Petersen, den es heute getroffen hatte,
denn jetzt kam eine lustige Stunde, vor der sich keine Seele zu frchten
brauchte und die nichts als Unfug und Amsement versprach. Es war das
Englische bei dem Kandidaten Modersohn, einem jungen Philologen, der
seit ein paar Wochen probeweise in der Anstalt wirkte oder, wie Kai Graf
Mlln es ausdrckte, ein Gastspiel auf Engagement absolvierte. Aber er
hatte wenig Aussicht, engagiert zu werden; es ging allzu frhlich in
seinen Stunden zu...

Einige blieben im Chemiesaale, und andere gingen ins Klassenzimmer
hinauf; aber auf dem Hofe brauchte jetzt niemand zu frieren, denn droben
auf dem Korridor hatte schon whrend der Pause Herr Modersohn die
Aufsicht, und der wagte keinen hinunterzuschicken. Auch galt es,
Vorbereitungen zu seinem Empfange zu treffen...

Es wurde nicht einmal ein wenig stiller in der Klasse, als es zur
vierten Stunde schellte. Alles schwatzte und lachte, voll Freude auf den
Tanz, der nun bevorstand. Graf Mlln, den Kopf in beide Hnde gesttzt,
fuhr fort, sich mit Roderich Usher zu beschftigen, und Hanno sa still
und sah dem Spektakel zu. Einige ahmten Tierstimmen nach. Ein
Hahnenschrei zerri die Luft, und dort hinten sa Wasservogel und
grunzte genau wie ein Schwein, ohne da man sehen konnte, da diese
Laute aus seinem Innern kamen. An der Wandtafel prangte eine groe
Kreidezeichnung, eine schielende Fratze, die der Rhapsode Timm
vollbracht hatte. Und als dann Herr Modersohn eintrat, konnte er trotz
der heftigsten Anstrengungen die Tr nicht hinter sich schlieen, weil
ein dicker Tannenzapfen in der Spalte stak, der erst von Adolf
Todtenhaupt entfernt werden mute...

Der Kandidat Modersohn war ein kleiner, unansehnlicher Mann, der beim
Gehen eine Schulter schrg voranschob, mit einem suerlich verzogenen
Gesicht und sehr dnnem schwarzen Bart. Er war in furchtbarer
Verlegenheit. Immer zwinkerte er mit seinen blanken Augen, zog den Atem
ein und ffnete den Mund, als wollte er etwas sagen. Aber er fand nicht
die Worte, die ntig waren. Nach drei Schritten, die er von der Tr aus
zurckgelegt, trat er auf eine Knallerbse, eine Knallerbse von seltener
Qualitt, die einen Lrm verursachte, als habe er auf Dynamit getreten.
Er fuhr heftig zusammen, lchelte dann in seiner Not, tat, als sei
nichts geschehen und stellte sich vor die mittlere Bankreihe, indem er
sich nach seiner Gewohnheit, schief gebckt, mit einer Handflche auf
die vorderste Pultplatte sttzte. Aber man kannte diese seine
Lieblingsstellung, und darum hatte man diese Stelle des Tisches mit
Tinte beschmiert, so da Herr Modersohn sich nun seine ganze kleine,
ungeschickte Hand besudelte. Er tat, als bemerke er es nicht, legte die
nasse und geschwrzte Hand auf den Rcken, blinzelte und sagte mit
weicher und schwacher Stimme: Die Ordnung in der Klasse lt zu
wnschen brig.

Hanno Buddenbrook liebte ihn in diesem Augenblick und blickte
unbeweglich in sein hilflos verzogenes Gesicht. Aber Wasservogels
Grunzen ward immer lauter und natrlicher, und pltzlich prasselten eine
Menge Erbsen gegen die Fensterscheibe, prallten ab und fielen rasselnd
ins Zimmer zurck.

Es hagelt, sagte jemand laut und deutlich; und Herr Modersohn schien
dies zu glauben, denn er zog sich ohne weiteres aufs Katheder zurck und
verlangte nach dem Klassenbuche. Dies tat er nicht, um jemanden
einzuschreiben; sondern, obgleich er bereits fnf oder sechs
Unterrichtsstunden in dieser Klasse erteilt hatte, kannte er doch die
Schler bis auf einige wenige noch nicht und war gentigt, die Namen
aufs Geratewohl aus dem schriftlichen Verzeichnis abzulesen.

Feddermann, sagte er, wollen Sie, bitte, das Gedicht aufsagen.

Fehlt! schrie eine Menge verschiedenartiger Stimmen. Und dabei sa
Feddermann gro und breit an seinem Platze und schnellte mit
unglaublicher Geschicklichkeit Erbsen durch die ganze Stube.

Herr Modersohn blinzelte und buchstabierte sich einen neuen Namen
zusammen.

Wasservogel, sagte er.

Verstorben! rief Petersen, der vom Galgenhumor ergriffen worden war.
Und unter Fescharren, Gegrunz, Gekrh und Hohngelchter wiederholten
alle, da Wasservogel tot sei.

Herr Modersohn blinzelte abermals, er blickte um sich, verzog suerlich
den Mund und sah dann wieder ins Klassenbuch, indem er mit seiner
kleinen, ungeschickten Hand auf den Namen zeigte, den er nun aufrufen
wollte.

Perlemann, sagte er ohne viel Zuversicht.

Leider dem Wahnsinn verfallen, sprach Kai Graf Mlln klar und fest;
und unter wachsendem Hallo wurde auch dies besttigt.

Da stand Herr Modersohn auf und rief in den Lrm hinein: Buddenbrook,
Sie werden mir eine Strafarbeit anfertigen. Wiederholt sich Ihr Lachen,
so werde ich Sie tadeln mssen.

Dann setzte er sich wieder. -- In der Tat, Buddenbrook hatte gelacht, er
war ber Kais Witz in ein leises und heftiges Lachen geraten, dem er
nicht Einhalt gebieten konnte. Er fand ihn gut, und besonders das
Leider erschtterte ihn mit Komik. Als aber Herr Modersohn ihn
anherrschte, wurde er ruhig und blickte still und finster auf den
Kandidaten. Er sah in diesem Augenblick alles an ihm, jedes jmmerliche
Hrchen seines Bartes, der berall die Haut durchscheinen lie, und
seine braunen, blanken, hoffnungslosen Augen; sah, da er gleichsam zwei
Paar Manschetten an seinen kleinen, ungeschickten Hnden trug, weil
seine Hemdrmel an den Gelenken ebenso lang und breit waren, wie die
eigentlichen Manschetten, sah seine ganze armselige und verzweifelte
Gestalt. Er sah auch in sein Inneres hinein. Hanno Buddenbrook war
beinahe der einzige, den Herr Modersohn schon mit Namen kannte, und das
benutzte er dazu, ihn bestndig zur Ordnung zu rufen, ihm Strafarbeiten
zu diktieren und ihn zu tyrannisieren. Er kannte den Schler Buddenbrook
nur deshalb, weil er sich durch stilles Verhalten von den anderen
unterschieden hatte, und diese Sanftmut ntzte er dazu aus, ihn
unaufhrlich die Autoritt fhlen zu lassen, die er den Lauten und
Frechen gegenber nicht geltend zu machen wagte. Selbst das Mitleid wird
einem auf Erden durch die Gemeinheit unmglich gemacht, dachte Hanno.
Ich nehme nicht daran teil, Sie zu qulen und auszubeuten, Kandidat
Modersohn, weil ich das brutal, hlich und gewhnlich finde, und wie
antworten Sie mir? Aber so ist es, so ist es, so wird es immer und
berall sich verhalten, dachte er, und Furcht und belkeit stiegen
wieder in ihm auf. Und da ich Sie obendrein so widerlich deutlich
durchschauen mu!...

Endlich fand sich einer, der weder tot noch wahnsinnig war und es
bernehmen wollte, die englischen Verse aufzusagen. Es handelte sich um
ein Gedicht, das _The monkey_ hie, ein kindisches Machwerk, das man
diesen jungen Leuten, die sich groenteils aufs Meer, ins Geschft, ins
ernsthafte Lebensgetriebe sehnten, zugemutet hatte, auswendig zu lernen.

    _Monkey, little merry fellow,
    Thou art nature's punchinello..._

Es gab eine Menge Strophen, und der Schler Kabaum las sie aus seinem
Buche vor. Herrn Modersohn gegenber brauchte man sich nicht den
geringsten Zwang anzutun. Und der Lrm war immer noch rger geworden.
Alle Fe waren in Bewegung und scharrten den staubigen Boden. Der Hahn
krhte, das Schwein grunzte, die Erbsen flogen. Die Zgellosigkeit
berauschte die fnfundzwanzig. Die ungeordneten Instinkte ihrer
sechzehn, siebzehn Jahre wurden wach. Bltter mit den obsznsten
Bleistiftzeichnungen wurden emporgehoben, umhergeschickt und gierig
belacht...

Auf einmal verstummte alles. Der Rezitierende unterbrach sich. Herr
Modersohn selbst richtete sich auf und lauschte. Etwas Liebliches
geschah. Feine und glockenreine Klnge drangen aus dem Hintergrunde des
Zimmers und flossen s, sinnig und zrtlich in die pltzliche Stille.
Es war eine Spieluhr, die jemand mitgebracht hatte, und die Du, du
liegst mir am Herzen spielte, mitten in der englischen Stunde. Genau
aber in dem Augenblick, da die zierliche Melodie verklang, vollzog sich
etwas Frchterliches ... es brach ber alle Anwesenden herein, grausam,
unerwartet, bergewaltig und lhmend.

Ohne da nmlich geklopft worden wre, ffnete sich mit einem Ruck die
Tr sperrangelweit, etwas Langes und Ungeheures kam herein, stie einen
brummenden Lippenlaut aus und stand mit einem einzigen Seitenschritt
mitten vor den Bnken ... Es war der liebe Gott.

Herr Modersohn war aschfahl geworden und zerrte den Armstuhl vom
Katheder herunter, indem er ihn mit seinem Schnupftuche abwischte. Die
Schler waren emporgeschnellt wie ein Mann. Sie preten die Arme an die
Flanken, stellten sich auf die Zehenspitzen, beugten die Kpfe und
bissen sich auf die Zungen vor rasender Devotion. Es herrschte tiefe
Lautlosigkeit. Jemand seufzte vor Anstrengung, und dann war alles wieder
still.

Direktor Wulicke musterte eine Weile die salutierenden Kolonnen, worauf
er die Arme mit den trichterfrmigen schmutzigen Manschetten erhob und
sie mit weitgespreizten Fingern senkte, wie jemand, der voll in die
Tasten greift. Setzt euch, sagte er dabei mit seinem Kontrabaorgan.
Er duzte jedermann.

Die Schler versanken. Herr Modersohn zog mit zitternden Hnden den
Armstuhl herbei, und der Direktor setzte sich zur Seite des Katheders.
Bitte, nur fortzufahren, sagte er; und das klang genau so entsetzlich,
als htte er gesagt: Wir werden ja sehen, und wehe demjenigen...!

Es war klar, warum er erschienen war. Herr Modersohn sollte vor ihm eine
Probe seiner Unterrichtskunst ablegen, sollte zeigen, was die
Real-Untersekunda in sechs oder sieben Stunden bei ihm gelernt hatte; es
galt Herrn Modersohns Existenz und Zukunft. Der Kandidat bot einen
traurigen Anblick, als er wieder auf dem Katheder stand und jemanden zur
Wiederholung des Gedichtes _The monkey_ aufrief. Und wie bislang nur
die Schler geprft und begutachtet worden waren, so geschah es nun
gleichzeitig auch mit dem Lehrer ... Ach, es erging beiden Teilen
schlecht! Das Erscheinen Direktor Wulickes war eine berrumpelung, und
niemand, bis auf zwei oder drei, war vorbereitet. Herr Modersohn konnte
unmglich die ganze Stunde lang Adolf Todtenhaupt fragen, der alles
wute. Da _The monkey_ in Gegenwart des Direktors nicht mehr abgelesen
werden konnte, so ging es jammervoll, und als die Lektre von
_Ivanhoe_ an die Reihe kam, konnte eigentlich nur der junge Graf
Mlln ein wenig bersetzen, weil bei ihm ein privates Interesse fr den
Roman vorhanden war. Die brigen stocherten hustend und hilflos zwischen
den Vokabeln umher. Auch Hanno Buddenbrook ward aufgerufen und kam nicht
ber eine Zeile hinweg. Direktor Wulicke stie einen Laut aus, wie wenn
die tiefste Saite des Kontrabasses heftig angestrichen wird. Herr
Modersohn rang seine kleinen, ungeschickten, mit Tinte besudelten Hnde
und wiederholte jammernd: Und sonst ging es immer so gut! Und sonst
ging es immer so gut!

Dies wiederholte er noch, als es schellte, verzweiflungsvoll halb an die
Schler und halb an den Direktor gewendet. Aber der liebe Gott stand
frchterlich aufgerichtet, mit verschrnkten Armen vor seinem Stuhle und
blickte mit abweisendem Kopfnicken starr ber die Klasse hinweg ... Und
dann befahl er das Klassenbuch und schrieb langsam allen denjenigen,
deren Leistungen soeben mangelhaft oder gleich Null gewesen waren, einen
Tadel wegen Trgheit hinein, sechs oder sieben Schlern auf einmal. Herr
Modersohn konnte nicht eingeschrieben werden, aber er war schlimmer
daran als alle; er stand da, fahl, gebrochen und abgetan. Hanno
Buddenbrook aber war ebenfalls unter den Getadelten. -- Ich will euch
eure Karriere schon verderben, sagte Direktor Wulicke noch. Und dann
verschwand er.

Es schellte, die Stunde war aus. So hatte es kommen sollen. Ja, so war
es immer. Wenn man sich am meisten ngstigte, so ging es einem, wie aus
Hohn, beinahe gut; aber wenn man nichts bles gewrtigte, so kam das
Unglck. Hannos Avancement zu Ostern war nun endgltig unmglich. Er
stand auf und ging mit mden Augen aus dem Zimmer, indem er seine Zunge
an dem kranken Backenzahne scheuerte.

Kai kam zu ihm, legte den Arm um ihn und ging mit ihm, inmitten der
erregten Kameraden, die ber die auerordentlichen Ereignisse
disputierten, auf den Hof hinunter. Er blickte ngstlich und liebevoll
in Hannos Gesicht und sagte: Verzeih, Hanno, da ich eben bersetzt
habe und nicht lieber stillschwieg und mich auch einschreiben lie! Es
ist so gemein...

Habe ich vorhin nicht auch gesagt, was `_patula Jovis arbore, glandes_
heit? antwortete Hanno. Das ist nun schon so, Kai, la es gut sein.
Man mu es gut sein lassen.

Ja, das mu man wohl. -- Also der liebe Gott will dir die Karriere
verderben. Dann mut du dich wohl darein ergeben, Hanno; denn wenn es
sein unerforschlicher Wille ist ... Die Karriere, was fr ein liebes
Wort! Herrn Modersohns Karriere ist nun auch dahin. Er wird nie
Oberlehrer werden, der Arme! Ja, es gibt Hilfslehrer und es gibt
Oberlehrer, mut du wissen, aber Lehrer gibt es nicht. Dies ist nun
etwas, was man nicht so leicht verstehen kann, weil es nur fr ganz
Erwachsene ist und solche, die vom Leben gereift sind. Man knnte sagen:
Jemand ist ein Lehrer oder er ist keiner; wie jemand ein Oberlehrer sein
kann, das verstehe ich nicht. Man knnte damit vor den lieben Gott oder
Herrn Marotzke hintreten und es ihnen auseinandersetzen. Was wrde
geschehen? Sie wrden es als Beleidigung nehmen und dich wegen
Unbotmigkeit vernichten, whrend du doch eine sehr viel hhere Meinung
von ihrem Beruf an den Tag gelegt httest, als sie selber besitzen
knnen ... Na, la sie, komm, es sind lauter Nashrner.

Sie gingen auf dem Hofe spazieren, und Hanno horchte wohlgefllig auf
das, was Kai zum besten gab, um ihn seinen Tadel vergessen zu lassen.

Sieh, hier ist eine Tr, eine Hoftr, sie ist offen, da drauen ist die
Strae. Wie wre es, wenn wir hinaustrten und ein bichen auf dem
Trottoir umhergingen? Es ist Pause, wir haben noch sechs Minuten; und
wir knnten ja pnktlich zurckkehren. Aber die Sache ist die: es ist
unmglich. Verstehst du das? Hier ist die Tr, sie ist offen, es ist
kein Gitter davor, nichts, kein Hindernis, hier ist die Schwelle. Und
dennoch ist es unmglich, schon der Gedanke ist unmglich, auch nur auf
eine Sekunde hinauszutreten ... Nun, sehen wir davon ab! Aber nehmen wir
ein anderes Beispiel. Es wre gnzlich verkehrt, zu sagen, da die Uhr
jetzt ungefhr halb zwlf ist. Nein, es kommt jetzt die Geographiestunde
an die Reihe: so verhlt es sich! Nun frage ich aber jedermann: ist dies
ein Leben? Alles ist verzerrt ... Ach, Herr Gott, wollte die Anstalt
uns erst aus ihrer liebenden Umarmung entlassen!

Ja, und was dann? Nein, la nur, Kai, dann wre es auch noch so: Was
soll man anfangen? Hier ist man wenigstens aufgehoben. Seit mein Vater
tot ist, haben Herr Stephan Kistenmaker und Pastor Pringsheim es
bernommen, mich tagtglich zu fragen, was ich werden will. Ich wei es
nicht. Ich kann nichts antworten. Ich kann nichts werden. Ich frchte
mich vor dem Ganzen...

Nein, wie kann man so verzagt reden! Du mit deiner Musik...

Was ist mit meiner Musik, Kai? Es ist nichts damit. Soll ich
umherreisen und spielen? Erstens wrden sie es mir nicht erlauben, und
zweitens werde ich nie genug dazu knnen. Ich kann beinahe nichts, ich
kann nur ein bichen phantasieren, wenn ich allein bin. Und dann stelle
ich mir das Umherreisen auch schrecklich vor ... Mit dir ist es so
anders. Du hast mehr Mut. Du gehst hier herum und lachst ber das Ganze
und hast ihnen etwas entgegenzuhalten. Du willst schreiben, willst den
Leuten Schnes und Merkwrdiges erzhlen, gut: das ist etwas. Und du
wirst sicher berhmt werden, du bist so geschickt. Woran liegt es? Du
bist lustiger. Manchmal in der Stunde sehen wir uns an, wie vorhin einen
Augenblick, bei Herrn Mantelsack, als Petersen unter allen, die
abgelesen hatten, einen Tadel bekam. Wir denken dasselbe, aber du
schneidest eine Fratze und bist stolz ... Ich kann das nicht. Ich werde
so mde davon. Ich mchte schlafen und nichts mehr wissen. Ich mchte
sterben, Kai!... Nein, es ist nichts mit mir. Ich kann nichts wollen.
Ich will nicht einmal berhmt werden. Ich habe Angst davor, genau als
wre ein Unrecht dabei! Es kann nichts aus mir werden, sei sicher.
Neulich nach der Konfirmationsstunde hat Pastor Pringsheim zu jemandem
gesagt, man msse mich aufgeben, ich stammte aus einer verrotteten
Familie...

Hat er das gesagt? fragte Kai mit angespanntem Interesse...

Ja, er meint meinen Onkel Christian damit, der in Hamburg in einer
Anstalt sitzt. -- Er hat sicher recht. Man sollte mich nur aufgeben. Ich
wre so dankbar dafr!... Ich habe so vielerlei Sorgen, und alles fllt
mir so schwer. Nehmen wir an, ich schneide mich in den Finger, tue mir
irgendwo weh ... es ist eine Wunde, die bei einem anderen in acht Tagen
geheilt wre. Bei mir dauert es vier Wochen. Es will nicht heilen, es
entzndet sich, es wird schlimm und macht mir unmige Beschwerden ...
Neulich sagte mir Herr Brecht, um meine Zhne she es jmmerlich aus,
fast alle seien schon unterminiert und verbraucht, nicht zu reden von
denen, die ausgezogen sind. So steht es jetzt. Und womit werde ich
beien, wenn ich dreiig, vierzig Jahre alt bin? Ich habe gar keine
Hoffnung...

So, sagte Kai und schlug eine schnellere Gangart an; nun erzhlst du
mir ein bichen von deinem Klavierspiel. Ich will nmlich jetzt etwas
Wunderbares schreiben, etwas Wunderbares ... Vielleicht fange ich
nachher in der Zeichenstunde an. Willst du heute nachmittag spielen?

Hanno schwieg einen Augenblick. Etwas Trbes, Verwirrtes und Heies war
in seinen Blick gekommen.

Ja, ich werde wohl spielen, sagte er, obgleich ich es nicht tun
sollte. Ich sollte meine Etden und Sonaten ben und dann aufhren. Aber
ich werde wohl spielen, ich kann es nicht lassen, obgleich es alles noch
schlimmer macht.

Schlimmer?

Hanno schwieg.

Ich wei, wovon du spielst, sagte Kai. Und dann schwiegen beide.

Sie waren in einem seltsamen Alter. Kai war sehr rot geworden und
blickte zu Boden, ohne den Kopf zu senken. Hanno sah bla aus. Er war
furchtbar ernst und hielt seine verschleierten Augen seitwrts
gerichtet.

Dann schellte Herr Schlemiel und sie gingen hinauf.

Es kam die Geographiestunde und mit ihr das Extemporale, ein sehr
wichtiges Extemporale ber das Gebiet von Hessen-Nassau. Ein Mann mit
rotem Bart und braunem Schorock trat ein. Sein Gesicht war bleich, und
auf seinen Hnden, deren Poren weit offen standen, wuchs nicht ein
einziges Hrchen. Dies war der geistreiche Oberlehrer, Herr Doktor
Mhsam. Er litt zuweilen an Lungenblutungen und sprach bestndig in
ironischem Tone, weil er sich fr ebenso witzig wie leidend hielt. Zu
Hause besa er eine Art Heine-Archiv, eine Sammlung von Papieren und
Gegenstnden, die sich auf den frechen und kranken Poeten bezogen. Jetzt
fixierte er die Grenzen von Hessen-Nassau auf der Wandtafel und bat dann
mit einem zugleich melancholischen und hhnischen Lcheln, die Herren
mchten in ihre Hefte zeichnen, was das Land an Merkwrdigem biete. Er
schien sowohl die Schler wie das Land Hessen-Nassau verspotten zu
wollen; und doch war es ein sehr wichtiges Extemporale, vor dem alle
sich frchteten.

Hanno Buddenbrook wute nichts von Hessen-Nassau, nicht viel, so gut wie
nichts. Er wollte ein wenig auf Adolf Todtenhaupts Heft hinbersehen,
aber Heinrich Heine, der trotz seiner berlegenen und leidenden Ironie
mit gespanntester Aufmerksamkeit jede Bewegung berwachte, bemerkte es
sofort und sagte: Herr Buddenbrook, ich bin versucht, Sie Ihr Buch
schlieen zu lassen, aber ich frchte allzusehr, Ihnen eine Wohltat
damit zu erweisen. Fahren Sie fort.

Diese Bemerkung enthielt zwei Witze. Erstens denjenigen, da Doktor
Mhsam Hanno mit Herr anredete, und zweitens den mit der Wohltat.
Hanno Buddenbrook aber fuhr fort, ber seinem Heft zu brten und
lieferte schlielich ein beinahe leeres Blatt ab, worauf er wieder mit
Kai hinausging.

Fr heute war nun alles berstanden. Wohl dem, der glcklich
davongekommen war und dessen Bewutsein von keinem Tadel beschwert
wurde. Er konnte nun frei und wohlgemut bei Herrn Drgemller im hellen
Saale sitzen und zeichnen...

Der Zeichensaal war weit und licht. Gipsabgsse nach der Antike standen
auf den Wandborden, und in einem groen Schranke gab es allerhand
Holzkltze und Puppenmbel, die ebenfalls als Modelle dienten. Herr
Drgemller war ein untersetzter Mann mit rundgeschnittenem Vollbart und
einer braunen, glatten, billigen Percke, die im Nacken verrterisch
abstand. Er besa zwei Percken, eine mit lngerem und eine mit krzerem
Haar; hatte er sich den Bart scheren lassen, so setzte er die krzere
auf ... Auch sonst war er ein Mann von einigen drolligen
Eigentmlichkeiten. Statt der Bleistift sagte er die Blei. Auerdem
verbreitete er einen lig-spiritusen Geruch wo er ging und stand, und
einige sagten, er trnke Petroleum. Seine schnsten Stunden kamen, wenn
er vertretungsweise einmal in einem anderen Fache als im Zeichnen
unterrichten durfte. Dann hielt er Vortrge ber Bismarcks Politik, die
er mit eindringlichen, spiralfrmigen Bogenbewegungen von der Nase zur
Schulter begleitete, und sprach mit Ha und Furcht von der
Sozialdemokratie ... Wir mssen zusammenhalten! pflegte er zu
schlechten Schlern zu sagen, indem er sie am Arme packte. Die
Sozialdemokratie steht vor der Tr! Er hatte etwas krampfhaft
Geschftiges an sich. Er setzte sich neben einen, verbreitete einen
heftigen Spiritusgeruch, schlug einem mit seinem Siegelring vor die
Stirn, stie einzelne Wrter hervor, wie Perspektive!
Schlagschatten! Die Blei! Sozialdemokratie! Zusammenhalten! und
enteilte...

Kai schrieb an seiner neuen literarischen Arbeit in dieser Stunde, und
Hanno beschftigte sich damit, da er in Gedanken eine Orchester-Ouvertre
auffhrte. Dann war es aus, man holte seine Sachen herunter, der Weg
durch die Hoftore war freigegeben, man ging nach Hause.

Hanno und Kai hatten denselben Weg, und bis zu der kleinen, roten Villa
drauen in der Vorstadt gingen sie zusammen, ihre Bcher unterm Arm.
Dann hatte der junge Graf Mlln noch eine weite Strecke bis zu dem
vterlichen Wohnsitz allein zu wandern. Er trug nicht einmal einen
Paletot.

Der Nebel, der am Morgen geherrscht hatte, war zu Schnee geworden, der
in groen weichen Flocken herniedersank und sich in Kot verwandelte. An
der Buddenbrookschen Gartenpforte trennten sie sich; aber als Hanno
schon den Vorgarten zur Hlfte durchschritten hatte, kam Kai noch einmal
zurck und legte den Arm um seinen Hals. Sei nicht verzweifelt ... Und
spiele lieber nicht! sagte er leise; dann verschwand seine schlanke,
verwahrloste Gestalt im Schneegestber.

Hanno lie seine Bcher auf dem Korridor in der Schale zurck, die der
Br vor sich hinstreckte, und ging ins Wohnzimmer, um seine Mutter zu
begren. Sie sa auf der Chaiselongue und las in einem gelb gehefteten
Buche. Whrend er ber den Teppich schritt, blickte sie ihm mit ihren
braunen, nahe beieinanderliegenden Augen entgegen, in deren Winkeln
bluliche Schatten lagerten. Als er vor ihr stand, nahm sie seinen Kopf
zwischen die Hnde und kte ihn auf die Stirn.

Er ging in sein Zimmer hinauf, wo Frulein Clementine ein wenig
Frhstck fr ihn bereitgestellt hatte, wusch sich und a. Als er fertig
war, nahm er aus dem Pulte ein Pckchen jener kleinen, scharfen
russischen Zigaretten, die ihm ebenfalls nicht mehr unbekannt waren, und
begann zu rauchen. Dann setzte er sich ans Harmonium und spielte etwas
sehr Schwieriges, Strenges, Fugiertes, von Bach. Und schlielich faltete
er die Hnde hinter dem Kopf und blickte zum Fenster hinaus in den
lautlos niedertaumelnden Schnee. Es gab da sonst nichts zu sehen. Es lag
kein zierlicher Garten mit pltscherndem Springbrunnen mehr unter seinem
Fenster. Die Aussicht wurde durch die graue Seitenwand der benachbarten
Villa abgeschnitten.

Um vier Uhr wurde zu Mittag gegessen. Gerda Buddenbrook, der kleine
Johann und Frulein Clementine waren allein. Spter traf Hanno im Salon
die Vorbereitungen zum Musizieren und erwartete am Flgel seine Mutter.
Sie spielten die Sonate Opus24 von Beethoven. Bei dem Adagio sang die
Geige wie ein Engel; aber Gerda nahm dennoch unbefriedigt das Instrument
vom Kinn, betrachtete es mimutig und sagte, da es nicht in Stimmung
sei. Sie spielte nicht weiter und ging hinauf, um zu ruhen.

Hanno blieb im Salon zurck. Er trat an die Glastr, die auf die schmale
Veranda fhrte, und blickte ein paar Minuten lang in den aufgeweichten
Vorgarten hinaus. Pltzlich aber trat er einen Schritt rckwrts, zog
heftig den cremefarbenen Vorhang vor die Tr, so da das Zimmer in einem
gelblichen Halbdunkel lag, und ging in Bewegung zum Flgel. Dort stand
er abermals eine Weile, und sein Blick, starr und unbestimmt auf einen
Punkt gerichtet, verdunkelte sich langsam, verschleierte sich,
verschwamm ... Er setzte sich und begann eine seiner Phantasien.

Es war ein ganz einfaches Motiv, das er sich vorfhrte, ein Nichts, das
Bruchstck einer nicht vorhandenen Melodie, eine Figur von anderthalb
Takten, und als er sie zum erstenmal mit einer Kraft, die man ihm nicht
zugetraut htte, in tiefer Lage als einzelne Stimme ertnen lie, wie
als sollte sie von Posaunen einstimmig und befehlshaberisch als Urstoff
und Ausgang alles Kommenden verkndigt werden, war gar nicht abzusehen,
was eigentlich gemeint sei. Als er sie aber im Diskant, in einer
Klangfarbe von mattem Silber, harmonisiert wiederholte, erwies sich, da
sie im wesentlichen aus einer einzigen Auflsung bestand, einem
sehnschtigen und schmerzlichen Hinsinken von einer Tonart in die andere
... eine kurzatmige, armselige Erfindung, der aber durch die prezise
und feierliche Entschiedenheit, mit der sie hingestellt und vorgebracht
wurde, ein seltsamer, geheimnis- und bedeutungsvoller Wert verschafft
ward. Und nun begannen bewegte Gnge, ein rastloses Kommen und Gehen von
Synkopen, suchend, irrend und von Aufschreien zerrissen, wie als sei
eine Seele voll Unruhe ber das, was sie vernommen, und was doch nicht
verstummen wollte, sondern in immer anderen Harmonien, fragend, klagend,
ersterbend, verlangend, verheiungsvoll sich wiederholte. Und immer
heftiger wurden die Synkopen, ratlos umhergedrngt von hastigen Triolen;
die Schreie der Furcht jedoch, die hineinklangen, nahmen Gestalt an, sie
schlossen sich zusammen, sie wurden zur Melodie, und der Augenblick kam,
da sie wie ein inbrnstig und flehentlich hervortretender Gesang des
Blserchores stark und demtig zur Herrschaft gelangten. Das haltlos
Drngende, das Wogende, Irrende und Entgleitende war verstummt und
besiegt, und in unbeirrbar einfachem Rhythmus erscholl dieser
zerknirschte und kindlich betende Choral ... Mit einer Art von
Kirchenschlu endete er. Eine Fermate kam, und eine Stille. Und siehe,
pltzlich war, ganz leise, in einer Klangfarbe von mattem Silber, das
erste Motiv wieder da, diese armselige Erfindung, diese dumme oder
geheimnisvolle Figur, dieses se, schmerzliche Hinsinken von einer
Tonart in die andere. Da entstand ein ungeheurer Aufruhr und wild
erregte Geschftigkeit, beherrscht von fanfarenartigen Akzenten,
Ausdrcken einer wilden Entschlossenheit. Was geschah? Was war in
Vorbereitung? Es scholl wie Hrner, die zum Aufbruch riefen. Und dann
trat etwas ein wie eine Sammlung und Konzentration, festere Rhythmen
fgten sich zusammen, und eine neue Figur setzte ein, eine kecke
Improvisation, eine Art Jagdlied, unternehmend und strmisch. Aber es
war nicht frhlich, es war im Innersten voll verzweifelten bermuts, die
Signale, die darein tnten, waren gleich Angstrufen, und immer wieder
war zwischen allem, in verzerrten und bizarren Harmonien, qulend,
irrselig und s, das Motiv, jenes erste, rtselhafte Motiv zu vernehmen
... Und nun begann ein unaufhaltsamer Wechsel von Begebenheiten, deren
Sinn und Wesen nicht zu erraten war, eine Flucht von Abenteuern des
Klanges, des Rhythmus und der Harmonie, ber die Hanno nicht Herr war,
sondern die sich unter seinen arbeitenden Fingern gestalteten, und die
er erlebte, ohne sie vorher zu kennen ... Er sa, ein wenig ber die
Tasten gebeugt, mit getrennten Lippen und fernem, tiefem Blick, und sein
braunes Haar bedeckte in weichen Locken seine Schlfen. Was geschah? Was
wurde erlebt? Wurden hier furchtbare Hindernisse bewltigt, Drachen
gettet, Felsen erklommen, Strme durchschwommen, Flammen
durchschritten? Und wie ein gellendes Lachen oder wie eine unbegreiflich
selige Verheiung schlang sich das erste Motiv hindurch, dies nichtige
Gebilde, dies Hinsinken von einer Tonart in die andere ... ja, es war,
als reize es auf zu immer neuen, gewaltsamen Anstrengungen, rasende
Anlufe in Oktaven folgten ihm, die in Schreie ausklangen, und dann
begann ein Aufschwellen, eine langsame, unaufhaltsame Steigerung, ein
chromatisches Aufwrtsringen von wilder, unwiderstehlicher Sehnsucht,
jh unterbrochen durch pltzliche, erschreckende und aufstachelnde
Pianissimi, die wie ein Weggleiten des Bodens unter den Fen und wie
ein Versinken in Begierde waren ... Einmal war es, als ob fern und leise
mahnend die ersten Akkorde des flehenden, zerknirschten Gebetes
vernehmbar werden wollten; alsbald aber strzte die Flut der
empordrngenden Kakophonien darber her, die sich zusammenballten, sich
vorwrts wlzten, zurckwichen, aufwrts klommen, versanken und wieder
einem unaussprechlichen Ziele entgegenrangen, das kommen mute, nun
kommen mute, in diesem Augenblick, an diesem furchtbaren Hhepunkt, da
die lechzende Drangsal zur Unertrglichkeit geworden war ... Und es kam,
es war nicht mehr hintanzuhalten, die Krmpfe der Sehnsucht htten nicht
mehr verlngert werden knnen, es kam, gleichwie wenn ein Vorhang
zerrisse, Tore aufsprngen, Dornenhecken sich erschlossen, Flammenmauern
in sich zusammensnken ... Die Lsung, die Auflsung, die Erfllung, die
vollkommene Befriedigung brach herein, und mit entzcktem Aufjauchzen
entwirrte sich alles zu einem Wohlklang, der in sem und sehnschtigem
Ritardando sogleich in einen anderen hinbersank ... es war das Motiv,
das erste Motiv, was erklang! Und was nun begann, war ein Fest, ein
Triumph, eine zgellose Orgie ebendieser Figur, die in allen
Klangschattierungen prahlte, sich durch alle Oktaven ergo, aufweinte,
im Tremolando verzitterte, sang, jubelte, schluchzte, angetan mit allem
brausenden, klingelnden, perlenden, schumenden Prunk der orchestralen
Ausstattung sieghaft daherkam ... Es lag etwas Brutales und
Stumpfsinniges und zugleich etwas asketisch Religises, etwas wie Glaube
und Selbstaufgabe in dem fanatischen Kultus dieses Nichts, dieses Stcks
Melodie, dieser kurzen, kindischen, harmonischen Erfindung von
anderthalb Takten ... etwas Lasterhaftes in der Malosigkeit und
Unersttlichkeit, mit der sie genossen und ausgebeutet wurde, und etwas
zynisch Verzweifeltes, etwas wie Wille zu Wonne und Untergang in der
Gier, mit der die letzte Sigkeit aus ihr gesogen wurde, bis zur
Erschpfung, bis zum Ekel und berdru, bis endlich, endlich in
Ermattung nach allen Ausschweifungen ein langes, leises Arpeggio in Moll
hinrieselte, um einen Ton emporstieg, sich in Dur auflste und mit einem
wehmtigen Zgern erstarb.

Hanno sa noch einen Augenblick still, das Kinn auf der Brust, die Hnde
im Scho. Dann stand er auf und schlo den Flgel. Er war sehr bla, in
seinen Knien war gar keine Kraft, und seine Augen brannten. Er ging ins
Nebenzimmer, streckte sich auf der Chaiselongue aus und blieb so lange
Zeit, ohne ein Glied zu rhren.

Spter wurde zu Abend gegessen, worauf er mit seiner Mutter eine Partie
Schach spielte, bei der niemand gewann. Aber nach Mitternacht noch sa
er in seinem Zimmer bei einer Kerze vor dem Harmonium und spielte, weil
nichts mehr erklingen durfte, in Gedanken, obgleich er gewillt war,
morgen um halb sechs Uhr aufzustehen, um die wichtigsten Schularbeiten
anzufertigen.

Dies war ein Tag aus dem Leben des kleinen Johann.


Drittes Kapitel

Mit dem Typhus ist es folgendermaen bestellt.

Der Mensch fhlt eine seelische Mistimmung in sich entstehen, die sich
rasch vertieft und zu einer hinflligen Verzweiflung wird. Zu gleicher
Zeit bemchtigt sich seiner eine physische Mattigkeit, die sich nicht
allein auf Muskeln und Sehnen, sondern auch auf die Funktionen aller
inneren Organe erstreckt, und nicht zuletzt auf die des Magens, der die
Aufnahme von Speise mit Widerwillen verweigert. Es besteht ein starkes
Schlafbedrfnis, allein trotz uerster Mdigkeit ist der Schlaf
unruhig, oberflchlich, bengstigt und unerquicklich. Das Gehirn
schmerzt; es ist dumpf, befangen, wie von Nebeln umhllt, und von
Schwindel durchzogen. Ein unbestimmter Schmerz sitzt in allen Gliedern.
Hie und da fliet ohne jedwede besondere Veranlassung Blut aus der Nase.
-- Dies ist die Introduktion.

Dann gibt ein heftiger Frostanfall, der den ganzen Krper durchrttelt
und die Zhne gegeneinander wirbelt, das Zeichen zum Einsatze des
Fiebers, das sofort die hchsten Grade erreicht. Auf der Haut der Brust
und des Bauches werden nun einzelne linsengroe, rote Flecken sichtbar,
die durch den Druck eines Fingers entfernt werden knnen, aber sofort
zurckkehren. Der Puls rast; er hat bis zu hundert Schlge in einer
Minute. So vergeht, bei einer Krpertemperatur von vierzig Grad, die
erste Woche.

In der zweiten Woche ist der Mensch von Kopf- und Gliederschmerzen
befreit; dafr aber ist der Schwindel bedeutend heftiger geworden, und
in den Ohren ist ein solches Sausen und Brausen, da es geradezu
Schwerhrigkeit hervorruft. Der Ausdruck des Gesichtes wird dumm. Der
Mund fngt an, offen zu stehen, die Augen sind verschleiert und ohne
Teilnahme. Das Bewutsein ist verdunkelt; Schlafsucht beherrscht den
Kranken, und oft versinkt er, ohne wirklich zu schlafen, in eine
bleierne Betubung. Dazwischen erfllen seine Irreden, seine lauten,
erregten Phantasien das Zimmer. Seine schlaffe Hilflosigkeit hat sich
bis zum Unreinlichen und Widerwrtigen gesteigert. Auch sind sein
Zahnfleisch, seine Zhne und seine Zunge mit einer schwrzlichen Masse
bedeckt, die den Atem verpestet. Mit aufgetriebenem Unterleibe liegt er
regungslos auf dem Rcken. Er ist im Bette hinabgesunken und seine Knie
sind gespreizt. Alles an ihm arbeitet hastig, jagend und oberflchlich,
seine Atmung sowohl wie der Puls, der an hundertundzwanzig flchtig
zuckende Schlge in einer Minute vollfhrt. Die Augenlider sind halb
geschlossen, und die Wangen glhen nicht mehr wie zu Anfang rot vor
Fieberhitze, sondern haben eine bluliche Frbung angenommen. Die
linsengroen, roten Flecke auf der Brust und dem Bauche haben sich
vermehrt. Die Temperatur des Krpers erreicht einundvierzig Grad...

In der dritten Woche ist die Schwche auf ihrem Gipfel. Die lauten
Delirien sind verstummt, und niemand kann sagen, ob der Geist des
Kranken in leere Nacht versunken ist, oder ob er, fremd und abgewandt
dem Zustande des Leibes, in fernen, tiefen, stillen Trumen weilt, von
denen kein Laut und kein Zeichen Kunde gibt. Der Krper liegt in
grenzenloser Unempfindlichkeit. -- Dies ist der Zeitpunkt der
Entscheidung...

Bei gewissen Individuen wird die Diagnose durch besondere Umstnde
erschwert. Gesetzt zum Beispiel, da die Anfangssymptome der Krankheit,
Verstimmung, Mattigkeit, Appetitlosigkeit, unruhiger Schlaf,
Kopfschmerzen, schon meistens vorhanden waren, als der Patient noch, die
Hoffnung der Seinen, in vlliger Gesundheit umherging? Da sie sich,
auch bei pltzlich verstrktem Auftreten, kaum als etwas
Auergewhnliches bemerkbar machen? -- Ein tchtiger Arzt von soliden
Kenntnissen, wie, um einen Namen zu nennen, Doktor Langhals, der hbsche
Doktor Langhals, mit den kleinen, schwarzbehaarten Hnden, wird
gleichwohl bald in der Lage sein, die Sache bei ihrem richtigen Namen zu
nennen, und das Erscheinen der fatalen roten Flecke auf der Brust und
dem Bauche gibt ja vllige Gewiheit. Er wird ber die Maregeln, die zu
treffen, die Mittel, die anzuwenden, nicht in Zweifel sein. Er wird fr
ein mglichst groes, oft gelftetes Krankenzimmer sorgen, dessen
Temperatur siebenzehn Grad nicht bersteigen darf. Er wird auf uerste
Sauberkeit dringen und auch durch immer erneutes Ordnen des Bettes den
Krper, solange dies irgend mglich, -- in gewissen Fllen ist es nicht
lange mglich -- vor dem Wundliegen zu schtzen suchen. Er wird eine
bestndige Reinigung der Mundhhle mit nassen Leinwandlppchen
veranlassen, wird, was die Arzneien betrifft, sich einer Mischung von
Jod und Jodkalium bedienen, Chinin und Antipyrin verschreiben und, vor
allem, da der Magen und die Gedrme schwer in Mitleidenschaft gezogen
sind, eine uerst leichte und uerst krftigende Dit verordnen. Er
wird das zehrende Fieber durch Bder bekmpfen, durch Vollbder, in die
der Kranke oft, jede dritte Stunde, ohne Unterla, bei Tag und Nacht
hineinzutragen ist, und die vom Fuende der Wanne aus langsam zu
erklten sind. Und nach einem jeden Bade wird er rasch etwas Strkendes
und Anregendes, Kognak, auch Champagner verabreichen...

Alle diese Mittel aber gebraucht er durchaus aufs Geratewohl, fr den
Fall gleichsam nur, da sie berhaupt von irgendeiner Wirkung sein
knnen, unwissend darber, ob ihre Anwendung nicht jedes Wertes, Sinnes
und Zweckes entbehrt. Denn =eines= wei er nicht, was =eine= Frage
betrifft, so tappt er im Dunkel, ber ein Entweder-Oder schwebt er bis
zur dritten Woche, bis zur Krisis und Entscheidung in vlliger
Unentschiedenheit. Er wei nicht, ob die Krankheit, die er Typhus
nennt, in diesem Falle ein im Grunde belangloses Unglck bedeutet, die
unangenehme Folge einer Infektion, die sich vielleicht htte vermeiden
lassen, und der mit den Mitteln der Wissenschaft entgegenzuwirken ist --
oder ob sie ganz einfach eine Form der Auflsung ist, das Gewand des
Todes selbst, der ebensogut in einer anderen Maske erscheinen knnte,
und gegen den kein Kraut gewachsen ist.

Mit dem Typhus ist es folgendermaen bestellt: In die fernen
Fiebertrume, in die glhende Verlorenheit des Kranken wird das Leben
hineingerufen mit unverkennbarer, ermunternder Stimme. Hart und frisch
wird diese Stimme den Geist auf dem fremden, heien Wege erreichen, auf
dem er vorwrts wandelt, und der in den Schatten, die Khle, den Frieden
fhrt. Aufhorchend wird der Mensch diese helle, muntere, ein wenig
hhnische Mahnung zur Umkehr und Rckkehr vernehmen, die aus jener
Gegend zu ihm dringt, die er so weit zurckgelassen und schon vergessen
hatte. Wallt es dann auf in ihm, wie ein Gefhl der feigen
Pflichtversumnis, der Scham, der erneuten Energie, des Mutes und der
Freude, der Liebe und Zugehrigkeit zu dem spttischen, bunten und
brutalen Getriebe, das er im Rcken gelassen: wie weit er auch auf dem
fremden, heien Pfade fortgeirrt sein mag, er wird umkehren und leben.
Aber zuckt er zusammen vor Furcht und Abneigung bei der Stimme des
Lebens, die er vernimmt, bewirkt diese Erinnerung, dieser lustige,
herausfordernde Laut, da er den Kopf schttelt und in Abwehr die Hand
hinter sich streckt und sich vorwrts flchtet auf dem Wege, der sich
ihm zum Entrinnen erffnet hat ... nein, es ist klar, dann wird er
sterben.--


Viertes Kapitel

Es ist nicht recht, es ist nicht recht, Gerda! sagte das alte Frulein
Weichbrodt wohl zum hundertsten Male bekmmert und vorwurfsvoll. Sie
nahm heute abend im Wohnzimmer ihrer ehemaligen Schlerin einen
Sofaplatz in dem Kreise ein, der von Gerda Buddenbrook, Frau Permaneder,
ihrer Tochter Erika, der armen Klothilde und den drei Damen Buddenbrook
aus der Breiten Strae um den runden Mitteltisch gebildet ward. Die
grnen Bnder ihrer Haube fielen auf ihre Kinderschultern hinab, von
denen sie die eine ganz hoch emporziehen mute, um den Oberarm auf der
Tischplatte gestikulieren lassen zu knnen; so winzig war sie mit ihren
fnfundsiebenzig Jahren geworden.

Es ist nicht recht, la dir sagen, da es nicht wohlgetan ist, Gerda!
wiederholte sie mit eifernder und zitternder Stimme. Ich stehe mit
einem Fue im Grabe, mir bleibt nur eine kurze Frist, und du willst mich
... Du willst uns verlassen, willst dich auf immer von uns trennen ...
fortziehen ... Wenn es eine Reise, einen Besuch in Amsterdam glte ...
allein auf immer! Und sie schttelte ihren alten Vogelkopf mit den
braunen, gescheuten, betrbten Augen. Es ist wahr, da du vieles
verloren hast...

Nein, sie hat alles verloren, sagte Frau Permaneder. Wir drfen nicht
egoistisch sein, Therese. Gerda will gehen und sie geht, da ist nichts
zu tun. Sie ist mit Thomas gekommen, vor einundzwanzig Jahren, und wir
haben sie alle geliebt, obgleich wir ihr wohl immer widerwrtig waren
... ja, das waren wir, Gerda, keine Widerrede! Aber Thomas ist nicht
mehr, und ... niemand ist mehr. Was sind wir ihr? Nichts. Uns tut es
weh, aber reise mit Gott, Gerda, und Dank, da du nicht schon frher
reistest, damals, als Thomas starb...

Es war nach dem Abendbrot, im Herbst; der kleine Johann (Justus, Johann,
Kaspar) lag ungefhr seit sechs Monaten, mit den Segnungen Pastor
Pringsheims wohl versehen, dort drauen am Rande des Gehlzes unter dem
Sandsteinkreuz und dem Familienwappen. Vorm Hause rauschte der Regen in
den halbentbltterten Bumen der Allee. Manchmal kamen Windste und
trieben ihn gegen die Fensterscheiben. Alle acht Damen waren schwarz
gekleidet.

Es war eine kleine Familienzusammenkunft, um Abschied zu nehmen,
Abschied von Gerda Buddenbrook, die im Begriff stand, die Stadt zu
verlassen und nach Amsterdam zurckzukehren, um wie ehemals mit ihrem
alten Vater Duos zu spielen. Keine Verpflichtung hielt sie mehr zurck.
Frau Permaneder hatte diesem Entschlusse nichts mehr entgegenzuhalten.
Sie ergab sich darein, aber in ihrem Inneren war sie tief unglcklich
darber. Wre die Witwe des Senators in der Stadt verblieben, htte sie
sich Platz und Rang in der Gesellschaft gewahrt und ihr Vermgen am
Platze gelassen, so wre dem Namen der Familie doch ein wenig Prestige
erhalten geblieben ... Mochte dem nun wie immer sein, Frau Antonie war
gewillt, den Kopf hoch zu tragen, solange sie ber der Erde weilte und
Menschen auf sie blickten. Ihr Grovater war vierspnnig ber Land
gefahren...

Trotz des bewegten Lebens, das hinter ihr lag, und trotz der Schwche
ihres Magens sah man ihr ihre fnfzig Jahre nicht an. Ihr Teint war ein
wenig flaumig und matt geworden, und auf ihrer Oberlippe -- der hbschen
Oberlippe Tony Buddenbrooks -- wuchsen die Hrchen reichlicher; aber in
dem glatten Scheitel unter dem Trauerhubchen war nicht ein einziger
weier Faden zu sehen.

Ihre Kusine, die arme Klothilde, nahm Gerdas Abreise, wie man alle Dinge
im Diesseits zu nehmen hat, gleichmtig und sanft. Sie hatte vorhin beim
Abendessen still und gewaltig zugelangt und sa nun da, aschgrau und
mager wie stets, mit gedehnten und freundlichen Worten.

Erika Weinschenk, nun einunddreiigjhrig, war ebenfalls nicht die Frau,
sich ber den Abschied von ihrer Tante zu erregen. Sie hatte Schwereres
erlebt und sich frhzeitig ein resigniertes Wesen zu eigen gemacht. In
ihren mde blickenden, wasserblauen Augen -- den Augen Herrn Grnlichs
-- las man Ergebenheit in ein fehlgeschlagenes Leben, und aus ihrer
gelassenen und manchmal ein wenig klagenden Stimme klang dasselbe.

Was die drei Damen Buddenbrook, die Tchter Onkel Gottholds, betraf, so
waren ihre Mienen pikiert und voll Kritik, wie gewhnlich. Friederike
und Henriette, die lteren, waren mit den Jahren immer hagerer und
spitziger geworden, whrend Pfiffi, die dreiundfnfzigjhrige jngste,
allzu klein und beleibt erschien...

Auch die alte Konsulin Krger, die Witwe Onkel Justus', war geladen
worden; aber sie war unplich und hatte vielleicht auch kein
prsentables Kleid anzuziehen; das war nicht zu entscheiden.

Es war von Gerdas Reise die Rede, von dem Zuge, mit dem sie zu fahren
gedachte, und dem Verkaufe der Villa samt den Mbeln, den der Makler
Gosch bernommen hatte. Denn Gerda nahm nichts mit und ging fort wie sie
gekommen war.

Dann kam Frau Permaneder auf das Leben zu sprechen, nahm es von seiner
wichtigsten Seite und stellte Betrachtungen an ber Vergangenheit und
Zukunft, obgleich ber die Zukunft fast gar nichts zu sagen war.

Ja, wenn ich tot bin, kann Erika meinetwegen auch davonziehen, sagte
sie, aber ich halte es sonst nirgends aus, und solange ich am Leben
bin, wollen wir hier zusammenhalten, wir paar Leute, die wir
brigbleiben ... Einmal in der Woche kommt ihr zu mir zum Essen ... Und
dann lesen wir in den Familienpapieren-- Sie berhrte die Mappe, die
vor ihr lag. Ja, Gerda, ich bernehme sie mit Dank. -- Das ist
abgemacht ... Hrst du Thilda?... Obgleich nun eigentlich ebensogut du
es sein knntest, die uns einlde, denn im Grunde stehst du dich ja gar
nicht mehr schlechter als wir. Ja, so geht es. Man mht sich und nimmt
Anlufe und kmpft ... und du hast dagesessen und geduldig alles
abgewartet. Aber darum bist du doch ein Kamel, Thilda, das nimm mir
nicht bel...

Oh, Tony? sagte Klothilde lchelnd.

Es tut mir leid, da ich mich von Christian nicht verabschieden kann,
sagte Gerda, und so kam die Rede auf Christian. Es war wenig Aussicht
vorhanden, da er je aus der Anstalt, in der er sa, wieder hervorgehen
wrde, obgleich es wohl nicht so schlimm mit ihm stand, da er nicht
htte in Freiheit umhergehen knnen. Aber seiner Gattin war der
gegenwrtige Zustand allzu angenehm, sie war, wie Frau Permaneder
behauptete, mit dem Arzte im Bunde, und voraussichtlich wrde Christian
seine Tage in der Anstalt beschlieen.

Dann entstand eine Pause. Leise und zgernd wandte das Gesprch sich den
jngst vergangenen Ereignissen zu, und als der Name des kleinen Johann
gefallen war, ward es wieder stumm in der Stube, und nur den Regen vorm
Hause hrte man strker rauschen.

Es lag wie ein schweres Geheimnis ber Hannos letzter Krankheit, die in
auerordentlich schrecklicher Weise vor sich gegangen sein mute. Man
blickte sich nicht an, whrend man, gedmpften Tones, in Andeutungen und
halben Worten davon sprach. Und dann rief man sich jene letzte Episode
ins Gedchtnis zurck ... den Besuch dieses kleinen, abgerissenen
Grafen, der sich beinahe mit Gewalt den Weg zum Krankenzimmer gebahnt
hatte ... Hanno hatte gelchelt, als er seine Stimme vernahm, obgleich
er sonst niemanden mehr erkannte, und Kai hatte ihm unaufhrlich beide
Hnde gekt.

Er hat ihm die Hnde gekt? fragten die Damen Buddenbrook.

Ja, viele Male.

Hierber dachten alle eine Weile nach.

Pltzlich brach Frau Permaneder in Trnen aus.

Ich habe ihn so geliebt, schluchzte sie ... Ihr wit nicht, wie sehr
ich ihn geliebt habe ... mehr als ihr alle ... ja, verzeih Gerda, du
bist die Mutter ... Ach, er war ein Engel...

Nun ist er ein Engel, verbesserte Sesemi.

Hanno, kleiner Hanno, fuhr Frau Permaneder fort, und die Trnen
flossen ber die flaumige, matte Haut ihrer Wangen ... Tom, Vater,
Grovater und die anderen alle! Wo sind sie hin? Man sieht sie nicht
mehr. Ach, es ist so hart und traurig!

Es gibt ein Wiedersehen, sagte Friederike Buddenbrook, wobei sie die
Hnde fest im Schoe zusammenlegte, die Augen niederschlug und mit ihrer
Nase in die Luft stach.

Ja, so sagt man ... Ach, es gibt Stunden, Friederike, wo es kein Trost
ist, Gott strafe mich, wo man irre wird an der Gerechtigkeit, an der
Gte ... an allem. Das Leben, wit ihr, zerbricht so manches in uns, es
lt so manchen Glauben zuschanden werden ... Ein Wiedersehen ... Wenn
es so wre...

Da aber kam Sesemi Weichbrodt am Tische in die Hhe, so hoch sie nur
irgend konnte. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, reckte den Hals,
pochte auf die Platte, und die Haube zitterte auf ihrem Kopfe.

=Es ist so!= sagte sie mit ihrer ganzen Kraft und blickte alle
herausfordernd an.

Sie stand da, eine Siegerin in dem guten Streite, den sie whrend der
Zeit ihres Lebens gegen die Anfechtungen von seiten ihrer
Lehrerinnenvernunft gefhrt hatte, bucklig, winzig und bebend vor
berzeugung, eine kleine, strafende, begeisterte Prophetin.

                                 =Ende=




               Dieses Werk ist eine Verffentlichung der
                      Deutschen Buch-Gemeinschaft
                Wien        Berlin SW 68        New York
                        Alte Jakobstrae 156/157

Guten und doch billigen Bchern in vorbildlicher Formgebung und bester
Ausstattung den Weg in alle Schichten unseres Volkes zu bahnen, ist die
Aufgabe der Deutschen Buch-Gemeinschaft. Sie erreicht dies durch
Herstellung und Vertrieb in eigenem Wirkungsbereich

Jedermann wird durch Beitritt zur Deutschen Buch-Gemeinschaft die
vorteilhafteste Gelegenheit gegeben, sich unter neuen Bezugsformen eine
eigene und wertvolle Hausbibliothek anzuschaffen.

         Ausfhrliche, reich illustrierte Werbeschrift wird auf
                       Wunsch kostenlos zugesandt




                               Druck von
                  A. Seydel & Cie. Aktiengesellschaft
                             Berlin _SW_ 61




  [ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei
    jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile
    steht.

  der Welt gesehen, war Anno 13 vierspnnig nach Sddeutschland
  der Welt gesehen, war _anno_ 13 vierspnnig nach Sddeutschland

  verzehrt hatte und, sei es pltzlich und berrascht in seinen
  verzehrt hatte und, sei es pltzlich und berrascht in seinem

  =Johann=, bei Ihnen mietweise wohnhaf ist und nach Ihrem Tode mit
  =Johann=, bei Ihnen mietweise wohnhaft ist und nach Ihrem Tode mit

  einem Tchterchen entbunden, welches in der hl. Taufe den Namen Clara
  einem Tchterchen entbunden, welches in der hl. Taufe den Namen Klara

  irdisches kleines schwaches Herz ... Nach drei Seiten schrieb der
  irdisches kleines schwaches Herz ... Nach drei Seiten schrieb der

  nachgewiesen; da ihm die alte, zu Wittenberg gedruckte Bibel zugehre,
  nachgewiesen, da ihm die alte, zu Wittenberg gedruckte Bibel zugehre,

  denken, whrend in der Mengsstrae der Grovater und die Mama wohl
  denken, whrend in der Mengstrae der Grovater und die Mama wohl

  Na, sagte er, hier ist eine Zitronensemmel mit Gnsebrust; es ist
  Na, sagte er, hier ist eine Zitronensemmel mit Gnsebrust; es ist

  Mrz, ein paar Monate nur und nach dem Tode seiner Frau, irgendein
  Mrz, ein paar Monate nur nach dem Tode seiner Frau, irgendein

  Gerda war ein wenig appart und hatte etwas Fremdes und Auslndisches an
  Gerda war ein wenig apart und hatte etwas Fremdes und Auslndisches an

  durchaus nicht glauben, da ich es drngen und qullen will ... Das alles
  durchaus nicht glauben, da ich es drngen und qulen will ... Das alles

  Allein auch Herr Grnlich erhob sich. Er trat einen Schritt urck, er
  Allein auch Herr Grnlich erhob sich. Er trat einen Schritt zurck, er

  ihrem vornehmen Bereich verschwinden werden und ... man Zeit seines
  Ihrem vornehmen Bereich verschwinden werden und ... man Zeit seines

  als dchte er: Ich wre jawohl ein Hundsfott...!
  als dchte er: Ich wre ja wohl ein Hundsfott...!

  und der Rest in den Wallfisch, den Lwen oder die Eiche wandern...
  und der Rest in den Walfisch, den Lwen oder die Eiche wandern...

  sich empo und kte sie mit leise knallendem Gerusch auf die Stirn. --
  sich empor und kte sie mit leise knallendem Gerusch auf die Stirn. --

  da er sie bekommen hat! Dann sucht er einen Zwicker hervor (er hat
  da er Sie bekommen hat! Dann sucht er einen Zwicker hervor (er hat

  =Wohin= willst, Jean?
  =Wohin= willst du, Jean?

  hngenden und blden Greisengrimmasse verzerrt ... Der Wagen hielt an der
  hngenden und blden Greisengrimasse verzerrt ... Der Wagen hielt an der

  Tony. Aber nicht lnger, und in der dickeren Jacke, hrst du?... Es
  Tony. Aber nicht lnger, und in der dickeren Jacke, hrst du?... Es

  dem lngst vernichtetn Grnlich zwar fort und fort Kredit gewhrt, ihn
  dem lngst vernichteten Grnlich zwar fort und fort Kredit gewhrt, ihn

  aufgekommen und fuhr lustig in den dichten Wasserschleier, zerrie ihn
  aufgekommen und fuhr lustig in den dichten Wasserschleier, zerri ihn

  es wird geteilt, das Haus wird abgebrochen, ein Zaun quer
  es wird geteilt, das Haus wird abgebrochen, ein Zaun quer

  Buddenbrooks, begann er, emsig vorbergebeugt, den Ba zu bearbeiten,
  Buddenbrooks, begann er, emsig vornbergebeugt, den Ba zu bearbeiten,

  Christian jedoch, dessen Augen wanderten, berhrten dies, denn er befand
  Christian jedoch, dessen Augen wanderten, berhrte dies, denn er befand

  Dieser Klub, dem vorwiegend unverheiratete Kaufleute angegehrten, besa
  Dieser Klub, dem vorwiegend unverheiratete Kaufleute angehrten, besa

  es zu spt gelernt, Zugestndnisse zu machen, Rcksicht zu nehmen ..
  es zu spt gelernt, Zugestndnisse zu machen, Rcksicht zu nehmen ...

  machen. Es kamen die Damen Buddenbrooks aus der Breiten Strae, die denn
  machen. Es kamen die Damen Buddenbrook aus der Breiten Strae, die denn

  einem von Mutters Dunkelmnnern, die der Witwen Huser fressen.
  einem von Mutters Dunkelmnnern, die der Witwen Huser fressen,

  Ich bin eingeladen worden; eingeladen nach Mnchen von Eva Ewers
  Ich bin eingeladen worden; eingeladen nach Mnchen von Eva Ewers

  sie sich wohl im Kontor Ihres Bruders, Herr Buddenbrook? =Das=
  Sie sich wohl im Kontor Ihres Bruders, Herr Buddenbrook? =Das=

  uns die Freude machen wrden, solange sie in unserer Stadt sind, bei uns
  uns die Freude machen wrden, solange Sie in unserer Stadt sind, bei uns

  vorlieb zu nehmen ... sie wrden uns herzlich willkommen sein...
  vorlieb zu nehmen ... Sie wrden uns herzlich willkommen sein...

  Er sah gut und munter aus in seinem hellbraunen, kleinkarrierten Anzug,
  Er sah gut und munter aus in seinem hellbraunen, kleinkarierten Anzug,

  Ja, das sagte Herr Kistenmaaker vorhin auch schon.
  Ja, das sagte Herr Kistenmaker vorhin auch schon.

  ... bitte, das Handtuch. Wenzel, schlo der Konsul, und wenn dann noch
  ... bitte, das Handtuch, Wenzel, schlo der Konsul, und wenn dann noch

  Tony, sagte er, du machst mir nichts wei. Ich habe es schon vorher
  Tony, sagte er, du machst mir nichts weis. Ich habe es schon vorher

  Kurz es gab auer Tonys Scheidungswnschen der widerwrtigen Dinge
  Kurz, es gab auer Tonys Scheidungswnschen der widerwrtigen Dinge

  Nicht lange, und alle diese Herrlichkeiten reden, wenn die Herrschaften
  Nicht lange, und alle diese Herrlichkeiten werden, wenn die Herrschaften

  die Damen Buddenbrooks sind anwesend, und sie sind tief erfreut ber das
  die Damen Buddenbrook sind anwesend, und sie sind tief erfreut ber das

  bin, verstehst du, und dann zumachen Ich kann es nun nicht mehr. Mit
  bin, verstehst du, und dann zumachen. Ich kann es nun nicht mehr. Mit

  Abenteurer begegnen und ihr schlielich, frisch und gesund wie die Frau
  Abenteuer begegnen und ihr schlielich, frisch und gesund wie die Frau

  um dir Armgards -- also, indirekt, Rolf von Maibooms Vorschlag zu
  um dir Armgards -- also, indirekt, Ralf von Maibooms Vorschlag zu

  Oh, du httest natrlich hinfahren mssen! sagte sie eifrig. Es ist
  Oh, du httest natrlich hinfahren mssen! sagte sie eifrig. Es ist

  mir -- einen Stuhl anzubieten...?
  mir -- einen Stuhl anzubieten...?

  ausgestrecktem Zeigezinger. Ich werde es tun!
  ausgestrecktem Zeigefinger. Ich werde es tun!

  folgt, worauf zunchst ein Poutpourri von Volksliedern erklingen wird
  folgt, worauf zunchst ein Potpourri von Volksliedern erklingen wird

  Am Tage, da sie ihn zum ersten Male Klavierauszge aus Tristan und
  Am Tage, da sie ihm zum ersten Male Klavierauszge aus Tristan und

  gegenber, neben ihn an den Speisetisch setzte ... Wie gehts! Was
  gegenber, neben ihn an den Speisetisch setzte ... Wie geht's! Was

  durchbohrende Blicke tauschten, selbst Rieckchen Severin am unteren
  durchbohrende Blicke tauschten, selbst Riekchen Severin am unteren

  erfllen. Gerade der Wechsel von Gck und strenger Heimsuchung zeige,
  erfllen. Gerade der Wechsel von Glck und strenger Heimsuchung zeige,

  ihr letztes Weihnachsfest beging, niemals verflo dieser Abend, ohne
  ihr letztes Weihnachtsfest beging, niemals verflo dieser Abend, ohne

  und dort, gesttzt auf Ida Jungmann oder Rieckchen Severin, die
  und dort, gesttzt auf Ida Jungmann oder Riekchen Severin, die

  .. und dann wird es beinahe noch schlimmer, denn wohin dann mit ihm und
  ... und dann wird es beinahe noch schlimmer, denn wohin dann mit ihm und

  Schwestern, fr die Sie immer so wohlwollend eintreten .. Die Schwester
  Schwestern, fr die Sie immer so wohlwollend eintreten ... Die Schwester

  dabei berhaupt gar nicht vorhanden ist?!...
  dabei berhaupt gar nicht vorhanden ist?!...

  waren weilich, belich, ohne Blut und Leben. Seine leicht gerteten
  waren weilich, bleich, ohne Blut und Leben. Seine leicht gerteten

  Leben. _L'esperance toute trompeuse qu'elle est, sert au moins  nous
  Leben. _L'esprance toute trompeuse qu'elle est, sert au moins  nous

  effektiv nur di Familie ntig, Huneus', Mllendorpfs, die Angehrigen
  effektiv nur die Familie ntig, Huneus', Mllendorpfs, die Angehrigen

  erste Strophe des O Tannenbaum sang, durch die Zimmerflucht in den
  erste Strophe des O Tannebaum sang, durch die Zimmerflucht in den

  Gemtszustand uerst traurig sein sollte, und dann wa rdie Frage
  Gemtszustand uerst traurig sein sollte, und dann war die Frage

  rationelle Pflege und Abhrtung andererseits zu festigen und zu heben..
  rationelle Pflege und Abhrtung andererseits zu festigen und zu heben...

  Wagenecke lehnte, und Entsetzen im Herzen erlebte er es, da auf der
  Wagenecke lehnte, und mit Entsetzen im Herzen erlebte er es, da auf der

  Hamburg ihren Vater geantwortet hatte, so fing man an, mit einer nahen
  Hamburg ihrem Vater geantwortet hatte, so fing man an, mit einer nahen

  werden kann ... ich meine, wenn man es im Magen hat?... Und er gab
  werden kann ... ich meine, wenn man es im Magen hat?... Und er gab

  wenigsten diejenigen von Iwersen, gegenber dem Buddenbrookschen Hause.
  wenigsten diejenige von Iwersen, gegenber dem Buddenbrookschen Hause.

  berhaupt einmal eine Ende zu machen, gentigt sah, das Haus fr
  berhaupt einmal ein Ende zu machen, gentigt sah, das Haus fr

  den Rcken, sttzte sich auf sein eines Beines, indem er den anderen
  den Rcken, sttzte sich auf sein eines Bein, indem er den anderen

  Ausdruck, aus dieser Anstalt, in der man ihn sehr strng zu behandeln
  Ausdruck, aus dieser Anstalt, in der man ihn sehr streng zu behandeln

  Chlor oder Strontium ber ihren Diensteifer aufzuweisen. Hans Hermann
  Chlor oder Strontium ber ihren Diensteifer auszuweisen. Hans Hermann

  Habe ich vorhin nicht auch gesagt, was `_patula Jovis arbore, glandos_
  Habe ich vorhin nicht auch gesagt, was `_patula Jovis arbore, glandes_


    Folgende inkonsistente Schreibweisen wurden wie gedruckt beibehalten:

    Breite Strae/Breitestrae
    Comp./Komp.
    gentlemanlike/gentleman like
    Hunyadi-Janos/Hunyadi-Jnos
    Kotelettes/Koteletts
    Kurantmark/Kurant-Mark
    Oeverdieck/verdieck
    Portieren/Portiren
    Regeldetri/Regeldetrie
    Religionsstunde/Religionstunde
    Rotspohn/Rotspon
    Table d'hote-Glocke/Table-d'hote-Glocke
  ]





End of the Project Gutenberg EBook of Buddenbrooks, by Thomas Mann

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BUDDENBROOKS ***

***** This file should be named 34811-8.txt or 34811-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        http://www.gutenberg.org/3/4/8/1/34811/

Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net


Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License (available with this file or online at
http://gutenberg.org/license).


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
