The Project Gutenberg EBook of Das Anjekind, by Waldemar Bonsels

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org


Title: Das Anjekind
       Eine Erzhlung

Author: Waldemar Bonsels

Release Date: November 9, 2010 [EBook #34265]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS ANJEKIND ***




Produced by Norbert H. Langkau, Peter Simon and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net








  [ Anmerkungen zur Transkription:

    Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden bernommen;
    lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
    der vorgenommenen nderungen findet sich am Ende des Textes.
    Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert.
  ]




                   Die erste Auflage dieses Buches ist
                     im Jahre 1913 erschienen. Alle
                    Rechte vorbehalten. Copyright by
                     Schuster & Loeffler, Berlin 1913




                            Waldemar Bonsels

                              Das Anjekind

                             Eine Erzhlung

                       Elfte bis fnfundzwanzigste
                                 Auflage

                     Verlegt bei Schuster & Loeffler
                             Berlin und Leipzig
                                  1918




                                  Druck
                             der Spamerschen
                         Buchdruckerei in Leipzig




Erstes Kapitel


Es soll damit begonnen werden, die Geschichte von Anjes Vater zu
erzhlen, deren grausames Ende den am Leben gebrochenen Mann veranlate,
das einsame Moorland aufzusuchen, das Anjes Heimat geworden ist.

Nicht weit von der Stelle entfernt, wo der Gurdelbach aus der Einde
tritt und sein ruhiges Wasser, das in den dunklen Moorgrnden, die es
durchfliet, wie von Trauer und Schwermut erfllt worden ist, liegt das
Dorf Gorching. Gegen Norden erstreckt sich weit jene Moorlandschaft, die
die Einde genannt wird und die als unzugngig und verwildert gilt. In
Gorching war Anjes Vater, der Jakob Vinzenz Gerom hie, trotz seiner
Jugend einer der angesehensten Bauern. Nicht allein sein Hof war einer
der eintrglichsten, sondern seine alteingesessene Familie war geachtet
und reich. Er hatte das Anwesen frh und allein geerbt und gut
bewirtschaftet, so da er als wohlbestellt und glcklich von manchem
beneidet worden wre, wenn nicht ein schwermtiger Hang zum Grbeln sein
Leben verdunkelt htte, wie auch eine Unduldsamkeit fast jeder
Menschengemeinschaft, die in furchtbaren Jhzorn ausarten konnte. Da die
Ausbrche solcher Wesensart den schlichten Naturen seiner Umgebung
unvoraussehbar erschienen, wurde er mehr und mehr gemieden, und es
verbreiteten sich Meinungen ber die Beschaffenheit seiner Seele, die
dazu angetan waren, ihm mehr und mehr das Vertrauen seiner Mitbewohner
zu entziehen. Das altbewhrte Gesinde und die Tagelhner seines Hofes,
worunter manche ihn schon als Kind gekannt hatten, teilten diese
Abneigung der Nachbarn nicht, wohl aber bertrug die Zurckhaltung der
Dorfbewohner sich langsam auch auf sie.

Im Anwesen Vinzenz Geroms ging es ruhiger zu, als auf den anderen Hfen,
nicht nur, da er ein umsichtiger und geschickter Mann war, auch seine
Gehilfen in den Scheunen und auf den ckern dienten ihm in einer Art
andchtiger Scheu und viel ergebener, als es der Fall gewesen wre,
wenn Gerom auch nur einige jener argen Charakterzge gehabt htte, die
ihm nachgesagt wurden, denn die Vorbedingung zu einer Ergebenheit, die
den Dienenden nicht entwrdigen soll, ist die Gerechtigkeit des Herrn.

Gerom war fnfunddreiig Jahre alt, als die dnische Malerin Angelika
Lett nach Gorching kam. Ein stdtischer Reisewagen hielt unter der
groen Linde, die vor dem einzigen Gasthaus des Dorfes stand, und die
ermdeten Pferde tauchten ihre dunklen Muler bedchtig und gierig in
das klare Quellwasser des Steinbeckens im Lindenschatten. Man nahm die
Fremde befangen und zurckhaltend auf, sie mietete zwei helle Zimmer im
Gasthof, und der Kutscher und der Hausknecht schleppten ihr zahlreiches
und buntes Gepck in die Hausdiele. Es war nicht ein einziger grerer
Koffer darunter, sondern es bestand aus lauter kleineren Pckchen und
Schachteln, die, vom Kreisrund bis zu unfrmigen kleinen Ballen, alle
Formen aufzuweisen hatten, die irgend denkbar waren. Die junge Dame
stand auf den Steinstufen, berzhlte alles sorgfltig und lachte den
Dorfkindern zu, die, die Morgensonne im hellen Haar und die erstaunten
Seelchen auf den offenen Lippen, einen schweigsamen Halbkreis unter der
Linde bildeten.

Es htte wohl niemand von dieser Fremden gesagt, da sie schn sei, aber
ihre Erscheinung gehrte zu jenen seltsamen Frauenwundern, bei denen
diese so wichtige und entscheidende Frage durch ein unbestimmbares Etwas
aufgehoben wird. Man knnte es vielleicht einen so getreulichen Abglanz
ihrer Seele in allem Krperlichen ihres Wesens nennen, da darber jede
besondere Wertung einzelner Zge oder Bewegungen aufgehoben zu sein
schien. Man mte es der Wrme des Lichts vergleichen oder der
heimlichen Wohltat des Windes, bei welchen niemand der ueren
Wahrzeichen bedarf, um die himmlische Zugehrigkeit ihrer Wesen zu
verspren.

Angelika war klein von Figur und nach dem Urteil der meisten etwa
dreiig Jahre alt. Sie hob das Mitrauen und die Besorgnisse der
Dorfbewohner, die den Besuch Fremder nicht gewohnt waren, durch groe
Sicherheit ihres Auftretens und durch eine Selbstndigkeit ihrer
Handlungsweise auf, die bei aller Zurckhaltung etwas Wohltuendes
hatte. Kaspar und Friedel Lindner, die beiden Knaben eines Tagelhners,
wurden ihre Freunde und trugen ihr ihre Staffelei und den Farbenkasten
ins Moorgelnde. Sie schleppten das leichte Gerst zu zweien wie eine
kleine Trittleiter, und ihre braunen nackten Beinchen stieen
abwechselnd an das blanke Holz des schnen Kastens mit seinen blinkenden
Schlssern. Angelikas Sommerhut, gro wie ein Schirm, warf seinen runden
Schatten voraus, und lange Zeit waren Kaspar und Friedel durch dieses
Amt die berhmtesten Knaben in Gorching.

Eines Morgens schickte das junge Mdchen die Knaben bei einem Hof
auerhalb des Dorfes mit dem Malgert ins Gasthaus zurck und blieb vor
den Ringmauern und dem hohen Tor der Einfahrt stehen. War sie denn hier
noch niemals vorbergekommen, da sie diese Schnheit nicht frher
gesehn hatte? Sie schaute die Birkenallee zurck, die schlecht gepflegte
Landstrae zog sich unruhig und doch friedlich ber die kaum merklichen
Hgel des Gelndes dahin, und an ihrem Ende sah man den Turm der
Gorchinger Kirche. Die Strae war bewachsen, und nur die beiden Furten,
die von den Rdern der Wagen stammten, gaben ihr ihr melancholisches
Geprge, jenen seltenen Reiz des Berhrbaren im Unberhrten, und
zugleich jene Zeitlosigkeit, die nur solchen Menschenwerken anhaftet,
die ihr Wesen durch die Jahrhunderte nicht verndern. Der lichte
Birkenschatten verschleierte den stillen Zug der Furchen in diesem Bild.

Angelika betrachtete nun die Einfahrt zu jenem Hof, bei dem sie
haltgemacht hatte, genauer. Die Jahre hatten das glorreiche Werk ihres
Ausgleichs nahezu vollendet und den Steinen der Ringmauern jene Farben
und jenes Schimmern verliehen, die nur sie geben knnen. Hin und wieder
brach aus der grnen Gartenwelt, die die Mauer verbarg, ein Rankennetz
von wildem Wein durch einen Spalt, oder ber ihre Ziegelborde leuchteten
die weien Teller des blhenden Holunders aus dunklen Kuppeln ber das
Erdgrau dieser ehrwrdigen Wlle. Einzelne groe Tannen wirkten beinahe
ganz schwarz; zur Rechten, wo die Mauer nach hinten einbog, lag unter
Weiden ein groer Teich.

Angelika trat langsam durch den Torbogen in den inneren Hof ein, an
dessen Ende das groe Bauernhaus lag, das den Eindruck eines alten
Herrenhauses machte; es war einstckig und mit Ziegeln gedeckt, die
Terrasse war zur Rechten und zur Linken von Akazien umstanden, und auf
dem groen, wohlgepflegten Rasenplatz saen weie Tauben in der Sonne.
Die Wirtschaftsgebude und Scheunen zur Linken waren schneewei getncht
und mit Stroh gedeckt, sie zogen sich, wie es Angelika erschien, noch
weit zur Seite hin, wie es zur Rechten der dunkle Garten tat, der durch
einen Bretterzaun vom Hofplatz getrennt war.

Das Wohnhaus fesselte die junge Malerin am meisten; es war von jener
schlichten Schnheit, die nur die edle Einfalt der Zweckmigkeit und
die Menschenerfahrung der Jahrhunderte geben knnen. Aus seinem Bereich
schien alle Willkr des vergnglichen Zeitgeschmacks verbannt, streng
und erhaben stand es in seiner freien Klarheit auf dem Erdgrund, und
eine unbestimmbare Traurigkeit ging von ihm aus.

Aus einer der Scheunenausfahrten wurde ein Landwagen geschafft, der
nicht eben sonderlich vornehm, aber von groer Gediegenheit zu sein
schien, die Knechte wuschen mit Schwmmen die gelben Rder, und ein
Bursche fhrte die Pferde hinter dem Stall hervor. Ein wenig beiseit
stand ein groer, ernster Mann, der schweigsam ihrem Treiben zusah, sein
dunkles Haupt- und Barthaar wirkte beinahe ganz schwarz, seine
aufmerksamen Augen hatten bei ihrer verschonten Klarheit etwas
grblerisch Benommenes, man war versucht, es trumerisch zu nennen, wenn
solch ein Wort nicht allem an der starken und trotzigen Erscheinung
widersprochen htte.

Es war Vinzenz Gerom, der dort auf seinem Hof stand, und an diesem
Morgen lernte Angelika ihn kennen.

Er soll auf sie zugetreten sein, als er sie erblickt hatte, mit einer
ganz eigenen Bestimmtheit. Er ergriff ihre Hand zur Begrung, ohne zu
lcheln, mit einem harten, beinahe verstockten Griff, und hielt sie
fest. Die Leute, die ihn heimlich beobachteten, sollen den Eindruck
gehabt haben, als sei Angelika eine alte Bekannte von ihm, aber es ist
nicht der Fall gewesen, obgleich auch sein tiefes Aufatmen etwas von der
Befreitheit nach einer langen Erwartung der Trennung gehabt haben mag.
Sie lchelte neugierig und befangen, aber ohne Herablassung ber diesen
jungen Landmann, dessen hilflose Gastfreundlichkeit sie fesselte, und so
war Gerom der erste in Gorching, der Angelika von einer neuen Seite
kennenlernte, denn sie begegnete ihm mit einem kindlichen Frohsinn, der
die Strenge ihres klugen Verhaltens in Arglosigkeit und Lieblichkeit
verkehrte.

Es geschah dann, da Angelika einige Tage nach dieser Begegnung in das
Landhaus Geroms einzog, der ihr die Zimmer des rechten Flgels
einrumte, drei hohe, altmodisch hergerichtete Rume, in deren erstem
ein dunkler Kamin aus blinkenden Kacheln stand. Die Fenster lagen tief
und teilweise verhllt von grnen Ranken, die nun mit geheimnisvollem
Flstern das Licht und die Stimmen des groen Sommers einlieen.

Es ging scheinbar eine entscheidende Wandlung im Wesen Vinzenz Geroms
vor sich, im Grunde entfalteten sich nur die verborgenen Krfte seiner
Seele unter dem wehmtigen und kindhaften Lcheln des Mdchens, das in
seinem Hause und Herzen zu Gast gekommen war. Angelikas Lcheln, von dem
es erschien, als brche es durch heie Schleier einer verborgenen
Traurigkeit, hatte jene berwindende Forderung des Frauenwesens, der
das Gemt des Mannes in Verlangen oder in Taten zu folgen gezwungen ist.
In solchem Frauenlcheln naht den Sinnen die Anklage der
Menschenunschuld, die um der Liebe willen zerstrt zu werden scheint,
und die auch immer zerstrt wird, wenn die Liebe nicht darber wacht,
darum ist es, als ob dieses wehmtige Lcheln einer gefhrdeten Unschuld
Liebe heraufbeschwre, wie eine edle Handlung die Ergriffenheit der
Barmherzigen.

Nach auen hin erschien Gerom beinahe finsterer und verschlossener als
zuvor, vielleicht weil er wute, da man ihm sein Handeln bel nachsah,
und weil er fhlte, da er es vor anderen so wenig zu erklren oder zu
rechtfertigen in der Lage war, wie anfnglich vor sich selbst. Angelika
wurde seine Schutzbefohlene. Oft erschien es ihm kaum ausdenkbar, da
sie den Ansturm des Lebens ohne seine Hilfe jemals hatte bestehn knnen.
Er sprach mit niemandem ber sie und duldete kaum, da in seiner
Gegenwart ein Wort ber sie fiel.

Die hilflose Art, in der der einsame und einfache Mann seine zrtliche
Neigung kundtat oder verbarg, nahm auch den Gleichmtigsten die Kraft
zum Spott. Es war, als htete er an der Schwelle der Erdennacht ein
Licht, das ihm der Vater im Himmel zum Herzen seines Menschendaseins
gesandt hatte. Sein Handeln war von jener Scheu, wie nur die Regungen
einer groen Liebe sie kennen, und von der Zartheit, die dem Mann so
wohl ansteht, der seiner Kraft so gewi ist, da er sie nicht durch
Rauheit zu erweisen wnscht. Oft sah man die Beiden an ruhigen und
klaren Abenden nebeneinander durch die Felder gehn, deren hren hoch
standen und das braune Gold wiegten, das die herabgesunkene Sonne im
Westen ber dem Land zurckgelassen hatte. Nein, es war kein Zweifel, er
hatte seinen Arm schtzend um sie gelegt, und ihr blonder Kopf ruhte an
seiner Schulter. Sie erschien klein in ihrem einfachen weien Kleid,
hilflos und traurig, bis pltzlich ihr Lachen weich und wie aus voller,
tiefer Freude kommend erscholl. So war es schwer zu wissen, was beiden
geschah, aber da die Menschen selten mehr in andere zu legen verstehn,
als ihr eigenes Gemt enthlt, so entstanden bse und hliche Gerchte
neben Erstaunen oder Rhrung.

Als schon der Sommer zur Neige ging, kamen Gerom eines Abends durch den
Groknecht Gerchte zu Ohren, die ihn erbleichen lieen. Er ging vom
Hofe fort, ohne seinen Hut, so wie er stand, wortlos hinaus auf die
Landstrae, bis er den Pfarrhof von Gorching erreicht hatte, wo er
kundtat, da er sich mit Angelika Lett zu vermhlen gedchte, und darum
bat, da dies den Ortsbewohnern bekanntgegeben wrde.

Dies hat sich so zugetragen, wie es berichtet wird, und es ist allen
unbegreiflich und geheimnisvoll erschienen, denn Vinzenz Gerom war ein
einfacher Mann, und obgleich sein Geschlecht alteingesessen war und
hohes Ansehen geno, war doch der Unterschied der beiden Liebenden in
Stand und Lebensgewohnheiten sehr gro, und von der Fremden wute
niemand mehr als ihren Namen. Nur eins ist sicher, und es wird vielen
eine vollgltige Erklrung sein, Vinzenz Gerom war ein eigenwilliger und
selbstndiger Charakter und ein Mann von Gefhlskrften und natrlicher
Klugheit. Alles brige bleibt zwischen zwei Menschen eine Frage der
Lebensbetrachtung und der ueren Verhltnisse, Gebiete, auf welchen
Charaktere sich leicht einander fgen lernen, und es unterliegt keinem
Zweifel, da Angelika mit der weisen Anmut ihres Anspruchs die heimliche
Erzieherin ihres Freundes gewesen ist. Es gelang ihr mhelos, dem
stolzen Mann ihre Wnsche und Hoffnungen als seinen eigenen Anspruch
hinzustellen und sein Herz ohne Falsch mit Behutsamkeit in die
Bewutseinswelt seines Werts zu heben.

Es war sicher, irgend etwas behielt Angelikas Wesen fr sich, es war
eine verborgene Welt des Empfindens und der Gedanken, die sie nicht
teilen wollte oder konnte. Aber es erschien Gerom nicht als ein Recht,
das ihm vorenthalten wurde, weil Angelikas traurige Versunkenheit, mit
der sie seine schchternen Fragen zuweilen abwehrte, ihm heilig war. Wie
leicht lassen sich die Geheimnisse einer klugen und verschwiegenen Frau
der Wesensart ihres Geschlechts als Tugend zurechnen, wenn das Vertrauen
einer groen Liebe alles kleine Forschen verhindert.

So war es gewi keine ernstliche Sorge, die zuweilen Geroms Stirn
umwlkte, sondern eine heimliche Angst, die aus dem Dunkel der
Vergangenheit Angelikas emporstieg. Er fhlte, da niemals etwas
geschehn sein konnte, was den Wert des Mdchens herabgesetzt hatte,
aber ihm war oft, als seien jene Geschehnisse um so gefahrvoller und
furchterregender, je mehr sie den Wert dieser jungen Frau erhht haben
mochten. Wie viele Untugenden, die ihr Freude bereitet htten, wre er
nicht willens gewesen, ihr zu vergeben; er frchtete vielmehr, da es
eine groe Tugend sein knnte, die ihr Leid gebracht hatte.

Zu den ueren Anlssen solcher Besorgnisse gehrten die Briefe, die
Angelika absandte und empfing, allerdings selten erhielt und selten
abschickte. Oft vergingen Monate, und Gerom litt mit ihr unter der
aufreibenden Qual ihrer Erwartung, ber die niemand sprach. Die
schmerzliche Erlsung, die endlich ein kurzer Brief brachte, zerteilte
Geroms dunkles Herzensreich in zwei Teile, er schritt umher wie ein
frhlicher Kranker. Aber er fragte niemals, denn er konnte sich nicht so
tief entwrdigen, etwas in Angelikas Leben fr schner und grer zu
halten, als das, was sie ihm gab.

An einem klaren Abend des Sptsommers wurde Angelika von einem
Dorfjungen in den Gorchinger Rasthof geholt, es sei ein Fremder
angekommen. Die junge Frau ging sogleich mit starren Augen und
hngendem Kpfchen in einem eigenartigen Schritt, der ganz neu an ihr
erschien, der etwas vom Traumwandeln hatte und zugleich etwas gewaltsam
Unbekmmertes. Sie verabschiedete sich von niemand, Gerom war zu Pferd
auf den Feldern.

Was geschehn ist, wei niemand, es blieb allen in Gorching verborgen.
Man hrte heftige und verhaltene Worte in dem Zimmer des fremden Mannes,
unterdrcktes Schluchzen und auch einmal ein leidenschaftliches Wimmern,
das die Magd fr heimliches Lachen hielt. Angelika kam spt zurck, sie
war ber die Landstrae gelaufen, klein und wei, durch die
hereinbrechende Nacht, zwischen den beiden weilichen Meeren dahin, die
der Abendnebel auf den Wiesen bildete. Der Groknecht lie sie ein,
whrend die Hunde wie toll an ihren Ketten rissen und die Stille weit
umher mit ihrem wtenden Bellen erfllten.

Mit dem Kommen des fremden Mannes, der Angelika kein Fremder war,
erschien ihr die Sicherheit und Ordnung der Welt zerstrt, wenn sie
nicht alles diesen Hnden anvertraute, die sie einst erhoben und
erniedrigt hatten, geschlagen und geliebkost, entwrdigt und geheilt.
Sie schlief in der Nacht nicht, mit wehmtigem Lcheln gedachte sie der
Freiheit, die sie in diesen Sommermonaten zu erringen geglaubt hatte. Es
gibt einen Zustand erschpfter Leidenskraft, der wie Gelassenheit und
Ruhe erscheinen kann, es ist der Zeitpunkt, an dem die Krfte des Lebens
und die Krfte des Todes einander die Wage halten, ber den Trmmern des
eigenen Willens.

Am Morgen sah Gerom sie in unruhvoller Besorgnis lange an. Du bist
bla, Angelika, du bist sehr bla߫, sagte er. Er ritt gleich darauf
schweigend fort. So wei er es, dachte sie. Gegen Mittag kam der Bote
aus dem Gasthof.

Ich will versuchen zu warten, dachte Angelika, vielleicht ist am Abend
der ganze Tag vergangen und ich bin nicht zu ihm hinbergegangen. Gerom
kam nicht. Sie sa im Schatten der Holunderbank am Teich und sah die
Sonne hinter die Pappeln sinken, von Ast zu Ast schien sie
niederzuklimmen, und als sie sich rtlich frbte, weinte die junge Frau
vor Schwche und Angst und Liebesleid und lief nach Gorching hinber,
quer ber die gemhten Roggenfelder, wie ein verlassenes Kind.

Unterwegs blieb sie einmal stehn, ballte ihre kleine, feste Hand und
schttelte die Faust nach Geroms Hof hinber. Du kannst nicht helfen,
schrie sie laut. Du bist ein Schwchling bei all deiner Kraft, deiner
Gte ... Sie lie sich nieder und weinte. Bestaubt und todmde, mit
entstelltem Angesicht, langte sie im Gasthof an.

Nun paten sie zueinander, der Fremde und Angelika, die nun, wie er,
verwildert und bleich zu den Ausgestoenen der Irdischen zu gehren
schien. Es war unfalich, wie rasch die Nhe dieses Mannes ihr ganzes
Wesen verndert zu haben schien, im Grunde hatte er es nur gelst,
soviel ist gewi, denn es war sein Eigentum. Ihr Gesicht wirkte geradezu
hlich fr alle Augen, die sie frher gesehen hatten. Aber es war eine
eigenartige Hlichkeit, eine Hlichkeit von gttlichem Ursprung, der
schtzende Erdenmantel ber den himmlischen Geheimnissen des Lebendigen.

Sie fand ihn nicht zornig und hart wie gestern, sondern traurig,
vielleicht kniete sie deshalb vor ihm, whrend sie sprach. Wenn er sich
zu ihr niederbeugte, wenn seine Lider sich senkten, sah man, wie schn
sein blasses Gesicht war, das im Unbelebten der Tagesstunden ermattet
und krnklich aussah. Ihre Haare vermischten sich, ihre feuchten Hnde
und ihr Atem voll Glut und Unfrieden.

Ach, antwortete er ihrem Gestndnis mit seinem klugen und traurigen
Lcheln, ein Kind trgst du von ihm, von ihm trgst du ein Kind,
Anje ...

Wenn ich ein Kind von dir geboren htte, sagte sie fest, so wrde ich
um des Kindes willen die Kraft gehabt haben, bei Gerom zu bleiben. Ich
wre nicht ber die Felder gelaufen ...

Er sah sie an, vielleicht verstand er sie nicht gleich, aber dann
drckte er sie so an sich, da sie leise aufschrie.

Sie fragte aber doch: Liebster, und da es nun so ist, ich meine, da
ich sein Kind trage, qult dich das nicht? Gerom wrde dich tten, wenn
du nur deine Hand auf meine Haare legtest.

Ihm gehren auch nicht einmal diese Haare, sagte er liebevoll und
sicher, und strich sie ihr von den Schlfen, legte sie hart an das
ungeduldige Kpfchen, so da er es ganz in seinen beiden Hnden hielt,
und betrachtete so ihr Gesicht.

Ich komme niemals, niemals von dir frei, Anje.

Ich htte so gern gelebt, sagte sie deutlich.

Es mute wohl der Gedanke an die Hoffnungen seines eigenen Lebens sein,
der ihm pltzlich die Stirn umwlkte. Er lie sie los. Seine Augen
fragten sie etwas, es mute eine Frage sein, deren Bedeutung oft
zwischen ihnen gebrannt hatte, denn sie verstand ihn und rief
schmerzvoll:

Ich wei es nicht, ich wei nicht, wie es werden soll! Ich kann meinen
armen Leib von dir fortschleppen, aber ich kann meine Seele nicht von
deiner reien. Und darauf legte sie ihm pltzlich die Hnde auf die
Schultern, sah ihn hei und mit ihrem ganzen Blut und Wesen an und
fragte mit einem schrecklichen und sen Lcheln: Nicht wahr, ich tte
dich, nicht wahr? Sag', wodurch tte ich dich, sag' es mir doch ...

Und so sagte sie es ihm, indem sie ihn so fragte.

Nach einer Weile wurde die Trklinke niedergedrckt und, da die Tr
verschlossen war, wurde es eine kleine Weile still. In diesem kurzen
Augenblick sah Anje ihren Geliebten an, es war ihr Abschied von ihm. Er
fhlte es, ohne es zu wissen. Dann erschtterte ein furchtbares Krachen
die abendliche Stille des Hauses, und Anje fing ganz heimlich und
kindlich zu lachen an.

Erst als Gerom im Zimmer stand, erhob sich der Fremde langsam.

Ich htte Ihnen auch geffnet, sagte er gelassen, aber so kalt, da
die Herausforderung in seinen Worten deutlich seine tiefe Anteilnahme
verriet, die er nicht verbergen wollte. Gerom stand dicht an der Tr,
als ob er den Ausgang decken wollte, und der starke Mann zitterte, wie
ein Baum, dessen Wurzeln von eisernen xten zerschnitten werden. Jetzt,
da der Fremde sprach, wandte er sich ihm zu und von Angelika ab, die
ruhig, mit herabhngenden Armen, dastand. Sie war ihm unaussprechlich
hilflos erschienen, er empfand die groe Stille ihrer Seele nicht, deren
Armut und Gerechtigkeit sich irdisch nicht mehr erweisen wollte noch
konnte. Als ihr Geliebter sich erhob und vor Gerom stand, zitterte sie
vor Freude in dem Bewutsein, da die Kraft seines Wesens bis an die
Pforten eines ewigen Reichs triumphieren wrde. Und nun mochte kommen
was wollte.

Gerom sprach nicht. In Angelikas Herzen wuchs eine Angst empor, die ihr
alles zu verdunkeln drohte. Der kleine niedrige Raum lag im Abendlicht,
Gerom schien nicht hineinzupassen, er sah wie ein Riese aus und erschien
ihr um so furchtbarer, als sie den Ausdruck seines Gesichts nicht
unterscheiden konnte.

Wenn Sie mit mir sprechen wollen ... sagte der Fremde. Es erschien,
als dchte er an ganz andere Dinge. Angelika wute, wer der Strkere
war.

Da sagte Gerom mit dunkler Stimme zu ihr:

Steh auf! Geh heim! Geh gleich heim!

Obgleich sie seine Stimme nicht erkannte, antwortete sie ihm beinahe in
gewohnter Weise:

So -- --, so Gerom, kann ich doch nicht gehn.

Er sthnte dumpf auf. Wenn es nur hell gewesen wre. Sie sah fragend zu
ihrem Geliebten hinber. Er nickte:

Ja, geh heim. Und dann sagte er zu Gerom:

Wir wollen hinausgehn, wir knnen ja drauen reden, wenn Sie wollen.
Er schritt ruhig voran, und der andere folgte ihm wie ein breiter,
bedrohlicher Schatten.

Angelika langte in Geroms Hof an, als es lngst Nacht war. Eine alte
Magd war vor dem Kamin eingeschlafen, in dem in diesen Sptsommernchten
schon Holzscheite glommen. Sie hockte als ein lebloses Kleiderbndel im
Winkel, die welke Wange unter dem grauen Haar, an einen Holzpfosten des
Gelnders gelehnt und notdrftig auf ihren Arm gesttzt.

Angelika stand vor ihr und sah die kleinen lebhaften Flmmchen an, die
ber die verglimmenden Scheite huschten. Sie sprangen unversehens auf
und erloschen wieder, waren von blulicher Frbung und von einer
krnklichen Hast. Ihr Widerschein spiegelte sich in den Kacheln und gab
dem Raum sein drftiges, unruhiges Licht. Die sinkende Mondsichel stand
drauen ber den Moorgrnden der Haide, ber der Einde mit ihrem
verschwiegenen Gurdelbach. Man sah sein fahles Licht durch die
bewegungslosen Vorhnge der Fenster scheinen, an denen die traurige
Nacht vorberzog. So war das Licht im Zimmer unbestimmbar und voller
Ungewiheit, die stummen Gegenstnde wirkten bedeutungsvoll und
lebendig.

Die junge Frau erkannte den Rahmen des Bildes, das Geroms Vater
darstellte; sie glaubte die heimliche Qual der Augen zu erkennen,
diesen dsteren und trotzigen Drang nach dem Licht der Erkenntnis, der
auch Geroms Blicke bezeichnete. Die Standuhr tickte nicht, es mute
vergessen worden sein, sie aufzuziehen.

Der Mond drauen verlor langsam seinen Schein, der Morgen kndigte sich
an, das Feuer im Kamin war nun vllig erloschen, und die Alte war auf
den Teppich niedergesunken, auf dem sie ruhig schlief. Man hrte ihre
Atemzge nicht, und drauen und drinnen war es totenstill, da die
Geschpfe der Nacht zur Ruhe gegangen waren und die Vgel noch
schliefen. Dann kam ein unhrbarer Wind auf, der das herannahende Licht
ankndigte. Die Stimmen der Wasservgel aus dem Moor wurden laut, und
die Bltter bewegten sich neben dem Fenster. Es rieselte hoch oben in
der Spitze einer Pappel, als ob es regnete, und das Zimmer wurde grau.

Dies ist Angelikas Lebensnacht und ihr Daseinsmorgen gewesen, der ihr
den Geschmack des Abschieds von irdischem Sein und Gut in die Seele
trug, sie verharrte in tiefem Schweigen, dachte keine Gedanken und
empfand keine Gefhle. Sie empfand nur ihr armes, abgekehrtes
Menschenwesen und den gewaltigen Gang des lebendigen Lebens, das an ihr
dahinzog wie lautloser Wind an einem Stein.

Dann kamen Schritte heran, sie klangen erst gedmpft und fern und dann
immer eindringlicher in der blauen Luft der Dmmerung drauen; nun
tnten sie schwer unter ihren Fenstern, und ein gebeugter Schatten
schleppte sich vorber, glitt auch ber sie hin und wurde ihr zur groen
dunklen Gestalt, als nun die Tr sich ffnete. Sie wute noch, da ein
Hund drauen vor seiner Htte sich erhoben haben mute, denn sie entsann
sich deutlich beim Beginn des Kommenden des Klirrens einer Kette.

Es war Gerom. Eigentlich wute sie alles, schon ehe sie ihn recht sah,
denn seine Tat begleitete ihn wie eine drckende Finsternis. Er sprach
nicht, er ging schwer und scheinbar sehr ermattet auf und nieder, wobei
er schaukelte und bald den Kopf hngen lie, bald nickte, oder die Arme
schwenkte, aber nicht im Takt seiner Schritte.

Endlich blieb er dicht vor Angelika stehn, so dicht, da sie
zurckgetreten wre, wenn sie es gekonnt htte. Da nun das blasse
Morgenlicht in sein Gesicht fiel, sah sie, wie entstellt es war, und
empfand nichts mehr als eine furchtbare Angst.

Gerom!, schrie sie auf und sank nieder, erbarme dich, tu mir kein
Leid, um des Heilands willen, Gerom, tu mir kein Leid!

Und whrend sie schrie und flehte, und whrend ihre Hnde krampfhaft am
groben Tuch seines Rocks tasteten und griffen, war ihr, als verhhnte
irgend etwas im Grund ihrer Seele sie selbst und ihr armseliges Tun.
Dabei kam ihr deutlich zum Bewutsein, wie na sein Gewand war.

Es schien, als ob Geroms Gedanken erst durch ihren Jammer zu dem gefhrt
wurden, was sie befrchtete. Ich werde sie schlagen, dachte er, ich
werde sie so schlagen, als wollte ich mit der Faust bis ans Herz
dringen.

O, hre mich an, sieh mich an, Gerom, ich habe nicht gewut, was ich
getan hab'.

Gott wei es, warum sie es getan hat, dachte er. Sie ist ein Weib, Gott
wei es ...

Und dann atmete er tief auf und sagte mit schweren Lippen:
Drauen ..., stockte wieder und faltete dann seine groen Hnde.

Was willst du tun, schrie die junge Frau mit lautem Weinen auf, was
soll ich tun?!

Du, sagte er rasch, du -- bist ja ein Kind ... geh hinaus, gltte
sein Haar, wasch ihm das Blut aus seinen Augen und leg seine Hnde
zusammen ...

Nun war es, als habe er jenen Faustschlag, der bis an ihr Herz dringen
sollte, mit seiner ganzen Kraft gefhrt, Angelika sank ohne ein Wort zu
Boden und blieb still liegen. Eine ihrer kleinen weien Hnde lag
gekrmmt mit dem Rcken nach unten an seinem Stiefel.

Gerom sah auf sie nieder und hob sie nach einer Weile behutsam und
vorsichtig auf. Er ging so zart dabei zu Werke, als stnde ihm die ganze
Flle seiner Liebe zu Gebote, und sein Gesicht war voller Rhrung. Als
er sie hinaustrug, sagte er zu ihr, als verstnde sie ihn: Ja, er ist
tot. Er hat mich, grade so wie du, um sein Leben angefleht. -- Ich
werde dir kein Leid antun, du Kleine. Ach Ihr ... knnt nicht leben und
knnt nicht sterben.




Zweites Kapitel


Ungefhr sechs Jahre nach diesen Ereignissen wurde Vinzenz Gerom aus
seiner Kerkerhaft entlassen. Angelika war gestorben, irgendwo in einer
jener kleinen Provinzstdte, wie sie in solcher Verlassenheit und Stille
nur Dnemark aufzuweisen hat. Sie hatte ein Mdchen geboren, das auf den
Namen Angelika Gerom getauft worden war.

Vinzenz Gerom kam eines Tages, es war an einem Sonntag und die Glocken
luteten, zu Fu nach Gorching zurck. Er wrde wohl von niemandem
erkannt worden sein, wenn man ihn nicht auf seinem Hof erblickt htte.
Sein Haar war ergraut, und er trug einen langen blauen Mantel, der seine
Gestalt, die gebeugt einherschritt, seltsam entstellte und ihm den
Anschein eines weltabgekehrten Sonderlings verlieh. Nur sein Schritt
hatte an Festigkeit nicht verloren, und seine Augen, in ihrer
versonnenen Glut, waren ungebrochen und ungetrbt.

Er bekmmerte sich wenig um die Wirtschaftsberichte, die ihm von seinen
Verwandten vorgelegt wurden; der Hof war schlecht bestellt worden,
soviel war gewi. Er hatte Angelikas Tod im dritten Jahre seiner
Einkerkerung erfahren, aber keine Erlaubnis erhalten, die Tote noch
einmal zu sehn. Nun gab man ihm auf dem Amt in Gorching einen Brief von
seiner verstorbenen Frau, den er stumm nahm und lange nicht aufbrach. Es
schien, als gewnne sein Wunsch Gewalt in ihm, diese Zeilen zu
vernichten, ohne da er seinem Herzen die letzten irdischen Gre der
Frau vergnnte, die er geliebt und gettet hatte. Der Gedanke an sein
Kind, von dessen Dasein er wute, veranlate ihn endlich, das Schreiben
zu lesen.

Es mute in den letzten Lebensstunden der jungen Frau verfat worden
sein, denn die Schriftzge waren unsicher, und sie hatte keinen Wert auf
Sorgfalt gelegt. Sie hatte einen beliebigen kleinen Zettel fr diese
Worte genommen; einen Augenblick berkam Gerom eine Regung von Erbarmen,
und zugleich wurde ihm schmerzlich klar, da dies der erste und
zugleich der letzte Brief war, den er von seinem Weibe erhalten hatte.
Der Brief enthielt folgende Worte:

                An Vinzenz Gerom.

  Ich mu sterben. Ich kann nicht mehr darber sprechen, was du
  mir in meinem Leben gewesen bist, vielleicht wrde ich auch nicht
  das Richtige sagen knnen, es sollen meine Hoffnungen und meine
  ungewisse Angst mit mir in der Nacht vergehen, die ber mich
  hereinbricht. Ich danke dir fr die Lebensbarmherzigkeit, die ich
  fr kurze Zeit in deiner geduldigen Liebe gefunden habe, ich danke
  dir fr Anje, mein Kind, oh ich mchte dir danken ohne Ende. Ich
  will, da du sie nach meinem Tode und nach deiner Gefangenschaft zu
  dir nimmst, hre mich an, ich will es. Ich frchte nicht um sie, und
  weder dein Zorn noch deine Bitterkeit schrecken mich ab, mein Kind
  in deine Hnde zu befehlen, denn ich wei, da du einmal in deinem
  Leben Verlangen nach einem Menschen tragen wirst, dem du verzeihen
  kannst, was die Menschen dir zugefgt haben.
                                                       Angelika.

Nachdem der verlassene Mann diese Worte gelesen hatte, sank ihm das
Haupt auf die Brust, und der Zettel fiel ihm aus der herabhngenden
Hand, ihm ward langsam in aufdmmernden Gewiheiten mehr und mehr zu
Sinn, als sei Angelika niemals sein Eigentum gewesen. Seine von
Bitternis gehteten Trume hatten sich in der Hoffnung gewiegt, da
jener verhngnisvolle Vorfall, der ihn um sein irdisches Glck gebracht
hatte, eine Irrung des Herzens dieser seltsamen Frau gewesen war. Er
hatte sich wieder und wieder klar gemacht, da im Grunde ihre Liebe ihm
gehren msse, denn er konnte nicht glauben, da die zrtlichen Gebrden
einer so strmischen Hingabe, wie sie Angelika in seinen Armen geschehn
war, der Erinnerung und der Trauer um Vergangenes angehren sollten.
Aber nun fhlte er, da aus diesen Zeilen weder Liebe noch Leidenschaft
sprachen, denn beide fassen ihr Wesen nicht in solche Worte des Danks,
hinter denen sich das eigne Leid verbirgt; und wie konnte eine Mutter
ihrem Manne fr ein Kind danken, da es doch sein Kind war? So schlo sie
ihn mit diesen Abschiedsworten zuletzt noch aus jener Gemeinschaft aus,
die ihn allein htte vershnen knnen, und sie verwandelte sein
Zugehrigkeitsgefhl der Bitterkeit in das Entsetzen der Verlassenheit.

Ich bin in Wahrheit ein Mrder, dachte er. Bisher habe ich geglaubt, ein
gewaltttiger Hter meines Rechts gewesen zu sein, aber nun hat diese
Tote mir durch ihr Vermchtnis den Frieden meines Daseins zertrmmert.
Was soll ich ihrem Kinde verzeihn? Nur den Unedlen ist es eine
Genugtuung, vergeben zu knnen.

So beschlo Gerom, den Wunsch der Toten nicht zu erfllen, und sein Kind
in der Fremde heranwachsen zu lassen; aber seine Liebe war strker als
sein Entschlu. Er empfand in der Qual seines Zwiespalts dunkel, da
irgendwo eine Gerechtigkeit in jener Vergebung leuchten msse, die
Angelika gemeint hatte, der einfltige Ausgleich zum Bestand, der in den
groen Absichten der Natur verborgen ist. Als er endlich den Brief
verfate, der sein Kind zu ihm rufen sollte, zitterten seine Hnde und
seine Lippen, und die neue Demtigung, die seine Liebe ihm auferlegte,
berwltigte ihn zu Trnen, die ber sein unbewegliches Gesicht in den
ergrauten Bart tropften.

                   *       *       *       *       *

Als die kleine Anje anlangte, nahm Gerom sie zwischen seine groen Hnde
und hielt sie von sich ab, um sie zu betrachten. Er war nicht froh und
nicht traurig, sein Gemt schien kaum bewegt. Vergrmt forschte er in
dem blassen Kindergesicht und strich endlich zgernd ber das helle
Haar. Da legte das von der weiten Reise ermdete und gengstigte Kind
hilfesuchend seinen Arm um den rauhen Hals des Vaters und schmiegte die
Wange an seine Schulter. --

Gerom verkaufte seinen Hof und sein Land und erwarb an Stelle seines
reichen und ertrglichen Besitzes einen groen Landstrich der Einde,
den die Gemeinde ihm ohne Bedenken abtrat. Dort lie er in den dichten
Niederungen des Sumpflands auf einer Hebung des Lands, die der Wald
getrocknet hatte, ein grobes Blockhaus errichten, versah sich mit allem,
was ein Einsiedlerleben mglich machte, nahm eines Tages sein Kind an
die Hand und schritt langsam und feierlich durch das Frhlingsland
seiner neuen Heimat entgegen. Nur Hirte begleitete die beiden, das war
ein groer, hlicher Hund mit gelbem Zottelhaar und einer schwarzen
Schnauze, zu dessen Pflege niemals etwas unternommen worden war. Sein
Kopf hatte eine berraschende hnlichkeit mit dem eines Affen, und seine
hellbraunen Augen, die einen warmen Goldglanz ausstrahlten, lagen tief
unter den Stirnfalten und waren das Gutmtigste der Welt.

Wie Anje in der Einde heranwuchs, wute sich niemand recht zu erklren,
htte die alte Onne, die am Waldrand des Moors lebte, sich nicht
zuweilen des Kindes angenommen, so wre die kleine Menschenblte
vielleicht in der rauhen Traurigkeit verkmmert, in die Gerom sein
dsteres Dasein hllte. Er mied die Menschen in einem Ha, den Jahr um
Jahr seine Einsamkeit in ihm befestigte, man lie ihn in Furcht und
Mitleid gewhren und verga ihn langsam. Als einmal um des Kindes willen
zu ihm gesandt wurde, kam der alte Lehrer am Abend, vor Schrecken
zitternd, aus dem Moor zurck, es seien dort drauen Wunder geschehen,
das Land blhte, aber Gerom sei ein Tier geworden. Anje habe er nicht zu
Gesicht bekommen, aber der Alte habe gedroht, Gorching in Brand zu
stecken, wenn man ihm sein Kind nhme.

Die alte Onne wohnte am Moorrand in einer Torfhtte. In vergangenen
Zeiten hatte sie den Fuhrleuten, die von der Dachenau hinber ins
Gorchinger Land wollten, das Mittagessen bereitet. Sie bewahrte
Speisevorrte und Getrnke in ihrem Keller, es gab Unterkunft bei ihr,
wenn es sein mute, und jedenfalls immer Rast. Ihr kleines Haus lag zwei
Stunden von Gorching entfernt am Rand der Einde und war so von Weiden,
Birken und Kiefern verborgen im Dickicht, da es im Sommer niemand fand,
der nicht darum wute, nur der blaue Rauch, der vom Holzdach aufstieg,
verriet es zuweilen.

Wie alt Onne war, wute niemand, sie hatte lngst die Jahre erreicht,
nach denen man nicht mehr fragt. In solch hohem Alter tritt bisweilen
ein Zustand ein, der vom Tod nicht mehr erreichbar erscheint, es gibt
Menschen, die der Tod vergit. Die Urenkel sehen solch ein Vterchen
oder Mtterlein laufen und wissen, da schon ihre Eltern sie nicht
anders gekannt haben. Sie knnen nicht sterben, gut, so leben sie denn,
und bisweilen mit unverstndlicher Geistesfrische und wie in einer neuen
Jugend der Seele.

Wenn man Onne auf einem Moorpfad begegnete, ohne sie zu kennen, konnte
man lange darber in Zweifel sein, was man vor sich hatte, etwas
Unfrmiges in grauer und brauner Tnung, in Farben, die sich der
Umgebung angepat hatten, nahte sich in holperigen Sprngen, bereifrig
und doch langsam. Endlich erkannte man mhsam einen weien Scheitel,
unter dem eine lange braune Nase herabhing, die Schultern und die
Krmmung des Rckens berragten ihn, und die Knie der Schreitenden
schienen ihn bald rechts, bald links beinahe zu berhren.

Die Alte ging einmal in der Woche nach Gorching, wo sie Waldbeeren oder
Pilze verkaufte, Holz oder Torf. Sie bediente sich eines kleinen Wagens,
der ursprnglich ein Kinderwagen gewesen sein mochte, und dessen vier
Rder alle von verschiedener Gre waren, es schien so, als habe sich
der Wagen im Lauf der Jahre den Bewegungen seiner Besitzerin angepat.

Die Landleute nannten Onne die Sackziege. Wenn im Abendrot gegen den
Horizont die merkwrdig ruhlos bewegte Masse der Alten und ihres Wagens
sich aus dem Dorf bewegte, um langsam im Dunst der feuchten Niederungen
zu entschwinden, so wute man, da es ein Freitag gewesen war.

Onne war es brigens, die Gerom mit allem versah, dessen er an
Lebensmitteln aus Gorching bedurfte, und so kam es, da sie Anje kennen
lernte. Die alte Frau war keineswegs lcherlich oder einfltig, wie
diejenigen sie schelten mochten, die sie nur vom Schauen her kannten
oder nach den Lsterungen ihrer Gegner. Denn Onne hatte in der Tat
Freunde und Feinde, deren Regungen fr und gegen sie, sich bis zur Liebe
oder bis zum Ha gesteigert hatten; danach ist die Bedeutsamkeit eines
Menschen sicherer einzuschtzen, als nach kleinen Einzelzgen oder aus
guten oder schlechten Eigenschaften. So gehrte sie auch durchaus nicht
zu jener Sorte alter Waldweiblein, die sich durch Hexensprche oder
Wahrsagen beim Gesindel der Menschen in Respekt halten, sondern wenn
einmal ein Mensch zu ihr kam, um ihre Hilfe zu erbitten, so war es eher
dann, wenn er sein Schicksal verwinden, als wenn er es erfahren wollte.
So war die Scheu, die man vor ihr empfand, und die Achtung, die sie bei
manchen auslste, nicht eine Folge der Urteilslosigkeit ihrer Umgebung,
sondern sie kamen, wie alle wahrhaft geheimnisvollen Einwirkungen, aus
dem Wert ihres Herzens.

Obgleich man sie selten mit einem andern Menschen zusammen sah, als mit
Gerom, und obgleich sie schweigsam und spttisch war, ging ihr Einflu
weit, und es galt als ein Zeichen besonderer Bekrftigung, wenn einer
Meinung hinzugefgt wurde: Onne hat es gesagt. So hie es, der letzte
Pfarrer von Gorching habe ihretwegen sein Amt niederlegen mssen,
niemand wute recht, weshalb eigentlich, aber jeder glaubte es. Er war
ein junger lebensfroher Mann gewesen, der diesen Schicksalsschlag nicht
allzu hart genommen und der Einsamkeit des Landes ohne Schmerz entsagt
hatte. Es war ihm ein bser Zufall mit einer Bauerntochter geschehn, der
ihm nicht verziehen wurde, obgleich sein Weib fast immer krank war. Aber
manche wunderten sich sehr, als er am Tage seiner Abreise mit
bittersem Lcheln dem Ortsvorsteher zum Abschied sagte: Unter Euch
Gerechten gibt es nur drei Weltbrger, die hausen im Moor. Da der
Ortsvorsteher zwar ein reicher Bauer war, aber sonst alle Eigenschaften
hatte, die die Obrigkeit der Drfer zuweilen auszeichnet, so dachte er
fr die Zukunft nicht sonderlich achtungsvoll ber solche Leute, wie
etwa der Pfarrer sie unter Weltbrgern verstanden haben mochte.

Onne sagte zu Gerom: Der Pfarrer htte bleiben sollen, er war ein guter
Mensch, aber wie soll man einen Fuchs festhalten, wenn er mit dem
Schwanz voranluft?

Es war brigens ungemein schwer, Onne zu verstehen, man brauchte sehr
lange dazu, bis man es gelernt hatte, und da dann noch die Schwierigkeit
hinzukam, das Verstandene auch begreifen zu mssen, so gehrten nur sehr
wenige in Gorching oder im Dachenauischen zu diesen Erwhlten. Sie
sprudelte ihre Worte zunchst heraus, schien sie dann wieder einzufangen
und begann eine Weile mit ihren Kiefern darauf zu kauen, dann zischte
sie sie durch eine groe Zahnlcke nach links, dort mute man aufpassen,
denn nun waren sie am verstndlichsten.

Niemand hatte es besser gelernt, als Anje, das Kind. Onne hatte ihr
wunderbarerweise vom ersten Augenblick an Vertrauen eingeflt, und die
Zuneigung war im Laufe der Jahre zu einer groen Liebe geworden. Onne
verstand das einsame und scheinbar verwilderte Kind, dem niemand Liebe
erwies, denn Gerom verbarg sein Herz bis zur Schwermut. Onne wute, da
Menschen von selbstndigen Krften der Empfindung sich in ihrer Jugend
nicht durch Bestndigkeit oder Gleichma der Herzensregungen
auszeichnen. Sie verstand Anjes Wildheit und die an Trauer grenzende
Weichheit, mit der sie abwechselte, und liebte an dem kleinen Mdchen
den hilflosen Unbestand der Empfnglichen.

Sie hatte zuweilen den Versuch gemacht, Anje mit unter Menschen zu
nehmen, aber Gerom wollte es nicht, und als sie das Kind einmal heimlich
zu berreden trachtete, stie sie auf Widerstand. Da ergab sich die
kluge alte Frau und berlie Anje dem Walten der groen Wlder, dem
bestndigen Wechsel der Jahreszeiten, dem geduldigen Land und den
himmlischen Botschaften des Windes.




Drittes Kapitel


Wenn Hirte, der groe gelbe Hund, durch die vernderten
Lebensbedingungen auch gezwungen war, einen guten Teil seiner
Erfahrungen als berflssig zu betrachten, so gab er deshalb seinen
Eifer nicht auf, den Ansprchen gerecht zu werden, die man an ihn
stellte. Er hatte bald herausgebracht, da es im Grunde Anje war, die
seiner bedurfte, und da dieser Hinweis auf seine Verpflichtungen mit
seiner Neigung zusammenfiel, ergab er sich Anje mit der ganzen
Ausschlielichkeit seines Wesens. Er schlief an ihrem Lager, wo immer
das Kind sich zur Ruhe niederlegte, erwachte mit jedem Seufzer, der der
kleinen von Trumen bedrngten Brust entwich, und horchte auf das Ticken
des Regens, oder das Rascheln der nchtlichen Tiere im Laub. Schon ein
Nachtfalter, der sich am Glas der Scheiben stie, weckte ihn auf. Wenn
Anje sich im Schlaf bewegte oder sich auf die andere Seite bettete,
benutzte er die Gelegenheit, sich selbst ein wenig zu regen oder zu
ghnen, was bisweilen notwendig war, aber er wrde es nicht gewagt
haben, wenn seine kleine Herrin ruhig schlief.

Des Morgens begegneten Anjes erwachende Augen dem braunen Goldglanz der
seinen, er sa in respektvoller Entfernung auf dem Boden, hatte sein
Maul etwas geffnet, und seine Brauen bewegten sich erwartungsvoll und
freundlich. berhaupt war Hirtes Heiterkeit von groer Bestndigkeit,
immer lag sein Frohsinn im glcklichen Streit mit der Schwermut seiner
tierhaften Befangenheit.

Die kleine Anje nahm, wie alles, was ihr begegnete, so auch Hirtes
ergebene Liebe wie ein selbstverstndliches Gut entgegen. Die Sonne ber
dem Bach und ber den vielerlei Pflanzen des Waldes und des Moors, die
Lieder der Vgel und der Schimmer des Mondes hinter dem Laubdach der
Bume, waren so schlicht und wahr ihr Eigentum, wie das Leben ihrer
kleinen braunen Hnde und das gttliche Geschick ihrer Augen. Sie nahm
die Gter der Erde an, wie nur Kinder sie nehmen knnen, und ihr
irdischer und himmlischer Gott, der Herr ber alles, was sie umgab, war
ihr Vater. Sie kannte keinen Zweifel an seiner Macht und an seiner Gte
und liebte ihn in der schrankenlosen Hingabe, wie sie entstehn kann,
wenn ein junges Gemt Stunde fr Stunde eine Liebe empfindet, in deren
herbe Verschlossenheit kein Schrecknis des Alltags fllt, die
unberhrbar und unerwiesen bleibt, die keine Beweise zu liefern scheint,
als einzig den verschwiegenen Gram ihrer irdischen Gebundenheit, in
einem heiligen Abstand.

Denn Geroms Herz war wahrhaft gebrochen, und er hatte die Kraft zur
Hingabe fr seine Erdenzeit verloren. So entstrmte ihm scheinbar die
Flle seiner Liebeskraft in heimatloser Allmacht, denn so wenig er in
der Lage war, ein zweites Mal zu vertraun, so wenig konnte er seine
Kraft zu jener Gemeinschaft verleugnen, die die Liebe in die Welt
bringt.

Es war wunderbar genug, da Anje ihn nicht frchtete, denn sein Gesicht
verfinstere sich um so mehr, je mehr sie ihm ihre Liebe zeigte oder
darbot. Aber der Eifer der kleinen Anje ermdete darber nicht, ihre
Zrtlichkeit wuchs, und ihr kindliches Tun nahm berhand an demtiger
Weisheit der Liebe. Einmal legte er Anje seine Hand aufs Haar, in einer
Mdigkeit ohne Gedanken, aber er erschrak darber, wie furchtbar die
Wirkung war. Das kleine Mdchen erschauerte und sank mit Zittern an
seinen Knien nieder, die blasse Wange gegen seinen groben Stiefel
gepret, wagte nicht sich zu rhren und sagte kein Wort. Es war, als
verginge sie in einer Ohnmacht, ihr Glck ertragen zu knnen. Gerom
erbebte und brllte fast:

Steh auf! Was ist geschehen?! Steh auf!

Sie erhob sich und lchelte, ihre Lippen waren beinahe wei. Sie
verstand den Zorn ihres Vaters und begriff, da es erschttern mute, so
viel gegeben zu haben, wie er es getan hatte. Gerom ging mit groen
Schritten hinaus.

Er wrde wohl auf seine finstre und berlegene Art gelchelt haben, wenn
Onne ihm erzhlt htte, Anje sei das eigenwilligste und trotzigste Kind,
da sich denken liee. Aber die Alte htete sich wohl, auch wollte Gerom
von niemandem etwas ber sein Kind hren. Sie begriff das Verlangen nach
Liebe, das in dem kleinen Herzen Anjes brannte, und schirmte es heimlich
auf ihre Art.

Einmal hatte Anje die Nacht in Onnes Htte zugebracht, wie es oft
geschah, aber diesmal mute Gerom es ein erstes Mal gewahr geworden
sein. Da Onne es mit dem Schlafen wie ihre Hhner hielt, sich mit der
Sonne niederlegte und sich im ersten Morgengrauen erhob, so lie sie das
Kind noch ruhen, als das Licht sie aufweckte. Da sah sie nach etwa einer
Stunde beim Beerensuchen Gerom durch den Wald kommen, er brach im Lauf
durch das Unterholz in der Richtung auf ihre Htte zu, wie ein Br
strmte er dahin, er schnitt die Wege ab und achtete nicht darauf, da
das Buschwerk sein graues Haar verwstete, und seine Blicke waren vor
Angst erstarrt. Als er Onne entdeckte, hielt er pltzlich inne, ging
langsam, strich ber seine Schlfen, und die Alte sah ihn in seinen Bart
lcheln, als er bei ihr war, wie sie ihn nie hatte lcheln sehn.

Was ist geschehn?, fragte sie. Die rote Morgensonne schien durch die
betauten Bsche in den Wald, und es tropfte von den Blttern.

Was soll geschehn sein?, fragte Gerom dster und schaute auf das
dichte Moos des Waldbodens, er atmete schwer, aber er stellte die Frage
nicht, die sein Gemt zerdrckte. Onnes welkes, altes Herz wrmte sich
in der Glut dieser Liebe, denn obgleich sie lngst begriffen hatte, was
Gerom in den Wald trieb, sagte sie ihm noch nicht, wo sein Kind war. Als
er es erfuhr, brummte er wie nebenhin: Anje ... mag sie schlafen, wo
sie will. Aber von dieser Stunde an war Onne niemals wieder in
Besorgnis, die Liebe des kleinen Mdchens zu ihrem Vater mchte sich
jemals in Bitterkeit verkehren.

Aber so sicherlich fr gewhnlich die Neigung eines jungen Gemts in
Zrtlichkeit aufblht, so eigenartig war es, da Anjes Verlangen danach
sich nicht auf Hirte bertrug. Eigentlich hatte Hirte es beinahe
schlecht bei ihr, wenn er auch unter keiner Bosheit oder Willkr zu
leiden hatte, aber sein deutlich zur Schau getragenes Begehr nach
sinnflligen Beweisen von Gunst fand keine Beachtung. Anje streichelte
ihn sehr selten, und nur dann, wenn er sich irgendwie verdient gemacht
hatte, oder wenn sie an alles andere und nur nicht an ihn dachte. Das
mute ertragen werden, aber da er schwer daran trug, sah man seinen
Augen an, wenn sie sich von untenher zu Anje emporrichteten, den Wulst
der Brauen ein wenig mithoben und sich in ihrer schweigsamen Sprache um
den Willen der gebannten Seele mhten. Nur wenn sie miteinander einen
schmalen Waldpfad beschritten, rieb er zuweilen seinen Kopf an Anjes
braunem Knie, das wurde aber in der Hauptsache nur deshalb geduldet,
weil es verstndlich war, da gern beide den Pfad benutzen, und weil
Hirte nicht voranlaufen sollte und nicht hinterhertrotten mochte.

Eine Aufgabe, die Hirte sehr wichtig einschtzte und der er mit groer
Gewissenhaftigkeit oblag, war das Bewachen der Kleider beim Baden im
Gurdelbach. In solchen Augenblicken erschien ihm der Sinn seines Daseins
erfllt, er wurde vor Ernst beinahe traurig und fast hochmtig vor
Stolz. Um Hirtes Wesensart ganz wrdigen zu knnen, mute man ihn an
diesem Posten gesehen haben, dessen Bedeutung ihm in keiner Weise
dadurch geschmlert wurde, da Anjes ganze Kleidung aus einem grauen
Leinenkittel und einem Grtel bestand und da niemals jemand den Wald
betrat. Aber in solchen Augenblicken war das Kittelchen in Hirtes Augen
so gut wie ein Purpurmantel, und hinter jedem Busch vermutete er
Landstreicher oder Straenruber.

Wenn alles still blieb, blinzelte er durch das Schilf nach Anjes gelbem
Haar und horchte auf das heitere Pltschern des Wassers. Man mute beim
Lauschen den Kopf schrg halten und wenn mglich fr kurz die Blicke in
eine andere Richtung schicken, damit einem nichts entging. Der Kittel
war noch da.

Dann, wenn Anje ihr Bad beendet hatte und im Gras in der Sonne lag,
durfte Hirte baden. Er ging ein wenig abseits ins Wasser, weil dort die
Frsche noch nicht aufgestrt waren, und man beobachten konnte, wie sie
mit einem langen Satz flchteten. Dies tat Hirte wohl, weil es seine
Autoritt erwies und ihn belustigte. Es erschien ihm auerordentlich
erstaunlich, da man diese Tiere immer erst dann erblickte, wenn es zu
spt war, sie zu erwischen, und da man sie niemals im Wasser
wiederfand. Allerdings machte Hirte nur noch scheinbar den Versuch, sie
zu schnappen, es hatte seinen Grund darin, da es ihm vor Jahren einmal
gelungen war.

Dann kam die Stunde im Ufergrn, wo sie nebeneinander in der Sonne
trocknen muten. Es war herrlich, mit mden und glcklichen Blicken das
Schilf im sanften Wind bewegt zu sehn und das Blinken der Sonne vom
Wasser her mit in seine Trume zu nehmen. Alles verwandelte sich in ein
warmes Glck, das in goldgrnem Schimmer ber die Erde zog. Der Himmel
kam herab, und der Boden wurde leicht, wie auch der Krper und die
Gedanken. Alle Gestalten verwandelten sich zu lichten Dingen und kehrten
frei in die Geheimnisse des Bluts ein, dessen Pochen zu verstummen
schien. Die Regungen der Luft wurden vernehmlich, wie ein Brausen aus
der Hhe, die Stimmen der Insekten und das Flstern der Bltter lieen
sich verstehn, und das Licht schien zu erklingen. --

Je mehr Anje heranwuchs, um so weiter dehnte sie langsam ihre Streifzge
in die Wildnis der Einde aus. Ein Weg scheint kleiner zu werden, je
lnger man ihn kennt, und Anjes Mut wuchs mit ihrer Selbstndigkeit und
ihrer Kraft, auch war Verla auf Hirte, der immer dabei sein wollte,
wenn eine Entdeckungsfahrt unternommen wurde. Anje kannte nun die fahlen
Birkenbestnde im Sumpfland, unter denen die Farne zwischen gestrzten
Stmmen im Modergrund wuchsen, sie kannte die schwarzen Seen im
Moorland, die in der leblosen Ebene lagen, und an deren toten Ufern
nichts grnte als ein scharfes Gras und im Hochsommer gelbe oder
violette Blumen, deren gedrngte Blten an einem saftigen Stengel saen,
und die vereinzelt, wie Wahrzeichen der Gefahr, im Sumpfboden hockten.
Gegen Osten zogen sich mit Weiden bestandene Grnde hin, deren Ende
niemand zu kennen schien, und gegen Sden der schwarze Tannenwald,
dessen Bume so dicht standen, da kein Sonnenstrahl bis auf den braunen
Nadelteppich fand. Nur die Abendsonne schien spt durch die hngenden
Zweige hinein, zwischen die Stmme am Boden und trug himmlische Wunder
voll dunkler Glut in seine Totenstille. --

Einmal war Anje mit Hirte in diesem Wald so weit vorgedrungen, da sie
an der Landstrae anlangte, die ihn durchschnitt. Es war die alte
Heerstrae, die von der Dachenau hinber ins Gorchinger Land fhrte. Ein
schmaler Graben trennte ihre Wagenspuren vom Tannenwald, an dessen Rand
sich im Schutz der tiefen Zweige Anje und Hirte ein Versteck bereitet
hatten, von dem aus sie den Gang der Welt und den Verlauf des groen
Lebens beobachteten und Erfahrungen von Bedeutung sammelten.

Die Landstrae war vernachlssigt und wurde fast niemals mehr benutzt,
sie war bewachsen, und nur ihre zwei Furchen von den Rdern der Wagen
kennzeichneten ihre fast vergessene Bestimmung. Es kamen sehr selten
Gefhrte vorber und nur hier und da ein Landmann oder ein
Wanderbursche, vielleicht der Flurschtze oder sein Gehilfe oder ein
Tagelhner, der sein Kalb auf den Gorchinger Markt trieb, aber diese
Ereignisse waren fr Anje von groer Bedeutung. Mit Herzklopfen sah sie
schon von fern, im Dmmerlicht der Straenbirken, ein bewegliches
Pnktchen nahn und in den Tannenwald kommen, und ihr Herz schlug hart
und langsam, wenn endlich ein Mensch daherkam und vorberzog. Sie
verdankte ihrem geduldigen Eifer eine wichtige Errungenschaft ihrer
Kindertage, es war die Kunst des Singens. Eines Morgens war ein Wagen
dahergekommen, den sie schon von weitem knarren hrten, und sie hatten
laufen mssen, Hirte und sie, um rechtzeitig bei ihrem Versteck mit ihm
zusammenzutreffen. Es war ein schwerer Wagen, der von zwei gefleckten
Pferden gezogen wurde und mit grauem Tuch berspannt war. Der Fuhrmann
schritt nebenher, er hatte seine gelbe Peitsche geschultert und sang.
Die kleine Anje sah mit groen Augen durch die Tannennadeln und zitterte
vor Glck. Die mchtige Mnnerstimme scholl laut und traurig durch den
Morgen, es war Anje, als wre alles Vertraute umher pltzlich verndert,
der Himmel, die grnen Tannenwipfel darin, ihre eigenen Hnde und Hirtes
freundlicher Blick. Sie wute nicht, wie ihr geschah, und gab sich
hilflos den Segnungen der feierlichen Kraft hin, die ihr Herz bestrmte.
Sie versuchte zu verstehn, was der fremde Mann sang, eine beklemmend
traurige Erinnerung an ihre frhste Kindheit stieg dunkel, mit lichten
Gestalten, aus ihrer Seele empor.

Hirte, sagte sie, hrst du?

Hirte vernderte die Stellung seiner Ohren und sah Anje an.

Sie schttelte den Kopf und schob ihn fort, da er die Befangenheit
seiner Herrin zu benutzen suchte, um seine schwarze Schnauze in ihre
Hand zu bohren. Da verstand er, da Groes vor sich ging, und sa still
und aufrecht.

Der Gesang verhallte in der Ferne, und als der Morgen wieder still war
und nur die Hher riefen und aus der Birkenniederung der Kuckuck,
versuchte Anje zu singen.

Hirte sprang auf und geriet in Verlegenheit, aber er mute sich nun im
Laufe der kommenden Zeit bemhn, eine Stellung zu diesen seltsamen,
langgezogenen Tnen zu finden, die ohne Sinn der Worte und von
bedeutungsvollen Bewegungen der Hnde begleitet, aus der Schattenwildnis
der Einde zum Himmel emporklangen. Anje sang mit tiefer Kinderstimme,
wie das Wasser durch den Moorgrund zog und wie die Pflanzen sich gegen
das Licht drngten, sie erlste die Klage der Stummen um sich her,
lernte vom Wind und vom Regen und legte in die wortlose Klage ihres
Liedes den Sinn der geduldigen Natur auf ihre Art. Sie bildete die Worte
fr ihre Lieder selbst, und es klang aus der feuchten Khle in den
Sonnenschein hinaus, ausklingend auf h und euh in unbegreiflich
inbrnstiger Schwermut. Sie rief den Abend herbei und begrte die
dahinziehenden Wolken, sie beantwortete die verschleierten Stimmen aus
den Nebelgrnden und dankte dem Mond.

Bald gab es in Gorching ein neues Wunder des Moors, das man
aberglubisch mit den Geheimnissen der schaffenden Natur verband, und
das als das Wahrzeichen fr die Erfllung von Hoffnungen oder fr das
Eintreffen von Befrchtungen galt: Das Anjekind singt im Moor.




Viertes Kapitel


Anjes Leben war glcklich. Sie bewegte sich unter den vielerlei
Lebewesen der Moorebene und des Waldes wie unter wohlwollenden
Gefhrten, sie kannte die Pflanzen und wute, wann ihre Knospen
aufbrachen, ob sie des Nachts ihre Kelche schlossen und welcherlei
Insekten sie besuchten. Sie fhlte den Regen kommen, bevor noch die
Khle oder der Schatten ihn verrieten, und sah am Zug der Wolken, ob der
Wind wechseln und woher er kommen wrde. Die Tiere und die Wolkenbilder
am Horizont verrieten ihr die Ereignisse der Natur, von den Bienen
erfuhr sie die Stunde, in der ein Unwetter hereinbrechen wrde, und die
Vgel warnten sie im Walddunkel, wenn sie schlief. Sie wute, ob der
Laut, den ein Tier gab, Freude, Schmerz oder Angst verriet, ob die
Geschpfe der Fluren einander warnten oder lockten, ihre Gewohnheiten
verkndeten ihr die Anzeichen der Tagesstunden, bis spt in die Nacht
hinein.

Anje hrte an den Regungen der Kreaturen, wann die Sonne unterging. Sie
lag mit geschlossenen Augen am Wasserrand des Moorsees, das Gesicht in
den Hnden und die Hnde im Gras. Sie wute, da die Sonne im Westen
schon tief stand, und lauschte. Dann fhlte sie die unhrbaren
Bewegungen, in denen das Wasser, Tiere, Pflanzen und Wind wie mit leisem
Aufseufzen sich der Nacht ergaben, wenn der Rand des glhenden
Sonnenballs versank.

Da ihre Sinne Gemeinschaft mit den Sinnen der Lebendigen der Natur
hatten, so wertete sie die Wohltaten ihres freien Tags nach den
Ansprchen ihrer stummen Lebensgefhrten. Hirte hrte sie seltsame Dinge
sagen, und es wurde ihm mancherlei erklrt, von dem er, bei all seiner
Bescheidenheit, eine berlegene Meinung bewahrte. Anje erzhlte ihm vom
klugen Licht, das alle Wege fand, und vom Wasser, das niemand verndern
knnte, die Luft ngstigte sich vor den Wetterwolken und sprang in den
Wald, und der Himmel war bald nah, bald fern.

Anje hatte groe Furcht vor allen Geruschen, die nicht dem
selbstttigen Leben der Geschpfe entsprangen, die Stille der Natur war
das Element ihres Friedens, in ihr atmete und ruhte ihre kleine Seele.
Als sie einst zum erstenmal hrte, wie ihr Vater einen Ast zersgte,
weinte sie mit dem schreienden Baum. Erst viel spter begriff sie die
scheinbaren Grausamkeiten, die sich mit der Erhaltung des Lebens
verbinden. Sie hatte lange den Marder gehat, der die Nester der Vgel
zerstrte und ihre Brut vertilgte, bis sie einst im Hochwald eine vom
Sturm gefllte Buche fand, in deren Stamm ein Marderpaar sein Heim in
einem verlassenen Eichhornbau errichtet hatte. Dort beobachtete sie, wie
der Marder seinen Jungen, die vor Furcht und Hunger jmmerlich klagten,
Nahrung brachte, und sie sah, da es ein nackter Vogel war, den er ihnen
zutrug. Da begriff Anje zum erstenmal, da die Natur des Mitleids und
der Hilfe des Menschen nicht bedurfte, was man ihr hinzuzufgen glaubte,
nahm man ihr gewi an anderer Stelle. Anje empfand sich als zu klein, um
zu wissen, was zu tun notwendig war, dessen war nur ihr Vater mchtig.

Aber sie herrschte im Wald und war ihrer Krfte froh, die mit ihrer
Andacht wuchsen. Sie beobachtete die Ranken der Schlinggewchse, wie sie
sich geduldig drehten und im Wachsen nach einem Halt tasteten. Darber
erkannte sie, da ihre eigenen Augen wohlgeschickter waren, aber sie
half den Pflanzen nicht, sondern lie ihnen ihr Wesen. Die Bume, die
groen und kleinen, blieben ihr Leben lang an dem Ort stehen, der sie
hervorgebracht hatte, immer traf der Westwind die gleichen Bltter
zuerst, und immer dieselben ste empfingen im Wipfel die Morgenglut.
Anje aber konnte schreiten, wohin sie wollte, sie konnte den Schein der
Sonne empfangen oder sich im Schatten bergen. Im heimlichen Glck ihrer
Krfte versank ihr Blick oft im Gedanken an die Geduld der Bume, die
schn und erhaben waren und denen nichts mangelte. Sie versuchte wohl
eine Weile wie ein Baum zu leben, stellte sich klein und feierlich
zwischen die groen Freunde und bildete mit ihnen den Wald. Aber sie
verga ihre ernsten Pflichten schon bei einem Schmetterling oder bei
irgendeinem Gedanken, der herangaukelte, wie jener.

Zu ihrer grten Freude gehrte es, auf den Moorwiesen der Arbeit der
Insekten zuzuschaun, dem Eifer der Bienen, dem Spiel der Schmetterlinge
oder den Beschftigungen der Kfer. Sie machte mit ihnen den sonnigen
Weg von einer Blume zur anderen und bebte vor Glck, wenn sie mit einer
Biene ein rotes oder blaues Blumenhaus betrat. Das farbige Licht der
duftenden Halle schlug auch ber ihr zusammen, sie begriff die
Seligkeit, so licht zu hausen. Die kleineren Blumen neigten sich an
ihren Stielen, wenn ein geflgeltes Tier ankam, und so verband sich oft
ein gelindes Schaukeln mit ihrem sorglosen Tun. Trafen sich zwei in der
gleichen Blte, so lieen sie einander vorber, ohne sich zu stren, das
kam, weil der Reichtum an Blumen unermelich war.

Die kleine Anje liebte den Ausblick in das ebene Land. In der Weite
erhoben sich die Kuppeln der Bume vereinzelt oder in Gruppen, die das
Blau der Ferne geheimnisvoll zusammenschlo und verkleinerte. Das bunte
Bild des Landes unter dem Himmelsblau weitete ihr Herz in unsagbaren
Ahnungen von zuknftigem Geschehn. Gegen Sden verschlo das schwarze
Band des Fhrenwaldes die Welt. Dorthin zogen am Abend die Krhen,
deren Flug man am lngsten mit den Blicken folgen konnte.

Am meisten aber liebte Anje den Wind, der vom kaum vernehmbaren Flstern
bis zur brausenden Musik anwachsen konnte, und der ihr das Leben der
Natur verherrlichte. Sie kannte seine Stimme in der Ebene und eilte ber
das Feld seinem freien Singen entgegen, das ihre Arme in sinnloser
Freude emporri. Er beherrschte den Himmel und lenkte den Gang der
Wolkenzge, die er in grauen Massen ber die Erde dahintrieb oder der
Sonne entgegen, in deren Wrme die weien im Blau zergingen. Er bediente
sich der Baumkronen, um sein Brausen, das bis zum donnernden Getse
anschwellen konnte, vernehmen zu lassen, und diesem Anschwellen lauschte
ihr Blut mit jauchzendem Erbeben. Wenn er sich zu seiner Gewalt erhob,
so befreite er die Sinne von den Gedanken und beflgelte die Seele, die
sich ihm vertraute, wie das Laub des Erdbodens oder wie der Staub der
Wege. Der Wind rief die Ahnung von einer Vollendung wach, die in keiner
Stille zu finden war.

Er drang wie das Licht berall hin, und niemand entging seinen
Berhrungen, die Leben weckten. Er konnte klagen und Trauer verbreiten,
bald schmeichelte er, bald drohte er, es war um so seltsamer, als man
seine Kraft kannte, und man verstand ihn nur, wenn man bedachte, da er
ein Kind war. Oft kam er im Dunkeln der Sommernacht ins Zimmer, man
fhlte ihn auf der warmen Stirn, und er brachte den Schlaf, wenn er die
Augenlider berhrte, weil darber das Blut khl und glcklich wurde.

Oft zog Anje im Traum mit ihm hinaus, sie khlten das Wasser fr den
Morgen, schaukelten die Zweige der Bsche und kamen aus dem Wald in die
Ebene. Dort zogen sie unter den Sternen hin ber die Moorseen, im
Dunkeln. Nach solcher Fahrt blieb ihr die Erinnerung zurck, als ob sie
den Wind erblickt htte, den noch niemand gesehen hatte, aber sie wurde
sich keiner Einsamkeit bewut.




Fnftes Kapitel


Als Anje so gro geworden war, da Hirtes Schnauze bis an ihre Schulter
reichte, wenn sie nebeneinander im Ginster saen, nahm die alte Onne
sich ihrer auf etwas vernderte Art an, denn Gerom lie sein Kind tun,
was es wollte, er beschftigte es niemals und lehnte, wo immer es war,
ihre Hilfe mit einer barschen Herablassung ab: was denn solch ein zartes
Ding rechtes tun knne, und ob man glaube, er wrde nicht selbst mit
seiner Arbeit fertig. Diese Nichtachtung war nur ein Mantel, unter dem
er seinen Wunsch verbarg, Anje ungehindert von Tageslasten und
Menschenpflicht heranwachsen zu sehen. Sie war keineswegs schwach und
hilflos, wie er sie nannte, sondern, obgleich von zarten Gliedern, ein
gesundes Kind von blhender Kraft, aber Gerom verachtete die Menschen
und ihr Handeln, das er betrt und armselig nannte, und gnnte ihnen in
ihrem Tun nicht die kleinste Gemeinsamkeit mit seinem Kind. Zwar
hinderte er Anje nicht daran, wenn sie Neigung zeigte, sich hier oder
dort zu beschftigen, aber sie tat es selten und nur dann, wenn sie
dadurch in der Nhe ihres Vaters verweilen konnte.

Gerom lebte der Vorstellung, da alles Bewutsein des Bsen und jede
Macht der Finsternis erst durch Menschengeselligkeit in die Welt
getragen wrde. Als Onne ihm einmal die Zuneigung ihres alten Herzens in
Bewunderung fr sein ernstes Leben darbrachte, antwortete er ihr ruhig:
Es ist leicht gut zu sein, wenn man allein ist, die Natur nimmt uns an,
so wie wir sind.

Onne schaute vor sich hin, ihre grauweien Haarstrhnen zogen sich arm
an den faltigen Schlfen hin und an den hohlen Wangen nieder, die die
Farbe welken Laubs hatten und unzhlige Fltchen und Risse.

Gerom, sagte sie, das ist wohl wahr, aber wer die Kraft hat, die
Natur zu ertragen, dem kommt keine Gefahr mehr von den Menschen.

Gerom sah sie an. Mtterchen ... sagte er langsam, aber dann erschrak
er ber den weichen Klang seiner Stimme und schwieg, und da Onne sich
darauf verstand, woher ein Wort kam und wieviel es bedeutete, begngte
sie sich mit dieser Antwort und dachte in ihrem Sinn: Mit Gerom lt
sich leben.

In diesem Herbst kam Anje hufiger zu Onne als sonst, und eines Abends,
als sie schon die Holzlden der Fenster geschlossen hatten und ein
Scheitfeuer auf dem Herd angezndet worden war, ging Onne an ihre Truhe.

Die kleine Anje wute, da dieser Kasten mit seinem groben Schnitzwerk
und seinem Schlssel, dessen Bart fast so gro war wie ihre Hand, die
unerhrtesten Schtze enthielt, und ihre Augen wurden still und gro in
der Erwartung, was Onne tun wollte. Die Alte hob mit Mhe den schweren
Deckel und lehnte ihn an die Wand. Nun hielt das plumpe Holzungeheuer
seinen Rachen geffnet, und Anje kam ein Zittern an, vor Scheu und
Begierde sah sie nichts als ein buntes Durcheinander, das vor ihren
Augen flimmerte.

Drauen rttelte der Herbstwind in den Bumen, die Tannen sausten und
das Laubwerk rauschte; hin und wieder schlug der Laden mit leisem
Klappern an, und Hirte, der am Feuer sa, bewegte unablssig die Ohren,
und seine Augen waren voll Besorgnis. Der Raum war nur durch das
Herdfeuer erhellt, und im Spiel der Flammen erschien es zuweilen so, als
bewegte sich alles in ihm.

Onne, flsterte die kleine Anje; ihr war, als mte sie Einhalt
gebieten, was konnte nicht geschehn, wenn man sich so tief in die Truhe
wagte, als es die Alte tat, die ihre beiden Hnde bis auf den Grund der
Schtze hinabgewhlt hatte. Da bog sich Onnes braunes Gesicht ber den
Truhenrand nach ihr zurck, und sie sah, da es unter den grauen
Strhnen lchelte.

Das Kind atmete auf. Den vergangenen Morgen ber hatte sie der Alten
beim Ausbessern der Httenwand geholfen, so gut sie konnte, es muten
Risse verstopft werden, und hier und da sollte ein Nagel eingeschlagen
werden, der ein morsches Brett halten mute. Am Mittag hatte sie es
ihrem Vater erzhlt, der dann schweigend ein paar Bretter auf seine
Schulter geladen, die groe Sge ber den Arm gehngt und den Hammer in
die Tasche geschoben hatte. So machten sie sich auf den Weg zu Onne.

Gib her, sagte er, als er sah, da Anje die Ngel trug, und nahm sie
ihr ab.

Dann war ein gewichtigtes Hmmern und Sgen angegangen, Anje sa vor
Stolz glhend neben der Alten am Grabenhang und fhlte, wie gro und
stark ihr Vater war. Onne blinzelte in den Abendschein hinaus, und ihre
winzigen uglein leuchteten vor Zuversicht, nun mochte der Winter
kommen. Anje war spter bei ihr geblieben, weil man nicht so rasch, und
vor allem schwer allein, mit dieser Freude fertig werden konnte. Es
mute alles im einzelnen nachgeprft und bewundert werden, wie die
Bretter paten und schlossen und wie sorgfltig die langen Ngel
umgeschlagen waren. Als Gerom am Abend heimschritt, wandte er sich,
einen Augenblick zgernd, nach seinem Kind um, aber als er zwei eifrige
Angesichter, ein welkes und ein blhendes, in frohem Staunen vor einer
kleinen Falltr am Hhnerstall sah, die er dort angebracht hatte,
begriff er und ging fort. --

Und nun, bei diesem verheiungsvollen Lcheln der Alten ber den
Truhenschtzen, war es Anje pltzlich, als ob etwas geschehen sollte,
das in einem Zusammenhang mit der Freude dieses Tages stand. Onne holte
aus dem Grund der Truhe ein Buch hervor, verstaute und verschlo alles
wieder sorgfltig und reichte das rtliche Ding von verblatem Glanz dem
Kinde zum Geschenk.

Hier steht es, sagte Onne, nahm es zurck, bltterte und versuchte
dabei, ihrer Hornbrille Halt zu verschaffen, hr zu, wie ich es lese:
>Um das weie Schlo flogen in der Abendsonne die Schwalben, es lag auf
ebenem Gefilde, frei im weiten Land ...< Sie stockte und gab ihren
Glsern Schuld. Ich kann es nicht mehr recht herausbringen, aber du
sollst sehn, du wirst es lernen.

Und zum nchtlichen Erbrausen des rauhen Waldes, der den Wind von der
Ebene her mit Gesang in seine Fittiche nahm, erblhte der kleinen Anje
an ihrem geschtzten Platz am alten Feuer das Wunder, da das Licht der
Menschengedanken in gebrechlichen Hllen bewahrt werden konnte.

Aber Anje hat niemals lesen gelernt. Sie htete das kleine rtliche Buch
wie einen heiligen Schrein, der Reichtmer enthielt, aber sie trug kein
Verlangen danach, diese Schtze zu heben. Nur die Anfangszeilen des
Buchs, die ihr Onne gesagt hatte, blieben in ihrer Erinnerung bewahrt,
und ihr einfacher Inhalt beflgelte ihre Trume ber die Herrlichkeiten
der fremden Welt.

Es war zu Anfang des Buchs ein Bild eingefgt, auf dem unter einem
grnen Eichbaum mit braunem Stamm ein verwundeter Mann am Wege lag. Er
war nach den Gewohnheiten einer vergangenen Zeit gekleidet, mit einer
schmalen gelblichen Hose, die seine Beine seltsam lang erscheinen lie,
und die sehr hoch hinaufreichte, bis an ein kurzes Jckchen von grellem
Blau. Seine weien Hnde waren sehr schlank, und sein Gesicht war zur
Rechten und Linken von einem Streifen Bart eingerahmt, der von den
Schlfen ein wenig an der Wange entlang niederwuchs. Aus seiner Brust
rieselte in einer sorgfltigen Zickzacklinie ein Bchlein
himbeerfarbenen Bluts, frbte das Gras und verrann auf dem Fuweg, an
dessen Ende, am Horizont, klein, mit erhobenen Armen und weit
gespreizten Beinen zwei Mnner davonliefen.

Dieses Bild beschftigte das Gemt des Kindes ohne Unterla. Sie begriff
nicht, was die Menschen veranlat haben konnte, jenem Fremden die Brust
zu verletzen, so da ihm sein Blut verrann und da seine groen Augen
sich schlieen muten vor Schmerz oder Schwche. Auch war niemand zu
sehn, der ihm htte helfen knnen, und der groe Eichbaum stand ruhig da
im Tageslicht.

Sie zerdrckte eine spte Beere auf ihrer Hand, um den roten Saft auf
der Haut flieen zu sehn, aber er lief in einer graden Linie nieder und
tropfte ins Gras, es mute wohl nur das Blut aus dem Herzen sein, das
solch gezackte Wege beschrieb. Da verletzte sie ihren Arm mit einem
Dorn, aber das Wunder des Bildes erfllte sich nicht an ihr. Die
steigenden warmen Tropfen und ihr schmaler Weg zur Erde nieder,
versenkten sie in tiefe Nachdenklichkeit.

Hirte hatte herausgebracht, da Anje ein Buch besa, und er betrachtete
von der Seite her das bunte Bild darin. Er unternahm den Versuch, mit
Hilfe seiner schwarzen Nase zu begreifen, was seinen Augen verschlossen
blieb; aber Anje hielt das Buch hoch. --

Langsam lichtete sich nun der Wald, und von Nacht zu Nacht schienen die
Sternbilder heller ins Moorland nieder. Anje lag am Waldrand und
schickte ihre Gedanken zu ihnen hinauf, es gab keine Hingabe von
grerem Frieden als die an die Sterne. Im Bereich ihres erhabenen
Lichts erschien es Anje, als wrden die lebendigen Wesen der
Erdoberflche einander gleich, und ihre Schicksale unterschieden sich
nicht mehr voneinander. Langsam glitt ihr Empfinden in ein Himmelsland
von grenzenloser Ausdehnung hinber, und sie mute singen. In der
Ergriffenheit ihrer Sinne war ihr dann oft, als mte in der
Menschenbrust verborgen ein Heil von unnennbarer Art wohnen.

Sie trat still aus ihrer Tannenfinsternis in die weite Nacht hinaus,
beschritt das Moor bis an einen der schwarzen Tmpel und sah die Nacht
im Wasser an. Andchtig reckte sie sich vor, bis sie neben den Sternen
am Rand des Wasserspiegels ihr Angesicht sah.

                   *       *       *       *       *

Im Winter schlief ihr Herz. Wenn der Schnee das Land bedeckte und die
Bume und Pflanzen in seine reine Khle bettete, sah sie im
wohlbestellten Haus ihres Vaters das Feuer im Kamin an, das ihr den
Sommer in ihre Erinnerung rief. Wohl kannte sie die Freude, in die
frische Klarheit eines Wintertags hinauszuschreiten, die Spuren der
Tiere im Schnee zu suchen, und die Ruhe des schlafenden Waldes als Glck
zu empfinden, aber ihr Lebensteil war nur der Sommer. Sie fhlte sich im
Winter verlassen und wnschte sich, schlafen zu knnen, wie es Tiere und
Pflanzen taten. Die Traulichkeit des gesicherten Wohnraums ngstigte
sie, und oft, wenn sie des Abends von Onnes Haus heimkehrte und den
rtlichen Lichtschein des Fensters durch den blulichen Schnee schimmern
sah, war ihr zumut, als mte sie umkehren, um den Tieren der
verlassenen Wildnis nah zu sein, und doch tat sie nichts zu deren Schutz
oder Ernhrung. Gerom wunderte sich zuweilen im stillen darber, wenn er
von seiner harten Holzarbeit im Winterwald ein erfrorenes oder
hungerndes Tier mitbrachte und Anje sah es nicht an.

Aber mit dem Fhn erwachte Anjes Blut in einem seligen Fieber, die
Stimme des Wassers gewann Gewalt ber sie, und sie lauschte ruhlos auf
den Wind. Mit den ersten Weidenktzchen war sie von Geroms Hof
verschwunden, oft fand er im Wald sein Kind wie ein fremdes Wesen. Sie
weckt die Blumen, dachte er, weckt die Vgel.

Was tust du, Anje?, fragte er sie einmal, als er sie im Weidengebsch
am Moorrand traf.

Was ich tue?, fragte sie langsam, hob ihre strahlenden Augen zu den
seinen empor und sah ihn an. Ihr Gesicht war ernst, und sie lchelte
kaum, aber es war Gerom ums Herz, als ergriffe sie mit ihren beiden
Armen den groen Frhling und schttete ihn ber sein Haupt.

Rasch schritt er hinweg, und sein Fu stampfte schwer im feuchten Grund.
Er ri ein paar blhende Weidenzweige ab und nahm sie mit. Was frag ich
auch -- im Frhling, dachte er, von uneingestandener Beglckung bis auf
den Grund seines Herzens bewegt.




Sechstes Kapitel


Wenn im Sommerwind der Wald erbrauste, erhob sich Hirte, rckte den
plumpen Kopf vor und knurrte. Seine Augen suchten im Unsicheren der
bewegten Grnde, und oft drngte er sich an Anje und verriet Furcht. Das
Mdchen wute, da der Wald von unsichtbaren Gestalten bevlkert war und
verstand Hirtes Angst. Wie viele Menschen, die unter der Willkr
erzittern, die in den Unbilden der Witterung lauert, und die zugleich in
ihrem Unterhalt von der Gnade der Natur abhngen, glaubte auch Anje
daran, da die geheimnisvollen Mchte der Natur in unsichtbaren
Gestalten einhergingen. Im ruhigen Sonnenschein hielten sie sich
verborgen, aber sie erwachten und erhoben sich mit dem Sturm, mit der
Dmmerung und mit dem Nebel. Sie waren je nach ihrer Art und Berufung
dem Menschen freundlich oder feindlich gesinnt, und man tat gut daran,
sie nicht zu erzrnen. Sie rchten ihren Unwillen an allen Wesen, die in
ihre Gewalt gerieten, oder sie befreiten die Bedrngten, nach ihrem
Willen. Es gab Orte, die deutlich von ihrem Aufenthalt Zeugnis ablegten,
und wer klug war, vermied es sorgsam, sie zu betreten. Sie hetzten das
Wild, das ihre Heimsttten entweiht hatte, in die Schlingen der
Wilderer, scheuchten die Sumpfvgel in verhngnisvollen Augenblicken aus
ihren Schlupfwinkeln auf, so da sie sich durch ihr Geschrei den Jgern
verrieten, oder sie lockten Fremde durch ihre Nachtlichter vom Wege ab
in die Wirrnis des Dickichts oder ins Moor.

Anjes Augen hatten sich an das geheimnisvolle Wesen dieser Lichter
gewhnt, die von den Nachtgeistern pltzlich in ein Stckchen moderndes
Holz oder in ein Glhwrmchen verwandelt werden konnten. Sie wute, da
dieser tote Glanz ungewohnte Augen ber seine Nhe oder Entfernung
tuschen konnte, sie hatte erfahren, da solch ein Lichtlein den Blicken
oft als Schein in weiter Ferne am Waldsaum oder im Sumpfgrund erscheinen
konnte, whrend es doch in Wahrheit dicht vor den getuschten Blicken
totenstill in einem Busch hing.

Aber sie selbst frchtete die Geister der unberhrten Natur nicht, da
sie ihr Reich kannte und nach ihrem Willen lebte, sie hatte ihre
heimlichen Mittel gegen ihre Willkr und erkennbare Wahrzeichen ihres
Schutzes, zu denen das Feuer gehrte. Oft blieb sie nachts am Rand des
Tannenwalds, im weilichen Birkenhain oder in den Weiden der
Niederungen. An solchen Orten hatte sie kleine Feuerpltze errichtet,
drres Holz angesammelt, oder im Dickicht eine Laubwand gegen den
Nachtwind oder gegen den Mondschein geflochten, denn der Mond durfte
Schlafenden nicht auf ihre Lider scheinen, weil sie sonst am kommenden
Tage Trumen nachhingen und die Welt ihrer Vorstellungen sich mit der
Wirklichkeit vermischte.

Wenn sie dort in der hereinbrechenden Nacht ihr Feuer htete, hrte sie
die Stimmen der Tiere, die des Nachts leben, sie wechselten mit dem Gang
der Stunden und verstummten gegen Mitternacht. Dann kam die ruhigste
Stunde und endlich langsam das Licht. Dieser Wechsel der Nacht zum
Morgen hatte die grte Gewalt ber Anjes Seele, es gab nichts fr sie
in der Welt, was sie andchtiger stimmte, und er erfllte ihr Wesen mit
einer feierlichen Traurigkeit. Ihr war zu Mut, als mte ihr Herz in
zwei Teile zerbrechen, als hinge es dem Scheidenden nach und verlangte
zugleich mit derselben Strke des Bluts nach dem Kommenden. Sie wurde
sich in solcher Stunde dessen bewut, da sie als Mensch allein ihr
irdisches Leben verbrachte, und htte darber in Trnen ausbrechen
knnen, wie erfllt von Herrlichkeit dieses Leben war. Nur in dieser
Ergriffenheit berkam sie zuweilen auch der Gedanke an den Tod ihres
Leibes. Sie legte ihre harte kleine Hand, die vom Tau kalt war, auf die
Stelle ihrer Brust, unter der ihr Herz klopfte, und versuchte zu
begreifen, da der Augenblick kommen sollte, an dem dies Pochen endete,
und an dem nur andere noch diese Glieder, die Hand und Fe, die ihr
gehrten, bewegen und betasten konnten. Der Gedanke, da ihr Leib dann
dem Willen anderer berliefert sein sollte, fllte sie mit Schrecken,
sie beschlo, im Wald zu sterben, in unauffindbaren Grnden des
Dickichts unter Ranken und braunem Laub.

Nach solchen Gedanken konnte sie den Tau von ihren Augenlidern
streifen, so still hatte sie dagesessen und so erstarrt hatten ihre
Blicke auf einem einzigen Punkt am Boden geruht. Oft war es ein
Tannenzapfen gewesen oder ein Farrenbschel, und wenn sie am Tag, mitten
im Sonnenschein, ihre Augen schlo, erschien ihr dieser Gegenstand so
deutlich, da sie glaubte ihn greifen zu knnen. Er trug noch die Spuren
ihrer Gedanken wie ein dmmriges Kleid und legte seine Schleier ber das
tiefe Grau ihrer Augen. --

Es war noch frh, als Anje an einem Sommermorgen durch die nassen
Waldfarren den Niederungen des Gurdelbachs zuschritt, um zu baden. Als
sie in das Bereich des Schilfes trat, mute sie vorsichtiger gehen, von
den grnen Halmen erhoben sich trge groe Libellen mit schwarzblauen
Flgeln, es war so still in der Sonne, da man das Rascheln ihrer Flgel
hren konnte. Wo der Birkenhain bis an das Ufer trat, machte der Flu
eine scharfe Wendung, die Bschung war untersplt und der helle
Kiesgrund leuchtete durch das klare Wasser. Anje schlug einen losen
Knoten in ihr gelbes Haar, warf ihren grauen Kittel ab, der nur bis an
die Knie reichte, und trat langsam, Schritt fr Schritt in die khle
Flut. Eine Schlange wurde durch Anjes Kommen im Moordunkel der Bschung
aufgeschreckt, anfangs versuchte sie den berhngenden Uferrand zu
erreichen, kehrte dann aber um und schwamm ber den Flu. Die Strmung
trieb sie ein wenig ab, ihre gelassenen Bewegungen im Wasser zogen die
Blicke an, Anje betrachtete das Tier aufmerksam und ohne Furcht, bis es
ihren Augen entschwunden war. Dann lie sie sich langsam rcklings
niedersinken, als vertraute sie sich den Armen Gottes an. Das Wasser
schlug fr einen Augenblick ber ihr zusammen, und als sie wieder
emportauchte und es aus ihren Haaren schttelte, erschien ihr die Welt
zu einer neuen Klarheit wiedergeboren, der blaue Himmel strahlte bis an
den Grund ihres eilenden Herzens, der Wald schimmerte in Sonnenruhe, und
jede neue Welle trug eine Flle von Frische und Licht. Die Berhrungen
des Windes erweckten im Blut die frhlichen Gewiheiten einer
Geborgenheit im lebendigen Erdengut.

Als das Mdchen sich nach einer Weile erhob und ins flachere Wasser
trat, um ihr Haar zum Trocknen der Sonne hinzuhalten, sah sie einen
Menschen zwischen den Birken stehn. Er war noch etwa zwanzig Schritte
vom Ufer entfernt, die Farrenkruter und das Schilf verdeckten ihn ihren
Blicken bis an seine Knie. Seine Hnde waren etwas erhoben, er schien
wie erstarrt, der Ausdruck seines jungen Gesichts war von qualvoller
Spannung, von der sich schchtern der Glanz eines groen Entzckens
abhob.

Nun, da er sich von Anje entdeckt sah, verwandelte sich der Ausdruck
seines Gesichts in Unsicherheit und Befangenheit, er hob den Arm und
rief etwas. Es klang wie eine Bitte um Verzeihung, Anje verstand ihn
nicht, sie empfand auch nicht, da alles am Gebaren dieses Fremden davon
sprach, da er nicht zu glauben wagte, was sich seinen Blicken darbot.
Er starrte das Mdchen immer noch voll Angst und Hoffnung an und begriff
diese Ruhe ohne Scheu nicht, in der sie ihn mit unverwandtem Blick
beobachtete. Es erschien ihm, als habe er ein Tier des Waldes
aufgestrt, das zwischen Schreck und Furcht verharrte, um im nchsten
Augenblick in blinder Flucht durch die Bsche zu brechen.

Aber es geschah etwas ganz anderes, als er sich einen Schritt nher
wagte, gewahrte er, wie das Mdchen sich ohne ein Wort der Abwehr und
ohne eine Gebrde der Furcht langsam niederbckte. Dann sah er ihren
Krper in einer Bewegung von herrlicher Freiheit jhlings erhoben,
gestrafft und vorgebeugt, und ein groer Kieselstein prallte dicht neben
ihm mit lautem Schall an den Stamm einer Birke. Und ehe er sich recht
besann und die Gesinnung erma, die hinter dieser Haltung sein mchte,
traf ein zweiter, faustgroer Stein seine Schulter. Es war ihm, als wre
der furchtbare Schmerz, der ihn fast niederwarf, aus einem blitzenden
Sprhn, aus goldenem Licht eines beschtzten Hauptes und aus silbernem
Glitzern eines gepanzerten Krpers zu ihm gesandt worden, er schrie laut
auf und taumelte ein paar Schritte voran. Er verstand seine eigenen
Worte nicht, die Wut und Begierde und tdlichen Schreck verrieten. Wer
macht so grobe Scherze, die das Leben gefhrden, schrie er. Er begriff
nicht, da die festen Zge vor ihm weder Scham noch Furcht verrieten und
auch nicht einen Schein jener Besorgnis, die er erwartete und die ihn
ermutigt htte. Im Gesichte des Mdchens las er einzig den Wunsch, mit
dem Stein zu treffen, den sie gelassen, beinahe behaglich, in ihrer
braunen Hand wog.

Dieser Stein traf ihn im Winkel seines Auges, zwischen der Schlfe und
dem Backenknochen. Er sank lautlos, ohne noch eine Bewegung zu machen,
mit dem Gesicht in die Farrenkruter.

Anje ging langsam, aber ohne Zgern, durch das Schilf auf den Gefallenen
zu. An ihrem Krper rann das Wasser glitzernd nieder und blinkte auf in
dieser Halbsonne, wie sie unter dem Laub der Birken herrscht. Die
Schattenschleier gaben dem Licht einen unwirklichen Schein, Anjes nasses
Haar lag wie Gold auf ihrer Schulter. Diese Goldlichter huschten ber
ihren ganzen Krper hin und hllten ihn ein.

Der Fremde lag totenstill im Farren. Eine kleine Spinne kroch hastig
ber seine Schulter, und die Hand lag breit gespreizt auf einem
Moospolster. Anje sah nun, da er ein Gewehr trug und einen Hirschfnger
am Grtel. Um das Gesicht zu sehn, mute sie seinen Kopf wenden, und sie
tat es vorsichtig und neugierig. Die Wunde entstellte sein Gesicht, das
ihr ebenmig, aber wesenlos erschien, sie lie seine Haare beinahe
verchtlich los, als der erloschene Blick aus den halbgeschlossenen
Augen ihr begegnete. Da sie Blut von der Schlfe rinnen sah,
durchsuchte sie seine Taschen nach einem Tuch, und als sie es gefunden
hatte, verband sie den Besinnungslosen mit Sorgfalt, wie sie es bei
ihrem Vater gesehn, wenn seine rauhe Arbeit ihm Schaden getan hatte.
Dann holte sie ihren Kittel, bekleidete sich und trat gelassen den
Heimweg an.

                   *       *       *       *       *

So kam Anje in Fridlins Leben. Er drngte sich ihr mit dem gedankenlosen
Eigensinn seiner Jugend seit diesem Tage auf und verga sie um so
weniger, als er nicht begriff, wie leicht er ihr verzeihen konnte. In
der Frsterei, in der er bedienstet war, erhielt er damals bald
Auskunft, der Frster selbst lachte belustigt, aber ein wenig
verchtlich, und nahm sich spter den jungen Menschen fr ein besonderes
Gesprch beiseite, und die Mitteilungen, die dabei gemacht worden sind,
muten sehr ernster Natur gewesen sein, denn sie stimmten Fridlin fr
lange Zeit nachdenklich.

In der Kche wuten die Mgde spter weit besser Bescheid, der junge
Mann hrte mimutig zu, aber er konnte sich nichts entgehen lassen,
obgleich er die Torheiten verachtete, die ber Gerom und sein Kind im
Lande in Umlauf waren.

Was wollt ihr denn, sagte er mrrisch, sie wird ein Mdchen sein, wie
alle anderen.

Fridlin lehnte im Trrahmen, im grnen Lindenlicht, das durch den Hof
auf die sauberen Gerte der Kche sank und auf die nackten Arme der
hantierenden Frauen.

Du mut es ja erfahren haben, gab die junge Magd zur Antwort und sah
Fridlin besorgt und aufmerksam an, geh nicht mehr hin, so viel sag'
ich. Und sie lachte und sah auf die Beule in seinem Gesicht, die ihn
entstellte.

Was er beim Frster, seinem Dienstherrn, gehrt hatte, war ihm
bedeutungsvoller. Gerom wilderte. Er stand schon seit lange im Verdacht,
und wenn Fridlin bisher nicht darber unterrichtet worden war, so war es
mit Vorbedacht unterblieben, da der Alte den unbesonnenen Eifer des
Burschen miachtete. Er kannte Gerom und wute, da mit ihm nicht zu
scherzen war, da er niemand frchtete und da ihm sein eigenes Leben
gering galt. Er selbst hatte bisher kaum mehr getan, als dieses Gelste
des verwilderten Mannes, wie Gerom ihm erschien, nach Mglichkeit in
Grenzen zu halten, denn er wute wohl, da Gerom kein Gewerbe aus seinem
Raube machte, sondern da er um der Gefahr und Freiheit willen jagte,
die die Jagd, wie sonst kaum etwas, mit sich bringt.

Es kam hinzu, da Gerom den Wildbestand nicht unvernnftig gefhrdete,
sondern sinnvoll und mit dem Anstand des gerechten Weidmanns vorging; so
viel lie sich leicht feststellen. Und deshalb liebte der Frster, der
ein guter Jger war, Gerom mit Bewunderung und Neid verbunden. Gerom war
ihm an Geduld berlegen und nicht weniger in seinen Kenntnissen der
Waldwelt, und da alle Gewerbe, deren ursprngliche Ausbung sich mit den
Darbietungen der Natur verbindet, Edelmut und Grozgigkeit bewahren, so
duldete der Frster Geroms Treiben, beinahe ohne da dieser Schritt
gegen sein Pflichtbewutsein ihn im Gewissen bedrngte. Es kam jenes
Gefhl hinzu, das alle Herzen im Lande bewegte, soweit Gerom und sein
Schicksal bekannt waren, da dem Manne vom Leben bitteres Unrecht
geschehen sei und da er freiwillig eine Strafe, ber die menschliche
Gerechtigkeit hinaus, zu verben schien.




Siebentes Kapitel


Es war an einem Herbstmorgen, als der Pfarrer von Gorching ins Moorland
hinabschritt, um die Leute dort zu besuchen, die zu seiner Gemeinde
gehrten. Meine drei Heiden, sagte er. Er kannte Geroms Geschichte,
und ihm war viel Widerspruchsvolles ber Anje zu Ohren gekommen. Es ging
ihm, wie es Leuten seiner Art und seines Berufs leicht zu ergehen
pflegt, er vermutete hinter unverstndlichen Dingen das Wirken des
Bsen, und seine Meinung war, da das Gute und das klar Verstndliche
immer das gleiche sein mten und Hand in Hand gingen. Er selber schien
einen Teil dieser einfachen Erkenntnis darzustellen, denn seinem
schlichten Sinn ordnete sich die Welt nur in solchen Begriffen, die er
mit seinen Handlungen in Einklang zu bringen vermochte. Dabei war er ein
Mann von Klugheit und Nachdenklichkeit und glcklich genug, fr die
erste dieser Eigenschaften nicht zu viele Gedanken und fr die zweite
nicht zuviel Verstand zu besitzen. Das mochte ein Grund dafr gewesen
sein, da er sich geduldig in das vergessene Dorf Gorching senden lie.
Man hatte ihn auf seinem stdtischen Posten nicht brauchen knnen, weil
er nicht in der Lage gewesen war, den Menschen gegenber jene Strenge
aufzubringen, die als heilsam gilt.

Auf seinem einsamen Weg in die Einde gestand er sich ein, da es eine
heimliche Scheu gewesen war, die ihn bisher davon abgehalten hatte,
Gerom zu besuchen, aber je lnger er in Gorching weilte, um so mehr
empfand er, da eine bedeutungsvolle Einwirkung aus dem Moorland her auf
den Gemtern lastete. Ihm war es oft erschienen, als erhbe sich mit dem
Dunst der Abende aus dem Sumpf der Einde auf grauen Schwingen das
Gespenst des Aberglaubens und schliche in die Htten und Herzen seiner
Menschen. Je mehr man es ihm zu verbergen trachtete, um so mehr
beschftigte es ihn. Was hatte mit dem Seufzer eines Verscheidenden, an
dessen Schmerzensbett er gesessen, das Anjekind zu tun? Und was hatte
Elsbetha bei der alten Onne zu schaffen, als ihr Migeschick widerfuhr
und sich in Gorching niemand ihrer annahm? Seinen Fragen wich man aus,
und seine Ermahnungen stieen auf einen Trotz, aus dessen Grund die
verschwiegene berlegenheit der Verstocktheit sah.

Da es ein Freitag war, an dem er sich auf den Weg gemacht hatte, so kam
es, da er nach einer guten Weile der alten Onne begegnete, die hinter
ihrem Wagen her nach Gorching humpelte. Er redete sie an, und ihm wurde
ber ihrem Anblick heiter zumut, aber er verstand ihre kargen Antworten
kaum. Als er nach Gerom fragte, lachte sie ihn an, drckte sich noch
mehr zusammen, als die Jahre sie ohnehin eingepret hatten, und ffnete
ihren Mund, so da ihr einer schner Zahn, auf den sie sehr stolz war,
aus den dunklen Landschaften ihrer Kiefern funkelte. Er solle nicht
gehn, so viel lie sich verstehn. Da der junge Pfarrer merkte, da sie
wohl begriff, was er selbst sagte, begleitete er sie ein Stckchen Wegs
zurck, wobei er hilfsbereit ihren Wagen ergriff, um ihn zu schieben;
aber Onne brauchte den Wagen als Sttze, und er mute ihn ihr
zurckgeben. Dabei dachte er, nicht eben gesicherter in seinen
Absichten: So kann es uns bei den Wohltaten ergehen, die wir zu erweisen
glauben.

Aber dann sprach er liebevoll und mit groem Ernst zu ihr; die heimliche
Beschmung, die er empfand, wenn er ihr eingeschrumpftes Gesicht sah,
das kaum noch einem Menschenantlitz glich, lie sich durch den
beglckenden Eifer seiner berzeugung verdrngen. Dann wieder mute er
sich sagen: Ist sie dem Vater im Himmel nicht nher als du?

Nun blieb sie stehn und antwortete ihm etwas, der Pfarrer beugte sich zu
ihr nieder, denn es verlangte ihn sehr danach zu wissen, welchen
Widerhall seine wohlmeinenden Worte in ihr weckten. Es war ihr wichtig,
sich verstndlich zu machen, so viel war sicher. Nach langer Mhe hatte
er sie verstanden. Ob er Pilze brauchen knnte ...

Die Birken warfen schon ihr empfindsames Laub ab, es sank durch den
Sonnenschein in die Grben nieder, die sich nach dem letzten Regen zu
beiden Seiten der Strae gebildet hatten, spiegelte sich im Fallen und
ruhte im unbewegten Schwarz des Wassers vom Sommerwind aus. Das Moorland
wurde immer der, als nun der Pfarrer weiterschritt, die Steppen hatten
sich gelbbraun gefrbt, von einem warmen Kupferton untermischt, gegen
den die weien Birkenstmme schimmerten. Mit niedrigem Gebsch, das im
Dunst lag, begann in der Ferne das verwilderte Waldland der Einde. Die
Welt erschien unermelich gro und verlassen.

Es begegnete ihm niemand mehr. Ratlos stand er endlich vor der
Sumpfwildnis der Einde, nirgends war ein Pfad zu sehen, das Buschwerk,
die Erlen und Birken standen im seichten Wasser, das Schilf sirrte leise
im Wind, und mit jedem Schritt wurde das Dickicht undurchdringlicher. Er
erblickte Schlingpflanzen, die er niemals gesehn hatte, und im
Moorwasser blhten immer noch kleine weie Blumen mit zarten Stielen.
Umgesunkene Stmme vermoderten zu warmem Schutt, der glomm und duftete,
und nichts rhrte sich als der Luftzug ber dem Wasser. Wild und traurig
hauchte es ihm entgegen und wies ihn ab; er atmete auf, als er nach
einer Weile wieder auf dem gesicherten Boden der Landstrae in der Sonne
stand.

Um seiner Erleichterung willen befiel ihn ein Gefhl von Beschmung, er
begriff nicht, da die Atemzge der unberhrten Natur ihm Entsetzen
einzuflen vermochten. Als er wohl eine halbe Stunde lang am Moorrande
der Einde dahingeschritten war, ersphte er eine Lichtung jenseits des
kleinen Bachs, der trge am Rand seiner Strae flo, und er sah in einem
Weidengebsch drei behauene Fichtenbalken, die eine Brcke bildeten.
Jenseits lief eine schmale Wagenspur durch das Gras, und ein wenig
weiter war deutlich ein Waldpfad erkenntlich. Der Pfarrer erinnerte sich
Onnes Gefhrts, diesen Weg mute sie gekommen sein, und er beschlo ihm
nachzugehn.

Die Sonne, die nun verhangen war, hatte ihren Hhepunkt am Himmel
erreicht, so da es gegen Mittag sein mochte. Geroms Ansiedlung lag eine
Stunde vom Weg entfernt, und der Pfarrer hoffte, sie in diesem Zeitraum
erreichen zu knnen. Der Waldpfad wand sich durch Dickicht und ber
Smpfe dahin, zuweilen hart am Rand eines Flusses durchs Schilf, dies
mute der Gurdelbach sein. Onnes Behausung lag schon hinter ihm, sie war
ihm entgangen, wie den meisten, die das Moor betraten, ehe der Herbst es
gelichtet hatte.

Dem Schreitenden war zumut, als drnge er mehr und mehr in die Bereiche
einer ganz neuen Welt vor. So mag es von Ursprung her auf der Erde
gewesen sein, dachte er. Es bedrngte ihn eine Scheu, die ihm zuweilen
den freien Atem benahm, und er frchtete sich vor dem Gerusch seiner
Schritte. Der Weg fhrte ber eine morsche Holzbrcke, die ohne Gelnder
und grob gefgt war, jenseits in einen Tannenwald. Im roten Dmmerlicht
zwischen den alten Stmmen, die sehr dicht standen, vernahm er auf dem
Nadelteppich den Klang seines Fues nicht mehr. Es war totenstill umher,
auf dem Boden wuchs kein Hlmchen, alles schien in der Grabesruhe
erstorben zu sein, die herrschte. Hier und dort hatte ein scharlachrot
leuchtender Pilz sich aus dem Nadelteppich erhoben. Es kam ein
Birkenwald, dessen weiliches Moderlicht unwirklich glomm nach der
dunklen Versunkenheit der Tannennacht. Ihm kam dieser Schein wie jenes
tote Leuchten vor, das er aus seiner Knabenzeit kannte, wenn er, lange
im Sonnenschein liegend, die Augen geschlossen hatte und sie dann
ffnete. Der Boden war hgelig und voller Sumpflcher, weie Stmme, die
umgesunken waren, faulten im Grund, der fahle Silberhauch dieser
Waldferne betrte das Auge, er wirkte bald nah, bald unerreichbar fern.

Da lauschte er beklommen auf, die Einde erklang. Er begriff nicht, was
ihm zu Ohren drang, und ein jhes Entsetzen lie sein Blut stocken; er
griff an sein Herz, und ein Zittern kam ihn an. Es tnte melancholisch
und in wortlosen, beinahe tierhaften Klagelauten auf und schlo weich
und trauervoll in einem langgezogenen, unaussprechlich holden Versinken
der Klnge in Wind und Weite und Dmmergrn.

Was ist das, was ich hre? stammelte er und fhlte, da seine Lippen
kalt und leblos wurden. Er verstand nicht, was ihn an diesen gesungenen
Tnen so mchtig ergriff, diese Klage kam fremdartig heran, menschlich
und doch wie aus Bereichen des Unbewuten, aus dunkler Ferne und doch
vertraut.

Da sah er am Ufer des Gurdelbachs ein Mdchen sitzen, sie war es, die
gesungen hatte, ein unscheinbares Geschpf, beinahe noch ein Kind, mit
hellem Haar und in einem grauen Kittel. Als er auf sie zutrat, sah sie
ihn an, ohne mehr zu rhren als den Kopf, den sie ihm langsam zuwandte.

Anje Gerom konnte es nicht sein. Er stand noch im Bann des seltsamen
Singsangs, den er eben gehrt hatte, und sein Blut gaukelte ihm trichte
Bilder vor. Anje Gerom ist ein groes Mdchen im weien Gewand, mit
langem Blondhaar und einem feierlichen Schritt, dachte er. Sie ist
schlank und wrdig, die Rehe flchten nicht, wenn sie einherschreitet,
und ihre milden Augen streun Frieden aus, wie der Mai Blumen. Jedoch
dies dort ist eine kleine Wildkatze, sie schaut mich an, als dchte sie
an ihre Krallen, und sie ist hlich, wei Gott, recht hlich ist sie.
Ihre tiefe Stimme klang ihm im Blut nach. Es ist das Kind eines
Torfstechers, dachte er unsicher, und pltzlich zog es ihm durch den
Sinn: die Sonne scheint, sei gepriesen, Vater im Himmel.

Er trat auf das Kind zu.

Ich mchte das Haus Vinzenz Geroms finden, wer bist du, Kind? Sieh mich
an.

Das Gesicht des Mdchens, das nun nah vor ihm am Hang kauerte, blieb
ruhig und unberhrt. Was konnte dem Pfarrer daran gelegen sein, es zu
wrdigen? Menschen, deren Einflu wahrhaft bedeutungsvoll werden kann,
fallen uns fr gewhnlich nicht sonderlich auf, weil die Gebrde der
ruhenden Kraft in den meisten Fllen arglos ist.

Ich mchte Geroms Haus finden, begann er etwas unsicher von neuem,
kannst du mich fhren?

Das Mdchen betrachtete ihn eine Weile stumm und sagte dann einfach:
Ja.

Er setzte sich ihr gegenber, kaum da er es gewollt hatte, nun war es
geschehn und mochte so bleiben. Das Wasser zog mit leisem Rauschen
dahin, es flimmerte durch das Schilf, das sich nicht bewegte, die Bume
standen auf stillem Grund, lieen den Duft des Waldes aus und den
gedmpften Sonnenschein ein. Das Mdchen lie sein Handeln zu und
betrachtete ihn ohne Neugierde, wie es ihm schien, und ohne Scheu; aber
alles umher, wie auch sie selbst, lie ihn eigenartig allein. Er sah
sich um, als suchte er nach irgendeinem Beistand, endlich fragte er sie,
wer sie sei, und sie antwortete ihm:

Ich bin Anje, Geroms Kind.

Ihr gelbes Haar war heller als der feine Ton ihres Gesichts, es wirkte
fast grell und schien ein wenig rauh, obgleich es im Licht glnzte, man
htte mit der Hand darber hinfahren mssen, um es zu prfen. Ihre
Stirn war niedrig und die Augen lagen etwas schrg, als htten die
zarten Backenknochen, die deutlich sichtbar waren, sie in den ueren
Winkeln um ein kleines emporgedrngt. Was machte ihr Gesicht so rhrend
hilflos? Sicher nicht der breite Mund oder die kindliche Nase, die
beinahe etwas frech wirkte, nein, es waren die Linien ihrer Wangen und
das kleine Kinn.

Eigentlich ist sie hlich, sagte sich der Pfarrer finster, aber man mu
trachten, ihr Liebes zu erweisen, sie wird dankbar dafr sein. Der
zierliche Krper ...

Er hielt in seiner Betrachtung jhlings inne, verwirrte sich und
stammelte in groem Ungeschick, es wre Zeit, es sei gut, gleich
aufzubrechen, denn der Weg wre recht lang. Dabei verfiel er in einen
derben und vterlichen Ton, dessen er sich zugleich schmte.

Es blieb feierlich still im Wald, Anje hatte ihre Haltung gendert, er
sah ihre bloen Fe im Moos. Er selbst war aufgestanden und hatte sich
an den Stamm einer Birke gelehnt. Mit gerunzelter Stirn, und scheinbar
ernst mit sich selbst beschftigt, sah er forschend in die Waldferne,
aber seine groe Hand verwirrte sich an seiner Halsbinde und an seiner
Stirn.

So komm denn nun ..., sagte er streng.

Ein kleiner Ast fiel aus dem Baum nieder, unter dem die beiden warteten,
er sank auf eine bemooste Stelle des Waldbodens, um dort fr immer
liegenzubleiben, geduldig zog das Wasser seinen Weg und die Sonne sah es
an.

Es war dem jungen Pfarrer von nun an, als fhrte ein fremder Wille ihn
geheimnisvoll durch ein unbekanntes Reich. Er entsann sich spter der
Ereignisse, die nun eintraten, wie man an die unbegreifliche Klarheit
eines Traumbilds zurckdenkt, und doch ist alles einfach und
verstndlich gewesen; sein Gang durch die Schwle des Walddickichts, der
Ruf der Sumpfvgel und Anjes weicher Tritt. Er hatte sich ber ihren
Eifer gefreut und ber die besonnene Sicherheit ihres Tuns. Sie ging
immer vor ihm her und sprach nicht, bald sah er ihre Gestalt in den
gelbgrnen Rutennetzen der Weidenbsche, dann glitt sie zwischen dunklen
Stmmen dahin, unverstndlich hell in der Schattendmmerung des groen
Walddoms, den Glanz des gedmpften Sonnenscheins in ihren Haaren. Aber
mehr und mehr war ihm, als gelte es, Unnennbares zu verstehen und dem
Herzen zuzufhren, ein qulendes Unbehagen in seiner Brust nahm
berhand, und ihm erschien es, als kmpfte sein Herz in ziellosem
Drngen vor unsichtbaren Hindernissen um verlorene Rechte.

Fhrst du mich zu deinem Vater?, fragte er einmal beinahe bescheiden,
sie gingen nun schon viel lnger als eine Stunde. Sie sah sich um, blieb
stehn und lie ihre Augen in seinen ruhn, ein lebendiges Rtsel tat sich
ihm stumm in unschuldigem Glanz auf.

Nun?, fragte er berfreundlich und griff fast tppisch zu, wollen wir
Hand in Hand gehen? Sie war ihm schon wieder um vieles voraus. An
diesem schnen Tag ..., fgte er noch hinzu, und fast wre er ber eine
der Baumwurzeln gestolpert, die wie Schlangenleiber aus dem weichen
Boden quollen und in die Farne krochen. Nein, dazu war sie schon viel zu
gro. Als er nach einer Weile auf besserem Boden ein wenig aufatmete,
ging er ernstlich mit sich zu Rate, auf welche Art fr die Erziehung
dieses Mdchens etwas getan werden knnte.

Aber als im Sumpfgelnde, nach einer langen, vielfach verschlungenen
Bahn, sein Fu in den feuchten Boden einsank und er, mit beiden Armen
die Zweige der Lrchen und das Buschwerk zerteilend, mhsam durch das
schilfartige Gras dahintappte, war Anje pltzlich verschwunden. Er rief
laut ihren Namen, aber er erhielt keine Antwort und fand sich nicht mehr
zurecht.

Erst am Mittag des kommenden Tages gelang es ihm, sich mit groer Mhe
und zu Tode erschpft nach Gorching zurckzufinden; die Nacht, die er in
Angst und Unfrieden allein in der Wildnis verbringen mute, lie einen
Schatten ihrer Finsternis in seinem Gemt zurck. Erst viel spter in
seinem Leben, als lngst das Anjekind nicht mehr sang, lernte er ein
karges Lcheln bei der Erinnerung an diese Begegnung, aber dieses
Lcheln war von jener Wehmut, mit der die Natur die Menschen trsten
kann, deren Gemt sie den Ausweg zu Klarheit und Vollendung
verschliet.




Achtes Kapitel


Eines Nachts erwachte Anje und sah im Mondlicht ihren Vater aus der
Haustre treten und den Himmel mustern. Er trug eine Jagdbchse in der
hngenden Hand und ein Gewand, das ihn verjngte und zugleich
entstellte. Hirte versuchte sich anzuschlieen, aber er wurde
gleichgltig zurckgewiesen. Gerom schritt durch die Tannenbestnde, am
Holzschuppen vorber, den Niederungen des Gurdelbachs zu. Nur Anje
kannte, auer ihm, diesen Pfad, der fr andere unzugnglich war, denn er
fhrte durch Smpfe am Ufer eines Altwassers hin, man mute ber
gesunkene Baumstmme klettern und genau wissen ber welche, da manche
von ihnen nachgaben und sanken.

Anje kannte keine Furcht um ihren Vater, aber sie schaute nachdenklich
in das Mondlicht hinaus, das ruhig, wie Schnee, auf dem niedrigen
Teerdach des Holzschuppens lag. Im Wald schimmerte es zwischen den
hohen Stmmen und wandelte ihre Gre in machtvolle Bedeutung um. In
blaugrauen Kuppeln schimmerte die feuchte Ferne, und ein Geruch von Teer
und Fulnis schaukelte bald wrmer, bald khler durch die Monddmmerung
heran. Ab und zu fiel ein Tropfen in das welke Bodenlaub.

Anje dachte an die groe Welt, die auerhalb ihrer Stille im Wald, in
den Fernen war. Um das weie Schlo flogen in der Abendsonne die
Schwalben, es lag auf ebenem Gefilde, frei im weiten Land ... Ihre
Gedanken beschftigten sich ohne Verlangen mit den Dingen, die es auer
ihrer Waldheimat geben mute, sie fhlte sich glcklich in der
Gewiheit, da der Wandel der Menschen auf Erden reich und mannigfach
war. Sie holte ihr Buch herbei und lie den Mond in seine Seiten
scheinen, ihre Augen ruhten ernst auf den Zeilen, die die unbekannten
Gter bargen und bewahrten; geheimnisvoll schwieg das Buch, wie drauen
der Wald.

Am Tage war Fridlin bei ihrem Vater gewesen. Sie hatte in den
vergangenen Wochen den jungen Mann oft im Walde getroffen, aber niemals
mit ihm gesprochen, obgleich sie fhlte, da er es wollte. Er strte
sie und raubte ihr ihre Ruhe, aber sie verriet ihn nicht an ihren Vater.
Nun war er gekommen. Anfnglich klang nur seine Stimme, aufgeregt und
abgerissen, als mte er um jedes Wort kmpfen, dann sprach ihr Vater,
und Fridlin schwieg, eingeschchtert durch die derbe, harte Antwort. Sie
sah ihn hinausstrmen durch den Wald und wute, da er nicht wieder zu
ihrem Vater kommen wrde.

Am Abend sah ihr Vater sie an. Alle Freude umnachtete sich ihr in der
Traurigkeit, die ihr in einem raschen Blick begegnete. In diesem Blick,
den Gerom nicht hatte sehen lassen wollen, kam die erste Ahnung des
Abschieds zu ihr in einer Bedrngnis von unendlicher Hoffnungslosigkeit.
Ihr war zum erstenmal in ihrem Leben, als ob es Gewalten auf der Erde
gbe, denen keine Menschenkraft gewachsen ist, und sie mute an den Tod
denken. Und doch lag im Gesicht ihres Vaters der Schein einer heimlichen
Gewiheit. Er sprach nicht mit ihr, obgleich sie es erwartet hatte, aber
da ihr gleichgltig war, was Fridlin gewollt haben konnte, wenn er nur
ihrem Vater kein Leid zugetragen hatte, fragte sie nicht und gab sich
zufrieden. Sie empfand, da jene Traurigkeit, die aus seinen Augen ihr
Herz berstrmt hatte, nicht durch Geschehnisse ber ihn gekommen war,
die Menschen ndern knnen, sondern da sie ein Teil des Lebens war und
auch ihrer wartete. Dem Ereignis des Tages aber galt das heimliche
Lcheln.

Da hrte sie aus der Nachtferne vom Weidensumpf her einen Schu fallen
und gleich darauf einen zweiten. Es wehte sacht unter den Sternen her,
als atmete der Wald im Schlaf, dann vernahm sie Tritte im Laub, die der
Schreitende zu dmpfen suchte. Anje ma gelassen die Entfernung und die
Richtung und trat langsam aus dem Mondlicht ins Zimmer zurck. Sie
kannte die Schritte und Bewegungen des Herannahenden nicht, der noch
verborgen war.

Nach einer Weile trat Fridlin aus dem Wald in den Mondschein hinaus.

Anje, rief er, Anje Gerom, hr mich an!

Hirte schlug an und arbeitete aufgeregt an der Tr. Mit einem trotzigen
Ruck griff Fridlin an den Hirschfnger.

Anje, rief er, hr mich! Bist du im Haus, Anje?

Er sprach mit heier Stimme, die voller Verzweiflung erklang, es blieb
ganz ruhig umher und im Haus, bis sich drauen die rauhe Stimme wieder
erhob, bald verwundert, bald bse und wild. Es kam keine Antwort, denn
Anje war an die Tr hinuntergeschlichen, um Hirte zu beruhigen, sie sa
neben ihm im dunklen Haus auf der Schwelle zu Geroms Wohnraum und
streichelte den gelben Kopf des Hundes.

Du mut still sein, Hirte, der Mann vor dem Haus wird uns nichts Bses
zufgen, er geht bald wieder fort.

Sie hielt ihre Hand in einen schmalen Streifen Mondlicht, der durch ein
kleines Fenster ber der Tr in die Hausdiele sank. Hirte knurrte und
sah Anje nicht an, es war seine Meinung, da sie von diesen Dingen nicht
soviel verstand wie er, und gegen Wachsamkeit sollte man besser nicht
einschreiten.

Da die Fenster ihres Schlafraums und auch ihre Tr offen standen, hrte
sie immer noch die Stimme vor dem Haus. Wenn es eine Weile still
geblieben war, so glaubte sie, der Fremde sei fort, aber immer begann
sein Rufen von neuem, langsam stieg in Anjes Herzen Angst um ihn empor,
denn ihr Vater konnte zurckkommen. Da entschlo sie sich endlich, es
ihm zu sagen, ffnete die Tr und zog sie vorsichtig hinter sich zu,
damit Hirte im Haus blieb.

Fridlin trat vor ihr zurck, wie vor einer Erscheinung, Schritt fr
Schritt und mit entsetzten Augen. Es war, als ertrge er nach so langem
Harren die Erfllung seines Verlangens nicht mehr, er hielt seine Hand
ausgestreckt von sich ab und wankte.

Geh fort, eh mein Vater zurckkommt, sagte Anje.

Er war auf seine Knie niedergesunken in das Gras, im Schatten, und
bewegte sich, als ob er mit jemandem kmpfte, aber nun sprang er
pltzlich auf und strmte auf Anje zu, wie ein Geblendeter gegen einen
Lichtschein.

Bist du es -- oh, du bist es wirklich? Hrst du, da du mit mir kommen
sollst!? Du hast mich mit dem Stein verwundet ...

Nein, sagte Anje, ich bleibe hier.

Ach mein Herz! rief er. Seine Stimme berschlug sich, so wild
bedrngte sein Schmerz ihn, er schlug mit der Faust an seine Brust, da
es drhnte. Er war voll Ungeschick und konnte seine Sinne nicht
meistern, denn die Ruhlosigkeit der vergangenen Wochen hatte ihn
verwirrt und entkrftet. Weit du denn nicht, keuchte er und
schttelte seine Fuste, weit du nicht, was hier brennt? Wie ich dich
gesucht habe! Wo ist dein Herz!? Ich rufe im Wald und das Echo klingt,
aber du ...

Er vermochte nicht weiterzusprechen, eine groe Mutlosigkeit dmpfte den
Zorn seiner Verzweiflung nieder, hilflos hob er den Blick und sah empor,
gegen ihren ruhigen Sinn fand er keine Waffen. Sie stand da in ihrem
grauen Kittel gegen die dunkle Wand der Nacht, und der Mond glnzte in
ihrem Haar. Ein kindliches Bedauern war der einzige Ausdruck, der
verriet, da sie ihn hrte, aber er gab keine Gewiheit ihrer Teilnahme.
Ein Schwindel seiner Ohnmacht berwltigte Fridlin, und er schlug die
Hnde vor sein Gesicht.

So ist es Gerom, dein Vater ..., schrie er pltzlich heiser und reckte
sich auf, mit schwerem Atem, aber Anje war fort, und das Haus lag ruhig
im Mondschein.

Sie sa wieder im Dunkeln der Hausdiele neben Hirte, lehnte sich gegen
ihre Gewohnheit an ihn, und hrte ihr Herz pochen. Eine feindliche
Unruhe peinigte ihr Gemt, in ratlosem Unfrieden sah sie das Licht vom
Mond, und ihre Gedanken vermochten nicht mehr, als mit dem Klopfen
ihres Herzens immer den gleichen Weg der dumpfen Angst zu machen, den
das Herz eilte.

Fridlin hatte sich drauen abgekehrt, einen Augenblick starrte er
vorgebeugt in jene Richtung hinber, in der die Schsse gefallen waren,
er kmpfte mit sich um einen Entschlu, aber es schien ihm keine
Befreiung aus der Tat zu kommen, die er plante. Dster wandte er sich um
und schritt fort, durch die Hoffnungslosigkeit niedergebeugt, die die
Strme des Verlangens so schnell in eine de Ruhe verwandeln kann.

Er begriff nicht, da sein Leben nun mit dem herannahenden Tag beginnen
sollte, wie es mit dieser Nacht geendet hatte. Das Anjekind hat ihm
gesungen, sagten sie. Er lchelte und schpfte mit der Hand die Tropfen
von den Blttern, um seine Stirn zu khlen, sein Bchsenlauf streifte
das Laub und verfing sich im Gest. Der Mond verschleierte sich, und die
dunkle Waldstille fllte sich mit drohenden Gestalten.

In seiner Ratlosigkeit war Fridlin zum Pfarrer gegangen, dort hoffte er
sicher zu sein, da das angstvolle und mitleidige Lcheln ihn nicht
peinigen wrde, dem sein Gesicht begegnete, wo immer er sich zeigte,
aber er war ohne Trost fortgeeilt, und die Unsicherheit des Pfarrers
krnkte seinen Stolz. Er entsann sich kaum noch, was ihn dorthin
getrieben hatte, vielleicht nur sein Wunsch, einen Menschen zu finden,
der unbefangen mit ihm besprach, ob Gerom ihm sein Kind geben wrde, und
wie man es anstellen sollte, sich beiden auf rechtliche Art zu nhern.
Aber der Pfarrer wich ihm aus, er lenkte das Gesprch ab, als
befrchtete er, da es galt, ihn selbst zu erforschen, denn er gedachte
seines eigenen Migeschicks in der Einde. Endlich riet er Fridlin, sich
Gedanken aus dem Kopf zu schlagen, die nicht von Vernunft geleitet und
nicht redlich seien.

Der Morgen nahte ber der Ebene. Fridlin hatte den Waldrand erreicht und
sah den Nebel gegen Osten in einem Lichtschein schwimmen, der nicht mehr
vom Mond kam. Dies war die dritte Nacht, die er nicht schlief; was
Wunder, da der Frster ihn mibilligend ansah und kein freundliches
Wort mehr fand. Zu Anfang hatte er ihn grob gewarnt: La gehn, was
nicht dein ist. Glaub mir, Bursche, der Wald lt sich das Herz nicht
verwunden, er gibt zgernd her, was sein ist, und niemand beraubt ihn
ungestraft. Unsereins mu wissen, was recht ist, sonst taugt er nicht
zum Weidwerk. Das war noch wohlgemeint gewesen und hatte fast Trost
gespendet, man fhlte den Ernst hindurch, an dem man teilhaben sollte,
aber seit kurzem lchelte der Alte hhnisch unter seinem Bart, kaum
merklich, und wandte sich verchtlich ab, statt zu sprechen. Nur einmal
hatte er zur Abendstunde noch gleichmtig gemeint: Fridlin, es gibt
Wlder mit mehr Sonne, als sie der Eindwald hat; tu dich um, euch
Jungen ist die Welt nach auen hin weit und nach innen eng. Geh, rat ich
dir.

Fridlin hatte sich am Waldrand auf einen gesunkenen Fhrenstamm gesetzt.
Das geht nicht mehr, antwortete er laut der Stimme seiner Erinnerung,
wohin ich mich schlage, Frster, ich mu durch die Einde gehn, um Anje
zu Gesicht zu bekommen. Soll ich hier zugrunde gehn, so mag es geschehn,
drauen sterb' ich gewilich dahin. --

Er erschrak furchtbar, als sich neben ihm eine Gestalt erhob, sie stand
feierlich im Grund und reckte den Arm aus. Es war eine entlaubte Weide,
die in der Nebeldmmerung stand. Es erschien Fridlin, als kme das Licht
sprungweise und heimtckisch. Ihn fror, aber er verharrte in seiner
hockenden Stellung im Morgendunst und fhlte seine Augenlider na und
kalt werden. Nach einer Weile ertrug er es nicht mehr, dem Walddunkel
seinen Rcken zuzukehren, es beschlich und belauerte ihn in der
Dmmerung.

Ich werde krank, sagte er, lchelte bescheiden und atmete tief auf.

Ein Wasserhuhn schnarrte bekmmert im Schilf, die Sonne hob sich langsam
und rot in den Schleiern der Nebel, und ringsumher begann ein eifriges
Tropfenticken. Da erhob sich Fridlin und sah sich um, er wute nur
ungewi, wo er sich befand, die ebene Landschaft hatte nur geringe
Merkmale, nach denen man sich richten konnte.

Nach einer Weile stie er auf die alte Dachenauische Fahrstrae nach
Gorching und traf Onne unter den Tannen; sie musterte ihn aufmerksam,
gedankenlos blieb er neben ihr stehn.

Ja, es sei wahr, antwortete er auf ihre Frage, der Dienst liee ihm
wenig Ruhe. Onne sagte:

In den Dachenauer Wldern gibt es genug zu beachten, was tust du nachts
in der Einde? Drben gibt es Nacht genug, verstehst du?

Fridlin verstand. Er wurde zornig und sagte erbost:

Gesindel gibt es berall.

Onne nickte vor sich hin, als ob diese Tatsache ihr zu denken gbe, dann
meinte sie freundlich:

O der Grnschnabel, wie er das Herz versteckt, und es bricht ihm doch
so jammervoll aus den Augen. Du, fuhr sie pltzlich in verndertem Tone
fort, hr auf mich, und bleib mir in der Dachenau. Aus deinem Gesicht
spricht nichts Gutes mehr ... Sie kam ihm ganz nah und sah ihm,
gebckt, unter seine Augen; aus ihrem roten Kopftuch schaute das winzige
braune Gesicht in tausend Fltchen hervor, und das Lebenslicht ihrer
Augen schien alt und still.

Fridlin war zu unglcklich, um zornig bleiben zu knnen. Erstaunt
blickte er auf die Alte nieder, die ihn einschchterte, er hatte immer
nur gleichgltige Worte mit ihr gewechselt, was wute sie denn, und was
wollte sie von ihm? Aber als der Ausdruck ihres Gesichts sich langsam in
ein Lcheln verkehrte, das nicht spttisch oder boshaft war, packte es
ihn pltzlich angesichts dieser alten befreiten Frau, die den
Bedrngnissen des Lebens fr immer enthoben war.

Du solltest nicht schelten, sagte er hilflos und lehnte sich an einen
Baumstamm. Seine bermdung und seine Verzweiflung berwltigten ihn,
und er fing an zu weinen, ohne da sein Gesicht sich bewegte, seine
Hnde hingen herab.

Setz dich nieder ins Gras, Fridlin, sagte Onne, als merkte sie nichts.
Wer keine Trnen weinen kann, der fhlt sie oft bei anderen kommen, ehe
sie das Auge benetzen. Sie sprach nicht ber das, was Fridlin bewegte,
sondern hockte sich neben den jungen Menschen auf den Waldboden und
sprach von den Wldern und von den Wanderburschen, die durchs Land
zogen.

Onne wute lngst, um was es sich handelte, aber sie wute auch, da man
seine Trnen zuweilen bei einem Menschen weinen mu, der sie nicht
sieht. Fridlin war ihr lieb. Zu Anfang hatte sie geglaubt, er spre
Gerom nach, aber dann hatte sie bald herausgebracht, da das Anjekind
schuld an diesem Unfrieden war. Da Anje nicht mit ihr ber solche Dinge
sprach, mute sie selbst sehn, was sich anspann und wie es auslief. Das
Migeschick des Pfarrers hatte sie erst in Gorching erfahren, in dem
Aberglauben, dem er hatte begegnen wollen, war seine Gemeinde durch sein
Erlebnis aufs neue bestrkt worden. Nun sagte sie unvermittelt zu
Fridlin:

Schlag dir das Anjekind aus dem Sinn.

Fridlin fuhr erschrocken auf, denn die Stimme knarrte fast bse, und ihm
war eben noch zu Sinn gewesen, als ob sie ihn trstete. Sein Trotz
erstickte ihm, als er Onne ansah, er fragte sie nur schchtern, ob Anje
mit ihr ber ihn gesprochen htte. Onnes welke Hand mit den dnnen
braunen Fingern wischte seine Worte aus der Morgenluft, sie blinzelte in
die rote Sonne hinein.

Shnchen, sagte sie, mein Shnchen, heb dir dein Leben auf. Was soll
denn das Anjekind gesagt haben? Was uns keine Antwort gibt, wird darber
nicht hlich, sieh um dich, wer antwortet dir? Was ich sagen kann,
verstehst du nicht, was du verstehst, willst du nicht hren. Ihr
Menschen wandert auf Wegen, wohin die Stimme des Anjekinds nicht kommt.

Aus ihrem zerfallenen Antlitz brach ein Glanz von Gengen, so da es
war, als msse die Natur umher erschttert aufhorchen, um zu erforschen,
was diese Augen in ihr gesehn hatten. Fridlin starrte mit bitterem Mund
auf seine Hnde.

Nach einer Weile musterte Onne, sich nhernd, sein mageres Gesicht, das
unter ermdeten Zgen eine entschlossene Wildheit hatte. Sie kannte
diesen beinahe verschlafenen Zug um die Augen herum und das leicht
getrbte Blau der Augen selbst, deren Blicke solange anteillos
erscheinen konnten, bis jhlings die aufflammende Leidenschaft sie
weckte. Onne wute wohl, wie leer das Herz und wie taub das Blut hinter
den klaren wohlbestellten Augen sein kann, deren sauberen Blick die
meisten Menschen lieben.

Alle geben denselben Ratschlag, sagte Fridlin dumpf. Meint ihr denn,
ich sei ohne Vernunft? Aber was hilft mir eure Einsicht.

Onne blinzelte hinber, es schien, als wnschte sich Fridlin nicht
einmal, da man ihm Glauben schenken mchte, er sprach seine Worte
leblos in den ungewissen Wind. Da verstand sie, da es zu spt fr
Ratschlge war.

Anjekind ..., sagte sie, legte ihre welken Hnde ineinander und sah in
die lautlose Natur, als habe sie sich an ihre Herrlichkeit gewandt.

Fridlin litt nach einer Weile unter Onnes Schweigen; als er forschend
auf sie hinblickte, von der Stille gengstigt, erschien sie ihm
greisenhafter als zuvor und abgekehrt von allem, was sie zusammengefhrt
hatte.

Wie meintest du deine Worte, Mtterchen?, fragte er unruhig. Hat es
mit Geroms Kind eine Bewandtnis, die unselig macht?

Aber Onne antwortete ihm nicht mehr, ihr Gesicht war nicht zu
erforschen, erloschen neigte es sich zu Boden, und der Morgenwind und
das Licht, die ihr Spiel in den Bschen trieben, lockten sein Herz, um
es aufs neue seinem Ungemach zu berlassen.




Neuntes Kapitel


Am neuen Tag weckten die rtlichen Strahlen der Sonne Anje, sie schlug
ihre Augen auf, ohne sich zu regen, sie war in einem einzigen Augenblick
wach und sich ihres Daseins ohne Benommenheit bewut, aber sie rhrte
sich nicht, sondern blieb still so liegen, wie sie erwacht war, die eine
Hand auf ihrem Herzen und die andere unter dem Kopf. Der Morgen zog in
ihre Augen ein, mit dem khlen Wind von den beschienenen Waldwipfeln und
der Frische der Wiesen. Das rote Licht an der Wand rhrte sich still,
wie es drauen die Zweige der Bume vor ihrem geffneten Fenster taten,
und Hirte schlief an der Trschwelle.

Anje dachte an das traurige Gesicht Fridlins. Nicht an ihn selbst, und
kaum an das, was ihn um ihretwillen bewegen mochte, noch was seine
Ansprche vor ihr sein knnten, sondern sie sah nur das bleiche,
abgemagerte Angesicht eines Menschen vor sich und dachte tief betroffen
und bekmmert darber nach, da in der Welt Krfte herrschen mten, die
solche Entstellung in die Zge der Menschen bringen konnten.

Es drngte sie, bald hinauszukommen in ihr vertrautes Land, fast empfand
sie eine Befrchtung, dort mchte sich mancherlei verndert haben. Hirte
erwachte durch ihre rasche Bewegung, erhob sich vorsichtig und reckte
sich, wobei er Anje ansah.

Hirte, bleib hier, sagte sie und schritt eilig die Treppe nieder.
Unten stand die Stubentr weit geffnet, und die Sonne schien ins Haus.
Gerom war fort, er mute nur ganz kurze Zeit geschlafen haben, denn er
kam von seinen nchtlichen Streifzgen fr gewhnlich erst in der
Morgendmmerung heim. Er hatte Anje Milch neben das groe Brot auf den
Kchentisch gestellt und einige rotwangige Sommerpfel, die noch na vom
Tau waren. Anje trank nur die Milch, ihre Augen trennten sich nicht vom
Sonnenglanz, die pfel nahm sie nicht, aber sie legte sie beiseite,
damit ihr Vater nicht glauben mchte, sie habe seine Gabe verschmht,
wenn er am Mittag vor ihr zurckkehrte.

Die Frische des Sommermorgens legte sich khl auf Anjes Augen und Hnde,
sie belebte das Blut, das vom gesunden Schlaf noch mde war und vertrieb
die bsen Gedanken. Im Gebsch sang mit feiner Stimme eine Meise ihr
helles Lied, Anje blieb stehn, sah empor zu dem kleinen Tier und atmete
mit ihm die herrliche Luft und die unendliche Flle des Lichts ein.

Als sie wieder dahinschritt, legten die Tropfen von den Grsern sich auf
ihre nackten Fe und der Tau der Strucher badete ihre Stirn, die
Pflanzen gaben ihr von der berflle ihrer Frische, stumm und freigebig,
aus ihrem lebendigen Glck. Als das Buschwerk sich lichtete und die
groen Stmme sich vom stillen Grund erhoben, breitete Anje ihre Arme
aus und rief die Bume. Es kam sie im Dahinschreiten ein Taumeln an,
ihre junge Kraft wiegte und trug sie, so da sie dahinzog wie die Vgel
durch die Luft oder wie die Fische durch ihr klares Wasser. Sie prete
ihre Hnde auf die Stelle ihrer Brust, unter der ihr Herz schlug, und
neigte sich, wie durch die Flle des Lichts trunken gemacht, gegen die
strahlende Morgensonne, wie sie es von den Zweigen und Blumen im ersten
Wind gesehen hatte, der sich erhob, wenn die Sonne aufging. Das Lcheln,
das ihr kindliches Angesicht verklrte, war von unaussprechlicher
Traurigkeit, wie das berma der Freude sie der Seele gibt.

Hier wuchs im Walde dichtes Moos, auf dessen dunkelgrnem Teppich die
Fe lautlos schritten und sanft gebettet wurden, und ber ihr regten
sich die Wipfel unvernehmbar, die Bltter berhrten einander oben in
ihrer freien Hhe, von der sie das Land berschauten.

Als Anje an die Moortmpel der Altwasser kam, sah sie im Sumpf eine
Giftschlange, die sich behaglich aus ihrem feuchten Versteck zu einem
beschienenen Erdflecken wand, der schon von der Sonne erwrmt worden
war. Das Mdchen verharrte lautlos auf ihrem Stand, in ihre hellen Augen
kam ein kaltes Licht, und ihr Gesicht zeichnete sich nun durch
entschlossene Hrte aus. Dabei beobachtete sie die gelassenen Windungen
des gefhrlichen Tiers mit gespannter Aufmerksamkeit. Es war seltsam
ergreifend zu betrachten, wie der nachgeschobene Teil des biegsamen
Krpers genau den Weg des vorangeglittenen Teils einhielt, so da er wie
auf seiner eigenen Spur verschwand und so, da seine Bewegungen in der
reglosen Umgebung kaum auffielen. Als das schn gezeichnete Tier den Ort
gewhlt hatte, der ihm willkommen war, rollte es sich gemchlich langsam
zusammen. Der bse Kopf mit der spielenden Zunge hob sich blinzelnd
gegen das warme Licht, als prfe es seine goldene Wohltat in feinem
Genu, und dann ruhte ein rundes, zackig geschmcktes Ornament am Boden,
kaum von der Erdfarbe unterschieden und im Spiel des Sonnenlichts
geschtzt.

Mit dem Ausdruck einer koboldhaften Bosheit im Gesicht zog Anje sich
langsam in den Schatten zurck, umschlich einen Schlehnbusch, um zur
Bschung des Wassers zu gelangen, und lste vorsichtig zwei Steine aus
dem Ufergrund. Dann warf sie ihren Kittel ab und wickelte ihn plump und
fest um ihre linke Hand, prete damit den einen Stein an ihre Brust und
hob den anderen mit der rechten. So schlich sie langsam wieder hinzu und
fate ihre Gegnerin fest ins Auge, es funkelte bse aus den grauen
Lichtgrnden unter den feinen Brauen. Als sie so dicht herangelangt war,
da nur noch drei Schritte sie von der Schlange trennten, wandte das
Tier mit einer kaum merkbaren Bewegung das platte Kpfchen und sah Anje
an. Die winzigen uglein waren von berraschender Wachheit, aufmerksam
und wild, wie auch die Augen ihrer Gegnerin. Es war ein Augenblick voll
mchtiger Anspannung und Anje wute, da sie nun keine Bewegung mehr
machen durfte. Aber sie frchtete sich nicht, sondern ihre Sorge war
nur, die Feindin mchte ihr entgehen, so empfand sie auch ihren
ungeschtzten Krper nur als von jeder Hemmung befreit und glhte vor
Gier, den tdlichen Wurf zu tun. Leise wog sie den Stein, aber ohne zu
zielen, denn sie wute gut, da die Augen ihrem Arm nur Dienste
leisteten und da die geschwungene Hand ihr eigenes Geschick hatte.

Ihr Stein traf das gedmpfte, zackige Bunt in der Mitte, und nach dem
dumpfen Aufschlag begann ein lautloses Wlzen in einem rasch und
schmerzhaft gewundenen Knuel. Das tdlich verwundete Tier bewegte sich
nicht mehr vom Fleck, es erschien, als suchte es in Todeswindungen einen
Weg zu sich selbst, als trachtete es sterbensgierig danach sich in den
Abgrund seiner eigenen Schmerzen zu whlen.

Anje war einen Schritt nher getreten, hatte ihren Kittel fortgeworfen
und sich auf die Zehen erhoben. Unter den gewlbten Brauen senkten sich
ihre hellen Augenlider und lieen den Blick durch einen winzigen Spalt
zu der sterbenden Gegnerin nieder. Dabei hielt sie die Arme starr an den
Krper gepret, nur die bewegten Finger schienen, weit abgespreizt,
entfliehen zu wollen, und verrieten ihre innere Erregtheit. Sie drckte
ihre Knie dabei fest aneinander und ihre Lippen spielten im grausigen
und sen Takt einer Sinnenfreude, die an der Grenze der Bewutlosigkeit
flackerte.

Der Morgensonnenschein, bewegt durch die Bltter der Zweige, in denen er
einen Teil seines goldenen Glanzes hngen lie, spielte in fhllosem
Frohsinn auf Anjes schimmernden Schultern und ber den letzten Regungen
der sterbenden Schlange. Da rief ein Hher im nahen Busch und scho mit
wenig Flgelschlgen ber das Wasser des Gurdelbachs in die Birken. Anje
fuhr empor, wie aus dem Bann eines heien Traums erwacht und ihre
erschrockenen Augen folgten dem Vogel. Sie atmete tief auf und lchelte
hilflos.

Da sah sie drben am Ufer, dicht vor einer Krmmung des Bachs, Onne
unter den Bumen, ihr rotes Kopftuch bewegte sich nahe ber dem Boden
langsam voran. Anjes Angesicht hellte sich auf, sie schlpfte rasch in
ihren Kittel, hob die Hnde an den Mund und mit ihrer seltsam tiefen
Kinderstimme begann sie ihr Lied an den Morgenwind:

  Du kommst ber die Wiesen
  zu mir in mein Haar,
  Der Tau fllt nieder;
  nun kommt die Sonne!

Drben richtete Onne sich mhsam auf, sie suchte mit einer Hand Halt an
einem Baum und schtzte mit der anderen ihre alten Augen. Ihr welkes
Gesicht erstrahlte, aber ehe sie noch eine Antwort geben konnte,
rauschte das Bachwasser sprhend auf, so da der Sonnenschein ber der
Flut, wie in hellem Schrecken, glitzernd emporsprang, und Anje stand vor
ihr und lachte glcklich.




Zehntes Kapitel


Der Herbst kam langsam ber die Landschaften der Einde wie ein
schwermtiger Entschlu Gottes, aber es gab noch sommerlich durchwrmte
Tage von groer Klarheit und in den Grnden des Eindmoors zgerte der
Sommer mit seinem Abschied.

Die alte Onne sa eines Tages in der Morgensonne am Ufer des Gurdelbachs
gegen einen Birkenstamm gesttzt im Todesschatten ihrer versunkenen
Zeit, den Bedrngnissen des irdischen Lebens entrckt. Sie lchelte vor
sich hin und die unbekmmerte Natur nahm die neue Ruhe geduldig an.
Onnes Gesicht war nun ganz zusammengesunken, es sah ber dem an die
Brust gezogenen Arm den Erdboden an, dem es glich, und die andere
herabhngende Hand berhrte das Waldlaub. An diesem Platz am Bach, nahe
der Landstrae, hatte ihr Leben sich beschlossen, das vor langer Zeit
in anderen Gegenden begonnen hatte, und das sie unter Menschenangst und
-hoffnung in die Verlassenheit der Alternden geleitet hatte, bis in den
Frieden des Alters. Wie ein Wunder leuchtete ber der verbrauchten Hlle
ihres Geistes ein zufriedenes Lcheln, als sei ihr mit ihrer Trennung
vom irdischen Gut die Erfllung einer groen Pflicht gelungen.

Anje schlief an diesem Morgen noch in Onnes Htte im Laub am Herd, und
Hirte ging durch die Bsche vor dem Haus und betrachtete die Beeren der
Ebereschen, die wie ein roter Schatten rings um die Stmme herum auf dem
Boden lagen. Hirte war sichtlich gealtert, sein Gang hatte bisweilen
etwas Schleppendes, und er schlief in den Morgenstunden nicht mehr
recht, wie es alten Leuten oft geht, die des Morgens immer zuerst auf
den Pltzen umhergehen oder vor den Husern in der Frhsonne sitzen.

Der Bltterfall beschftigte ihn, die welken Sommergste kamen
unauffllig von ihren hohen Sitzen herab, schaukelten rtlich oder gelb
durch die stille Luft, aber am Boden lieen sich keine Bewegungen mehr
feststellen, so aufmerksam man ihren letzten Weg auch bis zu Ende
verfolgte. Hirte konnte sich nicht mehr entschlieen, sie auf ihrem Weg
zu fangen, wie er es in seiner Jugend getan hatte, er sah ihnen zu und
dachte darber nach, da es in jedem Jahr das gleiche Schauspiel gab. Er
sah in den Wald hinein, soweit er es noch konnte, aber im Nebel lie
sich wenig erkennen, man mute abwarten, bis das Licht an Kraft
zugenommen hatte.

Er wute, da Onne am Abend nicht nach Hause gekommen war, aber irgend
etwas beunruhigte ihn mehr und mehr; htte Anje nicht so fest
geschlafen, wrde er seinem Gelste nachgekommen sein, seiner seltsamen
Traurigkeit in leisem Heulen Ausdruck zu geben.

Er ging an die Tr der Htte und sah vorsichtig von der Schwelle aus
hinein. Etwas Sonnenrot drang in den Raum und legte sich feierlich auf
die verrucherten Gesimse, so da die beiden Kupferkessel ein stilles
Glhn begannen. Anje schlief immer noch. Ihr Haar lag hell im braunen
Laub und die eine Hand ruhte auf ihrem Herzen, die andere lag unter
ihrer heien Wange, und das Gesicht sah ernst und beschftigt aus. Hirte
begriff, wie wichtig der Schlaf war, hielt den Kopf schrg und dachte an
Anje. Schlielich war sie alles, was er hatte. Andere Hunde lebten in
Drfern, begleiteten Reiter oder bewachten Fuhrwerke, zwischen den
Rdern oder vom Bock aus. Nicht da Hirte den Wunsch nach Anschlu an
seinesgleichen gehabt htte, aber man sah doch allerlei und verglich die
Pflichten. Je lnger er Anje betrachtete, um so freundlicher erschien
ihm sein Geschick, das berflu an Glcksgtern hatte, und er wedelte in
Gedanken und ging wieder hinaus, es mute abgewartet werden, ob Anje
bald erwachte.

Drauen befiel ihn wieder diese seltsame Beunruhigung, es drngte ihn in
den Wald, er wute nicht wohin. Er lie den Morgenwind um seine schwarze
Nase streifen und atmete die Luft stoweise ein. Ohne es recht zu
wollen, brach er in langgezogenes Heulen aus, in dem er seine eigene
Stimme kaum wiedererkannte. Als er sich umwandte, stand Anje in der Tr,
in der Morgensonne, rieb sich die Augen und griff dann mit beiden Hnden
in ihr Haar, ihr Krper atmete Kraft und Frische aus, und ihre grauen
Augen leuchteten wie aus eigenen Lichtgrnden.

Sie schritt rasch zum Brunnen und der Klang des hlzernen
Pumpenschwengels vermischte sich mit dem Sprudeln des fallenden Wassers.
Hirte war es gewohnt, da er nicht beachtet wurde, und schaute andchtig
zu, wie Anje sich wusch, aber die heimliche Besorgnis qulte ihn und er
ging mit sich zu Rate, ob er nicht Anje aufmerksam machen msse, da ein
Geheimnis den Wald erfllte.

Da Anje gewohnt war, beim Erwachen Onne nicht mehr vorzufinden, bemerkte
sie erst am Herd, da die Alte die Nacht nicht in der Htte zugebracht
hatte, sie sah nachdenklich hinaus und dann haftete ihr Blick am Boden.
Die Nchte waren khl und lang. Besorgt betrachtete sie den Hund und
entsann sich seiner Stimme, die sie geweckt hatte. Sie legte ihr blondes
Haar rasch zusammen, teilte ihr Brot mit Hirte, und gleich darauf gingen
beide miteinander durch das nasse Gras, bis die Waldschatten sie
aufnahmen. Das leere Haus blieb still zurck, und die Morgenluft drang
durch die offene Tr in den Raum, in dem das vergessene Feuer langsam
erlosch. --

Als Anje die alte Onne in ihrer eingesunkenen Lage am Bach fand, wagte
sie nicht, sich ihr zu nhern, ihr war, als ob ein khler Windzug ihre
Stirn streifte, und aus dieser Ruhe sah es sie wie mit dunklen Augen an.
Sie umschlang einen Baumstamm mit dem Arm und beugte sich in einem
Zustand von unbeschreiblicher Angst vor. Sie wollte rufen, aber ihre
Stimme war lautlos geworden. Hirte stand zitternd neben ihr und sog die
Luft mit klglichem Winseln ein. Aber ihre Liebe trieb sie hinzu, sie
schlich bebend heran, langsam und Schritt fr Schritt; ihre Bedrngnis
war so gro, da es ihr erschien, als klnge die Luft in einem
schmerzenden Sausen. Endlich war sie ganz nah bei der Ruhenden angelangt
und legte atemlos die Spitzen ihrer Finger auf Onnes Hand. Die welken
Finger im Laub rckten ein wenig beiseit und waren so kalt wie das
Tauwasser der Pflanzen, die geffneten Augen hatten kein Licht mehr.

Da lste sich Anjes Stimme zu einem Klagegeschrei, das den ganzen Wald
erfllte. Hirte sprang auf und verkroch sich winselnd im Gebsch. Anje
wurde von einem Entsetzen gerttelt, das nicht seinesgleichen unter den
Gefhlen der Menschen hat, sie entuerte sich ihres ganzen Selbst in
dieser Klage, die kaum etwas Menschliches hatte und die Hilflosigkeit
der Verdammten zum Himmel emportrug. Die leere Finsternis des Todes
berstrmte und begrub ihre Sinne und das Bewutsein jener furchtbaren
Menschenohnmacht, die die Glaubenden befllt, wenn Gottes Angesicht sich
abwendet, und die nur starke Naturen in ihrer hllischen Bedrohung
kennen.

Endlich richtete sie sich wie aus einer Betubung auf, und der ganze
Wald war tot. Ein furchtbares Schweigen umfing sie, und ihr war, als
htten alle Lebendigen des Waldes ihre Sinne verloren, die den ihren
geglichen hatten. Mit herabhngenden Armen stand Anje verlassen da und
weinte laut. Sie sah durch den Flor ihrer Trnen auf Onne herab, und die
entwrdigende Qual einer tiefen Schuld zerri ihr Gemt immer aufs neue.

So fand ihr Vater sie endlich, eingeschlafen, den Kopf in den Scho der
toten Onne gebettet und den Arm um ihren Hals geschlungen, er hob sie
wortlos auf und trug sie heim, als gbe es keine andere Heilung.

                   *       *       *       *       *

Nun war es nacht, als Anje auf ihrem Bett erwachte, und der Mond schien
ins Zimmer, sie erhob sich und ging durch das stille Haus. Ihr Vater
war fort, in seiner Stube lag auf dem Bett Onne aufgebahrt und hielt in
den zusammengelegten Hnden kleine Blumen, die emporstanden, als ob sie
eingepflanzt seien. Die Fenster waren weit geffnet und drauen zog die
Nacht vorber.

Anje setzte sich auf einen Stuhl neben das Totenbett. Der Mond schien
auf Onnes geschlossene Lider, die sehr tief in das Gesicht eingesunken
waren. Jetzt war es wieder Nacht, und nachts gab es fr Anje keine
fremden Menschen. Sie ahnte, wie die Erde sich unaufhrlich bewegte,
entgegen dem Stern Merkur, den Onne ihr gezeigt hatte, und dachte:

Du, andere, ich, mit euch allen mache ich die herrliche Reise, Tag und
Nacht, Nacht und Tag.




Elftes Kapitel


Am Tage darauf ging Gerom morgens nach Gorching. Dieser schwere Weg, den
er seit vielen Jahren nicht mehr gemacht hatte, war seine letzte
Darbietung an Onne, er machte ihn ihr zulieb, und deshalb brachte er es
ber sich. Aber je weiter er in der leblosen Morgensonne dahinschritt,
die rtlich und ohne Glanz im Himmelsdunst hing, um so mehr erkannte er,
da Onne ihr letzter Weg leichter gewesen sein mochte, als ihm der seine
war.

Das kahle Land bengstigte sein Gemt, es gab ihn preis, er vermite das
Dach der Bume ber seinem Haupt, das er eine vergessene Zahl von Jahren
als Schutz ber sich gewut hatte, und die Windstimmen der Bsche und
Pflanzen. Mit derben Schritten ging er, wie zu einem Angriff gerstet,
dahin, den Ansiedlungen der Menschen entgegen. Seine Lippen verzog ein
hhnisches Lcheln, und sein versunkener Blick war scheu und zornig. Er
schritt immer hart an den Straenbirken dahin und berhrte die eine oder
andere mit seiner Hand, als ob er sie befragte. Einmal fand er Onnes
Wagenspuren im feuchten Erdreich am Grabenhang und lchelte sprlich. Es
begegnete ihm niemand, bis er vor seinem Hof anlangte. Fr einen
Augenblick erschien ihm sein Leben, von jenem Tag an, an welchem er
Angelika vor seinem Hause angetroffen hatte, bis zu dieser Stunde, wie
ein eilender Traum, so flchtig dahingegangen, da nur weniges sich dem
Gedchtnis eingeprgt hatte, aber alsdann begannen die Dinge, die er
erblickte, zu ihm zu reden.

Die graue Mauer war hier und da ausgebessert worden, und es war eine
Scheune hinzugekommen, auch sie war wei getncht, wie die brigen
Wirtschaftsgebude, und mit Stroh gedeckt. Das Wohnhaus erschien ihm
kleiner, als er es in der Erinnerung bewahrt hatte, die Akazien der
Einfahrt, die Treppe und die bewachsene Hauswand ntigten ihm ein
fragendes Lcheln ab, sie erschienen ihm sinnlos geziert, aufgeputzt fr
vergngliche Menschlein. Nur die schwarzen Tannen aus dem Garten, die
gealterten Wahrzeichen der Ansiedlung, sahen ihn ehrfurchtgebietend an,
und in der Spitze der Pappel bewegten sich die Bltter, in ihnen erhob
sich der Morgenwind vor Tagesgraun.

Gerom sah das Fenster an, aus dem sich einst Angelika gebeugt hatte, um
ihn zu begren, wenn er von den Feldern heimkehrte. Auf dem Gesimse
standen Blumentpfe mit leuchtenden Blten, und die Vorhnge hinter
ihnen zeigten einen knappen, lcherlichen Schwung. Ein junger Bauer in
wohlbestelltem Gewand trat nach einer Weile aus einem der
Wirtschaftsgebude, er pfiff und sah zum Dach hinauf. Als er den
merkwrdig gekleideten Fremden am Tor der Einfahrt erblickte, musterte
er ihn erstaunt und schien zu schwanken, ob er ihn nach seinem Begehr
fragen sollte, aber er schritt weiter, deutlich erfreut ber die
Beachtung, die seine Habe bei anderen fand. Als er um die Hausecke
verschwunden war, lie ein Schwarm weier Tauben sich auf dem Rasenrund
der Einfahrt nieder.

Im Weiterschreiten wurde Gerom weicher ums Herz, denn es gesellte sich
seinen Empfindungen die Erhobenheit hinzu, die Menschen bewegt, die
sich auf der Reise befinden. Angelika begleitete ihn. Ich wnsche, da
Gott dich mchte in Frieden halten nach der Unruhe deines Lebens, dachte
er. Die weiten Felder wechselten, zumeist waren sie schon gemht, nur
die Wiesen erschienen noch lebensvoll in ihrem satten Grn. Es begann
sich mehr und mehr zu trben, bis ein milder Regen niederging. Das
Erdland, das den letzten Sommer, seine Erinnerungen und seine Toten
trug, rauschte geheimnisvoll unter den Berhrungen der Wolken. Gerom
betrachtete den genten Staub der Strae, und der Gedanke berwltigte
ihn, da Angelikas Fe diesen Weg einst betreten hatten. Einmal war sie
ihn gegangen, um in sein Leben zu finden, ein anderes Mal, um groen
Schmerz hineinzutragen.

Als Gerom die breite gepflasterte Strae mitten durch Gorching ging, zur
Rechten und Linken die Huser und vor sich den spitzen Turm der Kirche,
wute er unter den Menschen pltzlich wieder, da er ein Mrder war. Er
schritt dster dahin bis zum Pfarrhof und begrte niemanden, seine
Fuste zitterten unter seinem Zorn und er machte ungelenke Schritte,
aber da erschien ihm, wie vor seinen Augen, der Frhlingswald am
Gurdelbach, und die Weiden blhten. Mitten darin stand sein Kind und bog
die Zweige zur Seite, um in sein Gesicht sehn zu knnen. Er fhlte ihr
Lcheln wie wrmendes Licht nahen, und ein inniger Glaube verwandelte
sein Herz bis zur Glckseligkeit, er erhob sein Haupt und seine Augen
befreiten Sinns, und aller Groll wich von ihm.

                   *       *       *       *       *

Onne wurde nun in die Erde des Gorchinger Friedhofs gebettet. Ein Kreuz
auf ihrem Grabhgel, dessen Balken in der Mitte durch ein hlzernes
Kreisrund verbunden waren, trug nach Geroms Willen die Worte eines
Liedes, das er aus seiner Jugend in der Erinnerung hatte:

  Von dem Baum, der sich entlaubt,
  tropft ein Blatt auch auf dein Haupt.
  La die Hand und halte still,
  la es liegen, wie es will.

Gerom und sein Kind waren nicht zur Bestattung nach Gorching gekommen.
Das Wunderspiel von Furcht und Hoffnung verwob die Ausgeschiedenen aufs
neue in seine Dmmerwelt. Es erschien den meisten der Anwesenden, als
knnte diese Bestattung nicht verlaufen wie jede andere; mit der alten
Frau wurde ihnen viel mehr zu Grabe getragen als die irdischen berreste
einer Verschiedenen, diese spte Tat des Todes verwirrte ihre Gemter,
als sei ein Teil des Waldes dahingesunken, oder eine Kluft in ihre
Weltbetrachtung gerissen worden. Als nach einer Weile Fridlin erschien
und in den Gruppen umhersuchte, als handelte es sich nicht um ein
feierliches Begebnis, sondern um ein ratloses Verhandeln ber ein
verlorenes Gut, war der Rest der unsicheren Andacht zerstrt.

Das ausgezehrte Gesicht Fridlins war von Schmerzen entstellt, er warf
sich endlich nieder und rief Onne am offenen Grab mit verwirrten Worten
an.

Wie hast du es gemeint, rief er unter Schluchzen, was hast du im Wald
von Anje gehrt?

Er sprach noch mancherlei Dinge, die trotz ihrer Unverstndlichkeit
einschchternd wirkten, weil man sie mit seinem Leidenseindruck in
Zusammenhang brachte, und weil sie durch seine Verzweiflung einen
schaurigen Sinn bekamen, den keine Klarheit ihnen htte verleihen
knnen. Niemand begriff, da der junge Mann sich in Hoffnungslosigkeit
und Herzensangst in ihre Mitte gedrngt hatte, weil er unbewut Hilfe
von den Menschen erhoffte. Vielleicht mochte hierin der Grund zu finden
sein, da er sich pltzlich in malosem Zorn gegen die Nchststehenden
wandte und in Schmhungen ausbrach. Als man ihn ergriff und fortfhrte,
wurde er still und lie mit sich geschehn, was man wollte. --

Als Gerom am Abend zur Ruhe gehn wollte, trat Anje vor ihn hin und
fragte ihn schchtern:

Gehst du heute nacht in den Wald?

Gerom sah erstaunt auf und bejahte ihre Frage zgernd.

Warum willst du es wissen? antwortete er ihr.

Anje strich sich ihr Haar gelassen ber die Schulter, vom Herd her fiel
ein milder Feuerschein ber ihre Gestalt, ihr ruhiges Gesicht glhte im
dmmrigen Rot. Geroms Stirn verfinsterte sich, er stand schwer und alt
im Schatten an der Tr, und sein grauer, verwilderter Bart bedeckte
seine Brust bis zur Hlfte. Er forschte in diesen Zgen, deren reines
Licht von so groer Unschuld erstrahlte, da ihn eine glckhafte
Schwche befiel, die das Herz eigensinnig zu unerreichbaren Gtern
berredete. Er fhlte sich schuldig, weil er ihr kein Trostwort gesagt
hatte wegen Onnes Tod, aber er brachte dererlei nicht ber sich; war es
nicht Trstung genug, da sie beide den gleichen Schmerz ertragen
muten? Aber vielleicht verlangte es sie nach einem Beweis seiner
Teilnahme.

Deshalb sagte er nun:

Onne ist gestorben ..., er stockte und fuhr fort: so sollte es
geschehn.

Anje sah auf.

Frchte dich im Wald, sagte sie, ohne auf seine Worte einzugehn, ich
habe Angst, weil niemand gegen den Tod einen Schutz hat.

berrascht tat Gerom einen Schritt auf sie zu, dann besann er sich und
sagte ruhig:

Anje, der Tod ist eine Pflicht des Menschen, wer ihn frchtet, versteht
das Leben nicht.

In das Leben kommt die Angst, sagte Anje und legte die Hnde unter
ihrem Gesicht zusammen, wobei sie die Arme an die Brust drckte, und mit
zitternder Stimme fgte sie in ihrer kindlichen Weisheit hinzu: Du
bist der Vater, was soll ich ohne dich tun? Ich kann auch die Pflicht
ohne dich nicht tun.

Gerom wandte sich ab und stie mit dem Fu an die Holzscheite am Herd,
um sie zusammenzuschichten. Es verlangte ihn inbrnstig danach, Anje
einen Beweis seiner Liebe zu geben, aber schon sein Wunsch beschmte
ihn. Am spten Abend, als die Nacht herabsank, dachte er an ihre Worte
und den einfachen Sinn. Es kam ihm darber zum Bewutsein, da Anje auf
diese Art noch niemals zu ihm gesprochen hatte, und darber erkannte er,
wie reich Onne gewesen war. Wie oft mochte ihr sein Kind vieles
dargebracht haben, was das Herz bewegte. Nun kam Anje zu ihm, weil die
alte Frau gestorben war. Auer den Darbietungen der Seele gab es fr ihn
keine Gaben, deren Wert er achtete, und er segnete die Tote. Im farbigen
Licht des Herbstwalds sah er wieder Anje und Onne vor der Holzwand ihrer
Htte stehn, nachdem er Ausbesserungen daran vorgenommen hatte, auch
erschienen sie ihm beim Beerensuchen unter den Tannen, Onnes rotes
Kopftuch leuchtete neben dem hellen Haar des Kindes, beide schritten
gebckt durch das braune und grnliche Dmmerlicht der groen Bume.

Seine Gedanken raubten ihm den Schlaf. ber dem einsamen Haus und seinen
Menschen herrschte die traurige Ratlosigkeit in allen Rumen, die der
Tod nach seinen unbeschreiblichen Besuchen zurcklt. So erhob sich
Gerom unruhig in der Nacht und erstieg die Treppe zu Anjes Schlafkammer.
Auf halbem Wege glaubte er Schritte zu hren, die zu verstummen
schienen, sobald die seinen erklangen. Es war ganz dunkel im Haus, nur
durch das kleine bluliche Rechteck eines Fensters sah er zwei Sterne,
einen greren, der lebhaft flimmerte, und einen kleinen neben ihm, der
friedsam glhte. Er begegnete Anje auf der Treppe.

Ich kann nicht einschlafen, sagte sie.

Wohin willst du denn gehn?, fragte Gerom befangen, denn es beschmte
ihn, da er seinem Wunsch nachgegeben hatte, in das schlafende Gesicht
seines Kindes schaun zu wollen, aber es hatte ihn bermchtig gepackt,
als wlzte sich die Last seiner langen Einsamkeit zur Stunde wie in
Bergen auf seine Brust. Er hatte an Anjes Angesicht gedacht, an die
warme Stille ihrer Schlfen, an die gesenkten Augenlider, die am
hellsten waren, und an das unschuldige Glck ihres schlafenden Mundes.
Hei und bitter ward er sich bewut: Ich hab sonst nichts.

Nun hrte er aus der Dunkelheit ber sich die Stimme antworten:

Ich wollte zu dir.

Da schritt er hinauf und umarmte Anje. Sie legte ihre Arme um seinen
Hals und hngte sich daran. Keiner von ihnen sprach im dunklen Haus.
Dann nahm Gerom ihre Hnde:

Du sollst des Todes wegen nicht traurig sein, sagte er mit bebender
Stimme.

Er fhlte, wie Anje eifrig den Kopf schttelte, und er empfand ihr
Lcheln, obgleich er es nicht sah, aber er war dieses Lchelns so gewi,
da er spter in seiner Erinnerung den Eindruck hatte, als sei es in
diesen Augenblicken hell gewesen. --

So war nun Onne im Tode gelungen, was sie in ihrem Leben nicht zuwege
gebracht hatte. Vielleicht war auch Angelikas Wunsch durch Geroms Gang
in ihr Bereich mchtig geworden, denn das Glhn der Liebeswnsche, die
Tote mitnehmen, vereint sich im Unvergnglichen zu Licht, das wieder auf
die Erde sinkt und niemals seinen Platz verfehlen wird.




Zwlftes Kapitel


Ein Herbstmorgen dmmerte herauf, Gerom kniete auf dem schmalen Pfad
einer Waldlichtung zwischen Himbeerstruchern, mit einem erlegten
Rehbock beschftigt. Das Tier blutete aus dem Maul, und der leblose Kopf
mit den gebrochenen Augen schlenkerte hin und her unter den Hantierungen
des Jgers und verstreute die Blutstropfen. Die vom Nebel dmmrige
Morgenluft befeuchtete die Bsche und das Gras, Geroms grauer Bart war
so na wie seine Hnde und das Fell des Rehs. Eine feine Wolke dampfte
an der Stelle empor, wo die beiden in der khlen Morgenluft weilten, und
Geroms Gesicht hatte einen dsteren Ausdruck von Entschlossenheit, der
es stark und schn erscheinen lie. Im Gebsch kam ein Vogel an; er lie
sich nieder, flog aber sogleich wieder davon, als habe das tote Waldtier
ihn erschreckt, das Reis der Himbeere schwankte leicht von seiner
Berhrung, und ins Gras fielen Tropfen.

Als Gerom von seiner Hantierung einen Augenblick aufschaute, sah er auf
dem Pfad im Morgennebel Fridlin stehn.

So ungewi die Umrisse dieser Gestalt sich aus dem grauen Dunst hoben,
so wenig lie seine Haltung einen Zweifel ber die Absichten zu, die ihn
an seinem Platz hielten. Gerom drehte sich langsam herum, ohne sich von
den Knien zu erheben, und wandte sich Fridlin voll zu, wobei er die
blutige Hand an die Stirn hob, um den Blick zu sichern. Seine Ruhe und
die Vorsicht seiner Bewegung erinnerte an ein Raubtier, das ber seiner
Beute den Feind prft, und das im Bewutsein seines Rechtes oder seiner
Kraft handelt, nur seine Augen sahen besorgt und zornig drein, wie wohl
einer dreinschaun mag, der gefahrbringende Befugnisse in der Verwaltung
eines Unmndigen vermutet.

So geschah es, da es eine Weile totenstill in der Waldlichtung blieb,
die nach Osten geffnet war, so da man den herannahenden Morgen im
weien Licht ber der Ebene im Nebel schimmern sah. Gerom machte eine
unwirsche Bewegung mit der Hand: Geh deiner Wege, sagte er barsch,
aber noch ehe er Fridlins Antwort recht verstanden hatte, empfand er aus
dem Ton seiner Stimme, da ihm Gefahr drohte, und er reckte sich
ingrimmig auf, zog den Nacken ein, und seine Hnde ballten sich zu
Fusten, deren eine das blutige Messer hielt, er blieb aber noch auf den
Knien am Boden. Fridlin sagte beinahe leise, aber bse und entschieden:

La den Bock und die Bchse, wo sie liegen, und geh du.

Gerom verstand nur so viel, da dieser Bursche, der Anje nachstellte und
dem er sein Haus verwiesen hatte, ihm kraft seines Amtes zu drohn wagte.
Ein geduldetes Unrecht verwandelt sich im Bewutsein bald in ein Recht,
so da Gerom um so heier in Zorn geriet, als er sich in einem lngst
erwiesenen Anspruch beeintrchtigt sah und kein Schuldbewutsein
empfand. Fridlin war um einige groe Schritte nher getreten, nun
erkannte Gerom den Ha, der das Gesicht seines Gegners entstellte. Ach,
du bist es, dachte er, als she er einen ganz neuen Menschen vor sich.

Darber schwand seine Sorge, da es galt sich zu bewhren, er lachte aber
nur herausfordernd auf, wandte sich ab und beugte sich wieder ber das
erbeutete Tier. Da erklang Fridlins Stimme in tdlicher Gereiztheit und
fast geschluchzt:

Du kannst von deiner Gewohnheit zu morden nicht lassen, Alter, aber
jetzt ist es genug. Deine Waffe und das Wild sind mein, dafr behalt
deine Schande und dein Kind, das aus ihr gekommen ist, und dein Leben,
wenn du magst.

Leg dein Spielzeug fort, Bursche, antwortete Gerom langsam, aber mit
ruhiger Stimme, die die dunkle Ahnung von einer nahenden Wandlung
bewegte. Aber diese Betroffenheit war nur von kurzer Dauer, es befiel
ihn darber ein Grimm, der wie mit roten Nebeln seine Blicke
verschleierte.

Glaubst du, junger Hund, ich frchtete dich? fragte er und erhob sich
wie ein Br vom Grund; im Gestruch, dicht neben ihm, lehnte seine
Jagdbchse. Er machte den Schritt dorthin in einem ungelenken Satz und
in halb gebckter Haltung, in scheinbarer Unsicherheit, und sein rasch
und plump bewegter Krper bot auf diese Art ein schwer zu sicherndes
Ziel fr den Gegner. Mit grimmigem Aufschrei ergriff er wie mit einem
Schlag seine Bchse, als ob er sie mit der Hand zerschmettern wollte.
Die mit groer Gewandtheit gepaarte Wildheit dieser Bewegung schchterte
selbst Fridlin ein, obgleich es in seinem Willen lag, da Gerom sich
seiner Waffe bemchtigen sollte.

Als jener nun in gebckter Haltung herumschnellte, feuerte Fridlin von
seinem ruhigen und aufrechten Stand aus seine Waffe ab, die mit einer
Kugel geladen war, und durchscho Geroms Brust. Der alte Mann sank mit
einer tppischen Bewegung zu Boden, wobei er das Gewehr fahren lassen
mute, um seinen Krper zu sttzen, und der Ausdruck seines Gesichts war
darber einen Augenblick voll Verlegenheit, als schmte er sich und als
unterdrckte er ein eiliges Wort der Erklrung. Aber dann ri ihn ein
wtender Lebenswille zusammen, und er raffte sich steil auf die Knie
empor, lie sein Blut aus dem Mund rinnen, wie es wollte, und hob die
Jagdbchse gegen Fridlin.

Der junge Mensch war mit zwei raschen Schritten hinzugesprungen und
stand nun dicht vor dem tdlich verwundeten Mann. Zwei weitaufgerissene
blaue Augen, aus denen eine unwirkliche Lebenshelligkeit flackerte,
bemchtigten sich seiner in furchtbarer Anklage. Das Blut, das aus den
Mundwinkeln troff, entfrbte sich in dem grauen Bart, zog dunkle
Rinnsale herein und klebte die Haare an das Tuch des Rocks, dabei sank
der groe Kopf herab und arbeitete sich, nach rechts und links wankend,
mhselig wieder empor, wobei Gerom das Blut zu schlucken sich bemhte.
Als er nach einer krampfhaften Bemhung Halt gewann, richtete er die
Bchse ohne Schwanken auf Fridlin, lie sie aber pltzlich mit einem
schweren Lcheln sinken und schttelte den Kopf. Er hatte neben dem
jungen Menschen, der bewegungslos dastand und sein Teil zu erwarten
schien, die Waldferne im Nebel gesehn, die sich unter den Bumen im
Morgenwind gelichtet hatte. Es strahlte ihm friedsam auf diesem Wege
entgegen, ein freundlicher Schein von Gengen und geduldigem Glck, und
was den Rest seines Lebens hindurch seine Stillung gewesen war, berwand
ihn in diesem furchtbaren Augenblick zu einem guten Beschlu.

Armer Hund, sagte er mit einem Gurgeln in der ersterbenden Stimme zu
Fridlin, lie die Jagdbchse ins Gras fallen und ergab sich seinem
Schicksal, indem er sich sinken lie und sich beinahe demtig an den
Erdboden drckte. Er legte die groe Hand, die einst Angelika geschirmt
und getragen hatte, die spter ihren Geliebten erwrgt und die viel
spter auf Anjes Haar geruht hatte, auf die Wunde seiner lebendigen
Brust und lie den Tod herannahn, wie er wollte.

Fridlin beugte sich in fassungslosem Entsetzen vor. Nun, da Gerom dem
Tod sein Recht lie, begriff er, da er ihn heraufbeschworen hatte und
da er selbst lebte. Seinem zerstrten Gemt drngte sich ungewollt der
Wunsch auf, von seiner Verpflichtung zu reden, es klang nrrisch und
armselig, als er zu stammeln begann: Du httest das Wild lassen sollen,
Alter ... Er verstummte und schluchzte trocken auf. Mit seiner
Erkenntnis, da nun in dieser Waldlichtung ein anderer seine Herrschaft
angetreten hatte, berflutete das wrgende Graun vor diesem Allmchtigen
seinen Geist; mit einem Aufschrei aus dem Grund seiner armen gequlten
Seele sprang er auf und lief davon, ohne zu erkennen, da er es tat,
ohne zu wissen, wohin es ihn trieb. Unter den Bumen, an die er stie,
schrie er: Das Anjekind ist an dem Unheil schuld, das Anjekind ...

Gerom vernahm nichts von diesen Worten, er wurde sich nach einer Weile,
bevor seine Sinne sich ganz umdunkelten, dessen bewut, da er nun
allein war, und da er nicht mehr die Krfte hatte, um sich
heimschleppen zu knnen. Seine Brust war durchschossen, ihm war, als
drngte die Morgenluft bis in die Kammern seines Herzens, erkhlend,
ausleerend. Seine Gedanken reihten sich um das Letzte, was er erblickte,
das war ein merkwrdig groer Zweig, der sich ber seinen Augen im
weilichen All gemchlich hin und her bewegte. In diesem weilichen
Licht des Alls schwebte auch er selber, und sein Krper wurde ihm
leicht, als ob nun die Erde, die er im verschlossenen Gemt auf seine
Art ertragen hatte, begnne ihn zu tragen. Seine erleichterten Gedanken
zogen ruhig durch sein Leben, dessen groe Ereignisse sie zu verschmhn
schienen, wie auch das Durchlittene, das sein Dasein reich gemacht
hatte, so da es war, als ob ein guter Geist ihm den Abschied vom
irdischen Dasein leicht machen wollte, dessen Inhalt die Schmerzen sind
und nicht das Genossene. Wie dunkle Felsen liegen sie im durchmessenen
Tal. Aber der befreiende Strom, der dem Sterbenden durch die Sinne zog,
setzte sich aus lichten Gestalten zusammen, die mit wunschlosem Lcheln
herangaukelten. Er erblickte den Flu mit seinem Holzsteg, an dem er als
Knabe gefischt hatte, und die grne Schilfwand des Ufers wurde vom
Wasser bestrichen, das die langen Grser am Grund ins Schwanken brachte,
so da es aussah, als schwmmen sie wehmtig gegen die Strmung. Er sah
ein Bildnis in nchternen Farben, eine Mutter Gottes mit einem Kinde
darstellend, das an der Wand seines Kerkers gehangen hatte, und an
dessen Holzrahmen von unbekannter Hand Buchstaben in ein kleines Herz
eingezeichnet waren. Angelika ordnete Blumen in ein glsernes Gef ein,
fr dessen Gebrauch als Blumenbehlter man die Stiele kurz schneiden
mute, sie lchelte auf ihre geheimnisvolle Art, die ins Unerreichbare
hinberfhrte. Er sah dabei ununterbrochen, wie sich das dunkle Grau des
Zweiges ber ihm im weilichen All bewegte, und unterschied die Bltter
und verfolgte ihre geduldigen und langsamen Bewegungen in der nebligen
Morgenluft.

Pltzlich dachte er an Anje, das Kind, und begann sich auf dem Boden hin
und her zu werfen, so da das Blut aus seiner Brust das niedergedrckte
Gras seines kalten Betts frbte. Seine Bewegungen waren nur noch schwach
und langsam, nur ihre weit ausholende Geste, wie er die Arme warf und
wie ihm die Stirn an den Boden schlug, verrieten seine innere Bewegung
und die Gre seiner Angst. Zuletzt tauchte aus den finsteren Wolken,
die sich ber ihn dahinwlzten, wie eine beleuchtete Insel aus schwarzer
Meerflche, das Bewutsein auf, da er Anje auf der Treppe begegnet war
und da sie an seinem Hals gehangen hatte.

Nun war ihm, als kme Anje aus dem dmmrigen Braun und Grn der
Waldferne dahergeschritten, und sie legte ihre Hnde auf seine Stirn. Es
war der Morgenwind, der es tat. Anje beugte sich ber ihn und lchelte
froh, dies war die Sonne, die den Nebel aus der Lichtung vertrieben
hatte und strahlend in den frischen Wald schien. Anje legte Geroms Haupt
zurecht, da es Ruhe haben sollte, und prete dann ihre Hand fest auf
sein Herz, damit es nun stillstehen sollte. Es war der Tod, der es tat.




Dreizehntes Kapitel


Anje schritt in der Frische des Herbstmorgens, an jenem Tage, dessen
Beginn Geroms Augen noch empfunden hatten, durch den Wald. Sie whlte
den Weg, der im Schilf des Gurdelbachs entlang in die Weiden fhrte,
bald an Tannen vorber, bald am Altwasser dahin.

Ein Zweig mit roten Beeren hing in der Morgensonne ber dem Wasser, das
Leuchten der herrlichen Farbe im Sonnenschein zog Anjes Blick an, sie
blieb stehn und betrachtete die begrnten Ufer, ber deren Pflanzen die
unschuldige Mdigkeit des Herbstes lag. Hier, im Frischen, schien der
Sommer noch nicht verdrngt, und doch kndigte der Wandel der Zeit sich
an, man fhlte ihn an der Art des Lichts, am Geruch der Luft und an
dieser glckvollen Mdigkeit, in der die Pflanzen, die ihr Wachstum
lngst beendet hatten, sich neigten ber das dahinziehende Wasser. Die
Bume und Bsche bildeten hier eine natrliche Laube, die ber dem Bach
gegen die Sonne geffnet war, so da Anje in der Walddmmerung stand und
dies strahlende bunte Bltterhaus mit seinem glitzernden Boden
bewunderte. Ihr Glck war so gro, als she sie dies alles zum ersten
Mal, vielleicht war es das herrliche Rot der kleinen Beeren ber der
Flut, das ihr das Bild der Natur so wunderbar erneuerte. Es schien, als
lge ber den Pflanzen am Ufer die Erinnerung an das leidenschaftliche
Blhn des Frhlings, an die Gestilltheit und Flle des warmen Sommers,
und ein Abglanz des Friedens, der ihrer im nahenden Winter harrte, und
die kleine Anje begriff ber ihrer Freude an beidem, am Sein und Ruhn,
da das Leben und der Tod nur Zeichen einer bestndigen Herrlichkeit
sein muten, die hher als ihr Erkennen war. Sie hatte einst durch Onne
vom Dasein Gottes erfahren, als vom Schpfer der Welt und als vom
Herzschlag der lebendigen Natur.

Sein Dasein war ihr selbstverstndlich erschienen, wie das Dasein ihres
leiblichen Vaters, ihr Herz kannte noch keinen Zweifel, weil es keine
Schuld kannte, und weil sie der Schpferkraft Gottes auch ihr Dasein
verdankte, so wie es war. Ihr Vertrauen zu Gott zeigte sich in der
Dankbarkeit, in der sie seine Welt bewohnte, und ihr Glaube erwies sich
in ihrer Freude daran.

Als die alte Onne, bekmmert durch ihre Lebensmdigkeit, Anje einmal von
der Schuld der Menschheit gegen Gott gesprochen hatte, war aus Anjes
Kindermund die seltsame Antwort gekommen:

So wird Gott die Schuld gutmachen.

Aus den Augen der alten Frau brach ein Leuchten, dem pltzlich Trnen
folgten, die es verlschten, aber unverwandt blieben die Augen auf Anjes
Angesicht haften, wie im Bann einer wunderbaren Erscheinung, und mit
bebender Stimme rief Onne:

Er ist gekommen und hat es getan!

Warum weinst du? fragte Anje.

Da sagte Onne: Oh, du gesegnetes Kind.

Mit der Erinnerung an diese Worte der alten Frau kam Anje der Gedanke an
die Nacht, die fr Onne unaufhrlich herrschte. Sie schritt langsam
weiter durch das Schilf, das flsterte, wenn sie es berhrte, und oft
glnzte ein Sonnenblick durch das bunte Laub nieder, in ihren blonden
Haaren auf. Anje gab ihrer pltzlichen Traurigkeit nach und weinte, ohne
ihr Gesicht zu verhllen, sie schmte sich ihrer Trnen nicht vor der
Erde, die die Wiege des Todes und des Lebens zugleich ist. Dem Mdchen
war zumut, als wre es mit einem heimlichen, wohltuenden Stolz
verbunden, zu wissen, wie schwer die Erde oft zu ertragen ist.

                   *       *       *       *       *

Fridlin verbrachte diesen Tag ruhlos im Wald. Ohne Nahrung und zu Tode
ermdet, schweifte er in der Einde umher, bald dieser, bald jener
seiner planlosen Eingebungen gehorchend, aber ohne zu einem vernnftigen
Entschlu kommen zu knnen, bis ihn im Dickicht ein Schlaf berwltigte,
der einer Ohnmacht gleichkam. Im Traum fhrte er seine Absichten aus,
bald die eine, bald die andere, er stand vor dem Frster und beichtete
ihm das Geschehene, sorgsam bemht, Gerom ins Unrecht zu setzen und den
Zwang von Pflicht und Selbsterhaltung darzustellen, der ihn getrieben
hatte zu tten. Gegen dieses Lcheln des Frsters, das ihn als Antwort
traf, mute es doch einen Einwand geben; woher wollte jener wissen oder
erweisen, was zu dieser Tat gefhrt hatte? Dann wieder suchte er im Wald
Anje, die er nun vom Zwang des vterlichen Willens befreit glaubte, und
fand sie im Grund jener aus Grn und Braun gewebten Tiefe der Waldferne
allein. Er eilte auf sie zu, und seine frohe Gewiheit, ihr nicht nur
alles erklren zu knnen, sondern auch ihre verzeihende und trstende
Liebe zu finden, beflgelte seine Schritte. Aber die unhaltbare Ferne
entrckte ihm und mit ihr Anje, wie einst in Wirklichkeit, wenn er
hoffte, sie erreicht zu haben. Ihre Spur blieb im Licht und in der
Stille auf wunderbare Art zurck, zugleich ungreifbar und klar
geschieden, berall dem Vertrauten zugehrig und doch fremd, wie eine
Spur im Schnee.

Im Verlauf seines tiefen und doch ruhlosen Schlafs nahm es an finstern
Mchten zu, die ihn mehr und mehr zu bedrngen begannen. Sie waren ohne
greifbare Gestalt und nahten in gewaltigen Ballen heran, die sich
geruschlos in furchtbarer Allmacht ber ihn dahinwlzten. Es gab kein
Entrinnen, da die herannahenden Nchte, die kreisenden schwarzen Wolken
vergleichbar waren und das ganze All umfaten, doch Raum auf seiner
Brust fanden, der sie zu entwachsen schienen und die sie zugleich
begruben. Als er von seinem eigenen Sthnen erwachte, war es Nacht, er
ri die Augen auf und starrte um sich, ohne sich zurechtfinden zu
knnen. Seinen verfinsterten Sinnen war anfnglich nicht mehr erkennbar,
als da jene dsteren Ballen, die ihn begruben, sich ber ihm, in einem
merkwrdig weien Licht verschwimmend, still angesammelt hatten. Es
waren die Baumkronen, unter denen er geschlafen hatte, im schrgen Licht
des Mondes, der aufgegangen war.

Er sprang jhlings empor und strmte mit vorgereckten Armen zwischen den
schwarzen Stmmen dahin, als glte es, der Gefangenschaft der Bume zu
entrinnen, einem unsicheren Lichtschein entgegen, der schwach in der
Ferne glomm. Dort flimmerte das ungewisse Himmelslicht an den Erlbschen
und Weiden, an deren Wurzeln es sich in Wasserlachen spiegelte, im
Schwarzen und totenstill. Diese Ruhe lockte Fridlins fieberndes Blut,
sie versprach ihm Khle und das Ende seiner Qual, die er kaum noch
erkannte, deren Wesen er in den Zerrttungen seiner Sinne ahnte, wie
Schlafende eine herannahende Gefahr im Traum. Scheinbar schchtern und
zweifelnd trat er bedchtig hinzu und sah das schwarze Wasser an. Sein
Spiegelbild bewegte sich darin, er fuhr voll Entsetzen zurck und reckte
die Hnde nach unten hin gegen den morastigen Hauch aus, der dem
Moorwasser entstrmte und dem tausendjhrigen Schlamm.

In der kahlen Gabelung eines Weidenstumpfs ber dem feuchten Grund
hockte ein graues Tier mit dem Gesicht eines kleinen alten Menschen. Es
war weich und farblos, mit breiten Schultern, in denen der Kopf
sanftmtig schaukelte. Das Gesicht lchelte mit matten Augen und
freundlich, und die Hnde hingen schwchlich an den halb erhobenen Armen
nieder. Fridlin kannte dies Fabelwesen, das er zu erblicken glaubte, aus
seiner Kinderzeit her und wute, da es beim Herannahen bedrngter
Menschen fr gewhnlich flchtete, um sich abwartend in die Gabelung
einer anderen Weide zu setzen. Es drckte die Kpfe ertrinkender
Menschen nieder, die in den Sumpf geraten waren.

Im Grunde zog es den Verlorenen in seiner Schreckensnacht zu einer
anderen Sttte hin, es war eine schmerzvolle Sucht, die als drngendes
Unterbewutsein von Augenblick zu Augenblick an Macht ber ihn gewann.
Als er diesem Drang endlich nachgab, lichteten sich die Verfinsterungen
seines Gemts ein wenig, als ob sich mit seinem Gehorsam gegen dieses
Verlangen eine Erleichterung seiner Sinne verbnde. Er fand die
Waldlichtung in kurzer Zeit, in der Geroms Leiche im Mondschein lag.
Dort erkannte er beim zgernden Hinzuschleichen zuerst nur eine dunkle,
unfrmige Masse am Boden zwischen den Himbeerstruchern und versuchte
auf den Zehenspitzen und mit stockendem Atem, hinter den Bschen
stehend, die Formen des Krpers zu unterscheiden. Seine Vorsicht hatte
etwas sonderbar Kleinliches, er vermied die nassen Zweige und achtete
sorgsam darauf, kein Gerusch hervorzurufen.

Neben dem Toten, mitten im vollen Mond, sa das Anjekind mit gefalteten
Hnden.

So hell das sinkende Gestirn immer noch schien, gab das nchtliche Licht
ihrer Gestalt doch etwas Unwirkliches, sie erschien in ihrer geraden
stillen Haltung wie eine zur Hlfte versunkene Statue, besonders weil
der Mond von hinten her auf ihren Krper schien und das eintnige dunkle
Grau ihrer Erscheinung in hellere Umrisse legte. Da ihr Haar gelst war,
sah ihr Haupt in dieser Beleuchtung ungewhnlich gro aus, es ruhte fast
unfrmig, wie ein Tierkopf, auf den schmalen, lieblichen Schultern. Von
ihnen abwrts sanken die Linien der hngenden Arme gerade nieder, von
bleichem Licht eingerahmt, regungslos und doch von eindringlicher
Lebendigkeit. Fridlin erkannte lange nicht, worauf ihre Blicke gerichtet
waren, bis er, erstarrend vor Entsetzen, gewahr wurde, da sie ihn
ansah.

Ihn befiel der Zweifel, ob er jemals von diesem Wesen etwas gewollt
hatte, das dort hockte und ihn mit seinen Blicken beherrschte. Was war
von ihr seiner armen Menschenhoffnung verbunden gewesen? Im Fieber
durchma sein Geist die Wegstrecke seines Lebens, die von der ersten
Begegnung im Sommergrn am Gurdelbach bis zu diesem nchtlichen
Waldplatz fhrte. Seine Sinne trieben ihn durch ein Chaos von unklaren
Vorstellungen dahin, wie aufgescheuchte Vgel durch staubigen Wind
getrieben werden, der ein herannahendes Ungewitter verkndet. Mit einer
bergroen Ermdung zugleich befiel ihn eine Kindertraurigkeit, so da
er htte still und in Rhrung ber sich selbst vor sich hinweinen
knnen. Er sagte laut:

Ich bin unschuldig.

Da erhob Anje sich rasch, es erschien deutlich so, als ob sie es in
einem frhlichen Eifer tte; jetzt war sie es wieder selbst, wie ehedem,
Fridlin erkannte sie besser, als sie nun auf ihn zukam und mit der Hand
die Zweige der Strucher zur Seite bog. Sie legte ihm den Arm um den
Nacken, so da er im hchsten Erstaunen seinen Kopf etwas zurckbiegen
mute, um sie ansehen zu knnen. Sein Mund ffnete sich etwas, und seine
aufgerissenen Augen starrten in Anjes bleiches Gesicht. Sie schmiegte
ihren Krper leicht an den seinen, so da ihn ein rtselhafter Schauer
fr einen Augenblick aus seinem Erstaunen zog, er empfand die weiche
Schmiegsamkeit dieses Krpers und einen Hauch, dem Geruch welkender
Blumen vergleichbar, der aus ihrem offenen Haar stieg. Dann sah er
ihren Mund, der mit geffneten Lippen in einer wehmtigen Verzerrung
lchelte, und begriff, wie durch einen lauten Zuruf gewarnt, seinen Tod.

In der jhen abwehrenden Bewegung, die er mit einem leidenschaftlichen
Ruck machte, traf es ihn. Er sah noch, da Anjes Kopf durch sein
Aufschrecken zurckgeworfen wurde und hatte die Empfindung, als htte
ihre kleine Faust fest und aufgeregt in der Nhe des Herzens gegen seine
Brust geschlagen. Erst beim nchsten Atemzug begriff er, was ihm
geschehen war und sah hinab: merkwrdig plump und unwirklich hockte der
Griff des Jagdmessers ihm aufrecht am Rock, und nun ergriff es eisig das
Herz seines Lebens, zog ihn in einen slichen Taumel von Ohnmacht
hinein und schmerzvoll zu Boden nieder. Er starb rasch, weil sein Herz
durchstochen war, und unter Anjes Augen, einen betroffenen Widerspruch
und eine Frage in seinem bermdeten Gesicht, ohne die Qual des Todes im
Bewutsein gekostet zu haben. --

Der Mond sank tiefer herab, und die Waldungen der Einde umdunkelten
sich mehr und mehr. Der Wind trieb nasse Nebelschwaden aus den Grnden
der Smpfe in die Lichtung, jene Dnste, die den beklemmenden Geruch
wie von Teer und alter Erdnsse mit sich bringen, wie sie dem spten
Herbstland entsteigen. Nur die schweren Umrisse der Baumgruppen, die den
Augen am nchsten waren, blieben noch eine Weile kenntlich, whrend
schon nach einer kleinen Entfernung die fahlen Nachtschleier alles in
der einfrmigen Ebene in eine unerforschliche Ausgeglichenheit betteten.
Die kreisende Erde setzte unermdlich ihre Reise fort, mit den toten,
den lebendigen und den heraufdrngenden Wesen der Natur.




Vierzehntes Kapitel


Zwei Tage nach diesen Ereignissen erhielt das Forsthaus der Dachenau
einen ungewhnlichen Besuch; es war Hirte, der in einem traurigen
Zustand vor der Gartentr anlangte und hineinzukommen versuchte. Die
Jagdhunde des Frsters erschwerten ihm sein Vorhaben nach Krften und im
besten Glauben, ihren Verpflichtungen nachzukommen, so da Hirte
gezwungen war, sich bis zur Ankunft eines Menschen im Gebsch zu
verbergen, wo er sich in das welke Laub legte und wartete. Er leckte den
weien Reif von den braunen, gekrmmten Blttern, weil er durstig war,
und zitterte vor Hunger und Klte, denn in dieser Nacht waren die ersten
Frste niedergegangen, und schon den ganzen Morgen ber rauschte, wie
ein bunter Regen, berall das Laubwerk zu Boden.

Als der Frster erschien, wagte Hirte sich aus seinem Versteck hervor,
und wie er es erhofft hatte, wurden die beiden Jagdhunde sogleich
zurckgerufen, als sie ihn durch ihren Zorn verrieten. Der Frster trat
hinzu und zog die Brauen hoch, als seine Blicke ber den armen Hirte
hinglitten, dessen Zustand bejammernswert war. Er schien sich kaum auf
den Beinen halten zu knnen, und sein nasses ruppiges Fell sah aus, als
ob es zerfetzt und durchlchert wre. Aber Hirte schmte sich seines
Zustands nicht, er nahm auch keine Nahrung an, obgleich er so von
Krften war, da ihm das Laufen Mhe machte. Er war glcklich, einen
Menschen gefunden zu haben, und mit seinen nachdenklichen Augen, die nie
anders als traurig dreinschauen konnten, lief er ein Stckchen in den
Wald, kehrte um, suchte die Blicke des Frsters und verschwand wieder im
Wald.

Da nahm der alte Mann mit ernstem Gesicht seine Jagdbchse ber die
Schulter, schlo seine eigenen Hunde im Hofe an und folgte Hirte. Auf
dem langen Weg, der bald durch unsicheres Gelnde, bald durch Wald und
Erlendickicht fhrte, berkam den Frster eine immer grere Besorgnis,
die sich langsam zur Angst steigerte, je unermdlicher Hirte zur Eile
anzutreiben schien. Das hliche Tier, dessen Eifer mit seiner letzten
Krperkraft rang, rhrte ihn so tief, da er mit einer ganz ungewohnten
Bewegung kmpfte. Als der Hund wieder bei ihm anlangte, beugte er sich
nieder und klopfte liebevoll den mageren Rcken und streichelte den
unschnen Kopf, der seine Gedanken nicht verraten konnte und unter dem
ein Herz aus verborgenen Grnden her ein unerforschbares Liebeslicht in
die matten Augen schickte. Sie hatten nun die alte Landstrae lngst
berschritten.

Hirte, sagte er, Hirte, was ist denn geschehen?

Das Tier entzog sich seiner Liebkosung ohne Erkenntlichkeit und eilte
wieder voraus. Oft, wenn ein Hindernis dem Alten den Weg erschwerte,
stand Hirte drben und sah aufmerksam zu. Er bndigte seine Ungeduld,
und es erschien fast, als riete er zur Vorsicht.

Der Frster wute, da Fridlin nun schon die zweite Nacht nicht in die
Dachenau zurckgekehrt war, und wenn er nicht erbittert auf den jungen
Menschen gewesen wre, so htte er sicher Nachforschungen anstellen
lassen. Vor ihm verschwand Hirte in einer Lichtung zwischen
Himbeerbschen und kam nicht mehr zurck. Der Alte schttelte den Kopf
und stolperte eilig ber den unebenen Grund voran, dieser Ort lag wohl
eine Stunde von Geroms Blockhaus entfernt. Da sah er die groen, dunklen
Flecke durch das Gezweig, zwei, drei, und zwischen ihnen bewegte sich
der braune Hirte, um sich dann niederzulegen.

Der alte Mann reckte die Arme gegen das Bild aus, das sich ihm darbot.
In meinen alten Tagen soll ich es sehen ..., stammelte er und stand
still da, als wre die unbeschreibliche Erstarrung auch ber ihn
gekommen, die ber den stillen Menschen vor ihm lag. Aus einem Busch,
dicht zu seiner Seite, sahen ihn trb und hell die gebrochenen Augen
seines jungen Gehilfen aus einem weien Gesicht an. Der Kopf war
zurckgeworfen und hatte keinen Halt, er hing leblos nieder, mit Reif
auf der Stirn, und diese ihres Lebens beraubten Augen spiegelten den
groen leeren Himmel, der sich grau und kalt, wie eine letzte Hoffnung,
ber der verlassenen Erde ausspannte. Aus der Brust des Toten starrte
der Knauf eines Jagdmessers, der aus Hirschhorn geschnitzt war, und
rtselhaft zrtlich ruhte die erkaltete Hand daneben, wie die blutlosen
Hnde der Mrtyrer in Verzcktheit das erleuchtete Herz der Brust zu
schtzen scheinen.

Dem Toten gegenber erkannte er die derbe Gestalt des Einsiedlers Gerom
an dem groen grauen Bart, der die halbe Brust verdeckte. Auch Gerom war
tot, seine Augen waren geschlossen, und der Reif der Nacht glitzerte auf
den Lidern, wie er auf den Halmen und Steinen umher und auf den welken
Blttern glitzerte. An seine Seite geschmiegt lag sein Kind. Anjes Arm
war von unten her um den Hals ihres Vaters geschlungen, so da sein
Haupt an ihrer Schulter ruhte, und sie hatte ihre Wange an seine
gepret. In einer Gebrde von Frmmigkeit, die hilflos und
unaussprechlich liebreich war, war ihr nur drftig bekleideter Krper an
den seinen angedrckt, sie deckte ihn sprlich mit ihren zarten
Gliedern, und der Ausdruck ihres Gesichts war von abweisender
Bitterkeit.

Da sah der Frster, der sich bisher nicht zu rhren gewagt hatte, da
ein kaum sprbarer, feiner Hauch aus ihrem Mund in die kalte Morgenluft
emporstieg, und von wilder Freude und Angst emporgerissen, stie er
einen rauhen Schrei aus, der so unbeherrscht war wie sein jher Sprung
zu den Beiden hinber.

Kleine! rief er. Anje! Anjekind!

Sie rhrte sich nicht. Es erschien ihm nur, als ob ihr Arm, der den
Vater hielt, eine schwache Regung zeigte, in der er sich fester um den
erstarrten Hals legte. Da warf der Zitternde seinen groben Rock ab, ri
sein Tuch vom Hals und hob das Mdchen behutsam vom nassen Boden auf. Er
schien alles andere um sich her vergessen zu haben, und das Grauen, das
von den Toten ausging, berhrte ihn nicht mehr, vor Freude bebend hllte
er Anje in das derbe Tuch seines Rocks. Wie khl und leicht ihr
schlanker Krper war. Seine Augen gingen ihm vor Erbarmen ber, als er
die erstarrten Glieder des Kindes an ihren leblosen Krper legte. So hob
er sie auf seine Arme und eilte mit groen Schritten davon, seine Last
so fest an sich pressend, wie ihre zarte Gestalt es ihm zu erlauben
schien, und den warmen Hauch seines Mundes auf dem nassen bleichen
Angesicht an seiner Brust.

So sah er im Davoneilen nicht, da Hirte sich erhob und Miene machte,
ihm zu folgen, aber er hatte nicht die Kraft dazu. Er machte ein paar
Schritte, zgerte und sah den Beiden nach, die bald zwischen den
Baumstmmen verschwunden waren. Die braunen Augen unter den Stirnfalten
sahen Anje nach, solange er noch eine Bewegung in der Ferne wahrnahm,
dann kehrte er um, legte sich neben Gerom auf den Boden, den groen Kopf
auf den Vorderfen, und schlo die Augen.

                   *       *       *       *       *

Anje hatte von aller Frsorge der erschtterten Menschen, die sie in ihr
Haus aufnahmen, nichts empfunden. Die beiden kalten Nchte und ein
langer, grauer Tag, die sie wie in einem Zustand der Betubung mit ihren
Schmerzen zugebracht hatte, waren strker gewesen als der ohnmchtige
Widerstand ihrer Seele, die keine andere menschliche Zuflucht kannte als
das Herz ihres Vaters. --

Nun erwachte sie in der ruhigen Nacht und schlug ihre Augen auf. Sie
erblickte ein groes, fremdes Zimmer, das in sanftem Licht erglnzte,
aber sie erkannte nicht, da es Licht vom Mond war. Sie lag in einem
breiten Bett, dessen Leinen duftete, und man hatte ihr ein weies Kleid
angezogen, das ihr khl und schwer erschien, aber so rein wie Schnee.
Alles umher, wie auch der Atem ihrer Brust, war unendlich leicht und
frei, sie glaubte zu trumen und versuchte sich zu besinnen. Aber durch
ihr Gemt zog nur der geheimnisvolle Beginn ihres kleinen Buchs, als
erinnerte ihre Hoffnung sich. Um das weie Schlo flogen in der
Abendsonne die Schwalben, es lag auf ebenem Gefilde, frei im weiten
Land ...

Durch das unverhangene Fenster sank der Mondschein so hell in den
stillen Raum, da Anje an der Wand zwei Bilder erkannte, die Begebnisse
auf der Jagd darstellten, eilende Menschen, gefleckte Hunde und einen
sinkenden Hirsch, der am Rande des Wassers in die Knie gebrochen war.
Dazwischen hing das Bildwerk eines Mannes, der mit ausgebreiteten Armen
an zwei Balken schwebte, die ein Kreuz bildeten, sein Kopf hing zwischen
den Schultern herab und trug einen rauhen Kranz, der seine Stirn
verwundet hatte. Anje versuchte sich aufzurichten, aber auch so erkannte
sie mit Erschrecken, da die Hnde und Fe des Mannes mit Ngeln an das
Holz geschlagen waren. Das Blut troff dunkel daran nieder, und sein
gemarterter Leib wand sich, wie in groen Schmerzen, zur Seite.

Anje begriff nicht, was dies Bildnis groer Menschengrausamkeit in
diesem Raum bedeuten sollte, ein kaltes Entsetzen schttelte sie
barmherzig in ihr Fieber zurck, aus dem sie kaum erwacht war, und die
aus einem finsteren Reich auftauchende Ahnung an eine groe Traurigkeit,
die sie nicht hatte ertragen knnen. Ihre Sinne versanken aufs neue in
die Dmmerung des Schlafs, und lautlos brach die gndige Nacht ber sie
herein.

Aber es trumte sie, da die Tr sich ffnete und Onne ber die Schwelle
trat, um sie zu fragen, ob sie in den Wald zurckwollte. Sie sprang
jubelnd auf, und der Sonnenschein begegnete ihnen, das Glitzern des
Morgens an den Pflanzen und das Rauschen der Bume im Wind. Mit seligem
Eifer eilte sie voran, der blaue Himmel erstrahlte im grnen
Waldfrieden, und das Wasser des Gurdelbachs zog, bald feierlich, bald
leise pltschernd, ber dunklen Grund. Am Ufer schaukelte das Schilf,
von dessen geneigten Blttern die Libellen sich in die durchschienene
Luft erhoben, und der Kuckuck rief aus den Birkengrnden. Sie trug
wieder ihren grauen Kittel, und die warme Herrlichkeit ihrer
Kinderfreiheit umfing sie.

Aber da sank, wie eine uralte Erinnerung der Erde, die Liebesangst in
ihr Herz, sie wandte sich an Onne und fragte schchtern:

Fhrst du mich zum Vater?

Onne erhob ihren Stock und neigte sich ein wenig vor, und auch Anje
senkte den Kopf und lauschte, denn sie fhlte, da etwas geschehen
sollte. Da vernahm sie aus der Ferne die Axtschlge ihres Vaters im
Wald, und warf jauchzend ihre Arme empor. Sie strmte ihrem Vater durch
die grne Sonnenherrlichkeit entgegen.

Als die besorgten Menschen mit dem hereinbrechenden Tag in das Zimmer
kamen, in welchem Anje schlief, war das Kind gestorben. Auf seinem
Angesicht lag ein Lcheln von solcher Glckseligkeit, da alle, die es
sahen, hinausgingen und weinten.

                                 _Ende_




        Im Verlag von Schuster & Loeffler in Berlin erschien von

                            Waldemar Bonsels:

                             _Die Biene Maja_
                           _und ihre Abenteuer_


                          Ein Roman fr Kinder
                           Neunzigste Auflage
                    Preis M. 3.-- brosch., M. 4.50 geb.


                            _Urteil der Presse:_

Wir haben seit den Meistern deutscher Mrchenkunst kaum wieder ein Buch
empfangen, das die groe Aufgabe eines Kinderbuchs bewltigt, den Alten
eine Quelle des Humors zu sein und den Kindern eine Welt tiefen Ernstes
und unschuldiger Freude. Aus diesem Buch strahlt das Herz eines
Dichters, der sich in seiner Beschrnkung als Meister erweist, dem sein
Los in diesem Werk wahrhaft aufs Liebliche gefallen ist. Gebt dieses
Buch euren Kindern, es ist ein herrliches Buch.

                                            _Die deutsche Frau, Berlin._

                   *       *       *       *       *

                            Waldemar Bonsels:

                              _Himmelsvolk_


                  Ein Buch von Blumen, Tieren und Gott
                           Siebzigste Auflage
                   Preis M. 3.50 brosch., M. 5.-- geb.


                          _Urteil der Presse:_

Wie Waldemar Bonsels erzhlt, das mu man selbst genieen, selbst mit
durchleben, mu bewundern, wie dieses Dichterauge Erde und Gestirne,
Wolken und Wasser, Pflanze, Tier und Mensch mit einem Blick durchdringt,
der den Grund aller Dinge, allen Erlebens, aller Seelen sieht, mu
dieses vllige Einssein mit Gott, diese Helligkeit, Gte und Liebe
miterleben, die das Buch fllt, und die den durchziehen wird, der das
Buch liest. -- Am Ende dieses Buches stehen die Worte eines Sehers: Wir
mssen alle das Lcheln wieder lernen, das unseren kurzen Lebenstagen
und ihrem vergnglichen Werk und Schmerz gilt. Wir sind alle aus der
Freude geboren und kehren zu ihr zurck.

                                  _Frankfurter Zeitung, Frankfurt a. M._

                   *       *       *       *       *

                 Im gleichen Verlag erschien ferner von

                           Waldemar Bonsels:

                               _Wartalun_


                Eine Schlogeschichte -- Siebzehnte Auflage
                   Preis M. 5.-- brosch., M. 6.50 geb.


                           _Urteil der Presse:_

Unter Waldemar Bonsels' immer kunstreichen Romanen ist Wartalun ein
herrlich groes Lebensgemlde voll hinreiender Schnheit und voll
tiefster, formzeugender Anschauung des Ewig-Menschlichen.

                                   _Hessische Landeszeitung, Darmstadt._

                   *       *       *       *       *

                            Waldemar Bonsels:

                           _Der tiefste Traum_


                   Eine Erzhlung -- Siebzehnte Auflage
                   Preis M. 3.-- brosch., M. 4.50 geb.


                           _Urteil der Presse:_

Ein Stimmungszauber geht von dem Buche aus, der die Sinne mit lockender
Gewalt zur innigsten Anteilnahme zwingt. Der eigenartige Zauber liegt
auf der rein menschlichen Seite des tiefen Problems, und die ganze
Entwicklung der beiden Charaktere ist einzig darauf gerichtet, alles in
eine ungemein vertiefte und goldgeklrte Harmonie ausklingen zu lassen.

                                        _Generalanzeiger fr Elberfeld._

                   *       *       *       *       *

                            Waldemar Bonsels:

                         _Die Heimat des Todes_


                       Empfindsame Kriegsberichte
                             Neunte Auflage
                   Preis M. 3.-- brosch., M. 4.50 geb.


                           _Urteil der Presse:_

Das Buch schrieb ein Dichter, der damit unseren betrbten Tagen ein so
schnes Licht entzndete, da man an Gleichnisse und Seligpreisungen der
Heiligen Schrift gemahnt wird. Die Heimat des Todes knnte wohl zu den
wenigen Schriften zhlen, die in spteren Zeiten eine Spur von dem
tieferen Wesen unserer Kmpfe und Leiden zu tragen bestimmt sind. Denn
das Buch schrieb ein Dichter, dem die Gabe verliehen ist, in das
Zwielicht unserer persnlichen Anteilnahme mit einem Strahl ewigen
Lichts zu leuchten.

                                           _Die Rheinlande, Dsseldorf._

                   *       *       *       *       *

        Im Verlag von Rtten & Loening, Frankfurt a. M., erschien
                               ferner von

                            Waldemar Bonsels:

                              _Indienfahrt_


                            Dreiigstes Tausend
                    Preis M. 5.-- brosch., M. 7.-- geb.


                           _Urteile der Presse:_

Ich gestehe offen, da mir noch niemals ein so formvollendetes,
knstlerisch durchdachtes und von Schnheit berquellendes Buch unter
die Augen gekommen ist.

                                                       _Der Bund, Bern._

Waldemar Bonsels' Buch ist nicht nur das schnste, das ich je ber
Indien gelesen habe, auch ohne Rcksicht auf den Gegenstand mu ich es
zu den wenigen groen Kunstwerken der Literatur der Gegenwart zhlen,
die an sich vollkommen sind. In meiner tiefen Ergriffenheit mchte ich
auf dieses Buch alle die Lobsprche hufen, wie sie schlagwortartig bei
Anerkennungen wiederkehren. Nach Jahren erst hat Bonsels seine reichen,
in der Zeit kaum bemessenen Eindrcke gestaltet, ein groes Kunstwerk
entstand, von wundervollem Aufbau der sich entschleiernden Wunder
Indiens. Ich kannte diesen groen Dichter kaum, auf den das deutsche
Volk gerade inmitten seiner heldenhaften Not stolz sein darf und von dem
es Auerordentliches fr die Befreiung seiner seelischen Zukunft
erwartet.

                                                    _Die Hilfe, Berlin._

                   *       *       *       *       *

                            Waldemar Bonsels:

                             _Menschenwege_


                   Aus den Notizen eines Vagabunden
                           Achtzehntes Tausend
                    Preis M. 5.-- brosch., M. 7.-- geb.


                          _Urteil der Presse:_

Der Dichter stellt in diesem Buch die natrliche Freiheit eines von
jedem Stand und jedem gesellschaftlichen Zwang befreiten Menschen gegen
die ganze Befangenheit der Gesellschaft. Der Vagabund ist ein
Landstreicher aus freiem Willen, er will durch nichts gelten als durch
die Kraft eines echten Gemtes, und er sucht Gott im Menschen. Dieser
Vagabund ist die Verkrperung der Sehnsucht der neuen Jugend. Wie alle
Werke von Waldemar Bonsels ist auch dieses neueste ein Meisterwerk
knstlerischer Form, in einer Sprache geschrieben, deren kraftvolle
Schnheit jeder Regung der Seele folgt, und die durch den
unerschpflichen Reichtum der Bilder die Landschaften seiner Gedanken
mit der Anmut und Lieblichkeit, mit dem Ernst und der Macht einer
wahrhaft sittlichen Forderung erfllt.

                                                _Hannoverscher Courier._




                   *       *       *       *       *

  [  Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei
     jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte
     Zeile steht.

  stand Hirte drben und sah aufmerksam zu Er bndigte seine Ungeduld,
  stand Hirte drben und sah aufmerksam zu. Er bndigte seine Ungeduld,

  Steh auf! Geh heim! Geh gleich heim
  Steh auf! Geh heim! Geh gleich heim!

  er es erfuhr, brummte er wie nebenhin: Anje .. mag sie schlafen, wo
  er es erfuhr, brummte er wie nebenhin: Anje ... mag sie schlafen, wo

  Natur verherrlichte. Sie kannte seine Stimme in der Ebene und ilte ber
  Natur verherrlichte. Sie kannte seine Stimme in der Ebene und eilte ber

  das Feld seinem freien Singen entgegen, dase eihre Arme in sinnloser
  das Feld seinem freien Singen entgegen, das ihre Arme in sinnloser

  Freude emporri. Er beherrscht den Himmel und lenkte den Gang der
  Freude emporri. Er beherrschte den Himmel und lenkte den Gang der

  Friedlin lehnte im Trrahmen, im grnen Lindenlicht, das durch den Hof
  Fridlin lehnte im Trrahmen, im grnen Lindenlicht, das durch den Hof

  Ein Schwindel seiner Ohnmacht berwltigte Friedlin, und er schlug die
  Ein Schwindel seiner Ohnmacht berwltigte Fridlin, und er schlug die

  Anje war einen Schrit nher getreten, hatte ihren Kittel fortgeworfen
  Anje war einen Schritt nher getreten, hatte ihren Kittel fortgeworfen

  der verdammten zum Himmel emportrug. Die leere Finsternis des Todes
  der Verdammten zum Himmel emportrug. Die leere Finsternis des Todes

  Da sagte Onne: Oh, du gesegenetes Kind.
  Da sagte Onne: Oh, du gesegnetes Kind.
  ]






End of the Project Gutenberg EBook of Das Anjekind, by Waldemar Bonsels

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS ANJEKIND ***

***** This file should be named 34265-8.txt or 34265-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        http://www.gutenberg.org/3/4/2/6/34265/

Produced by Norbert H. Langkau, Peter Simon and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net


Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License (available with this file or online at
http://gutenberg.org/license).


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
