The Project Gutenberg EBook of Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen
Zchtling, by Joseph M. Hgele

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Title: Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Zchtling
       Erster Theil

Author: Joseph M. Hgele

Commentator: Alban Stolz

Release Date: July 13, 2005 [EBook #16278]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  Zuchthausgeschichten

          von

einem ehemaligen Zchtling


       *       *       *       *       *


    Mit einem Vorwort

          von

    #DR. ALBAN STOLZ#


Professor an der Universitt zu Freiburg.


       *       *       *       *       *


#ERSTER THEIL#


       *       *       *       *       *


Mnster, 1853.


#VORWORT#


Ich bin gebeten worden, dem Verfasser dieser Zuchthausgeschichten einen
Verleger zu verschaffen; der Verleger wnschte dazu ein Vorwort von mir.
Ich gebe es gern; ich hoffe dadurch nicht nur dem jungen Manne, den Gott
durch Verirrung und Unglck hindurch zum wahren Glck, zum
berzeugungsfesten Christenthum gefhrt hat, ntzlich zu sein, sondern auch
den Lesern, welche etwa durch meinen bekanntern Namen veranlat werden
dieses Buch zur Hand zu nehmen.

Man hat viel Geschrei gemacht mit den Schwarzwlder Geschichten von
Auerbach. Es wre nicht nothwendig gewesen. Auerbach ist kein
Schwarzwlder, er ist ein Jude. Ein Jude wird nmlich niemals ein
Schwarzwlder, selbst wenn seine Vorfahren gleich nach der Zerstrung
Jerusalems an den Feldberg oder nach Todtnau gezogen und sich
niedergelassen htten. Eben dehalb mag Auerbach immerhin uere
Vorkommnisse auf dem Schwarzwald beschreiben; wenn er aber von dem Denken
und Fhlen des Schwarzwlders reden will, so mu er dieses aus seiner
Phantasie nehmen, welche aber keine Schwarzwlder Natur, sondern die eines
jdischen Literaten hat. Man hat, so will es mir scheinen, Auerbach
besonders da viel gepriesen und gelesen, wo man blos unterhaltende Lektre
wollte und das tgliche Futter, die Romanenliebeleien im Schwarzwlder
Bauernrock neu und pikant fand; auch mag mancher Posaunenblser des
Literaturmarktes den Meister Auerbach dehalb gepriesen haben, weil er das
Verdienst hat kein Christ zu sein.

Die Zuchthausgeschichten, welche hier vorliegen, halte ich fr besser als
Auerbachs Dorfgeschichten. Der Stoff ist wahr, und die krftige
Durchfhrung kommt aus einem Schwarzwlder Naturell und aus einer Seele,
die selbst Schweres durchgemacht hat; es ist aber berhaupt eine viel
interessantere und ntzlichere Lektre fr einen geistiggesunden Menschen
die Darstellung, wie Gottes Wege und die Wege des Menschen, wie groe Snde
und groes Unglck in einandergreifen, als was ein Literat lustig
zusammenphantasirt hat. Ich hoffe, da die Leser sich nicht stoen werden
an manchen Derbheiten; der Verfasser konnte nicht Alle umgehen, wenn er
lebensgetreu schildern sollte; und es scheint mir eigentlich nur eine
sittliche Krnklichkeit, wenn man alsbald Aergerni nehmen zu mssen
glaubt, wo Wort und That des rohern verkommnern Menschen unverhllt
mitgetheilt werden.

Nicht minder beachtenswerth ist diese Schrift aber auch bezglich des stets
noch unentschiedenen Streites, ob Zellengefngni oder gemeinsame Haft in
Zuchthusern den Vorzug verdienen. In dieser Frage wird es wohl keinen
competentern Schiedsrichter geben, als den, der nicht aus Bchern und
kopfloser Sentimentalitt spricht, sondern selbst die Sache durchgelebt
hat, wie der Verfasser dieser Zuchthausgeschichten. Ich habe auer dem, was
mein Klient aus eigener Erfahrung darthut, auch noch ein anderes Tagbuch
eines gebildeten Zellengefangenen gelesen, der seine nach der Entlassung
erprobte Bekehrung gleichfalls der Einzelhaft zuschreibt. Nun reducirt sich
zuletzt der Streit darauf: Die Einzelhaft ist drckender und fhrt zuweilen
selbst zur Verrcktheit; hingegen kann bei der Einzelhaft viel regelmiger
auf Bekehrung gerechnet werden, als bei gemeinsamer Haft, ja diese ist in
der Regel der Anla zu grndlicherer sittlicher Verwstung, so da wer mit
_einem_ Teufel ins Zuchthaus kmmt, oft mit sieben hinausgeht. Ein Christ,
der dieses wei, kann nicht in Zweifel sein, was vorzuziehen ist. Wenn man
die Eierschalen gelehrter Bcher abgestreift hat und auf eigenen Fen
geht, so wird man letztlich nicht dafr halten, da um eine mgliche
Geistesstrung zu vermeiden lieber der Verbrecher im Morast schlechter
Kameradschaft belassen werden msse. Alle Formen des Wahnsinns sind
Krankheiten der Grenzorgane zwischen Geist und Leib; sie binden allerdings
den Geist und suspendiren denselben in seiner bestimmungsgemen
Entwicklung, wie solches auch im Schlaf oder schlimmer in der Betrunkenheit
geschieht. Der Wahnsinn ist daher nur ein langer Traum, eine moralische
Pause, daher ein unendlich geringeres Unglck, christlich aufgefat, als
ein bewutes Leben in der Snde. Hingegen ist die einzige Krankheit des
Geistes selbst Irrthum und Snde; Erlsung davon kommt oft vor in der
Einzelhaft, in der gemeinsamen hingegen hufiger Verschlimmerung. Wer
dehalb, weil in seltenen Fllen Wahnsinn in der Zelle ausbricht, der
verderblichen Verbrecher-Kameradschaft den Vorzug gibt, der zeichnet sich
selbst damit: er ist ein Mensch, welchem zugestanden oder unbewut das
sinnliche weltliche Wohlsein mehr gilt, als die hchste Bestimmung des
Menschen.

Ich wnschte, da diese Schrift in Norddeutschland erscheine; die darin
erzhlten Vorkommnisse und Schilderungen sind dort mehrfach neu und fremd,
whrend sie uns etwas Bekannteres sind. Hoffentlich wird man in Westphalen
fr solche wahre Geschichten aus einem fern gelegenen und doch verwandten
Volksstamme wenigstens so viel Interesse haben, als fr die %mysteres de
Paris% und andere aus fremden Sprachen bersetzte Verbrecherromane, wie sie
sonst der teutsche Michel liebt.

_Freiburg_ am Tag des h. Mansuetus 1853.


#ALBAN STOLZ.#




#MEINE VORGESCHICHTE#


Wenn ein ehemaliger Zchtling sich unterfngt, als Schriftsteller, und
zudem als katholischer, auftreten zu wollen, so mchte es am Platze sein,
da er zunchst ein Wrtlein ber seine Person fallen lt.

Zwar hat ein hochgeachteter und berhmter katholischer Schriftsteller sich
meiner angenommen, mir eine Vorrede geschrieben und mir einen Verleger fr
die Zuchthausgeschichten verschafft, und in dieser Thatsache mchte fr die
Schrift und wohl auch fr meine Person gengende Empfehlung lieden
[liegen]; aber ein Zuchthaus ist kein Haus der Ehren, sondern ger [der]
Snde und Schmach, und ein ehemaliger Zuchthusler, welcher die Religion
und Kirche vertheidigen und verherrlichen helfen mchte, kommt namentlich
heutzutage gar leicht in Gefahr, mitrauisch angesehen und schief
beurtheilt zu werden und durch ffentliches Auftreten einer groen heiligen
Sache eher zu schaden als zu ntzen.

Ich rede ungern von meiner Person, knnte sogar in den Verdacht gerathen,
als ob ich meine zuchthuslerische Wenigkeit sonderlich rechtfertigen,
empfehlen und verherrlichen wolle; allein die Ehre der katholischen Kirche,
der Inhalt dieser Schrift und wohl auch die gegenwrtigen Zeitumstnde
scheinen es mir anzubefehlen, zunchst Einiges ber mich und noch mehr ber
den Standpunkt, welchen ich im Allgemeinen und in dieser Schrift
insbesondere einnehme, verlauten zu lassen.

Meine eigene Geschichte ist eine Zuchthausgeschichte, dehalb mag Einiges
aus meinem uern Leben und meiner innern Entwicklung die Vorgeschichte
dieser Geschichten bilden.

Aus meinem wechselreichen und oft wildbewegten Jugendleben hebe ich nur
hervor, da ich zahlreiche Beweise und dehalb auch Grund besitze, mit
Freude und Stolz auf dasselbe zurckzublicken, insofern sich der Mensch
ber seine uere ehrenhafte Haltung und redliches Streben nach Kenntnissen
freuen und darauf auch als Christenmensch noch stolz sein darf.

Im Jahre 1837 begann ich meine Studien, der Herbst 1843 fand mich bereits
als Schler der katholischen Hochschule Freiburg, welcher ich auer vielem
Andern auch die Wohlthat eines Stipendiums zu verdanken habe; im Frhling
1846 ging ich nach Heidelberg, studirte fast ausschlielich Geschichte und
Philosophie, machte und bestand im Sptjahre 1847 eine Staatsprfung als
Fachlehrer der Geschichte und Philosophie gem den badischen Verordnungen
vom Jahre 1836, erhielt zugleich das Versprechen gelegentlicher Verwendung
als Sprachlehrer in den niedern Klassen einer Gelehrtenschule und zog nach
Freiburg zurck, zunchst um mich auf ein Doctorexamen vorzubereiten.

Aeuere Verhltnisse und innere Lebensvorgnge wirkten zusammen, da ich
bereits im Winter 1847/48, wo die Vorboten des nahenden Vlkersturmes sich
allenthalben und tglich mehr bemerkbar machten, das Revolutionsfieber in
allen Gliedern sprte und mich mit der leidigen deutschen Politik befate.

Ich trumte dabei fort vom Stillleben eines Bchermenschen und Schulmannes,
doch Alles sollte anders kommen, als ich trumte und erwartete.

Gerade am Abend des verhngnivollen Schalttages im Jahre 1848 hielt ich in
einer Versammlung von Studenten, Turnern, Arbeitern und Brgern einen
Vortrag ber die mglichen Folgen von Ludwigs Philipps mglichem Tode,
sprach mich darin entschieden gegen eine deutsche Republik aus, erklrte
eine Republik nach amerikanischem Muster fr eine baare Unmglichkeit in
Europa und--keine 14 Tage spter war ich erklrter, offenkundiger,
glhender Republikaner und an die Stelle meines Gtzen Mirabeau, der
gewaltige Danton, dieser fruchtlose Atlas der Revolution gesetzt.

Die Pariser Ereignisse brachten die ltesten Diplomaten aus dem Concepte,
gereiste und feine Staatsmnner zur Verzweiflung, machten Frsten und
Regierungen wehrlos, ehrliche Conservative vielfach zu aufrichtigen
Freunden der bisherigen Bestrebungen der Radikalen, die Radikalen zu weien
Republikanern und rothen Sozialdemokraten, berechnende Kaufleute zu
Schwrmern, redliche Handwerker zu Wirthshaushockern und Zeitungslesern,
einfache Handwerksbursche zu wthenden Politikern und so mag man es einem
Lehrer ohne Schler auch verzeihen, wenn er seiner gewonnenen Ueberzeugung
folgte, den Zug des Herzens als des Schicksals Stimme betrachtete und von
seinen Bchern hinweg mit wilder Thatenlust sich in den rgsten Strudel der
Revolution strzte.

Der Mensch wird, was man aus ihm macht; aus mir haben weniger Anlagen, als
Schicksale und Staatsdressuranstalten einen Revolutionair gemacht, dazu
vielleicht auch der Umstand, da ich niemals zur kraft- und saftlosen
Jugend gehrte, welche man "die alte" nennen sollte, weil der Brodkorb, ein
Titelchen und eine oder auch mehrere Vertreterinnen des schnen Geschlechts
deren einzige Idole zu sein pflegen.

Ich habe im Frhling 1848 so thtigen und lebhaften und wiederum im Sommer
1849 im Herzen so innigen und verzweifelnden Antheil an der Vlkerbewegung
genommen, als ihn ein der positiven Religion gnzlich entfremdeter, gegen
den breaukratischen Staat und die "moderne" Kirche leidenschaftlich
eingenommener Mensch nur zu nehmen vermag; von meinem damaligen Standpunkte
aus war diese Theilnahme sittliche That und der Allmchtige wei, da ich
mit Freuden mein persnliches Wohl und meine Existenz in die Schanzen
schlug, weil ich glaubte, Vlkerfreiheit und Menschheitsglck seien noch
ganz anderer und schwererer Opfer wrdig.

Leichtmglich knnte ich durch Mittheilung meiner zahlreichen Erfahrungen
und nicht unwichtigen Erlebnisse in jener vielbewegten Zeit viele Leser
nicht nur unterhalten, sondern noch mehr belehren und zeigen, wie Gott die
Revolution im Groen und Kleinen richtet; ich bin auch schon mehrfach dazu
aufgefordert worden,--aber ich mag nicht in den Schatten eines Verdachtes
gerathen, als ob ich bei der gegenwrtig keineswegs unberechtigten, aber
immerhin bertriebenen und alle christliche Liebe mit Fusten schlagenden
Parforcejagd auf flchtige, gefangene, verfolgte und mitrauisch
betrachtete Mitmenschen ins Hrnlein stoen wolle und zudem mte ich ein
nagelneues Buch schreiben, welches vielleicht manchem Jger nicht
sonderlich gefiele.

Nein, der Schuster bleibe bei seinem Leisten, dehalb will und kann ich
auch nur Einiges, was meine Wenigkeit allein angeht, berhren.

Am 24. Februar 1848 noch ein ertrglicher badischer Unterthan, weil ich den
Segen kleinerer Staaten fr die Menschheitsentwicklung nicht verkannte,
wandelte mich die Nachricht der Geburt der franzsischen Republik
schnurstracks in einen Verfechter der Monarchie auf allerbreitester
demokratischer Basis um; am 3. Mrz schwrmte ich fr ein unter 3 Herrscher
getheiltes einiges Deutschland und das Einkammersystem; bis zum 15.
erkannte ich den lcherlichen Widerspruch eines unter 3 Herrscher
getheilten und trotzdem einig sein sollenden Vaterlandes und wnschte einen
Barbarossa, der die Grnzen des Reiches scharf umreite, die
Souvernittstrume aller groen und kleinen Frsten vernichte und ein
scharfes Staatsdieneredict gegen dieselben erlasse. Am 18. Mrz war ich bei
der ersten groen Offenburger Volksversammlung und nicht sowohl diese als
die Wiener Nachrichten bewirkten, da ich in der Monarchie berhaupt nur
noch die fliegende Brcke sah, welche zur Republik hinberfhrte; ein
Aufenthalt in Straburg lie mich vor lauter Freude ber die kleinen,
tapfern Franzslein ins Rthliche hinberschillern, jedenfalls htte
Eberhard in Barte nur dann noch ruhig sein Haupt in meinen Schoo legen
knnen, wenn er vorher seiner frstlichen Stellung entsagt und eine Pension
angenommen htte.

"Zuerst putzen und ruchern wir den germanischen Augiasstall tchtig aus,
dann kommen unsere Brder, die Franzosen, wir tragen zusammen die Tricolore
bis zur Weichsel, errichten die Republik Polen, donnern den Czaren hinter
den Ural tief in sein zobelreiches Asien hinein auf Nimmerwiedersehen, dann
einstimmiger Beschlu der verbndeten Franzosen, Deutschen und Slaven: die
etwa noch brigen regierenden Huser der pyrenischen und italischen
Halbinseln haben aufgehrt zu regieren!--allgemeine Einladung an John
Bull, seinen kostspieligen und ziemlich berflssigen monarchischen Flitter
vollends wegzuwerfen, allgemeiner Gehorsam, lauter Freude und Friede, ein
groes Bankett von mindestens 120 Millionen Gedecken zu Ehren des
nordamerikanischen Menschenstaates, ewiges Bndni mit Bruder Jonathan,
friedliches Entwickeln innerhalb der europischen Vlkerfamilie, groartige
Freischaarenzge im Interesse der Freiheit, Bildung und des Wohlstandes
Aller nach andern Erdtheilen, zunchst Zurckfhrung der Kinder Israels ins
gelobte Land und Wiederaufbau eines neuen Jerusalem!"

Dies war, man mag es glauben oder nicht, das Programm meiner und vieler
Andern politischen Gesinnungen und Bestrebungen noch vor dem 1. April 1848.

Vom 18. Mrz an predigte und lebte ich nach dem Thema: "Mitrauen ist des
Brgers erste Pflicht! %Aux armes, citoyens%!"--erwartete von einem
Parlamente voll bedchtiger Professoren, wortklaubender Juristen und
schlangenkluger Aristokraten wenig oder nichts mehr fr Vlkerfreiheit und
die Schlag auf Schlag folgenden Ereignisse sorgten dafr, da mein Fieber
fortdauerte.

An Warnungen und Winken wohlmeinender Mnner fehlte es nicht, die
alltgliche Erfahrung versetzte meinem Idealismus unaufhrlich Ohrfeigen
und Futritte, ich glaubte zu schieben, sollte geschoben werden, entdeckte
es ein bischen zu spt und durch diese Entdeckung an meiner Achillesferse,
dem Hochmuth, tief verwundet, zog ich mich zurck, so weit es anging.
Hecker reiste nach Konstanz, die Schilderhebung fr die Republik war im
Werke, ich griff nach Hirschfnger und Flinte und zog zu Fu ber den
Schwarzwald an den Bodensee, um mit eigenen Augen und Ohren die Stimmung
und Gesinnung des Volkes zu mustern.

Die Reise aus dem betubenden Volkslrm der Rheinebene ber den dnn
bevlkerten und stillen Schwarzwald, durch die von ihren politischen
Huptern abgehetzte Baar und den banger Erwartung vollen Hegau that mir
wohl, obgleich ein Stockblinder den Ausgang des Heckerschen Unternehmens
voraussehen mute.

Unter allen demokratischen Fhrern, welche ich auf der Reise und in
Konstanz traf, fand ich auch nicht Einen, der sich sonderlich auf das nahe
Wiegenfest der Republik freute, doch mit mir glaubten Viele aufrichtig an
sofortigen Uebertritt der Soldaten und an gleichzeitige Ereignisse in
andern Lndern.

In Konstanz verlebte ich unvergeliche Tage und schlo mich dann dem
allmhlig zu Leben kommenden Freischaarenzuge an, lediglich um meine "Ehre"
zu retten und noch mehr, um ein Stcklein Geschichte mit eigenen Augen
werden, wachsen, blhen und vergehen zu sehen.

Der Freischaarenzug lud mir die traurige Rolle eines politischen
Flchtlings auf den Hals.

Gott meinte es gut mit mir, denn ich besa keine Anlage fr einen
eigentlichen Revolutionr, ein leicht erregbares, strmisches Temperament
wrde mich bei lngerm Verweilen im Strudel der Revolution aufgerieben,
weitere politische Thtigkeit leiblich, geistig und sittlich ruinirt haben.

Was der ebenso gelehrte als geistvolle Staudenmaier kurz vor der Revolution
ber diese schrieb, was die gehaltreichen "historisch-politischen Bltter"
und der berhmte Grnder derselben lange vor 1848 von dieser Hydra des
Scheines und der Lge sagten und erstere mit seltener Khnheit fortwhrend
sagten, whrend die Revolution die Vlker verblendete und verfhrte, mu
ich als Wahrheit unterschreiben. Sie verfinstert den Kopf, vergiftet das
Herz, entmenscht und verteufelt das Gemth. Ich habe dies an mir selbst
erfahren und alle Ursache, dem Allmchtigen zu danken, weil Er auf eine oft
wunderbar scheinende Weise mich von Gelegenheiten zu Handlungen fern hielt,
zu denen mich mein politischer Fanatismus htte leicht hinreien und den
nagenden Wurm ewiger Reue in mein Bewutsein werfen knnen.

Weniger mein Verdienst als das meines leitenden Schutzgeistes ist es, da
ich jetzt Allen, welche mich im Frhling 1848 sahen, hrten und auf irgend
eine Weise kennen lernten, ruhig zurufen darf: "Wit Ihr auch nur eine
einzige unehrenhafte, gemeine und verbrecherische Handlung, welche ich
damals zu verhindern vermochte und zulie oder gar selbst beging? Habt Ihr
von mir Eine Rede gehrt, in welcher ich etwa nach dem Beispiele frherer
und gleichzeitiger Republikaner Mord und Todschlag, Plnderung und
Verfolgung Andersgesinnter als Mittel zur Freiheit und zum Volksglcke
_empfahl_? Tretet auf, ihr Artikelschmiede, welche ihr jetzt unter dem
Schutze groer Armeen und einer wohl dressirten Polizei so gewaltigen
Heldenmuth gegen alle miliebigen, wehrlosen Mitmenschen entwickelt!
Versucht es, ob Ihr _meine_ Ehre auch besudeln knnt, es mchte schon der
Mhe werth sein, gibt es jetzt doch in mir einen "Ultramontanen" zu
verspeisen!"

Je weniger Menschen ich vor der Revolution kennen gelernt hatte, desto mehr
lernte ich whrend derselben kennen. Meine Begeisterung fr das "souverne"
Volk und manche Fhrer desselben wurde namentlich whrend des Heckerzuges
und noch weit mehr whrend meines Flchtlingslebens ungemein abgekhlt.
Liebe zur Macht ist keine Freiheitsliebe und hinter den wohlklingenden
Redensarten, womit dem armen Volke Sand in die Augen gestreut und den
Regierenden oft auf eine sehr ungerechte und schdliche Weise das Regieren
erschwert und das Gemth verbittert und verhrtet wird, kann ungemein viel
rohe und verfeinerte Selbstsucht stecken.

Im Lande der Alpen impfte mir das Flchtlingsleben die frher einstudirte
und gnzlich vergessene Wahrheit wieder ein, da Staatsformen an sich
keineswegs ein Volk beglcken und mglicherweise in einer Republik groe
Engherzigkeit, arge Volksunterdrckung und thatschliche Tyrannei jeder
Art, dagegen in einer Monarchie Recht, Freiheit, Wohlstand und Bildung
gedeihen knnen.

Was hilft ein schner Hafen, wenn nichts Rares drinnen steckt?--

Im August 1848 kehrte ich freiwillig in die Heimath zurck und stellte mich
bei den Gerichten derselben Stadt, in der ich meine politischen oder
unpolitischen Hrner zuerst abgerannt, nmlich in Freiburg. Ein
talentvoller und im traurigen Juristengewerbe wahrscheinlich noch nicht
genug verhrteter Untersuchungsrichter schien den ehrlichen Gestndnissen
hinsichtlich meiner persnlichen Theilnahme an hochverrtherischen
Unternehmungen Glauben zu schenken; ich konnte mich auf Thatsachen berufen,
die mir zur Ehre gereichten und der Umstand, da ich kurz vor dem
unerwarteten Ausbruch des Struveputsches freiwillig mich gestellt, mochte
viel dazu beitragen, da ich auf die Liste der zu Amnestirenden gesetzt
wurde.

Nach kurzer Haft bekam ich Stadtarrest und am 18. Oktober 1848 unter der
Bedingung eines gesetzmigen Verhaltens gnzliche Amnestie.

Mit der immer verworrener und hoffnungsloser werdenden deutschen Politik
mochte ich mir keine Mhe mehr geben, ein Doktorhut war mir gleichgltiger
als eine Pfefferdute, etwas fr die Menschheit und mich Ersprieliches
wollte und mute ich jedoch unternehmen, zog in eine entlegene Gegend des
Landes und unterrichtete Kinder, deren Hauslehrer und Vater wegen des
Heckerzuges in der Schweiz herumirrten.

Vom Herbste 1848 bis Mitte April 1849 fhrte ich ein friedliches und
glckliches Schulmeisterleben, alsdann machte ich eine Ferienreise nach
Freiburg, vorzglich um den Prozessen einiger mir bekannten politischen
Persnlichkeiten beizuwohnen und blieb bis zum Ausbruch des Maiaufstandes,
an welchem ich mich wiederum betheiligte, obwohl in sehr untergeordneter
Weise.

Wer sich von einem gromthigen Staatsoberhaupt unter der Bedingung eines
gesetzmigen Verhaltens begnadigen lt und spter doch wieder gegen
seinen Wohlthter durch Theilnahme an einem Aufstande sich versndigt,
gerth bei allen Redlichen leicht in den Verdacht, sonderbare Begriffe von
Ehre und jedenfalls ein weites Gewissen zu besitzen.

Wem Amnestie bei so schwerer Betheiligung an der Revolution zu Theil wurde,
wie dies bei mir der Fall gewesen und wer zum _zweitenmal_, wenn auch in
der untergeordnetsten Weise an einer Revolution sich betheiligt, gehrt
nach meiner Ansicht von Gott und Rechtswegen geradezu in ein entehrendes
Zuchthaus.

Wie verhlt sich dies nun bei mir? War ich des Zuchthauses nicht wrdig?--
Wahrheit sei mein Leitstern und wer immer mich der geringsten Lge zu
zeihen vermag, soll den Antrag stellen, da ich als der Gnade des Frsten
unwrdig wiederum ins Zuchthaus spedirt werde, um dort die an der Strafe
geschenkten Jahre auszuhalten.

Weder mein Urtheil noch meine Richter kann und will ich im mindesten
angreifen, ich beginge damit das grte, fragwrdigste Unrecht; aber gegen
jenes Gesetz, welches rein politische Verbrecher, mit deren Handlungen
weiter keine ehrlose That oder gar ein gemeines Verbrechen concurrirt, ins
Zuchthaus spricht, glaube ich im Interesse der Menschheit, des Rechtes und
meiner eigenen Person protestiren zu mssen und zu drfen.

Ich habe mein der badischen Regierung gegebenes Versprechen eines
gesetzmigen Verhaltens nicht gebrochen, obwohl meine Theilnahme am
Aufstande des Sommers 1849 stark dagegen zu sprechen scheint.

Die Gegend, in der ich vom Sptherbste 1848 bis Mitte April 1849 und noch
spter lebte, gehrte meines Wissens schon vor der Revolution zu den
Wahlbezirken der Opposition; bekanntlich haben sich die Bewohner desselben
sehr lebhaft am Heckerzuge betheiliget, den flchtigen Hecker beharrlich
zum Mitgliede des Frankfurterparlamentes whlen helfen und wrden sich ohne
Dazwischenkunft des einflureichen Flchtlings W. wohl bedeutender auch am
Struveputsch betheiliget haben, als dies wirklich der Fall gewesen ist.

Bei meiner Ankunft fand ich den an Geld und Gut wie an Einflu reichen, zum
Heckerzuge wahrhaft gepreten W., dessen Shne ich unterrichtete, sammt
andern politischen Fhrern des Bezirkes flchtig, die revolutionre
Gesinnung in reichlichem Maae vorhanden und knnte ich eidlich beschwren,
innerhalb 6 Monaten weder Ein conservatives Wort gehrt noch von einer
konstitutionellen Parthei das Mindeste gesehen zu haben. Es fehlte
lediglich an einem organisirenden und leitenden Kopfe, um diese zwischen
die Schweizerkantone Zrich und Schaffhausen eingekeilte, politisch und
noch mehr militrisch wichtige Gegend mit den ppig auftauchenden und unter
sich immer enger verbundenen demokratischen Vereinen des Landes in
Wechselverkehr zu setzen. Man traute mir Fhigkeit und Beruf hiezu von mehr
als einer Seite her zu, ich htte es sogar versuchen und durchsetzen
knnen, ohne mein der Regierung gegebenes Wort zu brechen, denn die
demokratische Organisation lie sich damals innerhalb der Schranken der
bestehenden Gesetze sehr leicht vornehmen.

Ich habe niemals den leisesten Versuch hiezu gemacht.

Es liee sich sagen, ein so unangesehenes Menschenkind meiner Art wrde
nicht Ansehen genug gehabt haben, um politischer Fhrer zu werden. Diesem
Einwande widersprchen frhere Ereignisse, auch liee sich an das
Sprichwort denken: Probiren geht ber Studiren, doch soll er gelten; ferner
liee sich sagen, der Flchtling W. als der einflureichste Mann der Gegend
wrde mein Thun nicht gebilliget haben und dies wre mglich, denn der
Vater meiner Zglinge ist trotz seines demokratischen Auftretens, durch
welches er sich in ein leider noch jetzt fortdauerndes Unglck gestrzt
hat, sein Lebenlang kein inwendiger Demokrat, hchstens ein schlichter
Liberaler und mit dem Herrn Amtsverweser ganz einverstanden gewesen im
ruhigen Leben. Allein das demokratische Organisiren war gesetzlich, der
Vater meiner Zglinge noch lngere Zeit flchtig und ich keineswegs Einer,
der ein Stcklein Gnadenbrod bei ihm a und ihm hinsichtlich meines
politischen Verhaltens Rechenschaft abzulegen hatte. Vieles lud zu
Versuchen ein, eine politische Rolle zu spielen.

Ich lebte ebenso unabhngig als glcklich in Herrn W's Hause und kann
beweisen, da ich meine Pflicht als Lehrer mit strenger Gewissenhaftigkeit
erfllte, die Kinder sogar zum Kirchengehen und Religionsunterrichte
anhielt, was auerhalb bernommener Verpflichtungen lag.

Im naheliegenden Amtsorte gab es einen Volksverein und keinen andern, in
meinem Wohnorte dagegen tauchte trotz der allbekannten Gesinnung der
Einwohner vor dem Mai 1849 kein politischer Verein irgend einer Art auf.

Was meine Wenigkeit anbelangt, las ich wochenlang keine Zeitung, lie mich
mondenlang kaum in ein politisches Gesprch ein, besuchte den Volksverein
des Amtsortes auch nicht ein einziges mal, geschweige, da ich Mitglied
irgend eines Vereins wurde und habe nicht einmal eine Petition jener
petitionenreichen Tage verfat oder unterzeichnet.

Benutzte ich vielleicht die Nhe der Grnze, um mit Flchtlingen zu whlen?
Bekanntlich ist die Schweiz unschuldig am badischen Maiaufstande, derselbe
ging von Mannheim aus und fing in der Residenz an, die Zahl der Flchtlinge
war sehr gering in Schaffhausen und Zrich, zwei Ausflge dorthin und drei
dahin brachten mich in Verbindung mit 3 ganzen Flchtlingen, nmlich mit
dem Vater meiner Zglinge und 2 Studienfreunden, von denen Einer in den
ersten Monden des Jahres 1849 nach Amerika ging.

Gegen den Frhling hin thaute ich wieder etwas auf, suchte Menschen fand
dieselben zumeist in den Wirthshusern, deutsche und schweizerische
Republikanerbltter und aufregende Ereignisse liehen Stoff zu Gesprchen
und weil mein Thun keineswegs mit meinen politischen Gesinnungen
harmonirte, sondern lediglich durch mein gegebenes Versprechen eines
gesetzmigen Verhaltens und meine gleichmige Verachtung aller damaligen
politischen Partheien und feigen Windfahnen insbesondere bedingt war, so
mag ich zuweilen durch derbe Redensarten Diesem oder Jenem wehe gethan
haben, der es nicht verdiente aber verga, wohl auch verdiente, aber nur
bis auf andere Zeiten scheinbar verga.--

Im April fand ich in Freiburg ein sehr bewegtes politisches Treiben und
Whlen, zahlreiche Bekannte, neben alten Freunden mehr als Einen, der
meinen Miggang in politischen Dingen hart und bitter tadelte, mir bereits
offener oder heimlicher Feind geworden war oder wurde, weil ich Allem
zusah, zuhrte und stumm und unthtig blieb in beharrlicher Neutralitt.

Die Verhandlungen der armen, verhetzten Soldaten begannen, ich warnte meine
Bekannten unter denselben vor Unbesonnenheit, reiste beim beginnenden Sturm
von Freiburg ab und sa am Tage der Offenburger Volks- und
Soldatenverbrderung im Mai 1849 bereits wieder in meiner Schulstube.

Obwohl ich meinen Credit als Republikaner bei Hecker und manchen Andern
schwer eingebt, wre es mir doch ein Leichtes gewesen, bei der
provisorischen Regierung irgend ein Aemtlein zu erschnappen, mindestens als
Commissr mit dreifarbiger Leibbinde und klirrendem Schleppsbel Brgern
und Bauern einen nagelneuen, hochgebietenden Herrn zu zeigen. Ich that es
nie.

Das Herz glaubt so gerne, was es wnscht!

Lgenhafte und prahlerische Zeitungsberichte gaben mir wieder eine bessere
Meinung von den Menschen, die Dinge im Lande sahen von meinem Winkel aus
betrachtet prchtig und vielversprechend herein, ich glaubte an eine
baldige Vershnung aller politischen Partheien, an Verzichtleistungen, eine
sddeutsche Foederativ-Republik, wei Gott, was ich nicht Alles ferne vom
Schauplatze so ernsthaft glaubte, wie mancher schweizerische Landjger, der
mich um Neuigkeiten bat, welche ber Nacht zum Heil der Vlker vom Himmel
gefallen.

Ich glaubte ernsthaft nicht das Gelingen, sondern das Gelungensein des
Maiaufstandes; die Stellung, welche der Landesfrst mit seinen Rthen der
Bewegung gegenber annehmen wrde, war mir jedoch noch nicht klar und als
diese Gewissenszweifel verschwanden, dachte ich, der Staat habe Diener
genug, bedrfe keines Schulmeisters, im Nothfalle hchstens eines
Freiwilligen mehr.

Als ich die Proclamationen der neuen Regierung las, die Karlsruher Zeitung
als deren Organ sammt den regelmig fortlaufenden Nummern des
Regierungsblattes in altem Format und neuem Style mit Entzcken verschlang,
die bisherigen Beamten und Behrden unseres Bezirkes friedlich huldigen
sah, ohne da eine ernstliche Weigerung eines groherzoglichen Dieners oder
irgend eine Drohung von Seiten des Civilcommissrs stattfand und als ich
zuletzt Aktenstcke aus der Residenz in die Hnde bekam, unter welchen
hochachtbare Namen im Staatsdienste beinahe ergrauter Herren standen und
von friedlichen Unterhandlungen der "provisorischen" Regierung mit dem
Groherzog viel Trstliches vernahm--da hielt ich mich ehrlich und
aufrichtig meines Versprechens vom 18. Oktober 1848 ganz und gar entbunden,
denn gegen eine nicht mehr bestehende Regierung kann es keine
Verpflichtungen mehr geben, der Unterthan aber hat niemals nach dem
_Ursprunge_ seiner Regierung zu fragen, sondern nur zu gehorchen. Dieses
lehrt ja der Staatslehrer Zachariae, der gewi ein groer Jurist und meines
Erachtens ein sehr winziger Demokrat war. Mein Herz hatte der alten
Regierung niemals gehrt, solcher Mangel mag ihr wenig geschadet haben,
jedenfalls war ich an ihrem Sturze im Jahr 1849 so unschuldig wie ein
neugebornes Kind, doch der neuen, aus der Ferne anfangs so prchtig und
groartig aussehenden Regierung war ich mit Leib und Seele ergeben und
glaubte, es sei Pflicht und Schuldigkeit, derselben Dienste zu leisten,
wenn kein Anderer und Besserer als ich zu finden und ich ausdrcklich dazu
aufgefordert wrde.

Meine Ansichten und Gesinnungen sprach ich am 27. Mai 1849 in einer Rede
ber die jngsten Ereignisse vor einer groen Volksversammlung aus,
rcksichtslos, derb und hinsichtlich der Thatsachen, welche ich ja nur vom
Lesen und Hrensagen kannte, vielfach unwahr. An Hochverrath dachte ich bei
dieser Rede so wenig, da ich einen Entwurf derselben hbsch in eine Mappe
legte und spter selbst in die Hnde des Amtsverwesers durch genaue Angabe
des Verwahrungsortes liefern half.

Mir ist es blo darum zu thun, den Beweis zu liefern, da ich als
Amnestirter mein der Regierung geleistetes Versprechen eines gesetzmigen
Verhaltens keineswegs mit Wissen und Willen gebrochen, folglich in dieser
Hinsicht die Pflicht der Ehre nicht verletzt habe.

Meine Betheiligung am Aufstande sammt Untersuchung und Urtheil sollen und
knnen hier nicht besprochen werden. Eine Verffentlichung smmtlicher
Akten wrde mir eher angenehm denn zuwider sein, weil einerseits daraus
hervorginge, da mich die zahreiche [zahlreiche] Armee in Baden sammt dem
Standgerichte nicht im mindesten abhielt, mich zu meinen damaligen
Gesinnungen und mit Recht angeklagten Handlungen mit einem Trotze zu
bekennen, der sich lediglich durch meine Verblendung und Glauben an mein
gutes Recht entschuldigen liee. Anderseits mchte eine derartige
Verffentlichung aber ebenfalls zeigen, da meine Vergehen rein politischer
Natur und mit keiner an sich ehrlosen Handlung oder gar mit einem gemeinen
Verbrechen im geringsten Zusammenhange seien.

Ich sah die letzten Tage des deutschen Parlamentes und der provisorischen
Regierung, den ordnungslosen Rckzug des Insurgentenheeres, das Lager bei
Baltersweil, den Uebergang ins Schweizerland, aber ich dachte nicht daran
ein Flchtling zu werden.

Spter nannte ich im Kerker mein Dableiben den allerdmmsten Streich meines
bisherigen Lebens, zumal ich schon im Frhling 1849 zur Auswanderung nach
Amerika entschlossen und im Juli eine angenehme Gelegenheit fr mich da
war, um mit einer befreundeten Familie wohlfeil fortzukommen; der Stolz
mich vor keiner menschlichen Macht oder Uebermacht zu beugen, wo ich in
meinem Rechte zu sein glaube, die Einsicht, da bei der ungeheuern Zahl der
Theilnehmer des Maiaufstandes ein politischer Proze vom Standpunkte des
Rechts und der Gerichte, die ja mit Ausnahme Eines [eines] Gerichtshofes
der provisorischen Regierung ebenfalls gehuldigt und ungeschoren
fortfunktionirt hatten, unmglich sei, die Hoffnung, da man bei einer
politisch allerdings sehr zu rechtfertigenden Verfolgung Einzelner
anerkenne, da ich als Amnestirter meine Pflicht nicht verletzte und das
Bewutsein, mich whrend des Maiaufstandes keineswegs zu einer Rolle
hingedrngt und noch weniger eine auffallende Rolle gespielt zu haben--dies
Alles bewog mich, die Ankunft der preuischen Truppen ruhig zu erwarten.

Am 13. Juli 1849 lie mich der Amtsverweser verhaften, am 20. kam ich auf
den Transport nach Freiburg, am 21. fiel es einem churhessischen Offizier
ein, mich ohne den mindesten Anla von meiner Seite am frhen Morgen in
Sthlingen mit Handschellen zu bedenken und zu seinem Privatvergngen eine
starke halbe Stunde vor seinem Hause gleichsam an den Pranger zu stellen.
Der Amtmann wollte nichts von Beschwerde hren; ich verzeihe es ihm sammt
seinem energisch ausgedrckten Herzenswunsche, da es mir und meinem
Leidensgefhrten "recht schlecht" ergehen mge, verzeihe auch gern Anderes,
was mir vom churhessischen und mecklenburgischen Militr sehr unnthig
angethan wurde und mit soldatischer Biederkeit nicht sonderlich viel zu
schaffen hat.

Am 22. Juli kamen wir noch immer geschlossen, mit einer Eskorte, als ob ich
und der gefangene Bauer am Jahr 1848 und 1849 dazu Vaterstelle vertreten
htten, in Freiburg an und lebte als Kriegsgefangener 7 Monate unter den
Preuen, ber deren strenge Aufsicht nur ein Narr klagen knnte, whrend
alle Kriegsgefangenen Freiburgs hinsichtlich der ehrenhaften und
menschlichen Behandlung von Seite der Offiziere und Soldaten wohl
einstimmig sein und bleiben werden.

Ehre und Dank den preuischen Offizieren und Soldaten!--

Im September ward ich den ordentlichen Gerichten berantwortet, im October
jedoch, obwohl ich in meinem allerersten Verhre Alles gesagt hatte, was zu
sagen war und worauf spter das Urtheil sich sttzte, vor die
Untersuchungskommission des Standgerichtes gestellt, im November in Folge
einer Verschiebung des Gerichtstages und einer Verordnung des hchstseligen
Groherzogs abermals den ordentlichen Gerichten berwiesen. Am 28. Januar
1850 wurde mir das hofgerichtliche Erkenntni erffnet, welches auf _acht_
Jahre gemeinen _Zuchthauses_ lautete. Ich verzichtete auf einen
Vertheidiger und vertheidigte mich selbst bei der hchsten Instanz, jedoch
in einer so unklugen und trotzigen Weise, da ich meine verbrecherische d.
h. revolutionre Gesinnung dadurch abermals unwiderlegbar constatirte und
eher Schrfung des Urtheils frchtete als Milderung hoffte.

Am 16. Februar 1850 schlpfte ich in die entehrende Strflingsjacke,
nachdem ich schon seit September 1849 innerhalb der Mauern des Zuchthauses
als Untersuchungsgefangener geweilt hatte. Im Sommer kam die Besttigung
meines Urtheils von Seite des hchsten Gerichtshofes, im August 1850 wurde
ich in das Zellengefngni nach Bruchsal versetzt und blieb daselbst bis
zum 13. April 1852.

Sterbend hat der edle, unvergeliche Groherzog Leopold, dessen wahrhaft
adelich gesinnte _Persnlichkeit_ weder von mir noch, laut meiner gewi
nicht armen Erfahrung, selbst von den wildesten Republikanern Badens jemals
angegriffen, sondern hochgeachtet und geliebt wurde, mich auf meine dritte
Bittschrift hin mit 16 Andern begnadiget.

Nach 33 Monden einer leidensvollen, jedoch schon 1848 wohlverdienten und
fr mich durch Gottes Gnade hchst segensreichen Gefangenschaft durfte ich
zum erstenmal wieder ehrliche Kleider anziehen, ohne Hter herumlaufen und
frische Luft schpfen, wo es und wieviel mir beliebte.

Am 13. April und zur Stunde fast noch mehr empfand ich und empfinde,
wieviel ich dem in Gott ruhenden Frsten verdanke, denn meine Bestrafung
und zwar gerade in der Art und Weise, wie dieselbe stattfand, war von Seite
der Menschen gerecht und milde, und zugleich der Quell meines zeitlichen
und ewigen Glckes und zudem sind tausend Kerkernchte zwar kein Spa,
sondern furchtbarer Ernst, allein es sind noch lange keine 8 Jahre.

Weder vor noch whrend der Revolution beging ich jemals eine an sich
entehrende Handlung oder gar ein gemeines Verbrechen; ich glaube gezeigt zu
haben, da ich als Amnestirter des Jahres 1848 keinen Wortbruch gegen die
badische Regierung %mala fide% beging; ebensowenig brach ich jemals einen
Eid, weil der Huldigungseid, den ich im August 1852 schwor und gewissenhaft
zu halten gedenke, mein allererster Eid war, den ich whrend meines Lebens
ablegte.

In diesen Thatsachen liegt die subjective Begrndung der Protestation,
welche ich gegen die Anwendung jenes Gesetzes, das reinpolitische Vergehen
mit _entehrenden_ Strafen belegt, fortwhrend erhob.

Groe Rechtsgelehrte verfechten den Grundsatz, da politische Verbrecher,
insbesondere wenn dieselben an einem allgemeinen Aufstande Antheil nahmen,
vom Standpunkte der Rechtsidee aus nur dann mit Entehrung bestraft, mit
Spitzbuben und Mrdern in Eine [eine] Reihe gestellt werden sollen, wenn
sie an sich entehrende Handlungen und gemeine Verbrechen gleichzeitig
begangen haben. Dieser Grundsatz ist in den Gesetzgebungen der meisten
civilisierten Lnder, wie Belgien, Preuen und Wrtemberg in mehr oder
minder ausgedehntem Grade anerkannt; meines Wissens zog auch die frhere
badische Gesetzgebung hierin sachgemere und ausgedehntere Unterschiede
als die jetzige, doch die Liberalen der zweiten Kammer dachten an
verantwortliche Minister und lieen der Regierung keine Ruhe, bis das
Zuchthaus fr reinpolitische Vergehen recht in Flor kam.

Die objective Begrndung der Ungerechtigkeit eines derartigen Gesetzes mag
den Rechtsgelehrten berlassen bleiben und ist oft genug geliefert worden.
Wenn ich vom Standpunkte des Rechtes hinsichtlich meiner Person in alle
Ewigkeit meine Verurtheilung zum _Zuchthause_ lediglich als _Gewaltthat des
Gesetzes_ betrachten und dagegen protestiren mu, so mag eine kurze
Aufzhlung der praktischen Folgen obigen Gesetzes zeigen, da es nicht
minder unzweckmig als ungerecht und recht eigentlich gegen das wahre
Interesse der badischen Regierung gerichtet sei.

Ich habe die Belehrung ber die praktischen Folgen nicht aus dem kleinen
Finger gesaugt sondern whrend und nach der Gefangenschaft aus der
alltglichen Erfahrung geschpft.

Um Alles in Einen Ausdruck zu fassen, mchte ich sagen, das Zuchthaus an
sich sei durch die Vermischung gemeiner und politischer Verbrecher
demoralisirt worden.

Die Schlimmen unter den gemeinen Verbrechern fragen nicht das Mindeste nach
ihrer Entehrung, weil mit ihrem ganzen Wesen sich auch ihre Begriffe von
Ehre in das Gegentheil dessen verkehrt haben, was sein sollte. Dagegen
fhlten gerade die Gottlob zahlreichen Bessern und Besserungsfhigen die
Wucht der Entehrung mehr oder minder stark, was auf Abschreckung und
Besserung wohlthtigen Einflu hatte und haben mute, insofern ihr Gewissen
ihnen eine an sich ehrlose Handlung vorwarf und sie an einen gerechten Gott
mahnte.

Mit der Ankunft reinpolitischer Verbrecher wurde dies ganz anders. Weil
selbst die gemeinsten Spitzbuben solche Ankmmlinge, von denen die Meisten
frher niemals vor Gericht als Angeklagte gestanden und Manche als
wohlhabende und angesehene Leute bekannt waren, nicht als Ihresgleichen zu
betrachten vermochten, so sahen die gemeinen Verbrecher ihre Entehrung wenn
nicht gesetzlich doch moralisch aufgehoben. Durch die Wahrnehmung, da auch
die rohesten Aufseher durch ihr Benehmen unwillkrlich verriethen, es
bestnden unsichtbare Unterschiede zwischen politischen und andern
Gefangenen, steigerte sich das Bewutsein der Ehrbarmachung bei den
gemeinen Verbrechern, die unsichtbaren Unterschiede erzeugten recht
sichtbare, dadurch litt die Hausordnung, und die Erreichung der
verschiedenen Strafzwecke ward vielfach beeintrchtiget.

Manche politische Gefangene knirschten gegen ein ungerechtes Gesetz, dessen
Opfer sie geworden, die Meisten jedoch gewhnten sich an die neue
Sippschaft und lachten ob der Absicht des Gesetzes, denn sie wuten ganz
gut, ihre Freunde auerhalb des Zuchthauses dchten gar nicht, ihre Feinde
nur scheinbar an _Entehrung ohne ehrlose Handlungen_ und fuhren fort, die
Regierung keineswegs als eine ber politischen Gegenstzen stehende Macht,
sondern lediglich als feindselige politische Parthei zu betrachten. Die
Besserung eines politischen Verbrechers besteht wesentlich in
Vershnlichkeit und Aenderung politischer Gesinnung, aber die Thatsache der
Zuchthausstrafe schien mchtig dagegen zu reden, da die Regierung irgend
ein Gewicht auf Vershnlichkeit und Gesinnungsnderung legte, nachdem sie
ihre geschlagenen Feinde den Dieben und Rubern gleichgestellt hatte.

Ich bin aus guten Grnden nicht sonderlich fr die Abschreckungstheorie
eingenommen; will man dieselbe auf politische Verbrecher jedoch anwenden,
so mu man lieber mit Kugeln und Stricken als mit Zuchthusern dreinfahren,
wenn man fr die _nchste_ Zeit sich heilsame Wirkungen von jener
geschichtlich und rechtlich lngst abgeurtheilten Theorie verspricht.

Manch unsichtbarer Held der Jahre 1848 und 1849 und meinethalben ehrlicher
aber jedenfalls ungeschickter und unchristlicher Wtherich der Ordnung und
Ruhe schreibt heutzutage heldenmthige und _hchst beunruhigende_ Artikel
ber die Unverbesserlichkeit und Vernichtungswrdigkeit der "ehrlosen,
gottvergessenen" Demokraten und knnte ein Blinder meinen, Demokrat und
Revolutionr seien ganz gleichbedeutende Worte und ein Demokrat von
vornherein der Teufel in hchsteigener Person, mindestens ein Unchrist und
Taugenichts.

Ich fr meine Person lache ber dergleichen federfuchsende Narren oder
verachte solche umgekehrten Jakobiner, denn mit den deutschen Demokraten
ist's noch nicht halb so arg, als man gerne redet oder auch gerne htte und
anstrebt. Ich habe sogar unter Freischrlern bei uns nicht Einen
heimtckischen, meuchelmrderischen Italiener, wenig herzlose Franzosen und
nicht viele wilde Ungarn getroffen, denn der Deutsche ist und bleibt ein
Deutscher, leidet als Revolutionr oft bei weitem mehr am Kopfe als am
Herzen, besitzt hufig ein tiefes, aber verwildertes Gemth, liee sich
jedoch durch bessere Belehrung, menschliche Behandlung und christliche
Liebe gar nicht schwer gewinnen, zumal der Deutsche berhaupt ein
"politisches Thier" des Aristoteles niemals wird, sondern glcklicherweise
im engen Kreise seines Berufes und im stillen der Familie gerne recht ruhig
und harmlos lebt.

Im Zuchthause bewhrte mancher politische Gefangene brigens nicht etwa
Religion und lblichen Abscheu vor Verbrechen, sondern weit eher
Geisteshochmuth und Lieblosigkeit gegen gemeine Verbrecher. Dadurch kam
viel Unfriede, Zwietracht und Ha unter die Bevlkerung und wre Einflu
und Mhe der Angestellten und Beamten minder gro, die Hoffnung auf
Begnadigung nicht so gar lebhaft, die Zahl der Politischen und die Macht
der Bildung kleiner gewesen, so wrden arge und schreckliche Auftritte
vorgekommen und das Zuchthausleben zu einem Leben in einer Mrdergrube oder
in der Hlle geworden sein. Jedenfalls haben die Meisten meiner
Leidensgefhrten wenig fr religise Erhebung und sittliche Ermannung
[Ermahnung] der gemeinen Verbrecher gethan und war mehr als Einer der
gemeinen Verbrecher besonders unter den unvorstzlichen Todtschlgern ein
weit besserer und wohl auch achtungswertherer Mensch, denn mancher
sogenannte Mrtyrer einer zweideutigen Freiheit.

Die schdlichste Wirkung des von mir angefochtenen Gesetzes beobachtete ich
seit der Zeit meiner Befreiung. Einerseits bewiesen entlassene gemeine
Verbrecher, da sie die keineswegs vllig grundlose Ansicht von der
politischen Natur aller Verbrechen aus dem Straforte in die Freiheit
getragen, anderseits bemerkte ich eine groe Abstumpfung gegen die Schande
im Zuchthause gewesen zu sein nicht nur bei Entlassenen, sondern bei den
niedern und mittlern Volksklassen berhaupt.

Die Tagesbltter reden genug davon, die Revolution sei keineswegs todt,
sondern nur momentan gefesselt und gelhmt; Ereignisse der
schauderhaftesten Art sprechen dafr und ein Christ darf und mu sagen, die
Revolution sei erst dann besiegt, wenn die Hlle eine vllige Niederlage
erlitten haben werde. Das Bse schreitet in groen moralischen Krpern wie
in Einzelnen mit einer gewissen immanenten Dialectik und logischen
Gesetzmigkeit vorwrts; das an sich Gute geht in leisen, allmligen
Uebergngen zum minder Guten, Gemischten und wirklich Bsen, endlich zum
Teuflischen fort und so kann ein Staat die Lebenskeime der Revolution in
seinem Schooe hegen und groziehen, ohne da er darum wei und es will,
ebenso der Einzelne durch die Verletzung seines rechtlichen und Emprung
seines sittlichen Gefhles allmlig und leise, in Uebergngen, welche er
spt oder niemals gewahr wird, aus einem ruhigen Brger zum Revolutionr
werden. Diese Thatsache hat folgenschwere Consequenzen und eine derselben
heit, da ein Staat, welcher durch ungerechte und unzweckmige Gesetze
und Verfahrungsweisen das rechtliche und sittliche Gefhl seiner Brger
verletzt, an seinem eigenen Untergange unbewut arbeitet.

Ein ungerechtes und unzweckmiges Gesetz in Baden spricht reinpolitische
Verbrecher ins Zuchthaus und wer am allerwenigsten Vortheil daraus zieht,
das ist die Regierung, daher wende sie ihre Aufmerksamkeit auf dieses
Gesetz!--

Soviel von meinen Erfahrungen, soviel auch von meinem ueren Leben. Was
meine innere Geschichte betrifft, die mit der uern im engsten
Zusammenhange steht, so will und mu ich hier nur den hauptschlichsten
Moment, nmlich den religisen berhren, um ber meinen Standtpunkt keinen
Zweifel mehr brig zu lassen.

Geborner Katholik geno ich als Kind eine strengkatholische Erziehung, doch
schon im Knabenalter verlor sich der naive Glaube des Kindes zunchst in
einem uerlichen Gebahren, dann in Mangel an Verstndni der katholischen
Religion, welcher in den Jnglingsjahren zur Gleichgltigkeit gegen alle
positive Religion, endlich zur Verachtung derselben und zum Hasse gegen die
eigene Kirche sich steigerte. Schicksale und Staatsschulen verbanden sich
mit dem in mir liegenden und unruhig werdenden Keime des Bsen, um mir
zuerst den lebendigen, dann den unlebendigen Glauben an Christum den
Gottessohn zu rauben und endlich an die Stelle dieser allein beseligenden
Wahrheit einen wechselnden Mischmasch der beweglichen Weisheit unserer Zeit
zu setzen.

Ich beklagte den ungeheuern Verlust nicht, weil ich ihn nicht kannte und
die Gre aller Folgen desselben so wenig als viele andere Jugendgenossen
zu bemessen vermochte. Ich glaube whrend meiner ganzen Studienzeit kaum
Einmal recht vorbereitet zur Beichte und wrdig zum Tische des Herrn
gegangen zu sein.

Nicht als ob die Vorbereitungsschulen zur Universitt mich durch das Lesen
klassischer Schriftsteller mit Vorliebe, _bewuter_ Vorliebe fr das
Heidenthum erfllt htten. Nein, ich fand nur drei vortreffliche Lehrer,
welche mich und Andere durch elende Wortklauberei und sehr geistlose
Conjunctivenjagd mit ihren alten Schriftstellern nicht tdtlich
langweilten. Erst auf der Hochschule lehrte mich der ausgezeichnete Bruder
des nicht minder ausgezeichneten und weit berhmteren Philosophen Feuerbach
in die Weltanschauung und in das innere Leben der Alten hineinblicken. Ein
mangelhafter Religionsunterricht brachte mich so weit, da ich als
18jhriger Mensch die Artikel des Glaubensbekenntnisses nicht mehr wute,
die Mehrzahl anderer Lehrer trug dazu bei, mich in religisen Dingen zu
einer %tabula rasa% zu machen, welche ich instinktmig durch Lectre
vieler Klassiker des modernen Europa, deren wahrhaft inneres Verstndni
mir auch noch nicht zuzumuthen war, von selbst auszufllen strebte.

Kurz vor dem Bezuge der Hochschule lud mir Gott verschiedene Arten von
Elend auf den Hals, gab mir den ersten und letzten eifrigen und leider zu
spt kommenden Religionslehrer, den ich auf den Vorbereitungsschulen fand;
ich war trotz meines Unglaubens ganz ernstlich gesonnen, ein Diener der
Kirche zu werden. Der stets auch im Mangel an grndlichen Kenntnissen
wurzelnde Geisteshochmuth gab mir und Andern damals den Gedanken ein,
dereinst Reformatoren der Kirche untersttzen zu wollen, doch die
Restauration in Freiburg, welche man "theologisches Convict" zu nennen
beliebte, gefiel mir nicht, manche Gste gefielen mir noch weit weniger,
die tiefe Gelehrsamkeit eines Hug entmuthigte, die prinzipielle
Entschiedenheit eines Staudenmaier, der meine Herzkfer, die deutschen
Klassiker und besonders das junge Deutschland in ihren tiefsten Abgrnden
enthllte, emprte mich und die Philosophie erffnete mir eine kaum geahnte
Welt voll Licht, Klarheit und Seligkeit--des Scheines.

Ich entschied mich fr gar kein bestimmtes Fach und studirte, als ob ich
Rothschilds leiblicher Sohn wre, whrend ich wochenlang keinen Knopf in
der Tasche trug, hrte philosophische, juristische, philologische und
theologische Vorlesungen und las die Schriften berhmter Theologen
lediglich, um als tiefsinniger, strebsamer Kopf zugelten und den
Mitstudirenden recht imponiren zu knnen.


Das rechte Verstndni theologischer Schriften setzt lebendigen Glauben
voraus, dieser mangelte mir tglich mehr, dehalb legte mir meine Eitelkeit
Riesenarbeiten auf, aber ich bernahm dieselben, denn Geisteshochmuth wurde
tglich mehr der Kern meines Wesens und Thuns, die Achtung meiner Lehrer
und die Bewunderung meiner Mitschler wurde Nektar und Ambrosia meines
geistigen Lebens.

Armseliger, unglcklicher Mensch, der ich war!--

Hatte ich das Beichten schon auf den Vorschulen als leidiges, unntzes
Geschft betrachtet, so lie ich die Glocken am Sonntage als Hochschler
gemthlich brummen und ging hchstens in die Kirche, wenn eine hbsche
Messe anzuhren oder gar ein Prediger sammt Predigt zu critisiren war. Im
Collegium ber Kirchengeschichte und in der Kneipe nahm ich fr jeden
Ketzer immer eifriger Parthei, wenn die Ketzerei nur auch ein Fnklein
Geist in sich schlo und begriff tglich weniger, wie manche brave,
gebildete, kenntnireiche und theilweise sehr begterte Bursche meiner
Gesellschaft Theologen bleiben konnten, ohne vor Langweile zu sterben.

Unter solchen Umstnden mute Ronge mein Apostel werden.

Mit einem vor freudigbangen Erwartungen zitternden Herzen wohnte ich bei
Konstanz dem "Concilium am Subach" bei, sah den groen Reformator, hrte
ihn, fand denselben sehr unbedeutend; sein College Dowiat kam mir als
"anmaender Schwung", mancher Deutschkatholik, der seit Jahren nicht einmal
mehr die Augustinerkirche betreten hatte und jetzt gar andchtig mit
gefalteten Hnden zum Tische des Herrn Ronge ging, als ein Reinecke Fuchs
vor--Heuchelei habe ich von jeher tdtlich gehat, meine Opposition gegen
den Deutschkatholizismus war entschieden.

Ich blieb Katholik dem Namen nach, wurde geistig immer mehr zum Heiden und
wrde auch sittlich vllig verkommen sein, wenn ich ein minder ernstes
Temperament, mehr Geld und vor allem weniger Ehrgeiz gehabt htte.

Aller positiven Religion baar und ledig, in der letzten Zeit von Spinoza
begeistert, kam ich nach Heidelberg. Der katholischen Kirche und deren
Lebensuerungen stand ich gegenber wie ein junger, unerfahrener Reisender
den Ruinen des Riesentempels von Karnak mit seinen unheimlichen Sulen und
der wunderlich besternten lasurblauen Decke, der ein befremdendes Gerusch
vernimmt, den Einsturz einer alten Sule, das Hervorbrechen eines
dummwthigen Raubthieres oder das Heranwinden einer giftigen jesuitischen
Viper befrchtet.

In Heidelberg studirte ich unter Beihlfe der Hochschullehrer Schlosser,
Huer, Kortm, Gervinus und Hagen namentlich Geschichte und diesen
groentheils hochberhmten und mit Recht gefeierten Mnnern verdanke ich
hinsichtlich meiner wissenschaftlichen Bildung sehr Vieles; der
ausgezeichnete Philolog und unbertreffliche Menschenfreund Hofrath Bhr
trug durch sein edles Benehmen gegen mich dazu noch bei, da mein wankender
Glaube an die Menschheit nicht vollends zertrmmerte.

Ich wute Manches, vielleicht Vieles und die innere Leere sagte mir doch,
da ich nichts wte, nichts wre als ein berflssiges Atom in der
Schpfung, nichts bese als ein gequltes Herz, dessen Sehnen ich damals
noch nicht recht verstand. Es war eine trbe Zeit, ich arbeitete Tag und
Nacht oft genug in der Absicht, mich durch Arbeiten aufzureiben.

Ich war geborner Katholik und kannte Christum nicht.

Ich suchte Prinzipien, leitende Fden der Geschichte der Menschheit und der
Einzelnen und solches Streben trug wohl Vieles zu einer eigenthmlichen
Auffassung der geschichtlichen Vortrge gelehrter und geistvoller
Protestanten bei.

Jetzt erst erschlo sich mir die groartige Weltanschauung der
mittelalterlichen Kirche und ich lernte die staunenswrdigen Leistungen
derselben fr die barbarischen Vlker Europas kennen, welche sich aus dem
argen Wirrwarr der Vlkerwanderung allmhlig und langsam zu reinern,
bessern, mildern Zustnden und nationaler Gliederung emporarbeiteten; die
ewige Fehde zwischen Kaiser und Papst ward mir verstndlich als der
Doppelweg, auf welchem die Menschheit ihrer Bestimmung entgegenreiset und
an dessen Ende feindliche Brder mit vershnter Liebe sich in die Arme
sinken, whrend ihr gemeinsamer Vater den ewigen neuen Bund segnet; die
Fehde zwischen Kaiser und Papst erschien mir als Kampf der Zeit mit der
Ewigkeit, des Staates mit der Kirche und ls'te [lste] sich allmhlig
immer mehr in den Kampf zwischen Subjectivitt und Autoritt auf, in
welchem wir noch befangen sind.

Der fast bermenschlich hohe Character einzelner Ppste erregte meine
Bewunderung, die trostlosesten Zeiten der Kirche machten mich stutzig, weil
nur ein Gott, ein persnlicher Gott, der fr mich zum "groen Unbekannten"
geworden, diese Kirche bei der grnzenlosen Verkommenheit der Menschen zu
retten vermochte. Die feine, weitschauende und weltbewegende Politik des
uerlich so unscheinbaren und oft so schwer bedrngten rmischen Hofes
berzeugte mich, dieser Hof sei vor allen andern Hfen des Erdballs zu
allen Zeiten an Genies und Characteren der reichste gewesen. Gleichzeitig
mit Luther gewann der Jesuitenorden gerade wegen seiner tief begrndeten
und unvershnlichen Feindschaft gegen das Prinzip der Subjectivitt, wenn
nicht meine Liebe, doch meine unwillkhrliche Achtung und die Schilderung
des brgerlichen und politischen Lebens whrend des Mittelalters, des
allmhligen Werdens und Wachsens der altrmischen und englischen
Verfassungen war schon durch die redende Macht der Thatsachen sehr
geeignet, mich gegen die bestehenden Zustnde arg einzunehmen, wenn auch
die Jahre 1846 und 1847 ohne alle politische Bewegung im Leben geblieben
sein wrden.

Letzteres war bekanntlich nicht der Fall; die Bewegung der Zeit ghrte
gewaltig, selbst in der Studentenwelt, welche alle Phasen der kommenden
Revolutionsjahre thatschlich anticipirte, whrend ich selbst bald ganz
unabhngig von den Hrslen, von der Oberrheinischen Zeitung und der
Rundschau zu Struves Volksfhrer, von diesem zur Mannheimer Abendzeitung
und rasch zu Heinzens diabolischen witzigen Pamphleten innerlich
fortgaloppirte.

Das Staatsexamen khlte meinen Radicalismus ab und die sogenannte
"Beruhigungsmtze" des Candidaten hatte fr mich einen tiefen Sinn, welchen
ich damals nicht verstehen wollte.

Weil Noth beten lehrt, so habe auch ich im seltsamsten Widerspruche zu
meinen pantheistischen Ansichten als Hochschler manchmal recht inbrnstig
gebetet. Mein Beten konnte bei Gott nicht den mindesten Werth besitzen, ich
betete um lauter zeitliche Gter und wenn ich diese hatte, lie ich es
hbsch bleiben, doch die oftmalige Erhrung wirkte bei, da mein Gemth
nicht gnzlich erstarrte oder verwilderte.

Hufig hrte ich, die positive Religion be gar keinen Einflu auf das
Leben des Menschen aus und ich glaubte es, weil es bei mir gnzlich der
Fall war. Auf dem ertrumten Gipfel der bisherigen Zeitentwicklung stehend,
betrachtete ich positive Religionen wie untergegangene Vlker lediglich mit
wissenschaftlichem Interesse und gar oft mit Mitleid.

Ich hielt mich fr den sittlichsten Menschen von der Welt, merkte gar
nicht, da lediglich der Geisteshochmuth die Quelle meiner Sittlichkeit sei
und schrieb meinen Verdiensten zu, was ein ernstes finsteres Temperament,
Mangel an Zeit, Geld, Gelegenheit, Mangel an Neigung zu rohsinnlichen
Genssen, das Streben nach Fortdauer der Liebe und Achtung edler Menschen
gegen mich bewirkten.

Ein groer Katholik hat einmal gesagt, die Tugenden der Heiden seien nur
verborgene Laster gewesen--ich war ein Heide und mu diesen Ausspruch fr
meine Person besttigen. Bildung fr sich ist nimmermehr die Mutter wahrer
Sittlichkeit, sondern nur der verfeinerten Sinnlichkeit und berechnenden
Selbstsucht. Werdet in arge Versuchung gefhrt oder in schweres Unglck
gestrzt und sehet dann zu, ob Ihr in Eurer Bildung Halt, Muth, Trost,
Glck findet!--

Woher mein Unglaube?--Vorerst kehre ich die Frage um: woher htte mein
Glaube kommen sollen? Mein Religionsunterricht war hchst mangelhaft, gab
mir kaum eine Ahnung der christlichen Weltanschauung, das Mitmachen aller
kirchlichen Uebungen galt mir und den meisten meiner Mitschler fast nur
als nutzlose, leidige Disciplinarsache.

Man redet heutzutage viel von der Vermehrung der Religionsstunden an den
Gelehrtenschulen. Solche Forderungen sind bei den gewaltigen Fortschritten
der Wissenschaft und den gesteigerten Ansprchen an Studirende bald
gemacht, aber schwer durchzufhren. Ich fr meine Person wrde es bei den
althergebrachten zwei Stunden wchentlich bewenden lassen, wenn von
tchtigen und vor Allem von treuglubigen Lehrern Religionsunterricht
ertheilt wird.

Aller Buchstabenglaube und alles Wissen in religisen Dingen ntzt
blutwenig, wenn der Schler nicht in seinen Lehrern Mnner voll lebendigen
Glaubens, _handelnde Christen_ vor sich sieht.

Die durch und durch protestantisirte und rationalistische Wissenschaft hat
mich mit meinen Altersgenossen grogezogen, ihr verdanken wir aber doch
weit mehr Gutes als unsern Religionslehrern.

Der Allerletzte, welcher Etwas gegen den Gedanken einer katholischen
Wissenschaft an katholischen Lehranstalten einzuwenden wte, habe ich
schon als Student jene oberflchlichen, einfltigen Einwnde, welche man
dem ebenso kenntnireichen als geistvollen und dabei charakterfesten
Hofrath Bu: es gebe keine katholische Mathematik, keine katholische
Medizin und sogar keine katholische Nationalkonomie u.s.f.
entgegenschleudert, oft bemitleidet und verlacht. Sie wurzeln in der
evidenten Thatsache, da es nach meinem Wissen damals kaum eine katholische
Wissenschaft gab, doch Beweise, da es gar keine geben knne, lassen sich
nicht beibringen und man hatte seit Dezenien Gottlob angefangen, namentlich
im Gebiete der Geschichtschreibung und spekulativen Theologie das
Gegentheil thatschlich zu zeigen.

Ueberhaupt scheint es, da der christliche Geist aus hundertjhriger
Entuerung immer mehr aufwache und sich aufraffe und wie die Englnder im
Guten und Bsen die Vorkmpfer der Franzosen und Deutschen seit langem
geworden und nach meiner unmageblichen Ansicht die eigentlichen Trger der
Kultur sind, so sind es in neuester Zeit besonders Englnder, welche
bereits auch die Naturwissenschaften wiederum in den Dienst des religisen
Glaubens ziehen; die Franzosen folgen und die Deutschen bleiben nicht
zurck.

Ich anerkenne das protestantische Prinzip der Subjectivitt als ein
durchaus berechtigtes, insofern die Vlker und Einzelnen, welche nun einmal
den naiven Christenglauben verloren haben, durch alle mglichen Stadien des
Irrthums, der halben Wahrheit und der Lge wandern und im Verlaufe der
Entwicklung immer mehr und zwar _lediglich aus freier, innerer
Ueberzeugung_ zum katholischen Glauben als dem ewig wahren zurckkehren
mssen. Die Geschichte vom verlornen Sohne ist fr mich die Anticipation
der ganzen Geschichte des Protestantismus. Von diesem Standpunkte aus mu
ich auch die protestantische Wissenschaft als die Odyssee des
Menschengeistes nach dem Ithaka des Glaubens achten, ehren und lieben und
kann selbst in der Richtung eines Strau, Feuerbach, der Neutbinger Schule
u.s.f. das fr die Menschheit und die Weltkirche Jesu Christi Heilsame
daran nicht verkennen. Luther hat A gesagt; wie weit seine zahlreichen
Nachfolger bisher gekommen, lt sich im Allgemeinen nicht bestimmen, aber
das ganze Alphabet werden sie durchmachen mssen und am Ende erfllen, was
Lacordaire predigt: "Macht, was Ihr wollt, die Welt wird dennoch
katholisch!"

Da die katholische Wissenschaft erst wieder einigen Aufschwung nahm als
sie protestantisirt wurde und erst in neuerer Zeit wiederum zur
Selbststndigkeit sich emporschwingt, ist historische Thatsache.

Ganz naturgem fehlte den Katholiken das unruhige, forttreibende Prinzip
und erst der bermchtig werdende Gegensatz der protestantischen
Wissenschaft hat sie wiederum geweckt zu neuem Leben und Streben. Da das
Ringen nach Selbststndigkeit namentlich in der modernen spekulativen
Theologie und katholischen Geschichtschreibung sich offenbarte, _zuerst_
offenbarte, darin liegt wohl eine tiefe Bedeutung.

Die Philosophie gibt, die einzelnen Systeme mgen noch so barok und noch so
wunderlich klingen, dem Selbstbewutsein der wechselnden Zeit seinen
eigenthmlichen Ausdruck, die protestantische Geschichtschreibung geht
meist hierin Hand in Hand und betrachtet die Thatsachen der Geschichte im
Lichte der herrschenden Zeitanschauung, die katholische Theologie und
Geschichtschreibung mu im Namen der Ewigkeit dagegen protestiren, diese
Protestation begrndet werden und wenn dieselbe von einem Mhler und
Mnnern wie Staudenmaier, v. Hirscher, Hurter, Dllinger, Hefele, Gfrrer
und Andern begrndet wird, bleibt immerhin starke Hoffnung, da die
katholische Wissenschaft mindestens das Gleichgewicht mit der vorangeeilten
protestantischen noch in diesem Jahrhundert erringe und die Jugenderziehung
durchsuere. Mit dem Katholisiren der Wissenschaft sollte jedoch das
Katholisiren des Lebens stets mehr Hand in Hand gehen.

Whrend meiner Studienjahren kam mir auer den Werken Johannes v. Mllers,
aus denen mindestens ich viel Gespreitztes, Affectirtes, und noch mehr
heuchlerische Perfidie herausfhlte und den Schriften Leos, dessen Ingrimm
gegen Rationalismus und Revolution mich anwiderte und emprte, weil ich
selbst bereits ein Rationalist und Revolutionr geworden, kaum ein
Geschichtswerk zu Gesicht, welches der positiven Religion nicht
gleichgltig oder auch feindselig gegenberstand.

Eine Weltgeschichte, welche Jesum Christum wirklich als lebendigen
Mittelpunkt der Menschheitsentwicklung nicht blos gelten lie, sondern
wissenschaftlich darstellte und die Lehren des Christenthums mit den
leitenden Gesetzen der Geschichte in Harmonie zu bringen versuchte, kurz
ein von christlicher Philosophie der Geschichte durchsuertes greres
Geschichtswerk, existirt meines Wissens gar nicht.

Wie soll nun der lebendige Glaube an den Gottessohn als den archimedischen
Punkt der Weltgeschichte in einem ernstlich nach Bildung ringenden
Jnglinge fortzuleben vermgen oder gar erwachen und stark werden, wenn die
Geschichtschreibung Christum als lebendige Einheit der
Menschheitsentwicklung khl bergeht oder den Erlser nicht als solchen
begrndet?

Christus mu dann nothwendig zum Range eines Zoroaster, Mohamed
herabgedrckt als eine ehemals zeitgeme und nicht minder zeitgem
vorbergehende Erscheinung, das Christenthum lediglich als Produkt der
Faktoren einer bestimmten Zeit und die katholische Kirche als Partei
erscheinen.

Aus solchem tiefgehenden Widerspruche zwischen den Lehren der katholischen
Kirche und der Geschichtschreibung flieen dann gerechte Zweifel an der
ewigen Wahrheit der Christusreligion, und dem Unglauben ist Thr und Thor
geffnet, ohne da man denselben noch besonders prediget.

Weil im Menschen eine nimmerruhende Sehnsucht nach Wahrheit und Gewiheit
lebt und das Herz etwas Positives haben mu, woran es sich mit aller Macht
klammert, wirft sich der Jngling vertrauend in die Arme der Philosophie,
huldigt damit den Grundtendenzen der Zeit und weil die Bcherweisheit ihn
nicht oder doch selten ganz befriediget, strzt er sich in den Strudel des
gemeinen oder in den Wirrwarr des politischen Lebens und vergit darin die
Ewigkeit und hufig genug sein besseres Selbst.

Das Moderne soll eine Vermittlung des Antiken und Christlichen sein; mir
sind frhzeitig Zweifel erwacht, ob es berhaupt eine mehr als uerliche
Vermittlung, eine innere Vershnung so schroffer Gegenstze geben knne und
habe in Staat, Kunst, Wissenschaft und Leben blutwenig von solcher inneren
Vershnung gesehen, die ich doch als hchste Aufgabe unserer Zeit und
kommender Geschlechter anpreisen hrte.

So wenig ich je eine Vermittlung zwischen Christus und Belial will, glaube
ich an die Mglichkeit einer innern Vermittlung des protestantischen
Prinzips mit dem katholischen, mu diese jedoch einer weiter hinausgehenden
Fortentwicklung des Menschengeschlechtes berlassen und finde sie
gegenwrtig in ein Stadium eingetreten, wo sie einer entschiedenen
Feindschaft und grimmigem Kampfe aufs Haar hnlich sieht. Die
protestantische Wissenschaft ist bis zur Stunde tonangebend in der ganzen
civilisirten Welt, der Katholik darf und mu von ihr sagen, da ihr
Hauptzug ins alte, nackte Heidenthum zurckweise.

Mit der Rckkehr heidnischer Anschauungen steht die Rckkehr heidnischen
Lebens in enger Wechselwirkung und das arge Geschrei und Geschreibsel ber
die "schlechte Juden- und Heidenpresse" ist auch ein Nothschrei gegen das
Leben, in welchem es jdisch und heidnisch zugeht.

Die heidnische Wissenschaft und Literatur ist allerdings keine christliche,
und als unchristliche und verderbliche zu bekmpfen, allein sie ist
ziemlich unschuldig an ihrem Unglauben und mag der Verfolgungen spotten,
welche gegenwrtig ziemlich erfolglos und vielleicht bald vorbergehend
gegen sie eingeleitet werden.

Mein hochgeachteter Lehrer Gervinus hat in seinem Prozesse dem Hofgerichte
in Mannheim gesagt, da Er selbst ganz unschuldig an den Thatsachen der
Geschichte sei--dies ist gewi richtig und nicht minder richtig aber, da
ein Verdammungsurtheil gegen irgend eine geschichtliche Weltanschauung
stets ein Verdammungsurtheil gegen das geschichtliche Leben unseres
Geschlechts in sich schliet.

Die Macht der bisher eines ziemlich ungeschmlerten Sieges sich erfreuenden
protestantischen Wissenschaft liegt darin, da sie ihre Anschauungen
vorherrschend aus der Wirklichkeit schpft und wenn man unsere Philosophen,
Historiker, Dichter heidnisch nennt, so sollte man vor Allem etwas mehr
bedenken, da sie Shne unserer Zeit, unsere Zeit aber noch sehr
vorherrschend Zeiten des praktischen Heidenthumes seien.

Worte bewegen, Thatsachen reien hin; die thatschliche unlugbare
Uebermacht des Heidenthumes im ffentlichen und brgerlichen Leben ist die
Wiege der heidnischen Wissenschaft und die durch keine Censur, keine
Polizei und Gewaltmaregeln zu hemmende ursprnglichste Quelle des
Unglaubens der Gelehrten und Ungelehrten geworden und geblieben.

Bei mangelhafter religiser Erziehung mu das Lesen der Klassiker,
Philosophen und Historiker, von denen die Wenigsten mit dem ruhigen Blicke
der Ewigkeit in das zeitliche Leben hineingeschaut und alle ihren Stoff
vorherrschend doch aus der Wirklichkeit geschpft haben und mssen dann vor
Allem eigene Lebenserfahrungen Unglauben erzeugen und vollenden. Ich hrte
das Christenthum predigen und preisen und fand, diese gepriesene Religion
habe hchstens im Mittelalter einigen Einflu auf das staatliche und
brgerliche Leben ausgebt; aus dem Mittelalter heraus sah ich einen
Heidenstaat sich gebren, whrend die Kirche nach Auen und Innen
zusammenschrumpfte und verdarb und aufhrte Trgerin der
Menschheitsentwicklung zu sein. Ich schaute im modernen Staatswesen umher,
fand blutwenig Christliches in diesen sogenannten christlichen Staaten,
verglich protestantische Lnder mit katholischen, das Treiben und Leben der
Protestanten mit dem der Katholiken und mein Urtheil fiel nicht im
mindesten zu Gunsten des Bestehenden, der Kirche und der Katholiken,
berhaupt nicht zu Gunsten der positiven Religion aus.

"Sollen nur die Armen, Geringen und Schwachen Christen sein, die Reichen,
Mchtigen und Starken darob lachen und thun was ihnen beliebt? Sollen Jene
auf Gott und Beten sich sttzen und die Erde um des Himmels willen
verachten, whrend diese auf Geld und Waffenrecht, heillose Rnke und
selbstfabrizirte Gesetze vertrauen und jedenfalls vorlufig die Erde in
Besitz haben, folglich nur halb betrogen sind, wenn es keinen Gott und
keinen Himmel geben sollte? Mu ich eine Kirche, meine eigene Kirche, nicht
verachten und verabscheuen, wenn sie im Namen eines allliebenden und
gerechten Gottes solch ungttlichem Treiben nur veraltete Redensarten und
sinnlos gewordene Ceremonien entgegensetzt? Was soll mir eine Religion,
deren Wirkung in der Luft hngt, die von ihren Bekennern hchstens durch
Worte, selten durch Thaten bekannt wird?"

So rief ich oft in wildem Unmuthe und Hunderte riefen mit mir. Wir sahen
den Wald vor lauter Bumen nicht, schpften dehalb aus dem vergangenen und
gegenwrtigen Leben Zweifel, Irrthum, Unglauben, einen tiefen Ha gegen
Staat und Kirche und eine Sehnsucht nach bessern Zustnden, welcher die
Revolution Bahn brechen sollte. Whrend der Revolution bekmmerte mich die
positive Religion und katholische Kirche blutwenig.

Ich meinte es aufrichtig mit der Gewissensfreiheit, glaubte, die "moderne"
Kirche werde als verwesender Leichnam schon von selbst mit ihrem Herrn, dem
Staate, zusammenfallen und redete fr die Priester, weil sie auch "Brger"
waren und sich ruhig verhielten.

Es kamen ernste Augenblicke genug, welche mir Gedanken an Gott und Ewigkeit
erweckten und ich erlebte Dinge, welche gleich leuchtenden Blitzen die
wilde Nacht meines Innern erleuchteten.

Zumeist in Heidelberg hatten mich Protestanten die katholische Kirche als
welthistorische Erscheinung achten gelehrt, whrend der Revolution wurde
ich durch Thatsachen an die Existenz eines persnlichen Gottes gemahnt und
erhielt neben zahlreichen Beweisen von der gewaltigen Macht des Unglaubens
auch solche von der Macht des Glaubens.

Das friedlichere Landleben gab mir Sehnsucht nach Ruhe und Frieden und weil
ich die Wahrheit des Christenthums bereits fr eine mgliche hielt, muten
meine Zglinge Religionsunterricht und Kirche fleiig besuchen, ich sprach
bei ihnen so wenig gegen, als fr die positive Religion und manchmal
machten mich die naiven Fragen der Kinder nachdenklich.

Zeitgeme Philosophie, zeitgeme Geschichtschreibung, daraus folgende
zeitgeme Anschauung des Lebens hatten meinem Unglauben Form und Ausdruck
gegeben, die Seele desselben war mein souverner Hochmuth, allein whrend
der Revolution redeten Thatsachen mit unlugbarer, zweifelloser Macht gegen
meinen Unglauben und erschtterten die Zuversichtlichkeit desselben. Das
Lesen republikanischer Zeitungen mag die innerlich beginnende Reaction
aufgehalten haben.

An Weihnachten 1848 besuchte ich den mitternchtlichen Gottesdienst in der
Klosterkirche zu Rheinau und nahm einige meiner Zglinge mit mir. Voll und
tief zitterten die Glockenklnge durch die eiskalte, sternenhelle
Mitternacht, ich hrte die Kinder voll naiven Glaubens vom Heile dieser
Nacht plaudern, dachte wehmthig an die Zeit meiner eigenen Kindheit und
verzweifelnd an einige Verse aus Gthes Faust. Verstimmt legte ich den
etwas langen Weg zurck, sandte die Kinder zur Kirche, ich selbst ging in
ein Wirthshaus. Doch der Wein war schlecht, die Gste leerten die Stube,
ich folgte denselben. Dieser Gottesdienst hat einen wunderbaren Eindruck
auf mich gemacht, ich htte laut aufschreien mgen und zum erstenmale nach
langen Jahren ri mich ein Gottesdienst zum Gebete hin, ohne da ich
zeitliche Dinge erflehte. Lediglich die Neugierde hatte mich in diese
Klosterkirche gefhrt, den unvergelichen Eindruck, welchen ich mit mir
hinausnehmen wrde, hatte ich nicht geahnt.

Wie entfremdet ich dem katholischen Cultus gewesen, mag die Thatsache
lehren, da ich nach Beendigung des Hochamtes und beim Beginne der
einzelnen Messen trotz dem Fortgehen vieler, besonders entfernt wohnender
Kirchengnger stehen blieb und mich von meinen harrenden Begleitern
aufsuchen lie, denn ich Armer erwartete die Rckkehr des Prlaten mit
seinem Gefolge aus der Sacristei, dann den Gesang der Botschaft: Christus
ist erstanden--und neuen vermehrten Jubel der Kirchenmusik.

Innere Vorgnge mgen auf mein politisches Verhalten bis zum Maiaufstande
und whrend desselben vielen Einflu ausgebt haben, sicher bleibt, da die
theilweise schrecklichen Auftritte, welche ich mit ansah, besonders das
Elend des Rckzuges einen unauslschlichen Eindruck auf mich machte.

Gott verblendete mich, da ich in kurzsichtigem, thrichtem Glauben, gar
nicht oder nur wenig bestraft zu werden, am Ende des Aufstandes in
Deutschland blieb.

In der Kriegsgefangenschaft kam ich mit Neff zusammen, der am 8. August
1849 standrechtlich erschossen wurde. Er war mein Jugendfreund und
ursprnglich ein edler Mensch, bei welchem der Kopf leicht mit dem Herzen
davon lief und dessen Vaterlandsliebe Struve und die Revolution zum
wahnsinnigen Fanatismus gesteigert haben. Die Rolle, in welche er
hineingeredet und hineingetrieben wurde, pate nicht fr ihn, das
Todesurtheil erschtterte ihn, weil er eine alte Mutter und eine Braut
hatte, doch sammelte er sich wieder und starb in gutem Glauben, etwas fr
die Menschheit Ersprieliches gethan zu haben.

Sein Tod mahnte mich fortwhrend an das Jenseits, meine Umgebung an den
Jammer und das Elend dieser Erde, der rasche Umschwung der Dinge auerhalb
der Kerkermauern an die Charakterlosigkeit der Menschen und an das Nichts
der Volksgunst, um welche ich selbst so eifrig gebuhlt.

An Gefangenschaft und Zertrmmerung des selbstgebildeten Lebensplanes lag
mir wenig, die Aussicht auf das Zuchthaus machte mich aber beben.

Gott bestrafte den Hochmuth der Revolution im Groen, an mir im Kleinen.
Acht Jahre Festung wrden mich bei weitem nicht so erschttert haben, wie
acht Jahre Zuchthaus, die Richter trafen damit meinen Stolz noch weit mehr
als meine Schuld.

Das Fundament meiner gewhnten Sittlichkeit bildeten jene Begriffe von
Ehre, welche in der Achtung vor der Menschheit und im Selbstgefhle des
Gebildeten wurzeln, die Achtung der Zeitgenossen und noch mehr der
kommenden Geschlechter als das Hchste des Lebens erscheinen lassen.

War diese Sittlichkeit bereits whrend der Revolution in
Partheileidenschaft schiffbrchig geworden, so bot sie beim Eintritte in
das Zuchthaus vollends keinen Halt mehr. Am lebhaftesten fhlte ich dies in
der ersten Nacht, die ich als Strfling im einsamen Vorarreste zubrachte;
ich glaube die Geburtswehen eines neuen Menschen in mir durchgemacht zu
haben und habe ich in meinem Leben jemals im Gefhle meiner Ohnmacht um
Gottes Schutz und Erleuchtung von Oben inbrnstig gefleht, so geschah es
damals.

Die Zuchthausstrafe war die Pferdekur, welche der erbarmende Gott bei mir
anwenden mute, wenn ich nicht zeitlich und ewig verloren gehen sollte.

Voll Einbildung auf meine ganz absonderliche Gescheidheit und
Scharfsinnigkeit hatte ich mich auf eine hchst tlpelhafte Weise den
Gerichten selbst in die Hnde geliefert und den Richtern nicht nur die
nthigen Waffen der Wahrheit, sondern noch ganz unnthige meines souvernen
Hochmuthes gegeben; voll von Trumen eines weitausschauenden Ehrgeizes, von
hohen Ehren und in ferne Zeiten hinberwallenden Weihrauchwolken, a ich
jetzt mit Rubern an Einem Tische und Nachts flsterten mir Mrder die
schauerlichen Geheimnisse ihres Lebens und gar oft ihrer Verworfenheit in
die Ohren; voll armseligen Dnkels auf ein bischen Bcherkram mute ich
nunmehr mit den rohesten, unwissendsten Shnen des Volkes mich abgeben und
bald diesem bald jenem als eine Art Knecht unterthan sein; sehr freigebig
mit Versprechungen gegen blutarme Angehrige, die alle Hoffnungen auf mich
gesetzt, glaubte ich mindestens die Vorwrfe dieser in meinen Kerker
hereintnen zu hren und so gleichgltig mir die Achtung oder Verachtung
politischer Partheimnner wurde, so sehr krnkte mich doch das ungnstige
Licht, in welches ich whrend der Revolution und jetzt gar als Graukittel
bei manchem redlichen und einflureichen "Aristokraten" gekommen, der mich
einst geliebt, geachtet, in dieser oder jener Weise untersttzt und mir oft
genug auch den Kamm wachsen gemacht hatte. Von den brigen Leiden der
Gefangenschaft mag sich der Leser dieser Zuchthausgeschichten leicht eine
Vorstellung spter bilden und weil ich einerseits nicht so unsinnig war, an
Erlsung in Folge des Ausbruches einer neuen Revolution, anderseits
unsinnig genug, an ein achtjhriges Zuchthausleben ernstlich zu denken, sah
ich statt einer ertrumten Apotheose schlielich einen nackten Leichnam auf
dem frchterlichen Brette der Anatomie, mein Skelett in irgend einer Nische
eines anatomischen Museums neben den Hlzerlipsen und Schinderhansen und im
gnstigsten Falle mein vergenes Grab in einem Kirchhofwinkel.

Viel zu stolz, um zu klagen oder zu murren, schickte ich mich uerlich
ganz vortrefflich in meine Lage, doch whrend der Mund lachte und spottete,
blutete das Herz und zog sich bald in hoffnungsloser Trauer, bald in wildem
Ingrimme zusammen.

Viele Wassertropfen hlen den hrtesten Stein, viele Zuchthausnchte
allmhlig das strkste Mannesherz aus, besonders wenn die Strke desselben
in Hochmuth beruht.

Durch die redende Macht der Thatsachen des Alltagslebens war ich zum
Unglauben vorbereitet, durch das Studium der zeitgemen Philosophie und
Geschichtschreibung der Unglaube meine Ueberzeugung geworden; auf hnliche
Weise wurde ich in die Arme des Glaubens zurckgefhrt.

Pantheismus und dessen reiferer Bruder Atheismus lassen Gott und die Idee
der Zweckmigkeit fallen, in ihrer scheinbar oft reichen und wirklich sehr
drftigen Weltanschauung ist das Sein Alles, die letzten Grnde des Seins
gelten bei ersterm wenig, bei letzterm gar nichts; der erstere verlugnet
Alles, was nicht in sein Spinnengewebe taugt und findet fr die
auffallendsten, wunderbarsten Ereignisse der Geschichte und Thatsachen des
alltglichen Lebens hchstens natrliche Grnde, letzterer nimmt alles, wie
es ist, verzichtet auf die Erklrung des letzten Warum und mte
folgerichtig aller Philosophie und allem Denken berhaupt den Todesschein
schreiben. Mich hat das Studium ganz verschiedenartig denkender und dehalb
auch verschiedenartig darstellender Geschichtsschreiber immer verhindert,
einer philosophischen Schule ausschlielich und lange zu huldigen und
niemals konnte ich es ber mich bringen, die leitenden Gesetze, welche
Astronomie, Geschichte und Naturwissenschaften insbesondere tglich
evidenter zu Tage frdern, als an sich selbststndige oder als Ausflsse
einer blinden, willenlosen Kraft zu betrachten.

Ich nannte mich in keinem philosophischen Systeme fest, Spinoza und vor
Allem die Schelling'sche Naturphilosophie sagten mir am meisten zu, doch
der Ausspruch Hamlets: es gibt viele Dinge zwischen Himmel und Erde, wovon
sich die Philosophen nichts trumen lassen!--hielt mich in bestndiger
Unruhe und gegen den Fatalismus, in welchen ich mich hineinzulgen strebte,
protestirte bestndig das bewegliche Herz.

Die Geschichte ist eine groartige Apologie der Idee der Zweckmigkeit,
das Unzweckmige, Bse wird mit all seinen Folgen wunderbar in den Dienst
des Zweckmigen, Guten hineingezogen, bei aller Disharmonie und
Gesetzlosigkeit im Einzelnen herrscht Harmonie und Gesetzmigkeit im
Ganzen.

Weil jeder Mensch doch eine Welt im Kleinen ist, sollte dessen Geschichte
nicht auch eine Weltgeschichte im Kleinen sein? Sollte die Idee der
Zweckmigkeit nicht auch als rother Faden jedes individuelle Leben
durchziehen, gleichviel ob der Mensch mehr zum Guten oder zum Bsen sich
hinneige? Sollte keine hhere Macht durch das Leben und die Schicksale der
Einzelnen wandeln und von ihm unabhngig dessen Thaten und Unthaten mit den
Zwecken des Ganzen vereinbaren, denselben zu seinem eigenen Beglcker oder
Henker werden lassen?--

Solche Fragen sind nichts weniger als neu, schon oft genug bejahend
beantwortet worden, doch ich glaubte nicht an die Bejahung und wollte nicht
daran glauben, weil ich Morgenluft der positiven Religionen, des Judenthums
und des Katholizismus herauswitterte und ich lngst gewohnt war, Juden und
Katholiken auch nur als Schauspieler des welthistorischen Dramas zu
betrachten, welche nach gut gespielter Rolle von der Bhne abziehen und
Andern Platz machen. Jetzt bin ich berzeugt, jede mglichst umfassende und
objektiv gehaltene Geschichte eines Einzelnen, selbst des unbedeutenden
Menschen wrde zu einer indirekten oder direkten Verteidigung der
katholischen Weltanschauung und christlichen Moral. Wenn unter den Menschen
mehr Vertrauen als berechnende Vorsicht, mehr Wahrheitsliebe als
Selbstliebe herrschten, so da Viele ihr ganzes Sein und Leben, ihre
Schatten- und Lichtseiten, ihr Bses und Gutes den Mitmenschen blos legten,
dann schwnde das heillose Vorurtheil, als ob die positive Religion an sich
keinen Einflu auf das Leben ausbe; man wrde klar erkennen, wie ein
_persnlicher_ Gott strafend und lohnend durch jedes einzelne Menschenleben
wandelt und da der Ausspruch unseres Erlsers, wornach [wonach] ohne das
Wissen Gottes kein Haar von unserm Haupte fllt, keine hingeworfene
Redensart, sondern volle Wahrheit ist.--

Ohne die Revolution wre ich vielleicht nie zur Religion gekommen. Mein
Bcherhochmuth mute zunchst durch Thatsachen gedemthiget werden, die ich
mit eigenen Ohren hrte und mit eigenen Augen sah und deren Ursachen ich
auf eine bernatrliche Macht, auf einen persnlichen Willen zurckfhren
oder notgedrungen das Denken aufgeben mute.

Fremde Schicksale, die ich genau kennen lernte und besondere Lebenslagen
brachten mich zum Nachdenken ber mein eigenes leichtsinniges und
gottverlassenes Leben und wenn ich in meinem Stolze mich nicht als den
solidesten, vortrefflichsten Burschen von der Welt, meine Fehltritte als
verzeihliche Schwachheiten, meine heidnischen Gutthaten als nie oder selten
erhrte Beweise groer, aufopfernder Tugend fortwhrend betrachtet htte,
wrde mir Gott vielleicht den grauen Kittel doch erspart haben.

Im Zuchthause hatte das Beisammensein mit schamlosen, schlechten Leuten und
mit Unglcklichen der bessern Sorte fr mich den Nutzen, da ich die
Schicksale Einzelner genau kennen lernte und hundert und aber hundert
Geschichten vernahm, welche mich berzeugten, der Mangel an positivem
Christenthum sei die erste Quelle des Unglcks aller Menschen.

Vom Ntzlichkeitsprinzip der Zeit noch immer durchdrungen, vermochte ich
nicht mehr zu verkennen, das Christenthum sei auch die wahre
Ntzlichkeitsreligion, der Unglubige verkenne zunchst auch seine _wahren
zeitlichen_ Vortheile.

Den Katholizismus als vollendetste Form des Christenthums lngst
betrachtend fand ich in Befolgung der Lehren desselben auch das Geheimni
des _zeitlichen_ Glckes, die einfachste und groartigste _Lsung der
sozialen Aufgaben_.

Erzhlungen gemeiner und politischer Verbrecher, an welche ich mich
gleichmig anschlo, besondere Vorflle, das Lesen guter Bcher,
namentlich von Hirschers Errterungen ber die religisen Fragen der
Gegenwart, Unterredungen mit Geistlichen machten mich nachdenklich, die
menschenfreundliche Behandlung von Seiten der Beamten und Aufseher
entwaffnete meinen politischen Fanatismus, meine dennoch verzweifelnd
bleibende Lage lie das Bedrfni eines hhern sittlichen Haltes nimmer
einschlummern.

Gott schien mich an den Haaren zu Sich reien zu wollen, im Zuchthause
mute ich gezwungen den gottesdienstlichen Uebungen fleiig anwohnen, Gott
nahm mir einige wenige Freunde, welche mich besucht und getrstet hatten,
indem ihr Beruf sie in die Ferne rief, endlich entri Er mich den sehr
bedeutenden Zerstreuungen, welche in der Strflingsgesellschaft eine tiefe
Verinnerlichung des Gemthes arg erschweren und fhrte mich in eine Zelle
nach Bruchsal.

Schon in Freiburg habe ich viel gebetet, sogar meine Snden dem
Zuchthauspfarrer aufrichtig gebeichtet, aber ich glaubte, Christus werde,
wenn ein so seltener Gast wie ich Ihn mit einem Besuche beehre, mir wohl
auch die kleine Geflligkeit erweisen, und die Herren in Carlsruhe fr
meine Freilassung stimmen. Ich versprach Christo dagegen, meine Zglinge,
welche noch immer auf ihren alten Hauslehrer harrten, sich jedoch bei
meinem lngern Ausbleiben nach einem neuen nothgedrungen umsehen muten,
recht christlich und gottesfrchtig zu erziehen. Christus aber blieb
gesonnen, zunchst mich selbst zu erziehen, bevor ich wieder der Erzieher
Anderer wrde, die Herren in Carlsruhe fanden sich vorlufig "in keiner
Weise veranlat", auf meine Begnadigung anzutragen und dies bewirkte einen
namhaften Rckfall in den alten Unglauben und politischen Fanatismus.

"Entweder liegt dem Erlser wenig an den Seelen meiner verlassenen Zglinge
oder Er vermag nichts in Carlsruhe, weil Er einen bereits gebesserten und
vortrefflichen Menschen meiner Art in der Zelle eines Zuchthauses stecken
lt", dachte ich, dachte geringer von Christus und mehr als gering von den
Herren in Carlsruhe.

"Was liegt an mir, ob ich zeitlich und ewig zu Grunde gehe? Das lumpige
Leben dauert nur Einen Augenblick, dann ists vorbei und hat mich Gott
ungerecht auf Erden zappeln lassen, so mag er dann meinethalben auch Seinen
Himmel fr sich behalten. Gibt es eine Hlle, dann ist sie schwerlich
heier als ein pennsylvanisches Gefngni und finde vornehme Kameradschaft
genug darin. Zunchst will ich den geistlichen und weltlichen Beamten sammt
den Aufsehern durch keine Klage Freude bereiten, will meine Lage nicht
unklug verschlimmern und ihnen zeigen, was fr ein grundsatzfester Mann in
einem Freischrler und in einer Strflingsjacke zu stecken vermag!" So
dachte ich in schlimmen Stunden und redete mich beim Anblick der an der
Wand hngenden Hausordnung und des Himmels, der durch das Kerkergitter
gleichgltig hereinschaute, in stoischen Gleichmuth hinein.

Doch in der Einsamkeit gedeiht der Stoicismus bei einem achtjhrigen und
sich schuldlos dnkenden Gefangenen nicht gut.

Die Einsamkeit hielt eindringliche, furchtbare Reden an mich, der alte
Mensch fing mit dem neuen in mir immer rgere Hndel an, ich verbrachte
meine freie Zeit mit Lesen und Zeichnen, dachte unter Tags und in der Nacht
an mich, suchte die Rthsel meines Schicksales zu lsen und wurde tglich
mehr berzeugt, welcher Bursche ich eigentlich bisher gewesen und wie wenig
es mein eigenes Verdienst sei, niemals eine an sich entehrende und des
Zuchthauses wrdige That begangen zu haben.

Noch weit mehr als frher entwaffnete ein taktvolles, menschenfreundliches
Benehmen der Beamten und Aufseher, welche doch in meinen Augen Sldlinge
der vernichtungswrdigen badischen Regierung waren, meinen politischen
Fanatismus, in meinem Hausgeistlichen lernte ich einen sehr gebildeten Mann
kennen, der vor meinem Bcherkram keineswegs verstummte und in ihm
gleichzeitig einen Christen, wie ich bisher noch keinen kennen gelernt
hatte.

Von der positiven Religion und der katholischen Kirche dachte ich bereits
hoch, am Glauben an Vieles mangelte es mir nicht mehr, meine alte Wenigkeit
wurde durch Gesprche, Bcher und Lebenslage aus den letzten Bollwerken des
souvernen Hochmuthes herausgetrieben. Immer lebhafter erwachte in mir das
Bedrfni eines positiven Verhltnisses zu Gott und je mehr ich die
Haltlosigkeit meines Wissens, Lebens und Strebens einsah, desto
sehnschtiger wurde ich nach Wahrheit, erleuchtender, beseligender
Wahrheit. Endlich hinkte ich, der souverne Brger und preiswrdige
Mrtyrer des Volkes, an einem Krckenstocke, von leiblichen Schmerzen
gefoltert, elendiglich und von den Menschen verlassen im Zuchthause herum;
der Schmerz machte mich oft wthend und nach einiger Zeit begriff ich, der
kleinste Heilige der katholischen Kirche sei doch ein tausendmal
charakterfesterer und glcklicherer Mensch als ich gewesen.

Wiederum las ich Hirschers Errterungen, Staudenmaiers Dogmatik, Stolzens
Ewigkeitskalender und Legenden, englische und amerikanische
Controversschriften und vieles Andere, schaute bereits mit ganz andern
Augen als frher in diese Bcher hinein und wnschte, da sie lauter
Wahrheit, absolute Wahrheit enthalten mchten.

Ich sah ein, da ohne den Glauben an den lebendig gewordenen Gottessohn
alles Gerede von Christenthum eben ein Gerede, da Christus der Mittelpunkt
und Wendepunkt der natrlichen und bernatrlichen Welt, des Diesseits und
Jenseits sei, die katholische Kirche aber der in der Zeitlichkeit
zurckgebliebene Christus.

"Wer die gttliche Dreieinigkeit zugibt, mag Satz fr Satz und Schlu fr
Schlu die gttliche Wahrheit des Christenthums darthun. Wer einmal fest an
Christum glaubt, mu nothwendig auf den Katholizismus verfallen, wenn er
ein bischen gesunde Logik im Leibe hat. Das ist alles richtig, und
glcklich wer in Christo den Urquell erleuchtender Wahrheit und
beseligenden Lebens gefunden; aber Ein Gott in drei Personen und ein
Gottessohn, der auf Golgatha fr die Snden selbstgeschaffener Geschpfe
bt, gleichsam als ob eine Weltordnung auszushnen gewesen, welcher
Christus, ein Gott, selbst unterthan, folglich wieder kein Gott, sondern
ein Unterthan gewesen, das ist meinen Einsichten zu stark, ich kann es
nicht recht glauben und wenn ich dehalb verdammt werden sollte, so she
ich darin lediglich eine neue Ungerechtigkeit Gottes. Der Glaube ist eine
Gnade; Andere mgen diese Gnade erhalten haben, ich wei nichts von solcher
Begnadigung, folglich bin ich fr meine Zweifel auch nicht verantwortlich!"

In dieser Weise redete ich einmal im Anfange des Jahres 1851 mit dem
geistvollen, wrdigen Zuchthauspfarrer und dachte: "Gelt, Theologe, der
Freischrler schlgt dich doch noch aus dem Felde; du verstehst mehr als
ein Dutzend anderer Pfarrer im Lande und bist zudem bei allem Christenthum
ein vorherrschender Verstandesmensch, ein Mathematiker, aber mich soll kein
katholischer Pfarrer durch Ueberzeugung von meinem Mangel an grndlichem
Wissen und ernstem Denken bekehren!"

Der Geistliche war ein ordentlicher Gedankenerrather, lchelte in seiner
besondern Weise und fragte ruhig:

"Haben Sie denn jemals an Christum den Gottessohn glauben _wollen?_"

"Gewi, denn ich will Wahrheit, womglich absolute Wahrheit und wenn
Christus diese absolute, fleischgewordene Wahrheit ist, will ich gern die
Gnade des Glaubens an Ihn ergreifen. Mein Wille ist gut, aber Gott achtet
nicht darauf!"

"Haben Sie denn diesen guten Willen schon _bethtiget_?"

"Ei, habe ich nicht einen Heihunger nach theologischen Schriften?
Vergleiche ich nicht whrend der Arbeit die Aussagen der Katholiken mit
denen der Protestanten, die Aussagen dieser mit denen der Philosophen und
anderer Ketzer?"

"Dies ist Etwas, aber nicht genug. Alles Bcherwissen gibt Ihnen hchstens
Vorbereitung auf den Christenglauben, nicht diesen selbst, denn er ist eine
Gnade!--Sie haben noch einen andern Weg zu betreten, der zur Wahrheit
fhrt und von welchem die wenigsten sogenannten Wahrheitsfreunde Etwas
wissen _wollen_, wenn sie auch die Unzulnglichkeit des menschlichen und
eignen Wissens einsehen und zugeben!"

"Sie meinen das Gebet, Herr Pfarrer, nicht wahr? Viele Menschen haben
behauptet und behaupten noch, durch Gebet zur Wahrheit gelangt zu sein. Wer
die Wahrheit ernstlich will, durch alles Denken und Studiren nicht zu ihr
gelangt, der _mu_ den Weg des Gebetes betreten, wenn er auch nicht einmal
an Gott glauben sollte. Ich _habe_ gebetet, jedoch nicht um die Gnade des
Glaubens, sondern um volle Wahrheit und Gewiheit in gttlichen Dingen."

"Und zweifeln noch an dem Gottessohn?"

"Allerdings!"

"Gut, fahren Sie nur mit Studiren und mit Beten fort, beten Sie mit aller
Inbrunst, deren Sie fhig sind, nicht um die Gnade des Glaubens an den
Gottessohn, sondern in Demuth um Wahrheit, befriedigende und dadurch auch
beseligende Wahrheit allein. Wer um Gnade bittet, bekommt sie; glaubenslose
Menschen _wollen_ nicht darum bitten, _wollen_ den vornehmen Weg zur
Wahrheit nicht betreten, wenn sie denselben auch lngst vom Hrensagen
kennen. Im bsen Willen allein liegt das Verdammungsurtheil der zahllosen
Namenchristen!"

Mir war es ernstlich um Wahrheit zu thun, deshalb flehte ich auch ernstlich
um sie und die Wahrheit ist mir in Jesu Christo kund geworden. Eine neue
Erde, eine neue Geschichte der Menschheit, ein neuer Himmel erffnete sich
mir in einer kleinen Zelle des neuen Mnnerzuchthauses zu Bruchsal.

Ich habe aufgehrt, Christum lediglich als einen groen Mann, die Kirche
Christi als vorbergehende Erscheinung im geschichtlichen
Entwicklungsprozesse zu betrachten, eine Ansicht, aus welcher zahllose,
beklagenswerthe und sehr folgenschwere Irrthmer flieen.

Der positivkatholische Standpunkt ist der meinige geworden und ich habe
offen und ehrlich dargethan, auf welche Weise ich zu ihm gelangte.

Damit ist meine Vorgeschichte zu diesen Zuchthausgeschichten einstweilen
geschlossen und ich gehe zu letztern selbst ber.

Einer, der die Welt verbessern helfen mchte und zugleich Einer, der
rcksichtslos gegen sich und Andere redet, handelt und schreibt, wo die
Interessen der ewigen Wahrheit wirklich oder doch nach meiner inneren
berzeugung im Spiele zu sein scheinen, bin ich geblieben. Die ewige
Wahrheit aber ist die der katholischen Kirche und wenn man in ihrem Sinne
zunchst sich selbst zu verbessern und auf die Besserung der Einzelnen
durch Beispiel, Wort und Schrift einzuwirken sucht, befindet man sich auf
dem nchsten und besten Wege, das Ganze zu verbessern.

Das Christenthum gelangt im Einzelnen wie im Ganzen nur allmhlig zur
Wirklichkeit, ist ein mhevolles Streben und langsames Werden und der gute
Wille unser vornehmstes Verdienst.

Wenn ich ber Wandel und Lehre meines ewigen Herrn und Meisters nachdenke
oder die einzig chten Helden der Weltgeschichte, die Helden des sittlichen
Willens, nmlich die Heiligen betrachte und mich mit dem geringsten
derselben vergleiche, ja wenn ich einzelner Mnner gedenke, deren
Gesinnungen und Wandel mich in dieser trben, drangvollen, gewitterschwlen
Zeit aufrichten und ermuthigen, dann empfinde ich sehr lebhaft, welch
langen Weg ich noch zurckzulegen habe, um in Allem ein ertrglicher
Katholik heien zu drfen. Auch sind meine Worte und Ansichten nichts
weniger als unfehlbar und meine Schriften mgen mehr Mngel haben denn ein
alter Judengaul, mindestens habe ich an meinen Erstlingsversuchen selbst
weit mehr als Andere auszusetzen gefunden. Aber an redlichem Willen als
Christenmensch durch meine Lebensminute zu wandeln, die Weltkirche Jesu
Christi bei jeder Gelegenheit und auf jede mir zustehende Weise
vertheidigen und verherrlichen zu helfen, durch Schriften, Wort und That
das Werden des Christenthums in meinen Mitmenschen zu frdern, damit fr
die moralische Hebung des Volkes im allgemeinsten Sinne zu wirken, daran
fehlt es mir nicht und Gott wird durch den Erfolg der Schriften auch unter
anderm zeigen, ob ich meinen eigentlichen Beruf nicht verkannt und mir ein
zu hohes Ziel vorgesteckt habe.

Wie in neuerer Zeit gegen heidnische Weltweisheit und Geschichtschreibung
durch das Aufblhen der spekulativen Theologie und christlichen
Geschichtschreibung im Namen der Ewigkeit protestiert wurde, also hat sich
auch gegen die heidnische Unterhaltungsliteratur der christliche Geist
erhoben, zuerst vorherrschend verneinend, dann aber versuchend, durch
Schpfung einer christlichen Unterhaltungsliteratur derselben
entgegenzuarbeiten.

Wie Gleichgltigkeit gegen positive Religion, Unglaube und Unsittlichkeit
vorzugsweise durch unterhaltende Schriften in das Herz des Volkes und
insbesondere des jungen, leseschtigen Volkes wahrhaft hineingeschmuggelt
werden, indem Irrthum und Lge das Mntelchen der Wahrheit, falsche
Sittlichkeit und entschiedene Unsittlichkeit das der Tugend umhngen, so
lt sich meines Erachtens auch die Weltanschauung des Christenthums in die
Herzen der Menschen gleichsam hineinschmuggeln. Freilich hat die
unchristliche Unterhaltungsliteratur den groen Vortheil fr sich, da sie
der Sinnlichkeit, dem Geisteshochmuth und den Leidenschaften der Menschen
schmeichelt, whrend die christliche gerade gegen die Selbstsucht einen
entschiedenen Vernichtungskrieg fhren mu.

Ferner huldiget die unchristliche Unterhaltungsliteratur den Anschauungen
und Tendenzen der Zeit, whrend die christliche bisher vorherrschend in der
ihr eigenthmlichen ideellen Welt, deren Verstndni zur Raritt geworden
und ein bereits christliches Gemth voraussetzt, sich bewegte oder gegen
das Wahre und Ewige in den Anschauungen und Tendenzen der Gegenwart sich
oft mit einseitiger Polemik kehrte und dadurch die Kinder der Zeit von
vornherein abstie und langweilte. Endlich lt sich nicht verkennen, da
die genialsten Schriftsteller, Romanenschreiber und Theaterdichter
insbesondere vorzugsweise Protestanten und Juden sind, ausgerstet mit der
ganzen Bildung der Zeit und mit allen Waffen des Geistes, welche sie fr
den Geist der Verneinung schwingen und im Hochgefhle ihrer noch wenig
beeintrchtigten Herrschaft im Gebiete der Literatur besonders gegen den
positiven Glauben und gegen die katholische Kirche kehren.

Ich bin sehr weit davon entfernt, die groen Verdienste unserer
protestantischen und jdischen Schriftsteller um Wissenschaft und Kunst zu
verkennen, oder Zeitrichtungen und Persnlichkeiten dehalb verdammen zu
wollen, weil dieselben nicht katholisch sind; auch verkenne ich nicht, da
es einem entschiedenen Protestanten oder glaubenslosen Juden beinahe
unmglich sei, die katholische Weltanschauung sammt Allem, was daraus
fliet, mit andern als mitrauischen oder feindseligen Augen zu betrachten,
doch jene Ungerechtigkeit und Leidenschaftlichkeit, mit welcher nur
allzuhufig Alles abgethan wird, was katholisch heit und heien will,
halte ich eben fr keinen lobenswerthen Characterzug der modernen Kritik
und der gegenwrtigen Zeit berhaupt.

Die Fhigkeit sich ber Partheistandpunkte zu erheben, das Wahre in
entgegengesetzten Richtungen anzuerkennen und auch im Feinde den
gleichberechtigten Menschen gelten zu lassen, scheint dem jetztlebenden
Geschlechte tglich mehr abhanden zu kommen, je rgeres Geschrei von
sogenannter reinmenschlicher Bildung und Freiheit Aller erhoben wird. Wohl
dehalb, weil Wissenschaft und Kunst sich immer entschiedener auf das
Wirkliche und Praktische geworfen, wird auch hierin Alles zur Parthei und
jede Aeuerung katholischen Lebens nicht nur vom Standpunkte der Parthei
aus beurtheilt, sondern in Folge eines gewissen Instinktes von den meisten
Shnen der Verneinung mit Partheileidenschaft und Partheiwuth behandelt.

Die katholische Kirche kennt keine Partheiwuth, es liegt hierin eine
Aeuerung ihrer unbesiegbaren Strke. Der Katholik sollte mit dem ruhigen
Blicke der Ewigkeit in das Gewhl und in den Wirrwarr des zeitlichen Lebens
hineinschauen, allein Katholiken sind auch Menschen, haben auch ihre
Schwachheiten und Fehler und je inniger Einer von der Wahrheit seines
Glaubens berzeugt ist, desto leichter steht er in Gefahr, dem Gegner
gegenber ungerecht und leidenschaftlich zu werden und diesem dadurch
Waffen gegen sich in die Hnde zu liefern.

Man darf nur in manche katholische Tagesbltter hinein sehen, um die
Ueberzeugung zu gewinnen, der gerechte Ingrimm gegen die Revolution sei zum
ungerechten Ingrimm gegen das democratische Prinzip, welches innerhalb der
Kirche Anerkennung und Berechtigung doch auch gefunden und der gerechte
Zorn gegen die Partheisucht der sogenannten Juden- und Heidenpresse zur
ungerechten Verkennung der Berechtigung des protestantischen Prinzips der
Subjectivitt und der groartigen Verdienste der protestantischen
Wissenschaft und Kunst fortgeschritten.

Wer ein Buch im katholischen Geiste schreibt, darf ziemlich sicher sein,
von der herrschenden protestantischen Kritik entweder vornehm ignorirt oder
mit Waffen todgeschlagen zu werden, welche nicht von der angeblich so
heien Liebe fr Wahrheit und vom angeblich freien Geiste der Wissenschaft
geschliffen sind. Dagegen werden Protestanten, welche sich in Staat,
Wissenschaft und Kunst die hchsten Verdienste erworben, um miliebiger
Ansichten willen von Katholiken oft in einer Weise behandelt, in welcher
kein Fnklein menschlicher Billigkeit und christlicher Liebe zu entdecken
brig bleibt.

Zuletzt haben Protestanten und Katholiken, welche sich damit abgeben, der
unsittlichen Unterhaltungsliteratur eine christliche entgegenzusetzen, noch
mit dem verdorbenen Geschmacke und der Verkehrtheit der Lesewelt zu
kmpfen. Um sich von dem verdorbenen Geschmacke zu berzeugen, darf man nur
in die nchste beste Leihbibliothek gehen. Welche Bcher am meisten gelesen
werden, habe ich hundertfltig mit eigenen Augen gesehen und eigenen Ohren
gehrt.

Sauber und wohlerhalten stehen die Werke classischer Schriftsteller aller
Vlker, die deutschen nicht ausgenommen, in den Schrnken und selten
bekmmert sich ein Leser um dieselben. Ich knnte einen Leihbibliothekar in
einer schon bedeutenden Stadt nennen, welcher Gthe's Werke sechs Jahre im
Laden hatte und dann verkaufte, weil whrend der ganzen Zeit auch nicht Ein
Leser Eines derselben abgeholt hatte. Englische und amerikanische
Schriftsteller werden zwar ziemlich gelesen, ebenso unsere guten
Romanenschreiber und noch mehr unsere Tendenzbren, allein reiend gehen
die neuern und neuesten Franzosen, noch reiender die einfltigsten,
geistlosesten Ritter-, Ruber-, Gespensterromane und herzbrechende Helden
der verschollen geglaubten sentimentalen Zeit und am reiendsten bei
_allen_ Klassen des Volkes--schmutzige Geschichten ab.

Man darf nur Bcher, deren Decke von Schmutz glnzt und deren Bltter von
der Unschuldsfarbe bereits keine Spur mehr zeigen, heraussuchen und dann
fast sicher sein, aus diesem Liebling des Publikums einen Menschen
herausreden zu hren, der mit Paul de Kok, Casanova und Andern dieses
Gelichters frappante hnlichkeit hat.

Die traurigen Folgen derartigen Geschmackes werden in diesen
Zuchthausgeschichten zum Theil am "Duckmuser" offenbar und zwar weder
historisch unwahr noch bertrieben, denn der gute Duckmuser ist nichts
weniger als ein erdichteter Charakter und dessen Geschichte nichts weniger
als eine erdichtete Geschichte, was nicht nur schwarz auf wei sondern
mndlich von ihm selbst wie vom alten "Paule" und den meisten in diesen
Geschichten vorkommenden Persnlichkeiten, ich mchte sagen bereits von
Allen, die noch leben oder nicht nach Amerika auswanderten, bewiesen werden
knnte.

Aus der Wirklichkeit ist der ganze Inhalt dieser Schrift geschpft und der
Idealisirung absichtlich nur der allernothwendigste Spielraum gelassen. Die
platte, gemeinste Wirklichkeit eines Zuchthauses zu schildern ist zwar
unmglich und glcklicherweise auch unnthig, allein wer nicht blos
unterhalten, sondern noch mehr belehren mchte und bei der Belehrung eine
bestimmte Absicht verfolgt, darf und kann nicht so Vieles vertuschen und
verschnern, als er von Herzen gern wnschte, weil die Objektivitt
darunter zu groe Noth litte.

Einen sthetischen Mastab an vorliegende Schrift legen, hiee den Zweck
derselben gnzlich verkennen, denn dieser ist ein durch und durch
praktischer.

Er ist auch zugleich ein zwiefacher.

Erstens nmlich soll diese Schrift ein Scherflein dazu beitragen, die
Einsicht in die Schden und Wunden unseres sddeutschen Volkslebens und
unserer gesellschaftlichen Zustnde zu vermehren und dahin zu weisen, woher
grndliche Heilung einzig und allein zu kommen vermag.

Ich habe meine eigene Zuchthausgeschichte im Interesse der positiven
Religion so offen und ehrlich erzhlt, da ich nicht frchte, dereinst am
Gerichtstage Gottes darob zu Schanden zu werden und gerade weil meine
Selbstliebe sich dagegen strubte, da ich der Welt mein Innerstes blo
lege, habe ich mich eher zu schlecht als zu gut gemacht.

Durch die Geschichte gemeiner Verbrecher werden die Wege zum Zuchthaus und
dadurch aber auch der einzig richtige Weg zum zeitlichen und ewigen Glcke
offenbar, die finstern Mchte des Erdenlebens enthllt, die verklrten
Gestalten des Himmels verherrlichet.

Langsam und allmhlig wchst der Mensch im Guten, rascher und reicher im
Bsen. Mag die That eines Verbrechens den Mitmenschen noch so auffallend
und vereinzelt erscheinen, dieselbe ist doch nur die Frucht eines lngere
Zeit fortschleichenden und wachsenden innern Verderbnisses und beweist
eindringlich, wie klein der Schritt vom Lasterhaften zum Verbrecher sei und
damit der Unterschied zwischen zahllosen Freien und den meisten Gefangenen.

Ich brauche dem Leser wohl nicht im Einzelnen nachzuweisen, welchen Einflu
die positive Religion auf das Leben ausbe. Wer die Geschichte irgend eines
untergegangenen Volkes der Erde vom Anfange bis zu den Endpunkten recht
begreifen will, mu sich vor Allem in die religise Anschauung desselben
vertiefen, denn in dieser wurzelt die Gestaltung der Lebenszustnde.
Christi Welt- und Menschheitsreligion htte ohne Einflu auf das Leben die
Welt schwerlich umgestaltet, bt fortwhrend mchtigen Einflu auf Politik
und Vlkerleben und sogar auf die Nationalkonomie, wie der unglubigste
Nationalkonom bei den wohlhabenden und betriebsamen Qukern finden knnte.

Der Leser wei auch mindestens im Allgemeinen, da Mangel an religiser
Erziehung und noch mehr an Belebung, steigende Genusucht im Kampfe mit
steigender Armuth und Verdienstlosigkeit die Quellen der meisten Verbrechen
sind und ich erlaube mir nur Eine Bemerkung.

Viele Strflinge haben Vter, deren Namen in keinem Taufbuche zu finden und
fast bei allen gemeinen und wohl auch bei vielen politischen Verbrechern
habe ich eine merkwrdige Lockerung der Familienbande und Zerrttung der
Familienverhltnisse in verschiedener Weise wahrgenommen.

Auflsung und Zerstrung des Familienlebens--dieses Idol hirnloser
Utopier--fhrt Einzelne dem Zuchthause und Vlker dem raschen Untergange
entgegen und wo Hurerei und Ehebruch als verzeihliche Schwachheiten
betrachtet werden, was bei uns hufig der Fall zu sein pflegt, lt sich
von der Zukunft nicht allzuviel Trstliches erwarten und Breaukraten und
Polizeimnner sind hierin auch wunderliche Volksdoktoren.

Noch weit wunderlicher sind aber hierin viele Erzieher und Mtter und
gleichen dem Vogel Strau, der den Kopf in den Sand steckt, um den Feind
nicht zu sehen, der ihn oder seine Jungen zerfleischen will.

Ich finde einen Mangel sehr vieler katholischer Unterhaltungsschriften
darin, da sich die Gestalten derselben weit eher im Himmel und in der
Hlle, als auf der Erde und in der lebendigen Wirklichkeit herumbewegen.
Man mag sich in einer erdichteten Idealwelt sehr gut gefallen und se
Thrnen der Rhrung und Freude weinen, aber ich habe in meiner Jugend auch
erfahren, da viele Bcher den unerfahrenen Leser zu sehr in die Idealwelt
hineingewhnen, dadurch die Bekanntschaft mit der wirklichen bedeutend
erschweren und es Jedem berlassen, oft mit groen Gefahren und Unkosten
mit derselben nher bekannt zu werden. Lauter schneeweie Tugendhelden und
rabenschwarze Lastermenschen, berglckliche Christen und unglckselige
Unchristen, lauter verklrte fromme Priester und ganz abscheuliche Gegner
derselben--dies Alles ist etwas Unwirkliches, Einseitiges und hat
schlimme Folgen, weil der junge Leser den Mastab der gewonnenen Ideale an
die Gestalten des wirklichen Lebens legt, nichts davon wei, da die
meisten Menschen fr den Himmel zu schlecht und fr die Hlle zu gut und
niemals fertige sondern immerfort werdende und sich entwickelnde Geschpfe
seien und sehr leicht mit der Wirklichkeit, Gott, Welt und sich selbst
zerfllt, weil er _zuviel_ von den Menschen verlangt.

Ich fr meine Person halte blutwenig vom Nutzen derartiger Unterhaltungs-
und Controversschriften, meine, der Schriftsteller sollte Stoff und
Charaktere aus der Alltagswelt schpfen und besonders in Jugendschriften
Alles eher zu wenig als zuviel in bernatrliche Hhe schrauben und darnach
streben, den Leser nicht der Wirklichkeit zu entfremden, in der er doch
einmal leben mu, sondern mit derselben zu befreunden, keck auf alle
Schatten- und Lichtseiten eingehen, damit man sich in derselben leichter
zurecht finde und alle trben und hellen und dmmerungsreichen
Erscheinungen des Lebens im Lichte der Idee zeigen, damit man nicht eitel
Unwahrheit darin sehe und sich gegen dasselbe kehre.

Man braucht die Gestalten des Himmels und gute Menschen nicht in eine
ertrumte Idealwelt hineinzubannen, denn beide sind auf der Erde
aufzufinden; die Gestalten des Himmels wirken hienieden unsichtbar
Sichtbares genug, an guten Menschen ist auch heutzutage noch kein Mangel
und den Mittelschlag zwischen Guten und Bsen sollte man um so weniger
vergessen, weil derselbe im Leben die ungeheure Mehrzahl bildet.

Eines der grten, folgenschwersten und leider allgemeinsten Laster ist die
Unkeuschheit und das Schlimmste dabei, da weder auf der Kanzel noch in
Bchern, welche auf christlichen Geist Anspruch machen, von dieser Hydra
des Menschengeschlechtes die Rede sein soll. Einem zu weit getriebenen
Anstande und einer falschen Schaam wird die chte Delikatesse und wahre
Schaam vieler tausend jungen Seelen geopfert.

Schon Rousseau hat diese verderbenbringende Schnthuerei als Anla vieles
Bsen und groen Unglckes mit Recht verdammt. Papa lchelt und schweigt,
Mama lacht und schilt bei gewissen naiven Fragen des Kindes, auf welche
geistliche und weltliche Lehrer keine oder doch keine gengende Antwort
ertheilen. Allein das Kind vergit die Frage nicht mehr, weil der
erwachende Trieb es an dieselbe mahnt, es gibt grere und minder gut
geartete und wohlerzogene Kinder, gibt furchtbar gewissenlose Dienstboten,
gibt Gelegenheiten zu Snden und nur zu oft springt der junge Mensch der
reizenden Snde lchelnd in die Arme, weil er sie nicht und noch weniger
deren Nachwehen gengend kennen gelernt hat.

Gengend? Wo gibt es einen Schutz gegen sittenlose Unterhaltungsschriften
und medizinische Bcher? Ich wei, da wir in groen Wrterbchern
stundenlang nach gewissen Ausdrcken suchten und gewisse Stellen
heidnischer Dichter auswendig wuten, ohne da der Lehrer darnach je
fragte.

Man kann zu sehr hinter dem Berge halten und dadurch wahrhaft gewissenlos
an den eigenen Kindern handeln, zumal keine Snde dem Menschen nher liegt,
keine mehr reizt und scheinbar befriediget, keine so rasch und leicht dem
leiblichen und geistigen Verderben entgegenfhrt und betrbtere Folgen fr
das sptere Leben nach sich zieht, als gerade diejenige, von welcher
Eltern, Lehrer und christliche Bcher am allerunliebsten reden, am liebsten
schweigen.

Unsere Jugend liest im Ganzen zehnmal mehr als sie zu verdauen vermag und
meistens unterhaltende Bcher. Christliche Unterhaltungsschriften schonen
das heillose Vorurtheil der Menschen, doch die Zahl unchristlicher Romane,
welche das Laster der Unkeuschheit lieber ausmalen und verherrlichen, als
andeuten und die traurigen, schrecklichen Folgen desselben schildern, heit
Legion und nicht christliche, sondern unchristliche und sittenlose Bcher
sind das Lieblingsfutter der jungen Lesewelt. Es ist milich und schwierig,
hier etwas Gutes zu leisten.

Natrlicherweise kommt in Zuchthusern hinsichtlich des sechsten Gebotes
Vieles vor, was man in einer nicht sowohl fr Gefngnikundige als fr das
grere Publikum bestimmten Schrift nur ungemein gemildert auftischen oder
durchaus weglassen mu und eine der grten Schwierigkeiten hinsichtlich
dieser Zuchthausgeschichten lag fr mich darin, einerseits der objectiven
Wahrheit und anderseits dem sittlichen Gefhle nicht allzunahe zu treten.

Schon die uere Rcksicht auf meinen hochverehrten Gnner, den Herrn
Professor Stolz mute mich vorsichtig machen, damit ich durch die im
Interesse einer groen Sache nothwendige Profanirung des Kultus und der
geschlechtlichen Verhltnisse keinen Anla zu gegrndeten Beschwerden gebe.

Der zweite Zweck dieser Schrift berhrt das _Gefngniwesen_.

In diesem Fache knnen Mnner aller religisen und politischen Farben ein
ruhiges und vernnftiges Wort reden und eine beim Volke ebenso unbeachtete,
als wichtige Frage der Zeit entscheiden helfen.

Weil ich nicht die Ehre habe, Rechtsgelehrter oder Gefngnibeamter zu
sein, erscheine ich als vollkommen Unpartheiischer und weil ich die Unehre
hatte, volle 33 Monate ein Gefangener zu sein, wird es wohl als keine
Anmaung erscheinen, wenn ich Gelehrten von Fach ein klein bischen ins
Handwerk pfusche.

Ich habe lange genug unter Strflingen gelebt, um die unverbesserlichen
Grundfehler des Zusammenlebens derselben ausfindig zu machen und fast lange
genug in der Zelle, um die Lichtseiten und Schattenseiten des
pennsylvanischen Systems an sich und in seiner bisherigen Durchfhrung
kennen zu lernen. Ich versumte auch nicht, die Jahrbcher von Julius und
Varrentrapp und die Schriften berhmter Anhnger der verschiedenen
Gefngnisysteme sammt denen ihrer Gegner zu lesen, habe sogar Ritter
Apperts zahlreiche Geisteserzeugnisse, bei denen der Erfolg das
Merkwrdigste bleibt, verschlungen und dadurch mindestens die Ueberzeugung
gewonnen, da auch im Gefngniwesen eine 33jhrige Erfahrung die Augen
selbst einem Franzosen nicht mehr ffnet, wenn derselbe alltgliche
Vorurtheile gegen ein System einmal eingesogen und ffentlich als
berechtigte anerkannt hat oder gar, mit einem selbstfabrizirten Systemchen
schwanger gehend, in schweren, langjhrigen und immer fruchtlosen
Geburtsnthen in der weiten Welt herumkutschirt.

Weil die Gefngnifrage eine der wichtigsten Fragen der Staatsverwaltung
und Rechtspflege ist, so habe ich mich keineswegs mit meinen persnlichen
Erfahrungen und dem Lesen zahlreicher Schriften ber Gefngniwesen
begngt, sondern namentlich auch bedacht, da mich die aufrichtige und
bleibende Hochachtung und Liebe, welche ich den geistlichen und weltlichen
Beamten des Bruchsaler Zellengefngnisses zollen mu, leicht mit
einseitiger Vorliebe fr das Isolirsystem erfllen und unmerklichen Einflu
auf meine Ueberzeugung ausben knnte.

Noch selbst Gefangener habe ich mit Manchem geredet, welcher das
Zellenleben frher durchgemacht hatte und nach meiner Begnadigung redlich
gestrebt, Urtheile der Zellenbewohner zu vernehmen und Entlassene zu
beobachten und zwar beides bei Leuten, welche gemeine Verbrechen begangen,
theilweise die einsame sammt der gemeinsamen Haft gekostet hatten und sehr
verschiedenen Stnden, Bildungsstufen und religisen Bekenntnissen
angehrten.

Was ich bereits in der Zelle war, bin ich bis zur Stunde geblieben, nmlich
ein Anhnger der allerdings harten und je nach Umstnden gefhrlichen, doch
bei sachgemer Durchfhrung fr die Gesellschaft hchst segensreichen
einsamen Haft.

Die gemeinsame Haft erfllt ihre Aufgabe hinsichtlich der Strafzwecke der
Shne, Abschreckung und besonders der Besserung nur halb oder gar nicht.
Warum?

Richten wir das Augenmerk zunchst auf den Strafzweck der _Besserung_, so
mu ich mich vor Allem gegen jenen sehr zeitgemen, aber auch sehr
oberflchlichen Begriff von Besserung verwahren, der bis zur Stunde gang
und gbe ist und bei Rechtsgelehrten in Folge der bisherigen Entwicklung
ihrer Wissenschaft bis nchsten Frhling wohl noch nicht aufgegeben sein
wird.

Laut diesem Begriffe besteht die Besserung des Strflings darin, da
derselbe in der Strafanstalt recht fleiig arbeitet und die Hausordnung
befolgt, nach der Entlassung aber nicht mehr zurckkehrt.

Nun ist fleiiges Arbeiten und gesetzmiges Verhalten whrend und nach der
Gefangenschaft _mglicherweise_ ein Zeichen von Besserung, eben so gut aber
auch keines, denn Arbeitsamkeit kann Folge der Gewohnheit, Noth, des
Ehrgeizes, der Geldliebe und vieler anderer Dinge sein, welche mit der
Besserung nichts gemein haben und die Zahl jener Menschen, welche beim
Austritt aus der Strafanstalt sich vornehmen, keineswegs gesetzlich zu
leben, dem Amtmann wiederum in die Haare zu gerathen und mglichst bald zu
den augenarmen Zuchthaussuppen zurckzukehren, ist wohl uerst gering.

Alles dies knnte den Rechtsgelehrten gleichgltig sein, wenn man im
Staatsleben nur nicht innerhalb der gesetzlichen Schranken ein
grundschlechter Kerl sein und der menschlichen Gesellschaft durch Ausbung
von mancherlei Lastern hundertmal mehr in Einem Jahre zu schaden vermchte,
als etwa ein alter Zuchthausbruder durch seine kleinen Diebsthle whrend
seiner ganzen Spitzbubenlaufbahn geschadet hat.

Diese unlugbare Thatsache lt den Begriff, welchen die Rechtsgelehrten
mit den meisten Gefngnibeamten von der Besserung haben, in seiner
vlligen Armuth und Bedeutungslosigkeit erscheinen, insofern von einem
_Nutzen_ fr die menschliche Gesellschaft die Rede sein soll.

Ferner sind laut meinem Strflingsleben und zahllosen, einstimmigen
Verffentlichungen der Fachmnner gerade unter den Rckflligen die
stillsten, fleiigen und fgsamsten Seelen und woher kommt es wohl, da
diese Gebesserten immer hufiger in die Strafanstalten zurckkehren und die
Amtsleute sammt Gefngnibeamten durch persnliches Erscheinen von der
Nichtigkeit des herrschenden Begriffes von Besserung berzeugen?

Diese Rckflligen haben keinen sittlichen Halt in sich und keinen sozialen
in der Gesellschaft, bilden den Abfall der Volksentwicklung und sind die
Parias unserer gesellschaftlichen Zustnde.

Der alte Paul, welcher im Amtsgefngnisse seine, ein jetzt 73jhriges Leben
umfassende Zuchthausgeschichte, an der ich gar nichts gendert habe, getreu
erzhlt, ist das Muster eines Rckflligen und nach meinem Ermessen ein fr
Rechtsgelehrte und Geistliche besonders belehrendes Muster.

Die Besserung, von welcher in dieser Schrift geredet wird, besteht in der
sittlichreligisen Wiedergeburt des Menschen und diese wurzelt lediglich in
der positiven Religion.

Etwas Sittliches kann mglicherweise positives und damit strafwrdiges
Unrecht sein, etwas Unsittliches jedoch kann nimmermehr zu Recht werden;
ferner bestand die Besserung bei mir zwar in sittlichreligiser
Wiedergeburt, worin sie auch beim gemeinen Verbrecher bestehen soll, allein
es knnen bessere Leute als ich wegen politischer Vergehen ins Zuchthaus
gekommen sein, endlich besteht die Besserung des politischen Verbrechers
zunchst im ehrlichen Aufgeben seiner regierungsfeindlichen Plne--damit
habe ich den Hauptgrund angegeben, wehalb ich in dieser Schrift nicht mehr
viel von politischen, sondern fast lediglich von gemeinen Verbrechern
spreche.

In der gemeinsamen Haft sind Thrnen und Seufzer der Reue zwar nichts
Seltenes und gute Vorstze gibt es mehr als Erdpfel, allein die Reue ist
bereits immer und fast nothwendig nur eine natrliche Reue ber die
zeitlichen Folgen der That und die guten Vorstze enden gemeiniglich in dem
Vorsatze, das elfte Gebot, nmlich das Erwischtwerden nicht mehr zu
bertreten.

Eigentliche Besserung gedeiht in Strflingsgesellschaft so wenig, als ein
von den ersten Symptomen der Pest Befallener durch Pestkranke gesund wird.

Warum?

Die Zuchthausgeschichten sagen es und hier zunchst die Grnde kurz
zusammengenommen, welche gegen gemeinsame Haft berhaupt und gegen
Besserung durch dieselbe reden.

Die emprenden Prahlereien und schamlosen Herzensergsse hartgesottener
Snder, der Unterricht, den die Altmeister der Greiferkunde und aller
Laster in der Sprache und den Kniffen der Gaunerwelt Andern mit satanischer
Freude ertheilen, die unvermeidliche Anknpfung von Bekanntschaften, welche
dem bessern Entlassenen hufig arge Verlegenheiten, Versuche und Gefahren
bereiten, die Mglichkeit der Verabredung und Durchfhrung von Flucht aus
der Anstalt und zu Verbrechen, welche innerhalb und auerhalb der Anstalt
ausgefhrt werden sollen, der Verkauf von Gelegenheiten zu Unthaten--all
diese lngst anerkannten Schattenseiten der Strflingsgesellschaft
betrachte ich trotz ihrer Wichtigkeit doch nur als Nebendinge.

Den unverbesserlichen Grundfehler aller gemeinsamen Haft, fr welchen auer
der einsamen kein Krutlein gewachsen ist, insofern man von Besserung reden
will, finde ich darin, da der stets durch Gesellschaft zerstreute
Strfling schwer oder gar nicht zum ernsten Nachdenken und unpartheiischen
Insichblicken gelangt, in Folge des steten Zusammenlebens blutwenig Zeit
und Gelegenheit findet, dem nicht gerade karg zugemessenen, doch schwer zu
vertheilenden Unterricht in Kirche und Schule nachzuhelfen durch
Selbstbildung. Dagegen findet er lauter Leidende um sich, berzeugt sich
selbst und Andere gerne von seiner allzuharten Strafe oder beispiellosen
Unschuld, lt sich auch von Anderer Unschuld gerne berreden, wird durch
bestndigen Anblick von Verbrechern und engeres Anschlieen an Einzelne
derselben gar bald gegen alle Verbrechen abgestumpft, redet sich und Andere
in eine rettungslose Selbsttuschung ber den eigenen Werth, in wilden Ha
gegen Gesetze und Menschen, gegen Staat und Kirche und Gott hinein.

Dagegen helfen keine Klasseneintheilungen, deren Eintheilungsgrund doch
nirgends annehmbar aufzufinden ist, weil die sittliche Wiedergeburt ein
innerer Akt ist und mit dem ueren Verhalten gar oft in scheinbaren
Widerspruch gerathen kann. Auch die farbenreichen Affenjacken mit
tellergroen Knpfen voll Inschriften, welche die liebe Eitelkeit
kindischer Strflinge kdern knnten, darf Herr Appert als unntze,
uerliche Spielerei herzhaft aufgeben und was das Schweigsystem betrifft,
so beseitiget dieses keineswegs die Schattenseiten der gemeinsamen Haft,
lt einige derselben hchstens in neuer Art fortleben und verzichtet auf
jede Frucht des Zellenlebens.

Das Schweigsystem ist eine Halbheit und theilt das Schicksal aller
Halbheiten; verdirbt es mit allen Partheien und bleibt unfruchtbar fr die
Gesellschaft. Besserung als Wiedergeburt des Menschen vermittelst des
religisen Glaubens gedeiht lediglich in der Zelle, wie ich an mir selbst
erfahren habe, wie die Geschichte des "Duckmusers" insbesondere zeigen
soll und wie ich von mehr als Einem Gefangenen gengend beweisen kann.

Freilich erfolgt auch in der Zelle Besserung nicht immer und nur unter
gewissen Bedingungen, von denen spter die Rede sein und hier nur eine
einzige erwhnt werden soll.

Es ist kaum glaublich, welche Ansichten manche Rechtsgelehrte und
Gefngnibeamte von der Besserung durch einsame Haft hegen. Alles Ernstes
huldigen sie dem Wahn, alte, grndlich verdorbene Menschen, welche leider
statt jugendlicher Verbrecher nach Bruchsal spedirt werden, knnten
innerhalb weniger Monate nicht nur Anfnge zur Besserung machen und darin
fortschreiten, sondern vollkommen gebessert und so Alles, was 20 bis 50 und
mehr Jahre verdorben, im Sturmschritte einiger Monate verbessert werden.

In neuerer Zeit haben die Englnder die Zeit der lngsten Dauer der
Einzelhaft auf 18 Monate festgesetzt, nach deren Verlauf sie ihre
Gurgelabschneider und Londoner Spitzbubengenies in ferne Colonien senden,
um dieselben auf gute Weise sich vom Halse zu schaffen.

Kaum war dieses beschlossen, priesen deutsche Gelehrte solche Maaregeln
auch fr deutsche Zellengefangene an und weil die Deutschen als Trger der
Cultur und anderer schner Schelchen keine Verbrecherkolonien besitzen,
wollten Jene die Leute bereden, ein Mensch, der ber 18 Monate in einer
Zelle sitze, leide nothwendig an der leiblichen und geistigen Gesundheit
Schaden und knne nach 18 Monaten des Glckes jeder Spitzbubengesellschaft
wieder theilhaftig gemacht werden wegen der whrend dieses Zeitraums neu
oder zum erstenmal errungenen Vortrefflichkeit.

Weil ferner in manchen Anstalten Englands die Zellengefangenen wahrhaft
verhtschelt und eher fr ihre Verbrechen belohnt als bestraft werden,
priesen Ritter einer durch und durch falschen, weil gegen die wahren
Interessen der Gesellschaft und der Gefangenen gleichmig gerichteten
Humanitt auch fr Deutschland dergleichen Verhtschelungen an und schlugen
Maaregeln vor, durch welche das Grundprinzip der einsamen Haft, nmlich
die _absolute Trennung der Verbrecher unter sich_, mehr oder minder
vollkommen beseitiget worden wre.

In Baden ist die Strafdauer natrlich je nach dem Vergehen sehr
verschieden, kurze Strafzeiten herrschen vor, damit aber auch
Nichtbesserung der meisten ltern Strflinge und dies um so mehr, weil die
Gerichte in neuester Zeit mit Hungerkost und Dunkelarrest gar zu freigebig
sind und durch diese Strafverschrfungen ein dem Isolirsystem als dem der
Besserung zwar nicht widersprechendes, doch demselben sachgem
untergeordnetes Prinzip, nmlich das der Abschreckung auch in Bruchsal
vorherrschend machen und dadurch erst mit dem Grundgedanken dieser Anstalt
in Widerspruch gerathen.

Vollkommen mit Herrn Professor Stolz einverstanden, erklre ich: Jeder
Geistliche und jeder Mensch, welcher die Snde fr ein greres Uebel hlt
denn Wahnsinn und Leibestod und daran glaubt, da im Himmel Ein Bekehrter
mehr Freude verursache denn 10 Gerechte, mu folgerichtig ein Anhnger der
einsamen Haft der Verbrecher werden, zumal die Erfahrung an manchen Orten
und besonders auch zu Bruchsal trotz der ungnstigsten Verhltnisse
bewiesen hat, bei richtiger Behandlung der Zellenbewohner seien die Flle
von Geistesstrung und Tod kaum hufiger, als in einsamer Haft und
Bekehrungen gemeiner Verbrecher nichts weniger als eine Seltenheit, ohne
da die Bekehrten einem krankhaften Muckerthum oder einseitigem Fanatismus
sich ergeben.

Ist ein unter dem Abschaum der Gesellschaft lebender gebesserter Strfling
ein weier Rabe, was eigentlich ein Kindesverstand ohne die Erfahrungen von
Jahrhunderten einsehen sollte, so steht es mit dem Strafzwecke der
_Abschreckung_ in gemeinsamer Haft eben auch nicht glnzend. Bekanntlich
trgt Jeder seine Brde leichter, wenn er Andere dieselbe Brde tragen
sieht, ebenso bekanntlich sucht und findet man Zerstreuung in der
Gesellschaft und nicht minder bekanntlich kommen tglich mehr Gste in die
Strafanstalten und bringen erheiternde oder trstliche Neuigkeiten. Von all
diesen Erleichterungen der Strafe wei der Zellenbewohner wenig, folglich
hat die einsame Haft auch hinsichtlich der Abschreckung Vorzge vor der
gemeinsamen. In neuerer Zeit hat man gemerkt, wie wenig die gemeinsame Haft
bei guter Kost und ordentlicher Pflege abschrecke und wenn dieselbe durch
Hungerkost verschrft wird, so finden wir hierin nur etwas Lbliches. Man
hat Hungerkost und den bei lngerer Dauer und regelmiger Wiederholung
nicht sehr empfehlenswerthen Dunkelarrest aber auch fr Zellenbewohner und
zwar nicht blos fr Rckfllige reichlich verordnet und dieses Verfahren
finden wir ein bischen grundsatzwidrig, stark ungerecht und uerst
nutzlos. Es hat berhaupt mit der Abschreckungstheorie eigene Bewandtni,
weil der Mensch beim Begehen eines Verbrechens wohl selten an
Erwischtwerden und kommende Strafe ernstlich denkt oder glaubt, sich hufig
vom Augenblicke der Leidenschaft beherrschen lt und was laut der
Geschichte die grausamsten Strafen nur wenig vermochten, nmlich Andere
abzuschrecken, wird kein Zuchthaus der Welt jemals ersprielich zu Stande
bringen.

Mit den Leiden des Verbrechers hngt als dritter Strafzweck die _Shne_ auf
das Engste zusammen und hier ist das Verhltni der einsamen und
gemeinsamen Haft so, da letztere geradezu das Gegentheil dessen bewirkt,
was sein sollte. Je verkommener und schlechter nmlich ein Mensch ist,
desto leichter findet er sich in die Strflingsgesellschaft, gewhnt sich
leicht an das Zuchthaus, weil er sich daselbst in seinem eigentlichen
Elemente befindet und die Zeit stumpft ihn gegen das Elend der
Gefangenschaft beim Andenken an das meist wohlverdiente und oft furchtbare
Elend auerhalb der Gefngnimauern manchmal vllig ab, so da er dem Tage
der Freilassung nicht freudig, sondern traurig entgegensieht. Gerade die
Bessern und Besserungsfhigen leiden in gemeinsamer Haft am meisten, weil
sich ihr innerstes Gefhl, der Rest des bessern Menschen in ihnen gegen die
Gleichstellung und das Zusammenleben mit den verworfensten Burschen emprt.
Wie in der Welt berhaupt, so haben auch im Zuchthause gar oft die Heuchler
und Schlimmen die Oberhand ber die Geraden und Bessern und um die
schmerzliche Emprung ihres Innern zu betuben, dadurch ihre Leiden zu
mildern und ruhig und ertrglich leben zu knnen, suchen sie den Heuchlern
und Schlechten gleich zu werden.

Ich habe hineingeblickt in die Herzen alter Strflinge, wie nur ein
Strfling dem andern hineinzublicken vermag und wenn diese Herzen noch
nicht ganz verknchert und versteinert waren, so habe ich als letzten Rest
des bessern Menschen eine bittere, furchtbare Anklage gegen die menschliche
Gesellschaft darinnen gelesen.

Jeder Mensch ist ein Gesellschaftsmensch, die Gesellschaft trgt mehr oder
minder Mitschuld an seinen Lastern und Verbrechen und wenn die Gesellschaft
die Shne des Verbrechers diesem allein aufbrdet, ihre Mitschuld
keineswegs anerkennt und nur sich selbst, keineswegs aber ihn zu retten,
sondern moralisch zu vernichten strebt, so nenne ich Entlassener vom
Standpunkte der Rechtsidee aus ein derartiges Verfahren ebenso
selbstschtig als ungerecht.

Rcksichtlich der Shne haben die Zellengefngnisse einen Vorzug, der alle
Mnner des Rechtes zu Freunden derselben machen sollte. Man knnte mit
groen Buchstaben ber die Eingangsthre einer derartigen Anstalt
schreiben:

  _Je schlechter der Kerl, desto schlechter geht es ihm hier!_

und wrde damit eine nachweisbare Wahrheit getroffen haben.

Manche Beamte alter Anstalten prahlen mit merkwrdigem Vertrauen, welches
ihre Gefangenen gegen sie bewiesen. Nun ist es zwar richtig, da ein
menschlicher Beamter, der Strflinge taktvoll zu behandeln wei, was eben
keine leichte Sache und nicht Jedem gegeben ist, sich die Liebe und Achtung
derselben und wohl auch das Vertrauen Einzelner in hohem Grade erwirbt.
Doch das Vertrauen Einzelner ist noch lange nicht das Vertrauen der
Gefangenen berhaupt; ferner ist zwischen Vertrauen und Vertrauen ein
gewaltiger Unterschied und ich fr meine Person sehe nicht ein, welche
Grnde zusammenlebende Strflinge im Allgemeinen haben knnten, einen hoch
ber ihnen, Allen gleichmig gegenberstehenden Beamten, der es unmglich
Allen recht machen kann und dehalb seine Gegner, Verlumder und
Ehrabschneider unter den Strflingen stets finden wird, wenn er auch ein
Halbgott wre, zu ihrem wahren Vertrauten zu machen und damit demselben
alle Falten ihres Herzens und alle Geheimnisse eines oft schauerlich
verkommenen Lebens zu offenbaren. Der Mittheilung bedarf der Mensch
freilich, aber der Strfling wird gerade wie andere Leute sich zunchst
seinen Gesinnungsgenossen mittheilen, wenn er solche in der Nhe findet,
wird sich an Solche wenden, welche mit ihm auf gleicher Bildungsstufe
stehen und in der gleichen Lage leben und bei einiger Klugheit, woran es
dem einfltigsten Strfling selten mangelt, den Beamten sich in mglichst
gutem Lichte zeigen und dadurch seine Lage verbessern. _Den_ Strfling
mchte ich wohl einmal sehen, der zu den Beamten luft und seine Snden und
Laster _nicht_ zu entschuldigen, zu verschnern und zu rechtfertigen sucht,
sondern denselben von seinen Verirrungen erzhlt, Beweise der Verruchtheit
bringt und unentdeckte Schandthaten enthllt!

Er wrde jedenfalls unter seinen Kameraden als der grte aller Dummkpfe
gelten und htte es bei ihnen fr immer verschttet. Statt an wahres
Vertrauen glaube ich tausendmal eher an Heucheln und heimliches Anzeigen,
an Lug und Trug und wenn je ein Strfling statt seinen Gesinnungsgenossen
einen Vorgesetzten zu seinem wahren Vertrauten zu machen gedchte, so wrde
er zunchst sich an den Zuchthauspfarrer wenden, um etwa den Trost und die
Hlfe der Religion bei diesem zu holen.

Strflinge dieser Art gibt es; ich selbst habe unter durchschnittlich 300
Einen gefunden, aber nur Einen, welcher von der Predigt am Sonntag manchmal
bis zu Thrnen gerhrt wurde und jedesmal dem Pfarrer entgegenzitterte,
wenn ihn der Verwalter vorher wegen seines unordentlichen Benehmens in
Arrest gesprochen hatte. Dieser Bursche war ein ebenso jhzorniger als
leidenschaftlicher Todtschlger, dabei eine hchst sentimentale Natur und
weil er eine hbsche Magd liebte, welche er zuweilen aus bescheidener
Entfernung betrachten, doch nur durch Blicke und Geberden romantische
Gefhle mit ihr austauschen konnte, so wird es leicht begreiflich, da er
nach Befreiung drstete und schmachtete und sehr wahrscheinlich, da unser
Herrgott weit weniger als die hbsche Magd der Gegenstand seiner rhrenden
Sehnsucht und herzbrechenden Verehrung war.

Ein gutes Zeugni vom Hausgeistlichen gilt als gewaltiger Hebel bei
Begnadigungen, der Bursche bedurfte eines solchen weit mehr als andere und
um die Gunst des Pfarrers zu gewinnen, redete er gottselige Dinge von
schuldlosen Gefangenen, welche Gott mit Gebet bestrmen mten, niemals von
der holdseligen Magd ausgenommen Tag und Nacht unter den Strflingen, mit
welchen er sich zu vertragen vermochte.

Weil ein Zusammenleben der Strflinge Heuchelei, Verstellung, Verabredungen
jeglicher Art und heimliche Angebereien mglich macht, wird den Beamten die
Kenntni der einzelnen Individuen, damit aber auch die _individuelle
Behandlung_ der Einzelnen sehr erschwert, die doch mit der Erreichung aller
Strafzwecke in engen Zusammenhang treten soll.

Die Beamten sind mit andern Arbeiten berladen, und zufrieden, wenn nur der
Gewerbsbetrieb der Anstalt blht und die Hausordnung, welche wenig mit
religissittlicher Wiedergeburt zu thun haben kann, aufrecht erhalten wird.
Wir wollten damit auch zufrieden sein, wenn nur die Vertheidiger der alten
Zuchthuser der Welt nichts von Besserung der Gefangenen vormalten und
gegen das Isolirsystem loszgen, als ob dieses das %Non plus ultra% aller
Unzweckmigkeiten und aller Gruel in sich schlsse.

Der Zellenbewohner ist ein Mensch, folglich ein fr Gesellschaft geborenes
und der Mittheilung bedrftiges Geschpf, ist manchmal ein groer Snder
und schwerer Verbrecher und gerade diese Art von Leuten drngt ein
geheimnisvoller Trieb zu Selbstgestndnissen; die drckende Alplast der
Einsamkeit lastet schlaflose Stunden der Nacht und viele Stunden des Tages
ungestrt auf ihm, er fngt an mit sich selbst zu reden, seine ganze Lage
ist darauf berechnet, ihn zum Nachdenken, Insichblicken, zur
Verinnerlichung zu bringen und weil auer geistlichen und weltlichen
Beamten, Werkmeistern, Aufsehern und einzelnen Besuchern der Anstalt
Niemand zu ihm kommt, weil schon seine Lage ihn in eine erhhte und oft
leidenschaftliche, uerst reizbare Gemthsstimmung versetzt, welche an
sich einer langdauernden Heuchelei widerspricht, endlich weil nirgends ein
Gefangener so unablig und scharf beobachtet zu werden vermag wie der
Zellenbewohner--aus all diesen Grnden ist er sehr offenherzig, oft bis zur
Unverschmtheit und Malosigkeit treuherzig und naiv und wenn er sich nicht
jedem Besucher geradezu gibt wie er ist, sei es vorherrschend im Bsen oder
im Guten, so werden doch alle Beobachter zusammen in Folge einer uerst
durchdachten Controlle und musterhaften Zusammenwirkens sehr bald ber den
individuellen Charakter, den Unwerth und Werth jedes einzelnen Gefangenen
vollkommen einig.

Kenntni des individuellen Charakters macht jedoch eine diesem gegebenen
Charakter entsprechende Behandlung mglich und durch diese hat die
Einwirkung im Interesse aller Strafzwecke eine mchtige Handhabe.

Was in gemeinsamer Haft ein Akt der Nothwendigkeit ist, nmlich mglichst
gleiche Behandlung aller Gefangenen, aus welcher sich brigens gewaltige
Ungleichheiten von selbst ergeben, wre im Zellengefngni ein Akt des
Unverstandes, welcher die Erreichung der Strafzwecke beim Einzelnen sehr
beeintrchtigte.

Ohne die Hausordnung im Mindesten bei Seite zu setzen, liegt es in der
Macht der Beamten eines Zellengefngnisses, bei Behandlung der
Zellenbewohner an sich sehr geringfgige, fr diesen jedoch sehr groe
Unterschiede eintreten zu lassen. Weil Jeder nach seiner Art und Weise
behandelt werden kann und soll, mag der Strafzweck der Shne auch von Auen
her seine Erfllung finden. Aber schon die Lage des Zellenbewohners bewirkt
die bestmgliche Erreichung dieses Strafzweckes.

Nichts ist so beredt als die Einsamkeit und nichts so furchtbar, als die
Lage eines Zellenbewohners, der ganz ins Aeuerliche versenkt, ein elender
Knecht seiner Triebe und Leidenschaften, ein hohles Rohr, welches von jedem
Aufathmen der malosen Begierde gebeugt wird, viele Stunden des Tages und
der Nacht einsam zubringen, seine Zerstreuung in lauter Dingen suchen mu,
welche darauf hinzielen, die schlummernden Keime und Reste des bessern
Menschen in ihm zu wecken. Er steht allein mit seinem Ich, mit seinen
wsten Erinnerungen, mit dem vollen Bewutsein seines Unglcks und wenn
erst die Selbstvorwrfe lebhafter werden, wenn die natrliche Reue in Folge
tieferer Einsicht in sich selbst und neuerrungener Erkenntni zur
bernatrlichen sich steigert, wenn er dasteht mit zerrissenem, blutendem
Herzen und von der Gre seiner Schuld berzeugt in sich keinen Halt,
keinen Trost, keine Ruhe und keinen Frieden zu finden vermag, dann ist er
der Verzweiflung, dem Wahnsinne nahe und es darf nur ein taktloser
Geistlicher kommen, um die _Schrecken der Religion_ in die Zelle zu bringen
oder die Gefhlsseiten der Religion vorherrschend schildern, dann mag der
altgewordene Snder durch Verzweiflung an Gottes Gnade und eigener Kraft
dem religisen Wahnsinne verfallen.

Der erfahrenste, taktvollste, ruhigste Geistliche vermag nicht immer
derartige Strme zu beschwren, schon mancher Bewohner amerikanischer und
europischer Zellengefngnisse ist an der Ungeschicklichkeit des
Geistlichen oder auch an der Offenbarung Johannis zu Grunde gegangen und
hat durch ein seelengestrtes Leben seine zeitliche Schuld geshnt.

Je verkommener der Mensch, desto grer die Qual in der Zelle!--Dies ist
an sich ganz in der Ordnung und ein Vorzug der einsamen Haft vor jeder
andern Haftart, von dessen Vorhandensein ich mich auf vielfache Weise
gewissenhaft zu berzeugen trachtete und berzeugte.

Fr die Richtigkeit dieser Thatsache spricht auch die alte Erfahrung, da
zumeist die _schlechtesten_ Subjekte Seelenstrungen und
Selbstmordsgedanken in der Zelle vor allen Andern ausgesetzt sind, wie dies
in der ganzen Welt der Fall ist.

Der Vorwurf, einsame Haft erzeuge leicht Seelenstrungen und Selbstmord hat
mindestens historische Thatsachen genug fr sich, doch weniger einsame Haft
_an sich_ als eine mangelhafte, verkehrte _Behandlung der Gefangenen_
machte einzelne Zellengefngnisse zu einer Art Versammlungsort der
Kandidaten des Narrenhauses und Selbstmordes. Die Gestalt [Anstalt] zu
Bruchsal steht hierin glnzender als alle oder doch die meisten andern da
und wenn auch hier Seelenstrungen und Selbstmorde vorkommen, so mu man
bedenken, dies sei in Anstalten mit gemeinsamer Haft wohl auch der Fall und
berhaupt in Gefngnissen, in welchen gemeiniglich der Auswurf der
Gesellschaft zusammenstrmt, etwas Natrliches. Ich kenne zwei Flle von
sogenannten Halucinationen und, wenn das Springen ins Wasser ein
Selbstmordsversuch genannt werden darf, auch einen solchen Fall aus meinem
Zusammenleben mit Strflingen binnen kurzer Zeit und der alte Paul, der
noch lebt und das bewunderungswrdigste Gedchtni in hohen Jahren
bethtigt, wei in seiner langen Zuchthausgeschichte auch hierin
Belehrendes zu erzhlen. Endlich darf man nicht vergessen, da in Bruchsal
noch viele politische Gefangene sitzen, welche, wie namentlich die armen
Soldaten, keineswegs das Bewutsein innerer Verworfenheit, sondern eher das
lebendige Gefhl, fr Andere die Suppe ausessen und allzu schwer ben zu
mssen im Bunde mit einer einst mchtigen und jetzt zerstrten Hoffnung dem
Wahnsinn in die Arme treibt!--

In Bruchsal ist der Beweis, da nicht einmal vier- und fnfjhrige,
geschweige eine ber 18 Monate hinausgehende Einzelhaft den Gefangenen
durchschnittlich leiblich oder geistig krank mache, thatschlich geliefert;
mit Gott und Welt vershnt leben Manche recht glcklich in ihren engen
Behausungen und liefern Viele den Beweis, die Behauptung, ein
Zellenbewohner sei nicht im Stande seine Besserung zu bethtigen, laufe
eben auch nur wie so Manches in den Schriften der Gegner der einsamen Haft
auf arge Oberflchlichkeit und leidige Unkenntni hinaus.

Wenn das Ertragen der schweren Leiden der einsamen Haft um Jesu Christi
willen und ein ruhiges, fast freudiges Ertragen und Dulden kein Beweis
religissittlicher Wiedergeburt, der Besserung sein sollte, dann gibt es
meines Erachtens keinen Einflu der Religion auf das Leben der Menschen und
keine chte Sittlichkeit.

Die Zelle ist eine Art von Sarg, das Zellenleben eine Art von Tod, man
knnte ihn den "Vortod" nennen, doch aus Srgen erblht neues Leben und
jedem Tode folgt eine Auferstehung!------

Ich habe nun meine allgemeinen und meines Erachtens guten Grnde dargelegt,
die mich zum entschiedenen Gegner der gemeinsamen und zum entschiedenen
Freunde der einsamen Haft machten.

Ein berhmter Rechtsgelehrter und hochgeachteter Schriftsteller uerte
sich gegen mich einmal dahin, da die Einzelhaft eine zu starke Kur, die
Frucht der Besserung keine sichere sei und da ein religiser Orden,
welcher sich ganz und ausschlielich mit Gefangenen beschftigte, ganz
andere und grere Erfolge erzielen wrde, als die durch Zellenleben bisher
erzielten. Ich kann dieser Ansicht nur halb beipflichten, die Grnde davon
werden durch das Folgende klar werden, hier mchte ich nur bemerken, da im
kleinen Baden und in andern parittischen Staaten, der Staat sich von
vornherein nicht dazu verstehen wrde, die Strflinge je nach ihrem
religisen Bekenntnisse in besondere Anstalten unterzubringen und die
Leitung katholischer Strafanstalten einem geistlichen Orden zu
berantworten. Ein Zellengefngni bietet zudem den fr das Aufwachen und
Erstarken des Bedrfnisses nach positiver Religion wichtigen Vortheil, da
Katholiken, Evangelische und Juden getrennt sind und jeder Einzelne in
Kirche und Schule recht aufmerksam sein und in der Zelle ungestrt unter
vier Augen mit seinem Seelsorger sich unterreden kann.--Wrde sich jedoch
niemals ein Zellenbewohner wirklich bessern, eine Voraussetzung, deren
Grundlosigkeit ich bei Vielen einsehen lernte, so bliebe ich dennoch ein
entschiedener Anhnger der einsamen Haft.

Aus welchen Grnden?

Erstens fallen die unverbesserlichen Nachtheile der gemeinsamen Haft bei
der einsamen von selbst weg und verwandeln sich bereits in ebenso viele
Vortheile fr die Gesellschaft wie fr die Gefangenen.

Die Grohansen der Greiferkunde und aller Verbrechen finden in der Zelle
keine Gelegenheit, sich ein lernbegieriges Schrlein zu sammeln,
Zellengefngnisse bieten anerkannte Garantie gegen Fluchtversuche der
verwegensten und verzweifeltsten Menschen und sichern damit den
Strafvollzug; ferner sind Verabredungen und Verbindungen zur Ausfhrung
boshafter oder verbrecherischer Plane, welche whrend oder nach der
Gefangenschaft ins Werk gesetzt werden sollen, eine baare Unmglichkeit,
endlich beugt eine streng und folgerichtig durchgefhrte Einzelhaft den
Bekanntschaften gleichgesinnter Bsewichter und den oft so folgenschweren
Begegnungen verschiedenartig gesinnter Entlassener vor, zuletzt nimmt sich
das Volk mit gesundem, richtigen Instinkte eines entlassenen
Zellenbewohners eher als jedes andern entlassenen Strflings an.

Zweitens bekommt der Zellenbewohner nicht nur Zeit, Gelegenheit und Mittel,
ein Gewerbe zu erlernen oder sich in einem solchen zu vervollkommnen,
sondern er bekommt in weit hherm Grade als jeder andere Gefangene auch
Zeit, Gelegenheit und Mittel, sich mehr oder minder die Macht der Bildung
anzueignen, um ein guter Brger, ein sittlicher, religis gesinnter Mensch
zu werden. Dadurch shnt aber die Gesellschaft unstreitig groentheils die
Mitschuld, welche sie ebenso unstreitig am Vergehen und Verbrechen des
einzelnen Mitgliedes hat und dehalb halte ich auch einen ehemaligen
Zellenbewohner, welcher wiederum rckfllig wird, je nach Umstnden fr
weit strafwrdiger als jeden andern Rckflligen.

Drittens endlich _wird der Zellenbewohner_ doch gewi _nicht_ bei den
reichlich vorhandenen Mitteln der Bildung und Besserung _verschlechtert_,
wenn er auch nicht gebessert werden sollte. Sein Ehrgefhl wird nicht
tdtlich verwundet, weil er seine Schande mehr fr sich und fast ungesehen
tragen kann, der bestndige Anblick und die Rede roher, ehrloser Bursche
stumpft ihn nicht gegen Schande und Verbrechen ab und die ausschlieliche
Gesellschaft der Beamten und Angestellten macht seinen Ha und seinen
leidenschaftlichen Ingrimm gegen Gott und Welt, Gesetze und Richter, Klger
und Zeugen keineswegs aufflammen, sondern lt denselben ohne frische
Nahrung allmhlig erlschen.

Ein Zellengefngni ist jedenfalls keine Lasterschule, kein Werbeplatz fr
blutdrstige Utopier und hirnverbrannte Ikarier, wie Gefngnisse anderer
Art und hierin liegt ein groer Vortheil fr die Gesellschaft, den sie blos
dehalb nicht gengend anerkennen mchte, weil sie ihre wahren Interessen
berhaupt gerne vergit.

Bin ich als entschiedener Freund der Einzelhaft ein Feind der Anstalten
alten Styles? Allerdings, doch kein unbesonnener.

Ein Zellengefngni nach dem Muster des badischen ist zwar ein fr
Jahrhunderte erbautes Gebude, aber Bau und Einrichtung kosten schweres
Geld und Geld ist ein Artikel, den die Regierungen zu andern und
mglicherweise zu bessern Zwecken verwenden knnen als zum raschen Aufbau
"moderner Bastillen und Spitzbubenpalste."

Wenn meine zuchthusliche Wenigkeit in der Welt Etwas zu befehlen und Geld
dazu htte, so wrde ich zunchst die vorhandenen alten Lasterschulen auch
stehen lassen, vom Strafzwecke der Besserung klglich schweigen und den
Grundsatz der Abschreckung noch energischer als bisher geschah durchfhren,
zugleich aber auch den verderblichen Grundsatz, den Fehler eines Einzelnen
oder Weniger sogleich Alle ben zu lassen, aufstecken. Abschreckung wollte
ich als verzweifeltes Mittel anwenden, weil bei alten, hartgesottenen
Sndern schwerlich mehr an Besserung zu denken sein wird, wenn jeder
Einzelne derselben nicht mindestens vier bis fnf Jahre unausgesetzt in
einer Zelle untergebracht werden sollte.

Statt mit Dunkelarrest wrde ich mit Hungerkost freigebiger werden, wo Noth
an Mann kme und die alten Gefngnisse gerade so wie die badische Regierung
gegenwrtig thut, allmhlig in unvollkommene Zellengefngnisse verwandeln,
bis vollkommene gebaut wren.

In den Einzelzellen der alten Strafanstalten wrde ich die schlechtesten
Subjekte unterbringen, damit dieselben mindestens die bessern Gefangenen
nicht mehr zu verschlechtern im Stande wren und hiebei insbesondere auf
die Halbgebildeten und Religionssptter Bedacht nehmen.

In ordentlichen Zellengefngnissen dagegen wrde ich vor Allem _jugendliche
Verbrecher_ unterbringen und bei diesen ausschlielich den Grundsatz der
Besserung durchzufhren suchen, denn erstens biegen sich Bumlein am
leichtesten, so lange sie noch jung sind, zweitens wrde ich nicht
zuwarten, bis ein junger Mensch zum grogewordenen Verbrecher sich
herangebildet und die sittliche Fulni in ihm tchtig um sich gegriffen,
sondern so schnell als mglich mit einsamer Haft dazwischen fahren und
sicher sein, bei einem jungen Menschen in 18 Monaten weit mehr auszurichten
als im Laufe von 4-6 Jahren bei einem Verbrecher, welcher dem Schwabenalter
bereits nahe steht oder dasselbe gar schon auf dem Rcken hat.

Mit der Kur der Einzelhaft, wenn dieselbe bei jugendlichen Verbrechern
rechtzeitig angewandt wird, liee sich freilich bei der immer mehr
zunehmenden Verarmung und Verdienstlosigkeit die Zahl der Verbrecher
schwerlich namhaft vermindern, dagegen wrden doch Rckflle sicher zur
Seltenheit werden.

Wie es geborne Dichter gibt, gibt es wohl auch geborne Diebe und vor
Unglcklichen dieser Art wie vor andern Leuten an denen Hopfen und Malz
verloren bleibt, wrde ich die Gesellschaft dadurch zu schtzen suchen, da
die unverbesserlichen Feinde derselben entweder unter bestndiger sachgem
verschiedener Aufsicht und Behandlung bei ffentlichen Arbeiten--
Straenbau, Festungsbau, Lichten von Waldungen--verwendet oder in Folge
eines Vertrages mit einem andern Staate auf Nimmerwiederkommen in ferne
Lnder geschickt wrden.

Trume sind Schume!--

Wenn auch das Isoliersystem allmhlig in ganz Europa aufkommen und
herrschend wrde und je nach den verschiedenen Lndern und Volkscharakteren
sich in der Durchfhrung mehr oder minder verschieden gestaltete, was nicht
ausbleiben kann und nicht ausbleiben wird, so werden einzelne
Strafanstalten mit gemeinsamer Haft doch _als Ausnahmen_ sich stets
erhalten und der Grundsatz der Abschreckung mehr oder minder ausschlielich
in denselben ein kmmerliches Fortleben fristen.

Es gibt nmlich Kategorien von Strflingen, welche nicht in Zellen taugen
und deren Versetzung in dieselben nach meiner unmageblichen Ansicht etwas
ungerecht und zweckwidrig zu sein scheint.

Darunter gehren vor Allem Strflinge von sehr schwchlichem Krperbau, mit
schwacher Brust oder groen Krpfen, ferner Wasserkpfe, an denen offenbar
nichts zu bilden ist und schwerlich Etwas verbessert wird. ltere Leute,
welche selten mehr so fertig das Schreiben und Lesen lernen, um aus Bchern
Unterhaltung, Belehrung und Bildung schpfen zu knnen, Gehrlose, weil
dieselben unter Strflingen selten viel verderben und nicht grndlich
verderbt werden knnen, whrend sie anderseits als Zellenbewohner der
vornehmsten Trstungen und fast jeglicher Unterhaltung der Mitgefangenen
beraubt sind, endlich Verbrecher, welche das 55. Lebensjahr bereits
berschritten und das eigentliche Interesse an Verbrechen und am Leben
berhaupt mehr oder minder verloren haben, zuletzt Leute, welche besondere
Anlagen zu Seelenstrungen zeigen, mchten wohl als unbrauchbare Invaliden
der einsamen Haft auch am fglichsten zusammenbleiben. So weit meine
Vorgeschichte der Zuchthausgeschichten.


_Freiburg_, am Charfreitag 1853.


#J.M. HGELE#, Privatlehrer




#DER ZUCKERHANNES.#


#KINDER UND JUGENDLEBEN.#


Ein trber, regnerischer Septembermorgen schaut langweilig genug in die
Thler des Schwarzwaldes hinein, die Vorhgel rauchen gewaltig, den hhern
Bergen statten graue schwere Regenwolken just einen Besuch ab und wenn
nicht zuweilen ein Schu oder das Geschrei eines Raben von den hhern,
finstern Tannen, welche bis zum Waldbache herabgestiegen, herbertnte,
knnte man leicht meinen, alles Leben im Wald und auf den Bergen sei
verstummt, vor Verwunderung ber den Besuch, den nach langer Drre und
arger Hitze die Wolken des Himmels dem sonst so befreundeten Gebirge wieder
machen.

Dagegen gehts im Thale nicht so still zu.

Murmelnd und jauchzend, brausend und tobend in wilder Lust ob der neu
verjngten Kraft luft und springt und strzt der Giebach ber Stock und
Gestein durch das Thal mit seinen grnen Matten, stolzen Obstbumen,
vereinzelnten Htten und stattlichen neuen Husern, an denen von bemoosten
Strohdchern, altersgrauen Schindeln und gebrunten Brettern nur noch wenig
zu entdecken ist. Eintnig und verstimmt klingt ein Glcklein durch das
Thal und ein Leichenzug bewegt sich so eben an der kreischenden Sgemhle
vorber einem Kirchhofe zu, dessen weie Mauern und dunkelen Kreuze von
einer steilen Anhhe herabschauen.

Der Zug ist sehr klein; voran trgt ein pausbackiger Bube mit schwarzen
Augen und rothen Wangen stolz ein einfaches Kreuz und man wei nicht, ob er
mehr auf die kurzen Lederhschen und den nagelneuen Manchesterkittel oder
auf seine vorbergehende Wrde als Kreuztrger sich Etwas einbildete. Ihm
folgt ein sehr einfacher Sarg von vier Mnnern getragen, deren bescheidener
Anzug und gleichgltige Gesichter verknden, da ihnen das Leben wenig
gegeben und der Tod nicht das Aergste wre, was ihnen zu Theil werden
knnte. Hintendran kommt der Geistliche, ein groer junger Mann mit blonden
Haaren und mild freundlichen Gesichtszgen, auf denen ein ganz besonderer
Schmerz zu liegen scheint; neben ihm wandeln seine Diener und dicht hinter
diesen baarfu und im elendesten Aufzuge ein Bube, dessen rothgeweinte
Augen den Leidtragenden anzeigen und den ein stattlicher, behaglich
aussehender Bauer an der Hand fhrt. Zwei bis drei Mnner und ein Dutzend
Weiber, deren schwefelgelbe runde Strohhte, dunkelfarbige schwere "Juppen"
und Rosenkrnze an die "gute alte Zeit" mahnen, vollenden das Geleite.

Die Leute beten und man wrde ihr Gebet eintnig und mechanisch nennen
drfen, wenn nicht Eine Stimme vor allen andern laut und krftig sich
vernehmen liee. Es ist die der dicken Sonnenwirthin, der Elsbeth, welche
weitum im Geruche der Frmmigkeit steht und selbst von sich rhmt, ihr
unabliges Beten und Kirchengehen habe sie in ein besonders groes Ansehen
bei unserm Herrgott gebracht; sie sei im Stande, Einen auf die Beine oder
unter den Boden hinabzubeten und fnf Mnner httens bei ihr erfahren, wo
Barthel den Most und der Teufel gottvergessene Seelen hole. Weil Gott
gerecht und sie die Elsbeth sei, dehalb stehe die Sonne auch als eines der
stattlichsten Wirthshuser des ganzen Waldes da und wenn Gott ihr den
sechsten Mann und vielleicht doch noch ein Kind schenke, so msse neben die
alte Sonne ein neuer, drei Stock hoher Gasthof hingestellt werden, wie
keiner in Friberg oder Villingen zu finden. Das Beten helfe zu Allem.

Gleichsam als wolle der Himmel die fehlenden Thrnen der Leichenbegleitung
ersetzen, fllt ein feiner Regen aus den grauen Wolken herab, der Zug
bewegt sich rascher auf dem schlpferigen Wege die Anhhe hinauf, das
Bergsteigen macht auer der Elsbeth die Beterinnen stumm und Alle sind
froh, wie sie endlich den Sarg neben einem frisch ausgeworfenen Grabe des
Gottesackers stehen sehen.

Der junge Geistliche scheint am wenigsten Rcksicht auf das ble Wetter zu
nehmen, verrichtet mit gewohnter Andacht und Wrde die blichen Liturgien,
spricht das sonst so mechanische %miserere% und %de profundis% mit ganz
besonderer Ergriffenheit und scheint nicht zu bemerken, da der Sarg, der
an den raschelnden Seilen ins Grab gesenkt wird, nicht gengend in die
Tiefe sinke.

Beim Einsegnen des Grabes wirft er noch einen tiefbewegten Blick auf den
Sarg, der leidtragende Knabe beginnt von Neuem zu schluchzen und wimmert
still vor sich hin, der Weihwasserwedel geht aus einer Hand in die andere,
die Leute sammeln sich unter ihren Regendchern und gehen fort, auf dem
Heimwege entschuldiget Jedes die Mngel und erhebt Jedes die Tugenden der
Verstorbenen.

"Ach, wrden doch die Menschen den Lebendigen dieselbe Nachsicht und viele
Liebe erweisen, wie sie den Todten thun!" sagte der junge Geistliche zu der
dicken Sonnenwirthin, welche ihn unter ihren Schirm eingeladen hat und die
Elsbeth beginnt alle Gutthaten aufzuzhlen, die sie in einer Reihe von
Jahren der verstorbenen und so eben begrabenen Brigitte erwiesen haben
wollte.

Der Begrabenen? So schnell geht die Sache nicht und um uns davon zu
berzeugen, drfen wir nur zum Kirchhof noch einen Augenblick zurckkehren,
wollen auch zugleich eine Art von Leichenrede hier halten.

Der Todtengrber hat diesmal nicht wie sonst nach Beendigung der Feier in
die Hnde gespuckt und zum Spaten gegriffen, sondern zunchst die Seile
unter dem Sarge fluchend weggezogen und dann ist er in das Grab
hineingesprungen und auf dem Sarge herumgetreten, denn das Grab war schief
und schlecht gehauen und der Mann mute das Gewicht seines Leibes noch
durch Sprnge vermehren, bis der Sarg in die gehrige Tiefe hinabgedrckt
war.

Halbzertrmmert gelangte er daselbst an, der Todtengrber hat die arme
Brigitte zum Abschied von der Welt mit den letzten der vielen Tritte
bedacht, deren sie im Leben theilhaftig wurde, der leidtragende Bube hat
thrnenlos und erschrocken zugeschaut und ist stehen geblieben, bis das
Grab der Mutter beinahe gnzlich ausgefllt war.

Er mochte dunkel fhlen, die ganze Erde sei fr ihn jetzt ein groer
Kirchhof und vielleicht das Beste, wenn er auch drunten lge in der stillen
khlen Grube der Mutter.

Er hat wenig Menschen gefunden, der arme Hannesle, denen er sich in seinem
Leben liebend und vertrauend ans Herz legen durfte, am Grabe der Mutter
stand er als der rmste und verlassendste Tropf des Thales und stand, bis
ihn der Todtengrber zuletzt auch von da verjagte!

Brigitte war jung an Jahren und reich an Leiden gestorben, gehrte zu jenen
Weibern, welche Kinder auf die Welt setzen, denen sie ihren eigenen
Geschlechtsnamen geben mssen und ihre kurze Geschichte darf heutzutage mit
traurigem Recht eine _Alltagsgeschichte_ genannt werden.

Ihr Vater ist ein armer Brstenbinder gewesen, der bei seinem
herumziehenden Leben blutwenig Zeit fand, sich sonderlich mit der Religion
oder der Erziehung seines Kindes abzugeben und Beides seinem Weibe
berlie. Ein Brstenbinder ohne eine durstige Leber soll eine Kuriositt
sein; wir lassen die Richtigkeit dieses Ausspruches dahin gestellt und
begngen uns zu erzhlen, Brigittens Vater habe in jeder Hinsicht seinem
Handwerke keine Schande machen wollen und vor lauter Trinken niemals
Gelegenheit gehabt, sich mit den Seinigen aus der ererbten Armuth ein
bischen herauszureien.

Er starb frhzeitig, wurde in seinem Hauswesen kaum vermit und sein Weib,
die Marianne hat geglaubt, es thue Noth, fr seine arme Seele allabendlich
mindestens Einen Rosenkranz zu beten, hat denselben auch mit groer
Gewissenhaftigkeit bis auf die letzte Zeit ihres Erdenwandels gebetet und
die Brigitte hat fleiig mitbeten mssen. Marianne war zeitlich und ewig
nicht bel bestellt.

Was das Zeitliche betrifft, so hatten Sorgen und Kummer zwar die
ursprngliche Anmuth und Schnheit ihres Antlitzes zerstrt und in ihrer
Stube lag Alles unter einander und ber einander, so unordentlich und
schmutzig, wie bei manchem Trdeljuden, aber hatte sie nicht Antheil an
einer Htte und nannte keineswegs die schlechteste Kammer darin ihr
Eigenthum? Besa sie nicht einen kleinen Krautgarten, zwei Viertel Acker,
wo nicht niedriger Hafer und erbsengroe Kartoffeln gedeihen wie droben auf
dem hohen Walle, sondern die Gottesgaben der Rheinebene? War die Marianne
nicht eine geschickte und fleiige Strohflechterin und verdiente in mancher
Woche mehr als sie brauchte?

Wre nur ihr Mann kein Lump gewesen, die Leutchen httens schon zu Etwas
gebracht, denn sie galt mit Recht allenthalben als ein "rechtschaffenes
Mensch" und es war ihr mit der Religion Ernst, mindestens wute der
strengste Pfarrer wenig an ihr auszusetzen auer der bergroen
Zrtlichkeit fr die kleine, hbsche Brigitte.

Vielleicht weil die Frau ihren Mann nicht zu lieben vermochte und stets
froh war, wenn er ging, hing sie ihr ganzes Herz an das einzige Kind und
fand in diesem ihren besten Erdentrost.

Sie weihte das "Brigittle" in alle hohen Geheimnisse und schnen Lehren der
Religion ein, zeigte demselben in ihrer eigenen Person vielfach auch eine
handelnde Katholikin, was eine Hauptsache aller katholischen Erzieher ist,
und ihr betrunkener Mann gab ihr Gelegenheit zum Dulden und Ertragen genug,
aber ihr Tchterlein mit Ernst und Strenge zu Etwas anzuhalten, Solches
brachte sie niemals bers Herz und sie hat diese unglckselige Schwche
spter bitterlich bereut.

Brigitte hrte Gottes Willen und sah denselben befolgen, wurde aber durch
die Mutter daran gewhnt, ganz nach eigenem Willen zu leben und dadurch so
verdorben, als man in einem Thale verderbt werden mag, wo alte Tracht und
alter Glaube sammt den alten Sitten und Gebruchen noch vorherrschten und
nicht viel Verkehr mit der brigen Welt zu finden war.

Mit 16 Jahren hie die Brigitte weitum das "schne Teufele" und dies nicht
ganz mit Unrecht. Die Kleider nach uraltem Schnitte entstellten zwar die
wohlgebaute Gestalt, doch unter dem gelben Strohhute schaute eine
schneeweie Stirne hervor, die schwarzen feurigen Augen paten recht gut zu
dem schelmischen Stumpfnschen und das gesunde Roth der Wangen schien der
Abglanz der frischen Lippen des freundlichen Mundes zu sein, der den
stolzesten Burschen des Thales allerlei weltliche Gedanken erregte.

Die Leute wuten aber auch, da die schne Stirne finstere Falten bekomme,
die Augen wie hllisches Feuer aufblitzen, die Wangen erbleichen, die
frischen Lippen sich krampfhaft verzerren und dem feinen Munde gar grobe
und garstige Reden entstrmen knnten und wer es am besten wute, das war
die alternde Mutter und wenn den Burschen, die es ehrlich meinten, die
weien, zarten Hnde der Brigitte nicht gefallen wollten, so gefiel
alsgemach der Marianne die ganze Brigitte nicht mehr.

So lange diese noch ein Kind war, hie es: "sie hat ein gar zu hitziges
Geblt, ist gleich bs und gleich wieder gut, schlgt halt dem Vater selig
nach!"--seitdem aber das Brigittle tglich grer und grber, strriger
und auffahrender geworden und der Mutter nur gute Worte gab, wenn diese
nach schweren Hndeln in groen Dingen als gehorsame Magd zu Allem Ja
sagte, wie sie es jahrelang in kleinen gethan, da jammerte diese: "Gott,
was hab' ich fr ein Kreuz auf mir und wo hab' ich Solches denn verdient?"

Sie fgte dem Rosenkranz fr ihren Brstenbinder noch einen Rosenkranz fr
die Besserung ihrer Tochter bei, aber wenn der Rosenkranz fr Jenen nicht
mehr gefruchtet haben sollte, als der Rosenkranz fr Diese, dann ist es dem
wsten Manne der frommen Beterin im Jenseits nicht allzu gut ergangen.

War es kein Glck fr die Brigitte, ihre Mutter zu verlieren, so war es
schwerlich ein Unglck fr Diese, da sie nach zahllosen Leiden und einer
langwierigen Krankheit von Gott geholt wurde, ohne an ihrer Tochter das
Aergste erleben zu mssen, was es mindestens damals fr eine brave Mutter
im Schwarzwalde geben konnte.

Marianne hinterlie den Leuten eine gute Erinnerung an sie, eine wehmthige
an ihr Schicksal und an irdischer Habe zwar keine Schulden, dagegen auch
kein Vermgen. Der Brstenbinder hatte lieber "gebrstet" und heimliche
Schulden als Brsten gemacht und sein Weib die Glubiger ehrlich bezahlt.
Eine vortreffliche Haushlterin hinsichtlich der Kunst des Sparens war
letztere niemals gewesen, Brigittens Erziehung kostete auch Geld und dieses
Geld wurde nicht ersetzt, weil Brigitte nicht gerne und am allerwenigsten
auf dem Felde arbeitete, endlich brachten nach der Mutter Tode Doctor und
Apotheker ellenlange Rechnungen; das Grab verschlingt auch noch einiges
Geld, obwohl die Todten den Weg in die Ewigkeit ohne Felleisen und Zehrgeld
machen und so kam es, da die Verweiste auer ihrem "G'hs" nichts mehr ihr
Eigenthum nennen konnte und ihren Pfleger durch keine schwere
Rechnungsaufgaben in Verlegenheit setzte.

Sie redete in den letzten Jahren Vieles davon, die "altfrnkische" Tracht,
Mutter und Heimath ganz zu verlassen und in Villingen oder gar in dem
groen, prchtigen Freiburg ein vornehmes Unterkommen und wohl auch einen
Mann zu suchen, allein in der Stadt bekommt man auch wenig geschenkt, man
mu arbeiten und Vielerlei erlernen und verstehen, was die Landleute des
Gebirges nicht brauchen.

Das Lernen war schon in der Schule Brigittens Sache nicht gewesen, vom
Arbeiten befrchtete sie schweren Nachtheil fr ihr holdes Antlitz und die
zarten Gliedmaen, der Stolz hielt sie ab, bei einem Hofbauern einen Dienst
zu suchen, die Unwissenheit und Faulheit vor Allem hielt sie in der Heimath
zurck und eine weitschichtige, kinderlose Base gab ihr Dach und Fach, Kost
und Kleider und versprach ihr herrliche Dinge fr die Zukunft.

Das "schne Teufele" hielt bei dieser Base jedoch kaum von Jrgentag bis
Johanni aus, denn Base Bibiane hatte auch gar Manches von einem "Teufele"
an sich und wo zwei derartige Geschpfe zusammenkommen, mgen Friede,
Freude und Liebe nimmermehr gedeihen und leben die Menschen gleich
Verdammten in der Hlle.

Brigitte war faul und befehlshaberisch, eitel und auffahrend, verstand vom
Haushalten wenig und vom Sparen gar nichts und unter solchen Umstnden
wrde die beste Frau, geschweige eine launenhafte, zankschtige,
hartherzige und im Kleinen knickische Bibiane, nicht gut mit ihr
ausgekommen sein.

Die Beiden lebten gleich Hund und Katze, doch Brigitte war faul und stolz,
die Base forderte keine schweren Arbeiten von ihr und sie wollte doch
tausendmal eher bei einer Verwandten leichtes und gutes Gnadenbrod als an
einem fremden Tische Dienstbotenbrod essen und zudem war die Base reich,
kinderlos und machte in guten Stunden Versprechungen, da der nach groen
Dingen Lsternen der Mund gewaltig wsserte und das eitle Herz vor Freuden
zitterte.

Bibiane dagegen mute Jemanden haben, mit dem sie zanken und zugleich auch
Jemanden, den sie lieben konnte, dachte, weil sie dem Schwabenalter bereits
arg nahe war, an die Mglichkeit, doch noch als alte Jungfer sterben zu
mssen und mit Schrecken an ein einsames freudenloses Alter, in welchem sie
Niemand verpflegen und lieben wrde.

Unter solchen Umstnden htten sich die Beiden am Ende allmhlig in
einander hineingelebt und an einander gewhnt, jedenfalls nicht so bald an
Trennung gedacht, wenn nur der Michel nicht ins Thal gekommen wre.

Dieser Michel, ein unschner, groer, spindeldrrer Bursche, dessen altes
Gesicht den Taufschein mindestens um 15 Jahre Lgen strafte, war der Sohn
eines reichen Hofbauern, des Fesenfranz, der allwchentlich mit einem
mchtigen Wagen voll Getreide nach Zrich fuhr und dort im Adler wie in der
Lilie zu Villingen oder im Hirschen zu Donaueschingen mit Brabantern und
Fnflivren um sich warf, als ob es Bohnen wren.

"Wenn der Michel thte, wie der alte Fesenfranz, dann wrde es bei allem
Reichthum doch bergab gehen und Mathaei am Letzten heien!" hie es in der
Baar mit Recht, denn der Vater trank und spielte gern, der Sohn trank
wenig, spielte gar nicht und liebte auer dem Gelde nur noch die Weiber.

Er wollte nicht mehr mit dem Vater hausen und den Getreidehandel
fortbetreiben, sondern sein Vermgen in ein Wirthshaus stecken, zunchst
mit Allem, was einem Wirthe Noth thut, recht bekannt werden und zwar auf
die wohlfeilste Weise.

So kam der Michel ins Thal zu seinem Vetter, dem Brenwirth an der Steig
und lernte die Brigitte kennen, denn der Weg zur Kirche fhrte dieselbe am
Bren vorber und weil die Base hufig Krmpfe bekam und dann jedesmal ein
oder zwei Flschlein vom Rothen brauchte, so machte die Brigitte auch unter
der Woche den weiten Weg zum Bren, sah Michels Gefallen an ihr, hrte
dessen schmeichelnde, schlangenkluge Worte, dachte an sein Geld, an alle
Wehen des ledigen Standes und es dauerte gar nicht lange, so konnte man den
spindeldrren Allerweltbedienungscandidaten im Zwielicht unter den
Nubumen bei einer gewissen Brstenbinderstochter stehen sehen.

Marianne hatte streng auf ihre Hausehre gehalten und mehr als Einen, der um
das Tchterlein herumzuschleichen Lust zeigte und dem sie nicht traute,
herzhaft gesagt, wohinaus der Zimmermann das Loch gemacht habe, war in
diesem einzigen Punkte trotz allem Gesichterschneiden, Heulen und Wthen
der holdseligen Tochter unerbittlich und unerschttert geblieben und hatte
hundertmal ganz ruhig erwiedert:

"Bin ich bald unter dem Boden, so kannst Du machen, was Du magst, denn ich
habe keine Verantwortung mehr, doch so lange ich lebe, bleibst Du
hinsichtlich der Mannsbilder gescheid, das wei ich!"--

Bibiane glich insofern der Brstenbinderin, als auch sie durchaus keine
Bekanntschaft Brigittens dulden wollte, nicht jedoch, insofern der Grund
davon ein anderer war, nmlich keineswegs die Angst vor Unehre, sondern die
Eifersucht.

Die alte Jungfer konnte stundenlang hchst lieblos ber das ganze brtige
Geschlecht losziehen, aber in ihrem Herzen glimmte noch immer die Hoffnung,
das harte Ehejoch gleich den meisten Mitschwestern tragen zu drfen und der
Gedanke, das blutjunge, blutarme, aber hbsche Bschen werde noch vor ihr
unter die Haube kommen, machte sie rasend.

Es versteht sich von selbst, da die Argwhnische sehr bald erfuhr, wehalb
Brigitte seit einiger Zeit so gerne in den Bren gehe und als letztere
einmal glaubte, Bibiane liege vor lauter Krmpfe in tiefer Ohnmacht und mit
dem Michel bereits ausrechnete, wie viel in der Woche vor dem nchsten
Michaelistag die Hochzeit wohl kostete, sprang die leibhaftige Bibiane
gleich einem Tiger zwischen das glckliche Paar und auf die Braut los.
Michel hatte bisher schne Worte und Versprechungen, grliche Schwre und
herrliche Plane zu Markte getragen, sonst aber nichts Weiteres, diesmal
mute er jedoch ein Einsehen nehmen und that es.

Brigitte bertrat die Thrschwelle der Base nicht wieder, ging mit dem
Michel in den Bren, welcher gerade einer Kellnerin bedurfte, blieb als
solche daselbst und der Michel hat ihr am andern Tage ihre Kleider gebracht
und ein prchtiges, floretseidenes Halstuch dazu.

Kein Jahr spter ist der Michel pltzlich aus der Gegend verschwunden und
lebt, wenn man dem Brenwirth glauben wollte, in irgend einer wlschen
Stadt, mindestens 150 Stunden entfernt, Brigitte aber drischt in der
Scheune eines Thalbauern und eilt Abends zu der kinderlosen Frau eines
armseligen Gestellmachers, wo der Hannesle die kleinen Aermchen nach ihr
ausstreckt und nach einiger Zeit ihr den sen Mutternamen entgegenlallt.

Sehr bald nach der eiligen Abreise des Michel hat der Brenwirth seine
Kellnerin fortgeschickt, die verfhrte und verlassene Brigitte zu Kreuze
kriechen und bei der wohlhabenden Base Aufnahme erbetteln wollen, aber die
tugendsame Bibiane stie sie mit entrsteten Fusten aus dem Hause. Die
Unglckliche lief einige Zeit am Bache hin und her, dann ward sie von der
Frau des Gestellmachers um Gottes Barmherzigkeit willen aufgenommen und
nach der Geburt des Hannesle mute sie froh sein, bei einem Bauern einen
Dienst zu finden, wo sie bei harter, elender Kost fast ohne weitern Lohn
die schwersten Arbeiten verrichten mute.

Der Hannesle blieb im Huslein des Gestellmachers und gedieh leiblich,
seine Mutter blieb bei dem harten Bauern und erduldete Unsgliches; einer
uralten Sitte gem, welche erst in neuester Zeit in den meisten Thlern
des Schwarzwaldes verschwunden ist, mute sie als eine Mutter ohne Mann
eine besondere Auszeichnung tragen und wurde so verachtet und verspottet,
da sie sich kaum zur Kirche zu gehen getraute und ein tiefer Gram sich in
ihrem Herzen fest setzte, der ihrem Gemthe alles Zutrauen und alle Liebe
zu den Menschen genommen.

Der Mensch ist nur wahrhaft unglcklich, wenn die Religion kein Leben in
ihm hat. Brigitte war bei ihrem uern Unglcke auch inwendig eine der
unglcklichsten Personen, denn da alles Elend sie nicht besserte und zu
Gott zurck fhrte, hat sie sieben Jahre nach der Geburt des Hannesle
bewiesen.

Ein Jahr vorher starb die gute Frau des Gestellmachers, Brigitte lie sich
bewegen als Haushlterin zu dem bereits grauen Wittwer zu ziehen und--
beging den zweiten Fehltritt, der ihr das Herz brach. Manche billig
denkende Menschen, insbesondere Mannsleute, hatten mit den Jahren ziemlich
Gras ber den ersten Fehltritt der Brigitte wachsen lassen und wenn der
Hannesle nicht als zweibeinige Erinnerung an den langen Michel im Thale
herumgesprungen wre, wrde vielleicht irgend ein armer Holzschlger oder
ein Anderer beide Augen zugedrckt und nach dem "schnen Teufele" gegriffen
haben, um dasselbe heimzufhren.

Die Billigen bedachten eben, wie unschuldig manches ledige Weibsbild daran
sei, da es zu keinem Kinde komme, die geistlichen Herren berlegten, welch
abscheuliches Sndenleben oft unter dem Namen des Ehelebens gefhrt wrde
und htten der Brigitte gerne die halbe Ehrlichmachung durch einen Ehemann
gegnnt, zumal das "schne Teufele" zwar durch alle Mhsale kein rechtes
Christenmensch, dagegen auch nicht nach Art mancher Schicksalsgefhrtinnen
ganz ehrlos und liederlich wurde, namentlich die Mannsleute fr lauter
Michels hielt und rger als Gift, Feuer und Schwert scheute.

Die Weibsleute, vor Allem die Ledigen und unter diesen diejenigen voran,
welche am meisten Grund fr nachsichtige, milde Beurtheilung in sich
trugen, hatten der Gefallenen am meisten Verachtung und Lieblosigkeit
erwiesen und dieselbe hartnckig um so tiefer herabgesetzt, je hher sie
sich selbst in den Augen der Leute setzen wollten.

Brigittens zweiter Fehltritt erregte den Jubel der schlimmsten
Weiberznglein, denn jetzt schien Alles gerechtfertigt, was diese seit
Jahren unablig trotz der offenkundigen Scheu vor Mannsleuten gegen die
gefallene Mitschwester vorgebracht hatten.

Zwar wute Jedermann, der Gestellmacher habe die Brigitte heirathen wollen,
der Pfarrer selbst sei dafr gewesen, doch die Gemeinde habe es eben
durchaus nicht geduldet, weil das Brautpaar das gesetzliche Vermgen nicht
zusammen zu bringen vermochte. Da Brigitte Alles gethan, um sogar die Base
Bibiane zu bewegen, einige Dublonen des Antheils an der Erbschaft
herauszubezahlen und fr diesen Fall gerne auf alles Erben verzichtet
htte, wute man so gut, als da die Base voll Schadenfreude und
Unmenschlichkeit die Heirathslustige mit Hohn und Spott abgewiesen.

Der Gestellmacher selbst behauptete fortwhrend, lediglich ob der
Unbarmherzigkeit der Gemeinde gegen ihn, der doch eine Frau nothwendig
brauche und gegen die alte Freundin seines Weibes, welche er zu Ehren
bringen wollte und doch nicht durfte, sei das Unglck passirt und er zu
jeder Stunde bereit, die Brigitte zu nehmen, zumal er den Hannesle auch
stets wie sein eigen Fleisch und Blut betrachtet und behandelt habe. Doch
die Gemeinde blieb unerbittlich, die lieblosen Zungen ruhten nimmer,
Brigitte mute das Huslein des Gestellmachers verlassen, den Hannesle aber
bergab er der Gemeinde, weil er ohne Weib auch kein Kind brauchen knne
und auer der Brigitte keine andere Haushlterin wolle.

Die Gemeinde htte den Buben bernehmen mssen und an den Wenigstnehmenden
versteigert, wie dies in christlichen Landen der Brauch geworden,
mindestens in Gegenden, allwo die christliche Liebe noch nicht zu
Waisenhusern und Findelhusern fortgeschritten ist; allein Brigitte war
nicht aller Ehre baar und ledig, stellte den Buben bei armen Leuten ein und
zahlte ein zwar geringes, doch fr sie beinahe unerschwingliches Kostgeld,
welches sie sich am eigenen Leibe absparte.

Der lange Michel hat ihr niemals einen Heller geschickt, sie hat denselben
niemals bei Amt verklagt und wrde schwerlich Etwas von ihm angenommen
haben, wenn er ihr auch eine bedeutende Entschdigung angeboten htte aus
freiem Willen.

Ihre Krfte nahmen zusehends ab, ihr bleiches Gesicht und der Zug voll
Schwermuth und Todessehnsucht, welcher sich um den einst so freundlich
lchelnden Mund lagerte, verkndigte genugsam, da ein tiefer Gram an ihrem
Herzen nage und ihr Hsteln, da eine unheilbare schleichende Krankheit
ihren Leib durchwhle.

Tglich schwcher, elender und verschlossener, konnte sie endlich nicht
mehr arbeiten, der Dienstherr trieb sie fort, beim Gestellmacher durfte sie
keine Unterkunft suchen und mute wchentlich aus einem Hause in ein
anderes wanken und spter sich tragen lassen, um auf Unkosten der Gemeinde
verpflegt zu werden.

Sechs Jahre hatte ihr irdisches Fegfeuer gedauert, jetzt begann ihre
irdische Hlle und die Wanderungen von Haus zu Haus scheinen fr sie die
Leidensstationen gewesen zu sein, auf denen sie wahrhaft zu Gott
zurckgefhrt wurde.

Kinder deuteten mit Fingern auf sie, Mdchen und Weiber spieen vor ihr aus,
ledige Bursche rissen Zoten und in mehr als Einem Hause mignnte man ihr
jede Arznei, welche der Arzt verschrieb und jeden geniebaren Bissen,
welchen diese oder jene mitleidige Seele der Schwerkranken, die harte
Hausmannskost und kohlschwarzes Brod nicht mehr zu verdauen vermochte,
zusteckte.

Im Hause ihrer rgsten Feindin, der Base Bibiane, die sie von Gemeindswegen
fr einige Tage aufnehmen mute, weil sie kein Geld geben wollte und nicht
ungern aufnahm, um dieselbe recht qulen zu knnen, genas Brigitte eines
elenden Mgdleins, das schon nach wenigen Stunden starb.

Der Arzt zuckte die Achseln und schwieg, Brigitte lchelte zum ersten Mal
nach langer Zeit, denn sie verstand des Arztes Schweigen und sah mit einer
Freudigkeit dem Tode entgegen, welche nicht einmal der Gedanke an den
verlassenen Hannesle zu trben vermochte.

Unter den Thalbewohnern gab es nicht viele eigentliche Unmenschen; Brigitte
ward manchmal unmenschlich behandelt, weil die Leute Menschenliebe um Jesu
Christi willen nur vom Hrensagen kannten, und von einer gewaltigen
Vorstellung des eigenen Werthes oder von jenem rohen Eigennutze besessen
waren, den die Gebildeten hinter schnen Redensarten und einem mehr oder
minder fein berechneten Verfahren zu verstecken wissen.

In manchem Hause fand die Kranke Mitleid, Erbarmen und ordentliche Pflege,
doch ein unwillkommener, weil aufgedrungener und den Gang des Hauswesens
strender Gast blieb sie fast berall und gerade die gar zu groe
Ungleichheit der Behandlung und Pflege machte sie krnker. Bald sahen Alle
voraus, da sie nicht mehr auskommen und der Gemeinde nicht allzu lange
mehr zur Last sein wrde.

Allmhlig geno sie allenthalben einer bessern Pflege, selbst bei den
Hartherzigsten; nicht weil die Leute mehr Mitleid empfanden, sondern weil
Jeder befrchtete, sie werde unter seinem Dache sterben. Die Einen wollten
keine Todte in ihrem Haus, die Andern meinten, Brigittens Tod lade ihnen
grere Unbequemlichkeiten und Unkosten auf den Hals.

Der Pfarrer der Gemeinde war ein 265 pfndiges Pfarramt, dazu als
landesherrlicher Dekan mit viel unntzen Schreibereien geplagt, litt an
Gliederreien, mochte seinen kostbaren Leichnam nicht durch bertriebene
Anstrengungen allzu voreilig dem Himmel entgegen fhren, hielt mchtig auf
Ansehen und Ehre bei den Amtsherren und so fehlte es ihm an Zeit und Lust
zugleich, Kranke zu besuchen und er dachte am wenigsten daran, den langen,
schmerzlichen Todeskampf der armen, verachteten und verrufenen Brigitte zu
belauschen und durch die Trstungen der Religion zu erleichtern.

Sehr Vieles, was dieses 265 pfndige Pfarramt that und unterlie, unterlie
und that dagegen der junge Vicar, der auch leider allzufrhe von der Welt
Abschied genommen hat. Er war ein treuer Jnger Christi, der nicht blo
Andern katholisch predigte, sondern, was den Predigten eines Geistlichen
beim Volke erst den anhaltenden Nachdruck verleiht, katholisch lebte und
handelte.

Bei der Saumseligkeit des Pfarramtes mit Geschften und bei der unbedingten
Oberherrschaft der pfarramtlichen Haushlterin mit Verdru aller Art
berladen, mute er das Beten des Brevieres fr einige Wochen abkrzen, um
der leidenden Brigitte beizuspringen. Er hrte aus ihrem Munde die so
einfache und doch so inhaltsschwere Geschichte ihres Lebens und ihrer
Verirrungen, ward Zeuge ihrer Leiden, ihrer tiefen Reue und stillen
Ergebung und seitdem er ihr die Wege enthllt, auf denen sie nothwendig
wandeln mute, um zu erfahren, was es heie, Jesum Christum und Dessen
gttliche Mutter ehren und lieben, war er in ihren Augen ein trstender
Engel des Himmels, in dessen Nhe der Tod jeden Stachel und die Hlle jeden
Sieg einbte.

Am lebendigen Glauben des Priesters entzndet sich der Glaube der Laien, am
lebendigen Glauben der Laien die Begeisterung des nach Vollendung seines
hohen Berufes strebenden Priesters; diese Thatsache wirft wohl einen
Lichtstrahl in die mehr trostlosen als trstlichen Zustnde der
"christlichen" Staaten!--

Der junge Geistliche sah Brigitten sterben, drckte derselben die
lebensmden Augen zu, dann sank er auf die Kniee und betete laut, der Herr
mge ihn dereinst nach solchem Muster sterben lassen.

Er kannte die Verstorbene, dehalb seine Ergriffenheit whrend des
Begrbnisses.

Jetzt liegt die Brstenbinderstochter mit freudig gebrochenem Herzen im
halbzertrmmerten Sarge, die Herbstluft streicht ber das einsame Grab, der
Himmel weint seine Thrnen darauf und wie lange wird es dauern, bis
Brigittens Name verklungen sein wird im heimathlichen Thale des
Schwarzwaldes?--

Der Gestellmacher wohnte dem Leichenbegngnisse nicht bei, aber er hrte
die Stimme des Todtenglckleins, sie zitterte durch sein Herz wie ein aus
der Ewigkeit herbertnender anklagender Mahnruf. "Die Thalherrn mgens
verantworten!" rief er, whrend er von der Arbeit aufstand und schlug
unwillig mit der Faust auf den Tisch. Er ging eine Weile im Stblein auf
und ab und als er zufllig in den kleinen Spiegel schaute, seinen
ergrauenden Kopf und die vom Leben arg durchfurchten Gesichtszge sah,
schrak er zusammen, fuhr mit der Hand ber die faltenreiche Stirne, als ob
er gewisse Erinnerungen dort wegwischen wolle, verfiel in ein langes,
trbes Nachdenken und eilte dann in den Bren an der Steig, um die Grillen
mit Schnaps zu vertreiben.

Whrend dieser Zeit sa der Hannesle auf der Ofenbank in der Stube der
armen Leute, bei welchen er seit seiner Vertreibung aus dem Huslein des
Gestellmachers gelebt hatte und verzehrte in grter Gemthsruhe eine
"Dinnelen", welche vor einer Viertelstunde warm aus dem Ofen genommen
worden war.

Die guten Leute hatten ihn behalten, obwohl die kranke Brigitte kein
Kostgeld mehr zu zahlen vermochte und von der Gemeinde bisher noch keine
Entschdigung verlangt, im Gegentheil auch Brigitten von Zeit zu Zeit ins
Haus aufgenommen, wenn die Reihe an sie kam.

Bei der Heimkehr vom Kirchhofe hat der Bube gezittert und beim Anblicke des
floretseidenen Halstuches, welches der Michel einst der Brigitte geschenkt,
diese vor ihrem Tode der Burin noch ziemlich wohl erhalten als Andenken
vermachte, wiederum geweint, doch die Burin gab ihm eine duftende
"Dinnelen" und er a daraus Vergessenheit der Mutter und Sorglosigkeit der
unbefangenen Kindheit.

Der Vicar aber schritt neben der stattlichen Sonnenwirthin durch das Thal
und schien recht eindringliche Worte zu derselben zu reden. Er sah ein, der
Hannesle knne nicht bei seinen Pflegeltern bleiben, denn diese waren nur
reich an Kindern, Brigittens Sohn hatte bei ihnen ein sehr drftiges Loos
und eine noch drftigere Erziehung zu erwarten und doch hatte der Vicar der
Sterbenden versprochen, fr den armen Tropf einige Sorge tragen zu wollen.

Ein Pfarrhof ist selten ein Californien, der Geldbeutel eines Vicars oft
magerer als eine der sieben magern Khe des Pharao, der Credit heit auch
nicht viel, weil ein Vicar wenig hat und alle Augenblicke bereit sein mu,
den Bndel zu schnren. Mit Geld konnte unser braves Herrlein dem Buben
nicht helfen und hatte sich an Base Bibianen gewandt, damit diese den
Waisen bei sich aufnehme. Diese wollte in neuerer Zeit auch im Geruche
einer tchtigen Katholikin stehen, aber ihr Christenthum hrte immer just
da auf, wo Lehren und Befehle desselben anfingen, deren Befolgung ihr nicht
mundete. Sie wollte ganz besondere Grnde fr sich haben, um den Hannesle
nicht anzunehmen, dem Herrn Vicar jeden andern, selbst den schwersten
Dienst mit Freuden erweisen, nur gerade den nicht, welchen er von ihr jetzt
verlangte. Der Vicar war nichts weniger als ein Menschenkenner, hegte von
allen Leuten die beste Meinung und meinte ganz freundlich, Bibiane brauche
den Hannesle nicht in ihr Haus aufzunehmen, es sei im Gegentheil besser,
wenn er ein bischen unter eine scharfe Zuchtruthe komme und die Base drfe
nur etwas Geld schwitzen, dann werde er die Sache schon ins Geleise
bringen. Doch Bibiane hatte abermals triftige und theilweise geheimnivolle
Grnde, auch kein Geld fr den Hannesle herzugeben und als sie zu predigen
anfing und dem Vicar sagte, der Bube sei ein Lasterkind, wer denselben hege
und pflege, nehme schweren Antheil am Laster und dieses vertrge sich
nimmermehr mit ihrer Ehre und ihrem christlichen Gewissen, da schttelte
der gute Vicar den Kopf und zog betrbt von dannen.

In diesem Augenblick glnzt sein Gesicht vor Freude, denn so eben hat er
andere Ansichten, bessere Einsichten und einen freudevollen Willen zu
Werken der Barmherzigkeit und all' diese Herrlichkeiten bei der dicken
Sonnenwirthin, der Elsbeth, gefunden.

Als er mit dieser vom Hannesle redete, meinte sie, sie sei schon lngst
entschlossen gewesen, den Waisen aufzunehmen, habe lediglich der Obrigkeit
die Ehre des ersten Wortes gnnen wollen und dehalb den Antrag des Herrn
Vicars erwartet. Der Hannesle mge noch in dieser Stunde kommen, er werde
in der Sonne eine zweite Mutter finden, die Elsbeth heie und weder an Leib
noch Seele irgendwie Etwas vermissen, was Noth thue.

Schon am nchsten Tage nach dem Begrbni der Mutter wanderte der Hannesle
zur Sonnenwirthin und fhlte sich in der ersten Woche so glcklich, als
dies bei einem Knaben der Fall sein mag, der in seinem Leben noch kein
ordentliches Kleidungsstck auf dem Leibe und selten einen guten Bissen im
Magen gehabt hat und nun auf einmal ganze Kleider und wenn auch nicht
vieles doch gutes Essen bekommt.

Die Herrlichkeit dauerte jedoch gar kurze Zeit und dies aus dem einfachen
Grunde, weil der Hannesle ein ungezogenes, verwahrlostes Bblein, die
Elsbeth wohl eine eitle Betschwester, doch keine chte Christin und am
allerwenigsten eine Erzieherin war.

Elternliebe ist die Sonne der Kinderwelt und ohne Liebe mag ein Kind wohl
gedeihen, wie eine Pflanze im Treibhaus oder in einem sparsam erhellten
Kellergewlbe, nimmermehr wie ein in frischer Luft und unter freiem Himmel
wachsendes und vom Grtner sorgsam gehegtes, beschtztes und beschnittenes
Bumlein.

Dabei kommt jedoch Vieles darauf an, ob die Liebe der Eltern zu den Kindern
der des Thieres zu seinen Jungen oder der des Erlsers zu dem
Menschengeschlechte entspricht und so hufig beide Arten von Liebe mit
einander vermischt gefunden werden, so richtig ist es auch, da die
natrliche gewhnlich die bernatrliche berflgelt und fast ganz
erstickt. Brigitte wurde zwar durch den Anblick des Hannesle bestndig an
den treulosen Michel und an ihre Schmach und Schande gemahnt, aber sie
hatte zuviel liebreiches Gemth, um dies beim Anblicke des hlflosen und
schuldlosen Bbleins, welches allein ihr die Aermchen liebend
entgegenstreckte, nicht zu vergessen und liebte den Hannesle mit all' jener
Zrtlichkeit einer Mutter, deren Liebe nur erdwrts sich richtet.

Eine arme Bauernmagd findet hchstens am Abend und an Sonn- und Feiertagen
Zeit und Gelegenheit sich mit ihrem Kinde abzugeben, ist dann wenig
geneigt, die Augen fr die keimenden und wachsenden Unarten desselben
aufzumachen und whnt, mit dem Rthlein peitsche sie leicht alle Liebe aus
dem zarten, jungen Herzen heraus.

Hannesle blieb unter der Obhut der Frau des Gestellmachers, welche er die
"Werktagsmutter" nannte, freute sich den Tag und die Woche ber auf
Brigitten, die "Sonntagsmutter" und hatte er kleine Streiche genug verbt,
so war er doch sicherlich brav, wenn letztere in der Nhe sa, denn diese
kam selten, ohne ihm Etwas zum Essen mitzubringen und fr das Bravsein zu
geben.

Die Frau des Gestellmachers, ein herzensgutes Weib, welches jedoch das
Pulver schwerlich erfunden haben wrde, meinte Kinder seien eben Kinder und
der Hannesle msse von andern Kindern genug leiden, so da sie ihn nicht
noch mehr plagen wolle; der Gestellmacher aber fand seine grte Freude an
den Unarten des heranwachsenden Bbleins und wollte sich schier ausschtten
vor Lachen, wenn dieses "einen Kopf machte" irgend einen pfiffigen Streich
spielte oder gar zornmthig nach ihm schlug.

Wenn die Brigitte kam, wute er nicht genug Gutes und Liebes vom Hannesle
zu berichten, Brigitte freute sich darob und lachte auch ob den Streichen
des kleinen Wichtes, dessen Gesicht immer mehr Aehnlichkeit mit ihr selbst
zeigte und dessen Gebahren sie hundertfltig an die eigene Kindheit mahnte.

Aus dem Huslein des Gestellmachers wanderte der Bube in die mit Kindern
arg bevlkerte Stube armer Leute, die an ihm und den eigenen Kindern den
Himmel zu verdienen glaubten, wenn sie nur das nthige Futter und Gewand
beischafften, mit den Kindern vor und nach dem Essen und besonders lange am
Abend beteten, dieselben zum Kirchengehen und vor Allem zum Arbeiten
anhielten. So klein der Hannesle noch war, schien er doch gro und stark
und gescheid genug, um Khe und Geisen zu hten, Reisig und Waldbeeren zu
sammeln und bei Feldgeschften wie im Hause Hand mitanzulegen.

Es ist ein hartes, aber oft wahres Wort, da der Fluch eines Geschlechtes
sich fortpflanze bis ins siebente Glied und wohl noch darber hinaus. Der
Fluch aber wurzelt zumeist in den schlimmen Eigenschaften der Eltern,
welche auf die Kinder bergehen und fr diese keine guten Frchte bringen
knnen.

Brigitte schlug ihrem Vater, der Hannesle aber zumeist der Mutter nach, war
eitel in Lumpen, eigensinnig wie ein Kameel, zornmthig wie ein Kater,
naschhaft wie ein verzogenes Schoohndchen und glich dem Michel hchstens
darin, da er groe Rhrigkeit, Lust und Liebe zur Arbeit und zum Erwerben
zeigte.

Hannesle stand als ein recht verwahrloster Bube am Grabe der Mutter und aus
ihm sollte und konnte nach der Meinung des Vicars die durch ihr
Christenthum berhmte dicke Sonnenwirthin, die Elsbeth, einen chten
Christen und rechten Mustermenschen heranbilden.

Fast sechs geschlagene Jahre lebte der Hannesle in ihrem Hause, ist jedoch
kein Christ, sondern der "Zuckerhannes" geworden, als ein Krppel an Leib
und Seele in die weite Welt gelaufen und hat der Pflegmutter in seinem
ganzen Leben keinen Dank fr ihre viele Mhe und Sorge gewut, sondern im
Zuchthause behauptet, in der Sonne sei ihm der Strflingskittel angemessen
worden.

Die Religion der Elsbeth wurzelte keineswegs in der bernatrlichen Liebe
zu Gott und zum Erlser, sondern in der natrlichen Liebe zu sich selbst.
Sie liebte weder Gott noch die Menschen, dagegen ihre eigene Person ber
alle Maen, hinter ihrem frommen Gebahren stand die liebe Eitelkeit, ohne
da sie selbst darber zur Einsicht kam.

Heutzutage wrde sie eine etwas wunderliche Figur spielen, wenn sie ihre
Rolle nicht umkehrte, denn die Ehre, als eine rechte Katholikin zu gelten
ist bei weitem nicht so gro als die, der aufgeklrten und freisinnigen
Welt anzugehren. Damals war in dem entlegenen Thale dies noch anders und
stand die Sonnenwirthin um so hher bei manchen Frommen angeschrieben, weil
Wirthsleute sich in Allem, folglich auch in religisen Dingen gemeiniglich
nach ihren Kunden zu richten pflegen.

Wirthe und Kaufleute vor Allem sind die berufenen Schildtrger der Toleranz
auf der breitesten demokratischen Unterlage und haben die Hollnder vor
Allem um des Handels willen ihr Christenthum bei heidnischen Vlkern nicht
blo thatschlich sondern auch mit Schwren ernstlich in Abrede gestellt,
so haben ihre Haupterben, die Englnder, aus demselben Grunde laut
glaubwrdigen Berichten bis auf die neueste Zeit die menschenmrderischen
Feste des Gtzen von Dschaggernaut verherrlichen helfen und auf Ceylon zu
Ehren des Teufels alljhrlich viel Pulver verschossen, was an
Frohnleichnamstagen in Altengland erspart wurde.

Wir wollen daraus weder Mynheeren noch John Bull einen besondern Vorwurf
machen, weil man nicht wissen kann, ob die Deutschen nicht ebenso duldsam
und fgsam geworden wren, wenn sie es bisher zu einer ordentlichen
Seemacht gebracht htten; jedenfalls mu man auch bei uns selten in
Kauflden oder Wirthshusern suchen, wenn man ertrglichen Einflu des
Christenthums auf Handel und Wandel entdecken will und holten die
Gelehrten, welche jeden solchen Einflu lugnen, ihre Ansicht
wahrscheinlich da, wo sie Tuch fr ihre Rcke kaufen oder ihr Schpplein zu
sich nehmen.

Zur Sonnenwirthin htte Keiner kommen drfen, der fest in solcher Ansicht
bleiben wollte und schon ein Judenbart wrde ihm eine Zeche zugezogen
haben, da er schwerlich zum andernmal gekommen wre.

Ein intoleranteres Weib als die Elsbeth gab es schwerlich auch zu ihrer
Zeit im ganzen Schwarzwalde und sie machte aus ihrer Unduldsamkeit nicht
das mindeste Hehl. Sie betete fr Bekehrung der Heiden, frchtete die
Trken, hate die Juden, verabscheute die Protestanten und schimpfte eifrig
ber Geistliche und Laien, welche ihr nicht katholisch genug waren.

Es gab Leute, welche behaupteten, die dicke Sonnenwirthin habe Gott sammt
allen Heiligen bestndig auf den Lippen, dagegen zehn Teufel im Herzen und
an sich alle Mngel, welche ein schlimmes Weib zu tragen vermge. Gegen
fromme Menschen sind Unfromme leicht eingenommen und weil diese zu allen
Zeiten die Mehrzahl bildeten, darf man hinter argem Geschrei nicht sofort
viele Wolle vermuthen; auch ist die Elsbeth lngst unter dem Boden, von
Verstorbenen soll man nicht leicht Schlimmes glauben, zudem preist ein
schner Grabstein mit goldenen Worten so viele Tugenden der alten
Sonnenwirthin an, da gar kein Tadel aufzukommen vermag und unter solchen
Umstnden wollen wir die Verstorbene kurz und wahrheitsgetreu im Lichte der
sieben Todsnden betrachten, Christenmenschen so gut als mglich
vertheidigen und den Hannesle als Zeugen mitspringen lassen.

Die Verlumder behaupten, die Elsbeth sei von _Hoffart_ so erfllt, wie ein
ins Wasser geworfener Schwamm, habe in ihrem Leben niemals geweint, auer
wenn man ihrem guten Rufe einen Druck gab und wehe that und suche durch
frommes Gebahren nicht Gott, sondern nur sich selbst zu verherrlichen.
Sicher bleibt, da man nur an ihrer Schnheit, ihrem Reichthum, an ihrer
Billigkeit, Tugend und Religion einen leisen Zweifel aussprechen durfte, um
lebenslnglich von ihr angefeindet und verfolgt zu werden, allein sie
befeindete und verfolgte dergleichen Zweifler in der lblichen Absicht,
diese zur Einsicht ihrer Gottlosigkeit und Verworfenheit zu bringen und zu
bekehren und arbeitete in dieser Hinsicht so rstig fr den Himmel, da sie
ihre eigenen fnf Mnner als arge Zweifler unter den Boden hinabdisputirte
und dem Hannesle ein Bein abschlug, weil derselbe einmal im Zorne
behauptete, die Pflegemutter thue nur vor den Leuten fromm und sei daheim
und besonders gegen ihn ein Drache, wie die Katzenlene auch gesagt habe.

Vom _Geize_ der Sonnenwirthin wuten Gste, Dienstboten, Bettler, Verwandte
und Schuldner Unerhrtes zu erzhlen; wirklich trieb sie alle eintrglichen
Betrgereien, welche ein Wirth zu begehen vermag, ohne mit dem Amte und
leeren Gastzimmern zu thun zu bekommen und jene machen jhrlich oft mehr
aus, als ein halbes Zuchthaus voll Spitzbuben in zehn Jahren stiehlt.
Allein sie zwang ja durchaus Niemanden bei ihr einzukehren, der keine
besondere Geschfte mit ihr hatte, zahlte geringen Lohn, damit die Knechte
und Mgde nicht bermthig wrden und forderte bei schmaler Kost schwere
Arbeit, damit die Anfechtungen des Teufels dieselben nicht leicht
bermannten.

Bet' und arbeite! hie ihr Wahlspruch und wenn ein Bettler damit nicht
zufrieden war, mute ihn der Nero oder Sultan zum Hause hinausbellen, damit
er lerne, sich fleiig zu rhren. Niemals hat man ein Beispiel erlebt, da
sie einem Zinsmanne die Frist verlngerte oder einem bedrngten
Familienvater mit einem Kapitlchen aus der Noth half, dagegen zahlte sie
ihre Schulden sehr ungerne, um die Glubiger in der christlichen Geduld zu
ben und lie Jeden in der Noth stecken, damit die Bedrngten ihr Vertrauen
mehr auf Gott als auf Menschen setzten. Der Hannesle hat bis zu seinem Tode
behauptet, sich in der Sonne nur dann satt gegessen zu haben, wenn die
Elsbeth betrunken war oder nach Friberg oder Lffingen wallfahrtete und die
groe Schaar von Knechten und Mgden, welche jhrlich in die Sonne ein und
ausgewandert, habe beim Fortgehen mindestens einige Zentner des eigenen
sndhaften Fleisches zurckgelassen, was der gerechte Himmel unserer
Frommen zweifelsohne sehr hoch angerechnet haben wird.

Von der _Unkeuschheit_ der Sonnenwirthin wute man wohl am meisten zu
erzhlen und ihre Mnner sollen schwer darber geseufzt haben, allein sie
hatte das Unglck, niemals Einen zu bekommen, welcher ihr lngere Zeit
blieb, entlassene Dienstboten haben bse Muler und weil der Hannesle erst
zu ihr kam, als sie bereits ber Vierzig war, niemals etwas Unrechtes
merkte und es ganz in der Ordnung fand, da sie allabendlich mit dem
Oberknechte nach dem Fortgehen der Gste sehr lange allein blieb, um die
Rechnung des Tages zu stellen; endlich weil er hundertmal anhrte, wie sie
ungeberdige Gste auf feine oder grobe Weise zur Ruhe verwies, keine
Liebschaft unter ihrem Dache duldete, Nachts im ganzen Hause herum
patrouillirte und in alle Schlafkammern sorgfltig hineinleuchtete, so
wollen wir ber die Jugend, das Eheleben und Gebahren der Wittib den
dichtesten Mantel der christlichen Liebe werfen.

Elsbethens Feinde sagten, sie beneide die Nachbaren um die Regentropfen,
welche auf deren Wiesen und Aecker fielen, knne ein mit Kindern gesegnetes
Weib kaum anschauen, seufze, so oft einem Thalbewohner etwas Gutes begegne
und preise Gott, wenn Jemand von schwerem Unglcke heimgesucht wurde,
allein gibt es Etwas, was eher Lob denn Tadel verdient, so ist es
Elsbethens Neid, weil ihr Neid kein Neid, sondern eher Liebe gewesen sein
kann. Sie wute, wie sorglos, selbstvertrauend und bermthig das Glck die
Menschen mache und wie die Noth beten lehre, daher ihre Trauer ber das
Glck und ihre Freude ber das Unglck der Mitmenschen. Den Hannesle
betrauerte sie wegen seiner hbschen Gestalt und prophezeite, dieselbe
werde ihm zeitliches und ewiges Unheil zuziehen, wie dies bei seiner
"gotteslsterlichen" Mutter der Fall gewesen. Als der Bube vom vielen
Wassertrinken einen Kropf bekam, wollte sie durchaus von keinem Rezepte
Etwas vernehmen; die Halszierde wuchs, verhrtete und gedieh ganz
ausgezeichnet und wrde ein lebenslngliches Andenken an die Sorge der
frommen Pflegemutter um sein ewiges Heil daran besessen haben, wenn sie ihm
auch niemals ein Bein abgeschlagen htte.

Von Elsbethens _Unmigkeit_ munkelten und lrmten bse Zungen erst in
sptern Jahren. Zwar erfreute sie sich stets eines sehr gesegneten
Appetites, a vielleicht zu viel, was die Hausgenossen zu wenig bekamen und
weil ihr Leib mit den Jahren einem auf zwei Kltzen einherwandelnden Fasse
glich, welchem fast nur die Reifen fehlten, ist nicht zu verwundern, da
sie fr Fllung des zunehmenden Fasses zunehmende Sorge trug und dem
Liqueur, welchen sie seit der ersten Ehe Abends zu sich zu nehmen pflegte,
allgemach unter Tags immer mehr Glslein als Vorposten und Plnkler
vorausschickte.

Weil schon der Hannesle die Sonnenwirthin hufig betrunken sah und dann die
besten Stunden bei ihr verlebte, dieselbe in sptern Jahren wirklich zur
Trunkenboldin wurde und dadurch Hab und Gut meistens einbte, Unmigkeit
im Trinken jedoch zu den Todsnden gehrt, so mssen wir etwas grndlich
die Wahrscheinlichkeit erwecken, auch der Vorwurf dieser Todsnde schliee
eine Verkennung und Anschwrzung in sich.

Wir behaupten, das Trinken der frommen Elsbeth sei keine Todsnde, kaum
eine lliche Snde, sondern wohl die grte ihrer Tugenden gewesen.
Wehalb? Ei, sie trank nicht um des Trinkens willen, nicht einmal fr sich,
sondern fr die Snden der Welt. Oberflchlich und grundlos ist oft der
Vorwurf, ein Sufer liebt das Saufen an sich und gbe sich zum Vieh
herunter, denn wohl die Meisten betrinken sich nur, um ihr Elend zu
vergessen. Ein Betrunkener steigt keineswegs zu den Thieren herab, welche
freiwillig sich niemals betrinken, sondern von den Unglcklichen zu den
Glcklichen der Erde hinauf; so lange er noch auf den Beinen zu stehen
vermag, ist er ein Glcklicher, ein Knig, ein Gott und sinkt er unter den
Tisch, so beweist er ja klar, da er die Erde mit all ihren Leiden, Qualen
und harten Dingen nicht mehr kenne und das grte Glck geniee, welches
sehr gelehrte und tiefsinnige Heiden aufzutreiben und zu nennen vermochten,
nmlich das Glck der Vergessenheit ihrer selbst und aller Dinge.

Je lter unsere Elsbeth wurde, desto deutlicher erkannte sie, wie sehr die
Welt im Argen liege und wie unverbesserlich die Menschen, wie
himmelschreiend die Snden der meisten Thalbewohner seien und in ihren
letzten Lebensjahren sprach sie es manchmal laut aus, Gott htte schon
lngst Feuer auf den ganzen Schwarzwald und ber ihr Thal zuerst regnen
lassen, wenn Er nicht um weniger Gerechten willen die sndhafte Menge noch
eine kleine Weile verschonte. Sie vermochte die Menschen immer weniger zu
achten und zu lieben, wenn sie nchtern war; die Liebe ist jedoch das erste
und grte Gebot unserer Religion und weil die Liebe aus Elsbethens Herzen
herausgepumpt wurde, je hher der Stand des Alkohol im Magen war, so trank
sie fleiig und weil die Welt tglich schlechter wurde, mute sie um der
Nchstenliebe willen tglich und jhrlich auch mehr trinken. In der
Trunkenheit war sie die beste Seele von der Welt, schlug einem Dienstboten
keine Bitte ab, half Nothleidenden, schrieb Quittungen und Schuldscheine
fr Jeden der es haben wollte und so lange sie eine Feder zu halten
vermochte und zum Schlusse stammelte sie oft die glhendsten Gebete fr das
Wohl aller Menschen zum Himmel empor.

Dieser Zug einer im Leben vielfach verkannten und am Ende nur noch von
einem Grabstein gegriesenen [gepriesenen] frommen Seele ist um so
beachtenswerter, weil er fr Elsbethens tiefe Selbstkenntni Zeugni
ablegte. Diese wute sehr wohl, da sie ein hitziges Geblt und eine
zornige Gemthsart zur Welt gebracht habe und da ihr Ha gegen die
schlechte Welt mit der Liebe zu Gott wachse und zunehme. In ihrer Kindheit
war sie nicht hart und bitter gegen die Welt gewesen, durch Trinken
versetzte sie sich in den Zustand der unbefangenen, weil unwissenden
Kindheit zurck, dehalb war ihr Trinken auch ein ernstlicher Kampf gegen
das eigene sndhafte Fleisch und besonders gegen ihre Zornausbrche und
Zanksucht.

Zwar ging ihr _Zorn_ vom Himmel aus, weil sie die bodenlose Verderbtheit
und endlose Heuchelei der Nachbarn grndlich erkannte und nicht mit ruhigen
Augen anzusehen vermochte. Wenn sie Jemanden schwer beleidiget, gekrnkt
oder beschdiget hatte, so fand sie Trost in dem Gedanken, Gott lasse
Niemanden etwas Bses widerfahren, ohne da Er seine Grnde dafr habe und
sie sei wohl nur ein Werkzeug des gttlichen Zornes, aber alle ihre
Beichtvter bekmpften solche Ansicht, mit geistlichen Herren wollte und
durfte sie es nicht ganz verderben, zumal der Kapitelsdekan im Thale wohnte
und dieser Umstand ihrer Wirtschaft und ihrem Rufe der Gottseligkeit
ebensoviel zu schaden als zu ntzen vermochte. Sie gestand dehalb ihre
sndhafte Neigung zum Zorne zu, fand sich jedesmal im Beichtstuhle ein,
wenn sie ihrer Jachheit und ihrer Rachsucht volles Genge gethan und weil
trotz Beichten und Beten ihr Herz jhrlich mehr gegen die Mitmenschen
verhrtete, so machte sie immer eifriger Gebrauch von der Entdeckung, das
Trinken sei ein probates Mittel, um die Liebe wach zu erhalten und
Anfechtungen des Zornes vorzubeugen.

Fr unsern Hannesle war Elsbethens gallichte Gemthsart ein sehr heilsames
Mittel der Besserung und mssen wir nur bedauern, da das Mittel bei ihm
nicht recht anschlug und die von Brigitten ererbte Neigung zum Zorn die
Quelle manches Unheiles fr ihn wurde. An der Pflegmutter erkannte er die
ganze Abscheulichkeit dieses Lasters, sein Kopf und Rcken samt allen
Gliedmaen versprten tglich die wehethuenden, schmerzlichen Folgen
desselben und weil er lernen mute, den eigenen Zorn zu verbeien und sich
zu beherrschen, wenn er nicht trotz dem rgsten Russen geprgelt werden
wollte, so wurde der von Natur offenherzige und ehrliche Hannesle
verschlagen, hinterlistig, falsch und heimtckisch.

Fr den ungerechtesten aller Vorwrfe, welchen ihre Feinde aufs Tapet
brachten, hielt Elsbeth den der _Trgheit_ und nimmermehr vermochte sie es
zu fassen, wehalb das 265pfndige Dekanat der einzige Beichtvater blieb,
welcher ihr keine lange Predigt ber diese Todsnde machte.

Mit diesem dicken Seelenhirten stund die dicke Sonnenwirthin insbesondere
dehalb auf freundschaftlichen Fen, weil er sie als die rhrigste und
thtigste Hausfrau und Wirthin des ganzen Schwarzwaldes gelten lie und
pries. Ihn zahlte sie zu den wenigen Gerechten des Thales, das Dekanat
leistete der reichen, stattlichen Elsbeth denselben Dienst. Auf diese Weise
bekam auch der junge Vikar, welcher die Brigitte begraben und sich des
Hannesle angenommen hatte, von vornherein eine vortreffliche Meinung von
der Sonnenwirthin und als diese den Hannesle so willig und freudig unter
ihr Dach aufnahm, vergo der gute Mann fast Thrnen der Rhrung ber die
Beweise christlicher Barmherzigkeit, die er hier und sogar bei einer
Wirthin gefunden. Wie der Mensch ist, so schaut er auch die Welt an, bevor
er dieselbe genauer kennen gelernt und sich eine richtige Weltanschauung
gebildet hat.

Der Selbstschtige sieht lauter rohe und verfeinerte Selbstsucht, der
Glaubenslose eitel bewuten und unbewuten Unglauben und eigenntzige
Heuchelei der Frommen, der Strmische lauter offenen und heimlichen Krieg
ohne entscheidenden Sieg; unser Vikar besa ein tiefes, herrliches Gemth
und einen lebensvollen Glauben an Christum und dessen Weltkirche, hegte die
beste Meinung von den Menschen, bte groe Nachsicht gegen Andere und
merkte zu spt, welchen Bock er geschossen, indem er den Waisen der Zucht
der frommen Elsbeth anvertraut hatte, welche bei Messen, Bittgngen,
Leichenzgen und Brderschaften die Vorderste war und alle vier Wochen
mindestens einmal beichtete und zum Tische des Herrn ging.

Er schenkte den schlimmen Gerchten, welche ber die Betschwester im
Schwange gingen, um so weniger Glauben, weil dieselbe auch in der Kunst der
Verstellung ihren Meister suchte und trotz der besten Advokaten Alles zu
verdrehen und zu lgen verstund, seine Seele dagegen kein Arg und keine
Falschheit kannte und weder die Sonne noch der Br oder ein anderes
Wirthshaus der Ort war, wo er oft und gerne weilte.

Allmhlich wurden ihm die Augen hinsichtlich des Characters der dicken
Sonnenwirthin ganz geffnet und zwar durch die Katzenlene.

Diese Katzenlene hie Magdalena, im Thale aber die Katzenlene, weil ihr
Mann, ein blutarmer Taglhner, ein auerordentlicher Liebhaber des
Katzenfleisches gewesen und das Volk der Muse an manchem Dutzend ihrer
Todfeinde blutig gercht haben soll.

Der Vikar hatte viel Seltsames von diesem alten, eisgrauen Mtterchen
gehrt, welches Tag und Nacht, Sommer und Winter in einem altersbraunen,
dmmerungsreichen Hinterstbchen einer einsamen Strohhtte sa und niemals
in eine Kirche oder zu andern Leuten kam, weil es an beiden Fen seit 27
Jahren gelhmt war.

Die Einen wuten viel von merkwrdigen Prophezeiungen der Katzenlene zu
erzhlen, welche aufs Haar eingetroffen sein sollen; Andere glaubten, es
sei bei der Alten nicht ganz geheuer, dieselbe stehe mit Geistern im Bunde,
nehme hchstens zum Scheine ein bischen Speise zu sich und knne weder
gesund werden noch sterben bis zum jngsten Tag. Viele behaupteten, es sei
unmglich, der Lene etwas Schlimmes nachzusagen und wer in ihre Nhe komme,
dem werfe sie Zauberblicke zu, da er von der Stunde an nur eine gute
Meinung von ihr haben knne.--Andere berechneten, wieviel diese Zauberin
durch ihr Stricken verdiene und fanden, dieselbe gebe beinahe ihren ganzen
Lohn den Armen und lasse sich nicht bewegen, das Gewand, welches sie seit
Menschengedenken trug, mit einem neuen zu vertauschen oder statt Habermus
und Milch, wovon sie und ihre Katze lebten, etwas Besseres zu genieen. Die
Gutthtigen erzhlten, es msse Einer oder Eine bei der Lene schon hoch
angeschrieben und ein rechtschaffener Christenmensch sein, bevor sie auch
nur einen Apfel oder eine Birne von ihr annehme und Manche, welche im Rufe
des Leichtsinnes oder in einem noch bleren standen, versicherten, sie
wrden das Hinterstbchen der Alten nicht betreten, wenn man ihnen auch
zehn Karlinen versprche. Das 265pfndige Dekanat wute nichts Genaues von
der Lene, dagegen erzhlte die Elsbeth Vielerlei, woraus hervorgehen
sollte, die alte Madlene trage ihren Taufnamen mit vollem Rechte, weil sie
in ihrer Jugend ein leichtfertiges, gottvergessenes Ding gewesen, dehalb
von Gott schwer heimgesucht und bis zur Stunde im Begriffe sei, die Snden
alter Zeiten abzuben.

Am Begrbnitage Brigittens hatte ein Bblein dem jungen Geistlichen einen
halben Gulden gebracht und gesagt, das Geld sei von der Katzenlene, der
Herr Vikar mge es nehmen und dafr eine heilige Messe fr die Verstorbene
lesen. Der Vikar gab das Geld zurck und besuchte Nachmittags die Geberin,
von der er schon Manches vernommen hatte.

In einem niedern, dunkeln Stblein, dessen einziger Schmuck ein armseliges
Bett, ein alter Tisch von Tannenholz und ein mit zerrissenem alten Leder
berzogener Grovaterstuhl war, sa ein Weiblein mit schneeweien Haaren
und armseligen "G'hs" und:

  "Schau, geistlicher Bueb, kann holt nicht aufstehen, denn ich bin lahm,
  aber setze Dich daher und sei willkommen im Namen Jesu Christi!"

waren die ersten Worte, welche der verwundert und mitleidig umherschauende
Geistliche von der Katzenlene hrte und dann setzte er sich, von einer
geheimnivollen Macht zu ihr hingezogen, ruhig auf einen alten Trog und
schaute unbefangen in das ruhig und freundlich lchelnde Antlitz der alten
Tirolerin, welche vor vielen Jahren in den Schwarzwald herabgekommen.

Das Regenwetter vom Morgen hatte Etwas nachgelassen, es glhten gleich
Diamanten einzelne Tropfen, welche an den Rosen und Passionsblumen hingen,
die aus dem Grtchen hereinnickten, einige Sonnenstrahlen spielten durch
das armselige Stblein, der Vikar schaute in zwei groe, helle Augen und in
ein altes, kluges Gesicht, aus dessen Runzeln der Morgenschimmer einer
hhern Welt hervorzubrechen schien.

Er wollte von ihrer Verlassenheit und ihrem Elend anfangen, einige Hlfe
anbieten, doch die Katzenlene schien seine Gedanken zu errathen und begann
von dem irdischen Glcke zu reden, dessen sie Gott theilhaftig gemacht und
als der Vikar diese uralte, blutarme, verlassene Frau, welche volle 27
Jahre keine fnfzig Schritte weit von der Htte gekommen war, nach einigen
Stunden verlie, trug er die berzeugung mit sich fort, die glcklichste,
Person des ganzen Thales und wohl des ganzen Schwarzwaldes und zugleich
eine Christin gesprochen zu haben, welcher er trotz tadellosem Wandel und
lebendigem Glauben nicht die Schuhriemen aufzulsen wrdig sei.

Fr diese Alte gab es keine Erdennoth und keinen Erdenwehe, sie lebte auf
Erden bereits wie im Himmel, bedurfte keines Trostes und keiner Hlfe und
hat den jungen Geistlichen in der Erkenntni gttlicher und menschlicher
Dinge weiter gebracht, als das Studium einer umfassenden wissenschaftlichen
Bibliothek vermocht haben wrde.

Schade, da wir uns weder mit der Katzenlene noch mit derem neuen Schler
besonders befassen drfen, indem wir statt einer Himmelsgeschichte eine
Zuchthausgeschichte zu liefern uns zur Aufgabe gestellt haben.

Hannesle war in der Sonne und getraute sich kaum in der ersten Zeit recht
zu athmen, denn trotz seiner Jugend und der idyllischen Heimath wute er
bereits, es bestehe ein mchtiger Unterschied zwischen reichen und armen
Leuten und die Armen lebten eigentlich nur von der Gnade der Reichen, die
Sonnenwirthin sei ein grundreiches Weib und ein armer Tropf nicht
gescheidt, wenn er nicht nach ihrer Pfeife tanze. Er erhielt Kleider,
welche er im Vergleich zu seinen frhern fr wahre Grafenkleider hielt und
dazu keine Schuhe, welche immer das hchste Ziel seiner Wnsche gewesen,
sondern Halbstiefel, wie sie nur von den vornehmsten Buben des Thales
getragen wurden und an die er kaum zu denken gewagt hatte.

"Kleider machen Leute!" so ist es nun einmal auf der Welt und es kostet den
besten Menschen Ueberwindung, in einem recht nachlssig gekleideten oder
gar zerlumpt einhergehenden Mitmenschen etwas Ordentliches zu entdecken und
denselben als Ihresgleichen zu betrachten.

Mit der Muttermilch und Sprache saugt der Mensch die Ansichten und
Vorurtheile ein, welche innerhalb der menschlichen Gesellschaft gang und
gbe und im Grunde oft mit dem Christenthume arg im Widerspruche sind.

"Vor Gott sind alle Menschen, Knige und Bettler gleich und die Menschen
sollen vor Allem Gott hnlich werden!" hrt das Kind, sieht jedoch in der
Welt nirgends Gleichheit, sondern allenthalben Ungleichheit und fhlt den
herben Widerspruch zwischen Religion und Wirklichkeit heraus, ehe es noch
so weit kommt zu fragen: "Ei, sind die Menschen vor Gott alle gleich und
ist es Aufgabe Aller, gotthnlich zu werden, wehalb machen sie denn unter
sich selbst so groe Unterschiede?"

Der Hannesle hatte oft gehrt, wie gewaltig der Gestellmacher ber die
Sonnenwirthin daheim schimpfte, aber auch erfahren, wie gar demthig
derselbe Gestellmacher den Hut herabzog, so oft dieselbe Sonnenwirthin ihm
begegnete und wie er ihr kein Wrtlein von Allem ins Gesicht sagte, was er
daheim mit der Werktagsmutter und der Brigitte oder andern Leuten von ihr
redete, sondern in lauter Freundlichkeit und Unterthnigkeit schier
zerflo.

Ebenso schimpfte der Gestellmacher grausam ber Steuern und Abgaben,
Bettelvgte und Amtsleute, die sptern Pflegeltern und Andere machten es
ebenso und wenn nur der Zweifarbige oder ein Amtsschreiber im Thale sich
blicken lie, sah der Bube nichts als entblte Hupter und demthige Kpfe
und wenn der Bettelvogt oder Amtsschreiber Einem Grobheiten machten oder
gar drohten, lief dieser, gleich einem begossenen Pudel, still nach Hause
und lie hchstens Weib und Kinder das widerfahrene Leid entgelten.

Brigitte redete von dem Bauer, bei welchem sie in Dienst stand, auch selten
etwas Gutes und doch verbot sie dem horchenden Hannesle bei schwerer
Strafe, jemals eine Silbe davon bei andern Leuten verlauten zu lassen.

All diese Dinge kamen dem Buben so wunderlich vor als der Umstand, da die
Einen vieles Vieh, grere Huser, viele Felder, Matten und Waldungen ihr
Eigenthum nannten, schne Kleider auch am Werktage trugen und mit Ro und
Wagen zu Markte fuhren, whrend die Mehrzahl kaum ein mageres Khlein,
einige Geisen oder gar keinen Stall besa, in Htten hauste, die aus Stroh,
Schindeln und wurmstichigen Balken gemacht waren, wenig cker und noch
weniger Matten ihr Eigenthum nannten, das Holz kauften und froh waren, an
bestimmten Tagen drre ste von den himmelhohen, stattlichen Bumen
herabhkeln zu drfen, nur Einen Rock im Kasten fhrten und baarfu oder
auf des Schusters bescheidenem Rappen durch das Thal wandelten, dabei
schwer arbeiteten und am Sonntage kaum die Werktagskost Anderer
aufbrachten.

Der Hannesle dachte, Alles msse so sein, wie es eben sei, richtete sich
nach den Erwachsenen und seine Gefhle wurden erst zu Gedanken, whrend er
in der Sonne lebte und der Aufenthalt machte ihn frh zu dem, was jeder
religionslose arme Teufel im Grunde ist, obwohl er hufig nichts davon
wei, nmlich zu einem "gottvergessenen" Demokraten. Gelehrte und Theologen
suchen die Ursachen des Unglaubens an allen mglichen Enden und Orten, beim
Hannesle gengte es, da er wenig handelnde Christen vor sich sah, Vieles
litt und ein bischen ber das Leben und Treiben der Bewohner des Thales
nachsann, um leise Zweifel an der Richtigkeit und Wahrheit der Religion zu
bekommen, welche im Laufe der Zeit bis zum verstocktesten Unglauben
fortschritten.

Die nagelneuen Kleider und Halbstiefel, welche ihm die vornehme Elsbeth
zukommen lie, schufen ihn zu einem Menschen um, der sich fr besser und
hher hielt, als er bisher gewesen. Seit Allerheiligen schon ging er zur
Schule, der Schulmeister hatte ihn hchstens dann seiner Aufmerksamkeit
gewrdiget, wenn Ohrfeigen, Tatzen und Schimpfreden auszutheilen waren und
oft genug war er heulend heimgesprungen oder hatte der schwerkranken Mutter
geklagt, die Buben und absonderlich die Herrenbauernbuben htten ihn
whrend der Schule gefoppt und gesagt, er habe keinen Vater, sei ein
"Bankert", die Mutter ein Lumpenmensch und nach der Schule ihn mit
Schimpfreden und Steinwrfen verfolgt.

"Schlag' zu!" schrie dann der Gestellmacher und der Bube thats, wenn nicht
allzu Viele gegen ihn standen oder ein Feind ihm in die Hnde lief.

"Armer Tropf, wir Arme sind eben Hunde!" seufzte manchmal die
Gestellmacherin und wiewohl der Hannesle nicht wute, was ein "Bankert"
sei, so wute er doch recht gut, was ein "armer Tropf" zu bedeuten habe und
weil die Hunde beien und davonlaufen, glaubte er auch also thun zu mssen.

"Die Buben meinens nicht bse, es kommt Alles von den Alten her, Gott
verzeihe es ihnen!" hstelte zuweilen die Mutter und schaute schmerzlich
gen Himmel, allein Schimpfreden und noch mehr Steinwrfe und Prgel thaten
wehe, diese kamen nicht von den Alten, sondern von den Jungen und wenn Gott
denselben ohnehin verzieh, meinte der Mihandelte, um so weniger Grund zur
Verzeihung zu haben, liebte die Buben, welche baarfu gingen und die
Herrenleute auf der Strae mit ihm anbettelten, hate die
Herrenbauernbuben, welche ihn und seine Kameraden verachteten und sich auf
die Hlfe der groen Leute schier immer verlassen durften.

Jetzt wurde dies Alles pltzlich anders, denn der Hannesle stolzirte im
Gewande eines Herrenbuben einher, der Herr Vicar verkndigte, die Frau
Sonnenwirthin sei nunmehr die Mutter seines Schtzlings, der Schulmeister
lchelte gndig, die Schler horchten hoch auf und Alles betrachtete den
Glcklichen, als ob er ein wildfremder und hochachtbarer Mensch geworden.

Er aber sagte sich von der Stunde an von Allen los, welche keine Schuhe
trugen, hielt zu den Herrenbauernbuben, die Eltern derselben drckten ein
Auge zu und die Sonnenwirthin lobte ihn, weil er sich nicht mehr mit
"Gesindel und Bettelvolk" abgebe.

Die Frhlingssonne hatte den Schnee noch nicht von den saftiggrnen Matten
hinweggeschmolzen, da zweifelte der Hannesle schon stark, ob er nicht in
seinen Kleidern einen recht elenden kleinen Menschen stecken habe und
allgemach verblate zwar die Erinnerung an das ungebundene Leben beim
Gestellmacher und bei den sptern Pflegeltern, er gewhnte sich in seinen
Zustand hinein und es dauerte jahrelang, bis er die Sonne verlie, aber
spter sagte er oft, hier sei es ihm bestndig gewesen, als ob ein
Mhlenstein auf seinem Herzen lge und ein schweres Wetter ber seinem
Haupte stnde und nach der Flucht sei es ihm vorgekommen, als wre er ein
Vogel, der jahrelang in einem kleinen Kfig gefangen sa und trauerte, um
des Futterkastens willen sitzen blieb und zuletzt beim Fortfliegen nach den
freien Wldern sich neugeboren fhlte und nichts von des Lebens Mhen und
Sorgen wte.

Wer das Schul- und Hausleben des armen Burschen betrachtet und dazu
bedenkt, da die Lichtstrahlen der Wahrheit und Liebe in Jesu Christo immer
sprlicher in sein verdstertes und vereinsamtes Gemth fielen, wird dem
sptern "Zuckerhannes" billig Manches verzeihen.

Auf dem Lande hat die Jugend zwei groe Vortheile vor Stadtkindern.

Zum Ersten nmlich werden die Kinderfreuden nicht durch die tgliche Qual
des vielstndigen ununterbrochenen Sitzens auf der Schulbank allzusehr
versalzen, man geht nicht darauf aus, aus ihnen lauter Gelehrte machen zu
wollen und qult sie nicht mit endlosen Schulaufgaben; zum Zweiten sitzen
Buben und Mgdlein in Einer Schulstube, theilen Mhe und Freuden, gewhnen
sich an einander und gewinnt das Verhltni beider Geschlechter einen
Charakter, welcher groen Einflu auf das sptere Leben und zwar einen der
Religion und Sittlichkeit wohl gnstigern ausbt, als das mitrauische
Trennen und Scheiden in grern Stdten.

Beider Vortheile ging der Hannesle durch die Elsbeth verlustig.

Er mute die Schule pnktlich besuchen, denn sie mochte das Pfarramt nicht
erzrnen und ebenso wenig dem Volksbildner unverdientes Geld geben, doch
selten bekam der Bube an Werktagen und Feiertagen ein freies Stndchen,
weil er entweder beten oder arbeiten oder Beides zugleich thun mute und
war er einmal frei, so hatte er entweder an blauen Malen und Beulen
herumzudrcken, mute den Obstgarten oder etwas Anderes hten oder es
fehlte ihm an Gespielen.

Die armen Buben haten und verfolgten ihn, wie es frher die Andern gemacht
und diese hielten nicht zu ihm, weil sie entweder zu stolz waren oder weil
er sich nicht mit ihnen viel abgeben konnte. Einige Schulkameradinnen waren
in der Nachbarschaft und gar oft schaute er betrbt beim Garnwinden,
Kartoffelschlen, Holztragen und andern Geschften ihren frohen Spielen zu,
allein ans Mitmachen durfte er nimmermehr denken, wenn er auch Zeit dazu
gehabt htte, denn die fromme Pflegemutter wrde ihn gesteiniget haben,
ohne einen Grund dafr laut werden zu lassen auer dem seltsam klingenden
Spruche: "Die Snde geht herum wie ein brllender Lwe und sucht, wen sie
verschlinge, absonderlich wenn Einer eine hbsche Larve hat!"

Von Knechten, Mgden und Gsten erhielt er freilich oft genug Aufschlsse,
doch zum rechten Verstndni derselben kam er nicht, dachte vorlufig
niemals darber nach und es darf als wahre Fgung Gottes gelten, da er in
gewissen Dingen sehr einfltig blieb, weder sah noch hrte, bis er als
Jngling in die heillose Lasterschule eines Amtsgefngnisses gerieth, wo er
die Welt mit minder unschuldigen Augen als bisher betrachten lernte.

Zweifelsohne hat das viele Arbeiten und die schmale Kost das Gedeihen
seines Leibes aufgehalten, damit aber auch das Verderbni seiner Seele
hinsichtlich des sechsten Gebotes, denn im Ganzen hat die dicke
Sonnenwirthin den Hannesle so recht fr das Zuchthaus und die Hlle
erzogen.

Seine Hoffart bekmpfte sie durch tgliche und stndliche Mahnung an sein
Herkommen und seine Armuth, sein Selbstgefhl ging durch die demthigendste
und niedertrchtigste Behandlung unter, welche er nach dem Beispiele der
Hausherrin von den meisten Dienstboten, vom Oberknecht bis hinab zum
Robuben und zur "Saumagd" erdulden mute. Ihr Geiz lehrte ihn das Geld als
den wahren Erdengott schtzen und ihre Habsucht lie ihm alle Mittel zum
Erwerben gleich gut erscheinen, wenn sie nur nicht zur Amtsstube fhrten,
was durch Verhehlen, Pfiffigkeit und Lugnen verhindert werden konnte. Da
der Bube die Reinheit seines Gemthes nicht schon whrend seines
Aufenthaltes in der Sonne einbte, daran hatte Elsbethens Benehmen und
Gerede sammt dem der brigen Bewohner und mancher Gste blutwenig
Verdienst. Der Neid blieb ihm sein Lebenlang ziemlich fremd, doch das
Beispiel der Pflegemutter und noch mehr die groe Summe dessen, was er
entbehren mute, whrend es den meisten Menschen zu Theil geworden, htten
bei grern Anlagen zu diesem Laster den Neid zu einer ingrimmigen Hhe
emportreiben mssen und in sptern Jahren ersetzte der Ha die Leistungen
des Neides. Von Unmigkeit konnte bei ihm keine groe Rede sein, er sah
die abschreckenden Folgen dieses Lasters tglich vor Augen und ist niemals
ein Gewohnheitssufer geworden, dagegen hat ihn Elsbethens bertriebener
Anspruch auf die Gengsamkeit Anderer und die Lust zum Naschen, welche er
aus dem Huslein des Gestellmachers brachte, frhzeitig genug zum Stehlen
gefhrt und sein Gewissen weit gemacht. Elsbethens Zorn besserte den
seinigen nicht, sondern unterjochte denselben der Angst und Furcht und
verkehrte ihn in naturwidrige Heuchelei, Hinterlist und Heimtcke.

Der Trgheit hinsichtlich des Arbeitens widersprach sein quecksilbernes
Naturell und noch mehr das Machtwort der Pflegemutter, und was Trgheit zum
Guten heit, hat dieselbe Pflegemutter ihm zwar grndlich gezeigt, doch hat
er diese Lehre niemals recht erfat.

Er hate die Elsbeth von ganzem Herzen; am meisten verwnschte er ihre
Frmmigkeit, weil dadurch seine Arbeit unsglich vermehrt wurde. Das Beten
der Dienstboten vor und nach dem Essen wollte kein Ende nehmen, er aber
mute vorbeten, bis er heiser wurde. Eine fleiigere Kirchgngerin als die
Pflegmutter gab es schwerlich auf zehn Stunden im Umkreise, bei jedem Gange
zur Kirche mute aber der Hannesle an ihrer Seite sein, gleichsam als wolle
sie Gott und Menschen stets daran erinnern, welche Wohlthaten sie einem
Vertreter der Armuth spende und das Aergste fr diesen war, da sie whrend
des Gottesdienstes nicht nur scharf zusah, ob er sein Gebetbchlein richtig
halte, beim Verbeugen und Kreuzschlagen sich keine Ble gebe und die
Lippen stets bewege, sondern auch forderte, er msse ber alle Mienen,
Geberden und Reden der Kirchgnger genauen Bericht abstatten. Wute er
nichts zu erzhlen, dann regnete es Ohrfeigen, meldete er unangenehme
Wahrheiten, dann lie sie ihre Wuth an ihm aus und brachte er angenehme
Lgen vor, so schaute sie ihn mit durchbohrenden Blicken an, er pflegte
anfangs zu errthen und verwirrt zu werden oder spter sich zu
widersprechen und jedesmal erhielt er dann eine doppelte Portion, weil er
die Kirchgnger nicht fleiig oder richtig beobachtet und noch dazu gelogen
habe.

Die Kundigern meinten sammt dem Beglckten, die Sonnenwirthin habe nach dem
Tode ihrer Mnner einen Sndenbock ihrer Launen und Untugenden anschaffen
mssen, welcher Aussicht auf langes Leben und keine Aussicht auf Erlsung
aus ihren Klauen besitze und die Kosten des Sndenbockes wrden durch die
Arbeiten desselben mehr als vergtet, an ihr sei ein schlauer Diplomat
verloren gegangen!--Eine Reihe von Jahren verlebte Brigittens Sohn bei
der Elsbeth und was diese sete, wuchs und gedieh und sie mute es
allgemach einerndten.

Ein kindliches Gemth versteht die tiefsten Geheimnisse der Religion, weil
es die Liebe versteht, die Liebe zu den Eltern und Geschwistern bildet fr
das Kind die Brcke zur Wanderung und Vertrautheit mit den Gestalten des
Himmels.

"Wie Jeder ist, so ist sein Gott, darum wird Gott so oft zum Spott!" sagt
Gthe sehr wahr und, fgen wir bei, weil der Mensch wird, was man aus ihm
macht, so mute ein Leben ohne Liebe und Freude den Hannesle dazu fhren,
da er zuerst die Menschen frchtete, Zutrauen und Glauben an sie verlor,
die angeborene Liebe des Gemthes in Ha und Selbstsucht untergehen lie,
dann das Verstndni der Religion der Liebe verlor, den Gott des Hasses und
Zornes frchtete, mit den Jahren gleichgltig und feindselig gegen
denselben wurde und den einzigen und hchsten Zweck des Erdenlebens in der
Erfllung selbstschtiger Wnsche erblickte.

Aller Religionsunterricht, alles Beten und Kirchenrennen und Empfehlen
religiser Gesinnungen fruchtet bei der Jugend wenig, wenn Eltern, Erzieher
und Andere durch ihr Beispiel denselben keine handelnden Christen zeigen.

Tagtgliche Uebertretungen der Gebote Gottes von Seite der Groen werden
den Kleinen allmhlig zu Widerlegungen der Lehren der Religion und
Rechtfertigungen der religisen Gleichgltigkeit und des Unglaubens, zumal
keine Religion der Erde den Interessen der erwachenden, schmeichelnden
Selbstsucht des Kindes schroffer und herber entgegentritt als gerade das
Christenthum.

Der tausendjhrige Fortbestand mancher heidnischen Religionen erklrt sich
leicht aus dem Anschmiegen ihrer Lehren an die Selbstsucht des Menschen,
der bald zweitausendjhrige Fortbestand der Weltkirche Jesu Christi bleibt
an sich ein Wunder der gttlichen Vorsehung, wie der anfngliche Sieg des
Christenthums ber die heidnische Welt.

Gerade weil der Zuckerhannes ein an sich ganz gewhnliches Menschenkind und
seine Geschichte zunchst eine Alltagsgeschichte gewesen ist, wie es deren
viele Tausende gibt, wir aber zunchst den wohl unsthetischen, doch sehr
leicht zu vertheidigenden Zweck im Auge haben, die Mitschuld der
Gesellschaft an den Snden, Lastern und Verbrechen des Einzelnen einmal
klar nachzuweisen, haben wir auf die Gefahr hin, ein bischen langweilig zu
werden, die Einflsse hervorgehoben, welche auf den jungen Hannesle wirkten
und denselben zu einem Zuchthausbruder machen halfen.--

Nicht still, denn dafr sorgte die Pflegmutter mit vielen Andern, wohl aber
einfrmig und freudlos flohen dem Buben beinahe 3000 Tage dahin, welche er
in der Sonne verlebte und das Besondere, was ihm aufstie, lt sich mit
kurzen Worten abmachen.

Der Vicar hatte die Lebensfreudigkeit, Rohheit und Unarten des Bbleins
gesehen, als dasselbe noch baarfu und mit zerrissenen Zwilchhslein im
Thale herumsprang. Er kam anfangs oft in die Sonne, vernahm manches
Untrstliche von der Wirthin, welche schwer ber das selbst auferlegte
Kreuz der Erziehung eines Halbwilden seufzte und prgte dem Lehrer sehr
unnthig groe Strenge gegen den Hannesle ein, dessen scheues,
niedergeschlagenes Benehmen trotz der bescheidenen und hflichen Manieren
ihm nicht recht gefallen wollte.

"Der Bube ist nicht glcklich, er begreift die heilsame Strenge seiner
Behandlung noch nicht, es wird bald besser werden und besser gehen, denn
die Sonnenwirthin ist ein gescheidtes Weib und eine musterhafte
Katholikin!" dachte der Geistliche, mute jedoch bald erleben, da der Bube
weder wie ein Glcklicher dreinschaute noch wie ein unbefangenes Kind that.

Bei der Katzenlene fand er nicht sogleich Aufschlu, denn diese kannte nur
noch wenige Leute des Thales und unter diesen die Sonnenwirthin als eine
reiche, stolze, entfernt wohnende Person nur vom Hrensagen, der Hannesle
selbst versicherte stets, da es ihm sehr wohl ergehe, Frau Elsbeth an ihm
als einem verlassenen "unehrlichen" Buben den Himmel verdiene und sich dem
Herrn Vicar hflichst empfehlen lasse.

Letzterer bemerkte, da der Bube sich vor ihm verkroch, bei jeder Frage
zitterte, wenn von der Sonne die Rede war und seine Antworten gemeiniglich
mit Thrnen wrzte. Die Katzenlene, andre Leute und die eigenen Augen
brachten ihn zuletzt doch zur rechten Einsicht; er wollte der Elsbeth
Lehren geben, aber da kam er schlecht weg! Eine alte und berhmte Christin,
die fnf Mnner und elf Kinder in den Himmel gesandt und bei Gott
zweifelsohne im hchsten Ansehen stehen mute, lie sich von einem
blutjungen Vicar nichts vom Erziehungswesen einreden, das war aus und
vorbei!--

Der Wohlthter des Hannesle hatte es gut gemeint, als er ihn der Elsbeth
bergab und hierin lag sein Trost; er hatte es schlecht angefangen, den
Bock zum Grtner gemacht und bereute es tief, allein ndern lie sich die
Sache nicht mehr.

Er strebte auf alle Weise darnach, das Zutrauen des Mihandelten zu
gewinnen, aber dieser frchtete alle Herren, sah ihn als Urheber seines
Unglckes an, glaubte ihn im Einverstndni mit der zornigen Pflegemutter,
lie sich nicht fangen und beharrte auf seiner unnatrlichen, stummen
Rolle.

"Komm, wir gehen zu _deiner Gromutter_;" spricht der Vicar an einem
schnen Sommernachmittag zu dem Buben. Dieser schaut zuerst ihn, dann die
dicke Sonnenwirthin an, diese nickt bejahend und er geht voll Verwunderung,
was das fr eine Gromutter sein werde, zu welcher ihn der geistliche Herr
fhre, ohne da die Pflegemutter es verbiete.

Er wute von einigen Vettern und Basen, der Gestellmacher trank zuweilen
einen Schnaps in der Sonne, die Bauernleute, bei welchen er zuletzt gelebt,
traf er an Sonntagen auf dem Kirchgange, doch die Sonne verlassen und ohne
Vorwissen der Pflegemutter ein anderes Haus betreten, galt als eines der
schwersten Verbrechen, welches er zu begehen vermochte; er beging es nicht,
weil die Angst ihm alle Freude verdarb und von einer Gromutter, die noch
unter den Lebendigen wandle, hatte er noch nie gehrt.

Jetzt fhrte ihn der Schtzer in das Stblein der Katzenlene.

War die Katzenlene nicht eine Base der Marianne selig und damit auch der
Brigitte selig? Hatte Marianne mit der kleinen Brigitte nicht zuweilen ihre
Zuflucht in dieses Stblein genommen, wenn der betrunkene Brstenbinder sie
schlagen wollte, ihr sonst ein groes Wehe oder auch die Langeweile auf dem
Herzen lag? Sa Brigitte nicht oft genug auf dem Fensterbnklein, bevor sie
mit dem langen Michel bekannt wurde und hat die Lene sie nicht auch noch
spter einigemal eingeladen? Konnte diese nicht die Gromutter des Thales
und absonderlich die des Hannesle heien?--Der Geistliche blieb eine
Weile, versprach der Alten, ihr knftigen Sonntag wiederum den Leib des
Herrn in die Htte zu tragen und ging, um nach einigen Stunden wieder zu
kommen und den Buben abzuholen.

Von dieser Zeit an kam letzterer oft zur Katzenlene und diese hat mit ihren
wundersamen Historien von heiligen und unheiligen Menschen dem Knaben eine
neue, bisher unbekannte Welt erschlossen und Vieles gethan, um die Liebe zu
Gott und den Menschen im jungen Herzen wach zu erhalten. Der Hannesle hat
die alte Frau unsglich lieb gewonnen, doch die Geschichten derselben
verbitterten ihm das Leben in der Sonne mehr als sie es versten und die
Liebe des Erlsers zu den Menschen wute er nicht mit dem Leben und Treiben
der Thalbewohner zusammenzureimen. Er betrachtete die fromme vielbetende
Elsbeth, verglich sie mit der frommen, vielbetenden Katzenlene, sah das
fromme und hochangesehene Dekanat und den frommen, minder angesehenen Vicar
und wute sich in den vielerlei Arten von Frmmigkeit am Ende gar nicht
mehr zurecht zu finden. Er htte am liebsten sterben und zu der
Sonntagsmutter kommen mgen, denn Freude an der Welt und an den Menschen
empfand er tglich weniger.

Gelbveigelein und Rosmarin blhten zum zweitenmal auf Brigittens Grab, als
der Vicar wandern mute und damit hatten auch die Besuche des Buben bei der
Katzenlene ein Ende und der letzte, welchen er einmal verstohlener Weise
machte, trug ihm bittere Frchte ein.

Es schien, als ob mit dem Vicar der Schutzgeist des Buben Abschied genommen
habe, denn war die Elsbeth bisher unmenschlich gewesen, so wurde sie jetzt
oft mehr als unmenschlich und hatte beim Hannesle bisher nicht Alles seine
Richtigkeit, so verfiel er jetzt rasch aus einer Untugend in die andere,
setzte dem Hochmuthe Trotz, dem Zorn Heimtcke, dem Geize Diebstahl, dem
Neide Schadenfreude, der Lieblosigkeit tiefen Ha entgegen und je
musterhafter und frommer sein Benehmen auf den ersten Anblick zu sein
schien, desto hohler und fauler sah es inwendig in ihm aus.

Der Gestellmacher hatte selten einen Gang in das Amtsstdtchen oder in ein
anderes Dorf gemacht, ohne dem Hannesle, dem Herzkfer etwas Gutes
mitzubringen, die Sonntagsmutter am eigenen Munde gespart, um ihr Bblein
zu erfreuen. Ostern, Kirchweihen, Jahrmrkte und Klausentage waren hohe
Feste fr ihn und er hatte die Woche ber sich immer auf Etwas zu freuen.
Bei der Elsbeth bekam er weit Besseres, dagegen auch weit weniger Essen als
vorher und von besondern Leckerbissen oder Geschenken war keine Rede. In
einem Wirthshause liegen einem Hungernden Versuche des Naschens und
Stehlens sehr nahe, namentlich wenn er von Zeit zu Zeit erleben mu, da
alle Hausbewohner Bescheerungen erhalten und er allein leer ausgeht. In der
Sonne hie es: wenn die Katze fort ist, tanzen die Muse, denn hinter dem
Rcken der sparsamen, haushlterischen Wirthin verdarben, veruntreuten und
stahlen die Knechte und Mgde zehnmal mehr, als dies der Fall gewesen sein
wrde, wenn jene billiger und gtiger gewesen wre.

Ihre Habsucht erzeugte tglich Veranlassung zu schweren Snden Anderer und
ihr Geiz trug als Frucht Verschwendung. Alle Dienstboten hielten gegen die
Herrin zusammen und betrogen sie gleichmig. Hannesle, so klein er war,
sah Manches und plauderte, wurde von der Pflegemutter dehalb nicht besser
behandelt, dagegen von den Verrathenen desto schlimmer. Mancher Dienstbote
suchte ihn zu gewinnen und gescheidt zu machen, der Bube sah Vieles, freute
sich darob, schwieg und befand sich nicht bel dabei. Was Pfarrer und
Lehrer und Elsbeth selbst predigten, fand in der Sonne bei den Erwachsenen
keine Geltung, wehalb sollte ein geplagter, oft genug hungernder Bube es
befolgen? Er begann auf eigene Faust zu stehlen, schritt von einem
Stcklein Zucker allgemach zu einem ganzen heimlichen Magazin von Ewaaren
fort und stibitzte bei guter Gelegenheit zuerst Kreuzer, Sechser,
Sechsbtzner und nachdem er einmal mit khnem Griffe einen Brabanter
genommen und nach achttgiger Angst unentdeckt geblieben war, lernte er
allmlig stehlen, ohne da ihm die Finger zitterten und das Herz pochte.
Eine Magd kam hinter sein Waaren- und Geldmagazin, ihre schrecklichen
Drohungen machten den Buben zu ihrem Sklaven, er stahl fortan fr sie und
diese versorgte ihn dagegen mit sen Herrlichkeiten, welche einem
Bettelbuben so vortrefflich schmecken wie dem verzogensten Stadtkinde.
Seine Hehlerin gerieth einmal in scharfe Hndel mit einer andern Magd und
diese wute im ersten Zorn nichts Besseres zu thun, als der Sonnenwirthin
die Augen ber die Untreue der Feindin zu ffnen, diese dagegen machte den
Pflegsohn zum Sndenbocke und ein mit Zuckerwaaren halb angefllter alter
Trog sammt einem Leinwandsckchen mit Mnzen aller Art gab der erstarrenden
Elsbeth Einsicht in die langfingerigen Anlagen des Hannesle, wenn auch
keine in die Frchte ihrer Erziehungsweise.

Beide Mgde wurden augenblicklich fortgeschickt; wie es dem Buben erging,
lt sich denken und nur der Umstand, da sie denselben so grausam schlug,
um den Bader herbeirufen und Amtsgeschichten befrchten zu mssen,
bewirkte, da der Hannesle noch lnger im Hause bleiben durfte. Elsbethens
rgster Zorn verrauchte, der Bube rutschte vor ihren Fen herum und
winselte erbrmlich, um dableiben zu drfen und durfte bleiben. Doch weit
entfernt, den Fehltritt desselben verstndig zu beurtheilen und klug zu
verschweigen, erfuhr jeder Gast die Beweise, welche der gottlose Hannesle
fr den Undank der grundverderbten Welt geliefert, sie selbst fhrte
denselben nach der Genesung in die Schulstube und erzhlte den Kindern, was
ihr Mitschler verschuldete und wie sie den Hannesle fortan nur
_"Zuckerhannes"_ rief, also riefen ihn fortan auch die Altersgenossen und
Erwachsene.

Brigittens Sohn erhielt durch diesen Beinamen die Taufe des Verbrechers und
hat denselben niemals wieder verloren.

Der verachtete "Bankert" war ein beargwohnter und gemiedener Spitzbube
geworden, die Verachtung Aller vernichtete sein Ehrgefhl, machte ihn
boshaft, weil feindselig gegen die Menschen. Er fhlte wohl, seine Strafe
sei nicht unverdient, doch im Grunde hatte er blos das Beispiel der
Erwachsenen befolgt, diese erndteten weder Verachtung noch Verfolgung, die
Unvershnlichkeit, welche gegen ihn bewiesen wurde, verbitterte sein Gemth
und seine Selbstliebe schmeichelte ihm den vornehmsten Glaubensartikel der
Spitzbuben ein, wornach nmlich nicht sowohl das Stehlen, als das
Ertapptwerden etwas Schndliches und Strafwrdiges ist.

Den Namen "Zuckerhannes" bekam er im dritten Jahre seines Aufenthaltes in
der Sonne und noch mehr als diesen Namen qulte ihn die Furcht, der gute
Vicar und die Katzenlene wrden Alles erfahren.

Die Sonnenwirthin hegte ernsten Willen, den jungen Dieb zu bessern, whlte
jedoch lauter verkehrte Mittel. Das bisherige gute Bett ward ihm genommen
und durch einen Spreusack sammt Pferdeteppich ersetzt; er mute die Nchte
in der schlechtesten Bodenkammer des Hinterhauses eingeschlossen zubringen,
verschmachtete im hohen Sommer beinahe vor Hitze, in dem langdauernden
Winter vor Klte, Sturm und Regen, Schnee und Eis drangen zu ihm hinein und
vom zweiten Hahnenschrei bis spt in die Nacht blieb er keine Stunde
unbeschftigt, unbeobachtet und ungeschoren. Nicht die elende Kost, mit der
er fortan vorlieb nehmen mute, und nicht die Zumuthung, in Stall und
Scheune, Feld und Wald die Arbeit eines baumstarken Knechtes zu verrichten,
krnkte den armen Buben am meisten, wohl aber, da er fr alles Arbeiten
weder Dank noch Ehre einerndtete und da mit dem Namen "Zuckerhannes" das
Mitrauen gegen seine Ehrlichkeit sich forterbte und in Mienen, Reden und
Handlungen der Hausbewohner sich tglich offenbarte.

Knechte und Mgde veruntreuten und stahlen nach wie vor, aber den
Zuckerhannes machten sie nicht mehr zu ihren Vertrauten. Dieser sah
fortwhrend veruntreuen und stehlen, gnnte der unvershnlichen
Pflegemutter jeden Schaden und schwieg dehalb auch, er selbst hat in der
Sonne zahllose Versuchungen mannhaft berwunden und zwar aus Furcht, denn
er wute, da Elsbeth aus Drohungen sehr bald Ernst mache und diese hatte
ihm gedroht, ihn den Gerichten augenblicklich zu berliefern und jahrelang
bei Wasser und Brod einsperren zu lassen, wenn er nur noch Eines Kreuzers
Werth veruntreue oder entwende.

Der einzige Vortheil, welcher dem Zuckerhannes nach seiner Ansicht aus der
schlimmen Geschichte erwuchs, bestand darin, da er seines Amtes als
Vorbeter und Kirchenbegleiter enthoben wurde.

"Das Gebet eines Spitzbuben hat keine Kraft; mit einem Bankert konnte ich
zur Nothdurft aus christlicher Barmherzigkeit zur Kirche gehen, dagegen
soll ein Galgenvogel niemals neben mir wandeln!" sagte die rauhe, mannhafte
Elsbeth und dabei blieb es, denn ein Wortbruch in schlimmen Dingen war bei
ihr eine Seltenheit. Zwei schwere Jahre voll Arbeit, Entbehrungen und
Leiden verflossen wiederum, der Zuckerhannes wurde der Schule entlassen und
betrachtete den Tag der Entlassung als den grten Glckstag, welcher seit
langer Zeit ihm zu Theil geworden. Seine Freude am Lernen war niemals gro
gewesen, er blieb stets hinter seinen Mitschlern zurck, zumal er daheim
keine Zeit zum Lernen und keinen Sporn dazu erhielt; in den letzten Jahren
lag die Miachtung des geistlichen und weltlichen Lehrers und die der
Schler dazu immer drckender auf seinem Herzen und an den Stunden, welche
er in Schule und Kirche zubringen mute, war ihm das Ende das Allerliebste.

Vom Beichten hielt er bereits wenig und schon der erste Gang zum Tische des
Herrn galt ihm eben als herkmmlicher, wunderlicher Brauch. Mit Zeitungen,
Bchern und gelehrten Leuten ist der Zuckerhannes whrend seines ganzes
Lebens blutwenig zusammengekommen, dagegen hat er Leute genug gesehen,
welche trotz Beichte und Abendmahl stets die Alten blieben und wiederum
Andere, welche ohne diese Heilsmittel nicht schlimmer als Andere zu sein
schienen.

War sein Schulsack klein, so wurde doch der Kropf gro, den er in die
Jnglingsjahre hinbertrug und spter nicht mehr wegbrachte. Derselbe
entstellte seine nicht unansehnliche Gestalt und war die Ursache einer
schweren Fehde mit der Pflegemutter. Der dicke Hals eines Bankerts war fr
sie kein Anla zum Geldausgeben, der Kropf eines Spitzbuben ein sichtbares
Zeichen der gttlichen Strafgerichte und ein heilsames Werkzeug der Bue
und Besserung. Der Hannesle bekam keinen Heller Geld in die Hnde und bat
und flehte vergeblich um einige Kreuzer, mit welchen die lstige Halszierde
hinwegbeschworen werden konnte. Elsbeth schwur, entweder einen kropfigen
oder gar keinen Zuckerhannes vor ihren Augen sehen zu wollen, gab bei
heiterer Laune gute Versprechungen und wiederholte in anderer ihre Drohung,
die Hausbewohner und manche Gste hatten ihre helle Freude daran und eine
so geringfgige und abgeschmackte Geschichte die eines Kropfes sein mag, so
hat dieselbe unserm Helden doch manche heimliche Thrne gekostet und seinen
Ha gegen Gott und Welt schren helfen.

Elsbeth hate den Pflegsohn, weil er ihrer Erziehung vielfache Schande
eintrug, doch ihre Habsucht flsterte ihr ein, es lasse sich ein rhriger
und geschickter Knecht aus ihm groziehen, der die Sonne nicht wohl
verlassen und noch weniger ordentlichen Lohn fordern knne. Bisher hatte
derselbe ihren Ha nicht durch besondere Unfolgsamkeit geschrt, dehalb
behielt die Habsucht Oberhand, obwohl das Maulen und Trotzen dem einst so
schchternen, demthigen Buben von Tag zu Tag allgemach doch gelufiger
wurde.

Nach seiner Entlassung aus der Schule stimmte er merklich einen andern und
hhern Ton gegen die Sonnenwirthin an und redete ziemlich laut davon, er
habe bisher just wenig Gutes hier genossen, jeder Arbeiter sei seines
Lohnes werth und am Ende liee sich auch ein anderer Ort als dieses
Wirthshaus fr ihn finden.

Knechte und Mgde gaben ihm Recht und hetzten aus verschiedenen
Beweggrnden, Elsbeth lie ein halbes Dutzend Todsnden gegen den
"undankbaren, gottverlassenen Galgenstrick" immer heftiger Sturm laufen,
der Angegriffene setzte hnliche Mannschaft entgegen, es entspann sich
manches wste, hitzige Gefecht und zuletzt wurde die Katzenlene ohne Wissen
und Willen der Anla, dem Fae der Trbsalen des Zuckerhannes den Boden
auszustoen.

Seitdem nmlich unser Held kein gezwungener Vorbeter und Kirchengnger und
ein Sonntagsschler geworden war, emanzipirte er sich allmhlig vom Beten
und Kirchengehen berhaupt und schlenderte an schnen Sonntagen im
herrlichen Tempel der Natur herum, brigens ohne mit Gedanken ber Gott und
gttliche Dinge sich sonderlich zu befassen.

Weil er gerne allein war und keinen guten Kameraden brauchte, der whrend
des Gottesdienstes mit ihm im Gebsche lngs den Ufern des Giebaches oder
im Walde schlief und sich herumtrieb, kam ihm solcher Naturdienst recht
angenehm vor, doch im Schwarzwalde dauerte die milde Jahreszeit nicht
allzulange und die Freude manches Sommertages wird durch einen
wolkenreichen Himmel getrbt. In die Kirche zu gehen, scheute sich der
Zuckerhannes immer mehr, vom Bren hielt ihn Menschenscheu und Geldmangel
ab, in ein anderes Haus getraute er sich nicht wohl, als in das der
Katzenlene und seitdem ein arger Platzregen ihn wiederum einmal dahin
getrieben und der Besuch ihn berzeugt hatte, da die Alte zwar seine bse
Geschichte kenne, ihn jedoch keineswegs verachte und geringschtze, sa er
manches Stndlein bei ihr.

Am Morgen durfte er jedoch nicht kommen, weil das Schwnzen des Hochamtes
bei gesundem Leibe in ihren Augen ein unverzeihliches Verbrechen war, doch
Mittags whrend der Vesper bte sie Nachsicht, nachdem sie sich einreden
lassen, der Besucher vermge es nicht, mitten unter den Thalbewohnern,
unter lauter Verchtern und Feinden das Herz zu Gott zu erheben.

Der alten Gromutter erzhlte der Zuckerhannes gar Mancherlei von seinem
Leben und Leiden, verschwieg Alles, was ihn selbst herabzusetzen vermochte,
aber sie merkte sehr wohl, woran es ihm fehlte, wollte Alles thun, um den
auf gefhrlichen Pfaden Wandelnden zu Gott zurckzufhren und als kluge
Frau nicht mit der Thre ins Haus fallen, sondern vor Allem das Herz des
Snders fr sich gewinnen.

Kam er auf die Sonnenwirthin zu sprechen, so redete heier Ha aus ihm und
weil der Ha keineswegs ein grundloser war, mute die Katzenlene um ihres
Zweckes willen ruhig zuhren und dem Anklger in Manchem um der Wahrheit
willen Recht geben. Gar Vieles emprte die alte Christin und so lie
dieselbe einmal das Wort fallen: "die Elsbeth msse ein wahrer Drache sein,
der die Seelen verderbe!" Diesen Ausspruch verga der Zuckerhannes nicht
wieder, berbrachte denselben den Hausgenossen und als er unter der Woche
wegen eines nachlig geschmierten Wagenrades mit der Pflegmutter in
schwere Hndel gerieth, so schrie er im Zorne aus:

"Tobt nur wie der lebendige Teufel! Als ein Drache und eine
Seelenverderberin seid Ihr ja genugsam bekannt, die Katzenlene hat es erst
am Sonntage noch gesagt!"

Diese Worte versetzten die Elsbeth in besinnungslose Wuth, sie ergriff eine
eiserne Stange, welche gerade vor ihr lag und schlug den davonspringenden
Burschen mit solcher Wucht auf das Bein, da derselbe strzte und von den
herbeieilenden Knechten in die Kammer getragen werden mute.

Die Verletzung mag nicht sehr bedeutend gewesen sein, aber das beharrliche
unvershnliche Schweigen des Verletzten machte ihr Angst und sie frchtete
amtliche Untersuchung, obwohl keine Zeugen in der Nhe gewesen, ihr Geiz
redete auch ein Wrtlein und ein versoffener Bader, welcher versprach, den
Fu binnen 8 Tagen schner herzustellen, als die Natur denselben
geschaffen, machte den kropfigen Zuckerhannes binnen 8 Wochen zu einem
lebenslnglichen Hinkebein.

Gerade noch rechtzeitig schwur der Gequlte, seinen Mund zu halten, wenn
ein ordentlicher Arzt gerufen wrde, ein solcher erschien und durfte von
Glck reden, weil der Fu nicht vom Leibe getrennt werden mute.

So gtig, milde und freigebig war die Sonnenwirthin niemals gewesen, wie
jetzt, als sie den Bankert und Spitzbuben doch Etwas zu frchten hatte, sie
versprach demselben goldene Berge---eines schnen Morgens fand man das
Bett desselben leer, der Vogel war ausgeflogen und das Wohin konnte Niemand
sagen.

In den ersten Tagen war es Elsbethen nicht recht geheuer, sie entfrbte
sich Etwas, so oft der Gerichtsbote in den Bereich ihrer Augen kam, doch
dieser brachte ihr niemals eine Vorladung, sie fing an, sich lauter und
heftiger ber den entlaufenen Galgenstrick auszutoben und ohne ihre
Predigten wrden wohl Wenige denselben vermit haben.

Der Zuckerhannes aber sa droben im Hegau, lebte in der Nhe eines
Amtsstdtleins in einem stattlichen Bauernhofe, dem Mooshofe, glcklicher
als er jemals im Schwarzwalde drunten gewesen und in die Hoffnungen einer
freudenvollen Zukunft warf nur zuweilen Ein Gedanke Schatten, nmlich der
Gedanke an seine Papiere.

Der Moosbauer war ein guter, verstndiger Mann und hatte den hergelaufenen
Zuckerhannes probweise unter der Bedingung als Robube eingestellt, da er
sich ber seine Person gehrig ausweise. Der belaussehende, menschenscheue
und wortarme Bursche, der zudem noch ein hinkendes Bein hatte, wollte ihm
nicht recht gefallen, aber die Burin redete fr den Weinenden ein
gewichtiges Wrtlein und weil der Bauer als tchtiger Landwirth bald sah,
da er keineswegs einen Faullenzer oder im Bauernwesen unerfahrenen
Menschen aufgenommen und derselbe in den ersten Wochen nicht das Mindeste
von einem Sufer, Spieler, Mdchenjger oder Raufer an sich merken lie, so
schenkte er den Reden des Zuckerhannes bald vollen Glauben und versprach,
ihn so lange zu behalten, als er da bleiben und keine schlechten Streiche
machen wolle. Unser Held fhlte sich wie neugeboren, denn sein Arbeiten und
Benehmen fand Anerkennung, Meister und Meisterin, Knechte und Mgde kamen
ihm freundlich und wohlwollend entgegen und den argen Zwiespalt zwischen
Dienstgeber und Dienenden, welchen er in der Sonne von Kindesbeinen an
erlebt, fand er im Mooshofe nicht.

Die Leute muten tchtig arbeiten, dafr erhielten sie gute Pflege, hohen
Lohn und menschliche Behandlung und waren stolz darauf, dem reichen,
angesehenen Moosbauern dienen zu drfen.

An einem Montag erhielt der Moosbauer gengende und berflige Aufschlsse
ber den neu eingestellten Schwarzwlder. Das Zeugni des Vogtes war kurz
und gut, dagegen hatte das 265pfndige Dekanat ein groes, bogenlanges
Sndenregister gesandt, welches am Zuckerhannes kein gutes Haar brig lie
und vorzglich dehalb seine Wirkung nicht vollstndig hatte, weil das
Uebertriebene gar zu sehr hervorleuchtete.

Der Moosbauer schttelte den Kopf, nahm nach der Heimkunft den Robuben ins
Hinterstbchen und lie sich von demselben seinen ganzen Lebenslauf
erzhlen, ohne eine Silbe von den angekommenen Schriften laut werden zu
lassen. Der Zuckerhannes hatte in der Sonne in der Kunst des Lgens nicht
unerhebliche Fertigkeit erlangt, doch diesmal merkte er Etwas, log nicht,
sondern erzhlte binnen einer peinlichen Stunde Alles, was sein Herkommen
und seine Schicksale betraf, der Wahrheit gem.

"Es ist dein Glck, weil Du nicht logst, denn ich wei Alles und wrde
einen Lgner auf der Stelle fortgejagt haben. Jetzt bleibe Du nur da, sei
fleiig und brav, dann wird Alles gut gehen!"

Mit diesen Worten entlie der Moosbauer den Zuckerhannes und sie klangen in
ihm fort wie himmlische Musik. Gegen die Knechte und Mgde wollte der
Meister Stillschweigen ber alles Nachtheilige beobachten, was er von jenem
gelesen und gehrt hatte, dagegen mute die Burin Alles wissen, um sich
darnach zu richten.

Diese war ein gutes Weib und versprach Stillschweigen, aber am Dienstag
Mittag wuten smmtliche Hofbewohner, da ein Bankert, Spitzbube,
undankbarer, gottvergessener und entlaufener Kerl, kurz der "Zuckerhannes"
mit ihnen aus Einer Schssel esse und der Oberknecht, der Blsi, der seines
Zeichens auswendig ein beurlaubter Dragoner und inwendig ein etwas stolzer
und hochfahrender Bursche war, munkelte davon, der neue Gast gehre von
Gott und Rechtswegen ins Zuchthaus statt in den Mooshof und es sei
merkwrdig, da heutzutage ein ehrlicher Meisterknecht nicht mehr gelten
solle, denn ein hergelaufener Galgenvogel, in dessen Nhe man alle
Schlssel abziehen, unter Tag im Sack herumschleifen und Nachts unter das
Kopfkissen legen msse. Der Moosbauer hat dem Dragoner den Mund verstopft,
doch ber Gesichter und Gebrden desselben vermochte er so wenig zu
befehlen, als ber die der brigen Knechte und Mgde.

Dienstag Nachts hat der arme Zuckerhannes schon gewut, da Achtung,
Zutrauen und Liebe der meisten Hausbewohner fr ihn auch hier ein Ende
htten und altes Elend in anderer Weise beginne. Am Mittwoch Morgen
erzhlte die Hausmagd der Burin, das Kopfkissen des Robuben sei ganz na
gewesen, derselbe msse heute Nacht wenig geschlafen und viel geweint
haben.

Eine Andere versicherte, derselbe sehe bernchtig drein, habe diesen
Morgen nicht laut mitgebetet, gezittert, als er den schwarzen, blechernen
Lffel, den sonst Niemand brauche, welchen ihm der Blsi zuschob, in die
Hnde genommen und kaum einen rechten "Schub" Suppe gegessen.

Am Sonntag Abend wute der Held unserer Geschichte, sein Herkommen und
seine begangenen Snden sammt vielen unbegangenen seien im Dorfe drben und
sogar im Amtsstdtchen in mehr als Einem Munde, schwor, niemals Kameraden
zu suchen und ohne besondere Geschfte kein Wirthshaus zu betreten und hat
den Schwur bis tief in den Winter hinein gehalten. Still, verschlossen und
menschenscheu lebte er im Mooshofe und erfllte seine Pflichten mehr als
getreu, indem er die Stallbewohner beinahe zu seinen ausschlielichen
Gesellschaftern machte.

An einem Sonntage sa er vor dem Stalle auf der Hundshtte, lie eine
silberne Sackuhr im Licht der Wintersonne spielen, der Blsi sah dies aus
der Ferne und lchelte hhnisch, am andern Tage aber holte ein Gensdarme
den Zuckerhannes aus dem Mooshofe und fhrte ihn in das Amtsgefngni.




#IM THURM.#


Es bleibt eine Thatsache, ber deren Richtigkeit schon das Studium der
Schriften der ausgezeichneten Gefngnikundigen gengend belehrt, da in
Deutschland Preuen und Baden das Meiste gethan haben und noch thun, um das
Gefngniwesen in musterhaften Stand zu setzen.

Preuens Gefngnisse kennen wir nur durch Schriften, Unterredungen mit
einzelnen Gefngnibeamten und ehemaligen Gefangenen, die badischen dagegen
vielfach aus eigener Anschauung und Erfahrung.

So vortrefflich in neuer und neuester Zeit die Zuchthuser, Arbeitshuser,
Kreisgefngnisse eingerichtet und verwaltet werden, so sehr man sich
bemht, auch die Untersuchungsgefngnisse in guten Stand zu setzen, so
bleibt doch in Beziehung auf letztere noch Manches zu thun brig.

Wir kennen trefflich eingerichtete Untersuchungsgefngnisse, welche nur
noch an Einem groen Mangel leiden, nmlich da sie _durch das
Beisammenleben der Gefangenen Vorschulen aller Verkehrtheit und Laster
werden_; wir kennen aber auch Arrestlocale, deren Beschaffenheit und
Einrichtung wohl bis zur Stunde aller Gesundheitspolizei und Humanitt
schneidenden Hohn sprechen.

Von Oben herab geschieht freilich alles Mgliche, damit
Untersuchungsgefangene oder polizeilich Verurtheilte nicht an Leib und
Seele Schaden leiden, allein mancher Phisikus ist dick und bequem dazu,
mancher Beamte hat viel zu viel mit der Unschuld zu schaffen, um sich
sonderlich um etwas anderes denn um Verurtheilung der Schuld zu bekmmern,
mancher Kerkermeister ist ein kleiner Absolutist, der hinter dem unnahbaren
Schild des Gesetzes und der Verordnungen seinen Eigennutz und seine Launen
versteckt und in mancher kleineren Gemeinde sind gewi keine drei Personen,
die sich Etwas von der Wichtigkeit des Gefngniwesens trumen lassen, weit
eher dreiig gedankenlose, kurzsichtige Schwtzer, welche sich ber
kostspielig scheinende Verbesserungen der Gefngnisse aufhalten und lieber
groen Schaden mitbezahlen, als kleinere verhten helfen wrden.

Freilich gibt es unter dem Monde nichts ganz Vollkommenes; wie in allen
Dingen lassen sich auch im Gefngniwesen manche Mistnde nur langsam,
schwer oder auch gar nicht beseitigen oder Verbesserungen ziehen neue
Mistnde nach sich, so da die Menschen am Ende ein groes bel weniger
auszumrzen, als durch ein kleineres zu ersetzen vermgen.

Was Friedrich II. in der bekannten Audienz zu einem deutschen Gelehrten
sagte: "Die Menschen seien eine ganz verfluchte Race" werden die
Regierenden zu allen Zeiten an einzelnen Werkzeugen und vielen Unterthanen
besttigt finden, welche ihre wohlwollenden Absichten Absichten sein lassen
oder gar vereiteln.

Die Hauptsache bleibt, da nach dem Vorbilde der preuischen die badische
Regierung fortwhrend redlich und ernstlich nach musterhafter Einrichtung
und Verwaltung aller Zweige des Gefngniwesens strebt und hierin wohl mehr
bereits geleistet hat, als einige grere Staaten zusammengenommen--mit
diesem trstlichen, vershnlichen Gedanken wollen wir in eine _Ausnahme_
von der Regel, nmlich in ein _schlechtes_ Amtsgefngni treten und in
einer Spelunke desselben den Zuckerhannes aufsuchen.

Man stelle sich ein nicht gar gerumiges Gemach oder vielmehr Kellergewlbe
vor, das durch ein kleines, hoch oben angebrachtes Fenster Licht und Luft
erhalten soll. Ein auerhalb des Fensters angebrachter Verschlag, dessen
Zweck sich schwer absehen lt, hindert jedoch das Einstrmen frischer Luft
und liee bei Tag von der Erde das Dach einer nahen Scheune, vom Himmel
einiges Blau und in der Nacht einige Sterne deutlich sehen, wenn die
Scheiben nicht durch den Qualm und Staub vieler Jahre zu einer Satire auf
die Erfindung des Glases geworden wren. Ein enggeflochtenes Drahtgitter am
Fenster und sechs lange, mchtige Eisenstbe spotten jedes Versuches, zum
Fenster emporzuklettern, um etwa Vorberwandelnde zu sehen und zu sprechen.
An sonnenhellen Tagen stiehlt sich um Mittag zuweilen ein barmherziger
Sonnenstrahl matt und vielfach gebrochen durch die Gitter herein und macht
alte Jahreszahlen und verschollene Namen ehemaliger Bewohner dieser Hhle
denjenigen bekannt, die kein Vergngen an rohen Versen und schmutzigen
Zeichnungen finden, welche auf die altersgrauen, von Feuchtigkeit
marmorirten Wnde hingeklekst wurden.

Drei alte, wurmstichige Bettladen nehmen nahezu den ganzen Raum des Kerkers
ein und nur lngs der Wand, in welcher sich die Thre mit dem Schieber
findet, luft ein schmaler Gang, in welchem ein Gefangener hin- und her
gehen kann. Freilich setzt solcher Spaziergang Bedingungen; erstens nmlich
darf der Gefangene keinen Fallstaffleib besitzen, zweitens bedarf er
auerordentlich solider Geruchsnerven, weil er rechts in Ermanglung eines
Stuhles oder Tisches ein Mbel findet, welches eben nicht gleich Rosen und
Gelbveigelein duftet; drittens bedarf er einer Brust trotz der des
Kriegsgottes Mars, um die von seinen Schritten aufgewirbelten feinen Atome
verschiedener Mineralien und zerstubter Thiergeschlechter einzuathmen;
viertens endlich mu er gute Augen haben oder ein geschickter
Blindekuhspieler sein, damit er sich nicht beschdige an den scharfkantigen
hlzernen Pallisaden, womit der schlechte, eiserne Ofen links in der Ecke
umzunt wird. Dieser Ofen mag schon manchem Bewohner des dmmerungsreichen
Ortes Stoff zum Nachdenken geliefert haben, denn auf welche Weise er
geputzt und angestrichen und der Staub unter ihm und in seiner Nhe
weggebracht werden knnte, bleibt ein Rthsel, an dessen Lsung der
Verstand der Amtsverweser offenbar verzweifelte.

Die Gefangenen inde oder der Kerkermeister selbst zertrmmern von Jahr zu
Jahr eine oder zwei Pallisaden, die Magd kommt mit ihrem Besen und subert
den Augiasstall beim Ofen, der Beamte brummt ein bischen ber die
"liederlichen" Pflegbefohlenen unter dem Themistempel und decretirt neue
Pallisaden. Abends erzhlt er in der Post beim Bier dem dicken, mundfaulen
Phisikus von der Decretur; letzterer meint, die Gefangenen der beiden
Lokale unter der Amtsstube knnten einmal bequem ersticken oder auch
verbrennen, ersterer versichert, das Gewlbe sei feuerfest und jedenfalls
wrden die Akten der Amtsstube bald gerettet sein, beide Leuchten des
Rechts und der Wissenschaft sind vollkommen damit beruhigt und getrstet.

In einem derartigen Kerker keinen vorbergehenden Besuch machen, sondern
schwle Sommermonate und endlose Winternchte hindurch den Ausgang einer
spannenden, aufregenden Untersuchung abwarten, wie dies beim Schneckengang
der Justiz vor Einfhrung des Geschwornengerichtes gemeiniglich der Fall
war und noch jetzt der Fall sein kann, mag die Kerneichennatur eines
deutschen Bauern tief erschttern und hat sicher den Armenhusern,
Spitlern und den Krankenstuben der Strafanstalten schon manchen Rekruten
geliefert. Kommen elende Kost, rohe Gefangenwrter und unsichtbare Beamte
hinzu, welche den Gefangenen nicht einmal whrend des Reinigens der
Spelunke frische Luft gnnen und im Fall einer Beschwerde sich mit dem
Befehle _strenger_ Verwahrung zu entschuldigen vermeinen, dann knnte man
wohl begreifen, da die Gefangenen gegen Gott und Welt und besonders gegen
die Regierung erbittert werden.

Wir wissen aus eigener Erfahrung hundert- und tausendfach, wie geneigt das
gemeine Volk sei, die _Regierung_ als den allgemeinen groen Sndenbock
aller scheinbaren oder wirklichen Taktlosigkeiten, Willkr, Brutalitt der
Angestellten und Beamten zu betrachten.

Die preuische Regierung hat vor Kurzem der Polizei Hflichkeit und mildere
Formen empfohlen und dadurch ihre Kenntni des Volkes und ihre Einsicht
beurkundet--eine hnliche Empfehlung mchte von Zeit zu Zeit in Baden
noch weit nothwendiger sein denn in Preuen und um so bessere Folgen haben,
wenn sie nicht nur der Polizei, sondern vielen andern Angestellten und
Beamten zu Gemthe gefhrt wrde, unter denen gar Mancher durch unnthige
Grobheit und hochnasige Rohheit der gewi wohlwollenden Regierung mehr
geschadet hat, als mancher sogenannte "rothe Republikaner"--eine
Behauptung, an sich einleuchtend und durch Thatsachen unschwer zu erhrten.

Der Zuckerhannes schneidet sein gutmthiges, etwas einfltiges
Alltagsgesicht, sitzt sehr unruhig auf seinem zusammengefallenen
Strohsacke, dessen klein zerriebener Inhalt ihn gengend vor
Verweichlichung schtzt und betrachtet bald eine dickleibige Kreuzspinne,
die aus ihrem dichten Gewebe in der Nhe des gegenwrtig halb zerbrochenen
und von der Mittagssonne eines Frhlingstages umspielten Fensterleins
heihungerig auf eine ausgemergelte, verirrte Fliege losstrzt, bald einen
Sperling, der im Vorbeiflattern sich auf den Verschlag setzt mit
freundlicher Neugier in die Wste dieser Behausung hineinzirpt und
erschrocken davonfliegt, bald eine Wanze, welche trg aus einer Fuge der
morschen Bettlade in eine andere schleicht, bald einen Floh, der vom
schmutzigen Hemdrmel des Nachbars sich durch einen frhlichen Harrassprung
auf die Hand unseres Helden setzt, hier mit vertraulicher Keckheit sitzen
bleibt und seine Bestimmung zu erfllen sucht, nmlich Gefangene in
schwermthigen Grillen und Nachbrten zu stren.

Neben dem dickhalsigen, schwerkeuchenden Hannes kauert ein Genie, gehllt
in Lumpen, die mit Namen und Wappen ttovirten Arme schlecht verhllend.
Wre das arg verworrene, mit Strohstckchen und andern Dingen gepuderte
Haar des Lumpenmannes oben in einen urgermanischen Zopf gebunden und wrde
nicht ein starker Bart sich seines dreiwchentlichen Daseins erfreuen, so
gliche diese Gestalt mit ihrem rothbraunen, starkknochigen, lnglichen
Gesichte und dunkeln, glhenden Augen so ziemlich einem Indianer, der in
Gegenwart mehrerer Blagesichter Zurstungen trifft, die verlorene
Friedenspfeife seines Stammes durch eine provisorische zu ersetzen. Er
knetet nmlich einen gewaltigen Klumpen Schwarzbrod mit Hlfe seines
Speichels zu einem Teige und unterhlt sich damit, aus diesem Teige
abwechselnd Etwas zu gestalten, was Aehnlichkeit mit einer Tabakspfeife,
einem Cigarrenhalter oder etwas Anderm besitzt, was er jedesmal der
allgemeinen Bewunderung preisgibt. Hat er ein Gegenstck zum Ovid
knstlerisch gestaltet, dann schaut er von Zeit zu Zeit, was der Gehlfe
auf dem nchsten Bette macht.

Dieser, ein hbscher Schlosserlehrling und bser Bube dazu, schneidet
gehrtete Teigplatten in Riemen, diese in gleichfrmige Vierecke und der
Nachbar, ein alter Mann, vollendet die aus Brod zierlich geformten Steine
des Dominospieles, indem er vorn in der Helle auf einem Pfosten der
Bettlade mit einem Bleistiftstckchen die nthigen Punkte und Striche
macht.

Whrend der Zuckerhannes in den Tag hineinschaut, der Indianer knetet, der
Schlosserlehrling schneidet und der alte Mann punktirt, alle zugleich ein
Quartett kratzen, schnarcht das Murmelthier den Grundba dazu.

Das Murmelthier, ein kurzer, dicker Kerl, besitzt das Talent, Tag und Nacht
in Einem fort zu schlafen und mrderlich zu schnarchen trotz Flhen und
Wanzen, Hunger und Durst, Ermahnen und Bitten, Schreien und Fluchen der
Mitgefangenen. Er steht nur auf, wenn er absolut mu, ghnt, murrt und
brummt dann wie ein aus dem Winterschlaf auftaumelnder Br, redet selten
ein deutliches Wort und schnarcht sehr bald wieder ein.

Er wird zornig und fhrt auf, wenn man ihn stt und rttelt, mit Wasser
begiet, wirft, sticht oder schlgt, doch sein Zorn endet stets mit der
Mihandlung, sein Blut ist dick, ein todtes Meer, welches kein Sturm in
Wallung bringt.

Das Murmelthier ist ein Gastwirth, der, hchstwahrscheinlich im Schlafe,
eine Majesttsbeleidigung ausgestoen haben soll, vielleicht den Gsten zu
gefallen, denn Bier, Wein und Branntwein sind in seinem Hause liberal und
wenn ihn seine Frau erzrnt, so brummt er heftig ber das Ministerium und
repetirt einen Theil der neuesten Nummer der Mannheimer Abendzeitung.

Was er im Schlafe gesagt, gestand er im Halbschlafe ehrlich, um nicht lange
in Verhren herumstehen zu mssen; schlafend wird er sein Urtheil anhren
und an sich vollziehen lassen, wird blutwenig an den Ansichten und Sitten
der Zuchthusler verbessern oder verderben, wohl aber den Schlaf derselben
stark beeintrchtigen.

Auf demselben Bette, worauf diese zweibeinige Widerlegung des
schwermthigen Young. der "balsamische Schlaf meide die Augen der
Unglcklichen," behaglich schnarcht, sitzt das "Affengesicht" und unterhlt
sich mit dem einugigen Stoffel, einem alten Besenbinder und ganz
unverbesserlichen Vagabunden, der sich wieder um eine Eintrittskarte in
sein Winterquartier, nmlich ins Zuchthaus beworben hat und dieselbe sicher
erhalten wird.

Das "Affengesicht" hat seinen Namen vom "Indianer" nicht umsonst erhalten,
Gesicht und Gestalt zeigen Aehnlichkeit mit einem Affen; die Laune der
schpferischen Natur scheint hier zum Troste verzweifelnder Naturforscher
den bisher noch nicht ermittelten Uebergang vom Schimpanse zum Australneger
einmal verkrpert und die uere Gestalt den innern Anlagen vollkommen
entsprechend gebildet zu haben.

Er lebt und webt Tag und Nacht in einem und demselben Elemente; Alles, was
er sieht und hrt, bringt er in Beziehung mit seiner Lieblingsneigung,
welche ihn auch in dieses Kellergewlbe gebracht hat und voraussichtlich zu
einer Zierde der Strafanstalten machen wird. Wste Lieder, gemeine Zoten,
unzchtige Erzhlungen und kitzelnde oder ekelhafte Schilderungen sind
seine Lust und Wonne und beinahe das Einzige, woran er denkt und wovon er
redet.

Anfangs entleidete sein Geschwtz und sein Gabahren [Gebahren] einigen
Mitgefangenen, doch darnach fragte das Affengesicht wenig und jetzt lassen
sie ihn reden und hren nicht mehr darauf. Von Natur schwchlich, feige und
furchtsam wrde ihn ein Blick, eine Drohung, geschweige ein Schlag des
Indianers oder jedes Andern fr einige Zeit zum Schweigen bringen, aber der
einugige Stoffel nimmt stets eifrig fr das Affengesicht Parthei, der
Moses thut dasselbe, denn der Stoffel ist in Gemeinheit, Snde und Laster
grau geworden, der Sohn Israels kennt den Casanova und Paul de Kock besser
als Talmud und Bibel, erzhlt gerne pikante Histrchen, um anderer
Qulereien los und ledig zu werden.

Der Schlosserlehrling ist ein begeisterter Schler des Affengesichtes
geworden, dem unerfahrenen, tppischen Zuckerhannes ist in diesem
dmmerungsreichen Orte ein ganz neues Licht ber Leben und Lieben
aufgegangen; er gesteht gerne, bisher ein "dummer Kaib" gewesen zu sein,
doch reift in ihm auch der Entschlu, seine Dummheit zu verbessern und wenn
das Affengesicht, der Moses oder der Einugige etwas vorbringen, was nicht
schon hundertmal dagewesen ist und den Reiz der Neuheit verloren hat, pate
er gewaltig auf, lacht gewaltig und bittet gewhnlich um ein baldiges %da
Capo%.

Whrend er dem alten Mann zuschaut, der die Dominosteine punktirt, wird es
im nchsten Kfig laut. Dort sitzt das "rothe Liesli," das berchtigtste
Weibsbild des Stdtleins, klopft an die Wand und singt dann ein schamloses
Lied, whrend eine Kameradin leise sekundirt, so leise, als ob sie sich
noch ein bischen vor sich selbst schme.

Unsere Gefangenen spitzen die Ohren; einige, wie der Zuckerhannes
verschlingen jedes Wort, ermangeln nicht beim Schlusse jedes Verses Beifall
zu klatschen und zu lachen, nur das Murmelthier schnarcht unbekmmert
weiter, der Indianer knetet heftiger, der alte Paul schttelt den grauen
Kopf und meint, die Welt sei noch immer so schlecht, wie Anno 1805, als er
mit den Franzosen nach Oesterreich kam. Der dienstfertige Moses kauert zum
allgemeinen Besten in der Nhe des Ofens auf dem Boden, weil hier die Wand
am dnsten ist und den Schall am besten fortleitet. Er pret seine
aufgeworfenen Wurstlippen an die feuchte, schmutzige Wand und fhrt ein
Gesprch mit dem Liesle, ber dessen Inhalt Niemand zweifeln wird und
welches von Zeit zu Zeit nur von dem wiehernden und gellenden Gelchter der
zuhrenden Weiber und Mnner unterbrochen wird.

Der Zuckerhannes schreit einen Einfall des Schlosserlehrlings ebenfalls
hinber, doch seine dumpfe, krchzende Stimme wird nicht verstanden; der
Moses mit seiner schneidenden bringt den Einfall an Ort und Stelle, die
Antwort ist ein Gru und eine Einladung an den Zuckerhannes, ob welcher
sich der Stoffel vor Lachen den Bauch hlt, der Zuckerhannes mit einer Art
von Stolz und Freude vergnglich umherhpft.

Endlich klirren Schlssel, Gesprch und Gesang nehmen fr diesmal ein Ende,
um vielleicht in der Nacht desto lebhafter fortgesetzt zu werden!----

So lange Gefangene beisammensitzen, so lange Weiber und Mnner sich unter
Einem Dache wissen, ebenso lange werden Gefngnisse Schulen der Unzucht
bleiben; Kerkermeister und Schildwachen knnen beim besten Willen nur wenig
verhindern und seit wann sind diese Leute Ritter der Ehrbarkeit und
Zchtigkeit?

Freilich, in Wachtstuben, Kneipen und sogar in Gesellschaften "honetter"
Leute nimmt man's mit Worten und Thaten nicht genau, vornehme Herren sind
schon oft genug mit Ehebruch und Mtressenwirthschaft der tollsten Art
vorangegangen--doch _der Staat_ soll den Uebertretungen des sechsten
Gebotes keinen Vorschub leisten und er thut dies berall, wo er Leute
verschiedenen Alters in einen und denselben Kerker, Leute verschiedenen
Geschlechtes unter ein und dasselbe Dach sperrt. Auch _Leute verschiedener
Glaubensbekenntnisse_ sollten nicht zusammen eingesperrt werden, am
allerwenigsten Juden zu Christen.

Man mag jene Verschmelzung der Juden und Christen, welche Berthold Auerbach
in seinen Dorfgeschichten anticipirt, sehr schn und recht wnschenswerth
finden, leider wird sie ein frommer Wunsch bleiben, von dessen Erfllung
wir in dieser Zeit der Gottlob! beginnenden Wucherprozesse weiter als je
entfernt sind.

Im allgemeinen bleibt der Jude ein Fremdling, der unser Denken, Fhlen und
Glauben nur schwer oder gar nicht versteht, mag er mit altem Eisen handeln,
im Bureau eine Rolle spielen oder mit scharfer oder geistreicher Feder fr
das "reine" Menschenthum wthen. Man hat nicht sowohl seine Religion, denn
seine Irreligion, nmlich die gemeine Habsucht, die spitzbbische
Schlauheit, den tiefgehenden Ha gegen das Christenvolk und den Fanatismus
des Unglaubens, welchen das "junge Israel" in Zeitungen und Bchern aller
Art zur Schau trgt, whrend das mit greifbaren Dingen schachernde Israel
das Volk arm und elend macht.

Freilich ist man den Juden nirgends liebevoll und christlich
entgegengekommen; ihr Ha gegen die Christen htte vielhundertjhrige
Berechtigung, wenn der Ha berhaupt jemals berechtigt sein knnte, doch
worin wurzeln die ersten Ursachen der betrbenden Feindschaft zwischen
Juden_menschen_ und Christen_menschen_? Verschiedenheiten der Nationalitt,
Weltanschauungen, Interessen, vor Allem der wunderbar erfllte Fluch
Gottes, der dieses Volk zuerst in die Sandwste Arabiens, dann zu den
Trauerweiden Babylons, zuletzt in die Wste eines fremdartigen Vlkerlebens
verbannte, erklren die trbe, schwermthige Geschichte des auserwhlten,
tief gesunkenen und dennoch niemals untergehenden Volkes.

Unter den tragischen Erscheinungen der Weltgeschichte nimmt die der Juden
wohl den ersten Rang ein und ein Christ vermag kein durchgreifendes Mittel
zur Verbesserung der Lage des unglcklichen Volkes zu sehen als das
Sichselbstaufgeben und Bekehren.

Wie immer, wenn ein Jude in enge Gemeinschaft mit Leuten aus dem Volke
kommt, ohne da Handel und Geldangelegenheiten im Spiele sind, hatte auch
der Moses von der Rohheit, Gemeinheit und Lieblosigkeit seiner
Mitgefangenen Vieles zu dulden und zu leiden.

Wohlfeile Spttereien, gemeine Spe, Neckereien und Qulereien aller Art
verfolgten ihn Tag und Nacht und sobald der Geduldfaden bei ihm zu brechen
drohte, mute er erleben, da die Meisten gegen ihn eifrig Parthei
ergriffen und _da gemeinsame Haft fr einen Israeliten eine
Strafverschrfung, eine Tortur der Seele und wohl auch des Leibes sei, von
welcher die Gesetze nichts wissen wollen._

Um sich Ruhe zu verschaffen, lebte er Allen zu Gefallen, stieg zum
Affengesichte und dem einugigen Besenbinder herab und ergnzte die rohen
Spe und ekelhaften Erzhlungen derselben durch Brocken, welche er als
halbstudirter und gebildeter Mann aus der neuern Romanenliteratur gefischt
hatte.

Der Moses that jedoch noch mehr; er selbst gehrte zum "aufgeklrten"
Israel, glaubte in religisen Dingen gar nichts und vom Glauben seiner
Vter und der Jugend war ihm nichts brig geblieben, denn ein ingrimmiger
Ha gegen das Christenthum. Er sah bald, da bei seinen Mitgefangenen von
besonderer religiser Ergriffenheit und lebendigem Glauben wenig vorhanden
sei, lie seinem Hasse gegen die Religion seiner Gegner freien Lauf, fand
in diesem Punkte Duldung und Beifall genug, bemhte sich, alles Christliche
mit der Lauge des bittersten Spottes und Hohnes zu bergieen, alles
Heilige und Ehrwrdige in den Koth herabzuziehen und fand hierin seine
Freude, seinen Stolz, seinen Genu und wenn er bemerkte, da er keineswegs
auf Felsengrund sete, sondern seine Feinde grndlich verderbe, verga er
die Leiden des Kerkers.

Das rothe Liesli ist abgefertigt, der Stoffel erinnert den Moses, es sei
heute Freitag, in diesem Loche gehe die Sonne bereits unter, er mge seinen
Schabes damit anfangen, indem er "ebbes Koschers" von einem "Schicksel"
oder "Gojim" erzhle, dem Moses fllt gerade nichts bei, als da Jesus
Christus am Freitage gestorben und er geht daran zu beweisen, der
Welterlser knne unmglich der Messias gewesen sein, weil derselbe sich
von "unsere Lait" kreuzigen lie.

So unvorsichtig und frech hat der Jude noch niemals geredet, wie er jetzt
zu reden beginnt. Dem Zuckerhannes steht das Haar schier empor, doch er ist
auch in diesem Kerker der Aermste und Einfluloseste, das Affengesicht
schweigt, der Stoffel hrt mit Lachen auf, nur der Schlosserlehrling
ermuntert durch sein Kichern den Moses zum Fortfahren.

Wre es in dieser Hhle minder dunkel gewesen, so da der Lsterer die
finstern Gesichter und drohenden Blicke des Indianers und des alten Paul
htte sehen knnen, so wrde er sich eine unfeine Redensart und einen
gewaltigen Futritt erspart haben, welche der urpltzlich aufspringende
Indianer ausstie und ihm versetzte mit den Worten:

"Wir glauben zwar wenig, was die Pfaffen sagen, doch du, lausiger Mausche,
spottest nicht mehr ber unsere Religion oder ich haue Dich kreuzlahm, Du
Tropf!"

"Au waih geschrieen!" jammert der Getretene, ["]hab' ich dem Herrn Ebbes
gethan? Hab ich doch glaabt, Rores und Koschers zu erzhle!"

Der Stoffel und der Schlosserlehrling nehmen Parthei fr den Moses, der
sich hinter sie flchtete und vom Zuckerhannes fast erwrgt wird, eine in
Gefngnissen nicht ungewhnliche Rauferei wrde sich entsponnen haben, wenn
nicht der sonst schweigsame "Zimmercommandant" oder der "Spaniol," drohend
dazwischen getreten und der Drohung durch seine sehnigen Arme Nachdruck
verschafft htte.

"Haut den Mausche nieder, schlagt ihn todt, er mu in den Schoo Abrahams
und Speck fressen!" schreit der Schlosserlehrling wie besessen.

"Grauer Gott, kmm ich gegange zu gain in de Taud! ... Lat mich gain ...
gain! ... As ich klag beim Polizeicumisr, ist er doch aach von unsere
Lait, er ist aach en Gojim geworde und angesehe ... Kairausche ... uh ...
uh ... Lat mich gain, ... Zuckerhannes!" ...

Mit der blinden Wuth des gereizten Kampfstieres hielt der keuchende
Zuckerhannes den gengstigten chzenden Juden an der Kehle, bis der Spaniol
mit seinen Fusten Ruhe schaffte und den Zuckerhannes wegri, indem er
schrie:

"Wollt Ihr Euch selbst zerfleischen, Kinder des Volkes? ... Sollen die
Aristokraten eine Freude haben! ... Ventre saint gris, Ruhe! ... Die
Lappalie ist nicht der Rede werth! ... Viel Lrm um Nichts! ... weg da,
Jean de sucre, par Dieu!" ...

Nach einigen Minuten ward die Ruhe hergestellt; der Indianer flucht und
schimpft noch, denn er ist ein besonderer Feind der Juden und hatte seine
besondere Ursache, der Zuckerhannes keucht, der Schlosserlehrling lacht,
der Stoffel lacht auch, das Murmelthier brummt und das rothe Liesli klopft
heftig an die Wand, das Affengesicht gibt Antwort, der Moses aber sitzt
still und erbittert in einem Winkel und schwrt den "Gjims" im Herzen von
Neuem Rache und Ha.

Er wute schon, da eine Anzeige ihm wenig ntzen wrde, weil Alle gegen
ihn sprchen, wohl aber sehr miliche Folgen fr ihn nach sich ziehen
knnte und beschlo, nach der Freilassung drei arme Christenfamilien durch
Erbarmungslosigkeit ganz gesetzlich zu ruinirn.

"Alter Schwede, Du hast versprochen, uns Deine Geschichte zu erzhlen, thue
es jetzt. Es hat zwar drauen erst 3 Uhr geschlagen, doch hier wird es
dunkel, es ist Abend! die Herren haben sich etwas erhitzt, Deine Geschichte
wird die Wirkung einer Limonade haben!" sagt der Spaniol zu dem alten
Manne, dessen groe, dunkle Gestalt zwischen dem Ofen und Nachtstuhl
umherwandelt.

"Oui, je suis prt de vous faire un plaisir, mon commandant!" sagt der Alte
und setzt bei: ["]Schon acht Tage denke ich ber meine Geschichte nach, ich
will sie so gut erzhlen, als ich vermag und _Das_ will ich Euch sagen,
_wenn Einer im mindesten an Etwas zweifelt, so will ich ihm lebendige
Zeugen genug nennen._ Ich lge den Amtmann an, denn dieser ist ein Tyrann,
doch Euch lge ich nicht an, es wre nicht der Mhe werth. Zudem kennt der
Stoffel da von Mannheim her mein Leben; wir haben schon in den
Zwanzigerjahren Zuchthaussuppen mit einander gegessen, er ist ein alter
Spezel von mir. Setzt Euch! ... Komm Mausche! _Du_ besonders sollst Deine
Judenohren spitzen, denn ich _bin ein Evangelischer_ und _Pfaffenfeind_,
frage den Teufel nach dem Teufel, doch einen Gott gibts, Jude, und eine
Vorsehung, das kannst Du sammt dem Spaniolen mir nicht nehmen und Deine
Spttereien will ich auch nicht mehr hren!"

Alle Zuhrer kauern auf ihre Strohscke, der Paul will erzhlen, wir geben
dessen Lebensgeschichte mit wenigen nthigen Abnderungen, wie er sie
selbst gegeben und lassen die unwesentlichen Unterbrechungen aus dem
Spiele.




_Die Geschichte des alten Mannes._


"Es ist eine hbsche Zeit seitdem ich auf die Welt kam und habe noch wenige
Jahre, dann werde ich gute Leute finden und glcklich sein, nmlich vom 70.
Jahre an. Das hat mir Anno 1805 ein frommer Waldbruder prophezeit und weil
Alles so pnktlich eingetroffen ist, was er mir prophezeite, so wird auch
dieses eintreffen.

Im Jahr 1782 bin ich geboren und der jngste Sohn eines Stabstrompeters,
welcher bei den Heidelberger Dragonern stand und spter vom Churfrsten
Karl Theodor das Patent als Tanz- und Fechtmeister erhielt.

Als ein Bblein zwischen 5 und 6 Jahren verlor ich den Vater, an den ich
mich kaum mehr recht erinnere. Bald darauf lag die Mutter lange krank; an
diese kann ich mich noch recht gut erinnern und als sie starb, hatte ich
Niemanden mehr auf der Welt. Meine Brder waren als Soldaten fort, die
Schwestern verheiratet, ich mute in das Waisenhaus nach Mannheim und wurde
dort erzogen. Spter erlernte ich die Weberprofession und arbeitete als
Geselle drunten in der Pfalz.

Verwandte von mir lebten ber dem Rheine und dort regierten damals die
Franzosen. An einem Sonntage kommt eine Base zu mir herber, klagt mir ihre
Noth und weint bitterlich. Sie war eine Wittwe mit 5 Kindern, keines konnte
ihr an die Hand gehen auer dem ltesten Sohne; dieser war erst 17 Jahre
alt, sollte mit Gewalt bei den Franzosen Soldat werden, war entlaufen und
der General hatte der armen Frau frchterlich gedroht, wenn sie ihren Sohn
nicht beischaffe oder einen Mann fr denselben stelle.

Jetzt weinte sie mit mir ber ihr Elend, ich weinte mit und weil ich doch
damals schon so gro war, wie jetzt und so stark, da ich alle Websthle
htte zusammenschlagen mgen, auch weiter Niemanden in der Heimath hatte,
dem Etwas an mir lag, so machte ich kurzen Proze, ging mit der Base ber
den Rhein, meldete mich beim General als Ersatzmann ihres Sohnes, wurde mit
Freuden angenommen und zum 16. franzsischen Linienregiment eingeteilt.

Anno 1805 machte ich den Feldzug nach Oesterreich mit, war bei der Schlacht
von Austerlitz, erhielt einen Sbelhieb ber das Gesicht, der wenig zu
bedeuten hatte, dagegen wurde unser Regiment in Mhren oft zum Plnkeln
verwendet, bei einer solchen Gelegenheit erhielt ich einen Bajonettstich in
die rechte Seite und einen in den rechten Fu, blieb auf dem Kampfplatze
liegen und wurde gefangen.

Nicht so gar weit von Olmtz war ein ehemaliges Kloster zu einem Lazarethe
eingerichtet worden; man brachte mich dahin, ich wurde gut verpflegt und
besorgt, obwohl viele Soldaten darin lagen, doch die Gefangenschaft gefiel
mir nicht und ich verabredete mit einigen Kameraden einen Fluchtversuch.

Oben auf einem Speicher war die Todtenkammer, Todte gab es genug, wir
schlichen uns eines Abends hinauf, lagen still bis Mitternacht und lieen
uns dann durch eine Dachluke an zusammengebundenen Leintchern in den Hof
hinab. Wir standen im Hofe und hatten Eile, denn die Leintcher flatterten
vor den Fenstern herum, wenn uns die Schildwachen entdeckten, hatten wir
nicht viel Gutes zu erwarten. Wir hatten keinen Schlssel und keinen
Ausweg, meine Kameraden verzweifelten an der Flucht, denn der Abzugskanal,
der durch den Hof lief, war gefroren, zudem voll Unrath und da, wo er unter
der Mauer ins Freie fhrte, durch ein Gatter versperrt.

Das Gatter war von Holz; wir brachen es los, doch weil das Eis nicht trug
und wir leicht im Schlamme ersticken konnten, wagte es auer mir keiner
diesen sichern, jedoch gefhrlichen Weg zu machen.

Meine Kameraden kehrten um, einen andern Ausgang zu suchen, ich kroch durch
das Gatter in den Abzugskanal, wre um ein Haar erstickt unter der ziemlich
langen Wlbung, doch Gott hatte Erbarmen mit mir und wie durch ein Wunder
gelangte ich aus dem Graben ins Freie.

Es war eine sternenhelle Winternacht, weil ich tropfna geworden, gefror
Alles an mir, meine noch nicht ganz geheilten Wunden schmerzten mich arg,
ich lief auf den Feldern umher, bis ich einige Lichter sah, welche sich
nicht bewegten. Dem Umsinken nahe, konnte ich nicht mehr laufen, kroch auf
allen Vieren den Lichtern nher und weil ich immer nur nach den Lichtern
und nicht genau um mich schaute, kugelte ich auf einmal ber einen Rain
hinab in einen Bach, die Eisdecke brach, ich stand zwei bis drei Schuh tief
im Wasser, schrie aus allen Krften um Hlfe, wurde gehrt, einige
Weibspersonen kamen und zogen mich aus dem Bache. Ich sagte denselben, da
ich kein Franzose sondern aus dem Reiche sei, sie aber sagten mir, ich sei
bei keinem Dorfe, sondern bei einigen Husern, welche zusammen einen Hof
ausmachten und ich habe ber 4 Stunden hieher gebraucht, obwohl das
Lazareth keine Stunde weit entfernt liege. Meine Angst vor dem
Erwischtwerden verschwand bei der Versicherung, man werde mir gar nicht
nachspren, der Krieg sei ja aus und ich knne ruhig bei ihnen bleiben.

Im Stalle zogen sie mich aus und fhrten mich dann in die warme Stube, wo
es mich erst recht fror. Um den Leib trug ich eine Schnur, an dieser ein
Amulet mit seltsamen Zeichen, Namen und Bibelstellen und dieses Amulet
erregte die Neugier der guten Leute, an die ich noch jetzt niemals
zurckdenke, ohne da mir die Thrnen stromweise ber die alten Wangen
laufen! ... Ich habe in meinem langen Leben wenig Leute gefunden, die es
gut mit mir meinten, doch diese Leute behandelten mich, als ob ich ihr
eigen Kind wre, wiewohl ich als Feind in ihr Land gekommen war! ... Vor
dem Kriege lag das 16. Regiment in Besanon, dort hat meine Waschfrau mir
das Amulet gegeben und gesagt, da mich keine Kugel treffen werde, wie es
denn auch geschehen ist. Mehr vermochte ich den guten Leuten nicht zu
sagen, sie kochten mir eine Milchsuppe und als ich ihnen Alles dafr geben
wollte, was ich besa, nmlich 15 Groschen, die in der gefrornen Montur
lgen, lachten sie mich aus. Ein alter Mann mit Einem Fue stelzte auch
herein, fragte mich ber Vieles und gab mir auf meine Bitte soviel Schnaps,
als ich nur begehrte. Dann kam der Alte mit meinem franzsischen
Gebetbuche, ich durfte nicht mehr in den Stall, sondern in ein gutes Bett,
betete vorher laut aus dem Buche und Alle knieten nieder, obwohl sie kein
Wort verstanden.

Der Stelzfu sagte mir noch, ich sei sicher, weil kein kaiserlicher
Deserteur, dann grten Alle mit dem Grue jenes Landes, nmlich. "Gelobt
sei Jesus Christus!" und ich schlief den ganzen Tag und die andere Nacht
fast dazu.

Weil das Wetter schlecht geworden, lieen sie mich nicht marschiren, ich
wollte aber nicht umsonst da sein. Es standen zwei Websthle in einer
Kammer, der Zettel war fertig, eine Magd machte mir Spulen und so webte ich
ein schnes Stck Tuch, bis die Eigentmer des groen Hofes heimkamen.

Endlich wurde das Wetter gut, meine Wunden ebenfalls, ich wollte ins
Preuische, dort einen Pa auftreiben und damit heimgehen.

Die Burin hatte eine Schwester an der Grenze verheirathet, der Mann
derselben war ein Wirth. Ich bekam einen Brief an diese Leute, dazu auch an
einen Einsiedler, den man in jener Gegend nur "den frommen Gottesmann
Bernardus" nannte, ferner andere Kleider, einiges Geld und so viel
Ewaaren, als ich nur einzustecken vermochte. Beim Abschiede weinte ich wie
ein Kind, die guten Leute weinten auch, ein Knecht und zwei Tchter fuhren
mit mir bis Mhrisch Neustadt, dann ging ich allein der Grenze zu.

Ich kam zu den Wirthsleuten und wurde so gut aufgenommen, als ob ich daheim
gewesen wre. Die Frau hie ihre Kinder mir die Hndchen reichen, sie
muten mich "Vetter" nennen, ich weinte vor Freuden und mute bleiben bis
Sonntag. An diesem Tage kam eine Tochter auf Besuch, diese hatte den
Waldbruder Bernardus bei sich auf dem Hofe und mit ihr kam ich zu diesem
eisgrauen Gottesmanne.

Am dritten Tage erst durfte ich abreisen, vorher prophezeite mir Bernardus
mein Schicksal und Gott der Allmchtige wei, da Alles eintraf, was er
sagte, wiewohl ich nicht viel darauf gab.

Er prophezeite Folgendes. "Du wirst in Preuen keinen Pa bekommen, sondern
Soldat werden, dem Kaiser dienen und noch Vieles auszustehen haben, ehe Du
deine Heimath wieder siehst. Du wirst nicht nur manchen Blutstropfen
verlieren, sondern auch ganz unschuldig zum Tode verurtheilt werden. In der
Heimath wirst Du wenig Gutes finden und im Elend bleiben, bis Du 70 Jahre
alt bist, wirst mehr aushalten, als Tausend Andere auszuhalten vermchten.
Vom 70. bis zum 90. Jahre jedoch wirst Du gute Leute finden und gute Tage
erleben!"

Er prophezeite mir noch vieles Einzelne und ich hatte den Gottesmann kaum
recht verlassen, so erfllte sich seine erste Prophezeiung.

Am Thore von Glatz nmlich wurde ich arretiert, weil ich keinen Pa besa,
auf die Hauptwache gefhrt, vom Commandanten examinirt. Ich erzhlte Alles
wahrheitsgem und sagte, ich sei ja gerade gekommen, um einen Pa zu
holen, der Commandant aber schnauzte mich an:

"Du bist ein sterreichischer Deserteur und wirst entweder bei mir Soldat
oder ich lasse Dich schlieen, ber die Grenze bringen und an den nchsten
Kreishauptmann abliefern. Hast freie Wahl, bis morgen gebe ich Dir
Bedenkzeit!"

Ich wollte fast Soldat in Glatz werden, doch als der Commandant der
Hauptwache sagte. "Sei gescheid, nimm keinen Dienst, wenn Du kein Deserteur
bist; wir hocken bereits 6-8 Jahre in diesem Nest und haben in dieser Zeit
kein Gras wachsen sehen!" da wute ich, was zu thun war.

Am andern Morgen kommt der Adjutant und fragte: "Nehmt Ihr Dienst?"--Nein!
--"Also zunchst geschlossen und ins Civilstockhaus!"

Ich bat, mich nicht zu schlieen, doch er sagte, er msse es thun, wenn es
auf ihn ankme, liee er mich laufen. Es war kalt, ich fror, war hungerig,
hatte fast kein Geld mehr, der Adjutant gab mir einige Groschen, lie mich
ins Civilstockhaus fhren, wo die Weibsleute nur durch einen lcherigen
Verschlag von den Mannsleuten getrennt waren, so da unser Affengesicht,
der Mausche und mein einugiger Spezel dort ein wahres Paradies gefunden
htten!

Am andern Tag wurde ich geschlossen, ein Bube machte den Transporteur;
derselbe bekam nichts dafr, weil es in der Frohne ging. Vor lauter Elend
und Hunger kam ich nur 4 Stunden weit, der Bube gab seinen Brief an den
Schulzen ab, der Schulze konnte keinen Buchstaben lesen, ich las ihm die
Adresse. "An den Kreishauptmann auf der Grenz abzugeben," erzhlte ihm mein
Schicksal und dann sagte er. "Es werden 4 Groschen fr Dich bezahlt, kannst
bis morgen bei mir bleiben!"

Am andern Tage wurde ich nicht geschlossen, weil mir der Schulze glaubte;
zum Transporteur gab er mir ein riesenmiges Weibsbild. Ich dachte gleich
ans Durchgehen, doch der Muth dazu verging mir, wie ich das Weib nher
betrachtete und es mir sagte, da sie mich beim geringsten Fluchtversuch
halbtod prgeln werde.

Als es durch den Wald ging, verlieen wir die Strae und machten Nebenwege,
welche nher sein sollten und kamen dann zu einem Bauernhof, der zugleich
ein Wirthshaus war. Ich wollte einkehren, sie ging mit mir und wir beide
bereuten es nicht, denn der Hofbauer war ein Pflzer, berzeugte sich durch
viele Fragen, da ich meine Mundart nicht umsonst redete, zeigte eine groe
Freude, lud uns zum Mittagessen ein und mein Transporteur a und trank fr
eine halbe Compagnie.

Der Landsmann fragt mich heimlich, ob ich wirklich ein Deserteur sei, ich
sage Nein und er sagt, ich kme an den alten Ort zum Bruder Bernardus
zurck. Dieser fromme Mann habe sein kleines Tchterlein von einer
Krankheit bald und ganz geheilt, nachdem das Kind vergeblich die ganze
Apotheke durchgebraucht gehabt htte.

Nach dem Essen will das Weibsbild fort, der Wirth gibt ihr heimlich Geld,
sagt, es pressire nicht so, sie knne auf dem Rckwege bei ihm umsonst
bernachten. Jetzt trinkt die Groe bis gegen Abend des kurzen Wintertages,
ich htte dann leicht entlaufen knnen. Kaum recht im Walde fiel sie um und
ich mochte sie nicht verlassen, weil sie leicht htte liegen bleiben und in
der Nacht erfrieren knnen.

Sie war zu schwer, als da ich sie htte auf die Beine bringen knnen,
blieb ber eine Stunde besinnungslos liegen; es wurde ihr allgemach besser,
sie steht auf, ich bitte um Gotteswillen, mich nicht irre zu fhren und
Nachts um 12 Uhr kommen wir richtig beim Bruder Bernardus an, der mir Alles
so vorausgesagt hatte. Die Leute auf dem Hofe erschrecken ob meinem
Aussehen, ich war beinahe erfroren, doch eine gute Weinsuppe und ein
Nachtlager in der warmen Stube stellt mich wieder her.

Am andern Morgen gibt das Weibsbild den Brief an Bernardus und weint beim
Abschied ber mein Elend, denn ich war kaum im Stande, sie bis zur Thre zu
begleiten.

Vier Wochen blieb ich wieder auf dem Hofe, dann war ich hergestellt, mochte
nicht bleiben, weil die Feldarbeiten mir zu schwer waren; die Leute gaben
mir Geld, weinend nahm ich Abschied und ging nach Jgerndorf, um mich dort
unter die Soldaten anwerben zu lassen.

Am Abend des zweiten Tages komme ich in die Stadt, gehe in das nchste
Wirthshaus, wo viele Soldaten waren, lasse mir ein Seidel und Essen geben
und frage, ob ich ber Nacht bleiben knne.

Es heit Nein, denn das Haus sei ein Brauhaus.

Einige Soldaten hrten, ich sei aus dem Reich und bei Mannheim zu Hause,
sie sagen, einer ihrer Kameraden sei mein Landsmann, verdiene schnes Geld
als Kfer in diesem Hause. Einer geht und holt den Soldaten und wer ist's?
der Muck, welchen ich schon als kleines Kind gekannt hatte.

Ihr knnt Euch denken wie gro unsere Freude war und als der Muck erst
hrte, ich wolle mich anwerben lassen, bekam ich Essen, Trinken, Nachtlager
und Kameraden genug. Muck geht, um schnell einen Nachtzettel zu holen, doch
er bekam keinen, der Richter, wie man dort zu Lande den Brgermeister
heit, wollte mich selbst sehen, ich ging hin und bekam gleich einen
Nachtzettel, nachdem ich vom Anwerbenlassen geredet.

Am andern Tage war ich Soldat bei Mucks Compagnie und bekam als Handgeld 24
Gulden, die mir kein Glck brachten. Ich bekam viele Kameraden, das
Regiment gefiel mir aber nicht, weil es Stockprgel regnete und ich
beschlo nach drei Wochen, mit 18 Andern zu desertiren.

Dem Muck sagte ich nichts, denn er hatte es gut; an einem Sonntage liefen
wir davon, doch kamen die Nachsetzer, ehe wir 3-4 Stunden weit gekommen
waren. Sie hatten Fuhrwerk bis zur Grenze, eine Menge Bauern folgte ihnen,
weil Jedem, der einen Deserteur fange, 24 Gulden versprochen wurden. Am
Rande eines Waldes holten sie uns ein, wir hatten beschlossen, uns bis zum
Tode zu wehren und nicht zu fliehen, die Bauern unternahmen einen Sturm auf
uns, wir wurden bald berwltigt, gebunden, von den Bauern ins Dorf
geschleppt und bewacht, am andern Morgen aber zum Regimente nach Jgerndorf
eingeliefert.

Wir Alle waren von der ersten Grenadiercompagnie, unser Hauptmann dauerte
mich wahrhaft, denn er war ein guter Mann, fragte, was wir denn zu klagen
htten, wir wuten nichts gegen ihn vorzubringen und er machte uns bittere
Vorwrfe.

Wir Alle wurden getrennt, verhrt, in 10 Tagen Kriegsgericht gehalten. Der
Rdelsfhrer erhielt die Kugel vor den Kopf, wir die hrteste Strafe nach
der Kugel, nmlich 10maliges Gassenlaufen durch 300 Mann und zwar so, da
nach 5 Lufen frische Ruthen vertheilt wurden. Als ich auf dem
Exerzierplatze die langen Soldatenreihen und Ruthen sah, wurde mir doch
bange und als die Tambours und Pfeifer anstimmten, klopfte mir das Herz
gewaltig.

Ich gehrte zu den Ersten, welche laufen muten, denn ich hatte mich gegen
die Bauern arg gewehrt, der Major und Adjutant schrieen in Einem fort:
Zugehauen! Zugehauen! Dennoch hieb gar Mancher auf die Hosen, Viele hieben
schonend, denn die Soldaten waren fast lauter Auslnder. Uebrigens lief mir
schon beim zweiten Gang das Blut durch die Hosen, denn ich trug auf dem
Rcken eine groe Warze, welche gar bald weggehauen war und tchtig
blutete.

_Das Aergste war mir brigens nicht das Gassenlaufen, sondern das Zuschauen
vieler Herren und Damen der Stadt._

Diese gaben uns nach der Exekution vieles Geld, wir kamen Alle ins
Lazareth. Mir wurde ein nasses Leintuch auf den Rcken gelegt, dasselbe war
mit Etwas bestrichen, welches mich so wthend schmerzte, da ich vermeinte,
in die Luft springen zu mssen und eine volle, ewiglange Stunde dauerte die
Qual! ... Nach 8 Tagen sollten wir als Geheilte aus dem Lazareth, da fragte
ich den Krankenwrter, was denn an dem verfluchten Leintuche gewesen, doch
dieser sagte nur: "Ich wei nicht, wie es heit und was es ist, es darf
halt auf dem Rcken keine Maden geben!"

Fortan ging ich nur mit Muck um, hatte die Freude an diesem Regimente jetzt
erst recht verloren und war fest entschlossen, ganz allein zu desertiren,
wenn es mir auch das Leben kosten sollte.

Neben der Kaserne stand das Wirthshaus zum Mohren, wo man Alles haben
konnte, was zur Menage gehrt. Der Wirth war aus Landau, seine Frau, eine
Wienerin, hatte zwei Schwestern bei sich, von denen eine Marie hie. Ich
trank zuweilen fr einen Kreuzer Rosoli; einmal gab ich der Marie einen
Groschen, sie gab mir das Doppelte wieder und so fing meine erste
ernsthafte Bekanntschaft an.

Die Offiziere sahen nichts lieber, als wenn die Soldaten Liebschaften
anfingen und heiratheten, denn sie glaubten, das Desertiren habe dann bei
ihnen eher ein Ende. Kam ich auf Wache, so brachte die Maria mir Essen und
Trinken und sagte hundertmal. "Wren wir nur in Wien, da wollte ich fr
dich sorgen! Habe ich nicht einen Bruder dort, einen Bcker, der nicht
heirathen mag? Wir knnten's fr ihn thun!"

Solche Reden leuchteten mir ein, ich ging endlich zum Muck, um denselben zu
bereden, da er mit mir nach Wien desertire. Er kannte Sprache und Sitten,
Weg und Steg, andere Montur mute auch her und die Marie wollte ich nicht
sogleich mitnehmen, was sie immer wnschte. Die Wirthin hatte alles gehrt,
was ich mit Muck redete doch weit entfernt, uns zu verrathen, versprach sie
allen mglichen Vorschub und sagte, sie knne mich gut leiden, weil ich es
mit der Marie im Mohren gut meine.

Die Wirthin schenkte mir zwei Wrste, weil gerade geschlachtet worden und
sagte mir beim Fortgehen, ich solle nicht mehr viel in den Mohren, Marie
selbst wnsche es und wolle lieber daher kommen, ihre Schwestern plagten
sie arg und paten ihr sehr auf um meinetwillen.

Einige Tage blieb ich aus dem Mohren weg, eine Botschaft nach der andern
lie ich unbeachtet, endlich ruft mich beim Vorbergehen der Wirth hinein.
"Wehalb kommen Sie nicht mehr?"--"Weil ich keine Aufsicht brauche, wenn
ich ein Glas Bier trinke, ich zahle es immer!"--"Nu, nu, Alterle!"--
"Hab' ich kein Geld, so schreibe ich heim, dort hab' ich genug; ich lie
mich nicht aus Noth engagiren, sondern weil mir das Herumziehen gefllt!"--
"So, so!"--"Komme ich auch nicht mehr ins Haus, so wird Marie doch die
Meinige!"

Die Soldaten sagten, Marie werde von ihren Schwestern nur aus Neid geplagt,
der Wirth und die 3 Weiber glaubten, ich bese daheim ein ordentliches
Vermgen und ich lie sie in dem guten Glauben.

Mit Erlaubni ihres Schwagers kam mein Schatz jetzt hufig in das Bierhaus,
worin Muck arbeitete.

Einmal schlief ich auf dem Posten ein bischen ein, dafr gab es
Stockprgel; besinnungslos vor Zorn und Schmerz renne ich zum Muck und
sage: "Jetzt hats ein Ende, Bruder, Wien oder die Kugel, Eins von Beiden!"

Marie kam mit ihrem Strickzeuge, sah mich immer traurig an, denn meine
Augen standen immer voll Thrnen und mein Rcken war vom Gassenlaufen noch
nicht ganz heil. Wie ich hinausgehe, kommt sie nach, ich erzhle Alles,
stelle ihr weinend vor, sie drfe nicht gleich mit mir nach Wien, weil sie
ihr ganzes Vermgen verlieren und noch Strafe dazu erhalten knnte, wenn
wir erwischt wrden. Sie verspricht, am andern Tage all ihr Geld und einen
Brief an den Bcker nach Wien zu bringen, der Muck sorgt fr Montur, welche
im Gartenhause versteckt wird und setzt die Flucht auf den nchsten Sonntag
fest, weil an diesem Tage Niemand auf dem Felde arbeitete.

Richtig bringt mein Schatz das Geld, doch den Brief nehme ich nicht aus
Frsorge fr sie, sondern nur die Adresse des Bruders, auf welcher ihr Name
nicht stand; ich verspreche, von Wien aus unter fremdem Namen an die
Bierwirthin zu schreiben, mich eher selbst todtzuschieen, als fangen zu
lassen und sie schwrt, sich in den Bach zu strzen, wenn ich eingeholt
werde.

Muck besorgte Alles; am Sonntag nahm ich Abschied von Maria im Gartenhause,
es war ein Abschied auf Leben und Sterben, die Thrnen flieen noch jetzt
oft stromweise ber meine alten Wangen, wenn ich an jenen Sonntag im
Gartenhause zu Jgerndorf denke!

Wir gingen und nahmen Vogelflinten mit uns, denn Ordonnanzen unseres
Bataillons lagen auf den umliegenden Drfern, an vielen Orten fand sich
Militr genug, wir waren bereit eher zu sterben als uns zu ergeben und
muten Umwege in die Kreuz und Quere machen, um gefhrliche Orte zu
vermeiden.

Wir marschirten, da uns die Fe schwollen und in der Nhe von Bunzlau
wre es bald schlecht gegangen ... Wir kehrten nmlich in einer elenden
Kneipe ein, mehrere Gste redeten polnisch und betrachteten mich immer,
ohne da ich wute, was sie wollten. Der Muck war einige Minuten
hinausgegangen; als er wieder kam, sagte er mir, die Leute sprchen davon,
da wir Deserteurs seien--er hob den Zeigefinger drohend in die Hhe,
spielte mit der Hand am Hahne seiner Flinte, ich griff auch darnach und zog
denselben auf, die Bauern erschraken und verstummten, lieen uns
ungehindert abziehen, wir vergaen unsere geschwollenen Fe und liefen wie
die Rehe dem Walde zu!

Unter Noth und Entbehrungen aller Art kamen wir endlich nicht nach Wien,
denn dahin war der Weg viel zu gefhrlich, aber doch nach Prag.

Auf dem letzten Dorfe verkauften wir unsere Flinten, brsteten vor den
Thoren unsere Schuhe, geberdeten uns, als ob wir Spaziergnger aus der
Stadt seien und kamen unangefochten hinein.

Als wir am andern Tage dem Aufziehen der Hauptwache zuschauen, kommt ein
Heidelberger auf den Muck zu, ein alter Bekannter, wir gehen zu einem
Marketender und erfahren, es sei rein unmglich ber die Grenze zu kommen.
Muck lt sich unter fremdem Namen sofort anwerben, ich thue es nicht, denn
die Marie und der Wienerbcker steckten mir so im Kopfe, da ich sie selbst
im rgsten Rausche nicht verga.

Am andern Morgen treffe ich den Gefreiten eines Regimentes, welches mir
gefiel. Mucks Regiment hie: Reu-Kreuz und trug kapuzinerbraune
Aufschlge, das des Gefreiten hie Collovrath und trug rosenrothe.

Er sagte mir, mein Kamerad werde es nicht gut bekommen, denn das Regiment
bleibe in der Stadt, der Dienst in groen Stdten sei sehr anstrengend,
dagegen kmen die Rosenrothen nach der Musterung wieder hinaus auf kleine
Stationskommandos, wo leichter Dienst und gutes Leben zu finden seien. Hier
msse fast Jeder Ordonnanz sein, der aus der Kaserne komme.

Der Gefreite war auch aus dem Reich, erst einen Monat in Prag und
verheirathet. Er trieb nebenbei die Barbirerei und versprach, mir das
Rasiren zu lehren; Seine Frau fhrte eine Marketenderwirthschaft in der
Kaserne und wir wurden bald einig, da ich bei ihm wohnen sollte, wenn ich
Soldat wrde. Mittags behielt er mich beim Essen; Alles sprach mir zu, bei
den Rosenrothen Soldat zu werden, am andern Tage meldete ich mich bei dem
Bataillonschef des Gefreiten, um mich als Freiwilliger unterhalten zu
lassen, nahm eine Capitulation auf 6 Jahre und bekam 24 Kaisergulden
Handgeld.

Die Rosenrothen gefielen mir weit besser, als das Regiment zu Jgerndorf,
doch dachte ich schon beim Hinzahlen des Handgeldes. "Es mte wunderlich
zugehen, wenn der Paule 6 Jahre hier bliebe!" ... Ich wurde eingekleidet,
zog in die prchtige Kaserne zum Gefreiten, dieser hielt redlich Wort und
begann sogleich den Unterricht im Rasiren. Abends nach dem Verlesen gehe
ich in die Kaserne der Reu-Kreuzer, um endlich den Muck aufzusuchen, aber
die Soldaten lachten und erzhlten, er sei nebst dem andern Heidelberger
mit dem Handgelde davon gelaufen, bevor er eingekleidet gewesen und jetzt
vielleicht schon daheim.

Ich glaubte anfangs, man wolle mich utzen, doch wars wirklich also und ich
sagte zu mir selbst. "Paule, jetzt werden die Civilkleider auch nicht
verkauft, du wirst sie bald wieder brauchen!"

In den ersten Tagen hatte ich im "Wolf" geschlafen, dahin kam ich manchmal
noch, brachte meine Civilkleider und gab dieselben der Kellnerin in
Verwahrung. Diese Kellnerin hie Margareth, war eine dicke starke
Tirolerin, eine nahe Verwandte der Wirthin und gab mir von Anfang an immer
mehr Geld heraus, als ich ihr gegeben. Einige Tage konnte ich nicht in den
Wolf und als ich wieder kam, that die Wirthin sehr freundlich, ermahnte
mich, doch mehr zu kommen, die Margareth habe lange nach mir verlangt, denn
ich sei ein "lustiger Bub" und knne sehr gut tanzen.

Die Margareth brachte mir Braten, sagte, ich soll es nicht verbeln, da
sie mich immer "Du" nenne, das sei eben Brauch daheim in Tirol und lud mich
auf den nchsten Sonntag zum Tanz ein, der das bliche Maienfest
verherrlichen sollte.

Am Sonntag gings lustig zu im Wolf; ich erhielt Alles, was ich wollte,
sogar das Geld fr die Musikanten, doch konnte ich nicht von Herzen
frhlich sein, denn ich dachte nicht an den Muck, wie Margareth meinte,
wohl aber an Wien, wo die Marie aus dem Mohren bei ihrem Bruder vielleicht
schon auf mich wartete. Nach und nach wurde ich lustiger und beim
Zapfenstreich ging ich mit der Frau des Gefreiten in die Kaserne.

Jeden Abend nahm ich den Feldwebel der Compagnie mit in den Wolf, hielt ihn
zechfrei und das gefiel ihm gar wohl. Er war ein Stockbhme, verstand
jedoch ordentlich deutsch und ich hatte bei meiner Freigebigkeit meine
besonderen Absichten.

Margareth ging oft vor das Thor in ihren Garten, wir wren gar zu gerne mit
einander gegangen, aber ein auslndischer Soldat mute damals Jahr und Tag
in Prag bleiben und sich musterhaft auffhren, ehe er vor das Thor kam. Der
Feldwebel gab ihm dann eine Karte, jedoch nur auf einen Monat und jetzt
wollte ich eine solche haben. Gab mir der Feldwebel ohne hhere Erlaubni
eine und es kam heraus, dann mute er Gassen laufen und verlor seine Stelle
dazu.

Er weigerte sich lange, eine Karte zu geben; Margareth gab ihm Geld und
gelobte Stillschweigen, ich schwur, da ich ihn nicht verrathen wrde, wenn
ich auch unglcklich wre und erhielt endlich die Karte eines Soldaten, der
dieselbe niemals bei sich trug, weil er immer als Grtner vor den Thoren
arbeitete und allen Soldaten bekannt war.

Glcklich komme ich vor das Thor hinaus, da fhrt mir der Teufel Mucks
Zimmercommandanten in den Weg, der mich kannte und anhielt; "Wo ist die
Karte?"--"Hier!"--"Woher die Karte?"--"Von dem und dem!"--"Kennst du den
Soldaten?"--"Ja, doch wei ich seinen Namen nicht, die Margreth im Wolf
wird denselben wissen!"--"Arretirt!--"

Ich komme auf die Stockwache, der Regimentsadjutant examinirt mich, mein
Feldwebel behauptet, er besitze alle Karten, bis auf die eines Bedienten,
der in der Moldau ertrunken sei.

Damals desertirten sehr viele Soldaten, dehalb wurde das Verhr scharf,
als Einleitung bekam ich 30 Stockprgel. Margareth wollte von gar Nichts
wissen, ich nannte sie eine Lgnerin, der Auditor betheuerte, es geschehe
mir nichts, wenn ich nur sage, woher ich die Karte habe; doch ich blieb bei
meinem Lugnen und bekam abermals dreiig aus dem Salz. Im nchsten Verhr
gab ich gar keine Antwort und sagte endlich dem Auditor: "Es reut mich, im
vorletzten Verhre geantwortet zu haben!"--"Wehalb?"--"Schon im ersten
Verhre sagte ich die Wahrheit, Gott wei es und empfing dreiig Streiche
dafr. Macht was Ihr wollt, doch bei der Musterung werde ich stehen bleiben
und meine Sache dem General vortragen."--"Glaubst du, es sei dir zuviel
geschehen?"--"Allerdings, denn ich redete Wahrheit!"--"Glaubst du
nicht, da ich dir noch mehr Prgel geben lassen knnte?"--"Freilich
glaube ich's, ob es aber recht wre, ist eine andere Frage!"--Jetzt meint
der Vorsitzende des Kriegsgerichtes: es geschieht dir kein Unrecht, dafr
sind wir auch da!--Der Auditor meint: die Jgerndorfer haben ihn so
pfiffig gemacht!--"O nein, sage ich; bei meinen vielen Leiden habe ich
auch viel erfahren, in Jgerndorf gibts keine andere Weisheit, als Einem
den Buckel blau zu schlagen!"--"Du bist auf Jahr und Tag ganz frei vom
Regiment und erhltst gleich 25 Kaisergulden, wenn du den Kartengeber
angibst. Zeigt ein Anderer denselben an und wird es bewiesen, da du nicht
in den Garten zu dem Mdchen, sondern fort wolltest, dann wirst du
nachtrglich als Deserteur behandelt! Unterschreibe!"--"Nein!"--Jetzt
sagte der Hauptmann: "Unterschreibe nur, es ist dir nicht zuviel geschehn.
Du hast keine Strafe erhalten, man wollte blos dein Gestndni. Du kannst
in der Stadt und auf der Kleinseite genug herumstolpern, hte dich vor dem
Fortlaufen, du bist ein leichtsinniger und verwegener Patron!"

Ich unterschrieb und sagte dabei: "Htt' ich mich nur nie engagiren
lassen!" In der Kaserne hie es: "Hast dich brav gehalten, bekommst wieder
eine Karte, wenn du eine brauchst. Warst aber dumm, es liegen ja 3
Regimenter hier, konntest die rechten Wachen abpassen!"

Ich schwieg ganz klug, ging zum Marketender, wurde gut empfangen und gut
bewirthet. Mein Feldwebel sa auch da, ich erzhlte ihm alles und er
meinte. "Httest du geplaudert, du wrest ohne Einen Streich davon
gekommen, ich aber in des Teufels Kche. Es desertiren viele Pflzer; es
heit, alle wrden an der Grenze eingeholt und erschossen, doch glaube ich
es nicht. Du knntest es bei den Kaiserlichen gut bekommen, doch du meldest
dich bei der nchsten Musterung nicht zu einem andern Regimente, sondern
desertirst, ich sehe es dir an, du bist ein Leichtfu!"

Ich dachte, _du_ hast den Nagel auf den Kopf getroffen und schwieg.

Im Wolf ward ich ganz festlich empfangen, bekam Geld von den Wirthsleuten,
Lobreden, Essen und Trinken genug und die Margareth ri mich schier um, als
sie aus dem Keller kam, wo sie mit meinem Gefreiten Bierkrge fr die
Offiziere gefllt hatte.

Beim Vieruhressen wollte ich nicht sitzen und mute von meinen 60 Prgeln
beichten. Im Keller drunten gestand ich der Margareth, da ich desertire
und zwar auf Johanni; sie gab mir bald Recht und als sie hrte, ich sei ein
Weber und wolle auf meiner Profession arbeiten, sagte sie, in Iglau besitze
sie einen nahen Verwandten, der auch Weber sei, es gebe dort ber 100 Weber
und Arbeit fr mich genug, sie wolle mir Briefe geben und bekme ich in
Iglau keine Arbeit, so knne ich nach Brixen und werde aus Tirol gar nicht
mehr fortwollen, es gbe halt nur Ein Tirol in der Welt ... Meine
Civilkleider hatte ich im Wolf geholt, jetzt nahm ich dieselben aus dem
Strohsacke, wohin ich sie versteckt hatte, mein Schlafkamerad sah dieselben
und ich sagte ihm, die Frau des Gefreiten msse sie mir verkaufen und
brachte Stock, Hosen und Alles in den Wolf zurck.

Es war noch nicht Johanni und an einem Tage, an welchem das Regiment Kinski
die Wachen bezogen hatte, spazierte ich zu der Stunde, wo ich sonst zum
Rasiren ging, aus Prag hinaus.

Vor dem Thore zog ich die Civilkleider aus, die Montur war darunter, ich
warf dieselbe weg; derjenige, der sie finden und dafr 24 Gulden bekommen
sollte, war schon in der Nhe!

Ohne Speise und Trank marschiere ich 6 bis 7 Stunden weit, dann trat ich
bei einem Bcker ein, lie mir Semmel und Branntwein geben. "Woher des
Landes?"--"Bin bei Eger zu Hause!"--"Freund, Ihr seid kein Deutschbhme!"
--"Warum nicht?"--"Hm, hm!"

Kaum bin ich vor dem Neste drauen, kommen Bauern mit Prgeln, schreien,
ich sei ein Deserteur, bringen mich zum Richter, dieser lt mich auf die
Dorfwacht bringen, an einem Fue fesseln und am andern Tage sitze ich
bereits wieder zu Prag, jedoch nicht im Wolf, sondern im--Staabsstockhaus.

Der Profo sagte mir, die Frau meines Gefreiten sitze bereits; ich weinte
darob und behauptete, meinethalben sei sie nicht in Arrest, ich habe nur
fr ihren Mann barbirt und genommen, was er mir dafr gab!

Mein Papiergeld versteckte ich in den Strumpf, kam am andern Tage ins
Regimentsstockhaus und ins Verhr.

"Woher die Zivilkleider?"--"Mitgebracht!"--"Dann?"--"Im Wolf, dann bei
der Frau des Gefreiten, endlich im Strohsacke!"--"Dann?"--"Auf dem Leibe
unter der Montur!"--"Die Montur?"--"Hinter einem Gartenzaune!"--"Wie kamst
du zum Thore hinaus?"--"In Civilkleidern und mit einer Karte!"--"Woher die
Karte?"--"Um 12 Kreuzer auf der Brcke gekauft!["]--"So! Nun diesmal geht
es anders, Paule!"

Am nchsten Tage erfahre ich, mein Schlafkamerad sei im Verhre gewesen,
die Frau des Gefreiten, die freilich sammt ihrem Manne alles gewut hatte,
freigelassen worden. Ich war sehr froh darber und wurde lustig, weil ich
um baares Geld alles bekam, was ich wnschte.

Wie ich wieder ins Verhr komme, stehen 4 Unteroffiziere da und ich denke:
"Jetzt gute Nacht, Paule, 's gibt eine schwere Tragdie!"

Der Auditor kommt und erffnet, ich werde die schwerste Strafe erleiden,
wenn ich nicht sage, woher ich meine Karte habe; sage ich es, dann werde
ich von aller und jeder Strafe frei bleiben.

Ich blieb bei der alten Behauptung, da hie es: "Fort auf die Bank, 15
herab!--Gestehst du jetzt?"--"Ja, da ich die Wahrheit sagte!"--
"Nochmals 15!"

So ging es fort, bis ich 60 Prgel hatte, dann durfte ich abziehen, lie
ein Seidel Branntwein kommen, der "Vater", wie man den Profoen nannte,
nahm mir die Kette ab, ein Unteroffizier brachte Essig und Salz, die Frau
des Gefreiten schickte Leinwand, mit Hlfe der Kameraden brachte ich es in
der Nacht soweit, zumal ich nicht aufgeschlagen war, da ich nicht
geschunden wurde!

Nach 8 Tagen komme ich wieder ins Verhr und gebe keine Antwort.--
"Wehalb keine Antwort?"--"Ich habe die Wahrheit schon gesagt!"--
"Bleibst du dabei?"--"Ja!"--Wieder 15 herunter!--"Gestehst du?"--
"Ich habe Alles schon gesagt!"--"Das Verhr ist geschlossen!"

Der Profo durfte mir nichts mehr geben, nach 3 Tagen ward Kriegsgericht
fr mich und Andere gehalten, das Urtheil fiel gerade aus wie in
Jgerndorf, ich mute durch 300 Mann Gassen laufen.

Auf dem Exerzierplatze sah man, ich laufe nicht das erstemal, wurde von den
Soldaten sehr geschont, erhielt Geld von den Zuschauern und als ich aus dem
Lazarethe kam, war ich ein "Unvertrauter" geworden, durfte nur die
Kasernenwache beziehen und nirgends hingehen, ohne da eine Ordonnanz bei
mir war.

Jetzt bekam ich die Rosenrothen erst recht satt.

Von den Kameraden ward ich fast auf den Hnden getragen, weil ich Niemanden
verrathen, im Wolf fand ich die herrlichste Aufnahme, denn weder Margareth
noch sonst Jemand hatten geglaubt, da ich die grliche Strafe berleben
wrde.

"Mich wundert, da Sie noch leben!" sagt die Wirthin--"Wen Gott halten
will, hlt Er, die Leiden mgen noch so gro sein!"--"Ja, es ist arg!"
sagt die Margareth traurig--"Arg ist's gewesen, doch bin ich an Allem
selbst schuld. Wre nur heute Sonntag, da wollt' ich besser tanzen, als auf
dem Exerzierplatze!--Am Sonntag wird's eingebracht!"--"He, 's wird
halter noch einmal probirt, Franzos?" schreit ein Soldat--"Ja, Bruder,
wenn ich nicht bald sterbe, sterbe ich nicht in Prag!"--"Aber die
Ordonnanz?"--"Knnen nicht Zwei zusammen gehen?"--"Ist schon oft
geschehen!"--"Was der Paule im Schilde fhrt, mu durch, ich mu noch
sterreichischer Brger werden!"

Meine Ordonnanz war ein geborner Baier, ein armer Teufel, der 10 Jahre zu
dienen hatte, wie alle, welche nicht 5 Fu 5 Zoll gro waren; ich
bewirthete ihn tchtig und konnte, wohin ich wollte, nur nicht zum Hause
hinaus.

Spter ging ich in den Garten. Margareth erzhlte, wie arg der Gefreite bei
der Verhaftung seines Weibes geweint habe. Der Oberst hatte ihm
versprochen, er sollte bald Fourier werden, kam das Geringste heraus, so
durfte er nicht ans Fourierwerden denken. Die Leute im Wolf trsteten ihn,
weil alle berzeugt waren, da ich Niemanden verrathe.

Ich war entschlossen, bis Michaeli lngstens zum zweitenmal zu desertiren
und bewirthete meine Ordonnanzen vortrefflich.

Die Soldaten hatten nicht geglaubt, da ich mit dem Leben davon kommen
wrde. Vier Mann meines Bataillons waren fr mich zum Hauptmann, dann zum
Oberst gegangen, um ein Frwort einzulegen. Der Oberst sagte, ich wrde mit
6 Touren davon kommen, wenn ich den Kartengeber nenne, der Auditor forderte
die Soldaten auf, den Kartengeber anzuzeigen und versprach dann ein weit
milderes Urtheil fr mich, doch dieser Preis war zu theuer und zudem wuten
sie nichts Bestimmtes. In Prag schrie der Adjutant auch nicht:
Zugeschlagen! und die 2 Grenadiercompagnien schonten mich, da es allen
Zuschauern auffiel, welche mir auch weit mehr Geld als Anderen schenkten.

Meine liebste Ordonnanz hie Mller. Er war auch ein armer Tropf und
ebenfalls kein Oesterreicher, heirathete eine Pragerin, verlor damit seine
Capitulation und mute dienen, wie die Landeskinder. Sein Weib starb im
ersten Wochenbette, ihr Vermgen war nicht weit her gewesen, nach ihrem
Tode fiel alles an die Eltern zurck und er mute froh sein, da sie auch
das Kind zu sich nahmen.

Im Wolf schmte ich mich oft vor den Stadtleuten welche mich auf dem
Exerzierplatze Gassenlaufen gesehen, dennoch half ich fortwhrend in der
Wirthschaft, und die Margareth, der es gar wohl gefiel, als ich davon
redete, ich wolle ein sterreichischer Brger werden, that mir, was sie mir
an den Augen abzusehen vermochte.

Ich sparte tchtig; gegen Michaeli hatte ich keine Ruhe mehr, meines
Bleibens konnte in Prag nicht lnger sein, Mller zeigte sich bereit, mit
mir zu desertiren. Margareth sagte freilich, ich mge noch zwei Jahre
zuwarten, die Pachtzeit der Wirthschaft sei dann aus, sie ginge alsdann mit
mir nach Iglau und wir wollten dort heirathen, zumal sie schon bei Jahren
wre--ich wollte nicht warten in Prag, sondern in Tirol, sie war bereit,
den letzten Blutstropfen fr mich zu lassen und half uns zur Flucht.

Mein Abschied von ihr war so traurig, wie der von der Marie aus Jgerndorf,
die Tirolerin habe ich bis zur Stunde nicht mehr gesehen ... Als
Bckergeselle verkleidet, Haare und Gesicht wei von Mehl, einen schweren
Brodkorb auf der Achsel gehe ich eines Morgens mit einem Bcker von dem
Hause eines Kunden zur Hausthre des andern und auf diese Weise zum Thore
hinaus, jedoch nicht ohne banges Herzklopfen, wiewohl es mir nie an Muth
mangelte.

In einem Huslein vor dem Thore kleide ich mich um, Mller wartete im
letzten Wirthshause, es war verabredet, da ich nicht hineinginge, er kam
heraus, wir liefen davon und mit jedem Schritte, der uns weiter von Prag
wegbrachte, wuchs unser Muth.

Wir gaben uns fr Handwerksgesellen aus, welche nach Wien wollten, um sich
dort engagiren zu lassen und kamen glcklich nach Iglau.

Margarethens Verwandter konnte mich gerade nicht brauchen, wollte mich nach
Brixen recommandiren, doch der Weg schien mir zu gefhrlich. Am andern Tage
sitzen wir Abends in der Weberherberge einer Garnisonsstadt, Mller steht
auf, geht zur Thre hinaus und--kam nicht wieder. Gott wei, wohin er
gekommen ist, vielleicht in seine Heimath! ... Ich sagte dem Wirth, mein
Kamerad sei ein Deutschbhme und habe gute Bekannte hier, ich dagegen sei
ein Pflzer, ein Vetter von mir Militairchirurg in der Kaiserstadt, wo ich
mich engagiren lassen wolle. Es hie, da ich niemals daran denken drfe
ohne Pa nach Wien zu kommen und der Mangel an einem Schreiben betrbte
auch die Mutter zweier Harfenspielerinnen. Diese Weiber wollten nach Wien,
ich sollte mit ihnen, denn eine Tochter war unwohl; wenn ich die Harfe
derselben tragen wollte, so wurde ich zechfrei gehalten.

Abends kommen viele Soldaten, ein alter Schnauzbart erzhlt mir, die Frau
seines Majors sei auch eine Pflzerin, habe ihre Schwester bei sich und wie
ich nach dem Namen frage, wei ich, da diese Frauen noch bei meinem Vater
das Tanzen gelernt haben.

Der Schnauzbart wollte es mir ansehen, da ich auch schon bei den
Oesterreichern gedient habe und als ich ihm erzhlte, ich hatte in
Leitmeritz als Weber gearbeitet, die Bleicharbeit sei fertig, ich wolle
jetzt nach Wien, um mich engagiren zu lassen, da meint er, ich mge
immerhin dableiben und mich hier annehmen lassen.

Er brachte es mir wacker zu, doch die Harfenmdchen stieen mich immer
heimlich mit den Fen, ich lie mich nicht beschwatzen und wie der Schnauz
am andern Morgen in aller Frhe wieder kommt und fragt, bin ich eben so
wenig wie am Abend vorher zum Bleiben bereit.

Um 9 Uhr besuchte ich meine Landsmnninnen, ward erkannt, fand eine sehr
gute Aufnahme, die Jngere freute sich insbesondere, weil ich noch ihren
Taufnamen wute und Beide, weil ich gut gekleidet war.

Sie riethen mir ebenfalls, mich hier engagiren zu lassen, doch der Herr
Vetter, der Chirurg in Wien mute aushelfen, ich erzhlte Vieles, wurde zum
Mittagsessen eingeladen und erhielt ein namhaftes Geschenk.

Kaum sitze ich wieder im Wirthshause, so kommen zwei Polizeidiener, trinken
Bier, fragen nach den Schriften ich habe keine, sie sagen, ich sei gewi
ein Deserteur, es liefen deren gar viele herum, verhaften mich und fhren
mich auf die Polizei, wo ich mich auf die Frau des Herrn Majors und deren
Schwester berufe als Zeugen, da ich ein Pflzer, ehrsamer Weber und kein
Deserteur, aber ein Rekrute sei.

Die Polizeidiener erhalten ein Schreiben, fhren mich zu den Frauen zurck,
der Herr Major war jetzt auch da, einst lange in der Pfalz und ein Gnner
meines Vaters gewesen, gab mir ein Schreiben an den Polizeicommissr,
dieser fertigte dann einen Pa fr mich aus und rieth mir, ja nicht von der
angezeigten Route abzugehen, weil ich sonst groe Unnannehmlichkeiten
bekommen wrde.

Voll Freuden gehe ich zum Herrn Major zurck, um fr die Frsorge zu
danken. Er dringt in mich, mich hier beim Regimente Lindenau anwerben zu
lassen, doch ich behaupte, whrend meines Aufenthaltes zu Leitmeritz eine
schne, junge und vermgliche Wienerin kennen gelernt zu haben, welche in
einem Wirthshause bei Verwandten lebte und bereits nach Wien gegangen sei,
das Mdchen habe mir viel Geld gegeben und ich msse zu ihm in die
Kaiserstadt.

Ich mute dem Offizier mein Geld zeigen, er vermehrte es durch einen
Fnfguldenschein, lud mich zum Nachtessen ein und sagte, ich knne bei ihm
essen so lange ich bleiben wolle, beim Fortgehen werde mir seine Frau noch
einen Bndel weie Wsche und Kleider geben.

Die Leute im Wirthshaus freuten sich sehr ber mein Wiederkommen, besonders
die Harfenmdchen; es hie, der Schnauz habe mir einzig und allein die
Polizei auf den Hals geladen. Ich blieb im Wirthshause, mochte nicht mehr
bei meinen guten Bekannten zu Nacht essen, sondern zeitig ins Bett, um frh
den Weg unter die Fe zu bekommen.

Am andern Morgen gab mir die Frau Majorin richtig einen schnen
Reisebndel; ich weinte beim Abschiede und wenn ich an diese guten Leute
denke, laufen die Thrnen noch jetzt stromweise ber meine alten Wangen!

Neben dem Bndel mute ich die schwere Harfe des kranken Mdchens tragen,
doch machten wir tglich nur 2 bis 3 Stunden und lebten gut, denn die
Weiber verdienten mit Harfenschlagen und Singen schweres Geld. Wir kamen
glcklich nach Wien, die Begleiterinnen zogen ungehindert hinein, doch ich
wurde angehalten, zum Platzmajor gefhrt und da hie es gleich. "Welches
Regiment?"--"Deutschmeister!"--"Gut, du kannst jetzt allein gehen und
dich melden, dein Pa bleibt da!"

Am andern Tage sah der Arzt meinen Rcken, fragte, woher die Bescheerung
sei, ich erwiederte, da ich bei den Preuen in Glatz gezwungen gedient
habe, erhalte Handgeld, werde eingekleidet und noch an demselben Tage steht
der Paule als neugebackener Soldat des Regimentes Deutschmeister in einem
Bckerladen und--vor der geliebten Marie aus dem Mohren zu Jgerndorf,
welche bisher auf mich geharrt hatte.

Welche Freude, welch Wiedersehen! Noch jetzt flieen mir die Thrnen
reichlich, wenn ich daran zurckdenke! ... Wie weinte aber erst meine Marie
sammt ihrem Bruder, dem Hagestolzen, nachdem Beide wuten, was ich
ausgestanden seit jenem Sonntage, an welchem ich im Gartenhause Abschied
genommen und mit Muck desertirt war! ... Einige Wochen lebten wir in der
Kaiserstadt wie die Engel im Himmel, wir hatten es gut mit einander vor,
der Bcker war ein gar zu guter Mann, doch Unglck soll mich verfolgen bis
zum Jahre 1852!

Wir begegnen einigen Kameraden, welche mit mir in Jgerndorf gedient hatten
und jetzt Artilleristen geworden waren, erkannten und begrten mich und
fragten gleich: "Wo ist denn der Muck?"--"Ebenfalls hier!"--"Wo finden
wir ihn?"--"Er hat die Wache beziehen mssen!"--"Wo gehts Abends hin?"
--"Da und da!"--"Gut, wir treffen uns!"

Ich bat die Kanoniere, mich und den Muck um Gotteswillen nicht zu
verrathen, sie versprachen es hoch und theuer, doch ich traute nicht, denn
die 24 Gulden waren ein gar zu groer Reiz fr arme Soldaten.

Wie weinte die Marie, wie erschrak der Bruder, als ich athemlos in den
Bckerladen strzte, die fatale Begegnung erzhlte und damit schlo, da
ich noch heute aus Wien fort msse, wenn ich nicht erschossen werden wolle!
... Ich zog sogleich meine Civilkleider wieder an, welche ich aus Vorsicht
aufbewahrt hatte, das Handgeld war fort, doch besa ich noch Geld, Marie
gab, was sie hatte, der Bruder in seiner Angst, was er zu entbehren
vermochte, ich versprach in der Nhe Arbeit zu suchen, vor Eile bekam ich
keine Zeit zum Weinen, mein Schatz sank beinahe in Ohnmacht, ich aber lief
aus der Stadt, so rasch ich es vermochte, ohne Aufsehen zu erregen.

In der Nhe zu bleiben, dazu empfand ich keine Lust, sondern wollte nach
Rom, um mich bei den ppstlichen Truppen anwerben zu lassen, schlich durch
Steuermark [Steyermark] und Illirien Italien zu und kam ganz ungefhrdet
tief in die Lombardei.

Unglcklicherweise begegnen mir franzsische Soldaten, welche einen Trupp
Menschen, lauter Gefesselte, transportirten, ich werde nach meinem Passe
gefragt, wiewohl ich aus Vorsicht gar kein Gepck bei mir trug, besitze
nichts Schriftliches, werde arretirt, bekomme auch sofort eine Kette, mu
eine Stunde weit zurckmarschiren und hier wird der Transport abgeliefert.

Von hier kam ich jedoch nach Mantua in ein erbrmliches Gefngni, wo 300
Gefangene fast nichts zu essen bekamen, dafr vom Ungeziefer beinahe
verzehrt wurden. Solchen Mhseligkeiten erlag endlich auch meine
riesenhafte Natur, ich wurde schwer krank, was mir der fromme Bernardus
auch prophezeit hatte und als ich genas nach mehrwchentlichen Leiden und
trotz der elenden Verpflegung, da betete ich mit einer Inbrunst, mit der
ich seither wenig mehr gebetet, um meinen Tod, damit doch nicht Alles
eintreffe, was mir der Einsiedler vorausgesagt hatte.

Kaum konnte ich recht laufen, so begann das Verhr. Ich sagte, da ich wohl
kein Deserteur, sondern franzsischer Soldat beim 16. Regimente sei, der
nach der Schlacht bei Austerlitz verwundet und gefangen wurde. Man glaubte
mir jedoch nicht, obwohl ich gleich bei der Verhaftung gesagt hatte, ich
befnde mich auf dem Wege mein 16. Regiment aufzusuchen. Man schrieb hin
und her, ich mute noch mehrere Wochen in dem abscheulichen Loche
schmachten, dann hrte man endlich auf, mich als Deserteur zu betrachten
und steckte mich unter ein Regiment, welches in einem Seehafen lag und
viele Italiener in seinen Reihen zhlte. Es lag sehr viel Militr in der
Stadt, wir wurden zu den Brgern einquartiert, aen jedoch in der Menage
und ich hatte das Unglck, in Ein Quartier mit 11 anderen Soldaten zu
kommen, welche Alle Italiener waren, von deren Kauderwlsch ich kaum das
%No% und %Si% verstand.

Waren wir frei vom Dienste, so fuhren wir in einer Schaluppe ins Meer
hinaus, um zu fischen und ich ging gewhnlich mit.

Eines Tages fahren wir nicht weit, da wird einem Holzschiff zugerudert,
meine zehn Begleiter kletterten in Strickleitern auf das Verdeck, ich habe
keine Lust dazu, merke schon, wo das Ding hinaus will, doch ich mu den
Andern folgen, denn die Schaluppe wurde gleich mit einem Flaschenzug auf
das Holzschiff gezogen und wir fahren mit demselben davon. Weit kamen wir
nicht. Das Wachtschiff, das wegen der Contrebande und andern Dingen
umherfuhr, lie unser Schiff nicht passiren, zog die Fahne auf, welche uns
Halt gebot und meine Kameraden sehen aus, mehr todt als lebendig und
kriechen in allen Winkeln herum, ich selbst suche auch ein Winkelchen.

Richtig wird das Holzschiff streng durchsucht, wir Alle werden entdeckt und
verhaftet, unsere Schaluppe wird wieder ins Wasser hinabgelassen, nach
kurzer Zeit sitzen wir im Cachot und weil damals gerade das Kriegsrecht im
Flore war, werden wir Alle ohne sonderliches Verhr vom Kriegsgericht zum
Tode verurtheilt!

Damit war eine Hauptprophezeiung des Einsiedlers Bernardus, nmlich da ich
ganz unschuldig zum Tode verurtheilt werde, an mir in Erfllung gegangen
und Du siehst nun, Mauschel, da der Mensch sein Schicksal nicht macht,
sondern da es gemacht wird, ob von Gott oder dem Teufel, darber bin ich
zweifelhaft, wahrscheinlich arbeiten Beide zusammen!

Du bist doch nicht todgeschossen worden, he? fragt der Zuckerhannes und
wenn der Kerker nicht schon sehr dunkel gewesen wre, wrde man ein
ziemlich einfltiges Gesicht gesehen haben.

Der alte Paul lacht, die Andern lachen auch, der Schlosserlehrling meint.
"Wenn _Ihr_ nicht lgt, dann lgt Keiner mehr. Wie knnte ein Mensch in
kurzer Zeit aushalten, was Ihr ausgehalten habt!"

"In der That, Alter, Dein Leben ist so bunt und abenteuerlich, da man die
Erzhlung fr Erdichtung halten knnte!"

"Erdichtung? saubere Erdichtung! Als ob in der Welt nicht ganz andere Dinge
vorfielen, als die, von denen die Dichter trumen und schreiben. Soll ich
Euch Personen und Zeugnisse aller Art stellen? Soll ich Datum und Ort genau
nennen? Von Italien, Spanien und Ruland, wo ich auch gewesen, wte ich
vielleicht nicht mehr Alles haarscharf, es gibt dort so wunderliche Namen,
doch Zeugnisse genug wrde ich aufweisen knnen, wenn es der Mhe werth
wre. Morgen Mittag sollt Ihr Alle meinen Leib betrachten, die Hiebe,
Bajonettstiche und das Gassenlaufen sind bis dato zu sehen!"

"Wie viel Hiebe hast Du denn im Ganzen bekommen?" fragt der Indianer.

"Ach, mein Gott, 6135 bei den Kaiserlichen in _ganz kurzer Zeit_! seufzt
der Paul und rechnet: zweimal Gassenlaufen zu 3000 Streichen thut 6000,
zweimal 30 thut 60, dann einmal 60 zusammen 120, endlich 15 dazu, thut
accurat 6,135! ... Die kleinern Portionen rechne ich gar nicht dazu; die
damaligen "Verweise" bei den Kaiserlichen bestanden fast Alle aus
ungebrannter Asche! ... Was spter kam, will ich morgen sagen, so zwischen
9 und 10,000 Streichen hat der Paule gekriegt!

"Erzhle weiter, wie es Dir ergangen!" schreien Einige.

"Nein, fr heute ists genug, der Kerkermeister kommt bald mit der Suppe,
ich habe mich mde geredet und erhalte doch keinen Schluck Schnaps, keinen
Pfifferling fr meine ganze Leidensgeschichte!"

"Ho, das Leiden wird darin auch ein Ende nehmen, hast ja so Vieles
ausgestanden in den Kriegszeiten!" meint der Zuckerhannes.

"Ja, Du lieber Gott, ein Ende nehmen! Ich bin nicht mehr so weit von
Siebenzig, _dann_ mu mein Glck anfangen, es ist hohe Zeit,
siebenzigjhriges Leiden ist kein Spa, ich habe noch wenig gute Stunden
gesehen und das Elend fngt jetzt erst recht an, Ihr werdets hren! ...
Alles, wie Bernardus gesagt hat vor schon so vielen Jahren!"

"Ach, dein Bernardus ist ein Mhrlein, nicht wahr?" fragt der Spaniol.

"So gewi ich jetzt da stehe und rede und so gewi ein Gott im Himmel ist,
ebenso gewi ist Alles, was ich von dem Einsiedler erzhlte. Es liee sich
Alles beweisen, wenn es nthig wre, denn ich habe ein merkwrdiges
Gedchtni fr Personen und Sachen und wollte mich heute noch in Mhren
ganz gut zurecht finden, wiewohl ich seitdem nicht mehr dort gewesen!"
"Ach, ich glaube, da Du einmal bei einem Jesuiten in die Schule gegangen
bist!" meint der Indianer.

"Oho, erwiederte der Paule, ich bin doch gewi kein Jesuit, sondern von
Geburt ein Lutherischer, Zwinglianischer, Calvinischer, Evangelischer, ich
wei es selbst nicht, aber das wei ich, da die Pfaffen einen alten
Soldaten, der den Tod hunderttausendfach gesehen hat, nicht so leicht an
der Nase herumfhren. Lat mich jetzt in Ruhe! ... Wer mir nicht gerne
glaubt, mag es bleiben lassen, ich erzhle doch weniger fr Euch, als fr
mich!"

"Es gibt viele Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen sich die
Philosophen nichts trumen lassen, der Paule ist eine merkwrdige Person!"
murmelt der Spaniol.

"Ho, Anderen sind viel seltsamere Dinge in den Weg gelaufen, ich wei es,
ich!" brummt der Paule.

"Am Ende hat der gute Bernardus den Paul leichtsinnig und verwegen machen
helfen mit seiner Weissagung, ohne da er dies beabsichtigte!" meint der
Zuckerhannes und verbessert durch diese gescheite Bemerkung die dumme, die
er vor einigen Augenblicken uerte.

Jetzt wurde es im Gange lebendig, die Suppe kam nher und nher, man
vernahm das Gelchter oder Gebrumme einzelner Gefangenen, endlich ffnet
sich der Thrschalter, zunchst dringt ein khlender Luftzug in diese
Jammerhhle, dann werden die Suppenschsselchen hereingereicht oder
vielmehr Schsselchen mit einer unnennbaren Brhe, in der einige Brocken
umherirren. Guten Appetit, ihr Gefangenen!




#DER ZUCKERHANNES KOMMT AUS DEM THURME.#


Unsere Gefangenen lagen seit einigen Stunden auf ihren Strohscken, der
Grundba des Murmelthieres ward von der Fistelstimme des Schlosserlehrlings
sekundirt, vom Seufzen und Fluchen Anderer zuweilen unterbrochen, die sich
unruhig hin und herwlzten.

Jetzt schlugen die Uhren der Stadt und ihre langgedehnten Schlge zitterten
dumpf und schwerfllig in die schwle Behausung unserer Gesellschaft.

"Herrgottmillionen ...! flucht der Indianer, es mu anderes Wetter geben,
die Flhe, Wanzen, Spinnen thun wie besessen, ich kann nicht schlafen!"

"Der Teufel mag in dieser Folterkammer schlafen! ... Glckseliges
Murmelthier, dein Speck ist dein Schild und deine Wehr! ... Ich habe noch
kein Auge geschlossen! ... Gelt, Paule, im Badischen geht's oft hnlich
her, wie in Mantua!" riefen Einige.

"Htten wir nur ein Stmpfchen Licht, dann wollten wir uns die Zeit mit
Domino und Neunerstein abkrzen!" brummt der Spaniol.

"Wren wir Alle lieber im Zuchthaus, dann htten wir Licht die ganze Nacht!
... Im Zuchthause ist's berall besser als im Untersuchungsarrest, ich war
Alles in Allem 29 Jhrlein gefangen und habe das erlebt! ... Im Zuchthause
gehen Einem Lichter genug auf!" betheuert der Stoffel.

"Da hast Du Recht, Einugiger! Zehnmal lieber in jeder Strafanstalt, selbst
auf dem Spielberge als in dem Amtsgefngnisse! ... Ich will mich morgen
gleich ins Zuchthaus melden, werde wohl wieder hineinkommen!" seufzt der
alte Paule.

"Alterchen, Du knntest noch Etwas erzhlen, damit wir uns mde hren!"
meint der Spaniol.

"Mein Sir, wenn der Paule Ebbes erzhlt, kriegt er den Wein, den ich unter
dem Bette stehen habe und morgen frh Schochomajem; seine Geschicht' ist
ebbes Rares!" versichert der Moses.

"So was lt sich hren, Mauschel!" meint der Paule.

"Ich knnte von einem Juden nichts annehmen auer Geld; Alles ekelt mich
an, was von einem Jud' kommt. Als kleiner Bub' hat mir ein sonst recht
braves und gutes Judenweib oft Matzen gegeben, da sagt einmal Einer, in die
Matzen, welche der Jud einem Gojim schenkt, kmen Speichel und alle
abscheulichen Dinge, ich mute damals dem Ulrich rufen und habe seitdem nie
wieder etwas gegessen oder getrunken, was von einem Hebrer kam!" erzhlte
der Zuckerhannes.

"Moses schreit, dies verhalte sich nicht so, doch Alle schreien gegen ihn
und der Paule versichert, er fr seine Person nehme Alles von Juden an,
doch habe er in ganz Europa gefunden, jeder Jude trage nebst dem Judenkopf
noch besondere Mngel an sich und bei armen Juden sei der Ha gegen das
Schweinefleisch begreiflich, weil nur Kannibalen Ihresgleichen fren!"

"Der Spaniol behauptet, ein Jude bleibe Jude, ob er emanzipirt werde oder
nicht und die Renegaten unter ihnen seien gerade die miserabelsten Schufte,
die mit Religion schacherten und sich zu Allem gebrauchen lieen nur zu
nichts Gutem!"

Das peinliche Wortgefecht ber die armen Hebrer dauert noch einige
Minuten, dann wird der Paule angegangen, "Mauschels Wein zu saufen" und
seine Geschichte fortzusetzen.

Nach einigem Bitten sagt der Alte:

"Nicht der Wein und nicht der Schochomajem des Moses, auch nicht Euer
Bitten bringt mich zum Plaudern, sondern die unruhigen Flhe und Wanzen und
die Schlaflosigkeit. Ich bin alt, schlafe im besten Bette nur drei Stunden,
wie ein Gaul und wenn ich so daliege in der stillen Mitternacht, kommen
alle Personen und Vorflle meines langen Lebens mir in den Sinn; ich
glaube, die Todten und die Weitentfernten zu sehen und reden zu hren und
oft flieen die Thrnen stromweise ber meine alten Wangen, wenn ich daran
denke, was ich ausgestanden habe! ... Es ist mehr als zehn oder tausend
Andere in einem ebenso langen Leben zusammen aushielten und was ist jetzt
mein Lohn? Spitalsuppen, Zuchthaussuppen, Verachtung und Lieblosigkeit! ...
Nicht einmal ein Felddienstzeichen oder ein paar Kreuzer Pension habe ich
je bekommen und der Einzige, der mir altem Manne ein ruhiges Pltzlein
gnnen wollte, der Oberstlieutenant vom 16. Regiment, durfte es nicht
thun!"

Von Neuen bitten die Mitgefangenen zu erzhlen, der Moses steht auf und
bringt den Wein, der Alte trinkt, selbst das Murmelthier wacht auf und will
zuhren, weder das Affengesicht noch der Einugige geben der rothen Liesli
Gehr, die in Einem fort an die Wand klopft. Der Paul aber erzhlt:




_Fortsetzung und Schlu der Geschichte des alten Mannes._


Als ich mein Todesurtheil vorlesen hrte, erschrak ich gar nicht, sondern
behauptete meine Unschuld und forderte Untersuchung. Ich hatte wirklich gar
nichts vom Vorhaben der 11 Italiener gewut, verstand ja kein Italienisch
und dies zog. Die Spitzbuben hatten mich sogar als Rdelsfhrer angegeben,
doch der Zwlfte meiner Stubenkameraden, der die Andern verrathen hatte,
weil sie nicht auf ihn warteten, bezeugte jetzt, da ich von Allem gar
Nichts wissen konnte, Andere bezeugten auch meine Unkenntni der Sprache,
die Leute auf dem Holzschiffe beschworen, ich sei nur auf das Schiff
geklettert, weil man mir die Schaluppe genommen habe und das Ende vom Lied
hie, da ich frei, der eigentliche Rdelsfhrer erschossen, die Andern auf
das schwere %travaux% nach Straburg gebracht wurden.

Im Anfange des Jahres 1807 wurde unser Regiment nach Spanien eingeschifft;
wir landeten glcklich in Cadiz und hatten von dem heien Lande und
wthenden Volke genug auszustehen; es ging blutig und barbarrisch her,
mancher brave badische Offizier und Soldat knnte auch genug davon
erzhlen. Bei einem Treffen bekam ich Gelegenheit, meinem ehemaligen
Kapitn vom 16. Regiment mit Hlfe eines Andern das Leben zu retten, ich
wollte wieder zu diesem Regimente und brachte es dazu. Schon im Jahre 1808
kam das 16. Regiment aus Spanien zurck und blieb 10 Stunden von Paris in
Garnison bis 1812, wo wir nach Ruland muten.

Alles, was ich bis dahin ausgestanden hatte, selbst der Krieg in Spanien
war Kinderspiel im Vergleich zu dem, was ich in Ruland erlebte. Die
frchterliche Schlacht bei Borodino, der Einzug in Moskau und vieles
Andere, was ich sah und erlebte, gbe ein dickes Buch. Leider kann ich
keines schreiben, zudem bin ich der arme Paule stets geblieben und
unsereins kann Alles ausstehen, es krht kein Hahn darnach, whrend Alles
die Ohren spitzt, wenn ein General oder anderer hoher Herr nur ein bischen
Bauchgrimmen bekommt! ... Das Beste war, da ich bei einem franzsischen
Regimente diente, denn Napoleon schonte seine Franzosen, schickte die
Deutschen und Andere am liebsten in den dichtesten Kugelregen und ins
Elend! ... Die Deutschen sind von jeher das einfltigste Volk gewesen,
schlugen fr den Napoleon und meinten, es ginge um Gott und Vaterland, wir
Franzosen nannten sie nur "Kanonenfutter," lachten sie offen und heimlich
fr ihre Dummheit aus, aber in der Schlacht verloren auch wir genug Leute
und auf dem Rckzuge nahm das 16. Regiment ebenfalls ein Ende wie das
Hornberger Schieen!

Um es ganz kurz zu machen und nur von mir zu erzhlen, berichte ich, da
ich nicht ber die Beresina kam, sondern gefangen wurde, wie tausend Andere
auch. Wir fielen wie die Mcken um Allerheiligen und es war uns fast Eins,
was die Kosaken, diese wsten, suischen und doch gutmthigen Leute mit uns
anfingen, bis sie uns in den Klauen hatten und ber die Schneefelder
fortprgelten. Noch jetzt sehe ich oft im Traume die unabsehbaren Ebenen,
die endlosen Tannenwlder und eingeschneiten Drfer des Czaren im bleichen
Mondlichte da liegen und mich und meine Kameraden, wie wir bei der
grimmigen Klte der sternenhellen Winternacht fast nackt und hungrig,
verwundet und krank von russischen Soldaten fortgestoen, auf elende
Schlitten geschmissen und vom Volke mihandelt, am Barte herumgerissen und
umbrllt wurden!

Ich war der Rstigste von Allen, versuchte tief in Ruland den Kosaken
durchzubrennen, doch ich kam nicht weit und dann gings nicht christlich,
sondern auf gut russisch zu, man mihandelte und schlug mich, da ich fr
todt auf dem Platze liegen blieb.

Endlich marschirte ein Bataillon ins Dorf, ein Offizier sah mich daliegen
und redete mich franzsisch an, aber mein Hals war so arg geschwollen, da
ich keine Silbe hervorzubringen vermochte.

Der Offizier lie mich aufheben, in ein Feldspital bringen und ich wurde
ertrglich verpflegt, sah und hrte Alles, was um mich vorging, doch das
Reden hatte ein Ende und ich befand mich kaum im Stande, ein wenig Brhe zu
mir zu nehmen.

Neben mir lag ein badischer Unteroffizier Namens Ernst, der wunderte sich
nur, wehalb ich allmhlig genas und hatte groes Mitleiden mit mir. Er
lebt noch heute, mindestens ist er vor Kurzem noch Amtsdiener gewesen, ich
dagegen hocke da bei Euch und warte auf meinen siebenzigsten Geburtstag!
... Im Feldspitale nahm sich ein russischer Bataillonsarzt meiner besonders
an, es war ein geborner Baier, kannte viele Sprachen und freute sich, weil
ich mir Mhe gab, russisch und polnisch zu erlernen. Von Hause aus war er
blutarm, doch wegen seiner Sprachkenntnisse und sonstiger Tchtigkeit ward
er bald befrdert, kam in ein groes Militrspital in Warschau und nahm
mich als seinen Diener mit. Ohne diesen guten Mann wre ich wohl als
genesen entlassen und nach Asien hineintransportirt worden und es kommt
sehr darauf an, ob der Paul auch einen Schneider von Pensa gefunden htte,
wie die badischen Offiziere und Soldaten, die unter dem Markgrafen Wilhelm
nach Ruland zogen! ... In Warschau bekam ich es gut, erhielt viele
Kleider, weil viele Soldaten starben, verkaufte dieselben in der Stadt in
welche ich oft kam und besonders zu einem Wirthe, der mit Pelzwerk handelte
und eine Wienerin zur Frau hatte.

Diese Leute waren reich und konnten mich bald sehr gut leiden. Die Frau
konnte Wien und ihre dortigen Freunde nicht vergessen, plagte ihren Mann
immer, er mge mit ihr in die Kaiserstadt gehen und weil sie versprach,
mich mitzunehmen, half ich den Mann bearbeiten, sobald ich dessen Zutrauen
recht gewonnen hatte.

Er reiste zuweilen mit Pelzwerk von Warschau nach Wien, ich schleppte ihm
aus dem Spitale Kleider genug herbei, er versprach, mich das Nchstemal
mitzunehmen, ich versteckte die Uniform eines russischen Jgeroffiziers und
nthige Kleider bei ihm im Keller unter alte Fsser.

Mein Herr merkte, was ich vorhatte, doch lachte er nur und sagte nichts,
denn ich war noch immer russischer Kriegsgefangener und er ein
pflichtgetreuer Mann, der keine Ursache zum Verlassen des Dienstes sah.
Ganz in Pelzwerk gehllt, kam ich glcklich aus Warschau und mit dem
Pelzhndler nach Wien.

Auf dem Wege hatte ich mich auerordentlich gefreut, meine Marie vielleicht
bei dem Bcker zu finden, doch vor den Thoren der Kaiserstadt verlor ich
allen Muth, denn das Regiment Deutschmeister sammt den Rosenrothen von Prag
lagen in der Stadt, so hie es wenigstens und wenn ich erkannt wurde, war
die Kugel fr mich dreifach gegossen.

Mein Herr in Warschau hatte mir Geld gegeben, der Pelzhndler mich zechfrei
gehalten, mancher polnische Gulden kam durch die Kleider der Verdorbenen in
meinen Sack und jetzt nahm ich Abschied von meinem Begleiter, fuhr auf der
Donau herauf bis Ulm und ward nicht angehalten bis Tauberbischofsheim, wo
mich der Amtmann fragte, woher meine baierische Montur sei. Er schickte mir
einen Spionen ins Wirthshaus nach, ich mute wieder zum Amtmann, wurde ber
meine Leute und andere Personen befragt und erhielt einen Laufpa nach
Heidelberg.

Am 27. September 1813 war ich nach langer, langer Abwesenheit wieder in der
unvergelichen Heimath, bernachtete in Schlierbach und spazierte am
nchsten Tage in der Uniform eines russischen Jgeroffiziers nach
Heidelberg, wo mich kein Mensch erkannte. Freilich besa ich auch in der
Stadt und Heimath keine Seele, die sich ber meine Errettung aus so vielen
Drangsalen und ber meine Rckkehr freute.

Ein Wirth war der Erste, der mich erkannte; er rieth mir, die Russenmontur
abzulegen, man sehe die Russen nicht gern am Rhein, doch befolgte ich
seinen Rath nicht, Alles redete von dem russischen Offizier und darin
bestand meine einzige Freude.

Ein Offizier konnte sich nicht gut an einen Webstuhl setzen, noch weniger
betteln, mein Geld schwand, weil ich standesgem leben mute. Ich ging zu
einem Bruder ber den Rhein, machte eine Krankheit durch, die jedoch nicht
lange dauerte, dann aber ging ich wieder nach Frankreich und meldete mich
beim 16. Regimente.

Ich machte alle Gefechte und Schlachten der folgenden Zeit mit, insofern
mein Regiment dabei war, kam auch immer glcklich davon bis zur Schlacht
von Waterloo. In dieser Schlacht haben auer den Schotten nicht die
Englnder, sondern die Braunschweiger, Hannoveraner und Andere uns das Fell
am rgsten gegerbt, die pfiffigen Preuen mit ihrem alten Blcher kamen
sehr zur unrechten Zeit und dort verzweifelten wir am Glcke des groen
Kaisers, der nicht von uns Soldaten, sondern von den Marschllen und
Generalen um theures Geld an die fremden Potentaten verschachert worden
war. Die Meisten derselben waren groe Spitzbuben, das wuten wir Soldaten
ganz gut, sonst wre es bei Waterloo trotz aller Tapferkeit doch noch
anders gegangen! ... Kaum bei Austerlitz oder Borodino habe ich ein so
mrderischeres Kanoniren, Kleingewehrfeuer und Einhauen der Reiterei
erlebt, wie bei Waterloo, wo auch mein Regiment im Angesicht der alten und
jungen Kaisergarde tchtig mitgenommen wurde! ... Diese Garden httet Ihr
je sehen sollen, wie sie ins Feuer gingen, als ob ein Schlachtfeld ein
Tanzboden wre und noch mit den Zhnen um sich bissen, wenn sie sterbend
auf dem Boden lagen! ... Ja, einen Soldaten wie der alte Napoleon Einer
war, gabs damals Keinen und wirds Keinen mehr geben, denn wo haben die
Deutschen, auer dem Erzherzog Karl, dem Blcher und wenigen Generalen auch
nur Einen gehabt, der dem Napoleon die Schuhriemen htte auflsen drfen?
Keine Fhrer; lauter Anfhrer hatten sie und es scheint heute noch so zu
sein. Keinen Knopf gebe ich um das ganze Deutschland, fr den Napoleon
wollte ich noch heute ins Feuer, habe auch bei den Franzosen nie ans
Desertiren gedacht!--Die Schlacht bei Waterloo war beinahe vorber, die
Retirade begann, da wurde ich durch eine Kanone, die eine Wendung machte,
zu Boden geschlagen und wei heute noch nicht, wie es mglich war, da ich
nicht hundertmal von Kanonen oder Cavallerie zu einem Brei zerquetscht
wurde.

Ich wurde auch nicht gefangen, sondern lag in einem franzsischen Spital,
das Kreuz hatte viel gelitten und es ging mehrere Wochen, bis ich wieder an
einer Krcke zu laufen vermochte und mehrere Monate, bis ich wieder
hergestellt und beim 16. Regimente, damals einer der ltesten Soldaten war.

Ich habe mich bei den Franzosen nicht schlecht gehalten, doch das Glck
wollte mir eben nirgends, ich hatte das Unglck, ein Deutscher zu sein und
bekam im Jahre 1818 meinen Abschied ohne alle Auszeichnung, ohne jede
Pension, ohne Hoffnung und Aussicht. Ich wollte mich von Neuem engagiren
lassen, aber ich wurde bei mehrern Regimentern fr zu alt und untauglich
erklrt und wanderte zuletzt nothgedrungen von Lyon, wo ich mit meiner
Weberei keine Arbeit fand, in meine Heimath zurck.

Im Herbst 1818 kam ich heim, spielte jedoch keinen Offizier mehr, sondern
lebte einige Zeit bei Kameraden, welche mit mir in Spanien gewesen waren,
bis ich Arbeit erhielt.

Als die fremden Truppen aus Frankreich marschirten, befolgte ich guten Rath
und ging nach Mannheim, machte den Dolmetscher beim Verkaufen und
Geldwechseln, verdiente damit in kurzer Zeit schweres Geld, verfiel aber
auch in meine alte Dummheit und meinen alten Leichtsinn.

Whrend ich nmlich in einem Dorfe bei Mannheim lebte, wurde ich mit einer
Weibsperson bekannt, die ich zu heirathen gedachte und der ich viel Geld
anhing, zumal ich sonst keine Seele auf der Welt hatte. Einige Wochen ging
es ganz gut, ich glaubte lauter Liebes und Gutes, da sagten mir rechte
Leute, was Andere auch schon gesagt und es hie, mein Schatz halte mich nur
zum Besten, so lange ich Geld besitze, sei ein ziemlich verrufenes und
liederliches Weibsstck.

Dies that mir in der Seele weh, ich konnte es fast gar nicht glauben und um
mich mit eigenen Augen zu berzeugen, gehe ich Nachts mit einer ungeladenen
Pistole in ihr Haus. Richtig finde ich zwei Bursche in der Kammer, bekomme
Hndel und wie sie meine Pistole sehen, rennt das Kleeblatt zum Hause und
Dorfe hinaus in den Weinberg. Ich verfolgte das treulose Weib nicht lange,
ging in die Kammer zurck, zerschlug, was ich zerschlagen konnte,
zertrmmerte ihre Kiste, nahm die Geschenke heraus, die ich ihr gemacht
hatte und war noch mit Einsacken beschftiget, als sie mit den beiden
Burschen zurckkehrten, andere Leute durch ihr Geschrei herbeiriefen und
mich einen Ruber und Spitzbuben nannten.

Ich schlug darauf, da sie Feuer vor die Augen bekamen, doch Andere eilten
herbei, sie berwltigten und prgelten mich gottserbrmlich und am andern
Tage lieferten sie mich in die Amtsstadt, wo der Amtmann mich gleich
einlochen lie, freilich in ein besseres Gefngni, als diese Spelunke
Eines ist. brigens kochte er es mir schlimm genug, denn ich hatte ihn mir
zum Feinde gemacht, wie ich kurz erzhlen will.

Ein armer Mensch, den er nicht leiden mochte, weil er keine Kappe vor ihm
abzog, im Wirthshause schimpfte und ihm gegenber auch kein Blatt vor das
Maul nahm, war unschuldig in den Verdacht eines Diebstahles gekommen und
blieb viele Monate sitzen.

Beim Vorbergehen rief mir der arme Kerl, nannte in der Geschwindigkeit
alle Entlastungszeugen, klagte, wie er schon mondenlang sitze und niemals
ins Verhr komme, so da er und seine alte Mutter in groer Noth waren. Wir
redeten, bis die Gefangenwrterin uns strte und mich nicht mit ihren
Drohungen gegen mich, sondern mit denen gegen den Gefangenen fortjagte.

Ich besa damals Geld, ging zu einem Advokaten, erzhlte Alles, der Advokat
redete mit den Entlastungszeugen, machte mir eine Schrift und mit dieser
lief ich vor die rechte Schmiede, direct nach Karlsruhe zum Groherzog, der
mich sehr freundlich und gtig anhrte, die Schrift nahm und das Beste
versprach!

Ich habe in meinem langen Leben stets gesehen und erfahren, da die
vornehmsten und hchsten Personen gerade die herablassendsten und besten
sind. Bei uns wird es oft dem Brger und Bauer himmelangst, wenn er vor Amt
mu, denn wir haben gar zu viele Amtskosaken und die dummen Leute meinen
immer, die Amtskosaken knnten als studirte und angestellte Herren gegen
den gemeinen Mann nicht so gar grob und brutal sein, wenn es nicht von
Karlsruhe aus also angeordnet wrde.

Freilich ist gerade das Gegentheil der Fall; noch Jeder, den die Noth in
die Residenz trieb, und mit dem ich redete, konnte sich nicht genug
verwundern, wie gndig und herablassend der Groherzog sammt den Herrn
Ministern und andern hochgestellten Personen gegen arme und geringe Leute
seien. Das thut den Leuten wohl und sie verschmerzen es leichter, wenn sie
auch mit ihrer Bitte abfahren mssen, doch im Lande wissen und glauben es
Viele nicht, meinen, es sei ganz in der Ordnung, wenn die Polizeidiener die
Leute bei Feuersbrnsten zur Kurzweil prgelten, die Polizeicommissre
Handwerksbursche beim Visiren fast zerrissen, hohlkpfige Schreiber wie
Pfauen und bissige Hunde zugleich sich geberdeten und mancher Amtskosak die
grten Injurien und Schimpfreden Jedem ins Gesicht werfe, der keinen
feinen Rock trgt. Sie getrauen nicht, sich zu beklagen, mgen den Pontius
nicht beim vermeintlichen Pilatus anzeigen, schimpfen dafr heimlich und
rchen sich, so gut sie es vermgen! ... Auch von denen in feinen Rcken
darf Einer nur im Geruche stehen, ein Liberaler oder Radikaler zu sein,
dann bekommt er Grobheiten und Verfolgungen genug auf den Hals, verliert
vollends allen Glauben an das Wohlwollen der regierenden Herren und denkt:
Kommt Zeit, kommt Rath!

Mein Gefangener hatte Licht im Apfel, ich alter Soldat stand frisch vor dem
Groherzog; so ein Amtmnnlein, das nach Oben kriecht und nach Unten
kratzt, macht mir keine Angst und richtig, der Groherzog hielt redlich
Wort, der Gefangene kam rasch ins Verhr, die Entlastungszeugen wurden
gerufen und nach 14 Tagen ward der mondenlang Herumgezerrte als unschuldig
erkannt und freigelassen.

Das war gut, allein mir trug es keine Rosen, denn der Amtmann verga mir
den Streich nicht, den ich ihm gespielt hatte, jetzt bekam er mich selbst
in die Klauen und sein erstes Wort hie: "Warte, dich Lalle will ich zahm
machen!"

Was ich zerschlagen, war ohne groen Werth und ich wollte es bezahlen, was
ich genommen, war mein Eigenthum und ich erbot mich, dieses zu beweisen,
wiewohl das Mdchen niemals ein Geschenk von mir empfangen zu haben
versicherte. Im nchsten Verhre wurde die Klgerin mir gegenber gestellt,
lugnete abermals, ich aber wollte beweisen, da die Ohrenringe, in welchen
sie gerade prunkte, ebenfalls mir gehrten, nannte den Goldarbeiter und
zwei andere Zeugen, doch der Amtmann wollte nichts von ihnen hren.

Er spielte fortwhrend mit einem Lineal um meine Nase herum, ich bat ihn
drei und viermal, das Spiel aufzustecken, dafr trieb er es desto rger und
ruhte nicht, bis ich ihn bei der Gurgel nahm, zu Boden warf und ihm einige
saftige Faustschlge ins Gesicht versetzte.

Ich bekam vier Wochen Dunkelarrest bei Wasser und Brod, doch noch heute
freuet es mich, dem Kerl den Meister gezeigt zu haben. Damals wurde meine
Freude getrbt, weil der Gefangenwrter sammt seiner Frau mich auf jede
mgliche Weise fortwhrend rgerten, qulten und verfolgten.

Wie der Herr, so der Knecht, in meinem Falle waren beide boshafte,
heimtckische Tyrannen.

Der Kerkermeister sollte durchaus Hndel mit mir suchen, ich merkte es
damals schon und dachte. Was Ihr wollt, knnt Ihr beim Paul bekommen!

Einmal verlangte ich Stroh, weil ich bereits auf den bloen Brettern lag,
mehrere Tage spter kommt die Frau des Gefangenwrters und sagt. "Vor der
Thr liegt Stroh, flle Er seinen Sack!"--"Nein, flle Sie ihn, Sie hat
Ihr Wartgeld dafr!"--"Soll ich meinen Mann schellen?"--"Nur
zugeschellt, ich frchte Ihren Mann nicht!"

Das Weib rennt zornig fort, bringt den Mann und dieser kreischt. "Willst Du
Deinen Sack fllen oder nicht?" "Nein, ich will nicht, _Du_ bist dazu da!"
Er wollte mich packen und mit einem Stocke prgeln, den er mitgebracht,
doch ich kriege ihn an der Kravatte, brachte ihn zu Boden und zeigte ihm,
wo Barthel Most holt. Seine Frau will mir geschwind ein Fueisen anlegen,
ich versetze ihr einen Tritt, da sie heulend und schimpfend davon rennt
und bearbeitete ihren Mann, da ihm Hren und Sehen vergeht. Das Weib kommt
mit zwei Schaarwchtern; vor der Thre liegen einige groe Steine, ich
nehme einen und gehe damit den Schaarwchtern entgegen, da sie
davonliefen. Der Gefangenwrter liegt in meinem Kfig und kann nicht mehr
aufstehen, ich laufe auf dem Gange herum, bis der Amtmann mit 6 bis 8
Leuten kommt, von denen Jeder einen Bengel hat. Ich eile in meinen Kfig,
der Amtmann kreischt. "Gehe heraus!"--"Nein, Du Mrder, ich habe nichts
mit Dir!"--"Wendet Gewalt an!" brllt er.--["]Das werdet Ihr bleiben
lassen, wenn Euch euer Hirnkasten lieb ist!" schrie ich. Doch Zwei packten
mich und htten mich beinahe erwrgt; der Zorn gab mir Riesenkrfte, ich
schmi beide zum Kfig hinaus, Keiner wollte mehr anbeien und ich sage.
"Ich gehe heraus, wenn der Brgermeister da sein wird!"

Der Amtmann lt den Kerkermeister wegtragen, den Brgermeister holen, ich
gehe ins Verhrzimmer, mehrere Herren kommen, der Amtmann fragt: "Wehalb
den Gefangenwrter mihandeln?"--"Du Tyrann, wenn mich die Herren fragen,
will ich eure schlechten Streiche an den Tag bringen, Du bist mir zu
schlecht, als da ich Dir antwortete!"

Den Herrn erzhle ich Alles; sie lassen den Prgel des Kerkermeisters
holen, der noch auf dem Boden meines Gefngnisses lag und sage auch,
wehalb mich der Amtmann ins Unglck bringen wolle. Jetzt erfuhr ich, das
Mdchen habe einen Eid geschworen, da es Nichts von mir besitze. Ich bitte
meine Zeugen vorzuladen, meine Mihandlung dem Herrn Kreisdirector zu
melden, der Brgermeister rth mir, Alles beim Schluverhr anzugeben,
damit es das Hofgericht erfahre.

Ich kam jetzt in ein schweres Gefngni, obwohl es noch immer besser war,
als unser Loch hier, das an den Kesselthurm in Luzern mahnt.

Wie ich am Morgen mein Nachtgeschirr leere, springen mehrere Mnner aus
einem Verstecke, packen mich von hinten, werfen mich zu Boden, Hnde und
Fe werden festgehalten, der Schlosser legt mir zwei Ketten an und
vernietet jede mit einem Nagel.

Am Sonntag kommen zwei Wchter mit Gewehren, bringen ein Hemd, das an der
Seite ganz aufgetrennt und an den Aermeln mit Bndeln versehen war und
Abends die Gefangenwrterin, welche seither die Thre nicht mehr geffnet
hatte, so da es unsauber genug bei mir aussah. Sie bringt den Schlosser
mit und sagt: "Heraus, es wird eine Kette abgenommen, weil Ihr jetzt
ordentlich seid!"--"Nein, wenn ich die Ketten verdient habe, will ich sie
auch tragen!"

Mein Gefngni lag einige Schuh unter dem Boden, wie dieses; aus den Reden
einiger Leute vor demselben hatte ich entnommen, meine Geschichte sei der
ganzen Stadt bekannt und Alles freue sich, weil der als Tyrann der
Gefangenen bekannte und auf seine groe Gestalt und Kraft vertrauende
Kerkermeister doch einmal an den Unrechten gerathen und so "gezwiebelt"
worden sei, da er das Bett htete.

Nicht lange hernach kommen Herren, um die Gefngnisse zu visitiren, ich
wute es von den Gefangenen und hrte die Thren nacheinander aufmachen,
endlich die Schritte der Besucher, welche nher und nher kommen.

Wie dieselben vor meiner Thre sind, hre ich den Amtmann sagen: "Meine
Herren, da drinnen ist's nicht sauber!"--"Du bist auch nicht sauber, Du
Tyrann!" schrie ich aus Leibeskrften; die Thre wird jetzt aufgemacht und
ich klappere tchtig mit meinen Ketten, denn Licht kam nur durch die offene
Thre herein.

Nach kurzer Einleitung halte ich eine Rede an die Herren, der Amtmann will
mich unterbrechen, doch ein Herr sagt, da er zuerst mich ausreden lassen
sollte und ich erzhlte Alles. Die Herren fragen, ob ich krank sei und ich
antwortete: "Nein, Gottlob, trotz allem Elend bin ich bis jetzt gesund!"
... Sie sehen meinen Brodlaib, ich sage, das Brod sei bitter wie Galle,
voll Sand und mache Bauchgrimmen, sie kosten Alle das Brod und sagen
Nichts, Einer schttelt aber den Kopf.

Die Gefangenwrterin meinte, die Gefangenen seien auer mir Alle mit dem
Brode zufrieden, aber jetzt erzhle ich, wie verschieden hier Alle
behandelt, gespeist und getrnkt wrden, wie wohl diejenigen daran seien,
welche Geld brchten oder fr die Gefangenwrtersleute arbeiteten und wie
dieselben Alle abgerichtet htten ber das, was sie bei der Visitation
reden sollten.

Richtig werden alle Gefangenen noch einmal einzeln verhrt, mir werden die
Ketten abgenommen, Alles geht besser, ich erhalte ein weit besseres Zimmer,
nach einigen Wochen aber auch mein Urtheil, das auf 5 Jahre schweres
Zuchthaus mit Willkomm und Abschied lautete.

Der Amtmann lt mir den Willkomm mit 25 Stockprgeln gleich aufmessen, ich
wurde streng bewacht und dann ins Zuchthaus abgeliefert.

Hier wollte ich nicht arbeiten, bis eine andere Untersuchung eingeleitet
sei, der Verwalter meinte, er knne nichts machen, ich htte den Rekurs
ergreifen sollen, leider hatte ich von der Sache damals noch nicht viel
los. Ich arbeitete erst, als ich zuerst 25 erhalten und im Zwangstuhle
gesungen hatte. Bald kommt ein hochgestellter Herr von Karlsruhe, ich melde
mich zu ihm, erzhle demselben Alles, der Verwalter untersttzt und
verklagt mich gleichzeitig und der Herr verspricht das Mgliche zu thun.

Bald wurde ich aus dem schweren Zuchthaus in das Arbeitshaus nach Bruchsal
gebracht, die fnfjhrige Strafzeit blieb jedoch und das Ganze wurde als
Gnadensache angesehen. Gnade hatte ich aber keine gewollt, machte jetzt
einen Ausbruch, wurde erwischt, erhielt 40 Stockstreiche in 2 Portionen und
4 Wochen schweres Eisen.

Von da an blieb ich ruhig, machte meine 5 Jahre und wurde mit 25 Hieben
beabschiedet. Das Erste, was ich that, war, da ich mich als Dolmetscher in
2 groen Gasthfen meldete und angenommen wurde.

Der Gefangenwrter, der alle Gefangenen so arg mihandelte, war todt, der
ungerechte Amtmann abgesetzt und verachtet, Gott ist gerecht!

Ich verdiente ordentlich Geld und wohnte in einem Hause, in welchem eine
Krmerin, die hausirend im Lande herumzog, ihre Niederlage hatte. Diese
machte mir die Zhne lang, that, als ob sie daheim ein eigenes Haus und
Felder bese und mich heirathen wolle. Sie beredete mich, meinen Posten
aufzugeben, mit ihr auf den Jahrmrkten in der Pfalz, in Hessen und Baiern
herumzuziehen und ich that es, obwohl gutmeinende Leute mich vor diesem
Weibsbilde warnten und sagten, dasselbe sei schon mit mehr als Einem
herumgezogen und kein Mensch wisse, wohin dieselben gekommen, sie rede
immer davon, da sie von ihr weggelaufen seien.

Einmal kamen wir nach Mannheim und logirten im "freien Leben" ... Sie gab
vor, vorige Weihnachten Vieles in Mannheim gekauft, theilweise in der
"goldenen Gans," theilweise in Kferthal gelassen zu haben und bat mich,
ihr die Bndel zu tragen, welche sie jetzt holen wolle.

Richtig gehen wir nach Kferthal und mit einem schweren Bndel in die Stadt
zurck, dann in die "goldene Gans," wo sie ihre Waarenniederlage hatte,
gibt mir wieder einen Pack, geht fort und sagt, wenn sie nicht bald komme,
so mge ich sie im "freien Leben" erwarten.

Lange will sie nicht mehr kommen, ich nehme den Pack und will aus der
"goldenen Gans" fort, da fragt der Sohn des Hauses, was ich denn trage, ich
sage es demselben, die Wirthin kommt, ich mu den Bndel ffnen und siehe
da--es waren lauter Sachen, welche diesen Leuten gehrten. Ich wute, es
sei mit den Bndeln nicht ganz in Ordnung, doch da Etwas den Leuten in der
"goldenen Gans" gehre, das habe ich nicht gewut und nicht vermuthet.

Natrlich werde ich verhaftet, merke bald, da ich die ganze Suppe ausessen
msse, weil die Krmerin sich aus dem Staube gemacht hat und ich nicht
sauber gewesen bin, wie das erstemal. Mit Beihlfe meiner Mitgefangenen
breche ich aus, werde jedoch erwischt und erhalte eine Kette an Hand und
Fu. Jetzt machen wir ein Loch in die Mauer und eines Abends, als die
Lichter angezndet wurden, gehe ich sammt der Kette fort, schlage vor der
Stadt das Schlo ab, werfe die Kette in einen Garten hinein und finde
Zuflucht im Hause eines "guten Freundes."

Dieser getraut sich nicht, mir andere Kleidung in meinem Wohnorte zu holen,
mein Ausbruch hatte Lrm erregt, die Polizei war ins Haus gekommen und
drohte mit Strafen, wenn man mich in irgend einer Weise untersttze.

Am 6. Tage sagt die Hausfrau ganz erschrocken, das Haus sei umstellt; ich
wollte zum Fenster hinaus, doch da stunden "bekannte Leute," ich hatte kaum
Zeit, mich hinter die Kammerthre zu stellen, so tritt der Brgermeister
herein: "Hat Niemand hier bernachtet?"--"Nein!"--"Ei, dort schauen ja
zwei Stiefelspitzen unter der Thre hervor!" meint der Wachtmeister, macht
die Thre ganz auf und steht vor mir. "Ah, guten Morgen, Herr Paul, habt
Ihr hier bernachtet?"--"Nein, ich kam so eben, forderte ein Stck Brod,
ging in diese Kammer, als ich Euch sah; ich habe mich genirt, weil mich
hier so viele Leute kennen!"--"Wehalb geniren, wenn Ihr schuldlos seid?"
--"Ja, ich bin schuldlos!"--"Das wird sich herausstellen, kommt nur
mit!"

Jetzt wurde ich in einem Arreste des Zuchthauses verwahrt, das Verhr fing
erst recht an, meine Flucht galt als Beweis meiner Schuld, ich sah, da
Alles schief ging, dachte an Flucht, nicht aber an die Unmglichkeit
derselben. Mit unsglicher Mhe bohrte ich ein Loch in den Kamin neben dem
Ofen, Abends nach der Suppe machte ich es gro genug, um hineinzukriechen,
kroch im Kamine hinauf, sa auf dem Dache und wute nicht wohin.

Ehe mich eine Schildwache bemerkt hatte, kroch ich wieder hinab in meinen
Kfig, dachte bei mir selbst: "Kommen sie um 10 Uhr zur Visitation und
sehen das Loch, dann bist Du des Todes Paule! ... Sie habens schon Mehrern
so gemacht, jedenfalls wehrt sich ein alter Grenadier!"

Ich zog die Bettlade als Barrikade vor die Thre, blieb angekleidet auf dem
Bette sitzen, doch kam in dieser Nacht Niemand mehr zu mir.

Am andern Morgen bringt der Zuchtknecht Wasser und Brod, betrachtet das
Loch, sagt nichts, kommt jedoch bald mit drei Andern zurck, sie bringen
Farrenschwnze und hauen mich, da ich keinen Tritt mehr zu gehen
vermochte.

Blutend werde ich in einen unterirdischen, stockfinstern Kerker geschleppt,
alles Melden zum Doctor blieb vergeblich, mein Schreien wurde hchstens von
den im Hofe arbeitenden Gefangenen gehrt und so blieb ich 11 Tage liegen.

Der Zuchthauspfarrer mute Wind bekommen haben, da ich im "schwarzen
Block" sei, dessen Wnde schwarz angestrichen waren und worin der
Todtenkasten lag. Er kam zu mir, lie sich Alles erzhlen, betrachtete mich
vor der Thre, wohin ich kroch, meinte unwillig. "Auf diese Weise kann man
Menschen behandeln? Nimmt dies immer noch kein Ende?" und schon Mittags kam
auch der Doctor. Als dieser mich sah, drohte er mit Karlsruhe und lrmte,
da Alle zitterten. Er sprach mich sogleich ins Krankenzimmer, wo Mehrere
lagen seit Jahr und Tag in Folge unmenschlicher Behandlungen, bis der Tod
sie erlste oder die Gemeinde als Krppel zurckhielt. Gottlob und Dank,
diese Mihandlungen sind seit den Dreiigerjahren unmglich geworden, ein
Strfling der heutzutage klagt, verdient in den meisten Fllen 50 aus dem
Salz! ... Die Herren in Karlsruhe und die Gerichte wollten freilich niemals
solche Abscheulichkeiten, doch glaubten sie damals, Jeder sei gut genug,
Zuchthausbeamter zu werden und wenn dieser ein Vieh zum Zuchtknecht machte,
wurde dessen Grausamkeit den hhern Behrden als Diensteifer angewiesen!
... Whrend ich im Krankenzimmer lag und in Folge der Mihandlung Blut spie
und trotz aller Sorgfalt des Arztes arbeitsunfhig wurde, machten zwei
Strflinge der Mihandlung ein Ende, indem sie ihr Leben aufs Spiel
setzten.

Beide saen im "schwarzen Block" und paten, bis der Schlimmste unter den
Aufsehern zum Visitiren kam. Wie er die Thre ffnet, sticht ihm Einer ein
geschliffenes Spuleisen in den Leib, der Zweite nimmt ihm den Sbel und
beide verwunden und verfolgen den zweiten Aufseher, der ein guter Mann war,
worauf die Strflinge in ihrer Raserei nicht achten. Derselbe entwischt
ihnen, die beiden Strflinge rennen mit dem Sbel und Spuleisen in den
Gngen herum und fordern die eingesperrten Gefangenen auf, alle Beamten und
Aufseher todt zu schlagen und allgemein auszubrechen, thun jedoch guten
Aufsehern, die ihnen begegnen, nichts und lschen alle Lichter aus.

Wie sie zum Fensterlein des Meisterzimmers hineinschauen, siehe da, da
steht der Schlimmste von Allen, den sie erstochen zu haben glaubten, die
Thre ist zu, im Gange liegen Gewichtsteine von 25 und 50 Pfund, sie werfen
diese Steine gegen die Thre und durch das Fenster des Meisterzimmers, ein
Stein trifft den Gestochenen mitten auf die Brust und er fllt wie ein
Sack.

Andere Gefangene ergreifen Hmmer zum Kettenanschlagen, schlagen Thren ein
und suchen in den Hof zu kommen, die halbe Stadt steht jedoch schon vor dem
Zuchthaus, die Soldaten knnen nicht gleich hereindringen, weil das Schlo
des eisernen Gitterthores verstopft wurde, endlich kommen sie doch herein,
schaffen Ordnung und bringen die beiden Strflinge in den Block zurck.

Der schlimme Aufseher starb bald an seinen Wunden; schon das Spuleisen
wrde ihn getdtet haben, wenn seine Sackuhr den Stich nicht aufgehalten
und abgeleitet htte. Der bessere Aufseher war durch die Sbelhiebe auf den
Kopf halb wahnsinnig geworden, lag lange krank, wurde alsdann Pfrtner,
jagte sich jedoch bald nachher eine Kugel durch den Kopf. Er war ein guter
Mann, trug das silberne Medaillon fr einen Feldzug und hinterlie einen
achtjhrigen Buben als Waise. Vielleicht hat es ihn gekrnkt, weil die
Strflinge ihn ungerecht mihandelten und die Stadtleute als einen
Haupttyrannen der Gefangenen verachteten, was er doch nie gewesen. So oft
ich an den guten, unglcklichen Mann zurckdenke, schieen mir die Thrnen
in die Augen, er war auch eines bessern Schicksales wrdig!

Ich genas allmhlig, ging auf einen Webstuhl, um mir einige Kreuzer
gutschreiben zu lassen, dann kam mein Urtheil und lautete schlimm genug.
Die fnf Jahre, welche ich schon gemacht, sollte ich wieder machen und noch
zwei dazu, also sieben volle Jahre, zum Willkomm 25 Stockprgel, nach
Erstehung der halben Strafzeit 25 Repetirstreiche und zum Abschied noch 25
empfangen.

Den Willkomm erhielt ich gleich baar ausbezahlt und whrend ich sie
erhielt, beschlo ich, die sieben Jahre um keinen Preis zu bleiben. Die
Weber zettelten ein Complott ein, wir wollten beim Gang aus dem Schlafsaal
ins Freie, doch als der Tag da war, wurden wir viel spter als die Andern
herausgelassen, wagten nichts, weil Alles in der Stadt schon lebendig war,
fanden doppelte Aufsicht, wurden aus dem Webersaale bald wieder abgefhrt,
dann kam der Verwalter und hatte alle Verschworenen auf einem Zettel mit
Ausnahme eines Franzosen, der uns verrathen hatte. Wir Alle wurden verhrt,
einzeln in Arrest gesetzt oder paarweise, ich mit Zweien, die nichts von
der Geschichte wuten, mir Strafzulage prophezeiten. Sie waren auch zur
Flucht bereit und hatten bereits dafr gesorgt, da sie in der Stadt ihre
Montur mit Civilkleidern vertauschen konnten. Wir brachen aus, gelangten
jedoch nicht ins Freie, weil die Ausgnge ganz verndert und fester
verrammelt worden waren. Einer von uns war ein junger Mensch, wir wollten
nicht, da er mit uns gestraft werde, er mute Lrm machen, wir redeten in
unserm Verhre fr seine Schuldlosigkeit, doch uns selbst konnten wir nicht
wei waschen, denn abgesehen davon, da wir aus dem Arreste gebrochen,
hatte ich allzuvoreilig meine Schuhe, mein Kamerad seine Kette ins Freie
hinausgeworfen.

Die Verschwornen erhielten Einer nach dem Andern 25 und muten singen d. h.
in den Zwangstuhl, ich erhielt 50 und mute auch doppelt singen.

Von nun an blieb ich ruhig, bis ich meinte, die sieben Jahre seien
abgelaufen. Da nahm ich meine Sachen, brachte dieselben dem Obermeister und
sagte, ich wolle fort, meine Zeit sei aus. Er wollte davon nichts wissen,
ging zum Rapport, kam zurck und berichtete, ich msse noch 7 Monat und 23
Tage bleiben.

Nun wollte ich nicht mehr arbeiten, hrte nicht auf die Ermahnungen des
sehr braven Obermeisters, sondern ging lieber in den schwarzen Block und
hungerte. Tglich wurde ich ermahnt, vernnftig zu sein und zu arbeiten,
ich hrte nicht darauf und kam endlich in den untersten Block, hatte jeden
andern Tag einen Hungertag und hielt es 33 Tage aus, entschlossen, mich
eher tdten zu lassen, als zu arbeiten.

Am 34. Tage werde ich zu den Geistlichen gerufen, diese setzen mir den Kopf
zurecht, ich wurde gar schwach und verworren im Kopfe, fhlte schon, ich
sei nicht mehr der junge Paul, sondern es gehe allmhlig abwrts mit mir.
Ich versprach zu arbeiten, wenn ich ein besonderes Zimmerlein erhielte,
weil ich nicht mehr zu den Strflingen gehre, erhielt auch Eines und
arbeitete.

Doch ein solches Leben, wie ich es seit meinen Feldzgen gefhrt, war mir
entleidet; ich sprte, da ich der Grenadier von Anno 1805 und 1815 nicht
mehr sei und der Gedanke, was noch aus mir werden sollte, wenn ich noch
schwcher, dmmer, furchtsamer oder gar krnker wrde, machte mich
schwermthig, zumal auch gar kein Mensch auf der weiten Welt sich um mich
kmmerte. Gott mge es mir verzeihen, da ich es gethan--ich hing mich
einmal in der Nacht an meinem Webestuhle auf, nachdem ich eine Zeitlang
bittere Thrnen ber mein Unglck vergossen hatte. Die Nachtwache entdeckte
es jedoch, ich wurde zeitig abgeschnitten, kam ins Krankenzimmer und die
Geistlichen sprachen mir armen Teufel Trost, Ermuthigung und
Gottesvertrauen ein.

Fortan war ich so schchtern, da ich erschrack, wenn mich Jemand nur
scharf ansah und ohne Freude sah ich meiner Freilassung entgegen.

Es war Winter, als ich in einer elenden Montur in meinem Heimathsort ankam,
doch gute Leute schenkten mir Kleider und verschafften mir Arbeit bei einem
Weber. Bald bekam ich mein altes Blutspeien wieder, der Herr Medizinalrath
Z. erklrte, ich msse das Weben aufgeben, wenn mir mein Leben lieb sei.
Den Tod scheute ich nicht, desto rger lange Krankheit, machte wieder den
Dolmetscher, diesmal in Heidelberg und bediente einige Herren.

Ich wei recht gut, da ich mit mehr Fehlern behaftet bin als ein alter
Judengaul und einer derselben besteht darin, da ich Niemanden leicht eine
Bitte abzuschlagen vermag. Ein hoher Beamter, den ich bediente, besa lange
Reihen von Bchern und wie mich eines Tages Einer ersucht, ihm ein Buch zu
verschaffen, dessen Aufschrift er mir nannte und welches er in drei Tagen
zurckzugeben versprach, suchte, fand und nahm ich dieses Buch bei dem
Beamten und trug es zu dem Herrn, welcher es lesen wollte. Nach drei Tagen
erhielt ich das Buch richtig zurck, wollte es auch gleich wieder an Ort
und Stelle bringen, doch auf dem Wege begegnet mir ein guter Bekannter aus
einem nahen Dorfe, ich mu mit ihm gehen, schleppe das verdammte Buch mit
und vergesse, dasselbe auf dem Rckwege mitzunehmen, zumal es wegen seiner
Gre in keinen Sack gesteckt werden konnte.

Am andern Tag stehe ich vor dem Prinz Carl, sinne darauf, wie ich Etwas
verdienen knnte, da fahren zwei Kutschen heran, aus einer derselben steigt
ein ltlicher Herr und wer ists? Mein alter Kapitn vom 16. Regiment,
welchem ich in Spanien das Leben retten half und der spter bei Waterloo
auch einen Fu verlor.

Er erkennt mich alten Kunden ebenfalls bald, freut sich sehr, mich hier zu
finden und wie ich ihm kurz mein Schicksal oder besser mein Elend erzhle,
so sagt er, er sei als Oberstlieutant pensionirt worden, von Hause aus
reich, habe ein Gut in Oestreich gekauft, wolle mich mitnehmen und
versorgen, so lange ich lebe oder so lang es mir bei ihm gefallen wrde.

Eilends gehe ich vors Amt und verlange meine Schriften, doch da heit es:
"Eure Schriften kann ich Euch nicht geben, Ihr wrdet nur wieder in der
Welt herumzigeunern, auf dem Schube wieder heimkommen und Unkosten
verursachen!" ... "Bin ich je in meinem Leben per Schub heimgekommen?"--
"Nun, wenns auch nicht so ist, so mt Ihr Euch doch an hhere Behrden
wenden!"

Auch gut! denke ich und gehe nach Mannheim zum Herrn Kreisdirector, sage
diesem guten Herrn mein Anliegen und da ich wegen meiner Armuth nichts
Schriftliches mitbrchte. Er lt ein Protokoll aufnehmen und verspricht,
sogleich fr Herausgabe meiner Schriften zu sorgen.

In Heidelberg erzhle ich Alles meinem Oberstlieutant, dieser kann nicht
lange warten, gibt mir ein schnes Geschenk sammt seiner Adresse, heit
mich bald nachkommen und reist weiter.

Nach einigen Tagen gehe ich zu dem Beamten und frage, ob nichts von der
Kreisregierung an mich gekommen sei? Allerdings! sagt er; doch ich habe
Gegenbericht eingesandt, Ihr drft nicht fort!

Flugs eile ich zu einem Advokaten, ich hatte ja Geld, lasse eine schne
Schrift an die Regierung aufsetzen und trage sie selbst auf die Post.

Am andern Tage finde ich den hohen Beamten, den ich bediente, sehr zornig;
es sind Leute bei ihm, er heit mich spter kommen und ich gehe in den
schwarzen Bren, um das Morgenessen einzunehmen.

Whrend ich dies thue, kommt der Wachtmeister und bringt mich zu dem Herrn
zurck, der mich gleich fragt: "Wo habt Ihr mein Buch?"--"Ich habe kein
Buch mitgenommen."--"Gesteht oder Ihr werdet eingesperrt!"--"Ich wei von
keinem Buche nichts!"--"Fort, in den Brckenthurm!"

Auf dem Wege sagt der Wachtmeister: "Ohrfeigen htt' ich Euch geben mgen,
weil Ihr so unnthig lugnetet; es geschhe Euch ja Nichts, hchstens
wrdet Ihr 2 bis 3 Tglein im Schatten gesetzt von wegen der Freiheit!"--
"Ist die wahr?"--"Mein Seel!"--"Ich wills gestehen, ich habe das Buch
genommen, jedoch nicht gestohlen, sondern nur fr einen Herrn geliehen!"--
"Gut, da Ihr gescheid seid, wollen wir gleich zu dem Herrn zurck!"

Es geschah, ich erzhlte Alles der Wahrheit gem, doch wurde ich nicht
frei und komme ins Verhr.

Mit Hlfe anderer Gefangener steige ich um Mitternacht auf das Dach des
Thurmes, will mich an zerschnittenen Leintchern herablassen, doch die
Sache geht nicht gut, ich mu mich am Schieferdeckershaken halten, bleibe
dort hngen, werde bemerkt, mit groen zusammengebundenen Leitern
herabgeholt, komme in ein schwereres Gefngni, werde krank und bald wieder
in ein besseres Zimmer gesetzt.

Ich wrde lgen, wenn ich ber meine Behandlung whrend der Untersuchung
klagte; der Amtmann war kein Tyrann, sondern ein humaner, gerechter und
sehr gescheidter Herr, der den Kerkermeistern scharf auf die Klauen sah,
damit sie dieselben nicht allzuweit gegen die Gefangenen herausstreckten.

Dagegen lautete mein Urtheil schlimm genug, zumal das unglckselige Buch
nicht mehr aufgetrieben wurde und mein guter Bekannter nichts mehr davon
wute.

Sieben volle Jahre hatte ich das vorigemal gemacht, ich sollte dieselben
wieder machen und zwei neue dazu, folglich neun geschlagene Jahre.

Ihr knnt Euch denken, wie mir zu Muthe war bei Verlesung des Urtheils,
doch mein Reden half wenig, ich dachte auf dem Wege ins Zuchthaus immer an
den frommen Gottesmann Bernhardus, der mir auch dieses Unglck wie die
meisten andern prophezeit hat. Wenn ich daran denke, da ich schon bei der
Geburt zu 70 Strafjahren verurtheilt wurde, so bin ich Gott dankbar, weil
Er mir doch auch lustige Tage schenkte und die Kraft gab, mehr als zehn
Andere auszuhalten und wenn ich bedenke, da die 70 Jahre bald berstanden
und dann noch 20 gute kommen werden, so lebe ich manchmal von Neuem auf,
wenn ich nicht gerade Blutspeien habe!

Ich war diesmal nicht lange in der Strafanstalt, da gab es eine Revolution
wegen der Kost, mein einugiger Spezel da wei auch davon zu erzhlen, denn
er spielte eine weit grere Rolle dabei als ich. Wir schlugen um
Mitternacht alle Fenster zusammen, verrammelten uns in unsern Slen,
schlossen dieselben fest und ffneten sie nur dem Kreisdirector, nachdem
die ganze Garnison gegen uns ausgerckt war. Uebrigens machte ich selbst
sehr wenig dabei; ich bin nicht mehr der Alte, mein Muth und meine Krfte
sind sehr geschwunden und es ist eine leichte Sache geworden mich
einzuschchtern. Mache einer meine Feldzge und Strapatzen durch, halte
dann dazu 15 Jahre Gefngni der schwersten Art aus und bleibe jung und
stark und herzhaft, wenn er es vermag! ... Was sage ich 15 Jahre? Wartet
einmal, fnf und sieben sind zwlf, zwei und ein halbes thut vierzehn und
ein halbes, dann drei dazu und noch eins, macht Alles in Allem achtzehn und
ein halbes Jahr in Strafhusern seit meiner Rckkehr in die Heimath,
abgerechnet, da ich jetzt wieder einige Monate sitze und trotz meiner
Schuldlosigkeit einige Jahre auf den Buckel bekommen kann. Freilich kenne
ich Strflinge, welche abwechselnd 20, 25, ja 30 und mehr Jahre in
Zuchthusern lebten und auch einen Beweis lieferten, da der Mensch zehnmal
mehr aushlt als der grte und strkste Elephant!

Nach der Kostrevolution bat ich, mich alternden Mann allein zu setzen und
es geschah auch, ich erhielt ein ordentliches Zimmerchen und man plagte
mich nicht sehr mit dem Arbeiten, weil ich mein Blutspeien wieder bekommen
hatte.

Die Zeiten sind fr die Gefangenen in Manchem anders und besser geworden,
andere Herren sind berall ans Ruder getreten, auch die Stockprgel sind
abgeschafft worden und ich bin ganz dafr, obwohl es Menschen und Flle
genug in Strafhusern gibt, wo ein gerechter Strfling meint, er msse
selbst den Stock zur Hand nehmen und Mitgefangene prgeln. Wer Ehrgefhl
besitzt, dem wird es durch Stockprgel gar leicht aus dem Leibe
herausgeschlagen, ich habe das bei den Oestreichern und Russen genug
erlebt; aber wo einmal das Ehrgefhl fehlt, da bleiben Prgel und
Zwangstuhl das einzig wirksame Mittel; alles Schonen macht unverschmte und
freche Menschen nur rger und weil sie sich durch das Gesetz geschtzt
wissen, geberden sich manche Strflinge heutzutage, als ob Aufseher, Beamte
und Geistliche ihre Schuhlumpen wren!

Etwas ber 2 Jahre sa ich wegen dem Buch in meinen Stblein, da kam ein
hoher Herr von Carlsruhe in die Anstalt, um dieselbe zu visitiren. Ich sah
ihn durch den Hof gehen, rief seinen Namen, bat ihn, mich ein ein [ein]
bischen zu besuchen; er kam auch richtig gleich zu mir, ich erzhlte Alles,
der Verwalter und der Doctor redeten auch gut fr mich und der Herr sagte,
er wolle meiner gedenken und schrieb Mehreres in seine Brieftasche.

Es dauerte gar nicht lange, so wurde ich begnadiget, sechs und ein halbes
Jahr sind mir an der Strafzeit geschenkt worden; so oft ich an den guten
Herrn und an den Groherzog Leopold denke, der so Vieles fr die Aermsten
aller Armen, fr Gefangene gethan hat, flieen die Thrnen stromweise ber
meine alten Wangen, ich weine wie ein Kind und kann nur beten, da Gott den
Groherzog Leopold noch lange beim Leben erhalte, denn dieser Herr ist die
Gte selbst. Htte Er nur tausend Augen, tausend Ohren und zehntausend
Arme, ein edleres Herz brauchte er nicht, dann knnte er die Spitzbuben und
Heuchler sammt den Volksverfhrern an der Cravatte kriegen und auch einmal
manchen feinen Rock ins Zuchthaus abliefern! ... Schon in frhern Zeiten
hatten viele Leute um meiner Abentheuer und Ausbrche willen geglaubt, ich
sei eine Art Hexenmeister und knnte recht glcklich und reich sein, wenn
ich nur wollte. Lustig blieb ich bei allem Elend immer, kann noch heute
recht lustig sein und werde es wohl, wenn einmal die 70 Strafjahre vorber
sind! ... Nach meiner Entlassung behaupteten die Leute, ich knne machen,
da Einer in der Lotterie gewinne, mein Widerreden half nichts, die Leute
blieben so aberglubisch auf ihrer Meinung, als ob sie die rgsten
Katholiken und keine Zwinglianer wren, am Ende dachte ich: wenn Ihr
durchaus betrogen sein wollt, so kanns der alte Paul ja thun, es wird ihm
nicht schaden und Ihr werdet bald an Euerm Verlust merken, da ich kein
Hexenmeister bin!

Viele glaubten, ich wolle mit meiner Wissenschaft nur nicht herausrcken,
steckten sich heimlich hinter mich und gaben mir, was ich gerade brauchte,
versprachen goldene Berge dazu und ich sagte ihnen das Mittel, welches mir
ein Jude einmal anvertraut hat und das ich niemals selbst probirte, weil
mir das viele Geld dazu mangelte. Ich selbst hielt anfangs nicht wenig
darauf, doch nachdem es Einige angewendet und in der Lotterie dennoch
keinen Knopf gewonnen hatten, schwand mein Zutrauen, bei Andern war dies
auch der Fall, sie behaupteten, ich fhre die Leute betrgerisch am
Narrenseil herum. Solches that mir wehe, weil es nicht wahr gewesen.

Dagegen kamen Andere noch immer heimlich zu mir, sagten, ich habe Andern
wahrscheinlich das rechte Mittel nicht gesagt, weil sie zu knauserig
gewesen und wollten um jeden Preis dasselbe aus mir herausbringen.

Ich lebte in einem Dorfwirthshause, weil ich da am wohlfeilsten schlief und
um 6 Kreuzer tglich zu essen bekam. Das Essen war wenig und elend, Durst
habe ich auch oft gehabt und so freute ich mich, da die Schwester der
Wirthin, eine wste alte Jungfer, die immer noch gerne geheirathet und
dehalb in der Lotterie gewonnen htte, sich hinter mich steckte und mir
Vieles gab, damit ich das wahre Mittel sage. Den Wirthsleuten sagte sie
nichts davon, um nicht ausgelacht zu werden und wir hielten Alles heimlich.

Einmal trete ich in die Stube, da sitzen einige Juden am Tische und ich
setze mich neben sie. Ich hatte einem Studenten eine Kommission gemacht,
ein gutes Trinkgeld erhalten, war etwas angetrunken und lasse von Zeit zu
Zeit ein Stck Speck unter dem Rocke hervorschauen, um die Juden zu utzen
und sage, ich sei nicht mager, wie die Leute meinten, sondern fett, man
mge mich nur nher betrachten.

"Woher habt Ihr den Speck?" fhrt mich der Wirth an.--"Kthchen hat ihn mir
drauen gegeben in der Kche, als ich meine Pfeife anzndete!" sage ich
erschrocken.--"Kthchen, hast du dem Paul von meinem Speck gegeben?" fragt
der Wirth.--"Mein Herz hat nie daran gedacht, der Paul lgt!"

Jetzt beginnt der Wirth zu fluchen und zu schnden, ich gebe auch nicht
nach, weil ich Etwas im Kopf hatte, zahle meine Sache und gehe fort.

Am andern Tage werde ich vor Amt geladen und eingesteckt. Kthchen
beichtete die ganze Lotteriesache, dagegen legte sie einen Eid ab, mir
niemals Speck gegeben zu haben, Zeugen hatte ich keine und war verloren.

Der Verhrrichter lie mich frei, weil ich alt und krnklich sei, bis der
Bescheid vom Hofgericht kam. Dieser lautete auf 3 Jahre Zuchthaus, mein
Widerreden half nichts, weil ich schon oft im Zuchthause gewesen und ich
machte meine Zeit.

Kaum bin ich einige Wochen frei, so passirt mir ein neues Unglck.

Ich wohnte wieder in einem Dorfe, blieb bald da bald dort ber Nacht. Eines
Morgens sehe ich beim Fortgehen vor der Speicherthre schwarze Wsche
liegen, nehme zwei alte, elende Hemden, von denen keines 24 Kreuzer werth
war und will fort. Ein kleines Kind schaute mir zu, wie ich die Hemden in
mein Sacktuch band, rennt in die Stube und sagt es der Mutter, diese eilt
heraus, stellt mich zur Rede, ich gestehe Alles gleich, whrend die Frau
noch schimpft, tritt der Gemeindediener herein, doch lt man mich in
Frieden ziehen.

Eine halbe Stunde vom Dorfe holt mich jedoch der Polizeidiener ein, fhrt
mich zum Brgermeister des Dorfes zurck, dieser sagt, er wrde mir eine
leichte Strafe geben, wenn ich in die Gemeinde gehrte, weil dieses jedoch
nicht der Fall sei, msse er mich dem Amte einliefern.

Vor Amt lugnete ich gar nicht, wurde abermals frei, vom Hofgerichte
abermals zu 3 Jahren verurtheilt, diesmal ergriff ich gar keinen Rekurs und
machte abermals meine Zeit. Apropos, da ichs nicht vergesse, meine
Rechnung von vorhin leidet an einer kleinen Unrichtigkeit, ich habe die 3
Jahre, in welchen ich fr die zwei elenden Hemden ben mute, nicht
gezhlt und bin also nicht 18, sondern 21 Jahr in Strafanstalten
gewesen. Vielleicht feiere ich bald mein Zuchthausjubilum!

Elender, schwcher und rmer als je kam ich heim und kein Mensch wollte
sich jetzt mehr meiner annehmen, ich vermeinte, die guten Leute seien auf
der Welt Alle ausgestorben! ... Voriges Jahr wird Einer Prsident der
Armencommission, welcher allen Armen Abzge machte. Seit mehreren Jahren
bekam ich vom Spitale ganze Kost und Brod oder Kostgeld, weil ich jhrlich
Zeugnisse vom Physikus brachte, da ich arbeitsunfhig sei.

Jetzt mu ich zum Prsidenten und da heit es: "Er erhlt gar nichts mehr
vom Spitale, arbeitet!"--"Kann ich denn weben? Ich darf ja nicht!"--
"Verrichtet leichte Arbeit!"--"Geben Sie mir; ich bekomme nirgends mehr
eine Gelegenheit zum Verdienen!"--"Suche Er nur eine solche!"--"Ja, was
soll ich jetzt anfangen?"--"Betteln oder Stehlen, mir ist es gleichgltig!"

Einige vornehme Brger, von denen ich wute, da sie den Prsidenten als
einen Aristokraten nicht leiden mochten, ermahnten mich, die Sache bei den
Behrden anzuzeigen und Einer setzte mir eine Schrift auf.

Diese Schrift gab ich am rechten Orte ab, erhielt 4 Wochen keinen Bericht,
hatte manchen Tag nichts zu essen und verhungerte beinahe.

Endlich gehe ich auf das Oberamt, klage mein Elend, die Thrnen flieen
stromweise ber meine alten Wangen, die Herren aber verwundern sich,
wehalb ich noch nichts erhalten, denn sie hatten das Nthige sogleich
gethan. Es dauerte wieder 14 Tage, ohne da ich etwas erfuhr, ich ging
wieder zu den Brgern und klagte, diese gaben mir Geld, Einer machte mir
wieder eine Schrift, worin der Prsident der Armencommission sammt dem
Oberamte verklagt war und ich wanderte zum Herrn Kreisdirector.

Dieser gute Herr las meine Schrift und sprach mir Trost ein.

Das Oberamt verbelte mir, da ich es ungerecht verklagt habe, doch ich
hatte dies ja nicht gewut, die Brger sagten alle, das Oberamt spiele mit
dem Prsidenten unter Einer Decke und beide seien gleich schlecht und
volksfeindlich.

Endlich nach 3 weiteren Wochen ist Sitzung der Commission, dieselbe spricht
mir fr jeden Tag einen Schoppen Suppe und einen Schoppen Gemse und fr
jeden fnften Tag 4 Pfund Brod zu. Als alter Mann wollte ich auch Fleisch,
ging dehalb zu einigen Herrn der Commission, doch nicht zum Prsidenten
und erhielt dann alle Sonntage ein Stcklein Fleisch.

Weil ich auch unter der Woche Fleisch will, gehe ich endlich wieder zum
Prsidenten, erhalte aber nichts, bis er von seiner Stelle abdanken mu,
alsdann gibt mir sein Nachfolger Alles, was ich frher genossen. So oft ich
an diesen guten Mann denke, laufen mir die Thrnen stromweise ber meine
alten Wangen und der Gottesmann Bernhardus kommt mir in den Sinn! ... Im
vorigen Sptjahre hatte ich keine Winterkleider und lief in elenden
Sommerhosen herum, obwohl der Winter diesmal frh angefangen hatte; dies
sahen einige Herren und es dauerte nicht lange, so trug ich eine ganz
schne, warme Montur. Gott verlt den alten Paul nicht, wenn Er ihn auch
aus einem Kreuz ins andere schickt!

Da ich jetzt in Untersuchung bin, weil Eine, welche Lotterielose sammelt,
mir mein Geheimni abschwatzte, Manches gab, in der Lotterie Alles verlor
und mich aus Rachsucht nachtrglich anklagte, ich htte ihr Vieles
gestohlen, was auf meinem Speicher in der Kiste unter der Bettlade doch
ganz schn geordnet gefunden wurde, dies wit Ihr Alle! ... Der Hauptfehler
ist, da ich eine kleine Winterreise machte und hier herauf gerieth, wo ich
arretirt wurde und jetzt schon so lange sitze, ehe ich in die Heimath
geliefert werde. Wie wird es mir noch ergehen! ... Gottlob, da das Jahr
1852 jetzt nahe ist!


       *       *       *       *       *


"Die Geschicht' vom Paul is ebbes Rares, meiner Schumme! Ich glaab' aber,
wenn wr' Gott gewest mit ihm, htt' er nicht so viel' leichtsinnige
Streich' gemacht!" meint der Moses.

"Oh, diese Geschichte ist frchterlich schn, was hat _der_ Mensch
ausgestanden! ... Man sollte es kaum glauben! ... Morgen zeigt Ihr mir
Euern Rcken Paul, nicht wahr?" ... sagt der Zuckerhannes ganz begeistert.

"Mich wunderts nur, wie es dir nach dem 70sten Jahre ergeht! Siehst nicht
darnach aus, als ob du noch 20 Jahre gut zu leben vermchtest oder schlimm;
so oft du Geld hattest, hast du jedesmal dummes Zeug gemacht!" bemerkt der
Indianer.

"Ach die Weibsleut', von denen httest du doch mehr erzhlen sollen.
Jedenfalls hast du mehr mitgemacht, als wir alle zusammen! Ich wollte, ich
htte die Marie, die Margreth und meinethalben noch Eine jetzt neben mir!"
grinst das Affengesicht.

Der alte Paul schluchzt, die Mitgefangenen hren es und fragen.

"Ach Gott! ... o Marie, du Lngstverfaulte! ... Ach, auch! ... ich war in
Akazien geboren! ... Und die Tirolerin! ... Nein, der Mensch liebt nur
einmal recht, dann hat er kein Herz mehr dazu! ... So oft ich an den Mohren
zu Jgerndorf zurckdenke, flieen die Thrnen stromweise ber meine alten
Wangen! ... Ach, Alle, die ich kannte und liebte, sind todt, lauter neue
Gesichter, neue Einrichtungen! ... Fr mich ist die Welt ein Kirchhof und
was soll ich auf diesem Kirchhofe noch 20 Jahre und mehr thun? ... Das
Leben ist nur in der Jugend schn, spter wird Einem der Tod lieb,
Nichtsterbenknnen wre wohl die hrteste aller Strafen! ... Hast noch
einen Tropfen Wein, Mauschel? ... Nicht? o weh!" jammert der Alte, "deine
Geschichte ist nicht ohne Interesse, das Beste daran bleibt, _da sie nicht
erdichtet ist_!" meint der Spaniol und setzt bei: "Was du von der Zeit
deiner Rckkehr aus Frankreich an erzhltest, ist im Ganzen eine
_gewhnliche Zuchthausgeschichte_, wie wir sie von vielen Rckflligen
vernehmen knnen!"

"Heutzutage gibts doch keine rechten Zuchthausgeschichten mehr!" schreit
der Stoffel. "Was der Paule von den _alten_ Zuchthusern erzhlte, habe ich
groenteils nicht nur mit angesehen, sondern mitgemacht. In meinen jngern
Jahren war ich auch keiner von den Letzten, aber jetzt bin ich froh, da
die Herren in Carlsruhe, die Beamten und Meister in den Strafanstalten ganz
andere und bessere sind. Kost und Brod ist gut, die Behandlung menschlich
und das hlt Einen eher vom Stehlen ab, denn alle Strenge und Grausamkeit!"

"Dich hat es doch noch nie vom Zuchthaus abgehalten!" lacht der Indianer.

"Wehalb? Hatte ich zu leben, dann wrde ich nicht "rapsen." Ich bin arm,
ohne Heimath und Freunde, verstehe kein Gewerbe, kann nicht schwer
arbeiten, da wre ich doch ein Narr, wenn ich nicht lieber ins Zuchthaus
ginge, als drauen mich mde und hungrig herumschleppen, von Jedem schief
ansehen und verachten lassen mchte! Gehe in die Strafanstalten und Wen
findest du unter den Stammgsten? Lauter Arme und Verarmte Buben ohne
Vter, Waisenkinder, kurz Leute, die vom Schicksal verfolgt wurden! Die
Zeiten werden schlecht, bald ist es im Zuchthause besser als drauen!"
belehrt der Stoffel.

"Oho, oho! Wollen sie nicht bald das Zellengefngni in Bruchsal bauen?
Kann man dort nicht mit Jedem anfangen, was den Beamten oder Aufsehern
beliebt? Heit es nicht in den Zeitungen, die Gefangenen wrden alle zu
Narren oder Selbstmrdern? Hat man nicht schon Zellenbewohner in andern
Lndern gefunden, welche vergessen wurden, sich bei lebendigem Leibe die
Arme und Beine anfraen und den Hungertod starben? He?" schreit der
Indianer.

"Hu, das ist grausig!--grlich!--Lieber todt als in der Zelle!--Man sollte
das neue Kfig in Bruchsal niederbrennen, ehe es gebaut ist!" rufen die
Gefangenen im Chorus.

"Ach, die Sache ist nicht halb so arg, ich wei dies von Frankreich und der
Schweiz her!" sagt der Spaniol. "Zellengefngnisse sind zwar keine
Marterhhlen und Folterkammern, aber Volksverdummungsanstalten, in denen
der Mensch mit Religion angesteckt wird, eine kleine Schlappe, welche bei
uns Preuen und Baden der Armee der groen Zukunft versetzen!"

"Was verstehst du unter der Armee der groen Zukunft? he?" fragt der
Zuckerhannes.

"Mon Dieu, _du_ Dummkopf gehrst ja selbst dazu!"

"Ich?"

"Ja du!"

"Setze es dem Simpel noch einmal auseinander, s'ist ein Kerl, mit dem man
Riegelwnde einstoen knnte, ohne da sein Hirn beschdigt wrde!" lacht
der Indianer.

"Oh, ich bin nicht halb so dumm wie ich aussehe! ... Ihr knnt Einen schon
gescheidt machen! ... Hab' ich doch in diesen paar Wochen von den Weibern,
Pfaffen und "Grokpfen" hier Dinge gehrt, die ich drauen nicht sagen
mchte! ... Der Einugige hat Recht, im Arrest ist Freiheit, es lebe der
Arrest!" ... ruft der Gefoppte. "Halt' jetzt deine Gosche, der Spaniol will
wieder eine Rede loslegen, er ruspert sich schon und wir wollen den Takt
dazu kratzen, whrend die Flhe tanzen und das Murmelthier den Contreba
brummt!" lacht der Stoffel.

"Noch Ein Wort!" bittet der Paul und sagt: "Der Indianer hat vorhin von
Zeitungen geredet, die einem vor Zellengefngnissen bange machten.["]

Darauf ist wenig zu geben, denn Zeitungen lgen und Zeitungsschreiber
verstehen sicher oft kein Maa, wenn von Gefngnissen die Sprache ist und
schmieren in den Tag hinein, damit das Blatt voll wird. Jedenfalls habe
ich, der alte Paul, im Zuchthause Vier gekannt, die sich innerhalb weniger
Jahre erhngten, ich selbst habe mich aufgehngt, war weder der Erste noch
der Letzte und Narren habe ich auch genug unter den Strflingen gesehen. Es
kommt eben sehr viel auf die Behandlung an! Was die Narren betrifft, so hat
mir ein Herr Student in Heidelberg einmal gesagt, der berhmte Doktor
Roller habe ausgerechnet, da auf je 1000 Menschen 3 Narren kmen, das
heit anerkannte Narren, denn wenn man Viele dazu rechnete, welche fr
gescheidte Leute gelten, gbe es unter 1000 Menschen mindestens 800 Narren!
... Das hat mir auch ein Heidelberger Student gesagt und es ist so, je
nachdem man die Sache betrachtet! ... Ich selbst bin oft ein rechter Narr
gewesen!"

"Nach dem Jahr 1852 wirst du gescheidt, hast dann bald das doppelt
Schwabenalter!" lachte der Stoffel.

"%Silence, je vous prie!%" brummt der Spaniol, ruspert sich noch einmal
und spricht mit steigender Aufgeregtheit.

"Ihr wit, Brder, da alle Menschen von Geburt gleich sind und da wir im
Leben doch berall Ungleichheit des Besitzes, Genusses, der Arbeit,
Bildung, kurz aller Dinge sehen. Schlaue Betrger haben die Menschheit mit
eitlen Phantasiegebilden von Gott, Ewigkeit, Vergeltung und dergleichen
Trumereien des beweglichen Herzens in Furcht, Angst, Verwirrung und Noth
gejagt. Der Starke unterdrckte den Schwchern und nahm mit Hlfe
betrgerischer Priester seine Berechtigung von einem Himmel, der nirgends
existirt, betrog die Mehrzahl um alle Freuden und Gter des Erdenlebens und
stellt ihr fortwhrend Wechsel aus, welche der Unverstand acceptirt und der
Tod mit Nichts honorirt. Millionenfach haben die Interessen der Menschen
sich verschlungen, die Armen opferten das wahre Interesse ihrem
scheinbaren, die absolute Unordnung wurde zur Ordnung, zum Gesetze."

"Zerstubte Millionen wurden um ihr Glck betrogen, unterdrckte Millionen
seufzen nach Erlsung aus den Banden des Aberglaubens und des Despotismus,
Millionen sehen noch nicht, wo sie eigentlich der Schuh drckt, senden
heimlich verspottete Gebete zum ewigstummen Himmel und schlachten ihre
natrlichsten, schnsten Gefhle auf dem Altare des Wahnes und der
Knechtschaft, welche ihre Herrschaft in ein endloses Jenseits ausdehnten,
um der Herrschaft ber das Diesseits desto gewisser zu sein."

"Es lt sich berechnen, Brder, da, wenn Louis Philipp fortwucherte, in
einigen Jahrzehnten die Geldmasse des europischen Festlandes in seine
usurpatorischen Hnde kme!--Ihr wit selbst, da die Weiber in einer Art
Sklaverei auch bei uns leben, da Jeder nur Ein Weib nehmen darf und
Hunderttausende nicht im Stande sind, ein Weib zu ernhren oder ihre
Familie also zu unterhalten, da sie frohe Stunden erlebt. Schwelgen und
Befehlen ist das Vorrecht Weniger, Hungern und Unterdrcktwerden das Loos
der ungeheuern Mehrzahl. Ihr wit ferner, von wem und wie die sogenannten
Gesetze gezimmert und aufrecht erhalten werden, Ihr Alle seid ja
gegenwrtig Opfer derselben und in dieser Stunde seufzen Hunderttausende in
Kerkern, die Angehrigen verfluchen ihre Drnger."

"Dies sind nur einige kleine Belege fr die unermeliche Summe des Elendes,
welches ob der freigebornen, gleichberechtigten Menschheit lastet. Flssen
alle Thrnen zusammen, welche nur seit 2000 Jahren auf dem weiten
Erdenrunde von der gepeinigten Natur und vom gequlten Herzen geweint
wurden, es gbe ein Thrnenmeer, gegen welches das mittellndische in der
That nur ein franzsischer See sein wrde."

"Brder, es wird anders werden und mu anders werden!"--

"Ich habe die Jahrbcher der Menschheit aufgeschlagen und trotz aller
Verflschung derselben gefunden, da ein tiefes, unauslschliches Sehnen
nach Urfreiheit und Erdenglck durch die Vlkerherzen aller Zeiten und
Welttheile zieht und da diese Sehnsucht in fortwhrenden Kampf gegen
Knechtung und Elend trieb."

"Ich habe die gebildeten Vlker besucht und allenthalben gefunden, da die
unbestimmte Sehnsucht der Vlker zum Bewutsein der eigentlichen Zwecke des
Erdenlebens und der rechten Mittel fr Erfllung dieser Zwecke sich
steigert."

"Ich habe auch gefunden, da in der Entwicklung der Vlker eine gewisse
Gesetzmigkeit liegt und aus all diesem den herzerfreuenden Schlu
gezogen, die Morgendmmerung der groen Zukunft sei angebrochen, die vielen
Culte der Vlker wichen dem einzigen Culte des reinen Menschenthumes und
die Zeit schrfe die Schwerdter des letzten, furchtbaren Krieges, in
welchem die unterdrckte Mehrzahl die bisher triumphirende Minderheit
unterjochen oder vernichten wird."

"Seit 300 Jahren wurde der Kampf der Freiheit gegen die Lgen der
Weltgeschichte ernsthafter und immer ernsthafter. Aus den Flammen der
Bastille zuckten die ersten Strahlen des Maimorgens der Menschheit in das
gegenwrtige Jahrhundert herber. Groe Resultate sind im Gebiete des
Wissens und Lebens erzielt worden, die Ironie des Schicksals verurtheilte
immer zahlreicher die bewuten Feinde des reinen Menschenthumes wider ihren
Willen, gleichviel ob durch zagendes Nachgeben und Ansichselbstverzweifeln
oder durch trotziges Weiterkmpfen und angstvolles Verbarrikadiren, den
Vlkern die Augen zu ffnen und im Interesse der groen Zukunft zu wirken.

"Am Ende dieses Jahrhunderts wird das seitherige Geplnkel zur offenen,
blutigen Feldschlacht sich entfalten und mag tausendstimmiger Kanonendonner
auch noch in ein anderes Jahrtausend hinberdrhnen, mag in der
Neujahrsnacht des Jahres 2000 der Mond ganze Hgel von Gebeinen sehen und
sein trbes Bild in einem Blutmeer baden, was ist dies im Vergleiche zu den
ewigen Segnungen, welche der endliche Sieg der unendlichen Menschheit, den
zahllosen Millionen der Zukunft bringen wird?

"Wie in der Bibel gejubelt wird: Saul hat Tausende erschlagen, David aber
Zehntausende, so werden unsere Enkel im knftigen Jahrtausend jubeln: Die
Feinde der Menschheit haben Millionen Dulder und Kmpfer des reinen
Menschenthums erwrgt, die Helden desselben dagegen haben den _alten
Menschen berhaupt_ erwrgt und den Muth besessen, auf den Schdelbergen
vernichteter Feinde und gefallener Brder die Fahne der ewigen,
unbedingten, schrankenlosen Freiheit aufzurichten! Alle politischen und
religisen Partheien arbeiten dem nchsten groen Ziele: _der permanenten
Revolution_ in die Hnde; je blinder sie sich befehden und je schroffer sie
sich gegenberstehen, desto freudiger und hoffnungsvoller schlgt mein
Herz!"

"Lat die gegenwrtigen Machthaber nur das Volk aussaugen und mihandeln,
jeden Schein von Freiheit todesfeindlich bekmpfen, ihre Armeeen von Jahr
zu Jahr vermehren, mglichst viele Proletarier in zweifarbige Rcklein
stecken und in die heillose Regiererei hineinschauen, die Pfaffen sollen
das Tedeum dazu plrren und der Pabst den Hokuspokus darber sprechen--im
Hintergrunde steht lachend die Revolution und wartet, schweigt und duldet,
doch tglich vermehrt sich ihr Heer und wenn die Zeit gekommen, dann
entfaltet sie ihr blutigrothes Riesenbanner und hlt donnernd Gericht ber
alle Henkersknechte der Vlker!"--

"Wenn der Bauer nur noch Heu und der Arbeiter nur noch Hobelspne zu
fressen hat und wenn man die liederlichen Bourgeois sammt ihren
Bcherwrmern in ihrem Treiben belstiget, dann werden die Erstern
gescheidt, die Letztern vollends blind und alle Drei treten einig als
Rekruten in die Reihen der Armee der groen Zukunft!"

"Diese Armee, Brder, ist keine Tuschung, kein Wahn, die groe Zukunft hat
lngst ihre Mnner, Helden und Mrtyrer--wir selbst gehren dazu, wir Alle,
wie wir da sitzen, sind Soldaten und Veteranen der permanenten Revolution,
obwohl Ihr als unstudirte Leute wohl noch nie bedacht habt, was eigentlich
in Euch steckt."

"Ich, der Spaniol, will es Euch sagen, Ihr werdet es niemals wieder
vergessen, es soll Euch ermuthigen zu furchtloser, mnnlicher That und
Euern Brdern sollt Ihr es verkndigen!"

"Sind wir nicht gefangen?--Gewi!--Wehalb?--Weil jeder Bewohner dieses
Hauses im Verdachte steht, die bestehenden Gesetze in dieser oder jener
Weise bertreten zu haben!--Wer hat diese Gesetze fabrizirt? Das Volk etwa?
%Jamais%, nur ein paar Dutzend Bourgeois, welche zum Zeitvertreib dem armen
Volke Sand in die Augen streuen helfen. Unsere Gesetze stammen von Gewalt
und Betrug!--Was ist ihr Zweck?--Aufrechthaltung der grundverderbten
bestehenden Zustnde. Warum sind diese Zustnde grundverderbt?--Weil sie in
der Dummheit der ungeheuern Mehrzahl wurzeln, die allseitige Unterdrckung
derselben beabsichtigen und einer sehr kleinen Minderheit auf Unkosten
aller Uebrigen fortwhrend den Himmel auf Erden bereiten sollen."

"Jeder, der in irgend einer Weise die gesellschaftlichen Zustnde angreift,
zu verwirren und zu zerstren strebt, ist ein Feind des Bestehenden, ein
thatschlicher Revolutionr, in den Augen der Nutznieer der gegenwrtigen
Unordnung aller Dinge, ein schlechter Kerl, unruhiger Kopf oder ein
strafwrdiger Verbrecher, in meinen und meiner Brder Augen dagegen ein
bewutloser oder bewuter Streiter, Mrtyrer und Held der groen Zukunft,
der nicht blos fr sich handelt, sondern zugleich fr die Idee des reinen,
freien, vollen Menschenthums, fr das Menschengeschlecht berhaupt!"

"Wenn die Interessen des Einzelnen mit den Interessen Aller im rechten
Einklange stnden, wie Solches im Reiche des reinen Menschenthumes wirklich
der Fall ist, wte man nichts mehr von Verbrechen, weder von gemeinen noch
von politischen, man wte nichts von Frsten, Soldaten, Polizeidienern,
Juristen, Gesetzen, Privilegien und Gefngnissen und eine Revolution wre
unmglich, weil kein Grund fr sie vorhanden lge."

"Das Paradies, das goldene Zeitalter, diese tiefsinnigen Wiegentrume der
Religionen aller Vlker, wrde auf Erden herrschen und eine neue Erde eine
andere bessere Menschheit beglcken, welche lebt, um zu leben und so spt
als mglich, gesttigt von holden Genssen den Einzelnen dem Todesschlafe
bergibt."

"Ihr verwundert Euch, Ihr staunt, Euer tiefes Stillschweigen ist beredt,
aber ich spreche meine volle innige Ueberzeugung aus und glaube so fest an
die groe Zukunft, als ein Ultramontaner an den Papst, ein Mucker an seine
himmlische Erleuchtung, ein Sehender an Farben!"

"Der Spaniol schwieg erschpft still und ging heftig zwischen dem Ofen und
Nachtstuhl hin und wieder, das Beifallgeklatsche und die Lobsprche einiger
Mitgefangenen schmeichelten ihm gewaltig, er empfand Etwas von jener
Seligkeit sogar, welche das Bewutsein gewhrt, eine gute That vollbracht
zu haben.

"S'ist doch ein Elend, wenn man so dumm ist, wie unser Eins und auch gar
nicht wei, wozu man in der Welt da ist!" seufzt der Zuckerhannes.

"Nun, der Spaniol hat schier jeden Tag eine Rede gehalten, seitdem er bei
uns ist; du knntest ihn alsgemach so gut wie ich verstehen, wenn du kein
dummer Schwarzwlder und einfltiger Robube wrest!" bemerkt Martin, der
Schlosserlehrling.

"Der Spaniol ist eben ein G'studirter, der alle Schulen durchgemacht und
alle Bcher verlesen hat, aber ich, was bin ich? Wer hat mich etwas lernen
lassen? Du, Martin, hast gut reden, bist ein Wirthssohn, der brave Eltern
hat, hast eine Stadtschule, Sonntagsschule, Gewerbsschule und wei Gott was
besuchen und mit gescheidten Leuten umgehen drfen. Bei mir ist dies
anders, ich bin in meinem Leben noch wenig in die Stadt gekommen und zudem
jnger als du, denn du hast dein Schlosserhandwerk ja bis Ostern ausgelernt
und wirst freigesprochen!" entschuldigte sich der Zuckerhannes.

"Wenn der Spaniol kein Narr ist (und das ist er nicht), so mu man ihn
Musje Genie taufen! ... Nur Schade, da ein solcher Mann auch den Husten
bekommt und von den Flhen gebissen wird wie Andere! ... Er htte wohl bis
Morgen an seiner Volksrede fortgemacht, denn wenn er einmal anfngt, hrt
er nicht mehr auf und wir spren weder Flhe, Wanzen noch Schlaf!"

"Meine Reden wirken Wunder, wie Orpheus Leier, sie bndigen Bestien und
machen Bileams Esel gesprchig; ich habe das in Algier, Frankreich, Genf,
Lausanne, Biel und hier erlebt! versicherte der Spaniol ernsthaft."

"Viel hab' ich nicht von der heutigen Rede verstanden, sie war mir wieder
zu hoch, aber schn ist sie gewesen, das mu ich unserm Zimmercommandanten
lassen!" sagt der alte Paul.

"Verstanden? Nicht verstanden? O ihr dummen Gojims! Du wirst doch wohl
verstehn, da Beschummle ist keine Snde und unverlorne Sache finden, kein
Verbrechen? Auf Deutsch: Betrgen ist eine Tugend und lange Finger sind ein
Verdienst, weil der Mensch nicht nur fr sich, sondern auch fr die
Menschheit betrgt und stiehlt, indem dadurch die ehrliche, volksfeindliche
Mehrzahl beschdiget und fr die groe Zukunft gearbeitet wird!" belehrt
der Mauschel den Paule.

"Es geht doch nichts ber einen Juden, der dmmste ist gescheidter als zehn
Christen!" lacht der Spaniol.

"Wenn man in der "groen Zukunft" sich mit Jeder einen Spa machen darf,
die Einem gefllt, dann gehre ich der reinen Menschenzunft des Spaniolen
mit Leib und Seele an!" versichert das Affengesicht.

"Was hat der Spaniol von Zukunft oder Kuhzunft oder Vernunft und Recht,
Polizeistaat und Budget geredet?" ghnt das schlaftrunkene Murmelthier.
Alle lachen laut auf, der Stoffel will schier ersticken, der Indianer aber
schreit:

"Spaniol, das Murmelthier ist ein Politischer, ein Wunderthier, ein
Invalide der groen Armee, von der du gesprochen; seine Frage ist einer
neuen Rede werth, hast du keine mehr im Sack?"

"Scherz bei Seite, Indianer, ich habe noch etwas Wichtiges vergessen. Soll
ich es jetzt oder morgen nachholen? Es dauert nicht lange!" lt sich der
redselige Spaniol vernehmen.

"Jetzt!--Gleich!--Wir hren!--%En avant!%--Stille!" schreien die
Gefangenen, der Spaniol ruspert sich wiederum und spricht nach kurzem
Besinnen:

"Vor Allem verwahre ich mich dagegen, da unser Murmelthier etwas Besseres
oder Schlechteres sei als wir, weil er im Verdachte steht, kein gemeines,
sondern ein politisches Vergehen begangen zu haben. Das Reich des reinen
Menschenthums kennt gar keine Verbrechen, die Vernunft des reinen
Menschenthumes macht keinen wesentlichen Unterschied zwischen gemeinen und
politischen Verbrechern. Ein politischer Verbrecher greift das
Staatsoberhaupt oder den Staat als Ganzes an, der gemeine dagegen einzelne
Mitglieder des Staates und damit ebenfalls den Staat und beide Arten von
Verbrechern kmpfen fr Eine groe Sache lediglich auf verschiedene
Weisen."

"Was sehr Viele thun, gilt als kein Verbrechen mehr, ist allgemeine
Gewohnheit, wird Sitte, Gesetz und weil sehr Viele den Muth besitzen,
politische Krper zerstren zu helfen, dagegen verhltnimig Wenige den
Muth, auf eigene Faust die Menschheit an einzelnen Mitgliedern des
verkehrten Staatswesens zu rchen, lassen sich die kleinen Unterschiede
zwischen politischen und gemeinen Verbrechern nur so lange halten, bis die
Vielen in den Wenigen ihre gleichberechtigten Brder erkennen und die
Verdoppelung der Waffen im Kampfe gegen den alten Staat und die alte
Menschheit als Notwendigkeit erkennen.

Bisher hat der Staat gemeine Verbrechen gegen Einzelne begangen und dieses
Verfahren Gesetzmigkeit getauft, im Wachsen der revolutionren Bewegung
werden die Einzelnen gemeine Verbrechen gegen den Staat begehen, gemeine
Verbrecher bei Ausbung ihrer Thaten die politische Farbe des
Anzugreifenden mehr und mehr bercksichtigen."

"Gerade weil erkannt werden wird, der Staat oder die politischen Gegner
seien in Einzelnen ihrer Anhnger auch angegriffen, wird ein
constitutioneller Spitzbube keinen liberalen Bourgeois bestehlen, ein
demokratischer Straenruber vor Allem Leib, Leben und Eigenthum der
Aristokraten beschdigen und mit jeder fr ihn vortheilhaften Unternehmung
zugleich der aristokratischen Parthei einen Schlag zu versetzen suchen!"

"Derartige Erscheinungen sind die Morgenstrahlen der groen Zukunft!"

"Ihr werdet nun einsehen, da kein Bewohner dieses Hauses schlechter sei
als unser dicker Trompeter, dieser ist nicht besser als wir, sondern uns
Allen gleich."

"Ein Betrger, welcher unter der Firma des Gesetzes seine Geschftchen
macht, das Gebildetere vor Allem verstehen, ein Wilderer, der nichts davon
wei, da wilde Thiere Zettel auf die Welt bringen, auf denen der Name
ihres Eigentmers steht, ein Falschmnzer, welcher nicht absieht, wehalb
nur die Reichsten Geld schlagen drfen, diese Leute bilden bis zur Stunde
die Mittler zwischen politischen und gemeinen Verbrechern."

"Gemeine Verbrecher, welch unsinniger Ausdruck! ... Hiee man sie
_Privatverbrecher_, dann wre der Ausdruck sachgemer, obwohl noch immer
unsinnig, weil es keine Privatmenschen gibt, welche nicht auch zugleich
Staatsmenschen wren. Jeder lebt und handelt im Allgemeinen und fr oder
gegen den Vortheil des Allgemeinen, wenn er sich auch lediglich um seine
eigene Person bekmmert."

"Die Verbrecher aller Zeiten und Arten bildeten die unverwstliche Armee
der groen Zukunft, sind Streiter, Helden und bisher meist die Mrtyrer der
geknechteten Menschheit."

"Wer in Noth gerth, fordert sein Ureigenthum zurck und begeht gegenwrtig
Verbrechen gegen das Eigenthum. Wer von einem andern angegriffen und in
seinen heiligsten Rechten gekrnkt wird, weist den Angriff ab, so gut er
kann und spazirt wegen Mord, Todtschlag und dergleichen Frchten der
elenden gesellschaftlichen Zustnde ins Zuchthaus. Wer sein Grundrecht als
Gattungsmensch etwa so gerne ausbt, wie unser Affengesicht, kann wegen
Nothzucht ins Unglck hinein gerathen. Wer kein Geld hat, um ein Feuerwerk
abbrennen zu sehen, zndet seine Htte oder die eines Andern an und erhlt
die schreckliche Strafe eines Brandstifters oder Mordbrenners!"--

"Brder, das Herz blutet mir, wenn ich die zahllosen Opfer bedenke, die
jhrlich fr Aufrechthalten der Knechtschaft des Volkes leiden und bluten
mssen, aber das Herz hpft mir vor Wonne, wenn ich sehe, wie alle Gesetze
und alle Strenge die Armee der groen Zukunft eher reicher an Rekruten, als
rmer an Soldaten gemacht haben und tglich mehr machen."

"Sie fhrt einen tausendjhrigen Krieg gegen Unordnung und Verkehrtheit
unserer Zustnde, der Friede auf Erden ist bisher stets ein Scheinfriede
gewesen, niemals haben die Unterdrckten aufgehrt gegen ihre Unterdrcker
zu kmpfen und wie unverwstlich, wie wunderbar ist diese Armee!"

"Sie ist berall und nirgends, jeder einzelne Soldat schleudert der
verderbten Gesellschaft seine Kriegserklrung entgegen, kmpft auf eigene
Faust oder mit wenigen Andern; gegen jeden Einzelnen mu die Gesellschaft
einen langweiligen, formenreichen, kostspieligen Krieg mit Feder und Stock,
Gefngni und Schwerdt fhren! Die Streiter der groen Zukunft beschdigten
und zerfleischten bisher oft genug sich selbst, wurden fr lange Zeit oder
fr immer entwaffnet und dennoch wchst ihre Zahl, als ob aus jedem
Blutstropfen eines Gerichteten ein neuer Streiter erstnde!"

"In diesem Hause leben durchschnittlich 30 Gefangene, jede Woche gehen
mehrere ab und zu, gar Mancher setzt den Krieg gegen die Gesellschaft auf
erlaubte oder unerlaubte Weise fort und so ist dieses Haus fr diese Gegend
die Kaserne und das Werbdepot der groen Zukunft."

"Im kleinen Baden gibt es ber 60 solcher Huser, die groen Kasernen,
nmlich die Strafanstalten, ungerechnet. In einer Strafanstalt mgen einige
Hunderte Tag fr Tag sitzen, Tag fr Tag gehen Leute ab und zu und im
Ganzen mag die Zahl der stehenden und rhrigen Heeresabtheilung, welche
dieses Lndchen der Armee der groen Zukunft liefert, wohl einige Tausende
betragen, abgerechnet jene zahlreichen Streiter, welche die Gesellschaft
mit nicht strafbaren Waffen angreifen."

"Wie bei uns, also ist's berall und groe Lnder, wie Preuen,
Oesterreich, Frankreich, England und Ruland mgen wohl Tag fr Tag eine
ansehnliche Armee von 20,000 bis 100,000 Mann in Gefngnissen beherbergen
und mit einer noch zahlreichern im unaufhrlichen, ermdenden Kampfe sein!"

"Die Gesellschaft bietet die Arbeit vieler Menschen und ungeheure Summen
zum Kampfe gegen die Verbrecher auf, zu einem ruhelosen und sieglosen
Kampfe; was viele Staatsmnner im Straf- und Gefngniwesen leisteten, hat
bisher beim Volke noch wenig Anerkennung gefunden, es hat nur den
Milderungen grausamer Gesetze und Verbesserungen der Lage der Gefangenen
Beifall genickt, gleichsam als ob es fhle, der Krieg gegen Verbrecher sei
ein Krieg gegen das Volk!"--

"Nur zwei Mittel gibt es, welche die Armee der groen Zukunft sichtbar
schwchten, entnervten und verminderten: _Vernichtung oder Verdummung der
Verbrecher_. Vernichten ist ein gewagtes Mittel und widerspricht dem Geiste
des Jahrhunderts, Verdummung der Verbrecher, so da dieselben fr die alte
Gesellschaft und deren Religion gekdert werden, findet nur in
Zellengefngnissen statt, doch glcklicherweise blind gegen den eigenen
Vortheil erheben sich tausend gewichtige Stimmen und hundert schwere
Anklagen gegen diese Strafart und wo sie noch aufkam, wurden Migriffe und
Fehler der Vollstrecker sichtbar, die einsame Haft verpfuscht oder das Kind
mit dem Bade ausgeschttet!"--

"Denkt, da von tausend Millionen Bewohnern dieser runden Maschine, welche
Keinem und Jedem angehrt, nur fnf Millionen in dieser Stunde mit uns
durch Kerkergitter zum dunkeln Nachthimmel emporschauen und ihren Drngern
fluchen oder im Kampfe mit der alten Gesellschaft begriffen sind und nun
frage ich Euch, Brder: Mu Einem das Herz nicht hher schlagen, wenn er
dieser zerstreuten, aber furchtbaren Armee angehrt? ... Mu nicht ewiger,
unvershnlicher Ha die Brust eines freien Mannes erfllen beim Anblicke
der zahllosen Opfer, welche tglich und zwar seit Jahrtausenden tglich dem
Gtzen Gesetz und dem groen Betrger Wahn geopfert und geschlachtet
werden? ... Thrnen, Seufzer, Weheklagen und Blutbche unterdrckter
Millionen schreien vergeblich zum Himmel um Gerechtigkeit gegen eine
Handvoll schlauer Unterdrcker, es gibt bisher noch keine Gerechtigkeit auf
Erden, aber es soll und wird und mu Eine geben und ihr Spruch heit: Tod
den Unterdrckern, die noch leben, Ha und Fluch denen, die mit ihren
Opfern Staub geworden!--Wre Gott kein leerer Name und der Himmel kein
Mhrchen schlauer Bonzen, welche denselben von der Erde hinwegdekretirten,
so mte Gott ein Aristokrat und Tyrann erster Gre und sein Himmel nicht
fr das Volk eingerichtet sein, dehalb Ha und Hohn Gott und Himmel!"--

"Brder, Ihr hrt, da ich mich in Begeiferung hineinredete. Was ich in
solchen Stunden schon oft gethan, thue ich jetzt wiederum und Ihr, meine
Leidensgefhrten, ihr verkannten und mihandelten Shne des Volkes, Ihr
werdet meinem Beispiele folgen, und mit mir schwren, feierlich schwren
heien, unvershnlichen Ha aller--."

Der Einugige lacht in diesem Augenblicke unbndig auf.

"Wehalb lachen, Du altes Mrzenkalb?" fragt der Zuckerhannes mit einer
Stimme, welche verrth, da er vor Rhrung dem Weinen sehr nahe gestanden.

"Ho s' ist auch zum Lachen!" brummt der Indianer und lacht dann ebenfalls.

"Die Millionenkrnk sollst Du kriegen, Spaniol!" schreit der alte Paul und
lacht von ganzem Herzen, der Indianer folgt dem Beispiele desselben.

"%Mon Dieu%, was ist denn zu lachen? ... Hat der Schlosser wiederum einen
Streich gemacht? ... Bin ich Schuld? Ich wte nicht!" sagt der Spaniol
kleinlaut und rgerlich.

"Ja, Du bist Schuld mit Deiner Fopperei! ... Wie kann denn Einer einen Eid
ablegen, der weder an Gott noch an den Teufel glaubt? ... Meinst Du, wir
seien so vernagelt, um schon wieder vergessen zu haben, wie oft Du sagtest,
jeder Eid sei ein Unsinn, weil es keine ewige Strafe und keine Hlle gebe?
--Was soll denn Einen vom Meineid abhalten, wenn der Meineid ihm Vortheil
bringt und keine Strafe weder da noch dort?" fragt der Indianer.

"Ich glaube an keinen andern Gott als an die Menschheit, welche durch ihr
Denken die Gottesbegriffe ja erst allmhlig hervorbrachte und finde Himmel
oder Hlle allein in der Brust der Menschen. Doch schwren kann ich so gut
als ein Anderer, blos da ich statt bei Gott bei meiner Ehre schwre!" ruft
der Spaniol unwillig.

"Mut zuerst beweisen, da Du Ehre im Leib hast!" schreit der Stoffel.

"Jedenfalls mehr als Du, einugiger Spitzbube!" erwiedert der emprte
Zimmerkommandant.

"So? Spitzbube? Kurz vorher war ich doch ein Streiter der groen Kuhzunft,
hast noch gestern gesagt, ich verdiente "General der Menschheit" zu heien
und mit einer groen Pension bedacht zu werden! ... Die Ehre haben sie mir
freilich genommen, es war auch nie viel daran, was thut ein armer Teufel
mit Ehren? Ein Stck Brod ist mir lieber, als ein Compliment oder die
Schererei, Kammerherrn machen zu helfen. Aber Ehre hat der Stoffel doch, er
hat noch in Allem Wort gehalten und Wahrheit geredet auer vor Amt, wo man
nach deiner Lehre ja lgen soll, da sich die Balken biegen!" ereifert sich
der Einugige.

"Mir hat es jedesmal Grauen gemacht, wenn der Spaniol sagte, es gbe weder
Gott noch Teufel, weder Himmel noch Hlle. Bisweilen zweifelte ich auch,
aber so oft ich an den Bruder Bernhardus denke, haben meine Zweifel ein
Ende. Freilich wei ich nicht, wehalb es mir 70 Jahre schlecht und nur 20
recht gut gehen soll, aber ich habe in meinem langen Leben doch auch viele
gute Stunden gehabt und immer gesehen, da fromme Leute gutherziger sind
als unfromme und wenn es mir nach 1852 in einem fort schlecht gehen sollte,
bin ich doch 70 Jahre daran gewhnt und hoffe, da es mir im Himmel besser
gehe und zwar nicht 90 Jahre, sondern die ganze Ewigkeit hindurch!" lt
sich der Paule vernehmen.

"Himmel, Ewigkeit, dummes Waldbrudergeschwtz!" brummt der Spaniol.

"Ei, wenn es keinen Gott und keinen Himmel gbe, so wrde der Glaube daran
doch mehr ntzen als schaden. Der Gedanke, im Himmel gebe es Vergeltung,
ist fr alle Armen und Unterdrckten trostreich und die Hoffnung auf ein
besseres Leben im Jenseits bleibt freudenreich fr alle Leidenden. Gbe es
auch keinen himmlischen Vater, der's mit Knigen und Zuchthuslern gleich
gut meint und fiele die Hoffnung auf den Himmel nach dem Tode auch ins
Wasser, so hat man doch trstliche Gedanken und freudevolle Hoffnungen auf
Erden gehabt, welche Einem manches Bittere versten!" eifert der Indianer.

"Ja und was nach dem Tode kommt, wei eben doch kein Mensch ganz bestimmt.
Ich habe noch nie viel darber nachgedacht, am Spaniolen und Andern
herausgekriegt, da dieselben behaupten, es gebe keinen Gott und Himmel und
die Seele sei nach dem Tode ein ausgelschtes Lichtlein, aber wo sind die
Beweise?" bemerkt das Affengesicht.

"Beweise mir, da ein Gott sei, ich beweise Dir alsdann, da keiner sei und
wir stehen wieder--."

"Als Ochsen am Berge!" unterbricht der Zuckerhannes den Spaniolen.

"Der Spaniol kann Gott lugnen, so lange er mag, ich lugne Ihn nicht. Ein
Gott mu doch sein, der Mensch ist nicht das hchste Wesen, wie der da
meint. Ein sauberer Gott, der in Spitlern und Kerkern herumliegt und vom
nchsten besten Wolf gefressen werden kann. Ein vom Berge rollender Stein,
der Sturz eines unvernnftigen Baumstammes, der Schlag eines Mitgottes
macht der Gottheit des Menschen ein Ende. Nein, das ist nichts!--Es gibt
einen Gott, der alte Paul hat Recht und ich kenne viele, viele Geschichten,
wo die Menschen gerade das leiden und thun muten, was sie nicht leiden und
thun wollten und ihnen von Andern gar nicht oder doch nicht wissentlich
angethan wurde!" predigt der Indianer.

"Mein Gott, wie oft habe ichs erlebt, da Kameraden, welche in der Kaserne
und im Lager ber Gott und Ewigkeit spotteten, rger als das lteste Weib
beteten, wenn es in die Schlacht ging und die Kanonenkugeln zu brummen
anfingen! ... Fast nur Einen hab' ich gesehen, der auch in der Schlacht
der Alte blieb. Es war ein Pariser, ein Schneider, der immer von einem
Musje Baboeuf als dem _franzsischen Christus_ redete. In Spanien traf den
"schnen Jean" wie er bei unserer Kompagnie hie, kein Kgelchen und nach
jedem Gefechte kam er zu mir her und sagte. "Gelt, deutsches Vieh, ich habe
doch nicht gebetet? ... In der grausamen Schlacht bei Borodino in Ruland
aber stand unser Bataillon auf dem linken Flgel, wir muten ein Quarr
formiren, weil ein Regiment russischer Kuirassiere gegen uns herdonnerte,
um die Kanonen zu nehmen, von denen auer uns alle Kanonire und Bedeckung
weggelaufen waren. Der schne Jean stand dicht neben mir, zitterte diesmal
und wie ich ihm ins Gesicht schiele, sehe ich, da er todtenbleich ist und
mit den Zhnen klappert."

"Was ist's, Jean, ich meine schier, das Beten wolle Dir kommen? frage ich,
aber der Jean gibt keine Antwort und wie die Russen, lauter leibhaftige, in
Stahl und Eisen gepanzerte Riesen sich nhern, betet der Jean laut aus
allen Krften und will mein Seel mitten im dritten Glied auf die Knie
fallen, so da der Sergeant ihm fluchend den Gewehrkolben in den Rcken
stt. Wir bekamen keine Zeit mehr uns zu amsiren, die Russen wurden
zurckgeworfen, weil unsere Cavallerie auch nicht faul blieb, aber wie wir
ein bischen abgelt wurden und ausruhten, unsere Verlornen musterten,
richtig, da fehlt der schne Jean. Ich habe ihn in meinem Leben nicht mehr
gesehen, der Ort, wo mein Bataillon im Feuer gestanden, war von den Pferden
so zugerichtet, da die Gefallenen wie in den Boden hinein zerstampft
dalagen!"--erzhlt der alte Paul.

"Aber die groe Zukunft mit ihrer Armee ist eben doch etwas Schnes und
keine leere Erfindung der Gelehrten!" fllt der Stoffel ein.

"Allerdings, wenn das Fressen, Saufen, Spielen, Lieben und Schlafen das
einzige und grte Glck des Menschen ist. Aber der Appetit verschwindet,
der Katzenjammer kommt, man langweilt sich bei Wrfeln und Weibern am Ende
doch auch und den Schlaf nimmt Einem Niemand."--

"Auer Wanzen, Flhen, Schnarchern, Sorgen!" unterbricht der
Schlosserlehrling den Indianer.

"Was mich betrifft, so wei ich nicht recht, was das Geschrei von
Aristokraten, Liberalen, Radikalen, Ultramontanen und dergleichen bedeuten
soll, ich verstehe es nicht mehr, denn die Welt ist anders geworden, als
sie zu meiner Zeit war. Da aber auch ein Kaiser, Knig, Herzog und
Millionr schwere Sorgen haben und recht unglcklich sein kann, obgleich er
die kstlichsten Speisen und Weine hat, mit Dukatenrollen spielt, wie ein
Kind mit Bohnen und nur den Finger auszustrecken braucht, um ein Dutzend
der schnsten Fruleins daran hngen zu haben, das Alles wei ich aus
meiner Erfahrung."

"Denkt nur an den Napoleon, den ich so viele hundertmal gesehen und auch
oft reden gehrt habe, wie ist's _Dem_ ergangen? Am Ende schlimmer als mir,
weil er nie an's Elend gewhnt war! ... Von all' den Millionen Menschen,
welche ihm zujubelten, blieb ihm am Ende kaum ein Dutzend treu und hat er
denn schlechtere Sachen gemacht, als Andere, die ich vor ihm gar oft
herumwedeln und betteln sah? ... Mein Gott, der Mensch ist nun einmal zum
Elend da und der Spaniol wird so wenig daran ndern, als ich!" meint der
Paul.

"Oh alte Krhe, Du begreifst eben die heutige Geisterbewegung nicht und
hast eigentlich nie gewut, wehalb Du auf der Welt bist. Wohl wei ich's,
da ich meine Perlen den Suen hier vorwerfe, denn in Einen Augenblick seid
Ihr wie umgekehrte Handschuhe, aber ich halte Reden, damit ich nicht aus
der Uebung komme und morgen wird Eine ber die "Bornirtheit des heutigen
Volkes" gehalten!" ruft der Spaniol etwas stark verstimmt.

"Erzhle Du wieder eine Geschichte, Indianer, dann wollen wir das Schlafen
versuchen!" bittet der Zuckerhannes, Andere stimmen bei und der Indianer
erzhlt die bekannte Geschichte des beurlaubten Soldaten, welcher dem
leiblichen Vater ohne Wissen und Willen die diebische Hand abgehauen hat.

Ein Soldat geht nach dem Herbstmanver in die Heimath. Nahe dem Ziele der
Wanderung berfllt ihn ein heftiges Unwetter, er sucht Schutz dagegen in
einer Mhle, deren Bewohner ihm sehr bekannt sind. Diese lassen den
Soldaten nicht mehr fort, zumal es bereits Abend und eine pechschwarze
Sturmnacht zu erwarten ist, er nimmt die Einladung zum Nachtessen gerne an
und der verwittwete Mller, der sehr viel zu mahlen hatte und dehalb bis
gegen Morgen in der Mhle bleiben will, weist ihm ein Schlafgemach neben
dem seinigen an. Der Soldat kann keinen Schlaf finden, ist zu mde und
denkt an sein Elternhaus, wo er nicht viel Angenehmes und Gutes zu erwarten
hat, weil die Eltern unzufrieden und die Schwestern liederlich dazu leben
und hufig genug wenig zu beien und zu nagen haben.

Ein Gerusch an der Thre macht ihn aufmerken, er steht auf, berzeugt
sich, da ein Dieb herein will und erinnert sich, da der Mller am Tage
zuvor vieles Geld eingenommen und ihm das Bett neben dem eigenen
Schlafgemach angewiesen habe.

Der Dieb befindet sich offenbar vor der unrechten Thre, der ebenso kluge
als muthige Soldat stellt sich mit seinem Sbel hinter dieselbe und wartet,
bis das Loch, welches der Ruber in die Thre macht, gro genug ist, um
eine Hand hereinzustecken und das Schlo von innen ohne besonderes Gerusch
zu ffnen. Das Loch wird grer und grer, endlich kommt die Hand ganz
herein, der Soldat packt dieselbe, reit sie sammt dem Unterarme herein,
erhebt den Sbel und--die Hand zuckt blutend am Boden, der Ruber springt
mit einem Schrei des Schmerzes und Entsetzens davon, der muthige Soldat ihm
nach, macht Lrm, die Leute kommen herbei, Alles wird durchsucht, das Geld
ist da, doch der Dieb ist glcklich entronnen.

Am Morgen in aller Frhe eilt der Soldat heim, die Mutter erschreckt
gewaltig ob seiner Ankunft, eine furchtbare Ahnung wird zur Gewiheit--
der Vater liegt in einem blutigen Bette und der rechte Arm desselben hat
voreiligen Abschied von dieser Welt genommen.

Der Soldat hat das Amt des Henkers am eigenen Vater verrichtet, denselben
auch den Gerichten berliefert und schne Belohnung angeboten erhalten,
allein er nahm nichts und hat seit der schauerlichen Nacht nicht wieder
frhlich sein knnen.--

Diese Geschichte des Indianers, welcher Ort, Zeit und Personen nannte und
gekannt haben wollte, macht einen tiefen Eindruck auf alle Mitgefangenen,
die Einen sehen mit dem Zuckerhannes in ihr ein schreckliches Strafgericht
Gottes, die Andern bleiben unglubig, weil sie nicht dabei gewesen, der
Spaniol sucht auf alle Weisen den wohlthtigen Eindruck der Erzhlung zu
verwischen und bringt den Indianer und den alten Paul richtig zum Schweigen
durch die Frage:

"Angenommen, Gott sei gegen den Dieb gerecht gewesen, war derselbe Gott
nicht sehr ungerecht gegen den Soldaten? Das unerbetene Rcheramt hat
diesem das Leben verbittert und er war doch sicher schuldlos an der That
des Vaters? Ein Gott, welcher derartige Komdien im Wrtembergischen
auffhrt und nach Laune den Unschuldigen mit dem Schuldigen trifft, was ist
dies fr ein Gott? Wo der leidige Zufall sein Spiel treibt und die Menschen
sich Etwas nicht zu erklren wissen, mu Gottes Wille, Gottes Finger und
dergleichen ertrumtes Zeug ihren Nothanker abgeben!"

Den meisten Gefangenen war der Spaniol ein unheimlicher Gast, den sie nicht
liebten, aber er wute sie Alle einzuschchtern, zu gngeln und zu
beherrschen und wenn sie der Sophistik des Verstandes, welcher bei
demselben vorherrschte, ihr Herz und ihre Erfahrungen htten nicht mehr
oder minder entgegensetzen knnen, so wrde er die Bessern unter ihnen noch
mehr verschlechtert und mit dem Fanatismus des Unglaubens erfllt, und in
ihrem Fhlen und Denken irre gemacht haben.

Der Einugige sucht das Gesprch von der Verwerflichkeit des Diebstahls
abzulenken und weil ihn der Indianer mit seiner Geschichte unangenehm
berhrte, derselbe wegen lebensgefhrlicher Verwundung in Untersuchungshaft
sitzt, so rcht er sich an ihm durch ein kleines Zuchthausgeschichtchen,
dessen Held vor noch gar nicht langer Zeit gestorben.

"Ja, ich glaub's, die Geschichte von dem Soldaten ist richtig und steckt in
ihr ein Lob fr mich!" beginnt der graue Dieb und erzhlt:

"Im Zuchthause in F. hatte ich einen Schlafkameraden, der war ein kurioses
Thier und whrend sonst die rgsten Mrder ganz ruhig schlafen und trotz
dem Dicken neben mir schnarchen, hat dieser in der Nacht die Augendeckel
niemals lange geschlossen und wer ihm einen groen Gefallen erweisen
wollte, mute ihn wecken, wenn er trumte. Er trumte zwar auch mit offenen
Augen wie die Hasen und war dann still, aber wenn er schlief und trumte,
dann geberdete sich der Kerl oft wie ein Unsinniger. Warum?

"Er hat gedient als Knecht im Breisgau drunten bei einer grundreichen
Wittwe, ist bei derselben gar wohl daran gewesen, denn er war ein starker,
groer, schner, ein bildschner Mensch und ist oft mit Frucht oder Wein
nach Basel hinaufgefahren. Einmal steht er auf der Brcke zwischen
Grobasel und Kleinbasel, es soll ein sehr nebelhafter Tag gewesen und der
Abend schon stark hereingebrochen sein. Neben ihm aber steht ein Kind,
betrachtet ihn und lchelt ihm freundlich ins Gesicht."

"Ich bin niemals daraus gekommen, ob der Knecht pltzlich vom Teufel
besessen wurde oder ob er besondere Ursachen dazu hatte, kurz und gut, das
freundliche Kind hat ihn mit seinem Anschauen und Anlachen gergert, er hat
es ergriffen, auf den Arm gehoben und--in den tiefen Rhein hinein geworfen
und zugeschaut, wie es sein Grab in den kalten, grnen Wellen fand!"--

"Bald darauf ist er um einer ganz andern Ursache willen fr sieben Jahre
ins Zuchtbaus gekommen, wo ich ihn kennen lernte und so wenig er sich aus
dem Zuchthause und Dem, was ihn hineingebracht, machte, so arg qulte ihn
der unbewiesen gebliebene Kindesmord und wre er nicht im dritten Jahre der
Gefangenschaft rasch weggestorben, so wrde er am Ende den dummen Streich
gemacht und den Gerichten die Geschichte von Basel angezeigt haben, wie
sich dieselbe begeben."

"Tag und Nacht sah er das Kind und behauptete, es schaue bald aus dieser
bald aus jener Ecke bestndig nach ihm und lachte ihn an, da es ihm durch
Mark und Bein gehe. Ein Kind mochte er gar nicht sehen, ich glaube, er wre
von Herzen gern ein zweiter Herodes geworden. Auf der Schanz und beim
Essen, in der Kirche und im Schlafsaale sah er bereits immer das lchelnde
Kind und im Traume kam es ihm vor, als ob es die Aermchen nach ihm
ausstrecke und mit dem Finger in den Rhein hinunter weise. Gesthnt,
gechzt, geflucht und gebrllt hat er im Schlafe und oft sind whrend
desselben mitten im harten Winter groe Angsttropfen auf seiner Stirne
sichtbar geworden, obwohl die Strflinge in hundskalten Slen liegen und
der Teppich ihre leeren, kalten Buche fast eingefrieren lt.

Als der Kerl in den Krankensaal kam und flugs wegstarb, that er mir recht
leid, denn so aufbrausend und hitzig er nach Art der Todschlger und
Rothhaarigen sein konnte und so sehr er auch in der ersten Zeit mit dem
Gespensterkind langweilte, so hatte ich mich doch an ihn gewhnt und er hat
mir gar manchen Schick, manche Fleischportion und andere gute Bissen
verschafft, denn seine Wittfrau hat ihn nicht verlassen und stets gehofft,
ihn gesund und ganz wieder zu bekommen. Die Wittfrauen sind eben gute
Schflein!"

Auch die "Geschichte vom lachenden Kinde" fand groen Beifall und selbst
der Spaniol meinte, er sei zwar gegen die Todesstrafe sehr eingenommen,
doch diesen Knecht aus dem Breisgau wrde er dazu verurtheilt haben, von
vier Pferden lebendig zerrissen oder durch Herabtrpfeln von Wasser auf den
geschorenen Schdel nach jahrelanger Marter getdtet zu werden. An diesem
Subjecte habe sich die ganze Macht des bsen Bewutseins offenbart.--

Bereits hat die "Lumpenglocke" die ehrsamen und nicht ehrsamen Brger des
Stdtleins von den Wein-, Bier- und Branntweinbnken hinweggezaubert oder
doch zum Stillschweigen gebracht, keine Fremdengesnge erschallen in die
Kerker hinein, um diese mit Mimuth, Trauer und Melancholie zu
verproviantiren, die Gefangenen ringen mit dem Schlafgotte, wrden sich
gerne von demselben berwltigen lassen, wenn Kummer und Sorgen, Flhe und
Wanzen, harte Bretter und unruhige Kameraden kein Veto einlegten.

Lange hat in der uns bekannten Folterkammer der Spaniol sich noch mit dem
Zuckerhannes leise unterhalten, das Schelten der brigen zweibeinigen
Bewohner brachte sie endlich zum Schweigen und dann vernahm man nichts mehr
als den ersten Schlag der Stadtuhren, das Brausen des Windes, das Krchzen
einiger Wetterfahnen in ihren rostigen Angeln, das ferne Rauschen der
Gewsser, das Klappern einiger Mhlen, den Schrei eines Nachtvogels, den
eintnigen Gang der Wachen oder den eiligen Schritt eines Nachtschwrmers,
das Pfeifen und Nagen der Muse, ein ohrenzerreiendes Katzenduett, das
Schnarchen des Murmelthieres, die schweren Athemzge des Zuckerhannes, die
tiefen des Einugigen und den Lrm des Indianers, dessen Traum die
Gestalten der Geschichten der blutigen Hand und des lachenden Kindes wirr
durchzogen.

Die Morgenglocken luteten dumpf und verstimmt die liebe Langweile eines
trben Regentages in den Kerker ein und die Magd des Kerkermeisters meinte
beim Abholen des Wasserkruges, der Thermometer oder Barometer, wie das Ding
auf Deutsch heie, habe ihr schon gestern Abend prophezeit, da sie heute
von den Gefangenen wenig freundliche Gesichter bekommen wrde.

Als es hell genug war, gingen der Indianer und der alte Paul wiederum an
ihre Arbeit, der Schlosserlehrling malte eine abscheuliche Fratze an die
Wand und behauptete, der Moses sei zum Sprechen hnlich getroffen, der Sohn
Israels bekam Hndel mit mehrern, die rgsten mit dem Murmelthiere, welches
sich auf ein Gesprch ber Judenemancipation einlie und behauptete, es
wre zehnmal gescheidter das Christenvolk von den Juden als diese vom
Staate zu emancipiren.

Um dem Lrme ein Ende zu machen, springt der Einugige vom Strohsacke auf,
reibt mit den Fingern den Grundba zur "deutschen Marseillaise," welche der
Indianer zu singen vorschlgt und sofort beginnt:

  Freund, ich bin zufrieden geh' es wie es will,
  Unter diesem Dache leb' ich froh und still u.s.w.

Allmhlig fallen Alle mit gedmpfter Stimme ein, das rothe Liesli im
Nebenkfig mit einem thurmhohen Diskant, die Gemther beruhigen sich und
nachdem das alte Lied oft genug wiederholt worden, meint der
Schlosserlehrling:

"Hrt Ihr luten? Jetzt ist es neun Uhr, meine Mutter kniet im
Kirchenstuhle und betet fr mich! ... Ich wte nicht, was ich darum gbe,
wenn ich nur ein einzigesmal wieder das Inwendige einer Kirche she und
einem Gottesdienste beiwohnen knnte!"

"Mir ist es gerade so, es ist nicht Recht, da Untersuchungsgefangene nicht
einmal einen Betsaal haben und allem Gottesdienste entfremdet werden!"
meint der Paule.

"Ich ginge auch gerne in die Kirche, wenn mich Niemand she!" seufzt der
Zuckerhannes.

"Oho, Ihr Betbrder, warnet nur, bis Ihr Zuchthaussuppen bekommt, dann
knnt Ihr den Pfaffen am Altare wieder genugsam betrachten!" versichert der
Einugige.

"Mit dem Zuchthaus wirds so geschwind nicht gehen!" meint der Zuckerhannes.

"Du kommst jedenfalls noch hinein, ich sehe es Dir an der Nase ab!"
prophezeit Jener.

"Wenn ich drauen wre, wrde ich als aufgeklrter Mann an Sonntagen auch
wieder in die Messe gehen, nmlich in den Adler oder Hirschen in die
"Eilfuhrmesse," wo mit Tabakspfeifen und Cigarren geruchert, mit Glsern
geklingelt und mit Messern der Segen gegeben wird!" spottet der Indianer.

"Ja, ja, das Kirchenrennen, das ist eine verfluchte Gewohnheit und steckt
noch immer viel zu tief im Volke, besonders in den Weibsleuten. Diese
halten das Handwerk der "Pfaffen" allein noch aufrecht!" ereifert sich der
Spaniol.

"Der Spaniol hat doch einen wahren Hllenha gegen Alles was Religion
heit. Ich bin calvinisch, lutherisch, evangelisch, kurz, ich wei es
selbst nicht recht und er ein geborner Katholik, dazu ein Schulmeister, ein
Studirter, aber so weit wie er mchte ich es nicht treiben. _Der_ wird den
Zuchthuslern gefallen!" brummt der alte Soldat in den Bart.

"Oho, alte Krhe, hab' Dich wohl verstanden!" sagt der Spaniol und fhrt
fort:

"Ich habe den "Pfaffen" tief in die Karten geguckt, zuerst Ekel vor ihnen
und allgemach vor ihrem Geschwtz bekommen und wei wehalb, ein alter
Lehrer mu es wissen, wenn er auch keine Grtze im Kopf hat! ... Denkt nur
auch ein bischen nach und ich frage: Wenn der Gottesdienst eine so
nothwendige Sache ist, wehalb braucht man keinen an diesem Orte? ... Wenn
es den "Pfaffen" wirklicher Ernst mit ihrem Glauben wre, weshalb leben sie
nicht darnach und thun offen oder heimlich wie andere Leute auch? ... Sagt
Christus nicht, man msse Gefangene besuchen und erlsen und rechnet die
Kirche das Besuchen der Gefangenen nicht zu den Werken der Barmherzigkeit?
Einige von Euch sitzen jetzt sieben volle Monate, die Untersuchung ist
geschlossen, sie erwarten das Urtheil und wann habt Ihr je auch nur Einen
Schwarzrock hier gesehen? ... Nicht Einer kommt, wenn er nicht bezahlt
wird, ein Untersuchungsgefangener kann krank werden, sterben und verderben,
es krht selten ein geistlicher Hahn darnach, Ihr drft nur den alten
Kerkermeister fragen!"

"Bravo! ... der Spaniol hat Recht! ... Die Schwarzrcke knnen uns vom
Leibe bleiben! ... Christus hat Vieles gesagt, woran seine Nachfolger
niemals oder selten denken!"--schreien die Gefangenen.

"Die protestantischen Geistlichen sind hierin besser!" versichert der alte
Paul.

"Ist der Rabbiner nicht schon dreimal bei mir gewesen? ... Verlt er je
einen gefangenen Israeliten? ... Wo ist Liebe und Treue, bei Euch
bermthigen Christen oder bei uns verachteten Juden?" triumphirt der
Moses.

"Wahr ist's, berall halten die Juden zusammen wie Pech!" bemerkt der
Spaniol.

"Heute ist Schabbes, wollen wir nicht Eins jaunern wie in einer
Judenschule?["] fragt der Schlosserlehrling, geht mit gutem Beispiel voran,
Einige folgen nach, Andere lachen und freuen sich ber das bse Gesicht des
armen Moses, der wenig auf seine Religion, dagegen desto mehr auf sein Volk
hlt und dieses verspottet sieht.

Auch diese rohe, elende Unterhaltung ist bald wieder verbraucht, das
Affengesicht lrmt noch fort, Andere ghnen und der Indianer meint:

"Wenn wir nur auch mehr Bcher bekmen, man knnte in der Nhe des Fensters
doch ein paar Stunden tglich lesen!"

"Ein Stmpchen Licht wre besser, wir knnten dann mit Domino, Neunerstein,
Wrfeln und Karten die Zeit todtschlagen!" wnscht das Affengesicht.

"Man kann Alles bekommen, wenn Amtmann und Kerkermeister es erlauben und
bringen, aber der Himmel ist hoch und der Rechte in Karlsruhe drunten; mit
uns macht man, was man will!" klagt der Paul.

"Habe ich einmal recht Geld, dann will ich mich der verlassenen Gefangenen
annehmen. Drauen denkt man eben nicht gerne an sie, ich habe es ebenfalls
so gehabt, allein jetzt wei ich, was es heit, ein Gefangener zu sein!"
sagt der Zuckerhannes.

"Ich glaube gar, unser Rohannes da will verrckt werden. Woher soll denn
Geld kommen, wenn Du es nicht stiehlst? Reiche Spitzbuben habe ich noch
keine getroffen, mindestens nicht im Zuchthause!" versichert der Einugige.

"Ich bin kein Narr und auch kein Spitzbube, mag keines von Beiden werden,
aber Geld mu her, Geld regiert die Welt und ich wei, da ich noch Geld
wie Heu bekomme!" lchelt der Zuckerhannes bedeutungsvoll.

"Ja, wenn Du deinen Kropf bis zum Bauche herab wachsen lt, Dich dann in
einen Kasten stellst und dem Publikum um Geld zeigst, dann kannst Du noch
reich werden!" spottet der Indianer.

"Unser Zuckerhannes bekommt Geld, viel Geld und vielleicht in kurzer Zeit,
das ist gewi!" versichert der Spaniol sehr bestimmt.

"Hat jemand fr ihn in die Lotterie gesetzt? fragt der Schlosserlehrling.

"Nein, noch nicht, aber ich habe ihm mein Geheimni anvertraut und er wird
jetzt in die Lotterie setzen, falls er frei ausgeht. Das ist sein sicherer
Reichthum Numero Eins. Ferner hat der Spaniol noch ein Plnlein ausgeheckt,
welches ich zwar nicht kenne, aber er ist der Musje Genie und darin liegt
des Zuckerhansen Reichthum Numero Zwei. Das halbe Loos wird ihn schon zum
gemachten Manne machen, er wird noch weiter hineinsetzen und dann fragen
knnen, wie theuer der Schwarzwald sei!" versichert der Paul.

"Ach, Deine Lotterie hat Dir noch nicht einmal einen guten Rock, hchstens
einen Zuchthauskittel verschafft, der Zuckerhans wird hbsch blau
anlaufen!" lacht der Indianer.

"Ich mu arm bleiben bis zum 70. Jahre und vielleicht die andern 20
hindurch ebenfalls, das ist und bleibt mein Schicksal!" sagt der Paul sehr
ernst.

"Werde ich reich, dann nehme ich den alten Paul zu mir. Er hat mir diesen
Morgen seinen Rcken gezeigt und ich wei, was ich zu thun habe. Wre ich
nur wieder frei!" meint der Zuckerhannes.

"Jetzt, da so groe Dinge im Werke sind, wundert es mich nicht mehr, da Du
mit dem Paule und dem Spaniolen so gar viel Heimliches in der Nacht zu
wispern hattest!" sagt der Schlosserlehrling zum Zuckerhannes.

In diesem Augenblicke nhern sich drauen auf dem Gange die Schritte eines
Mannes, das Schlsselbund klirrt, die Thre geht auf und der Kerkermeister
steht auf der Schwelle:

"Zuckerhannes, zieht euch an und kommt mit mir!"

"Haben die zwei gefangenen Freunde, welche sich vorgestern die Zhne in den
Hals schlugen, das Vershnungsfest gefeiert, he?" fragt der Spaniol.

"Hat man den "Schwanenhals" wieder erwischt? He, _der_ ist Euch schn
durchgebrannt trotz Eurer Vorsicht?" grinst das Affengesicht.

"Bringen Sie doch dem Juden da zwei Zentner Knoblauch, er riecht dann
ertrglicher!" spottet der Einugige.

Der Kerkermeister gibt kurze Antworten, der Zuckerhannes legt Schuhe und
Wammes an, bespiegelt sich in den blanken Westenknpfen des
Zimmercommandanten, fhrt mit dem "Gesellschaftskamm" des
Schlosserlehrlings ein paarmal durch die Haare und trabt alsdann neben dem
Kerkermeister mit klopfendem Herzen fort.

Schlau lchelt der Paul, spttisch der Spaniol, Beide schauen sich an und
lachen alsdann laut.

Verhre hat der Zuckerhannes genug bestanden.

Stundenlang vor einem Aktentische stehen, eine Menge Fragen beantworten,
welche die Unschuld empren, die Schuld verzweifeln machen und oft Beide
verwirren, geliebten, gehaten oder unbekannten Zeugen gegenber gestellt
werden, viele Monden als Gefangener allen Entbehrungen, allen Qualen der
Ungewiheit, allen zeitlichen Nachtheilen ausgesetzt sein--dieses sind
Dinge, welche Jeden, auch den Unschuldigen treffen knnen, niemals vergtet
werden und sich groentheils gar nicht beseitigen lassen, so wenig als die
Pein eines Untersuchungsrichters, der sich gar oft wchentlich einige
Stunden mit dummen oder schlechten Leuten herumbalgen mu, bei denen Lgen
und Lugnen, Rohheit und Unverschmtheit gemeiniglich der Fnftelsaft ihrer
Tugenden zu sein pflegen.

Vor der Thre der Amtsstube schpft unser Held noch einigemal Athem aus
tiefster Brust, dann folgt er dem anmeldenden Begleiter.

Der Verhrrichter, ein braver, kenntnireicher Herr, der ordentliche
Gefangene niemals grob behandelte, nutzlos qulte, ihren Proze in bequeme
Lnge zog und selbst bedauerte, da die Sache des Zuckerhannes langsam
entschieden wurde, steht jetzt am verhngnivollen Tische, schaut aber dem
Eintretenden weit freundlicher als sonst entgegen und ruft sogleich:

"Hans, Ihr seid frei!"

Frei!--dieses Wrtlein trifft den Hans wie ein Donnerschlag, der die
Wetterwolken gewaltig zertheilt und die Sonne hineinblitzen lt in die
liebliche Frhlingslandschaft seiner Heimath.

Frei!--Er mag es kaum glauben, starrt den Beamten mit halbgeffnetem
Munde wortlos an und fhrt mit der Hand ber die Stirne, um sich zu
versichern, von keinem Traume gefft zu werden.

Das Erkenntni des Gerichtshofes wird ihm vorgelesen, der Beamte redet
einige Worte freundlicher Ermahnung und macht eine entlassende
Handbewegung, Hans ist vor Rhrung nicht im Stande zu reden und whrend er
dem Kerkermeister wieder hinaus folgt, strzen Thrnen der Freude ber
seine verblichenen Wangen.

"Habt Ihr Etwas im Arrest liegen lassen?"

"Nein!"

"Gut, dann kehren wir nicht dahin zurck; kommt, ich will das Thor
aufmachen, dann geht Ihr, wohin Ihr wollt!"

Hans htte gerne von den Mitgefangenen Abschied genommen, doch besa er
nicht den Muth, diesen Wunsch zu uern, er hatte ja kein Geld bei sich und
Geldmangel ist im Kerker oft schlimmer, als in der Freiheit.

Wir wollen damit nichts weiter sagen als da Alles, was der Hofpont des
Augustus im heidnischen Rom von der Macht des Reichthumes gesungen, bis zur
Stunde auch im Kerker gltig sei.

Ein groer Dichter des Alterthums nennt das Geld die schndeste aller
Erfindungen, der grte deutsche Dichter, nmlich Gthe, behauptet, ein
gesunder Mensch ohne Geld sei halbkrank und wie sehr beide Dichter Recht
haben, lehrt die alltgliche Erfahrung zur Genge.

Unser Held weinte bei seiner Freilassung Freudenthrnen. Wre es ihm
vergnnt gewesen, einen Blick in seine Zukunft zu werfen, so wrde er
Thrnen des Schmerzes, der Trauer und Angst vergossen haben.

Schon auf dem Wege zum Hofe seines alten Meisters wurde seine Freude durch
die Wahrnehmung vermindert, da Niemand dieselbe theile. Er htte allen
Leuten, welche ihm begegneten um den Hals fallen und denselben sagen mgen,
er sei zwar ein armer Tropf und elender Krppel, jetzt aber doch wiederum
ein freier und dehalb glcklicher Mensch. Die Leute gingen gleichgltig an
ihm vorber, in den Blicken manches Bekannten las er die alte Verachtung,
Mehrere redeten ihn zwar an, doch ihre Fragen und Reden schienen nur darauf
berechnet, ihn zu verwunden und zu krnken. Sie bezweifelten seine
Schuldlosigkeit und verwunderten sich, "wehalb er diesmal dem Zuchthause
entronnen sei!" Aergerlich und verstimmt verlie er das Wirthshaus, in
welchem er einen Schoppen getrunken, eilte hinter der Stadtmauer des
Stdtleins zwischen den Grten dem Feldwege zu, der ihn zum Hofe des
Moosbauern fhrte, dachte auf dem Wege ber Vieles nach, was er von seinen
Mitgefangenen gehrt hatte, ballte zuweilen die Fuste und lachte dann
wieder vor sich hin.

Ein lautes Wiehern schreckt ihn aus dem Gedankensturme auf; er wendet den
Kopf und erblickt auf einem nahen, abgemhten Kleeacker den Lieblingsgaul,
seinen Ble, welcher ihm mit glnzenden Augen und gespitzten Ohren
zuwiehert und eine Bewegung macht, als ob er dem Kommenden entgegengehen
wolle. Den Ble sehen, zu demselben hineilen, ihn liebkosend anreden,
kssen und streicheln ist beim Zuckerhannes das Werk eines Augenblickes.

Whrend er dem Gaul auf der flachen Hand ein Stck Gefngnibrod
hinstreckt, kommt der Oberknecht, der Blsi, mit der Sense den Acker
herauf, zieht sein Gesicht in spttische Falten und fragt hmisch:

"Hoho, bist wieder da? Das hat kein Mensch geglaubt, denn Jeder meint, Du
habest die Uhr gestohlen! ... Ich meine es auch, aber Du bist ein pfiffiger
Bursche, hast's dick hinter den Ohren, so dumm und tappig Du aussiehst! ...
Bist recht vornehm geworden im Loche, he? ...["]

Der Zuckerhannes verbeit Zorn und Schmerz, versetzt dem Ble einen Schlag,
da dieser erschrocken auffhrt, wendet sich um und geht, ohne dem Blsi
eine Silbe erwiedert zu haben.

"Zuckerhannesle, s'pressirt nicht so, ich mu Dir ja Etwas sagen!" ruft der
Knecht ihm nach.

Er hrt nicht darauf.

"Der Moosbauer braucht Dich nicht mehr, er hat am Georgentag einen Andern
eingestellt! ... Gehe nur und schaue, ob Du nicht den Bndel schnren
mut!" schreit der Schadenfrohe und geht wieder ans Mhen, whrend er von
Bankerten, Spitzbuben und ehrlichen Meisterknechten brummt, welche mit
diesem unter Einem Dache leben mten.

Im Mooshofe findet der Hans die Ehehalten nicht daheim, die Mgde sind
freundlicher als der rohe Blsi und freuen sich seiner Rckkehr.

Er geht in die Bodenkammer hinauf, ffnet seine Kiste, nimmt einen zehnfach
von Leinwand umwundenen Geldbeutel heraus, zhlt das Geld und nach wenigen
Minuten befindet er sich auf dem Rckwege zum Amtsstdtlein und zum
Gefngni.

Hier bergibt er die meisten Sparpfenninge dem hchlich verwunderten
Amtsdiener und bittet denselben, sie dem Spaniolen einzuhndigen.

"_Diesem_ soll ich das Geld geben?" fragt der Gefangenwrter und schttelt
den Kopf.

"Ja, seid so gut und thut es je eher, je lieber, ich bin dem Spaniolen das
Geld schuldig! ... Behte Gott!" sagt der Zuckerhannes und eilt zum
halbgeffneten Thore hinaus.

"S'ist mir noch alleweil schwindlig! ... Ich meine, ich ginge auf den
Welken des Seees statt auf festem Grund und Boden! ... Das macht das
mondenlange Sitzen und die Augen schmerzen mich auch!" murmelt er und biegt
in das Gchen ein, das hinter die Stadtmauer fhrt.




#DER ZUCKERHANNES WANDERT FORT UND VERLIERT SICH SELBST#


Voll und klar schwebt die Mondesscheibe am Sommernachthimmel und zieht eine
glnzende Silberbrcke ber den Untersee. Schwl und hei war der Tag,
Alles freut sich der Khle, welche der Abend brachte und whrend die Jungen
des Dorfes scherzend und lachend in Rdchen stehen oder Arm in Arm singend
durch die Gassen ziehen, sitzen die ltern Leute mit mden Gliedern und
ruhigem Herzen meist noch auf den Bnkchen vor ihren Husern im traulichen
Gesprche.

Vor einem der letzten und einsam stehenden Huschen, dessen weie Wand
freundlich aus dem Laube eines alten Weinstockes herausschaut, der seine
Ranken bis auf das niedere Dach entsendet, sitzt mutterseelen allein ein
Weibsbild und sttzt die gebrannten Arme auf die Lehnen eines sogenannten
Grovaterstuhles, der offenbar dem gewohnten Platze hinter dem Ofen in der
Stube entrissen wurde und ins Freie wandern mute, um einer etwas bequemen
Person einen bequemen Sitz zu bereiten.

Die Inhaberin schaut gedankenvoll in den See, dessen Grundwellen einfrmig
ans sandige Ufer schlagen; weder die Lieder der Dorfbewohner, noch das
freudige Quaken der grnen Hpfer in den vom letzten Regen dagelassenen
Pftzen oder das hundertstimmige Zirpen der Grillen stren ihr Nachdenken
und nur wenn Schritte sich nhern, fhrt sie empor und spht dem Kommenden
entgegen.

"Er ist's nicht!--der kann mir gestohlen werden, wenn er heute ausbleibt!"
murmelt die Getuschte zuweilen rgerlich und sinkt in die vorige
nachlige Lage zurck.

Das Weib hat wenig Zartes, Feines, Aetherisches an sich, wie es Theetisch-
Dichter lieben, die Gestalt ist derb und vierschrtig und das keineswegs
hliche, aber sonnenverbrannte und bereits ltliche Gesicht mahnt durch
einen gewissen, unbeschreiblichen Zug von Herbheit und Schwermuth an eine
alte Jungfer.

Wir haben in der That eine solche vor uns, nmlich die Emmerenz, deren
Leben bis zum dreiigsten Jahre sehr einfrmig sich gestaltete und erst
seit einem halben Jahre reicher geworden ist.

Die Tochter eines blutarmen Fischers, der seine zahlreichen Kinder
frhzeitig fortschickte, um das Brod bei fremden Leuten zu verdienen, lebte
die Emmerenz vom neunten Jahre bis zum Zwanzigsten in verschiedenen
Bauernhusern der Umgegend und wenn sie von feinen Maniren und Bildung auch
wenig erfuhr, so erfreute sie sich doch des Rufes einer arbeitsamen,
ehrlichen und unbescholtenen Magd. Diesem nicht unverdienten Rufe hatte sie
es zunchst zu verdanken, da die alte Ursula sie zu sich nahm.

Diese war eine kinderlose, mit ihren Blutsverwandten aus ziemlich
nebelhaften Grnden in arger Feindschaft lebende Wittwe, litt viel an
Gliederschmerzen, mute mehrere Jahre das Haus und endlich das Bett
bestndig hten.

Die Leute redeten von der wunderlichen, menschenfeindlichen und
zankschtigen Ursula nicht allzuviel Gutes und Manche konnten es fast nicht
fassen, wie die Emmerenz bei solchem "Erzripp" jahrelang auszuhalten und
derselben mehr Dienste als die beste Tochter zu leisten vermge, whrend
sonst Jede im ersten Vierteljahr genug bekommen hatte.

Diese aber hielt bei der Alten aus, verpflegte sie zehn geschlagene Jahre,
erbte vor einem halben Jahre das Huslein sammt Zubehr der Ursula, sitzt
jetzt auf eigenem Grund und Boden in einem bequemen Lehnstuhle und pat
nicht nur auf Einen, sondern auf Zwei, von denen Einer ihr baldmglichst
seinen Namen geben soll.

Vom Heirathen war sie niemals Feindin gewesen, doch in den Jahren der
Armuth wollte sie nicht leichtsinnig ins Elend hereinheirathen, so lange
die Ursula lebte, machte ihr diese mehr als ein halbes Dutzend Mnner zu
schaffen und entleidete ihr auf vielerlei Weisen jede Bekanntschaft.

Jetzt ist sie todt, seit Ostern schmunzelt und schwnzelt der rothe Fritz
um die Emmerenz herum, am letzten Sonntag hat er ihr einen frmlichen
Heirathsantrag gemacht, will lngstens nach der Erndte als Hausherr ins
Huslein einziehen und gefllt das Ganze der Emmerenz gar nicht bel.

Hat der Fritz nicht einige prchtige Aecker und Geld auf Zinsen ausstehen?
Ist er nicht ein stattlicher, groer Bursche und trgt noch den rothen
Schnurrbart von der "Atollerie" her? Haben seine Verwandten gar nichts im
Dorfe zu bedeuten, da doch des Vaters leiblicher Bruder im Gemeinderathe
sitzt und der Mutter Schwestertochter den verwittweten Accisor geheirathet
hat? Versteht er das Bauerngewerbe nicht aus dem Fundament, arbeitet er
nicht wie ein Ro und knnte leicht eine bekommen, welche gerade wie die
Emmerenz ber alte Geschichten und bekannte Fehler des Hochzeiters
hinwegshe?

Im besten Rufe stand der Fritz nicht, soll beim Umgange mit der schnern
Hlfte des menschlichen Geschlechts niemals whlerisch oder gewissenhaft
gewesen sein, doch in neuerer Zeit lt sich nichts auf ihn bringen und da
er ein Knicker und zornmthiger Bursche ist, gefllt der Sparsamen und
machte nicht bange der gleichmthigen Erbtochter Ursulas.

Sie wrde ihr Jawort sofort gegeben haben, wenn nur ein Anderer nicht eine
Art von Vorrecht auf sie gehabt htte, welchen sie noch vorigen Frhling
fast ordentlich liebte, auch jetzt noch nicht hat und den ihr die Alte
sterbend zwar nicht als Hochzeiter, aber doch als Hausgenossen gewaltig
empfahl.

Dieser Andere tritt in diesem Augenblicke um die Ecke, ein langgerathener
Bursche, dessen nicht bles Gesicht durch eine berflssige Halszierde
widerlich entstellt wird und der mit dem einen Fue etwas hinkt.

Wir erkennen in ihm, der groe Schweitropfen mit der breiten,
abgearbeiteten Hand vom Gesichte wischt und sich langsam der etwas
einfltig und verlegen aussehenden Emmerenz nhert, den Zuckerhannes.

"Was kommst so lange nicht? Wirst recht vornehm, Hans!"

"Hoh,--keucht der Angeredete--der Adlerwirth pressirt mit dem Heuheimthun,
so eben hab' ich den letzten Wagen voll fr heute in die Scheune gefhrt!
... Hast mir sagen lassen, da ich Wichtiges vernehmen soll, bin dehalb
aus allen Krften hergeeilt und jetzt fr einen Augenblick da!"

"Allerdings habe ich Wichtiges mit dir abzumachen, s'ist gut, da du da
bist, denn einmal mssen wir Beide ins Reine kommen! ... Du hast im letzten
Winter der Ursula das Leben gerettet, als whrend meiner Abwesenheit Feuer
in der Stube auskam und sie bereits schon erstickt war, hast ihr und auch
mir lange Alles gethan, was du uns an den Augen absahest!"--

"Oh, ich wre fr dich--fr Euch durch das hllische Feuer gegangen! ... Es
sind Kleinigkeiten, was ich that und hab's gerne gethan!"

"Die Ursula hat mirs tausendmal auf die Seele gebunden, dich nie zu
verlassen und Alles mit dir zu theilen, weil du ein so gar armer und
verlassener Bursche bist. Ich mchte Wort halten!"--

Ein Zug voll Ueberraschung und Freude berzieht das Gesicht des
Zuckerhannes, er hlt beinahe den Athem zurck, um kein Wort der Emmerenz
zu verlieren.

"Ich habe dich immer gerne gehabt, Hans, hast es wohl bemerkt und ich wei,
da du auch mich nicht verachtest!"

"Verachten? Was fllt dir denn ein! ... Hab' ich Jemanden auf der Welt
auer Dir? ... Ach, wenn Du wtest, wie--"

"Ja, ich wei es wohl und Vieles, wovon du kein Sterbenswrtlein gesagt!"
[gesagt!] ... Wenn du nur nicht so jung und hier Brger wrest, wer wei,
was dann geschhe! ... Ich kann nicht mehr lange ledig bleiben!"

Der Zuckerhannes schrickt sichtbar zusammen und starrt die Emmerenz mit
groen Augen bewegungslos an.

"Ja, so ist's, Hans! Ich besitze jetzt eine Htte, zwei Prachtkhe, einen
Krautgarten, die Wiese dort und mehrere der besten Aecker des Banns. Allein
kann ich nicht mehr bleiben, fremde Leute veruntreuen mir Alles, du bist
grundehrlich, dehalb frage ich dich, willst du bis Michaeli den Adler
verlassen und mein--Knecht werden?"

"Dein Knecht?" fhrt der Zuckerhannes auf, doch als ob er sich verrathen,
senkt er die Augen und fragt: "Wie verstehst du das?"

"Nun, ich gebe dir soviel oder noch mehr Lohn als der Adlerwirth, theilst
Alles mit mir und Alles wird gut werden!"

"Ich schlage ein, es bleibt dabei, die Hand her, Emmerenz!" ruft der
Zuckerhannes mit einer freudigen Eile, als ob ein Glck, von welchem er
schon lange heimlich getrumt, der Erfllung pltzlich nahe stnde.

Doch die Emmerenz zog die schwielenharte Hand zurck, richtete die blauen
Augen forschend in das Gesicht des Entzckten und sprach zgernd:

"Halt, es ist noch eine Bedingung dabei, Hans! ... Kannst es mir nicht
verbeln! ... Mit dir allein darf ich nicht hausen, die Leute wrden mit
Fingern nach uns weisen und Wunder glauben, was geschhe! ... Htte ich das
gewollt, so wrde ich es gleich nach Ursulas Tode oder noch bei deren
Lebzeiten gethan haben! ... Es mu auer dir noch Jemand ins Haus!"

"Dagegen habe ich nichts, kann mich mit jedem Nebenknechte vertragen! ...
Ich habe starke Knochen, will schaffen wie ein Gaul und treu sein wie ein
Hund!" betheuerte der noch immer freudig aufgeregte Zuckerhannes.

"Nebenknecht? ... Zwei Knechte sind fr mich zu viel, wenn du's nicht
wrest, nhme ich gar keinen! ... Du hrst ja, da ich nicht mehr lange
_ledig_ bleibe! Der ganze Ortsvorstand und selbst der Herr Pfarrer plagt
mich, da ich an meine Habe denken und heirathen soll! ... Es thuts nicht
anders mehr!"

Siedendhei und eiskalt nach einander berluft es den Burschen, er zittert
vor banger Erwartung und schnappt nach Luft, die Emmerenz hat all ihre
einstudirten Reden vergessen, wei nicht, was sie weiter sagen soll, knpft
den Schurzbndel auf und zu und bindet ungemein lang an den Schuhriemen,
pltzlich fhrt ihr ein glcklicher Gedanke durch den Kopf, womit sie den
Knoten zerhauen kann, sie erhebt sich und fragt ganz ruhig:

"Hannes, hast du Geld?"

"Geld? ... Ich habe Geld, obwohl ich am letzten Jahrmarkt ein paar
Tuchhosen, ein Schnupftuch, ein paar Schuhe--"

"Wieviel hast du Alles in Allem?"

"Oh, ich bin sparsam, gehe in kein Wirthshaus, spiele nicht, treibe keinen
Staat und habe seit Georgi sogar das Rauchen aufgesteckt! ... Soviel ich
wei, habe ich Alles in Allem baar 17 Gulden und 9 Batzen!"

Emmerenz lacht laut auf, ihr Lachen ist ebenso erzwungen als krnkend fr
den Liebhaber, denn er wei, da sie seine Leidenschaft kennt und frher
erwiederte, obwohl Beide das Wort "Liebe" selten ber die Zunge brachten
und nie im Ernste.

"Was lachst du? ... Die reiche Emmerenz hat gut ber einen armen Knecht
lachen! ... Was kann ich fr meine Armuth?

"Oh, die _reiche_ Emmerenz theilt gerne Alles mit dem Hans, wie es Ursula
noch gewollt, aber an Geld ist die _reiche_ Emmerenz eben auch arm und ohne
Geld... ja ohne Geld ist--Vieles nicht zu machen!"

"Oh, rede nur deutsch und deutlich, ich merke jetzt, wohinaus es geht!"
sagt der Zuckerhanns etwas bitter und spitzig.

"Du merkst es? dann brauche ich dir nichts mehr zu sagen. Einen Mann mu
ich haben. Einen mit 17 Gulden und 9 Batzen kann ich nicht brauchen, das
Ortsbrgerrecht kostet ja mehr!"

"Oh, Emmerenz, liebe Emmerenz, hast du denn je daran gedacht, mich zu
nehmen? Wolltest du mich nicht foppen?"

"Ich hab' mir allerdings mancherlei Gedanken gemacht und bedauert, weil du
so blutjung und ich schon so alt bin!"

"Oh, dann ist Alles gut, man wird tglich lter und mit dem Geld wte ich
mir zu helfen!" lchelte der Erfreute, jeden Groll vergessend und auf einem
Beine hpfend.

Jetzt war die Ueberraschung an der Emmerenz.

"Woher willst du denn Geld nehmen? Etwa aus deiner Lotterie?"

"Schweige doch mit der Lotterie, weit ja, da ich nicht gerne davon hre!
... Die Galle luft mir ber, so oft ich daran denke, wie mich der
Spitzbube, der Spaniol, bertlpelt hat! ... Wei Gott, wo dieser Schuft in
der Welt herumfhrt, aber dem Zuchthause wird er nicht entrinnen! ...
Keinen Heller hat er je dem Paul gegeben, um ein halbes Loos im Frankfurter
Glcksspiel fr mich zu kaufen oder am Ende haben sich Beide in in [in]
meine sauern Ersparnisse getheilt! ... Jeder Heller mge ihnen auf der
Seele brennen! ... Aber ein gescheidter, grundgelehrter Mann war der
Spaniol doch, _den_ httest du einmal hren sollen und Er ist's, der mir
auch einen Plan auseinandergesetzt hat, wie ich zu Geld kommen kann! ...
Hab' oft daran gedacht, gethan hab' ich nichts dazu, aber jetzt will ichs
thun, Geld mu her, Geld wie Heu, wenn du, Emmerenz, liebe, gute Emmerenz
es haben willst! ... Sprich und ich gehe noch heute Nacht fort, um mein
Geld zu holen!"

"_Dein_ Geld? Ein Plan des Spaniolen? ... Da mu was Sauberes dahinter
stecken ... wirst doch hoffentlich nicht den Schlechten machen wollen? ...
Du weit, ich kenne dein Leben in der Heimath und im Hegau drunten, habe
lange an dir gezweifelt und dich auf manche Probe gestellt!" ... Bist aus
einem unehrlichen Buben ein ehrlicher Bursche geworden, das ist brav! ...
Bleibe, wie du bist, ehrliche Hand kommt durchs ganze Land!" ruft die
Emmerenz, welche ihre Fassung wieder ganz gewonnen, sehr ernst." [ernst.]

"Schau, Emmerenz, so wahr ein Gott im Himmel ist, so wahr gehrt das Geld
mein, welches ich jetzt holen will, wenn du es sagst!"

"Ei, weshalb hast du frher nichts davon gesagt? Wehalb holtest du es
nicht frher? ... Es wre vielleicht gut gewesen! ... Hast du geerbt? ...
Wieviel ist es denn?"

"Ich sagte nichts, weil ich von andern Dingen reden mte, von denen ich
gerne schweige, holte es nicht, weil das Holen eine kleine Plage ist und
ich bisher immer das Nothwendige hatte. Aber jetzt mu Geld her, jetzt mu
auch heraus, was mir seit Ostern Tag und Nacht keine Ruhe mehr gelassen und
mich schier in Verzweiflung gesetzt hat! ... Ich bin in den letzten Wochen
selten vor deinen Augen, aber gar oft noch spt in der Nacht in deiner Nhe
gewesen, weil ich wute, da Einer da aus und eingehe, der mir nicht
gefiel!" platzt der Zuckerhannes heraus.

"Du meinst den rothen Fritz, he?"

"Ja, _den_ mein ich, _der_ ist mir wie Gift und Popperment und htte ich in
meinem Leben einen Menschen umbringen knnen, so ists dieser rothe Halunke,
der mich beim Vorbeigehen immer wie ein Basilisk anschaut und spttisch das
Maul verzieht!"

"Er hat doch nichts Besonderes wider dich!"

"Aber ich desto mehr wider ihn!"

"Wehalb denn?"

"O du weit es, Emmerenz! ... Du weit es, aber ich wills dir auch noch
sagen. Siehe, seit dem Tode meiner Mutter selig bin ich behandelt worden
und herumgelaufen wie ein herrenloser Hund! ... Keiner hat mir ein gutes
Wort gegeben, Alles hat mich verachtet und verfolgt, als ob ich ein
Schandmal auf der Stirne und das Schlechteste verbt htte, was es geben
kann! ... Jahrelang habe ich lieber im Stalle oder auf der Weide beim Vieh
als bei den Menschen gelebt und mir fast angewhnen mssen, in jedem
Menschen einen Feind zu sehen! ... Der Moosbauer war gut, allein er hat
bewiesen, da er es gegen mich nur aus Eigennutz war, im Gefngni habe ich
Freunde gefunden, aber sie haben mich nachtrglich verrathen und verkauft!
... Im Adler drben lebe ich ruhig, aber das Zutrauen zu den Menschen ist
bei mir weg! ... Keinen Vater, keine Mutter, keine Geschwister,
Anverwandte, Freunde, im Grunde gar keine Heimath und keinen Halt in
Freuden und Leiden zu finden, das ist hart, Emmerenz! ... Wie ich dich
kennen lernte, wurde es anders, ich hatte fr unglcklich mich gehalten und
fhlte mich bald als der Glcklichste auf dem ganzen Erdboden! ... Nicht
die Ursula, diese alte, wunderliche, kranke Frau, sondern du warst es, was
mich in dieses Haus zog! ... Ich kann nicht sagen, was ich empfinde, es ist
unsglich! ... Jedesmal kam ich her, um dir zu sagen, fr dich sei mir die
Hlle nicht zu hei und bei dir der Himmel da oben gleichgltig, weil ich
ihn da unten und da drinnen habe! ... In neuerer Zeit ist's anders
geworden, neben dem Himmel ist die Hlle mit allen ihren Qualen in mir wach
geworden! ... Mehr als einmal htte ich den See springen mgen vor Jammer
und Herzeleid! ... An Allem ist der rothe Fritz schuld ... er ist der
leibhaftige Gottseibeiuns, der mich noch zu ... zu ich wei nicht was
treiben knnte!"

Schweigend hat die Emmerenz diese lange, abgebrochene Rede des Zuckerhannes
angehrt, schweigend und nachdenklich blickt sie zu Boden, bebend vor
leidenschaftlicher Aufregung steht der Hans vor ihr, endlich richtet sie
das Haupt empor und sagt mit ruhigem Ernste:

"Schau, es freut mich, Hans, weil du mich so gar lieb hast, Gott wei, da
ich dich auch nicht hasse und gerne zum Manne htte, denn du bist
rechtschaffen, ehrlich, fleiig und geschickt im Bauerngewerbe. Aber in
meinen Jahren darf man halt nicht das Herz reden lassen, sondern mu dem
Verstand das erste Wort gnnen! ... An dir wei ich nichts auszusetzen, als
da du fr mich wohl zu jung bist und kein Geld hast! ... Der rothe Fritz
pat weit eher zu meinen Jahren und er hat Geld und Freunde, ist aus dem
hiesigen Orte gebrtig und zu jeder Stunde bereit und im Stande, mich zu
nehmen!"

Todtenbleich schaut der Zuckerhannes die Emmerenz an, die Lippen beben, die
Hnde zittern, das Herz pocht hrbar, doch kein Wort bringt er hervor.

"Wie gesagt, ich nhme dich im Grunde lieber als ihn, du darfst es glauben,
wollte am Ende auch noch von deiner Jugend absehen, aber Geld, Hans, Geld,
woher nehmen und nicht stehlen?"

"Geld und immer und berall Geld, verfluchtes Geld!" ruft der Zuckerhannes
in wilder Aufregung und fhrt fort: "Mte ich mich dem Teufel
verschreiben, da er uns Geld herbeischaffte, ich thte es, ja ich thte es
um deinetwillen! ... S'ist, Gottlob, nicht nthig, ich habe dir schon
gesagt, da es mir um einige hundert Gulden nicht bange ist! ... Der
Spaniol mag auswendig und inwendig nicht viel nutz sein, doch sein Plan ist
gut! ... Ich habe mehr als Eine halbe Nacht im Loche mit ihm davon geredet
und er hat mir Alles so oft auseinander gesetzt, da ich noch jedes Wort
wei! ... Emmerenz, liebe Emmerenz, wenn du einen Andern nimmst, springe
ich in den See oder schneide mir die Gurgel ab! ... Ich kann nicht leben
und mag nicht leben ohne dich! ... Versprich mir in die Hand hinein, keinen
Andern zu nehmen, am wenigsten den rothen Fritz, dann will ich Geld genug
herschaffen und gerne allein bleiben, wie ich bin, wenn ich nur in deiner
Nhe bleiben darf! ... Versprich es!"

"Nein, Hans, ich kann und darf es nicht versprechen!"

"Nun, dann lebe wohl, mich siehst du nicht wieder!" [wieder!] ... Nur noch
einmal die Hand fr diese Welt!" ruft der Arme mit dem Ausdrucke der
tiefsten Verzweiflung.

"Sei kein Narr, Hans, thue nicht so, man knnte sich ja schier frchten und
vom Adler her schauen Zwei schon lange, was wir mit einander verhandeln!
... Es wird khl und ist Zeit, daher hre, was ich jetzt beschlossen habe:
Ich will den Fritz nichts Bestimmtes sagen vor einem Vierteljahre und
zuwarten, ob du wirklich zu Geld kommst. Mehr kann ich nicht thun, dabei
bleibt es! ... Hier hast du die Hand darauf! ... Schlafe wohl!" Mit diesen
Worten erhebt sich die Emmerenz, trgt den Polsterstuhl ins Huslein,
wnscht noch einmal gute Nacht und schliet alsdann die Thre. Gleich einem
Trumenden blickt ihr der Zuckerhannes nach, dann hinkte er eilig und mit
sich selber redend dem Adler zu.

Am nchsten Morgen ist ein Knecht weniger im Adler, denn der Zuckerhannes
fehlt und der Meisterknecht wei nichts zu sagen, als da derselbe spt
heimgekommen sei, die Sonntagskleider angezogen und gesagt habe, er msse
auf der Stelle eine Wanderung antreten, wenn es ihn auch seinen Dienst
kostete, werde so bald als mglich wieder zurckkehren und wolle gerne
einen Taglhner bezahlen, welcher indessen die Arbeit fr ihn verrichte.

Wohin er ging und wehalb, vertraute er keiner Seele an und weil der
Meisterknecht den seltsamen Gast bereits kannte, der nicht gerne und lieber
mit sich selber als mit Andern redete, drngte man denselben auch nicht mit
vielen Fragen und lie ihn gehen.

Bevor wir den nchtlichen Wanderer einholen, mssen wir Manches nachholen.

Wir wissen bereits, da die Schriften desselben, welche aus der Heimath
gekommen, einen schlimmen Eindruck auf die Bewohner des Mooshofes machten.

Je wohler dem Zuckerhannes nach dem langen Marterleben bei der frommen
Sonnenwirthin die milde, freundliche Behandlung im Mooshofe bisher gethan
und je mehr er sich der Hoffnung hingab, da auch fr ihn endlich bessere
Tage angebrochen seien, desto herber empfand er jetzt das Herbe und
Krnkende, welches in dem sichtbar vernderten Benehmen der Hausbewohner
gegen ihn sich kund gab. Er hatte Fehler begangen, aber die Fehler eines
unerzogenen und mihandelten Buben, hatte auch hart genug dafr ben
mssen, um das Ende der Strafen erwarten zu drfen und weil dieses nunmehr
ausblieb, rannte er sich in dem Gedanken fest, er sei recht eigentlich nur
fr Ungemach und Unglck geboren und fr ihn gebe es weder einen
himmlischen Vater noch einen irdischen Freund, dem er sich anvertrauen
knne.

Dieser von trben Lebenserfahrungen vieler Armen und Notleidenden
aufgedrungene Gedanke trgt ungemein viel zur Gleichgltigkeit, zum Zweifel
und oft genug zum Hasse gegen Gott und gttliche Gebote bei, wie ein
vertrauter Umgang mit Verbrechern und Leuten aus allen, besonders aber aus
den niedersten und gedrckteren Stnden des Volkes Jeden belehren mag.

Die entsetzliche Summe des offenliegenden und bekannten Wehe, welches auf
den Menschen lastet, wurzelt im geheimen Wehe, was Keiner dem Andern leicht
anvertraut und hufig genug nicht anvertrauen kann, weil Viele es
schmerzlich empfinden, doch Wenige nur klar und deutlich erkennen.

Der Blsi, der beim Moosbauern Alles galt und dem man auer einer stolzen,
heftigen Gemthsart nicht Vieles vorwarf, hetzte insgemein die andern
Knechte und Mgde auf, da dieselben den Zuckerhannes mit und ohne Anla
mit unverhehlter Geringschtzung und Verachtung betrachteten und mit
offenem Mitrauen behandelten, um zu bewirken, da derselbe den Mooshof
bald wieder freiwillig meide.

Solches krnkte den Zuckerhannes gewaltig und weil die Neckereien und
Qulereien gar nicht aufhrten, er aber jeden Anla vermeiden wollte, der
seine Vertreibung fordern und herbeifhren konnte, mied er alle
Gesellschaft soviel er vermochte und weil die Knechte und Mgde nicht
versumten, auch andern Leuten vom Leben und Treiben des kropfigen,
hinkenden Schwarzwlders zu erzhlen, der hinter irgend einem Zaune
aufgelesen, schon frh ein Spitzbube geworden und wohl nicht umsonst so
weit von der Heimath weggegangen sei, so suchte dieser auch auerhalb des
Mooshofes keine Kameraden und war ihm ein Gang in die Stadt oder in die
Kirche die schwerste aller Arbeiten.

Er hielt seine wiehernden und gehrnten Pflegebefohlenen fr weit besser
und gerechter als die Menschen und gab es Einen im ganzen Hegan, der
ernstlich beklagte, da Pferde, Rinder und Hunde nicht zu reden vermgen,
so war ers. Er zweifelte nicht daran, Thierseelen seien auch unsterblich
und nach dem Absterben des Himmels voll goldener Futterkasten und
tausendfarbiger Matten wrdiger, als die Meisten ihrer Herren. Seitdem ihm
ein Spavogel von Thierarzt versicherte, in jedem Thiere hause eine
unglckliche, verbannte Menschenseele und die Thierwelt sei eigentlich ein
wandelndes Fegfeuer, fate der Zuckerhannes immer mehr Liebe zum
unvernnftigen Vieh, redete mit seinen Stallbewohnern nicht blos, was
dieselben zu verstehen pflegen und von andern Knechten auch hren knnen,
sondern ganz ernsthafte Dinge, die man sonst nur mit Seinesgleichen redet.

Plagte ihn die Langeweile an ewiglangen, stillen Sonntagnachmittagen und er
erzhlte dem Vieh von den Thlern und Tannenwldern des Schwarzwaldes, von
der Elsbeth und Katzenlene, dem Gestellmacher und Herrn Vikar oder war ihm
etwas Widriges begegnet und er erzhlte von seinem Wehe und Leid, dann
glotzte zuweilen ihn die Falbe mit ihren groen, schwermthigen Augen
aufmerksam an, bewegte die Lippen hin und wieder und brllte dumpf und
klglich oder zornig oder der Ble richtete die hellen, verstndigen Augen
mit einem unbeschreiblichen Ausdruck auf ihn, schttelte zuweilen die
Mhne, spitzte die Ohren, schnaubte, wieherte und scharrte ungeduldig mit
den Vorderfen, der Zuckerhannes aber hielt dies fr klare Beweise
vollkommenen Verstndnisses und herzlichen Mitgefhls und gab die Hoffnung
niemals auf, die Falbe oder der Ble, seine Lieblinge oder ein anderes
Stck wrde einmal unverhofft den Kopf nach ihm wenden, den Mund aufthun
und eine ordentlich gesetzte Rede im besten Deutsch etwa beginnen:

"Schau, Hans, wir drfen mit Menschen sonst nicht reden, obwohl wir es
vermgen und warum? Weil so wenig Gerechte auf der Erde wandeln und unter
den Millionen Menschen auch nicht Einer ist, von welchem der Fluch der
Snde genommen wre. Unsere Vorfahren waren auch besser als wir, sie haben
im Paradiese mit Adam manche Stunde verplaudert, aber mit der Erbsnde sind
Menschenseelen in uns gekommen, der Fluch hat sich auf uns vererbt und eine
unserer grten Qualen besteht darin, da wir nur mit Gerechten oder hchst
selten mit einem kleinen Snder reden knnen und doch mit Allen reden
mchten, namentlich mit Thierqulern, deren Seele gemeiniglich in einen
Postgaul fhrt. Du hast zwar noch kleine Mngel an dir, aber bisher ein
schweres Leben gefhrt, Gott der Herr hat sich deiner Verlassenheit erbarmt
und uns fr besondere Gelegenheiten gegen dich die Zunge gelst!"--

Die Hoffnung auf derartige Ansprache ging niemals in Erfllung, Hoffen und
Harren macht manchen zum Narren und knnte nicht fehlen, da der
Zuckerhannes seine absonderlichen Gedanken wie im Stalle so auch manchmal
bei Leuten laut werden lie.

Die Knechte und Mgde lachten, der Moosbauer lachte anfangs mit, aber
seitdem er wute, der Schwarzwlder gehe an Sonn- und Feiertagen zwar mit
andern Leuten bis zur Kirche, dann aber, besonders bei schnem Wetter nicht
immer in dieselbe hinein, sondern schlendere in Feld und Wald herum oder
kehre in seinen Stall oder auf den Heuschober verstohlenerweise zurck, da
schttelte er bedenklich den Kopf, beobachtete den Zuckerhannes heimlich,
wurde mindestens an der Religion desselben irre und machte ihn durch die
Androhung augenblicklicher Entlassung wiederum zu einem fleiigen Anwohner
des Gottesdienstes.

Das Gelchter der Knechte und Kichern der Mgde hrte nicht auf, hinter dem
Gelchter und Kichern steckte bei Diesem und bei Jenem auch etwas Bosheit,
Neid und Rachsucht und der Schwarzwlder lieh Anla dazu.

Er hielt das Vieh des Mooshofes in einem so trefflichen Zustande, wie es
noch niemals der Fall gewesen, war beim Arbeiten der Erste und Letzte und
je mehr ihm der Bauer und die Buerin dafr Dank wuten, desto weniger
wuten ihm dafr die Dienstboten.

Weil er weit mehr arbeitete, als dies bei sonst fleiigen Knechten der Fall
zu sein pflegt, so muten sich seine Mitknechte auch weit mehr anstrengen,
damit er ihnen nicht immer als Muster vorgestellt und vorgeworfen wrde und
dies war ihnen nicht lieb. Sie behaupteten, der Schwarzwlder schinde und
plage sich ab aus purem Zorn und Ha gegen sie, thaten Alles, demselben die
Arbeit zu erschweren und zu entleiden, richteten jedoch wenig aus und
whrend sonst wohl sogar der Blsi mit der Zeit seinen Uebermuth und Groll
gegen den Zuckerhannes htte fahren lassen, trug letzterer selbst das
Meiste dazu bei, die Gemther der Mitdienenden gegen sich zu erbittern und
unvershnlich zu machen.

Dem Moosbauer war sein Nutzen das Liebste und Hchste, dehalb liebte er
auch den Schwarzwlder, erhob ihn vom Robuben bald zum Range eines
Stallbeherrschers und htte eher dem Blsi als diesem den Dienst
aufgekndiget. Dem Stallbeherrscher wuchs der Kamm, er konnte in Manchem
Befehlerles spielen und wie Zorn und Ha gegen Andere wirklich der Sporn
seiner Unermdlichkeit waren, so that er noch mehr, um sich fr Unbilden zu
rchen und das Mitrauen in seine Ehrlichkeit grndlich zu beseitigen.

Es gibt wohl selten ein Haus, in welchem eine Anzahl verschiedener Leute
wohnt, ohne da Ungeschicklichkeit, Trgheit, Nachlssigkeit und Untreue
mindestens eine untergeordnete Rolle spielen. Der Mooshof galt als Einer
der besten Hfe weitum und dies mit vollem Recht, aber verdorben und
veruntreut wurde doch jahraus jahrein gar Manches, ohne da die Eigenthmer
Etwas dagegen zu sagen im Stande waren, sei es, da die Schuld unbeweisbar
oder unbekannt war. Nun spielte der Zuckerhannes neben der Rolle eines
Musterknechtes auch die eines unbestechbaren Polizeikommissrs mit immer
grerer Lust, um sich recht in der Gunst des Moosbauern zu befestigen und
an dem Mitdienenden zu rchen. Kein Knecht und keine Magd verdarb eine
Kleinigkeit oder trug etwas aus dem Hofe, ohne da die Hofleute es wuten
und wenn es auf unsern Helden angekommen wre, so wrde es wchentlich
einigemal schwere Hndel abgesetzt haben. Er log und verlumdete nicht,
doch steckte er seiner Herrschaft gar Vieles, was weder dieser noch ihm
Nutzen brachte und besser mit Stillschweigen bergangen worden wre.

Die Mitdienenden haten den "Hungerleider, Wohldiener und Kalfakterer" von
ganzem Herzen, doch weil der Ha nichts helfen wollte, theilten sie sich
etwa ein halbes Jahr nach der Ankunft des Zuckerhannes in zwei Partheien,
nmlich in eine solche, bei welcher der Ha von der Furcht berwogen wurde
und die gerne friedlich im Neste sitzen bleiben wollte und in die alte
mitrauische und feindselige, deren Haupt der geschickte und ehrliche,
dehalb auch furchtlose Blsi blieb, der kein Soldat htte sein mssen, um
offenen Krieg nicht einem feigen Frieden vorzuziehen.

Diese Partheiung fand kurz vor der Kirchweihe statt, das Haupt der
friedsamen Parthei, die Meistermagd lud den Zuckerhannes ein, jetzt auch
einmal zu thun wie andere Menschen und mit ihr, der Margreth und dem Jockel
und einigen Andern ins Wirthshaus und zum Tanze zu gehen, denn wenn er mit
seinem krummen Fue auch nicht tanzen knne, so knne er doch Gesundheiten
trinken und lustig sein mit ihnen.

Der Moosbauer und die Moosburin selbst redeten dem Stallbeherrscher zu,
der Einladung zu folgen, aber dieser schttelte das Haupt, da die
Zipfelkappe sammt dem Kropfe wackelte und meinte gar patzig:

"Bin ich Euch vorher nicht gut genug gewesen, so seid Ihr mirs jetzt nicht.
Geht, tanzt und sauft und schimpft ber mich, soviel Ihr wollt, mir ist der
Ble lieber als Ihr Alle sammt und sonders, ich will nichts mit Euch zu
thun haben und frchte Euch auch nicht. Ich bin nicht so nrrisch, mein
Geld den Wirthen zu geben!"

Solch unchristliches Gebhren hat der Zuckerhannes schwer gebt.

Er bereute es zwar bald, that freundlich mit den Friedfertigen und gewann
einige Hausbewohner fr sich, doch der Blsi behielt die Oberhand und
endlich gelang es, den Zuckerhannes in eine schlimme Falle zu locken.

An einem Sonntag Mittag schleicht ein guter Freund des einugigen Stoffel
zu diesem in den Stall und bietet ihm eine prchtige Ulmerpfeife mit
silbernem Beschlag und silbernem Kettlein, wie es Fuhrleute und Knechte in
Schwaben lieben, um einem Spottpreis zum Kaufe an.

Der Zuckerhannes hat vom Einugigen, welchen er spter im Amtsgefngnisse
traf, schon manches und zwar nicht viel Gutes gehrt, auch hat der
Antragsteller einen Kopf, der an Fchse und Wlfe mahnt, aber in diesem
Kopfe stecken zwei gesunde, pfiffig zwinkernde Augen, folglich gehrt er
unmglich dem Stoffel an und der Inhaber wei gar ehrlich und freundlich zu
thun, nennt seinen ehrlichen Namen und ist in nchster Nhe daheim.

Unser Held besitzt Geld, eine groe Freude an glnzenden Sachen, sieht
nicht ein, warum er die Pfeife nicht kaufen und einen guten Kauf
vorbeigehen lassen sollte, dehalb werden Beide handelseinig und scheiden
in Friede und Freude.

Es dauert nicht allzu lange, so schleicht der Pfeifenhndler zwischen Licht
und Dunkel wiederum in den Stall, findet richtig den Zuckerhannes, packt
prchtigen Zeug zu Hosen und Rcken aus und lt einen schnen Theil
zurck, denn die heimlich herbeigerufene Meistermagd hat geschworen, die
Elle solches Tuchen sei unter Brdern 3 fl. 30 Kreuzer werth, der
menschenfreundliche Kaufmann aber hat dieselbe zu zwlf Batzen abgelassen
lediglich unter der Bedingung, den Mooshofleuten einstweilen Nichts zu
sagen, weil sie gar stolz seien und derartigen Staat bei einem ihrer
Knechte sehr ungern shen.

Der Falben und dem Ble hat der erfreute Zuckerhannes die Pfeife und das
Tuch einzig und allein gewiesen, diese haben kein rechtes Zeichen von sich
gegeben und als er einige Wochen darauf dem Leitgaul eine silberne
Repetiruhr in das rechte Ohr hielt und lieblich schlagen lie, hat das
Thier ob diesen Silberklngen keine Freude gezeigt, sondern durch sein
erschrockenes, unruhiges Thun den Zuckerhannes schwer erzrnt, so da er
ihm Eins versetzt und brummte: "Bist eben doch ein dummes Vieh."

Einige Tage darauf ist auch Einer in den Stall gekommen, doch nicht im
Zwielicht, sondern am frhen Morgen und nicht der billige Krmer, sondern
ein Gensdarm und dieser war so unbillig, den Zuckerhannes ohne langen
Abschied vom Mooshofe weg in das Gefngni der Amtsstadt zu liefern, mit
den Sachen desselben eine kleine Auswahl anzustellen und Verschiedenes
mitzunehmen, was ihm gefiel, darunter Alles, was der erschrockene Arrestant
vom Krmer im Stalle binnen lngerer Zeit erhandelt und nicht wieder
verkauft hatte.

Mehrere Monde sa der Zuckerhannes im Thurme, lernte manche Gemcher und
noch weit mehr Bewohner desselben kennen und erfuhr gar Vieles, aber Eines
nicht, was er vom einugigen Stoffel, mit welchem er in den letzten Tagen
der Gefangenschaft zusammen lebte, htte erfahren knnen.

Da nmlich der seltsame Krmer, von welchem er einige Herrlichkeiten
spottwohlfeil erhandelte, seines Zeichens ein Spitzbube gewesen, ward dem
Zuckerhannes schon im ersten Verhre klar, aber da dieser Krmer ein alter
Freund des Stoffel sei, mit letzterm zusammen "gearbeitet" habe und vom
Oberknechte des Moosbauern, nmlich vom Blsi an ihn gewiesen sei, dies
erfuhr er weder in der Amtsstube noch im Kerker, sondern ging ihm das Licht
darber erst weit spter im Zuchthause auf, wo er mit dem Blsi
zusammentraf.

Fr jetzt ward er nach langem Harren wiederum frei, der Verlust, welchen er
whrend mehrerer Kerkermonate an leiblicher Kraft, Zeit und Geld erlitten,
so wenig von Rechtswegen in Betracht gezogen, als die Keime des geistigen
und sittlichen Verderbnisses, die in Gesellschaft verkehrter und schlechter
Leidensgefhrten mchtige Wurzeln geschlagen oder der Verlust an Ehre, den
er in den Augen der Mitmenschen wiederum erlitten.

Es war ein weiteres Unglck, da er mit dem Spaniolen zusammentraf, sich
von diesem gewinnen und beschwatzen lie, ihm fast alles brige Geld als
Darlehn zu hohen Zinsen vorzustrecken und das Versprechen in den Kauf zu
nehmen, der Spaniol wolle eine Glcksnummer des alten Lotterielumpen, des
Paul, auf eigene Unkosten fr Freund Zuckerhannes besetzen.

Der Moosbauer wrde den fleiigen Stallbeherrscher nach der Befreiung wohl
wieder behalten haben trotz dem Widerwillen und den Stachelreden der
meisten Knechte und Mgde, aber der Zuckerhannes verga nicht, da er im
Kerker niemals einen Besuch empfangen, der Mooshof und die Gegend waren ihm
entleidet, er begngte sich mit einem vortrefflichen Dienstzeugnisse, nahm
zrtlichen Abschied von seinen wiehernden und hrnertragenden Freunden und
ging fort.

Einige Zeit hinkte er an den wunderlieblichen Ufern des Bodenseees herum,
die paar Thaler, welche er beim Abschied sorgfltig in den
vielversprechenden Schuldschein des Spaniolen eingewickelt hatte, wurden in
Mnze verwandelt und schmolzen bei aller Gengsamkeit rasch zu wenigen
Groschen zusammen, so da der Wanderer dem Ende der Wanderung sehnschtig
genug entgegenschaute.

Sein gutes Zeugni verschaffte ihm einen Dienst als Knecht im besten
Wirthshause desselben Dorfes, in welchem die kranke Ursula von der Emmerenz
verpflegt wurde. Das Wirthshaus fhrte den Schild zum Adler und lag gar
nicht weit vom Huslein der Ursula entfernt, der Zuckerhannes kam tglich
oft daran vorbei, sah die Emmerenz stets freundlich ber den Gartenzaun
herbergren, fand Gelegenheit, derselben als Nachbar manchen kleinen
Gefallen zu erweisen, trug als dienstfertiger Mensch manchen Kbel voll
Wasser vom "Gumpbrunnen" des Adlerwirths in ihr Huslein hinber und wurde
so auch mit der lahmen Alten bekannt.

Am Bodensee erging es dem Zuckerhannes weit besser als drunten im Hegau
oder gar im Schwarzwalde. Im Dorfe wute man weiter Nichts von ihm, als was
er selbst erzhlte, der Adlerwirth kmmerte sich lediglich um die Arbeit
seiner Dienstboten und weil der neue Knecht tapfer arbeitete, Alles frisch
angriff und sich nichts Besonderes zu Schulden kommen lie, war und blieb
er mit demselben zufrieden.

"Ich wei Hanns, da Du ein Bankert und von Hause entlaufen bist; auch
sollen deine Finger lnger als die anderer Leute sein, doch Du bist ein
rechter Knecht, ich habe Dich bisher aufs Korn genommen, ohne da Du es
wutest und immer als eine ehrliche, treue Haut befunden. Was kmmert mich
dein Vater, deine Heimath, deine alte Geschichte oder gar deine Religion?
Nichts, rein Nichts! ... Ja, wir da Oben am See sind nicht so unaufgeklrt
und aristokratisch, um nach dem glauben zu fragen, damit kann es Jeder
halten, wie er mag, wir schauen nur auf das Thun. Bisher hast Du recht
gethan, der Lohn bei mir ist gut, Trinkgelder gibt es auch, Du bleibst im
Adler, schau, diese zwei Gulden schenke ich Dir, damit Du dir auch einmal
einen guten Tag machst!"

Also redete der Adlerwirth nach dem ersten halben Jahr der Einstellung des
Zuckerhannes und im dritten und vierten Jahre dachte und sprach er auf
dieselbe Weise. Unser Hans verlebte hier sein goldenes Zeitalter und
bessere Tage hat er niemals wieder bekommen.

Weil er von Niemanden besonders miachtet oder verfolgt wurde, hate und
verfolgte er auch Niemanden und kam mit den meisten Hausgenossen gut aus,
weil er frher Gelegenheit genug gehabt hatte, sich in der Geduld zu ben
und seine aufbrausende Gemthsart zu beherrschen, sich auf keine besondere
Kameradschaften und Partheiungen einlie, sondern seinem Geschfte nachging
und sich wenig um die Angelegenheiten Anderer kmmerte.

Ein groer Trinker war er nicht, Karten und Wrfelbecher bten auf ihn
keine Anziehungskraft aus, von Gesellschaften, wo Gelegenheiten zum
Geldausgeben zu regnen pflegen, hielt er sich ferne, denn er war sparsam
und die Meisten nannten ihn einen Knicker und Sonderling, er aber
behauptete, ein armer Teufel seiner Art sei wohl ein Narr, wenn er
sauerverdienten Jahreslohn in wenigen Freudentagen aufgehen lasse und nicht
an die Zukunft denke.

Der Spaniol lie sich nimmer hren, der Adlerwirth lachte laut auf, als ihm
der Zuckerhannes den schnen Schuldschein desselben vorwies und machte es
ihm klar, der Schein sei lediglich ein Wechsel auf seine Unerfahrenheit in
Geldsachen und Gesetzen und auf seine Dummheit und Gewinnsucht gewesen und
wer in eine Lotterie setze, werfe das Geld zum Fenster hinaus, wenn er auch
Einmal unter hunderten gewinne. Ein Schreiben an das Amt stellte heraus,
der Spaniol sei lngst frei und auf und davon, der alte Paul aber sitze im
Zuchthaus.

Der Verlust seiner Sparpfenninge krnkte den Hans gewaltig, hatte aber auch
sein Gutes, denn er machte ihn vorsichtig und mitrauisch in Geldsachen und
whrend er im Amtsgefngni beinahe dazu gekommen war, Spitzbuben fr
ehrliche Leute und die Ehrlichen fr die durchtriebendsten und grten
Spitzbuben zu halten, brachte ihn der an ihm selbst verbte Betrug doch
wieder zu etwas besserer Einsicht.

Dagegen hatte er im Kfig ganz andere Ansichten ber das Weibervolk
bekommen und diese verloren sich nicht wieder, zumal er tglich grer,
strker und lter wurde.

In einem Wirthshause sprechen vielerlei Leute ein, die Mgde sind hufig
nicht von bester Butter, der Adlerwirth drckte beide Augen zu, wenn nur
tapfer gearbeitet wurde und die Wirthin hatte keine Ader von der Elsbeth an
sich.

Die Arbeit des Zuckerhannes war nicht immer gleich schwer oder dringend, an
manchem Wochentag kam er kaum zum Schlafen, im Sptjahr und Frhling kaum
zum Athemholen, allein manche Stunde hatte er in der Woche doch frei und
wute manchmal nicht, womit er sich lange Winterabende vertreiben sollte.

Wer wei, was unter solchen Umstnden, wo Gelegenheit und Lust zu unntzen
und verderblichen Dingen nahe traten, geschehen sein wrde, wenn unser Held
nicht mit einem Kropfe und krummen Fue behaftet, dabei ein schchterner
und erschrockener Mensch gewesen wre, so oft er mit Weibsleuten zusammen
kam und endlich nicht die Emmerenz insgeheim als Schatz verehrt htte?
Jedenfalls war es nicht religise Ergriffenheit, sondern die Liebe zur
Emmerenz was ihn von schlimmen Streichen abhielt, denn er besuchte die
Kirche gar nicht und spter nur dehalb fleiig, weil die Emmerenz niemals
in ihrem Stuhle fehlte und sammt der Ursula ihm die Religion und das
Kirchengehen gewaltig ans Herz legte.

Die Stallbewohner wurden ebenso pnktlich gefttert und wohl gepflegt als
einst die des Moosbauern, doch eine Falbe oder einen Ble fand der
Thierfreund nicht wieder; der Umstand, da manche Gste weit schnere Rosse
in die Stlle zogen als die des Adlerwirths waren und vor Allem das
ertrgliche und leidliche Verhltni, in welchem unser Held zu den
zweibeinigen Hausbewohnern zu stehen kam, mochten der Zrtlichkeit
desselben fr die vierbeinigen gewaltigen Eintrag thun und je vertrauter er
mit der Emmerenz wurde, desto weniger dachte er mehr daran, von seinen
Leiden und Freuden dem lieben Vieh Etwas aufzutischen.

Angeborne Dienstfertigkeit fhrte ihn in das benachbarte Huslein,
Sparsamkeit und Mitleid mit der verlassenen, alten Ursula hielten ihn darin
fest und das Spotten und Sticheln der Knechte und Mgde des Adlerwirths
half lediglich dazu, da er in arbeitsfreien Stunden fast immer drben zu
finden war und eine wundersame Vernderung in seinem Innern vorging.

Die Absichten, welche er mit seiner Freundlichkeit gegen die Emmerenz
hatte, mochten anfangs keineswegs die lblichsten sein, allein er war
schchtern und merkte bald, er sei ganz an die Unrechte gekommen, denn so
wenig dieselbe mit zarten Redensarten und sein verdeckten Anspielungen um
sich warf oder auch nur Einen Funken einer englischen Mi an sich trug, die
bekanntlich um des Anstandes willen so roth als mglich werden mu, wenn
auch nur das sndhafte Wort "Hosen" in ihrer therischen Nhe laut wird, so
wute sie doch recht gut, was wahrhafte Zchtigkeit und Ehre gebieten und
wer ihr zu nahe trat, mochte leicht ein schmerzendes Andenken an ihre
wetterharten Fuste heimtragen. Kurz und gut, der Emmerenz konnte man in
diesem Punkte nichts Unrechtes nachsagen, der Zuckerhannes wute tglich
weniger an ihr auszusetzen, sie kam ihm nach jeder Begegnung schner und
besser vor und das Liedlein:

  Kein Feuer, keine Kohle mag brennen so hei,
  Denn heimliche Liebe, von der Niemand wei!

wurde an ihm mindestens zur Hlfte wahr.

Zur Hlfte, denn die derbe, vielleicht plumpe Emmerenz war und blieb eben
doch ein Weib und brauchte ihr Niemand zu sagen, woran sie mit dem blden
Liebhaber sei, sondern wute es besser, als er selbst, und Andere haben
auch Augen.

Sie war aber ein verstndiges und gewissenhaftes Weib, mochte mit einem
armen Tropf kein herzloses Spiel anfangen, dessen Ende nicht recht
abgesehen werden konnte, begegnete jenem wie nur die beste Schwester dem
Bruder begegnet und wenn er besondere Hoffnungen schpfte, dann kehrte sie
jedesmal flink den Stiel um, that, als ob sie ihn nicht verstnde oder nahm
Alles fr Scherz auf.

Sie brachte mit ihrem neckischen, lustigen, altklugen und kaltverstndigen
Gebahren den armen Zuckerhannes schier aus dem Husle und je mehr er die
Hoffnung verlor, desto grer wurde seine Sehnsucht und Liebe und fand doch
in anderthalb Jahren keine rechte Gelegenheit, ordentlich von diesen Dingen
zu reden und Gehr zu finden.

Allmhlig wurde er pfiffiger, gewann die alte, wunderliche Ursula ganz fr
sich, dies gab Gelegenheit, der vielgeplagten Emmerenz manches Stndlein zu
versen, welches sonst bitter ausgefallen wre; ferner half er dieser bei
ihren Arbeiten, soviel er nur vermochte, endlich griff er auch in den
Geldbeutel und kaufte derselben Manches, was sie schon um der redseligen
und befehlshaberischen Ursula willen nicht nur annehmen, sondern auch
tragen mute, ob es ihr gefiel oder nicht.

Seitdem die Emmerenz am Sonntag mit einem halbseidenen Halstuch und einer
Granatenschnur prunkte, was der Hans um schnes Geld vom Randegger Juden
erhandelt, der auf der Reise zur Konstanzermesse alljhrlich zweimal im
Adler einkehrte, glaubte das ganze Dorf, die Ehe der ltlichen Magd mit dem
hinkenden Schwarzwlder sei von den Beiden und der alten Urschel dazu fest
verabredet und beschlossen. Das genannte Kleeblatt waren so ziemlich die
Einzigen, welche nichts davon wuten und wissen wollten.

Zwar redete die Alte oft genug von Hochzeiten, welche im Himmel
abgeschlossen wrden, von sonderbaren Fgungen Gottes, von den Vortheilen
einer Ehe, in welcher die ltere Frau den jngern Mann fr sich recht
erziehen knne, von der knftigen Erbschaft der Emmerenz und der
Gutherzigkeit des Knechtes und nachdem letzterer sie gar aus einer
Lebensgefahr gerettet, redete sie manchmal ganz unverblmt davon, es werde
das Gescheideste sein, wenn die Emmerenz dem Hans ber ihrem Grabe die
Hnde reiche und dem Zuckerhans klangen dergleichen Reden wie himmlische
Musik--aber der Fisch wollte niemals herzhaft anbeien, sondern vorlufig
vollkommen frei und ledig bleiben und erklrte in unwirschen Augenblicken,
eher die halbe oder auch ganze Erbschaft verlieren, als sich ewig an irgend
ein Mannsbild der Welt binden zu wollen, am wenigsten an den "Kropfhannes."

Es gbe ein dickes Buch, wenn man Alles beschriebe, was der Zuckerhannes um
der Emmerenz willen in kaum zwei Jahren ausgestanden; jeder Andere htte
alle Geduld verloren und alle Hoffnung aufgegeben, doch wissen wir bereits,
da selbst die Dazwischenkunft des rothen Fritz die Leidenschaft unseres
Helden nicht dmpfte, sondern erst recht zur vollen Flamme und zwar zur
peinigenden und verzehrenden auflodern machte.

Dieser kannte Gott nicht recht und liebte Christum nicht, Etwas mu aber
der Mensch haben, was er liebt und woran er sich hlt und bei ihm, in
dessen Gemth einmal eingedrungene Gefhle und Leidenschaften tiefe Wurzeln
schlugen, deren Blthen zu stark waren, um nach jedem Winde zu flattern,
war dieses Etwas eben die Emmerenz. Diese wurde der Abgott, den er
bestndig anbetete und weil der Abgott ein zeitliches, wandelbares Geschpf
war, wurde der Anbeter auch von allen Strmen des Tages und des Herzens
unerquicklich genug mitgenommen.

Weil die spter folgende Geschichte des Duckmusers voll von Liebe ist und
wir bereits wissen, wie weit der Zuckerhannes nach dem Tode der Ursula mit
der verstndigen Emmerenz gekommen, wollen wir mit einem kecken Sprunge den
Wanderer einholen, der mitten in der Nacht aus dem Adler und Dorfe schied.

Jetzt leuchtet die Abendsonne ber die weiten Getreidefelder der Baar,
schrfer und schrfer malen sich die dunkeln Hhen des Schwarzwaldes im
tiefblauen Himmel ab, lnger und lnger werden die Schatten, am Fue eines
Kreuzes, das weit in die einfrmige Landschaft hinausschaut und seinen
Schatten beinahe bis in den Krautgarten eines stattlichen Meierhofes
hineinwirft, sitzt der Zuckerhannes mit gefalteten Hnden und bewegt die
Lippen in inbrnstigem Gebete.

Noth lehrt beten und manchmal auch der Wahn, zumal hinter der Noth oft
genug nur der kurzsichtige Wahn steht, was gerade bei diesem Beter der Fall
ist. Befindet er sich nicht in arger Noth, weil er whnt, ohne die Emmerenz
gebe es kein Glck mehr fr ihn in seinem ganzen Leben, und weil er kein
Geld hat, um vor derselben als Hochzeiter auftreten zu knnen?--

Einen alten Plan des Spaniolen im Kopfe, die Emmerenz als seinen
eigentlichen Herrgott im Herzen und all sein Geld in der Tasche tragend,
ist er Tag und Nacht fortgelaufen und je nher er dem Ziele seiner nchsten
Wanderung kam, je grndlicher er Alles berlegte, was ihm vom Erfolge
derselben abzuhngen schien, desto ngstlicher schnrte sich sein Herz
zusammen.

Vom ursprnglichen Plane des Spaniolen, sich auf ganz besondere Weise Geld
zu verschaffen, ist er keineswegs abgegangen, aber von den Mitteln fr
sichere Erreichung dieses Zweckes will er nur im uersten Nothfalle
Gebrauch machen und bittet Gott inbrnstig, diesen Fall _nicht_ eintreten
zu lassen.

Die Ermahnung der Emmerenz, nichts Schlechtes zu begehen, konnte er nicht
vergessen und Gott lie ihn auf dem Wege mit einem geistlichen Herrn
zusammentreffen, in welchem er denselben Vikar von Ehemals erkannte, der
seiner Mutter, der Brigitte, so manche leibliche und geistige Wohlthat
erwiesen und ihn selbst in die Hnde der Elsbeth geliefert hat.

Dieser gute Herr ist indessen ein noch besserer Landpfarrer geworden, hat
seinen alten Schtzling mit sich in den Pfarrhof genommen, gastlich
bewirthet und beherbergt und sich den ganzen Lebenslauf desselben vom
letzten Augenblicke der Trennung im Schwarzwalde drunten bis zum ersten der
Begegnung in der Baar da oben ausfhrlich erzhlen lassen.

Manchmal hat der Herr den Kopf geschttelt und den Erzhler scharf
angeschaut, um aus der Miene desselben zu lesen, ob der wahrheitliebende
Hannesle nicht zu einem lgenreichen Zuckerhannes geworden, doch log dieser
nicht zuviel, sondern erzhlte Gutes und Schlimmes nach bestem Wissen, denn
er sah in der Begegnung mit seinem alten Schtzer eine Fgung Gottes und
wenn er in das ernstfreundliche Gesicht und mildklare Auge desselben
schaute, wollte keine Lge ber die Zunge, es war ihm schier als ob er
wieder einmal in einem Beichtstuhle se und keinen Menschen, sondern einen
Engel vor sich htte, welcher Gottes Allwissenheit theile.

Auch von der Emmerenz und vom Plane des Spaniolen hat der Zuckerhannes
geredet und nicht verschwiegen, da und wehalb er sich gerade auf dem Wege
befinde, diesen Plan auszufhren. Verwundert und fast traurig hat der
Pfarrer zugehrt und dann dem Plane mit unbesiegbaren Grnden
widersprochen.

Aber die Leidenschaft hat ein anderes Fhlen, Denken und Wollen, folglich
auch andere Grnde als die christliche Wahrheit und weil der Knecht
leidenschaftlich liebte, ist er auch nicht aufrichtig von seinem Plane
abgegangen, wiewohl er Nichts gegen das Aufgeben einzuwenden und nichts
Stichhaltiges fr das Ausfhren desselben vorzubringen wute.

Der Geistliche kennt jetzt die Menschen und ist nicht mehr der junge Vikar,
welchen die nchste, beste Gleinerin mit frmmelndem Geschwtze lange
hinters Licht fhrt, er erkennt die Selbstsucht und den Satan in jeder
Verkleidung, selbst in der der Frmmigkeit und religisen Ergriffenheit,
durchschaut den Zuckerhannes und sieht wohl, derselbe leide an einem Uebel,
welches sich nicht an Einem Tage und sogar schwerlich in hundert oder
tausend Tagen heilen lasse.

Weil dieser offen erklrte, um keinen Preis den Plan des Spaniolen gnzlich
aufstecken zu wollen, so schrieb der Geistliche fr ihn endlich einen Brief
in der schnen Absicht, mindestens die Gewaltmittel, von denen der Spaniol
allein guten Erfolg von vornherein gehofft, unnthig zu machen.

Ganz zufrieden mit diesem Briefe schied der Zuckerhannes von seinem alten
Schtzer. Auf dem Wege las er das Schreiben einmal und zehnmal; je weiter
er vom Pfarrhofe wegkam, desto deutlicher kam ihm die Einsicht, der
Geistliche habe die Worte viel zu milde und vershnlich gestellt, so da
wohl ein guter Christ, nicht aber ein schlechter, gottvergessener Kerl sich
dadurch rhren und zum Geldhergeben bewegen lasse.

Am Ende erinnerte sich der Verblendete an alle Verdchtigungen und
Verleumdungen des geistlichen Standes, die er im Amtsgefngnisse und
anderswo gehrt, gelangte zur weitern Einsicht, der Briefschreiber sei eben
auch ein "Pfaffe," der im Interesse der Groen und Reichen das Volk
betrgen helfe und habe offenbar nicht gewollt, da er seinen Zweck
erreiche, sondern einen Metzgergang mache und am Ende dem rothen Fritz das
Feld rume.

Er redet und trinkt sich in argen Groll gegen den Wohlthter hinein, findet
einen Winkeladvokaten und dieser macht um Geld und gute Worte einen neuen
Brief, worin die Worte des Geistlichen mit den wilden Drohungen des
Spaniolen sich zusammengesellen und welcher zugleich im Namen des
Ueberbringers, nmlich des Zuckerhannes, geschrieben ist.

Jetzt sitzt dieser betend am Fue des Kreuzes und erhebt sich endlich
entschlossen, um sich dem stattlichen Maierhofe zu nhern, denn der
Eigenthmer desselben ist gerade derjenige, welcher Geld schwitzen und
damit ihn mit der Emmerenz zusammenkitten soll.

Das Gebet hat ihm keinen rechten Muth eingeflt; langsam, mit klopfendem
Herzen hinkt er dem Hofe nher, der Kettenhund ist lngst unruhig geworden
und fhrt wthend aus seinem Huslein heraus, ein Knecht steht unter der
Stallthre und betrachtet verwundert den Ankmmling, dessen Anzug
keineswegs dem eines Bettlers, dessen Gesicht dagegen dem eines armen
Snders ziemlich hnlich sieht. Eine kleine, hagere, unfreundlich
dreinsehende Bauernfrau erscheint unter der Thre, bringt den Hund zum
Schweigen und es entspinnt sich zwischen ihr und dem Zuckerhannes folgendes
kurze Gesprch:

"Was wollt Ihr?"

"Etwas mit dem Hofbauern reden. Ist er daheim?"

"Nein, er ist noch im Walde bei den Knechten."

"Wann kommt er heim?"

"Wenn alle Lumpen heimkehren. Sagt nur gleich, was Ihr wollt, ich habe auch
ein Maul!"

"Ich mu unter vier Augen mit ihm reden. Wann treffe ich ihn, morgen?"

"Mit Tagesanbruch mu er wieder in den Wald, um neun Uhr vielleicht knnt
Ihr ihn finden. Was soll ich ihm sagen?"

"Weiter nichts, aber seid so gut und gebt diesen Brief und dieses Pcklein
mit Schriften an ihn ab. Aufbrechen werdet Ihr es wohl nicht?"

"Aufbrechen? Gott bewahre, gebt nur her, bei mir ist Alles wohl versorgt!"

"Ihr seid doch die Hofbuerin?"

"Ja, die bin ich und Ihr, wer seid denn Ihr? Ihr werdet nicht dem Galgen
entlaufen sein und es wohl sagen drfen!"

"Ho, werdet's schon noch erfahren, besorgt mir jetzt nur die Schriften und
behte Euch Gott bis morgen neun Uhr!"

"Ei, wenn Ihr gute Nachrichten habt, knnt Ihr ja dableiben und ein
Glslein trinken, bis mein Bauer heimkommt."

"Ich wei nicht recht, wie er meine Nachrichten aufnehmen wird! sie sind
schon ein bischen alt, dehalb behaltet Euer Glslein und gehabt Euch wohl
fr jetzt!"

"Ganz wie Ihr wollt!" [wollt!] ... Wer nicht will, hat schon gehabt! ...
Lebt wohl!"

Der Zuckerhannes hinkt eilig fort und murmelt auf dem Wege zum Wirthshaus
des nahen Dorfes:

"Der erste Schlag ist gefallen, der Tanz fngt an! ... Diese Buerin
scheint auch keine von den Besten zu sein, am Ende gibts noch viele
Elsbethchen auf der Welt! ... Er hats verdient, wenn er ein Hllenleben
fhrt! ... Vielleicht rhrt ihn der Brief desto mehr! ... Ja, eine zweite
Emmerenz gibts halt nirgends mehr! ... Was sie in diesem Augenblicke wohl
treiben mag!"

In der Schenke vernahm er Manches, was ihm Zweifel und Sorgen ber den
Erfolg seines Schrittes erweckte und ihn die Gedankenlosigkeit bereuen
lie, mit welcher er die Schriften der Buerin eingehndigt. Mehr als
zehnmal stand er auf, um in den Hof zurckzukehren und so oft die
Stubenthre sich ffnete, schnappte er nach Luft vor Angst und Erwartung,
der Empfnger werde kommen und ihm die Antwort selbst bringen, aber er ging
nicht und Keiner fragte nach ihm. Er brachte diese Nacht, welche er spter
die schwerste seines Lebens nannte, schlaflos zu und die wachsende Sorge
trieb ihm alle Mdigkeit und Erschpfung aus den Gliedern.

Wer die kurze Sommernacht ebenfalls zubrachte, ohne ein Auge zu schlieen,
war der Empfnger des Briefes, nmlich _der leibliche Vater des
Zuckerhannes_. Ja, Michel, der Sohn des reichen Fesenbauern, der Verfhrer
Brigittens ist keineswegs ein Gastwirth geworden, sondern hat nach
verschiedenen Irr- und Kreuzfahrten mit dem Reste des Vermgens, welches
ihm nach mehreren Unglcksfllen geblieben, einen Hof gekauft und ein Weib
genommen, welches ihm neben einem ordentlichen Geldsacke den leibhaftigen
Unfrieden als Brautschatz mitbrachte.

Aus einem wsten, freudlosen Eheleben ging ein halbes Dutzend ungerathener
Kinder hervor, von denen gegenwrtig nur noch Zweie im Hofe leben und im
Bunde mit der Mutter den alternden Michel drangsaliren.

Heute hat er drauen im Walde gearbeitet und ist Abends mit schwererm
Herzen als gewhnlich heimgekommen, auch vom Weibe und den Kindern bel
genug empfangen worden, denn die Buerin hat sofort nach dem Weggehen des
verdchtigen Fremdlings den Brief desselben erbrochen und sich von der
Marianne, der ltesten Tochter vorlesen lassen.

Noch spt in der Nacht hrten die Dienstboten die gellenden Stimmen der
Buerin und Mariannens, die verchtlichen Schimpfreden, welche der lange
Jrg gegen den Vater ausstie und das zornige Vertheidigen Michels gegen
die bittern Vorwrfe der Seinigen und mehr als einmal bekam es den
Anschein, als ob die Worte wieder zu Prgeln werden wollten. Die Knechte
und Mgde waren des Unfriedens beim Fesenbauern gewohnt, denn dieser war
mit Weib und Kindern fast nur darin einig, der Mensch lebe lediglich, um
Geld zu erwerben und gerade diese Einigkeit fhrte zu Auftritten, welche
dem Fesenhof in der Umgegend den Beinamen "Hllenhof" erworben hatten.

Heute Abend jedoch ging es hier zu, als ob Trken und Heiden sich in den
Haaren lagen und das Unterste zu Oberst kehren wollten, selbst das
gewhnliche lange Nachtgebet der Dienstboten wurde mit schweren Flchen und
unerhrten Verwnschungen gewrzt, womit der Fesenbauer und die Seinigen
sich bombardirten, nachher fing das unidyllische Schimpfiren und Lstern
erst wieder recht an und hrte nach mehrern Stunden erst allgemach auf,
nachdem sich der Michel in seiner Schlafkammer verbarricadirte und
beharrlich jede Antwort verweigerte.

Den Brief des Zuckerhannes, welcher die Rolle des Zankapfels gespielt,
wuten die meist liederlichen Knechte und Mgde noch vor dem Einschlafen
auswendig herzusagen und obwohl es im Fesenhofe als erstes und hchstes
Gesetz galt, da nach dem Betluten kein Dienstbote an Werktagen ohne
besondern Auftrag sich aus dem Hause entferne, wrden die Zungen der
meisten Bewohner des nahen Dorfes doch noch heute Nacht durch die
Jugendsnden des "Hllenbauern" tchtig in Allarm und Bewegung gesetzt
worden sein, wenn der Spektakel die Neugierigen nicht daheim gehalten
htte.

Ein dsteres Oellmpchen brennt in der Kammer Michels, auf dem Tische liegt
eine Abschrift des Taufscheines und aller Zeugnisse des Zuckerhannes, die
schlechten allein ausgenommen, den verhngnivollen Brief des Verstoenen
hlt der herzlose Vater in der Hand und ehe er denselben in hundert Fetzen
zerreit, wollen auch wir ihn lesen, zumal der Titel, "Brief an Einen aus
Vielen" recht gut pat.

Derselbe aber lautet:

"Alter Snder! Zum erstenmal in meinem Leben wende ich mich an Dich,
nachdem ich bald 21 Jahre das nmliche Recht auf Dich mit Allem was an Dir
ist, besitze, welches das Kind auf seinen Vater, der junge Tiger auf den
alten Tiger hat."

"Du hast 21 lange Jahre hindurch bewiesen, das Gewissen eines Bauern knne
nicht minder weit als das eines armen oder reichen Lumpen sein, der einem
andern Stande angehrt."

"An dein weites Gewissen will ich zunchst reden und wenn es nicht ein
bischen enger dadurch wird, dann sollst Du einen Theil der Belohnung
empfangen, deren Du Dich wrdig gemacht, ohne da dieselbe auf Erden Dir
bisher zu Theil wurde."

"Gelt, Du hast die Tochter des Gestellmachers, die Brigitte, vergessen?"--

"Natrlich, was liegt einem Schufte deiner Art an der Ehre und am
Lebensglcke einer armen Verfhrten? Grere Herrn als Du Einer bist,
leuchten dem Volke mit Unzucht und Ehebruch voran, die Welt findet
derartige Schwachheiten hchst liebenswrdig und nachahmungswerth und was
Christus der Herr befohlen, soll eigentlich nur fr die Armen und Geringen
Gewicht haben, den Andern Alles erlaubt sein und wenn ihnen beliebt,
Unerlaubtes zu treiben, dann wird es im mildesten Lichte betrachtet, gar
sorgfltig vertuscht, hufig genug belacht, belobt und belohnt."

"Dich aber, Fesenmichel, will ich am Schopfe nehmen, weil ich das nchste
Recht dazu habe und Dir zunchst sagen, wer Du bist und was Du gethan hast,
Du Unmensch!"--

"Zum Ersten bist Du ein ehrloser Wicht, weil Du von vornherein in der
Absicht, einem braven Mdchen die Ehre zu rauben, Dich der verlassenen und
geplagten, unerfahrenen und arglosen Brigitte genhert hast."

"Zum Zweiten bist Du ein Meineidiger, denn Du hast derselben nicht blos die
erlogenen Redensarten und Schwre aufgetischt, welche jeder Verliebte
aufzutischen pflegt, sondern sie durch gewisse schriftlich gegebene
Eheversprechen in dein hllisches Garn gelockt, um rascher zum Zwecke
deiner thierischen Lsternheit zu gelangen. Sie hat von diesen
Versprechungen niemals Gebrauch gemacht, weil sie noch als Gefallene mehr
Ehre im Herzen trug als Du."

"Zum Dritten bist Du ein Mrder, denn Du hast der Brigitte das Herz
gebrochen, den Grund zu schwerem Leiden und zeitlichem Unglcke gelegt,
welches ihren frhen Tod herbeifhrte."

"Das Sterben unter Gefallenen ist zwar nicht sonderlich Mode, aber gar
Viele erliegen durch Schuld ihres Verfhrers dem geistigen Tode, der wohl
mehr als der leibliche bedeutet und die Meisten bleiben einem traurigen,
verachteten und freudlosen Leben preisgegeben."

"Die Brigitte modert schon viele Jahre unter dem Boden, Du hast ihr den
Todestritt und der Todtengrber den Abschiedstritt gegeben, aber wenn ihr
Gespenst auch niemals deinen Schlaf strte, so sind ihre Thrnen und
Seufzer, ihre Anklagen und Verwnschungen doch von Gott gehrt worden, denn
Er lie mich leben und am jngsten Tage wird die Gemordete gegen Dich
ehrlosen, meineidigen Mrder als Anklgerin auftreten, wenn Du deine Schuld
nicht auf Erden erkennst und einigermaen zu shnen Lust bekommst."

"Sie hat Dir zwar vor ihrem Tode verziehen, Alles verziehen, aber Gott kann
und wird Keinem verzeihen, welcher nicht Asche auf das Haupt streut und
ernste Bue thut."

"Es ist leider wahr, schrecklich wahr, da Du, Fesenmichel, vor mehr als 20
Jahren nicht schlechter an Brigitten gehandelt hast, als Tausende vorher
und seither, vielleicht in dieser Stunde, an tausend Anderen handeln, aber
ein Laster bleibt ein Laster, wenn es auch wegen allgemeiner Verbreitung
schier zum Gesetze und Recht gemacht wird und Du bleibst ein ehrloser,
meineidiger, mrderischer Wicht, wenn Du auch unter allen Stnden und
Klassen des Volkes noch so viele Kameraden und die Entschuldigungen:
Jugend, Mangel an Bildung, guter Gelegenheit und dergleichen hohle
Redensarten fr Dich hast."

"Weit Du, wehalb ich das Recht besitze, dein weites Gewissen aus langem
Sndenschlafe aufzurtteln und an Brigitten zu mahnen? Weil ich Brigittens
Sohn, dein eigener, leiblicher Sohn bin, gegen den Du Dich nunmehr seit
mehr als 20 Jahren tglich versndiget hast."

"Der zweideutigen, flchtigen Freude einer Schferstunde hast Du das
Lebensglck zweier Menschen geopfert, welche nichts Bses gethan haben und
die Folgen deiner lustigen Snde pflanzen sich reichlich und unabsehbar auf
Erden und hinber in die endlose Ewigkeit fort. Brigitte ward unglcklich
auf Erden durch Dich; wre ihre arme Seele nach dem Tode nicht in den
Himmel gekommen, sondern den Martern des Fegfeuers oder gar den ewigen
Qualen der Hlle berantwortet worden, so trgest Du wohl die meiste Schuld
daran, denn Du hast Alles gethan, um sie zeitlich und ewig zu verderben und
Nichts, um sie zeitlich und ewig zu beglcken."

"Ungemach und Unglck aller Art haben mich grogezogen, Dir zumeist habe
ich alles Widrige zu verdanken, was mir bisher im Laufe vieler Jahre
begegnete, indem Du mich in die Welt setzen halfst und dann fr immer
verlieest, wie das wildeste Raubthier sein Junges nicht zu verlassen
pflegt."

"Hynen, Lwen und Tiger helfen ihre Jungen aufziehen, tragen ja Futter
herbei und vertheidigen dieselben bis zum letzten Blutstropfen, die Heiden
befolgen das Beispiel der Thiere und handeln als Menschen dazu, aber in
christlichen Landen laufen groe Haufen viehischer Bauern und viehischer
Herren, die groartig mit Ehre und Bildung und manchmal sogar mit ihrem
Christenthum prahlen und pochen, herum und unterlassen, was Raubthiere und
arme Heiden thun und Christen vor Allem im hchsten Grade thun sollen."

"Brave Geistliche sehen in solch heillosen Zustnden eine Hauptquelle der
unermelichen Summe von Jammer und Elend, welches auf der Christenheit
lastet, doch nicht einmal im Beichtstuhle, geschweige auf der Kanzel drfen
sie sich mehr als allgemeines Gerede ber das sechste Gebot erlauben, wenn
sie nicht von der empfindsamen, anstndigen und doch so grundliederlichen
und verderbten Welt arg verkannt, verlstert und vom zahllosen Heer der
Religionssptter, Staatsverbesserer und Unzchtigen gesteiniget werden
sollen."

"Und die Gesetze? Guter Gott, die Gesetze _mssen_ da aufhren, wo
allgemeine Liebhabereien des Volkes anfangen; gerade die Gesetze sollen in
den meisten Lndern das sprechendste Zeugni ablegen, wie weit es unser
Anstand und unsere Bildung mit der wahren Schaam und chten Sittlichkeit
hinsichtlich des sechsten Gebotes brachten und was die Frucht einer allzu
zartsinnigen Erziehung sei."

"Die Gesetze geben mir kein Recht, Dich Fesenbauer am Schopfe zu nehmen,
ganz im Gegentheil schtzen sie Dich ehrlosen, meineidigen Mrder und
Rabenvater vor jeder unsanften Berhrung, aber ich nehme Dich doch am
Schopfe, mein Recht dazu ist von der Natur und Vernunft und damit von Gott
gewhrleistet und wenn ich Dir eventuell den Hirnkasten einhmmerte, die
Gesetze mich dafr verdammen, so hast nur Du vor Gottes Richterstuhl die
alleinige Verantwortung!"--

"Nimm Dich in Acht vor mir, Du hast mich zum Waisen gemacht, zum armen,
verachteten, mihandelten und verfolgten Bankert und bei Dir steht es,
meiner Armuth ein Ende zu machen oder mich dahin zu bringen, da ich die
bisher unverdiente Verachtung endlich einmal verdiene, die Mihandlungen,
welche die Mitmenschen meiner Mutter und mir reichlich angedeihen lieen,
am Urheber rche, nach weiterer Verfolgung den Teufel frage und Dich in
alle Ewigkeit in die tiefste Hlle hinabfluche und noch dort erwrge."

"Kein Mensch gibt sich selbst das Leben und kann dafr, wenn er in einem
Schweinestalle anstatt in einem Schlosse geboren wird, ein jeder Bettelbube
wrde gewi bald und gerne zu einem "gndigen Herrlein" sich ummodeln, wenn
es nur anginge; ferner ist das Weib schwcher als der Mann, ein
unerfahrenes Mdchen mit Schwren und besonders mit schriftlichen
Versprechungen nicht sonderlich schwer zu bertlpeln.--Das Kind ist ganz,
die Mutter in den meisten Fllen sicher mehr als halb unschuldig, doch
Mutter und Kind tragen in unsern Landen voll einsichtsreicher, gerechter
Menschen und christlicher Nchstenliebe alle Schuld und alle Folgen der
Snde, der Hauptschuldige und Hauptsnder dagegen wird kaum in Heimgrten
oder in den Prachtzimmern ausgeputzter Kaffeeschwestern ein bischen
durchgehechelt, fragt gemeiniglich wenig darnach und hat leichte Sorge,
seine Ehre vor Schiffbruch zu bewahren."

"Meine Mutter ist an den Folgen deiner Snde gestorben und ich habe diese
Folgen vor der Welt nunmehr 21 Jahre herumgeschleppt, Du hast nichts
darnach gefragt, bist nach wie vor der reiche, angesehene Fesenbauer
geblieben, hast ein reiches Weib und eheliche Kinder bekommen, aber jetzt
schreibt Dein Ismael an Dich und wenn es umsonst ist, dann soll die todte
Hagar gercht werden von ihrem Ismael und Du wirst mindestens einmal heulen
wie die Thiere der Wste, wenn Du nichts Besseres von denselben lernen
willst!"--

"Wre ich ein Spitzbube, Ruber, Mordbrenner und Mrder geworden, wer trge
wohl viele oder die meiste Schuld daran? Nennt Dir das weite Gewissen
keinen Namen? Htte ich das schlechte Leben Deiner Jugend auch bereits
angefangen und mein Elend durch neue Waisen vervielfacht, wer htte die
erste Verantwortung dafr? Wrde ich mit allen meinen Nachkommen dereinst
ewig verdammt werden, wer htte der Hlle diese Rekruten angeworben?"

"Ich brauche Dir den Namen einstweilen nicht mit einem Dreschflegel hinter
die Ohren zu schreiben; wenn Du auf Dich selbst hinweisest und sagst: das
ist der Schuft!--dann hast Du den Rechten errathen!--Gelt, der _junge_
Fesenmichel hat beim Brenwirth im Walde drunten keine derartigen Gedanken
bekommen? Ich vermuthe, der _alte_ Fesenbauer bekomme vom vielen Denken
noch immer keine Kopfwehe, dehalb hat der Ismael diese Schrift machen
lassen und mit Freuden unterzeichnet."

"Beiliegende Zeugnisse und Schriften enthalten die Beweise, da ich
Brigittens Sohn und der Deinige sei vor Gott und da ich ferner gro
geworden, ohne eine besondere Schlechtigkeit zu begehen."

"Von meinen Unglcksnchten und Trauerjahren will ich Dir so wenig erzhlen
als von den zahllosen Flchen, welche ich Waise auf Dich herabfluchte. Ich
bin so gut Dein Kind, wie Deine ehelichen es sind, vor Gott dem
Allmchtigen habe ich von Dir Alles zu fordern, was ein ehelicher Sohn vom
Vater zu fordern hat und wenn Gerechtigkeit auf Erden zu finden wre,
wrden die Gesetze einen Menschen Deiner Art ins Zuchthaus zu den
Leibesmrdern und Seelenmrdern senden oder jedenfalls weniger, auch gar
keinen Unterschied zwischen den Rechten ehelicher und unehelicher Kinder
machen!"--

"Aber Brigittens Verzeihung soll gelten, ich will Alles vergeben und
vergessen, was ich 21 Jahre um Deinetwillen litt und Dein getreuer Sohn
werden oder Dir angeloben, eidlich angeloben, den Eid schriftlich aufsetzen
und gerichtlich besttigen lassen, da ich niemals wieder einen Anspruch
irgend einer Art an Dich machen werde, Alles, wie Du es willst--wenn und
insofern Du Dich jetzt dazu verstehst, mir nur einen kleinen Antheil von
Dem zu geben, was jedes Deiner ehelichen Kinder wohl schon gekostet,
geschweige noch zu erwarten hat."

"Vier- bis fnfhundert Gulden nmlich reichen aus, aus einem der
verlassensten Bursche des Landes zeitlebens einen glcklichen Mann zu
machen, der Dich und die Deinigen niemals belstiget und tglich fr Euer
Wohlergehen betet."

"Um Christi Barmherzigkeit willen flehe ich Dich an, zum ersten- und
letztenmal menschlich gegen mich zu sein, zu Fen will ich Dir fallen um
Dein Felsenherz zu erweichen und nicht Dich und wohl auch mich zeitlich und
ewig unselig zu machen."

"Mit leeren Versprechungen lasse ich mich nicht abspeisen; Dein Geiz darf
nichts hoffen, ein guter Freund hat mir gesagt, was ich zu thun habe, wenn
Du Flausen machtest und Gott sei mein Zeuge, da ich nimmer weiche, nimmer
ablasse, Dich auf alle mglichen Arten zu qulen und zu verfolgen, wenn Du
mir nicht einige hundert Gulden, weiche Du wohl stets bereit oder doch sehr
nahe bei der Hand hast, mir einhndigest, damit ich bald wieder fortkomme."

"In Betreff der Amtsleute bemerke ich Dir, da ich Zuchthaus, Galgen und
Rad weniger scheue, als ein Leben ohne Geld, welches ich bisher ertrug,
nunmehr aus Grnden, die ich Dir mndlich mittheilen kann, nicht lnger
ertragen mag."

"Ueberlege wohl, Fesenbauer, bevor Du handelst und handle diesmal
menschlich und christlich an Deinem

  _Ismael Zuckerhannes_."

Dieser Brief wurde vom Leser in hundert Fetzen zerrissen, ohne das Conzept
des Winkeladvokaten wre die solide gebildete Welt um ein Muster
unanstndiger Grobheit rmer geblieben.

Der Michel hat in dieser Nacht nicht geschlafen und unwillkhrlich viel an
die Brigitte und ihren Bren gedacht.

Am nchsten Morgen geschah, was der Spaniol einst prophezeit hatte, der
heranrckende Zuckerhannes wurde nmlich vom Fesenhofe durch den
Kettenhund, das Schimpfen, Schelten und Drohen der zweibeinigen Bewohner
schmhlich vertrieben und verga die rhrende Rede, welche er sich whrend
der Nacht ausgedacht, bevor er noch ein Wort davon ber die Lippen brachte.

Am dritten Abend spter blieb der Fesenmichel ungewhnlich lange von seinem
Hofe weg.

Die Buerin und Marianne schalten und lrmten, der lange Jrg, der lteste
eheliche Sohn des Hauses, fluchte wie ein Trke, spter jedoch griff man zu
Laternen und band den Kettenhund ab, die Knechte suchten mit dem Jrg den
Hofbauern.

Sie fanden denselben dem Anscheine nach erschlagen in einem Graben und der
ganze Verdacht der That fiel auf den Landstreicher, welcher den bitterbsen
Brief gebracht und vom Hofe verdienterweise weggehetzt worden war.

Die Buerin wlzte sich vor Trauer und zerraufte die Haare sammt zwei
Kmmen, Marianne schrie, da die Leute im Dorfe drben es hrten, der lange
Jrg stelzte in stummem Schmerze hin und wieder, auf und ab und begann ein
neues Hausregiment zu fhren, als nagelneuer Gebieter zahllose Mngel an
allen Maregeln des Vorgngers zu finden und seine Aufmerksamkeit zunchst
auf die kleinsten Kleinigkeiten zu richten--aber Alles nderte der
Physikus, welcher am vierten Tage der entsetzten Buerin, der wehmthigen
Marianne und dem zornigen Jrg die frohe Nachricht verkndigte, er habe im
ersten Augenblick recht gesehen, das Gehirn des Fesenmichel sei unverletzt
und die Herzwunde knne zwar langwierige Folgen haben, doch habe der Stich
um einer gewissen Rippe willen nicht so tief einzudringen vermgen, um den
Michel allzufrh mit dem Himmel in Bekanntschaft zu setzen.--

Die Gensdarmen liefen sich schier die Beine, jedenfalls dicke Stiefelsohlen
ab, um den Zuckerhannes zu fangen, aber sie erwischten ihn nicht und waren
froh, da er sich freiwillig den Gerichten berlieferte.

Er spazirte wiederum in ein Amtsgefngni und der Proze begann ernsthaft
zu werden, als der Fesenbauer auf den Beinen und so weit hergestellt war,
um vor Amt erscheinen zu knnen.

Kein Unglck ohne Glck!--Der Zuckerhannes hatte keine Zeit gehabt dem zu
Boden geschlagenen Hofbauern das Mindeste zu nehmen und dehalb wurde er
nicht als Ruber behandelt. Ferner schwor der Fesenmichel, die Brigitte sei
ein "liederliches Thier" gewesen und der Zuckerhannes sei eher jedes Andern
Sohn als der seinige. Dieser Schwur war eine groe Wohlthat und der Thter
so gescheidt, die That fr die Folge eines kleinen Miverstndnisses zu
erklren.

Einige Monate spter trug Brigittens unehrlicher Sohn auch unehrliche
Kleider.




#EIN TAG IM ZUCHTHAUSE.#


Die Sterne glnzen und flimmern noch hell am Winternachthimmel, der Mond
schaut noch in die Straen der Stadt hinab, man knnte dieselben fr
ausgestorben halten, wenn nicht zuweilen die eiligen Schritte eines
bleichen Nachtschwrmers oder die abgemessenen einer Schildwache auf dem
Pflaster hohl und dumpf wiedertnten oder eine Wscherin lngs den hohen
stattlichen Husern einem Marktweibe begegnete und beide sich guten Morgen
wnschten--da zittern hell und schrill die Klnge eines Glckleins durch
die Morgenluft und wer sich nicht in holden Trumen wiegt, des Glckleins
Stimme hrt und kennt, der wei, da ein neuer Tag mindestens fr die
modernen Staatssklaven, die Bewohner des Zuchthauses, angebrochen sei.

Das Zuchthaus liegt am Ende der Stadt, ist ein altes, weitlufiges mit
einer hohen Mauer umgebenes Gebude mit mehrern Nebengebuden und Hfen und
unseres Wissens sehr sinnvoll und zeitgem aus einem ehemaligen Kloster zu
einer Kaserne und endlich zum Rang einer Strafanstalt erhoben worden, deren
Bewohnerzahl noch vor 10 Jahren nicht 150 berstieg, in neuerer Zeit aber
fast nicht mehr unter 330 im Durchschnitt herabsinken will.

Hochgestellte Staatsbeamte, weltliche und geistliche Herren, rhrige
Werkmeister und vielgeplagte Aufseher sind oft viele Jahre und manchmal ihr
ganzes Leben hindurch dazu verurtheilt, mit dem den Gesetzen verfallenen
Abschaum des Volkes zu verkehren, demselben ihre Zeit und ihre Krfte zu
opfern, ohne groen Lohn und sonderliche Anerkennung dafr einzuerndten und
so magst auch Du als Freund des Volkes Dich dazu bequemen, der Stimme jenes
Glckleins zu gehorchen, als unsichtbarer und gerade dehalb als richtig
sehender Gast in eine Strafanstalt einzutreten, deren Bewohner in Slen Tag
und Nacht beisammen hausen und welche den Ruf einer Musteranstalt der
gemeinschaftlichen Haft vollkommen verdient.

Dem ersten Anscheine nach geht es in einem derartigen Hause gar einfrmig,
still und dennoch rhrig zu; es ist eine wahre Freude, das Leben und
Treiben der reinlich gekleideten, gut aussehenden, bescheidenen, gehorsamen
und fleiigen Strflinge einmal mitanzusehen und knntest beinahe Lust
bekommen, mit dem nchsten besten Graukittel human oder christlich zu
fraternisiren--aber ein Mensch wird eben doch niemals zur vollkommenen
Maschine, der Wurm, welcher am bessern Selbst des Strflings nagt, wird von
der zweckmigsten Hausordnung nicht getdtet und das Wehe, welches ihm oft
so tief im Herzen sitzt, durch die einsichtsvollste, menschenfreundlichste
Behandlung nur gemildert und niemals gehoben.

Das Glcklein hat die Gefangenen nicht geweckt, fr das Erwachen derselben
sorgten schon vorher die Aufseher durch Anpochen an die Thren der
Schlafsle. In ihre Wollteppiche eingewickelt lagen die Strflinge auf
ihren Strohscken, Mancher schaute bereits gleichgltig oder sehnschtig
dem neuen Tage des alten Elendes entgegen, Andere strte das Rufen und
Pochen in sen Trumen und verwandelte lchelnde Gesichter in
niedergeschlagene Alltagskpfe, Alle erheben sich, greifen nach ihren
Zwilchkleidern, Strmpfen und Schuhen und in einer halben Minute ist die
Toilette schon so weit gediehen, da nachtrglich zum Kamme und zum
Handtuche gegriffen werden kann.

Dort im Hintergrunde steht ein gemeinsamer Waschtisch, ein altes Flein
oben darauf, dahin trabt Einer nach dem Andern, das Lachen, Fluchen und
Selbstqulen beginnt gemeiniglich schon bei dieser Gelegenheit, denn Jeder
will zuerst Wasser haben und schn werden und der Gnsewein luft doch nur
aus einem Hahnen, den Becher kann nur Einer nach dem Andern bekommen und
der Flinke rgert sich ber den Langsamen.

Die Gescheidesten machen einstweilen ihr Bett und geben demselben die
vorschriftmige Glttung, ehe sie sich waschen und kmmen; die
Unreinlichsten begngen sich mit einigen Tropfen Wasser, welche auf das
Handtuch als Ovation der Hausordnung trpfeln, lassen die ohnehin
kurzgeschnittenen Haare ungekmmt, die Verzrtelten thun dasselbe, denn der
Winter hat seine Eisblumen ber die Fenster des Saales gewoben, so da man
weder Drathgitter und Eisenstbe vor denselben noch den Sternenhimmel sieht
und das Wasser ist kalt. Ehe die Langsamsten und diejenigen, denen der
Aufenthalt in dem dumpfen Saale Kopfweh verursachte oder der von schweren
Trumen beherrschte Schlaf keine Erquickung gewhrte, vollkommen fertig
geworden, klirren Schlssel und Ketten, die mchtigen Riegel der
eisenbeschlagenen Thre des Saales Nro. 5 werden zurckgezogen, die Thre
springt auf, ein schnurrbrtiger Aufseher tritt in den Saal und wird von
mehr als einem freundlichen "guten Morgen, Meister!" empfangen.

Ein Fremder wrde vielleicht vor der verderbten Luft, welche ihm aus dem
Schlafsaale entgegenstrmt, weichen und etwas von jenem unbeschreiblichen,
durchdringenden Geruche wittern, welcher der Kerkerluft eigen ist, doch die
Geruchsnerven eines Aufsehers sind lngst gegen derartige Kleinigkeiten
durch Gewohnheit abgestumpft, der Aufseher nimmt lediglich zu seinem
Vergngen eine riesenmige Prise und wirft die Augen prfend rings umher.

Alles befindet sich in guter Ordnung, jeder Gefangene steht bei seiner
Bettlade, das Summen und Brummen wird durch den ersten Kommandoruf des
Tages in lautlose Stille verwandelt.

"Gebet!"

Die Reihe des Betens ist heute an Nro. 117, einem Mordbrenner aus der Baar,
dessen dicker Kopf und ungemein starker Nacken an einen tchtigen
Schweizerstier oder an eine englische Bulldogge mahnen. Der Gute haspelt
Etwas herab, was mglicherweise einem Vaterunser hnlich lautet, mindestens
versteht man die Worte "Vater unser" und "Absterbens Amen," die Kameraden
falten die Hnde und schauen in die Nacht hinein.

"Ab!"

Jeder greift nach seiner Mtze, Einer nach dem Andern trabt der Thre zu,
Einer hinter dem Andern in den Gang hinaus und an den Aufsehern vorber,
welche mit Soldaten an einigen Posten aufgestellt sind und Jeden mustern.

Der Aufseher, welcher der Saalthre zunchst steht, zhlt die
Herausgehenden, ein Zweiter macht fr Jeden derselben einen Strich auf eine
Schiefertafel, die Zahl wird voll, Keiner der unfreiwilligen Gste fehlt,
einige derselben sind uns bekannt.

Das Affengesicht ist unter den Ersten, welche aus dem Saale Nro. 5
schleichen, hat die Zwilchkappe sehr herausfordernd auf das linke Ohr
gesetzt, aber die verloschenen, mit blauen Ringen unterlaufenen Augen, die
gebckte Haltung, der schlotternde Gang und vor Allem die sfreundliche
Frazze, womit er die ernstblickenden Aufseher begrt, beweisen, da Kraft
und Muth nicht in der Seele dieses Subjektes flammen.

Ein Faustschlag des hinter ihm gehenden Mordbrenners reichte wohl hin, das
durch lngere Gefangenschaft und andere Dinge erschpfte Affengesicht zu
zermalmen. Jetzt kommt Einer, von welchem ein witziger Strfling behauptet,
derselbe msse ein Grtner sein, weil er das Saamenscklein bestndig am
Halse hngen habe--es ist der Zuckerhannes, der lang und faul aus dem Saale
hinkt und nicht vergit, jeden Aufseher gutmthig anzulcheln. Die Wangen
sind offenbar stark verbleicht und etwas unschlittfarben geworden, doch im
Ganzen sieht unser Held gar nicht bel und unglcklich aus und die
reinliche Strflingstracht kleidet ihn recht gut.

Dem Zuckerhannes folgt ein eisgrauer Mann mit groen, schwermthigen Augen
und kummervollem, gefurchtem Antlitze. Er grt Niemanden und man bliebe
zweifelhaft, ob die langen, schmalen Lippen durch Krampf oder Gebet
bestndig in Bewegung erhalten wrden, wenn man nicht wte, da Beides
zugleich der Fall sei.

Ja, der alte Melchior betet vom frhen Morgen bis in die spte Nacht, ein
Nonplusultra der Frmmigkeit, welches Spott und Hohn der Religionslosen
verachtet, denn er hat als Mrder seines Sohnes noch zwlf Jahre hier zu
"brennen," ist ein alter Mann, der die Heimath liebt und nur Einen Wunsch
hegt, nmlich sein Drflein wieder zu sehen. Er betet um Befreiung aus
dieser Jammerhhle und je lnger diese ausbleibt, desto inbrnstiger und
ausschlielicher fleht er um dieselbe.

Hinter dem Melchior trabt ein Bube einher, welchen wir ein Kind nennen
wrden, wenn nur noch etwas Kindliches in diesem pfiffigen
Spitzbubengesichtchen sich entdecken liee. Blutjung an Jahren bertrifft
er den alten Melchior an Erfahrung in Sachen der Greiferkunde und
jedenfalls an Verschmitztheit und Schlechtigkeit. Weil er auergewhnliche
Anlagen zu Lastern und Verbrechen bethtigte, sandte ihn die einsichtsvolle
Gesellschaft auch ungewhnlich frh auf diese Hochschule der Verbrecher und
es scheint, da er die von grndlicher Erfahrung strotzenden Vortrge
grauer Schelme mit Nutzen hrt.

Mit dem festen Schritte eines Soldaten folgt ein hochgewachsener, noch
jugendlich aussehender Bursche, dessen edle Gesichtszge wenig von der
Resignation eines alten Strflings, wohl aber von stiller Schwermuth und
hoffnungsloser Verzweiflung sprechen. Das Feuer der dunkeln Augen ist noch
nicht verloschen, der Mund, der so mancher Dorfschnen und Stadtmamsell
freundlich zugelchelt, hat das Lcheln noch nicht verlernt, doch aus den
Augen sprht ein innerer Brand und durch das Lcheln zuckt ein tiefer Gram.

Dieser schne, interessante Mensch ist ein lebenslnglich Verurtheilter,
nmlich der Duckmuser, der erste und letzte Busenfreund des Zuckerhannes.

Wir werden uns viel mit ihm beschftigen, der Umstand, da er kein Gebilde
dichterischer Einbildungskraft ist, sondern bis heute lebt, vermehrt
vielleicht das Interesse des Lesers--doch fr jetzt lassen wir den armen
Duckmuser abmaschiren und befassen uns lediglich mit der Strflingsrolle
desselben.

Der brave Obermeister, welcher die Namen derjenigen aufzeichnet, die heute
Nacht im Saale Nro. 5 erkrankt sein wollten und einen sichtbar Erkrankten
bei sich zurckbehlt, grt den Duckmuser freundlich und dieser eilt
hinaus in den Hof, nimmt in der Geschwindigkeit einen Schluck frischen
Wassers vom Brunnen mit, blickt zum Monde empor, gedenkt seufzend der
lieben Schlfer im Heimathdrflein, welches er niemals wiedersehen soll und
verschwindet dann in der Thre eines Nebengebudes.

Stumm, in ihre dunkeln Mntel gehllt, stehen Schildwachen und Aufseher in
den Hfen umher, auer den Schritten der Strflinge vernimmt man keinen
Laut, endlich verhallen auch diese, nur der Bach, der seine raschen, kalten
Wellen durch die Strafanstalt jagt, murmelt mit dem Morgenwinde.

Doch hell ist's geworden hinter den groen und kleinen vergitterten
Fenstern der Arbeitssle, rasch wird der Lrm der Arbeiter hrbar, dort das
emsige Klopfen der Schuster, hier das taktfeste Aechzen der Webesthle,
nicht weit davon das gemthliche Schnurren der Rdchen der Spuler, Spinner
und Wollspinner; tief aus dem Bauche der Erde herauf zischen alle Arten von
Hobeln, kreischen Sgen, donnern schwere Kferhmmer und das wilde Rauschen
des losgelassenen Wasserrades, das dumpfe Rollen gewichtiger Walzen in der
Hanfreibe mahnt an die industrielle Neuzeit, wie die frhere Stille an das
Klosterwesen des Mittelalters.

Steigen wir hinab in das Gewlbe der Holzarbeiter, so finden wir dasselbe
hell erleuchtet und voll rhriger Arbeiter, denn schon die empfindliche
Klte des Morgens setzt trotz dem knurrenden Veto des leeren Magens Fe
und Hnde in Bewegung.

Gemessenen Schrittes geht ein unbewaffneter Aufseher ruhig auf und ab,
whrend der Werkmeister von dieser Hobelbank hinter jene Reihe doppelt
aufgethrmter Salzfsser eilt, an jenem Schleifsteine nur verweilt, um dem
fleiigen Drechsler oder dem geschickten Holzschnitzer oder Leistenmacher
ein schrferes Instrument zu bringen oder am Schreibtische in der
hintersten Ecke die Arbeitslisten des Tages zu ordnen.

Vor dem Ofen steht der Zuckerhannes mit einer Schaufel, schaut behaglich in
die Flammen, deren rthliches Licht seine Gestalt umflackert und fttert
von Zeit zu Zeit den Wrmespender mit Abfall und Hobelspnen.

Befinden sich Aufseher oder Werkmeister nicht gerade in der Nhe, dann
schaut das Bulldoggengesicht des Mordbrenners vielsagend von der Fgbank
zum Heitzer herber oder eine listige Galgenphysiognomie blinzelt fr einen
Augenblick hinter dem Ofen hervor oder ein furchtsamer Neuling zischt ein
kurzes Wort, der Zuckerhannes aber wirft die Augen sphend umher, bckt
sich dann rasch, zieht einen dunkeln Gegenstand zwischen den Hobelspnen
hervor und im nchsten Augenblicke fliegt ein Stck Erlenholz, Nubaumholz,
ein Sesselfu, ein Eichenklotz oder etwas Anderes in die lodernde Gluth und
die Schaufel sichert der Flamme ihren Raub durch nachgestoene Hobelspne.
"Spart Holz an den Strflingen, Ihr Kaiben!" murmelt der Zuckerhannes und
lacht schadenfroh, die Nachbarn lachen, der Schurrbart [Schnurrbart] des
zurckkehrenden Vorgesetzten zaubert lauter unschuldige Mienen um sich her,
doch inwendig lacht das Herz fort und das Verschwinden des Argus gibt das
Signal zur Wiederholung des Manvers.

Der Werkmeister mag noch so getreu, der Aufseher noch so scharfblickend und
erfahren sein, dennoch wird an Rohstoffen und Arbeiten in Strflingsslen
jhrlich Vieles absichtlich verdorben und wer mit Strenge dreinfhrt und
dadurch die Arbeiter erbittert, wird bald arg erfahren, da keine Macht der
Erde den Menschen zur willenlosen Maschine und den Strfling zum getreuen
Haushalter mit fremdem Eigenthum macht.

Es gibt manche, vielleicht viele Gefangene, welche das ihnen anvertraute
Gut sehr sorgfltig und eiferschtig hten, dafr ist ihnen das des
Nachbars vollkommen gleichgltig und Viele haben ihre Freude daran,
Rohstoffe zu verderben und zu verschleudern.

"Es gehrt dem Staat!" brummt der Exfourier, ein langer Mensch, dessen
Fuchskopf von einer ungeheuern Adlernase beschattet wird und spedirt im
Vorbergehen ein hlzernes Arbeitsgerthe in den Ofen, der sich freudig
aufflackernd fr diesen Morgenbissen bedankt.

"Es gehrt dem Staat!" wiederholt der Zuckerhannes und fgt bei "der Teufel
soll den Staat holen!"--Der Staat ist ihm ein ungreifbares Etwas, ein
reicher, vornehmer, mchtiger Feind, der ihn beherrscht und qult und dafr
auf jede Weise beschdigt werden mu.

Manche Strflinge gehen hin und her, wandeln ein und aus und mehr als Einer
kehrt freudiger zurck, als er fortgegangen. Die holde Dmmerung ist der
Mantel, unter welchem der Hausordnung die besten und sichersten Schnippchen
geschlagen werden, der Abtritt die Brse und das Rathhaus der
Zuchthauswelt. Hast Du Schick? fragt ein Straenruber den Ofenheitzer.
Dieser zieht ein Pcklein dieser Strflingsambrosia hervor, der Ruber
schneidet eine Viertelelle ab, klirrt freudig mit seinen Ketten und ist in
diesem Augenblicke ein Glcklicher.

Wie wenig gehrt dazu, ein Kind oder einen Gefangenen glcklicher oder
unglcklicher zu machen!--

"An Eure Arbeit!" donnert der Aufseher den Beiden zu; der Zuckerhannes
springt an seine Fgbank, der Straenruber aber schreitet trotzig nach der
Thre.

"Wohin?"

"Hinaus!"

"Schon wieder?--Verfluchtes Gelufe!"

"Schon wieder!" schnauzt der Kettentrger und murmelt vor sich hin einen
schweren Fluch ber alle Leuteschinder.

Er trifft einige Andere; der Exfourier erzhlt eben, wie bis zur Stunde ein
ehemaliger Aufseher in der Stadt herumstolpere, welcher eine Perke und
darunter einen silbernen Hirnschdel trage, weil ihm der beinerne von einem
Strfling eingeschlagen worden sei. Die Zuhrer bewundern die That dieses
Strflings und der entzckte Kettenmann schwrt, nach der Entlassung dem
Hungerleider da drunten mindestens die Augen ausdrcken oder die Beine
abschlagen zu wollen.

"Wehalb bist Du da?" fragt der Exfourier einen jungen Burschen, welcher
erst vor zehn Tagen gekommen und gestern zur Arbeit gesandt wurde.--"Von
wegen meiner Religion!"--"Wirst doch nichts auf die Spitzbuben von Pfaffen
halten!"--"Gott bewahre, ich habe meine eigene Religion und dehalb bin ich
hier, denn mein Glaube wird verfolgt!"--"Ja, was glaubst Du denn?"--"Ich
habe geglaubt, das Gut Anderer sei das meinige, es ist mein erster und
letzter Artikel!"--Alle lachen, Einige gehen, Andere kommen, unter letztern
der Zuckerhannes mit dem Benedict, wie der Duckmuser heit.

"Ah bonjour, Benedict, mein, ich habe schn von meiner Braunen getrumt!"
sagt der Exfourier und lacht hhnisch.

"Kann mir denken, was ein Schwein deiner Art trumt!" meint der Benedict
trocken.

"Hrt einmal diesen Narren, er vergnnt Einem die Trume!" meint Einer.

"Der Duckmuser hat einen haushohen "Krattel," meint immer, er sei Etwas
Besseres als Andere, das hat ihm das Genick gebrochen! ... Wozu ist denn
der Mensch auf der Welt, wenn er nicht einmal ein bischen ein Schwein sein
darf? ... Kannst Dich noch so tugendhaft anstellen, dehalb siehst Du die
Marzell, die Susann, das Rosele und wie deine "Menscher" alle geheien
haben, doch in den nchsten 10 Jahren nicht wieder!" spottet der Exfourier.

"Ein dsterer Zug fhrt ber das Gesicht des Benedict, whrend er erwidert:

"Hast Recht! ... es war vielleicht eine Dummheit, da ich nicht die Grunzer
meines Rheindrfleins nachahmte! ... Vielleicht wrs mit mir jetzt doch
schon zu Ende!"

"Oh, Du kannst noch frei werden!" trstet der Zuckerhannes.

"Ja, wenn die Kuh einen Batzen gibt!" scherzt der Benedict.

"Wir wollen gehen, das Tagwerk mu heute auch fertig sein!" sagt Einer und
die Meisten gehen, whrend Andere kommen.

Allmhlig bricht der Tag heran, die Stunde der Morgensuppe ist nahe, man
merkt am Arbeiten, sie habe im Magen der Strflinge bereits geschlagen;
endlich ertnt die helle, schrille Stimme des Hausglckleins, in einem Nu
werden smmtliche Werkzeuge bei Seiten gelegt, der Straenruber brllt mit
einer Stimme, welche dem heidnischen Kriegsgotte keine Schande gebracht
htte:

"Suppe!"--Alle rsten sich zum Abgehen.

"Ab!"

Die Gefangenen drngen sich nach der Thre durch die Gnge und marschiren
im Gnsemarsch dem Hauptgebude zu, still, geordnet, rasch, das einsame
Klirren der Fukette eines Rubers gibt zuweilen den Takt an, mit
befriedigten Blicken lassen die Aufseher die langen Reihen vorbeidefiliren.

Dort aus jener Thre tritt ein alter Kerl, wendet das von allen mglichen
Leidenschaften und Schicksalen durchwhlte Gesicht gegen den Zuckerhannes,
zwinkert pfiffig mit dem einen Auge und zieht das Maul in eine mglichst
angenehme Krmmung.

Das rothe Band unter dem linken Kniee zeigt an, da er zur alten Garde des
Zuchthauses gehre, es ist der einugige Stoffel, der Besenbinder und
Erzspitzbube, welchen wir im Amtsgefngnisse kennen lernten und welcher das
gewohnte Winterquartier wiederum bezogen hat.

Beim Eingange zum Hauptgebude trifft er mit dem Zuckerhannes zusammen.

"Der alte Paul lt Dich gren, Hannes!"

"So? Was treibt er? wo ist der graue Halunke?"

"Halunke? Ein braverer Bursche hat noch nicht auf Erden gewandelt, als er,
aber das Unglck verfolgt ihn. Hab Dir's ja lngst auseinandergesetzt, da
ihm der Spaniol keinen Kreuzer von deinem Gelde gegeben und da er dehalb
Hndel mit ihm bekommen hat. Der alte Paul wird auch bald wieder kommen,
das Unglck verfolgt ihn bis zum Jahr 1852 und ist nur gut, da das
Zuchthaus nicht das grte Unglck ist, was Einem begegnen kann!"

"Hast Recht, Stoffel, es ist nicht halb so arg, als man drauen meint. Wei
Gott, ich will lieber lebenslnglich im Zuchthause, als Ein Jahr bei der
dicken Sonnenwirthin sein. Ein armer Teufel bleibt ein geplagtes Thier, ob
er hier hocke oder--."

Die beiden werden vom Strome fortgerissen, der am Ende des Hauptganges sich
in mehrere Arme theilt, welche zu den verschiedenen Speiseslen fhren. Der
Zuckerhannes tritt in einen niedrigen, finstern Saal, aus welchem ein
verworrenes Gesumme und Gebrumme ertnt. Rasch fllen sich die langen,
schweren, altersbraunen Tische lngs den Wnden, ruhig sieht ein alter
Schnurrbart von Aufseher am Ofen, der in der Mitte des Saales sich erhebt
und in Einem fort sprudelt das Wasser aus dem alten Fasse in den Becher,
der von Hand zu Hand geht.

Die stumpfen Messer, welche an Ketten angenietet auf dem Tische liegen,
wthen in groen Stcken sehr schmackhaften Brodes, die blechernen Lffel
klirren heimelig und thnerne Schsselchen, in denen ein Stcklein Butter
im Wasser schwimmt, laden neben den Salzbchsen die Gourmands des
Zuchthauses zu ihrem vornehmsten Genusse ein.

"Suppe!" schreit der Aufseher.

Alle Strflinge fahren wie electrisirt in die Hhe, alle Mtzen fliegen von
den Kpfen, alle Hnde werden gefaltet, der Zuckerhannes betet laut ein
Vaterunser und je lieblicher der Dampf einer gersteten Mehlsuppe in seine
Nase dringt, desto beflgelter wird seine Zunge.

Unser Held ist ein eifriger Beter. Er betet fr sich, wenn die Reihe an ihn
kommt, betet aber auch fr manchen Andern, der gerne eine Portion Fleisch
oder etwas Anderes opfert, um nicht durch ein lautes Vaterunser in den
Verdacht christlicher Frmmigkeit zu gerathen oder um seine Unwissenheit
nicht durch Steckenbleiben zu offenbaren.

"Absterbens Amen!" ruft der Zuckerhannes mit freudiger Hast, die Gefangenen
setzen sich mit Ausnahme der Aufwrter, welche die zinnernen
Suppenschsseln vertheilen und die vornehmsten billigermaen fr sich auf
die Seite stellen.

An Appetit fehlt es sehr Wenigen, zudem ist die Suppe vortrefflich und
viele tausend Arme werden an diesem Morgen wohl nichts Besseres bekommen.
Die ertrgliche Kost Gefangener als zu gut tadeln wollen, hiee
unmenschlich sein, weil die Gefangenschaft schon an sich zehrt und Viele
schwer arbeiten, Alle vom frhesten Morgen bis zum spten Abend thtig sein
mssen; es hiee aber auch unsinnig sein, denn Alles ist mglichst karg
ausgemessen und der Vortheil, fr viele Menschen auf einmal zu kochen, so
gro, da trotz aller Beschrnkung ein redlicher Kostgeber ordentliche Kost
bereitet und dennoch seinen billigen Vortheil dabei findet, ein unredlicher
auf Unkosten armer Mitmenschen zum reichen--Schuft werden kann.

Um sich von musterhafter Verwaltung und durchdachter Kontrolle der
badischen Strafanstalten zu berzeugen, wird ein Blick in die Verkstigung
der Gefangenen Erklekliches beitragen, was in frhern Jahren nicht immer
der Fall gewesen sein mchte.

_Selbstbereitung der Kost_ von Seiten der Anstalt, wie dies im
Zellengefngni zu Bruchsal seit neuerer Zeit eingefhrt wurde, mchte
brigens fr den Staat und die Gefangenen zugleich sich laut bisheriger
Erfahrung in einer Zeit der Theuerung aller Lebensmittel stets als das
Vortheilhafteste bewhren.--

Mancher leckt bereits sein Schsselchen rein, das Affengesicht bettelt
Ueberreste Anderer zusammen, der Exfourier, der mit Zuckerhannes und dem
Benedict an Einem Tische sitzt und lngst als Wortfhrer der Sippe
anerkannt ist, klopft sich behaglich auf den Bauch und lt den Duckmuser
bezeugen, die Morgensuppe der Soldaten bertreffe nimmermehr eine solche
Mehlsuppe.

Dieser bejaht, findet nichts zu wnschen brig, auer einem "Pfifflein vom
Alten" als Wrze und meint, die Heldenkraft der mittelalterlichen Ritter
msse sicher auch vom tchtigen Genusse guter Mehlsuppen mit Wein
hergestammt und der Rasse die heutige Welt lendenlahm gemacht haben.

Der Mordbrenner aus der Baar findet nichts Gutes am ganzen Zuchthause,
geschweige an den Mehlsuppen desselben und beneidet schlielich die
"Grokpfe" alter Zeiten um Mehlsuppe und Wein.

Das Gesprch wird gelehrt, der Exfourier gibt die Entscheidung, die Allen
gefllt, nachdem auch er nichts Gutes am Zuchthause gefunden haben will.

"Dort drben auf der Wachtstube," sagt er und deutet mit dem Lffel durch
das Fenster, "dort drben habe ich als Wachcommandant viele hundert Ritter-
und Rubergeschichten gelesen und tief ber die heutige Welt und Lumperei
nachgedacht. Wenn ich die armen Strflinge so betrachtete, wie sie bleich
und hungrig an mir vorberschlichen und die Nase sehnschtig nach dem
Qualme meiner Tabakspfeife richteten, wollte es mich schier versprengen vor
Zorn und Wehmuth! ... Arme Teufel, dacht' ich, man verherrlicht Euch in
Bchern, bewundert Euch in den nobelsten Gesellschaften und mihandelt Euch
doch im Leben. Was knnt Ihr dafr, weil Ihr zu spt auf die Welt gekommen
seid, wo das Rauben und Bandensammeln kein Hauptgeschft adelicher Herren
mehr sein darf und gemeine Leute dafr eingesperrt und gehngt werden?
Warum gibt es bei uns in diesem zusammengestohlenen Bndelland keine
Abruzzen und kein Estremadura? Wehalb einen Schwarzwald voll Gensdarmen
statt eines Bakonyerwaldes? ... Mein Seel, wenn viele Soldaten wie ich
gedacht htten, wren wir einmal vom Exerzirplatze mit Sack und Pack
weggelaufen, um als freie Mnner zu leben und den Reichen die Schdel
einzuschieen. Wir htten uns im Schwarzwalde ganz gut einige Zeit halten,
leicht vertheidigen und durch die Schweiz nach Italien durchschlagen, auf
dem Wege unsere Beutel und Schnapsscke fllen und manchem Schurken den
wohl verdienten Lohn geben knnen! ... Ich wre als Karl Moor
vorangegangen, meine Braune htte ich als Amalie oder Emilie oder wie das
Theatermensch heit, mit mir genommen! ... Gott straf mich, wenn meine
Braune nicht auch zur Bchse gegriffen und in die liederliche Welt
hineingeschossen hatte! ... Aber jetzt hocke ich da und fre unschuldige
Zuchthaussuppen, sie steht noch immer in einer Kche und hat Abends
vielleicht einen Andern zwischen Acht und Neune!--Der Teufel soll die Welt,
den Himmel und uns Alle dazu holen, wenns nicht bald anders kommt, denn ich
habe es satt und kann nicht sterben, bevor das Unrecht, was das
Kriegsgericht an mir verbte, gut gemacht und meine Schmach blutig
abgewaschen ist!"--

Um die Unschuld des Exfouriers, von der er mit seinen Kameraden fest
berzeugt ist, begreifen zu lernen, bedarf es weniger Worte.

Er gehrte einst zu jenen Unteroffizieren, welche zehn Wochen nur Ein Hemd
oder auch gar keines unter der glnzenden Uniform tragen und nach
zahlreichen Eroberungen innerhalb der Mgdewelt ward endlich auch er
erobert. Eine handfeste, stmmige Nymphe des Schwarzwaldes mit braunen
Haaren und rothen Wangen, mit beerenschwarzen Augen und einem Lcheln so
s als das der Houris des Paradieses angelte das Herz des Kriegshelden und
was noch keiner gelungen, gelang ihr. Sie fesselte ihn nicht nur vier
Wochen, sondern nach vier Monden wurde er erst recht ernstlich gefesselt
und Liebe und Leichtsinn begingen Streiche, welche mit Pflicht und Ehre
sich tglich weniger zusammenreimen lieen.

Der Krug ging lange zum Brunnen, zuletzt zerbrach er doch.

Die Gebieterin der Nymphe trug einen prchtigen Schawl, die Nymphe wollte
einen hnlichen als Hochzeitsschawl einstweilen in ihrer Truhe haben.

Bitten und Thrnen, Vorwrfe und Schmollen brachten den ohnehin stark
verschuldeten Liebhaber in Verzweiflung. Endlich reichten einige khne
Griffe in Kassen und fremde Geldbeutel hin, die Nymphe zu beseligen und ihn
mit ihr. Er legte den Schawl zu ihren Fen und erndtete der Minne Sold,
nur die Angst vor Entdeckung trbte seine Seligkeit. Mindestens Ein
Pstlein mute rasch ersetzt werden, wenn der Fourier ruhig schlafen
wollte, dehalb eilte er aus den Armen der Liebe in die der Freundschaft,
welche sich fr ihn in einem feisten Corporal verkrpert hatte.

Die Freundschaft sa gerade im Bierhause, trank den zehnten Schoppen und
nebelte Bremerknaster dazu, der Fourier entdeckte Alles unter dem Siegel
tiefster Verschwiegenheit.

Die Freundschaft nahm erstaunt die Pfeife aus dem Mund, schaute den
Kameraden gro an, strich den Schnurrbart lange und eifrig, endlich zog sie
einen Geldbeutel heraus und warf ihn auf den Tisch. Der Geldbeutel war an
Mnze beinahe so leer, als das reine Nichts Hegels an Bestimmungen und
whrend der Fourier denselben noch mit trber, rathloser Jammermiene
betrachtete, fand sich die Freundschaft bewogen, dem Unglcklichen zum
Schlu einen halben Schoppen Bier ins Gesicht zu schtten und ohne
Entschuldigung fort zu gehen.

Der Fourier wischte den braunen Nektar ab, betrachtete den Streich als Spa
der muntern Freundschaft und hatte zudem keine Zeit zum Zornigwerden, denn
die Stunde des Zapfenstreiches war da.

In Todesangst luft er in aller Geschwindigkeit noch zu einem zweiten,
dritten und vierten Busenfreund und erhlt von Dreien Nichts, vom vierten
den guten Rath, sich schleunig auf die Socken zu machen, weil die drei
vermeintlichen Freunde, denen er sich entdeckt habe, wohl in diesem
Augenblicke ihn bereits verriethen.

Er wei nicht mehr, was er thut und eilt statt zur Kaserne zum Thore
hinaus. Es war eine schne, mondhelle, lauwarme Sommernacht, welche viele
poetische und prosaische Seelen ins Freie gelockt hatte und
unglckseligerweise auch den Hauptmann der Compagnie, welcher der als
"liederliches Tuch" bekannte Fourier angehrt. Der Hauptmann sieht und
erkennt den Untergebenen, die Eile desselben scheint ihm verdchtig, er
hlt ihn an und arretirt ihn.

Aber ein Liebhaber der Romantik lt sich keineswegs mir nichts dir nichts
auf seiner Heldenlaufbahn hemmen, somit zieht der Fourier vom Leder und
erst ein glcklicher Hieb des ebenso muthigen als braven und diesmal arg in
Harnisch gebrachten Offiziers bringt ihn zur Flucht, aber andere Leute
reden auch ein Wrtlein und eine Stunde spter sitzt unser Held
krummgeschlossen im "Dunkelarrest fr Unteroffiziere" und sinnt ber
Schicksalstcke voll Weltschmerz nach.

Jetzt sitzt er fr eine hbsche Zeit im Zuchthause und sucht Licht und
Aufklrung in demselben zu verbreiten, ist ein belesener Mann und dehalb
ein Nebenbuhler seines Tischgenossen, des vielbelesenen Duckmusers, den er
brigens in innerster Seele anwidert.

Der Duckmuser ist in seinen schlimmsten Stunden doch noch zehnmal mehr
werth gewesen, als der grundliederliche Exfourier im Schlafe und whrend
jener den Beifall der Beamten, Aufseher und bessern Kameraden erstrebt,
will dieser Alle sich gleich machen und dabei doch ber Alle herrschen.

Der Ehrgeiz verwirrt Staaten und Zuchthuser, der Mensch mit seinen
Leidenschaften bleibt berall derselbe, wenn nicht die bernatrliche Weihe
der Religion sein Wesen allmhlig veredelt.

Von einer derartigen Veredlung wei der Exfourier mit seinen Kameraden
wenig, denn alle sind Kinder des 19. Jahrhunderts, Alle haben den Jugend-
Glauben verloren und ein langes Sndenleben, oft in Verbindung mit
mangelhaftem Religionsunterrichte hat ihre Gemther verwildert und
verkehrt.

"Die Mehlsuppe ist mir lieber als die Predigt, welche heute der Pfarrer
wieder auftischen wird!" sagt Einer, nachdem das:

"Stille, Stille!"

des Aufsehers den Redeflu des Exfouriers fr eine Weile unterbrochen hat.

"Im Krankenzimmer ist's schndlich langweilig, die paar alten Schunken,
welche droben herumfahren, habe ich schon vorigen Sommer gelesen, auch ist
jetzt wieder der Teufel los, man kann deshalb nicht einmal ein Stck
Schwarzbrod hinaufschmuggeln und der Doktor bringt Einen mit seiner Dit
und Viertelskost fast zum Verhungern. Aber ich wre doch froh, wenn ich
wieder einige Tage droben sein knnte, um der Abwechslung willen und um aus
der leidigen Kirche bleiben zu knnen!" murmelt der Exfourier.

"Krankenstock? he, he, he! ... Gutes Essen, Ausruhen, keine Grobheiten, he,
he, he! ... Ich wei, wie man Doktoren auch im Zuchthause ber den Lffel
barbirt, he, he, he!" schmunzelt der schielende Kilian und schaut
bedeutungsvoll mit einem Auge zur Stubendecke, mit dem andern zum Fenster
hinaus!

"Sag's, wir verrathen Dich nicht! ... Der Kilian ist lange in Frankreich
gesessen, er wei Alles! ... Der Kilian kommt zur Krankenkost wenn es ihm
beliebt."

"Kilian, sage mir ein Mittel!" fleht der Exfourier.

"Was krieg ich, he, he, he?"

"Fnf Pcklein Schick, wenns probat ist!" meint der Duckmuser.

"Zehn Pcklein!" bietet der Exfourier.

"Zehn Pcklein und fnf Portionen Fleisch!" steigert das Affengesicht.

"Zehn Pcklein Schick und zehn Portionen Fleisch, wer bietet?" entscheidet
der Kilian.

"Ich, es gilt, topp!"--Der Exfourier hat es, geht mit dem Kilian hinaus und
kehrt nach einer Minute mit der Miene eines Menschen zurck, der ein
freudebringendes Geheimni erfahren.

"Der Kilian ist ein durchtriebener Franzose, er hat mich angeschmiert und
wieder einen dummen Witz gerissen, aber ich liebe den Witz und dieser ist
so dumm, da ich gern zehn Fleischportionen opfere!" versichert der
Exfourier der ganzen Tischgesellschaft.

Diese Versicherung ist eine vom Kilian ausbedungene Lge. Er gab dem
Exfourier ein probates Mittel an, um nach Belieben Geschwulsten zu erzeugen
und das Gesicht in wenigen Stunden unkenntlich zu machen. Am Tische sitzt
kein Verrther, dies wissen die Akkordanten, aber sie wollen Nutzen aus dem
Geheimnisse ziehen, jeden Verdacht vermeiden und dehalb hat der Exfourier
auch "auf Ehre" schwren mssen, in den nchsten vier Wochen noch keinen
Gebrauch von der Sache zu machen.

"Gebet!" ruft der Aufseher.

Die Aufseher legen ihre Schsselpyramiden weg, alle Gefangenen erheben sich
und verstummen, der Zuckerhannes betet ein zweites Vaterunser, dann wird es
lebhafter und lauter als je, 10 Aufseher wrden 60 bis 70 Esser dieses
Saales nicht vollkommen im Zaum halten knnen.

"Was hat denn der drben gemacht, der mit dem Hasenmaul und der rothen
Nase, he?" schreit der Zuckerhannes zu einem andern Tische hinber.

"Ein altes Weib ausgeplndert und alsdann ins Kamin gehngt! ... Nein,
einem Kleiderkasten das Gehirn eingeschlagen! ... Einem liederlichen
Amtmann das Genick gebrochen!" rufen Einige herber.

Der Rothnasige mit dem Hasenmaule hat Alles gehrt, das Gelchter rgert
ihn, er kommt zum Zuckerhannes und sagt zitternd vor Zorn:

"Vefluchter kropfiger, hinkender Halunke, was geht es Dich an, was ich
machte? Ich bin kein so schlechter Kerl wie Du, wenn Du mich nicht gehen
lt, werde ich den Weg auf die Verwaltung finden!"

"Hier sind Alle gleich, es gibt keinen Unterschied!" bemerkt der Exfourier.

"Hr, Du, Hasengosche, fhrt der Mordbrenner auf, wenn Du Etwas anzeigst,
dann nimm Dich vor mir in Acht! ... Ich frage den Teufel nach dem
Verwalter, Zwangstuhl und schwarzem Loch und an _dem_ Tische, wo ich sitze,
mu Freiheit sein. Der Zuckerhannes sitzt aber da!"

"Ein schlechter Kerl bist Du, man sieht es Dir an und was Du gethan, ist
Eins!" meint der Zuckerhannes, der sich vom ersten Schrecken erholt hat.

"Der Teufel hat mit der wstesten, ltesten Hexe in der Mainacht das
Hasenmaul fabrizirt!" lacht der Exfourier.

"Beleidiget und qult Euch doch nicht selbst, ihr Narren!" erinnert der
Duckmuser.

"Ihr alle seid Spitzbuben, wie Ihr da hockt, aber ich bin unschuldig
hergekommen, Gott wei es und wird meine Anklger, Zeugen und Richter
finden."

"Packe Dich oder ich haue Dich viereckig!" droht der Mordbrenner.

"Bst, der Aufseher kommt!"

Richtig, er kommt, das unerfahrene, arme Hasenmaul wendet sich an ihn und
erzhlt ihm Alles, der Aufseher verspricht, Alles zu melden. Er wird es
thun, Alle werden fr den Zuckerhannes und den Mordbrenner reden, diese
werden dann Alles rundweg lugnen und dennoch bestraft werden, aber das
Hasenmaul wird Alles bitterlich bereuen und sich in diesem Punkte grndlich
bessern.--

Wiederum ruft das Glcklein zur Arbeit, der Abmarsch beginnt, die
Speisesle leeren sich rasch und nach wenigen Minuten steht jeder wieder
bei seiner Arbeit.

Der Zuckerhannes hobelt rstig darauf los, er ist im Zuchthause kein
heuriges Hslein mehr und wei seine Zeit so einzutheilen, da er stets
bequem mit seinem Tagwerke fertig wird, ohne sich sonderlich zu beeilen
oder anzustrengen, bis jetzt hat er an der Morgenportion noch wenig
verfertiget.

Eine der schwierigsten Aufgaben der Gefngnibeamten, Erhaltung eines
lohnenden Gewerbsbetriebes, Vertheilung der Arbeitskrfte und Heranbildung
von Arbeitern ist in dieser Anstalt so gut gelst, als die zahlreichen
Schwierigkeiten von Auen und Innen, Oben und Unten es erlauben.

Der Zuckerhannes htte ein Handwerk erlernen knnen, aber er mochte nicht
und unterzog sich der schweren Arbeit des Daubenfgens, welche wenig
Geschicklichkeit, doch Armschmalz genug erfordert; er wre im Stande ein
doppeltes Tagwerk zu liefern und seinen Lohn zu erhhen, aber er that dies
nur im Anfange und arbeitet seit langer Zeit gerade was er mu, denn
erstens hat der Staat nicht den Fesenmichel, sondern ihn bestraft und keine
Macht der Welt wre im Stande, ihn von der Gerechtigkeit seiner Strafe zu
berzeugen, folglich will er einem so ungerechten Staate auch so wenig als
mglich ntzen. Zweitens erhalten die Gefangenen ohne doppeltes Tagwerk
Schnupftaback, diesen mchtigen Beweger eines Strflingsgemthes und Butter
tauscht unser Held fr manche Fleischportion ein.

Er thut somit gemchlich, schaut von Zeit zu Zeit nach dem Ofen und
plaudert bisweilen mit seinem Nachbarn und frhern Todfeinde, dem Blsi,
welcher als Oberknecht des Moosbauern ihm so vieles Herzeleid bereitete.

Blsi ist wegen unvorstzlicher Tdtung bei Raufhndeln auf einem Tanzboden
zu einer vieljhrigen Zuchthausstrafe verurtheilt, die Strafe hat seinen
Hochmuth furchtbar erschttert, doch nicht gebrochen, sondern gegen Gott
und Welt, Gesetze und Menschen gekehrt.

Er hlt seine Strafe lediglich fr ein unverdientes Unglck, bleibt zu
stolz, sich zu Gott zu erheben oder zu den Spitzbuben herabzusteigen, die
Meinung der Menschen galt ihm stets als hchstes Gesetz, jetzt ist er in
dieser Meinung tief gesunken und hierin liegt das Wehe, welches sein
Innerstes bestndig durchwhlt.

Der Zuckerhannes hat die Lehre des Spaniolen, Verbrecher seien Helden der
Menschheit und Martyrer der groen Zukunft, niemals vergessen, das Leben
unter Strflingen und das tgliche Anhren ihrer Geschichten hat ihn gegen
Verbrechen abgestumpft und fr die Leidensgenossen eingenommen.

Gutmthig ist er dem Blsi entgegengekommen, hat alle Unbilden vergessen,
ist unfhig, den Einflu zu berechnen, welchen dieser Mensch auf sein
Schicksal ausbte und hat demselben den Vorfall mit dem Hasenmaul whrend
des Morgenessens erzhlt.

Blsi befindet sich kaum ein Vierteljahr in der Anstalt, gibt mit Herz und
Mund dem Hasenmaul Recht, insofern dieser seine Ehre wahren wollte, aber
das Anzeigen desselben findet er nicht schn.

"Er kriegt seinen Lohn!" meint der Zuckerhannes.

"Allerdings kann hier Einer dem Andern das Leben arg verbittern und
entleiden, ohne da Aufseher und Beamte es recht erfahren oder zu
verhindern vermgen. Aber Vieles und Hartes kann doch nicht leicht Einer
dem Andern anthun, ohne dafr bestraft zu werden!" philosophirt der
Neuling.

"Ho, wenn Einer den Andern krumm und lahm schlgt oder sogar todt sticht,
was hilft dem Verwundeten oder Todten die Bestrafung des Thters? Gewi
nicht viel! ... Zudem ist das Beweisen eine schwere Sache und wenn Mehrere
gegen Einen zusammenhalten, dann ist er verloren, davon wei ich ein
Exempel zu erzhlen. Ich lag noch keine zehn Nchte im Schlafsaale, da sah
ich, wie Einer die Laterne, welche die ganze Nacht drinnen brennt, auf
einmal auslschte, zwei bis drei Andere von ihren Strohscken auf einmal
aufsprangen und einem Schlfer, der so wenig als ich und Andere an etwas
Bses gedacht hatte, schnell den Bettteppich ber den Kopf zogen. Dann
hmmerten sie aus allen Krften mit den schweren Schuhen auf den Kopf und
Leib des Angepackten los, derselbe schrie wie ein fallender Ochse und der
ganze Saal wurde unruhig, weil man einen Todschlag frchtete. Die Wache
machte Lrm, die Aufseher sprangen herbei, aber weil die Laterne
ausgelscht war, erkannten sie keinen Thter und ehe die vielen Riegel und
das schwere Schlo geffnet und Licht im Saale war, lagen Alle mit Ausnahme
des Geschlagenen so ruhig und schn da, als ob sie kein Wsserlein getrbt
htten! ... Der arme Teufel sthnte, wimmerte, war voll Flecken und Beulen,
kannte auch die Thter, aber er hielt das Maul und nannte sie nicht und
weit warum? Gerade weil er fr einen Spionen galt, hatte man ihm eine gute
Lehre gegeben! ... Es gab eine Untersuchung, aber Alles wurde geleugnet und
Keiner konnte gehrig bestraft werden ... Ich fr meine Person thue dem
Hasenmaul nichts, sollte ich auch um seinetwillen ins schwarze Loch kommen,
aber die Tischkameraden werden ihn dann aufs Korn nehmen, denn erstens hat
er Unrecht, weil ich ihn ja nicht beleidigen wollte und besonders der
Baaremer kann keine Ungerechtigkeit sehen, zweitens mu Ordnung unter den
Strflingen sein, ein Anzeiger verdirbt Allen das Spiel. Ich lebe nicht
droben bei den Herren, sondern da unten bei den Gefangenen und richte mich
doch zehnmal mehr nach diesen als nach jenen!"

"Der Zuckerhannes hat Recht", spricht der Duckmuser, der mit seiner
Leimpfanne beim Vorbergehen eine Weile stehen geblieben; "ja er hat Recht,
denn die Herren und Aufseher knnen nur Weniges verhindern und nur mit
Strafen hintendrein tappen und geradehin strafen geht auch nicht, denn wenn
sie Einen am Schopfe kriegen, der es wirklich nicht verdiente, dann macht
es bei diesem und Andern bses Blut!"

"Ja und wenn sie einen Schuldigen strafen und einen andern Schuldigen
nicht, weil sie ihm nichts beweisen knnen, dann macht es auch bses Blut.
Sie mgen sein und machen, wie und was sie wollen, so bekommen sie eben
Feinde und Lsterer. Sie sind ja bezahlt, um uns zu hten und zu qulen,
das vergit ihnen der dmmste Kerl nicht leicht und das Elend wird voll,
weil die Gefangenen sich oft unter einander auf alle Weisen krnken,
bestehlen, mihandeln und verfolgen!" sagt der Bartel, ein stiller,
gutmthiger Riese.

"Zur Arbeit!" schreit der Werkmeister.

"Hinauf!" flstert der Blsi, sucht die Thre und der Zuckerhannes folgt
ihm, das Gesprch wird fortgesetzt.

"Schaut, gestern Nacht fand das Affengesicht den Bettteppich in lauter
kleine Stcke zerschnitten, wer hats gethan? ... Das kommt schwerlich
heraus. Vorigen Sonntag hatte der Exfourier einen bogenlangen Brief an
seine Braune just fertig, da kommt der lange Kaisersthler und schttet das
ganze Dintenglas ber den Brief. Der Exfourier that wie nicht gescheidt und
kam in Arrest, der Kaisersthler behauptete, er habe den Brief aus Versehen
verdorben und knne nichts dafr und geschah ihm nichts, obwohl er es
absichtlich gethan hat!" erzhlt Einer.

"Ja und ich habe ein schnes Buch zum Lesen gehabt, der Elias vom
Hotzenwald wollte nicht haben, da ich lese, sondern mit ihm plaudere, der
Kilian dagegen wnschte das Buch selbst zu lesen, Andere ebenfalls, ich
aber behielt und las es. Wie ich beim Rapport gewesen und wieder in den
Saal komme, sind mindestens fnf Bltter aus dem nagelneuen Buche
herausgerissen und wer hats gethan? Ich wei es nicht und schweige, damit
nicht ich am Ende noch bestraft werde!" klagt der Bartel.

"Wit Ihr, wehalb das Murmelthier gestern Abend wie ein Br brummte? Beim
Schlafengehen versetzt Einer dem alten Kerl von hinten einen Sto, da er
der Lnge nach auf die Treppe patschte. Es ist nicht berall gleich hell,
die Meister knnen nicht um alle Ecken schauen, ein kleines Gedrnge kommt
oft, das Murmelthier wei nicht, wer ihn gestern Abend mindstens zum
zehtnmal [zehntenmal] traktirte und nicht einmal den Grund, denn er hat ja
die Augen niemals recht auf, schlft alle Augenblicke bei der Arbeit ein
und begreift nicht, da sein verdammtes Geschnarche Allen zur Last und Qual
wird!" meint der Duckmuser.

"Das Murmelthier ist ein Tropf! Der alte Esel hat ohne Bedenken ber den
Groherzog, den er doch gar nicht nher kennt und der ihm gewi noch nichts
zu Leide gethan, die grbsten Schimpfreden ausgestoen und thut es noch,
wenn er nicht gerade schlft. Dagegen wedelt und schmeichelt er vor dem
geringsten Aufseher wie ein Hund herum und liee sich eher kreuzigen, bevor
er ein Wort gegen den Verwalter sprche!" grollt der Blsi.

"Wir wollen wieder hinab, man wei nicht, ob ein Beamter kommt und wenn er
Viele auf unserm Rathhause hrt oder sieht, mu es der Werkmeister
entgelten!"

"Gerade dehalb bleib' ich und stelle mich recht breit unter die Thre.
Mich freuts in der Seele, wenn die Beamten sich schier zu Tode rgern! ...
Wenn die Werkmeister und Aufseher recht geschunden werden und sich selbst
verrathen, fuchsen und plagen, wirds dem Nazi wohler ums Herz!" sagt der
Mordbrenner und bleibt, whrend unsere Bekannten gehen.

Die Arbeit nimmt im Ganzen ihren ungestrten Fortgang, an fleiigen
Arbeitern mangelt es so wenig als an geschickten und wer wollte im Grunde
tadeln knnen, da man sich zuweilen eine Minute erholt?

"Weit was Neues, Hans?" zischt der einugige Stoffel, der als Hausschnzer
mit einem Andern eine Tragbahre voll Hobelspne fr die Kche sammelt, dem
hobelnden Zuckerhannes zu.

"Na, na, ist eine Kuh fliegend geworden? Machst ja ein ganz verklrtes
Gesicht!" sagt der Zuckerhannes neugirrig.

"Der Jost ist begnadiget und der Daniel vom Hotzenwald auch, Beide sind
schon beim Obermeister, um ihre Kleider anzuziehen. Gelt, da httest Du
nicht geglaubt?"

Dem Hans geht ein scharfer Stich durchs Herz, denn ihm ist die Begnadigung
vor Kurzem abgeschlagen worden und das Glck der Beiden macht ihn traurig,
doch sammelt er sich rasch:

"Dem Jost gnne ichs, er ist schon lange genug da und hat Weib und Kinder,
aber der Daniel verdient so wenig Begnadigung, als das Murmelthier. Ich bin
doch wahrhaftig unschuldiger als er, habe schier meine halbe Strafzeit
gemacht und wehalb lt man mich verschmachten? Der Teufel hole die
Herren, bin wohl ein Narr, mich da mit Hobeln zu qulen!" seufzt unser Held
finster und mimuthig und lt den Hobel ruhen.

In fnf Minuten wissen Alle, der Jost und der Daniel seien frei, selbst die
Aergsten gnnen es dem Jost, die Besten mignnen es dem Zweiten und Allen
thut es wehe, nicht selbst begnadiget worden zu sein.

Wie schwer ertrgt es der Mensch, da ein Mitmensch glcklicher wird als er
selbst!--In einem Augenblicke verminderten Lrmes dringt Weinen und
Schluchzen in die Werksttte herein.

"Was ist das fr ein Geheule?" forscht der Werkmeister.

Der Aufseher geht und kehrt zurck, indem er das Affengesicht vor sich
hertreibt und zur Arbeit jagt. Das Affengesicht chzt und weint klglich
und schneidet eine Jammermiene dazu, da selbst die traurigsten stillsten
Gefangenen sich den Bauch vor Lachen halten mssen, der Aufseher sammt
Werkmeister minutenlang kein Wort hervorbringt und nur mit der Hand
vergeblich Ruhe gebietet. Was hat es denn gegeben?

Das Affengesicht klagt oft ber Rckenwehe und Mattigkeit, hat sich heute
zum Doktor gemeldet und ist von diesem wider Erwarten nicht ins
Krankenzimmer gesprochen worden.

"Was liegt daran, ob ein Zuchthusler abfhrt? So wenig als wenn drauen
ein Dutzend Proletarier, welche von vornherein des Verbrechens der Armuth
bezchtiget werden, zu Grunde geht. Gelt, das ganze Jahr geht der Doktor
keine dreimal in den Slen herum, um sich vom Gesundheitszustande von Unser
Einem zu erkundigen? Gelt, die Seegrasspinner knnen feinen Staub schlucken
sammt den Hechlern und Andern und kommen schlecht weg, wenn sie dem Doktor
zumuthen, wchentlich in den heiesten Monden fr ein Bad zu sorgen? ...
Gelt, der vorige Dreher war ein starker Mann, ist ein halbes Jahr
brustkrank gewesen und an der Drehbank geblieben, bis er endlich ins
Krankenzimmer kam und am 9. Tage starb? ... Gelt, wenn Einer schwindschtig
wird, trgt der Doktor erst darauf an, da er auf Genesung entlassen werde,
wenn er am Abschnappen ist? Er schnappt alsdann doch in der Freiheit ab!
... Sauf Zuckerwasser und Thee, wenn Du dumm genug bist, Dich krank zu
melden! ... Ich htte dem Doktor die Guttere lngst an den Schdel
geworfen, aber Du bist ein feiges Thier und kannst nur heulen,
Affengesicht!" sagt der Exfourier zu dem jammernden Kameraden.

"Oh, der alte Doktor war heute da ... Der ist ein Filz und thut, als ob
_er_ die Kost und Medizinen fr uns bezahlen msse! ... Der junge hat mir
Etwas verschrieben und versprochen, mich hinauf zu nehmen, wenns nicht
besser wrde, der alte Knicker hat die Medizin nicht repetirt, sondern
Brenzuckerwasser verordnet und mich herabgejagt! ... Auf der Treppe sah
ich den Jost und den Daniel, habe sie kaum mehr gekannt in ihrer neuen
Tracht und haben mich nicht angeschaut! ... Ich armer Teufel mu im
Zuchthause sterben und was habe ich gethan? ... Ich mchte gerade da
umfallen und hin sein, ganz hin!" wimmert das Affengesicht und heult von
Neuem auf.

"Wenn Ihr Euer Maul nicht haltet, geht Ihr mit mir auf die Verwaltung!"
droht der Aufseher.

"Wer? Ich? Warum?" trotzt der Exfourier und erbleicht vor Zorn.

"Nein, nicht Ihr, sondern der Heuler dort!" erklrt Jener.

Das Affengesicht macht sich eilig an seine Arbeit und wimmert schwere
Flche und Verwnschungen leise vor sich hin.

"Wir sind halt im Zuchthause!" murmelt der Duckmuser wehmthig.

"Man erfhrt und erlebt das schndlichste Unrecht und soll dadurch vor dem
Recht Achtung kriegen, komische Leute das!" denkt der Zuckerhannes.

Whrend der Werkmeister mit einem widerspenstigen Burschen schilt, ruft die
Hofwache vom Gitterfenster ins Gewlbe herab:

"Zuckerhannes, zieht Euch an und kommt!"

"Aha, jetzt gibts Arrest, das Hasenmaul hat sich gerhrt!" prophezeit der
Blsi.

"Die Sache wird nicht arg werden!" trstet der Duckmuser, der von der
Hobelbank unter dem Vorwande, eine Sge zu holen, herber gesprungen ist.

"Meinethalben, im schwarzen Loch kann ich schlafen und brauche nicht zu
arbeiten!" murmelt der Gerufene und eilt fort.

Ein grauer, trostloser Winterhimmel schaut in den Gefngnihof herab, ein
nakalter Wind streicht von den Bergen herber und ber die Gefngnimauern
herein tnt dumpfes Trommeln.

Trbes, unfreundliches Wetter lieben die Gefangenen, weil das heitere sie
herber an ihre Entbehrungen und an die Gensse der Freien erinnert.
Unstreitig ist die Aussicht, einen schnen Frhlingstag in einem schwarzen
Loche zubringen zu mssen, herber als die, welche unser Held gegenwrtig
vor sich hat.

Gleichmthig, ghnend folgt er dem Aufseher, der ihn richtig zum Vorstande
fhrt.

Der Vorfall mit dem Hasenmaul ist nicht minder richtig rapportirt, aber er
zieht diesmal wider Erwarten nur einen kleinen Verweis nach sich, dann
erfhrt der Zuckerhannes Etwas, was ihn im ersten Augenblicke entzckt, im
zweiten zu Boden schlgt.

Drben im Schwarzwalde ist die alte Bibiane, Brigittens, seiner Mutter Base
vor einiger Zeit gestorben und hat ihm unerwartet mehrere hundert Gulden
vermacht.

"Der Gang zum Fesenmichel war voreilig!" denkt der vor Freude zitternde
Erbe. Aber die Kosten der Untersuchung sind bedeutend, das Zuchthaus
beherbergt Vermgliche nur gegen Vergtung von jhrlich 80 fl., der
Zuckerhannes ist zu einer hbschen Reihe von Jahren verurtheilt, hat bisher
nichts bezahlen knnen und jetzt werden ihm so viele Abzge gemacht, da
ihm etwa so viel von der Erbschaft bleibt als er vorher besessen, nmlich
Nichts!

"Die Base hats gut gemeint und dumm angefangen, fr mich gibts kein Glck
auf der Welt!" stammelt der Arme und wei vor betubendem Schrecken kaum,
was er spricht.

Ohne zu wissen wie kehrt er in den Arbeitssaal und zu seiner Hobelbank
zurck, die Kameraden wundern sich ber sein zerstrtes Aussehen, der
Duckmuser sucht einen Vorwand an den Haaren herbeizuziehen, um seinen
Platz verlassen zu knnen, doch findet er keine Zeit mehr dazu.

Vergeblich redet der Blsi mit seinem Nebenmanne, dieser gibt keine
Antwort, fhrt gedankenlos mit dem Hobel hin und her und zuweilen fllt
eine groe Thrne auf den Fgebock.

"Wenn mich nur der Teufel nhme, gleich auf der Stelle und die ganze Welt
dazu!" seufzt er endlich aus tiefstem Herzensgrunde und schleudert den
Hobel ingrimmig zu Boden.

"Bst, bst!" warnt der Aufseher.

"Wir bekommen Visite!" murmelt der Blsi, bckt sich und gibt dem
Zuckerhannes den weggeworfenen Hobel wieder in die Hand.

Sobald die Nhe eines Beamten angekndigt wird oder ein solcher in den
Arbeitssaal tritt, verdoppeln die Strflinge im Nu ihren Arbeitseifer und
rumen dem _Schweigsysteme_ die Oberherrschaft ein.

Die Zeit, whrend welcher gesprochen werden darf, ist bestimmt festgesetzt,
auf eine strenge Durchfhrung des sogenannten Schweigsystems verzichtet die
Hausordnung und bezeugt schon dadurch, da sie von einsichtsvollen und
erfahrenen Fachmnnern entworfen wurde.

Whrend der Arbeit soll jedenfalls nichts Unnthiges gesprochen werden,
aber wenn man dieses verhindern wollte, mte man zunchst den Betrieb
aller Gewerbe aufstecken, welche Lrm verursachen und vielen Raum
erheischen, ferner die Zahl der Aufseher mindestens verzehnfachen und auf
wortkarge, herz- und gemthlose Dienstmaschinen Rcksicht nehmen, endlich
jedem Strfling eine Larve aufsetzen, denselben an seinem Platze festbinden
und ihm einen Knebel in den Mund stecken, zuletzt die Anzahl der Arreste
verdoppeln, einen eigenen Schreiber fr die Fhrung des Strafbuches
besolden, einen kleinen Nero zum Vorstande machen und gewrtigen, da wenig
oder schlecht gearbeitet, Vieles verdorben und gelegenheitlich Leib und
Leben des Personals der Beamten und Aufseher gefhrdet und angegriffen
wird.

Ohne derartige Maaregeln wrde das sogenannte Schweigsystem zu theurer
Spielerei, wobei der Staat gar nichts und die Gefangenen noch weniger
Ersprieliches erzielten.

Verstnde man sich aber zum Versuche strenger Durchfhrung, dann liefe das
Ganze auf eine Menschenqulerei hinaus, welche alle Redensarten von
Humanitt geschweige von christlicher Liebe albern und hohl erscheinen
liee, sehr viel edle Krfte und Geld kostete und Namhaftes beitrge, um
das ohnehin gegen Religion und Gesellschaft erbitterte Gemth des
Strflings vollends zu versteinern, jeglicher Art von Belehrung und
Bekehrung unzugnglich zu machen.

Wenn es auf uns ankme, schrieben wir ber das Portal von Singsing und
jeder verwandten Anstalt: "Nichts ist so abgeschmackt und verderblich, da
es nicht von irgend einem Gelehrten ausgeheckt werden knnte; Wanderer,
stehe still, betrachte dieses in Stein ausgehauene Exempel oder gehe hinein
und berzeuge dich, wie sehr die Menschen sich vom Scheine betrgen
lassen!" Das Schweigsystem ist das auf dem halben Wege stecken gebliebene
System der einsamen Haft, eine Zwitterschpfung, welche die Nachtheile des
Beisammenlebens der Strflinge nicht beseitiget, hchstens in ihrer
Erscheinung ein bischen modificirt und die Vortheile der einsamen Haft
nimmermehr zu erreichen vermag.

Es mag wohl aus der Erkenntni hervorgegangen sein, da den Uebelstnden
der gemeinsamen Haft knstliche Klasseneintheilungen nimmermehr abhelfen
und da Zellengefngnisse eine gefhrliche Kur seien, wobei der Strfling
leiblich und geistig leicht zu Grunde gehe und nicht zum Freunde Gottes und
der menschlichen Gesellschaft, sondern zum Verstockten, Wahnsinnigen und
Selbstmrder werde.

Statt mit dem Aufheben des Zusammenlebens der Strflinge alle Folgen
desselben von selbst verschwinden zu machen und statt zu bedenken, da die
einsame Haft ein Problem sei, dessen Durchfhrung lngere Probezeiten und
reiche Erfahrungen voraussetze, lassen die Anhnger des Schweigsystems die
Strflinge beisammen, muthen diesen Menschen zu, freiwillig zu Maschinen
oder Stockfischen zu werden, _sich selbst zu isoliren_ und weil dies nicht
angeht, wird zu Hetzpeitschen gegriffen und im Namen des Rechts und der
Humanitt der Mensch unter das Vieh herabgewrdiget, ohne Viehisches zu
begehen.

Der Vorstand der Schweiganstalt Sankt Jakob bei Sankt Gallen hat mit
schweizerischer Biederkeit und edler Selbstverlugnung seine Erfahrungen
innerhalb eines Zeitraumes von zehn Jahren der Welt dargelegt, die
Unfruchtaarkeit [Unfruchtbarkeit] und Mngel des Schweigsystems auch
tabellarisch enthllt; ferner ist der Credit dieses Systems aus guten
Grnden stark im Abnehmen, dehalb mag der Leser auf eine ins Einzelne
gehende Critik desselben hier gerne verzichten und leicht begreifen,
strenge Aufrechthaltung des Schweigens whrend der Arbeit sei in den
meisten Slen des Zuchthauses, in welches wir ihn einfhrten, eine
unmgliche Sache.

Der Beamte tritt in einen Webersaal; der ihm entgegenstrmende starke
Geruch, fr dessen Bezeichnung die deutsche Sprache trotz ihrem
unerschpflichen Reichthume uns keinen gengenden Ausdruck darbietet,
schlgt ihn nicht zurck und er steht in einem Walde voll astloser,
bltterloser, kahler Bume; Balken und Webstoffe bilden das
undurchdringliche Unterholz und schon weil jeder Schritt eine alte Aussicht
versperrt und eine neue bietet, mu der Beamte forschend durch die schmalen
Gnge des Saales sich hindurchwinden.

Wie chzen, knarren und lrmen die Websthle, wie lustig zischen hin und
zischen her die Schiffchen der emsigen Weber, wie anmuthig schnurren die
Rdlein der Spuler und mitten in diesem Lrm nur Eine Menschenstimme
hrbar, nmlich die des Werkmeisters.--

Angesichts der fleischgewordenen Hausordnung schrumpft jede Strflingsseele
fr einige Minuten zu ausschlielicher Arbeitskraft zusammen, aber sollte
dies lnger dauern als der Besuch whrt?

Der Werkmeister bersieht stets nur einen Theil des Saales, Weber und
Spuler knnen nicht auf Einem Flecke sitzen bleiben, jeder gebrochene Faden
und jeder Ruf nach frischen Spulen setzt sie in Bewegung, der Werkmeister
ist auch ein Mensch und mu ein freundlicher, ordentlicher Mann sein, wenn
gut und viel gearbeitet werden soll, denn dieses lt sich durch keine
Gewalt erzwingen.

Die Erfahrung lehrt, da Strenge weit grere Unordnungen hervorruft, als
Nachsicht und Gte, und Strflinge sind im Allgemeinen fgsame, fleiige
Leute, wenn man dieselben nur zu behandeln versteht.

Trotzige, gefhrliche Bursche gibts in jedem Saale; diese werden am besten
in Schach gehalten, wenn der Werkmeister die klgere Mehrzahl fr sich
gewinnt. Unter 20 bis 40 Strflingen den ganzen Tag leben und den
unerbittlichen Spielen wollen, hat seine vielfachen Bedenken und es ist
bald befohlen, aber nicht bald ausgefhrt.

Bei Metallarbeitern und in der Hanfreibe bertnt der Lrm jedes laute
Gerede und auf der Seilerei wrde ein Arbeiter, der mit seinem Radbuben
durch Grimaen sich verstndigte, eine seltsame Figur spielen. Die Bahn ist
lang, der Meister mu dem Geschfte nachgehen und steht er vorn, dann
plaudern oder flstern die Radbuben, steht er hinten, dann plaudern die
Seiler und ein verstndiger Beamter darf wohl zufrieden sein, wenn nur
keine unntzen, verderblichen Gesprche geduldet werden.

Und bei den Holzhackern!

Ein Paar, welches Eine schwere Sge handhabt, deren Krchzen im Bunde mit
dem Schlag der xte ein leises Reden selbst fr den nahestehenden Aufseher
unhrbar macht, sollte schweigen vom Tagesanbruch bis zur sinkenden Nacht?
Der leiblichen Anstrengung und der aufgezwungenen Hausordnung willen noch
moralischen Zwang beifgen? Und wozu? Fleiiges Arbeiten beseitigt viel
nutzloses Gerede von selbst und Nothwendiges mu geredet werden.

Lauter donnern die schweren Kferhmmer gegen die hohlen Fsser,
vielstimmiger chzen die Hobel, munterer schwirrt die Drehbank, eifriger
zischt der Schleifstein, rascher eilen die Strflinge mit ihren Auftrgen
hin und her und wenn Einer einen nthigen Gang verschieben kann, verschiebt
er denselben gewi, bis der Beamte den Rcken kehrt.

Jetzt steht dieser beim Zuckerhannes und sucht den niedergeschlagenen
Burschen zu trsten, indem er versichert, Alles fr baldige Begnadigung
desselben thun zu wollen, so da ihm im gnstigen Falle immer noch
Erklekliches von der Erbschaft brig bliebe.

Der Angeredete seufzt tief auf und weint:

"Unser Herrgott wird alles zum Besten lenken, ich fr meinen Theil glaube
an kein Glck mehr!"

"Da glaubt Ihr zuviel, bleibt brav und fleiig, dann wird noch Alles gut
werden!" trstet der Beamte und wendet sich zu einem Andern.

Hannes berichtet dem Blsi, was der Beamte heute so freundliches geredet,
der nahestehende Ruber hrt zu und sagt finster:

"Hans, traue den "Grokpfen" nicht, s'ist Einer so schlecht wie der Andere
und der dort Einer der Schlimmsten, sonst htte er sich nicht als
Oberschinder anstellen lassen! ... In _seinen_ Beutel wird er dein Geld
gesteckt haben, glaubs, ich kenne mich aus!"

"Kannst Recht haben, wer wei? Unsereiner versteht eben nichts von all den
lumpigen Gesetzen und wird doch bestraft, wenn er ber das einfltigste
hinausstolpert! ... S'ist himmelschreiend, wie man mit armen Leuten umgeht!
... Wre nur der Spaniol da oder noch besser die ""groe Zukunft!""

"B'st, er guckt!" flstert Einer vom Ofen herber.

Der Beamte steht beim Duckmuser und lobt die Arbeiten desselben.

Will man talenvolle [talentvolle] Handwerker, wahre mechanische Genies
finden, so mu man in Zuchthusern nachsuchen, in welches wenige von Natur
beschrnkte Menschen kommen, desto hufiger solche, die bei besserer
Erziehung und unter gnstigeren Lebensverhltnissen ihrem Vaterlande zur
Ehre und Zierde gereichen wrden. Auch der Duckmuser ist im Zuchthause zu
einem Sesselmacher, Kunstschreiner, Dreher und Bildschnitzer geworden, der
es in all diesen Dingen mit dem besten Meister einer Residenz aufzunehmen
im Stande wre. Das Arbeiten ist ihm Zerstreuung, Erholung, die
wohlverdienten Lobsprche der Beamten und Werkmeister, die Weihrauchwolken
der Kameraden nimmt er scheinbar gleichgltig hin, aber sie gewhren ihm
einen Schimmer von Glck, denn er ist ein gefallener Engel, die Natur hat
ihn mit all ihren Gaben ausgestattet, widrige Schicksale trieben ihn in
verkehrte Bahnen, der Hochmuth hat ihn gestrzt und ein stolzes,
ehrgeiziges Herz schlgt noch immer und zuckt schmerzlich unter dem
entehrenden Strflingskittel.

Whrend der Beamte vom Duckmuser weggeht, schreit der einugige Stoffel
ins Gewlbe herab:

"Katholiken! ... Katholiken! ... Unterricht!" und alle katholischen
Strflinge rsten, entfernen sich und eilen der Kirche oder vielmehr dem
schmucklosen Betsaale zu.

Die vordern Sthle sind bereits von den Frommen der Zuchthauswelt, nmlich
von den rckflligen Dieben in Beschlag genommen, die brigen fllen sich
rasch, manche Bekannte, welche sonst niemals zusammenkommen, finden sich
hier zusammen und Gelegenheit, ein vertrautes Wrtlein zu reden.

So sitzt diesmal der Zuckerhannes neben dem Indianer, der wegen Tdtung
schwer verurtheilt und dadurch schwermthig geworden ist, denn in ihm
steckt ein ursprnglich edler Kern, er fhlt, Einen mit den schlechtesten
Subjekten zusammenwerfen, heie so viel, als das bessere Ich desselben zum
Selbstmorde verdammen. Weit entfernt, das ihm gewordene Urtheil gerecht zu
finden, hat der Vollzug ihn zum heien Feinde der Gesellschaft und zu einem
heien Anhnger der Ansichten des Spaniolen gemacht.

Er unterhlt sich mit Hannes vom Spaniolen, behauptet, in der Noth sei
alles erlaubt, Todschlag und Betrug, der Spaniol sei in schwerer Geldnoth
gewesen, der Betrug, welchen er am Zuckerhannes beging, lediglich ein Akt
der Selbsthlfe und Nothwehr und schliet:

"Er hat den Moses anzapfen wollen, aber dieser war ihm zu pfiffig; mit dem
Murmelthier war gar nichts anzufangen, weil er Gedchtni und Verstand
lngst verschlafen hat, Martin war vermglich und freigebig, allein ein
minderjhriger Schlosserlehrling, der eben nur Taschengeld bekam, wir
Andern besaen Alle nichts und so mute er nothgedrungen _dich_ daran
kriegen!"

"Ich verzeihe es ihm doch nicht. Ein sauerverdienter Kreuzer ist Jedem lieb
und er htte sich mit Wenigerem begngen knnen. Freilich hat mir der Staat
erst heute zwanzig mal mehr gestohlen und--"

"Ruhig!" brummt der Bierba eines Aufsehers.

Aus einem Bretterverschlage, welcher eine Sacristei vorstellen soll, tritt
der Geistliche im Chorrocke heraus zum Altare, alles Gemurmel und Geflster
verstummt.

Er verkndiget zunchst, die sterliche Zeit sei nahe, er wolle am nchsten
Samstage mit dem Beichthren beginnen und habe vom Erzbischofe besondere
Ermchtigung, auch die schwersten Snden zu vergeben, ganz natrlich aber
nur unter der Bedingung aufrichtiger Bue und Besserung des Snders.

Die meisten Gefangenen hren solche Botschaft sehr gleichgltig an, manche
Gesichter verfinstern sich, ber mehr als eines fliegt ein Zug bittern
Hohnes, im Hintergrunde des Saales setzen sich einige Mundwerke in leise
Bewegung.

"Ich glaube gar, die Schwarzrcke halten uns Alle fr schlechter als andere
Leute!" murmelt der Blsi und schaut ganz verwundert vor sich hin.

"Hast gut salbadern da vornen mit deinen rothen Bcklein und dem feisten
Wampen! ... Kannst auf Erden fressen und saufen, was Dir beliebt und
hintennach kommt der ewiglange Himmel!" spottet der Exfourier.

"Wr' doch ein groer Narr, wenn ich dir Dinge sagen sollte, die ich vor
Amt verschwieg!" zischt ein Falschmnzer.

"Der Bischof mu ein rechter Aristokrater sein! ... _Wir_ schwere Snder?
Ei, so hole dich doch Dieser und Jener!" brummt der Mordbrenner.

"Ich lasse das Beichten bleiben und Einige in unserm Saale mit mir, willst
du mithalten?" fragt der Indianer den Zuckerhannes.

"Nein, ich beichte und communizire!" erwiedert dieser und flstert dem
Nachbar ins Ohr, warum, und--

"Seid doch ruhig dort hinten!" bittet der Geistliche.

"Ruhig, ich sag' es zum letztenmal!" donnert der Aufseher.

"Herrgott, wenn ich wieder eine Kirche betrete, sobald ich von diesen
Leuteschindern weg bin, dann soll mich--!" murmelt ein kleiner Knirps und
wirft den Kautabak unwillig aus der rechten in die linke Backentasche.

Der Geistliche will heute eine kleine Prfung anstellen, um sich zu
berzeugen, ob die gute Saat, die er treu und emsig geset, doch ein
bischen aufgegangen sei. Er hofft wenig, denn die jngst Angekommenen
wissen gemeiniglich fast nichts von Religion, die Andern besitzen nur
wenige Bcher; Gelegenheit und Zeit mangeln, um auswendig zu lernen oder
nachzudenken und wie Mancher schlft ein in der schwlen Luft des
berfllten Betsaales, wie mancher schweift mit seinen Gedanken auerhalb
der Gefngnimauern herum, wie mancher liest whrend des Unterrichtes ein
wildfremdes Buch oder pat nur auf, um den Vortrag entstellen, verspotten
und critisiren zu knnen!--

Zuerst fragt er jetzt nach den 10 Geboten Gottes. Der erste Gefangene
bleibt beim fnften stecken, der Zweite findet das achte nicht, der Dritte
verwechselt Alle, endlich sagt der Vierte sie ordentlich her und fgt auch
kurze befriedigende Erklrungen bei.

Ein lautes Aufschnarchen des Murmeltieres erregt arges Gelchter und nach
Herstellung der Ruhe fragt der Pfarrer nach den Kirchengeboten.

Diese sind den zwei Ersten, welche er fragt gnzlich, drei Andern nur
verworren bekannt, zuletzt sagt wiederum derselbe Strfling, welcher bei
den 10 Geboten ausgeholfen, auch die 5 Kirchengebote gelufig her und
Andere mssen dieselben wiederholen.

Dieser unterrichtete Mensch ist ein eisgrauer Gewohnheitsdieb, der all sein
Wissen einem vieljhrigen Zuchthausleben verdankt. Er hat sich stets als
stiller, eingezogener Strfling und fleiiger Arbeiter bewhrt, eine Klage
wird selten innerhalb der Anstalt gegen ihn laut, doch sobald er in die
Freiheit hinaustritt, um auf eigenen Fen zu stehen, thut er, was Viele
seiner ihm ganz hnlichen Kameraden ebenfalls thun--er stiehlt eine
Kleinigkeit und kehrt ruhig, manchmal freudig in seine Versorgungsanstalt,
nmlich ins Zuchthaus zurck.

In dieser Thatsache liegt eine furchtbare Anklage gegen unsere
gesellschaftlichen Zustnde. Je rmer die Kirche und je geringer die Zahl
der Klster wurde, desto mehr fllten sich Kasernen, Strafanstalten und
Spitler.--Was die Liebe nicht mehr thut, wei der Ha zu erzwingen!--

Der Exfourier soll die 7 Todsnden nennen, die Nachbarn wecken ihn, er
hatte sich gerade in Walter Scotts Ivanhoe vertieft, schaut etwas verdutzt
empor, alle Augen richten sich auf ihn, denn er ist noch niemals vom
Pfarrer examinirt worden und hat geschworen, demselben auch niemals eine
ordentliche Antwort zu geben, falls er ihn frage.

In der That antwortet er mit unverschmter Naivett: er fr seine Person
wisse nichts von Todsnden und habe den Katechismus ber den Kriegsartikeln
ganz vergessen. Uebrigens meine er, man sollte einen Mann, welcher den
gebildeten Stnden angehre, nicht gleich einem Schuljungen examiniren.
Auch stnde nichts davon in der Hausordnung.

Der gute Geistliche will hier keinen Lrm anfangen, der Exfourier war klug
genug, so hflich und artig zu reden, da der Aufseher nichts zu sagen
wei, der Zuckerhannes soll die sieben Todsnden nennen.

Er bringt stotternd nur vier zusammen, der Mordbrenner antwortet durch ein
unverstndliches Brummen und tiefes Grunzen, was Viele wiederum erheitert,
der Indianer kennt vielleicht alle 7 Todsnden und sagt dieselben
absichtlich nicht in der rechten Ordnung her, der Kilian ist frech genug,
um laut zu sagen, es gebe nur Eine Todsnde, nmlich _das Erwischtwerden!_
--Schallendes Gelchter, ungeheure Heiterkeit, vielstimmiges Geflster,
denn Viele haben die Rede nicht verstanden oder gehrt, alle wollen wissen,
wehalb gelacht werde und nachtrglich lachen, mit Mhe wird die Stille
wiederum hergestellt und Kilian erhlt zunchst eine ernste Strafpredigt.
Der Duckmuser, welcher einen tchtigen Schulsack in die Anstalt brachte,
nennt endlich alle Todsnden und whrend der Stoffel die verschiedenen
Theile der Beicht aufsagt, lutet das bekannte Glcklein Mittag, der
Geistliche tritt in den Verschlag zurck, zieht den Chorrock aus und
entfernt sich traurig und wehmutsvoll.

Gewehre fallen klirrend zu Boden, eisenbeschlagene Thren rasseln auf, die
Meister stehen auf ihren Posten, die Evangelischen und Juden sind bereits
von der Arbeit abgefhrt, von den Katholiken entfernt sich Einer nach dem
Andern aus dem Betsaale, um seinen Speisesaal aufzusuchen.

Selten geht ein Rckflliger, ohne einen tiefen Knix zu machen, sich mit
Weihwasser zu besprengen und dreifach zu bekreuzigen. Die Meisten dieser
Leute zweifeln und grbeln wenig ber religise Wahrheiten, spotten niemals
ber Gebruche oder Diener der Kirche, fromme Gesnge und Litaneien sind
ihre Lust, ihr religiser Glaube mag oft ein arg verkehrter, noch hufiger
ein todter Buchstabenglaube sein, doch seltener ein erheuchelter. Htte
Luther mit seiner Behauptung, da der Glaube allein selig mache, Recht,
dann drften sich unsere grauen Veteranen der Greiferkunde auf ein nicht
ganz bles Loos im Jenseits gefat machen, htte gar Amsdorf mit seinem
Paradoxon Recht, gute Werke seien der Seligkeit schdlich, dann wrde sich
der Spruch: die Letzten werden die Ersten sein, im Himmel vor Allem an den
Bewohnern unserer Zuchthuser erfllen!--

In jedem Speisesaal verworrenes Summen und allgemeines Gemurmel, Klirren
der Lffel, Messer und Schsseln, jeder Aufseher ist gerade mit dem
Austheilen vortrefflichen Brodes fertig geworden, bis das Wort: "Suppe!"--
allgemeines Aufstehen und allgemeine Stille hervorzaubert.

Im bekannten Saale betet diesen Mittag der Zuckerhannes nicht, die Lust zum
Beten und Essen ist ihm vergangen, der Duckmuser spricht an seiner Stelle
recht deutlich, krftig und andchtig das Gebet des Herrn, dann fliegen die
Aufwrter mit den Suppenschsseln herbei, der Speisezettel lautet heute
vortrefflich, dehalb herrscht eine ziemlich gleichmthige und oft heitere
Stimmung unter den Gefangenen.

"Reissuppe--Kartoffelschnitze--Rindfleisch!"

Morgen wirds lauten:

"Wassersuppe--saure Bohnen--Ende!" und mehr als ein alter oder junger
Gefangener wird sich mit der Wassersuppe und trockenem Brode begngen,
dagegen werden die Vielfrae wiederum einen Freudentag haben. Alte Huser
wissen von Manchem zu erzhlen, der sich im Zuchthause zu Tode gegessen,
Mancher hat dem Affengesichte schon einen hnlichen Tod prophezeit, aber
dieser lt sich dadurch nicht rhren, bettelt und erhandelt die Schsseln
Anderer zu seiner Portion, manche schieben ihm um des Spasses willen ihre
Ueberreste zu, er it Alles, was er bekommt und hat der Heihunger den
Strauenmagen verlassen, dann setzt die Eitelkeit und Ruhmsucht das Ihrige
oben drauf.

Doch bereits beginnt die Rache der Natur, das Affengesicht mu heute
fasten, denn der Magen mag nicht mehr gut verdauen und an seiner Stelle
entfalten der Mordbrenner und der Kilian ihre Meisterschaft im Ueberessen.

Ersterer meint, es sei ihm Eins, wenn er auch zu Grunde gehe und der Tod
eines Vielessers jedenfalls dem Hungertode weit vorzuziehen, letzterer
versichert, er habe in seinem ganzen Leben noch niemals genug gegessen und
wenn er auch keinen Bissen mehr hinabbringe, sei er doch noch immer
hungrig.

In allen Slen wird der Heldenmuth, womit der Exfourier dem Pfarrer
antwortete und der Witz, welchen der Kilian zum Besten gegeben, zum
Anknpfungspunkte, die Religion zum Angelpunkte der Unterhaltung.

Der Obermeister holt den Kilian vom Essen hinweg in das wohlverdiente
"schwarze Loch" ab, dafr wird das religise Gesprch im Saale desselben
und besonders auch am Tische des Zuckerhannes um so lebhafter.

Wir werden uns hten, dem Papiere anzuvertrauen, was wir mit eigenen Ohren
ber die tiefsten Geheimnisse unserer Religion, die h. Sakramente der Bue
und des Altars, ber den Erlser und dessen jungfruliche Mutter, ber alle
Heiligen und Diener der Kirche aus dem Munde des Exfouriers und anderer
Halbgebildeten oft genug anhren muten und mchten nur dreierlei jedem
Freunde Gottes, der Regierungen und des Volks ans Herz legen, nmlich:

_Erstens_ liegt der Unglaube von vornherein im falschen Interesse der
Verbrecher, weil der Glaube ihr Thun am hrtesten verdammt und dadurch ihre
tiefgewurzelte Selbstsucht am schwersten beleidiget. Weil sie sich selbst
nicht kennen, Alles mit dem Auge der Selbstsucht beschauen, das die Macht
des Glaubens in der Wirklichkeit nirgens bewhrt findet und Alles mit dem
Ohre der Selbstsucht anhren, das ob dem Weltlrm des Eigennutzes und
Hasses die Stimme der gttlichen Liebe nicht mehr vernimmt, reden sie sich
gegenseitig in Zweifel und Unglauben und Feindseligkeit gegen Gott und Welt
hinein.

Hierin liegt kein besonderer Tadel gegen Gefangene, im Gegentheil haben
dieselben mehr Entschuldigungen fr ihren Unglauben als Andere.

Es sind hufig verwahrloste, ungebildete Menschen und haben Ursache, das
Loos vieler Mitmenschen zu beneiden, sind nicht im Stande, im heutigen
Staatswesen viel Gerechtigkeit und christliche Liebe zu entdecken, wohl
aber viel brutale Gewalt und herrische Willkr, welche sich vor Allem nur
gegen die Armen kehrt und fr deren Opfer sie sich halten. Endlich glauben
die Verbrecher recht fest, da ein Reicher sehr bequem alle Gesetze
beobachten und sehr schlecht innerhalb der gesetzlichen Schranken zu leben
vermge, berall hfliche Behandlung, Nachsicht, Milde und Schutz auch fr
strafbares Thun finde und wissen zudem, da auch jeder Arme ein sehr
schlechter und verworfener Mensch sein knne, ohne mit dem peinlichen
Richter zu thun zu bekommen.

Sie sehen keinen Wald vor lauter Bumen und kein Christenthum vor lauter
vermeintlichen und wirklichen Heiden, betrachten die Geistlichen als
gutbesoldete Schildtrger der Gewaltigen und Reichen und kmmern sich wenig
um deren Predigten.

"Wre der Himmel so schn und die Hlle so hei und all das
Pfaffengeschwtz nicht Lug und Trug, vor dem hchstens alte Weiber Angst
bekommen, dann wrden die Gewaltigen, die Reichen und nicht nur ein
Huflein Geistliche, die eben von Natur gute Mnner sein mgen, sondern
Alle ihr schlechtes Leben aufstecken und die Armen, Wittwen und Waisen
nicht verachten, verfolgen und unterdrcken, sondern denselben helfen, wo
und wie sie knnen, um nicht ewig verdammt zu werden! ... Christus war
sicher ein guter Herr und groer Freund der Armen und Unterdrckten, aber
wenn er heute kme, wrde ihn die Polizei packen, der nchste beste Amtmann
ins Zuchthaus bringen und wre Er ein Gott, dann knnte Er solche
Lumpenwirthschaft und solches Elend, wie es jetzt drauen ist, unmglich
dulden! ... Die Religion der Liebe und groe Armeen, Vergebung der Snden
und Todschieen und Hngen, das schne Beisammenleben der ersten Christen
und die Hungerseuchen in Irland und Schlesien, wie reimet Ihr dieses
zusammen? Die Armen haben die Hlle auf Erden, die Andern machen sich
dieselbe zum Himmel, fressen und saufen und plagen die Mitmenschen zur
Kurzweil, ein Narr, wer da noch an einen himmlischen Vater Aller glaubt!
... Gibt es Einen, dann kommen _wir_ in den Himmel, jedenfalls vor den
Andern, und wrde jede Kleinigkeit in die Hlle fhren, nun, dann knnen
_wirs_ nicht anders machen, die "Grokpfe" werden Gesellschaft leisten und
wo es so Viele aushalten, mu es lustiger und unterhaltender zugehen als in
einem leeren Himmel, wo sie sich mit ihrem Alleluja heiser schreien und
vielleicht nicht einmal Grammisches Bier und Portoriko ohne Rippen dazu
bekommen! ... Vor alten Zeiten, als die Leute noch stockdumm und
pfaffenblind waren, mag man Etwas auf leere fromme Redensarten und
Gaukeleien gegeben haben, die Gescheidten thatens gewi auch damals nicht
und heuchelten Glauben aus Furcht vor Scheiterhaufen und der Inquisition,
aber heute ist's anders! ... Geht in die Kaserne und schaut, wie viele
Betbrder drinnen sind! ... Kommt so ein hlzerner Rekrut vom Hotzenwald
oder da oben von den Bergen, wo sie den Mond noch mit Stangen herabschlagen
wollen, der wird oft gescheidt, bevor er die Honneurs machen kann und in
die Stadt hinaus darf!"

So hat der Exfourier hundertmal gesagt und sagt es heute noch. Der
Duckmuser besitzt Rednergabe und andere Ansichten, aber er frchtet die
Grobheiten, Spttereien und Verdchtigungen des Exfouriers, die Andern
geben diesem Recht und der Mordbrenner meint heute entzckt:

"_Der_ kanns Einem klar machen! ... Ja, so ists bei Gott! ... Der Exfourier
sollte Zuchthauspfarrer werden, dann schliefe ich nie in der Kirche ein!"

An diese unbescheidene whrend des bescheidenen Mittagsmahles schon oft und
heute wiederum preisgegebene Rede knpft sich etwas Weiteres.

_Zweitens_ nmlich ist in unserer Zeit der Auflsung aller Stnde der
Gesellschaft und des bis in die untersten Schichten des Volkes
eingedrungenen Strebens nach allgemeiner Bildung die Zahl jener Menschen
sehr gro, welche ihre Bildung aus Zeitungen, Leihbibliotheken und
Schriften der verschiedenartigsten Tendenzen schpfen mssen, weil ihnen
Zeit und Gelegenheit fr grndliche Ausbildung mangelt. Aus dem seit der
Mitte des vorigen Jahrhunderts auch in Deutschland berhand nehmenden
Mangel an Christenthum in Staat, Leben, Schulen und Bchern erklrt es
sich, da die Zahl der oberflchlich oder mangelhaft Gebildeten so ziemlich
derjenigen, der entschiedenen Gegner des positiven Christenthums
entspreche. Das an sich gewi lbliche Streben nach ntzlicher Unterhaltung
und allgemeiner Bildung hat zunchst in Folge der sozialen und
literarischen Verhltnisse unseres Jahrhunderts zu einer heillosen
Verwirrung aller Begriffe im Gebiete des Staates, der Wissenschaft, Kunst
gefhrt und die Gleichgltigkeit gegen positive Religion hat sich selbst
bei ursprnglich edeln, geschweige bei gemeinen und verkommenen Naturen zur
bittern Feindschaft gegen die Kirche und gegen alle positive Religion
berhaupt gesteigert.

Unsere genialsten Schriftsteller haben Vorurtheile und Irrthmer in
religisen Dingen unabsichtlich und absichtlich in Menge ausgestreut und
die edelsten Gefhle des menschlichen Herzens besonders gegen den
Katholicismus in Aufruhr gebracht, eine unbersehbare Schaar
untergeordneter Geister hat die Ansichten und Meinungen unserer groen
Dichter, Philosophen und Historiker popularisirt und die
Unterhaltungsliteratur vor Allem dazu benutzt, das moderne Heidenthum ber
das positive Christenthum, den natrlichen Menschen ber den
Christenmenschen Siege feiern zu lassen.

Das gegenwrtig lebende Geschlecht hat von seinen Vtern durchgngig eine
sehr elende religise Erziehung ererbt, die der positiven Religion
gleichgltig, gehssig oder auch todesfeindlich gegenber stehende
Literatur erfreut sich bis zur Stunde der entschiedensten Oberherrschaft,
das Alltagsleben predigt in Einem fort durch zahlreiche Thatsachen
berwiegend den Unglauben, weil diese Thatsachen den Lehren und
Vorschriften des Christenthums mehr oder minder herb widersprechen, endlich
liegt der Unglaube offenbar im Interesse der Selbstsucht jedes Einzelnen
und wenn grndlich gelehrte Mnner oft wie Kinder reden, sobald von der
katholischen Kirche die Sprache ist, so darf man sich nicht wundern, da
die Zahl der Halbgebildeten und Halbgelehrten, welche dem Katholizismus
fremd, lau, mitrauisch und feindselig gegenber stehen erstaunlich gro
und fortwhrend im Zunehmen begriffen bleibt.

Diese Halbgelehrten und Halbgebildeten leben fortwhrend in und mit dem
Volke, sind die eigentlichen Apostel aller Irrtmer und Lgen der Zeit und
was ihnen an umfassender Bildung und grndlicher Gelehrsamkeit abgeht,
ersetzen sie durch absprechendes, brutales Auftreten, volkstmlichen Witz
und schonungslosen Spott, durch den Fanatismus ihres Unglaubens.

Es ist erstaunlich, wie aufgeklrt Schustersjungen und Schneidergesellen
heutzutage in den schwierigsten politischen und sozialen Fragen sich
geberden, wie tief einfache Handwerker in die Geheimnisse der europischen
Kabinette eingeweiht zu sein vermeinen und wie bndig an jedem Biertische
ber den Unwerth der positiven Religion, das Absterben der katholischen
Kirche und deren Bund mit der weltlichen Gewalt geredet wird.

Wer das Volk genau kennt und tagtglich in Berhrung mit den
verschiedenartigsten Menschen tritt, der wei am besten, wie gewaltig der
Geist des Widerspruchs und der Emprung geworden und wie scheinbar er
gebndiget ist und wer nicht sanguinisch genug sein kann, aus leisen
Anfngen zur Besserung rasche Fortschritte derselben herzuleiten oder gar
zu whnen, es liee sich in einigen Jhrlein gut machen, was mehrere
Menschenalter sndigten, der wird auf eine aufrichtige Rckkehr des jetzt
lebenden Geschlechtes zur positiven Religion im Ganzen verzichten, in der
Kraftentfaltung der katholischen Kirche und vor Allem in einer christlichen
Jugenderziehung die einzige Rettung vor den einfachen Consequenzen
herrschender Ansichten und Grundstze, nmlich vor einer sozialen
Revolution und der schauderhaften "groen Zukunft" des Spaniolen erblicken.

Bettelsack und Elend bleiben die Propheten und Werboffiziere des
Communismus, die Halbgelehrten und Halbgebildeten die Apostel des
Unglaubens, welche mindestens von den Mnnern des Proletariats am liebsten
gehrt werden.

Die Welt ist ein groes Zuchthaus und wie es hier zugeht, geht es vielfach
in kleinen Zuchthusern zu. In diesen wird wenig Schlimmes von Zeitungen
und verderblichen Bchern gestiftet, weil solche nicht zu haben sind, eine
strenge Hausordnung wird mglichst streng gehandhabt, weltliche Lehrer
suchen rohsinnliche Naturen fr hhere und edlere als rohsinnliche Gensse
empfnglich zu machen, Geistliche offenbaren die Weltanschauung des
Christenthums, ein entbehrungsreiches, freudloses, hartes Leben fordert
jeden Strfling auf, in der Religion Trost zu suchen und durch dieselbe den
verlornen sittlichen Halt wiederum zu erringen--dennoch ist von wahrer
Besserung in Strflingsslen wenig oder nichts zu entdecken, Hopfen und
Malz sind an diesen Felsenherzen und Rohrmenschen verloren, so lange sie
beisammen bleiben und bei den Bejahrtern gemeiniglich fr immer.

Einen Grund dafr finden wir auch in dem Umstande, da Halbgelehrte und
Halbgebildete in jedem Strflingssaale sich finden und ihre Kameraden im
Grunde mehr beherrschen, als smtliche Vorgesetzten zusammengenommen.

Allenthalben herrscht der Gebildetere ber den Unwissenden und Rohen und
wenn der Strfling von vornherein geneigt ist, den besten
Gefngnigeistlichen mitrauisch zu betrachten, so glaubt er dagegen von
Herzen gern einem Leidensgefhrten.

Wie mag ein Geistlicher Vieles ausrichten, dessen Person verdchtigt und
verlumdet, dessen Lehre verdreht, verachtet und verspottet wird und mit
welchem ein Strfling selten ein vertrautes Wort reden kann, ohne sogleich
verspottet, verhhnt und verdchtiget zu werden? Was der Geistliche bei
diesem oder jenem in einer Stunde gut macht, verdirbt der nchste, beste
Fanatiker des Unglaubens in fnf Minuten oder noch rascher durch einen
derben Witz.

Wo bleiben denn die Berichte der Geistlichen in den Schriften jener
gloriosen Gefngnikundigen, welche die gemeinsame Haft vertheidigen und
Groartiges von der Besserung ihrer Pflegbefohlenen glauben machen
wollen?--

Halbgelehrte Fanatiker des Unglaubens ben mchtigen Einflu auf die Armen
auerhalb der Gefngnimauern aus, sie beherrschen auch als Strflinge die
Ansichten und das Benehmen ihrer Leidensgefhrten und sind eigentliche
Verderber der Besserungsfhigen unter denselben wie des gesammten
Proletariates.

Es ist bekannt, welche Rollen ehemalige Strflinge gelegenheitlich bei
Revolutionen spielen und seit 1848 in Frankreich bernahmen, es ist auch
begreiflich, wehalb religionslose Proletarier und ungebesserte Entlassene
den wahnwitzigsten Trumern des Sozialismus in die Arme strzen und bei der
wachsenden Anfllung und Ueberfllung aller Strafanstalten mchte einsame
Haft fr die verderbtesten, so wie fr halbgebildete Verbrecher eine
Maregel politischer Klugheit sein, wenn auch diese Leute keine
unsterbliche Seele besen und nicht die Bestimmung htten, Glieder am
Leibe Christi zu werden.

Bessern sie sich nicht in der Zelle, so verschlechtern sie doch keine
Kameraden und machen Strafhuser nicht zu Kasernen der Revolution.

_Drittens_ endlich ist das enge Beisammenleben von Strflingen
verschiedener Confessionen fr die auf den Grundlagen der positiven
Religion allein mgliche Besserung nichts weniger als vortheilhaft. Der
Protestant hat am Papste, an der Verehrung der Jungfrau Maria und der
Heiligen, an der Ohrenbeichte und der Ehelosigkeit der katholischen
Geistlichen ungemein Vieles auszusetzen, katholische Strflinge wissen
gemeiniglich nicht gehrig zu erwidern oder sie mgen weder fr Jesuiten
noch fr Dummkpfe oder Heuchler gehalten werden; wenn die Israeliten
gewhnlich die Christen bei ihrem Glauben lassen, so thun getaufte
Strflinge den Israeliten gegenber gewhnlich das Gegentheil und aus all'
diesem folgt, da die Religion Aller wenig dabei gewinnt, wenn auch der
religise Frieden ungestrt bleibt.

Der Unglaube scheint im Interesse der Verbrecher zu liegen, halbstudirte
und etwas belesene Strflinge vertreten die Rolle der Priester des
Zeitgeistes, das Zusammenleben der Mitglieder verschiedener Confessionen
befrdert kein Anschmiegen an positive Religion--woher soll da die
Besserung kommen?

Wir wissen es nicht, haben es auch nirgends zu erfahren vermgen und kehren
nach diesem traurigen Ausflug in den Speisesaal des Zuchthauses zurck, in
welchem der Exfourier dem Zuckerhannes just den Begriff des "historischen
Rechtes" in seiner gewohnten Art erlutert.

Der Aufseher strt diesmal den Redeflu des gelehrten Mannes, der
Zuckerhannes erfhrt nur noch, die groen Fische fren die kleinen und das
sei historisches Recht und das Gesprch wird rasch auf die Begnadigungen
gelenkt, welche diesen Morgen vorkamen.

Das Hasenmaul scheint bereits Neigung zur Vertrglichkeit zu bekommen,
setzt sich einen Augenblick neben den Duckmuser, hrt dem Gesprche zu und
meint, der Jost, dem Alle die Begnadigung gnnten, sei eben doch wegen
Straenraub verurtheilt gewesen und ein solcher Kerl jeder Begnadigung
unwrdig.

Auf solche Rede hin versetzt der gegenbersitzende Mordbrenner dem armen
Hasenmaul einen Sto auf die Brust, da es ber die Bank hinabpurzelt und
laut aufschreit.

In diesem Augenblicke ruft das Glcklein wiederum zur Arbeit der Aufseher
mu zur Thre hinaus auf seinen Posten, der Lrm der Strflinge hat den
Schrei des Hafenmaules schier erstickt und jetzt drngt Alles der Thre zu.
Wie ein kampfbereiter Stier steht der Mordbrenner vor seinem Opfer, ein
Wort knnte das Hafenmaul in arge Ungelegenheit bringen, der Duckmuser
sucht Beide zu beschwichtigen, erklrt letzterm, er habe Unrecht, dem armen
Jost das bischen Freiheit zu vergnnen und sagt:

"Jost hat allerdings einen Straenraub begangen, aber er stand vorher
niemals vor den Schranken eines Gerichtes als Angeklagter und weniger die
eigene Noth, als die Noth seines kranken Weibes und fnf unmndiger Kinder
hat ihn zur Verzweiflung und zu seiner That getrieben! Weit Du wie wehe
der Hunger thut?"--

Dergleichen Strflinge beherbergt jedes Zuchthaus, die Meisten sind im
Grunde wirklich unglcklicher als schuldig; die Geschichte Vieler zeigt zur
Genge, wie sehr der Mensch mit Allem was er ist und hat von seinem
Mitmenschen abhngt und welche Ungerechtigkeit zugleich hinter der
Lieblosigkeit steckt, mit welcher Strflinge oft genug beurtheilt und
Entlassene oft genug behandelt werden.

An jeglichem Verbrechen, welches verbt wird, hat die Gesellschaft mehr
oder minder Mitschuld und dehalb schon die Pflicht, Verbrecher nicht blos
zu bestrafen, sondern auch zu streben, dieselben fr sich zu gewinnen und
Entlassenen ein ehrliches und friedliches Leben mglich zu machen!--

Nach wenigen Minuten ist es in der Strafanstalt wiederum lebhaft und das
Arbeiten nimmt seinen ungestrten Fortgang. Websthle knarren,
Weberschiffchen zischen, Rdlein der Spuler, Wollspinner und Seiler
schnurren, die Sgen der Holzmacher krchzen und chzen, die Aexte schlagen
einen schwerflligen, unregelmigen Takt dazu; dumpfes Rauschen der
Wasserrder, drhnendes Umherrollen groer Walzen in der Hanfreibe,
schrille Feilenmusik und Ohrenbetubendes Hmmern der Metallarbeiter,
pickendes Klopfen der Schuster, dumpfdrhnendes Donnern der Kfer, welche
Reifen um ihre weitbauchigen Fsser schlagen--dieser hundertstimmige Lrm
mahnt wiederum an das Zeitalter der Industrie, dieses Haus an
Industrieritter dazu und die auerhalb der hohen Mauern vorbertsende
Eisenbahn lt von Zeit zu Zeit das unheimliche Freudengejauchze des
sieghaften Erdgeistes in diese traurigen Rume dringen.

Traurig? Gewi, doch bei weitem nicht so traurig, als die meisten Menschen
sich einbilden, davon mag der Zuckerhannes reden, der vor seinem Fgebocke
steht, ein sehr gleichmthiges und ruhiges Gesicht macht und von Zeit zu
Zeit freundlich zum Duckmuser hinberlchelt.

Er weinte bitterlich, als er ber die Schwelle dieses verhngnivollen
Hauses treten mute, wollte vergehen vor Schaam, als Ruber und Spitzbuben
ihn mit dem brderlichen "Du" begrten, wnschte sich anfangs in den
tiefsten Kerker hinab, als er die unzchtigen Reden und schauderhaften
Erzhlungen einzelner Mitgefangenen anhren mute--doch kein geschaffenes
Wesen ist zher und elastischer als der Mensch, _tgliche Gewohnheit_
stumpft ihn gegen Alles ab und wenn der Zuckerhannes jetzt ruhig ber das
Leben im Zuchthause und ber seine Zukunft in der Freiheit nachdenkt,
stimmt ihn der Gedanke an den letzten Tag der Gefangenschaft nicht allzu
freudig. Freilich mahnt ihn jeder vorberziehende Vogel daran, welch'
unschtzbares Gut die Freiheit sei, freilich wnscht auch er manchmal einen
guten Schoppen neben seinem Teller und eine Wurst in seine Erbsen, freilich
drckt die erbarmungslose Regelmigkeit eines Lebens, wo Alles nach dem
Minutenschlage sich richtet, der Mensch mehr oder minder zur Maschine wird
und die Eintnigkeit zu laut durch die kleinen Ereignisse jedes Tages
dringt, noch jetzt zuweilen mit Alpdruck auf seine Seele--aber hat er
drauen frei und glcklich gelebt gleich den Vgeln des Waldes? War er
jemals besonders genuschtig gewesen, seitdem ihn die dicke Sonnenwirthin
im Schwarzwalde seine kindische Naschhaftigkeit so theuer hat ben lassen?
War er nicht an rauhe Kost, Schwere Arbeit, freudlose Tage und herbe
Entbehrungen gewohnt, bevor er hieher kam? Was hat er Groes drauen zu
erwarten, zumal er nicht wei, was aus der Emmerenz geworden? Im Zuchthause
wird er nicht verachtet, erndtet keine herben Vorwrfe, lebt ungeschoren,
weil er sich in Andere fgt, braucht fr Kost, Kleidung und Wohnung keine
Sorge zu tragen, lauter Grnde, welche die natrliche Reue ber die Folgen
seiner That schwchen, whrend die bernatrliche niemals in ihm zum
Durchbruche gelangte.

Drauen kennt er keine Seele, welche sich liebend um ihn kmmerte, denn die
Emmerenz hat mehrere seiner Briefe mit keiner Silbe beantwortet, hier
dagegen besitzt er einen Freund, der ihm Alles in Allem geworden, nmlich
den Benedikt, welchen er "sein Duckmuserle" zu nennen pflegt.

Dieser Duckmuser gehrt bisher noch zu den Halbgebildeten, welche nichts
von einem Leben in Christo wissen, aber als seltene Ausnahme von der Regel
ist er kein Fanatiker des Unglaubens, der jeden Andersdenkenden anfeindet
und verfolgt, wenn dieser sich nicht bekehren lassen will.

Ein schweres Urtheil machte ihn ernst, ein edles Naturell lie ihn im
Zuchthause niemals zu den gemeinsten und niedrigsten Bewohnern herabsinken,
er wute stets eine gewisse Wrde und Ansehen bei den bessern Gefangenen zu
behaupten. Der Zuckerhannes kam an seinen Tisch und zeigte, da ihm
schaamlose Reden, in welchen ltere und verheirathete Gefangene zumeist
voranleuchteten und das Affengesicht sammt dem Exfourier zehnfach
berboten, anwiderten.

Dies bewog den Benedict, ihm freundlich sich zu nhern und als der
Ankmmling bald von seiner leidenschaftlichen, doch rein gebliebenen Liebe
zur Emmerenz erzhlte, hatte er das Herz des Duckmusers gewonnen. Die Zeit
lehrte, da sich Beide vielfach in einander getuscht hatten, aber sie sind
beide Freunde geblieben.

Whrend der Erholungsstunde hat der Duckmuser die Ursache des Kummers
erfahren, welcher den Freund niederdrckte; es gelang ihm, denselben
vollkommen zu trsten und sein Versprechen, ihm bei der Entlassung seine
Ersparnisse, von denen er als ein lebenslnglich Verurtheilter und gnzlich
verlassener Mensch doch keinen bessern Gebrauch zu machen vermge,
mitzugeben, hat den berraschten Zuckerhannes bis zu Thrnen gerhrt.

Jetzt hobelt der Beglckte an seinen Fadauben, wirft von Zeit zu Zeit
sehnschtige Blicke nach dem Arbeitstische des Benedict und wnscht eine
Gelegenheit herbei, einen Augenblick hinber zu springen.

Er findet keine, denn der Werkmeister ist sehr bel gelaunt vom Mittagessen
zurckgekommen, mit dem Aufseher in scharfen Wortwechsel gerathen und wird
jede Gelegenheit benutzen, um den Ingrimm an Gefangenen auszulassen, von
denen er nichts zu befrchten hat.

Der bessernde Einflu, den manche Werkmeister und viele Aufseher auf
Gefangene ausben, ist uerst gering anzuschlagen und je nachdem dieselben
sind, verlre der Gefangene wenig, wenn er sie auch den ganzen Tag niemals
she!--

Der Zuckerhannes steht in Gefahr, Etwas ber sein gewhnliches Tagwerk zu
Stande zu bringen, dehalb whlt er Dauben mit Astlchern, an denen sich
der Hobel abstumpft und ist bald beim Schleifsteine, bald beim Wasserfasse,
bald auerhalb der Werksttte zu finden, ohne da er von einem Vorgesetzten
dehalb gescholten oder bedroht werden kann.

Er hofft, der Duckmuser werde ihm einmal folgen, mchte demselben gerne
ein freundliches Wrtlein sagen, doch dieser ist ganz vertieft in das
Laubwerk der Lehne eines prachtvollen Kanapeegestelles und denkt gar nicht
daran, wie sehr er den empfindsamen Freund durch seine Vernachligung
betrbt! Welch' sentimentale Seelen gibt es oft in unsern Strflingsslen!

Sentimentalitt ist wohl auch eine der Verirrungen des der positiven
Religion entfremdeten Gemthes und findet sich hufig genug bei den
weichherzigen und geplagten Kindern des Volkes, welche auer dem Kalender,
der Bibel oder einem Gebetbuche sammt einigen Volksschriften und Liedern
niemals ein Buch lesen!--

Der Zuckerhannes knnte fast weinen und fhlt sich whrend der ersten
Mittagsstunden recht unglcklich, denn der Duckmuser ist sein eigentlicher
Herrgott und hat das Antlitz von ihm abgewendet!

"Hof!--Hof!" ruft es durch das Haus.

Dieser Ruf gilt weder den Seilern, noch den Holzspaltern, auch nicht den
Kameraden des betrbten Hannes, denn all' diesen mangelt es nicht an
Bewegung und sie drfen zwanglos ausruhen, was wir nur billig, zweckmig
und lblich finden knnen, dagegen gilt der Ruf Allen, welche sitzende
Gewerbsleute sind und diese bleiben zum Spazierengehen verpflichtet.

Zunchst speit der Saal der Spinner und Korbflechter und einer der Weber
seine Gste aus, dieselben drngen sich zur Thre hinaus und eilen die
Stiege hinab in den Hof.

Eine Minute spter marschiren sie rasch und taktfest, schweigend und streng
beobachtet, immer Einer hinter dem Andern lngs den Mauern eines Hofes hin
und her, der ein lngliches Viereck bildet.

Auf den Flgeln des laufenden Vierecken stehen Aufseher, in der Mitte
desselben der Obermeister, welcher bald diesen bald jenen aus dem Zuge
herausbeschwrt und in das Kleidermagazin beordert, damit der alte
schmutzige und lcherige Mensch mindestens einen neuen Kittel bekomme und
auswendig ertrglich aussehe.

Der stumme Gnsemarsch einer Strflingsschaar mag auf den fernstehenden
Zuschauer wohl einen peinlichen Eindruck machen, aber er ist dem zwanglosen
Ausruhen und beliebigen Umhergehen whrend der Erholungszeit weit
vorzuziehen, weil er Menschen, welche bereits den ganzen Tag auf einem
Flecke sitzen und jahraus jahrein sitzen mssen, zum Laufen zwingt,
genauere Bekanntschaften der Bewohner verschiedener Sle verhindern hilft
und jedem eine Gelegenheit, Andere zu verderben und verdorbener zu werden,
abschneidet.

Abgesondert von den Uebrigen stehen Einige, bei denen die eine Seite der
Montur schwarz, die andere grau ist und welchen die Kette weder groe noch
eilige Schritte zu machen gestattet. Einer hinkt einsam lngs den Wnden
hin und her, zwei Andere athmen schwer und stehen herum.

"Ab!" commandirt der Obermeister nach einer starken halben Stunde und
whrend die Spaziergnger in ihre Sle zurckkehren, treten ihre Nachfolger
in den Hof hinaus.

Seltener und matter tnt das Hmmern und Klopfen, nach einer Weile setzt
der Ruf. "_Vier Uhr!_"--dem Fleie der Seiler und Holzarbeiter ein
pltzliches Ziel.

Eiferschtig bewahren die Strflinge jedes der kleinen Zugestndnisse,
welches ihnen zu Theil geworden, der fleiigste Arbeiter wird eher den
letzten Nagel, welchen er zur Hlfte ins Holz hineingehmmert, stecken
lassen als noch einen Schlag thun, wenn der Ruf: Vier Uhr!--hrbar
geworden.

Das Vesperbrod wird zur Hand genommen und mit Gnsewein hinabgewrgt, die
einzige Wrze des spartanischen Mahles besteht darin, da sich Bekannte
gelegentlich in kleinen Gruppen zusammenfinden drfen.

"Komm, Hannes, ich habe etwas Besonderes!" lacht der Duckmuser, der
Zuckerhannes hat sich vorgenommen, ein wenig zu schmollen, aber diesem
Lcheln vermag er nicht zu widerstehen und noch weniger dem Leckerbissen,
an welchen er Antheil haben soll.

Er eilt zur Hobelbank hinber; mit dem gewichtigen Ernste und der
feierlichen Wrde des vornehmsten Kochknstlers irgend eines modernen
Heliogabal zieht der Duckmuser eine Schssel unter der Hobelbank hervor,
vor deren Inhalt Mancher zurckschaudern wrde, der nicht eine Ader von
einem Eknstler in sich hat.

Zusammengebettelte Kartoffelschnitze, einige Tropfen elenden Essigs und
einige Tropfen ranzigen Brennles daran--der Zuchthaussalat ist fertig und
mit vergngter Miene greift das Freundespaar mit einem Lffel zu, welcher
aus dem Munde des Einen in den Mund des Andern wandert.

Mit welchem Appetit wird dieser Leckerbissen verzehrt, mit welchem Neide
betrachten einige Gefangene die Esser, welche Freude spiegelt sich in den
Mienen derjenigen, die zum Mithalten eingeladen werden und einen oder zwei
Bissen der kstlichen Speise zu sich nehmen drfen!--

Der Benedict ist in diesem Augenblicke wiederum der Held, der Wohlthter
des Saales, er empfngt den Lohn des Fleies und der Geschicklichkeit, der
Werkmeister drckt ein Auge zu, der Verwalter wird nichts von diesem Salate
erfahren, den die Hausordnung keineswegs ausdrcklich verpnt, aber auch
nicht ausdrcklich billiget, so da er mglicherweise eine Zeile im
Strafbuch nach sich ziehen knnte.

Die Schssel wird leer, der Blsi eingeladen, dieselbe vollends
auszulecken, er bedankt sich dafr, weil er noch nicht lange genug hier
ist, um die volle Wonne eines mehrfach zweifelhaften Kartoffelsalates zu
empfinden, ein halbes Dutzend Anderer wnscht seine Stelle einzunehmen, das
Affengesicht erhlt jedoch den Vorzug.

Der Gastgeber sucht mit dem Zuckerhannes und Andern die frische Luft und
steht auf den Treppen der Eingangsthre.

Ein Gefangener, in welchem man durch das rothe Band unter dem Knie einen
Rckflligen erkennt, schleppt einen Korb voll Garn durch den Hof, bleibt
pltzlich stehen, setzt die Last nieder, beginnt gewaltig zu schimpfen, zu
drohen und einen unsichtbaren, stummen Feind herauszufordern. Dann horcht
er eine Weile und wiederholt das Manver, bis die Hofwache ihn vertreibt.

Verwundert hat der Zuckerhannes den Lrmmacher betrachtet, das Gelchter
der Kameraden ist ihm unbegreiflich, er fragt:

"Was ist's denn mit diesem Menschen? ... Keine Seele hat Etwas mit ihm
gehabt und er schimpft und tobt als ob er einen Todfeind auf dem Halse
habe?"

"Der Kilian gibt Aufschlu, wenn er aus dem schwarzen Loch kommt, er kennt
den Kerl genau!" meint der Exfourier, welcher sich der Gruppe nherte.

"Ich kanns auch thun, denn der Salomon, wie der geschupfte Mensch heit,
hat sein Nest neben mir und hat in den ersten Wochen den ganzen Saal
manchmal allarmirt!" erzhlt ein Veteran der Greiferkunde und fhrt fort.

"Der Salomon wurde voriges Jahr entlassen, kehrte vor bald acht Monden ins
Zuchthaus zurck mit einer neuen Capitulation von zwei Jhrchen. Er
behauptete jedoch in Einem fort, unschuldig zu sein und wollte dehalb um
keinen Preis arbeiten. Alle Gte und alle Strenge fruchtete nichts, wir
selbst ermahnten ihn vergeblich, gescheidt zu sein und zu arbeiten, damit
er sich nicht fr jetzt und fr ein andermal das Spiel verderbe."

"Wie Alles nicht half, wurde der Salomon endlich fr so lange in Arrest
gesprochen bis er sich dazu verstnde, den Kneip zur Hand zu nehmen. Tag
und Nacht sa er allein in seinem Arreste, bekam weder einen Tisch noch ein
Buch und durfte sich in der Kirche und in der Schule auch nicht blicken
lassen. Als Arrestant sah er keinen Bissen Fleisch und damit es ihm nicht
einfalle, die Zeit mit Schlafen todtzuschlagen, erhielt er Abends seinen
Spreuersak [Spreuersack] und das Bettzeug, Morgens wurde Alles wieder
herausgenommen."

"Sechs Monate hat ers in der Einsamkeit und Langweile ausgehalten und ist
fest darauf geblieben, er sei unschuldig, gehre nicht ins Zuchthaus und
werde dehalb auch nicht arbeiten. Es wre leicht mglich, da die Herren
Richter eines schnen Morgens nach einem Donnerwetter und Platzregen sich
belgelaunet zusammen setzten und zwei Jahre des salomonischen Lebens als
Gabelfrhstck verspeisten, aber ich fr meine Person glaube nicht an
Salomons Unschuld. Wurde er Einmal unschuldig verurtheilt, so hat er dafr
Manches gefunden, was nicht verloren war und es kam nicht auf ihn heraus.
Zwar hat er nicht so Vieles gestohlen und nicht so viele Untersuchungen
durchgemacht, wie der rothe Philipp, denn dieser ist kaum 30 Jahre alt und
hat 27 Untersuchungen und einige kleinere Strafen durchgemacht, bevor er
zum erstenmal hierher kam, aber sauber ist der Salomon schon als Soldat
nicht gewesen! ..."

"Kurz und gut, er blieb 6 Monate in Arrest, dann kam er heraus, mute
einigemal im Zwangstuhl singen und weil ihm angedroht war, da er jeden
andern Tag singen msse, verstand er sich endlich zur Arbeit. Er arbeitet
oder thut doch, als ob er guten Willen dazu habe, allein sein Arbeiten ist
nicht mehr weit her, er hat in der Schusterei Leder verdorben und
Dummheiten aller Art gemacht und macht jetzt so eine Art Hausschnzer! ..."

"Er ist in der Zelle ein Narr geworden, wer wei, ob es mir nicht auch so
geht, wenn sie bei uns Zellengefngnisse bauen!" murmelt der Duckmuser
nachdenklich.

"Mte ich heute fr Monate und Jahre einsam in einen Arrest, dann machte
ich es wie der Thorsepp vor acht Tagen, ich sprnge dort in den Bach und
wenn ich entdeckt und herausgezogen wrde, wie es diesem ergangen, hinge
ich mich am nchsten, besten Nagel auf!" meint der Exfourier.

"Ja im Menschenqulen ist jeder Esel ein Genie und in der Menschenliebe das
Genie oft genug ein Esel, ich habe das schon in der Kaserne erlebt!" seufzt
der Duckmuser.

"berall errichten sie jetzt Vereine gegen Thierqulerei und ich bin ganz
dafr, weil ich oft gelesen, wie viehische Bauern, Knechte, Fuhrleute und
Metzger die armen Thiere qulen aber wehalb fllt es den Herrn niemals
ein, auch einen _Verein gegen Menschenqulerei_ zu stiften?" fragt der
Blsi. Der Zuckerhans schaut dem Blsi ernst ins Gesicht und dieser wird
bis ber die Ohren roth.

"Weil der arme Teufel weniger auf der Welt gilt als ein Stck Vieh! ... Das
Geld macht Alles aus, wer keines hat und nimmt wo ist, wird doch
eingesperrt! ... Wir leben in einer gang [ganz] verkehrten Welt!" seufzt
Einer.

"Wenn ich knnte, packte ich die ganze Welt in eine Beizange und hmmerte
sie mit dem schwersten Kferhammer platt!" lacht der Exfourier.

"Apropos, was macht denn der Salomon, wenn er nrrisch wird, he?" fragt der
Zuckerhannes.

"Ei, hast ihn ja selbst gesehen und gehrt!" erwiedert der Rckfllige.

"Wenn kein Mensch an Etwas denkt, fngt er an zu schimpfen und behauptet,
es sei Einer drauen, der ihn in Einem fort schimpfe und ihn schlagen
wolle. Ist's Tag, dann luft er oft auf die Verwaltung oder zum Doctor und
verklagt seinen Feind, von dem Niemand etwas sieht, hrt und wei!"

"Das ist spaig! ... Grausig! ... Salomons Feind ist der Teufel! ... So
ergeht es vielen Franzosen in der Zelle," spricht der Kilian! ...

"Die Beamten und der Doctor lachen den Salomon aus wie wir Alle, sagen, mit
der Zeit wrden die Einbildungen von selbst verschwinden und es scheint
auch richtig so zu kommen, denn er ist schon jetzt viel ruhiger als noch
vor 3 Wochen und--"

"Zur Arbeit, Leute!"

unterbricht der Werkmeister den Rckflligen, die letzte Minute der
Erholungszeit ist vorber, die Strflinge eilen zu ihrem Geschfte zurck
und die Meisten arbeiten eifriger als bisher den ganzen Tag, denn wer am
Sonntag ein Stcklein Butter oder am Ende des Monats ein halbes Pfund
Schnupftabak kaufen will, darf mit der Fertigung des vorgeschriebenen
Tagwerkes nicht zurckbleiben.

"_Schule! ... Zweite Klasse! ... Schule!_"

Der Ruf zur Schule ergeht wchentlich einigemal an Alle, welche das 36.
Lebensjahr noch nicht zurckgelegt haben und ihm folgt selten ein Strfling
mit Widerwillen.

Das Amt eines Zuchthauslehrers ist ein schwieriges, aber dafr auch ein
dankbares und segensreiches.

Alter und Bildungsstufen der Gefangenen vervielfachen die Mhe des Lehrers
und erschweren die Eintheilung der Schler, tglich oder doch wchentlich
gehen alte Schler ab und treten neue ein, nur bei Schwerverurtheilten
sieht der Lehrer die Frchte seines Wirkens und wei, da diese sich
verdoppeln und vervielfachen wrden, wenn die Schler einige ihrer
arbeitsfreien Stunden der Selbstbildung widmeten.

Ueber schlimmen Willen wird ein Zuchthauslehrer selten zu klagen haben,
Strflinge sind gewhnlich aufmerksame und talentvolle Schler, fertigen
auch Schulaufgaben, so gut sie es vermgen, doch wer mag in dem
unvermeidlichen, durch Strenge hchstens zu mildernden, doch nimmermehr zu
beseitigenden Gesumme, Gebrumme und Hin- und Herrennen eines Saales, wo an
Sonn- und Feiertagen 40 bis 80 Menschen dichtgedrngt bereits den ganzen
Tag beisammen sitzen, kopfanstrengende Arbeiten vornehmen? Ein bischen
Schreiben, Lesen, Zeichnen geht an und wird auch keineswegs
vernachlssiget, dagegen hat es mit allem Rechnen so ziemlich und mit dem
Auswendiglernen gnzlich ein Ende.

Religionsunterricht und Schule mssen die Schuld des Beisammenlebens der
Verbrecher abben helfen, mgen die Lehrer auch noch so eifrig und
pflichtgetreu sein, die Gefngnibeamten fleiige Schler beloben und
belohnen und mag die Regierung Alles thun, um die Feinde der Gesellschaft
durch die Macht der Bildung und der Religion mindestens von Rckfllen in
neuen Verbrechen abzuhalten.

Schon Mancher hat den verlornen Schulsack im Zuchthause wieder gefunden,
Mancher ist hier mindestens so weit gekommen, um aus Klugheit ungesetzliche
Handlungen knftig zu vermeiden, mancher arme Tropf hat ein Handwerk
gelernt, in Folge grerer Bildung und menschenfreundlicher Behandlung den
Ha gegen die Gesellschaft aufgegeben und als Entehrter zum erstenmal eine
klare Vorstellung der Ehrenhaftigkeit erworben--doch im Ganzen sind und
bleiben Strafanstalten Hochschulen des Lasters und Verbrechens, so lange
die Bewohner derselben Tag und Nacht beisammen leben.

"An den Frchten sollt ihr sie erkennen!" rufen wir den kurzsichtigen oder
auch eiteln Vertheidigern der gemeinsamen Haft zu; zum Unglck derselben
ist die Welt darber ziemlich im Klaren, da die schlechten Frchte dieser
Strafart die guten von jeher kaum sichtbar werden lieen und ein
beachtenswerther Zwiespalt der Ansichten ergibt sich lediglich in der
Frage, was Besseres an die Stelle der gemeinsamen Haft zu setzen sei.--

Der Zuckerhannes hat in der Schulstube seiner Heimath blutwenig gelernt,
spter sich lieber mit Thieren und Menschen als mit todten Bchern und
unntz scheinenden Dingen abgegeben, doch in der Finsterni des Kerkers ist
ihm ein besseres Licht aufgegangen, der Duckmuser brachte ihn zur
Einsicht, der Brief des Winkeladvokaten an den Fesenmichel sei keineswegs
ein Diplomatenstreich gewesen, jetzt sitzt unser Held bereits in der
zweiten Klasse der Zuchthausschule und der Antrag des Lehrers, ihn der
dritten Klasse einzuverleiben ist ein neues freudiges Ereigni des heutigen
ereignireichen Tages.

Es dmmert bereits, wie der Zuckerhannes mit seiner Schiefertafel aus der
Schule in die Werksttte zurckkehrt. In einem Winkel des Ganges trifft er
den einugigen Stoffel, der tiefsinnig an den Ngeln kaut.

"Was gibts, alter Strolch, was treibst?"

"Ho, ich blase Trbsal, s'ist ein bses Instrument und morgen werde ichs im
schwarzen Loch blasen. Wenn nur das ganze Zuchthaus heute Nacht noch
zusammenbrennen wrde und ich damit! ..."

"Wehalb? ... Bist ja hier daheim, was hat es gegeben?"

"Ich erfuhr schon gestern Abend, da der Jost heute fortkommt, weit ja,
da die alte Garde Manches eher erfhrt als die andern. Der freudenvolle
Jost gab mir das Versprechen, ein paar Pckle Schick und ein Kettchen
Knackwrste von Auen herein ber die Mauer zu werfen, hats auch richtig
gethan, ich lie es mir schmecken, fing einen kleinen Krmerhandel an, der
Meister ist dahinter gekommen, ich habe Alles schn gelugnet, aber man
fand Zeugen in meinen Strmpfen und jetzt gehts bei diesem kalten Wetter
wieder einmal in unterirdische Regionen! ... S'ist ein Elend!"

"Oh, bist im Ganzen hier doch besser daran, als Tausende drauen. Wenn ich
frher vom Zuchthause reden hrte, dachte ich immer an dunkle Lcher mit
triefenden Wnden, an Wanzen, Flhe, Spinnen, steinhartes Brod und
stinkendes Wasser und hat unser Amtsgefngni auf etwas Besseres
hingedeutet? ... Hier habe ich die Hnde ber den Kopf zusammengeschlagen,
als ich diese Reinlichkeit und Pracht sah und eine Art Spital fand, an
welchem die verschlossenen Thren das Fatalste sind! ... Ich fr meine
Person mu mich dankbar an Vieles erinnern, was ich hier genossen habe!"

"Oh Narr! lacht der Stoffel; du willst dich fr die Schinderei auch noch
bedanken? ... Glaubst du denn, die ""Grokpfe"" wrden uns so gar
ordentlich betten, wenn sie nicht ihren verfluchten Vortheil dabei htten?
... Zudem ist alles armselig genug, gerade so, da man zur Noth bestehen
mag! ... Frher gabs Willkomm und Abschied, wie der alte Paul wohl wei,
doch hier arbeiteten fast alle in der Stadt und wenn ich all den
Specksalat, die Wrste und Brodstcke auf einen Haufen legen und alle
Schoppen darber gieen knnte, welche mir drauen auf der Schanz
zugesteckt wurden, es gbe einen Berg, in welchem sich dieses ganze Gebude
verbergen liee! ... Jauchzend und singend zogen wir manchmal Abends durch
die Stadt heim und klapperten mit unsern Holzschuhen den Takt dazu, s'war
ein Stolz und eine Freude Graukittel zu sein, aber jetzt? ..."

"Mte ich nicht an meinen grauen Stachelbart denken, ich liefe wahrhaftig
davon! ... Man darf jetzt nur noch das bischen Butter und den Schnupftabak
wegdecretiren, mit Hungerkost freigebiger werden, dann wird und mu das
Hfelein berlaufen. Es hapert dann mit der Arbeit, die Krankenstube wird
voll, wchentlich einmal kommen die mit den Schlapphten und tragen Einen
von uns zu den Studenten. Wir profitiren bei all diesen Dingen nichts, aber
die groen Herren profitieren auch nichts! ... Unsereins kostet immer viel
Geld, bevor er unter dem Boden liegt und kommt er wieder aus dem
Zuchthause, so wird er das nchstemal pfiffiger sein und keine Kleinigkeit
stehlen, sondern tchtig zugreifen, anznden, einen Reichen todschlagen und
Alles thun, was er vermag!"

"Warum?"

"Ho, bist du noch immer so dumm, wie damals, als der Spaniol dich hinters
Licht fhrte. Hat Einer recht ""Moos"", dann gehts ihm gut, wenn er damit
durchkommt. Wird er aber erwischt, nun, dann macht man ihm den Garaus und
die ganze Lumperei hat ein Ende oder er wei doch wenigstens, wehalb er
ins Zuchthaus gekommen! ... Ich halt's ganz mit dem Spaniolen, der war ein
gescheidter Mann: je rger die Groen dreinfahren, desto rger treibens die
Kleinen und alles mu so kommen, wenn die ""groe Zukunft"" nicht
ausbleiben--"

"Fort, s'kommt Einer!"

Der Aufseher findet weder den Zuckerhannes noch den Einugigen mehr, hinter
ihm traben die Hausschnzer her, um die Lichter in den letzten Werksttten
anzuznden, denn bereits schaut ein neuer sternenloser Winternachthimmel in
den Hofraum der Strafanstalt herein.

Die heimelige Zeit der Dmmerung und die ruhige der Nacht bringt Gefangenen
von selbst eine minder strenge Aufsicht und Vergessenheit ihres Zustandes,
wirft ihren Schleier ber manche Kleinigkeit, die sich nicht streng mit der
strengen Hausordnung vereinbaren lt und stimmt die abgematteten
Werkmeister und mden Aufseher milde und vershnlich gegen ihre Arbeiter
und Pflegbefohlenen.

Wiederum lt die Hausglocke ihre helle Stimme vernehmen.

"_Sechs Uhr!_"

Jeder legt die Arbeit nieder, die Aufseher ziehen ihre Dienstmtzen vom
Kopfe und machen ernstere Gesichter, die Gefangenen thun dasselbe, mancher
faltet die Hnde und zuweilen bewegt auch einer die Lippen.

Leben wir nicht in christlichen Landen und ist's nicht Betzeit?

Nach einigen Minuten wird fortgearbeitet, die Faulen sputen sich um ihr
Tagwerk fertig zu bringen, die Fleiigen ermden sichtbar, die Arbeit eines
Jeden wird in Augenschein genommen, zuweilen belobt, noch fter mit
Stillschweigen bergangen, manchmal getadelt und immer aufgezeichnet.

Allgemach wird es ruhiger in der Werksttte, Ungeduld spiegelt sich in
mancher Miene, auch die armen Werkmeister und Meister bleiben zuweilen
einen Augenblick ruhig und horchen scharf, ob das Glcklein nicht den
letzten und besten Ruf, den Heimruf zum Essen und Schlafen anstimme.

Endlich ertnt es;--"_Feierabend!_"--rasches Verstummen jedes
Arbeitslrmes, Aufrumen aller Gerthschaften, Abmarsch.

Nach wenigen Minuten sitzt unsere bekannte Tischgesellschaft wieder
beisammen, der Zuckerhannes betet wiederum laut vor, dann lt sich Jeder
die Wassersuppe und Mancher auch Reste des Mittagsmahles oder ein Stck
Brod schmecken.

Kaum hat der Zuckerhannes vom Tische gebetet und kaum sind die
Zinnschsselchen verschwunden, so beginnt das Abfhren in die Schlafsle.

Die Wachen und Aufseher stehen drauen in den Gngen auf ihren Posten, der
Reihe nach werden die Nummern der Schlafsle ausgerufen und Einer nach dem
Andern marschirt ab.

Wollte man whrend des Abfhrens in die Schlafsle gar zu streng auf Stille
und Ordnung in den Speiseslen sehen, so wrden die Wachen vielleicht erst
um zehn Uhr in ihre Wachtstube und die ohnehin arg angestrengten Aufseher
noch spter zu ihrem Nachtessen gelangen und solche Verzgerung brchte
Niemanden Nutzen, whrend das minutenlange Gehenlassen der Gefangenen wenig
schadet.

Wer unter Tags nicht zu einem Bekannten oder Landsmann kam, welcher an
einem entfernten Tische sitzt, trifft denselben jetzt und wer nicht ein
bischen heiter war, wird es fr eine kleine Weile.

Der Mordbrenner benutzt das lebhafte Getmmel, um mit gedmpfter Stimme ein
bischen zu jodeln, der Erfourier tanzt mit dem Affengesichte im
Hintergrunde und versichert es sei Polka, ein Ruber schnalzt den Takt dazu
mit Zunge und Fingern, das Hasenmaul theilt mit dem Zuckerhannes ein
Pcklein Schick und der Duckmuser hlt Einigen eine Vorlesung ber den
hohen Werth einer menschenfreundlichen Behandlung im Zuchthaus.

Morgen Abend wird es wieder froh um diese Zeit zugehen, denn bermorgen ist
ein arbeitsfreier Tag und die Ruhe- und Freudentage der freien Bevlkerung
sind Folter- und Trauertage, jedenfalls Tage peinlicher Langweile fr
Gefangene.

Freilich nimmt an Festtagen der Gottesdienst und Gnsemarsch im Hofe Zeit
weg, vielleicht mssen auch die Fe in der Waschkche gewaschen werden und
manche melden sich zum Rapport beim Vorstande, doch immerhin bleibt manche
Stunde brig und whrend derselben wie angenagelt hinter einem Tische
sitzen sollen, um St. Johannistag wie um Weihnachten um sechs Uhr Abends
die Suppe essen und sich alsdann von der noch ziemlich hochstehenden Sonne
im Bette bescheinen lassen, dazu die Freudentne der Freien von Weitem
vernehmen, dies Alles macht arbeitsfreie Tage zu den unbeliebtesten, welche
die Mehrzahl der Strflinge erlebt.

Was sollen dieselben machen?

Die schwle Luft macht Aeltere schlfrig und mimuthig, die Jngern reden
und schckern, zehn Aufseher wren nicht im Stande, sie daran zu hindern,
Manche laufen bestndig ein und aus und es lt sich nicht verbieten.

Unsere Bekannten gehren meist zu den geschicktern Gefangenen und diese
wissen sich zur Nothdurft immer Unterhaltung zu verschaffen. Das
Murmelthier wird sich in der Kunst immerwhrenden Schlafes produciren, der
Indianer spielt die Rolle eines Portrtmalers und wird Einigen ihre
Dulcineen malen. Freilich hat er letztere niemals gesehen, allein wenn die
Farbe und der Schnitt der Sonntagskleider getroffen, der Kopfputz nicht
ganz verfehlt und das Roth der Wangen und Lippen recht einleuchtend
hervorstechen wird, dann fhlt sich der Liebhaber schon beseliget, spendet
Weihrauch und Lohn und seine Einbildungskraft ersetzt die fehlende Kunst.
Auch das Affengesicht macht Geschfte als Maler; zum Scheine malt er
schuldlose Huser, in unbewachten Augenblicken klekst er unzchtige Bilder
zusammen, diese finden reienden Absatz und Mancher, der das schnste
Heiligenbild als Geschenk gleichgltig betrachtete oder auch zurckwiese,
spart sich das Fleisch vom Munde ab, um vom Affengesichte mit einem
Schandgemlde beglckt zu werden.

Der Exfourier ist heute durch eine Schildwache von der vollendeten
Treulosigkeit seiner Braunen berzeugt worden und wird am nchsten Sonntag
einen herzbrechenden Brief an dieselbe schreiben. Der Mordbrenner wird dem
Hasenmaul ein langes und unter Strflingen sehr beliebtes Gesicht, nmlich
Kotzebue's "Verzweiflung" gleichmthig ins Schreibheft eintragen und wenn
ihm das Hasenmaul nur noch ein kleines Stcklein Butter weiter verschafft,
wird er die furchtbaren Worte:

  Ha, wo bin ich und was soll ich hier
  Unter Tigern, unter Affen?
  Welchen Plan hat Gott mit mir
  Und wozu bin ich erschaffen?

mit zolldicken lateinischen Buchstaben schreiben.

Der Duckmuser, dieser Allerweltsknstler, wrde an arbeitsfreien Tagen
Vieles verdienen, wenn er minder gutmthig und freigebig wre. Er wird am
nchsten Sonntag die niedlichsten Dosen aus Maserholz glnzend poliren,
welche er unter der Woche neben seinen vielen und schnen Arbeiten fr sich
"gepfuscht" hat, auf Glastafeln mit goldenen Lettern und kunstreichen
Randverzierungen wiederum ein schnes Gedicht malen und gelegentlich dem
Zuckerhannes beistehen, der sich mit der Fertigung der Schulaufgaben
abqult und Auszge aus Zschockes "Stunden der Andacht" und verwandten
Schriften zu machen pflegt.

Auf solche Art wird der nchste Sonntag vorberschleichen und die Angst auf
seinen Nachfolger als Angebinde zurcklassen.

"Numero Fnf!"--ruft es durch die Gnge.

Die meisten Gefangenen haben den Speisesaal bereits verlassen, jetzt bricht
der Zuckerhannes auf und nimmt Abschied vom Duckmuser, denn dieser liegt
Nachts in einem andern Saale und sein Wunsch, neben dem Freunde zu
schlafen, ist bisher unerfllt geblieben.

Einer der Letzten hinkt unser Held in den Schlafsaal Numero 5, ein Aufseher
folgt ihm, der Beter von heute Morgen haspelt wiederum ein Vaterunser
herab, dann wird die schwere Eichenthre geschlossen, die gewichtigen
Riegel klirren vor, der Schnurrbart eines Aufsehers hngt noch eine Minute
zum Guckfensterlein herein, bis Jeder unter seinem Teppich liegt.

"Gute Nacht!"

Fortan hrt man von drunten im Hofe nichts mehr auer den langsamen
Schritten der Schildwachen, die der Aufseher sind nicht mehr hrbar, weil
sie auf Socken einherwandeln oder doch sehr leise auftreten, dagegen tnt
vom Guckfenster her manchmal ein ernstes und hufig auch ein grobes Wort,
wenn nicht Alles hausordnungsmig zugeht.

Wer hart arbeitete, schlft gemeiniglich rasch ein, minder ermdete oder
kummervolle Nachbarn flstern unter ihren Decken hervor oft noch lange
miteinander, verwegene Bursche lachen oder reden auch laut und lassen
Verweise und Drohungen zu einem Ohre hinein und zum andern hinaus, Leute,
welche der nchste Tag oder die nchste Woche zu Entlassenen macht, fragen
begreiflicherweise nicht immer zu viel nach der Hausordnung die lange genug
als drohendes Damoclesschwerdt ber ihrem Haupte hing. Zuweilen erhebt sich
auch ein Streit um der Luft willen, denn Einzelne mchten aus guten Grnden
ein Fenster halb oder ganz offen lassen, dagegen pflegen die abgesagten
Feinde reiner Luft oft als Mehrheit zu opponiren. Endlich dringt der
Stundenschlag der Stadtuhren, der Gesang frhlicher Zecher oder eine ferne
Musik wehmthig zu den Ohren der Eingesperrten, im Schlafsaale vernimmt man
nur noch die Traumredner oder die Schnarcher, welche ihr ohrenzerreiendes,
rasendmachendes Tutti beginnen.

Sendet um Mitternacht der Mond sein bleiches Licht durch die trben, arg
vergitterten Scheiben des Saales, so wird er von Neuem zum Zeugen der
Thatsache, da die schlechtesten Leute und furchtbarsten Verbrecher sehr
fest und ruhig schlafen und trotz dem harmlosesten Philister manchmal sehr
gemthlich schnarchen. Zwar fehlt es selten an offenen Augen, auch
thrnenschwere sind zu entdecken und mancher Seufzer aus tiefster Brust
klagt in die Mitternacht hinaus, doch bernatrliche Reue mag hchst selten
ein Auge wach erhalten und ein Herz zu Thrnen und Seufzern bringen.

Neulinge gewhnen sich nicht immer rasch an das harte Zuchthausleben,
Familienvter gedenken gerne besserer Tage und die verrathene Liebe zu den
Ihrigen, welche mit dem Schuldigen ben und manchmal schwerer ben als
dieser selbst, stachelt sie aus ihren Trumen auf.

Ein Tag vergeht nach dem andern, Gestalten wechseln, aber das Spiel dauert
fort und wann naht das Ende der Qual?--




#DIE LETZTEN JAHRE DES ZUCKERHANNES.#


Wiederum sind wir im Schwarzwalde und zwar in demselben Thale, in welchem
wir vor einer Reihe von Jahren dem Begrbnisse eines verachteten,
unbekannten und lngst vergebenen Weibes beiwohnten.

Damals wars ein schwermthiger Regentag, doch heute steht die Sonne hoch
und glnzend im tiefblauen Himmelsgewlbe ber den dunkelgrnen
Tannenwldern und leuchtet freundlich in das Thal mit seinen zerstreuten
Strohhtten, stattlichen neuen Husern, wogenden Saatfeldern, blumigen
Matten und silbern schimmernden Bchlein.

Tausend Vgel singen ihrem Schpfer das Alleluja der Thierwelt, tausend
Schmetterlinge und Kfer flattern und schwirren um die blhenden Obstbume
und jagen sich munter aus einem Blumenkelche in den andern, laue Lfte
suseln und ziehen durch das Thal und um dem Frieden und die Freude der
Natur die hchste Weihe zu geben, dringen Orgelton und Glockenklang und
fromme Gesnge an unser Ohr.

Ists heute nicht Pfingstsonntag und gibts einen schnern Tag im ganzen
Jahre als diesen? Stehen die Htten und Huser nicht dehalb so einsam und
verwaist da, weil die Thalbewohner in der Kirche dem feierlichen Hochamte
beiwohnen?

Beiwohnten! mssen wir sagen, denn in diesem Augenblicke lutets mit allen
Glocken, die Kirchgnger drngen zum Tempel hinaus, auf allen Wegen und
Stegen wimmelt es von halbstdtisch gekleideten Mnnern und Burschen und
unter dem Weibsvolke entdeckt man nur noch wenige schwefelgelbe Strohhte,
dunkelfarbige Leibchen, vielfaltige kurze "Juppen," blaue Strmpfe,
unfrmliche Bauernschuhe, Gebetbcher mit Messingschlssern und altmodische
Rosenkrnze.

Offenbar hat der Geist der neuen Zeit auch in diesem Thale gewaltige
Fortschritte gemacht und wenn man an den nagelneuen Husern, neumodischen
Trachten und an Vielem, was zu Brigittens Lebzeiten noch nicht dagewesen,
wenig auszusetzen wei, so thut Einem doch Manches wehe, weil es den
Verdacht bestrkt, da hinter all' dem Flitter, aufgeklrtem Gerede und
lebhaftern Verkehr weit mehr Armuth, Herzlosigkeit und geistiger Tod
stecke, als mit dem entschwundenen Geschlechte begraben wurde.

Greise, Weiber und Kinder begeben sich von der Kirche in ihre meist
alleinstehenden, zerstreut liegenden Wohnungen, dagegen vermgen viele
Mnner und Bursche nicht an den Wirthshusern vorbei zu kommen, ohne
einzukehren und dem Hochamte des Pfarrers die "Eilfuhrmesse" des
Brenwirthes oder eines andern Wirthes folgen zu lassen.

Das Wirthshaus zum Bren an der Steig ist um ein Stockwerk hher, mit einer
prchtigen Altane versehen und zum Range eines "Hotels" erhoben worden. Der
ehemalige kleine Krautgarten daneben erinnert jetzt an einen englischen
Park im Duodezformat, lustig pltschert ein Springbrunnen darin und von der
bedeckten Kegelbahn herber erschallt bereits Gelchter, Geschrei und das
dumpfe Gerusch rollender Kugeln, das lustige fallender Kegel.

Die alte Nebenbuhlerin, die Sonne da drunten ist indessen auch eine
vornehme Dame geworden und hinter den herabgelassenen grnen Jalousieladen
des bedeutend verlngerten und schn angestrichenen Hauses geht es lngst
laut und lustig zu, denn die Zeitungen sind angekommen und da ihr
gewhnlicher Erklrer, der bebrillte und beschnurbartete Volksbildner nach
der Kirche in den Pfarrhof hinbermute, um eine Festtagsnase fr sein gar
zu munteres Orgeln whrend des Gottesdienstes einzustecken, so hat ein
Handlungsreisender, dem das Motto seines himmelanstrebenden Berufes:

  Ich mach' in Tuch und Seide,
  Politik und Religion!
  Und hab' von allen Vieren
  Die allerneuest' Facon!

im Gesichte geschrieben steht, das Amt des Volksbildners freiwillig
verwaltet, die Politiker des Thales durch tiefe Einsichten und
geheimnivolle Kenntnisse in freudigen Aufruhr und durch die neuesten Witze
in Entzcken versetzt.

Der dicke Wirth streckt sein Mastochsenantlitz zum Fenster hinaus und zupft
mit der einen Hand an den Vatermrdern des feingefltelten Hemdes, whrend
die andere in den Taschen whlt und Kronenthalermusik macht. Hinter ihm
steht--die Elsbeth etwa? Gott bewahre, das Haus Elsbeth hat lngst
aufgehrt, in der Sonne zu regieren, die neue Wirthin ist ein blutjunges
Ding und trgt nicht nur an ihren drren Fingern schwere Goldringe und
einen Schawl, der beinahe den Boden fegt, sondern auch einen Pariserhut mit
Lyonerblumen, Alles direct aus Freiburg verschrieben.

Auer dem Brenhotel und dem Gasthof zur Sonne gibt es nunmehr auch einen
"Anker" im Thale, der beide an Eleganz bertrifft und eine Bierbrauerei,
welche an schnen Tagen die "Naturkneiper" der beiden nchsten Stdte mit
Allem versorgt, was ihnen Noth thut, endlich eine Weinwirthschaft, wo auch
Kaffee und Liqueur zu haben und eine kleine Winkelschenke, welche wir als
bescheidene Wanderer zunchst besuchen mssen.

Sitzt denn in dieser Winkelschenke nicht eine gute alte Bekannte, nmlich
die Elsbeth? Hat sie sich nicht vor vier Jahren aus der prchtigen Sonne
hieher zurckgezogen mit dem Reste ihrer Habe? Und sitzt nicht neben ihr
ein guter Bursche, welcher bereits seit fnf Wochen mit ihr fr die Snden
der Welt trinkt und sich mit dem baldigen Untergange derselben trstet? Ist
dieser Bursche nicht der Zuckerhannes, der den Schauplatz seiner
Kinderjahre nicht nur begren durfte, sondern heimsuchen mute, nachdem er
seine Strafe bis auf den Rest eines halben Jahres erstanden.

Ja, so ist's; der Hannesle, welcher als 15jhriger Bursche aus der Sonne
Reiaus nahm, ist als 27jhriger wieder zurckgekehrt und dieselbe stolze
Frau, die ihn um Gottes Barmherzigkeit willen aufnahm, als vermeintliches
Werkzeug des gttlichen Zornes ihm einen Kropf wachsen lie und ein Bein
abschlug, sitzt nunmehr als die herablassende Wirthin einer Winkelschenke
neben ihm und versichert ihn, er sei einer der ordentlichsten Menschen des
Thales, weil er alte Unbilden vergesse und einer armen, bedrngten Wittib
in dem Gomorrha und Sodoma des Schwarzwaldes einige Groschen zukommen
lasse.

"Menschen werden mit den Zeiten anders!" hat schon vor bald 2000 Jahren ein
heidnischer Dichter an den Ufern des kaspischen Meeres geklagt und genau
dasselbe klagt unser Paar, obwohl es sich niemals sonderlich mit Bchern
und am allerwenigsten mit Heiden befate.

Fnf volle Wochen bereits hat die Elsbeth ihren ehemaligen Pflegsohn davon
erzhlt, wie es ihr seit seiner Flucht ergangen und ist noch lange nicht am
Ende, doch wir wollen uns kurz fassen, damit die Geschichte unseres Helden
nicht allzulang gerathe.

Die fromme Sonnenwirthin fhrte ihre Wirthschaft in altgewohnter Weise
fort, nachdem die Hoffnung, im Zuckerhannes einen arbeitsamen und
wohlfeilen Knecht zu bekommen, verschwunden.

Im dritten Jahre darauf verlor sie ihren getreuesten Lobredner, nmlich das
265 pfndige Dekanat, welches an einem Schlagflusse pltzlich verschied und
von allen Vieh- und Weinhndlern, Amtsleuten und Wirthen schmerzlich
vermit wurde.

Weil die fromme Elsbeth Niemanden mehr besa, mit dem sie sich von den
theologischen Tugenden, von der Erbsnde und andern gottseligen Dingen
unterhalten konnte, verlegte sie sich auf das Weltliche und whlte sich
unter den Weltkindern Eines heraus, um dasselbe den Klauen des Satanas zu
entreien und fr den Himmel einzunehmen.

Dieses Weltkind hie Wendel und war der stattliche Sohn eines Bckers des
Amtsstdtleins, welcher eine Stubenwirthschaft fhrte und die Sonne seit
vielen Jahren mit Brod versah, nmlich mit seinem Weibrod, Fastenbretzeln,
Butterwecken, Schildbrod, Milchbrod, Ringen, gebackenen Mnnern mit
Zibebenaugen und andern Herrlichkeiten, die der Hannesle schwer verfluchte,
bevor er zum Zuckerhannes geworden und dies aus triftigen Grnden. Mute er
nicht jeden andern Morgen Sommers und Winters mit Tagesanbruch in das
Stdtchen hinab laufen, um den Brodkorb fllen zu lassen, und wiederum
daheim sein, wenn es Zeit war, den Schulsack vom Nagel hinter der Wanduhr
herabzulangen? War der Wendel nicht schon damals ein groer und
muthwilliger Bursche, der seine Freude daran fand, den eingeschchterten,
linkischen Buben auf alle Weisen zu qulen? Und als der heranwachsende
Hannes sich nicht mehr Alles gefallen lie und herzhaft redete, spielte da
der Wendel nicht den Stolzen und Vornehmen gegen ihn und pflegte jedesmal,
wenn der Bcker oder die Bckerin nicht in der Stube standen, in die Kche
hinauszurufen. "Vater oder Mutter, kommt, der "Zuckerhannes" will seinen
Theil haben und notirt alles gut auf?"

Besagter Wendel zog dann einige Zeit auf die Wanderschaft, stand in Paris
hinter einem Backofen und brachte ungemein viel Anstand und Bildung aus
diesem Mittelpunkte der Civilisation nach Hause. Als ein wahres Chamleon
wute er sich in Jedes zu fgen und zu schicken, mit dem er anbinden wollte
und der Elsbeth, mit welcher er monatlich einmal abrechnete, so viel
Erbauliches von den prchtigen Kirchen, frommen Husern und gottseligen
Personen der Weltstadt zu erzhlen, da sie ihm nicht genug zuhren konnte.
Sie wute recht gut, der Wendel mache den Eltern schweres Kreuz, habe von
der Obrigkeit, Sittlichkeit, Weibern und andern Dingen nagelneue Ansichten,
welche den bisherigen schnurstraks zuwiderliefen und sprach zu sich:

"Wr' es nicht Jammerschade, wenn ein Mensch, der auf Erden so schn und
geputzt wie ein Offizier einherschreitet, ewig im Hllenschlamme versenkt
wrde? Ist er nicht jung und wei ich nicht aus eigener Erfahrung, da die
Jugend erst mit den Jahren nach mancherlei Fllen und Unfllen zur Tugend
gelangt? Darf Einer nicht tglich siebenmal fallen und bleibt dennoch ein
Gerechter? Ist der Wendel nicht gleichsam ein geborner Wirth, der sich in
Alles und gewi also auch in Treue und Frommheit zu finden wei? Besitzt
derselbe nicht ein ordentliches Vermgen? Und, wenns schlecht geht, hat
mich der Herr nicht aus fnf Trbsalen errettet und wird Er Seine Dienerin
schon in der sechsten stecken lassen? Gibt es im Himmel nicht sieben Stufen
der Seligen, habe ich nicht bereits Anspruch auf die fnfte und kann mich
zur sechsten und siebenten emporschwingen? Kurz und gut, wenn ich will,
wird der Wendel nicht Nein sagen und Gott kann nicht anders als Ja sagen
und uns segnen, weil er mich genau kennt und wei, da ich zunchst den
Leib haben mu, um meine Seele retten zu knnen. Lebte nur der Herr Dekan
noch, _der_ brchte Alles ins Geleise; einen bessern Heirathsstifter hats
im Walde nicht gegeben und der neue ist ein Holzbock im Vergleich zu ihm.
In Gottes Namen, das Weib ist zum Jochtragen auf der Welt, ich nehme den
Wendel, die Gottlosen mgen darob heulen und mit den Zhnen knirschen!"--

Der Wendel hatte auch Augen und Gedanken, lie sich herab, das ehemalige
Brodtrgeramt des entlaufenen Zuckerhannes zu verwalten, feierte seine
Sonntage allgemach in der Sonne und es dauerte nicht lange, so ereignete
sich das Wunder, da die Elsbeth eines Sonntages aus der Kirche wegblieb,
wie dies Gebrauch bei Leuten ist, welche als Brautleute ausgerufen werden
und nicht drei Wochen spter stolzirte der Wendel als Sonnenwirth durch das
Thal und die Zahl der Freunde, die aus dem Stdtlein herberkamen, um sein
Glck in der Nhe zu betrachten, wuchs mit jedem Tage.

Vor der Hochzeit hatte es die ersten schweren Hndel abgesetzt, weil es
sich schwarz auf wei herausstellte, da Wendels Vater zwar kein ruinirter,
aber doch keineswegs ein reicher, der Brutigam vollends ein armer Mann
sei, dessen Capitalbriefe nirgends mehr aufgetrieben wurden.

Freilich besa er einen Onkel, der ein Triberger Packer und tief in Amerika
drinnen ein steinreicher Mann geworden war, zur Zeit noch keine Kinder und
dabei die Absicht haben sollte, die Verwandten in Europa sammt und sonders
zu kleinen Rothschilden zu machen, doch Elsbeth war in Geldsachen erfahren
und genau, donnerte und blitzte einige Tage lang und die Leute munkelten,
der Pariser sei an die Unrechte gekommen.

Dennoch ward die Hochzeit abgehalten, kein Mensch erfuhr jemals aus
Elsbethens Mund, wehalb diese so nachgiebig gewesen, dafr redete der
Wendel desto unverblmter und prophezeite, sein Weib habe berhaupt den
Rechten an ihn gefunden, er wisse, was in der groen Welt Mode sei und wie
man mit Weibern fertig werde.

Ein Verschwender, Schlemmer, Prozekrmer, Spieler, Faullenzer und Anderes
mehr, wurde er rasch mit dem Vermgen der Sonnenwirthin fertig, doch mit
ihr selbst ist er keineswegs fertig geworden, denn sie hatte die Freude,
ihm nach zehn Jahren die Augen zuzudrcken und lie als "tiefbetrbte, im
Thale der Zhren allein stehende Wittib" dem "innig geliebten, sanft und
selig dieser mangelhaften Welt entrckten Gatten, dem ehrenfesten,
hochachtbaren Herren Wendel" einen Grabstein setzen der noch heute vom
Kirchhofe herab ins Thal schaut.

Lnger als jeder frhere Mann hat der Pariser mit der Elsbeth gehaust und
diese unerhrte Thatsache erklrt sich lediglich daraus, da er sich weder
von ihr bekehren lie noch darnach trachtete, sie fr sich zu gewinnen,
sondern mit musterhafter Gleichgltigkeit gegen sie seine Tage verlebte.

Ihren Predigten setzte er Spott und Hohn, ihrem Zorn lautes Gelchter und
ihren Todsnden meist die entgegengesetzten Laster entgegen. Der schlaue
Mann hatte nicht blos die Geldliebe der Sonnenwirthin vor der Hochzeit
berflgelt, sondern auch durch die gefhrliche Drohung, der Welt ohne alle
Rcksicht auf seine und andere Personen mancherlei Geheimnisse einer fr
fromm geltenden Seele zu enthllen, einen Ehevertrag zu Stande gebracht,
welcher Gtergemeinschaft und fr den Fall einer Trennung fr ihn die
gnstigsten Bedingungen festsetzte.

Es lt sich leicht denken, wie die Elsbeth sich geberdete, nachdem sie vor
dem Ende des ersten Jahres die letzte Hoffnung aufgegeben, den Wendel fr
sich zu erziehen. Bei etwas weniger Leichtsinn und etwas mehr Ehrgefhl
wrde er ein Hllenleben gefhrt haben, allein er fragte nach Allem nichts,
was nicht die Befriedigung seiner Leidenschaften betraf und brachte es zu
Stande, da sein Weib, welches er niemals mihandelte, keinen erheblichen
Vorwand oder Beweise zu finden vermochte, die eine Trennung gerechtfertiget
htten.

So kam es auch, da die Elsbeth keinen sonderlichen Antheil an seinem
frhen Tode hatte. Er war nicht ihr Sklave, sondern lebte in der
Knechtschaft der eigenen Snden und Laster, welche sich ihre zweideutigen
Freuden mit Wucherzinsen heimzahlen lassen und richtete sich selbst in der
Blthe seiner Jahre zu Grunde.

Dem Leichenbegngnisse folgte eine Zwangsversteigerung, die Sonnenwirthin
mute aus dem ererbten Hause ihrer Vter abziehen und trug auer den stark
ins Graue gerathenen Haaren nur wenig Geld mit sich fort, mit welchem sie
die kleine Wirtschaft pachtete und einrichtete, wo wir den Zuckerhannes bei
ihr gefunden.

Wendels glorreicher Grabstein erklrt sich namentlich durch den Umstand,
da die Elsbeth auf die Ankunft des Vetters aus Amerika hoffte, der
jhrlich geschrieben, er werde kommen und mehr Eagles und Dollars bringen,
als Kirschensteine im Thale gefunden werden knnten. Geschrieben hat dieser
Crsus, doch gesandt hat er niemals auch nur einen Penny und ist bis heute
ausgeblieben, so da er den prchtigen Grabstein des Neffen niemals mit
eigenen Augen betrachten konnte. Die Elsbeth aber hofft und hofft in Einem
fort und weil das Hoffen nicht satt macht, eine Wirthin aber um so
toleranter werden mu, je weniger sie besitzt und je kleiner und armseliger
die Wirtschaft ist, hat sie allgemach ihr Huslein zu einer Zufluchtssttte
aller Elenden und Verfolgten gemacht, insofern dieselben noch Einen Kreuzer
auszugeben hatten und ist bereits so weit gekommen, offen zu predigen, wir
alle glauben an Einen und denselben Gott und ein braver Evangelischer sei
ihr tausendmal lieber denn ein zahlungsunfhiger Katholischer. Nicht der
Glaube, sondern das Rechtthun sei die Hauptsache, man komme zwar auf der
Welt schlecht damit fort, aber man lege sich dadurch viele Pfunde im Himmel
an und das irdische Leben sei ja nur ein Augenblick.

Bei der ehemaligen Pflegmutter haust der Zuckerhannes, dieselbe versichert
ihn eben, in der Kirche auch fr ihn gebetet zu haben und er meint etwas
grob, das sei ihm ganz Eins, denn ob er bete oder fluche oder Andere es fr
ihn thten, darob kmmere sich weder Gott noch Teufel. Dieses sei ihm im
Zuchthause und besonders seit den letzten 5 Wochen klar geworden.

Eine derartige unwirsche Rede an einem so wunderlieblichen Pfingstmorgen
tnt nicht gut, zeugt fr arg verstimmte Herzenssaiten und bedarf einer
Erklrung.

Am letzten Tage, den unser Held im Schlafsaale der Strafanstalt aufdmmern
sah, ward er auf die Kanzlei gerufen und erhielt seine Freiheit.

Die Sehnsucht nach der Freiheit war lebhafter als je in ihm geworden, die
Erfllung kam frher, als er gehofft und ein Stich ging ihm durchs Herz,
denn die Trennung vom Duckmuser erschien ihm pltzlich schwerer als das
Zuchthausleben und er sah sich vom einzigen Freunde, den er auf der Welt
kannte, im Nu durch eine fast unbersteigliche Kluft getrennt.

Ohne den Benedikt noch einmal gesehen und Abschied von demselben genommen
zu haben, mute er nagelneue, ungewohnte Kleider anziehen, welche ihm
groentheils von der Regierung geschenkt wurden und das Gutmachgeld betrug
ein ganz ordentliches Smmchen, obwohl er tglich nur 2 Kreuzer erhobelt
und Manches fr Schnupftaback und Butter ausgegeben, auch ein Gebetbuch und
Schreibbcher gekauft und einiges Porto bezahlt hatte.

Gleich einem Trumenden nahm er Abschied von den geistlichen und weltlichen
Beamten, sah die Thre, welche manches liebe Jahr ihm verschlossen
geblieben, durch einen ganz leichten Druck auf die Schnalle aufspringen und
folgte dem Aufseher, der ihn zur Polizei fhrte.

Lange hatte er geglaubt, er werde nach der Befreiung kein Jota mehr nach
der Welt und den Leuten fragen, doch schon auf der ersten Canzlei, welche
er ohne grauen Kittel betrat, fhlte er, da dieser Glaube auf einer
Tuschung beruhe. Manche Anwesenden betrachteten ihn scheel, ein
dickkpfiger Jngling, den das blinde Glck aus einem verdorbenen
Lyzeistlein erst vor Kurzem zu einer handwerksburschenqulenden
Schreibmaschine umgemodelt, lachte ihm verchtlich und hhnisch in's
Gesicht, da er purpurroth wurde von der Stirne bis zum Halse hinab und die
Augen ganz verwirrt zu Boden schlug.

Der Zuckerhannes erhielt seinen Laufpa und las mit Entsetzen, er me
geradewegs dahin, wo er wenig Gutes zu erwarten und viel Schlimmes zu
befrchten, nmlich in die Heimath. Dies war ein Donnerschlag fr ihn, er
nahm sich das Herz heraus, den Beamten zu bitten, ihm doch einen Laufpa
nach dem Bodensee oder sonst wohin zu schreiben.

Das kleine, spindeldrre Mnnlein machte Augen, als ob der verwegene
Bittsteller auf den Umsturz aller Staaten und Dintenfsser sinne und
nselte giftig, er mge sich zum Teufel scheeren, das sei Gesetz im Lande,
Geschriebenes sei hier stets unfehlbar und unabnderlich und wenn er Einen
Zoll von der Route abweiche, so werde es nicht gut gehen!

"Aber ich bekomme keine Arbeit, ist das Gutmachgeld weg, was anfangen,
lieber Herr? Ich mu doch leben!"

"Euer Leben ist nach meiner Einsicht durchaus unnthig, macht, was Ihr
wollt, Marsch!" Der unbesonnene Zuckerhannes sagte noch Etwas und htte es
wahrscheinlich arg bereuen mssen, wenn nicht ein ordentlicher Beamter
eingetreten wre, bei dessen Eintritt Jener gar s lchelte und einem
Diener winkte.

Ein Polizeidiener fhrte unsern Helden zum Thore hinaus, dann nahm dieser
den Weg in den Schwarzwald unter die Fe und dachte unterwegs ungemein
viel an die "groe Zukunft" des Spaniolen und an die Reden des Exfouriers.

Abends spt gelangte er in der Heimath an. Vom Kirchhofe herber wehte eine
kalte Frhlingsluft, er erkannte keinen Menschen, der ihm begegnete, wollte
in kein Wirthshaus, sondern bei den Hausleuten der Katzenlene bernachten.
Er fand das alte Haus und auch die alten Bewohner, wie sich nach einigen
Minuten herausstellte, aber die Katzenlene fand er nicht mehr, weil diese
den Glauben Mancher an ihre irdische Unsterblichkeit durch einen sanften,
obwohl raschen Tod schon vor mehreren Jahren widerlegt hatte. Die Leute
boten ihm von selbst ein Nachtlager an, nachdem sie jedoch herausgebracht,
woher ihr Gast geraden Weges komme, da gab es so seltsame Gesichter und
zweideutige Reden, da der Zuckerhannes auf seinem Stroh, welches man ihm
statt des versprochenen Bettes auf den ungedielten Boden der Wohnstube
geworfen, bittere Thrnen weinte und bei Tagesanbruch mit seinem Bndelein
abzog.

Er hatte gehofft, es sei Gras ber seine Jugendgeschichte gewachsen und der
Name "Zuckerhannes" den Landsleuten nicht mehr gelufig, wurde jedoch frh
genug vom Gegentheil berzeugt. Der Vogt, bei welchem er sich melden mute
und gar nicht bel aufgenommen wurde, stellte ihn seinen Buben als ihren
alten Schulkameraden den "Zuckerhannesle, welchen die Brigitte selig ledig
gehabt" vor und dieser hinkte keine 6 Stunden im Thale herum, so hrte er
oft genug hinter sich sagen: "Der Zuckerhannes ist wieder gekommen, dort
der groe hinkende Mann. Er hat Einen umgebracht und ist grausam lange im
Zuchthause gehockt!"

Der Gestellmacher war lngst gestorben, die Leute, bei denen er spter
einige Zeit zugebracht, lebten auch nicht mehr, die alte Welt moderte meist
auf dem Kirchhofe, die junge war gro geworden und nahm jetzt deren Stelle
ein, der Nachwuchs, der noch in der Wiege schrie, als der Zuckerhannes aus
der Sonne entlief, wuchs bereits der Conscription entgegen, gar manches
Haus hatte andere Bewohner, die alten hlzernen Htten mit ihren Dchern
von Stroh und Schindeln waren vielfach durch neue steinerne mit groen
Fensterscheiben und bunten Ziegeldchern ersetzt, der alten Tracht hatte
eine neue und stets wechselnde Platz gemacht.

Kurz, Vieles war anders geworden und selbst die Natur vielfach verndert,
mancher Wald ausgeholzt und manche de Trift in Ackerland verwandelt.
Manches gefiel dem Hannes, namentlich die Nachsicht und Gleichgltigkeit,
welche jngere Leute gegen entlassene Zuchthusler vielfach bten und er
freute sich heimlich, weil Brigitte fast ein Dutzend Nachfolgerinnen
zhlte, die mit vaterlosen Kindern auf den Armen an sonnenhellen Tagen ganz
ungescheut umherliefen und selten daran dachten, auf Untersttzung der
Gemeinde zu verzichten.

Freilich gab es noch Viele, welche dergleichen Weiber verachteten und
verlsterten und nicht gerne mit einem zu thun hatten, der Zuchthaussuppen
gegessen, doch viele Andere, besonders unter den Jngern und Aufgeklrten,
waren duldsam und lachten, wo ihre Vter zornig die Fuste geballt htten.

Es geschah mehr als einmal, da im Wirthshause manche Gste verstummten,
die Nase rmpften und wohl vom Tische wegrckten, an welchem sich der
Zuckerhannes gesetzt, manchmal auch ein peinliches Gesprch vom Zuchthause
anspannen, was ihm sehr wehe that, dagegen fehlte es ihm nicht an Kameraden
und sogar an Freunden. Worber er sich am meisten wunderte, war die
Einladung, welche er von der alten Sonnenwirthin erhielt, deren Schwelle er
niemals zu bertreten hoffte.

Am ersten Tage schon vernahm er auch, da sie noch immer eine sehr fleiige
Kirchengngerin sei und namentlich durch den Wendel Grund genug bekommen
habe, der argen Welt spinnenfeind zu werden, dagegen aber fr die Snden
der Welt unmenschlich trinke und beide Augen freudig zudrcke, wenn ein
kleiner Profit vor ihr zu stehen schien.

Die Elsbeth lud ihn ein, weil er nicht von selbst kam, berhufte ihn mit
rhrenden und zrtlichen Vorwrfen, redete wie die Gte und Liebe selbst,
wollte nichts davon hren, da sie ihm zu einem Kropfe und hinkenden Bein
verholfen und ruhte nicht, bis er zu ihr zog gegen ein sehr gering
scheinendes Kostgeld, das er fr einige Wochen voraus bezahlte.

Elsbeth wute was sie that. Der Hannes brachte Gutmachgeld und von
Bibianens Hinterlassenschaft ward ihm durch die Sorge des braven
Zuchthausverwalters noch ein Smmchen gerettet, welches der Vogt als
Pfleger in Hnden hatte und womit sich in diesem Thale Etwas anfangen lie.

Der Vogt und die Elsbeth aber verstanden sich miteinander und hatten ihr
Plnchen fertig. Zwei Wochen wollte der Zuckerhannes von seinen
langjhrigen Strapazen ausruhen und gemchlich thun, dann im Thale oder
noch lieber in der Ferne schauen, was zu machen sei. Zunchst mute ihm die
Elsbeth an den Adlerwirth in Hegau schreiben, damit er erfahre, was denn
aus der Emmerenz geworden sei.

Der Benedict, ein gewaltiger Verehrer der bessern und schnern Hlfte des
menschlichen Geschlechtes, redete am lngsten und liebsten von seinen
ehemaligen Freundinnen, sorgte auch dafr, da der Zuckerhannes die
Emmerenz nicht verga und war es, der ihm beim lngeren Schweigen derselben
anrieth, Alles wo mglich im Ungewissen zu lassen, nachdem sie selbst nicht
geantwortet.

"Ist sie fr Dich verloren, dann erfhrst Du es noch immer frh genug und
sie hat Dich nie recht gerne gehabt; findest Du sie noch ledig, dann wei
man nicht was kommen kann, Du hast bis dahin dir doch das Glck mit ihr
recht ausmalen und mit mir hoffnungsvoll davon plaudern knnen. Sei
gescheidt Hannes und denke: Unverhofft kommt oft!" pflegte der pfiffige
Benedict zu sagen, und der Freund, der sich in Allem gerne von ihm gngeln
lie, befolgte auch diesen wohlmeinenden Rath.

Nach der Freilassung besa der Zuckerhannes wiederum Keinen, der sich
seiner aufrichtig annahm und ihn liebte, die Hoffnung, sein "Duckmuserle"
jemals auf Erden wieder zu sehen, war gering und er erfuhr, das Leben eines
Menschen, der ganz allein auf der Welt dastehe und in Allem fr sich sorgen
msse, sei in vielen Dingen leidenreicher und mhevoller als das eines
Zuchthuslers.

Zudem stand er bereits tief in dem Alter, in welchem sich das Herz des
Mannes nach einer festen Existenz und bleibenden Sttte, nach einem Weib
und Kindern sehnt, an denen er den Freund machen kann und bis zum Tode
nicht von ihnen verlassen wird. Die Meisten, welche mit ihm auf der
Schulbank gesessen, hatten lngst ein eigenes Heimwesen und waren
verheirathet, Viele schienen recht glcklich zu leben und Manche hausten
wirklich gut, nur er stand noch immer allein und unbeachtet in der Welt da,
an seinen Freuden und Leiden nahm Niemand jenen herzlichen Antheil, welchen
er wnschte und dies that ihm wehe.

War er doch auch ein Mensch und wehalb sollte er noch immer als Ausnahme
unter den Leuten ruhelos und ziellos gleich Ahasverus herumstolpern?

Es lt sich denken, wie gewaltig dem Zuckerhannes das Herz klopfte, als er
Elsbethens wohlgesetzten und siebenfach versiegelten Brief an den
Adlerwirth im Hegau ins nchste Posthaus trug und wie die Vermuthungen ber
die Antwort den einzigen Stoff seiner vertraulichen Gesprche mit der
Pflegemutter blieben. Diese sprach dem Zagenden Trost und Muth ein und weil
er fortwhrend ein bischen zweifelte und den Kopf schttelte, bewies sie
ihm aus Karten und Kaffeesatz, ein groes Glck stnde ihm bevor, Alles
laufe auf eine Heirath hinaus und so sicher sie fr ihre Person sei, da
der Kutscher Sepp einmal an ihrem Huslein halte und den steinreichen
Vetter aus Amerika ablade, so zuversichtlich drfe er hoffen, da es ihm
bald prchtig ergehe. Die Kreuzknigin wolle nicht wanken und weichen, bei
jedem Spiel liege sie obenauf und das sei eine bedeutsame Person.

Etwa 14 Tage nach der Absendung des Schreibens kam ein groer Pack mit
Kleidern, worin trotz der langen Zeit die Schaben wenig Unheil angerichtet.
In der Seitentasche des fast noch nagelneuen Manchesterkittels steckten
zwei Briefe statt eines und weil der vor banger Erwartung zitternde
Zuckerhannes nicht wute, welchen er zuerst erbrechen sollte, so griff die
Elsbeth nach demjenigen, der mit einigem Geld belastet war, setzte den
Nasenklemmer auf und las ihn zuerst allein in der Kche, dann aber laut dem
nebenstehenden Empfnger. Der Brief kam vom Adlerwirth, doch nicht vom
Alten, der das Zeitliche auch bereits gesegnet sammt seinem Weibe, sondern
vom Jungen, welcher seitdem die Wirtschaft fhrte und den Zuckerhannes als
einen treuen, geschickten und fleiigen Stallknecht kennen gelernt hatte.

Er schrieb, der Zuckerhannes werde wohl nicht gerne drunten im Walde und
noch ohne Arbeit sein, dehalb mge er, falls er wolle, nur herzhaft hinauf
an den Untersee wandern und vorlufig im Adler sich als Knecht einstellen
lassen. Arbeit gbe es genug und obwohl die Trinkgelder der Fuhrleute
jhrlich sparsamer ausfielen, so mache dieses wenig, weil der Sternenwirth
an der Strae "ausgelumpt" habe und die alten Gste desselben jetzt alle im
Adler einsprchen. Er sende ihm die Kleider, die "rothe Fritzin" habe
dieselben die vielen Jahre hindurch in ihrem eigenen Kasten und Getchtrog
aufbewahrt, Kienholz dazu gelegt, fleiig an die Bohnenstangen ihres
Gartens gehngt, ausgeklopft und ausgebrstet, wenn ihr Rother just nicht
daheim gewesen.

In der Erwartung, der Schwarzwlder werde kommen und weil er kommen knne,
obwohl das Ziel erst am Jrgentag ausgelaufen, sende er zwei groe Thaler,
welche Dinggeld sein sollten, wenn er komme und als Prsent wenn er nicht
komme. Neues wisse er weiter nichts zu schreiben, der Klee sei droben sehr
gerathen, die Weinstcke htten fast ausgeblht und die Felchen knne man
vor ihrer Unzahl schier mit Hnden fangen, was Alles ein ungemein
fruchtbares Jahr bedeute. Ein Fuhrmann aus der Baar habe ihm erst voriges
Jahr erzhlt, der Fesenmichel habe sich zur Ruhe gesetzt und fhre ein
betrbtes Leben, obwohl sein schlimmes Weib gestorben; die lteste Tochter,
Marianne, habe bereits zweimal taufen lassen und sei bisher noch niemals
copulirt worden, der jngste Sohn, der lange Jrg, hause auf dem Hofe und
sei dem Aushausen nahe, so da es ihm ergehen werde, wie dem ltern Bruder,
der als Knecht bei ihm diene.

Der Fesenmichel selbst lache ob dem Unglck seiner Kinder, habe noch eine
groe Erbschaft zu erwarten, welche ihn wiederum zum reichen Manne umwandle
und schwre tglich hundertmal, eher vor seinem Tode Alles dem Narrenhause
zu vermachen, als dem Jrg oder einem Geschwister desselben einen Heller
zukommen zu lassen. Vielleicht gehe der Fesenmichel doch in sich und werde
das Unrecht gutmachen, welches er dem Zuckerhannes angethan.

So schrieb der junge Adlerwirth und so las die Elsbeth, aber der Zuhrer
bekam genug an dem Ausdruck "rothe Fritzin" und hrte von allem Andern
nichts mehr. Eine Zeitlang stand er ganz versteinert da und schnappte nach
Luft, dann schlug er mit der Faust auf den Kchentisch, da dieser in die
Hhe sprang und wackelte, endlich fing er an zu fluchen, fluchte immer
lauter, hinkte wthend zur Thre hinaus und htte ihn in diesem Augenblicke
Keiner schief anschauen oder gar foppen drfen, der gerade Glieder liebte.

Im Zuchthause sitzen manche Bursche dieser Art, der Zuckerhannes war keiner
der Letzten derselben und ist solches Gebahren weder vernnftig noch
christlich, so entspricht es doch der Bildungsstufe der Stiere, Elephanten,
Nashrner, der Bergbewohner von Java, in welche der "Amok" fahrt und der
vielgepriesenen Berserker.

Die Elsbeth schaute dem davonhinkenden Zuckerhannes verwundert nach, sah
denselben ber die Wiesen dem Walde zueilen und wre ihm um ein Haar
nachgesprungen, weil sie sich im ersten Augenblicke vor dem Gedanken
frchtete, er knnte sich selber ein Leid anthun. Doch rasch besann sie
sich eines Bessern und nach einigen Stunden kehrte der Flchtling wieder
ganz ruhig und still zurck.

Man sah an seinen Augen, da er erbrmlich geweint haben mute, Thrnen
schwemmten den ersten wilden Schmerz fort und lieen die scheinbare
Gleichgltigkeit einer stillen Verzweiflung zurck. Er wute nie, wie
leidenschaftlich er die Emmerenz geliebt und erfuhr es erst, nachdem er sie
verloren.

Abends las er den zweiten Brief, derselbe rhrte von der Emmerenz selbst
her und nachdem er sich durch viele Hahnenfe und Schreibfehler
durchgearbeitet hatte, brachte er Folgendes heraus:

"Lieber Hans! Da ich den rothen Fritz ein Jahr nach Deinem Unfall
heirathete, wirst Du wohl wissen und da ich jetzt recht ordentlich und
glcklich mit ihm lebe, dafr danke ich Gott alle Tage. Rothhaarige Leute
sind entweder recht gut oder recht schlimm und ich habe Vieles durchmachen
mssen und oft bereut, nicht ledig geblieben zu sein, bis ich meinen Mann
recht im Geschirre hatte. Jetzt ist das Aergste lngst berstanden und ich
wnsche nur, da auch Du es recht gut bekommen mgest, es wre endlich Zeit
und wrde damit manches Vaterunser erhrt, welches ich fr Dich betete,
whrend Du eigentlich um meinetwillen, ohne da ich Etwas dafr konnte, am
bsen Orte schmachtetest. Die Kleider habe ich dem jungen Adlerwirth
hinbergetragen, er ist ein braver Mann, in Vielem besser als sein Vater
und wenn Du gescheidt bist, kommst Du aus Deiner Heimath zu uns herauf."

"Bevor ich den Fritz heirathete, habe ich mir ausbedungen, fr Dich einen
Antheil von dem zurckzubehalten, was die alte gute Ursula (Gott hab' sie
selig und erlse die arme Seele!) im Grunde nicht nur mir, sondern uns
Beiden zurck lie."

"Dehalb komme und sei ohne Sorgen; so Gott will, stirbst Du nicht als ein
alter Knecht und wenn's auch so kme, drftest Du in deinen alten Tagen
doch keine Noth leiden. Bei mir knntest Du freilich jetzt noch nicht
wohnen, der Fritz ist in Manchem gar wunderlich aber spter kann Alles
anders werden und einstweilen hast Du ja ein Obdach im Adler."

"Wie sehr es mich freut, weil Gott Dich endlich vom langen Elend erlste,
sollst Du sehen, wenn Du kommst und bis dahin grt Dich Deine alte
Freundin

  _Emmerenz_."

"Was gedenkst Du anzustellen?" fragt die Elsbeth.

"Schier htt' ich Lust hinaufzugehen, der falschen, treulosen Emmerenz und
ihrem rothen Sidian das Leben recht bitter zu machen. Aber im Grunde ist es
nicht der Mhe werth, ich habe die Alte nie recht mgen!"

"Brav und christlich hei ich das gesprochen, man mu seinen Feinden eher
Gutes als Bses anthun, aber das, was die Urschel vermacht hat, wrde ich
ihnen doch nicht schenken!"

"Aber ich! Ich mag nichts haben, jeder Bissen wrde mir zu Gift und wenn
ich denken mte, von der Gnade und Barmherzigkeit eines schlechten Weibes
zu zehren, wrde ich mich vorher aufhngen."

"Nun, mit diesen Dingen ist's noch Zeit. Einstweilen bleibst Du bei mir,
bei Deiner Pflegmutter. Ich will gut machen, was ich aus gutem Herzen an
Dir fehlte.--Apropos, der Bettelvogt hat ausgeschellt, die Grund- und
Husersteuer msse schon wieder bezahlt werden. Bei mir macht es just 4
Gulden 31 Kreuzer. S'ist ein Elend mit dem Zahlen, jedes Jahr wirds rger
und nicht die mindeste Rcksicht auf Wittwen genommen. Ich bin nur froh,
da ich auer Dir keine Kinder habe! ... Brauchst Du die zwei groen
Thaler, welche der Adlerwirth geschickt hat?"

"Zum Kukuk damit, will sie gar nicht mehr sehen! ... s'thut mir freilich
leid, wenn die Herren sie bekommen, mchte sie fast eher auf die Strae
werfen, aber das Zahlen hat auch sein Gutes! ... Wenn der Bauer Heu frit
und dem Handwerker die Haut abgezogen wird, dann kommt es anders! sagt der
Spaniol."

"Bravo, Ihr seid ein gescheidter Mensch und, soweit ich vernommen, auch
droben am Bodensee gewesen?" sagt ein Fremder und trinkt mit pfiffigem
Lcheln sein Braunbier.

"Seht, fuhr der Fremde fort, whrend er den Mund abwischte, seht, ich bin
ein Konstanzer und wei, wie's mit dem Zahlen steht. Wir gehen zu Grund vor
lauter Zahlen und Beeintrchtigen, werden als aufrherische Kpfe
verschrieen und fragt aber kein Herr, wo uns eigentlich der Schuh drcke,
so wenig man uns seiner Zeit fragte, ob wir badisch werden wollten oder
nicht! ... An das Erzhaus Oesterreich hat die Stadt Konstanz in den letzten
Zeiten jhrlich 7000 Gulden bezahlt und seit der Regierung des Kaisers
Joseph 7 oder 10 Mann jhrlich ins Feld stellen mssen und blhten damals
Handel und Gewerbe, und saen in der Stadt viele vordersterreichische
Regierungsherren, welche viel Geld ausgaben. Jetzt aber mu die Stadt
jhrlich 70,000 allein an den Staat zahlen, Soldaten stellen, soviel Andere
wollen. Jhrlich wird Alles hher hinaufgetrieben, whrend der Verdienst
jhrlich mehr abnimmt und knnte Einer weinen, wenn er wei, was die alte
Stadt noch vor 25 Jahren war und heutzutage ist! ... Wre Vordersterreich
ewig Vordersterreich geblieben, dann versnken wir nicht jhrlich tiefer
ins Elend und das Steuerbchlein machte uns schwerlich zu Radicalen!"

"Das kommt Alles vom Luther her; dieser brachte Emprung gegen Kaiser und
Reich ins Land und wo gute Katholiken lutherisch regiert werden, mssen sie
wohl dem Teufel in den Rachen fahren!" seufzt die Elsbeth und blickt
andchtig nach dem Kruzifix in der Ecke.

"Da seid ihr ganz auf dem Holzweg, Frau Wirthin. Der Luther war der Schwan,
von welchem der Hu prophezeite, als ihn das Conzil verbrennen lie. Wir
Konstanzer haben auch eine alte Prophezeiung aus jener Zeit und ist gar
merkwrdig bisher in Erfllung gegangen. Die Stadt Konstanz (soll nmlich
der Hu selbst prophezeit haben), die Stadt Konstanz, sage ich, wird so
lange abnehmen und zerfallen, bis mir an derselben Stelle, wo ich verbrannt
werde, von ihr ein Denkmal gestiftet wird! ... S'ist so gekommen, man hat
auch ein Denkmal errichten wollen, aber nicht drfen, Gott sei's geklagt.
Was bin ich schuldig?"

Der Fremde wollte aufbrechen, doch jetzt machte sich der Zuckerhannes
hinter ihn und fand, derselbe kenne die ganze Seegegend, den jungen
Adlerwirth, den rothen Fritz und auch die Emmerenz, sogar den Mooshof.

Die Bauersleute im Mooshofe lebten noch, der Fremde erzhlte Vieles dem
Zuckerhannes und dieser wurde ber Alles, was er vorbrachte, so entzckt,
da er demselben antrug, ihn ber die Steig hinauf zu begleiten.

Gesagt, gethan! Auf dem Wege ward Mancherlei geredet, der Fremde sagte
auch, da er einen treuen und geschickten Knecht wohl brauchen knnte, der
Hannes sumte nicht, sich als solchen anzutragen und die Unterhandlung
begann.

"Schaut, wer geht denn mit dem liederlichen Zuckerhannes?" lieen sich Zwei
ganz laut vernehmen, welche auf der Staffel des Bren standen.

Der Fremde hrte es, schielte nach dem Begleiter hinber, bemerkte, da
dieser erbleichte und zitterte, schwieg jedoch und ging weiter.

"Hat _der_ wieder Einen umzubringen? Wahrscheinlich wird er ihn droben im
Walde abthun wollen, man sollte den Fremden warnen!" flsterte spter ein
Weibsbild, welches mit einem Bauern an den Beiden vorberzog. Der Fremde
machte ein ernsthafteres Gesicht und blickte nach der Hhe, von wo der
Tannenwald finster und schweigend herabstarrte.

"Jokele, sei brav oder der Zuckerhannes mu Dich holen!" rief ein Kind dem
kleinen Brderlein zu, welches auf einem Holzstamme vor dem Hause sa und
ins Blaue hinausschrie, beim Anblicke der beiden Wanderer aber erschrocken
im vollen Laufe ins Haus hineinrannte.

Dem Zuckerhannes standen Thrnen der Wuth und des Schmerzes in den Augen,
er vermochte keine Silbe mehr hervorzubringen.

Nach einer kleinen Weile blieb der Fremde stehen und meinte:

"Hrt, guter Freund, Ihr knnt es mir nicht verbeln, wenn ich mich fr
Eure Begleitung bedanke und dieselbe etwas verdchtig finde. Als
Handelsmann mu ich in gute und schlechte Wirthshuser, die Wirthin da
drunten hat mir gar nicht recht gefallen und Ihr gefallt mir auch nicht.
Wer ist denn der Zuckerhannes, der sich nicht unter ehrlichen Leuten sehen
lassen darf? Seid Ihr's, dann lat Euch nur nicht trumen, da ich Euch als
Knecht brauchen kann! Wie steht es, redet ehrlich und aufrichtig!"

Groe Thrnen quollen dem Armen ber die Wangen, krampfhaft gab er dem
Fremden die Hand, sagte mit zitternder Stimme:

"Nichts fr ungut! ... Herr! ... ja ich bins!" und ersparte sich eine
weitere Beichte durch rasches Umkehren.

Kopfschttelnd blickte ihm der Konstanzer nach, murmelte in den Bart. "Ja,
es gibt doch kuriose Menschen auf der Welt, man kann die Nase anrennen!"
und zog rstig seine einsame Strae weiter.

Der Tag, an welchem der Hannes Gewiheit erhielt, die Emmerenz sei fr ihn
verloren und es werde schwer halten, einen zweiten Adlerwirth zu finden,
welcher ihn in Dienst nehme, endete mit einem gewaltigen Rausche, welchen
er sich bei der Pflegemutter antrank.

Aller Muth und alle Lust und Liebe Etwas zu unternehmen, schien ihm
vergangen, er fate den Vorsatz, sich mit Essen und Trinken fr alles
Andere zu entschdigen und sein Gutmachgeld sammt dem Reste der Erbschaft
durchzubringen.

Diesem Vorsatze blieb er getreu und die Elsbeth htete sich sammt dem
Vogte, eine ernsthafte Einwendung dagegen zu manchen.

Vlliger Miggang widersprach der Natur des Unglcklichen, er verrichtete
Hausgeschfte fr die Wirthin, blieb fast immer daheim und ihr bester Gast.
Hatte er Etwas im Kopfe, dann wurde der einsilbige, dstere Mensch lebhaft,
zrtlich, freigebig, das Gegentheil von dem, was er im nchternen Zustande
zu sein schien. Wo er sa, mute es lustig zugehen, wollten die Gste nicht
aufthauen, so lie er eine Flasche nach der andern aufstellen und so konnte
es nicht fehlen, da er bald unter den Lumpen des Thales unzertrennliche
Freunde fand, welche er im Rausche fr die vortrefflichsten und
verkanntesten Seelen hielt und dieser Meinung gem bewirthete.

Das Gutmachgeld befand sich bald in fremden Beuteln, jetzt wies er die
Pflegmutter an den Vogt und lie sich selbst anfangs wenig auszahlen, weil
er selten in ein fremdes Wirthshaus ging, am allerwenigsten ins Brenhotel.

Jeden Morgen rechnete die Elsbeth mit ihm ab, er mochte wollen oder nicht,
er staunte zuweilen ber die Rechnung und fate gute Vorstze.

"Hannes, beim Vogt liegen nur noch drei groe Thaler, welche Dir gehren.
Was soll jetzt geschehen? fragt die Elsbeth nach einem halben Jahr.

"Zunchst mssen die drei Thaler fort, damit ich wei, da ich Nichts mehr
habe!"

"Ho, Nrrle, wirst doch der Emmerenz nichts schenken wollen?"

"Nein! ... Schreibt hinauf!" sagt der Zuckerhannes bestimmt und fest nach
lngerem Besinnen.

Richtig gibt die Emmerenz bestimmte Versprechungen, doch soll Alles in
kleinen Terminen abgemacht werden und sie will wissen, wozu das Geld nthig
sei und verwendet werde.

"Schreibt, da ich Euch heirathe und ein Wirth werde. Ists auch ein Lug, so
rgert er sie doch und schadet nicht. Die Termine reichen auch lange Zeit,
wahrscheinlich kommt indessen der Vetter aus Amerika, habe ich nichts, so
gebt mir Credit oder verschafft Geld. Man lebt nur einmal und ich habe noch
nie gelebt!"

Die fromme Elsbeth lachte heimlich, that, was der Zuckerhannes wollte, die
alte Wirtschaft dauerte fort, der Bursche fand, man gewhne sich doch weit
leichter und rascher ans Nichtsthun als an Arbeit.

Ein Jahr spter war unser Held durchaus nicht mehr demthig und
menschenscheu, sondern ging mit Jedem und bald auch mit Jeder um, die nicht
gut bei den "Grokpfen" angeschrieben stand.

Ein eigentlicher Sufer wurde er nicht, obwohl es mehr als einmal in der
Woche sich ereignete, da er nicht mehr wute, was er redete. Dagegen
liebte er die Weiber mit wthender Leidenschaft; je weniger er sich frher
mit denselben befat hatte und zu befassen vermochte, desto rger trieb ers
jetzt. Elsbeth war geizig und that sehr Vieles, um das Geld des Pflegsohnes
in ihren Kasten zu bringen, doch einen Einzug von zweideutigen Weibern
duldete sie durchaus nicht in ihrem Hause, der Pflegsohn mute anderswo
suchen, wornach er gelstete.

Ein Kropf und hinkender Fu empfehlen weder bei Schnen der Stadt noch des
Landes. Der Inhaber dieser Mngel war nicht whlerisch und hielt sich fast
mehr an die Alten als an die Jungen, dennoch mute er mehr als Ein
Halstchlein oder Stck Zeug zwischen seine Gestalt und die Augen der
Erkornen hngen, wenn er gern gesehen sein wollte. Manche derselben befand
sich jahraus jahrein in der fatalen Lage, mehrere Anbeter zugleich zu
besitzen, so da sie eine schwere Wahl anzustellen hatte, aber dennoch mit
dem Whlen und Vorziehen nicht fertig zu werden vermochte. Darauf ergaben
sich manchmal Mihelligkeiten zwischen Nebenbuhlern und weil Prgel besser
ziehen als alle Worte, die Nebenbuhler in der Fhrung des Prgels als
Thalmenschen wohlbewandert und oft arge Hitzkpfe waren, setzte es auch
Schlgereien ab. Nahm die Obrigkeit von einer derselben Kenntni, so
vergalt sie zwar nicht Gleiches mit Gleichem, nmlich Prgel mit Prgel,
strafte jedoch mit Gefngni und nahm dabei auf den Zuckerhannes besonders
Bedacht, wodurch der Groll und Ingrimm desselben gegen geistliche und
weltliche Obrigkeit nicht sonderlich verhindert wurde.

Die Weisheit des Spaniolen, des Exfouriers und hnlicher Leute wurde in
diesem einst so stillen und frommen Thale allmhlig verbreitet, der
Zuckerhannes ein Trger der Cultur der "groen Zukunft." Von ihm selbst
nahmen nur Seinesgleichen etwas an, aber jeder besa wiederum eine Zunge,
dazu Verwandte, Bekannte und Freunde und eine ausgesprochene Ansicht mag
Einem recht gut gefallen, ohne da der Mensch gefllt, der sie ausspricht.

Es sah berhaupt im Thale nicht mehr aus, wie zur Zeit des 265 pfndigen
Dekanats. Viele trugen Pech auf den Kpfen, so da sie die Hte nicht mehr
gut herabbrachten, Haare auf den Zhnen trotz dem feurigsten
Grnsesselbrutus und einen souvernen Stolz im Herzen, der die Leute
berghoch machte, so da sie weit ber ihr Thal hinaussahen in den
heilbringenden Westen.

Wozu ein wstes, liederliches Leben genauer schildern?

Die Gesellschaft hatte den Zuckerhannes auf die Hochschule des Lasters und
der Verbrechen geschickt und das Heimaththal desselben keinen triftigen
Grund, ihn dehalb anzuklagen, weil er Schlechtes sah und hrte, Schlechtes
endlich selbst ausbte und hierin mit jener Raschheit fortschritt, welche
seinem ursprnglich heftigen Temperamente und der Natur des Bsen
entsprach.

Sein Leben nach der Entlassung drngt zu wenigen Bemerkungen.

Erstens nmlich halten wir jenes Gesetz, welches entlassene Strflinge in
ihre Heimath treibt, dehalb fr unzweckmig, weil es in den meisten
Fllen bei weitem mehr schadet als ntzt und die Quelle manches Rckfalles
wird.

Zweitens mchte man Entlassene auch ferner polizeilich berwachen, weil
dadurch manche Verbrechen vorgebeugt wird. Aber die Polizei ist die
allerletzte Macht, welche auf Gesinnungsnderung und Besserung der Menschen
einigen Einflu bt oder es einem Entlassenen erleichtert, sein Fortkommen
als ehrlicher Mensch zu finden. Hier sollten angesehene und
menschenfreundliche Leute, Geistliche und Laien, sich ein bischen aus ihrer
Bequemlichkeit aufraffen und die an vielen Orten in ruhigern Zeiten
aufgetauchten, doch bald wiederum entschlafenen _Vereine fr Entlassene_
von Neuem begrnden.

Kleider und Geld besitzt mindestens bei uns wohl jeder Entlassene zur
Nothdurft, dagegen braucht er eine moralische Macht, welche sich seine
Hochachtung und Liebe zu erwerben und damit Einflu auf seine Gesinnungen
und Handlungen zu gewinnen versteht. Heutzutage, wo viele Arme gerne
arbeiteten, wenn sie nur Beschftigung immer fnden, ist es ferner eine
Hauptsache, Entlassenen Gelegenheit fr Arbeit anzuweisen oder dieselben wo
mglich nach Amerika zu spediren, wo sie Erwerb und je nach Umstnden auch
einen Galgen finden.

Wehalb aber soll man sich um Entlassene mehr bekmmern, denn um ehrliche
Arme? Weil Entlassene gefhrlich gewordene Arme sind, die weit leichter als
andere Menschen sich zu Verbrechen hinreien lassen, insbesondere wenn sie
des Glckes der Gesellschaft anderer Verbrecher lngere Zeit theilhaftig
geworden.

Drittens endlich hat der _Stifter der Gesellenbunde_ den besten Weg
gezeigt, auf welchem den Grundbeln der Zeit zu Leibe gegangen werden mag.

Wer ist den Hetzereien und Whlereien gewissenloser Demagogen und
politischer Fanatiker zumeist ausgesetzt als der Stand der Handwerker? Der
kleine Handwerker, der Mittelstand berhaupt, scheint zum Opfer des
gewaltigen Aufschwunges der Industrie, des Welthandels und neuer
Erfindungen bestimmt zu sein und im Fabrikproletariat gnzlich verschwinden
zu wollen. Handwerk hat heutzutage keinen goldenen Boden mehr, das Kapital
arbeitet sich zum eigentlichen Herrn und Knig einer neuen Zeit empor; den
Kleingewerben vermag der edelste Frst, die wohlwollendste Regierung nicht
mehr auf die Beine zu helfen oder das Anwachsen und die Gefahren des
Proletariats zu verhindern.

Hier kann zumeist nur Gott und knnen nur die Einzelnen selbst sich retten,
indem die Religion die Unzufriedenheit und Trostlosigkeit des Gemthes
durch ihren Frieden, die steigende Genuwuth und Verdienstlosigkeit durch
Gengsamkeit und Sparsamkeit der Armen, durch groartige Maregeln
christlicher Liebe und politischer Vorsicht von Seite der Reichen ersetzt.

Ein Mensch ohne Religion ist ein unglckliches Geschpf, wird zum unseligen
Spielball der eigenen und zum willenlosen Werkzeuge fremder Leidenschaften
und das um so eher, je mehr der Druck uerer Verhltnisse auf ihm lastet
und je unselbststndiger er in Folge des Mangels an sonstiger Bildung
dasteht.

Zeigt den Armen Menschlichkeit und Liebe, zeigt ihnen handelnde Christen,
Ihr Mchtigen und Reichen der Erde, dann habt Ihr nicht nthig, fr
Eigenthum, Freiheit und Leben zu zittern, wenn es einer Handvoll
Flchtlinge beifllt, Euch die Zweifelhaftigkeit des dauernden Schutzes
furchtbarer Armeen und rcksichtsloser Handhabung der Gesetze zu beweisen,
Ihr habt alsdann auch nicht nthig mit banger Hoffnungslosigkeit Euerer
Enkel Zukunft zu bedenken.

Setzt den unmoralischen Waffen Eurer Todfeinde moralische, den
Verschwrungsplanen derselben offene Gesellschaften der Shne des Volkes
entgegen, in welcher ein religiser Geist auflebt und in _diesem_ Falle
einzig und allein entwaffnet Ihr Eure Feinde, deren Religionslosigkeit
vielfach zur Verteuflung fortgeschritten und besiegt einzig und allein die
Revolution, diese Ausgeburt der Hlle!--

Pflege eines religisen Sinnes unter den Heeren, Stiftung von
Gesellenbunden und Vereine fr Christianisirung des Proletariats sind
allerdings Anfnge zum Bessern, aber auch nur Anfnge, zu welchen bittere
Erfahrungen hindrngten.

_Sammelt die Dienstboten beiderlei Geschlechtes in Stdten und auf dem
Lande in hnlichen Vereinen_, sorgt fr angenehme und ntzliche
Unterhaltung derselben in ihren arbeitsfreien Stunden, kommt ihnen mit Rath
und That entgegen, dann werdet Ihr zahllose Snden, Laster und Verbrechen,
welche unter den Dchern der Dienstgeber, in Wirthshusern und Tanzslen,
in Feld und Wald begangen werden und in ihren Folgen stets auch auf die
Gesellschaft zurckfallen, verhindern. Die kleinen Opfer und groe Mhe
sind des heilbringenden Zweckes wrdig, Ihr befestiget dadurch das
zeitliche und ewige Glck der eigenen Person und der Nebenmenschen!--

Wer aus dem Munde der Leute aus der Hefe des Volkes und alter Verbrecher
grndlich erfahren, wie es mit unsern sittlichen und religisen Zustnden
aussieht, wie weit die Fulni der Gesellschaft um sich gegriffen, wird die
Reden des Spaniolen und des Exfouriers gewi nicht fr Eingebungen der
Gespensterfurcht und die auf lauter Thatsachen sich sttzende Schilderung
des Lebens, Denkens und Fhlens der Gefangenen fr keine Uebertreibung
halten.

Kennt doch ein ehemaliger Revolutionr die Revolution und ein ehemaliger
Gefangener seine Leidensgefhrten wohl genauer als mancher Andere!--

Der Zuckerhannes lebte leichtsinnig und mig in den Tag hinein, versank im
freud- und friedlosen Wandel eines Liederlichen so tief, da einige Briefe,
welche der Duckmuser an ihn schrieb, ihn anwiderten, weil aus denselben
kein vollkommen verwildertes Gemth und einiger Sinn fr ein ehrbares,
sittliches und religises Leben heraussprach.

Er beantwortete den ersten, zerri den zweiten und lie den dritten bereits
ungelesen. Endlich wurden die Folgen seines Lebens sichtbar, als Emmerenz
zuletzt erfuhr, auf welche Weise der alte Liebhaber das Seinige vergeude
und aufhrte, demselben Etwas zu senden.

Die Elsbeth wute stets woran sie war, fand es allgemach rthlich, andere
Saiten aufzuziehen und dem Pflegsohn in der verschollenen Tonart seiner
Jugend aufzuspielen. Gerade an demselben Tage, an welchem er den letzten
Gulden in der Tasche und einige kleine, aber ungestme Glubiger auf dem
Halse hatte, fing die Wirthin schwere Hndel an, der Zuckerhannes mute mit
dem Bettelvogte ins Loch wandern, weil er sie mihandelte und
lebensgefhrliche Drohungen ausstie und erhielt wiederum eine
mehrwchentliche Gefngnistrafe.

Nach seiner Befreiung sollte und wollte er keineswegs der Gemeinde zur Last
fallen und suchte Arbeit, doch vergeblich. Der Stachel der Genuflucht lie
ihn nicht ruhen, er wrde vielleicht nicht mehr Energie genug besessen
haben, um das ehrliche Brod wiederum zu verdienen, seine Krfte waren sehr
geschwcht, die Keime derselben Krankheit, an der seine Mutter gestorben,
hatte er durch ein qualvolles, zgelloses Leben in sich selbst zum
Entwickeln gebracht.

Nach der Achtung ehrbarer und rechtschaffener Menschen fragte er lngst
nichts mehr, aber der Menschenha erwachte vollends, als er erleben mute,
da dieselben Weiber und Saufbrder, denen er so Vieles angehngt, ihm den
Rcken wandten, sich verchtlich oder gar feindselig gegen ihn kehrten,
nachdem er mit seinen Mitteln zu Ende gekommen.

Der Vogt spielte lngst den gestrengen Herrn gegen ihn, nirgends im Thale
fand er Aufnahme, er mute der Gemeinde bergeben werden und sollte ein
elendes, entbehrungsreiches Leben fhren. Dies berstieg seine Krfte; der
einzige Kamerad, welcher ihm treu geblieben, war ein alter Schnapslump und
Zuchthausbruder, vor welchem Jedermann die Thren zuschlo und sich
frchtete.

Dieser Mensch brachte den Zuckerhannes bald dazu, mit ihm gemeinsame Sache
zu machen. Beide lungerten zusammen in der Gegend umher und trieben zum
Scheine das Korbmachergewerbe, in Wirklichkeit brandschatzten sie
wohlhabende Bauern und Buerinnen, welche aus Respekt vor derartigen
Bettlern diese oft reichlich bedachten. Zeiten des Genusses wechselten fr
den Zuckerhannes mit denen arger Noth, es ging das Gerede, er sammt seinem
Kameraden fnden das einfache Mittel fr Verbesserung ihrer Glcksumstnde
in auerordentlich langen Fingern. Doch wollte es der Umsicht der
unermdlichen Behrden nicht bald gelingen, Etwas auf die hausirenden
Korbmacher zu bringen.

In einer Winternacht entstand ein Brand im Hause der Elsbeth, welche am
Abend zuvor dem halbbetrunkenen Zuckerhannes den Eintritt in ihre
Wirthsstube verboten und ihn zurckgestoen hatte.

Der Brand des steinernen Husleins wurde bald und glcklich gelscht, der
Schaden blieb unbedeutend, aber der dringend verdchtige Pflegsohn wurde
festgenommen, der Brandstiftung halb und halb berfhrt und zu einer
langwierigen Zuchthausstrafe verurtheilt, obwohl er beharrlich Alles
weglugnete.

Im Vorarreste traf er zwei alte Freunde, nmlich den Spaniolen, der seiner
Wuth ob dem alten Betrug gleichmthiges Gelchter entgegensetzte und Martin
den Wirthssohn, den ehemaligen Schlosserlehrling, welchem eine Tdtung im
Affect eine 15jhrige Freiheitsstrafe eingetragen.

Der Duckmuser suchte den tiefgesunkenen Freund zu verbessern, es gelang
ihm auch theilweise, doch die Auszehrung bereitete allen Mhsalen desselben
ein baldiges Ende und er ist keineswegs als ein _Christ_, sondern als der
_Zuckerhannes_ gestorben.


       *       *       *       *       *





End of the Project Gutenberg EBook of Zuchthausgeschichten von einem
ehemaligen Zchtling, by Joseph M. Hgele

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZUCHTHAUSGESCHICHTEN ***

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To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
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501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
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The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
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business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
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